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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Auf silbernen Gefilden - Ein Mond-Roman - -Author: Jerzy Zulawski - -Translator: Kasimir Lodygowski - -Release Date: March 7, 2016 [EBook #51386] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski based on scanned images from The -Internet Archive (cover image reproduction courtesy of -Gerd Küveler). - - - - - - - Zulawski / Auf silbernen Gefilden - Zweite Auflage - - - - - Auf silbernen Gefilden - - - Ein Mond-Roman - - von - Jerzy von Zulawski - - Deutsch von Kasimir Lodygowski - - München 1914 / Verlegt bei Georg Müller - - - - - Vorwort - - -Fast fünfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen verstrichen, den -wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen und ausgeführt wurden. -Die ganze Sache war der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schönen -Tages, in einer Zeitung in K.... ein Artikel des Assistenten am dortigen -Observatorium erschien, der alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der -Autor behauptete, daß er Nachrichten über das Schicksal der vor fünfzig -Jahren auf den Mond hinausgeschossenen wahnsinnigen Teilnehmer der -Expedition in Händen habe. Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf, -obwohl man sie anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals von -dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehört oder gelesen hatten, wußten, -daß die kühnen Abenteurer ihr Leben einbüßten und zuckten die Achseln, -daß die für tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten -vom Monde schicken sollten. - -Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung. Er zeigte -Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach vorn zugespitzte -Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde angefertigtes Manuskript -vorgefunden haben wollte. Die Kugel, die sich auf eigentümliche Art -aufdrehte, war innen leer und mit einer dicken Schicht von Ruß und -Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und bewundert -werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent niemandem zeigen. Er -erklärte, daß es aus verkohlten Papieren bestände, deren Inhalt er erst -mit Hilfe künstlicher photographischer Aufnahmen, die mit großer Mühe -und Vorsicht gemacht werden müßten, ablesen könne. Diese -Geheimnistuerei, und vor allem, daß der Assistent beharrlich verschwieg, -wie er in den Besitz der mysteriösen Kugel gekommen war, machte die -Leute stutzig; aber die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete -mit einem gewissen Mißtrauen die versprochenen Aufklärungen und begann -indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen die fünfzig Jahre -zurückliegenden Ereignisse zu vergegenwärtigen. Und plötzlich fing man -an, sich zu wundern, daß alles das so schnell vergessen wurde .... Es -gab doch in jener Zeit keine Tagesblätter, keine Wochen- oder -Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet fühlten, in -jeder Nummer mehrere Spalten dieser so unerhörten und unwahrscheinlichen -Expedition zu widmen. Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll von -Berichten über den Stand der Vorarbeiten; man beschrieb jede Schraube in -dem »Waggon«, der durch den Planetenraum fahren und die kühnen Reisenden -auf die Oberfläche des Mondes hinausschleudern sollte, die man bis dahin -lediglich aus den vorzüglichen, im »Licke-Observatory« gemachten -photographischen Aufnahmen kannte. Über alle Einzelheiten des -Unternehmens wurde lebhaft diskutiert. Die Porträts und ausführlichen -Lebensbeschreibungen der Reisenden tauchten überall auf. Fast Entrüstung -erregte die Nachricht, daß einer von ihnen im letzten Augenblicke -zurücktrat, nicht ganz zwei Wochen vor dem festgesetzten Termin zur -»Abfahrt«. Dieselben, die noch vor kurzem den ganzen »albernen und -abenteuerlichen« Plan der Expedition verhöhnten und die Teilnehmer -Narren nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt -interniert zu werden, waren jetzt empört über die »Feigheit und das -Zurücktreten« eines Menschen, der es offen aussprach, daß er hoffe, auf -der Erde ein gleich ruhiges und ungleich späteres Grab zu finden, als -seine Kameraden auf dem Monde. Das größte Interesse jedoch erweckte die -Person, die sich für die freigewordene Stelle meldete. Es hieß -allgemein, daß man einen neuen Teilnehmer nicht aufnehmen könne, da die -Zeit zu kurz für das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem -sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen mußten. Sie waren -schließlich zu geradezu unerhörten Resultaten gelangt. Man erzählte -sich, daß sie es dahin brachten, in leichter Kleidung einen -vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige Hitze zu ertragen, ganze -Tage hindurch ohne Wasser zu leben und ohne Schaden für die Gesundheit -in einer Luft zu atmen, die viel dünner war als die Erdatmosphäre auf -den höchsten Bergen. Das Staunen war daher groß, als man erfuhr, daß der -Neuling von den »Lunatikern«, wie man sie nannte, aufgenommen sei und -ihre Zahl vervollständigen sollte. Die Berichterstatter waren in heller -Verzweiflung, daß sie nichts Näheres über diesen geheimnisvollen -Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller Bemühungen der Reporter ließ er -keinen von ihnen bei sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen -weder seine Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen -geantwortet. Die anderen Mitglieder der Expedition hüllten sich -ebenfalls in tiefstes Schweigen über ihn, und erst zwei Tage vor der -Abreise erschien eine nähere, im höchsten Grade phantastische Nachricht. -Einem Journalisten war es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen, -den neuen Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die -verblüffende Mitteilung, daß dieses Expeditionsmitglied eine Frau in -Männerkleidern sei. Man wollte nicht recht daran glauben, und es war -übrigens auch keine Zeit, sich lange damit zu beschäftigen. Der große -Augenblick nahte. Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Höhepunkt. -An der Mündung des Kongo, von wo aus die Expedition »die verwegene Fahrt -antreten sollte«, hatte sich die ganze zivilisierte Welt ein -Stelldichein gegeben. - -Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht werden, --- über hundert Jahre nach dem Tode ihres Urhebers. - -An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer von der Mündung des -Kongo entfernt, gähnte die breite Öffnung eines dafür konstruierten -Schlundes aus Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit -den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern hinausschießen -sollte. Eine besondere Kommission untersuchte noch einmal genau -sämtliche komplizierten Berechnungen, wie die Nahrungsvorräte und -Instrumente: alles war in Ordnung, alles war bereit! - -Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete ein betäubender, -durch die Explosion hervorgebrachter Knall der Welt -- in einem Umkreis -von einigen hundert Kilometern -- den Beginn der abenteuerlichsten aller -Fahrten ... - -Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das Projektil unter der -Wirkung der explodierenden Kraft eines senkrechten Wurfes, der Anziehung -der Erde und der treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der -Erde um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel von -Westen nach Osten zu beschreiben und an dem bezeichneten Punkte und in -der bezeichneten Stunde in die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast -senkrecht auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, in -der Gegend des »Sinus Medii«. Der Lauf des Projektils, der von -verschiedenen Punkten der Erde aus durch Hunderte von Teleskopen -beobachtet wurde, zeigte sich als ganz genau mit der Berechnung -übereinstimmend. Den Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der -Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst viel langsamer -als die Sonne, dann immer schneller, je mehr es sich von der Erde -entfernte. Die scheinbare Bewegung war das Resultat der Drehung der -Erde, der gegenüber das Projektil zurückblieb. - -Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe des Mondes, selbst -durch die stärksten Teleskope nicht mehr zu sehen war. Trotzdem hörte -die Verbindung zwischen der Erde und den in das Projektil -eingeschlossenen Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick -auf. Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen -vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem Fahrzeug, -der, nach den Berechnungen, sogar auf eine Entfernung von -dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, die den Mond von der Erde -trennten, funktionieren mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen -als unrichtig; die letzte Depesche erhielten die astronomischen -Stationen aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend -Kilometern. Das Telegraphieren war entweder durch die ungenügende Kraft -des Stromes der Luftwellen, oder auch eines fehlerhaften Baues des -Apparates wegen auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte -Depesche klang ganz aufmunternd: »Alles gut, kein Grund zu Besorgnissen -vorhanden.« - -Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine zweite Expedition -aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen in dem Projektil Platz; sie hatten -dafür bedeutend größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei -sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat als ihre -Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung von Nachrichten -vom Monde genügen mußte; jedoch erhielt man keine Depesche mehr von -dorther. Das letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition, -direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt. Die Nachricht -lautete nicht besonders günstig. Das Projektil wich, aus einem -unerklärlichen Grunde, etwas vom Wege ab und konnte infolgedessen nicht -senkrecht auf den Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich -scharfen Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert war, -fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. Diese Befürchtungen -schienen sich bewahrheitet zu haben, da dieser Depesche keine weitere -mehr folgte. - -Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte Expedition -auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals der Unglücklichen nicht -täuschen; warum sollte man noch mehr Menschenleben opfern? Die -begeistertsten Anhänger der »interplanetarischen Kommunikation« -verstummten, und man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch, -daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen grenze. Und in -einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit vergessen. - -Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der besagte Artikel des -bis dahin gänzlich unbekannten, nun aber zum Tagesgespräch gewordenen -Assistenten des kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem -brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich die -Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es an Ungläubigen nicht fehlte, -begann man doch die Sache immer ernster zu nehmen. Bald interessierte -sich alle Welt dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf -welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes gekommen und -wie er es abgelesen habe. Er erlaubte sogar Fachleuten, die verkohlten -Überreste, wie die in der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu -besichtigen. - -Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich aber folgendermaßen: -»Eines Nachmittags,« erzählte der Assistent, »als ich bei der -Aufzeichnung der täglichen meteorologischen Beobachtungen saß, meldete -mir der Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen wünsche. Es -war mein Kollege und guter Freund, der Eigentümer eines benachbarten -Gutes, der nur selten in die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um -erst meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, und er -erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er mir eine Nachricht -bringe, die mir zweifellos viel Freude bereiten werde. Er wußte, daß ich -mich seit Jahren eifrig mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte -und kam mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von größerer -Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen sei. Den Stein, -der sich wahrscheinlich tief in den Morast gebohrt, hätte man nicht -gefunden, aber wenn ich ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir -Arbeiter zum Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte ich -den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen Urlaub genommen, fuhr -ich selbst an Ort und Stelle, behufs Nachforschungen. Aber trotz -zweifelloser Merkmale und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur -ein Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das an dieser -Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, wurde hervorgeholt. Ich -zweifelte schon an einem Resultat und ließ die weiteren Arbeiten -einstellen, als mein Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte. -Sie sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war mit -Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten bei ihrem -Erglühen während des Durchganges durch die Erdatmosphäre bilden. Sollte -_sie_ etwa jener herabgefallene Meteor sein? - -In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke an die Expedition -vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich genau kannte. Ich muß -hinzufügen, daß ich, trotz des hoffnungslosen Inhalts der letzten -Depesche, die von den Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren -Tod geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen -auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten Vorsicht an mich und -brachte sie nach Hause, fast sicher, daß sie wertvolle Fingerzeige über -jene Verlorenen enthalte. Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht -erriet ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. Ich -war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in der Kugel -eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des Eisens in der Erdatmosphäre -verkohlt sein mußten. Man durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die -Überreste nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich aus -ihnen doch noch etwas entziffern. - -Die Arbeit war überaus mühsam, besonders dadurch, daß ich niemanden zu -Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen waren höchst unsicher und, wie ich -zugeben muß, zu -- phantastisch, als daß verfrüht etwas darüber -verlauten durfte. - -Ich bemerkte, daß die Spitze der Kugel eine Schraube bildete, die man -aufdrehen mußte und befestigte sie also in einem starken Schraubstock, -um sie vor einer Erschütterung zu bewahren, die ihren Inhalt beschädigen -könnte. Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben. Nach -langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie zu bewegen. Bei diesem -ersten Kreischen der gedrehten Schraube erfaßte mich ein Freudentaumel, -und zugleich schnürte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich mußte -die Arbeit unterbrechen, da mir die Hände zitterten; erst nach einer -Stunde konnte ich sie, immer noch mit klopfendem Herzen, wieder -aufnehmen. - -Die Schraube bewegte sich langsam, als ich plötzlich ein seltsames -Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache nicht begreifen. Fast -gedankenlos drehte ich in umgekehrter Richtung, und sofort hörte das -Zischen auf; drehte ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem, -obwohl es jetzt etwas schwächer war. Endlich begriff ich alles! Das -Innere der Kugel war vollständig leer! Das Zischen entstand durch das -Eindringen der Luft vermittels einer Öffnung, die sich durch die -Lockerung der Schraube gebildet hatte. - -Dieser Umstand bestärkte mich in der Überzeugung, daß die in der Kugel -vermutlich eingeschlossenen Dokumente nicht ganz vernichtet sein -dürften, da das Fehlen der Luft sie vor der Verbrennung bewahrt haben -mußte, als die Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphäre, erglühte! -Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus. Nach -Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel, deren innere Wände mit -einer Schicht gebrannten Lehms ausgelegt waren, ein Päckchen verkohlter, -aber nicht verbrannter Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus -Furcht, die wertvollen Schriften zu beschädigen. Ich nahm sie mit der -größten Vorsicht heraus und ... war verzweifelt. Auf dem verkohlten -Papier waren die Buchstaben fast unsichtbar und dieses Papier selbst so -mürbe, daß es mir beinahe in der Hand zerfiel. - -Trotzdem beschloß ich, alles daranzusetzen, um das Werk zu Ende zu -führen und den Inhalt des Manuskriptes zu entziffern. Einige Tage dachte -ich darüber nach, wie ich das bewerkstelligen solle. Endlich flüchtete -ich mich zu den Röntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich später zeigte, -richtig an, daß die Tinte, deren man sich zum Schreiben bediente, -mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen die mit ihr -überschwärzten Stellen den Röntgenstrahlen einen größeren Widerstand -leisten würden, als das verkohlte Papier selbst. Ich klebte vorsichtig -jedes Blatt des Manuskripts auf eine dünne Haut, die ich in einen Rahmen -gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen mittels -Röntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich Klischees, die nach der -Übertragung des Bildes auf das Papier eine Art von Palimpsesten ergaben, -wo die Buchstaben auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich -miteinander verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus nicht -unmöglich abzulesen. - -Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der Aufzeichnungen so -weit vorgeschritten, daß ich keinen Grund mehr sah, die Angelegenheit -weiter zu verheimlichen und schrieb den ersten Artikel, der über den -Vorfall berichtete ... Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit, -geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut keinen Zweifel, daß es -von einem der fünf zuerst ausgesandten Expeditionsmitglieder auf dem -Monde verfaßt und von dort aus auf die Erde gesandt wurde. - -Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen für sich -selbst sprechen.« - -Dieser Erklärung, die der Veröffentlichung des Manuskriptes vorausging, -fügte der Assistent einen kurzen Bericht über die Vorgeschichte der -damaligen Expedition bei. - -Er erinnerte daran, daß der Gedanke von dem irländischen Astronomen -O'Tamor ausgegangen war, der einen glühenden Anhänger in dem jungen, -seinerzeit in Brasilien berühmten portugiesischen Ingenieur, Peter -Varadol, fand. Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen -Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen zur -Verfügung stellte. Darauf unternahmen sie die ersten Schritte zur -Verwirklichung des schon festgelegten Planes. Man unterbreitete den -Akademien und wissenschaftlichen Instituten die Skizzen des Projektes -und wandte sich dann an Fachautoritäten betreffs Ausarbeitung der -Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in kurzem beschäftigten -sich nicht nur Fachleute damit, sondern die ganze zivilisierte Welt, die -ihre Vertreter auf den Mond auszusenden begehrte, um Näheres über diesen -Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen -Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller Hilfe bei und da es -auch an privaten Opfern nicht fehlte, hatten die Initiatoren bald ein -Kapital zur Verfügung, das zur Ausrüstung mehrerer Expeditionen genügte, -von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden. - -Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fünf Personen bestehen, -darunter O'Tamor, der den Gedanken ins Leben gerufen, und seine beiden -Kameraden. Der vierte war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fünfte -Braun, ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurücktrat; statt -seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer der Expedition. In -das zweite Projektil hatten sich zwei Franzosen eingeschlossen, die -Brüder Remogner. - -Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent ausführlicher -über die technische Seite des Unternehmens. Er beschrieb bis ins -kleinste Detail die Konstruktion der mächtigen Kanone, von der Form -eines stählernen Brunnens; berichtete über den Bau des Projektils, das -man nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes in einen -hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, der durch einen -besonderen Elektromotor bewegt wurde. Er schilderte die -Schutzvorrichtungen, die die Reisenden im Augenblick des Schusses wie -beim Herabfallen auf den Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und -endlich zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und die -Vorräte des »transportablen Zimmers« auf. - -Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen wissen das schon -lange, obwohl sie ihn nur aus der Ferne und -- einseitig kennen. Trotz -der großartigen Vervollkommnung der optischen Instrumente des -zwanzigsten Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich allen -Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen Auge so nahe zu bringen, -daß man alle Einzelheiten seiner Oberfläche erforschen könnte. Sich in -der mittleren Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern -um die Erde drehend, scheint er durch Gläser mit tausendfacher -Vergrößerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer von ihr entfernt zu -sein, was immerhin noch ein ganz ansehnliches Stück Wegs bedeutet. -Schärfere Gläser dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden, -da man bei stärkerer Vergrößerung, infolge einer zu geringen Helligkeit -der Erdatmosphäre, nur ein unklares Bild erhält, so daß es sogar -unmöglich ist, die Berge zu erkennen, die man durch schwächere Gläser -ganz deutlich beobachten kann. - -Überdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des Mondglobus zugänglich. -Der Mond macht nämlich auf seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig -Tagen, sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden nur eine -Drehung um seine Achse, so daß er immer mit derselben Seite seiner -Oberfläche zur Erde gewendet bleibt. Diese Erscheinung ist keine -zufällige. Der Mond, der keine vollkommene Kugel bildet, nähert sich, -seiner Form nach, einem etwas länglichen Ei. Die Anziehungskraft der -Erde bringt es mit sich, daß jenes Ei sich mit dem scharfen Ende zu ihr -kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden, sich nicht abwenden -könnte. - -Die den Astronomen bekannte Hälfte des Mondes genügt jedoch, ihn ganz -und gar bei denjenigen zu mißkreditieren, die vom Bewohnen anderer -Planeten als der Erde träumen. Die Oberfläche unsres Satelliten, deren -Ausdehnung zweimal so groß als Europa ist, stellt sich in den Teleskopen -als eine wasserlose, wüste Hochebene dar, die mit einer ungeheuren -Anzahl mächtiger, kraterähnlicher Ringberge besät ist. Diese Bergriesen, -deren Gipfel sich bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen -Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nördlichen Teil der uns -zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe großer, kreisförmiger -Flächen, die die ersten Selenographen »Meere« nannten. Diese Ebenen mit -steilen Ufern, die durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet -werden, sind nach verschiedenen Richtungen von großen Spalten -durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in Staunen -versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine ähnlichen Erscheinungen -vorhanden sind. Diese Spalten, manchmal über hundert Kilometer lang und -einige Kilometer breit, haben eine Tiefe von ungefähr tausend Metern und -mehr. - -Wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß diese Oberfläche fast gar keine -Atmosphäre hat, daß der »Tag« auf dem Monde an Zeitdauer vierzehn -unserer Tage gleichkommt, daß während dieses endlosen Tages ein -beständiger Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhörte Spannung -annimmt, daß hingegen die vierzehntägige Nacht einen Winter -repräsentiert, der kälter ist als die Winter in unseren antarktischen -Ländern, so entrollt sich uns ein Bild, das uns nicht gerade verlockt, -diesen Planeten als ständigen Wohnsitz zu wählen! Um so mehr ist der -Opfermut der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend lediglich -in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches Wissen zu erweitern -und sichere Nachrichten über das der Erde am nächsten liegende Gestirn -geben zu können. - -Die Reisenden hatten übrigens die Absicht, diese ungastliche Halbkugel -so schnell wie möglich zu durchdringen und auf die andere Seite des -Mondes zu gelangen, die von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne -Grund, erträgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die Mehrzahl -der über den Mond schreibenden Gelehrten behauptet zwar, daß auch auf -der anderen Seite die Atmosphäre zu dünn sei, um atmen zu können; aber -O'Tamor nahm, sich auf langjährige Forschungen und Berechnungen -stützend, an, daß er dort dichtere Luft zur Erhaltung des Lebens -vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen, zur notdürftigsten -Nahrung genügend. Diese tollkühnen Forscher waren bereit ihr Leben zu -wagen, nur um dem sternenbesäten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse, -die er so eifersüchtig vor den Menschen hütet, zu entreißen. Der -Gedanke, daß dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht werde, da sie -ihre Beobachtungen den auf der Erde Zurückgebliebenen, mit Hilfe des -mitgenommenen telegraphischen Apparates, würden mitteilen können, -verstärkte noch ihren Wagemut. Sie träumten, von der Größe ihres -Vorhabens berauscht, daß sie auf der andern, geheimnisvollen Seite des -Mondes ein märchenhaft seltsames Paradies vorfinden könnten, eine neue -Welt, die ganz verschieden ist von der Erde! Sie träumten, dann neue -Kameraden zum Durchfliegen jener Hunderttausende von Kilometern zu -gewinnen, -- von der Gründung einer neuen Gemeinschaft dort auf der -hellen Seite der in die stillen Nächte leuchtenden Kugel, -- von einer -neuen, vielleicht glücklicheren Menschheit ... - -Indessen mußte man mit der Notwendigkeit rechnen, die gebirgige, luft- -und wasserlose wüste Hochebene zu durchqueren, die die ganze, der Erde -zugewandte Halbkugel des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig keine -Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes beträgt fast elftausend Kilometer; -wenn sie also, wie sie annahmen, auf die Mitte der der Erde zugekehrten -Scheibe fallen würden, hätten sie zum mindesten dreitausend Kilometer zu -machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen durften, atmen -und leben zu können. Das Projektil, in der Form eines länglichen, auf -der einen Seite kegelförmig geschlossenen Zylinders, war so -eingerichtet, daß es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln -ließ, und reichlich mit Vorräten von verdichteter Luft, Wasser, -Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die für fünf Personen auf -ein ganzes Jahr ausreichen konnten, das heißt also noch für länger, als -man zum Gelangen auf die andere Seite des Mondes gebrauchte. - -Außerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge mitgenommen, -eine kleine Bibliothek und -- eine Hündin mit zwei Jungen. Es war dies -eine schöne große englische Spürhündin, die Tom Woodbell gehörte, und -die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena taufte. - -All diese Dinge wurden durch die ausführlichen, in K.... erschienenen -Artikel aufgefrischt, als quasi Ergänzung zu dem kurz darauf -herausgegebenen Manuskripte. - -Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen Teilnehmer der -ersten Expedition, in polnischer Sprache auf dem Monde verfaßt, setzten -sich aus drei Teilen zusammen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden -sind. Sie verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des -wundersamsten Schicksals eines Schiffbrüchigen bildet, der an ein -fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig Millionen -Meter über der Erde im tiefen Himmelsblau schwebt. - -Hier folgt der wörtliche Abdruck jenes Manuskriptes, von dem Assistenten -des Observatoriums in K.... herausgegeben und zusammengestellt ... - - - - - Erster Teil - - - Ein Reisetagebuch. - - Auf dem Monde den ..... - -Mein Gott, welches Datum soll ich angeben?! Jene mächtige Explosion, -durch die wir uns von der Erde hinausschleudern ließen, zersprengte uns -das Dauerndste und Festgeprägteste, was dort existiert, -- zersprengte -und zerstörte uns die Zeit. In der Tat, das ist furchtbar! Zu bedenken, -daß es hier keine Jahre, keine Monate, keine Wochen gibt, noch unsere -kurzen, wonnigen Erdentage ... Die Uhr sagt mir, daß bereits vierzig -Stunden seit dem Augenblick verflossen sind, da wir hier herabfielen; -wir fielen in der Nacht herab und die Sonne ist noch nicht aufgegangen. -Wir dürfen erst in einigen zwanzig Stunden hoffen, sie zu sehen. Sie -wird aufgehen und sich träge am Himmel bewegen, neunundzwanzigmal -langsamer als dort auf der Erde. Dreihundertvierundfünfzig Stunden wird -sie über uns leuchten, und dann kommt wiederum die Nacht, die -dreihundertvierundfünfzig Stunden dauert. Und nach der Nacht der Tag, -wie der vorhergehende, und abermals die Nacht und dann der Tag, und so -endlos weiter, ohne Veränderung, ohne Jahreszeiten, ohne Jahre, ohne -Monate ... - -Wenn wir es erleben werden ... - -Wir sitzen ohne irgend etwas zu tun, eingeschlossen in unserem Fahrzeug -und warten auf die Sonne. Oh, diese furchtbare Sehnsucht nach der Sonne! - -Die Nacht ist zwar hell, unvergleichlich heller als unsere Nächte dort -auf der Erde während des Vollmondes. Der mächtige Halbkreis der Erde -ruht unbeweglich über uns am Zenit des schwarzen Himmels und überflutet -mit weißem Licht diese entsetzliche Wüste um uns her. In diesem -seltsamen Lichte ist alles so geheimnisvoll und tot ... und der Frost -... Oh, dieser furchtbare Frost! Sonne! Sonne! - -O'Tamor ist seit der Zeit des Falles noch nicht zum Bewußtsein gekommen. -Woodbell, obwohl selbst verwundet, weicht nicht einen Augenblick von -seiner Seite. Er fürchtet, daß es eine Gehirnerschütterung ist und hat -wenig Hoffnung. Auf der Erde, sagte er, würde er ihn durchbringen. Aber -hier, in dieser fürchterlichen Kälte, hier, wo wir als einzige Nahrung -nur Vorräte von künstlichem Eiweiß und Zucker haben, wo wir mit Luft und -Wasser sparen müssen ... Es wäre entsetzlich, O'Tamor zu verlieren, -gerade ihn, der die Seele unserer Expedition ist! ... - -Varadol, Martha und ich, ja sogar Selena mit den beiden Jungen, wir sind -gesund. Martha scheint nichts zu wissen und zu fühlen. Sie folgt nur -beständig Woodbell mit den Augen, wegen seiner Wunden beunruhigt. Der -glückliche Tomas! Wie dieses Weib ihn liebt! - -Oh, diese Kälte! Es scheint, daß unser verschlossenes Fahrzeug sich -gleichzeitig mit uns in einen Eisklumpen verwandelt. Die Feder gleitet -mir aus den erstarrten Fingern. Wann wird die Sonne endlich aufgehen!? - - In derselben Nacht, siebenundzwanzig Stunden - später. - -Mit O'Tamor wird es immer schlimmer; man kann sich nicht täuschen -- das -ist schon die Agonie. Tomas vergaß, bei ihm wachend, seine eigenen -Wunden und ist jetzt selbst so schwach, daß er sich hinlegen muß. Martha -vertritt ihn bei dem Kranken. Woher nimmt diese Frau so viel Kraft? -Seitdem sie sich von der ersten Betäubung des Falles erholt hat, ist sie -am tätigsten von uns allen. Ich glaube, daß sie noch gar nicht -geschlafen hat. - -Oh, diese Kälte! ... - -Varadol sitzt starr und schweigend da. Auf seinen Knien zusammengekauert -liegt Selena. Er sagt, daß es ihnen beiden so wärmer ist. Die Jungen -haben wir ins Bett gelegt, neben Tomas. - -Ich habe versucht zu schlafen, aber ich kann nicht. Die Kälte läßt mich -nicht schlafen -- und dieses gespensterhafte Licht der Erde über uns! -Man sieht nur wenig mehr als die Hälfte ihrer Scheibe. Das ist ein -Zeichen, daß die Sonne unverzüglich aufgehen muß. Wir können nicht genau -berechnen, wann dies erfolgen wird, da wir nicht wissen, auf welchem -Punkte der Mondscheibe wir uns befinden. O'Tamor hätte das mit -Leichtigkeit aus dem Stand der Gestirne berechnet, aber er liegt -bewußtlos danieder. Nun wird sich Varadol an diese Arbeit machen müssen -und ich begreife nicht, warum er es hinausschiebt. - -Wir hätten nach der Berechnung auf den _Sinus Medii_ fallen müssen, aber -Gott allein weiß, wo wir uns wirklich befinden. Auf dem _Sinus Medii_ -müßte um diese Zeit die Sonne bereits scheinen. Vermutlich sind wir -weiter nach »Osten« gefallen, wie man auf der Erde die Seite des Mondes -bezeichnet, wo für uns die Sonne untergehen wird, jedoch nicht weit von -der Mitte der Mondscheibe, da die Erde über uns fast im Zenite steht. - -Ich empfange so viele neue und seltsame Eindrücke, daß ich sie nicht -zusammenfassen und ordnen kann. Vor allem dieses unerhörte, geradezu -entsetzliche Gefühl der Leichtigkeit. Wir wußten auf der Erde, daß der -Mond, der neunundvierzigmal kleiner und einundachtzigmal leichter als -die Erde ist, uns sechsmal schwächer anziehen würde, obwohl wir uns -seinem Schwerpunkte näher befinden; aber es ist zweierlei -- etwas zu -wissen oder etwas zu fühlen. Wir sind fast schon siebzig Stunden auf dem -Monde und können uns noch nicht daran gewöhnen. Wir sind noch nicht -imstande, die Anstrengung unserer Muskeln dem kleineren Gewicht der -Gegenstände anzupassen, ja sogar nicht dem kleineren Gewichte unseres -eigenen Körpers. Ich erhebe mich schnell von meinem Sitze und springe -einen Meter in die Höhe, obwohl ich nur aufstehen will. Varadol wollte -vor einigen Stunden aus einem starken Draht, der an der Wand unserer -Behausung befestigt war, einen Haken biegen; er faßte ihn mit der Hand --- und hob sich ganz in die Höhe! Er vergaß, daß er jetzt statt zirka -siebzig Kilo nicht ganz dreißig Pfund wiegt! Jeden Augenblick wirft -einer von uns gewaltsam die Gegenstände um sich, während er sie nur -rücken will. Das Einschlagen eines Nagels ist geradezu unmöglich, weil -der Hammer, der auf der Erde zwei Pfund wiegt, hier kaum einige -hundertsiebzig Gramm schwer ist. Die Feder, mit der ich schreibe, fühle -ich kaum in der Hand. - -Martha sagte vor kurzem, daß sie den Eindruck habe, als wenn sie schon -ein körperloser Geist geworden sei. Das ist eine ganz gute Erklärung. Es -liegt wirklich etwas Unheimliches in dem Gefühl dieser fabelhaften -Leichtigkeit ... man könnte tatsächlich glauben, daß man nur noch Geist -ist, besonders beim Anblick der Erde, die am Himmel strahlt wie der -Mond, nur vierzehnmal größer und heller als das die Erdkugel -erleuchtende Nachtgestirn. Ich weiß, daß dies alles wahr ist -- und -trotzdem scheint es mir immer, als wenn ich träume oder mich in einem -Theater befinde, ein seltsames Feenspiel anzusehen. Jeden Augenblick, -denke ich, muß der Vorhang fallen, und diese Dekorationen werden -verschwinden -- wie ein Traum ... - -Wir wußten doch vor unserer Abfahrt genau, daß die Erde über uns wie -eine mächtige, unbewegliche Lampe, die mitten am Himmel hängt, scheinen -würde. Ich wiederhole mir immer wieder, daß dies ganz natürlich ist: der -Mond wandelt seine Bahn, immer mit der einen Seite der Erde zugewendet; -infolgedessen muß sie den vom Monde aus auf sie Blickenden unbeweglich -erscheinen. Ja, das ist doch so einfach, und dennoch versetzt mich -dieses leuchtende Glasgespenst der Erde, das uns seit siebzig Stunden -unbeweglich und hartnäckig aus dem Zenite anstarrt, in Schrecken. - -Ich sehe sie durch die Scheibe, die in der oberen Wand des Fahrzeugs -angebracht ist, und unterscheide mit bloßem Auge die dunklen Flecken der -Meere und die hellen Flächen der Länder. Sie gleiten langsam an mir -vorüber, brechen der Reihe nach aus dem Schatten hervor: Asien, Europa, -Amerika; verkleinern sich am Rande des schillernden Globus und gehen -unter, um nach vierundzwanzig Stunden wiederum zu erscheinen. - -Es kommt mir vor, als wenn sich die ganze Erde in ein weitaufgerissenes -Auge verwandelt hätte, das unbarmherzig, wachsam und staunend, auf uns -niederstarrt; auf uns, die wir von ihr geflohen sind, als die ersten -aller ihrer Kinder! - -Gleich als wir nach dem Fall etwas zum Bewußtsein kamen und die eisernen -Deckel abschraubten, die die runden Fenster unsres Fahrzeugs verdeckten, -sahen wir sie über uns. Sie war in der letzten Phase ihres Zunehmens. -Damals glich sie einem starr auf uns gerichteten Auge; jetzt senkt sich -über diesen grauenhaft unbeweglichen Blick allmählich das Lid des -Schattens. In dem Moment, da die Sonne wie eine flammende Kugel am -schwarzen Himmel, ohne vorhergehende Dämmerung, emporsteigt, wird dieses -Auge sich zur Hälfte schließen und wenn die Sonne senkrecht über uns -steht, das Augenlid sich gänzlich niedersenken ... - - Drei Stunden später. - -Ich unterbrach diese Aufzeichnungen, mit denen ich die langen Stunden -ausfülle, die wir gezwungenerweise tatenlos verbringen, als ich zu -O'Tamor gerufen wurde. Niemals haben wir mit der furchtbaren -Eventualität gerechnet, daß wir allein, ohne ihn bleiben könnten. Wir -waren auf den Tod vorbereitet, aber auf den eigenen, vielleicht -gemeinsamen, nicht auf den seinen! Und hier gibt es keine Rettung ... -Tomas liegt ebenfalls im Fieber, und statt den Kranken zu behandeln, -bedarf er selbst der Pflege. Martha weicht keinen Augenblick von ihrer -Seite, sich einmal zu Woodbell, dann wieder zu O'Tamor wendend und wir -stehen ratlos dabei und wissen nicht, was wir tun sollen. - -O'Tamor ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen und wird es auch -nicht mehr! Sechzig Jahre hat er auf der Erde gelebt, um hier ... Nein, -nein, ich kann das Wort nicht niederschreiben, es ist furchtbar! Er! -Gleich bei der Ankunft ... - -Wir sind so entsetzlich allein in dieser langen, furchtbar kalten Nacht! - -Vor einigen Stunden hat sich Martha, als wenn sie plötzlich von diesem -Gefühl der grenzenlosen Leere und Einsamkeit erfaßt würde, mit -zusammengefalteten Händen vor uns niedergeworfen. Sie weinte und rief -immer wieder: »Auf die Erde, auf die Erde! Warum telegraphiert ihr -nicht? Warum teilt ihr dort nichts mit? Seht, Tomas ist krank!« - -Armes Mädchen! Was sollten wir ihr antworten? - -Sie weiß so gut wie wir, daß unser Apparat schon ungefähr hundertzwanzig -Millionen Meter vor dem Monde zu funktionieren aufgehört hat ... Endlich -erinnerte Peter sie daran, aber als wenn die Übersendung von Nachrichten -die Kranken retten könnte, drängte sie fieberhaft, daß man die Kanone -aufstellen solle, die wir für den Fall des Unbrauchbarwerdens des -telegraphischen Apparates von der Erde mitgenommen haben. Dieser Schuß -ist jetzt die einzige, letzte Möglichkeit, uns mit denen, die dort -zurückgeblieben sind, zu verständigen. - -Varadol und ich gaben nach und wagten uns aus dem Fahrzeug heraus. Ich -gestehe es, daß die Angst vor diesem Schritt mich schüttelte. Dort, -hinter den uns schützenden Wänden ist in der Tat schon nichts mehr als -Leere ... Das Barometer zeigt nämlich draußen ein Vorhandensein von -Atmosphäre an, deren Dichte nicht einmal den dreihundertsten Teil -unserer Erdluft erreicht. Der Umstand, daß die Atmosphäre, wenn auch in -einer solchen Verdünnung, überhaupt existiert, ist für uns überaus -günstig, da er uns hoffen läßt, daß wir sie, auf der _anderen Seite_, in -zum Atmen genügender Dichte vorfinden werden. Ach, mit welchem Zagen -steckten wir vor einigen Stunden das Barometer nach außen! Anfangs sank -das Quecksilber so gewaltig, daß es uns schien, als wenn es bis zum -Nullpunkt herabfiel. Zitternde Angst schnürte uns die Kehle zu; das -hieße -- eine absolute Leere, und mit ihr der unabwendbare Tod! Aber -nach einer Weile hob sich das Quecksilber in der Röhre auf 2,3 -Millimeter! Wir atmeten auf, obwohl man in dieser Luft eigentlich gar -nicht atmen kann! Und nun sollten wir, zwecks Aufstellung der Kanone, in -diese Leere hinausgehen! Nachdem wir unsere »Taucheranzüge« angelegt und -über dem Nacken die Behälter mit verdichteter Luft befestigt hatten, -stellten wir uns in der Vertiefung, die sich in der Wand des Fahrzeugs -befand, bereit. Martha verschloß hinter uns die Innentür ganz dicht, -damit nicht die so wertvolle Luft zugleich mit uns entweichen sollte, -und dann öffneten wir den äußeren Deckel ... - -Wir berührten mit den Füßen den Mondgrund, und in diesem Augenblick -umfaßte uns eine entsetzlich betäubende Stille. Ich sah durch die -Glasmaske auf Peters Gesicht und bemerkte, daß er die Lippen bewegte; -ich dachte mir, daß er spreche, aber ich hörte keinen Laut. Die Luft ist -hier zu dünn, als daß sie eine Menschenstimme übermitteln könnte. Ich -hob einen Stein auf und warf ihn. Er fiel langsam, langsamer als auf der -Erde und ohne jegliches Geräusch. Ich wankte wie ein Betrunkener; ich -glaubte wirklich schon in der Welt der Geister zu sein. - -Wir mußten uns durch Gesten verständigen. Die Erde, die uns genährt hat, -verhalf uns dazu durch ihr Leuchten. - -Wir nahmen die Kanone heraus, die in einer nach außen zu öffnenden -Seitenwand untergebracht war, und ein Gefäß mit Explosionsmaterial, das -für sie besonders hergestellt wurde. Diese Arbeit ging leicht -vonstatten, da die Kanone hier kaum den sechsten Teil dessen wog, was -ihr Gewicht auf der Erde betrug. - -Jetzt hieß es nur das aufgestellte Geschütz genau bis zur Bleischnur zu -laden, nachdem man in die hohle Kugel eine Karte gelegt hatte; bei der -Leichtigkeit der Gegenstände auf dem Mond mußte diese Explosionskraft -vollständig genügend wirken, um sie in gerader Linie auf die Erde zu -befördern. Aber es war uns unmöglich, diese Arbeit zu vollenden. Eine -unbeschreiblich entsetzliche Kälte schnürte uns wie mit eisernen Krallen -die Brust zusammen. Seit ungefähr dreihundertundzehn Stunden hat hier -die Sonne nicht mehr geschienen, und die Atmosphäre ist nicht dicht -genug, so lange Zeit hindurch die Wärme der während des langen Tages -sicherlich erglühten Steine festzuhalten ... - -Wir kehrten zu dem Fahrzeug zurück, das uns wie ein Paradies an Wärme -erschien, obwohl wir mit dem Feuer sparen. Vor dem Aufgang der Sonne, -die diese Welt erwärmen wird, ist es unmöglich, die Versuche, -hinauszugehen, zu erneuern. Und diese Sonne will und will nicht kommen! - -Wann wird sie endlich erscheinen, und was wird sie uns bringen? - - Siebzig Stunden sechsundvierzig Minuten nach - Ankunft auf dem Mond. - -O'Tamor ist gestorben. - - Der erste Mondtag, drei Stunden nach - Sonnenaufgang. - -Wir sind nur noch vier. In einer Weile treten wir die Reise an. Alles -ist bereit: unser Fahrzeug hat sich, nachdem die Räder befestigt sind -und nach Aufstellung des Motors, in einen Wagen verwandelt, der uns, -diese Wüste durcheilend, dem Lande zuführen soll, wo wir leben und atmen -können ... O'Tamor wird hier bleiben ... - -Wir sind von der Erde geflohen, -- aber der Tod, der mächtige Herr des -Erdengeschlechtes, hat mit uns den Weltenraum durchflogen und uns gleich -im Anfang in Erinnerung gebracht, daß er bei uns ist -- unbarmherzig, -siegreich -- wie dort! Wir fühlten seine Gegenwart und Nähe, seine -Allherrschaft so lebhaft wie niemals auf der Erde. Wir sehen uns -unwillkürlich an: Wer kommt jetzt an die Reihe? ... - -Es war noch Nacht, als plötzlich Selena aus der Ecke hervorkam, wo sie -seit einigen Stunden zusammengekauert gelegen und, die Schnauze dem -durch das Fenster leuchtenden Halbmond der Erde entgegenstreckend, -entsetzlich zu heulen begann. Wir sprangen alle auf, wie von einer -inneren Kraft in die Höhe geworfen. - --- Der Tod kommt! schrie Martha. - -Woodbell, der sich besser fühlte, stand am Lager O'Tamors und wandte -sich langsam zu uns: - --- Er ist schon gekommen, sagte er. - -Wir trugen die Leiche aus dem Fahrzeug hinaus. In diesem felsigen Grunde -ist es unmöglich ein Grab zu graben. Der Mond will unsere Toten nicht -beherbergen -- wie wird er uns Lebende aufnehmen? - -Wir legten also die Leiche auf diesem harten Mondfelsen auf den Rücken, -das Gesicht der am Himmel leuchtenden Erde zugekehrt und sammelten die -hier und da auf der Ebene zerstreut liegenden Steine, um aus ihnen ein -Grab zurechtzulegen. Wir umgaben den Dahingeschiedenen mit einem nicht -allzu hohen Wall, konnten jedoch keine genügend große Steinplatte -finden, um ihn zu bedecken. Da sagte Peter durch das Rohr, das unsere -Köpfe verband und so eine Verständigung ermöglichte: - --- Lassen wir ihn hier so liegen ... Siehst du nicht, daß er auf die -Erde blickt? - -Ich betrachtete den Toten. Er schien in der Tat mit verglasten, weit -aufgerissenen Augen in das Auge der Erde zu starren, das sich immer mehr -schloß, immer mehr vor dem Glanze der uns noch unsichtbaren Sonne, die -bald aufgehen sollte. Mag er so liegen bleiben ... - -Aus zwei Eisenstäben, den Bruchstücken des zerschmetterten Gerüstes, das -uns während des Falles vorm Zermalmen bewahrt hatte, machten wir ein -Kreuz und befestigten es auf dem Steinwall über dem Haupte O'Tamors. - -Da -- als wir die traurige Arbeit gerade beendet hatten und zum Fahrzeug -zurückkehren wollten, geschah etwas Seltsames. Die Gipfel der Berge, die -vor uns in dem fahlen Schein der Erde auftauchten, färbten sich -plötzlich, ohne jeglichen Übergang, blutigrot und dann erstrahlten sie -in einem weißlich glühenden Glanze auf dem Hintergrunde des -tiefschwarzen Himmels. Der Fuß der Berge erschien jetzt, durch den -Kontrast der Beleuchtung gänzlich verdunkelt, fast unsichtbar; nur die -höchsten Kappen hingen über uns, wie ein im Feuer erglühter Stahl, sich -allmählich, aber stetig vergrößernd. Infolge des Mangels der -Luftperspektive, die auf der Erde die Schätzung der Entfernung -ermöglicht, schienen diese weißen Flecke auf dem Hintergrunde des -schwarzen Himmels, inmitten der Gestirne, gerade über unseren Häuptern -zu hängen, wie abgerissen von dem felsigen Fundament, das sich in der -Dämmerung verlor. Wir wagten kaum die Hand auszustrecken, aus Furcht, -diese Stücke des lebendigen Lichtes zu berühren. - -Sie aber wuchsen und wuchsen vor unseren Augen, als wenn sie sich uns in -langsamer, unerbittlicher Bewegung näherten; bald waren sie so dicht vor -uns, daß wir unwillkürlich zurückwichen ... gänzlich vergessend, daß -diese Gipfel Hunderte, vielleicht auch Tausende von Metern von uns -entfernt sind. - -Plötzlich sah Peter sich um und stieß einen Schrei aus. Ich wandte, -seiner Bewegung folgend, den Kopf und -- stand wie festgebannt vor einem -unerhörten, nicht zu schildernden Schauspiel im Osten! - -Über dem schwarzen Grat eines Berges glimmte die blasse, silberne Säule -eines Zodiakallichtes. Wir starrten, einen Augenblick den Toten -vergessend, auf diesen Punkt, als unten an der Säule, dicht an der -Grenze des Horizontes, kleine, springende rote Flämmchen im Kranze zu -flackern begannen. - -Die Sonne ging auf! Die mit so heißer Sehnsucht erwartete, -lebenspendende Sonne, die O'Tamor hier nicht mehr sehen soll! - -Wir weinten beide wie Kinder. - -Und schon erstrahlte sie am Horizonte, hell und weiß. Jene zuerst -wahrgenommenen roten Flämmchen waren Protuberanzen, starke Ausströmungen -glühender Gase, die von der Sonnenkugel nach allen Richtungen -hinschießen und auf der Erde, wo sie durch die Atmosphäre verblassen, -nur während einer vollkommenen Sonnenfinsternis sichtbar sind. Hier, -beim Fehlen der Luft, zeigten sie uns das Erscheinen der Sonnenscheibe -an und werden es noch lange jeden Tag so anzeigen, für kurze Augenblicke -einen blutigen Schein auf die Berge werfend, ehe sie in blendender Weiße -im vollen Tagesglanz erglühen. - -Nach einigen Minuten erschien an Stelle des roten Flammenkranzes ein -weißes Segment der Sonnenscheibe über dem Horizont; eine volle Stunde -brauchte diese Scheibe, um hinter den Felsen im Osten hervorzukommen. - -Diese ganze Zeit hindurch waren wir, trotz der immensen Kälte, mit den -Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Jeder Augenblick ist wertvoll; man -darf die Abfahrt nicht länger hinausschieben. Jetzt ist schon alles -bereit. - -Es ist seit Aufgang der Sonne wärmer geworden. Ihre Strahlen, obwohl sie -noch schräg fallen, wärmen mit der ganzen Kraft, da sie nicht durch die -Atmosphäre abgeschwächt sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein -seltsamer Anblick! ... - -Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die auf den Bergen wie auf -einem mächtigen schwarzen Kissen ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die -durch ihren scharfen Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und -Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon Tag geworden, mit -einer unermeßlichen Anzahl von Sternen übersät; rings um uns breitet -sich eine leere, wilde, Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung -des Lichtes, ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom -Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt. Es fehlt jene -Atmosphäre, die auf der Erde dem Himmel die wundervolle blaue Farbe -verleiht, die, selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor -Sonnenaufgang verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft; die sich -beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa taucht, in Regenbogen tränkt, -mit Wolken verfinstert und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden -Dämmerung malt. - -Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und diese -Landschaftsbilder geschaffen! - -Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem Gestein, das hie -und da von Spalten zerrissen ist, die sich in nordwestlicher Richtung -erstrecken. Im Westen (_Osten_ und _Westen_ unsrer Welt bezeichne ich, -übereinstimmend mit der _tatsächlichen_ Lage, also _umgekehrt_ wie wir -dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen also sieht man -steile Hügel, über denen in nordwestlicher Richtung der zerrissene Grat -eines Berges thront. Im Norden erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch, -wie es scheint, zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige -Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die künstlich -ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und gegen Süden erstreckt -sich eine unabsehbare Flachebene. - -Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen Messungen des -Höhenstandes der Erde am Himmel, daß wir uns tatsächlich auf dem _Sinus -Medii_ befinden, wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen müssen. -Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die Gipfel, die -im Norden und Westen jene Flachebene begrenzen, nämlich die aus den -Karten bekannten: _Mosting_, _Sommering_, _Schroter_, _Bode_ und -_Pallas_, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe nach dem, was wir -hier vor uns sehen. Aber schließlich ist es einerlei! Wir fahren nach -Westen, um längs dem Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am -gleichmäßigsten zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen und auf -seine _andere Seite_ zu gelangen. - -Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur das Grab mit dem -Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten die Stelle, an der die ersten -Menschen auf dem Monde gelandet sind. - -Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster Bau, den wir auf dieser -neuen Welt errichteten! Lebewohl, toter Freund, teurer und treuloser -Vater, der du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins neue -Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem Grabe steht, gleicht -einer Standarte, die Zeugnis dafür ablegt, daß der siegreiche Tod mit -uns gekommen und auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat -... Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger als wir, auf -die unbewegliche Erde starrend, die dich gezeugt, das Kreuz, dessen -treuer Bekenner du warst, über deinem Haupte. - - Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig - Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium, - 11° westlicher Länge, 17° 21' nördlicher - Mondbreite. - -Endlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein furchtbarer, -erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche Sonne, die ihre -Gluten fast seit zweihundert Stunden aus diesem grundlos schwarzen -Himmel herabsendet! Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und -sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern, inmitten -einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem schwarzen Reifen der verblaßten -Erde, die von einem Hof lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie -seltsam dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich verändert, -nur die Konstellationen der Gestirne sind wie wir sie von der Erde aus -gesehen haben. Hier, wo die Luft den Blick nicht trübt, sind -unvergleichlich mehr Sterne sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie -mit Sand von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten wie -farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in der uns bekannten -Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint der Himmel, der hier keinen -farbigen Lufthintergrund hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird -sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und bedarf keiner -Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern weiter entfernt oder näher -liegt. Blickt man auf den Großen Wagen, bemerkt man, daß einige seiner -Sterne tief zurückliegen, im Vergleich mit anderen nähergerückten, -während er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in eine -glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße ist hier kein -loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte Schlange, die sich durch die -schwarzen Untiefen wälzt. Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein -wundervolles Stereoskop auf den Himmel sähe. - -Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten der Sterne in -strahlendster Helle und verdunkelt auch nicht das schwächste der -himmlischen Lichter ... - -Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten zu schmelzen -beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen das Eis auf unsern -Flüssen. So endlos lange Stunden sehnten wir uns nach der Sonne und -ihren erwärmenden Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um -unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir auf dem Grunde -einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße des zerklüfteten Berges -_Eratosthenes_ den _Apennin_ entlang in die Tiefe des _Regenmeeres_ -erstreckt. Hier erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir -Schatten und etwas Kühle ... - -Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung zehn -Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume schien es mir, daß ich mich noch -auf der Erde befinde, in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos -umrahmt ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken glitten am -blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang der Vögel, das Summen der -Käfer und Stimmen der Menschen, die vom Felde heimkehrten. - -Selenas Bellen weckte mich auf. - -Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß ich lange nicht -begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir geschieht, was dieser -verschlossene Wagen bedeutet und diese Felsen ringsumher, so öde und -wild! Endlich wurde mir alles klar -- und ein unaussprechliches Weh -schnürte mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich nicht -schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine Knie legend, sah sie -mich mit ihren verständigen Augen groß an und es schien mir, daß ich in -ihrem Blick einen stummen Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend -ihren Kopf, sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen -umsehend, die in der Wagenecke munter miteinander spielten. Diese -Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe, die hier froh sind. - -Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh wie ein kleines -Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer gleich elend ist, die Hand -ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes Haar zu streicheln. Dann -strahlt ihr schmächtiges Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen, -schwarzen Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten, -der noch bis vor kurzem so männlich schön war und jetzt vom Fieber -verzehrt und abgemagert dahinsiecht. Sie tut alles, um ihn aufzumuntern, -ihm mit jeder Bewegung, mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und -in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist, -glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht nicht -erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, leidenschaftlichen Lippen -über seine magere Hand, seinen Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie -sie die Lider seiner kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein -kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, ihm seltsame, für -uns unverständliche Weisen singend. Er hörte sie wohl von denselben so -heiß küssenden Lippen dort -- in ihrem Heimatlande -- am malabarischen -Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von den säuselnden -Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres träumen ... Dieses Weib bewahrte -ihm in ihrer liebenden Seele die ganze Welt, die für uns -unwiederbringlich verloren ist. - -Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal gesehen habe. -Es war unmittelbar nachdem wir die Nachricht erhalten hatten, daß Braun -zurücktritt. Wir saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von -dessen Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen über -diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe ging. - -Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen wolle. Wir -überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, als sie schon selbst ins -Zimmer trat. Sie war gekleidet wie die Töchter reicher Eingeborener im -südlichen Indien. Das Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb -verängstigten, halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt -auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch neigend, -aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem Kopfe blieb sie an -der Tür stehen. - --- Martha, du hier! rief endlich Woodbell. - -Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen war keine Spur mehr -von Zaudern oder Unsicherheit; nur eine wahrhaft südländische -Leidenschaft flammte aus ihren von schweren Lidern halb bedeckten -schwarzen Augen. - -Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen halb geöffnet, -streckte sie Tomas die Hände entgegen und antwortete, zu ihm -aufblickend: - --- Ich bin dir gefolgt und werde dir überallhin folgen, selbst auf den -Mond! - -Woodbell war blaß wie eine Leiche. Er fuhr sich mit beiden Händen an den -Kopf und rief fast stöhnend: - --- Das ist unmöglich! - -Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schließend, daß O'Tamor -unser Führer sei, warf sie sich ihm zu Füßen, so schnell, daß er nicht -Zeit hatte, sie aufzuhalten. - --- Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr, nehmt mich mit Euch! -Ich bin die Geliebte Eures Kameraden; alles habe ich für ihn hingegeben, -er darf mich jetzt nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hörte, daß einer -Eurer Genossen zurücktrat und bin von Indien hierher gekommen. Nehmt -mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten verursachen. Ich will -eure Dienerin sein! Ich bin reich, sehr reich, ich gebe Euch Gold und -Perlen, soviel Ihr wollt. Mein Vater war Radscha in Travancore am -malabarischen Strand und hinterließ große Schätze. Ich bin auch kräftig -genug, seht! - -Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen Arme aus. - -Varadol stammelte: - --- Aber für eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen! Das ist -etwas anderes, als eine Fahrt mit dem Dampfer von Travancore nach -Marseille! - -Da begann sie zu erzählen, wie sie ohne Tomas' Wissen im geheimen -dasselbe Training vornahm wie wir, immer in dem Gedanken, daß es ihr im -letzten Augenblick gelingen werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen. -Jetzt benutzte sie Brauns Rücktritt, die seit langem gefaßte Absicht -auszuführen. Sie weiß wohl von Tomas, daß man dort auf dem Mond den Tod -finden kann, aber sie will nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie -uns an. - -Da wandte sich O'Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte, mit der Frage -zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle, und als Woodbell, unfähig ein -Wort hervorzubringen, mit dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die -üppigen Haare des Mädchens und sprach langsam und feierlich: - --- Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich Gott zur Eva des -neuen Geschlechtes erkoren -- möge es glücklicher sein als das irdische! - -So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ... - -Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man muß ihm Chinin geben. - - Zwei Stunden später. - -Die Glut, anstatt nachzulassen, wird immer größer. Wir flüchteten noch -tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange diese entsetzliche Hitze -andauert ist es unmöglich an ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die -Angst schüttelt mich, wenn ich mir sage, daß wir fast noch dreitausend -Kilometer vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und wer bürgt uns -dafür, daß man dort leben kann? ... Der einzige, O'Tamor, der nicht -daran zweifelte, ist nicht mehr unter uns. - -Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, daß wir bereits -hundertsiebenundsechzig Kilometer zurückgelegt haben; die Zeit -zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde ein Kilometer. Und wir bewegten -uns doch verhältnismäßig ziemlich schnell vorwärts ... - -Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf und wendeten uns nach -Westen. In dem Glauben, daß wir uns auf dem _Sinus Medii_ befinden, -wollten wir auf die Flachebene zwischen den Bergen _Sommering_ und -_Schroter_ gelangen und von dort den _Sommering_ von Norden und Westen -umkreisen. So beabsichtigten wir, uns dem Äquator zu nähern und an ihm -entlang, direkt in der Richtung des Gebirgsringes _Gambart_ und des -höheren, weiter gegen Westen auf dem Äquator liegenden _Landsberg_ -vorzudringen. - -Der Grund war ausnahmsweise gleichmäßig, fast ohne Spalten, so daß der -Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung und Zuversicht erfüllten unsere -Herzen; es war uns warm und leicht -- nur die Erinnerung an O'Tamor -trübte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha strahlte vor -Glück, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs neue Pläne zu schmieden. -Der Weg schien uns nicht lang, die Mühe nicht allzu groß. Wir -bewunderten die Wildheit der in ihrer Erstarrung großartigen Landschaft -oder bemühten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte im voraus -die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer warten. Varadol -erinnerte uns an alle Forschungen und Beweise O'Tamors, nach denen die -entgegengesetzte Seite des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben -genügen und dabei interessant und über alle Beschreibung erhaben sein -sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben Berge sind, die -jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor uns erglänzen und -außerdem noch frisches Grün und Wasser, lohnt es wohl der Mühe, -dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer zurückzulegen, um diese -Herrlichkeiten zu sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und -Martha, wie gewöhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen rosige Pläne -für das zukünftige Leben in diesem Paradies. Sogar Selena begann, als -sie die munteren Stimmen hörte, fröhlich zu bellen und im ganzen Wagen -mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen. - -So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen dreißig Kilometer -zurückgelegt, als Varadol, der gerade an der Reihe war am Steuer zu -stehen, den Wagen plötzlich anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher, -stumpfer Steinwall, der sich von Süden nach Nordwesten erstreckte. Man -hätte den Wall mit Leichtigkeit überwinden können, aber es handelte sich -darum, die Richtung genau festzustellen, in der wir uns vorwärtsbewegen -sollten. Im Nordwesten erhoben sich wild zerklüftete, mächtige Berge, -die wir für die Gipfel des Kraters _Sommering_ hielten. Jener Krater, -wie die Astronomen auf Erden diese runden Berge hier bezeichnen, erhebt -sich zwar nur eintausendvierhundert Meter über der benachbarten Ebene, -während diese Berge uns ungleich höher vorkamen, aber wir schrieben dies -der leicht erklärlichen optischen Täuschung zu. Außerdem ist es aber -auch möglich, daß wir mit unserem Projektil auf den südwestlichen Teil -des _Sinus Medii_, auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem -breiten Halbkreis des Zirkus des _Flammarion_ zu öffnet und jetzt zur -Rechten den Krater _Mosting_, von der ansehnlichen Höhe von -zweitausenddreihundert Metern, vor uns haben. Auf alle Fälle mußte jener -Berg von Norden her umkreist werden, um nicht den ursprünglichen Plan zu -ändern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen vorzunehmen -zur Festlegung des Punktes, an dem wir uns befinden, aber da wir jetzt -keine Minute verlieren wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die -heißere Zeit, wo wir infolge der großen Glut würden Aufenthalt machen -müssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden. Der Weg wurde -immer schwieriger und führte allmählich in die Höhe; hie und da trafen -wir Spalten an, denen wir ausweichen mußten, öfter ganze Felder von -massivem Gestein, dem Gneis ähnlich, mit vielen losgelösten Felsstücken -übersät. Wir bewegten uns immer langsamer und mit großer Mühe vorwärts. -An einigen Stellen mußten wir, nachdem wir die Luftbehälter angelegt -hatten, den Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden -Felsblöcke fortzuräumen. Wir priesen dabei die geringe Anziehungskraft -des Mondes, durch die es uns möglich war, derartige Felsstücke von der -Stelle zu rücken. Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem -erschien der andere Gefährte, wenn er die mächtigen Klumpen bewegte, wie -ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas blieb im Wagen zurück, da -er vom Fieber, das immer wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der -Wunden aufgehört hatte, zu sehr geschwächt war. - -Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer weit von dem Punkte, -von wo wir uns nach Norden gewandt hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner -und überaus steiler Hügel, hinter denen sich phantastische Gipfel -erhoben. Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die Höhe und aus dem -mächtigen Wall, den er bildete, ragte eine scharfe Bergspitze hervor. -Rechts, gegen Osten, erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge. - -Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der Sonne verflossen, -als wir auf die glatte Fläche von massivem Gestein gelangten, auf der -man sich schneller vorwärtsbewegen konnte. Hier beschlossen wir -anzuhalten, um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung -der Landschaft immer mehr. - -Wir waren bereits überzeugt, daß wir uns in einer anderen Gegend des -Mondes als auf dem _Sinus Medii_ befanden. Man mußte demnach endlich -genaue Messungen vornehmen. - -Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter stellte die -astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt der Erdscheibe war vom -Zenite 6° gegen Osten und 2° gegen Norden entfernt -- wir befanden uns -also unter dem 6.° westlicher Mondlänge und dem 2.° südlicher Breite, -das heißt, an der Grenze des _Sinus Medii_, neben dem Krater _Mosting_. -Was diesen betrifft, so konnte kein Zweifel obwalten. Die Messungen -waren ganz genau. - -Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu ändern. Als wir den -Weg antreten wollten, rief Varadol plötzlich: - --- Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurückgelassen! - -In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, daß unsere Kanone, das -einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern zu verständigen, mit -dem Geschoß und der Kugel beim Grabe O'Tamors zurückgeblieben war. Sein -Tod und Begräbnis hatten uns so verwirrt, daß wir beim Aufbrechen -vergaßen, die für uns so wertvolle Kanone mitzunehmen. Das war ein -unersetzlicher Verlust und um so empfindlicher, als nach der Zerstörung -der telegraphischen Verbindung mit ihr der letzte Faden zerriß, der uns -mit der Erde verband. Wir fühlten uns plötzlich so grenzenlos -vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke wiederum um Hunderte -von Kilometern von dem Globus entfernt hätten, der schon Hunderttausende -von Kilometern hinter uns lag. - -Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone zu holen. Vor allem -bestand Woodbell darauf, da er es für nötig hielt, uns mit der Erde zu -verständigen, damit man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht -aussende, bevor wir nicht mitteilen konnten, daß wir hier mögliche -Lebensbedingungen gefunden haben. - -Wenn wir umkommen müssen, sagte er, warum sollen noch andere ihr Leben -opfern. Ihr wißt doch, daß die Brüder Remogner zur Fahrt bereit sind. -Sie erwarten Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat -funktioniert nicht. Man muß sie zurückhalten, wenigstens noch für einige -Zeit. - -Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren. Jede Stunde ist -von höchstem Werte, da uns im Falle einer Fahrtverlängerung die -Nahrungs- und Luftvorräte ausgehen können, wodurch wir zum sicheren Tode -verurteilt wären. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O'Tamors zu -lange aufhalten müssen und wer konnte dafür bürgen, daß wir die Stelle -wiederfinden, wo die Kanone zurückblieb? - -Varadol bemühte sich, Tomas' Bedenken zu zerstreuen. Die Brüder -Remogner, führte er an, werden den Weg doch nicht antreten, wenn sie -keine Nachrichten von uns erhalten. Im übrigen weiß man nicht, ob die -hinausgeschossene Kugel gerade auf eine Stelle der Erde fällt, wo sie -jemand auffindet und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die -Hände derjenigen, für die sie bestimmt ist. - -Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone, die lediglich -für einen senkrechten Schuß konstruiert war, nur in der Nähe des -Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen könnten, wo sich die Erde im -Zenite über uns befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern -Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses nicht und selbst -wenn sie genügen würde, hätten wir keine Möglichkeit, die Kanone genau -so aufzustellen, um sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie -beschreibend, trotzdem ihr Ziel -- die Erde -- nicht verfehlt. So hätten -wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen aufgehalten, -wären alsdann aber nicht mehr imstande, durch einen zweiten Schuß neue -Kameraden herbeizurufen, falls wir -- bis zur Grenze der von der Erde -aus sichtbaren Mondscheibe gelangt -- dort günstige Lebensbedingungen -antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier zu einer ewigen -Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die Brüder Remogner trotz -alledem hierher kommen, so würden sie vielleicht einen stärkeren -telegraphischen Apparat mit sich führen und wir so durch sie eine -dauernde Art der Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten. - -Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem Suchen der Kanone -zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung setzten wir daher unsere Reise -fort. - -Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen und wir hatten schon -gegen hundertdreißig Kilometer hinter uns. Die Sonne stand bereits 28° -über dem Horizont und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten -dabei eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich die Wand des -Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so erhitzte, daß sie geradezu -brannte, war die der Sonne abgewandte Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der -Kälte hatten wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines -Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs antrafen. Der -Grund für diese gewaltsamen Übergänge zwischen Wärme und Kälte ist das -Fehlen der Atmosphäre, die auf der Erde zwar die direkte Kraft der -Sonnenstrahlen vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese -Wärme gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen -derselben durch Ausstrahlen verhindert. - -Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend mit Nacht. -Das Licht, das nicht in der Atmosphäre verbreitet ist, dringt nur an -solche Orte, die den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht -den Reflex der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht der Erde, -müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten hineinfahren unsere -elektrischen Lampen aufflammen lassen. - -Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und begannen uns nach -Westen zu wenden, um den vermutlichen Krater _Mosting_ zu umkreisen, nur -mit großer Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande -vorwärtsdringend. - -Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften auf der -Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen, die die Gipfel -miteinander verbinden, üppige Täler, die durch das Wirken des Wassers im -Laufe von Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur von -alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und mit einer -unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener Mulden mit -vorspringenden Rändern angefüllt, oder auch mit glatten, vereinzelten -Hügeln, oft von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen -tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und aussehen, -als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader Linie bis auf den -Grund gespalten wären. Ich zweifle nicht daran, daß es sich hier um ein -Bersten der erlöschenden und sich krümmenden Mondoberfläche handelt. - -Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung der auf der Erde -so übermächtigen Erosion. Ich glaube auch, daß dieses Land niemals Luft -und Wasser gehabt hat. - -Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins, das auf dem -felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr dreißig Stunden später, als -die Spannung der Hitze sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten -wir die Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, dessen -Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich war, als sich plötzlich -vor unseren Augen ein Felsblock von einigen zehn Metern im Durchmesser -vom Gipfel loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die -Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu schaurigen -Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten wir kein Geräusch; nur der -Grund erbebte unter unserem Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte. -Die Felsen, die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen -Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während der furchtbaren -Glut des Tages an der Seite, die den brennenden Strahlen ausgesetzt ist; -die ungleichmäßige Verteilung von Hitze und Kälte muß das Zerspringen -und Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt -verursachen. - -Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die mächtigen Flächen -übersäten, ziemlich unangenehm. Wir passierten Stellen, wo unser -Fahrzeug sich vermittels der Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte. -Dort ließen wir die »Tatzen« aus, die dem Wagen ermöglichten die größten -Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges Tier. So -kamen wir glücklich über die sich auftürmenden Steinmassen hinweg. Trotz -der zahlreichen Versuche, die wir mit dem Wagen auf der Erde machten, -hatten wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen, -länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des Mondes und die -damit verbundene Schwere nur um die Hälfte größer wäre, hätten wir in -diesem Gestein, unfähig uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde -gehen müssen. - -Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen, -während dessen wir kaum zwanzig Kilometer weiter kamen. Die Hitze wird -unerträglich. In der dumpfen, glühenden Luft des Wagens und durch die -heftigen Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die Wunden, -die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche davontrug, -beginnen ihn wieder zu schmerzen. Ein Glück, daß wir drei wenigstens -heil davongekommen sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem -Gedanken an jene furchtbare Erschütterung! - -Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der am Projektil -angebrachten Minen, die die Schnelle des Fallens verringern sollten, -dann ein Druck auf den Knopf -- das schützende Stahlgerüst breitete sich -aus und ... Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah -nur noch, wie Martha sich aus der Hängematte herausbeugte und ihre -Lippen auf Tomas' Mund preßte. O'Tamor rief: _Wir sind da!_ -- und ... -ich verlor das Bewußtsein. - -Als ich die Augen öffnete, lag O'Tamor blutüberströmt am Boden, Woodbell -ebenfalls schwerverwundet; Varadol und Martha waren ohnmächtig ... Aus -den Trümmern des Stahlgerüstes haben wir dann das Kreuz auf dem Grabe -O'Tamors errichtet. - -Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang an als wir vor -Erschöpfung und Glut zusammenbrechend endlich bemerkten, daß wir uns dem -Gipfel des Berges näherten, den wir mit so großer Mühe erkletterten. -Während dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den vierten Teil des -»Tages« auf dem Monde ausmachten, schliefen wir fast gar nicht und -beschlossen nun eine Zeitlang zu rasten. - -Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe. - -Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens, der uns -tatsächlich vorm lebendigen Verbraten durch die unerträglichen -Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns alle schlafen. Nach zwei Stunden -schon erwachte ich sehr gestärkt; die andern schliefen noch. Ich wollte -sie nicht aufwecken, nahm meinen Luftbehälter und ging allein aus dem -Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum hatte ich mich etwas aus -dem Schatten begeben, glaubte ich mich in das Innere eines glühenden -Hüttenwerkes versetzt. Das war keine Hitze mehr -- eine wahre -Feuersbrunst ergoß sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Füße durch -die dicken Sohlen des Luftbehälters. Ich mußte meine ganze Willenskraft -zusammennehmen, um nicht in den Wagen zurückzukehren. - -Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei Berge aus -massivem Gestein trennte und zwischen diesen in einer Art Einsattlung -endete, die, soviel ich von der Stelle wo ich stand bemerken konnte, in -eine hinter jenen Hügeln nach Süden laufende Ebene überging. Diese Hügel -verhüllten mir die Aussicht nach Norden und Süden. Nur nach Osten war -der Blick über den Weg frei, den wir gerade zurückgelegt hatten. Ich sah -auf steinige Felder, voll von Mulden, Vorsprüngen, Spalten und Gipfeln --- und traute meinen eigenen Augen kaum, daß wir mit unserem großen, -schweren Wagen da hindurchkommen konnten. - -Auf der Erde, bei dem sechsmal größeren Gewichte, wäre das geradezu -unmöglich gewesen. - -In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mich jemand berührte. Ich sah mich -um; hinter mir stand Varadol und machte verzweifelte Zeichen. Er hatte, -gleich mir, den Luftbehälter angelegt und den Wagen verlassen, da er -aber das Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht -verständigen. Ich sah nur, daß er blaß und furchtbar erregt war. Ich -glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden und stürzte zum Wagen -zurück. Er folgte mir. - -Kaum hatten wir uns der Luftbehälter entledigt, als Varadol mit vor -Aufregung zitternder Stimme sagte: - --- Wecke die andern nicht auf und höre: es ist etwas Furchtbares -geschehen, ich habe mich geirrt. - --- Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich -handelte. - --- Wir sind nicht auf den _Sinus Medii_ gefallen. - --- Wo sind wir also? - --- Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung, die diesen Krater mit -dem Mond-_Apennin_ verbindet. - -Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wußte aus den auf der Erde -gemachten photographischen Aufnahmen der Mondoberfläche, daß der Grat, -auf dem wir uns demnach befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen -zu gelegene mächtige Fläche des _Mare Imbrium_ abfällt. - --- Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt. - --- Ruhig. Gott allein weiß es. Es ist meine Schuld. Wir sind auf dem -_Sinus Aestuum_. Sieh ... - -Er schob mir eine Karte und einige Blätter zu, die mit Reihen von -Ziffern beschrieben waren. - --- Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten Hoffnung Raum -gebend. - --- Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die anderen -Messungen waren ganz genau, ich vergaß nur, daß sich damals die Erde -nicht im Zenite über dem Mittelpunkt der Mondscheibe befinden konnte. Du -weißt doch, daß der Mond während der Drehung um die Achse kleinen -Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt, wodurch die Erde -nicht gänzlich unbeweglich am Himmel erscheint, sondern eine kleine -Ellipse umschreibt. Ich habe nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom -Zenit die Verbesserungen vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage nach -die Mondlänge und -breite des Punktes, auf dem ich die Messungen machte, -falsch bezeichnet. Jetzt können wir das alle mit dem Leben bezahlen! - --- Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen Körper bebte. -Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten. - -Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der Messungen. Diesmal war -jeder Zweifel ausgeschlossen. Nachdem die notwendige Verbesserung -vorgenommen war, zeigte es sich, daß wir auf dem _Sinus Aestuum_ unter -dem 7.° 35' westlicher Mondlänge und dem 13.° 8' nördlicher Mondbreite -herabgefallen sind. Wir bewegten uns die ganze Zeit hindurch längs den -steilen Bergen, zu Füßen des mächtigen _Eratosthenes_, vor uns den nicht -großen, aber außerordentlich steilen Krater ohne Namen, der in dem hier -schon beginnenden _Apennin_ eingeschlossen ist. Gegenwärtig befanden wir -uns unter dem 11.° westlicher Mondlänge und dem 15.° 51' nördlicher -Mondbreite. - -Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte. Nach dieser erhebt -sich die Einsattelung, die wir einige hundert Schritte weit vor uns -hatten, neunhundertzweiundsechzig Meter über dem _Mare Imbrium_. - -Es ist doch seltsam: während die Astronomen auf der Erde aus der -Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern mit Leichtigkeit die Höhe -eines jeden Mondberges berechnen, indem sie im Teleskop die Länge des -Schattens, den er wirft, messen, mußten wir, die wir uns auf diesem -Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte flüchten, um -konstatieren zu können, wie hoch er sich erhebt. Der Mangel der -Atmosphäre macht die barometrischen Messungen der Höhe unmöglich. Die -Veränderung, die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf, daß das -Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war. Auf der Höhe, auf welcher -wir uns befanden war eine absolute Leere. - -Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war unmöglich ihnen die -entsetzliche Situation zu verheimlichen, doch schienen unsere -Eröffnungen keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Tomas runzelte -die Stirn und biß die Lippen zusammen, während sich Martha, soweit ich -aus ihrem Benehmen schließen konnte, keine klare Rechenschaft über das -Grauen der Lage zu geben vermochte. - --- Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren sind, oder -umkehren ... - -Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind! Mein Gott, es war -doch nur ein reiner Zufall, daß wir den Weg gefunden haben, der uns -hierher führte! Und umkehren? -- So viel vergebliche Mühen und verlorene -Stunden? ... - -Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben um zu sehen, -ob wir uns nicht auf die Ebene _Mare Imbrium_ herablassen könnten. Nach -einigen Minuten befand sich unser Wagen an dem Abgrund! - -Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren. Der Felsen brach zu -unseren Füßen fast senkrecht ab und dort unten, tausend Meter tiefer, -erstreckte sich, soweit das Auge reichte, die Ebene _Mare Imbrium_, von -einigen zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der -Luftperspektive brachte es mit sich, daß auch die ziemlich entfernt -liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich mit ihrem märchenhaft -schimmernden Weiß vom schwarzen Hintergrund des sternenbesäten Himmels -abhoben. Ein wahrhaft bezaubernder Anblick, über den wir für einen -Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaßen. - -Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermeßlichen Fläche, wie -eine Insel im Meere, der majestätische Krater _Timocharis_, vierhundert -Kilometer von uns entfernt und gegen siebentausend Fuß hoch. - -Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen Berge infolge der -unklaren Luft eine blaßbläuliche Farbe an; hier erschien jener Gipfel, -in der Sonne erglänzend, wie ein weiß erglühter Stahl, mit großen -schwarzen Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer -Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man ebenfalls deutlich am -Himmel die Zacken des Kraters _Lambert_, der kleiner und weiter entfernt -war. Im Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere -Höhenzüge und Felsen, sich mit der uns viel näher liegenden Kette der -Mond-_Karpaten_ vereinigend, die das _Mare Imbrium_ von Süden her -einschließen. - -Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres Sehwinkels -erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Südwesten her die auf -kleineren Hügeln gestützten mächtigen Gipfel des _Kopernikus_, eines der -größten Berge auf dem Monde. Wenn ich sagte, daß der _Timocharis_ wie -glühender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis mehr zur -Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus der Entfernung von -Hunderten von Kilometern von jenem riesenhaften Felsenringe her ergoß, -der einen Durchmesser von neunzig Kilometern hat! - -Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des breiten Zirkus des -_Archimedes_. Der Blick nach Osten und Süden war uns verschlossen -- von -der einen Seite durch die Kette des Mond-_Apennins_, von der andern -durch den _Eratosthenes_, der durch den Paß, auf dem wir gerade stehen, -mit dem _Apennin_ verbunden ist. - -Und in diesem Rahmen das _Regenmeer_. Wie ironisch erschien uns diese -Bezeichnung, die von den alten Astronomen auf der Erde erdacht wurde! -Eine entsetzliche Wüste, kalt und grau, hie und da durch große Spalten -zerrissen, die, zu länglichen Garben gedehnt, sich vom _Timocharis_ zum -_Eratosthenes_ erstrecken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur am Fuße der -mächtigen, weit entfernten Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte, -kostbaren Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbläuliche Adern -von Felsschichten. - -Wir starrten schweigend vor uns hin und wußten nicht, welchen Weg wir -wählen sollten. Wenn wir die Fläche des _Regenmeeres_ erreichten, hätten -wir eine Strecke vor uns, auf der wir uns schnell vorwärtsbewegen -könnten; aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir dorthin -gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen, senkrechten Wand -hinablassen? - -Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fuß nach Süden, in der Hoffnung, daß -es uns vielleicht gelingen könnte, abseits vom Krater des _Eratosthenes_ -einen Weg zu finden. Wir schritten auf der schmalen Fläche, die zwischen -den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem _Mare Imbrium_ zu -öffnete. An der einen Stelle war der Durchgang so eng, daß wir schon -umkehren wollten, weil es uns unmöglich schien hier mit dem Wagen -durchzukommen. Zum Glück erinnerte uns Martha, die uns begleitete, daß -wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit denen sich die nicht große, uns -den Weg versperrende Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen ließe. Wir -passierten sie daher, über den schwindelnden Abgrund schlüpfend, und -gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der breiter und flacher -wurde, langsam nach oben. Wir gingen immer nach Süden zu. Rechts und -links starrten die Riesengipfel des Ringes des _Eratosthenes_. - -Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden wir durch einen -neuen Abgrund aufgehalten, der sich so unerwartet vor uns auftat, daß -Peter, der voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurückprallte. In -der Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl das -Furchtbarste, was man sich vorstellen kann. - -Immer in südlicher Richtung vorwärtsdringend, gelangten wir, ohne zu -wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon am Rande des _Eratosthenes_ -lag. Zur Rechten und zur Linken türmten sich zerrissene Gipfel, von -denen der eine weißschimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, während sich -der andere im Schatten in tiefes Schwarz hüllte. Und vor uns ... Nein, -wer vermag das zu beschreiben! -- Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare, -bodenlose Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser -Majestät des Schreckens und der Starrheit, daß mich noch jetzt Schauer -der Angst schütteln, wenn ich daran zurückdenke! - -Wir sahen in das Innere des Kraters des _Eratosthenes_. - -Ein mächtiger Bergwall, wie eine Säge mit Zacken besetzt, bildete einen -geschlossenen Kreis von einigen zehn Kilometern im Durchmesser und auf -diese Weise eine Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das -menschliche Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter über den -Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend, fielen fast senkrecht in -seltsamen Windungen ab, als wenn sich Steinkaskaden in wilden Sprüngen -herabwälzten. Die Mulde, die im Verhältnis zu der Oberfläche des durch -den Wall abgetrennten _Mare Imbrium_ zweitausend Meter tiefer lag, -erschien uns noch unergründlicher durch die mächtigen sich daneben -auftürmenden Berge und die dichten Schatten, die sie gespensterhaft -einhüllten. Aus ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte -kegelförmige Gipfel, die beinahe die halbe Höhe des benachbarten Walls -erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster auf sie herab. Kleine, -dunkelgraue Rauchwolken stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich -infolge der fehlenden Atmosphäre sofort wieder, um sich am Fuße der -Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel, daß wir hier noch -nicht erloschene Vulkane vor uns hatten. - -Die grellen Gegensätze von Licht und Schatten vergrößerten noch das -Gefühl des Grauens. Der ganze östliche Rand des Innern war in -geheimnisvolle Dämmerung gehüllt, die mit dem schwarzen Himmel -zusammenzufließen schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der -Sonne wie eine weiße, von dunklen Bergrinnen zerrissene und mit -unzähligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintürmen, die -auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke leuchteten. Nach Süden -zu erschien der Wall durch die Entfernung niedriger und erweckte den -Eindruck, das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein. Zu -unseren Füßen -- ein schwindelnder Abgrund. - -Und über all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am schwarzen Himmel die -feurige, strahlenlose Sonne, immer näher der Erde, die, in starrem -Glanze schimmernd, zu einer schmalen, scharfen Sichel gekrümmt, über -diesem Tal schwebte wie ein Zeichen des Todes. - -Unwillkürlich dröhnten mir die Worte Dantes in den Ohren: - - Vero é che in su la proda mi trovai - della valle d'abisso dolorosa .... - -Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung, Glut und -Entsetzen geschwächten Gehirne Visionen der Danteschen Hölle auf, die -nicht furchtbarer sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der am -Boden des mächtigen Kessels sich wälzende Rauch schien mir der -Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich im Wirbel um Luzifers -mächtige Gestalt drehten, dessen Formen einer der Vulkankegel in meinen -Augen annahm ... Geister -- Geister -- eine entsetzliche Prozession der -Verfluchten! Sie ziehen dahin, fließen in mächtigen Fluten über die -felsigen Abhänge der Untiefe, gleiten in den Abgrund, wälzen -- drängen -sich. Einige wollen sich erheben, auf -- auf -- zur Sonne -- sie reißen -sich vom Boden los und stürzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen -auf dieselbe Stelle, -- hinab -- hinab zur ewigen Verdammnis ... - -Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden, schaudervollen -Stille ab ... - -Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fühlte, daß ich einer -Ohnmacht nahe war. - -Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, daß ich im ersten Augenblick -wirklich glaubte das Jammern der Verfluchten zu hören. Aber diesmal war -es keine Vision. Es war wirkliches, herzzerreißendes Weinen, das durch -das Rohr, das die Köpfe unserer Luftbehälter verband, zu mir drang. - -Ich erwachte aus meiner Betäubung und blickte um mich. Woodbell stand da -wie versteinert, den Rücken an den Felsen gelehnt, blaß, mit gesenktem -Haupte. Varadol glich in seinen Bewegungen einem gefesselten wilden -Tiere; er stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und die -Länge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten um, als wenn er -zwischen diesen Steinmassen einen Weg und Ausgang suchte. Martha kniete -am Boden, von einem Schluchzen, das durch die höchste Erregung der -Nerven hervorgerufen wurde, geschüttelt. - -Ein grenzenloses Erbarmen erfaßte mich. Ich näherte mich ihr und legte -langsam den Arm um ihre Schultern. Da begann sie wie ein Kind zu klagen -und rief, wie in jener denkwürdigen langen Nacht vor dem Tode O'Tamors: - --- Auf die Erde! Auf die Erde! - -In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschütternde Verzweiflung, daß -ich kein Wort finden konnte, sie zu trösten. Wie sollte ich das auch -anfangen? Unsere Situation war tatsächlich eine verzweifelte. Ich wandte -mich zu Varadol: - --- Was soll jetzt werden? - -Peter zuckte die Achseln. - --- Ich weiß, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmöglich, hier -herunterzukommen. - --- Und wenn wir umkehrten? warf ich ein. - --- O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha. - -Varadol schien ihr Weinen nicht zu hören. Er sah eine Zeitlang vor sich -hin, dann antwortete er, sich zu mir wendend: - --- Umkehren ... Höchstens um auf einem andern Wege auf dasselbe -Hindernis zu stoßen, nachdem wir schon so viel kostbare Zeit verloren -haben. Sieh! - -Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte über die -unabsehbare Fläche des _Mare Imbrium_. - --- Wenn wir dorthin gelangen könnten, sagte er, würden wir einen -verhältnismäßig ebenen Weg vor uns haben, aber wie wäre das zu -ermöglichen ... Höchstens wenn wir uns kopfüber ... - -Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung. Das _Regenmeer_, -glatt und eben, von der Sonne beleuchtet, erschien mir als ein Paradies, -im Vergleich mit dem furchtbaren Innern des _Eratosthenes_. Es begann -fast dicht unter unseren Füßen, scheinbar so nahe, daß ein Sprung -genügen würde, es zu erreichen. Doch trennte uns ein senkrecht -abstürzender, tausend Meter hoher Felsen von dieser Ebene. - -Wir drängten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher -Sehnsucht hinunter. Wir fühlten weder Ermattung, noch die brennenden -Strahlen der Sonne, die bereits hinter der Felsengrenze über uns -aufging. - -Nach einer Weile wiederholte Peter: - --- Dorthin werden wir nicht gelangen ... - -Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fähig war sich zu -beherrschen, antwortete ihm. - --- Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend, oder ich werfe -dich von hier hinab! Wir haben genug Sorgen! - -Da trat plötzlich Tomas hervor. - --- Sei still -- und du weine nicht; wir werden auf das _Mare Imbrium_ -hinüberkommen, -- holen wir den Wagen. - -Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen Worten, daß -wir seine Weisung sofort ausführen wollten und nicht wagten uns zu -widersetzen oder auch nur zu fragen. - -Woodbell hielt uns noch zurück. - --- Seht, sagte er, auf die äußeren, dem _Regenmeere_ zugewandten Abhänge -des _Eratosthenes_ zeigend, seht ihr diese Kante dort, die fünfzig Meter -tiefer am Fuße der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen kann, senkt -sie sich ziemlich sanft bis zur Fläche; da werden wir hinunterfahren -können ... - --- Aber diese Wand ... flüsterte ich, unwillkürlich auf den senkrecht -herabstürzenden Felsen blickend, der uns von dem ziemlich breiten Grat -der Kante trennte. - --- Unsinn, wir sind doch geübt im Erklettern der Felsen! Wir werden sie -seitlich leicht umgehen können. - --- Und der Wagen? ... - --- Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem wir ihn an Seilen -festgebunden haben. Vergeßt nicht, daß wir auf dem Monde sind, wo alles -sechsmal leichter ist und das Herabfallen aus einer Höhe von fünfzig -Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall von acht! - -Tomas' Rat wurde also befolgt. - -Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen wir den steilen Abhang -des _Eratosthenes_ hinabzufahren, um zum _Mare Imbrium_ zu gelangen. -Fast drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in die Ebene, die -dicht zu unsern Füßen lag. Den größten Teil des Weges legten wir zu Fuß -zurück, von unbarmherzigen, immer senkrechter auf uns niederbrennenden -Sonnenstrahlen gequält, vor Ermattung und Erschöpfung fast umsinkend. -Den Wagen mußten wir aus einer Höhe von zirka fünfzig Metern -herablassen; er blieb unbeschädigt. Aber die Hunde, die wir einschließen -mußten, waren, trotz unserer größten Vorsicht, schrecklich zerschlagen -und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die Hoffnung -aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen. Die Kante war kein so -erträglicher Weg, wie uns dies von oben aus der Ferne geschienen. Durch -Zerklüftungen und Vorsprünge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren -oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war, weil wir überall den -Wagen hinter uns herschleppen oder an Seilen herablassen mußten. Oft -packte uns die Verzweiflung. Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das -Fieber und die Wunden geschwächt, am meisten Geistesgegenwart und -Willensstärke. Wenn wir leben und leben werden, so haben wir es ihm zu -verdanken. - -Ich weiß nicht, ob wir während dieser drei Tage mehr geschlafen haben -als zwölf Stunden, jedesmal eine leidlich schattige Stelle -heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Manchmal nahm -die mörderische Glut uns gänzlich das Bewußtsein. - -Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht über uns, neben -der verblaßten Erdkugel, die mit einem blutroten Reifen -lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben war, als wir, bis zum äußersten -erschöpft, endlich auf der Ebene anlangten. - -Die Glut war so groß, daß sie uns den Atem nahm; in den Schläfen klopfte -und hämmerte es zum Zerspringen. Sogar der Schatten gab keinen Schutz -mehr! Die glühenden Felsen flammten überall wie im Feuer, wie der Rachen -eines Hüttenofens. - -Selena keuchte mit heraushängender Zunge, die Jungen winselten und lagen -bewegungslos in der Wagenecke. Wir wurden, einer nach dem andern, -ohnmächtig und glaubten, daß uns der Tod am Eingang der so ersehnten -Ebene ereilen müsse. Nur vor der Sonne fliehen -- aber wohin? - -Da erinnerte uns Martha daran, daß wir beim Abstieg vom Berge eine tiefe -Spalte sahen, die jetzt scheinbar durch die Ungleichmäßigkeit des -Grundes vor uns verdeckt war. Wir fuhren daher in der bezeichneten -Richtung und fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie ein -Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heißt eine Schlucht, durch das -Bersten der Mondschale gebildet, tausend Meter tief und einige hundert -breit, im übrigen den Schluchten auf der Erde in keiner Weise ähnlich. - -Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen können, einige zehn -Kilometer parallel der _Apenninkette_ hin. Auf den Mondkarten ist sie -nicht angegeben; wahrscheinlich entging sie den Astronomen infolge des -Schattens, in den sie immer gehüllt sein muß, da sie in der Nähe hoher -Berge liegt. - -Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren schnell in ihre Tiefe -hinab, tausend Meter unter der Oberfläche des _Mare Imbrium_ und fanden -dort erst ein wenig Kühle .... - -Der Schlaf hat uns gestärkt und erquickt. Nur Tomas, den bis jetzt eine -eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert wieder. Er ist so -geschwächt, daß er sich nicht rühren kann. Trotzdem werden wir in zirka -zwanzig Stunden weiterfahren. Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach -Westen zu neigen. Dort auf der Ebene muß die Glut immer noch entsetzlich -sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor einigen Stunden. Übrigens -können wir sie nach der Rast leichter ertragen. - -Nach langer Überlegung änderten wir den Plan der Fahrt. Statt nach -Westen werden wir uns nach Norden wenden, zum Pol des Mondes. Wir -gewinnen dabei zweifach. Vor allem haben wir tausend Kilometer guten, -glatten Weg durch die Ebene _Mare Imbrium_ vor uns, was die Fahrt -bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir, uns dem Pole nähernd, in -eine Gegend, wo die Sonne am Tage nicht so hoch über dem Horizonte -steht, dahingegen in der Nacht tief unter den Horizont fällt; wir hoffen -dort also eine erträglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher -Mittag wie heute -- und unser Tod wäre unabwendbar. - - Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden - nach Sonnenaufgang. - -Der Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden wird die Sonne -untergehen, die jetzt über den fernen, runden Hügeln im Westen steht, -- -kaum einige Fuß über dem Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains, -jeder Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche Schatten, -die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden, in einer Richtung -zerschneiden. Soweit das Auge reicht, nichts als eine endlose, tote -Wüste, von Süden nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene -schwarzen Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte starren -die höchsten Bergspitzen, die wir vom _Eratosthenes_ aus gesehen haben -und deren Fuß jetzt durch die Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt -ist. - -In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen, neigt sich die gläserne -Erde über uns vom Zenit nach Süden. Sie nähert sich bereits dem ersten -Viertel und leuchtet hell -- wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der -schwächer werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr -gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei -Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, stärkere, gelb -und das andere blaßbläulich erscheint. Diese ganze Welt ist zur Hälfte -grellgelb und zur Hälfte graublau. Wenn ich nach Osten sehe, färben sich -die Wüste und die weit entfernten Gipfel des Mond-_Apennins_ gelb; von -Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in Dämmerung -gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste immer dieser schwarzsamtene -Himmel, mit verschiedenfarbigen, funkelnden Steinen, mit wundervollem -Staub vom feinsten goldenen Sand übersät ... - -Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt, den -einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung und Abendröte geblieben -ist ... Ihr voran geht die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede -Spalte, in jeden Schatten und wartet geduldig, -- früh wird die Sonne -vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft -überlassend ... - -Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir nicht einmal die -Gegenwart dieses Kameraden, aber im Schatten erfaßt unsere durchwärmten -Glieder bereits ein leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht -... - -In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so dumpf und uns allen -ist etwas leichter und froher zumute. Varadol schmiedet hoffnungsvoll -wieder Pläne oder spielt mit der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist -bedeutend wohler; er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit -Martha. Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. Vor -allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie lacht so seltsam. -Ihre Lippen nehmen eine Form an, als wenn sie die Luft küßten. Ihre -Augen sind voll von diesem Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter, -schneller Bewegung hebt und senkt. Während der Glut des Tages war ihre -Brust entblößt; sogar für sie, die die indische Sonne braun gebrannt -hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt hüllt sie sich bis zum Halse ein -... Es ist unsinnig, daß ich so viel an diese Frau denke, -- aber sie -ist ja überall. Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt -hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar Varadol! Er -spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß er sie verstohlen anblickt. -Mich ärgert das. Warum bemerkt es Tomas nicht? Und übrigens -- was geht -es mich an? - -Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen fährt ununterbrochen. -Wir schlafen abwechselnd; jetzt will ich weiterschreiben. Wir blieben -etwas stehen, die Akkumulatoren unseres Elektromotors zu füllen. Um -Brennmaterial, das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen -werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit Hilfe der sich -ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. Die Akkumulatoren mußten -wir füllen, weil die Batterien allein bei der schnellen Fahrt nicht -genügen. - -Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain irgend zuläßt. -Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens erlaubten uns nicht, nachdem wir -die »_Spalte der Erlösung_« verließen, uns sofort nach Norden zu wenden. -(Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem _Eratosthenes_ mit diesem -Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich vom Tode erlöste.) Unter -dem 12.° westlicher Länge stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die -wie Strahlen vom Berge des _Kopernikus_, auf Hunderte von Kilometern im -Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man sogar durch schwächere -Teleskope von der Erde aus sehen kann, setzten die Astronomen immer in -Staunen. Wie wir uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige -Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen Felsengesteins. -Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen Bildungen nicht erklären ... -Überhaupt ist hier so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir -fast mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden, auf der -wir uns befinden, -- wie die Ringberge, von manchmal Hunderten von -Kilometern im Durchmesser und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies -keine erloschenen Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde -behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des _Eratosthenes_ -und bemerkten dort vulkanische Kegel, die sich in nichts von den -Erd-Vulkanen unterschieden; aber dieser mächtige Ring selbst war niemals -ein Krater! Dagegen spricht -- abgesehen von seinen riesigen Dimensionen --- sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall gebildet ist, wie die -Einsenkung des Bodens, der unter der Oberfläche der ihn umgebenden -Ebenen liegt und viele andere Dinge, die bestätigt zu finden wir -Gelegenheit hatten. - -Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen, im Geiste zu jenen -grauen Zeiten zurückkehren, da der Mond noch eine flüssige, -glühende Kugel war, die erst auf der Oberfläche in dem kalten, -interplanetarischen Weltenraum zu erlöschen begann. Da haben diese -ungeheuerlichen, die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden -Explosionen von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen und -während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine noch nachgiebige -Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen riesige Blasen. Die Blasen -erloschen beim Zerplatzen, ehe sie ganz auf die sie umgebende Ebene -herabflossen und diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne -ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; vulkanische -Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige Krater und so sind sie -heute -- durch das auf der Erde alles nivellierende Wasser nicht -vernichtet -- Zeugen der Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten -und die feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material in dem -mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind. - -So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen, ähnlich wie sie -entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, und diese ganze mich -umgebende Landschaft zu mir, daß es mir manchmal scheinen will, die von -der Sonne grellgelb gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende, -flüssige und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die ganze -Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen und beugen und -wachsen und sich bäumen und unter dem Drange der inneren Gase zu dem -schwarzen Himmel mit der ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu -mächtigen Ringbergen erstarrt ist. - -Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit jenen Zeiten -dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend krümmend, erloschen -und zersprungen; irgendwelche geheimnisvolle Feuerkräfte brannten -riesige Strahlenstreifen vergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo -einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend, rasend tobten, -herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so furchtbar und beklemmend, -daß uns in dieser Umgebung das eigene Leben beschämt und wunder nimmt -... - -Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf dem hellen -Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas geschmolzenen Gesteins -gebildet wurde, die vom _Kopernikus_ ausging. Sie dient uns als -bequemer, gleichmäßiger Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns sehr -gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen dem _Archimedes_ und -_Timocharis_, die wir durchqueren müssen, führen wird. Den _Archimedes_ -sieht man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr. Kleine, -steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich, verdecken ihn in -dieser Richtung. Wahrscheinlich jene Gruppe der »Krater«, die sich unter -dem 11.° westlicher Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir -hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann nach Norden, -immer nach Norden, nur fort aus dieser furchtbaren Zone, wo sich, -- -neben der schlimmen Vorbedeutung der Erdsichel direkt über unseren -Köpfen, -- die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am Zenite -bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, goldene Erden-Sonne, --- diese träge, weiße, strahlenlose Kugel! Das ist irgendein Gott, ein -höllischer und höhnender, ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und -wir vier -- wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er es in -dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen ihm entfliehen, ehe er -zum zweitenmal aus diesem schwarzen, edelsteindurchwirkten Firmament -hervorbricht ... - -Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu, daß jetzt die Reihe -an mir ist, am Steuer des Wagens zu stehen. Die andern schlafen schon. -Martha, wie gewöhnlich aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf der -Brust dieses -- unter uns einzigen glücklichen Menschen. - - Den ersten Mondtag, vier Stunden nach - Sonnenuntergang auf Mare - Imbrium, 10° westlicher Länge, - 20° 28' nördlicher Mondbreite. - -Schon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, für die die Erdentage -kleinere Teilchen sind als die Stunden für die ganze Erdennacht. Wie -eine große, helle Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde -über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre Scheibe können wir -leicht die Zeit bestimmen. Sie war bei Sonnenuntergang im ersten -Viertel, um Mitternacht wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein -bei Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser Himmelsuhr -spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang in den Schatten -können wir die Stunden erkennen, die die Minuten für unsere -siebenhundertneunstündige Zeit sind. - -Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß wir das Gefühl -hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad in ein Bassin mit Eiswasser -gesprungen wären, doch wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung -bereitet: Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt dessen -sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames Leuchten, das mit dem -Glanz der Erde rang und unseren Dämmerungen ähnlich war. - -Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer weit gefahren -waren, nahm gerade sein Ende, als wir den Schatten der kleinen Krater, -von denen ich vorher gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns, -jetzt direkt nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis, -als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet, sondern im -Gegenteil hell und leuchtend war wie am Tage, langsam unter den Horizont -zu sinken begann. Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht -nach dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn Tagen -wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander am westlichen Fenster -unseres Wagens. Martha erhob ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne -und begann mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu sprechen, -mit denen die Fakire auf der Erde von dem Gotte des Lichtes Abschied -nehmen. - -Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen Sätzen aus den -heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten gedenkend, die er in -Travancore verbracht hatte, wo er so oft die flammende Sonne in den -uferlosen Ozean tauchen sah. - -Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, schien am -Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr Glanz bespiegelte die -ausgestreckten Arme des Mädchens und flackerte auf ihren weißen Zähnen, -die zwischen den sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich -des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander sprechen müssen --- dieses Mädchen und diese Sonne. - -Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der Sonnenscheibe -sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich unter diesem hellen -Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein Tintenmeer verwandelt. Hier und -da nur schimmerten glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde -wiedergaben. Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und stand, in die -Wüste starrend, den Kopf an Tomas' Schulter gelehnt. - -Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar Peter, der am -wenigsten zur Rührung neigte, blickte finster vor sich hin und bewegte -die Lippen, als wenn er leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte. - -Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist mein Leben auf der -Erde dahingeflogen. Ein seltsamer Reigen von Erinnerungen zog an meinem -inneren Auge vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den -finsteren Gipfeln der Tatra -- und alles war von einer unabsehbaren -Menge teurer -- für ewig verlorener Menschen bevölkert ... für ewig! ... - -Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine -feurige Zungen noch eine Zeitlang über dem Horizont, endlich -verschwanden auch sie -- und in der über die Wüste hereinbrechenden -Dämmerung geschah etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich -aneinanderdrängten, als wenn wir uns vor etwas schützen wollten, das -sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nämlich, -als der letzte Sonnenstrahl verschwand, schoß im Westen eine lichte -Säule empor, die wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen -Fontäne schillernden Staubes ähnelte. - -Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der -Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese -glühende Säule, die leicht nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen -Sternen besät war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten, -umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht -zurück. - -Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über uns und die Sterne, --- die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel -- nicht -flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der -Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so -staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, obwohl sie doch -während des ganzen Mondtages über uns glitzerten. - -Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein die Reise ohne -Unterbrechung fortsetzen können. Das ist für uns ein sehr günstiger -Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und während der Nacht -so weit nach Norden vordringen können, daß wir den senkrechten -Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur -der Gedanke an die nächtliche Kälte, die uns schon zu schütteln beginnt, -erfaßt uns mit Grauen. - -Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu vielen Abbiegungen und -Umwegen veranlaßt, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir -eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie könnten -wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei dem schwachen Licht der -Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen, -da wir mit dem Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser -seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des Wagens die Lage der -Nadel. - - Auf Mare Imbrium, 7° 45' westlicher Länge 24° 1' - nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten - Mondtages. - -Mitternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe vergessen, wie die -Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns über ihre Glut -beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang -verflossen, sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, daß wir das -Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten uns einfrieren. Unsere Öfen -arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern -vor Kälte. - -Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rücken -und gleichzeitig fühle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und -erstarrt. Die Hunde drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns -aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem -merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns daran schuld wäre, daß die -Sonne hier dreihundertvierundfünfzig und eine halbe Stunde lang nicht -leuchtet und wärmt ... - -Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von der Reise nach -Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, daß ich nicht fähig bin -auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrücken ... Mein Gehirn ist -eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend -durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden. -Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich mit offenen Augen schlafe. Ich -sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen -- und ich weiß nicht, -was das bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme, -weshalb ... - -Ja -- weshalb ... - -Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern, aber ich kann nicht. -Es muß eine Ursache gewesen sein, daß ich mit diesen Menschen die Erde -verlassen habe ... Ich erinnere mich nicht -- das Denken erschöpft mich. - -Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen des Motors nicht, -ich muß hingehen und nachsehen, was geschehen ist; aber ich weiß, daß -weder ich noch sie -- daß niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen -entfernen. Eine wahnsinnige Kälte! - -Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde hell beleuchtet -sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil wir zwischen Felsen gerieten -... - -Das ist alles seltsam und gleichgültig ... - -Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? Ich bin sehr -müde und ich weiß, daß ich erfrieren und nicht mehr aufwachen werde, -wenn ich einschlafe ... Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein -kommen ... - -Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht auf dem _Sinus -Aestuum_ nicht so furchtbar war. Scheinbar erstrecken sich unter jener -Fläche vulkanische Adern, die den Boden etwas erwärmen. - -Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das bedeutet sterben -... - -Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten -- in stets -stärkerem Lichte der zunehmenden Erde und in immer zunehmender Kälte. -Unter dem 9.° westlicher Länge und dem 21.° nördlicher Breite -durchdrangen wir die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg -versperrten. Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten -wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die sich um den Ring -des _Archimedes_ ausdehnen, in der Hoffnung, daß wir hier irgendeinen -tätigen Krater finden und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze -dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. Wir fuhren -in die Mitte des Halbmondes hinein, der von den amphitheatralisch sich -erhebenden Felsen gebildet wird. Varadol machte astronomische Messungen, -um die Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen geht hervor, -daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten gewöhnlich mit dem -Buchstaben ^E^ bezeichnet wird und unter dem 7.° 45' westlicher Länge, -24.° 1' nördlicher Mondbreite liegt. - -Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden und nicht schlafen. -Nur nicht schlafen, das wäre der Tod! Dieser Tod muß hier irgendwo in -der Nähe sein. Dort auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend -malen, denn das ist sein Königreich ... - -Weshalb stehen wir? Ach -- richtig! Es ist alles einerlei! - -Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich? Aha! Diese Berge ... Das -seltsame Amphitheater, zirka vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet. -Über ihm hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im Norden, -direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert Meter hoch. Das -alles sieht so furchtbar aus. Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer -- -für Skelette von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich -diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen Skeletten -anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten und die Plätze -der Zuschauer einnehmen. Die Riesenschädel derjenigen, die am höchsten -Platz genommen haben, würden am Hintergrunde des schwarzen, -sternenbesäten Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich das alles -sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und sprechen so zueinander: -»Welche Stunde ist es? Es ist bereits Mitternacht; die Erde, unsere -große, lichte Uhr, steht schon voll am Himmel -- es ist Zeit, zu -beginnen.« Und dann zu uns: »Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; wir -sehen zu« ... - -Schauer schütteln mich ... - - Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte - delta, 7° 36' westlicher - Länge, 26° nördlicher Mondbreite. - Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht. - -Es ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, ohne jegliche -Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das seit sechzig Stunden; Zeit genug, -sich mit dem Gedanken zu befreunden. Und dennoch -- dieser Tod ... - -Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß sich mit dem aussöhnen, -was unabwendbar ist. Übrigens ist es für uns doch nichts Unerwartetes. -Als wir diese Reise antraten -- noch dort auf der Erde -- wußten wir, -daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser Tod nicht -plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz, warum hat er sich vor uns -gezeigt und nähert sich so langsam, daß man jeden seiner Schritte -berechnen kann, -- daß wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand -an der Gurgel packen und würgen wird ... - -Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat an verdichteter Luft -wird uns bei höchster Sparsamkeit noch für kaum dreihundert Stunden -ausreichen. Und dann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf -vorbereiten, was dann sein wird ... Im Verlauf dieser Frist wird sich -der letzte Behälter der verdichteten Luft ausleeren, der einzige, der -uns noch geblieben ist. Nach dreihundert Stunden ... Das wird gerade der -Mondmittag sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. Es wird hell -und warm sein -- sogar heiß, vielleicht zu heiß. Einige Zeit hindurch -- -mehrere Stunden -- wird noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir -langsam eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen des -Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die mit Sauerstoff, der uns -schon fehlt, nicht erfrischt worden ist, wird mit der von uns -ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt sein. Jetzt beseitigen wir sie -künstlich, aber wozu soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen -Sauerstoff mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann -beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein Blutandrang, -- -eine Schwere, -- dumpfe Luft -- Schlafsucht ... Ja, Schlafsucht, -unüberwindbare Schlafsucht. Wir werden uns niederlegen und den Tod -erwarten. Martha wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich -herausbeugen und ihren Kopf an Tomas' Brust lehnen, wie gewöhnlich ... -Dann beginnen wir zu träumen ... Erde, heimatliche Länder, Wiesen, Luft --- oh! Luft -- viel, viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer! -Und im Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; es -scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die Rippen, würgt an -der Gurgel, schnürt das Herz zusammen. Eine wütende Angst erfaßt uns. -Man möchte sie abschütteln, aufstehen, fliehen ... Endlich enden die -Träume. Auf dem Monde, inmitten der mächtigen Fläche _Mare Imbrium_, -werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen sein. - -Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine frische Luft mehr -haben werden, öffnen wir die Tür des Wagens -- sperrangelweit. Eine -Sekunde -- und wir werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus -dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen; einige krampfartige, -verzweifelte Bewegungen der Brust, ein wütendes Herzklopfen und -- -Schluß. - -Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich überhaupt? Das hat -doch weder Sinn noch Zweck. In dreihundert Stunden werde ich sterben. - - Eine Stunde später. - -Ich kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit etwas beschäftigen, -denn der Gedanke an den unabwendbaren Tod ist unerträglich. Wir gehen im -Wagen auf und ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über ganz -gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, wie man in Portugal -eine gewisse Sauce aus Nieren von jungen Hühnern mit Kapern bereitet. -Währenddessen dachten wir alle und auch er daran, daß wir in -zweihundertneunundneunzig Stunden sterben werden. - -Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar -- warum fürchten wir ihn so -sehr? Er ist doch ... - -Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei über den Tod! -Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut vor dem Sterben empfehlen, -spricht das Ticken meiner Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine -Metallschläge und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todes -sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, langen -Tages untergeht. Er wird sich nicht um eine Stunde verspäten ... - -Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen Felsen, vor -Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig auf den Manometerzeiger des -Luftbehälters sah, einen markerschütternden Schrei ausstieß. - -Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der Richtung -blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen konnte, mit zitternder -Hand deutete. - -Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte innen keinen Druck -an. Vielleicht hatte sich die Luft in dem Behälter, der in der Wand -angebracht war, infolge der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete -den Hahn -- der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte, vierte und -fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand sich Luft. - -Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache der für uns -rätselhaften Entleerung der Behälter nachzudenken, ohne zu wissen, was -wir tun, was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich alle -auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung, keinen Schlaf -mehr -- nichts, nichts -- nur von dem einen Gedanken beseelt: fliehen, -fliehen, fliehen -- als wenn man vor dem Tode fliehen könnte. - -In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. Aus der zwischen -Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen, sausten wir mit der -ganzen Kraft nach Norden, zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des -_Archimedes_ erstrecken und über den ganzen westlichen Teil des hier an -das Regenmeer grenzenden _Palus Putredinis_ ausbreiten. Das Terrain war -außerordentlich ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte, -hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her werfend; wir -achteten nicht darauf, in der furchtbaren Angst und Verzweiflung und -waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte, -auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer Vorrat -an Luft zu Ende geht! - -Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum für dreihundert -Stunden ausreichen und von dem Pol des Mondes trennen uns in gerader -Linie fast zweitausend Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges -und undurchdringliches Land fällt! - -Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren und hielt uns den -Atem in der Brust zurück, aber wir fühlten es kaum; wir sausten -unaufhörlich über Berge, die im Lichte der Erde silbern leuchteten, -durch schwarze Mulden, über steinbesäte Ebenen -- nur weiter, weiter, -weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen drohte, -dachte niemand mehr. - -In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig war, hielt -uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings vorwärtsstürmend stießen -wir auf eine Spalte, die der »_Spalte der Erlösung_« unter dem -_Eratosthenes_ ähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. Wir -bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem Wagen in ihre Tiefe -hinabgesaust wären. - -Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie ergriff uns. Die -Energie der Verzweiflung, mit der wir so viele Stunden sinnlos -dahinrasten, war plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war, einer -unaussprechlichen, ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns auf -einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich anstrengen, wenn es -doch zwecklos ist. Wir müssen sterben. - -Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, in Schweigen -versunken. Die Kälte quälte uns immer furchtbarer, aber wir kümmerten -uns nicht mehr darum. Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder -durch Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären zweifellos -erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster faßte, uns beschworen -hätte, ernst über unsere Situation nachzudenken. - --- Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung, sagte er, wenn -wir sie auch nicht finden sollten, so haben wir wenigstens etwas, das -uns beschäftigt, unsere Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet, -der wie ein Alp auf uns lastet. - -Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und erstarrt, daß wir ihn -ganz gleichgültig hinnahmen und nicht einmal auf die Vorstellungen -Tomas' antworteten. - -Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah, wie er die Lippen -bewegte, aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Das einzige, -was mich in jenem Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach -dem Tode aussehen? - -Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken und riß -in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, dann entblößte ich ebenso -seinen Schädel, seine Rippen, seine Knochen -- und auf einen lebenden -Menschen sehend, hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit -einer boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle aussehen -- -in kurzer Zeit! - -Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts mehr anzufangen -war, stellte er sich selbst an den Motor und bald bewegte sich unser -Wagen längs des Randes der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde -erreicht hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von dem Mut der -Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie wahnsinnig: - --- Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach Norden fahren zum -Pol, dort, wo es Luft gibt! - -Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren hätte, auf das -Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite und sagte kurz, aber -entschieden: - --- Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in sie hineinfahren. - -Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an -- dann stürzte er sich -plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall bekommend, auf ihn und -packte ihn bei der Gurgel. - --- Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten, und ich will leben, -leben! Hörst du? Nach Norden, nach Norden, zum Pol, dort ist Luft! - -Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas, warf er ihn, ehe -wir es hindern konnten, zu Boden und kniete auf seiner Brust. Ich sprang -mit Martha herbei, um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine -Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete. Wir -packten ihn endlich bei den Schultern, als er plötzlich aufschrie und -unter unsern Händen schlaff zusammenfiel. Tomas erhob sich, erschöpft -und blaß. - -Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame Erschütterung und -verlor das Bewußtsein. - -Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich auf meiner Matte lag; -Tomas stand über mich gebeugt und rieb mir die Schläfen mit Äther ein. -Martha und Varadol saßen finster und schweigend neben mir. - -Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er mit Peter rang, fuhr -der Wagen, dessen Steuer niemand lenkte, mit seinem Vorderteil an einen -Felsen. Durch diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit -dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig. - -Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, hervor; ebenso -Varadol, der bewußtlos am Boden lag, von dem vorhergegangenen Anfall -erschöpft. Tomas empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und -lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier erst, auf dem -Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist als auf der Oberfläche, begann -er uns zur Besinnung zu bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte -sich absolut nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte. -Endlich kam auch ich wieder zu mir. - -Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren nicht, da in -dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig war. Scheinbar ist das -Innere des Mondes, ähnlich wie das der Erde, noch nicht ganz um die -eigene Wärme gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die -Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte. - -Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die Spalte, um es uns zu -ermöglichen, hier miteinander zu beraten, was nun anzufangen sei, -nachdem wir vor der jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden. - -Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht gelingen -wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende Mondatmosphäre so weit -zu verdichten, um damit die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser -Gedanke flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten uns auch -sofort an seine Ausführung. Jedoch nach einer Stunde schweren und -angestrengten Arbeitens überzeugten wir uns, daß sich dies nicht -verwirklichen läßt. Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich -nach dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht einmal so -weit verdichtet, den Druck der Luft in unserem Wagen zu überwinden und -die Klappe zu öffnen. Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in -einem der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß fest -verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen war; aber auch das -erwies sich als unmöglich. - -Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich erschöpft waren, -ließen wir endlich von der zwecklosen Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch -uns damit zu trösten, daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden -dichtere Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe gebrauchen -ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran glaubt. Auf der ganzen -mächtigen Strecke des _Mare Imbrium_ wird sie gleich dünn sein und ehe -wir diese zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, was -unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden müssen wir sterben. - -Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer wird, aus dieser -Spalte herausfahren und weiter nach Norden eilen. Das führt freilich zu -nichts, aber auch das Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ... -vielleicht ... werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre -finden ... - - An derselben Stelle, siebzig Stunden nach - Mitternacht. - -Endlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere Luftvorräte -verloren haben. Die Behälter wurden während des Herabgleitens des Wagens -von den Abhängen des _Eratosthenes_ beschädigt. Ein scharfer Stein, der -auf dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat sich tief -eingezeichnet und der innere Druck des Gases tat das übrige. Die Risse -sind sichtbar. Zwei Dinge setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens, -daß der Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus Erz -nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust nicht früher -bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese Rätsel den Kopf, als wenn -ihre Lösung unsere Lage irgendwie ändern könnte. - -Ich kann an nichts anderes denken; immer und immer steht mir dieses -Gespenst des Todes vor Augen. Und das Schrecklichste dabei ist die -Gewißheit, daß wir sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund -fühlen. Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über uns -kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns allen, aber ich sehe, -besonders aus seinem Benehmen Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich -daran denkt. Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über -ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie um Verzeihung -bitten wollte. Und sie küßt seine Hand, nur mit dieser Liebkosung und -den Augen zu ihm sagend: Gräme dich nicht, Tom, -- alles ist gut, wir -werden ja zusammen sterben ... - -Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen sterben, aber für -mich, ich gestehe es offen, verkleinert die Gemeinsamkeit des Schicksals -in nichts seine Grausamkeit. Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos -gegen dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens sind. -Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, -- ich versuche mir über -alles Rechenschaft zu geben; hundertmal wiederhole ich mir, daß ich -zusammen mit diesen Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines -übermächtigen Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde fortgerissen -und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen hat, ich rede mir gewaltsam -ein, daß ich mich mit diesem Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß. -Und trotz all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst, -grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah -- es ist so grauenhaft, -unerbittlich, und es nähert sich so langsam ... - -Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran denken, diesem -fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen. Es liegt doch in unserer -Macht, dieses Leben von uns zu werfen, jetzt, wo es nur noch eine -lächerliche Parodie des Lebens ist! ... - - Eine Stunde später. - -Nein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, aber ich -kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische Sehnsucht nach der Sonne, -dem guten Stern des Tages, der bald über uns aufgehen soll, vielleicht -ein lächerlicher, fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch -einige Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen, -gänzlich haltlosen Hoffnung ... - -Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so sehnsüchtig -danach, zu leben -- und so sehr ... ängstige ich mich ... - -Meinetwegen! -- Mag geschehen was will. - -Ich bin entsetzlich müde, -- möchte es doch endlich kommen, dieses -Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke ich, daß ... Es ist einerlei ... - - Bei Sonnenaufgang. - -In einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand der Spalte glänzt -schon über uns im Sonnenschein. Wir werden in die weite Wüste -hinausfahren, um noch einmal die Sonne zu sehen, die Sterne und die -Erde, die so ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel steht -... - -Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich weiß es nicht. Niemand -von uns weiß es; aber wir werden nach Norden fahren. Der Tod wird -langsam neben uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler, -und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter sich dem -Nullpunkt nähert, wird der Tod in den Wagen kommen. - -Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts zu sprechen. Jeder -von uns bemüht sich nur, sich mit irgend etwas zu beschäftigen, -vielleicht mehr aus falscher Scham vor den andern, als zur eigenen -Zerstreuung; denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der -weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist? - -Wir gehen also unserem Schicksal entgegen! - - Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag. - Auf Mare Imbrium, 8° 54' westlicher Länge, 32° - 16' nördlicher Mondbreite, zwischen den Kratern - ^c--d^. - -Wir sind gerettet! -- Und die Rettung kam so plötzlich, so unerwartet -und auf so seltsame und -- schreckliche Weise, daß ich mich bis jetzt -nicht erholen kann, obwohl schon zwanzig Stunden verflossen sind seit -der Tod, der uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns -abgewandt und entfernt hat. - -Er hat sich entfernt, -- aber nicht ohne Beute ... Der Tod entfernt sich -niemals ohne Beute. Wenn er aus Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu -leben erlaubt, die er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein -Pfand für sie ... wo er es eben findet -- ohne Wahl ... - -Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus -irgendeinem wohlüberlegten Grunde. Wir waren sicher, daß wir den Abend -dieses langen Tages nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit -diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig auf den -Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, würgende Umarmung nehmen -sollte. Wir fühlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und -sichtbares Wesen wäre -- und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht -tatsächlich bemerkten. - -In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war -es eine über alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es -nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert -Stunden leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir in -jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir unabwendbar sterben -müssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns. - -Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter Traum vor und ich -muß meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, daß es -Wirklichkeit war. - -Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurückgelegt -haben. - -Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer -gleichmäßig schnell nach Norden -- und wir sahen wie im Traume auf die -vorüberfliegenden Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke -in mir in einen zusammengeflossen sind, -- in diesen Eindruck des -unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden. -Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns -auf der Grenze zwischen _Palus Putredinis_ und _Mare Imbrium_, zu -unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen -Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe, -wellenförmige Berge überging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt -erstreckend. Hinter diesen Bergen glänzten die Gipfel des _Timocharis_, -die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet -waren. - -Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich so seltsam damit -verbindende unerhörte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die höchsten -Spitzen des Kraters waren weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach -unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich -weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der _Timocharis_, ein -Ringberg von der Höhe des _Eratosthenes_, einstmals ein tätiger Krater -gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern -ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren? -Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich nicht darüber -nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem -- von -Märchen und Zauberländern -- von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und -starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten -besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig schüttelte mich -ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und -Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins, -in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ... - -Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen. - -Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel des _Timocharis_ vor -uns, fuhren wir in den Schatten des Kraters _Beer_; nachdem wir ihn -passiert hatten, weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden -Kraters _Feuillée_ und kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich -sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nördlichen Grenze des -_Mare Imbrium_. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des -_Timocharis_ fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten an -der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte Wall des -Ringes des _Archimedes_. - -Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges Tor jagen, -das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet war. Wieder erfaßte mich -eine grenzenlose, würgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn -zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken -- nur nicht in -diese weite Ebene hineinfahren, die wir -- ich wußte es -- nicht -lebendig verlassen würden. - -Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; die drei andern -sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns öffnende -Steinwüste. - -Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen Lippen, -lange mit den Augen die Strecke der Ebene zu messen, deren Grenzen nicht -zu erkennen waren; dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des -Manometers gleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter Luft -befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel fiel langsam, aber -unaufhörlich ... - -Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: Die Luft genügt -nicht für _vier_, aber sie wird für _einen_ ausreichen. Einer würde mit -diesem Vorrat bis zu den Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des -Mondes dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, atmen zu -können. - -Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich schaudern und -kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, aber er war stärker als mein -Wille und kehrte immer wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des -Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte es mir fort und -fort: Für vier wird sie nicht ausreichen, aber für einen ... - -Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden -- heimlich wie ein Dieb -und -- Entsetzen faßte mich. In ihren unruhig flackernden Augen las ich -denselben Gedanken. Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein -dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas die Stirn und -sagte ruhig: - --- Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe der Vorrat sich -noch verringert ... - -Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend mit dem Kopf; ich -fühlte eine brennende Röte im Gesicht, aber widersprach nicht. - --- Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, sich anscheinend zu -dem Herauswürgen dieser Worte zwingend. Aber -- hier stockte seine -Stimme, und einen weichen, flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ... -ich wollte ... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ... wie auch -... - -Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich stammelte Peter: - --- Für zwei wird es nicht genügen ... - -Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurück: - --- Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser. - -Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach einem den Kopf ab, -versteckte sie so in der Hand, daß nur ihre Enden zu sehen waren und -hielt sie uns entgegen. - -Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits und hörte kein -Wort davon. Erst in dem Augenblick, als wir nach jenen Losen greifen -wollten, trat sie zu uns und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger -Stimme: - --- Was tut ihr? - -Und dann zu Tomas: - --- Zeige, was du in der Hand hast ... - -Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil für drei von uns -sein sollten, damit der vierte leben konnte. - -Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine Zeit hatten, -sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham überflog unsere Wangen; wir -fühlten, daß uns dieses Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des -Egoismus und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen uns -plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang zurückgehaltenes Weinen -ausbrechend. - -Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die Reaktion, die ein -prinzipielles Recht der menschlichen Seele ist, hatte sich der -gegenseitige, durch die Nähe und Unabwendbarkeit des Todes -hervorgerufene Haß jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit -verwandelt. Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes über uns. Wir -setzten uns nahe nebeneinander; Martha schmiegte sich mit dem biegsamen, -schlanken Körper an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, mit -leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die uns einst auf der -Erde angingen. Jede Erinnerung, jede Einzelheit nahm für uns jetzt eine -große Bedeutung an, wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des -Lebens sei. - -Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch die unermeßliche, -todbringende Ebene. - -Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des Manometers fiel -stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir -sprachen, aßen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich -fühlte nur ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und der -Gurgel -- wie ein Mensch, der einen großen Verlust erlitten hat und sich -vergebens ihn zu vergessen bemüht ... - -Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis. -Die Glut, obwohl sie sehr stark war, quälte uns nicht mehr so wie am -vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60° -über dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen -Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die strahlenlose Sonnenscheibe, -den flammenden Reifen ihrer Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu -versinken begann. - -Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden dauerte und -sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte. - -Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem Augenblick, als die -Sonne ihn berührte, einem Kranze blutigroter Blitze ähnlich, in dessen -Mitte ein mächtiger schwarzer Fleck lagerte, -- die einzige Stelle am -Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die -Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden -Flammen unterzugehen. Während dieser Zeit wurde der Kranz immer -intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war -das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften erkennen -konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der -schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der gähnende Schlund eines -seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von -einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; dieser ging -stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht über, um sich -schließlich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weißen Leuchten -zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten -zwei Strahlengarben, zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: es war -das Zodiakallicht, das man während der Finsternis sehen konnte, ähnlich -wie nach dem Untergang der Sonne. - -Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn -Blutströme über die vor uns in Dämmerung gehüllte Wüste ausgegossen -würden. - -Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem schwachen rötlichen -Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach -Schwinden der Sonne eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns -eingehüllt hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, daß sich -die Sonne wieder zeige. Über uns brannte in unerhörter Pracht der -leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als plötzlich die -Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und -verzweifelter. Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir -erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O'Tamors, als Selena ebenso -bellte, den Tod begrüßend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle -empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze, -grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, daß -diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern von uns Sterbenden -flammten ... - -In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr zwanzig Stunden. - -Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der -westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende -Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlöschen. Beim Anblick -der Sonne überkam mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte -mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, sie erschien mir -als die Verkünderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns während -der Abwesenheit der Sonne einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für -mich etwas ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich -- ich weiß nicht -woher -- stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem -Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten müsse. - --- Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer solchen -Überzeugung, daß aller Augen fragend -- wie gebannt -- an meinem Munde -hingen. - -Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt -unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir -ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das -Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem -wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich klopfte, -als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemühten wir -uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder -hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen: -Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem -Winkel ... möge ... _Frankreich_ ... die andern ... und wenn ... der Tod -... - -Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an den Apparat und -telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen? - -Wir warteten einen Augenblick -- keine Antwort. Peter wiederholte die -Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg. - -Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte sich nicht mehr. - -Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber; wir begannen -schon anzunehmen, daß die ganze Sache auf einer unfaßbaren Täuschung -beruhte. - -Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und stand neben ihr am -Himmel. Die Glut wurde wieder größer. - -Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an uns vorbei und -gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren Füßen, wie eine von einer -Kanonenkugel getroffene Mauer. Wir schrien vor Entsetzen und -Verwunderung auf. An das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von -metallischem Glanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend, vor -unseren Augen einen mächtigen Bogen im Raume beschrieb und wiederum -aufschlug und zum zweitenmal abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in -ungeheuren Sprüngen nach Nordosten jagend. - -Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht erklären, bis -Peter plötzlich aufschrie: - --- Die Brüder Remogner kommen! - -Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs Erdenwochen vergangen, -seit wir um Mitternacht auf den Mond herabfielen; die Zeit ist also -gekommen, da die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat -klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder Remogner aus der -Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten. Er ließ sich vielleicht schon -früher vernehmen, nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der -Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder Remogner -anscheinend unsere Depesche nicht, da sie im letzten Augenblick mit der -Vorbereitung zum Fall beschäftigt waren. - -Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den Kopf, während wir in -fliegender Eile unseren Motor in Bewegung setzten. In einigen -Augenblicken sausten wir schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in -der das Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten und -dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: Die Brüder Remogner -führen Luft mit sich! - -In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der Stelle, an der das -Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen war. Ein entsetzlicher -Anblick bot sich unseren Augen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des -zerschmetterten Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen. - -Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an und nachdem wir -sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt hatten, gingen wir aus dem -Wagen. Unsere Erschütterung, unser Beben wurde -- wozu es verheimlichen! --- weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr durch die -Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter bei der Katastrophe -beschädigt worden sein könnten. - -Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten der -zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen blieben unversehrt. - -Wir waren gerettet! - -Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang stand mit dem -Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch -- wir waren dreihundertfünfzig -endlose Stunden dahingestorben und erfuhren in diesem Augenblick, daß -wir leben werden! - -Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert hatten, konnten -wir erst über das furchtbare Los, das die Brüder Remogner getroffen, -nachdenken. Was uns errettete, ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner -Zufall -- eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor uns -niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, die in diesem -Augenblick gegen tausend Kilometer von uns entfernt ist. Dieser Zufall, -der uns mit Luftvorräten versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in -dieser Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche, -sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher mit der Seite auf den -Boden, wo es nicht durch ein Stahlgerüst geschützt war und einige Male -abprallend, mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem -Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ... - -Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen begraben hatten, -machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir haben alles aus den Trümmern -hervorgesucht, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die -kostbaren Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen -hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte und einige -weniger beschädigte Instrumente. Mit klopfendem Herzen suchten wir nach -ihrem telegraphischen Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark -genug sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung zu setzen. -Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Der Apparat wurde bei -der Katastrophe beschädigt. Dasselbe war mit der Mehrzahl der -astronomischen Instrumente der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir -mit, obwohl er stark gelitten hat. - -Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die kupfernen -Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt haben. - -Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder Remogner an uns -genommen hatten, traten wir unverzüglich die Weiterreise nach Norden an, -da die Glut, die durch die Kühle während der Sonnenfinsternis -unterbrochen wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung -finden mußten, die uns Schatten gewährte. - -Hier erst, zwischen den Kratern ^c--d^, blieben wir stehen. - -Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, sind zweifellos -vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend färbt sich -gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die -Abhänge der Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen -vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut. - -Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe Niedergeschlagenheit -keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstümmelten -Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an -ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, daß wir durch -ihn gerettet wurden ... - -Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschöpft von -dem langen Schreiben. Ich muß mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor -der weiteren Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind -wohl noch lange nicht für uns vorbei. - -In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren -Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ... -Merkwürdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine -Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu -opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu töten, die doch -ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu -verlängern, die uns -- wie wir glaubten -- zum Leben übrig blieb! Wie -entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert hätten und dabei -die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte! - -Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die Hunde leben. -Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns -gegenseitig in Erinnerung bringen können. Mit Rührung blicke ich auf -diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde -losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, aber wir sahen nur -noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder -Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der -Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet --- aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung verurteilt. - - Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37° - nördlicher Mondbreite. - Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig - Stunden nach Mittag. - -Seit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier Erdentage, schleppen -wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge -reicht -- nichts -- keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung, -auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit der -Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich machte einmal auf der Erde -eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein -buntes Märchenland, gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier -umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen -Sanderhebungen, hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen zeigen, -die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara wölbt sich ein blauer -Himmel, der sich abwechselnd silbern färbt, dann im Mittagsglanz -leuchtet, durch die Abendröte schillert oder sich mit einem -sternenbesäten Schleier überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und -dieses Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben; -hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflügter Boden, -auf der Oberfläche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe -grauenhaft bleierne Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit -über dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo seid ihr -- -Wind -- Wasser -- Leben -- Himmelsblau und grüne Triften? ... - -Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, das man einst -gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit -- lang, lang ist's her -- -ach, sehr lange ... - -Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf -dem Mond, aber uns scheint es, daß schon ein Menschenalter verflossen -ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an -die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, was -uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, die uns -sagen, daß dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am -schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern -über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen -sind, das so verschieden ist von diesem -- und so schön -- so zauberhaft -schön! ... - -Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht schätzen! Wenn sie -hierher gelangten, würden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie, -die ewig Verlorene! Und sie würden von ihr träumen -- so wie wir -- in -Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen, -voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie diese Träume erschöpfen! Ich -wache nach einigen Stunden auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht, -fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war, -daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, immer noch auf -derselben Wüste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und -beginne fast zu glauben, daß es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum, -sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit! - -Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig zu werden, -erzählen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen -die von der Erde mitgebrachten Bücher. Wir haben einige -naturwissenschaftliche Werke, eine ausführliche Geschichte der -Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen -wir vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender, -deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ... - -Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für den Menschen, damit -er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nächtliches Licht -habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem -blühenden Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir -hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das -Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen Schar über die -wonnigen Wiesen und grünen Hügel von Galiläa dahinging, wie er litt und -starb; wir hören all dem zu -- auf die Erde blickend, die einer -silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch -die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich -träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden anzugeben. - -Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen und wenn -Tomas zu lesen aufhört, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame -Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem -sagte sie zu Tomas: »Wir sind beide hier wie Adam und Eva.« In der Tat, -sie sind hier das erste Menschenpaar, von der Erde in die Wüste -hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen. -Aber ich und Peter -- was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in -unserem gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die -Berechtigung ihres Seins, aber wir -- wozu leben wir? - -Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu -dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns dorthin der _Erkenntnis_ wegen! -Jetzt sehe ich, daß die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt, -wenn es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen -Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat -und bemerken staunend, daß uns das ziemlich gleichgültig ist -- eben -weil wir niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch --- unwillkürlich -- untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir -untersuchen könnten und müßten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur -Verständigung mit der Erde hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos. -Glücklicher Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer für den -anderen lebt! - -Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke. -Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehörte zu den -- -Wahnsinnigen, -- heute kann ich es nicht anders bezeichnen, -- für die -nur eine Liebe existiert: das Wissen -- und nur ein Trachten: nach -Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis -des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen -Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart -- nach der Liebe ... - -Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz -- hier niedergeschrieben -- -aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich -überfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben -zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das -wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ... - -Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe. -Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese -Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die -erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste -Geheimnisse zu enträtseln, getrieben hat, sondern die banale, -alltägliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und -dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast schmerzhaft. Wir -sind hier drei Männer, kräftig und klug, und dennoch haben nicht wir den -Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverständige, -schmächtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie -ausgewählt hat ... - -Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit -unserm Gehirn -- wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln. - -Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er? -... - -Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu -nehmen: »Ich werde eure Sklavin sein.« Und in Wirklichkeit sind wir ihre -Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen, -ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre -Sklaven, daß wir unwillkürlich, -- obwohl auf verschiedene Weise, dem -Zwecke dienen, den sie allein verwirklichen kann: hier eine neue -Menschheit zu schaffen. - -Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes -vor meinen Augen entschwunden, so träume ich schon mit der alten -Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfüllen wird. -Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land, -ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben -bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen -haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt, -hier leben zu können! Wir haben schon Hunderte von Kilometern -zurückgelegt, ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche -zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. Die Luft bleibt hier -immer so dünn, daß sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag, -noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen -Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser war und wirkte. - -Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere -Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir -erst auf der _anderen_ Seite sein werden ... Wie wird die _andere_ Seite -aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da -wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir wissen absolut -nichts. - - Unter den Drei Köpfen, 7° 40' westlicher Länge, - 43° 6' nördlicher - Mondbreite. Vor Mitternacht des - zweiten Tages. - -Wir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im nördlichen Teil des -_Mare Imbrium_ erhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen -Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige -vierzig Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, die -einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß für Riesen -ähnlich sind. - -Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, wo die Erde -im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch -die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines -Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der -Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstört -worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers. - -Wir sagen schon: »durch das Wirken des Wassers«, und obwohl das nur eine -Vermutung ist, überläuft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit -wäre ... Denn wenn hier Wasser _war_, so kann man annehmen, daß dort auf -der »anderen Seite« Wasser _ist_, und wenn dort Wasser ist, so muß auch -Luft in genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. Trotz des -Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als in der vorhergehenden -Nacht, empfindlich quält, gingen wir für kurze Zeit aus dem Wagen und -erforschten beim schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu -finden, die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen wir noch -nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen bei der Entstehung -dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen -ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand -empor mit drei mächtigen Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer -mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mit _Drei -Köpfe_. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher Richtung und ist uns -mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel -färben sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und sehen wie drei -silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. Der ganze Berg ist vom -Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz -keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine Form -erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am -schwarzen, aber sternenhellen Himmel. - -Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg uns die Erde -verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das -erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen -langen Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht vorwärts -bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder Zerklüftung des Bodens -stecken zu bleiben, die wir hier immer häufiger antreffen. Ich glaube, -wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor -allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker wird, uns -wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer geschützten Stelle -zwingen dürfte. Wir möchten vorher wenigstens bis zum Gipfel _Pico_ -vordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von -uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß es in der -Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf der Ebene. Wir erklären uns -diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es -müssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein. - -Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu -versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich muß das Schreiben -unterbrechen, da es während der Bewegung unmöglich ist, auch nur daran -zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht -der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir alle auf dem Posten -sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, daß immer nur einer -schläft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In -diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, ruhiges -Atmen, ich sehe bei dem gedämpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das -aus einer Fülle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig -geöffnet, wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt sie wohl? ... -Ach, Unsinn! -- Wir fahren weiter. - - Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht, - auf Mare Imbrium, 9° 14' westlicher Länge, 43° 58' - nördlicher Mondbreite. - -Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ... - -Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von den _Drei Köpfen_ -aus fort. Der Weg war außerordentlich beschwerlich, vor allem, weil wir -jeden Augenblick in den Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten. -Mehrere Male im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit Hilfe -des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder auch Messungen -vornehmen bezüglich des Höhenstandes der Sterne, die jetzt der einzige -Wegweiser für uns sind. Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit -Ausnahme der allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade -deswegen ... - -Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas mehr als vierzig -Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten wir zu einem eigenartigen -grauen, einer Sandbank gleichenden Streifen. Er zieht sich auf der -Strecke nach Nordwesten in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich -mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund der Steinwüste ab. -Soweit ich beim Licht der Erde sehen kann, endet er bei einer -sonderbaren Felsengruppe, die von weitem einer phantastischen Burg oder -einer Stadt ähnlich sieht. Einer Stadt? ... - -Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen bedeutend -gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die mit Steinen übersäte -Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten Richtung abbiegt. Wir kommen -ziemlich schnell vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt -immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen Teile -erkennen, die durch ihre sonderbare Formation die Täuschung von -Turmruinen und Gebäuden hervorrufen. Ich weiß nicht, was ich von alledem -denken soll. Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig, es -ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht überkommt mich ... -Sollte das ... - - Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare - Imbrium. - -Barmherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... Er war durch das erste -Fieber schon so erschöpft und nun abermals ... O Gott, rette ihn, denn -wir werden sonst ... diese Totenstadt ... - - Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare - Imbrium am Pico, 9° 12 'westlicher Länge, 45° 27' - nördlicher Mondbreite. - -Ich sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich niederschreiben. - -Ich erinnere mich -- als ich gerade die letzten Notizen beendet hatte, -blickte ich auf die phantastischen Ruinen oder Felsengruppen und rief -unwillkürlich: - --- Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus! - -Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand und mit steigendem -Interesse die näherkommenden Felsen beobachtete, wandte sich auf meine -Worte schnell zu mir. In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung. - --- Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht vibrierender -Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt sein ... - --- Was!? - -Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren greifend. Sogar Peter -verließ das Steuer, nachdem er den Wagen angehalten hatte, um die -seltsame Erscheinung zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ... - --- Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind doch Trümmer eines -Steintores. Man sieht die beiden Säulen und oben hält sich noch das -Stück eines Bogens ... Oder hier, -- ist das nicht ein Turm, zur Hälfte -zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude, mit einer -niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen Pyramiden zur Seite. Ich -bin überzeugt, daß diese scheinbare Klamm, die stellenweise mit Steinen -übersät ist, eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und starr -... Eine Totenstadt. - -Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner bemächtigte. - -Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu glauben, daß Tomas -recht hatte. Vor meinen Augen wuchsen immer neue Türme, Bogen und -Säulen, Teile eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das Licht -der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten Silberton; aus -einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle Schatten empor -- wie -Geistererscheinungen. Ein kalter Schauer durchlief mich. Ein -Mond-Pompeji und Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben, -sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel mehr Tod in -dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem seltsamen Lichte. - -Varadol zuckte die Achseln und murmelte: - --- Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich ... diese Felsen -... Aber hier war doch niemals ein lebendes Wesen. - --- Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese Seite des Mondes weder -Luft noch Wasser, aber sie konnte beides haben, einst, vor -Jahrtausenden, als sich der Mondglobus noch schneller drehte und die -Erde auf- und unterging an seinem Himmel ... - --- Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken. - --- Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen angetroffen und das -beweist, daß hier niemals Wasser war, was wiederum für das Fehlen der -Luft, also auch des Lebens zeugt, entgegnete Peter. - -Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem Wagen: - --- Und dieser Sand? Und die »_Drei Köpfe_«, an denen wir vor kurzem -vorbeigekommen sind? Sie sahen doch aus wie der Rest eines Berges, der -vom Wasser abgespült ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals -Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das Wirken der Kälte und -Sonnenglut alles verwischt und vernichtet ... - -Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell plötzlich: - --- Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor uns haben, dem wir -überhaupt auf dem Monde begegnen konnten. Man muß es lösen. - --- Wie meinst du das? fragte ich. - --- Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren und sie untersuchen ... - -Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich bei diesen -Worten; es war keine Angst, aber etwas, das ihr sehr ähnlich ist. Diese -Trümmer der -- Gebäude oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser -unermeßlichen Wüste. - -Peter zuckte unwillig die Achseln: - --- Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, diese Felsmassen zu -besichtigen, die beim Licht der Erde allerdings mit Gebäuden etwas -Ähnlichkeit haben, aber auch nichts mehr. - -Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha betrachtete sie mit -Spannung und gleichzeitig mit einer sichtlichen Unruhe. - --- Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, flüsterte sie, als -uns schon kaum mehr zwei Kilometer von den Arkaden trennten, die den -Eingang zu dieser sonderbaren Stadt bildeten. - --- Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte Tomas lächelnd, aber -glaube mir, daß sie einst von Lebenden erbaut werden mußte. - --- Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in diesem Augenblick -blieb der Wagen mit einem heftigen Ruck stehen. - -Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. Die Sandbank hatte -gerade ihr Ende erreicht, und vor uns lag ein Feld, so übersät mit -großen Steinen, daß keine Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein -konnte. Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick und sagte -dann: - --- Ich werde zu Fuß hingehen! - -Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber zu sein, -weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl dessen, was geschehen sollte! - -Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte unter dem -Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein kompletter Idiot sein müsse, -die Zeit zu verlieren und sich durch das Verlassen des Wagens der -furchtbaren Kälte auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich -erklärte mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß er -allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß noch immer nicht, -was mich eigentlich zurückgehalten hat, die Angst vor der Kälte oder -auch dieses unerklärliche Gefühl der Furcht beim Anblick dieser toten -Stadt. Genug, ich blieb im Wagen ... - -Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den geheimnisvollen -Trümmern zu. Wir standen am Fenster und sahen ihn im Schein der Erde -klar und deutlich vor uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend, -wahrscheinlich um den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick -verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, dann sahen wir ihn -wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges. -Woodbell, der vielleicht schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt -hatte, reckte sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in -wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen. - -Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht erklären. Da, -einige Schritte bevor er den Wagen erreicht hatte, wankte er und fiel. -Als wir bemerkten, daß er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu -Hilfe eilen, aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, da -wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten wir zu ihm; er -lag bewußtlos am Boden. Wir hoben ihn auf und trugen ihn in den Wagen. - -Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen hatten, bot sich uns -ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und bläulich, -ganz von Blut überströmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den -Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl -wir nirgends eine Wunde entdecken konnten. - -Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den Geliebten -stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. Ich begann -indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, daß er -einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den -Luftbehälter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das -Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen -hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und -infolgedessen war die Luft aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu -Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den -Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er -so gelaufen war, blieb uns allen zunächst ein Rätsel. - -Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein zu bringen. -Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer, -krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde -herausschoß. Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an; -er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Plötzlich -schrie er entsetzt auf und streckte die Hände aus, als wenn er etwas von -sich stoßen wollte, dann wurde er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten -zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel -in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit war. - -Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, fuhren wir weiter. -An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand -mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge, -so schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend -herauszukommen. - -In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen des _Pico_ -vorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen -hier bleiben. - -Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich -zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal -springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stößt -unverständliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der -unglücklichen Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen folgt -meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht dann leichenblaß aus, als -wenn in seinem ganzen Körper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre. - -Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. Martha verliert -vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer -wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege -bedarf. Wir trösten sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere -eigenen Befürchtungen. - -Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rätsel. Ich -begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht -veranlassen konnte, die schließlich die Ursache seines Unglücks geworden -ist. Denn es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall -zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wäre, den -von ihm zurückgelegten Weg zu erforschen, vielleicht hätte uns das etwas -Klarheit gebracht ... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen sein! -Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen ließ, so war es -Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den -fürchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was -konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht -einmal die Hälfte des Weges zu den Toren jener mutmaßlichen Stadt der -Toten zurückgelegt ... - - Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach - Mitternacht. - -Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns gelingen wird, -Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, daß -die Krisis überstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich, -sprechen sogar nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht -wird ihn dieser Schlaf erretten. - -Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen Lärm machen -könnten, -- denn Tomas jetzt aufzuwecken, hieße ihn morden. -Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen -bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten -sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, sitzt neben -dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn. -Ich bin überzeugt, daß dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas -vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, wie -warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen läßt, und dann -schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, daß sie an unsere guten -Absichten glaubt und über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem -liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen. - -Auch Martha weicht nicht von Tomas' Seite. Fast hundert Stunden bereits -spricht sie kein Wort. Sie öffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns -bezüglich der Pflege verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren -Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie -ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen, -trockenen Lippen, den weitgeöffneten Augen liegt etwas so Trostloses, -daß es uns geradezu das Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr -Hoffnung und Mut zusprechen -- und wagen nicht, uns ihr zu nähern, so -achten wir sie und ihren großen Schmerz. Und sie blickt so seltsam -gleichgültig auf uns; wir fühlen, daß wir sie nur so weit angehen, als -wir ihr bei Tomas' Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir -nicht für sie. - - Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage. - -Der höchste Gipfel des _Pico_ flammt in der Sonne auf! Drei oder vier -Stunden -- und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die -ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des -mächtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit -dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und dunkel. - -Wie die »_Drei Köpfe_« ist auch der _Pico_ kein Krater, sondern vielmehr -die letzte mächtige Felsenpartie eines zerstörten Ringberges. Wir stehen -unter seinem höchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht -hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim -Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker dadurch abhebt, daß -sich ringsherum eine glatte Fläche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über -zweitausendfünfhundert Meter. - -Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur -die vor uns liegenden Reste übrig blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist -der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der -Temperaturveränderungen zerbröckelt -- oder hat ihn das Wasser -unterspült? - -Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung. -Auch der Umstand spricht dafür, daß man nirgends einen Wall von -Felsstücken sieht, der hätte entstehen müssen, wenn diese Berge durch -Kälte und Sonne zerfressen wären. - -Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich -jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar -vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen -Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er -konnte sich nicht länger aufhalten, aber er brachte ein Stück Gestein -mit, dem ähnlich, das sich im Wasser ansetzt ... - -Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht -Näheres erfahren. - -Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. Wir sind dadurch -etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu -beunruhigen. Eine beklemmende Angst befällt uns, wenn wir auf dieses -totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen -sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt -regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal -glaube ich, daß ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor -mir sehe. Wie froh wäre ich, wenn er endlich aufwachte. - -Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von -Müdigkeit überwältigt, schläft sie manchmal so sitzend ein. Aber das -dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit -weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den -Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich für ihre Gesundheit zu -fürchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank würde! Aber alle -Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie -dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll, -wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir möchten sofort -weiterfahren, fürchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen. -Anfangs hatten wir die Absicht, uns vom _Pico_ nach Osten zu wenden, um -die _Alpenkette_ zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze des _Mare -Imbrium_ bildet, aber schließlich fahren wir direkt nach Norden, dem -mächtigen Ringe des _Plato_ zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium -der Karten, daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt -auf das _Mare Frigoris_ zu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land -auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg -bedeutend verkürzen. - - Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47° - nördlicher Mondbreite, - zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang - des dritten Tages. - -Wir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen _Regenmeeres_, zu -dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei -Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal -erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich -im Neumond verfinstert. - -Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall des _Platoringes_ vor -uns. Sein östlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine -mächtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch -Nacht. Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden -der erhabenste und mächtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir -sind jedoch durch den Zustand Tomas' so niedergedrückt, daß wir fast gar -nicht beachten, was uns umgibt. - -Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an -und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm, -er fiel schlaff zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn, -ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens. - -Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts -aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war -seinem Gedächtnis entschwunden. Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze -Zeit nach, und dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines -Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu -sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Händen, und mit einem -Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwährend: Das war -entsetzlich, entsetzlich! -- Schauer schüttelten ihn. - -Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich -vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren -Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt hatte. Aber alle meine -Bemühungen waren umsonst. Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit -Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das -zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur damit peinigte -und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm ausführlich erzählen, in -welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit. -Er hörte aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von -Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umständen und -Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehört hatte, wandte -er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe: - --- Ich glaube, daß ich sterben werde. - -Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe: - --- Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe -ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, daß -ich überhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst, -zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht -sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug -zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach außen -gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand -erzählst, nehme ich jedoch an, daß die Atmosphäre in meinem Luftbehälter -schon außerordentlich dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten inneren -Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar -durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden verspätet -hättet, würdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich -wundere mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die -vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark -sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so -schwachen Herztätigkeit ... aber schließlich habe ich das Fieber -überstanden und lebe, -- doch das bedeutet durchaus noch nicht, daß ich -leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fühlt man kaum, leg' -mir die Hand auf die Brust, du fühlst nicht einmal, daß das Herz -schlägt. Auf der Erde würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen -die Bedingungen. - -Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich dachte, daß er -wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten unstät unter den -gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich Martha, die mit der -Zubereitung der Arzneien, die er sich selbst verschrieben hatte, -beschäftigt war. Ein grenzenloses Leid lag in seinen Augen. Er bewegte -einige Male die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend: - --- Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr? - -Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig schien es -mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische Stimme ins Ohr flüsterte: -Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören, vielleicht dir ... - -Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber er schien schon -diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen zu haben, obwohl ich bei Gott -schwöre, daß er kürzer war als die kleinste Sekunde. - -Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen blauen Äderchen -durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, fügte er hinzu: - -Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ... achtet ... - -Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, nachdem er Atem -geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton plötzlich ändernd: - --- Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut nicht gewiß, daß ich -sterben muß. - -Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, aber sein -Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil, er scheint sich sogar zu -verschlimmern. Immer wiederholen sich das Herzklopfen, die Beklemmungen -und Ohnmachten. Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr -erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine Minute verlassen; -auf uns blickt er wie auf Feinde. - -Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen Flucht -von ihm zu erfahren, aber immer wenn ich das Gespräch darauf brachte, -verstummte er sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen -Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn mit Fragen zu -quälen. Schließlich, was liegt mir daran? Es genügt, daß ein Unglück -geschehen ist, -- wenn es nur damit seine Bewandtnis hätte! - - Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach - Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach - Osten. - -Die Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig erwiesen. Mit dem -Wagen durch die Mitte des _Platoringes_ zu kommen, ist eine reine -Unmöglichkeit. Wir müssen die _Alpenkette_ umkreisen, was unsere Reise -außerordentlich verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg. - -Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang verstrichen; in -dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer Weges zurück, allerdings -auf einem Boden, der ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße des -_Plato_ haltgemacht. - -Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser zählende -_Platoring_ erhebt sich an der nördlichen Grenze des _Regenmeeres_. -Nordöstlich von ihm erstreckt sich die Kette der Mondalpen bis zum -_Palus Nebularum_, der das _Mare Imbrium_ mit dem _Mare Serenitatis_ -verbindet. - -Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende -Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser Seite des Mondes, -die zum _Mare Frigoris_ führt, durch das wir auf der Fahrt zum Pol -hindurch müssen. Im Westen des _Plato_ erstreckt sich ein hoher, -steiler, im Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite -»_Abhang des Regenbogen_« hineinzieht. Der _Platoring_ selbst ist aus -einem Bergwall entstanden, der eine innere Fläche von ungefähr -siebentausendfünfhundert Quadratkilometer Raum umfaßt. Die höchsten -Gipfel im östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von -zweitausendfünfhundert Metern. - -Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht hatten, bemerkten -wir, daß sich im nördlichen Wall des _Plato_, dicht neben dem in ihm -eingeschlossenen kleinen Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine -Art von breitem Paß bildet. - -Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg zu verkürzen, über -diese Einsattelung auf die mittlere Fläche gelangen und, sie in -nördlicher Richtung durchschneidend, einen Ausgang auf die Höhe suchen, -die sich schon sanft nach dem _Mare Frigoris_ senkt. - -An den Abhängen des _Plato_ angelangt, fanden wir leicht die auf der -Karte angegebene Stelle. Dabei war uns jener herausragende Krater -behilflich, der sich über der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien -nicht sehr beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und es -waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken. Trotzdem wagten wir es -nicht sogleich mit dem Wagen weiterzufahren. Wir mußten uns -vergewissern, ob wir diese Strecke wirklich passieren konnten. - -Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen hatten, -traten Peter und ich den Weg zu Fuß an. Der Wagen sollte auf unsere -Rückkehr warten. Wir umkreisten den Krater im Massiv des _Plato_ von -Osten aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so einfach, wie -es von unten den Anschein hatte. Wir trafen Steinfelder und Abgründe an, -die wir umgehen mußten. Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen -durchzukommen. Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns beide -erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont und erwärmte -uns genügend. Es war uns warm und leicht; rings um uns boten sich -wundervolle Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von -schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der blendenden -Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten Regenbogenfarben. -Wir schritten über Schätze hinweg, für die man auf Erden hätte -Königreiche und Kronen kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen -schillerten blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von ferne wie -Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von Onixen und Topasen den -Eindruck von Blumen hervorriefen. Manchmal schoß plötzlich aus einer -Spalte, in die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz, -eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen des -Gebirgskristalls verteilt war. - -Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur an dieser Stelle -ausgeschüttet war, blendete und berauschte uns, aber bald gewöhnten wir -uns so an diesen Anblick und an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir -auf ihnen schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen. - -Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir -waren glücklich und guter Dinge. Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die -Krankheit Tomas', die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die -Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft, -der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder über diesen -einzig schönen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehälter hatten wir -uns schon vollständig gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der -wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, trotz des -neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit nicht. - -Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde und einer nicht -geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten wir über mächtige Felsen -oder sprangen von hohen Wänden herab. - -Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit -der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft und Nahrung hatten wir nur für -vierzig Stunden mitgenommen und wir mußten bedenken, daß irgend etwas -Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem längeren Aufenthalt -nötigte. - -In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns -öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere des _Plato_. Der -nördliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt -lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken zerrissen -war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Fläche, -dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da nur zerschnitten sie -hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf -zerstreut lagen und flachen Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach -der Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon, -daß wir hier mit dem Wagen vordringen konnten. - -Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen Öde an. Es wäre -unmöglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und -mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und träge -zur Tiefe, -- die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den -Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten, -weil man sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene zu -umgrenzen. - -All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ... - -Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute -lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wüste -nicht abwenden, und ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß -nicht, warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles geworden, so -wertlos, und so überflüssig erschien mir jede Anstrengung und so -verlockend der Tod-Erlöser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so -höllischen Angst erfüllte. - -Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht länger -ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von -ihm loszureißen. - -Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu. -Über den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient -hatte und jetzt in der Tiefe versank, tauchte das _Regenmeer_ vor mir -auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie -einst von der Einsattelung unter dem _Eratosthenes_, nur daß sie damals -noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten -Lande führte -- jetzt hatte ich sie schon hinter mir ... - -Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber statt der in der -Sonne flammenden Gipfel des _Timocharis_ und _Lambert_ erhoben sich die -in Schatten gehüllten Spitzen: _Pico_ und weiter nach Osten _Piton_ vor -meinen Augen. - -Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont schon näher als der -Himmelswölbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite -Straße, die von dieser Erde hierherführt. Welch ein furchtbarer, -beschwerlicher Weg und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist -zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine glühende und lebendige -Flamme, zweimal umhüllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten. -Und wieviel Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom _Eratosthenes_, -die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Kälte und dieses -Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der -Brüder Remogner, der unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ... -Mit dem Tode O'Tamors hat unser Weg begonnen -- aber er ist noch nicht -zu Ende ... - -Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt von einer immer -stärker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in -der Ferne über der unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei -Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte mich schnell um, -schon fürchtend, daß wieder irgendein Unglück herannahe, aber Peter -stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der -Richtung, in der sich der weite nördliche Wall des _Plato_ entlangzog. -Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie -den flüchtigen Schatten einer Wolke, die den Fuß der Berge verhüllte, -den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte. - -Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus, -als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der -Stelle zu rühren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie -besessen durch das Rohr: - --- Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist Luft, dort wird man -atmen können! - -Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten -Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte, -zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke -beweist zwar noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon -atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Luft dort dichter -ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden -und halten können, wenn auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der -Rauch der Krater senkte sich außerhalb des _Eratosthenes_ sofort zu -Boden wie Sand. - -Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf der anderen -Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend dichte Luft sein -müsse, begaben wir uns wieder zum _Mare Imbrium_ hinab. Wir waren in -freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht -erreicht worden war, da wir den Weg durch den _Platoring_ nicht gefunden -hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darüber, was weiter zu tun -sei. Vielleicht würden wir im Westen des _Plato_ eine Stelle ausfindig -machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen -konnten, aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn es uns -nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend Kilometer zurücklegen, -um die Grenze des _Mare Imbrium_ von Westen her zu umkreisen. Es ist -also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende -gelingt es uns, das schon erwähnte Quertal in der _Alpenkette_ zu -durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar erweisen, so -werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhältnismäßig -keinen allzu großen Umweg machen. - -Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie groß war -jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten, -an der wir ihn verlassen hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu -haben, aber nein -- die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen, -unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz der Ermüdung stürmten wir -vorwärts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir -bemühten uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um zu wissen, in -welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war -keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere -Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser -hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr für -einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er vergaß, daß ich das einzige -Wesen war, das sein Schreien hier -- durch das Sprachrohr mit ihm -verbunden -- hören konnte. - -Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab, -sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir -nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle -zurückkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende -und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde -- -den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder -Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer -Rückkehr davonzueilen. - -Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht absichtlich -geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte -Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und -von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die -Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstürmen, ihm nach, -mich rächen, morden ... - -Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns -langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer -gleich bleibenden traurigen Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu -und redeten abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. Martha -blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich -heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu -geben, daß sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, daß sie -infolge des Luftmangels nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut -und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus. -Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, daß wir zu dem Wagen -zurückkehren wollten. Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit -hinter dem Felsen, der ihn verdeckte. - -Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir fort waren, -ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem -Felsen unter, so daß sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann -vor Kälte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und -blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken genügend -erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das Verschwinden des Wagens -entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns -nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns -befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns -von neuem entfernten, daß wir eine andere Seite der Gegend erforschen -wollten und wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum -zweitenmal zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie uns -entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht wieder fanden. Der -ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er für uns mehr als -verhängnisvoll hätte werden können. - -Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand an. Während unserer -Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig geworden. Jetzt ist er ruhiger -und sagt, daß er sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll -abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, daß -er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang ist es schon genug der -Opfer -- und des Schreckens ... - -Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach -Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des _Plato_ vor unseren Augen. Bald -werden wir an der _Alpenkette_ angelangt sein. - -Mit Rücksicht auf Tomas' Gesundheit tut die größte Eile not. Je eher wir -eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei -atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung. -Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von -dieser Wüste zu entfernen und dem Pole näher zu kommen, wo -wahrscheinlich Luft und Wasser ist. - - Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30' - nördlicher Mondbreite, - einhunderteinundsechzig Stunden - nach Sonnenaufgang des dritten Tages. - -Unsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird immer geringer. Wir -fahren so schnell es das Terrain nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit -und Tomas stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor Unruhe -und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite Alpenkette, die den -Weg versperrt, uns in nordöstlicher Richtung zu halten, so daß wir uns, -statt dem ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm entfernen -müssen. In einigen Stunden werden wir am Ausgang des _Quertals_ sein; -wenn man nur wenigstens nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir -zur Linken immer nur die steilen Wände der _Alpen_, neben denen unser -Wagen wie ein winziger Käfer hinter der Mauer einer riesigen Festung -aussieht. Wir warten mit Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor -uns öffne und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang, -der zum _Mare Frigoris_ führt. Schon begegnen wir vereinzelten kleinen, -aber steilen Felsen, die wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen, -ein Zeichen, daß wir uns ihm nähern. - -Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er möchte so schnell -wie möglich auf den Pol gelangen, und dabei haben wir vom _Sinus -Aestuum_ kaum den halben Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt -mich, wenn ich daran denke! Er hat, scheint's, die Entfernung ganz -vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, von Luft und -Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen finden werden! Statt dessen -wird der nächste Mondmorgen, obwohl er noch so weit ist, noch immer -nichts davon bringen, das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine -Genesung -- je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet Pläne für die -Zukunft und legt sich schon sein Leben mit Martha zurecht ... Mich -beunruhigt diese Zuversicht; auf der Erde sagt man, daß das ein böses -Zeichen bei einem Kranken ist. - -Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen traurigen Lächeln. -Gott, was muß sie leiden! Es ist doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie -es um ihn steht ... - - Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag. - -Eine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist. Die Verzweiflung -packt mich, denn ich will, daß er lebt. Ich will es um so mehr, weil ich -in meinem Hirn eine giftige Schlange fühle, die mir trotz meines -Aufbäumens dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von -euch gehören -- vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er muß! Und -wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm folgen wird. Was dann? -Was dann? Wozu werden wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte -einst, daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß dieser -Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins hier ist. Mit ihrem Tode -wird unser Dahinsterben beginnen, denn wir werden nicht fähig sein, aus -uns selbst etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden -niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn wozu, wozu? ... - -Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben bliebe, wenn sie einem -von uns, vielleicht mir, ihre Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen -so auf den Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl, als wenn -eine Kugel voll heißer Luft mir in der Brust zerplatzte, den Atem -zurückhielte und Feuer in alle meine Adern ergösse ... - -Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser Eine auch Varadol -sein ... Nein, es wäre besser, wenn diese Frau nicht unter uns wäre. Ich -bemerke zu meinem Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen -und Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und starrt in -die Züge des sterbenden Geliebten. - -Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll gegen den Tod. -Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner eigenen Überzeugung zu -trotzen, daß er leben wird und läßt uns dem beipflichten. Wir tun es ihm -zuliebe, unehrlicherweise; und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu -und antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: »Ja, du -wirst leben, du mein Einziger« ... Dabei verschleiern sich ihre Augen in -einem Nebel der Wonne und des Rausches. Kann sie es denn wirklich für -möglich halten, daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft, ohne -einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? Und dennoch, was würde -ich dafür geben! - -Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so groß wie an den -vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden Mondbreite. Wir müssen -uns, aus Rücksicht für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in -der Mitte des _Quertals_; vor Sonnenuntergang müssen wir bis zum _Mare -Frigoris_ vordringen. - -Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, auf der Ebene -zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, plötzlich bei dem breiten -Auslauf der Ebene. Die senkrechte Wand der _Alpen_ bricht hier ab und -weicht nach Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm -unterbrochen. Die Fläche des _Mare Imbrium_ verengt sich in einem großen -Halbkreis zu dem eigentlichen Tal, das anfänglich durch einen -terrassenförmigen Abhang verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein -mächtiges, einige hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen -Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-_Montblanc_ gegen -viertausend Meter über der benachbarten Fläche. - -Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene einfuhren. Jenes -Stockwerk erschreckte uns, denn wir dachten, wenn wir unterwegs mehrere -solcher Hindernisse anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr -verlängern, da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten. - -Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der Mondoberfläche, -obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben; das letztemal auf dem -_Plato_. Aber es gab kein anderes Mittel der Orientierung in dieser -Gegend. Endlich wagten wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal -einzubiegen. Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er -drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen Widerspruch -duldet, daß man sich nach Norden wenden solle, da er wisse, daß die -zeitraubende Umkreisung der Alpen und die lange Fahrt durch den _Palus -Nebularum_ ihn zweifellos töten würde. - -Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! Früher ruhig, -entschieden, voll Überlegung und von einem unbeugsamen Willen, ist er -jetzt ein launenhaftes, trotziges Kind. Er schilt uns wegen jeder -Kleinigkeit und dann entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn -zu retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der vollständigen -Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang auf dem Rücken liegt, -einer Leiche ähnlicher als einem lebenden Menschen. Oft spricht er auch -unaufhörlich, als wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme -versichern wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns -unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt er -sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. Vergeblich zerbreche ich -mir den Kopf, was das für ein Geheimnis sein kann ... - -Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk anhielten, -das den Eingang zu dem Tal versperrt. Mit großer Mühe fanden wir einen -Weg, der es uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe standen, -blickten wir noch einmal auf das hinter uns liegende _Mare Imbrium_, das -wir bald für immer aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft, -so muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh von dieser -Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur Mühen, Qualen und Verzweiflung -gebracht hat ... Wie seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir -durcheilten diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von einem -Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen Wunsche beseelt, sie so -schnell wie möglich hinter uns zu haben -- und jetzt blicke ich fast mit -Sehnsucht nach ihr zurück ... - -Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig leicht vorwärts; -die breiten Stockwerke treffen wir nicht mehr an und kleinere Berge, die -nicht seine ganze Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht -jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet. Zu beiden -Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen viertausend Meter hoher -Gebirgswall. Das am Eingang einige Kilometer breite Tal verengt sich -gegen Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn sich seine -mächtigen Wände einander näherten und wir uns in einem enormen, -schnurgerade unter den Felsen ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen -den entfernten Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber tiefen -Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch ein Stück Himmel -ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich mein Blick nicht täuscht, aber -es scheint mir, daß der Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne -weniger zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein -einer dichteren Atmosphäre über dem _Mare Frigoris_ zeugen ... Unser -Barometer steigt ebenfalls langsam. Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der -Zone bringen könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ... - - Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden - nach Mittag, dritter - Mondtag. - -Wir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und einige Kilometer -zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang des _Quertales_. Die ungeheure -Felsgurgel verengt sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten werden -immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf das _Mare Frigoris_, deutlich -vor uns sichtbar, scheint sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu -erweitern und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren -Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf eine Fläche -hinausfahren -- gebe Gott, daß wir _alle_ hinausfahren ... - -Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige Reise! Wohl -dreißig Stunden zitterten wir, bei dem kleinsten Geräusch auf Woodbells -Lager blickend: -- etwa jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber -besteht kein Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur -immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die Sehnsucht liegt, -- -die glühende Sehnsucht zu leben! Und wir können ihm nicht helfen ... - -Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte hat ihm den Rest -gegeben. Wir hatten fast zwei Drittel des Weges hinter uns, als wir, -unter dem 3.° östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das -uns beinahe gezwungen hätte auf das _Mare Imbrium_ zurückzukehren. Die -Sonne stand schon tief am Horizont und die ganze westliche Seite des -Quertales war in undurchdringlichen Schatten gehüllt, der kaum hie und -da durch schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. Wir -mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten, um uns nicht in der Nacht -zu verlieren. Der Wall erreicht hier die größte Höhe; er erhebt sich -steil und riesenhaft, beinah wie die senkrechte _Alpenwand_, unter der -wir vormittags hindurchfuhren. - -Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor uns einen -schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der ganzen Breite versperrte. -Vorher hatten wir ihn infolge der leichten Erhebung des Grundes nicht -gesehen. Als wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen -eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des Tales quer -durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im Schatten, so daß wir nicht -in ihre Tiefe sehen konnten. Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum -Fuße durch sie zerrissen. - -Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen Hindernis. - -Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, auch daß sie -die Hochebene durchschneidet, die das _Mare Imbrium_ vom _Mare Frigoris_ -bis zu den nördlichen Abhängen des _Plato_, in südöstlicher Richtung, -trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den Grund des -_Quertales_ erstreckte, das zwei- bis dreitausend Meter tiefer als die -Oberfläche der benachbarten Höhen, die sich hinter den Wällen -ausdehnten, lag. Ich fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der -Schweiß auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen. - -Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten des Wagens beunruhigt, -fragte uns, was geschehen sei. Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu -sagen; er jedoch, unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben -schenkend, strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte -durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, dann legte er -sich wieder und sagte fast gleichgültig: - --- Sie wollen nicht, daß ich lebe ... - --- Wer? frug ich erstaunt. - --- Die Brüder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte und schloß die -Augen, als wenn er den Tod erwartete. - -Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal Zeit, über die -Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken, da ich mit Peter beraten -mußte, was jetzt zu tun sei. Wir zogen schon eine Rückkehr auf das _Mare -Imbrium_ in Erwägung, als Peter auf die glückliche Idee kam, mit Hilfe -des starken Reflektors den Boden der Spalte zu beleuchten und uns über -ihre Tiefe zu vergewissern. Nachdem wir uns dem Rand genähert hatten, -warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in die Spalte, die -an dieser Stelle ziemlich eng und nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich -ganz von Schutt angefüllt, aus dem mächtige Felsstücke hervorragten, -eine Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mächtigen -Gebirgsstromes gemahnte. Und wer weiß, ob hier nicht tatsächlich einmal -Wasser geflossen, den Weg ausnützend, der durch andere Kräfte gebildet -ward? - -Der Schein des Reflektors glitt über die schwarzen, sich wild -übereinandertürmenden Felsen, flammte auf und verlor sich in tiefen, -unregelmäßigen Zerklüftungen. Wir standen immer noch ratlos, ohne zu -einem Entschluß zu kommen, als sich Martha uns näherte. - --- Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem Tone, als wenn sie -uns einen Befehl erteilte. - -Und dann fügte sie, auf Tomas deutend, hinzu: - --- Ich muß leben, für ihn ... Um meinetwillen braucht ihr jetzt nichts -zu befürchten ... - -Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen? So hatte sie -niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten seltsam; in der ganzen -Gestalt, in den Worten und in der Bewegung lag eine Würde, eine -selbstbewußte Hoheit. Oh, wie schön ist dies Weib und wie begehrenswert! -... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken! Da packte mich -plötzlich eine rasende Wut. Ich rüttelte ihn brutal bei der Schulter und -schrie: - --- Siehst du nicht, daß wir keine Zeit zu verlieren haben! Fahren wir -zurück oder vorwärts? - -Peter wandte sich hastig zu mir und wir maßen uns eine Weile, wie -bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu springen. Ein halblautes, -höhnisches und verächtliches Lachen Marthas ließ sich vernehmen. Ich -hatte das Gefühl, als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins -Herz bohrte. Wir ließen beide beschämt den Blick sinken. Mir scheint, -daß ich dies Weib zu hassen beginne. - -Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen und sie, die am -Boden zerstreuten Steine benützend, zu überklettern. Das war freilich -leichter gesagt als getan. Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der -östlichen Wand des Quertales einen schrägen Abhang entdeckt hatten -begannen wir den Wagen mit der größten Vorsicht dort hinabgleiten zu -lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete unserer auf dem Boden der -Spalte. Bis hierher konnte weder das Licht der Sonne noch das der Erde -dringen, so daß wir uns in vollständiger Nacht befanden. Es ist mir -unmöglich, die Mühen zu schildern, die uns der Weg über diese paar -hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen Lampe erleuchtete -nur einen schmalen Streifen vor uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu -orientieren. Abwechselnd ging einer von uns zu Fuß voraus, während der -zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang in die Höhe, -schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal blieb er sogar so stecken, -daß wir daran zweifelten, ihn wieder loszubekommen. Endlich gelangten -wir an die gegenüberliegende Seite der Spalte. Zum Glück neigte sich -hier der Boden ein wenig, so daß wir auf der so entstandenen Senkung mit -Hilfe der »Tatzen« hinaufklettern konnten. - -Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon ins Licht der Sonne. - -Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem Ruck des Wagens so -plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden Welle die Augen schließen -mußte; als ich sie wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze -fürchterliche Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. Einige -hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh in den Boden senkende -Wand, die durch einen Streifen absoluter Schwärze von uns getrennt war. -Ich hatte nur eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen -Augenblicken dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien, -grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß wir uns -hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige Felsen, die vor uns im -elektrischen Licht aufleuchteten, als wenn sie, aus dem Nichts -herausgewachsen, in Nichts wieder zerfließen würden -- aber an die -Wirklichkeit dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben. - -An der Oberfläche des _Quertales_ angelangt, blieben wir stehen, um die -»Tatzen« abzunehmen und den Wagen zu untersuchen, ob er nicht etwa -beschädigt sei. Alles war in Ordnung, und wir konnten weiterfahren. -Alles -- mit Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen -Erschütterungen hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar Stunden wie -tot dalag, nur manchmal leise stöhnend. - -Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als Tomas plötzlich -aufsprang und sich auf das Lager setzte. In seinen weit aufgerissenen -Augen brannte wieder das Fieber. Peter war am Steuer des Wagens -beschäftigt, aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns mit -irren Blicken an, dann rief er plötzlich: - --- Martha, ich werde sterben! - -Martha erblaßte und neigte sich zu ihm: - --- Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, und eine Röte -übergoß ihr Gesicht. - -Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich noch tiefer zu -ihm herab und begann halblaut malabarisch zu ihm zu sprechen. Ich -verstand die Worte nicht, aber ich sah, daß sie einen großen Eindruck -auf Tomas machten. Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein -unendlich trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine -Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar des auf seine Brust -gebeugten Mädchenkopfes. - -So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in seinen -ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch versuchte er von -neuem sich aufzusetzen. Es fehlte ihm, scheint's, der Atem. - --- Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer wieder angstvoll, und -sie antwortete unermüdlich: »Du wirst leben.« Für gewöhnlich verstummte -er darauf wie ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber -diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte: - --- Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... Und dann fügte er -hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, zu leben ... die Brüder Remogner -... - -Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und fragte ihn, alle -Rücksicht auf seinen Zustand vergessend, was die Brüder Remogner mit -seiner Krankheit gemein hätten. - -Er zögerte, dann sagte er schmerzlich: - --- Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch sagen ... - -Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch sein Herzklopfen -und die Atemnot unterbrochen wurde. - --- Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort in der Wüste -hinter den »_Drei Köpfen_«? Heute noch sehe ich sie vor mir, mit ihren -zertrümmerten Türmen und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich -sterben muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie nicht -aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... Als ich den Wagen -verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes Gestein klettern, das -dem zerstörten Pflaster eines alten römischen Kastells irgendwo in der -Schweiz oder im italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an -eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt vor mir wie -auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich das mächtige Tor mit dem -halben Bogen und den hohen Säulen, als plötzlich, plötzlich ... - -Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom Lager. Die Augen -hatte er weit geöffnet, das leichenblasse Gesicht wurde jetzt grün. - --- Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir schien es so ... -einst ... daß die einzige Wahrheit das Wissen ist, das sich auf die -Erfahrung stützt und sich in mathematische Formeln fassen läßt. Und -dennoch gibt es unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich -lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir wissen bis jetzt -sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr wenig ... - -Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, als wenn er sich -vergewissern wollte, ob wir nicht etwa über seine Worte spöttelten, aber -wir saßen still und in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr -in der unterbrochenen Erzählung fort: - --- Da ... erblickte ich ... zwei Schatten -- nein, zwei Menschen, -Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus dem Tore direkt auf mich zu ... -Die Knie wankten mir. Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst -verjagen, aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf -Schritte vor mir -- die Brüder Remogner! Sie standen beide da, sich bei -der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, blutig, wie wir sie gefunden -haben. Und beide starrten mich so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß -ich nicht ängstlich bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage -ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst versteinerte mich -und das Blut gerann mir in den Adern. Ich konnte mich nicht rühren -- -mich nicht abwenden ... Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen! -Und ich hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine Luft war -... - --- Und was haben sie gesprochen? stieß ich unwillkürlich hervor. - --- Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug, daß ich es hören -mußte, oh, mehr wie genug, mehr wie genug! ... Sie sagten mir wie ich -sterben würde und wie ihr sterben werdet, ihr -- beide ... Sie -bezeichneten Tag und Stunde ... Und sie sagten weiter, daß man nicht -ungestraft die Erde verläßt und in die Geheimnisse zu dringen versucht, -die dem menschlichen Auge verborgen sind. Sie sagten, es wäre besser -gewesen, wenn wir dort gestorben wären, auf dem _Mare Imbrium_, statt -ihnen, den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen zu -verlängern, ja, der Qualen ... »Wir sind euch gefolgt,« sagten sie, ich -hörte es ganz deutlich, »und ihr seid an unserem Tode schuld, aber auch -ihr« ... Bei diesen Worten blinzelten sie haßerfüllt mit den erloschenen -Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem boshaften Lächeln. -Da bemerkte ich, daß hinter ihnen O'Tamor stand, blaß und vertrocknet -... Er lächelte nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte -voll Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf, und die -ganze Willenskraft zusammennehmend, riß ich die erstarrten Füße vom -Boden los und stürzte davon. Ich dachte nicht mehr an die Stadt -- an -gar nichts. Ich lief und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und -aufstehen, aber da fühlte ich, daß ich keine Luft hatte und verlor das -Bewußtsein ... - -Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame Beklemmung. Ich -bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß das alles nur eine Täuschung war, -wie jene Stadt selbst, die ich heute ebenfalls für eine Täuschung, -hervorgerufen durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber -ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen. - -Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so unlösbare Rätsel -- so -unerforschliche Geheimnisse! ... Auf diesen erloschenen Globus sind -Menschen gekommen, ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem -Menschen und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, auch jenes -Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen Zeiten auf Erden jedem Wissen, -jeder Forschung getrotzt hat, gefolgt ... - -Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte frug er wo wir -seien. Ich sagte ihm, daß wir uns dem Ende des _Quertales_ näherten und -bald auf das _Mare Frigoris_ gelangen würden. Er hörte zu, als wenn er -meine Worte nicht verstünde. - --- Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich träumte, daß ich auf -der Erde war ... - -Dann wandte er sich zu Martha: - --- Martha, erzähle mir, wie es auf der Erde ist. - -Und Martha begann zu erzählen: - --- Auf der Erde ist blaue Luft und über sie dahin wandeln die Wolken. -Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze mächtige Meere. Am Strande der -Meere ist Sand, und verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut, -und dann gibt es Wiesen, auf denen süße, wonnige Blumen blühen, und -Vögel singen in den Wäldern. Wenn der Wind sich erhebt, so heult das -Meer auf, und die Wälder brausen, und die Blätter säuseln ... - -So erzählte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir hörten ihren -Worten zu, wie dem schönsten Zaubermärchen ... Der Kranke bewegte -langsam die Lippen, als wenn er wiederholen wollte: und die Wälder -brausen, und die Blätter säuseln ... - --- Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut. - -Ein herzzerreißendes Schluchzen Marthas antwortete ihm. Sie konnte sich -nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den Rand des Lagers gedrückt, -erbebte sie in krampfhaftem verzweifelten Weinen. - --- Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand ihr Haar berührend. - -Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem Gesicht zu uns -und begann wieder mit abgebrochener Stimme, die wie mit großer -Anstrengung aus der Brust hervordrang, zu sprechen: - --- Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will nicht sterben! Nicht -hier! Hier ist's so entsetzlich! Rettet mich! Ich will ... leben, noch -... leben ... Martha ... - -Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die dürren Hände nach uns -aus. - -Was sollten wir ihm antworten? ... - -Wir nähern uns dem Ausgang des Tales, und die Fläche des _Mare Frigoris_ -liegt schon vor uns. Ich habe die schmerzliche Gewißheit, daß wir sie -allein zurücklegen werden -- ohne Tomas! - - Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag, - dreiundzwanzig Stunden nach - Sonnenuntergang. - -Ich sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb; sie haben sich -bewahrheitet. Auf die Ebene _Mare Frigoris_ fuhren wir allein. Tomas -Woodbell ist heute bei Sonnenuntergang gestorben. - -Eine fürchterliche Leere! Wir werden immer weniger; nur mehr drei sind -geblieben ... Ich kann an nichts anderes denken als an diesen stillen, -entsetzlichen Tod Woodbells. - -Die Sonnenscheibe berührte bereits mit dem unteren Rande den Horizont, -als wir endlich, nach einer Woche Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor -uns erstreckte sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen -vergoldete Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir bei -ihren früheren Untergängen nicht bemerkt haben, sich dem Horizont -zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und das Rund des schwarzen -Himmels um sich herum ein wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses -Zeichen, daß die Atmosphäre hier dichter ist. Wir stellten auch einen -zweiten, sehr günstigen Umstand fest: Das _Mare Frigoris_ ist ganz mit -Sand bedeckt, was darauf schließen läßt, daß diese Ebene tatsächlich -einstmals Meeresgrund gewesen ist. - -Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil Tomas sich -scheinbar ein wenig besser fühlte. Wir wurden schon hoffnungsvoller; es -schien uns, daß wir im Fluge diese Ebene durcheilen, und ehe die neue -Sonne aufgeht, mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein würden! Daß -wir das Wehen des Windes fühlen, das Rauschen des Wassers hören, das -Grün der Wiesen wiedersehen sollten ... - -Allein wie anders wollte es das Schicksal! - -Wir waren kaum einige Meter auf der Fläche gefahren, als Tomas uns bat, -den Wagen anzuhalten. Die kleinste Bewegung quälte ihn unsagbar ... - -Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und auf die Sonne -schauen, bevor sie untergeht. - -Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen zur Sonne, die -ihre letzten goldenen Strahlen auf sein totenbleiches Gesicht -herabfließen ließ. Er starrte eine Zeitlang unbeweglich in ihr Leuchten, -dann wandte er sich zu Martha: - --- Martha, wie ist das: »Sonne, du lichter Gott« ... Wie geht das -weiter? - -Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde aus gesehenen -Sonnenuntergang, in den vollen Glanz, streckte die Hände aus und die -tränenvollen Augen zu dem schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb -sprechend, halb singend eine seltsame, in Rhythmen tönende Hymne: - -Sonne, du lichter Gott, du wandelst von uns zu Ländern, die wir nicht -kennen! - -Sonne, du Leuchte des Himmels, du Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen -in Trauer zurücklassend, um denen zu leuchten, die schon aus der -irdischen Hülle erlöst sind ... - -Die, aus den Körpern erlöst, noch keine neue Gestalt annahmen, wie -Gefangene, die man für eine Spanne Zeit freiließ, damit sie einen Tag -der Stille und Ruhe genießen, ehe sie zum Gefängnis, in ihre Ketten -zurückkehren. - -Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfaßbare, der einen Tag der Stille -zwischen Kampf und Sorgen geschaffen hat ... - -In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang aller Dinge; in Ihm sind die -Seelen derjenigen erlöst, die den Kampf schon beendet haben, dahin -heimkehrend, von wo sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind. - -Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von uns, und wir bleiben in Trauer -zurück -- mit unserer Sehnsucht ... - -Woodbell hörte zu und schien einzuschlafen. Plötzlich rief er angstvoll: - --- Martha, O'Tamor ist gestorben? - --- Ist gestorben. - --- Die Remogners sind gestorben? - --- Sind gestorben. - --- Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ... er deutete mit den -Augen auf uns. - --- Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen tiefen -Überzeugung. - --- Ah, ja ... flüsterte der Kranke, aber was hilft es mir ... - -Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre Vorderpfoten auf -das Lager und leckte die herabhängende Hand ihres Herrn. Er blickte auf -sie und machte eine Bewegung, als wenn er das treue Tier streicheln -wollte, aber scheinbar fehlten ihm schon die Kräfte. - --- Meine, meine Hündin ... flüsterte er nur. - -Dann sagte er, daß er auf die Erde schauen wolle. Wir legten ihn so, daß -er sie vor sich hatte. Sie stand gerade im ersten Viertel über den -Felsen im Süden. Er blickte lange, die Hände ausstreckend, in heißem -Verlangen auf diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der -Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine Fluten -erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt. - --- Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke. - --- Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein Echo. - --- Dort waren wir glücklich ... - --- Ja, glücklich. - -Der Kranke begann wieder unruhig zu werden. - --- Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem Tode? ... Denn sieh, ich -will nicht ... hier herumirren ... auf dieser Wüste ... in dieser -Totenstadt ... Martha, werde ich dorthin kommen ... - -Martha schwieg und ließ den Kopf sinken, Tomas drängte wieder und wieder -... - --- Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem Tode ... auf die Erde? - -Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper, aber sie überwand -sich und antwortete mit tränenerstickter Stimme: - --- Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, für einen Tag der Stille -... aber dann wirst du zu mir zurückkehren. - -Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhängenden Hände -waren bläulich und kalt. Er zuckte noch einmal und flüsterte kaum -hörbar: - --- Martha, wie ist es auf der Erde? ... - -Und Martha erzählte von neuem vom rauschenden Meer, von blühenden -Wiesen, von duftenden Blumen! - -Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber ruhiges Lächeln und -die Augen begannen sich langsam zu schließen. Noch einmal öffnete er sie -für einen Augenblick, schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der -nur noch ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war -- seufzte -leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden Tages ... - -In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und ihm die Augen mit Sand -bedeckt. - -Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden unterwegs. - -Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten schon beim Ausgang -aus dem _Quertale_ den fünfzigsten Parallelkreis; die Erde erhebt sich -nur noch 40° über dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche -keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht, wollen wir die ganze -Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen. - -Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz erschlafft da, -fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren Füßen heult Selena nach ihrem -verstorbenen Herrn. Wir geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen, -aber Selena nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert zu -werden. - - Auf Mare Frigoris, 0° 6' östlicher Länge, 55° - nördlicher Mondbreite, nach - Mitternacht, zu Beginn des - vierten Tages. - -Wir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit hundertsiebzig Stunden, -das heißt, seit dem Tode Woodbells, bewegten wir uns in nordwestlicher -Richtung. Jetzt ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ... -Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn begraben -haben. - -Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder unseres Wagens, -während nur das Zischen des Motors die lautlose Stille und das bleierne -Schweigen unterbricht, das auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt -da, stumm, mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen Augen, in -denen die Tränen schon vertrocknet sind. - -Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie nicht mehr -fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen herum, alle ihm gehörigen -Gegenstände und was seine Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd. -Schließlich legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn -einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie die Tollwut -bekäme, und mußten sie töten, obwohl es uns unendlich leid tat. Übrigens -bin ich überzeugt, daß sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte. - -Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn wir -- was -können Peter und ich miteinander sprechen? Es ist etwas Furchtbares -geschehen. Der Tod Woodbells bedeutet in diesem Falle nicht nur den -Verlust eines Menschen, eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser -Tod ist ein unermeßliches Unglück, -- eine wahnsinnige Ironie des -Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau geworfen hat, die wir in -gleichem Maße heiß begehren. Ich kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich -ein Schauer erfaßt und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser --- Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes. Es scheint mir, -daß Woodbells Geist uns noch nahe ist, daß er mir ins Herz sieht, diese -meine Gedanken lesend, aber ich kann dennoch nicht widerstehen -- ich -kann nicht! Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle -Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, daß ich sie -vor mir sehe -- immer -- mit einer furchtbar unerhörten Deutlichkeit, -auch wenn ich die Augen schließe. Ich versuche meine Gedanken von ihr -abzulenken, sie mit Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde, -aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens, werfen sich auf -sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben sich an ihren Formen, -schlängeln sich um ihren Leib und beschmutzen ihn mit den lüsternen -Schnauzen, und da sie sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie -zu bellen, mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie hin -und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken, wie sie mich -peinigen und quälen! - -Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe es! Und er weiß -ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher dieser stumme, verbissene Haß -zwischen uns. Weshalb soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit -schönen Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn sie -steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser fürchterlichen -Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer Seele, daß einer von uns -zu viel ist. Wir sprechen nicht miteinander und sehen uns nicht in die -Augen. Manchmal nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem -entsetzlichen Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch die -Fenster eines im Innern flammenden Hauses. - -Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl ich weiß, daß er -mich jeden Augenblick, ohne zu wissen, was er tut, hinterrücks -niederschlagen und morden kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich -schreibe und er hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein -Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich will seinem -Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem Spiegel, meine eigene -Gemeinheit sehe. - -Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem plötzlichen, -unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann über allen Ausdruck furchtbar, -wenn er sich langsam nähert und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung. -Ich fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf die er kein -größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre vom Kummer noch -bleichen Wangen durch Küsse röten, ihre Brust, die noch in ungestilltem -Schluchzen bebt, zu schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann. -Ah, ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig so mit -unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben, ohne jegliche -Gefahr ist! - -Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir ins Gesicht speien und -dann vor ihn hintreten und sagen: Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen -wir uns, wie zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden -Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle Welt, -kämpfen wir um die Geliebte unseres toten Freundes, die für uns nichts -fühlt als Gleichgültigkeit und Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute -um sie, ehe wir morgen sterben! - -Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu tun. Oh, wie ich -mich verachte! - -Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, in denen ich -fähig wäre, mich auf sie zu werfen und ihren schweigenden, traurigen -Mund durch Schläge zum Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei -zugleich mit dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ... Wir -würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu leben, am Ende dann -sogar freiwillig sterben, aber zum wenigsten würde nichts zwischen uns -sein ... - -Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch leben, wenn sie -diesen Menschen so geliebt hat, und wenn er für sie alles gewesen ist -und mit ihm für sie alles geendet hat? Wir sind gemein, aber auch sie -ist gemein! Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit -gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht überleben. Und diese -Hündin hat doch nicht den hundertsten Teil der Liebkosungen gekostet, -hat nicht den tausendsten Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau -überhäuft hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer weiß, vielleicht -wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar im Schmerz erkaltet und -erloschen sind, schon auf einen von uns verstohlene Blicke, vielleicht -keimt in ihrem Hirn, das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der -Gedanke: Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das ewige -Werk des Weibes zu erfüllen? ... - -Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher, -elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, also heiliger -Trieb des Seins und des Zeugens, der uns nicht zurückblicken, mit der -Vergangenheit nicht rechnen, noch an die Zukunft denken läßt. Und -dennoch ist für mich das alles so ekelhaft -- so widerwärtig -- -ungeheuerlich! ... - -Ah, warum lebt dieses Weib? Warum? - -Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals verwinden könnte. - - Auf Mare Frigoris, 0° 30' östlicher Länge, 61° - nördlicher Mondbreite, - vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig - Stunden nach Mitternacht. - -Martha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst leben! Ach, daß ich -das damals nicht gleich verstanden habe! - -Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich, am Steuer -sitzend, bemerkte, daß Peter sich fortgesetzt um mich herum zu schaffen -machte, mit einer Miene, als wenn er eine Unterredung beginnen wollte. -Mich wunderte das, weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber -gleichzeitig freute es mich auch. Ich fühlte, daß die Zeit endlich -gekommen war, dieser unerträglich drückenden Situation durch eine -Aussprache ein Ende zu machen. - -Ich frug ihn also so höflich wie nur möglich: - --- Wünschst du etwas von mir? - --- Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend, ich wollte mit dir -reden ... - -Ich bemerkte, daß er sich zu einem Lächeln zwang, aber seine Züge -zuckten krampfhaft dabei. Unwillkürlich blickte ich auf seine Hände. Und -er, als wenn er meinen Blick verstanden hätte, errötete und zog die -Hände leer aus den Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er -etwas stockend: - --- Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es scheint, daß wir -diese Nacht nicht anzuhalten brauchen, da die Kälte nicht so empfindlich -ist und der Weg eben und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont -steht; im übrigen wirst du zugeben, daß man sich eilen muß, also ... - -Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer verwirrter. -Plötzlich änderte er den Ton und schrie heftig: - --- Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach Norden? - --- Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend. - -Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol sprang auf und -begann unruhig auf und ab zu gehen. Ich war mir klar darüber, was in ihm -vorging; ich wußte, wovon er mit mir sprechen wollte, und daß er über -gleichgültige Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen konnte, -das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenüberstellte, die früher oder -später schließlich fallen mußte. Eine Zeitlang empfand ich eine boshafte -Freude über seine Hilflosigkeit, aber dann tat er mir plötzlich so -unendlich leid, daß ich fähig gewesen wäre, mich ihm an den Hals zu -werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwören, ihm alles -mögliche zu sagen, daß ich ihm das Weib abtreten wolle, -- oder ihn zu -bitten, sich mit ihrem Tode einverstanden zu erklären -- ah, ich weiß -selbst nicht mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich -sofort; das führt absolut zu nichts. Ich fühlte indes, daß es unmöglich -war, die endgültige Auseinandersetzung noch weiter hinauszuschieben. - --- Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt. - -Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton in meiner Stimme -betroffen, und sah mir forschend in die Augen. Dann lächelte er traurig -und fuhr mit der Hand über die Stirn. Ich bemerkte, daß seine Hand wie -im Fieber zitterte. - --- Ja, in der Tat, ich wollte -- überdies ... - -Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem Zögern sagte er mit -abgebrochener, rauher Stimme in deutscher Sprache, damit sie ihn nicht -verstehen konnte: - --- Was werden wir mit diesem Weibe tun? - -Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich wie ein -Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen; das Blut klopfte mir in -den Schläfen und verschleierte mir die Augen. Mein Herz schlug zum -Zerspringen; die Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende -Augenblick war gekommen. - -Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, blaß wie eine Leiche und starrte -mir hartnäckig in die Augen. Diesen Blick werde ich bis zu meinem Tode -nicht vergessen! Es lag eine Angst darin und ein fast hündisches Flehen --- und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung. - -Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir klar darüber zu -sein, was ich tat, trat ich an Martha heran, die still dasaß und irgend -etwas nähte. Er folgte mir. - --- Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie mir jetzt scheint, -lächerliche Frage, obwohl ich damals keine Lust zum Lachen hatte, stieß -ich ganz unvermittelt hervor. - -Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot und sagte -langsam mit leicht zitternder Stimme, als wenn sie sich rechtfertigen -wollte: - --- Ich warte auf Tomas' Rückkehr ... - -Eine rasende Wut packte mich. - --- Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die Arbeit, über die -sie sich neigte, aus den Händen reißend. Ich weiß nicht, was weiter -geschehen wäre, wenn ich nicht in diesem Moment einen Blick auf das -Stück Leinwand, an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd. - -Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, -streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf aufmerksam machend. Er -schrie leise auf und ging schnell zum Steuer des Wagens. - -Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit einer solchen -Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte sie ihm nicht! - -Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem Tode des Vaters -geborene Kind die Seele des Verstorbenen über. Sie wartet also, fest -überzeugt, daß Tomas in dem Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er -als Geist die Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser -Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die »frohe Kunde« gebracht haben, daß -sie in diesem Kinde seiner warten werde, wohl damals, als sie kurz vor -seinem Tode malabarisch zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr -mich wie ein Blitz. - -Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses kleine -Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen -zurechtgeschnitten war. - -Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte das Gefühl, als -wenn in meinem Herzen etwas zersprungen wäre, irgendein widerwärtiges -Geschwür und gleichzeitig fiel es mir wie ein Schleier von den Augen. -Martha erschien mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit einem -Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe! Das war nicht mehr das -Weib, um dessen Besitz ich noch vor einem Augenblick mit meinem Freund -und einzigen Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das war -die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod durch das große -Geheimnis des Lebens und der Liebe. - -Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele; Dankbarkeit -dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr allein sein werden, und daß -sie sich mit der Heiligkeit der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns, -die wir -- blind! -- in ihr nur das begehrenswerte Erbe des Toten -gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu wissen, und küßte ihre Hand. -Sie zuckte zusammen und verstand anscheinend meine stumme Huldigung, -denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber schon von Stolz -über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete. - -Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das alles löst ja die -uns quälende Frage durchaus nicht, sondern rückt sie nur für eine -bestimmte Zeit in die Ferne und trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig, -als wenn die ganze Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die -Überzeugung, daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern -demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, ganz -vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen wird, wo ... - -Aber nein, nein, ich will nicht daran denken! - -Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden! - - Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des - vierten Mondtages. - -Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine -solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung, -wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten. - -Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der -Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den -ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor -dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe -an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß -sich unter dieser bedeutenden Breite -- wir passierten bereits den -sechzigsten Parallelkreis -- das Zodiakallicht, das in der Nähe des -Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise -zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte -sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne -verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des -_Timaeus_ -- jener Krater, dem wir uns näherten, -- in der Sonne auf, -aber -- o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart -erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu -zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft -verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden -Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten. - -Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der -ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu -Martha. - --- Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen -können wie auf der Erde! - -Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem -traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte -- wie -unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ... - -Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage, -denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem -stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen -der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in -einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging -und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der -Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von -ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist -geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit -denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt. - -Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen -können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen! - -In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die -Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am -Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir -brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei -Sonnenuntergang auf das _Mare Frigoris_, das wir jetzt bereits hinter -uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der -_Timaeus_ ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren. - -Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer -breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten -zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht -so eben wie das _Mare Frigoris_, im Gegenteil, ganz mit kleinen und -gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren -werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke -zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der -nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen -sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert -Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben! - -Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen -uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns -lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der -Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den -Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und -ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde -nicht mehr trauerten ... - -Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich -dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten! -... - - Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach - Sonnenaufgang, 0° 2' östlicher Länge, 65° - nördlicher Mondbreite. - -Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher -sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten, -der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis -jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die -Nähe jener »versprochenen Erde«, wo wir endlich nach allen, nun schon -vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu -freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran -schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt -und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen -verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die -entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren -Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann, -vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in -einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden -soll. - -Ich bin ruhig, -- nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese -Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden -Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge -ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen, -ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ... - -Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf -dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf -angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich -die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült -worden sind. - -Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen -Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe -zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur -der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil, -riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen -Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste -verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr -- nur Leere und Starrheit -... - -Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh, -nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen! - -Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie -hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar -mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie, -über der Arbeit sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die -Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt, -daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie -es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein -tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich -mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen -wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele -nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben -geblieben wäre. - -Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit -uns; nur einmal sagte sie zu mir: - --- Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm -aufs neue das Leben geben ... - -Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich -sprechen kann? - - Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf - der Hochebene vor dem - Goldschmidt, 1° 3' östlicher Länge, - 69° 3' nördlicher Mondbreite. - -Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis -zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie -übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe, -weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns -liegende mächtige _Goldschmidt_ und der sich mit ihm im Osten berührende -und noch höhere _Barrow_. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie -seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein -menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen -bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke. - -Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene. -Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die -verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist, -bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese -Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der -Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne. - -Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate -vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole -nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes. -Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht, -quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze. -Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf -der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach -Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser -Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem -breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut. - -Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen -Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände -und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So -unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die -sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln, -ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens -- Ziel? -Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig! - -Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn sie nicht wäre, -hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des -Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung -entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht -es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht -zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa -durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken -zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit -Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte -leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich -leben werde. - -Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und -andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe -keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen -mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich -sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken -und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die -immerfort lächelt -- im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche! - - Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und - Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach - Mittag des vierten Mondtages. - -Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende -Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie -werden sie sich zu zweit helfen können -- ohne mich? Der Weg wird immer -beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr -Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O'Tamor und Woodbell nun die -Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ... - -Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch -sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal, -mit voller Brust aufatmen können. - -Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen, -sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte -große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der -Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen -haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen -wenden, längs den nördlichen Abhängen des _Goldschmidt_, dann wieder in -nördlicher Richtung die Ringe _Challis_ und _Main_ passieren, im Osten -den Ring _Gioja_ umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem -Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die -von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette -getrennt ist. - -So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser -Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als -ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die -schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß. - -Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber -nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen -überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen, -werden die Sterne unsere einzigen Führer sein. - -In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der -größten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Träume im -Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne. -Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu -kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den -Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen -Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden -Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so -entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln? -Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns -geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren, -niemals! ... - -In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich glaube, ich habe -Fieber. - - Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen - Bergen. - -Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle -mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu -schreiben -- ich weiß es nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern. -Ich bin überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es -nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so -dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, muß -zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an, -wächst; ist jetzt so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, daß -wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich es nur? Denn wo in -aller Welt kämen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit -ihm geschehen, aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ... - -Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen müsse, weil ich -Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es -mir nicht erlaubt? ... - -Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ... -Ich weiß nicht, was das alles bedeutet -- ich höre nur zwei Stimmen -neben mir -- ich kann nicht mehr ... - - Ende des ersten Teiles. - - - - - Zweiter Teil - - - Auf der andern Seite. - - - - - I. - - -Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen -Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt hatte, gegen Ende jener -entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwüste die Augen -wieder öffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf -diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so -lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem -verflossen wären. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich, -daß auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die -Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und zehn Jahre, seit -wir den Wagen verließen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen -waren. Jetzt atmen wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem -Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres, -und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd -erscheinen, aber ebenfalls grün und voll von eigenem Leben sind. -Hundertvierunddreißigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an -die wir uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu -ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht -von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorväter, wie diese einst von der -Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer -mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird, -wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wüste vordringen sollten, für eine -Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten -gesehene, interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, für uns ist es -die Mutter, die wir für immer verlassen und verloren haben. Aber den -einzigen und stärksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten -wir nicht zerreißen -- die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende -Sehnsucht. - -Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir -werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue -Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit -hindurch für ein heiliges Buch halten, _Exodus_, bis hier ein »Kritiker« -erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der -Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist. - -Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch -schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein -phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen -ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben -eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer -wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah -und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den -Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war -überaus seltsam. - -Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich -befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von -Hügeln umgeben, die mit frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles -von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der -Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen -Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte -sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen. -Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da -erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich -jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie -herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend. - -Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten -Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich -plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem -geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings -umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer -war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo -sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen -habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber -plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut -hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese -unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition -auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen, -wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur, -daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren -Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ... -Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne. - -Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte -in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in -Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese -Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei -dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde -befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam -mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich, -daß ich abermals zu träumen beginne. - -Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager -gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und -halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören: -er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das -wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich -wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb -geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir -schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend -nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die -über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine -Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese -Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen -besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die -an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer -gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von -einer anderen Seite auf sie fiel. - -In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in -Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen, -stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont -geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die -Erde -- dort, am Himmel leuchtend! - -Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in -seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger -Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und -Martha -- sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt -gesehen hatte -- kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur -einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung. - -Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich -begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden -verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder -gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender -Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte -nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen -hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte -Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz -natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch -nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich -einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen -immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige -hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager -geworfen hatte. - -Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land! -Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine -Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht -Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die -Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel, -sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen. -Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint -diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am -Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte, -das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt -besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die -grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im -Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches -dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten -Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur -selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der -Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem -tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so -einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter -Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm, -fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese -einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die -Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein -sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von -der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames, -schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten -unterbrochen -- das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich -zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein -Traum, der schön und rein und traurig ist. - -Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer -des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung -hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde -befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde; -kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender, -herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir -schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der -blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals -und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche. -Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit -für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser, -Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese -Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte -Flora ... - -Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf -der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die -Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen -so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die -zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk -gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon -schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür -verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen, -die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns -eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat -an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend -nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die -dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt, -daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr -Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der -Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser, -wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte. - -Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt -verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen -vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen -diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche -Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die -stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge -tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen -würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den -Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm -der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel -Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies. - -Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen -irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an, -um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns -das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit -neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde. -Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem -wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und -Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von -Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser »ewiges Feuer« -erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß -wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens -lud. - -So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf -durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs -glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts -anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu -gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung -entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den -Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine -Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht -niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten -Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von -der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der -überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise -ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes -entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte -sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den -langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald -wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes, -entfernten. - -Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol -verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen meines Lebens auf -dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau -am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der -Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern, -der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der -Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten. -Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind, -zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der -Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze -Nacht versinken. - -Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit -verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der -Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren -eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so -seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und -rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem -balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog -ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm -kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und -Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die -wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern -erfüllten. - -Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von -der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des -Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte; -dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten -schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer -wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von -Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen -Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in -Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube -wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens -dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen -... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute -auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ... - -Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das -immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die -stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener -Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine -ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und -bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar -berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu -opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig -glücklich wäre -- aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf. - -Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute -daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich -nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht -habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist. - -Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als -mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit -wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie -aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte -ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit -Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war. -Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über -mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal -und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit -denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte. - -Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die -Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde -am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle -Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu -denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie -durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten. - -Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf -dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den -Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte, -in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken, -und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten -halb von Sinnen war. - --- Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich -die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen -oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten -war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen -Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob, -mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum, -nachdem wir die Ebene hinter dem _Gioja_ erreicht hatten. Die Astronomen -der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß -nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach -den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die _Freude_ -lächeln sollte ... - -Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß -das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die -nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung -hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort -wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu -verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die -Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten, -um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich -zum ersten Male Mondluft schöpfte. - -Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim -Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene -unter dem _Gioja_ vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte -er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend, -unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen -Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit -verwitterten Steinen übersät war. - -Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung -angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen. - --- Es schien mir, sagte er, daß ich die »versprochene Erde« sehe; vor -meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wüsten gewöhnt waren, -breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir -fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den -Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf -die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl -noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen -mußte. - -Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand -am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und -von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel -des Mondes war es Tag. - -Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese -geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu -lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran -und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt -zurechtzulegen. - -Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der -unbekannten Halbkugel vordringen müsse. - --- Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das -ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der -Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu -erforschen! - -So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick -hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt -wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir -unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte. - -Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und Veränderungen -vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit -uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch -er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der -Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns -der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde, -hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen -hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine -enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine -Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her -bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung -der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen -Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging, -ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt -werden sollte. - -Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und -Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen -mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise -bereit. - -Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der -Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug -zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist -mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen! -Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu -vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es -hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in -das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor Freude strahlend. -Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze -Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt -war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft -an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner, -lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr -am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen -Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu -beschnuppern. - -Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene. -Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf -Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber -nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind -freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte -kein Wort hervorbringen. - -Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas -Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst -bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte -mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein -kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies -scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich -zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind -zeigend: - --- Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ... - -Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser -Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in -dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des -Verstorbenen liebt. - -Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung für Martha. -Peter ging mit mir aus dem Zelte. - --- Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir draußen waren. - -Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte. - --- Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach -einer Weile. - --- Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte. - -Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er dachte. Wie aus -Furcht das zu berühren, was alle unsere Gedanken beschäftigte, sprachen -wir von jetzt ab fast ausschließlich von der bevorstehenden Reise. -Martha kam schnell zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte -keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten ersten -Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf -dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem -entlang wir uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten -Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei Erdenwochen hindurch -Licht vor uns haben und könnten, falls wir keine günstigen Bedingungen -vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren. - -Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und währenddem -hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen -sollten. - -Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der Angst vor dem uns -drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine -Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser -wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumente in einen -kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hügel, der -dem Pol am nächsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen -konnte. - -Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben -resultatlos. Der niedrige Stand der Erde über dem Horizont, bei einer -mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu -und störte die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach -Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente -hinwarfen, um mit bloßem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu -bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der -Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, von dem -dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten Himmel umgeben. Ein Anblick, -als wenn am nächtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder -jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe der Pole -glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken -ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre. - -Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es -schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im -Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes. -Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser -entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und -dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als -eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken. - -Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen -Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die -ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle über -mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren -Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute -alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte -Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem -heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden -Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe. - -Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die -Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte, -verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die -Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und -wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung -fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde -in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer -undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine -sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter -roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen -starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor -Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren. - -Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel -hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf, -denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend -erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ... - -Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fällt weder -Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt -ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes. - -Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel -während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind -erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete. - -Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns -zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche -Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg -ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an -Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres -Licht abwarten .... - -Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer -halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel -höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter -wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in -größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur -Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast -gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre -Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig -durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut -nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus. - -So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns, -durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines -Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte, -flüchteten. Als der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg -antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als -sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen -ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen. - -Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die -Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See, -ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das -Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es -nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick -zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter -hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang -mich, an das Ufer zurückzukehren. - -Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb -mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben, -daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen. - --- Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und -sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe -augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das -Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen -können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle -zu spät. - -Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich -schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den -furchtbaren Gedanken darin zu lesen: »Lieber soll sie zugrunde gehen, -als jemals dein sein!« ... - --- Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich. - --- Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer. - -Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und -übrigens -- wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter -dem Wasser suchen? - -Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos -ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene -Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß -getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so -unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie -lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die -Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr -daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die -Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also -anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser -irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung -beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das -Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von -der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang, -den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend. - -Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den -ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter -diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah, -die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten. - -Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem, -daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grünen Inseln, -die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne -rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten -auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte: -Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir -diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich -konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung -hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im -tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben -müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon -abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte. -Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte -ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses -Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir -lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen, -wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht -manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ... - -Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als -mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite -Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen -die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese -Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte -nicht, was ich nun beginnen sollte. - -Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar. -Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose -aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den -Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener -verhängnisvollen Sonnenfinsternis. - -Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf -und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals, -doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen -Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne -Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte -mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand -bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich -konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark -erschüttert, nicht wehrte. - --- Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit -blassen, aber lächelnden Lippen. - -Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie -während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es -ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem -Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu -flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach -Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um -sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen -Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche -immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher -Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah, -ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem -Globus vor dem Untergang bewahrte. - -Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte, -ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale -hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die -Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ -und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in -einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom -eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der -Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine -entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich -gewesen wäre, ihn wieder zu finden. - -Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus -dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen -jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren -vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese -Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste -vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von -einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit -Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster -auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise -in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser -so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden -hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die -wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen. - -Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn -die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er maß uns mit einem -mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an -die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein -merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen -und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über -seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit, -Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von -Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er -ist gänzlich unberechenbar. - -Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der -Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir -mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt -konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in -Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise -der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon -im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren -Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg -zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten. - -Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so -schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen -führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere -Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und -infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die -nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin -der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der Wagen stand mit allem -versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt -geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der -Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung -besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im -voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot -durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen -den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man -hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir -warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die -nach Süden wiesen, zu folgen -- in ein unbekanntes Land der Wunder, -dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten -leuchtet, niemals erhellt. - - - - - II. - - -Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt -angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten, -war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Länder erleuchten. - -Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der größten Besorgnis haben -wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wußten, was es uns -geben konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis -gehüllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den -brennenden langen Tagen und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten -von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen auf -der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wußten, ob es uns -aufnehmen wird und ernähren kann. Überdies beunruhigte uns der Mangel an -Brennmaterial. Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer -Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die -Maschine nicht mehr in Bewegung setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß -vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande -sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für uns wird, weil -wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir -die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser -Befürchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren -wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen, -in der Atmosphäre zerstreuten schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns, -wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. Aber -das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren stärker. -Die Nahrungsvorräte konnten für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch -etwas ausgepreßten Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in sonnigen -Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu -können. Übrigens haben wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der -halben Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande -beschlossen. - -In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die -Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich -sah, nur bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine -Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne -waren hier und da noch große, flache Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte -uns die bereits gänzlich veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum -einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten -Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger -Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und -spiralförmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkräuter, -aus der Erde. Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der -Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dämmerung -gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß unter den Horizont sinkt. Wir -erwärmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde -die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflücken -und zu versuchen, ob man Feuer damit machen könne. - -Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber mein Staunen, als der -erste Stengel bei der Berührung mit der Hand sich zu strecken, dann -wiederum zu krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich ließ ihn -unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck -erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich -schnitt eine davon mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es große, -längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt nach -vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenförmig gewunden, -ähnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite -sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze war, solange sie -lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefähr wie unsere -Mimosen. Am meisten aber wunderte mich der Umstand, daß diese -zusammengerollten Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung; -scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen -Prozesse sich selbst die Wärme, die ihm während der langen Nächte -fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die -Ausnützung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher -unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen -Strahlen bald die Gegend erwärmen würden. - -Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wußten nicht, -welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung -fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies -auf der Ebene, die während der Überschwemmung ganz überflutet war, zu -erkennen. Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der -Entfernung von einigen hundert Metern einen großen weißen Gegenstand. -Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den -Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hügel -festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden doppelt, -erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaßen, tatsächlich -unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise über die -Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die -Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns -daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir -uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden -Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Süden, mit einer -kleinen Biegung nach Westen. - -Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine -kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde -passiert hatten, gelangten wir in ein breites grünes Tal, das sich -direkt nach Süden erstreckte. - -Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in -ihrem Massiv steckenden Kratern, denen ähnlich, die die luftlose -Halbkugel des Mondes anfüllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee -bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch -noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht -hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden -Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen -schnell dahinfloß. - -Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem -wir uns überzeugt hatten, daß der weitere Weg nach Süden uns bei so -früher Tageszeit einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen -würde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme des -Tages und der Nacht immer intensiver wird. - -Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil -ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im -Tal war gänzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die -wir hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, begannen -sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell zu mächtigen, in -verschiedenen grünen Schattierungen gemalten Blättern zu entfalten. Ihre -Form war überaus mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich, -die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere wieder, mit -allerhand Farben betupft -- unter denen Rot und Dunkelblau am meisten -hervortraten -- erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch -solche, deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und -mit Dornen übersät waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt, -einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem -goldgrünen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte, --- mit einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und Formen, und -alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berührung krümmend. - -Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht, -langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne Schlangen oder Fäden, mit -Blumen von starkem berauschenden Duft behängt. An anderen Stellen, wo -das Wasser sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten sich -zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen Frost überstanden, -das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten -Spitzengeweben aus violetter und grüner Seide vergleichbar. - -Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem -Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht -krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen -Eidechsen mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten -neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des -Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich die Hunde und fingen es. -Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir -konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper -bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das -Knochengerüst erstreckte sich bis zu dem länglichen Ring, der sich aus -beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der -Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn -lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir für die Füße -hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer -sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte. - -Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele andere merkwürdige -Geschöpfe, aber keins hat uns so interessiert wie dieses erste, das -überaus typisch für die hiesige Fauna ist. - -Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie ein Märchentraum, -voll von unerwarteten und phantastischen Bildern. Die Stunden flossen -schnell dahin und immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise -verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die wir mit Mühe -dicht am Ufer des Baches, der schon zu einem breiten schäumenden Strom -angewachsen war, hindurchdrangen; dann fuhren wir wieder auf die weite, -kreisförmige Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See ausbreitete -mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir fanden immer mehr Tiere vor. In -den Tiefen des Wassers schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der -Luft schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit dicken -Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das seltsamste ist, daß alle -Tiere auf dem Monde stumm sind. Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen -des Lebens, die auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur -wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen, zugleich mit dem -Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit unterbrechend. - -Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. Jeden -Augenblick mußten wir stehen bleiben und die um die Achsen geschlungenen -Farrenkräuter abwickeln, die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal -wieder fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast darin -stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir nicht gerade erfreut, -besonders da die Fahrt auch so schon sehr langsam vonstatten ging, weil -wir öfter anhalten mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die -Gegend zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. Nahrung -fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen uns hierbei die -Hunde. Immer herumsuchend und -schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige -Pflanzen oder schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem -Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene Torf war zwar -ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber wir mußten sparsam damit -umgehen, denn der Vorrat war nicht groß, und in der ganzen Gegend war -nichts zu finden, womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie -auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene breiten Blätter -sind so saftig, daß sie im Feuer kochen, statt zu brennen, und den Torf, -der fast die ganze Strecke des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit -hinter uns gelassen. - -Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten uns schließlich -entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge Feuermangels vor der Nacht -zu dem Polarlande zurückkehren sollten. Zunächst hatten wir die Absicht, -das letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken Frost mit -Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr. Ich war ebenfalls dafür, aber -Peter redete entschieden dagegen. - --- Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen Aufenthalt in dem -Polarlande verurteilen. Überlegt, daß wir gegenwärtig die Akkumulatoren -noch geladen haben und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird; -aber was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden des Mondes -aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten Akkumulatoren nicht -laden, wenn wir keine Möglichkeit zum Feuermachen hätten. - --- Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu nichts, bemerkte ich, -denn wir setzen uns damit der nächtlichen Kälte aus, die wir ohne Feuer -nicht überstehen würden ... - --- Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial finden ... - --- Wir können es aber auch ebensogut nicht finden. - --- Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir mit vollster -Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals finden werden. Übrigens -haben wir noch etwas Torf. Mit diesem Vorrat können wir im äußersten -Falle noch die Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden wir -dem Suchen widmen. - -Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden und fuhren -infolgedessen weiter in der Richtung des Äquators. - -Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel mit Wolken und es -fiel reichlicher Regen, der für uns ein sehr erwünschter Gast war, da er -die glühende und schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß -herabgefallen und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, als wir ein -seltsames Brausen vernahmen. - -Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenen -Flusses, aber bald überzeugten wir uns von dem eigentlichen Grund dieser -Erscheinung. Wir waren gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal, -nach Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende nicht -übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung kamen, bot sich uns ein -über alle Beschreibung prachtvoller Anblick. - -Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich ab, in breiten -Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene herabfallend, die sich bis an -die Grenze des Horizontes erstreckte. Der Fluß stürzte in schäumenden -Kaskaden über diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener -Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und sie in einem -gewundenen silbernen Bande durchfloß, das sich endlich in unermeßlicher -Ferne verlor. Soweit das Auge reichte, war das Land eben und flach, nur -in der Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute -Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie dafür geschaffene -Behälter. Derartige kleine und runde Gewässer waren überall auf der -ganzen Ebene verstreut. Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen -aus, die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem Plüsch -aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden sich silberne Bäche und größere -Flüsse. - -Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande der Terrasse -stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses eigenartige Land! - -Endlich sagte Martha: - --- Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ... - -In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut sein? Wir stellten -uns unwillkürlich diese Frage, während wir uns zum Hinabfahren über die -steilen Terrassenabhänge vorbereiteten. - -Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir den Wagen am Ufer -des Flusses stehen und machten uns sofort auf die Suche nach -Brennmaterial. Wir durchquerten die ganze Ebene der Breite und Länge -nach, gruben tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder -irgendeine Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um zu -versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber alles -vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon die Sonne untergehen, -als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose Suchen aufgaben. - -Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen schon zu bereuen das -Polarland so leichtsinnig verlassen zu haben. Die Angst schüttelte uns -bei dem Gedanken, was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht -viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen, damit er für die -ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den Vorrat ansahen, zeigte es sich, -daß auf vierundzwanzig Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal -für einen kleinen transportablen Ofen genügte. - --- Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam heizen müssen, sagte -Martha, als wir ihr die vorbereiteten Rationen zeigten. - -Peter zuckte die Achseln: - --- Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht erfrieren, da wir -keinen Torf haben; wir müssen uns gut zudecken. - --- Weshalb haben wir das Polarland verlassen? erwiderte Martha. Tom wird -die Kälte nicht ertragen, er ist so klein und zart. - --- Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne. - -Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des Kindes ihn -erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, erstens weil ich selbst -das prächtige Kind unaussprechlich lieb hatte und dann Marthas wegen. -Sie hing mit ganzer Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie -sie den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver Angst -vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind auch niemals bei Peter -allein, während sie es mir anvertraute, wenn sie mit etwas beschäftigt -war. - --- Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter weiter, und wenn -er auch erfrieren sollte ... - -Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich schweigend, aber heute -sprang sie plötzlich auf und stürzte mit flammenden Augen auf Peter zu. - --- Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tom _ist_ die wichtigste Person -und wird nicht erfrieren, denn erst werde ich dich töten und mit deinen -Knochen diesen Ofen heizen! - -Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches Stilett, dessen -Spitze man dort gewöhnlich vergiftet, vor seinen Augen. Wir wußten bis -zu dieser Zeit gar nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich -führte. - -Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu lächeln, aber in -der Stimme und im Blick der Malabarin lag eine so grausam unerbittliche -Drohung, daß er erblaßte und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu -verbergen ... - -Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um die Erregung -abzuschwächen. - --- Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr, rief ich. Komm, Peter, -wir wollen nachdenken, wie wir uns vor dem nächtlichen Frost in -Sicherheit bringen, ohne die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden! - -Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen Kräften gruben wir ein -tiefes Loch aus, in dem der Wagen bequem Platz hatte und nachdem wir ihn -dort hineingelassen bedeckten wir ihn von oben mit Erde und -abgeschnittenen Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, daß der -Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde und sich dementsprechend -leichter erwärmen ließe. - -Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit beendet hatten. -Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. Nach dem langen Tage war die -Luft warm und angenehm; eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die -sich langsam in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen -Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte Pokale oder, wenn -man gegen die Morgenröte auf sie schaute, wie mit Blut angefüllt ... - -Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung wollte -nicht recht in Fluß kommen. Der letzte Vorfall hatte einen zu starken -Eindruck hinterlassen; wir verstummten, und die Stille wurde bald -nur noch von dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit -zusammenfließenden Stimme Marthas, die dem Kinde weiche, gedehnte -indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. Ich lauschte diesen Tönen, auf -die in der Dämmerung verschwimmende Scheibe des Sees blickend, als mich -plötzlich ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. Ich -sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der Richtung nach der -Ebene aus: - --- Sieh, sieh! - -Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße, wie der Himmel sich -verdunkelte, erhellte sich der Boden. Zunächst schien es, als wenn eine -Handvoll kleiner, bläulichglänzender Funken am Ufer des Flusses -ausgestreut wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie flammten -rechts, links, vor uns, überall auf. Eine halbe Stunde später schimmerte -die ganze Ebene, als wenn sie mit einem blauen, sternenbesäten -Nebelschleier überzogen wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke -aus. - -Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie gebannt auf dieses -bezaubernde Bild. - -Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung erholt -hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf einer Phosphoreszierung jener -seltsamen Blattpflanzen beruhte, die diese ganze Fläche bedeckten. Die -innere Oberfläche dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht -unserer Wälder. - -Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so schnell, daß wir -keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. Die Flämmchen erloschen, eins -nach dem andern; die Blätter schlossen sich und rollten sich unter dem -Einflusse der Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen. - -Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste Zeit, uns in den -schützenden Wagen zu flüchten. - -Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir überstanden, dank -unserm Torfvorrat und der getroffenen Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen -verließen wir keinen Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was -draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich schon bemerkte, -ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war. Durch diese zwei Nachtwochen -waren wir somit von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als -unsere Kalenderuhren die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich, -hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog ich den -Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend konstruierte Wände einen -vorzüglichen Schutz bildeten. Draußen angelangt, überzeugte ich mich, -daß meine Vorsicht durchaus nicht überflüssig war. - -Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne -zunächst nicht erkennen. Alles war von einer dichten Schneeschicht, die -vom Froste schimmerte, bedeckt. Die Seeoberflächen waren zum Teil unter -dem Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben. Es -schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische Länder hinübergetragen -wäre. - -Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück, daß man noch -nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter weckte in uns keine freudige -Stimmung, da der Torfvorrat an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die -ganze Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als bei -Tagesanfang, ehe es »Frühling« wurde. Noch drei Erdentage mußten wir auf -ihn warten und, soweit es ging, ohne Feuer auskommen. Aber nach -siebzigstündigem Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der -Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern, alle Bäche -schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit hinauswagten, reckten -sich auf der vom Wasser triefenden Ebene schon mächtige verschieden -geformte Blätter der Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge -bedeckte noch ein weißer Schleier. - -Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten, mußten wir noch -verschieben, bis die Gegend etwas ausgetrocknet war. Indessen machten -wir uns aufs neue auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der -vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen Richtungen hin -unternahmen, kamen wir zufällig an ein tiefes Loch, das wir am -vorhergehenden Mondtage in der Hoffnung, Torf oder Kohle dort -anzutreffen, ausgegraben hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit -Wasser angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter, -scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden, blieb stehen -und begann sich die Öffnung genauer anzusehen. Ich war schon ein Stück -Wegs weitergegangen, als ich seine Stimme hörte: - --- Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich und sieh! - -Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er sich auf den Rand -des Loches, mit der anderen gab er mir Zeichen. Sein Gesicht, das über -die Öffnung geneigt war, brannte vor Erregung. - --- Was ist geschehen? - -Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das Wasser heraus, das von -sonderbarer, schmutziggelber Farbe war und hielt es mir unter die Nase. - --- Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch einziehend. - -Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu überzeugen, ob wir -uns nicht täuschten, tauchte ich ein Taschentuch in die Flüssigkeit und -steckte es an. Es flackerte in einer hellen roten Flamme empor, auf die -wir beide starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben -verkündete. - -Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu bringen. - -Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine ungeheure -Bedeutung. - -Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier bleiben, ohne die -kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel an gekochten Speisen. Einige -zehn Stunden widmeten wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser -gesegneten Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe -Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, soweit es nur -irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir schon alle Reservoirs gefüllt. -Jetzt hielten wir großen Rat ab, was weiter zu tun sei. Am -vernünftigsten wäre es hier zu bleiben, in der Nähe der -Petroleumquellen, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns -weiter zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen nicht weit -entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach für die Reise auch der -Umstand, daß wir am Strande infolge der großen Wasseransammlung ein -bedeutend milderes und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl wir -uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten wir nun einen so bedeutenden -Vorrat an Brennmaterial, daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur -versuchsweise anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger -Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn wir uns -hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten würden. - -Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch an derselben -Stelle der _See-Ebene_, wie wir jene große Fläche genannt haben, in der -Absicht, den Antritt der Reise bis zum nächsten Tage zu verschieben, da -es bedeutend angenehmer wäre, über dreihundert sonnige Stunden vor uns -zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der Nacht und der Kälte -nicht zu unterbrechen brauchten. Aber statt dessen brachen wir früh, -sowie nur die erste Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal -den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich fühlbar -machte. - -Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte: -Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert Kilometer von -der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten rechnend, über sechs -Wochen gestanden hatten. Zunächst beunruhigte uns das Schmelzen des -Schnees ungemein; der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu -unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns rechtzeitig, daß sich der -Wagen nach Anbringen eines entsprechenden Steuers und Einfügen von -Schaufeln in die Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln -ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht zu fürchten brauchten; -im Gegenteil, wir konnten sogar aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den -Fluten des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke war überaus -glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso der Wegweiser für uns war, -der uns zum Meere führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine -Unmenge Brennmaterial, da die starke Strömung uns von selbst so schnell -davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen, die Schaufelräder gar -nicht benötigten. - -Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf dem Wasser, nur selten -ans Ufer fahrend, um auszuruhen oder irgendeine interessante Gegend -näher zu besichtigen. - -Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit vorwärtsbewegt, -daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte, dessen Bett mehr als tief -genug für unser kleines Fahrzeug war. - -Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich. Eine -Zeitlang fuhren wir über eine breite und, wie es schien, trockene -Steppe, von einer kleinen, zarten Pflanzenwelt belebt, gänzlich -verschieden von den blättrigen Gebüschen, die höher am Strome wuchsen. -Es war etwas unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend. - -Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, und die runden Seen -mit den felsigen, wenig über die Oberfläche erhobenen Ufern zwischen -aufgeworfenen Hügeln, ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt -erstreckte sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne Flachebene, -von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen mit winzigen Pflanzen -oder gelbe Sandbänke abhoben, die die unbedeutenden Erhebungen -anfüllten. Der Strom breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir -den Motor in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder schneller -vorwärts zu kommen. - -Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette der felsigen Berge -näherten, die jene Steppe nach Norden abschloß. Der Fluß war hier auf -einer Strecke von einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß -die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß uns jeden Augenblick -fort und warf das Fahrzeug an die Felsen. Nur dem starken Bau des -Projektils, das jetzt in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu -verdanken, daß wir so davongekommen sind. - -Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen großen See. Seine -Ufer bildeten kleine Hügel, mit einer unerhört üppigen Flora bedeckt und -von zahlreichen Bächen durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir -bis jetzt auf dem Monde antrafen. - -Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der Himmel, der jetzt -fast immer heiter war, sich plötzlich mit dunklen Wolken überzog. Im -ersten Augenblick waren wir froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns -schon empfindlich zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen, -das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man hörte schon von weitem das -dumpfe Rollen des Donners, und der Himmel flammte seit Mittag in -blutigen Blitzen auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts -abbiegend, in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung in -Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud. - -Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der Tropenländer, aber -so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir nie vorstellen können. Betäubende -Donner flossen in ein unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen -standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, die dicht -nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt sind. Und der Regen ... -Nein, das war kein Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken -herabstürzenden Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in einen -hängenden, von wütenden Stürmen hin und her geschleuderten See. Die -Luft, mit Regen und den vom Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war -so mit Elektrizität geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, -- ein -seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten blutig geröteten -Wolken war die Atmosphäre mit einem Feuer von faustgroßen Tropfen -angefüllt, die triefendem zerschmolzenem Metall glichen. - -Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken öffneten sich wie -ein nach beiden Seiten auseinandergehender Vorhang, eine Aussicht auf -den blauen Himmel und die Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit, -aufzuatmen, verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum -begannen, begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von Süden -daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme von Wasser -herabzustürzen. - -Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig Stunden. -Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten wir auf die ungeheure -Ansammlung von Feuer, Wasser und Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit -Seilen an Wurzeln, die am Ufer hervorragten, befestigt hatten, -fürchteten wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier in der -Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden See hinausschleudern -könnte, den Winden und Wellen zum Fraß. - -Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; nur die -hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten noch dahin, die -stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend. Die Wasser hatten enorm -zugenommen. Wir mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie -wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder aufnehmen -konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, da die Strömung des -hochgehenden Flusses um vieles stärker geworden war. Unterwegs trafen -wir überall Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche -waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die hier schon dichte -Wälder sonderlich verflochtener Blätter und langer, dicker, fleischiger -Stengel bildeten, lagen vom Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder -Spalte schossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen flache -Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten Tierarten -ansammelte, die den Insekten ähnlich waren. - -Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert haben, wissen wir, -daß diese furchtbaren Stürme hier eine tägliche Erscheinung sind, in des -Sinnes wörtlicher Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze -in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres Grauens, -eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen und den Boden -austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier eine Unmöglichkeit. - -Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da sie ohne -besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft änderte sich stetig und mit -ihr auch die Flora, obwohl ich bemerken muß, daß die Flora auf diesem -Globus, der keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger ist -als auf der Erde. - -Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle gelangten, an der -der Strom sich auszubreiten und unzählige Flachstellen zu bilden begann, -die unsere Fahrt sehr erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten -der nahen Mündung sein müßten. - --- Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die Augen der Sonne -zuwendend, als wenn wir uns vergewissern wollten, ob der Tag noch -ausreichen würde, um zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen. - -Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben einige Male auf -seichten Stellen stecken, so daß wir endlich beschlossen, das Schiff -wieder in einen Wagen umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren. - -Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich mit Gras -bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten die Nähe des Meeres, wir glaubten -sogar, ein mächtiges gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen -Duft des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von der -Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung die Fahrt -nicht. - -Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf den Gipfeln jener -Sandhügel angekommen waren. Wir strengten den Blick an, um das Meer zu -sehen, aber es war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte -nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte -Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln und Rauschen eines -flutenden Wassers zu hören, es glitten dichte weiße Nebel oder Wolken -vorbei, wie irrende Geister auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im -Augenblick nicht, was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der -Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich ein Wind -erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten Bach enthüllte, der -zirka zehn Schritte vor uns auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins -floß, die stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten wir -nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke das Wasser sofort aufs -neue verhüllte und abermals nur das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren -drang. Die ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns in -Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins auf. Bald -befanden wir uns in einem dichten warmen Nebel. Die Räder des Wagens -dröhnten auf steinigem Boden. - -Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten wir, daß wir -uns am Rande eines jener Bassins befanden, von dem aus uns feuchte warme -Luft entgegenwehte. - --- Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde. - -In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden, da das -Wasser, das im Strome abfloß und sich in den Bassins ausbreitete, -zwanzig und einige Grad Celsius hatte. Es war nicht an der Zeit, in der -Dunkelheit die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem -glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht am Wasser zu -verbringen, das uns eine beträchtliche Menge Wärme spendete. Die Nacht -war ziemlich unruhig. Vier Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter -Schnee, und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor der Kälte -zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser des Bassins hinabstoßen -mußten. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind -für Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel -auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden Sterne. Dann -zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen blauen Lichtes, der sich -längs der Grenzen des Horizontes erstreckte. Wir wunderten uns über -diese Erscheinung, die dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die -phosphoreszierenden Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses -Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der uns -unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, als die Kälte, fern -von den warmen Quellen, schon äußerst heftig sein mußte. - -Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte uns. Gegen -Mitternacht machte sich eine starke Bewegung des Wassers fühlbar, zu der -sich ein dumpfes unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig -bemerkten wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich -säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war er erloschen, -aber bald flammte er wieder auf und blieb mit wenigen Unterbrechungen -vier irdische Tage hindurch am Himmel stehen, einem höllischen Geist, -der sich im Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste zeigt, -vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im Bassin, das durch die -fortwährenden Erschütterungen des Grundes gärte, hob sich noch -erheblich, so daß wir eher am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden -hatten. - -Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung, die uns -anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo in der Nähe ein -Vulkan befinde, dessen Ausbruch wir gerade vor uns haben. Es sprach -dafür auch das Vorhandensein der Warmwasserquellen, die meistens in -vulkanischen Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag bestätigte unsere -Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz der Helligkeit nichts sehen, da -die Nebel uns die Aussicht verhüllten. Erst vierzig Stunden nach -Sonnenaufgang verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag -an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen wir im -dichten Nebel, -- da plötzlich, als wenn sich ein Zaubervorhang gehoben -hätte, eröffnete sich uns ein breiter Ausblick! Wir standen wie -erstarrt, erschüttert vor Bewunderung und Freude. - -Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern -von der Stelle, wo wir standen, lag -- das Meer. Es waren seine von -kleinen Lebewesen phosphoreszierenden Fluten, die über dem blassen -Glanze in der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten. - -Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare, an den Ufern -durch das Eis noch abgeschnittene, aber weiter schon flutende und -bewegliche, von der Sonne vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von -unseren Füßen bis an die Grenzen des Horizontes. - -Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten Anblick so -begeistert, daß wir lange die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach -geraumer Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen der Erde nicht -bewunderten Majestät sattgesehen hatten, begannen wir uns die Gegend -näher zu betrachten. Im Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die -breite, von zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes, -auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise der vorhergehenden Tage -zurücklegten. Im Osten war die Landschaft außerordentlich wild und -mannigfaltig. Vor allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte -Kegelgipfel eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn -Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte, unsere -Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge dieser sich zum Meere -neigenden Berge waren von dichten Wäldern sonderbarer großer, seltsam -ineinandergewundener blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem -nächtlichen Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; näher vor -uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten Felsen und -kleinen rauchenden Seen zahlreiche perlende, in eine weiße Nebelwolke -gehüllte Geiser. Der von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen, -wälzte sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer -murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der Flora -verschwand, zum Meere eilend. - -So sollte unsere Odyssee enden ... - - - - - III. - - -Zehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den Strand des Meeres -gekommen sind, wo wir heute noch wohnen. Und wenig hat sich in all -dieser Zeit geändert. Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns -die lange Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten -wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans, den wir zur Erinnerung an -unsern teuren Freund »_Otamor_« genannt haben. Ebenso sprudeln die -Geiser, und der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über dem -einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein Winterhäuschen und -tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte, die uns als Sommerwohnung dient. -Und an dem sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder mit -einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur Welt gekommen sind, oder -sammeln Muscheln und Blumen. Auch wir haben uns längst an diese Welt -gewöhnt. Wir staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch über -die Tage, während denen die träge Sonne Feuer vom Himmel herabsendet; -die nachmittäglichen furchtbaren Gewitter, die regelrecht alle -siebenhundertneun Stunden über uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu -schrecken. Auf die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt, -die von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten -Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür wird die Erde in -unserer Erinnerung immer mehr einem Traume ähnlich, der vorübergezogen -und nur eine nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen -zurückließ. -- - -Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen über sie -- lange, -lange! Wir erzählen uns viel von den kurzen Tagen, den Wäldern, dem -Gesang der Vögel, von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von -einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas ungemein -Interessantem, und als wenn alles nur ein schönes Märchen wäre. Tom ist -schon ziemlich groß und vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie -einem wirklichen Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ... - -Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich -eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem zerbröckelten vulkanischen -Grunde entdeckten wir Stauden, deren Stämme und mächtige Wurzeln -genügendes Material bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen kann. -Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen gereinigten großen -Blätter, die überaus fest und dauerhaft sind, liefern uns das Leder und -aus den Fasern der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher -Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir nach langem Suchen -einen Braunkohlenflötz, und ebenso entdeckten wir Petroleumquellen, die -bedeutend näher liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel -und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. Das Meer -liefert uns zur Genüge brauchbare Muscheln und Bernstein, der sich von -dem irdischen nur durch eine flammendrote Farbe unterscheidet. - -Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. Es leben die -verschiedensten eßbaren Muscheltiere und eine Art von Fisch und Eidechse -darin, die ganz schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im -Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen kommt lebend -auf die Welt, sondern alle Tiere pflanzen sich durch Eierlegen fort. -Diese Eier sind gegen den Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus -schnell in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute, kräftige -Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die hier reichlich -gedeihen. - -Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, aber -jetzt haben wir uns schon vollständig daran gewöhnt. Alle hiesigen Tiere -haben ein zähes, übelriechendes Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die -Hunde verachten es nicht. - -Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier irgendwie -zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf die Suche nach Bau- und -Brennmaterial, worauf wir auf Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt -wurden, ein Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche der -Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste Nacht verbrachten. -Nach Beendigung dieser wichtigsten Arbeit machten wir Ausflüge in die -Umgegend, die wir vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit -Vorräten und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen wir immer mit -uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen Arbeitstiere; von den -Mondgeschöpfen züchten wir nur eine gewisse Art von großen beflügelten -Eidechsen, die nahrhafte, wohlschmeckende Eier legen. - -Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs dem Ufer haltend. Der -Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich -zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch -tiefe, landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder -solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen -mit sich; wir fanden immer etwas Neues oder lernten wenigstens die -Eigentümlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl -nun bis zum Tode bleiben werden. - -Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, unseres -Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut. -Außer dem Wohnhause hatten wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine, -einen Stall für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das Leben -hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit -nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer -war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde über uns. Das waren -qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir unserer -bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenüberstanden. Am -Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum -oder sammelten Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte uns die -Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über dem warmen Teiche -eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten wir uns, nur so viel wie -möglich zu schlafen. - -Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen wir schweigend da, -erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig -betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, daß nichts die Menschen -gegenseitig so verbittert wie das Unglück und die Langeweile. Ich hatte -leider Gelegenheit, das mehrfach bestätigt zu finden. - -Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, irgendwelche -Verbesserungen einführen, für die Zukunft sorgen können, aber der -Gedanke, daß wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu -absolut unfähig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß -sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, dem Gefühl -verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für diejenigen, die -nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist -alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und -wenn er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn -oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, findet? Bei Gott, ich -glaube, daß kein anderer Gedanke außer diesem einen furchtbaren: _ich -werde sterben_, in seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene -Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben -an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der -Mensch verlängert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene -Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß -auch dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so wird er in -seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen -Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm -Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht -erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem -Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und -seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen -selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen -Wandel hervorruft, ist tot. - -Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche Folgerungen, aber -ich bin mir erst auf dem Monde, während jener langen taten- und -hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht -klar darüber geworden. - -Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses großen Wassers zu -erforschen, das Land in seiner Länge und Breite zu durchqueren, seine -Berge und Flüsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu -beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern -die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig, -wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen lernen -werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber -der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber -das ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser -Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein -Ende nehmen ... - -Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses -staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der -Mond angefüllt ist wie ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden -der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren -Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werkstätten, an -die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, mit einem Worte, an die Hebung -des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft. - -Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl der Notwendigkeit, -hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten -sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu -rechtfertigen, denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus war. Auch -damals wußte ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden -Preis und auf jede Art, nur leben -- das ist alles! - -Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, vor allem, weil wir ihn -kalt und nüchtern faßten, wenigstens was mich betrifft ... - -Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, einer stillen, -selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie für mich begehrte, für meine -Sinne und mein Glück, war lange vorbei und, wie es mir schien, -unwiderruflich. Ich weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich -glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich nicht -wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur mit all ihren Gedanken -an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hängend. - -Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an -kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten -könnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich -erträumte mir das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht -vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde denjenigen, die -nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten, -Früchte tragen. - -Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich unpersönlich -waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir -unwillkürlich vor, daß es meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich -lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, -- meiner -Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn -ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmöglich zu sein ... - -Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für Menschen -geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. Wie wird, dachte ich, -das Schicksal der zukünftigen Menschheit sein, die hier leichtsinnig von -uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben -eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus -genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm -niemals würde entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird hier -immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und -- zu spät gekommen -ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mögen, -ein absterbender Globus. - -Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört kleinen Teil der -Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die -großartig und üppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische -besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind, -kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die Pracht einer -untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehört sich zu -entwickeln. Es ist reif, überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und -diese Natur, die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als -auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als sie -erkaltet und früher »Welt« geworden ist), hat es nicht vermocht, ein -vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte, -ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor -allem die Tatsache, daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige -Wesen geeignet ist. - -Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen -stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl ist stärker als der abstrakte -Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns -Menschen leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte -mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom wolle, um ihn vor dem -schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch -zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für -mich, um meiner selbst willen. - -Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber sicher ist, daß ihn -dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorüber, ehe wir beide -uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha -war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide -saßen schweigend am Meeresstrande. - -Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann -zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten. - --- Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut. - --- Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch -die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und während denen wir -in Wirklichkeit keine Untergänge hatten ... - --- Und was weiter? fragte Peter. - -Ich zuckte die Achseln. - --- Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige zehn oder hundert, -und dann wird es zu Ende sein. Tom wird allein bleiben. - --- Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer Weile fügte er -hinzu: - --- Jedenfalls steht es schlecht. - -Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem: - --- Martha ... - --- Ah, ja, Martha, wiederholte ich. - --- Man muß etwas beschließen! - -Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, an den ich -mich aus jener furchtbaren Fahrt durch das _Mare Frigoris_ nach -Woodbells Tod erinnerte. In mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in -die Augen und sagte mit Nachdruck: - --- Man muß. - -Er lächelte seltsam und antwortete nichts. - -An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit. Die -lange Nacht verging in Schweigen und Langerweile. Tom war nicht ganz -wohl und Martha sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir -beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und wer weiß, -ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt, der schändliche, -widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer Liebe für das Kind in uns -aufkeimte, um sie unseren Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls -bestärkte uns diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut -»etwas beschließen« müsse. - -Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit Peter in die Wälder zu -Füßen des Otamor. Während dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit -endgültig besprochen. Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen und -der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg zu treten. - -Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese Worte mit einer -sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. In Peters Munde klangen sie, -als er sie aussprach, fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht -täuschte ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen uns -beiden sollten wir Martha überlassen, und erst wenn sie keine Wahl -treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. Peter meinte zwar, daß eine -sofortige Entscheidung durch das Los ratsamer sei, da Martha sich -weigern würde, zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf -und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden -war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. Er gab, wie ich -bemerkte, nur ungern nach und als er endlich »ja« sagte, hatte er ein -eigenartiges Lächeln auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam -tückisch. - -Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende Unterredung noch -lange hinaus, denn wir waren uns gewiß darüber, daß Martha uns nur mit -Widerstreben anhören würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und -ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre; ich irrte -am Meere herum, das Herz von einer unklaren, quälenden Angst erfüllt. An -diesem Tage sollten sich unsere Schicksale entscheiden. - -Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die Sonne, die seit -hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete, sengte die Gegend mit einer -unerträglichen Glut, die Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden -Regen warteten. Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die Sonne schon -über den Äquator gezogen war, türmten sich dichte schwarze Wolken auf. -In geringen Zwischenräumen, während denen die Luft erkaltet und schwer -über uns hing, erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die -Meeresfluten an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die -perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den Felsen, die -tägliche Gewitterzeit verkündend. - -Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande zu der Höhle in der -Gegend der Geiser über, die uns für gewöhnlich als Schutz während des -Gewitters diente. Wir saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom -spazierte, sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen um -diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen Blick zuwarf -und sich dann mit dem Ausdruck eines plötzlichen Entschlusses zu Martha -wandte. - -Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte. Das herannahende -Gewitter wirkte immer erregend auf uns. An diesem Tage gesellte sich -noch die Aufregung der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem -befand sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen -Augen flackerten unruhig, die Brust hob und senkte sich in -ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen Wangen brannten dunkle Flecke. -Ich blickte ihn in ängstlicher Erwartung an, er aber fragte sie, ohne -jegliche Einleitung und Vorbereitung, ganz unvermittelt: - --- Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen? - -Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien zuerst nicht zu -verstehen, um was es sich handelte ... Sie sah erstaunt erst mich, dann -Peter an, dann wiederum mich und zuckte verächtlich die Achseln. - -Peter wiederholte: - --- Martha, wen von uns beiden wirst du wählen? - -Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr mehr sagen als diese -Frage, da sie plötzlich, alles verstehend, erblaßte und mit einem -leichten Schrei von ihrem Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder -das Stilett, mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte. - --- Von euch niemanden! rief sie. - -Peter trat ihr einen Schritt näher: - --- Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen! sagte er mit -Nachdruck. - -Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher wie zitternde Vögel. Es -schien mir, daß sie einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, mit einem -flehenden Ausdruck oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber nein, -das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es mir nur so, da sie -im nächsten Moment die Hand mit dem Stilett erhob und hart sagte: - --- Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig, wer es von euch -wagt, sich mir zu nähern! Ich will keinen von euch! - -Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte weicher von ihren -Lippen kamen und ihre Augen meinem Blick begegneten, aber das war -unzweifelhaft eine Täuschung. Ich war damals so erregt ... Mein Gott, -ich will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war! - -Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf die Erde und -schaute interessiert der ganzen Szene zu. - -Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte es. - --- Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm' ihm nicht zu nah'! Er ist -mein! - -Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem Kopf des Kleinen, -starrte er Martha hartnäckig mit einem verächtlichen Lächeln an. - --- Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich. - -Martha zögerte. - --- Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte sie fast -verständnislos. - --- Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ... - -Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen weit auf, als -wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde, den sie bisher nicht -bemerkt hatte, seufzte tief und ließ sich auf einen Stuhl fallen, da sie -anscheinend die Kräfte verließen. - --- Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd, mit ratloser -Verzweiflung auf das Kind sehend. - -Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären, daß sie aus -Liebe zu Tom einen von uns wählen müsse. Sie werde doch nicht ihren -geliebten Sohn zu einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor -allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll nach unserem -Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, verzweifelt wird er auf -diesen Bergen herumirren und am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch, -der einzige Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft -Unabwendbare denken: den Tod. - -Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben hat. Zu ewigem -Schweigen verurteilt, wird er, der zu niemandem sprechen kann, die -menschliche Sprache vergessen; die Worte, die er von uns gelernt hat, -wird er, eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der Wüste -zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht werden ihm -schließlich nur noch einige Worte in der Erinnerung bleiben, mit deren -Klang er spielen und kosen wird; obwohl das furchtbare Worte sein -müssen, die nichts als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer -ausdrücken. Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung bringen; -wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. Wenn er krank ist, wird -an seinem Lager nur das grauenhafte, höhnisch grinsende Gespenst des -Hungertodes stehen. Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er, -weil sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht mehr -fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird auch einer, ein -treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung eines Menschen, Freund -und Kamerad war, länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich, -entsetzt durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen, -angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon verwilderte, -werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... und ... sich eine Mahlzeit -bereiten aus der noch warmen Leiche des letzten Menschen auf dem Monde. - -Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen Tom nach unserem -Tode verurteilt sein wird, und ich, strafe mich Gott dafür, half ihm, -sich an der Qual dieses Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die -Ärmste zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns wählen müsse -... - -Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in ihren Zügen malte sich -anfänglich Erstaunen, dann der Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung, -Resignation. - -Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden Gewitters ... Martha -saß stumm da. - -Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit sei, einen -von uns zu heiraten, schien sie die Frage nicht gehört zu haben. Erst -als er sie wiederholte, zuckte sie zusammen und erhob das Haupt, als -wenn sie aus einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und sagte dann -dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend: - --- Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber das ist einerlei ... -Ihr habt recht ... Ich werde ... für Tom ... alles tun ... Sie seufzte -krampfartig und verstummte. - --- Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte er, sich zu ihr -neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber? - -Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich unwillkürlich zurück, -als wenn sie von Widerwillen geschüttelt würde, beherrschte sich aber -sofort und schaute uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es -mir, daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende Blick -eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und um Mitleid flehenden -Wildes. - -Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten Herzen zum Hirne. Auch -Peter mußte ihren Blick aufgefangen haben, denn er erblaßte und wandte -sich zu mir mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses. - -In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, lang anhaltendes Weinen -aus, warf sich auf den Boden und wimmerte verzweiflungsvoll: - --- Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas! - -Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden erlösen könne. -Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück. - --- Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten, sagte er, ziehen -wir Lose. - -Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül und furchtbar -zumute. Die Wolken bedeckten schon den halben Himmel; über dem Meer -flammten blendende Blitze auf. - -Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er selbst zu weinen. -Ich näherte mich ihm behutsam: - --- Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit der Hand ihre Schulter -berührend. - --- Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ... - --- Ziehen wir Lose! drängte Peter. - -Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen Hand zwei -Taschentuchenden haltend. - --- Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete auf die noch immer am -Boden Liegende. - -In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf fühlte ich eine -seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es fehlte mir nur der Atem, als -wenn jemand einen ganzen Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich -betrachtete die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand -hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung, die an einer -Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte ich mich an eine Szene auf -dem _Mare Imbrium_, wo wir ebenso Lose ziehen sollten -- um den Tod ... -wie jetzt um ... die Liebe! - -Peter wurde ungeduldig. - --- Zieh! rief er. - -Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine Augen starr auf -mich gerichtet. Ich verstand plötzlich alles. Wenn ich das Los ziehe, -werde ich diesen Mann sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten -Falle, mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die Tasche und -suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der Gedanke, daß ebensogut Peter -das Los ziehen konnte, was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf -dieses geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur ein -elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich nicht gegen ihn -empören? Perlender Schweiß bedeckte mir die Stirn. - -Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß sie für mich auch nur -ein ganz klein wenig mehr empfindet als für Peter, würde ich auf das Los -nicht warten. - -Aber so ... - -Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen ... Ihr! - -Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen ... oder -mich vor dem Zufall beugen? - -Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen und saß still da, -auf das weite Meer starrend, als wenn sie nicht wüßte, daß wir hier, -einige Schritte von ihr entfernt ... - -Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem Weibe erfaßte -mich. - -Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich berührte ich wieder -den Griff des Revolvers in meiner Tasche, wie irrsinnig um mich -blickend, wen ich ermorden sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom, -den wir zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten. - -Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven nach, und alles löste -sich in meinem Innern. Es blieb mir nur noch die Gleichgültigkeit und -- -der Stolz. Ich öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte. - --- Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme. - --- Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß. - --- Wie? - --- Wir werden keine Lose ziehen. - -Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die Hand in die Tasche, -und ich hörte das Knacken des Revolverabzuges. - -Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht. Mit einer -blitzschnellen Bewegung packte ich ihn bei den Händen. Er beugte sich -nach hinten und wand sich unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in -seinen Augen flammte das höchste Entsetzen. - -Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im ersten Augenblick -schien es mir, daß in ihm etwas wie Freude zitterte, aber dann dachte -ich, daß sie sich vielleicht um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er -blickte mir in die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut. Es -schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte und schüttelte den -Kopf. - --- Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich und ließ ihn los. - -Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich irr an, und dann -lächelte er gezwungen: - --- Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, ich bin jünger, also -mit Recht ... Aber, hier wurde seine Stimme tiefer, aber, versprichst du -mir, daß niemals ... niemals ... - -Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha. - -Ich sah ihm in die Augen. - --- Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir, du bist ... sagte -er schnell. - -Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter zögerte, wandte -sich dann schnell um und näherte sich Martha ... Auch ich schaute auf -sie und wieder trafen sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach -jetzt Haß und eine grenzenlose Verachtung. - --- Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter. - --- Ich weiß es. - -Ihre Worte klangen ganz gleichgültig. - --- Martha ... - --- Was? - --- Das Gewitter kommt heran ... - --- Ich sehe es ... - -Peter seufzte nervös ... - --- Komm, flüchten wir uns in die Höhle. - -In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; durch die -krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen nur mühsam die abgerissenen -Sätze hervor und seinen Körper schüttelten Fieberschauer. - -Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur ihre gedämpfte, -gleichgültige Stimme: - --- Gut. Ich komme ... - -Peter zögerte noch: - --- Martha, gib mir zuerst das Stilett. - -Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den Steinen klirrte, und -ging, ohne sich umzusehen, in die Grotte. Peter ergriff Tom beim -Händchen und lief ihr nach. - -Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den schwarzen -Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes Dröhnen des Donners -verkündete den Anfang des Gewitters. Strömender Regen stürzte herab und -erfrischte die verbrannte, ausgetrocknete Erde! - -Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die Fliesen, in -verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend ... - -Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte sich in -endlosen Regengüssen. - -So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde. - - - - - IV. - - -Es begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ... Meine Beziehungen -zu Peter waren niemals herzlich, und was Martha betrifft, konnte ich -mich nicht überwinden, ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand -zwischen uns; ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder -sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine andere geworden, -kaum mehr zu erkennen. Abgemagert und blaß, fast häßlich, verschlossen, -wenig sprechend, schien sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie -allein mit Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das Wunder -bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen Augenblick im Lächeln -des Glücks erhellten. Der Sohn war für sie alles. Sie dachte nur an ihn. -Sie nahm ihn oft auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder -erzählte ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: von -der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau, von dem Vater, -der in dem Grabe auf der furchtbaren Wüste schlief, von sich selbst ... - -Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung gegen das -Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem Blicke an, daß ich, der -ich seinen Charakter kannte, zitterte, er könne ihm ein Leid antun. -Übrigens war er auch auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied, -was ihm dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha allein -und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit ihr. Wenn ich aber hie -und da ein Wort mit ihr wechselte, fühlte ich stets seinen unruhigen, -haßerfüllten Blick. - -Schwer und traurig war Marthas Leben und das meinige, aber ich glaube, -er war der Unglücklichste von uns dreien. Martha hatte wenigstens einen -Trost in dem Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung -eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, lebte von -Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten, ihm kalt und -gleichgültig gegenüberstehenden Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich -habe mich unwillkürlich von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar allen -seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder Minute, daß sie ihn -lediglich als das Werkzeug betrachtete, durch das sie dem geliebten Sohn -den Segen der menschlichen Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte. -Ich habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres, herzlicheres -Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre Hände oder ihr Antlitz mit -Küssen bedeckte, wehrte sie es nicht, aber sie saß unbeweglich und -gleichgültig, in ihren Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des -Ekels. - -Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um bei ihr ein -Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu erzwingen, als wenn man -Liebe erzwingen könnte! Es gab Augenblicke wo er ihr drohte und sich -bemühte ihr seine Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann -gleichgültig und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm zu -widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas befahl, tat sie -es ohne zu murren, aber auch ohne zu lächeln, genau wie wenn er sie um -etwas bat. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in -ihr Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus dieser furchtbaren -Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff also das letzte Mittel: er -verfolgte Tom. In meiner Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu -berühren; ich sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmern -würde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte und er wußte, daß -ich seit jenem denkwürdigen Mittag den Revolver stets bei mir trug. Aber -sobald ich fort war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und -zufällig erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, ohne ein Wort -zu verlieren, mit dem Stilett, das ich aufhob und ihr zurückgab, nachdem -sie es damals, in die Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte. - -Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem Extrem ins andere -fallend, zu ihren Füßen und schluchzte und flehte um Erbarmen. - -Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. Ich kehrte gerade -von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten Petroleumquellen zurück und -hörte, als ich mich dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters -Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir auf dem Hügel -angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher Blick auf das Meer und die -Berge eröffnete. Zu ihren Füßen im Sande lag Peter. Die -zusammengefalteten Hände stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu -ihr, mit flehendem Blick und erstickter Stimme. - --- Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! Siehst du nicht, -was mit mir vorgeht! Das ist doch grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur -Raserei, verliere die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes -Weinen unterbrach seine Worte. - -Martha zuckte nicht einmal. - --- Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach einer Weile. - --- Ich will deine Liebe! - --- Du bist mein Mann ... - --- Liebe mich! - --- Gut. Ich liebe dich ... - -Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so furchtbaren -Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges Gefühl durchlief. - -Peter sprang auf. - --- Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich. - --- Ich werde dich nicht reizen. - -Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern; seine Züge hatten -sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich griff ich zum Revolver; -mein Blut hämmerte in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht -zittern würde. - --- Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder in einem Ton, als -wenn sie sagte: Willst du Wasser trinken? - --- Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... bis ... - --- Gut. Schlage mich ... - -Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener. - -Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem entsetzlichen Auftritt -ein Ende zu machen. - -Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare innere Kämpfe -mitanzusehen, war mir im höchsten Maße qualvoll, und da auch sie mich -zum Teile mieden, wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, so -ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen Mondtage in vollster -Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich langsam daran gewöhnt. Übrigens -konnte ich schon jetzt mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und -Langeweile ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte. -Wohl hatte ich mir die Ehe »eines von uns« mit Martha anders -vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren, stillen, wenn auch von -Sehnsucht nicht freien Idylle, von einem neuen herzlichen Band, das -unsern kleinen Kreis vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme -geführten Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge und die -Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen sollen, drehen würden. -Aber wenn auch die Wirklichkeit all diese schönen Träume vernichtete, so -hatte sie mir doch ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein -neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, diese nicht von -mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur Welt kamen. Auf langen, einsamen -Wanderungen dachte ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich -Vorräte, erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen nieder; für -sie holte ich die von der Erde mitgenommene Bibliothek aus dem Staube -hervor und ordnete die Bücher; für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt -und Kalk gebrannt, um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines -astronomisches Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen oder -aus dem Silber, das sich hier in großen Massen findet, verschiedene -Geräte geschmiedet, Glas, Papier und andere für den zivilisierten -Menschen unentbehrliche Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so -unaussprechlich auf diese Kinder gefreut, die erst geboren werden -sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen endlich alles zum -Besseren wenden, ihr Lachen und ihre hellen Stimmchen diese drückend -schwüle Atmosphäre verwehen müßten, die zwischen uns herrschte. - -Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. In nicht ganz -einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei Töchter. Sie kamen in der Nacht -zur Welt. Als ich vom Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes -schwaches Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen Freude -erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir ein furchtbarer -Schmerz das Herz zusammen und ich konnte nur mit Mühe die aufsteigenden -Tränen zurückhalten. Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen -lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen. - --- Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich, Onkel, was weint -dort so? Etwa Mütterchen? - --- Nein, Kind, nicht Mütterchen weint, das ... sind so kleine Kinder wie -du, vielleicht noch kleiner. - -Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken. - --- Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte er gespannt. - -Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich aufmerksam an. - --- Onkel, und weshalb weinst du? fragte er plötzlich. - -Ja, wahrhaftig, Tränen flossen mir aus den Augen. Weshalb weinte ich? - --- Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr meinen Gedanken -antwortend als ihm. - -Das Kind schüttelte mit großer Würde den Kopf. - --- Das ist nicht wahr! Ich weiß, Onkel, daß du nicht dumm bist. -Mütterchen sagte nicht so. Mütterchen sagte, daß der Onkel gut ist, sehr -gut, nur ... nur ... - --- Nur was? Wie sagte dir Mütterchen? - --- Ich habe vergessen ... - -In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand -Peter. Er war blaß und sichtlich erschüttert. Er lächelte mir bitter zu, -aber ehrlich, zum erstenmal seit einem Jahr, und sagte: - --- Zwei Töchter ... - -Und dann: - --- Jan, Martha will, daß du ihr Tom bringst. - -Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn erblickte, streckte sie -beide Hände nach ihm aus. - --- Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen, zwei auf einmal! Das -ist für dich! Du wirst mir verzeihen, Tom, nicht wahr? Du wirst -verzeihen ... Aber das ist für dich, nur für dich, mein Liebster, -einziger, geliebter Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme, das -Kind an ihre Brust drückend. - -Tom dachte nach. - --- Mütterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen tun? - --- Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen, lieben, kratzen, -küssen, alles, was du willst, und sie werden dir gehorchen und für dich -arbeiten, wenn sie groß sind, hörst du? - --- Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha, das sind _meine_ -Kinder! - -Sie sah ihn kühl an: - --- Ich weiß es, Peter, das sind _deine_ Kinder ... - -Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie stürzen wollte, -aber er hielt sich zurück und sich ihrem Lager nähernd, sagte er so -sanft er konnte: - --- Das sind _unsere_ Kinder, Martha. Hast du für mich kein Wort? Nichts? -... - --- O ja. Ich danke dir. - -Darauf begann sie wieder das helle Köpfchen des Sohnes zu streicheln und -leidenschaftlich zu küssen: - --- Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Söhnchen ... - -Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und mir wurde es schwül und -bange. Es war etwas Ungeheures in dieser ausschließlichen Liebe der -Mutter. - -Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte nicht viel in -unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. Die Beziehungen Marthas und -Peters blieben immer dieselben. Ich fühlte seit langem alles mit Martha; -aber jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden. Er -wurde stumm und finster. In jedem seiner Worte, in jeder seiner -Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung und Niedergedrücktheit. Einige -Jahre jünger als ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen. -Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden Glanz. Niemals -hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens diesen unverbrauchten -Organismus, der siegreich und kraftvoll am besten von uns allen die -unerhörten Mühen der Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen -könne. Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich ihr keine -Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, der gestorben war; außer -für ihn und für ihren Sohn gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen -- -das war das ganze Unglück. - -Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie kümmerte sich -zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich, daß sie dies nur mit -dem Gedanken an Tom tat. Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller -Spielzeuge für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener Tiere, -die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen, weil ihr Verlust kostspielig -wäre. Sogar die Art, wie sie von den Töchtern sprach, bewies das, denn -sie sagte stets: Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde noch -finsterer. - -Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und nahmen, vor allem -in den ersten Monaten, Marthas ganze Zeit in Anspruch; auf diese Weise -war Tom meist unter meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das -Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt. Er frug mich -über alle möglichen Dinge aus und sprach mit mir wie ein Erwachsener. In -kurzer Zeit hatte ich mich so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war, -ohne seine Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage war -ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm ich auf alle, sogar die -weiten Ausflüge Tom mit mir. Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn -sie wußte, daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu Hause, -da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte. - -Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden im Gespann zu -gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit auf dem Mond genügte uns -dieses Gespann vollständig, bequem und schnell von einem Ort zum andern -fahren zu können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die zwei und -mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit Rücksicht auf die kalten -Nächte, einen dicht verschlossenen, von einem Elektromotor getriebenen -und heizbaren Wagen mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt -hatte, indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war außer für Tom -und mich noch für zwei Hunde Platz, ebenso für reichliche -Nahrungsvorräte und Brennmaterial. - -Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen Strand des -Mittelmeeres auf dem Monde und kamen nach Osten und Westen, und zwar so -weit, bis uns die schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste -zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte Punkt, -wohin wir gelangten, war das _Mare Humboltianum_, eine Ebene, die -ungefähr unter derselben Mondbreite gelegen wie das _Mare Frigoris_, -manchmal von der Erde, während günstiger Librationen des Mondes, -sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen auf dem rechten Segment -des oberen Teiles der silbernen Scheibe. - -Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem Horizont -emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, zweiwöchige Nacht daselbst -aufgehalten, um mich an dem Anblick dieser seit langem nicht gesehenen, -seit länger noch verlorenen heimatlichen Welt zu laben. - -Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen Fülle (wir befanden uns -nämlich auf dem neunzigsten Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren -Halbkugel des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende, etwas -gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden hellen Linien -Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, heiße Sehnsucht nach -diesem Globus, der am Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich, -hinausgetrieben aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung -für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und ich streckte mit -einer unverständigen beinah kindlichen, aber nicht zurückzuhaltenden -Bewegung die Hände nach ihm aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn -auch ... nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die -Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande gesehen hatte: -schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines blutigen Brandes, und eine -unbeschreibliche Traurigkeit kam über mich. - -Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften, die -dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht vernichten, ja sogar -der allbezwingende, unerbittliche Tod, sind uns hierher gefolgt auf -diesen Globus, der bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit -thronte. Überall lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin -trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks. - -Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er stand neben mir, eben -aus einem langen Schlaf erwacht, und schaute auf das ihm unbekannte -leuchtende Rund am Himmel. - --- Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem Händchen nach -oben deutend. - --- Du weißt doch, das ist die Erde, ich sagte dir öfter, daß ich dich -hierherführen würde, um sie dir zu zeigen. Übrigens sahst du sie ja -bereits, als wir hergekommen sind, erinnerst du dich nicht? - --- Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die andere war anders, -auf der einen Seite zackig und diese ist rund. - --- Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile nach. - --- Onkel ... - --- Was? - --- Ich weiß es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen oder hat sich -morgens entrollt wie diese großen Blätter. - -Ich bemühte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache der Veränderung der -Erde zu erklären. Er hörte zerstreut zu und verstand scheinbar nicht, -was ich sagte. - -Endlich unterbrach er mich mit der Frage: - --- Onkel, und was ist das, diese Erde? - -Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß dort Meere sind, -Berge und Länder und Flüsse wie auf dem Monde, nur weit größer und -schöner; daß es dort viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man -Städte nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen -wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir von dort auf den Mond -gekommen sind: ich und die Mutter und Peter und sein Vater, der nicht -mehr lebt, und sogar die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen -er so gerne spielt. - -Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung mit großem -Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und sagte, meinen Bart -streichelnd: - --- Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach' bitte keinen Spaß, -sondern sage ganz vernünftig, was ist das, diese Erde? - -Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur Seite biegend, schauten -sie ebenfalls neugierig auf die am Himmel leuchtende Scheibe. - -Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die Rückfahrt an. Die Erde, -durch den Tagesglanz verblaßt, schien hinter uns nur noch wie eine -aschgraue, kreisförmige Wolke, die über dem Horizont sichtbar war. - -Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach Süden. Der Strand -des Meeres, der sich in gebrochener Linie erstreckt, ungefähr zwischen -dem fünfzigsten und sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des -140.° östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere -Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine Meerenge, -die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel vereinigt. Ich wollte -mich darüber orientieren und auf jener Halbkugel vordringen, aber dies -gelang mir nur bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu -war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren trotz der Nähe der -Meere so kalt, daß sie mich an die Fröste erinnerten, die auf der -luftlosen Halbkugel herrschten, und während der furchtbaren Glut des -Tages hörten die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war -felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein Leben, nichts -- -nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen Meeren, aus denen die -scharfen Spitzen vulkanischer Inseln herausragten, die nicht selten -durch eine Rauchwolke oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren. -Öfter während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich Tom mit mir -genommen hatte, weil ich fürchtete, wir würden beide ums Leben kommen. -Da wir der steilen Berge wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht -vorwärtskamen, hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich zu Füßen -wilder und phantastischer Felsen eine etliche hundert Meter breite Ebene -erstreckte. Es war schon gegen Mittag, und das Meer durch die Flut, die -von der Anziehungskraft der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen ist, -so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche des Strandes -erreichte. Da ich eine Überschwemmung des Weges, den wir passierten, -befürchtete, sah ich mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um, -als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her vorausging. Die -mächtigen Wogen ergossen sich über den Strand; eine davon traf unseren -Wagen und warf ihn zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es -war keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit einer Kette an -dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen dicht geschlossen hatte begann -ich, Tom auf die Schultern nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich -habe im ganzen Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals. -Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem verwitterten Felsen, -mit der andern Hand hatte ich den Knaben gefaßt, der vor Entsetzen -zitterte; unter mir das tobende, schäumende Meer und über mir eine -Wolke, aus der sich die Donner entluden und strömender Regen -herabstürzte. Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor dem Orkan, -sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken, die, durch den Sturm -vom Gipfel losgerissen, wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe -geschleudert worden. Diese furchtbare Situation machte die Angst um den -Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch qualvoller. Wenn die Wellen -die Kette losrissen und den Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen -zerschmettern, ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir -unrettbar dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte, -ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach Hause gelangen konnten. Als -ich die Stelle erreicht hatte, wo ich Tom unter einen Felsen setzen, -zudecken und so festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit -war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen besser zu -befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir endlich, ihn in eine Kluft -zu bringen, wo er vor den Wellen geschützt war. - -Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit ihm, das Ende des -Gewitters abwartend. Das verängstigte Kind schmiegte sich an mich und -frug weinend, warum wir hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht -antworten, weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem die -Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb wir auf den Mond -gekommen sind ... - -Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger geworden, wählte -ich einen Weg, der hoch über dem Meeresspiegel führte. - -Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den uns während der -Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle andern Ausflüge legten wir ohne -Abenteuer in froher Stimmung zurück. - -Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten Elektromotor, der -sich einst im Besitz der unglücklichen Remogners befand, haben Peter und -ich ausgebessert und in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung -der treibenden Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu -Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom des Vormittags -oder in der Abendzeit aufs hohe Meer hinaus. - -Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel, die in jeder -Beziehung beachtenswert war. Schon von weitem erstaunte ich über ihre -Gestalt ... - -Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren entweder -durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres gehoben, oder die Gipfel vom -Wasser überfluteter Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich -sofort den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen -Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im Südwesten erhob -sich eine niedere Bergkette, die seit uralten Zeiten von Regen und Sturm -zerbröckelt schien. Ihre Ufer waren steil und scheinbar durch die -Brandung zerfressen, denn das Meer war in einem großen Umkreis so flach -und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer fiel, mit der nicht -tiefgehenden Schaluppe zu landen. - -Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte Stückchen Boden, das -den uns bekannten Mondgegenden so gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm -uns die vollständig verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie -anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere -Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern Erde -traf ich kaum mehr als drei oder vier Stauden an, die mir bereits -bekannt waren, aber dafür eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner -anderen Stelle vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. Sie -machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, überall -ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch, wie durch ein Wunder erhalten, -existierte und von der Art des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen -Zeiten Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder waren und das -Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe dachte ich, als ich die -Tiere erblickte, die auf dieser seltsamen Insel hausten. Es waren nicht -viel, und sie unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten. -Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen und -Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese gebrechlichen, -degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schauten -mich verständig und prüfend, aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund, -den ich mit mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen die -Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige Zischlaute aus. -Wie ich mich überzeugte, waren das die einzigen Laute, die sie von sich -geben konnten. - -Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über alles und blieb -fortwährend stehen, mit einem farbigen Stein oder einer Muschel -beschäftigt oder eine duftende Pflanze betrachtend, die durch die -Stellung der Blätter an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade -einige Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm: - --- Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne Stöcke! - -Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde sitzend, von einer -Unmenge weißer dünner langer Knochen umgeben. Ich prüfte sie näher und -wußte auf dem Monde kein Tier, von dem sie herrühren konnten. - -Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen Knochen einen -merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück dicken, auf der einen Seite -stark gebogenen Kupferblechs, das seiner Form nach an ein breites Messer -erinnerte. Das Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn -dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so hatten auf -dem Monde einst verständige Wesen gelebt. - -Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst auf dem _Mare -Imbrium_ vor uns auftauchte und die so denkwürdig war durch den -entsetzlichen Vorfall, der den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten -damals jene Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher -betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals etwas, das für -die Existenz vernünftiger Geschöpfe hier lange, lange vor unserer -Ankunft zu sprechen schien. - -Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene zu Füßen -der Bergkette liegende Grotten, fand aber nichts, was mich hätte von der -Richtigkeit meiner Vermutungen überzeugen können. Zwar schien es mir, -daß ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer -zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des kleinen Teiches sah -ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln, die gewissermaßen -Einschnitte hatten, und der Damm, der den Bach verhinderte sich in den -Teich zu ergießen, schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen -Richtung wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest einer -zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso das Werk des Zufalls -sein oder nicht verständiger, aber schlauer Tiere. Auf der Erde erheben -doch zum Beispiel die Biber die interessantesten Bauten. - -Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber die -vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen, daß diese -Insel das Überbleibsel eines größeren, im Meere verschwundenen Stück -Landes sei, und gaben ein annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich -auf ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen -Epoche vorausgingen. - -Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und oft kam ich hierher, -um von den Berggipfeln auf das sich rings erstreckende, von der Sonne -golden gefärbte Meer zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der -Rest dieses Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches -Leben. - -Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter Vulkane, über denen -der finstere, fast unaufhörlich mit einer Feuersbrunst umlohte, mächtige -Otamor thronte. Das Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge -wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem dumpfen Brausen, -das etwas vom Rauschen dahingegangener Äonen, etwas von der -geheimnisvollen Stimme der menschlichen Seele an sich hatte, in -Halbschlaf gewiegt, träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen -sein mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich. - -Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich damals die -Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend, erst auf der Oberfläche ab, -und die Sonne ging, infolge der schnelleren Drehbewegung des -Mondklumpens, die im Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über -diese Länder und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und -Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne Frost und ohne -unerträgliche Gluten. Damals stand auch die Sonne nicht über der -furchtbaren Wüste des Todes, sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und -untergehend ... Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose -Ebene. - -Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre auf dieser -Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde wendend, die Luft verlor -und mit ihr das Wasser, so weit alle Spur des früheren Lebens -verwischen, daß es heute scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre -seit Anfang der Welt. Tomas hat das einst angenommen. - -Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem unaufhörlichen -eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen Lebens vernehme. -Wälder von hohen mächtigen Bäumen, die sich vor dem Froste der langen -Nacht, die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen, -ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben Tiere, kräftig, -riesenhaft, die Vorfahren der heute auf dieser Welt degenerierten -Nachkömmlinge; zwischen den Ästen schlagen die Flügel fliegender -Eidechsen ... Es ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den -Nebeln der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle Rund -der Erde. - -Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende Licht von den -Mauern herrlicher Städte, von schlanken Türmen herab verständige Augen -schauten? Ob sich nicht Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den -silbernen Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen? - -Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst vermutete, daß auf -diesem mächtigen Globus, der zwischen den Himmeln hing, ebenfalls -denkende Wesen sind, ob man nicht erriet, wie sie leben und aussehen? - -Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere Richtung; sie riß -sich vom Monde los wie ein aus dem Käfig flatternder Vogel und eilte -weiter, Hunderttausende Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde, -die mir die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch -malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel der Berge. - -Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel; das lange -Schweigen machte ihn ungeduldig. - -Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter den Kleinen -sehnsüchtig erwartete. - -Hier gehörte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm ihn zärtlich in ihre -Arme, und wenn die leidenschaftlichen Umarmungen und Küsse beendet -waren, setzte sie sich mit ihm auf die Schwelle und begann ihre sich -stets wiederholende Erzählung von dem jungen, schönen und guten -Engländer, seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war, und der unter -dem Sande der großen, stillen Mondwüste schlummerte. Eigentlich erzählte -sie das mehr sich selbst als dem Sohne, und ihre heißen Tränen flossen -auf das helle Köpfchen des Kindes. - -Peter grübelte gebrochen und niedergedrückt im Hause über etwas nach -oder ging nach den Mädchen zu sehen. - -Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurück, um in der -Einsamkeit zu träumen oder mich mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen. - -Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und unter, die Erdenjahre -schwanden, mühsam an den Mondtagen gezählt; Tom wurde größer und die -Mädchen liefen schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber für mich hat -sich nichts geändert. - -Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wüsten Lande umher, verbrachte -lange Stunden auf der Friedhofinsel, und wenn ich nach Hause kam, -blickte ich auf Martha, die immer gleich traurig und schweigsam war, und -auf Peter, der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen ... - -Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig in meinem Herzen -und wuchs mit den Jahren, bis sie schließlich eine furchtbare, -unerträgliche, mich zu Boden drückende Last wurde. Um mich vor ihr zu -schützen, dachte ich an das neue Geschlecht, unternahm große -Wanderungen, ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der -Unterbrechung, wenn ich müde und erschöpft niedersank, kehrte sie wieder --- sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte mir die blassen Züge meiner -Kameraden hier und gaukelte mir Träume vor von jenen dort, die ich auf -ewig verlassen hatte ... - - - - - V. - - -Dort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten anzeigt und der -Lauf der Sonne, deren Bahn sich hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen, -dort auf der Erde, näherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende, -seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum drittenmal Mutter -werden sollte. Sie erwartete die Geburt des Kindes mit Ungeduld, denn -sie hoffte, daß es ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum -Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach langer -Unterbrechung heranrückte, sagte sie zu uns: - --- Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich einen Diener -und Sklaven gebe ... - -Sie sagte das scheinbar gleichgültig, als wenn sie eine ganz natürliche -Sache erwähnte, aber ich hatte das Gefühl, aus ihrem Ton noch etwas -Unausgesprochenes herauszuhören ... - -Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, wie das Stöhnen -eines Arbeiters, der eine freiwillig aufgenommene Last von seinen -Schultern wirft, von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie -getragen hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last -zusammenbrach, sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel. - -Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit ergeben. Sie -verwundete ihn mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit allem, was sie tat -und sagte und dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es -unbewußt geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. Aber damals, -nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem Blick an und lächelte -verächtlich und dann streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den -Knaben bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er ihn -lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, aber für sein -Alter auffallend schmächtig. Der Stiefvater schob den breiten Ärmel der -Bluse des Kindes zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug -leicht mit der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften und -Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch, und die Hand auf -den Kopf des verängstigten Knaben legend, zischte er, Martha anstarrend, -jedes Wort betonend, durch die Zähne: - --- Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu befehlen, aber sein -Bruder kann stärker sein. - -Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben. Aber ihre Besorgnis -dauerte nicht lange. In den glänzenden Augen des Kindes las sie -scheinbar das, was zu allen Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen -Ordnung geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete kurz: - --- Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer sein sollte. - -In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger Knabe, -ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte Energie. Er entwickelte -sich schnell und auf eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz -anders, wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der Erde -entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und hatte einen so -ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal staunten. Es war keine -Spur einer kindlichen Schwärmerei an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern, -so entsetzlich nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich auf -dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die Gedanken, von -keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und klar dahinflossen wie unter -dem kahlen Schädel eines Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel -Herz: er liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter -konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie sein Vater, -war er in Peters Gegenwart verängstigt und verwirrt. Übrigens weiß ich -es nicht einmal, ob ich die Ausdrücke recht gewählt habe, um zu -beschreiben, was in der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters -vorgehen mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig, daß es schien, -als wenn er lieber alle Qualen ausstehen würde als die Lippen öffnen. -Nur die Augen irrten unruhig umher. In seinem Benehmen war Angst, aber -auch Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin. Peter fühlte -und sah das, und es schien mir, daß er schon damals dieses seltsame Kind -fürchtete. - -Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum Gehorchen -geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, weltumfassenden -Geistes der Engländer in ihm und zu viel flammendes Blut der stolzen -Radschas aus Travancore. - -Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder bekommen sollte, -der größer und stärker ist als er, dieser genau so hinter ihm herlaufen -und ebenso demütig in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen -Schwestern Lilli und Rosa. - -Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein drittes Mädchen zur Welt, -das wir Ada tauften. - -Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt dieses Kindes. - --- Tom, sagte sie einige Stunden später, als wir auf ihren Wunsch den -Knaben an das Lager gebracht hatten, Tom, du wirst keinen Bruder mehr -haben, aber du hast dafür drei Schwestern. Sie müssen dir genügen als -Ehefrauen, als Kameraden, als Dienerinnen ... - -Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten Mädchen, was er mit -der neuen Schwester tun solle, sondern schaute sich nach Lilli und Rosa -um, die sich in einer Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie -gewöhnlich mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen; er berührte -leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskräften schreiende Geschöpf -und sagte, ernst mit dem Kopfe nickend: - --- Sie werden genügen, Mütterchen, sie werden genügen ... - --- Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und das Benehmen des -Kindes unangenehm berührt, du mußt gut zu ihnen sein. - --- Weshalb? fragte er naiv. - --- Damit sie dich lieb haben, antwortete ich. - --- Sie lieben mich auch so ... - --- Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mädchen fast einstimmig. - --- Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du, denn sie lieben -dich, obwohl du es nicht immer verdienst. Aber diese Kleine könnte dich -vielleicht auch _nicht_ lieben .. - -Tom antwortete nichts; ich bemerkte, daß er voller Mißmut auf das -Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen zusammenzog. - -Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren wurde, er wäre -sein Sklave oder -- sein Feind geworden. - -Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare Ironie des -menschlichen Daseins nach, die uns von der Erde auf den Mond nachfolgte. -Zu O'Tamor eilten meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so schön -vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern Marthas und Tomas', -die vor dem schlechten Einfluß der irdischen »Zivilisation« bewahrt -blieben, ein neues, ideales Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd -und unbekannt wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks auf -der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und denke mir, daß der kluge, -edle O'Tamor nur eines vergessen hat, nämlich daß die Nachkommenschaft -des Menschen sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen wird, die -in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, was der Jammer der -menschlichen Geschlechter geworden ist. Und ist es nicht die grausamste -Ironie, daß der Mensch seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die -Sterne hinüberträgt, die am fernen Himmel über ihm leuchten? - -Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens wird dadurch die Zeit -der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten hinausgerückt, und wir werden -vielleicht indessen sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen -... - -Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu geschaffen sind, ihm -zu gehorchen. Sie werden am Ende nicht einmal das ihnen zugefügte -Unrecht verstehen, sondern glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und -Herr sich ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich Lilli und -Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen ist noch zu klein, sie -ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung kaum drei Jahre alt, um -irgendwelche Vermutungen bezüglich ihrer zukünftigen Stellung zu dem -Stiefbruder auszusprechen. Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt -wie die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig. - -Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und der geistigen -Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der letzten Zeit meine einzige, -wenn auch traurige Zerstreuung. In physischer Beziehung haben sie sich -den Bedingungen der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen immer -fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so viele Jahre hier leben, -vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein Schwieriges ist zum Beispiel für -uns die Regulierung des Schlafes. Während des langen Tages müssen wir -fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das bringt das -Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil der Zeit, während der die -Sonne am Himmel steht, durch den Schlaf verlieren; das ist etwas -Unnatürliches und infolgedessen wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen -wir zwei Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit -und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile gequält. Die Kinder, -die hier geboren sind, schlafen am Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens -zwei Stunden in zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast -die ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden nach -Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher Schlaf. Wenn sie -in der Nacht aufwachen, so ist das nur auf zwei, drei, höchstens vier -Stunden, worauf sie wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die -Zieselmäuse oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste zarte -Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages verkündet. - -Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich besser als wir. Die -Hitze schwächt sie nicht in dem Maße und ruft nicht die Erregung noch -den Schlaf hervor wie bei uns. - -Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch gegen die Kälte -viel abgehärteter sind als wir älteren. Am Morgen, wenn es am kältesten -ist, laufen sie, eben vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und -entfernen sich, sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im -äußersten Notfalle ins Freie wagen. - -Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer Tom. Die beiden -älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso wie der alte Wotan, anscheinend -von derselben blinden Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese -Mädchen bilden den ständigen Hof Toms. - -Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen gehen, der früh -nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich auf der Eisbahn am Strande des in -der Nacht zugefrorenen Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich -überzeugt, daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller Frühe -- -auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht auf diesen Einfall -gekommen sind! Alle hiesigen Tiere graben sich zum Schutze vor der Kälte -in die Erde ein und schlafen während der Nacht. - -Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche Witterung hat, -herausbekommen. Er suchte unter dem Schnee die Schlupfwinkel der -verschiedenartigsten kleinen Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie -aufwachten. Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon -bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute uns schöne -dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem Schildpatt sehr ähnlich ist. -Das Jagen ist während des Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch -den sie verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind. Wie -groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens mehrere Häute -brachte, unter denen einige frisch waren und der Rest sehr sorgsam -gegerbt! Diese letzteren stammten von früheren Jagden. Der Junge sah, -wie wir die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen Muscheln -gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher Menge am Meeresstrande -befand, gegerbt haben, und machte das alles auf eigene Faust und nicht -viel schlechter als wir! - -Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt, kannte er schon genau -unsere Fabriken und verstand den Zweck und die Bedeutung jeder -Einrichtung, die Brauchbarkeit eines jeden Instrumentes und Materials. -Ich habe die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber für -Bücher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert ihn alles, was -einen praktischen Wert hat, um andere Dinge kümmert er sich sehr wenig. -Ich wollte ihn die Geographie der Erde lehren, die Geschichte der -dortigen Völker, ihn mit den seinem Verstande zugänglichen Meisterwerken -großer Schriftsteller bekannt machen, aber ich bemerkte sehr bald, daß -ihn das absolut nicht interessierte, so großes Interesse er auf anderen -Gebieten zeigte. Zunächst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich -glaubte, daß ich in ihm einen historischen und ästhetischen Sinn wecken -könne; erst als er mich während einer derartigen Lehrstunde einmal ganz -unvermittelt fragte: - --- Onkel, warum erzählst du mir das alles? -- gab ich die -diesbezüglichen Bemühungen auf. - -Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der Tat, wozu? -... Und er sagte weiter: - --- Das alles, was du mir da erzählst, soll wahrscheinlich auf der Erde -sein, die ich, wie ich mich erinnere, während eines Ausfluges gesehen -habe, wie eine große leuchtende Kugel, und von der du, Onkel, -hierhergekommen sein sollst, nicht wahr? - --- Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin, und von der -überhaupt die Menschen stammen. - -Der Knabe sah mich an, als wenn er zögerte zu sagen was er dachte, und -endlich kam es mit etwas schüchterner Miene heraus: - --- Aber ich weiß nicht, Onkel, ob das alles wahr ist. - -Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie bei einem Kinde, dem -man Dinge erzählt, die sich auf einem entfernten und nur einmal von ihm -gesehenen Planeten abspielen, ganz natürlich ist. - --- Hast du dich jemals überzeugt, daß ich die Unwahrheit spreche? - --- Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er etwas leiser -hinzufügte: - --- Aber jetzt kann ich mich nicht davon überzeugen, daß du die Wahrheit -sprichst ... - -Ich nahm eine Uhr aus der Tasche. - --- Weißt du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst du, daß ich oder Peter -oder deine Mutter ein solches Werk herstellen können? Du siehst auch -Bücher, die wir nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir -gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn wir es nicht von -der Erde mitgebracht hätten? Und wenn wir von der Erde hierhergekommen -sind, so müssen wir doch wissen, wie es dort ist und aussieht. - -Der Knabe dachte nach. - --- Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die Erde kommen? - --- Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen. - --- Weißt du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche Bücher und -Vergrößerungsgläser machen und erzähle mir nicht mehr davon, wie man da -von einem Europa nach Amerika fährt, oder was dieser Alexander der Große -gemacht hat und der andere, Napoleon ... - -Ich mußte in meinem Innern zugeben, daß Tom recht hatte. Er war doch -niemals und wird niemals dort sein, wozu soll ich ihm also erzählen, was -mich nur deswegen angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese -Belehrungen sind nutzlos für ihn; und wenn er oder seine -Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren wollen, von der -vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen dringt, daß man sie, die -Mutter des menschlichen Geschlechts, am Himmel leuchtend von den Grenzen -der toten Wüste aus sehen kann, so werden diese Bücher, die wir -mitgebracht haben, den zukünftigen Mondbewohnern märchenhafter -erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten Geschichten aus -»Tausendundeiner Nacht«. - -Seitdem beschloß ich, Tom nur das beizubringen, was in seinem -zukünftigen Leben auf dem Monde einen realen Wert für ihn hat. Dazu -zeigte er auch eine ungewöhnliche Lust. - -Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah, daß sie ihm von -Nutzen sein könnten. So interessierte ihn zum Beispiel anfangs die -Astronomie sehr wenig, aber er beschäftigte sich mit wahrem Feuereifer -mit ihr, als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte, den man -aus der Messung des Höhenstandes der Sterne ziehen kann. - -Ich bin überzeugt, daß, wenn wir die Bücher nicht mit hierhergebracht -hätten, die nach uns bleiben, den kommenden Generationen die ideale -Seite dieses kleinen Teiles der von der Erde überlieferten geistigen -Arbeit des Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des -unzweifelhaft befähigten, aber unerhört nüchternen Tom würde sie sicher -nicht fortleben. Und doch denke ich immer und immer an dieses künftige -Geschlecht. Es soll, dahin geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht -wild aufwachsen und dahinleben, sondern wissen, daß der menschliche -Geist mächtig ist, daß er Großes und Schönes schafft und seinen Gott -über den goldenen Sternen sucht! Daß er unaufhaltsam vorwärtsdringt und -in glühendem Begehren nach Wahrheit und Schönheit strebt. Daß dieser -Geist die stärkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen mit der ihn -umgebenden Natur ist, und sie ihn schätzen lernen und aus seiner Kraft -Nutzen ziehen. - -Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen, obwohl er leider so -wenig Verständnis dafür hat; ich lechze danach, als wenn ich fürchtete, -daß mir die Zeit dazu fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle -sterben, wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des Mondvolkes -nur mehr er sein und diese alten Bücher, die zugleich mit den Menschen -von dem fernen Planeten auf diese Welt geschleudert wurden. - -Als ich ihm einst sagte, er müsse fleißig sein und alles lernen, nicht -nur das, was ihm gefällt, denn er würde in Zukunft der Erzieher des -neuen Geschlechts sein, schaute er mich erstaunt an und fragte: - --- Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du kannst doch alles ... - --- Ich werde dann nicht mehr leben. - --- Wer wird dich töten? - -Tom verstand nicht, daß es einen natürlichen Tod gibt. Er sah die -getöteten Tiere und tötete sie selbst, aber er sah noch nie ein -sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann die Notwendigkeit des Todes zu -erklären. Er hörte mir aufmerksam zu, dann unterbrach er mich plötzlich, -indem er rief: - --- Also wird auch Peter sterben? - --- Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie schließlich du selbst -... - -Tom schüttelte den Kopf: - --- Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich davon? - -Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung und setzte ihm -abermals auseinander, daß der Tod nicht von dem menschlichen Willen -abhänge, aber Tom war nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas -anderes. Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd: - --- Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher sterben wie du, -zuerst von uns allen, er soll bald sterben. Er ist doch vollständig -unnötig. Dann würdest du allein mit uns und der Mutter bleiben und es -wäre uns allen wohl ... - -Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod wünschen dürfe und um -so weniger Peter, der doch der Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa -sei. Er schaute finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll: - --- Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner Schwestern? Du bist mir -viel lieber als Peter und auch der Mutter ... Peter ist überflüssig. - -Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens erbeben, und -gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn das war ein Gedanke, der in -letzter Zeit auch mir öfter durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht -anklagen. Ich hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem -freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten eines -gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was ich gekämpft, was ich -gelitten habe, das kann ich heute nicht mehr mit Worten schildern. - -Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und einzige auf dieser -Welt, stets um mich, ich sah, daß sie unglücklich war und manchmal -redete ich mir sogar ein, daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage, -wo ich, auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche -preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt, weil ich -glaubte, es nicht länger ertragen zu können. - -Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, obwohl mir das -Blut oft den Blick verschleierte und der Krampf meine Brust -zusammenschnürte, ich habe es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen, -die mich im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem Wahnsinn -nahe brachten. - -An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um Martha ziehen sollten, -dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, daß ich mit der Zeit ruhiger -würde und vergessen könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin, -vergeblich irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete -ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das künftige Geschlecht: -Sie ist mir stets ebenso teuer wie damals, dort im Polarlande, als ich -nach langer, dank ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit -ihr auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte, über -gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge sprechend. - -Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig, aber mein Geist -beginnt zu altern, ich fühle es; die Sehnsucht nach der Erde lastet auf -meiner Seele und eine immer größere Trauer greift um sich in meinem -Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke auch nur noch -durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem Herzen will nicht älter und -schwächer werden, im Gegenteil, sie wächst mit dem Alter, zugleich mit -der mich immer mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich -bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen. - -Manchmal versuche ich es, zu spötteln. Ich wiederhole mir brutal, daß -ich Martha nur deswegen liebe, weil sie die einzige Frau auf dem Monde -ist und nicht mir gehört; daß dieses erhabene Gefühl ein nur in dem -Prisma des menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang -ist, und viele, viele ähnliche Dinge; aber nachdem ich mir das alles zum -hundertstenmal gesagt habe, suchen meine Augen unwillkürlich Martha und -ich fühle, daß ich mich freudig ans Kreuz schlagen ließe, wenn ich -dadurch ein einziges heiteres Lächeln auf ihre Lippen zaubern könnte. - -Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar auf einem -anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten auch das Gefühl des -Rechts. Ich weiß nicht, ob das auf den Folgen der Erziehung oder auf -einer angeborenen geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, daß es -in uns lebt und sich laut vernehmen läßt, sogar da, wo es niemanden -gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen könnte. - -Martha gehörte zu Peter. Ich war damit einverstanden gewesen, und dieser -Gedanke, mag es sein wie es will, hielt mich von manchem zurück, was ich -sonst vielleicht getan hätte. Ich bemühte mich, sie zu meiden, um meinen -Verdacht vor mir selbst, daß ich mich ihr zu gefallen bemühte, zunichte -zu machen. Übrigens suchte auch sie nicht meine Gesellschaft; ich -bemerkte sogar, daß meine Gegenwart sie stets mit Unruhe erfüllte. Aber -das alles hat sich seit der Geburt des jüngsten Mädchens geändert, da es -nach dieser zum vollständigen Bruch zwischen Martha und Peter gekommen -ist. - -Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas vor Sonnenuntergang, -saßen wir beisammen, was sehr selten vorkam, und schauten schweigend auf -das weite Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten, die, -leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen zu -phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel des Otamor war -vollständig blutig gefärbt, auf der schwarzen Rauchwolke, die über dem -Krater hing, leuchteten ebenfalls dunkelrote Reflexe. - -Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung zu verändern, ohne -uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo in weite Fernen starrten, begann -sie zu sprechen, scheinbar ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging, -daß ihre Stimme anfangs zitterte. - --- Ich habe ein großes Verbrechen begangen, sagte sie, denn ich hielt -meinem verstorbenen Manne die Treue nicht, und gern werde ich dafür -büßen, Hunderttausende von Jahren in verschiedenen Verkörperungen ... -Aber ihr wißt, daß ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in -dem er selbst wiedergeboren ist und für mich lebt. Ich habe niemals -daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht und welche Absichten ihr -hattet, geht mich nichts an; ich wollte, daß Tom Schwestern und einen -Bruder bekommt, er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern, und -ich denke, daß ich meine Pflicht erfüllt habe ... Eine schwere Pflicht, -du weißt es, Peter. Du tust mir leid, denn du täuschtest dich, daß du -mir etwas mehr sein könntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber -jetzt hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurück zur Freiheit! Ich -frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben willst: ich nehme -sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein Weib ... - -Sie seufzte tief auf und verstummte. - -Wir waren so überrascht, sowohl durch ihre Worte, wie auch durch die -Art, wie sie sie hervorbrachte, daß wir eine Weile schweigend dasaßen, -ohne eine Antwort finden zu können. Was sollte man ihr auch erwidern? -Sie wartete ja nicht einmal darauf ... »Ich nehme mir die Freiheit ... -Ich bin nicht mehr dein Weib« ... Einen ungeheuren Eindruck haben diese -Worte auf mich gemacht. Eine Zeitlang dröhnten sie mir in den Ohren wie -die Losung eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas, das ich -nicht einmal zu erträumen wagte, wie ... Nein, ich kann es nicht mehr -schildern, was in meinem Innern vorging! Es schien mir, als wenn dieser -eine Satz all das Traurige, das an mir vorübergegangen, verwischte und -vernichtete; in der Brust empfand ich eine Fülle, ein Glücksgefühl; das -Blut jagte mir durch die Adern und meine Pulse flogen. - -Ich blickte auf Martha. - -Sie saß unbeweglich und still da, auf das Meer starrend, nur ein -unsagbar trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen, als wenn sie weinen -wollte. - -»Ich nehme mir die Freiheit« ... so hatten diese Lippen vor kurzem -gesprochen. - -Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten jetzt deutlich, daß sie diese -Freiheit nicht als Flügel betrachtete, die zum Fluge bestimmt sind, -sondern als einen Schleier, der das Recht der Ruhe bedeutet. Daß diese -Freiheit für sie keine Dämmerung ist, die den Tag verkündet, vielmehr -eine Dämmerung, die dem Ausruhen vorangeht. - -In ihren Augen erglänzten Tränen, und durch diese Tränen starrte sie -unaufhörlich in die Ferne, auf das von der Sonne vergoldete Mondmeer. - -Das Herz schnürte sich mir in schmerzhaftem Krampf zusammen, denn ich -begriff endlich, daß man sich von der Vergangenheit abwenden kann, aber -daß es unmöglich ist, sie auszulöschen. - -Peter indessen sagte trocken: - --- Mir ist alles einerlei. - -Und nach einer Weile fügte er hinzu: - --- Was beabsichtigst du jetzt zu tun? - -Martha zuckte zusammen: - --- Nichts ... Noch ein wenig für Tom zu leben, für die Kinder. Und dann -... - --- Für die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo. - -Vom Strande kamen gerade die beiden Mädchen gesprungen, lachend, -strahlend, die Schürzchen voll gesammelter Steine, Muscheln und -Bernstein. Sie riefen laut nach Tom, der auf dem nahen Bache Mühlen -baute. - -Peter folgte ihnen langsam mit den Augen. - --- Für die Kinder ... wiederholte er noch einmal und stützte den Kopf -auf die Hände. - -Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die Sonne berührte -schon den Horizont, und die Welt begann sich aus dem Gold in Purpur zu -färben. Ein leichter Wind trug uns vom Meer den scharfen Duft der -Wasserpflanzen zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande -zerschlagenden Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen der -Kinder. - -Plötzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter. - --- Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen Ton, wie ich ihn -schon lange nicht mehr bei ihr gehört hatte, vergib, ich war vielleicht -... ungerecht ... vergib, aber ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann -nicht ... Es tut mir leid, daß du durch mich ... ein solches Leben -hattest ... - -Sie streckte ihm die Hand entgegen. - -Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann auf ihre -ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und brach plötzlich in -ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus. - --- Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem Wort, nach so viel -Jahren, ha, ha, willst du Freiheit? Ein guter Gedanke. Vielleicht eine -neue Wahl? Ha! ha! ha! »Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.« - -Er lachte wie toll und stieß verschiedene unverständliche Worte hervor. -Dann brach er plötzlich ab, wandte sich um und schritt zum Hause. - -Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck des Widerwillens -und der Demütigung in den Zügen, bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam -verweigerten und sie in ein lautes Weinen ausbrach -- zum erstenmal seit -damals, als sie Peters Weib wurde. - -Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrückter als gewöhnlich. - -Die lange, vierzehntägige Nacht verbrachten wir fast ohne miteinander zu -sprechen. Am andern Tage nahm scheinbar alles seinen alten -gewohnten Lauf. Wir machten uns sofort am Morgen an die üblichen -Tagesbeschäftigungen, sprachen sogar zusammen wie früher, die -»Scheidung« nicht erwähnend, die sich seit jenem Abend tatsächlich -vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen Peter und Martha -waren derart, daß wir alle ihren Bruch als eine Erleichterung empfanden. -Ich bemerkte vor allem eine vorteilhafte Veränderung in Marthas -Stimmung. Ich will nicht sagen, daß sie heiterer war, aber der Druck, -der immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach -freimütiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl er die -herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so brutal von sich wies. - -Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich immer ein Rätsel -bleiben. - -Scheinbar hatte er alles gleichgültig hingenommen, und das widerwärtige -Lachen an jenem Abend, als Martha den Bruch herbeiführte, war die -einzige Äußerung seiner verborgenen Gefühle. Und dennoch, wie viel Leid, -wie viel Demütigung und Schmerz mußte sich in der leidenschaftlichen -Seele dieses Mannes angehäuft haben! Und welche Kraft des Willens -gehörte dazu, um all das herunterzuwürgen und in sich zu verschließen! -Denn er liebte sie trotz alledem -- und liebt sie bis zu diesem -Augenblick; in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel. - -Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag zu mir, als ich -gerade von einem Ausflug auf das Meer zurückkehrte und das Boot an einem -Pfahl am Strande festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, als -wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend die Worte -nicht. Dann, als wenn er plötzlich einen Entschluß gefaßt hätte, packte -er mich bei der Hand und sagte, mir scharf in die Augen sehend: - --- Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir damals, als ich -Martha nahm, gegeben hast ... - -Ich blickte ihn erstaunt an und wußte noch nicht, wo er hinauswollte. - --- Du hast mir damals versprochen, daß du dich niemals darum bemühen -willst, Martha für dich zu gewinnen -- niemals! Erinnerst du dich? - -Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. - -Peter lächelte bitter. - --- Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie du willst. Aber erst -... knalle mich nieder. - -Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher Leidenschaft, -daß mich ein Schauer durchlief. Ich wollte ihm antworten, ihn beruhigen, -aber er wartete es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich. - -Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten Kämpfe und Qualen. -Martha gehörte in der Tat keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es -ein zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken: ein -Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch nach Ruhe sehnte, um der -Erinnerung an den geliebten Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um -ihren Sohn und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich war, -daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches Unrecht gewesen wäre. -Und dennoch gab es Augenblicke, wo ich meine ganze Energie aufbieten -mußte, um Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte, -und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige Versuchungen -quälten mich vor allem dann, wenn ich glaubte, bei Martha eine wachsende -Zuneigung für mich zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich -wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im Kopfe, und ich -sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten wir beide miteinander -glücklich sein! Aber alsbald kam wieder die Ernüchterung. Martha ist -mir, so dachte ich weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals -zwischen sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig Geliebten -getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer Gefühle verletzte, nie -ihren Körper berührte noch ihre Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur -jenem geweiht hat, der unter dem Sande des _Mare Frigoris_ schläft, für -mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert hätte ... - -Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ... - -Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel des Kraters -Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause unter dem Schutze Toms, dem man -sie schon anvertrauen konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus -durch das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze Wälder -mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, gelangten wir auf -eine abschüssige Ebene, die einer weiten Alm ähnlich und mit flach am -Boden wachsendem, großblättrigen Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns -der Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf, wenn es -möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen, um den großartigen Anblick -zu genießen, der sich von der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen -Gegend bieten mußte. - -Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte ziemlich steil in -die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, die zwischen den Felsen der -erkalteten und verwitterten Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen -Teile bis an die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem Monde -ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen als auf der -Erde, wo der menschliche Körper sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem -war es keine geringe Mühe. - -Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir uns direkt unter der -Wand des Kraters, aber jede weitere Ersteigung erwies sich als -vollständig ausgeschlossen. Oben auf der Höhe taute der Schnee durch die -heißen Dämpfe, die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen -Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das herabtriefende Wasser -gefror im Winde und bedeckte die Felsen mit einer glänzenden Eisdecke, -auf der man sich nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der -Unmöglichkeit eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten wir -uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr auszuruhen und die Gegend -anzusehen. - -Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns, hinter den schwarzen -Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte sich das Meer in grenzenlose -Fernen, alle Regenbogenfarben spielend und mit Inseln übersät, die -kleinen schwarzen Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder -buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen Osten, zeigten -sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte Gipfel und Ringe -kleinerer Krater, zwischen denen hie und da das blaue Band eines Baches -glänzte. Zur Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine -weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, von einem in -Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, auf dem in der Ferne wie -Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von -grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten. - -Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen Anblick, als uns -ein dumpfes unterirdisches Rollen aufschreckte. Die Dämpfe, die sich -über dem Krater erhoben, wurden schwärzer und drängten sich zu einem -mächtigen Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende Asche auf uns -herniederzustäuben begann. Man mußte so schnell wie möglich umkehren, da -anscheinend ein Vulkanausbruch in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht -mehr, rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den halben Weg in -jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter den Wäldern endete, -zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem unterirdischen Dröhnen die -Felsen erbebten; von allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis -dahin schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf. - -Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den Augenblick -erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen konnten. Der Himmel -über uns war mit dichten Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen -Höllenrachen; das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, und die von -Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte Luft würgte uns und benahm uns -den Atem. Von oben fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den -schmutzigen Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir mußten -uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit Asche und Erde -gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees ergoß, eiligst flüchten. - -Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen des Bodens, die -wir fühlen konnten, mußten eine große Ausdehnung auch am Fuß der Berge -annehmen, denn als der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und -den Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor uns, und -- -wir sahen auf das stürmende, schäumende Meer. - -Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine Landzunge an der -Stelle erhob, wo die Bergrinne nach unten mündend nach zwei Seiten -auseinanderging, von oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt, -verbrachten wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben schwebend. Martha -zitterte für die Kinder. Tom war zwar mit dem Erdbeben bekannt, das oft -und sehr gefahrvoll in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner -Umsicht und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch mich quälte der -Gedanke, daß, im Fall unseres Todes, auch die Kinder, sich selbst -überlassen, dem unabwendbaren Tode verfallen wären. Peter war -gleichgültig und ruhig, oder wenigstens stellte er sich so. - -Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, der sich plötzlich vom -Meere erhob, reinigte die Luft und trieb die dünner werdenden -Rauchwolken langsam auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken hörte -auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade zur weiteren Rückkehr -aufbrechen, als uns ein seltsames Zischen und Sausen über uns von neuem -beunruhigte. Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor um zu -sehen, was das bedeute, aber kaum stand er auf dem vorspringenden -Felsen, als er einen Schrei des Entsetzens ausstieß. Ein glühender -Lavastrom stürzte dröhnend durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß -Peter zu uns zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich -ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging und fegte ihn -vor unseren Augen fort, daß wir anfangs nicht wußten, was mit ihm -geschehen war. - -Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. Beide -Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden Masse -ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren Feuer- und Steinkaskaden in -die Tiefe hinabwälzte. Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der -Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava die Rückkehr -abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen zwischen den Rinnen -ausfüllen oder, was schlimmer wäre, unsern Steinwerder zermalmen und -davontragen, wie die Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln -davonträgt. Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, den ich im -ersten Augenblick für verloren hielt, nahm Martha, die vor Schreck -ohnmächtig geworden war, auf die Schultern und begann mich so schnell -wie möglich herabzulassen, an dem zerrissenen Kamm der zwischen den -Bergrinnen emporragenden Kante einen Halt suchend. - -Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu denken! Die -Felsen, an denen sich die höllische Flut brach, bebten unter meinen -Füßen wie der Boden eines Schiffes, das mit voller Dampfkraft gegen den -Wind fährt. Eine entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing -ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine Bewegungen im -höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles tun, um nicht auszugleiten, denn -jeder falsche Schritt bedeutete den Tod. - -Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, von dem heißen -Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, von einem gräßlichen Sausen -betäubt und zerschlagen von den herabfallenden Steinen, mit Martha auf -die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten hatten, kann -ich heute nicht mehr sagen. - -Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo seitwärts durch die -Wälder ab, die einen Moment aufrauchten, und hinterließ in der Mitte ein -mächtiges freies Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr -sich erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand schuf, -der sich über tausend Meter unter uns erstreckte. - -Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. Nachdem sie die -Augen aufgeschlagen und sich überzeugt hatte, daß uns keine Gefahr mehr -drohe, frug sie sofort nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei -und wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden, noch ehe der -Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände entgegen und sagte, wie -damals im Polarlande, als ich sie nach der Überschwemmung gesucht hatte: - --- Mein Freund, mein lieber Freund ... - -In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches und Süßes, das meinen -Körper erschauern machte und mir die Kehle wie im Krampf -zusammenschnürte. Ich neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht -verrieten. - --- Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr, das Leben Toms, dem -wir noch notwendig sind. Du bist gut ... flüsterte sie und preßte meinen -Kopf an ihre Brust. - -Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr das Kleid unter -dem Halse aufgerissen. Nun berührte ich mit der Stirn diese entblößte -Brust, und gleichzeitig fühlte ich ihre Tränen mein Haar benetzen. - -Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses Weib, das noch -so schön und so über alle Maßen begehrenswert war, vor mir; ich brauchte -nur die Hand auszustrecken, sie an mich zu reißen, mit Küssen zu -bedecken, in glühenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde mir schwarz vor -den Augen, in den Ohren dröhnte und sauste es, meine Pulse flogen; ich -fühlte die Wärme und Weichheit ihres Körpers, sein Duft berauschte mich -und machte mich wahnsinnig ... - -Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen auf diesem -Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als Leiche zwischen den Steinen -... - -Und übrigens, was geht mich Peter an, was geht mich die ganze Welt an, -wenn nur sie ... Eine unaussprechliche Zärtlichkeit, ein unermeßliches -Glücksgefühl überströmte mein ganzes Wesen. - -Nein! - -Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurück. Peter liegt -vielleicht in diesem Augenblick irgendwo auf dem Felsen, blutig, halb -tot und wartet auf Rettung, während ich ... - -Martha schaute mich an und -- verstand. - --- Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete, obwohl ich -kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht, geh und suche Peter. - -Dann erhob sie sich und drückte mir die Hand. - -Ich fand Peter tatsächlich nicht weit von der Stelle, wo der Orkan ihn -hinabgestoßen hatte. Er lag bewußtlos an einen spitzen Felsen gelehnt, -der ihn vor dem Hinabsausen in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir -trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mühen gelang es, ihm die -Gesundheit wiederzugeben. - -Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen, und ich, an den -Augenblick der Schwäche denkend, bemühe mich um so eifriger, mit meinem -Willen stets über diesem Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die -menschliche Seele ausmacht. - -Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und finster auf der -Schwelle des Hauses und vielleicht, ich weiß es nicht, vielleicht tut es -ihm leid, daß er auf den Abhängen des Otamor sein Leben damals nicht -lassen durfte. - -Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch diese Kinder -meiner nicht mehr bedürfen. Ich will mir ein Grab errichten -- auf der -Friedhofinsel. - - - - - VI. - - - Nach sechs Tagen ... - -Ich blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen Mondtagen -niederschrieb und meine Augen trüben sich, nicht mehr von Tränen, denn -die sind längst vertrocknet; nein, es ist, als wenn Entsetzen und -Verzweiflung sie mir wie mit heißem Sande geblendet hätten. Nicht für -mich habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ... - -Weshalb ... weshalb! - -Eine ewig stumme, qualvolle Frage -- ohne Antwort. - -Ich bin allein geblieben. - -Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind. Ich bin der letzte -Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen, die von der Erde gekommen -sind. Die beiden andern, Martha und Peter, sind O'Tamor, den Remogners, -sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe. - -Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefürchtet und -- am wenigsten -erwartet habe. - -Und wenn ich bedenke, daß das alles so schnell geschehen konnte! Sechs -Mondtage, ein halbes irdisches Jahr! Wer hätte das damals geglaubt! Und -zum drittenmal schon ist diese träge Sonne über diesem Meer aufgegangen, -seit ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so grauenhaft -allein, daß ich während der finstern Nächte aufspringe und herumlaufe -und am Tage jedes Geräusch und die Schatten der sich im Winde wiegenden -Pflanzenungeheuer fürchte. - -Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder können mir nicht nahe stehen. Das -sind Wesen aus einer anderen Welt, in des Wortes wahrster Bedeutung. - -Was würde ich dafür geben, wenn auch nur für einen Augenblick, Martha -oder Peter hier bei mir zu haben! - -Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, daß das so furchtbar -enden sollte. - -Ich bemerkte zwar schon lange, daß ihr Organismus erschöpft war von all -dem, was sie durchgemacht hatte, daß Kummer und Trauer an ihrem Leben -nagten, aber dieser Gedanke war doch so fern von mir, so fern! - -Am letzten Mondtage begann Martha zu kränkeln. Noch stiller und -nachdenklicher wie gewöhnlich, verbrachte sie fast die ganze Zeit mit -den Kindern am Meeresstrande. Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar -die Mädchen, die sehr erstaunt waren über die so seltene Zärtlichkeit -der Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um ihr zu sagen, daß -sie nach Hause zu den Teichen zurückkehren müsse, da die Gewitter im -Anzuge seien, lächelte sie mir zu und wiederholte einigemal: - --- Ja, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren, es ist Zeit, -zurückzukehren ... - -All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im Gedächtnis, stehen -so klar vor meiner Seele, daß ich sie jetzt beim Schreiben vor Augen -habe, jede ihrer Bewegungen sehe, ihre Stimme höre und es nicht fassen -kann, daß sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen werde ... - -Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jüngste, Ada, bei der Hand und -frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind schüttelte den Kopf: - --- Nein, ich liebe ihn nicht. - -Martha wurde traurig. - --- Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada? - --- Weil Tom nicht gut ist. Tom will, daß ich ihm gehorche. - --- Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mußt Tom gehorchen und ihn -lieben, denn du bist sein ... - --- Nein. Ich gehöre nicht Tom. Lilli und Rosa gehören Tom. Ich bin mein. - -Ich lachte laut über diese Antwort des Kindes, aber Martha traten die -Tränen in die Augen. - --- Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich, flüsterte sie -mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich. - -Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie ihn zu sich gerufen -hatte, erzählte sie ihm vom Vater, vielleicht zum tausendstenmal, eine -Unmenge Einzelheiten wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames -Märchen bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten. Tomas war -ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in den Erinnerungen Marthas -wurde sein Bild göttlich, die Verkörperung von allem, was gut und groß -und schön ist. - -Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut sein müsse. Das setzte -mich in Erstaunen, denn solche Lehren hatte ich nie aus ihrem Munde -gehört. - -Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche zu klagen, über -Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. Gewöhnlich ertrug sie alle -Unpäßlichkeiten schweigend, so daß wir nur aus ihren Zügen erraten -konnten, wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre Lippen, -noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. Selbst wenn wir -bemerkten, daß sie schlecht aussah und sie frugen, was ihr fehle, -schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd: - --- Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber, ich werde noch nicht -sterben, denn ich bin Tom noch notwendig. - -Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem Abend um so mehr. -Ich sah sie forschend an und bemerkte erst jetzt, beim Lichte des -erlöschenden Tages, daß Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre -Augen schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten nichts von dem -früheren Glanz verloren: All die vergossenen blutigen Tränen vermochten -nicht den Strahl dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in -einem ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener früheren -sternenklaren Helligkeit! - -Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, die sich niedergelegt -hatte, mehr infolge der Schwäche als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu -werden. Sie sprang vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte. -Sie rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie sich, -kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor dem Geiste des -Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen stand, ihres Lebens wegen und -klagte sich der Geburt dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer -Liebe zu ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich -glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich -ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen den Töchtern -gegenüber ihr als ein Tom und dem Toten zugefügtes Unrecht erschien. - -Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß mit Peter an -ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor allem peinigte uns der -Gedanke, daß wir keine Arzeneien hatten und dieser Krankheit gegenüber -ganz ratlos waren. Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an -und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen sei. Ich -antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem Monde bereits begonnen habe. - --- Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. Draußen ist -es doch finster und hier brennen die Lichter ... Ich habe es nicht -gleich bemerkt. Und dort auf dem _Mare Frigoris_, was ist jetzt dort? - --- Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen. - --- Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt über Tomas' Grab, -nicht wahr? Und dieselbe Sonne über diesem Grabe wird hierher zu uns am -Morgen kommen? - -Ich nickte schweigend. - --- Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und wenn ich daran denke, -daß diese Sonne täglich, so viele Mondtage hindurch, auf das Grab -schaute und dann auf mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem -Grabe zurückkehrte, ihm zu erzählen, was sie hier gesehen hat! - -Sie bedeckte die Augen mit den Händen und begann am ganzen Körper zu -zittern. - --- Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male. - -Peter ließ den Kopf sinken. Es schien mir, daß ich in seinem gelben, -verdorrten Gesicht eine dunkle Röte aufsteigen sah, die sich bis in die -gefurchte Stirne ergoß. Dies mußte auch Martha bemerkt haben, denn sie -wandte sich zu ihm: - --- Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ... Übrigens bist du -nicht schuld daran, wie hättest du mich zwingen können, dein Weib zu -werden, wenn ich es nicht selbst gewollt hätte ... für Tom ... - -Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile sagte sie leise: - --- Ich möchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar, in der -Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort auf der Wüste zu suchen. Wenn -hier der Tag beginnt, wird dort über dem _Mare Frigoris_ die Erde -leuchten. Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn ich -weiß nicht, ob ich den Mut hätte, in den vollen Glanz der Sonne zu -schauen ... - -Martha, was sprichst du? rief ich unwillkürlich. - -Sie sah mich an und antwortete kurz: - --- Ich werde sterben ... - -Gegen Mitternacht stieg eine würgende Angst, daß sie wirklich sterben -könne, in mir auf. Eine Krankheit, für die wir nicht einmal einen Namen -fanden, raffte sie dahin. Wir bemerkten nur einen außerordentlich -schnellen Kräfteverfall, der im Verein mit dem stets wiederkehrenden -Fieber nichts Gutes ankündigte. - -Übrigens, was bedeuten alle ärztlichen Benennungen! Ich weiß nur zu gut, -welch eine Krankheit das ist, ich kenne sie zur Genüge, sie heißt Leben! -Sie weckt den Menschen aus dem Nichtbewußtsein, sie kost mit ihm und -spielt und tändelt, und während des Spielens reißt sie und zerrt an ihm -herum und drückt und überwindet und vernichtet ihn schließlich. Mit -dieser Krankheit kommen wir alle zur Welt, und es gibt für sie kein -Heilmittel als den Tod! - -Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager. Ich blickte auf -seine finsteren, unbeweglichen Züge und dachte, trotz der tödlichen -Angst, die mich erfaßt hatte, darüber nach, was für Gefühle sich unter -dieser undurchdringlichen Maske verbergen könnten. Ich sollte es früh -genug erfahren! - -Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die Dämmerung brachte ihr -ein wenig Linderung. - --- Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte, mit blassen -Lippen zu lächeln. - -Jetzt saß ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen Wachen -übermüdet, gab schließlich meiner Überredung nach und legte sich in dem -benachbarten Zimmer schlafen. Die Morgendämmerung drang durch die -Scheiben von dickem Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten, -herein, und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee lag auf -den Feldern, wie immer, und als der Wind die Dämpfe, die sich stets über -den Warmen Teichen erhoben, verweht hatte, sah man durch das Fenster -eine große glitzernde Fläche. - -In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurückgeworfenen Schein des -nahenden Tages, der mit dem gelben, ersterbenden Licht der Lampe -kämpfte, schaute ich auf Martha und zweifelte nicht mehr, daß sie in -kurzer Zeit für immer von uns gehen würde. Ihr Gesicht war lang und -blaß; die einst so vollen verführerischen roten Lippen nahmen die -blaß-bläuliche Farbe des Todes an. Unter den gesenkten, fast -durchsichtigen Lidern sahen erlöschende und über alle Beschreibung -traurige Augen hervor. - -Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und biß die Zähne -zusammen, um nicht in lautes, unmännliches Weinen auszubrechen, das in -meiner Brust zerrte wie ein Tier an der Kette. - -Indessen wurde es draußen immer heller. Die bis vor kurzem grauen Nebel -glitten jetzt, vom Winde getrieben, an den Fenstern vorüber wie weiße -Gespenster. Manchmal verdichtete sich ihr Schleier und verhüllte die -Welt; dann dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten, die -plötzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten und -weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel weiße Felsstreifen und -wolkenumhüllte, perlende Säulen der Geiser und weiter oben am -Hintergrunde des hellblauen Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in -den ersten Strahlen der Sonne rötlich färbte. - -Martha frug nach den Kindern; als sie hörte, daß sie noch schliefen, -ließ sie sie jedoch nicht aufwecken. - --- Mögen sie schlafen, flüsterte sie, ich werde sie noch sehen, bevor -die Sonne aufgeht ... Indessen ist es gut, daß es so still ist. - -Dann wandte sie sich zu mir: - --- Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht wahr? - --- Ja, antwortete ich mit tränenerstickter Stimme. - --- Und du wirst sie niemals verlassen? - --- Nein. - --- Schwörst du mir das? - --- Ja, ich schwöre es. - -Sie streckte die Hand nach mir aus: - --- Du bist gut, mein Freund, flüsterte sie, nun kann ich ruhig sterben, -weil ich weiß, daß du sie nicht verlassen wirst. - -Ich ergriff ihre Hand und preßte sie leidenschaftlich an die Lippen. -Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie meine Hand drücken wollte. -Eine so eisige Kälte entströmte ihnen, daß meine heißen Lippen sie nicht -mehr erwärmen konnten. - --- Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch vor dem Tode sagen, -daß du mir ... teuer warst. Ich machte mir darüber größere Vorwürfe, als -daß ich Peters Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehört hätte, -statt ihm, vielleicht wäre mein Leben auf dem Monde in eine andere Bahn -gelenkt, glücklicher und länger gewesen ... - -Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlöschenden Stimme, in -mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte weinend auf und ihre Hände -sinnlos mit Küssen bedeckend, brachen aus meiner Brust von Tränen -erstickte, unzusammenhängende Worte der Liebe hervor -- der Liebe, die -ich so lange verbergen und zurückhalten mußte und die jetzt mit -Allgewalt überschäumte, gegenüber der Sterbenden. - -Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf mein Haupt. - -Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich weiß ... Weine nicht ... es ist so -besser ... Du warst mir teuer durch deinen Edelmut, durch deine Liebe -für Tom, ich weiß es selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem, -vielleicht wäre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich und -den Verstorbenen getreten wärst, der allein ein Recht auf mich hatte. -Ruhig, weine nicht, du weißt es schon. Ich denke, daß Tomas es mir -verzeihen wird, daß ich das für dich fühlte und es dir jetzt in der -Todesstunde sage. - -Ich war maßlos unglücklich. - -Sie verstummte erschöpft, und ich, mein Gesicht an ihrer Brust -verbergend, zitterte am ganzen Körper, von einem inneren Schluchzen -geschüttelt. - -Martha versuchte abermals zu sprechen: - --- Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich spreche ja heute das -letztemal zu dir ... an jenem Mittag ... - -Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefühl der Scham ihre Stimme -ersticken machte, aber ich wußte wohl, von welchem Mittag sie sprach! - -Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die Lippen. Plötzlich -rief sie, wie verzweifelt ausbrechend: - --- Warum hast du Peter nicht getötet? - -In diesem Augenblick hörte ich ein unterdrücktes Stöhnen hinter mir. Ich -wandte mich um; in der Tür stand, die Hand an die Pfosten gestützt, -Peter, blaß wie eine Leiche, und blickte auf uns mit weit geöffneten -Augen. Er mußte schon ziemlich lange dort stehen und hörte -wahrscheinlich alles, was Martha zu mir sagte. - -Als er sah, daß ich ihn bemerkte, machte er schwankend einige Schritte -nach vorn und stammelte etwas Unverständliches. - -Martha kehrte sich mit einem unterdrückten Schrei des Ekels zur Wand. - --- Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war unabsichtlich ... Ich -wollte nicht ... - -Da ertönten im Nebenzimmer helle Stimmen. - --- Die Kinder! rief Martha und streckte die Hände aus. Aber die Mädchen -waren befangen und blieben in der Tür stehen, nur Tom stürzte zu ihr; -sie nahm seinen Kopf in ihre zitternden Hände und drückte ihn an sich. - -Peter beobachtete sie und trat an mich heran: - --- Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung auf Martha, -für alle Kinder zu sorgen ... für alle! In gleicher Weise ... Bevor ich, -durch diese seltsamen Worte überrascht, antworten konnte, war er nicht -mehr im Zimmer. - -Durch die am Fenster vorübergleitenden Nebel drang schon der erste -Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben in Stücke leuchtenden -Goldes und eilte in hellen Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphäre des -Zimmers. Martha lag regungslos, mit erlöschendem Blick in den Streifen -des Sonnenlichts starrend, der immer tiefer herunterglitt an der Wand -und sich wie ein herabsteigender Engel ihrem Bette näherte. Die Mädchen -schlichen auf den Fußspitzen heran und schauten erstaunt auf die -blassen, unbeweglichen Züge der Mutter. - -Mir war es schwül; im Munde fühlte ich eine trockene Bitterkeit. Dieser -anbrechende Tag kam zu mir wie ein erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn, -denn ich wußte, daß mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der -Vergangenheit beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen dahin ... - -Plötzlich schrie Tom: - --- Onkel, Onkel, ich ängstige mich! Mütterchen blickt so furchtbar! - -Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen fiel, -erleuchtete Marthas Züge; die verglasten, erloschenen Augen starrten in -die Sonne. - --- Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer würgenden, mir selbst -fremden Stimme zu den Kindern, die sich erstaunt und verängstigt um das -Lager drängten. Dann beugte ich mich über sie, um ihre Augenlider zu -schließen. - -In demselben Moment ertönte ein Schuß. - -Ich stürzte zur Tür: Peter lag im benachbarten Zimmer am Boden, mit -zerschmettertem Schädel, den rauchenden Revolver in der Hand. - -Ich wankte wie ein Betrunkener. - -Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen den letzten Dienst -erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in große, aus Pflanzenfasern gewebte -und mit Harz getränkte Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot, -das sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen neben mir -und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren drängten sich um die -Mutter. Tom, durch den Anblick des Todes betroffen und verschüchtert, -saß schweigend zu Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den -Händchen nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als wenn sie -noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten, mit denen sie die -Mädchen im Leben so spärlich bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen -in dem Boote. Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch -streichelnd, flüsterte sie leise: - --- Armes Väterchen, armes ... - -Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden. Die Sonne, -die noch nicht hoch über dem Horizont stand, erleuchtete golden die -mächtige, ruhige, kaum von einem leichten Winde in zarte Furchen -gepflügte Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln -auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt. Und niemals im -Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, grausame Ironie, die -in der sich immer gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude -wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig! Denn ich fuhr doch -in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen Wesen, die mit mir auf -diesen Globus gekommen waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten; -ich fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich für mich -gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein! Und trotzdem leuchtete -die Sonne erhaben und herrlich, genau so wie damals, da ich als -glückliches Kind auf jenem in diesem Augenblick so weit von mir -entfernten Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte. - -Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken zum Grabe, das ich -auf der Höhe in der schönsten Gegend der Insel erbaut habe. Die Leichen -waren leicht, sechsmal so leicht als sie auf der Erde sein würden, und -ich beugte mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein -Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes zu Grabe! - -Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für mich bestimmt hatte. -Für Peter errichtete ich eine andere Ruhestätte, etwas tiefer gelegen. - -Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn mich die Last der -Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich die Versuchung, von diesem Globus -fortzugehen, auf dem Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen -sind: O'Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und Martha; aber -dann denke ich an den Schwur, den ich der Sterbenden geleistet habe, daß -ich die Kinder nicht verlassen werde. Für sie muß ich leben. Ich bin -jetzt zum Leben verurteilt, wie ich -- so lange sie lebte, zur Liebe -verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen sind mir zur -Qual, zur namenlosen Qual geworden. - -Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich mit allen Kräften, -stets an sie zu denken, beschäftige mich mit ihnen, lehre sie, nehme sie -mit mir, schütze und pflege sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem -lastet die geistige Vaterschaft des Mondgeschlechtes. - -Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück und spreche mit -den Toten. - -Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen, oder die -Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt, denn die Wirklichkeit erscheint -mir als Traum, und die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches -Leben. - -Ich sehne mich nach den Träumen. In ihnen wandle ich auf der Erde und -küsse voll Rührung ihre Bäume und Blumen, sogar den Staub und die -Steine, und es ist mir dann, als hätte mich niemals das wahnsinnige -Verlangen nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des -sternenbesäten Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen. - -Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen Kameraden. Voran geht -der greise O'Tamor und beschuldigt sich, er, der die Güte selbst war, -daß er uns leichtsinnig auf diesen öden Globus, der wie eine Lampe für -die Erde zwischen den Himmeln hängt, hinausgeführt hat. Dann sehe ich -die Remogners. Sie beklagen sich, daß sie uns gefolgt sind und dadurch -den Tod gefunden hätten. Woodbell erscheint blaß und fragt, was wir mit -Martha getan haben. Ob sie glücklich mit uns war. Und Peter erzählt mir -im Traum alles, was ich in den letzten Jahren seines Lebens aus seinen -Augen gelesen habe: von seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu -Martha, die ihn verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspäne, von dem -furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick des -Glücks gegeben hat! Wie er die langen Jahre hindurch nur Ekel, -Widerwillen und Verachtung in dem angebeteten, so heiß begehrten Weibe -erwecken konnte. Wie er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz -hinunterwürgen mußte, wie sich die beleidigte Manneswürde in ihm -aufbäumte. Er erzählt mir, was in jener letzten Nacht in seiner Seele -vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht an ihrer Brust verborgen, sah, -und später, als er den Revolver an die Schläfe setzte. - -Diesen traurigen Geisterreigen beschließt Martha. Sie erscheint mir -- -still, mit einem schmerzlichen Lächeln auf den Lippen -- und dankt mir, -daß ich ein Mensch war, und manchmal will es mir wieder scheinen, als -mache sie mir einen Vorwurf, daß ich es nicht war ... Mein ganzes Innere -ist ein Abgrund von Leid und Trauer ... - -So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir nichts Frohes zu -sagen haben, ist es mir doch heimatlich mit ihnen und heimlich und gut -zumute, weil sie meinem Herzen nahe stehen. - -Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwächst, ist so anders. Es sind -noch Kinder und dennoch fühle ich, daß sie schon jetzt eine besondere -Welt für sich bilden, die mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd -sein wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen, -verschlossen ist. - -Und doch muß ich, der Bruder dieser sechs Gräber, die auf dem Monde -verstreut liegen, mit denen leben, für die dieser Globus die Heimat ist --- und wer weiß, wie lange noch ... wie lange ... - - Ende des zweiten Teiles. - - - - - Dritter Teil - - - Das neue Geschlecht. - - - - - I. - - - Im Polarlande. - -Es reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm immer weniger -nötig und immer trauriger ... Ich bin nach dem Polarland gegangen, um -auf die Erde zu schauen und allein zu sein. - -Seit unserem EXODUS von unserer verlorenen Erde sind schon -zweihundertneunzehn Mondtage verflossen und siebenundsechzig seit dem -Tode Marthas und Peters. - -Ich wundere mich, daß ich nicht sterbe ... - - * * * * * - -Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose Sehnsucht nach meiner -Heimat, der Erde, quält mich immer mehr. Sie läßt mich sogar dieses -Geschlecht vergessen, das mir von Martha in ihrer Todesstunde übergeben -wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glücklich. Als ich fortging, -erwachten Frühlingsgefühle der Liebe in mir! Zu wonnig und zu ... -schmerzlich war es für mich, auf diesen Frühling zu schauen ... - -Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ... - - * * * * * - -Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze Erde wie eine -verkohlte Leiche über dem goldenen Regenbogen und Güsse und -Überschwemmungen ... - -Seit unserem EXODUS zweihundertsechsundzwanzig Mondtage. - -Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich werde zurückkehren -müssen an das Meer und sehen, ob sie mich brauchen. - -Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ... - - * * * * * - -Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtägiger -Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder hat mich hingeführt. - -Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa. - -Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde degenerieren! Tom -ist schon erwachsen, reicht mir aber nicht einmal bis an die Schulter. -Ada, glaube ich, wird noch kleiner. - -Während meines Aufenthaltes am Meere war ein furchtbarer Ausbruch des -Otamor, der größte von allen, an die ich mich erinnern kann. Die -südliche Seite des Kraters ist ins Meer gesunken. Es war dies der -zweihundertachtunddreißigste Mondtag seit unserem EXODUS -- vierzehn -Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen. - -Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft. Ada habe ich mit mir -genommen -- sie war dort so verlassen. Sie bedarf jetzt meines Schutzes -mehr als je. Es ist furchtbar, daß es mir noch immer nicht erlaubt ist, -zu sterben! - -Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfünfzig Mondtage nach unserem -EXODUS. Tom bemühte sich, mich zurückzuhalten, aber ich fühlte trotzdem, -daß er froh war, als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht -ungern meine Achtung seinen Frauen gegenüber. Es ist ihm auch lieb, daß -Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht leiden, weil sie sich -ihm nicht ergeben will, obwohl sie fast noch ein Kind ist. - - * * * * * - -Fahl und kühl ziehen die Stunden vorüber, wie dieses Licht der -unsichtbaren Sonne auf dem Pol -- eine lange, lange, unendliche Reihe -von Stunden ... - -Nur mit Mühe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht; ich spreche nicht -viel und Ada ist immer schweigsam. Sie sitzt ganze Stunden auf dem -grünen Moos und ihre traurigen Kinderaugen irren über die rosa -beleuchteten Gipfel der Berge. - -Und ich? ... - -Seit langem habe ich aufgehört der Gegenwart zu leben und noch mehr der -Zukunft. Ich sehe zurück und schaue unaufhörlich meinen Erinnerungen in -die Augen. Eine trübselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer -und traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont. - - * * * * * - -Eine lange Zeit ist vorübergegangen, seit ich die letzten Notizen -niederschrieb. Ada wird größer und beginnt sich nach den Geschwistern zu -sehnen. Ich merke ihr das an, obwohl sie selbst es nicht zugeben will. - -Auch ich denke, daß es trotz allem Zeit ist, an das Meer zurückzukehren. -Ich werde älter, und wenn ich in dieser Einsamkeit sterben sollte, wäre -Ada zum Tode verurteilt. Ihretwegen will ich zurückkehren, obwohl Gott -weiß, wie gern ich hierbleiben und sterben möchte, auf die Erde -schauend! - -Und ich fürchte fast, daß dieses Kind schon zu lange mit mir, dem -Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat. Seltsam ist dieses Kind -- -und auch das ist seltsam, daß wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu -nähern, gegenseitig immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit weit -geöffneten Augen, und ich fühle, daß sie vieles denkt, worüber sie nicht -zu mir spricht. - -Ich muß es mir selber eingestehen, so lange ich auch mit diesem Mädchen -zusammen bin, es ist mir unmöglich, mich an sie zu gewöhnen, im -Gegenteil, sie reizt mich durch ihre Gegenwart. Allein möchte ich sein -und ungestört über die Vergangenheit nachdenken ... über die Erde ... - -Und dennoch muß ich zurückkehren ... zu Tom, zu Toms Kindern, die mit -Staunen und Furcht auf mich schauen werden, auf den alten Menschen, der -einstmals von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit -lebte. Ich muß zurück ... wir müssen zurück -- Ada ... - -Es ist mir noch nicht vergönnt, zu sterben ... - - - - - II. - - - Am Meere bei den warmen Teichen. - -Seit unserem EXODUS sind vierhundertzweiundneunzig Mondtage verflossen, -das heißt, fast achtunddreißig Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts -mehr auf diesen Blättern niedergeschrieben, heute nehme ich sie zur -Hand, um den Tod Rosas zu notieren. - -Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld ihres Mannes und -Bruders, meines geliebten einstigen Zöglings Tom, der sie im Zorn mit -einem Stein erschlagen hat! - -Die zweite Frau Toms und seine älteren Kinder haben diese Tat schweigend -hingenommen. Anscheinend glaubt er, das Recht zu haben, alle zu töten, -die ihm nicht gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der -Familie Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten. -Ohne Worte, ohne einen Gefühlsausbruch, nur mit drohender Miene und -erhobenen Händen ging das Mädchen auf ihn zu, und er wich ängstlich -zurück, obwohl er sie mit einem Faustschlag hätte niederschmettern -können, weil er größer und stärker ist. Sie blieb zwei Schritte von ihm -entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die Leiche der Frau zeigend, -erhob sie die andere über seinem Haupte und rief: - --- Für das Blut dieser Frau verfluche ich dich im Namen des Alten -Menschen! - -(»Alter Mensch« ist der Name, den dieses neue Geschlecht mir gegeben -hat.) - -Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren Blick an und -sagte zu Ada, indem er sich bemühte, seinen Worten einen harten, -herrischen Klang zu geben: - --- Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr zu tun, was ich wollte -... sie zu ernähren oder zu töten. Warum war sie unfolgsam? - -Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen, denn -ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht daran, daß Tom seine Frau mit -der Absicht sie zu töten getroffen hat, haben mir plötzlich drei Dinge -klar gemacht, über die ich mir bis jetzt keine genügende Rechenschaft -gab. - -Ich sehe vor allem die Brutalität Toms und glaube, daß ich sie -verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es nicht verstanden, seinen -Charakter anders zu formen. Ferner hätte ich nicht einsame Jahre auf dem -Pol verbringen und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal überlassen -dürfen, und endlich versetzt mich Ada in Staunen. Ich sehe jetzt aus -ihrem ganzen Auftreten und aus vielen Dingen, an die ich mich erst -nachträglich erinnere, so manches, worauf ich nicht genügend achtgegeben -habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder und seiner -Familie. Es scheint mir, daß sie sich gegenseitig hassen, und trotzdem -fürchten jene dieses Mädchen, das jüngste aus dem ersten Geschlecht -dieser Menschen. Sie hält sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie -eine Priesterin, obwohl ich nicht weiß, ob dieses Wort ihr Verhältnis zu -den andern richtig ausdrückt. Ada tut mir leid, denn sie ist einsam und -wird, glaube ich, immer einsam bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie -tut mir um so mehr leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr -eigentlich sein müßte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in ihrer -Beziehung zu mir liegt mehr eine abergläubische Verehrung als Liebe. -Auch daran scheine ich selbst schuld zu sein ... - -Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil es mich am -nächsten angeht: sie halten mich für ... Aber nein, vielleicht täusche -ich mich nur! Was ist's, daß Ada Tom in _meinem Namen_ verflucht hat? -Ich bin doch der Älteste, also wahrscheinlich nur deswegen ... Und -dennoch, wenn es so wäre? Sollte ich auch dieses ... Götzentum -verschuldet haben? - -Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit dem sie mich -belegten: »Der Alte Mensch« ... - - * * * * * - -Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit Jahren -unaufhörlich quält und es mit sich bringt, daß ich mich in dieser Welt -immer fremder fühle ... - -Ich träumte, daß ich auf der Erde war. - -Aber heute war das ganz besonders seltsam. - -Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich über die -Angelegenheiten des Staates, der Völker, des Fortschritts sprach. Man -sagte mir, daß sich die Grenzen einiger Länder veränderten, seit der -Zeit, da ich die Erde verlassen habe, daß jetzt andere Rechte herrschen -und vieles von dem früheren Glauben hinfällig wurde. All das hatte mich -interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit die Erde mit eigenen -Augen besichtigen, um mich zu überzeugen, wie es dort aussieht. - -Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir einst bekannte -Gegenden und Städte. Es hatte sich tatsächlich vieles geändert. Wie ein -Vogel durchflog ich die Länder und wunderte mich, daß an Stelle der -alten Metropolen Trümmer waren, an Stelle blühender Fluren sah ich -Wüsten und Brandstätten, und dort, wo sich einst Wüsten ausdehnten, traf -ich Wasser an oder bestellte Felder und Wiesen, die neue Residenzstädte -umgaben, in denen starkes Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um -mir bekannte Häuser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach Dingen, die -sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber niemand konnte mir darauf -antworten. Man schüttelte nur die Köpfe und sagte: »Wir wissen nichts -davon«, oder: »Wir haben es vergessen.« - -Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid, denn ich sah, daß -diese Erde anders geworden ist und der nicht mehr ähnlich sah, die ich -gekannt habe. - -Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur Jahre, sondern -Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier gegangen bin; auf dem Monde -ist es schwer, die langen, einander ähnlichen Tage zu zählen, ich habe -ihrer wohl viele aus dem Gedächtnis verloren ... Ich komme auf die Erde, -die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr kennt. - -Und plötzlich fühlte ich mich so namenlos unglücklich! Fremd auf dem -Monde, auf dem ich mich nicht einleben kann, und fremd auf der Erde, auf -die ich durch irgendein Wunder zurückgekehrt bin -- zu spät! Wo ist noch -Raum für mich, wo werde ich Ruhe finden? - -Ich eilte also weiter durch die Lüfte, eine grenzenlose Leere im Herzen --- und nach dem kurzen Tage sank schon die Nacht hernieder. Die ersten -Sterne erglänzten am Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang -vorwärtsgetrieben, schon über der uferlosen Fläche des Ozeans befand. -Unter mir wälzten sich die Fluten wie sich in Windungen schlängelnde -Seeungeheuer mit glatter schillernder Haut. Und die goldenen -Himmelslichter spiegelten sich in den durchsichtigen Wogen. - -Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich nichts geändert. -Das Meer war unermeßlich wie früher und ebenso wild bewegt und -veränderlich. - -Aber während ich noch darüber nachdachte, bemerkte ich, daß sich das -Wasser seltsam zu dehnen begann und seine Fluten zu mir emporsandte. -Jetzt erst sah ich auch, daß direkt über mir der Vollmond stand. Ich -erschrak über die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Höhe und -wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte; aber -plötzlich fehlten mir die Kräfte. Ich fühlte, daß ich auf die sich immer -höher hebenden Fluten hinabfiel; sie aber stiegen und stiegen, warfen -mich nach oben, dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos -langen Hälsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden höher und immer -höher. In wahnsinnigem Entsetzen blickte ich nach dem Monde: Er wuchs -vor meinen Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein; der -ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem silbergrauen Schleier. -Es schien mir, daß in seiner Scheibe die sich herausneigenden Köpfchen -der degenerierten Nachkommenschaft Marthas sichtbar wurden und ich ihr -boshaftes Rufen hörte: - --- Kehre zu uns zurück! Kehre zu uns zurück! Alter Mensch, du bist nicht -von der Erde! - -Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen, auf der -Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht mehr kennen wollte, alles das -durchlief im Sturme meine Seele. Ich stieß einen gellenden Schrei aus -und strengte meine ganzen Kräfte an, um gegen die mich in den Weltenraum -schleudernden Fluten anzukämpfen. Ich griff mit den Händen nach dem -Wasser, schlug mit den Füßen die Luft ... - -Vergebens! Ich fühlte plötzlich, daß die Erde statt unter meinen Füßen -schon über meinem Haupte war und ich wieder auf den Mond zurückfalle ... - -Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit ... - - * * * * * - -Seit unserm EXODUS fünfhundertundein Mondtag. - -Tom hat mit seinen beiden ältesten Söhnen zu Schiff die Fahrt nach dem -Süden angetreten. Aus seinen Erzählungen schließe ich, daß sie fast bis -zum Äquator vorgedrungen sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie -furchtbare tropische Meeresstürme zurück. Und so mußten sie resultatlos -umkehren. - -Tom redete nach der Rückkehr lange mit mir. Er sprach viel von seiner -Mutter und von Rosa und bedauerte ihren Tod. Dann erzählte er mir von -der Expedition und schilderte die Kämpfe und Mühen, die er zu bestehen -hatte. Schließlich verfiel er in Nachdenken und sagte, er fürchte, daß -dies seine letzte Fahrt gewesen sei. - -Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser junge Mensch, kaum -halb so alt wie ich, ist schon ein Greis. Auf der Erde wäre er jetzt in -der Blüte der Jahre. Hier werden die Menschen bedeutend früher reif und -altern früher. Desto erstaunlicher ist es, daß ich lebe. - -Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und antwortete nach einer -Weile des Zögerns: - --- Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, daß du der Alte Mensch bist. - -Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde. - --- Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner Kindheit an -kennst, was sagst du über mich? - -Tom konnte mir keine Antwort geben. - - * * * * * - -Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom. Er hinterließ zwölf -Kinder, fünf von der verstorbenen Frau und sieben von Lilli. Ich habe -ihn selbst auf der Friedhofinsel begraben neben den andern Gräbern. Dort -ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jüngstes, dreizehntes Kind, -das kurz nach der Geburt gestorben ist. - -Lilli ist verzweifelt über den Tod ihres Mannes. Es scheint mir, daß -auch sie ihm bald folgen wird. - -Nur Ada ist still und gleichgültig. - -Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der älteste Sohn Rosas und -Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis. - -Ada sagte mir heute mit tiefer Überzeugung, daß ich niemals sterben -würde ... Ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig geworden ist und mit ihr -dieses ganze Mondgeschlecht, das auf sie hört und ihr scheinbar glaubt, -oder bin ich wirklich eine seltsam unerhörte Ausnahme zwischen diesen -Menschen? ... - -Denn in der Tat -- woher lebe ich noch? - - * * * * * - -Lilli ist gestorben. - -Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada. - -Seit unserm EXODUS fünfhundertsiebzehn Mondtage ... - - * * * * * - -Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht etwas, das ich nicht -verstehen kann und nicht verstehen will, nicht will! ... Dieses Völkchen -kam während des Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich -und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, dieses -Völkchen kam zu meiner Behausung mit Opfern, die wahnsinnige Priesterin -Ada, der scheinbar der lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im -Polarland die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem an Rosa -begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte, bemerkte ich eine -Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß sie wirklich geisteskrank ist. -Aber ich bin der einzige, der das bemerkt! Die andern verehren sie und -halten sie für geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, -- es ist -furchtbar, es auszusprechen! -- beteten sie zu mir, daß ich die Stürme -niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende Erde beruhigen sollte! -Also sie halten mich wirklich für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich -in dieser Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten! - - * * * * * - -Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten Bibliothek -und meiner Papiere gemacht, und plötzlich überkam mich der Wunsch, alles -zu verbrennen -- auch dieses Tagebuch. - -Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere blieben zerstreut -auf dem Boden liegen, und ich habe keine Lust, auch nur die Hand -auszustrecken, um sie aufzuheben. - -Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie wahrscheinlich -niemand mehr anrühren ... - - - - - III. - - -So viele Tage, so viel unendlich lange Tage und Nächte ... Ich glaube, -daß ich die Zeitrechnung verloren habe ... Es ist so schwer, die Tage zu -zählen, die einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen -meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im Laufe stehen bleibt, -ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. Nur mein Herz zeichnet mit seinem -Pochen jeden kleinsten Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche -Stunde es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen -Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher Stunden -vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu viel! zu viel! So ist es, du -mein banges, einsames Herz! Zu viel dieser Stunden, zu viel der -Sehnsucht, zu viel schon des Lebens ... - -Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich weiß es nicht. Dort auf -der Erde müssen wohl zwanzig oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich -die Gräber auf der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin -bettete. Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich habe -Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben, die noch Kinder waren, -als ich mich bereits beugte unter der Last der Jahre. Um mich herum -wachsen Urenkel derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese -Welt kamen, und ich lebe noch immer. - -Das ist so erstaunlich, daß ich mein Wesen schon selbst nicht mehr -begreife und fast fähig wäre, mit an diese unter dem Mondgeschlecht -verbreitete Legende zu glauben, daß ich niemals sterben werde ... - -Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten, für immer -verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche eines bekannten -Naturforschers, daß der Tod eine unbegreifliche und zufällige -Erscheinung sei, die sich nicht absolut aus den Bedingungen des Lebens -ergeben muß. Die Angst schüttelt mich, wenn ich denke, daß er mich -vielleicht vergessen hat und nicht kommen könnte. - - * * * * * - -Wenn ich recht zähle, sind schon fünfzig Jahre vorübergegangen, seit ich -mit den verstorbenen Kameraden die Erde verlassen habe. - -Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich nur noch -wenige; diejenigen, die in der Kindheit von den Wahnsinnigen, die auf -den Mond gefahren sind, hörten, werden längst grau sein und die Namen -jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon für tot und -verloren hielt. - -Fünfzig Jahre! Wie vieles muß sich seit dieser Zeit auf der Erde -geändert haben! Vielleicht würde ich mir einst vertraute Gegenden nicht -mehr erkennen. Auch mein Gedächtnis wird schwächer ... Es hat eine -Unmenge Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen Stunden des -Nachdenkens spiele, aber ich sehe, daß die Bilder der Erinnerung immer -loser werden, einer Mosaik wertvoller, durch meine Sehnsucht glänzender -Steine gleich, die schon zerbröckelt und auseinanderfällt. - -Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von neuem zusammen; die -Steine, die ich im Lauf der langen Jahre verloren habe, ergänze ich -durch irgendein trauriges Traumgebilde, und wiederum verändere ich die -Bilder und spiele im Alter mit diesen Schätzen der Erinnerung wie ein -Kind mit einem Kaleidoskop. - -Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen, wenn ich durch meine -Tränen auf sie blicke! - -Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde! Nur einmal noch -Menschen sehen, wirkliche, mir ähnliche Menschen! Gott, wenn ich das -Rauschen der Wälder hören könnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die -im Winde flatternden Blätter der Birke sehen, das Gras auf den Wiesen, -den Duft irdischer Pflanzen und Blumen einatmen, dem Gesang der Vögel -lauschen, wenn ich nur ein einziges Mal noch die grünen Fluren im -Frühling oder im Sommer die goldene Ährenflut sehen dürfte! - -Ja, vieles muß sich auf der Erde geändert haben, aber die Menschen sind -dieselben geblieben und auch die Bäume, die Blumen und die Vögel! - -Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen, daß die menschliche -Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken in den Welten herumwandern -könne, auf Sternen und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der -auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an die Reisen im -sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte ich nur noch auf der Erde sein, -ewig, ewig auf der Erde! Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß -die Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren kannte, -dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt noch Menschen sind und -Wälder und singende Vögel, daß es dort blühende Fluren und duftende -Blumen gibt! Das genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die -Freiheit erlangt hat. - -Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört! Und ich erinnere -mich an wonnige Maienmorgen, die ganz von Vogelgesang erfüllt waren ... -Die Dämmerung beginnt, der Himmel verblaßt, dann färbt er sich -allmählich im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille! Nur -das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden großen -Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich das erste kurze, abgebrochene -Gezwitscher; das zweite von einer anderen Seite, das dritte, vierte ... -Noch eine kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume und -Sträucher erwacht und lebendig geworden wären: rings umher ein Pfeifen, -Singen, Schlagen, Jubilieren! Zunächst kann man die einzelnen Laute noch -gar nicht unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus -dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher die Meisen, die -Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen erheben. Hoch oben die -Lerche, die in den Lüften schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt -die Nachtigall. Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen -und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen erhellt, der Himmel -wird röter und röter, bis endlich die goldene Sonne am Firmament -emporsteigt ... - -Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man könnte fast -glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine süßen Stimmen sie rufen. -Die mehrstündige graue Dämmerung, während der die Gegend in Frost und -Schnee erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... Hier -erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die in eine grauenhafte -Stille gehüllt ist. Nur der Mensch, der von einem fernen Gestirn -gekommen, unterbricht die bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein -Kind, das erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in der -Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer verjagt hat, um vor -der Kälte Schutz zu suchen. Still ist es, still, während des ganzen -langen, unendlich langen Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer, -das um die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans, -sonst nichts, nichts ... - - * * * * * - -Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor der Seele! Ich -durchwühle die vergilbten Blätter des Tagebuches, und wenn ich für eine -Minute die Augen schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des -Wagens höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt, daß ich -diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die in seiner Dunkelheit -leuchtende Erde. Die mächtigen Berge, die sich im Schatten im tiefsten -Schwarz der Kohle malen und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen -den verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere Sichel -bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben spielen. Und dann -tauchen die ersten Jahre, die ich hier am Meeresstrande verlebte, vor -meiner Erinnerung auf. Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich -Martha, traurig und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute -schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber sie scheint sich -nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl sie das, was sie durch mich -von ihnen gehört hat, mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen -Geschlecht erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute -ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese Zwerge verehren -sie fast ebenso wie mich, nur mit dem Unterschied, daß sie mich auch -noch fürchten, obwohl ich, Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn -ich habe ihnen niemals etwas zuleide getan. - -Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie mit mir gleichen -Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar den Eindruck von seltsam -einfältigen Tieren auf mich. Schon das erste hier geborene Geschlecht -war von uns, den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom und -seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben mir wie Kinder aus. -Ihre Größe wie ihre Kräfte haben sich schon den Bedingungen dieser Welt -angepaßt: ihren kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge. -Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer Riese. Die Enkel -Marthas, schon erwachsene Menschen, die hier erstaunlich früh reifen, -reichen mir kaum bis zu den Hüften und beugen sich unter der Last von -Gegenständen, die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz des überaus -zarten Körpers sind sie jedoch von robuster Gesundheit und gegen Hitze -und Kälte abgehärtet. - -Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil, aber wenn es nottut, -arbeiten sie auch bei der empfindlichsten Kälte mit einer Ausdauer, die -meine Bewunderung erregt. - -Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben. Die -armseligen Brocken der Zivilisation, die wir von der Erde mit -hierhergebracht haben, was ist aus ihnen geworden? Ich blicke um mich -und habe den Eindruck, mich unter Wesen zu befinden, die auf die -Bezeichnung »Mensch« kaum einen Anspruch mehr haben. Sie können lesen -und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und Fallen stellen und Kleider -nähen; sie bedienen sich des Feuers, wissen sogar mit der Verwendung -verschiedener Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich -reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer und -englischer Bücher, aber untereinander reden sie ein erbärmliches -Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, englischen, malabarischen und -portugiesischen Worten zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln -fließen die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß sie sie -nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen, dabei mit den Händen -gestikulierend und Grimassen schneidend, wie Wilde irgendwo im Innern -Afrikas oder auf den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ... - -Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich auf diese dritte -Generation der von der Erde hierhergekommenen Menschen blicke! Und diese -Trauer wird dadurch um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des eigenen -Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen armen Halbmenschen -gegenüber nicht erwehren kann und mich gleichzeitig als Mitschuldiger an -dem hier begangenen Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben -tatsächlich verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet, -indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine Entwicklung nicht -geeigneten Globus fortzupflanzen. Die Natur ist ebenso unerbittlich da, -wo sie im Triumphzuge vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens -erfüllend, immer neue und immer höhere Formen schafft, wie auch dort, wo -sie beleidigt zurückweicht und das widerruft und verneint, was sie -geschaffen hat. Vergeblich habe ich mit ihr gerungen, vergebens -versucht, dieses Mondgeschlecht auf der geistigen Höhe zu erhalten, die -die Menschen auf der Erde erklommen haben. Das einzige und unerwartete -Resultat all meiner Bemühungen ist diese mit heiliger Furcht vermischte -Verehrung, die sie mir entgegenbringen. Ich bin für sie nicht nur ein -Riese, sondern ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht -wissen, und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind. - -Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem, daß im Norden ein -Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, daß sich eine grenzenlose -Wüste dort erstreckt und über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern -leuchtet, von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das nicht genug, um -die Köpfe dieser armen Degenerierten zu verwirren? Sie waren niemals -dort und haben die leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im -Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr mit angehaltenem -Atem zu und blicken ängstlich auf mich, auf meine im Verhältnis zu ihnen -riesenhafte Gestalt. - -Und so bin ich vereinsamt unter ihnen! - - * * * * * - -Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden hintereinander -schlafen wie diese Mondleutchen, und bin nun allein mit meinen trüben -Gedanken. - -Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst mit Martha und -Peter erbaut habe; am Tage schleichen diese Zwerge um den Teich herum -und schauen mir neugierig zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit -kennen, wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur Ada -erscheint regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten, bringt mir meine -Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn sie mich zu Hause antrifft, -stellt sie mir immer dieselben gleichgültigen Fragen; dann sitzt sie -noch einige Stunden schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich -wieder meinen Gedanken überlassend. - -Es scheint, daß sie diese Besuche als eine Art Pflicht mir gegenüber und -gewissermaßen als Zeremonie, die dem »Alten Menschen« gebührt, auffaßt. - -Diese Frau, die scheinbar vollständig klar und bei Sinnen ist, lebt in -einem seltsamen Wahn. Sie hält mich für ein übermenschliches Wesen, das -diese Mondwelt beherrscht, und bildet sich ein, meine Priesterin und die -Prophetin dieses Volkes zu sein, das unerschütterlich an sie glaubt. - -Sie verkündet den Kindern Toms eine neue phantastische Religion, die -sich aus der Heiligen Schrift, meinen Erzählungen von der Erde und -unserer Ankunft hier zusammensetzt. Anfangs versuchte ich, auf alle -erdenkliche Art der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt -ich selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich überzeugte mich -schließlich, daß ich in dieser Beziehung vollständig machtlos bin. Ich -setzte Ada lang und breit auseinander, daß ich genau derselbe Mensch sei -wie all die andern auf dem Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an -die sie sich ja noch erinnern müsse. Ich versuchte ihr klar zu machen, -daß meine der späteren Generation überlegene Kraft und Körpergröße nur -darin ihren Grund haben, daß ich auf einem anderen, größeren Planeten, -nämlich auf der Erde geboren bin. Sie hörte aufmerksam und schweigend -zu, und als ich endlich ungeduldig wurde, flüsterte sie, mich mit einem -flüchtigen Lächeln streifend: - --- Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde hierher gelangen und -meine Eltern hierher bringen, was kein anderer gekonnt hätte? Woher -weißt du, was kein anderer weiß? Und vor allem, warum stirbst du nicht -wie die andern? - -Ich schalt sie und verbot ihr ein für allemal, derartige Märchen von mir -zu verbreiten, aber alles war vergebens. Einige Stunden später hörte -ich, wie sie zu Jan, der jetzt der Mondpatriarch ist, und der gerade zu -mir gehen wollte, sagte: - --- Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will nicht, daß man -wisse, daß er ... ein Alter Mensch ist. - -Jan wurde traurig. - --- Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte ihn gerade -bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben, den ich mit meinen -Söhnen zusammen nicht von der Stelle bringen kann. - --- Man muß ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada. Bringt nur viel -Schnecken, Salat und Bernstein, das werde ich ihm geben. Und vor allem, --- hier legte sie den Finger an den Mund -- sprecht nichts vor ihm! -Wehe! Denn er will es nicht. - -Ich trat aus der Ecke, von der aus ich der ganzen Unterredung zuhörte, -hervor, machte Ada abermals Vorwürfe und begab mich zu Jans Haus, um ihm -den Dienst zu erweisen, von dem er gesprochen hatte. Beim Fortgehen -hörte ich noch, wie Ada dem bekümmerten »Patriarchen« zuflüsterte: - --- Siehst du, er hört und weiß alles! - -Wie ist in Adas Gehirn dieser Wahnsinn entstanden? Ich weiß es nicht, -bin aber fest überzeugt, daß er den Inhalt ihres ganzen Wesens bildet -und der Grund des großen Ansehens ist, das sie unter dem Mondvolke -genießt. Rosa und Lilli fürchteten sie, so lange sie lebten, ja sogar -Tom, der ihr gegenüber nicht immer zum Nachgeben geneigt war, zitterte -vor ihr. Heute würden seine Kinder es nicht wagen, sich irgendeinem -ihrer Befehle zu widersetzen. Mich empört es, daß sie diese Verwirrung -in den armen Köpfen der bedauernswerten Zwerge anrichtet und -gleichzeitig empfinde ich das innigste Mitleid mit ihr, denn ich fühle, -daß sie in ihrem Irrsinn lichte Momente hat, während deren sie sich -anscheinend klar darüber ist, daß sie in Hirngespinsten lebt, und -dadurch entsetzlich leidet ... - -Ich erinnere mich an einen Vorfall, der mir das so recht zum Bewußtsein -brachte: Es war bereits nach Mitternacht, als Ada zu mir kam. Ich -staunte über ihren Besuch zu so ungewöhnlicher Zeit, vor allem der -empfindlichen Kälte wegen, während der man das Haus des Nachts nicht gut -verlassen konnte. - -Sie traf mich über ein Buch geneigt und da sie mich nicht zu -unterbrechen wagte, setzte sie sich still auf eine Bank in der Ecke des -Zimmers. Ich sah, daß sie mit mir sprechen wollte, aber ich tat -absichtlich, als wenn ich sie nicht bemerkte. Ada saß eine Zeitlang -schweigend da, bis sie sich mir endlich näherte und leise, ganz leise -meine Schulter mit der Hand berührte: - --- Herr ... - -Ich wandte mich schnell zu ihr; so hatte sie mich noch niemals -angeredet. Sie nannte mich immer nur »Alter Mensch«, und als ich jetzt -das Wort Herr hörte, stiegen geteilte Empfindungen in mir auf. Halb war -es Freude darüber, daß jemand in altgewohnter menschlicher Weise zu mir -sprach, und andererseits empörte mich wiederum diese Anrede. - --- Herr ... kam es von neuem von Adas Lippen. - --- Was willst du, Kind? fragte ich so sanft ich nur konnte. Ich mußte -diese Frage einige Male wiederholen, bis sie mir endlich antwortete. - --- Ich wollte fragen, ich wollte wissen ... - --- Was? - --- Herr, ich weiß nichts! rief sie plötzlich mit einer Verzweiflung in -der Stimme und in den auf mich starrenden Augen, daß ich die Vorwürfe, -die ich ihr abermals wegen ihrer dem Mondvolk erteilten falschen Lehren -machen wollte, gewaltsam zurückdrängte. Sie indessen fuhr fort: - --- Ich weiß absolut nichts ... und ich wollte dich bitten, daß du mir -endlich sagen mögest, was das alles bedeutet; wer du eigentlich bist und -was wir sind? Ich sehe dich unter uns, einsam und alt, stark und groß, -aber ich glaube, soweit ich mich noch an meine Eltern erinnere, daß sie -ebenfalls anders waren als wir heute, dir ähnlich .... - -Sie verstummte, und nach einer Weile wiederholte sie, mir in die Augen -schauend: - --- Sage, wer du bist und was wir sind? - -Und in meiner Brust drängten sich die widerstreitendsten Gefühle. Es -schien mir zwar, daß ich ihr auf diese Frage schon oft und vor langer -Zeit geantwortet habe, aber trotzdem gärte in mir ein Verlangen, zu -sprechen, menschlich zu sprechen zu diesem Weibe, das endlich einmal -menschlich denkend und fühlend vor mir stand. Eine tiefe Rührung kam -über mich; mein Herz wurde weich, und Tränen traten mir in die Augen und -schnürten mir die Kehle zu, daß ich zunächst keinen Laut hervorbringen -konnte. Nach einer Weile wiederholte ich ihre Worte wie ein Echo: - --- Wer ich bin! ... - -Es schien mir, daß ich es eigentlich selbst nicht mehr recht wußte ... -Und Ada fragte abermals: - --- Ja, wer du bist, Herr ... Wir nennen dich alle der »Alte Mensch«, -aber ich dachte heute lange nach ... und bin zu dir gekommen, dich -anzuflehen, sage mir die Wahrheit, ob du wirklich der Alte Mensch bist? - -Diesen meinen Namen, den sie selbst hier verbreitet hatte, sprach sie -jetzt mit einer abergläubischen Furcht aus und dämpfte dabei -geheimnisvoll ihre Stimme. - --- Ich will wissen, sagte sie weiter, ob du wirklich von _dort_, von -jener Erde, die ich gesehen habe, hierhergekommen bist und du alles tun -kannst, was du willst. Und ob du niemals sterben wirst und wir, wenn du -uns, auf die Erde zurückkehrend, verläßt, der Vernichtung anheimfallen, -so wie wir es denken? - -Sie sagte das alles fast in einem Atemzug, und ihre glänzenden, unruhig -flackernden Augen starrten auf mich. - -Und was sollte ich ihr antworten? Vor einem Augenblick noch wollte ich -ihr mein ganzes Innere enthüllen, noch einmal so recht von Herzen -sprechen, ihr alles sagen, was ich schon so oft gesagt hatte, und von -der Erde reden, von unserer Ankunft hier, von meinen verstorbenen -Kameraden, aber als ich ihre Worte hörte, stieg plötzlich die -Überzeugung in mir auf, daß alles vergeblich sein würde. Sie will nun -einmal in dem Glauben bestärkt sein, daß ich der »Alte Mensch« sei, das -heißt, nach ihren Begriffen ein übernatürliches Wesen. - -Ich suchte und konnte lange keine Worte finden. - --- Warum fragst du mich, sagte ich endlich. Ich habe es dir doch schon -so oft erklärt. - --- Ja ... aber ich möchte, daß du mir ... die Wahrheit sagst! - -Ich erinnerte mich, daß vor vielen, vielen Jahren der kleine Tom ähnlich -zu mir gesprochen hatte, als ich ihm die Erde zeigte und erzählte, daß -ich von dort gekommen wäre. »Onkel, sage mir jetzt die Wahrheit!« hatte -er mir damals geantwortet. - --- Sage mir, drängte Ada weiter, sage, ob es wahr ist, daß du mit meinen -Eltern von jenem mächtigen Stern gekommen bist, den du Erde nennst. - -Sie faßte mich bei der Hand und starrte mich mit flammenden Augen an. -Niemals hatte ich sie so gesehen. - --- Sage es mir! rief sie, denn ich wiederhole es diesen Leuten und sie -glauben an dich! - -Die letzten Worte stieß sie wie einen Angstschrei hervor, der mich -geradezu entsetzte. Ich hätte niemals gedacht, daß in diesem stillen, -halb geisteskranken alternden Mädchen noch derartige Seelenkämpfe toben -und ein so heißes Gefühl flammen kann. »Sie glauben an dich!« Darin -faßte sie in diesem Augenblick die ganze Tragödie ihres Lebens zusammen. -Sie hat dem Mondvolke einen neuen phantastischen Glauben geschaffen, und -jetzt, da sich in ihr plötzlich der Zweifel an dem regte, was sie selbst -verkündete, kam sie zu mir, um aus meinem Munde die Bestätigung ihrer -Lehre zu hören. »Und sie glauben an dich!« In diesem Schrei lag etwas -wie eine Klage darüber, daß diese Menschen so arm und so elend mir -gegenüber sind, und zugleich auch die flehentliche Bitte, ihnen nicht -das Höchste, ihren Glauben, zu nehmen. - -Ich blickte sie lange an und es schien mir, daß in ihren Augen Tränen -glänzten. - --- Ada, willst du daran glauben, was ich dir jetzt sagen werde? - --- Ich will glauben, ich will glauben! - -Ich zögerte einen Augenblick: Sollte ich vielleicht die irdische -Herkunft verleugnen? Wenn ich in ihnen den Glauben erweckte, daß ich auf -dem Monde geboren bin wie sie, würden sie am Ende aufhören, mich für ein -höheres Wesen zu halten? Aber plötzlich erschien es mir als etwas so -Ungeheuerliches, die Erde zu verleugnen, daß mir bei dem bloßen Gedanken -daran der Schweiß auf die Stirne trat. Mag kommen was will; ich -beschloß, Ada auseinanderzusetzen, daß ich zwar ein alter Mensch bin, -aber durchaus nicht »_der_ Alte Mensch«, wie sie es verstehen, und daß -sie das endlich begreifen müßten, wenn ihnen auch der Verlust ihres -Glaubens oder besser des unter ihnen verbreiteten Aberglaubens -schmerzlich wäre. - --- Ich bin in der Tat von der Erde hierhergekommen, begann ich, aber Ada -ließ mich nicht zu Ende sprechen. - --- Also das ist wahr, rief sie, das ist wahr? - -Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. In diesem Augenblick warf Ada sich -mir zu Füßen und umschlang meine Knie. - --- Ich danke dir, Alter Mensch, und bitte dich, mir zu verzeihen, daß -ich es wagte ... jetzt weiß ich, daß du der Alte Mensch bist! - -Ich sah sie erstaunt an. In ihren Augen, die eben noch klar und -verständig auf mir geruht hatten, brannte jetzt wieder dieses -unheimliche Feuer; ihre Hände zitterten, und ihre Wangen bedeckten rote -Fieberflecke. - --- Ich danke dir, Alter Mensch, wiederholte sie, ich werde gehen und es -dem Volk verkünden ... - -Ehe ich mich noch von dem Erstaunen über diese unerwarteten Worte Adas -erholen konnte, war sie verschwunden. Es blieb mir keine Zeit, sie -zurückzuhalten oder zu rufen. - -Diese Frau ist zweifellos wahnsinnig, und ich wundere mich nur, daß die -Nachkommenschaft Toms ihren Worten so bedingungslos glaubt; ich wundere -mich, daß all diese Märchen einen so ergiebigen Boden bei diesen -Degenerierten gefunden haben. - -Ich denke oft darüber nach, wie das alles gekommen ist. Ich bin wohl -auch zum Teil selbst daran schuld: Ich hatte mich zu sehr von dem neuen -Mondgeschlechte zurückgezogen, und als ich bemerkte, daß es meine Person -mit einer Legende umgab, hielt ich das zuerst für eine Kinderei und -bemühte mich nicht genügend, sie im Keim zu ersticken. Als ich endlich -die Tragweite zu ermessen begann und dagegen auftreten wollte, war es zu -spät. - -Schon zu Toms Lebzeiten bemerkte ich, daß unter seinen Kindern -phantastische Gerüchte über mich herumgingen. Aus zufällig gehörten -Worten entnahm ich, daß sie mein Wissen und meine im Verhältnis zu ihnen -ungewöhnliche Kraft für etwas Übernatürliches hielten. Ich galt in ihren -Augen zum wenigsten für einen mächtigen Gaukler. Tom hat zwar diese -Ansicht nicht verbreitet, ihr aber, soviel ich weiß, auch nicht -widersprochen. - -Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung, bis nach -dem Tode Toms die Dinge eine ernste Bedeutung annahmen. Ich fürchte, daß -ich heute für dieses Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben, -daß ich alles weiß und kann und wenn ich nicht immer das tue, was sie -von mir erbitten, so geschieht das in ihren Augen nur, weil ich es nicht -will. Haben sie mich doch in allem Ernste gebeten, die Stürme zu -beschwichtigen und mir gesagt, daß Ada dies leider nicht gelinge, -trotzdem sie in meinem Namen die Elemente beschwört. Und sie sandten sie -zu mir, denn -- ich kann alles! - -Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll, wann ich sie zu -verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige. Ada hat ihnen -prophezeit, daß dies unzweifelhaft geschehen wird, und sie fürchten mein -Fortgehen! - -Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf das, was in den -Köpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich kann nichts daran ändern; -vielleicht bin ich auch zu träge, den Kampf mit dieser Naivetät -aufzunehmen. Alles quält mich, alles drückt mich zu Boden. Ich bin froh, -wenn ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um mich herum -geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend von der Erde träumen -kann. - -Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wälder, Vögel, Wiesen, -duftende Blumen ... - -Oh, dort! ... - -Und ich sehne mich immer glühender, auf ewig von hier fortzugehen! - -Ach, wenn ich es könnte, wie sie denken, auf die Erde zurückkehren! Ich -bin ganz erfüllt von diesem Gedanken an die Erde. Womit ich mich auch -beschäftige, er kehrt immer wieder und läßt mir am Tage und in der Nacht -keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder an meinen -Augen vorüber, aber alle sind Variationen des einen Motivs: Erde! Erde! -Erde! ... - -Einst, als ich noch dort lebte, waren das für mich verschiedene Länder, -verschiedene Erdteile und Völker und Gesellschaften, jetzt hat sich -alles zu einem Gedanken verschmolzen, zu einer einzigen Liebe und -Sehnsucht. Ich kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die -Grenzen der Staaten, noch die Völker verschiedener Zungen und -Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit fließt in -meiner Seele zu einem unzertrennlichen Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und -dem Erdball selbst zusammen, und alles das leuchtet und glänzt und -strahlt in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel über den Wüsten! - -Erde! Erde! Erde! - - * * * * * - -Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glücklichen Zeiten, als er noch -ein Kind und mein unzertrennlicher Kamerad und Freund war. Und jetzt in -der stillen kalten Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen, -Einsamen farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren auf. - -Und wenn ich so sehnsüchtig an ihn zurückdenke, empfinde ich klar und -schmerzlich, daß er der einzige Mensch aus dem neuen Geschlecht war, den -ich wirklich liebte. Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn -betraf! - -Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter den -Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er vierzehn Jahre zählte, -war er bereits ein erwachsener, reifer Mensch. Die beiden älteren -Schwestern wuchsen auch schon heran. Ich blickte auf sie wie auf -blühende Blumen, die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und -vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, -- daß sich in -ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche Macht von ihnen ausgeht, -durch die sie wertvoll und begehrenswert sind. - -Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig. Früher waren sie -zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, die um seinen hellen Kopf -herumflatterten, nur die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm -nützlich zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die Schwestern -fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen ihm gegenüber für etwas ganz -Natürliches. Er machte sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er -wirklich einmal in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare -einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er dies immer -mit der herablassenden Miene eines gütigen Herrschers, der die -Anhänglichkeit seiner Untertanen zu belohnen geruht, aber auch dafür -Sorge trägt, daß sie nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und -Zufriedenheit übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms zu den Schwestern -empfand ich oft peinlich und unangenehm und ich ermahnte den Knaben -wiederholt, wenn ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und -rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß sie ihn lieben -sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für eine gewisse Zeit -wenigstens, vollständig ändern würde. - -Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder zu meiden und in -ihren Liebesäußerungen zurückhaltender zu sein. Manchmal nur, wenn er es -nicht sah, blickten sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten, -wenn er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber kühler -wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander. - -Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor sich, daß ich mir, -als ich sie bemerkte, nicht klar darüber war, wie und wann sie -eigentlich begonnen hatte. Nur das eine fühlte ich, wenn ich diese drei -... die noch Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend, -betrachtete, daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung -vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, obwohl sie sich später -an den Werkzeugen und Werken ihres eigenen Willens grausam rächen -sollte. - -Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei Frauen und ein Mann ... -Sie selbst verstanden das natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den -Schwestern wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer schwerer den -rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit und wurde verwirrt in -ihrer Gesellschaft. Diese stillen, schmächtigen Mädchen hatten jetzt -entschieden das Übergewicht über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt -erlangt. Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu benützen. -Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um ihre Bekleidung, ihre -Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; er sammelte bunte Muscheln und -Bernstein für sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr -sie zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An diesen Ausflügen -nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist seltsam, die Mädchen, die mit Tom -erzogen waren und bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten, -wollten durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug ich Tom -vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war, rudern zu lassen, aber -er ließ es nie zu. Ich bemerkte wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu -schonen, sondern vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen -Kraftleistungen und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen. - -Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab, und ich sah ihr -gerne zu. Es schien mir, daß ich drei Vögel vor mir habe und meine Hand -auf ihre pochenden Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen -schlagen: und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. Ich -glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod war, wo ich mich fast -glücklich fühlte. - -Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis des Lebens und der -Liebe vollzog, wehte es zu mir wie frische Frühlingsluft. Und das sind -heute schon alte Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins -Gedächtnis zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht viel Tage -erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne Schmerz erinnern könnte. Nur -eins -- und das ist wieder die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe -Toms zu Lilli und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein -Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch dieser Welt das -degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun langsam die Gegend der Warmen -Teiche bevölkert. - -So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich, als wenn ich in -einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer gefunden hätte. - -Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen gegenüber. Sie sind -vor allem arm, so arm, daß mein ganzes Inneres sich in Schmerz und -Mitleid windet, wenn ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über -ihnen. Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... Er war -energisch und verständig und hatte in den Augen noch das, was ich -vergebens in den Blicken seiner Kinder suche: die Seele. - -Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast schwer fällt, es -niederzuschreiben. - -Und warum mußte es so geschehen und nicht anders? Eine schwerwiegende -Frage, auf die es keine Antwort gibt! Weil wir hierhergekommen waren, -weil Tomas starb und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie -verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand, weil sie gestorben -ist und ich leben blieb, das heißt, immer diese eiserne, unerbittliche -Notwendigkeit, die die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und -sich um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert wie der Wind um -ein Körnchen des Sandmeeres, das er davonträgt. - - * * * * * - -Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht -niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum und für wen -ich das niederschreibe ... - -Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch die öde Wüste -notierte, als ich unsere ersten Jahre auf dem Monde beschrieb, dachte -ich, daß ich dieses Tagebuch den Mondvölkern zurücklassen würde, damit -ihre künftigen Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und was wir -alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis es uns gelungen ist, -erträgliche Lebensbedingungen zu finden. Aber heute ... Das ist doch -lächerlich -- dieser Gedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden -das niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es lesen sollen. -Was geht das sie an? Was gehen sie meine Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen -an? Könnten sie sie verstehen? Würden sie in diesen Blättern etwas mehr -als eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken? Und -übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen könnten, wissen, daß -sie degenerierte Nachkommen einer erhabenen Rasse sind, die mit ihrem -Geiste über ein fernes und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo -sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht, Scham und -Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie betrachte. Möge denn die -hiesige Menschheit lieber gänzlich vergessen, was sie einst auf einem -anderen Planeten gewesen ist und von keiner »metaphysischen Sehnsucht« -gequält werden. - -Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich nur für mich. -Wenn ich davon träumen dürfte, es durch irgendein Wunder auf die Erde zu -befördern, würde ich es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten -und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und segnen; die -Getreidefelder, Blumen und Früchte, die Wälder und Gärten, die Menschen -und Tiere und alles, alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer -ist! - -Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen wird, daß ich nicht -ein einziges kleines Wort auf die Erde schicken kann, zu der ich mich -nur in Gedanken und mit den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der -Sehnsucht getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine über den -Wüsten leuchtende Heimat zu sehen. - -Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbst wie alle Greise. -Und wenn es mir hier und da gelingt, mich für einen Augenblick der -Täuschung hinzugeben, daß ich das alles den Menschen mitteile, die auf -der Erde geblieben sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine -Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden spinne zwischen -mir und diesem Hunderttausende von Kilometern entfernten heimatlichen -Planeten! - -Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus meinem armen Leben -hier erzählen, meine Gedanken beichten und meine Schmerzen klagen und -über die seltenen kurzen Freuden Bericht erstatten ... - -Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele! - - * * * * * - -Dann schrieb ich ausführlich über den einzigen Frühling, den ich auf -diesem traurigen Globus erlebte, indem ich mich der erwachenden Liebe -zwischen Tom und den Mädchen erfreute. - -Vielleicht hätte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich glaubte, wenn -ich für einige Zeit von ihnen ginge, jenen zauberischen Frühling zu -verlängern, und ich wollte erst zu der Zeit des Jahres zurückkehren, wo -ich die reife Frucht vorfände. - -Ich alter Narr! Es wäre kein kleineres Wunder gewesen, einen -herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten, daß man sich von ihm abwendet. -Das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang! - -Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande verbracht hatte, -ans Meer zurückkam, begrüßte mich Tom mit einer seltsamen Würde und -führte mich in das alte Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten. - --- Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen hast. Wir haben -nichts angerührt. Nur Ada hat während deiner Abwesenheit hier gewohnt -und deine beiden alten Hunde, die du zurückgelassen hast. - --- Und du? frug ich, und die älteren Mädchen? Wo seid ihr gewesen? - -Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte jetzt erst, daß -sich nicht weit, am Ufer des höheren warmen Teiches, ein beinahe -fertiges neues Häuschen erhob. - --- Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom. - --- Wozu? frug ich mit unverhüllter Verwunderung. - -Tom zögerte einen Augenblick, dann wies er auf die sich uns gerade -nähernden Mädchen und sagte, mir fest in die Augen blickend: - --- Das sind meine Frauen! - --- Welche? frug ich fast unbewußt. - -Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die Mädchen schauten uns -ängstlich an. - --- Welche von ihnen? frug ich abermals. - --- Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein! - -Mit diesen Worten nahm er die Mädchen bei den Händen und führte sie zu -mir. - --- Segne uns, Alter Mensch! - -Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen genannt, der heute -schon für immer mit mir verwachsen ist. - -Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Veränderung, die -scheinbar unwesentlich und dennoch sehr eingreifend war. In unserem -kleinen Kreis vollzog sich eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen -eine eigene, in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Maße enger -wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte. - -Mit jedem Tage fühlte ich mehr, daß ich auf dieser Welt unnötig wurde, -und mit jedem Tage wuchs in mir die Sehnsucht nach jener anderen, die so -entfernt, ach, so ferne war! Und das Leben floß dahin, immer -unaufhaltsam seinen alten Lauf! - -Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben Toms mit den -Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, obwohl sie ihn unveränderlich bis -zum letzten Atemzug liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu -despotisch. Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren. Zum Teil -waren diese unerquicklichen Verhältnisse auch die Veranlassung, daß ich -zum zweitenmal nach dem Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir -nahm. - -Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie ich glaube, der -Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie, der bis auf den -heutigen Tag dauert. Der furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der -Tod Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht nach der Erde -und die entsetzliche Einsamkeit martern und quälen mich mit jedem Tage -mehr, obwohl die Zahl der Menschen hier auf dem Monde immer größer wird. - -Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche Nachkommenschaft, -sechs Söhne und sieben Töchter, von denen die jüngste einige Mondtage -nach der Geburt gestorben ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat -sich der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend, mit der -Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle in dem Maße des -Zuwachses gepaart. Heute, nach dem Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel -vorhanden, darunter zwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn, der -schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen zweiundvierzig -Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre Niederlassungen errichten -sie längs dem Meeresstrande nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen -schreitet auch die »Zivilisation« vorwärts. Häuser erheben sich, -Schmieden und Hundezwinger. - -Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen und werde hier wohl -bis zum Tode bleiben, den ich so heiß herbeisehne! Und so bin ich schon -eine Ausnahme auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde -verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ... - - - - - IV. - - -Ich glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen auf der Erde ein -Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe und an sie denke. Das ist so -wenig, und es würde mich so namenlos glücklich machen! - -Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele Hunderttausende -von Kilometern, eine interplanetarische Strecke, die noch niemals -zurückgelegt wurde, von dieser Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich -geboren bin, trennen! - -Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren Gedanken nur -damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf dem Meere reichlich -ausfällt, der Salat gut aufwächst und die verwilderten Hunde nicht die -eiertragenden Eidechsen in den Umzäunungen zerreißen ... - - * * * * * - -Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel zugebracht ... -Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort gerne und dachte über die -Vergangenheit des heute erloschenen Mondglobus nach; jetzt zieht es mich -wieder oftmals dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten -Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an Martha, Peter, Tom und an -mich selbst und wann ich wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde. -Gerade heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille -Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses Leid, ein so -trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen begann und die Hände -ausstreckte zu den Gräbern und sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu -sprechen oder mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen. - -Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben. Was hält mich -auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, Sehnsucht, die furchtbarste -Vereinsamung, alles das habe ich zur Genüge ausgekostet; seit langem bin -ich niemandem mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen! - -Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde sehen, auf diese -helle Kugel schauen, die am Himmel hängt, auf die Erdteile, die langsam -darüber kreisen und die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich -will noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich das Land, -wo ich geboren bin, und dann ... - -Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß gefaßt. Ich werde -zum Polarlande gehen, um auf die Erde zu schauen. - -Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken die ganze Fahrt -und die dafür nötigen Vorbereitungen zurecht. Auf der Schwelle des -Sommerhäuschens fand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde -gekommen, und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig auf meine -Rückkehr. - -Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, wenn auch nur von -ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, Ada meine -Absicht mitzuteilen. - --- Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde ich von euch gehen! - -Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an, die sie mir gegenüber -stets bewahrt, und antwortete nach einem kleinen Zögern: - --- Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter Mensch ... aber ... - -Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe, mit mir -umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte gewöhnt haben müssen, -derartig aufgebracht. Im ersten Augenblick schnürte sich mir das Herz im -Gefühl der Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte mich ein -unbezwinglicher Zorn. - --- Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß stampfend. Ich werde -fortgehen, wann es mir gefällt und wann ich will, aber daran ist nichts -Geheimnisvolles, nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß ich -morgen früh die Hunde für den Wagen haben will; ich fahre zum Polarland. - -Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem Befehl nachzukommen. - -Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche Bewegung -vor meinem Hause. Jan und die Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen -nicht ausgenommen, hatten sich versammelt und standen entblößten -Hauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend. Ada trat aus -ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner Schwelle stehen. Sie war in -feierlicher Kleidung: einen Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu -den Hüften herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue -Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln eines Hundes, -die geglättet auf einen langen Kupferdraht gesteckt waren. - --- Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen! - -Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die an der Wand -hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese Horde, die mit einem solchem -Pomp zu mir gekommen, auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder -leid. Was können sie dafür. - -Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der Absicht, noch einmal -den Versuch zu machen, ihnen vernünftig zuzureden. Der wilde Lärm des -Beipflichtens, der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte -sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in der Stille nur -noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen und das erstickte Flüstern der -Mutter: Still, still, der Alte Mensch wird unwillig ... - -Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids. - --- Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite schiebend. - -Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit dem Blick eines -ratlosen, verängstigten Zwerges in die Augen und sagte schließlich, -nachdem er sich umgesehen, um aus den Mienen der Kameraden Mut zu -schöpfen: - --- Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch nicht von uns -fortgehen möchtest. - --- Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend über dreißig -Personen. - -Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte in ihren -Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung ergriffen fühlte. - --- Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage mehr mir selbst als -ihnen vorlegend. - -Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, mit sichtlicher -Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen zusammenzufassen: - --- Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht und die große Kälte -kommen. Oh, die böse Kälte, die wie ein Hund beißt, und wir würden -allein sein ... Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei -uns, Alter Mensch ... Ada -- hier blickte er auf die neben ihm stehende -»Priesterin« -- Ada sagte uns, daß du dich mit der Sonne kennst und noch -mit einem anderen Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll -und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den sie gesehen -hat, als sie mit dir dort war im Norden ... Sie sagte, daß du von dort -gekommen bist, und wenn du ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in -einer heiligen Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir -fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren könntest, -denn wir würden allein bleiben. Wir bitten dich also ... - --- Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die Zwerge, den Satz -Jans beendend. - -Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich ihnen antworten -sollte. Die Männer und Frauen umringten mich, streckten die Hände aus -und baten mit angstvollen Stimmen: - --- Bleibe bei uns, bleibe! - -Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen, was ich -ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich ein gewöhnlicher Mensch sei, -durchaus mit keinen geheimnisvollen Kräften begabt und ebenso wie sie -alle dem Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte; in den -Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig wie eine Litanei: -Bleibe bei uns! - -Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, mit -einer außerordentlichen Würde in der ganzen Gestalt, aber es schien mir, -daß ich auf ihren Lippen ein Lächeln bemerkte -- halb spöttisch, halb -wehmütig ... - --- Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich. - -Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten Augen. - --- Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen. - -Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns. - -Das war mir zu viel. - --- Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich werde nicht -bleiben, denn ... - -Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Wie konnte ich ihnen -erklären, daß ich gehe, um die Erde zu sehen, den mächtigen und hellen -Stern, nach dem ich mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem -wahnsinnigen Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen bin? -... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte auf die Versammelten -und bemerkte, daß diese Zwerge weinten! Sie weinten bei dem Gedanken, -daß ich sie verlassen würde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht, -aber in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag die Demut -eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach als alle Worte. Sie -dauerten mich unbeschreiblich. - --- Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher Stimme, aber noch -nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen! - -Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, das sich ihren Kehlen -entrang ... - --- Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich hinzu, von einem -plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise, dort nach Norden, wo der -schönste Stern leuchtet, von dem ihr von mir und von Ada gehört habt, -dann werde ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und später -euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen könnt. - --- Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig! antworteten mir -zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur nicht von uns auf diesen Stern, -von dem du sprichst! - --- Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich, aber leider bin -ich nur ein Mensch, so wie ihr. - -In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. Sie schauten sich -untereinander an, und es schien mir, daß ich auf ihren breiten Lippen -etwas bemerkte, das einem schnellen Lächeln des Einverständnisses glich -und sagen wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, daß -der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen Grunde nicht will, daß -wir wissen sollen, daß er ... der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte -mich der Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. Vor dem -Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster, wie sich alle um Ada -scharten, die lebhaft etwas erzählte, wahrscheinlich von mir und meiner -Übernatürlichkeit. - -Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, und das -Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen Häusern zerstreut, die sich -in langer Reihe an den steinigen, nach Südwesten laufenden Ufern der -warmen Teiche erheben. In einigen Stunden werden sie sich zu einem -langen Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom Alten -Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der Erde, dem mächtigen, -seltsamen und unbekannten Stern, den sie nur aus den Erzählungen kennen -... - - * * * * * - -In einigen Stunden werde ich das einzige wachende Wesen auf dem Monde -sein. - -Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das Fenster, wie sich -vor dem Hause Jans seine Söhne zu schaffen machen; nicht weit davon -beenden die Frauen in aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald -hereinbrechenden Nacht. - -Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger unter diesem -Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein Überlegen mehr, denn ich habe -ihnen versprochen, daß ich noch bleibe. - -Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes Herz -- lange wird -es nicht mehr schlagen müssen. Noch einige Tage, einige Mondtage -höchstens, und dann ziehe ich gen Norden, zum Polarland, um dort das -Leben zu beenden, -- den Blick auf die geliebte Erde gerichtet. - -Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, ich weiß es, und -mich begleiten wollen. Und so werde ich einige von ihnen mitnehmen auf -diesen letzten Weg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern -zurückkehren -- ohne mich. - -Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid, daß ich -nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier zu bleiben. Der -Gedanke ängstigt mich, es könne mir in kurzer Zeit vielleicht schon an -Kraft und Leben fehlen, die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor -Augen habe, anzutreten. - -Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich wundere mich manchmal -selbst über die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich -nähere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich -jeder Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit zu -untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht. - -Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich lächerliche und -entsetzenerregende Überlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist, -daß ich niemals sterben werde. - -Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur -des Menschen an ihr Widersprechendes gewöhnen, die Seele niemals! Mein -Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie -wachsen unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte. - -Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heißen -Glücksgefühl daran, daß ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde. -Das Herz schlägt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling -wäre, der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über alles -geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Träumen zu sprechen -gewagt hat. - -Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar; -ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr ausbreiten und sie durch die -undurchdringlichen Himmelsräume rufen, sie wird weder meine Stimme hören -noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen. - -Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand -seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dünkt mich, daß ich an diesen -entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem -langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich -in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. Und so an -diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, daß mir der Boden unter -den Füßen fremd ist und immer fremd bleiben wird. - -Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde -ist für mich nur noch ein Stern, den ich über alles liebe. Wenn es -Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden -Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in -der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten -Qualen, wie auch ich sie erdulden muß. - -Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, von mir so -bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem -Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glücklicher ist als ich. - -Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um -ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, lächeln einander zu und -sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natürliche Recht des -Ältesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für -allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger -Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen. -Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan noch ein kleiner Knabe war, habe ich -diese Abendversammlungen gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder -andere zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde erzählt und -von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am -Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum -verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner -Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch -phantastische Legenden entstellen und verwirren? - -Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran? -Ist es ihre Schuld, daß sie alles, was sie hören, auf sich beziehen, -unfähig, sich in Gedanken über diesen Landstreifen zu erheben, den sie -bewohnen? Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der -Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab sie auf der -Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer -Götzenanbetung auf mich richten? Daß Menschen eine andere Welt bewohnen -können, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen -leuchten, halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil ich es -gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist. - -Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und -erst dann meine Bemühungen aufgegeben, als ich mich von der gänzlichen -Unmöglichkeit überzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe -machen, und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare -Verantwortung für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir -anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer -Weise glücklich, und ich gräme mich ihretwegen und vergrößere durch eine -quälende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ... - - - - - V. - - -Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese -Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu -notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe -endlich zum Polarland! - -Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage. - - * * * * * - -Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner -gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial -versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland -genügen werden -- länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich -bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand -eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird. - -Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum -Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng -verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt, -daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr -bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und -ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in -Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit -seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen -und Lebensbedürfnissen hängt. - -Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch -jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der -Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt -bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean -fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der -Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer. -Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen -Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie -in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten -mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte. - -Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen, -mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt. -Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu -verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr -ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit -benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie -bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor -unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und -verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene -Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf -der nördlichen Halbkugel zu gelangen. - -Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals -zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas -nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie -heimkommen sollten, ehe ich fortgehe. - -Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer, weshalb sie -nach Norden gegangen wären. Sie antwortete, daß sie sehen wollten, was -dort sei ... Darüber hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben. - -Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen -und sind tüchtig, wie sie es bewiesen haben. - - * * * * * - -Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen -Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich -den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen. - -So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch weiß, -daß ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren. - -Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten -Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ... - -Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht. -Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich -auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hügel -mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im -weiten Lande sterben werde. - -Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir -Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie -wissen, daß es so sein muß. Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich -zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen. - -Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals -heimkehren. Aber ich will nicht mehr länger warten. Übrigens sind alle -meiner Abreise wegen so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie -denken. - -Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt und hinzugefügt: - --- Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind aufgebrochen, ohne -den Alten Menschen um Rat zu fragen. - -Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm. - --- Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie -und drängten sich weinend um mich. - -Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. Eine seltsame -Entdeckung -- in diesem letzten Augenblick ... - -Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, aufzubrechen! - - * * * * * - - Unterwegs auf der See-Ebene. - -Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß nun das -Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im -Polarland -- unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus -- und dann --- der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel -leuchtenden Heimat. - -Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes Leben und diese -Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen habe; alles das zerrinnt -in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch -das flammende Rund der Erde glänzt. - -Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell wie möglich -sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und -der Schlaf will sich nicht auf meine Lider senken. Ich versuche durch -Schreiben die langen Stunden zu verkürzen. - -Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten -Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und -wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurück, das schon so weit -hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und -Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ... - -Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Kräfte -anspannen muß, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde! - -Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch muß ich -zugeben, daß mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden. -Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der -Gewohnheit! Man kann sich, scheint's, selbst an die Gitter des -Gefängnisses gewöhnen ... - -Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz -niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die -ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster -und traurig und warteten. Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren -alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit. - -Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume gleiten, in denen ich -fünfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, daß man diese -Wohnstätte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt, -steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben ist und was -ich einst gebraucht hatte, eigenhändig in Brand und ging hinaus zu den -mich Erwartenden. Eine helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und -Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen. - -Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter kurzer Schrei. Sie -schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rührte -sich, um das Feuer zu löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und -alle schwiegen. - --- Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu -sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers -unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte -ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte. -Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren werde, ihr aber, -wenn ihr wollt, könnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe. - -Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des -Daches und auf mich; ich sah, daß einigen von ihnen Tränen über die -Wangen liefen. - -Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine drückende Last -sich auf meine Brust wälzte. - --- Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit -Mühe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und -von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr -Menschen seid, denkt daran! - -Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung -fortfahren: - --- Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich lasse euch das -Buch zurück, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe, -das von der Erschaffung der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des -Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört. - -Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose Dinge redete. - -Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach: - --- Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, daß der Mann -die Frau schlägt? - -Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick umringten mich -Frauen und Männer und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen: - --- Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder den -jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist? - --- Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Hütte zu -treiben, die sie einst selbst erbaut haben? - --- Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke spricht: »Das sind -meine Felder!« und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen. - --- Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau nimmt? - --- Daß er die Handwerkszeuge beschädigt? - --- Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt? - --- Daß er zum eigenen Vorteil lügt? - --- Sage, ob das recht ist! - --- Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bücher haben -gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es -täglich in unserer Mitte! - -Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. Dieses Volk -verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung -schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond -verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde -hierhergekommen! - --- Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen -derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe? - --- Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir. - -Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich -fortgehe? - -Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne zu wissen, was ich -erwidern sollte. - -Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hören und -ein dumpfes, entferntes Dröhnen des Vulkans. - -Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fühlten scheinbar -dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, daß meine Abfahrt das -unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen würde. - --- Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. Lebt indessen -in Frieden und menschlich, murmelte ich und wußte gar wohl, daß ich -ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst. - --- Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort -gesprochen hatte. - -Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie mit erhobener Stimme -hinzu: - --- Der Alte Mensch verläßt euch! - -Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie -mit einem Schauer überlief. - --- Es muß so sein! sagte ich dumpf. - -Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei -ihrer Neffen gen Norden ... - - * * * * * - -Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute -aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Höhe steigend, sondern -schleppte sich am Horizont, gerötet kaum einige Fuß über der bläulichen -Linie der Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns dem Ziel -unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich -unterscheide schon mit bloßem Auge die höchsten, ewig von der Sonne -beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde -bildet. - -Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ... - -Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die -Sonne auf dieser Halbkugel untergehen müßte, werden wir schon auf dem -Pol sein, im Land der ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig -Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen Meridiane -ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Füßen hat. - -Und dort -- werde ich die Erde sehen! - - * * * * * - - Im Polarlande. - -Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den -Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der große -Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen, -die die Grenzmauer der Polarmulde bildet. - -Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die Augen nach der -Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und -als ich sie plötzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis -ins Innerste der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter -ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien -erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit -ausgestreckten Händen, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah -ich auf meine Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden -Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblößten -Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zügen, die -starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die -Arme zu dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, bis sie -sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte: - --- Von dort ist _er_ gekommen, sagte sie mit gedämpfter Stimme, als wenn -sie nicht wollte, daß ich es höre, und dorthin wird er zurückkehren, -wenn die Zeit erfüllt ist. Werft euch zu Boden. - -Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre -Väter einst gelebt haben ... - -Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu -nähern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rührung -zitternder Stimme die Erscheinung zu erklären, die sie vor sich hatten. -Sie drängten sich um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn -sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick über ihre -Köpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen -würde! - -Ach, wenn ich es könnte! - -Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, beschäftigte -mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß ich unwillkürlich -verstummte, auf die Erde starrte und nur noch fühlte, daß ich diesen -Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte. - -Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher -zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen und, auf die Erde -zeigend, flüsterten: - --- Sieh, sieh, _er_ ist von dort gekommen. - --- Damals, als es hier noch niemanden gab ... - --- Ja ... _Er_ hat den Großvater Peter hierhergebracht und seine Frau -Martha ... Und einen, der der Vater unseres Großvaters war, hat er auf -der Wüste tot zurückgelassen ... so lehrt Ada. - --- Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von -Adam, das ist sozusagen Peter, und von ... - --- Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er -ebenfalls von dort mitgebracht. - --- Ja, alles hat _er_ geschaffen; für die ersten Menschen hat _er_ hier -Meer und Sonne und Teiche geschaffen ... - -Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, schnell um und die -halblaut geführte Unterhaltung verstummte sofort. - -Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder ein, wie -vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen deshalb nur, daß sie das Zelt -aufschlagen möchten, da wir hier längere Zeit bleiben würden. Und -seitdem fließen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den -rosagefärbten Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint es, -langsam, für mich aber viel zu schnell dahin! - -So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und Schmerz mich bei dem -Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, dorthin zu den Warmen -Teichen. Hier verweilend habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im -letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, daß von -hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur -Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wüste -hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so -lange gelebt habe. - -Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr -dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier -hat sie mir gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen -haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier -wandelte sie mit mir auf den grünen üppigen Wiesen oder kletterte auf -die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort -schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst -gedemütigt und von Schmerz zerrissen. - -Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen -sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Füßen, -und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der -Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was -unwiederbringlich dahin ist ... - -Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du -das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die -Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern -- was -willst du noch? - - * * * * * - -O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor -meinen Augen leuchtet! - -O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und über alles teuren Brüder! - -O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte über den -Wüsten! - -Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter -Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, o herrlichste Blume, duftender -Weihrauch! Wie Vogelstimmen tönende Harfe! - -O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter! - -Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Tränen -mehr, dich zu beweinen, Stern, über Wüsten leuchtend! Welt, über alle -anderen der glühendsten Liebe wert! - -Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der -unglücklichste deiner Söhne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner -goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel! - -Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest, -und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterschoß: - -Erde! - -Vergib, daß ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach -Erkenntnis, die du selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt. -Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du vor Zeiten -von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte und deine Meere -einwiege! - -Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute -gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die -seine Augen erfreuen, und Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte, -und Brüder, daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene, -grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende Sohn und der Kinder -schlechtestes auf deinem breiten Schoße: - -Erde! - -Vergiß mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des -ersehnten Todes umhüllt! ... - -Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich -mit deinem gesegneten Lichte! - -Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen -Gipfeln und grünen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blättern der -Bäume, von blühenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet, -von Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, von menschlichen -Zügen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende -von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wüste zu mir eilend, und -ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner -Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste Farbe und des -menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten -Augen spiegelt! - -O Erde, meine Erde! - -Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, endlich auf -diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt -hier gespannt sind, zu deinem Mutterschoß zurückgelangen und in -balsamischen Lüften alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach -er sich so grenzenlos sehnt! - -O Erde! - - - - - VI. - - -Ich habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. Dieser Gedanke -umkreist mich beständig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen -Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und -die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fühlte ich -so wie jetzt, daß der Tod nahe ist. - -Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber -- was -erstaunlicher ist -- auch ohne Freude, die doch die endlich nahende -Erlösung in mir erwecken müßte ... - -Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, etwas ungemein -Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann. -Und das bedrückt mich, und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit -Freuden begrüße -- den Tod-Erlöser! - -Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls -im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so maßlos danach, zu -euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ... - -Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ... - - * * * * * - -Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die -Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die -ganze Polarmulde überflutete. - -Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie -gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die -Erde oder die Wüste zu blicken, die hier schon an der Grenze des -Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen -möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach -ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten -Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten -Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn -man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein -heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem -Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie -blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen -wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als -ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort -von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging. -Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich -vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier -schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des -Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich -von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt -waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel. - -Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich, -diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und -von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich -wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk -vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der -Sterne ... Und die rotglühende Sonne liegt schon in meinem Rücken und -nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und -Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell -erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ... - -Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick -der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden -hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über -Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her -verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie -ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen -Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der -Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen -schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so -unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit -zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich -wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel -- dort oben -auf dem Gipfel des Mondberges. - -Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, daß Ada zu -meinen Füßen kniete und helle Tränen über ihr Gesicht herabflossen. - --- Was ist dir? frug ich fast gedankenlos. - -Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie und weinte -herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen -Worte heraus: - --- Du bist unglücklich, Alter Mensch. - --- Und deshalb weinst du? - -Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen und starrte auf -die goldene Scheibe der Erde. - -Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen. - -Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem eigenartig -durchdringenden Blick in die Augen. - --- Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich, sogar du, sagte -sie. Weshalb bist du hergekommen? Weshalb von diesem Sterne ... - -Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort: - --- Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht? - --- Ich weiß es nicht. - -Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht, warum ich nicht -sterbe ... - -Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn ich mußte an jenes -furchtbare Mondmärchen denken, daß ich niemals sterben würde. - -Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend: - --- Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist du unglücklich. - --- Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich. - -Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich an einer Biegung -das Zelt Jans und der Kameraden, das an derselben Stelle aufgeschlagen -war, an der einst unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir -vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom an der Brust, -erwarte und Peter, wie gewöhnlich in Nachdenken versunken, aber noch -jung und nicht gebrochen wie dort am Strand des Meeres. - -Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick der Zwerge, die -sich um das Zelt zu schaffen machten, grausam zerstört. - -Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. Ada bemerkte -es. - --- Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? fragte sie. - -Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich nach der Erde um -und schritt ins Tal hinab: nur noch ein kleines Segment von ihr war am -Horizont sichtbar. - -Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend die Hände -zusammen: - --- Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch. - -Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen wollte. - --- Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann? sagte ich. - --- Du kannst alles, was du willst, antwortete sie -- aber ... wolle -nicht! - -Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt war, legte ich -mich nieder, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Vor allem ließ mich -einige Stunden hindurch das Flüstern meiner Begleiter hinter der -Zeltwand keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie nach mir -aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen und getan hätte ... Ihr -Geschwätz peinigte mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte -mir von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste und von der -Erde! ... Von der Erde ... - -Ach, wie mich diese Träume quälen ... - - * * * * * - -Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir hierhergekommen -sind, ermüden mich unsagbar. Es scheint mir, daß sie unaufhörlich -zwischen mir und der Erde stehen und einen Schatten auf meine Seele -werfen ... - -Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie haben es sich -bequem gemacht auf der Ebene, richten sich ein, tragen Vorräte zusammen, -als wenn sie sich dauernd hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa -der Täuschung hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, mich zur -Umkehr zu bewegen? - -Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im Spiele hat? Immer mehr -staune ich über diese Frau. Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob -ich es wirklich mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen -mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist es etwa nicht -wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich die Verständigste von all -den hier Geborenen ist? - -Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch ein Mensch aus einer -anderen Welt, der fertig ist mit dem Leben und so müde, so furchtbar -müde durch das, was dieses Leben ihm brachte. - -Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen und mich allein -lassen wollten! - -O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir ist, ohne dich zu leben, -und wie gerne ich sterben möchte! Morgen, heute, sofort ... - - * * * * * - -Welch eine Lästerung habe ich niedergeschrieben! Noch gestern wollte ich -sterben, und heute will ich leben, muß ich leben, noch einige Mondtage, -dann mag geschehen, was will! Es saust mir im Kopfe, und ein -unaussprechlich wonniges Gefühl will mir die Brust zersprengen. So ist -es, so ist es! Ich muß es erfüllen, ich muß! - -Gott, wie danke ich dir, daß ich unseren alten Wagen mit mir habe und -genügende Vorräte. Und es ist so einfach! Wie sonderbar, daß ich nicht -früher daran gedacht habe! - -O Erde! O meine Brüder! Ich bin doch nicht so verlassen und von euch -abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem glaubte; ich habe ein Mittel, -euch Nachrichten von mir zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben -bezahlen werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe! - -Ich werde auf der Wüste sterben, im vollen Glanz meines geliebten -Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ... - - * * * * * - -Ach, daß ich sie finden möchte! An sie denke ich jetzt nur, von ihr -träume ich, und wahrhaftig, ich weiß nicht, ob ich jemals im Leben den -Anblick des geliebten Weibes so heiß begehrt habe, wie ich heute -begehre, sie wiederzufinden -- diese Kanone, die wir vor fünfzig Jahren -am Grabe O'Tamors zurückgelassen haben! ... - -Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf fuhr, überkam mich -ein wahrer Freudentaumel; er erschien mir wie eine Offenbarung, die mir -das Mittel zur Verständigung mit meinen Brüdern auf der Erde zeigte. - -Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe nicht ein -einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort, auf dem _Sinus Aestuum_, -inmitten der Steinwüste, am Grabe O'Tamors, eine Kanone steht, die genau -auf die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den Funken -wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den Weltenraum, der Erde -entgegenzuschleudern. - -So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen und diese Kanone suchen; -ich werde die Leiche des greisen O'Tamor in dem felsigen Grabe -auffinden. O'Tamor, der diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die -leeren Augenhöhlen der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von dieser -Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu erschöpft, und vor -allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren könnte. Der Tod hat mich -verschmäht, er wollte nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm -entgegengehen, in dieses furchtbare Land, das sein Königreich sein muß. - -Und ich werde dort ruhen, neben O'Tamor und der abgeschossenen Kanone, -auf Felsen gebettet unter dem Rund der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es -doch bald wäre -- so bald wie möglich! - -Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert! Vorher werde ich dieses -Tagebuch zusammenfalten, dieses Buch des Schmerzes, das ich den -künftigen Mondvölkern hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust -pressen und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer -Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich träume davon mit -klopfenden Schläfen, wie dort auf der Erde jemand diese Stahlkugel -findet, -- nach Wochen vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten. -Und nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt ... - -Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen, was ich im -unaufhörlichen Denken an euch und an unsere gemeinsame Mutter, die Erde, -geschrieben habe. Ihr kennt sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht -der Blüten und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch -vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen Zeiten -über dem Reich der Stille und des Todes leuchtet! - -Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter ist, wenn man sie -durch die Abgründe der Himmel erschaut, und wie ich mich nach ihr sehne -und nach euch -- und diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl -er mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt! - - * * * * * - -Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste und zum drittenmal -verblaßte die Erde seit der Zeit, da wir nach langer, mühseliger Fahrt -im Polarland anlangten, als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf -den Hügeln überraschte, zu mir trat und sprach: - --- Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren! - -Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in meinen Gedanken so mit -der Erde beschäftigt, daß ich den Sinn zuerst nicht verstand, sondern -glaubte, er rufe mich zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ... - -Aber er sagte weiter: - --- Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist Zeit, an das Meer zu den -warmen Teichen zurückzukehren, zu unseren Behausungen und Feldern, Alter -Mensch. - -Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage, aber trotzdem las ich -in seinen Zügen einen unerschütterlichen Entschluß. Und plötzlich -überkam mich eine unsägliche Trauer: Diese Menschen sind mit mir -hierhergekommen und denken jetzt an die Rückkehr, an ihre Familien, an -die Heimat, nach der sie sich sehnen und die sie bald wiedersehen werden --- und ich? ... Mein Haus, meine Familie und meine Heimat dort -- am -Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurückkehren, obwohl an mir sicherlich -eine hundertmal heißere Sehnsucht nagt nach ihr, die ich auf ewig -verloren habe, als an diesen Leuten nach einem Stückchen Mond, am -Strande des Mondmeeres! Eifersucht bemächtigte sich meiner. - --- Kehrt zurück! sagte ich trocken. - --- Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen zu mir aufblickend. - --- Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich euch mit mir nahm, -gesagt, daß ich gehe, um niemals wiederzukehren. - --- Ja, flüsterte Jan, aber ich dachte, daß mit der Zeit vielleicht doch -... Hier ist es nicht gut für Menschen ... - --- Kehrt also zurück. Ich bleibe. - -Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt, als wenn er von -einem Wurf in den Nacken getroffen wäre und entfernte sich eiligst. Zu -Ada, dachte ich mir, um Rat zu holen. - -Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile kam die -»Mondpriesterin«. Ich war auf eine lächerliche Szene mit Bitten, -Beschwörungen und Weinen vorbereitet, wie sie sich vor Aufbruch zu der -Fahrt hierher abgespielt hatte, und daher sehr verwundert, als Ada -allein und still kam, weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur -sagte: - --- Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter Mensch? - -Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. - --- Aber du wirst doch nicht _dorthin_ gehen? - -Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf die Erde und die -unter ihr liegende Mondwüste. - -Unwillkürlich folgte ich ihren Blicken, und da war es, als zum erstenmal -der Gedanke in mir auftauchte, daß ich mich dorthin begeben könnte, auf -die Wüste, die ich vor fünfzig Jahren mit meinen Kameraden zurückgelegt -hatte, um mich wenigstens für kurze Zeit, ehe ich sterbe, der Erde näher -zu fühlen, sie direkt über mir zu haben. Heute erfüllt mich dieser -Gedanke ganz und gar; er begleitet mich im Wachen und im Schlafe und ich -kann mich nicht eine Minute von ihm losreißen. Aber damals war es kaum -ein erstes Aufblitzen, das ich zunächst in mir erstickte, denn ich -glaubte, daß es etwas Unmögliches sei; als wenn der Tod an der Grenze -der Möglichkeit stünde und es unmöglich wäre, etwas zu kaufen, was man -mit dem Leben bezahlen muß. - --- Dorthin wirst du also nicht zurückkehren, wiederholte die Priesterin. - -Ich zögerte. - --- Nein. Noch nicht. - --- So ... könntest du vielleicht doch noch mit diesen Armen am Meere -wohnen? Sie möchten dich so gern in ihrer Mitte haben. - --- Nein! antwortete ich hart, da ich sah, daß ich wieder mit Bitten -bestürmt werden sollte. Ich will hierbleiben. - --- Wie es dir gefällt, Alter Mensch. Sie werden sehr traurig sein, aber -... wie es dir gefällt, so wirst du tun. Wenn sie allein zurückkehren, -werden diejenigen, die zu Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der -Alte Mensch, auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie aber -werden die Köpfe sinken lassen und antworten: Er hat uns verlassen. Aber -wie es dir gefällt. Schließlich wissen sie, daß du ein Gast unter ihnen -bist und die Zeit kommen wird, da sie sich allein regieren müssen. - --- Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich. Sogar Jan -gehorcht dir und achtet deinen Willen. - --- Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben. - -Ich sah sie erstaunt an; sie zögerte, dann glitt sie langsam zu meinen -Füßen nieder: - --- Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch. - --- Sprich. - --- Jage mich nicht fort! - --- Wie? - --- Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu bleiben. - --- Bei mir, hier im Polarland? - --- Ja, bei dir im Polarland. - --- Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind diejenigen, die dir nahe -stehen, dort am Meeresstrande. - --- Ich weiß, du stehst mir nicht nah, denn du bist von einem fernen -Stern gekommen; ich weiß es, aber erlaube mir dennoch ... - -Ich dachte über diese seltsame Bitte nach. - --- Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich zum zweitenmal. - -Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber fester Stimme: - --- Ich liebe dich, Alter Mensch. - -Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter: - --- Ich weiß es, daß es eine strafwürdige Kühnheit ist, wenn ich zu dir -sage, daß ich dich liebe, aber ich kann das, was ich fühle, nicht anders -bezeichnen. Meiner Eltern erinnere ich mich kaum mehr. Ich weiß nur -noch, daß sie unglücklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner -Kindheit, und ich sehe in dir alles Große, Lichte, Mächtige, etwas, das -ich nicht kenne, aber ich weiß, daß es von den Sternen mit dir -hierhergekommen ist. - -Sie verstummte. Und als ich noch in höchstem Staunen ihre sonderbaren -Worte an meiner Seele vorüberziehen ließ, begann sie von neuem: - --- Und dabei warst auch du unglücklich und so einsam, einsam das ganze -Leben hindurch, einsam wie ich. Ich weiß nicht, weshalb du von dem dort -leuchtenden Stern auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ... -Ich weiß, daß du alles tust, was du willst, -- du genügst dir und -bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen und bis zum Ende mit dir -zusammen sein. Jage mich nicht fort! Du Großer, du Guter und Kluger! - -Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen Füßen und -verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien. - --- Und wenn du dann fortgehen willst, zurückkehren zu deiner am Himmel -strahlenden Heimat, sagte sie nach einer Weile des Schweigens, so werde -ich dich bis an die Grenze dieser großen, toten Wüste begleiten und von -dir Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen, bis du meinen -Augen entschwunden sein wirst und dann zu den Menschen am Meeresstrande -zurückkehren und ihnen nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich -sterben. - -Während sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flüsternd und -träumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen hatte, waren die -Mondzwerge nahe herangeschlichen und lauschten ihren Worten mit -angehaltenem Atem. Und plötzlich hörte ich Jan leise sagen: - --- Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die Erde! - -Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes Weinen. Und -sonderbar! Für gewöhnlich regte mich das Weinen dieser Antropomorphen -auf und reizte mich, jetzt aber, ich weiß nicht, ob durch die -unerwarteten Worte Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele -erschüttert hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte -Reise auf die Wüste hinaus -- im Angesicht der leuchtenden Erde, -- -genug, es überkam mich eine große Trauer, ein herzzerreißendes Mitleid. - -Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch meinen Blick -ermutigt, kam einige Schritte näher und sagte, mir in die Augen -schauend: - --- Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet man dich dort? Hast du -deine Ankunft schon angekündigt? Müssen wir allein bleiben? In diesem -Augenblick war es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke: -Das Geschütz! - -Ja, das Geschütz, am Grabe O'Tamors, dort in der Wüste! - -Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drückte beide Hände aufs Herz, -das mir die Brust zu sprengen drohte. Ich starrte in das kleine Segment -der Erdscheibe, das noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne -jagte und drängte es sich im wilden Durcheinander: Reise, Wüste, Kanone, -der Schuß, meine Erdenbrüder, dieses Tagebuch ... und dann ein grauer -Nebel, in dem alles zusammenschmolz. Ich fühlte, das ist der Tod! - -Ich vergaß, wo ich war, was um mich her vorging. Sie blickten stumm in -höchstem Staunen auf mich, aber ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum -erreichte mich nur noch die Stimme Adas: - --- Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde. Bald wird er uns -verlassen. - -Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich allein. - -Ich verstand, daß das eine Offenbarung war, daß ich in die Wüste gehen, -das Geschütz finden, die letzte Kunde und den letzten Gruß auf die Erde -senden und dann -- sterben muß. - -Eine Weile später teilte ich Ada und Jan meinen Entschluß mit; sie -nahmen ihn mit traurig gesenkten Köpfen auf, aber ohne ein Wort des -Widerspruchs, als wenn sie darauf vorbereitet waren. - -Von ihrer Rückkehr an die Warmen Teiche ist keine Rede mehr. Sie wollen -hierbleiben bis zum Augenblick meiner Abreise. - -Gegenwärtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende, habe ich die Sonne -zur Rechten; bevor sie mit dem halben Rund emporsteigt, den Tag auf die -öde Halbkugel tragend und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen. - - * * * * * - -Meine Mondtragödie ist somit zu Ende! Ich bin hier, wo ich auf diesem -Globus die ersten Wiesen, das erste frische, lebendige Grün erblickte. -Damals lag die Fahrt durch die todbringende Wüste hinter mir, jetzt will -ich aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten. - -Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse mein verflossenes -Leben an mir vorüberziehen, und es dünkt mich, daß es Zeit ist, mit dem -Gewissen abzurechnen. Ich möchte mich, wie es die Menschen auf der Erde -tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Sünden beichten, und seltsam, -auf meine Lippen drängt sich nur mein Unglück. Sollte beides ein und -dasselbe sein? - -Du also, _Herr_, der Du die Stimme des elendesten Wurmes hörst, wie das -Getöse der Welten, die durch den Weltenraum dahinsausen, der Du mich -hier auf dem Monde siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast, -nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, daß ich sündig war -- -und unglücklich! - -Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng, die Du für mich -geschaffen hast, und ich flog auf Flügeln der Sehnsucht mit all meinen -Gedanken zu diesen am Firmamente glänzenden Welten und entzog mich den -Liebkosungen der Mutter, um von den Wundern zu träumen, die Du -geschaffen hast -- _nicht_ für mich! Ich war sündig, _Herr_, -- und -unglücklich ... - -Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang, die Du den -Menschen zu erringen erlaubst, schrie meine Seele in mir: Zu wenig! Und -ich träumte davon, das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier -aufzuheben, die Deine Hand herabgelassen hat. Sündig war ich und -unglücklich ... - -Und kaum war ich ein Mann, erfaßte mich die Begierde, den Weltenraum zu -durchfliegen, als wenn ich, auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von -den Unendlichkeiten des Weltalls umgeben wäre und nicht über Abgründen -schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und verließ leichten Herzens -die nährende Mutter, von dem silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz -des Mondes verführt ... Sündig war ich, _Herr_, und ich bin unglücklich. - -Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde und war so -erbärmlich, um ein wenig Luft, die ich für die Erhaltung des Lebens -benötigte, mit ihnen zu kämpfen, oder um die Frau, die keinem von uns -gehörte, die wir verlangend die Hände nach ihr ausstreckten. Und als ich -Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt, Schuld -getragen, habe ich nichts getan, um sie davon zu befreien. Sündig war -ich und unglücklich ... - -Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die mich mein eigener -Wille verschlagen, und als mir das junge menschliche Geschlecht -anvertraut ward, konnte ich in ihm den Geist nicht erwecken noch seine -Augen zum Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich nur -Verachtung für die Unglücklichen und habe es geduldet, daß sie mich -verehrten, während nur _Dir_ allein die Ehre gebührt ... Ich war sündig, -_Herr_, und unglücklich ... - -Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht erschöpft, verlasse -ich diese Armen, deren Schicksal meinem Schutz und meiner Führung -übergeben war und gehe der letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im -Angesicht der Erde! Ich bin sündig, _Herr_, und unglücklich! - -Mein Leben ist in zwei große Teile zerfallen: Der eine heißt Verlangen -nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht nach dem Verlorenen; und -beide waren traurig, ach, so unendlich traurig ... - -Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen, denn ich -bin kaum einen elenden Schritt vorwärtsgekommen im Weltall, und ich -kenne nicht einmal die Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich -befinde. Vergeblich habe ich alles geopfert, vergebens die Räume der -Himmel durchflogen, eine Wüste durchwandert, die furchtbarer ist als -irgendeine auf der Erde, vergebens fünfzig Jahre auf diesem Globus -gelebt. Die Rätsel, die mich umgeben, sind heute so ungelöst wie vor -einem halben Jahrhundert. - -Wonach ich mich auch sehne, ich weiß, daß ich es niemals erreichen -werde. - -Und das ist mein ganzes Leben! - -Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, daß es ende ... - -Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wüste, auf die ich früh den Wagen -lenken werde, um allein zu sein bis zum Tode ... - -Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe, werden hierbleiben -... Sie werden auf den Berg steigen und mir noch lange nachsehen, mir -und dem schwarzen Wagen, der in der anbrechenden Morgenröte -verschwindet; und dann werden sie zu ihrem Volke zurückkehren und sagen: -Der Alte Mensch ist von uns gegangen ... - -Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird hier dereinst eine -Legende entstehen, sowie aus unserer Ankunft auf dieser Welt! - -Sündig bin ich ... - -Es nähert sich die Zeit der Abreise ... - - - - - VII. - - - Auf Mare Frigoris. - -Ich bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt mich -diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, daß ich schon gestorben bin -und in diesem Wagen dahinfahre, wie in dem Boote Charons, zu unbekannten -Ländern. - -Und ich kenne doch diese Wüste und sah diese Berge, die sich dort am -Horizont malen. Ich bin schon einmal hier gewesen, vor langen Jahren! -Nur damals eilten wir zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel -Kraft, bis zum Grabe O'Tamors zu dringen! Um nichts anderes bitte ich -dich mehr. - -Ich habe dem Mondvölkchen versprochen, aus der Wüste zurückzukehren, -wenn meine Kräfte reichen sollten und dann bis zum Ende meines Lebens -bei ihnen zu bleiben; aber ich weiß, daß ich aus der Wüste nicht -zurückkehren werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an den -warmen Teichen notwendiger wäre als jemals. - -Wenn das wahr ist ... - -Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im Augenblick meiner -Abreise. - -Hört es, Menschen auf der Erde: - -Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete mich von der -kleinen Schar der Zurückbleibenden, als ich plötzlich am Eingang zu der -Mulde zwei Menschen bemerkte. Im ersten Augenblick dachte ich, daß dies -eine Täuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln. Zwei -Zwerge näherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie ebenfalls und stieß -einen Schrei aus: - --- Sie senden nach uns! Es muß etwas Schlimmes geschehen sein! - -Die Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Die beiden Abgesandten kamen -vom Meere mit einer erschreckenden Nachricht. - -Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen Teiche waren die -kühnen Abenteurer, die ich für verloren hielt, von der Expedition nach -der südlichen Halbkugel zurückgekehrt. Aber nur zwei von ihnen, der -dritte wird niemals wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beiden -beschloß man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um mich zur -Rückkehr ans Meer zu bewegen. - -Die zwei, die sie für diese Mission ausgewählt hatten, hielten sich bei -ihrer Wanderung längs dem Lauf des Flusses, in der Richtung, wie sie den -Weg aus Adas Erzählungen kannten; so gelangten sie auf die Höhe über der -See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten zur Polarmulde. - -Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen zu und wollte -endlich genau wissen, was sie zu dieser so ungewöhnlichen Reise bewogen -hatte. Da begannen sie, von mir und Ada immer wieder befragt, sich -gegenseitig unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen. - -Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr ich nur so viel, -daß ihre drei Kameraden bei günstigem und überaus starken Winde im -Schlitten, der mit Segeln versehen war, im Lauf der Nacht das -zugefrorene Meer im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum -gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel gelangten. Das -war klar, aber das weitere nur mit Mühe aus ihren konfusen Reden -herauszufinden. Und außerdem klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen, -auf weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb Mensch und -halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen Höhlen verkriechen. Diese -Schlupfwinkel haben sie sich um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene, -in Trümmer zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen -entsetzlichen, raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge Kämpfe -bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen der ihrigen, dank des -Besitzes von Schußwaffen, siegreich hervorgingen. Den Heimweg legten sie -in wilder Flucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig auf -dem Eise. - --- Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler und zitterte bei -der bloßen Erinnerung dessen, was er gehört hatte; klein, aber -fürchterlich! Die Unseren mußten fliehen, da ihrer viele, viele waren! -Sie haben Schnäbel statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar -haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und die Leiche dann in -eine jener Höhlen geschleppt, worin sie hausen. Das Land dort ist -herrlich, aber diese Geschöpfe sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten -erzählten uns davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten -den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang es ihnen zu -entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und seltsam ist das Land dort im -Süden hinter dem Meere. Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind, -und mächtige Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen. Und -diese Bestien bewachen das alles und verneigen sich vor den Türmen, es -scheint jedoch, daß sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie -wohnen in Höhlen und sind entsetzlich anzusehen. - -Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere Einzelheiten über -diese neu entdeckten Wesen hinter dem Mondmeer zu erfahren; sie konnten -mir keine Antwort geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt -der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! Der Wind war ihnen -nicht günstig; infolgedessen gelang es ihnen nicht, in einer Nacht über -das Meer zu kommen. Es war schon Morgen, und das Eis begann zu -schmelzen, als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort -verbrachten sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend, den -ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht und die Kälte, um auf -dem Eise die Weiterreise anzutreten. In der zweiten Nacht hat sie dann -der Sturm weit nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll -zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so daß sie, mit -unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am Meeresstrande zu Fuß zurücklegen -mußten, nachdem sie den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande -überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land der warmen -Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch sie verlassen hat. - --- Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige Erzählung -zu Ende war. - --- Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide gleichzeitig; es -geht uns schlecht und Unglück kommt über uns! Diese raubgierigen -Ungeheuer werden jetzt, da sie von unserem Vorhandensein erfahren haben, -unzweifelhaft über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns -niederdrücken und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind viele, viel -mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen! - -Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; ich fühlte ängstlich -fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brüder auf mich gerichtet, nur -Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im -Innersten erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und tun -sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles jener Wesen auf -die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, daß hier auf -diesem Globus Geschöpfe leben und, wie es scheint, sogar verständige, -die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran, -auf das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brüder -auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, und hierzubleiben unter -dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Völker kennen zu lernen, die hinter -dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte, -nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die -Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schützen. - -Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich die Mondvölker, -die von der Erde gekommenen und jene, die Überreste irgendeines alten -Mondstammes, an, die wie Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte -wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mögen -sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich gegenseitig vernichten. -Was kümmert es mich? Ich bin alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug -leben werde, um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen. -Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids willen -vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und wer bürgt mir dafür, -daß die Erzählung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht -stehen dort gar keine zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte -Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige -Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu überzeugen, -denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O'Tamors, im vollen Schein -der Erde. - --- Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an -euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg führt -nach einer anderen Richtung als der eure. - --- Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte Ada, während ich -schon den Fuß auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berührte noch -einmal meine Knie: - --- Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders sein kann, versprich -uns, daß du zu uns zurückkehren willst, wohin du auch zu fahren -beabsichtigst! Wir werden dich erwarten, und der Gedanke an dich wird -uns in den Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen! - -Ich zögerte. - --- Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht, werde ich -zurückkehren! - -Ada wandte sich zu der kleinen Schar: - --- Er wird zurückkehren, aber dorthin! - -Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das kleine Segment der Erde, -das über dem Horizont glänzte. - -Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, als ihre letzten -Worte noch mein Ohr erreichten: - --- Und hierher wird _er_ wiederkehren erst nach Jahrhunderten, nach -Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt ist ... - - Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen. - -Furchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr Brüder! Starres -Entsetzen überkommt mich, wenn ich an die grenzenlose Einsamkeit denke, -an die grauenhafte Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten. -Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch flammende Höllen -vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige Kälten. Und Leere ... Leere -... - -Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten, hat mich dieses -Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle Kluft in dem _Quertale_, in der -ich ein Steckenbleiben des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste -ich vom _Mare Frigoris_ aus den Ring des _Plato_ von Westen her und -erreichte so die große Ebene, auf der ich bis zum Fuße des -_Eratosthenes_ gelangen werde. - -Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen? Es wartet -meiner wohl noch Schlimmeres. - -Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der Toten gesehen -haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste dort; weder Felsen noch jene -ruinenartigen Steinmassen waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne -getäuscht, oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so daß ich von -fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen bin? Oder sollte -vielleicht die Karawane der Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen -haben und weitergezogen sein durch die Wüste -- auf die grenzenlose -Ebene des Todes? ... - -Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, und ich mit meiner -grauenhaften letzten Einsamkeit ... - -Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen Sterne leuchten -am schwarzen Samthimmel -- grausig, fürchterlich ... Und warum soll ich -die Stadt der Toten suchen -- ich werde sie sicherlich finden, früh -genug -- ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her? - - Unter dem Eratosthenes. - -Noch eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, der letzte -Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden umkreisen und so auf den -_Sinus Aestuum_ gelangen -- und von dort, vom Steingrabe des greisen -O'Tamor ... - -Wilde, zerrissene Gipfel vor mir -- und die Erde fast im Zenit, in der -Fülle wie eine entfaltete Blume, und die Sonne schon unter mir. - -Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, oh, wenn doch auch -die Kräfte reichen wollten, sie verlassen mich mehr und mehr ... Ich -habe schon lange nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit -der Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert war, -nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke des _Mare Imbrium_, -verfolgten mich im Schlaf verschiedene Stimmen und Erscheinungen. Zuerst -glaubte ich, hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören, die -mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor den Mondbewohnern zu -schützen, die über das Äquatormeer gekommen wären und ihnen die Hütten -verbrennen und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser Alp von mir -gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner verstorbenen Kameraden. -Sie begrüßten mich in ihrer Mitte und forderten mich auf, ein Schatten -unter Schatten, mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und -endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe -- und das war die -einzige Stimme, der meine ganze Seele Antwort gab. - -Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine Brüder auf der -Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe, bis daß es mir vergönnt -sein wird, im letzten Schlaf die müden Augen zu schließen. - -Das währt nicht mehr lange -- nicht wahr, nicht mehr lange? ... - - Am Grabe O'Tamors -- in letzter Stunde. - -Gott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den Weg und jene Stelle -gefunden, jene verfluchte Stelle, wo unser Fuß zum erstenmal den Boden -berührt hat, und ... sie sei gesegnet, -- von wo ich Kunde von mir auf -die Erde senden kann. - -Ich stehe an der Leiche des Greises O'Tamor und bin erstaunt, daß er -jünger ist als ich, frischer, lebendiger. Jahre sind über ihn -dahingegangen, ohne ihn zu berühren, wie ein leichter Wind über -Granitfelsen dahinweht. Hier in dieser luftlosen Leere gibt es keine -Zerstörung: der Greis O'Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir -ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten Augen -unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich, der ich als Jüngling -von diesem Grabe fortging, jetzt über ihm gebeugt stehe mit weißem Bart -und weißen Haaren und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu -lange habe ich gelebt, Greis O'Tamor! Zu lange habe ich gelebt! - -Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört; es -wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und ich schreibe die letzten -Worte, ehe ich diese Papiere in die Kugel einschließe, die sie auf die -Erde tragen wird. - -Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird kaum mehr für -zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich muß mich eilen. - -Seit unserm EXODUS siebenhundertsieben Mondtage. - -O Erde! O verlorene Erde! -................................................................... - - Hier bricht das Manuskript ab, das in der vom Monde - herabgefallenen Kugel gefunden wurde. - - Gedruckt bei M. Müller & Sohn in München - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, -wurden ^so^ markiert. - -Die Namen der Mondkrater Mösting, Schröter und Sömmering sind im -Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering. -Dies wurde so belassen. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 180]: - ... frischem üppigen Grün bedeckt waren. Und alles von ... - ... frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von ... - - [S. 239]: - ... -- Jedesfalls steht es schlecht. ... - ... -- Jedenfalls steht es schlecht. ... - - [S. 349]: - ... ganzes Innere sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ... - ... ganzes Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ... - - - - - - -End of Project Gutenberg's Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN *** - -***** This file should be named 51386-8.txt or 51386-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/3/8/51386/ - -Produced by Jens Sadowski based on scanned images from The -Internet Archive (cover image reproduction courtesy of -Gerd Küveler). - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/51386-8.zip b/old/51386-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index c851fab..0000000 --- a/old/51386-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/51386-h.zip b/old/51386-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 5eccf28..0000000 --- a/old/51386-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/51386-h/51386-h.htm b/old/51386-h/51386-h.htm deleted file mode 100644 index 9f62349..0000000 --- a/old/51386-h/51386-h.htm +++ /dev/null @@ -1,19459 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> - <!-- TITLE="Auf silbernen Gefilden" --> - <!-- AUTHOR="Jerzy Zulawski" --> - <!-- TRANSLATOR="Kasimir Lodygowski" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="Georg Müller, München" --> - <!-- DATE="1914" --> - <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Auf silbernen Gefilden - Ein Mond-Roman - -Author: Jerzy Zulawski - -Translator: Kasimir Lodygowski - -Release Date: March 7, 2016 [EBook #51386] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski based on scanned images from The -Internet Archive (cover image reproduction courtesy of -Gerd Küveler). - - - - - - -</pre> - - -<div class="centerpic" id="img-cover-page"> -<img src="images/cover-page.jpg" alt="" /></div> - -<div class="titlematter"> -<p class="pretit"> -<span class="line1">Żuławski / Auf silbernen Gefilden</span><br /> -<span class="line2">Zweite Auflage</span> -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<h1 class="title"> -Auf silbernen Gefilden -</h1> - -<p class="subt"> -Ein Mond-Roman -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">von</span><br /> -<span class="line2">Jerzy von Żuławski</span> -</p> - -<p class="trn"> -Deutsch von Kasimir Lodygowski -</p> - -<div class="centerpic" id="img-logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -München 1914 / Verlegt bei Georg Müller -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-1"> -Vorwort -</h2> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -<span class="firstchar">F</span>ast fünfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen -verstrichen, den wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen -und ausgeführt wurden. Die ganze Sache war -der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schönen -Tages, in einer Zeitung in K.... ein Artikel des -Assistenten am dortigen Observatorium erschien, der -alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der Autor -behauptete, daß er Nachrichten über das Schicksal der -vor fünfzig Jahren auf den Mond hinausgeschossenen -wahnsinnigen Teilnehmer der Expedition in Händen habe. -Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf, obwohl man sie -anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals -von dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehört oder -gelesen hatten, wußten, daß die kühnen Abenteurer ihr -Leben einbüßten und zuckten die Achseln, daß die für -tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten -vom Monde schicken sollten. -</p> - -<p> -Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung. -Er zeigte Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach -vorn zugespitzte Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde -angefertigtes Manuskript vorgefunden haben wollte. Die -Kugel, die sich auf eigentümliche Art aufdrehte, war -innen leer und mit einer dicken Schicht von Ruß und -Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und -bewundert werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent -niemandem zeigen. Er erklärte, daß es aus verkohlten -Papieren bestände, deren Inhalt er erst mit Hilfe -künstlicher photographischer Aufnahmen, die mit großer -Mühe und Vorsicht gemacht werden müßten, ablesen könne. -Diese Geheimnistuerei, und vor allem, daß der Assistent -beharrlich verschwieg, wie er in den Besitz der mysteriösen -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -Kugel gekommen war, machte die Leute stutzig; aber -die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete mit -einem gewissen Mißtrauen die versprochenen Aufklärungen -und begann indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen -die fünfzig Jahre zurückliegenden Ereignisse -zu vergegenwärtigen. Und plötzlich fing man an, sich zu -wundern, daß alles das so schnell vergessen wurde .... Es -gab doch in jener Zeit keine Tagesblätter, keine Wochen- -oder Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet -fühlten, in jeder Nummer mehrere Spalten dieser -so unerhörten und unwahrscheinlichen Expedition zu widmen. -Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll -von Berichten über den Stand der Vorarbeiten; man -beschrieb jede Schraube in dem „Waggon“, der durch -den Planetenraum fahren und die kühnen Reisenden auf -die Oberfläche des Mondes hinausschleudern sollte, die man -bis dahin lediglich aus den vorzüglichen, im „Licke-Observatory“ -gemachten photographischen Aufnahmen kannte. -Über alle Einzelheiten des Unternehmens wurde lebhaft -diskutiert. Die Porträts und ausführlichen Lebensbeschreibungen -der Reisenden tauchten überall auf. Fast Entrüstung -erregte die Nachricht, daß einer von ihnen im -letzten Augenblicke zurücktrat, nicht ganz zwei Wochen vor -dem festgesetzten Termin zur „Abfahrt“. Dieselben, die noch -vor kurzem den ganzen „albernen und abenteuerlichen“ -Plan der Expedition verhöhnten und die Teilnehmer Narren -nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt -interniert zu werden, waren jetzt empört über die -„Feigheit und das Zurücktreten“ eines Menschen, der es -offen aussprach, daß er hoffe, auf der Erde ein gleich -ruhiges und ungleich späteres Grab zu finden, als seine -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -Kameraden auf dem Monde. Das größte Interesse jedoch -erweckte die Person, die sich für die freigewordene Stelle -meldete. Es hieß allgemein, daß man einen neuen Teilnehmer -nicht aufnehmen könne, da die Zeit zu kurz für -das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem -sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen mußten. -Sie waren schließlich zu geradezu unerhörten Resultaten -gelangt. Man erzählte sich, daß sie es dahin brachten, in -leichter Kleidung einen vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige -Hitze zu ertragen, ganze Tage hindurch ohne -Wasser zu leben und ohne Schaden für die Gesundheit in -einer Luft zu atmen, die viel dünner war als die Erdatmosphäre -auf den höchsten Bergen. Das Staunen war -daher groß, als man erfuhr, daß der Neuling von den -„Lunatikern“, wie man sie nannte, aufgenommen sei und -ihre Zahl vervollständigen sollte. Die Berichterstatter waren -in heller Verzweiflung, daß sie nichts Näheres über diesen -geheimnisvollen Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller -Bemühungen der Reporter ließ er keinen von ihnen bei -sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen weder seine -Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen geantwortet. -Die anderen Mitglieder der Expedition hüllten -sich ebenfalls in tiefstes Schweigen über ihn, und erst -zwei Tage vor der Abreise erschien eine nähere, im höchsten -Grade phantastische Nachricht. Einem Journalisten war -es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen, den neuen -Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die -verblüffende Mitteilung, daß dieses Expeditionsmitglied -eine Frau in Männerkleidern sei. Man wollte nicht recht -daran glauben, und es war übrigens auch keine Zeit, sich -lange damit zu beschäftigen. Der große Augenblick nahte. -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Höhepunkt. An -der Mündung des Kongo, von wo aus die Expedition „die -verwegene Fahrt antreten sollte“, hatte sich die ganze zivilisierte -Welt ein Stelldichein gegeben. -</p> - -<p> -Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht -werden, — über hundert Jahre nach dem Tode -ihres Urhebers. -</p> - -<p> -An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer -von der Mündung des Kongo entfernt, gähnte die -breite Öffnung eines dafür konstruierten Schlundes aus -Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit -den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern -hinausschießen sollte. Eine besondere Kommission untersuchte -noch einmal genau sämtliche komplizierten Berechnungen, -wie die Nahrungsvorräte und Instrumente: alles -war in Ordnung, alles war bereit! -</p> - -<p> -Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete -ein betäubender, durch die Explosion hervorgebrachter -Knall der Welt — in einem Umkreis von einigen hundert -Kilometern — den Beginn der abenteuerlichsten aller -Fahrten ... -</p> - -<p> -Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das -Projektil unter der Wirkung der explodierenden Kraft -eines senkrechten Wurfes, der Anziehung der Erde und der -treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der Erde -um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel -von Westen nach Osten zu beschreiben und an dem -bezeichneten Punkte und in der bezeichneten Stunde in -die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast senkrecht -auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, -in der Gegend des „Sinus Medii“. Der Lauf des Projektils, -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -der von verschiedenen Punkten der Erde aus durch -Hunderte von Teleskopen beobachtet wurde, zeigte sich als -ganz genau mit der Berechnung übereinstimmend. Den -Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der -Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst -viel langsamer als die Sonne, dann immer schneller, je -mehr es sich von der Erde entfernte. Die scheinbare Bewegung -war das Resultat der Drehung der Erde, der -gegenüber das Projektil zurückblieb. -</p> - -<p> -Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe -des Mondes, selbst durch die stärksten Teleskope nicht -mehr zu sehen war. Trotzdem hörte die Verbindung zwischen -der Erde und den in das Projektil eingeschlossenen -Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick auf. -Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen -vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem -Fahrzeug, der, nach den Berechnungen, sogar auf eine -Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, -die den Mond von der Erde trennten, funktionieren -mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen als unrichtig; -die letzte Depesche erhielten die astronomischen Stationen -aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend -Kilometern. Das Telegraphieren war entweder -durch die ungenügende Kraft des Stromes der Luftwellen, -oder auch eines fehlerhaften Baues des Apparates wegen -auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte -Depesche klang ganz aufmunternd: „Alles gut, kein Grund -zu Besorgnissen vorhanden.“ -</p> - -<p> -Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine -zweite Expedition aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen -in dem Projektil Platz; sie hatten dafür bedeutend -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei -sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat -als ihre Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung -von Nachrichten vom Monde genügen mußte; jedoch -erhielt man keine Depesche mehr von dorther. Das -letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition, -direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt. -Die Nachricht lautete nicht besonders günstig. Das Projektil -wich, aus einem unerklärlichen Grunde, etwas vom -Wege ab und konnte infolgedessen nicht senkrecht auf den -Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich scharfen -Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert -war, fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. -Diese Befürchtungen schienen sich bewahrheitet zu haben, da -dieser Depesche keine weitere mehr folgte. -</p> - -<p> -Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte -Expedition auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals -der Unglücklichen nicht täuschen; warum sollte man noch -mehr Menschenleben opfern? Die begeistertsten Anhänger -der „interplanetarischen Kommunikation“ verstummten, und -man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch, -daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen -grenze. Und in einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit -vergessen. -</p> - -<p> -Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der -besagte Artikel des bis dahin gänzlich unbekannten, nun -aber zum Tagesgespräch gewordenen Assistenten des -kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem -brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich -die Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es -an Ungläubigen nicht fehlte, begann man doch die Sache -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -immer ernster zu nehmen. Bald interessierte sich alle Welt -dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf -welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes -gekommen und wie er es abgelesen habe. Er erlaubte -sogar Fachleuten, die verkohlten Überreste, wie die in -der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu besichtigen. -</p> - -<p> -Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich -aber folgendermaßen: „Eines Nachmittags,“ erzählte der -Assistent, „als ich bei der Aufzeichnung der täglichen -meteorologischen Beobachtungen saß, meldete mir der -Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen -wünsche. Es war mein Kollege und guter Freund, der -Eigentümer eines benachbarten Gutes, der nur selten in -die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um erst -meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, -und er erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er -mir eine Nachricht bringe, die mir zweifellos viel Freude -bereiten werde. Er wußte, daß ich mich seit Jahren eifrig -mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte und kam -mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von -größerer Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen -sei. Den Stein, der sich wahrscheinlich tief in den -Morast gebohrt, hätte man nicht gefunden, aber wenn ich -ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir Arbeiter zum -Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte -ich den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen -Urlaub genommen, fuhr ich selbst an Ort und Stelle, behufs -Nachforschungen. Aber trotz zweifelloser Merkmale -und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur ein -Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -an dieser Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, -wurde hervorgeholt. Ich zweifelte schon an einem Resultat -und ließ die weiteren Arbeiten einstellen, als mein -Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte. Sie -sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war -mit Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten -bei ihrem Erglühen während des Durchganges durch die -Erdatmosphäre bilden. Sollte <em>sie</em> etwa jener herabgefallene -Meteor sein? -</p> - -<p> -In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke -an die Expedition vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich -genau kannte. Ich muß hinzufügen, daß ich, trotz des -hoffnungslosen Inhalts der letzten Depesche, die von den -Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren Tod -geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen -auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten -Vorsicht an mich und brachte sie nach Hause, fast sicher, -daß sie wertvolle Fingerzeige über jene Verlorenen enthalte. -Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht erriet -ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. -Ich war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in -der Kugel eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des -Eisens in der Erdatmosphäre verkohlt sein mußten. Man -durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die Überreste -nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich -aus ihnen doch noch etwas entziffern. -</p> - -<p> -Die Arbeit war überaus mühsam, besonders dadurch, -daß ich niemanden zu Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen -waren höchst unsicher und, wie ich zugeben muß, -zu — phantastisch, als daß verfrüht etwas darüber verlauten -durfte. -</p> - -<p> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Ich bemerkte, daß die Spitze der Kugel eine Schraube -bildete, die man aufdrehen mußte und befestigte sie also -in einem starken Schraubstock, um sie vor einer Erschütterung -zu bewahren, die ihren Inhalt beschädigen könnte. -Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben. -Nach langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie -zu bewegen. Bei diesem ersten Kreischen der gedrehten -Schraube erfaßte mich ein Freudentaumel, und zugleich -schnürte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich -mußte die Arbeit unterbrechen, da mir die Hände zitterten; -erst nach einer Stunde konnte ich sie, immer noch mit -klopfendem Herzen, wieder aufnehmen. -</p> - -<p> -Die Schraube bewegte sich langsam, als ich plötzlich ein -seltsames Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache -nicht begreifen. Fast gedankenlos drehte ich in umgekehrter -Richtung, und sofort hörte das Zischen auf; drehte -ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem, obwohl -es jetzt etwas schwächer war. Endlich begriff ich -alles! Das Innere der Kugel war vollständig leer! Das -Zischen entstand durch das Eindringen der Luft vermittels -einer Öffnung, die sich durch die Lockerung der Schraube -gebildet hatte. -</p> - -<p> -Dieser Umstand bestärkte mich in der Überzeugung, daß -die in der Kugel vermutlich eingeschlossenen Dokumente -nicht ganz vernichtet sein dürften, da das Fehlen der Luft -sie vor der Verbrennung bewahrt haben mußte, als die -Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphäre, erglühte! -Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus. -Nach Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel, -deren innere Wände mit einer Schicht gebrannten Lehms -ausgelegt waren, ein Päckchen verkohlter, aber nicht verbrannter -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus -Furcht, die wertvollen Schriften zu beschädigen. Ich nahm -sie mit der größten Vorsicht heraus und ... war verzweifelt. -Auf dem verkohlten Papier waren die Buchstaben -fast unsichtbar und dieses Papier selbst so mürbe, -daß es mir beinahe in der Hand zerfiel. -</p> - -<p> -Trotzdem beschloß ich, alles daranzusetzen, um das Werk -zu Ende zu führen und den Inhalt des Manuskriptes zu -entziffern. Einige Tage dachte ich darüber nach, wie ich -das bewerkstelligen solle. Endlich flüchtete ich mich zu -den Röntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich später zeigte, -richtig an, daß die Tinte, deren man sich zum Schreiben -bediente, mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen -die mit ihr überschwärzten Stellen den Röntgenstrahlen -einen größeren Widerstand leisten würden, als das verkohlte -Papier selbst. Ich klebte vorsichtig jedes Blatt des -Manuskripts auf eine dünne Haut, die ich in einen Rahmen -gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen -mittels Röntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich -Klischees, die nach der Übertragung des Bildes auf das -Papier eine Art von Palimpsesten ergaben, wo die Buchstaben -auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich miteinander -verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus -nicht unmöglich abzulesen. -</p> - -<p> -Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der -Aufzeichnungen so weit vorgeschritten, daß ich keinen Grund -mehr sah, die Angelegenheit weiter zu verheimlichen und -schrieb den ersten Artikel, der über den Vorfall berichtete -... Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit, -geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut -keinen Zweifel, daß es von einem der fünf zuerst ausgesandten -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Expeditionsmitglieder auf dem Monde verfaßt -und von dort aus auf die Erde gesandt wurde. -</p> - -<p> -Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen -für sich selbst sprechen.“ -</p> - -<p> -Dieser Erklärung, die der Veröffentlichung des Manuskriptes -vorausging, fügte der Assistent einen kurzen Bericht -über die Vorgeschichte der damaligen Expedition bei. -</p> - -<p> -Er erinnerte daran, daß der Gedanke von dem irländischen -Astronomen O’Tamor ausgegangen war, der einen -glühenden Anhänger in dem jungen, seinerzeit in Brasilien -berühmten portugiesischen Ingenieur, Peter Varadol, fand. -Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen -Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes -Vermögen zur Verfügung stellte. Darauf unternahmen sie -die ersten Schritte zur Verwirklichung des schon festgelegten -Planes. Man unterbreitete den Akademien und wissenschaftlichen -Instituten die Skizzen des Projektes und -wandte sich dann an Fachautoritäten betreffs Ausarbeitung -der Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in -kurzem beschäftigten sich nicht nur Fachleute damit, sondern -die ganze zivilisierte Welt, die ihre Vertreter auf -den Mond auszusenden begehrte, um Näheres über diesen -Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen -Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller -Hilfe bei und da es auch an privaten Opfern nicht -fehlte, hatten die Initiatoren bald ein Kapital zur Verfügung, -das zur Ausrüstung mehrerer Expeditionen genügte, -von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden. -</p> - -<p> -Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fünf -Personen bestehen, darunter O’Tamor, der den Gedanken -ins Leben gerufen, und seine beiden Kameraden. Der vierte -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fünfte Braun, -ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurücktrat; -statt seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer -der Expedition. In das zweite Projektil hatten sich zwei -Franzosen eingeschlossen, die Brüder Remogner. -</p> - -<p> -Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent -ausführlicher über die technische Seite des Unternehmens. -Er beschrieb bis ins kleinste Detail die Konstruktion der -mächtigen Kanone, von der Form eines stählernen Brunnens; -berichtete über den Bau des Projektils, das man -nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes -in einen hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, -der durch einen besonderen Elektromotor bewegt wurde. -Er schilderte die Schutzvorrichtungen, die die Reisenden -im Augenblick des Schusses wie beim Herabfallen auf den -Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und endlich -zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und -die Vorräte des „transportablen Zimmers“ auf. -</p> - -<p> -Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen -wissen das schon lange, obwohl sie ihn nur aus -der Ferne und — einseitig kennen. Trotz der großartigen -Vervollkommnung der optischen Instrumente des zwanzigsten -Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich -allen Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen -Auge so nahe zu bringen, daß man alle Einzelheiten seiner -Oberfläche erforschen könnte. Sich in der mittleren Entfernung -von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern -um die Erde drehend, scheint er durch Gläser mit tausendfacher -Vergrößerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer -von ihr entfernt zu sein, was immerhin noch ein -ganz ansehnliches Stück Wegs bedeutet. Schärfere Gläser -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden, -da man bei stärkerer Vergrößerung, infolge einer zu geringen -Helligkeit der Erdatmosphäre, nur ein unklares -Bild erhält, so daß es sogar unmöglich ist, die Berge zu -erkennen, die man durch schwächere Gläser ganz deutlich -beobachten kann. -</p> - -<p> -Überdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des -Mondglobus zugänglich. Der Mond macht nämlich auf -seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig Tagen, -sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden -nur eine Drehung um seine Achse, so daß er immer mit -derselben Seite seiner Oberfläche zur Erde gewendet bleibt. -Diese Erscheinung ist keine zufällige. Der Mond, der keine -vollkommene Kugel bildet, nähert sich, seiner Form nach, -einem etwas länglichen Ei. Die Anziehungskraft der Erde -bringt es mit sich, daß jenes Ei sich mit dem scharfen Ende -zu ihr kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden, -sich nicht abwenden könnte. -</p> - -<p> -Die den Astronomen bekannte Hälfte des Mondes genügt -jedoch, ihn ganz und gar bei denjenigen zu mißkreditieren, -die vom Bewohnen anderer Planeten als der -Erde träumen. Die Oberfläche unsres Satelliten, deren -Ausdehnung zweimal so groß als Europa ist, stellt sich -in den Teleskopen als eine wasserlose, wüste Hochebene dar, -die mit einer ungeheuren Anzahl mächtiger, kraterähnlicher -Ringberge besät ist. Diese Bergriesen, deren Gipfel sich -bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen -Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nördlichen -Teil der uns zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe -großer, kreisförmiger Flächen, die die ersten Selenographen -„Meere“ nannten. Diese Ebenen mit steilen Ufern, die -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet werden, -sind nach verschiedenen Richtungen von großen Spalten -durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in -Staunen versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine -ähnlichen Erscheinungen vorhanden sind. Diese Spalten, -manchmal über hundert Kilometer lang und einige Kilometer -breit, haben eine Tiefe von ungefähr tausend Metern -und mehr. -</p> - -<p> -Wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß diese Oberfläche -fast gar keine Atmosphäre hat, daß der „Tag“ auf -dem Monde an Zeitdauer vierzehn unserer Tage gleichkommt, -daß während dieses endlosen Tages ein beständiger -Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhörte Spannung -annimmt, daß hingegen die vierzehntägige Nacht -einen Winter repräsentiert, der kälter ist als die Winter -in unseren antarktischen Ländern, so entrollt sich uns ein -Bild, das uns nicht gerade verlockt, diesen Planeten als -ständigen Wohnsitz zu wählen! Um so mehr ist der Opfermut -der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend -lediglich in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches -Wissen zu erweitern und sichere Nachrichten über -das der Erde am nächsten liegende Gestirn geben zu können. -</p> - -<p> -Die Reisenden hatten übrigens die Absicht, diese ungastliche -Halbkugel so schnell wie möglich zu durchdringen -und auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, die -von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne Grund, -erträgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die -Mehrzahl der über den Mond schreibenden Gelehrten behauptet -zwar, daß auch auf der anderen Seite die Atmosphäre -zu dünn sei, um atmen zu können; aber O’Tamor -nahm, sich auf langjährige Forschungen und Berechnungen -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -stützend, an, daß er dort dichtere Luft zur Erhaltung des -Lebens vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen, -zur notdürftigsten Nahrung genügend. Diese tollkühnen -Forscher waren bereit ihr Leben zu wagen, nur um dem -sternenbesäten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse, die -er so eifersüchtig vor den Menschen hütet, zu entreißen. -Der Gedanke, daß dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht -werde, da sie ihre Beobachtungen den auf der Erde -Zurückgebliebenen, mit Hilfe des mitgenommenen telegraphischen -Apparates, würden mitteilen können, verstärkte -noch ihren Wagemut. Sie träumten, von der Größe ihres -Vorhabens berauscht, daß sie auf der andern, geheimnisvollen -Seite des Mondes ein märchenhaft seltsames Paradies -vorfinden könnten, eine neue Welt, die ganz verschieden -ist von der Erde! Sie träumten, dann neue Kameraden -zum Durchfliegen jener Hunderttausende von -Kilometern zu gewinnen, — von der Gründung einer -neuen Gemeinschaft dort auf der hellen Seite der in die -stillen Nächte leuchtenden Kugel, — von einer neuen, vielleicht -glücklicheren Menschheit ... -</p> - -<p> -Indessen mußte man mit der Notwendigkeit rechnen, -die gebirgige, luft- und wasserlose wüste Hochebene zu -durchqueren, die die ganze, der Erde zugewandte Halbkugel -des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig -keine Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes beträgt fast -elftausend Kilometer; wenn sie also, wie sie annahmen, -auf die Mitte der der Erde zugekehrten Scheibe fallen -würden, hätten sie zum mindesten dreitausend Kilometer -zu machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen -durften, atmen und leben zu können. Das Projektil, in -der Form eines länglichen, auf der einen Seite kegelförmig -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -geschlossenen Zylinders, war so eingerichtet, daß -es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln -ließ, und reichlich mit Vorräten von verdichteter Luft, -Wasser, Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die -für fünf Personen auf ein ganzes Jahr ausreichen konnten, -das heißt also noch für länger, als man zum Gelangen -auf die andere Seite des Mondes gebrauchte. -</p> - -<p> -Außerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge -mitgenommen, eine kleine Bibliothek und — eine -Hündin mit zwei Jungen. Es war dies eine schöne große -englische Spürhündin, die Tom Woodbell gehörte, und -die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena -taufte. -</p> - -<p> -All diese Dinge wurden durch die ausführlichen, in -K.... erschienenen Artikel aufgefrischt, als quasi Ergänzung -zu dem kurz darauf herausgegebenen Manuskripte. -</p> - -<p> -Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen -Teilnehmer der ersten Expedition, in polnischer Sprache -auf dem Monde verfaßt, setzten sich aus drei Teilen zusammen, -die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Sie -verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des -wundersamsten Schicksals eines Schiffbrüchigen bildet, der -an ein fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig -Millionen Meter über der Erde im tiefen -Himmelsblau schwebt. -</p> - -<p> -Hier folgt der wörtliche Abdruck jenes Manuskriptes, -von dem Assistenten des Observatoriums in K.... herausgegeben -und zusammengestellt ... -</p> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -Erster Teil -</h2> - -<p class="ptit"> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -Ein Reisetagebuch. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf dem Monde den ..... -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>ein Gott, welches Datum soll ich angeben?! Jene -mächtige Explosion, durch die wir uns von der Erde -hinausschleudern ließen, zersprengte uns das Dauerndste -und Festgeprägteste, was dort existiert, — zersprengte und -zerstörte uns die Zeit. In der Tat, das ist furchtbar! Zu -bedenken, daß es hier keine Jahre, keine Monate, keine -Wochen gibt, noch unsere kurzen, wonnigen Erdentage ... -Die Uhr sagt mir, daß bereits vierzig Stunden seit dem -Augenblick verflossen sind, da wir hier herabfielen; wir -fielen in der Nacht herab und die Sonne ist noch nicht -aufgegangen. Wir dürfen erst in einigen zwanzig Stunden -hoffen, sie zu sehen. Sie wird aufgehen und sich träge -am Himmel bewegen, neunundzwanzigmal langsamer als -dort auf der Erde. Dreihundertvierundfünfzig Stunden -wird sie über uns leuchten, und dann kommt wiederum -die Nacht, die dreihundertvierundfünfzig Stunden dauert. -Und nach der Nacht der Tag, wie der vorhergehende, und -abermals die Nacht und dann der Tag, und so endlos -weiter, ohne Veränderung, ohne Jahreszeiten, ohne Jahre, -ohne Monate ... -</p> - -<p> -Wenn wir es erleben werden ... -</p> - -<p> -Wir sitzen ohne irgend etwas zu tun, eingeschlossen in -unserem Fahrzeug und warten auf die Sonne. Oh, diese -furchtbare Sehnsucht nach der Sonne! -</p> - -<p> -Die Nacht ist zwar hell, unvergleichlich heller als unsere -Nächte dort auf der Erde während des Vollmondes. Der -mächtige Halbkreis der Erde ruht unbeweglich über uns -am Zenit des schwarzen Himmels und überflutet mit -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -weißem Licht diese entsetzliche Wüste um uns her. In -diesem seltsamen Lichte ist alles so geheimnisvoll und tot ... -und der Frost ... Oh, dieser furchtbare Frost! Sonne! -Sonne! -</p> - -<p> -O’Tamor ist seit der Zeit des Falles noch nicht zum -Bewußtsein gekommen. Woodbell, obwohl selbst verwundet, -weicht nicht einen Augenblick von seiner Seite. Er -fürchtet, daß es eine Gehirnerschütterung ist und hat -wenig Hoffnung. Auf der Erde, sagte er, würde er ihn -durchbringen. Aber hier, in dieser fürchterlichen Kälte, -hier, wo wir als einzige Nahrung nur Vorräte von künstlichem -Eiweiß und Zucker haben, wo wir mit Luft und -Wasser sparen müssen ... Es wäre entsetzlich, O’Tamor -zu verlieren, gerade ihn, der die Seele unserer Expedition -ist! ... -</p> - -<p> -Varadol, Martha und ich, ja sogar Selena mit den -beiden Jungen, wir sind gesund. Martha scheint nichts -zu wissen und zu fühlen. Sie folgt nur beständig Woodbell -mit den Augen, wegen seiner Wunden beunruhigt. -Der glückliche Tomas! Wie dieses Weib ihn liebt! -</p> - -<p> -Oh, diese Kälte! Es scheint, daß unser verschlossenes -Fahrzeug sich gleichzeitig mit uns in einen Eisklumpen verwandelt. -Die Feder gleitet mir aus den erstarrten Fingern. -Wann wird die Sonne endlich aufgehen!? -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -In derselben Nacht, siebenundzwanzig Stunden später. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>it O’Tamor wird es immer schlimmer; man kann -sich nicht täuschen — das ist schon die Agonie. Tomas -vergaß, bei ihm wachend, seine eigenen Wunden und ist -jetzt selbst so schwach, daß er sich hinlegen muß. Martha -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -vertritt ihn bei dem Kranken. Woher nimmt diese Frau -so viel Kraft? Seitdem sie sich von der ersten Betäubung -des Falles erholt hat, ist sie am tätigsten von uns -allen. Ich glaube, daß sie noch gar nicht geschlafen hat. -</p> - -<p> -Oh, diese Kälte! ... -</p> - -<p> -Varadol sitzt starr und schweigend da. Auf seinen Knien -zusammengekauert liegt Selena. Er sagt, daß es ihnen -beiden so wärmer ist. Die Jungen haben wir ins Bett -gelegt, neben Tomas. -</p> - -<p> -Ich habe versucht zu schlafen, aber ich kann nicht. Die -Kälte läßt mich nicht schlafen — und dieses gespensterhafte -Licht der Erde über uns! Man sieht nur wenig mehr -als die Hälfte ihrer Scheibe. Das ist ein Zeichen, daß die -Sonne unverzüglich aufgehen muß. Wir können nicht -genau berechnen, wann dies erfolgen wird, da wir nicht -wissen, auf welchem Punkte der Mondscheibe wir uns -befinden. O’Tamor hätte das mit Leichtigkeit aus dem -Stand der Gestirne berechnet, aber er liegt bewußtlos danieder. -Nun wird sich Varadol an diese Arbeit machen -müssen und ich begreife nicht, warum er es hinausschiebt. -</p> - -<p> -Wir hätten nach der Berechnung auf den <em>Sinus Medii</em> -fallen müssen, aber Gott allein weiß, wo wir uns wirklich -befinden. Auf dem <em>Sinus Medii</em> müßte um diese -Zeit die Sonne bereits scheinen. Vermutlich sind wir weiter -nach „Osten“ gefallen, wie man auf der Erde die Seite -des Mondes bezeichnet, wo für uns die Sonne untergehen -wird, jedoch nicht weit von der Mitte der Mondscheibe, -da die Erde über uns fast im Zenite steht. -</p> - -<p> -Ich empfange so viele neue und seltsame Eindrücke, daß -ich sie nicht zusammenfassen und ordnen kann. Vor allem -dieses unerhörte, geradezu entsetzliche Gefühl der Leichtigkeit. -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Wir wußten auf der Erde, daß der Mond, der neunundvierzigmal -kleiner und einundachtzigmal leichter als -die Erde ist, uns sechsmal schwächer anziehen würde, obwohl -wir uns seinem Schwerpunkte näher befinden; aber -es ist zweierlei — etwas zu wissen oder etwas zu fühlen. -Wir sind fast schon siebzig Stunden auf dem Monde und -können uns noch nicht daran gewöhnen. Wir sind noch -nicht imstande, die Anstrengung unserer Muskeln dem -kleineren Gewicht der Gegenstände anzupassen, ja sogar -nicht dem kleineren Gewichte unseres eigenen Körpers. -Ich erhebe mich schnell von meinem Sitze und springe einen -Meter in die Höhe, obwohl ich nur aufstehen will. Varadol -wollte vor einigen Stunden aus einem starken Draht, der -an der Wand unserer Behausung befestigt war, einen -Haken biegen; er faßte ihn mit der Hand — und hob -sich ganz in die Höhe! Er vergaß, daß er jetzt statt zirka -siebzig Kilo nicht ganz dreißig Pfund wiegt! Jeden Augenblick -wirft einer von uns gewaltsam die Gegenstände um -sich, während er sie nur rücken will. Das Einschlagen eines -Nagels ist geradezu unmöglich, weil der Hammer, der -auf der Erde zwei Pfund wiegt, hier kaum einige hundertsiebzig -Gramm schwer ist. Die Feder, mit der ich schreibe, -fühle ich kaum in der Hand. -</p> - -<p> -Martha sagte vor kurzem, daß sie den Eindruck habe, als -wenn sie schon ein körperloser Geist geworden sei. Das ist -eine ganz gute Erklärung. Es liegt wirklich etwas Unheimliches -in dem Gefühl dieser fabelhaften Leichtigkeit ... -man könnte tatsächlich glauben, daß man nur noch Geist -ist, besonders beim Anblick der Erde, die am Himmel -strahlt wie der Mond, nur vierzehnmal größer und heller -als das die Erdkugel erleuchtende Nachtgestirn. Ich weiß, -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -daß dies alles wahr ist — und trotzdem scheint es mir -immer, als wenn ich träume oder mich in einem Theater -befinde, ein seltsames Feenspiel anzusehen. Jeden Augenblick, -denke ich, muß der Vorhang fallen, und diese Dekorationen -werden verschwinden — wie ein Traum ... -</p> - -<p> -Wir wußten doch vor unserer Abfahrt genau, daß die -Erde über uns wie eine mächtige, unbewegliche Lampe, -die mitten am Himmel hängt, scheinen würde. Ich wiederhole -mir immer wieder, daß dies ganz natürlich ist: der -Mond wandelt seine Bahn, immer mit der einen Seite -der Erde zugewendet; infolgedessen muß sie den vom -Monde aus auf sie Blickenden unbeweglich erscheinen. Ja, -das ist doch so einfach, und dennoch versetzt mich dieses -leuchtende Glasgespenst der Erde, das uns seit siebzig Stunden -unbeweglich und hartnäckig aus dem Zenite anstarrt, -in Schrecken. -</p> - -<p> -Ich sehe sie durch die Scheibe, die in der oberen Wand -des Fahrzeugs angebracht ist, und unterscheide mit bloßem -Auge die dunklen Flecken der Meere und die hellen Flächen -der Länder. Sie gleiten langsam an mir vorüber, brechen -der Reihe nach aus dem Schatten hervor: Asien, Europa, -Amerika; verkleinern sich am Rande des schillernden Globus -und gehen unter, um nach vierundzwanzig Stunden -wiederum zu erscheinen. -</p> - -<p> -Es kommt mir vor, als wenn sich die ganze Erde in -ein weitaufgerissenes Auge verwandelt hätte, das unbarmherzig, -wachsam und staunend, auf uns niederstarrt; auf -uns, die wir von ihr geflohen sind, als die ersten aller -ihrer Kinder! -</p> - -<p> -Gleich als wir nach dem Fall etwas zum Bewußtsein -kamen und die eisernen Deckel abschraubten, die die runden -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Fenster unsres Fahrzeugs verdeckten, sahen wir sie über -uns. Sie war in der letzten Phase ihres Zunehmens. -Damals glich sie einem starr auf uns gerichteten Auge; jetzt -senkt sich über diesen grauenhaft unbeweglichen Blick allmählich -das Lid des Schattens. In dem Moment, da -die Sonne wie eine flammende Kugel am schwarzen Himmel, -ohne vorhergehende Dämmerung, emporsteigt, wird -dieses Auge sich zur Hälfte schließen und wenn die Sonne -senkrecht über uns steht, das Augenlid sich gänzlich niedersenken -... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Drei Stunden später. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch unterbrach diese Aufzeichnungen, mit denen ich die -langen Stunden ausfülle, die wir gezwungenerweise tatenlos -verbringen, als ich zu O’Tamor gerufen wurde. Niemals -haben wir mit der furchtbaren Eventualität gerechnet, -daß wir allein, ohne ihn bleiben könnten. Wir waren auf -den Tod vorbereitet, aber auf den eigenen, vielleicht gemeinsamen, -nicht auf den seinen! Und hier gibt es keine -Rettung ... Tomas liegt ebenfalls im Fieber, und statt -den Kranken zu behandeln, bedarf er selbst der Pflege. -Martha weicht keinen Augenblick von ihrer Seite, sich einmal -zu Woodbell, dann wieder zu O’Tamor wendend und -wir stehen ratlos dabei und wissen nicht, was wir tun -sollen. -</p> - -<p> -O’Tamor ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen -und wird es auch nicht mehr! Sechzig Jahre -hat er auf der Erde gelebt, um hier ... Nein, nein, ich -kann das Wort nicht niederschreiben, es ist furchtbar! Er! -Gleich bei der Ankunft ... -</p> - -<p> -Wir sind so entsetzlich allein in dieser langen, furchtbar -kalten Nacht! -</p> - -<p> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -Vor einigen Stunden hat sich Martha, als wenn sie -plötzlich von diesem Gefühl der grenzenlosen Leere und -Einsamkeit erfaßt würde, mit zusammengefalteten Händen -vor uns niedergeworfen. Sie weinte und rief immer -wieder: „Auf die Erde, auf die Erde! Warum telegraphiert -ihr nicht? Warum teilt ihr dort nichts mit? -Seht, Tomas ist krank!“ -</p> - -<p> -Armes Mädchen! Was sollten wir ihr antworten? -</p> - -<p> -Sie weiß so gut wie wir, daß unser Apparat schon ungefähr -hundertzwanzig Millionen Meter vor dem Monde -zu funktionieren aufgehört hat ... Endlich erinnerte Peter -sie daran, aber als wenn die Übersendung von Nachrichten -die Kranken retten könnte, drängte sie fieberhaft, daß man -die Kanone aufstellen solle, die wir für den Fall des Unbrauchbarwerdens -des telegraphischen Apparates von der -Erde mitgenommen haben. Dieser Schuß ist jetzt die einzige, -letzte Möglichkeit, uns mit denen, die dort zurückgeblieben -sind, zu verständigen. -</p> - -<p> -Varadol und ich gaben nach und wagten uns aus dem -Fahrzeug heraus. Ich gestehe es, daß die Angst vor diesem -Schritt mich schüttelte. Dort, hinter den uns schützenden -Wänden ist in der Tat schon nichts mehr als Leere ... -Das Barometer zeigt nämlich draußen ein Vorhandensein -von Atmosphäre an, deren Dichte nicht einmal den dreihundertsten -Teil unserer Erdluft erreicht. Der Umstand, -daß die Atmosphäre, wenn auch in einer solchen -Verdünnung, überhaupt existiert, ist für uns überaus -günstig, da er uns hoffen läßt, daß wir sie, auf der -<em>anderen Seite</em>, in zum Atmen genügender Dichte vorfinden -werden. Ach, mit welchem Zagen steckten wir vor -einigen Stunden das Barometer nach außen! Anfangs -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -sank das Quecksilber so gewaltig, daß es uns schien, als -wenn es bis zum Nullpunkt herabfiel. Zitternde Angst -schnürte uns die Kehle zu; das hieße — eine absolute -Leere, und mit ihr der unabwendbare Tod! Aber nach -einer Weile hob sich das Quecksilber in der Röhre auf -2,3 Millimeter! Wir atmeten auf, obwohl man in dieser -Luft eigentlich gar nicht atmen kann! Und nun sollten -wir, zwecks Aufstellung der Kanone, in diese Leere hinausgehen! -Nachdem wir unsere „Taucheranzüge“ angelegt -und über dem Nacken die Behälter mit verdichteter Luft -befestigt hatten, stellten wir uns in der Vertiefung, die -sich in der Wand des Fahrzeugs befand, bereit. Martha -verschloß hinter uns die Innentür ganz dicht, damit nicht -die so wertvolle Luft zugleich mit uns entweichen sollte, -und dann öffneten wir den äußeren Deckel ... -</p> - -<p> -Wir berührten mit den Füßen den Mondgrund, und in -diesem Augenblick umfaßte uns eine entsetzlich betäubende -Stille. Ich sah durch die Glasmaske auf Peters Gesicht -und bemerkte, daß er die Lippen bewegte; ich dachte mir, -daß er spreche, aber ich hörte keinen Laut. Die Luft ist -hier zu dünn, als daß sie eine Menschenstimme übermitteln -könnte. Ich hob einen Stein auf und warf ihn. -Er fiel langsam, langsamer als auf der Erde und ohne -jegliches Geräusch. Ich wankte wie ein Betrunkener; ich -glaubte wirklich schon in der Welt der Geister zu sein. -</p> - -<p> -Wir mußten uns durch Gesten verständigen. Die Erde, -die uns genährt hat, verhalf uns dazu durch ihr Leuchten. -</p> - -<p> -Wir nahmen die Kanone heraus, die in einer nach -außen zu öffnenden Seitenwand untergebracht war, und -ein Gefäß mit Explosionsmaterial, das für sie besonders -hergestellt wurde. Diese Arbeit ging leicht vonstatten, -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -da die Kanone hier kaum den sechsten Teil dessen wog, -was ihr Gewicht auf der Erde betrug. -</p> - -<p> -Jetzt hieß es nur das aufgestellte Geschütz genau bis -zur Bleischnur zu laden, nachdem man in die hohle Kugel -eine Karte gelegt hatte; bei der Leichtigkeit der Gegenstände -auf dem Mond mußte diese Explosionskraft vollständig -genügend wirken, um sie in gerader Linie auf die -Erde zu befördern. Aber es war uns unmöglich, diese -Arbeit zu vollenden. Eine unbeschreiblich entsetzliche Kälte -schnürte uns wie mit eisernen Krallen die Brust zusammen. -Seit ungefähr dreihundertundzehn Stunden hat hier die -Sonne nicht mehr geschienen, und die Atmosphäre ist nicht -dicht genug, so lange Zeit hindurch die Wärme der während -des langen Tages sicherlich erglühten Steine festzuhalten -... -</p> - -<p> -Wir kehrten zu dem Fahrzeug zurück, das uns wie ein -Paradies an Wärme erschien, obwohl wir mit dem Feuer -sparen. Vor dem Aufgang der Sonne, die diese Welt -erwärmen wird, ist es unmöglich, die Versuche, hinauszugehen, -zu erneuern. Und diese Sonne will und will nicht -kommen! -</p> - -<p> -Wann wird sie endlich erscheinen, und was wird sie -uns bringen? -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Siebzig Stunden sechsundvierzig Minuten nach -Ankunft auf dem Mond. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">O</span>’Tamor ist gestorben. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Der erste Mondtag, drei Stunden nach Sonnenaufgang. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ir sind nur noch vier. In einer Weile treten wir die -Reise an. Alles ist bereit: unser Fahrzeug hat sich, nachdem -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -die Räder befestigt sind und nach Aufstellung des -Motors, in einen Wagen verwandelt, der uns, diese Wüste -durcheilend, dem Lande zuführen soll, wo wir leben und -atmen können ... O’Tamor wird hier bleiben ... -</p> - -<p> -Wir sind von der Erde geflohen, — aber der Tod, der -mächtige Herr des Erdengeschlechtes, hat mit uns den -Weltenraum durchflogen und uns gleich im Anfang -in Erinnerung gebracht, daß er bei uns ist — unbarmherzig, -siegreich — wie dort! Wir fühlten seine Gegenwart -und Nähe, seine Allherrschaft so lebhaft wie niemals -auf der Erde. Wir sehen uns unwillkürlich an: Wer -kommt jetzt an die Reihe? ... -</p> - -<p> -Es war noch Nacht, als plötzlich Selena aus der Ecke -hervorkam, wo sie seit einigen Stunden zusammengekauert -gelegen und, die Schnauze dem durch das Fenster leuchtenden -Halbmond der Erde entgegenstreckend, entsetzlich -zu heulen begann. Wir sprangen alle auf, wie von einer -inneren Kraft in die Höhe geworfen. -</p> - -<p> -— Der Tod kommt! schrie Martha. -</p> - -<p> -Woodbell, der sich besser fühlte, stand am Lager O’Tamors -und wandte sich langsam zu uns: -</p> - -<p> -— Er ist schon gekommen, sagte er. -</p> - -<p> -Wir trugen die Leiche aus dem Fahrzeug hinaus. In -diesem felsigen Grunde ist es unmöglich ein Grab zu -graben. Der Mond will unsere Toten nicht beherbergen -— wie wird er uns Lebende aufnehmen? -</p> - -<p> -Wir legten also die Leiche auf diesem harten Mondfelsen -auf den Rücken, das Gesicht der am Himmel leuchtenden -Erde zugekehrt und sammelten die hier und da auf der -Ebene zerstreut liegenden Steine, um aus ihnen ein Grab -zurechtzulegen. Wir umgaben den Dahingeschiedenen mit -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -einem nicht allzu hohen Wall, konnten jedoch keine genügend -große Steinplatte finden, um ihn zu bedecken. -Da sagte Peter durch das Rohr, das unsere Köpfe verband -und so eine Verständigung ermöglichte: -</p> - -<p> -— Lassen wir ihn hier so liegen ... Siehst du nicht, -daß er auf die Erde blickt? -</p> - -<p> -Ich betrachtete den Toten. Er schien in der Tat mit -verglasten, weit aufgerissenen Augen in das Auge der Erde -zu starren, das sich immer mehr schloß, immer mehr vor -dem Glanze der uns noch unsichtbaren Sonne, die bald -aufgehen sollte. Mag er so liegen bleiben ... -</p> - -<p> -Aus zwei Eisenstäben, den Bruchstücken des zerschmetterten -Gerüstes, das uns während des Falles vorm Zermalmen -bewahrt hatte, machten wir ein Kreuz und befestigten -es auf dem Steinwall über dem Haupte O’Tamors. -</p> - -<p> -Da — als wir die traurige Arbeit gerade beendet hatten -und zum Fahrzeug zurückkehren wollten, geschah etwas -Seltsames. Die Gipfel der Berge, die vor uns in dem -fahlen Schein der Erde auftauchten, färbten sich plötzlich, -ohne jeglichen Übergang, blutigrot und dann erstrahlten -sie in einem weißlich glühenden Glanze auf dem Hintergrunde -des tiefschwarzen Himmels. Der Fuß der Berge -erschien jetzt, durch den Kontrast der Beleuchtung gänzlich -verdunkelt, fast unsichtbar; nur die höchsten Kappen hingen -über uns, wie ein im Feuer erglühter Stahl, sich allmählich, -aber stetig vergrößernd. Infolge des Mangels -der Luftperspektive, die auf der Erde die Schätzung der -Entfernung ermöglicht, schienen diese weißen Flecke auf -dem Hintergrunde des schwarzen Himmels, inmitten der -Gestirne, gerade über unseren Häuptern zu hängen, wie -abgerissen von dem felsigen Fundament, das sich in der -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Dämmerung verlor. Wir wagten kaum die Hand auszustrecken, -aus Furcht, diese Stücke des lebendigen Lichtes -zu berühren. -</p> - -<p> -Sie aber wuchsen und wuchsen vor unseren Augen, als -wenn sie sich uns in langsamer, unerbittlicher Bewegung -näherten; bald waren sie so dicht vor uns, daß wir unwillkürlich -zurückwichen ... gänzlich vergessend, daß diese -Gipfel Hunderte, vielleicht auch Tausende von Metern -von uns entfernt sind. -</p> - -<p> -Plötzlich sah Peter sich um und stieß einen Schrei aus. -Ich wandte, seiner Bewegung folgend, den Kopf und — -stand wie festgebannt vor einem unerhörten, nicht zu schildernden -Schauspiel im Osten! -</p> - -<p> -Über dem schwarzen Grat eines Berges glimmte die -blasse, silberne Säule eines Zodiakallichtes. Wir starrten, -einen Augenblick den Toten vergessend, auf diesen Punkt, -als unten an der Säule, dicht an der Grenze des Horizontes, -kleine, springende rote Flämmchen im Kranze zu -flackern begannen. -</p> - -<p> -Die Sonne ging auf! Die mit so heißer Sehnsucht erwartete, -lebenspendende Sonne, die O’Tamor hier nicht -mehr sehen soll! -</p> - -<p> -Wir weinten beide wie Kinder. -</p> - -<p> -Und schon erstrahlte sie am Horizonte, hell und weiß. -Jene zuerst wahrgenommenen roten Flämmchen waren -Protuberanzen, starke Ausströmungen glühender Gase, -die von der Sonnenkugel nach allen Richtungen hinschießen -und auf der Erde, wo sie durch die Atmosphäre verblassen, -nur während einer vollkommenen Sonnenfinsternis sichtbar -sind. Hier, beim Fehlen der Luft, zeigten sie uns -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -das Erscheinen der Sonnenscheibe an und werden es -noch lange jeden Tag so anzeigen, für kurze Augenblicke -einen blutigen Schein auf die Berge werfend, ehe sie in -blendender Weiße im vollen Tagesglanz erglühen. -</p> - -<p> -Nach einigen Minuten erschien an Stelle des roten -Flammenkranzes ein weißes Segment der Sonnenscheibe -über dem Horizont; eine volle Stunde brauchte diese -Scheibe, um hinter den Felsen im Osten hervorzukommen. -</p> - -<p> -Diese ganze Zeit hindurch waren wir, trotz der immensen -Kälte, mit den Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Jeder -Augenblick ist wertvoll; man darf die Abfahrt nicht länger -hinausschieben. Jetzt ist schon alles bereit. -</p> - -<p> -Es ist seit Aufgang der Sonne wärmer geworden. Ihre -Strahlen, obwohl sie noch schräg fallen, wärmen mit der -ganzen Kraft, da sie nicht durch die Atmosphäre abgeschwächt -sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein -seltsamer Anblick! ... -</p> - -<p> -Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die -auf den Bergen wie auf einem mächtigen schwarzen Kissen -ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die durch ihren scharfen -Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und -Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon -Tag geworden, mit einer unermeßlichen Anzahl von Sternen -übersät; rings um uns breitet sich eine leere, wilde, -Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung des Lichtes, -ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom -Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt. -Es fehlt jene Atmosphäre, die auf der Erde -dem Himmel die wundervolle blaue Farbe verleiht, die, -selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor Sonnenaufgang -verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft; -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -die sich beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa -taucht, in Regenbogen tränkt, mit Wolken verfinstert -und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden Dämmerung -malt. -</p> - -<p> -Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und -diese Landschaftsbilder geschaffen! -</p> - -<p> -Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem -Gestein, das hie und da von Spalten zerrissen ist, die sich -in nordwestlicher Richtung erstrecken. Im Westen (<em>Osten</em> -und <em>Westen</em> unsrer Welt bezeichne ich, übereinstimmend -mit der <em>tatsächlichen</em> Lage, also <em>umgekehrt</em> wie -wir dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen -also sieht man steile Hügel, über denen in nordwestlicher -Richtung der zerrissene Grat eines Berges thront. Im Norden -erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch, wie es scheint, -zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige -Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die -künstlich ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und -gegen Süden erstreckt sich eine unabsehbare Flachebene. -</p> - -<p> -Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen -Messungen des Höhenstandes der Erde am Himmel, -daß wir uns tatsächlich auf dem <em>Sinus Medii</em> befinden, -wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen -müssen. Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, -denn die Gipfel, die im Norden und Westen jene Flachebene -begrenzen, nämlich die aus den Karten bekannten: -<em>Mosting</em>, <em>Sommering</em>, <em>Schroter</em>, <em>Bode</em> und -<em>Pallas</em>, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe -nach dem, was wir hier vor uns sehen. Aber schließlich -ist es einerlei! Wir fahren nach Westen, um längs dem -Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am gleichmäßigsten -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen -und auf seine <em>andere Seite</em> zu gelangen. -</p> - -<p> -Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur -das Grab mit dem Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten -die Stelle, an der die ersten Menschen auf dem Monde -gelandet sind. -</p> - -<p> -Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster -Bau, den wir auf dieser neuen Welt errichteten! Lebewohl, -toter Freund, teurer und treuloser Vater, der -du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins -neue Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem -Grabe steht, gleicht einer Standarte, die Zeugnis dafür -ablegt, daß der siegreiche Tod mit uns gekommen und -auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat ... -Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger -als wir, auf die unbewegliche Erde starrend, die dich -gezeugt, das Kreuz, dessen treuer Bekenner du warst, -über deinem Haupte. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig -Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium, -11° westlicher Länge, 17° 21’ nördlicher Mondbreite. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>ndlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein -furchtbarer, erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche -Sonne, die ihre Gluten fast seit zweihundert Stunden -aus diesem grundlos schwarzen Himmel herabsendet! -Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und -sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern, -inmitten einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem -schwarzen Reifen der verblaßten Erde, die von einem Hof -lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie seltsam -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich -verändert, nur die Konstellationen der Gestirne sind wie -wir sie von der Erde aus gesehen haben. Hier, wo die -Luft den Blick nicht trübt, sind unvergleichlich mehr Sterne -sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie mit Sand -von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten -wie farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in -der uns bekannten Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint -der Himmel, der hier keinen farbigen Lufthintergrund -hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird -sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und -bedarf keiner Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern -weiter entfernt oder näher liegt. Blickt man auf den Großen -Wagen, bemerkt man, daß einige seiner Sterne tief zurückliegen, -im Vergleich mit anderen nähergerückten, während -er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in -eine glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße -ist hier kein loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte -Schlange, die sich durch die schwarzen Untiefen wälzt. -Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein wundervolles -Stereoskop auf den Himmel sähe. -</p> - -<p> -Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten -der Sterne in strahlendster Helle und verdunkelt -auch nicht das schwächste der himmlischen Lichter ... -</p> - -<p> -Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten -zu schmelzen beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen -das Eis auf unsern Flüssen. So endlos lange Stunden -sehnten wir uns nach der Sonne und ihren erwärmenden -Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um -unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir -auf dem Grunde einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -des zerklüfteten Berges <em>Eratosthenes</em> den <em>Apennin</em> -entlang in die Tiefe des <em>Regenmeeres</em> erstreckt. Hier -erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir -Schatten und etwas Kühle ... -</p> - -<p> -Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung -zehn Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume -schien es mir, daß ich mich noch auf der Erde befinde, -in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos umrahmt -ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken -glitten am blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang -der Vögel, das Summen der Käfer und Stimmen der -Menschen, die vom Felde heimkehrten. -</p> - -<p> -Selenas Bellen weckte mich auf. -</p> - -<p> -Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß -ich lange nicht begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir -geschieht, was dieser verschlossene Wagen bedeutet und -diese Felsen ringsumher, so öde und wild! Endlich wurde -mir alles klar — und ein unaussprechliches Weh schnürte -mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich -nicht schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine -Knie legend, sah sie mich mit ihren verständigen Augen groß -an und es schien mir, daß ich in ihrem Blick einen stummen -Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend ihren Kopf, -sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen umsehend, -die in der Wagenecke munter miteinander spielten. -Diese Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe, -die hier froh sind. -</p> - -<p> -Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh -wie ein kleines Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer -gleich elend ist, die Hand ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes -Haar zu streicheln. Dann strahlt ihr schmächtiges -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen, schwarzen -Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten, -der noch bis vor kurzem so männlich schön war -und jetzt vom Fieber verzehrt und abgemagert dahinsiecht. -Sie tut alles, um ihn aufzumuntern, ihm mit jeder Bewegung, -mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und -in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist, -glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht -nicht erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, -leidenschaftlichen Lippen über seine magere Hand, seinen -Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie sie die Lider seiner -kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein -kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, -ihm seltsame, für uns unverständliche Weisen singend. -Er hörte sie wohl von denselben so heiß küssenden Lippen -dort — in ihrem Heimatlande — am malabarischen -Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von -den säuselnden Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres -träumen ... Dieses Weib bewahrte ihm in ihrer liebenden -Seele die ganze Welt, die für uns unwiederbringlich verloren -ist. -</p> - -<p> -Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal -gesehen habe. Es war unmittelbar nachdem wir die -Nachricht erhalten hatten, daß Braun zurücktritt. Wir -saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von dessen -Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen -über diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe -ging. -</p> - -<p> -Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen -wolle. Wir überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, -als sie schon selbst ins Zimmer trat. Sie war gekleidet wie -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -die Töchter reicher Eingeborener im südlichen Indien. Das -Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb verängstigten, -halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt -auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch -neigend, aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem -Kopfe blieb sie an der Tür stehen. -</p> - -<p> -— Martha, du hier! rief endlich Woodbell. -</p> - -<p> -Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen -war keine Spur mehr von Zaudern oder Unsicherheit; -nur eine wahrhaft südländische Leidenschaft flammte aus -ihren von schweren Lidern halb bedeckten schwarzen Augen. -</p> - -<p> -Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen -halb geöffnet, streckte sie Tomas die Hände entgegen und -antwortete, zu ihm aufblickend: -</p> - -<p> -— Ich bin dir gefolgt und werde dir überallhin folgen, -selbst auf den Mond! -</p> - -<p> -Woodbell war blaß wie eine Leiche. Er fuhr sich mit -beiden Händen an den Kopf und rief fast stöhnend: -</p> - -<p> -— Das ist unmöglich! -</p> - -<p> -Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schließend, -daß O’Tamor unser Führer sei, warf sie sich ihm zu -Füßen, so schnell, daß er nicht Zeit hatte, sie aufzuhalten. -</p> - -<p> -— Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr, -nehmt mich mit Euch! Ich bin die Geliebte Eures Kameraden; -alles habe ich für ihn hingegeben, er darf mich jetzt -nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hörte, daß einer Eurer -Genossen zurücktrat und bin von Indien hierher gekommen. -Nehmt mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten -verursachen. Ich will eure Dienerin sein! Ich bin reich, -sehr reich, ich gebe Euch Gold und Perlen, soviel Ihr wollt. -Mein Vater war Radscha in Travancore am malabarischen -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -Strand und hinterließ große Schätze. Ich bin auch kräftig -genug, seht! -</p> - -<p> -Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen -Arme aus. -</p> - -<p> -Varadol stammelte: -</p> - -<p> -— Aber für eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen! -Das ist etwas anderes, als eine Fahrt mit dem -Dampfer von Travancore nach Marseille! -</p> - -<p> -Da begann sie zu erzählen, wie sie ohne Tomas’ Wissen -im geheimen dasselbe Training vornahm wie wir, immer -in dem Gedanken, daß es ihr im letzten Augenblick gelingen -werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen. Jetzt benutzte -sie Brauns Rücktritt, die seit langem gefaßte Absicht -auszuführen. Sie weiß wohl von Tomas, daß man -dort auf dem Mond den Tod finden kann, aber sie will -nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie uns an. -</p> - -<p> -Da wandte sich O’Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte, -mit der Frage zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle, -und als Woodbell, unfähig ein Wort hervorzubringen, mit -dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die üppigen Haare -des Mädchens und sprach langsam und feierlich: -</p> - -<p> -— Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich -Gott zur Eva des neuen Geschlechtes erkoren — möge es -glücklicher sein als das irdische! -</p> - -<p> -So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ... -</p> - -<p> -Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man -muß ihm Chinin geben. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Zwei Stunden später. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Glut, anstatt nachzulassen, wird immer größer. -Wir flüchteten noch tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange -diese entsetzliche Hitze andauert ist es unmöglich an -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die Angst schüttelt -mich, wenn ich mir sage, daß wir fast noch dreitausend Kilometer -vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und -wer bürgt uns dafür, daß man dort leben kann? ... Der -einzige, O’Tamor, der nicht daran zweifelte, ist nicht mehr -unter uns. -</p> - -<p> -Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, daß wir -bereits hundertsiebenundsechzig Kilometer zurückgelegt haben; -die Zeit zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde -ein Kilometer. Und wir bewegten uns doch verhältnismäßig -ziemlich schnell vorwärts ... -</p> - -<p> -Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf -und wendeten uns nach Westen. In dem Glauben, daß -wir uns auf dem <em>Sinus Medii</em> befinden, wollten -wir auf die Flachebene zwischen den Bergen <em>Sommering</em> -und <em>Schroter</em> gelangen und von dort den <em>Sommering</em> -von Norden und Westen umkreisen. So beabsichtigten -wir, uns dem Äquator zu nähern und an ihm entlang, -direkt in der Richtung des Gebirgsringes <em>Gambart</em> -und des höheren, weiter gegen Westen auf dem Äquator -liegenden <em>Landsberg</em> vorzudringen. -</p> - -<p> -Der Grund war ausnahmsweise gleichmäßig, fast ohne -Spalten, so daß der Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung -und Zuversicht erfüllten unsere Herzen; es war uns -warm und leicht — nur die Erinnerung an O’Tamor -trübte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha -strahlte vor Glück, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs -neue Pläne zu schmieden. Der Weg schien uns nicht lang, -die Mühe nicht allzu groß. Wir bewunderten die Wildheit -der in ihrer Erstarrung großartigen Landschaft oder -bemühten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -im voraus die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer -warten. Varadol erinnerte uns an alle Forschungen und -Beweise O’Tamors, nach denen die entgegengesetzte Seite -des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben genügen -und dabei interessant und über alle Beschreibung -erhaben sein sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben -Berge sind, die jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor -uns erglänzen und außerdem noch frisches Grün und -Wasser, lohnt es wohl der Mühe, dreihundertvierundachtzigtausend -Kilometer zurückzulegen, um diese Herrlichkeiten zu -sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und -Martha, wie gewöhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen -rosige Pläne für das zukünftige Leben in diesem -Paradies. Sogar Selena begann, als sie die munteren -Stimmen hörte, fröhlich zu bellen und im ganzen Wagen -mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen. -</p> - -<p> -So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen -dreißig Kilometer zurückgelegt, als Varadol, der gerade -an der Reihe war am Steuer zu stehen, den Wagen plötzlich -anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher, stumpfer -Steinwall, der sich von Süden nach Nordwesten erstreckte. -Man hätte den Wall mit Leichtigkeit überwinden können, -aber es handelte sich darum, die Richtung genau festzustellen, -in der wir uns vorwärtsbewegen sollten. Im Nordwesten -erhoben sich wild zerklüftete, mächtige Berge, die -wir für die Gipfel des Kraters <em>Sommering</em> hielten. -Jener Krater, wie die Astronomen auf Erden diese runden -Berge hier bezeichnen, erhebt sich zwar nur eintausendvierhundert -Meter über der benachbarten Ebene, während -diese Berge uns ungleich höher vorkamen, aber wir schrieben -dies der leicht erklärlichen optischen Täuschung zu. Außerdem -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -ist es aber auch möglich, daß wir mit unserem Projektil -auf den südwestlichen Teil des <em>Sinus Medii</em>, -auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem breiten -Halbkreis des Zirkus des <em>Flammarion</em> zu öffnet und -jetzt zur Rechten den Krater <em>Mosting</em>, von der ansehnlichen -Höhe von zweitausenddreihundert Metern, vor uns -haben. Auf alle Fälle mußte jener Berg von Norden her -umkreist werden, um nicht den ursprünglichen Plan zu -ändern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen -vorzunehmen zur Festlegung des Punktes, an dem -wir uns befinden, aber da wir jetzt keine Minute verlieren -wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die heißere Zeit, -wo wir infolge der großen Glut würden Aufenthalt machen -müssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden. -Der Weg wurde immer schwieriger und führte allmählich -in die Höhe; hie und da trafen wir Spalten an, denen wir -ausweichen mußten, öfter ganze Felder von massivem Gestein, -dem Gneis ähnlich, mit vielen losgelösten Felsstücken -übersät. Wir bewegten uns immer langsamer und -mit großer Mühe vorwärts. An einigen Stellen mußten -wir, nachdem wir die Luftbehälter angelegt hatten, den -Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden -Felsblöcke fortzuräumen. Wir priesen dabei die -geringe Anziehungskraft des Mondes, durch die es uns -möglich war, derartige Felsstücke von der Stelle zu rücken. -Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem erschien -der andere Gefährte, wenn er die mächtigen Klumpen bewegte, -wie ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas -blieb im Wagen zurück, da er vom Fieber, das immer -wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der Wunden aufgehört -hatte, zu sehr geschwächt war. -</p> - -<p> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer -weit von dem Punkte, von wo wir uns nach Norden gewandt -hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner und überaus -steiler Hügel, hinter denen sich phantastische Gipfel erhoben. -Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die -Höhe und aus dem mächtigen Wall, den er bildete, -ragte eine scharfe Bergspitze hervor. Rechts, gegen Osten, -erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge. -</p> - -<p> -Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der -Sonne verflossen, als wir auf die glatte Fläche von massivem -Gestein gelangten, auf der man sich schneller vorwärtsbewegen -konnte. Hier beschlossen wir anzuhalten, -um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung -der Landschaft immer mehr. -</p> - -<p> -Wir waren bereits überzeugt, daß wir uns in einer -anderen Gegend des Mondes als auf dem <em>Sinus Medii</em> -befanden. Man mußte demnach endlich genaue Messungen -vornehmen. -</p> - -<p> -Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter -stellte die astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt -der Erdscheibe war vom Zenite 6° gegen Osten und 2° -gegen Norden entfernt — wir befanden uns also unter -dem 6.° westlicher Mondlänge und dem 2.° südlicher Breite, -das heißt, an der Grenze des <em>Sinus Medii</em>, neben -dem Krater <em>Mosting</em>. Was diesen betrifft, so konnte -kein Zweifel obwalten. Die Messungen waren ganz genau. -</p> - -<p> -Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu -ändern. Als wir den Weg antreten wollten, rief Varadol -plötzlich: -</p> - -<p> -— Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurückgelassen! -</p> - -<p> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, daß unsere -Kanone, das einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern -zu verständigen, mit dem Geschoß und der -Kugel beim Grabe O’Tamors zurückgeblieben war. Sein -Tod und Begräbnis hatten uns so verwirrt, daß wir beim -Aufbrechen vergaßen, die für uns so wertvolle Kanone -mitzunehmen. Das war ein unersetzlicher Verlust und -um so empfindlicher, als nach der Zerstörung der telegraphischen -Verbindung mit ihr der letzte Faden zerriß, der uns -mit der Erde verband. Wir fühlten uns plötzlich so grenzenlos -vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke -wiederum um Hunderte von Kilometern von dem Globus -entfernt hätten, der schon Hunderttausende von Kilometern -hinter uns lag. -</p> - -<p> -Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone -zu holen. Vor allem bestand Woodbell darauf, da er es -für nötig hielt, uns mit der Erde zu verständigen, damit -man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht aussende, bevor -wir nicht mitteilen konnten, daß wir hier mögliche Lebensbedingungen -gefunden haben. -</p> - -<p> -Wenn wir umkommen müssen, sagte er, warum sollen -noch andere ihr Leben opfern. Ihr wißt doch, daß die -Brüder Remogner zur Fahrt bereit sind. Sie erwarten -Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat -funktioniert nicht. Man muß sie zurückhalten, wenigstens -noch für einige Zeit. -</p> - -<p> -Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren. -Jede Stunde ist von höchstem Werte, da uns im Falle -einer Fahrtverlängerung die Nahrungs- und Luftvorräte -ausgehen können, wodurch wir zum sicheren Tode verurteilt -wären. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O’Tamors -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -zu lange aufhalten müssen und wer konnte dafür bürgen, -daß wir die Stelle wiederfinden, wo die Kanone zurückblieb? -</p> - -<p> -Varadol bemühte sich, Tomas’ Bedenken zu zerstreuen. -Die Brüder Remogner, führte er an, werden den Weg doch -nicht antreten, wenn sie keine Nachrichten von uns erhalten. -Im übrigen weiß man nicht, ob die hinausgeschossene Kugel -gerade auf eine Stelle der Erde fällt, wo sie jemand auffindet -und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die -Hände derjenigen, für die sie bestimmt ist. -</p> - -<p> -Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone, -die lediglich für einen senkrechten Schuß konstruiert war, -nur in der Nähe des Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen -könnten, wo sich die Erde im Zenite über uns -befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern -Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses -nicht und selbst wenn sie genügen würde, hätten wir -keine Möglichkeit, die Kanone genau so aufzustellen, um -sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie beschreibend, -trotzdem ihr Ziel — die Erde — nicht verfehlt. So hätten -wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen -aufgehalten, wären alsdann aber nicht mehr imstande, -durch einen zweiten Schuß neue Kameraden herbeizurufen, -falls wir — bis zur Grenze der von der Erde aus sichtbaren -Mondscheibe gelangt — dort günstige Lebensbedingungen -antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier -zu einer ewigen Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die -Brüder Remogner trotz alledem hierher kommen, so würden -sie vielleicht einen stärkeren telegraphischen Apparat mit -sich führen und wir so durch sie eine dauernde Art der -Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten. -</p> - -<p> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem -Suchen der Kanone zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung -setzten wir daher unsere Reise fort. -</p> - -<p> -Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen -und wir hatten schon gegen hundertdreißig Kilometer hinter -uns. Die Sonne stand bereits 28° über dem Horizont -und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten dabei -eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich -die Wand des Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so -erhitzte, daß sie geradezu brannte, war die der Sonne abgewandte -Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der Kälte hatten -wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines -Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs -antrafen. Der Grund für diese gewaltsamen Übergänge -zwischen Wärme und Kälte ist das Fehlen der Atmosphäre, -die auf der Erde zwar die direkte Kraft der Sonnenstrahlen -vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese Wärme -gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen -derselben durch Ausstrahlen verhindert. -</p> - -<p> -Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend -mit Nacht. Das Licht, das nicht in der Atmosphäre -verbreitet ist, dringt nur an solche Orte, die den -Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht den Reflex -der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht -der Erde, müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten -hineinfahren unsere elektrischen Lampen aufflammen lassen. -</p> - -<p> -Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und -begannen uns nach Westen zu wenden, um den vermutlichen -Krater <em>Mosting</em> zu umkreisen, nur mit großer -Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande -vorwärtsdringend. -</p> - -<p> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften -auf der Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen, -die die Gipfel miteinander verbinden, üppige -Täler, die durch das Wirken des Wassers im Laufe von -Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur -von alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und -mit einer unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener -Mulden mit vorspringenden Rändern angefüllt, -oder auch mit glatten, vereinzelten Hügeln, oft -von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen -tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und -aussehen, als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader -Linie bis auf den Grund gespalten wären. Ich zweifle -nicht daran, daß es sich hier um ein Bersten der erlöschenden -und sich krümmenden Mondoberfläche handelt. -</p> - -<p> -Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung -der auf der Erde so übermächtigen Erosion. Ich -glaube auch, daß dieses Land niemals Luft und Wasser -gehabt hat. -</p> - -<p> -Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins, -das auf dem felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr -dreißig Stunden später, als die Spannung der Hitze -sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten wir die -Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, -dessen Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich -war, als sich plötzlich vor unseren Augen ein Felsblock -von einigen zehn Metern im Durchmesser vom Gipfel -loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die -Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu -schaurigen Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten -wir kein Geräusch; nur der Grund erbebte unter unserem -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte. Die Felsen, -die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen -Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während -der furchtbaren Glut des Tages an der Seite, die den -brennenden Strahlen ausgesetzt ist; die ungleichmäßige Verteilung -von Hitze und Kälte muß das Zerspringen und -Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt -verursachen. -</p> - -<p> -Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die -mächtigen Flächen übersäten, ziemlich unangenehm. Wir -passierten Stellen, wo unser Fahrzeug sich vermittels der -Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte. Dort ließen -wir die „Tatzen“ aus, die dem Wagen ermöglichten die -größten Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges -Tier. So kamen wir glücklich über die sich auftürmenden -Steinmassen hinweg. Trotz der zahlreichen Versuche, -die wir mit dem Wagen auf der Erde machten, hatten -wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen, -länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des -Mondes und die damit verbundene Schwere nur um die -Hälfte größer wäre, hätten wir in diesem Gestein, unfähig -uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde gehen -müssen. -</p> - -<p> -Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen, -während dessen wir kaum zwanzig Kilometer -weiter kamen. Die Hitze wird unerträglich. In der dumpfen, -glühenden Luft des Wagens und durch die heftigen -Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die -Wunden, die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche -davontrug, beginnen ihn wieder zu schmerzen. -Ein Glück, daß wir drei wenigstens heil davongekommen -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem Gedanken -an jene furchtbare Erschütterung! -</p> - -<p> -Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der -am Projektil angebrachten Minen, die die Schnelle des -Fallens verringern sollten, dann ein Druck auf den Knopf -— das schützende Stahlgerüst breitete sich aus und ... -Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah -nur noch, wie Martha sich aus der Hängematte herausbeugte -und ihre Lippen auf Tomas’ Mund preßte. O’Tamor -rief: <em>Wir sind da!</em> — und ... ich verlor das -Bewußtsein. -</p> - -<p> -Als ich die Augen öffnete, lag O’Tamor blutüberströmt -am Boden, Woodbell ebenfalls schwerverwundet; Varadol -und Martha waren ohnmächtig ... Aus den Trümmern -des Stahlgerüstes haben wir dann das Kreuz auf dem -Grabe O’Tamors errichtet. -</p> - -<p> -Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang -an als wir vor Erschöpfung und Glut zusammenbrechend -endlich bemerkten, daß wir uns dem Gipfel des -Berges näherten, den wir mit so großer Mühe erkletterten. -Während dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den -vierten Teil des „Tages“ auf dem Monde ausmachten, -schliefen wir fast gar nicht und beschlossen nun eine Zeitlang -zu rasten. -</p> - -<p> -Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe. -</p> - -<p> -Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens, -der uns tatsächlich vorm lebendigen Verbraten durch die -unerträglichen Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns -alle schlafen. Nach zwei Stunden schon erwachte ich sehr -gestärkt; die andern schliefen noch. Ich wollte sie nicht -aufwecken, nahm meinen Luftbehälter und ging allein aus -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -dem Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum -hatte ich mich etwas aus dem Schatten begeben, glaubte ich -mich in das Innere eines glühenden Hüttenwerkes versetzt. -Das war keine Hitze mehr — eine wahre Feuersbrunst ergoß -sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Füße -durch die dicken Sohlen des Luftbehälters. Ich mußte -meine ganze Willenskraft zusammennehmen, um nicht in -den Wagen zurückzukehren. -</p> - -<p> -Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei -Berge aus massivem Gestein trennte und zwischen diesen -in einer Art Einsattlung endete, die, soviel ich von der -Stelle wo ich stand bemerken konnte, in eine hinter jenen -Hügeln nach Süden laufende Ebene überging. Diese Hügel -verhüllten mir die Aussicht nach Norden und Süden. Nur -nach Osten war der Blick über den Weg frei, den wir gerade -zurückgelegt hatten. Ich sah auf steinige Felder, -voll von Mulden, Vorsprüngen, Spalten und Gipfeln — -und traute meinen eigenen Augen kaum, daß wir mit unserem -großen, schweren Wagen da hindurchkommen konnten. -</p> - -<p> -Auf der Erde, bei dem sechsmal größeren Gewichte, wäre -das geradezu unmöglich gewesen. -</p> - -<p> -In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mich jemand berührte. -Ich sah mich um; hinter mir stand Varadol und -machte verzweifelte Zeichen. Er hatte, gleich mir, den Luftbehälter -angelegt und den Wagen verlassen, da er aber das -Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht -verständigen. Ich sah nur, daß er blaß und furchtbar erregt -war. Ich glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden -und stürzte zum Wagen zurück. Er folgte mir. -</p> - -<p> -Kaum hatten wir uns der Luftbehälter entledigt, als -Varadol mit vor Aufregung zitternder Stimme sagte: -</p> - -<p> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -— Wecke die andern nicht auf und höre: es ist etwas -Furchtbares geschehen, ich habe mich geirrt. -</p> - -<p> -— Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es -sich eigentlich handelte. -</p> - -<p> -— Wir sind nicht auf den <em>Sinus Medii</em> gefallen. -</p> - -<p> -— Wo sind wir also? -</p> - -<p> -— Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung, -die diesen Krater mit dem Mond-<em>Apennin</em> verbindet. -</p> - -<p> -Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wußte aus den -auf der Erde gemachten photographischen Aufnahmen der -Mondoberfläche, daß der Grat, auf dem wir uns demnach -befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen zu gelegene -mächtige Fläche des <em>Mare Imbrium</em> abfällt. -</p> - -<p> -— Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt. -</p> - -<p> -— Ruhig. Gott allein weiß es. Es ist meine Schuld. -Wir sind auf dem <em>Sinus Aestuum</em>. Sieh ... -</p> - -<p> -Er schob mir eine Karte und einige Blätter zu, die mit -Reihen von Ziffern beschrieben waren. -</p> - -<p> -— Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten -Hoffnung Raum gebend. -</p> - -<p> -— Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die -anderen Messungen waren ganz genau, ich vergaß nur, -daß sich damals die Erde nicht im Zenite über dem Mittelpunkt -der Mondscheibe befinden konnte. Du weißt doch, daß -der Mond während der Drehung um die Achse kleinen -Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt, -wodurch die Erde nicht gänzlich unbeweglich am Himmel -erscheint, sondern eine kleine Ellipse umschreibt. Ich habe -nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom Zenit die Verbesserungen -vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage -nach die Mondlänge und -breite des Punktes, auf dem -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -ich die Messungen machte, falsch bezeichnet. Jetzt können -wir das alle mit dem Leben bezahlen! -</p> - -<p> -— Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen -Körper bebte. Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten. -</p> - -<p> -Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der -Messungen. Diesmal war jeder Zweifel ausgeschlossen. -Nachdem die notwendige Verbesserung vorgenommen war, -zeigte es sich, daß wir auf dem <em>Sinus Aestuum</em> -unter dem 7.° 35’ westlicher Mondlänge und dem 13.° -8’ nördlicher Mondbreite herabgefallen sind. Wir bewegten -uns die ganze Zeit hindurch längs den steilen Bergen, -zu Füßen des mächtigen <em>Eratosthenes</em>, vor uns den -nicht großen, aber außerordentlich steilen Krater ohne -Namen, der in dem hier schon beginnenden <em>Apennin</em> -eingeschlossen ist. Gegenwärtig befanden wir uns unter -dem 11.° westlicher Mondlänge und dem 15.° 51’ nördlicher -Mondbreite. -</p> - -<p> -Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte. -Nach dieser erhebt sich die Einsattelung, die wir einige -hundert Schritte weit vor uns hatten, neunhundertzweiundsechzig -Meter über dem <em>Mare Imbrium</em>. -</p> - -<p> -Es ist doch seltsam: während die Astronomen auf der -Erde aus der Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern -mit Leichtigkeit die Höhe eines jeden Mondberges -berechnen, indem sie im Teleskop die Länge des Schattens, -den er wirft, messen, mußten wir, die wir uns auf diesem -Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte -flüchten, um konstatieren zu können, wie hoch er sich erhebt. -Der Mangel der Atmosphäre macht die barometrischen -Messungen der Höhe unmöglich. Die Veränderung, -die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf, -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -daß das Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war. -Auf der Höhe, auf welcher wir uns befanden war eine -absolute Leere. -</p> - -<p> -Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war -unmöglich ihnen die entsetzliche Situation zu verheimlichen, -doch schienen unsere Eröffnungen keinen besonderen Eindruck -auf sie zu machen. Tomas runzelte die Stirn und -biß die Lippen zusammen, während sich Martha, soweit -ich aus ihrem Benehmen schließen konnte, keine klare -Rechenschaft über das Grauen der Lage zu geben vermochte. -</p> - -<p> -— Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren -sind, oder umkehren ... -</p> - -<p> -Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind! -Mein Gott, es war doch nur ein reiner Zufall, daß wir -den Weg gefunden haben, der uns hierher führte! Und -umkehren? — So viel vergebliche Mühen und verlorene -Stunden? ... -</p> - -<p> -Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben -um zu sehen, ob wir uns nicht auf die Ebene <em>Mare -Imbrium</em> herablassen könnten. Nach einigen Minuten -befand sich unser Wagen an dem Abgrund! -</p> - -<p> -Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren. -Der Felsen brach zu unseren Füßen fast senkrecht ab und -dort unten, tausend Meter tiefer, erstreckte sich, soweit das -Auge reichte, die Ebene <em>Mare Imbrium</em>, von einigen -zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der -Luftperspektive brachte es mit sich, daß auch die ziemlich -entfernt liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich -mit ihrem märchenhaft schimmernden Weiß vom schwarzen -Hintergrund des sternenbesäten Himmels abhoben. Ein -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -wahrhaft bezaubernder Anblick, über den wir für einen -Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaßen. -</p> - -<p> -Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermeßlichen -Fläche, wie eine Insel im Meere, der majestätische -Krater <em>Timocharis</em>, vierhundert Kilometer -von uns entfernt und gegen siebentausend Fuß hoch. -</p> - -<p> -Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen -Berge infolge der unklaren Luft eine blaßbläuliche Farbe -an; hier erschien jener Gipfel, in der Sonne erglänzend, -wie ein weiß erglühter Stahl, mit großen schwarzen -Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer -Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man -ebenfalls deutlich am Himmel die Zacken des Kraters -<em>Lambert</em>, der kleiner und weiter entfernt war. Im -Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere -Höhenzüge und Felsen, sich mit der uns viel näher liegenden -Kette der Mond-<em>Karpaten</em> vereinigend, die das <em>Mare -Imbrium</em> von Süden her einschließen. -</p> - -<p> -Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres -Sehwinkels erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Südwesten -her die auf kleineren Hügeln gestützten mächtigen -Gipfel des <em>Kopernikus</em>, eines der größten Berge auf -dem Monde. Wenn ich sagte, daß der <em>Timocharis</em> -wie glühender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis -mehr zur Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus -der Entfernung von Hunderten von Kilometern von jenem -riesenhaften Felsenringe her ergoß, der einen Durchmesser -von neunzig Kilometern hat! -</p> - -<p> -Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des -breiten Zirkus des <em>Archimedes</em>. Der Blick nach Osten -und Süden war uns verschlossen — von der einen Seite -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -durch die Kette des Mond-<em>Apennins</em>, von der andern -durch den <em>Eratosthenes</em>, der durch den Paß, auf -dem wir gerade stehen, mit dem <em>Apennin</em> verbunden ist. -</p> - -<p> -Und in diesem Rahmen das <em>Regenmeer</em>. Wie ironisch -erschien uns diese Bezeichnung, die von den alten Astronomen -auf der Erde erdacht wurde! Eine entsetzliche Wüste, -kalt und grau, hie und da durch große Spalten zerrissen, -die, zu länglichen Garben gedehnt, sich vom <em>Timocharis</em> -zum <em>Eratosthenes</em> erstrecken. Nirgends eine Spur von -Leben! Nur am Fuße der mächtigen, weit entfernten -Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte, kostbaren -Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbläuliche Adern -von Felsschichten. -</p> - -<p> -Wir starrten schweigend vor uns hin und wußten nicht, -welchen Weg wir wählen sollten. Wenn wir die Fläche -des <em>Regenmeeres</em> erreichten, hätten wir eine Strecke -vor uns, auf der wir uns schnell vorwärtsbewegen könnten; -aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir -dorthin gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen, -senkrechten Wand hinablassen? -</p> - -<p> -Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fuß nach Süden, -in der Hoffnung, daß es uns vielleicht gelingen könnte, -abseits vom Krater des <em>Eratosthenes</em> einen Weg zu -finden. Wir schritten auf der schmalen Fläche, die zwischen -den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem <em>Mare -Imbrium</em> zu öffnete. An der einen Stelle war der -Durchgang so eng, daß wir schon umkehren wollten, weil -es uns unmöglich schien hier mit dem Wagen durchzukommen. -Zum Glück erinnerte uns Martha, die uns begleitete, -daß wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit -denen sich die nicht große, uns den Weg versperrende -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen ließe. Wir passierten -sie daher, über den schwindelnden Abgrund schlüpfend, und -gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der -breiter und flacher wurde, langsam nach oben. Wir gingen -immer nach Süden zu. Rechts und links starrten die -Riesengipfel des Ringes des <em>Eratosthenes</em>. -</p> - -<p> -Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden -wir durch einen neuen Abgrund aufgehalten, der sich -so unerwartet vor uns auftat, daß Peter, der voranging, -mit einem Schrei des Entsetzens zurückprallte. In der -Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl -das Furchtbarste, was man sich vorstellen kann. -</p> - -<p> -Immer in südlicher Richtung vorwärtsdringend, gelangten -wir, ohne zu wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon -am Rande des <em>Eratosthenes</em> lag. Zur Rechten und -zur Linken türmten sich zerrissene Gipfel, von denen der -eine weißschimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, während -sich der andere im Schatten in tiefes Schwarz hüllte. -Und vor uns ... Nein, wer vermag das zu beschreiben! -— Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare, bodenlose -Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser -Majestät des Schreckens und der Starrheit, daß mich noch -jetzt Schauer der Angst schütteln, wenn ich daran zurückdenke! -</p> - -<p> -Wir sahen in das Innere des Kraters des <em>Eratosthenes</em>. -</p> - -<p> -Ein mächtiger Bergwall, wie eine Säge mit Zacken besetzt, -bildete einen geschlossenen Kreis von einigen zehn -Kilometern im Durchmesser und auf diese Weise eine -Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das menschliche -Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -über den Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend, -fielen fast senkrecht in seltsamen Windungen ab, als wenn -sich Steinkaskaden in wilden Sprüngen herabwälzten. Die -Mulde, die im Verhältnis zu der Oberfläche des durch -den Wall abgetrennten <em>Mare Imbrium</em> zweitausend -Meter tiefer lag, erschien uns noch unergründlicher durch -die mächtigen sich daneben auftürmenden Berge und die -dichten Schatten, die sie gespensterhaft einhüllten. Aus -ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte kegelförmige -Gipfel, die beinahe die halbe Höhe des benachbarten -Walls erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster -auf sie herab. Kleine, dunkelgraue Rauchwolken -stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich infolge -der fehlenden Atmosphäre sofort wieder, um sich am Fuße -der Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel, -daß wir hier noch nicht erloschene Vulkane vor uns hatten. -</p> - -<p> -Die grellen Gegensätze von Licht und Schatten vergrößerten -noch das Gefühl des Grauens. Der ganze östliche -Rand des Innern war in geheimnisvolle Dämmerung gehüllt, -die mit dem schwarzen Himmel zusammenzufließen -schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der Sonne -wie eine weiße, von dunklen Bergrinnen zerrissene und -mit unzähligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintürmen, -die auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke -leuchteten. Nach Süden zu erschien der Wall -durch die Entfernung niedriger und erweckte den Eindruck, -das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein. -Zu unseren Füßen — ein schwindelnder Abgrund. -</p> - -<p> -Und über all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am -schwarzen Himmel die feurige, strahlenlose Sonne, immer -näher der Erde, die, in starrem Glanze schimmernd, zu -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -einer schmalen, scharfen Sichel gekrümmt, über diesem Tal -schwebte wie ein Zeichen des Todes. -</p> - -<p> -Unwillkürlich dröhnten mir die Worte Dantes in den -Ohren: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse"><span class="antiqua"><em>Vero é che in su la proda mi trovai</em></span></p> - <p class="verse"><span class="antiqua"><em>della valle d’abisso dolorosa ....</em></span></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung, -Glut und Entsetzen geschwächten Gehirne Visionen -der Danteschen Hölle auf, die nicht furchtbarer -sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der -am Boden des mächtigen Kessels sich wälzende Rauch -schien mir der Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich -im Wirbel um Luzifers mächtige Gestalt drehten, dessen Formen -einer der Vulkankegel in meinen Augen annahm ... -Geister — Geister — eine entsetzliche Prozession der Verfluchten! -Sie ziehen dahin, fließen in mächtigen Fluten -über die felsigen Abhänge der Untiefe, gleiten in den Abgrund, -wälzen — drängen sich. Einige wollen sich erheben, -auf — auf — zur Sonne — sie reißen sich vom Boden -los und stürzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen -auf dieselbe Stelle, — hinab — hinab zur ewigen -Verdammnis ... -</p> - -<p> -Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden, -schaudervollen Stille ab ... -</p> - -<p> -Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fühlte, -daß ich einer Ohnmacht nahe war. -</p> - -<p> -Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, daß ich -im ersten Augenblick wirklich glaubte das Jammern der -Verfluchten zu hören. Aber diesmal war es keine Vision. -Es war wirkliches, herzzerreißendes Weinen, das durch -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -das Rohr, das die Köpfe unserer Luftbehälter verband, -zu mir drang. -</p> - -<p> -Ich erwachte aus meiner Betäubung und blickte um mich. -Woodbell stand da wie versteinert, den Rücken an den Felsen -gelehnt, blaß, mit gesenktem Haupte. Varadol glich in -seinen Bewegungen einem gefesselten wilden Tiere; er -stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und -die Länge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten -um, als wenn er zwischen diesen Steinmassen einen Weg -und Ausgang suchte. Martha kniete am Boden, von einem -Schluchzen, das durch die höchste Erregung der Nerven -hervorgerufen wurde, geschüttelt. -</p> - -<p> -Ein grenzenloses Erbarmen erfaßte mich. Ich näherte -mich ihr und legte langsam den Arm um ihre Schultern. -Da begann sie wie ein Kind zu klagen und rief, wie in jener -denkwürdigen langen Nacht vor dem Tode O’Tamors: -</p> - -<p> -— Auf die Erde! Auf die Erde! -</p> - -<p> -In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschütternde -Verzweiflung, daß ich kein Wort finden konnte, sie zu -trösten. Wie sollte ich das auch anfangen? Unsere Situation -war tatsächlich eine verzweifelte. Ich wandte mich -zu Varadol: -</p> - -<p> -— Was soll jetzt werden? -</p> - -<p> -Peter zuckte die Achseln. -</p> - -<p> -— Ich weiß, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmöglich, -hier herunterzukommen. -</p> - -<p> -— Und wenn wir umkehrten? warf ich ein. -</p> - -<p> -— O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha. -</p> - -<p> -Varadol schien ihr Weinen nicht zu hören. Er sah eine -Zeitlang vor sich hin, dann antwortete er, sich zu mir -wendend: -</p> - -<p> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -— Umkehren ... Höchstens um auf einem andern -Wege auf dasselbe Hindernis zu stoßen, nachdem wir schon -so viel kostbare Zeit verloren haben. Sieh! -</p> - -<p> -Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte -über die unabsehbare Fläche des <em>Mare Imbrium</em>. -</p> - -<p> -— Wenn wir dorthin gelangen könnten, sagte er, würden -wir einen verhältnismäßig ebenen Weg vor uns haben, -aber wie wäre das zu ermöglichen ... Höchstens wenn -wir uns kopfüber ... -</p> - -<p> -Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung. -Das <em>Regenmeer</em>, glatt und eben, von der Sonne beleuchtet, -erschien mir als ein Paradies, im Vergleich mit -dem furchtbaren Innern des <em>Eratosthenes</em>. Es begann -fast dicht unter unseren Füßen, scheinbar so nahe, -daß ein Sprung genügen würde, es zu erreichen. Doch -trennte uns ein senkrecht abstürzender, tausend Meter -hoher Felsen von dieser Ebene. -</p> - -<p> -Wir drängten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher -Sehnsucht hinunter. Wir fühlten weder -Ermattung, noch die brennenden Strahlen der Sonne, -die bereits hinter der Felsengrenze über uns aufging. -</p> - -<p> -Nach einer Weile wiederholte Peter: -</p> - -<p> -— Dorthin werden wir nicht gelangen ... -</p> - -<p> -Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fähig -war sich zu beherrschen, antwortete ihm. -</p> - -<p> -— Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend, -oder ich werfe dich von hier hinab! Wir haben genug -Sorgen! -</p> - -<p> -Da trat plötzlich Tomas hervor. -</p> - -<p> -— Sei still — und du weine nicht; wir werden auf -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -das <em>Mare Imbrium</em> hinüberkommen, — holen wir -den Wagen. -</p> - -<p> -Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen -Worten, daß wir seine Weisung sofort ausführen -wollten und nicht wagten uns zu widersetzen oder auch -nur zu fragen. -</p> - -<p> -Woodbell hielt uns noch zurück. -</p> - -<p> -— Seht, sagte er, auf die äußeren, dem <em>Regenmeere</em> -zugewandten Abhänge des <em>Eratosthenes</em> zeigend, -seht ihr diese Kante dort, die fünfzig Meter tiefer -am Fuße der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen -kann, senkt sie sich ziemlich sanft bis zur Fläche; -da werden wir hinunterfahren können ... -</p> - -<p> -— Aber diese Wand ... flüsterte ich, unwillkürlich auf -den senkrecht herabstürzenden Felsen blickend, der uns -von dem ziemlich breiten Grat der Kante trennte. -</p> - -<p> -— Unsinn, wir sind doch geübt im Erklettern der -Felsen! Wir werden sie seitlich leicht umgehen können. -</p> - -<p> -— Und der Wagen? ... -</p> - -<p> -— Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem -wir ihn an Seilen festgebunden haben. Vergeßt nicht, -daß wir auf dem Monde sind, wo alles sechsmal leichter -ist und das Herabfallen aus einer Höhe von fünfzig -Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall -von acht! -</p> - -<p> -Tomas’ Rat wurde also befolgt. -</p> - -<p> -Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen -wir den steilen Abhang des <em>Eratosthenes</em> hinabzufahren, -um zum <em>Mare Imbrium</em> zu gelangen. Fast -drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in -die Ebene, die dicht zu unsern Füßen lag. Den größten -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Teil des Weges legten wir zu Fuß zurück, von unbarmherzigen, -immer senkrechter auf uns niederbrennenden -Sonnenstrahlen gequält, vor Ermattung und Erschöpfung -fast umsinkend. Den Wagen mußten wir aus einer Höhe -von zirka fünfzig Metern herablassen; er blieb unbeschädigt. -Aber die Hunde, die wir einschließen mußten, -waren, trotz unserer größten Vorsicht, schrecklich zerschlagen -und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die -Hoffnung aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen. -Die Kante war kein so erträglicher Weg, wie uns dies -von oben aus der Ferne geschienen. Durch Zerklüftungen -und Vorsprünge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren -oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war, -weil wir überall den Wagen hinter uns herschleppen oder -an Seilen herablassen mußten. Oft packte uns die Verzweiflung. -Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das -Fieber und die Wunden geschwächt, am meisten Geistesgegenwart -und Willensstärke. Wenn wir leben und leben -werden, so haben wir es ihm zu verdanken. -</p> - -<p> -Ich weiß nicht, ob wir während dieser drei Tage mehr -geschlafen haben als zwölf Stunden, jedesmal eine leidlich -schattige Stelle heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen -zu schützen. Manchmal nahm die mörderische Glut -uns gänzlich das Bewußtsein. -</p> - -<p> -Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht -über uns, neben der verblaßten Erdkugel, die mit -einem blutroten Reifen lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben -war, als wir, bis zum äußersten erschöpft, endlich -auf der Ebene anlangten. -</p> - -<p> -Die Glut war so groß, daß sie uns den Atem nahm; -in den Schläfen klopfte und hämmerte es zum Zerspringen. -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Sogar der Schatten gab keinen Schutz mehr! Die glühenden -Felsen flammten überall wie im Feuer, wie der Rachen -eines Hüttenofens. -</p> - -<p> -Selena keuchte mit heraushängender Zunge, die Jungen -winselten und lagen bewegungslos in der Wagenecke. Wir -wurden, einer nach dem andern, ohnmächtig und glaubten, -daß uns der Tod am Eingang der so ersehnten Ebene -ereilen müsse. Nur vor der Sonne fliehen — aber wohin? -</p> - -<p> -Da erinnerte uns Martha daran, daß wir beim Abstieg -vom Berge eine tiefe Spalte sahen, die jetzt scheinbar -durch die Ungleichmäßigkeit des Grundes vor uns verdeckt -war. Wir fuhren daher in der bezeichneten Richtung und -fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie -ein Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heißt eine -Schlucht, durch das Bersten der Mondschale gebildet, tausend -Meter tief und einige hundert breit, im übrigen den -Schluchten auf der Erde in keiner Weise ähnlich. -</p> - -<p> -Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen können, -einige zehn Kilometer parallel der <em>Apenninkette</em> hin. -Auf den Mondkarten ist sie nicht angegeben; wahrscheinlich -entging sie den Astronomen infolge des Schattens, in den -sie immer gehüllt sein muß, da sie in der Nähe hoher Berge -liegt. -</p> - -<p> -Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren -schnell in ihre Tiefe hinab, tausend Meter unter der Oberfläche -des <em>Mare Imbrium</em> und fanden dort erst ein -wenig Kühle .... -</p> - -<p> -Der Schlaf hat uns gestärkt und erquickt. Nur Tomas, -den bis jetzt eine eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert -wieder. Er ist so geschwächt, daß er sich nicht rühren kann. -Trotzdem werden wir in zirka zwanzig Stunden weiterfahren. -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach Westen -zu neigen. Dort auf der Ebene muß die Glut immer noch -entsetzlich sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor -einigen Stunden. Übrigens können wir sie nach der Rast -leichter ertragen. -</p> - -<p> -Nach langer Überlegung änderten wir den Plan der Fahrt. -Statt nach Westen werden wir uns nach Norden wenden, -zum Pol des Mondes. Wir gewinnen dabei zweifach. Vor -allem haben wir tausend Kilometer guten, glatten Weg -durch die Ebene <em>Mare Imbrium</em> vor uns, was die -Fahrt bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir, -uns dem Pole nähernd, in eine Gegend, wo die Sonne am -Tage nicht so hoch über dem Horizonte steht, dahingegen in -der Nacht tief unter den Horizont fällt; wir hoffen dort also -eine erträglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher -Mittag wie heute — und unser Tod wäre unabwendbar. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden -nach Sonnenaufgang. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden -wird die Sonne untergehen, die jetzt über den fernen, runden -Hügeln im Westen steht, — kaum einige Fuß über dem -Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains, jeder -Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche -Schatten, die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden, -in einer Richtung zerschneiden. Soweit das Auge -reicht, nichts als eine endlose, tote Wüste, von Süden -nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene schwarzen -Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte -starren die höchsten Bergspitzen, die wir vom <em>Eratosthenes</em> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -aus gesehen haben und deren Fuß jetzt durch die -Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt ist. -</p> - -<p> -In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen, -neigt sich die gläserne Erde über uns vom Zenit nach Süden. -Sie nähert sich bereits dem ersten Viertel und leuchtet -hell — wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der schwächer -werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr -gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei -Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, -stärkere, gelb und das andere blaßbläulich erscheint. Diese -ganze Welt ist zur Hälfte grellgelb und zur Hälfte graublau. -Wenn ich nach Osten sehe, färben sich die Wüste und -die weit entfernten Gipfel des Mond-<em>Apennins</em> gelb; -von Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in -Dämmerung gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste -immer dieser schwarzsamtene Himmel, mit verschiedenfarbigen, -funkelnden Steinen, mit wundervollem Staub -vom feinsten goldenen Sand übersät ... -</p> - -<p> -Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt, -den einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung -und Abendröte geblieben ist ... Ihr voran geht -die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede Spalte, in -jeden Schatten und wartet geduldig, — früh wird die Sonne -vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft -überlassend ... -</p> - -<p> -Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir -nicht einmal die Gegenwart dieses Kameraden, aber im -Schatten erfaßt unsere durchwärmten Glieder bereits ein -leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht ... -</p> - -<p> -In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so -dumpf und uns allen ist etwas leichter und froher zumute. -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -Varadol schmiedet hoffnungsvoll wieder Pläne oder spielt mit -der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist bedeutend wohler; -er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit Martha. -Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. -Vor allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie -lacht so seltsam. Ihre Lippen nehmen eine Form an, als -wenn sie die Luft küßten. Ihre Augen sind voll von diesem -Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter, schneller Bewegung -hebt und senkt. Während der Glut des Tages -war ihre Brust entblößt; sogar für sie, die die indische -Sonne braun gebrannt hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt -hüllt sie sich bis zum Halse ein ... Es ist unsinnig, daß -ich so viel an diese Frau denke, — aber sie ist ja überall. -Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt -hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar -Varadol! Er spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß -er sie verstohlen anblickt. Mich ärgert das. Warum bemerkt -es Tomas nicht? Und übrigens — was geht es -mich an? -</p> - -<p> -Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen -fährt ununterbrochen. Wir schlafen abwechselnd; jetzt will -ich weiterschreiben. Wir blieben etwas stehen, die Akkumulatoren -unseres Elektromotors zu füllen. Um Brennmaterial, -das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen -werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit -Hilfe der sich ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. -Die Akkumulatoren mußten wir füllen, weil die Batterien -allein bei der schnellen Fahrt nicht genügen. -</p> - -<p> -Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain -irgend zuläßt. Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens -erlaubten uns nicht, nachdem wir die „<em>Spalte der -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Erlösung</em>“ verließen, uns sofort nach Norden zu wenden. -(Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem <em>Eratosthenes</em> -mit diesem Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich -vom Tode erlöste.) Unter dem 12.° westlicher Länge -stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die wie Strahlen -vom Berge des <em>Kopernikus</em>, auf Hunderte von Kilometern -im Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man -sogar durch schwächere Teleskope von der Erde aus sehen -kann, setzten die Astronomen immer in Staunen. Wie wir -uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige -Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen -Felsengesteins. Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen -Bildungen nicht erklären ... Überhaupt ist hier -so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir fast -mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden, -auf der wir uns befinden, — wie die Ringberge, -von manchmal Hunderten von Kilometern im Durchmesser -und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies keine erloschenen -Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde -behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des -<em>Eratosthenes</em> und bemerkten dort vulkanische Kegel, -die sich in nichts von den Erd-Vulkanen unterschieden; -aber dieser mächtige Ring selbst war niemals ein Krater! -Dagegen spricht — abgesehen von seinen riesigen Dimensionen -— sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall -gebildet ist, wie die Einsenkung des Bodens, der unter -der Oberfläche der ihn umgebenden Ebenen liegt und viele -andere Dinge, die bestätigt zu finden wir Gelegenheit hatten. -</p> - -<p> -Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen, -im Geiste zu jenen grauen Zeiten zurückkehren, da der -Mond noch eine flüssige, glühende Kugel war, die erst -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -auf der Oberfläche in dem kalten, interplanetarischen Weltenraum -zu erlöschen begann. Da haben diese ungeheuerlichen, -die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden Explosionen -von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen -und während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine -noch nachgiebige Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen -riesige Blasen. Die Blasen erloschen beim Zerplatzen, ehe -sie ganz auf die sie umgebende Ebene herabflossen und -diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne -ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; -vulkanische Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige -Krater und so sind sie heute — durch das auf der Erde -alles nivellierende Wasser nicht vernichtet — Zeugen der -Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten und die -feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material -in dem mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind. -</p> - -<p> -So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen, -ähnlich wie sie entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, -und diese ganze mich umgebende Landschaft zu mir, -daß es mir manchmal scheinen will, die von der Sonne grellgelb -gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende, flüssige -und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die -ganze Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen -und beugen und wachsen und sich bäumen und unter dem -Drange der inneren Gase zu dem schwarzen Himmel mit der -ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu mächtigen Ringbergen -erstarrt ist. -</p> - -<p> -Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit -jenen Zeiten dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend -krümmend, erloschen und zersprungen; irgendwelche -geheimnisvolle Feuerkräfte brannten riesige Strahlenstreifen -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -vergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo -einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend, -rasend tobten, herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so -furchtbar und beklemmend, daß uns in dieser Umgebung -das eigene Leben beschämt und wunder nimmt ... -</p> - -<p> -Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf -dem hellen Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas -geschmolzenen Gesteins gebildet wurde, die vom <em>Kopernikus</em> -ausging. Sie dient uns als bequemer, gleichmäßiger -Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns -sehr gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen -dem <em>Archimedes</em> und <em>Timocharis</em>, die wir durchqueren -müssen, führen wird. Den <em>Archimedes</em> sieht -man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr. -Kleine, steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich, -verdecken ihn in dieser Richtung. Wahrscheinlich jene -Gruppe der „Krater“, die sich unter dem 11.° westlicher -Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir -hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann -nach Norden, immer nach Norden, nur fort aus dieser -furchtbaren Zone, wo sich, — neben der schlimmen Vorbedeutung -der Erdsichel direkt über unseren Köpfen, — -die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am -Zenite bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, -goldene Erden-Sonne, — diese träge, weiße, strahlenlose -Kugel! Das ist irgendein Gott, ein höllischer und höhnender, -ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und wir -vier — wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er -es in dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen -ihm entfliehen, ehe er zum zweitenmal aus diesem schwarzen, -edelsteindurchwirkten Firmament hervorbricht ... -</p> - -<p> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu, -daß jetzt die Reihe an mir ist, am Steuer des Wagens -zu stehen. Die andern schlafen schon. Martha, wie gewöhnlich -aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf -der Brust dieses — unter uns einzigen glücklichen Menschen. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Den ersten Mondtag, vier Stunden nach Sonnenuntergang -auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, -20° 28’ nördlicher Mondbreite. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>chon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, -für die die Erdentage kleinere Teilchen sind als die -Stunden für die ganze Erdennacht. Wie eine große, helle -Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde -über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre -Scheibe können wir leicht die Zeit bestimmen. Sie war -bei Sonnenuntergang im ersten Viertel, um Mitternacht -wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein bei -Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser -Himmelsuhr spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang -in den Schatten können wir die Stunden erkennen, die die -Minuten für unsere siebenhundertneunstündige Zeit sind. -</p> - -<p> -Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß -wir das Gefühl hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad -in ein Bassin mit Eiswasser gesprungen wären, doch -wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung bereitet: -Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt -dessen sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames -Leuchten, das mit dem Glanz der Erde rang und unseren -Dämmerungen ähnlich war. -</p> - -<p> -Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer -weit gefahren waren, nahm gerade sein Ende, als -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -wir den Schatten der kleinen Krater, von denen ich vorher -gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns, jetzt direkt -nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis, -als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet, -sondern im Gegenteil hell und leuchtend war wie -am Tage, langsam unter den Horizont zu sinken begann. -Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht nach -dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn -Tagen wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander -am westlichen Fenster unseres Wagens. Martha erhob -ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne und begann -mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu -sprechen, mit denen die Fakire auf der Erde von dem -Gotte des Lichtes Abschied nehmen. -</p> - -<p> -Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen -Sätzen aus den heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten -gedenkend, die er in Travancore verbracht hatte, wo er -so oft die flammende Sonne in den uferlosen Ozean -tauchen sah. -</p> - -<p> -Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, -schien am Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr -Glanz bespiegelte die ausgestreckten Arme des Mädchens -und flackerte auf ihren weißen Zähnen, die zwischen den -sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich -des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander -sprechen müssen — dieses Mädchen und diese Sonne. -</p> - -<p> -Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der -Sonnenscheibe sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich -unter diesem hellen Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein -Tintenmeer verwandelt. Hier und da nur schimmerten -glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde wiedergaben. -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und -stand, in die Wüste starrend, den Kopf an Tomas’ Schulter -gelehnt. -</p> - -<p> -Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar -Peter, der am wenigsten zur Rührung neigte, blickte -finster vor sich hin und bewegte die Lippen, als wenn er -leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte. -</p> - -<p> -Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist -mein Leben auf der Erde dahingeflogen. Ein seltsamer -Reigen von Erinnerungen zog an meinem inneren Auge -vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den -finsteren Gipfeln der Tatra — und alles war von einer -unabsehbaren Menge teurer — für ewig verlorener Menschen -bevölkert ... für ewig! ... -</p> - -<p> -Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen -flackerten wie kleine feurige Zungen noch eine Zeitlang -über dem Horizont, endlich verschwanden auch sie — und -in der über die Wüste hereinbrechenden Dämmerung geschah -etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich aneinanderdrängten, -als wenn wir uns vor etwas schützen -wollten, das sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In -diesem Augenblicke nämlich, als der letzte Sonnenstrahl -verschwand, schoß im Westen eine lichte Säule empor, die -wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen Fontäne -schillernden Staubes ähnelte. -</p> - -<p> -Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, -wie es auf der Erde menschliche Augen niemals sahen. -Wir starrten lange auf diese glühende Säule, die leicht -nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen Sternen besät -war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten, -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange -ihr funkelndes Licht zurück. -</p> - -<p> -Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über -uns und die Sterne, — die seltsamen Sterne, ganz tief in -dem schwarzen Himmel — nicht flackernd, doch verschiedenfarbig. -Diese Verschiedenfarbigkeit der Sterne, die durch -die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so -staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, -obwohl sie doch während des ganzen Mondtages über uns -glitzerten. -</p> - -<p> -Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein -die Reise ohne Unterbrechung fortsetzen können. Das ist -für uns ein sehr günstiger Umstand, da wir keine Zeit zu -verlieren brauchen und während der Nacht so weit nach -Norden vordringen können, daß wir den senkrechten -Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt -sein werden. Nur der Gedanke an die nächtliche Kälte, -die uns schon zu schütteln beginnt, erfaßt uns mit Grauen. -</p> - -<p> -Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu -vielen Abbiegungen und Umwegen veranlaßt, die die Reise -verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir eine elektrische -Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie -könnten wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei -dem schwachen Licht der Erde nicht gut zu sehen ist. Wir -richten unsere Fahrt nach den Sternen, da wir mit dem -Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser -seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des -Wagens die Lage der Nadel. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Auf Mare Imbrium, 7° 45’ westlicher Länge 24° 1’ -nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten Mondtages. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>itternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe -vergessen, wie die Sonne aussieht; wir begreifen kaum -mehr, wie wir uns über ihre Glut beklagen konnten. Fast -hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang verflossen, -sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, -daß wir das Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten -uns einfrieren. Unsere Öfen arbeiten mit der ganzen Kraft -und wir kauern um sie herum und zittern vor Kälte. -</p> - -<p> -Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut -bratet mir den Rücken und gleichzeitig fühle ich, wie mir -das Blut in den Adern gerinnt und erstarrt. Die Hunde -drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns aber -packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit -einem merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns -daran schuld wäre, daß die Sonne hier dreihundertvierundfünfzig -und eine halbe Stunde lang nicht leuchtet -und wärmt ... -</p> - -<p> -Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von -der Reise nach Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich -sehe, daß ich nicht fähig bin auch nur die einfachsten Vorstellungen -auszudrücken ... Mein Gehirn ist eingefroren ... -Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend -durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander -verbinden. Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich -mit offenen Augen schlafe. Ich sehe Martha, Tomas, die -Hunde, Peter, den Ofen — und ich weiß nicht, was das -bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher -komme, weshalb ... -</p> - -<p> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Ja — weshalb ... -</p> - -<p> -Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern, -aber ich kann nicht. Es muß eine Ursache gewesen sein, -daß ich mit diesen Menschen die Erde verlassen habe ... -Ich erinnere mich nicht — das Denken erschöpft mich. -</p> - -<p> -Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen -des Motors nicht, ich muß hingehen und nachsehen, was -geschehen ist; aber ich weiß, daß weder ich noch sie — daß -niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen entfernen. -Eine wahnsinnige Kälte! -</p> - -<p> -Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde -hell beleuchtet sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil -wir zwischen Felsen gerieten ... -</p> - -<p> -Das ist alles seltsam und gleichgültig ... -</p> - -<p> -Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? -Ich bin sehr müde und ich weiß, daß ich erfrieren -und nicht mehr aufwachen werde, wenn ich einschlafe ... -Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein kommen -... -</p> - -<p> -Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht -auf dem <em>Sinus Aestuum</em> nicht so furchtbar war. -Scheinbar erstrecken sich unter jener Fläche vulkanische -Adern, die den Boden etwas erwärmen. -</p> - -<p> -Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das -bedeutet sterben ... -</p> - -<p> -Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten -— in stets stärkerem Lichte der zunehmenden Erde -und in immer zunehmender Kälte. Unter dem 9.° westlicher -Länge und dem 21.° nördlicher Breite durchdrangen wir -die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg versperrten. -Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die -sich um den Ring des <em>Archimedes</em> ausdehnen, in der -Hoffnung, daß wir hier irgendeinen tätigen Krater finden -und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze -dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. -Wir fuhren in die Mitte des Halbmondes hinein, der -von den amphitheatralisch sich erhebenden Felsen gebildet -wird. Varadol machte astronomische Messungen, um die -Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen -geht hervor, daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten -gewöhnlich mit dem Buchstaben <span class="antiqua">E</span> bezeichnet wird -und unter dem 7.° 45’ westlicher Länge, 24.° 1’ nördlicher -Mondbreite liegt. -</p> - -<p> -Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden -und nicht schlafen. Nur nicht schlafen, das wäre der Tod! -Dieser Tod muß hier irgendwo in der Nähe sein. Dort -auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend malen, -denn das ist sein Königreich ... -</p> - -<p> -Weshalb stehen wir? Ach — richtig! Es ist alles -einerlei! -</p> - -<p> -Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich? -Aha! Diese Berge ... Das seltsame Amphitheater, zirka -vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet. Über ihm -hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im -Norden, direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert -Meter hoch. Das alles sieht so furchtbar aus. -Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer — für Skelette -von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich -diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen -Skeletten anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten -und die Plätze der Zuschauer einnehmen. Die -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Riesenschädel derjenigen, die am höchsten Platz genommen -haben, würden am Hintergrunde des schwarzen, sternenbesäten -Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich -das alles sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und -sprechen so zueinander: „Welche Stunde ist es? Es ist -bereits Mitternacht; die Erde, unsere große, lichte Uhr, -steht schon voll am Himmel — es ist Zeit, zu beginnen.“ -Und dann zu uns: „Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; -wir sehen zu“ ... -</p> - -<p> -Schauer schütteln mich ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte <span class="greek">δ</span>, -7° 36’ westlicher Länge, 26° nördlicher Mondbreite. -Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>s ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, -ohne jegliche Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das -seit sechzig Stunden; Zeit genug, sich mit dem Gedanken -zu befreunden. Und dennoch — dieser Tod ... -</p> - -<p> -Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß -sich mit dem aussöhnen, was unabwendbar ist. Übrigens -ist es für uns doch nichts Unerwartetes. Als wir diese -Reise antraten — noch dort auf der Erde — wußten wir, -daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser -Tod nicht plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz, -warum hat er sich vor uns gezeigt und nähert sich so langsam, -daß man jeden seiner Schritte berechnen kann, — daß -wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand an -der Gurgel packen und würgen wird ... -</p> - -<p> -Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat -an verdichteter Luft wird uns bei höchster Sparsamkeit -noch für kaum dreihundert Stunden ausreichen. Und -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -dann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf vorbereiten, -was dann sein wird ... Im Verlauf dieser -Frist wird sich der letzte Behälter der verdichteten Luft -ausleeren, der einzige, der uns noch geblieben ist. Nach -dreihundert Stunden ... Das wird gerade der Mondmittag -sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. -Es wird hell und warm sein — sogar heiß, vielleicht zu -heiß. Einige Zeit hindurch — mehrere Stunden — wird -noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir langsam -eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen -des Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die -mit Sauerstoff, der uns schon fehlt, nicht erfrischt worden -ist, wird mit der von uns ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt -sein. Jetzt beseitigen wir sie künstlich, aber wozu -soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen Sauerstoff -mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann -beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein -Blutandrang, — eine Schwere, — dumpfe Luft — Schlafsucht -... Ja, Schlafsucht, unüberwindbare Schlafsucht. -Wir werden uns niederlegen und den Tod erwarten. Martha -wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich herausbeugen -und ihren Kopf an Tomas’ Brust lehnen, wie gewöhnlich -... Dann beginnen wir zu träumen ... Erde, -heimatliche Länder, Wiesen, Luft — oh! Luft — viel, -viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer! Und im -Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; -es scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die -Rippen, würgt an der Gurgel, schnürt das Herz zusammen. -Eine wütende Angst erfaßt uns. Man möchte sie abschütteln, -aufstehen, fliehen ... Endlich enden die Träume. -Auf dem Monde, inmitten der mächtigen Fläche <em>Mare -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Imbrium</em>, werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen -sein. -</p> - -<p> -Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine -frische Luft mehr haben werden, öffnen wir die Tür des -Wagens — sperrangelweit. Eine Sekunde — und wir -werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus -dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen; -einige krampfartige, verzweifelte Bewegungen der Brust, -ein wütendes Herzklopfen und — Schluß. -</p> - -<p> -Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich -überhaupt? Das hat doch weder Sinn noch Zweck. In -dreihundert Stunden werde ich sterben. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Eine Stunde später. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit -etwas beschäftigen, denn der Gedanke an den unabwendbaren -Tod ist unerträglich. Wir gehen im Wagen auf und -ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über -ganz gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, -wie man in Portugal eine gewisse Sauce aus Nieren von -jungen Hühnern mit Kapern bereitet. Währenddessen dachten -wir alle und auch er daran, daß wir in zweihundertneunundneunzig -Stunden sterben werden. -</p> - -<p> -Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar — warum -fürchten wir ihn so sehr? Er ist doch ... -</p> - -<p> -Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei -über den Tod! Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut -vor dem Sterben empfehlen, spricht das Ticken meiner -Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine Metallschläge -und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todes -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, -langen Tages untergeht. Er wird sich nicht um -eine Stunde verspäten ... -</p> - -<p> -Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen -Felsen, vor Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig -auf den Manometerzeiger des Luftbehälters sah, einen -markerschütternden Schrei ausstieß. -</p> - -<p> -Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der -Richtung blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen -konnte, mit zitternder Hand deutete. -</p> - -<p> -Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte -innen keinen Druck an. Vielleicht hatte sich die Luft in -dem Behälter, der in der Wand angebracht war, infolge -der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete den -Hahn — der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte, -vierte und fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand -sich Luft. -</p> - -<p> -Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache -der für uns rätselhaften Entleerung der Behälter -nachzudenken, ohne zu wissen, was wir tun, -was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich -alle auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung, -keinen Schlaf mehr — nichts, nichts — nur -von dem einen Gedanken beseelt: fliehen, fliehen, fliehen -— als wenn man vor dem Tode fliehen könnte. -</p> - -<p> -In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. -Aus der zwischen Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen, -sausten wir mit der ganzen Kraft nach Norden, -zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des <em>Archimedes</em> -erstrecken und über den ganzen westlichen Teil des -hier an das Regenmeer grenzenden <em>Palus Putredinis</em> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -ausbreiten. Das Terrain war außerordentlich -ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte, -hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her -werfend; wir achteten nicht darauf, in der furchtbaren -Angst und Verzweiflung und waren nur von dem einen -Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte, auf die -andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer -Vorrat an Luft zu Ende geht! -</p> - -<p> -Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum -für dreihundert Stunden ausreichen und von dem Pol des -Mondes trennen uns in gerader Linie fast zweitausend -Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges und undurchdringliches -Land fällt! -</p> - -<p> -Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren -und hielt uns den Atem in der Brust zurück, aber wir -fühlten es kaum; wir sausten unaufhörlich über Berge, -die im Lichte der Erde silbern leuchteten, durch schwarze -Mulden, über steinbesäte Ebenen — nur weiter, weiter, -weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen -drohte, dachte niemand mehr. -</p> - -<p> -In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig -war, hielt uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings -vorwärtsstürmend stießen wir auf eine Spalte, die -der „<em>Spalte der Erlösung</em>“ unter dem <em>Eratosthenes</em> -ähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. -Wir bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem -Wagen in ihre Tiefe hinabgesaust wären. -</p> - -<p> -Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie -ergriff uns. Die Energie der Verzweiflung, mit der wir -so viele Stunden sinnlos dahinrasten, war plötzlich verschwunden, -wie sie gekommen war, einer unaussprechlichen, -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns -auf einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich -anstrengen, wenn es doch zwecklos ist. Wir müssen sterben. -</p> - -<p> -Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, -in Schweigen versunken. Die Kälte quälte uns immer -furchtbarer, aber wir kümmerten uns nicht mehr darum. -Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder durch -Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären -zweifellos erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster -faßte, uns beschworen hätte, ernst über unsere Situation -nachzudenken. -</p> - -<p> -— Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung, -sagte er, wenn wir sie auch nicht finden sollten, so -haben wir wenigstens etwas, das uns beschäftigt, unsere -Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet, der -wie ein Alp auf uns lastet. -</p> - -<p> -Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und -erstarrt, daß wir ihn ganz gleichgültig hinnahmen und -nicht einmal auf die Vorstellungen Tomas’ antworteten. -</p> - -<p> -Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah, -wie er die Lippen bewegte, aber ich verstand kein Wort -von dem, was er sagte. Das einzige, was mich in jenem -Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach dem -Tode aussehen? -</p> - -<p> -Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken -und riß in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, -dann entblößte ich ebenso seinen Schädel, seine Rippen, -seine Knochen — und auf einen lebenden Menschen sehend, -hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit einer -boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle -aussehen — in kurzer Zeit! -</p> - -<p> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts -mehr anzufangen war, stellte er sich selbst an den Motor -und bald bewegte sich unser Wagen längs des Randes -der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde erreicht -hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von -dem Mut der Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie -wahnsinnig: -</p> - -<p> -— Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach -Norden fahren zum Pol, dort, wo es Luft gibt! -</p> - -<p> -Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren -hätte, auf das Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite -und sagte kurz, aber entschieden: -</p> - -<p> -— Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in -sie hineinfahren. -</p> - -<p> -Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an — -dann stürzte er sich plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall -bekommend, auf ihn und packte ihn bei der Gurgel. -</p> - -<p> -— Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten, -und ich will leben, leben! Hörst du? Nach Norden, nach -Norden, zum Pol, dort ist Luft! -</p> - -<p> -Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas, -warf er ihn, ehe wir es hindern konnten, zu Boden und -kniete auf seiner Brust. Ich sprang mit Martha herbei, -um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine -Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete. -Wir packten ihn endlich bei den Schultern, als -er plötzlich aufschrie und unter unsern Händen schlaff zusammenfiel. -Tomas erhob sich, erschöpft und blaß. -</p> - -<p> -Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame -Erschütterung und verlor das Bewußtsein. -</p> - -<p> -Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich auf -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -meiner Matte lag; Tomas stand über mich gebeugt und -rieb mir die Schläfen mit Äther ein. Martha und Varadol -saßen finster und schweigend neben mir. -</p> - -<p> -Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er -mit Peter rang, fuhr der Wagen, dessen Steuer niemand -lenkte, mit seinem Vorderteil an einen Felsen. Durch -diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit -dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig. -</p> - -<p> -Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, -hervor; ebenso Varadol, der bewußtlos am Boden -lag, von dem vorhergegangenen Anfall erschöpft. Tomas -empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und -lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier -erst, auf dem Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist -als auf der Oberfläche, begann er uns zur Besinnung zu -bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte sich absolut -nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte. Endlich -kam auch ich wieder zu mir. -</p> - -<p> -Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren -nicht, da in dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig -war. Scheinbar ist das Innere des Mondes, ähnlich -wie das der Erde, noch nicht ganz um die eigene Wärme -gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die -Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte. -</p> - -<p> -Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die -Spalte, um es uns zu ermöglichen, hier miteinander zu -beraten, was nun anzufangen sei, nachdem wir vor der -jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden. -</p> - -<p> -Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht -gelingen wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Mondatmosphäre so weit zu verdichten, um damit -die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser Gedanke -flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten -uns auch sofort an seine Ausführung. Jedoch nach -einer Stunde schweren und angestrengten Arbeitens überzeugten -wir uns, daß sich dies nicht verwirklichen läßt. -Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich nach -dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht -einmal so weit verdichtet, den Druck der Luft in -unserem Wagen zu überwinden und die Klappe zu öffnen. -Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in einem -der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß -fest verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen -war; aber auch das erwies sich als unmöglich. -</p> - -<p> -Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich -erschöpft waren, ließen wir endlich von der zwecklosen -Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch uns damit zu trösten, -daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden dichtere -Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe -gebrauchen ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran -glaubt. Auf der ganzen mächtigen Strecke des <em>Mare -Imbrium</em> wird sie gleich dünn sein und ehe wir diese -zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, -was unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden -müssen wir sterben. -</p> - -<p> -Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer -wird, aus dieser Spalte herausfahren und weiter nach -Norden eilen. Das führt freilich zu nichts, aber auch das -Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ... vielleicht ... -werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre -finden ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -An derselben Stelle, siebzig Stunden nach Mitternacht. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>ndlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere -Luftvorräte verloren haben. Die Behälter wurden während -des Herabgleitens des Wagens von den Abhängen des -<em>Eratosthenes</em> beschädigt. Ein scharfer Stein, der auf -dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat -sich tief eingezeichnet und der innere Druck des Gases -tat das übrige. Die Risse sind sichtbar. Zwei Dinge -setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens, daß der -Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus -Erz nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust -nicht früher bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese -Rätsel den Kopf, als wenn ihre Lösung unsere Lage irgendwie -ändern könnte. -</p> - -<p> -Ich kann an nichts anderes denken; immer und -immer steht mir dieses Gespenst des Todes vor Augen. -Und das Schrecklichste dabei ist die Gewißheit, daß wir -sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund fühlen. -Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über -uns kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns -allen, aber ich sehe, besonders aus seinem Benehmen -Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich daran denkt. -Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über -ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie -um Verzeihung bitten wollte. Und sie küßt seine Hand, -nur mit dieser Liebkosung und den Augen zu ihm sagend: -Gräme dich nicht, Tom, — alles ist gut, wir werden ja -zusammen sterben ... -</p> - -<p> -Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen -sterben, aber für mich, ich gestehe es offen, verkleinert -die Gemeinsamkeit des Schicksals in nichts seine Grausamkeit. -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos gegen -dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens -sind. Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, — -ich versuche mir über alles Rechenschaft zu geben; hundertmal -wiederhole ich mir, daß ich zusammen mit diesen -Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines übermächtigen -Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde -fortgerissen und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen -hat, ich rede mir gewaltsam ein, daß ich mich mit diesem -Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß. Und trotz -all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst, -grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah — es ist so grauenhaft, -unerbittlich, und es nähert sich so langsam ... -</p> - -<p> -Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran -denken, diesem fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen. -Es liegt doch in unserer Macht, dieses Leben von uns zu -werfen, jetzt, wo es nur noch eine lächerliche Parodie des -Lebens ist! ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Eine Stunde später. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>ein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, -aber ich kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische -Sehnsucht nach der Sonne, dem guten Stern des Tages, -der bald über uns aufgehen soll, vielleicht ein lächerlicher, -fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch einige -Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen, -gänzlich haltlosen Hoffnung ... -</p> - -<p> -Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so -sehnsüchtig danach, zu leben — und so sehr ... ängstige -ich mich ... -</p> - -<p> -Meinetwegen! — Mag geschehen was will. -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Ich bin entsetzlich müde, — möchte es doch endlich -kommen, dieses Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke -ich, daß ... Es ist einerlei ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Bei Sonnenaufgang. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand -der Spalte glänzt schon über uns im Sonnenschein. Wir -werden in die weite Wüste hinausfahren, um noch einmal -die Sonne zu sehen, die Sterne und die Erde, die so -ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel -steht ... -</p> - -<p> -Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich -weiß es nicht. Niemand von uns weiß es; aber wir -werden nach Norden fahren. Der Tod wird langsam neben -uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler, -und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter -sich dem Nullpunkt nähert, wird der Tod in den -Wagen kommen. -</p> - -<p> -Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts -zu sprechen. Jeder von uns bemüht sich nur, sich -mit irgend etwas zu beschäftigen, vielleicht mehr aus falscher -Scham vor den andern, als zur eigenen Zerstreuung; -denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der -weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist? -</p> - -<p> -Wir gehen also unserem Schicksal entgegen! -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag. -Auf Mare Imbrium, 8° 54’ westlicher Länge, 32° -16’ nördlicher Mondbreite, zwischen den Kratern <span class="antiqua">c—d</span>. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ir sind gerettet! — Und die Rettung kam so plötzlich, -so unerwartet und auf so seltsame und — schreckliche -Weise, daß ich mich bis jetzt nicht erholen kann, obwohl -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -schon zwanzig Stunden verflossen sind seit der Tod, der -uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns -abgewandt und entfernt hat. -</p> - -<p> -Er hat sich entfernt, — aber nicht ohne Beute ... Der -Tod entfernt sich niemals ohne Beute. Wenn er aus -Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu leben erlaubt, die -er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein Pfand -für sie ... wo er es eben findet — ohne Wahl ... -</p> - -<p> -Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus -Gewohnheit, als aus irgendeinem wohlüberlegten Grunde. -Wir waren sicher, daß wir den Abend dieses langen Tages -nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit diesem -Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig -auf den Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, -würgende Umarmung nehmen sollte. Wir fühlten seine -Gegenwart, als wenn es ein greif- und sichtbares Wesen -wäre — und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht -tatsächlich bemerkten. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, -aber damals war es eine über alle Beschreibung furchtbare -Wirklichkeit. Ich kann es nicht begreifen, wie wir -in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert Stunden -leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß -wir in jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir -unabwendbar sterben müssen. Denn auf eine Rettung -hoffte niemand von uns. -</p> - -<p> -Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter -Traum vor und ich muß meine ganze Energie zu Hilfe -rufen, um daran zu glauben, daß es Wirklichkeit war. -</p> - -<p> -Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir -zurückgelegt haben. -</p> - -<p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der -Wagen fuhr immer gleichmäßig schnell nach Norden — -und wir sahen wie im Traume auf die vorüberfliegenden -Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke in -mir in einen zusammengeflossen sind, — in diesen Eindruck -des unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem -Chaos nicht herausfinden. Alles, woran ich mich erinnere, -ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns auf der Grenze -zwischen <em>Palus Putredinis</em> und <em>Mare Imbrium</em>, -zu unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. -Zur Linken, gegen Westen, dehnte sich eine Ebene, die in -der Ferne in nicht hohe, wellenförmige Berge überging, -sich parallel der Richtung unserer Fahrt erstreckend. Hinter -diesen Bergen glänzten die Gipfel des <em>Timocharis</em>, -die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen -beleuchtet waren. -</p> - -<p> -Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich -so seltsam damit verbindende unerhörte Farbenreichtum -dieser Landschaft. Die höchsten Spitzen des Kraters waren -weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach unten Streifen -und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. -Ich weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der <em>Timocharis</em>, -ein Ringberg von der Höhe des <em>Eratosthenes</em>, -einstmals ein tätiger Krater gewesen sein? Sollten diese -Farbenstreifen von auf den Kratern ausgeworfenem Feldspat, -Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren? -Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich -nicht darüber nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas -Unwahrscheinlichem — von Märchen und Zauberländern -— von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und starrte -auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig -schüttelte mich ihre frostige Starrheit. Es war etwas -unbarmherzig Grauenhaftes und Unerbittliches in diesem -kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins, in diesem -grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ... -</p> - -<p> -Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen. -</p> - -<p> -Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel -des <em>Timocharis</em> vor uns, fuhren wir in den Schatten -des Kraters <em>Beer</em>; nachdem wir ihn passiert hatten, -weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden -Kraters <em>Feuillée</em> und kamen auf eine unabsehbare -Ebene, die sich sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, -bis zur nördlichen Grenze des <em>Mare Imbrium</em>. Nach -Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des <em>Timocharis</em> -fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten -an der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte -Wall des Ringes des <em>Archimedes</em>. -</p> - -<p> -Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges -Tor jagen, das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet -war. Wieder erfaßte mich eine grenzenlose, würgende -Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn zwischen -die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken — nur nicht -in diese weite Ebene hineinfahren, die wir — ich wußte es -— nicht lebendig verlassen würden. -</p> - -<p> -Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; -die drei andern sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf -diese sich vor uns öffnende Steinwüste. -</p> - -<p> -Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen -Lippen, lange mit den Augen die Strecke der -Ebene zu messen, deren Grenzen nicht zu erkennen waren; -dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des Manometers -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -gleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter -Luft befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel -fiel langsam, aber unaufhörlich ... -</p> - -<p> -Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: -Die Luft genügt nicht für <em>vier</em>, aber sie wird für <em>einen</em> -ausreichen. Einer würde mit diesem Vorrat bis zu den -Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des Mondes -dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, -atmen zu können. -</p> - -<p> -Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich -schaudern und kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, -aber er war stärker als mein Wille und kehrte immer -wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des -Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte -es mir fort und fort: Für vier wird sie nicht ausreichen, -aber für einen ... -</p> - -<p> -Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden — -heimlich wie ein Dieb und — Entsetzen faßte mich. In -ihren unruhig flackernden Augen las ich denselben Gedanken. -Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein -dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas -die Stirn und sagte ruhig: -</p> - -<p> -— Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe -der Vorrat sich noch verringert ... -</p> - -<p> -Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend -mit dem Kopf; ich fühlte eine brennende Röte im Gesicht, -aber widersprach nicht. -</p> - -<p> -— Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, -sich anscheinend zu dem Herauswürgen dieser Worte zwingend. -Aber — hier stockte seine Stimme, und einen weichen, -flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ... ich wollte -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ... -wie auch ... -</p> - -<p> -Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich -stammelte Peter: -</p> - -<p> -— Für zwei wird es nicht genügen ... -</p> - -<p> -Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf -zurück: -</p> - -<p> -— Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser. -</p> - -<p> -Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach -einem den Kopf ab, versteckte sie so in der Hand, daß nur -ihre Enden zu sehen waren und hielt sie uns entgegen. -</p> - -<p> -Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits -und hörte kein Wort davon. Erst in dem Augenblick, -als wir nach jenen Losen greifen wollten, trat sie zu uns -und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger Stimme: -</p> - -<p> -— Was tut ihr? -</p> - -<p> -Und dann zu Tomas: -</p> - -<p> -— Zeige, was du in der Hand hast ... -</p> - -<p> -Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil -für drei von uns sein sollten, damit der vierte leben -konnte. -</p> - -<p> -Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine -Zeit hatten, sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham -überflog unsere Wangen; wir fühlten, daß uns dieses -Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des Egoismus -und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen -uns plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang -zurückgehaltenes Weinen ausbrechend. -</p> - -<p> -Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die -Reaktion, die ein prinzipielles Recht der menschlichen -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Seele ist, hatte sich der gegenseitige, durch die Nähe -und Unabwendbarkeit des Todes hervorgerufene Haß -jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit verwandelt. -Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes -über uns. Wir setzten uns nahe nebeneinander; -Martha schmiegte sich mit dem biegsamen, schlanken Körper -an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, -mit leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die -uns einst auf der Erde angingen. Jede Erinnerung, jede -Einzelheit nahm für uns jetzt eine große Bedeutung an, -wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des Lebens -sei. -</p> - -<p> -Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch -die unermeßliche, todbringende Ebene. -</p> - -<p> -Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des -Manometers fiel stetig, aber wir waren ruhig und mit -unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir sprachen, aßen, tranken -sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich fühlte nur -ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und -der Gurgel — wie ein Mensch, der einen großen Verlust -erlitten hat und sich vergebens ihn zu vergessen bemüht ... -</p> - -<p> -Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und -32. Parallelkreis. Die Glut, obwohl sie sehr stark war, -quälte uns nicht mehr so wie am vorhergehenden Tage, da -sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60° über -dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der -gleichen Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die -strahlenlose Sonnenscheibe, den flammenden Reifen ihrer -Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu versinken -begann. -</p> - -<p> -Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -dauerte und sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis -darstellte. -</p> - -<p> -Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem -Augenblick, als die Sonne ihn berührte, einem Kranze -blutigroter Blitze ähnlich, in dessen Mitte ein mächtiger -schwarzer Fleck lagerte, — die einzige Stelle am Himmel, -auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte -die Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten -der flackernden Flammen unterzugehen. Während -dieser Zeit wurde der Kranz immer intensiver und -breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand -war das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften -erkennen konnte, die in einem orangegelb schillernden -Feuer auftauchten. Der schwarze Fleck der Erde -sah jetzt wie der gähnende Schlund eines seltsamen Brunnens -aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von -einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; -dieser ging stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht -über, um sich schließlich am schwarzen Hintergrund in -einem schwachen weißen Leuchten zu verlieren. Und hinter -diesem Kranze schossen nach Westen und Osten zwei Strahlengarben, -zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: -es war das Zodiakallicht, das man während der Finsternis -sehen konnte, ähnlich wie nach dem Untergang der Sonne. -</p> - -<p> -Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, -als wenn Blutströme über die vor uns in Dämmerung -gehüllte Wüste ausgegossen würden. -</p> - -<p> -Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem -schwachen rötlichen Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig -mit dem Schatten trat nach Schwinden der Sonne -eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns eingehüllt -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, -daß sich die Sonne wieder zeige. Über uns brannte -in unerhörter Pracht der leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen -Flammen, als plötzlich die Hunde zu bellen begannen, -erst leise, dann immer lauter und verzweifelter. -Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir -erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O’Tamors, als -Selena ebenso bellte, den Tod begrüßend, der in unseren -Wagen eintrat. Und wir alle empfanden im Angesicht -dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze, grenzenlose -Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, -daß diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern -von uns Sterbenden flammten ... -</p> - -<p> -In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr -zwanzig Stunden. -</p> - -<p> -Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der -Sonne auf der westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, -und die leuchtende Aureole verengerte sich und begann -langsam zu erlöschen. Beim Anblick der Sonne überkam -mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte -mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, -sie erschien mir als die Verkünderin einer tieferen Nacht, -einer ewigen, die uns während der Abwesenheit der Sonne -einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für mich etwas -ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich — ich weiß -nicht woher — stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als -wenn mit dem Erscheinen der Sonne irgendein Wunder -uns erretten müsse. -</p> - -<p> -— Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer -solchen Überzeugung, daß aller Augen fragend — wie gebannt -— an meinem Munde hingen. -</p> - -<p> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher -der jetzt unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen -war, vernahmen wir ein Pochen. Anfangs wollten wir -unseren Ohren nicht trauen, aber das Pochen wurde immer -deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem -wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich -klopfte, als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. -Vergeblich bemühten wir uns, den Sinn der Depesche zu -verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder hatte sich -verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen: -Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt -der Scheibe ... unter dem Winkel ... möge ... -<em>Frankreich</em> ... die andern ... und wenn ... der -Tod ... -</p> - -<p> -Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an -den Apparat und telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen? -</p> - -<p> -Wir warteten einen Augenblick — keine Antwort. Peter -wiederholte die Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg. -</p> - -<p> -Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte -sich nicht mehr. -</p> - -<p> -Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber; -wir begannen schon anzunehmen, daß die ganze Sache -auf einer unfaßbaren Täuschung beruhte. -</p> - -<p> -Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und -stand neben ihr am Himmel. Die Glut wurde wieder -größer. -</p> - -<p> -Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an -uns vorbei und gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren -Füßen, wie eine von einer Kanonenkugel getroffene Mauer. -Wir schrien vor Entsetzen und Verwunderung auf. An -das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von metallischem -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Glanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend, -vor unseren Augen einen mächtigen Bogen im -Raume beschrieb und wiederum aufschlug und zum zweitenmal -abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in ungeheuren -Sprüngen nach Nordosten jagend. -</p> - -<p> -Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht -erklären, bis Peter plötzlich aufschrie: -</p> - -<p> -— Die Brüder Remogner kommen! -</p> - -<p> -Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs -Erdenwochen vergangen, seit wir um Mitternacht auf -den Mond herabfielen; die Zeit ist also gekommen, da -die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat -klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder -Remogner aus der Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten. -Er ließ sich vielleicht schon früher vernehmen, -nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der -Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder -Remogner anscheinend unsere Depesche nicht, da sie -im letzten Augenblick mit der Vorbereitung zum Fall beschäftigt -waren. -</p> - -<p> -Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den -Kopf, während wir in fliegender Eile unseren Motor in -Bewegung setzten. In einigen Augenblicken sausten wir -schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in der das -Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten -und dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: -Die Brüder Remogner führen Luft mit sich! -</p> - -<p> -In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der -Stelle, an der das Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen -war. Ein entsetzlicher Anblick bot sich unseren -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Augen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des zerschmetterten -Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen. -</p> - -<p> -Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an -und nachdem wir sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt -hatten, gingen wir aus dem Wagen. Unsere Erschütterung, -unser Beben wurde — wozu es verheimlichen! -— weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr -durch die Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter -bei der Katastrophe beschädigt worden sein könnten. -</p> - -<p> -Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten -der zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen -blieben unversehrt. -</p> - -<p> -Wir waren gerettet! -</p> - -<p> -Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang -stand mit dem Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch -— wir waren dreihundertfünfzig endlose Stunden dahingestorben -und erfuhren in diesem Augenblick, daß wir leben -werden! -</p> - -<p> -Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert -hatten, konnten wir erst über das furchtbare Los, das die -Brüder Remogner getroffen, nachdenken. Was uns errettete, -ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner Zufall -— eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor -uns niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, -die in diesem Augenblick gegen tausend Kilometer -von uns entfernt ist. Dieser Zufall, der uns mit Luftvorräten -versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in dieser -Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche, -sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher -mit der Seite auf den Boden, wo es nicht durch ein -Stahlgerüst geschützt war und einige Male abprallend, -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem -Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ... -</p> - -<p> -Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen -begraben hatten, machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir -haben alles aus den Trümmern hervorgesucht, was uns -irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die kostbaren -Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen -hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte -und einige weniger beschädigte Instrumente. Mit -klopfendem Herzen suchten wir nach ihrem telegraphischen -Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark genug -sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung -zu setzen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. -Der Apparat wurde bei der Katastrophe beschädigt. Dasselbe -war mit der Mehrzahl der astronomischen Instrumente -der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir mit, obwohl -er stark gelitten hat. -</p> - -<p> -Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die -kupfernen Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt -haben. -</p> - -<p> -Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder -Remogner an uns genommen hatten, traten wir unverzüglich -die Weiterreise nach Norden an, da die Glut, die -durch die Kühle während der Sonnenfinsternis unterbrochen -wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung -finden mußten, die uns Schatten gewährte. -</p> - -<p> -Hier erst, zwischen den Kratern <span class="antiqua">c—d</span>, blieben wir stehen. -</p> - -<p> -Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, -sind zweifellos vulkanischer Herkunft. Die ganze mit -Schwefel bedeckte Gegend färbt sich gelb in dem blendenden -Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die Abhänge der -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen -vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut. -</p> - -<p> -Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe -Niedergeschlagenheit keinen Augenblick. Immer und immer -habe ich die furchtbar verstümmelten Leichen der Remogners -vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an ihrem -Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, -daß wir durch ihn gerettet wurden ... -</p> - -<p> -Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht -haben, erschöpft von dem langen Schreiben. Ich muß -mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor der weiteren -Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren -sind wohl noch lange nicht für uns vorbei. -</p> - -<p> -In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die -munter mit ihren Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser -paar Wochen sehr gewachsen ... Merkwürdig, als uns -der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine Zeitlang -bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des -vierten zu opfern und keinem kam es in den Sinn die -Hunde zu töten, die doch ebenfalls viel Luft verbrauchten, -und auf diese Weise die Spanne Zeit zu verlängern, die -uns — wie wir glaubten — zum Leben übrig blieb! Wie -entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert -hätten und dabei die Hunde verschonten, nur weil niemand -an sie dachte! -</p> - -<p> -Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die -Hunde leben. Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit -mehr an die Erde, als wir sie uns gegenseitig in Erinnerung -bringen können. Mit Rührung blicke ich auf diese -Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der -Erde losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -aber wir sahen nur noch ihre Leichen. Wir hatten die -Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder Remogner Kameraden -zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit -der Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar -das Leben gerettet — aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung -verurteilt. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37° nördlicher -Mondbreite. Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig -Stunden nach Mittag. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>eit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier -Erdentage, schleppen wir uns durch die Ebene, die kein -Ende zu haben scheint! Soweit das Auge reicht — nichts -— keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung, -auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit -der Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich -machte einmal auf der Erde eine Reise durch die Sahara; -aber die Sahara erscheint mir als ein buntes Märchenland, -gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier umgibt! Auf der -Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen Sanderhebungen, -hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen -zeigen, die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara -wölbt sich ein blauer Himmel, der sich abwechselnd silbern -färbt, dann im Mittagsglanz leuchtet, durch die Abendröte -schillert oder sich mit einem sternenbesäten Schleier -überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und dieses -Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom -Leben; hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen -gepflügter Boden, auf der Oberfläche von der Sonnenglut -ausgetrocknet, immer dasselbe grauenhaft bleierne -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit über -dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo -seid ihr — Wind — Wasser — Leben — Himmelsblau -und grüne Triften? ... -</p> - -<p> -Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, -das man einst gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit -— lang, lang ist’s her — ach, sehr lange ... -</p> - -<p> -Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz -zwei Monate auf dem Mond, aber uns scheint es, daß -schon ein Menschenalter verflossen ist, seit wir die Heimat -verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an die neuen -Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, -was uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, -die uns sagen, daß dort auf jener hellen -Kugel, die von Sternen umgeben am schwarzen Himmel -in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern -über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren -und aufgewachsen sind, das so verschieden ist von -diesem — und so schön — so zauberhaft schön! ... -</p> - -<p> -Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht -schätzen! Wenn sie hierher gelangten, würden sie sie lieben, -wie wir sie jetzt lieben, sie, die ewig Verlorene! Und sie -würden von ihr träumen — so wie wir — in Fieberphantasien, -in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen, -voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie -diese Träume erschöpfen! Ich wache nach einigen Stunden -auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht, fast an -derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen -war, daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, -immer noch auf derselben Wüste ist, immer gleich weit -vom Horizonte entfernt und beginne fast zu glauben, daß -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum, sondern nur -noch Raumlosigkeit und Ewigkeit! -</p> - -<p> -Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig -zu werden, erzählen wir uns lange, manchmal ganz -kindische Geschichten oder lesen die von der Erde mitgebrachten -Bücher. Wir haben einige naturwissenschaftliche -Werke, eine ausführliche Geschichte der Zivilisation, einige -der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen wir -vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender, -deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder -die Evangelien vor ... -</p> - -<p> -Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für -den Menschen, damit er auf ihr wandle und den Mond, -damit die Erde ihr nächtliches Licht habe; wie er die Nacht -dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem blühenden -Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. -Wir hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, -das Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen -Schar über die wonnigen Wiesen und grünen Hügel von -Galiläa dahinging, wie er litt und starb; wir hören all dem -zu — auf die Erde blickend, die einer silbernen Sichel am -schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch -die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, -die, sich träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden -anzugeben. -</p> - -<p> -Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen -und wenn Tomas zu lesen aufhört, stellt sie -ihm verschiedene, oft seltsame Fragen. Alles bezieht sich -auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem sagte sie -zu Tomas: „Wir sind beide hier wie Adam und Eva.“ -In der Tat, sie sind hier das erste Menschenpaar, von der -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Erde in die Wüste hinausgetrieben, wie einstmals jene aus -dem Paradies Hinausgetriebenen. Aber ich und Peter — -was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in unserem -gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein -in sich die Berechtigung ihres Seins, aber wir — wozu -leben wir? -</p> - -<p> -Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, -als wir uns zu dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns -dorthin der <em>Erkenntnis</em> wegen! Jetzt sehe ich, daß -die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt, wenn -es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir -sehen Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch -kein Mensch gesehen hat und bemerken staunend, daß -uns das ziemlich gleichgültig ist — eben weil wir -niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem -Grunde auch — unwillkürlich — untersuchen wir viele -Dinge nicht, die wir untersuchen könnten und müßten ... -Ach, wenn wir ein Mittel zur Verständigung mit der Erde -hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos. Glücklicher -Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer -für den anderen lebt! -</p> - -<p> -Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn -ich an sie denke. Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde -gelebt; ich gehörte zu den — Wahnsinnigen, — heute -kann ich es nicht anders bezeichnen, — für die nur eine Liebe -existiert: das Wissen — und nur ein Trachten: nach Wahrheit. -Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis -des Lebens zu forschen, das das Weib in sich -birgt und nach dem heiligen Irrsinn, in dem sich jenes -Geheimnis offenbart — nach der Liebe ... -</p> - -<p> -Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz — hier -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -niedergeschrieben — aus! Ich bin allein und werde allein -sein bis zum Tode, der mich überfallen und gleichzeitig -mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben zeugt, verschlingen -wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, -das wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen -quillt ... -</p> - -<p> -Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen -aufgeschrieben habe. Was geht mich diese halbwilde Malabarin -an, die auf diese Hunderttausende von Kilometern -von der Erde entfernte Welt nicht die erhabene Begierde -des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste Geheimnisse zu -enträtseln, getrieben hat, sondern die banale, alltägliche, -alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an -und dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast -schmerzhaft. Wir sind hier drei Männer, kräftig und klug, -und dennoch haben nicht wir den Menschen auf diese Welt -gebracht, sondern sie, dieses unverständige, schmächtige Weib. -Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie ausgewählt -hat ... -</p> - -<p> -Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den -zwei andern mit unserm Gehirn — wie Arbeitstiere mit -ihren Muskeln. -</p> - -<p> -Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, -warum gerade er? ... -</p> - -<p> -Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit -auf den Mond zu nehmen: „Ich werde eure Sklavin -sein.“ Und in Wirklichkeit sind wir ihre Sklaven, obwohl -sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen, -ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer -einfachen Umstand ihre Sklaven, daß wir unwillkürlich, — -obwohl auf verschiedene Weise, dem Zwecke dienen, den -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -sie allein verwirklichen kann: hier eine neue Menschheit -zu schaffen. -</p> - -<p> -Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das -Gespenst des Todes vor meinen Augen entschwunden, so -träume ich schon mit der alten Gewohnheit von der Zukunft, -die sich vielleicht niemals erfüllen wird. Menschheit, neue -Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land, -ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; -wir leben bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die -wir mit uns genommen haben. Wir fanden bis jetzt nichts, -was uns zu der Annahme berechtigt, hier leben zu können! -Wir haben schon Hunderte von Kilometern zurückgelegt, -ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche -zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. -Die Luft bleibt hier immer so dünn, daß sie die Sterne -am Tage nicht zu verblassen vermag, noch das schwarze -Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen -Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser -war und wirkte. -</p> - -<p> -Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle -unsere Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen -Worten: Und wenn wir erst auf der <em>anderen</em> Seite sein -werden ... Wie wird die <em>andere</em> Seite aussehen? Wir -wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, -da wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir -wissen absolut nichts. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Unter den Drei Köpfen, 7° 40’ westlicher Länge, 43° -6’ nördlicher Mondbreite. Vor Mitternacht des -zweiten Tages. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im -nördlichen Teil des <em>Mare Imbrium</em> erhebt und von -allen bisher unterwegs angetroffenen Formationen unterscheidet. -Das Licht der Erde, die hier nur einige vierzig -Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, -die einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß -für Riesen ähnlich sind. -</p> - -<p> -Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, -wo die Erde im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch -bei seinem Scheine noch die allgemeinen Linien. Der -erste Berg, der nicht die Gestalt eines Ringkraters hat. -Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der -Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der -Natur zerstört worden sein, oder auch durch das langsame -Wirken des Wassers. -</p> - -<p> -Wir sagen schon: „durch das Wirken des Wassers“, -und obwohl das nur eine Vermutung ist, überläuft uns -ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit wäre ... -Denn wenn hier Wasser <em>war</em>, so kann man annehmen, -daß dort auf der „anderen Seite“ Wasser -<em>ist</em>, und wenn dort Wasser ist, so muß auch Luft in -genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. -Trotz des Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als -in der vorhergehenden Nacht, empfindlich quält, gingen -wir für kurze Zeit aus dem Wagen und erforschten beim -schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu finden, -die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen -wir noch nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -bei der Entstehung dieses Berges gewirkt haben, als bei den -bisher angetroffenen ringartigen Erhebungen. Dicht vor -uns steigt eine fast senkrechte Wand empor mit drei mächtigen -Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer -mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen -sie mit <em>Drei Köpfe</em>. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher -Richtung und ist uns mit der schwarzen, nichtbeleuchteten -Seite zugewandt. Nur die Gipfel färben -sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und -sehen wie drei silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. -Der ganze Berg ist vom Hintergrund des Himmels -nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz keine -Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine -Form erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine -schwarze Wolke am schwarzen, aber sternenhellen Himmel. -</p> - -<p> -Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg -uns die Erde verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir -mit elektrischen Laternen. Das erschwert die Fahrt ungemein. -Jede Erhebung wirft hier schon einen langen -Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht -vorwärts bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder -Zerklüftung des Bodens stecken zu bleiben, die wir hier -immer häufiger antreffen. Ich glaube, wir werden vor -Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor -allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker -wird, uns wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer -geschützten Stelle zwingen dürfte. Wir möchten vorher -wenigstens bis zum Gipfel <em>Pico</em> vordringen, der nach -der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von uns -entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß -es in der Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -der Ebene. Wir erklären uns diese Erscheinung durch den -vulkanischen Charakter der meisten; es müssen wohl unterirdische -Adern eines inneren Feuers vorhanden sein. -</p> - -<p> -Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den -Motor zu versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. -Ich muß das Schreiben unterbrechen, da es während der -Bewegung unmöglich ist, auch nur daran zu denken. Des -ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das -Licht der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir -alle auf dem Posten sein. Mit dem Schlaf richten wir -uns jetzt so ein, daß immer nur einer schläft und die drei -anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In -diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, -ruhiges Atmen, ich sehe bei dem gedämpften -Schein der Laterne ihr Gesicht, das aus einer Fülle von -Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig geöffnet, -wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt -sie wohl? ... Ach, Unsinn! — Wir fahren weiter. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht, -auf Mare Imbrium, 9° 14’ westlicher Länge, 43° 58’ -nördlicher Mondbreite. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>eltsam, seltsam ist das, was ich sehe ... -</p> - -<p> -Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von -den <em>Drei Köpfen</em> aus fort. Der Weg war außerordentlich -beschwerlich, vor allem, weil wir jeden Augenblick in den -Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten. Mehrere Male -im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit -Hilfe des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder -auch Messungen vornehmen bezüglich des Höhenstandes -der Sterne, die jetzt der einzige Wegweiser für uns sind. -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit Ausnahme der -allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade -deswegen ... -</p> - -<p> -Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas -mehr als vierzig Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten -wir zu einem eigenartigen grauen, einer Sandbank gleichenden -Streifen. Er zieht sich auf der Strecke nach Nordwesten -in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich -mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund -der Steinwüste ab. Soweit ich beim Licht der Erde sehen -kann, endet er bei einer sonderbaren Felsengruppe, die von -weitem einer phantastischen Burg oder einer Stadt ähnlich -sieht. Einer Stadt? ... -</p> - -<p> -Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen -bedeutend gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die -mit Steinen übersäte Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten -Richtung abbiegt. Wir kommen ziemlich schnell -vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt -immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen -Teile erkennen, die durch ihre sonderbare Formation -die Täuschung von Turmruinen und Gebäuden hervorrufen. -Ich weiß nicht, was ich von alledem denken soll. -Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig, -es ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht -überkommt mich ... Sollte das ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare Imbrium. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">B</span>armherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... -Er war durch das erste Fieber schon so erschöpft und nun -abermals ... O Gott, rette ihn, denn wir werden -sonst ... diese Totenstadt ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare -Imbrium am Pico, 9° 12 ’westlicher Länge, 45° 27’ -nördlicher Mondbreite. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich -niederschreiben. -</p> - -<p> -Ich erinnere mich — als ich gerade die letzten Notizen -beendet hatte, blickte ich auf die phantastischen Ruinen -oder Felsengruppen und rief unwillkürlich: -</p> - -<p> -— Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus! -</p> - -<p> -Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand -und mit steigendem Interesse die näherkommenden Felsen -beobachtete, wandte sich auf meine Worte schnell zu mir. -In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung. -</p> - -<p> -— Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht -vibrierender Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt -sein ... -</p> - -<p> -— Was!? -</p> - -<p> -Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren -greifend. Sogar Peter verließ das Steuer, nachdem er -den Wagen angehalten hatte, um die seltsame Erscheinung -zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ... -</p> - -<p> -— Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind -doch Trümmer eines Steintores. Man sieht die beiden -Säulen und oben hält sich noch das Stück eines Bogens ... -Oder hier, — ist das nicht ein Turm, zur Hälfte -zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude, -mit einer niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen -Pyramiden zur Seite. Ich bin überzeugt, daß diese scheinbare -Klamm, die stellenweise mit Steinen übersät ist, -eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und -starr ... Eine Totenstadt. -</p> - -<p> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner -bemächtigte. -</p> - -<p> -Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu -glauben, daß Tomas recht hatte. Vor meinen Augen -wuchsen immer neue Türme, Bogen und Säulen, Teile -eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das -Licht der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten -Silberton; aus einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle -Schatten empor — wie Geistererscheinungen. Ein -kalter Schauer durchlief mich. Ein Mond-Pompeji und -Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben, -sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel -mehr Tod in dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem -seltsamen Lichte. -</p> - -<p> -Varadol zuckte die Achseln und murmelte: -</p> - -<p> -— Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich -... diese Felsen ... Aber hier war doch niemals ein -lebendes Wesen. -</p> - -<p> -— Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese -Seite des Mondes weder Luft noch Wasser, aber sie konnte -beides haben, einst, vor Jahrtausenden, als sich der Mondglobus -noch schneller drehte und die Erde auf- und unterging -an seinem Himmel ... -</p> - -<p> -— Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken. -</p> - -<p> -— Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen -angetroffen und das beweist, daß hier niemals Wasser -war, was wiederum für das Fehlen der Luft, also auch -des Lebens zeugt, entgegnete Peter. -</p> - -<p> -Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem -Wagen: -</p> - -<p> -— Und dieser Sand? Und die „<em>Drei Köpfe</em>“, an -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -denen wir vor kurzem vorbeigekommen sind? Sie sahen -doch aus wie der Rest eines Berges, der vom Wasser abgespült -ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals -Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das -Wirken der Kälte und Sonnenglut alles verwischt und -vernichtet ... -</p> - -<p> -Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell -plötzlich: -</p> - -<p> -— Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor -uns haben, dem wir überhaupt auf dem Monde begegnen -konnten. Man muß es lösen. -</p> - -<p> -— Wie meinst du das? fragte ich. -</p> - -<p> -— Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren -und sie untersuchen ... -</p> - -<p> -Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich -bei diesen Worten; es war keine Angst, aber etwas, das -ihr sehr ähnlich ist. Diese Trümmer der — Gebäude -oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser unermeßlichen -Wüste. -</p> - -<p> -Peter zuckte unwillig die Achseln: -</p> - -<p> -— Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, -diese Felsmassen zu besichtigen, die beim Licht der Erde -allerdings mit Gebäuden etwas Ähnlichkeit haben, aber -auch nichts mehr. -</p> - -<p> -Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha -betrachtete sie mit Spannung und gleichzeitig mit einer -sichtlichen Unruhe. -</p> - -<p> -— Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, -flüsterte sie, als uns schon kaum mehr zwei Kilometer -von den Arkaden trennten, die den Eingang zu dieser -sonderbaren Stadt bildeten. -</p> - -<p> -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -— Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte -Tomas lächelnd, aber glaube mir, daß sie einst von Lebenden -erbaut werden mußte. -</p> - -<p> -— Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in -diesem Augenblick blieb der Wagen mit einem heftigen -Ruck stehen. -</p> - -<p> -Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. -Die Sandbank hatte gerade ihr Ende erreicht, und vor uns -lag ein Feld, so übersät mit großen Steinen, daß keine -Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein konnte. -Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick -und sagte dann: -</p> - -<p> -— Ich werde zu Fuß hingehen! -</p> - -<p> -Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber -zu sein, weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl -dessen, was geschehen sollte! -</p> - -<p> -Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte -unter dem Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein -kompletter Idiot sein müsse, die Zeit zu verlieren und -sich durch das Verlassen des Wagens der furchtbaren Kälte -auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich erklärte -mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß -er allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß -noch immer nicht, was mich eigentlich zurückgehalten hat, -die Angst vor der Kälte oder auch dieses unerklärliche Gefühl -der Furcht beim Anblick dieser toten Stadt. Genug, -ich blieb im Wagen ... -</p> - -<p> -Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den -geheimnisvollen Trümmern zu. Wir standen am Fenster -und sahen ihn im Schein der Erde klar und deutlich vor -uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend, wahrscheinlich -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -um den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick -verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, -dann sahen wir ihn wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich -geschah etwas Merkwürdiges. Woodbell, der vielleicht -schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt hatte, reckte -sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in -wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen. -</p> - -<p> -Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht -erklären. Da, einige Schritte bevor er den Wagen erreicht -hatte, wankte er und fiel. Als wir bemerkten, daß -er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu Hilfe eilen, -aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, -da wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten -wir zu ihm; er lag bewußtlos am Boden. Wir hoben -ihn auf und trugen ihn in den Wagen. -</p> - -<p> -Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen -hatten, bot sich uns ein entsetzlicher Anblick dar. Das -Gesicht war geschwollen und bläulich, ganz von Blut überströmt, -das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an -den Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen -sichtbar, obwohl wir nirgends eine Wunde entdecken -konnten. -</p> - -<p> -Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den -Geliebten stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. -Ich begann indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. -Anfangs dachten wir, daß er einen apoplektischen -Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den Luftbehälter -untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das -Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort -wahrgenommen hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas -stolperte und fiel und infolgedessen war die Luft -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu Hilfe kamen, -hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den -Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher -Veranlassung er so gelaufen war, blieb uns allen zunächst -ein Rätsel. -</p> - -<p> -Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein -zu bringen. Das erste Zeichen des wiederkehrenden -Lebens war ein tiefer, krampfartiger Atemzug, worauf -ihm abermals das Blut aus dem Munde herausschoß. -Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken -an; er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen -war. Plötzlich schrie er entsetzt auf und streckte die Hände -aus, als wenn er etwas von sich stoßen wollte, dann wurde -er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten zum zweitenmal, -ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel -in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit -war. -</p> - -<p> -Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, -fuhren wir weiter. An die phantastischen Berge und die -geheimnisvolle Stadt dachte niemand mehr! Wir hatten -nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge, so -schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend -herauszukommen. -</p> - -<p> -In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen -des <em>Pico</em> vorgedrungen, wo wir augenblicklich -rasten. Wir werden bis zum Morgen hier bleiben. -</p> - -<p> -Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der -Blutsturz hat sich zwar nicht wiederholt, aber das Fieber -wird immer heftiger. Manchmal springt er auf, als wenn -er fliehen wollte, phantasiert und stößt unverständliche -Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der unglücklichen -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen -folgt meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht -dann leichenblaß aus, als wenn in seinem ganzen Körper -nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre. -</p> - -<p> -Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. -Martha verliert vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. -Aber sie versucht immer wieder, sich zu beherrschen, -weil der Kranke so dringend ihrer Pflege bedarf. Wir trösten -sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere eigenen -Befürchtungen. -</p> - -<p> -Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein -Rätsel. Ich begreife noch immer nicht, was Tomas -zu jener wahnsinnigen Flucht veranlassen konnte, die -schließlich die Ursache seines Unglücks geworden ist. Denn -es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall -zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken -gekommen wäre, den von ihm zurückgelegten Weg zu -erforschen, vielleicht hätte uns das etwas Klarheit gebracht -... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen -sein! Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser -Angst erfassen ließ, so war es Tomas, der stets so viel -Geistesgegenwart und Ruhe in den fürchterlichsten Situationen -bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was -konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... -Er hatte nicht einmal die Hälfte des Weges zu den Toren -jener mutmaßlichen Stadt der Toten zurückgelegt ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach -Mitternacht. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>ndlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns -gelingen wird, Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er -eingeschlafen, ein Zeichen, daß die Krisis überstanden ist. -Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich, sprechen sogar -nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht -wird ihn dieser Schlaf erretten. -</p> - -<p> -Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen -Lärm machen könnten, — denn Tomas jetzt aufzuwecken, -hieße ihn morden. Infolgedessen wachen wir abwechselnd -bei den Tieren, wenn eins von ihnen bellen sollte, wird es -aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten sich -die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, -sitzt neben dem Lager wie zur Wache und wendet keinen -Blick von ihrem kranken Herrn. Ich bin überzeugt, daß -dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas vorgeht. Wenn -wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, -wie warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen -läßt, und dann schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu -geben, daß sie an unsere guten Absichten glaubt und -über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem liegt -so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen. -</p> - -<p> -Auch Martha weicht nicht von Tomas’ Seite. Fast -hundert Stunden bereits spricht sie kein Wort. Sie öffnet -den Mund nur, wenn sie sich mit uns bezüglich der Pflege -verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren Schmerz -vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, -sie ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen, -trockenen Lippen, den weitgeöffneten -Augen liegt etwas so Trostloses, daß es uns geradezu das -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr Hoffnung -und Mut zusprechen — und wagen nicht, uns ihr zu -nähern, so achten wir sie und ihren großen Schmerz. -Und sie blickt so seltsam gleichgültig auf uns; wir fühlen, -daß wir sie nur so weit angehen, als wir ihr bei Tomas’ -Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir nicht -für sie. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er höchste Gipfel des <em>Pico</em> flammt in der Sonne -auf! Drei oder vier Stunden — und der Tag wird auch -schon hier in der Tiefe leuchten. Die ganze Nacht hindurch -sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des mächtigen -Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast -mit dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und -dunkel. -</p> - -<p> -Wie die „<em>Drei Köpfe</em>“ ist auch der <em>Pico</em> kein Krater, -sondern vielmehr die letzte mächtige Felsenpartie eines -zerstörten Ringberges. Wir stehen unter seinem höchsten -Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht hier fast -senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden -beim Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker -dadurch abhebt, daß sich ringsherum eine glatte Fläche -ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über zweitausendfünfhundert -Meter. -</p> - -<p> -Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, -von dem nur die vor uns liegenden Reste übrig -blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist der Felsen, aus einem -weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der Temperaturveränderungen -zerbröckelt — oder hat ihn das Wasser -unterspült? -</p> - -<p> -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns -diese Vermutung. Auch der Umstand spricht dafür, daß -man nirgends einen Wall von Felsstücken sieht, der hätte -entstehen müssen, wenn diese Berge durch Kälte und Sonne -zerfressen wären. -</p> - -<p> -Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes -erhob, befindet sich jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, -die im Lichte der Erde unklar vor uns auftaucht. -Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen Augenblick -aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu -erforschen. Er konnte sich nicht länger aufhalten, aber -er brachte ein Stück Gestein mit, dem ähnlich, das sich -im Wasser ansetzt ... -</p> - -<p> -Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, -werden wir vielleicht Näheres erfahren. -</p> - -<p> -Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. -Wir sind dadurch etwas freier, aber andererseits beginnt -uns ein so langer Schlaf zu beunruhigen. Eine beklemmende -Angst befällt uns, wenn wir auf dieses totenblasse -Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen -sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er -liegt regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim -leisen Atmen. Manchmal glaube ich, daß ich keinen lebenden -Menschen, sondern eine Leiche vor mir sehe. Wie froh -wäre ich, wenn er endlich aufwachte. -</p> - -<p> -Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von -seinem Lager. Von Müdigkeit überwältigt, schläft sie -manchmal so sitzend ein. Aber das dauert nur ganz kurze -Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit weit aufgerissenen -Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch -den Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -für ihre Gesundheit zu fürchten. Gott, wenn sie uns auch -noch krank würde! Aber alle Vorstellungen unsererseits -sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie dazu bringen, -etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll, -wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. -Wir möchten sofort weiterfahren, fürchten aber wiederum, -seinen Schlaf zu unterbrechen. Anfangs hatten wir die -Absicht, uns vom <em>Pico</em> nach Osten zu wenden, um die -<em>Alpenkette</em> zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze -des <em>Mare Imbrium</em> bildet, aber schließlich fahren -wir direkt nach Norden, dem mächtigen Ringe des <em>Plato</em> -zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium der Karten, -daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch -direkt auf das <em>Mare Frigoris</em> zu gelangen, hinter -dem sich ein gebirgiges Land auftut, das sich alsdann bis -zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg bedeutend -verkürzen. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47° nördlicher -Mondbreite, zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang -des dritten Tages. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen -<em>Regenmeeres</em>, zu dessen Durchquerung wir fast zwei -Monate brauchten. Hier sind das zwei Tage, aber dort -auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal erneuert, -zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal -hat er sich im Neumond verfinstert. -</p> - -<p> -Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall -des <em>Platoringes</em> vor uns. Sein östlicher Teil schimmert -bereits in der Sonne wie eine mächtige Mauer am -schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch Nacht. -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies -entschieden der erhabenste und mächtigste Anblick, den -wir bis jetzt hatten; wir sind jedoch durch den Zustand -Tomas’ so niedergedrückt, daß wir fast gar nicht beachten, -was uns umgibt. -</p> - -<p> -Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns -kurze Zeit erstaunt an und dann versuchte er, sich -zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm, er fiel schlaff -zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn, -ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des -Wagens. -</p> - -<p> -Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte -sich an nichts aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, -der ihr vorausgegangen, war seinem Gedächtnis entschwunden. -Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze Zeit nach, und -dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines -Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen -gewichen zu sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den -Händen, und mit einem Ausdruck der qualvollsten Angst -wiederholte er fortwährend: Das war entsetzlich, entsetzlich! -— Schauer schüttelten ihn. -</p> - -<p> -Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte -ich vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und -zu dieser in ihren Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt -hatte. Aber alle meine Bemühungen waren umsonst. -Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit Antworten -ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das -zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur -damit peinigte und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm -ausführlich erzählen, in welchem Zustande wir ihn gefunden -und den ganzen Verlauf der Krankheit. Er hörte -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen -von Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten -Umständen und Begleiterscheinungen, und nachdem er sich -alles angehört hatte, wandte er sich zu mir und sagte mit -seltsamer Ruhe: -</p> - -<p> -— Ich glaube, daß ich sterben werde. -</p> - -<p> -Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem -Kopfe: -</p> - -<p> -— Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, -sehe ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich -wundere mich nur, daß ich überhaupt noch am Leben bin. Als -ich damals fiel, wie du sagst, zerschlug sich das Glas in der -Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht sofort gestorben bin, -verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug zu Hilfe -kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach -außen gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du -von meinem Zustand erzählst, nehme ich jedoch an, daß -die Atmosphäre in meinem Luftbehälter schon außerordentlich -dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten -inneren Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund -und Nase, sondern sogar durch die Poren der Haut. Wenn -ihr euch um einige Sekunden verspätet hättet, würdet ihr -nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich wundere -mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust -die vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... -Wenn es auch nicht stark sein konnte, denn woher ... -bei dem Fehlen des Blutes und der so schwachen Herztätigkeit -... aber schließlich habe ich das Fieber überstanden -und lebe, — doch das bedeutet durchaus noch nicht, -daß ich leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den -Puls fühlt man kaum, leg’ mir die Hand auf die Brust, -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -du fühlst nicht einmal, daß das Herz schlägt. Auf der Erde -würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen die Bedingungen. -</p> - -<p> -Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich -dachte, daß er wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten -unstät unter den gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich -Martha, die mit der Zubereitung der Arzneien, die -er sich selbst verschrieben hatte, beschäftigt war. Ein grenzenloses -Leid lag in seinen Augen. Er bewegte einige Male -die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend: -</p> - -<p> -— Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr? -</p> - -<p> -Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig -schien es mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische -Stimme ins Ohr flüsterte: Wenn er stirbt, wird Martha -einem von euch gehören, vielleicht dir ... -</p> - -<p> -Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber -er schien schon diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen -zu haben, obwohl ich bei Gott schwöre, daß er kürzer war -als die kleinste Sekunde. -</p> - -<p> -Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen -blauen Äderchen durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, -fügte er hinzu: -</p> - -<p> -Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ... -achtet ... -</p> - -<p> -Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, -nachdem er Atem geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton -plötzlich ändernd: -</p> - -<p> -— Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut -nicht gewiß, daß ich sterben muß. -</p> - -<p> -Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, -aber sein Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil, -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -er scheint sich sogar zu verschlimmern. Immer wiederholen -sich das Herzklopfen, die Beklemmungen und Ohnmachten. -Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr -erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine -Minute verlassen; auf uns blickt er wie auf Feinde. -</p> - -<p> -Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen -Flucht von ihm zu erfahren, aber immer -wenn ich das Gespräch darauf brachte, verstummte er -sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen -Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn -mit Fragen zu quälen. Schließlich, was liegt mir daran? -Es genügt, daß ein Unglück geschehen ist, — wenn es nur -damit seine Bewandtnis hätte! -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach -Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach -Osten. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig -erwiesen. Mit dem Wagen durch die Mitte des <em>Platoringes</em> -zu kommen, ist eine reine Unmöglichkeit. Wir müssen -die <em>Alpenkette</em> umkreisen, was unsere Reise außerordentlich -verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg. -</p> - -<p> -Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang -verstrichen; in dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer -Weges zurück, allerdings auf einem Boden, der -ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße des -<em>Plato</em> haltgemacht. -</p> - -<p> -Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser -zählende <em>Platoring</em> erhebt sich an der nördlichen Grenze -des <em>Regenmeeres</em>. Nordöstlich von ihm erstreckt sich -die Kette der Mondalpen bis zum <em>Palus Nebularum</em>, -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -der das <em>Mare Imbrium</em> mit dem <em>Mare -Serenitatis</em> verbindet. -</p> - -<p> -Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende -Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser -Seite des Mondes, die zum <em>Mare Frigoris</em> führt, -durch das wir auf der Fahrt zum Pol hindurch müssen. -Im Westen des <em>Plato</em> erstreckt sich ein hoher, steiler, im -Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite -„<em>Abhang des Regenbogen</em>“ hineinzieht. Der <em>Platoring</em> -selbst ist aus einem Bergwall entstanden, der eine -innere Fläche von ungefähr siebentausendfünfhundert Quadratkilometer -Raum umfaßt. Die höchsten Gipfel im -östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von zweitausendfünfhundert -Metern. -</p> - -<p> -Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht -hatten, bemerkten wir, daß sich im nördlichen Wall des -<em>Plato</em>, dicht neben dem in ihm eingeschlossenen kleinen -Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine Art von -breitem Paß bildet. -</p> - -<p> -Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg -zu verkürzen, über diese Einsattelung auf die mittlere Fläche -gelangen und, sie in nördlicher Richtung durchschneidend, -einen Ausgang auf die Höhe suchen, die sich schon sanft -nach dem <em>Mare Frigoris</em> senkt. -</p> - -<p> -An den Abhängen des <em>Plato</em> angelangt, fanden wir -leicht die auf der Karte angegebene Stelle. Dabei war -uns jener herausragende Krater behilflich, der sich über -der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien nicht sehr -beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und -es waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken. -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -Trotzdem wagten wir es nicht sogleich mit dem Wagen -weiterzufahren. Wir mußten uns vergewissern, ob wir -diese Strecke wirklich passieren konnten. -</p> - -<p> -Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen -hatten, traten Peter und ich den Weg zu Fuß an. -Der Wagen sollte auf unsere Rückkehr warten. Wir umkreisten -den Krater im Massiv des <em>Plato</em> von Osten -aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so -einfach, wie es von unten den Anschein hatte. Wir trafen -Steinfelder und Abgründe an, die wir umgehen mußten. -Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen durchzukommen. -Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns -beide erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem -Horizont und erwärmte uns genügend. Es war uns -warm und leicht; rings um uns boten sich wundervolle -Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von -schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der -blendenden Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten -Regenbogenfarben. Wir schritten über Schätze hinweg, -für die man auf Erden hätte Königreiche und Kronen -kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen schillerten -blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von -ferne wie Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von -Onixen und Topasen den Eindruck von Blumen hervorriefen. -Manchmal schoß plötzlich aus einer Spalte, in -die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz, -eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen -des Gebirgskristalls verteilt war. -</p> - -<p> -Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur -an dieser Stelle ausgeschüttet war, blendete und berauschte -uns, aber bald gewöhnten wir uns so an diesen Anblick -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -und an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir auf ihnen -schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen. -</p> - -<p> -Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein -belebend auf uns und wir waren glücklich und guter Dinge. -Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die Krankheit Tomas’, -die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die Gefahren, -die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft, -der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die -Kinder über diesen einzig schönen Morgen! An die etwas -unbequemen Luftbehälter hatten wir uns schon vollständig -gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der wir -durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, -trotz des neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit -nicht. -</p> - -<p> -Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde -und einer nicht geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten -wir über mächtige Felsen oder sprangen von hohen Wänden -herab. -</p> - -<p> -Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch -die Notwendigkeit der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft -und Nahrung hatten wir nur für vierzig Stunden mitgenommen -und wir mußten bedenken, daß irgend etwas -Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem -längeren Aufenthalt nötigte. -</p> - -<p> -In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. -Vor uns öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle -Innere des <em>Plato</em>. Der nördliche Wall -des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt -lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken -zerrissen war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine -glatte Fläche, dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -nur zerschnitten sie hellere, breite Ketten, mit einigen -kleinen Kratern, die darauf zerstreut lagen und flachen -Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach der -Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war -keine Rede davon, daß wir hier mit dem Wagen vordringen -konnten. -</p> - -<p> -Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen -Öde an. Es wäre unmöglich, sich eine Landschaft -vorzustellen, in der mehr Schweigen und mehr -Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam -und träge zur Tiefe, — die Gipfel starrten traumverloren -und so finster in den Sonnenschein, als wenn sie -sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten, weil man -sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene -zu umgrenzen. -</p> - -<p> -All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ... -</p> - -<p> -Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz -wirkt! Ich schaute lange, in Schweigen versunken, und -konnte die Augen von dieser Wüste nicht abwenden, und -ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß nicht, -warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles -geworden, so wertlos, und so überflüssig erschien mir -jede Anstrengung und so verlockend der Tod-Erlöser, der -mich doch vor kurzem noch mit einer so höllischen Angst -erfüllte. -</p> - -<p> -Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte -ihn nicht länger ertragen und bedurfte doch der ganzen -Willensanstrengung, um mich von ihm loszureißen. -</p> - -<p> -Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel -leuchtenden Erdsichel zu. Über den Gipfeln des Kraters, -der uns beim Eingang als Wegweiser gedient hatte und -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -jetzt in der Tiefe versank, tauchte das <em>Regenmeer</em> vor -mir auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute -auf sie, wie einst von der Einsattelung unter dem <em>Eratosthenes</em>, -nur daß sie damals noch vor mir lag, ein unbekannter -Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten Lande -führte — jetzt hatte ich sie schon hinter mir ... -</p> - -<p> -Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber -statt der in der Sonne flammenden Gipfel des <em>Timocharis</em> -und <em>Lambert</em> erhoben sich die in Schatten -gehüllten Spitzen: <em>Pico</em> und weiter nach Osten <em>Piton</em> -vor meinen Augen. -</p> - -<p> -Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont -schon näher als der Himmelswölbung. Und so schien mir -die ganze Ebene wie eine breite Straße, die von dieser Erde -hierherführt. Welch ein furchtbarer, beschwerlicher Weg -und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist -zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine -glühende und lebendige Flamme, zweimal umhüllten uns -kalte, endlos lang andauernde Schatten. Und wieviel -Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom <em>Eratosthenes</em>, -die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche -Kälte und dieses Gespenst des Todes, das uns so viele -Stunden begleitete; der Tod der Brüder Remogner, der -unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ... Mit -dem Tode O’Tamors hat unser Weg begonnen — aber -er ist noch nicht zu Ende ... -</p> - -<p> -Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt -von einer immer stärker aufkeimenden, unbezwinglichen -Sehnsucht nach der Erde, die in der Ferne über der -unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei -Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -mich schnell um, schon fürchtend, daß wieder irgendein -Unglück herannahe, aber Peter stand wohlbehalten neben -mir und deutete nur mit der Hand nach der Richtung, in -der sich der weite nördliche Wall des <em>Plato</em> entlangzog. -Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, -nein, kaum wie den flüchtigen Schatten einer Wolke, die -den Fuß der Berge verhüllte, den man noch vor kurzem -deutlich sehen konnte. -</p> - -<p> -Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah -indes nicht aus, als wenn sich die Wolke bewegte, sondern -die Berge schienen sich von der Stelle zu rühren und vor -uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie besessen durch -das Rohr: -</p> - -<p> -— Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist -Luft, dort wird man atmen können! -</p> - -<p> -Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung -geschwellten Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene -des Todes, wie ich sie nannte, zeigte sich uns der erste Strahl -der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke beweist zwar -noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon -atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die -Luft dort dichter ist als in den bisher durchquerten Gegenden, -da sich dort Wolken bilden und halten können, wenn -auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der Rauch der -Krater senkte sich außerhalb des <em>Eratosthenes</em> sofort -zu Boden wie Sand. -</p> - -<p> -Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf -der anderen Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend -dichte Luft sein müsse, begaben wir uns wieder zum -<em>Mare Imbrium</em> hinab. Wir waren in freudigster Stimmung, -obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht erreicht -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -worden war, da wir den Weg durch den <em>Platoring</em> -nicht gefunden hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir -darüber, was weiter zu tun sei. Vielleicht würden wir -im Westen des <em>Plato</em> eine Stelle ausfindig machen, durch -die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen konnten, -aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn -es uns nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend -Kilometer zurücklegen, um die Grenze des <em>Mare Imbrium</em> -von Westen her zu umkreisen. Es ist also bedeutend -sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende gelingt -es uns, das schon erwähnte Quertal in der <em>Alpenkette</em> -zu durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar -erweisen, so werden wir, selbst um die ganze -Kette herumfahrend, verhältnismäßig keinen allzu großen -Umweg machen. -</p> - -<p> -Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. -Wie groß war jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen -nicht an der Stelle bemerkten, an der wir ihn verlassen -hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu haben, aber -nein — die Gegend war dieselbe; es waren genau die -Felsen, unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz -der Ermüdung stürmten wir vorwärts, unseren Augen -noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir bemühten -uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um -zu wissen, in welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber -auf diesem Steinboden war keine Spur zu erkennen. Da -packte uns die Verzweiflung. Unsere Nahrungsmittel waren -bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser hatten -wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum -mehr für einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er -vergaß, daß ich das einzige Wesen war, das sein Schreien -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -hier — durch das Sprachrohr mit ihm verbunden — hören -konnte. -</p> - -<p> -Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze -Gegend ab, sechs Stunden damit verlierend; der Wagen -war wie verschwunden. Als wir nach all den fruchtlosen -Nachforschungen zu der alten Stelle zurückkehrten, begann -uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende und -der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf -die Erde — den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und -ich zerbrach mir in wilder Verzweiflung den Kopf, was sie -dazu veranlassen konnte, vor unserer Rückkehr davonzueilen. -</p> - -<p> -Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht -absichtlich geflohen war, um uns dem sicheren Verderben -preiszugeben. Die krankhafte Eifersucht, die ich -bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und von -Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht -haben. Die Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und -wollte davonstürmen, ihm nach, mich rächen, morden ... -</p> - -<p> -Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. -Sie kam uns langsam entgegen und sah uns durch die -Glasmaske mit ihrem sich immer gleich bleibenden traurigen -Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu und redeten -abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. -Martha blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und -als wir uns endlich heiser und gegenseitig taub geschrien -hatten, begann sie Zeichen zu geben, daß sie nichts verstehe. -Wir hatten ganz vergessen, daß sie infolge des Luftmangels -nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut und Aufregung -verschwunden und wir brachen in ein herzliches -Lachen aus. Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -daß wir zu dem Wagen zurückkehren wollten. -Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit -hinter dem Felsen, der ihn verdeckte. -</p> - -<p> -Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir -fort waren, ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament -bildend, hinter dem Felsen unter, so daß sich der -Wagen im Schatten befand. Woodbell begann vor Kälte zu -zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und -blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken -genügend erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das -Verschwinden des Wagens entsetzt waren, suchten wir ihn -in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns nicht ein, hinter -dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns befand. -Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, -als wir uns von neuem entfernten, daß wir eine andere -Seite der Gegend erforschen wollten und wartete geduldig -auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum zweitenmal -zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie -uns entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht -wieder fanden. Der ganze Vorgang endete also mit einem -Lachen, obwohl er für uns mehr als verhängnisvoll hätte -werden können. -</p> - -<p> -Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand -an. Während unserer Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig -geworden. Jetzt ist er ruhiger und sagt, daß er -sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll abgemagertes -Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott -gebe es, daß er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang -ist es schon genug der Opfer — und des Schreckens ... -</p> - -<p> -Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt -immer nach Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -<em>Plato</em> vor unseren Augen. Bald werden wir an der -<em>Alpenkette</em> angelangt sein. -</p> - -<p> -Mit Rücksicht auf Tomas’ Gesundheit tut die größte -Eile not. Je eher wir eine Zone erreichen, wo er den -geschlossenen Wagen verlassen und frei atmen und sich -bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung. -Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns -nur immer weiter von dieser Wüste zu entfernen und dem -Pole näher zu kommen, wo wahrscheinlich Luft und -Wasser ist. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30’ nördlicher -Mondbreite, einhunderteinundsechzig Stunden -nach Sonnenaufgang des dritten Tages. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span>nsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird -immer geringer. Wir fahren so schnell es das Terrain -nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit und Tomas -stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor -Unruhe und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite -Alpenkette, die den Weg versperrt, uns in nordöstlicher -Richtung zu halten, so daß wir uns, statt dem -ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm -entfernen müssen. In einigen Stunden werden wir am -Ausgang des <em>Quertals</em> sein; wenn man nur wenigstens -nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir zur -Linken immer nur die steilen Wände der <em>Alpen</em>, neben -denen unser Wagen wie ein winziger Käfer hinter der -Mauer einer riesigen Festung aussieht. Wir warten mit -Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor uns öffne -und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang, -der zum <em>Mare Frigoris</em> führt. Schon begegnen -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -wir vereinzelten kleinen, aber steilen Felsen, die -wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen, ein -Zeichen, daß wir uns ihm nähern. -</p> - -<p> -Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er -möchte so schnell wie möglich auf den Pol gelangen, und -dabei haben wir vom <em>Sinus Aestuum</em> kaum den halben -Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt mich, wenn -ich daran denke! Er hat, scheint’s, die Entfernung ganz -vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, -von Luft und Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen -finden werden! Statt dessen wird der nächste Mondmorgen, -obwohl er noch so weit ist, noch immer nichts davon bringen, -das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine Genesung -— je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet -Pläne für die Zukunft und legt sich schon sein Leben mit -Martha zurecht ... Mich beunruhigt diese Zuversicht; -auf der Erde sagt man, daß das ein böses Zeichen bei einem -Kranken ist. -</p> - -<p> -Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen -traurigen Lächeln. Gott, was muß sie leiden! Es ist -doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie es um ihn steht ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>ine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist. -Die Verzweiflung packt mich, denn ich will, daß er lebt. -Ich will es um so mehr, weil ich in meinem Hirn eine -giftige Schlange fühle, die mir trotz meines Aufbäumens -dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von -euch gehören — vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er -muß! Und wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm -folgen wird. Was dann? Was dann? Wozu werden -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte einst, -daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß -dieser Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins -hier ist. Mit ihrem Tode wird unser Dahinsterben beginnen, -denn wir werden nicht fähig sein, aus uns selbst -etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden -niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn -wozu, wozu? ... -</p> - -<p> -Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben -bliebe, wenn sie einem von uns, vielleicht mir, ihre -Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen so auf den -Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl, -als wenn eine Kugel voll heißer Luft mir in der -Brust zerplatzte, den Atem zurückhielte und Feuer in alle -meine Adern ergösse ... -</p> - -<p> -Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser -Eine auch Varadol sein ... Nein, es wäre besser, wenn -diese Frau nicht unter uns wäre. Ich bemerke zu meinem -Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen und -Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und -starrt in die Züge des sterbenden Geliebten. -</p> - -<p> -Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll -gegen den Tod. Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner -eigenen Überzeugung zu trotzen, daß er leben wird und läßt -uns dem beipflichten. Wir tun es ihm zuliebe, unehrlicherweise; -und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu und -antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: -„Ja, du wirst leben, du mein Einziger“ ... Dabei verschleiern -sich ihre Augen in einem Nebel der Wonne und -des Rausches. Kann sie es denn wirklich für möglich halten, -daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft, -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -ohne einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? -Und dennoch, was würde ich dafür geben! -</p> - -<p> -Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so -groß wie an den vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden -Mondbreite. Wir müssen uns, aus Rücksicht -für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in der -Mitte des <em>Quertals</em>; vor Sonnenuntergang müssen wir -bis zum <em>Mare Frigoris</em> vordringen. -</p> - -<p> -Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, -auf der Ebene zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, -plötzlich bei dem breiten Auslauf der Ebene. Die senkrechte -Wand der <em>Alpen</em> bricht hier ab und weicht nach -Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm -unterbrochen. Die Fläche des <em>Mare Imbrium</em> verengt -sich in einem großen Halbkreis zu dem eigentlichen -Tal, das anfänglich durch einen terrassenförmigen Abhang -verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein mächtiges, einige -hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen -Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-<em>Montblanc</em> -gegen viertausend Meter über der benachbarten -Fläche. -</p> - -<p> -Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene -einfuhren. Jenes Stockwerk erschreckte uns, denn wir -dachten, wenn wir unterwegs mehrere solcher Hindernisse -anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr verlängern, -da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten. -</p> - -<p> -Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der -Mondoberfläche, obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben; -das letztemal auf dem <em>Plato</em>. Aber es gab kein anderes -Mittel der Orientierung in dieser Gegend. Endlich wagten -wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal einzubiegen. -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er -drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen -Widerspruch duldet, daß man sich nach Norden wenden -solle, da er wisse, daß die zeitraubende Umkreisung der -Alpen und die lange Fahrt durch den <em>Palus Nebularum</em> -ihn zweifellos töten würde. -</p> - -<p> -Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! -Früher ruhig, entschieden, voll Überlegung und von einem -unbeugsamen Willen, ist er jetzt ein launenhaftes, trotziges -Kind. Er schilt uns wegen jeder Kleinigkeit und dann -entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn zu -retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der -vollständigen Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang -auf dem Rücken liegt, einer Leiche ähnlicher als einem -lebenden Menschen. Oft spricht er auch unaufhörlich, als -wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme versichern -wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns -unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt -er sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. -Vergeblich zerbreche ich mir den Kopf, was das für ein -Geheimnis sein kann ... -</p> - -<p> -Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk -anhielten, das den Eingang zu dem Tal versperrt. -Mit großer Mühe fanden wir einen Weg, der es -uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe -standen, blickten wir noch einmal auf das hinter uns -liegende <em>Mare Imbrium</em>, das wir bald für immer -aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft, so -muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh -von dieser Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur -Mühen, Qualen und Verzweiflung gebracht hat ... Wie -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir durcheilten -diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von -einem Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen -Wunsche beseelt, sie so schnell wie möglich hinter uns zu -haben — und jetzt blicke ich fast mit Sehnsucht nach ihr -zurück ... -</p> - -<p> -Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig -leicht vorwärts; die breiten Stockwerke treffen wir -nicht mehr an und kleinere Berge, die nicht seine ganze -Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht -jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet. -Zu beiden Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen -viertausend Meter hoher Gebirgswall. Das am Eingang -einige Kilometer breite Tal verengt sich gegen -Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn -sich seine mächtigen Wände einander näherten und wir -uns in einem enormen, schnurgerade unter den Felsen -ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen den entfernten -Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber -tiefen Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch -ein Stück Himmel ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich -mein Blick nicht täuscht, aber es scheint mir, daß der -Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne weniger -zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein -einer dichteren Atmosphäre über dem <em>Mare Frigoris</em> -zeugen ... Unser Barometer steigt ebenfalls langsam. -Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der Zone bringen -könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden nach -Mittag, dritter Mondtag. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und -einige Kilometer zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang -des <em>Quertales</em>. Die ungeheure Felsgurgel verengt -sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten -werden immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf -das <em>Mare Frigoris</em>, deutlich vor uns sichtbar, scheint -sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu erweitern -und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren -Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf -eine Fläche hinausfahren — gebe Gott, daß wir <em>alle</em> -hinausfahren ... -</p> - -<p> -Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige -Reise! Wohl dreißig Stunden zitterten wir, bei dem -kleinsten Geräusch auf Woodbells Lager blickend: — etwa -jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber besteht kein -Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur -immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die -Sehnsucht liegt, — die glühende Sehnsucht zu leben! -Und wir können ihm nicht helfen ... -</p> - -<p> -Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte -hat ihm den Rest gegeben. Wir hatten fast zwei -Drittel des Weges hinter uns, als wir, unter dem 3.° -östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das -uns beinahe gezwungen hätte auf das <em>Mare Imbrium</em> -zurückzukehren. Die Sonne stand schon tief am Horizont -und die ganze westliche Seite des Quertales war in undurchdringlichen -Schatten gehüllt, der kaum hie und da durch -schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. -Wir mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten, -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -um uns nicht in der Nacht zu verlieren. Der Wall erreicht -hier die größte Höhe; er erhebt sich steil und riesenhaft, -beinah wie die senkrechte <em>Alpenwand</em>, unter der -wir vormittags hindurchfuhren. -</p> - -<p> -Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor -uns einen schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der -ganzen Breite versperrte. Vorher hatten wir ihn infolge -der leichten Erhebung des Grundes nicht gesehen. Als -wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen -eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des -Tales quer durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im -Schatten, so daß wir nicht in ihre Tiefe sehen konnten. -Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum Fuße -durch sie zerrissen. -</p> - -<p> -Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen -Hindernis. -</p> - -<p> -Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, -auch daß sie die Hochebene durchschneidet, die das -<em>Mare Imbrium</em> vom <em>Mare Frigoris</em> bis zu den -nördlichen Abhängen des <em>Plato</em>, in südöstlicher Richtung, -trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den -Grund des <em>Quertales</em> erstreckte, das zwei- bis dreitausend -Meter tiefer als die Oberfläche der benachbarten -Höhen, die sich hinter den Wällen ausdehnten, lag. Ich -fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der Schweiß -auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen. -</p> - -<p> -Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten -des Wagens beunruhigt, fragte uns, was geschehen sei. -Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu sagen; er jedoch, -unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben schenkend, -strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, -dann legte er sich wieder und sagte fast gleichgültig: -</p> - -<p> -— Sie wollen nicht, daß ich lebe ... -</p> - -<p> -— Wer? frug ich erstaunt. -</p> - -<p> -— Die Brüder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte -und schloß die Augen, als wenn er den Tod -erwartete. -</p> - -<p> -Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal -Zeit, über die Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken, -da ich mit Peter beraten mußte, was jetzt zu -tun sei. Wir zogen schon eine Rückkehr auf das <em>Mare -Imbrium</em> in Erwägung, als Peter auf die glückliche -Idee kam, mit Hilfe des starken Reflektors den Boden -der Spalte zu beleuchten und uns über ihre Tiefe zu vergewissern. -Nachdem wir uns dem Rand genähert hatten, -warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in -die Spalte, die an dieser Stelle ziemlich eng und -nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich ganz von Schutt -angefüllt, aus dem mächtige Felsstücke hervorragten, eine -Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mächtigen -Gebirgsstromes gemahnte. Und wer weiß, ob hier -nicht tatsächlich einmal Wasser geflossen, den Weg ausnützend, -der durch andere Kräfte gebildet ward? -</p> - -<p> -Der Schein des Reflektors glitt über die schwarzen, sich -wild übereinandertürmenden Felsen, flammte auf und verlor -sich in tiefen, unregelmäßigen Zerklüftungen. Wir -standen immer noch ratlos, ohne zu einem Entschluß zu -kommen, als sich Martha uns näherte. -</p> - -<p> -— Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem -Tone, als wenn sie uns einen Befehl erteilte. -</p> - -<p> -Und dann fügte sie, auf Tomas deutend, hinzu: -</p> - -<p> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -— Ich muß leben, für ihn ... Um meinetwillen -braucht ihr jetzt nichts zu befürchten ... -</p> - -<p> -Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen? -So hatte sie niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten -seltsam; in der ganzen Gestalt, in den Worten und -in der Bewegung lag eine Würde, eine selbstbewußte Hoheit. -Oh, wie schön ist dies Weib und wie begehrenswert! -... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken! -Da packte mich plötzlich eine rasende Wut. Ich rüttelte -ihn brutal bei der Schulter und schrie: -</p> - -<p> -— Siehst du nicht, daß wir keine Zeit zu verlieren -haben! Fahren wir zurück oder vorwärts? -</p> - -<p> -Peter wandte sich hastig zu mir und wir maßen uns -eine Weile, wie bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu -springen. Ein halblautes, höhnisches und verächtliches -Lachen Marthas ließ sich vernehmen. Ich hatte das Gefühl, -als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins Herz -bohrte. Wir ließen beide beschämt den Blick sinken. Mir -scheint, daß ich dies Weib zu hassen beginne. -</p> - -<p> -Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen -und sie, die am Boden zerstreuten Steine benützend, zu -überklettern. Das war freilich leichter gesagt als getan. -Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der östlichen Wand -des Quertales einen schrägen Abhang entdeckt hatten begannen -wir den Wagen mit der größten Vorsicht dort -hinabgleiten zu lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete -unserer auf dem Boden der Spalte. Bis hierher konnte -weder das Licht der Sonne noch das der Erde dringen, so -daß wir uns in vollständiger Nacht befanden. Es ist mir -unmöglich, die Mühen zu schildern, die uns der Weg über -diese paar hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -Lampe erleuchtete nur einen schmalen Streifen vor -uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu orientieren. Abwechselnd -ging einer von uns zu Fuß voraus, während der -zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang -in die Höhe, schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal -blieb er sogar so stecken, daß wir daran zweifelten, ihn -wieder loszubekommen. Endlich gelangten wir an die -gegenüberliegende Seite der Spalte. Zum Glück neigte -sich hier der Boden ein wenig, so daß wir auf der so entstandenen -Senkung mit Hilfe der „Tatzen“ hinaufklettern -konnten. -</p> - -<p> -Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon -ins Licht der Sonne. -</p> - -<p> -Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem -Ruck des Wagens so plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden -Welle die Augen schließen mußte; als ich sie -wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze fürchterliche -Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. -Einige hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh -in den Boden senkende Wand, die durch einen Streifen -absoluter Schwärze von uns getrennt war. Ich hatte nur -eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen Augenblicken -dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien, -grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß -wir uns hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige -Felsen, die vor uns im elektrischen Licht aufleuchteten, als -wenn sie, aus dem Nichts herausgewachsen, in Nichts -wieder zerfließen würden — aber an die Wirklichkeit -dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben. -</p> - -<p> -An der Oberfläche des <em>Quertales</em> angelangt, blieben -wir stehen, um die „Tatzen“ abzunehmen und den Wagen -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -zu untersuchen, ob er nicht etwa beschädigt sei. Alles war -in Ordnung, und wir konnten weiterfahren. Alles — mit -Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen Erschütterungen -hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar -Stunden wie tot dalag, nur manchmal leise stöhnend. -</p> - -<p> -Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als -Tomas plötzlich aufsprang und sich auf das Lager setzte. -In seinen weit aufgerissenen Augen brannte wieder das -Fieber. Peter war am Steuer des Wagens beschäftigt, -aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns -mit irren Blicken an, dann rief er plötzlich: -</p> - -<p> -— Martha, ich werde sterben! -</p> - -<p> -Martha erblaßte und neigte sich zu ihm: -</p> - -<p> -— Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, -und eine Röte übergoß ihr Gesicht. -</p> - -<p> -Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich -noch tiefer zu ihm herab und begann halblaut malabarisch -zu ihm zu sprechen. Ich verstand die Worte nicht, aber -ich sah, daß sie einen großen Eindruck auf Tomas machten. -Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein unendlich -trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine -Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar -des auf seine Brust gebeugten Mädchenkopfes. -</p> - -<p> -So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in -seinen ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch -versuchte er von neuem sich aufzusetzen. Es fehlte -ihm, scheint’s, der Atem. -</p> - -<p> -— Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer -wieder angstvoll, und sie antwortete unermüdlich: „Du -wirst leben.“ Für gewöhnlich verstummte er darauf wie -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber -diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte: -</p> - -<p> -— Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... -Und dann fügte er hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, -zu leben ... die Brüder Remogner ... -</p> - -<p> -Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und -fragte ihn, alle Rücksicht auf seinen Zustand vergessend, -was die Brüder Remogner mit seiner Krankheit gemein -hätten. -</p> - -<p> -Er zögerte, dann sagte er schmerzlich: -</p> - -<p> -— Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch -sagen ... -</p> - -<p> -Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch -sein Herzklopfen und die Atemnot unterbrochen wurde. -</p> - -<p> -— Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort -in der Wüste hinter den „<em>Drei Köpfen</em>“? Heute noch -sehe ich sie vor mir, mit ihren zertrümmerten Türmen -und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich sterben -muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie -nicht aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... -Als ich den Wagen verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes -Gestein klettern, das dem zerstörten Pflaster eines -alten römischen Kastells irgendwo in der Schweiz oder im -italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an -eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt -vor mir wie auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich -das mächtige Tor mit dem halben Bogen und den hohen -Säulen, als plötzlich, plötzlich ... -</p> - -<p> -Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom -Lager. Die Augen hatte er weit geöffnet, das leichenblasse -Gesicht wurde jetzt grün. -</p> - -<p> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -— Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir -schien es so ... einst ... daß die einzige Wahrheit das -Wissen ist, das sich auf die Erfahrung stützt und sich in -mathematische Formeln fassen läßt. Und dennoch gibt es -unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich -lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir -wissen bis jetzt sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr -wenig ... -</p> - -<p> -Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, -als wenn er sich vergewissern wollte, ob wir nicht etwa -über seine Worte spöttelten, aber wir saßen still und -in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr in -der unterbrochenen Erzählung fort: -</p> - -<p> -— Da ... erblickte ich ... zwei Schatten — nein, -zwei Menschen, Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus -dem Tore direkt auf mich zu ... Die Knie wankten mir. -Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst verjagen, -aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf -Schritte vor mir — die Brüder Remogner! Sie standen -beide da, sich bei der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, -blutig, wie wir sie gefunden haben. Und beide starrten mich -so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß ich nicht ängstlich -bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage -ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst -versteinerte mich und das Blut gerann mir in den Adern. -Ich konnte mich nicht rühren — mich nicht abwenden ... -Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen! Und ich -hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine -Luft war ... -</p> - -<p> -— Und was haben sie gesprochen? stieß ich unwillkürlich -hervor. -</p> - -<p> -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -— Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug, -daß ich es hören mußte, oh, mehr wie genug, mehr wie -genug! ... Sie sagten mir wie ich sterben würde und wie -ihr sterben werdet, ihr — beide ... Sie bezeichneten Tag -und Stunde ... Und sie sagten weiter, daß man nicht -ungestraft die Erde verläßt und in die Geheimnisse zu -dringen versucht, die dem menschlichen Auge verborgen -sind. Sie sagten, es wäre besser gewesen, wenn wir dort -gestorben wären, auf dem <em>Mare Imbrium</em>, statt ihnen, -den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen -zu verlängern, ja, der Qualen ... „Wir sind euch gefolgt,“ -sagten sie, ich hörte es ganz deutlich, „und ihr seid an -unserem Tode schuld, aber auch ihr“ ... Bei diesen -Worten blinzelten sie haßerfüllt mit den erloschenen -Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem -boshaften Lächeln. Da bemerkte ich, daß hinter ihnen -O’Tamor stand, blaß und vertrocknet ... Er lächelte -nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte voll -Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf, -und die ganze Willenskraft zusammennehmend, riß ich die -erstarrten Füße vom Boden los und stürzte davon. Ich -dachte nicht mehr an die Stadt — an gar nichts. Ich lief -und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und aufstehen, -aber da fühlte ich, daß ich keine Luft hatte und -verlor das Bewußtsein ... -</p> - -<p> -Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame -Beklemmung. Ich bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß -das alles nur eine Täuschung war, wie jene Stadt selbst, -die ich heute ebenfalls für eine Täuschung, hervorgerufen -durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber -ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen. -</p> - -<p> -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so -unlösbare Rätsel — so unerforschliche Geheimnisse! ... -Auf diesen erloschenen Globus sind Menschen gekommen, -ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem Menschen -und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, -auch jenes Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen -Zeiten auf Erden jedem Wissen, jeder Forschung getrotzt -hat, gefolgt ... -</p> - -<p> -Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte -frug er wo wir seien. Ich sagte ihm, daß wir uns -dem Ende des <em>Quertales</em> näherten und bald auf das -<em>Mare Frigoris</em> gelangen würden. Er hörte zu, als -wenn er meine Worte nicht verstünde. -</p> - -<p> -— Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich träumte, -daß ich auf der Erde war ... -</p> - -<p> -Dann wandte er sich zu Martha: -</p> - -<p> -— Martha, erzähle mir, wie es auf der Erde ist. -</p> - -<p> -Und Martha begann zu erzählen: -</p> - -<p> -— Auf der Erde ist blaue Luft und über sie dahin wandeln -die Wolken. Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze -mächtige Meere. Am Strande der Meere ist Sand, und -verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut, und dann -gibt es Wiesen, auf denen süße, wonnige Blumen blühen, -und Vögel singen in den Wäldern. Wenn der Wind sich -erhebt, so heult das Meer auf, und die Wälder brausen, -und die Blätter säuseln ... -</p> - -<p> -So erzählte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir -hörten ihren Worten zu, wie dem schönsten Zaubermärchen -... Der Kranke bewegte langsam die Lippen, -als wenn er wiederholen wollte: und die Wälder brausen, -und die Blätter säuseln ... -</p> - -<p> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -— Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut. -</p> - -<p> -Ein herzzerreißendes Schluchzen Marthas antwortete ihm. -Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den -Rand des Lagers gedrückt, erbebte sie in krampfhaftem -verzweifelten Weinen. -</p> - -<p> -— Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand -ihr Haar berührend. -</p> - -<p> -Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem -Gesicht zu uns und begann wieder mit abgebrochener -Stimme, die wie mit großer Anstrengung aus der Brust -hervordrang, zu sprechen: -</p> - -<p> -— Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will -nicht sterben! Nicht hier! Hier ist’s so entsetzlich! Rettet -mich! Ich will ... leben, noch ... leben ... Martha ... -</p> - -<p> -Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die dürren -Hände nach uns aus. -</p> - -<p> -Was sollten wir ihm antworten? ... -</p> - -<p> -Wir nähern uns dem Ausgang des Tales, und die Fläche -des <em>Mare Frigoris</em> liegt schon vor uns. Ich habe die -schmerzliche Gewißheit, daß wir sie allein zurücklegen werden -— ohne Tomas! -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag, dreiundzwanzig -Stunden nach Sonnenuntergang. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb; -sie haben sich bewahrheitet. Auf die Ebene <em>Mare Frigoris</em> -fuhren wir allein. Tomas Woodbell ist heute bei -Sonnenuntergang gestorben. -</p> - -<p> -Eine fürchterliche Leere! Wir werden immer weniger; -nur mehr drei sind geblieben ... Ich kann an nichts -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -anderes denken als an diesen stillen, entsetzlichen Tod -Woodbells. -</p> - -<p> -Die Sonnenscheibe berührte bereits mit dem unteren -Rande den Horizont, als wir endlich, nach einer Woche -Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor uns erstreckte -sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen vergoldete -Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir -bei ihren früheren Untergängen nicht bemerkt haben, sich -dem Horizont zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und -das Rund des schwarzen Himmels um sich herum ein -wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses Zeichen, daß -die Atmosphäre hier dichter ist. Wir stellten auch einen -zweiten, sehr günstigen Umstand fest: Das <em>Mare Frigoris</em> -ist ganz mit Sand bedeckt, was darauf schließen -läßt, daß diese Ebene tatsächlich einstmals Meeresgrund -gewesen ist. -</p> - -<p> -Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil -Tomas sich scheinbar ein wenig besser fühlte. Wir wurden -schon hoffnungsvoller; es schien uns, daß wir im Fluge -diese Ebene durcheilen, und ehe die neue Sonne aufgeht, -mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein würden! -Daß wir das Wehen des Windes fühlen, das Rauschen -des Wassers hören, das Grün der Wiesen wiedersehen -sollten ... -</p> - -<p> -Allein wie anders wollte es das Schicksal! -</p> - -<p> -Wir waren kaum einige Meter auf der Fläche gefahren, -als Tomas uns bat, den Wagen anzuhalten. Die kleinste -Bewegung quälte ihn unsagbar ... -</p> - -<p> -Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und -auf die Sonne schauen, bevor sie untergeht. -</p> - -<p> -Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -zur Sonne, die ihre letzten goldenen Strahlen auf sein -totenbleiches Gesicht herabfließen ließ. Er starrte eine Zeitlang -unbeweglich in ihr Leuchten, dann wandte er sich zu -Martha: -</p> - -<p> -— Martha, wie ist das: „Sonne, du lichter Gott“ ... -Wie geht das weiter? -</p> - -<p> -Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde -aus gesehenen Sonnenuntergang, in den vollen Glanz, -streckte die Hände aus und die tränenvollen Augen zu dem -schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb sprechend, -halb singend eine seltsame, in Rhythmen tönende Hymne: -</p> - -<div class="hymn"> -<p class="noindent"> -Sonne, du lichter Gott, du wandelst von -uns zu Ländern, die wir nicht kennen! -</p> - -<p> -Sonne, du Leuchte des Himmels, du -Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen -in Trauer zurücklassend, um denen zu -leuchten, die schon aus der irdischen Hülle -erlöst sind ... -</p> - -<p> -Die, aus den Körpern erlöst, noch keine -neue Gestalt annahmen, wie Gefangene, -die man für eine Spanne Zeit freiließ, -damit sie einen Tag der Stille und Ruhe -genießen, ehe sie zum Gefängnis, in ihre -Ketten zurückkehren. -</p> - -<p> -Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfaßbare, -der einen Tag der Stille zwischen -Kampf und Sorgen geschaffen hat ... -</p> - -<p> -In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang -aller Dinge; in Ihm sind die Seelen -derjenigen erlöst, die den Kampf schon beendet -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -haben, dahin heimkehrend, von wo -sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind. -</p> - -<p> -Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von -uns, und wir bleiben in Trauer zurück — -mit unserer Sehnsucht ... -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Woodbell hörte zu und schien einzuschlafen. Plötzlich -rief er angstvoll: -</p> - -<p> -— Martha, O’Tamor ist gestorben? -</p> - -<p> -— Ist gestorben. -</p> - -<p> -— Die Remogners sind gestorben? -</p> - -<p> -— Sind gestorben. -</p> - -<p> -— Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ... -er deutete mit den Augen auf uns. -</p> - -<p> -— Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen -tiefen Überzeugung. -</p> - -<p> -— Ah, ja ... flüsterte der Kranke, aber was hilft es -mir ... -</p> - -<p> -Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre -Vorderpfoten auf das Lager und leckte die herabhängende -Hand ihres Herrn. Er blickte auf sie und machte eine Bewegung, -als wenn er das treue Tier streicheln wollte, aber -scheinbar fehlten ihm schon die Kräfte. -</p> - -<p> -— Meine, meine Hündin ... flüsterte er nur. -</p> - -<p> -Dann sagte er, daß er auf die Erde schauen wolle. Wir -legten ihn so, daß er sie vor sich hatte. Sie stand gerade -im ersten Viertel über den Felsen im Süden. Er blickte -lange, die Hände ausstreckend, in heißem Verlangen auf -diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der -Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine -Fluten erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt. -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -— Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke. -</p> - -<p> -— Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein -Echo. -</p> - -<p> -— Dort waren wir glücklich ... -</p> - -<p> -— Ja, glücklich. -</p> - -<p> -Der Kranke begann wieder unruhig zu werden. -</p> - -<p> -— Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem -Tode? ... Denn sieh, ich will nicht ... hier herumirren -... auf dieser Wüste ... in dieser Totenstadt ... -Martha, werde ich dorthin kommen ... -</p> - -<p> -Martha schwieg und ließ den Kopf sinken, Tomas drängte -wieder und wieder ... -</p> - -<p> -— Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem -Tode ... auf die Erde? -</p> - -<p> -Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper, -aber sie überwand sich und antwortete mit tränenerstickter -Stimme: -</p> - -<p> -— Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, für einen -Tag der Stille ... aber dann wirst du zu mir zurückkehren. -</p> - -<p> -Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhängenden -Hände waren bläulich und kalt. Er zuckte noch -einmal und flüsterte kaum hörbar: -</p> - -<p> -— Martha, wie ist es auf der Erde? ... -</p> - -<p> -Und Martha erzählte von neuem vom rauschenden Meer, -von blühenden Wiesen, von duftenden Blumen! -</p> - -<p> -Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber -ruhiges Lächeln und die Augen begannen sich langsam zu -schließen. Noch einmal öffnete er sie für einen Augenblick, -schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der nur noch -ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war — -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -seufzte leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden -Tages ... -</p> - -<p> -In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und -ihm die Augen mit Sand bedeckt. -</p> - -<p> -Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden -unterwegs. -</p> - -<p> -Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten -schon beim Ausgang aus dem <em>Quertale</em> den fünfzigsten -Parallelkreis; die Erde erhebt sich nur noch 40° über -dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche -keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht, -wollen wir die ganze Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen. -</p> - -<p> -Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz -erschlafft da, fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren -Füßen heult Selena nach ihrem verstorbenen Herrn. Wir -geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen, aber Selena -nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert -zu werden. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf Mare Frigoris, 0° 6’ östlicher Länge, 55° nördlicher -Mondbreite, nach Mitternacht, zu Beginn des -vierten Tages. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit -hundertsiebzig Stunden, das heißt, seit dem Tode Woodbells, -bewegten wir uns in nordwestlicher Richtung. Jetzt -ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ... -Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn -begraben haben. -</p> - -<p> -Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder -unseres Wagens, während nur das Zischen des Motors die -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -lautlose Stille und das bleierne Schweigen unterbricht, das -auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt da, stumm, -mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen -Augen, in denen die Tränen schon vertrocknet sind. -</p> - -<p> -Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie -nicht mehr fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen -herum, alle ihm gehörigen Gegenstände und was seine -Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd. Schließlich -legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn -einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie -die Tollwut bekäme, und mußten sie töten, obwohl es -uns unendlich leid tat. Übrigens bin ich überzeugt, daß -sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte. -</p> - -<p> -Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn -wir — was können Peter und ich miteinander sprechen? -Es ist etwas Furchtbares geschehen. Der Tod Woodbells -bedeutet in diesem Falle nicht nur den Verlust eines Menschen, -eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser -Tod ist ein unermeßliches Unglück, — eine wahnsinnige -Ironie des Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau -geworfen hat, die wir in gleichem Maße heiß begehren. Ich -kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich ein Schauer erfaßt -und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser -— Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes. -Es scheint mir, daß Woodbells Geist uns noch nahe ist, -daß er mir ins Herz sieht, diese meine Gedanken lesend, -aber ich kann dennoch nicht widerstehen — ich kann nicht! -Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle -Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, -daß ich sie vor mir sehe — immer — mit einer furchtbar -unerhörten Deutlichkeit, auch wenn ich die Augen schließe. -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -Ich versuche meine Gedanken von ihr abzulenken, sie mit -Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde, -aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens, -werfen sich auf sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben -sich an ihren Formen, schlängeln sich um ihren Leib und -beschmutzen ihn mit den lüsternen Schnauzen, und da sie -sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie zu bellen, -mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie -hin und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken, -wie sie mich peinigen und quälen! -</p> - -<p> -Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe -es! Und er weiß ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher -dieser stumme, verbissene Haß zwischen uns. Weshalb -soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit schönen -Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn -sie steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser -fürchterlichen Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer -Seele, daß einer von uns zu viel ist. Wir sprechen nicht -miteinander und sehen uns nicht in die Augen. Manchmal -nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem entsetzlichen -Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch -die Fenster eines im Innern flammenden Hauses. -</p> - -<p> -Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl -ich weiß, daß er mich jeden Augenblick, ohne zu -wissen, was er tut, hinterrücks niederschlagen und morden -kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich schreibe und er -hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein -Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich -will seinem Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem -Spiegel, meine eigene Gemeinheit sehe. -</p> - -<p> -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem -plötzlichen, unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann -über allen Ausdruck furchtbar, wenn er sich langsam nähert -und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung. Ich -fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf -die er kein größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre -vom Kummer noch bleichen Wangen durch Küsse röten, -ihre Brust, die noch in ungestilltem Schluchzen bebt, zu -schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann. Ah, -ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig -so mit unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben, -ohne jegliche Gefahr ist! -</p> - -<p> -Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir -ins Gesicht speien und dann vor ihn hintreten und sagen: -Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen wir uns, wie -zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden -Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle -Welt, kämpfen wir um die Geliebte unseres toten -Freundes, die für uns nichts fühlt als Gleichgültigkeit und -Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute um sie, ehe wir -morgen sterben! -</p> - -<p> -Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu -tun. Oh, wie ich mich verachte! -</p> - -<p> -Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, -in denen ich fähig wäre, mich auf sie zu werfen -und ihren schweigenden, traurigen Mund durch Schläge zum -Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei zugleich mit -dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ... -Wir würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu -leben, am Ende dann sogar freiwillig sterben, aber zum -wenigsten würde nichts zwischen uns sein ... -</p> - -<p> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch -leben, wenn sie diesen Menschen so geliebt hat, und wenn -er für sie alles gewesen ist und mit ihm für sie alles geendet -hat? Wir sind gemein, aber auch sie ist gemein! -Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit -gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht -überleben. Und diese Hündin hat doch nicht den hundertsten -Teil der Liebkosungen gekostet, hat nicht den tausendsten -Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau überhäuft -hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer -weiß, vielleicht wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar -im Schmerz erkaltet und erloschen sind, schon auf einen -von uns verstohlene Blicke, vielleicht keimt in ihrem Hirn, -das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der Gedanke: -Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das -ewige Werk des Weibes zu erfüllen? ... -</p> - -<p> -Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher, -elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, -also heiliger Trieb des Seins und des Zeugens, der uns -nicht zurückblicken, mit der Vergangenheit nicht rechnen, -noch an die Zukunft denken läßt. Und dennoch ist für -mich das alles so ekelhaft — so widerwärtig — ungeheuerlich! -... -</p> - -<p> -Ah, warum lebt dieses Weib? Warum? -</p> - -<p> -Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals -verwinden könnte. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Auf Mare Frigoris, 0° 30’ östlicher Länge, 61° nördlicher -Mondbreite, vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig -Stunden nach Mitternacht. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>artha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst -leben! Ach, daß ich das damals nicht gleich verstanden habe! -</p> - -<p> -Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich, -am Steuer sitzend, bemerkte, daß Peter sich fortgesetzt um -mich herum zu schaffen machte, mit einer Miene, als wenn -er eine Unterredung beginnen wollte. Mich wunderte das, -weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber -gleichzeitig freute es mich auch. Ich fühlte, daß die Zeit -endlich gekommen war, dieser unerträglich drückenden Situation -durch eine Aussprache ein Ende zu machen. -</p> - -<p> -Ich frug ihn also so höflich wie nur möglich: -</p> - -<p> -— Wünschst du etwas von mir? -</p> - -<p> -— Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend, -ich wollte mit dir reden ... -</p> - -<p> -Ich bemerkte, daß er sich zu einem Lächeln zwang, aber -seine Züge zuckten krampfhaft dabei. Unwillkürlich blickte -ich auf seine Hände. Und er, als wenn er meinen Blick -verstanden hätte, errötete und zog die Hände leer aus den -Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er etwas -stockend: -</p> - -<p> -— Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es -scheint, daß wir diese Nacht nicht anzuhalten brauchen, -da die Kälte nicht so empfindlich ist und der Weg eben -und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont steht; -im übrigen wirst du zugeben, daß man sich eilen muß, -also ... -</p> - -<p> -Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer -verwirrter. Plötzlich änderte er den Ton und schrie heftig: -</p> - -<p> -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -— Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach -Norden? -</p> - -<p> -— Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend. -</p> - -<p> -Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol -sprang auf und begann unruhig auf und ab zu gehen. -Ich war mir klar darüber, was in ihm vorging; ich wußte, -wovon er mit mir sprechen wollte, und daß er über gleichgültige -Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen -konnte, das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenüberstellte, -die früher oder später schließlich fallen mußte. Eine -Zeitlang empfand ich eine boshafte Freude über seine Hilflosigkeit, -aber dann tat er mir plötzlich so unendlich leid, -daß ich fähig gewesen wäre, mich ihm an den Hals zu -werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwören, -ihm alles mögliche zu sagen, daß ich ihm das -Weib abtreten wolle, — oder ihn zu bitten, sich mit ihrem -Tode einverstanden zu erklären — ah, ich weiß selbst nicht -mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich -sofort; das führt absolut zu nichts. Ich fühlte indes, daß -es unmöglich war, die endgültige Auseinandersetzung noch -weiter hinauszuschieben. -</p> - -<p> -— Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt. -</p> - -<p> -Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton -in meiner Stimme betroffen, und sah mir forschend in die -Augen. Dann lächelte er traurig und fuhr mit der Hand -über die Stirn. Ich bemerkte, daß seine Hand wie im -Fieber zitterte. -</p> - -<p> -— Ja, in der Tat, ich wollte — überdies ... -</p> - -<p> -Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem -Zögern sagte er mit abgebrochener, rauher Stimme in -deutscher Sprache, damit sie ihn nicht verstehen konnte: -</p> - -<p> -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -— Was werden wir mit diesem Weibe tun? -</p> - -<p> -Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich -wie ein Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen; -das Blut klopfte mir in den Schläfen und verschleierte -mir die Augen. Mein Herz schlug zum Zerspringen; die -Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende Augenblick -war gekommen. -</p> - -<p> -Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, blaß wie -eine Leiche und starrte mir hartnäckig in die Augen. Diesen -Blick werde ich bis zu meinem Tode nicht vergessen! Es -lag eine Angst darin und ein fast hündisches Flehen — -und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung. -</p> - -<p> -Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir -klar darüber zu sein, was ich tat, trat ich an Martha -heran, die still dasaß und irgend etwas nähte. Er folgte mir. -</p> - -<p> -— Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie -mir jetzt scheint, lächerliche Frage, obwohl ich damals keine -Lust zum Lachen hatte, stieß ich ganz unvermittelt hervor. -</p> - -<p> -Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot -und sagte langsam mit leicht zitternder Stimme, als -wenn sie sich rechtfertigen wollte: -</p> - -<p> -— Ich warte auf Tomas’ Rückkehr ... -</p> - -<p> -Eine rasende Wut packte mich. -</p> - -<p> -— Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die -Arbeit, über die sie sich neigte, aus den Händen reißend. -Ich weiß nicht, was weiter geschehen wäre, wenn ich nicht -in diesem Moment einen Blick auf das Stück Leinwand, -an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd. -</p> - -<p> -Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, -streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -aufmerksam machend. Er schrie leise auf und ging schnell -zum Steuer des Wagens. -</p> - -<p> -Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit -einer solchen Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte -sie ihm nicht! -</p> - -<p> -Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem -Tode des Vaters geborene Kind die Seele des Verstorbenen -über. Sie wartet also, fest überzeugt, daß Tomas in dem -Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er als Geist die -Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser -Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die „frohe Kunde“ -gebracht haben, daß sie in diesem Kinde seiner warten -werde, wohl damals, als sie kurz vor seinem Tode malabarisch -zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr mich -wie ein Blitz. -</p> - -<p> -Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses -kleine Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen -zurechtgeschnitten war. -</p> - -<p> -Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte -das Gefühl, als wenn in meinem Herzen etwas zersprungen -wäre, irgendein widerwärtiges Geschwür und gleichzeitig -fiel es mir wie ein Schleier von den Augen. Martha erschien -mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit -einem Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe! -Das war nicht mehr das Weib, um dessen Besitz ich noch -vor einem Augenblick mit meinem Freund und einzigen -Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das -war die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod -durch das große Geheimnis des Lebens und der Liebe. -</p> - -<p> -Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele; -Dankbarkeit dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -allein sein werden, und daß sie sich mit der Heiligkeit -der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns, die wir — -blind! — in ihr nur das begehrenswerte Erbe des -Toten gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu -wissen, und küßte ihre Hand. Sie zuckte zusammen -und verstand anscheinend meine stumme Huldigung, -denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber -schon von Stolz über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete. -</p> - -<p> -Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das -alles löst ja die uns quälende Frage durchaus nicht, sondern -rückt sie nur für eine bestimmte Zeit in die Ferne und -trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig, als wenn die ganze -Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die Überzeugung, -daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern -demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, -ganz vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen -wird, wo ... -</p> - -<p> -Aber nein, nein, ich will nicht daran denken! -</p> - -<p> -Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden! -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des vierten -Mondtages. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>och kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns -geweckt und eine solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz -vorausgegangen, eine Erscheinung, wie wir sie hier auf -dem Mond noch nicht gesehen hatten. -</p> - -<p> -Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden -Augenblick, daß der Gipfel des Berges, der im Lichte der -Erde vor uns emporstieg, in den ersten Strahlen der aufgehenden -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor dies -geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas -hellere Farbe an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. -Zuerst glaubten wir, daß sich unter dieser bedeutenden -Breite — wir passierten bereits den sechzigsten Parallelkreis -— das Zodiakallicht, das in der Nähe des Äquators -und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer -Weise zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; -der Himmel färbte sich weit und breit leicht silbern über -dem Horizont und die Sterne verblaßten in diesem weißen -Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des <em>Timaeus</em> — -jener Krater, dem wir uns näherten, — in der Sonne auf, -aber — o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der -Nacht wie zart erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich -noch länger daran zu zweifeln, daß diese Dämmerung -und dieses rosige Licht uns dichtere Luft verkündeten, die -schon genügte, durch die sie durchgleitenden Sonnenstrahlen -zu leuchten und ihre Farben zu röten. -</p> - -<p> -Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter -zu, der mit der ganzen Seele in diese Erscheinung versunken -war; dann wandte ich mich zu Martha. -</p> - -<p> -— Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, -wo wir atmen können wie auf der Erde! -</p> - -<p> -Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich -alles mit einem traumhaft zarten Gold überzog, das den -ganzen Horizont erfüllte — wie unsere Herzen die Hoffnung -eines neuen Lebens ... -</p> - -<p> -Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die -vorhergehenden Tage, denn sie stieg nicht gerade in die -Höhe, sondern erhob sich hinter dem stark nach Süden geneigten -und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand -sie am Himmel in einem großen Kreise wie von weißem -Nebel, der langsam ins Blaue überging und sich allmählich -in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der -Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur -noch weiter von ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit -ihrer Farbe ist geschwunden; sie ähneln immer -mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit denen sich der -nächtliche Himmel über der Erde schmückt. -</p> - -<p> -Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden -diesen Wagen verlassen können und mit voller Brust zum -erstenmal die Mondluft einatmen! -</p> - -<p> -In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück -Wegs zurück! Die Nachtkälte ist hier in der Nähe des -Pols bedeutend geringer als am Äquator, da die Sonne -nicht so tief unter den Horizont fällt; wir brauchten uns -infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei Sonnenuntergang -auf das <em>Mare Frigoris</em>, das wir jetzt -bereits hinter uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges -Land vor uns aufzusteigen; der <em>Timaeus</em> ist ein Grenzpfahl, -den wir gerade passieren. -</p> - -<p> -Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, -die, einer breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet -und, wie die Karten zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis -reicht. Sie ist nicht so eben wie das <em>Mare Frigoris</em>, -im Gegenteil, ganz mit kleinen und gleichlaufenden -Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren -werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese -Strecke zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß -wir beim Anbruch der nächsten Nacht schon im Gebirge sind. -Dann trennen uns noch gegen sechshundert Kilometer vom -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -Pole. Aber was bedeuten sechshundert Kilometer, nachdem -wir schon so viele zurückgelegt haben! -</p> - -<p> -Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten -zwischen uns sind verflogen; der quälende Alp, der -während der Nacht auf uns lastete, ist wie Nebel im Glanz -der aufgehenden Sonne verschwunden. Der Gedanke, daß -wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt -den Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht -uns so froh und ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, -als wenn wir um die verlassene Erde nicht mehr trauerten ... -</p> - -<p> -Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere -Qualen; was würde ich dafür geben, wenn wir mit ihm -die Hoffnung des Lebens teilen könnten! ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach -Sonnenaufgang, 0° 2’ östlicher Länge, 65° nördlicher -Mondbreite. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>ine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß -nicht, woher sie kommt und was sie von mir will. Die Reise -geht schnell vonstatten, der Himmel überzieht sich langsam -mit dunklem Blau, durch das die bis jetzt strahlenlosen -Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die Nähe -jener „versprochenen Erde“, wo wir endlich nach allen, -nun schon vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, -und ich, statt mich zu freuen, bin traurig, unsagbar traurig -und niedergedrückt. Was ist daran schuld? Vielleicht diese -Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt und die -wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen -verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg -durch die entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht -diese inneren Erlebnisse, von denen sich meine Seele -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -noch nicht erholen kann, vielleicht auch der Gedanke an -dieses Kind des Verstorbenen, das in einem unbekannten -Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden soll. -</p> - -<p> -Ich bin ruhig, — nur diese unerträgliche Traurigkeit -und diese Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von -den blendenden Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen -Flächen und zerklüfteten Berge ermüdet mich unsagbar ... -Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen, ein Teich, -ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ... -</p> - -<p> -Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. -Wir fahren auf dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten -Meeres, auf darauf angesetzten, an der Oberfläche -zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich die Reste -ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült -worden sind. -</p> - -<p> -Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, -den gebogenen Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals -wie eine goldene Scheibe zwischen den Wolken, die -über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur der -Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, -steil, riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht -mehr vorhandenen Wogen ... Wind und Sturm haben -seine zu Staub zerriebenen Überreste verweht, jetzt gibt es -auch diese nicht mehr — nur Leere und Starrheit ... -</p> - -<p> -Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben -zu sehen! Oh, nur so schnell wie möglich, die Kräfte -könnten erlahmen! -</p> - -<p> -Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das -ist natürlich! Sie hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, -daß sie an diese Welt sogar mehr denkt als an den verstorbenen -Geliebten. Ich sehe oft, wie sie, über der Arbeit -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die Zukunft -schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt, -daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine -rosige Kind sieht, wie es die Händchen nach ihr ausstreckt. -Manchmal verscheucht wohl ein tiefer Seufzer dieses glückselige -Lächeln, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das -ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen -wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß -seine Seele nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, -wenn er am Leben geblieben wäre. -</p> - -<p> -Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und -spricht wenig mit uns; nur einmal sagte sie zu mir: -</p> - -<p> -— Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn -ich werde ihm aufs neue das Leben geben ... -</p> - -<p> -Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so -von sich sprechen kann? -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf der -Hochebene vor dem Goldschmidt, 1° 3’ östlicher Länge, -69° 3’ nördlicher Mondbreite. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den -Bergen, die sich bis zum Pole hinziehen. Diese Hochebene -ist ganz eigentümlich; sie ist wie übersät mit einzelnen kreisförmigen -Bergen, zwischen denen sich hohe, weit ausgedehnte -Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns liegende -mächtige <em>Goldschmidt</em> und der sich mit ihm im Osten -berührende und noch höhere <em>Barrow</em>. Es kommt mir jetzt -erst zum Bewußtsein, wie seltsam es ist, daß wir hier -Berge und Länder vorfinden, die noch kein menschlicher Fuß -betreten hat, und die doch schon von Menschen bezeichnet -sind ... Ein sonderbarer Gedanke. -</p> - -<p> -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles -der Hochebene. Wenn wir hinter uns blickten, würden -wir über dem Horizont der Wüste die verblaßte Erde, -die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist, bemerken. -Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese -Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. -Dicht über der Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, -stand die Sonne. -</p> - -<p> -Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf -dieser vier Monate vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt -hat und nur wir, uns dem Pole nähernd, von ihr geflohen -sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes. Die nachmittagliche -Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht, -quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht -mit ihrem Glanze. Traurig und müde scheint diese Sonne -zu sein, so wie wir ... Rings auf der Hochebene lagern -tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach Norden -zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in -dieser Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich -scheinen, in einem breiten Kreise um Erde und Sonne -zerstreut. -</p> - -<p> -Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit -des eigenen Körpers auf dem Monde habe ich manchmal -das Gefühl, daß Kopf und Hände und Füße aus Blei -sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So unendlich -lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir -die sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, -zu zweifeln, ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen -werden ... Übrigens — Ziel? Welches Ziel? Ach, alles -ist so ermüdend und traurig! -</p> - -<p> -Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -sie nicht wäre, hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand -zu rühren, um das Steuer des Wagens nach dem Pole zu -lenken, dem wir mit solcher Anstrengung entgegeneilen. -Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht -es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen -und mich aufrecht zu erhalten. Wodurch habe ich so viel -Güte ihrerseits verdient? Etwa durch das Unrecht, das -ich ihr durch meine schändlichen Gedanken zugefügt -habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, -mit Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser -Frau. Ich möchte leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu -sein ... Und wer weiß, ob ich leben werde. -</p> - -<p> -Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. -Diese und andere und wieder andere, denn zum Pol -ist es noch weit ... Ich habe keine Kräfte mehr, ich kann -nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen mir, ich bringe -sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich sagen -wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte -ausstrecken und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf -Martha schauen, die immerfort lächelt — im Gedanken an -ihr Kind. Die Glückliche! -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und -Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach -Mittag des vierten Mondtages. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich -überfallende Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin -und habe Angst davor. Wie werden sie sich zu zweit helfen -können — ohne mich? Der Weg wird immer beschwerlicher, -und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich -ihr Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O’Tamor -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -und Woodbell nun die Reihe an mich? Sie haben doch -vorausgesagt ... -</p> - -<p> -Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte -das Kind noch sehen, das geboren werden soll, ich möchte, -wenn auch nur noch einmal, mit voller Brust aufatmen -können. -</p> - -<p> -Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach -den Karten zu urteilen, sind die Berge, durch die wir uns -eben hindurcharbeiten, das letzte große Hindernis, das uns -vom Pol trennt. Wenn wir uns von der Einsattelung, auf -der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen haben, -werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach -Westen wenden, längs den nördlichen Abhängen des <em>Goldschmidt</em>, -dann wieder in nördlicher Richtung die Ringe -<em>Challis</em> und <em>Main</em> passieren, im Osten den Ring -<em>Gioja</em> umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem -Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene -gelangen, die von dem Polarlande nur mehr durch eine -einzige schmale Gebirgskette getrennt ist. -</p> - -<p> -So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die -Karten dieser Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu -sehen sind, erweisen sich als ungenau. Dazu kommt, daß -der größte Teil des Weges in der Nacht, die schon beginnt -die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß. -</p> - -<p> -Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt -vor uns, aber nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden -Berge. Die Tiefen überflutet ein schwarzes -Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen, werden -die Sterne unsere einzigen Führer sein. -</p> - -<p> -In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, -nur mit der größten Willensanstrengung vermag ich klar -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -zu denken. Träume im Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen -wechseln in meinem Hirne. Habe ich etwa -Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu -kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen -mir vor den Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung -mit darauf schwimmenden blutigen Berggipfeln. -Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden -Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich -bin so entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen -schwarzen Ozean segeln? Vielleicht zur Erde? ... Ach, -es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns geblieben, weit -im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren, -niemals! ... -</p> - -<p> -In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich -glaube, ich habe Fieber. -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen Bergen. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte -mir, ich solle mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich -hatte noch etwas zu tun oder zu schreiben — ich weiß es -nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern. Ich bin -überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich -es nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum -ist es hier so dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar -im Kopf zerplatzt, muß zerplatzt sein, denn der Kopf -dehnt sich mehr und mehr, schwillt an, wächst; ist jetzt -so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, -daß wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich -es nur? Denn wo in aller Welt kämen denn die Hunde -her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit ihm geschehen, -aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ... -</p> - -<p> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen -müsse, weil ich Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum -soll ich es nicht haben ... Ist es mir nicht erlaubt? ... -</p> - -<p> -Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger -sind wie Blei ... Ich weiß nicht, was das alles bedeutet -— ich höre nur zwei Stimmen neben mir — ich -kann nicht mehr ... -</p> - -<p class="end"> -Ende des ersten Teiles. -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -Zweiter Teil -</h2> - -<p class="ptit"> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -Auf der andern Seite. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-1"> -I. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach -der langen Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt -hatte, gegen Ende jener entsetzlichen Reise durch die luft- -und wasserlose Mondwüste die Augen wieder öffnete. -Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf -diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser -Augenblick so lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum -einige Stunden seitdem verflossen wären. Und dennoch, -wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich, daß auf der Erde -bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die -Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und -zehn Jahre, seit wir den Wagen verließen, in dem wir -fast ein halbes Jahr eingeschlossen waren. Jetzt atmen -wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem Himmel, -genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen -Meeres, und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns -seltsam und fremd erscheinen, aber ebenfalls grün und -voll von eigenem Leben sind. Hundertvierunddreißigmal -hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an die wir -uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt -zu ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht -heran, ein Geschlecht von Menschen, die die Geschichte -ihrer Vorväter, wie diese einst von der Erde hierhergelangten, -von jenem fernen Stern, der in der Gestalt -einer mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont -emporsteigen wird, wenn sie zu den Grenzen der luftlosen -Wüste vordringen sollten, für eine Mythe halten -werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten gesehene, -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, -für uns ist es die Mutter, die wir für immer verlassen und -verloren haben. Aber den einzigen und stärksten Faden, -der uns noch mit ihr verbindet, konnten wir nicht zerreißen -— die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende -Sehnsucht. -</p> - -<p> -Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, -und wir werden alle sterben, die wir auf der -Erde geboren sind. Das neue Geschlecht wird mein Tagebuch -lesen und es wahrscheinlich lange Zeit hindurch für -ein heiliges Buch halten, <em>Exodus</em>, bis hier ein „Kritiker“ -erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung -von der Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie -grauer Zeiten ist. -</p> - -<p> -Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; -erscheint mir doch schon vieles von dem, was ich selbst -erlebt habe, nur noch wie ein phantastischer Traum. Vor -allem hat die Krankheit, während der ich einen ganzen -Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem -Leben eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es -mir zuerst schwer wurde, das, was vorher geschehen ist, -mit dem zu verbinden, was ich sah und erlebte, als ich -wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den Fieberträumen -zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war -überaus seltsam. -</p> - -<p> -Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, -wo ich mich befand. Mich umsehend, gewahrte ich -eine weit ausgedehnte Wiese, von Hügeln umgeben, die mit -frischem <a id="corr-11"></a>üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von -einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen -auf der Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -Nur die kahlen Gipfel der hohen Berge glühten in -vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte sich der blaßblaue -Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen. Ich -schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. -Da erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam -gingen und sich jeden Augenblick bückten, als wenn sie -etwas suchen wollten. Um sie herum sprangen zwei Hunde, -fröhlich bellend. -</p> - -<p> -Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner -unbekannten Gegend, und ich dachte nach, wie ich -wohl hierher gekommen, als ich mich plötzlich unserer -Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem -geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte -noch einmal rings umher, soweit ich dies tun konnte, -ohne den Kopf zu erheben, der schwer war, als wenn er -mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, -wo sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine -Fenster gesehen habe? Ich wollte die Menschen rufen, -die sich in der Nähe befanden, aber plötzlich überfiel mich -eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut hervorbringen -konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese -unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte -eine Expedition auf den Mond mitmachen und bin irgendwo -auf einer Wiese eingeschlafen, wer weiß, wie lange ich -schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur, daß ich -wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren Schwierigkeiten -kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt -war ... Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese -Gegend nicht kenne. -</p> - -<p> -Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene -Krankheit tauchte in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -hatte ich Fieber, und in Fieberträumen wandelte -ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese Phantasiegespinste -vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung -bei dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum -war, daß ich mich auf der Erde befinde und niemals gezwungen -sein werde, sie zu verlassen. Es überkam mich -ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand -ich, daß ich abermals zu träumen beginne. -</p> - -<p> -Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über -mein Lager gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen -Gestalten, und halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte -den leisen Ausruf zu hören: er schläft, worauf die zweite -Stimme antwortete: er wird leben. Das wunderte mich -sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich wach -war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den -halb geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl -ich, wie es mir schien, ziemlich lange geschlafen, hatte -sich die Beleuchtung der Gegend nicht geändert; es war -mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die über -mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, -als meine Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt -hatten, schienen mir diese Menschen bekannt zu sein, ich -konnte mich nur nicht auf ihre Namen besinnen. Langsam -wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die -an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren -Gipfel immer gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich -bemerkte, der Schein von einer anderen Seite auf sie fiel. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze -Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, -zwischen zwei hohen Bergen, stand ein mächtiger -grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: -das war die Erde — dort, am Himmel leuchtend! -</p> - -<p> -Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond -befinde, kehrte in seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief -mich wie ein eisiger Schauer. Ich stieß einen Schrei -aus und sprang vom Lager auf. Peter und Martha — -sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt -gesehen hatte — kamen mit lebhafter Freude herbei, aber -ich fühlte nur einen Schwindel und verlor abermals die -Besinnung. -</p> - -<p> -Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner -langen Krankheit; ich begann langsam gesund zu werden, -obwohl noch über hundert Stunden verflossen, ehe -ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder -gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit -geradezu rührender Fürsorge, und ich, noch zu schwach, -um zu fragen und zu sprechen, dachte nur darüber nach, -was um mich vorging, und was sich alles zugetragen hatte. -Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das -so ersehnte Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, -aber daß dies auf ganz natürliche Weise geschehen sei, -konnte ich mir noch lange Zeit hindurch nicht klar machen. -Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich -einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der -Wagen, sich indessen immer nach Norden bewegend, endlich -zum Pole gelangte, der noch einige hundert Kilometer -von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager geworfen -hatte. -</p> - -<p> -Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. -Ein seltsames Land! Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes -und der Dämmerung, wo es keine Himmelsrichtungen gibt, -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht Norden. -Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher -sinkt die Sonne hier nicht unter den Horizont, -noch erhebt sie sich am Himmel, sondern scheint sich -nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen. Besteigt -man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint -diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich -träge direkt am Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge -leuchten ewig im rosigen Lichte, das stets von einer anderen -Seite auf sie fällt; seitdem die Welt besteht, gibt es für -diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die grünen -Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie -liegen im Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter -Dämmerung. Ihr frisches dunkles Grün sieht nur den Abglanz -der kahlen, von der Sonne geröteten Gipfel, die einem -mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur selten, -während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der -Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, -in irgendeinem tiefen Felsenspalt mit einem flammend -roten Antlitz auf und steht so einen Augenblick im Tor -der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter Cherub. -Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm, -fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf -der dämmerigen Wiese einen breiten goldroten Streifen. -Einige Stunden gehen vorüber, die Sonne versteckt sich hinter -den Bergen, und wiederum überflutet ein sanftes -Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung -von der der Sonne entgegengesetzten Seite her -durch ein seltsames, schwaches, einem breiten, schillernden -Regenbogen ähnlichen Leuchten unterbrochen — das ist -die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich zu -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; -wie ein Traum, der schön und rein und traurig ist. -</p> - -<p> -Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht -der Polarländer des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich -bei ihrem Anblick die Empfindung hatte, als wenn ich -mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde befände. -Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über -die Erde; kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. -Ein immerwährender, herrlicher, wenn auch kühler Frühling -herrscht in diesem Lande, das wir schon über ein halbes -Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der blaßblaue -Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es -regnet fast niemals und infolgedessen gibt es auch kein -Wasser, keine Quellen, keine Bäche. Die Luft ist jedoch -so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit für -die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere -Gräser, Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich -vertrocknen, aber diese Länder am Mondpol haben eine -besondere, den Verhältnissen angepaßte Flora ... -</p> - -<p> -Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, -die dem Moose auf der Erde ähnlich sind und wie jenes die -Eigenschaft haben, die Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, -nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen so viel Wasser -in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die -zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. -Das Getränk gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber -mit dem Essen ist es schon schwieriger. Wir fanden zwar -einige Gattungen saftiger, dafür verwendbarer Pflanzen -und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen, die -großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir -nichts, uns eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -der Erde mitgenommener Vorrat an Brennmaterial war -bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend nichts zu -sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die -dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit -gesättigt, daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden -konnten und an ihr Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre -war gar nicht zu denken. Der Torf, den -wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von -Wasser, wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte. -</p> - -<p> -Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile -hergestellte Zelt verlassen, um auf der Ebene spazieren zu -gehen, als wir durch diesen vollständigen Mangel an Brennmaterial -bedroht wurden. Wir pflogen diesbezüglich große -Beratungen und machten verschiedene vergebliche Versuche -zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die -stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf -auf die Berge tragen, da er hoffte, daß sie dort in der -Sonne leichter trocknen würden, wie in diesem immer -gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den Höhen war -die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer -Zeit nahm der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft -von neuem so viel Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich -als vergeblich erwies. -</p> - -<p> -Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten -Holzgegenständen irgend entbehren konnten und schürten -damit ein letztes großes Feuer an, um das in der Gegend -gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns das -gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das -immer mit neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial -versorgt wurde. Aber diese Hoffnung erwies -sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem wir alles verbrannt -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste -und Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer -gewissen Menge von Brennmaterial das Dreifache nötig -gewesen wäre. Unser „ewiges Feuer“ erlosch nach einigen -Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß -wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren -des Wagens lud. -</p> - -<p> -So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von -Wasserdampf durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte -Luft bewahrte aufs glänzendste die spärliche Sonnenwärme, -so daß uns die Kühle nichts anhaben konnte. Doch fiel -es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu gewöhnen. Die -Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung entsprechend -zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben -wir für den Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend -zu kommen, die uns gar keine Nahrung liefern sollte, sorgfältig -auf. Wir ließen nämlich die Absicht niemals fallen, -noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten -Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten -uns drei Gründe von der Ausführung dieses Planes -zurück: vor allem war ich nach der überstandenen Krankheit -noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise ertragen -zu können, und auch Martha, die in Kürze der -Geburt des Kindes entgegensah, durfte sich keinen Gefahren -aussetzen. Schließlich gesellte sich noch, infolge des -Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den langen, -kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, -sobald wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig -gleichmäßig fahlen Lichtes, entfernten. -</p> - -<p> -Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die -auf dem Pol verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -meines Lebens auf dem Monde. Das Zelt, -das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau am -Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, -wo der Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns -hatten. Diesen Stern, der uns lange als Wegweiser diente, -sahen wir nur einmal, während der Sonnenfinsternis, am -Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten. Die -Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar -sind, zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die -Sonne hinter der Erdscheibe untergeht und diese Länder der -ewigen Dämmerung in kurze Nacht versinken. -</p> - -<p> -Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. -Unsere Hauptzeit verbrachten wir unter freiem Himmel -und berauschten uns an der Landschaft, die, obwohl sie -uns schon vertraut geworden, ihren eigenartig ergreifenden -Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so seltsam harmonisch -auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne -und rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, -kühle, mit dem balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte -Luft! In unsere Seelen zog ein tiefer Frieden ein ... -Warme Herzlichkeit herrschte in unserm kleinen Kreise. -Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und Mißverständnisse -lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren -Wüsten, die wir durcheilen mußten und die uns noch in -der Erinnerung mit Schaudern erfüllten. -</p> - -<p> -Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze -Stunden lang von der Erde unterhielten, deren Segment -sich nur noch manchmal zur Zeit des Vollseins in Gestalt -einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte; -dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern -der Wüsten schliefen, dann wiederum von der unbekannten -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -Zukunft, die unserer wartete. Wir sprachen von dem -Kinde, das zur Welt kommen sollte, von Ländern, die -wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen -Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, -wem von uns nun in Zukunft Martha gehören solle. Es -klingt seltsam, aber ich glaube wirklich, daß wir in jener -Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens dachte ich -nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen -... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, -als ich es heute auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe -war seltsam ... -</p> - -<p> -Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes -Gesicht, das immer ein träumerisches Lächeln umspielte, -ihre zarten weißen Hände, die stets mit irgendeiner Arbeit -beschäftigt waren, schien sie mir jener Martha, die ich einst -kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine ganze -Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und bedauernswerte -Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit -der Hand ihr Haar berührt und ihr gesagt, daß ich -bereit sei, alles für sie zu tun und zu opfern, auf alle -eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig -glücklich wäre — aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf. -</p> - -<p> -Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; -wenn ich heute daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar -traurig, denn ich weiß, daß ich nichts für sie zu tun vermochte, -obwohl ich das größte Opfer gebracht habe, das -ein Mensch zu bringen imstande ist. -</p> - -<p> -Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu -verdanken. Als mich damals das Fieber befiel, hat mir -nur ihre Pflege die Gesundheit wiedergegeben, und auch -heute hält mich allein der Gedanke an sie aufrecht. Dieser -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte ich -noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte -ich mit Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens -auf dem Monde war. Ich hatte Martha stets um mich. -Während meiner Krankheit wachte sie über mir; als ich -wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in -das Tal und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten -duftende Kräuter, mit denen sie dann das Innere des -Zeltes schmückte. -</p> - -<p> -Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich -mit Peter die Berge, um die Sonne zu sehen und den -mächtigen blassen Reifen der Erde am Horizont, und mit -neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle Länder -zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, -und zu denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann -im Zelte zurück; sie durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen -nicht mehr zumuten. -</p> - -<p> -Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge -aus den Weg, auf dem wir in dieses Tal gekommen waren, -und erzählte mir von all den Schwierigkeiten, mit denen -er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte, in eine undurchdringliche -Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken, -und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den -Verlust des Geliebten halb von Sinnen war. -</p> - -<p> -— Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es -gab Stunden, wo mich die Verzweiflung packte. Einige -Male verlor ich den Weg in den Felsen oder mußte zurückfahren, -weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten -war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. -In solchen Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, -der sich stetig hob, mit neuer Zuversicht. Aber -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum, nachdem wir die -Ebene hinter dem <em>Gioja</em> erreicht hatten. Die Astronomen -der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, -gewiß nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung -haben würde, daß uns nach den unermeßlichen -Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die <em>Freude</em> -lächeln sollte ... -</p> - -<p> -Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem -Pol so nahe, daß das in der ziemlich dichten Atmosphäre -zerstreute Licht der Sonne, die nicht tief unter dem Horizont -verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung hervorbrachte, -bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. -Dort wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne -Luftbehälter zu verlassen. Im selben Augenblick befiel -mich ein Schwindel; die Atmosphäre war noch dünn, und -ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten, um atmen zu -können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als -ich zum ersten Male Mondluft schöpfte. -</p> - -<p> -Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen -er beim Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen -mußte, die die Ebene unter dem <em>Gioja</em> vom Polarlande -trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte er nicht -rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend, -unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher -bei dem schwachen Lichte den Wagen allein auf dem steilen -Abhang führen, der mit verwitterten Steinen übersät war. -</p> - -<p> -Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf -der Einsattelung angelangt. Von dort aus sah er das -Polarland schon vor sich liegen. -</p> - -<p> -— Es schien mir, sagte er, daß ich die „versprochene -Erde“ sehe; vor meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -und Wüsten gewöhnt waren, breitete sich diese mächtige -grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir fast den Atem -in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den -Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen -Wiesen und auf die rote Sonne, die von meiner Höhe -aus über ihnen sichtbar war, obwohl noch sehr viel an -der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen -mußte. -</p> - -<p> -Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der -Sonne zu. Sie stand am Horizont in der Himmelsrichtung, -die für uns bis jetzt Norden war und von nun ab Süden -werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel -des Mondes war es Tag. -</p> - -<p> -Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche -Wunsch, diese geheimnisvollen Länder, über denen gerade -die Sonne stand, kennen zu lernen. Nach unserer Rückkehr -von dem Berge dachte ich nur noch daran und begann -im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt zurechtzulegen. -</p> - -<p> -Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, -zur Mitte der unbekannten Halbkugel vordringen müsse. -</p> - -<p> -— Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten -hier schließlich das ganze Leben verbringen, aber leben -könnten wir noch ruhiger auf der Erde. Wir sind auf den -Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu erforschen! -</p> - -<p> -So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. -Im Augenblick hielt uns nur die Rücksicht auf Martha -zurück. Auf den Zeitpunkt wartend, da es möglich sein -würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir unsere Vorbereitungen -und sammelten Vorräte. -</p> - -<p> -Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -Veränderungen vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, -eine so schwere Maschine mit uns zu führen. Wir -wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch er -einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. -Aber der Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten -geraten könnten, wo uns der dicht geschlossene -und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde, hielt uns davon -zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen -hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere -Magazine enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen -Öffnung hatten wir eine Aluminiumplatte, die vorher den -Verschluß der Magazine von innen her bildete. Außerdem -beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung -der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den -unglücklichen Brüdern Remogner genommenen Motor haben -wir, soweit es ging, ausgebessert und im Wagen aufgestellt, -falls der unsrige beschädigt werden sollte. -</p> - -<p> -Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der -Nahrungs- und Wasservorräte, die wir mühsam aus dem -Moos auspressen mußten, nahmen mehr als drei Monate -in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise bereit. -</p> - -<p> -Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft -auf der Polarebene voll am Firmament, als ich, von -einem weiteren Ausflug zurückkehrend, im Zelte das -Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist mir im -Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen! -Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das -unsern Kreis zu vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger -zu gestalten kam. Als ich es hörte, warf ich die -Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in -das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -Freude strahlend. Sie schien sogar meine Ankunft nicht -bemerkt zu haben. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem -kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt war und -aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft -an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein -Tom, mein schöner, lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig -durch ihre Tränen. Neben ihr am Lager schwänzelten -beide Hunde und streckten die neugierigen Schnauzen aus, -um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu beschnuppern. -</p> - -<p> -Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über -seine finstere Miene. Er saß in einer Ecke des Zeltes in -tiefes Nachdenken versunken, ohne auf Martha zu achten, -aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber nach. Ich -lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr -Kind freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des -Lebens, aber ich konnte kein Wort hervorbringen. -</p> - -<p> -Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte -etwas Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie -mich jetzt erst bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im -Herzen, denn ihr Blick sagte mir, daß ich ihr so gleichgültig -bin, wie nur ein Mensch dem andern sein kann. -Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies -scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir -unabsichtlich zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, -und sagte, auf das Kind zeigend: -</p> - -<p> -— Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ... -</p> - -<p> -Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz -im Herzen dieser Frau einnehmen konnte, denn es wird -immer nur diesem Kinde gehören, in dem sie nicht nur -ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des Verstorbenen -liebt. -</p> - -<p> -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung -für Martha. Peter ging mit mir aus dem Zelte. -</p> - -<p> -— Was denkst du von alledem? fragte er mich, als -wir draußen waren. -</p> - -<p> -Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte. -</p> - -<p> -— Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... -murmelte ich nach einer Weile. -</p> - -<p> -— Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und -verstummte. -</p> - -<p> -Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er -dachte. Wie aus Furcht das zu berühren, was alle unsere -Gedanken beschäftigte, sprachen wir von jetzt ab fast ausschließlich -von der bevorstehenden Reise. Martha kam schnell -zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte keine -Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten -ersten Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war -die beste Zeit, da auf dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten -Halbkugel des Mondes, dem entlang wir -uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem -ersten Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei -Erdenwochen hindurch Licht vor uns haben und könnten, -falls wir keine günstigen Bedingungen vorfinden sollten, -vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren. -</p> - -<p> -Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt -die Erde, und währenddem hatten wir Sonnenfinsternis, -die zweite, die wir auf dem Monde sehen sollten. -</p> - -<p> -Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der -Angst vor dem uns drohenden Erstickungstode gefoltert, -dahinjagten, hatten wir gar keine Aufmerksamkeit zugewendet. -Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser wahrnehmen. -Wir packten daher die astronomischen Instrumente -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -in einen kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und -erstiegen einen Hügel, der dem Pol am nächsten gelegen -war, von wo man die Erde und die Sonne sehen konnte. -</p> - -<p> -Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche -blieben resultatlos. Der niedrige Stand der Erde -über dem Horizont, bei einer mit Wasserdampf gesättigten -Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu und störte -die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach -Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen -Instrumente hinwarfen, um mit bloßem Auge das -Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu bewundern. Die -Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der -Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, -von dem dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten -Himmel umgeben. Ein Anblick, als wenn am nächtlichen -Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder -jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe -der Pole glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich -vor unsern Blicken ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre. -</p> - -<p> -Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft -vor Augen. Es schien mir damals, als wenn sich mir der -verkohlte Leichnam der Erde im Feuer zeigte, es war -darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes. Heute -noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft -in dieser entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals -gesehen habe, und dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft -anstrengen, um sie mir als eine silberne, -leuchtende Scheibe zu denken. -</p> - -<p> -Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber -schmerzlichen Anblick nicht lange ertragen und wandte den -Blick zu den Sternen, die ich seit einigen Monaten nicht -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -gesehen hatte. Sie leuchteten alle über mir, scharf glitzernd, -wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren Winternächten. -Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie -auf gute alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren -bekannte Konstellationen auf und frug sie in -Gedanken, was es dort auf meinem heimatlichen Globus, -der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden Feuersbrunst -vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe. -</p> - -<p> -Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich -rieb mir die Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese -Erinnerung mir entlockte, verschleierten mir den Blick. -Aber nein, es war keine Täuschung: die Sterne wurden -immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, -und wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung -keine Erklärung fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, -ja sogar die Morgenröte wurde in der Richtung, in -der die Sonne hinter der Erde unterging, immer undeutlicher -und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns -eine sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war -noch ein leichter roter Schein am Himmel zu erkennen. -Da plötzlich fühlten wir einen starken Windstoß, etwas -in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor Schreck -und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu -rühren. -</p> - -<p> -Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute -hinter der Erdkugel hervor. Wir schlossen wenigstens nach -dem wiederkehrenden Tage darauf, denn wir konnten trotz -der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend erkennen. -Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier -... -</p> - -<p> -Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -fällt weder Regen noch bilden sich Wolken, weil die -Luft immer gleichmäßig erwärmt ist; es fehlt also die -Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes. -</p> - -<p> -Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, -aber heute fiel während der Finsternis plötzlich die Temperatur, -wodurch sich der Wind erhob und der Wasserdampf -sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete. -</p> - -<p> -Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung -beruhigte uns zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch -nicht besser. Eine empfindliche Kälte schüttelte uns, und -in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg ins -Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich -der Gedanke an Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir -mußten uns setzen und besseres Licht abwarten .... -</p> - -<p> -Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. -In nicht ganz einer halben Stunde öffnete sich der Blick -auf das Tal; nur noch die Gipfel höherer Berge waren -in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter wurden. -Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir -begannen in größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir -jedoch den Weg nur zur Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte -es über uns auf und fast gleichzeitig sauste mit dem -dumpfen Echo eines Donners eine wahre Sündflut auf -uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig -durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen -konnte man absolut nichts sehen; die Blitze und Donner -setzten nicht einen Augenblick aus. -</p> - -<p> -So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während -deren wir uns, durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden -unter den Vorsprung eines Felsens, der uns übrigens -nur einen sehr schwachen Schutz gewährte, flüchteten. Als -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg antreten, -aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, -als sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut -in den Adern gerinnen ließ. An Stelle der grünen Mulde -lag ein breiter See zu unseren Füßen. -</p> - -<p> -Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und -dem Kinde geworden? Die Stelle, wo das Zelt stand, -muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See, ohne auf -Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das -Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst -war es nicht tief, aber bald ging es mir bis an die -Hüften. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich weiterwaten -oder umkehren sollte, indessen war Peter hinter mir ins -Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang -mich, an das Ufer zurückzukehren. -</p> - -<p> -Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige -Angst um Martha trieb mir den Schweiß auf die Stirne, -und doch mußte ich Peter recht geben, daß ich mein Leben -riskierte, ohne ihr damit zu helfen. -</p> - -<p> -— Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt -hat, sagte er, und sich auf dem Hügel in Sicherheit -brachte, ist unsere Hilfe augenblicklich nicht nötig; es ist -Zeit genug, sie zu suchen, wenn das Wasser gefallen ist. -Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen können, -so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle -Fälle zu spät. -</p> - -<p> -Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, -die mich schaudern machte. Ich sah ihm in die -Augen, und ich glaubte den furchtbaren Gedanken darin -zu lesen: „Lieber soll sie zugrunde gehen, als jemals -dein sein!“ ... -</p> - -<p> -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -— Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich. -</p> - -<p> -— Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer. -</p> - -<p> -Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt -als getan. Und übrigens — wohin sollte ich gehen? Auf -die Mitte dieses Sees? Sie unter dem Wasser suchen? -</p> - -<p> -Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und -starrte ratlos ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen -hier und da abgerissene Moosstengel, im übrigen war -es ruhig und glatt, von keinem Windstoß getrübt. Ich -dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so unendlich -viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte -und wie lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer -austrocknet und wir die Leichen Marthas und des Kindes -finden (ich zweifelte gar nicht mehr daran, daß sie umgekommen -waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die -Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung -flossen, also anscheinend vom Strom getragen wurden, -ein Zeichen, daß das Wasser irgendwo einen Ausgang aus -der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung beruhigte -mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das -Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. -Um mich von der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, -ging ich das Ufer entlang, den anscheinenden Lauf der Strömung -verfolgend. -</p> - -<p> -Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich -an eine Art Bach, den ich durchwatete. Ich war von dem -Vorhandensein eines Abflusses hinter diesem Bach überzeugt, -da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah, -die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten. -</p> - -<p> -Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, -vor allem, daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -inmitten der grünen Inseln, die am Ufer gelegenen -kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne rosa beleuchtet -waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten -auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger -Gedanke beschäftigte: Martha. Ich fühlte wohl damals -zum erstenmal, wie unendlich teuer mir diese Frau war, -und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich -konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl -ich keine Ahnung hatte, auf welche Weise sie sich hätte -retten können, fühlte ich im tiefsten Herzen den Rest -einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben müsse und -eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung -davon abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß -dieses Wasser erreichte. Aber ich war zu aufgeregt, um -logisch denken zu können. Nur eines fühlte ich klar, daß -ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses -Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- -und ziellos vor mir lag. Ich schwor in meinem Innern, -sie niemals für mich zu verlangen, wenn ich sie dadurch -retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht -manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ... -</p> - -<p> -Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter -verlassen hatte, als mich ein brausender Fluß am Weitergehen -hinderte. Durch eine breite Klamm, die, von uns -bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen die unbekannte -Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese -Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an -das Ufer und wußte nicht, was ich nun beginnen sollte. -</p> - -<p> -Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde -mir jetzt erst klar. Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- -und willenlos, auf dem Moose aus, das noch von -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den -Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir -wölbte wie vor jener verhängnisvollen Sonnenfinsternis. -</p> - -<p> -Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen -riefe; ich sprang auf und horchte gespannt. Nach einer -Weile vernahm ich die Stimme abermals, doch schon deutlicher. -Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen -Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, -die mir von ferne Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem -Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte mich. Ohne auf -die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand -bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir -die Stimme, ich konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, -was sie mir, selbst stark erschüttert, nicht wehrte. -</p> - -<p> -— Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte -sie öfter mit blassen, aber lächelnden Lippen. -</p> - -<p> -Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie -mir, wie sie während des Unwetters die herannahende -Überschwemmung bemerkte und es ihr, als das Wasser -schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem Kinde -und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen -zu flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene -Wagen war nach Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher -beschwerten, leicht genug, um sich auf der Oberfläche des -Wassers zu halten, das durch den kolossalen Regenguß -und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden -Bäche immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und -Aufleuchten unaufhörlicher Blitze trieb der Wagen auf den -Fluten dahin wie einst die Arche Noah, ihr um so ähnlicher, -als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem Globus -vor dem Untergang bewahrte. -</p> - -<p> -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine -Möglichkeit hatte, ihr improvisiertes Schiff zu steuern, -wurde der Wagen wie eine Schale hin und her geworfen. -Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die -Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß -endlich nachließ und das Wasser aufhörte zu schwellen, -bemerkte Martha, daß der Wagen in einer bestimmten -Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom -eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch -vergrößerte. Der Wagen konnte auf diese Weise in eine -Spalte geschleudert oder in eine entfernte Gegend fortgetrieben -werden, wo es uns vielleicht unmöglich gewesen -wäre, ihn wieder zu finden. -</p> - -<p> -Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen -der Hügel aus dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. -Alle ihre Anstrengungen jedoch, das Fahrzeug nach einer -dieser Spitzen hinzulenken, waren vergeblich. Sie hörte -schon das Sausen des Stromes, der durch diese Klamm -abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste -vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen -plötzlich von einem hervorspringenden Felsen angehalten -wurde. Martha benützte mit Geistesgegenwart diesen Augenblick, -ein Seil durch das geöffnete Fenster auf die Felsspitze -zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise -in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber -und das Wasser so gesunken, daß der Wagen auf einer -trockenen Stelle Halt gefunden hatte. Einige Stunden -später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die wie -Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen. -</p> - -<p> -Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich -führten ihn die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -waren. Er maß uns mit einem mißtrauischen Blick, -und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an die Untersuchung -der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein merkwürdiger -Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier -mit ihm zusammen und es kommen immer wieder Momente, -wo ich mir keine Rechenschaft über seinen Charakter -geben kann, der eine sonderbare Mischung von -Kühnheit, Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft -und Egoismus, von Eifersucht und Verschlossenheit ist. -Nur das eine weiß ich bestimmt: er ist gänzlich unberechenbar. -</p> - -<p> -Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. -Wir haben bei der Überschwemmung viele notwendige Gegenstände -verloren; andere mußten wir mühevoll in der -breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene -Zelt konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, -daß sich in Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen -zur Weiterreise der größte Teil unserer Habseligkeiten -zur Zeit der Überschwemmung schon im Wagen -befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren -Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende -Wasser den Weg zeigte, auf dem wir weiter nach -Süden fahren sollten. -</p> - -<p> -Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: -wenn das Wasser so schnell abfließen konnte, mußte die -Klamm zu tiefer gelegenen Stellen führen, wo wir aller -Wahrscheinlichkeit nach eine größere Wasseransammlung vorfinden -würden, einen See oder das Meer, und infolgedessen -auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die nötigsten -Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten -Termin der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -Wagen stand mit allem versehen am Ausgang der Klamm, -die sich vor uns wie ein zur neuen Welt geöffnetes Tor -auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der -Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo -wir noch Feuerung besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir -hatten sogar ein Stück Wegs im voraus erforscht, indem -wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot durchaus -keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen -den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber -immerhin konnte man hier ruhig fahren, ohne sich größeren -Schwierigkeiten auszusetzen. Wir warteten also nur eine -günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die nach Süden -wiesen, zu folgen — in ein unbekanntes Land der Wunder, -dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über -den Wüsten leuchtet, niemals erhellt. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-2"> -II. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span>ierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben -wir die Fahrt angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel -des Mondes, wohin wir eilten, war noch Nacht, aber bald -sollte die Sonne diese Länder erleuchten. -</p> - -<p> -Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der -größten Besorgnis haben wir das Polarland verlassen. -Wir kannten es schon und wußten, was es uns geben -konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder -in Geheimnis gehüllt und nur eine Vermutung war. -Wir sollten uns wiederum den brennenden langen Tagen -und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten von neuem -Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -auf der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht -wußten, ob es uns aufnehmen wird und ernähren kann. -Überdies beunruhigte uns der Mangel an Brennmaterial. -Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer -Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial -finden und die Maschine nicht mehr in Bewegung -setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß vor der hereinbrechenden -Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande -sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für -uns wird, weil wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu -bringen? Es gab, kurz nachdem wir die Reise angetreten -hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser Befürchtungen -auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren -wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, -uns an den schwachen, in der Atmosphäre zerstreuten -schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns, wie die Tiere -der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. -Aber das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und -Hoffnung waren stärker. Die Nahrungsvorräte konnten -für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch etwas ausgepreßten -Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in -sonnigen Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, -um Feuer machen zu können. Übrigens haben -wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der halben -Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande -beschlossen. -</p> - -<p> -In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts -Bemerkenswertes. Die Klamm war zu Ende und wir -kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich sah, nur -bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine -Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -aufgehenden Sonne waren hier und da noch große, flache -Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte uns die bereits gänzlich -veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum einige zehn -Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten -Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und -mit rostiger Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, -vereinzelt wachsend und spiralförmig gewunden wie bei -uns die jungen Wedel der Farrenkräuter, aus der Erde. -Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der -Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher -einer Dämmerung gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß -unter den Horizont sinkt. Wir erwärmten uns, indem wir -die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde die -Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene -Stengel abzupflücken und zu versuchen, ob man Feuer -damit machen könne. -</p> - -<p> -Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber -mein Staunen, als der erste Stengel bei der Berührung -mit der Hand sich zu strecken, dann wiederum zu -krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich -ließ ihn unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem -ich mich von dem Schreck erholt hatte, begann ich diese -sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich schnitt eine davon -mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es -große, längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt -nach vorn zugespitzt, wie eine Trompete, -und dann schneckenförmig gewunden, ähnlich den Rollen -englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite -sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze -war, solange sie lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung -ausgestattet, ungefähr wie unsere Mimosen. Am meisten -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -aber wunderte mich der Umstand, daß diese zusammengerollten -Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung; -scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche -chemobiologischen Prozesse sich selbst die Wärme, die -ihm während der langen Nächte fehlte. Alles das war -sehr interessant, aber die Hoffnung auf die Ausnützung -dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten -daher unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, -wartend, ob ihre geizigen Strahlen bald die Gegend erwärmen -würden. -</p> - -<p> -Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir -wußten nicht, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir -sollten in der Richtung fahren, in der die Wasser abgeflossen -waren, aber es war schwer, dies auf der Ebene, die während -der Überschwemmung ganz überflutet war, zu erkennen. -Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der -Entfernung von einigen hundert Metern einen großen -weißen Gegenstand. Wir fuhren neugierig darauf zu -und fanden unser Zelt, das, von den Wassern davongetragen, -sich erst hier auf einem kleinen Hügel -festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden -doppelt, erstens weil uns das Zelt, das einzige, -das wir besaßen, tatsächlich unentbehrlich war, und -zweitens wurden wir auf diese Weise über die Richtung des -abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch -die Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese -Ebene und wies uns daher die Linie, die von dem Ausgang -der Klamm zu der Stelle, an der wir uns befanden, -gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden -Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach -Süden, mit einer kleinen Biegung nach Westen. -</p> - -<p> -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, -trafen wir auf eine kleine gewundene Gebirgsklamm und -nachdem wir noch eine flache Mulde passiert hatten, gelangten -wir in ein breites grünes Tal, das sich direkt nach -Süden erstreckte. -</p> - -<p> -Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten -mit zahlreichen, in ihrem Massiv steckenden Kratern, -denen ähnlich, die die luftlose Halbkugel des Mondes anfüllen. -Die Gipfel der Berge waren mit Schnee bedeckt; der -Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch -noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen -der nicht hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von -den Bergen herabtriefenden Wasser bildeten einen ansehnlichen -Bach, der in zahlreichen Biegungen schnell dahinfloß. -</p> - -<p> -Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, -nachdem wir uns überzeugt hatten, daß der -weitere Weg nach Süden uns bei so früher Tageszeit -einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen würde, -wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme -des Tages und der Nacht immer intensiver wird. -</p> - -<p> -Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon -den dritten Teil ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es -war warm und hell. Der Schnee im Tal war gänzlich verschwunden, -und jene zusammengerollten Stengel, die wir -hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, -begannen sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell -zu mächtigen, in verschiedenen grünen Schattierungen gemalten -Blättern zu entfalten. Ihre Form war überaus -mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich, -die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere -wieder, mit allerhand Farben betupft — unter denen Rot -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -und Dunkelblau am meisten hervortraten — erinnerten -an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch solche, -deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten -und mit Dornen übersät waren und wieder andere, -die, unten zusammengerollt, einen Trichter bildeten, auch -glatte, schimmernde oder mit langem goldgrünen Haar, das -zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte, — mit -einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und -Formen, und alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten -Berührung krümmend. -</p> - -<p> -Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut -getaucht, langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne -Schlangen oder Fäden, mit Blumen von starkem berauschenden -Duft behängt. An anderen Stellen, wo das Wasser -sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten -sich zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen -Frost überstanden, das Wasser mit einem leichten, -zitternden Netz bedeckend, den feinsten Spitzengeweben aus -violetter und grüner Seide vergleichbar. -</p> - -<p> -Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; -bei jedem Schritt bemerkten wir Neues und -Staunenerregendes. Aus dem Dickicht krochen, von der -Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen Eidechsen -mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten -neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen -des Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich -die Hunde und fingen es. Wir nahmen ihnen diese Beute -ab, aber das Tier war schon tot. Wir konnten also nur -den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper bewundern, -der von den Organismen auf der Erde grundverschieden -war. Das Knochengerüst erstreckte sich bis -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -zu dem länglichen Ring, der sich aus beweglichen Reifen -zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der -Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei -starke Kiefer. Das Hirn lag unter dem Kamm, innerhalb -des Ringes. Das was wir für die Füße hielten, waren -nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer sich das -Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte. -</p> - -<p> -Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele -andere merkwürdige Geschöpfe, aber keins hat uns so -interessiert wie dieses erste, das überaus typisch für die -hiesige Fauna ist. -</p> - -<p> -Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie -ein Märchentraum, voll von unerwarteten und phantastischen -Bildern. Die Stunden flossen schnell dahin und -immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise -verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die -wir mit Mühe dicht am Ufer des Baches, der schon zu -einem breiten schäumenden Strom angewachsen war, hindurchdrangen; -dann fuhren wir wieder auf die weite, kreisförmige -Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See -ausbreitete mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir -fanden immer mehr Tiere vor. In den Tiefen des Wassers -schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der Luft -schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit -dicken Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das -seltsamste ist, daß alle Tiere auf dem Monde stumm sind. -Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen des Lebens, die -auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur -wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen, -zugleich mit dem Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit -unterbrechend. -</p> - -<p> -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. -Jeden Augenblick mußten wir stehen bleiben und -die um die Achsen geschlungenen Farrenkräuter abwickeln, -die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal wieder -fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast -darin stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir -nicht gerade erfreut, besonders da die Fahrt auch so schon -sehr langsam vonstatten ging, weil wir öfter anhalten -mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die Gegend -zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. -Nahrung fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen -uns hierbei die Hunde. Immer herumsuchend und --schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige Pflanzen oder -schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem -Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene -Torf war zwar ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber -wir mußten sparsam damit umgehen, denn der Vorrat war -nicht groß, und in der ganzen Gegend war nichts zu finden, -womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie -auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene -breiten Blätter sind so saftig, daß sie im Feuer kochen, -statt zu brennen, und den Torf, der fast die ganze Strecke -des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit hinter uns gelassen. -</p> - -<p> -Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten -uns schließlich entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge -Feuermangels vor der Nacht zu dem Polarlande zurückkehren -sollten. Zunächst hatten wir die Absicht, das -letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken -Frost mit Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr. -Ich war ebenfalls dafür, aber Peter redete entschieden dagegen. -</p> - -<p> -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -— Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen -Aufenthalt in dem Polarlande verurteilen. Überlegt, daß -wir gegenwärtig die Akkumulatoren noch geladen haben -und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird; aber -was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden -des Mondes aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten -Akkumulatoren nicht laden, wenn wir keine Möglichkeit -zum Feuermachen hätten. -</p> - -<p> -— Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu -nichts, bemerkte ich, denn wir setzen uns damit der nächtlichen -Kälte aus, die wir ohne Feuer nicht überstehen -würden ... -</p> - -<p> -— Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial -finden ... -</p> - -<p> -— Wir können es aber auch ebensogut nicht finden. -</p> - -<p> -— Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir -mit vollster Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals -finden werden. Übrigens haben wir noch etwas Torf. Mit -diesem Vorrat können wir im äußersten Falle noch die -Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden -wir dem Suchen widmen. -</p> - -<p> -Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden -und fuhren infolgedessen weiter in der Richtung -des Äquators. -</p> - -<p> -Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel -mit Wolken und es fiel reichlicher Regen, der für uns -ein sehr erwünschter Gast war, da er die glühende und -schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß herabgefallen -und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, -als wir ein seltsames Brausen vernahmen. -</p> - -<p> -Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenen -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -Flusses, aber bald überzeugten wir uns von -dem eigentlichen Grund dieser Erscheinung. Wir waren -gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal, nach -Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende -nicht übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung -kamen, bot sich uns ein über alle Beschreibung prachtvoller -Anblick. -</p> - -<p> -Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich -ab, in breiten Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene -herabfallend, die sich bis an die Grenze des Horizontes erstreckte. -Der Fluß stürzte in schäumenden Kaskaden über -diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener -Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und -sie in einem gewundenen silbernen Bande durchfloß, das -sich endlich in unermeßlicher Ferne verlor. Soweit das -Auge reichte, war das Land eben und flach, nur in der -Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute -Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie -dafür geschaffene Behälter. Derartige kleine und runde -Gewässer waren überall auf der ganzen Ebene verstreut. -Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen aus, -die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem -Plüsch aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden -sich silberne Bäche und größere Flüsse. -</p> - -<p> -Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande -der Terrasse stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses -eigenartige Land! -</p> - -<p> -Endlich sagte Martha: -</p> - -<p> -— Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ... -</p> - -<p> -In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut -sein? Wir stellten uns unwillkürlich diese Frage, während -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -wir uns zum Hinabfahren über die steilen Terrassenabhänge -vorbereiteten. -</p> - -<p> -Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir -den Wagen am Ufer des Flusses stehen und machten uns -sofort auf die Suche nach Brennmaterial. Wir durchquerten -die ganze Ebene der Breite und Länge nach, gruben -tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder irgendeine -Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um -zu versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber -alles vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon -die Sonne untergehen, als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose -Suchen aufgaben. -</p> - -<p> -Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen -schon zu bereuen das Polarland so leichtsinnig verlassen -zu haben. Die Angst schüttelte uns bei dem Gedanken, -was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht -viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen, -damit er für die ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den -Vorrat ansahen, zeigte es sich, daß auf vierundzwanzig -Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal für -einen kleinen transportablen Ofen genügte. -</p> - -<p> -— Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam -heizen müssen, sagte Martha, als wir ihr die vorbereiteten -Rationen zeigten. -</p> - -<p> -Peter zuckte die Achseln: -</p> - -<p> -— Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht -erfrieren, da wir keinen Torf haben; wir müssen uns gut -zudecken. -</p> - -<p> -— Weshalb haben wir das Polarland verlassen? -erwiderte Martha. Tom wird die Kälte nicht ertragen, er -ist so klein und zart. -</p> - -<p> -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -— Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne. -</p> - -<p> -Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des -Kindes ihn erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, -erstens weil ich selbst das prächtige Kind unaussprechlich -lieb hatte und dann Marthas wegen. Sie hing mit ganzer -Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie sie -den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver -Angst vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind -auch niemals bei Peter allein, während sie es mir anvertraute, -wenn sie mit etwas beschäftigt war. -</p> - -<p> -— Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter -weiter, und wenn er auch erfrieren sollte ... -</p> - -<p> -Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich -schweigend, aber heute sprang sie plötzlich auf und stürzte -mit flammenden Augen auf Peter zu. -</p> - -<p> -— Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tom <em>ist</em> -die wichtigste Person und wird nicht erfrieren, denn erst -werde ich dich töten und mit deinen Knochen diesen Ofen -heizen! -</p> - -<p> -Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches -Stilett, dessen Spitze man dort gewöhnlich vergiftet, -vor seinen Augen. Wir wußten bis zu dieser Zeit gar -nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich führte. -</p> - -<p> -Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu -lächeln, aber in der Stimme und im Blick der Malabarin -lag eine so grausam unerbittliche Drohung, daß er erblaßte -und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu -verbergen ... -</p> - -<p> -Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um -die Erregung abzuschwächen. -</p> - -<p> -— Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr, -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -rief ich. Komm, Peter, wir wollen nachdenken, wie wir -uns vor dem nächtlichen Frost in Sicherheit bringen, ohne -die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden! -</p> - -<p> -Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen -Kräften gruben wir ein tiefes Loch aus, in dem der Wagen -bequem Platz hatte und nachdem wir ihn dort hineingelassen -bedeckten wir ihn von oben mit Erde und abgeschnittenen -Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, -daß der Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde -und sich dementsprechend leichter erwärmen ließe. -</p> - -<p> -Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit -beendet hatten. Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. -Nach dem langen Tage war die Luft warm und angenehm; -eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die sich langsam -in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen -Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte -Pokale oder, wenn man gegen die Morgenröte auf -sie schaute, wie mit Blut angefüllt ... -</p> - -<p> -Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung -wollte nicht recht in Fluß kommen. Der letzte -Vorfall hatte einen zu starken Eindruck hinterlassen; wir -verstummten, und die Stille wurde bald nur noch von -dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit zusammenfließenden -Stimme Marthas, die dem Kinde -weiche, gedehnte indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. -Ich lauschte diesen Tönen, auf die in der Dämmerung verschwimmende -Scheibe des Sees blickend, als mich plötzlich -ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. -Ich sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der -Richtung nach der Ebene aus: -</p> - -<p> -— Sieh, sieh! -</p> - -<p> -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße, -wie der Himmel sich verdunkelte, erhellte sich der Boden. -Zunächst schien es, als wenn eine Handvoll kleiner, bläulichglänzender -Funken am Ufer des Flusses ausgestreut -wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie -flammten rechts, links, vor uns, überall auf. Eine -halbe Stunde später schimmerte die ganze Ebene, als wenn -sie mit einem blauen, sternenbesäten Nebelschleier überzogen -wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke -aus. -</p> - -<p> -Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie -gebannt auf dieses bezaubernde Bild. -</p> - -<p> -Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung -erholt hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf -einer Phosphoreszierung jener seltsamen Blattpflanzen beruhte, -die diese ganze Fläche bedeckten. Die innere Oberfläche -dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht -unserer Wälder. -</p> - -<p> -Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so -schnell, daß wir keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. -Die Flämmchen erloschen, eins nach dem andern; die Blätter -schlossen sich und rollten sich unter dem Einflusse der -Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen. -</p> - -<p> -Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste -Zeit, uns in den schützenden Wagen zu flüchten. -</p> - -<p> -Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir -überstanden, dank unserm Torfvorrat und der getroffenen -Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen verließen wir keinen -Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was -draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich -schon bemerkte, ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war. -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -Durch diese zwei Nachtwochen waren wir somit von der -Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als unsere Kalenderuhren -die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich, -hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog -ich den Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend -konstruierte Wände einen vorzüglichen Schutz bildeten. -Draußen angelangt, überzeugte ich mich, daß meine Vorsicht -durchaus nicht überflüssig war. -</p> - -<p> -Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden -Sonne zunächst nicht erkennen. Alles war von -einer dichten Schneeschicht, die vom Froste schimmerte, bedeckt. -Die Seeoberflächen waren zum Teil unter dem -Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben. -Es schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische -Länder hinübergetragen wäre. -</p> - -<p> -Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück, -daß man noch nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter -weckte in uns keine freudige Stimmung, da der Torfvorrat -an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die ganze -Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als -bei Tagesanfang, ehe es „Frühling“ wurde. Noch drei -Erdentage mußten wir auf ihn warten und, soweit es ging, -ohne Feuer auskommen. Aber nach siebzigstündigem -Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der -Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern, -alle Bäche schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit -hinauswagten, reckten sich auf der vom Wasser triefenden -Ebene schon mächtige verschieden geformte Blätter der -Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge bedeckte -noch ein weißer Schleier. -</p> - -<p> -Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten, -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -mußten wir noch verschieben, bis die Gegend etwas -ausgetrocknet war. Indessen machten wir uns aufs neue -auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der -vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen -Richtungen hin unternahmen, kamen wir zufällig an ein -tiefes Loch, das wir am vorhergehenden Mondtage in der -Hoffnung, Torf oder Kohle dort anzutreffen, ausgegraben -hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit Wasser -angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter, -scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden, -blieb stehen und begann sich die Öffnung genauer -anzusehen. Ich war schon ein Stück Wegs weitergegangen, -als ich seine Stimme hörte: -</p> - -<p> -— Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich -und sieh! -</p> - -<p> -Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er -sich auf den Rand des Loches, mit der anderen gab er -mir Zeichen. Sein Gesicht, das über die Öffnung geneigt -war, brannte vor Erregung. -</p> - -<p> -— Was ist geschehen? -</p> - -<p> -Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das -Wasser heraus, das von sonderbarer, schmutziggelber Farbe -war und hielt es mir unter die Nase. -</p> - -<p> -— Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch -einziehend. -</p> - -<p> -Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu -überzeugen, ob wir uns nicht täuschten, tauchte ich ein -Taschentuch in die Flüssigkeit und steckte es an. Es flackerte -in einer hellen roten Flamme empor, auf die wir beide -starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben -verkündete. -</p> - -<p> -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu -bringen. -</p> - -<p> -Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine -ungeheure Bedeutung. -</p> - -<p> -Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier -bleiben, ohne die kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel -an gekochten Speisen. Einige zehn Stunden widmeten -wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser gesegneten -Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe -Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, -soweit es nur irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir -schon alle Reservoirs gefüllt. Jetzt hielten wir großen Rat -ab, was weiter zu tun sei. Am vernünftigsten wäre es -hier zu bleiben, in der Nähe der Petroleumquellen, aber -wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns weiter -zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen -nicht weit entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach -für die Reise auch der Umstand, daß wir am Strande infolge -der großen Wasseransammlung ein bedeutend milderes -und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl -wir uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten -wir nun einen so bedeutenden Vorrat an Brennmaterial, -daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur versuchsweise -anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger -Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn -wir uns hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten -würden. -</p> - -<p> -Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch -an derselben Stelle der <em>See-Ebene</em>, wie wir jene große -Fläche genannt haben, in der Absicht, den Antritt der Reise -bis zum nächsten Tage zu verschieben, da es bedeutend angenehmer -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -wäre, über dreihundert sonnige Stunden vor -uns zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der -Nacht und der Kälte nicht zu unterbrechen brauchten. -Aber statt dessen brachen wir früh, sowie nur die erste -Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal -den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich -fühlbar machte. -</p> - -<p> -Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte: -Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert -Kilometer von der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten -rechnend, über sechs Wochen gestanden hatten. Zunächst -beunruhigte uns das Schmelzen des Schnees ungemein; -der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu -unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns -rechtzeitig, daß sich der Wagen nach Anbringen eines entsprechenden -Steuers und Einfügen von Schaufeln in die -Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln -ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht -zu fürchten brauchten; im Gegenteil, wir konnten sogar -aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den Fluten -des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke -war überaus glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso -der Wegweiser für uns war, der uns zum Meere -führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine Unmenge -Brennmaterial, da die starke Strömung uns von -selbst so schnell davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen, -die Schaufelräder gar nicht benötigten. -</p> - -<p> -Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf -dem Wasser, nur selten ans Ufer fahrend, um auszuruhen -oder irgendeine interessante Gegend näher zu besichtigen. -</p> - -<p> -Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -vorwärtsbewegt, daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte, -dessen Bett mehr als tief genug für unser kleines -Fahrzeug war. -</p> - -<p> -Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich. -Eine Zeitlang fuhren wir über eine breite und, -wie es schien, trockene Steppe, von einer kleinen, zarten -Pflanzenwelt belebt, gänzlich verschieden von den blättrigen -Gebüschen, die höher am Strome wuchsen. Es war etwas -unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend. -</p> - -<p> -Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, -und die runden Seen mit den felsigen, wenig über die -Oberfläche erhobenen Ufern zwischen aufgeworfenen Hügeln, -ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt erstreckte -sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne -Flachebene, von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen -mit winzigen Pflanzen oder gelbe Sandbänke abhoben, -die die unbedeutenden Erhebungen anfüllten. Der Strom -breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir den Motor -in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder -schneller vorwärts zu kommen. -</p> - -<p> -Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette -der felsigen Berge näherten, die jene Steppe nach Norden -abschloß. Der Fluß war hier auf einer Strecke von -einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß -die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß -uns jeden Augenblick fort und warf das Fahrzeug an die -Felsen. Nur dem starken Bau des Projektils, das jetzt -in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu verdanken, -daß wir so davongekommen sind. -</p> - -<p> -Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen -großen See. Seine Ufer bildeten kleine Hügel, mit einer -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -unerhört üppigen Flora bedeckt und von zahlreichen Bächen -durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir bis jetzt -auf dem Monde antrafen. -</p> - -<p> -Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der -Himmel, der jetzt fast immer heiter war, sich plötzlich mit -dunklen Wolken überzog. Im ersten Augenblick waren wir -froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns schon empfindlich -zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen, -das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man -hörte schon von weitem das dumpfe Rollen des Donners, -und der Himmel flammte seit Mittag in blutigen Blitzen -auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts abbiegend, -in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung -in Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud. -</p> - -<p> -Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der -Tropenländer, aber so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir -nie vorstellen können. Betäubende Donner flossen in ein -unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen -standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, -die dicht nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt -sind. Und der Regen ... Nein, das war kein -Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken herabstürzenden -Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in -einen hängenden, von wütenden Stürmen hin und her -geschleuderten See. Die Luft, mit Regen und den vom -Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war so mit Elektrizität -geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, — ein -seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten -blutig geröteten Wolken war die Atmosphäre mit einem -Feuer von faustgroßen Tropfen angefüllt, die triefendem -zerschmolzenem Metall glichen. -</p> - -<p> -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken -öffneten sich wie ein nach beiden Seiten auseinandergehender -Vorhang, eine Aussicht auf den blauen Himmel und die -Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit, aufzuatmen, -verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum begannen, -begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von -Süden daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme -von Wasser herabzustürzen. -</p> - -<p> -Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig -Stunden. Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten -wir auf die ungeheure Ansammlung von Feuer, Wasser und -Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit Seilen an Wurzeln, -die am Ufer hervorragten, befestigt hatten, fürchteten -wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier -in der Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden -See hinausschleudern könnte, den Winden und Wellen -zum Fraß. -</p> - -<p> -Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; -nur die hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten -noch dahin, die stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend. -Die Wasser hatten enorm zugenommen. Wir -mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie -wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder -aufnehmen konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, -da die Strömung des hochgehenden Flusses um vieles -stärker geworden war. Unterwegs trafen wir überall -Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche -waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die -hier schon dichte Wälder sonderlich verflochtener Blätter -und langer, dicker, fleischiger Stengel bildeten, lagen vom -Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder Spalte -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -schossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen -flache Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten -Tierarten ansammelte, die den Insekten ähnlich -waren. -</p> - -<p> -Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert -haben, wissen wir, daß diese furchtbaren Stürme hier -eine tägliche Erscheinung sind, in des Sinnes wörtlicher -Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze -in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres -Grauens, eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen -und den Boden austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier -eine Unmöglichkeit. -</p> - -<p> -Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da -sie ohne besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft -änderte sich stetig und mit ihr auch die Flora, obwohl ich -bemerken muß, daß die Flora auf diesem Globus, der -keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger -ist als auf der Erde. -</p> - -<p> -Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle -gelangten, an der der Strom sich auszubreiten und unzählige -Flachstellen zu bilden begann, die unsere Fahrt sehr -erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten der -nahen Mündung sein müßten. -</p> - -<p> -— Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die -Augen der Sonne zuwendend, als wenn wir uns vergewissern -wollten, ob der Tag noch ausreichen würde, um -zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen. -</p> - -<p> -Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben -einige Male auf seichten Stellen stecken, so daß wir -endlich beschlossen, das Schiff wieder in einen Wagen -umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren. -</p> - -<p> -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich -mit Gras bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten -die Nähe des Meeres, wir glaubten sogar, ein mächtiges -gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen Duft -des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von -der Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung -die Fahrt nicht. -</p> - -<p> -Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf -den Gipfeln jener Sandhügel angekommen waren. Wir -strengten den Blick an, um das Meer zu sehen, aber es -war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte -nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte -Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln -und Rauschen eines flutenden Wassers zu hören, es glitten -dichte weiße Nebel oder Wolken vorbei, wie irrende Geister -auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im Augenblick nicht, -was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der -Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich -ein Wind erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten -Bach enthüllte, der zirka zehn Schritte vor uns -auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins floß, die -stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten -wir nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke -das Wasser sofort aufs neue verhüllte und abermals nur -das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren drang. Die -ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns -in Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins -auf. Bald befanden wir uns in einem dichten warmen -Nebel. Die Räder des Wagens dröhnten auf steinigem Boden. -</p> - -<p> -Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten -wir, daß wir uns am Rande eines jener Bassins -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -befanden, von dem aus uns feuchte warme Luft entgegenwehte. -</p> - -<p> -— Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde. -</p> - -<p> -In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden, -da das Wasser, das im Strome abfloß und sich -in den Bassins ausbreitete, zwanzig und einige Grad Celsius -hatte. Es war nicht an der Zeit, in der Dunkelheit -die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem -glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht -am Wasser zu verbringen, das uns eine beträchtliche Menge -Wärme spendete. Die Nacht war ziemlich unruhig. Vier -Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter Schnee, -und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor -der Kälte zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser -des Bassins hinabstoßen mußten. Die Dunkelheit war -undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind für -Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel -auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden -Sterne. Dann zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen -blauen Lichtes, der sich längs der Grenzen des Horizontes -erstreckte. Wir wunderten uns über diese Erscheinung, die -dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die phosphoreszierenden -Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses -Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der -uns unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, -als die Kälte, fern von den warmen Quellen, schon äußerst -heftig sein mußte. -</p> - -<p> -Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte -uns. Gegen Mitternacht machte sich eine starke -Bewegung des Wassers fühlbar, zu der sich ein dumpfes -unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig bemerkten -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich -säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war -er erloschen, aber bald flammte er wieder auf und blieb -mit wenigen Unterbrechungen vier irdische Tage hindurch -am Himmel stehen, einem höllischen Geist, der sich im -Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste -zeigt, vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im -Bassin, das durch die fortwährenden Erschütterungen des -Grundes gärte, hob sich noch erheblich, so daß wir eher -am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden hatten. -</p> - -<p> -Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung, -die uns anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo -in der Nähe ein Vulkan befinde, dessen Ausbruch -wir gerade vor uns haben. Es sprach dafür auch das Vorhandensein -der Warmwasserquellen, die meistens in vulkanischen -Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag -bestätigte unsere Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz -der Helligkeit nichts sehen, da die Nebel uns die Aussicht -verhüllten. Erst vierzig Stunden nach Sonnenaufgang -verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag -an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen -wir im dichten Nebel, — da plötzlich, als wenn sich ein -Zaubervorhang gehoben hätte, eröffnete sich uns ein breiter -Ausblick! Wir standen wie erstarrt, erschüttert vor Bewunderung -und Freude. -</p> - -<p> -Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis -drei Kilometern von der Stelle, wo wir standen, lag — -das Meer. Es waren seine von kleinen Lebewesen phosphoreszierenden -Fluten, die über dem blassen Glanze in -der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten. -</p> - -<p> -Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare, -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -an den Ufern durch das Eis noch abgeschnittene, -aber weiter schon flutende und bewegliche, von der Sonne -vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von unseren Füßen -bis an die Grenzen des Horizontes. -</p> - -<p> -Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten -Anblick so begeistert, daß wir lange -die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach geraumer -Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen -der Erde nicht bewunderten Majestät sattgesehen hatten, -begannen wir uns die Gegend näher zu betrachten. Im -Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die breite, von -zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes, -auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise -der vorhergehenden Tage zurücklegten. Im Osten war die -Landschaft außerordentlich wild und mannigfaltig. Vor -allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte Kegelgipfel -eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn -Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte, -unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge -dieser sich zum Meere neigenden Berge waren von dichten -Wäldern sonderbarer großer, seltsam ineinandergewundener -blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem nächtlichen -Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; -näher vor uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten -Felsen und kleinen rauchenden Seen zahlreiche -perlende, in eine weiße Nebelwolke gehüllte Geiser. Der -von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen, wälzte -sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer -murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der -Flora verschwand, zum Meere eilend. -</p> - -<p> -So sollte unsere Odyssee enden ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-3"> -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -III. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span>ehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den -Strand des Meeres gekommen sind, wo wir heute noch -wohnen. Und wenig hat sich in all dieser Zeit geändert. -Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns die lange -Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten -wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans, -den wir zur Erinnerung an unsern teuren Freund „<em>Otamor</em>“ -genannt haben. Ebenso sprudeln die Geiser, und -der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über -dem einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein -Winterhäuschen und tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte, -die uns als Sommerwohnung dient. Und an dem -sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder -mit einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur -Welt gekommen sind, oder sammeln Muscheln und Blumen. -Auch wir haben uns längst an diese Welt gewöhnt. Wir -staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch -über die Tage, während denen die träge Sonne Feuer -vom Himmel herabsendet; die nachmittäglichen furchtbaren -Gewitter, die regelrecht alle siebenhundertneun Stunden über -uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu schrecken. Auf -die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt, die -von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten -Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür -wird die Erde in unserer Erinnerung immer mehr -einem Traume ähnlich, der vorübergezogen und nur eine -nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen zurückließ. -— -</p> - -<p> -Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -über sie — lange, lange! Wir erzählen uns viel von den -kurzen Tagen, den Wäldern, dem Gesang der Vögel, -von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von -einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas -ungemein Interessantem, und als wenn alles nur ein -schönes Märchen wäre. Tom ist schon ziemlich groß und -vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie einem wirklichen -Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ... -</p> - -<p> -Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich -eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem -zerbröckelten vulkanischen Grunde entdeckten wir Stauden, -deren Stämme und mächtige Wurzeln genügendes Material -bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen -kann. Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen -gereinigten großen Blätter, die überaus fest und -dauerhaft sind, liefern uns das Leder und aus den Fasern -der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher -Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir -nach langem Suchen einen Braunkohlenflötz, und ebenso -entdeckten wir Petroleumquellen, die bedeutend näher -liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel -und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. -Das Meer liefert uns zur Genüge brauchbare -Muscheln und Bernstein, der sich von dem irdischen nur -durch eine flammendrote Farbe unterscheidet. -</p> - -<p> -Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. -Es leben die verschiedensten eßbaren Muscheltiere -und eine Art von Fisch und Eidechse darin, die ganz -schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im -Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen -kommt lebend auf die Welt, sondern alle Tiere -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -pflanzen sich durch Eierlegen fort. Diese Eier sind gegen den -Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus schnell -in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute, -kräftige Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die -hier reichlich gedeihen. -</p> - -<p> -Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, -aber jetzt haben wir uns schon vollständig daran -gewöhnt. Alle hiesigen Tiere haben ein zähes, übelriechendes -Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die Hunde verachten -es nicht. -</p> - -<p> -Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier -irgendwie zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf -die Suche nach Bau- und Brennmaterial, worauf wir auf -Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt wurden, ein -Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche -der Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste -Nacht verbrachten. Nach Beendigung dieser wichtigsten -Arbeit machten wir Ausflüge in die Umgegend, die wir -vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit Vorräten -und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen -wir immer mit uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen -Arbeitstiere; von den Mondgeschöpfen züchten wir nur eine -gewisse Art von großen beflügelten Eidechsen, die nahrhafte, -wohlschmeckende Eier legen. -</p> - -<p> -Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs -dem Ufer haltend. Der Strand nach Westen ist flach -und sandig, im Osten dagegen erheben sich zahlreiche, aus -vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch tiefe, -landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein -jeder solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte -irgendwelchen Nutzen mit sich; wir fanden immer etwas -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -Neues oder lernten wenigstens die Eigentümlichkeiten und -Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl nun bis -zum Tode bleiben werden. -</p> - -<p> -Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, -unseres Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem -Lande schon ganz vertraut. Außer dem Wohnhause hatten -wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine, einen Stall -für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das -Leben hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, -angestrengten Arbeit nahm ein Ende, und langsam kam -die Langeweile und, was noch schlimmer war, die Sehnsucht -nach der verlassenen Erde über uns. Das waren -qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir -unserer bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz -ratlos gegenüberstanden. Am Tage zerstreute uns noch dies -und jenes, wir irrten auf den Bergen herum oder sammelten -Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte -uns die Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über -dem warmen Teiche eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten -wir uns, nur so viel wie möglich zu schlafen. -</p> - -<p> -Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen -wir schweigend da, erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, -einander feindselig betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, -daß nichts die Menschen gegenseitig so verbittert wie das -Unglück und die Langeweile. Ich hatte leider Gelegenheit, -das mehrfach bestätigt zu finden. -</p> - -<p> -Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, -irgendwelche Verbesserungen einführen, für die Zukunft -sorgen können, aber der Gedanke, daß wir hier zum Aussterben -verurteilt waren, machte uns dazu absolut unfähig. -Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, -dem Gefühl verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern -auch für diejenigen, die nach ihnen kommen werden, -arbeiten. Der Mensch will leben, das ist alles. Und indessen -steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und wenn -er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein -Mittel, ihn oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, -findet? Bei Gott, ich glaube, daß kein anderer Gedanke -außer diesem einen furchtbaren: <em>ich werde sterben</em>, in -seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene Heilmethoden: -Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, -den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschheit und der -menschlichen Werke. Der Mensch verlängert sein Dasein -durch seine Taten; denn wenn er an jene Zeiten denkt, -wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß auch -dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so -wird er in seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, -die er mit lebendigen Augen nicht mehr schauen -kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm Menschen -existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht -erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, -von seinem Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute -Grundlage des Lebens und seiner Tatkraft. Denn die Werke -der Menschen sind wie die Menschen selbst: sie leben oder -sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen -Wandel hervorruft, ist tot. -</p> - -<p> -Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche -Folgerungen, aber ich bin mir erst auf dem Monde, während -jener langen taten- und hoffnungslosen Tage im -Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht klar darüber -geworden. -</p> - -<p> -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses -großen Wassers zu erforschen, das Land in seiner Länge -und Breite zu durchqueren, seine Berge und Flüsse kennen -zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu beschreiben, -die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem -Innern die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas -davon haben? Ja, wahrhaftig, wer wird etwas davon -haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen -lernen werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben -will? Tom? ... Aber der kleine Tom wird -ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber das -ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf -dieser Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit -ihm wird alles ein Ende nehmen ... -</p> - -<p> -Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! -Ob ich nun dieses staunenerregende Land erforschen wollte -oder dieses Meer, mit dem der Mond angefüllt ist wie -ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden der Erde -zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren -Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren -Werkstätten, an die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, -mit einem Worte, an die Hebung des Wohlstandes unserer -kleinen Wirtschaft. -</p> - -<p> -Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl -der Notwendigkeit, hier eine neue Menschheit ins Leben -zu rufen, und unsere Augen wandten sich wiederum auf -Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu rechtfertigen, -denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus -war. Auch damals wußte ich es, aber ... aber ... Der -Mensch will leben, um jeden Preis und auf jede Art, -nur leben — das ist alles! -</p> - -<p> -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, -vor allem, weil wir ihn kalt und nüchtern faßten, wenigstens -was mich betrifft ... -</p> - -<p> -Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, -einer stillen, selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie -für mich begehrte, für meine Sinne und mein Glück, war -lange vorbei und, wie es mir schien, unwiderruflich. Ich -weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich -glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich -nicht wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur -mit all ihren Gedanken an jenem Toten, in ihrem Sohne -Wiedergeborenen, hängend. -</p> - -<p> -Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern -an Kinder, an kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn -sie erwachsen sind, heiraten könnte, auf diese Weise einer -neuen Menschheit das Leben gebend. Ich erträumte mir -das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht -vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde -denjenigen, die nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf -dem Mondglobus leben sollten, Früchte tragen. -</p> - -<p> -Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich -unpersönlich waren. Im Gegenteil, indem ich an die -Kinder dachte, stellte ich mir unwillkürlich vor, daß es -meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich lachenden -Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, — meiner -Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche -Gedanken, denn ihre Verwirklichung schien mir so seltsam -unmöglich zu sein ... -</p> - -<p> -Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für -Menschen geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. -Wie wird, dachte ich, das Schicksal der zukünftigen -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -Menschheit sein, die hier leichtsinnig von uns geschaffen, -um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen -Leben eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen -dieses Globus genügend kennen gelernt, um -zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm niemals würde -entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird -hier immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und -— zu spät gekommen ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, -wie wir die Sache auch ansehen mögen, ein absterbender -Globus. -</p> - -<p> -Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört -kleinen Teil der Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, -auf die Pflanzenwelt, die großartig und üppig ist, aber -viel weniger Lebenskraft als die irdische besitzt, auf die -seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind, kann -ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die -Pracht einer untergehenden Sonne schaue. Hier hat das -Leben bereits aufgehört sich zu entwickeln. Es ist reif, -überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und diese Natur, -die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als auf -der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als -sie erkaltet und früher „Welt“ geworden ist), hat es nicht -vermocht, ein vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn -sie es geschaffen haben sollte, ist seine Zeit unwiderruflich -vorbei. Den besten Beweis liefert vor allem die Tatsache, -daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige -Wesen geeignet ist. -</p> - -<p> -Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige -Reflexionen stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl -ist stärker als der abstrakte Gedanke; trotz allem begehrte -ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns Menschen -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte -mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom -wolle, um ihn vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren, -in der Einsamkeit der letzte Mensch zu sein. Aber das ist -nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für mich, um -meiner selbst willen. -</p> - -<p> -Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber -sicher ist, daß ihn dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging -viel Zeit vorüber, ehe wir beide uns aussprachen. Ich -erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha -war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen -gegangen und wir beide saßen schweigend am Meeresstrande. -</p> - -<p> -Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, -und dann zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt -hatten. -</p> - -<p> -— Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er -endlich laut. -</p> - -<p> -— Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; -wenn wir auch die Tage rechnen, die wir auf dem -Pole verbrachten und während denen wir in Wirklichkeit -keine Untergänge hatten ... -</p> - -<p> -— Und was weiter? fragte Peter. -</p> - -<p> -Ich zuckte die Achseln. -</p> - -<p> -— Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige -zehn oder hundert, und dann wird es zu Ende sein. Tom -wird allein bleiben. -</p> - -<p> -— Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer -Weile fügte er hinzu: -</p> - -<p> -— <a id="corr-12"></a>Jedenfalls steht es schlecht. -</p> - -<p> -Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem: -</p> - -<p> -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -— Martha ... -</p> - -<p> -— Ah, ja, Martha, wiederholte ich. -</p> - -<p> -— Man muß etwas beschließen! -</p> - -<p> -Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, -an den ich mich aus jener furchtbaren Fahrt durch -das <em>Mare Frigoris</em> nach Woodbells Tod erinnerte. In -mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in die Augen -und sagte mit Nachdruck: -</p> - -<p> -— Man muß. -</p> - -<p> -Er lächelte seltsam und antwortete nichts. -</p> - -<p> -An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit. -Die lange Nacht verging in Schweigen und -Langerweile. Tom war nicht ganz wohl und Martha -sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir -beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und -wer weiß, ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt, -der schändliche, widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer -Liebe für das Kind in uns aufkeimte, um sie unseren -Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls bestärkte uns -diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut -„etwas beschließen“ müsse. -</p> - -<p> -Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit -Peter in die Wälder zu Füßen des Otamor. Während -dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit endgültig besprochen. -Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen -und der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg -zu treten. -</p> - -<p> -Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese -Worte mit einer sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. -In Peters Munde klangen sie, als er sie aussprach, -fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht täuschte -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen -uns beiden sollten wir Martha überlassen, und erst -wenn sie keine Wahl treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. -Peter meinte zwar, daß eine sofortige Entscheidung durch -das Los ratsamer sei, da Martha sich weigern würde, -zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf -und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden -war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. -Er gab, wie ich bemerkte, nur ungern nach und -als er endlich „ja“ sagte, hatte er ein eigenartiges Lächeln -auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam tückisch. -</p> - -<p> -Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende -Unterredung noch lange hinaus, denn wir waren uns gewiß -darüber, daß Martha uns nur mit Widerstreben anhören -würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und -ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre; -ich irrte am Meere herum, das Herz von einer unklaren, -quälenden Angst erfüllt. An diesem Tage sollten sich unsere -Schicksale entscheiden. -</p> - -<p> -Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die -Sonne, die seit hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete, -sengte die Gegend mit einer unerträglichen Glut, die -Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden Regen warteten. -Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die -Sonne schon über den Äquator gezogen war, türmten sich -dichte schwarze Wolken auf. In geringen Zwischenräumen, -während denen die Luft erkaltet und schwer über uns hing, -erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die Meeresfluten -an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die -perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den -Felsen, die tägliche Gewitterzeit verkündend. -</p> - -<p> -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande -zu der Höhle in der Gegend der Geiser über, die uns für -gewöhnlich als Schutz während des Gewitters diente. Wir -saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom spazierte, -sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen -um diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen -Blick zuwarf und sich dann mit dem Ausdruck eines -plötzlichen Entschlusses zu Martha wandte. -</p> - -<p> -Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte. -Das herannahende Gewitter wirkte immer erregend auf -uns. An diesem Tage gesellte sich noch die Aufregung -der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem befand -sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen -Augen flackerten unruhig, die Brust hob und -senkte sich in ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen -Wangen brannten dunkle Flecke. Ich blickte ihn in ängstlicher -Erwartung an, er aber fragte sie, ohne jegliche Einleitung -und Vorbereitung, ganz unvermittelt: -</p> - -<p> -— Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen? -</p> - -<p> -Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien -zuerst nicht zu verstehen, um was es sich handelte ... -Sie sah erstaunt erst mich, dann Peter an, dann wiederum -mich und zuckte verächtlich die Achseln. -</p> - -<p> -Peter wiederholte: -</p> - -<p> -— Martha, wen von uns beiden wirst du wählen? -</p> - -<p> -Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr -mehr sagen als diese Frage, da sie plötzlich, alles verstehend, -erblaßte und mit einem leichten Schrei von ihrem -Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder das Stilett, -mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte. -</p> - -<p> -— Von euch niemanden! rief sie. -</p> - -<p> -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -Peter trat ihr einen Schritt näher: -</p> - -<p> -— Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen! -sagte er mit Nachdruck. -</p> - -<p> -Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher -wie zitternde Vögel. Es schien mir, daß sie einen Augenblick, -einen kurzen Augenblick, mit einem flehenden Ausdruck -oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber -nein, das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es -mir nur so, da sie im nächsten Moment die Hand mit -dem Stilett erhob und hart sagte: -</p> - -<p> -— Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig, -wer es von euch wagt, sich mir zu nähern! Ich will -keinen von euch! -</p> - -<p> -Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte -weicher von ihren Lippen kamen und ihre Augen meinem -Blick begegneten, aber das war unzweifelhaft eine Täuschung. -Ich war damals so erregt ... Mein Gott, ich -will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war! -</p> - -<p> -Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf -die Erde und schaute interessiert der ganzen Szene zu. -</p> - -<p> -Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte -es. -</p> - -<p> -— Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm’ ihm nicht -zu nah’! Er ist mein! -</p> - -<p> -Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem -Kopf des Kleinen, starrte er Martha hartnäckig mit einem -verächtlichen Lächeln an. -</p> - -<p> -— Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich. -</p> - -<p> -Martha zögerte. -</p> - -<p> -— Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte -sie fast verständnislos. -</p> - -<p> -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -— Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ... -</p> - -<p> -Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen -weit auf, als wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde, -den sie bisher nicht bemerkt hatte, seufzte tief und ließ -sich auf einen Stuhl fallen, da sie anscheinend die Kräfte -verließen. -</p> - -<p> -— Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd, -mit ratloser Verzweiflung auf das Kind sehend. -</p> - -<p> -Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären, -daß sie aus Liebe zu Tom einen von uns wählen -müsse. Sie werde doch nicht ihren geliebten Sohn zu -einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor -allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll -nach unserem Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, -verzweifelt wird er auf diesen Bergen herumirren und -am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch, der einzige -Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft -Unabwendbare denken: den Tod. -</p> - -<p> -Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben -hat. Zu ewigem Schweigen verurteilt, wird er, der -zu niemandem sprechen kann, die menschliche Sprache vergessen; -die Worte, die er von uns gelernt hat, wird er, -eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der -Wüste zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht -werden ihm schließlich nur noch einige Worte in der -Erinnerung bleiben, mit deren Klang er spielen und kosen -wird; obwohl das furchtbare Worte sein müssen, die nichts -als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer ausdrücken. -Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung -bringen; wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. -Wenn er krank ist, wird an seinem Lager nur das grauenhafte, -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -höhnisch grinsende Gespenst des Hungertodes stehen. -Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er, weil -sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht -mehr fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird -auch einer, ein treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung -eines Menschen, Freund und Kamerad war, -länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich, entsetzt -durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen, -angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon -verwilderte, werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... -und ... sich eine Mahlzeit bereiten aus der noch warmen -Leiche des letzten Menschen auf dem Monde. -</p> - -<p> -Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen -Tom nach unserem Tode verurteilt sein wird, und ich, -strafe mich Gott dafür, half ihm, sich an der Qual dieses -Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die Ärmste -zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns -wählen müsse ... -</p> - -<p> -Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in -ihren Zügen malte sich anfänglich Erstaunen, dann der -Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung, Resignation. -</p> - -<p> -Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden -Gewitters ... Martha saß stumm da. -</p> - -<p> -Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit -sei, einen von uns zu heiraten, schien sie die Frage -nicht gehört zu haben. Erst als er sie wiederholte, zuckte -sie zusammen und erhob das Haupt, als wenn sie aus -einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und -sagte dann dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend: -</p> - -<p> -— Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber -das ist einerlei ... Ihr habt recht ... Ich werde ... -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -für Tom ... alles tun ... Sie seufzte krampfartig -und verstummte. -</p> - -<p> -— Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte -er, sich zu ihr neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber? -</p> - -<p> -Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich -unwillkürlich zurück, als wenn sie von Widerwillen geschüttelt -würde, beherrschte sich aber sofort und schaute -uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es mir, -daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende -Blick eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und -um Mitleid flehenden Wildes. -</p> - -<p> -Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten -Herzen zum Hirne. Auch Peter mußte ihren Blick aufgefangen -haben, denn er erblaßte und wandte sich zu mir -mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses. -</p> - -<p> -In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, -lang anhaltendes Weinen aus, warf sich auf den Boden -und wimmerte verzweiflungsvoll: -</p> - -<p> -— Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas! -</p> - -<p> -Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden -erlösen könne. Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück. -</p> - -<p> -— Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten, -sagte er, ziehen wir Lose. -</p> - -<p> -Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül -und furchtbar zumute. Die Wolken bedeckten schon den -halben Himmel; über dem Meer flammten blendende -Blitze auf. -</p> - -<p> -Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er -selbst zu weinen. Ich näherte mich ihm behutsam: -</p> - -<p> -— Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit -der Hand ihre Schulter berührend. -</p> - -<p> -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -— Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ... -</p> - -<p> -— Ziehen wir Lose! drängte Peter. -</p> - -<p> -Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen -Hand zwei Taschentuchenden haltend. -</p> - -<p> -— Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete -auf die noch immer am Boden Liegende. -</p> - -<p> -In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf -fühlte ich eine seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es -fehlte mir nur der Atem, als wenn jemand einen ganzen -Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich betrachtete -die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand -hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung, -die an einer Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte -ich mich an eine Szene auf dem <em>Mare Imbrium</em>, -wo wir ebenso Lose ziehen sollten — um den -Tod ... wie jetzt um ... die Liebe! -</p> - -<p> -Peter wurde ungeduldig. -</p> - -<p> -— Zieh! rief er. -</p> - -<p> -Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine -Augen starr auf mich gerichtet. Ich verstand plötzlich -alles. Wenn ich das Los ziehe, werde ich diesen Mann -sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten Falle, -mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die -Tasche und suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der -Gedanke, daß ebensogut Peter das Los ziehen konnte, -was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf dieses -geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur -ein elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich -nicht gegen ihn empören? Perlender Schweiß bedeckte -mir die Stirn. -</p> - -<p> -Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß sie -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -für mich auch nur ein ganz klein wenig mehr empfindet -als für Peter, würde ich auf das Los nicht warten. -</p> - -<p> -Aber so ... -</p> - -<p> -Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen -... Ihr! -</p> - -<p> -Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen -... oder mich vor dem Zufall beugen? -</p> - -<p> -Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen -und saß still da, auf das weite Meer starrend, als wenn -sie nicht wüßte, daß wir hier, einige Schritte von ihr entfernt -... -</p> - -<p> -Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem -Weibe erfaßte mich. -</p> - -<p> -Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich -berührte ich wieder den Griff des Revolvers in meiner -Tasche, wie irrsinnig um mich blickend, wen ich ermorden -sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom, den wir -zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten. -</p> - -<p> -Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven -nach, und alles löste sich in meinem Innern. Es blieb mir -nur noch die Gleichgültigkeit und — der Stolz. Ich -öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte. -</p> - -<p> -— Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme. -</p> - -<p> -— Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß. -</p> - -<p> -— Wie? -</p> - -<p> -— Wir werden keine Lose ziehen. -</p> - -<p> -Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die -Hand in die Tasche, und ich hörte das Knacken des -Revolverabzuges. -</p> - -<p> -Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht. -Mit einer blitzschnellen Bewegung packte ich ihn -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -bei den Händen. Er beugte sich nach hinten und wand sich -unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in seinen Augen -flammte das höchste Entsetzen. -</p> - -<p> -Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im -ersten Augenblick schien es mir, daß in ihm etwas wie -Freude zitterte, aber dann dachte ich, daß sie sich vielleicht -um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er blickte mir in -die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut. -Es schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte -und schüttelte den Kopf. -</p> - -<p> -— Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich -und ließ ihn los. -</p> - -<p> -Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich -irr an, und dann lächelte er gezwungen: -</p> - -<p> -— Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, -ich bin jünger, also mit Recht ... Aber, hier wurde seine -Stimme tiefer, aber, versprichst du mir, daß niemals ... -niemals ... -</p> - -<p> -Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha. -</p> - -<p> -Ich sah ihm in die Augen. -</p> - -<p> -— Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir, -du bist ... sagte er schnell. -</p> - -<p> -Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter -zögerte, wandte sich dann schnell um und näherte sich -Martha ... Auch ich schaute auf sie und wieder trafen -sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach jetzt Haß -und eine grenzenlose Verachtung. -</p> - -<p> -— Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter. -</p> - -<p> -— Ich weiß es. -</p> - -<p> -Ihre Worte klangen ganz gleichgültig. -</p> - -<p> -— Martha ... -</p> - -<p> -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -— Was? -</p> - -<p> -— Das Gewitter kommt heran ... -</p> - -<p> -— Ich sehe es ... -</p> - -<p> -Peter seufzte nervös ... -</p> - -<p> -— Komm, flüchten wir uns in die Höhle. -</p> - -<p> -In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; -durch die krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen -nur mühsam die abgerissenen Sätze hervor und seinen -Körper schüttelten Fieberschauer. -</p> - -<p> -Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur -ihre gedämpfte, gleichgültige Stimme: -</p> - -<p> -— Gut. Ich komme ... -</p> - -<p> -Peter zögerte noch: -</p> - -<p> -— Martha, gib mir zuerst das Stilett. -</p> - -<p> -Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den -Steinen klirrte, und ging, ohne sich umzusehen, in die -Grotte. Peter ergriff Tom beim Händchen und lief ihr -nach. -</p> - -<p> -Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den -schwarzen Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes -Dröhnen des Donners verkündete den Anfang des Gewitters. -Strömender Regen stürzte herab und erfrischte -die verbrannte, ausgetrocknete Erde! -</p> - -<p> -Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die -Fliesen, in verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend -... -</p> - -<p> -Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte -sich in endlosen Regengüssen. -</p> - -<p> -So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-4"> -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -IV. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>s begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ... -Meine Beziehungen zu Peter waren niemals herzlich, und -was Martha betrifft, konnte ich mich nicht überwinden, -ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand zwischen uns; -ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder -sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine -andere geworden, kaum mehr zu erkennen. Abgemagert -und blaß, fast häßlich, verschlossen, wenig sprechend, schien -sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie allein mit -Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das -Wunder bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen -Augenblick im Lächeln des Glücks erhellten. Der Sohn war -für sie alles. Sie dachte nur an ihn. Sie nahm ihn oft -auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder erzählte -ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: -von der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau, -von dem Vater, der in dem Grabe auf der furchtbaren -Wüste schlief, von sich selbst ... -</p> - -<p> -Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung -gegen das Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem -Blicke an, daß ich, der ich seinen Charakter kannte, zitterte, -er könne ihm ein Leid antun. Übrigens war er auch -auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied, was ihm -dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha -allein und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit -ihr. Wenn ich aber hie und da ein Wort mit ihr wechselte, -fühlte ich stets seinen unruhigen, haßerfüllten Blick. -</p> - -<p> -Schwer und traurig war Marthas Leben und das -meinige, aber ich glaube, er war der Unglücklichste von -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -uns dreien. Martha hatte wenigstens einen Trost in dem -Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung -eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, -lebte von Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten, -ihm kalt und gleichgültig gegenüberstehenden -Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich habe mich unwillkürlich -von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar -allen seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder -Minute, daß sie ihn lediglich als das Werkzeug betrachtete, -durch das sie dem geliebten Sohn den Segen der menschlichen -Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte. Ich -habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres, -herzlicheres Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre -Hände oder ihr Antlitz mit Küssen bedeckte, wehrte sie es -nicht, aber sie saß unbeweglich und gleichgültig, in ihren -Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des Ekels. -</p> - -<p> -Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um -bei ihr ein Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu -erzwingen, als wenn man Liebe erzwingen könnte! Es gab -Augenblicke wo er ihr drohte und sich bemühte ihr seine -Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann gleichgültig -und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm -zu widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas -befahl, tat sie es ohne zu murren, aber auch ohne zu -lächeln, genau wie wenn er sie um etwas bat. Das brachte -ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in ihr -Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus -dieser furchtbaren Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff -also das letzte Mittel: er verfolgte Tom. In meiner -Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu berühren; ich -sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmern -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -würde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte -und er wußte, daß ich seit jenem denkwürdigen Mittag -den Revolver stets bei mir trug. Aber sobald ich fort -war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und zufällig -erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, -ohne ein Wort zu verlieren, mit dem Stilett, das ich -aufhob und ihr zurückgab, nachdem sie es damals, in die -Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte. -</p> - -<p> -Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem -Extrem ins andere fallend, zu ihren Füßen und schluchzte -und flehte um Erbarmen. -</p> - -<p> -Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. -Ich kehrte gerade von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten -Petroleumquellen zurück und hörte, als ich mich -dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters -Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir -auf dem Hügel angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher -Blick auf das Meer und die Berge eröffnete. Zu ihren -Füßen im Sande lag Peter. Die zusammengefalteten Hände -stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu ihr, mit -flehendem Blick und erstickter Stimme. -</p> - -<p> -— Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! -Siehst du nicht, was mit mir vorgeht! Das ist doch -grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur Raserei, verliere -die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes -Weinen unterbrach seine Worte. -</p> - -<p> -Martha zuckte nicht einmal. -</p> - -<p> -— Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach -einer Weile. -</p> - -<p> -— Ich will deine Liebe! -</p> - -<p> -— Du bist mein Mann ... -</p> - -<p> -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -— Liebe mich! -</p> - -<p> -— Gut. Ich liebe dich ... -</p> - -<p> -Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so -furchtbaren Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges -Gefühl durchlief. -</p> - -<p> -Peter sprang auf. -</p> - -<p> -— Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich. -</p> - -<p> -— Ich werde dich nicht reizen. -</p> - -<p> -Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern; -seine Züge hatten sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich -griff ich zum Revolver; mein Blut hämmerte -in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht -zittern würde. -</p> - -<p> -— Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder -in einem Ton, als wenn sie sagte: Willst du Wasser -trinken? -</p> - -<p> -— Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... -bis ... -</p> - -<p> -— Gut. Schlage mich ... -</p> - -<p> -Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener. -</p> - -<p> -Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem -entsetzlichen Auftritt ein Ende zu machen. -</p> - -<p> -Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare -innere Kämpfe mitanzusehen, war mir im höchsten -Maße qualvoll, und da auch sie mich zum Teile mieden, -wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, -so ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen -Mondtage in vollster Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich -langsam daran gewöhnt. Übrigens konnte ich schon jetzt -mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und Langeweile -ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte. -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -Wohl hatte ich mir die Ehe „eines von uns“ mit -Martha anders vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren, -stillen, wenn auch von Sehnsucht nicht freien Idylle, von -einem neuen herzlichen Band, das unsern kleinen Kreis -vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme geführten -Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge -und die Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen -sollen, drehen würden. Aber wenn auch die Wirklichkeit -all diese schönen Träume vernichtete, so hatte sie mir doch -ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein -neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, -diese nicht von mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur -Welt kamen. Auf langen, einsamen Wanderungen dachte -ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich Vorräte, -erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen -nieder; für sie holte ich die von der Erde mitgenommene -Bibliothek aus dem Staube hervor und ordnete die Bücher; -für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt und Kalk gebrannt, -um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines astronomisches -Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen -oder aus dem Silber, das sich hier in großen -Massen findet, verschiedene Geräte geschmiedet, Glas, -Papier und andere für den zivilisierten Menschen unentbehrliche -Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so unaussprechlich -auf diese Kinder gefreut, die erst geboren -werden sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen -endlich alles zum Besseren wenden, ihr Lachen und -ihre hellen Stimmchen diese drückend schwüle Atmosphäre -verwehen müßten, die zwischen uns herrschte. -</p> - -<p> -Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. -In nicht ganz einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -Töchter. Sie kamen in der Nacht zur Welt. Als ich vom -Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes schwaches -Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen -Freude erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir -ein furchtbarer Schmerz das Herz zusammen und ich -konnte nur mit Mühe die aufsteigenden Tränen zurückhalten. -Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen -lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen. -</p> - -<p> -— Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich, -Onkel, was weint dort so? Etwa Mütterchen? -</p> - -<p> -— Nein, Kind, nicht Mütterchen weint, das ... sind -so kleine Kinder wie du, vielleicht noch kleiner. -</p> - -<p> -Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken. -</p> - -<p> -— Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte -er gespannt. -</p> - -<p> -Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich -aufmerksam an. -</p> - -<p> -— Onkel, und weshalb weinst du? fragte er plötzlich. -</p> - -<p> -Ja, wahrhaftig, Tränen flossen mir aus den Augen. -Weshalb weinte ich? -</p> - -<p> -— Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr -meinen Gedanken antwortend als ihm. -</p> - -<p> -Das Kind schüttelte mit großer Würde den Kopf. -</p> - -<p> -— Das ist nicht wahr! Ich weiß, Onkel, daß du nicht -dumm bist. Mütterchen sagte nicht so. Mütterchen sagte, -daß der Onkel gut ist, sehr gut, nur ... nur ... -</p> - -<p> -— Nur was? Wie sagte dir Mütterchen? -</p> - -<p> -— Ich habe vergessen ... -</p> - -<p> -In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf -der Schwelle stand Peter. Er war blaß und sichtlich erschüttert. -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -Er lächelte mir bitter zu, aber ehrlich, zum -erstenmal seit einem Jahr, und sagte: -</p> - -<p> -— Zwei Töchter ... -</p> - -<p> -Und dann: -</p> - -<p> -— Jan, Martha will, daß du ihr Tom bringst. -</p> - -<p> -Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn -erblickte, streckte sie beide Hände nach ihm aus. -</p> - -<p> -— Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen, -zwei auf einmal! Das ist für dich! Du wirst mir verzeihen, -Tom, nicht wahr? Du wirst verzeihen ... Aber -das ist für dich, nur für dich, mein Liebster, einziger, geliebter -Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme, -das Kind an ihre Brust drückend. -</p> - -<p> -Tom dachte nach. -</p> - -<p> -— Mütterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen -tun? -</p> - -<p> -— Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen, -lieben, kratzen, küssen, alles, was du willst, und sie werden -dir gehorchen und für dich arbeiten, wenn sie groß sind, -hörst du? -</p> - -<p> -— Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha, -das sind <em>meine</em> Kinder! -</p> - -<p> -Sie sah ihn kühl an: -</p> - -<p> -— Ich weiß es, Peter, das sind <em>deine</em> Kinder ... -</p> - -<p> -Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie -stürzen wollte, aber er hielt sich zurück und sich ihrem -Lager nähernd, sagte er so sanft er konnte: -</p> - -<p> -— Das sind <em>unsere</em> Kinder, Martha. Hast du für -mich kein Wort? Nichts? ... -</p> - -<p> -— O ja. Ich danke dir. -</p> - -<p> -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -Darauf begann sie wieder das helle Köpfchen des Sohnes -zu streicheln und leidenschaftlich zu küssen: -</p> - -<p> -— Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Söhnchen -... -</p> - -<p> -Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und -mir wurde es schwül und bange. Es war etwas Ungeheures -in dieser ausschließlichen Liebe der Mutter. -</p> - -<p> -Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte -nicht viel in unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. -Die Beziehungen Marthas und Peters blieben immer dieselben. -Ich fühlte seit langem alles mit Martha; aber -jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden. -Er wurde stumm und finster. In jedem seiner -Worte, in jeder seiner Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung -und Niedergedrücktheit. Einige Jahre jünger als -ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen. -Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden -Glanz. Niemals hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens -diesen unverbrauchten Organismus, der siegreich und kraftvoll -am besten von uns allen die unerhörten Mühen der -Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen könne. -Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich -ihr keine Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, -der gestorben war; außer für ihn und für ihren Sohn -gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen — das war -das ganze Unglück. -</p> - -<p> -Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie -kümmerte sich zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich, -daß sie dies nur mit dem Gedanken an Tom tat. -Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller Spielzeuge -für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -Tiere, die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen, -weil ihr Verlust kostspielig wäre. Sogar die Art, wie sie -von den Töchtern sprach, bewies das, denn sie sagte stets: -Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde -noch finsterer. -</p> - -<p> -Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und -nahmen, vor allem in den ersten Monaten, Marthas ganze -Zeit in Anspruch; auf diese Weise war Tom meist unter -meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das -Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt. -Er frug mich über alle möglichen Dinge aus und sprach -mit mir wie ein Erwachsener. In kurzer Zeit hatte ich mich -so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war, ohne seine -Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage -war ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm -ich auf alle, sogar die weiten Ausflüge Tom mit mir. -Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn sie wußte, -daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu -Hause, da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte. -</p> - -<p> -Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden -im Gespann zu gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit -auf dem Mond genügte uns dieses Gespann vollständig, -bequem und schnell von einem Ort zum andern fahren zu -können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die -zwei und mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit -Rücksicht auf die kalten Nächte, einen dicht verschlossenen, -von einem Elektromotor getriebenen und heizbaren Wagen -mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt hatte, -indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war -außer für Tom und mich noch für zwei Hunde Platz, -ebenso für reichliche Nahrungsvorräte und Brennmaterial. -</p> - -<p> -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen -Strand des Mittelmeeres auf dem Monde und kamen -nach Osten und Westen, und zwar so weit, bis uns die -schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste -zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte -Punkt, wohin wir gelangten, war das <em>Mare -Humboltianum</em>, eine Ebene, die ungefähr unter derselben -Mondbreite gelegen wie das <em>Mare Frigoris</em>, -manchmal von der Erde, während günstiger Librationen -des Mondes, sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen -auf dem rechten Segment des oberen Teiles der silbernen -Scheibe. -</p> - -<p> -Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem -Horizont emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, -zweiwöchige Nacht daselbst aufgehalten, um mich an dem -Anblick dieser seit langem nicht gesehenen, seit länger noch -verlorenen heimatlichen Welt zu laben. -</p> - -<p> -Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen -Fülle (wir befanden uns nämlich auf dem neunzigsten -Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren Halbkugel -des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende, -etwas gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden -hellen Linien Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, -heiße Sehnsucht nach diesem Globus, der am -Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich, hinausgetrieben -aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung -für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und -ich streckte mit einer unverständigen beinah kindlichen, aber -nicht zurückzuhaltenden Bewegung die Hände nach ihm -aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn auch ... -nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -an die Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande -gesehen hatte: schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines -blutigen Brandes, und eine unbeschreibliche Traurigkeit -kam über mich. -</p> - -<p> -Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften, -die dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht -vernichten, ja sogar der allbezwingende, unerbittliche -Tod, sind uns hierher gefolgt auf diesen Globus, der -bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit thronte. Überall -lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin -trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks. -</p> - -<p> -Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er -stand neben mir, eben aus einem langen Schlaf erwacht, -und schaute auf das ihm unbekannte leuchtende Rund am -Himmel. -</p> - -<p> -— Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem -Händchen nach oben deutend. -</p> - -<p> -— Du weißt doch, das ist die Erde, ich sagte dir öfter, -daß ich dich hierherführen würde, um sie dir zu zeigen. -Übrigens sahst du sie ja bereits, als wir hergekommen -sind, erinnerst du dich nicht? -</p> - -<p> -— Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die -andere war anders, auf der einen Seite zackig und diese -ist rund. -</p> - -<p> -— Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile -nach. -</p> - -<p> -— Onkel ... -</p> - -<p> -— Was? -</p> - -<p> -— Ich weiß es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen -oder hat sich morgens entrollt wie diese großen Blätter. -</p> - -<p> -Ich bemühte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -der Veränderung der Erde zu erklären. Er hörte zerstreut -zu und verstand scheinbar nicht, was ich sagte. -</p> - -<p> -Endlich unterbrach er mich mit der Frage: -</p> - -<p> -— Onkel, und was ist das, diese Erde? -</p> - -<p> -Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß -dort Meere sind, Berge und Länder und Flüsse wie auf -dem Monde, nur weit größer und schöner; daß es dort -viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man Städte -nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen -wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir -von dort auf den Mond gekommen sind: ich und die Mutter -und Peter und sein Vater, der nicht mehr lebt, und sogar -die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen er -so gerne spielt. -</p> - -<p> -Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung -mit großem Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und -sagte, meinen Bart streichelnd: -</p> - -<p> -— Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach’ -bitte keinen Spaß, sondern sage ganz vernünftig, was ist -das, diese Erde? -</p> - -<p> -Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur -Seite biegend, schauten sie ebenfalls neugierig auf die -am Himmel leuchtende Scheibe. -</p> - -<p> -Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die -Rückfahrt an. Die Erde, durch den Tagesglanz verblaßt, -schien hinter uns nur noch wie eine aschgraue, kreisförmige -Wolke, die über dem Horizont sichtbar war. -</p> - -<p> -Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach -Süden. Der Strand des Meeres, der sich in gebrochener -Linie erstreckt, ungefähr zwischen dem fünfzigsten und -sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des 140.° -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere -Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine -Meerenge, die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel -vereinigt. Ich wollte mich darüber orientieren und -auf jener Halbkugel vordringen, aber dies gelang mir nur -bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu -war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren -trotz der Nähe der Meere so kalt, daß sie mich an die -Fröste erinnerten, die auf der luftlosen Halbkugel herrschten, -und während der furchtbaren Glut des Tages hörten -die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war -felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein -Leben, nichts — nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen -Meeren, aus denen die scharfen Spitzen vulkanischer -Inseln herausragten, die nicht selten durch eine Rauchwolke -oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren. Öfter -während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich -Tom mit mir genommen hatte, weil ich fürchtete, wir -würden beide ums Leben kommen. Da wir der steilen Berge -wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht vorwärtskamen, -hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich -zu Füßen wilder und phantastischer Felsen eine etliche -hundert Meter breite Ebene erstreckte. Es war schon gegen -Mittag, und das Meer durch die Flut, die von der Anziehungskraft -der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen -ist, so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche -des Strandes erreichte. Da ich eine Überschwemmung -des Weges, den wir passierten, befürchtete, sah ich -mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um, -als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her -vorausging. Die mächtigen Wogen ergossen sich über den -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Strand; eine davon traf unseren Wagen und warf ihn -zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es war -keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit -einer Kette an dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen -dicht geschlossen hatte begann ich, Tom auf die Schultern -nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich habe im ganzen -Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals. -Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem -verwitterten Felsen, mit der andern Hand hatte ich den -Knaben gefaßt, der vor Entsetzen zitterte; unter mir das -tobende, schäumende Meer und über mir eine Wolke, aus -der sich die Donner entluden und strömender Regen herabstürzte. -Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor -dem Orkan, sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken, -die, durch den Sturm vom Gipfel losgerissen, -wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe geschleudert -worden. Diese furchtbare Situation machte die -Angst um den Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch -qualvoller. Wenn die Wellen die Kette losrissen und den -Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen zerschmettern, -ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir unrettbar -dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte, -ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach -Hause gelangen konnten. Als ich die Stelle erreicht hatte, -wo ich Tom unter einen Felsen setzen, zudecken und so -festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit -war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen -besser zu befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir -endlich, ihn in eine Kluft zu bringen, wo er vor den -Wellen geschützt war. -</p> - -<p> -Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -ihm, das Ende des Gewitters abwartend. Das verängstigte -Kind schmiegte sich an mich und frug weinend, warum wir -hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht antworten, -weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem -die Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb -wir auf den Mond gekommen sind ... -</p> - -<p> -Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger -geworden, wählte ich einen Weg, der hoch über dem -Meeresspiegel führte. -</p> - -<p> -Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den -uns während der Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle -andern Ausflüge legten wir ohne Abenteuer in froher -Stimmung zurück. -</p> - -<p> -Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten -Elektromotor, der sich einst im Besitz der unglücklichen -Remogners befand, haben Peter und ich ausgebessert und -in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung der treibenden -Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu -Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom -des Vormittags oder in der Abendzeit aufs hohe Meer -hinaus. -</p> - -<p> -Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel, -die in jeder Beziehung beachtenswert war. Schon von -weitem erstaunte ich über ihre Gestalt ... -</p> - -<p> -Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren -entweder durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres -gehoben, oder die Gipfel vom Wasser überfluteter -Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich sofort -den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen -Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im -Südwesten erhob sich eine niedere Bergkette, die seit uralten -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -Zeiten von Regen und Sturm zerbröckelt schien. Ihre -Ufer waren steil und scheinbar durch die Brandung zerfressen, -denn das Meer war in einem großen Umkreis so -flach und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer -fiel, mit der nicht tiefgehenden Schaluppe zu landen. -</p> - -<p> -Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte -Stückchen Boden, das den uns bekannten Mondgegenden so -gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm uns die vollständig -verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie -anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere -Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern -Erde traf ich kaum mehr als drei oder vier -Stauden an, die mir bereits bekannt waren, aber dafür -eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner anderen Stelle -vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. -Sie machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, -überall ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch, -wie durch ein Wunder erhalten, existierte und von der Art -des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen Zeiten -Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder -waren und das Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe -dachte ich, als ich die Tiere erblickte, die auf dieser -seltsamen Insel hausten. Es waren nicht viel, und sie -unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten. -Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen -und Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese -gebrechlichen, degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln -heraus und schauten mich verständig und prüfend, -aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund, den ich mit -mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen -die Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -Zischlaute aus. Wie ich mich überzeugte, waren das die -einzigen Laute, die sie von sich geben konnten. -</p> - -<p> -Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über -alles und blieb fortwährend stehen, mit einem farbigen -Stein oder einer Muschel beschäftigt oder eine duftende -Pflanze betrachtend, die durch die Stellung der Blätter -an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade einige -Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm: -</p> - -<p> -— Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne -Stöcke! -</p> - -<p> -Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde -sitzend, von einer Unmenge weißer dünner langer Knochen -umgeben. Ich prüfte sie näher und wußte auf dem Monde -kein Tier, von dem sie herrühren konnten. -</p> - -<p> -Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen -Knochen einen merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück -dicken, auf der einen Seite stark gebogenen Kupferblechs, -das seiner Form nach an ein breites Messer erinnerte. Das -Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn -dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so -hatten auf dem Monde einst verständige Wesen gelebt. -</p> - -<p> -Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst -auf dem <em>Mare Imbrium</em> vor uns auftauchte und die -so denkwürdig war durch den entsetzlichen Vorfall, der -den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten damals jene -Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher -betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals -etwas, das für die Existenz vernünftiger Geschöpfe -hier lange, lange vor unserer Ankunft zu sprechen schien. -</p> - -<p> -Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene -zu Füßen der Bergkette liegende Grotten, fand aber -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -nichts, was mich hätte von der Richtigkeit meiner Vermutungen -überzeugen können. Zwar schien es mir, daß -ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer -zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des -kleinen Teiches sah ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln, -die gewissermaßen Einschnitte hatten, und der Damm, -der den Bach verhinderte sich in den Teich zu ergießen, -schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen Richtung -wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest -einer zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso -das Werk des Zufalls sein oder nicht verständiger, aber -schlauer Tiere. Auf der Erde erheben doch zum Beispiel -die Biber die interessantesten Bauten. -</p> - -<p> -Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber -die vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen, -daß diese Insel das Überbleibsel eines größeren, -im Meere verschwundenen Stück Landes sei, und gaben ein -annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich auf -ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen -Epoche vorausgingen. -</p> - -<p> -Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und -oft kam ich hierher, um von den Berggipfeln auf das sich -rings erstreckende, von der Sonne golden gefärbte Meer -zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der Rest dieses -Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches -Leben. -</p> - -<p> -Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter -Vulkane, über denen der finstere, fast unaufhörlich mit -einer Feuersbrunst umlohte, mächtige Otamor thronte. Das -Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge -wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -dumpfen Brausen, das etwas vom Rauschen dahingegangener -Äonen, etwas von der geheimnisvollen Stimme der -menschlichen Seele an sich hatte, in Halbschlaf gewiegt, -träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen sein -mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich. -</p> - -<p> -Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich -damals die Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend, -erst auf der Oberfläche ab, und die Sonne ging, infolge -der schnelleren Drehbewegung des Mondklumpens, die im -Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über diese Länder -und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und -Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne -Frost und ohne unerträgliche Gluten. Damals stand auch -die Sonne nicht über der furchtbaren Wüste des Todes, -sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und untergehend ... -Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose -Ebene. -</p> - -<p> -Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre -auf dieser Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde -wendend, die Luft verlor und mit ihr das Wasser, so weit -alle Spur des früheren Lebens verwischen, daß es heute -scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre seit Anfang -der Welt. Tomas hat das einst angenommen. -</p> - -<p> -Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem -unaufhörlichen eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen -Lebens vernehme. Wälder von hohen mächtigen -Bäumen, die sich vor dem Froste der langen Nacht, -die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen, -ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben -Tiere, kräftig, riesenhaft, die Vorfahren der heute auf -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -dieser Welt degenerierten Nachkömmlinge; zwischen den -Ästen schlagen die Flügel fliegender Eidechsen ... Es -ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den Nebeln -der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle -Rund der Erde. -</p> - -<p> -Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende -Licht von den Mauern herrlicher Städte, von schlanken -Türmen herab verständige Augen schauten? Ob sich nicht -Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den silbernen -Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen? -</p> - -<p> -Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst -vermutete, daß auf diesem mächtigen Globus, der zwischen -den Himmeln hing, ebenfalls denkende Wesen sind, ob -man nicht erriet, wie sie leben und aussehen? -</p> - -<p> -Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere -Richtung; sie riß sich vom Monde los wie ein aus dem -Käfig flatternder Vogel und eilte weiter, Hunderttausende -Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde, die mir -die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch -malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel -der Berge. -</p> - -<p> -Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel; -das lange Schweigen machte ihn ungeduldig. -</p> - -<p> -Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter -den Kleinen sehnsüchtig erwartete. -</p> - -<p> -Hier gehörte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm -ihn zärtlich in ihre Arme, und wenn die leidenschaftlichen -Umarmungen und Küsse beendet waren, setzte sie sich mit -ihm auf die Schwelle und begann ihre sich stets wiederholende -Erzählung von dem jungen, schönen und guten Engländer, -seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war, -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -und der unter dem Sande der großen, stillen Mondwüste -schlummerte. Eigentlich erzählte sie das mehr sich selbst -als dem Sohne, und ihre heißen Tränen flossen auf das -helle Köpfchen des Kindes. -</p> - -<p> -Peter grübelte gebrochen und niedergedrückt im Hause -über etwas nach oder ging nach den Mädchen zu sehen. -</p> - -<p> -Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurück, -um in der Einsamkeit zu träumen oder mich mit irgendeiner -Arbeit zu beschäftigen. -</p> - -<p> -Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und -unter, die Erdenjahre schwanden, mühsam an den Mondtagen -gezählt; Tom wurde größer und die Mädchen liefen -schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber für mich hat -sich nichts geändert. -</p> - -<p> -Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wüsten Lande -umher, verbrachte lange Stunden auf der Friedhofinsel, -und wenn ich nach Hause kam, blickte ich auf Martha, die -immer gleich traurig und schweigsam war, und auf Peter, -der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen -... -</p> - -<p> -Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig -in meinem Herzen und wuchs mit den Jahren, bis sie -schließlich eine furchtbare, unerträgliche, mich zu Boden -drückende Last wurde. Um mich vor ihr zu schützen, dachte -ich an das neue Geschlecht, unternahm große Wanderungen, -ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der -Unterbrechung, wenn ich müde und erschöpft niedersank, -kehrte sie wieder — sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte -mir die blassen Züge meiner Kameraden hier und gaukelte -mir Träume vor von jenen dort, die ich auf ewig verlassen -hatte ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-5"> -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -V. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten -anzeigt und der Lauf der Sonne, deren Bahn sich -hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen, dort auf der -Erde, näherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende, -seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum -drittenmal Mutter werden sollte. Sie erwartete die Geburt -des Kindes mit Ungeduld, denn sie hoffte, daß es -ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum -Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach -langer Unterbrechung heranrückte, sagte sie zu uns: -</p> - -<p> -— Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich -einen Diener und Sklaven gebe ... -</p> - -<p> -Sie sagte das scheinbar gleichgültig, als wenn sie eine -ganz natürliche Sache erwähnte, aber ich hatte das Gefühl, -aus ihrem Ton noch etwas Unausgesprochenes herauszuhören -... -</p> - -<p> -Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, -wie das Stöhnen eines Arbeiters, der eine freiwillig -aufgenommene Last von seinen Schultern wirft, -von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie getragen -hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last zusammenbrach, -sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel. -</p> - -<p> -Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit -ergeben. Sie verwundete ihn mit jedem Worte, -mit jedem Blick, mit allem, was sie tat und sagte und -dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es unbewußt -geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. -Aber damals, nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem -Blick an und lächelte verächtlich und dann -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den Knaben -bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er -ihn lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, -aber für sein Alter auffallend schmächtig. Der -Stiefvater schob den breiten Ärmel der Bluse des Kindes -zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug leicht mit -der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften -und Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch, -und die Hand auf den Kopf des verängstigten Knaben -legend, zischte er, Martha anstarrend, jedes Wort betonend, -durch die Zähne: -</p> - -<p> -— Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu -befehlen, aber sein Bruder kann stärker sein. -</p> - -<p> -Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben. -Aber ihre Besorgnis dauerte nicht lange. In den glänzenden -Augen des Kindes las sie scheinbar das, was zu allen -Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen Ordnung -geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete -kurz: -</p> - -<p> -— Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer -sein sollte. -</p> - -<p> -In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger -Knabe, ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte -Energie. Er entwickelte sich schnell und auf -eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz anders, -wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der -Erde entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und -hatte einen so ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal -staunten. Es war keine Spur einer kindlichen Schwärmerei -an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern, so entsetzlich -nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -auf dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die -Gedanken, von keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und -klar dahinflossen wie unter dem kahlen Schädel eines -Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel Herz: er -liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter -konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie -sein Vater, war er in Peters Gegenwart verängstigt und -verwirrt. Übrigens weiß ich es nicht einmal, ob ich die -Ausdrücke recht gewählt habe, um zu beschreiben, was in -der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters vorgehen -mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig, -daß es schien, als wenn er lieber alle Qualen ausstehen -würde als die Lippen öffnen. Nur die Augen irrten unruhig -umher. In seinem Benehmen war Angst, aber auch -Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin. -Peter fühlte und sah das, und es schien mir, daß er schon -damals dieses seltsame Kind fürchtete. -</p> - -<p> -Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum -Gehorchen geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, -weltumfassenden Geistes der Engländer in ihm und zu -viel flammendes Blut der stolzen Radschas aus Travancore. -</p> - -<p> -Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder -bekommen sollte, der größer und stärker ist als er, -dieser genau so hinter ihm herlaufen und ebenso demütig -in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen -Schwestern Lilli und Rosa. -</p> - -<p> -Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein -drittes Mädchen zur Welt, das wir Ada tauften. -</p> - -<p> -Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt -dieses Kindes. -</p> - -<p> -— Tom, sagte sie einige Stunden später, als wir auf -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -ihren Wunsch den Knaben an das Lager gebracht hatten, -Tom, du wirst keinen Bruder mehr haben, aber du hast -dafür drei Schwestern. Sie müssen dir genügen als Ehefrauen, -als Kameraden, als Dienerinnen ... -</p> - -<p> -Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten -Mädchen, was er mit der neuen Schwester tun solle, sondern -schaute sich nach Lilli und Rosa um, die sich in einer -Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie gewöhnlich -mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen; -er berührte leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskräften -schreiende Geschöpf und sagte, ernst mit dem Kopfe -nickend: -</p> - -<p> -— Sie werden genügen, Mütterchen, sie werden genügen -... -</p> - -<p> -— Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und -das Benehmen des Kindes unangenehm berührt, du mußt -gut zu ihnen sein. -</p> - -<p> -— Weshalb? fragte er naiv. -</p> - -<p> -— Damit sie dich lieb haben, antwortete ich. -</p> - -<p> -— Sie lieben mich auch so ... -</p> - -<p> -— Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mädchen -fast einstimmig. -</p> - -<p> -— Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du, -denn sie lieben dich, obwohl du es nicht immer verdienst. -Aber diese Kleine könnte dich vielleicht auch <em>nicht</em> lieben .. -</p> - -<p> -Tom antwortete nichts; ich bemerkte, daß er voller Mißmut -auf das Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen -zusammenzog. -</p> - -<p> -Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren -wurde, er wäre sein Sklave oder — sein Feind geworden. -</p> - -<p> -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare -Ironie des menschlichen Daseins nach, die uns von -der Erde auf den Mond nachfolgte. Zu O’Tamor eilten -meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so -schön vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern -Marthas und Tomas’, die vor dem schlechten Einfluß der -irdischen „Zivilisation“ bewahrt blieben, ein neues, ideales -Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd und unbekannt -wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks -auf der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und -denke mir, daß der kluge, edle O’Tamor nur eines vergessen -hat, nämlich daß die Nachkommenschaft des Menschen -sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen -wird, die in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, -was der Jammer der menschlichen Geschlechter geworden -ist. Und ist es nicht die grausamste Ironie, daß der Mensch -seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die Sterne hinüberträgt, -die am fernen Himmel über ihm leuchten? -</p> - -<p> -Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens -wird dadurch die Zeit der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten -hinausgerückt, und wir werden vielleicht indessen -sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen ... -</p> - -<p> -Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu -geschaffen sind, ihm zu gehorchen. Sie werden am Ende -nicht einmal das ihnen zugefügte Unrecht verstehen, sondern -glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und Herr sich -ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich -Lilli und Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen -ist noch zu klein, sie ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung -kaum drei Jahre alt, um irgendwelche Vermutungen bezüglich -ihrer zukünftigen Stellung zu dem Stiefbruder auszusprechen. -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt wie -die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig. -</p> - -<p> -Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und -der geistigen Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der -letzten Zeit meine einzige, wenn auch traurige Zerstreuung. -In physischer Beziehung haben sie sich den Bedingungen -der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen -immer fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so -viele Jahre hier leben, vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein -Schwieriges ist zum Beispiel für uns die Regulierung -des Schlafes. Während des langen Tages müssen -wir fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das -bringt das Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil -der Zeit, während der die Sonne am Himmel steht, durch -den Schlaf verlieren; das ist etwas Unnatürliches und infolgedessen -wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen wir zwei -Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit -und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile -gequält. Die Kinder, die hier geboren sind, schlafen am -Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens zwei Stunden in -zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast die -ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden -nach Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher -Schlaf. Wenn sie in der Nacht aufwachen, so ist das -nur auf zwei, drei, höchstens vier Stunden, worauf sie -wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die Zieselmäuse -oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste -zarte Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages -verkündet. -</p> - -<p> -Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -besser als wir. Die Hitze schwächt sie nicht in dem Maße -und ruft nicht die Erregung noch den Schlaf hervor wie -bei uns. -</p> - -<p> -Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch -gegen die Kälte viel abgehärteter sind als wir älteren. -Am Morgen, wenn es am kältesten ist, laufen sie, eben -vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und entfernen sich, -sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im -äußersten Notfalle ins Freie wagen. -</p> - -<p> -Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer -Tom. Die beiden älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso -wie der alte Wotan, anscheinend von derselben blinden -Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese Mädchen -bilden den ständigen Hof Toms. -</p> - -<p> -Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen -gehen, der früh nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich -auf der Eisbahn am Strande des in der Nacht zugefrorenen -Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich überzeugt, -daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller -Frühe — auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht -auf diesen Einfall gekommen sind! Alle hiesigen Tiere -graben sich zum Schutze vor der Kälte in die Erde ein und -schlafen während der Nacht. -</p> - -<p> -Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche -Witterung hat, herausbekommen. Er suchte unter dem -Schnee die Schlupfwinkel der verschiedenartigsten kleinen -Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie aufwachten. -Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon -bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute -uns schöne dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem -Schildpatt sehr ähnlich ist. Das Jagen ist während des -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch den sie -verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind. -Wie groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens -mehrere Häute brachte, unter denen einige frisch -waren und der Rest sehr sorgsam gegerbt! Diese letzteren -stammten von früheren Jagden. Der Junge sah, wie wir -die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen -Muscheln gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher -Menge am Meeresstrande befand, gegerbt haben, und machte -das alles auf eigene Faust und nicht viel schlechter als wir! -</p> - -<p> -Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt, -kannte er schon genau unsere Fabriken und verstand den -Zweck und die Bedeutung jeder Einrichtung, die Brauchbarkeit -eines jeden Instrumentes und Materials. Ich habe -die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber -für Bücher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert -ihn alles, was einen praktischen Wert hat, um andere -Dinge kümmert er sich sehr wenig. Ich wollte ihn die -Geographie der Erde lehren, die Geschichte der dortigen -Völker, ihn mit den seinem Verstande zugänglichen Meisterwerken -großer Schriftsteller bekannt machen, aber ich -bemerkte sehr bald, daß ihn das absolut nicht interessierte, -so großes Interesse er auf anderen Gebieten zeigte. -Zunächst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich glaubte, -daß ich in ihm einen historischen und ästhetischen Sinn -wecken könne; erst als er mich während einer derartigen -Lehrstunde einmal ganz unvermittelt fragte: -</p> - -<p> -— Onkel, warum erzählst du mir das alles? — gab ich -die diesbezüglichen Bemühungen auf. -</p> - -<p> -Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn -in der Tat, wozu? ... Und er sagte weiter: -</p> - -<p> -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -— Das alles, was du mir da erzählst, soll wahrscheinlich -auf der Erde sein, die ich, wie ich mich erinnere, während -eines Ausfluges gesehen habe, wie eine große leuchtende -Kugel, und von der du, Onkel, hierhergekommen -sein sollst, nicht wahr? -</p> - -<p> -— Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin, -und von der überhaupt die Menschen stammen. -</p> - -<p> -Der Knabe sah mich an, als wenn er zögerte zu sagen -was er dachte, und endlich kam es mit etwas schüchterner -Miene heraus: -</p> - -<p> -— Aber ich weiß nicht, Onkel, ob das alles wahr ist. -</p> - -<p> -Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie -bei einem Kinde, dem man Dinge erzählt, die sich auf -einem entfernten und nur einmal von ihm gesehenen Planeten -abspielen, ganz natürlich ist. -</p> - -<p> -— Hast du dich jemals überzeugt, daß ich die Unwahrheit -spreche? -</p> - -<p> -— Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er -etwas leiser hinzufügte: -</p> - -<p> -— Aber jetzt kann ich mich nicht davon überzeugen, -daß du die Wahrheit sprichst ... -</p> - -<p> -Ich nahm eine Uhr aus der Tasche. -</p> - -<p> -— Weißt du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst -du, daß ich oder Peter oder deine Mutter ein solches -Werk herstellen können? Du siehst auch Bücher, die wir -nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir -gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn -wir es nicht von der Erde mitgebracht hätten? Und wenn -wir von der Erde hierhergekommen sind, so müssen wir -doch wissen, wie es dort ist und aussieht. -</p> - -<p> -Der Knabe dachte nach. -</p> - -<p> -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -— Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die -Erde kommen? -</p> - -<p> -— Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen. -</p> - -<p> -— Weißt du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche -Bücher und Vergrößerungsgläser machen und erzähle mir -nicht mehr davon, wie man da von einem Europa nach -Amerika fährt, oder was dieser Alexander der Große gemacht -hat und der andere, Napoleon ... -</p> - -<p> -Ich mußte in meinem Innern zugeben, daß Tom recht -hatte. Er war doch niemals und wird niemals dort sein, -wozu soll ich ihm also erzählen, was mich nur deswegen -angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese Belehrungen -sind nutzlos für ihn; und wenn er oder seine -Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren -wollen, von der vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen -dringt, daß man sie, die Mutter des menschlichen Geschlechts, -am Himmel leuchtend von den Grenzen der -toten Wüste aus sehen kann, so werden diese Bücher, die -wir mitgebracht haben, den zukünftigen Mondbewohnern -märchenhafter erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten -Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“. -</p> - -<p> -Seitdem beschloß ich, Tom nur das beizubringen, was -in seinem zukünftigen Leben auf dem Monde einen realen -Wert für ihn hat. Dazu zeigte er auch eine ungewöhnliche -Lust. -</p> - -<p> -Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah, -daß sie ihm von Nutzen sein könnten. So interessierte -ihn zum Beispiel anfangs die Astronomie sehr wenig, -aber er beschäftigte sich mit wahrem Feuereifer mit ihr, -als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte, -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -den man aus der Messung des Höhenstandes der Sterne -ziehen kann. -</p> - -<p> -Ich bin überzeugt, daß, wenn wir die Bücher nicht -mit hierhergebracht hätten, die nach uns bleiben, den kommenden -Generationen die ideale Seite dieses kleinen -Teiles der von der Erde überlieferten geistigen Arbeit des -Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des -unzweifelhaft befähigten, aber unerhört nüchternen Tom -würde sie sicher nicht fortleben. Und doch denke ich immer -und immer an dieses künftige Geschlecht. Es soll, dahin -geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht wild aufwachsen -und dahinleben, sondern wissen, daß der menschliche -Geist mächtig ist, daß er Großes und Schönes schafft -und seinen Gott über den goldenen Sternen sucht! Daß -er unaufhaltsam vorwärtsdringt und in glühendem Begehren -nach Wahrheit und Schönheit strebt. Daß dieser -Geist die stärkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen -mit der ihn umgebenden Natur ist, und sie ihn schätzen -lernen und aus seiner Kraft Nutzen ziehen. -</p> - -<p> -Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen, -obwohl er leider so wenig Verständnis dafür hat; ich lechze -danach, als wenn ich fürchtete, daß mir die Zeit dazu -fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle sterben, -wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des -Mondvolkes nur mehr er sein und diese alten Bücher, -die zugleich mit den Menschen von dem fernen Planeten -auf diese Welt geschleudert wurden. -</p> - -<p> -Als ich ihm einst sagte, er müsse fleißig sein und alles -lernen, nicht nur das, was ihm gefällt, denn er würde in -Zukunft der Erzieher des neuen Geschlechts sein, schaute -er mich erstaunt an und fragte: -</p> - -<p> -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -— Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du -kannst doch alles ... -</p> - -<p> -— Ich werde dann nicht mehr leben. -</p> - -<p> -— Wer wird dich töten? -</p> - -<p> -Tom verstand nicht, daß es einen natürlichen Tod gibt. -Er sah die getöteten Tiere und tötete sie selbst, aber er -sah noch nie ein sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann -die Notwendigkeit des Todes zu erklären. Er hörte mir -aufmerksam zu, dann unterbrach er mich plötzlich, indem -er rief: -</p> - -<p> -— Also wird auch Peter sterben? -</p> - -<p> -— Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie -schließlich du selbst ... -</p> - -<p> -Tom schüttelte den Kopf: -</p> - -<p> -— Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich -davon? -</p> - -<p> -Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung -und setzte ihm abermals auseinander, daß der Tod nicht -von dem menschlichen Willen abhänge, aber Tom war -nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas anderes. -Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd: -</p> - -<p> -— Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher -sterben wie du, zuerst von uns allen, er soll bald sterben. -Er ist doch vollständig unnötig. Dann würdest du allein -mit uns und der Mutter bleiben und es wäre uns allen -wohl ... -</p> - -<p> -Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod -wünschen dürfe und um so weniger Peter, der doch der -Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa sei. Er schaute -finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll: -</p> - -<p> -— Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -Schwestern? Du bist mir viel lieber als Peter und auch -der Mutter ... Peter ist überflüssig. -</p> - -<p> -Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens -erbeben, und gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn -das war ein Gedanke, der in letzter Zeit auch mir öfter -durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht anklagen. Ich -hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem -freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten -eines gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was -ich gekämpft, was ich gelitten habe, das kann ich heute -nicht mehr mit Worten schildern. -</p> - -<p> -Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und -einzige auf dieser Welt, stets um mich, ich sah, daß sie -unglücklich war und manchmal redete ich mir sogar ein, -daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage, wo ich, -auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche -preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt, -weil ich glaubte, es nicht länger ertragen zu können. -</p> - -<p> -Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, -obwohl mir das Blut oft den Blick verschleierte -und der Krampf meine Brust zusammenschnürte, ich habe -es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen, die mich -im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem -Wahnsinn nahe brachten. -</p> - -<p> -An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um -Martha ziehen sollten, dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, -daß ich mit der Zeit ruhiger würde und vergessen -könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin, vergeblich -irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete -ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das -künftige Geschlecht: Sie ist mir stets ebenso teuer wie -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -damals, dort im Polarlande, als ich nach langer, dank -ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit ihr -auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte, -über gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge -sprechend. -</p> - -<p> -Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig, -aber mein Geist beginnt zu altern, ich fühle es; die -Sehnsucht nach der Erde lastet auf meiner Seele und -eine immer größere Trauer greift um sich in meinem -Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke -auch nur noch durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem -Herzen will nicht älter und schwächer werden, im Gegenteil, -sie wächst mit dem Alter, zugleich mit der mich immer -mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich -bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen. -</p> - -<p> -Manchmal versuche ich es, zu spötteln. Ich wiederhole -mir brutal, daß ich Martha nur deswegen liebe, weil sie -die einzige Frau auf dem Monde ist und nicht mir gehört; -daß dieses erhabene Gefühl ein nur in dem Prisma des -menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang -ist, und viele, viele ähnliche Dinge; aber nachdem ich mir -das alles zum hundertstenmal gesagt habe, suchen meine -Augen unwillkürlich Martha und ich fühle, daß ich mich -freudig ans Kreuz schlagen ließe, wenn ich dadurch ein -einziges heiteres Lächeln auf ihre Lippen zaubern könnte. -</p> - -<p> -Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar -auf einem anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten -auch das Gefühl des Rechts. Ich weiß nicht, ob -das auf den Folgen der Erziehung oder auf einer angeborenen -geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, daß -es in uns lebt und sich laut vernehmen läßt, sogar da, -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -wo es niemanden gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen -könnte. -</p> - -<p> -Martha gehörte zu Peter. Ich war damit einverstanden -gewesen, und dieser Gedanke, mag es sein wie es will, -hielt mich von manchem zurück, was ich sonst vielleicht -getan hätte. Ich bemühte mich, sie zu meiden, um meinen -Verdacht vor mir selbst, daß ich mich ihr zu gefallen bemühte, -zunichte zu machen. Übrigens suchte auch sie nicht -meine Gesellschaft; ich bemerkte sogar, daß meine Gegenwart -sie stets mit Unruhe erfüllte. Aber das alles hat -sich seit der Geburt des jüngsten Mädchens geändert, da -es nach dieser zum vollständigen Bruch zwischen Martha -und Peter gekommen ist. -</p> - -<p> -Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas -vor Sonnenuntergang, saßen wir beisammen, was sehr -selten vorkam, und schauten schweigend auf das weite -Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten, -die, leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen -zu phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel -des Otamor war vollständig blutig gefärbt, auf der schwarzen -Rauchwolke, die über dem Krater hing, leuchteten ebenfalls -dunkelrote Reflexe. -</p> - -<p> -Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung -zu verändern, ohne uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo -in weite Fernen starrten, begann sie zu sprechen, scheinbar -ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging, daß -ihre Stimme anfangs zitterte. -</p> - -<p> -— Ich habe ein großes Verbrechen begangen, sagte sie, -denn ich hielt meinem verstorbenen Manne die Treue nicht, -und gern werde ich dafür büßen, Hunderttausende von -Jahren in verschiedenen Verkörperungen ... Aber ihr wißt, -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -daß ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in -dem er selbst wiedergeboren ist und für mich lebt. Ich -habe niemals daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht -und welche Absichten ihr hattet, geht mich nichts an; ich -wollte, daß Tom Schwestern und einen Bruder bekommt, -er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern, -und ich denke, daß ich meine Pflicht erfüllt habe ... -Eine schwere Pflicht, du weißt es, Peter. Du tust mir -leid, denn du täuschtest dich, daß du mir etwas mehr sein -könntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber jetzt -hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurück zur Freiheit! -Ich frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben -willst: ich nehme sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein -Weib ... -</p> - -<p> -Sie seufzte tief auf und verstummte. -</p> - -<p> -Wir waren so überrascht, sowohl durch ihre Worte, wie -auch durch die Art, wie sie sie hervorbrachte, daß wir eine -Weile schweigend dasaßen, ohne eine Antwort finden zu -können. Was sollte man ihr auch erwidern? Sie wartete -ja nicht einmal darauf ... „Ich nehme mir die Freiheit -... Ich bin nicht mehr dein Weib“ ... Einen -ungeheuren Eindruck haben diese Worte auf mich gemacht. -Eine Zeitlang dröhnten sie mir in den Ohren wie die Losung -eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas, -das ich nicht einmal zu erträumen wagte, wie ... Nein, -ich kann es nicht mehr schildern, was in meinem Innern -vorging! Es schien mir, als wenn dieser eine Satz all das -Traurige, das an mir vorübergegangen, verwischte und -vernichtete; in der Brust empfand ich eine Fülle, ein Glücksgefühl; -das Blut jagte mir durch die Adern und meine -Pulse flogen. -</p> - -<p> -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -Ich blickte auf Martha. -</p> - -<p> -Sie saß unbeweglich und still da, auf das Meer starrend, -nur ein unsagbar trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen, -als wenn sie weinen wollte. -</p> - -<p> -„Ich nehme mir die Freiheit“ ... so hatten diese Lippen -vor kurzem gesprochen. -</p> - -<p> -Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten jetzt deutlich, -daß sie diese Freiheit nicht als Flügel betrachtete, die zum -Fluge bestimmt sind, sondern als einen Schleier, der das -Recht der Ruhe bedeutet. Daß diese Freiheit für sie keine -Dämmerung ist, die den Tag verkündet, vielmehr eine -Dämmerung, die dem Ausruhen vorangeht. -</p> - -<p> -In ihren Augen erglänzten Tränen, und durch diese -Tränen starrte sie unaufhörlich in die Ferne, auf das von -der Sonne vergoldete Mondmeer. -</p> - -<p> -Das Herz schnürte sich mir in schmerzhaftem Krampf -zusammen, denn ich begriff endlich, daß man sich von -der Vergangenheit abwenden kann, aber daß es unmöglich -ist, sie auszulöschen. -</p> - -<p> -Peter indessen sagte trocken: -</p> - -<p> -— Mir ist alles einerlei. -</p> - -<p> -Und nach einer Weile fügte er hinzu: -</p> - -<p> -— Was beabsichtigst du jetzt zu tun? -</p> - -<p> -Martha zuckte zusammen: -</p> - -<p> -— Nichts ... Noch ein wenig für Tom zu leben, -für die Kinder. Und dann ... -</p> - -<p> -— Für die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo. -</p> - -<p> -Vom Strande kamen gerade die beiden Mädchen gesprungen, -lachend, strahlend, die Schürzchen voll gesammelter -Steine, Muscheln und Bernstein. Sie riefen laut -nach Tom, der auf dem nahen Bache Mühlen baute. -</p> - -<p> -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -Peter folgte ihnen langsam mit den Augen. -</p> - -<p> -— Für die Kinder ... wiederholte er noch einmal und -stützte den Kopf auf die Hände. -</p> - -<p> -Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die -Sonne berührte schon den Horizont, und die Welt begann -sich aus dem Gold in Purpur zu färben. Ein leichter Wind -trug uns vom Meer den scharfen Duft der Wasserpflanzen -zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande zerschlagenden -Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen -der Kinder. -</p> - -<p> -Plötzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter. -</p> - -<p> -— Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen -Ton, wie ich ihn schon lange nicht mehr bei ihr gehört hatte, -vergib, ich war vielleicht ... ungerecht ... vergib, aber -ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann nicht ... Es -tut mir leid, daß du durch mich ... ein solches Leben -hattest ... -</p> - -<p> -Sie streckte ihm die Hand entgegen. -</p> - -<p> -Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann -auf ihre ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und -brach plötzlich in ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus. -</p> - -<p> -— Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem -Wort, nach so viel Jahren, ha, ha, willst du Freiheit? -Ein guter Gedanke. Vielleicht eine neue Wahl? Ha! -ha! ha! „Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.“ -</p> - -<p> -Er lachte wie toll und stieß verschiedene unverständliche -Worte hervor. Dann brach er plötzlich ab, wandte sich -um und schritt zum Hause. -</p> - -<p> -Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck -des Widerwillens und der Demütigung in den Zügen, -bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam verweigerten und -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -sie in ein lautes Weinen ausbrach — zum erstenmal seit -damals, als sie Peters Weib wurde. -</p> - -<p> -Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrückter als -gewöhnlich. -</p> - -<p> -Die lange, vierzehntägige Nacht verbrachten wir fast -ohne miteinander zu sprechen. Am andern Tage nahm -scheinbar alles seinen alten gewohnten Lauf. Wir machten -uns sofort am Morgen an die üblichen Tagesbeschäftigungen, -sprachen sogar zusammen wie früher, die „Scheidung“ -nicht erwähnend, die sich seit jenem Abend tatsächlich -vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen -Peter und Martha waren derart, daß wir alle ihren Bruch -als eine Erleichterung empfanden. Ich bemerkte vor allem -eine vorteilhafte Veränderung in Marthas Stimmung. Ich -will nicht sagen, daß sie heiterer war, aber der Druck, der -immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach -freimütiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl -er die herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so -brutal von sich wies. -</p> - -<p> -Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich -immer ein Rätsel bleiben. -</p> - -<p> -Scheinbar hatte er alles gleichgültig hingenommen, und -das widerwärtige Lachen an jenem Abend, als Martha -den Bruch herbeiführte, war die einzige Äußerung seiner -verborgenen Gefühle. Und dennoch, wie viel Leid, wie viel -Demütigung und Schmerz mußte sich in der leidenschaftlichen -Seele dieses Mannes angehäuft haben! Und welche -Kraft des Willens gehörte dazu, um all das herunterzuwürgen -und in sich zu verschließen! Denn er liebte sie -trotz alledem — und liebt sie bis zu diesem Augenblick; -in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel. -</p> - -<p> -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag -zu mir, als ich gerade von einem Ausflug auf das Meer -zurückkehrte und das Boot an einem Pfahl am Strande -festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, -als wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend -die Worte nicht. Dann, als wenn er plötzlich -einen Entschluß gefaßt hätte, packte er mich bei der Hand -und sagte, mir scharf in die Augen sehend: -</p> - -<p> -— Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir -damals, als ich Martha nahm, gegeben hast ... -</p> - -<p> -Ich blickte ihn erstaunt an und wußte noch nicht, wo -er hinauswollte. -</p> - -<p> -— Du hast mir damals versprochen, daß du dich niemals -darum bemühen willst, Martha für dich zu gewinnen -— niemals! Erinnerst du dich? -</p> - -<p> -Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. -</p> - -<p> -Peter lächelte bitter. -</p> - -<p> -— Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie -du willst. Aber erst ... knalle mich nieder. -</p> - -<p> -Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher -Leidenschaft, daß mich ein Schauer durchlief. Ich -wollte ihm antworten, ihn beruhigen, aber er wartete -es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich. -</p> - -<p> -Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten -Kämpfe und Qualen. Martha gehörte in der Tat -keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es ein -zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken: -ein Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch -nach Ruhe sehnte, um der Erinnerung an den geliebten -Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um ihren Sohn -und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -war, daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches -Unrecht gewesen wäre. Und dennoch gab es Augenblicke, -wo ich meine ganze Energie aufbieten mußte, um -Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte, -und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige -Versuchungen quälten mich vor allem dann, wenn ich -glaubte, bei Martha eine wachsende Zuneigung für mich -zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich -wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im -Kopfe, und ich sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten -wir beide miteinander glücklich sein! Aber alsbald kam -wieder die Ernüchterung. Martha ist mir, so dachte ich -weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals zwischen -sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig -Geliebten getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer -Gefühle verletzte, nie ihren Körper berührte noch ihre -Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur jenem geweiht hat, -der unter dem Sande des <em>Mare Frigoris</em> schläft, für -mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert -hätte ... -</p> - -<p> -Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ... -</p> - -<p> -Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel -des Kraters Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause -unter dem Schutze Toms, dem man sie schon anvertrauen -konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus durch -das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze -Wälder mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, -gelangten wir auf eine abschüssige Ebene, die einer weiten -Alm ähnlich und mit flach am Boden wachsendem, großblättrigen -Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns der -Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf, -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -wenn es möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen, -um den großartigen Anblick zu genießen, der sich von -der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen Gegend bieten -mußte. -</p> - -<p> -Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte -ziemlich steil in die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, -die zwischen den Felsen der erkalteten und verwitterten -Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen Teile bis an -die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem -Monde ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen -als auf der Erde, wo der menschliche Körper -sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem war es keine geringe -Mühe. -</p> - -<p> -Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir -uns direkt unter der Wand des Kraters, aber jede weitere -Ersteigung erwies sich als vollständig ausgeschlossen. Oben -auf der Höhe taute der Schnee durch die heißen Dämpfe, -die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen -Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das -herabtriefende Wasser gefror im Winde und bedeckte die -Felsen mit einer glänzenden Eisdecke, auf der man sich -nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der Unmöglichkeit -eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten -wir uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr -auszuruhen und die Gegend anzusehen. -</p> - -<p> -Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns, -hinter den schwarzen Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte -sich das Meer in grenzenlose Fernen, alle Regenbogenfarben -spielend und mit Inseln übersät, die kleinen schwarzen -Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder -buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -Osten, zeigten sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte -Gipfel und Ringe kleinerer Krater, zwischen denen -hie und da das blaue Band eines Baches glänzte. Zur -Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine -weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, -von einem in Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, -auf dem in der Ferne wie Perlen auf einer -Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von -grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten. -</p> - -<p> -Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen -Anblick, als uns ein dumpfes unterirdisches Rollen -aufschreckte. Die Dämpfe, die sich über dem Krater erhoben, -wurden schwärzer und drängten sich zu einem mächtigen -Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende -Asche auf uns herniederzustäuben begann. Man mußte -so schnell wie möglich umkehren, da anscheinend ein Vulkanausbruch -in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht mehr, -rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den -halben Weg in jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter -den Wäldern endete, zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem -unterirdischen Dröhnen die Felsen erbebten; von -allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis dahin -schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf. -</p> - -<p> -Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den -Augenblick erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen -konnten. Der Himmel über uns war mit dichten -Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen Höllenrachen; -das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, -und die von Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte -Luft würgte uns und benahm uns den Atem. Von oben -fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den schmutzigen -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir -mußten uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit -Asche und Erde gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees -ergoß, eiligst flüchten. -</p> - -<p> -Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen -des Bodens, die wir fühlen konnten, mußten eine große -Ausdehnung auch am Fuß der Berge annehmen, denn als -der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und den -Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor -uns, und — wir sahen auf das stürmende, schäumende -Meer. -</p> - -<p> -Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine -Landzunge an der Stelle erhob, wo die Bergrinne nach -unten mündend nach zwei Seiten auseinanderging, von -oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt, verbrachten -wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben -schwebend. Martha zitterte für die Kinder. Tom war zwar -mit dem Erdbeben bekannt, das oft und sehr gefahrvoll -in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner Umsicht -und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch -mich quälte der Gedanke, daß, im Fall unseres Todes, -auch die Kinder, sich selbst überlassen, dem unabwendbaren -Tode verfallen wären. Peter war gleichgültig und ruhig, -oder wenigstens stellte er sich so. -</p> - -<p> -Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, -der sich plötzlich vom Meere erhob, reinigte die Luft -und trieb die dünner werdenden Rauchwolken langsam -auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken -hörte auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade -zur weiteren Rückkehr aufbrechen, als uns ein seltsames -Zischen und Sausen über uns von neuem beunruhigte. -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor -um zu sehen, was das bedeute, aber kaum stand er -auf dem vorspringenden Felsen, als er einen Schrei des -Entsetzens ausstieß. Ein glühender Lavastrom stürzte dröhnend -durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß Peter zu uns -zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich -ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging -und fegte ihn vor unseren Augen fort, daß wir anfangs -nicht wußten, was mit ihm geschehen war. -</p> - -<p> -Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. -Beide Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden -Masse ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren -Feuer- und Steinkaskaden in die Tiefe hinabwälzte. -Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der -Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava -die Rückkehr abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen -zwischen den Rinnen ausfüllen oder, was schlimmer wäre, -unsern Steinwerder zermalmen und davontragen, wie die -Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln davonträgt. -Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, -den ich im ersten Augenblick für verloren hielt, nahm -Martha, die vor Schreck ohnmächtig geworden war, auf die -Schultern und begann mich so schnell wie möglich herabzulassen, -an dem zerrissenen Kamm der zwischen den Bergrinnen -emporragenden Kante einen Halt suchend. -</p> - -<p> -Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu -denken! Die Felsen, an denen sich die höllische Flut brach, -bebten unter meinen Füßen wie der Boden eines Schiffes, -das mit voller Dampfkraft gegen den Wind fährt. Eine -entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing -ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -Bewegungen im höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles -tun, um nicht auszugleiten, denn jeder falsche Schritt bedeutete -den Tod. -</p> - -<p> -Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, -von dem heißen Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, -von einem gräßlichen Sausen betäubt und zerschlagen -von den herabfallenden Steinen, mit Martha -auf die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten -hatten, kann ich heute nicht mehr sagen. -</p> - -<p> -Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo -seitwärts durch die Wälder ab, die einen Moment aufrauchten, -und hinterließ in der Mitte ein mächtiges freies -Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr sich -erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand -schuf, der sich über tausend Meter unter uns erstreckte. -</p> - -<p> -Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. -Nachdem sie die Augen aufgeschlagen und sich überzeugt -hatte, daß uns keine Gefahr mehr drohe, frug sie sofort -nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei und -wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden, -noch ehe der Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände -entgegen und sagte, wie damals im Polarlande, als ich -sie nach der Überschwemmung gesucht hatte: -</p> - -<p> -— Mein Freund, mein lieber Freund ... -</p> - -<p> -In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches -und Süßes, das meinen Körper erschauern machte und -mir die Kehle wie im Krampf zusammenschnürte. Ich -neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht verrieten. -</p> - -<p> -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -— Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr, -das Leben Toms, dem wir noch notwendig sind. Du bist -gut ... flüsterte sie und preßte meinen Kopf an ihre -Brust. -</p> - -<p> -Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr -das Kleid unter dem Halse aufgerissen. Nun berührte -ich mit der Stirn diese entblößte Brust, und gleichzeitig -fühlte ich ihre Tränen mein Haar benetzen. -</p> - -<p> -Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses -Weib, das noch so schön und so über alle Maßen begehrenswert -war, vor mir; ich brauchte nur die Hand -auszustrecken, sie an mich zu reißen, mit Küssen zu bedecken, -in glühenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde -mir schwarz vor den Augen, in den Ohren dröhnte und -sauste es, meine Pulse flogen; ich fühlte die Wärme und -Weichheit ihres Körpers, sein Duft berauschte mich und -machte mich wahnsinnig ... -</p> - -<p> -Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen -auf diesem Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als -Leiche zwischen den Steinen ... -</p> - -<p> -Und übrigens, was geht mich Peter an, was geht mich -die ganze Welt an, wenn nur sie ... Eine unaussprechliche -Zärtlichkeit, ein unermeßliches Glücksgefühl überströmte -mein ganzes Wesen. -</p> - -<p> -Nein! -</p> - -<p> -Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurück. -Peter liegt vielleicht in diesem Augenblick irgendwo -auf dem Felsen, blutig, halb tot und wartet auf Rettung, -während ich ... -</p> - -<p> -Martha schaute mich an und — verstand. -</p> - -<p> -— Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete, -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -obwohl ich kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht, -geh und suche Peter. -</p> - -<p> -Dann erhob sie sich und drückte mir die Hand. -</p> - -<p> -Ich fand Peter tatsächlich nicht weit von der Stelle, -wo der Orkan ihn hinabgestoßen hatte. Er lag bewußtlos -an einen spitzen Felsen gelehnt, der ihn vor dem Hinabsausen -in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir -trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mühen -gelang es, ihm die Gesundheit wiederzugeben. -</p> - -<p> -Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen, -und ich, an den Augenblick der Schwäche denkend, bemühe -mich um so eifriger, mit meinem Willen stets über diesem -Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die menschliche -Seele ausmacht. -</p> - -<p> -Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und -finster auf der Schwelle des Hauses und vielleicht, ich -weiß es nicht, vielleicht tut es ihm leid, daß er auf den -Abhängen des Otamor sein Leben damals nicht lassen -durfte. -</p> - -<p> -Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch -diese Kinder meiner nicht mehr bedürfen. Ich will mir -ein Grab errichten — auf der Friedhofinsel. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-6"> -VI. -</h3> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Nach sechs Tagen ... -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen -Mondtagen niederschrieb und meine Augen trüben sich, -nicht mehr von Tränen, denn die sind längst vertrocknet; -nein, es ist, als wenn Entsetzen und Verzweiflung sie mir -wie mit heißem Sande geblendet hätten. Nicht für mich -habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ... -</p> - -<p> -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -Weshalb ... weshalb! -</p> - -<p> -Eine ewig stumme, qualvolle Frage — ohne Antwort. -</p> - -<p> -Ich bin allein geblieben. -</p> - -<p> -Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind. -Ich bin der letzte Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen, -die von der Erde gekommen sind. Die beiden -andern, Martha und Peter, sind O’Tamor, den Remogners, -sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe. -</p> - -<p> -Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefürchtet -und — am wenigsten erwartet habe. -</p> - -<p> -Und wenn ich bedenke, daß das alles so schnell geschehen -konnte! Sechs Mondtage, ein halbes irdisches Jahr! -Wer hätte das damals geglaubt! Und zum drittenmal schon -ist diese träge Sonne über diesem Meer aufgegangen, seit -ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so -grauenhaft allein, daß ich während der finstern Nächte -aufspringe und herumlaufe und am Tage jedes Geräusch -und die Schatten der sich im Winde wiegenden Pflanzenungeheuer -fürchte. -</p> - -<p> -Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder können mir nicht -nahe stehen. Das sind Wesen aus einer anderen Welt, -in des Wortes wahrster Bedeutung. -</p> - -<p> -Was würde ich dafür geben, wenn auch nur für einen -Augenblick, Martha oder Peter hier bei mir zu haben! -</p> - -<p> -Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, daß -das so furchtbar enden sollte. -</p> - -<p> -Ich bemerkte zwar schon lange, daß ihr Organismus erschöpft -war von all dem, was sie durchgemacht hatte, daß -Kummer und Trauer an ihrem Leben nagten, aber dieser -Gedanke war doch so fern von mir, so fern! -</p> - -<p> -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -Am letzten Mondtage begann Martha zu kränkeln. Noch -stiller und nachdenklicher wie gewöhnlich, verbrachte sie -fast die ganze Zeit mit den Kindern am Meeresstrande. -Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar die Mädchen, die -sehr erstaunt waren über die so seltene Zärtlichkeit der -Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um -ihr zu sagen, daß sie nach Hause zu den Teichen zurückkehren -müsse, da die Gewitter im Anzuge seien, lächelte -sie mir zu und wiederholte einigemal: -</p> - -<p> -— Ja, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren, es ist -Zeit, zurückzukehren ... -</p> - -<p> -All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im -Gedächtnis, stehen so klar vor meiner Seele, daß ich sie -jetzt beim Schreiben vor Augen habe, jede ihrer Bewegungen -sehe, ihre Stimme höre und es nicht fassen kann, -daß sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen -werde ... -</p> - -<p> -Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jüngste, Ada, -bei der Hand und frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind -schüttelte den Kopf: -</p> - -<p> -— Nein, ich liebe ihn nicht. -</p> - -<p> -Martha wurde traurig. -</p> - -<p> -— Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada? -</p> - -<p> -— Weil Tom nicht gut ist. Tom will, daß ich ihm -gehorche. -</p> - -<p> -— Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mußt Tom -gehorchen und ihn lieben, denn du bist sein ... -</p> - -<p> -— Nein. Ich gehöre nicht Tom. Lilli und Rosa gehören -Tom. Ich bin mein. -</p> - -<p> -Ich lachte laut über diese Antwort des Kindes, aber -Martha traten die Tränen in die Augen. -</p> - -<p> -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -— Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich, -flüsterte sie mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich. -</p> - -<p> -Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie -ihn zu sich gerufen hatte, erzählte sie ihm vom Vater, -vielleicht zum tausendstenmal, eine Unmenge Einzelheiten -wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames Märchen -bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten. -Tomas war ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in -den Erinnerungen Marthas wurde sein Bild göttlich, die -Verkörperung von allem, was gut und groß und schön ist. -</p> - -<p> -Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut -sein müsse. Das setzte mich in Erstaunen, denn solche Lehren -hatte ich nie aus ihrem Munde gehört. -</p> - -<p> -Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche -zu klagen, über Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. -Gewöhnlich ertrug sie alle Unpäßlichkeiten schweigend, -so daß wir nur aus ihren Zügen erraten konnten, -wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre -Lippen, noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. -Selbst wenn wir bemerkten, daß sie schlecht aussah und -sie frugen, was ihr fehle, schüttelte sie den Kopf und -sagte lächelnd: -</p> - -<p> -— Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber, -ich werde noch nicht sterben, denn ich bin Tom noch notwendig. -</p> - -<p> -Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem -Abend um so mehr. Ich sah sie forschend an und bemerkte -erst jetzt, beim Lichte des erlöschenden Tages, daß -Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre Augen -schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -nichts von dem früheren Glanz verloren: All die vergossenen -blutigen Tränen vermochten nicht den Strahl -dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in einem -ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener -früheren sternenklaren Helligkeit! -</p> - -<p> -Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, -die sich niedergelegt hatte, mehr infolge der Schwäche -als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu werden. Sie sprang -vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte. Sie -rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie -sich, kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor -dem Geiste des Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen -stand, ihres Lebens wegen und klagte sich der Geburt -dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer Liebe zu -ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich -glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich -ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen -den Töchtern gegenüber ihr als ein Tom und dem -Toten zugefügtes Unrecht erschien. -</p> - -<p> -Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß -mit Peter an ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor -allem peinigte uns der Gedanke, daß wir keine Arzeneien -hatten und dieser Krankheit gegenüber ganz ratlos waren. -Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an -und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen -sei. Ich antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem -Monde bereits begonnen habe. -</p> - -<p> -— Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. -Draußen ist es doch finster und hier brennen die -Lichter ... Ich habe es nicht gleich bemerkt. Und dort -auf dem <em>Mare Frigoris</em>, was ist jetzt dort? -</p> - -<p> -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -— Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen. -</p> - -<p> -— Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt -über Tomas’ Grab, nicht wahr? Und dieselbe Sonne -über diesem Grabe wird hierher zu uns am Morgen -kommen? -</p> - -<p> -Ich nickte schweigend. -</p> - -<p> -— Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und -wenn ich daran denke, daß diese Sonne täglich, so viele -Mondtage hindurch, auf das Grab schaute und dann auf -mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem Grabe -zurückkehrte, ihm zu erzählen, was sie hier gesehen hat! -</p> - -<p> -Sie bedeckte die Augen mit den Händen und begann -am ganzen Körper zu zittern. -</p> - -<p> -— Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male. -</p> - -<p> -Peter ließ den Kopf sinken. Es schien mir, daß ich in -seinem gelben, verdorrten Gesicht eine dunkle Röte aufsteigen -sah, die sich bis in die gefurchte Stirne ergoß. Dies -mußte auch Martha bemerkt haben, denn sie wandte sich -zu ihm: -</p> - -<p> -— Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ... -Übrigens bist du nicht schuld daran, wie hättest du mich -zwingen können, dein Weib zu werden, wenn ich es nicht -selbst gewollt hätte ... für Tom ... -</p> - -<p> -Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile -sagte sie leise: -</p> - -<p> -— Ich möchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar, -in der Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort -auf der Wüste zu suchen. Wenn hier der Tag beginnt, -wird dort über dem <em>Mare Frigoris</em> die Erde leuchten. -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn -ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, in den vollen Glanz -der Sonne zu schauen ... -</p> - -<p> -Martha, was sprichst du? rief ich unwillkürlich. -</p> - -<p> -Sie sah mich an und antwortete kurz: -</p> - -<p> -— Ich werde sterben ... -</p> - -<p> -Gegen Mitternacht stieg eine würgende Angst, daß sie -wirklich sterben könne, in mir auf. Eine Krankheit, für -die wir nicht einmal einen Namen fanden, raffte sie dahin. -Wir bemerkten nur einen außerordentlich schnellen Kräfteverfall, -der im Verein mit dem stets wiederkehrenden -Fieber nichts Gutes ankündigte. -</p> - -<p> -Übrigens, was bedeuten alle ärztlichen Benennungen! -Ich weiß nur zu gut, welch eine Krankheit das ist, ich -kenne sie zur Genüge, sie heißt Leben! Sie weckt den -Menschen aus dem Nichtbewußtsein, sie kost mit ihm und -spielt und tändelt, und während des Spielens reißt sie -und zerrt an ihm herum und drückt und überwindet und -vernichtet ihn schließlich. Mit dieser Krankheit kommen -wir alle zur Welt, und es gibt für sie kein Heilmittel als -den Tod! -</p> - -<p> -Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager. -Ich blickte auf seine finsteren, unbeweglichen Züge und -dachte, trotz der tödlichen Angst, die mich erfaßt hatte, -darüber nach, was für Gefühle sich unter dieser undurchdringlichen -Maske verbergen könnten. Ich sollte es früh -genug erfahren! -</p> - -<p> -Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die -Dämmerung brachte ihr ein wenig Linderung. -</p> - -<p> -— Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte, -mit blassen Lippen zu lächeln. -</p> - -<p> -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -Jetzt saß ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen -Wachen übermüdet, gab schließlich meiner Überredung nach -und legte sich in dem benachbarten Zimmer schlafen. Die -Morgendämmerung drang durch die Scheiben von dickem -Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten, herein, -und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee -lag auf den Feldern, wie immer, und als der Wind die -Dämpfe, die sich stets über den Warmen Teichen erhoben, -verweht hatte, sah man durch das Fenster eine große -glitzernde Fläche. -</p> - -<p> -In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurückgeworfenen -Schein des nahenden Tages, der mit dem -gelben, ersterbenden Licht der Lampe kämpfte, schaute ich -auf Martha und zweifelte nicht mehr, daß sie in kurzer -Zeit für immer von uns gehen würde. Ihr Gesicht war -lang und blaß; die einst so vollen verführerischen roten -Lippen nahmen die blaß-bläuliche Farbe des Todes an. -Unter den gesenkten, fast durchsichtigen Lidern sahen erlöschende -und über alle Beschreibung traurige Augen -hervor. -</p> - -<p> -Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und -biß die Zähne zusammen, um nicht in lautes, unmännliches -Weinen auszubrechen, das in meiner Brust zerrte wie ein -Tier an der Kette. -</p> - -<p> -Indessen wurde es draußen immer heller. Die bis vor -kurzem grauen Nebel glitten jetzt, vom Winde getrieben, -an den Fenstern vorüber wie weiße Gespenster. Manchmal -verdichtete sich ihr Schleier und verhüllte die Welt; dann -dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten, -die plötzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten -und weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -weiße Felsstreifen und wolkenumhüllte, perlende Säulen -der Geiser und weiter oben am Hintergrunde des hellblauen -Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in den -ersten Strahlen der Sonne rötlich färbte. -</p> - -<p> -Martha frug nach den Kindern; als sie hörte, daß sie -noch schliefen, ließ sie sie jedoch nicht aufwecken. -</p> - -<p> -— Mögen sie schlafen, flüsterte sie, ich werde sie noch -sehen, bevor die Sonne aufgeht ... Indessen ist es -gut, daß es so still ist. -</p> - -<p> -Dann wandte sie sich zu mir: -</p> - -<p> -— Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht -wahr? -</p> - -<p> -— Ja, antwortete ich mit tränenerstickter Stimme. -</p> - -<p> -— Und du wirst sie niemals verlassen? -</p> - -<p> -— Nein. -</p> - -<p> -— Schwörst du mir das? -</p> - -<p> -— Ja, ich schwöre es. -</p> - -<p> -Sie streckte die Hand nach mir aus: -</p> - -<p> -— Du bist gut, mein Freund, flüsterte sie, nun kann -ich ruhig sterben, weil ich weiß, daß du sie nicht verlassen -wirst. -</p> - -<p> -Ich ergriff ihre Hand und preßte sie leidenschaftlich an -die Lippen. Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie -meine Hand drücken wollte. Eine so eisige Kälte entströmte -ihnen, daß meine heißen Lippen sie nicht mehr erwärmen -konnten. -</p> - -<p> -— Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch -vor dem Tode sagen, daß du mir ... teuer warst. Ich -machte mir darüber größere Vorwürfe, als daß ich Peters -Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehört hätte, -statt ihm, vielleicht wäre mein Leben auf dem Monde -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -in eine andere Bahn gelenkt, glücklicher und länger gewesen -... -</p> - -<p> -Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlöschenden -Stimme, in mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte -weinend auf und ihre Hände sinnlos mit Küssen bedeckend, -brachen aus meiner Brust von Tränen erstickte, -unzusammenhängende Worte der Liebe hervor — der Liebe, -die ich so lange verbergen und zurückhalten mußte und die -jetzt mit Allgewalt überschäumte, gegenüber der Sterbenden. -</p> - -<p> -Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf -mein Haupt. -</p> - -<p> -Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich weiß ... Weine -nicht ... es ist so besser ... Du warst mir teuer durch -deinen Edelmut, durch deine Liebe für Tom, ich weiß es -selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem, vielleicht -wäre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich -und den Verstorbenen getreten wärst, der allein ein Recht -auf mich hatte. Ruhig, weine nicht, du weißt es schon. -Ich denke, daß Tomas es mir verzeihen wird, daß ich das -für dich fühlte und es dir jetzt in der Todesstunde sage. -</p> - -<p> -Ich war maßlos unglücklich. -</p> - -<p> -Sie verstummte erschöpft, und ich, mein Gesicht an -ihrer Brust verbergend, zitterte am ganzen Körper, von -einem inneren Schluchzen geschüttelt. -</p> - -<p> -Martha versuchte abermals zu sprechen: -</p> - -<p> -— Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich -spreche ja heute das letztemal zu dir ... an jenem Mittag ... -</p> - -<p> -Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefühl der Scham -ihre Stimme ersticken machte, aber ich wußte wohl, von -welchem Mittag sie sprach! -</p> - -<p> -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die -Lippen. Plötzlich rief sie, wie verzweifelt ausbrechend: -</p> - -<p> -— Warum hast du Peter nicht getötet? -</p> - -<p> -In diesem Augenblick hörte ich ein unterdrücktes Stöhnen -hinter mir. Ich wandte mich um; in der Tür stand, die -Hand an die Pfosten gestützt, Peter, blaß wie eine Leiche, -und blickte auf uns mit weit geöffneten Augen. Er mußte -schon ziemlich lange dort stehen und hörte wahrscheinlich -alles, was Martha zu mir sagte. -</p> - -<p> -Als er sah, daß ich ihn bemerkte, machte er schwankend -einige Schritte nach vorn und stammelte etwas Unverständliches. -</p> - -<p> -Martha kehrte sich mit einem unterdrückten Schrei des -Ekels zur Wand. -</p> - -<p> -— Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war -unabsichtlich ... Ich wollte nicht ... -</p> - -<p> -Da ertönten im Nebenzimmer helle Stimmen. -</p> - -<p> -— Die Kinder! rief Martha und streckte die Hände -aus. Aber die Mädchen waren befangen und blieben in -der Tür stehen, nur Tom stürzte zu ihr; sie nahm seinen -Kopf in ihre zitternden Hände und drückte ihn an sich. -</p> - -<p> -Peter beobachtete sie und trat an mich heran: -</p> - -<p> -— Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung -auf Martha, für alle Kinder zu sorgen ... für -alle! In gleicher Weise ... Bevor ich, durch diese seltsamen -Worte überrascht, antworten konnte, war er nicht -mehr im Zimmer. -</p> - -<p> -Durch die am Fenster vorübergleitenden Nebel drang -schon der erste Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben -in Stücke leuchtenden Goldes und eilte in hellen -Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphäre des Zimmers. -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -Martha lag regungslos, mit erlöschendem Blick -in den Streifen des Sonnenlichts starrend, der immer -tiefer herunterglitt an der Wand und sich wie ein herabsteigender -Engel ihrem Bette näherte. Die Mädchen schlichen -auf den Fußspitzen heran und schauten erstaunt auf die -blassen, unbeweglichen Züge der Mutter. -</p> - -<p> -Mir war es schwül; im Munde fühlte ich eine trockene -Bitterkeit. Dieser anbrechende Tag kam zu mir wie ein -erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn, denn ich wußte, daß -mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der Vergangenheit -beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen -dahin ... -</p> - -<p> -Plötzlich schrie Tom: -</p> - -<p> -— Onkel, Onkel, ich ängstige mich! Mütterchen blickt -so furchtbar! -</p> - -<p> -Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen -fiel, erleuchtete Marthas Züge; die verglasten, erloschenen -Augen starrten in die Sonne. -</p> - -<p> -— Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer würgenden, -mir selbst fremden Stimme zu den Kindern, die -sich erstaunt und verängstigt um das Lager drängten. Dann -beugte ich mich über sie, um ihre Augenlider zu schließen. -</p> - -<p> -In demselben Moment ertönte ein Schuß. -</p> - -<p> -Ich stürzte zur Tür: Peter lag im benachbarten Zimmer -am Boden, mit zerschmettertem Schädel, den rauchenden -Revolver in der Hand. -</p> - -<p> -Ich wankte wie ein Betrunkener. -</p> - -<p> -Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen -den letzten Dienst erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in -große, aus Pflanzenfasern gewebte und mit Harz getränkte -Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot, das -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen -neben mir und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren -drängten sich um die Mutter. Tom, durch den Anblick -des Todes betroffen und verschüchtert, saß schweigend zu -Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den Händchen -nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als -wenn sie noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten, -mit denen sie die Mädchen im Leben so spärlich -bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen in dem Boote. -Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch streichelnd, -flüsterte sie leise: -</p> - -<p> -— Armes Väterchen, armes ... -</p> - -<p> -Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden. -Die Sonne, die noch nicht hoch über dem Horizont -stand, erleuchtete golden die mächtige, ruhige, kaum -von einem leichten Winde in zarte Furchen gepflügte -Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln -auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt. -Und niemals im Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, -grausame Ironie, die in der sich immer -gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude -wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig! -Denn ich fuhr doch in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen -Wesen, die mit mir auf diesen Globus gekommen -waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten; ich -fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich -für mich gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein! -Und trotzdem leuchtete die Sonne erhaben und herrlich, -genau so wie damals, da ich als glückliches Kind auf -jenem in diesem Augenblick so weit von mir entfernten -Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte. -</p> - -<p> -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken -zum Grabe, das ich auf der Höhe in der schönsten Gegend -der Insel erbaut habe. Die Leichen waren leicht, sechsmal -so leicht als sie auf der Erde sein würden, und ich beugte -mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein -Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes -zu Grabe! -</p> - -<p> -Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für -mich bestimmt hatte. Für Peter errichtete ich eine andere -Ruhestätte, etwas tiefer gelegen. -</p> - -<p> -Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn -mich die Last der Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich -die Versuchung, von diesem Globus fortzugehen, auf dem -Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen sind: -O’Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und -Martha; aber dann denke ich an den Schwur, den ich der -Sterbenden geleistet habe, daß ich die Kinder nicht verlassen -werde. Für sie muß ich leben. Ich bin jetzt zum -Leben verurteilt, wie ich — so lange sie lebte, zur Liebe -verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen -sind mir zur Qual, zur namenlosen Qual geworden. -</p> - -<p> -Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich -mit allen Kräften, stets an sie zu denken, beschäftige mich -mit ihnen, lehre sie, nehme sie mit mir, schütze und pflege -sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem lastet die geistige -Vaterschaft des Mondgeschlechtes. -</p> - -<p> -Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück -und spreche mit den Toten. -</p> - -<p> -Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen, -oder die Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt, -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -denn die Wirklichkeit erscheint mir als Traum, und -die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches Leben. -</p> - -<p> -Ich sehne mich nach den Träumen. In ihnen wandle ich -auf der Erde und küsse voll Rührung ihre Bäume und -Blumen, sogar den Staub und die Steine, und es ist mir -dann, als hätte mich niemals das wahnsinnige Verlangen -nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des sternenbesäten -Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen. -</p> - -<p> -Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen -Kameraden. Voran geht der greise O’Tamor und beschuldigt -sich, er, der die Güte selbst war, daß er uns -leichtsinnig auf diesen öden Globus, der wie eine Lampe -für die Erde zwischen den Himmeln hängt, hinausgeführt -hat. Dann sehe ich die Remogners. Sie beklagen sich, -daß sie uns gefolgt sind und dadurch den Tod gefunden -hätten. Woodbell erscheint blaß und fragt, was wir mit -Martha getan haben. Ob sie glücklich mit uns war. Und -Peter erzählt mir im Traum alles, was ich in den letzten -Jahren seines Lebens aus seinen Augen gelesen habe: von -seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu Martha, die ihn -verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspäne, von dem -furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick -des Glücks gegeben hat! Wie er die langen Jahre -hindurch nur Ekel, Widerwillen und Verachtung in dem -angebeteten, so heiß begehrten Weibe erwecken konnte. Wie -er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz hinunterwürgen -mußte, wie sich die beleidigte Manneswürde in -ihm aufbäumte. Er erzählt mir, was in jener letzten Nacht -in seiner Seele vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht -an ihrer Brust verborgen, sah, und später, als er den -Revolver an die Schläfe setzte. -</p> - -<p> -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -Diesen traurigen Geisterreigen beschließt Martha. Sie -erscheint mir — still, mit einem schmerzlichen Lächeln auf -den Lippen — und dankt mir, daß ich ein Mensch war, und -manchmal will es mir wieder scheinen, als mache sie mir -einen Vorwurf, daß ich es nicht war ... Mein ganzes -Innere ist ein Abgrund von Leid und Trauer ... -</p> - -<p> -So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir -nichts Frohes zu sagen haben, ist es mir doch heimatlich -mit ihnen und heimlich und gut zumute, weil sie meinem -Herzen nahe stehen. -</p> - -<p> -Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwächst, -ist so anders. Es sind noch Kinder und dennoch fühle ich, -daß sie schon jetzt eine besondere Welt für sich bilden, die -mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd sein -wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen, -verschlossen ist. -</p> - -<p> -Und doch muß ich, der Bruder dieser sechs Gräber, die -auf dem Monde verstreut liegen, mit denen leben, für die -dieser Globus die Heimat ist — und wer weiß, wie lange -noch ... wie lange ... -</p> - -<p class="end"> -Ende des zweiten Teiles. -</p> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -Dritter Teil -</h2> - -<p class="ptit"> -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -Das neue Geschlecht. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-1"> -I. -</h3> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Im Polarlande. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>s reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm -immer weniger nötig und immer trauriger ... Ich bin -nach dem Polarland gegangen, um auf die Erde zu schauen -und allein zu sein. -</p> - -<p> -Seit unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> von unserer verlorenen -Erde sind schon zweihundertneunzehn Mondtage verflossen -und siebenundsechzig seit dem Tode Marthas und Peters. -</p> - -<p> -Ich wundere mich, daß ich nicht sterbe ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose -Sehnsucht nach meiner Heimat, der Erde, quält mich immer -mehr. Sie läßt mich sogar dieses Geschlecht vergessen, -das mir von Martha in ihrer Todesstunde übergeben -wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glücklich. Als -ich fortging, erwachten Frühlingsgefühle der Liebe in mir! -Zu wonnig und zu ... schmerzlich war es für mich, auf -diesen Frühling zu schauen ... -</p> - -<p> -Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze -Erde wie eine verkohlte Leiche über dem goldenen Regenbogen -und Güsse und Überschwemmungen ... -</p> - -<p> -Seit unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> zweihundertsechsundzwanzig -Mondtage. -</p> - -<p> -Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich -werde zurückkehren müssen an das Meer und sehen, ob -sie mich brauchen. -</p> - -<p> -Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p> -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtägiger -Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder -hat mich hingeführt. -</p> - -<p> -Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa. -</p> - -<p> -Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde -degenerieren! Tom ist schon erwachsen, reicht mir aber -nicht einmal bis an die Schulter. Ada, glaube ich, wird -noch kleiner. -</p> - -<p> -Während meines Aufenthaltes am Meere war ein -furchtbarer Ausbruch des Otamor, der größte von allen, -an die ich mich erinnern kann. Die südliche Seite des Kraters -ist ins Meer gesunken. Es war dies der zweihundertachtunddreißigste -Mondtag seit unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> — -vierzehn Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen. -</p> - -<p> -Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft. -Ada habe ich mit mir genommen — sie war dort so verlassen. -Sie bedarf jetzt meines Schutzes mehr als je. Es -ist furchtbar, daß es mir noch immer nicht erlaubt ist, zu -sterben! -</p> - -<p> -Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfünfzig Mondtage -nach unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span>. Tom bemühte sich, mich -zurückzuhalten, aber ich fühlte trotzdem, daß er froh war, -als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht ungern -meine Achtung seinen Frauen gegenüber. Es ist ihm auch -lieb, daß Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht -leiden, weil sie sich ihm nicht ergeben will, obwohl sie -fast noch ein Kind ist. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Fahl und kühl ziehen die Stunden vorüber, wie dieses -Licht der unsichtbaren Sonne auf dem Pol — eine lange, -lange, unendliche Reihe von Stunden ... -</p> - -<p> -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -Nur mit Mühe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht; -ich spreche nicht viel und Ada ist immer schweigsam. Sie -sitzt ganze Stunden auf dem grünen Moos und ihre traurigen -Kinderaugen irren über die rosa beleuchteten Gipfel -der Berge. -</p> - -<p> -Und ich? ... -</p> - -<p> -Seit langem habe ich aufgehört der Gegenwart zu leben -und noch mehr der Zukunft. Ich sehe zurück und schaue -unaufhörlich meinen Erinnerungen in die Augen. Eine -trübselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer und -traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Eine lange Zeit ist vorübergegangen, seit ich die letzten -Notizen niederschrieb. Ada wird größer und beginnt sich -nach den Geschwistern zu sehnen. Ich merke ihr das an, -obwohl sie selbst es nicht zugeben will. -</p> - -<p> -Auch ich denke, daß es trotz allem Zeit ist, an das -Meer zurückzukehren. Ich werde älter, und wenn ich in -dieser Einsamkeit sterben sollte, wäre Ada zum Tode verurteilt. -Ihretwegen will ich zurückkehren, obwohl Gott -weiß, wie gern ich hierbleiben und sterben möchte, auf die -Erde schauend! -</p> - -<p> -Und ich fürchte fast, daß dieses Kind schon zu lange mit -mir, dem Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat. -Seltsam ist dieses Kind — und auch das ist seltsam, daß -wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu nähern, gegenseitig -immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit -weit geöffneten Augen, und ich fühle, daß sie vieles denkt, -worüber sie nicht zu mir spricht. -</p> - -<p> -Ich muß es mir selber eingestehen, so lange ich auch -mit diesem Mädchen zusammen bin, es ist mir unmöglich, -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -mich an sie zu gewöhnen, im Gegenteil, sie reizt mich durch -ihre Gegenwart. Allein möchte ich sein und ungestört über -die Vergangenheit nachdenken ... über die Erde ... -</p> - -<p> -Und dennoch muß ich zurückkehren ... zu Tom, zu -Toms Kindern, die mit Staunen und Furcht auf mich -schauen werden, auf den alten Menschen, der einstmals -von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit -lebte. Ich muß zurück ... wir müssen zurück — -Ada ... -</p> - -<p> -Es ist mir noch nicht vergönnt, zu sterben ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-2"> -II. -</h3> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Am Meere bei den warmen Teichen. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>eit unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> sind vierhundertzweiundneunzig -Mondtage verflossen, das heißt, fast achtunddreißig -Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts mehr -auf diesen Blättern niedergeschrieben, heute nehme ich sie -zur Hand, um den Tod Rosas zu notieren. -</p> - -<p> -Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld -ihres Mannes und Bruders, meines geliebten einstigen Zöglings -Tom, der sie im Zorn mit einem Stein erschlagen hat! -</p> - -<p> -Die zweite Frau Toms und seine älteren Kinder haben -diese Tat schweigend hingenommen. Anscheinend glaubt -er, das Recht zu haben, alle zu töten, die ihm nicht -gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der Familie -Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten. -Ohne Worte, ohne einen Gefühlsausbruch, nur -mit drohender Miene und erhobenen Händen ging das -Mädchen auf ihn zu, und er wich ängstlich zurück, obwohl -er sie mit einem Faustschlag hätte niederschmettern können, -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -weil er größer und stärker ist. Sie blieb zwei Schritte -von ihm entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die -Leiche der Frau zeigend, erhob sie die andere über seinem -Haupte und rief: -</p> - -<p> -— Für das Blut dieser Frau verfluche ich dich im -Namen des Alten Menschen! -</p> - -<p> -(„Alter Mensch“ ist der Name, den dieses neue Geschlecht -mir gegeben hat.) -</p> - -<p> -Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren -Blick an und sagte zu Ada, indem er sich bemühte, -seinen Worten einen harten, herrischen Klang zu geben: -</p> - -<p> -— Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr -zu tun, was ich wollte ... sie zu ernähren oder zu töten. -Warum war sie unfolgsam? -</p> - -<p> -Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen, -denn ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht -daran, daß Tom seine Frau mit der Absicht sie zu töten -getroffen hat, haben mir plötzlich drei Dinge klar gemacht, -über die ich mir bis jetzt keine genügende Rechenschaft gab. -</p> - -<p> -Ich sehe vor allem die Brutalität Toms und glaube, -daß ich sie verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es -nicht verstanden, seinen Charakter anders zu formen. -Ferner hätte ich nicht einsame Jahre auf dem Pol verbringen -und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal -überlassen dürfen, und endlich versetzt mich Ada in -Staunen. Ich sehe jetzt aus ihrem ganzen Auftreten und -aus vielen Dingen, an die ich mich erst nachträglich erinnere, -so manches, worauf ich nicht genügend achtgegeben -habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder -und seiner Familie. Es scheint mir, daß sie sich gegenseitig -hassen, und trotzdem fürchten jene dieses Mädchen, -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -das jüngste aus dem ersten Geschlecht dieser Menschen. -Sie hält sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie eine -Priesterin, obwohl ich nicht weiß, ob dieses Wort ihr Verhältnis -zu den andern richtig ausdrückt. Ada tut mir leid, -denn sie ist einsam und wird, glaube ich, immer einsam -bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie tut mir um so mehr -leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr eigentlich -sein müßte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in -ihrer Beziehung zu mir liegt mehr eine abergläubische -Verehrung als Liebe. Auch daran scheine ich selbst schuld -zu sein ... -</p> - -<p> -Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil -es mich am nächsten angeht: sie halten mich für ... -Aber nein, vielleicht täusche ich mich nur! Was ist’s, daß -Ada Tom in <em>meinem Namen</em> verflucht hat? Ich -bin doch der Älteste, also wahrscheinlich nur deswegen ... -Und dennoch, wenn es so wäre? Sollte ich auch dieses ... -Götzentum verschuldet haben? -</p> - -<p> -Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit -dem sie mich belegten: „Der Alte Mensch“ ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit -Jahren unaufhörlich quält und es mit sich bringt, daß -ich mich in dieser Welt immer fremder fühle ... -</p> - -<p> -Ich träumte, daß ich auf der Erde war. -</p> - -<p> -Aber heute war das ganz besonders seltsam. -</p> - -<p> -Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich -über die Angelegenheiten des Staates, der Völker, des -Fortschritts sprach. Man sagte mir, daß sich die Grenzen -einiger Länder veränderten, seit der Zeit, da ich die Erde -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -verlassen habe, daß jetzt andere Rechte herrschen und vieles -von dem früheren Glauben hinfällig wurde. All das -hatte mich interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit -die Erde mit eigenen Augen besichtigen, um mich zu -überzeugen, wie es dort aussieht. -</p> - -<p> -Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir -einst bekannte Gegenden und Städte. Es hatte sich tatsächlich -vieles geändert. Wie ein Vogel durchflog ich die -Länder und wunderte mich, daß an Stelle der alten Metropolen -Trümmer waren, an Stelle blühender Fluren sah ich -Wüsten und Brandstätten, und dort, wo sich einst Wüsten -ausdehnten, traf ich Wasser an oder bestellte Felder und -Wiesen, die neue Residenzstädte umgaben, in denen starkes -Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um mir bekannte -Häuser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach -Dingen, die sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber -niemand konnte mir darauf antworten. Man schüttelte -nur die Köpfe und sagte: „Wir wissen nichts davon“, -oder: „Wir haben es vergessen.“ -</p> - -<p> -Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid, -denn ich sah, daß diese Erde anders geworden ist und der -nicht mehr ähnlich sah, die ich gekannt habe. -</p> - -<p> -Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur -Jahre, sondern Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier -gegangen bin; auf dem Monde ist es schwer, die langen, -einander ähnlichen Tage zu zählen, ich habe ihrer wohl viele -aus dem Gedächtnis verloren ... Ich komme auf die -Erde, die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr -kennt. -</p> - -<p> -Und plötzlich fühlte ich mich so namenlos unglücklich! -Fremd auf dem Monde, auf dem ich mich nicht einleben -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -kann, und fremd auf der Erde, auf die ich durch irgendein -Wunder zurückgekehrt bin — zu spät! Wo ist noch Raum -für mich, wo werde ich Ruhe finden? -</p> - -<p> -Ich eilte also weiter durch die Lüfte, eine grenzenlose -Leere im Herzen — und nach dem kurzen Tage sank schon -die Nacht hernieder. Die ersten Sterne erglänzten am -Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang vorwärtsgetrieben, -schon über der uferlosen Fläche des Ozeans -befand. Unter mir wälzten sich die Fluten wie sich in -Windungen schlängelnde Seeungeheuer mit glatter schillernder -Haut. Und die goldenen Himmelslichter spiegelten -sich in den durchsichtigen Wogen. -</p> - -<p> -Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich -nichts geändert. Das Meer war unermeßlich wie früher -und ebenso wild bewegt und veränderlich. -</p> - -<p> -Aber während ich noch darüber nachdachte, bemerkte ich, -daß sich das Wasser seltsam zu dehnen begann und seine -Fluten zu mir emporsandte. Jetzt erst sah ich auch, daß -direkt über mir der Vollmond stand. Ich erschrak über -die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Höhe und -wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte; -aber plötzlich fehlten mir die Kräfte. Ich fühlte, -daß ich auf die sich immer höher hebenden Fluten hinabfiel; -sie aber stiegen und stiegen, warfen mich nach oben, -dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos -langen Hälsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden -höher und immer höher. In wahnsinnigem Entsetzen -blickte ich nach dem Monde: Er wuchs vor meinen -Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein; -der ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem -silbergrauen Schleier. Es schien mir, daß in seiner Scheibe -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -die sich herausneigenden Köpfchen der degenerierten Nachkommenschaft -Marthas sichtbar wurden und ich ihr boshaftes -Rufen hörte: -</p> - -<p> -— Kehre zu uns zurück! Kehre zu uns zurück! Alter -Mensch, du bist nicht von der Erde! -</p> - -<p> -Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen, -auf der Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht -mehr kennen wollte, alles das durchlief im Sturme meine -Seele. Ich stieß einen gellenden Schrei aus und strengte -meine ganzen Kräfte an, um gegen die mich in den Weltenraum -schleudernden Fluten anzukämpfen. Ich griff mit -den Händen nach dem Wasser, schlug mit den Füßen die -Luft ... -</p> - -<p> -Vergebens! Ich fühlte plötzlich, daß die Erde statt -unter meinen Füßen schon über meinem Haupte war und -ich wieder auf den Mond zurückfalle ... -</p> - -<p> -Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit -... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Seit unserm <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> fünfhundertundein Mondtag. -</p> - -<p> -Tom hat mit seinen beiden ältesten Söhnen zu Schiff -die Fahrt nach dem Süden angetreten. Aus seinen Erzählungen -schließe ich, daß sie fast bis zum Äquator vorgedrungen -sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie furchtbare -tropische Meeresstürme zurück. Und so mußten sie -resultatlos umkehren. -</p> - -<p> -Tom redete nach der Rückkehr lange mit mir. Er sprach -viel von seiner Mutter und von Rosa und bedauerte ihren -Tod. Dann erzählte er mir von der Expedition und schilderte -die Kämpfe und Mühen, die er zu bestehen hatte. Schließlich -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -verfiel er in Nachdenken und sagte, er fürchte, daß -dies seine letzte Fahrt gewesen sei. -</p> - -<p> -Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser -junge Mensch, kaum halb so alt wie ich, ist schon ein -Greis. Auf der Erde wäre er jetzt in der Blüte der Jahre. -Hier werden die Menschen bedeutend früher reif und altern -früher. Desto erstaunlicher ist es, daß ich lebe. -</p> - -<p> -Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und -antwortete nach einer Weile des Zögerns: -</p> - -<p> -— Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, daß du der -Alte Mensch bist. -</p> - -<p> -Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde. -</p> - -<p> -— Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner -Kindheit an kennst, was sagst du über mich? -</p> - -<p> -Tom konnte mir keine Antwort geben. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom. -Er hinterließ zwölf Kinder, fünf von der verstorbenen -Frau und sieben von Lilli. Ich habe ihn selbst auf der -Friedhofinsel begraben neben den andern Gräbern. Dort -ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jüngstes, -dreizehntes Kind, das kurz nach der Geburt gestorben ist. -</p> - -<p> -Lilli ist verzweifelt über den Tod ihres Mannes. Es -scheint mir, daß auch sie ihm bald folgen wird. -</p> - -<p> -Nur Ada ist still und gleichgültig. -</p> - -<p> -Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der älteste -Sohn Rosas und Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis. -</p> - -<p> -Ada sagte mir heute mit tiefer Überzeugung, daß ich -niemals sterben würde ... Ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig -geworden ist und mit ihr dieses ganze Mondgeschlecht, -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -das auf sie hört und ihr scheinbar glaubt, oder bin ich -wirklich eine seltsam unerhörte Ausnahme zwischen diesen -Menschen? ... -</p> - -<p> -Denn in der Tat — woher lebe ich noch? -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Lilli ist gestorben. -</p> - -<p> -Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada. -</p> - -<p> -Seit unserm <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> fünfhundertsiebzehn Mondtage -... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht -etwas, das ich nicht verstehen kann und nicht verstehen -will, nicht will! ... Dieses Völkchen kam während des -Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich -und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, -dieses Völkchen kam zu meiner Behausung mit -Opfern, die wahnsinnige Priesterin Ada, der scheinbar der -lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im Polarland -die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem -an Rosa begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte, -bemerkte ich eine Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß -sie wirklich geisteskrank ist. Aber ich bin der einzige, der -das bemerkt! Die andern verehren sie und halten sie für -geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, — es ist furchtbar, -es auszusprechen! — beteten sie zu mir, daß ich die -Stürme niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende -Erde beruhigen sollte! Also sie halten mich wirklich -für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich in dieser -Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten! -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p> -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten -Bibliothek und meiner Papiere gemacht, und -plötzlich überkam mich der Wunsch, alles zu verbrennen -— auch dieses Tagebuch. -</p> - -<p> -Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere -blieben zerstreut auf dem Boden liegen, und ich -habe keine Lust, auch nur die Hand auszustrecken, um sie -aufzuheben. -</p> - -<p> -Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie -wahrscheinlich niemand mehr anrühren ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-3"> -III. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>o viele Tage, so viel unendlich lange Tage und -Nächte ... Ich glaube, daß ich die Zeitrechnung verloren -habe ... Es ist so schwer, die Tage zu zählen, die -einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen -meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im -Laufe stehen bleibt, ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. -Nur mein Herz zeichnet mit seinem Pochen jeden kleinsten -Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche Stunde -es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen -Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher -Stunden vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu -viel! zu viel! So ist es, du mein banges, einsames Herz! -Zu viel dieser Stunden, zu viel der Sehnsucht, zu viel -schon des Lebens ... -</p> - -<p> -Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich -weiß es nicht. Dort auf der Erde müssen wohl zwanzig -oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich die Gräber auf -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin bettete. -Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich -habe Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben, -die noch Kinder waren, als ich mich bereits beugte unter -der Last der Jahre. Um mich herum wachsen Urenkel -derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese -Welt kamen, und ich lebe noch immer. -</p> - -<p> -Das ist so erstaunlich, daß ich mein Wesen schon selbst -nicht mehr begreife und fast fähig wäre, mit an diese unter -dem Mondgeschlecht verbreitete Legende zu glauben, daß ich -niemals sterben werde ... -</p> - -<p> -Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten, -für immer verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche -eines bekannten Naturforschers, daß der Tod eine unbegreifliche -und zufällige Erscheinung sei, die sich nicht -absolut aus den Bedingungen des Lebens ergeben muß. -Die Angst schüttelt mich, wenn ich denke, daß er mich vielleicht -vergessen hat und nicht kommen könnte. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Wenn ich recht zähle, sind schon fünfzig Jahre vorübergegangen, -seit ich mit den verstorbenen Kameraden die -Erde verlassen habe. -</p> - -<p> -Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich -nur noch wenige; diejenigen, die in der Kindheit -von den Wahnsinnigen, die auf den Mond gefahren -sind, hörten, werden längst grau sein und die Namen -jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon -für tot und verloren hielt. -</p> - -<p> -Fünfzig Jahre! Wie vieles muß sich seit dieser Zeit -auf der Erde geändert haben! Vielleicht würde ich mir -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -einst vertraute Gegenden nicht mehr erkennen. Auch mein -Gedächtnis wird schwächer ... Es hat eine Unmenge -Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen -Stunden des Nachdenkens spiele, aber ich sehe, daß die -Bilder der Erinnerung immer loser werden, einer Mosaik -wertvoller, durch meine Sehnsucht glänzender Steine gleich, -die schon zerbröckelt und auseinanderfällt. -</p> - -<p> -Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von -neuem zusammen; die Steine, die ich im Lauf der langen -Jahre verloren habe, ergänze ich durch irgendein trauriges -Traumgebilde, und wiederum verändere ich die Bilder -und spiele im Alter mit diesen Schätzen der Erinnerung -wie ein Kind mit einem Kaleidoskop. -</p> - -<p> -Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen, -wenn ich durch meine Tränen auf sie blicke! -</p> - -<p> -Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde! -Nur einmal noch Menschen sehen, wirkliche, mir ähnliche -Menschen! Gott, wenn ich das Rauschen der Wälder -hören könnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die -im Winde flatternden Blätter der Birke sehen, das Gras -auf den Wiesen, den Duft irdischer Pflanzen und Blumen -einatmen, dem Gesang der Vögel lauschen, wenn ich nur -ein einziges Mal noch die grünen Fluren im Frühling -oder im Sommer die goldene Ährenflut sehen dürfte! -</p> - -<p> -Ja, vieles muß sich auf der Erde geändert haben, aber -die Menschen sind dieselben geblieben und auch die Bäume, -die Blumen und die Vögel! -</p> - -<p> -Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen, -daß die menschliche Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken -in den Welten herumwandern könne, auf Sternen -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der -auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an -die Reisen im sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte -ich nur noch auf der Erde sein, ewig, ewig auf der Erde! -Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß die -Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren -kannte, dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt -noch Menschen sind und Wälder und singende Vögel, daß -es dort blühende Fluren und duftende Blumen gibt! Das -genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die -Freiheit erlangt hat. -</p> - -<p> -Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört! -Und ich erinnere mich an wonnige Maienmorgen, die ganz -von Vogelgesang erfüllt waren ... Die Dämmerung beginnt, -der Himmel verblaßt, dann färbt er sich allmählich -im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille! -Nur das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden -großen Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich -das erste kurze, abgebrochene Gezwitscher; das zweite von -einer anderen Seite, das dritte, vierte ... Noch eine -kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume -und Sträucher erwacht und lebendig geworden wären: -rings umher ein Pfeifen, Singen, Schlagen, Jubilieren! -Zunächst kann man die einzelnen Laute noch gar nicht -unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus -dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher -die Meisen, die Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen -erheben. Hoch oben die Lerche, die in den Lüften -schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt die Nachtigall. -Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen -und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -erhellt, der Himmel wird röter und röter, bis endlich die -goldene Sonne am Firmament emporsteigt ... -</p> - -<p> -Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man -könnte fast glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine -süßen Stimmen sie rufen. Die mehrstündige graue Dämmerung, -während der die Gegend in Frost und Schnee -erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... -Hier erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die -in eine grauenhafte Stille gehüllt ist. Nur der Mensch, -der von einem fernen Gestirn gekommen, unterbricht die -bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein Kind, das -erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in -der Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer -verjagt hat, um vor der Kälte Schutz zu suchen. Still ist -es, still, während des ganzen langen, unendlich langen -Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer, das um -die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans, -sonst nichts, nichts ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor -der Seele! Ich durchwühle die vergilbten Blätter des -Tagebuches, und wenn ich für eine Minute die Augen -schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des Wagens -höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt, -daß ich diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die -in seiner Dunkelheit leuchtende Erde. Die mächtigen Berge, -die sich im Schatten im tiefsten Schwarz der Kohle malen -und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen den -verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere -Sichel bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben -spielen. Und dann tauchen die ersten Jahre, die ich hier -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -am Meeresstrande verlebte, vor meiner Erinnerung auf. -Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich Martha, traurig -und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute -schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber -sie scheint sich nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl -sie das, was sie durch mich von ihnen gehört hat, -mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen Geschlecht -erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute -ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese -Zwerge verehren sie fast ebenso wie mich, nur mit dem -Unterschied, daß sie mich auch noch fürchten, obwohl ich, -Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn ich habe -ihnen niemals etwas zuleide getan. -</p> - -<p> -Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie -mit mir gleichen Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar -den Eindruck von seltsam einfältigen Tieren auf mich. -Schon das erste hier geborene Geschlecht war von uns, -den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom -und seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben -mir wie Kinder aus. Ihre Größe wie ihre Kräfte haben -sich schon den Bedingungen dieser Welt angepaßt: ihren -kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge. -Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer -Riese. Die Enkel Marthas, schon erwachsene Menschen, -die hier erstaunlich früh reifen, reichen mir kaum bis zu -den Hüften und beugen sich unter der Last von Gegenständen, -die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz -des überaus zarten Körpers sind sie jedoch von robuster -Gesundheit und gegen Hitze und Kälte abgehärtet. -</p> - -<p> -Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil, -aber wenn es nottut, arbeiten sie auch bei der empfindlichsten -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -Kälte mit einer Ausdauer, die meine Bewunderung -erregt. -</p> - -<p> -Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben. -Die armseligen Brocken der Zivilisation, die -wir von der Erde mit hierhergebracht haben, was ist aus -ihnen geworden? Ich blicke um mich und habe den Eindruck, -mich unter Wesen zu befinden, die auf die Bezeichnung -„Mensch“ kaum einen Anspruch mehr haben. Sie -können lesen und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und -Fallen stellen und Kleider nähen; sie bedienen sich des -Feuers, wissen sogar mit der Verwendung verschiedener -Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich -reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer -und englischer Bücher, aber untereinander reden -sie ein erbärmliches Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, -englischen, malabarischen und portugiesischen Worten -zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln fließen -die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß -sie sie nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen, -dabei mit den Händen gestikulierend und Grimassen schneidend, -wie Wilde irgendwo im Innern Afrikas oder auf -den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ... -</p> - -<p> -Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich -auf diese dritte Generation der von der Erde hierhergekommenen -Menschen blicke! Und diese Trauer wird dadurch -um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des -eigenen Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen -armen Halbmenschen gegenüber nicht erwehren kann und -mich gleichzeitig als Mitschuldiger an dem hier begangenen -Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben tatsächlich -verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet, -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine -Entwicklung nicht geeigneten Globus fortzupflanzen. Die -Natur ist ebenso unerbittlich da, wo sie im Triumphzuge -vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens erfüllend, -immer neue und immer höhere Formen schafft, -wie auch dort, wo sie beleidigt zurückweicht und das widerruft -und verneint, was sie geschaffen hat. Vergeblich habe -ich mit ihr gerungen, vergebens versucht, dieses Mondgeschlecht -auf der geistigen Höhe zu erhalten, die die Menschen -auf der Erde erklommen haben. Das einzige und -unerwartete Resultat all meiner Bemühungen ist diese -mit heiliger Furcht vermischte Verehrung, die sie mir entgegenbringen. -Ich bin für sie nicht nur ein Riese, sondern -ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht wissen, -und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind. -</p> - -<p> -Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem, -daß im Norden ein Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, -daß sich eine grenzenlose Wüste dort erstreckt und -über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern leuchtet, -von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das -nicht genug, um die Köpfe dieser armen Degenerierten -zu verwirren? Sie waren niemals dort und haben die -leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im -Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr -mit angehaltenem Atem zu und blicken ängstlich auf mich, -auf meine im Verhältnis zu ihnen riesenhafte Gestalt. -</p> - -<p> -Und so bin ich vereinsamt unter ihnen! -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden -hintereinander schlafen wie diese Mondleutchen, und bin -nun allein mit meinen trüben Gedanken. -</p> - -<p> -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst -mit Martha und Peter erbaut habe; am Tage schleichen -diese Zwerge um den Teich herum und schauen mir neugierig -zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit kennen, -wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur -Ada erscheint regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten, bringt -mir meine Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn -sie mich zu Hause antrifft, stellt sie mir immer dieselben -gleichgültigen Fragen; dann sitzt sie noch einige Stunden -schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich wieder -meinen Gedanken überlassend. -</p> - -<p> -Es scheint, daß sie diese Besuche als eine Art Pflicht -mir gegenüber und gewissermaßen als Zeremonie, die dem -„Alten Menschen“ gebührt, auffaßt. -</p> - -<p> -Diese Frau, die scheinbar vollständig klar und bei -Sinnen ist, lebt in einem seltsamen Wahn. Sie hält mich -für ein übermenschliches Wesen, das diese Mondwelt beherrscht, -und bildet sich ein, meine Priesterin und die Prophetin -dieses Volkes zu sein, das unerschütterlich an sie -glaubt. -</p> - -<p> -Sie verkündet den Kindern Toms eine neue phantastische -Religion, die sich aus der Heiligen Schrift, meinen -Erzählungen von der Erde und unserer Ankunft hier zusammensetzt. -Anfangs versuchte ich, auf alle erdenkliche Art -der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt ich -selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich überzeugte mich -schließlich, daß ich in dieser Beziehung vollständig machtlos -bin. Ich setzte Ada lang und breit auseinander, daß -ich genau derselbe Mensch sei wie all die andern auf dem -Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an die sie -sich ja noch erinnern müsse. Ich versuchte ihr klar zu -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -machen, daß meine der späteren Generation überlegene -Kraft und Körpergröße nur darin ihren Grund haben, -daß ich auf einem anderen, größeren Planeten, nämlich -auf der Erde geboren bin. Sie hörte aufmerksam und -schweigend zu, und als ich endlich ungeduldig wurde, -flüsterte sie, mich mit einem flüchtigen Lächeln streifend: -</p> - -<p> -— Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde -hierher gelangen und meine Eltern hierher bringen, was -kein anderer gekonnt hätte? Woher weißt du, was kein -anderer weiß? Und vor allem, warum stirbst du nicht -wie die andern? -</p> - -<p> -Ich schalt sie und verbot ihr ein für allemal, derartige -Märchen von mir zu verbreiten, aber alles war vergebens. -Einige Stunden später hörte ich, wie sie zu Jan, der jetzt -der Mondpatriarch ist, und der gerade zu mir gehen wollte, -sagte: -</p> - -<p> -— Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will -nicht, daß man wisse, daß er ... ein Alter Mensch ist. -</p> - -<p> -Jan wurde traurig. -</p> - -<p> -— Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte -ihn gerade bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben, -den ich mit meinen Söhnen zusammen nicht von der -Stelle bringen kann. -</p> - -<p> -— Man muß ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada. -Bringt nur viel Schnecken, Salat und Bernstein, das -werde ich ihm geben. Und vor allem, — hier legte sie -den Finger an den Mund — sprecht nichts vor ihm! -Wehe! Denn er will es nicht. -</p> - -<p> -Ich trat aus der Ecke, von der aus ich der ganzen Unterredung -zuhörte, hervor, machte Ada abermals Vorwürfe -und begab mich zu Jans Haus, um ihm den Dienst zu -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -erweisen, von dem er gesprochen hatte. Beim Fortgehen -hörte ich noch, wie Ada dem bekümmerten „Patriarchen“ -zuflüsterte: -</p> - -<p> -— Siehst du, er hört und weiß alles! -</p> - -<p> -Wie ist in Adas Gehirn dieser Wahnsinn entstanden? -Ich weiß es nicht, bin aber fest überzeugt, daß er den -Inhalt ihres ganzen Wesens bildet und der Grund des -großen Ansehens ist, das sie unter dem Mondvolke genießt. -Rosa und Lilli fürchteten sie, so lange sie lebten, ja sogar -Tom, der ihr gegenüber nicht immer zum Nachgeben geneigt -war, zitterte vor ihr. Heute würden seine Kinder -es nicht wagen, sich irgendeinem ihrer Befehle zu widersetzen. -Mich empört es, daß sie diese Verwirrung in den -armen Köpfen der bedauernswerten Zwerge anrichtet und -gleichzeitig empfinde ich das innigste Mitleid mit ihr, denn -ich fühle, daß sie in ihrem Irrsinn lichte Momente hat, -während deren sie sich anscheinend klar darüber ist, daß -sie in Hirngespinsten lebt, und dadurch entsetzlich leidet ... -</p> - -<p> -Ich erinnere mich an einen Vorfall, der mir das so recht -zum Bewußtsein brachte: Es war bereits nach Mitternacht, -als Ada zu mir kam. Ich staunte über ihren Besuch -zu so ungewöhnlicher Zeit, vor allem der empfindlichen -Kälte wegen, während der man das Haus des Nachts -nicht gut verlassen konnte. -</p> - -<p> -Sie traf mich über ein Buch geneigt und da sie mich nicht -zu unterbrechen wagte, setzte sie sich still auf eine Bank in -der Ecke des Zimmers. Ich sah, daß sie mit mir sprechen -wollte, aber ich tat absichtlich, als wenn ich sie nicht bemerkte. -Ada saß eine Zeitlang schweigend da, bis sie sich -mir endlich näherte und leise, ganz leise meine Schulter -mit der Hand berührte: -</p> - -<p> -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -— Herr ... -</p> - -<p> -Ich wandte mich schnell zu ihr; so hatte sie mich noch -niemals angeredet. Sie nannte mich immer nur „Alter -Mensch“, und als ich jetzt das Wort Herr hörte, stiegen -geteilte Empfindungen in mir auf. Halb war es Freude -darüber, daß jemand in altgewohnter menschlicher Weise -zu mir sprach, und andererseits empörte mich wiederum -diese Anrede. -</p> - -<p> -— Herr ... kam es von neuem von Adas Lippen. -</p> - -<p> -— Was willst du, Kind? fragte ich so sanft ich nur -konnte. Ich mußte diese Frage einige Male wiederholen, -bis sie mir endlich antwortete. -</p> - -<p> -— Ich wollte fragen, ich wollte wissen ... -</p> - -<p> -— Was? -</p> - -<p> -— Herr, ich weiß nichts! rief sie plötzlich mit einer -Verzweiflung in der Stimme und in den auf mich -starrenden Augen, daß ich die Vorwürfe, die ich ihr abermals -wegen ihrer dem Mondvolk erteilten falschen Lehren -machen wollte, gewaltsam zurückdrängte. Sie indessen -fuhr fort: -</p> - -<p> -— Ich weiß absolut nichts ... und ich wollte dich -bitten, daß du mir endlich sagen mögest, was das alles -bedeutet; wer du eigentlich bist und was wir sind? Ich -sehe dich unter uns, einsam und alt, stark und groß, -aber ich glaube, soweit ich mich noch an meine Eltern erinnere, -daß sie ebenfalls anders waren als wir heute, dir -ähnlich .... -</p> - -<p> -Sie verstummte, und nach einer Weile wiederholte sie, -mir in die Augen schauend: -</p> - -<p> -— Sage, wer du bist und was wir sind? -</p> - -<p> -Und in meiner Brust drängten sich die widerstreitendsten -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -Gefühle. Es schien mir zwar, daß ich ihr auf diese -Frage schon oft und vor langer Zeit geantwortet habe, aber -trotzdem gärte in mir ein Verlangen, zu sprechen, menschlich -zu sprechen zu diesem Weibe, das endlich einmal -menschlich denkend und fühlend vor mir stand. Eine tiefe -Rührung kam über mich; mein Herz wurde weich, und -Tränen traten mir in die Augen und schnürten mir die -Kehle zu, daß ich zunächst keinen Laut hervorbringen -konnte. Nach einer Weile wiederholte ich ihre Worte wie -ein Echo: -</p> - -<p> -— Wer ich bin! ... -</p> - -<p> -Es schien mir, daß ich es eigentlich selbst nicht mehr -recht wußte ... Und Ada fragte abermals: -</p> - -<p> -— Ja, wer du bist, Herr ... Wir nennen dich alle -der „Alte Mensch“, aber ich dachte heute lange nach ... -und bin zu dir gekommen, dich anzuflehen, sage mir die -Wahrheit, ob du wirklich der Alte Mensch bist? -</p> - -<p> -Diesen meinen Namen, den sie selbst hier verbreitet hatte, -sprach sie jetzt mit einer abergläubischen Furcht aus und -dämpfte dabei geheimnisvoll ihre Stimme. -</p> - -<p> -— Ich will wissen, sagte sie weiter, ob du wirklich von -<em>dort</em>, von jener Erde, die ich gesehen habe, hierhergekommen -bist und du alles tun kannst, was du willst. -Und ob du niemals sterben wirst und wir, wenn du uns, -auf die Erde zurückkehrend, verläßt, der Vernichtung anheimfallen, -so wie wir es denken? -</p> - -<p> -Sie sagte das alles fast in einem Atemzug, und ihre -glänzenden, unruhig flackernden Augen starrten auf mich. -</p> - -<p> -Und was sollte ich ihr antworten? Vor einem Augenblick -noch wollte ich ihr mein ganzes Innere enthüllen, noch -einmal so recht von Herzen sprechen, ihr alles sagen, was -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -ich schon so oft gesagt hatte, und von der Erde reden, von -unserer Ankunft hier, von meinen verstorbenen Kameraden, -aber als ich ihre Worte hörte, stieg plötzlich die Überzeugung -in mir auf, daß alles vergeblich sein würde. Sie -will nun einmal in dem Glauben bestärkt sein, daß ich der -„Alte Mensch“ sei, das heißt, nach ihren Begriffen ein -übernatürliches Wesen. -</p> - -<p> -Ich suchte und konnte lange keine Worte finden. -</p> - -<p> -— Warum fragst du mich, sagte ich endlich. Ich habe -es dir doch schon so oft erklärt. -</p> - -<p> -— Ja ... aber ich möchte, daß du mir ... die -Wahrheit sagst! -</p> - -<p> -Ich erinnerte mich, daß vor vielen, vielen Jahren der -kleine Tom ähnlich zu mir gesprochen hatte, als ich ihm -die Erde zeigte und erzählte, daß ich von dort gekommen -wäre. „Onkel, sage mir jetzt die Wahrheit!“ hatte er -mir damals geantwortet. -</p> - -<p> -— Sage mir, drängte Ada weiter, sage, ob es wahr -ist, daß du mit meinen Eltern von jenem mächtigen Stern -gekommen bist, den du Erde nennst. -</p> - -<p> -Sie faßte mich bei der Hand und starrte mich mit flammenden -Augen an. Niemals hatte ich sie so gesehen. -</p> - -<p> -— Sage es mir! rief sie, denn ich wiederhole es diesen -Leuten und sie glauben an dich! -</p> - -<p> -Die letzten Worte stieß sie wie einen Angstschrei hervor, -der mich geradezu entsetzte. Ich hätte niemals gedacht, -daß in diesem stillen, halb geisteskranken alternden -Mädchen noch derartige Seelenkämpfe toben und -ein so heißes Gefühl flammen kann. „Sie glauben an -dich!“ Darin faßte sie in diesem Augenblick die ganze -Tragödie ihres Lebens zusammen. Sie hat dem Mondvolke -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -einen neuen phantastischen Glauben geschaffen, und -jetzt, da sich in ihr plötzlich der Zweifel an dem regte, -was sie selbst verkündete, kam sie zu mir, um aus meinem -Munde die Bestätigung ihrer Lehre zu hören. „Und sie -glauben an dich!“ In diesem Schrei lag etwas wie eine -Klage darüber, daß diese Menschen so arm und so elend -mir gegenüber sind, und zugleich auch die flehentliche Bitte, -ihnen nicht das Höchste, ihren Glauben, zu nehmen. -</p> - -<p> -Ich blickte sie lange an und es schien mir, daß in ihren -Augen Tränen glänzten. -</p> - -<p> -— Ada, willst du daran glauben, was ich dir jetzt -sagen werde? -</p> - -<p> -— Ich will glauben, ich will glauben! -</p> - -<p> -Ich zögerte einen Augenblick: Sollte ich vielleicht die -irdische Herkunft verleugnen? Wenn ich in ihnen den -Glauben erweckte, daß ich auf dem Monde geboren bin -wie sie, würden sie am Ende aufhören, mich für ein -höheres Wesen zu halten? Aber plötzlich erschien es mir -als etwas so Ungeheuerliches, die Erde zu verleugnen, daß -mir bei dem bloßen Gedanken daran der Schweiß auf die -Stirne trat. Mag kommen was will; ich beschloß, Ada -auseinanderzusetzen, daß ich zwar ein alter Mensch bin, -aber durchaus nicht „<em>der</em> Alte Mensch“, wie sie es verstehen, -und daß sie das endlich begreifen müßten, wenn -ihnen auch der Verlust ihres Glaubens oder besser des -unter ihnen verbreiteten Aberglaubens schmerzlich wäre. -</p> - -<p> -— Ich bin in der Tat von der Erde hierhergekommen, -begann ich, aber Ada ließ mich nicht zu Ende sprechen. -</p> - -<p> -— Also das ist wahr, rief sie, das ist wahr? -</p> - -<p> -Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. In diesem Augenblick -warf Ada sich mir zu Füßen und umschlang meine Knie. -</p> - -<p> -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -— Ich danke dir, Alter Mensch, und bitte dich, mir -zu verzeihen, daß ich es wagte ... jetzt weiß ich, daß -du der Alte Mensch bist! -</p> - -<p> -Ich sah sie erstaunt an. In ihren Augen, die eben noch -klar und verständig auf mir geruht hatten, brannte jetzt -wieder dieses unheimliche Feuer; ihre Hände zitterten, -und ihre Wangen bedeckten rote Fieberflecke. -</p> - -<p> -— Ich danke dir, Alter Mensch, wiederholte sie, ich -werde gehen und es dem Volk verkünden ... -</p> - -<p> -Ehe ich mich noch von dem Erstaunen über diese unerwarteten -Worte Adas erholen konnte, war sie verschwunden. -Es blieb mir keine Zeit, sie zurückzuhalten oder -zu rufen. -</p> - -<p> -Diese Frau ist zweifellos wahnsinnig, und ich wundere -mich nur, daß die Nachkommenschaft Toms ihren Worten -so bedingungslos glaubt; ich wundere mich, daß all diese -Märchen einen so ergiebigen Boden bei diesen Degenerierten -gefunden haben. -</p> - -<p> -Ich denke oft darüber nach, wie das alles gekommen -ist. Ich bin wohl auch zum Teil selbst daran schuld: Ich -hatte mich zu sehr von dem neuen Mondgeschlechte zurückgezogen, -und als ich bemerkte, daß es meine Person mit -einer Legende umgab, hielt ich das zuerst für eine Kinderei -und bemühte mich nicht genügend, sie im Keim zu ersticken. -Als ich endlich die Tragweite zu ermessen begann -und dagegen auftreten wollte, war es zu spät. -</p> - -<p> -Schon zu Toms Lebzeiten bemerkte ich, daß unter seinen -Kindern phantastische Gerüchte über mich herumgingen. -Aus zufällig gehörten Worten entnahm ich, daß sie mein -Wissen und meine im Verhältnis zu ihnen ungewöhnliche -Kraft für etwas Übernatürliches hielten. Ich galt in ihren -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -Augen zum wenigsten für einen mächtigen Gaukler. Tom -hat zwar diese Ansicht nicht verbreitet, ihr aber, soviel ich -weiß, auch nicht widersprochen. -</p> - -<p> -Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung, -bis nach dem Tode Toms die Dinge eine ernste -Bedeutung annahmen. Ich fürchte, daß ich heute für dieses -Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben, daß -ich alles weiß und kann und wenn ich nicht immer das -tue, was sie von mir erbitten, so geschieht das in ihren -Augen nur, weil ich es nicht will. Haben sie mich doch -in allem Ernste gebeten, die Stürme zu beschwichtigen und -mir gesagt, daß Ada dies leider nicht gelinge, trotzdem -sie in meinem Namen die Elemente beschwört. Und sie -sandten sie zu mir, denn — ich kann alles! -</p> - -<p> -Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll, -wann ich sie zu verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige. -Ada hat ihnen prophezeit, daß dies unzweifelhaft -geschehen wird, und sie fürchten mein Fortgehen! -</p> - -<p> -Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf -das, was in den Köpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich -kann nichts daran ändern; vielleicht bin ich auch zu träge, -den Kampf mit dieser Naivetät aufzunehmen. Alles quält -mich, alles drückt mich zu Boden. Ich bin froh, wenn -ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um -mich herum geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend -von der Erde träumen kann. -</p> - -<p> -Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wälder, -Vögel, Wiesen, duftende Blumen ... -</p> - -<p> -Oh, dort! ... -</p> - -<p> -Und ich sehne mich immer glühender, auf ewig von -hier fortzugehen! -</p> - -<p> -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -Ach, wenn ich es könnte, wie sie denken, auf die Erde -zurückkehren! Ich bin ganz erfüllt von diesem Gedanken -an die Erde. Womit ich mich auch beschäftige, er kehrt -immer wieder und läßt mir am Tage und in der Nacht -keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder -an meinen Augen vorüber, aber alle sind Variationen -des einen Motivs: Erde! Erde! Erde! ... -</p> - -<p> -Einst, als ich noch dort lebte, waren das für mich verschiedene -Länder, verschiedene Erdteile und Völker und Gesellschaften, -jetzt hat sich alles zu einem Gedanken verschmolzen, -zu einer einzigen Liebe und Sehnsucht. Ich -kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die Grenzen -der Staaten, noch die Völker verschiedener Zungen -und Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit -fließt in meiner Seele zu einem unzertrennlichen -Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und dem Erdball selbst -zusammen, und alles das leuchtet und glänzt und strahlt -in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel -über den Wüsten! -</p> - -<p> -Erde! Erde! Erde! -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glücklichen -Zeiten, als er noch ein Kind und mein unzertrennlicher -Kamerad und Freund war. Und jetzt in der stillen kalten -Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen, Einsamen -farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren -auf. -</p> - -<p> -Und wenn ich so sehnsüchtig an ihn zurückdenke, empfinde -ich klar und schmerzlich, daß er der einzige Mensch -aus dem neuen Geschlecht war, den ich wirklich liebte. -Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn betraf! -</p> - -<p> -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter -den Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er -vierzehn Jahre zählte, war er bereits ein erwachsener, reifer -Mensch. Die beiden älteren Schwestern wuchsen auch schon -heran. Ich blickte auf sie wie auf blühende Blumen, -die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und -vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, — daß -sich in ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche -Macht von ihnen ausgeht, durch die sie wertvoll und begehrenswert -sind. -</p> - -<p> -Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig. -Früher waren sie zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, -die um seinen hellen Kopf herumflatterten, nur -die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm nützlich -zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die -Schwestern fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen -ihm gegenüber für etwas ganz Natürliches. Er machte -sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er wirklich einmal -in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare -einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er -dies immer mit der herablassenden Miene eines gütigen -Herrschers, der die Anhänglichkeit seiner Untertanen zu -belohnen geruht, aber auch dafür Sorge trägt, daß sie -nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und Zufriedenheit -übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms -zu den Schwestern empfand ich oft peinlich und unangenehm -und ich ermahnte den Knaben wiederholt, wenn -ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und -rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß -sie ihn lieben sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für -eine gewisse Zeit wenigstens, vollständig ändern würde. -</p> - -<p> -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder -zu meiden und in ihren Liebesäußerungen zurückhaltender -zu sein. Manchmal nur, wenn er es nicht sah, blickten -sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten, wenn -er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber -kühler wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander. -</p> - -<p> -Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor -sich, daß ich mir, als ich sie bemerkte, nicht klar darüber -war, wie und wann sie eigentlich begonnen hatte. Nur -das eine fühlte ich, wenn ich diese drei ... die noch -Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend, betrachtete, -daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung -vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, -obwohl sie sich später an den Werkzeugen und Werken -ihres eigenen Willens grausam rächen sollte. -</p> - -<p> -Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei -Frauen und ein Mann ... Sie selbst verstanden das -natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den Schwestern -wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer -schwerer den rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit -und wurde verwirrt in ihrer Gesellschaft. Diese stillen, -schmächtigen Mädchen hatten jetzt entschieden das Übergewicht -über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt erlangt. -Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu -benützen. Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um -ihre Bekleidung, ihre Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; -er sammelte bunte Muscheln und Bernstein für -sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr sie -zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An -diesen Ausflügen nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist -seltsam, die Mädchen, die mit Tom erzogen waren und -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten, wollten -durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug -ich Tom vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war, -rudern zu lassen, aber er ließ es nie zu. Ich bemerkte -wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu schonen, sondern -vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen Kraftleistungen -und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen. -</p> - -<p> -Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab, -und ich sah ihr gerne zu. Es schien mir, daß ich drei -Vögel vor mir habe und meine Hand auf ihre pochenden -Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen schlagen: -und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. -Ich glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod -war, wo ich mich fast glücklich fühlte. -</p> - -<p> -Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis -des Lebens und der Liebe vollzog, wehte es zu mir -wie frische Frühlingsluft. Und das sind heute schon alte -Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins Gedächtnis -zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht -viel Tage erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne -Schmerz erinnern könnte. Nur eins — und das ist wieder -die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe Toms zu Lilli -und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein -Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch -dieser Welt das degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun -langsam die Gegend der Warmen Teiche bevölkert. -</p> - -<p> -So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich, -als wenn ich in einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer -gefunden hätte. -</p> - -<p> -Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen -gegenüber. Sie sind vor allem arm, so arm, daß mein -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -ganzes <a id="corr-13"></a>Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn -ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über ihnen. -Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... -Er war energisch und verständig und hatte in den Augen -noch das, was ich vergebens in den Blicken seiner Kinder -suche: die Seele. -</p> - -<p> -Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast -schwer fällt, es niederzuschreiben. -</p> - -<p> -Und warum mußte es so geschehen und nicht anders? -Eine schwerwiegende Frage, auf die es keine Antwort -gibt! Weil wir hierhergekommen waren, weil Tomas starb -und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie -verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand, -weil sie gestorben ist und ich leben blieb, das heißt, -immer diese eiserne, unerbittliche Notwendigkeit, die -die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und sich -um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert -wie der Wind um ein Körnchen des Sandmeeres, das er -davonträgt. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht -niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum -und für wen ich das niederschreibe ... -</p> - -<p> -Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch -die öde Wüste notierte, als ich unsere ersten Jahre auf -dem Monde beschrieb, dachte ich, daß ich dieses Tagebuch -den Mondvölkern zurücklassen würde, damit ihre künftigen -Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und -was wir alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis -es uns gelungen ist, erträgliche Lebensbedingungen zu -finden. Aber heute ... Das ist doch lächerlich — dieser -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -Gedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden das -niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es -lesen sollen. Was geht das sie an? Was gehen sie meine -Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen an? Könnten sie sie verstehen? -Würden sie in diesen Blättern etwas mehr als -eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken? -Und übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen -könnten, wissen, daß sie degenerierte Nachkommen einer -erhabenen Rasse sind, die mit ihrem Geiste über ein fernes -und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo -sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht, -Scham und Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie -betrachte. Möge denn die hiesige Menschheit lieber gänzlich -vergessen, was sie einst auf einem anderen Planeten -gewesen ist und von keiner „metaphysischen Sehnsucht“ -gequält werden. -</p> - -<p> -Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich -nur für mich. Wenn ich davon träumen dürfte, es durch -irgendein Wunder auf die Erde zu befördern, würde ich -es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten -und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und -segnen; die Getreidefelder, Blumen und Früchte, die -Wälder und Gärten, die Menschen und Tiere und alles, -alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer ist! -</p> - -<p> -Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen -wird, daß ich nicht ein einziges kleines Wort auf die Erde -schicken kann, zu der ich mich nur in Gedanken und mit -den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der Sehnsucht -getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine -über den Wüsten leuchtende Heimat zu sehen. -</p> - -<p> -Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbst -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -wie alle Greise. Und wenn es mir hier und da gelingt, -mich für einen Augenblick der Täuschung hinzugeben, daß -ich das alles den Menschen mitteile, die auf der Erde geblieben -sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine -Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden -spinne zwischen mir und diesem Hunderttausende von Kilometern -entfernten heimatlichen Planeten! -</p> - -<p> -Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus -meinem armen Leben hier erzählen, meine Gedanken beichten -und meine Schmerzen klagen und über die seltenen -kurzen Freuden Bericht erstatten ... -</p> - -<p> -Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele! -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Dann schrieb ich ausführlich über den einzigen Frühling, -den ich auf diesem traurigen Globus erlebte, indem ich -mich der erwachenden Liebe zwischen Tom und den Mädchen -erfreute. -</p> - -<p> -Vielleicht hätte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich -glaubte, wenn ich für einige Zeit von ihnen ginge, jenen -zauberischen Frühling zu verlängern, und ich wollte erst -zu der Zeit des Jahres zurückkehren, wo ich die reife -Frucht vorfände. -</p> - -<p> -Ich alter Narr! Es wäre kein kleineres Wunder gewesen, -einen herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten, -daß man sich von ihm abwendet. Das Leben ging seinen -gewöhnlichen Gang! -</p> - -<p> -Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande -verbracht hatte, ans Meer zurückkam, begrüßte mich Tom -mit einer seltsamen Würde und führte mich in das alte -Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten. -</p> - -<p> -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -— Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen -hast. Wir haben nichts angerührt. Nur Ada hat -während deiner Abwesenheit hier gewohnt und deine beiden -alten Hunde, die du zurückgelassen hast. -</p> - -<p> -— Und du? frug ich, und die älteren Mädchen? Wo -seid ihr gewesen? -</p> - -<p> -Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte -jetzt erst, daß sich nicht weit, am Ufer des höheren -warmen Teiches, ein beinahe fertiges neues Häuschen -erhob. -</p> - -<p> -— Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom. -</p> - -<p> -— Wozu? frug ich mit unverhüllter Verwunderung. -</p> - -<p> -Tom zögerte einen Augenblick, dann wies er auf die -sich uns gerade nähernden Mädchen und sagte, mir fest -in die Augen blickend: -</p> - -<p> -— Das sind meine Frauen! -</p> - -<p> -— Welche? frug ich fast unbewußt. -</p> - -<p> -Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die -Mädchen schauten uns ängstlich an. -</p> - -<p> -— Welche von ihnen? frug ich abermals. -</p> - -<p> -— Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein! -</p> - -<p> -Mit diesen Worten nahm er die Mädchen bei den Händen -und führte sie zu mir. -</p> - -<p> -— Segne uns, Alter Mensch! -</p> - -<p> -Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen -genannt, der heute schon für immer mit mir verwachsen ist. -</p> - -<p> -Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Veränderung, -die scheinbar unwesentlich und dennoch sehr -eingreifend war. In unserem kleinen Kreis vollzog sich -eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen eine eigene, -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Maße -enger wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte. -</p> - -<p> -Mit jedem Tage fühlte ich mehr, daß ich auf dieser -Welt unnötig wurde, und mit jedem Tage wuchs in mir -die Sehnsucht nach jener anderen, die so entfernt, ach, -so ferne war! Und das Leben floß dahin, immer unaufhaltsam -seinen alten Lauf! -</p> - -<p> -Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben -Toms mit den Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, -obwohl sie ihn unveränderlich bis zum letzten Atemzug -liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu despotisch. -Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren. -Zum Teil waren diese unerquicklichen Verhältnisse -auch die Veranlassung, daß ich zum zweitenmal nach dem -Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir nahm. -</p> - -<p> -Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie -ich glaube, der Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie, -der bis auf den heutigen Tag dauert. Der -furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der Tod -Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht -nach der Erde und die entsetzliche Einsamkeit martern und -quälen mich mit jedem Tage mehr, obwohl die Zahl der -Menschen hier auf dem Monde immer größer wird. -</p> - -<p> -Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche -Nachkommenschaft, sechs Söhne und sieben Töchter, von -denen die jüngste einige Mondtage nach der Geburt gestorben -ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat sich -der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend, -mit der Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle -in dem Maße des Zuwachses gepaart. Heute, nach dem -Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel vorhanden, darunter -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -zwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn, -der schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen -zweiundvierzig Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre -Niederlassungen errichten sie längs dem Meeresstrande -nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen schreitet auch -die „Zivilisation“ vorwärts. Häuser erheben sich, Schmieden -und Hundezwinger. -</p> - -<p> -Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen -und werde hier wohl bis zum Tode bleiben, den ich so -heiß herbeisehne! Und so bin ich schon eine Ausnahme -auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde -verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-4"> -IV. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen -auf der Erde ein Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe -und an sie denke. Das ist so wenig, und es würde mich -so namenlos glücklich machen! -</p> - -<p> -Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele -Hunderttausende von Kilometern, eine interplanetarische -Strecke, die noch niemals zurückgelegt wurde, von dieser -Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich geboren bin, -trennen! -</p> - -<p> -Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren -Gedanken nur damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf -dem Meere reichlich ausfällt, der Salat gut aufwächst -und die verwilderten Hunde nicht die eiertragenden Eidechsen -in den Umzäunungen zerreißen ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel -zugebracht ... Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort -gerne und dachte über die Vergangenheit des heute erloschenen -Mondglobus nach; jetzt zieht es mich wieder oftmals -dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten -Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an -Martha, Peter, Tom und an mich selbst und wann ich -wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde. Gerade -heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille -Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses -Leid, ein so trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen -begann und die Hände ausstreckte zu den Gräbern und -sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu sprechen oder mich -in ihre Gesellschaft aufzunehmen. -</p> - -<p> -Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben. -Was hält mich auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, -Sehnsucht, die furchtbarste Vereinsamung, alles das habe ich -zur Genüge ausgekostet; seit langem bin ich niemandem -mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen! -</p> - -<p> -Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde -sehen, auf diese helle Kugel schauen, die am Himmel -hängt, auf die Erdteile, die langsam darüber kreisen und -die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich will -noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich -das Land, wo ich geboren bin, und dann ... -</p> - -<p> -Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß -gefaßt. Ich werde zum Polarlande gehen, um auf die -Erde zu schauen. -</p> - -<p> -Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken -die ganze Fahrt und die dafür nötigen Vorbereitungen -zurecht. Auf der Schwelle des Sommerhäuschens -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -fand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde gekommen, -und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig -auf meine Rückkehr. -</p> - -<p> -Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, -wenn auch nur von ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht -zurückhalten konnte, Ada meine Absicht mitzuteilen. -</p> - -<p> -— Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde -ich von euch gehen! -</p> - -<p> -Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an, -die sie mir gegenüber stets bewahrt, und antwortete nach -einem kleinen Zögern: -</p> - -<p> -— Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter -Mensch ... aber ... -</p> - -<p> -Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe, -mit mir umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte -gewöhnt haben müssen, derartig aufgebracht. Im ersten -Augenblick schnürte sich mir das Herz im Gefühl der -Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte -mich ein unbezwinglicher Zorn. -</p> - -<p> -— Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß -stampfend. Ich werde fortgehen, wann es mir gefällt -und wann ich will, aber daran ist nichts Geheimnisvolles, -nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß -ich morgen früh die Hunde für den Wagen haben will; -ich fahre zum Polarland. -</p> - -<p> -Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem -Befehl nachzukommen. -</p> - -<p> -Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche -Bewegung vor meinem Hause. Jan und die -Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen nicht ausgenommen, -hatten sich versammelt und standen entblößten -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -Hauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend. -Ada trat aus ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner -Schwelle stehen. Sie war in feierlicher Kleidung: einen -Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu den Hüften -herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue -Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln -eines Hundes, die geglättet auf einen langen Kupferdraht -gesteckt waren. -</p> - -<p> -— Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen! -</p> - -<p> -Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die -an der Wand hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese -Horde, die mit einem solchem Pomp zu mir gekommen, -auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder leid. -Was können sie dafür. -</p> - -<p> -Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der -Absicht, noch einmal den Versuch zu machen, ihnen vernünftig -zuzureden. Der wilde Lärm des Beipflichtens, -der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte -sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in -der Stille nur noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen -und das erstickte Flüstern der Mutter: Still, still, der -Alte Mensch wird unwillig ... -</p> - -<p> -Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids. -</p> - -<p> -— Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite -schiebend. -</p> - -<p> -Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit -dem Blick eines ratlosen, verängstigten Zwerges in die -Augen und sagte schließlich, nachdem er sich umgesehen, -um aus den Mienen der Kameraden Mut zu schöpfen: -</p> - -<p> -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -— Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch -nicht von uns fortgehen möchtest. -</p> - -<p> -— Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend -über dreißig Personen. -</p> - -<p> -Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte -in ihren Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung -ergriffen fühlte. -</p> - -<p> -— Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage -mehr mir selbst als ihnen vorlegend. -</p> - -<p> -Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, -mit sichtlicher Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen -zusammenzufassen: -</p> - -<p> -— Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht -und die große Kälte kommen. Oh, die böse Kälte, die -wie ein Hund beißt, und wir würden allein sein ... -Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei -uns, Alter Mensch ... Ada — hier blickte er auf die -neben ihm stehende „Priesterin“ — Ada sagte uns, daß -du dich mit der Sonne kennst und noch mit einem anderen -Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll -und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den -sie gesehen hat, als sie mit dir dort war im Norden ... -Sie sagte, daß du von dort gekommen bist, und wenn du -ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in einer heiligen -Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir -fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren -könntest, denn wir würden allein bleiben. Wir -bitten dich also ... -</p> - -<p> -— Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die -Zwerge, den Satz Jans beendend. -</p> - -<p> -Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -ihnen antworten sollte. Die Männer und Frauen umringten -mich, streckten die Hände aus und baten mit -angstvollen Stimmen: -</p> - -<p> -— Bleibe bei uns, bleibe! -</p> - -<p> -Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen, -was ich ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich -ein gewöhnlicher Mensch sei, durchaus mit keinen geheimnisvollen -Kräften begabt und ebenso wie sie alle dem -Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte; -in den Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig -wie eine Litanei: Bleibe bei uns! -</p> - -<p> -Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, -mit einer außerordentlichen Würde in der ganzen -Gestalt, aber es schien mir, daß ich auf ihren Lippen ein -Lächeln bemerkte — halb spöttisch, halb wehmütig ... -</p> - -<p> -— Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich. -</p> - -<p> -Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten -Augen. -</p> - -<p> -— Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen. -</p> - -<p> -Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns. -</p> - -<p> -Das war mir zu viel. -</p> - -<p> -— Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich -werde nicht bleiben, denn ... -</p> - -<p> -Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte. -Wie konnte ich ihnen erklären, daß ich gehe, um die Erde -zu sehen, den mächtigen und hellen Stern, nach dem ich -mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem wahnsinnigen -Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen -bin? ... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte -auf die Versammelten und bemerkte, daß diese Zwerge -weinten! Sie weinten bei dem Gedanken, daß ich sie verlassen -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -würde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht, aber -in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag -die Demut eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach -als alle Worte. Sie dauerten mich unbeschreiblich. -</p> - -<p> -— Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher -Stimme, aber noch nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen! -</p> - -<p> -Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, -das sich ihren Kehlen entrang ... -</p> - -<p> -— Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich -hinzu, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise, -dort nach Norden, wo der schönste Stern leuchtet, von -dem ihr von mir und von Ada gehört habt, dann werde -ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und -später euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen -könnt. -</p> - -<p> -— Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig! -antworteten mir zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur -nicht von uns auf diesen Stern, von dem du sprichst! -</p> - -<p> -— Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich, -aber leider bin ich nur ein Mensch, so wie ihr. -</p> - -<p> -In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. -Sie schauten sich untereinander an, und es schien mir, -daß ich auf ihren breiten Lippen etwas bemerkte, das einem -schnellen Lächeln des Einverständnisses glich und sagen -wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, -daß der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen -Grunde nicht will, daß wir wissen sollen, daß er ... -der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte mich der -Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. -Vor dem Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster, -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -wie sich alle um Ada scharten, die lebhaft etwas erzählte, -wahrscheinlich von mir und meiner Übernatürlichkeit. -</p> - -<p> -Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, -und das Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen -Häusern zerstreut, die sich in langer Reihe an den steinigen, -nach Südwesten laufenden Ufern der warmen Teiche erheben. -In einigen Stunden werden sie sich zu einem langen -Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom -Alten Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der -Erde, dem mächtigen, seltsamen und unbekannten Stern, -den sie nur aus den Erzählungen kennen ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -In einigen Stunden werde ich das einzige wachende -Wesen auf dem Monde sein. -</p> - -<p> -Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das -Fenster, wie sich vor dem Hause Jans seine Söhne zu -schaffen machen; nicht weit davon beenden die Frauen in -aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald -hereinbrechenden Nacht. -</p> - -<p> -Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger -unter diesem Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein -Überlegen mehr, denn ich habe ihnen versprochen, daß ich -noch bleibe. -</p> - -<p> -Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes -Herz — lange wird es nicht mehr schlagen müssen. Noch -einige Tage, einige Mondtage höchstens, und dann ziehe -ich gen Norden, zum Polarland, um dort das Leben zu -beenden, — den Blick auf die geliebte Erde gerichtet. -</p> - -<p> -Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, -ich weiß es, und mich begleiten wollen. Und so -werde ich einige von ihnen mitnehmen auf diesen letzten -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -Weg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern -zurückkehren — ohne mich. -</p> - -<p> -Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid, -daß ich nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier -zu bleiben. Der Gedanke ängstigt mich, es könne mir in -kurzer Zeit vielleicht schon an Kraft und Leben fehlen, -die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor Augen habe, -anzutreten. -</p> - -<p> -Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich -wundere mich manchmal selbst über die Frische und Unverbrauchtheit -meines Organismus. Ich nähere mich nun -fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich jeder -Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit -zu untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht. -</p> - -<p> -Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich -lächerliche und entsetzenerregende Überlieferung, die unter -diesem Volke verbreitet ist, daß ich niemals sterben werde. -</p> - -<p> -Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur -die physische Natur des Menschen an ihr Widersprechendes -gewöhnen, die Seele niemals! Mein Schmerz und meine -Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie wachsen -unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte. -</p> - -<p> -Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch -mit einem heißen Glücksgefühl daran, daß ich in einigen -Mondtagen die Erde sehen werde. Das Herz schlägt mir -dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling wäre, -der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über -alles geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in -Träumen zu sprechen gewagt hat. -</p> - -<p> -Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und -unerreichbar; ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -ausbreiten und sie durch die undurchdringlichen Himmelsräume -rufen, sie wird weder meine Stimme hören noch -mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen. -</p> - -<p> -Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, -den Gegenstand seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. -Es dünkt mich, daß ich an diesen entfernten, von hier aus -unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem langen Faden, -der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich -in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. -Und so an diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, -daß mir der Boden unter den Füßen fremd ist und immer -fremd bleiben wird. -</p> - -<p> -Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den -Sternen! Denn die Erde ist für mich nur noch ein Stern, -den ich über alles liebe. Wenn es Geister gibt, die von -erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden Sonnen -vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie -in der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die -schrecklichsten Qualen, wie auch ich sie erdulden muß. -</p> - -<p> -Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, -von mir so bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, -das fast im Staube vor mir, dem Alten Menschen, kriecht, -doch tausendmal glücklicher ist als ich. -</p> - -<p> -Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese -Leutchen um ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, -lächeln einander zu und sind heiter und zufrieden. Jan, -der durch das natürliche Recht des Ältesten ihr Oberhaupt -ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für allemal -vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens -einiger Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten -Schriften, zusammen. Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -noch ein kleiner Knabe war, habe ich diese Abendversammlungen -gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder andere -zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde -erzählt und von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich -nicht einmal mehr am Versammlungsort, dort unter dem -Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum verstehen. Warum -soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner Worte -doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit -durch phantastische Legenden entstellen und verwirren? -</p> - -<p> -Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: -Sind sie schuld daran? Ist es ihre Schuld, daß sie alles, -was sie hören, auf sich beziehen, unfähig, sich in Gedanken -über diesen Landstreifen zu erheben, den sie bewohnen? -Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der -Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab -sie auf der Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem -Ausdruck einer Götzenanbetung auf mich richten? Daß -Menschen eine andere Welt bewohnen können, einen Stern, -der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen leuchten, -halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil -ich es gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist. -</p> - -<p> -Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele -zu wecken, und erst dann meine Bemühungen aufgegeben, -als ich mich von der gänzlichen Unmöglichkeit überzeugt -hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe machen, -und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare Verantwortung -für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, -das mir anvertraut war. Und wiederum die Ironie des -Lebens: Sie sind in ihrer Weise glücklich, und ich gräme -mich ihretwegen und vergrößere durch eine quälende Sorge -um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-5"> -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -V. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum -letztenmal diese Blätter in Händen hatte. Heute öffne -ich das Tagebuch, um das Datum zu notieren, wo ich dieses -Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe endlich zum -Polarland! -</p> - -<p> -Seit unserm <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> sechshunderteinundneunzig -Mondtage. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur -Hälfte kleiner gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln -und Brennmaterial versehen, die mir für eine lange -Zeit des Aufenthaltes im Polarland genügen werden — -länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich bin alt ... -Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand -eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern -wird. -</p> - -<p> -Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach -Norden zum Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen -mußte, hatte ich streng verboten, derartige Reisen zu unternehmen, -denn ich war fest überzeugt, daß sie zu keinem -Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr -bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs -genaueste und ich glaubte bestimmt, daß es immer so -bleiben würde, besonders in Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes -dieses Mondvolkes, das mit seinem ganzen -Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen -und Lebensbedürfnissen hängt. -</p> - -<p> -Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst -hierher ein Hauch jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -zu sein und verborgen in der Brust dieser Zwerge -zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt bewirkt -und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean -fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß -einige der Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden -schauen, über das weite Meer. Sie frugen mich einst, -was wohl dort sein könne hinter dem großen Wasser, -und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, -wie in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht -daran. Sie hatten mich vielmehr im Verdacht, daß ich -es ihnen nur nicht sagen wollte. -</p> - -<p> -Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen -Petroleumquellen, mit der Zubereitung der Vorräte für -die Reise zum Polarland beschäftigt. Als ich am Morgen -ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu verabschieden, -um fern von diesen Gegenden mein Leben zu -beenden, erfuhr ich, daß drei Männer, die kräftigsten und -kühnsten, meine Abwesenheit benützend, nach Norden gefahren -sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie bauten -sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor -unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln -zwei Hunde und verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in -der Nacht auf das festgefrorene Meer hinaus, um noch -vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf der -nördlichen Halbkugel zu gelangen. -</p> - -<p> -Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß -sie niemals zurückkehren werden, aber indessen muß ich -den Bitten Jans und Adas nachgeben und noch einen Tag -warten, um sie zu segnen, wenn sie heimkommen sollten, -ehe ich fortgehe. -</p> - -<p> -Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer, -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -weshalb sie nach Norden gegangen wären. Sie -antwortete, daß sie sehen wollten, was dort sei ... Darüber -hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben. -</p> - -<p> -Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft -zugrunde gehen und sind tüchtig, wie sie es bewiesen -haben. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne -ist seit einigen Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt -zu schmelzen, bald werde ich den Wagen besteigen -und nach Norden aufbrechen. -</p> - -<p> -So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, -obwohl ich doch weiß, daß ich fortgehe, um nie mehr -wiederzukehren. -</p> - -<p> -Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, -auf der entfernten Insel, um, und es ist mir seltsam weh -zumute ... -</p> - -<p> -Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an -diesem Grabe verbracht. Es war mir schwer, mich von -ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich auf dieser -Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen -Hügel mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, -wenn ich allein im weiten Lande sterben werde. -</p> - -<p> -Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt -sich, um mir Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, -sie widersetzen sich nicht, sie wissen, daß es so sein muß. -Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich zum Polarlande -begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen. -</p> - -<p> -Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden -wohl auch niemals heimkehren. Aber ich will nicht mehr -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -länger warten. Übrigens sind alle meiner Abreise wegen -so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie denken. -</p> - -<p> -Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt -und hinzugefügt: -</p> - -<p> -— Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind -aufgebrochen, ohne den Alten Menschen um Rat zu fragen. -</p> - -<p> -Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm. -</p> - -<p> -— Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen -haben, klagten sie und drängten sich weinend um mich. -</p> - -<p> -Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. -Eine seltsame Entdeckung — in diesem letzten Augenblick -... -</p> - -<p> -Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, -aufzubrechen! -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Unterwegs auf der See-Ebene. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ch, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß -nun das Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur -noch ein kurzer Aufenthalt im Polarland — unser erster -Aufenthalt einst auf diesem Globus — und dann — -der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am -Himmel leuchtenden Heimat. -</p> - -<p> -Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes -Leben und diese Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen -habe; alles das zerrinnt in einen schillernden -Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch das -flammende Rund der Erde glänzt. -</p> - -<p> -Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell -wie möglich sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern -kann. Es ist Nacht und der Schlaf will sich nicht -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -auf meine Lider senken. Ich versuche durch Schreiben die -langen Stunden zu verkürzen. -</p> - -<p> -Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst -die ersten Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre -sind seitdem verflossen! Und wieder kehre ich in Gedanken -zu diesem Leben zurück, das schon so weit hinter -mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor -Augen und Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls -nicht mehr leben ... -</p> - -<p> -Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da -ich meine Kräfte anspannen muß, das Land zu erreichen, -von wo ich die Erde sehen werde! -</p> - -<p> -Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und -dennoch muß ich zugeben, daß mir die letzten Augenblicke -des Abschieds schwer wurden. Wie seltsam ist doch das -menschliche Herz und wie stark die Macht der Gewohnheit! -Man kann sich, scheint’s, selbst an die Gitter des -Gefängnisses gewöhnen ... -</p> - -<p> -Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz -niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem -Hause die ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. -Sie kamen schweigend, finster und traurig und warteten. -Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren alle, mit -Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit. -</p> - -<p> -Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume -gleiten, in denen ich fünfzig Jahre lang gehaust habe -und da ich nicht wollte, daß man diese Wohnstätte als -Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt, -steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben -ist und was ich einst gebraucht hatte, eigenhändig -in Brand und ging hinaus zu den mich Erwartenden. Eine -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und Fenster. -Es war mein eigener Scheiterhaufen. -</p> - -<p> -Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter -kurzer Schrei. Sie schauten auf das brennende Haus und -dann auf mich, und keiner rührte sich, um das Feuer zu -löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und alle -schwiegen. -</p> - -<p> -— Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann -ich, um etwas zu sagen, da mich in dieser Stille, die nur -durch das Knistern des Feuers unterbrochen wurde, Wehmut -und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte ich -weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte. -Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren -werde, ihr aber, wenn ihr wollt, könnt mich dort -aufsuchen, solange ich nicht sterbe. -</p> - -<p> -Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden -Balken des Daches und auf mich; ich sah, daß -einigen von ihnen Tränen über die Wangen liefen. -</p> - -<p> -Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine -drückende Last sich auf meine Brust wälzte. -</p> - -<p> -— Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann -ich wieder, mit Mühe nach Worten suchend, ihr wart -mit mir bis zu diesem Augenblick, und von jetzt ab sollt ihr -euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr Menschen seid, -denkt daran! -</p> - -<p> -Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster -Anstrengung fortfahren: -</p> - -<p> -— Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich -lasse euch das Buch zurück, das heilige Buch, das ich -von der Erde mitgebracht habe, das von der Erschaffung -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des -Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört. -</p> - -<p> -Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose -Dinge redete. -</p> - -<p> -Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und -sprach: -</p> - -<p> -— Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht -ist, daß der Mann die Frau schlägt? -</p> - -<p> -Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick -umringten mich Frauen und Männer und begannen -mit traurigen Stimmen zu fragen: -</p> - -<p> -— Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder -den jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist? -</p> - -<p> -— Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern -aus der Hütte zu treiben, die sie einst selbst erbaut haben? -</p> - -<p> -— Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke -spricht: „Das sind meine Felder!“ und anderen nicht erlaubt, -die Ernte davon einzubringen. -</p> - -<p> -— Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau -nimmt? -</p> - -<p> -— Daß er die Handwerkszeuge beschädigt? -</p> - -<p> -— Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt? -</p> - -<p> -— Daß er zum eigenen Vorteil lügt? -</p> - -<p> -— Sage, ob das recht ist! -</p> - -<p> -— Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die -Bücher haben gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, -und trotzdem geschieht es täglich in unserer Mitte! -</p> - -<p> -Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. -Dieses Volk verlassend, sah ich nur zu klar, auf -welchen Bahnen seine Entwicklung schreiten wird. Vieles -vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit -uns von der Erde hierhergekommen! -</p> - -<p> -— Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter -meinen Augen derartige Dinge geschehen sind, was wird -erst sein, wenn ich fortgehe? -</p> - -<p> -— Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir. -</p> - -<p> -Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. -Warum ich fortgehe? -</p> - -<p> -Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne -zu wissen, was ich erwidern sollte. -</p> - -<p> -Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der -Stille zu hören und ein dumpfes, entferntes Dröhnen des -Vulkans. -</p> - -<p> -Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie -fühlten scheinbar dasselbe, was ich in jenem Augenblick -empfand, daß meine Abfahrt das unabwendbare Schicksal -ist, dem man sich vergebens widersetzen würde. -</p> - -<p> -— Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. -Lebt indessen in Frieden und menschlich, murmelte -ich und wußte gar wohl, daß ich ihnen die Unwahrheit -sagte, wie mir selbst. -</p> - -<p> -— Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt -kein Wort gesprochen hatte. -</p> - -<p> -Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie -mit erhobener Stimme hinzu: -</p> - -<p> -— Der Alte Mensch verläßt euch! -</p> - -<p> -Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle -Versammelten wie mit einem Schauer überlief. -</p> - -<p> -— Es muß so sein! sagte ich dumpf. -</p> - -<p> -Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und -eilte mit Ada und drei ihrer Neffen gen Norden ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als -die Sonne heute aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade -zur Höhe steigend, sondern schleppte sich am Horizont, gerötet -kaum einige Fuß über der bläulichen Linie der -Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns -dem Ziel unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine -Bergkette vor mir auf; ich unterscheide schon mit bloßem -Auge die höchsten, ewig von der Sonne beleuchteten Gipfel -und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde bildet. -</p> - -<p> -Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ... -</p> - -<p> -Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem -Augenblick, da die Sonne auf dieser Halbkugel untergehen -müßte, werden wir schon auf dem Pol sein, im Land der -ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig -Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen -Meridiane ist, deren Knotenpunkt man dort unter -den Füßen hat. -</p> - -<p> -Und dort — werde ich die Erde sehen! -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Im Polarlande. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>ach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, -da die Sonne in den Gegenden an den Warmen Teichen -untergehen sollte, kam der große Augenblick. Wir sind -durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen, die -die Grenzmauer der Polarmulde bildet. -</p> - -<p> -Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die -Augen nach der Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir -bald die Erde zeigen sollte, und als ich sie plötzlich in -der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis ins Innerste -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter -ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich -von den Knien erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine -geliebte Heimat, und mit ausgestreckten Händen, wie sie -ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah ich auf meine -Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden -Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit -entblößten Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen -Furcht in den Zügen, die starren Blicke auf das Halbrund -der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die Arme zu -dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, -bis sie sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen -Kameraden wandte: -</p> - -<p> -— Von dort ist <em>er</em> gekommen, sagte sie mit gedämpfter -Stimme, als wenn sie nicht wollte, daß ich es höre, und -dorthin wird er zurückkehren, wenn die Zeit erfüllt ist. -Werft euch zu Boden. -</p> - -<p> -Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, -auf der ihre Väter einst gelebt haben ... -</p> - -<p> -Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, -sich mir zu nähern, und ich rief sie zu mir und begann -ihnen mit vor Rührung zitternder Stimme die Erscheinung -zu erklären, die sie vor sich hatten. Sie drängten sich -um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn -sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick -über ihre Köpfe erheben und durch die blasse Luft -zu diesem hellen Sterne fliegen würde! -</p> - -<p> -Ach, wenn ich es könnte! -</p> - -<p> -Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, -beschäftigte mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß -ich unwillkürlich verstummte, auf die Erde starrte und -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -nur noch fühlte, daß ich diesen Menschen hier nichts mehr -zu sagen hatte. -</p> - -<p> -Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher -zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen -und, auf die Erde zeigend, flüsterten: -</p> - -<p> -— Sieh, sieh, <em>er</em> ist von dort gekommen. -</p> - -<p> -— Damals, als es hier noch niemanden gab ... -</p> - -<p> -— Ja ... <em>Er</em> hat den Großvater Peter hierhergebracht -und seine Frau Martha ... Und einen, der der Vater -unseres Großvaters war, hat er auf der Wüste tot zurückgelassen -... so lehrt Ada. -</p> - -<p> -— Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist -nur die Rede von Adam, das ist sozusagen Peter, und -von ... -</p> - -<p> -— Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige -Schrift hat er ebenfalls von dort mitgebracht. -</p> - -<p> -— Ja, alles hat <em>er</em> geschaffen; für die ersten Menschen -hat <em>er</em> hier Meer und Sonne und Teiche geschaffen ... -</p> - -<p> -Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, -schnell um und die halblaut geführte Unterhaltung verstummte -sofort. -</p> - -<p> -Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder -ein, wie vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen -deshalb nur, daß sie das Zelt aufschlagen möchten, da -wir hier längere Zeit bleiben würden. Und seitdem fließen -die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den rosagefärbten -Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint -es, langsam, für mich aber viel zu schnell dahin! -</p> - -<p> -So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und -Schmerz mich bei dem Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, -dorthin zu den Warmen Teichen. Hier verweilend -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im letzten -Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, -daß von hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen -Weltenraum zur Erde ist, und bei Gott, sie lockt -mich mehr, diese endlose, tote Wüste hinter den Bergen -dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so lange -gelebt habe. -</p> - -<p> -Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht -mich jetzt nicht mehr dorthin. Ich habe ja hier so viel -mehr von ihr um mich als dort ... Hier hat sie mir -gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen -haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich -krank war, hier wandelte sie mit mir auf den grünen -üppigen Wiesen oder kletterte auf die rosigen Berggipfel, -und dort ... war sie die Frau eines andern, dort schaute -ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst -gedemütigt und von Schmerz zerrissen. -</p> - -<p> -Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es -nur einem Menschen sein kann, der alles verloren hat, -sogar die Erde unter seinen Füßen, und, auf einem silbernen -Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der -Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an -das, was unwiederbringlich dahin ist ... -</p> - -<p> -Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! -Hier hast du das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben -Wiesen, auf denen sie, die Tote, wandelte, und auch -das Grab ist sicher nicht mehr fern — was willst du noch? -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in -diesem Augenblick vor meinen Augen leuchtet! -</p> - -<p> -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und -über alles teuren Brüder! -</p> - -<p> -O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende -Leuchte über den Wüsten! -</p> - -<p> -Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes -Kleinod, lichter Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, -o herrlichste Blume, duftender Weihrauch! Wie Vogelstimmen -tönende Harfe! -</p> - -<p> -O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter! -</p> - -<p> -Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich -habe keine Tränen mehr, dich zu beweinen, Stern, über -Wüsten leuchtend! Welt, über alle anderen der glühendsten -Liebe wert! -</p> - -<p> -Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so -Ferne, der unglücklichste deiner Söhne und der einzige, -dem du dich jetzt in deiner goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! -Stern unter den Sternen am Himmel! -</p> - -<p> -Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als -Kind kanntest, und der grau geworden ist, nicht auf deinem -Mutterschoß: -</p> - -<p class="ind1"> -Erde! -</p> - -<p class="ind2"> -Vergib, daß ich mich von -dir abwandte, durch die Begierde nach Erkenntnis, die du -selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt. Von -dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du -vor Zeiten von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte -und deine Meere einwiege! -</p> - -<p> -Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du -alles Gute gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden -Geist, Blumen, die seine Augen erfreuen, und -Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte, und Brüder, -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene, -grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende -Sohn und der Kinder schlechtestes auf deinem breiten -Schoße: -</p> - -<p class="ind1"> -Erde! -</p> - -<p class="ind2"> -Vergiß mich nicht! Leuchte -meinen Augen, ehe sie der Schleier des ersehnten Todes -umhüllt! ... -</p> - -<p> -Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! -Berausche mich mit deinem gesegneten Lichte! -</p> - -<p> -Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, -von schneeigen Gipfeln und grünen Gefilden, von den -kleinen schimmernden Blättern der Bäume, von blühenden -Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet, von -Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, -von menschlichen Zügen, die in Nachdenken versunken zum -Himmel schauen, Hunderttausende von Meilen hat es durchflogen, -durch die ewige Wüste zu mir eilend, und ist mir -jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner -Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste -Farbe und des menschlichen Geistes Widerschein, der sich -in den zum Himmel gewandten Augen spiegelt! -</p> - -<p> -O Erde, meine Erde! -</p> - -<p> -Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, -endlich auf diesen leuchtenden Saiten, die zwischen -dir und der furchtbaren Welt hier gespannt sind, zu deinem -Mutterschoß zurückgelangen und in balsamischen Lüften -alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach er -sich so grenzenlos sehnt! -</p> - -<p> -O Erde! -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-6"> -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -VI. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. -Dieser Gedanke umkreist mich beständig; die Luft ist voll -von ihm und die blutigen Sonnenstrahlen, der Himmel -erscheint gleich einem weichen Schleier, und die Erde -leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals -fühlte ich so wie jetzt, daß der Tod nahe ist. -</p> - -<p> -Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich -daran, aber — was erstaunlicher ist — auch ohne Freude, -die doch die endlich nahende Erlösung in mir erwecken -müßte ... -</p> - -<p> -Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, -etwas ungemein Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf -ich jedoch nicht kommen kann. Und das bedrückt mich, -und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit Freuden -begrüße — den Tod-Erlöser! -</p> - -<p> -Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. -Und ich, ebenfalls im Traume, antworte ihnen jedesmal: -Ich sehne mich so maßlos danach, zu euch zu gehen, aber -ich finde mich nicht zurecht ... -</p> - -<p> -Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose -Wüste? ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich -mit Peter auf die Sonnenfinsternis geschaut habe und -dann auf den See, der plötzlich die ganze Polarmulde -überflutete. -</p> - -<p> -Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie -bat mich darum, als sie gesehen, daß ich öfter auf die -benachbarten Berge steige, um auf die Erde oder die Wüste -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -zu blicken, die hier schon an der Grenze des Horizontes -sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen -möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf -ich schaue und wonach ich mich sehne. Als sie heute mit -mir ging, legte sie die feierlichsten Priestergewänder an -und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten -Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre -Würde lachen; wenn man sie ansah, schien es, daß sie auf -diesen Berg schreite, um ein heiliges Opfer darzubringen. -Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem Zelt im Tal -zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie -blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend -erstiegen wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich -in mir geregt hatte als ich Adas Priestergewänder -gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort von -mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter -mir ging. Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, -je nachdem ich vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, -und auf die Sonne, die, hier schon sichtbar, wie eine rote -Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des Horizontes -stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich -von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der -Sonne rosig gefärbt waren, über meinem Haupte der blasse, -erloschene Himmel. -</p> - -<p> -Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, -daß ich mich, diesen Berg ersteigend, schon für immer -von den Mondleuten entfernte und von dieser ganzen mir -so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich wirklich ein -geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk -vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort -inmitten der Sterne ... Und die rotglühende Sonne -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -liegt schon in meinem Rücken und nimmt Abschied von -mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz -und Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, -mächtig, hell erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten -Schoß aufzunehmen ... -</p> - -<p> -Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, -mich in den Anblick der Erdscheibe versenkend, in der klaren -Luft den vorübergleitenden hellen Keil Europas. Er war -deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über Frankreich und -England glitten, seine Konturen von dieser Seite her -verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im -Osten glänzten wie ein glatter silberner Spiegel, von der -einen Seite an den dunklen Streifen des Baltischen Meeres -gelehnt, von der anderen an die Kette der Karpathen, -deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen schimmerten. -Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen -Himmel war so unerwartet und bezaubernd für mich, daß -ich einen Augenblick mit zurückgehaltenem Atem, ganz -Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich wie ein Kind -in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel — dort -oben auf dem Gipfel des Mondberges. -</p> - -<p> -Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit -Staunen, daß Ada zu meinen Füßen kniete und helle -Tränen über ihr Gesicht herabflossen. -</p> - -<p> -— Was ist dir? frug ich fast gedankenlos. -</p> - -<p> -Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie -und weinte herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem -Schluchzen die abgerissenen Worte heraus: -</p> - -<p> -— Du bist unglücklich, Alter Mensch. -</p> - -<p> -— Und deshalb weinst du? -</p> - -<p> -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen -und starrte auf die goldene Scheibe der Erde. -</p> - -<p> -Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen. -</p> - -<p> -Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem -eigenartig durchdringenden Blick in die Augen. -</p> - -<p> -— Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich, -sogar du, sagte sie. Weshalb bist du hergekommen? -Weshalb von diesem Sterne ... -</p> - -<p> -Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort: -</p> - -<p> -— Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht? -</p> - -<p> -— Ich weiß es nicht. -</p> - -<p> -Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht, -warum ich nicht sterbe ... -</p> - -<p> -Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn -ich mußte an jenes furchtbare Mondmärchen denken, daß -ich niemals sterben würde. -</p> - -<p> -Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend: -</p> - -<p> -— Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist -du unglücklich. -</p> - -<p> -— Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich. -</p> - -<p> -Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich -an einer Biegung das Zelt Jans und der Kameraden, -das an derselben Stelle aufgeschlagen war, an der einst -unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir -vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom -an der Brust, erwarte und Peter, wie gewöhnlich in -Nachdenken versunken, aber noch jung und nicht gebrochen -wie dort am Strand des Meeres. -</p> - -<p> -Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick -der Zwerge, die sich um das Zelt zu schaffen machten, -grausam zerstört. -</p> - -<p> -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. -Ada bemerkte es. -</p> - -<p> -— Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? -fragte sie. -</p> - -<p> -Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich -nach der Erde um und schritt ins Tal hinab: nur noch -ein kleines Segment von ihr war am Horizont sichtbar. -</p> - -<p> -Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend -die Hände zusammen: -</p> - -<p> -— Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch. -</p> - -<p> -Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen -wollte. -</p> - -<p> -— Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann? -sagte ich. -</p> - -<p> -— Du kannst alles, was du willst, antwortete sie — -aber ... wolle nicht! -</p> - -<p> -Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt -war, legte ich mich nieder, aber der Schlaf wollte -nicht kommen. Vor allem ließ mich einige Stunden hindurch -das Flüstern meiner Begleiter hinter der Zeltwand -keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie -nach mir aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen -und getan hätte ... Ihr Geschwätz peinigte -mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte mir -von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste -und von der Erde! ... Von der Erde ... -</p> - -<p> -Ach, wie mich diese Träume quälen ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir -hierhergekommen sind, ermüden mich unsagbar. Es scheint -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -mir, daß sie unaufhörlich zwischen mir und der Erde stehen -und einen Schatten auf meine Seele werfen ... -</p> - -<p> -Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie -haben es sich bequem gemacht auf der Ebene, richten sich -ein, tragen Vorräte zusammen, als wenn sie sich dauernd -hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa der Täuschung -hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, -mich zur Umkehr zu bewegen? -</p> - -<p> -Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im -Spiele hat? Immer mehr staune ich über diese Frau. -Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob ich es wirklich -mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen -mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist -es etwa nicht wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich -die Verständigste von all den hier Geborenen ist? -</p> - -<p> -Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch -ein Mensch aus einer anderen Welt, der fertig ist mit -dem Leben und so müde, so furchtbar müde durch das, -was dieses Leben ihm brachte. -</p> - -<p> -Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen -und mich allein lassen wollten! -</p> - -<p> -O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir -ist, ohne dich zu leben, und wie gerne ich sterben möchte! -Morgen, heute, sofort ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Welch eine Lästerung habe ich niedergeschrieben! Noch -gestern wollte ich sterben, und heute will ich leben, muß -ich leben, noch einige Mondtage, dann mag geschehen, -was will! Es saust mir im Kopfe, und ein unaussprechlich -wonniges Gefühl will mir die Brust zersprengen. So ist -es, so ist es! Ich muß es erfüllen, ich muß! -</p> - -<p> -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -Gott, wie danke ich dir, daß ich unseren alten Wagen -mit mir habe und genügende Vorräte. Und es ist so einfach! -Wie sonderbar, daß ich nicht früher daran gedacht -habe! -</p> - -<p> -O Erde! O meine Brüder! Ich bin doch nicht so verlassen -und von euch abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem -glaubte; ich habe ein Mittel, euch Nachrichten von mir -zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben bezahlen -werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe! -</p> - -<p> -Ich werde auf der Wüste sterben, im vollen Glanz -meines geliebten Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ... -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Ach, daß ich sie finden möchte! An sie denke ich jetzt -nur, von ihr träume ich, und wahrhaftig, ich weiß nicht, -ob ich jemals im Leben den Anblick des geliebten Weibes -so heiß begehrt habe, wie ich heute begehre, sie wiederzufinden -— diese Kanone, die wir vor fünfzig Jahren -am Grabe O’Tamors zurückgelassen haben! ... -</p> - -<p> -Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf -fuhr, überkam mich ein wahrer Freudentaumel; er erschien -mir wie eine Offenbarung, die mir das Mittel zur Verständigung -mit meinen Brüdern auf der Erde zeigte. -</p> - -<p> -Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe -nicht ein einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort, -auf dem <em>Sinus Aestuum</em>, inmitten der Steinwüste, -am Grabe O’Tamors, eine Kanone steht, die genau auf -die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den -Funken wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den -Weltenraum, der Erde entgegenzuschleudern. -</p> - -<p> -So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen und -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -diese Kanone suchen; ich werde die Leiche des greisen -O’Tamor in dem felsigen Grabe auffinden. O’Tamor, der -diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die leeren Augenhöhlen -der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von -dieser Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu -erschöpft, und vor allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren -könnte. Der Tod hat mich verschmäht, er wollte -nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm entgegengehen, -in dieses furchtbare Land, das sein Königreich -sein muß. -</p> - -<p> -Und ich werde dort ruhen, neben O’Tamor und der abgeschossenen -Kanone, auf Felsen gebettet unter dem Rund -der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es doch bald wäre — -so bald wie möglich! -</p> - -<p> -Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert! -Vorher werde ich dieses Tagebuch zusammenfalten, dieses -Buch des Schmerzes, das ich den künftigen Mondvölkern -hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust pressen -und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer -Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich -träume davon mit klopfenden Schläfen, wie dort auf der -Erde jemand diese Stahlkugel findet, — nach Wochen -vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten. Und -nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt -... -</p> - -<p> -Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen, -was ich im unaufhörlichen Denken an euch und an unsere -gemeinsame Mutter, die Erde, geschrieben habe. Ihr kennt -sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht der Blüten -und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch -vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -Zeiten über dem Reich der Stille und des Todes -leuchtet! -</p> - -<p> -Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter -ist, wenn man sie durch die Abgründe der Himmel erschaut, -und wie ich mich nach ihr sehne und nach euch — und -diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl er -mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt! -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste -und zum drittenmal verblaßte die Erde seit der Zeit, da -wir nach langer, mühseliger Fahrt im Polarland anlangten, -als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf den Hügeln -überraschte, zu mir trat und sprach: -</p> - -<p> -— Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren! -</p> - -<p> -Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in -meinen Gedanken so mit der Erde beschäftigt, daß ich den -Sinn zuerst nicht verstand, sondern glaubte, er rufe mich -zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ... -</p> - -<p> -Aber er sagte weiter: -</p> - -<p> -— Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist -Zeit, an das Meer zu den warmen Teichen zurückzukehren, -zu unseren Behausungen und Feldern, Alter Mensch. -</p> - -<p> -Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage, -aber trotzdem las ich in seinen Zügen einen unerschütterlichen -Entschluß. Und plötzlich überkam mich eine unsägliche -Trauer: Diese Menschen sind mit mir hierhergekommen -und denken jetzt an die Rückkehr, an ihre -Familien, an die Heimat, nach der sie sich sehnen und -die sie bald wiedersehen werden — und ich? ... Mein -Haus, meine Familie und meine Heimat dort — am -Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurückkehren, obwohl an -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -mir sicherlich eine hundertmal heißere Sehnsucht nagt -nach ihr, die ich auf ewig verloren habe, als an diesen -Leuten nach einem Stückchen Mond, am Strande des -Mondmeeres! Eifersucht bemächtigte sich meiner. -</p> - -<p> -— Kehrt zurück! sagte ich trocken. -</p> - -<p> -— Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen -zu mir aufblickend. -</p> - -<p> -— Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich -euch mit mir nahm, gesagt, daß ich gehe, um niemals -wiederzukehren. -</p> - -<p> -— Ja, flüsterte Jan, aber ich dachte, daß mit der -Zeit vielleicht doch ... Hier ist es nicht gut für Menschen -... -</p> - -<p> -— Kehrt also zurück. Ich bleibe. -</p> - -<p> -Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt, -als wenn er von einem Wurf in den Nacken getroffen -wäre und entfernte sich eiligst. Zu Ada, dachte ich mir, -um Rat zu holen. -</p> - -<p> -Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile kam -die „Mondpriesterin“. Ich war auf eine lächerliche Szene -mit Bitten, Beschwörungen und Weinen vorbereitet, wie -sie sich vor Aufbruch zu der Fahrt hierher abgespielt hatte, -und daher sehr verwundert, als Ada allein und still kam, -weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur sagte: -</p> - -<p> -— Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter -Mensch? -</p> - -<p> -Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. -</p> - -<p> -— Aber du wirst doch nicht <em>dorthin</em> gehen? -</p> - -<p> -Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf -die Erde und die unter ihr liegende Mondwüste. -</p> - -<p> -Unwillkürlich folgte ich ihren Blicken, und da war es, -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -als zum erstenmal der Gedanke in mir auftauchte, daß -ich mich dorthin begeben könnte, auf die Wüste, die ich -vor fünfzig Jahren mit meinen Kameraden zurückgelegt -hatte, um mich wenigstens für kurze Zeit, ehe ich sterbe, -der Erde näher zu fühlen, sie direkt über mir zu haben. -Heute erfüllt mich dieser Gedanke ganz und gar; er begleitet -mich im Wachen und im Schlafe und ich kann -mich nicht eine Minute von ihm losreißen. Aber damals -war es kaum ein erstes Aufblitzen, das ich zunächst in -mir erstickte, denn ich glaubte, daß es etwas Unmögliches -sei; als wenn der Tod an der Grenze der Möglichkeit -stünde und es unmöglich wäre, etwas zu kaufen, was man -mit dem Leben bezahlen muß. -</p> - -<p> -— Dorthin wirst du also nicht zurückkehren, wiederholte -die Priesterin. -</p> - -<p> -Ich zögerte. -</p> - -<p> -— Nein. Noch nicht. -</p> - -<p> -— So ... könntest du vielleicht doch noch mit diesen -Armen am Meere wohnen? Sie möchten dich so gern in -ihrer Mitte haben. -</p> - -<p> -— Nein! antwortete ich hart, da ich sah, daß ich wieder -mit Bitten bestürmt werden sollte. Ich will hierbleiben. -</p> - -<p> -— Wie es dir gefällt, Alter Mensch. Sie werden sehr -traurig sein, aber ... wie es dir gefällt, so wirst du tun. -Wenn sie allein zurückkehren, werden diejenigen, die zu -Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der Alte Mensch, -auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie -aber werden die Köpfe sinken lassen und antworten: Er -hat uns verlassen. Aber wie es dir gefällt. Schließlich -wissen sie, daß du ein Gast unter ihnen bist und die Zeit -kommen wird, da sie sich allein regieren müssen. -</p> - -<p> -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -— Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich. -Sogar Jan gehorcht dir und achtet deinen Willen. -</p> - -<p> -— Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben. -</p> - -<p> -Ich sah sie erstaunt an; sie zögerte, dann glitt sie langsam -zu meinen Füßen nieder: -</p> - -<p> -— Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch. -</p> - -<p> -— Sprich. -</p> - -<p> -— Jage mich nicht fort! -</p> - -<p> -— Wie? -</p> - -<p> -— Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu -bleiben. -</p> - -<p> -— Bei mir, hier im Polarland? -</p> - -<p> -— Ja, bei dir im Polarland. -</p> - -<p> -— Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind -diejenigen, die dir nahe stehen, dort am Meeresstrande. -</p> - -<p> -— Ich weiß, du stehst mir nicht nah, denn du bist -von einem fernen Stern gekommen; ich weiß es, aber -erlaube mir dennoch ... -</p> - -<p> -Ich dachte über diese seltsame Bitte nach. -</p> - -<p> -— Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich -zum zweitenmal. -</p> - -<p> -Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber -fester Stimme: -</p> - -<p> -— Ich liebe dich, Alter Mensch. -</p> - -<p> -Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter: -</p> - -<p> -— Ich weiß es, daß es eine strafwürdige Kühnheit ist, -wenn ich zu dir sage, daß ich dich liebe, aber ich kann das, -was ich fühle, nicht anders bezeichnen. Meiner Eltern -erinnere ich mich kaum mehr. Ich weiß nur noch, daß -sie unglücklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner -Kindheit, und ich sehe in dir alles Große, Lichte, Mächtige, -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -etwas, das ich nicht kenne, aber ich weiß, daß es -von den Sternen mit dir hierhergekommen ist. -</p> - -<p> -Sie verstummte. Und als ich noch in höchstem Staunen -ihre sonderbaren Worte an meiner Seele vorüberziehen -ließ, begann sie von neuem: -</p> - -<p> -— Und dabei warst auch du unglücklich und so einsam, -einsam das ganze Leben hindurch, einsam wie ich. Ich -weiß nicht, weshalb du von dem dort leuchtenden Stern -auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ... -Ich weiß, daß du alles tust, was du willst, — du genügst -dir und bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen -und bis zum Ende mit dir zusammen sein. Jage mich nicht -fort! Du Großer, du Guter und Kluger! -</p> - -<p> -Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen -Füßen und verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien. -</p> - -<p> -— Und wenn du dann fortgehen willst, zurückkehren -zu deiner am Himmel strahlenden Heimat, sagte sie nach -einer Weile des Schweigens, so werde ich dich bis an die -Grenze dieser großen, toten Wüste begleiten und von dir -Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen, -bis du meinen Augen entschwunden sein wirst und dann -zu den Menschen am Meeresstrande zurückkehren und ihnen -nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich -sterben. -</p> - -<p> -Während sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flüsternd -und träumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen -hatte, waren die Mondzwerge nahe herangeschlichen -und lauschten ihren Worten mit angehaltenem Atem. Und -plötzlich hörte ich Jan leise sagen: -</p> - -<p> -— Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die -Erde! -</p> - -<p> -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes -Weinen. Und sonderbar! Für gewöhnlich regte mich -das Weinen dieser Antropomorphen auf und reizte mich, -jetzt aber, ich weiß nicht, ob durch die unerwarteten Worte -Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele erschüttert -hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte -Reise auf die Wüste hinaus — im Angesicht der leuchtenden -Erde, — genug, es überkam mich eine große Trauer, ein -herzzerreißendes Mitleid. -</p> - -<p> -Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch -meinen Blick ermutigt, kam einige Schritte näher und -sagte, mir in die Augen schauend: -</p> - -<p> -— Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet -man dich dort? Hast du deine Ankunft schon angekündigt? -Müssen wir allein bleiben? In diesem Augenblick war -es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke: -Das Geschütz! -</p> - -<p> -Ja, das Geschütz, am Grabe O’Tamors, dort in der -Wüste! -</p> - -<p> -Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drückte beide -Hände aufs Herz, das mir die Brust zu sprengen drohte. -Ich starrte in das kleine Segment der Erdscheibe, das -noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne -jagte und drängte es sich im wilden Durcheinander: -Reise, Wüste, Kanone, der Schuß, meine Erdenbrüder, -dieses Tagebuch ... und dann ein grauer Nebel, in dem -alles zusammenschmolz. Ich fühlte, das ist der Tod! -</p> - -<p> -Ich vergaß, wo ich war, was um mich her vorging. -Sie blickten stumm in höchstem Staunen auf mich, aber -ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum erreichte mich nur -noch die Stimme Adas: -</p> - -<p> -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -— Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde. -Bald wird er uns verlassen. -</p> - -<p> -Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich -allein. -</p> - -<p> -Ich verstand, daß das eine Offenbarung war, daß ich -in die Wüste gehen, das Geschütz finden, die letzte Kunde -und den letzten Gruß auf die Erde senden und dann — -sterben muß. -</p> - -<p> -Eine Weile später teilte ich Ada und Jan meinen Entschluß -mit; sie nahmen ihn mit traurig gesenkten Köpfen -auf, aber ohne ein Wort des Widerspruchs, als wenn sie -darauf vorbereitet waren. -</p> - -<p> -Von ihrer Rückkehr an die Warmen Teiche ist keine -Rede mehr. Sie wollen hierbleiben bis zum Augenblick -meiner Abreise. -</p> - -<p> -Gegenwärtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende, -habe ich die Sonne zur Rechten; bevor sie mit dem halben -Rund emporsteigt, den Tag auf die öde Halbkugel tragend -und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen. -</p> - -<p class="tb"> -* -</p> - -<p class="noindent"> -Meine Mondtragödie ist somit zu Ende! Ich bin hier, -wo ich auf diesem Globus die ersten Wiesen, das erste -frische, lebendige Grün erblickte. Damals lag die Fahrt -durch die todbringende Wüste hinter mir, jetzt will ich -aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten. -</p> - -<p> -Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse -mein verflossenes Leben an mir vorüberziehen, und es -dünkt mich, daß es Zeit ist, mit dem Gewissen abzurechnen. -Ich möchte mich, wie es die Menschen auf der -Erde tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Sünden -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -beichten, und seltsam, auf meine Lippen drängt sich nur -mein Unglück. Sollte beides ein und dasselbe sein? -</p> - -<p> -Du also, <em>Herr</em>, der Du die Stimme des elendesten Wurmes -hörst, wie das Getöse der Welten, die durch den -Weltenraum dahinsausen, der Du mich hier auf dem Monde -siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast, -nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, daß -ich sündig war — und unglücklich! -</p> - -<p> -Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng, -die Du für mich geschaffen hast, und ich flog auf Flügeln -der Sehnsucht mit all meinen Gedanken zu diesen am Firmamente -glänzenden Welten und entzog mich den Liebkosungen -der Mutter, um von den Wundern zu träumen, -die Du geschaffen hast — <em>nicht</em> für mich! Ich war sündig, -<em>Herr</em>, — und unglücklich ... -</p> - -<p> -Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang, -die Du den Menschen zu erringen erlaubst, schrie -meine Seele in mir: Zu wenig! Und ich träumte davon, -das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier aufzuheben, -die Deine Hand herabgelassen hat. Sündig war -ich und unglücklich ... -</p> - -<p> -Und kaum war ich ein Mann, erfaßte mich die Begierde, -den Weltenraum zu durchfliegen, als wenn ich, -auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von den Unendlichkeiten -des Weltalls umgeben wäre und nicht über Abgründen -schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und -verließ leichten Herzens die nährende Mutter, von dem -silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz des Mondes verführt -... Sündig war ich, <em>Herr</em>, und ich bin unglücklich. -</p> - -<p> -Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde -und war so erbärmlich, um ein wenig Luft, die ich für -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -die Erhaltung des Lebens benötigte, mit ihnen zu kämpfen, -oder um die Frau, die keinem von uns gehörte, die wir -verlangend die Hände nach ihr ausstreckten. Und als ich -Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt, -Schuld getragen, habe ich nichts getan, um sie -davon zu befreien. Sündig war ich und unglücklich ... -</p> - -<p> -Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die -mich mein eigener Wille verschlagen, und als mir das -junge menschliche Geschlecht anvertraut ward, konnte ich -in ihm den Geist nicht erwecken noch seine Augen zum -Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich -nur Verachtung für die Unglücklichen und habe es geduldet, -daß sie mich verehrten, während nur <em>Dir</em> allein die -Ehre gebührt ... Ich war sündig, <em>Herr</em>, und unglücklich -... -</p> - -<p> -Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht -erschöpft, verlasse ich diese Armen, deren Schicksal meinem -Schutz und meiner Führung übergeben war und gehe der -letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im Angesicht -der Erde! Ich bin sündig, <em>Herr</em>, und unglücklich! -</p> - -<p> -Mein Leben ist in zwei große Teile zerfallen: Der eine -heißt Verlangen nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht -nach dem Verlorenen; und beide waren traurig, ach, -so unendlich traurig ... -</p> - -<p> -Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen, -denn ich bin kaum einen elenden Schritt vorwärtsgekommen -im Weltall, und ich kenne nicht einmal die -Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich befinde. Vergeblich -habe ich alles geopfert, vergebens die Räume der -Himmel durchflogen, eine Wüste durchwandert, die furchtbarer -ist als irgendeine auf der Erde, vergebens fünfzig -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -Jahre auf diesem Globus gelebt. Die Rätsel, die mich -umgeben, sind heute so ungelöst wie vor einem halben Jahrhundert. -</p> - -<p> -Wonach ich mich auch sehne, ich weiß, daß ich es -niemals erreichen werde. -</p> - -<p> -Und das ist mein ganzes Leben! -</p> - -<p> -Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, daß es ende ... -</p> - -<p> -Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wüste, auf -die ich früh den Wagen lenken werde, um allein zu sein -bis zum Tode ... -</p> - -<p> -Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe, -werden hierbleiben ... Sie werden auf den Berg steigen -und mir noch lange nachsehen, mir und dem schwarzen -Wagen, der in der anbrechenden Morgenröte verschwindet; -und dann werden sie zu ihrem Volke zurückkehren und -sagen: Der Alte Mensch ist von uns gegangen ... -</p> - -<p> -Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird -hier dereinst eine Legende entstehen, sowie aus unserer -Ankunft auf dieser Welt! -</p> - -<p> -Sündig bin ich ... -</p> - -<p> -Es nähert sich die Zeit der Abreise ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-7"> -VII. -</h3> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf Mare Frigoris. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt -mich diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, daß -ich schon gestorben bin und in diesem Wagen dahinfahre, -wie in dem Boote Charons, zu unbekannten Ländern. -</p> - -<p> -Und ich kenne doch diese Wüste und sah diese Berge, -die sich dort am Horizont malen. Ich bin schon einmal -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -hier gewesen, vor langen Jahren! Nur damals eilten wir -zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel -Kraft, bis zum Grabe O’Tamors zu dringen! Um nichts -anderes bitte ich dich mehr. -</p> - -<p> -Ich habe dem Mondvölkchen versprochen, aus der Wüste -zurückzukehren, wenn meine Kräfte reichen sollten und -dann bis zum Ende meines Lebens bei ihnen zu bleiben; -aber ich weiß, daß ich aus der Wüste nicht zurückkehren -werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an -den warmen Teichen notwendiger wäre als jemals. -</p> - -<p> -Wenn das wahr ist ... -</p> - -<p> -Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im -Augenblick meiner Abreise. -</p> - -<p> -Hört es, Menschen auf der Erde: -</p> - -<p> -Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete -mich von der kleinen Schar der Zurückbleibenden, als ich -plötzlich am Eingang zu der Mulde zwei Menschen bemerkte. -Im ersten Augenblick dachte ich, daß dies eine -Täuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln. -Zwei Zwerge näherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie -ebenfalls und stieß einen Schrei aus: -</p> - -<p> -— Sie senden nach uns! Es muß etwas Schlimmes -geschehen sein! -</p> - -<p> -Die Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Die beiden -Abgesandten kamen vom Meere mit einer erschreckenden -Nachricht. -</p> - -<p> -Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen -Teiche waren die kühnen Abenteurer, die ich für verloren -hielt, von der Expedition nach der südlichen Halbkugel zurückgekehrt. -Aber nur zwei von ihnen, der dritte wird niemals -wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beiden -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -beschloß man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um -mich zur Rückkehr ans Meer zu bewegen. -</p> - -<p> -Die zwei, die sie für diese Mission ausgewählt hatten, -hielten sich bei ihrer Wanderung längs dem Lauf des -Flusses, in der Richtung, wie sie den Weg aus Adas Erzählungen -kannten; so gelangten sie auf die Höhe über -der See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten -zur Polarmulde. -</p> - -<p> -Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen -zu und wollte endlich genau wissen, was sie zu dieser so -ungewöhnlichen Reise bewogen hatte. Da begannen sie, -von mir und Ada immer wieder befragt, sich gegenseitig -unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen. -</p> - -<p> -Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr -ich nur so viel, daß ihre drei Kameraden bei günstigem und -überaus starken Winde im Schlitten, der mit Segeln -versehen war, im Lauf der Nacht das zugefrorene Meer -im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum -gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel -gelangten. Das war klar, aber das weitere nur mit Mühe -aus ihren konfusen Reden herauszufinden. Und außerdem -klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen, auf -weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb -Mensch und halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen -Höhlen verkriechen. Diese Schlupfwinkel haben sie sich -um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene, in Trümmer -zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen entsetzlichen, -raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge -Kämpfe bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen -der ihrigen, dank des Besitzes von Schußwaffen, siegreich -hervorgingen. Den Heimweg legten sie in wilder -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -Flucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig -auf dem Eise. -</p> - -<p> -— Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler -und zitterte bei der bloßen Erinnerung dessen, was -er gehört hatte; klein, aber fürchterlich! Die Unseren mußten -fliehen, da ihrer viele, viele waren! Sie haben Schnäbel -statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar -haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und -die Leiche dann in eine jener Höhlen geschleppt, worin sie -hausen. Das Land dort ist herrlich, aber diese Geschöpfe -sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten erzählten uns -davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten -den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang -es ihnen zu entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und -seltsam ist das Land dort im Süden hinter dem Meere. -Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind, und mächtige -Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen. -Und diese Bestien bewachen das alles und verneigen -sich vor den Türmen, es scheint jedoch, daß sie nicht wissen, -was sie damit anfangen sollen. Sie wohnen in Höhlen -und sind entsetzlich anzusehen. -</p> - -<p> -Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere -Einzelheiten über diese neu entdeckten Wesen hinter dem -Mondmeer zu erfahren; sie konnten mir keine Antwort -geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt -der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! -Der Wind war ihnen nicht günstig; infolgedessen gelang -es ihnen nicht, in einer Nacht über das Meer zu kommen. -Es war schon Morgen, und das Eis begann zu schmelzen, -als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort verbrachten -sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend, -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -den ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht -und die Kälte, um auf dem Eise die Weiterreise anzutreten. -In der zweiten Nacht hat sie dann der Sturm weit -nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll -zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so -daß sie, mit unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am -Meeresstrande zu Fuß zurücklegen mußten, nachdem sie -den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande -überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land -der warmen Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch -sie verlassen hat. -</p> - -<p> -— Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige -Erzählung zu Ende war. -</p> - -<p> -— Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide -gleichzeitig; es geht uns schlecht und Unglück kommt über -uns! Diese raubgierigen Ungeheuer werden jetzt, da sie -von unserem Vorhandensein erfahren haben, unzweifelhaft -über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns niederdrücken -und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind -viele, viel mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen! -</p> - -<p> -Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; -ich fühlte ängstlich fragende, flehende Blicke Jans und -seiner Brüder auf mich gerichtet, nur Ada war unbeweglich -und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im Innersten -erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und -tun sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles -jener Wesen auf die menschliche Mondkolonie, sondern die -Kunde selbst, daß hier auf diesem Globus Geschöpfe leben -und, wie es scheint, sogar verständige, die mich wanken -machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran, auf -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr -Brüder auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, -und hierzubleiben unter dem Mondgeschlecht, jene seltsamen -Völker kennen zu lernen, die hinter dem Meere -wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte, -nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der -Not die Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde -vor ihnen zu schützen. -</p> - -<p> -Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich -die Mondvölker, die von der Erde gekommenen und jene, -die Überreste irgendeines alten Mondstammes, an, die wie -Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte wohnen, -in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? -Mögen sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich -gegenseitig vernichten. Was kümmert es mich? Ich bin -alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug leben werde, -um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen. -Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids -willen vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und -wer bürgt mir dafür, daß die Erzählung dieser beiden -Degenerierten wahr ist? Vielleicht stehen dort gar keine -zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte Felsen? -Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige -Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich -davon zu überzeugen, denn es eilt mir, dort zu sterben am -Grabe O’Tamors, im vollen Schein der Erde. -</p> - -<p> -— Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, -ihr denkt nur an euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt -antreten, und mein Weg führt nach einer anderen Richtung -als der eure. -</p> - -<p> -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -— Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte -Ada, während ich schon den Fuß auf die Stufen des -Wagens setzte. Aber Jan berührte noch einmal meine -Knie: -</p> - -<p> -— Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders -sein kann, versprich uns, daß du zu uns zurückkehren willst, -wohin du auch zu fahren beabsichtigst! Wir werden dich -erwarten, und der Gedanke an dich wird uns in den -Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen! -</p> - -<p> -Ich zögerte. -</p> - -<p> -— Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht, -werde ich zurückkehren! -</p> - -<p> -Ada wandte sich zu der kleinen Schar: -</p> - -<p> -— Er wird zurückkehren, aber dorthin! -</p> - -<p> -Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das -kleine Segment der Erde, das über dem Horizont glänzte. -</p> - -<p> -Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, -als ihre letzten Worte noch mein Ohr erreichten: -</p> - -<p> -— Und hierher wird <em>er</em> wiederkehren erst nach Jahrhunderten, -nach Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt -ist ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">F</span>urchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr -Brüder! Starres Entsetzen überkommt mich, wenn ich -an die grenzenlose Einsamkeit denke, an die grauenhafte -Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten. -Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch -flammende Höllen vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige -Kälten. Und Leere ... Leere ... -</p> - -<p> -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten, -hat mich dieses Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle -Kluft in dem <em>Quertale</em>, in der ich ein Steckenbleiben -des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste ich -vom <em>Mare Frigoris</em> aus den Ring des <em>Plato</em> von -Westen her und erreichte so die große Ebene, auf der ich -bis zum Fuße des <em>Eratosthenes</em> gelangen werde. -</p> - -<p> -Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen? -Es wartet meiner wohl noch Schlimmeres. -</p> - -<p> -Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der -Toten gesehen haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste -dort; weder Felsen noch jene ruinenartigen Steinmassen -waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne getäuscht, -oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so -daß ich von fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen -bin? Oder sollte vielleicht die Karawane der -Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen haben und -weitergezogen sein durch die Wüste — auf die grenzenlose -Ebene des Todes? ... -</p> - -<p> -Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, -und ich mit meiner grauenhaften letzten Einsamkeit ... -</p> - -<p> -Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen -Sterne leuchten am schwarzen Samthimmel — grausig, -fürchterlich ... Und warum soll ich die Stadt der Toten -suchen — ich werde sie sicherlich finden, früh genug — -ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her? -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -Unter dem Eratosthenes. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>och eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, -der letzte Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden -umkreisen und so auf den <em>Sinus Aestuum</em> gelangen -— und von dort, vom Steingrabe des greisen O’Tamor ... -</p> - -<p> -Wilde, zerrissene Gipfel vor mir — und die Erde fast -im Zenit, in der Fülle wie eine entfaltete Blume, und die -Sonne schon unter mir. -</p> - -<p> -Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, -oh, wenn doch auch die Kräfte reichen wollten, sie -verlassen mich mehr und mehr ... Ich habe schon lange -nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit der -Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert -war, nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke -des <em>Mare Imbrium</em>, verfolgten mich im Schlaf verschiedene -Stimmen und Erscheinungen. Zuerst glaubte ich, -hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören, -die mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor -den Mondbewohnern zu schützen, die über das Äquatormeer -gekommen wären und ihnen die Hütten verbrennen -und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser -Alp von mir gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner -verstorbenen Kameraden. Sie begrüßten mich in ihrer -Mitte und forderten mich auf, ein Schatten unter Schatten, -mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und -endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe -— und das war die einzige Stimme, der meine ganze -Seele Antwort gab. -</p> - -<p> -Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine -Brüder auf der Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe, -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -bis daß es mir vergönnt sein wird, im letzten Schlaf -die müden Augen zu schließen. -</p> - -<p> -Das währt nicht mehr lange — nicht wahr, nicht mehr -lange? ... -</p> - -<div class="date"> -<p class="date"> -Am Grabe O’Tamors — in letzter Stunde. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">G</span>ott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den -Weg und jene Stelle gefunden, jene verfluchte Stelle, -wo unser Fuß zum erstenmal den Boden berührt hat, -und ... sie sei gesegnet, — von wo ich Kunde von mir auf -die Erde senden kann. -</p> - -<p> -Ich stehe an der Leiche des Greises O’Tamor und bin -erstaunt, daß er jünger ist als ich, frischer, lebendiger. -Jahre sind über ihn dahingegangen, ohne ihn zu berühren, -wie ein leichter Wind über Granitfelsen dahinweht. Hier -in dieser luftlosen Leere gibt es keine Zerstörung: der -Greis O’Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir -ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten -Augen unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich, -der ich als Jüngling von diesem Grabe fortging, jetzt über -ihm gebeugt stehe mit weißem Bart und weißen Haaren -und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu -lange habe ich gelebt, Greis O’Tamor! Zu lange habe ich -gelebt! -</p> - -<p> -Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört; -es wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und -ich schreibe die letzten Worte, ehe ich diese Papiere in die -Kugel einschließe, die sie auf die Erde tragen wird. -</p> - -<p> -Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird -kaum mehr für zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich -muß mich eilen. -</p> - -<p> -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -Seit unserm <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> siebenhundertsieben Mondtage. -</p> - -<p> -O Erde! O verlorene Erde! ................................................................... -</p> - -<p class="end"> -Hier bricht das Manuskript ab, das in der -vom Monde herabgefallenen Kugel gefunden -wurde. -</p> - -<p class="cap"> -DER MITTLERE TEIL DER NÖRDLICHEN -HALBKUGEL DES MONDES -</p> - -<p class="maplnk"> -[<a href="images/maphr.jpg">Karte mit hoher Auflösung</a>] -</p> - -<div class="centerpic" id="img-map"> -<img src="images/map.jpg" alt="" /></div> - -<p class="printer"> -Gedruckt bei M. Müller & Sohn in München -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span> -Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer -<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert. -</p> - -<p> -Die Namen der Mondkrater Mösting, Schröter und Sömmering sind im -Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering. -Dies wurde so belassen. -</p> - -<p> -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... frischem <span class="underline">üppigen</span> Grün bedeckt waren. Und alles von ...<br /> -... frischem <a href="#corr-11"><span class="underline">üppigem</span></a> Grün bedeckt waren. Und alles von ...<br /> -</li> - -<li> -... — <span class="underline">Jedesfalls</span> steht es schlecht. ...<br /> -... — <a href="#corr-12"><span class="underline">Jedenfalls</span></a> steht es schlecht. ...<br /> -</li> - -<li> -... ganzes <span class="underline">Innere</span> sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...<br /> -... ganzes <a href="#corr-13"><span class="underline">Inneres</span></a> sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN *** - -***** This file should be named 51386-h.htm or 51386-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/3/8/51386/ - -Produced by Jens Sadowski based on scanned images from The -Internet Archive (cover image reproduction courtesy of -Gerd Küveler). - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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