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-The Project Gutenberg EBook of Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Auf silbernen Gefilden
- Ein Mond-Roman
-
-Author: Jerzy Zulawski
-
-Translator: Kasimir Lodygowski
-
-Release Date: March 7, 2016 [EBook #51386]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski based on scanned images from The
-Internet Archive (cover image reproduction courtesy of
-Gerd Küveler).
-
-
-
-
-
-
- Zulawski / Auf silbernen Gefilden
- Zweite Auflage
-
-
-
-
- Auf silbernen Gefilden
-
-
- Ein Mond-Roman
-
- von
- Jerzy von Zulawski
-
- Deutsch von Kasimir Lodygowski
-
- München 1914 / Verlegt bei Georg Müller
-
-
-
-
- Vorwort
-
-
-Fast fünfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen verstrichen, den
-wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen und ausgeführt wurden.
-Die ganze Sache war der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schönen
-Tages, in einer Zeitung in K.... ein Artikel des Assistenten am dortigen
-Observatorium erschien, der alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der
-Autor behauptete, daß er Nachrichten über das Schicksal der vor fünfzig
-Jahren auf den Mond hinausgeschossenen wahnsinnigen Teilnehmer der
-Expedition in Händen habe. Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf,
-obwohl man sie anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals von
-dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehört oder gelesen hatten, wußten,
-daß die kühnen Abenteurer ihr Leben einbüßten und zuckten die Achseln,
-daß die für tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten
-vom Monde schicken sollten.
-
-Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung. Er zeigte
-Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach vorn zugespitzte
-Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde angefertigtes Manuskript
-vorgefunden haben wollte. Die Kugel, die sich auf eigentümliche Art
-aufdrehte, war innen leer und mit einer dicken Schicht von Ruß und
-Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und bewundert
-werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent niemandem zeigen. Er
-erklärte, daß es aus verkohlten Papieren bestände, deren Inhalt er erst
-mit Hilfe künstlicher photographischer Aufnahmen, die mit großer Mühe
-und Vorsicht gemacht werden müßten, ablesen könne. Diese
-Geheimnistuerei, und vor allem, daß der Assistent beharrlich verschwieg,
-wie er in den Besitz der mysteriösen Kugel gekommen war, machte die
-Leute stutzig; aber die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete
-mit einem gewissen Mißtrauen die versprochenen Aufklärungen und begann
-indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen die fünfzig Jahre
-zurückliegenden Ereignisse zu vergegenwärtigen. Und plötzlich fing man
-an, sich zu wundern, daß alles das so schnell vergessen wurde .... Es
-gab doch in jener Zeit keine Tagesblätter, keine Wochen- oder
-Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet fühlten, in
-jeder Nummer mehrere Spalten dieser so unerhörten und unwahrscheinlichen
-Expedition zu widmen. Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll von
-Berichten über den Stand der Vorarbeiten; man beschrieb jede Schraube in
-dem »Waggon«, der durch den Planetenraum fahren und die kühnen Reisenden
-auf die Oberfläche des Mondes hinausschleudern sollte, die man bis dahin
-lediglich aus den vorzüglichen, im »Licke-Observatory« gemachten
-photographischen Aufnahmen kannte. Über alle Einzelheiten des
-Unternehmens wurde lebhaft diskutiert. Die Porträts und ausführlichen
-Lebensbeschreibungen der Reisenden tauchten überall auf. Fast Entrüstung
-erregte die Nachricht, daß einer von ihnen im letzten Augenblicke
-zurücktrat, nicht ganz zwei Wochen vor dem festgesetzten Termin zur
-»Abfahrt«. Dieselben, die noch vor kurzem den ganzen »albernen und
-abenteuerlichen« Plan der Expedition verhöhnten und die Teilnehmer
-Narren nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt
-interniert zu werden, waren jetzt empört über die »Feigheit und das
-Zurücktreten« eines Menschen, der es offen aussprach, daß er hoffe, auf
-der Erde ein gleich ruhiges und ungleich späteres Grab zu finden, als
-seine Kameraden auf dem Monde. Das größte Interesse jedoch erweckte die
-Person, die sich für die freigewordene Stelle meldete. Es hieß
-allgemein, daß man einen neuen Teilnehmer nicht aufnehmen könne, da die
-Zeit zu kurz für das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem
-sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen mußten. Sie waren
-schließlich zu geradezu unerhörten Resultaten gelangt. Man erzählte
-sich, daß sie es dahin brachten, in leichter Kleidung einen
-vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige Hitze zu ertragen, ganze
-Tage hindurch ohne Wasser zu leben und ohne Schaden für die Gesundheit
-in einer Luft zu atmen, die viel dünner war als die Erdatmosphäre auf
-den höchsten Bergen. Das Staunen war daher groß, als man erfuhr, daß der
-Neuling von den »Lunatikern«, wie man sie nannte, aufgenommen sei und
-ihre Zahl vervollständigen sollte. Die Berichterstatter waren in heller
-Verzweiflung, daß sie nichts Näheres über diesen geheimnisvollen
-Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller Bemühungen der Reporter ließ er
-keinen von ihnen bei sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen
-weder seine Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen
-geantwortet. Die anderen Mitglieder der Expedition hüllten sich
-ebenfalls in tiefstes Schweigen über ihn, und erst zwei Tage vor der
-Abreise erschien eine nähere, im höchsten Grade phantastische Nachricht.
-Einem Journalisten war es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen,
-den neuen Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die
-verblüffende Mitteilung, daß dieses Expeditionsmitglied eine Frau in
-Männerkleidern sei. Man wollte nicht recht daran glauben, und es war
-übrigens auch keine Zeit, sich lange damit zu beschäftigen. Der große
-Augenblick nahte. Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Höhepunkt.
-An der Mündung des Kongo, von wo aus die Expedition »die verwegene Fahrt
-antreten sollte«, hatte sich die ganze zivilisierte Welt ein
-Stelldichein gegeben.
-
-Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht werden,
--- über hundert Jahre nach dem Tode ihres Urhebers.
-
-An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer von der Mündung des
-Kongo entfernt, gähnte die breite Öffnung eines dafür konstruierten
-Schlundes aus Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit
-den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern hinausschießen
-sollte. Eine besondere Kommission untersuchte noch einmal genau
-sämtliche komplizierten Berechnungen, wie die Nahrungsvorräte und
-Instrumente: alles war in Ordnung, alles war bereit!
-
-Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete ein betäubender,
-durch die Explosion hervorgebrachter Knall der Welt -- in einem Umkreis
-von einigen hundert Kilometern -- den Beginn der abenteuerlichsten aller
-Fahrten ...
-
-Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das Projektil unter der
-Wirkung der explodierenden Kraft eines senkrechten Wurfes, der Anziehung
-der Erde und der treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der
-Erde um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel von
-Westen nach Osten zu beschreiben und an dem bezeichneten Punkte und in
-der bezeichneten Stunde in die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast
-senkrecht auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, in
-der Gegend des »Sinus Medii«. Der Lauf des Projektils, der von
-verschiedenen Punkten der Erde aus durch Hunderte von Teleskopen
-beobachtet wurde, zeigte sich als ganz genau mit der Berechnung
-übereinstimmend. Den Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der
-Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst viel langsamer
-als die Sonne, dann immer schneller, je mehr es sich von der Erde
-entfernte. Die scheinbare Bewegung war das Resultat der Drehung der
-Erde, der gegenüber das Projektil zurückblieb.
-
-Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe des Mondes, selbst
-durch die stärksten Teleskope nicht mehr zu sehen war. Trotzdem hörte
-die Verbindung zwischen der Erde und den in das Projektil
-eingeschlossenen Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick
-auf. Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen
-vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem Fahrzeug,
-der, nach den Berechnungen, sogar auf eine Entfernung von
-dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, die den Mond von der Erde
-trennten, funktionieren mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen
-als unrichtig; die letzte Depesche erhielten die astronomischen
-Stationen aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend
-Kilometern. Das Telegraphieren war entweder durch die ungenügende Kraft
-des Stromes der Luftwellen, oder auch eines fehlerhaften Baues des
-Apparates wegen auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte
-Depesche klang ganz aufmunternd: »Alles gut, kein Grund zu Besorgnissen
-vorhanden.«
-
-Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine zweite Expedition
-aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen in dem Projektil Platz; sie hatten
-dafür bedeutend größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei
-sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat als ihre
-Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung von Nachrichten
-vom Monde genügen mußte; jedoch erhielt man keine Depesche mehr von
-dorther. Das letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition,
-direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt. Die Nachricht
-lautete nicht besonders günstig. Das Projektil wich, aus einem
-unerklärlichen Grunde, etwas vom Wege ab und konnte infolgedessen nicht
-senkrecht auf den Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich
-scharfen Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert war,
-fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. Diese Befürchtungen
-schienen sich bewahrheitet zu haben, da dieser Depesche keine weitere
-mehr folgte.
-
-Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte Expedition
-auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals der Unglücklichen nicht
-täuschen; warum sollte man noch mehr Menschenleben opfern? Die
-begeistertsten Anhänger der »interplanetarischen Kommunikation«
-verstummten, und man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch,
-daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen grenze. Und in
-einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit vergessen.
-
-Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der besagte Artikel des
-bis dahin gänzlich unbekannten, nun aber zum Tagesgespräch gewordenen
-Assistenten des kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem
-brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich die
-Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es an Ungläubigen nicht fehlte,
-begann man doch die Sache immer ernster zu nehmen. Bald interessierte
-sich alle Welt dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf
-welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes gekommen und
-wie er es abgelesen habe. Er erlaubte sogar Fachleuten, die verkohlten
-Überreste, wie die in der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu
-besichtigen.
-
-Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich aber folgendermaßen:
-»Eines Nachmittags,« erzählte der Assistent, »als ich bei der
-Aufzeichnung der täglichen meteorologischen Beobachtungen saß, meldete
-mir der Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen wünsche. Es
-war mein Kollege und guter Freund, der Eigentümer eines benachbarten
-Gutes, der nur selten in die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um
-erst meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, und er
-erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er mir eine Nachricht
-bringe, die mir zweifellos viel Freude bereiten werde. Er wußte, daß ich
-mich seit Jahren eifrig mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte
-und kam mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von größerer
-Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen sei. Den Stein,
-der sich wahrscheinlich tief in den Morast gebohrt, hätte man nicht
-gefunden, aber wenn ich ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir
-Arbeiter zum Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte ich
-den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen Urlaub genommen, fuhr
-ich selbst an Ort und Stelle, behufs Nachforschungen. Aber trotz
-zweifelloser Merkmale und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur
-ein Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das an dieser
-Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, wurde hervorgeholt. Ich
-zweifelte schon an einem Resultat und ließ die weiteren Arbeiten
-einstellen, als mein Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte.
-Sie sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war mit
-Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten bei ihrem
-Erglühen während des Durchganges durch die Erdatmosphäre bilden. Sollte
-_sie_ etwa jener herabgefallene Meteor sein?
-
-In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke an die Expedition
-vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich genau kannte. Ich muß
-hinzufügen, daß ich, trotz des hoffnungslosen Inhalts der letzten
-Depesche, die von den Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren
-Tod geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen
-auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten Vorsicht an mich und
-brachte sie nach Hause, fast sicher, daß sie wertvolle Fingerzeige über
-jene Verlorenen enthalte. Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht
-erriet ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. Ich
-war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in der Kugel
-eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des Eisens in der Erdatmosphäre
-verkohlt sein mußten. Man durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die
-Überreste nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich aus
-ihnen doch noch etwas entziffern.
-
-Die Arbeit war überaus mühsam, besonders dadurch, daß ich niemanden zu
-Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen waren höchst unsicher und, wie ich
-zugeben muß, zu -- phantastisch, als daß verfrüht etwas darüber
-verlauten durfte.
-
-Ich bemerkte, daß die Spitze der Kugel eine Schraube bildete, die man
-aufdrehen mußte und befestigte sie also in einem starken Schraubstock,
-um sie vor einer Erschütterung zu bewahren, die ihren Inhalt beschädigen
-könnte. Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben. Nach
-langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie zu bewegen. Bei diesem
-ersten Kreischen der gedrehten Schraube erfaßte mich ein Freudentaumel,
-und zugleich schnürte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich mußte
-die Arbeit unterbrechen, da mir die Hände zitterten; erst nach einer
-Stunde konnte ich sie, immer noch mit klopfendem Herzen, wieder
-aufnehmen.
-
-Die Schraube bewegte sich langsam, als ich plötzlich ein seltsames
-Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache nicht begreifen. Fast
-gedankenlos drehte ich in umgekehrter Richtung, und sofort hörte das
-Zischen auf; drehte ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem,
-obwohl es jetzt etwas schwächer war. Endlich begriff ich alles! Das
-Innere der Kugel war vollständig leer! Das Zischen entstand durch das
-Eindringen der Luft vermittels einer Öffnung, die sich durch die
-Lockerung der Schraube gebildet hatte.
-
-Dieser Umstand bestärkte mich in der Überzeugung, daß die in der Kugel
-vermutlich eingeschlossenen Dokumente nicht ganz vernichtet sein
-dürften, da das Fehlen der Luft sie vor der Verbrennung bewahrt haben
-mußte, als die Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphäre, erglühte!
-Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus. Nach
-Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel, deren innere Wände mit
-einer Schicht gebrannten Lehms ausgelegt waren, ein Päckchen verkohlter,
-aber nicht verbrannter Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus
-Furcht, die wertvollen Schriften zu beschädigen. Ich nahm sie mit der
-größten Vorsicht heraus und ... war verzweifelt. Auf dem verkohlten
-Papier waren die Buchstaben fast unsichtbar und dieses Papier selbst so
-mürbe, daß es mir beinahe in der Hand zerfiel.
-
-Trotzdem beschloß ich, alles daranzusetzen, um das Werk zu Ende zu
-führen und den Inhalt des Manuskriptes zu entziffern. Einige Tage dachte
-ich darüber nach, wie ich das bewerkstelligen solle. Endlich flüchtete
-ich mich zu den Röntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich später zeigte,
-richtig an, daß die Tinte, deren man sich zum Schreiben bediente,
-mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen die mit ihr
-überschwärzten Stellen den Röntgenstrahlen einen größeren Widerstand
-leisten würden, als das verkohlte Papier selbst. Ich klebte vorsichtig
-jedes Blatt des Manuskripts auf eine dünne Haut, die ich in einen Rahmen
-gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen mittels
-Röntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich Klischees, die nach der
-Übertragung des Bildes auf das Papier eine Art von Palimpsesten ergaben,
-wo die Buchstaben auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich
-miteinander verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus nicht
-unmöglich abzulesen.
-
-Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der Aufzeichnungen so
-weit vorgeschritten, daß ich keinen Grund mehr sah, die Angelegenheit
-weiter zu verheimlichen und schrieb den ersten Artikel, der über den
-Vorfall berichtete ... Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit,
-geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut keinen Zweifel, daß es
-von einem der fünf zuerst ausgesandten Expeditionsmitglieder auf dem
-Monde verfaßt und von dort aus auf die Erde gesandt wurde.
-
-Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen für sich
-selbst sprechen.«
-
-Dieser Erklärung, die der Veröffentlichung des Manuskriptes vorausging,
-fügte der Assistent einen kurzen Bericht über die Vorgeschichte der
-damaligen Expedition bei.
-
-Er erinnerte daran, daß der Gedanke von dem irländischen Astronomen
-O'Tamor ausgegangen war, der einen glühenden Anhänger in dem jungen,
-seinerzeit in Brasilien berühmten portugiesischen Ingenieur, Peter
-Varadol, fand. Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen
-Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen zur
-Verfügung stellte. Darauf unternahmen sie die ersten Schritte zur
-Verwirklichung des schon festgelegten Planes. Man unterbreitete den
-Akademien und wissenschaftlichen Instituten die Skizzen des Projektes
-und wandte sich dann an Fachautoritäten betreffs Ausarbeitung der
-Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in kurzem beschäftigten
-sich nicht nur Fachleute damit, sondern die ganze zivilisierte Welt, die
-ihre Vertreter auf den Mond auszusenden begehrte, um Näheres über diesen
-Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen
-Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller Hilfe bei und da es
-auch an privaten Opfern nicht fehlte, hatten die Initiatoren bald ein
-Kapital zur Verfügung, das zur Ausrüstung mehrerer Expeditionen genügte,
-von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden.
-
-Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fünf Personen bestehen,
-darunter O'Tamor, der den Gedanken ins Leben gerufen, und seine beiden
-Kameraden. Der vierte war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fünfte
-Braun, ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurücktrat; statt
-seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer der Expedition. In
-das zweite Projektil hatten sich zwei Franzosen eingeschlossen, die
-Brüder Remogner.
-
-Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent ausführlicher
-über die technische Seite des Unternehmens. Er beschrieb bis ins
-kleinste Detail die Konstruktion der mächtigen Kanone, von der Form
-eines stählernen Brunnens; berichtete über den Bau des Projektils, das
-man nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes in einen
-hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, der durch einen
-besonderen Elektromotor bewegt wurde. Er schilderte die
-Schutzvorrichtungen, die die Reisenden im Augenblick des Schusses wie
-beim Herabfallen auf den Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und
-endlich zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und die
-Vorräte des »transportablen Zimmers« auf.
-
-Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen wissen das schon
-lange, obwohl sie ihn nur aus der Ferne und -- einseitig kennen. Trotz
-der großartigen Vervollkommnung der optischen Instrumente des
-zwanzigsten Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich allen
-Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen Auge so nahe zu bringen,
-daß man alle Einzelheiten seiner Oberfläche erforschen könnte. Sich in
-der mittleren Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern
-um die Erde drehend, scheint er durch Gläser mit tausendfacher
-Vergrößerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer von ihr entfernt zu
-sein, was immerhin noch ein ganz ansehnliches Stück Wegs bedeutet.
-Schärfere Gläser dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden,
-da man bei stärkerer Vergrößerung, infolge einer zu geringen Helligkeit
-der Erdatmosphäre, nur ein unklares Bild erhält, so daß es sogar
-unmöglich ist, die Berge zu erkennen, die man durch schwächere Gläser
-ganz deutlich beobachten kann.
-
-Überdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des Mondglobus zugänglich.
-Der Mond macht nämlich auf seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig
-Tagen, sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden nur eine
-Drehung um seine Achse, so daß er immer mit derselben Seite seiner
-Oberfläche zur Erde gewendet bleibt. Diese Erscheinung ist keine
-zufällige. Der Mond, der keine vollkommene Kugel bildet, nähert sich,
-seiner Form nach, einem etwas länglichen Ei. Die Anziehungskraft der
-Erde bringt es mit sich, daß jenes Ei sich mit dem scharfen Ende zu ihr
-kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden, sich nicht abwenden
-könnte.
-
-Die den Astronomen bekannte Hälfte des Mondes genügt jedoch, ihn ganz
-und gar bei denjenigen zu mißkreditieren, die vom Bewohnen anderer
-Planeten als der Erde träumen. Die Oberfläche unsres Satelliten, deren
-Ausdehnung zweimal so groß als Europa ist, stellt sich in den Teleskopen
-als eine wasserlose, wüste Hochebene dar, die mit einer ungeheuren
-Anzahl mächtiger, kraterähnlicher Ringberge besät ist. Diese Bergriesen,
-deren Gipfel sich bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen
-Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nördlichen Teil der uns
-zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe großer, kreisförmiger
-Flächen, die die ersten Selenographen »Meere« nannten. Diese Ebenen mit
-steilen Ufern, die durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet
-werden, sind nach verschiedenen Richtungen von großen Spalten
-durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in Staunen
-versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine ähnlichen Erscheinungen
-vorhanden sind. Diese Spalten, manchmal über hundert Kilometer lang und
-einige Kilometer breit, haben eine Tiefe von ungefähr tausend Metern und
-mehr.
-
-Wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß diese Oberfläche fast gar keine
-Atmosphäre hat, daß der »Tag« auf dem Monde an Zeitdauer vierzehn
-unserer Tage gleichkommt, daß während dieses endlosen Tages ein
-beständiger Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhörte Spannung
-annimmt, daß hingegen die vierzehntägige Nacht einen Winter
-repräsentiert, der kälter ist als die Winter in unseren antarktischen
-Ländern, so entrollt sich uns ein Bild, das uns nicht gerade verlockt,
-diesen Planeten als ständigen Wohnsitz zu wählen! Um so mehr ist der
-Opfermut der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend lediglich
-in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches Wissen zu erweitern
-und sichere Nachrichten über das der Erde am nächsten liegende Gestirn
-geben zu können.
-
-Die Reisenden hatten übrigens die Absicht, diese ungastliche Halbkugel
-so schnell wie möglich zu durchdringen und auf die andere Seite des
-Mondes zu gelangen, die von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne
-Grund, erträgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die Mehrzahl
-der über den Mond schreibenden Gelehrten behauptet zwar, daß auch auf
-der anderen Seite die Atmosphäre zu dünn sei, um atmen zu können; aber
-O'Tamor nahm, sich auf langjährige Forschungen und Berechnungen
-stützend, an, daß er dort dichtere Luft zur Erhaltung des Lebens
-vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen, zur notdürftigsten
-Nahrung genügend. Diese tollkühnen Forscher waren bereit ihr Leben zu
-wagen, nur um dem sternenbesäten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse,
-die er so eifersüchtig vor den Menschen hütet, zu entreißen. Der
-Gedanke, daß dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht werde, da sie
-ihre Beobachtungen den auf der Erde Zurückgebliebenen, mit Hilfe des
-mitgenommenen telegraphischen Apparates, würden mitteilen können,
-verstärkte noch ihren Wagemut. Sie träumten, von der Größe ihres
-Vorhabens berauscht, daß sie auf der andern, geheimnisvollen Seite des
-Mondes ein märchenhaft seltsames Paradies vorfinden könnten, eine neue
-Welt, die ganz verschieden ist von der Erde! Sie träumten, dann neue
-Kameraden zum Durchfliegen jener Hunderttausende von Kilometern zu
-gewinnen, -- von der Gründung einer neuen Gemeinschaft dort auf der
-hellen Seite der in die stillen Nächte leuchtenden Kugel, -- von einer
-neuen, vielleicht glücklicheren Menschheit ...
-
-Indessen mußte man mit der Notwendigkeit rechnen, die gebirgige, luft-
-und wasserlose wüste Hochebene zu durchqueren, die die ganze, der Erde
-zugewandte Halbkugel des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig keine
-Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes beträgt fast elftausend Kilometer;
-wenn sie also, wie sie annahmen, auf die Mitte der der Erde zugekehrten
-Scheibe fallen würden, hätten sie zum mindesten dreitausend Kilometer zu
-machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen durften, atmen
-und leben zu können. Das Projektil, in der Form eines länglichen, auf
-der einen Seite kegelförmig geschlossenen Zylinders, war so
-eingerichtet, daß es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln
-ließ, und reichlich mit Vorräten von verdichteter Luft, Wasser,
-Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die für fünf Personen auf
-ein ganzes Jahr ausreichen konnten, das heißt also noch für länger, als
-man zum Gelangen auf die andere Seite des Mondes gebrauchte.
-
-Außerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge mitgenommen,
-eine kleine Bibliothek und -- eine Hündin mit zwei Jungen. Es war dies
-eine schöne große englische Spürhündin, die Tom Woodbell gehörte, und
-die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena taufte.
-
-All diese Dinge wurden durch die ausführlichen, in K.... erschienenen
-Artikel aufgefrischt, als quasi Ergänzung zu dem kurz darauf
-herausgegebenen Manuskripte.
-
-Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen Teilnehmer der
-ersten Expedition, in polnischer Sprache auf dem Monde verfaßt, setzten
-sich aus drei Teilen zusammen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden
-sind. Sie verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des
-wundersamsten Schicksals eines Schiffbrüchigen bildet, der an ein
-fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig Millionen
-Meter über der Erde im tiefen Himmelsblau schwebt.
-
-Hier folgt der wörtliche Abdruck jenes Manuskriptes, von dem Assistenten
-des Observatoriums in K.... herausgegeben und zusammengestellt ...
-
-
-
-
- Erster Teil
-
-
- Ein Reisetagebuch.
-
- Auf dem Monde den .....
-
-Mein Gott, welches Datum soll ich angeben?! Jene mächtige Explosion,
-durch die wir uns von der Erde hinausschleudern ließen, zersprengte uns
-das Dauerndste und Festgeprägteste, was dort existiert, -- zersprengte
-und zerstörte uns die Zeit. In der Tat, das ist furchtbar! Zu bedenken,
-daß es hier keine Jahre, keine Monate, keine Wochen gibt, noch unsere
-kurzen, wonnigen Erdentage ... Die Uhr sagt mir, daß bereits vierzig
-Stunden seit dem Augenblick verflossen sind, da wir hier herabfielen;
-wir fielen in der Nacht herab und die Sonne ist noch nicht aufgegangen.
-Wir dürfen erst in einigen zwanzig Stunden hoffen, sie zu sehen. Sie
-wird aufgehen und sich träge am Himmel bewegen, neunundzwanzigmal
-langsamer als dort auf der Erde. Dreihundertvierundfünfzig Stunden wird
-sie über uns leuchten, und dann kommt wiederum die Nacht, die
-dreihundertvierundfünfzig Stunden dauert. Und nach der Nacht der Tag,
-wie der vorhergehende, und abermals die Nacht und dann der Tag, und so
-endlos weiter, ohne Veränderung, ohne Jahreszeiten, ohne Jahre, ohne
-Monate ...
-
-Wenn wir es erleben werden ...
-
-Wir sitzen ohne irgend etwas zu tun, eingeschlossen in unserem Fahrzeug
-und warten auf die Sonne. Oh, diese furchtbare Sehnsucht nach der Sonne!
-
-Die Nacht ist zwar hell, unvergleichlich heller als unsere Nächte dort
-auf der Erde während des Vollmondes. Der mächtige Halbkreis der Erde
-ruht unbeweglich über uns am Zenit des schwarzen Himmels und überflutet
-mit weißem Licht diese entsetzliche Wüste um uns her. In diesem
-seltsamen Lichte ist alles so geheimnisvoll und tot ... und der Frost
-... Oh, dieser furchtbare Frost! Sonne! Sonne!
-
-O'Tamor ist seit der Zeit des Falles noch nicht zum Bewußtsein gekommen.
-Woodbell, obwohl selbst verwundet, weicht nicht einen Augenblick von
-seiner Seite. Er fürchtet, daß es eine Gehirnerschütterung ist und hat
-wenig Hoffnung. Auf der Erde, sagte er, würde er ihn durchbringen. Aber
-hier, in dieser fürchterlichen Kälte, hier, wo wir als einzige Nahrung
-nur Vorräte von künstlichem Eiweiß und Zucker haben, wo wir mit Luft und
-Wasser sparen müssen ... Es wäre entsetzlich, O'Tamor zu verlieren,
-gerade ihn, der die Seele unserer Expedition ist! ...
-
-Varadol, Martha und ich, ja sogar Selena mit den beiden Jungen, wir sind
-gesund. Martha scheint nichts zu wissen und zu fühlen. Sie folgt nur
-beständig Woodbell mit den Augen, wegen seiner Wunden beunruhigt. Der
-glückliche Tomas! Wie dieses Weib ihn liebt!
-
-Oh, diese Kälte! Es scheint, daß unser verschlossenes Fahrzeug sich
-gleichzeitig mit uns in einen Eisklumpen verwandelt. Die Feder gleitet
-mir aus den erstarrten Fingern. Wann wird die Sonne endlich aufgehen!?
-
- In derselben Nacht, siebenundzwanzig Stunden
- später.
-
-Mit O'Tamor wird es immer schlimmer; man kann sich nicht täuschen -- das
-ist schon die Agonie. Tomas vergaß, bei ihm wachend, seine eigenen
-Wunden und ist jetzt selbst so schwach, daß er sich hinlegen muß. Martha
-vertritt ihn bei dem Kranken. Woher nimmt diese Frau so viel Kraft?
-Seitdem sie sich von der ersten Betäubung des Falles erholt hat, ist sie
-am tätigsten von uns allen. Ich glaube, daß sie noch gar nicht
-geschlafen hat.
-
-Oh, diese Kälte! ...
-
-Varadol sitzt starr und schweigend da. Auf seinen Knien zusammengekauert
-liegt Selena. Er sagt, daß es ihnen beiden so wärmer ist. Die Jungen
-haben wir ins Bett gelegt, neben Tomas.
-
-Ich habe versucht zu schlafen, aber ich kann nicht. Die Kälte läßt mich
-nicht schlafen -- und dieses gespensterhafte Licht der Erde über uns!
-Man sieht nur wenig mehr als die Hälfte ihrer Scheibe. Das ist ein
-Zeichen, daß die Sonne unverzüglich aufgehen muß. Wir können nicht genau
-berechnen, wann dies erfolgen wird, da wir nicht wissen, auf welchem
-Punkte der Mondscheibe wir uns befinden. O'Tamor hätte das mit
-Leichtigkeit aus dem Stand der Gestirne berechnet, aber er liegt
-bewußtlos danieder. Nun wird sich Varadol an diese Arbeit machen müssen
-und ich begreife nicht, warum er es hinausschiebt.
-
-Wir hätten nach der Berechnung auf den _Sinus Medii_ fallen müssen, aber
-Gott allein weiß, wo wir uns wirklich befinden. Auf dem _Sinus Medii_
-müßte um diese Zeit die Sonne bereits scheinen. Vermutlich sind wir
-weiter nach »Osten« gefallen, wie man auf der Erde die Seite des Mondes
-bezeichnet, wo für uns die Sonne untergehen wird, jedoch nicht weit von
-der Mitte der Mondscheibe, da die Erde über uns fast im Zenite steht.
-
-Ich empfange so viele neue und seltsame Eindrücke, daß ich sie nicht
-zusammenfassen und ordnen kann. Vor allem dieses unerhörte, geradezu
-entsetzliche Gefühl der Leichtigkeit. Wir wußten auf der Erde, daß der
-Mond, der neunundvierzigmal kleiner und einundachtzigmal leichter als
-die Erde ist, uns sechsmal schwächer anziehen würde, obwohl wir uns
-seinem Schwerpunkte näher befinden; aber es ist zweierlei -- etwas zu
-wissen oder etwas zu fühlen. Wir sind fast schon siebzig Stunden auf dem
-Monde und können uns noch nicht daran gewöhnen. Wir sind noch nicht
-imstande, die Anstrengung unserer Muskeln dem kleineren Gewicht der
-Gegenstände anzupassen, ja sogar nicht dem kleineren Gewichte unseres
-eigenen Körpers. Ich erhebe mich schnell von meinem Sitze und springe
-einen Meter in die Höhe, obwohl ich nur aufstehen will. Varadol wollte
-vor einigen Stunden aus einem starken Draht, der an der Wand unserer
-Behausung befestigt war, einen Haken biegen; er faßte ihn mit der Hand
--- und hob sich ganz in die Höhe! Er vergaß, daß er jetzt statt zirka
-siebzig Kilo nicht ganz dreißig Pfund wiegt! Jeden Augenblick wirft
-einer von uns gewaltsam die Gegenstände um sich, während er sie nur
-rücken will. Das Einschlagen eines Nagels ist geradezu unmöglich, weil
-der Hammer, der auf der Erde zwei Pfund wiegt, hier kaum einige
-hundertsiebzig Gramm schwer ist. Die Feder, mit der ich schreibe, fühle
-ich kaum in der Hand.
-
-Martha sagte vor kurzem, daß sie den Eindruck habe, als wenn sie schon
-ein körperloser Geist geworden sei. Das ist eine ganz gute Erklärung. Es
-liegt wirklich etwas Unheimliches in dem Gefühl dieser fabelhaften
-Leichtigkeit ... man könnte tatsächlich glauben, daß man nur noch Geist
-ist, besonders beim Anblick der Erde, die am Himmel strahlt wie der
-Mond, nur vierzehnmal größer und heller als das die Erdkugel
-erleuchtende Nachtgestirn. Ich weiß, daß dies alles wahr ist -- und
-trotzdem scheint es mir immer, als wenn ich träume oder mich in einem
-Theater befinde, ein seltsames Feenspiel anzusehen. Jeden Augenblick,
-denke ich, muß der Vorhang fallen, und diese Dekorationen werden
-verschwinden -- wie ein Traum ...
-
-Wir wußten doch vor unserer Abfahrt genau, daß die Erde über uns wie
-eine mächtige, unbewegliche Lampe, die mitten am Himmel hängt, scheinen
-würde. Ich wiederhole mir immer wieder, daß dies ganz natürlich ist: der
-Mond wandelt seine Bahn, immer mit der einen Seite der Erde zugewendet;
-infolgedessen muß sie den vom Monde aus auf sie Blickenden unbeweglich
-erscheinen. Ja, das ist doch so einfach, und dennoch versetzt mich
-dieses leuchtende Glasgespenst der Erde, das uns seit siebzig Stunden
-unbeweglich und hartnäckig aus dem Zenite anstarrt, in Schrecken.
-
-Ich sehe sie durch die Scheibe, die in der oberen Wand des Fahrzeugs
-angebracht ist, und unterscheide mit bloßem Auge die dunklen Flecken der
-Meere und die hellen Flächen der Länder. Sie gleiten langsam an mir
-vorüber, brechen der Reihe nach aus dem Schatten hervor: Asien, Europa,
-Amerika; verkleinern sich am Rande des schillernden Globus und gehen
-unter, um nach vierundzwanzig Stunden wiederum zu erscheinen.
-
-Es kommt mir vor, als wenn sich die ganze Erde in ein weitaufgerissenes
-Auge verwandelt hätte, das unbarmherzig, wachsam und staunend, auf uns
-niederstarrt; auf uns, die wir von ihr geflohen sind, als die ersten
-aller ihrer Kinder!
-
-Gleich als wir nach dem Fall etwas zum Bewußtsein kamen und die eisernen
-Deckel abschraubten, die die runden Fenster unsres Fahrzeugs verdeckten,
-sahen wir sie über uns. Sie war in der letzten Phase ihres Zunehmens.
-Damals glich sie einem starr auf uns gerichteten Auge; jetzt senkt sich
-über diesen grauenhaft unbeweglichen Blick allmählich das Lid des
-Schattens. In dem Moment, da die Sonne wie eine flammende Kugel am
-schwarzen Himmel, ohne vorhergehende Dämmerung, emporsteigt, wird dieses
-Auge sich zur Hälfte schließen und wenn die Sonne senkrecht über uns
-steht, das Augenlid sich gänzlich niedersenken ...
-
- Drei Stunden später.
-
-Ich unterbrach diese Aufzeichnungen, mit denen ich die langen Stunden
-ausfülle, die wir gezwungenerweise tatenlos verbringen, als ich zu
-O'Tamor gerufen wurde. Niemals haben wir mit der furchtbaren
-Eventualität gerechnet, daß wir allein, ohne ihn bleiben könnten. Wir
-waren auf den Tod vorbereitet, aber auf den eigenen, vielleicht
-gemeinsamen, nicht auf den seinen! Und hier gibt es keine Rettung ...
-Tomas liegt ebenfalls im Fieber, und statt den Kranken zu behandeln,
-bedarf er selbst der Pflege. Martha weicht keinen Augenblick von ihrer
-Seite, sich einmal zu Woodbell, dann wieder zu O'Tamor wendend und wir
-stehen ratlos dabei und wissen nicht, was wir tun sollen.
-
-O'Tamor ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen und wird es auch
-nicht mehr! Sechzig Jahre hat er auf der Erde gelebt, um hier ... Nein,
-nein, ich kann das Wort nicht niederschreiben, es ist furchtbar! Er!
-Gleich bei der Ankunft ...
-
-Wir sind so entsetzlich allein in dieser langen, furchtbar kalten Nacht!
-
-Vor einigen Stunden hat sich Martha, als wenn sie plötzlich von diesem
-Gefühl der grenzenlosen Leere und Einsamkeit erfaßt würde, mit
-zusammengefalteten Händen vor uns niedergeworfen. Sie weinte und rief
-immer wieder: »Auf die Erde, auf die Erde! Warum telegraphiert ihr
-nicht? Warum teilt ihr dort nichts mit? Seht, Tomas ist krank!«
-
-Armes Mädchen! Was sollten wir ihr antworten?
-
-Sie weiß so gut wie wir, daß unser Apparat schon ungefähr hundertzwanzig
-Millionen Meter vor dem Monde zu funktionieren aufgehört hat ... Endlich
-erinnerte Peter sie daran, aber als wenn die Übersendung von Nachrichten
-die Kranken retten könnte, drängte sie fieberhaft, daß man die Kanone
-aufstellen solle, die wir für den Fall des Unbrauchbarwerdens des
-telegraphischen Apparates von der Erde mitgenommen haben. Dieser Schuß
-ist jetzt die einzige, letzte Möglichkeit, uns mit denen, die dort
-zurückgeblieben sind, zu verständigen.
-
-Varadol und ich gaben nach und wagten uns aus dem Fahrzeug heraus. Ich
-gestehe es, daß die Angst vor diesem Schritt mich schüttelte. Dort,
-hinter den uns schützenden Wänden ist in der Tat schon nichts mehr als
-Leere ... Das Barometer zeigt nämlich draußen ein Vorhandensein von
-Atmosphäre an, deren Dichte nicht einmal den dreihundertsten Teil
-unserer Erdluft erreicht. Der Umstand, daß die Atmosphäre, wenn auch in
-einer solchen Verdünnung, überhaupt existiert, ist für uns überaus
-günstig, da er uns hoffen läßt, daß wir sie, auf der _anderen Seite_, in
-zum Atmen genügender Dichte vorfinden werden. Ach, mit welchem Zagen
-steckten wir vor einigen Stunden das Barometer nach außen! Anfangs sank
-das Quecksilber so gewaltig, daß es uns schien, als wenn es bis zum
-Nullpunkt herabfiel. Zitternde Angst schnürte uns die Kehle zu; das
-hieße -- eine absolute Leere, und mit ihr der unabwendbare Tod! Aber
-nach einer Weile hob sich das Quecksilber in der Röhre auf 2,3
-Millimeter! Wir atmeten auf, obwohl man in dieser Luft eigentlich gar
-nicht atmen kann! Und nun sollten wir, zwecks Aufstellung der Kanone, in
-diese Leere hinausgehen! Nachdem wir unsere »Taucheranzüge« angelegt und
-über dem Nacken die Behälter mit verdichteter Luft befestigt hatten,
-stellten wir uns in der Vertiefung, die sich in der Wand des Fahrzeugs
-befand, bereit. Martha verschloß hinter uns die Innentür ganz dicht,
-damit nicht die so wertvolle Luft zugleich mit uns entweichen sollte,
-und dann öffneten wir den äußeren Deckel ...
-
-Wir berührten mit den Füßen den Mondgrund, und in diesem Augenblick
-umfaßte uns eine entsetzlich betäubende Stille. Ich sah durch die
-Glasmaske auf Peters Gesicht und bemerkte, daß er die Lippen bewegte;
-ich dachte mir, daß er spreche, aber ich hörte keinen Laut. Die Luft ist
-hier zu dünn, als daß sie eine Menschenstimme übermitteln könnte. Ich
-hob einen Stein auf und warf ihn. Er fiel langsam, langsamer als auf der
-Erde und ohne jegliches Geräusch. Ich wankte wie ein Betrunkener; ich
-glaubte wirklich schon in der Welt der Geister zu sein.
-
-Wir mußten uns durch Gesten verständigen. Die Erde, die uns genährt hat,
-verhalf uns dazu durch ihr Leuchten.
-
-Wir nahmen die Kanone heraus, die in einer nach außen zu öffnenden
-Seitenwand untergebracht war, und ein Gefäß mit Explosionsmaterial, das
-für sie besonders hergestellt wurde. Diese Arbeit ging leicht
-vonstatten, da die Kanone hier kaum den sechsten Teil dessen wog, was
-ihr Gewicht auf der Erde betrug.
-
-Jetzt hieß es nur das aufgestellte Geschütz genau bis zur Bleischnur zu
-laden, nachdem man in die hohle Kugel eine Karte gelegt hatte; bei der
-Leichtigkeit der Gegenstände auf dem Mond mußte diese Explosionskraft
-vollständig genügend wirken, um sie in gerader Linie auf die Erde zu
-befördern. Aber es war uns unmöglich, diese Arbeit zu vollenden. Eine
-unbeschreiblich entsetzliche Kälte schnürte uns wie mit eisernen Krallen
-die Brust zusammen. Seit ungefähr dreihundertundzehn Stunden hat hier
-die Sonne nicht mehr geschienen, und die Atmosphäre ist nicht dicht
-genug, so lange Zeit hindurch die Wärme der während des langen Tages
-sicherlich erglühten Steine festzuhalten ...
-
-Wir kehrten zu dem Fahrzeug zurück, das uns wie ein Paradies an Wärme
-erschien, obwohl wir mit dem Feuer sparen. Vor dem Aufgang der Sonne,
-die diese Welt erwärmen wird, ist es unmöglich, die Versuche,
-hinauszugehen, zu erneuern. Und diese Sonne will und will nicht kommen!
-
-Wann wird sie endlich erscheinen, und was wird sie uns bringen?
-
- Siebzig Stunden sechsundvierzig Minuten nach
- Ankunft auf dem Mond.
-
-O'Tamor ist gestorben.
-
- Der erste Mondtag, drei Stunden nach
- Sonnenaufgang.
-
-Wir sind nur noch vier. In einer Weile treten wir die Reise an. Alles
-ist bereit: unser Fahrzeug hat sich, nachdem die Räder befestigt sind
-und nach Aufstellung des Motors, in einen Wagen verwandelt, der uns,
-diese Wüste durcheilend, dem Lande zuführen soll, wo wir leben und atmen
-können ... O'Tamor wird hier bleiben ...
-
-Wir sind von der Erde geflohen, -- aber der Tod, der mächtige Herr des
-Erdengeschlechtes, hat mit uns den Weltenraum durchflogen und uns gleich
-im Anfang in Erinnerung gebracht, daß er bei uns ist -- unbarmherzig,
-siegreich -- wie dort! Wir fühlten seine Gegenwart und Nähe, seine
-Allherrschaft so lebhaft wie niemals auf der Erde. Wir sehen uns
-unwillkürlich an: Wer kommt jetzt an die Reihe? ...
-
-Es war noch Nacht, als plötzlich Selena aus der Ecke hervorkam, wo sie
-seit einigen Stunden zusammengekauert gelegen und, die Schnauze dem
-durch das Fenster leuchtenden Halbmond der Erde entgegenstreckend,
-entsetzlich zu heulen begann. Wir sprangen alle auf, wie von einer
-inneren Kraft in die Höhe geworfen.
-
--- Der Tod kommt! schrie Martha.
-
-Woodbell, der sich besser fühlte, stand am Lager O'Tamors und wandte
-sich langsam zu uns:
-
--- Er ist schon gekommen, sagte er.
-
-Wir trugen die Leiche aus dem Fahrzeug hinaus. In diesem felsigen Grunde
-ist es unmöglich ein Grab zu graben. Der Mond will unsere Toten nicht
-beherbergen -- wie wird er uns Lebende aufnehmen?
-
-Wir legten also die Leiche auf diesem harten Mondfelsen auf den Rücken,
-das Gesicht der am Himmel leuchtenden Erde zugekehrt und sammelten die
-hier und da auf der Ebene zerstreut liegenden Steine, um aus ihnen ein
-Grab zurechtzulegen. Wir umgaben den Dahingeschiedenen mit einem nicht
-allzu hohen Wall, konnten jedoch keine genügend große Steinplatte
-finden, um ihn zu bedecken. Da sagte Peter durch das Rohr, das unsere
-Köpfe verband und so eine Verständigung ermöglichte:
-
--- Lassen wir ihn hier so liegen ... Siehst du nicht, daß er auf die
-Erde blickt?
-
-Ich betrachtete den Toten. Er schien in der Tat mit verglasten, weit
-aufgerissenen Augen in das Auge der Erde zu starren, das sich immer mehr
-schloß, immer mehr vor dem Glanze der uns noch unsichtbaren Sonne, die
-bald aufgehen sollte. Mag er so liegen bleiben ...
-
-Aus zwei Eisenstäben, den Bruchstücken des zerschmetterten Gerüstes, das
-uns während des Falles vorm Zermalmen bewahrt hatte, machten wir ein
-Kreuz und befestigten es auf dem Steinwall über dem Haupte O'Tamors.
-
-Da -- als wir die traurige Arbeit gerade beendet hatten und zum Fahrzeug
-zurückkehren wollten, geschah etwas Seltsames. Die Gipfel der Berge, die
-vor uns in dem fahlen Schein der Erde auftauchten, färbten sich
-plötzlich, ohne jeglichen Übergang, blutigrot und dann erstrahlten sie
-in einem weißlich glühenden Glanze auf dem Hintergrunde des
-tiefschwarzen Himmels. Der Fuß der Berge erschien jetzt, durch den
-Kontrast der Beleuchtung gänzlich verdunkelt, fast unsichtbar; nur die
-höchsten Kappen hingen über uns, wie ein im Feuer erglühter Stahl, sich
-allmählich, aber stetig vergrößernd. Infolge des Mangels der
-Luftperspektive, die auf der Erde die Schätzung der Entfernung
-ermöglicht, schienen diese weißen Flecke auf dem Hintergrunde des
-schwarzen Himmels, inmitten der Gestirne, gerade über unseren Häuptern
-zu hängen, wie abgerissen von dem felsigen Fundament, das sich in der
-Dämmerung verlor. Wir wagten kaum die Hand auszustrecken, aus Furcht,
-diese Stücke des lebendigen Lichtes zu berühren.
-
-Sie aber wuchsen und wuchsen vor unseren Augen, als wenn sie sich uns in
-langsamer, unerbittlicher Bewegung näherten; bald waren sie so dicht vor
-uns, daß wir unwillkürlich zurückwichen ... gänzlich vergessend, daß
-diese Gipfel Hunderte, vielleicht auch Tausende von Metern von uns
-entfernt sind.
-
-Plötzlich sah Peter sich um und stieß einen Schrei aus. Ich wandte,
-seiner Bewegung folgend, den Kopf und -- stand wie festgebannt vor einem
-unerhörten, nicht zu schildernden Schauspiel im Osten!
-
-Über dem schwarzen Grat eines Berges glimmte die blasse, silberne Säule
-eines Zodiakallichtes. Wir starrten, einen Augenblick den Toten
-vergessend, auf diesen Punkt, als unten an der Säule, dicht an der
-Grenze des Horizontes, kleine, springende rote Flämmchen im Kranze zu
-flackern begannen.
-
-Die Sonne ging auf! Die mit so heißer Sehnsucht erwartete,
-lebenspendende Sonne, die O'Tamor hier nicht mehr sehen soll!
-
-Wir weinten beide wie Kinder.
-
-Und schon erstrahlte sie am Horizonte, hell und weiß. Jene zuerst
-wahrgenommenen roten Flämmchen waren Protuberanzen, starke Ausströmungen
-glühender Gase, die von der Sonnenkugel nach allen Richtungen
-hinschießen und auf der Erde, wo sie durch die Atmosphäre verblassen,
-nur während einer vollkommenen Sonnenfinsternis sichtbar sind. Hier,
-beim Fehlen der Luft, zeigten sie uns das Erscheinen der Sonnenscheibe
-an und werden es noch lange jeden Tag so anzeigen, für kurze Augenblicke
-einen blutigen Schein auf die Berge werfend, ehe sie in blendender Weiße
-im vollen Tagesglanz erglühen.
-
-Nach einigen Minuten erschien an Stelle des roten Flammenkranzes ein
-weißes Segment der Sonnenscheibe über dem Horizont; eine volle Stunde
-brauchte diese Scheibe, um hinter den Felsen im Osten hervorzukommen.
-
-Diese ganze Zeit hindurch waren wir, trotz der immensen Kälte, mit den
-Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Jeder Augenblick ist wertvoll; man
-darf die Abfahrt nicht länger hinausschieben. Jetzt ist schon alles
-bereit.
-
-Es ist seit Aufgang der Sonne wärmer geworden. Ihre Strahlen, obwohl sie
-noch schräg fallen, wärmen mit der ganzen Kraft, da sie nicht durch die
-Atmosphäre abgeschwächt sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein
-seltsamer Anblick! ...
-
-Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die auf den Bergen wie auf
-einem mächtigen schwarzen Kissen ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die
-durch ihren scharfen Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und
-Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon Tag geworden, mit
-einer unermeßlichen Anzahl von Sternen übersät; rings um uns breitet
-sich eine leere, wilde, Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung
-des Lichtes, ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom
-Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt. Es fehlt jene
-Atmosphäre, die auf der Erde dem Himmel die wundervolle blaue Farbe
-verleiht, die, selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor
-Sonnenaufgang verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft; die sich
-beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa taucht, in Regenbogen tränkt,
-mit Wolken verfinstert und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden
-Dämmerung malt.
-
-Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und diese
-Landschaftsbilder geschaffen!
-
-Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem Gestein, das hie
-und da von Spalten zerrissen ist, die sich in nordwestlicher Richtung
-erstrecken. Im Westen (_Osten_ und _Westen_ unsrer Welt bezeichne ich,
-übereinstimmend mit der _tatsächlichen_ Lage, also _umgekehrt_ wie wir
-dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen also sieht man
-steile Hügel, über denen in nordwestlicher Richtung der zerrissene Grat
-eines Berges thront. Im Norden erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch,
-wie es scheint, zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige
-Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die künstlich
-ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und gegen Süden erstreckt
-sich eine unabsehbare Flachebene.
-
-Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen Messungen des
-Höhenstandes der Erde am Himmel, daß wir uns tatsächlich auf dem _Sinus
-Medii_ befinden, wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen müssen.
-Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die Gipfel, die
-im Norden und Westen jene Flachebene begrenzen, nämlich die aus den
-Karten bekannten: _Mosting_, _Sommering_, _Schroter_, _Bode_ und
-_Pallas_, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe nach dem, was wir
-hier vor uns sehen. Aber schließlich ist es einerlei! Wir fahren nach
-Westen, um längs dem Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am
-gleichmäßigsten zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen und auf
-seine _andere Seite_ zu gelangen.
-
-Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur das Grab mit dem
-Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten die Stelle, an der die ersten
-Menschen auf dem Monde gelandet sind.
-
-Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster Bau, den wir auf dieser
-neuen Welt errichteten! Lebewohl, toter Freund, teurer und treuloser
-Vater, der du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins neue
-Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem Grabe steht, gleicht
-einer Standarte, die Zeugnis dafür ablegt, daß der siegreiche Tod mit
-uns gekommen und auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat
-... Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger als wir, auf
-die unbewegliche Erde starrend, die dich gezeugt, das Kreuz, dessen
-treuer Bekenner du warst, über deinem Haupte.
-
- Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig
- Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium,
- 11° westlicher Länge, 17° 21' nördlicher
- Mondbreite.
-
-Endlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein furchtbarer,
-erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche Sonne, die ihre
-Gluten fast seit zweihundert Stunden aus diesem grundlos schwarzen
-Himmel herabsendet! Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und
-sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern, inmitten
-einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem schwarzen Reifen der verblaßten
-Erde, die von einem Hof lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie
-seltsam dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich verändert,
-nur die Konstellationen der Gestirne sind wie wir sie von der Erde aus
-gesehen haben. Hier, wo die Luft den Blick nicht trübt, sind
-unvergleichlich mehr Sterne sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie
-mit Sand von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten wie
-farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in der uns bekannten
-Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint der Himmel, der hier keinen
-farbigen Lufthintergrund hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird
-sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und bedarf keiner
-Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern weiter entfernt oder näher
-liegt. Blickt man auf den Großen Wagen, bemerkt man, daß einige seiner
-Sterne tief zurückliegen, im Vergleich mit anderen nähergerückten,
-während er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in eine
-glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße ist hier kein
-loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte Schlange, die sich durch die
-schwarzen Untiefen wälzt. Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein
-wundervolles Stereoskop auf den Himmel sähe.
-
-Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten der Sterne in
-strahlendster Helle und verdunkelt auch nicht das schwächste der
-himmlischen Lichter ...
-
-Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten zu schmelzen
-beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen das Eis auf unsern
-Flüssen. So endlos lange Stunden sehnten wir uns nach der Sonne und
-ihren erwärmenden Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um
-unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir auf dem Grunde
-einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße des zerklüfteten Berges
-_Eratosthenes_ den _Apennin_ entlang in die Tiefe des _Regenmeeres_
-erstreckt. Hier erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir
-Schatten und etwas Kühle ...
-
-Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung zehn
-Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume schien es mir, daß ich mich noch
-auf der Erde befinde, in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos
-umrahmt ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken glitten am
-blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang der Vögel, das Summen der
-Käfer und Stimmen der Menschen, die vom Felde heimkehrten.
-
-Selenas Bellen weckte mich auf.
-
-Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß ich lange nicht
-begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir geschieht, was dieser
-verschlossene Wagen bedeutet und diese Felsen ringsumher, so öde und
-wild! Endlich wurde mir alles klar -- und ein unaussprechliches Weh
-schnürte mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich nicht
-schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine Knie legend, sah sie
-mich mit ihren verständigen Augen groß an und es schien mir, daß ich in
-ihrem Blick einen stummen Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend
-ihren Kopf, sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen
-umsehend, die in der Wagenecke munter miteinander spielten. Diese
-Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe, die hier froh sind.
-
-Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh wie ein kleines
-Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer gleich elend ist, die Hand
-ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes Haar zu streicheln. Dann
-strahlt ihr schmächtiges Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen,
-schwarzen Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten,
-der noch bis vor kurzem so männlich schön war und jetzt vom Fieber
-verzehrt und abgemagert dahinsiecht. Sie tut alles, um ihn aufzumuntern,
-ihm mit jeder Bewegung, mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und
-in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist,
-glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht nicht
-erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, leidenschaftlichen Lippen
-über seine magere Hand, seinen Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie
-sie die Lider seiner kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein
-kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, ihm seltsame, für
-uns unverständliche Weisen singend. Er hörte sie wohl von denselben so
-heiß küssenden Lippen dort -- in ihrem Heimatlande -- am malabarischen
-Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von den säuselnden
-Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres träumen ... Dieses Weib bewahrte
-ihm in ihrer liebenden Seele die ganze Welt, die für uns
-unwiederbringlich verloren ist.
-
-Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal gesehen habe.
-Es war unmittelbar nachdem wir die Nachricht erhalten hatten, daß Braun
-zurücktritt. Wir saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von
-dessen Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen über
-diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe ging.
-
-Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen wolle. Wir
-überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, als sie schon selbst ins
-Zimmer trat. Sie war gekleidet wie die Töchter reicher Eingeborener im
-südlichen Indien. Das Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb
-verängstigten, halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt
-auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch neigend,
-aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem Kopfe blieb sie an
-der Tür stehen.
-
--- Martha, du hier! rief endlich Woodbell.
-
-Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen war keine Spur mehr
-von Zaudern oder Unsicherheit; nur eine wahrhaft südländische
-Leidenschaft flammte aus ihren von schweren Lidern halb bedeckten
-schwarzen Augen.
-
-Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen halb geöffnet,
-streckte sie Tomas die Hände entgegen und antwortete, zu ihm
-aufblickend:
-
--- Ich bin dir gefolgt und werde dir überallhin folgen, selbst auf den
-Mond!
-
-Woodbell war blaß wie eine Leiche. Er fuhr sich mit beiden Händen an den
-Kopf und rief fast stöhnend:
-
--- Das ist unmöglich!
-
-Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schließend, daß O'Tamor
-unser Führer sei, warf sie sich ihm zu Füßen, so schnell, daß er nicht
-Zeit hatte, sie aufzuhalten.
-
--- Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr, nehmt mich mit Euch!
-Ich bin die Geliebte Eures Kameraden; alles habe ich für ihn hingegeben,
-er darf mich jetzt nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hörte, daß einer
-Eurer Genossen zurücktrat und bin von Indien hierher gekommen. Nehmt
-mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten verursachen. Ich will
-eure Dienerin sein! Ich bin reich, sehr reich, ich gebe Euch Gold und
-Perlen, soviel Ihr wollt. Mein Vater war Radscha in Travancore am
-malabarischen Strand und hinterließ große Schätze. Ich bin auch kräftig
-genug, seht!
-
-Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen Arme aus.
-
-Varadol stammelte:
-
--- Aber für eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen! Das ist
-etwas anderes, als eine Fahrt mit dem Dampfer von Travancore nach
-Marseille!
-
-Da begann sie zu erzählen, wie sie ohne Tomas' Wissen im geheimen
-dasselbe Training vornahm wie wir, immer in dem Gedanken, daß es ihr im
-letzten Augenblick gelingen werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen.
-Jetzt benutzte sie Brauns Rücktritt, die seit langem gefaßte Absicht
-auszuführen. Sie weiß wohl von Tomas, daß man dort auf dem Mond den Tod
-finden kann, aber sie will nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie
-uns an.
-
-Da wandte sich O'Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte, mit der Frage
-zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle, und als Woodbell, unfähig ein
-Wort hervorzubringen, mit dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die
-üppigen Haare des Mädchens und sprach langsam und feierlich:
-
--- Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich Gott zur Eva des
-neuen Geschlechtes erkoren -- möge es glücklicher sein als das irdische!
-
-So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ...
-
-Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man muß ihm Chinin geben.
-
- Zwei Stunden später.
-
-Die Glut, anstatt nachzulassen, wird immer größer. Wir flüchteten noch
-tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange diese entsetzliche Hitze
-andauert ist es unmöglich an ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die
-Angst schüttelt mich, wenn ich mir sage, daß wir fast noch dreitausend
-Kilometer vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und wer bürgt uns
-dafür, daß man dort leben kann? ... Der einzige, O'Tamor, der nicht
-daran zweifelte, ist nicht mehr unter uns.
-
-Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, daß wir bereits
-hundertsiebenundsechzig Kilometer zurückgelegt haben; die Zeit
-zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde ein Kilometer. Und wir bewegten
-uns doch verhältnismäßig ziemlich schnell vorwärts ...
-
-Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf und wendeten uns nach
-Westen. In dem Glauben, daß wir uns auf dem _Sinus Medii_ befinden,
-wollten wir auf die Flachebene zwischen den Bergen _Sommering_ und
-_Schroter_ gelangen und von dort den _Sommering_ von Norden und Westen
-umkreisen. So beabsichtigten wir, uns dem Äquator zu nähern und an ihm
-entlang, direkt in der Richtung des Gebirgsringes _Gambart_ und des
-höheren, weiter gegen Westen auf dem Äquator liegenden _Landsberg_
-vorzudringen.
-
-Der Grund war ausnahmsweise gleichmäßig, fast ohne Spalten, so daß der
-Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung und Zuversicht erfüllten unsere
-Herzen; es war uns warm und leicht -- nur die Erinnerung an O'Tamor
-trübte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha strahlte vor
-Glück, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs neue Pläne zu schmieden.
-Der Weg schien uns nicht lang, die Mühe nicht allzu groß. Wir
-bewunderten die Wildheit der in ihrer Erstarrung großartigen Landschaft
-oder bemühten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte im voraus
-die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer warten. Varadol
-erinnerte uns an alle Forschungen und Beweise O'Tamors, nach denen die
-entgegengesetzte Seite des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben
-genügen und dabei interessant und über alle Beschreibung erhaben sein
-sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben Berge sind, die
-jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor uns erglänzen und
-außerdem noch frisches Grün und Wasser, lohnt es wohl der Mühe,
-dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer zurückzulegen, um diese
-Herrlichkeiten zu sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und
-Martha, wie gewöhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen rosige Pläne
-für das zukünftige Leben in diesem Paradies. Sogar Selena begann, als
-sie die munteren Stimmen hörte, fröhlich zu bellen und im ganzen Wagen
-mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen.
-
-So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen dreißig Kilometer
-zurückgelegt, als Varadol, der gerade an der Reihe war am Steuer zu
-stehen, den Wagen plötzlich anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher,
-stumpfer Steinwall, der sich von Süden nach Nordwesten erstreckte. Man
-hätte den Wall mit Leichtigkeit überwinden können, aber es handelte sich
-darum, die Richtung genau festzustellen, in der wir uns vorwärtsbewegen
-sollten. Im Nordwesten erhoben sich wild zerklüftete, mächtige Berge,
-die wir für die Gipfel des Kraters _Sommering_ hielten. Jener Krater,
-wie die Astronomen auf Erden diese runden Berge hier bezeichnen, erhebt
-sich zwar nur eintausendvierhundert Meter über der benachbarten Ebene,
-während diese Berge uns ungleich höher vorkamen, aber wir schrieben dies
-der leicht erklärlichen optischen Täuschung zu. Außerdem ist es aber
-auch möglich, daß wir mit unserem Projektil auf den südwestlichen Teil
-des _Sinus Medii_, auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem
-breiten Halbkreis des Zirkus des _Flammarion_ zu öffnet und jetzt zur
-Rechten den Krater _Mosting_, von der ansehnlichen Höhe von
-zweitausenddreihundert Metern, vor uns haben. Auf alle Fälle mußte jener
-Berg von Norden her umkreist werden, um nicht den ursprünglichen Plan zu
-ändern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen vorzunehmen
-zur Festlegung des Punktes, an dem wir uns befinden, aber da wir jetzt
-keine Minute verlieren wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die
-heißere Zeit, wo wir infolge der großen Glut würden Aufenthalt machen
-müssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden. Der Weg wurde
-immer schwieriger und führte allmählich in die Höhe; hie und da trafen
-wir Spalten an, denen wir ausweichen mußten, öfter ganze Felder von
-massivem Gestein, dem Gneis ähnlich, mit vielen losgelösten Felsstücken
-übersät. Wir bewegten uns immer langsamer und mit großer Mühe vorwärts.
-An einigen Stellen mußten wir, nachdem wir die Luftbehälter angelegt
-hatten, den Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden
-Felsblöcke fortzuräumen. Wir priesen dabei die geringe Anziehungskraft
-des Mondes, durch die es uns möglich war, derartige Felsstücke von der
-Stelle zu rücken. Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem
-erschien der andere Gefährte, wenn er die mächtigen Klumpen bewegte, wie
-ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas blieb im Wagen zurück, da
-er vom Fieber, das immer wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der
-Wunden aufgehört hatte, zu sehr geschwächt war.
-
-Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer weit von dem Punkte,
-von wo wir uns nach Norden gewandt hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner
-und überaus steiler Hügel, hinter denen sich phantastische Gipfel
-erhoben. Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die Höhe und aus dem
-mächtigen Wall, den er bildete, ragte eine scharfe Bergspitze hervor.
-Rechts, gegen Osten, erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge.
-
-Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der Sonne verflossen,
-als wir auf die glatte Fläche von massivem Gestein gelangten, auf der
-man sich schneller vorwärtsbewegen konnte. Hier beschlossen wir
-anzuhalten, um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung
-der Landschaft immer mehr.
-
-Wir waren bereits überzeugt, daß wir uns in einer anderen Gegend des
-Mondes als auf dem _Sinus Medii_ befanden. Man mußte demnach endlich
-genaue Messungen vornehmen.
-
-Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter stellte die
-astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt der Erdscheibe war vom
-Zenite 6° gegen Osten und 2° gegen Norden entfernt -- wir befanden uns
-also unter dem 6.° westlicher Mondlänge und dem 2.° südlicher Breite,
-das heißt, an der Grenze des _Sinus Medii_, neben dem Krater _Mosting_.
-Was diesen betrifft, so konnte kein Zweifel obwalten. Die Messungen
-waren ganz genau.
-
-Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu ändern. Als wir den
-Weg antreten wollten, rief Varadol plötzlich:
-
--- Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurückgelassen!
-
-In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, daß unsere Kanone, das
-einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern zu verständigen, mit
-dem Geschoß und der Kugel beim Grabe O'Tamors zurückgeblieben war. Sein
-Tod und Begräbnis hatten uns so verwirrt, daß wir beim Aufbrechen
-vergaßen, die für uns so wertvolle Kanone mitzunehmen. Das war ein
-unersetzlicher Verlust und um so empfindlicher, als nach der Zerstörung
-der telegraphischen Verbindung mit ihr der letzte Faden zerriß, der uns
-mit der Erde verband. Wir fühlten uns plötzlich so grenzenlos
-vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke wiederum um Hunderte
-von Kilometern von dem Globus entfernt hätten, der schon Hunderttausende
-von Kilometern hinter uns lag.
-
-Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone zu holen. Vor allem
-bestand Woodbell darauf, da er es für nötig hielt, uns mit der Erde zu
-verständigen, damit man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht
-aussende, bevor wir nicht mitteilen konnten, daß wir hier mögliche
-Lebensbedingungen gefunden haben.
-
-Wenn wir umkommen müssen, sagte er, warum sollen noch andere ihr Leben
-opfern. Ihr wißt doch, daß die Brüder Remogner zur Fahrt bereit sind.
-Sie erwarten Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat
-funktioniert nicht. Man muß sie zurückhalten, wenigstens noch für einige
-Zeit.
-
-Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren. Jede Stunde ist
-von höchstem Werte, da uns im Falle einer Fahrtverlängerung die
-Nahrungs- und Luftvorräte ausgehen können, wodurch wir zum sicheren Tode
-verurteilt wären. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O'Tamors zu
-lange aufhalten müssen und wer konnte dafür bürgen, daß wir die Stelle
-wiederfinden, wo die Kanone zurückblieb?
-
-Varadol bemühte sich, Tomas' Bedenken zu zerstreuen. Die Brüder
-Remogner, führte er an, werden den Weg doch nicht antreten, wenn sie
-keine Nachrichten von uns erhalten. Im übrigen weiß man nicht, ob die
-hinausgeschossene Kugel gerade auf eine Stelle der Erde fällt, wo sie
-jemand auffindet und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die
-Hände derjenigen, für die sie bestimmt ist.
-
-Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone, die lediglich
-für einen senkrechten Schuß konstruiert war, nur in der Nähe des
-Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen könnten, wo sich die Erde im
-Zenite über uns befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern
-Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses nicht und selbst
-wenn sie genügen würde, hätten wir keine Möglichkeit, die Kanone genau
-so aufzustellen, um sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie
-beschreibend, trotzdem ihr Ziel -- die Erde -- nicht verfehlt. So hätten
-wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen aufgehalten,
-wären alsdann aber nicht mehr imstande, durch einen zweiten Schuß neue
-Kameraden herbeizurufen, falls wir -- bis zur Grenze der von der Erde
-aus sichtbaren Mondscheibe gelangt -- dort günstige Lebensbedingungen
-antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier zu einer ewigen
-Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die Brüder Remogner trotz
-alledem hierher kommen, so würden sie vielleicht einen stärkeren
-telegraphischen Apparat mit sich führen und wir so durch sie eine
-dauernde Art der Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten.
-
-Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem Suchen der Kanone
-zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung setzten wir daher unsere Reise
-fort.
-
-Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen und wir hatten schon
-gegen hundertdreißig Kilometer hinter uns. Die Sonne stand bereits 28°
-über dem Horizont und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten
-dabei eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich die Wand des
-Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so erhitzte, daß sie geradezu
-brannte, war die der Sonne abgewandte Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der
-Kälte hatten wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines
-Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs antrafen. Der
-Grund für diese gewaltsamen Übergänge zwischen Wärme und Kälte ist das
-Fehlen der Atmosphäre, die auf der Erde zwar die direkte Kraft der
-Sonnenstrahlen vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese
-Wärme gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen
-derselben durch Ausstrahlen verhindert.
-
-Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend mit Nacht.
-Das Licht, das nicht in der Atmosphäre verbreitet ist, dringt nur an
-solche Orte, die den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht
-den Reflex der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht der Erde,
-müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten hineinfahren unsere
-elektrischen Lampen aufflammen lassen.
-
-Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und begannen uns nach
-Westen zu wenden, um den vermutlichen Krater _Mosting_ zu umkreisen, nur
-mit großer Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande
-vorwärtsdringend.
-
-Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften auf der
-Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen, die die Gipfel
-miteinander verbinden, üppige Täler, die durch das Wirken des Wassers im
-Laufe von Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur von
-alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und mit einer
-unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener Mulden mit
-vorspringenden Rändern angefüllt, oder auch mit glatten, vereinzelten
-Hügeln, oft von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen
-tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und aussehen,
-als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader Linie bis auf den
-Grund gespalten wären. Ich zweifle nicht daran, daß es sich hier um ein
-Bersten der erlöschenden und sich krümmenden Mondoberfläche handelt.
-
-Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung der auf der Erde
-so übermächtigen Erosion. Ich glaube auch, daß dieses Land niemals Luft
-und Wasser gehabt hat.
-
-Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins, das auf dem
-felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr dreißig Stunden später, als
-die Spannung der Hitze sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten
-wir die Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, dessen
-Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich war, als sich plötzlich
-vor unseren Augen ein Felsblock von einigen zehn Metern im Durchmesser
-vom Gipfel loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die
-Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu schaurigen
-Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten wir kein Geräusch; nur der
-Grund erbebte unter unserem Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte.
-Die Felsen, die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen
-Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während der furchtbaren
-Glut des Tages an der Seite, die den brennenden Strahlen ausgesetzt ist;
-die ungleichmäßige Verteilung von Hitze und Kälte muß das Zerspringen
-und Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt
-verursachen.
-
-Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die mächtigen Flächen
-übersäten, ziemlich unangenehm. Wir passierten Stellen, wo unser
-Fahrzeug sich vermittels der Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte.
-Dort ließen wir die »Tatzen« aus, die dem Wagen ermöglichten die größten
-Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges Tier. So
-kamen wir glücklich über die sich auftürmenden Steinmassen hinweg. Trotz
-der zahlreichen Versuche, die wir mit dem Wagen auf der Erde machten,
-hatten wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen,
-länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des Mondes und die
-damit verbundene Schwere nur um die Hälfte größer wäre, hätten wir in
-diesem Gestein, unfähig uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde
-gehen müssen.
-
-Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen,
-während dessen wir kaum zwanzig Kilometer weiter kamen. Die Hitze wird
-unerträglich. In der dumpfen, glühenden Luft des Wagens und durch die
-heftigen Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die Wunden,
-die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche davontrug,
-beginnen ihn wieder zu schmerzen. Ein Glück, daß wir drei wenigstens
-heil davongekommen sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem
-Gedanken an jene furchtbare Erschütterung!
-
-Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der am Projektil
-angebrachten Minen, die die Schnelle des Fallens verringern sollten,
-dann ein Druck auf den Knopf -- das schützende Stahlgerüst breitete sich
-aus und ... Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah
-nur noch, wie Martha sich aus der Hängematte herausbeugte und ihre
-Lippen auf Tomas' Mund preßte. O'Tamor rief: _Wir sind da!_ -- und ...
-ich verlor das Bewußtsein.
-
-Als ich die Augen öffnete, lag O'Tamor blutüberströmt am Boden, Woodbell
-ebenfalls schwerverwundet; Varadol und Martha waren ohnmächtig ... Aus
-den Trümmern des Stahlgerüstes haben wir dann das Kreuz auf dem Grabe
-O'Tamors errichtet.
-
-Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang an als wir vor
-Erschöpfung und Glut zusammenbrechend endlich bemerkten, daß wir uns dem
-Gipfel des Berges näherten, den wir mit so großer Mühe erkletterten.
-Während dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den vierten Teil des
-»Tages« auf dem Monde ausmachten, schliefen wir fast gar nicht und
-beschlossen nun eine Zeitlang zu rasten.
-
-Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe.
-
-Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens, der uns
-tatsächlich vorm lebendigen Verbraten durch die unerträglichen
-Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns alle schlafen. Nach zwei Stunden
-schon erwachte ich sehr gestärkt; die andern schliefen noch. Ich wollte
-sie nicht aufwecken, nahm meinen Luftbehälter und ging allein aus dem
-Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum hatte ich mich etwas aus
-dem Schatten begeben, glaubte ich mich in das Innere eines glühenden
-Hüttenwerkes versetzt. Das war keine Hitze mehr -- eine wahre
-Feuersbrunst ergoß sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Füße durch
-die dicken Sohlen des Luftbehälters. Ich mußte meine ganze Willenskraft
-zusammennehmen, um nicht in den Wagen zurückzukehren.
-
-Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei Berge aus
-massivem Gestein trennte und zwischen diesen in einer Art Einsattlung
-endete, die, soviel ich von der Stelle wo ich stand bemerken konnte, in
-eine hinter jenen Hügeln nach Süden laufende Ebene überging. Diese Hügel
-verhüllten mir die Aussicht nach Norden und Süden. Nur nach Osten war
-der Blick über den Weg frei, den wir gerade zurückgelegt hatten. Ich sah
-auf steinige Felder, voll von Mulden, Vorsprüngen, Spalten und Gipfeln
--- und traute meinen eigenen Augen kaum, daß wir mit unserem großen,
-schweren Wagen da hindurchkommen konnten.
-
-Auf der Erde, bei dem sechsmal größeren Gewichte, wäre das geradezu
-unmöglich gewesen.
-
-In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mich jemand berührte. Ich sah mich
-um; hinter mir stand Varadol und machte verzweifelte Zeichen. Er hatte,
-gleich mir, den Luftbehälter angelegt und den Wagen verlassen, da er
-aber das Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht
-verständigen. Ich sah nur, daß er blaß und furchtbar erregt war. Ich
-glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden und stürzte zum Wagen
-zurück. Er folgte mir.
-
-Kaum hatten wir uns der Luftbehälter entledigt, als Varadol mit vor
-Aufregung zitternder Stimme sagte:
-
--- Wecke die andern nicht auf und höre: es ist etwas Furchtbares
-geschehen, ich habe mich geirrt.
-
--- Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich
-handelte.
-
--- Wir sind nicht auf den _Sinus Medii_ gefallen.
-
--- Wo sind wir also?
-
--- Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung, die diesen Krater mit
-dem Mond-_Apennin_ verbindet.
-
-Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wußte aus den auf der Erde
-gemachten photographischen Aufnahmen der Mondoberfläche, daß der Grat,
-auf dem wir uns demnach befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen
-zu gelegene mächtige Fläche des _Mare Imbrium_ abfällt.
-
--- Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt.
-
--- Ruhig. Gott allein weiß es. Es ist meine Schuld. Wir sind auf dem
-_Sinus Aestuum_. Sieh ...
-
-Er schob mir eine Karte und einige Blätter zu, die mit Reihen von
-Ziffern beschrieben waren.
-
--- Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten Hoffnung Raum
-gebend.
-
--- Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die anderen
-Messungen waren ganz genau, ich vergaß nur, daß sich damals die Erde
-nicht im Zenite über dem Mittelpunkt der Mondscheibe befinden konnte. Du
-weißt doch, daß der Mond während der Drehung um die Achse kleinen
-Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt, wodurch die Erde
-nicht gänzlich unbeweglich am Himmel erscheint, sondern eine kleine
-Ellipse umschreibt. Ich habe nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom
-Zenit die Verbesserungen vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage nach
-die Mondlänge und -breite des Punktes, auf dem ich die Messungen machte,
-falsch bezeichnet. Jetzt können wir das alle mit dem Leben bezahlen!
-
--- Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen Körper bebte.
-Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten.
-
-Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der Messungen. Diesmal war
-jeder Zweifel ausgeschlossen. Nachdem die notwendige Verbesserung
-vorgenommen war, zeigte es sich, daß wir auf dem _Sinus Aestuum_ unter
-dem 7.° 35' westlicher Mondlänge und dem 13.° 8' nördlicher Mondbreite
-herabgefallen sind. Wir bewegten uns die ganze Zeit hindurch längs den
-steilen Bergen, zu Füßen des mächtigen _Eratosthenes_, vor uns den nicht
-großen, aber außerordentlich steilen Krater ohne Namen, der in dem hier
-schon beginnenden _Apennin_ eingeschlossen ist. Gegenwärtig befanden wir
-uns unter dem 11.° westlicher Mondlänge und dem 15.° 51' nördlicher
-Mondbreite.
-
-Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte. Nach dieser erhebt
-sich die Einsattelung, die wir einige hundert Schritte weit vor uns
-hatten, neunhundertzweiundsechzig Meter über dem _Mare Imbrium_.
-
-Es ist doch seltsam: während die Astronomen auf der Erde aus der
-Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern mit Leichtigkeit die Höhe
-eines jeden Mondberges berechnen, indem sie im Teleskop die Länge des
-Schattens, den er wirft, messen, mußten wir, die wir uns auf diesem
-Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte flüchten, um
-konstatieren zu können, wie hoch er sich erhebt. Der Mangel der
-Atmosphäre macht die barometrischen Messungen der Höhe unmöglich. Die
-Veränderung, die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf, daß das
-Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war. Auf der Höhe, auf welcher
-wir uns befanden war eine absolute Leere.
-
-Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war unmöglich ihnen die
-entsetzliche Situation zu verheimlichen, doch schienen unsere
-Eröffnungen keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Tomas runzelte
-die Stirn und biß die Lippen zusammen, während sich Martha, soweit ich
-aus ihrem Benehmen schließen konnte, keine klare Rechenschaft über das
-Grauen der Lage zu geben vermochte.
-
--- Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren sind, oder
-umkehren ...
-
-Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind! Mein Gott, es war
-doch nur ein reiner Zufall, daß wir den Weg gefunden haben, der uns
-hierher führte! Und umkehren? -- So viel vergebliche Mühen und verlorene
-Stunden? ...
-
-Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben um zu sehen,
-ob wir uns nicht auf die Ebene _Mare Imbrium_ herablassen könnten. Nach
-einigen Minuten befand sich unser Wagen an dem Abgrund!
-
-Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren. Der Felsen brach zu
-unseren Füßen fast senkrecht ab und dort unten, tausend Meter tiefer,
-erstreckte sich, soweit das Auge reichte, die Ebene _Mare Imbrium_, von
-einigen zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der
-Luftperspektive brachte es mit sich, daß auch die ziemlich entfernt
-liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich mit ihrem märchenhaft
-schimmernden Weiß vom schwarzen Hintergrund des sternenbesäten Himmels
-abhoben. Ein wahrhaft bezaubernder Anblick, über den wir für einen
-Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaßen.
-
-Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermeßlichen Fläche, wie
-eine Insel im Meere, der majestätische Krater _Timocharis_, vierhundert
-Kilometer von uns entfernt und gegen siebentausend Fuß hoch.
-
-Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen Berge infolge der
-unklaren Luft eine blaßbläuliche Farbe an; hier erschien jener Gipfel,
-in der Sonne erglänzend, wie ein weiß erglühter Stahl, mit großen
-schwarzen Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer
-Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man ebenfalls deutlich am
-Himmel die Zacken des Kraters _Lambert_, der kleiner und weiter entfernt
-war. Im Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere
-Höhenzüge und Felsen, sich mit der uns viel näher liegenden Kette der
-Mond-_Karpaten_ vereinigend, die das _Mare Imbrium_ von Süden her
-einschließen.
-
-Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres Sehwinkels
-erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Südwesten her die auf
-kleineren Hügeln gestützten mächtigen Gipfel des _Kopernikus_, eines der
-größten Berge auf dem Monde. Wenn ich sagte, daß der _Timocharis_ wie
-glühender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis mehr zur
-Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus der Entfernung von
-Hunderten von Kilometern von jenem riesenhaften Felsenringe her ergoß,
-der einen Durchmesser von neunzig Kilometern hat!
-
-Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des breiten Zirkus des
-_Archimedes_. Der Blick nach Osten und Süden war uns verschlossen -- von
-der einen Seite durch die Kette des Mond-_Apennins_, von der andern
-durch den _Eratosthenes_, der durch den Paß, auf dem wir gerade stehen,
-mit dem _Apennin_ verbunden ist.
-
-Und in diesem Rahmen das _Regenmeer_. Wie ironisch erschien uns diese
-Bezeichnung, die von den alten Astronomen auf der Erde erdacht wurde!
-Eine entsetzliche Wüste, kalt und grau, hie und da durch große Spalten
-zerrissen, die, zu länglichen Garben gedehnt, sich vom _Timocharis_ zum
-_Eratosthenes_ erstrecken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur am Fuße der
-mächtigen, weit entfernten Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte,
-kostbaren Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbläuliche Adern
-von Felsschichten.
-
-Wir starrten schweigend vor uns hin und wußten nicht, welchen Weg wir
-wählen sollten. Wenn wir die Fläche des _Regenmeeres_ erreichten, hätten
-wir eine Strecke vor uns, auf der wir uns schnell vorwärtsbewegen
-könnten; aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir dorthin
-gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen, senkrechten Wand
-hinablassen?
-
-Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fuß nach Süden, in der Hoffnung, daß
-es uns vielleicht gelingen könnte, abseits vom Krater des _Eratosthenes_
-einen Weg zu finden. Wir schritten auf der schmalen Fläche, die zwischen
-den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem _Mare Imbrium_ zu
-öffnete. An der einen Stelle war der Durchgang so eng, daß wir schon
-umkehren wollten, weil es uns unmöglich schien hier mit dem Wagen
-durchzukommen. Zum Glück erinnerte uns Martha, die uns begleitete, daß
-wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit denen sich die nicht große, uns
-den Weg versperrende Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen ließe. Wir
-passierten sie daher, über den schwindelnden Abgrund schlüpfend, und
-gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der breiter und flacher
-wurde, langsam nach oben. Wir gingen immer nach Süden zu. Rechts und
-links starrten die Riesengipfel des Ringes des _Eratosthenes_.
-
-Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden wir durch einen
-neuen Abgrund aufgehalten, der sich so unerwartet vor uns auftat, daß
-Peter, der voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurückprallte. In
-der Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl das
-Furchtbarste, was man sich vorstellen kann.
-
-Immer in südlicher Richtung vorwärtsdringend, gelangten wir, ohne zu
-wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon am Rande des _Eratosthenes_
-lag. Zur Rechten und zur Linken türmten sich zerrissene Gipfel, von
-denen der eine weißschimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, während sich
-der andere im Schatten in tiefes Schwarz hüllte. Und vor uns ... Nein,
-wer vermag das zu beschreiben! -- Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare,
-bodenlose Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser
-Majestät des Schreckens und der Starrheit, daß mich noch jetzt Schauer
-der Angst schütteln, wenn ich daran zurückdenke!
-
-Wir sahen in das Innere des Kraters des _Eratosthenes_.
-
-Ein mächtiger Bergwall, wie eine Säge mit Zacken besetzt, bildete einen
-geschlossenen Kreis von einigen zehn Kilometern im Durchmesser und auf
-diese Weise eine Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das
-menschliche Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter über den
-Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend, fielen fast senkrecht in
-seltsamen Windungen ab, als wenn sich Steinkaskaden in wilden Sprüngen
-herabwälzten. Die Mulde, die im Verhältnis zu der Oberfläche des durch
-den Wall abgetrennten _Mare Imbrium_ zweitausend Meter tiefer lag,
-erschien uns noch unergründlicher durch die mächtigen sich daneben
-auftürmenden Berge und die dichten Schatten, die sie gespensterhaft
-einhüllten. Aus ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte
-kegelförmige Gipfel, die beinahe die halbe Höhe des benachbarten Walls
-erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster auf sie herab. Kleine,
-dunkelgraue Rauchwolken stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich
-infolge der fehlenden Atmosphäre sofort wieder, um sich am Fuße der
-Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel, daß wir hier noch
-nicht erloschene Vulkane vor uns hatten.
-
-Die grellen Gegensätze von Licht und Schatten vergrößerten noch das
-Gefühl des Grauens. Der ganze östliche Rand des Innern war in
-geheimnisvolle Dämmerung gehüllt, die mit dem schwarzen Himmel
-zusammenzufließen schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der
-Sonne wie eine weiße, von dunklen Bergrinnen zerrissene und mit
-unzähligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintürmen, die
-auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke leuchteten. Nach Süden
-zu erschien der Wall durch die Entfernung niedriger und erweckte den
-Eindruck, das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein. Zu
-unseren Füßen -- ein schwindelnder Abgrund.
-
-Und über all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am schwarzen Himmel die
-feurige, strahlenlose Sonne, immer näher der Erde, die, in starrem
-Glanze schimmernd, zu einer schmalen, scharfen Sichel gekrümmt, über
-diesem Tal schwebte wie ein Zeichen des Todes.
-
-Unwillkürlich dröhnten mir die Worte Dantes in den Ohren:
-
- Vero é che in su la proda mi trovai
- della valle d'abisso dolorosa ....
-
-Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung, Glut und
-Entsetzen geschwächten Gehirne Visionen der Danteschen Hölle auf, die
-nicht furchtbarer sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der am
-Boden des mächtigen Kessels sich wälzende Rauch schien mir der
-Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich im Wirbel um Luzifers
-mächtige Gestalt drehten, dessen Formen einer der Vulkankegel in meinen
-Augen annahm ... Geister -- Geister -- eine entsetzliche Prozession der
-Verfluchten! Sie ziehen dahin, fließen in mächtigen Fluten über die
-felsigen Abhänge der Untiefe, gleiten in den Abgrund, wälzen -- drängen
-sich. Einige wollen sich erheben, auf -- auf -- zur Sonne -- sie reißen
-sich vom Boden los und stürzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen
-auf dieselbe Stelle, -- hinab -- hinab zur ewigen Verdammnis ...
-
-Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden, schaudervollen
-Stille ab ...
-
-Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fühlte, daß ich einer
-Ohnmacht nahe war.
-
-Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, daß ich im ersten Augenblick
-wirklich glaubte das Jammern der Verfluchten zu hören. Aber diesmal war
-es keine Vision. Es war wirkliches, herzzerreißendes Weinen, das durch
-das Rohr, das die Köpfe unserer Luftbehälter verband, zu mir drang.
-
-Ich erwachte aus meiner Betäubung und blickte um mich. Woodbell stand da
-wie versteinert, den Rücken an den Felsen gelehnt, blaß, mit gesenktem
-Haupte. Varadol glich in seinen Bewegungen einem gefesselten wilden
-Tiere; er stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und die
-Länge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten um, als wenn er
-zwischen diesen Steinmassen einen Weg und Ausgang suchte. Martha kniete
-am Boden, von einem Schluchzen, das durch die höchste Erregung der
-Nerven hervorgerufen wurde, geschüttelt.
-
-Ein grenzenloses Erbarmen erfaßte mich. Ich näherte mich ihr und legte
-langsam den Arm um ihre Schultern. Da begann sie wie ein Kind zu klagen
-und rief, wie in jener denkwürdigen langen Nacht vor dem Tode O'Tamors:
-
--- Auf die Erde! Auf die Erde!
-
-In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschütternde Verzweiflung, daß
-ich kein Wort finden konnte, sie zu trösten. Wie sollte ich das auch
-anfangen? Unsere Situation war tatsächlich eine verzweifelte. Ich wandte
-mich zu Varadol:
-
--- Was soll jetzt werden?
-
-Peter zuckte die Achseln.
-
--- Ich weiß, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmöglich, hier
-herunterzukommen.
-
--- Und wenn wir umkehrten? warf ich ein.
-
--- O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha.
-
-Varadol schien ihr Weinen nicht zu hören. Er sah eine Zeitlang vor sich
-hin, dann antwortete er, sich zu mir wendend:
-
--- Umkehren ... Höchstens um auf einem andern Wege auf dasselbe
-Hindernis zu stoßen, nachdem wir schon so viel kostbare Zeit verloren
-haben. Sieh!
-
-Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte über die
-unabsehbare Fläche des _Mare Imbrium_.
-
--- Wenn wir dorthin gelangen könnten, sagte er, würden wir einen
-verhältnismäßig ebenen Weg vor uns haben, aber wie wäre das zu
-ermöglichen ... Höchstens wenn wir uns kopfüber ...
-
-Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung. Das _Regenmeer_,
-glatt und eben, von der Sonne beleuchtet, erschien mir als ein Paradies,
-im Vergleich mit dem furchtbaren Innern des _Eratosthenes_. Es begann
-fast dicht unter unseren Füßen, scheinbar so nahe, daß ein Sprung
-genügen würde, es zu erreichen. Doch trennte uns ein senkrecht
-abstürzender, tausend Meter hoher Felsen von dieser Ebene.
-
-Wir drängten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher
-Sehnsucht hinunter. Wir fühlten weder Ermattung, noch die brennenden
-Strahlen der Sonne, die bereits hinter der Felsengrenze über uns
-aufging.
-
-Nach einer Weile wiederholte Peter:
-
--- Dorthin werden wir nicht gelangen ...
-
-Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fähig war sich zu
-beherrschen, antwortete ihm.
-
--- Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend, oder ich werfe
-dich von hier hinab! Wir haben genug Sorgen!
-
-Da trat plötzlich Tomas hervor.
-
--- Sei still -- und du weine nicht; wir werden auf das _Mare Imbrium_
-hinüberkommen, -- holen wir den Wagen.
-
-Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen Worten, daß
-wir seine Weisung sofort ausführen wollten und nicht wagten uns zu
-widersetzen oder auch nur zu fragen.
-
-Woodbell hielt uns noch zurück.
-
--- Seht, sagte er, auf die äußeren, dem _Regenmeere_ zugewandten Abhänge
-des _Eratosthenes_ zeigend, seht ihr diese Kante dort, die fünfzig Meter
-tiefer am Fuße der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen kann, senkt
-sie sich ziemlich sanft bis zur Fläche; da werden wir hinunterfahren
-können ...
-
--- Aber diese Wand ... flüsterte ich, unwillkürlich auf den senkrecht
-herabstürzenden Felsen blickend, der uns von dem ziemlich breiten Grat
-der Kante trennte.
-
--- Unsinn, wir sind doch geübt im Erklettern der Felsen! Wir werden sie
-seitlich leicht umgehen können.
-
--- Und der Wagen? ...
-
--- Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem wir ihn an Seilen
-festgebunden haben. Vergeßt nicht, daß wir auf dem Monde sind, wo alles
-sechsmal leichter ist und das Herabfallen aus einer Höhe von fünfzig
-Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall von acht!
-
-Tomas' Rat wurde also befolgt.
-
-Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen wir den steilen Abhang
-des _Eratosthenes_ hinabzufahren, um zum _Mare Imbrium_ zu gelangen.
-Fast drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in die Ebene, die
-dicht zu unsern Füßen lag. Den größten Teil des Weges legten wir zu Fuß
-zurück, von unbarmherzigen, immer senkrechter auf uns niederbrennenden
-Sonnenstrahlen gequält, vor Ermattung und Erschöpfung fast umsinkend.
-Den Wagen mußten wir aus einer Höhe von zirka fünfzig Metern
-herablassen; er blieb unbeschädigt. Aber die Hunde, die wir einschließen
-mußten, waren, trotz unserer größten Vorsicht, schrecklich zerschlagen
-und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die Hoffnung
-aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen. Die Kante war kein so
-erträglicher Weg, wie uns dies von oben aus der Ferne geschienen. Durch
-Zerklüftungen und Vorsprünge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren
-oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war, weil wir überall den
-Wagen hinter uns herschleppen oder an Seilen herablassen mußten. Oft
-packte uns die Verzweiflung. Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das
-Fieber und die Wunden geschwächt, am meisten Geistesgegenwart und
-Willensstärke. Wenn wir leben und leben werden, so haben wir es ihm zu
-verdanken.
-
-Ich weiß nicht, ob wir während dieser drei Tage mehr geschlafen haben
-als zwölf Stunden, jedesmal eine leidlich schattige Stelle
-heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Manchmal nahm
-die mörderische Glut uns gänzlich das Bewußtsein.
-
-Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht über uns, neben
-der verblaßten Erdkugel, die mit einem blutroten Reifen
-lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben war, als wir, bis zum äußersten
-erschöpft, endlich auf der Ebene anlangten.
-
-Die Glut war so groß, daß sie uns den Atem nahm; in den Schläfen klopfte
-und hämmerte es zum Zerspringen. Sogar der Schatten gab keinen Schutz
-mehr! Die glühenden Felsen flammten überall wie im Feuer, wie der Rachen
-eines Hüttenofens.
-
-Selena keuchte mit heraushängender Zunge, die Jungen winselten und lagen
-bewegungslos in der Wagenecke. Wir wurden, einer nach dem andern,
-ohnmächtig und glaubten, daß uns der Tod am Eingang der so ersehnten
-Ebene ereilen müsse. Nur vor der Sonne fliehen -- aber wohin?
-
-Da erinnerte uns Martha daran, daß wir beim Abstieg vom Berge eine tiefe
-Spalte sahen, die jetzt scheinbar durch die Ungleichmäßigkeit des
-Grundes vor uns verdeckt war. Wir fuhren daher in der bezeichneten
-Richtung und fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie ein
-Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heißt eine Schlucht, durch das
-Bersten der Mondschale gebildet, tausend Meter tief und einige hundert
-breit, im übrigen den Schluchten auf der Erde in keiner Weise ähnlich.
-
-Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen können, einige zehn
-Kilometer parallel der _Apenninkette_ hin. Auf den Mondkarten ist sie
-nicht angegeben; wahrscheinlich entging sie den Astronomen infolge des
-Schattens, in den sie immer gehüllt sein muß, da sie in der Nähe hoher
-Berge liegt.
-
-Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren schnell in ihre Tiefe
-hinab, tausend Meter unter der Oberfläche des _Mare Imbrium_ und fanden
-dort erst ein wenig Kühle ....
-
-Der Schlaf hat uns gestärkt und erquickt. Nur Tomas, den bis jetzt eine
-eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert wieder. Er ist so
-geschwächt, daß er sich nicht rühren kann. Trotzdem werden wir in zirka
-zwanzig Stunden weiterfahren. Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach
-Westen zu neigen. Dort auf der Ebene muß die Glut immer noch entsetzlich
-sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor einigen Stunden. Übrigens
-können wir sie nach der Rast leichter ertragen.
-
-Nach langer Überlegung änderten wir den Plan der Fahrt. Statt nach
-Westen werden wir uns nach Norden wenden, zum Pol des Mondes. Wir
-gewinnen dabei zweifach. Vor allem haben wir tausend Kilometer guten,
-glatten Weg durch die Ebene _Mare Imbrium_ vor uns, was die Fahrt
-bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir, uns dem Pole nähernd, in
-eine Gegend, wo die Sonne am Tage nicht so hoch über dem Horizonte
-steht, dahingegen in der Nacht tief unter den Horizont fällt; wir hoffen
-dort also eine erträglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher
-Mittag wie heute -- und unser Tod wäre unabwendbar.
-
- Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden
- nach Sonnenaufgang.
-
-Der Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden wird die Sonne
-untergehen, die jetzt über den fernen, runden Hügeln im Westen steht, --
-kaum einige Fuß über dem Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains,
-jeder Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche Schatten,
-die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden, in einer Richtung
-zerschneiden. Soweit das Auge reicht, nichts als eine endlose, tote
-Wüste, von Süden nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene
-schwarzen Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte starren
-die höchsten Bergspitzen, die wir vom _Eratosthenes_ aus gesehen haben
-und deren Fuß jetzt durch die Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt
-ist.
-
-In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen, neigt sich die gläserne
-Erde über uns vom Zenit nach Süden. Sie nähert sich bereits dem ersten
-Viertel und leuchtet hell -- wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der
-schwächer werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr
-gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei
-Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, stärkere, gelb
-und das andere blaßbläulich erscheint. Diese ganze Welt ist zur Hälfte
-grellgelb und zur Hälfte graublau. Wenn ich nach Osten sehe, färben sich
-die Wüste und die weit entfernten Gipfel des Mond-_Apennins_ gelb; von
-Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in Dämmerung
-gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste immer dieser schwarzsamtene
-Himmel, mit verschiedenfarbigen, funkelnden Steinen, mit wundervollem
-Staub vom feinsten goldenen Sand übersät ...
-
-Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt, den
-einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung und Abendröte geblieben
-ist ... Ihr voran geht die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede
-Spalte, in jeden Schatten und wartet geduldig, -- früh wird die Sonne
-vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft
-überlassend ...
-
-Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir nicht einmal die
-Gegenwart dieses Kameraden, aber im Schatten erfaßt unsere durchwärmten
-Glieder bereits ein leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht
-...
-
-In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so dumpf und uns allen
-ist etwas leichter und froher zumute. Varadol schmiedet hoffnungsvoll
-wieder Pläne oder spielt mit der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist
-bedeutend wohler; er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit
-Martha. Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. Vor
-allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie lacht so seltsam.
-Ihre Lippen nehmen eine Form an, als wenn sie die Luft küßten. Ihre
-Augen sind voll von diesem Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter,
-schneller Bewegung hebt und senkt. Während der Glut des Tages war ihre
-Brust entblößt; sogar für sie, die die indische Sonne braun gebrannt
-hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt hüllt sie sich bis zum Halse ein
-... Es ist unsinnig, daß ich so viel an diese Frau denke, -- aber sie
-ist ja überall. Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt
-hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar Varadol! Er
-spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß er sie verstohlen anblickt.
-Mich ärgert das. Warum bemerkt es Tomas nicht? Und übrigens -- was geht
-es mich an?
-
-Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen fährt ununterbrochen.
-Wir schlafen abwechselnd; jetzt will ich weiterschreiben. Wir blieben
-etwas stehen, die Akkumulatoren unseres Elektromotors zu füllen. Um
-Brennmaterial, das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen
-werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit Hilfe der sich
-ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. Die Akkumulatoren mußten
-wir füllen, weil die Batterien allein bei der schnellen Fahrt nicht
-genügen.
-
-Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain irgend zuläßt.
-Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens erlaubten uns nicht, nachdem wir
-die »_Spalte der Erlösung_« verließen, uns sofort nach Norden zu wenden.
-(Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem _Eratosthenes_ mit diesem
-Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich vom Tode erlöste.) Unter
-dem 12.° westlicher Länge stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die
-wie Strahlen vom Berge des _Kopernikus_, auf Hunderte von Kilometern im
-Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man sogar durch schwächere
-Teleskope von der Erde aus sehen kann, setzten die Astronomen immer in
-Staunen. Wie wir uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige
-Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen Felsengesteins.
-Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen Bildungen nicht erklären ...
-Überhaupt ist hier so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir
-fast mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden, auf der
-wir uns befinden, -- wie die Ringberge, von manchmal Hunderten von
-Kilometern im Durchmesser und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies
-keine erloschenen Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde
-behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des _Eratosthenes_
-und bemerkten dort vulkanische Kegel, die sich in nichts von den
-Erd-Vulkanen unterschieden; aber dieser mächtige Ring selbst war niemals
-ein Krater! Dagegen spricht -- abgesehen von seinen riesigen Dimensionen
--- sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall gebildet ist, wie die
-Einsenkung des Bodens, der unter der Oberfläche der ihn umgebenden
-Ebenen liegt und viele andere Dinge, die bestätigt zu finden wir
-Gelegenheit hatten.
-
-Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen, im Geiste zu jenen
-grauen Zeiten zurückkehren, da der Mond noch eine flüssige,
-glühende Kugel war, die erst auf der Oberfläche in dem kalten,
-interplanetarischen Weltenraum zu erlöschen begann. Da haben diese
-ungeheuerlichen, die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden
-Explosionen von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen und
-während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine noch nachgiebige
-Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen riesige Blasen. Die Blasen
-erloschen beim Zerplatzen, ehe sie ganz auf die sie umgebende Ebene
-herabflossen und diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne
-ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; vulkanische
-Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige Krater und so sind sie
-heute -- durch das auf der Erde alles nivellierende Wasser nicht
-vernichtet -- Zeugen der Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten
-und die feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material in dem
-mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind.
-
-So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen, ähnlich wie sie
-entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, und diese ganze mich
-umgebende Landschaft zu mir, daß es mir manchmal scheinen will, die von
-der Sonne grellgelb gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende,
-flüssige und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die ganze
-Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen und beugen und
-wachsen und sich bäumen und unter dem Drange der inneren Gase zu dem
-schwarzen Himmel mit der ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu
-mächtigen Ringbergen erstarrt ist.
-
-Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit jenen Zeiten
-dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend krümmend, erloschen
-und zersprungen; irgendwelche geheimnisvolle Feuerkräfte brannten
-riesige Strahlenstreifen vergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo
-einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend, rasend tobten,
-herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so furchtbar und beklemmend,
-daß uns in dieser Umgebung das eigene Leben beschämt und wunder nimmt
-...
-
-Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf dem hellen
-Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas geschmolzenen Gesteins
-gebildet wurde, die vom _Kopernikus_ ausging. Sie dient uns als
-bequemer, gleichmäßiger Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns sehr
-gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen dem _Archimedes_ und
-_Timocharis_, die wir durchqueren müssen, führen wird. Den _Archimedes_
-sieht man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr. Kleine,
-steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich, verdecken ihn in
-dieser Richtung. Wahrscheinlich jene Gruppe der »Krater«, die sich unter
-dem 11.° westlicher Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir
-hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann nach Norden,
-immer nach Norden, nur fort aus dieser furchtbaren Zone, wo sich, --
-neben der schlimmen Vorbedeutung der Erdsichel direkt über unseren
-Köpfen, -- die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am Zenite
-bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, goldene Erden-Sonne,
--- diese träge, weiße, strahlenlose Kugel! Das ist irgendein Gott, ein
-höllischer und höhnender, ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und
-wir vier -- wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er es in
-dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen ihm entfliehen, ehe er
-zum zweitenmal aus diesem schwarzen, edelsteindurchwirkten Firmament
-hervorbricht ...
-
-Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu, daß jetzt die Reihe
-an mir ist, am Steuer des Wagens zu stehen. Die andern schlafen schon.
-Martha, wie gewöhnlich aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf der
-Brust dieses -- unter uns einzigen glücklichen Menschen.
-
- Den ersten Mondtag, vier Stunden nach
- Sonnenuntergang auf Mare
- Imbrium, 10° westlicher Länge,
- 20° 28' nördlicher Mondbreite.
-
-Schon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, für die die Erdentage
-kleinere Teilchen sind als die Stunden für die ganze Erdennacht. Wie
-eine große, helle Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde
-über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre Scheibe können wir
-leicht die Zeit bestimmen. Sie war bei Sonnenuntergang im ersten
-Viertel, um Mitternacht wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein
-bei Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser Himmelsuhr
-spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang in den Schatten
-können wir die Stunden erkennen, die die Minuten für unsere
-siebenhundertneunstündige Zeit sind.
-
-Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß wir das Gefühl
-hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad in ein Bassin mit Eiswasser
-gesprungen wären, doch wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung
-bereitet: Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt dessen
-sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames Leuchten, das mit dem
-Glanz der Erde rang und unseren Dämmerungen ähnlich war.
-
-Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer weit gefahren
-waren, nahm gerade sein Ende, als wir den Schatten der kleinen Krater,
-von denen ich vorher gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns,
-jetzt direkt nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis,
-als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet, sondern im
-Gegenteil hell und leuchtend war wie am Tage, langsam unter den Horizont
-zu sinken begann. Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht
-nach dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn Tagen
-wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander am westlichen Fenster
-unseres Wagens. Martha erhob ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne
-und begann mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu sprechen,
-mit denen die Fakire auf der Erde von dem Gotte des Lichtes Abschied
-nehmen.
-
-Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen Sätzen aus den
-heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten gedenkend, die er in
-Travancore verbracht hatte, wo er so oft die flammende Sonne in den
-uferlosen Ozean tauchen sah.
-
-Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, schien am
-Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr Glanz bespiegelte die
-ausgestreckten Arme des Mädchens und flackerte auf ihren weißen Zähnen,
-die zwischen den sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich
-des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander sprechen müssen
--- dieses Mädchen und diese Sonne.
-
-Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der Sonnenscheibe
-sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich unter diesem hellen
-Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein Tintenmeer verwandelt. Hier und
-da nur schimmerten glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde
-wiedergaben. Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und stand, in die
-Wüste starrend, den Kopf an Tomas' Schulter gelehnt.
-
-Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar Peter, der am
-wenigsten zur Rührung neigte, blickte finster vor sich hin und bewegte
-die Lippen, als wenn er leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte.
-
-Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist mein Leben auf der
-Erde dahingeflogen. Ein seltsamer Reigen von Erinnerungen zog an meinem
-inneren Auge vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den
-finsteren Gipfeln der Tatra -- und alles war von einer unabsehbaren
-Menge teurer -- für ewig verlorener Menschen bevölkert ... für ewig! ...
-
-Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine
-feurige Zungen noch eine Zeitlang über dem Horizont, endlich
-verschwanden auch sie -- und in der über die Wüste hereinbrechenden
-Dämmerung geschah etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich
-aneinanderdrängten, als wenn wir uns vor etwas schützen wollten, das
-sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nämlich,
-als der letzte Sonnenstrahl verschwand, schoß im Westen eine lichte
-Säule empor, die wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen
-Fontäne schillernden Staubes ähnelte.
-
-Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der
-Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese
-glühende Säule, die leicht nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen
-Sternen besät war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten,
-umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht
-zurück.
-
-Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über uns und die Sterne,
--- die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel -- nicht
-flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der
-Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so
-staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, obwohl sie doch
-während des ganzen Mondtages über uns glitzerten.
-
-Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein die Reise ohne
-Unterbrechung fortsetzen können. Das ist für uns ein sehr günstiger
-Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und während der Nacht
-so weit nach Norden vordringen können, daß wir den senkrechten
-Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur
-der Gedanke an die nächtliche Kälte, die uns schon zu schütteln beginnt,
-erfaßt uns mit Grauen.
-
-Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu vielen Abbiegungen und
-Umwegen veranlaßt, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir
-eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie könnten
-wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei dem schwachen Licht der
-Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen,
-da wir mit dem Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser
-seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des Wagens die Lage der
-Nadel.
-
- Auf Mare Imbrium, 7° 45' westlicher Länge 24° 1'
- nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten
- Mondtages.
-
-Mitternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe vergessen, wie die
-Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns über ihre Glut
-beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang
-verflossen, sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, daß wir das
-Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten uns einfrieren. Unsere Öfen
-arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern
-vor Kälte.
-
-Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rücken
-und gleichzeitig fühle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und
-erstarrt. Die Hunde drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns
-aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem
-merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns daran schuld wäre, daß die
-Sonne hier dreihundertvierundfünfzig und eine halbe Stunde lang nicht
-leuchtet und wärmt ...
-
-Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von der Reise nach
-Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, daß ich nicht fähig bin
-auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrücken ... Mein Gehirn ist
-eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend
-durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden.
-Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich mit offenen Augen schlafe. Ich
-sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen -- und ich weiß nicht,
-was das bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme,
-weshalb ...
-
-Ja -- weshalb ...
-
-Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern, aber ich kann nicht.
-Es muß eine Ursache gewesen sein, daß ich mit diesen Menschen die Erde
-verlassen habe ... Ich erinnere mich nicht -- das Denken erschöpft mich.
-
-Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen des Motors nicht,
-ich muß hingehen und nachsehen, was geschehen ist; aber ich weiß, daß
-weder ich noch sie -- daß niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen
-entfernen. Eine wahnsinnige Kälte!
-
-Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde hell beleuchtet
-sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil wir zwischen Felsen gerieten
-...
-
-Das ist alles seltsam und gleichgültig ...
-
-Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? Ich bin sehr
-müde und ich weiß, daß ich erfrieren und nicht mehr aufwachen werde,
-wenn ich einschlafe ... Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein
-kommen ...
-
-Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht auf dem _Sinus
-Aestuum_ nicht so furchtbar war. Scheinbar erstrecken sich unter jener
-Fläche vulkanische Adern, die den Boden etwas erwärmen.
-
-Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das bedeutet sterben
-...
-
-Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten -- in stets
-stärkerem Lichte der zunehmenden Erde und in immer zunehmender Kälte.
-Unter dem 9.° westlicher Länge und dem 21.° nördlicher Breite
-durchdrangen wir die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg
-versperrten. Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten
-wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die sich um den Ring
-des _Archimedes_ ausdehnen, in der Hoffnung, daß wir hier irgendeinen
-tätigen Krater finden und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze
-dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. Wir fuhren
-in die Mitte des Halbmondes hinein, der von den amphitheatralisch sich
-erhebenden Felsen gebildet wird. Varadol machte astronomische Messungen,
-um die Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen geht hervor,
-daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten gewöhnlich mit dem
-Buchstaben ^E^ bezeichnet wird und unter dem 7.° 45' westlicher Länge,
-24.° 1' nördlicher Mondbreite liegt.
-
-Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden und nicht schlafen.
-Nur nicht schlafen, das wäre der Tod! Dieser Tod muß hier irgendwo in
-der Nähe sein. Dort auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend
-malen, denn das ist sein Königreich ...
-
-Weshalb stehen wir? Ach -- richtig! Es ist alles einerlei!
-
-Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich? Aha! Diese Berge ... Das
-seltsame Amphitheater, zirka vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet.
-Über ihm hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im Norden,
-direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert Meter hoch. Das
-alles sieht so furchtbar aus. Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer --
-für Skelette von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich
-diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen Skeletten
-anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten und die Plätze
-der Zuschauer einnehmen. Die Riesenschädel derjenigen, die am höchsten
-Platz genommen haben, würden am Hintergrunde des schwarzen,
-sternenbesäten Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich das alles
-sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und sprechen so zueinander:
-»Welche Stunde ist es? Es ist bereits Mitternacht; die Erde, unsere
-große, lichte Uhr, steht schon voll am Himmel -- es ist Zeit, zu
-beginnen.« Und dann zu uns: »Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; wir
-sehen zu« ...
-
-Schauer schütteln mich ...
-
- Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte
- delta, 7° 36' westlicher
- Länge, 26° nördlicher Mondbreite.
- Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.
-
-Es ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, ohne jegliche
-Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das seit sechzig Stunden; Zeit genug,
-sich mit dem Gedanken zu befreunden. Und dennoch -- dieser Tod ...
-
-Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß sich mit dem aussöhnen,
-was unabwendbar ist. Übrigens ist es für uns doch nichts Unerwartetes.
-Als wir diese Reise antraten -- noch dort auf der Erde -- wußten wir,
-daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser Tod nicht
-plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz, warum hat er sich vor uns
-gezeigt und nähert sich so langsam, daß man jeden seiner Schritte
-berechnen kann, -- daß wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand
-an der Gurgel packen und würgen wird ...
-
-Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat an verdichteter Luft
-wird uns bei höchster Sparsamkeit noch für kaum dreihundert Stunden
-ausreichen. Und dann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf
-vorbereiten, was dann sein wird ... Im Verlauf dieser Frist wird sich
-der letzte Behälter der verdichteten Luft ausleeren, der einzige, der
-uns noch geblieben ist. Nach dreihundert Stunden ... Das wird gerade der
-Mondmittag sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. Es wird hell
-und warm sein -- sogar heiß, vielleicht zu heiß. Einige Zeit hindurch --
-mehrere Stunden -- wird noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir
-langsam eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen des
-Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die mit Sauerstoff, der uns
-schon fehlt, nicht erfrischt worden ist, wird mit der von uns
-ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt sein. Jetzt beseitigen wir sie
-künstlich, aber wozu soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen
-Sauerstoff mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann
-beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein Blutandrang, --
-eine Schwere, -- dumpfe Luft -- Schlafsucht ... Ja, Schlafsucht,
-unüberwindbare Schlafsucht. Wir werden uns niederlegen und den Tod
-erwarten. Martha wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich
-herausbeugen und ihren Kopf an Tomas' Brust lehnen, wie gewöhnlich ...
-Dann beginnen wir zu träumen ... Erde, heimatliche Länder, Wiesen, Luft
--- oh! Luft -- viel, viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer!
-Und im Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; es
-scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die Rippen, würgt an
-der Gurgel, schnürt das Herz zusammen. Eine wütende Angst erfaßt uns.
-Man möchte sie abschütteln, aufstehen, fliehen ... Endlich enden die
-Träume. Auf dem Monde, inmitten der mächtigen Fläche _Mare Imbrium_,
-werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen sein.
-
-Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine frische Luft mehr
-haben werden, öffnen wir die Tür des Wagens -- sperrangelweit. Eine
-Sekunde -- und wir werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus
-dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen; einige krampfartige,
-verzweifelte Bewegungen der Brust, ein wütendes Herzklopfen und --
-Schluß.
-
-Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich überhaupt? Das hat
-doch weder Sinn noch Zweck. In dreihundert Stunden werde ich sterben.
-
- Eine Stunde später.
-
-Ich kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit etwas beschäftigen,
-denn der Gedanke an den unabwendbaren Tod ist unerträglich. Wir gehen im
-Wagen auf und ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über ganz
-gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, wie man in Portugal
-eine gewisse Sauce aus Nieren von jungen Hühnern mit Kapern bereitet.
-Währenddessen dachten wir alle und auch er daran, daß wir in
-zweihundertneunundneunzig Stunden sterben werden.
-
-Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar -- warum fürchten wir ihn so
-sehr? Er ist doch ...
-
-Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei über den Tod!
-Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut vor dem Sterben empfehlen,
-spricht das Ticken meiner Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine
-Metallschläge und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todes
-sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, langen
-Tages untergeht. Er wird sich nicht um eine Stunde verspäten ...
-
-Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen Felsen, vor
-Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig auf den Manometerzeiger des
-Luftbehälters sah, einen markerschütternden Schrei ausstieß.
-
-Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der Richtung
-blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen konnte, mit zitternder
-Hand deutete.
-
-Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte innen keinen Druck
-an. Vielleicht hatte sich die Luft in dem Behälter, der in der Wand
-angebracht war, infolge der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete
-den Hahn -- der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte, vierte und
-fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand sich Luft.
-
-Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache der für uns
-rätselhaften Entleerung der Behälter nachzudenken, ohne zu wissen, was
-wir tun, was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich alle
-auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung, keinen Schlaf
-mehr -- nichts, nichts -- nur von dem einen Gedanken beseelt: fliehen,
-fliehen, fliehen -- als wenn man vor dem Tode fliehen könnte.
-
-In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. Aus der zwischen
-Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen, sausten wir mit der
-ganzen Kraft nach Norden, zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des
-_Archimedes_ erstrecken und über den ganzen westlichen Teil des hier an
-das Regenmeer grenzenden _Palus Putredinis_ ausbreiten. Das Terrain war
-außerordentlich ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte,
-hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her werfend; wir
-achteten nicht darauf, in der furchtbaren Angst und Verzweiflung und
-waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte,
-auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer Vorrat
-an Luft zu Ende geht!
-
-Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum für dreihundert
-Stunden ausreichen und von dem Pol des Mondes trennen uns in gerader
-Linie fast zweitausend Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges
-und undurchdringliches Land fällt!
-
-Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren und hielt uns den
-Atem in der Brust zurück, aber wir fühlten es kaum; wir sausten
-unaufhörlich über Berge, die im Lichte der Erde silbern leuchteten,
-durch schwarze Mulden, über steinbesäte Ebenen -- nur weiter, weiter,
-weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen drohte,
-dachte niemand mehr.
-
-In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig war, hielt
-uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings vorwärtsstürmend stießen
-wir auf eine Spalte, die der »_Spalte der Erlösung_« unter dem
-_Eratosthenes_ ähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. Wir
-bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem Wagen in ihre Tiefe
-hinabgesaust wären.
-
-Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie ergriff uns. Die
-Energie der Verzweiflung, mit der wir so viele Stunden sinnlos
-dahinrasten, war plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war, einer
-unaussprechlichen, ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns auf
-einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich anstrengen, wenn es
-doch zwecklos ist. Wir müssen sterben.
-
-Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, in Schweigen
-versunken. Die Kälte quälte uns immer furchtbarer, aber wir kümmerten
-uns nicht mehr darum. Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder
-durch Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären zweifellos
-erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster faßte, uns beschworen
-hätte, ernst über unsere Situation nachzudenken.
-
--- Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung, sagte er, wenn
-wir sie auch nicht finden sollten, so haben wir wenigstens etwas, das
-uns beschäftigt, unsere Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet,
-der wie ein Alp auf uns lastet.
-
-Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und erstarrt, daß wir ihn
-ganz gleichgültig hinnahmen und nicht einmal auf die Vorstellungen
-Tomas' antworteten.
-
-Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah, wie er die Lippen
-bewegte, aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Das einzige,
-was mich in jenem Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach
-dem Tode aussehen?
-
-Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken und riß
-in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, dann entblößte ich ebenso
-seinen Schädel, seine Rippen, seine Knochen -- und auf einen lebenden
-Menschen sehend, hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit
-einer boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle aussehen --
-in kurzer Zeit!
-
-Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts mehr anzufangen
-war, stellte er sich selbst an den Motor und bald bewegte sich unser
-Wagen längs des Randes der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde
-erreicht hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von dem Mut der
-Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie wahnsinnig:
-
--- Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach Norden fahren zum
-Pol, dort, wo es Luft gibt!
-
-Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren hätte, auf das
-Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite und sagte kurz, aber
-entschieden:
-
--- Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in sie hineinfahren.
-
-Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an -- dann stürzte er sich
-plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall bekommend, auf ihn und
-packte ihn bei der Gurgel.
-
--- Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten, und ich will leben,
-leben! Hörst du? Nach Norden, nach Norden, zum Pol, dort ist Luft!
-
-Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas, warf er ihn, ehe
-wir es hindern konnten, zu Boden und kniete auf seiner Brust. Ich sprang
-mit Martha herbei, um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine
-Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete. Wir
-packten ihn endlich bei den Schultern, als er plötzlich aufschrie und
-unter unsern Händen schlaff zusammenfiel. Tomas erhob sich, erschöpft
-und blaß.
-
-Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame Erschütterung und
-verlor das Bewußtsein.
-
-Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich auf meiner Matte lag;
-Tomas stand über mich gebeugt und rieb mir die Schläfen mit Äther ein.
-Martha und Varadol saßen finster und schweigend neben mir.
-
-Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er mit Peter rang, fuhr
-der Wagen, dessen Steuer niemand lenkte, mit seinem Vorderteil an einen
-Felsen. Durch diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit
-dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig.
-
-Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, hervor; ebenso
-Varadol, der bewußtlos am Boden lag, von dem vorhergegangenen Anfall
-erschöpft. Tomas empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und
-lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier erst, auf dem
-Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist als auf der Oberfläche, begann
-er uns zur Besinnung zu bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte
-sich absolut nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte.
-Endlich kam auch ich wieder zu mir.
-
-Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren nicht, da in
-dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig war. Scheinbar ist das
-Innere des Mondes, ähnlich wie das der Erde, noch nicht ganz um die
-eigene Wärme gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die
-Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte.
-
-Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die Spalte, um es uns zu
-ermöglichen, hier miteinander zu beraten, was nun anzufangen sei,
-nachdem wir vor der jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden.
-
-Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht gelingen
-wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende Mondatmosphäre so weit
-zu verdichten, um damit die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser
-Gedanke flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten uns auch
-sofort an seine Ausführung. Jedoch nach einer Stunde schweren und
-angestrengten Arbeitens überzeugten wir uns, daß sich dies nicht
-verwirklichen läßt. Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich
-nach dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht einmal so
-weit verdichtet, den Druck der Luft in unserem Wagen zu überwinden und
-die Klappe zu öffnen. Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in
-einem der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß fest
-verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen war; aber auch das
-erwies sich als unmöglich.
-
-Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich erschöpft waren,
-ließen wir endlich von der zwecklosen Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch
-uns damit zu trösten, daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden
-dichtere Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe gebrauchen
-ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran glaubt. Auf der ganzen
-mächtigen Strecke des _Mare Imbrium_ wird sie gleich dünn sein und ehe
-wir diese zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, was
-unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden müssen wir sterben.
-
-Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer wird, aus dieser
-Spalte herausfahren und weiter nach Norden eilen. Das führt freilich zu
-nichts, aber auch das Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ...
-vielleicht ... werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre
-finden ...
-
- An derselben Stelle, siebzig Stunden nach
- Mitternacht.
-
-Endlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere Luftvorräte
-verloren haben. Die Behälter wurden während des Herabgleitens des Wagens
-von den Abhängen des _Eratosthenes_ beschädigt. Ein scharfer Stein, der
-auf dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat sich tief
-eingezeichnet und der innere Druck des Gases tat das übrige. Die Risse
-sind sichtbar. Zwei Dinge setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens,
-daß der Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus Erz
-nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust nicht früher
-bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese Rätsel den Kopf, als wenn
-ihre Lösung unsere Lage irgendwie ändern könnte.
-
-Ich kann an nichts anderes denken; immer und immer steht mir dieses
-Gespenst des Todes vor Augen. Und das Schrecklichste dabei ist die
-Gewißheit, daß wir sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund
-fühlen. Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über uns
-kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns allen, aber ich sehe,
-besonders aus seinem Benehmen Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich
-daran denkt. Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über
-ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie um Verzeihung
-bitten wollte. Und sie küßt seine Hand, nur mit dieser Liebkosung und
-den Augen zu ihm sagend: Gräme dich nicht, Tom, -- alles ist gut, wir
-werden ja zusammen sterben ...
-
-Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen sterben, aber für
-mich, ich gestehe es offen, verkleinert die Gemeinsamkeit des Schicksals
-in nichts seine Grausamkeit. Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos
-gegen dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens sind.
-Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, -- ich versuche mir über
-alles Rechenschaft zu geben; hundertmal wiederhole ich mir, daß ich
-zusammen mit diesen Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines
-übermächtigen Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde fortgerissen
-und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen hat, ich rede mir gewaltsam
-ein, daß ich mich mit diesem Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß.
-Und trotz all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst,
-grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah -- es ist so grauenhaft,
-unerbittlich, und es nähert sich so langsam ...
-
-Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran denken, diesem
-fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen. Es liegt doch in unserer
-Macht, dieses Leben von uns zu werfen, jetzt, wo es nur noch eine
-lächerliche Parodie des Lebens ist! ...
-
- Eine Stunde später.
-
-Nein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, aber ich
-kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische Sehnsucht nach der Sonne,
-dem guten Stern des Tages, der bald über uns aufgehen soll, vielleicht
-ein lächerlicher, fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch
-einige Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen,
-gänzlich haltlosen Hoffnung ...
-
-Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so sehnsüchtig
-danach, zu leben -- und so sehr ... ängstige ich mich ...
-
-Meinetwegen! -- Mag geschehen was will.
-
-Ich bin entsetzlich müde, -- möchte es doch endlich kommen, dieses
-Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke ich, daß ... Es ist einerlei ...
-
- Bei Sonnenaufgang.
-
-In einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand der Spalte glänzt
-schon über uns im Sonnenschein. Wir werden in die weite Wüste
-hinausfahren, um noch einmal die Sonne zu sehen, die Sterne und die
-Erde, die so ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel steht
-...
-
-Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich weiß es nicht. Niemand
-von uns weiß es; aber wir werden nach Norden fahren. Der Tod wird
-langsam neben uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler,
-und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter sich dem
-Nullpunkt nähert, wird der Tod in den Wagen kommen.
-
-Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts zu sprechen. Jeder
-von uns bemüht sich nur, sich mit irgend etwas zu beschäftigen,
-vielleicht mehr aus falscher Scham vor den andern, als zur eigenen
-Zerstreuung; denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der
-weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist?
-
-Wir gehen also unserem Schicksal entgegen!
-
- Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag.
- Auf Mare Imbrium, 8° 54' westlicher Länge, 32°
- 16' nördlicher Mondbreite, zwischen den Kratern
- ^c--d^.
-
-Wir sind gerettet! -- Und die Rettung kam so plötzlich, so unerwartet
-und auf so seltsame und -- schreckliche Weise, daß ich mich bis jetzt
-nicht erholen kann, obwohl schon zwanzig Stunden verflossen sind seit
-der Tod, der uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns
-abgewandt und entfernt hat.
-
-Er hat sich entfernt, -- aber nicht ohne Beute ... Der Tod entfernt sich
-niemals ohne Beute. Wenn er aus Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu
-leben erlaubt, die er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein
-Pfand für sie ... wo er es eben findet -- ohne Wahl ...
-
-Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus
-irgendeinem wohlüberlegten Grunde. Wir waren sicher, daß wir den Abend
-dieses langen Tages nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit
-diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig auf den
-Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, würgende Umarmung nehmen
-sollte. Wir fühlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und
-sichtbares Wesen wäre -- und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht
-tatsächlich bemerkten.
-
-In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war
-es eine über alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es
-nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert
-Stunden leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir in
-jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir unabwendbar sterben
-müssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns.
-
-Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter Traum vor und ich
-muß meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, daß es
-Wirklichkeit war.
-
-Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurückgelegt
-haben.
-
-Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer
-gleichmäßig schnell nach Norden -- und wir sahen wie im Traume auf die
-vorüberfliegenden Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke
-in mir in einen zusammengeflossen sind, -- in diesen Eindruck des
-unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden.
-Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns
-auf der Grenze zwischen _Palus Putredinis_ und _Mare Imbrium_, zu
-unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen
-Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe,
-wellenförmige Berge überging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt
-erstreckend. Hinter diesen Bergen glänzten die Gipfel des _Timocharis_,
-die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet
-waren.
-
-Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich so seltsam damit
-verbindende unerhörte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die höchsten
-Spitzen des Kraters waren weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach
-unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich
-weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der _Timocharis_, ein
-Ringberg von der Höhe des _Eratosthenes_, einstmals ein tätiger Krater
-gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern
-ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren?
-Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich nicht darüber
-nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem -- von
-Märchen und Zauberländern -- von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und
-starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten
-besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig schüttelte mich
-ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und
-Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins,
-in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...
-
-Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.
-
-Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel des _Timocharis_ vor
-uns, fuhren wir in den Schatten des Kraters _Beer_; nachdem wir ihn
-passiert hatten, weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden
-Kraters _Feuillée_ und kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich
-sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nördlichen Grenze des
-_Mare Imbrium_. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des
-_Timocharis_ fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten an
-der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte Wall des
-Ringes des _Archimedes_.
-
-Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges Tor jagen,
-das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet war. Wieder erfaßte mich
-eine grenzenlose, würgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn
-zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken -- nur nicht in
-diese weite Ebene hineinfahren, die wir -- ich wußte es -- nicht
-lebendig verlassen würden.
-
-Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; die drei andern
-sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns öffnende
-Steinwüste.
-
-Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen Lippen,
-lange mit den Augen die Strecke der Ebene zu messen, deren Grenzen nicht
-zu erkennen waren; dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des
-Manometers gleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter Luft
-befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel fiel langsam, aber
-unaufhörlich ...
-
-Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: Die Luft genügt
-nicht für _vier_, aber sie wird für _einen_ ausreichen. Einer würde mit
-diesem Vorrat bis zu den Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des
-Mondes dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, atmen zu
-können.
-
-Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich schaudern und
-kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, aber er war stärker als mein
-Wille und kehrte immer wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des
-Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte es mir fort und
-fort: Für vier wird sie nicht ausreichen, aber für einen ...
-
-Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden -- heimlich wie ein Dieb
-und -- Entsetzen faßte mich. In ihren unruhig flackernden Augen las ich
-denselben Gedanken. Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein
-dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas die Stirn und
-sagte ruhig:
-
--- Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe der Vorrat sich
-noch verringert ...
-
-Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend mit dem Kopf; ich
-fühlte eine brennende Röte im Gesicht, aber widersprach nicht.
-
--- Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, sich anscheinend zu
-dem Herauswürgen dieser Worte zwingend. Aber -- hier stockte seine
-Stimme, und einen weichen, flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ...
-ich wollte ... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ... wie auch
-...
-
-Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich stammelte Peter:
-
--- Für zwei wird es nicht genügen ...
-
-Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurück:
-
--- Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser.
-
-Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach einem den Kopf ab,
-versteckte sie so in der Hand, daß nur ihre Enden zu sehen waren und
-hielt sie uns entgegen.
-
-Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits und hörte kein
-Wort davon. Erst in dem Augenblick, als wir nach jenen Losen greifen
-wollten, trat sie zu uns und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger
-Stimme:
-
--- Was tut ihr?
-
-Und dann zu Tomas:
-
--- Zeige, was du in der Hand hast ...
-
-Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil für drei von uns
-sein sollten, damit der vierte leben konnte.
-
-Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine Zeit hatten,
-sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham überflog unsere Wangen; wir
-fühlten, daß uns dieses Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des
-Egoismus und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen uns
-plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang zurückgehaltenes Weinen
-ausbrechend.
-
-Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die Reaktion, die ein
-prinzipielles Recht der menschlichen Seele ist, hatte sich der
-gegenseitige, durch die Nähe und Unabwendbarkeit des Todes
-hervorgerufene Haß jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit
-verwandelt. Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes über uns. Wir
-setzten uns nahe nebeneinander; Martha schmiegte sich mit dem biegsamen,
-schlanken Körper an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, mit
-leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die uns einst auf der
-Erde angingen. Jede Erinnerung, jede Einzelheit nahm für uns jetzt eine
-große Bedeutung an, wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des
-Lebens sei.
-
-Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch die unermeßliche,
-todbringende Ebene.
-
-Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des Manometers fiel
-stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir
-sprachen, aßen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich
-fühlte nur ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und der
-Gurgel -- wie ein Mensch, der einen großen Verlust erlitten hat und sich
-vergebens ihn zu vergessen bemüht ...
-
-Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis.
-Die Glut, obwohl sie sehr stark war, quälte uns nicht mehr so wie am
-vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60°
-über dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen
-Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die strahlenlose Sonnenscheibe,
-den flammenden Reifen ihrer Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu
-versinken begann.
-
-Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden dauerte und
-sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte.
-
-Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem Augenblick, als die
-Sonne ihn berührte, einem Kranze blutigroter Blitze ähnlich, in dessen
-Mitte ein mächtiger schwarzer Fleck lagerte, -- die einzige Stelle am
-Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die
-Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden
-Flammen unterzugehen. Während dieser Zeit wurde der Kranz immer
-intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war
-das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften erkennen
-konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der
-schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der gähnende Schlund eines
-seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von
-einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; dieser ging
-stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht über, um sich
-schließlich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weißen Leuchten
-zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten
-zwei Strahlengarben, zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: es war
-das Zodiakallicht, das man während der Finsternis sehen konnte, ähnlich
-wie nach dem Untergang der Sonne.
-
-Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn
-Blutströme über die vor uns in Dämmerung gehüllte Wüste ausgegossen
-würden.
-
-Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem schwachen rötlichen
-Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach
-Schwinden der Sonne eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns
-eingehüllt hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, daß sich
-die Sonne wieder zeige. Über uns brannte in unerhörter Pracht der
-leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als plötzlich die
-Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und
-verzweifelter. Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir
-erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O'Tamors, als Selena ebenso
-bellte, den Tod begrüßend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle
-empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze,
-grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, daß
-diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern von uns Sterbenden
-flammten ...
-
-In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr zwanzig Stunden.
-
-Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der
-westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende
-Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlöschen. Beim Anblick
-der Sonne überkam mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte
-mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, sie erschien mir
-als die Verkünderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns während
-der Abwesenheit der Sonne einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für
-mich etwas ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich -- ich weiß nicht
-woher -- stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem
-Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten müsse.
-
--- Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer solchen
-Überzeugung, daß aller Augen fragend -- wie gebannt -- an meinem Munde
-hingen.
-
-Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt
-unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir
-ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das
-Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem
-wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich klopfte,
-als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemühten wir
-uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder
-hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen:
-Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem
-Winkel ... möge ... _Frankreich_ ... die andern ... und wenn ... der Tod
-...
-
-Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an den Apparat und
-telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen?
-
-Wir warteten einen Augenblick -- keine Antwort. Peter wiederholte die
-Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg.
-
-Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte sich nicht mehr.
-
-Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber; wir begannen
-schon anzunehmen, daß die ganze Sache auf einer unfaßbaren Täuschung
-beruhte.
-
-Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und stand neben ihr am
-Himmel. Die Glut wurde wieder größer.
-
-Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an uns vorbei und
-gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren Füßen, wie eine von einer
-Kanonenkugel getroffene Mauer. Wir schrien vor Entsetzen und
-Verwunderung auf. An das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von
-metallischem Glanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend, vor
-unseren Augen einen mächtigen Bogen im Raume beschrieb und wiederum
-aufschlug und zum zweitenmal abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in
-ungeheuren Sprüngen nach Nordosten jagend.
-
-Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht erklären, bis
-Peter plötzlich aufschrie:
-
--- Die Brüder Remogner kommen!
-
-Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs Erdenwochen vergangen,
-seit wir um Mitternacht auf den Mond herabfielen; die Zeit ist also
-gekommen, da die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat
-klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder Remogner aus der
-Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten. Er ließ sich vielleicht schon
-früher vernehmen, nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der
-Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder Remogner
-anscheinend unsere Depesche nicht, da sie im letzten Augenblick mit der
-Vorbereitung zum Fall beschäftigt waren.
-
-Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den Kopf, während wir in
-fliegender Eile unseren Motor in Bewegung setzten. In einigen
-Augenblicken sausten wir schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in
-der das Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten und
-dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: Die Brüder Remogner
-führen Luft mit sich!
-
-In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der Stelle, an der das
-Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen war. Ein entsetzlicher
-Anblick bot sich unseren Augen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des
-zerschmetterten Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen.
-
-Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an und nachdem wir
-sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt hatten, gingen wir aus dem
-Wagen. Unsere Erschütterung, unser Beben wurde -- wozu es verheimlichen!
--- weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr durch die
-Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter bei der Katastrophe
-beschädigt worden sein könnten.
-
-Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten der
-zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen blieben unversehrt.
-
-Wir waren gerettet!
-
-Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang stand mit dem
-Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch -- wir waren dreihundertfünfzig
-endlose Stunden dahingestorben und erfuhren in diesem Augenblick, daß
-wir leben werden!
-
-Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert hatten, konnten
-wir erst über das furchtbare Los, das die Brüder Remogner getroffen,
-nachdenken. Was uns errettete, ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner
-Zufall -- eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor uns
-niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, die in diesem
-Augenblick gegen tausend Kilometer von uns entfernt ist. Dieser Zufall,
-der uns mit Luftvorräten versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in
-dieser Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche,
-sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher mit der Seite auf den
-Boden, wo es nicht durch ein Stahlgerüst geschützt war und einige Male
-abprallend, mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem
-Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ...
-
-Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen begraben hatten,
-machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir haben alles aus den Trümmern
-hervorgesucht, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die
-kostbaren Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen
-hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte und einige
-weniger beschädigte Instrumente. Mit klopfendem Herzen suchten wir nach
-ihrem telegraphischen Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark
-genug sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung zu setzen.
-Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Der Apparat wurde bei
-der Katastrophe beschädigt. Dasselbe war mit der Mehrzahl der
-astronomischen Instrumente der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir
-mit, obwohl er stark gelitten hat.
-
-Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die kupfernen
-Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt haben.
-
-Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder Remogner an uns
-genommen hatten, traten wir unverzüglich die Weiterreise nach Norden an,
-da die Glut, die durch die Kühle während der Sonnenfinsternis
-unterbrochen wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung
-finden mußten, die uns Schatten gewährte.
-
-Hier erst, zwischen den Kratern ^c--d^, blieben wir stehen.
-
-Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, sind zweifellos
-vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend färbt sich
-gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die
-Abhänge der Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen
-vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut.
-
-Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe Niedergeschlagenheit
-keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstümmelten
-Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an
-ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, daß wir durch
-ihn gerettet wurden ...
-
-Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschöpft von
-dem langen Schreiben. Ich muß mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor
-der weiteren Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind
-wohl noch lange nicht für uns vorbei.
-
-In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren
-Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ...
-Merkwürdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine
-Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu
-opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu töten, die doch
-ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu
-verlängern, die uns -- wie wir glaubten -- zum Leben übrig blieb! Wie
-entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert hätten und dabei
-die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte!
-
-Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die Hunde leben.
-Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns
-gegenseitig in Erinnerung bringen können. Mit Rührung blicke ich auf
-diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde
-losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, aber wir sahen nur
-noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder
-Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der
-Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet
--- aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung verurteilt.
-
- Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37°
- nördlicher Mondbreite.
- Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig
- Stunden nach Mittag.
-
-Seit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier Erdentage, schleppen
-wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge
-reicht -- nichts -- keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung,
-auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit der
-Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich machte einmal auf der Erde
-eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein
-buntes Märchenland, gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier
-umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen
-Sanderhebungen, hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen zeigen,
-die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara wölbt sich ein blauer
-Himmel, der sich abwechselnd silbern färbt, dann im Mittagsglanz
-leuchtet, durch die Abendröte schillert oder sich mit einem
-sternenbesäten Schleier überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und
-dieses Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben;
-hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflügter Boden,
-auf der Oberfläche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe
-grauenhaft bleierne Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit
-über dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo seid ihr --
-Wind -- Wasser -- Leben -- Himmelsblau und grüne Triften? ...
-
-Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, das man einst
-gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit -- lang, lang ist's her --
-ach, sehr lange ...
-
-Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf
-dem Mond, aber uns scheint es, daß schon ein Menschenalter verflossen
-ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an
-die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, was
-uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, die uns
-sagen, daß dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am
-schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern
-über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen
-sind, das so verschieden ist von diesem -- und so schön -- so zauberhaft
-schön! ...
-
-Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht schätzen! Wenn sie
-hierher gelangten, würden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie,
-die ewig Verlorene! Und sie würden von ihr träumen -- so wie wir -- in
-Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen,
-voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie diese Träume erschöpfen! Ich
-wache nach einigen Stunden auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht,
-fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war,
-daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, immer noch auf
-derselben Wüste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und
-beginne fast zu glauben, daß es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum,
-sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!
-
-Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig zu werden,
-erzählen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen
-die von der Erde mitgebrachten Bücher. Wir haben einige
-naturwissenschaftliche Werke, eine ausführliche Geschichte der
-Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen
-wir vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender,
-deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ...
-
-Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für den Menschen, damit
-er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nächtliches Licht
-habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem
-blühenden Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir
-hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das
-Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen Schar über die
-wonnigen Wiesen und grünen Hügel von Galiläa dahinging, wie er litt und
-starb; wir hören all dem zu -- auf die Erde blickend, die einer
-silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch
-die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich
-träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden anzugeben.
-
-Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen und wenn
-Tomas zu lesen aufhört, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame
-Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem
-sagte sie zu Tomas: »Wir sind beide hier wie Adam und Eva.« In der Tat,
-sie sind hier das erste Menschenpaar, von der Erde in die Wüste
-hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen.
-Aber ich und Peter -- was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in
-unserem gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die
-Berechtigung ihres Seins, aber wir -- wozu leben wir?
-
-Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu
-dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns dorthin der _Erkenntnis_ wegen!
-Jetzt sehe ich, daß die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt,
-wenn es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen
-Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat
-und bemerken staunend, daß uns das ziemlich gleichgültig ist -- eben
-weil wir niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch
--- unwillkürlich -- untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir
-untersuchen könnten und müßten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur
-Verständigung mit der Erde hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos.
-Glücklicher Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer für den
-anderen lebt!
-
-Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke.
-Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehörte zu den --
-Wahnsinnigen, -- heute kann ich es nicht anders bezeichnen, -- für die
-nur eine Liebe existiert: das Wissen -- und nur ein Trachten: nach
-Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis
-des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen
-Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart -- nach der Liebe ...
-
-Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz -- hier niedergeschrieben --
-aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich
-überfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben
-zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das
-wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ...
-
-Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe.
-Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese
-Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die
-erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste
-Geheimnisse zu enträtseln, getrieben hat, sondern die banale,
-alltägliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und
-dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast schmerzhaft. Wir
-sind hier drei Männer, kräftig und klug, und dennoch haben nicht wir den
-Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverständige,
-schmächtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie
-ausgewählt hat ...
-
-Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit
-unserm Gehirn -- wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln.
-
-Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er?
-...
-
-Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu
-nehmen: »Ich werde eure Sklavin sein.« Und in Wirklichkeit sind wir ihre
-Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen,
-ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre
-Sklaven, daß wir unwillkürlich, -- obwohl auf verschiedene Weise, dem
-Zwecke dienen, den sie allein verwirklichen kann: hier eine neue
-Menschheit zu schaffen.
-
-Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes
-vor meinen Augen entschwunden, so träume ich schon mit der alten
-Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfüllen wird.
-Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land,
-ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben
-bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen
-haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt,
-hier leben zu können! Wir haben schon Hunderte von Kilometern
-zurückgelegt, ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche
-zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. Die Luft bleibt hier
-immer so dünn, daß sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag,
-noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen
-Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser war und wirkte.
-
-Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere
-Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir
-erst auf der _anderen_ Seite sein werden ... Wie wird die _andere_ Seite
-aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da
-wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir wissen absolut
-nichts.
-
- Unter den Drei Köpfen, 7° 40' westlicher Länge,
- 43° 6' nördlicher
- Mondbreite. Vor Mitternacht des
- zweiten Tages.
-
-Wir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im nördlichen Teil des
-_Mare Imbrium_ erhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen
-Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige
-vierzig Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, die
-einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß für Riesen
-ähnlich sind.
-
-Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, wo die Erde
-im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch
-die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines
-Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der
-Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstört
-worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers.
-
-Wir sagen schon: »durch das Wirken des Wassers«, und obwohl das nur eine
-Vermutung ist, überläuft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit
-wäre ... Denn wenn hier Wasser _war_, so kann man annehmen, daß dort auf
-der »anderen Seite« Wasser _ist_, und wenn dort Wasser ist, so muß auch
-Luft in genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. Trotz des
-Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als in der vorhergehenden
-Nacht, empfindlich quält, gingen wir für kurze Zeit aus dem Wagen und
-erforschten beim schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu
-finden, die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen wir noch
-nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen bei der Entstehung
-dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen
-ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand
-empor mit drei mächtigen Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer
-mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mit _Drei
-Köpfe_. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher Richtung und ist uns
-mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel
-färben sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und sehen wie drei
-silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. Der ganze Berg ist vom
-Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz
-keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine Form
-erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am
-schwarzen, aber sternenhellen Himmel.
-
-Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg uns die Erde
-verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das
-erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen
-langen Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht vorwärts
-bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder Zerklüftung des Bodens
-stecken zu bleiben, die wir hier immer häufiger antreffen. Ich glaube,
-wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor
-allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker wird, uns
-wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer geschützten Stelle
-zwingen dürfte. Wir möchten vorher wenigstens bis zum Gipfel _Pico_
-vordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von
-uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß es in der
-Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf der Ebene. Wir erklären uns
-diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es
-müssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.
-
-Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu
-versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich muß das Schreiben
-unterbrechen, da es während der Bewegung unmöglich ist, auch nur daran
-zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht
-der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir alle auf dem Posten
-sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, daß immer nur einer
-schläft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In
-diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, ruhiges
-Atmen, ich sehe bei dem gedämpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das
-aus einer Fülle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig
-geöffnet, wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt sie wohl? ...
-Ach, Unsinn! -- Wir fahren weiter.
-
- Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht,
- auf Mare Imbrium, 9° 14' westlicher Länge, 43° 58'
- nördlicher Mondbreite.
-
-Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...
-
-Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von den _Drei Köpfen_
-aus fort. Der Weg war außerordentlich beschwerlich, vor allem, weil wir
-jeden Augenblick in den Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten.
-Mehrere Male im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit Hilfe
-des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder auch Messungen
-vornehmen bezüglich des Höhenstandes der Sterne, die jetzt der einzige
-Wegweiser für uns sind. Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit
-Ausnahme der allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade
-deswegen ...
-
-Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas mehr als vierzig
-Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten wir zu einem eigenartigen
-grauen, einer Sandbank gleichenden Streifen. Er zieht sich auf der
-Strecke nach Nordwesten in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich
-mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund der Steinwüste ab.
-Soweit ich beim Licht der Erde sehen kann, endet er bei einer
-sonderbaren Felsengruppe, die von weitem einer phantastischen Burg oder
-einer Stadt ähnlich sieht. Einer Stadt? ...
-
-Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen bedeutend
-gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die mit Steinen übersäte
-Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten Richtung abbiegt. Wir kommen
-ziemlich schnell vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt
-immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen Teile
-erkennen, die durch ihre sonderbare Formation die Täuschung von
-Turmruinen und Gebäuden hervorrufen. Ich weiß nicht, was ich von alledem
-denken soll. Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig, es
-ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht überkommt mich ...
-Sollte das ...
-
- Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare
- Imbrium.
-
-Barmherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... Er war durch das erste
-Fieber schon so erschöpft und nun abermals ... O Gott, rette ihn, denn
-wir werden sonst ... diese Totenstadt ...
-
- Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare
- Imbrium am Pico, 9° 12 'westlicher Länge, 45° 27'
- nördlicher Mondbreite.
-
-Ich sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich niederschreiben.
-
-Ich erinnere mich -- als ich gerade die letzten Notizen beendet hatte,
-blickte ich auf die phantastischen Ruinen oder Felsengruppen und rief
-unwillkürlich:
-
--- Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus!
-
-Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand und mit steigendem
-Interesse die näherkommenden Felsen beobachtete, wandte sich auf meine
-Worte schnell zu mir. In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung.
-
--- Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht vibrierender
-Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt sein ...
-
--- Was!?
-
-Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren greifend. Sogar Peter
-verließ das Steuer, nachdem er den Wagen angehalten hatte, um die
-seltsame Erscheinung zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ...
-
--- Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind doch Trümmer eines
-Steintores. Man sieht die beiden Säulen und oben hält sich noch das
-Stück eines Bogens ... Oder hier, -- ist das nicht ein Turm, zur Hälfte
-zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude, mit einer
-niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen Pyramiden zur Seite. Ich
-bin überzeugt, daß diese scheinbare Klamm, die stellenweise mit Steinen
-übersät ist, eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und starr
-... Eine Totenstadt.
-
-Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner bemächtigte.
-
-Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu glauben, daß Tomas
-recht hatte. Vor meinen Augen wuchsen immer neue Türme, Bogen und
-Säulen, Teile eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das Licht
-der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten Silberton; aus
-einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle Schatten empor -- wie
-Geistererscheinungen. Ein kalter Schauer durchlief mich. Ein
-Mond-Pompeji und Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben,
-sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel mehr Tod in
-dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem seltsamen Lichte.
-
-Varadol zuckte die Achseln und murmelte:
-
--- Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich ... diese Felsen
-... Aber hier war doch niemals ein lebendes Wesen.
-
--- Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese Seite des Mondes weder
-Luft noch Wasser, aber sie konnte beides haben, einst, vor
-Jahrtausenden, als sich der Mondglobus noch schneller drehte und die
-Erde auf- und unterging an seinem Himmel ...
-
--- Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken.
-
--- Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen angetroffen und das
-beweist, daß hier niemals Wasser war, was wiederum für das Fehlen der
-Luft, also auch des Lebens zeugt, entgegnete Peter.
-
-Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem Wagen:
-
--- Und dieser Sand? Und die »_Drei Köpfe_«, an denen wir vor kurzem
-vorbeigekommen sind? Sie sahen doch aus wie der Rest eines Berges, der
-vom Wasser abgespült ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals
-Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das Wirken der Kälte und
-Sonnenglut alles verwischt und vernichtet ...
-
-Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell plötzlich:
-
--- Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor uns haben, dem wir
-überhaupt auf dem Monde begegnen konnten. Man muß es lösen.
-
--- Wie meinst du das? fragte ich.
-
--- Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren und sie untersuchen ...
-
-Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich bei diesen
-Worten; es war keine Angst, aber etwas, das ihr sehr ähnlich ist. Diese
-Trümmer der -- Gebäude oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser
-unermeßlichen Wüste.
-
-Peter zuckte unwillig die Achseln:
-
--- Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, diese Felsmassen zu
-besichtigen, die beim Licht der Erde allerdings mit Gebäuden etwas
-Ähnlichkeit haben, aber auch nichts mehr.
-
-Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha betrachtete sie mit
-Spannung und gleichzeitig mit einer sichtlichen Unruhe.
-
--- Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, flüsterte sie, als
-uns schon kaum mehr zwei Kilometer von den Arkaden trennten, die den
-Eingang zu dieser sonderbaren Stadt bildeten.
-
--- Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte Tomas lächelnd, aber
-glaube mir, daß sie einst von Lebenden erbaut werden mußte.
-
--- Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in diesem Augenblick
-blieb der Wagen mit einem heftigen Ruck stehen.
-
-Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. Die Sandbank hatte
-gerade ihr Ende erreicht, und vor uns lag ein Feld, so übersät mit
-großen Steinen, daß keine Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein
-konnte. Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick und sagte
-dann:
-
--- Ich werde zu Fuß hingehen!
-
-Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber zu sein,
-weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl dessen, was geschehen sollte!
-
-Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte unter dem
-Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein kompletter Idiot sein müsse,
-die Zeit zu verlieren und sich durch das Verlassen des Wagens der
-furchtbaren Kälte auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich
-erklärte mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß er
-allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß noch immer nicht,
-was mich eigentlich zurückgehalten hat, die Angst vor der Kälte oder
-auch dieses unerklärliche Gefühl der Furcht beim Anblick dieser toten
-Stadt. Genug, ich blieb im Wagen ...
-
-Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den geheimnisvollen
-Trümmern zu. Wir standen am Fenster und sahen ihn im Schein der Erde
-klar und deutlich vor uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend,
-wahrscheinlich um den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick
-verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, dann sahen wir ihn
-wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges.
-Woodbell, der vielleicht schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt
-hatte, reckte sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in
-wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen.
-
-Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht erklären. Da,
-einige Schritte bevor er den Wagen erreicht hatte, wankte er und fiel.
-Als wir bemerkten, daß er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu
-Hilfe eilen, aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, da
-wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten wir zu ihm; er
-lag bewußtlos am Boden. Wir hoben ihn auf und trugen ihn in den Wagen.
-
-Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen hatten, bot sich uns
-ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und bläulich,
-ganz von Blut überströmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den
-Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl
-wir nirgends eine Wunde entdecken konnten.
-
-Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den Geliebten
-stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. Ich begann
-indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, daß er
-einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den
-Luftbehälter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das
-Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen
-hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und
-infolgedessen war die Luft aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu
-Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den
-Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er
-so gelaufen war, blieb uns allen zunächst ein Rätsel.
-
-Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein zu bringen.
-Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer,
-krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde
-herausschoß. Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an;
-er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Plötzlich
-schrie er entsetzt auf und streckte die Hände aus, als wenn er etwas von
-sich stoßen wollte, dann wurde er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten
-zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel
-in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit war.
-
-Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, fuhren wir weiter.
-An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand
-mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge,
-so schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend
-herauszukommen.
-
-In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen des _Pico_
-vorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen
-hier bleiben.
-
-Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich
-zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal
-springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stößt
-unverständliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der
-unglücklichen Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen folgt
-meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht dann leichenblaß aus, als
-wenn in seinem ganzen Körper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre.
-
-Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. Martha verliert
-vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer
-wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege
-bedarf. Wir trösten sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere
-eigenen Befürchtungen.
-
-Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rätsel. Ich
-begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht
-veranlassen konnte, die schließlich die Ursache seines Unglücks geworden
-ist. Denn es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall
-zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wäre, den
-von ihm zurückgelegten Weg zu erforschen, vielleicht hätte uns das etwas
-Klarheit gebracht ... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen sein!
-Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen ließ, so war es
-Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den
-fürchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was
-konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht
-einmal die Hälfte des Weges zu den Toren jener mutmaßlichen Stadt der
-Toten zurückgelegt ...
-
- Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach
- Mitternacht.
-
-Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns gelingen wird,
-Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, daß
-die Krisis überstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich,
-sprechen sogar nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht
-wird ihn dieser Schlaf erretten.
-
-Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen Lärm machen
-könnten, -- denn Tomas jetzt aufzuwecken, hieße ihn morden.
-Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen
-bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten
-sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, sitzt neben
-dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn.
-Ich bin überzeugt, daß dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas
-vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, wie
-warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen läßt, und dann
-schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, daß sie an unsere guten
-Absichten glaubt und über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem
-liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.
-
-Auch Martha weicht nicht von Tomas' Seite. Fast hundert Stunden bereits
-spricht sie kein Wort. Sie öffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns
-bezüglich der Pflege verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren
-Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie
-ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen,
-trockenen Lippen, den weitgeöffneten Augen liegt etwas so Trostloses,
-daß es uns geradezu das Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr
-Hoffnung und Mut zusprechen -- und wagen nicht, uns ihr zu nähern, so
-achten wir sie und ihren großen Schmerz. Und sie blickt so seltsam
-gleichgültig auf uns; wir fühlen, daß wir sie nur so weit angehen, als
-wir ihr bei Tomas' Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir
-nicht für sie.
-
- Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.
-
-Der höchste Gipfel des _Pico_ flammt in der Sonne auf! Drei oder vier
-Stunden -- und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die
-ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des
-mächtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit
-dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und dunkel.
-
-Wie die »_Drei Köpfe_« ist auch der _Pico_ kein Krater, sondern vielmehr
-die letzte mächtige Felsenpartie eines zerstörten Ringberges. Wir stehen
-unter seinem höchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht
-hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim
-Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker dadurch abhebt, daß
-sich ringsherum eine glatte Fläche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über
-zweitausendfünfhundert Meter.
-
-Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur
-die vor uns liegenden Reste übrig blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist
-der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der
-Temperaturveränderungen zerbröckelt -- oder hat ihn das Wasser
-unterspült?
-
-Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung.
-Auch der Umstand spricht dafür, daß man nirgends einen Wall von
-Felsstücken sieht, der hätte entstehen müssen, wenn diese Berge durch
-Kälte und Sonne zerfressen wären.
-
-Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich
-jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar
-vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen
-Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er
-konnte sich nicht länger aufhalten, aber er brachte ein Stück Gestein
-mit, dem ähnlich, das sich im Wasser ansetzt ...
-
-Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht
-Näheres erfahren.
-
-Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. Wir sind dadurch
-etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu
-beunruhigen. Eine beklemmende Angst befällt uns, wenn wir auf dieses
-totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen
-sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt
-regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal
-glaube ich, daß ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor
-mir sehe. Wie froh wäre ich, wenn er endlich aufwachte.
-
-Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von
-Müdigkeit überwältigt, schläft sie manchmal so sitzend ein. Aber das
-dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit
-weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den
-Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich für ihre Gesundheit zu
-fürchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank würde! Aber alle
-Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie
-dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll,
-wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir möchten sofort
-weiterfahren, fürchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen.
-Anfangs hatten wir die Absicht, uns vom _Pico_ nach Osten zu wenden, um
-die _Alpenkette_ zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze des _Mare
-Imbrium_ bildet, aber schließlich fahren wir direkt nach Norden, dem
-mächtigen Ringe des _Plato_ zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium
-der Karten, daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt
-auf das _Mare Frigoris_ zu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land
-auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg
-bedeutend verkürzen.
-
- Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47°
- nördlicher Mondbreite,
- zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang
- des dritten Tages.
-
-Wir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen _Regenmeeres_, zu
-dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei
-Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal
-erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich
-im Neumond verfinstert.
-
-Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall des _Platoringes_ vor
-uns. Sein östlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine
-mächtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch
-Nacht. Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden
-der erhabenste und mächtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir
-sind jedoch durch den Zustand Tomas' so niedergedrückt, daß wir fast gar
-nicht beachten, was uns umgibt.
-
-Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an
-und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm,
-er fiel schlaff zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn,
-ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens.
-
-Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts
-aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war
-seinem Gedächtnis entschwunden. Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze
-Zeit nach, und dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines
-Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu
-sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Händen, und mit einem
-Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwährend: Das war
-entsetzlich, entsetzlich! -- Schauer schüttelten ihn.
-
-Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich
-vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren
-Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt hatte. Aber alle meine
-Bemühungen waren umsonst. Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit
-Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das
-zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur damit peinigte
-und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm ausführlich erzählen, in
-welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit.
-Er hörte aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von
-Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umständen und
-Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehört hatte, wandte
-er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe:
-
--- Ich glaube, daß ich sterben werde.
-
-Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe:
-
--- Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe
-ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, daß
-ich überhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst,
-zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht
-sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug
-zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach außen
-gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand
-erzählst, nehme ich jedoch an, daß die Atmosphäre in meinem Luftbehälter
-schon außerordentlich dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten inneren
-Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar
-durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden verspätet
-hättet, würdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich
-wundere mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die
-vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark
-sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so
-schwachen Herztätigkeit ... aber schließlich habe ich das Fieber
-überstanden und lebe, -- doch das bedeutet durchaus noch nicht, daß ich
-leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fühlt man kaum, leg'
-mir die Hand auf die Brust, du fühlst nicht einmal, daß das Herz
-schlägt. Auf der Erde würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen
-die Bedingungen.
-
-Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich dachte, daß er
-wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten unstät unter den
-gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich Martha, die mit der
-Zubereitung der Arzneien, die er sich selbst verschrieben hatte,
-beschäftigt war. Ein grenzenloses Leid lag in seinen Augen. Er bewegte
-einige Male die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend:
-
--- Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr?
-
-Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig schien es
-mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische Stimme ins Ohr flüsterte:
-Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören, vielleicht dir ...
-
-Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber er schien schon
-diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen zu haben, obwohl ich bei Gott
-schwöre, daß er kürzer war als die kleinste Sekunde.
-
-Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen blauen Äderchen
-durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, fügte er hinzu:
-
-Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ... achtet ...
-
-Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, nachdem er Atem
-geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton plötzlich ändernd:
-
--- Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut nicht gewiß, daß ich
-sterben muß.
-
-Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, aber sein
-Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil, er scheint sich sogar zu
-verschlimmern. Immer wiederholen sich das Herzklopfen, die Beklemmungen
-und Ohnmachten. Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr
-erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine Minute verlassen;
-auf uns blickt er wie auf Feinde.
-
-Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen Flucht
-von ihm zu erfahren, aber immer wenn ich das Gespräch darauf brachte,
-verstummte er sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen
-Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn mit Fragen zu
-quälen. Schließlich, was liegt mir daran? Es genügt, daß ein Unglück
-geschehen ist, -- wenn es nur damit seine Bewandtnis hätte!
-
- Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach
- Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach
- Osten.
-
-Die Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig erwiesen. Mit dem
-Wagen durch die Mitte des _Platoringes_ zu kommen, ist eine reine
-Unmöglichkeit. Wir müssen die _Alpenkette_ umkreisen, was unsere Reise
-außerordentlich verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.
-
-Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang verstrichen; in
-dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer Weges zurück, allerdings
-auf einem Boden, der ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße des
-_Plato_ haltgemacht.
-
-Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser zählende
-_Platoring_ erhebt sich an der nördlichen Grenze des _Regenmeeres_.
-Nordöstlich von ihm erstreckt sich die Kette der Mondalpen bis zum
-_Palus Nebularum_, der das _Mare Imbrium_ mit dem _Mare Serenitatis_
-verbindet.
-
-Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende
-Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser Seite des Mondes,
-die zum _Mare Frigoris_ führt, durch das wir auf der Fahrt zum Pol
-hindurch müssen. Im Westen des _Plato_ erstreckt sich ein hoher,
-steiler, im Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite
-»_Abhang des Regenbogen_« hineinzieht. Der _Platoring_ selbst ist aus
-einem Bergwall entstanden, der eine innere Fläche von ungefähr
-siebentausendfünfhundert Quadratkilometer Raum umfaßt. Die höchsten
-Gipfel im östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von
-zweitausendfünfhundert Metern.
-
-Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht hatten, bemerkten
-wir, daß sich im nördlichen Wall des _Plato_, dicht neben dem in ihm
-eingeschlossenen kleinen Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine
-Art von breitem Paß bildet.
-
-Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg zu verkürzen, über
-diese Einsattelung auf die mittlere Fläche gelangen und, sie in
-nördlicher Richtung durchschneidend, einen Ausgang auf die Höhe suchen,
-die sich schon sanft nach dem _Mare Frigoris_ senkt.
-
-An den Abhängen des _Plato_ angelangt, fanden wir leicht die auf der
-Karte angegebene Stelle. Dabei war uns jener herausragende Krater
-behilflich, der sich über der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien
-nicht sehr beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und es
-waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken. Trotzdem wagten wir es
-nicht sogleich mit dem Wagen weiterzufahren. Wir mußten uns
-vergewissern, ob wir diese Strecke wirklich passieren konnten.
-
-Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen hatten,
-traten Peter und ich den Weg zu Fuß an. Der Wagen sollte auf unsere
-Rückkehr warten. Wir umkreisten den Krater im Massiv des _Plato_ von
-Osten aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so einfach, wie
-es von unten den Anschein hatte. Wir trafen Steinfelder und Abgründe an,
-die wir umgehen mußten. Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen
-durchzukommen. Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns beide
-erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont und erwärmte
-uns genügend. Es war uns warm und leicht; rings um uns boten sich
-wundervolle Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von
-schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der blendenden
-Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten Regenbogenfarben.
-Wir schritten über Schätze hinweg, für die man auf Erden hätte
-Königreiche und Kronen kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen
-schillerten blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von ferne wie
-Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von Onixen und Topasen den
-Eindruck von Blumen hervorriefen. Manchmal schoß plötzlich aus einer
-Spalte, in die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz,
-eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen des
-Gebirgskristalls verteilt war.
-
-Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur an dieser Stelle
-ausgeschüttet war, blendete und berauschte uns, aber bald gewöhnten wir
-uns so an diesen Anblick und an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir
-auf ihnen schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen.
-
-Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir
-waren glücklich und guter Dinge. Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die
-Krankheit Tomas', die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die
-Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft,
-der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder über diesen
-einzig schönen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehälter hatten wir
-uns schon vollständig gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der
-wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, trotz des
-neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit nicht.
-
-Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde und einer nicht
-geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten wir über mächtige Felsen
-oder sprangen von hohen Wänden herab.
-
-Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit
-der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft und Nahrung hatten wir nur für
-vierzig Stunden mitgenommen und wir mußten bedenken, daß irgend etwas
-Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem längeren Aufenthalt
-nötigte.
-
-In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns
-öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere des _Plato_. Der
-nördliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt
-lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken zerrissen
-war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Fläche,
-dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da nur zerschnitten sie
-hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf
-zerstreut lagen und flachen Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach
-der Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon,
-daß wir hier mit dem Wagen vordringen konnten.
-
-Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen Öde an. Es wäre
-unmöglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und
-mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und träge
-zur Tiefe, -- die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den
-Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten,
-weil man sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene zu
-umgrenzen.
-
-All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ...
-
-Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute
-lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wüste
-nicht abwenden, und ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß
-nicht, warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles geworden, so
-wertlos, und so überflüssig erschien mir jede Anstrengung und so
-verlockend der Tod-Erlöser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so
-höllischen Angst erfüllte.
-
-Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht länger
-ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von
-ihm loszureißen.
-
-Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu.
-Über den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient
-hatte und jetzt in der Tiefe versank, tauchte das _Regenmeer_ vor mir
-auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie
-einst von der Einsattelung unter dem _Eratosthenes_, nur daß sie damals
-noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten
-Lande führte -- jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...
-
-Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber statt der in der
-Sonne flammenden Gipfel des _Timocharis_ und _Lambert_ erhoben sich die
-in Schatten gehüllten Spitzen: _Pico_ und weiter nach Osten _Piton_ vor
-meinen Augen.
-
-Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont schon näher als der
-Himmelswölbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite
-Straße, die von dieser Erde hierherführt. Welch ein furchtbarer,
-beschwerlicher Weg und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist
-zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine glühende und lebendige
-Flamme, zweimal umhüllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten.
-Und wieviel Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom _Eratosthenes_,
-die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Kälte und dieses
-Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der
-Brüder Remogner, der unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ...
-Mit dem Tode O'Tamors hat unser Weg begonnen -- aber er ist noch nicht
-zu Ende ...
-
-Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt von einer immer
-stärker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in
-der Ferne über der unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei
-Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte mich schnell um,
-schon fürchtend, daß wieder irgendein Unglück herannahe, aber Peter
-stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der
-Richtung, in der sich der weite nördliche Wall des _Plato_ entlangzog.
-Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie
-den flüchtigen Schatten einer Wolke, die den Fuß der Berge verhüllte,
-den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte.
-
-Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus,
-als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der
-Stelle zu rühren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie
-besessen durch das Rohr:
-
--- Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist Luft, dort wird man
-atmen können!
-
-Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten
-Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte,
-zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke
-beweist zwar noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon
-atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Luft dort dichter
-ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden
-und halten können, wenn auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der
-Rauch der Krater senkte sich außerhalb des _Eratosthenes_ sofort zu
-Boden wie Sand.
-
-Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf der anderen
-Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend dichte Luft sein
-müsse, begaben wir uns wieder zum _Mare Imbrium_ hinab. Wir waren in
-freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht
-erreicht worden war, da wir den Weg durch den _Platoring_ nicht gefunden
-hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darüber, was weiter zu tun
-sei. Vielleicht würden wir im Westen des _Plato_ eine Stelle ausfindig
-machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen
-konnten, aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn es uns
-nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend Kilometer zurücklegen,
-um die Grenze des _Mare Imbrium_ von Westen her zu umkreisen. Es ist
-also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende
-gelingt es uns, das schon erwähnte Quertal in der _Alpenkette_ zu
-durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar erweisen, so
-werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhältnismäßig
-keinen allzu großen Umweg machen.
-
-Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie groß war
-jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten,
-an der wir ihn verlassen hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu
-haben, aber nein -- die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen,
-unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz der Ermüdung stürmten wir
-vorwärts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir
-bemühten uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um zu wissen, in
-welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war
-keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere
-Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser
-hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr für
-einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er vergaß, daß ich das einzige
-Wesen war, das sein Schreien hier -- durch das Sprachrohr mit ihm
-verbunden -- hören konnte.
-
-Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab,
-sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir
-nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle
-zurückkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende
-und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde --
-den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder
-Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer
-Rückkehr davonzueilen.
-
-Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht absichtlich
-geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte
-Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und
-von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die
-Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstürmen, ihm nach,
-mich rächen, morden ...
-
-Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns
-langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer
-gleich bleibenden traurigen Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu
-und redeten abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. Martha
-blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich
-heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu
-geben, daß sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, daß sie
-infolge des Luftmangels nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut
-und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus.
-Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, daß wir zu dem Wagen
-zurückkehren wollten. Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit
-hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.
-
-Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir fort waren,
-ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem
-Felsen unter, so daß sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann
-vor Kälte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und
-blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken genügend
-erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das Verschwinden des Wagens
-entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns
-nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns
-befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns
-von neuem entfernten, daß wir eine andere Seite der Gegend erforschen
-wollten und wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum
-zweitenmal zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie uns
-entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht wieder fanden. Der
-ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er für uns mehr als
-verhängnisvoll hätte werden können.
-
-Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand an. Während unserer
-Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig geworden. Jetzt ist er ruhiger
-und sagt, daß er sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll
-abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, daß
-er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang ist es schon genug der
-Opfer -- und des Schreckens ...
-
-Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach
-Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des _Plato_ vor unseren Augen. Bald
-werden wir an der _Alpenkette_ angelangt sein.
-
-Mit Rücksicht auf Tomas' Gesundheit tut die größte Eile not. Je eher wir
-eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei
-atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung.
-Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von
-dieser Wüste zu entfernen und dem Pole näher zu kommen, wo
-wahrscheinlich Luft und Wasser ist.
-
- Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30'
- nördlicher Mondbreite,
- einhunderteinundsechzig Stunden
- nach Sonnenaufgang des dritten Tages.
-
-Unsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird immer geringer. Wir
-fahren so schnell es das Terrain nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit
-und Tomas stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor Unruhe
-und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite Alpenkette, die den
-Weg versperrt, uns in nordöstlicher Richtung zu halten, so daß wir uns,
-statt dem ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm entfernen
-müssen. In einigen Stunden werden wir am Ausgang des _Quertals_ sein;
-wenn man nur wenigstens nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir
-zur Linken immer nur die steilen Wände der _Alpen_, neben denen unser
-Wagen wie ein winziger Käfer hinter der Mauer einer riesigen Festung
-aussieht. Wir warten mit Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor
-uns öffne und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang,
-der zum _Mare Frigoris_ führt. Schon begegnen wir vereinzelten kleinen,
-aber steilen Felsen, die wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen,
-ein Zeichen, daß wir uns ihm nähern.
-
-Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er möchte so schnell
-wie möglich auf den Pol gelangen, und dabei haben wir vom _Sinus
-Aestuum_ kaum den halben Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt
-mich, wenn ich daran denke! Er hat, scheint's, die Entfernung ganz
-vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, von Luft und
-Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen finden werden! Statt dessen
-wird der nächste Mondmorgen, obwohl er noch so weit ist, noch immer
-nichts davon bringen, das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine
-Genesung -- je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet Pläne für die
-Zukunft und legt sich schon sein Leben mit Martha zurecht ... Mich
-beunruhigt diese Zuversicht; auf der Erde sagt man, daß das ein böses
-Zeichen bei einem Kranken ist.
-
-Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen traurigen Lächeln.
-Gott, was muß sie leiden! Es ist doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie
-es um ihn steht ...
-
- Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag.
-
-Eine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist. Die Verzweiflung
-packt mich, denn ich will, daß er lebt. Ich will es um so mehr, weil ich
-in meinem Hirn eine giftige Schlange fühle, die mir trotz meines
-Aufbäumens dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von
-euch gehören -- vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er muß! Und
-wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm folgen wird. Was dann?
-Was dann? Wozu werden wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte
-einst, daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß dieser
-Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins hier ist. Mit ihrem Tode
-wird unser Dahinsterben beginnen, denn wir werden nicht fähig sein, aus
-uns selbst etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden
-niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn wozu, wozu? ...
-
-Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben bliebe, wenn sie einem
-von uns, vielleicht mir, ihre Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen
-so auf den Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl, als wenn
-eine Kugel voll heißer Luft mir in der Brust zerplatzte, den Atem
-zurückhielte und Feuer in alle meine Adern ergösse ...
-
-Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser Eine auch Varadol
-sein ... Nein, es wäre besser, wenn diese Frau nicht unter uns wäre. Ich
-bemerke zu meinem Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen
-und Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und starrt in
-die Züge des sterbenden Geliebten.
-
-Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll gegen den Tod.
-Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner eigenen Überzeugung zu
-trotzen, daß er leben wird und läßt uns dem beipflichten. Wir tun es ihm
-zuliebe, unehrlicherweise; und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu
-und antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: »Ja, du
-wirst leben, du mein Einziger« ... Dabei verschleiern sich ihre Augen in
-einem Nebel der Wonne und des Rausches. Kann sie es denn wirklich für
-möglich halten, daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft, ohne
-einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? Und dennoch, was würde
-ich dafür geben!
-
-Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so groß wie an den
-vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden Mondbreite. Wir müssen
-uns, aus Rücksicht für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in
-der Mitte des _Quertals_; vor Sonnenuntergang müssen wir bis zum _Mare
-Frigoris_ vordringen.
-
-Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, auf der Ebene
-zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, plötzlich bei dem breiten
-Auslauf der Ebene. Die senkrechte Wand der _Alpen_ bricht hier ab und
-weicht nach Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm
-unterbrochen. Die Fläche des _Mare Imbrium_ verengt sich in einem großen
-Halbkreis zu dem eigentlichen Tal, das anfänglich durch einen
-terrassenförmigen Abhang verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein
-mächtiges, einige hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen
-Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-_Montblanc_ gegen
-viertausend Meter über der benachbarten Fläche.
-
-Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene einfuhren. Jenes
-Stockwerk erschreckte uns, denn wir dachten, wenn wir unterwegs mehrere
-solcher Hindernisse anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr
-verlängern, da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten.
-
-Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der Mondoberfläche,
-obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben; das letztemal auf dem
-_Plato_. Aber es gab kein anderes Mittel der Orientierung in dieser
-Gegend. Endlich wagten wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal
-einzubiegen. Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er
-drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen Widerspruch
-duldet, daß man sich nach Norden wenden solle, da er wisse, daß die
-zeitraubende Umkreisung der Alpen und die lange Fahrt durch den _Palus
-Nebularum_ ihn zweifellos töten würde.
-
-Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! Früher ruhig,
-entschieden, voll Überlegung und von einem unbeugsamen Willen, ist er
-jetzt ein launenhaftes, trotziges Kind. Er schilt uns wegen jeder
-Kleinigkeit und dann entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn
-zu retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der vollständigen
-Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang auf dem Rücken liegt,
-einer Leiche ähnlicher als einem lebenden Menschen. Oft spricht er auch
-unaufhörlich, als wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme
-versichern wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns
-unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt er
-sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. Vergeblich zerbreche ich
-mir den Kopf, was das für ein Geheimnis sein kann ...
-
-Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk anhielten,
-das den Eingang zu dem Tal versperrt. Mit großer Mühe fanden wir einen
-Weg, der es uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe standen,
-blickten wir noch einmal auf das hinter uns liegende _Mare Imbrium_, das
-wir bald für immer aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft,
-so muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh von dieser
-Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur Mühen, Qualen und Verzweiflung
-gebracht hat ... Wie seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir
-durcheilten diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von einem
-Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen Wunsche beseelt, sie so
-schnell wie möglich hinter uns zu haben -- und jetzt blicke ich fast mit
-Sehnsucht nach ihr zurück ...
-
-Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig leicht vorwärts;
-die breiten Stockwerke treffen wir nicht mehr an und kleinere Berge, die
-nicht seine ganze Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht
-jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet. Zu beiden
-Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen viertausend Meter hoher
-Gebirgswall. Das am Eingang einige Kilometer breite Tal verengt sich
-gegen Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn sich seine
-mächtigen Wände einander näherten und wir uns in einem enormen,
-schnurgerade unter den Felsen ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen
-den entfernten Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber tiefen
-Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch ein Stück Himmel
-ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich mein Blick nicht täuscht, aber
-es scheint mir, daß der Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne
-weniger zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein
-einer dichteren Atmosphäre über dem _Mare Frigoris_ zeugen ... Unser
-Barometer steigt ebenfalls langsam. Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der
-Zone bringen könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ...
-
- Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden
- nach Mittag, dritter
- Mondtag.
-
-Wir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und einige Kilometer
-zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang des _Quertales_. Die ungeheure
-Felsgurgel verengt sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten werden
-immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf das _Mare Frigoris_, deutlich
-vor uns sichtbar, scheint sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu
-erweitern und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren
-Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf eine Fläche
-hinausfahren -- gebe Gott, daß wir _alle_ hinausfahren ...
-
-Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige Reise! Wohl
-dreißig Stunden zitterten wir, bei dem kleinsten Geräusch auf Woodbells
-Lager blickend: -- etwa jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber
-besteht kein Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur
-immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die Sehnsucht liegt, --
-die glühende Sehnsucht zu leben! Und wir können ihm nicht helfen ...
-
-Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte hat ihm den Rest
-gegeben. Wir hatten fast zwei Drittel des Weges hinter uns, als wir,
-unter dem 3.° östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das
-uns beinahe gezwungen hätte auf das _Mare Imbrium_ zurückzukehren. Die
-Sonne stand schon tief am Horizont und die ganze westliche Seite des
-Quertales war in undurchdringlichen Schatten gehüllt, der kaum hie und
-da durch schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. Wir
-mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten, um uns nicht in der Nacht
-zu verlieren. Der Wall erreicht hier die größte Höhe; er erhebt sich
-steil und riesenhaft, beinah wie die senkrechte _Alpenwand_, unter der
-wir vormittags hindurchfuhren.
-
-Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor uns einen
-schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der ganzen Breite versperrte.
-Vorher hatten wir ihn infolge der leichten Erhebung des Grundes nicht
-gesehen. Als wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen
-eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des Tales quer
-durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im Schatten, so daß wir nicht
-in ihre Tiefe sehen konnten. Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum
-Fuße durch sie zerrissen.
-
-Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen Hindernis.
-
-Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, auch daß sie
-die Hochebene durchschneidet, die das _Mare Imbrium_ vom _Mare Frigoris_
-bis zu den nördlichen Abhängen des _Plato_, in südöstlicher Richtung,
-trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den Grund des
-_Quertales_ erstreckte, das zwei- bis dreitausend Meter tiefer als die
-Oberfläche der benachbarten Höhen, die sich hinter den Wällen
-ausdehnten, lag. Ich fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der
-Schweiß auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen.
-
-Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten des Wagens beunruhigt,
-fragte uns, was geschehen sei. Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu
-sagen; er jedoch, unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben
-schenkend, strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte
-durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, dann legte er
-sich wieder und sagte fast gleichgültig:
-
--- Sie wollen nicht, daß ich lebe ...
-
--- Wer? frug ich erstaunt.
-
--- Die Brüder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte und schloß die
-Augen, als wenn er den Tod erwartete.
-
-Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal Zeit, über die
-Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken, da ich mit Peter beraten
-mußte, was jetzt zu tun sei. Wir zogen schon eine Rückkehr auf das _Mare
-Imbrium_ in Erwägung, als Peter auf die glückliche Idee kam, mit Hilfe
-des starken Reflektors den Boden der Spalte zu beleuchten und uns über
-ihre Tiefe zu vergewissern. Nachdem wir uns dem Rand genähert hatten,
-warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in die Spalte, die
-an dieser Stelle ziemlich eng und nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich
-ganz von Schutt angefüllt, aus dem mächtige Felsstücke hervorragten,
-eine Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mächtigen
-Gebirgsstromes gemahnte. Und wer weiß, ob hier nicht tatsächlich einmal
-Wasser geflossen, den Weg ausnützend, der durch andere Kräfte gebildet
-ward?
-
-Der Schein des Reflektors glitt über die schwarzen, sich wild
-übereinandertürmenden Felsen, flammte auf und verlor sich in tiefen,
-unregelmäßigen Zerklüftungen. Wir standen immer noch ratlos, ohne zu
-einem Entschluß zu kommen, als sich Martha uns näherte.
-
--- Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem Tone, als wenn sie
-uns einen Befehl erteilte.
-
-Und dann fügte sie, auf Tomas deutend, hinzu:
-
--- Ich muß leben, für ihn ... Um meinetwillen braucht ihr jetzt nichts
-zu befürchten ...
-
-Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen? So hatte sie
-niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten seltsam; in der ganzen
-Gestalt, in den Worten und in der Bewegung lag eine Würde, eine
-selbstbewußte Hoheit. Oh, wie schön ist dies Weib und wie begehrenswert!
-... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken! Da packte mich
-plötzlich eine rasende Wut. Ich rüttelte ihn brutal bei der Schulter und
-schrie:
-
--- Siehst du nicht, daß wir keine Zeit zu verlieren haben! Fahren wir
-zurück oder vorwärts?
-
-Peter wandte sich hastig zu mir und wir maßen uns eine Weile, wie
-bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu springen. Ein halblautes,
-höhnisches und verächtliches Lachen Marthas ließ sich vernehmen. Ich
-hatte das Gefühl, als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins
-Herz bohrte. Wir ließen beide beschämt den Blick sinken. Mir scheint,
-daß ich dies Weib zu hassen beginne.
-
-Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen und sie, die am
-Boden zerstreuten Steine benützend, zu überklettern. Das war freilich
-leichter gesagt als getan. Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der
-östlichen Wand des Quertales einen schrägen Abhang entdeckt hatten
-begannen wir den Wagen mit der größten Vorsicht dort hinabgleiten zu
-lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete unserer auf dem Boden der
-Spalte. Bis hierher konnte weder das Licht der Sonne noch das der Erde
-dringen, so daß wir uns in vollständiger Nacht befanden. Es ist mir
-unmöglich, die Mühen zu schildern, die uns der Weg über diese paar
-hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen Lampe erleuchtete
-nur einen schmalen Streifen vor uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu
-orientieren. Abwechselnd ging einer von uns zu Fuß voraus, während der
-zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang in die Höhe,
-schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal blieb er sogar so stecken,
-daß wir daran zweifelten, ihn wieder loszubekommen. Endlich gelangten
-wir an die gegenüberliegende Seite der Spalte. Zum Glück neigte sich
-hier der Boden ein wenig, so daß wir auf der so entstandenen Senkung mit
-Hilfe der »Tatzen« hinaufklettern konnten.
-
-Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon ins Licht der Sonne.
-
-Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem Ruck des Wagens so
-plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden Welle die Augen schließen
-mußte; als ich sie wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze
-fürchterliche Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. Einige
-hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh in den Boden senkende
-Wand, die durch einen Streifen absoluter Schwärze von uns getrennt war.
-Ich hatte nur eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen
-Augenblicken dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien,
-grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß wir uns
-hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige Felsen, die vor uns im
-elektrischen Licht aufleuchteten, als wenn sie, aus dem Nichts
-herausgewachsen, in Nichts wieder zerfließen würden -- aber an die
-Wirklichkeit dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben.
-
-An der Oberfläche des _Quertales_ angelangt, blieben wir stehen, um die
-»Tatzen« abzunehmen und den Wagen zu untersuchen, ob er nicht etwa
-beschädigt sei. Alles war in Ordnung, und wir konnten weiterfahren.
-Alles -- mit Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen
-Erschütterungen hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar Stunden wie
-tot dalag, nur manchmal leise stöhnend.
-
-Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als Tomas plötzlich
-aufsprang und sich auf das Lager setzte. In seinen weit aufgerissenen
-Augen brannte wieder das Fieber. Peter war am Steuer des Wagens
-beschäftigt, aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns mit
-irren Blicken an, dann rief er plötzlich:
-
--- Martha, ich werde sterben!
-
-Martha erblaßte und neigte sich zu ihm:
-
--- Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, und eine Röte
-übergoß ihr Gesicht.
-
-Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich noch tiefer zu
-ihm herab und begann halblaut malabarisch zu ihm zu sprechen. Ich
-verstand die Worte nicht, aber ich sah, daß sie einen großen Eindruck
-auf Tomas machten. Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein
-unendlich trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine
-Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar des auf seine Brust
-gebeugten Mädchenkopfes.
-
-So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in seinen
-ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch versuchte er von
-neuem sich aufzusetzen. Es fehlte ihm, scheint's, der Atem.
-
--- Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer wieder angstvoll, und
-sie antwortete unermüdlich: »Du wirst leben.« Für gewöhnlich verstummte
-er darauf wie ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber
-diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte:
-
--- Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... Und dann fügte er
-hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, zu leben ... die Brüder Remogner
-...
-
-Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und fragte ihn, alle
-Rücksicht auf seinen Zustand vergessend, was die Brüder Remogner mit
-seiner Krankheit gemein hätten.
-
-Er zögerte, dann sagte er schmerzlich:
-
--- Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch sagen ...
-
-Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch sein Herzklopfen
-und die Atemnot unterbrochen wurde.
-
--- Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort in der Wüste
-hinter den »_Drei Köpfen_«? Heute noch sehe ich sie vor mir, mit ihren
-zertrümmerten Türmen und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich
-sterben muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie nicht
-aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... Als ich den Wagen
-verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes Gestein klettern, das
-dem zerstörten Pflaster eines alten römischen Kastells irgendwo in der
-Schweiz oder im italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an
-eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt vor mir wie
-auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich das mächtige Tor mit dem
-halben Bogen und den hohen Säulen, als plötzlich, plötzlich ...
-
-Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom Lager. Die Augen
-hatte er weit geöffnet, das leichenblasse Gesicht wurde jetzt grün.
-
--- Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir schien es so ...
-einst ... daß die einzige Wahrheit das Wissen ist, das sich auf die
-Erfahrung stützt und sich in mathematische Formeln fassen läßt. Und
-dennoch gibt es unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich
-lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir wissen bis jetzt
-sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr wenig ...
-
-Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, als wenn er sich
-vergewissern wollte, ob wir nicht etwa über seine Worte spöttelten, aber
-wir saßen still und in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr
-in der unterbrochenen Erzählung fort:
-
--- Da ... erblickte ich ... zwei Schatten -- nein, zwei Menschen,
-Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus dem Tore direkt auf mich zu ...
-Die Knie wankten mir. Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst
-verjagen, aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf
-Schritte vor mir -- die Brüder Remogner! Sie standen beide da, sich bei
-der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, blutig, wie wir sie gefunden
-haben. Und beide starrten mich so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß
-ich nicht ängstlich bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage
-ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst versteinerte mich
-und das Blut gerann mir in den Adern. Ich konnte mich nicht rühren --
-mich nicht abwenden ... Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen!
-Und ich hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine Luft war
-...
-
--- Und was haben sie gesprochen? stieß ich unwillkürlich hervor.
-
--- Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug, daß ich es hören
-mußte, oh, mehr wie genug, mehr wie genug! ... Sie sagten mir wie ich
-sterben würde und wie ihr sterben werdet, ihr -- beide ... Sie
-bezeichneten Tag und Stunde ... Und sie sagten weiter, daß man nicht
-ungestraft die Erde verläßt und in die Geheimnisse zu dringen versucht,
-die dem menschlichen Auge verborgen sind. Sie sagten, es wäre besser
-gewesen, wenn wir dort gestorben wären, auf dem _Mare Imbrium_, statt
-ihnen, den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen zu
-verlängern, ja, der Qualen ... »Wir sind euch gefolgt,« sagten sie, ich
-hörte es ganz deutlich, »und ihr seid an unserem Tode schuld, aber auch
-ihr« ... Bei diesen Worten blinzelten sie haßerfüllt mit den erloschenen
-Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem boshaften Lächeln.
-Da bemerkte ich, daß hinter ihnen O'Tamor stand, blaß und vertrocknet
-... Er lächelte nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte
-voll Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf, und die
-ganze Willenskraft zusammennehmend, riß ich die erstarrten Füße vom
-Boden los und stürzte davon. Ich dachte nicht mehr an die Stadt -- an
-gar nichts. Ich lief und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und
-aufstehen, aber da fühlte ich, daß ich keine Luft hatte und verlor das
-Bewußtsein ...
-
-Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame Beklemmung. Ich
-bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß das alles nur eine Täuschung war,
-wie jene Stadt selbst, die ich heute ebenfalls für eine Täuschung,
-hervorgerufen durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber
-ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen.
-
-Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so unlösbare Rätsel -- so
-unerforschliche Geheimnisse! ... Auf diesen erloschenen Globus sind
-Menschen gekommen, ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem
-Menschen und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, auch jenes
-Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen Zeiten auf Erden jedem Wissen,
-jeder Forschung getrotzt hat, gefolgt ...
-
-Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte frug er wo wir
-seien. Ich sagte ihm, daß wir uns dem Ende des _Quertales_ näherten und
-bald auf das _Mare Frigoris_ gelangen würden. Er hörte zu, als wenn er
-meine Worte nicht verstünde.
-
--- Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich träumte, daß ich auf
-der Erde war ...
-
-Dann wandte er sich zu Martha:
-
--- Martha, erzähle mir, wie es auf der Erde ist.
-
-Und Martha begann zu erzählen:
-
--- Auf der Erde ist blaue Luft und über sie dahin wandeln die Wolken.
-Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze mächtige Meere. Am Strande der
-Meere ist Sand, und verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut,
-und dann gibt es Wiesen, auf denen süße, wonnige Blumen blühen, und
-Vögel singen in den Wäldern. Wenn der Wind sich erhebt, so heult das
-Meer auf, und die Wälder brausen, und die Blätter säuseln ...
-
-So erzählte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir hörten ihren
-Worten zu, wie dem schönsten Zaubermärchen ... Der Kranke bewegte
-langsam die Lippen, als wenn er wiederholen wollte: und die Wälder
-brausen, und die Blätter säuseln ...
-
--- Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut.
-
-Ein herzzerreißendes Schluchzen Marthas antwortete ihm. Sie konnte sich
-nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den Rand des Lagers gedrückt,
-erbebte sie in krampfhaftem verzweifelten Weinen.
-
--- Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand ihr Haar berührend.
-
-Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem Gesicht zu uns
-und begann wieder mit abgebrochener Stimme, die wie mit großer
-Anstrengung aus der Brust hervordrang, zu sprechen:
-
--- Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will nicht sterben! Nicht
-hier! Hier ist's so entsetzlich! Rettet mich! Ich will ... leben, noch
-... leben ... Martha ...
-
-Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die dürren Hände nach uns
-aus.
-
-Was sollten wir ihm antworten? ...
-
-Wir nähern uns dem Ausgang des Tales, und die Fläche des _Mare Frigoris_
-liegt schon vor uns. Ich habe die schmerzliche Gewißheit, daß wir sie
-allein zurücklegen werden -- ohne Tomas!
-
- Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag,
- dreiundzwanzig Stunden nach
- Sonnenuntergang.
-
-Ich sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb; sie haben sich
-bewahrheitet. Auf die Ebene _Mare Frigoris_ fuhren wir allein. Tomas
-Woodbell ist heute bei Sonnenuntergang gestorben.
-
-Eine fürchterliche Leere! Wir werden immer weniger; nur mehr drei sind
-geblieben ... Ich kann an nichts anderes denken als an diesen stillen,
-entsetzlichen Tod Woodbells.
-
-Die Sonnenscheibe berührte bereits mit dem unteren Rande den Horizont,
-als wir endlich, nach einer Woche Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor
-uns erstreckte sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen
-vergoldete Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir bei
-ihren früheren Untergängen nicht bemerkt haben, sich dem Horizont
-zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und das Rund des schwarzen
-Himmels um sich herum ein wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses
-Zeichen, daß die Atmosphäre hier dichter ist. Wir stellten auch einen
-zweiten, sehr günstigen Umstand fest: Das _Mare Frigoris_ ist ganz mit
-Sand bedeckt, was darauf schließen läßt, daß diese Ebene tatsächlich
-einstmals Meeresgrund gewesen ist.
-
-Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil Tomas sich
-scheinbar ein wenig besser fühlte. Wir wurden schon hoffnungsvoller; es
-schien uns, daß wir im Fluge diese Ebene durcheilen, und ehe die neue
-Sonne aufgeht, mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein würden! Daß
-wir das Wehen des Windes fühlen, das Rauschen des Wassers hören, das
-Grün der Wiesen wiedersehen sollten ...
-
-Allein wie anders wollte es das Schicksal!
-
-Wir waren kaum einige Meter auf der Fläche gefahren, als Tomas uns bat,
-den Wagen anzuhalten. Die kleinste Bewegung quälte ihn unsagbar ...
-
-Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und auf die Sonne
-schauen, bevor sie untergeht.
-
-Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen zur Sonne, die
-ihre letzten goldenen Strahlen auf sein totenbleiches Gesicht
-herabfließen ließ. Er starrte eine Zeitlang unbeweglich in ihr Leuchten,
-dann wandte er sich zu Martha:
-
--- Martha, wie ist das: »Sonne, du lichter Gott« ... Wie geht das
-weiter?
-
-Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde aus gesehenen
-Sonnenuntergang, in den vollen Glanz, streckte die Hände aus und die
-tränenvollen Augen zu dem schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb
-sprechend, halb singend eine seltsame, in Rhythmen tönende Hymne:
-
-Sonne, du lichter Gott, du wandelst von uns zu Ländern, die wir nicht
-kennen!
-
-Sonne, du Leuchte des Himmels, du Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen
-in Trauer zurücklassend, um denen zu leuchten, die schon aus der
-irdischen Hülle erlöst sind ...
-
-Die, aus den Körpern erlöst, noch keine neue Gestalt annahmen, wie
-Gefangene, die man für eine Spanne Zeit freiließ, damit sie einen Tag
-der Stille und Ruhe genießen, ehe sie zum Gefängnis, in ihre Ketten
-zurückkehren.
-
-Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfaßbare, der einen Tag der Stille
-zwischen Kampf und Sorgen geschaffen hat ...
-
-In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang aller Dinge; in Ihm sind die
-Seelen derjenigen erlöst, die den Kampf schon beendet haben, dahin
-heimkehrend, von wo sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind.
-
-Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von uns, und wir bleiben in Trauer
-zurück -- mit unserer Sehnsucht ...
-
-Woodbell hörte zu und schien einzuschlafen. Plötzlich rief er angstvoll:
-
--- Martha, O'Tamor ist gestorben?
-
--- Ist gestorben.
-
--- Die Remogners sind gestorben?
-
--- Sind gestorben.
-
--- Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ... er deutete mit den
-Augen auf uns.
-
--- Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen tiefen
-Überzeugung.
-
--- Ah, ja ... flüsterte der Kranke, aber was hilft es mir ...
-
-Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre Vorderpfoten auf
-das Lager und leckte die herabhängende Hand ihres Herrn. Er blickte auf
-sie und machte eine Bewegung, als wenn er das treue Tier streicheln
-wollte, aber scheinbar fehlten ihm schon die Kräfte.
-
--- Meine, meine Hündin ... flüsterte er nur.
-
-Dann sagte er, daß er auf die Erde schauen wolle. Wir legten ihn so, daß
-er sie vor sich hatte. Sie stand gerade im ersten Viertel über den
-Felsen im Süden. Er blickte lange, die Hände ausstreckend, in heißem
-Verlangen auf diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der
-Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine Fluten
-erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt.
-
--- Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke.
-
--- Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein Echo.
-
--- Dort waren wir glücklich ...
-
--- Ja, glücklich.
-
-Der Kranke begann wieder unruhig zu werden.
-
--- Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem Tode? ... Denn sieh, ich
-will nicht ... hier herumirren ... auf dieser Wüste ... in dieser
-Totenstadt ... Martha, werde ich dorthin kommen ...
-
-Martha schwieg und ließ den Kopf sinken, Tomas drängte wieder und wieder
-...
-
--- Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem Tode ... auf die Erde?
-
-Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper, aber sie überwand
-sich und antwortete mit tränenerstickter Stimme:
-
--- Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, für einen Tag der Stille
-... aber dann wirst du zu mir zurückkehren.
-
-Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhängenden Hände
-waren bläulich und kalt. Er zuckte noch einmal und flüsterte kaum
-hörbar:
-
--- Martha, wie ist es auf der Erde? ...
-
-Und Martha erzählte von neuem vom rauschenden Meer, von blühenden
-Wiesen, von duftenden Blumen!
-
-Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber ruhiges Lächeln und
-die Augen begannen sich langsam zu schließen. Noch einmal öffnete er sie
-für einen Augenblick, schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der
-nur noch ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war -- seufzte
-leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden Tages ...
-
-In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und ihm die Augen mit Sand
-bedeckt.
-
-Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden unterwegs.
-
-Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten schon beim Ausgang
-aus dem _Quertale_ den fünfzigsten Parallelkreis; die Erde erhebt sich
-nur noch 40° über dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche
-keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht, wollen wir die ganze
-Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen.
-
-Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz erschlafft da,
-fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren Füßen heult Selena nach ihrem
-verstorbenen Herrn. Wir geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen,
-aber Selena nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert zu
-werden.
-
- Auf Mare Frigoris, 0° 6' östlicher Länge, 55°
- nördlicher Mondbreite, nach
- Mitternacht, zu Beginn des
- vierten Tages.
-
-Wir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit hundertsiebzig Stunden,
-das heißt, seit dem Tode Woodbells, bewegten wir uns in nordwestlicher
-Richtung. Jetzt ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ...
-Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn begraben
-haben.
-
-Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder unseres Wagens,
-während nur das Zischen des Motors die lautlose Stille und das bleierne
-Schweigen unterbricht, das auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt
-da, stumm, mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen Augen, in
-denen die Tränen schon vertrocknet sind.
-
-Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie nicht mehr
-fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen herum, alle ihm gehörigen
-Gegenstände und was seine Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd.
-Schließlich legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn
-einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie die Tollwut
-bekäme, und mußten sie töten, obwohl es uns unendlich leid tat. Übrigens
-bin ich überzeugt, daß sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte.
-
-Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn wir -- was
-können Peter und ich miteinander sprechen? Es ist etwas Furchtbares
-geschehen. Der Tod Woodbells bedeutet in diesem Falle nicht nur den
-Verlust eines Menschen, eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser
-Tod ist ein unermeßliches Unglück, -- eine wahnsinnige Ironie des
-Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau geworfen hat, die wir in
-gleichem Maße heiß begehren. Ich kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich
-ein Schauer erfaßt und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser
--- Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes. Es scheint mir,
-daß Woodbells Geist uns noch nahe ist, daß er mir ins Herz sieht, diese
-meine Gedanken lesend, aber ich kann dennoch nicht widerstehen -- ich
-kann nicht! Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle
-Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde, daß ich sie
-vor mir sehe -- immer -- mit einer furchtbar unerhörten Deutlichkeit,
-auch wenn ich die Augen schließe. Ich versuche meine Gedanken von ihr
-abzulenken, sie mit Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde,
-aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens, werfen sich auf
-sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben sich an ihren Formen,
-schlängeln sich um ihren Leib und beschmutzen ihn mit den lüsternen
-Schnauzen, und da sie sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie
-zu bellen, mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie hin
-und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken, wie sie mich
-peinigen und quälen!
-
-Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe es! Und er weiß
-ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher dieser stumme, verbissene Haß
-zwischen uns. Weshalb soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit
-schönen Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn sie
-steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser fürchterlichen
-Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer Seele, daß einer von uns
-zu viel ist. Wir sprechen nicht miteinander und sehen uns nicht in die
-Augen. Manchmal nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem
-entsetzlichen Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch die
-Fenster eines im Innern flammenden Hauses.
-
-Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl ich weiß, daß er
-mich jeden Augenblick, ohne zu wissen, was er tut, hinterrücks
-niederschlagen und morden kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich
-schreibe und er hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein
-Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich will seinem
-Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem Spiegel, meine eigene
-Gemeinheit sehe.
-
-Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem plötzlichen,
-unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann über allen Ausdruck furchtbar,
-wenn er sich langsam nähert und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung.
-Ich fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf die er kein
-größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre vom Kummer noch
-bleichen Wangen durch Küsse röten, ihre Brust, die noch in ungestilltem
-Schluchzen bebt, zu schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann.
-Ah, ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig so mit
-unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben, ohne jegliche
-Gefahr ist!
-
-Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir ins Gesicht speien und
-dann vor ihn hintreten und sagen: Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen
-wir uns, wie zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden
-Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle Welt,
-kämpfen wir um die Geliebte unseres toten Freundes, die für uns nichts
-fühlt als Gleichgültigkeit und Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute
-um sie, ehe wir morgen sterben!
-
-Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu tun. Oh, wie ich
-mich verachte!
-
-Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke, in denen ich
-fähig wäre, mich auf sie zu werfen und ihren schweigenden, traurigen
-Mund durch Schläge zum Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei
-zugleich mit dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ... Wir
-würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu leben, am Ende dann
-sogar freiwillig sterben, aber zum wenigsten würde nichts zwischen uns
-sein ...
-
-Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch leben, wenn sie
-diesen Menschen so geliebt hat, und wenn er für sie alles gewesen ist
-und mit ihm für sie alles geendet hat? Wir sind gemein, aber auch sie
-ist gemein! Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit
-gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht überleben. Und diese
-Hündin hat doch nicht den hundertsten Teil der Liebkosungen gekostet,
-hat nicht den tausendsten Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau
-überhäuft hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer weiß, vielleicht
-wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar im Schmerz erkaltet und
-erloschen sind, schon auf einen von uns verstohlene Blicke, vielleicht
-keimt in ihrem Hirn, das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der
-Gedanke: Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das ewige
-Werk des Weibes zu erfüllen? ...
-
-Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher,
-elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter, also heiliger
-Trieb des Seins und des Zeugens, der uns nicht zurückblicken, mit der
-Vergangenheit nicht rechnen, noch an die Zukunft denken läßt. Und
-dennoch ist für mich das alles so ekelhaft -- so widerwärtig --
-ungeheuerlich! ...
-
-Ah, warum lebt dieses Weib? Warum?
-
-Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals verwinden könnte.
-
- Auf Mare Frigoris, 0° 30' östlicher Länge, 61°
- nördlicher Mondbreite,
- vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig
- Stunden nach Mitternacht.
-
-Martha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst leben! Ach, daß ich
-das damals nicht gleich verstanden habe!
-
-Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich, am Steuer
-sitzend, bemerkte, daß Peter sich fortgesetzt um mich herum zu schaffen
-machte, mit einer Miene, als wenn er eine Unterredung beginnen wollte.
-Mich wunderte das, weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber
-gleichzeitig freute es mich auch. Ich fühlte, daß die Zeit endlich
-gekommen war, dieser unerträglich drückenden Situation durch eine
-Aussprache ein Ende zu machen.
-
-Ich frug ihn also so höflich wie nur möglich:
-
--- Wünschst du etwas von mir?
-
--- Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend, ich wollte mit dir
-reden ...
-
-Ich bemerkte, daß er sich zu einem Lächeln zwang, aber seine Züge
-zuckten krampfhaft dabei. Unwillkürlich blickte ich auf seine Hände. Und
-er, als wenn er meinen Blick verstanden hätte, errötete und zog die
-Hände leer aus den Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er
-etwas stockend:
-
--- Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es scheint, daß wir
-diese Nacht nicht anzuhalten brauchen, da die Kälte nicht so empfindlich
-ist und der Weg eben und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont
-steht; im übrigen wirst du zugeben, daß man sich eilen muß, also ...
-
-Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer verwirrter.
-Plötzlich änderte er den Ton und schrie heftig:
-
--- Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach Norden?
-
--- Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend.
-
-Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol sprang auf und
-begann unruhig auf und ab zu gehen. Ich war mir klar darüber, was in ihm
-vorging; ich wußte, wovon er mit mir sprechen wollte, und daß er über
-gleichgültige Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen konnte,
-das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenüberstellte, die früher oder
-später schließlich fallen mußte. Eine Zeitlang empfand ich eine boshafte
-Freude über seine Hilflosigkeit, aber dann tat er mir plötzlich so
-unendlich leid, daß ich fähig gewesen wäre, mich ihm an den Hals zu
-werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwören, ihm alles
-mögliche zu sagen, daß ich ihm das Weib abtreten wolle, -- oder ihn zu
-bitten, sich mit ihrem Tode einverstanden zu erklären -- ah, ich weiß
-selbst nicht mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich
-sofort; das führt absolut zu nichts. Ich fühlte indes, daß es unmöglich
-war, die endgültige Auseinandersetzung noch weiter hinauszuschieben.
-
--- Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt.
-
-Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton in meiner Stimme
-betroffen, und sah mir forschend in die Augen. Dann lächelte er traurig
-und fuhr mit der Hand über die Stirn. Ich bemerkte, daß seine Hand wie
-im Fieber zitterte.
-
--- Ja, in der Tat, ich wollte -- überdies ...
-
-Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem Zögern sagte er mit
-abgebrochener, rauher Stimme in deutscher Sprache, damit sie ihn nicht
-verstehen konnte:
-
--- Was werden wir mit diesem Weibe tun?
-
-Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich wie ein
-Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen; das Blut klopfte mir in
-den Schläfen und verschleierte mir die Augen. Mein Herz schlug zum
-Zerspringen; die Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende
-Augenblick war gekommen.
-
-Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, blaß wie eine Leiche und starrte
-mir hartnäckig in die Augen. Diesen Blick werde ich bis zu meinem Tode
-nicht vergessen! Es lag eine Angst darin und ein fast hündisches Flehen
--- und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung.
-
-Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir klar darüber zu
-sein, was ich tat, trat ich an Martha heran, die still dasaß und irgend
-etwas nähte. Er folgte mir.
-
--- Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie mir jetzt scheint,
-lächerliche Frage, obwohl ich damals keine Lust zum Lachen hatte, stieß
-ich ganz unvermittelt hervor.
-
-Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot und sagte
-langsam mit leicht zitternder Stimme, als wenn sie sich rechtfertigen
-wollte:
-
--- Ich warte auf Tomas' Rückkehr ...
-
-Eine rasende Wut packte mich.
-
--- Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die Arbeit, über die
-sie sich neigte, aus den Händen reißend. Ich weiß nicht, was weiter
-geschehen wäre, wenn ich nicht in diesem Moment einen Blick auf das
-Stück Leinwand, an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd.
-
-Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen,
-streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf aufmerksam machend. Er
-schrie leise auf und ging schnell zum Steuer des Wagens.
-
-Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit einer solchen
-Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte sie ihm nicht!
-
-Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem Tode des Vaters
-geborene Kind die Seele des Verstorbenen über. Sie wartet also, fest
-überzeugt, daß Tomas in dem Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er
-als Geist die Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser
-Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die »frohe Kunde« gebracht haben, daß
-sie in diesem Kinde seiner warten werde, wohl damals, als sie kurz vor
-seinem Tode malabarisch zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr
-mich wie ein Blitz.
-
-Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses kleine
-Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen
-zurechtgeschnitten war.
-
-Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte das Gefühl, als
-wenn in meinem Herzen etwas zersprungen wäre, irgendein widerwärtiges
-Geschwür und gleichzeitig fiel es mir wie ein Schleier von den Augen.
-Martha erschien mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit einem
-Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe! Das war nicht mehr das
-Weib, um dessen Besitz ich noch vor einem Augenblick mit meinem Freund
-und einzigen Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das war
-die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod durch das große
-Geheimnis des Lebens und der Liebe.
-
-Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele; Dankbarkeit
-dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr allein sein werden, und daß
-sie sich mit der Heiligkeit der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns,
-die wir -- blind! -- in ihr nur das begehrenswerte Erbe des Toten
-gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu wissen, und küßte ihre Hand.
-Sie zuckte zusammen und verstand anscheinend meine stumme Huldigung,
-denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber schon von Stolz
-über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete.
-
-Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das alles löst ja die
-uns quälende Frage durchaus nicht, sondern rückt sie nur für eine
-bestimmte Zeit in die Ferne und trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig,
-als wenn die ganze Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die
-Überzeugung, daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern
-demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie, ganz
-vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen wird, wo ...
-
-Aber nein, nein, ich will nicht daran denken!
-
-Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden!
-
- Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des
- vierten Mondtages.
-
-Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine
-solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung,
-wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten.
-
-Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der
-Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den
-ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor
-dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe
-an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß
-sich unter dieser bedeutenden Breite -- wir passierten bereits den
-sechzigsten Parallelkreis -- das Zodiakallicht, das in der Nähe des
-Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise
-zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte
-sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne
-verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des
-_Timaeus_ -- jener Krater, dem wir uns näherten, -- in der Sonne auf,
-aber -- o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart
-erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu
-zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft
-verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden
-Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten.
-
-Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der
-ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu
-Martha.
-
--- Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen
-können wie auf der Erde!
-
-Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem
-traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte -- wie
-unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...
-
-Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage,
-denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem
-stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen
-der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in
-einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging
-und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der
-Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von
-ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist
-geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit
-denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt.
-
-Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen
-können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!
-
-In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die
-Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am
-Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir
-brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei
-Sonnenuntergang auf das _Mare Frigoris_, das wir jetzt bereits hinter
-uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der
-_Timaeus_ ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.
-
-Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer
-breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten
-zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht
-so eben wie das _Mare Frigoris_, im Gegenteil, ganz mit kleinen und
-gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren
-werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke
-zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der
-nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen
-sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert
-Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben!
-
-Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen
-uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns
-lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der
-Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den
-Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und
-ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde
-nicht mehr trauerten ...
-
-Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich
-dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten!
-...
-
- Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach
- Sonnenaufgang, 0° 2' östlicher Länge, 65°
- nördlicher Mondbreite.
-
-Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher
-sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten,
-der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis
-jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die
-Nähe jener »versprochenen Erde«, wo wir endlich nach allen, nun schon
-vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu
-freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran
-schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt
-und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen
-verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die
-entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren
-Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann,
-vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in
-einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden
-soll.
-
-Ich bin ruhig, -- nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese
-Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden
-Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge
-ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen,
-ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...
-
-Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf
-dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf
-angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich
-die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült
-worden sind.
-
-Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen
-Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe
-zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur
-der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil,
-riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen
-Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste
-verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr -- nur Leere und Starrheit
-...
-
-Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh,
-nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen!
-
-Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie
-hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar
-mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie,
-über der Arbeit sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die
-Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt,
-daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie
-es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein
-tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich
-mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen
-wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele
-nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben
-geblieben wäre.
-
-Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit
-uns; nur einmal sagte sie zu mir:
-
--- Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm
-aufs neue das Leben geben ...
-
-Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich
-sprechen kann?
-
- Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf
- der Hochebene vor dem
- Goldschmidt, 1° 3' östlicher Länge,
- 69° 3' nördlicher Mondbreite.
-
-Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis
-zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie
-übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe,
-weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns
-liegende mächtige _Goldschmidt_ und der sich mit ihm im Osten berührende
-und noch höhere _Barrow_. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie
-seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein
-menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen
-bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.
-
-Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene.
-Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die
-verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist,
-bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese
-Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der
-Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne.
-
-Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate
-vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole
-nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes.
-Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht,
-quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze.
-Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf
-der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach
-Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser
-Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem
-breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.
-
-Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen
-Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände
-und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So
-unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die
-sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln,
-ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens -- Ziel?
-Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig!
-
-Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn sie nicht wäre,
-hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des
-Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung
-entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht
-es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht
-zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa
-durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken
-zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit
-Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte
-leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich
-leben werde.
-
-Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und
-andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe
-keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen
-mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich
-sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken
-und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die
-immerfort lächelt -- im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche!
-
- Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und
- Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach
- Mittag des vierten Mondtages.
-
-Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende
-Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie
-werden sie sich zu zweit helfen können -- ohne mich? Der Weg wird immer
-beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr
-Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O'Tamor und Woodbell nun die
-Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...
-
-Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch
-sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal,
-mit voller Brust aufatmen können.
-
-Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen,
-sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte
-große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der
-Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen
-haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen
-wenden, längs den nördlichen Abhängen des _Goldschmidt_, dann wieder in
-nördlicher Richtung die Ringe _Challis_ und _Main_ passieren, im Osten
-den Ring _Gioja_ umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem
-Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die
-von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette
-getrennt ist.
-
-So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser
-Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als
-ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die
-schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.
-
-Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber
-nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen
-überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen,
-werden die Sterne unsere einzigen Führer sein.
-
-In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der
-größten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Träume im
-Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne.
-Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu
-kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den
-Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen
-Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden
-Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so
-entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln?
-Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns
-geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren,
-niemals! ...
-
-In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich glaube, ich habe
-Fieber.
-
- Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen
- Bergen.
-
-Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle
-mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu
-schreiben -- ich weiß es nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern.
-Ich bin überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es
-nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so
-dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, muß
-zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an,
-wächst; ist jetzt so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, daß
-wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich es nur? Denn wo in
-aller Welt kämen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit
-ihm geschehen, aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ...
-
-Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen müsse, weil ich
-Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es
-mir nicht erlaubt? ...
-
-Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ...
-Ich weiß nicht, was das alles bedeutet -- ich höre nur zwei Stimmen
-neben mir -- ich kann nicht mehr ...
-
- Ende des ersten Teiles.
-
-
-
-
- Zweiter Teil
-
-
- Auf der andern Seite.
-
-
-
-
- I.
-
-
-Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen
-Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt hatte, gegen Ende jener
-entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwüste die Augen
-wieder öffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf
-diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so
-lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem
-verflossen wären. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich,
-daß auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die
-Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und zehn Jahre, seit
-wir den Wagen verließen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen
-waren. Jetzt atmen wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem
-Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres,
-und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd
-erscheinen, aber ebenfalls grün und voll von eigenem Leben sind.
-Hundertvierunddreißigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an
-die wir uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu
-ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht
-von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorväter, wie diese einst von der
-Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer
-mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird,
-wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wüste vordringen sollten, für eine
-Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten
-gesehene, interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, für uns ist es
-die Mutter, die wir für immer verlassen und verloren haben. Aber den
-einzigen und stärksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten
-wir nicht zerreißen -- die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende
-Sehnsucht.
-
-Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir
-werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue
-Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit
-hindurch für ein heiliges Buch halten, _Exodus_, bis hier ein »Kritiker«
-erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der
-Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.
-
-Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch
-schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein
-phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen
-ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben
-eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer
-wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah
-und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den
-Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war
-überaus seltsam.
-
-Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich
-befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von
-Hügeln umgeben, die mit frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles
-von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der
-Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen
-Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte
-sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen.
-Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da
-erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich
-jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie
-herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend.
-
-Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten
-Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich
-plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem
-geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings
-umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer
-war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo
-sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen
-habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber
-plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut
-hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese
-unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition
-auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen,
-wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur,
-daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren
-Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ...
-Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne.
-
-Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte
-in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in
-Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese
-Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei
-dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde
-befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam
-mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich,
-daß ich abermals zu träumen beginne.
-
-Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager
-gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und
-halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören:
-er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das
-wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich
-wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb
-geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir
-schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend
-nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die
-über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine
-Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese
-Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen
-besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die
-an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer
-gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von
-einer anderen Seite auf sie fiel.
-
-In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in
-Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen,
-stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont
-geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die
-Erde -- dort, am Himmel leuchtend!
-
-Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in
-seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger
-Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und
-Martha -- sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt
-gesehen hatte -- kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur
-einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.
-
-Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich
-begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden
-verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder
-gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender
-Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte
-nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen
-hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte
-Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz
-natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch
-nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich
-einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen
-immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige
-hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager
-geworfen hatte.
-
-Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land!
-Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine
-Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht
-Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die
-Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel,
-sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen.
-Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint
-diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am
-Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte,
-das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt
-besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die
-grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im
-Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches
-dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten
-Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur
-selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der
-Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem
-tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so
-einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter
-Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm,
-fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese
-einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die
-Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein
-sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von
-der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames,
-schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten
-unterbrochen -- das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich
-zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein
-Traum, der schön und rein und traurig ist.
-
-Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer
-des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung
-hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde
-befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde;
-kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender,
-herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir
-schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der
-blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals
-und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche.
-Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit
-für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser,
-Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese
-Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte
-Flora ...
-
-Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf
-der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die
-Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen
-so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die
-zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk
-gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon
-schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür
-verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen,
-die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns
-eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat
-an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend
-nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die
-dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt,
-daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr
-Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der
-Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser,
-wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.
-
-Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt
-verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen
-vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen
-diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche
-Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die
-stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge
-tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen
-würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den
-Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm
-der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel
-Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies.
-
-Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen
-irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an,
-um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns
-das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit
-neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde.
-Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem
-wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und
-Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von
-Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser »ewiges Feuer«
-erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß
-wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens
-lud.
-
-So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf
-durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs
-glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts
-anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu
-gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung
-entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den
-Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine
-Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht
-niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten
-Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von
-der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der
-überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise
-ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes
-entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte
-sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den
-langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald
-wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes,
-entfernten.
-
-Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol
-verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen meines Lebens auf
-dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau
-am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der
-Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern,
-der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der
-Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten.
-Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind,
-zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der
-Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze
-Nacht versinken.
-
-Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit
-verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der
-Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren
-eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so
-seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und
-rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem
-balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog
-ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm
-kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und
-Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die
-wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern
-erfüllten.
-
-Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von
-der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des
-Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte;
-dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten
-schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer
-wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von
-Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen
-Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in
-Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube
-wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens
-dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen
-... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute
-auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ...
-
-Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das
-immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die
-stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener
-Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine
-ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und
-bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar
-berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu
-opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig
-glücklich wäre -- aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.
-
-Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute
-daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich
-nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht
-habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.
-
-Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als
-mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit
-wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie
-aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte
-ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit
-Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war.
-Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über
-mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal
-und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit
-denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte.
-
-Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die
-Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde
-am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle
-Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu
-denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie
-durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.
-
-Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf
-dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den
-Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte,
-in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken,
-und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten
-halb von Sinnen war.
-
--- Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich
-die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen
-oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten
-war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen
-Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob,
-mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum,
-nachdem wir die Ebene hinter dem _Gioja_ erreicht hatten. Die Astronomen
-der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß
-nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach
-den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die _Freude_
-lächeln sollte ...
-
-Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß
-das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die
-nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung
-hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort
-wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu
-verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die
-Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten,
-um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich
-zum ersten Male Mondluft schöpfte.
-
-Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim
-Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene
-unter dem _Gioja_ vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte
-er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend,
-unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen
-Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit
-verwitterten Steinen übersät war.
-
-Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung
-angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.
-
--- Es schien mir, sagte er, daß ich die »versprochene Erde« sehe; vor
-meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wüsten gewöhnt waren,
-breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir
-fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den
-Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf
-die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl
-noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen
-mußte.
-
-Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand
-am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und
-von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel
-des Mondes war es Tag.
-
-Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese
-geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu
-lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran
-und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt
-zurechtzulegen.
-
-Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der
-unbekannten Halbkugel vordringen müsse.
-
--- Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das
-ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der
-Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu
-erforschen!
-
-So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick
-hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt
-wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir
-unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte.
-
-Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und Veränderungen
-vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit
-uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch
-er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der
-Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns
-der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde,
-hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen
-hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine
-enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine
-Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her
-bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung
-der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen
-Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging,
-ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt
-werden sollte.
-
-Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und
-Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen
-mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise
-bereit.
-
-Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der
-Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug
-zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist
-mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen!
-Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu
-vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es
-hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in
-das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor Freude strahlend.
-Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze
-Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt
-war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft
-an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner,
-lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr
-am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen
-Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu
-beschnuppern.
-
-Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene.
-Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf
-Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber
-nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind
-freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte
-kein Wort hervorbringen.
-
-Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas
-Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst
-bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte
-mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein
-kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies
-scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich
-zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind
-zeigend:
-
--- Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...
-
-Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser
-Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in
-dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des
-Verstorbenen liebt.
-
-Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung für Martha.
-Peter ging mit mir aus dem Zelte.
-
--- Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir draußen waren.
-
-Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte.
-
--- Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach
-einer Weile.
-
--- Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte.
-
-Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er dachte. Wie aus
-Furcht das zu berühren, was alle unsere Gedanken beschäftigte, sprachen
-wir von jetzt ab fast ausschließlich von der bevorstehenden Reise.
-Martha kam schnell zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte
-keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten ersten
-Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf
-dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem
-entlang wir uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten
-Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei Erdenwochen hindurch
-Licht vor uns haben und könnten, falls wir keine günstigen Bedingungen
-vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren.
-
-Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und währenddem
-hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen
-sollten.
-
-Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der Angst vor dem uns
-drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine
-Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser
-wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumente in einen
-kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hügel, der
-dem Pol am nächsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen
-konnte.
-
-Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben
-resultatlos. Der niedrige Stand der Erde über dem Horizont, bei einer
-mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu
-und störte die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach
-Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente
-hinwarfen, um mit bloßem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu
-bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der
-Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, von dem
-dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten Himmel umgeben. Ein Anblick,
-als wenn am nächtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder
-jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe der Pole
-glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken
-ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre.
-
-Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es
-schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im
-Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes.
-Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser
-entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und
-dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als
-eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken.
-
-Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen
-Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die
-ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle über
-mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren
-Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute
-alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte
-Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem
-heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden
-Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.
-
-Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die
-Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte,
-verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die
-Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und
-wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung
-fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde
-in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer
-undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine
-sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter
-roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen
-starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor
-Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren.
-
-Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel
-hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf,
-denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend
-erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ...
-
-Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fällt weder
-Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt
-ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.
-
-Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel
-während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind
-erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.
-
-Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns
-zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche
-Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg
-ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an
-Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres
-Licht abwarten ....
-
-Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer
-halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel
-höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter
-wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in
-größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur
-Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast
-gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre
-Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig
-durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut
-nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.
-
-So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns,
-durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines
-Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte,
-flüchteten. Als der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg
-antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als
-sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen
-ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen.
-
-Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die
-Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See,
-ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das
-Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es
-nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick
-zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter
-hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang
-mich, an das Ufer zurückzukehren.
-
-Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb
-mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben,
-daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.
-
--- Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und
-sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe
-augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das
-Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen
-können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle
-zu spät.
-
-Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich
-schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den
-furchtbaren Gedanken darin zu lesen: »Lieber soll sie zugrunde gehen,
-als jemals dein sein!« ...
-
--- Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.
-
--- Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.
-
-Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und
-übrigens -- wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter
-dem Wasser suchen?
-
-Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos
-ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene
-Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß
-getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so
-unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie
-lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die
-Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr
-daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die
-Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also
-anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser
-irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung
-beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das
-Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von
-der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang,
-den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend.
-
-Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den
-ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter
-diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah,
-die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.
-
-Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem,
-daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grünen Inseln,
-die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne
-rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten
-auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte:
-Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir
-diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich
-konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung
-hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im
-tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben
-müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon
-abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte.
-Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte
-ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses
-Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir
-lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen,
-wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht
-manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...
-
-Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als
-mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite
-Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen
-die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese
-Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte
-nicht, was ich nun beginnen sollte.
-
-Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar.
-Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose
-aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den
-Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener
-verhängnisvollen Sonnenfinsternis.
-
-Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf
-und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals,
-doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen
-Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne
-Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte
-mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand
-bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich
-konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark
-erschüttert, nicht wehrte.
-
--- Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit
-blassen, aber lächelnden Lippen.
-
-Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie
-während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es
-ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem
-Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu
-flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach
-Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um
-sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen
-Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche
-immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher
-Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah,
-ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem
-Globus vor dem Untergang bewahrte.
-
-Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte,
-ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale
-hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die
-Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ
-und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in
-einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom
-eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der
-Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine
-entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich
-gewesen wäre, ihn wieder zu finden.
-
-Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus
-dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen
-jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren
-vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese
-Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste
-vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von
-einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit
-Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster
-auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise
-in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser
-so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden
-hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die
-wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.
-
-Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn
-die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er maß uns mit einem
-mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an
-die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein
-merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen
-und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über
-seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit,
-Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von
-Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er
-ist gänzlich unberechenbar.
-
-Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der
-Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir
-mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt
-konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in
-Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise
-der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon
-im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren
-Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg
-zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten.
-
-Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so
-schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen
-führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere
-Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und
-infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die
-nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin
-der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der Wagen stand mit allem
-versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt
-geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der
-Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung
-besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im
-voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot
-durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen
-den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man
-hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir
-warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die
-nach Süden wiesen, zu folgen -- in ein unbekanntes Land der Wunder,
-dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten
-leuchtet, niemals erhellt.
-
-
-
-
- II.
-
-
-Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt
-angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten,
-war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Länder erleuchten.
-
-Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der größten Besorgnis haben
-wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wußten, was es uns
-geben konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis
-gehüllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den
-brennenden langen Tagen und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten
-von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen auf
-der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wußten, ob es uns
-aufnehmen wird und ernähren kann. Überdies beunruhigte uns der Mangel an
-Brennmaterial. Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer
-Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die
-Maschine nicht mehr in Bewegung setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß
-vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande
-sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für uns wird, weil
-wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir
-die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser
-Befürchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren
-wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen,
-in der Atmosphäre zerstreuten schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns,
-wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. Aber
-das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren stärker.
-Die Nahrungsvorräte konnten für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch
-etwas ausgepreßten Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in sonnigen
-Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu
-können. Übrigens haben wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der
-halben Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande
-beschlossen.
-
-In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die
-Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich
-sah, nur bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine
-Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne
-waren hier und da noch große, flache Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte
-uns die bereits gänzlich veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum
-einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten
-Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger
-Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und
-spiralförmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkräuter,
-aus der Erde. Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der
-Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dämmerung
-gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß unter den Horizont sinkt. Wir
-erwärmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde
-die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflücken
-und zu versuchen, ob man Feuer damit machen könne.
-
-Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber mein Staunen, als der
-erste Stengel bei der Berührung mit der Hand sich zu strecken, dann
-wiederum zu krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich ließ ihn
-unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck
-erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich
-schnitt eine davon mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es große,
-längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt nach
-vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenförmig gewunden,
-ähnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite
-sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze war, solange sie
-lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefähr wie unsere
-Mimosen. Am meisten aber wunderte mich der Umstand, daß diese
-zusammengerollten Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung;
-scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen
-Prozesse sich selbst die Wärme, die ihm während der langen Nächte
-fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die
-Ausnützung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher
-unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen
-Strahlen bald die Gegend erwärmen würden.
-
-Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wußten nicht,
-welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung
-fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies
-auf der Ebene, die während der Überschwemmung ganz überflutet war, zu
-erkennen. Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der
-Entfernung von einigen hundert Metern einen großen weißen Gegenstand.
-Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den
-Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hügel
-festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden doppelt,
-erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaßen, tatsächlich
-unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise über die
-Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die
-Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns
-daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir
-uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden
-Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Süden, mit einer
-kleinen Biegung nach Westen.
-
-Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine
-kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde
-passiert hatten, gelangten wir in ein breites grünes Tal, das sich
-direkt nach Süden erstreckte.
-
-Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in
-ihrem Massiv steckenden Kratern, denen ähnlich, die die luftlose
-Halbkugel des Mondes anfüllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee
-bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch
-noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht
-hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden
-Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen
-schnell dahinfloß.
-
-Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem
-wir uns überzeugt hatten, daß der weitere Weg nach Süden uns bei so
-früher Tageszeit einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen
-würde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme des
-Tages und der Nacht immer intensiver wird.
-
-Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil
-ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im
-Tal war gänzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die
-wir hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, begannen
-sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell zu mächtigen, in
-verschiedenen grünen Schattierungen gemalten Blättern zu entfalten. Ihre
-Form war überaus mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich,
-die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere wieder, mit
-allerhand Farben betupft -- unter denen Rot und Dunkelblau am meisten
-hervortraten -- erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch
-solche, deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und
-mit Dornen übersät waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt,
-einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem
-goldgrünen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte,
--- mit einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und Formen, und
-alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berührung krümmend.
-
-Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht,
-langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne Schlangen oder Fäden, mit
-Blumen von starkem berauschenden Duft behängt. An anderen Stellen, wo
-das Wasser sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten sich
-zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen Frost überstanden,
-das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten
-Spitzengeweben aus violetter und grüner Seide vergleichbar.
-
-Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem
-Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht
-krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen
-Eidechsen mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten
-neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des
-Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich die Hunde und fingen es.
-Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir
-konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper
-bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das
-Knochengerüst erstreckte sich bis zu dem länglichen Ring, der sich aus
-beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der
-Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn
-lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir für die Füße
-hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer
-sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.
-
-Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele andere merkwürdige
-Geschöpfe, aber keins hat uns so interessiert wie dieses erste, das
-überaus typisch für die hiesige Fauna ist.
-
-Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie ein Märchentraum,
-voll von unerwarteten und phantastischen Bildern. Die Stunden flossen
-schnell dahin und immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise
-verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die wir mit Mühe
-dicht am Ufer des Baches, der schon zu einem breiten schäumenden Strom
-angewachsen war, hindurchdrangen; dann fuhren wir wieder auf die weite,
-kreisförmige Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See ausbreitete
-mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir fanden immer mehr Tiere vor. In
-den Tiefen des Wassers schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der
-Luft schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit dicken
-Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das seltsamste ist, daß alle
-Tiere auf dem Monde stumm sind. Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen
-des Lebens, die auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur
-wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen, zugleich mit dem
-Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit unterbrechend.
-
-Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. Jeden
-Augenblick mußten wir stehen bleiben und die um die Achsen geschlungenen
-Farrenkräuter abwickeln, die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal
-wieder fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast darin
-stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir nicht gerade erfreut,
-besonders da die Fahrt auch so schon sehr langsam vonstatten ging, weil
-wir öfter anhalten mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die
-Gegend zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. Nahrung
-fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen uns hierbei die
-Hunde. Immer herumsuchend und -schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige
-Pflanzen oder schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem
-Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene Torf war zwar
-ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber wir mußten sparsam damit
-umgehen, denn der Vorrat war nicht groß, und in der ganzen Gegend war
-nichts zu finden, womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie
-auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene breiten Blätter
-sind so saftig, daß sie im Feuer kochen, statt zu brennen, und den Torf,
-der fast die ganze Strecke des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit
-hinter uns gelassen.
-
-Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten uns schließlich
-entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge Feuermangels vor der Nacht
-zu dem Polarlande zurückkehren sollten. Zunächst hatten wir die Absicht,
-das letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken Frost mit
-Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr. Ich war ebenfalls dafür, aber
-Peter redete entschieden dagegen.
-
--- Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen Aufenthalt in dem
-Polarlande verurteilen. Überlegt, daß wir gegenwärtig die Akkumulatoren
-noch geladen haben und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird;
-aber was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden des Mondes
-aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten Akkumulatoren nicht
-laden, wenn wir keine Möglichkeit zum Feuermachen hätten.
-
--- Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu nichts, bemerkte ich,
-denn wir setzen uns damit der nächtlichen Kälte aus, die wir ohne Feuer
-nicht überstehen würden ...
-
--- Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial finden ...
-
--- Wir können es aber auch ebensogut nicht finden.
-
--- Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir mit vollster
-Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals finden werden. Übrigens
-haben wir noch etwas Torf. Mit diesem Vorrat können wir im äußersten
-Falle noch die Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden wir
-dem Suchen widmen.
-
-Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden und fuhren
-infolgedessen weiter in der Richtung des Äquators.
-
-Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel mit Wolken und es
-fiel reichlicher Regen, der für uns ein sehr erwünschter Gast war, da er
-die glühende und schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß
-herabgefallen und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, als wir ein
-seltsames Brausen vernahmen.
-
-Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenen
-Flusses, aber bald überzeugten wir uns von dem eigentlichen Grund dieser
-Erscheinung. Wir waren gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal,
-nach Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende nicht
-übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung kamen, bot sich uns ein
-über alle Beschreibung prachtvoller Anblick.
-
-Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich ab, in breiten
-Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene herabfallend, die sich bis an
-die Grenze des Horizontes erstreckte. Der Fluß stürzte in schäumenden
-Kaskaden über diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener
-Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und sie in einem
-gewundenen silbernen Bande durchfloß, das sich endlich in unermeßlicher
-Ferne verlor. Soweit das Auge reichte, war das Land eben und flach, nur
-in der Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute
-Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie dafür geschaffene
-Behälter. Derartige kleine und runde Gewässer waren überall auf der
-ganzen Ebene verstreut. Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen
-aus, die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem Plüsch
-aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden sich silberne Bäche und größere
-Flüsse.
-
-Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande der Terrasse
-stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses eigenartige Land!
-
-Endlich sagte Martha:
-
--- Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ...
-
-In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut sein? Wir stellten
-uns unwillkürlich diese Frage, während wir uns zum Hinabfahren über die
-steilen Terrassenabhänge vorbereiteten.
-
-Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir den Wagen am Ufer
-des Flusses stehen und machten uns sofort auf die Suche nach
-Brennmaterial. Wir durchquerten die ganze Ebene der Breite und Länge
-nach, gruben tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder
-irgendeine Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um zu
-versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber alles
-vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon die Sonne untergehen,
-als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose Suchen aufgaben.
-
-Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen schon zu bereuen das
-Polarland so leichtsinnig verlassen zu haben. Die Angst schüttelte uns
-bei dem Gedanken, was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht
-viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen, damit er für die
-ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den Vorrat ansahen, zeigte es sich,
-daß auf vierundzwanzig Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal
-für einen kleinen transportablen Ofen genügte.
-
--- Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam heizen müssen, sagte
-Martha, als wir ihr die vorbereiteten Rationen zeigten.
-
-Peter zuckte die Achseln:
-
--- Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht erfrieren, da wir
-keinen Torf haben; wir müssen uns gut zudecken.
-
--- Weshalb haben wir das Polarland verlassen? erwiderte Martha. Tom wird
-die Kälte nicht ertragen, er ist so klein und zart.
-
--- Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne.
-
-Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des Kindes ihn
-erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, erstens weil ich selbst
-das prächtige Kind unaussprechlich lieb hatte und dann Marthas wegen.
-Sie hing mit ganzer Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie
-sie den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver Angst
-vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind auch niemals bei Peter
-allein, während sie es mir anvertraute, wenn sie mit etwas beschäftigt
-war.
-
--- Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter weiter, und wenn
-er auch erfrieren sollte ...
-
-Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich schweigend, aber heute
-sprang sie plötzlich auf und stürzte mit flammenden Augen auf Peter zu.
-
--- Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tom _ist_ die wichtigste Person
-und wird nicht erfrieren, denn erst werde ich dich töten und mit deinen
-Knochen diesen Ofen heizen!
-
-Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches Stilett, dessen
-Spitze man dort gewöhnlich vergiftet, vor seinen Augen. Wir wußten bis
-zu dieser Zeit gar nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich
-führte.
-
-Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu lächeln, aber in
-der Stimme und im Blick der Malabarin lag eine so grausam unerbittliche
-Drohung, daß er erblaßte und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu
-verbergen ...
-
-Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um die Erregung
-abzuschwächen.
-
--- Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr, rief ich. Komm, Peter,
-wir wollen nachdenken, wie wir uns vor dem nächtlichen Frost in
-Sicherheit bringen, ohne die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden!
-
-Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen Kräften gruben wir ein
-tiefes Loch aus, in dem der Wagen bequem Platz hatte und nachdem wir ihn
-dort hineingelassen bedeckten wir ihn von oben mit Erde und
-abgeschnittenen Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, daß der
-Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde und sich dementsprechend
-leichter erwärmen ließe.
-
-Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit beendet hatten.
-Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. Nach dem langen Tage war die
-Luft warm und angenehm; eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die
-sich langsam in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen
-Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte Pokale oder, wenn
-man gegen die Morgenröte auf sie schaute, wie mit Blut angefüllt ...
-
-Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung wollte
-nicht recht in Fluß kommen. Der letzte Vorfall hatte einen zu starken
-Eindruck hinterlassen; wir verstummten, und die Stille wurde bald
-nur noch von dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit
-zusammenfließenden Stimme Marthas, die dem Kinde weiche, gedehnte
-indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. Ich lauschte diesen Tönen, auf
-die in der Dämmerung verschwimmende Scheibe des Sees blickend, als mich
-plötzlich ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. Ich
-sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der Richtung nach der
-Ebene aus:
-
--- Sieh, sieh!
-
-Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße, wie der Himmel sich
-verdunkelte, erhellte sich der Boden. Zunächst schien es, als wenn eine
-Handvoll kleiner, bläulichglänzender Funken am Ufer des Flusses
-ausgestreut wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie flammten
-rechts, links, vor uns, überall auf. Eine halbe Stunde später schimmerte
-die ganze Ebene, als wenn sie mit einem blauen, sternenbesäten
-Nebelschleier überzogen wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke
-aus.
-
-Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie gebannt auf dieses
-bezaubernde Bild.
-
-Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung erholt
-hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf einer Phosphoreszierung jener
-seltsamen Blattpflanzen beruhte, die diese ganze Fläche bedeckten. Die
-innere Oberfläche dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht
-unserer Wälder.
-
-Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so schnell, daß wir
-keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. Die Flämmchen erloschen, eins
-nach dem andern; die Blätter schlossen sich und rollten sich unter dem
-Einflusse der Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen.
-
-Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste Zeit, uns in den
-schützenden Wagen zu flüchten.
-
-Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir überstanden, dank
-unserm Torfvorrat und der getroffenen Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen
-verließen wir keinen Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was
-draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich schon bemerkte,
-ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war. Durch diese zwei Nachtwochen
-waren wir somit von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als
-unsere Kalenderuhren die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich,
-hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog ich den
-Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend konstruierte Wände einen
-vorzüglichen Schutz bildeten. Draußen angelangt, überzeugte ich mich,
-daß meine Vorsicht durchaus nicht überflüssig war.
-
-Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne
-zunächst nicht erkennen. Alles war von einer dichten Schneeschicht, die
-vom Froste schimmerte, bedeckt. Die Seeoberflächen waren zum Teil unter
-dem Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben. Es
-schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische Länder hinübergetragen
-wäre.
-
-Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück, daß man noch
-nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter weckte in uns keine freudige
-Stimmung, da der Torfvorrat an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die
-ganze Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als bei
-Tagesanfang, ehe es »Frühling« wurde. Noch drei Erdentage mußten wir auf
-ihn warten und, soweit es ging, ohne Feuer auskommen. Aber nach
-siebzigstündigem Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der
-Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern, alle Bäche
-schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit hinauswagten, reckten
-sich auf der vom Wasser triefenden Ebene schon mächtige verschieden
-geformte Blätter der Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge
-bedeckte noch ein weißer Schleier.
-
-Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten, mußten wir noch
-verschieben, bis die Gegend etwas ausgetrocknet war. Indessen machten
-wir uns aufs neue auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der
-vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen Richtungen hin
-unternahmen, kamen wir zufällig an ein tiefes Loch, das wir am
-vorhergehenden Mondtage in der Hoffnung, Torf oder Kohle dort
-anzutreffen, ausgegraben hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit
-Wasser angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter,
-scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden, blieb stehen
-und begann sich die Öffnung genauer anzusehen. Ich war schon ein Stück
-Wegs weitergegangen, als ich seine Stimme hörte:
-
--- Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich und sieh!
-
-Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er sich auf den Rand
-des Loches, mit der anderen gab er mir Zeichen. Sein Gesicht, das über
-die Öffnung geneigt war, brannte vor Erregung.
-
--- Was ist geschehen?
-
-Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das Wasser heraus, das von
-sonderbarer, schmutziggelber Farbe war und hielt es mir unter die Nase.
-
--- Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch einziehend.
-
-Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu überzeugen, ob wir
-uns nicht täuschten, tauchte ich ein Taschentuch in die Flüssigkeit und
-steckte es an. Es flackerte in einer hellen roten Flamme empor, auf die
-wir beide starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben
-verkündete.
-
-Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu bringen.
-
-Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine ungeheure
-Bedeutung.
-
-Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier bleiben, ohne die
-kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel an gekochten Speisen. Einige
-zehn Stunden widmeten wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser
-gesegneten Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe
-Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, soweit es nur
-irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir schon alle Reservoirs gefüllt.
-Jetzt hielten wir großen Rat ab, was weiter zu tun sei. Am
-vernünftigsten wäre es hier zu bleiben, in der Nähe der
-Petroleumquellen, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns
-weiter zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen nicht weit
-entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach für die Reise auch der
-Umstand, daß wir am Strande infolge der großen Wasseransammlung ein
-bedeutend milderes und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl wir
-uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten wir nun einen so bedeutenden
-Vorrat an Brennmaterial, daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur
-versuchsweise anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger
-Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn wir uns
-hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten würden.
-
-Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch an derselben
-Stelle der _See-Ebene_, wie wir jene große Fläche genannt haben, in der
-Absicht, den Antritt der Reise bis zum nächsten Tage zu verschieben, da
-es bedeutend angenehmer wäre, über dreihundert sonnige Stunden vor uns
-zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der Nacht und der Kälte
-nicht zu unterbrechen brauchten. Aber statt dessen brachen wir früh,
-sowie nur die erste Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal
-den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich fühlbar
-machte.
-
-Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte:
-Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert Kilometer von
-der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten rechnend, über sechs
-Wochen gestanden hatten. Zunächst beunruhigte uns das Schmelzen des
-Schnees ungemein; der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu
-unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns rechtzeitig, daß sich der
-Wagen nach Anbringen eines entsprechenden Steuers und Einfügen von
-Schaufeln in die Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln
-ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht zu fürchten brauchten;
-im Gegenteil, wir konnten sogar aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den
-Fluten des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke war überaus
-glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso der Wegweiser für uns war,
-der uns zum Meere führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine
-Unmenge Brennmaterial, da die starke Strömung uns von selbst so schnell
-davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen, die Schaufelräder gar
-nicht benötigten.
-
-Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf dem Wasser, nur selten
-ans Ufer fahrend, um auszuruhen oder irgendeine interessante Gegend
-näher zu besichtigen.
-
-Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit vorwärtsbewegt,
-daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte, dessen Bett mehr als tief
-genug für unser kleines Fahrzeug war.
-
-Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich. Eine
-Zeitlang fuhren wir über eine breite und, wie es schien, trockene
-Steppe, von einer kleinen, zarten Pflanzenwelt belebt, gänzlich
-verschieden von den blättrigen Gebüschen, die höher am Strome wuchsen.
-Es war etwas unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend.
-
-Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, und die runden Seen
-mit den felsigen, wenig über die Oberfläche erhobenen Ufern zwischen
-aufgeworfenen Hügeln, ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt
-erstreckte sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne Flachebene,
-von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen mit winzigen Pflanzen
-oder gelbe Sandbänke abhoben, die die unbedeutenden Erhebungen
-anfüllten. Der Strom breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir
-den Motor in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder schneller
-vorwärts zu kommen.
-
-Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette der felsigen Berge
-näherten, die jene Steppe nach Norden abschloß. Der Fluß war hier auf
-einer Strecke von einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß
-die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß uns jeden Augenblick
-fort und warf das Fahrzeug an die Felsen. Nur dem starken Bau des
-Projektils, das jetzt in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu
-verdanken, daß wir so davongekommen sind.
-
-Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen großen See. Seine
-Ufer bildeten kleine Hügel, mit einer unerhört üppigen Flora bedeckt und
-von zahlreichen Bächen durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir
-bis jetzt auf dem Monde antrafen.
-
-Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der Himmel, der jetzt
-fast immer heiter war, sich plötzlich mit dunklen Wolken überzog. Im
-ersten Augenblick waren wir froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns
-schon empfindlich zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen,
-das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man hörte schon von weitem das
-dumpfe Rollen des Donners, und der Himmel flammte seit Mittag in
-blutigen Blitzen auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts
-abbiegend, in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung in
-Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud.
-
-Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der Tropenländer, aber
-so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir nie vorstellen können. Betäubende
-Donner flossen in ein unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen
-standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, die dicht
-nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt sind. Und der Regen ...
-Nein, das war kein Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken
-herabstürzenden Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in einen
-hängenden, von wütenden Stürmen hin und her geschleuderten See. Die
-Luft, mit Regen und den vom Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war
-so mit Elektrizität geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, -- ein
-seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten blutig geröteten
-Wolken war die Atmosphäre mit einem Feuer von faustgroßen Tropfen
-angefüllt, die triefendem zerschmolzenem Metall glichen.
-
-Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken öffneten sich wie
-ein nach beiden Seiten auseinandergehender Vorhang, eine Aussicht auf
-den blauen Himmel und die Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit,
-aufzuatmen, verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum
-begannen, begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von Süden
-daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme von Wasser
-herabzustürzen.
-
-Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig Stunden.
-Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten wir auf die ungeheure
-Ansammlung von Feuer, Wasser und Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit
-Seilen an Wurzeln, die am Ufer hervorragten, befestigt hatten,
-fürchteten wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier in der
-Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden See hinausschleudern
-könnte, den Winden und Wellen zum Fraß.
-
-Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; nur die
-hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten noch dahin, die
-stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend. Die Wasser hatten enorm
-zugenommen. Wir mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie
-wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder aufnehmen
-konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, da die Strömung des
-hochgehenden Flusses um vieles stärker geworden war. Unterwegs trafen
-wir überall Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche
-waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die hier schon dichte
-Wälder sonderlich verflochtener Blätter und langer, dicker, fleischiger
-Stengel bildeten, lagen vom Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder
-Spalte schossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen flache
-Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten Tierarten
-ansammelte, die den Insekten ähnlich waren.
-
-Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert haben, wissen wir,
-daß diese furchtbaren Stürme hier eine tägliche Erscheinung sind, in des
-Sinnes wörtlicher Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze
-in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres Grauens,
-eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen und den Boden
-austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier eine Unmöglichkeit.
-
-Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da sie ohne
-besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft änderte sich stetig und mit
-ihr auch die Flora, obwohl ich bemerken muß, daß die Flora auf diesem
-Globus, der keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger ist
-als auf der Erde.
-
-Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle gelangten, an der
-der Strom sich auszubreiten und unzählige Flachstellen zu bilden begann,
-die unsere Fahrt sehr erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten
-der nahen Mündung sein müßten.
-
--- Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die Augen der Sonne
-zuwendend, als wenn wir uns vergewissern wollten, ob der Tag noch
-ausreichen würde, um zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen.
-
-Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben einige Male auf
-seichten Stellen stecken, so daß wir endlich beschlossen, das Schiff
-wieder in einen Wagen umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren.
-
-Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich mit Gras
-bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten die Nähe des Meeres, wir glaubten
-sogar, ein mächtiges gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen
-Duft des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von der
-Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung die Fahrt
-nicht.
-
-Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf den Gipfeln jener
-Sandhügel angekommen waren. Wir strengten den Blick an, um das Meer zu
-sehen, aber es war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte
-nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte
-Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln und Rauschen eines
-flutenden Wassers zu hören, es glitten dichte weiße Nebel oder Wolken
-vorbei, wie irrende Geister auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im
-Augenblick nicht, was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der
-Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich ein Wind
-erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten Bach enthüllte, der
-zirka zehn Schritte vor uns auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins
-floß, die stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten wir
-nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke das Wasser sofort aufs
-neue verhüllte und abermals nur das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren
-drang. Die ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns in
-Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins auf. Bald
-befanden wir uns in einem dichten warmen Nebel. Die Räder des Wagens
-dröhnten auf steinigem Boden.
-
-Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten wir, daß wir
-uns am Rande eines jener Bassins befanden, von dem aus uns feuchte warme
-Luft entgegenwehte.
-
--- Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde.
-
-In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden, da das
-Wasser, das im Strome abfloß und sich in den Bassins ausbreitete,
-zwanzig und einige Grad Celsius hatte. Es war nicht an der Zeit, in der
-Dunkelheit die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem
-glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht am Wasser zu
-verbringen, das uns eine beträchtliche Menge Wärme spendete. Die Nacht
-war ziemlich unruhig. Vier Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter
-Schnee, und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor der Kälte
-zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser des Bassins hinabstoßen
-mußten. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind
-für Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel
-auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden Sterne. Dann
-zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen blauen Lichtes, der sich
-längs der Grenzen des Horizontes erstreckte. Wir wunderten uns über
-diese Erscheinung, die dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die
-phosphoreszierenden Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses
-Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der uns
-unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, als die Kälte, fern
-von den warmen Quellen, schon äußerst heftig sein mußte.
-
-Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte uns. Gegen
-Mitternacht machte sich eine starke Bewegung des Wassers fühlbar, zu der
-sich ein dumpfes unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig
-bemerkten wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich
-säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war er erloschen,
-aber bald flammte er wieder auf und blieb mit wenigen Unterbrechungen
-vier irdische Tage hindurch am Himmel stehen, einem höllischen Geist,
-der sich im Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste zeigt,
-vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im Bassin, das durch die
-fortwährenden Erschütterungen des Grundes gärte, hob sich noch
-erheblich, so daß wir eher am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden
-hatten.
-
-Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung, die uns
-anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo in der Nähe ein
-Vulkan befinde, dessen Ausbruch wir gerade vor uns haben. Es sprach
-dafür auch das Vorhandensein der Warmwasserquellen, die meistens in
-vulkanischen Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag bestätigte unsere
-Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz der Helligkeit nichts sehen, da
-die Nebel uns die Aussicht verhüllten. Erst vierzig Stunden nach
-Sonnenaufgang verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag
-an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen wir im
-dichten Nebel, -- da plötzlich, als wenn sich ein Zaubervorhang gehoben
-hätte, eröffnete sich uns ein breiter Ausblick! Wir standen wie
-erstarrt, erschüttert vor Bewunderung und Freude.
-
-Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern
-von der Stelle, wo wir standen, lag -- das Meer. Es waren seine von
-kleinen Lebewesen phosphoreszierenden Fluten, die über dem blassen
-Glanze in der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten.
-
-Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare, an den Ufern
-durch das Eis noch abgeschnittene, aber weiter schon flutende und
-bewegliche, von der Sonne vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von
-unseren Füßen bis an die Grenzen des Horizontes.
-
-Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten Anblick so
-begeistert, daß wir lange die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach
-geraumer Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen der Erde nicht
-bewunderten Majestät sattgesehen hatten, begannen wir uns die Gegend
-näher zu betrachten. Im Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die
-breite, von zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes,
-auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise der vorhergehenden Tage
-zurücklegten. Im Osten war die Landschaft außerordentlich wild und
-mannigfaltig. Vor allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte
-Kegelgipfel eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn
-Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte, unsere
-Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge dieser sich zum Meere
-neigenden Berge waren von dichten Wäldern sonderbarer großer, seltsam
-ineinandergewundener blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem
-nächtlichen Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; näher vor
-uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten Felsen und
-kleinen rauchenden Seen zahlreiche perlende, in eine weiße Nebelwolke
-gehüllte Geiser. Der von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen,
-wälzte sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer
-murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der Flora
-verschwand, zum Meere eilend.
-
-So sollte unsere Odyssee enden ...
-
-
-
-
- III.
-
-
-Zehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den Strand des Meeres
-gekommen sind, wo wir heute noch wohnen. Und wenig hat sich in all
-dieser Zeit geändert. Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns
-die lange Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten
-wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans, den wir zur Erinnerung an
-unsern teuren Freund »_Otamor_« genannt haben. Ebenso sprudeln die
-Geiser, und der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über dem
-einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein Winterhäuschen und
-tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte, die uns als Sommerwohnung dient.
-Und an dem sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder mit
-einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur Welt gekommen sind, oder
-sammeln Muscheln und Blumen. Auch wir haben uns längst an diese Welt
-gewöhnt. Wir staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch über
-die Tage, während denen die träge Sonne Feuer vom Himmel herabsendet;
-die nachmittäglichen furchtbaren Gewitter, die regelrecht alle
-siebenhundertneun Stunden über uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu
-schrecken. Auf die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt,
-die von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten
-Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür wird die Erde in
-unserer Erinnerung immer mehr einem Traume ähnlich, der vorübergezogen
-und nur eine nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen
-zurückließ. --
-
-Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen über sie -- lange,
-lange! Wir erzählen uns viel von den kurzen Tagen, den Wäldern, dem
-Gesang der Vögel, von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von
-einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas ungemein
-Interessantem, und als wenn alles nur ein schönes Märchen wäre. Tom ist
-schon ziemlich groß und vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie
-einem wirklichen Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ...
-
-Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich
-eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem zerbröckelten vulkanischen
-Grunde entdeckten wir Stauden, deren Stämme und mächtige Wurzeln
-genügendes Material bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen kann.
-Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen gereinigten großen
-Blätter, die überaus fest und dauerhaft sind, liefern uns das Leder und
-aus den Fasern der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher
-Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir nach langem Suchen
-einen Braunkohlenflötz, und ebenso entdeckten wir Petroleumquellen, die
-bedeutend näher liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel
-und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. Das Meer
-liefert uns zur Genüge brauchbare Muscheln und Bernstein, der sich von
-dem irdischen nur durch eine flammendrote Farbe unterscheidet.
-
-Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. Es leben die
-verschiedensten eßbaren Muscheltiere und eine Art von Fisch und Eidechse
-darin, die ganz schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im
-Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen kommt lebend
-auf die Welt, sondern alle Tiere pflanzen sich durch Eierlegen fort.
-Diese Eier sind gegen den Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus
-schnell in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute, kräftige
-Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die hier reichlich
-gedeihen.
-
-Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, aber
-jetzt haben wir uns schon vollständig daran gewöhnt. Alle hiesigen Tiere
-haben ein zähes, übelriechendes Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die
-Hunde verachten es nicht.
-
-Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier irgendwie
-zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf die Suche nach Bau- und
-Brennmaterial, worauf wir auf Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt
-wurden, ein Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche der
-Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste Nacht verbrachten.
-Nach Beendigung dieser wichtigsten Arbeit machten wir Ausflüge in die
-Umgegend, die wir vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit
-Vorräten und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen wir immer mit
-uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen Arbeitstiere; von den
-Mondgeschöpfen züchten wir nur eine gewisse Art von großen beflügelten
-Eidechsen, die nahrhafte, wohlschmeckende Eier legen.
-
-Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs dem Ufer haltend. Der
-Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich
-zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch
-tiefe, landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder
-solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen
-mit sich; wir fanden immer etwas Neues oder lernten wenigstens die
-Eigentümlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl
-nun bis zum Tode bleiben werden.
-
-Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, unseres
-Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut.
-Außer dem Wohnhause hatten wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine,
-einen Stall für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das Leben
-hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit
-nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer
-war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde über uns. Das waren
-qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir unserer
-bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenüberstanden. Am
-Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum
-oder sammelten Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte uns die
-Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über dem warmen Teiche
-eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten wir uns, nur so viel wie
-möglich zu schlafen.
-
-Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen wir schweigend da,
-erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig
-betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, daß nichts die Menschen
-gegenseitig so verbittert wie das Unglück und die Langeweile. Ich hatte
-leider Gelegenheit, das mehrfach bestätigt zu finden.
-
-Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, irgendwelche
-Verbesserungen einführen, für die Zukunft sorgen können, aber der
-Gedanke, daß wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu
-absolut unfähig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß
-sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, dem Gefühl
-verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für diejenigen, die
-nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist
-alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und
-wenn er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn
-oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, findet? Bei Gott, ich
-glaube, daß kein anderer Gedanke außer diesem einen furchtbaren: _ich
-werde sterben_, in seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene
-Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben
-an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der
-Mensch verlängert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene
-Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß
-auch dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so wird er in
-seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen
-Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm
-Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht
-erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem
-Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und
-seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen
-selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen
-Wandel hervorruft, ist tot.
-
-Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche Folgerungen, aber
-ich bin mir erst auf dem Monde, während jener langen taten- und
-hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht
-klar darüber geworden.
-
-Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses großen Wassers zu
-erforschen, das Land in seiner Länge und Breite zu durchqueren, seine
-Berge und Flüsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu
-beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern
-die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig,
-wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen lernen
-werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber
-der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber
-das ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser
-Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein
-Ende nehmen ...
-
-Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses
-staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der
-Mond angefüllt ist wie ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden
-der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren
-Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werkstätten, an
-die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, mit einem Worte, an die Hebung
-des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft.
-
-Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl der Notwendigkeit,
-hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten
-sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu
-rechtfertigen, denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus war. Auch
-damals wußte ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden
-Preis und auf jede Art, nur leben -- das ist alles!
-
-Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, vor allem, weil wir ihn
-kalt und nüchtern faßten, wenigstens was mich betrifft ...
-
-Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, einer stillen,
-selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie für mich begehrte, für meine
-Sinne und mein Glück, war lange vorbei und, wie es mir schien,
-unwiderruflich. Ich weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich
-glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich nicht
-wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur mit all ihren Gedanken
-an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hängend.
-
-Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an
-kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten
-könnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich
-erträumte mir das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht
-vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde denjenigen, die
-nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten,
-Früchte tragen.
-
-Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich unpersönlich
-waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir
-unwillkürlich vor, daß es meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich
-lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, -- meiner
-Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn
-ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmöglich zu sein ...
-
-Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für Menschen
-geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. Wie wird, dachte ich,
-das Schicksal der zukünftigen Menschheit sein, die hier leichtsinnig von
-uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben
-eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus
-genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm
-niemals würde entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird hier
-immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und -- zu spät gekommen
-ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mögen,
-ein absterbender Globus.
-
-Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört kleinen Teil der
-Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die
-großartig und üppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische
-besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind,
-kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die Pracht einer
-untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehört sich zu
-entwickeln. Es ist reif, überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und
-diese Natur, die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als
-auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als sie
-erkaltet und früher »Welt« geworden ist), hat es nicht vermocht, ein
-vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte,
-ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor
-allem die Tatsache, daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige
-Wesen geeignet ist.
-
-Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen
-stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl ist stärker als der abstrakte
-Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns
-Menschen leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte
-mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom wolle, um ihn vor dem
-schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch
-zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für
-mich, um meiner selbst willen.
-
-Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber sicher ist, daß ihn
-dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorüber, ehe wir beide
-uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha
-war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide
-saßen schweigend am Meeresstrande.
-
-Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann
-zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten.
-
--- Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut.
-
--- Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch
-die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und während denen wir
-in Wirklichkeit keine Untergänge hatten ...
-
--- Und was weiter? fragte Peter.
-
-Ich zuckte die Achseln.
-
--- Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige zehn oder hundert,
-und dann wird es zu Ende sein. Tom wird allein bleiben.
-
--- Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer Weile fügte er
-hinzu:
-
--- Jedenfalls steht es schlecht.
-
-Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem:
-
--- Martha ...
-
--- Ah, ja, Martha, wiederholte ich.
-
--- Man muß etwas beschließen!
-
-Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, an den ich
-mich aus jener furchtbaren Fahrt durch das _Mare Frigoris_ nach
-Woodbells Tod erinnerte. In mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in
-die Augen und sagte mit Nachdruck:
-
--- Man muß.
-
-Er lächelte seltsam und antwortete nichts.
-
-An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit. Die
-lange Nacht verging in Schweigen und Langerweile. Tom war nicht ganz
-wohl und Martha sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir
-beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und wer weiß,
-ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt, der schändliche,
-widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer Liebe für das Kind in uns
-aufkeimte, um sie unseren Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls
-bestärkte uns diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut
-»etwas beschließen« müsse.
-
-Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit Peter in die Wälder zu
-Füßen des Otamor. Während dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit
-endgültig besprochen. Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen und
-der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg zu treten.
-
-Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese Worte mit einer
-sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. In Peters Munde klangen sie,
-als er sie aussprach, fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht
-täuschte ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen uns
-beiden sollten wir Martha überlassen, und erst wenn sie keine Wahl
-treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. Peter meinte zwar, daß eine
-sofortige Entscheidung durch das Los ratsamer sei, da Martha sich
-weigern würde, zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf
-und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden
-war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. Er gab, wie ich
-bemerkte, nur ungern nach und als er endlich »ja« sagte, hatte er ein
-eigenartiges Lächeln auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam
-tückisch.
-
-Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende Unterredung noch
-lange hinaus, denn wir waren uns gewiß darüber, daß Martha uns nur mit
-Widerstreben anhören würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und
-ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre; ich irrte
-am Meere herum, das Herz von einer unklaren, quälenden Angst erfüllt. An
-diesem Tage sollten sich unsere Schicksale entscheiden.
-
-Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die Sonne, die seit
-hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete, sengte die Gegend mit einer
-unerträglichen Glut, die Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden
-Regen warteten. Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die Sonne schon
-über den Äquator gezogen war, türmten sich dichte schwarze Wolken auf.
-In geringen Zwischenräumen, während denen die Luft erkaltet und schwer
-über uns hing, erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die
-Meeresfluten an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die
-perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den Felsen, die
-tägliche Gewitterzeit verkündend.
-
-Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande zu der Höhle in der
-Gegend der Geiser über, die uns für gewöhnlich als Schutz während des
-Gewitters diente. Wir saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom
-spazierte, sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen um
-diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen Blick zuwarf
-und sich dann mit dem Ausdruck eines plötzlichen Entschlusses zu Martha
-wandte.
-
-Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte. Das herannahende
-Gewitter wirkte immer erregend auf uns. An diesem Tage gesellte sich
-noch die Aufregung der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem
-befand sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen
-Augen flackerten unruhig, die Brust hob und senkte sich in
-ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen Wangen brannten dunkle Flecke.
-Ich blickte ihn in ängstlicher Erwartung an, er aber fragte sie, ohne
-jegliche Einleitung und Vorbereitung, ganz unvermittelt:
-
--- Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen?
-
-Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien zuerst nicht zu
-verstehen, um was es sich handelte ... Sie sah erstaunt erst mich, dann
-Peter an, dann wiederum mich und zuckte verächtlich die Achseln.
-
-Peter wiederholte:
-
--- Martha, wen von uns beiden wirst du wählen?
-
-Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr mehr sagen als diese
-Frage, da sie plötzlich, alles verstehend, erblaßte und mit einem
-leichten Schrei von ihrem Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder
-das Stilett, mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte.
-
--- Von euch niemanden! rief sie.
-
-Peter trat ihr einen Schritt näher:
-
--- Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen! sagte er mit
-Nachdruck.
-
-Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher wie zitternde Vögel. Es
-schien mir, daß sie einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, mit einem
-flehenden Ausdruck oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber nein,
-das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es mir nur so, da sie
-im nächsten Moment die Hand mit dem Stilett erhob und hart sagte:
-
--- Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig, wer es von euch
-wagt, sich mir zu nähern! Ich will keinen von euch!
-
-Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte weicher von ihren
-Lippen kamen und ihre Augen meinem Blick begegneten, aber das war
-unzweifelhaft eine Täuschung. Ich war damals so erregt ... Mein Gott,
-ich will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war!
-
-Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf die Erde und
-schaute interessiert der ganzen Szene zu.
-
-Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte es.
-
--- Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm' ihm nicht zu nah'! Er ist
-mein!
-
-Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem Kopf des Kleinen,
-starrte er Martha hartnäckig mit einem verächtlichen Lächeln an.
-
--- Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich.
-
-Martha zögerte.
-
--- Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte sie fast
-verständnislos.
-
--- Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ...
-
-Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen weit auf, als
-wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde, den sie bisher nicht
-bemerkt hatte, seufzte tief und ließ sich auf einen Stuhl fallen, da sie
-anscheinend die Kräfte verließen.
-
--- Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd, mit ratloser
-Verzweiflung auf das Kind sehend.
-
-Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären, daß sie aus
-Liebe zu Tom einen von uns wählen müsse. Sie werde doch nicht ihren
-geliebten Sohn zu einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor
-allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll nach unserem
-Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, verzweifelt wird er auf
-diesen Bergen herumirren und am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch,
-der einzige Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft
-Unabwendbare denken: den Tod.
-
-Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben hat. Zu ewigem
-Schweigen verurteilt, wird er, der zu niemandem sprechen kann, die
-menschliche Sprache vergessen; die Worte, die er von uns gelernt hat,
-wird er, eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der Wüste
-zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht werden ihm
-schließlich nur noch einige Worte in der Erinnerung bleiben, mit deren
-Klang er spielen und kosen wird; obwohl das furchtbare Worte sein
-müssen, die nichts als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer
-ausdrücken. Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung bringen;
-wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. Wenn er krank ist, wird
-an seinem Lager nur das grauenhafte, höhnisch grinsende Gespenst des
-Hungertodes stehen. Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er,
-weil sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht mehr
-fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird auch einer, ein
-treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung eines Menschen, Freund
-und Kamerad war, länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich,
-entsetzt durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen,
-angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon verwilderte,
-werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... und ... sich eine Mahlzeit
-bereiten aus der noch warmen Leiche des letzten Menschen auf dem Monde.
-
-Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen Tom nach unserem
-Tode verurteilt sein wird, und ich, strafe mich Gott dafür, half ihm,
-sich an der Qual dieses Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die
-Ärmste zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns wählen müsse
-...
-
-Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in ihren Zügen malte sich
-anfänglich Erstaunen, dann der Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung,
-Resignation.
-
-Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden Gewitters ... Martha
-saß stumm da.
-
-Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit sei, einen
-von uns zu heiraten, schien sie die Frage nicht gehört zu haben. Erst
-als er sie wiederholte, zuckte sie zusammen und erhob das Haupt, als
-wenn sie aus einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und sagte dann
-dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend:
-
--- Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber das ist einerlei ...
-Ihr habt recht ... Ich werde ... für Tom ... alles tun ... Sie seufzte
-krampfartig und verstummte.
-
--- Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte er, sich zu ihr
-neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber?
-
-Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich unwillkürlich zurück,
-als wenn sie von Widerwillen geschüttelt würde, beherrschte sich aber
-sofort und schaute uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es
-mir, daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende Blick
-eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und um Mitleid flehenden
-Wildes.
-
-Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten Herzen zum Hirne. Auch
-Peter mußte ihren Blick aufgefangen haben, denn er erblaßte und wandte
-sich zu mir mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses.
-
-In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, lang anhaltendes Weinen
-aus, warf sich auf den Boden und wimmerte verzweiflungsvoll:
-
--- Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas!
-
-Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden erlösen könne.
-Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück.
-
--- Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten, sagte er, ziehen
-wir Lose.
-
-Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül und furchtbar
-zumute. Die Wolken bedeckten schon den halben Himmel; über dem Meer
-flammten blendende Blitze auf.
-
-Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er selbst zu weinen.
-Ich näherte mich ihm behutsam:
-
--- Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit der Hand ihre Schulter
-berührend.
-
--- Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ...
-
--- Ziehen wir Lose! drängte Peter.
-
-Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen Hand zwei
-Taschentuchenden haltend.
-
--- Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete auf die noch immer am
-Boden Liegende.
-
-In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf fühlte ich eine
-seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es fehlte mir nur der Atem, als
-wenn jemand einen ganzen Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich
-betrachtete die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand
-hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung, die an einer
-Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte ich mich an eine Szene auf
-dem _Mare Imbrium_, wo wir ebenso Lose ziehen sollten -- um den Tod ...
-wie jetzt um ... die Liebe!
-
-Peter wurde ungeduldig.
-
--- Zieh! rief er.
-
-Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine Augen starr auf
-mich gerichtet. Ich verstand plötzlich alles. Wenn ich das Los ziehe,
-werde ich diesen Mann sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten
-Falle, mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die Tasche und
-suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der Gedanke, daß ebensogut Peter
-das Los ziehen konnte, was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf
-dieses geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur ein
-elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich nicht gegen ihn
-empören? Perlender Schweiß bedeckte mir die Stirn.
-
-Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß sie für mich auch nur
-ein ganz klein wenig mehr empfindet als für Peter, würde ich auf das Los
-nicht warten.
-
-Aber so ...
-
-Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen ... Ihr!
-
-Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen ... oder
-mich vor dem Zufall beugen?
-
-Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen und saß still da,
-auf das weite Meer starrend, als wenn sie nicht wüßte, daß wir hier,
-einige Schritte von ihr entfernt ...
-
-Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem Weibe erfaßte
-mich.
-
-Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich berührte ich wieder
-den Griff des Revolvers in meiner Tasche, wie irrsinnig um mich
-blickend, wen ich ermorden sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom,
-den wir zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten.
-
-Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven nach, und alles löste
-sich in meinem Innern. Es blieb mir nur noch die Gleichgültigkeit und --
-der Stolz. Ich öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte.
-
--- Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme.
-
--- Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß.
-
--- Wie?
-
--- Wir werden keine Lose ziehen.
-
-Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die Hand in die Tasche,
-und ich hörte das Knacken des Revolverabzuges.
-
-Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht. Mit einer
-blitzschnellen Bewegung packte ich ihn bei den Händen. Er beugte sich
-nach hinten und wand sich unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in
-seinen Augen flammte das höchste Entsetzen.
-
-Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im ersten Augenblick
-schien es mir, daß in ihm etwas wie Freude zitterte, aber dann dachte
-ich, daß sie sich vielleicht um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er
-blickte mir in die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut. Es
-schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte und schüttelte den
-Kopf.
-
--- Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich und ließ ihn los.
-
-Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich irr an, und dann
-lächelte er gezwungen:
-
--- Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, ich bin jünger, also
-mit Recht ... Aber, hier wurde seine Stimme tiefer, aber, versprichst du
-mir, daß niemals ... niemals ...
-
-Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha.
-
-Ich sah ihm in die Augen.
-
--- Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir, du bist ... sagte
-er schnell.
-
-Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter zögerte, wandte
-sich dann schnell um und näherte sich Martha ... Auch ich schaute auf
-sie und wieder trafen sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach
-jetzt Haß und eine grenzenlose Verachtung.
-
--- Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter.
-
--- Ich weiß es.
-
-Ihre Worte klangen ganz gleichgültig.
-
--- Martha ...
-
--- Was?
-
--- Das Gewitter kommt heran ...
-
--- Ich sehe es ...
-
-Peter seufzte nervös ...
-
--- Komm, flüchten wir uns in die Höhle.
-
-In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; durch die
-krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen nur mühsam die abgerissenen
-Sätze hervor und seinen Körper schüttelten Fieberschauer.
-
-Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur ihre gedämpfte,
-gleichgültige Stimme:
-
--- Gut. Ich komme ...
-
-Peter zögerte noch:
-
--- Martha, gib mir zuerst das Stilett.
-
-Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den Steinen klirrte, und
-ging, ohne sich umzusehen, in die Grotte. Peter ergriff Tom beim
-Händchen und lief ihr nach.
-
-Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den schwarzen
-Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes Dröhnen des Donners
-verkündete den Anfang des Gewitters. Strömender Regen stürzte herab und
-erfrischte die verbrannte, ausgetrocknete Erde!
-
-Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die Fliesen, in
-verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend ...
-
-Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte sich in
-endlosen Regengüssen.
-
-So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde.
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Es begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ... Meine Beziehungen
-zu Peter waren niemals herzlich, und was Martha betrifft, konnte ich
-mich nicht überwinden, ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand
-zwischen uns; ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder
-sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine andere geworden,
-kaum mehr zu erkennen. Abgemagert und blaß, fast häßlich, verschlossen,
-wenig sprechend, schien sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie
-allein mit Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das Wunder
-bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen Augenblick im Lächeln
-des Glücks erhellten. Der Sohn war für sie alles. Sie dachte nur an ihn.
-Sie nahm ihn oft auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder
-erzählte ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: von
-der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau, von dem Vater,
-der in dem Grabe auf der furchtbaren Wüste schlief, von sich selbst ...
-
-Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung gegen das
-Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem Blicke an, daß ich, der
-ich seinen Charakter kannte, zitterte, er könne ihm ein Leid antun.
-Übrigens war er auch auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied,
-was ihm dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha allein
-und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit ihr. Wenn ich aber hie
-und da ein Wort mit ihr wechselte, fühlte ich stets seinen unruhigen,
-haßerfüllten Blick.
-
-Schwer und traurig war Marthas Leben und das meinige, aber ich glaube,
-er war der Unglücklichste von uns dreien. Martha hatte wenigstens einen
-Trost in dem Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung
-eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, lebte von
-Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten, ihm kalt und
-gleichgültig gegenüberstehenden Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich
-habe mich unwillkürlich von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar allen
-seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder Minute, daß sie ihn
-lediglich als das Werkzeug betrachtete, durch das sie dem geliebten Sohn
-den Segen der menschlichen Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte.
-Ich habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres, herzlicheres
-Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre Hände oder ihr Antlitz mit
-Küssen bedeckte, wehrte sie es nicht, aber sie saß unbeweglich und
-gleichgültig, in ihren Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des
-Ekels.
-
-Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um bei ihr ein
-Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu erzwingen, als wenn man
-Liebe erzwingen könnte! Es gab Augenblicke wo er ihr drohte und sich
-bemühte ihr seine Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann
-gleichgültig und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm zu
-widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas befahl, tat sie
-es ohne zu murren, aber auch ohne zu lächeln, genau wie wenn er sie um
-etwas bat. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in
-ihr Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus dieser furchtbaren
-Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff also das letzte Mittel: er
-verfolgte Tom. In meiner Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu
-berühren; ich sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmern
-würde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte und er wußte, daß
-ich seit jenem denkwürdigen Mittag den Revolver stets bei mir trug. Aber
-sobald ich fort war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und
-zufällig erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, ohne ein Wort
-zu verlieren, mit dem Stilett, das ich aufhob und ihr zurückgab, nachdem
-sie es damals, in die Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte.
-
-Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem Extrem ins andere
-fallend, zu ihren Füßen und schluchzte und flehte um Erbarmen.
-
-Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. Ich kehrte gerade
-von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten Petroleumquellen zurück und
-hörte, als ich mich dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters
-Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir auf dem Hügel
-angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher Blick auf das Meer und die
-Berge eröffnete. Zu ihren Füßen im Sande lag Peter. Die
-zusammengefalteten Hände stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu
-ihr, mit flehendem Blick und erstickter Stimme.
-
--- Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! Siehst du nicht,
-was mit mir vorgeht! Das ist doch grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur
-Raserei, verliere die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes
-Weinen unterbrach seine Worte.
-
-Martha zuckte nicht einmal.
-
--- Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach einer Weile.
-
--- Ich will deine Liebe!
-
--- Du bist mein Mann ...
-
--- Liebe mich!
-
--- Gut. Ich liebe dich ...
-
-Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so furchtbaren
-Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges Gefühl durchlief.
-
-Peter sprang auf.
-
--- Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich.
-
--- Ich werde dich nicht reizen.
-
-Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern; seine Züge hatten
-sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich griff ich zum Revolver;
-mein Blut hämmerte in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht
-zittern würde.
-
--- Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder in einem Ton, als
-wenn sie sagte: Willst du Wasser trinken?
-
--- Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... bis ...
-
--- Gut. Schlage mich ...
-
-Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener.
-
-Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem entsetzlichen Auftritt
-ein Ende zu machen.
-
-Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare innere Kämpfe
-mitanzusehen, war mir im höchsten Maße qualvoll, und da auch sie mich
-zum Teile mieden, wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, so
-ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen Mondtage in vollster
-Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich langsam daran gewöhnt. Übrigens
-konnte ich schon jetzt mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und
-Langeweile ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte.
-Wohl hatte ich mir die Ehe »eines von uns« mit Martha anders
-vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren, stillen, wenn auch von
-Sehnsucht nicht freien Idylle, von einem neuen herzlichen Band, das
-unsern kleinen Kreis vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme
-geführten Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge und die
-Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen sollen, drehen würden.
-Aber wenn auch die Wirklichkeit all diese schönen Träume vernichtete, so
-hatte sie mir doch ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein
-neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, diese nicht von
-mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur Welt kamen. Auf langen, einsamen
-Wanderungen dachte ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich
-Vorräte, erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen nieder; für
-sie holte ich die von der Erde mitgenommene Bibliothek aus dem Staube
-hervor und ordnete die Bücher; für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt
-und Kalk gebrannt, um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines
-astronomisches Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen oder
-aus dem Silber, das sich hier in großen Massen findet, verschiedene
-Geräte geschmiedet, Glas, Papier und andere für den zivilisierten
-Menschen unentbehrliche Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so
-unaussprechlich auf diese Kinder gefreut, die erst geboren werden
-sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen endlich alles zum
-Besseren wenden, ihr Lachen und ihre hellen Stimmchen diese drückend
-schwüle Atmosphäre verwehen müßten, die zwischen uns herrschte.
-
-Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. In nicht ganz
-einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei Töchter. Sie kamen in der Nacht
-zur Welt. Als ich vom Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes
-schwaches Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen Freude
-erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir ein furchtbarer
-Schmerz das Herz zusammen und ich konnte nur mit Mühe die aufsteigenden
-Tränen zurückhalten. Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen
-lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen.
-
--- Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich, Onkel, was weint
-dort so? Etwa Mütterchen?
-
--- Nein, Kind, nicht Mütterchen weint, das ... sind so kleine Kinder wie
-du, vielleicht noch kleiner.
-
-Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken.
-
--- Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte er gespannt.
-
-Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich aufmerksam an.
-
--- Onkel, und weshalb weinst du? fragte er plötzlich.
-
-Ja, wahrhaftig, Tränen flossen mir aus den Augen. Weshalb weinte ich?
-
--- Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr meinen Gedanken
-antwortend als ihm.
-
-Das Kind schüttelte mit großer Würde den Kopf.
-
--- Das ist nicht wahr! Ich weiß, Onkel, daß du nicht dumm bist.
-Mütterchen sagte nicht so. Mütterchen sagte, daß der Onkel gut ist, sehr
-gut, nur ... nur ...
-
--- Nur was? Wie sagte dir Mütterchen?
-
--- Ich habe vergessen ...
-
-In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand
-Peter. Er war blaß und sichtlich erschüttert. Er lächelte mir bitter zu,
-aber ehrlich, zum erstenmal seit einem Jahr, und sagte:
-
--- Zwei Töchter ...
-
-Und dann:
-
--- Jan, Martha will, daß du ihr Tom bringst.
-
-Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn erblickte, streckte sie
-beide Hände nach ihm aus.
-
--- Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen, zwei auf einmal! Das
-ist für dich! Du wirst mir verzeihen, Tom, nicht wahr? Du wirst
-verzeihen ... Aber das ist für dich, nur für dich, mein Liebster,
-einziger, geliebter Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme, das
-Kind an ihre Brust drückend.
-
-Tom dachte nach.
-
--- Mütterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen tun?
-
--- Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen, lieben, kratzen,
-küssen, alles, was du willst, und sie werden dir gehorchen und für dich
-arbeiten, wenn sie groß sind, hörst du?
-
--- Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha, das sind _meine_
-Kinder!
-
-Sie sah ihn kühl an:
-
--- Ich weiß es, Peter, das sind _deine_ Kinder ...
-
-Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie stürzen wollte,
-aber er hielt sich zurück und sich ihrem Lager nähernd, sagte er so
-sanft er konnte:
-
--- Das sind _unsere_ Kinder, Martha. Hast du für mich kein Wort? Nichts?
-...
-
--- O ja. Ich danke dir.
-
-Darauf begann sie wieder das helle Köpfchen des Sohnes zu streicheln und
-leidenschaftlich zu küssen:
-
--- Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Söhnchen ...
-
-Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und mir wurde es schwül und
-bange. Es war etwas Ungeheures in dieser ausschließlichen Liebe der
-Mutter.
-
-Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte nicht viel in
-unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. Die Beziehungen Marthas und
-Peters blieben immer dieselben. Ich fühlte seit langem alles mit Martha;
-aber jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden. Er
-wurde stumm und finster. In jedem seiner Worte, in jeder seiner
-Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung und Niedergedrücktheit. Einige
-Jahre jünger als ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen.
-Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden Glanz. Niemals
-hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens diesen unverbrauchten
-Organismus, der siegreich und kraftvoll am besten von uns allen die
-unerhörten Mühen der Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen
-könne. Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich ihr keine
-Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, der gestorben war; außer
-für ihn und für ihren Sohn gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen --
-das war das ganze Unglück.
-
-Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie kümmerte sich
-zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich, daß sie dies nur mit
-dem Gedanken an Tom tat. Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller
-Spielzeuge für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener Tiere,
-die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen, weil ihr Verlust kostspielig
-wäre. Sogar die Art, wie sie von den Töchtern sprach, bewies das, denn
-sie sagte stets: Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde noch
-finsterer.
-
-Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und nahmen, vor allem
-in den ersten Monaten, Marthas ganze Zeit in Anspruch; auf diese Weise
-war Tom meist unter meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das
-Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt. Er frug mich
-über alle möglichen Dinge aus und sprach mit mir wie ein Erwachsener. In
-kurzer Zeit hatte ich mich so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war,
-ohne seine Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage war
-ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm ich auf alle, sogar die
-weiten Ausflüge Tom mit mir. Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn
-sie wußte, daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu Hause,
-da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte.
-
-Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden im Gespann zu
-gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit auf dem Mond genügte uns
-dieses Gespann vollständig, bequem und schnell von einem Ort zum andern
-fahren zu können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die zwei und
-mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit Rücksicht auf die kalten
-Nächte, einen dicht verschlossenen, von einem Elektromotor getriebenen
-und heizbaren Wagen mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt
-hatte, indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war außer für Tom
-und mich noch für zwei Hunde Platz, ebenso für reichliche
-Nahrungsvorräte und Brennmaterial.
-
-Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen Strand des
-Mittelmeeres auf dem Monde und kamen nach Osten und Westen, und zwar so
-weit, bis uns die schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste
-zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte Punkt,
-wohin wir gelangten, war das _Mare Humboltianum_, eine Ebene, die
-ungefähr unter derselben Mondbreite gelegen wie das _Mare Frigoris_,
-manchmal von der Erde, während günstiger Librationen des Mondes,
-sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen auf dem rechten Segment
-des oberen Teiles der silbernen Scheibe.
-
-Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem Horizont
-emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, zweiwöchige Nacht daselbst
-aufgehalten, um mich an dem Anblick dieser seit langem nicht gesehenen,
-seit länger noch verlorenen heimatlichen Welt zu laben.
-
-Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen Fülle (wir befanden uns
-nämlich auf dem neunzigsten Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren
-Halbkugel des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende, etwas
-gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden hellen Linien
-Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, heiße Sehnsucht nach
-diesem Globus, der am Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich,
-hinausgetrieben aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung
-für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und ich streckte mit
-einer unverständigen beinah kindlichen, aber nicht zurückzuhaltenden
-Bewegung die Hände nach ihm aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn
-auch ... nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die
-Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande gesehen hatte:
-schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines blutigen Brandes, und eine
-unbeschreibliche Traurigkeit kam über mich.
-
-Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften, die
-dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht vernichten, ja sogar
-der allbezwingende, unerbittliche Tod, sind uns hierher gefolgt auf
-diesen Globus, der bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit
-thronte. Überall lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin
-trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks.
-
-Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er stand neben mir, eben
-aus einem langen Schlaf erwacht, und schaute auf das ihm unbekannte
-leuchtende Rund am Himmel.
-
--- Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem Händchen nach
-oben deutend.
-
--- Du weißt doch, das ist die Erde, ich sagte dir öfter, daß ich dich
-hierherführen würde, um sie dir zu zeigen. Übrigens sahst du sie ja
-bereits, als wir hergekommen sind, erinnerst du dich nicht?
-
--- Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die andere war anders,
-auf der einen Seite zackig und diese ist rund.
-
--- Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile nach.
-
--- Onkel ...
-
--- Was?
-
--- Ich weiß es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen oder hat sich
-morgens entrollt wie diese großen Blätter.
-
-Ich bemühte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache der Veränderung der
-Erde zu erklären. Er hörte zerstreut zu und verstand scheinbar nicht,
-was ich sagte.
-
-Endlich unterbrach er mich mit der Frage:
-
--- Onkel, und was ist das, diese Erde?
-
-Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß dort Meere sind,
-Berge und Länder und Flüsse wie auf dem Monde, nur weit größer und
-schöner; daß es dort viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man
-Städte nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen
-wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir von dort auf den Mond
-gekommen sind: ich und die Mutter und Peter und sein Vater, der nicht
-mehr lebt, und sogar die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen
-er so gerne spielt.
-
-Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung mit großem
-Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und sagte, meinen Bart
-streichelnd:
-
--- Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach' bitte keinen Spaß,
-sondern sage ganz vernünftig, was ist das, diese Erde?
-
-Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur Seite biegend, schauten
-sie ebenfalls neugierig auf die am Himmel leuchtende Scheibe.
-
-Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die Rückfahrt an. Die Erde,
-durch den Tagesglanz verblaßt, schien hinter uns nur noch wie eine
-aschgraue, kreisförmige Wolke, die über dem Horizont sichtbar war.
-
-Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach Süden. Der Strand
-des Meeres, der sich in gebrochener Linie erstreckt, ungefähr zwischen
-dem fünfzigsten und sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des
-140.° östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere
-Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine Meerenge,
-die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel vereinigt. Ich wollte
-mich darüber orientieren und auf jener Halbkugel vordringen, aber dies
-gelang mir nur bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu
-war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren trotz der Nähe der
-Meere so kalt, daß sie mich an die Fröste erinnerten, die auf der
-luftlosen Halbkugel herrschten, und während der furchtbaren Glut des
-Tages hörten die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war
-felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein Leben, nichts --
-nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen Meeren, aus denen die
-scharfen Spitzen vulkanischer Inseln herausragten, die nicht selten
-durch eine Rauchwolke oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren.
-Öfter während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich Tom mit mir
-genommen hatte, weil ich fürchtete, wir würden beide ums Leben kommen.
-Da wir der steilen Berge wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht
-vorwärtskamen, hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich zu Füßen
-wilder und phantastischer Felsen eine etliche hundert Meter breite Ebene
-erstreckte. Es war schon gegen Mittag, und das Meer durch die Flut, die
-von der Anziehungskraft der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen ist,
-so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche des Strandes
-erreichte. Da ich eine Überschwemmung des Weges, den wir passierten,
-befürchtete, sah ich mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um,
-als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her vorausging. Die
-mächtigen Wogen ergossen sich über den Strand; eine davon traf unseren
-Wagen und warf ihn zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es
-war keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit einer Kette an
-dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen dicht geschlossen hatte begann
-ich, Tom auf die Schultern nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich
-habe im ganzen Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals.
-Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem verwitterten Felsen,
-mit der andern Hand hatte ich den Knaben gefaßt, der vor Entsetzen
-zitterte; unter mir das tobende, schäumende Meer und über mir eine
-Wolke, aus der sich die Donner entluden und strömender Regen
-herabstürzte. Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor dem Orkan,
-sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken, die, durch den Sturm
-vom Gipfel losgerissen, wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe
-geschleudert worden. Diese furchtbare Situation machte die Angst um den
-Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch qualvoller. Wenn die Wellen
-die Kette losrissen und den Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen
-zerschmettern, ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir
-unrettbar dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte,
-ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach Hause gelangen konnten. Als
-ich die Stelle erreicht hatte, wo ich Tom unter einen Felsen setzen,
-zudecken und so festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit
-war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen besser zu
-befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir endlich, ihn in eine Kluft
-zu bringen, wo er vor den Wellen geschützt war.
-
-Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit ihm, das Ende des
-Gewitters abwartend. Das verängstigte Kind schmiegte sich an mich und
-frug weinend, warum wir hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht
-antworten, weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem die
-Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb wir auf den Mond
-gekommen sind ...
-
-Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger geworden, wählte
-ich einen Weg, der hoch über dem Meeresspiegel führte.
-
-Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den uns während der
-Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle andern Ausflüge legten wir ohne
-Abenteuer in froher Stimmung zurück.
-
-Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten Elektromotor, der
-sich einst im Besitz der unglücklichen Remogners befand, haben Peter und
-ich ausgebessert und in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung
-der treibenden Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu
-Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom des Vormittags
-oder in der Abendzeit aufs hohe Meer hinaus.
-
-Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel, die in jeder
-Beziehung beachtenswert war. Schon von weitem erstaunte ich über ihre
-Gestalt ...
-
-Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren entweder
-durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres gehoben, oder die Gipfel vom
-Wasser überfluteter Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich
-sofort den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen
-Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im Südwesten erhob
-sich eine niedere Bergkette, die seit uralten Zeiten von Regen und Sturm
-zerbröckelt schien. Ihre Ufer waren steil und scheinbar durch die
-Brandung zerfressen, denn das Meer war in einem großen Umkreis so flach
-und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer fiel, mit der nicht
-tiefgehenden Schaluppe zu landen.
-
-Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte Stückchen Boden, das
-den uns bekannten Mondgegenden so gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm
-uns die vollständig verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie
-anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere
-Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern Erde
-traf ich kaum mehr als drei oder vier Stauden an, die mir bereits
-bekannt waren, aber dafür eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner
-anderen Stelle vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. Sie
-machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, überall
-ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch, wie durch ein Wunder erhalten,
-existierte und von der Art des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen
-Zeiten Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder waren und das
-Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe dachte ich, als ich die
-Tiere erblickte, die auf dieser seltsamen Insel hausten. Es waren nicht
-viel, und sie unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten.
-Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen und
-Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese gebrechlichen,
-degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schauten
-mich verständig und prüfend, aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund,
-den ich mit mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen die
-Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige Zischlaute aus.
-Wie ich mich überzeugte, waren das die einzigen Laute, die sie von sich
-geben konnten.
-
-Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über alles und blieb
-fortwährend stehen, mit einem farbigen Stein oder einer Muschel
-beschäftigt oder eine duftende Pflanze betrachtend, die durch die
-Stellung der Blätter an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade
-einige Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm:
-
--- Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne Stöcke!
-
-Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde sitzend, von einer
-Unmenge weißer dünner langer Knochen umgeben. Ich prüfte sie näher und
-wußte auf dem Monde kein Tier, von dem sie herrühren konnten.
-
-Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen Knochen einen
-merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück dicken, auf der einen Seite
-stark gebogenen Kupferblechs, das seiner Form nach an ein breites Messer
-erinnerte. Das Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn
-dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so hatten auf
-dem Monde einst verständige Wesen gelebt.
-
-Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst auf dem _Mare
-Imbrium_ vor uns auftauchte und die so denkwürdig war durch den
-entsetzlichen Vorfall, der den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten
-damals jene Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher
-betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals etwas, das für
-die Existenz vernünftiger Geschöpfe hier lange, lange vor unserer
-Ankunft zu sprechen schien.
-
-Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene zu Füßen
-der Bergkette liegende Grotten, fand aber nichts, was mich hätte von der
-Richtigkeit meiner Vermutungen überzeugen können. Zwar schien es mir,
-daß ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer
-zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des kleinen Teiches sah
-ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln, die gewissermaßen
-Einschnitte hatten, und der Damm, der den Bach verhinderte sich in den
-Teich zu ergießen, schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen
-Richtung wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest einer
-zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso das Werk des Zufalls
-sein oder nicht verständiger, aber schlauer Tiere. Auf der Erde erheben
-doch zum Beispiel die Biber die interessantesten Bauten.
-
-Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber die
-vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen, daß diese
-Insel das Überbleibsel eines größeren, im Meere verschwundenen Stück
-Landes sei, und gaben ein annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich
-auf ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen
-Epoche vorausgingen.
-
-Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und oft kam ich hierher,
-um von den Berggipfeln auf das sich rings erstreckende, von der Sonne
-golden gefärbte Meer zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der
-Rest dieses Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches
-Leben.
-
-Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter Vulkane, über denen
-der finstere, fast unaufhörlich mit einer Feuersbrunst umlohte, mächtige
-Otamor thronte. Das Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge
-wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem dumpfen Brausen,
-das etwas vom Rauschen dahingegangener Äonen, etwas von der
-geheimnisvollen Stimme der menschlichen Seele an sich hatte, in
-Halbschlaf gewiegt, träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen
-sein mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich.
-
-Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich damals die
-Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend, erst auf der Oberfläche ab,
-und die Sonne ging, infolge der schnelleren Drehbewegung des
-Mondklumpens, die im Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über
-diese Länder und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und
-Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne Frost und ohne
-unerträgliche Gluten. Damals stand auch die Sonne nicht über der
-furchtbaren Wüste des Todes, sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und
-untergehend ... Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose
-Ebene.
-
-Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre auf dieser
-Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde wendend, die Luft verlor
-und mit ihr das Wasser, so weit alle Spur des früheren Lebens
-verwischen, daß es heute scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre
-seit Anfang der Welt. Tomas hat das einst angenommen.
-
-Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem unaufhörlichen
-eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen Lebens vernehme.
-Wälder von hohen mächtigen Bäumen, die sich vor dem Froste der langen
-Nacht, die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen,
-ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben Tiere, kräftig,
-riesenhaft, die Vorfahren der heute auf dieser Welt degenerierten
-Nachkömmlinge; zwischen den Ästen schlagen die Flügel fliegender
-Eidechsen ... Es ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den
-Nebeln der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle Rund
-der Erde.
-
-Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende Licht von den
-Mauern herrlicher Städte, von schlanken Türmen herab verständige Augen
-schauten? Ob sich nicht Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den
-silbernen Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen?
-
-Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst vermutete, daß auf
-diesem mächtigen Globus, der zwischen den Himmeln hing, ebenfalls
-denkende Wesen sind, ob man nicht erriet, wie sie leben und aussehen?
-
-Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere Richtung; sie riß
-sich vom Monde los wie ein aus dem Käfig flatternder Vogel und eilte
-weiter, Hunderttausende Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde,
-die mir die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch
-malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel der Berge.
-
-Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel; das lange
-Schweigen machte ihn ungeduldig.
-
-Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter den Kleinen
-sehnsüchtig erwartete.
-
-Hier gehörte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm ihn zärtlich in ihre
-Arme, und wenn die leidenschaftlichen Umarmungen und Küsse beendet
-waren, setzte sie sich mit ihm auf die Schwelle und begann ihre sich
-stets wiederholende Erzählung von dem jungen, schönen und guten
-Engländer, seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war, und der unter
-dem Sande der großen, stillen Mondwüste schlummerte. Eigentlich erzählte
-sie das mehr sich selbst als dem Sohne, und ihre heißen Tränen flossen
-auf das helle Köpfchen des Kindes.
-
-Peter grübelte gebrochen und niedergedrückt im Hause über etwas nach
-oder ging nach den Mädchen zu sehen.
-
-Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurück, um in der
-Einsamkeit zu träumen oder mich mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen.
-
-Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und unter, die Erdenjahre
-schwanden, mühsam an den Mondtagen gezählt; Tom wurde größer und die
-Mädchen liefen schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber für mich hat
-sich nichts geändert.
-
-Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wüsten Lande umher, verbrachte
-lange Stunden auf der Friedhofinsel, und wenn ich nach Hause kam,
-blickte ich auf Martha, die immer gleich traurig und schweigsam war, und
-auf Peter, der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen ...
-
-Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig in meinem Herzen
-und wuchs mit den Jahren, bis sie schließlich eine furchtbare,
-unerträgliche, mich zu Boden drückende Last wurde. Um mich vor ihr zu
-schützen, dachte ich an das neue Geschlecht, unternahm große
-Wanderungen, ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der
-Unterbrechung, wenn ich müde und erschöpft niedersank, kehrte sie wieder
--- sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte mir die blassen Züge meiner
-Kameraden hier und gaukelte mir Träume vor von jenen dort, die ich auf
-ewig verlassen hatte ...
-
-
-
-
- V.
-
-
-Dort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten anzeigt und der
-Lauf der Sonne, deren Bahn sich hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen,
-dort auf der Erde, näherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende,
-seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum drittenmal Mutter
-werden sollte. Sie erwartete die Geburt des Kindes mit Ungeduld, denn
-sie hoffte, daß es ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum
-Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach langer
-Unterbrechung heranrückte, sagte sie zu uns:
-
--- Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich einen Diener
-und Sklaven gebe ...
-
-Sie sagte das scheinbar gleichgültig, als wenn sie eine ganz natürliche
-Sache erwähnte, aber ich hatte das Gefühl, aus ihrem Ton noch etwas
-Unausgesprochenes herauszuhören ...
-
-Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, wie das Stöhnen
-eines Arbeiters, der eine freiwillig aufgenommene Last von seinen
-Schultern wirft, von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie
-getragen hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last
-zusammenbrach, sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel.
-
-Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit ergeben. Sie
-verwundete ihn mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit allem, was sie tat
-und sagte und dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es
-unbewußt geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. Aber damals,
-nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem Blick an und lächelte
-verächtlich und dann streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den
-Knaben bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er ihn
-lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, aber für sein
-Alter auffallend schmächtig. Der Stiefvater schob den breiten Ärmel der
-Bluse des Kindes zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug
-leicht mit der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften und
-Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch, und die Hand auf
-den Kopf des verängstigten Knaben legend, zischte er, Martha anstarrend,
-jedes Wort betonend, durch die Zähne:
-
--- Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu befehlen, aber sein
-Bruder kann stärker sein.
-
-Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben. Aber ihre Besorgnis
-dauerte nicht lange. In den glänzenden Augen des Kindes las sie
-scheinbar das, was zu allen Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen
-Ordnung geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete kurz:
-
--- Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer sein sollte.
-
-In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger Knabe,
-ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte Energie. Er entwickelte
-sich schnell und auf eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz
-anders, wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der Erde
-entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und hatte einen so
-ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal staunten. Es war keine
-Spur einer kindlichen Schwärmerei an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern,
-so entsetzlich nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich auf
-dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die Gedanken, von
-keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und klar dahinflossen wie unter
-dem kahlen Schädel eines Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel
-Herz: er liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter
-konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie sein Vater,
-war er in Peters Gegenwart verängstigt und verwirrt. Übrigens weiß ich
-es nicht einmal, ob ich die Ausdrücke recht gewählt habe, um zu
-beschreiben, was in der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters
-vorgehen mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig, daß es schien,
-als wenn er lieber alle Qualen ausstehen würde als die Lippen öffnen.
-Nur die Augen irrten unruhig umher. In seinem Benehmen war Angst, aber
-auch Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin. Peter fühlte
-und sah das, und es schien mir, daß er schon damals dieses seltsame Kind
-fürchtete.
-
-Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum Gehorchen
-geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, weltumfassenden
-Geistes der Engländer in ihm und zu viel flammendes Blut der stolzen
-Radschas aus Travancore.
-
-Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder bekommen sollte,
-der größer und stärker ist als er, dieser genau so hinter ihm herlaufen
-und ebenso demütig in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen
-Schwestern Lilli und Rosa.
-
-Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein drittes Mädchen zur Welt,
-das wir Ada tauften.
-
-Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt dieses Kindes.
-
--- Tom, sagte sie einige Stunden später, als wir auf ihren Wunsch den
-Knaben an das Lager gebracht hatten, Tom, du wirst keinen Bruder mehr
-haben, aber du hast dafür drei Schwestern. Sie müssen dir genügen als
-Ehefrauen, als Kameraden, als Dienerinnen ...
-
-Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten Mädchen, was er mit
-der neuen Schwester tun solle, sondern schaute sich nach Lilli und Rosa
-um, die sich in einer Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie
-gewöhnlich mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen; er berührte
-leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskräften schreiende Geschöpf
-und sagte, ernst mit dem Kopfe nickend:
-
--- Sie werden genügen, Mütterchen, sie werden genügen ...
-
--- Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und das Benehmen des
-Kindes unangenehm berührt, du mußt gut zu ihnen sein.
-
--- Weshalb? fragte er naiv.
-
--- Damit sie dich lieb haben, antwortete ich.
-
--- Sie lieben mich auch so ...
-
--- Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mädchen fast einstimmig.
-
--- Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du, denn sie lieben
-dich, obwohl du es nicht immer verdienst. Aber diese Kleine könnte dich
-vielleicht auch _nicht_ lieben ..
-
-Tom antwortete nichts; ich bemerkte, daß er voller Mißmut auf das
-Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen zusammenzog.
-
-Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren wurde, er wäre
-sein Sklave oder -- sein Feind geworden.
-
-Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare Ironie des
-menschlichen Daseins nach, die uns von der Erde auf den Mond nachfolgte.
-Zu O'Tamor eilten meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so schön
-vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern Marthas und Tomas',
-die vor dem schlechten Einfluß der irdischen »Zivilisation« bewahrt
-blieben, ein neues, ideales Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd
-und unbekannt wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks auf
-der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und denke mir, daß der kluge,
-edle O'Tamor nur eines vergessen hat, nämlich daß die Nachkommenschaft
-des Menschen sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen wird, die
-in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, was der Jammer der
-menschlichen Geschlechter geworden ist. Und ist es nicht die grausamste
-Ironie, daß der Mensch seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die
-Sterne hinüberträgt, die am fernen Himmel über ihm leuchten?
-
-Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens wird dadurch die Zeit
-der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten hinausgerückt, und wir werden
-vielleicht indessen sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen
-...
-
-Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu geschaffen sind, ihm
-zu gehorchen. Sie werden am Ende nicht einmal das ihnen zugefügte
-Unrecht verstehen, sondern glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und
-Herr sich ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich Lilli und
-Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen ist noch zu klein, sie
-ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung kaum drei Jahre alt, um
-irgendwelche Vermutungen bezüglich ihrer zukünftigen Stellung zu dem
-Stiefbruder auszusprechen. Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt
-wie die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig.
-
-Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und der geistigen
-Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der letzten Zeit meine einzige,
-wenn auch traurige Zerstreuung. In physischer Beziehung haben sie sich
-den Bedingungen der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen immer
-fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so viele Jahre hier leben,
-vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein Schwieriges ist zum Beispiel für
-uns die Regulierung des Schlafes. Während des langen Tages müssen wir
-fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das bringt das
-Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil der Zeit, während der die
-Sonne am Himmel steht, durch den Schlaf verlieren; das ist etwas
-Unnatürliches und infolgedessen wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen
-wir zwei Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit
-und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile gequält. Die Kinder,
-die hier geboren sind, schlafen am Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens
-zwei Stunden in zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast
-die ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden nach
-Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher Schlaf. Wenn sie
-in der Nacht aufwachen, so ist das nur auf zwei, drei, höchstens vier
-Stunden, worauf sie wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die
-Zieselmäuse oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste zarte
-Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages verkündet.
-
-Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich besser als wir. Die
-Hitze schwächt sie nicht in dem Maße und ruft nicht die Erregung noch
-den Schlaf hervor wie bei uns.
-
-Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch gegen die Kälte
-viel abgehärteter sind als wir älteren. Am Morgen, wenn es am kältesten
-ist, laufen sie, eben vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und
-entfernen sich, sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im
-äußersten Notfalle ins Freie wagen.
-
-Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer Tom. Die beiden
-älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso wie der alte Wotan, anscheinend
-von derselben blinden Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese
-Mädchen bilden den ständigen Hof Toms.
-
-Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen gehen, der früh
-nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich auf der Eisbahn am Strande des in
-der Nacht zugefrorenen Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich
-überzeugt, daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller Frühe --
-auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht auf diesen Einfall
-gekommen sind! Alle hiesigen Tiere graben sich zum Schutze vor der Kälte
-in die Erde ein und schlafen während der Nacht.
-
-Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche Witterung hat,
-herausbekommen. Er suchte unter dem Schnee die Schlupfwinkel der
-verschiedenartigsten kleinen Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie
-aufwachten. Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon
-bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute uns schöne
-dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem Schildpatt sehr ähnlich ist.
-Das Jagen ist während des Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch
-den sie verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind. Wie
-groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens mehrere Häute
-brachte, unter denen einige frisch waren und der Rest sehr sorgsam
-gegerbt! Diese letzteren stammten von früheren Jagden. Der Junge sah,
-wie wir die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen Muscheln
-gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher Menge am Meeresstrande
-befand, gegerbt haben, und machte das alles auf eigene Faust und nicht
-viel schlechter als wir!
-
-Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt, kannte er schon genau
-unsere Fabriken und verstand den Zweck und die Bedeutung jeder
-Einrichtung, die Brauchbarkeit eines jeden Instrumentes und Materials.
-Ich habe die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber für
-Bücher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert ihn alles, was
-einen praktischen Wert hat, um andere Dinge kümmert er sich sehr wenig.
-Ich wollte ihn die Geographie der Erde lehren, die Geschichte der
-dortigen Völker, ihn mit den seinem Verstande zugänglichen Meisterwerken
-großer Schriftsteller bekannt machen, aber ich bemerkte sehr bald, daß
-ihn das absolut nicht interessierte, so großes Interesse er auf anderen
-Gebieten zeigte. Zunächst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich
-glaubte, daß ich in ihm einen historischen und ästhetischen Sinn wecken
-könne; erst als er mich während einer derartigen Lehrstunde einmal ganz
-unvermittelt fragte:
-
--- Onkel, warum erzählst du mir das alles? -- gab ich die
-diesbezüglichen Bemühungen auf.
-
-Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der Tat, wozu?
-... Und er sagte weiter:
-
--- Das alles, was du mir da erzählst, soll wahrscheinlich auf der Erde
-sein, die ich, wie ich mich erinnere, während eines Ausfluges gesehen
-habe, wie eine große leuchtende Kugel, und von der du, Onkel,
-hierhergekommen sein sollst, nicht wahr?
-
--- Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin, und von der
-überhaupt die Menschen stammen.
-
-Der Knabe sah mich an, als wenn er zögerte zu sagen was er dachte, und
-endlich kam es mit etwas schüchterner Miene heraus:
-
--- Aber ich weiß nicht, Onkel, ob das alles wahr ist.
-
-Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie bei einem Kinde, dem
-man Dinge erzählt, die sich auf einem entfernten und nur einmal von ihm
-gesehenen Planeten abspielen, ganz natürlich ist.
-
--- Hast du dich jemals überzeugt, daß ich die Unwahrheit spreche?
-
--- Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er etwas leiser
-hinzufügte:
-
--- Aber jetzt kann ich mich nicht davon überzeugen, daß du die Wahrheit
-sprichst ...
-
-Ich nahm eine Uhr aus der Tasche.
-
--- Weißt du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst du, daß ich oder Peter
-oder deine Mutter ein solches Werk herstellen können? Du siehst auch
-Bücher, die wir nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir
-gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn wir es nicht von
-der Erde mitgebracht hätten? Und wenn wir von der Erde hierhergekommen
-sind, so müssen wir doch wissen, wie es dort ist und aussieht.
-
-Der Knabe dachte nach.
-
--- Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die Erde kommen?
-
--- Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen.
-
--- Weißt du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche Bücher und
-Vergrößerungsgläser machen und erzähle mir nicht mehr davon, wie man da
-von einem Europa nach Amerika fährt, oder was dieser Alexander der Große
-gemacht hat und der andere, Napoleon ...
-
-Ich mußte in meinem Innern zugeben, daß Tom recht hatte. Er war doch
-niemals und wird niemals dort sein, wozu soll ich ihm also erzählen, was
-mich nur deswegen angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese
-Belehrungen sind nutzlos für ihn; und wenn er oder seine
-Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren wollen, von der
-vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen dringt, daß man sie, die
-Mutter des menschlichen Geschlechts, am Himmel leuchtend von den Grenzen
-der toten Wüste aus sehen kann, so werden diese Bücher, die wir
-mitgebracht haben, den zukünftigen Mondbewohnern märchenhafter
-erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten Geschichten aus
-»Tausendundeiner Nacht«.
-
-Seitdem beschloß ich, Tom nur das beizubringen, was in seinem
-zukünftigen Leben auf dem Monde einen realen Wert für ihn hat. Dazu
-zeigte er auch eine ungewöhnliche Lust.
-
-Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah, daß sie ihm von
-Nutzen sein könnten. So interessierte ihn zum Beispiel anfangs die
-Astronomie sehr wenig, aber er beschäftigte sich mit wahrem Feuereifer
-mit ihr, als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte, den man
-aus der Messung des Höhenstandes der Sterne ziehen kann.
-
-Ich bin überzeugt, daß, wenn wir die Bücher nicht mit hierhergebracht
-hätten, die nach uns bleiben, den kommenden Generationen die ideale
-Seite dieses kleinen Teiles der von der Erde überlieferten geistigen
-Arbeit des Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des
-unzweifelhaft befähigten, aber unerhört nüchternen Tom würde sie sicher
-nicht fortleben. Und doch denke ich immer und immer an dieses künftige
-Geschlecht. Es soll, dahin geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht
-wild aufwachsen und dahinleben, sondern wissen, daß der menschliche
-Geist mächtig ist, daß er Großes und Schönes schafft und seinen Gott
-über den goldenen Sternen sucht! Daß er unaufhaltsam vorwärtsdringt und
-in glühendem Begehren nach Wahrheit und Schönheit strebt. Daß dieser
-Geist die stärkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen mit der ihn
-umgebenden Natur ist, und sie ihn schätzen lernen und aus seiner Kraft
-Nutzen ziehen.
-
-Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen, obwohl er leider so
-wenig Verständnis dafür hat; ich lechze danach, als wenn ich fürchtete,
-daß mir die Zeit dazu fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle
-sterben, wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des Mondvolkes
-nur mehr er sein und diese alten Bücher, die zugleich mit den Menschen
-von dem fernen Planeten auf diese Welt geschleudert wurden.
-
-Als ich ihm einst sagte, er müsse fleißig sein und alles lernen, nicht
-nur das, was ihm gefällt, denn er würde in Zukunft der Erzieher des
-neuen Geschlechts sein, schaute er mich erstaunt an und fragte:
-
--- Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du kannst doch alles ...
-
--- Ich werde dann nicht mehr leben.
-
--- Wer wird dich töten?
-
-Tom verstand nicht, daß es einen natürlichen Tod gibt. Er sah die
-getöteten Tiere und tötete sie selbst, aber er sah noch nie ein
-sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann die Notwendigkeit des Todes zu
-erklären. Er hörte mir aufmerksam zu, dann unterbrach er mich plötzlich,
-indem er rief:
-
--- Also wird auch Peter sterben?
-
--- Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie schließlich du selbst
-...
-
-Tom schüttelte den Kopf:
-
--- Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich davon?
-
-Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung und setzte ihm
-abermals auseinander, daß der Tod nicht von dem menschlichen Willen
-abhänge, aber Tom war nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas
-anderes. Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd:
-
--- Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher sterben wie du,
-zuerst von uns allen, er soll bald sterben. Er ist doch vollständig
-unnötig. Dann würdest du allein mit uns und der Mutter bleiben und es
-wäre uns allen wohl ...
-
-Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod wünschen dürfe und um
-so weniger Peter, der doch der Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa
-sei. Er schaute finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll:
-
--- Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner Schwestern? Du bist mir
-viel lieber als Peter und auch der Mutter ... Peter ist überflüssig.
-
-Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens erbeben, und
-gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn das war ein Gedanke, der in
-letzter Zeit auch mir öfter durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht
-anklagen. Ich hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem
-freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten eines
-gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was ich gekämpft, was ich
-gelitten habe, das kann ich heute nicht mehr mit Worten schildern.
-
-Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und einzige auf dieser
-Welt, stets um mich, ich sah, daß sie unglücklich war und manchmal
-redete ich mir sogar ein, daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage,
-wo ich, auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche
-preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt, weil ich
-glaubte, es nicht länger ertragen zu können.
-
-Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, obwohl mir das
-Blut oft den Blick verschleierte und der Krampf meine Brust
-zusammenschnürte, ich habe es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen,
-die mich im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem Wahnsinn
-nahe brachten.
-
-An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um Martha ziehen sollten,
-dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, daß ich mit der Zeit ruhiger
-würde und vergessen könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin,
-vergeblich irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete
-ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das künftige Geschlecht:
-Sie ist mir stets ebenso teuer wie damals, dort im Polarlande, als ich
-nach langer, dank ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit
-ihr auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte, über
-gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge sprechend.
-
-Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig, aber mein Geist
-beginnt zu altern, ich fühle es; die Sehnsucht nach der Erde lastet auf
-meiner Seele und eine immer größere Trauer greift um sich in meinem
-Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke auch nur noch
-durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem Herzen will nicht älter und
-schwächer werden, im Gegenteil, sie wächst mit dem Alter, zugleich mit
-der mich immer mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich
-bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen.
-
-Manchmal versuche ich es, zu spötteln. Ich wiederhole mir brutal, daß
-ich Martha nur deswegen liebe, weil sie die einzige Frau auf dem Monde
-ist und nicht mir gehört; daß dieses erhabene Gefühl ein nur in dem
-Prisma des menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang
-ist, und viele, viele ähnliche Dinge; aber nachdem ich mir das alles zum
-hundertstenmal gesagt habe, suchen meine Augen unwillkürlich Martha und
-ich fühle, daß ich mich freudig ans Kreuz schlagen ließe, wenn ich
-dadurch ein einziges heiteres Lächeln auf ihre Lippen zaubern könnte.
-
-Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar auf einem
-anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten auch das Gefühl des
-Rechts. Ich weiß nicht, ob das auf den Folgen der Erziehung oder auf
-einer angeborenen geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, daß es
-in uns lebt und sich laut vernehmen läßt, sogar da, wo es niemanden
-gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen könnte.
-
-Martha gehörte zu Peter. Ich war damit einverstanden gewesen, und dieser
-Gedanke, mag es sein wie es will, hielt mich von manchem zurück, was ich
-sonst vielleicht getan hätte. Ich bemühte mich, sie zu meiden, um meinen
-Verdacht vor mir selbst, daß ich mich ihr zu gefallen bemühte, zunichte
-zu machen. Übrigens suchte auch sie nicht meine Gesellschaft; ich
-bemerkte sogar, daß meine Gegenwart sie stets mit Unruhe erfüllte. Aber
-das alles hat sich seit der Geburt des jüngsten Mädchens geändert, da es
-nach dieser zum vollständigen Bruch zwischen Martha und Peter gekommen
-ist.
-
-Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas vor Sonnenuntergang,
-saßen wir beisammen, was sehr selten vorkam, und schauten schweigend auf
-das weite Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten, die,
-leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen zu
-phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel des Otamor war
-vollständig blutig gefärbt, auf der schwarzen Rauchwolke, die über dem
-Krater hing, leuchteten ebenfalls dunkelrote Reflexe.
-
-Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung zu verändern, ohne
-uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo in weite Fernen starrten, begann
-sie zu sprechen, scheinbar ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging,
-daß ihre Stimme anfangs zitterte.
-
--- Ich habe ein großes Verbrechen begangen, sagte sie, denn ich hielt
-meinem verstorbenen Manne die Treue nicht, und gern werde ich dafür
-büßen, Hunderttausende von Jahren in verschiedenen Verkörperungen ...
-Aber ihr wißt, daß ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in
-dem er selbst wiedergeboren ist und für mich lebt. Ich habe niemals
-daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht und welche Absichten ihr
-hattet, geht mich nichts an; ich wollte, daß Tom Schwestern und einen
-Bruder bekommt, er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern, und
-ich denke, daß ich meine Pflicht erfüllt habe ... Eine schwere Pflicht,
-du weißt es, Peter. Du tust mir leid, denn du täuschtest dich, daß du
-mir etwas mehr sein könntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber
-jetzt hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurück zur Freiheit! Ich
-frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben willst: ich nehme
-sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein Weib ...
-
-Sie seufzte tief auf und verstummte.
-
-Wir waren so überrascht, sowohl durch ihre Worte, wie auch durch die
-Art, wie sie sie hervorbrachte, daß wir eine Weile schweigend dasaßen,
-ohne eine Antwort finden zu können. Was sollte man ihr auch erwidern?
-Sie wartete ja nicht einmal darauf ... »Ich nehme mir die Freiheit ...
-Ich bin nicht mehr dein Weib« ... Einen ungeheuren Eindruck haben diese
-Worte auf mich gemacht. Eine Zeitlang dröhnten sie mir in den Ohren wie
-die Losung eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas, das ich
-nicht einmal zu erträumen wagte, wie ... Nein, ich kann es nicht mehr
-schildern, was in meinem Innern vorging! Es schien mir, als wenn dieser
-eine Satz all das Traurige, das an mir vorübergegangen, verwischte und
-vernichtete; in der Brust empfand ich eine Fülle, ein Glücksgefühl; das
-Blut jagte mir durch die Adern und meine Pulse flogen.
-
-Ich blickte auf Martha.
-
-Sie saß unbeweglich und still da, auf das Meer starrend, nur ein
-unsagbar trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen, als wenn sie weinen
-wollte.
-
-»Ich nehme mir die Freiheit« ... so hatten diese Lippen vor kurzem
-gesprochen.
-
-Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten jetzt deutlich, daß sie diese
-Freiheit nicht als Flügel betrachtete, die zum Fluge bestimmt sind,
-sondern als einen Schleier, der das Recht der Ruhe bedeutet. Daß diese
-Freiheit für sie keine Dämmerung ist, die den Tag verkündet, vielmehr
-eine Dämmerung, die dem Ausruhen vorangeht.
-
-In ihren Augen erglänzten Tränen, und durch diese Tränen starrte sie
-unaufhörlich in die Ferne, auf das von der Sonne vergoldete Mondmeer.
-
-Das Herz schnürte sich mir in schmerzhaftem Krampf zusammen, denn ich
-begriff endlich, daß man sich von der Vergangenheit abwenden kann, aber
-daß es unmöglich ist, sie auszulöschen.
-
-Peter indessen sagte trocken:
-
--- Mir ist alles einerlei.
-
-Und nach einer Weile fügte er hinzu:
-
--- Was beabsichtigst du jetzt zu tun?
-
-Martha zuckte zusammen:
-
--- Nichts ... Noch ein wenig für Tom zu leben, für die Kinder. Und dann
-...
-
--- Für die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo.
-
-Vom Strande kamen gerade die beiden Mädchen gesprungen, lachend,
-strahlend, die Schürzchen voll gesammelter Steine, Muscheln und
-Bernstein. Sie riefen laut nach Tom, der auf dem nahen Bache Mühlen
-baute.
-
-Peter folgte ihnen langsam mit den Augen.
-
--- Für die Kinder ... wiederholte er noch einmal und stützte den Kopf
-auf die Hände.
-
-Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die Sonne berührte
-schon den Horizont, und die Welt begann sich aus dem Gold in Purpur zu
-färben. Ein leichter Wind trug uns vom Meer den scharfen Duft der
-Wasserpflanzen zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande
-zerschlagenden Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen der
-Kinder.
-
-Plötzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter.
-
--- Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen Ton, wie ich ihn
-schon lange nicht mehr bei ihr gehört hatte, vergib, ich war vielleicht
-... ungerecht ... vergib, aber ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann
-nicht ... Es tut mir leid, daß du durch mich ... ein solches Leben
-hattest ...
-
-Sie streckte ihm die Hand entgegen.
-
-Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann auf ihre
-ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und brach plötzlich in
-ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus.
-
--- Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem Wort, nach so viel
-Jahren, ha, ha, willst du Freiheit? Ein guter Gedanke. Vielleicht eine
-neue Wahl? Ha! ha! ha! »Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.«
-
-Er lachte wie toll und stieß verschiedene unverständliche Worte hervor.
-Dann brach er plötzlich ab, wandte sich um und schritt zum Hause.
-
-Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck des Widerwillens
-und der Demütigung in den Zügen, bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam
-verweigerten und sie in ein lautes Weinen ausbrach -- zum erstenmal seit
-damals, als sie Peters Weib wurde.
-
-Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrückter als gewöhnlich.
-
-Die lange, vierzehntägige Nacht verbrachten wir fast ohne miteinander zu
-sprechen. Am andern Tage nahm scheinbar alles seinen alten
-gewohnten Lauf. Wir machten uns sofort am Morgen an die üblichen
-Tagesbeschäftigungen, sprachen sogar zusammen wie früher, die
-»Scheidung« nicht erwähnend, die sich seit jenem Abend tatsächlich
-vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen Peter und Martha
-waren derart, daß wir alle ihren Bruch als eine Erleichterung empfanden.
-Ich bemerkte vor allem eine vorteilhafte Veränderung in Marthas
-Stimmung. Ich will nicht sagen, daß sie heiterer war, aber der Druck,
-der immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach
-freimütiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl er die
-herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so brutal von sich wies.
-
-Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich immer ein Rätsel
-bleiben.
-
-Scheinbar hatte er alles gleichgültig hingenommen, und das widerwärtige
-Lachen an jenem Abend, als Martha den Bruch herbeiführte, war die
-einzige Äußerung seiner verborgenen Gefühle. Und dennoch, wie viel Leid,
-wie viel Demütigung und Schmerz mußte sich in der leidenschaftlichen
-Seele dieses Mannes angehäuft haben! Und welche Kraft des Willens
-gehörte dazu, um all das herunterzuwürgen und in sich zu verschließen!
-Denn er liebte sie trotz alledem -- und liebt sie bis zu diesem
-Augenblick; in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel.
-
-Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag zu mir, als ich
-gerade von einem Ausflug auf das Meer zurückkehrte und das Boot an einem
-Pfahl am Strande festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, als
-wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend die Worte
-nicht. Dann, als wenn er plötzlich einen Entschluß gefaßt hätte, packte
-er mich bei der Hand und sagte, mir scharf in die Augen sehend:
-
--- Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir damals, als ich
-Martha nahm, gegeben hast ...
-
-Ich blickte ihn erstaunt an und wußte noch nicht, wo er hinauswollte.
-
--- Du hast mir damals versprochen, daß du dich niemals darum bemühen
-willst, Martha für dich zu gewinnen -- niemals! Erinnerst du dich?
-
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
-
-Peter lächelte bitter.
-
--- Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie du willst. Aber erst
-... knalle mich nieder.
-
-Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher Leidenschaft,
-daß mich ein Schauer durchlief. Ich wollte ihm antworten, ihn beruhigen,
-aber er wartete es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich.
-
-Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten Kämpfe und Qualen.
-Martha gehörte in der Tat keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es
-ein zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken: ein
-Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch nach Ruhe sehnte, um der
-Erinnerung an den geliebten Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um
-ihren Sohn und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich war,
-daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches Unrecht gewesen wäre.
-Und dennoch gab es Augenblicke, wo ich meine ganze Energie aufbieten
-mußte, um Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte,
-und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige Versuchungen
-quälten mich vor allem dann, wenn ich glaubte, bei Martha eine wachsende
-Zuneigung für mich zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich
-wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im Kopfe, und ich
-sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten wir beide miteinander
-glücklich sein! Aber alsbald kam wieder die Ernüchterung. Martha ist
-mir, so dachte ich weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals
-zwischen sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig Geliebten
-getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer Gefühle verletzte, nie
-ihren Körper berührte noch ihre Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur
-jenem geweiht hat, der unter dem Sande des _Mare Frigoris_ schläft, für
-mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert hätte ...
-
-Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ...
-
-Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel des Kraters
-Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause unter dem Schutze Toms, dem man
-sie schon anvertrauen konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus
-durch das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze Wälder
-mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, gelangten wir auf
-eine abschüssige Ebene, die einer weiten Alm ähnlich und mit flach am
-Boden wachsendem, großblättrigen Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns
-der Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf, wenn es
-möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen, um den großartigen Anblick
-zu genießen, der sich von der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen
-Gegend bieten mußte.
-
-Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte ziemlich steil in
-die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, die zwischen den Felsen der
-erkalteten und verwitterten Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen
-Teile bis an die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem Monde
-ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen als auf der
-Erde, wo der menschliche Körper sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem
-war es keine geringe Mühe.
-
-Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir uns direkt unter der
-Wand des Kraters, aber jede weitere Ersteigung erwies sich als
-vollständig ausgeschlossen. Oben auf der Höhe taute der Schnee durch die
-heißen Dämpfe, die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen
-Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das herabtriefende Wasser
-gefror im Winde und bedeckte die Felsen mit einer glänzenden Eisdecke,
-auf der man sich nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der
-Unmöglichkeit eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten wir
-uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr auszuruhen und die Gegend
-anzusehen.
-
-Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns, hinter den schwarzen
-Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte sich das Meer in grenzenlose
-Fernen, alle Regenbogenfarben spielend und mit Inseln übersät, die
-kleinen schwarzen Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder
-buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen Osten, zeigten
-sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte Gipfel und Ringe
-kleinerer Krater, zwischen denen hie und da das blaue Band eines Baches
-glänzte. Zur Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine
-weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, von einem in
-Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, auf dem in der Ferne wie
-Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von
-grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten.
-
-Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen Anblick, als uns
-ein dumpfes unterirdisches Rollen aufschreckte. Die Dämpfe, die sich
-über dem Krater erhoben, wurden schwärzer und drängten sich zu einem
-mächtigen Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende Asche auf uns
-herniederzustäuben begann. Man mußte so schnell wie möglich umkehren, da
-anscheinend ein Vulkanausbruch in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht
-mehr, rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den halben Weg in
-jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter den Wäldern endete,
-zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem unterirdischen Dröhnen die
-Felsen erbebten; von allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis
-dahin schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf.
-
-Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den Augenblick
-erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen konnten. Der Himmel
-über uns war mit dichten Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen
-Höllenrachen; das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, und die von
-Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte Luft würgte uns und benahm uns
-den Atem. Von oben fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den
-schmutzigen Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir mußten
-uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit Asche und Erde
-gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees ergoß, eiligst flüchten.
-
-Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen des Bodens, die
-wir fühlen konnten, mußten eine große Ausdehnung auch am Fuß der Berge
-annehmen, denn als der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und
-den Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor uns, und --
-wir sahen auf das stürmende, schäumende Meer.
-
-Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine Landzunge an der
-Stelle erhob, wo die Bergrinne nach unten mündend nach zwei Seiten
-auseinanderging, von oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt,
-verbrachten wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben schwebend. Martha
-zitterte für die Kinder. Tom war zwar mit dem Erdbeben bekannt, das oft
-und sehr gefahrvoll in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner
-Umsicht und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch mich quälte der
-Gedanke, daß, im Fall unseres Todes, auch die Kinder, sich selbst
-überlassen, dem unabwendbaren Tode verfallen wären. Peter war
-gleichgültig und ruhig, oder wenigstens stellte er sich so.
-
-Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, der sich plötzlich vom
-Meere erhob, reinigte die Luft und trieb die dünner werdenden
-Rauchwolken langsam auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken hörte
-auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade zur weiteren Rückkehr
-aufbrechen, als uns ein seltsames Zischen und Sausen über uns von neuem
-beunruhigte. Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor um zu
-sehen, was das bedeute, aber kaum stand er auf dem vorspringenden
-Felsen, als er einen Schrei des Entsetzens ausstieß. Ein glühender
-Lavastrom stürzte dröhnend durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß
-Peter zu uns zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich
-ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging und fegte ihn
-vor unseren Augen fort, daß wir anfangs nicht wußten, was mit ihm
-geschehen war.
-
-Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. Beide
-Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden Masse
-ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren Feuer- und Steinkaskaden in
-die Tiefe hinabwälzte. Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der
-Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava die Rückkehr
-abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen zwischen den Rinnen
-ausfüllen oder, was schlimmer wäre, unsern Steinwerder zermalmen und
-davontragen, wie die Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln
-davonträgt. Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, den ich im
-ersten Augenblick für verloren hielt, nahm Martha, die vor Schreck
-ohnmächtig geworden war, auf die Schultern und begann mich so schnell
-wie möglich herabzulassen, an dem zerrissenen Kamm der zwischen den
-Bergrinnen emporragenden Kante einen Halt suchend.
-
-Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu denken! Die
-Felsen, an denen sich die höllische Flut brach, bebten unter meinen
-Füßen wie der Boden eines Schiffes, das mit voller Dampfkraft gegen den
-Wind fährt. Eine entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing
-ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine Bewegungen im
-höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles tun, um nicht auszugleiten, denn
-jeder falsche Schritt bedeutete den Tod.
-
-Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, von dem heißen
-Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, von einem gräßlichen Sausen
-betäubt und zerschlagen von den herabfallenden Steinen, mit Martha auf
-die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten hatten, kann
-ich heute nicht mehr sagen.
-
-Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo seitwärts durch die
-Wälder ab, die einen Moment aufrauchten, und hinterließ in der Mitte ein
-mächtiges freies Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr
-sich erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand schuf,
-der sich über tausend Meter unter uns erstreckte.
-
-Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. Nachdem sie die
-Augen aufgeschlagen und sich überzeugt hatte, daß uns keine Gefahr mehr
-drohe, frug sie sofort nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei
-und wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden, noch ehe der
-Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände entgegen und sagte, wie
-damals im Polarlande, als ich sie nach der Überschwemmung gesucht hatte:
-
--- Mein Freund, mein lieber Freund ...
-
-In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches und Süßes, das meinen
-Körper erschauern machte und mir die Kehle wie im Krampf
-zusammenschnürte. Ich neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht
-verrieten.
-
--- Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr, das Leben Toms, dem
-wir noch notwendig sind. Du bist gut ... flüsterte sie und preßte meinen
-Kopf an ihre Brust.
-
-Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr das Kleid unter
-dem Halse aufgerissen. Nun berührte ich mit der Stirn diese entblößte
-Brust, und gleichzeitig fühlte ich ihre Tränen mein Haar benetzen.
-
-Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses Weib, das noch
-so schön und so über alle Maßen begehrenswert war, vor mir; ich brauchte
-nur die Hand auszustrecken, sie an mich zu reißen, mit Küssen zu
-bedecken, in glühenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde mir schwarz vor
-den Augen, in den Ohren dröhnte und sauste es, meine Pulse flogen; ich
-fühlte die Wärme und Weichheit ihres Körpers, sein Duft berauschte mich
-und machte mich wahnsinnig ...
-
-Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen auf diesem
-Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als Leiche zwischen den Steinen
-...
-
-Und übrigens, was geht mich Peter an, was geht mich die ganze Welt an,
-wenn nur sie ... Eine unaussprechliche Zärtlichkeit, ein unermeßliches
-Glücksgefühl überströmte mein ganzes Wesen.
-
-Nein!
-
-Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurück. Peter liegt
-vielleicht in diesem Augenblick irgendwo auf dem Felsen, blutig, halb
-tot und wartet auf Rettung, während ich ...
-
-Martha schaute mich an und -- verstand.
-
--- Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete, obwohl ich
-kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht, geh und suche Peter.
-
-Dann erhob sie sich und drückte mir die Hand.
-
-Ich fand Peter tatsächlich nicht weit von der Stelle, wo der Orkan ihn
-hinabgestoßen hatte. Er lag bewußtlos an einen spitzen Felsen gelehnt,
-der ihn vor dem Hinabsausen in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir
-trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mühen gelang es, ihm die
-Gesundheit wiederzugeben.
-
-Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen, und ich, an den
-Augenblick der Schwäche denkend, bemühe mich um so eifriger, mit meinem
-Willen stets über diesem Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die
-menschliche Seele ausmacht.
-
-Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und finster auf der
-Schwelle des Hauses und vielleicht, ich weiß es nicht, vielleicht tut es
-ihm leid, daß er auf den Abhängen des Otamor sein Leben damals nicht
-lassen durfte.
-
-Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch diese Kinder
-meiner nicht mehr bedürfen. Ich will mir ein Grab errichten -- auf der
-Friedhofinsel.
-
-
-
-
- VI.
-
-
- Nach sechs Tagen ...
-
-Ich blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen Mondtagen
-niederschrieb und meine Augen trüben sich, nicht mehr von Tränen, denn
-die sind längst vertrocknet; nein, es ist, als wenn Entsetzen und
-Verzweiflung sie mir wie mit heißem Sande geblendet hätten. Nicht für
-mich habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ...
-
-Weshalb ... weshalb!
-
-Eine ewig stumme, qualvolle Frage -- ohne Antwort.
-
-Ich bin allein geblieben.
-
-Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind. Ich bin der letzte
-Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen, die von der Erde gekommen
-sind. Die beiden andern, Martha und Peter, sind O'Tamor, den Remogners,
-sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe.
-
-Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefürchtet und -- am wenigsten
-erwartet habe.
-
-Und wenn ich bedenke, daß das alles so schnell geschehen konnte! Sechs
-Mondtage, ein halbes irdisches Jahr! Wer hätte das damals geglaubt! Und
-zum drittenmal schon ist diese träge Sonne über diesem Meer aufgegangen,
-seit ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so grauenhaft
-allein, daß ich während der finstern Nächte aufspringe und herumlaufe
-und am Tage jedes Geräusch und die Schatten der sich im Winde wiegenden
-Pflanzenungeheuer fürchte.
-
-Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder können mir nicht nahe stehen. Das
-sind Wesen aus einer anderen Welt, in des Wortes wahrster Bedeutung.
-
-Was würde ich dafür geben, wenn auch nur für einen Augenblick, Martha
-oder Peter hier bei mir zu haben!
-
-Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, daß das so furchtbar
-enden sollte.
-
-Ich bemerkte zwar schon lange, daß ihr Organismus erschöpft war von all
-dem, was sie durchgemacht hatte, daß Kummer und Trauer an ihrem Leben
-nagten, aber dieser Gedanke war doch so fern von mir, so fern!
-
-Am letzten Mondtage begann Martha zu kränkeln. Noch stiller und
-nachdenklicher wie gewöhnlich, verbrachte sie fast die ganze Zeit mit
-den Kindern am Meeresstrande. Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar
-die Mädchen, die sehr erstaunt waren über die so seltene Zärtlichkeit
-der Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um ihr zu sagen, daß
-sie nach Hause zu den Teichen zurückkehren müsse, da die Gewitter im
-Anzuge seien, lächelte sie mir zu und wiederholte einigemal:
-
--- Ja, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren, es ist Zeit,
-zurückzukehren ...
-
-All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im Gedächtnis, stehen
-so klar vor meiner Seele, daß ich sie jetzt beim Schreiben vor Augen
-habe, jede ihrer Bewegungen sehe, ihre Stimme höre und es nicht fassen
-kann, daß sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen werde ...
-
-Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jüngste, Ada, bei der Hand und
-frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind schüttelte den Kopf:
-
--- Nein, ich liebe ihn nicht.
-
-Martha wurde traurig.
-
--- Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada?
-
--- Weil Tom nicht gut ist. Tom will, daß ich ihm gehorche.
-
--- Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mußt Tom gehorchen und ihn
-lieben, denn du bist sein ...
-
--- Nein. Ich gehöre nicht Tom. Lilli und Rosa gehören Tom. Ich bin mein.
-
-Ich lachte laut über diese Antwort des Kindes, aber Martha traten die
-Tränen in die Augen.
-
--- Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich, flüsterte sie
-mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich.
-
-Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie ihn zu sich gerufen
-hatte, erzählte sie ihm vom Vater, vielleicht zum tausendstenmal, eine
-Unmenge Einzelheiten wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames
-Märchen bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten. Tomas war
-ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in den Erinnerungen Marthas
-wurde sein Bild göttlich, die Verkörperung von allem, was gut und groß
-und schön ist.
-
-Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut sein müsse. Das setzte
-mich in Erstaunen, denn solche Lehren hatte ich nie aus ihrem Munde
-gehört.
-
-Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche zu klagen, über
-Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. Gewöhnlich ertrug sie alle
-Unpäßlichkeiten schweigend, so daß wir nur aus ihren Zügen erraten
-konnten, wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre Lippen,
-noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. Selbst wenn wir
-bemerkten, daß sie schlecht aussah und sie frugen, was ihr fehle,
-schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd:
-
--- Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber, ich werde noch nicht
-sterben, denn ich bin Tom noch notwendig.
-
-Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem Abend um so mehr.
-Ich sah sie forschend an und bemerkte erst jetzt, beim Lichte des
-erlöschenden Tages, daß Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre
-Augen schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten nichts von dem
-früheren Glanz verloren: All die vergossenen blutigen Tränen vermochten
-nicht den Strahl dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in
-einem ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener früheren
-sternenklaren Helligkeit!
-
-Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, die sich niedergelegt
-hatte, mehr infolge der Schwäche als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu
-werden. Sie sprang vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte.
-Sie rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie sich,
-kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor dem Geiste des
-Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen stand, ihres Lebens wegen und
-klagte sich der Geburt dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer
-Liebe zu ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich
-glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich
-ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen den Töchtern
-gegenüber ihr als ein Tom und dem Toten zugefügtes Unrecht erschien.
-
-Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß mit Peter an
-ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor allem peinigte uns der
-Gedanke, daß wir keine Arzeneien hatten und dieser Krankheit gegenüber
-ganz ratlos waren. Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an
-und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen sei. Ich
-antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem Monde bereits begonnen habe.
-
--- Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. Draußen ist
-es doch finster und hier brennen die Lichter ... Ich habe es nicht
-gleich bemerkt. Und dort auf dem _Mare Frigoris_, was ist jetzt dort?
-
--- Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen.
-
--- Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt über Tomas' Grab,
-nicht wahr? Und dieselbe Sonne über diesem Grabe wird hierher zu uns am
-Morgen kommen?
-
-Ich nickte schweigend.
-
--- Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und wenn ich daran denke,
-daß diese Sonne täglich, so viele Mondtage hindurch, auf das Grab
-schaute und dann auf mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem
-Grabe zurückkehrte, ihm zu erzählen, was sie hier gesehen hat!
-
-Sie bedeckte die Augen mit den Händen und begann am ganzen Körper zu
-zittern.
-
--- Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male.
-
-Peter ließ den Kopf sinken. Es schien mir, daß ich in seinem gelben,
-verdorrten Gesicht eine dunkle Röte aufsteigen sah, die sich bis in die
-gefurchte Stirne ergoß. Dies mußte auch Martha bemerkt haben, denn sie
-wandte sich zu ihm:
-
--- Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ... Übrigens bist du
-nicht schuld daran, wie hättest du mich zwingen können, dein Weib zu
-werden, wenn ich es nicht selbst gewollt hätte ... für Tom ...
-
-Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile sagte sie leise:
-
--- Ich möchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar, in der
-Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort auf der Wüste zu suchen. Wenn
-hier der Tag beginnt, wird dort über dem _Mare Frigoris_ die Erde
-leuchten. Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn ich
-weiß nicht, ob ich den Mut hätte, in den vollen Glanz der Sonne zu
-schauen ...
-
-Martha, was sprichst du? rief ich unwillkürlich.
-
-Sie sah mich an und antwortete kurz:
-
--- Ich werde sterben ...
-
-Gegen Mitternacht stieg eine würgende Angst, daß sie wirklich sterben
-könne, in mir auf. Eine Krankheit, für die wir nicht einmal einen Namen
-fanden, raffte sie dahin. Wir bemerkten nur einen außerordentlich
-schnellen Kräfteverfall, der im Verein mit dem stets wiederkehrenden
-Fieber nichts Gutes ankündigte.
-
-Übrigens, was bedeuten alle ärztlichen Benennungen! Ich weiß nur zu gut,
-welch eine Krankheit das ist, ich kenne sie zur Genüge, sie heißt Leben!
-Sie weckt den Menschen aus dem Nichtbewußtsein, sie kost mit ihm und
-spielt und tändelt, und während des Spielens reißt sie und zerrt an ihm
-herum und drückt und überwindet und vernichtet ihn schließlich. Mit
-dieser Krankheit kommen wir alle zur Welt, und es gibt für sie kein
-Heilmittel als den Tod!
-
-Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager. Ich blickte auf
-seine finsteren, unbeweglichen Züge und dachte, trotz der tödlichen
-Angst, die mich erfaßt hatte, darüber nach, was für Gefühle sich unter
-dieser undurchdringlichen Maske verbergen könnten. Ich sollte es früh
-genug erfahren!
-
-Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die Dämmerung brachte ihr
-ein wenig Linderung.
-
--- Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte, mit blassen
-Lippen zu lächeln.
-
-Jetzt saß ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen Wachen
-übermüdet, gab schließlich meiner Überredung nach und legte sich in dem
-benachbarten Zimmer schlafen. Die Morgendämmerung drang durch die
-Scheiben von dickem Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten,
-herein, und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee lag auf
-den Feldern, wie immer, und als der Wind die Dämpfe, die sich stets über
-den Warmen Teichen erhoben, verweht hatte, sah man durch das Fenster
-eine große glitzernde Fläche.
-
-In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurückgeworfenen Schein des
-nahenden Tages, der mit dem gelben, ersterbenden Licht der Lampe
-kämpfte, schaute ich auf Martha und zweifelte nicht mehr, daß sie in
-kurzer Zeit für immer von uns gehen würde. Ihr Gesicht war lang und
-blaß; die einst so vollen verführerischen roten Lippen nahmen die
-blaß-bläuliche Farbe des Todes an. Unter den gesenkten, fast
-durchsichtigen Lidern sahen erlöschende und über alle Beschreibung
-traurige Augen hervor.
-
-Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und biß die Zähne
-zusammen, um nicht in lautes, unmännliches Weinen auszubrechen, das in
-meiner Brust zerrte wie ein Tier an der Kette.
-
-Indessen wurde es draußen immer heller. Die bis vor kurzem grauen Nebel
-glitten jetzt, vom Winde getrieben, an den Fenstern vorüber wie weiße
-Gespenster. Manchmal verdichtete sich ihr Schleier und verhüllte die
-Welt; dann dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten, die
-plötzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten und
-weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel weiße Felsstreifen und
-wolkenumhüllte, perlende Säulen der Geiser und weiter oben am
-Hintergrunde des hellblauen Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in
-den ersten Strahlen der Sonne rötlich färbte.
-
-Martha frug nach den Kindern; als sie hörte, daß sie noch schliefen,
-ließ sie sie jedoch nicht aufwecken.
-
--- Mögen sie schlafen, flüsterte sie, ich werde sie noch sehen, bevor
-die Sonne aufgeht ... Indessen ist es gut, daß es so still ist.
-
-Dann wandte sie sich zu mir:
-
--- Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht wahr?
-
--- Ja, antwortete ich mit tränenerstickter Stimme.
-
--- Und du wirst sie niemals verlassen?
-
--- Nein.
-
--- Schwörst du mir das?
-
--- Ja, ich schwöre es.
-
-Sie streckte die Hand nach mir aus:
-
--- Du bist gut, mein Freund, flüsterte sie, nun kann ich ruhig sterben,
-weil ich weiß, daß du sie nicht verlassen wirst.
-
-Ich ergriff ihre Hand und preßte sie leidenschaftlich an die Lippen.
-Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie meine Hand drücken wollte.
-Eine so eisige Kälte entströmte ihnen, daß meine heißen Lippen sie nicht
-mehr erwärmen konnten.
-
--- Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch vor dem Tode sagen,
-daß du mir ... teuer warst. Ich machte mir darüber größere Vorwürfe, als
-daß ich Peters Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehört hätte,
-statt ihm, vielleicht wäre mein Leben auf dem Monde in eine andere Bahn
-gelenkt, glücklicher und länger gewesen ...
-
-Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlöschenden Stimme, in
-mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte weinend auf und ihre Hände
-sinnlos mit Küssen bedeckend, brachen aus meiner Brust von Tränen
-erstickte, unzusammenhängende Worte der Liebe hervor -- der Liebe, die
-ich so lange verbergen und zurückhalten mußte und die jetzt mit
-Allgewalt überschäumte, gegenüber der Sterbenden.
-
-Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf mein Haupt.
-
-Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich weiß ... Weine nicht ... es ist so
-besser ... Du warst mir teuer durch deinen Edelmut, durch deine Liebe
-für Tom, ich weiß es selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem,
-vielleicht wäre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich und
-den Verstorbenen getreten wärst, der allein ein Recht auf mich hatte.
-Ruhig, weine nicht, du weißt es schon. Ich denke, daß Tomas es mir
-verzeihen wird, daß ich das für dich fühlte und es dir jetzt in der
-Todesstunde sage.
-
-Ich war maßlos unglücklich.
-
-Sie verstummte erschöpft, und ich, mein Gesicht an ihrer Brust
-verbergend, zitterte am ganzen Körper, von einem inneren Schluchzen
-geschüttelt.
-
-Martha versuchte abermals zu sprechen:
-
--- Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich spreche ja heute das
-letztemal zu dir ... an jenem Mittag ...
-
-Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefühl der Scham ihre Stimme
-ersticken machte, aber ich wußte wohl, von welchem Mittag sie sprach!
-
-Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die Lippen. Plötzlich
-rief sie, wie verzweifelt ausbrechend:
-
--- Warum hast du Peter nicht getötet?
-
-In diesem Augenblick hörte ich ein unterdrücktes Stöhnen hinter mir. Ich
-wandte mich um; in der Tür stand, die Hand an die Pfosten gestützt,
-Peter, blaß wie eine Leiche, und blickte auf uns mit weit geöffneten
-Augen. Er mußte schon ziemlich lange dort stehen und hörte
-wahrscheinlich alles, was Martha zu mir sagte.
-
-Als er sah, daß ich ihn bemerkte, machte er schwankend einige Schritte
-nach vorn und stammelte etwas Unverständliches.
-
-Martha kehrte sich mit einem unterdrückten Schrei des Ekels zur Wand.
-
--- Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war unabsichtlich ... Ich
-wollte nicht ...
-
-Da ertönten im Nebenzimmer helle Stimmen.
-
--- Die Kinder! rief Martha und streckte die Hände aus. Aber die Mädchen
-waren befangen und blieben in der Tür stehen, nur Tom stürzte zu ihr;
-sie nahm seinen Kopf in ihre zitternden Hände und drückte ihn an sich.
-
-Peter beobachtete sie und trat an mich heran:
-
--- Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung auf Martha,
-für alle Kinder zu sorgen ... für alle! In gleicher Weise ... Bevor ich,
-durch diese seltsamen Worte überrascht, antworten konnte, war er nicht
-mehr im Zimmer.
-
-Durch die am Fenster vorübergleitenden Nebel drang schon der erste
-Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben in Stücke leuchtenden
-Goldes und eilte in hellen Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphäre des
-Zimmers. Martha lag regungslos, mit erlöschendem Blick in den Streifen
-des Sonnenlichts starrend, der immer tiefer herunterglitt an der Wand
-und sich wie ein herabsteigender Engel ihrem Bette näherte. Die Mädchen
-schlichen auf den Fußspitzen heran und schauten erstaunt auf die
-blassen, unbeweglichen Züge der Mutter.
-
-Mir war es schwül; im Munde fühlte ich eine trockene Bitterkeit. Dieser
-anbrechende Tag kam zu mir wie ein erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn,
-denn ich wußte, daß mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der
-Vergangenheit beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen dahin ...
-
-Plötzlich schrie Tom:
-
--- Onkel, Onkel, ich ängstige mich! Mütterchen blickt so furchtbar!
-
-Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen fiel,
-erleuchtete Marthas Züge; die verglasten, erloschenen Augen starrten in
-die Sonne.
-
--- Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer würgenden, mir selbst
-fremden Stimme zu den Kindern, die sich erstaunt und verängstigt um das
-Lager drängten. Dann beugte ich mich über sie, um ihre Augenlider zu
-schließen.
-
-In demselben Moment ertönte ein Schuß.
-
-Ich stürzte zur Tür: Peter lag im benachbarten Zimmer am Boden, mit
-zerschmettertem Schädel, den rauchenden Revolver in der Hand.
-
-Ich wankte wie ein Betrunkener.
-
-Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen den letzten Dienst
-erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in große, aus Pflanzenfasern gewebte
-und mit Harz getränkte Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot,
-das sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen neben mir
-und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren drängten sich um die
-Mutter. Tom, durch den Anblick des Todes betroffen und verschüchtert,
-saß schweigend zu Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den
-Händchen nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als wenn sie
-noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten, mit denen sie die
-Mädchen im Leben so spärlich bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen
-in dem Boote. Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch
-streichelnd, flüsterte sie leise:
-
--- Armes Väterchen, armes ...
-
-Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden. Die Sonne,
-die noch nicht hoch über dem Horizont stand, erleuchtete golden die
-mächtige, ruhige, kaum von einem leichten Winde in zarte Furchen
-gepflügte Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln
-auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt. Und niemals im
-Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, grausame Ironie, die
-in der sich immer gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude
-wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig! Denn ich fuhr doch
-in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen Wesen, die mit mir auf
-diesen Globus gekommen waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten;
-ich fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich für mich
-gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein! Und trotzdem leuchtete
-die Sonne erhaben und herrlich, genau so wie damals, da ich als
-glückliches Kind auf jenem in diesem Augenblick so weit von mir
-entfernten Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte.
-
-Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken zum Grabe, das ich
-auf der Höhe in der schönsten Gegend der Insel erbaut habe. Die Leichen
-waren leicht, sechsmal so leicht als sie auf der Erde sein würden, und
-ich beugte mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein
-Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes zu Grabe!
-
-Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für mich bestimmt hatte.
-Für Peter errichtete ich eine andere Ruhestätte, etwas tiefer gelegen.
-
-Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn mich die Last der
-Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich die Versuchung, von diesem Globus
-fortzugehen, auf dem Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen
-sind: O'Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und Martha; aber
-dann denke ich an den Schwur, den ich der Sterbenden geleistet habe, daß
-ich die Kinder nicht verlassen werde. Für sie muß ich leben. Ich bin
-jetzt zum Leben verurteilt, wie ich -- so lange sie lebte, zur Liebe
-verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen sind mir zur
-Qual, zur namenlosen Qual geworden.
-
-Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich mit allen Kräften,
-stets an sie zu denken, beschäftige mich mit ihnen, lehre sie, nehme sie
-mit mir, schütze und pflege sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem
-lastet die geistige Vaterschaft des Mondgeschlechtes.
-
-Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück und spreche mit
-den Toten.
-
-Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen, oder die
-Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt, denn die Wirklichkeit erscheint
-mir als Traum, und die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches
-Leben.
-
-Ich sehne mich nach den Träumen. In ihnen wandle ich auf der Erde und
-küsse voll Rührung ihre Bäume und Blumen, sogar den Staub und die
-Steine, und es ist mir dann, als hätte mich niemals das wahnsinnige
-Verlangen nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des
-sternenbesäten Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen.
-
-Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen Kameraden. Voran geht
-der greise O'Tamor und beschuldigt sich, er, der die Güte selbst war,
-daß er uns leichtsinnig auf diesen öden Globus, der wie eine Lampe für
-die Erde zwischen den Himmeln hängt, hinausgeführt hat. Dann sehe ich
-die Remogners. Sie beklagen sich, daß sie uns gefolgt sind und dadurch
-den Tod gefunden hätten. Woodbell erscheint blaß und fragt, was wir mit
-Martha getan haben. Ob sie glücklich mit uns war. Und Peter erzählt mir
-im Traum alles, was ich in den letzten Jahren seines Lebens aus seinen
-Augen gelesen habe: von seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu
-Martha, die ihn verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspäne, von dem
-furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick des
-Glücks gegeben hat! Wie er die langen Jahre hindurch nur Ekel,
-Widerwillen und Verachtung in dem angebeteten, so heiß begehrten Weibe
-erwecken konnte. Wie er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz
-hinunterwürgen mußte, wie sich die beleidigte Manneswürde in ihm
-aufbäumte. Er erzählt mir, was in jener letzten Nacht in seiner Seele
-vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht an ihrer Brust verborgen, sah,
-und später, als er den Revolver an die Schläfe setzte.
-
-Diesen traurigen Geisterreigen beschließt Martha. Sie erscheint mir --
-still, mit einem schmerzlichen Lächeln auf den Lippen -- und dankt mir,
-daß ich ein Mensch war, und manchmal will es mir wieder scheinen, als
-mache sie mir einen Vorwurf, daß ich es nicht war ... Mein ganzes Innere
-ist ein Abgrund von Leid und Trauer ...
-
-So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir nichts Frohes zu
-sagen haben, ist es mir doch heimatlich mit ihnen und heimlich und gut
-zumute, weil sie meinem Herzen nahe stehen.
-
-Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwächst, ist so anders. Es sind
-noch Kinder und dennoch fühle ich, daß sie schon jetzt eine besondere
-Welt für sich bilden, die mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd
-sein wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen,
-verschlossen ist.
-
-Und doch muß ich, der Bruder dieser sechs Gräber, die auf dem Monde
-verstreut liegen, mit denen leben, für die dieser Globus die Heimat ist
--- und wer weiß, wie lange noch ... wie lange ...
-
- Ende des zweiten Teiles.
-
-
-
-
- Dritter Teil
-
-
- Das neue Geschlecht.
-
-
-
-
- I.
-
-
- Im Polarlande.
-
-Es reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm immer weniger
-nötig und immer trauriger ... Ich bin nach dem Polarland gegangen, um
-auf die Erde zu schauen und allein zu sein.
-
-Seit unserem EXODUS von unserer verlorenen Erde sind schon
-zweihundertneunzehn Mondtage verflossen und siebenundsechzig seit dem
-Tode Marthas und Peters.
-
-Ich wundere mich, daß ich nicht sterbe ...
-
- * * * * *
-
-Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose Sehnsucht nach meiner
-Heimat, der Erde, quält mich immer mehr. Sie läßt mich sogar dieses
-Geschlecht vergessen, das mir von Martha in ihrer Todesstunde übergeben
-wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glücklich. Als ich fortging,
-erwachten Frühlingsgefühle der Liebe in mir! Zu wonnig und zu ...
-schmerzlich war es für mich, auf diesen Frühling zu schauen ...
-
-Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ...
-
- * * * * *
-
-Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze Erde wie eine
-verkohlte Leiche über dem goldenen Regenbogen und Güsse und
-Überschwemmungen ...
-
-Seit unserem EXODUS zweihundertsechsundzwanzig Mondtage.
-
-Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich werde zurückkehren
-müssen an das Meer und sehen, ob sie mich brauchen.
-
-Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ...
-
- * * * * *
-
-Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtägiger
-Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder hat mich hingeführt.
-
-Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa.
-
-Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde degenerieren! Tom
-ist schon erwachsen, reicht mir aber nicht einmal bis an die Schulter.
-Ada, glaube ich, wird noch kleiner.
-
-Während meines Aufenthaltes am Meere war ein furchtbarer Ausbruch des
-Otamor, der größte von allen, an die ich mich erinnern kann. Die
-südliche Seite des Kraters ist ins Meer gesunken. Es war dies der
-zweihundertachtunddreißigste Mondtag seit unserem EXODUS -- vierzehn
-Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen.
-
-Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft. Ada habe ich mit mir
-genommen -- sie war dort so verlassen. Sie bedarf jetzt meines Schutzes
-mehr als je. Es ist furchtbar, daß es mir noch immer nicht erlaubt ist,
-zu sterben!
-
-Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfünfzig Mondtage nach unserem
-EXODUS. Tom bemühte sich, mich zurückzuhalten, aber ich fühlte trotzdem,
-daß er froh war, als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht
-ungern meine Achtung seinen Frauen gegenüber. Es ist ihm auch lieb, daß
-Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht leiden, weil sie sich
-ihm nicht ergeben will, obwohl sie fast noch ein Kind ist.
-
- * * * * *
-
-Fahl und kühl ziehen die Stunden vorüber, wie dieses Licht der
-unsichtbaren Sonne auf dem Pol -- eine lange, lange, unendliche Reihe
-von Stunden ...
-
-Nur mit Mühe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht; ich spreche nicht
-viel und Ada ist immer schweigsam. Sie sitzt ganze Stunden auf dem
-grünen Moos und ihre traurigen Kinderaugen irren über die rosa
-beleuchteten Gipfel der Berge.
-
-Und ich? ...
-
-Seit langem habe ich aufgehört der Gegenwart zu leben und noch mehr der
-Zukunft. Ich sehe zurück und schaue unaufhörlich meinen Erinnerungen in
-die Augen. Eine trübselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer
-und traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont.
-
- * * * * *
-
-Eine lange Zeit ist vorübergegangen, seit ich die letzten Notizen
-niederschrieb. Ada wird größer und beginnt sich nach den Geschwistern zu
-sehnen. Ich merke ihr das an, obwohl sie selbst es nicht zugeben will.
-
-Auch ich denke, daß es trotz allem Zeit ist, an das Meer zurückzukehren.
-Ich werde älter, und wenn ich in dieser Einsamkeit sterben sollte, wäre
-Ada zum Tode verurteilt. Ihretwegen will ich zurückkehren, obwohl Gott
-weiß, wie gern ich hierbleiben und sterben möchte, auf die Erde
-schauend!
-
-Und ich fürchte fast, daß dieses Kind schon zu lange mit mir, dem
-Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat. Seltsam ist dieses Kind --
-und auch das ist seltsam, daß wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu
-nähern, gegenseitig immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit weit
-geöffneten Augen, und ich fühle, daß sie vieles denkt, worüber sie nicht
-zu mir spricht.
-
-Ich muß es mir selber eingestehen, so lange ich auch mit diesem Mädchen
-zusammen bin, es ist mir unmöglich, mich an sie zu gewöhnen, im
-Gegenteil, sie reizt mich durch ihre Gegenwart. Allein möchte ich sein
-und ungestört über die Vergangenheit nachdenken ... über die Erde ...
-
-Und dennoch muß ich zurückkehren ... zu Tom, zu Toms Kindern, die mit
-Staunen und Furcht auf mich schauen werden, auf den alten Menschen, der
-einstmals von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit
-lebte. Ich muß zurück ... wir müssen zurück -- Ada ...
-
-Es ist mir noch nicht vergönnt, zu sterben ...
-
-
-
-
- II.
-
-
- Am Meere bei den warmen Teichen.
-
-Seit unserem EXODUS sind vierhundertzweiundneunzig Mondtage verflossen,
-das heißt, fast achtunddreißig Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts
-mehr auf diesen Blättern niedergeschrieben, heute nehme ich sie zur
-Hand, um den Tod Rosas zu notieren.
-
-Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld ihres Mannes und
-Bruders, meines geliebten einstigen Zöglings Tom, der sie im Zorn mit
-einem Stein erschlagen hat!
-
-Die zweite Frau Toms und seine älteren Kinder haben diese Tat schweigend
-hingenommen. Anscheinend glaubt er, das Recht zu haben, alle zu töten,
-die ihm nicht gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der
-Familie Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten.
-Ohne Worte, ohne einen Gefühlsausbruch, nur mit drohender Miene und
-erhobenen Händen ging das Mädchen auf ihn zu, und er wich ängstlich
-zurück, obwohl er sie mit einem Faustschlag hätte niederschmettern
-können, weil er größer und stärker ist. Sie blieb zwei Schritte von ihm
-entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die Leiche der Frau zeigend,
-erhob sie die andere über seinem Haupte und rief:
-
--- Für das Blut dieser Frau verfluche ich dich im Namen des Alten
-Menschen!
-
-(»Alter Mensch« ist der Name, den dieses neue Geschlecht mir gegeben
-hat.)
-
-Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren Blick an und
-sagte zu Ada, indem er sich bemühte, seinen Worten einen harten,
-herrischen Klang zu geben:
-
--- Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr zu tun, was ich wollte
-... sie zu ernähren oder zu töten. Warum war sie unfolgsam?
-
-Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen, denn
-ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht daran, daß Tom seine Frau mit
-der Absicht sie zu töten getroffen hat, haben mir plötzlich drei Dinge
-klar gemacht, über die ich mir bis jetzt keine genügende Rechenschaft
-gab.
-
-Ich sehe vor allem die Brutalität Toms und glaube, daß ich sie
-verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es nicht verstanden, seinen
-Charakter anders zu formen. Ferner hätte ich nicht einsame Jahre auf dem
-Pol verbringen und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal überlassen
-dürfen, und endlich versetzt mich Ada in Staunen. Ich sehe jetzt aus
-ihrem ganzen Auftreten und aus vielen Dingen, an die ich mich erst
-nachträglich erinnere, so manches, worauf ich nicht genügend achtgegeben
-habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder und seiner
-Familie. Es scheint mir, daß sie sich gegenseitig hassen, und trotzdem
-fürchten jene dieses Mädchen, das jüngste aus dem ersten Geschlecht
-dieser Menschen. Sie hält sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie
-eine Priesterin, obwohl ich nicht weiß, ob dieses Wort ihr Verhältnis zu
-den andern richtig ausdrückt. Ada tut mir leid, denn sie ist einsam und
-wird, glaube ich, immer einsam bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie
-tut mir um so mehr leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr
-eigentlich sein müßte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in ihrer
-Beziehung zu mir liegt mehr eine abergläubische Verehrung als Liebe.
-Auch daran scheine ich selbst schuld zu sein ...
-
-Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil es mich am
-nächsten angeht: sie halten mich für ... Aber nein, vielleicht täusche
-ich mich nur! Was ist's, daß Ada Tom in _meinem Namen_ verflucht hat?
-Ich bin doch der Älteste, also wahrscheinlich nur deswegen ... Und
-dennoch, wenn es so wäre? Sollte ich auch dieses ... Götzentum
-verschuldet haben?
-
-Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit dem sie mich
-belegten: »Der Alte Mensch« ...
-
- * * * * *
-
-Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit Jahren
-unaufhörlich quält und es mit sich bringt, daß ich mich in dieser Welt
-immer fremder fühle ...
-
-Ich träumte, daß ich auf der Erde war.
-
-Aber heute war das ganz besonders seltsam.
-
-Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich über die
-Angelegenheiten des Staates, der Völker, des Fortschritts sprach. Man
-sagte mir, daß sich die Grenzen einiger Länder veränderten, seit der
-Zeit, da ich die Erde verlassen habe, daß jetzt andere Rechte herrschen
-und vieles von dem früheren Glauben hinfällig wurde. All das hatte mich
-interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit die Erde mit eigenen
-Augen besichtigen, um mich zu überzeugen, wie es dort aussieht.
-
-Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir einst bekannte
-Gegenden und Städte. Es hatte sich tatsächlich vieles geändert. Wie ein
-Vogel durchflog ich die Länder und wunderte mich, daß an Stelle der
-alten Metropolen Trümmer waren, an Stelle blühender Fluren sah ich
-Wüsten und Brandstätten, und dort, wo sich einst Wüsten ausdehnten, traf
-ich Wasser an oder bestellte Felder und Wiesen, die neue Residenzstädte
-umgaben, in denen starkes Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um
-mir bekannte Häuser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach Dingen, die
-sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber niemand konnte mir darauf
-antworten. Man schüttelte nur die Köpfe und sagte: »Wir wissen nichts
-davon«, oder: »Wir haben es vergessen.«
-
-Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid, denn ich sah, daß
-diese Erde anders geworden ist und der nicht mehr ähnlich sah, die ich
-gekannt habe.
-
-Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur Jahre, sondern
-Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier gegangen bin; auf dem Monde
-ist es schwer, die langen, einander ähnlichen Tage zu zählen, ich habe
-ihrer wohl viele aus dem Gedächtnis verloren ... Ich komme auf die Erde,
-die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr kennt.
-
-Und plötzlich fühlte ich mich so namenlos unglücklich! Fremd auf dem
-Monde, auf dem ich mich nicht einleben kann, und fremd auf der Erde, auf
-die ich durch irgendein Wunder zurückgekehrt bin -- zu spät! Wo ist noch
-Raum für mich, wo werde ich Ruhe finden?
-
-Ich eilte also weiter durch die Lüfte, eine grenzenlose Leere im Herzen
--- und nach dem kurzen Tage sank schon die Nacht hernieder. Die ersten
-Sterne erglänzten am Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang
-vorwärtsgetrieben, schon über der uferlosen Fläche des Ozeans befand.
-Unter mir wälzten sich die Fluten wie sich in Windungen schlängelnde
-Seeungeheuer mit glatter schillernder Haut. Und die goldenen
-Himmelslichter spiegelten sich in den durchsichtigen Wogen.
-
-Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich nichts geändert.
-Das Meer war unermeßlich wie früher und ebenso wild bewegt und
-veränderlich.
-
-Aber während ich noch darüber nachdachte, bemerkte ich, daß sich das
-Wasser seltsam zu dehnen begann und seine Fluten zu mir emporsandte.
-Jetzt erst sah ich auch, daß direkt über mir der Vollmond stand. Ich
-erschrak über die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Höhe und
-wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte; aber
-plötzlich fehlten mir die Kräfte. Ich fühlte, daß ich auf die sich immer
-höher hebenden Fluten hinabfiel; sie aber stiegen und stiegen, warfen
-mich nach oben, dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos
-langen Hälsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden höher und immer
-höher. In wahnsinnigem Entsetzen blickte ich nach dem Monde: Er wuchs
-vor meinen Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein; der
-ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem silbergrauen Schleier.
-Es schien mir, daß in seiner Scheibe die sich herausneigenden Köpfchen
-der degenerierten Nachkommenschaft Marthas sichtbar wurden und ich ihr
-boshaftes Rufen hörte:
-
--- Kehre zu uns zurück! Kehre zu uns zurück! Alter Mensch, du bist nicht
-von der Erde!
-
-Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen, auf der
-Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht mehr kennen wollte, alles das
-durchlief im Sturme meine Seele. Ich stieß einen gellenden Schrei aus
-und strengte meine ganzen Kräfte an, um gegen die mich in den Weltenraum
-schleudernden Fluten anzukämpfen. Ich griff mit den Händen nach dem
-Wasser, schlug mit den Füßen die Luft ...
-
-Vergebens! Ich fühlte plötzlich, daß die Erde statt unter meinen Füßen
-schon über meinem Haupte war und ich wieder auf den Mond zurückfalle ...
-
-Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit ...
-
- * * * * *
-
-Seit unserm EXODUS fünfhundertundein Mondtag.
-
-Tom hat mit seinen beiden ältesten Söhnen zu Schiff die Fahrt nach dem
-Süden angetreten. Aus seinen Erzählungen schließe ich, daß sie fast bis
-zum Äquator vorgedrungen sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie
-furchtbare tropische Meeresstürme zurück. Und so mußten sie resultatlos
-umkehren.
-
-Tom redete nach der Rückkehr lange mit mir. Er sprach viel von seiner
-Mutter und von Rosa und bedauerte ihren Tod. Dann erzählte er mir von
-der Expedition und schilderte die Kämpfe und Mühen, die er zu bestehen
-hatte. Schließlich verfiel er in Nachdenken und sagte, er fürchte, daß
-dies seine letzte Fahrt gewesen sei.
-
-Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser junge Mensch, kaum
-halb so alt wie ich, ist schon ein Greis. Auf der Erde wäre er jetzt in
-der Blüte der Jahre. Hier werden die Menschen bedeutend früher reif und
-altern früher. Desto erstaunlicher ist es, daß ich lebe.
-
-Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und antwortete nach einer
-Weile des Zögerns:
-
--- Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, daß du der Alte Mensch bist.
-
-Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde.
-
--- Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner Kindheit an
-kennst, was sagst du über mich?
-
-Tom konnte mir keine Antwort geben.
-
- * * * * *
-
-Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom. Er hinterließ zwölf
-Kinder, fünf von der verstorbenen Frau und sieben von Lilli. Ich habe
-ihn selbst auf der Friedhofinsel begraben neben den andern Gräbern. Dort
-ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jüngstes, dreizehntes Kind,
-das kurz nach der Geburt gestorben ist.
-
-Lilli ist verzweifelt über den Tod ihres Mannes. Es scheint mir, daß
-auch sie ihm bald folgen wird.
-
-Nur Ada ist still und gleichgültig.
-
-Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der älteste Sohn Rosas und
-Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis.
-
-Ada sagte mir heute mit tiefer Überzeugung, daß ich niemals sterben
-würde ... Ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig geworden ist und mit ihr
-dieses ganze Mondgeschlecht, das auf sie hört und ihr scheinbar glaubt,
-oder bin ich wirklich eine seltsam unerhörte Ausnahme zwischen diesen
-Menschen? ...
-
-Denn in der Tat -- woher lebe ich noch?
-
- * * * * *
-
-Lilli ist gestorben.
-
-Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada.
-
-Seit unserm EXODUS fünfhundertsiebzehn Mondtage ...
-
- * * * * *
-
-Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht etwas, das ich nicht
-verstehen kann und nicht verstehen will, nicht will! ... Dieses Völkchen
-kam während des Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich
-und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, dieses
-Völkchen kam zu meiner Behausung mit Opfern, die wahnsinnige Priesterin
-Ada, der scheinbar der lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im
-Polarland die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem an Rosa
-begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte, bemerkte ich eine
-Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß sie wirklich geisteskrank ist.
-Aber ich bin der einzige, der das bemerkt! Die andern verehren sie und
-halten sie für geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, -- es ist
-furchtbar, es auszusprechen! -- beteten sie zu mir, daß ich die Stürme
-niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende Erde beruhigen sollte!
-Also sie halten mich wirklich für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich
-in dieser Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten!
-
- * * * * *
-
-Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten Bibliothek
-und meiner Papiere gemacht, und plötzlich überkam mich der Wunsch, alles
-zu verbrennen -- auch dieses Tagebuch.
-
-Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere blieben zerstreut
-auf dem Boden liegen, und ich habe keine Lust, auch nur die Hand
-auszustrecken, um sie aufzuheben.
-
-Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie wahrscheinlich
-niemand mehr anrühren ...
-
-
-
-
- III.
-
-
-So viele Tage, so viel unendlich lange Tage und Nächte ... Ich glaube,
-daß ich die Zeitrechnung verloren habe ... Es ist so schwer, die Tage zu
-zählen, die einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen
-meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im Laufe stehen bleibt,
-ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. Nur mein Herz zeichnet mit seinem
-Pochen jeden kleinsten Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche
-Stunde es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen
-Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher Stunden
-vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu viel! zu viel! So ist es, du
-mein banges, einsames Herz! Zu viel dieser Stunden, zu viel der
-Sehnsucht, zu viel schon des Lebens ...
-
-Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich weiß es nicht. Dort auf
-der Erde müssen wohl zwanzig oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich
-die Gräber auf der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin
-bettete. Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich habe
-Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben, die noch Kinder waren,
-als ich mich bereits beugte unter der Last der Jahre. Um mich herum
-wachsen Urenkel derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese
-Welt kamen, und ich lebe noch immer.
-
-Das ist so erstaunlich, daß ich mein Wesen schon selbst nicht mehr
-begreife und fast fähig wäre, mit an diese unter dem Mondgeschlecht
-verbreitete Legende zu glauben, daß ich niemals sterben werde ...
-
-Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten, für immer
-verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche eines bekannten
-Naturforschers, daß der Tod eine unbegreifliche und zufällige
-Erscheinung sei, die sich nicht absolut aus den Bedingungen des Lebens
-ergeben muß. Die Angst schüttelt mich, wenn ich denke, daß er mich
-vielleicht vergessen hat und nicht kommen könnte.
-
- * * * * *
-
-Wenn ich recht zähle, sind schon fünfzig Jahre vorübergegangen, seit ich
-mit den verstorbenen Kameraden die Erde verlassen habe.
-
-Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich nur noch
-wenige; diejenigen, die in der Kindheit von den Wahnsinnigen, die auf
-den Mond gefahren sind, hörten, werden längst grau sein und die Namen
-jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon für tot und
-verloren hielt.
-
-Fünfzig Jahre! Wie vieles muß sich seit dieser Zeit auf der Erde
-geändert haben! Vielleicht würde ich mir einst vertraute Gegenden nicht
-mehr erkennen. Auch mein Gedächtnis wird schwächer ... Es hat eine
-Unmenge Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen Stunden des
-Nachdenkens spiele, aber ich sehe, daß die Bilder der Erinnerung immer
-loser werden, einer Mosaik wertvoller, durch meine Sehnsucht glänzender
-Steine gleich, die schon zerbröckelt und auseinanderfällt.
-
-Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von neuem zusammen; die
-Steine, die ich im Lauf der langen Jahre verloren habe, ergänze ich
-durch irgendein trauriges Traumgebilde, und wiederum verändere ich die
-Bilder und spiele im Alter mit diesen Schätzen der Erinnerung wie ein
-Kind mit einem Kaleidoskop.
-
-Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen, wenn ich durch meine
-Tränen auf sie blicke!
-
-Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde! Nur einmal noch
-Menschen sehen, wirkliche, mir ähnliche Menschen! Gott, wenn ich das
-Rauschen der Wälder hören könnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die
-im Winde flatternden Blätter der Birke sehen, das Gras auf den Wiesen,
-den Duft irdischer Pflanzen und Blumen einatmen, dem Gesang der Vögel
-lauschen, wenn ich nur ein einziges Mal noch die grünen Fluren im
-Frühling oder im Sommer die goldene Ährenflut sehen dürfte!
-
-Ja, vieles muß sich auf der Erde geändert haben, aber die Menschen sind
-dieselben geblieben und auch die Bäume, die Blumen und die Vögel!
-
-Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen, daß die menschliche
-Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken in den Welten herumwandern
-könne, auf Sternen und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der
-auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an die Reisen im
-sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte ich nur noch auf der Erde sein,
-ewig, ewig auf der Erde! Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß
-die Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren kannte,
-dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt noch Menschen sind und
-Wälder und singende Vögel, daß es dort blühende Fluren und duftende
-Blumen gibt! Das genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die
-Freiheit erlangt hat.
-
-Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört! Und ich erinnere
-mich an wonnige Maienmorgen, die ganz von Vogelgesang erfüllt waren ...
-Die Dämmerung beginnt, der Himmel verblaßt, dann färbt er sich
-allmählich im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille! Nur
-das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden großen
-Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich das erste kurze, abgebrochene
-Gezwitscher; das zweite von einer anderen Seite, das dritte, vierte ...
-Noch eine kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume und
-Sträucher erwacht und lebendig geworden wären: rings umher ein Pfeifen,
-Singen, Schlagen, Jubilieren! Zunächst kann man die einzelnen Laute noch
-gar nicht unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus
-dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher die Meisen, die
-Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen erheben. Hoch oben die
-Lerche, die in den Lüften schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt
-die Nachtigall. Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen
-und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen erhellt, der Himmel
-wird röter und röter, bis endlich die goldene Sonne am Firmament
-emporsteigt ...
-
-Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man könnte fast
-glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine süßen Stimmen sie rufen.
-Die mehrstündige graue Dämmerung, während der die Gegend in Frost und
-Schnee erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... Hier
-erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die in eine grauenhafte
-Stille gehüllt ist. Nur der Mensch, der von einem fernen Gestirn
-gekommen, unterbricht die bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein
-Kind, das erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in der
-Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer verjagt hat, um vor
-der Kälte Schutz zu suchen. Still ist es, still, während des ganzen
-langen, unendlich langen Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer,
-das um die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans,
-sonst nichts, nichts ...
-
- * * * * *
-
-Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor der Seele! Ich
-durchwühle die vergilbten Blätter des Tagebuches, und wenn ich für eine
-Minute die Augen schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des
-Wagens höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt, daß ich
-diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die in seiner Dunkelheit
-leuchtende Erde. Die mächtigen Berge, die sich im Schatten im tiefsten
-Schwarz der Kohle malen und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen
-den verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere Sichel
-bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben spielen. Und dann
-tauchen die ersten Jahre, die ich hier am Meeresstrande verlebte, vor
-meiner Erinnerung auf. Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich
-Martha, traurig und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute
-schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber sie scheint sich
-nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl sie das, was sie durch mich
-von ihnen gehört hat, mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen
-Geschlecht erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute
-ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese Zwerge verehren
-sie fast ebenso wie mich, nur mit dem Unterschied, daß sie mich auch
-noch fürchten, obwohl ich, Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn
-ich habe ihnen niemals etwas zuleide getan.
-
-Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie mit mir gleichen
-Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar den Eindruck von seltsam
-einfältigen Tieren auf mich. Schon das erste hier geborene Geschlecht
-war von uns, den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom und
-seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben mir wie Kinder aus.
-Ihre Größe wie ihre Kräfte haben sich schon den Bedingungen dieser Welt
-angepaßt: ihren kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge.
-Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer Riese. Die Enkel
-Marthas, schon erwachsene Menschen, die hier erstaunlich früh reifen,
-reichen mir kaum bis zu den Hüften und beugen sich unter der Last von
-Gegenständen, die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz des überaus
-zarten Körpers sind sie jedoch von robuster Gesundheit und gegen Hitze
-und Kälte abgehärtet.
-
-Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil, aber wenn es nottut,
-arbeiten sie auch bei der empfindlichsten Kälte mit einer Ausdauer, die
-meine Bewunderung erregt.
-
-Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben. Die
-armseligen Brocken der Zivilisation, die wir von der Erde mit
-hierhergebracht haben, was ist aus ihnen geworden? Ich blicke um mich
-und habe den Eindruck, mich unter Wesen zu befinden, die auf die
-Bezeichnung »Mensch« kaum einen Anspruch mehr haben. Sie können lesen
-und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und Fallen stellen und Kleider
-nähen; sie bedienen sich des Feuers, wissen sogar mit der Verwendung
-verschiedener Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich
-reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer und
-englischer Bücher, aber untereinander reden sie ein erbärmliches
-Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, englischen, malabarischen und
-portugiesischen Worten zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln
-fließen die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß sie sie
-nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen, dabei mit den Händen
-gestikulierend und Grimassen schneidend, wie Wilde irgendwo im Innern
-Afrikas oder auf den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ...
-
-Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich auf diese dritte
-Generation der von der Erde hierhergekommenen Menschen blicke! Und diese
-Trauer wird dadurch um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des eigenen
-Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen armen Halbmenschen
-gegenüber nicht erwehren kann und mich gleichzeitig als Mitschuldiger an
-dem hier begangenen Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben
-tatsächlich verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet,
-indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine Entwicklung nicht
-geeigneten Globus fortzupflanzen. Die Natur ist ebenso unerbittlich da,
-wo sie im Triumphzuge vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens
-erfüllend, immer neue und immer höhere Formen schafft, wie auch dort, wo
-sie beleidigt zurückweicht und das widerruft und verneint, was sie
-geschaffen hat. Vergeblich habe ich mit ihr gerungen, vergebens
-versucht, dieses Mondgeschlecht auf der geistigen Höhe zu erhalten, die
-die Menschen auf der Erde erklommen haben. Das einzige und unerwartete
-Resultat all meiner Bemühungen ist diese mit heiliger Furcht vermischte
-Verehrung, die sie mir entgegenbringen. Ich bin für sie nicht nur ein
-Riese, sondern ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht
-wissen, und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind.
-
-Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem, daß im Norden ein
-Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, daß sich eine grenzenlose
-Wüste dort erstreckt und über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern
-leuchtet, von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das nicht genug, um
-die Köpfe dieser armen Degenerierten zu verwirren? Sie waren niemals
-dort und haben die leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im
-Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr mit angehaltenem
-Atem zu und blicken ängstlich auf mich, auf meine im Verhältnis zu ihnen
-riesenhafte Gestalt.
-
-Und so bin ich vereinsamt unter ihnen!
-
- * * * * *
-
-Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden hintereinander
-schlafen wie diese Mondleutchen, und bin nun allein mit meinen trüben
-Gedanken.
-
-Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst mit Martha und
-Peter erbaut habe; am Tage schleichen diese Zwerge um den Teich herum
-und schauen mir neugierig zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit
-kennen, wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur Ada
-erscheint regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten, bringt mir meine
-Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn sie mich zu Hause antrifft,
-stellt sie mir immer dieselben gleichgültigen Fragen; dann sitzt sie
-noch einige Stunden schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich
-wieder meinen Gedanken überlassend.
-
-Es scheint, daß sie diese Besuche als eine Art Pflicht mir gegenüber und
-gewissermaßen als Zeremonie, die dem »Alten Menschen« gebührt, auffaßt.
-
-Diese Frau, die scheinbar vollständig klar und bei Sinnen ist, lebt in
-einem seltsamen Wahn. Sie hält mich für ein übermenschliches Wesen, das
-diese Mondwelt beherrscht, und bildet sich ein, meine Priesterin und die
-Prophetin dieses Volkes zu sein, das unerschütterlich an sie glaubt.
-
-Sie verkündet den Kindern Toms eine neue phantastische Religion, die
-sich aus der Heiligen Schrift, meinen Erzählungen von der Erde und
-unserer Ankunft hier zusammensetzt. Anfangs versuchte ich, auf alle
-erdenkliche Art der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt
-ich selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich überzeugte mich
-schließlich, daß ich in dieser Beziehung vollständig machtlos bin. Ich
-setzte Ada lang und breit auseinander, daß ich genau derselbe Mensch sei
-wie all die andern auf dem Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an
-die sie sich ja noch erinnern müsse. Ich versuchte ihr klar zu machen,
-daß meine der späteren Generation überlegene Kraft und Körpergröße nur
-darin ihren Grund haben, daß ich auf einem anderen, größeren Planeten,
-nämlich auf der Erde geboren bin. Sie hörte aufmerksam und schweigend
-zu, und als ich endlich ungeduldig wurde, flüsterte sie, mich mit einem
-flüchtigen Lächeln streifend:
-
--- Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde hierher gelangen und
-meine Eltern hierher bringen, was kein anderer gekonnt hätte? Woher
-weißt du, was kein anderer weiß? Und vor allem, warum stirbst du nicht
-wie die andern?
-
-Ich schalt sie und verbot ihr ein für allemal, derartige Märchen von mir
-zu verbreiten, aber alles war vergebens. Einige Stunden später hörte
-ich, wie sie zu Jan, der jetzt der Mondpatriarch ist, und der gerade zu
-mir gehen wollte, sagte:
-
--- Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will nicht, daß man
-wisse, daß er ... ein Alter Mensch ist.
-
-Jan wurde traurig.
-
--- Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte ihn gerade
-bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben, den ich mit meinen
-Söhnen zusammen nicht von der Stelle bringen kann.
-
--- Man muß ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada. Bringt nur viel
-Schnecken, Salat und Bernstein, das werde ich ihm geben. Und vor allem,
--- hier legte sie den Finger an den Mund -- sprecht nichts vor ihm!
-Wehe! Denn er will es nicht.
-
-Ich trat aus der Ecke, von der aus ich der ganzen Unterredung zuhörte,
-hervor, machte Ada abermals Vorwürfe und begab mich zu Jans Haus, um ihm
-den Dienst zu erweisen, von dem er gesprochen hatte. Beim Fortgehen
-hörte ich noch, wie Ada dem bekümmerten »Patriarchen« zuflüsterte:
-
--- Siehst du, er hört und weiß alles!
-
-Wie ist in Adas Gehirn dieser Wahnsinn entstanden? Ich weiß es nicht,
-bin aber fest überzeugt, daß er den Inhalt ihres ganzen Wesens bildet
-und der Grund des großen Ansehens ist, das sie unter dem Mondvolke
-genießt. Rosa und Lilli fürchteten sie, so lange sie lebten, ja sogar
-Tom, der ihr gegenüber nicht immer zum Nachgeben geneigt war, zitterte
-vor ihr. Heute würden seine Kinder es nicht wagen, sich irgendeinem
-ihrer Befehle zu widersetzen. Mich empört es, daß sie diese Verwirrung
-in den armen Köpfen der bedauernswerten Zwerge anrichtet und
-gleichzeitig empfinde ich das innigste Mitleid mit ihr, denn ich fühle,
-daß sie in ihrem Irrsinn lichte Momente hat, während deren sie sich
-anscheinend klar darüber ist, daß sie in Hirngespinsten lebt, und
-dadurch entsetzlich leidet ...
-
-Ich erinnere mich an einen Vorfall, der mir das so recht zum Bewußtsein
-brachte: Es war bereits nach Mitternacht, als Ada zu mir kam. Ich
-staunte über ihren Besuch zu so ungewöhnlicher Zeit, vor allem der
-empfindlichen Kälte wegen, während der man das Haus des Nachts nicht gut
-verlassen konnte.
-
-Sie traf mich über ein Buch geneigt und da sie mich nicht zu
-unterbrechen wagte, setzte sie sich still auf eine Bank in der Ecke des
-Zimmers. Ich sah, daß sie mit mir sprechen wollte, aber ich tat
-absichtlich, als wenn ich sie nicht bemerkte. Ada saß eine Zeitlang
-schweigend da, bis sie sich mir endlich näherte und leise, ganz leise
-meine Schulter mit der Hand berührte:
-
--- Herr ...
-
-Ich wandte mich schnell zu ihr; so hatte sie mich noch niemals
-angeredet. Sie nannte mich immer nur »Alter Mensch«, und als ich jetzt
-das Wort Herr hörte, stiegen geteilte Empfindungen in mir auf. Halb war
-es Freude darüber, daß jemand in altgewohnter menschlicher Weise zu mir
-sprach, und andererseits empörte mich wiederum diese Anrede.
-
--- Herr ... kam es von neuem von Adas Lippen.
-
--- Was willst du, Kind? fragte ich so sanft ich nur konnte. Ich mußte
-diese Frage einige Male wiederholen, bis sie mir endlich antwortete.
-
--- Ich wollte fragen, ich wollte wissen ...
-
--- Was?
-
--- Herr, ich weiß nichts! rief sie plötzlich mit einer Verzweiflung in
-der Stimme und in den auf mich starrenden Augen, daß ich die Vorwürfe,
-die ich ihr abermals wegen ihrer dem Mondvolk erteilten falschen Lehren
-machen wollte, gewaltsam zurückdrängte. Sie indessen fuhr fort:
-
--- Ich weiß absolut nichts ... und ich wollte dich bitten, daß du mir
-endlich sagen mögest, was das alles bedeutet; wer du eigentlich bist und
-was wir sind? Ich sehe dich unter uns, einsam und alt, stark und groß,
-aber ich glaube, soweit ich mich noch an meine Eltern erinnere, daß sie
-ebenfalls anders waren als wir heute, dir ähnlich ....
-
-Sie verstummte, und nach einer Weile wiederholte sie, mir in die Augen
-schauend:
-
--- Sage, wer du bist und was wir sind?
-
-Und in meiner Brust drängten sich die widerstreitendsten Gefühle. Es
-schien mir zwar, daß ich ihr auf diese Frage schon oft und vor langer
-Zeit geantwortet habe, aber trotzdem gärte in mir ein Verlangen, zu
-sprechen, menschlich zu sprechen zu diesem Weibe, das endlich einmal
-menschlich denkend und fühlend vor mir stand. Eine tiefe Rührung kam
-über mich; mein Herz wurde weich, und Tränen traten mir in die Augen und
-schnürten mir die Kehle zu, daß ich zunächst keinen Laut hervorbringen
-konnte. Nach einer Weile wiederholte ich ihre Worte wie ein Echo:
-
--- Wer ich bin! ...
-
-Es schien mir, daß ich es eigentlich selbst nicht mehr recht wußte ...
-Und Ada fragte abermals:
-
--- Ja, wer du bist, Herr ... Wir nennen dich alle der »Alte Mensch«,
-aber ich dachte heute lange nach ... und bin zu dir gekommen, dich
-anzuflehen, sage mir die Wahrheit, ob du wirklich der Alte Mensch bist?
-
-Diesen meinen Namen, den sie selbst hier verbreitet hatte, sprach sie
-jetzt mit einer abergläubischen Furcht aus und dämpfte dabei
-geheimnisvoll ihre Stimme.
-
--- Ich will wissen, sagte sie weiter, ob du wirklich von _dort_, von
-jener Erde, die ich gesehen habe, hierhergekommen bist und du alles tun
-kannst, was du willst. Und ob du niemals sterben wirst und wir, wenn du
-uns, auf die Erde zurückkehrend, verläßt, der Vernichtung anheimfallen,
-so wie wir es denken?
-
-Sie sagte das alles fast in einem Atemzug, und ihre glänzenden, unruhig
-flackernden Augen starrten auf mich.
-
-Und was sollte ich ihr antworten? Vor einem Augenblick noch wollte ich
-ihr mein ganzes Innere enthüllen, noch einmal so recht von Herzen
-sprechen, ihr alles sagen, was ich schon so oft gesagt hatte, und von
-der Erde reden, von unserer Ankunft hier, von meinen verstorbenen
-Kameraden, aber als ich ihre Worte hörte, stieg plötzlich die
-Überzeugung in mir auf, daß alles vergeblich sein würde. Sie will nun
-einmal in dem Glauben bestärkt sein, daß ich der »Alte Mensch« sei, das
-heißt, nach ihren Begriffen ein übernatürliches Wesen.
-
-Ich suchte und konnte lange keine Worte finden.
-
--- Warum fragst du mich, sagte ich endlich. Ich habe es dir doch schon
-so oft erklärt.
-
--- Ja ... aber ich möchte, daß du mir ... die Wahrheit sagst!
-
-Ich erinnerte mich, daß vor vielen, vielen Jahren der kleine Tom ähnlich
-zu mir gesprochen hatte, als ich ihm die Erde zeigte und erzählte, daß
-ich von dort gekommen wäre. »Onkel, sage mir jetzt die Wahrheit!« hatte
-er mir damals geantwortet.
-
--- Sage mir, drängte Ada weiter, sage, ob es wahr ist, daß du mit meinen
-Eltern von jenem mächtigen Stern gekommen bist, den du Erde nennst.
-
-Sie faßte mich bei der Hand und starrte mich mit flammenden Augen an.
-Niemals hatte ich sie so gesehen.
-
--- Sage es mir! rief sie, denn ich wiederhole es diesen Leuten und sie
-glauben an dich!
-
-Die letzten Worte stieß sie wie einen Angstschrei hervor, der mich
-geradezu entsetzte. Ich hätte niemals gedacht, daß in diesem stillen,
-halb geisteskranken alternden Mädchen noch derartige Seelenkämpfe toben
-und ein so heißes Gefühl flammen kann. »Sie glauben an dich!« Darin
-faßte sie in diesem Augenblick die ganze Tragödie ihres Lebens zusammen.
-Sie hat dem Mondvolke einen neuen phantastischen Glauben geschaffen, und
-jetzt, da sich in ihr plötzlich der Zweifel an dem regte, was sie selbst
-verkündete, kam sie zu mir, um aus meinem Munde die Bestätigung ihrer
-Lehre zu hören. »Und sie glauben an dich!« In diesem Schrei lag etwas
-wie eine Klage darüber, daß diese Menschen so arm und so elend mir
-gegenüber sind, und zugleich auch die flehentliche Bitte, ihnen nicht
-das Höchste, ihren Glauben, zu nehmen.
-
-Ich blickte sie lange an und es schien mir, daß in ihren Augen Tränen
-glänzten.
-
--- Ada, willst du daran glauben, was ich dir jetzt sagen werde?
-
--- Ich will glauben, ich will glauben!
-
-Ich zögerte einen Augenblick: Sollte ich vielleicht die irdische
-Herkunft verleugnen? Wenn ich in ihnen den Glauben erweckte, daß ich auf
-dem Monde geboren bin wie sie, würden sie am Ende aufhören, mich für ein
-höheres Wesen zu halten? Aber plötzlich erschien es mir als etwas so
-Ungeheuerliches, die Erde zu verleugnen, daß mir bei dem bloßen Gedanken
-daran der Schweiß auf die Stirne trat. Mag kommen was will; ich
-beschloß, Ada auseinanderzusetzen, daß ich zwar ein alter Mensch bin,
-aber durchaus nicht »_der_ Alte Mensch«, wie sie es verstehen, und daß
-sie das endlich begreifen müßten, wenn ihnen auch der Verlust ihres
-Glaubens oder besser des unter ihnen verbreiteten Aberglaubens
-schmerzlich wäre.
-
--- Ich bin in der Tat von der Erde hierhergekommen, begann ich, aber Ada
-ließ mich nicht zu Ende sprechen.
-
--- Also das ist wahr, rief sie, das ist wahr?
-
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. In diesem Augenblick warf Ada sich
-mir zu Füßen und umschlang meine Knie.
-
--- Ich danke dir, Alter Mensch, und bitte dich, mir zu verzeihen, daß
-ich es wagte ... jetzt weiß ich, daß du der Alte Mensch bist!
-
-Ich sah sie erstaunt an. In ihren Augen, die eben noch klar und
-verständig auf mir geruht hatten, brannte jetzt wieder dieses
-unheimliche Feuer; ihre Hände zitterten, und ihre Wangen bedeckten rote
-Fieberflecke.
-
--- Ich danke dir, Alter Mensch, wiederholte sie, ich werde gehen und es
-dem Volk verkünden ...
-
-Ehe ich mich noch von dem Erstaunen über diese unerwarteten Worte Adas
-erholen konnte, war sie verschwunden. Es blieb mir keine Zeit, sie
-zurückzuhalten oder zu rufen.
-
-Diese Frau ist zweifellos wahnsinnig, und ich wundere mich nur, daß die
-Nachkommenschaft Toms ihren Worten so bedingungslos glaubt; ich wundere
-mich, daß all diese Märchen einen so ergiebigen Boden bei diesen
-Degenerierten gefunden haben.
-
-Ich denke oft darüber nach, wie das alles gekommen ist. Ich bin wohl
-auch zum Teil selbst daran schuld: Ich hatte mich zu sehr von dem neuen
-Mondgeschlechte zurückgezogen, und als ich bemerkte, daß es meine Person
-mit einer Legende umgab, hielt ich das zuerst für eine Kinderei und
-bemühte mich nicht genügend, sie im Keim zu ersticken. Als ich endlich
-die Tragweite zu ermessen begann und dagegen auftreten wollte, war es zu
-spät.
-
-Schon zu Toms Lebzeiten bemerkte ich, daß unter seinen Kindern
-phantastische Gerüchte über mich herumgingen. Aus zufällig gehörten
-Worten entnahm ich, daß sie mein Wissen und meine im Verhältnis zu ihnen
-ungewöhnliche Kraft für etwas Übernatürliches hielten. Ich galt in ihren
-Augen zum wenigsten für einen mächtigen Gaukler. Tom hat zwar diese
-Ansicht nicht verbreitet, ihr aber, soviel ich weiß, auch nicht
-widersprochen.
-
-Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung, bis nach
-dem Tode Toms die Dinge eine ernste Bedeutung annahmen. Ich fürchte, daß
-ich heute für dieses Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben,
-daß ich alles weiß und kann und wenn ich nicht immer das tue, was sie
-von mir erbitten, so geschieht das in ihren Augen nur, weil ich es nicht
-will. Haben sie mich doch in allem Ernste gebeten, die Stürme zu
-beschwichtigen und mir gesagt, daß Ada dies leider nicht gelinge,
-trotzdem sie in meinem Namen die Elemente beschwört. Und sie sandten sie
-zu mir, denn -- ich kann alles!
-
-Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll, wann ich sie zu
-verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige. Ada hat ihnen
-prophezeit, daß dies unzweifelhaft geschehen wird, und sie fürchten mein
-Fortgehen!
-
-Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf das, was in den
-Köpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich kann nichts daran ändern;
-vielleicht bin ich auch zu träge, den Kampf mit dieser Naivetät
-aufzunehmen. Alles quält mich, alles drückt mich zu Boden. Ich bin froh,
-wenn ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um mich herum
-geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend von der Erde träumen
-kann.
-
-Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wälder, Vögel, Wiesen,
-duftende Blumen ...
-
-Oh, dort! ...
-
-Und ich sehne mich immer glühender, auf ewig von hier fortzugehen!
-
-Ach, wenn ich es könnte, wie sie denken, auf die Erde zurückkehren! Ich
-bin ganz erfüllt von diesem Gedanken an die Erde. Womit ich mich auch
-beschäftige, er kehrt immer wieder und läßt mir am Tage und in der Nacht
-keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder an meinen
-Augen vorüber, aber alle sind Variationen des einen Motivs: Erde! Erde!
-Erde! ...
-
-Einst, als ich noch dort lebte, waren das für mich verschiedene Länder,
-verschiedene Erdteile und Völker und Gesellschaften, jetzt hat sich
-alles zu einem Gedanken verschmolzen, zu einer einzigen Liebe und
-Sehnsucht. Ich kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die
-Grenzen der Staaten, noch die Völker verschiedener Zungen und
-Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit fließt in
-meiner Seele zu einem unzertrennlichen Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und
-dem Erdball selbst zusammen, und alles das leuchtet und glänzt und
-strahlt in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel über den Wüsten!
-
-Erde! Erde! Erde!
-
- * * * * *
-
-Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glücklichen Zeiten, als er noch
-ein Kind und mein unzertrennlicher Kamerad und Freund war. Und jetzt in
-der stillen kalten Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen,
-Einsamen farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren auf.
-
-Und wenn ich so sehnsüchtig an ihn zurückdenke, empfinde ich klar und
-schmerzlich, daß er der einzige Mensch aus dem neuen Geschlecht war, den
-ich wirklich liebte. Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn
-betraf!
-
-Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter den
-Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er vierzehn Jahre zählte,
-war er bereits ein erwachsener, reifer Mensch. Die beiden älteren
-Schwestern wuchsen auch schon heran. Ich blickte auf sie wie auf
-blühende Blumen, die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und
-vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, -- daß sich in
-ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche Macht von ihnen ausgeht,
-durch die sie wertvoll und begehrenswert sind.
-
-Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig. Früher waren sie
-zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, die um seinen hellen Kopf
-herumflatterten, nur die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm
-nützlich zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die Schwestern
-fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen ihm gegenüber für etwas ganz
-Natürliches. Er machte sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er
-wirklich einmal in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare
-einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er dies immer
-mit der herablassenden Miene eines gütigen Herrschers, der die
-Anhänglichkeit seiner Untertanen zu belohnen geruht, aber auch dafür
-Sorge trägt, daß sie nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und
-Zufriedenheit übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms zu den Schwestern
-empfand ich oft peinlich und unangenehm und ich ermahnte den Knaben
-wiederholt, wenn ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und
-rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß sie ihn lieben
-sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für eine gewisse Zeit
-wenigstens, vollständig ändern würde.
-
-Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder zu meiden und in
-ihren Liebesäußerungen zurückhaltender zu sein. Manchmal nur, wenn er es
-nicht sah, blickten sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten,
-wenn er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber kühler
-wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander.
-
-Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor sich, daß ich mir,
-als ich sie bemerkte, nicht klar darüber war, wie und wann sie
-eigentlich begonnen hatte. Nur das eine fühlte ich, wenn ich diese drei
-... die noch Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend,
-betrachtete, daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung
-vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, obwohl sie sich später
-an den Werkzeugen und Werken ihres eigenen Willens grausam rächen
-sollte.
-
-Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei Frauen und ein Mann ...
-Sie selbst verstanden das natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den
-Schwestern wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer schwerer den
-rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit und wurde verwirrt in
-ihrer Gesellschaft. Diese stillen, schmächtigen Mädchen hatten jetzt
-entschieden das Übergewicht über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt
-erlangt. Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu benützen.
-Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um ihre Bekleidung, ihre
-Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; er sammelte bunte Muscheln und
-Bernstein für sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr
-sie zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An diesen Ausflügen
-nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist seltsam, die Mädchen, die mit Tom
-erzogen waren und bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten,
-wollten durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug ich Tom
-vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war, rudern zu lassen, aber
-er ließ es nie zu. Ich bemerkte wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu
-schonen, sondern vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen
-Kraftleistungen und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen.
-
-Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab, und ich sah ihr
-gerne zu. Es schien mir, daß ich drei Vögel vor mir habe und meine Hand
-auf ihre pochenden Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen
-schlagen: und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. Ich
-glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod war, wo ich mich fast
-glücklich fühlte.
-
-Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis des Lebens und der
-Liebe vollzog, wehte es zu mir wie frische Frühlingsluft. Und das sind
-heute schon alte Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins
-Gedächtnis zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht viel Tage
-erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne Schmerz erinnern könnte. Nur
-eins -- und das ist wieder die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe
-Toms zu Lilli und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein
-Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch dieser Welt das
-degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun langsam die Gegend der Warmen
-Teiche bevölkert.
-
-So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich, als wenn ich in
-einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer gefunden hätte.
-
-Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen gegenüber. Sie sind
-vor allem arm, so arm, daß mein ganzes Inneres sich in Schmerz und
-Mitleid windet, wenn ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über
-ihnen. Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... Er war
-energisch und verständig und hatte in den Augen noch das, was ich
-vergebens in den Blicken seiner Kinder suche: die Seele.
-
-Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast schwer fällt, es
-niederzuschreiben.
-
-Und warum mußte es so geschehen und nicht anders? Eine schwerwiegende
-Frage, auf die es keine Antwort gibt! Weil wir hierhergekommen waren,
-weil Tomas starb und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie
-verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand, weil sie gestorben
-ist und ich leben blieb, das heißt, immer diese eiserne, unerbittliche
-Notwendigkeit, die die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und
-sich um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert wie der Wind um
-ein Körnchen des Sandmeeres, das er davonträgt.
-
- * * * * *
-
-Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht
-niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum und für wen
-ich das niederschreibe ...
-
-Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch die öde Wüste
-notierte, als ich unsere ersten Jahre auf dem Monde beschrieb, dachte
-ich, daß ich dieses Tagebuch den Mondvölkern zurücklassen würde, damit
-ihre künftigen Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und was wir
-alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis es uns gelungen ist,
-erträgliche Lebensbedingungen zu finden. Aber heute ... Das ist doch
-lächerlich -- dieser Gedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden
-das niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es lesen sollen.
-Was geht das sie an? Was gehen sie meine Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen
-an? Könnten sie sie verstehen? Würden sie in diesen Blättern etwas mehr
-als eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken? Und
-übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen könnten, wissen, daß
-sie degenerierte Nachkommen einer erhabenen Rasse sind, die mit ihrem
-Geiste über ein fernes und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo
-sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht, Scham und
-Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie betrachte. Möge denn die
-hiesige Menschheit lieber gänzlich vergessen, was sie einst auf einem
-anderen Planeten gewesen ist und von keiner »metaphysischen Sehnsucht«
-gequält werden.
-
-Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich nur für mich.
-Wenn ich davon träumen dürfte, es durch irgendein Wunder auf die Erde zu
-befördern, würde ich es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten
-und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und segnen; die
-Getreidefelder, Blumen und Früchte, die Wälder und Gärten, die Menschen
-und Tiere und alles, alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer
-ist!
-
-Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen wird, daß ich nicht
-ein einziges kleines Wort auf die Erde schicken kann, zu der ich mich
-nur in Gedanken und mit den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der
-Sehnsucht getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine über den
-Wüsten leuchtende Heimat zu sehen.
-
-Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbst wie alle Greise.
-Und wenn es mir hier und da gelingt, mich für einen Augenblick der
-Täuschung hinzugeben, daß ich das alles den Menschen mitteile, die auf
-der Erde geblieben sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine
-Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden spinne zwischen
-mir und diesem Hunderttausende von Kilometern entfernten heimatlichen
-Planeten!
-
-Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus meinem armen Leben
-hier erzählen, meine Gedanken beichten und meine Schmerzen klagen und
-über die seltenen kurzen Freuden Bericht erstatten ...
-
-Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele!
-
- * * * * *
-
-Dann schrieb ich ausführlich über den einzigen Frühling, den ich auf
-diesem traurigen Globus erlebte, indem ich mich der erwachenden Liebe
-zwischen Tom und den Mädchen erfreute.
-
-Vielleicht hätte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich glaubte, wenn
-ich für einige Zeit von ihnen ginge, jenen zauberischen Frühling zu
-verlängern, und ich wollte erst zu der Zeit des Jahres zurückkehren, wo
-ich die reife Frucht vorfände.
-
-Ich alter Narr! Es wäre kein kleineres Wunder gewesen, einen
-herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten, daß man sich von ihm abwendet.
-Das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang!
-
-Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande verbracht hatte,
-ans Meer zurückkam, begrüßte mich Tom mit einer seltsamen Würde und
-führte mich in das alte Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten.
-
--- Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen hast. Wir haben
-nichts angerührt. Nur Ada hat während deiner Abwesenheit hier gewohnt
-und deine beiden alten Hunde, die du zurückgelassen hast.
-
--- Und du? frug ich, und die älteren Mädchen? Wo seid ihr gewesen?
-
-Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte jetzt erst, daß
-sich nicht weit, am Ufer des höheren warmen Teiches, ein beinahe
-fertiges neues Häuschen erhob.
-
--- Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom.
-
--- Wozu? frug ich mit unverhüllter Verwunderung.
-
-Tom zögerte einen Augenblick, dann wies er auf die sich uns gerade
-nähernden Mädchen und sagte, mir fest in die Augen blickend:
-
--- Das sind meine Frauen!
-
--- Welche? frug ich fast unbewußt.
-
-Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die Mädchen schauten uns
-ängstlich an.
-
--- Welche von ihnen? frug ich abermals.
-
--- Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein!
-
-Mit diesen Worten nahm er die Mädchen bei den Händen und führte sie zu
-mir.
-
--- Segne uns, Alter Mensch!
-
-Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen genannt, der heute
-schon für immer mit mir verwachsen ist.
-
-Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Veränderung, die
-scheinbar unwesentlich und dennoch sehr eingreifend war. In unserem
-kleinen Kreis vollzog sich eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen
-eine eigene, in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Maße enger
-wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte.
-
-Mit jedem Tage fühlte ich mehr, daß ich auf dieser Welt unnötig wurde,
-und mit jedem Tage wuchs in mir die Sehnsucht nach jener anderen, die so
-entfernt, ach, so ferne war! Und das Leben floß dahin, immer
-unaufhaltsam seinen alten Lauf!
-
-Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben Toms mit den
-Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, obwohl sie ihn unveränderlich bis
-zum letzten Atemzug liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu
-despotisch. Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren. Zum Teil
-waren diese unerquicklichen Verhältnisse auch die Veranlassung, daß ich
-zum zweitenmal nach dem Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir
-nahm.
-
-Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie ich glaube, der
-Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie, der bis auf den
-heutigen Tag dauert. Der furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der
-Tod Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht nach der Erde
-und die entsetzliche Einsamkeit martern und quälen mich mit jedem Tage
-mehr, obwohl die Zahl der Menschen hier auf dem Monde immer größer wird.
-
-Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche Nachkommenschaft,
-sechs Söhne und sieben Töchter, von denen die jüngste einige Mondtage
-nach der Geburt gestorben ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat
-sich der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend, mit der
-Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle in dem Maße des
-Zuwachses gepaart. Heute, nach dem Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel
-vorhanden, darunter zwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn, der
-schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen zweiundvierzig
-Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre Niederlassungen errichten
-sie längs dem Meeresstrande nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen
-schreitet auch die »Zivilisation« vorwärts. Häuser erheben sich,
-Schmieden und Hundezwinger.
-
-Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen und werde hier wohl
-bis zum Tode bleiben, den ich so heiß herbeisehne! Und so bin ich schon
-eine Ausnahme auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde
-verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ...
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Ich glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen auf der Erde ein
-Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe und an sie denke. Das ist so
-wenig, und es würde mich so namenlos glücklich machen!
-
-Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele Hunderttausende
-von Kilometern, eine interplanetarische Strecke, die noch niemals
-zurückgelegt wurde, von dieser Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich
-geboren bin, trennen!
-
-Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren Gedanken nur
-damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf dem Meere reichlich
-ausfällt, der Salat gut aufwächst und die verwilderten Hunde nicht die
-eiertragenden Eidechsen in den Umzäunungen zerreißen ...
-
- * * * * *
-
-Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel zugebracht ...
-Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort gerne und dachte über die
-Vergangenheit des heute erloschenen Mondglobus nach; jetzt zieht es mich
-wieder oftmals dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten
-Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an Martha, Peter, Tom und an
-mich selbst und wann ich wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde.
-Gerade heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille
-Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses Leid, ein so
-trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen begann und die Hände
-ausstreckte zu den Gräbern und sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu
-sprechen oder mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen.
-
-Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben. Was hält mich
-auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, Sehnsucht, die furchtbarste
-Vereinsamung, alles das habe ich zur Genüge ausgekostet; seit langem bin
-ich niemandem mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen!
-
-Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde sehen, auf diese
-helle Kugel schauen, die am Himmel hängt, auf die Erdteile, die langsam
-darüber kreisen und die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich
-will noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich das Land,
-wo ich geboren bin, und dann ...
-
-Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß gefaßt. Ich werde
-zum Polarlande gehen, um auf die Erde zu schauen.
-
-Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken die ganze Fahrt
-und die dafür nötigen Vorbereitungen zurecht. Auf der Schwelle des
-Sommerhäuschens fand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde
-gekommen, und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig auf meine
-Rückkehr.
-
-Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, wenn auch nur von
-ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, Ada meine
-Absicht mitzuteilen.
-
--- Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde ich von euch gehen!
-
-Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an, die sie mir gegenüber
-stets bewahrt, und antwortete nach einem kleinen Zögern:
-
--- Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter Mensch ... aber ...
-
-Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe, mit mir
-umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte gewöhnt haben müssen,
-derartig aufgebracht. Im ersten Augenblick schnürte sich mir das Herz im
-Gefühl der Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte mich ein
-unbezwinglicher Zorn.
-
--- Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß stampfend. Ich werde
-fortgehen, wann es mir gefällt und wann ich will, aber daran ist nichts
-Geheimnisvolles, nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß ich
-morgen früh die Hunde für den Wagen haben will; ich fahre zum Polarland.
-
-Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem Befehl nachzukommen.
-
-Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche Bewegung
-vor meinem Hause. Jan und die Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen
-nicht ausgenommen, hatten sich versammelt und standen entblößten
-Hauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend. Ada trat aus
-ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner Schwelle stehen. Sie war in
-feierlicher Kleidung: einen Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu
-den Hüften herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue
-Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln eines Hundes,
-die geglättet auf einen langen Kupferdraht gesteckt waren.
-
--- Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen!
-
-Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die an der Wand
-hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese Horde, die mit einem solchem
-Pomp zu mir gekommen, auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder
-leid. Was können sie dafür.
-
-Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der Absicht, noch einmal
-den Versuch zu machen, ihnen vernünftig zuzureden. Der wilde Lärm des
-Beipflichtens, der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte
-sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in der Stille nur
-noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen und das erstickte Flüstern der
-Mutter: Still, still, der Alte Mensch wird unwillig ...
-
-Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids.
-
--- Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite schiebend.
-
-Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit dem Blick eines
-ratlosen, verängstigten Zwerges in die Augen und sagte schließlich,
-nachdem er sich umgesehen, um aus den Mienen der Kameraden Mut zu
-schöpfen:
-
--- Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch nicht von uns
-fortgehen möchtest.
-
--- Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend über dreißig
-Personen.
-
-Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte in ihren
-Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung ergriffen fühlte.
-
--- Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage mehr mir selbst als
-ihnen vorlegend.
-
-Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, mit sichtlicher
-Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen zusammenzufassen:
-
--- Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht und die große Kälte
-kommen. Oh, die böse Kälte, die wie ein Hund beißt, und wir würden
-allein sein ... Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei
-uns, Alter Mensch ... Ada -- hier blickte er auf die neben ihm stehende
-»Priesterin« -- Ada sagte uns, daß du dich mit der Sonne kennst und noch
-mit einem anderen Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll
-und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den sie gesehen
-hat, als sie mit dir dort war im Norden ... Sie sagte, daß du von dort
-gekommen bist, und wenn du ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in
-einer heiligen Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir
-fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren könntest,
-denn wir würden allein bleiben. Wir bitten dich also ...
-
--- Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die Zwerge, den Satz
-Jans beendend.
-
-Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich ihnen antworten
-sollte. Die Männer und Frauen umringten mich, streckten die Hände aus
-und baten mit angstvollen Stimmen:
-
--- Bleibe bei uns, bleibe!
-
-Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen, was ich
-ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich ein gewöhnlicher Mensch sei,
-durchaus mit keinen geheimnisvollen Kräften begabt und ebenso wie sie
-alle dem Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte; in den
-Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig wie eine Litanei:
-Bleibe bei uns!
-
-Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, mit
-einer außerordentlichen Würde in der ganzen Gestalt, aber es schien mir,
-daß ich auf ihren Lippen ein Lächeln bemerkte -- halb spöttisch, halb
-wehmütig ...
-
--- Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich.
-
-Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten Augen.
-
--- Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen.
-
-Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns.
-
-Das war mir zu viel.
-
--- Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich werde nicht
-bleiben, denn ...
-
-Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Wie konnte ich ihnen
-erklären, daß ich gehe, um die Erde zu sehen, den mächtigen und hellen
-Stern, nach dem ich mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem
-wahnsinnigen Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen bin?
-... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte auf die Versammelten
-und bemerkte, daß diese Zwerge weinten! Sie weinten bei dem Gedanken,
-daß ich sie verlassen würde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht,
-aber in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag die Demut
-eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach als alle Worte. Sie
-dauerten mich unbeschreiblich.
-
--- Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher Stimme, aber noch
-nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen!
-
-Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, das sich ihren Kehlen
-entrang ...
-
--- Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich hinzu, von einem
-plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise, dort nach Norden, wo der
-schönste Stern leuchtet, von dem ihr von mir und von Ada gehört habt,
-dann werde ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und später
-euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen könnt.
-
--- Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig! antworteten mir
-zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur nicht von uns auf diesen Stern,
-von dem du sprichst!
-
--- Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich, aber leider bin
-ich nur ein Mensch, so wie ihr.
-
-In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. Sie schauten sich
-untereinander an, und es schien mir, daß ich auf ihren breiten Lippen
-etwas bemerkte, das einem schnellen Lächeln des Einverständnisses glich
-und sagen wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, daß
-der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen Grunde nicht will, daß
-wir wissen sollen, daß er ... der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte
-mich der Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. Vor dem
-Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster, wie sich alle um Ada
-scharten, die lebhaft etwas erzählte, wahrscheinlich von mir und meiner
-Übernatürlichkeit.
-
-Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, und das
-Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen Häusern zerstreut, die sich
-in langer Reihe an den steinigen, nach Südwesten laufenden Ufern der
-warmen Teiche erheben. In einigen Stunden werden sie sich zu einem
-langen Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom Alten
-Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der Erde, dem mächtigen,
-seltsamen und unbekannten Stern, den sie nur aus den Erzählungen kennen
-...
-
- * * * * *
-
-In einigen Stunden werde ich das einzige wachende Wesen auf dem Monde
-sein.
-
-Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das Fenster, wie sich
-vor dem Hause Jans seine Söhne zu schaffen machen; nicht weit davon
-beenden die Frauen in aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald
-hereinbrechenden Nacht.
-
-Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger unter diesem
-Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein Überlegen mehr, denn ich habe
-ihnen versprochen, daß ich noch bleibe.
-
-Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes Herz -- lange wird
-es nicht mehr schlagen müssen. Noch einige Tage, einige Mondtage
-höchstens, und dann ziehe ich gen Norden, zum Polarland, um dort das
-Leben zu beenden, -- den Blick auf die geliebte Erde gerichtet.
-
-Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, ich weiß es, und
-mich begleiten wollen. Und so werde ich einige von ihnen mitnehmen auf
-diesen letzten Weg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern
-zurückkehren -- ohne mich.
-
-Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid, daß ich
-nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier zu bleiben. Der
-Gedanke ängstigt mich, es könne mir in kurzer Zeit vielleicht schon an
-Kraft und Leben fehlen, die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor
-Augen habe, anzutreten.
-
-Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich wundere mich manchmal
-selbst über die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich
-nähere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich
-jeder Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit zu
-untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht.
-
-Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich lächerliche und
-entsetzenerregende Überlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist,
-daß ich niemals sterben werde.
-
-Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur
-des Menschen an ihr Widersprechendes gewöhnen, die Seele niemals! Mein
-Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie
-wachsen unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte.
-
-Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heißen
-Glücksgefühl daran, daß ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde.
-Das Herz schlägt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling
-wäre, der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über alles
-geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Träumen zu sprechen
-gewagt hat.
-
-Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar;
-ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr ausbreiten und sie durch die
-undurchdringlichen Himmelsräume rufen, sie wird weder meine Stimme hören
-noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.
-
-Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand
-seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dünkt mich, daß ich an diesen
-entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem
-langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich
-in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. Und so an
-diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, daß mir der Boden unter
-den Füßen fremd ist und immer fremd bleiben wird.
-
-Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde
-ist für mich nur noch ein Stern, den ich über alles liebe. Wenn es
-Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden
-Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in
-der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten
-Qualen, wie auch ich sie erdulden muß.
-
-Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, von mir so
-bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem
-Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glücklicher ist als ich.
-
-Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um
-ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, lächeln einander zu und
-sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natürliche Recht des
-Ältesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für
-allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger
-Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen.
-Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan noch ein kleiner Knabe war, habe ich
-diese Abendversammlungen gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder
-andere zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde erzählt und
-von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am
-Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum
-verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner
-Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch
-phantastische Legenden entstellen und verwirren?
-
-Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran?
-Ist es ihre Schuld, daß sie alles, was sie hören, auf sich beziehen,
-unfähig, sich in Gedanken über diesen Landstreifen zu erheben, den sie
-bewohnen? Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der
-Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab sie auf der
-Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer
-Götzenanbetung auf mich richten? Daß Menschen eine andere Welt bewohnen
-können, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen
-leuchten, halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil ich es
-gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist.
-
-Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und
-erst dann meine Bemühungen aufgegeben, als ich mich von der gänzlichen
-Unmöglichkeit überzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe
-machen, und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare
-Verantwortung für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir
-anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer
-Weise glücklich, und ich gräme mich ihretwegen und vergrößere durch eine
-quälende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...
-
-
-
-
- V.
-
-
-Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese
-Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu
-notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe
-endlich zum Polarland!
-
-Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage.
-
- * * * * *
-
-Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner
-gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial
-versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland
-genügen werden -- länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich
-bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand
-eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird.
-
-Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum
-Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng
-verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt,
-daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr
-bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und
-ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in
-Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit
-seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen
-und Lebensbedürfnissen hängt.
-
-Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch
-jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der
-Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt
-bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean
-fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der
-Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer.
-Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen
-Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie
-in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten
-mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte.
-
-Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen,
-mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt.
-Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu
-verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr
-ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit
-benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie
-bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor
-unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und
-verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene
-Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf
-der nördlichen Halbkugel zu gelangen.
-
-Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals
-zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas
-nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie
-heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.
-
-Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer, weshalb sie
-nach Norden gegangen wären. Sie antwortete, daß sie sehen wollten, was
-dort sei ... Darüber hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben.
-
-Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen
-und sind tüchtig, wie sie es bewiesen haben.
-
- * * * * *
-
-Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen
-Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich
-den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen.
-
-So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch weiß,
-daß ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren.
-
-Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten
-Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ...
-
-Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht.
-Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich
-auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hügel
-mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im
-weiten Lande sterben werde.
-
-Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir
-Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie
-wissen, daß es so sein muß. Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich
-zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.
-
-Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals
-heimkehren. Aber ich will nicht mehr länger warten. Übrigens sind alle
-meiner Abreise wegen so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie
-denken.
-
-Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt und hinzugefügt:
-
--- Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind aufgebrochen, ohne
-den Alten Menschen um Rat zu fragen.
-
-Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.
-
--- Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie
-und drängten sich weinend um mich.
-
-Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. Eine seltsame
-Entdeckung -- in diesem letzten Augenblick ...
-
-Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, aufzubrechen!
-
- * * * * *
-
- Unterwegs auf der See-Ebene.
-
-Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß nun das
-Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im
-Polarland -- unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus -- und dann
--- der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel
-leuchtenden Heimat.
-
-Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes Leben und diese
-Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen habe; alles das zerrinnt
-in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch
-das flammende Rund der Erde glänzt.
-
-Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell wie möglich
-sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und
-der Schlaf will sich nicht auf meine Lider senken. Ich versuche durch
-Schreiben die langen Stunden zu verkürzen.
-
-Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten
-Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und
-wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurück, das schon so weit
-hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und
-Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ...
-
-Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Kräfte
-anspannen muß, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde!
-
-Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch muß ich
-zugeben, daß mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden.
-Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der
-Gewohnheit! Man kann sich, scheint's, selbst an die Gitter des
-Gefängnisses gewöhnen ...
-
-Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz
-niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die
-ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster
-und traurig und warteten. Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren
-alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.
-
-Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume gleiten, in denen ich
-fünfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, daß man diese
-Wohnstätte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt,
-steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben ist und was
-ich einst gebraucht hatte, eigenhändig in Brand und ging hinaus zu den
-mich Erwartenden. Eine helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und
-Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen.
-
-Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter kurzer Schrei. Sie
-schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rührte
-sich, um das Feuer zu löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und
-alle schwiegen.
-
--- Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu
-sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers
-unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte
-ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte.
-Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren werde, ihr aber,
-wenn ihr wollt, könnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe.
-
-Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des
-Daches und auf mich; ich sah, daß einigen von ihnen Tränen über die
-Wangen liefen.
-
-Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine drückende Last
-sich auf meine Brust wälzte.
-
--- Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit
-Mühe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und
-von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr
-Menschen seid, denkt daran!
-
-Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung
-fortfahren:
-
--- Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich lasse euch das
-Buch zurück, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe,
-das von der Erschaffung der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des
-Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört.
-
-Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose Dinge redete.
-
-Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach:
-
--- Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, daß der Mann
-die Frau schlägt?
-
-Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick umringten mich
-Frauen und Männer und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen:
-
--- Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder den
-jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist?
-
--- Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Hütte zu
-treiben, die sie einst selbst erbaut haben?
-
--- Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke spricht: »Das sind
-meine Felder!« und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen.
-
--- Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau nimmt?
-
--- Daß er die Handwerkszeuge beschädigt?
-
--- Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt?
-
--- Daß er zum eigenen Vorteil lügt?
-
--- Sage, ob das recht ist!
-
--- Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bücher haben
-gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es
-täglich in unserer Mitte!
-
-Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. Dieses Volk
-verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung
-schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond
-verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde
-hierhergekommen!
-
--- Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen
-derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe?
-
--- Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.
-
-Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich
-fortgehe?
-
-Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne zu wissen, was ich
-erwidern sollte.
-
-Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hören und
-ein dumpfes, entferntes Dröhnen des Vulkans.
-
-Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fühlten scheinbar
-dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, daß meine Abfahrt das
-unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen würde.
-
--- Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. Lebt indessen
-in Frieden und menschlich, murmelte ich und wußte gar wohl, daß ich
-ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst.
-
--- Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort
-gesprochen hatte.
-
-Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie mit erhobener Stimme
-hinzu:
-
--- Der Alte Mensch verläßt euch!
-
-Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie
-mit einem Schauer überlief.
-
--- Es muß so sein! sagte ich dumpf.
-
-Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei
-ihrer Neffen gen Norden ...
-
- * * * * *
-
-Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute
-aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Höhe steigend, sondern
-schleppte sich am Horizont, gerötet kaum einige Fuß über der bläulichen
-Linie der Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns dem Ziel
-unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich
-unterscheide schon mit bloßem Auge die höchsten, ewig von der Sonne
-beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde
-bildet.
-
-Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ...
-
-Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die
-Sonne auf dieser Halbkugel untergehen müßte, werden wir schon auf dem
-Pol sein, im Land der ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig
-Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen Meridiane
-ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Füßen hat.
-
-Und dort -- werde ich die Erde sehen!
-
- * * * * *
-
- Im Polarlande.
-
-Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den
-Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der große
-Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen,
-die die Grenzmauer der Polarmulde bildet.
-
-Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die Augen nach der
-Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und
-als ich sie plötzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis
-ins Innerste der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter
-ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien
-erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit
-ausgestreckten Händen, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah
-ich auf meine Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden
-Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblößten
-Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zügen, die
-starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die
-Arme zu dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, bis sie
-sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte:
-
--- Von dort ist _er_ gekommen, sagte sie mit gedämpfter Stimme, als wenn
-sie nicht wollte, daß ich es höre, und dorthin wird er zurückkehren,
-wenn die Zeit erfüllt ist. Werft euch zu Boden.
-
-Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre
-Väter einst gelebt haben ...
-
-Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu
-nähern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rührung
-zitternder Stimme die Erscheinung zu erklären, die sie vor sich hatten.
-Sie drängten sich um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn
-sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick über ihre
-Köpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen
-würde!
-
-Ach, wenn ich es könnte!
-
-Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, beschäftigte
-mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß ich unwillkürlich
-verstummte, auf die Erde starrte und nur noch fühlte, daß ich diesen
-Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte.
-
-Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher
-zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen und, auf die Erde
-zeigend, flüsterten:
-
--- Sieh, sieh, _er_ ist von dort gekommen.
-
--- Damals, als es hier noch niemanden gab ...
-
--- Ja ... _Er_ hat den Großvater Peter hierhergebracht und seine Frau
-Martha ... Und einen, der der Vater unseres Großvaters war, hat er auf
-der Wüste tot zurückgelassen ... so lehrt Ada.
-
--- Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von
-Adam, das ist sozusagen Peter, und von ...
-
--- Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er
-ebenfalls von dort mitgebracht.
-
--- Ja, alles hat _er_ geschaffen; für die ersten Menschen hat _er_ hier
-Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...
-
-Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, schnell um und die
-halblaut geführte Unterhaltung verstummte sofort.
-
-Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder ein, wie
-vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen deshalb nur, daß sie das Zelt
-aufschlagen möchten, da wir hier längere Zeit bleiben würden. Und
-seitdem fließen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den
-rosagefärbten Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint es,
-langsam, für mich aber viel zu schnell dahin!
-
-So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und Schmerz mich bei dem
-Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, dorthin zu den Warmen
-Teichen. Hier verweilend habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im
-letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, daß von
-hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur
-Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wüste
-hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so
-lange gelebt habe.
-
-Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr
-dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier
-hat sie mir gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen
-haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier
-wandelte sie mit mir auf den grünen üppigen Wiesen oder kletterte auf
-die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort
-schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst
-gedemütigt und von Schmerz zerrissen.
-
-Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen
-sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Füßen,
-und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der
-Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was
-unwiederbringlich dahin ist ...
-
-Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du
-das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die
-Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern -- was
-willst du noch?
-
- * * * * *
-
-O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor
-meinen Augen leuchtet!
-
-O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und über alles teuren Brüder!
-
-O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte über den
-Wüsten!
-
-Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter
-Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, o herrlichste Blume, duftender
-Weihrauch! Wie Vogelstimmen tönende Harfe!
-
-O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!
-
-Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Tränen
-mehr, dich zu beweinen, Stern, über Wüsten leuchtend! Welt, über alle
-anderen der glühendsten Liebe wert!
-
-Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der
-unglücklichste deiner Söhne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner
-goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel!
-
-Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest,
-und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterschoß:
-
-Erde!
-
-Vergib, daß ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach
-Erkenntnis, die du selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt.
-Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du vor Zeiten
-von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte und deine Meere
-einwiege!
-
-Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute
-gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die
-seine Augen erfreuen, und Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte,
-und Brüder, daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene,
-grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende Sohn und der Kinder
-schlechtestes auf deinem breiten Schoße:
-
-Erde!
-
-Vergiß mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des
-ersehnten Todes umhüllt! ...
-
-Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich
-mit deinem gesegneten Lichte!
-
-Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen
-Gipfeln und grünen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blättern der
-Bäume, von blühenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet,
-von Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, von menschlichen
-Zügen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende
-von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wüste zu mir eilend, und
-ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner
-Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste Farbe und des
-menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten
-Augen spiegelt!
-
-O Erde, meine Erde!
-
-Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, endlich auf
-diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt
-hier gespannt sind, zu deinem Mutterschoß zurückgelangen und in
-balsamischen Lüften alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach
-er sich so grenzenlos sehnt!
-
-O Erde!
-
-
-
-
- VI.
-
-
-Ich habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. Dieser Gedanke
-umkreist mich beständig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen
-Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und
-die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fühlte ich
-so wie jetzt, daß der Tod nahe ist.
-
-Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber -- was
-erstaunlicher ist -- auch ohne Freude, die doch die endlich nahende
-Erlösung in mir erwecken müßte ...
-
-Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, etwas ungemein
-Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann.
-Und das bedrückt mich, und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit
-Freuden begrüße -- den Tod-Erlöser!
-
-Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls
-im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so maßlos danach, zu
-euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ...
-
-Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ...
-
- * * * * *
-
-Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die
-Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die
-ganze Polarmulde überflutete.
-
-Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie
-gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die
-Erde oder die Wüste zu blicken, die hier schon an der Grenze des
-Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen
-möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach
-ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten
-Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten
-Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn
-man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein
-heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem
-Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie
-blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen
-wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als
-ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort
-von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging.
-Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich
-vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier
-schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des
-Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich
-von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt
-waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.
-
-Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich,
-diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und
-von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich
-wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk
-vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der
-Sterne ... Und die rotglühende Sonne liegt schon in meinem Rücken und
-nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und
-Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell
-erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ...
-
-Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick
-der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden
-hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über
-Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her
-verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie
-ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen
-Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der
-Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen
-schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so
-unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit
-zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich
-wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel -- dort oben
-auf dem Gipfel des Mondberges.
-
-Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, daß Ada zu
-meinen Füßen kniete und helle Tränen über ihr Gesicht herabflossen.
-
--- Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.
-
-Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie und weinte
-herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen
-Worte heraus:
-
--- Du bist unglücklich, Alter Mensch.
-
--- Und deshalb weinst du?
-
-Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen und starrte auf
-die goldene Scheibe der Erde.
-
-Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen.
-
-Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem eigenartig
-durchdringenden Blick in die Augen.
-
--- Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich, sogar du, sagte
-sie. Weshalb bist du hergekommen? Weshalb von diesem Sterne ...
-
-Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort:
-
--- Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht?
-
--- Ich weiß es nicht.
-
-Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht, warum ich nicht
-sterbe ...
-
-Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn ich mußte an jenes
-furchtbare Mondmärchen denken, daß ich niemals sterben würde.
-
-Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend:
-
--- Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist du unglücklich.
-
--- Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich.
-
-Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich an einer Biegung
-das Zelt Jans und der Kameraden, das an derselben Stelle aufgeschlagen
-war, an der einst unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir
-vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom an der Brust,
-erwarte und Peter, wie gewöhnlich in Nachdenken versunken, aber noch
-jung und nicht gebrochen wie dort am Strand des Meeres.
-
-Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick der Zwerge, die
-sich um das Zelt zu schaffen machten, grausam zerstört.
-
-Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. Ada bemerkte
-es.
-
--- Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? fragte sie.
-
-Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich nach der Erde um
-und schritt ins Tal hinab: nur noch ein kleines Segment von ihr war am
-Horizont sichtbar.
-
-Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend die Hände
-zusammen:
-
--- Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch.
-
-Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen wollte.
-
--- Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann? sagte ich.
-
--- Du kannst alles, was du willst, antwortete sie -- aber ... wolle
-nicht!
-
-Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt war, legte ich
-mich nieder, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Vor allem ließ mich
-einige Stunden hindurch das Flüstern meiner Begleiter hinter der
-Zeltwand keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie nach mir
-aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen und getan hätte ... Ihr
-Geschwätz peinigte mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte
-mir von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste und von der
-Erde! ... Von der Erde ...
-
-Ach, wie mich diese Träume quälen ...
-
- * * * * *
-
-Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir hierhergekommen
-sind, ermüden mich unsagbar. Es scheint mir, daß sie unaufhörlich
-zwischen mir und der Erde stehen und einen Schatten auf meine Seele
-werfen ...
-
-Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie haben es sich
-bequem gemacht auf der Ebene, richten sich ein, tragen Vorräte zusammen,
-als wenn sie sich dauernd hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa
-der Täuschung hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, mich zur
-Umkehr zu bewegen?
-
-Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im Spiele hat? Immer mehr
-staune ich über diese Frau. Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob
-ich es wirklich mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen
-mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist es etwa nicht
-wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich die Verständigste von all
-den hier Geborenen ist?
-
-Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch ein Mensch aus einer
-anderen Welt, der fertig ist mit dem Leben und so müde, so furchtbar
-müde durch das, was dieses Leben ihm brachte.
-
-Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen und mich allein
-lassen wollten!
-
-O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir ist, ohne dich zu leben,
-und wie gerne ich sterben möchte! Morgen, heute, sofort ...
-
- * * * * *
-
-Welch eine Lästerung habe ich niedergeschrieben! Noch gestern wollte ich
-sterben, und heute will ich leben, muß ich leben, noch einige Mondtage,
-dann mag geschehen, was will! Es saust mir im Kopfe, und ein
-unaussprechlich wonniges Gefühl will mir die Brust zersprengen. So ist
-es, so ist es! Ich muß es erfüllen, ich muß!
-
-Gott, wie danke ich dir, daß ich unseren alten Wagen mit mir habe und
-genügende Vorräte. Und es ist so einfach! Wie sonderbar, daß ich nicht
-früher daran gedacht habe!
-
-O Erde! O meine Brüder! Ich bin doch nicht so verlassen und von euch
-abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem glaubte; ich habe ein Mittel,
-euch Nachrichten von mir zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben
-bezahlen werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe!
-
-Ich werde auf der Wüste sterben, im vollen Glanz meines geliebten
-Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ...
-
- * * * * *
-
-Ach, daß ich sie finden möchte! An sie denke ich jetzt nur, von ihr
-träume ich, und wahrhaftig, ich weiß nicht, ob ich jemals im Leben den
-Anblick des geliebten Weibes so heiß begehrt habe, wie ich heute
-begehre, sie wiederzufinden -- diese Kanone, die wir vor fünfzig Jahren
-am Grabe O'Tamors zurückgelassen haben! ...
-
-Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf fuhr, überkam mich
-ein wahrer Freudentaumel; er erschien mir wie eine Offenbarung, die mir
-das Mittel zur Verständigung mit meinen Brüdern auf der Erde zeigte.
-
-Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe nicht ein
-einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort, auf dem _Sinus Aestuum_,
-inmitten der Steinwüste, am Grabe O'Tamors, eine Kanone steht, die genau
-auf die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den Funken
-wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den Weltenraum, der Erde
-entgegenzuschleudern.
-
-So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen und diese Kanone suchen;
-ich werde die Leiche des greisen O'Tamor in dem felsigen Grabe
-auffinden. O'Tamor, der diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die
-leeren Augenhöhlen der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von dieser
-Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu erschöpft, und vor
-allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren könnte. Der Tod hat mich
-verschmäht, er wollte nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm
-entgegengehen, in dieses furchtbare Land, das sein Königreich sein muß.
-
-Und ich werde dort ruhen, neben O'Tamor und der abgeschossenen Kanone,
-auf Felsen gebettet unter dem Rund der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es
-doch bald wäre -- so bald wie möglich!
-
-Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert! Vorher werde ich dieses
-Tagebuch zusammenfalten, dieses Buch des Schmerzes, das ich den
-künftigen Mondvölkern hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust
-pressen und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer
-Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich träume davon mit
-klopfenden Schläfen, wie dort auf der Erde jemand diese Stahlkugel
-findet, -- nach Wochen vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten.
-Und nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt ...
-
-Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen, was ich im
-unaufhörlichen Denken an euch und an unsere gemeinsame Mutter, die Erde,
-geschrieben habe. Ihr kennt sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht
-der Blüten und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch
-vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen Zeiten
-über dem Reich der Stille und des Todes leuchtet!
-
-Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter ist, wenn man sie
-durch die Abgründe der Himmel erschaut, und wie ich mich nach ihr sehne
-und nach euch -- und diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl
-er mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt!
-
- * * * * *
-
-Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste und zum drittenmal
-verblaßte die Erde seit der Zeit, da wir nach langer, mühseliger Fahrt
-im Polarland anlangten, als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf
-den Hügeln überraschte, zu mir trat und sprach:
-
--- Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren!
-
-Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in meinen Gedanken so mit
-der Erde beschäftigt, daß ich den Sinn zuerst nicht verstand, sondern
-glaubte, er rufe mich zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ...
-
-Aber er sagte weiter:
-
--- Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist Zeit, an das Meer zu den
-warmen Teichen zurückzukehren, zu unseren Behausungen und Feldern, Alter
-Mensch.
-
-Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage, aber trotzdem las ich
-in seinen Zügen einen unerschütterlichen Entschluß. Und plötzlich
-überkam mich eine unsägliche Trauer: Diese Menschen sind mit mir
-hierhergekommen und denken jetzt an die Rückkehr, an ihre Familien, an
-die Heimat, nach der sie sich sehnen und die sie bald wiedersehen werden
--- und ich? ... Mein Haus, meine Familie und meine Heimat dort -- am
-Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurückkehren, obwohl an mir sicherlich
-eine hundertmal heißere Sehnsucht nagt nach ihr, die ich auf ewig
-verloren habe, als an diesen Leuten nach einem Stückchen Mond, am
-Strande des Mondmeeres! Eifersucht bemächtigte sich meiner.
-
--- Kehrt zurück! sagte ich trocken.
-
--- Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen zu mir aufblickend.
-
--- Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich euch mit mir nahm,
-gesagt, daß ich gehe, um niemals wiederzukehren.
-
--- Ja, flüsterte Jan, aber ich dachte, daß mit der Zeit vielleicht doch
-... Hier ist es nicht gut für Menschen ...
-
--- Kehrt also zurück. Ich bleibe.
-
-Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt, als wenn er von
-einem Wurf in den Nacken getroffen wäre und entfernte sich eiligst. Zu
-Ada, dachte ich mir, um Rat zu holen.
-
-Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile kam die
-»Mondpriesterin«. Ich war auf eine lächerliche Szene mit Bitten,
-Beschwörungen und Weinen vorbereitet, wie sie sich vor Aufbruch zu der
-Fahrt hierher abgespielt hatte, und daher sehr verwundert, als Ada
-allein und still kam, weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur
-sagte:
-
--- Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter Mensch?
-
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
-
--- Aber du wirst doch nicht _dorthin_ gehen?
-
-Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf die Erde und die
-unter ihr liegende Mondwüste.
-
-Unwillkürlich folgte ich ihren Blicken, und da war es, als zum erstenmal
-der Gedanke in mir auftauchte, daß ich mich dorthin begeben könnte, auf
-die Wüste, die ich vor fünfzig Jahren mit meinen Kameraden zurückgelegt
-hatte, um mich wenigstens für kurze Zeit, ehe ich sterbe, der Erde näher
-zu fühlen, sie direkt über mir zu haben. Heute erfüllt mich dieser
-Gedanke ganz und gar; er begleitet mich im Wachen und im Schlafe und ich
-kann mich nicht eine Minute von ihm losreißen. Aber damals war es kaum
-ein erstes Aufblitzen, das ich zunächst in mir erstickte, denn ich
-glaubte, daß es etwas Unmögliches sei; als wenn der Tod an der Grenze
-der Möglichkeit stünde und es unmöglich wäre, etwas zu kaufen, was man
-mit dem Leben bezahlen muß.
-
--- Dorthin wirst du also nicht zurückkehren, wiederholte die Priesterin.
-
-Ich zögerte.
-
--- Nein. Noch nicht.
-
--- So ... könntest du vielleicht doch noch mit diesen Armen am Meere
-wohnen? Sie möchten dich so gern in ihrer Mitte haben.
-
--- Nein! antwortete ich hart, da ich sah, daß ich wieder mit Bitten
-bestürmt werden sollte. Ich will hierbleiben.
-
--- Wie es dir gefällt, Alter Mensch. Sie werden sehr traurig sein, aber
-... wie es dir gefällt, so wirst du tun. Wenn sie allein zurückkehren,
-werden diejenigen, die zu Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der
-Alte Mensch, auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie aber
-werden die Köpfe sinken lassen und antworten: Er hat uns verlassen. Aber
-wie es dir gefällt. Schließlich wissen sie, daß du ein Gast unter ihnen
-bist und die Zeit kommen wird, da sie sich allein regieren müssen.
-
--- Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich. Sogar Jan
-gehorcht dir und achtet deinen Willen.
-
--- Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben.
-
-Ich sah sie erstaunt an; sie zögerte, dann glitt sie langsam zu meinen
-Füßen nieder:
-
--- Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch.
-
--- Sprich.
-
--- Jage mich nicht fort!
-
--- Wie?
-
--- Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu bleiben.
-
--- Bei mir, hier im Polarland?
-
--- Ja, bei dir im Polarland.
-
--- Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind diejenigen, die dir nahe
-stehen, dort am Meeresstrande.
-
--- Ich weiß, du stehst mir nicht nah, denn du bist von einem fernen
-Stern gekommen; ich weiß es, aber erlaube mir dennoch ...
-
-Ich dachte über diese seltsame Bitte nach.
-
--- Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich zum zweitenmal.
-
-Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber fester Stimme:
-
--- Ich liebe dich, Alter Mensch.
-
-Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter:
-
--- Ich weiß es, daß es eine strafwürdige Kühnheit ist, wenn ich zu dir
-sage, daß ich dich liebe, aber ich kann das, was ich fühle, nicht anders
-bezeichnen. Meiner Eltern erinnere ich mich kaum mehr. Ich weiß nur
-noch, daß sie unglücklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner
-Kindheit, und ich sehe in dir alles Große, Lichte, Mächtige, etwas, das
-ich nicht kenne, aber ich weiß, daß es von den Sternen mit dir
-hierhergekommen ist.
-
-Sie verstummte. Und als ich noch in höchstem Staunen ihre sonderbaren
-Worte an meiner Seele vorüberziehen ließ, begann sie von neuem:
-
--- Und dabei warst auch du unglücklich und so einsam, einsam das ganze
-Leben hindurch, einsam wie ich. Ich weiß nicht, weshalb du von dem dort
-leuchtenden Stern auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ...
-Ich weiß, daß du alles tust, was du willst, -- du genügst dir und
-bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen und bis zum Ende mit dir
-zusammen sein. Jage mich nicht fort! Du Großer, du Guter und Kluger!
-
-Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen Füßen und
-verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien.
-
--- Und wenn du dann fortgehen willst, zurückkehren zu deiner am Himmel
-strahlenden Heimat, sagte sie nach einer Weile des Schweigens, so werde
-ich dich bis an die Grenze dieser großen, toten Wüste begleiten und von
-dir Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen, bis du meinen
-Augen entschwunden sein wirst und dann zu den Menschen am Meeresstrande
-zurückkehren und ihnen nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich
-sterben.
-
-Während sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flüsternd und
-träumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen hatte, waren die
-Mondzwerge nahe herangeschlichen und lauschten ihren Worten mit
-angehaltenem Atem. Und plötzlich hörte ich Jan leise sagen:
-
--- Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die Erde!
-
-Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes Weinen. Und
-sonderbar! Für gewöhnlich regte mich das Weinen dieser Antropomorphen
-auf und reizte mich, jetzt aber, ich weiß nicht, ob durch die
-unerwarteten Worte Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele
-erschüttert hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte
-Reise auf die Wüste hinaus -- im Angesicht der leuchtenden Erde, --
-genug, es überkam mich eine große Trauer, ein herzzerreißendes Mitleid.
-
-Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch meinen Blick
-ermutigt, kam einige Schritte näher und sagte, mir in die Augen
-schauend:
-
--- Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet man dich dort? Hast du
-deine Ankunft schon angekündigt? Müssen wir allein bleiben? In diesem
-Augenblick war es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke:
-Das Geschütz!
-
-Ja, das Geschütz, am Grabe O'Tamors, dort in der Wüste!
-
-Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drückte beide Hände aufs Herz,
-das mir die Brust zu sprengen drohte. Ich starrte in das kleine Segment
-der Erdscheibe, das noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne
-jagte und drängte es sich im wilden Durcheinander: Reise, Wüste, Kanone,
-der Schuß, meine Erdenbrüder, dieses Tagebuch ... und dann ein grauer
-Nebel, in dem alles zusammenschmolz. Ich fühlte, das ist der Tod!
-
-Ich vergaß, wo ich war, was um mich her vorging. Sie blickten stumm in
-höchstem Staunen auf mich, aber ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum
-erreichte mich nur noch die Stimme Adas:
-
--- Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde. Bald wird er uns
-verlassen.
-
-Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich allein.
-
-Ich verstand, daß das eine Offenbarung war, daß ich in die Wüste gehen,
-das Geschütz finden, die letzte Kunde und den letzten Gruß auf die Erde
-senden und dann -- sterben muß.
-
-Eine Weile später teilte ich Ada und Jan meinen Entschluß mit; sie
-nahmen ihn mit traurig gesenkten Köpfen auf, aber ohne ein Wort des
-Widerspruchs, als wenn sie darauf vorbereitet waren.
-
-Von ihrer Rückkehr an die Warmen Teiche ist keine Rede mehr. Sie wollen
-hierbleiben bis zum Augenblick meiner Abreise.
-
-Gegenwärtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende, habe ich die Sonne
-zur Rechten; bevor sie mit dem halben Rund emporsteigt, den Tag auf die
-öde Halbkugel tragend und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen.
-
- * * * * *
-
-Meine Mondtragödie ist somit zu Ende! Ich bin hier, wo ich auf diesem
-Globus die ersten Wiesen, das erste frische, lebendige Grün erblickte.
-Damals lag die Fahrt durch die todbringende Wüste hinter mir, jetzt will
-ich aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten.
-
-Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse mein verflossenes
-Leben an mir vorüberziehen, und es dünkt mich, daß es Zeit ist, mit dem
-Gewissen abzurechnen. Ich möchte mich, wie es die Menschen auf der Erde
-tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Sünden beichten, und seltsam,
-auf meine Lippen drängt sich nur mein Unglück. Sollte beides ein und
-dasselbe sein?
-
-Du also, _Herr_, der Du die Stimme des elendesten Wurmes hörst, wie das
-Getöse der Welten, die durch den Weltenraum dahinsausen, der Du mich
-hier auf dem Monde siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast,
-nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, daß ich sündig war --
-und unglücklich!
-
-Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng, die Du für mich
-geschaffen hast, und ich flog auf Flügeln der Sehnsucht mit all meinen
-Gedanken zu diesen am Firmamente glänzenden Welten und entzog mich den
-Liebkosungen der Mutter, um von den Wundern zu träumen, die Du
-geschaffen hast -- _nicht_ für mich! Ich war sündig, _Herr_, -- und
-unglücklich ...
-
-Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang, die Du den
-Menschen zu erringen erlaubst, schrie meine Seele in mir: Zu wenig! Und
-ich träumte davon, das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier
-aufzuheben, die Deine Hand herabgelassen hat. Sündig war ich und
-unglücklich ...
-
-Und kaum war ich ein Mann, erfaßte mich die Begierde, den Weltenraum zu
-durchfliegen, als wenn ich, auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von
-den Unendlichkeiten des Weltalls umgeben wäre und nicht über Abgründen
-schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und verließ leichten Herzens
-die nährende Mutter, von dem silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz
-des Mondes verführt ... Sündig war ich, _Herr_, und ich bin unglücklich.
-
-Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde und war so
-erbärmlich, um ein wenig Luft, die ich für die Erhaltung des Lebens
-benötigte, mit ihnen zu kämpfen, oder um die Frau, die keinem von uns
-gehörte, die wir verlangend die Hände nach ihr ausstreckten. Und als ich
-Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt, Schuld
-getragen, habe ich nichts getan, um sie davon zu befreien. Sündig war
-ich und unglücklich ...
-
-Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die mich mein eigener
-Wille verschlagen, und als mir das junge menschliche Geschlecht
-anvertraut ward, konnte ich in ihm den Geist nicht erwecken noch seine
-Augen zum Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich nur
-Verachtung für die Unglücklichen und habe es geduldet, daß sie mich
-verehrten, während nur _Dir_ allein die Ehre gebührt ... Ich war sündig,
-_Herr_, und unglücklich ...
-
-Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht erschöpft, verlasse
-ich diese Armen, deren Schicksal meinem Schutz und meiner Führung
-übergeben war und gehe der letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im
-Angesicht der Erde! Ich bin sündig, _Herr_, und unglücklich!
-
-Mein Leben ist in zwei große Teile zerfallen: Der eine heißt Verlangen
-nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht nach dem Verlorenen; und
-beide waren traurig, ach, so unendlich traurig ...
-
-Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen, denn ich
-bin kaum einen elenden Schritt vorwärtsgekommen im Weltall, und ich
-kenne nicht einmal die Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich
-befinde. Vergeblich habe ich alles geopfert, vergebens die Räume der
-Himmel durchflogen, eine Wüste durchwandert, die furchtbarer ist als
-irgendeine auf der Erde, vergebens fünfzig Jahre auf diesem Globus
-gelebt. Die Rätsel, die mich umgeben, sind heute so ungelöst wie vor
-einem halben Jahrhundert.
-
-Wonach ich mich auch sehne, ich weiß, daß ich es niemals erreichen
-werde.
-
-Und das ist mein ganzes Leben!
-
-Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, daß es ende ...
-
-Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wüste, auf die ich früh den Wagen
-lenken werde, um allein zu sein bis zum Tode ...
-
-Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe, werden hierbleiben
-... Sie werden auf den Berg steigen und mir noch lange nachsehen, mir
-und dem schwarzen Wagen, der in der anbrechenden Morgenröte
-verschwindet; und dann werden sie zu ihrem Volke zurückkehren und sagen:
-Der Alte Mensch ist von uns gegangen ...
-
-Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird hier dereinst eine
-Legende entstehen, sowie aus unserer Ankunft auf dieser Welt!
-
-Sündig bin ich ...
-
-Es nähert sich die Zeit der Abreise ...
-
-
-
-
- VII.
-
-
- Auf Mare Frigoris.
-
-Ich bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt mich
-diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, daß ich schon gestorben bin
-und in diesem Wagen dahinfahre, wie in dem Boote Charons, zu unbekannten
-Ländern.
-
-Und ich kenne doch diese Wüste und sah diese Berge, die sich dort am
-Horizont malen. Ich bin schon einmal hier gewesen, vor langen Jahren!
-Nur damals eilten wir zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel
-Kraft, bis zum Grabe O'Tamors zu dringen! Um nichts anderes bitte ich
-dich mehr.
-
-Ich habe dem Mondvölkchen versprochen, aus der Wüste zurückzukehren,
-wenn meine Kräfte reichen sollten und dann bis zum Ende meines Lebens
-bei ihnen zu bleiben; aber ich weiß, daß ich aus der Wüste nicht
-zurückkehren werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an den
-warmen Teichen notwendiger wäre als jemals.
-
-Wenn das wahr ist ...
-
-Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im Augenblick meiner
-Abreise.
-
-Hört es, Menschen auf der Erde:
-
-Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete mich von der
-kleinen Schar der Zurückbleibenden, als ich plötzlich am Eingang zu der
-Mulde zwei Menschen bemerkte. Im ersten Augenblick dachte ich, daß dies
-eine Täuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln. Zwei
-Zwerge näherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie ebenfalls und stieß
-einen Schrei aus:
-
--- Sie senden nach uns! Es muß etwas Schlimmes geschehen sein!
-
-Die Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Die beiden Abgesandten kamen
-vom Meere mit einer erschreckenden Nachricht.
-
-Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen Teiche waren die
-kühnen Abenteurer, die ich für verloren hielt, von der Expedition nach
-der südlichen Halbkugel zurückgekehrt. Aber nur zwei von ihnen, der
-dritte wird niemals wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beiden
-beschloß man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um mich zur
-Rückkehr ans Meer zu bewegen.
-
-Die zwei, die sie für diese Mission ausgewählt hatten, hielten sich bei
-ihrer Wanderung längs dem Lauf des Flusses, in der Richtung, wie sie den
-Weg aus Adas Erzählungen kannten; so gelangten sie auf die Höhe über der
-See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten zur Polarmulde.
-
-Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen zu und wollte
-endlich genau wissen, was sie zu dieser so ungewöhnlichen Reise bewogen
-hatte. Da begannen sie, von mir und Ada immer wieder befragt, sich
-gegenseitig unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen.
-
-Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr ich nur so viel,
-daß ihre drei Kameraden bei günstigem und überaus starken Winde im
-Schlitten, der mit Segeln versehen war, im Lauf der Nacht das
-zugefrorene Meer im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum
-gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel gelangten. Das
-war klar, aber das weitere nur mit Mühe aus ihren konfusen Reden
-herauszufinden. Und außerdem klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen,
-auf weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb Mensch und
-halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen Höhlen verkriechen. Diese
-Schlupfwinkel haben sie sich um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene,
-in Trümmer zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen
-entsetzlichen, raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge Kämpfe
-bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen der ihrigen, dank des
-Besitzes von Schußwaffen, siegreich hervorgingen. Den Heimweg legten sie
-in wilder Flucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig auf
-dem Eise.
-
--- Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler und zitterte bei
-der bloßen Erinnerung dessen, was er gehört hatte; klein, aber
-fürchterlich! Die Unseren mußten fliehen, da ihrer viele, viele waren!
-Sie haben Schnäbel statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar
-haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und die Leiche dann in
-eine jener Höhlen geschleppt, worin sie hausen. Das Land dort ist
-herrlich, aber diese Geschöpfe sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten
-erzählten uns davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten
-den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang es ihnen zu
-entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und seltsam ist das Land dort im
-Süden hinter dem Meere. Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind,
-und mächtige Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen. Und
-diese Bestien bewachen das alles und verneigen sich vor den Türmen, es
-scheint jedoch, daß sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie
-wohnen in Höhlen und sind entsetzlich anzusehen.
-
-Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere Einzelheiten über
-diese neu entdeckten Wesen hinter dem Mondmeer zu erfahren; sie konnten
-mir keine Antwort geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt
-der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! Der Wind war ihnen
-nicht günstig; infolgedessen gelang es ihnen nicht, in einer Nacht über
-das Meer zu kommen. Es war schon Morgen, und das Eis begann zu
-schmelzen, als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort
-verbrachten sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend, den
-ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht und die Kälte, um auf
-dem Eise die Weiterreise anzutreten. In der zweiten Nacht hat sie dann
-der Sturm weit nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll
-zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so daß sie, mit
-unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am Meeresstrande zu Fuß zurücklegen
-mußten, nachdem sie den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande
-überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land der warmen
-Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch sie verlassen hat.
-
--- Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige Erzählung
-zu Ende war.
-
--- Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide gleichzeitig; es
-geht uns schlecht und Unglück kommt über uns! Diese raubgierigen
-Ungeheuer werden jetzt, da sie von unserem Vorhandensein erfahren haben,
-unzweifelhaft über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns
-niederdrücken und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind viele, viel
-mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen!
-
-Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; ich fühlte ängstlich
-fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brüder auf mich gerichtet, nur
-Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im
-Innersten erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und tun
-sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles jener Wesen auf
-die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, daß hier auf
-diesem Globus Geschöpfe leben und, wie es scheint, sogar verständige,
-die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran,
-auf das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brüder
-auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, und hierzubleiben unter
-dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Völker kennen zu lernen, die hinter
-dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte,
-nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die
-Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schützen.
-
-Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich die Mondvölker,
-die von der Erde gekommenen und jene, die Überreste irgendeines alten
-Mondstammes, an, die wie Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte
-wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mögen
-sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich gegenseitig vernichten.
-Was kümmert es mich? Ich bin alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug
-leben werde, um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen.
-Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids willen
-vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und wer bürgt mir dafür,
-daß die Erzählung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht
-stehen dort gar keine zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte
-Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige
-Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu überzeugen,
-denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O'Tamors, im vollen Schein
-der Erde.
-
--- Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an
-euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg führt
-nach einer anderen Richtung als der eure.
-
--- Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte Ada, während ich
-schon den Fuß auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berührte noch
-einmal meine Knie:
-
--- Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders sein kann, versprich
-uns, daß du zu uns zurückkehren willst, wohin du auch zu fahren
-beabsichtigst! Wir werden dich erwarten, und der Gedanke an dich wird
-uns in den Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen!
-
-Ich zögerte.
-
--- Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht, werde ich
-zurückkehren!
-
-Ada wandte sich zu der kleinen Schar:
-
--- Er wird zurückkehren, aber dorthin!
-
-Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das kleine Segment der Erde,
-das über dem Horizont glänzte.
-
-Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, als ihre letzten
-Worte noch mein Ohr erreichten:
-
--- Und hierher wird _er_ wiederkehren erst nach Jahrhunderten, nach
-Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt ist ...
-
- Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen.
-
-Furchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr Brüder! Starres
-Entsetzen überkommt mich, wenn ich an die grenzenlose Einsamkeit denke,
-an die grauenhafte Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten.
-Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch flammende Höllen
-vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige Kälten. Und Leere ... Leere
-...
-
-Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten, hat mich dieses
-Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle Kluft in dem _Quertale_, in der
-ich ein Steckenbleiben des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste
-ich vom _Mare Frigoris_ aus den Ring des _Plato_ von Westen her und
-erreichte so die große Ebene, auf der ich bis zum Fuße des
-_Eratosthenes_ gelangen werde.
-
-Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen? Es wartet
-meiner wohl noch Schlimmeres.
-
-Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der Toten gesehen
-haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste dort; weder Felsen noch jene
-ruinenartigen Steinmassen waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne
-getäuscht, oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so daß ich von
-fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen bin? Oder sollte
-vielleicht die Karawane der Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen
-haben und weitergezogen sein durch die Wüste -- auf die grenzenlose
-Ebene des Todes? ...
-
-Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, und ich mit meiner
-grauenhaften letzten Einsamkeit ...
-
-Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen Sterne leuchten
-am schwarzen Samthimmel -- grausig, fürchterlich ... Und warum soll ich
-die Stadt der Toten suchen -- ich werde sie sicherlich finden, früh
-genug -- ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her?
-
- Unter dem Eratosthenes.
-
-Noch eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, der letzte
-Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden umkreisen und so auf den
-_Sinus Aestuum_ gelangen -- und von dort, vom Steingrabe des greisen
-O'Tamor ...
-
-Wilde, zerrissene Gipfel vor mir -- und die Erde fast im Zenit, in der
-Fülle wie eine entfaltete Blume, und die Sonne schon unter mir.
-
-Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, oh, wenn doch auch
-die Kräfte reichen wollten, sie verlassen mich mehr und mehr ... Ich
-habe schon lange nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit
-der Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert war,
-nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke des _Mare Imbrium_,
-verfolgten mich im Schlaf verschiedene Stimmen und Erscheinungen. Zuerst
-glaubte ich, hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören, die
-mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor den Mondbewohnern zu
-schützen, die über das Äquatormeer gekommen wären und ihnen die Hütten
-verbrennen und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser Alp von mir
-gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner verstorbenen Kameraden.
-Sie begrüßten mich in ihrer Mitte und forderten mich auf, ein Schatten
-unter Schatten, mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und
-endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe -- und das war die
-einzige Stimme, der meine ganze Seele Antwort gab.
-
-Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine Brüder auf der
-Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe, bis daß es mir vergönnt
-sein wird, im letzten Schlaf die müden Augen zu schließen.
-
-Das währt nicht mehr lange -- nicht wahr, nicht mehr lange? ...
-
- Am Grabe O'Tamors -- in letzter Stunde.
-
-Gott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den Weg und jene Stelle
-gefunden, jene verfluchte Stelle, wo unser Fuß zum erstenmal den Boden
-berührt hat, und ... sie sei gesegnet, -- von wo ich Kunde von mir auf
-die Erde senden kann.
-
-Ich stehe an der Leiche des Greises O'Tamor und bin erstaunt, daß er
-jünger ist als ich, frischer, lebendiger. Jahre sind über ihn
-dahingegangen, ohne ihn zu berühren, wie ein leichter Wind über
-Granitfelsen dahinweht. Hier in dieser luftlosen Leere gibt es keine
-Zerstörung: der Greis O'Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir
-ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten Augen
-unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich, der ich als Jüngling
-von diesem Grabe fortging, jetzt über ihm gebeugt stehe mit weißem Bart
-und weißen Haaren und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu
-lange habe ich gelebt, Greis O'Tamor! Zu lange habe ich gelebt!
-
-Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört; es
-wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und ich schreibe die letzten
-Worte, ehe ich diese Papiere in die Kugel einschließe, die sie auf die
-Erde tragen wird.
-
-Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird kaum mehr für
-zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich muß mich eilen.
-
-Seit unserm EXODUS siebenhundertsieben Mondtage.
-
-O Erde! O verlorene Erde!
-...................................................................
-
- Hier bricht das Manuskript ab, das in der vom Monde
- herabgefallenen Kugel gefunden wurde.
-
- Gedruckt bei M. Müller & Sohn in München
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die Namen der Mondkrater Mösting, Schröter und Sömmering sind im
-Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering.
-Dies wurde so belassen.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 180]:
- ... frischem üppigen Grün bedeckt waren. Und alles von ...
- ... frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von ...
-
- [S. 239]:
- ... -- Jedesfalls steht es schlecht. ...
- ... -- Jedenfalls steht es schlecht. ...
-
- [S. 349]:
- ... ganzes Innere sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...
- ... ganzes Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski</title>
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Auf silbernen Gefilden
- Ein Mond-Roman
-
-Author: Jerzy Zulawski
-
-Translator: Kasimir Lodygowski
-
-Release Date: March 7, 2016 [EBook #51386]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski based on scanned images from The
-Internet Archive (cover image reproduction courtesy of
-Gerd Küveler).
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-<div class="titlematter">
-<p class="pretit">
-<span class="line1">&#379;u&#322;awski / Auf silbernen Gefilden</span><br />
-<span class="line2">Zweite Auflage</span>
-</p>
-
-</div>
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-<div class="titlematter">
-<h1 class="title">
-Auf silbernen Gefilden
-</h1>
-
-<p class="subt">
-Ein Mond-Roman
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">von</span><br />
-<span class="line2">Jerzy von &#379;u&#322;awski</span>
-</p>
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-<p class="trn">
-Deutsch von Kasimir Lodygowski
-</p>
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-
-<p class="pub">
-München 1914 / Verlegt bei Georg Müller
-</p>
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-
-<h2 class="part" id="part-1">
-Vorwort
-</h2>
-
-<p class="pbb first">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-<span class="firstchar">F</span>ast fünfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen
-verstrichen, den wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen
-und ausgeführt wurden. Die ganze Sache war
-der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schönen
-Tages, in einer Zeitung in K.... ein Artikel des
-Assistenten am dortigen Observatorium erschien, der
-alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der Autor
-behauptete, daß er Nachrichten über das Schicksal der
-vor fünfzig Jahren auf den Mond hinausgeschossenen
-wahnsinnigen Teilnehmer der Expedition in Händen habe.
-Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf, obwohl man sie
-anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals
-von dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehört oder
-gelesen hatten, wußten, daß die kühnen Abenteurer ihr
-Leben einbüßten und zuckten die Achseln, daß die für
-tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten
-vom Monde schicken sollten.
-</p>
-
-<p>
-Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung.
-Er zeigte Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach
-vorn zugespitzte Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde
-angefertigtes Manuskript vorgefunden haben wollte. Die
-Kugel, die sich auf eigentümliche Art aufdrehte, war
-innen leer und mit einer dicken Schicht von Ruß und
-Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und
-bewundert werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent
-niemandem zeigen. Er erklärte, daß es aus verkohlten
-Papieren bestände, deren Inhalt er erst mit Hilfe
-künstlicher photographischer Aufnahmen, die mit großer
-Mühe und Vorsicht gemacht werden müßten, ablesen könne.
-Diese Geheimnistuerei, und vor allem, daß der Assistent
-beharrlich verschwieg, wie er in den Besitz der mysteriösen
-<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
-Kugel gekommen war, machte die Leute stutzig; aber
-die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete mit
-einem gewissen Mißtrauen die versprochenen Aufklärungen
-und begann indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen
-die fünfzig Jahre zurückliegenden Ereignisse
-zu vergegenwärtigen. Und plötzlich fing man an, sich zu
-wundern, daß alles das so schnell vergessen wurde .... Es
-gab doch in jener Zeit keine Tagesblätter, keine Wochen-
-oder Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet
-fühlten, in jeder Nummer mehrere Spalten dieser
-so unerhörten und unwahrscheinlichen Expedition zu widmen.
-Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll
-von Berichten über den Stand der Vorarbeiten; man
-beschrieb jede Schraube in dem &bdquo;Waggon&ldquo;, der durch
-den Planetenraum fahren und die kühnen Reisenden auf
-die Oberfläche des Mondes hinausschleudern sollte, die man
-bis dahin lediglich aus den vorzüglichen, im &bdquo;Licke-Observatory&ldquo;
-gemachten photographischen Aufnahmen kannte.
-Über alle Einzelheiten des Unternehmens wurde lebhaft
-diskutiert. Die Porträts und ausführlichen Lebensbeschreibungen
-der Reisenden tauchten überall auf. Fast Entrüstung
-erregte die Nachricht, daß einer von ihnen im
-letzten Augenblicke zurücktrat, nicht ganz zwei Wochen vor
-dem festgesetzten Termin zur &bdquo;Abfahrt&ldquo;. Dieselben, die noch
-vor kurzem den ganzen &bdquo;albernen und abenteuerlichen&ldquo;
-Plan der Expedition verhöhnten und die Teilnehmer Narren
-nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt
-interniert zu werden, waren jetzt empört über die
-&bdquo;Feigheit und das Zurücktreten&ldquo; eines Menschen, der es
-offen aussprach, daß er hoffe, auf der Erde ein gleich
-ruhiges und ungleich späteres Grab zu finden, als seine
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-Kameraden auf dem Monde. Das größte Interesse jedoch
-erweckte die Person, die sich für die freigewordene Stelle
-meldete. Es hieß allgemein, daß man einen neuen Teilnehmer
-nicht aufnehmen könne, da die Zeit zu kurz für
-das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem
-sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen mußten.
-Sie waren schließlich zu geradezu unerhörten Resultaten
-gelangt. Man erzählte sich, daß sie es dahin brachten, in
-leichter Kleidung einen vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige
-Hitze zu ertragen, ganze Tage hindurch ohne
-Wasser zu leben und ohne Schaden für die Gesundheit in
-einer Luft zu atmen, die viel dünner war als die Erdatmosphäre
-auf den höchsten Bergen. Das Staunen war
-daher groß, als man erfuhr, daß der Neuling von den
-&bdquo;Lunatikern&ldquo;, wie man sie nannte, aufgenommen sei und
-ihre Zahl vervollständigen sollte. Die Berichterstatter waren
-in heller Verzweiflung, daß sie nichts Näheres über diesen
-geheimnisvollen Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller
-Bemühungen der Reporter ließ er keinen von ihnen bei
-sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen weder seine
-Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen geantwortet.
-Die anderen Mitglieder der Expedition hüllten
-sich ebenfalls in tiefstes Schweigen über ihn, und erst
-zwei Tage vor der Abreise erschien eine nähere, im höchsten
-Grade phantastische Nachricht. Einem Journalisten war
-es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen, den neuen
-Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die
-verblüffende Mitteilung, daß dieses Expeditionsmitglied
-eine Frau in Männerkleidern sei. Man wollte nicht recht
-daran glauben, und es war übrigens auch keine Zeit, sich
-lange damit zu beschäftigen. Der große Augenblick nahte.
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Höhepunkt. An
-der Mündung des Kongo, von wo aus die Expedition &bdquo;die
-verwegene Fahrt antreten sollte&ldquo;, hatte sich die ganze zivilisierte
-Welt ein Stelldichein gegeben.
-</p>
-
-<p>
-Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht
-werden, &mdash; über hundert Jahre nach dem Tode
-ihres Urhebers.
-</p>
-
-<p>
-An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer
-von der Mündung des Kongo entfernt, gähnte die
-breite Öffnung eines dafür konstruierten Schlundes aus
-Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit
-den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern
-hinausschießen sollte. Eine besondere Kommission untersuchte
-noch einmal genau sämtliche komplizierten Berechnungen,
-wie die Nahrungsvorräte und Instrumente: alles
-war in Ordnung, alles war bereit!
-</p>
-
-<p>
-Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete
-ein betäubender, durch die Explosion hervorgebrachter
-Knall der Welt &mdash; in einem Umkreis von einigen hundert
-Kilometern &mdash; den Beginn der abenteuerlichsten aller
-Fahrten ...
-</p>
-
-<p>
-Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das
-Projektil unter der Wirkung der explodierenden Kraft
-eines senkrechten Wurfes, der Anziehung der Erde und der
-treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der Erde
-um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel
-von Westen nach Osten zu beschreiben und an dem
-bezeichneten Punkte und in der bezeichneten Stunde in
-die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast senkrecht
-auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen,
-in der Gegend des &bdquo;Sinus Medii&ldquo;. Der Lauf des Projektils,
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-der von verschiedenen Punkten der Erde aus durch
-Hunderte von Teleskopen beobachtet wurde, zeigte sich als
-ganz genau mit der Berechnung übereinstimmend. Den
-Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der
-Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst
-viel langsamer als die Sonne, dann immer schneller, je
-mehr es sich von der Erde entfernte. Die scheinbare Bewegung
-war das Resultat der Drehung der Erde, der
-gegenüber das Projektil zurückblieb.
-</p>
-
-<p>
-Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe
-des Mondes, selbst durch die stärksten Teleskope nicht
-mehr zu sehen war. Trotzdem hörte die Verbindung zwischen
-der Erde und den in das Projektil eingeschlossenen
-Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick auf.
-Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen
-vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem
-Fahrzeug, der, nach den Berechnungen, sogar auf eine
-Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern,
-die den Mond von der Erde trennten, funktionieren
-mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen als unrichtig;
-die letzte Depesche erhielten die astronomischen Stationen
-aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend
-Kilometern. Das Telegraphieren war entweder
-durch die ungenügende Kraft des Stromes der Luftwellen,
-oder auch eines fehlerhaften Baues des Apparates wegen
-auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte
-Depesche klang ganz aufmunternd: &bdquo;Alles gut, kein Grund
-zu Besorgnissen vorhanden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine
-zweite Expedition aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen
-in dem Projektil Platz; sie hatten dafür bedeutend
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei
-sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat
-als ihre Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung
-von Nachrichten vom Monde genügen mußte; jedoch
-erhielt man keine Depesche mehr von dorther. Das
-letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition,
-direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt.
-Die Nachricht lautete nicht besonders günstig. Das Projektil
-wich, aus einem unerklärlichen Grunde, etwas vom
-Wege ab und konnte infolgedessen nicht senkrecht auf den
-Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich scharfen
-Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert
-war, fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden.
-Diese Befürchtungen schienen sich bewahrheitet zu haben, da
-dieser Depesche keine weitere mehr folgte.
-</p>
-
-<p>
-Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte
-Expedition auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals
-der Unglücklichen nicht täuschen; warum sollte man noch
-mehr Menschenleben opfern? Die begeistertsten Anhänger
-der &bdquo;interplanetarischen Kommunikation&ldquo; verstummten, und
-man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch,
-daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen
-grenze. Und in einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit
-vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der
-besagte Artikel des bis dahin gänzlich unbekannten, nun
-aber zum Tagesgespräch gewordenen Assistenten des
-kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem
-brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich
-die Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es
-an Ungläubigen nicht fehlte, begann man doch die Sache
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-immer ernster zu nehmen. Bald interessierte sich alle Welt
-dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf
-welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes
-gekommen und wie er es abgelesen habe. Er erlaubte
-sogar Fachleuten, die verkohlten Überreste, wie die in
-der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu besichtigen.
-</p>
-
-<p>
-Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich
-aber folgendermaßen: &bdquo;Eines Nachmittags,&ldquo; erzählte der
-Assistent, &bdquo;als ich bei der Aufzeichnung der täglichen
-meteorologischen Beobachtungen saß, meldete mir der
-Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen
-wünsche. Es war mein Kollege und guter Freund, der
-Eigentümer eines benachbarten Gutes, der nur selten in
-die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um erst
-meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm,
-und er erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er
-mir eine Nachricht bringe, die mir zweifellos viel Freude
-bereiten werde. Er wußte, daß ich mich seit Jahren eifrig
-mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte und kam
-mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von
-größerer Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen
-sei. Den Stein, der sich wahrscheinlich tief in den
-Morast gebohrt, hätte man nicht gefunden, aber wenn ich
-ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir Arbeiter zum
-Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte
-ich den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen
-Urlaub genommen, fuhr ich selbst an Ort und Stelle, behufs
-Nachforschungen. Aber trotz zweifelloser Merkmale
-und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur ein
-Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-an dieser Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte,
-wurde hervorgeholt. Ich zweifelte schon an einem Resultat
-und ließ die weiteren Arbeiten einstellen, als mein
-Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte. Sie
-sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war
-mit Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten
-bei ihrem Erglühen während des Durchganges durch die
-Erdatmosphäre bilden. Sollte <em>sie</em> etwa jener herabgefallene
-Meteor sein?
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke
-an die Expedition vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich
-genau kannte. Ich muß hinzufügen, daß ich, trotz des
-hoffnungslosen Inhalts der letzten Depesche, die von den
-Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren Tod
-geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen
-auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten
-Vorsicht an mich und brachte sie nach Hause, fast sicher,
-daß sie wertvolle Fingerzeige über jene Verlorenen enthalte.
-Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht erriet
-ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit.
-Ich war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in
-der Kugel eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des
-Eisens in der Erdatmosphäre verkohlt sein mußten. Man
-durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die Überreste
-nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich
-aus ihnen doch noch etwas entziffern.
-</p>
-
-<p>
-Die Arbeit war überaus mühsam, besonders dadurch,
-daß ich niemanden zu Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen
-waren höchst unsicher und, wie ich zugeben muß,
-zu &mdash; phantastisch, als daß verfrüht etwas darüber verlauten
-durfte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Ich bemerkte, daß die Spitze der Kugel eine Schraube
-bildete, die man aufdrehen mußte und befestigte sie also
-in einem starken Schraubstock, um sie vor einer Erschütterung
-zu bewahren, die ihren Inhalt beschädigen könnte.
-Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben.
-Nach langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie
-zu bewegen. Bei diesem ersten Kreischen der gedrehten
-Schraube erfaßte mich ein Freudentaumel, und zugleich
-schnürte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich
-mußte die Arbeit unterbrechen, da mir die Hände zitterten;
-erst nach einer Stunde konnte ich sie, immer noch mit
-klopfendem Herzen, wieder aufnehmen.
-</p>
-
-<p>
-Die Schraube bewegte sich langsam, als ich plötzlich ein
-seltsames Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache
-nicht begreifen. Fast gedankenlos drehte ich in umgekehrter
-Richtung, und sofort hörte das Zischen auf; drehte
-ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem, obwohl
-es jetzt etwas schwächer war. Endlich begriff ich
-alles! Das Innere der Kugel war vollständig leer! Das
-Zischen entstand durch das Eindringen der Luft vermittels
-einer Öffnung, die sich durch die Lockerung der Schraube
-gebildet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Umstand bestärkte mich in der Überzeugung, daß
-die in der Kugel vermutlich eingeschlossenen Dokumente
-nicht ganz vernichtet sein dürften, da das Fehlen der Luft
-sie vor der Verbrennung bewahrt haben mußte, als die
-Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphäre, erglühte!
-Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus.
-Nach Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel,
-deren innere Wände mit einer Schicht gebrannten Lehms
-ausgelegt waren, ein Päckchen verkohlter, aber nicht verbrannter
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus
-Furcht, die wertvollen Schriften zu beschädigen. Ich nahm
-sie mit der größten Vorsicht heraus und ... war verzweifelt.
-Auf dem verkohlten Papier waren die Buchstaben
-fast unsichtbar und dieses Papier selbst so mürbe,
-daß es mir beinahe in der Hand zerfiel.
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem beschloß ich, alles daranzusetzen, um das Werk
-zu Ende zu führen und den Inhalt des Manuskriptes zu
-entziffern. Einige Tage dachte ich darüber nach, wie ich
-das bewerkstelligen solle. Endlich flüchtete ich mich zu
-den Röntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich später zeigte,
-richtig an, daß die Tinte, deren man sich zum Schreiben
-bediente, mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen
-die mit ihr überschwärzten Stellen den Röntgenstrahlen
-einen größeren Widerstand leisten würden, als das verkohlte
-Papier selbst. Ich klebte vorsichtig jedes Blatt des
-Manuskripts auf eine dünne Haut, die ich in einen Rahmen
-gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen
-mittels Röntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich
-Klischees, die nach der Übertragung des Bildes auf das
-Papier eine Art von Palimpsesten ergaben, wo die Buchstaben
-auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich miteinander
-verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus
-nicht unmöglich abzulesen.
-</p>
-
-<p>
-Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der
-Aufzeichnungen so weit vorgeschritten, daß ich keinen Grund
-mehr sah, die Angelegenheit weiter zu verheimlichen und
-schrieb den ersten Artikel, der über den Vorfall berichtete
-... Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit,
-geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut
-keinen Zweifel, daß es von einem der fünf zuerst ausgesandten
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Expeditionsmitglieder auf dem Monde verfaßt
-und von dort aus auf die Erde gesandt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen
-für sich selbst sprechen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser Erklärung, die der Veröffentlichung des Manuskriptes
-vorausging, fügte der Assistent einen kurzen Bericht
-über die Vorgeschichte der damaligen Expedition bei.
-</p>
-
-<p>
-Er erinnerte daran, daß der Gedanke von dem irländischen
-Astronomen O&rsquo;Tamor ausgegangen war, der einen
-glühenden Anhänger in dem jungen, seinerzeit in Brasilien
-berühmten portugiesischen Ingenieur, Peter Varadol, fand.
-Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen
-Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes
-Vermögen zur Verfügung stellte. Darauf unternahmen sie
-die ersten Schritte zur Verwirklichung des schon festgelegten
-Planes. Man unterbreitete den Akademien und wissenschaftlichen
-Instituten die Skizzen des Projektes und
-wandte sich dann an Fachautoritäten betreffs Ausarbeitung
-der Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in
-kurzem beschäftigten sich nicht nur Fachleute damit, sondern
-die ganze zivilisierte Welt, die ihre Vertreter auf
-den Mond auszusenden begehrte, um Näheres über diesen
-Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen
-Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller
-Hilfe bei und da es auch an privaten Opfern nicht
-fehlte, hatten die Initiatoren bald ein Kapital zur Verfügung,
-das zur Ausrüstung mehrerer Expeditionen genügte,
-von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden.
-</p>
-
-<p>
-Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fünf
-Personen bestehen, darunter O&rsquo;Tamor, der den Gedanken
-ins Leben gerufen, und seine beiden Kameraden. Der vierte
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fünfte Braun,
-ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurücktrat;
-statt seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer
-der Expedition. In das zweite Projektil hatten sich zwei
-Franzosen eingeschlossen, die Brüder Remogner.
-</p>
-
-<p>
-Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent
-ausführlicher über die technische Seite des Unternehmens.
-Er beschrieb bis ins kleinste Detail die Konstruktion der
-mächtigen Kanone, von der Form eines stählernen Brunnens;
-berichtete über den Bau des Projektils, das man
-nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes
-in einen hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte,
-der durch einen besonderen Elektromotor bewegt wurde.
-Er schilderte die Schutzvorrichtungen, die die Reisenden
-im Augenblick des Schusses wie beim Herabfallen auf den
-Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und endlich
-zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und
-die Vorräte des &bdquo;transportablen Zimmers&ldquo; auf.
-</p>
-
-<p>
-Der Mond ist keine gastfreundliche Welt. Die Astronomen
-wissen das schon lange, obwohl sie ihn nur aus
-der Ferne und &mdash; einseitig kennen. Trotz der großartigen
-Vervollkommnung der optischen Instrumente des zwanzigsten
-Jahrhunderts widersetzte sich der Mond siegreich
-allen Versuchen, ihn mit ihrer Hilfe dem menschlichen
-Auge so nahe zu bringen, daß man alle Einzelheiten seiner
-Oberfläche erforschen könnte. Sich in der mittleren Entfernung
-von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern
-um die Erde drehend, scheint er durch Gläser mit tausendfacher
-Vergrößerung nur dreihundertvierundachtzig Kilometer
-von ihr entfernt zu sein, was immerhin noch ein
-ganz ansehnliches Stück Wegs bedeutet. Schärfere Gläser
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-dagegen kann man zu seiner Erforschung nicht verwenden,
-da man bei stärkerer Vergrößerung, infolge einer zu geringen
-Helligkeit der Erdatmosphäre, nur ein unklares
-Bild erhält, so daß es sogar unmöglich ist, die Berge zu
-erkennen, die man durch schwächere Gläser ganz deutlich
-beobachten kann.
-</p>
-
-<p>
-Überdies ist der Forschung nur eine Halbkugel des
-Mondglobus zugänglich. Der Mond macht nämlich auf
-seinem Wege um die Erde in siebenundzwanzig Tagen,
-sieben Stunden, dreiundvierzig Minuten und elf Sekunden
-nur eine Drehung um seine Achse, so daß er immer mit
-derselben Seite seiner Oberfläche zur Erde gewendet bleibt.
-Diese Erscheinung ist keine zufällige. Der Mond, der keine
-vollkommene Kugel bildet, nähert sich, seiner Form nach,
-einem etwas länglichen Ei. Die Anziehungskraft der Erde
-bringt es mit sich, daß jenes Ei sich mit dem scharfen Ende
-zu ihr kehrt und derart dreht, als wenn es, angebunden,
-sich nicht abwenden könnte.
-</p>
-
-<p>
-Die den Astronomen bekannte Hälfte des Mondes genügt
-jedoch, ihn ganz und gar bei denjenigen zu mißkreditieren,
-die vom Bewohnen anderer Planeten als der
-Erde träumen. Die Oberfläche unsres Satelliten, deren
-Ausdehnung zweimal so groß als Europa ist, stellt sich
-in den Teleskopen als eine wasserlose, wüste Hochebene dar,
-die mit einer ungeheuren Anzahl mächtiger, kraterähnlicher
-Ringberge besät ist. Diese Bergriesen, deren Gipfel sich
-bis zu 7000 Metern erheben, haben nicht selten einen
-Durchmesser von 100 Kilometern. Durch den nördlichen
-Teil der uns zugewandten Halbkugel zieht sich eine Reihe
-großer, kreisförmiger Flächen, die die ersten Selenographen
-&bdquo;Meere&ldquo; nannten. Diese Ebenen mit steilen Ufern, die
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-durch in den Himmel ragende Gebirgsketten gebildet werden,
-sind nach verschiedenen Richtungen von großen Spalten
-durchschnitten, deren Entstehung die Astronomen stets in
-Staunen versetzte, vor allem, weil auf der Erde keine
-ähnlichen Erscheinungen vorhanden sind. Diese Spalten,
-manchmal über hundert Kilometer lang und einige Kilometer
-breit, haben eine Tiefe von ungefähr tausend Metern
-und mehr.
-</p>
-
-<p>
-Wenn wir uns noch vergegenwärtigen, daß diese Oberfläche
-fast gar keine Atmosphäre hat, daß der &bdquo;Tag&ldquo; auf
-dem Monde an Zeitdauer vierzehn unserer Tage gleichkommt,
-daß während dieses endlosen Tages ein beständiger
-Sommer herrscht, dessen Glut eine unerhörte Spannung
-annimmt, daß hingegen die vierzehntägige Nacht
-einen Winter repräsentiert, der kälter ist als die Winter
-in unseren antarktischen Ländern, so entrollt sich uns ein
-Bild, das uns nicht gerade verlockt, diesen Planeten als
-ständigen Wohnsitz zu wählen! Um so mehr ist der Opfermut
-der Leute zu bewundern, die ihr Leben nichtsachtend
-lediglich in jenes unbekannte Land auszogen, um menschliches
-Wissen zu erweitern und sichere Nachrichten über
-das der Erde am nächsten liegende Gestirn geben zu können.
-</p>
-
-<p>
-Die Reisenden hatten übrigens die Absicht, diese ungastliche
-Halbkugel so schnell wie möglich zu durchdringen
-und auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, die
-von der Erde abgewendet ist, wo sie, nicht ohne Grund,
-erträgliche Lebensbedingungen anzutreffen hofften. Die
-Mehrzahl der über den Mond schreibenden Gelehrten behauptet
-zwar, daß auch auf der anderen Seite die Atmosphäre
-zu dünn sei, um atmen zu können; aber O&rsquo;Tamor
-nahm, sich auf langjährige Forschungen und Berechnungen
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-stützend, an, daß er dort dichtere Luft zur Erhaltung des
-Lebens vorfinden werde, wie auch Wasser und Pflanzen,
-zur notdürftigsten Nahrung genügend. Diese tollkühnen
-Forscher waren bereit ihr Leben zu wagen, nur um dem
-sternenbesäten Himmel ein einziges seiner Geheimnisse, die
-er so eifersüchtig vor den Menschen hütet, zu entreißen.
-Der Gedanke, daß dieses Opfer keinesfalls vergebens gebracht
-werde, da sie ihre Beobachtungen den auf der Erde
-Zurückgebliebenen, mit Hilfe des mitgenommenen telegraphischen
-Apparates, würden mitteilen können, verstärkte
-noch ihren Wagemut. Sie träumten, von der Größe ihres
-Vorhabens berauscht, daß sie auf der andern, geheimnisvollen
-Seite des Mondes ein märchenhaft seltsames Paradies
-vorfinden könnten, eine neue Welt, die ganz verschieden
-ist von der Erde! Sie träumten, dann neue Kameraden
-zum Durchfliegen jener Hunderttausende von
-Kilometern zu gewinnen, &mdash; von der Gründung einer
-neuen Gemeinschaft dort auf der hellen Seite der in die
-stillen Nächte leuchtenden Kugel, &mdash; von einer neuen, vielleicht
-glücklicheren Menschheit ...
-</p>
-
-<p>
-Indessen mußte man mit der Notwendigkeit rechnen,
-die gebirgige, luft- und wasserlose wüste Hochebene zu
-durchqueren, die die ganze, der Erde zugewandte Halbkugel
-des Mondes einnimmt. Es war dies wahrhaftig
-keine Kleinigkeit! Der Umkreis des Mondes beträgt fast
-elftausend Kilometer; wenn sie also, wie sie annahmen,
-auf die Mitte der der Erde zugekehrten Scheibe fallen
-würden, hätten sie zum mindesten dreitausend Kilometer
-zu machen, bevor sie die Gegend erreichten, wo sie hoffen
-durften, atmen und leben zu können. Das Projektil, in
-der Form eines länglichen, auf der einen Seite kegelförmig
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-geschlossenen Zylinders, war so eingerichtet, daß
-es sich in eine Art geschlossenes Automobil verwandeln
-ließ, und reichlich mit Vorräten von verdichteter Luft,
-Wasser, Nahrungsmitteln und Brennmaterial versehen, die
-für fünf Personen auf ein ganzes Jahr ausreichen konnten,
-das heißt also noch für länger, als man zum Gelangen
-auf die andere Seite des Mondes gebrauchte.
-</p>
-
-<p>
-Außerdem hatten die Reisenden eine Anzahl Handwerkszeuge
-mitgenommen, eine kleine Bibliothek und &mdash; eine
-Hündin mit zwei Jungen. Es war dies eine schöne große
-englische Spürhündin, die Tom Woodbell gehörte, und
-die man vor der Reise einstimmig mit dem Namen Selena
-taufte.
-</p>
-
-<p>
-All diese Dinge wurden durch die ausführlichen, in
-K.... erschienenen Artikel aufgefrischt, als quasi Ergänzung
-zu dem kurz darauf herausgegebenen Manuskripte.
-</p>
-
-<p>
-Die Aufzeichnungen selbst, von Jan Koretzki, dem einen
-Teilnehmer der ersten Expedition, in polnischer Sprache
-auf dem Monde verfaßt, setzten sich aus drei Teilen zusammen,
-die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Sie
-verschmolzen zu einem Ganzen, das eine Schilderung des
-wundersamsten Schicksals eines Schiffbrüchigen bildet, der
-an ein fremdes Land geworfen wurde, das dreihundertvierundachtzig
-Millionen Meter über der Erde im tiefen
-Himmelsblau schwebt.
-</p>
-
-<p>
-Hier folgt der wörtliche Abdruck jenes Manuskriptes,
-von dem Assistenten des Observatoriums in K.... herausgegeben
-und zusammengestellt ...
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Erster Teil
-</h2>
-
-<p class="ptit">
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Ein Reisetagebuch.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf dem Monde den .....
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>ein Gott, welches Datum soll ich angeben?! Jene
-mächtige Explosion, durch die wir uns von der Erde
-hinausschleudern ließen, zersprengte uns das Dauerndste
-und Festgeprägteste, was dort existiert, &mdash; zersprengte und
-zerstörte uns die Zeit. In der Tat, das ist furchtbar! Zu
-bedenken, daß es hier keine Jahre, keine Monate, keine
-Wochen gibt, noch unsere kurzen, wonnigen Erdentage ...
-Die Uhr sagt mir, daß bereits vierzig Stunden seit dem
-Augenblick verflossen sind, da wir hier herabfielen; wir
-fielen in der Nacht herab und die Sonne ist noch nicht
-aufgegangen. Wir dürfen erst in einigen zwanzig Stunden
-hoffen, sie zu sehen. Sie wird aufgehen und sich träge
-am Himmel bewegen, neunundzwanzigmal langsamer als
-dort auf der Erde. Dreihundertvierundfünfzig Stunden
-wird sie über uns leuchten, und dann kommt wiederum
-die Nacht, die dreihundertvierundfünfzig Stunden dauert.
-Und nach der Nacht der Tag, wie der vorhergehende, und
-abermals die Nacht und dann der Tag, und so endlos
-weiter, ohne Veränderung, ohne Jahreszeiten, ohne Jahre,
-ohne Monate ...
-</p>
-
-<p>
-Wenn wir es erleben werden ...
-</p>
-
-<p>
-Wir sitzen ohne irgend etwas zu tun, eingeschlossen in
-unserem Fahrzeug und warten auf die Sonne. Oh, diese
-furchtbare Sehnsucht nach der Sonne!
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht ist zwar hell, unvergleichlich heller als unsere
-Nächte dort auf der Erde während des Vollmondes. Der
-mächtige Halbkreis der Erde ruht unbeweglich über uns
-am Zenit des schwarzen Himmels und überflutet mit
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-weißem Licht diese entsetzliche Wüste um uns her. In
-diesem seltsamen Lichte ist alles so geheimnisvoll und tot ...
-und der Frost ... Oh, dieser furchtbare Frost! Sonne!
-Sonne!
-</p>
-
-<p>
-O&rsquo;Tamor ist seit der Zeit des Falles noch nicht zum
-Bewußtsein gekommen. Woodbell, obwohl selbst verwundet,
-weicht nicht einen Augenblick von seiner Seite. Er
-fürchtet, daß es eine Gehirnerschütterung ist und hat
-wenig Hoffnung. Auf der Erde, sagte er, würde er ihn
-durchbringen. Aber hier, in dieser fürchterlichen Kälte,
-hier, wo wir als einzige Nahrung nur Vorräte von künstlichem
-Eiweiß und Zucker haben, wo wir mit Luft und
-Wasser sparen müssen ... Es wäre entsetzlich, O&rsquo;Tamor
-zu verlieren, gerade ihn, der die Seele unserer Expedition
-ist! ...
-</p>
-
-<p>
-Varadol, Martha und ich, ja sogar Selena mit den
-beiden Jungen, wir sind gesund. Martha scheint nichts
-zu wissen und zu fühlen. Sie folgt nur beständig Woodbell
-mit den Augen, wegen seiner Wunden beunruhigt.
-Der glückliche Tomas! Wie dieses Weib ihn liebt!
-</p>
-
-<p>
-Oh, diese Kälte! Es scheint, daß unser verschlossenes
-Fahrzeug sich gleichzeitig mit uns in einen Eisklumpen verwandelt.
-Die Feder gleitet mir aus den erstarrten Fingern.
-Wann wird die Sonne endlich aufgehen!?
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-In derselben Nacht, siebenundzwanzig Stunden später.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>it O&rsquo;Tamor wird es immer schlimmer; man kann
-sich nicht täuschen &mdash; das ist schon die Agonie. Tomas
-vergaß, bei ihm wachend, seine eigenen Wunden und ist
-jetzt selbst so schwach, daß er sich hinlegen muß. Martha
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-vertritt ihn bei dem Kranken. Woher nimmt diese Frau
-so viel Kraft? Seitdem sie sich von der ersten Betäubung
-des Falles erholt hat, ist sie am tätigsten von uns
-allen. Ich glaube, daß sie noch gar nicht geschlafen hat.
-</p>
-
-<p>
-Oh, diese Kälte! ...
-</p>
-
-<p>
-Varadol sitzt starr und schweigend da. Auf seinen Knien
-zusammengekauert liegt Selena. Er sagt, daß es ihnen
-beiden so wärmer ist. Die Jungen haben wir ins Bett
-gelegt, neben Tomas.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe versucht zu schlafen, aber ich kann nicht. Die
-Kälte läßt mich nicht schlafen &mdash; und dieses gespensterhafte
-Licht der Erde über uns! Man sieht nur wenig mehr
-als die Hälfte ihrer Scheibe. Das ist ein Zeichen, daß die
-Sonne unverzüglich aufgehen muß. Wir können nicht
-genau berechnen, wann dies erfolgen wird, da wir nicht
-wissen, auf welchem Punkte der Mondscheibe wir uns
-befinden. O&rsquo;Tamor hätte das mit Leichtigkeit aus dem
-Stand der Gestirne berechnet, aber er liegt bewußtlos danieder.
-Nun wird sich Varadol an diese Arbeit machen
-müssen und ich begreife nicht, warum er es hinausschiebt.
-</p>
-
-<p>
-Wir hätten nach der Berechnung auf den <em>Sinus Medii</em>
-fallen müssen, aber Gott allein weiß, wo wir uns wirklich
-befinden. Auf dem <em>Sinus Medii</em> müßte um diese
-Zeit die Sonne bereits scheinen. Vermutlich sind wir weiter
-nach &bdquo;Osten&ldquo; gefallen, wie man auf der Erde die Seite
-des Mondes bezeichnet, wo für uns die Sonne untergehen
-wird, jedoch nicht weit von der Mitte der Mondscheibe,
-da die Erde über uns fast im Zenite steht.
-</p>
-
-<p>
-Ich empfange so viele neue und seltsame Eindrücke, daß
-ich sie nicht zusammenfassen und ordnen kann. Vor allem
-dieses unerhörte, geradezu entsetzliche Gefühl der Leichtigkeit.
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Wir wußten auf der Erde, daß der Mond, der neunundvierzigmal
-kleiner und einundachtzigmal leichter als
-die Erde ist, uns sechsmal schwächer anziehen würde, obwohl
-wir uns seinem Schwerpunkte näher befinden; aber
-es ist zweierlei &mdash; etwas zu wissen oder etwas zu fühlen.
-Wir sind fast schon siebzig Stunden auf dem Monde und
-können uns noch nicht daran gewöhnen. Wir sind noch
-nicht imstande, die Anstrengung unserer Muskeln dem
-kleineren Gewicht der Gegenstände anzupassen, ja sogar
-nicht dem kleineren Gewichte unseres eigenen Körpers.
-Ich erhebe mich schnell von meinem Sitze und springe einen
-Meter in die Höhe, obwohl ich nur aufstehen will. Varadol
-wollte vor einigen Stunden aus einem starken Draht, der
-an der Wand unserer Behausung befestigt war, einen
-Haken biegen; er faßte ihn mit der Hand &mdash; und hob
-sich ganz in die Höhe! Er vergaß, daß er jetzt statt zirka
-siebzig Kilo nicht ganz dreißig Pfund wiegt! Jeden Augenblick
-wirft einer von uns gewaltsam die Gegenstände um
-sich, während er sie nur rücken will. Das Einschlagen eines
-Nagels ist geradezu unmöglich, weil der Hammer, der
-auf der Erde zwei Pfund wiegt, hier kaum einige hundertsiebzig
-Gramm schwer ist. Die Feder, mit der ich schreibe,
-fühle ich kaum in der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Martha sagte vor kurzem, daß sie den Eindruck habe, als
-wenn sie schon ein körperloser Geist geworden sei. Das ist
-eine ganz gute Erklärung. Es liegt wirklich etwas Unheimliches
-in dem Gefühl dieser fabelhaften Leichtigkeit ...
-man könnte tatsächlich glauben, daß man nur noch Geist
-ist, besonders beim Anblick der Erde, die am Himmel
-strahlt wie der Mond, nur vierzehnmal größer und heller
-als das die Erdkugel erleuchtende Nachtgestirn. Ich weiß,
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-daß dies alles wahr ist &mdash; und trotzdem scheint es mir
-immer, als wenn ich träume oder mich in einem Theater
-befinde, ein seltsames Feenspiel anzusehen. Jeden Augenblick,
-denke ich, muß der Vorhang fallen, und diese Dekorationen
-werden verschwinden &mdash; wie ein Traum ...
-</p>
-
-<p>
-Wir wußten doch vor unserer Abfahrt genau, daß die
-Erde über uns wie eine mächtige, unbewegliche Lampe,
-die mitten am Himmel hängt, scheinen würde. Ich wiederhole
-mir immer wieder, daß dies ganz natürlich ist: der
-Mond wandelt seine Bahn, immer mit der einen Seite
-der Erde zugewendet; infolgedessen muß sie den vom
-Monde aus auf sie Blickenden unbeweglich erscheinen. Ja,
-das ist doch so einfach, und dennoch versetzt mich dieses
-leuchtende Glasgespenst der Erde, das uns seit siebzig Stunden
-unbeweglich und hartnäckig aus dem Zenite anstarrt,
-in Schrecken.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe sie durch die Scheibe, die in der oberen Wand
-des Fahrzeugs angebracht ist, und unterscheide mit bloßem
-Auge die dunklen Flecken der Meere und die hellen Flächen
-der Länder. Sie gleiten langsam an mir vorüber, brechen
-der Reihe nach aus dem Schatten hervor: Asien, Europa,
-Amerika; verkleinern sich am Rande des schillernden Globus
-und gehen unter, um nach vierundzwanzig Stunden
-wiederum zu erscheinen.
-</p>
-
-<p>
-Es kommt mir vor, als wenn sich die ganze Erde in
-ein weitaufgerissenes Auge verwandelt hätte, das unbarmherzig,
-wachsam und staunend, auf uns niederstarrt; auf
-uns, die wir von ihr geflohen sind, als die ersten aller
-ihrer Kinder!
-</p>
-
-<p>
-Gleich als wir nach dem Fall etwas zum Bewußtsein
-kamen und die eisernen Deckel abschraubten, die die runden
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Fenster unsres Fahrzeugs verdeckten, sahen wir sie über
-uns. Sie war in der letzten Phase ihres Zunehmens.
-Damals glich sie einem starr auf uns gerichteten Auge; jetzt
-senkt sich über diesen grauenhaft unbeweglichen Blick allmählich
-das Lid des Schattens. In dem Moment, da
-die Sonne wie eine flammende Kugel am schwarzen Himmel,
-ohne vorhergehende Dämmerung, emporsteigt, wird
-dieses Auge sich zur Hälfte schließen und wenn die Sonne
-senkrecht über uns steht, das Augenlid sich gänzlich niedersenken
-...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Drei Stunden später.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch unterbrach diese Aufzeichnungen, mit denen ich die
-langen Stunden ausfülle, die wir gezwungenerweise tatenlos
-verbringen, als ich zu O&rsquo;Tamor gerufen wurde. Niemals
-haben wir mit der furchtbaren Eventualität gerechnet,
-daß wir allein, ohne ihn bleiben könnten. Wir waren auf
-den Tod vorbereitet, aber auf den eigenen, vielleicht gemeinsamen,
-nicht auf den seinen! Und hier gibt es keine
-Rettung ... Tomas liegt ebenfalls im Fieber, und statt
-den Kranken zu behandeln, bedarf er selbst der Pflege.
-Martha weicht keinen Augenblick von ihrer Seite, sich einmal
-zu Woodbell, dann wieder zu O&rsquo;Tamor wendend und
-wir stehen ratlos dabei und wissen nicht, was wir tun
-sollen.
-</p>
-
-<p>
-O&rsquo;Tamor ist noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen
-und wird es auch nicht mehr! Sechzig Jahre
-hat er auf der Erde gelebt, um hier ... Nein, nein, ich
-kann das Wort nicht niederschreiben, es ist furchtbar! Er!
-Gleich bei der Ankunft ...
-</p>
-
-<p>
-Wir sind so entsetzlich allein in dieser langen, furchtbar
-kalten Nacht!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-Vor einigen Stunden hat sich Martha, als wenn sie
-plötzlich von diesem Gefühl der grenzenlosen Leere und
-Einsamkeit erfaßt würde, mit zusammengefalteten Händen
-vor uns niedergeworfen. Sie weinte und rief immer
-wieder: &bdquo;Auf die Erde, auf die Erde! Warum telegraphiert
-ihr nicht? Warum teilt ihr dort nichts mit?
-Seht, Tomas ist krank!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Armes Mädchen! Was sollten wir ihr antworten?
-</p>
-
-<p>
-Sie weiß so gut wie wir, daß unser Apparat schon ungefähr
-hundertzwanzig Millionen Meter vor dem Monde
-zu funktionieren aufgehört hat ... Endlich erinnerte Peter
-sie daran, aber als wenn die Übersendung von Nachrichten
-die Kranken retten könnte, drängte sie fieberhaft, daß man
-die Kanone aufstellen solle, die wir für den Fall des Unbrauchbarwerdens
-des telegraphischen Apparates von der
-Erde mitgenommen haben. Dieser Schuß ist jetzt die einzige,
-letzte Möglichkeit, uns mit denen, die dort zurückgeblieben
-sind, zu verständigen.
-</p>
-
-<p>
-Varadol und ich gaben nach und wagten uns aus dem
-Fahrzeug heraus. Ich gestehe es, daß die Angst vor diesem
-Schritt mich schüttelte. Dort, hinter den uns schützenden
-Wänden ist in der Tat schon nichts mehr als Leere ...
-Das Barometer zeigt nämlich draußen ein Vorhandensein
-von Atmosphäre an, deren Dichte nicht einmal den dreihundertsten
-Teil unserer Erdluft erreicht. Der Umstand,
-daß die Atmosphäre, wenn auch in einer solchen
-Verdünnung, überhaupt existiert, ist für uns überaus
-günstig, da er uns hoffen läßt, daß wir sie, auf der
-<em>anderen Seite</em>, in zum Atmen genügender Dichte vorfinden
-werden. Ach, mit welchem Zagen steckten wir vor
-einigen Stunden das Barometer nach außen! Anfangs
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-sank das Quecksilber so gewaltig, daß es uns schien, als
-wenn es bis zum Nullpunkt herabfiel. Zitternde Angst
-schnürte uns die Kehle zu; das hieße &mdash; eine absolute
-Leere, und mit ihr der unabwendbare Tod! Aber nach
-einer Weile hob sich das Quecksilber in der Röhre auf
-2,3 Millimeter! Wir atmeten auf, obwohl man in dieser
-Luft eigentlich gar nicht atmen kann! Und nun sollten
-wir, zwecks Aufstellung der Kanone, in diese Leere hinausgehen!
-Nachdem wir unsere &bdquo;Taucheranzüge&ldquo; angelegt
-und über dem Nacken die Behälter mit verdichteter Luft
-befestigt hatten, stellten wir uns in der Vertiefung, die
-sich in der Wand des Fahrzeugs befand, bereit. Martha
-verschloß hinter uns die Innentür ganz dicht, damit nicht
-die so wertvolle Luft zugleich mit uns entweichen sollte,
-und dann öffneten wir den äußeren Deckel ...
-</p>
-
-<p>
-Wir berührten mit den Füßen den Mondgrund, und in
-diesem Augenblick umfaßte uns eine entsetzlich betäubende
-Stille. Ich sah durch die Glasmaske auf Peters Gesicht
-und bemerkte, daß er die Lippen bewegte; ich dachte mir,
-daß er spreche, aber ich hörte keinen Laut. Die Luft ist
-hier zu dünn, als daß sie eine Menschenstimme übermitteln
-könnte. Ich hob einen Stein auf und warf ihn.
-Er fiel langsam, langsamer als auf der Erde und ohne
-jegliches Geräusch. Ich wankte wie ein Betrunkener; ich
-glaubte wirklich schon in der Welt der Geister zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Wir mußten uns durch Gesten verständigen. Die Erde,
-die uns genährt hat, verhalf uns dazu durch ihr Leuchten.
-</p>
-
-<p>
-Wir nahmen die Kanone heraus, die in einer nach
-außen zu öffnenden Seitenwand untergebracht war, und
-ein Gefäß mit Explosionsmaterial, das für sie besonders
-hergestellt wurde. Diese Arbeit ging leicht vonstatten,
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-da die Kanone hier kaum den sechsten Teil dessen wog,
-was ihr Gewicht auf der Erde betrug.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt hieß es nur das aufgestellte Geschütz genau bis
-zur Bleischnur zu laden, nachdem man in die hohle Kugel
-eine Karte gelegt hatte; bei der Leichtigkeit der Gegenstände
-auf dem Mond mußte diese Explosionskraft vollständig
-genügend wirken, um sie in gerader Linie auf die
-Erde zu befördern. Aber es war uns unmöglich, diese
-Arbeit zu vollenden. Eine unbeschreiblich entsetzliche Kälte
-schnürte uns wie mit eisernen Krallen die Brust zusammen.
-Seit ungefähr dreihundertundzehn Stunden hat hier die
-Sonne nicht mehr geschienen, und die Atmosphäre ist nicht
-dicht genug, so lange Zeit hindurch die Wärme der während
-des langen Tages sicherlich erglühten Steine festzuhalten
-...
-</p>
-
-<p>
-Wir kehrten zu dem Fahrzeug zurück, das uns wie ein
-Paradies an Wärme erschien, obwohl wir mit dem Feuer
-sparen. Vor dem Aufgang der Sonne, die diese Welt
-erwärmen wird, ist es unmöglich, die Versuche, hinauszugehen,
-zu erneuern. Und diese Sonne will und will nicht
-kommen!
-</p>
-
-<p>
-Wann wird sie endlich erscheinen, und was wird sie
-uns bringen?
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Siebzig Stunden sechsundvierzig Minuten nach
-Ankunft auf dem Mond.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">O</span>&rsquo;Tamor ist gestorben.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Der erste Mondtag, drei Stunden nach Sonnenaufgang.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ir sind nur noch vier. In einer Weile treten wir die
-Reise an. Alles ist bereit: unser Fahrzeug hat sich, nachdem
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-die Räder befestigt sind und nach Aufstellung des
-Motors, in einen Wagen verwandelt, der uns, diese Wüste
-durcheilend, dem Lande zuführen soll, wo wir leben und
-atmen können ... O&rsquo;Tamor wird hier bleiben ...
-</p>
-
-<p>
-Wir sind von der Erde geflohen, &mdash; aber der Tod, der
-mächtige Herr des Erdengeschlechtes, hat mit uns den
-Weltenraum durchflogen und uns gleich im Anfang
-in Erinnerung gebracht, daß er bei uns ist &mdash; unbarmherzig,
-siegreich &mdash; wie dort! Wir fühlten seine Gegenwart
-und Nähe, seine Allherrschaft so lebhaft wie niemals
-auf der Erde. Wir sehen uns unwillkürlich an: Wer
-kommt jetzt an die Reihe? ...
-</p>
-
-<p>
-Es war noch Nacht, als plötzlich Selena aus der Ecke
-hervorkam, wo sie seit einigen Stunden zusammengekauert
-gelegen und, die Schnauze dem durch das Fenster leuchtenden
-Halbmond der Erde entgegenstreckend, entsetzlich
-zu heulen begann. Wir sprangen alle auf, wie von einer
-inneren Kraft in die Höhe geworfen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Der Tod kommt! schrie Martha.
-</p>
-
-<p>
-Woodbell, der sich besser fühlte, stand am Lager O&rsquo;Tamors
-und wandte sich langsam zu uns:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Er ist schon gekommen, sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Wir trugen die Leiche aus dem Fahrzeug hinaus. In
-diesem felsigen Grunde ist es unmöglich ein Grab zu
-graben. Der Mond will unsere Toten nicht beherbergen
-&mdash; wie wird er uns Lebende aufnehmen?
-</p>
-
-<p>
-Wir legten also die Leiche auf diesem harten Mondfelsen
-auf den Rücken, das Gesicht der am Himmel leuchtenden
-Erde zugekehrt und sammelten die hier und da auf der
-Ebene zerstreut liegenden Steine, um aus ihnen ein Grab
-zurechtzulegen. Wir umgaben den Dahingeschiedenen mit
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-einem nicht allzu hohen Wall, konnten jedoch keine genügend
-große Steinplatte finden, um ihn zu bedecken.
-Da sagte Peter durch das Rohr, das unsere Köpfe verband
-und so eine Verständigung ermöglichte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Lassen wir ihn hier so liegen ... Siehst du nicht,
-daß er auf die Erde blickt?
-</p>
-
-<p>
-Ich betrachtete den Toten. Er schien in der Tat mit
-verglasten, weit aufgerissenen Augen in das Auge der Erde
-zu starren, das sich immer mehr schloß, immer mehr vor
-dem Glanze der uns noch unsichtbaren Sonne, die bald
-aufgehen sollte. Mag er so liegen bleiben ...
-</p>
-
-<p>
-Aus zwei Eisenstäben, den Bruchstücken des zerschmetterten
-Gerüstes, das uns während des Falles vorm Zermalmen
-bewahrt hatte, machten wir ein Kreuz und befestigten
-es auf dem Steinwall über dem Haupte O&rsquo;Tamors.
-</p>
-
-<p>
-Da &mdash; als wir die traurige Arbeit gerade beendet hatten
-und zum Fahrzeug zurückkehren wollten, geschah etwas
-Seltsames. Die Gipfel der Berge, die vor uns in dem
-fahlen Schein der Erde auftauchten, färbten sich plötzlich,
-ohne jeglichen Übergang, blutigrot und dann erstrahlten
-sie in einem weißlich glühenden Glanze auf dem Hintergrunde
-des tiefschwarzen Himmels. Der Fuß der Berge
-erschien jetzt, durch den Kontrast der Beleuchtung gänzlich
-verdunkelt, fast unsichtbar; nur die höchsten Kappen hingen
-über uns, wie ein im Feuer erglühter Stahl, sich allmählich,
-aber stetig vergrößernd. Infolge des Mangels
-der Luftperspektive, die auf der Erde die Schätzung der
-Entfernung ermöglicht, schienen diese weißen Flecke auf
-dem Hintergrunde des schwarzen Himmels, inmitten der
-Gestirne, gerade über unseren Häuptern zu hängen, wie
-abgerissen von dem felsigen Fundament, das sich in der
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Dämmerung verlor. Wir wagten kaum die Hand auszustrecken,
-aus Furcht, diese Stücke des lebendigen Lichtes
-zu berühren.
-</p>
-
-<p>
-Sie aber wuchsen und wuchsen vor unseren Augen, als
-wenn sie sich uns in langsamer, unerbittlicher Bewegung
-näherten; bald waren sie so dicht vor uns, daß wir unwillkürlich
-zurückwichen ... gänzlich vergessend, daß diese
-Gipfel Hunderte, vielleicht auch Tausende von Metern
-von uns entfernt sind.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich sah Peter sich um und stieß einen Schrei aus.
-Ich wandte, seiner Bewegung folgend, den Kopf und &mdash;
-stand wie festgebannt vor einem unerhörten, nicht zu schildernden
-Schauspiel im Osten!
-</p>
-
-<p>
-Über dem schwarzen Grat eines Berges glimmte die
-blasse, silberne Säule eines Zodiakallichtes. Wir starrten,
-einen Augenblick den Toten vergessend, auf diesen Punkt,
-als unten an der Säule, dicht an der Grenze des Horizontes,
-kleine, springende rote Flämmchen im Kranze zu
-flackern begannen.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne ging auf! Die mit so heißer Sehnsucht erwartete,
-lebenspendende Sonne, die O&rsquo;Tamor hier nicht
-mehr sehen soll!
-</p>
-
-<p>
-Wir weinten beide wie Kinder.
-</p>
-
-<p>
-Und schon erstrahlte sie am Horizonte, hell und weiß.
-Jene zuerst wahrgenommenen roten Flämmchen waren
-Protuberanzen, starke Ausströmungen glühender Gase,
-die von der Sonnenkugel nach allen Richtungen hinschießen
-und auf der Erde, wo sie durch die Atmosphäre verblassen,
-nur während einer vollkommenen Sonnenfinsternis sichtbar
-sind. Hier, beim Fehlen der Luft, zeigten sie uns
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-das Erscheinen der Sonnenscheibe an und werden es
-noch lange jeden Tag so anzeigen, für kurze Augenblicke
-einen blutigen Schein auf die Berge werfend, ehe sie in
-blendender Weiße im vollen Tagesglanz erglühen.
-</p>
-
-<p>
-Nach einigen Minuten erschien an Stelle des roten
-Flammenkranzes ein weißes Segment der Sonnenscheibe
-über dem Horizont; eine volle Stunde brauchte diese
-Scheibe, um hinter den Felsen im Osten hervorzukommen.
-</p>
-
-<p>
-Diese ganze Zeit hindurch waren wir, trotz der immensen
-Kälte, mit den Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Jeder
-Augenblick ist wertvoll; man darf die Abfahrt nicht länger
-hinausschieben. Jetzt ist schon alles bereit.
-</p>
-
-<p>
-Es ist seit Aufgang der Sonne wärmer geworden. Ihre
-Strahlen, obwohl sie noch schräg fallen, wärmen mit der
-ganzen Kraft, da sie nicht durch die Atmosphäre abgeschwächt
-sind, wie dies auf der Erde der Fall ist. Ein
-seltsamer Anblick! ...
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die
-auf den Bergen wie auf einem mächtigen schwarzen Kissen
-ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die durch ihren scharfen
-Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und
-Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon
-Tag geworden, mit einer unermeßlichen Anzahl von Sternen
-übersät; rings um uns breitet sich eine leere, wilde,
-Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung des Lichtes,
-ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom
-Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt.
-Es fehlt jene Atmosphäre, die auf der Erde
-dem Himmel die wundervolle blaue Farbe verleiht, die,
-selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor Sonnenaufgang
-verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft;
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-die sich beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa
-taucht, in Regenbogen tränkt, mit Wolken verfinstert
-und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden Dämmerung
-malt.
-</p>
-
-<p>
-Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und
-diese Landschaftsbilder geschaffen!
-</p>
-
-<p>
-Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem
-Gestein, das hie und da von Spalten zerrissen ist, die sich
-in nordwestlicher Richtung erstrecken. Im Westen (<em>Osten</em>
-und <em>Westen</em> unsrer Welt bezeichne ich, übereinstimmend
-mit der <em>tatsächlichen</em> Lage, also <em>umgekehrt</em> wie
-wir dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen
-also sieht man steile Hügel, über denen in nordwestlicher
-Richtung der zerrissene Grat eines Berges thront. Im Norden
-erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch, wie es scheint,
-zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige
-Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die
-künstlich ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und
-gegen Süden erstreckt sich eine unabsehbare Flachebene.
-</p>
-
-<p>
-Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen
-Messungen des Höhenstandes der Erde am Himmel,
-daß wir uns tatsächlich auf dem <em>Sinus Medii</em> befinden,
-wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen
-müssen. Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein,
-denn die Gipfel, die im Norden und Westen jene Flachebene
-begrenzen, nämlich die aus den Karten bekannten:
-<em>Mosting</em>, <em>Sommering</em>, <em>Schroter</em>, <em>Bode</em> und
-<em>Pallas</em>, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe
-nach dem, was wir hier vor uns sehen. Aber schließlich
-ist es einerlei! Wir fahren nach Westen, um längs dem
-Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am gleichmäßigsten
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen
-und auf seine <em>andere Seite</em> zu gelangen.
-</p>
-
-<p>
-Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur
-das Grab mit dem Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten
-die Stelle, an der die ersten Menschen auf dem Monde
-gelandet sind.
-</p>
-
-<p>
-Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster
-Bau, den wir auf dieser neuen Welt errichteten! Lebewohl,
-toter Freund, teurer und treuloser Vater, der
-du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins
-neue Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem
-Grabe steht, gleicht einer Standarte, die Zeugnis dafür
-ablegt, daß der siegreiche Tod mit uns gekommen und
-auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat ...
-Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger
-als wir, auf die unbewegliche Erde starrend, die dich
-gezeugt, das Kreuz, dessen treuer Bekenner du warst,
-über deinem Haupte.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig
-Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium,
-11° westlicher Länge, 17° 21&rsquo; nördlicher Mondbreite.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>ndlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein
-furchtbarer, erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche
-Sonne, die ihre Gluten fast seit zweihundert Stunden
-aus diesem grundlos schwarzen Himmel herabsendet!
-Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und
-sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern,
-inmitten einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem
-schwarzen Reifen der verblaßten Erde, die von einem Hof
-lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie seltsam
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich
-verändert, nur die Konstellationen der Gestirne sind wie
-wir sie von der Erde aus gesehen haben. Hier, wo die
-Luft den Blick nicht trübt, sind unvergleichlich mehr Sterne
-sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie mit Sand
-von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten
-wie farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in
-der uns bekannten Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint
-der Himmel, der hier keinen farbigen Lufthintergrund
-hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird
-sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und
-bedarf keiner Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern
-weiter entfernt oder näher liegt. Blickt man auf den Großen
-Wagen, bemerkt man, daß einige seiner Sterne tief zurückliegen,
-im Vergleich mit anderen nähergerückten, während
-er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in
-eine glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße
-ist hier kein loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte
-Schlange, die sich durch die schwarzen Untiefen wälzt.
-Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein wundervolles
-Stereoskop auf den Himmel sähe.
-</p>
-
-<p>
-Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten
-der Sterne in strahlendster Helle und verdunkelt
-auch nicht das schwächste der himmlischen Lichter ...
-</p>
-
-<p>
-Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten
-zu schmelzen beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen
-das Eis auf unsern Flüssen. So endlos lange Stunden
-sehnten wir uns nach der Sonne und ihren erwärmenden
-Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um
-unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir
-auf dem Grunde einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-des zerklüfteten Berges <em>Eratosthenes</em> den <em>Apennin</em>
-entlang in die Tiefe des <em>Regenmeeres</em> erstreckt. Hier
-erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir
-Schatten und etwas Kühle ...
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung
-zehn Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume
-schien es mir, daß ich mich noch auf der Erde befinde,
-in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos umrahmt
-ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken
-glitten am blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang
-der Vögel, das Summen der Käfer und Stimmen der
-Menschen, die vom Felde heimkehrten.
-</p>
-
-<p>
-Selenas Bellen weckte mich auf.
-</p>
-
-<p>
-Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß
-ich lange nicht begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir
-geschieht, was dieser verschlossene Wagen bedeutet und
-diese Felsen ringsumher, so öde und wild! Endlich wurde
-mir alles klar &mdash; und ein unaussprechliches Weh schnürte
-mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich
-nicht schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine
-Knie legend, sah sie mich mit ihren verständigen Augen groß
-an und es schien mir, daß ich in ihrem Blick einen stummen
-Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend ihren Kopf,
-sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen umsehend,
-die in der Wagenecke munter miteinander spielten.
-Diese Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe,
-die hier froh sind.
-</p>
-
-<p>
-Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh
-wie ein kleines Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer
-gleich elend ist, die Hand ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes
-Haar zu streicheln. Dann strahlt ihr schmächtiges
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen, schwarzen
-Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten,
-der noch bis vor kurzem so männlich schön war
-und jetzt vom Fieber verzehrt und abgemagert dahinsiecht.
-Sie tut alles, um ihn aufzumuntern, ihm mit jeder Bewegung,
-mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und
-in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist,
-glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht
-nicht erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen,
-leidenschaftlichen Lippen über seine magere Hand, seinen
-Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie sie die Lider seiner
-kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein
-kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet,
-ihm seltsame, für uns unverständliche Weisen singend.
-Er hörte sie wohl von denselben so heiß küssenden Lippen
-dort &mdash; in ihrem Heimatlande &mdash; am malabarischen
-Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von
-den säuselnden Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres
-träumen ... Dieses Weib bewahrte ihm in ihrer liebenden
-Seele die ganze Welt, die für uns unwiederbringlich verloren
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal
-gesehen habe. Es war unmittelbar nachdem wir die
-Nachricht erhalten hatten, daß Braun zurücktritt. Wir
-saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von dessen
-Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen
-über diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe
-ging.
-</p>
-
-<p>
-Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen
-wolle. Wir überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten,
-als sie schon selbst ins Zimmer trat. Sie war gekleidet wie
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-die Töchter reicher Eingeborener im südlichen Indien. Das
-Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb verängstigten,
-halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt
-auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch
-neigend, aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem
-Kopfe blieb sie an der Tür stehen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, du hier! rief endlich Woodbell.
-</p>
-
-<p>
-Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen
-war keine Spur mehr von Zaudern oder Unsicherheit;
-nur eine wahrhaft südländische Leidenschaft flammte aus
-ihren von schweren Lidern halb bedeckten schwarzen Augen.
-</p>
-
-<p>
-Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen
-halb geöffnet, streckte sie Tomas die Hände entgegen und
-antwortete, zu ihm aufblickend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich bin dir gefolgt und werde dir überallhin folgen,
-selbst auf den Mond!
-</p>
-
-<p>
-Woodbell war blaß wie eine Leiche. Er fuhr sich mit
-beiden Händen an den Kopf und rief fast stöhnend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist unmöglich!
-</p>
-
-<p>
-Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schließend,
-daß O&rsquo;Tamor unser Führer sei, warf sie sich ihm zu
-Füßen, so schnell, daß er nicht Zeit hatte, sie aufzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr,
-nehmt mich mit Euch! Ich bin die Geliebte Eures Kameraden;
-alles habe ich für ihn hingegeben, er darf mich jetzt
-nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hörte, daß einer Eurer
-Genossen zurücktrat und bin von Indien hierher gekommen.
-Nehmt mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten
-verursachen. Ich will eure Dienerin sein! Ich bin reich,
-sehr reich, ich gebe Euch Gold und Perlen, soviel Ihr wollt.
-Mein Vater war Radscha in Travancore am malabarischen
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Strand und hinterließ große Schätze. Ich bin auch kräftig
-genug, seht!
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen
-Arme aus.
-</p>
-
-<p>
-Varadol stammelte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber für eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen!
-Das ist etwas anderes, als eine Fahrt mit dem
-Dampfer von Travancore nach Marseille!
-</p>
-
-<p>
-Da begann sie zu erzählen, wie sie ohne Tomas&rsquo; Wissen
-im geheimen dasselbe Training vornahm wie wir, immer
-in dem Gedanken, daß es ihr im letzten Augenblick gelingen
-werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen. Jetzt benutzte
-sie Brauns Rücktritt, die seit langem gefaßte Absicht
-auszuführen. Sie weiß wohl von Tomas, daß man
-dort auf dem Mond den Tod finden kann, aber sie will
-nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie uns an.
-</p>
-
-<p>
-Da wandte sich O&rsquo;Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte,
-mit der Frage zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle,
-und als Woodbell, unfähig ein Wort hervorzubringen, mit
-dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die üppigen Haare
-des Mädchens und sprach langsam und feierlich:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich
-Gott zur Eva des neuen Geschlechtes erkoren &mdash; möge es
-glücklicher sein als das irdische!
-</p>
-
-<p>
-So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ...
-</p>
-
-<p>
-Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man
-muß ihm Chinin geben.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Zwei Stunden später.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Glut, anstatt nachzulassen, wird immer größer.
-Wir flüchteten noch tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange
-diese entsetzliche Hitze andauert ist es unmöglich an
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die Angst schüttelt
-mich, wenn ich mir sage, daß wir fast noch dreitausend Kilometer
-vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und
-wer bürgt uns dafür, daß man dort leben kann? ... Der
-einzige, O&rsquo;Tamor, der nicht daran zweifelte, ist nicht mehr
-unter uns.
-</p>
-
-<p>
-Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, daß wir
-bereits hundertsiebenundsechzig Kilometer zurückgelegt haben;
-die Zeit zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde
-ein Kilometer. Und wir bewegten uns doch verhältnismäßig
-ziemlich schnell vorwärts ...
-</p>
-
-<p>
-Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf
-und wendeten uns nach Westen. In dem Glauben, daß
-wir uns auf dem <em>Sinus Medii</em> befinden, wollten
-wir auf die Flachebene zwischen den Bergen <em>Sommering</em>
-und <em>Schroter</em> gelangen und von dort den <em>Sommering</em>
-von Norden und Westen umkreisen. So beabsichtigten
-wir, uns dem Äquator zu nähern und an ihm entlang,
-direkt in der Richtung des Gebirgsringes <em>Gambart</em>
-und des höheren, weiter gegen Westen auf dem Äquator
-liegenden <em>Landsberg</em> vorzudringen.
-</p>
-
-<p>
-Der Grund war ausnahmsweise gleichmäßig, fast ohne
-Spalten, so daß der Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung
-und Zuversicht erfüllten unsere Herzen; es war uns
-warm und leicht &mdash; nur die Erinnerung an O&rsquo;Tamor
-trübte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha
-strahlte vor Glück, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs
-neue Pläne zu schmieden. Der Weg schien uns nicht lang,
-die Mühe nicht allzu groß. Wir bewunderten die Wildheit
-der in ihrer Erstarrung großartigen Landschaft oder
-bemühten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-im voraus die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer
-warten. Varadol erinnerte uns an alle Forschungen und
-Beweise O&rsquo;Tamors, nach denen die entgegengesetzte Seite
-des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben genügen
-und dabei interessant und über alle Beschreibung
-erhaben sein sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben
-Berge sind, die jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor
-uns erglänzen und außerdem noch frisches Grün und
-Wasser, lohnt es wohl der Mühe, dreihundertvierundachtzigtausend
-Kilometer zurückzulegen, um diese Herrlichkeiten zu
-sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und
-Martha, wie gewöhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen
-rosige Pläne für das zukünftige Leben in diesem
-Paradies. Sogar Selena begann, als sie die munteren
-Stimmen hörte, fröhlich zu bellen und im ganzen Wagen
-mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen.
-</p>
-
-<p>
-So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen
-dreißig Kilometer zurückgelegt, als Varadol, der gerade
-an der Reihe war am Steuer zu stehen, den Wagen plötzlich
-anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher, stumpfer
-Steinwall, der sich von Süden nach Nordwesten erstreckte.
-Man hätte den Wall mit Leichtigkeit überwinden können,
-aber es handelte sich darum, die Richtung genau festzustellen,
-in der wir uns vorwärtsbewegen sollten. Im Nordwesten
-erhoben sich wild zerklüftete, mächtige Berge, die
-wir für die Gipfel des Kraters <em>Sommering</em> hielten.
-Jener Krater, wie die Astronomen auf Erden diese runden
-Berge hier bezeichnen, erhebt sich zwar nur eintausendvierhundert
-Meter über der benachbarten Ebene, während
-diese Berge uns ungleich höher vorkamen, aber wir schrieben
-dies der leicht erklärlichen optischen Täuschung zu. Außerdem
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-ist es aber auch möglich, daß wir mit unserem Projektil
-auf den südwestlichen Teil des <em>Sinus Medii</em>,
-auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem breiten
-Halbkreis des Zirkus des <em>Flammarion</em> zu öffnet und
-jetzt zur Rechten den Krater <em>Mosting</em>, von der ansehnlichen
-Höhe von zweitausenddreihundert Metern, vor uns
-haben. Auf alle Fälle mußte jener Berg von Norden her
-umkreist werden, um nicht den ursprünglichen Plan zu
-ändern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen
-vorzunehmen zur Festlegung des Punktes, an dem
-wir uns befinden, aber da wir jetzt keine Minute verlieren
-wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die heißere Zeit,
-wo wir infolge der großen Glut würden Aufenthalt machen
-müssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden.
-Der Weg wurde immer schwieriger und führte allmählich
-in die Höhe; hie und da trafen wir Spalten an, denen wir
-ausweichen mußten, öfter ganze Felder von massivem Gestein,
-dem Gneis ähnlich, mit vielen losgelösten Felsstücken
-übersät. Wir bewegten uns immer langsamer und
-mit großer Mühe vorwärts. An einigen Stellen mußten
-wir, nachdem wir die Luftbehälter angelegt hatten, den
-Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden
-Felsblöcke fortzuräumen. Wir priesen dabei die
-geringe Anziehungskraft des Mondes, durch die es uns
-möglich war, derartige Felsstücke von der Stelle zu rücken.
-Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem erschien
-der andere Gefährte, wenn er die mächtigen Klumpen bewegte,
-wie ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas
-blieb im Wagen zurück, da er vom Fieber, das immer
-wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der Wunden aufgehört
-hatte, zu sehr geschwächt war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer
-weit von dem Punkte, von wo wir uns nach Norden gewandt
-hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner und überaus
-steiler Hügel, hinter denen sich phantastische Gipfel erhoben.
-Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die
-Höhe und aus dem mächtigen Wall, den er bildete,
-ragte eine scharfe Bergspitze hervor. Rechts, gegen Osten,
-erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge.
-</p>
-
-<p>
-Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der
-Sonne verflossen, als wir auf die glatte Fläche von massivem
-Gestein gelangten, auf der man sich schneller vorwärtsbewegen
-konnte. Hier beschlossen wir anzuhalten,
-um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung
-der Landschaft immer mehr.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren bereits überzeugt, daß wir uns in einer
-anderen Gegend des Mondes als auf dem <em>Sinus Medii</em>
-befanden. Man mußte demnach endlich genaue Messungen
-vornehmen.
-</p>
-
-<p>
-Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter
-stellte die astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt
-der Erdscheibe war vom Zenite 6° gegen Osten und 2°
-gegen Norden entfernt &mdash; wir befanden uns also unter
-dem 6.° westlicher Mondlänge und dem 2.° südlicher Breite,
-das heißt, an der Grenze des <em>Sinus Medii</em>, neben
-dem Krater <em>Mosting</em>. Was diesen betrifft, so konnte
-kein Zweifel obwalten. Die Messungen waren ganz genau.
-</p>
-
-<p>
-Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu
-ändern. Als wir den Weg antreten wollten, rief Varadol
-plötzlich:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurückgelassen!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, daß unsere
-Kanone, das einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern
-zu verständigen, mit dem Geschoß und der
-Kugel beim Grabe O&rsquo;Tamors zurückgeblieben war. Sein
-Tod und Begräbnis hatten uns so verwirrt, daß wir beim
-Aufbrechen vergaßen, die für uns so wertvolle Kanone
-mitzunehmen. Das war ein unersetzlicher Verlust und
-um so empfindlicher, als nach der Zerstörung der telegraphischen
-Verbindung mit ihr der letzte Faden zerriß, der uns
-mit der Erde verband. Wir fühlten uns plötzlich so grenzenlos
-vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke
-wiederum um Hunderte von Kilometern von dem Globus
-entfernt hätten, der schon Hunderttausende von Kilometern
-hinter uns lag.
-</p>
-
-<p>
-Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone
-zu holen. Vor allem bestand Woodbell darauf, da er es
-für nötig hielt, uns mit der Erde zu verständigen, damit
-man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht aussende, bevor
-wir nicht mitteilen konnten, daß wir hier mögliche Lebensbedingungen
-gefunden haben.
-</p>
-
-<p>
-Wenn wir umkommen müssen, sagte er, warum sollen
-noch andere ihr Leben opfern. Ihr wißt doch, daß die
-Brüder Remogner zur Fahrt bereit sind. Sie erwarten
-Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat
-funktioniert nicht. Man muß sie zurückhalten, wenigstens
-noch für einige Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren.
-Jede Stunde ist von höchstem Werte, da uns im Falle
-einer Fahrtverlängerung die Nahrungs- und Luftvorräte
-ausgehen können, wodurch wir zum sicheren Tode verurteilt
-wären. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O&rsquo;Tamors
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-zu lange aufhalten müssen und wer konnte dafür bürgen,
-daß wir die Stelle wiederfinden, wo die Kanone zurückblieb?
-</p>
-
-<p>
-Varadol bemühte sich, Tomas&rsquo; Bedenken zu zerstreuen.
-Die Brüder Remogner, führte er an, werden den Weg doch
-nicht antreten, wenn sie keine Nachrichten von uns erhalten.
-Im übrigen weiß man nicht, ob die hinausgeschossene Kugel
-gerade auf eine Stelle der Erde fällt, wo sie jemand auffindet
-und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die
-Hände derjenigen, für die sie bestimmt ist.
-</p>
-
-<p>
-Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone,
-die lediglich für einen senkrechten Schuß konstruiert war,
-nur in der Nähe des Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen
-könnten, wo sich die Erde im Zenite über uns
-befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern
-Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses
-nicht und selbst wenn sie genügen würde, hätten wir
-keine Möglichkeit, die Kanone genau so aufzustellen, um
-sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie beschreibend,
-trotzdem ihr Ziel &mdash; die Erde &mdash; nicht verfehlt. So hätten
-wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen
-aufgehalten, wären alsdann aber nicht mehr imstande,
-durch einen zweiten Schuß neue Kameraden herbeizurufen,
-falls wir &mdash; bis zur Grenze der von der Erde aus sichtbaren
-Mondscheibe gelangt &mdash; dort günstige Lebensbedingungen
-antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier
-zu einer ewigen Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die
-Brüder Remogner trotz alledem hierher kommen, so würden
-sie vielleicht einen stärkeren telegraphischen Apparat mit
-sich führen und wir so durch sie eine dauernde Art der
-Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem
-Suchen der Kanone zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung
-setzten wir daher unsere Reise fort.
-</p>
-
-<p>
-Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen
-und wir hatten schon gegen hundertdreißig Kilometer hinter
-uns. Die Sonne stand bereits 28° über dem Horizont
-und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten dabei
-eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich
-die Wand des Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so
-erhitzte, daß sie geradezu brannte, war die der Sonne abgewandte
-Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der Kälte hatten
-wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines
-Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs
-antrafen. Der Grund für diese gewaltsamen Übergänge
-zwischen Wärme und Kälte ist das Fehlen der Atmosphäre,
-die auf der Erde zwar die direkte Kraft der Sonnenstrahlen
-vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese Wärme
-gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen
-derselben durch Ausstrahlen verhindert.
-</p>
-
-<p>
-Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend
-mit Nacht. Das Licht, das nicht in der Atmosphäre
-verbreitet ist, dringt nur an solche Orte, die den
-Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht den Reflex
-der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht
-der Erde, müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten
-hineinfahren unsere elektrischen Lampen aufflammen lassen.
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und
-begannen uns nach Westen zu wenden, um den vermutlichen
-Krater <em>Mosting</em> zu umkreisen, nur mit großer
-Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande
-vorwärtsdringend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften
-auf der Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen,
-die die Gipfel miteinander verbinden, üppige
-Täler, die durch das Wirken des Wassers im Laufe von
-Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur
-von alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und
-mit einer unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener
-Mulden mit vorspringenden Rändern angefüllt,
-oder auch mit glatten, vereinzelten Hügeln, oft
-von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen
-tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und
-aussehen, als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader
-Linie bis auf den Grund gespalten wären. Ich zweifle
-nicht daran, daß es sich hier um ein Bersten der erlöschenden
-und sich krümmenden Mondoberfläche handelt.
-</p>
-
-<p>
-Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung
-der auf der Erde so übermächtigen Erosion. Ich
-glaube auch, daß dieses Land niemals Luft und Wasser
-gehabt hat.
-</p>
-
-<p>
-Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins,
-das auf dem felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr
-dreißig Stunden später, als die Spannung der Hitze
-sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten wir die
-Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang,
-dessen Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich
-war, als sich plötzlich vor unseren Augen ein Felsblock
-von einigen zehn Metern im Durchmesser vom Gipfel
-loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die
-Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu
-schaurigen Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten
-wir kein Geräusch; nur der Grund erbebte unter unserem
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte. Die Felsen,
-die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen
-Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während
-der furchtbaren Glut des Tages an der Seite, die den
-brennenden Strahlen ausgesetzt ist; die ungleichmäßige Verteilung
-von Hitze und Kälte muß das Zerspringen und
-Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt
-verursachen.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die
-mächtigen Flächen übersäten, ziemlich unangenehm. Wir
-passierten Stellen, wo unser Fahrzeug sich vermittels der
-Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte. Dort ließen
-wir die &bdquo;Tatzen&ldquo; aus, die dem Wagen ermöglichten die
-größten Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges
-Tier. So kamen wir glücklich über die sich auftürmenden
-Steinmassen hinweg. Trotz der zahlreichen Versuche,
-die wir mit dem Wagen auf der Erde machten, hatten
-wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen,
-länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des
-Mondes und die damit verbundene Schwere nur um die
-Hälfte größer wäre, hätten wir in diesem Gestein, unfähig
-uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde gehen
-müssen.
-</p>
-
-<p>
-Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen,
-während dessen wir kaum zwanzig Kilometer
-weiter kamen. Die Hitze wird unerträglich. In der dumpfen,
-glühenden Luft des Wagens und durch die heftigen
-Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die
-Wunden, die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche
-davontrug, beginnen ihn wieder zu schmerzen.
-Ein Glück, daß wir drei wenigstens heil davongekommen
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem Gedanken
-an jene furchtbare Erschütterung!
-</p>
-
-<p>
-Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der
-am Projektil angebrachten Minen, die die Schnelle des
-Fallens verringern sollten, dann ein Druck auf den Knopf
-&mdash; das schützende Stahlgerüst breitete sich aus und ...
-Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah
-nur noch, wie Martha sich aus der Hängematte herausbeugte
-und ihre Lippen auf Tomas&rsquo; Mund preßte. O&rsquo;Tamor
-rief: <em>Wir sind da!</em> &mdash; und ... ich verlor das
-Bewußtsein.
-</p>
-
-<p>
-Als ich die Augen öffnete, lag O&rsquo;Tamor blutüberströmt
-am Boden, Woodbell ebenfalls schwerverwundet; Varadol
-und Martha waren ohnmächtig ... Aus den Trümmern
-des Stahlgerüstes haben wir dann das Kreuz auf dem
-Grabe O&rsquo;Tamors errichtet.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang
-an als wir vor Erschöpfung und Glut zusammenbrechend
-endlich bemerkten, daß wir uns dem Gipfel des
-Berges näherten, den wir mit so großer Mühe erkletterten.
-Während dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den
-vierten Teil des &bdquo;Tages&ldquo; auf dem Monde ausmachten,
-schliefen wir fast gar nicht und beschlossen nun eine Zeitlang
-zu rasten.
-</p>
-
-<p>
-Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe.
-</p>
-
-<p>
-Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens,
-der uns tatsächlich vorm lebendigen Verbraten durch die
-unerträglichen Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns
-alle schlafen. Nach zwei Stunden schon erwachte ich sehr
-gestärkt; die andern schliefen noch. Ich wollte sie nicht
-aufwecken, nahm meinen Luftbehälter und ging allein aus
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-dem Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum
-hatte ich mich etwas aus dem Schatten begeben, glaubte ich
-mich in das Innere eines glühenden Hüttenwerkes versetzt.
-Das war keine Hitze mehr &mdash; eine wahre Feuersbrunst ergoß
-sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Füße
-durch die dicken Sohlen des Luftbehälters. Ich mußte
-meine ganze Willenskraft zusammennehmen, um nicht in
-den Wagen zurückzukehren.
-</p>
-
-<p>
-Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei
-Berge aus massivem Gestein trennte und zwischen diesen
-in einer Art Einsattlung endete, die, soviel ich von der
-Stelle wo ich stand bemerken konnte, in eine hinter jenen
-Hügeln nach Süden laufende Ebene überging. Diese Hügel
-verhüllten mir die Aussicht nach Norden und Süden. Nur
-nach Osten war der Blick über den Weg frei, den wir gerade
-zurückgelegt hatten. Ich sah auf steinige Felder,
-voll von Mulden, Vorsprüngen, Spalten und Gipfeln &mdash;
-und traute meinen eigenen Augen kaum, daß wir mit unserem
-großen, schweren Wagen da hindurchkommen konnten.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Erde, bei dem sechsmal größeren Gewichte, wäre
-das geradezu unmöglich gewesen.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mich jemand berührte.
-Ich sah mich um; hinter mir stand Varadol und
-machte verzweifelte Zeichen. Er hatte, gleich mir, den Luftbehälter
-angelegt und den Wagen verlassen, da er aber das
-Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht
-verständigen. Ich sah nur, daß er blaß und furchtbar erregt
-war. Ich glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden
-und stürzte zum Wagen zurück. Er folgte mir.
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatten wir uns der Luftbehälter entledigt, als
-Varadol mit vor Aufregung zitternder Stimme sagte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-&mdash; Wecke die andern nicht auf und höre: es ist etwas
-Furchtbares geschehen, ich habe mich geirrt.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es
-sich eigentlich handelte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir sind nicht auf den <em>Sinus Medii</em> gefallen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wo sind wir also?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung,
-die diesen Krater mit dem Mond-<em>Apennin</em> verbindet.
-</p>
-
-<p>
-Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wußte aus den
-auf der Erde gemachten photographischen Aufnahmen der
-Mondoberfläche, daß der Grat, auf dem wir uns demnach
-befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen zu gelegene
-mächtige Fläche des <em>Mare Imbrium</em> abfällt.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ruhig. Gott allein weiß es. Es ist meine Schuld.
-Wir sind auf dem <em>Sinus Aestuum</em>. Sieh ...
-</p>
-
-<p>
-Er schob mir eine Karte und einige Blätter zu, die mit
-Reihen von Ziffern beschrieben waren.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten
-Hoffnung Raum gebend.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die
-anderen Messungen waren ganz genau, ich vergaß nur,
-daß sich damals die Erde nicht im Zenite über dem Mittelpunkt
-der Mondscheibe befinden konnte. Du weißt doch, daß
-der Mond während der Drehung um die Achse kleinen
-Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt,
-wodurch die Erde nicht gänzlich unbeweglich am Himmel
-erscheint, sondern eine kleine Ellipse umschreibt. Ich habe
-nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom Zenit die Verbesserungen
-vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage
-nach die Mondlänge und -breite des Punktes, auf dem
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-ich die Messungen machte, falsch bezeichnet. Jetzt können
-wir das alle mit dem Leben bezahlen!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen
-Körper bebte. Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten.
-</p>
-
-<p>
-Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der
-Messungen. Diesmal war jeder Zweifel ausgeschlossen.
-Nachdem die notwendige Verbesserung vorgenommen war,
-zeigte es sich, daß wir auf dem <em>Sinus Aestuum</em>
-unter dem 7.° 35&rsquo; westlicher Mondlänge und dem 13.°
-8&rsquo; nördlicher Mondbreite herabgefallen sind. Wir bewegten
-uns die ganze Zeit hindurch längs den steilen Bergen,
-zu Füßen des mächtigen <em>Eratosthenes</em>, vor uns den
-nicht großen, aber außerordentlich steilen Krater ohne
-Namen, der in dem hier schon beginnenden <em>Apennin</em>
-eingeschlossen ist. Gegenwärtig befanden wir uns unter
-dem 11.° westlicher Mondlänge und dem 15.° 51&rsquo; nördlicher
-Mondbreite.
-</p>
-
-<p>
-Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte.
-Nach dieser erhebt sich die Einsattelung, die wir einige
-hundert Schritte weit vor uns hatten, neunhundertzweiundsechzig
-Meter über dem <em>Mare Imbrium</em>.
-</p>
-
-<p>
-Es ist doch seltsam: während die Astronomen auf der
-Erde aus der Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern
-mit Leichtigkeit die Höhe eines jeden Mondberges
-berechnen, indem sie im Teleskop die Länge des Schattens,
-den er wirft, messen, mußten wir, die wir uns auf diesem
-Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte
-flüchten, um konstatieren zu können, wie hoch er sich erhebt.
-Der Mangel der Atmosphäre macht die barometrischen
-Messungen der Höhe unmöglich. Die Veränderung,
-die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf,
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-daß das Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war.
-Auf der Höhe, auf welcher wir uns befanden war eine
-absolute Leere.
-</p>
-
-<p>
-Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war
-unmöglich ihnen die entsetzliche Situation zu verheimlichen,
-doch schienen unsere Eröffnungen keinen besonderen Eindruck
-auf sie zu machen. Tomas runzelte die Stirn und
-biß die Lippen zusammen, während sich Martha, soweit
-ich aus ihrem Benehmen schließen konnte, keine klare
-Rechenschaft über das Grauen der Lage zu geben vermochte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren
-sind, oder umkehren ...
-</p>
-
-<p>
-Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind!
-Mein Gott, es war doch nur ein reiner Zufall, daß wir
-den Weg gefunden haben, der uns hierher führte! Und
-umkehren? &mdash; So viel vergebliche Mühen und verlorene
-Stunden? ...
-</p>
-
-<p>
-Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben
-um zu sehen, ob wir uns nicht auf die Ebene <em>Mare
-Imbrium</em> herablassen könnten. Nach einigen Minuten
-befand sich unser Wagen an dem Abgrund!
-</p>
-
-<p>
-Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren.
-Der Felsen brach zu unseren Füßen fast senkrecht ab und
-dort unten, tausend Meter tiefer, erstreckte sich, soweit das
-Auge reichte, die Ebene <em>Mare Imbrium</em>, von einigen
-zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der
-Luftperspektive brachte es mit sich, daß auch die ziemlich
-entfernt liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich
-mit ihrem märchenhaft schimmernden Weiß vom schwarzen
-Hintergrund des sternenbesäten Himmels abhoben. Ein
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-wahrhaft bezaubernder Anblick, über den wir für einen
-Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaßen.
-</p>
-
-<p>
-Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermeßlichen
-Fläche, wie eine Insel im Meere, der majestätische
-Krater <em>Timocharis</em>, vierhundert Kilometer
-von uns entfernt und gegen siebentausend Fuß hoch.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen
-Berge infolge der unklaren Luft eine blaßbläuliche Farbe
-an; hier erschien jener Gipfel, in der Sonne erglänzend,
-wie ein weiß erglühter Stahl, mit großen schwarzen
-Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer
-Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man
-ebenfalls deutlich am Himmel die Zacken des Kraters
-<em>Lambert</em>, der kleiner und weiter entfernt war. Im
-Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere
-Höhenzüge und Felsen, sich mit der uns viel näher liegenden
-Kette der Mond-<em>Karpaten</em> vereinigend, die das <em>Mare
-Imbrium</em> von Süden her einschließen.
-</p>
-
-<p>
-Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres
-Sehwinkels erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Südwesten
-her die auf kleineren Hügeln gestützten mächtigen
-Gipfel des <em>Kopernikus</em>, eines der größten Berge auf
-dem Monde. Wenn ich sagte, daß der <em>Timocharis</em>
-wie glühender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis
-mehr zur Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus
-der Entfernung von Hunderten von Kilometern von jenem
-riesenhaften Felsenringe her ergoß, der einen Durchmesser
-von neunzig Kilometern hat!
-</p>
-
-<p>
-Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des
-breiten Zirkus des <em>Archimedes</em>. Der Blick nach Osten
-und Süden war uns verschlossen &mdash; von der einen Seite
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-durch die Kette des Mond-<em>Apennins</em>, von der andern
-durch den <em>Eratosthenes</em>, der durch den Paß, auf
-dem wir gerade stehen, mit dem <em>Apennin</em> verbunden ist.
-</p>
-
-<p>
-Und in diesem Rahmen das <em>Regenmeer</em>. Wie ironisch
-erschien uns diese Bezeichnung, die von den alten Astronomen
-auf der Erde erdacht wurde! Eine entsetzliche Wüste,
-kalt und grau, hie und da durch große Spalten zerrissen,
-die, zu länglichen Garben gedehnt, sich vom <em>Timocharis</em>
-zum <em>Eratosthenes</em> erstrecken. Nirgends eine Spur von
-Leben! Nur am Fuße der mächtigen, weit entfernten
-Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte, kostbaren
-Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbläuliche Adern
-von Felsschichten.
-</p>
-
-<p>
-Wir starrten schweigend vor uns hin und wußten nicht,
-welchen Weg wir wählen sollten. Wenn wir die Fläche
-des <em>Regenmeeres</em> erreichten, hätten wir eine Strecke
-vor uns, auf der wir uns schnell vorwärtsbewegen könnten;
-aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir
-dorthin gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen,
-senkrechten Wand hinablassen?
-</p>
-
-<p>
-Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fuß nach Süden,
-in der Hoffnung, daß es uns vielleicht gelingen könnte,
-abseits vom Krater des <em>Eratosthenes</em> einen Weg zu
-finden. Wir schritten auf der schmalen Fläche, die zwischen
-den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem <em>Mare
-Imbrium</em> zu öffnete. An der einen Stelle war der
-Durchgang so eng, daß wir schon umkehren wollten, weil
-es uns unmöglich schien hier mit dem Wagen durchzukommen.
-Zum Glück erinnerte uns Martha, die uns begleitete,
-daß wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit
-denen sich die nicht große, uns den Weg versperrende
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen ließe. Wir passierten
-sie daher, über den schwindelnden Abgrund schlüpfend, und
-gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der
-breiter und flacher wurde, langsam nach oben. Wir gingen
-immer nach Süden zu. Rechts und links starrten die
-Riesengipfel des Ringes des <em>Eratosthenes</em>.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden
-wir durch einen neuen Abgrund aufgehalten, der sich
-so unerwartet vor uns auftat, daß Peter, der voranging,
-mit einem Schrei des Entsetzens zurückprallte. In der
-Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl
-das Furchtbarste, was man sich vorstellen kann.
-</p>
-
-<p>
-Immer in südlicher Richtung vorwärtsdringend, gelangten
-wir, ohne zu wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon
-am Rande des <em>Eratosthenes</em> lag. Zur Rechten und
-zur Linken türmten sich zerrissene Gipfel, von denen der
-eine weißschimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, während
-sich der andere im Schatten in tiefes Schwarz hüllte.
-Und vor uns ... Nein, wer vermag das zu beschreiben!
-&mdash; Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare, bodenlose
-Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser
-Majestät des Schreckens und der Starrheit, daß mich noch
-jetzt Schauer der Angst schütteln, wenn ich daran zurückdenke!
-</p>
-
-<p>
-Wir sahen in das Innere des Kraters des <em>Eratosthenes</em>.
-</p>
-
-<p>
-Ein mächtiger Bergwall, wie eine Säge mit Zacken besetzt,
-bildete einen geschlossenen Kreis von einigen zehn
-Kilometern im Durchmesser und auf diese Weise eine
-Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das menschliche
-Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-über den Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend,
-fielen fast senkrecht in seltsamen Windungen ab, als wenn
-sich Steinkaskaden in wilden Sprüngen herabwälzten. Die
-Mulde, die im Verhältnis zu der Oberfläche des durch
-den Wall abgetrennten <em>Mare Imbrium</em> zweitausend
-Meter tiefer lag, erschien uns noch unergründlicher durch
-die mächtigen sich daneben auftürmenden Berge und die
-dichten Schatten, die sie gespensterhaft einhüllten. Aus
-ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte kegelförmige
-Gipfel, die beinahe die halbe Höhe des benachbarten
-Walls erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster
-auf sie herab. Kleine, dunkelgraue Rauchwolken
-stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich infolge
-der fehlenden Atmosphäre sofort wieder, um sich am Fuße
-der Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel,
-daß wir hier noch nicht erloschene Vulkane vor uns hatten.
-</p>
-
-<p>
-Die grellen Gegensätze von Licht und Schatten vergrößerten
-noch das Gefühl des Grauens. Der ganze östliche
-Rand des Innern war in geheimnisvolle Dämmerung gehüllt,
-die mit dem schwarzen Himmel zusammenzufließen
-schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der Sonne
-wie eine weiße, von dunklen Bergrinnen zerrissene und
-mit unzähligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintürmen,
-die auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke
-leuchteten. Nach Süden zu erschien der Wall
-durch die Entfernung niedriger und erweckte den Eindruck,
-das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein.
-Zu unseren Füßen &mdash; ein schwindelnder Abgrund.
-</p>
-
-<p>
-Und über all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am
-schwarzen Himmel die feurige, strahlenlose Sonne, immer
-näher der Erde, die, in starrem Glanze schimmernd, zu
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-einer schmalen, scharfen Sichel gekrümmt, über diesem Tal
-schwebte wie ein Zeichen des Todes.
-</p>
-
-<p>
-Unwillkürlich dröhnten mir die Worte Dantes in den
-Ohren:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse"><span class="antiqua"><em>Vero é che in su la proda mi trovai</em></span></p>
- <p class="verse"><span class="antiqua"><em>della valle d&rsquo;abisso dolorosa ....</em></span></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung,
-Glut und Entsetzen geschwächten Gehirne Visionen
-der Danteschen Hölle auf, die nicht furchtbarer
-sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der
-am Boden des mächtigen Kessels sich wälzende Rauch
-schien mir der Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich
-im Wirbel um Luzifers mächtige Gestalt drehten, dessen Formen
-einer der Vulkankegel in meinen Augen annahm ...
-Geister &mdash; Geister &mdash; eine entsetzliche Prozession der Verfluchten!
-Sie ziehen dahin, fließen in mächtigen Fluten
-über die felsigen Abhänge der Untiefe, gleiten in den Abgrund,
-wälzen &mdash; drängen sich. Einige wollen sich erheben,
-auf &mdash; auf &mdash; zur Sonne &mdash; sie reißen sich vom Boden
-los und stürzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen
-auf dieselbe Stelle, &mdash; hinab &mdash; hinab zur ewigen
-Verdammnis ...
-</p>
-
-<p>
-Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden,
-schaudervollen Stille ab ...
-</p>
-
-<p>
-Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fühlte,
-daß ich einer Ohnmacht nahe war.
-</p>
-
-<p>
-Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, daß ich
-im ersten Augenblick wirklich glaubte das Jammern der
-Verfluchten zu hören. Aber diesmal war es keine Vision.
-Es war wirkliches, herzzerreißendes Weinen, das durch
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-das Rohr, das die Köpfe unserer Luftbehälter verband,
-zu mir drang.
-</p>
-
-<p>
-Ich erwachte aus meiner Betäubung und blickte um mich.
-Woodbell stand da wie versteinert, den Rücken an den Felsen
-gelehnt, blaß, mit gesenktem Haupte. Varadol glich in
-seinen Bewegungen einem gefesselten wilden Tiere; er
-stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und
-die Länge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten
-um, als wenn er zwischen diesen Steinmassen einen Weg
-und Ausgang suchte. Martha kniete am Boden, von einem
-Schluchzen, das durch die höchste Erregung der Nerven
-hervorgerufen wurde, geschüttelt.
-</p>
-
-<p>
-Ein grenzenloses Erbarmen erfaßte mich. Ich näherte
-mich ihr und legte langsam den Arm um ihre Schultern.
-Da begann sie wie ein Kind zu klagen und rief, wie in jener
-denkwürdigen langen Nacht vor dem Tode O&rsquo;Tamors:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Auf die Erde! Auf die Erde!
-</p>
-
-<p>
-In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschütternde
-Verzweiflung, daß ich kein Wort finden konnte, sie zu
-trösten. Wie sollte ich das auch anfangen? Unsere Situation
-war tatsächlich eine verzweifelte. Ich wandte mich
-zu Varadol:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was soll jetzt werden?
-</p>
-
-<p>
-Peter zuckte die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmöglich,
-hier herunterzukommen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und wenn wir umkehrten? warf ich ein.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha.
-</p>
-
-<p>
-Varadol schien ihr Weinen nicht zu hören. Er sah eine
-Zeitlang vor sich hin, dann antwortete er, sich zu mir
-wendend:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-&mdash; Umkehren ... Höchstens um auf einem andern
-Wege auf dasselbe Hindernis zu stoßen, nachdem wir schon
-so viel kostbare Zeit verloren haben. Sieh!
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte
-über die unabsehbare Fläche des <em>Mare Imbrium</em>.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wenn wir dorthin gelangen könnten, sagte er, würden
-wir einen verhältnismäßig ebenen Weg vor uns haben,
-aber wie wäre das zu ermöglichen ... Höchstens wenn
-wir uns kopfüber ...
-</p>
-
-<p>
-Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung.
-Das <em>Regenmeer</em>, glatt und eben, von der Sonne beleuchtet,
-erschien mir als ein Paradies, im Vergleich mit
-dem furchtbaren Innern des <em>Eratosthenes</em>. Es begann
-fast dicht unter unseren Füßen, scheinbar so nahe,
-daß ein Sprung genügen würde, es zu erreichen. Doch
-trennte uns ein senkrecht abstürzender, tausend Meter
-hoher Felsen von dieser Ebene.
-</p>
-
-<p>
-Wir drängten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher
-Sehnsucht hinunter. Wir fühlten weder
-Ermattung, noch die brennenden Strahlen der Sonne,
-die bereits hinter der Felsengrenze über uns aufging.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Weile wiederholte Peter:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Dorthin werden wir nicht gelangen ...
-</p>
-
-<p>
-Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fähig
-war sich zu beherrschen, antwortete ihm.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend,
-oder ich werfe dich von hier hinab! Wir haben genug
-Sorgen!
-</p>
-
-<p>
-Da trat plötzlich Tomas hervor.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sei still &mdash; und du weine nicht; wir werden auf
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-das <em>Mare Imbrium</em> hinüberkommen, &mdash; holen wir
-den Wagen.
-</p>
-
-<p>
-Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen
-Worten, daß wir seine Weisung sofort ausführen
-wollten und nicht wagten uns zu widersetzen oder auch
-nur zu fragen.
-</p>
-
-<p>
-Woodbell hielt uns noch zurück.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Seht, sagte er, auf die äußeren, dem <em>Regenmeere</em>
-zugewandten Abhänge des <em>Eratosthenes</em> zeigend,
-seht ihr diese Kante dort, die fünfzig Meter tiefer
-am Fuße der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen
-kann, senkt sie sich ziemlich sanft bis zur Fläche;
-da werden wir hinunterfahren können ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber diese Wand ... flüsterte ich, unwillkürlich auf
-den senkrecht herabstürzenden Felsen blickend, der uns
-von dem ziemlich breiten Grat der Kante trennte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Unsinn, wir sind doch geübt im Erklettern der
-Felsen! Wir werden sie seitlich leicht umgehen können.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und der Wagen? ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem
-wir ihn an Seilen festgebunden haben. Vergeßt nicht,
-daß wir auf dem Monde sind, wo alles sechsmal leichter
-ist und das Herabfallen aus einer Höhe von fünfzig
-Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall
-von acht!
-</p>
-
-<p>
-Tomas&rsquo; Rat wurde also befolgt.
-</p>
-
-<p>
-Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen
-wir den steilen Abhang des <em>Eratosthenes</em> hinabzufahren,
-um zum <em>Mare Imbrium</em> zu gelangen. Fast
-drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in
-die Ebene, die dicht zu unsern Füßen lag. Den größten
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Teil des Weges legten wir zu Fuß zurück, von unbarmherzigen,
-immer senkrechter auf uns niederbrennenden
-Sonnenstrahlen gequält, vor Ermattung und Erschöpfung
-fast umsinkend. Den Wagen mußten wir aus einer Höhe
-von zirka fünfzig Metern herablassen; er blieb unbeschädigt.
-Aber die Hunde, die wir einschließen mußten,
-waren, trotz unserer größten Vorsicht, schrecklich zerschlagen
-und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die
-Hoffnung aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen.
-Die Kante war kein so erträglicher Weg, wie uns dies
-von oben aus der Ferne geschienen. Durch Zerklüftungen
-und Vorsprünge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren
-oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war,
-weil wir überall den Wagen hinter uns herschleppen oder
-an Seilen herablassen mußten. Oft packte uns die Verzweiflung.
-Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das
-Fieber und die Wunden geschwächt, am meisten Geistesgegenwart
-und Willensstärke. Wenn wir leben und leben
-werden, so haben wir es ihm zu verdanken.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nicht, ob wir während dieser drei Tage mehr
-geschlafen haben als zwölf Stunden, jedesmal eine leidlich
-schattige Stelle heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen
-zu schützen. Manchmal nahm die mörderische Glut
-uns gänzlich das Bewußtsein.
-</p>
-
-<p>
-Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht
-über uns, neben der verblaßten Erdkugel, die mit
-einem blutroten Reifen lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben
-war, als wir, bis zum äußersten erschöpft, endlich
-auf der Ebene anlangten.
-</p>
-
-<p>
-Die Glut war so groß, daß sie uns den Atem nahm;
-in den Schläfen klopfte und hämmerte es zum Zerspringen.
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-Sogar der Schatten gab keinen Schutz mehr! Die glühenden
-Felsen flammten überall wie im Feuer, wie der Rachen
-eines Hüttenofens.
-</p>
-
-<p>
-Selena keuchte mit heraushängender Zunge, die Jungen
-winselten und lagen bewegungslos in der Wagenecke. Wir
-wurden, einer nach dem andern, ohnmächtig und glaubten,
-daß uns der Tod am Eingang der so ersehnten Ebene
-ereilen müsse. Nur vor der Sonne fliehen &mdash; aber wohin?
-</p>
-
-<p>
-Da erinnerte uns Martha daran, daß wir beim Abstieg
-vom Berge eine tiefe Spalte sahen, die jetzt scheinbar
-durch die Ungleichmäßigkeit des Grundes vor uns verdeckt
-war. Wir fuhren daher in der bezeichneten Richtung und
-fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie
-ein Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heißt eine
-Schlucht, durch das Bersten der Mondschale gebildet, tausend
-Meter tief und einige hundert breit, im übrigen den
-Schluchten auf der Erde in keiner Weise ähnlich.
-</p>
-
-<p>
-Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen können,
-einige zehn Kilometer parallel der <em>Apenninkette</em> hin.
-Auf den Mondkarten ist sie nicht angegeben; wahrscheinlich
-entging sie den Astronomen infolge des Schattens, in den
-sie immer gehüllt sein muß, da sie in der Nähe hoher Berge
-liegt.
-</p>
-
-<p>
-Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren
-schnell in ihre Tiefe hinab, tausend Meter unter der Oberfläche
-des <em>Mare Imbrium</em> und fanden dort erst ein
-wenig Kühle ....
-</p>
-
-<p>
-Der Schlaf hat uns gestärkt und erquickt. Nur Tomas,
-den bis jetzt eine eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert
-wieder. Er ist so geschwächt, daß er sich nicht rühren kann.
-Trotzdem werden wir in zirka zwanzig Stunden weiterfahren.
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach Westen
-zu neigen. Dort auf der Ebene muß die Glut immer noch
-entsetzlich sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor
-einigen Stunden. Übrigens können wir sie nach der Rast
-leichter ertragen.
-</p>
-
-<p>
-Nach langer Überlegung änderten wir den Plan der Fahrt.
-Statt nach Westen werden wir uns nach Norden wenden,
-zum Pol des Mondes. Wir gewinnen dabei zweifach. Vor
-allem haben wir tausend Kilometer guten, glatten Weg
-durch die Ebene <em>Mare Imbrium</em> vor uns, was die
-Fahrt bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir,
-uns dem Pole nähernd, in eine Gegend, wo die Sonne am
-Tage nicht so hoch über dem Horizonte steht, dahingegen in
-der Nacht tief unter den Horizont fällt; wir hoffen dort also
-eine erträglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher
-Mittag wie heute &mdash; und unser Tod wäre unabwendbar.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden
-nach Sonnenaufgang.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden
-wird die Sonne untergehen, die jetzt über den fernen, runden
-Hügeln im Westen steht, &mdash; kaum einige Fuß über dem
-Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains, jeder
-Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche
-Schatten, die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden,
-in einer Richtung zerschneiden. Soweit das Auge
-reicht, nichts als eine endlose, tote Wüste, von Süden
-nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene schwarzen
-Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte
-starren die höchsten Bergspitzen, die wir vom <em>Eratosthenes</em>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-aus gesehen haben und deren Fuß jetzt durch die
-Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt ist.
-</p>
-
-<p>
-In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen,
-neigt sich die gläserne Erde über uns vom Zenit nach Süden.
-Sie nähert sich bereits dem ersten Viertel und leuchtet
-hell &mdash; wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der schwächer
-werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr
-gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei
-Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine,
-stärkere, gelb und das andere blaßbläulich erscheint. Diese
-ganze Welt ist zur Hälfte grellgelb und zur Hälfte graublau.
-Wenn ich nach Osten sehe, färben sich die Wüste und
-die weit entfernten Gipfel des Mond-<em>Apennins</em> gelb;
-von Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in
-Dämmerung gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste
-immer dieser schwarzsamtene Himmel, mit verschiedenfarbigen,
-funkelnden Steinen, mit wundervollem Staub
-vom feinsten goldenen Sand übersät ...
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt,
-den einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung
-und Abendröte geblieben ist ... Ihr voran geht
-die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede Spalte, in
-jeden Schatten und wartet geduldig, &mdash; früh wird die Sonne
-vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft
-überlassend ...
-</p>
-
-<p>
-Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir
-nicht einmal die Gegenwart dieses Kameraden, aber im
-Schatten erfaßt unsere durchwärmten Glieder bereits ein
-leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht ...
-</p>
-
-<p>
-In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so
-dumpf und uns allen ist etwas leichter und froher zumute.
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-Varadol schmiedet hoffnungsvoll wieder Pläne oder spielt mit
-der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist bedeutend wohler;
-er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit Martha.
-Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide.
-Vor allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie
-lacht so seltsam. Ihre Lippen nehmen eine Form an, als
-wenn sie die Luft küßten. Ihre Augen sind voll von diesem
-Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter, schneller Bewegung
-hebt und senkt. Während der Glut des Tages
-war ihre Brust entblößt; sogar für sie, die die indische
-Sonne braun gebrannt hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt
-hüllt sie sich bis zum Halse ein ... Es ist unsinnig, daß
-ich so viel an diese Frau denke, &mdash; aber sie ist ja überall.
-Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt
-hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar
-Varadol! Er spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß
-er sie verstohlen anblickt. Mich ärgert das. Warum bemerkt
-es Tomas nicht? Und übrigens &mdash; was geht es
-mich an?
-</p>
-
-<p>
-Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen
-fährt ununterbrochen. Wir schlafen abwechselnd; jetzt will
-ich weiterschreiben. Wir blieben etwas stehen, die Akkumulatoren
-unseres Elektromotors zu füllen. Um Brennmaterial,
-das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen
-werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit
-Hilfe der sich ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung.
-Die Akkumulatoren mußten wir füllen, weil die Batterien
-allein bei der schnellen Fahrt nicht genügen.
-</p>
-
-<p>
-Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain
-irgend zuläßt. Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens
-erlaubten uns nicht, nachdem wir die &bdquo;<em>Spalte der
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Erlösung</em>&ldquo; verließen, uns sofort nach Norden zu wenden.
-(Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem <em>Eratosthenes</em>
-mit diesem Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich
-vom Tode erlöste.) Unter dem 12.° westlicher Länge
-stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die wie Strahlen
-vom Berge des <em>Kopernikus</em>, auf Hunderte von Kilometern
-im Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man
-sogar durch schwächere Teleskope von der Erde aus sehen
-kann, setzten die Astronomen immer in Staunen. Wie wir
-uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige
-Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen
-Felsengesteins. Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen
-Bildungen nicht erklären ... Überhaupt ist hier
-so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir fast
-mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden,
-auf der wir uns befinden, &mdash; wie die Ringberge,
-von manchmal Hunderten von Kilometern im Durchmesser
-und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies keine erloschenen
-Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde
-behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des
-<em>Eratosthenes</em> und bemerkten dort vulkanische Kegel,
-die sich in nichts von den Erd-Vulkanen unterschieden;
-aber dieser mächtige Ring selbst war niemals ein Krater!
-Dagegen spricht &mdash; abgesehen von seinen riesigen Dimensionen
-&mdash; sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall
-gebildet ist, wie die Einsenkung des Bodens, der unter
-der Oberfläche der ihn umgebenden Ebenen liegt und viele
-andere Dinge, die bestätigt zu finden wir Gelegenheit hatten.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen,
-im Geiste zu jenen grauen Zeiten zurückkehren, da der
-Mond noch eine flüssige, glühende Kugel war, die erst
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-auf der Oberfläche in dem kalten, interplanetarischen Weltenraum
-zu erlöschen begann. Da haben diese ungeheuerlichen,
-die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden Explosionen
-von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen
-und während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine
-noch nachgiebige Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen
-riesige Blasen. Die Blasen erloschen beim Zerplatzen, ehe
-sie ganz auf die sie umgebende Ebene herabflossen und
-diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne
-ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen;
-vulkanische Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige
-Krater und so sind sie heute &mdash; durch das auf der Erde
-alles nivellierende Wasser nicht vernichtet &mdash; Zeugen der
-Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten und die
-feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material
-in dem mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind.
-</p>
-
-<p>
-So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen,
-ähnlich wie sie entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft,
-und diese ganze mich umgebende Landschaft zu mir,
-daß es mir manchmal scheinen will, die von der Sonne grellgelb
-gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende, flüssige
-und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die
-ganze Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen
-und beugen und wachsen und sich bäumen und unter dem
-Drange der inneren Gase zu dem schwarzen Himmel mit der
-ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu mächtigen Ringbergen
-erstarrt ist.
-</p>
-
-<p>
-Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit
-jenen Zeiten dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend
-krümmend, erloschen und zersprungen; irgendwelche
-geheimnisvolle Feuerkräfte brannten riesige Strahlenstreifen
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-vergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo
-einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend,
-rasend tobten, herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so
-furchtbar und beklemmend, daß uns in dieser Umgebung
-das eigene Leben beschämt und wunder nimmt ...
-</p>
-
-<p>
-Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf
-dem hellen Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas
-geschmolzenen Gesteins gebildet wurde, die vom <em>Kopernikus</em>
-ausging. Sie dient uns als bequemer, gleichmäßiger
-Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns
-sehr gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen
-dem <em>Archimedes</em> und <em>Timocharis</em>, die wir durchqueren
-müssen, führen wird. Den <em>Archimedes</em> sieht
-man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr.
-Kleine, steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich,
-verdecken ihn in dieser Richtung. Wahrscheinlich jene
-Gruppe der &bdquo;Krater&ldquo;, die sich unter dem 11.° westlicher
-Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir
-hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann
-nach Norden, immer nach Norden, nur fort aus dieser
-furchtbaren Zone, wo sich, &mdash; neben der schlimmen Vorbedeutung
-der Erdsichel direkt über unseren Köpfen, &mdash;
-die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am
-Zenite bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende,
-goldene Erden-Sonne, &mdash; diese träge, weiße, strahlenlose
-Kugel! Das ist irgendein Gott, ein höllischer und höhnender,
-ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und wir
-vier &mdash; wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er
-es in dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen
-ihm entfliehen, ehe er zum zweitenmal aus diesem schwarzen,
-edelsteindurchwirkten Firmament hervorbricht ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu,
-daß jetzt die Reihe an mir ist, am Steuer des Wagens
-zu stehen. Die andern schlafen schon. Martha, wie gewöhnlich
-aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf
-der Brust dieses &mdash; unter uns einzigen glücklichen Menschen.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Den ersten Mondtag, vier Stunden nach Sonnenuntergang
-auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge,
-20° 28&rsquo; nördlicher Mondbreite.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>chon hat die Nacht begonnen, die endlos lange,
-für die die Erdentage kleinere Teilchen sind als die
-Stunden für die ganze Erdennacht. Wie eine große, helle
-Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde
-über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre
-Scheibe können wir leicht die Zeit bestimmen. Sie war
-bei Sonnenuntergang im ersten Viertel, um Mitternacht
-wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein bei
-Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser
-Himmelsuhr spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang
-in den Schatten können wir die Stunden erkennen, die die
-Minuten für unsere siebenhundertneunstündige Zeit sind.
-</p>
-
-<p>
-Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß
-wir das Gefühl hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad
-in ein Bassin mit Eiswasser gesprungen wären, doch
-wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung bereitet:
-Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt
-dessen sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames
-Leuchten, das mit dem Glanz der Erde rang und unseren
-Dämmerungen ähnlich war.
-</p>
-
-<p>
-Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer
-weit gefahren waren, nahm gerade sein Ende, als
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-wir den Schatten der kleinen Krater, von denen ich vorher
-gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns, jetzt direkt
-nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis,
-als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet,
-sondern im Gegenteil hell und leuchtend war wie
-am Tage, langsam unter den Horizont zu sinken begann.
-Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht nach
-dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn
-Tagen wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander
-am westlichen Fenster unseres Wagens. Martha erhob
-ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne und begann
-mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu
-sprechen, mit denen die Fakire auf der Erde von dem
-Gotte des Lichtes Abschied nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen
-Sätzen aus den heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten
-gedenkend, die er in Travancore verbracht hatte, wo er
-so oft die flammende Sonne in den uferlosen Ozean
-tauchen sah.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft,
-schien am Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr
-Glanz bespiegelte die ausgestreckten Arme des Mädchens
-und flackerte auf ihren weißen Zähnen, die zwischen den
-sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich
-des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander
-sprechen müssen &mdash; dieses Mädchen und diese Sonne.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der
-Sonnenscheibe sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich
-unter diesem hellen Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein
-Tintenmeer verwandelt. Hier und da nur schimmerten
-glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde wiedergaben.
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und
-stand, in die Wüste starrend, den Kopf an Tomas&rsquo; Schulter
-gelehnt.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar
-Peter, der am wenigsten zur Rührung neigte, blickte
-finster vor sich hin und bewegte die Lippen, als wenn er
-leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte.
-</p>
-
-<p>
-Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist
-mein Leben auf der Erde dahingeflogen. Ein seltsamer
-Reigen von Erinnerungen zog an meinem inneren Auge
-vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den
-finsteren Gipfeln der Tatra &mdash; und alles war von einer
-unabsehbaren Menge teurer &mdash; für ewig verlorener Menschen
-bevölkert ... für ewig! ...
-</p>
-
-<p>
-Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen
-flackerten wie kleine feurige Zungen noch eine Zeitlang
-über dem Horizont, endlich verschwanden auch sie &mdash; und
-in der über die Wüste hereinbrechenden Dämmerung geschah
-etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich aneinanderdrängten,
-als wenn wir uns vor etwas schützen
-wollten, das sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In
-diesem Augenblicke nämlich, als der letzte Sonnenstrahl
-verschwand, schoß im Westen eine lichte Säule empor, die
-wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen Fontäne
-schillernden Staubes ähnelte.
-</p>
-
-<p>
-Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit,
-wie es auf der Erde menschliche Augen niemals sahen.
-Wir starrten lange auf diese glühende Säule, die leicht
-nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen Sternen besät
-war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten,
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange
-ihr funkelndes Licht zurück.
-</p>
-
-<p>
-Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über
-uns und die Sterne, &mdash; die seltsamen Sterne, ganz tief in
-dem schwarzen Himmel &mdash; nicht flackernd, doch verschiedenfarbig.
-Diese Verschiedenfarbigkeit der Sterne, die durch
-die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so
-staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann,
-obwohl sie doch während des ganzen Mondtages über uns
-glitzerten.
-</p>
-
-<p>
-Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein
-die Reise ohne Unterbrechung fortsetzen können. Das ist
-für uns ein sehr günstiger Umstand, da wir keine Zeit zu
-verlieren brauchen und während der Nacht so weit nach
-Norden vordringen können, daß wir den senkrechten
-Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt
-sein werden. Nur der Gedanke an die nächtliche Kälte,
-die uns schon zu schütteln beginnt, erfaßt uns mit Grauen.
-</p>
-
-<p>
-Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu
-vielen Abbiegungen und Umwegen veranlaßt, die die Reise
-verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir eine elektrische
-Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie
-könnten wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei
-dem schwachen Licht der Erde nicht gut zu sehen ist. Wir
-richten unsere Fahrt nach den Sternen, da wir mit dem
-Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser
-seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des
-Wagens die Lage der Nadel.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Auf Mare Imbrium, 7° 45&rsquo; westlicher Länge 24° 1&rsquo;
-nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten Mondtages.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>itternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe
-vergessen, wie die Sonne aussieht; wir begreifen kaum
-mehr, wie wir uns über ihre Glut beklagen konnten. Fast
-hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang verflossen,
-sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt,
-daß wir das Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten
-uns einfrieren. Unsere Öfen arbeiten mit der ganzen Kraft
-und wir kauern um sie herum und zittern vor Kälte.
-</p>
-
-<p>
-Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut
-bratet mir den Rücken und gleichzeitig fühle ich, wie mir
-das Blut in den Adern gerinnt und erstarrt. Die Hunde
-drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns aber
-packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit
-einem merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns
-daran schuld wäre, daß die Sonne hier dreihundertvierundfünfzig
-und eine halbe Stunde lang nicht leuchtet
-und wärmt ...
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von
-der Reise nach Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich
-sehe, daß ich nicht fähig bin auch nur die einfachsten Vorstellungen
-auszudrücken ... Mein Gehirn ist eingefroren ...
-Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend
-durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander
-verbinden. Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich
-mit offenen Augen schlafe. Ich sehe Martha, Tomas, die
-Hunde, Peter, den Ofen &mdash; und ich weiß nicht, was das
-bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher
-komme, weshalb ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Ja &mdash; weshalb ...
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern,
-aber ich kann nicht. Es muß eine Ursache gewesen sein,
-daß ich mit diesen Menschen die Erde verlassen habe ...
-Ich erinnere mich nicht &mdash; das Denken erschöpft mich.
-</p>
-
-<p>
-Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen
-des Motors nicht, ich muß hingehen und nachsehen, was
-geschehen ist; aber ich weiß, daß weder ich noch sie &mdash; daß
-niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen entfernen.
-Eine wahnsinnige Kälte!
-</p>
-
-<p>
-Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde
-hell beleuchtet sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil
-wir zwischen Felsen gerieten ...
-</p>
-
-<p>
-Das ist alles seltsam und gleichgültig ...
-</p>
-
-<p>
-Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren?
-Ich bin sehr müde und ich weiß, daß ich erfrieren
-und nicht mehr aufwachen werde, wenn ich einschlafe ...
-Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein kommen
-...
-</p>
-
-<p>
-Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht
-auf dem <em>Sinus Aestuum</em> nicht so furchtbar war.
-Scheinbar erstrecken sich unter jener Fläche vulkanische
-Adern, die den Boden etwas erwärmen.
-</p>
-
-<p>
-Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das
-bedeutet sterben ...
-</p>
-
-<p>
-Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten
-&mdash; in stets stärkerem Lichte der zunehmenden Erde
-und in immer zunehmender Kälte. Unter dem 9.° westlicher
-Länge und dem 21.° nördlicher Breite durchdrangen wir
-die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg versperrten.
-Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die
-sich um den Ring des <em>Archimedes</em> ausdehnen, in der
-Hoffnung, daß wir hier irgendeinen tätigen Krater finden
-und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze
-dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt.
-Wir fuhren in die Mitte des Halbmondes hinein, der
-von den amphitheatralisch sich erhebenden Felsen gebildet
-wird. Varadol machte astronomische Messungen, um die
-Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen
-geht hervor, daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten
-gewöhnlich mit dem Buchstaben <span class="antiqua">E</span> bezeichnet wird
-und unter dem 7.° 45&rsquo; westlicher Länge, 24.° 1&rsquo; nördlicher
-Mondbreite liegt.
-</p>
-
-<p>
-Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden
-und nicht schlafen. Nur nicht schlafen, das wäre der Tod!
-Dieser Tod muß hier irgendwo in der Nähe sein. Dort
-auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend malen,
-denn das ist sein Königreich ...
-</p>
-
-<p>
-Weshalb stehen wir? Ach &mdash; richtig! Es ist alles
-einerlei!
-</p>
-
-<p>
-Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich?
-Aha! Diese Berge ... Das seltsame Amphitheater, zirka
-vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet. Über ihm
-hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im
-Norden, direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert
-Meter hoch. Das alles sieht so furchtbar aus.
-Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer &mdash; für Skelette
-von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich
-diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen
-Skeletten anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten
-und die Plätze der Zuschauer einnehmen. Die
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Riesenschädel derjenigen, die am höchsten Platz genommen
-haben, würden am Hintergrunde des schwarzen, sternenbesäten
-Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich
-das alles sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und
-sprechen so zueinander: &bdquo;Welche Stunde ist es? Es ist
-bereits Mitternacht; die Erde, unsere große, lichte Uhr,
-steht schon voll am Himmel &mdash; es ist Zeit, zu beginnen.&ldquo;
-Und dann zu uns: &bdquo;Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also;
-wir sehen zu&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-Schauer schütteln mich ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte <span class="greek">&delta;</span>,
-7° 36&rsquo; westlicher Länge, 26° nördlicher Mondbreite.
-Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt,
-ohne jegliche Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das
-seit sechzig Stunden; Zeit genug, sich mit dem Gedanken
-zu befreunden. Und dennoch &mdash; dieser Tod ...
-</p>
-
-<p>
-Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß
-sich mit dem aussöhnen, was unabwendbar ist. Übrigens
-ist es für uns doch nichts Unerwartetes. Als wir diese
-Reise antraten &mdash; noch dort auf der Erde &mdash; wußten wir,
-daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser
-Tod nicht plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz,
-warum hat er sich vor uns gezeigt und nähert sich so langsam,
-daß man jeden seiner Schritte berechnen kann, &mdash; daß
-wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand an
-der Gurgel packen und würgen wird ...
-</p>
-
-<p>
-Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat
-an verdichteter Luft wird uns bei höchster Sparsamkeit
-noch für kaum dreihundert Stunden ausreichen. Und
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-dann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf vorbereiten,
-was dann sein wird ... Im Verlauf dieser
-Frist wird sich der letzte Behälter der verdichteten Luft
-ausleeren, der einzige, der uns noch geblieben ist. Nach
-dreihundert Stunden ... Das wird gerade der Mondmittag
-sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen.
-Es wird hell und warm sein &mdash; sogar heiß, vielleicht zu
-heiß. Einige Zeit hindurch &mdash; mehrere Stunden &mdash; wird
-noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir langsam
-eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen
-des Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die
-mit Sauerstoff, der uns schon fehlt, nicht erfrischt worden
-ist, wird mit der von uns ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt
-sein. Jetzt beseitigen wir sie künstlich, aber wozu
-soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen Sauerstoff
-mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann
-beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein
-Blutandrang, &mdash; eine Schwere, &mdash; dumpfe Luft &mdash; Schlafsucht
-... Ja, Schlafsucht, unüberwindbare Schlafsucht.
-Wir werden uns niederlegen und den Tod erwarten. Martha
-wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich herausbeugen
-und ihren Kopf an Tomas&rsquo; Brust lehnen, wie gewöhnlich
-... Dann beginnen wir zu träumen ... Erde,
-heimatliche Länder, Wiesen, Luft &mdash; oh! Luft &mdash; viel,
-viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer! Und im
-Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust;
-es scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die
-Rippen, würgt an der Gurgel, schnürt das Herz zusammen.
-Eine wütende Angst erfaßt uns. Man möchte sie abschütteln,
-aufstehen, fliehen ... Endlich enden die Träume.
-Auf dem Monde, inmitten der mächtigen Fläche <em>Mare
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Imbrium</em>, werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen
-sein.
-</p>
-
-<p>
-Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine
-frische Luft mehr haben werden, öffnen wir die Tür des
-Wagens &mdash; sperrangelweit. Eine Sekunde &mdash; und wir
-werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus
-dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen;
-einige krampfartige, verzweifelte Bewegungen der Brust,
-ein wütendes Herzklopfen und &mdash; Schluß.
-</p>
-
-<p>
-Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich
-überhaupt? Das hat doch weder Sinn noch Zweck. In
-dreihundert Stunden werde ich sterben.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Eine Stunde später.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit
-etwas beschäftigen, denn der Gedanke an den unabwendbaren
-Tod ist unerträglich. Wir gehen im Wagen auf und
-ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über
-ganz gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol,
-wie man in Portugal eine gewisse Sauce aus Nieren von
-jungen Hühnern mit Kapern bereitet. Währenddessen dachten
-wir alle und auch er daran, daß wir in zweihundertneunundneunzig
-Stunden sterben werden.
-</p>
-
-<p>
-Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar &mdash; warum
-fürchten wir ihn so sehr? Er ist doch ...
-</p>
-
-<p>
-Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei
-über den Tod! Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut
-vor dem Sterben empfehlen, spricht das Ticken meiner
-Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine Metallschläge
-und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todes
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden,
-langen Tages untergeht. Er wird sich nicht um
-eine Stunde verspäten ...
-</p>
-
-<p>
-Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen
-Felsen, vor Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig
-auf den Manometerzeiger des Luftbehälters sah, einen
-markerschütternden Schrei ausstieß.
-</p>
-
-<p>
-Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der
-Richtung blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen
-konnte, mit zitternder Hand deutete.
-</p>
-
-<p>
-Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte
-innen keinen Druck an. Vielleicht hatte sich die Luft in
-dem Behälter, der in der Wand angebracht war, infolge
-der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete den
-Hahn &mdash; der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte,
-vierte und fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand
-sich Luft.
-</p>
-
-<p>
-Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache
-der für uns rätselhaften Entleerung der Behälter
-nachzudenken, ohne zu wissen, was wir tun,
-was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich
-alle auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung,
-keinen Schlaf mehr &mdash; nichts, nichts &mdash; nur
-von dem einen Gedanken beseelt: fliehen, fliehen, fliehen
-&mdash; als wenn man vor dem Tode fliehen könnte.
-</p>
-
-<p>
-In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung.
-Aus der zwischen Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen,
-sausten wir mit der ganzen Kraft nach Norden,
-zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des <em>Archimedes</em>
-erstrecken und über den ganzen westlichen Teil des
-hier an das Regenmeer grenzenden <em>Palus Putredinis</em>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-ausbreiten. Das Terrain war außerordentlich
-ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte,
-hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her
-werfend; wir achteten nicht darauf, in der furchtbaren
-Angst und Verzweiflung und waren nur von dem einen
-Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte, auf die
-andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer
-Vorrat an Luft zu Ende geht!
-</p>
-
-<p>
-Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum
-für dreihundert Stunden ausreichen und von dem Pol des
-Mondes trennen uns in gerader Linie fast zweitausend
-Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges und undurchdringliches
-Land fällt!
-</p>
-
-<p>
-Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren
-und hielt uns den Atem in der Brust zurück, aber wir
-fühlten es kaum; wir sausten unaufhörlich über Berge,
-die im Lichte der Erde silbern leuchteten, durch schwarze
-Mulden, über steinbesäte Ebenen &mdash; nur weiter, weiter,
-weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen
-drohte, dachte niemand mehr.
-</p>
-
-<p>
-In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig
-war, hielt uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings
-vorwärtsstürmend stießen wir auf eine Spalte, die
-der &bdquo;<em>Spalte der Erlösung</em>&ldquo; unter dem <em>Eratosthenes</em>
-ähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war.
-Wir bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem
-Wagen in ihre Tiefe hinabgesaust wären.
-</p>
-
-<p>
-Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie
-ergriff uns. Die Energie der Verzweiflung, mit der wir
-so viele Stunden sinnlos dahinrasten, war plötzlich verschwunden,
-wie sie gekommen war, einer unaussprechlichen,
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns
-auf einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich
-anstrengen, wenn es doch zwecklos ist. Wir müssen sterben.
-</p>
-
-<p>
-Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun,
-in Schweigen versunken. Die Kälte quälte uns immer
-furchtbarer, aber wir kümmerten uns nicht mehr darum.
-Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder durch
-Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären
-zweifellos erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster
-faßte, uns beschworen hätte, ernst über unsere Situation
-nachzudenken.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung,
-sagte er, wenn wir sie auch nicht finden sollten, so
-haben wir wenigstens etwas, das uns beschäftigt, unsere
-Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet, der
-wie ein Alp auf uns lastet.
-</p>
-
-<p>
-Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und
-erstarrt, daß wir ihn ganz gleichgültig hinnahmen und
-nicht einmal auf die Vorstellungen Tomas&rsquo; antworteten.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah,
-wie er die Lippen bewegte, aber ich verstand kein Wort
-von dem, was er sagte. Das einzige, was mich in jenem
-Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach dem
-Tode aussehen?
-</p>
-
-<p>
-Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken
-und riß in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter,
-dann entblößte ich ebenso seinen Schädel, seine Rippen,
-seine Knochen &mdash; und auf einen lebenden Menschen sehend,
-hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit einer
-boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle
-aussehen &mdash; in kurzer Zeit!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts
-mehr anzufangen war, stellte er sich selbst an den Motor
-und bald bewegte sich unser Wagen längs des Randes
-der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde erreicht
-hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von
-dem Mut der Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie
-wahnsinnig:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach
-Norden fahren zum Pol, dort, wo es Luft gibt!
-</p>
-
-<p>
-Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren
-hätte, auf das Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite
-und sagte kurz, aber entschieden:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in
-sie hineinfahren.
-</p>
-
-<p>
-Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an &mdash;
-dann stürzte er sich plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall
-bekommend, auf ihn und packte ihn bei der Gurgel.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten,
-und ich will leben, leben! Hörst du? Nach Norden, nach
-Norden, zum Pol, dort ist Luft!
-</p>
-
-<p>
-Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas,
-warf er ihn, ehe wir es hindern konnten, zu Boden und
-kniete auf seiner Brust. Ich sprang mit Martha herbei,
-um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine
-Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete.
-Wir packten ihn endlich bei den Schultern, als
-er plötzlich aufschrie und unter unsern Händen schlaff zusammenfiel.
-Tomas erhob sich, erschöpft und blaß.
-</p>
-
-<p>
-Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame
-Erschütterung und verlor das Bewußtsein.
-</p>
-
-<p>
-Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich auf
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-meiner Matte lag; Tomas stand über mich gebeugt und
-rieb mir die Schläfen mit Äther ein. Martha und Varadol
-saßen finster und schweigend neben mir.
-</p>
-
-<p>
-Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er
-mit Peter rang, fuhr der Wagen, dessen Steuer niemand
-lenkte, mit seinem Vorderteil an einen Felsen. Durch
-diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit
-dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig.
-</p>
-
-<p>
-Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt,
-hervor; ebenso Varadol, der bewußtlos am Boden
-lag, von dem vorhergegangenen Anfall erschöpft. Tomas
-empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und
-lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier
-erst, auf dem Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist
-als auf der Oberfläche, begann er uns zur Besinnung zu
-bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte sich absolut
-nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte. Endlich
-kam auch ich wieder zu mir.
-</p>
-
-<p>
-Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren
-nicht, da in dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig
-war. Scheinbar ist das Innere des Mondes, ähnlich
-wie das der Erde, noch nicht ganz um die eigene Wärme
-gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die
-Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte.
-</p>
-
-<p>
-Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die
-Spalte, um es uns zu ermöglichen, hier miteinander zu
-beraten, was nun anzufangen sei, nachdem wir vor der
-jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden.
-</p>
-
-<p>
-Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht
-gelingen wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Mondatmosphäre so weit zu verdichten, um damit
-die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser Gedanke
-flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten
-uns auch sofort an seine Ausführung. Jedoch nach
-einer Stunde schweren und angestrengten Arbeitens überzeugten
-wir uns, daß sich dies nicht verwirklichen läßt.
-Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich nach
-dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht
-einmal so weit verdichtet, den Druck der Luft in
-unserem Wagen zu überwinden und die Klappe zu öffnen.
-Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in einem
-der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß
-fest verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen
-war; aber auch das erwies sich als unmöglich.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich
-erschöpft waren, ließen wir endlich von der zwecklosen
-Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch uns damit zu trösten,
-daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden dichtere
-Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe
-gebrauchen ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran
-glaubt. Auf der ganzen mächtigen Strecke des <em>Mare
-Imbrium</em> wird sie gleich dünn sein und ehe wir diese
-zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen,
-was unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden
-müssen wir sterben.
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer
-wird, aus dieser Spalte herausfahren und weiter nach
-Norden eilen. Das führt freilich zu nichts, aber auch das
-Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ... vielleicht ...
-werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre
-finden ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-An derselben Stelle, siebzig Stunden nach Mitternacht.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>ndlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere
-Luftvorräte verloren haben. Die Behälter wurden während
-des Herabgleitens des Wagens von den Abhängen des
-<em>Eratosthenes</em> beschädigt. Ein scharfer Stein, der auf
-dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat
-sich tief eingezeichnet und der innere Druck des Gases
-tat das übrige. Die Risse sind sichtbar. Zwei Dinge
-setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens, daß der
-Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus
-Erz nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust
-nicht früher bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese
-Rätsel den Kopf, als wenn ihre Lösung unsere Lage irgendwie
-ändern könnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann an nichts anderes denken; immer und
-immer steht mir dieses Gespenst des Todes vor Augen.
-Und das Schrecklichste dabei ist die Gewißheit, daß wir
-sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund fühlen.
-Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über
-uns kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns
-allen, aber ich sehe, besonders aus seinem Benehmen
-Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich daran denkt.
-Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über
-ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie
-um Verzeihung bitten wollte. Und sie küßt seine Hand,
-nur mit dieser Liebkosung und den Augen zu ihm sagend:
-Gräme dich nicht, Tom, &mdash; alles ist gut, wir werden ja
-zusammen sterben ...
-</p>
-
-<p>
-Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen
-sterben, aber für mich, ich gestehe es offen, verkleinert
-die Gemeinsamkeit des Schicksals in nichts seine Grausamkeit.
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos gegen
-dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens
-sind. Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, &mdash;
-ich versuche mir über alles Rechenschaft zu geben; hundertmal
-wiederhole ich mir, daß ich zusammen mit diesen
-Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines übermächtigen
-Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde
-fortgerissen und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen
-hat, ich rede mir gewaltsam ein, daß ich mich mit diesem
-Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß. Und trotz
-all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst,
-grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah &mdash; es ist so grauenhaft,
-unerbittlich, und es nähert sich so langsam ...
-</p>
-
-<p>
-Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran
-denken, diesem fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen.
-Es liegt doch in unserer Macht, dieses Leben von uns zu
-werfen, jetzt, wo es nur noch eine lächerliche Parodie des
-Lebens ist! ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Eine Stunde später.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span>ein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält,
-aber ich kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische
-Sehnsucht nach der Sonne, dem guten Stern des Tages,
-der bald über uns aufgehen soll, vielleicht ein lächerlicher,
-fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch einige
-Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen,
-gänzlich haltlosen Hoffnung ...
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so
-sehnsüchtig danach, zu leben &mdash; und so sehr ... ängstige
-ich mich ...
-</p>
-
-<p>
-Meinetwegen! &mdash; Mag geschehen was will.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Ich bin entsetzlich müde, &mdash; möchte es doch endlich
-kommen, dieses Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke
-ich, daß ... Es ist einerlei ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Bei Sonnenaufgang.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand
-der Spalte glänzt schon über uns im Sonnenschein. Wir
-werden in die weite Wüste hinausfahren, um noch einmal
-die Sonne zu sehen, die Sterne und die Erde, die so
-ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel
-steht ...
-</p>
-
-<p>
-Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich
-weiß es nicht. Niemand von uns weiß es; aber wir
-werden nach Norden fahren. Der Tod wird langsam neben
-uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler,
-und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter
-sich dem Nullpunkt nähert, wird der Tod in den
-Wagen kommen.
-</p>
-
-<p>
-Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts
-zu sprechen. Jeder von uns bemüht sich nur, sich
-mit irgend etwas zu beschäftigen, vielleicht mehr aus falscher
-Scham vor den andern, als zur eigenen Zerstreuung;
-denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der
-weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist?
-</p>
-
-<p>
-Wir gehen also unserem Schicksal entgegen!
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag.
-Auf Mare Imbrium, 8° 54&rsquo; westlicher Länge, 32°
-16&rsquo; nördlicher Mondbreite, zwischen den Kratern <span class="antiqua">c&mdash;d</span>.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ir sind gerettet! &mdash; Und die Rettung kam so plötzlich,
-so unerwartet und auf so seltsame und &mdash; schreckliche
-Weise, daß ich mich bis jetzt nicht erholen kann, obwohl
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-schon zwanzig Stunden verflossen sind seit der Tod, der
-uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns
-abgewandt und entfernt hat.
-</p>
-
-<p>
-Er hat sich entfernt, &mdash; aber nicht ohne Beute ... Der
-Tod entfernt sich niemals ohne Beute. Wenn er aus
-Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu leben erlaubt, die
-er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein Pfand
-für sie ... wo er es eben findet &mdash; ohne Wahl ...
-</p>
-
-<p>
-Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus
-Gewohnheit, als aus irgendeinem wohlüberlegten Grunde.
-Wir waren sicher, daß wir den Abend dieses langen Tages
-nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit diesem
-Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig
-auf den Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte,
-würgende Umarmung nehmen sollte. Wir fühlten seine
-Gegenwart, als wenn es ein greif- und sichtbares Wesen
-wäre &mdash; und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht
-tatsächlich bemerkten.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung,
-aber damals war es eine über alle Beschreibung furchtbare
-Wirklichkeit. Ich kann es nicht begreifen, wie wir
-in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert Stunden
-leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß
-wir in jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir
-unabwendbar sterben müssen. Denn auf eine Rettung
-hoffte niemand von uns.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter
-Traum vor und ich muß meine ganze Energie zu Hilfe
-rufen, um daran zu glauben, daß es Wirklichkeit war.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir
-zurückgelegt haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der
-Wagen fuhr immer gleichmäßig schnell nach Norden &mdash;
-und wir sahen wie im Traume auf die vorüberfliegenden
-Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke in
-mir in einen zusammengeflossen sind, &mdash; in diesen Eindruck
-des unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem
-Chaos nicht herausfinden. Alles, woran ich mich erinnere,
-ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns auf der Grenze
-zwischen <em>Palus Putredinis</em> und <em>Mare Imbrium</em>,
-zu unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend.
-Zur Linken, gegen Westen, dehnte sich eine Ebene, die in
-der Ferne in nicht hohe, wellenförmige Berge überging,
-sich parallel der Richtung unserer Fahrt erstreckend. Hinter
-diesen Bergen glänzten die Gipfel des <em>Timocharis</em>,
-die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen
-beleuchtet waren.
-</p>
-
-<p>
-Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich
-so seltsam damit verbindende unerhörte Farbenreichtum
-dieser Landschaft. Die höchsten Spitzen des Kraters waren
-weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach unten Streifen
-und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten.
-Ich weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der <em>Timocharis</em>,
-ein Ringberg von der Höhe des <em>Eratosthenes</em>,
-einstmals ein tätiger Krater gewesen sein? Sollten diese
-Farbenstreifen von auf den Kratern ausgeworfenem Feldspat,
-Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren?
-Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich
-nicht darüber nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas
-Unwahrscheinlichem &mdash; von Märchen und Zauberländern
-&mdash; von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und starrte
-auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig
-schüttelte mich ihre frostige Starrheit. Es war etwas
-unbarmherzig Grauenhaftes und Unerbittliches in diesem
-kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins, in diesem
-grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...
-</p>
-
-<p>
-Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.
-</p>
-
-<p>
-Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel
-des <em>Timocharis</em> vor uns, fuhren wir in den Schatten
-des Kraters <em>Beer</em>; nachdem wir ihn passiert hatten,
-weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden
-Kraters <em>Feuillée</em> und kamen auf eine unabsehbare
-Ebene, die sich sechshundert Kilometer vor uns erstreckte,
-bis zur nördlichen Grenze des <em>Mare Imbrium</em>. Nach
-Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des <em>Timocharis</em>
-fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten
-an der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte
-Wall des Ringes des <em>Archimedes</em>.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges
-Tor jagen, das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet
-war. Wieder erfaßte mich eine grenzenlose, würgende
-Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn zwischen
-die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken &mdash; nur nicht
-in diese weite Ebene hineinfahren, die wir &mdash; ich wußte es
-&mdash; nicht lebendig verlassen würden.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte;
-die drei andern sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf
-diese sich vor uns öffnende Steinwüste.
-</p>
-
-<p>
-Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen
-Lippen, lange mit den Augen die Strecke der
-Ebene zu messen, deren Grenzen nicht zu erkennen waren;
-dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des Manometers
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-gleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter
-Luft befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel
-fiel langsam, aber unaufhörlich ...
-</p>
-
-<p>
-Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf:
-Die Luft genügt nicht für <em>vier</em>, aber sie wird für <em>einen</em>
-ausreichen. Einer würde mit diesem Vorrat bis zu den
-Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des Mondes
-dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe,
-atmen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich
-schaudern und kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen,
-aber er war stärker als mein Wille und kehrte immer
-wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des
-Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte
-es mir fort und fort: Für vier wird sie nicht ausreichen,
-aber für einen ...
-</p>
-
-<p>
-Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden &mdash;
-heimlich wie ein Dieb und &mdash; Entsetzen faßte mich. In
-ihren unruhig flackernden Augen las ich denselben Gedanken.
-Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein
-dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas
-die Stirn und sagte ruhig:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe
-der Vorrat sich noch verringert ...
-</p>
-
-<p>
-Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend
-mit dem Kopf; ich fühlte eine brennende Röte im Gesicht,
-aber widersprach nicht.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas,
-sich anscheinend zu dem Herauswürgen dieser Worte zwingend.
-Aber &mdash; hier stockte seine Stimme, und einen weichen,
-flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ... ich wollte
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ...
-wie auch ...
-</p>
-
-<p>
-Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich
-stammelte Peter:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Für zwei wird es nicht genügen ...
-</p>
-
-<p>
-Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf
-zurück:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser.
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach
-einem den Kopf ab, versteckte sie so in der Hand, daß nur
-ihre Enden zu sehen waren und hielt sie uns entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits
-und hörte kein Wort davon. Erst in dem Augenblick,
-als wir nach jenen Losen greifen wollten, trat sie zu uns
-und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was tut ihr?
-</p>
-
-<p>
-Und dann zu Tomas:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Zeige, was du in der Hand hast ...
-</p>
-
-<p>
-Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil
-für drei von uns sein sollten, damit der vierte leben
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine
-Zeit hatten, sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham
-überflog unsere Wangen; wir fühlten, daß uns dieses
-Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des Egoismus
-und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen
-uns plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang
-zurückgehaltenes Weinen ausbrechend.
-</p>
-
-<p>
-Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die
-Reaktion, die ein prinzipielles Recht der menschlichen
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Seele ist, hatte sich der gegenseitige, durch die Nähe
-und Unabwendbarkeit des Todes hervorgerufene Haß
-jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit verwandelt.
-Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes
-über uns. Wir setzten uns nahe nebeneinander;
-Martha schmiegte sich mit dem biegsamen, schlanken Körper
-an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen,
-mit leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die
-uns einst auf der Erde angingen. Jede Erinnerung, jede
-Einzelheit nahm für uns jetzt eine große Bedeutung an,
-wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des Lebens
-sei.
-</p>
-
-<p>
-Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch
-die unermeßliche, todbringende Ebene.
-</p>
-
-<p>
-Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des
-Manometers fiel stetig, aber wir waren ruhig und mit
-unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir sprachen, aßen, tranken
-sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich fühlte nur
-ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und
-der Gurgel &mdash; wie ein Mensch, der einen großen Verlust
-erlitten hat und sich vergebens ihn zu vergessen bemüht ...
-</p>
-
-<p>
-Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und
-32. Parallelkreis. Die Glut, obwohl sie sehr stark war,
-quälte uns nicht mehr so wie am vorhergehenden Tage, da
-sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60° über
-dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der
-gleichen Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die
-strahlenlose Sonnenscheibe, den flammenden Reifen ihrer
-Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu versinken
-begann.
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-dauerte und sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis
-darstellte.
-</p>
-
-<p>
-Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem
-Augenblick, als die Sonne ihn berührte, einem Kranze
-blutigroter Blitze ähnlich, in dessen Mitte ein mächtiger
-schwarzer Fleck lagerte, &mdash; die einzige Stelle am Himmel,
-auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte
-die Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten
-der flackernden Flammen unterzugehen. Während
-dieser Zeit wurde der Kranz immer intensiver und
-breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand
-war das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften
-erkennen konnte, die in einem orangegelb schillernden
-Feuer auftauchten. Der schwarze Fleck der Erde
-sah jetzt wie der gähnende Schlund eines seltsamen Brunnens
-aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von
-einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war;
-dieser ging stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht
-über, um sich schließlich am schwarzen Hintergrund in
-einem schwachen weißen Leuchten zu verlieren. Und hinter
-diesem Kranze schossen nach Westen und Osten zwei Strahlengarben,
-zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor:
-es war das Zodiakallicht, das man während der Finsternis
-sehen konnte, ähnlich wie nach dem Untergang der Sonne.
-</p>
-
-<p>
-Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen,
-als wenn Blutströme über die vor uns in Dämmerung
-gehüllte Wüste ausgegossen würden.
-</p>
-
-<p>
-Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem
-schwachen rötlichen Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig
-mit dem Schatten trat nach Schwinden der Sonne
-eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns eingehüllt
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten,
-daß sich die Sonne wieder zeige. Über uns brannte
-in unerhörter Pracht der leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen
-Flammen, als plötzlich die Hunde zu bellen begannen,
-erst leise, dann immer lauter und verzweifelter.
-Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir
-erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O&rsquo;Tamors, als
-Selena ebenso bellte, den Tod begrüßend, der in unseren
-Wagen eintrat. Und wir alle empfanden im Angesicht
-dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze, grenzenlose
-Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns,
-daß diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern
-von uns Sterbenden flammten ...
-</p>
-
-<p>
-In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr
-zwanzig Stunden.
-</p>
-
-<p>
-Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der
-Sonne auf der westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar,
-und die leuchtende Aureole verengerte sich und begann
-langsam zu erlöschen. Beim Anblick der Sonne überkam
-mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte
-mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt,
-sie erschien mir als die Verkünderin einer tieferen Nacht,
-einer ewigen, die uns während der Abwesenheit der Sonne
-einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für mich etwas
-ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich &mdash; ich weiß
-nicht woher &mdash; stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als
-wenn mit dem Erscheinen der Sonne irgendein Wunder
-uns erretten müsse.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer
-solchen Überzeugung, daß aller Augen fragend &mdash; wie gebannt
-&mdash; an meinem Munde hingen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher
-der jetzt unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen
-war, vernahmen wir ein Pochen. Anfangs wollten wir
-unseren Ohren nicht trauen, aber das Pochen wurde immer
-deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem
-wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich
-klopfte, als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte.
-Vergeblich bemühten wir uns, den Sinn der Depesche zu
-verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder hatte sich
-verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen:
-Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt
-der Scheibe ... unter dem Winkel ... möge ...
-<em>Frankreich</em> ... die andern ... und wenn ... der
-Tod ...
-</p>
-
-<p>
-Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an
-den Apparat und telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen?
-</p>
-
-<p>
-Wir warteten einen Augenblick &mdash; keine Antwort. Peter
-wiederholte die Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg.
-</p>
-
-<p>
-Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte
-sich nicht mehr.
-</p>
-
-<p>
-Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber;
-wir begannen schon anzunehmen, daß die ganze Sache
-auf einer unfaßbaren Täuschung beruhte.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und
-stand neben ihr am Himmel. Die Glut wurde wieder
-größer.
-</p>
-
-<p>
-Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an
-uns vorbei und gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren
-Füßen, wie eine von einer Kanonenkugel getroffene Mauer.
-Wir schrien vor Entsetzen und Verwunderung auf. An
-das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von metallischem
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Glanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend,
-vor unseren Augen einen mächtigen Bogen im
-Raume beschrieb und wiederum aufschlug und zum zweitenmal
-abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in ungeheuren
-Sprüngen nach Nordosten jagend.
-</p>
-
-<p>
-Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht
-erklären, bis Peter plötzlich aufschrie:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Die Brüder Remogner kommen!
-</p>
-
-<p>
-Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs
-Erdenwochen vergangen, seit wir um Mitternacht auf
-den Mond herabfielen; die Zeit ist also gekommen, da
-die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat
-klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder
-Remogner aus der Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten.
-Er ließ sich vielleicht schon früher vernehmen,
-nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der
-Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder
-Remogner anscheinend unsere Depesche nicht, da sie
-im letzten Augenblick mit der Vorbereitung zum Fall beschäftigt
-waren.
-</p>
-
-<p>
-Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den
-Kopf, während wir in fliegender Eile unseren Motor in
-Bewegung setzten. In einigen Augenblicken sausten wir
-schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in der das
-Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten
-und dachten wir in diesem Augenblick nur das eine:
-Die Brüder Remogner führen Luft mit sich!
-</p>
-
-<p>
-In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der
-Stelle, an der das Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen
-war. Ein entsetzlicher Anblick bot sich unseren
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Augen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des zerschmetterten
-Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen.
-</p>
-
-<p>
-Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an
-und nachdem wir sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt
-hatten, gingen wir aus dem Wagen. Unsere Erschütterung,
-unser Beben wurde &mdash; wozu es verheimlichen!
-&mdash; weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr
-durch die Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter
-bei der Katastrophe beschädigt worden sein könnten.
-</p>
-
-<p>
-Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten
-der zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen
-blieben unversehrt.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren gerettet!
-</p>
-
-<p>
-Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang
-stand mit dem Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch
-&mdash; wir waren dreihundertfünfzig endlose Stunden dahingestorben
-und erfuhren in diesem Augenblick, daß wir leben
-werden!
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert
-hatten, konnten wir erst über das furchtbare Los, das die
-Brüder Remogner getroffen, nachdenken. Was uns errettete,
-ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner Zufall
-&mdash; eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor
-uns niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe,
-die in diesem Augenblick gegen tausend Kilometer
-von uns entfernt ist. Dieser Zufall, der uns mit Luftvorräten
-versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in dieser
-Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche,
-sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher
-mit der Seite auf den Boden, wo es nicht durch ein
-Stahlgerüst geschützt war und einige Male abprallend,
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem
-Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ...
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen
-begraben hatten, machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir
-haben alles aus den Trümmern hervorgesucht, was uns
-irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die kostbaren
-Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen
-hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte
-und einige weniger beschädigte Instrumente. Mit
-klopfendem Herzen suchten wir nach ihrem telegraphischen
-Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark genug
-sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung
-zu setzen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch.
-Der Apparat wurde bei der Katastrophe beschädigt. Dasselbe
-war mit der Mehrzahl der astronomischen Instrumente
-der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir mit, obwohl
-er stark gelitten hat.
-</p>
-
-<p>
-Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die
-kupfernen Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder
-Remogner an uns genommen hatten, traten wir unverzüglich
-die Weiterreise nach Norden an, da die Glut, die
-durch die Kühle während der Sonnenfinsternis unterbrochen
-wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung
-finden mußten, die uns Schatten gewährte.
-</p>
-
-<p>
-Hier erst, zwischen den Kratern <span class="antiqua">c&mdash;d</span>, blieben wir stehen.
-</p>
-
-<p>
-Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren,
-sind zweifellos vulkanischer Herkunft. Die ganze mit
-Schwefel bedeckte Gegend färbt sich gelb in dem blendenden
-Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die Abhänge der
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen
-vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut.
-</p>
-
-<p>
-Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe
-Niedergeschlagenheit keinen Augenblick. Immer und immer
-habe ich die furchtbar verstümmelten Leichen der Remogners
-vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an ihrem
-Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf,
-daß wir durch ihn gerettet wurden ...
-</p>
-
-<p>
-Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht
-haben, erschöpft von dem langen Schreiben. Ich muß
-mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor der weiteren
-Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren
-sind wohl noch lange nicht für uns vorbei.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die
-munter mit ihren Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser
-paar Wochen sehr gewachsen ... Merkwürdig, als uns
-der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine Zeitlang
-bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des
-vierten zu opfern und keinem kam es in den Sinn die
-Hunde zu töten, die doch ebenfalls viel Luft verbrauchten,
-und auf diese Weise die Spanne Zeit zu verlängern, die
-uns &mdash; wie wir glaubten &mdash; zum Leben übrig blieb! Wie
-entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert
-hätten und dabei die Hunde verschonten, nur weil niemand
-an sie dachte!
-</p>
-
-<p>
-Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die
-Hunde leben. Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit
-mehr an die Erde, als wir sie uns gegenseitig in Erinnerung
-bringen können. Mit Rührung blicke ich auf diese
-Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der
-Erde losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt,
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-aber wir sahen nur noch ihre Leichen. Wir hatten die
-Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder Remogner Kameraden
-zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit
-der Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar
-das Leben gerettet &mdash; aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung
-verurteilt.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37° nördlicher
-Mondbreite. Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig
-Stunden nach Mittag.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>eit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier
-Erdentage, schleppen wir uns durch die Ebene, die kein
-Ende zu haben scheint! Soweit das Auge reicht &mdash; nichts
-&mdash; keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung,
-auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit
-der Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich
-machte einmal auf der Erde eine Reise durch die Sahara;
-aber die Sahara erscheint mir als ein buntes Märchenland,
-gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier umgibt! Auf der
-Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen Sanderhebungen,
-hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen
-zeigen, die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara
-wölbt sich ein blauer Himmel, der sich abwechselnd silbern
-färbt, dann im Mittagsglanz leuchtet, durch die Abendröte
-schillert oder sich mit einem sternenbesäten Schleier
-überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und dieses
-Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom
-Leben; hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen
-gepflügter Boden, auf der Oberfläche von der Sonnenglut
-ausgetrocknet, immer dasselbe grauenhaft bleierne
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit über
-dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo
-seid ihr &mdash; Wind &mdash; Wasser &mdash; Leben &mdash; Himmelsblau
-und grüne Triften? ...
-</p>
-
-<p>
-Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen,
-das man einst gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit
-&mdash; lang, lang ist&rsquo;s her &mdash; ach, sehr lange ...
-</p>
-
-<p>
-Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz
-zwei Monate auf dem Mond, aber uns scheint es, daß
-schon ein Menschenalter verflossen ist, seit wir die Heimat
-verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an die neuen
-Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das,
-was uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen,
-die uns sagen, daß dort auf jener hellen
-Kugel, die von Sternen umgeben am schwarzen Himmel
-in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern
-über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren
-und aufgewachsen sind, das so verschieden ist von
-diesem &mdash; und so schön &mdash; so zauberhaft schön! ...
-</p>
-
-<p>
-Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht
-schätzen! Wenn sie hierher gelangten, würden sie sie lieben,
-wie wir sie jetzt lieben, sie, die ewig Verlorene! Und sie
-würden von ihr träumen &mdash; so wie wir &mdash; in Fieberphantasien,
-in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen,
-voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie
-diese Träume erschöpfen! Ich wache nach einigen Stunden
-auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht, fast an
-derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen
-war, daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt,
-immer noch auf derselben Wüste ist, immer gleich weit
-vom Horizonte entfernt und beginne fast zu glauben, daß
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum, sondern nur
-noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!
-</p>
-
-<p>
-Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig
-zu werden, erzählen wir uns lange, manchmal ganz
-kindische Geschichten oder lesen die von der Erde mitgebrachten
-Bücher. Wir haben einige naturwissenschaftliche
-Werke, eine ausführliche Geschichte der Zivilisation, einige
-der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen wir
-vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender,
-deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder
-die Evangelien vor ...
-</p>
-
-<p>
-Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für
-den Menschen, damit er auf ihr wandle und den Mond,
-damit die Erde ihr nächtliches Licht habe; wie er die Nacht
-dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem blühenden
-Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb.
-Wir hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde,
-das Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen
-Schar über die wonnigen Wiesen und grünen Hügel von
-Galiläa dahinging, wie er litt und starb; wir hören all dem
-zu &mdash; auf die Erde blickend, die einer silbernen Sichel am
-schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch
-die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin,
-die, sich träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden
-anzugeben.
-</p>
-
-<p>
-Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen
-und wenn Tomas zu lesen aufhört, stellt sie
-ihm verschiedene, oft seltsame Fragen. Alles bezieht sich
-auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem sagte sie
-zu Tomas: &bdquo;Wir sind beide hier wie Adam und Eva.&ldquo;
-In der Tat, sie sind hier das erste Menschenpaar, von der
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Erde in die Wüste hinausgetrieben, wie einstmals jene aus
-dem Paradies Hinausgetriebenen. Aber ich und Peter &mdash;
-was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in unserem
-gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein
-in sich die Berechtigung ihres Seins, aber wir &mdash; wozu
-leben wir?
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben,
-als wir uns zu dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns
-dorthin der <em>Erkenntnis</em> wegen! Jetzt sehe ich, daß
-die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt, wenn
-es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir
-sehen Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch
-kein Mensch gesehen hat und bemerken staunend, daß
-uns das ziemlich gleichgültig ist &mdash; eben weil wir
-niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem
-Grunde auch &mdash; unwillkürlich &mdash; untersuchen wir viele
-Dinge nicht, die wir untersuchen könnten und müßten ...
-Ach, wenn wir ein Mittel zur Verständigung mit der Erde
-hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos. Glücklicher
-Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer
-für den anderen lebt!
-</p>
-
-<p>
-Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn
-ich an sie denke. Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde
-gelebt; ich gehörte zu den &mdash; Wahnsinnigen, &mdash; heute
-kann ich es nicht anders bezeichnen, &mdash; für die nur eine Liebe
-existiert: das Wissen &mdash; und nur ein Trachten: nach Wahrheit.
-Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis
-des Lebens zu forschen, das das Weib in sich
-birgt und nach dem heiligen Irrsinn, in dem sich jenes
-Geheimnis offenbart &mdash; nach der Liebe ...
-</p>
-
-<p>
-Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz &mdash; hier
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-niedergeschrieben &mdash; aus! Ich bin allein und werde allein
-sein bis zum Tode, der mich überfallen und gleichzeitig
-mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben zeugt, verschlingen
-wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen,
-das wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen
-quillt ...
-</p>
-
-<p>
-Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen
-aufgeschrieben habe. Was geht mich diese halbwilde Malabarin
-an, die auf diese Hunderttausende von Kilometern
-von der Erde entfernte Welt nicht die erhabene Begierde
-des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste Geheimnisse zu
-enträtseln, getrieben hat, sondern die banale, alltägliche,
-alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an
-und dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast
-schmerzhaft. Wir sind hier drei Männer, kräftig und klug,
-und dennoch haben nicht wir den Menschen auf diese Welt
-gebracht, sondern sie, dieses unverständige, schmächtige Weib.
-Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie ausgewählt
-hat ...
-</p>
-
-<p>
-Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den
-zwei andern mit unserm Gehirn &mdash; wie Arbeitstiere mit
-ihren Muskeln.
-</p>
-
-<p>
-Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er,
-warum gerade er? ...
-</p>
-
-<p>
-Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit
-auf den Mond zu nehmen: &bdquo;Ich werde eure Sklavin
-sein.&ldquo; Und in Wirklichkeit sind wir ihre Sklaven, obwohl
-sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen,
-ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer
-einfachen Umstand ihre Sklaven, daß wir unwillkürlich, &mdash;
-obwohl auf verschiedene Weise, dem Zwecke dienen, den
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-sie allein verwirklichen kann: hier eine neue Menschheit
-zu schaffen.
-</p>
-
-<p>
-Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das
-Gespenst des Todes vor meinen Augen entschwunden, so
-träume ich schon mit der alten Gewohnheit von der Zukunft,
-die sich vielleicht niemals erfüllen wird. Menschheit, neue
-Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land,
-ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben;
-wir leben bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die
-wir mit uns genommen haben. Wir fanden bis jetzt nichts,
-was uns zu der Annahme berechtigt, hier leben zu können!
-Wir haben schon Hunderte von Kilometern zurückgelegt,
-ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche
-zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre.
-Die Luft bleibt hier immer so dünn, daß sie die Sterne
-am Tage nicht zu verblassen vermag, noch das schwarze
-Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen
-Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser
-war und wirkte.
-</p>
-
-<p>
-Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle
-unsere Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen
-Worten: Und wenn wir erst auf der <em>anderen</em> Seite sein
-werden ... Wie wird die <em>andere</em> Seite aussehen? Wir
-wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick,
-da wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir
-wissen absolut nichts.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Unter den Drei Köpfen, 7° 40&rsquo; westlicher Länge, 43°
-6&rsquo; nördlicher Mondbreite. Vor Mitternacht des
-zweiten Tages.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im
-nördlichen Teil des <em>Mare Imbrium</em> erhebt und von
-allen bisher unterwegs angetroffenen Formationen unterscheidet.
-Das Licht der Erde, die hier nur einige vierzig
-Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen,
-die einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß
-für Riesen ähnlich sind.
-</p>
-
-<p>
-Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort,
-wo die Erde im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch
-bei seinem Scheine noch die allgemeinen Linien. Der
-erste Berg, der nicht die Gestalt eines Ringkraters hat.
-Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der
-Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der
-Natur zerstört worden sein, oder auch durch das langsame
-Wirken des Wassers.
-</p>
-
-<p>
-Wir sagen schon: &bdquo;durch das Wirken des Wassers&ldquo;,
-und obwohl das nur eine Vermutung ist, überläuft uns
-ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit wäre ...
-Denn wenn hier Wasser <em>war</em>, so kann man annehmen,
-daß dort auf der &bdquo;anderen Seite&ldquo; Wasser
-<em>ist</em>, und wenn dort Wasser ist, so muß auch Luft in
-genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können.
-Trotz des Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als
-in der vorhergehenden Nacht, empfindlich quält, gingen
-wir für kurze Zeit aus dem Wagen und erforschten beim
-schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu finden,
-die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen
-wir noch nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-bei der Entstehung dieses Berges gewirkt haben, als bei den
-bisher angetroffenen ringartigen Erhebungen. Dicht vor
-uns steigt eine fast senkrechte Wand empor mit drei mächtigen
-Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer
-mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen
-sie mit <em>Drei Köpfe</em>. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher
-Richtung und ist uns mit der schwarzen, nichtbeleuchteten
-Seite zugewandt. Nur die Gipfel färben
-sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und
-sehen wie drei silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus.
-Der ganze Berg ist vom Hintergrund des Himmels
-nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz keine
-Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine
-Form erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine
-schwarze Wolke am schwarzen, aber sternenhellen Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg
-uns die Erde verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir
-mit elektrischen Laternen. Das erschwert die Fahrt ungemein.
-Jede Erhebung wirft hier schon einen langen
-Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht
-vorwärts bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder
-Zerklüftung des Bodens stecken zu bleiben, die wir hier
-immer häufiger antreffen. Ich glaube, wir werden vor
-Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor
-allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker
-wird, uns wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer
-geschützten Stelle zwingen dürfte. Wir möchten vorher
-wenigstens bis zum Gipfel <em>Pico</em> vordringen, der nach
-der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von uns
-entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß
-es in der Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-der Ebene. Wir erklären uns diese Erscheinung durch den
-vulkanischen Charakter der meisten; es müssen wohl unterirdische
-Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.
-</p>
-
-<p>
-Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den
-Motor zu versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter.
-Ich muß das Schreiben unterbrechen, da es während der
-Bewegung unmöglich ist, auch nur daran zu denken. Des
-ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das
-Licht der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir
-alle auf dem Posten sein. Mit dem Schlaf richten wir
-uns jetzt so ein, daß immer nur einer schläft und die drei
-anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In
-diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges,
-ruhiges Atmen, ich sehe bei dem gedämpften
-Schein der Laterne ihr Gesicht, das aus einer Fülle von
-Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig geöffnet,
-wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt
-sie wohl? ... Ach, Unsinn! &mdash; Wir fahren weiter.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht,
-auf Mare Imbrium, 9° 14&rsquo; westlicher Länge, 43° 58&rsquo;
-nördlicher Mondbreite.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>eltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...
-</p>
-
-<p>
-Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von
-den <em>Drei Köpfen</em> aus fort. Der Weg war außerordentlich
-beschwerlich, vor allem, weil wir jeden Augenblick in den
-Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten. Mehrere Male
-im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit
-Hilfe des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder
-auch Messungen vornehmen bezüglich des Höhenstandes
-der Sterne, die jetzt der einzige Wegweiser für uns sind.
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit Ausnahme der
-allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade
-deswegen ...
-</p>
-
-<p>
-Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas
-mehr als vierzig Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten
-wir zu einem eigenartigen grauen, einer Sandbank gleichenden
-Streifen. Er zieht sich auf der Strecke nach Nordwesten
-in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich
-mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund
-der Steinwüste ab. Soweit ich beim Licht der Erde sehen
-kann, endet er bei einer sonderbaren Felsengruppe, die von
-weitem einer phantastischen Burg oder einer Stadt ähnlich
-sieht. Einer Stadt? ...
-</p>
-
-<p>
-Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen
-bedeutend gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die
-mit Steinen übersäte Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten
-Richtung abbiegt. Wir kommen ziemlich schnell
-vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt
-immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen
-Teile erkennen, die durch ihre sonderbare Formation
-die Täuschung von Turmruinen und Gebäuden hervorrufen.
-Ich weiß nicht, was ich von alledem denken soll.
-Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig,
-es ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht
-überkommt mich ... Sollte das ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare Imbrium.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">B</span>armherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ...
-Er war durch das erste Fieber schon so erschöpft und nun
-abermals ... O Gott, rette ihn, denn wir werden
-sonst ... diese Totenstadt ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare
-Imbrium am Pico, 9° 12 &rsquo;westlicher Länge, 45° 27&rsquo;
-nördlicher Mondbreite.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich
-niederschreiben.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnere mich &mdash; als ich gerade die letzten Notizen
-beendet hatte, blickte ich auf die phantastischen Ruinen
-oder Felsengruppen und rief unwillkürlich:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus!
-</p>
-
-<p>
-Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand
-und mit steigendem Interesse die näherkommenden Felsen
-beobachtete, wandte sich auf meine Worte schnell zu mir.
-In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht
-vibrierender Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt
-sein ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was!?
-</p>
-
-<p>
-Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren
-greifend. Sogar Peter verließ das Steuer, nachdem er
-den Wagen angehalten hatte, um die seltsame Erscheinung
-zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind
-doch Trümmer eines Steintores. Man sieht die beiden
-Säulen und oben hält sich noch das Stück eines Bogens ...
-Oder hier, &mdash; ist das nicht ein Turm, zur Hälfte
-zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude,
-mit einer niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen
-Pyramiden zur Seite. Ich bin überzeugt, daß diese scheinbare
-Klamm, die stellenweise mit Steinen übersät ist,
-eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und
-starr ... Eine Totenstadt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner
-bemächtigte.
-</p>
-
-<p>
-Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu
-glauben, daß Tomas recht hatte. Vor meinen Augen
-wuchsen immer neue Türme, Bogen und Säulen, Teile
-eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das
-Licht der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten
-Silberton; aus einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle
-Schatten empor &mdash; wie Geistererscheinungen. Ein
-kalter Schauer durchlief mich. Ein Mond-Pompeji und
-Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben,
-sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel
-mehr Tod in dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem
-seltsamen Lichte.
-</p>
-
-<p>
-Varadol zuckte die Achseln und murmelte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich
-... diese Felsen ... Aber hier war doch niemals ein
-lebendes Wesen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese
-Seite des Mondes weder Luft noch Wasser, aber sie konnte
-beides haben, einst, vor Jahrtausenden, als sich der Mondglobus
-noch schneller drehte und die Erde auf- und unterging
-an seinem Himmel ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen
-angetroffen und das beweist, daß hier niemals Wasser
-war, was wiederum für das Fehlen der Luft, also auch
-des Lebens zeugt, entgegnete Peter.
-</p>
-
-<p>
-Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem
-Wagen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und dieser Sand? Und die &bdquo;<em>Drei Köpfe</em>&ldquo;, an
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-denen wir vor kurzem vorbeigekommen sind? Sie sahen
-doch aus wie der Rest eines Berges, der vom Wasser abgespült
-ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals
-Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das
-Wirken der Kälte und Sonnenglut alles verwischt und
-vernichtet ...
-</p>
-
-<p>
-Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell
-plötzlich:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor
-uns haben, dem wir überhaupt auf dem Monde begegnen
-konnten. Man muß es lösen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie meinst du das? fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren
-und sie untersuchen ...
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich
-bei diesen Worten; es war keine Angst, aber etwas, das
-ihr sehr ähnlich ist. Diese Trümmer der &mdash; Gebäude
-oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser unermeßlichen
-Wüste.
-</p>
-
-<p>
-Peter zuckte unwillig die Achseln:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit,
-diese Felsmassen zu besichtigen, die beim Licht der Erde
-allerdings mit Gebäuden etwas Ähnlichkeit haben, aber
-auch nichts mehr.
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha
-betrachtete sie mit Spannung und gleichzeitig mit einer
-sichtlichen Unruhe.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut,
-flüsterte sie, als uns schon kaum mehr zwei Kilometer
-von den Arkaden trennten, die den Eingang zu dieser
-sonderbaren Stadt bildeten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-&mdash; Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte
-Tomas lächelnd, aber glaube mir, daß sie einst von Lebenden
-erbaut werden mußte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in
-diesem Augenblick blieb der Wagen mit einem heftigen
-Ruck stehen.
-</p>
-
-<p>
-Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen.
-Die Sandbank hatte gerade ihr Ende erreicht, und vor uns
-lag ein Feld, so übersät mit großen Steinen, daß keine
-Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein konnte.
-Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick
-und sagte dann:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde zu Fuß hingehen!
-</p>
-
-<p>
-Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber
-zu sein, weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl
-dessen, was geschehen sollte!
-</p>
-
-<p>
-Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte
-unter dem Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein
-kompletter Idiot sein müsse, die Zeit zu verlieren und
-sich durch das Verlassen des Wagens der furchtbaren Kälte
-auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich erklärte
-mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß
-er allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß
-noch immer nicht, was mich eigentlich zurückgehalten hat,
-die Angst vor der Kälte oder auch dieses unerklärliche Gefühl
-der Furcht beim Anblick dieser toten Stadt. Genug,
-ich blieb im Wagen ...
-</p>
-
-<p>
-Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den
-geheimnisvollen Trümmern zu. Wir standen am Fenster
-und sahen ihn im Schein der Erde klar und deutlich vor
-uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend, wahrscheinlich
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-um den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick
-verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens,
-dann sahen wir ihn wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich
-geschah etwas Merkwürdiges. Woodbell, der vielleicht
-schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt hatte, reckte
-sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in
-wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen.
-</p>
-
-<p>
-Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht
-erklären. Da, einige Schritte bevor er den Wagen erreicht
-hatte, wankte er und fiel. Als wir bemerkten, daß
-er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu Hilfe eilen,
-aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit,
-da wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten
-wir zu ihm; er lag bewußtlos am Boden. Wir hoben
-ihn auf und trugen ihn in den Wagen.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen
-hatten, bot sich uns ein entsetzlicher Anblick dar. Das
-Gesicht war geschwollen und bläulich, ganz von Blut überströmt,
-das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an
-den Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen
-sichtbar, obwohl wir nirgends eine Wunde entdecken
-konnten.
-</p>
-
-<p>
-Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den
-Geliebten stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten.
-Ich begann indessen mit den Wiederbelebungsversuchen.
-Anfangs dachten wir, daß er einen apoplektischen
-Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den Luftbehälter
-untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das
-Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort
-wahrgenommen hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas
-stolperte und fiel und infolgedessen war die Luft
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu Hilfe kamen,
-hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den
-Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher
-Veranlassung er so gelaufen war, blieb uns allen zunächst
-ein Rätsel.
-</p>
-
-<p>
-Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein
-zu bringen. Das erste Zeichen des wiederkehrenden
-Lebens war ein tiefer, krampfartiger Atemzug, worauf
-ihm abermals das Blut aus dem Munde herausschoß.
-Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken
-an; er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen
-war. Plötzlich schrie er entsetzt auf und streckte die Hände
-aus, als wenn er etwas von sich stoßen wollte, dann wurde
-er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten zum zweitenmal,
-ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel
-in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit
-war.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten,
-fuhren wir weiter. An die phantastischen Berge und die
-geheimnisvolle Stadt dachte niemand mehr! Wir hatten
-nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge, so
-schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend
-herauszukommen.
-</p>
-
-<p>
-In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen
-des <em>Pico</em> vorgedrungen, wo wir augenblicklich
-rasten. Wir werden bis zum Morgen hier bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der
-Blutsturz hat sich zwar nicht wiederholt, aber das Fieber
-wird immer heftiger. Manchmal springt er auf, als wenn
-er fliehen wollte, phantasiert und stößt unverständliche
-Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der unglücklichen
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen
-folgt meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht
-dann leichenblaß aus, als wenn in seinem ganzen Körper
-nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre.
-</p>
-
-<p>
-Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt.
-Martha verliert vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand.
-Aber sie versucht immer wieder, sich zu beherrschen,
-weil der Kranke so dringend ihrer Pflege bedarf. Wir trösten
-sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere eigenen
-Befürchtungen.
-</p>
-
-<p>
-Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein
-Rätsel. Ich begreife noch immer nicht, was Tomas
-zu jener wahnsinnigen Flucht veranlassen konnte, die
-schließlich die Ursache seines Unglücks geworden ist. Denn
-es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall
-zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken
-gekommen wäre, den von ihm zurückgelegten Weg zu
-erforschen, vielleicht hätte uns das etwas Klarheit gebracht
-... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen
-sein! Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser
-Angst erfassen ließ, so war es Tomas, der stets so viel
-Geistesgegenwart und Ruhe in den fürchterlichsten Situationen
-bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was
-konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ...
-Er hatte nicht einmal die Hälfte des Weges zu den Toren
-jener mutmaßlichen Stadt der Toten zurückgelegt ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach
-Mitternacht.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>ndlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns
-gelingen wird, Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er
-eingeschlafen, ein Zeichen, daß die Krisis überstanden ist.
-Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich, sprechen sogar
-nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht
-wird ihn dieser Schlaf erretten.
-</p>
-
-<p>
-Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen
-Lärm machen könnten, &mdash; denn Tomas jetzt aufzuwecken,
-hieße ihn morden. Infolgedessen wachen wir abwechselnd
-bei den Tieren, wenn eins von ihnen bellen sollte, wird es
-aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten sich
-die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin,
-sitzt neben dem Lager wie zur Wache und wendet keinen
-Blick von ihrem kranken Herrn. Ich bin überzeugt, daß
-dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas vorgeht. Wenn
-wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise,
-wie warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen
-läßt, und dann schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu
-geben, daß sie an unsere guten Absichten glaubt und
-über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem liegt
-so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.
-</p>
-
-<p>
-Auch Martha weicht nicht von Tomas&rsquo; Seite. Fast
-hundert Stunden bereits spricht sie kein Wort. Sie öffnet
-den Mund nur, wenn sie sich mit uns bezüglich der Pflege
-verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren Schmerz
-vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil,
-sie ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen,
-trockenen Lippen, den weitgeöffneten
-Augen liegt etwas so Trostloses, daß es uns geradezu das
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr Hoffnung
-und Mut zusprechen &mdash; und wagen nicht, uns ihr zu
-nähern, so achten wir sie und ihren großen Schmerz.
-Und sie blickt so seltsam gleichgültig auf uns; wir fühlen,
-daß wir sie nur so weit angehen, als wir ihr bei Tomas&rsquo;
-Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir nicht
-für sie.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er höchste Gipfel des <em>Pico</em> flammt in der Sonne
-auf! Drei oder vier Stunden &mdash; und der Tag wird auch
-schon hier in der Tiefe leuchten. Die ganze Nacht hindurch
-sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des mächtigen
-Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast
-mit dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und
-dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Wie die &bdquo;<em>Drei Köpfe</em>&ldquo; ist auch der <em>Pico</em> kein Krater,
-sondern vielmehr die letzte mächtige Felsenpartie eines
-zerstörten Ringberges. Wir stehen unter seinem höchsten
-Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht hier fast
-senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden
-beim Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker
-dadurch abhebt, daß sich ringsherum eine glatte Fläche
-ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über zweitausendfünfhundert
-Meter.
-</p>
-
-<p>
-Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges,
-von dem nur die vor uns liegenden Reste übrig
-blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist der Felsen, aus einem
-weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der Temperaturveränderungen
-zerbröckelt &mdash; oder hat ihn das Wasser
-unterspült?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns
-diese Vermutung. Auch der Umstand spricht dafür, daß
-man nirgends einen Wall von Felsstücken sieht, der hätte
-entstehen müssen, wenn diese Berge durch Kälte und Sonne
-zerfressen wären.
-</p>
-
-<p>
-Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes
-erhob, befindet sich jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung,
-die im Lichte der Erde unklar vor uns auftaucht.
-Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen Augenblick
-aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu
-erforschen. Er konnte sich nicht länger aufhalten, aber
-er brachte ein Stück Gestein mit, dem ähnlich, das sich
-im Wasser ansetzt ...
-</p>
-
-<p>
-Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt,
-werden wir vielleicht Näheres erfahren.
-</p>
-
-<p>
-Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden.
-Wir sind dadurch etwas freier, aber andererseits beginnt
-uns ein so langer Schlaf zu beunruhigen. Eine beklemmende
-Angst befällt uns, wenn wir auf dieses totenblasse
-Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen
-sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er
-liegt regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim
-leisen Atmen. Manchmal glaube ich, daß ich keinen lebenden
-Menschen, sondern eine Leiche vor mir sehe. Wie froh
-wäre ich, wenn er endlich aufwachte.
-</p>
-
-<p>
-Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von
-seinem Lager. Von Müdigkeit überwältigt, schläft sie
-manchmal so sitzend ein. Aber das dauert nur ganz kurze
-Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit weit aufgerissenen
-Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch
-den Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-für ihre Gesundheit zu fürchten. Gott, wenn sie uns auch
-noch krank würde! Aber alle Vorstellungen unsererseits
-sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie dazu bringen,
-etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll,
-wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht.
-Wir möchten sofort weiterfahren, fürchten aber wiederum,
-seinen Schlaf zu unterbrechen. Anfangs hatten wir die
-Absicht, uns vom <em>Pico</em> nach Osten zu wenden, um die
-<em>Alpenkette</em> zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze
-des <em>Mare Imbrium</em> bildet, aber schließlich fahren
-wir direkt nach Norden, dem mächtigen Ringe des <em>Plato</em>
-zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium der Karten,
-daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch
-direkt auf das <em>Mare Frigoris</em> zu gelangen, hinter
-dem sich ein gebirgiges Land auftut, das sich alsdann bis
-zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg bedeutend
-verkürzen.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47° nördlicher
-Mondbreite, zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang
-des dritten Tages.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen
-<em>Regenmeeres</em>, zu dessen Durchquerung wir fast zwei
-Monate brauchten. Hier sind das zwei Tage, aber dort
-auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal erneuert,
-zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal
-hat er sich im Neumond verfinstert.
-</p>
-
-<p>
-Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall
-des <em>Platoringes</em> vor uns. Sein östlicher Teil schimmert
-bereits in der Sonne wie eine mächtige Mauer am
-schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch Nacht.
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies
-entschieden der erhabenste und mächtigste Anblick, den
-wir bis jetzt hatten; wir sind jedoch durch den Zustand
-Tomas&rsquo; so niedergedrückt, daß wir fast gar nicht beachten,
-was uns umgibt.
-</p>
-
-<p>
-Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns
-kurze Zeit erstaunt an und dann versuchte er, sich
-zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm, er fiel schlaff
-zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn,
-ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des
-Wagens.
-</p>
-
-<p>
-Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte
-sich an nichts aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall,
-der ihr vorausgegangen, war seinem Gedächtnis entschwunden.
-Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze Zeit nach, und
-dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines
-Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen
-gewichen zu sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den
-Händen, und mit einem Ausdruck der qualvollsten Angst
-wiederholte er fortwährend: Das war entsetzlich, entsetzlich!
-&mdash; Schauer schüttelten ihn.
-</p>
-
-<p>
-Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte
-ich vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und
-zu dieser in ihren Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt
-hatte. Aber alle meine Bemühungen waren umsonst.
-Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit Antworten
-ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das
-zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur
-damit peinigte und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm
-ausführlich erzählen, in welchem Zustande wir ihn gefunden
-und den ganzen Verlauf der Krankheit. Er hörte
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen
-von Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten
-Umständen und Begleiterscheinungen, und nachdem er sich
-alles angehört hatte, wandte er sich zu mir und sagte mit
-seltsamer Ruhe:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich glaube, daß ich sterben werde.
-</p>
-
-<p>
-Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem
-Kopfe:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte,
-sehe ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich
-wundere mich nur, daß ich überhaupt noch am Leben bin. Als
-ich damals fiel, wie du sagst, zerschlug sich das Glas in der
-Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht sofort gestorben bin,
-verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug zu Hilfe
-kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach
-außen gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du
-von meinem Zustand erzählst, nehme ich jedoch an, daß
-die Atmosphäre in meinem Luftbehälter schon außerordentlich
-dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten
-inneren Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund
-und Nase, sondern sogar durch die Poren der Haut. Wenn
-ihr euch um einige Sekunden verspätet hättet, würdet ihr
-nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich wundere
-mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust
-die vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ...
-Wenn es auch nicht stark sein konnte, denn woher ...
-bei dem Fehlen des Blutes und der so schwachen Herztätigkeit
-... aber schließlich habe ich das Fieber überstanden
-und lebe, &mdash; doch das bedeutet durchaus noch nicht,
-daß ich leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den
-Puls fühlt man kaum, leg&rsquo; mir die Hand auf die Brust,
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-du fühlst nicht einmal, daß das Herz schlägt. Auf der Erde
-würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen die Bedingungen.
-</p>
-
-<p>
-Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich
-dachte, daß er wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten
-unstät unter den gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich
-Martha, die mit der Zubereitung der Arzneien, die
-er sich selbst verschrieben hatte, beschäftigt war. Ein grenzenloses
-Leid lag in seinen Augen. Er bewegte einige Male
-die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr?
-</p>
-
-<p>
-Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig
-schien es mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische
-Stimme ins Ohr flüsterte: Wenn er stirbt, wird Martha
-einem von euch gehören, vielleicht dir ...
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber
-er schien schon diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen
-zu haben, obwohl ich bei Gott schwöre, daß er kürzer war
-als die kleinste Sekunde.
-</p>
-
-<p>
-Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen
-blauen Äderchen durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend,
-fügte er hinzu:
-</p>
-
-<p>
-Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ...
-achtet ...
-</p>
-
-<p>
-Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst,
-nachdem er Atem geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton
-plötzlich ändernd:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut
-nicht gewiß, daß ich sterben muß.
-</p>
-
-<p>
-Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen,
-aber sein Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil,
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-er scheint sich sogar zu verschlimmern. Immer wiederholen
-sich das Herzklopfen, die Beklemmungen und Ohnmachten.
-Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr
-erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine
-Minute verlassen; auf uns blickt er wie auf Feinde.
-</p>
-
-<p>
-Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen
-Flucht von ihm zu erfahren, aber immer
-wenn ich das Gespräch darauf brachte, verstummte er
-sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen
-Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn
-mit Fragen zu quälen. Schließlich, was liegt mir daran?
-Es genügt, daß ein Unglück geschehen ist, &mdash; wenn es nur
-damit seine Bewandtnis hätte!
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach
-Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach
-Osten.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig
-erwiesen. Mit dem Wagen durch die Mitte des <em>Platoringes</em>
-zu kommen, ist eine reine Unmöglichkeit. Wir müssen
-die <em>Alpenkette</em> umkreisen, was unsere Reise außerordentlich
-verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.
-</p>
-
-<p>
-Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang
-verstrichen; in dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer
-Weges zurück, allerdings auf einem Boden, der
-ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße des
-<em>Plato</em> haltgemacht.
-</p>
-
-<p>
-Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser
-zählende <em>Platoring</em> erhebt sich an der nördlichen Grenze
-des <em>Regenmeeres</em>. Nordöstlich von ihm erstreckt sich
-die Kette der Mondalpen bis zum <em>Palus Nebularum</em>,
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-der das <em>Mare Imbrium</em> mit dem <em>Mare
-Serenitatis</em> verbindet.
-</p>
-
-<p>
-Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende
-Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser
-Seite des Mondes, die zum <em>Mare Frigoris</em> führt,
-durch das wir auf der Fahrt zum Pol hindurch müssen.
-Im Westen des <em>Plato</em> erstreckt sich ein hoher, steiler, im
-Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite
-&bdquo;<em>Abhang des Regenbogen</em>&ldquo; hineinzieht. Der <em>Platoring</em>
-selbst ist aus einem Bergwall entstanden, der eine
-innere Fläche von ungefähr siebentausendfünfhundert Quadratkilometer
-Raum umfaßt. Die höchsten Gipfel im
-östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von zweitausendfünfhundert
-Metern.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht
-hatten, bemerkten wir, daß sich im nördlichen Wall des
-<em>Plato</em>, dicht neben dem in ihm eingeschlossenen kleinen
-Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine Art von
-breitem Paß bildet.
-</p>
-
-<p>
-Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg
-zu verkürzen, über diese Einsattelung auf die mittlere Fläche
-gelangen und, sie in nördlicher Richtung durchschneidend,
-einen Ausgang auf die Höhe suchen, die sich schon sanft
-nach dem <em>Mare Frigoris</em> senkt.
-</p>
-
-<p>
-An den Abhängen des <em>Plato</em> angelangt, fanden wir
-leicht die auf der Karte angegebene Stelle. Dabei war
-uns jener herausragende Krater behilflich, der sich über
-der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien nicht sehr
-beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und
-es waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken.
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-Trotzdem wagten wir es nicht sogleich mit dem Wagen
-weiterzufahren. Wir mußten uns vergewissern, ob wir
-diese Strecke wirklich passieren konnten.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen
-hatten, traten Peter und ich den Weg zu Fuß an.
-Der Wagen sollte auf unsere Rückkehr warten. Wir umkreisten
-den Krater im Massiv des <em>Plato</em> von Osten
-aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so
-einfach, wie es von unten den Anschein hatte. Wir trafen
-Steinfelder und Abgründe an, die wir umgehen mußten.
-Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen durchzukommen.
-Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns
-beide erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem
-Horizont und erwärmte uns genügend. Es war uns
-warm und leicht; rings um uns boten sich wundervolle
-Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von
-schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der
-blendenden Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten
-Regenbogenfarben. Wir schritten über Schätze hinweg,
-für die man auf Erden hätte Königreiche und Kronen
-kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen schillerten
-blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von
-ferne wie Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von
-Onixen und Topasen den Eindruck von Blumen hervorriefen.
-Manchmal schoß plötzlich aus einer Spalte, in
-die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz,
-eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen
-des Gebirgskristalls verteilt war.
-</p>
-
-<p>
-Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur
-an dieser Stelle ausgeschüttet war, blendete und berauschte
-uns, aber bald gewöhnten wir uns so an diesen Anblick
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-und an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir auf ihnen
-schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen.
-</p>
-
-<p>
-Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein
-belebend auf uns und wir waren glücklich und guter Dinge.
-Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die Krankheit Tomas&rsquo;,
-die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die Gefahren,
-die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft,
-der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die
-Kinder über diesen einzig schönen Morgen! An die etwas
-unbequemen Luftbehälter hatten wir uns schon vollständig
-gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der wir
-durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte,
-trotz des neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde
-und einer nicht geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten
-wir über mächtige Felsen oder sprangen von hohen Wänden
-herab.
-</p>
-
-<p>
-Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch
-die Notwendigkeit der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft
-und Nahrung hatten wir nur für vierzig Stunden mitgenommen
-und wir mußten bedenken, daß irgend etwas
-Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem
-längeren Aufenthalt nötigte.
-</p>
-
-<p>
-In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung.
-Vor uns öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle
-Innere des <em>Plato</em>. Der nördliche Wall
-des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt
-lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken
-zerrissen war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine
-glatte Fläche, dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-nur zerschnitten sie hellere, breite Ketten, mit einigen
-kleinen Kratern, die darauf zerstreut lagen und flachen
-Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach der
-Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war
-keine Rede davon, daß wir hier mit dem Wagen vordringen
-konnten.
-</p>
-
-<p>
-Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen
-Öde an. Es wäre unmöglich, sich eine Landschaft
-vorzustellen, in der mehr Schweigen und mehr
-Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam
-und träge zur Tiefe, &mdash; die Gipfel starrten traumverloren
-und so finster in den Sonnenschein, als wenn sie
-sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten, weil man
-sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene
-zu umgrenzen.
-</p>
-
-<p>
-All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ...
-</p>
-
-<p>
-Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz
-wirkt! Ich schaute lange, in Schweigen versunken, und
-konnte die Augen von dieser Wüste nicht abwenden, und
-ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß nicht,
-warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles
-geworden, so wertlos, und so überflüssig erschien mir
-jede Anstrengung und so verlockend der Tod-Erlöser, der
-mich doch vor kurzem noch mit einer so höllischen Angst
-erfüllte.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte
-ihn nicht länger ertragen und bedurfte doch der ganzen
-Willensanstrengung, um mich von ihm loszureißen.
-</p>
-
-<p>
-Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel
-leuchtenden Erdsichel zu. Über den Gipfeln des Kraters,
-der uns beim Eingang als Wegweiser gedient hatte und
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-jetzt in der Tiefe versank, tauchte das <em>Regenmeer</em> vor
-mir auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute
-auf sie, wie einst von der Einsattelung unter dem <em>Eratosthenes</em>,
-nur daß sie damals noch vor mir lag, ein unbekannter
-Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten Lande
-führte &mdash; jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...
-</p>
-
-<p>
-Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber
-statt der in der Sonne flammenden Gipfel des <em>Timocharis</em>
-und <em>Lambert</em> erhoben sich die in Schatten
-gehüllten Spitzen: <em>Pico</em> und weiter nach Osten <em>Piton</em>
-vor meinen Augen.
-</p>
-
-<p>
-Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont
-schon näher als der Himmelswölbung. Und so schien mir
-die ganze Ebene wie eine breite Straße, die von dieser Erde
-hierherführt. Welch ein furchtbarer, beschwerlicher Weg
-und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist
-zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine
-glühende und lebendige Flamme, zweimal umhüllten uns
-kalte, endlos lang andauernde Schatten. Und wieviel
-Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom <em>Eratosthenes</em>,
-die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche
-Kälte und dieses Gespenst des Todes, das uns so viele
-Stunden begleitete; der Tod der Brüder Remogner, der
-unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ... Mit
-dem Tode O&rsquo;Tamors hat unser Weg begonnen &mdash; aber
-er ist noch nicht zu Ende ...
-</p>
-
-<p>
-Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt
-von einer immer stärker aufkeimenden, unbezwinglichen
-Sehnsucht nach der Erde, die in der Ferne über der
-unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei
-Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-mich schnell um, schon fürchtend, daß wieder irgendein
-Unglück herannahe, aber Peter stand wohlbehalten neben
-mir und deutete nur mit der Hand nach der Richtung, in
-der sich der weite nördliche Wall des <em>Plato</em> entlangzog.
-Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke,
-nein, kaum wie den flüchtigen Schatten einer Wolke, die
-den Fuß der Berge verhüllte, den man noch vor kurzem
-deutlich sehen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah
-indes nicht aus, als wenn sich die Wolke bewegte, sondern
-die Berge schienen sich von der Stelle zu rühren und vor
-uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie besessen durch
-das Rohr:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist
-Luft, dort wird man atmen können!
-</p>
-
-<p>
-Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung
-geschwellten Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene
-des Todes, wie ich sie nannte, zeigte sich uns der erste Strahl
-der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke beweist zwar
-noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon
-atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die
-Luft dort dichter ist als in den bisher durchquerten Gegenden,
-da sich dort Wolken bilden und halten können, wenn
-auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der Rauch der
-Krater senkte sich außerhalb des <em>Eratosthenes</em> sofort
-zu Boden wie Sand.
-</p>
-
-<p>
-Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf
-der anderen Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend
-dichte Luft sein müsse, begaben wir uns wieder zum
-<em>Mare Imbrium</em> hinab. Wir waren in freudigster Stimmung,
-obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht erreicht
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-worden war, da wir den Weg durch den <em>Platoring</em>
-nicht gefunden hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir
-darüber, was weiter zu tun sei. Vielleicht würden wir
-im Westen des <em>Plato</em> eine Stelle ausfindig machen, durch
-die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen konnten,
-aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn
-es uns nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend
-Kilometer zurücklegen, um die Grenze des <em>Mare Imbrium</em>
-von Westen her zu umkreisen. Es ist also bedeutend
-sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende gelingt
-es uns, das schon erwähnte Quertal in der <em>Alpenkette</em>
-zu durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar
-erweisen, so werden wir, selbst um die ganze
-Kette herumfahrend, verhältnismäßig keinen allzu großen
-Umweg machen.
-</p>
-
-<p>
-Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab.
-Wie groß war jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen
-nicht an der Stelle bemerkten, an der wir ihn verlassen
-hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu haben, aber
-nein &mdash; die Gegend war dieselbe; es waren genau die
-Felsen, unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz
-der Ermüdung stürmten wir vorwärts, unseren Augen
-noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir bemühten
-uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um
-zu wissen, in welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber
-auf diesem Steinboden war keine Spur zu erkennen. Da
-packte uns die Verzweiflung. Unsere Nahrungsmittel waren
-bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser hatten
-wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum
-mehr für einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er
-vergaß, daß ich das einzige Wesen war, das sein Schreien
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-hier &mdash; durch das Sprachrohr mit ihm verbunden &mdash; hören
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze
-Gegend ab, sechs Stunden damit verlierend; der Wagen
-war wie verschwunden. Als wir nach all den fruchtlosen
-Nachforschungen zu der alten Stelle zurückkehrten, begann
-uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende und
-der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf
-die Erde &mdash; den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und
-ich zerbrach mir in wilder Verzweiflung den Kopf, was sie
-dazu veranlassen konnte, vor unserer Rückkehr davonzueilen.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht
-absichtlich geflohen war, um uns dem sicheren Verderben
-preiszugeben. Die krankhafte Eifersucht, die ich
-bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und von
-Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht
-haben. Die Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und
-wollte davonstürmen, ihm nach, mich rächen, morden ...
-</p>
-
-<p>
-Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha.
-Sie kam uns langsam entgegen und sah uns durch die
-Glasmaske mit ihrem sich immer gleich bleibenden traurigen
-Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu und redeten
-abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein.
-Martha blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und
-als wir uns endlich heiser und gegenseitig taub geschrien
-hatten, begann sie Zeichen zu geben, daß sie nichts verstehe.
-Wir hatten ganz vergessen, daß sie infolge des Luftmangels
-nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut und Aufregung
-verschwunden und wir brachen in ein herzliches
-Lachen aus. Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen,
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-daß wir zu dem Wagen zurückkehren wollten.
-Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit
-hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.
-</p>
-
-<p>
-Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir
-fort waren, ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament
-bildend, hinter dem Felsen unter, so daß sich der
-Wagen im Schatten befand. Woodbell begann vor Kälte zu
-zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und
-blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken
-genügend erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das
-Verschwinden des Wagens entsetzt waren, suchten wir ihn
-in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns nicht ein, hinter
-dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns befand.
-Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber,
-als wir uns von neuem entfernten, daß wir eine andere
-Seite der Gegend erforschen wollten und wartete geduldig
-auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum zweitenmal
-zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie
-uns entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht
-wieder fanden. Der ganze Vorgang endete also mit einem
-Lachen, obwohl er für uns mehr als verhängnisvoll hätte
-werden können.
-</p>
-
-<p>
-Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand
-an. Während unserer Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig
-geworden. Jetzt ist er ruhiger und sagt, daß er
-sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll abgemagertes
-Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott
-gebe es, daß er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang
-ist es schon genug der Opfer &mdash; und des Schreckens ...
-</p>
-
-<p>
-Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt
-immer nach Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-<em>Plato</em> vor unseren Augen. Bald werden wir an der
-<em>Alpenkette</em> angelangt sein.
-</p>
-
-<p>
-Mit Rücksicht auf Tomas&rsquo; Gesundheit tut die größte
-Eile not. Je eher wir eine Zone erreichen, wo er den
-geschlossenen Wagen verlassen und frei atmen und sich
-bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung.
-Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns
-nur immer weiter von dieser Wüste zu entfernen und dem
-Pole näher zu kommen, wo wahrscheinlich Luft und
-Wasser ist.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30&rsquo; nördlicher
-Mondbreite, einhunderteinundsechzig Stunden
-nach Sonnenaufgang des dritten Tages.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span>nsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird
-immer geringer. Wir fahren so schnell es das Terrain
-nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit und Tomas
-stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor
-Unruhe und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite
-Alpenkette, die den Weg versperrt, uns in nordöstlicher
-Richtung zu halten, so daß wir uns, statt dem
-ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm
-entfernen müssen. In einigen Stunden werden wir am
-Ausgang des <em>Quertals</em> sein; wenn man nur wenigstens
-nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir zur
-Linken immer nur die steilen Wände der <em>Alpen</em>, neben
-denen unser Wagen wie ein winziger Käfer hinter der
-Mauer einer riesigen Festung aussieht. Wir warten mit
-Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor uns öffne
-und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang,
-der zum <em>Mare Frigoris</em> führt. Schon begegnen
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-wir vereinzelten kleinen, aber steilen Felsen, die
-wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen, ein
-Zeichen, daß wir uns ihm nähern.
-</p>
-
-<p>
-Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er
-möchte so schnell wie möglich auf den Pol gelangen, und
-dabei haben wir vom <em>Sinus Aestuum</em> kaum den halben
-Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt mich, wenn
-ich daran denke! Er hat, scheint&rsquo;s, die Entfernung ganz
-vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande,
-von Luft und Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen
-finden werden! Statt dessen wird der nächste Mondmorgen,
-obwohl er noch so weit ist, noch immer nichts davon bringen,
-das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine Genesung
-&mdash; je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet
-Pläne für die Zukunft und legt sich schon sein Leben mit
-Martha zurecht ... Mich beunruhigt diese Zuversicht;
-auf der Erde sagt man, daß das ein böses Zeichen bei einem
-Kranken ist.
-</p>
-
-<p>
-Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen
-traurigen Lächeln. Gott, was muß sie leiden! Es ist
-doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie es um ihn steht ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>ine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist.
-Die Verzweiflung packt mich, denn ich will, daß er lebt.
-Ich will es um so mehr, weil ich in meinem Hirn eine
-giftige Schlange fühle, die mir trotz meines Aufbäumens
-dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von
-euch gehören &mdash; vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er
-muß! Und wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm
-folgen wird. Was dann? Was dann? Wozu werden
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte einst,
-daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß
-dieser Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins
-hier ist. Mit ihrem Tode wird unser Dahinsterben beginnen,
-denn wir werden nicht fähig sein, aus uns selbst
-etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden
-niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn
-wozu, wozu? ...
-</p>
-
-<p>
-Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben
-bliebe, wenn sie einem von uns, vielleicht mir, ihre
-Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen so auf den
-Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl,
-als wenn eine Kugel voll heißer Luft mir in der
-Brust zerplatzte, den Atem zurückhielte und Feuer in alle
-meine Adern ergösse ...
-</p>
-
-<p>
-Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser
-Eine auch Varadol sein ... Nein, es wäre besser, wenn
-diese Frau nicht unter uns wäre. Ich bemerke zu meinem
-Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen und
-Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und
-starrt in die Züge des sterbenden Geliebten.
-</p>
-
-<p>
-Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll
-gegen den Tod. Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner
-eigenen Überzeugung zu trotzen, daß er leben wird und läßt
-uns dem beipflichten. Wir tun es ihm zuliebe, unehrlicherweise;
-und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu und
-antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme:
-&bdquo;Ja, du wirst leben, du mein Einziger&ldquo; ... Dabei verschleiern
-sich ihre Augen in einem Nebel der Wonne und
-des Rausches. Kann sie es denn wirklich für möglich halten,
-daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft,
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-ohne einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!?
-Und dennoch, was würde ich dafür geben!
-</p>
-
-<p>
-Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so
-groß wie an den vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden
-Mondbreite. Wir müssen uns, aus Rücksicht
-für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in der
-Mitte des <em>Quertals</em>; vor Sonnenuntergang müssen wir
-bis zum <em>Mare Frigoris</em> vordringen.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere,
-auf der Ebene zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten,
-plötzlich bei dem breiten Auslauf der Ebene. Die senkrechte
-Wand der <em>Alpen</em> bricht hier ab und weicht nach
-Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm
-unterbrochen. Die Fläche des <em>Mare Imbrium</em> verengt
-sich in einem großen Halbkreis zu dem eigentlichen
-Tal, das anfänglich durch einen terrassenförmigen Abhang
-verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein mächtiges, einige
-hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen
-Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-<em>Montblanc</em>
-gegen viertausend Meter über der benachbarten
-Fläche.
-</p>
-
-<p>
-Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene
-einfuhren. Jenes Stockwerk erschreckte uns, denn wir
-dachten, wenn wir unterwegs mehrere solcher Hindernisse
-anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr verlängern,
-da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten.
-</p>
-
-<p>
-Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der
-Mondoberfläche, obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben;
-das letztemal auf dem <em>Plato</em>. Aber es gab kein anderes
-Mittel der Orientierung in dieser Gegend. Endlich wagten
-wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal einzubiegen.
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er
-drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen
-Widerspruch duldet, daß man sich nach Norden wenden
-solle, da er wisse, daß die zeitraubende Umkreisung der
-Alpen und die lange Fahrt durch den <em>Palus Nebularum</em>
-ihn zweifellos töten würde.
-</p>
-
-<p>
-Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht!
-Früher ruhig, entschieden, voll Überlegung und von einem
-unbeugsamen Willen, ist er jetzt ein launenhaftes, trotziges
-Kind. Er schilt uns wegen jeder Kleinigkeit und dann
-entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn zu
-retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der
-vollständigen Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang
-auf dem Rücken liegt, einer Leiche ähnlicher als einem
-lebenden Menschen. Oft spricht er auch unaufhörlich, als
-wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme versichern
-wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns
-unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt
-er sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern.
-Vergeblich zerbreche ich mir den Kopf, was das für ein
-Geheimnis sein kann ...
-</p>
-
-<p>
-Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk
-anhielten, das den Eingang zu dem Tal versperrt.
-Mit großer Mühe fanden wir einen Weg, der es
-uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe
-standen, blickten wir noch einmal auf das hinter uns
-liegende <em>Mare Imbrium</em>, das wir bald für immer
-aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft, so
-muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh
-von dieser Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur
-Mühen, Qualen und Verzweiflung gebracht hat ... Wie
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir durcheilten
-diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von
-einem Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen
-Wunsche beseelt, sie so schnell wie möglich hinter uns zu
-haben &mdash; und jetzt blicke ich fast mit Sehnsucht nach ihr
-zurück ...
-</p>
-
-<p>
-Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig
-leicht vorwärts; die breiten Stockwerke treffen wir
-nicht mehr an und kleinere Berge, die nicht seine ganze
-Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht
-jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet.
-Zu beiden Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen
-viertausend Meter hoher Gebirgswall. Das am Eingang
-einige Kilometer breite Tal verengt sich gegen
-Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn
-sich seine mächtigen Wände einander näherten und wir
-uns in einem enormen, schnurgerade unter den Felsen
-ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen den entfernten
-Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber
-tiefen Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch
-ein Stück Himmel ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich
-mein Blick nicht täuscht, aber es scheint mir, daß der
-Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne weniger
-zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein
-einer dichteren Atmosphäre über dem <em>Mare Frigoris</em>
-zeugen ... Unser Barometer steigt ebenfalls langsam.
-Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der Zone bringen
-könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden nach
-Mittag, dritter Mondtag.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und
-einige Kilometer zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang
-des <em>Quertales</em>. Die ungeheure Felsgurgel verengt
-sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten
-werden immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf
-das <em>Mare Frigoris</em>, deutlich vor uns sichtbar, scheint
-sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu erweitern
-und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren
-Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf
-eine Fläche hinausfahren &mdash; gebe Gott, daß wir <em>alle</em>
-hinausfahren ...
-</p>
-
-<p>
-Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige
-Reise! Wohl dreißig Stunden zitterten wir, bei dem
-kleinsten Geräusch auf Woodbells Lager blickend: &mdash; etwa
-jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber besteht kein
-Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur
-immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die
-Sehnsucht liegt, &mdash; die glühende Sehnsucht zu leben!
-Und wir können ihm nicht helfen ...
-</p>
-
-<p>
-Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte
-hat ihm den Rest gegeben. Wir hatten fast zwei
-Drittel des Weges hinter uns, als wir, unter dem 3.°
-östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das
-uns beinahe gezwungen hätte auf das <em>Mare Imbrium</em>
-zurückzukehren. Die Sonne stand schon tief am Horizont
-und die ganze westliche Seite des Quertales war in undurchdringlichen
-Schatten gehüllt, der kaum hie und da durch
-schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war.
-Wir mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten,
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-um uns nicht in der Nacht zu verlieren. Der Wall erreicht
-hier die größte Höhe; er erhebt sich steil und riesenhaft,
-beinah wie die senkrechte <em>Alpenwand</em>, unter der
-wir vormittags hindurchfuhren.
-</p>
-
-<p>
-Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor
-uns einen schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der
-ganzen Breite versperrte. Vorher hatten wir ihn infolge
-der leichten Erhebung des Grundes nicht gesehen. Als
-wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen
-eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des
-Tales quer durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im
-Schatten, so daß wir nicht in ihre Tiefe sehen konnten.
-Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum Fuße
-durch sie zerrissen.
-</p>
-
-<p>
-Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen
-Hindernis.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen,
-auch daß sie die Hochebene durchschneidet, die das
-<em>Mare Imbrium</em> vom <em>Mare Frigoris</em> bis zu den
-nördlichen Abhängen des <em>Plato</em>, in südöstlicher Richtung,
-trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den
-Grund des <em>Quertales</em> erstreckte, das zwei- bis dreitausend
-Meter tiefer als die Oberfläche der benachbarten
-Höhen, die sich hinter den Wällen ausdehnten, lag. Ich
-fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der Schweiß
-auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen.
-</p>
-
-<p>
-Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten
-des Wagens beunruhigt, fragte uns, was geschehen sei.
-Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu sagen; er jedoch,
-unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben schenkend,
-strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus,
-dann legte er sich wieder und sagte fast gleichgültig:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie wollen nicht, daß ich lebe ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wer? frug ich erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Die Brüder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte
-und schloß die Augen, als wenn er den Tod
-erwartete.
-</p>
-
-<p>
-Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal
-Zeit, über die Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken,
-da ich mit Peter beraten mußte, was jetzt zu
-tun sei. Wir zogen schon eine Rückkehr auf das <em>Mare
-Imbrium</em> in Erwägung, als Peter auf die glückliche
-Idee kam, mit Hilfe des starken Reflektors den Boden
-der Spalte zu beleuchten und uns über ihre Tiefe zu vergewissern.
-Nachdem wir uns dem Rand genähert hatten,
-warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in
-die Spalte, die an dieser Stelle ziemlich eng und
-nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich ganz von Schutt
-angefüllt, aus dem mächtige Felsstücke hervorragten, eine
-Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mächtigen
-Gebirgsstromes gemahnte. Und wer weiß, ob hier
-nicht tatsächlich einmal Wasser geflossen, den Weg ausnützend,
-der durch andere Kräfte gebildet ward?
-</p>
-
-<p>
-Der Schein des Reflektors glitt über die schwarzen, sich
-wild übereinandertürmenden Felsen, flammte auf und verlor
-sich in tiefen, unregelmäßigen Zerklüftungen. Wir
-standen immer noch ratlos, ohne zu einem Entschluß zu
-kommen, als sich Martha uns näherte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem
-Tone, als wenn sie uns einen Befehl erteilte.
-</p>
-
-<p>
-Und dann fügte sie, auf Tomas deutend, hinzu:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-&mdash; Ich muß leben, für ihn ... Um meinetwillen
-braucht ihr jetzt nichts zu befürchten ...
-</p>
-
-<p>
-Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen?
-So hatte sie niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten
-seltsam; in der ganzen Gestalt, in den Worten und
-in der Bewegung lag eine Würde, eine selbstbewußte Hoheit.
-Oh, wie schön ist dies Weib und wie begehrenswert!
-... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken!
-Da packte mich plötzlich eine rasende Wut. Ich rüttelte
-ihn brutal bei der Schulter und schrie:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Siehst du nicht, daß wir keine Zeit zu verlieren
-haben! Fahren wir zurück oder vorwärts?
-</p>
-
-<p>
-Peter wandte sich hastig zu mir und wir maßen uns
-eine Weile, wie bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu
-springen. Ein halblautes, höhnisches und verächtliches
-Lachen Marthas ließ sich vernehmen. Ich hatte das Gefühl,
-als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins Herz
-bohrte. Wir ließen beide beschämt den Blick sinken. Mir
-scheint, daß ich dies Weib zu hassen beginne.
-</p>
-
-<p>
-Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen
-und sie, die am Boden zerstreuten Steine benützend, zu
-überklettern. Das war freilich leichter gesagt als getan.
-Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der östlichen Wand
-des Quertales einen schrägen Abhang entdeckt hatten begannen
-wir den Wagen mit der größten Vorsicht dort
-hinabgleiten zu lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete
-unserer auf dem Boden der Spalte. Bis hierher konnte
-weder das Licht der Sonne noch das der Erde dringen, so
-daß wir uns in vollständiger Nacht befanden. Es ist mir
-unmöglich, die Mühen zu schildern, die uns der Weg über
-diese paar hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-Lampe erleuchtete nur einen schmalen Streifen vor
-uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu orientieren. Abwechselnd
-ging einer von uns zu Fuß voraus, während der
-zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang
-in die Höhe, schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal
-blieb er sogar so stecken, daß wir daran zweifelten, ihn
-wieder loszubekommen. Endlich gelangten wir an die
-gegenüberliegende Seite der Spalte. Zum Glück neigte
-sich hier der Boden ein wenig, so daß wir auf der so entstandenen
-Senkung mit Hilfe der &bdquo;Tatzen&ldquo; hinaufklettern
-konnten.
-</p>
-
-<p>
-Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon
-ins Licht der Sonne.
-</p>
-
-<p>
-Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem
-Ruck des Wagens so plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden
-Welle die Augen schließen mußte; als ich sie
-wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze fürchterliche
-Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen.
-Einige hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh
-in den Boden senkende Wand, die durch einen Streifen
-absoluter Schwärze von uns getrennt war. Ich hatte nur
-eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen Augenblicken
-dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien,
-grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß
-wir uns hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige
-Felsen, die vor uns im elektrischen Licht aufleuchteten, als
-wenn sie, aus dem Nichts herausgewachsen, in Nichts
-wieder zerfließen würden &mdash; aber an die Wirklichkeit
-dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben.
-</p>
-
-<p>
-An der Oberfläche des <em>Quertales</em> angelangt, blieben
-wir stehen, um die &bdquo;Tatzen&ldquo; abzunehmen und den Wagen
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-zu untersuchen, ob er nicht etwa beschädigt sei. Alles war
-in Ordnung, und wir konnten weiterfahren. Alles &mdash; mit
-Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen Erschütterungen
-hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar
-Stunden wie tot dalag, nur manchmal leise stöhnend.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als
-Tomas plötzlich aufsprang und sich auf das Lager setzte.
-In seinen weit aufgerissenen Augen brannte wieder das
-Fieber. Peter war am Steuer des Wagens beschäftigt,
-aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns
-mit irren Blicken an, dann rief er plötzlich:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, ich werde sterben!
-</p>
-
-<p>
-Martha erblaßte und neigte sich zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich,
-und eine Röte übergoß ihr Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich
-noch tiefer zu ihm herab und begann halblaut malabarisch
-zu ihm zu sprechen. Ich verstand die Worte nicht, aber
-ich sah, daß sie einen großen Eindruck auf Tomas machten.
-Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein unendlich
-trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine
-Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar
-des auf seine Brust gebeugten Mädchenkopfes.
-</p>
-
-<p>
-So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in
-seinen ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch
-versuchte er von neuem sich aufzusetzen. Es fehlte
-ihm, scheint&rsquo;s, der Atem.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer
-wieder angstvoll, und sie antwortete unermüdlich: &bdquo;Du
-wirst leben.&ldquo; Für gewöhnlich verstummte er darauf wie
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber
-diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ...
-Und dann fügte er hinzu: Sie werden mir nicht erlauben,
-zu leben ... die Brüder Remogner ...
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und
-fragte ihn, alle Rücksicht auf seinen Zustand vergessend,
-was die Brüder Remogner mit seiner Krankheit gemein
-hätten.
-</p>
-
-<p>
-Er zögerte, dann sagte er schmerzlich:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch
-sagen ...
-</p>
-
-<p>
-Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch
-sein Herzklopfen und die Atemnot unterbrochen wurde.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort
-in der Wüste hinter den &bdquo;<em>Drei Köpfen</em>&ldquo;? Heute noch
-sehe ich sie vor mir, mit ihren zertrümmerten Türmen
-und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich sterben
-muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie
-nicht aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ...
-Als ich den Wagen verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes
-Gestein klettern, das dem zerstörten Pflaster eines
-alten römischen Kastells irgendwo in der Schweiz oder im
-italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an
-eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt
-vor mir wie auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich
-das mächtige Tor mit dem halben Bogen und den hohen
-Säulen, als plötzlich, plötzlich ...
-</p>
-
-<p>
-Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom
-Lager. Die Augen hatte er weit geöffnet, das leichenblasse
-Gesicht wurde jetzt grün.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-&mdash; Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir
-schien es so ... einst ... daß die einzige Wahrheit das
-Wissen ist, das sich auf die Erfahrung stützt und sich in
-mathematische Formeln fassen läßt. Und dennoch gibt es
-unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich
-lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir
-wissen bis jetzt sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr
-wenig ...
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte einen Augenblick und sah uns an,
-als wenn er sich vergewissern wollte, ob wir nicht etwa
-über seine Worte spöttelten, aber wir saßen still und
-in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr in
-der unterbrochenen Erzählung fort:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Da ... erblickte ich ... zwei Schatten &mdash; nein,
-zwei Menschen, Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus
-dem Tore direkt auf mich zu ... Die Knie wankten mir.
-Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst verjagen,
-aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf
-Schritte vor mir &mdash; die Brüder Remogner! Sie standen
-beide da, sich bei der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen,
-blutig, wie wir sie gefunden haben. Und beide starrten mich
-so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß ich nicht ängstlich
-bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage
-ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst
-versteinerte mich und das Blut gerann mir in den Adern.
-Ich konnte mich nicht rühren &mdash; mich nicht abwenden ...
-Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen! Und ich
-hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine
-Luft war ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und was haben sie gesprochen? stieß ich unwillkürlich
-hervor.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-&mdash; Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug,
-daß ich es hören mußte, oh, mehr wie genug, mehr wie
-genug! ... Sie sagten mir wie ich sterben würde und wie
-ihr sterben werdet, ihr &mdash; beide ... Sie bezeichneten Tag
-und Stunde ... Und sie sagten weiter, daß man nicht
-ungestraft die Erde verläßt und in die Geheimnisse zu
-dringen versucht, die dem menschlichen Auge verborgen
-sind. Sie sagten, es wäre besser gewesen, wenn wir dort
-gestorben wären, auf dem <em>Mare Imbrium</em>, statt ihnen,
-den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen
-zu verlängern, ja, der Qualen ... &bdquo;Wir sind euch gefolgt,&ldquo;
-sagten sie, ich hörte es ganz deutlich, &bdquo;und ihr seid an
-unserem Tode schuld, aber auch ihr&ldquo; ... Bei diesen
-Worten blinzelten sie haßerfüllt mit den erloschenen
-Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem
-boshaften Lächeln. Da bemerkte ich, daß hinter ihnen
-O&rsquo;Tamor stand, blaß und vertrocknet ... Er lächelte
-nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte voll
-Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf,
-und die ganze Willenskraft zusammennehmend, riß ich die
-erstarrten Füße vom Boden los und stürzte davon. Ich
-dachte nicht mehr an die Stadt &mdash; an gar nichts. Ich lief
-und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und aufstehen,
-aber da fühlte ich, daß ich keine Luft hatte und
-verlor das Bewußtsein ...
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame
-Beklemmung. Ich bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß
-das alles nur eine Täuschung war, wie jene Stadt selbst,
-die ich heute ebenfalls für eine Täuschung, hervorgerufen
-durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber
-ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so
-unlösbare Rätsel &mdash; so unerforschliche Geheimnisse! ...
-Auf diesen erloschenen Globus sind Menschen gekommen,
-ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem Menschen
-und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode,
-auch jenes Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen
-Zeiten auf Erden jedem Wissen, jeder Forschung getrotzt
-hat, gefolgt ...
-</p>
-
-<p>
-Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte
-frug er wo wir seien. Ich sagte ihm, daß wir uns
-dem Ende des <em>Quertales</em> näherten und bald auf das
-<em>Mare Frigoris</em> gelangen würden. Er hörte zu, als
-wenn er meine Worte nicht verstünde.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ah, ja! antwortete er endlich, ja, ja ... ich träumte,
-daß ich auf der Erde war ...
-</p>
-
-<p>
-Dann wandte er sich zu Martha:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, erzähle mir, wie es auf der Erde ist.
-</p>
-
-<p>
-Und Martha begann zu erzählen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Auf der Erde ist blaue Luft und über sie dahin wandeln
-die Wolken. Auf der Erde ist viel, viel Wasser, ganze
-mächtige Meere. Am Strande der Meere ist Sand, und
-verschiedenfarbige Muscheln liegen dort verstreut, und dann
-gibt es Wiesen, auf denen süße, wonnige Blumen blühen,
-und Vögel singen in den Wäldern. Wenn der Wind sich
-erhebt, so heult das Meer auf, und die Wälder brausen,
-und die Blätter säuseln ...
-</p>
-
-<p>
-So erzählte sie ihm mit kindlicher Einfachheit, und wir
-hörten ihren Worten zu, wie dem schönsten Zaubermärchen
-... Der Kranke bewegte langsam die Lippen,
-als wenn er wiederholen wollte: und die Wälder brausen,
-und die Blätter säuseln ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-&mdash; Wir werden nie mehr dort sein, sagte er endlich laut.
-</p>
-
-<p>
-Ein herzzerreißendes Schluchzen Marthas antwortete ihm.
-Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Die Stirn an den
-Rand des Lagers gedrückt, erbebte sie in krampfhaftem
-verzweifelten Weinen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ruhig, ruhig, sagte Tomas, leicht mit der Hand
-ihr Haar berührend.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch ihn packte die Furcht. Er wandte sich mit dem
-Gesicht zu uns und begann wieder mit abgebrochener
-Stimme, die wie mit großer Anstrengung aus der Brust
-hervordrang, zu sprechen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Rettet mich, habt Mitleid, rettet mich! Ich will
-nicht sterben! Nicht hier! Hier ist&rsquo;s so entsetzlich! Rettet
-mich! Ich will ... leben, noch ... leben ... Martha ...
-</p>
-
-<p>
-Er weinte wie ein Kind und streckte jammernd die dürren
-Hände nach uns aus.
-</p>
-
-<p>
-Was sollten wir ihm antworten? ...
-</p>
-
-<p>
-Wir nähern uns dem Ausgang des Tales, und die Fläche
-des <em>Mare Frigoris</em> liegt schon vor uns. Ich habe die
-schmerzliche Gewißheit, daß wir sie allein zurücklegen werden
-&mdash; ohne Tomas!
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf Mare Frigoris, dritter Mondtag, dreiundzwanzig
-Stunden nach Sonnenuntergang.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch sehe auf die letzten Worte, die ich niederschrieb;
-sie haben sich bewahrheitet. Auf die Ebene <em>Mare Frigoris</em>
-fuhren wir allein. Tomas Woodbell ist heute bei
-Sonnenuntergang gestorben.
-</p>
-
-<p>
-Eine fürchterliche Leere! Wir werden immer weniger;
-nur mehr drei sind geblieben ... Ich kann an nichts
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-anderes denken als an diesen stillen, entsetzlichen Tod
-Woodbells.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonnenscheibe berührte bereits mit dem unteren
-Rande den Horizont, als wir endlich, nach einer Woche
-Weges, aus dem Felsengang fuhren. Vor uns erstreckte
-sich eine glatte, von den letzten Sonnenstrahlen vergoldete
-Flachebene. Ich sage vergoldete, weil die Sonne, was wir
-bei ihren früheren Untergängen nicht bemerkt haben, sich
-dem Horizont zuneigend, eine gelbliche Farbe annahm und
-das Rund des schwarzen Himmels um sich herum ein
-wenig erleuchtete. Das ist ein zweifelloses Zeichen, daß
-die Atmosphäre hier dichter ist. Wir stellten auch einen
-zweiten, sehr günstigen Umstand fest: Das <em>Mare Frigoris</em>
-ist ganz mit Sand bedeckt, was darauf schließen
-läßt, daß diese Ebene tatsächlich einstmals Meeresgrund
-gewesen ist.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Herzen waren voll Zuversicht, vor allem, weil
-Tomas sich scheinbar ein wenig besser fühlte. Wir wurden
-schon hoffnungsvoller; es schien uns, daß wir im Fluge
-diese Ebene durcheilen, und ehe die neue Sonne aufgeht,
-mit Tomas zusammen im Reiche des Lebens sein würden!
-Daß wir das Wehen des Windes fühlen, das Rauschen
-des Wassers hören, das Grün der Wiesen wiedersehen
-sollten ...
-</p>
-
-<p>
-Allein wie anders wollte es das Schicksal!
-</p>
-
-<p>
-Wir waren kaum einige Meter auf der Fläche gefahren,
-als Tomas uns bat, den Wagen anzuhalten. Die kleinste
-Bewegung quälte ihn unsagbar ...
-</p>
-
-<p>
-Ich will ausruhen, sagte er mit schwacher Stimme, und
-auf die Sonne schauen, bevor sie untergeht.
-</p>
-
-<p>
-Wir hielten also an und er blickte mit glanzlosen Augen
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-zur Sonne, die ihre letzten goldenen Strahlen auf sein
-totenbleiches Gesicht herabfließen ließ. Er starrte eine Zeitlang
-unbeweglich in ihr Leuchten, dann wandte er sich zu
-Martha:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, wie ist das: &bdquo;Sonne, du lichter Gott&ldquo; ...
-Wie geht das weiter?
-</p>
-
-<p>
-Und Martha stellte sich, wie bei dem ersten vom Monde
-aus gesehenen Sonnenuntergang, in den vollen Glanz,
-streckte die Hände aus und die tränenvollen Augen zu dem
-schwindenden Lichte erhebend, begann sie halb sprechend,
-halb singend eine seltsame, in Rhythmen tönende Hymne:
-</p>
-
-<div class="hymn">
-<p class="noindent">
-Sonne, du lichter Gott, du wandelst von
-uns zu Ländern, die wir nicht kennen!
-</p>
-
-<p>
-Sonne, du Leuchte des Himmels, du
-Wonne der Erde, du gehst, unsere Augen
-in Trauer zurücklassend, um denen zu
-leuchten, die schon aus der irdischen Hülle
-erlöst sind ...
-</p>
-
-<p>
-Die, aus den Körpern erlöst, noch keine
-neue Gestalt annahmen, wie Gefangene,
-die man für eine Spanne Zeit freiließ,
-damit sie einen Tag der Stille und Ruhe
-genießen, ehe sie zum Gefängnis, in ihre
-Ketten zurückkehren.
-</p>
-
-<p>
-Gut ist ER, gut ist der Urewige, Unfaßbare,
-der einen Tag der Stille zwischen
-Kampf und Sorgen geschaffen hat ...
-</p>
-
-<p>
-In Ihm ist der Ursprung und der Ausgang
-aller Dinge; in Ihm sind die Seelen
-derjenigen erlöst, die den Kampf schon beendet
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-haben, dahin heimkehrend, von wo
-sie vor grauen Zeiten ausgegangen sind.
-</p>
-
-<p>
-Oh, Sonne, lichter Gott, du gehst von
-uns, und wir bleiben in Trauer zurück &mdash;
-mit unserer Sehnsucht ...
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Woodbell hörte zu und schien einzuschlafen. Plötzlich
-rief er angstvoll:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, O&rsquo;Tamor ist gestorben?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ist gestorben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Die Remogners sind gestorben?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sind gestorben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde auch sterben ... und sie ... sie ...
-er deutete mit den Augen auf uns.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du wirst leben, sagte sie wieder mit dieser seltsamen
-tiefen Überzeugung.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ah, ja ... flüsterte der Kranke, aber was hilft es
-mir ...
-</p>
-
-<p>
-Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Selena legte ihre
-Vorderpfoten auf das Lager und leckte die herabhängende
-Hand ihres Herrn. Er blickte auf sie und machte eine Bewegung,
-als wenn er das treue Tier streicheln wollte, aber
-scheinbar fehlten ihm schon die Kräfte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Meine, meine Hündin ... flüsterte er nur.
-</p>
-
-<p>
-Dann sagte er, daß er auf die Erde schauen wolle. Wir
-legten ihn so, daß er sie vor sich hatte. Sie stand gerade
-im ersten Viertel über den Felsen im Süden. Er blickte
-lange, die Hände ausstreckend, in heißem Verlangen auf
-diesen am Himmel leuchtenden Halbkreis, den gerade der
-Schatten des Indischen Ozeans, mit dem hellen, sich in seine
-Fluten erstreckenden Dreieck Indiens langsam durchglitt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-&mdash; Sieh, sieh, dort ist Travancore! rief der Kranke.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Dort ist Travancore, wiederholte Martha wie ein
-Echo.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Dort waren wir glücklich ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, glücklich.
-</p>
-
-<p>
-Der Kranke begann wieder unruhig zu werden.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, werde ich dorthin kommen, nach dem
-Tode? ... Denn sieh, ich will nicht ... hier herumirren
-... auf dieser Wüste ... in dieser Totenstadt ...
-Martha, werde ich dorthin kommen ...
-</p>
-
-<p>
-Martha schwieg und ließ den Kopf sinken, Tomas drängte
-wieder und wieder ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, werde ich dorthin kommen ... nach dem
-Tode ... auf die Erde?
-</p>
-
-<p>
-Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper,
-aber sie überwand sich und antwortete mit tränenerstickter
-Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du wirst hinkommen, auf einen Augenblick, für einen
-Tag der Stille ... aber dann wirst du zu mir zurückkehren.
-</p>
-
-<p>
-Seine Augen verschleierten sich; die schlaff herunterhängenden
-Hände waren bläulich und kalt. Er zuckte noch
-einmal und flüsterte kaum hörbar:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, wie ist es auf der Erde? ...
-</p>
-
-<p>
-Und Martha erzählte von neuem vom rauschenden Meer,
-von blühenden Wiesen, von duftenden Blumen!
-</p>
-
-<p>
-Um seine Lippen lagerte sich ein schmerzliches, aber
-ruhiges Lächeln und die Augen begannen sich langsam zu
-schließen. Noch einmal öffnete er sie für einen Augenblick,
-schaute auf die Erde und auf die Sonne, von der nur noch
-ein schmaler Streifen über der Wüste sichtbar war &mdash;
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-seufzte leise und verschied mit dem letzten Leuchten des erlöschenden
-Tages ...
-</p>
-
-<p>
-In der Dunkelheit haben wir ein Grab gegraben und
-ihm die Augen mit Sand bedeckt.
-</p>
-
-<p>
-Und wiederum sind wir seit fast zwanzig Stunden
-unterwegs.
-</p>
-
-<p>
-Wir fahren auf ebener, sandiger Wüste und passierten
-schon beim Ausgang aus dem <em>Quertale</em> den fünfzigsten
-Parallelkreis; die Erde erhebt sich nur noch 40° über
-dem Horizont, aber zum Glück gibt es auf dieser Fläche
-keine schattenwerfenden Erhöhungen. Wenn es geht,
-wollen wir die ganze Nacht ohne Unterbrechung vorwärtseilen.
-</p>
-
-<p>
-Eine namenlose Trauer bedrückt uns. Martha sitzt ganz
-erschlafft da, fast wahnsinnig vor Schmerz, und zu ihren
-Füßen heult Selena nach ihrem verstorbenen Herrn. Wir
-geben dem Tier zu fressen, um es zu beruhigen, aber Selena
-nimmt nichts; sie war gewöhnt, nur von Tomas gefüttert
-zu werden.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf Mare Frigoris, 0° 6&rsquo; östlicher Länge, 55° nördlicher
-Mondbreite, nach Mitternacht, zu Beginn des
-vierten Tages.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ir wenden uns direkt nach Norden, zum Pol. Seit
-hundertsiebzig Stunden, das heißt, seit dem Tode Woodbells,
-bewegten wir uns in nordwestlicher Richtung. Jetzt
-ist sein Grab schon weit zurückgeblieben, sehr weit ...
-Auf der Erde ist bereits eine Woche verflossen, seit wir ihn
-begraben haben.
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Zeit über fließt der Sand durch die Räder
-unseres Wagens, während nur das Zischen des Motors die
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-lautlose Stille und das bleierne Schweigen unterbricht, das
-auf uns lastet. Martha weint nicht; sie sitzt da, stumm,
-mit zusammengepreßten Lippen und weit aufgerissenen
-Augen, in denen die Tränen schon vertrocknet sind.
-</p>
-
-<p>
-Selena lebt nicht mehr. Seit Woodbells Tod wollte sie
-nicht mehr fressen, heulte stundenlang und lief im Wagen
-herum, alle ihm gehörigen Gegenstände und was seine
-Hand nur einmal berührt hatte beschnüffelnd. Schließlich
-legte sie sich in eine Ecke, wurde schwach und knurrte, wenn
-einer von uns sich nähern wollte. Wir fürchteten, daß sie
-die Tollwut bekäme, und mußten sie töten, obwohl es
-uns unendlich leid tat. Übrigens bin ich überzeugt, daß
-sie auch so nicht mehr lange gelebt hätte.
-</p>
-
-<p>
-Ach, es ist so entsetzlich still in unserem Wagen, denn
-wir &mdash; was können Peter und ich miteinander sprechen?
-Es ist etwas Furchtbares geschehen. Der Tod Woodbells
-bedeutet in diesem Falle nicht nur den Verlust eines Menschen,
-eines treuen und teuren Freundes: nein, dieser
-Tod ist ein unermeßliches Unglück, &mdash; eine wahnsinnige
-Ironie des Schicksals, das zwischen uns beide diese Frau
-geworfen hat, die wir in gleichem Maße heiß begehren. Ich
-kann nicht auf sie sehen, ohne daß mich ein Schauer erfaßt
-und gleichzeitig empfinde ich den ganzen Ekel dieser
-&mdash; Schändung, gegenüber dem frischen Grab des Freundes.
-Es scheint mir, daß Woodbells Geist uns noch nahe ist,
-daß er mir ins Herz sieht, diese meine Gedanken lesend,
-aber ich kann dennoch nicht widerstehen &mdash; ich kann nicht!
-Das Fieber verzehrt mein Hirn, das Blut rast wild durch alle
-Adern, und mein Inneres ist so ganz voll von ihrem Bilde,
-daß ich sie vor mir sehe &mdash; immer &mdash; mit einer furchtbar
-unerhörten Deutlichkeit, auch wenn ich die Augen schließe.
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-Ich versuche meine Gedanken von ihr abzulenken, sie mit
-Gewalt zurückzudrängen wie eine Meute toller Hunde,
-aber sie reißen sich los von der Kette meines Willens,
-werfen sich auf sie, reißen ihr die Kleider herunter, reiben
-sich an ihren Formen, schlängeln sich um ihren Leib und
-beschmutzen ihn mit den lüsternen Schnauzen, und da sie
-sehen, daß sie unnahbar und kalt ist, beginnen sie zu bellen,
-mit den Zähnen zu fletschen, nach ihr zu beißen und sie
-hin und her zu zerren ... Oh, diese schändlichen Gedanken,
-wie sie mich peinigen und quälen!
-</p>
-
-<p>
-Varadol ergeht es ebenso; ich weiß, ich fühle, ich sehe
-es! Und er weiß ebenfalls, was in mir vorgeht. Daher
-dieser stumme, verbissene Haß zwischen uns. Weshalb
-soll man sich täuschen, weshalb die Dinge mit schönen
-Namen belegen, wir sind beide schlecht und gemein, denn
-sie steht zwischen uns. Wir sind nur zu zweit auf dieser
-fürchterlichen Welt, und es schreit etwas in der Tiefe unserer
-Seele, daß einer von uns zu viel ist. Wir sprechen nicht
-miteinander und sehen uns nicht in die Augen. Manchmal
-nur begegne ich verstohlen Varadols Blick, seinem entsetzlichen
-Blick, aus dem der Tod leuchtet wie ein Brand durch
-die Fenster eines im Innern flammenden Hauses.
-</p>
-
-<p>
-Ob ich ihn fürchte? Nein, nein, tausendmal nein! Obwohl
-ich weiß, daß er mich jeden Augenblick, ohne zu
-wissen, was er tut, hinterrücks niederschlagen und morden
-kann, wie zum Beispiel jetzt, während ich schreibe und er
-hinter mir steht und meinen entblößten Nacken sieht. Ein
-Schauer durchläuft mich, aber ich wende mich nicht um, ich
-will seinem Blick nicht begegnen, in dem ich, wie in einem
-Spiegel, meine eigene Gemeinheit sehe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Im übrigen fürchte ich mich absolut nicht vor einem
-plötzlichen, unerwarteten Tode! Der Tod ist nur dann
-über allen Ausdruck furchtbar, wenn er sich langsam nähert
-und unabwendbar. Ich weiß das aus Erfahrung. Ich
-fürchte nur eins, daß er diese Frau besitzen könnte, auf
-die er kein größeres Recht hat als ich; daß er vielleicht ihre
-vom Kummer noch bleichen Wangen durch Küsse röten,
-ihre Brust, die noch in ungestilltem Schluchzen bebt, zu
-schnellen, leidenschaftlichen Seufzern zwingen kann. Ah,
-ich darf nicht daran denken! Wir verfolgen uns gegenseitig
-so mit unserer Eifersucht, daß sie, solange wir beide leben,
-ohne jegliche Gefahr ist!
-</p>
-
-<p>
-Aber manchmal packt mich die Wut. Ich möchte mir
-ins Gesicht speien und dann vor ihn hintreten und sagen:
-Komm, schlagen wir uns um sie! Beißen wir uns, wie
-zwei tolle Wölfe um eine Wölfin, unsicher des kommenden
-Tages, unsicher des Lebens, verbannt auf diese entsetzensvolle
-Welt, kämpfen wir um die Geliebte unseres toten
-Freundes, die für uns nichts fühlt als Gleichgültigkeit und
-Verachtung. Komm, schlagen wir uns heute um sie, ehe wir
-morgen sterben!
-</p>
-
-<p>
-Aber ich bin zu sehr Hypokrit und zu feige, um das zu
-tun. Oh, wie ich mich verachte!
-</p>
-
-<p>
-Und ich verachte und hasse auch sie! Es gibt Augenblicke,
-in denen ich fähig wäre, mich auf sie zu werfen
-und ihren schweigenden, traurigen Mund durch Schläge zum
-Schreien zu zwingen, um dann diesen Schrei zugleich mit
-dem Leben zu ersticken! Vielleicht wäre das besser ...
-Wir würden allein bleiben, ohne Ziel, ohne Verlangen zu
-leben, am Ende dann sogar freiwillig sterben, aber zum
-wenigsten würde nichts zwischen uns sein ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-Wozu lebt sie? Was hält sie hier? Wie kann sie noch
-leben, wenn sie diesen Menschen so geliebt hat, und wenn
-er für sie alles gewesen ist und mit ihm für sie alles geendet
-hat? Wir sind gemein, aber auch sie ist gemein!
-Das Tier, die unvernünftige Hündin, hat mehr Anhänglichkeit
-gezeigt, denn sie konnte den Tod ihres Herrn nicht
-überleben. Und diese Hündin hat doch nicht den hundertsten
-Teil der Liebkosungen gekostet, hat nicht den tausendsten
-Teil der Liebe genossen, mit der er diese Frau überhäuft
-hat! Aber die Frau lebt ... und wer weiß, wer
-weiß, vielleicht wirft sie aus diesen Augen, die scheinbar
-im Schmerz erkaltet und erloschen sind, schon auf einen
-von uns verstohlene Blicke, vielleicht keimt in ihrem Hirn,
-das noch voll ist vom Bilde jenes Toten, schon der Gedanke:
-Welchen von diesen zwei Lebenden soll ich wählen, um das
-ewige Werk des Weibes zu erfüllen? ...
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht, vielleicht ist in alledem irgendein ursprünglicher,
-elementarer, durch die Natur in unser Wesen gelegter,
-also heiliger Trieb des Seins und des Zeugens, der uns
-nicht zurückblicken, mit der Vergangenheit nicht rechnen,
-noch an die Zukunft denken läßt. Und dennoch ist für
-mich das alles so ekelhaft &mdash; so widerwärtig &mdash; ungeheuerlich!
-...
-</p>
-
-<p>
-Ah, warum lebt dieses Weib? Warum?
-</p>
-
-<p>
-Und ich fühle, daß ich trotz alledem ihren Tod niemals
-verwinden könnte.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Auf Mare Frigoris, 0° 30&rsquo; östlicher Länge, 61° nördlicher
-Mondbreite, vierter Tag, einhundertzweiundsiebzig
-Stunden nach Mitternacht.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>artha hatte recht, als sie zu Tomas sagte: Du wirst
-leben! Ach, daß ich das damals nicht gleich verstanden habe!
-</p>
-
-<p>
-Es waren fast drei Viertel der Nacht verstrichen, als ich,
-am Steuer sitzend, bemerkte, daß Peter sich fortgesetzt um
-mich herum zu schaffen machte, mit einer Miene, als wenn
-er eine Unterredung beginnen wollte. Mich wunderte das,
-weil wir immer nur das Notwendigste besprachen, aber
-gleichzeitig freute es mich auch. Ich fühlte, daß die Zeit
-endlich gekommen war, dieser unerträglich drückenden Situation
-durch eine Aussprache ein Ende zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Ich frug ihn also so höflich wie nur möglich:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wünschst du etwas von mir?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ja, sagte er schnell, sich neben mich setzend,
-ich wollte mit dir reden ...
-</p>
-
-<p>
-Ich bemerkte, daß er sich zu einem Lächeln zwang, aber
-seine Züge zuckten krampfhaft dabei. Unwillkürlich blickte
-ich auf seine Hände. Und er, als wenn er meinen Blick
-verstanden hätte, errötete und zog die Hände leer aus den
-Taschen, sie auf seine Knie legend. Dann begann er etwas
-stockend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ja, siehst du, ich wollte mit dir ... denn es
-scheint, daß wir diese Nacht nicht anzuhalten brauchen,
-da die Kälte nicht so empfindlich ist und der Weg eben
-und hell genug, obwohl die Erde niedrig am Horizont steht;
-im übrigen wirst du zugeben, daß man sich eilen muß,
-also ...
-</p>
-
-<p>
-Ich wendete keinen Blick von ihm ab, und er wurde immer
-verwirrter. Plötzlich änderte er den Ton und schrie heftig:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-&mdash; Zum Teufel! Wir fahren ohne Unterbrechung nach
-Norden?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja ... pflichtete ich bei, mich zur Ruhe zwingend.
-</p>
-
-<p>
-Dann folgte ein Augenblick qualvollen Schweigens. Varadol
-sprang auf und begann unruhig auf und ab zu gehen.
-Ich war mir klar darüber, was in ihm vorging; ich wußte,
-wovon er mit mir sprechen wollte, und daß er über gleichgültige
-Dinge redete, weil er das Wort nicht hervorbringen
-konnte, das uns Auge in Auge der Entscheidung gegenüberstellte,
-die früher oder später schließlich fallen mußte. Eine
-Zeitlang empfand ich eine boshafte Freude über seine Hilflosigkeit,
-aber dann tat er mir plötzlich so unendlich leid,
-daß ich fähig gewesen wäre, mich ihm an den Hals zu
-werfen und ihn bei unserer alten Freundschaft zu beschwören,
-ihm alles mögliche zu sagen, daß ich ihm das
-Weib abtreten wolle, &mdash; oder ihn zu bitten, sich mit ihrem
-Tode einverstanden zu erklären &mdash; ah, ich weiß selbst nicht
-mehr, was ich beginnen wollte, aber ich beherrschte mich
-sofort; das führt absolut zu nichts. Ich fühlte indes, daß
-es unmöglich war, die endgültige Auseinandersetzung noch
-weiter hinauszuschieben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wolltest du weiter nichts, fragte ich ihn unvermittelt.
-</p>
-
-<p>
-Er blieb stehen, scheinbar durch den freundlichen Ton
-in meiner Stimme betroffen, und sah mir forschend in die
-Augen. Dann lächelte er traurig und fuhr mit der Hand
-über die Stirn. Ich bemerkte, daß seine Hand wie im
-Fieber zitterte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, in der Tat, ich wollte &mdash; überdies ...
-</p>
-
-<p>
-Er brach ab und blickte auf Martha; nach einigem
-Zögern sagte er mit abgebrochener, rauher Stimme in
-deutscher Sprache, damit sie ihn nicht verstehen konnte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-&mdash; Was werden wir mit diesem Weibe tun?
-</p>
-
-<p>
-Ich erwartete diese Worte, aber trotzdem trafen sie mich
-wie ein Keulenschlag! Ich bremste gewaltsam den Wagen;
-das Blut klopfte mir in den Schläfen und verschleierte
-mir die Augen. Mein Herz schlug zum Zerspringen; die
-Lippen waren wie ausgetrocknet. Der entscheidende Augenblick
-war gekommen.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah auf Varadol. Er stand vor mir, blaß wie
-eine Leiche und starrte mir hartnäckig in die Augen. Diesen
-Blick werde ich bis zu meinem Tode nicht vergessen! Es
-lag eine Angst darin und ein fast hündisches Flehen &mdash;
-und gleichzeitig wieder eine entsetzliche Drohung.
-</p>
-
-<p>
-Ohne zu antworten, schob ich ihn beiseite und ohne mir
-klar darüber zu sein, was ich tat, trat ich an Martha
-heran, die still dasaß und irgend etwas nähte. Er folgte mir.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Warum lebst du, Weib? Diese unerhörte und, wie
-mir jetzt scheint, lächerliche Frage, obwohl ich damals keine
-Lust zum Lachen hatte, stieß ich ganz unvermittelt hervor.
-</p>
-
-<p>
-Martha schaute uns erstaunt an, dann wurde sie feuerrot
-und sagte langsam mit leicht zitternder Stimme, als
-wenn sie sich rechtfertigen wollte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich warte auf Tomas&rsquo; Rückkehr ...
-</p>
-
-<p>
-Eine rasende Wut packte mich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Genug der albernen Redereien! schrie ich, ihr die
-Arbeit, über die sie sich neigte, aus den Händen reißend.
-Ich weiß nicht, was weiter geschehen wäre, wenn ich nicht
-in diesem Moment einen Blick auf das Stück Leinwand,
-an dem sie nähte, geworfen hätte: Es war ein Kinderhemd.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstand plötzlich alles. Unfähig, ein Wort hervorzubringen,
-streckte ich nur die Hand aus, Peter darauf
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-aufmerksam machend. Er schrie leise auf und ging schnell
-zum Steuer des Wagens.
-</p>
-
-<p>
-Also darum sagte sie zu dem sterbenden Tomas mit
-einer solchen Überzeugung: Du wirst leben! Darum folgte
-sie ihm nicht!
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Glauben ihres Volkes geht in das nach dem
-Tode des Vaters geborene Kind die Seele des Verstorbenen
-über. Sie wartet also, fest überzeugt, daß Tomas in dem
-Kinde zu ihr zurückkehren wird, nachdem er als Geist die
-Erde umkreist, die ihn beim Sterben mit so namenloser
-Sehnsucht erfüllte! Sie mußte ihm die &bdquo;frohe Kunde&ldquo;
-gebracht haben, daß sie in diesem Kinde seiner warten
-werde, wohl damals, als sie kurz vor seinem Tode malabarisch
-zu ihm gesprochen hatte. Das alles durchfuhr mich
-wie ein Blitz.
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte auf sie: sie weinte still, das Gesicht in dieses
-kleine Hemdchen verborgen, das aus der Wäsche des Verstorbenen
-zurechtgeschnitten war.
-</p>
-
-<p>
-Und plötzlich geschah etwas Seltsames mit mir. Ich hatte
-das Gefühl, als wenn in meinem Herzen etwas zersprungen
-wäre, irgendein widerwärtiges Geschwür und gleichzeitig
-fiel es mir wie ein Schleier von den Augen. Martha erschien
-mir als ein anderes Wesen. Ich schaute auf sie mit
-einem Staunen, als wenn ich sie zum erstenmal sähe!
-Das war nicht mehr das Weib, um dessen Besitz ich noch
-vor einem Augenblick mit meinem Freund und einzigen
-Kameraden auf dieser einsamen Welt ringen wollte. Das
-war die Mutter des neuen Geschlechts, der siegende Tod
-durch das große Geheimnis des Lebens und der Liebe.
-</p>
-
-<p>
-Eine unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte meine Seele;
-Dankbarkeit dafür, daß wir durch sie nun hier nicht mehr
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-allein sein werden, und daß sie sich mit der Heiligkeit
-der Mutterschaft vor uns schützte, vor uns, die wir &mdash;
-blind! &mdash; in ihr nur das begehrenswerte Erbe des
-Toten gesehen haben. Ich neigte mich, ohne es zu
-wissen, und küßte ihre Hand. Sie zuckte zusammen
-und verstand anscheinend meine stumme Huldigung,
-denn sie erhob ihr Gesicht, das noch verweint war, aber
-schon von Stolz über die neue und anerkannte Würde aufleuchtete.
-</p>
-
-<p>
-Wie unbegreiflich ist doch die Seele des Menschen! Das
-alles löst ja die uns quälende Frage durchaus nicht, sondern
-rückt sie nur für eine bestimmte Zeit in die Ferne und
-trotzdem sind wir beide jetzt so ruhig, als wenn die ganze
-Angelegenheit erledigt wäre. Wir haben die Überzeugung,
-daß dieses Weib keinem von uns Lebenden gehört, sondern
-demjenigen, der gestorben ist, und wir ehren und achten sie,
-ganz vergessend, daß vielleicht die Zeit wieder kommen
-wird, wo ...
-</p>
-
-<p>
-Aber nein, nein, ich will nicht daran denken!
-</p>
-
-<p>
-Jetzt nur nach Norden, immer nur nach Norden!
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des vierten
-Mondtages.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span>och kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns
-geweckt und eine solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz
-vorausgegangen, eine Erscheinung, wie wir sie hier auf
-dem Mond noch nicht gesehen hatten.
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden
-Augenblick, daß der Gipfel des Berges, der im Lichte der
-Erde vor uns emporstieg, in den ersten Strahlen der aufgehenden
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor dies
-geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas
-hellere Farbe an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte.
-Zuerst glaubten wir, daß sich unter dieser bedeutenden
-Breite &mdash; wir passierten bereits den sechzigsten Parallelkreis
-&mdash; das Zodiakallicht, das in der Nähe des Äquators
-und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer
-Weise zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht;
-der Himmel färbte sich weit und breit leicht silbern über
-dem Horizont und die Sterne verblaßten in diesem weißen
-Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des <em>Timaeus</em> &mdash;
-jener Krater, dem wir uns näherten, &mdash; in der Sonne auf,
-aber &mdash; o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der
-Nacht wie zart erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich
-noch länger daran zu zweifeln, daß diese Dämmerung
-und dieses rosige Licht uns dichtere Luft verkündeten, die
-schon genügte, durch die sie durchgleitenden Sonnenstrahlen
-zu leuchten und ihre Farben zu röten.
-</p>
-
-<p>
-Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter
-zu, der mit der ganzen Seele in diese Erscheinung versunken
-war; dann wandte ich mich zu Martha.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen,
-wo wir atmen können wie auf der Erde!
-</p>
-
-<p>
-Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich
-alles mit einem traumhaft zarten Gold überzog, das den
-ganzen Horizont erfüllte &mdash; wie unsere Herzen die Hoffnung
-eines neuen Lebens ...
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die
-vorhergehenden Tage, denn sie stieg nicht gerade in die
-Höhe, sondern erhob sich hinter dem stark nach Süden geneigten
-und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand
-sie am Himmel in einem großen Kreise wie von weißem
-Nebel, der langsam ins Blaue überging und sich allmählich
-in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der
-Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur
-noch weiter von ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit
-ihrer Farbe ist geschwunden; sie ähneln immer
-mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit denen sich der
-nächtliche Himmel über der Erde schmückt.
-</p>
-
-<p>
-Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden
-diesen Wagen verlassen können und mit voller Brust zum
-erstenmal die Mondluft einatmen!
-</p>
-
-<p>
-In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück
-Wegs zurück! Die Nachtkälte ist hier in der Nähe des
-Pols bedeutend geringer als am Äquator, da die Sonne
-nicht so tief unter den Horizont fällt; wir brauchten uns
-infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei Sonnenuntergang
-auf das <em>Mare Frigoris</em>, das wir jetzt
-bereits hinter uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges
-Land vor uns aufzusteigen; der <em>Timaeus</em> ist ein Grenzpfahl,
-den wir gerade passieren.
-</p>
-
-<p>
-Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene,
-die, einer breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet
-und, wie die Karten zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis
-reicht. Sie ist nicht so eben wie das <em>Mare Frigoris</em>,
-im Gegenteil, ganz mit kleinen und gleichlaufenden
-Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren
-werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese
-Strecke zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß
-wir beim Anbruch der nächsten Nacht schon im Gebirge sind.
-Dann trennen uns noch gegen sechshundert Kilometer vom
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-Pole. Aber was bedeuten sechshundert Kilometer, nachdem
-wir schon so viele zurückgelegt haben!
-</p>
-
-<p>
-Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten
-zwischen uns sind verflogen; der quälende Alp, der
-während der Nacht auf uns lastete, ist wie Nebel im Glanz
-der aufgehenden Sonne verschwunden. Der Gedanke, daß
-wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt
-den Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht
-uns so froh und ruhig, daß es uns manchmal vorkommt,
-als wenn wir um die verlassene Erde nicht mehr trauerten ...
-</p>
-
-<p>
-Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere
-Qualen; was würde ich dafür geben, wenn wir mit ihm
-die Hoffnung des Lebens teilen könnten! ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach
-Sonnenaufgang, 0° 2&rsquo; östlicher Länge, 65° nördlicher
-Mondbreite.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>ine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß
-nicht, woher sie kommt und was sie von mir will. Die Reise
-geht schnell vonstatten, der Himmel überzieht sich langsam
-mit dunklem Blau, durch das die bis jetzt strahlenlosen
-Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die Nähe
-jener &bdquo;versprochenen Erde&ldquo;, wo wir endlich nach allen,
-nun schon vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen,
-und ich, statt mich zu freuen, bin traurig, unsagbar traurig
-und niedergedrückt. Was ist daran schuld? Vielleicht diese
-Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt und die
-wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen
-verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg
-durch die entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht
-diese inneren Erlebnisse, von denen sich meine Seele
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-noch nicht erholen kann, vielleicht auch der Gedanke an
-dieses Kind des Verstorbenen, das in einem unbekannten
-Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden soll.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin ruhig, &mdash; nur diese unerträgliche Traurigkeit
-und diese Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von
-den blendenden Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen
-Flächen und zerklüfteten Berge ermüdet mich unsagbar ...
-Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen, ein Teich,
-ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...
-</p>
-
-<p>
-Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof.
-Wir fahren auf dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten
-Meeres, auf darauf angesetzten, an der Oberfläche
-zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich die Reste
-ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült
-worden sind.
-</p>
-
-<p>
-Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete,
-den gebogenen Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals
-wie eine goldene Scheibe zwischen den Wolken, die
-über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur der
-Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde,
-steil, riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht
-mehr vorhandenen Wogen ... Wind und Sturm haben
-seine zu Staub zerriebenen Überreste verweht, jetzt gibt es
-auch diese nicht mehr &mdash; nur Leere und Starrheit ...
-</p>
-
-<p>
-Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben
-zu sehen! Oh, nur so schnell wie möglich, die Kräfte
-könnten erlahmen!
-</p>
-
-<p>
-Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das
-ist natürlich! Sie hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint,
-daß sie an diese Welt sogar mehr denkt als an den verstorbenen
-Geliebten. Ich sehe oft, wie sie, über der Arbeit
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die Zukunft
-schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt,
-daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine
-rosige Kind sieht, wie es die Händchen nach ihr ausstreckt.
-Manchmal verscheucht wohl ein tiefer Seufzer dieses glückselige
-Lächeln, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das
-ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen
-wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß
-seine Seele nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte,
-wenn er am Leben geblieben wäre.
-</p>
-
-<p>
-Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und
-spricht wenig mit uns; nur einmal sagte sie zu mir:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn
-ich werde ihm aufs neue das Leben geben ...
-</p>
-
-<p>
-Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so
-von sich sprechen kann?
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf der
-Hochebene vor dem Goldschmidt, 1° 3&rsquo; östlicher Länge,
-69° 3&rsquo; nördlicher Mondbreite.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den
-Bergen, die sich bis zum Pole hinziehen. Diese Hochebene
-ist ganz eigentümlich; sie ist wie übersät mit einzelnen kreisförmigen
-Bergen, zwischen denen sich hohe, weit ausgedehnte
-Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns liegende
-mächtige <em>Goldschmidt</em> und der sich mit ihm im Osten
-berührende und noch höhere <em>Barrow</em>. Es kommt mir jetzt
-erst zum Bewußtsein, wie seltsam es ist, daß wir hier
-Berge und Länder vorfinden, die noch kein menschlicher Fuß
-betreten hat, und die doch schon von Menschen bezeichnet
-sind ... Ein sonderbarer Gedanke.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles
-der Hochebene. Wenn wir hinter uns blickten, würden
-wir über dem Horizont der Wüste die verblaßte Erde,
-die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist, bemerken.
-Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese
-Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen.
-Dicht über der Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend,
-stand die Sonne.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf
-dieser vier Monate vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt
-hat und nur wir, uns dem Pole nähernd, von ihr geflohen
-sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes. Die nachmittagliche
-Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht,
-quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht
-mit ihrem Glanze. Traurig und müde scheint diese Sonne
-zu sein, so wie wir ... Rings auf der Hochebene lagern
-tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach Norden
-zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in
-dieser Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich
-scheinen, in einem breiten Kreise um Erde und Sonne
-zerstreut.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit
-des eigenen Körpers auf dem Monde habe ich manchmal
-das Gefühl, daß Kopf und Hände und Füße aus Blei
-sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So unendlich
-lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir
-die sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist,
-zu zweifeln, ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen
-werden ... Übrigens &mdash; Ziel? Welches Ziel? Ach, alles
-ist so ermüdend und traurig!
-</p>
-
-<p>
-Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-sie nicht wäre, hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand
-zu rühren, um das Steuer des Wagens nach dem Pole zu
-lenken, dem wir mit solcher Anstrengung entgegeneilen.
-Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht
-es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen
-und mich aufrecht zu erhalten. Wodurch habe ich so viel
-Güte ihrerseits verdient? Etwa durch das Unrecht, das
-ich ihr durch meine schändlichen Gedanken zugefügt
-habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist,
-mit Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser
-Frau. Ich möchte leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu
-sein ... Und wer weiß, ob ich leben werde.
-</p>
-
-<p>
-Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden.
-Diese und andere und wieder andere, denn zum Pol
-ist es noch weit ... Ich habe keine Kräfte mehr, ich kann
-nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen mir, ich bringe
-sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich sagen
-wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte
-ausstrecken und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf
-Martha schauen, die immerfort lächelt &mdash; im Gedanken an
-ihr Kind. Die Glückliche!
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und
-Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach
-Mittag des vierten Mondtages.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich
-überfallende Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin
-und habe Angst davor. Wie werden sie sich zu zweit helfen
-können &mdash; ohne mich? Der Weg wird immer beschwerlicher,
-und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich
-ihr Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O&rsquo;Tamor
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-und Woodbell nun die Reihe an mich? Sie haben doch
-vorausgesagt ...
-</p>
-
-<p>
-Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte
-das Kind noch sehen, das geboren werden soll, ich möchte,
-wenn auch nur noch einmal, mit voller Brust aufatmen
-können.
-</p>
-
-<p>
-Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach
-den Karten zu urteilen, sind die Berge, durch die wir uns
-eben hindurcharbeiten, das letzte große Hindernis, das uns
-vom Pol trennt. Wenn wir uns von der Einsattelung, auf
-der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen haben,
-werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach
-Westen wenden, längs den nördlichen Abhängen des <em>Goldschmidt</em>,
-dann wieder in nördlicher Richtung die Ringe
-<em>Challis</em> und <em>Main</em> passieren, im Osten den Ring
-<em>Gioja</em> umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem
-Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene
-gelangen, die von dem Polarlande nur mehr durch eine
-einzige schmale Gebirgskette getrennt ist.
-</p>
-
-<p>
-So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die
-Karten dieser Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu
-sehen sind, erweisen sich als ungenau. Dazu kommt, daß
-der größte Teil des Weges in der Nacht, die schon beginnt
-die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.
-</p>
-
-<p>
-Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt
-vor uns, aber nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden
-Berge. Die Tiefen überflutet ein schwarzes
-Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen, werden
-die Sterne unsere einzigen Führer sein.
-</p>
-
-<p>
-In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen,
-nur mit der größten Willensanstrengung vermag ich klar
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-zu denken. Träume im Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen
-wechseln in meinem Hirne. Habe ich etwa
-Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu
-kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen
-mir vor den Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung
-mit darauf schwimmenden blutigen Berggipfeln.
-Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden
-Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich
-bin so entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen
-schwarzen Ozean segeln? Vielleicht zur Erde? ... Ach,
-es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns geblieben, weit
-im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren,
-niemals! ...
-</p>
-
-<p>
-In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich
-glaube, ich habe Fieber.
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen Bergen.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte
-mir, ich solle mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich
-hatte noch etwas zu tun oder zu schreiben &mdash; ich weiß es
-nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern. Ich bin
-überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich
-es nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum
-ist es hier so dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar
-im Kopf zerplatzt, muß zerplatzt sein, denn der Kopf
-dehnt sich mehr und mehr, schwillt an, wächst; ist jetzt
-so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist,
-daß wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich
-es nur? Denn wo in aller Welt kämen denn die Hunde
-her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit ihm geschehen,
-aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen
-müsse, weil ich Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum
-soll ich es nicht haben ... Ist es mir nicht erlaubt? ...
-</p>
-
-<p>
-Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger
-sind wie Blei ... Ich weiß nicht, was das alles bedeutet
-&mdash; ich höre nur zwei Stimmen neben mir &mdash; ich
-kann nicht mehr ...
-</p>
-
-<p class="end">
-Ende des ersten Teiles.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-Zweiter Teil
-</h2>
-
-<p class="ptit">
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-Auf der andern Seite.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-1">
-I.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach
-der langen Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt
-hatte, gegen Ende jener entsetzlichen Reise durch die luft-
-und wasserlose Mondwüste die Augen wieder öffnete.
-Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf
-diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser
-Augenblick so lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum
-einige Stunden seitdem verflossen wären. Und dennoch,
-wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich, daß auf der Erde
-bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die
-Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und
-zehn Jahre, seit wir den Wagen verließen, in dem wir
-fast ein halbes Jahr eingeschlossen waren. Jetzt atmen
-wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem Himmel,
-genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen
-Meeres, und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns
-seltsam und fremd erscheinen, aber ebenfalls grün und
-voll von eigenem Leben sind. Hundertvierunddreißigmal
-hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an die wir
-uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt
-zu ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht
-heran, ein Geschlecht von Menschen, die die Geschichte
-ihrer Vorväter, wie diese einst von der Erde hierhergelangten,
-von jenem fernen Stern, der in der Gestalt
-einer mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont
-emporsteigen wird, wenn sie zu den Grenzen der luftlosen
-Wüste vordringen sollten, für eine Mythe halten
-werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten gesehene,
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-interessante Erscheinung am Himmelsdome sein,
-für uns ist es die Mutter, die wir für immer verlassen und
-verloren haben. Aber den einzigen und stärksten Faden,
-der uns noch mit ihr verbindet, konnten wir nicht zerreißen
-&mdash; die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende
-Sehnsucht.
-</p>
-
-<p>
-Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen,
-und wir werden alle sterben, die wir auf der
-Erde geboren sind. Das neue Geschlecht wird mein Tagebuch
-lesen und es wahrscheinlich lange Zeit hindurch für
-ein heiliges Buch halten, <em>Exodus</em>, bis hier ein &bdquo;Kritiker&ldquo;
-erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung
-von der Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie
-grauer Zeiten ist.
-</p>
-
-<p>
-Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache;
-erscheint mir doch schon vieles von dem, was ich selbst
-erlebt habe, nur noch wie ein phantastischer Traum. Vor
-allem hat die Krankheit, während der ich einen ganzen
-Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem
-Leben eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es
-mir zuerst schwer wurde, das, was vorher geschehen ist,
-mit dem zu verbinden, was ich sah und erlebte, als ich
-wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den Fieberträumen
-zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war
-überaus seltsam.
-</p>
-
-<p>
-Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen,
-wo ich mich befand. Mich umsehend, gewahrte ich
-eine weit ausgedehnte Wiese, von Hügeln umgeben, die mit
-frischem <a id="corr-11"></a>üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von
-einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen
-auf der Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt.
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-Nur die kahlen Gipfel der hohen Berge glühten in
-vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte sich der blaßblaue
-Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen. Ich
-schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen.
-Da erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam
-gingen und sich jeden Augenblick bückten, als wenn sie
-etwas suchen wollten. Um sie herum sprangen zwei Hunde,
-fröhlich bellend.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner
-unbekannten Gegend, und ich dachte nach, wie ich
-wohl hierher gekommen, als ich mich plötzlich unserer
-Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem
-geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte
-noch einmal rings umher, soweit ich dies tun konnte,
-ohne den Kopf zu erheben, der schwer war, als wenn er
-mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben,
-wo sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine
-Fenster gesehen habe? Ich wollte die Menschen rufen,
-die sich in der Nähe befanden, aber plötzlich überfiel mich
-eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut hervorbringen
-konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese
-unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte
-eine Expedition auf den Mond mitmachen und bin irgendwo
-auf einer Wiese eingeschlafen, wer weiß, wie lange ich
-schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur, daß ich
-wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren Schwierigkeiten
-kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt
-war ... Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese
-Gegend nicht kenne.
-</p>
-
-<p>
-Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene
-Krankheit tauchte in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-hatte ich Fieber, und in Fieberträumen wandelte
-ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese Phantasiegespinste
-vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung
-bei dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum
-war, daß ich mich auf der Erde befinde und niemals gezwungen
-sein werde, sie zu verlassen. Es überkam mich
-ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand
-ich, daß ich abermals zu träumen beginne.
-</p>
-
-<p>
-Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über
-mein Lager gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen
-Gestalten, und halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte
-den leisen Ausruf zu hören: er schläft, worauf die zweite
-Stimme antwortete: er wird leben. Das wunderte mich
-sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich wach
-war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den
-halb geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl
-ich, wie es mir schien, ziemlich lange geschlafen, hatte
-sich die Beleuchtung der Gegend nicht geändert; es war
-mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die über
-mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit,
-als meine Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt
-hatten, schienen mir diese Menschen bekannt zu sein, ich
-konnte mich nur nicht auf ihre Namen besinnen. Langsam
-wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die
-an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren
-Gipfel immer gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich
-bemerkte, der Schein von einer anderen Seite auf sie fiel.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze
-Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung,
-zwischen zwei hohen Bergen, stand ein mächtiger
-grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde:
-das war die Erde &mdash; dort, am Himmel leuchtend!
-</p>
-
-<p>
-Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond
-befinde, kehrte in seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief
-mich wie ein eisiger Schauer. Ich stieß einen Schrei
-aus und sprang vom Lager auf. Peter und Martha &mdash;
-sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt
-gesehen hatte &mdash; kamen mit lebhafter Freude herbei, aber
-ich fühlte nur einen Schwindel und verlor abermals die
-Besinnung.
-</p>
-
-<p>
-Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner
-langen Krankheit; ich begann langsam gesund zu werden,
-obwohl noch über hundert Stunden verflossen, ehe
-ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder
-gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit
-geradezu rührender Fürsorge, und ich, noch zu schwach,
-um zu fragen und zu sprechen, dachte nur darüber nach,
-was um mich vorging, und was sich alles zugetragen hatte.
-Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das
-so ersehnte Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten,
-aber daß dies auf ganz natürliche Weise geschehen sei,
-konnte ich mir noch lange Zeit hindurch nicht klar machen.
-Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich
-einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der
-Wagen, sich indessen immer nach Norden bewegend, endlich
-zum Pole gelangte, der noch einige hundert Kilometer
-von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager geworfen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes.
-Ein seltsames Land! Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes
-und der Dämmerung, wo es keine Himmelsrichtungen gibt,
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht Norden.
-Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher
-sinkt die Sonne hier nicht unter den Horizont,
-noch erhebt sie sich am Himmel, sondern scheint sich
-nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen. Besteigt
-man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint
-diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich
-träge direkt am Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge
-leuchten ewig im rosigen Lichte, das stets von einer anderen
-Seite auf sie fällt; seitdem die Welt besteht, gibt es für
-diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die grünen
-Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie
-liegen im Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter
-Dämmerung. Ihr frisches dunkles Grün sieht nur den Abglanz
-der kahlen, von der Sonne geröteten Gipfel, die einem
-mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur selten,
-während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der
-Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben,
-in irgendeinem tiefen Felsenspalt mit einem flammend
-roten Antlitz auf und steht so einen Augenblick im Tor
-der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter Cherub.
-Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm,
-fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf
-der dämmerigen Wiese einen breiten goldroten Streifen.
-Einige Stunden gehen vorüber, die Sonne versteckt sich hinter
-den Bergen, und wiederum überflutet ein sanftes
-Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung
-von der der Sonne entgegengesetzten Seite her
-durch ein seltsames, schwaches, einem breiten, schillernden
-Regenbogen ähnlichen Leuchten unterbrochen &mdash; das ist
-die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich zu
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit;
-wie ein Traum, der schön und rein und traurig ist.
-</p>
-
-<p>
-Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht
-der Polarländer des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich
-bei ihrem Anblick die Empfindung hatte, als wenn ich
-mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde befände.
-Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über
-die Erde; kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille.
-Ein immerwährender, herrlicher, wenn auch kühler Frühling
-herrscht in diesem Lande, das wir schon über ein halbes
-Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der blaßblaue
-Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es
-regnet fast niemals und infolgedessen gibt es auch kein
-Wasser, keine Quellen, keine Bäche. Die Luft ist jedoch
-so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit für
-die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere
-Gräser, Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich
-vertrocknen, aber diese Länder am Mondpol haben eine
-besondere, den Verhältnissen angepaßte Flora ...
-</p>
-
-<p>
-Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen,
-die dem Moose auf der Erde ähnlich sind und wie jenes die
-Eigenschaft haben, die Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen,
-nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen so viel Wasser
-in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die
-zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten.
-Das Getränk gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber
-mit dem Essen ist es schon schwieriger. Wir fanden zwar
-einige Gattungen saftiger, dafür verwendbarer Pflanzen
-und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen, die
-großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir
-nichts, uns eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-der Erde mitgenommener Vorrat an Brennmaterial war
-bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend nichts zu
-sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die
-dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit
-gesättigt, daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden
-konnten und an ihr Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre
-war gar nicht zu denken. Der Torf, den
-wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von
-Wasser, wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.
-</p>
-
-<p>
-Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile
-hergestellte Zelt verlassen, um auf der Ebene spazieren zu
-gehen, als wir durch diesen vollständigen Mangel an Brennmaterial
-bedroht wurden. Wir pflogen diesbezüglich große
-Beratungen und machten verschiedene vergebliche Versuche
-zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die
-stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf
-auf die Berge tragen, da er hoffte, daß sie dort in der
-Sonne leichter trocknen würden, wie in diesem immer
-gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den Höhen war
-die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer
-Zeit nahm der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft
-von neuem so viel Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich
-als vergeblich erwies.
-</p>
-
-<p>
-Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten
-Holzgegenständen irgend entbehren konnten und schürten
-damit ein letztes großes Feuer an, um das in der Gegend
-gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns das
-gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das
-immer mit neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial
-versorgt wurde. Aber diese Hoffnung erwies
-sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem wir alles verbrannt
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste
-und Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer
-gewissen Menge von Brennmaterial das Dreifache nötig
-gewesen wäre. Unser &bdquo;ewiges Feuer&ldquo; erlosch nach einigen
-Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß
-wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren
-des Wagens lud.
-</p>
-
-<p>
-So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von
-Wasserdampf durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte
-Luft bewahrte aufs glänzendste die spärliche Sonnenwärme,
-so daß uns die Kühle nichts anhaben konnte. Doch fiel
-es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu gewöhnen. Die
-Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung entsprechend
-zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben
-wir für den Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend
-zu kommen, die uns gar keine Nahrung liefern sollte, sorgfältig
-auf. Wir ließen nämlich die Absicht niemals fallen,
-noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten
-Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten
-uns drei Gründe von der Ausführung dieses Planes
-zurück: vor allem war ich nach der überstandenen Krankheit
-noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise ertragen
-zu können, und auch Martha, die in Kürze der
-Geburt des Kindes entgegensah, durfte sich keinen Gefahren
-aussetzen. Schließlich gesellte sich noch, infolge des
-Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den langen,
-kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden,
-sobald wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig
-gleichmäßig fahlen Lichtes, entfernten.
-</p>
-
-<p>
-Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die
-auf dem Pol verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-meines Lebens auf dem Monde. Das Zelt,
-das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau am
-Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen,
-wo der Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns
-hatten. Diesen Stern, der uns lange als Wegweiser diente,
-sahen wir nur einmal, während der Sonnenfinsternis, am
-Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten. Die
-Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar
-sind, zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die
-Sonne hinter der Erdscheibe untergeht und diese Länder der
-ewigen Dämmerung in kurze Nacht versinken.
-</p>
-
-<p>
-Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen.
-Unsere Hauptzeit verbrachten wir unter freiem Himmel
-und berauschten uns an der Landschaft, die, obwohl sie
-uns schon vertraut geworden, ihren eigenartig ergreifenden
-Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so seltsam harmonisch
-auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne
-und rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische,
-kühle, mit dem balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte
-Luft! In unsere Seelen zog ein tiefer Frieden ein ...
-Warme Herzlichkeit herrschte in unserm kleinen Kreise.
-Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und Mißverständnisse
-lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren
-Wüsten, die wir durcheilen mußten und die uns noch in
-der Erinnerung mit Schaudern erfüllten.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze
-Stunden lang von der Erde unterhielten, deren Segment
-sich nur noch manchmal zur Zeit des Vollseins in Gestalt
-einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte;
-dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern
-der Wüsten schliefen, dann wiederum von der unbekannten
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-Zukunft, die unserer wartete. Wir sprachen von dem
-Kinde, das zur Welt kommen sollte, von Ländern, die
-wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen
-Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage,
-wem von uns nun in Zukunft Martha gehören solle. Es
-klingt seltsam, aber ich glaube wirklich, daß wir in jener
-Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens dachte ich
-nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen
-... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr,
-als ich es heute auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe
-war seltsam ...
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes
-Gesicht, das immer ein träumerisches Lächeln umspielte,
-ihre zarten weißen Hände, die stets mit irgendeiner Arbeit
-beschäftigt waren, schien sie mir jener Martha, die ich einst
-kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine ganze
-Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und bedauernswerte
-Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit
-der Hand ihr Haar berührt und ihr gesagt, daß ich
-bereit sei, alles für sie zu tun und zu opfern, auf alle
-eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig
-glücklich wäre &mdash; aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen;
-wenn ich heute daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar
-traurig, denn ich weiß, daß ich nichts für sie zu tun vermochte,
-obwohl ich das größte Opfer gebracht habe, das
-ein Mensch zu bringen imstande ist.
-</p>
-
-<p>
-Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu
-verdanken. Als mich damals das Fieber befiel, hat mir
-nur ihre Pflege die Gesundheit wiedergegeben, und auch
-heute hält mich allein der Gedanke an sie aufrecht. Dieser
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte ich
-noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte
-ich mit Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens
-auf dem Monde war. Ich hatte Martha stets um mich.
-Während meiner Krankheit wachte sie über mir; als ich
-wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in
-das Tal und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten
-duftende Kräuter, mit denen sie dann das Innere des
-Zeltes schmückte.
-</p>
-
-<p>
-Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich
-mit Peter die Berge, um die Sonne zu sehen und den
-mächtigen blassen Reifen der Erde am Horizont, und mit
-neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle Länder
-zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte,
-und zu denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann
-im Zelte zurück; sie durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen
-nicht mehr zumuten.
-</p>
-
-<p>
-Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge
-aus den Weg, auf dem wir in dieses Tal gekommen waren,
-und erzählte mir von all den Schwierigkeiten, mit denen
-er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte, in eine undurchdringliche
-Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken,
-und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den
-Verlust des Geliebten halb von Sinnen war.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es
-gab Stunden, wo mich die Verzweiflung packte. Einige
-Male verlor ich den Weg in den Felsen oder mußte zurückfahren,
-weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten
-war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen.
-In solchen Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers,
-der sich stetig hob, mit neuer Zuversicht. Aber
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum, nachdem wir die
-Ebene hinter dem <em>Gioja</em> erreicht hatten. Die Astronomen
-der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten,
-gewiß nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung
-haben würde, daß uns nach den unermeßlichen
-Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die <em>Freude</em>
-lächeln sollte ...
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem
-Pol so nahe, daß das in der ziemlich dichten Atmosphäre
-zerstreute Licht der Sonne, die nicht tief unter dem Horizont
-verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung hervorbrachte,
-bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte.
-Dort wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne
-Luftbehälter zu verlassen. Im selben Augenblick befiel
-mich ein Schwindel; die Atmosphäre war noch dünn, und
-ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten, um atmen zu
-können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als
-ich zum ersten Male Mondluft schöpfte.
-</p>
-
-<p>
-Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen
-er beim Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen
-mußte, die die Ebene unter dem <em>Gioja</em> vom Polarlande
-trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte er nicht
-rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend,
-unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher
-bei dem schwachen Lichte den Wagen allein auf dem steilen
-Abhang führen, der mit verwitterten Steinen übersät war.
-</p>
-
-<p>
-Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf
-der Einsattelung angelangt. Von dort aus sah er das
-Polarland schon vor sich liegen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es schien mir, sagte er, daß ich die &bdquo;versprochene
-Erde&ldquo; sehe; vor meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-und Wüsten gewöhnt waren, breitete sich diese mächtige
-grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir fast den Atem
-in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den
-Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen
-Wiesen und auf die rote Sonne, die von meiner Höhe
-aus über ihnen sichtbar war, obwohl noch sehr viel an
-der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der
-Sonne zu. Sie stand am Horizont in der Himmelsrichtung,
-die für uns bis jetzt Norden war und von nun ab Süden
-werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel
-des Mondes war es Tag.
-</p>
-
-<p>
-Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche
-Wunsch, diese geheimnisvollen Länder, über denen gerade
-die Sonne stand, kennen zu lernen. Nach unserer Rückkehr
-von dem Berge dachte ich nur noch daran und begann
-im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt zurechtzulegen.
-</p>
-
-<p>
-Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden,
-zur Mitte der unbekannten Halbkugel vordringen müsse.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten
-hier schließlich das ganze Leben verbringen, aber leben
-könnten wir noch ruhiger auf der Erde. Wir sind auf den
-Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu erforschen!
-</p>
-
-<p>
-So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen.
-Im Augenblick hielt uns nur die Rücksicht auf Martha
-zurück. Auf den Zeitpunkt wartend, da es möglich sein
-würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir unsere Vorbereitungen
-und sammelten Vorräte.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-Veränderungen vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt,
-eine so schwere Maschine mit uns zu führen. Wir
-wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch er
-einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre.
-Aber der Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten
-geraten könnten, wo uns der dicht geschlossene
-und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde, hielt uns davon
-zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen
-hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere
-Magazine enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen
-Öffnung hatten wir eine Aluminiumplatte, die vorher den
-Verschluß der Magazine von innen her bildete. Außerdem
-beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung
-der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den
-unglücklichen Brüdern Remogner genommenen Motor haben
-wir, soweit es ging, ausgebessert und im Wagen aufgestellt,
-falls der unsrige beschädigt werden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der
-Nahrungs- und Wasservorräte, die wir mühsam aus dem
-Moos auspressen mußten, nahmen mehr als drei Monate
-in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise bereit.
-</p>
-
-<p>
-Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft
-auf der Polarebene voll am Firmament, als ich, von
-einem weiteren Ausflug zurückkehrend, im Zelte das
-Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist mir im
-Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen!
-Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das
-unsern Kreis zu vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger
-zu gestalten kam. Als ich es hörte, warf ich die
-Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in
-das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-Freude strahlend. Sie schien sogar meine Ankunft nicht
-bemerkt zu haben. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem
-kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt war und
-aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft
-an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein
-Tom, mein schöner, lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig
-durch ihre Tränen. Neben ihr am Lager schwänzelten
-beide Hunde und streckten die neugierigen Schnauzen aus,
-um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu beschnuppern.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über
-seine finstere Miene. Er saß in einer Ecke des Zeltes in
-tiefes Nachdenken versunken, ohne auf Martha zu achten,
-aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber nach. Ich
-lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr
-Kind freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des
-Lebens, aber ich konnte kein Wort hervorbringen.
-</p>
-
-<p>
-Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte
-etwas Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie
-mich jetzt erst bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im
-Herzen, denn ihr Blick sagte mir, daß ich ihr so gleichgültig
-bin, wie nur ein Mensch dem andern sein kann.
-Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies
-scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir
-unabsichtlich zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte,
-und sagte, auf das Kind zeigend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...
-</p>
-
-<p>
-Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz
-im Herzen dieser Frau einnehmen konnte, denn es wird
-immer nur diesem Kinde gehören, in dem sie nicht nur
-ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des Verstorbenen
-liebt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung
-für Martha. Peter ging mit mir aus dem Zelte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was denkst du von alledem? fragte er mich, als
-wir draußen waren.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ...
-murmelte ich nach einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und
-verstummte.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er
-dachte. Wie aus Furcht das zu berühren, was alle unsere
-Gedanken beschäftigte, sprachen wir von jetzt ab fast ausschließlich
-von der bevorstehenden Reise. Martha kam schnell
-zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte keine
-Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten
-ersten Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war
-die beste Zeit, da auf dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten
-Halbkugel des Mondes, dem entlang wir
-uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem
-ersten Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei
-Erdenwochen hindurch Licht vor uns haben und könnten,
-falls wir keine günstigen Bedingungen vorfinden sollten,
-vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren.
-</p>
-
-<p>
-Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt
-die Erde, und währenddem hatten wir Sonnenfinsternis,
-die zweite, die wir auf dem Monde sehen sollten.
-</p>
-
-<p>
-Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der
-Angst vor dem uns drohenden Erstickungstode gefoltert,
-dahinjagten, hatten wir gar keine Aufmerksamkeit zugewendet.
-Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser wahrnehmen.
-Wir packten daher die astronomischen Instrumente
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-in einen kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und
-erstiegen einen Hügel, der dem Pol am nächsten gelegen
-war, von wo man die Erde und die Sonne sehen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche
-blieben resultatlos. Der niedrige Stand der Erde
-über dem Horizont, bei einer mit Wasserdampf gesättigten
-Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu und störte
-die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach
-Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen
-Instrumente hinwarfen, um mit bloßem Auge das
-Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu bewundern. Die
-Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der
-Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises,
-von dem dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten
-Himmel umgeben. Ein Anblick, als wenn am nächtlichen
-Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder
-jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe
-der Pole glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich
-vor unsern Blicken ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft
-vor Augen. Es schien mir damals, als wenn sich mir der
-verkohlte Leichnam der Erde im Feuer zeigte, es war
-darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes. Heute
-noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft
-in dieser entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals
-gesehen habe, und dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft
-anstrengen, um sie mir als eine silberne,
-leuchtende Scheibe zu denken.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber
-schmerzlichen Anblick nicht lange ertragen und wandte den
-Blick zu den Sternen, die ich seit einigen Monaten nicht
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-gesehen hatte. Sie leuchteten alle über mir, scharf glitzernd,
-wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren Winternächten.
-Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie
-auf gute alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren
-bekannte Konstellationen auf und frug sie in
-Gedanken, was es dort auf meinem heimatlichen Globus,
-der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden Feuersbrunst
-vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich
-rieb mir die Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese
-Erinnerung mir entlockte, verschleierten mir den Blick.
-Aber nein, es war keine Täuschung: die Sterne wurden
-immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es,
-und wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung
-keine Erklärung fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich,
-ja sogar die Morgenröte wurde in der Richtung, in
-der die Sonne hinter der Erde unterging, immer undeutlicher
-und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns
-eine sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war
-noch ein leichter roter Schein am Himmel zu erkennen.
-Da plötzlich fühlten wir einen starken Windstoß, etwas
-in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor Schreck
-und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu
-rühren.
-</p>
-
-<p>
-Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute
-hinter der Erdkugel hervor. Wir schlossen wenigstens nach
-dem wiederkehrenden Tage darauf, denn wir konnten trotz
-der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend erkennen.
-Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier
-...
-</p>
-
-<p>
-Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-fällt weder Regen noch bilden sich Wolken, weil die
-Luft immer gleichmäßig erwärmt ist; es fehlt also die
-Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.
-</p>
-
-<p>
-Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen,
-aber heute fiel während der Finsternis plötzlich die Temperatur,
-wodurch sich der Wind erhob und der Wasserdampf
-sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.
-</p>
-
-<p>
-Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung
-beruhigte uns zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch
-nicht besser. Eine empfindliche Kälte schüttelte uns, und
-in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg ins
-Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich
-der Gedanke an Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir
-mußten uns setzen und besseres Licht abwarten ....
-</p>
-
-<p>
-Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben.
-In nicht ganz einer halben Stunde öffnete sich der Blick
-auf das Tal; nur noch die Gipfel höherer Berge waren
-in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter wurden.
-Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir
-begannen in größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir
-jedoch den Weg nur zur Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte
-es über uns auf und fast gleichzeitig sauste mit dem
-dumpfen Echo eines Donners eine wahre Sündflut auf
-uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig
-durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen
-konnte man absolut nichts sehen; die Blitze und Donner
-setzten nicht einen Augenblick aus.
-</p>
-
-<p>
-So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während
-deren wir uns, durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden
-unter den Vorsprung eines Felsens, der uns übrigens
-nur einen sehr schwachen Schutz gewährte, flüchteten. Als
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg antreten,
-aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen,
-als sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut
-in den Adern gerinnen ließ. An Stelle der grünen Mulde
-lag ein breiter See zu unseren Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und
-dem Kinde geworden? Die Stelle, wo das Zelt stand,
-muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See, ohne auf
-Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das
-Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst
-war es nicht tief, aber bald ging es mir bis an die
-Hüften. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich weiterwaten
-oder umkehren sollte, indessen war Peter hinter mir ins
-Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang
-mich, an das Ufer zurückzukehren.
-</p>
-
-<p>
-Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige
-Angst um Martha trieb mir den Schweiß auf die Stirne,
-und doch mußte ich Peter recht geben, daß ich mein Leben
-riskierte, ohne ihr damit zu helfen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt
-hat, sagte er, und sich auf dem Hügel in Sicherheit
-brachte, ist unsere Hilfe augenblicklich nicht nötig; es ist
-Zeit genug, sie zu suchen, wenn das Wasser gefallen ist.
-Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen können,
-so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle
-Fälle zu spät.
-</p>
-
-<p>
-Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit,
-die mich schaudern machte. Ich sah ihm in die
-Augen, und ich glaubte den furchtbaren Gedanken darin
-zu lesen: &bdquo;Lieber soll sie zugrunde gehen, als jemals
-dein sein!&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-&mdash; Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt
-als getan. Und übrigens &mdash; wohin sollte ich gehen? Auf
-die Mitte dieses Sees? Sie unter dem Wasser suchen?
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und
-starrte ratlos ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen
-hier und da abgerissene Moosstengel, im übrigen war
-es ruhig und glatt, von keinem Windstoß getrübt. Ich
-dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so unendlich
-viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte
-und wie lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer
-austrocknet und wir die Leichen Marthas und des Kindes
-finden (ich zweifelte gar nicht mehr daran, daß sie umgekommen
-waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die
-Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung
-flossen, also anscheinend vom Strom getragen wurden,
-ein Zeichen, daß das Wasser irgendwo einen Ausgang aus
-der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung beruhigte
-mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das
-Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen.
-Um mich von der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen,
-ging ich das Ufer entlang, den anscheinenden Lauf der Strömung
-verfolgend.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich
-an eine Art Bach, den ich durchwatete. Ich war von dem
-Vorhandensein eines Abflusses hinter diesem Bach überzeugt,
-da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah,
-die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.
-</p>
-
-<p>
-Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick,
-vor allem, daß sich in der glatten Scheibe des Wassers,
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-inmitten der grünen Inseln, die am Ufer gelegenen
-kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne rosa beleuchtet
-waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten
-auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger
-Gedanke beschäftigte: Martha. Ich fühlte wohl damals
-zum erstenmal, wie unendlich teuer mir diese Frau war,
-und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich
-konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl
-ich keine Ahnung hatte, auf welche Weise sie sich hätte
-retten können, fühlte ich im tiefsten Herzen den Rest
-einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben müsse und
-eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung
-davon abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß
-dieses Wasser erreichte. Aber ich war zu aufgeregt, um
-logisch denken zu können. Nur eines fühlte ich klar, daß
-ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses
-Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert-
-und ziellos vor mir lag. Ich schwor in meinem Innern,
-sie niemals für mich zu verlangen, wenn ich sie dadurch
-retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht
-manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...
-</p>
-
-<p>
-Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter
-verlassen hatte, als mich ein brausender Fluß am Weitergehen
-hinderte. Durch eine breite Klamm, die, von uns
-bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen die unbekannte
-Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese
-Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an
-das Ufer und wußte nicht, was ich nun beginnen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde
-mir jetzt erst klar. Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken-
-und willenlos, auf dem Moose aus, das noch von
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den
-Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir
-wölbte wie vor jener verhängnisvollen Sonnenfinsternis.
-</p>
-
-<p>
-Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen
-riefe; ich sprang auf und horchte gespannt. Nach einer
-Weile vernahm ich die Stimme abermals, doch schon deutlicher.
-Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen
-Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha,
-die mir von ferne Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem
-Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte mich. Ohne auf
-die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand
-bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir
-die Stimme, ich konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken,
-was sie mir, selbst stark erschüttert, nicht wehrte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte
-sie öfter mit blassen, aber lächelnden Lippen.
-</p>
-
-<p>
-Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie
-mir, wie sie während des Unwetters die herannahende
-Überschwemmung bemerkte und es ihr, als das Wasser
-schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem Kinde
-und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen
-zu flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene
-Wagen war nach Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher
-beschwerten, leicht genug, um sich auf der Oberfläche des
-Wassers zu halten, das durch den kolossalen Regenguß
-und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden
-Bäche immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und
-Aufleuchten unaufhörlicher Blitze trieb der Wagen auf den
-Fluten dahin wie einst die Arche Noah, ihr um so ähnlicher,
-als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem Globus
-vor dem Untergang bewahrte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine
-Möglichkeit hatte, ihr improvisiertes Schiff zu steuern,
-wurde der Wagen wie eine Schale hin und her geworfen.
-Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die
-Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß
-endlich nachließ und das Wasser aufhörte zu schwellen,
-bemerkte Martha, daß der Wagen in einer bestimmten
-Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom
-eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch
-vergrößerte. Der Wagen konnte auf diese Weise in eine
-Spalte geschleudert oder in eine entfernte Gegend fortgetrieben
-werden, wo es uns vielleicht unmöglich gewesen
-wäre, ihn wieder zu finden.
-</p>
-
-<p>
-Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen
-der Hügel aus dem fallenden Wasser wieder hervortauchten.
-Alle ihre Anstrengungen jedoch, das Fahrzeug nach einer
-dieser Spitzen hinzulenken, waren vergeblich. Sie hörte
-schon das Sausen des Stromes, der durch diese Klamm
-abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste
-vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen
-plötzlich von einem hervorspringenden Felsen angehalten
-wurde. Martha benützte mit Geistesgegenwart diesen Augenblick,
-ein Seil durch das geöffnete Fenster auf die Felsspitze
-zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise
-in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber
-und das Wasser so gesunken, daß der Wagen auf einer
-trockenen Stelle Halt gefunden hatte. Einige Stunden
-später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die wie
-Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.
-</p>
-
-<p>
-Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich
-führten ihn die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-waren. Er maß uns mit einem mißtrauischen Blick,
-und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an die Untersuchung
-der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein merkwürdiger
-Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier
-mit ihm zusammen und es kommen immer wieder Momente,
-wo ich mir keine Rechenschaft über seinen Charakter
-geben kann, der eine sonderbare Mischung von
-Kühnheit, Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft
-und Egoismus, von Eifersucht und Verschlossenheit ist.
-Nur das eine weiß ich bestimmt: er ist gänzlich unberechenbar.
-</p>
-
-<p>
-Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt.
-Wir haben bei der Überschwemmung viele notwendige Gegenstände
-verloren; andere mußten wir mühevoll in der
-breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene
-Zelt konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück,
-daß sich in Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen
-zur Weiterreise der größte Teil unserer Habseligkeiten
-zur Zeit der Überschwemmung schon im Wagen
-befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren
-Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende
-Wasser den Weg zeigte, auf dem wir weiter nach
-Süden fahren sollten.
-</p>
-
-<p>
-Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach:
-wenn das Wasser so schnell abfließen konnte, mußte die
-Klamm zu tiefer gelegenen Stellen führen, wo wir aller
-Wahrscheinlichkeit nach eine größere Wasseransammlung vorfinden
-würden, einen See oder das Meer, und infolgedessen
-auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die nötigsten
-Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten
-Termin der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-Wagen stand mit allem versehen am Ausgang der Klamm,
-die sich vor uns wie ein zur neuen Welt geöffnetes Tor
-auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der
-Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo
-wir noch Feuerung besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir
-hatten sogar ein Stück Wegs im voraus erforscht, indem
-wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot durchaus
-keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen
-den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber
-immerhin konnte man hier ruhig fahren, ohne sich größeren
-Schwierigkeiten auszusetzen. Wir warteten also nur eine
-günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die nach Süden
-wiesen, zu folgen &mdash; in ein unbekanntes Land der Wunder,
-dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über
-den Wüsten leuchtet, niemals erhellt.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-2">
-II.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span>ierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben
-wir die Fahrt angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel
-des Mondes, wohin wir eilten, war noch Nacht, aber bald
-sollte die Sonne diese Länder erleuchten.
-</p>
-
-<p>
-Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der
-größten Besorgnis haben wir das Polarland verlassen.
-Wir kannten es schon und wußten, was es uns geben
-konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder
-in Geheimnis gehüllt und nur eine Vermutung war.
-Wir sollten uns wiederum den brennenden langen Tagen
-und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten von neuem
-Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-auf der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht
-wußten, ob es uns aufnehmen wird und ernähren kann.
-Überdies beunruhigte uns der Mangel an Brennmaterial.
-Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer
-Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial
-finden und die Maschine nicht mehr in Bewegung
-setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß vor der hereinbrechenden
-Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande
-sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für
-uns wird, weil wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu
-bringen? Es gab, kurz nachdem wir die Reise angetreten
-hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser Befürchtungen
-auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren
-wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen,
-uns an den schwachen, in der Atmosphäre zerstreuten
-schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns, wie die Tiere
-der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend.
-Aber das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und
-Hoffnung waren stärker. Die Nahrungsvorräte konnten
-für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch etwas ausgepreßten
-Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in
-sonnigen Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen,
-um Feuer machen zu können. Übrigens haben
-wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der halben
-Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande
-beschlossen.
-</p>
-
-<p>
-In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts
-Bemerkenswertes. Die Klamm war zu Ende und wir
-kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich sah, nur
-bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine
-Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-aufgehenden Sonne waren hier und da noch große, flache
-Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte uns die bereits gänzlich
-veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum einige zehn
-Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten
-Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und
-mit rostiger Farbe überzogen, schossen trockene Stengel,
-vereinzelt wachsend und spiralförmig gewunden wie bei
-uns die jungen Wedel der Farrenkräuter, aus der Erde.
-Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der
-Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher
-einer Dämmerung gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß
-unter den Horizont sinkt. Wir erwärmten uns, indem wir
-die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde die
-Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene
-Stengel abzupflücken und zu versuchen, ob man Feuer
-damit machen könne.
-</p>
-
-<p>
-Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber
-mein Staunen, als der erste Stengel bei der Berührung
-mit der Hand sich zu strecken, dann wiederum zu
-krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich
-ließ ihn unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem
-ich mich von dem Schreck erholt hatte, begann ich diese
-sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich schnitt eine davon
-mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es
-große, längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt
-nach vorn zugespitzt, wie eine Trompete,
-und dann schneckenförmig gewunden, ähnlich den Rollen
-englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite
-sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze
-war, solange sie lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung
-ausgestattet, ungefähr wie unsere Mimosen. Am meisten
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-aber wunderte mich der Umstand, daß diese zusammengerollten
-Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung;
-scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche
-chemobiologischen Prozesse sich selbst die Wärme, die
-ihm während der langen Nächte fehlte. Alles das war
-sehr interessant, aber die Hoffnung auf die Ausnützung
-dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten
-daher unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu,
-wartend, ob ihre geizigen Strahlen bald die Gegend erwärmen
-würden.
-</p>
-
-<p>
-Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir
-wußten nicht, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir
-sollten in der Richtung fahren, in der die Wasser abgeflossen
-waren, aber es war schwer, dies auf der Ebene, die während
-der Überschwemmung ganz überflutet war, zu erkennen.
-Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der
-Entfernung von einigen hundert Metern einen großen
-weißen Gegenstand. Wir fuhren neugierig darauf zu
-und fanden unser Zelt, das, von den Wassern davongetragen,
-sich erst hier auf einem kleinen Hügel
-festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden
-doppelt, erstens weil uns das Zelt, das einzige,
-das wir besaßen, tatsächlich unentbehrlich war, und
-zweitens wurden wir auf diese Weise über die Richtung des
-abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch
-die Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese
-Ebene und wies uns daher die Linie, die von dem Ausgang
-der Klamm zu der Stelle, an der wir uns befanden,
-gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden
-Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach
-Süden, mit einer kleinen Biegung nach Westen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten,
-trafen wir auf eine kleine gewundene Gebirgsklamm und
-nachdem wir noch eine flache Mulde passiert hatten, gelangten
-wir in ein breites grünes Tal, das sich direkt nach
-Süden erstreckte.
-</p>
-
-<p>
-Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten
-mit zahlreichen, in ihrem Massiv steckenden Kratern,
-denen ähnlich, die die luftlose Halbkugel des Mondes anfüllen.
-Die Gipfel der Berge waren mit Schnee bedeckt; der
-Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch
-noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen
-der nicht hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von
-den Bergen herabtriefenden Wasser bildeten einen ansehnlichen
-Bach, der in zahlreichen Biegungen schnell dahinfloß.
-</p>
-
-<p>
-Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten,
-nachdem wir uns überzeugt hatten, daß der
-weitere Weg nach Süden uns bei so früher Tageszeit
-einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen würde,
-wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme
-des Tages und der Nacht immer intensiver wird.
-</p>
-
-<p>
-Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon
-den dritten Teil ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es
-war warm und hell. Der Schnee im Tal war gänzlich verschwunden,
-und jene zusammengerollten Stengel, die wir
-hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden,
-begannen sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell
-zu mächtigen, in verschiedenen grünen Schattierungen gemalten
-Blättern zu entfalten. Ihre Form war überaus
-mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich,
-die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere
-wieder, mit allerhand Farben betupft &mdash; unter denen Rot
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-und Dunkelblau am meisten hervortraten &mdash; erinnerten
-an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch solche,
-deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten
-und mit Dornen übersät waren und wieder andere,
-die, unten zusammengerollt, einen Trichter bildeten, auch
-glatte, schimmernde oder mit langem goldgrünen Haar, das
-zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte, &mdash; mit
-einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und
-Formen, und alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten
-Berührung krümmend.
-</p>
-
-<p>
-Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut
-getaucht, langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne
-Schlangen oder Fäden, mit Blumen von starkem berauschenden
-Duft behängt. An anderen Stellen, wo das Wasser
-sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten
-sich zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen
-Frost überstanden, das Wasser mit einem leichten,
-zitternden Netz bedeckend, den feinsten Spitzengeweben aus
-violetter und grüner Seide vergleichbar.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt;
-bei jedem Schritt bemerkten wir Neues und
-Staunenerregendes. Aus dem Dickicht krochen, von der
-Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen Eidechsen
-mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten
-neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen
-des Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich
-die Hunde und fingen es. Wir nahmen ihnen diese Beute
-ab, aber das Tier war schon tot. Wir konnten also nur
-den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper bewundern,
-der von den Organismen auf der Erde grundverschieden
-war. Das Knochengerüst erstreckte sich bis
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-zu dem länglichen Ring, der sich aus beweglichen Reifen
-zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der
-Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei
-starke Kiefer. Das Hirn lag unter dem Kamm, innerhalb
-des Ringes. Das was wir für die Füße hielten, waren
-nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer sich das
-Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.
-</p>
-
-<p>
-Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele
-andere merkwürdige Geschöpfe, aber keins hat uns so
-interessiert wie dieses erste, das überaus typisch für die
-hiesige Fauna ist.
-</p>
-
-<p>
-Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie
-ein Märchentraum, voll von unerwarteten und phantastischen
-Bildern. Die Stunden flossen schnell dahin und
-immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise
-verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die
-wir mit Mühe dicht am Ufer des Baches, der schon zu
-einem breiten schäumenden Strom angewachsen war, hindurchdrangen;
-dann fuhren wir wieder auf die weite, kreisförmige
-Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See
-ausbreitete mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir
-fanden immer mehr Tiere vor. In den Tiefen des Wassers
-schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der Luft
-schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit
-dicken Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das
-seltsamste ist, daß alle Tiere auf dem Monde stumm sind.
-Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen des Lebens, die
-auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur
-wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen,
-zugleich mit dem Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit
-unterbrechend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend.
-Jeden Augenblick mußten wir stehen bleiben und
-die um die Achsen geschlungenen Farrenkräuter abwickeln,
-die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal wieder
-fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast
-darin stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir
-nicht gerade erfreut, besonders da die Fahrt auch so schon
-sehr langsam vonstatten ging, weil wir öfter anhalten
-mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die Gegend
-zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen.
-Nahrung fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen
-uns hierbei die Hunde. Immer herumsuchend und
--schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige Pflanzen oder
-schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem
-Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene
-Torf war zwar ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber
-wir mußten sparsam damit umgehen, denn der Vorrat war
-nicht groß, und in der ganzen Gegend war nichts zu finden,
-womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie
-auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene
-breiten Blätter sind so saftig, daß sie im Feuer kochen,
-statt zu brennen, und den Torf, der fast die ganze Strecke
-des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit hinter uns gelassen.
-</p>
-
-<p>
-Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten
-uns schließlich entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge
-Feuermangels vor der Nacht zu dem Polarlande zurückkehren
-sollten. Zunächst hatten wir die Absicht, das
-letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken
-Frost mit Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr.
-Ich war ebenfalls dafür, aber Peter redete entschieden dagegen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-&mdash; Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen
-Aufenthalt in dem Polarlande verurteilen. Überlegt, daß
-wir gegenwärtig die Akkumulatoren noch geladen haben
-und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird; aber
-was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden
-des Mondes aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten
-Akkumulatoren nicht laden, wenn wir keine Möglichkeit
-zum Feuermachen hätten.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu
-nichts, bemerkte ich, denn wir setzen uns damit der nächtlichen
-Kälte aus, die wir ohne Feuer nicht überstehen
-würden ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial
-finden ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir können es aber auch ebensogut nicht finden.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir
-mit vollster Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals
-finden werden. Übrigens haben wir noch etwas Torf. Mit
-diesem Vorrat können wir im äußersten Falle noch die
-Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden
-wir dem Suchen widmen.
-</p>
-
-<p>
-Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden
-und fuhren infolgedessen weiter in der Richtung
-des Äquators.
-</p>
-
-<p>
-Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel
-mit Wolken und es fiel reichlicher Regen, der für uns
-ein sehr erwünschter Gast war, da er die glühende und
-schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß herabgefallen
-und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten,
-als wir ein seltsames Brausen vernahmen.
-</p>
-
-<p>
-Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenen
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-Flusses, aber bald überzeugten wir uns von
-dem eigentlichen Grund dieser Erscheinung. Wir waren
-gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal, nach
-Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende
-nicht übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung
-kamen, bot sich uns ein über alle Beschreibung prachtvoller
-Anblick.
-</p>
-
-<p>
-Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich
-ab, in breiten Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene
-herabfallend, die sich bis an die Grenze des Horizontes erstreckte.
-Der Fluß stürzte in schäumenden Kaskaden über
-diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener
-Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und
-sie in einem gewundenen silbernen Bande durchfloß, das
-sich endlich in unermeßlicher Ferne verlor. Soweit das
-Auge reichte, war das Land eben und flach, nur in der
-Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute
-Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie
-dafür geschaffene Behälter. Derartige kleine und runde
-Gewässer waren überall auf der ganzen Ebene verstreut.
-Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen aus,
-die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem
-Plüsch aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden
-sich silberne Bäche und größere Flüsse.
-</p>
-
-<p>
-Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande
-der Terrasse stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses
-eigenartige Land!
-</p>
-
-<p>
-Endlich sagte Martha:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ...
-</p>
-
-<p>
-In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut
-sein? Wir stellten uns unwillkürlich diese Frage, während
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-wir uns zum Hinabfahren über die steilen Terrassenabhänge
-vorbereiteten.
-</p>
-
-<p>
-Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir
-den Wagen am Ufer des Flusses stehen und machten uns
-sofort auf die Suche nach Brennmaterial. Wir durchquerten
-die ganze Ebene der Breite und Länge nach, gruben
-tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder irgendeine
-Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um
-zu versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber
-alles vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon
-die Sonne untergehen, als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose
-Suchen aufgaben.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen
-schon zu bereuen das Polarland so leichtsinnig verlassen
-zu haben. Die Angst schüttelte uns bei dem Gedanken,
-was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht
-viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen,
-damit er für die ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den
-Vorrat ansahen, zeigte es sich, daß auf vierundzwanzig
-Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal für
-einen kleinen transportablen Ofen genügte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam
-heizen müssen, sagte Martha, als wir ihr die vorbereiteten
-Rationen zeigten.
-</p>
-
-<p>
-Peter zuckte die Achseln:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht
-erfrieren, da wir keinen Torf haben; wir müssen uns gut
-zudecken.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weshalb haben wir das Polarland verlassen?
-erwiderte Martha. Tom wird die Kälte nicht ertragen, er
-ist so klein und zart.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-&mdash; Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne.
-</p>
-
-<p>
-Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des
-Kindes ihn erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich,
-erstens weil ich selbst das prächtige Kind unaussprechlich
-lieb hatte und dann Marthas wegen. Sie hing mit ganzer
-Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie sie
-den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver
-Angst vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind
-auch niemals bei Peter allein, während sie es mir anvertraute,
-wenn sie mit etwas beschäftigt war.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter
-weiter, und wenn er auch erfrieren sollte ...
-</p>
-
-<p>
-Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich
-schweigend, aber heute sprang sie plötzlich auf und stürzte
-mit flammenden Augen auf Peter zu.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tom <em>ist</em>
-die wichtigste Person und wird nicht erfrieren, denn erst
-werde ich dich töten und mit deinen Knochen diesen Ofen
-heizen!
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches
-Stilett, dessen Spitze man dort gewöhnlich vergiftet,
-vor seinen Augen. Wir wußten bis zu dieser Zeit gar
-nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich führte.
-</p>
-
-<p>
-Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu
-lächeln, aber in der Stimme und im Blick der Malabarin
-lag eine so grausam unerbittliche Drohung, daß er erblaßte
-und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu
-verbergen ...
-</p>
-
-<p>
-Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um
-die Erregung abzuschwächen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr,
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-rief ich. Komm, Peter, wir wollen nachdenken, wie wir
-uns vor dem nächtlichen Frost in Sicherheit bringen, ohne
-die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden!
-</p>
-
-<p>
-Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen
-Kräften gruben wir ein tiefes Loch aus, in dem der Wagen
-bequem Platz hatte und nachdem wir ihn dort hineingelassen
-bedeckten wir ihn von oben mit Erde und abgeschnittenen
-Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen,
-daß der Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde
-und sich dementsprechend leichter erwärmen ließe.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit
-beendet hatten. Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen.
-Nach dem langen Tage war die Luft warm und angenehm;
-eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die sich langsam
-in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen
-Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte
-Pokale oder, wenn man gegen die Morgenröte auf
-sie schaute, wie mit Blut angefüllt ...
-</p>
-
-<p>
-Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung
-wollte nicht recht in Fluß kommen. Der letzte
-Vorfall hatte einen zu starken Eindruck hinterlassen; wir
-verstummten, und die Stille wurde bald nur noch von
-dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit zusammenfließenden
-Stimme Marthas, die dem Kinde
-weiche, gedehnte indische Wiegenlieder sang, unterbrochen.
-Ich lauschte diesen Tönen, auf die in der Dämmerung verschwimmende
-Scheibe des Sees blickend, als mich plötzlich
-ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte.
-Ich sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der
-Richtung nach der Ebene aus:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sieh, sieh!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße,
-wie der Himmel sich verdunkelte, erhellte sich der Boden.
-Zunächst schien es, als wenn eine Handvoll kleiner, bläulichglänzender
-Funken am Ufer des Flusses ausgestreut
-wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie
-flammten rechts, links, vor uns, überall auf. Eine
-halbe Stunde später schimmerte die ganze Ebene, als wenn
-sie mit einem blauen, sternenbesäten Nebelschleier überzogen
-wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke
-aus.
-</p>
-
-<p>
-Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie
-gebannt auf dieses bezaubernde Bild.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung
-erholt hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf
-einer Phosphoreszierung jener seltsamen Blattpflanzen beruhte,
-die diese ganze Fläche bedeckten. Die innere Oberfläche
-dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht
-unserer Wälder.
-</p>
-
-<p>
-Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so
-schnell, daß wir keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen.
-Die Flämmchen erloschen, eins nach dem andern; die Blätter
-schlossen sich und rollten sich unter dem Einflusse der
-Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste
-Zeit, uns in den schützenden Wagen zu flüchten.
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir
-überstanden, dank unserm Torfvorrat und der getroffenen
-Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen verließen wir keinen
-Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was
-draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich
-schon bemerkte, ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war.
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-Durch diese zwei Nachtwochen waren wir somit von der
-Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als unsere Kalenderuhren
-die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich,
-hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog
-ich den Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend
-konstruierte Wände einen vorzüglichen Schutz bildeten.
-Draußen angelangt, überzeugte ich mich, daß meine Vorsicht
-durchaus nicht überflüssig war.
-</p>
-
-<p>
-Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden
-Sonne zunächst nicht erkennen. Alles war von
-einer dichten Schneeschicht, die vom Froste schimmerte, bedeckt.
-Die Seeoberflächen waren zum Teil unter dem
-Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben.
-Es schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische
-Länder hinübergetragen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück,
-daß man noch nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter
-weckte in uns keine freudige Stimmung, da der Torfvorrat
-an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die ganze
-Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als
-bei Tagesanfang, ehe es &bdquo;Frühling&ldquo; wurde. Noch drei
-Erdentage mußten wir auf ihn warten und, soweit es ging,
-ohne Feuer auskommen. Aber nach siebzigstündigem
-Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der
-Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern,
-alle Bäche schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit
-hinauswagten, reckten sich auf der vom Wasser triefenden
-Ebene schon mächtige verschieden geformte Blätter der
-Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge bedeckte
-noch ein weißer Schleier.
-</p>
-
-<p>
-Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten,
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-mußten wir noch verschieben, bis die Gegend etwas
-ausgetrocknet war. Indessen machten wir uns aufs neue
-auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der
-vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen
-Richtungen hin unternahmen, kamen wir zufällig an ein
-tiefes Loch, das wir am vorhergehenden Mondtage in der
-Hoffnung, Torf oder Kohle dort anzutreffen, ausgegraben
-hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit Wasser
-angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter,
-scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden,
-blieb stehen und begann sich die Öffnung genauer
-anzusehen. Ich war schon ein Stück Wegs weitergegangen,
-als ich seine Stimme hörte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich
-und sieh!
-</p>
-
-<p>
-Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er
-sich auf den Rand des Loches, mit der anderen gab er
-mir Zeichen. Sein Gesicht, das über die Öffnung geneigt
-war, brannte vor Erregung.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was ist geschehen?
-</p>
-
-<p>
-Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das
-Wasser heraus, das von sonderbarer, schmutziggelber Farbe
-war und hielt es mir unter die Nase.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch
-einziehend.
-</p>
-
-<p>
-Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu
-überzeugen, ob wir uns nicht täuschten, tauchte ich ein
-Taschentuch in die Flüssigkeit und steckte es an. Es flackerte
-in einer hellen roten Flamme empor, auf die wir beide
-starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben
-verkündete.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu
-bringen.
-</p>
-
-<p>
-Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine
-ungeheure Bedeutung.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier
-bleiben, ohne die kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel
-an gekochten Speisen. Einige zehn Stunden widmeten
-wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser gesegneten
-Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe
-Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt,
-soweit es nur irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir
-schon alle Reservoirs gefüllt. Jetzt hielten wir großen Rat
-ab, was weiter zu tun sei. Am vernünftigsten wäre es
-hier zu bleiben, in der Nähe der Petroleumquellen, aber
-wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns weiter
-zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen
-nicht weit entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach
-für die Reise auch der Umstand, daß wir am Strande infolge
-der großen Wasseransammlung ein bedeutend milderes
-und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl
-wir uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten
-wir nun einen so bedeutenden Vorrat an Brennmaterial,
-daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur versuchsweise
-anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger
-Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn
-wir uns hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten
-würden.
-</p>
-
-<p>
-Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch
-an derselben Stelle der <em>See-Ebene</em>, wie wir jene große
-Fläche genannt haben, in der Absicht, den Antritt der Reise
-bis zum nächsten Tage zu verschieben, da es bedeutend angenehmer
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-wäre, über dreihundert sonnige Stunden vor
-uns zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der
-Nacht und der Kälte nicht zu unterbrechen brauchten.
-Aber statt dessen brachen wir früh, sowie nur die erste
-Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal
-den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich
-fühlbar machte.
-</p>
-
-<p>
-Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte:
-Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert
-Kilometer von der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten
-rechnend, über sechs Wochen gestanden hatten. Zunächst
-beunruhigte uns das Schmelzen des Schnees ungemein;
-der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu
-unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns
-rechtzeitig, daß sich der Wagen nach Anbringen eines entsprechenden
-Steuers und Einfügen von Schaufeln in die
-Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln
-ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht
-zu fürchten brauchten; im Gegenteil, wir konnten sogar
-aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den Fluten
-des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke
-war überaus glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso
-der Wegweiser für uns war, der uns zum Meere
-führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine Unmenge
-Brennmaterial, da die starke Strömung uns von
-selbst so schnell davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen,
-die Schaufelräder gar nicht benötigten.
-</p>
-
-<p>
-Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf
-dem Wasser, nur selten ans Ufer fahrend, um auszuruhen
-oder irgendeine interessante Gegend näher zu besichtigen.
-</p>
-
-<p>
-Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-vorwärtsbewegt, daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte,
-dessen Bett mehr als tief genug für unser kleines
-Fahrzeug war.
-</p>
-
-<p>
-Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich.
-Eine Zeitlang fuhren wir über eine breite und,
-wie es schien, trockene Steppe, von einer kleinen, zarten
-Pflanzenwelt belebt, gänzlich verschieden von den blättrigen
-Gebüschen, die höher am Strome wuchsen. Es war etwas
-unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend.
-</p>
-
-<p>
-Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt,
-und die runden Seen mit den felsigen, wenig über die
-Oberfläche erhobenen Ufern zwischen aufgeworfenen Hügeln,
-ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt erstreckte
-sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne
-Flachebene, von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen
-mit winzigen Pflanzen oder gelbe Sandbänke abhoben,
-die die unbedeutenden Erhebungen anfüllten. Der Strom
-breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir den Motor
-in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder
-schneller vorwärts zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette
-der felsigen Berge näherten, die jene Steppe nach Norden
-abschloß. Der Fluß war hier auf einer Strecke von
-einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß
-die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß
-uns jeden Augenblick fort und warf das Fahrzeug an die
-Felsen. Nur dem starken Bau des Projektils, das jetzt
-in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu verdanken,
-daß wir so davongekommen sind.
-</p>
-
-<p>
-Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen
-großen See. Seine Ufer bildeten kleine Hügel, mit einer
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-unerhört üppigen Flora bedeckt und von zahlreichen Bächen
-durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir bis jetzt
-auf dem Monde antrafen.
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der
-Himmel, der jetzt fast immer heiter war, sich plötzlich mit
-dunklen Wolken überzog. Im ersten Augenblick waren wir
-froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns schon empfindlich
-zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen,
-das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man
-hörte schon von weitem das dumpfe Rollen des Donners,
-und der Himmel flammte seit Mittag in blutigen Blitzen
-auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts abbiegend,
-in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung
-in Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud.
-</p>
-
-<p>
-Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der
-Tropenländer, aber so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir
-nie vorstellen können. Betäubende Donner flossen in ein
-unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen
-standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe,
-die dicht nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt
-sind. Und der Regen ... Nein, das war kein
-Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken herabstürzenden
-Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in
-einen hängenden, von wütenden Stürmen hin und her
-geschleuderten See. Die Luft, mit Regen und den vom
-Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war so mit Elektrizität
-geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, &mdash; ein
-seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten
-blutig geröteten Wolken war die Atmosphäre mit einem
-Feuer von faustgroßen Tropfen angefüllt, die triefendem
-zerschmolzenem Metall glichen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken
-öffneten sich wie ein nach beiden Seiten auseinandergehender
-Vorhang, eine Aussicht auf den blauen Himmel und die
-Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit, aufzuatmen,
-verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum begannen,
-begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von
-Süden daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme
-von Wasser herabzustürzen.
-</p>
-
-<p>
-Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig
-Stunden. Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten
-wir auf die ungeheure Ansammlung von Feuer, Wasser und
-Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit Seilen an Wurzeln,
-die am Ufer hervorragten, befestigt hatten, fürchteten
-wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier
-in der Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden
-See hinausschleudern könnte, den Winden und Wellen
-zum Fraß.
-</p>
-
-<p>
-Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich;
-nur die hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten
-noch dahin, die stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend.
-Die Wasser hatten enorm zugenommen. Wir
-mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie
-wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder
-aufnehmen konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller,
-da die Strömung des hochgehenden Flusses um vieles
-stärker geworden war. Unterwegs trafen wir überall
-Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche
-waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die
-hier schon dichte Wälder sonderlich verflochtener Blätter
-und langer, dicker, fleischiger Stengel bildeten, lagen vom
-Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder Spalte
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-schossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen
-flache Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten
-Tierarten ansammelte, die den Insekten ähnlich
-waren.
-</p>
-
-<p>
-Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert
-haben, wissen wir, daß diese furchtbaren Stürme hier
-eine tägliche Erscheinung sind, in des Sinnes wörtlicher
-Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze
-in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres
-Grauens, eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen
-und den Boden austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier
-eine Unmöglichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da
-sie ohne besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft
-änderte sich stetig und mit ihr auch die Flora, obwohl ich
-bemerken muß, daß die Flora auf diesem Globus, der
-keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger
-ist als auf der Erde.
-</p>
-
-<p>
-Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle
-gelangten, an der der Strom sich auszubreiten und unzählige
-Flachstellen zu bilden begann, die unsere Fahrt sehr
-erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten der
-nahen Mündung sein müßten.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die
-Augen der Sonne zuwendend, als wenn wir uns vergewissern
-wollten, ob der Tag noch ausreichen würde, um
-zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen.
-</p>
-
-<p>
-Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben
-einige Male auf seichten Stellen stecken, so daß wir
-endlich beschlossen, das Schiff wieder in einen Wagen
-umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich
-mit Gras bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten
-die Nähe des Meeres, wir glaubten sogar, ein mächtiges
-gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen Duft
-des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von
-der Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung
-die Fahrt nicht.
-</p>
-
-<p>
-Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf
-den Gipfeln jener Sandhügel angekommen waren. Wir
-strengten den Blick an, um das Meer zu sehen, aber es
-war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte
-nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte
-Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln
-und Rauschen eines flutenden Wassers zu hören, es glitten
-dichte weiße Nebel oder Wolken vorbei, wie irrende Geister
-auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im Augenblick nicht,
-was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der
-Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich
-ein Wind erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten
-Bach enthüllte, der zirka zehn Schritte vor uns
-auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins floß, die
-stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten
-wir nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke
-das Wasser sofort aufs neue verhüllte und abermals nur
-das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren drang. Die
-ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns
-in Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins
-auf. Bald befanden wir uns in einem dichten warmen
-Nebel. Die Räder des Wagens dröhnten auf steinigem Boden.
-</p>
-
-<p>
-Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten
-wir, daß wir uns am Rande eines jener Bassins
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-befanden, von dem aus uns feuchte warme Luft entgegenwehte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde.
-</p>
-
-<p>
-In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden,
-da das Wasser, das im Strome abfloß und sich
-in den Bassins ausbreitete, zwanzig und einige Grad Celsius
-hatte. Es war nicht an der Zeit, in der Dunkelheit
-die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem
-glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht
-am Wasser zu verbringen, das uns eine beträchtliche Menge
-Wärme spendete. Die Nacht war ziemlich unruhig. Vier
-Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter Schnee,
-und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor
-der Kälte zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser
-des Bassins hinabstoßen mußten. Die Dunkelheit war
-undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind für
-Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel
-auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden
-Sterne. Dann zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen
-blauen Lichtes, der sich längs der Grenzen des Horizontes
-erstreckte. Wir wunderten uns über diese Erscheinung, die
-dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die phosphoreszierenden
-Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses
-Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der
-uns unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht,
-als die Kälte, fern von den warmen Quellen, schon äußerst
-heftig sein mußte.
-</p>
-
-<p>
-Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte
-uns. Gegen Mitternacht machte sich eine starke
-Bewegung des Wassers fühlbar, zu der sich ein dumpfes
-unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig bemerkten
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich
-säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war
-er erloschen, aber bald flammte er wieder auf und blieb
-mit wenigen Unterbrechungen vier irdische Tage hindurch
-am Himmel stehen, einem höllischen Geist, der sich im
-Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste
-zeigt, vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im
-Bassin, das durch die fortwährenden Erschütterungen des
-Grundes gärte, hob sich noch erheblich, so daß wir eher
-am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden hatten.
-</p>
-
-<p>
-Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung,
-die uns anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo
-in der Nähe ein Vulkan befinde, dessen Ausbruch
-wir gerade vor uns haben. Es sprach dafür auch das Vorhandensein
-der Warmwasserquellen, die meistens in vulkanischen
-Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag
-bestätigte unsere Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz
-der Helligkeit nichts sehen, da die Nebel uns die Aussicht
-verhüllten. Erst vierzig Stunden nach Sonnenaufgang
-verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag
-an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen
-wir im dichten Nebel, &mdash; da plötzlich, als wenn sich ein
-Zaubervorhang gehoben hätte, eröffnete sich uns ein breiter
-Ausblick! Wir standen wie erstarrt, erschüttert vor Bewunderung
-und Freude.
-</p>
-
-<p>
-Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis
-drei Kilometern von der Stelle, wo wir standen, lag &mdash;
-das Meer. Es waren seine von kleinen Lebewesen phosphoreszierenden
-Fluten, die über dem blassen Glanze in
-der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare,
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-an den Ufern durch das Eis noch abgeschnittene,
-aber weiter schon flutende und bewegliche, von der Sonne
-vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von unseren Füßen
-bis an die Grenzen des Horizontes.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten
-Anblick so begeistert, daß wir lange
-die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach geraumer
-Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen
-der Erde nicht bewunderten Majestät sattgesehen hatten,
-begannen wir uns die Gegend näher zu betrachten. Im
-Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die breite, von
-zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes,
-auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise
-der vorhergehenden Tage zurücklegten. Im Osten war die
-Landschaft außerordentlich wild und mannigfaltig. Vor
-allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte Kegelgipfel
-eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn
-Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte,
-unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge
-dieser sich zum Meere neigenden Berge waren von dichten
-Wäldern sonderbarer großer, seltsam ineinandergewundener
-blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem nächtlichen
-Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt;
-näher vor uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten
-Felsen und kleinen rauchenden Seen zahlreiche
-perlende, in eine weiße Nebelwolke gehüllte Geiser. Der
-von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen, wälzte
-sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer
-murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der
-Flora verschwand, zum Meere eilend.
-</p>
-
-<p>
-So sollte unsere Odyssee enden ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-3">
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-III.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">Z</span>ehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den
-Strand des Meeres gekommen sind, wo wir heute noch
-wohnen. Und wenig hat sich in all dieser Zeit geändert.
-Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns die lange
-Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten
-wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans,
-den wir zur Erinnerung an unsern teuren Freund &bdquo;<em>Otamor</em>&ldquo;
-genannt haben. Ebenso sprudeln die Geiser, und
-der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über
-dem einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein
-Winterhäuschen und tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte,
-die uns als Sommerwohnung dient. Und an dem
-sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder
-mit einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur
-Welt gekommen sind, oder sammeln Muscheln und Blumen.
-Auch wir haben uns längst an diese Welt gewöhnt. Wir
-staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch
-über die Tage, während denen die träge Sonne Feuer
-vom Himmel herabsendet; die nachmittäglichen furchtbaren
-Gewitter, die regelrecht alle siebenhundertneun Stunden über
-uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu schrecken. Auf
-die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt, die
-von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten
-Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür
-wird die Erde in unserer Erinnerung immer mehr
-einem Traume ähnlich, der vorübergezogen und nur eine
-nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen zurückließ.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-über sie &mdash; lange, lange! Wir erzählen uns viel von den
-kurzen Tagen, den Wäldern, dem Gesang der Vögel,
-von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von
-einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas
-ungemein Interessantem, und als wenn alles nur ein
-schönes Märchen wäre. Tom ist schon ziemlich groß und
-vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie einem wirklichen
-Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ...
-</p>
-
-<p>
-Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich
-eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem
-zerbröckelten vulkanischen Grunde entdeckten wir Stauden,
-deren Stämme und mächtige Wurzeln genügendes Material
-bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen
-kann. Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen
-gereinigten großen Blätter, die überaus fest und
-dauerhaft sind, liefern uns das Leder und aus den Fasern
-der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher
-Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir
-nach langem Suchen einen Braunkohlenflötz, und ebenso
-entdeckten wir Petroleumquellen, die bedeutend näher
-liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel
-und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden.
-Das Meer liefert uns zur Genüge brauchbare
-Muscheln und Bernstein, der sich von dem irdischen nur
-durch eine flammendrote Farbe unterscheidet.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung.
-Es leben die verschiedensten eßbaren Muscheltiere
-und eine Art von Fisch und Eidechse darin, die ganz
-schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im
-Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen
-kommt lebend auf die Welt, sondern alle Tiere
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-pflanzen sich durch Eierlegen fort. Diese Eier sind gegen den
-Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus schnell
-in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute,
-kräftige Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die
-hier reichlich gedeihen.
-</p>
-
-<p>
-Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen,
-aber jetzt haben wir uns schon vollständig daran
-gewöhnt. Alle hiesigen Tiere haben ein zähes, übelriechendes
-Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die Hunde verachten
-es nicht.
-</p>
-
-<p>
-Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier
-irgendwie zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf
-die Suche nach Bau- und Brennmaterial, worauf wir auf
-Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt wurden, ein
-Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche
-der Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste
-Nacht verbrachten. Nach Beendigung dieser wichtigsten
-Arbeit machten wir Ausflüge in die Umgegend, die wir
-vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit Vorräten
-und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen
-wir immer mit uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen
-Arbeitstiere; von den Mondgeschöpfen züchten wir nur eine
-gewisse Art von großen beflügelten Eidechsen, die nahrhafte,
-wohlschmeckende Eier legen.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs
-dem Ufer haltend. Der Strand nach Westen ist flach
-und sandig, im Osten dagegen erheben sich zahlreiche, aus
-vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch tiefe,
-landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein
-jeder solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte
-irgendwelchen Nutzen mit sich; wir fanden immer etwas
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-Neues oder lernten wenigstens die Eigentümlichkeiten und
-Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl nun bis
-zum Tode bleiben werden.
-</p>
-
-<p>
-Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr,
-unseres Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem
-Lande schon ganz vertraut. Außer dem Wohnhause hatten
-wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine, einen Stall
-für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das
-Leben hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften,
-angestrengten Arbeit nahm ein Ende, und langsam kam
-die Langeweile und, was noch schlimmer war, die Sehnsucht
-nach der verlassenen Erde über uns. Das waren
-qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir
-unserer bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz
-ratlos gegenüberstanden. Am Tage zerstreute uns noch dies
-und jenes, wir irrten auf den Bergen herum oder sammelten
-Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte
-uns die Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über
-dem warmen Teiche eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten
-wir uns, nur so viel wie möglich zu schlafen.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen
-wir schweigend da, erschöpft von Langerweile und Sehnsucht,
-einander feindselig betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr,
-daß nichts die Menschen gegenseitig so verbittert wie das
-Unglück und die Langeweile. Ich hatte leider Gelegenheit,
-das mehrfach bestätigt zu finden.
-</p>
-
-<p>
-Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen,
-irgendwelche Verbesserungen einführen, für die Zukunft
-sorgen können, aber der Gedanke, daß wir hier zum Aussterben
-verurteilt waren, machte uns dazu absolut unfähig.
-Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt,
-dem Gefühl verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern
-auch für diejenigen, die nach ihnen kommen werden,
-arbeiten. Der Mensch will leben, das ist alles. Und indessen
-steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und wenn
-er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein
-Mittel, ihn oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen,
-findet? Bei Gott, ich glaube, daß kein anderer Gedanke
-außer diesem einen furchtbaren: <em>ich werde sterben</em>, in
-seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene Heilmethoden:
-Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele,
-den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschheit und der
-menschlichen Werke. Der Mensch verlängert sein Dasein
-durch seine Taten; denn wenn er an jene Zeiten denkt,
-wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß auch
-dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so
-wird er in seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig,
-die er mit lebendigen Augen nicht mehr schauen
-kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm Menschen
-existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht
-erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen,
-von seinem Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute
-Grundlage des Lebens und seiner Tatkraft. Denn die Werke
-der Menschen sind wie die Menschen selbst: sie leben oder
-sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen
-Wandel hervorruft, ist tot.
-</p>
-
-<p>
-Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche
-Folgerungen, aber ich bin mir erst auf dem Monde, während
-jener langen taten- und hoffnungslosen Tage im
-Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht klar darüber
-geworden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses
-großen Wassers zu erforschen, das Land in seiner Länge
-und Breite zu durchqueren, seine Berge und Flüsse kennen
-zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu beschreiben,
-die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem
-Innern die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas
-davon haben? Ja, wahrhaftig, wer wird etwas davon
-haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen
-lernen werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben
-will? Tom? ... Aber der kleine Tom wird
-ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber das
-ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf
-dieser Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit
-ihm wird alles ein Ende nehmen ...
-</p>
-
-<p>
-Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir!
-Ob ich nun dieses staunenerregende Land erforschen wollte
-oder dieses Meer, mit dem der Mond angefüllt ist wie
-ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden der Erde
-zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren
-Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren
-Werkstätten, an die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs,
-mit einem Worte, an die Hebung des Wohlstandes unserer
-kleinen Wirtschaft.
-</p>
-
-<p>
-Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl
-der Notwendigkeit, hier eine neue Menschheit ins Leben
-zu rufen, und unsere Augen wandten sich wiederum auf
-Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu rechtfertigen,
-denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus
-war. Auch damals wußte ich es, aber ... aber ... Der
-Mensch will leben, um jeden Preis und auf jede Art,
-nur leben &mdash; das ist alles!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß,
-vor allem, weil wir ihn kalt und nüchtern faßten, wenigstens
-was mich betrifft ...
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt,
-einer stillen, selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie
-für mich begehrte, für meine Sinne und mein Glück, war
-lange vorbei und, wie es mir schien, unwiderruflich. Ich
-weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich
-glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich
-nicht wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur
-mit all ihren Gedanken an jenem Toten, in ihrem Sohne
-Wiedergeborenen, hängend.
-</p>
-
-<p>
-Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern
-an Kinder, an kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn
-sie erwachsen sind, heiraten könnte, auf diese Weise einer
-neuen Menschheit das Leben gebend. Ich erträumte mir
-das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht
-vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde
-denjenigen, die nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf
-dem Mondglobus leben sollten, Früchte tragen.
-</p>
-
-<p>
-Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich
-unpersönlich waren. Im Gegenteil, indem ich an die
-Kinder dachte, stellte ich mir unwillkürlich vor, daß es
-meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich lachenden
-Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, &mdash; meiner
-Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche
-Gedanken, denn ihre Verwirklichung schien mir so seltsam
-unmöglich zu sein ...
-</p>
-
-<p>
-Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für
-Menschen geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe.
-Wie wird, dachte ich, das Schicksal der zukünftigen
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-Menschheit sein, die hier leichtsinnig von uns geschaffen,
-um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen
-Leben eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen
-dieses Globus genügend kennen gelernt, um
-zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm niemals würde
-entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird
-hier immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und
-&mdash; zu spät gekommen ist. Ja, zu spät. Der Mond ist,
-wie wir die Sache auch ansehen mögen, ein absterbender
-Globus.
-</p>
-
-<p>
-Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört
-kleinen Teil der Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt,
-auf die Pflanzenwelt, die großartig und üppig ist, aber
-viel weniger Lebenskraft als die irdische besitzt, auf die
-seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind, kann
-ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die
-Pracht einer untergehenden Sonne schaue. Hier hat das
-Leben bereits aufgehört sich zu entwickeln. Es ist reif,
-überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und diese Natur,
-die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als auf
-der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als
-sie erkaltet und früher &bdquo;Welt&ldquo; geworden ist), hat es nicht
-vermocht, ein vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn
-sie es geschaffen haben sollte, ist seine Zeit unwiderruflich
-vorbei. Den besten Beweis liefert vor allem die Tatsache,
-daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige
-Wesen geeignet ist.
-</p>
-
-<p>
-Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige
-Reflexionen stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl
-ist stärker als der abstrakte Gedanke; trotz allem begehrte
-ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns Menschen
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte
-mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom
-wolle, um ihn vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren,
-in der Einsamkeit der letzte Mensch zu sein. Aber das ist
-nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für mich, um
-meiner selbst willen.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber
-sicher ist, daß ihn dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging
-viel Zeit vorüber, ehe wir beide uns aussprachen. Ich
-erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha
-war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen
-gegangen und wir beide saßen schweigend am Meeresstrande.
-</p>
-
-<p>
-Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach,
-und dann zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt
-hatten.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er
-endlich laut.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste;
-wenn wir auch die Tage rechnen, die wir auf dem
-Pole verbrachten und während denen wir in Wirklichkeit
-keine Untergänge hatten ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und was weiter? fragte Peter.
-</p>
-
-<p>
-Ich zuckte die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige
-zehn oder hundert, und dann wird es zu Ende sein. Tom
-wird allein bleiben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer
-Weile fügte er hinzu:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; <a id="corr-12"></a>Jedenfalls steht es schlecht.
-</p>
-
-<p>
-Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-&mdash; Martha ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ah, ja, Martha, wiederholte ich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Man muß etwas beschließen!
-</p>
-
-<p>
-Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte,
-an den ich mich aus jener furchtbaren Fahrt durch
-das <em>Mare Frigoris</em> nach Woodbells Tod erinnerte. In
-mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in die Augen
-und sagte mit Nachdruck:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Man muß.
-</p>
-
-<p>
-Er lächelte seltsam und antwortete nichts.
-</p>
-
-<p>
-An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit.
-Die lange Nacht verging in Schweigen und
-Langerweile. Tom war nicht ganz wohl und Martha
-sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir
-beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und
-wer weiß, ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt,
-der schändliche, widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer
-Liebe für das Kind in uns aufkeimte, um sie unseren
-Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls bestärkte uns
-diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut
-&bdquo;etwas beschließen&ldquo; müsse.
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit
-Peter in die Wälder zu Füßen des Otamor. Während
-dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit endgültig besprochen.
-Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen
-und der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg
-zu treten.
-</p>
-
-<p>
-Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese
-Worte mit einer sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe.
-In Peters Munde klangen sie, als er sie aussprach,
-fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht täuschte
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen
-uns beiden sollten wir Martha überlassen, und erst
-wenn sie keine Wahl treffen wollte, sollten wir Lose ziehen.
-Peter meinte zwar, daß eine sofortige Entscheidung durch
-das Los ratsamer sei, da Martha sich weigern würde,
-zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf
-und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden
-war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen.
-Er gab, wie ich bemerkte, nur ungern nach und
-als er endlich &bdquo;ja&ldquo; sagte, hatte er ein eigenartiges Lächeln
-auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam tückisch.
-</p>
-
-<p>
-Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende
-Unterredung noch lange hinaus, denn wir waren uns gewiß
-darüber, daß Martha uns nur mit Widerstreben anhören
-würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und
-ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre;
-ich irrte am Meere herum, das Herz von einer unklaren,
-quälenden Angst erfüllt. An diesem Tage sollten sich unsere
-Schicksale entscheiden.
-</p>
-
-<p>
-Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die
-Sonne, die seit hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete,
-sengte die Gegend mit einer unerträglichen Glut, die
-Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden Regen warteten.
-Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die
-Sonne schon über den Äquator gezogen war, türmten sich
-dichte schwarze Wolken auf. In geringen Zwischenräumen,
-während denen die Luft erkaltet und schwer über uns hing,
-erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die Meeresfluten
-an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die
-perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den
-Felsen, die tägliche Gewitterzeit verkündend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande
-zu der Höhle in der Gegend der Geiser über, die uns für
-gewöhnlich als Schutz während des Gewitters diente. Wir
-saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom spazierte,
-sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen
-um diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen
-Blick zuwarf und sich dann mit dem Ausdruck eines
-plötzlichen Entschlusses zu Martha wandte.
-</p>
-
-<p>
-Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte.
-Das herannahende Gewitter wirkte immer erregend auf
-uns. An diesem Tage gesellte sich noch die Aufregung
-der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem befand
-sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen
-Augen flackerten unruhig, die Brust hob und
-senkte sich in ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen
-Wangen brannten dunkle Flecke. Ich blickte ihn in ängstlicher
-Erwartung an, er aber fragte sie, ohne jegliche Einleitung
-und Vorbereitung, ganz unvermittelt:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen?
-</p>
-
-<p>
-Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien
-zuerst nicht zu verstehen, um was es sich handelte ...
-Sie sah erstaunt erst mich, dann Peter an, dann wiederum
-mich und zuckte verächtlich die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-Peter wiederholte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, wen von uns beiden wirst du wählen?
-</p>
-
-<p>
-Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr
-mehr sagen als diese Frage, da sie plötzlich, alles verstehend,
-erblaßte und mit einem leichten Schrei von ihrem
-Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder das Stilett,
-mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Von euch niemanden! rief sie.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-Peter trat ihr einen Schritt näher:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen!
-sagte er mit Nachdruck.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher
-wie zitternde Vögel. Es schien mir, daß sie einen Augenblick,
-einen kurzen Augenblick, mit einem flehenden Ausdruck
-oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber
-nein, das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es
-mir nur so, da sie im nächsten Moment die Hand mit
-dem Stilett erhob und hart sagte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig,
-wer es von euch wagt, sich mir zu nähern! Ich will
-keinen von euch!
-</p>
-
-<p>
-Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte
-weicher von ihren Lippen kamen und ihre Augen meinem
-Blick begegneten, aber das war unzweifelhaft eine Täuschung.
-Ich war damals so erregt ... Mein Gott, ich
-will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war!
-</p>
-
-<p>
-Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf
-die Erde und schaute interessiert der ganzen Szene zu.
-</p>
-
-<p>
-Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte
-es.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm&rsquo; ihm nicht
-zu nah&rsquo;! Er ist mein!
-</p>
-
-<p>
-Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem
-Kopf des Kleinen, starrte er Martha hartnäckig mit einem
-verächtlichen Lächeln an.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich.
-</p>
-
-<p>
-Martha zögerte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte
-sie fast verständnislos.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-&mdash; Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ...
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen
-weit auf, als wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde,
-den sie bisher nicht bemerkt hatte, seufzte tief und ließ
-sich auf einen Stuhl fallen, da sie anscheinend die Kräfte
-verließen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd,
-mit ratloser Verzweiflung auf das Kind sehend.
-</p>
-
-<p>
-Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären,
-daß sie aus Liebe zu Tom einen von uns wählen
-müsse. Sie werde doch nicht ihren geliebten Sohn zu
-einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor
-allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll
-nach unserem Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert,
-verzweifelt wird er auf diesen Bergen herumirren und
-am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch, der einzige
-Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft
-Unabwendbare denken: den Tod.
-</p>
-
-<p>
-Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben
-hat. Zu ewigem Schweigen verurteilt, wird er, der
-zu niemandem sprechen kann, die menschliche Sprache vergessen;
-die Worte, die er von uns gelernt hat, wird er,
-eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der
-Wüste zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht
-werden ihm schließlich nur noch einige Worte in der
-Erinnerung bleiben, mit deren Klang er spielen und kosen
-wird; obwohl das furchtbare Worte sein müssen, die nichts
-als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer ausdrücken.
-Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung
-bringen; wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen.
-Wenn er krank ist, wird an seinem Lager nur das grauenhafte,
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-höhnisch grinsende Gespenst des Hungertodes stehen.
-Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er, weil
-sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht
-mehr fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird
-auch einer, ein treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung
-eines Menschen, Freund und Kamerad war,
-länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich, entsetzt
-durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen,
-angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon
-verwilderte, werden auf diesen Laut zusammenlaufen ...
-und ... sich eine Mahlzeit bereiten aus der noch warmen
-Leiche des letzten Menschen auf dem Monde.
-</p>
-
-<p>
-Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen
-Tom nach unserem Tode verurteilt sein wird, und ich,
-strafe mich Gott dafür, half ihm, sich an der Qual dieses
-Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die Ärmste
-zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns
-wählen müsse ...
-</p>
-
-<p>
-Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in
-ihren Zügen malte sich anfänglich Erstaunen, dann der
-Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung, Resignation.
-</p>
-
-<p>
-Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden
-Gewitters ... Martha saß stumm da.
-</p>
-
-<p>
-Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit
-sei, einen von uns zu heiraten, schien sie die Frage
-nicht gehört zu haben. Erst als er sie wiederholte, zuckte
-sie zusammen und erhob das Haupt, als wenn sie aus
-einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und
-sagte dann dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber
-das ist einerlei ... Ihr habt recht ... Ich werde ...
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-für Tom ... alles tun ... Sie seufzte krampfartig
-und verstummte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte
-er, sich zu ihr neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber?
-</p>
-
-<p>
-Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich
-unwillkürlich zurück, als wenn sie von Widerwillen geschüttelt
-würde, beherrschte sich aber sofort und schaute
-uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es mir,
-daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende
-Blick eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und
-um Mitleid flehenden Wildes.
-</p>
-
-<p>
-Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten
-Herzen zum Hirne. Auch Peter mußte ihren Blick aufgefangen
-haben, denn er erblaßte und wandte sich zu mir
-mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Moment brach Martha in ein heftiges,
-lang anhaltendes Weinen aus, warf sich auf den Boden
-und wimmerte verzweiflungsvoll:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas!
-</p>
-
-<p>
-Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden
-erlösen könne. Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten,
-sagte er, ziehen wir Lose.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül
-und furchtbar zumute. Die Wolken bedeckten schon den
-halben Himmel; über dem Meer flammten blendende
-Blitze auf.
-</p>
-
-<p>
-Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er
-selbst zu weinen. Ich näherte mich ihm behutsam:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit
-der Hand ihre Schulter berührend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-&mdash; Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ziehen wir Lose! drängte Peter.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen
-Hand zwei Taschentuchenden haltend.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete
-auf die noch immer am Boden Liegende.
-</p>
-
-<p>
-In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf
-fühlte ich eine seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es
-fehlte mir nur der Atem, als wenn jemand einen ganzen
-Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich betrachtete
-die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand
-hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung,
-die an einer Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte
-ich mich an eine Szene auf dem <em>Mare Imbrium</em>,
-wo wir ebenso Lose ziehen sollten &mdash; um den
-Tod ... wie jetzt um ... die Liebe!
-</p>
-
-<p>
-Peter wurde ungeduldig.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Zieh! rief er.
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine
-Augen starr auf mich gerichtet. Ich verstand plötzlich
-alles. Wenn ich das Los ziehe, werde ich diesen Mann
-sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten Falle,
-mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die
-Tasche und suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der
-Gedanke, daß ebensogut Peter das Los ziehen konnte,
-was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf dieses
-geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur
-ein elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich
-nicht gegen ihn empören? Perlender Schweiß bedeckte
-mir die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß sie
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-für mich auch nur ein ganz klein wenig mehr empfindet
-als für Peter, würde ich auf das Los nicht warten.
-</p>
-
-<p>
-Aber so ...
-</p>
-
-<p>
-Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen
-... Ihr!
-</p>
-
-<p>
-Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen
-... oder mich vor dem Zufall beugen?
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen
-und saß still da, auf das weite Meer starrend, als wenn
-sie nicht wüßte, daß wir hier, einige Schritte von ihr entfernt
-...
-</p>
-
-<p>
-Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem
-Weibe erfaßte mich.
-</p>
-
-<p>
-Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich
-berührte ich wieder den Griff des Revolvers in meiner
-Tasche, wie irrsinnig um mich blickend, wen ich ermorden
-sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom, den wir
-zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven
-nach, und alles löste sich in meinem Innern. Es blieb mir
-nur noch die Gleichgültigkeit und &mdash; der Stolz. Ich
-öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir werden keine Lose ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die
-Hand in die Tasche, und ich hörte das Knacken des
-Revolverabzuges.
-</p>
-
-<p>
-Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht.
-Mit einer blitzschnellen Bewegung packte ich ihn
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-bei den Händen. Er beugte sich nach hinten und wand sich
-unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in seinen Augen
-flammte das höchste Entsetzen.
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im
-ersten Augenblick schien es mir, daß in ihm etwas wie
-Freude zitterte, aber dann dachte ich, daß sie sich vielleicht
-um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er blickte mir in
-die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut.
-Es schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte
-und schüttelte den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich
-und ließ ihn los.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich
-irr an, und dann lächelte er gezwungen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr,
-ich bin jünger, also mit Recht ... Aber, hier wurde seine
-Stimme tiefer, aber, versprichst du mir, daß niemals ...
-niemals ...
-</p>
-
-<p>
-Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah ihm in die Augen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir,
-du bist ... sagte er schnell.
-</p>
-
-<p>
-Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter
-zögerte, wandte sich dann schnell um und näherte sich
-Martha ... Auch ich schaute auf sie und wieder trafen
-sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach jetzt Haß
-und eine grenzenlose Verachtung.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß es.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Worte klangen ganz gleichgültig.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-&mdash; Was?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das Gewitter kommt heran ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich sehe es ...
-</p>
-
-<p>
-Peter seufzte nervös ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Komm, flüchten wir uns in die Höhle.
-</p>
-
-<p>
-In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft;
-durch die krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen
-nur mühsam die abgerissenen Sätze hervor und seinen
-Körper schüttelten Fieberschauer.
-</p>
-
-<p>
-Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur
-ihre gedämpfte, gleichgültige Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Gut. Ich komme ...
-</p>
-
-<p>
-Peter zögerte noch:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, gib mir zuerst das Stilett.
-</p>
-
-<p>
-Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den
-Steinen klirrte, und ging, ohne sich umzusehen, in die
-Grotte. Peter ergriff Tom beim Händchen und lief ihr
-nach.
-</p>
-
-<p>
-Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den
-schwarzen Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes
-Dröhnen des Donners verkündete den Anfang des Gewitters.
-Strömender Regen stürzte herab und erfrischte
-die verbrannte, ausgetrocknete Erde!
-</p>
-
-<p>
-Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die
-Fliesen, in verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend
-...
-</p>
-
-<p>
-Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte
-sich in endlosen Regengüssen.
-</p>
-
-<p>
-So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-4">
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-IV.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ...
-Meine Beziehungen zu Peter waren niemals herzlich, und
-was Martha betrifft, konnte ich mich nicht überwinden,
-ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand zwischen uns;
-ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder
-sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine
-andere geworden, kaum mehr zu erkennen. Abgemagert
-und blaß, fast häßlich, verschlossen, wenig sprechend, schien
-sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie allein mit
-Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das
-Wunder bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen
-Augenblick im Lächeln des Glücks erhellten. Der Sohn war
-für sie alles. Sie dachte nur an ihn. Sie nahm ihn oft
-auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder erzählte
-ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte:
-von der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau,
-von dem Vater, der in dem Grabe auf der furchtbaren
-Wüste schlief, von sich selbst ...
-</p>
-
-<p>
-Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung
-gegen das Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem
-Blicke an, daß ich, der ich seinen Charakter kannte, zitterte,
-er könne ihm ein Leid antun. Übrigens war er auch
-auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied, was ihm
-dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha
-allein und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit
-ihr. Wenn ich aber hie und da ein Wort mit ihr wechselte,
-fühlte ich stets seinen unruhigen, haßerfüllten Blick.
-</p>
-
-<p>
-Schwer und traurig war Marthas Leben und das
-meinige, aber ich glaube, er war der Unglücklichste von
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-uns dreien. Martha hatte wenigstens einen Trost in dem
-Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung
-eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter,
-lebte von Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten,
-ihm kalt und gleichgültig gegenüberstehenden
-Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich habe mich unwillkürlich
-von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar
-allen seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder
-Minute, daß sie ihn lediglich als das Werkzeug betrachtete,
-durch das sie dem geliebten Sohn den Segen der menschlichen
-Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte. Ich
-habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres,
-herzlicheres Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre
-Hände oder ihr Antlitz mit Küssen bedeckte, wehrte sie es
-nicht, aber sie saß unbeweglich und gleichgültig, in ihren
-Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des Ekels.
-</p>
-
-<p>
-Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um
-bei ihr ein Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu
-erzwingen, als wenn man Liebe erzwingen könnte! Es gab
-Augenblicke wo er ihr drohte und sich bemühte ihr seine
-Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann gleichgültig
-und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm
-zu widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas
-befahl, tat sie es ohne zu murren, aber auch ohne zu
-lächeln, genau wie wenn er sie um etwas bat. Das brachte
-ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in ihr
-Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus
-dieser furchtbaren Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff
-also das letzte Mittel: er verfolgte Tom. In meiner
-Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu berühren; ich
-sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmern
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-würde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte
-und er wußte, daß ich seit jenem denkwürdigen Mittag
-den Revolver stets bei mir trug. Aber sobald ich fort
-war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und zufällig
-erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten,
-ohne ein Wort zu verlieren, mit dem Stilett, das ich
-aufhob und ihr zurückgab, nachdem sie es damals, in die
-Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem
-Extrem ins andere fallend, zu ihren Füßen und schluchzte
-und flehte um Erbarmen.
-</p>
-
-<p>
-Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene.
-Ich kehrte gerade von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten
-Petroleumquellen zurück und hörte, als ich mich
-dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters
-Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir
-auf dem Hügel angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher
-Blick auf das Meer und die Berge eröffnete. Zu ihren
-Füßen im Sande lag Peter. Die zusammengefalteten Hände
-stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu ihr, mit
-flehendem Blick und erstickter Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner!
-Siehst du nicht, was mit mir vorgeht! Das ist doch
-grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur Raserei, verliere
-die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes
-Weinen unterbrach seine Worte.
-</p>
-
-<p>
-Martha zuckte nicht einmal.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach
-einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich will deine Liebe!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du bist mein Mann ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-&mdash; Liebe mich!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Gut. Ich liebe dich ...
-</p>
-
-<p>
-Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so
-furchtbaren Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges
-Gefühl durchlief.
-</p>
-
-<p>
-Peter sprang auf.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde dich nicht reizen.
-</p>
-
-<p>
-Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern;
-seine Züge hatten sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich
-griff ich zum Revolver; mein Blut hämmerte
-in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht
-zittern würde.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder
-in einem Ton, als wenn sie sagte: Willst du Wasser
-trinken?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ...
-bis ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Gut. Schlage mich ...
-</p>
-
-<p>
-Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener.
-</p>
-
-<p>
-Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem
-entsetzlichen Auftritt ein Ende zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare
-innere Kämpfe mitanzusehen, war mir im höchsten
-Maße qualvoll, und da auch sie mich zum Teile mieden,
-wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde,
-so ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen
-Mondtage in vollster Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich
-langsam daran gewöhnt. Übrigens konnte ich schon jetzt
-mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und Langeweile
-ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte.
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-Wohl hatte ich mir die Ehe &bdquo;eines von uns&ldquo; mit
-Martha anders vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren,
-stillen, wenn auch von Sehnsucht nicht freien Idylle, von
-einem neuen herzlichen Band, das unsern kleinen Kreis
-vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme geführten
-Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge
-und die Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen
-sollen, drehen würden. Aber wenn auch die Wirklichkeit
-all diese schönen Träume vernichtete, so hatte sie mir doch
-ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein
-neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht,
-diese nicht von mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur
-Welt kamen. Auf langen, einsamen Wanderungen dachte
-ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich Vorräte,
-erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen
-nieder; für sie holte ich die von der Erde mitgenommene
-Bibliothek aus dem Staube hervor und ordnete die Bücher;
-für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt und Kalk gebrannt,
-um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines astronomisches
-Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen
-oder aus dem Silber, das sich hier in großen
-Massen findet, verschiedene Geräte geschmiedet, Glas,
-Papier und andere für den zivilisierten Menschen unentbehrliche
-Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so unaussprechlich
-auf diese Kinder gefreut, die erst geboren
-werden sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen
-endlich alles zum Besseren wenden, ihr Lachen und
-ihre hellen Stimmchen diese drückend schwüle Atmosphäre
-verwehen müßten, die zwischen uns herrschte.
-</p>
-
-<p>
-Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten.
-In nicht ganz einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-Töchter. Sie kamen in der Nacht zur Welt. Als ich vom
-Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes schwaches
-Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen
-Freude erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir
-ein furchtbarer Schmerz das Herz zusammen und ich
-konnte nur mit Mühe die aufsteigenden Tränen zurückhalten.
-Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen
-lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich,
-Onkel, was weint dort so? Etwa Mütterchen?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, Kind, nicht Mütterchen weint, das ... sind
-so kleine Kinder wie du, vielleicht noch kleiner.
-</p>
-
-<p>
-Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte
-er gespannt.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich
-aufmerksam an.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel, und weshalb weinst du? fragte er plötzlich.
-</p>
-
-<p>
-Ja, wahrhaftig, Tränen flossen mir aus den Augen.
-Weshalb weinte ich?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr
-meinen Gedanken antwortend als ihm.
-</p>
-
-<p>
-Das Kind schüttelte mit großer Würde den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist nicht wahr! Ich weiß, Onkel, daß du nicht
-dumm bist. Mütterchen sagte nicht so. Mütterchen sagte,
-daß der Onkel gut ist, sehr gut, nur ... nur ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nur was? Wie sagte dir Mütterchen?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich habe vergessen ...
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf
-der Schwelle stand Peter. Er war blaß und sichtlich erschüttert.
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-Er lächelte mir bitter zu, aber ehrlich, zum
-erstenmal seit einem Jahr, und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Zwei Töchter ...
-</p>
-
-<p>
-Und dann:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Jan, Martha will, daß du ihr Tom bringst.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn
-erblickte, streckte sie beide Hände nach ihm aus.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen,
-zwei auf einmal! Das ist für dich! Du wirst mir verzeihen,
-Tom, nicht wahr? Du wirst verzeihen ... Aber
-das ist für dich, nur für dich, mein Liebster, einziger, geliebter
-Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme,
-das Kind an ihre Brust drückend.
-</p>
-
-<p>
-Tom dachte nach.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mütterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen
-tun?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen,
-lieben, kratzen, küssen, alles, was du willst, und sie werden
-dir gehorchen und für dich arbeiten, wenn sie groß sind,
-hörst du?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha,
-das sind <em>meine</em> Kinder!
-</p>
-
-<p>
-Sie sah ihn kühl an:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß es, Peter, das sind <em>deine</em> Kinder ...
-</p>
-
-<p>
-Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie
-stürzen wollte, aber er hielt sich zurück und sich ihrem
-Lager nähernd, sagte er so sanft er konnte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das sind <em>unsere</em> Kinder, Martha. Hast du für
-mich kein Wort? Nichts? ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; O ja. Ich danke dir.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-Darauf begann sie wieder das helle Köpfchen des Sohnes
-zu streicheln und leidenschaftlich zu küssen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Söhnchen
-...
-</p>
-
-<p>
-Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und
-mir wurde es schwül und bange. Es war etwas Ungeheures
-in dieser ausschließlichen Liebe der Mutter.
-</p>
-
-<p>
-Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte
-nicht viel in unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen.
-Die Beziehungen Marthas und Peters blieben immer dieselben.
-Ich fühlte seit langem alles mit Martha; aber
-jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden.
-Er wurde stumm und finster. In jedem seiner
-Worte, in jeder seiner Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung
-und Niedergedrücktheit. Einige Jahre jünger als
-ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen.
-Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden
-Glanz. Niemals hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens
-diesen unverbrauchten Organismus, der siegreich und kraftvoll
-am besten von uns allen die unerhörten Mühen der
-Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen könne.
-Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich
-ihr keine Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen,
-der gestorben war; außer für ihn und für ihren Sohn
-gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen &mdash; das war
-das ganze Unglück.
-</p>
-
-<p>
-Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie
-kümmerte sich zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich,
-daß sie dies nur mit dem Gedanken an Tom tat.
-Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller Spielzeuge
-für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-Tiere, die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen,
-weil ihr Verlust kostspielig wäre. Sogar die Art, wie sie
-von den Töchtern sprach, bewies das, denn sie sagte stets:
-Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde
-noch finsterer.
-</p>
-
-<p>
-Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und
-nahmen, vor allem in den ersten Monaten, Marthas ganze
-Zeit in Anspruch; auf diese Weise war Tom meist unter
-meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das
-Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt.
-Er frug mich über alle möglichen Dinge aus und sprach
-mit mir wie ein Erwachsener. In kurzer Zeit hatte ich mich
-so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war, ohne seine
-Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage
-war ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm
-ich auf alle, sogar die weiten Ausflüge Tom mit mir.
-Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn sie wußte,
-daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu
-Hause, da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden
-im Gespann zu gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit
-auf dem Mond genügte uns dieses Gespann vollständig,
-bequem und schnell von einem Ort zum andern fahren zu
-können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die
-zwei und mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit
-Rücksicht auf die kalten Nächte, einen dicht verschlossenen,
-von einem Elektromotor getriebenen und heizbaren Wagen
-mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt hatte,
-indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war
-außer für Tom und mich noch für zwei Hunde Platz,
-ebenso für reichliche Nahrungsvorräte und Brennmaterial.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen
-Strand des Mittelmeeres auf dem Monde und kamen
-nach Osten und Westen, und zwar so weit, bis uns die
-schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste
-zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte
-Punkt, wohin wir gelangten, war das <em>Mare
-Humboltianum</em>, eine Ebene, die ungefähr unter derselben
-Mondbreite gelegen wie das <em>Mare Frigoris</em>,
-manchmal von der Erde, während günstiger Librationen
-des Mondes, sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen
-auf dem rechten Segment des oberen Teiles der silbernen
-Scheibe.
-</p>
-
-<p>
-Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem
-Horizont emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange,
-zweiwöchige Nacht daselbst aufgehalten, um mich an dem
-Anblick dieser seit langem nicht gesehenen, seit länger noch
-verlorenen heimatlichen Welt zu laben.
-</p>
-
-<p>
-Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen
-Fülle (wir befanden uns nämlich auf dem neunzigsten
-Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren Halbkugel
-des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende,
-etwas gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden
-hellen Linien Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche,
-heiße Sehnsucht nach diesem Globus, der am
-Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich, hinausgetrieben
-aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung
-für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und
-ich streckte mit einer unverständigen beinah kindlichen, aber
-nicht zurückzuhaltenden Bewegung die Hände nach ihm
-aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn auch ...
-nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-an die Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande
-gesehen hatte: schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines
-blutigen Brandes, und eine unbeschreibliche Traurigkeit
-kam über mich.
-</p>
-
-<p>
-Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften,
-die dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht
-vernichten, ja sogar der allbezwingende, unerbittliche
-Tod, sind uns hierher gefolgt auf diesen Globus, der
-bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit thronte. Überall
-lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin
-trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks.
-</p>
-
-<p>
-Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er
-stand neben mir, eben aus einem langen Schlaf erwacht,
-und schaute auf das ihm unbekannte leuchtende Rund am
-Himmel.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem
-Händchen nach oben deutend.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du weißt doch, das ist die Erde, ich sagte dir öfter,
-daß ich dich hierherführen würde, um sie dir zu zeigen.
-Übrigens sahst du sie ja bereits, als wir hergekommen
-sind, erinnerst du dich nicht?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die
-andere war anders, auf der einen Seite zackig und diese
-ist rund.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile
-nach.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen
-oder hat sich morgens entrollt wie diese großen Blätter.
-</p>
-
-<p>
-Ich bemühte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-der Veränderung der Erde zu erklären. Er hörte zerstreut
-zu und verstand scheinbar nicht, was ich sagte.
-</p>
-
-<p>
-Endlich unterbrach er mich mit der Frage:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel, und was ist das, diese Erde?
-</p>
-
-<p>
-Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß
-dort Meere sind, Berge und Länder und Flüsse wie auf
-dem Monde, nur weit größer und schöner; daß es dort
-viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man Städte
-nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen
-wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir
-von dort auf den Mond gekommen sind: ich und die Mutter
-und Peter und sein Vater, der nicht mehr lebt, und sogar
-die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen er
-so gerne spielt.
-</p>
-
-<p>
-Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung
-mit großem Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und
-sagte, meinen Bart streichelnd:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach&rsquo;
-bitte keinen Spaß, sondern sage ganz vernünftig, was ist
-das, diese Erde?
-</p>
-
-<p>
-Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur
-Seite biegend, schauten sie ebenfalls neugierig auf die
-am Himmel leuchtende Scheibe.
-</p>
-
-<p>
-Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die
-Rückfahrt an. Die Erde, durch den Tagesglanz verblaßt,
-schien hinter uns nur noch wie eine aschgraue, kreisförmige
-Wolke, die über dem Horizont sichtbar war.
-</p>
-
-<p>
-Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach
-Süden. Der Strand des Meeres, der sich in gebrochener
-Linie erstreckt, ungefähr zwischen dem fünfzigsten und
-sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des 140.°
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere
-Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine
-Meerenge, die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel
-vereinigt. Ich wollte mich darüber orientieren und
-auf jener Halbkugel vordringen, aber dies gelang mir nur
-bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu
-war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren
-trotz der Nähe der Meere so kalt, daß sie mich an die
-Fröste erinnerten, die auf der luftlosen Halbkugel herrschten,
-und während der furchtbaren Glut des Tages hörten
-die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war
-felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein
-Leben, nichts &mdash; nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen
-Meeren, aus denen die scharfen Spitzen vulkanischer
-Inseln herausragten, die nicht selten durch eine Rauchwolke
-oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren. Öfter
-während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich
-Tom mit mir genommen hatte, weil ich fürchtete, wir
-würden beide ums Leben kommen. Da wir der steilen Berge
-wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht vorwärtskamen,
-hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich
-zu Füßen wilder und phantastischer Felsen eine etliche
-hundert Meter breite Ebene erstreckte. Es war schon gegen
-Mittag, und das Meer durch die Flut, die von der Anziehungskraft
-der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen
-ist, so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche
-des Strandes erreichte. Da ich eine Überschwemmung
-des Weges, den wir passierten, befürchtete, sah ich
-mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um,
-als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her
-vorausging. Die mächtigen Wogen ergossen sich über den
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Strand; eine davon traf unseren Wagen und warf ihn
-zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es war
-keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit
-einer Kette an dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen
-dicht geschlossen hatte begann ich, Tom auf die Schultern
-nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich habe im ganzen
-Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals.
-Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem
-verwitterten Felsen, mit der andern Hand hatte ich den
-Knaben gefaßt, der vor Entsetzen zitterte; unter mir das
-tobende, schäumende Meer und über mir eine Wolke, aus
-der sich die Donner entluden und strömender Regen herabstürzte.
-Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor
-dem Orkan, sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken,
-die, durch den Sturm vom Gipfel losgerissen,
-wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe geschleudert
-worden. Diese furchtbare Situation machte die
-Angst um den Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch
-qualvoller. Wenn die Wellen die Kette losrissen und den
-Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen zerschmettern,
-ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir unrettbar
-dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte,
-ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach
-Hause gelangen konnten. Als ich die Stelle erreicht hatte,
-wo ich Tom unter einen Felsen setzen, zudecken und so
-festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit
-war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen
-besser zu befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir
-endlich, ihn in eine Kluft zu bringen, wo er vor den
-Wellen geschützt war.
-</p>
-
-<p>
-Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-ihm, das Ende des Gewitters abwartend. Das verängstigte
-Kind schmiegte sich an mich und frug weinend, warum wir
-hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht antworten,
-weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem
-die Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb
-wir auf den Mond gekommen sind ...
-</p>
-
-<p>
-Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger
-geworden, wählte ich einen Weg, der hoch über dem
-Meeresspiegel führte.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den
-uns während der Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle
-andern Ausflüge legten wir ohne Abenteuer in froher
-Stimmung zurück.
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten
-Elektromotor, der sich einst im Besitz der unglücklichen
-Remogners befand, haben Peter und ich ausgebessert und
-in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung der treibenden
-Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu
-Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom
-des Vormittags oder in der Abendzeit aufs hohe Meer
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel,
-die in jeder Beziehung beachtenswert war. Schon von
-weitem erstaunte ich über ihre Gestalt ...
-</p>
-
-<p>
-Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren
-entweder durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres
-gehoben, oder die Gipfel vom Wasser überfluteter
-Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich sofort
-den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen
-Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im
-Südwesten erhob sich eine niedere Bergkette, die seit uralten
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-Zeiten von Regen und Sturm zerbröckelt schien. Ihre
-Ufer waren steil und scheinbar durch die Brandung zerfressen,
-denn das Meer war in einem großen Umkreis so
-flach und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer
-fiel, mit der nicht tiefgehenden Schaluppe zu landen.
-</p>
-
-<p>
-Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte
-Stückchen Boden, das den uns bekannten Mondgegenden so
-gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm uns die vollständig
-verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie
-anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere
-Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern
-Erde traf ich kaum mehr als drei oder vier
-Stauden an, die mir bereits bekannt waren, aber dafür
-eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner anderen Stelle
-vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert.
-Sie machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen,
-überall ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch,
-wie durch ein Wunder erhalten, existierte und von der Art
-des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen Zeiten
-Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder
-waren und das Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe
-dachte ich, als ich die Tiere erblickte, die auf dieser
-seltsamen Insel hausten. Es waren nicht viel, und sie
-unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten.
-Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen
-und Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese
-gebrechlichen, degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln
-heraus und schauten mich verständig und prüfend,
-aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund, den ich mit
-mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen
-die Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-Zischlaute aus. Wie ich mich überzeugte, waren das die
-einzigen Laute, die sie von sich geben konnten.
-</p>
-
-<p>
-Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über
-alles und blieb fortwährend stehen, mit einem farbigen
-Stein oder einer Muschel beschäftigt oder eine duftende
-Pflanze betrachtend, die durch die Stellung der Blätter
-an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade einige
-Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne
-Stöcke!
-</p>
-
-<p>
-Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde
-sitzend, von einer Unmenge weißer dünner langer Knochen
-umgeben. Ich prüfte sie näher und wußte auf dem Monde
-kein Tier, von dem sie herrühren konnten.
-</p>
-
-<p>
-Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen
-Knochen einen merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück
-dicken, auf der einen Seite stark gebogenen Kupferblechs,
-das seiner Form nach an ein breites Messer erinnerte. Das
-Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn
-dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so
-hatten auf dem Monde einst verständige Wesen gelebt.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst
-auf dem <em>Mare Imbrium</em> vor uns auftauchte und die
-so denkwürdig war durch den entsetzlichen Vorfall, der
-den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten damals jene
-Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher
-betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals
-etwas, das für die Existenz vernünftiger Geschöpfe
-hier lange, lange vor unserer Ankunft zu sprechen schien.
-</p>
-
-<p>
-Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene
-zu Füßen der Bergkette liegende Grotten, fand aber
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-nichts, was mich hätte von der Richtigkeit meiner Vermutungen
-überzeugen können. Zwar schien es mir, daß
-ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer
-zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des
-kleinen Teiches sah ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln,
-die gewissermaßen Einschnitte hatten, und der Damm,
-der den Bach verhinderte sich in den Teich zu ergießen,
-schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen Richtung
-wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest
-einer zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso
-das Werk des Zufalls sein oder nicht verständiger, aber
-schlauer Tiere. Auf der Erde erheben doch zum Beispiel
-die Biber die interessantesten Bauten.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber
-die vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen,
-daß diese Insel das Überbleibsel eines größeren,
-im Meere verschwundenen Stück Landes sei, und gaben ein
-annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich auf
-ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen
-Epoche vorausgingen.
-</p>
-
-<p>
-Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und
-oft kam ich hierher, um von den Berggipfeln auf das sich
-rings erstreckende, von der Sonne golden gefärbte Meer
-zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der Rest dieses
-Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches
-Leben.
-</p>
-
-<p>
-Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter
-Vulkane, über denen der finstere, fast unaufhörlich mit
-einer Feuersbrunst umlohte, mächtige Otamor thronte. Das
-Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge
-wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-dumpfen Brausen, das etwas vom Rauschen dahingegangener
-Äonen, etwas von der geheimnisvollen Stimme der
-menschlichen Seele an sich hatte, in Halbschlaf gewiegt,
-träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen sein
-mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich.
-</p>
-
-<p>
-Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich
-damals die Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend,
-erst auf der Oberfläche ab, und die Sonne ging, infolge
-der schnelleren Drehbewegung des Mondklumpens, die im
-Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über diese Länder
-und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und
-Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne
-Frost und ohne unerträgliche Gluten. Damals stand auch
-die Sonne nicht über der furchtbaren Wüste des Todes,
-sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und untergehend ...
-Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose
-Ebene.
-</p>
-
-<p>
-Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre
-auf dieser Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde
-wendend, die Luft verlor und mit ihr das Wasser, so weit
-alle Spur des früheren Lebens verwischen, daß es heute
-scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre seit Anfang
-der Welt. Tomas hat das einst angenommen.
-</p>
-
-<p>
-Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem
-unaufhörlichen eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen
-Lebens vernehme. Wälder von hohen mächtigen
-Bäumen, die sich vor dem Froste der langen Nacht,
-die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen,
-ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben
-Tiere, kräftig, riesenhaft, die Vorfahren der heute auf
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-dieser Welt degenerierten Nachkömmlinge; zwischen den
-Ästen schlagen die Flügel fliegender Eidechsen ... Es
-ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den Nebeln
-der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle
-Rund der Erde.
-</p>
-
-<p>
-Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende
-Licht von den Mauern herrlicher Städte, von schlanken
-Türmen herab verständige Augen schauten? Ob sich nicht
-Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den silbernen
-Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen?
-</p>
-
-<p>
-Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst
-vermutete, daß auf diesem mächtigen Globus, der zwischen
-den Himmeln hing, ebenfalls denkende Wesen sind, ob
-man nicht erriet, wie sie leben und aussehen?
-</p>
-
-<p>
-Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere
-Richtung; sie riß sich vom Monde los wie ein aus dem
-Käfig flatternder Vogel und eilte weiter, Hunderttausende
-Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde, die mir
-die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch
-malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel
-der Berge.
-</p>
-
-<p>
-Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel;
-das lange Schweigen machte ihn ungeduldig.
-</p>
-
-<p>
-Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter
-den Kleinen sehnsüchtig erwartete.
-</p>
-
-<p>
-Hier gehörte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm
-ihn zärtlich in ihre Arme, und wenn die leidenschaftlichen
-Umarmungen und Küsse beendet waren, setzte sie sich mit
-ihm auf die Schwelle und begann ihre sich stets wiederholende
-Erzählung von dem jungen, schönen und guten Engländer,
-seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war,
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-und der unter dem Sande der großen, stillen Mondwüste
-schlummerte. Eigentlich erzählte sie das mehr sich selbst
-als dem Sohne, und ihre heißen Tränen flossen auf das
-helle Köpfchen des Kindes.
-</p>
-
-<p>
-Peter grübelte gebrochen und niedergedrückt im Hause
-über etwas nach oder ging nach den Mädchen zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurück,
-um in der Einsamkeit zu träumen oder mich mit irgendeiner
-Arbeit zu beschäftigen.
-</p>
-
-<p>
-Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und
-unter, die Erdenjahre schwanden, mühsam an den Mondtagen
-gezählt; Tom wurde größer und die Mädchen liefen
-schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber für mich hat
-sich nichts geändert.
-</p>
-
-<p>
-Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wüsten Lande
-umher, verbrachte lange Stunden auf der Friedhofinsel,
-und wenn ich nach Hause kam, blickte ich auf Martha, die
-immer gleich traurig und schweigsam war, und auf Peter,
-der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen
-...
-</p>
-
-<p>
-Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig
-in meinem Herzen und wuchs mit den Jahren, bis sie
-schließlich eine furchtbare, unerträgliche, mich zu Boden
-drückende Last wurde. Um mich vor ihr zu schützen, dachte
-ich an das neue Geschlecht, unternahm große Wanderungen,
-ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der
-Unterbrechung, wenn ich müde und erschöpft niedersank,
-kehrte sie wieder &mdash; sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte
-mir die blassen Züge meiner Kameraden hier und gaukelte
-mir Träume vor von jenen dort, die ich auf ewig verlassen
-hatte ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-5">
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-V.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten
-anzeigt und der Lauf der Sonne, deren Bahn sich
-hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen, dort auf der
-Erde, näherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende,
-seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum
-drittenmal Mutter werden sollte. Sie erwartete die Geburt
-des Kindes mit Ungeduld, denn sie hoffte, daß es
-ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum
-Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach
-langer Unterbrechung heranrückte, sagte sie zu uns:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich
-einen Diener und Sklaven gebe ...
-</p>
-
-<p>
-Sie sagte das scheinbar gleichgültig, als wenn sie eine
-ganz natürliche Sache erwähnte, aber ich hatte das Gefühl,
-aus ihrem Ton noch etwas Unausgesprochenes herauszuhören
-...
-</p>
-
-<p>
-Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes,
-wie das Stöhnen eines Arbeiters, der eine freiwillig
-aufgenommene Last von seinen Schultern wirft,
-von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie getragen
-hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last zusammenbrach,
-sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel.
-</p>
-
-<p>
-Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit
-ergeben. Sie verwundete ihn mit jedem Worte,
-mit jedem Blick, mit allem, was sie tat und sagte und
-dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es unbewußt
-geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei.
-Aber damals, nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem
-Blick an und lächelte verächtlich und dann
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den Knaben
-bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er
-ihn lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt,
-aber für sein Alter auffallend schmächtig. Der
-Stiefvater schob den breiten Ärmel der Bluse des Kindes
-zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug leicht mit
-der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften
-und Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch,
-und die Hand auf den Kopf des verängstigten Knaben
-legend, zischte er, Martha anstarrend, jedes Wort betonend,
-durch die Zähne:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu
-befehlen, aber sein Bruder kann stärker sein.
-</p>
-
-<p>
-Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben.
-Aber ihre Besorgnis dauerte nicht lange. In den glänzenden
-Augen des Kindes las sie scheinbar das, was zu allen
-Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen Ordnung
-geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete
-kurz:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer
-sein sollte.
-</p>
-
-<p>
-In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger
-Knabe, ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte
-Energie. Er entwickelte sich schnell und auf
-eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz anders,
-wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der
-Erde entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und
-hatte einen so ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal
-staunten. Es war keine Spur einer kindlichen Schwärmerei
-an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern, so entsetzlich
-nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-auf dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die
-Gedanken, von keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und
-klar dahinflossen wie unter dem kahlen Schädel eines
-Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel Herz: er
-liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter
-konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie
-sein Vater, war er in Peters Gegenwart verängstigt und
-verwirrt. Übrigens weiß ich es nicht einmal, ob ich die
-Ausdrücke recht gewählt habe, um zu beschreiben, was in
-der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters vorgehen
-mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig,
-daß es schien, als wenn er lieber alle Qualen ausstehen
-würde als die Lippen öffnen. Nur die Augen irrten unruhig
-umher. In seinem Benehmen war Angst, aber auch
-Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin.
-Peter fühlte und sah das, und es schien mir, daß er schon
-damals dieses seltsame Kind fürchtete.
-</p>
-
-<p>
-Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum
-Gehorchen geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen,
-weltumfassenden Geistes der Engländer in ihm und zu
-viel flammendes Blut der stolzen Radschas aus Travancore.
-</p>
-
-<p>
-Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder
-bekommen sollte, der größer und stärker ist als er,
-dieser genau so hinter ihm herlaufen und ebenso demütig
-in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen
-Schwestern Lilli und Rosa.
-</p>
-
-<p>
-Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein
-drittes Mädchen zur Welt, das wir Ada tauften.
-</p>
-
-<p>
-Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt
-dieses Kindes.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Tom, sagte sie einige Stunden später, als wir auf
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-ihren Wunsch den Knaben an das Lager gebracht hatten,
-Tom, du wirst keinen Bruder mehr haben, aber du hast
-dafür drei Schwestern. Sie müssen dir genügen als Ehefrauen,
-als Kameraden, als Dienerinnen ...
-</p>
-
-<p>
-Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten
-Mädchen, was er mit der neuen Schwester tun solle, sondern
-schaute sich nach Lilli und Rosa um, die sich in einer
-Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie gewöhnlich
-mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen;
-er berührte leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskräften
-schreiende Geschöpf und sagte, ernst mit dem Kopfe
-nickend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie werden genügen, Mütterchen, sie werden genügen
-...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und
-das Benehmen des Kindes unangenehm berührt, du mußt
-gut zu ihnen sein.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weshalb? fragte er naiv.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Damit sie dich lieb haben, antwortete ich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie lieben mich auch so ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mädchen
-fast einstimmig.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du,
-denn sie lieben dich, obwohl du es nicht immer verdienst.
-Aber diese Kleine könnte dich vielleicht auch <em>nicht</em> lieben ..
-</p>
-
-<p>
-Tom antwortete nichts; ich bemerkte, daß er voller Mißmut
-auf das Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen
-zusammenzog.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren
-wurde, er wäre sein Sklave oder &mdash; sein Feind geworden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare
-Ironie des menschlichen Daseins nach, die uns von
-der Erde auf den Mond nachfolgte. Zu O&rsquo;Tamor eilten
-meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so
-schön vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern
-Marthas und Tomas&rsquo;, die vor dem schlechten Einfluß der
-irdischen &bdquo;Zivilisation&ldquo; bewahrt blieben, ein neues, ideales
-Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd und unbekannt
-wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks
-auf der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und
-denke mir, daß der kluge, edle O&rsquo;Tamor nur eines vergessen
-hat, nämlich daß die Nachkommenschaft des Menschen
-sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen
-wird, die in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen,
-was der Jammer der menschlichen Geschlechter geworden
-ist. Und ist es nicht die grausamste Ironie, daß der Mensch
-seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die Sterne hinüberträgt,
-die am fernen Himmel über ihm leuchten?
-</p>
-
-<p>
-Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens
-wird dadurch die Zeit der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten
-hinausgerückt, und wir werden vielleicht indessen
-sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen ...
-</p>
-
-<p>
-Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu
-geschaffen sind, ihm zu gehorchen. Sie werden am Ende
-nicht einmal das ihnen zugefügte Unrecht verstehen, sondern
-glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und Herr sich
-ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich
-Lilli und Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen
-ist noch zu klein, sie ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung
-kaum drei Jahre alt, um irgendwelche Vermutungen bezüglich
-ihrer zukünftigen Stellung zu dem Stiefbruder auszusprechen.
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt wie
-die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig.
-</p>
-
-<p>
-Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und
-der geistigen Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der
-letzten Zeit meine einzige, wenn auch traurige Zerstreuung.
-In physischer Beziehung haben sie sich den Bedingungen
-der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen
-immer fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so
-viele Jahre hier leben, vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein
-Schwieriges ist zum Beispiel für uns die Regulierung
-des Schlafes. Während des langen Tages müssen
-wir fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das
-bringt das Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil
-der Zeit, während der die Sonne am Himmel steht, durch
-den Schlaf verlieren; das ist etwas Unnatürliches und infolgedessen
-wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen wir zwei
-Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit
-und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile
-gequält. Die Kinder, die hier geboren sind, schlafen am
-Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens zwei Stunden in
-zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast die
-ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden
-nach Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher
-Schlaf. Wenn sie in der Nacht aufwachen, so ist das
-nur auf zwei, drei, höchstens vier Stunden, worauf sie
-wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die Zieselmäuse
-oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste
-zarte Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages
-verkündet.
-</p>
-
-<p>
-Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-besser als wir. Die Hitze schwächt sie nicht in dem Maße
-und ruft nicht die Erregung noch den Schlaf hervor wie
-bei uns.
-</p>
-
-<p>
-Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch
-gegen die Kälte viel abgehärteter sind als wir älteren.
-Am Morgen, wenn es am kältesten ist, laufen sie, eben
-vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und entfernen sich,
-sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im
-äußersten Notfalle ins Freie wagen.
-</p>
-
-<p>
-Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer
-Tom. Die beiden älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso
-wie der alte Wotan, anscheinend von derselben blinden
-Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese Mädchen
-bilden den ständigen Hof Toms.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen
-gehen, der früh nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich
-auf der Eisbahn am Strande des in der Nacht zugefrorenen
-Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich überzeugt,
-daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller
-Frühe &mdash; auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht
-auf diesen Einfall gekommen sind! Alle hiesigen Tiere
-graben sich zum Schutze vor der Kälte in die Erde ein und
-schlafen während der Nacht.
-</p>
-
-<p>
-Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche
-Witterung hat, herausbekommen. Er suchte unter dem
-Schnee die Schlupfwinkel der verschiedenartigsten kleinen
-Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie aufwachten.
-Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon
-bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute
-uns schöne dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem
-Schildpatt sehr ähnlich ist. Das Jagen ist während des
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch den sie
-verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind.
-Wie groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens
-mehrere Häute brachte, unter denen einige frisch
-waren und der Rest sehr sorgsam gegerbt! Diese letzteren
-stammten von früheren Jagden. Der Junge sah, wie wir
-die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen
-Muscheln gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher
-Menge am Meeresstrande befand, gegerbt haben, und machte
-das alles auf eigene Faust und nicht viel schlechter als wir!
-</p>
-
-<p>
-Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt,
-kannte er schon genau unsere Fabriken und verstand den
-Zweck und die Bedeutung jeder Einrichtung, die Brauchbarkeit
-eines jeden Instrumentes und Materials. Ich habe
-die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber
-für Bücher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert
-ihn alles, was einen praktischen Wert hat, um andere
-Dinge kümmert er sich sehr wenig. Ich wollte ihn die
-Geographie der Erde lehren, die Geschichte der dortigen
-Völker, ihn mit den seinem Verstande zugänglichen Meisterwerken
-großer Schriftsteller bekannt machen, aber ich
-bemerkte sehr bald, daß ihn das absolut nicht interessierte,
-so großes Interesse er auf anderen Gebieten zeigte.
-Zunächst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich glaubte,
-daß ich in ihm einen historischen und ästhetischen Sinn
-wecken könne; erst als er mich während einer derartigen
-Lehrstunde einmal ganz unvermittelt fragte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel, warum erzählst du mir das alles? &mdash; gab ich
-die diesbezüglichen Bemühungen auf.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn
-in der Tat, wozu? ... Und er sagte weiter:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-&mdash; Das alles, was du mir da erzählst, soll wahrscheinlich
-auf der Erde sein, die ich, wie ich mich erinnere, während
-eines Ausfluges gesehen habe, wie eine große leuchtende
-Kugel, und von der du, Onkel, hierhergekommen
-sein sollst, nicht wahr?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin,
-und von der überhaupt die Menschen stammen.
-</p>
-
-<p>
-Der Knabe sah mich an, als wenn er zögerte zu sagen
-was er dachte, und endlich kam es mit etwas schüchterner
-Miene heraus:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber ich weiß nicht, Onkel, ob das alles wahr ist.
-</p>
-
-<p>
-Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie
-bei einem Kinde, dem man Dinge erzählt, die sich auf
-einem entfernten und nur einmal von ihm gesehenen Planeten
-abspielen, ganz natürlich ist.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Hast du dich jemals überzeugt, daß ich die Unwahrheit
-spreche?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er
-etwas leiser hinzufügte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber jetzt kann ich mich nicht davon überzeugen,
-daß du die Wahrheit sprichst ...
-</p>
-
-<p>
-Ich nahm eine Uhr aus der Tasche.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weißt du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst
-du, daß ich oder Peter oder deine Mutter ein solches
-Werk herstellen können? Du siehst auch Bücher, die wir
-nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir
-gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn
-wir es nicht von der Erde mitgebracht hätten? Und wenn
-wir von der Erde hierhergekommen sind, so müssen wir
-doch wissen, wie es dort ist und aussieht.
-</p>
-
-<p>
-Der Knabe dachte nach.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-&mdash; Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die
-Erde kommen?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weißt du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche
-Bücher und Vergrößerungsgläser machen und erzähle mir
-nicht mehr davon, wie man da von einem Europa nach
-Amerika fährt, oder was dieser Alexander der Große gemacht
-hat und der andere, Napoleon ...
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte in meinem Innern zugeben, daß Tom recht
-hatte. Er war doch niemals und wird niemals dort sein,
-wozu soll ich ihm also erzählen, was mich nur deswegen
-angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese Belehrungen
-sind nutzlos für ihn; und wenn er oder seine
-Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren
-wollen, von der vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen
-dringt, daß man sie, die Mutter des menschlichen Geschlechts,
-am Himmel leuchtend von den Grenzen der
-toten Wüste aus sehen kann, so werden diese Bücher, die
-wir mitgebracht haben, den zukünftigen Mondbewohnern
-märchenhafter erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten
-Geschichten aus &bdquo;Tausendundeiner Nacht&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Seitdem beschloß ich, Tom nur das beizubringen, was
-in seinem zukünftigen Leben auf dem Monde einen realen
-Wert für ihn hat. Dazu zeigte er auch eine ungewöhnliche
-Lust.
-</p>
-
-<p>
-Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah,
-daß sie ihm von Nutzen sein könnten. So interessierte
-ihn zum Beispiel anfangs die Astronomie sehr wenig,
-aber er beschäftigte sich mit wahrem Feuereifer mit ihr,
-als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte,
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-den man aus der Messung des Höhenstandes der Sterne
-ziehen kann.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin überzeugt, daß, wenn wir die Bücher nicht
-mit hierhergebracht hätten, die nach uns bleiben, den kommenden
-Generationen die ideale Seite dieses kleinen
-Teiles der von der Erde überlieferten geistigen Arbeit des
-Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des
-unzweifelhaft befähigten, aber unerhört nüchternen Tom
-würde sie sicher nicht fortleben. Und doch denke ich immer
-und immer an dieses künftige Geschlecht. Es soll, dahin
-geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht wild aufwachsen
-und dahinleben, sondern wissen, daß der menschliche
-Geist mächtig ist, daß er Großes und Schönes schafft
-und seinen Gott über den goldenen Sternen sucht! Daß
-er unaufhaltsam vorwärtsdringt und in glühendem Begehren
-nach Wahrheit und Schönheit strebt. Daß dieser
-Geist die stärkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen
-mit der ihn umgebenden Natur ist, und sie ihn schätzen
-lernen und aus seiner Kraft Nutzen ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen,
-obwohl er leider so wenig Verständnis dafür hat; ich lechze
-danach, als wenn ich fürchtete, daß mir die Zeit dazu
-fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle sterben,
-wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des
-Mondvolkes nur mehr er sein und diese alten Bücher,
-die zugleich mit den Menschen von dem fernen Planeten
-auf diese Welt geschleudert wurden.
-</p>
-
-<p>
-Als ich ihm einst sagte, er müsse fleißig sein und alles
-lernen, nicht nur das, was ihm gefällt, denn er würde in
-Zukunft der Erzieher des neuen Geschlechts sein, schaute
-er mich erstaunt an und fragte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-&mdash; Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du
-kannst doch alles ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde dann nicht mehr leben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wer wird dich töten?
-</p>
-
-<p>
-Tom verstand nicht, daß es einen natürlichen Tod gibt.
-Er sah die getöteten Tiere und tötete sie selbst, aber er
-sah noch nie ein sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann
-die Notwendigkeit des Todes zu erklären. Er hörte mir
-aufmerksam zu, dann unterbrach er mich plötzlich, indem
-er rief:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Also wird auch Peter sterben?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie
-schließlich du selbst ...
-</p>
-
-<p>
-Tom schüttelte den Kopf:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich
-davon?
-</p>
-
-<p>
-Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung
-und setzte ihm abermals auseinander, daß der Tod nicht
-von dem menschlichen Willen abhänge, aber Tom war
-nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas anderes.
-Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher
-sterben wie du, zuerst von uns allen, er soll bald sterben.
-Er ist doch vollständig unnötig. Dann würdest du allein
-mit uns und der Mutter bleiben und es wäre uns allen
-wohl ...
-</p>
-
-<p>
-Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod
-wünschen dürfe und um so weniger Peter, der doch der
-Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa sei. Er schaute
-finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-Schwestern? Du bist mir viel lieber als Peter und auch
-der Mutter ... Peter ist überflüssig.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens
-erbeben, und gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn
-das war ein Gedanke, der in letzter Zeit auch mir öfter
-durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht anklagen. Ich
-hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem
-freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten
-eines gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was
-ich gekämpft, was ich gelitten habe, das kann ich heute
-nicht mehr mit Worten schildern.
-</p>
-
-<p>
-Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und
-einzige auf dieser Welt, stets um mich, ich sah, daß sie
-unglücklich war und manchmal redete ich mir sogar ein,
-daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage, wo ich,
-auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche
-preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt,
-weil ich glaubte, es nicht länger ertragen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen,
-obwohl mir das Blut oft den Blick verschleierte
-und der Krampf meine Brust zusammenschnürte, ich habe
-es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen, die mich
-im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem
-Wahnsinn nahe brachten.
-</p>
-
-<p>
-An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um
-Martha ziehen sollten, dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend,
-daß ich mit der Zeit ruhiger würde und vergessen
-könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin, vergeblich
-irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete
-ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das
-künftige Geschlecht: Sie ist mir stets ebenso teuer wie
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-damals, dort im Polarlande, als ich nach langer, dank
-ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit ihr
-auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte,
-über gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge
-sprechend.
-</p>
-
-<p>
-Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig,
-aber mein Geist beginnt zu altern, ich fühle es; die
-Sehnsucht nach der Erde lastet auf meiner Seele und
-eine immer größere Trauer greift um sich in meinem
-Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke
-auch nur noch durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem
-Herzen will nicht älter und schwächer werden, im Gegenteil,
-sie wächst mit dem Alter, zugleich mit der mich immer
-mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich
-bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal versuche ich es, zu spötteln. Ich wiederhole
-mir brutal, daß ich Martha nur deswegen liebe, weil sie
-die einzige Frau auf dem Monde ist und nicht mir gehört;
-daß dieses erhabene Gefühl ein nur in dem Prisma des
-menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang
-ist, und viele, viele ähnliche Dinge; aber nachdem ich mir
-das alles zum hundertstenmal gesagt habe, suchen meine
-Augen unwillkürlich Martha und ich fühle, daß ich mich
-freudig ans Kreuz schlagen ließe, wenn ich dadurch ein
-einziges heiteres Lächeln auf ihre Lippen zaubern könnte.
-</p>
-
-<p>
-Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar
-auf einem anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten
-auch das Gefühl des Rechts. Ich weiß nicht, ob
-das auf den Folgen der Erziehung oder auf einer angeborenen
-geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, daß
-es in uns lebt und sich laut vernehmen läßt, sogar da,
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-wo es niemanden gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen
-könnte.
-</p>
-
-<p>
-Martha gehörte zu Peter. Ich war damit einverstanden
-gewesen, und dieser Gedanke, mag es sein wie es will,
-hielt mich von manchem zurück, was ich sonst vielleicht
-getan hätte. Ich bemühte mich, sie zu meiden, um meinen
-Verdacht vor mir selbst, daß ich mich ihr zu gefallen bemühte,
-zunichte zu machen. Übrigens suchte auch sie nicht
-meine Gesellschaft; ich bemerkte sogar, daß meine Gegenwart
-sie stets mit Unruhe erfüllte. Aber das alles hat
-sich seit der Geburt des jüngsten Mädchens geändert, da
-es nach dieser zum vollständigen Bruch zwischen Martha
-und Peter gekommen ist.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas
-vor Sonnenuntergang, saßen wir beisammen, was sehr
-selten vorkam, und schauten schweigend auf das weite
-Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten,
-die, leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen
-zu phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel
-des Otamor war vollständig blutig gefärbt, auf der schwarzen
-Rauchwolke, die über dem Krater hing, leuchteten ebenfalls
-dunkelrote Reflexe.
-</p>
-
-<p>
-Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung
-zu verändern, ohne uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo
-in weite Fernen starrten, begann sie zu sprechen, scheinbar
-ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging, daß
-ihre Stimme anfangs zitterte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich habe ein großes Verbrechen begangen, sagte sie,
-denn ich hielt meinem verstorbenen Manne die Treue nicht,
-und gern werde ich dafür büßen, Hunderttausende von
-Jahren in verschiedenen Verkörperungen ... Aber ihr wißt,
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-daß ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in
-dem er selbst wiedergeboren ist und für mich lebt. Ich
-habe niemals daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht
-und welche Absichten ihr hattet, geht mich nichts an; ich
-wollte, daß Tom Schwestern und einen Bruder bekommt,
-er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern,
-und ich denke, daß ich meine Pflicht erfüllt habe ...
-Eine schwere Pflicht, du weißt es, Peter. Du tust mir
-leid, denn du täuschtest dich, daß du mir etwas mehr sein
-könntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber jetzt
-hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurück zur Freiheit!
-Ich frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben
-willst: ich nehme sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein
-Weib ...
-</p>
-
-<p>
-Sie seufzte tief auf und verstummte.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren so überrascht, sowohl durch ihre Worte, wie
-auch durch die Art, wie sie sie hervorbrachte, daß wir eine
-Weile schweigend dasaßen, ohne eine Antwort finden zu
-können. Was sollte man ihr auch erwidern? Sie wartete
-ja nicht einmal darauf ... &bdquo;Ich nehme mir die Freiheit
-... Ich bin nicht mehr dein Weib&ldquo; ... Einen
-ungeheuren Eindruck haben diese Worte auf mich gemacht.
-Eine Zeitlang dröhnten sie mir in den Ohren wie die Losung
-eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas,
-das ich nicht einmal zu erträumen wagte, wie ... Nein,
-ich kann es nicht mehr schildern, was in meinem Innern
-vorging! Es schien mir, als wenn dieser eine Satz all das
-Traurige, das an mir vorübergegangen, verwischte und
-vernichtete; in der Brust empfand ich eine Fülle, ein Glücksgefühl;
-das Blut jagte mir durch die Adern und meine
-Pulse flogen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-Ich blickte auf Martha.
-</p>
-
-<p>
-Sie saß unbeweglich und still da, auf das Meer starrend,
-nur ein unsagbar trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen,
-als wenn sie weinen wollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich nehme mir die Freiheit&ldquo; ... so hatten diese Lippen
-vor kurzem gesprochen.
-</p>
-
-<p>
-Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten jetzt deutlich,
-daß sie diese Freiheit nicht als Flügel betrachtete, die zum
-Fluge bestimmt sind, sondern als einen Schleier, der das
-Recht der Ruhe bedeutet. Daß diese Freiheit für sie keine
-Dämmerung ist, die den Tag verkündet, vielmehr eine
-Dämmerung, die dem Ausruhen vorangeht.
-</p>
-
-<p>
-In ihren Augen erglänzten Tränen, und durch diese
-Tränen starrte sie unaufhörlich in die Ferne, auf das von
-der Sonne vergoldete Mondmeer.
-</p>
-
-<p>
-Das Herz schnürte sich mir in schmerzhaftem Krampf
-zusammen, denn ich begriff endlich, daß man sich von
-der Vergangenheit abwenden kann, aber daß es unmöglich
-ist, sie auszulöschen.
-</p>
-
-<p>
-Peter indessen sagte trocken:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mir ist alles einerlei.
-</p>
-
-<p>
-Und nach einer Weile fügte er hinzu:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was beabsichtigst du jetzt zu tun?
-</p>
-
-<p>
-Martha zuckte zusammen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nichts ... Noch ein wenig für Tom zu leben,
-für die Kinder. Und dann ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Für die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo.
-</p>
-
-<p>
-Vom Strande kamen gerade die beiden Mädchen gesprungen,
-lachend, strahlend, die Schürzchen voll gesammelter
-Steine, Muscheln und Bernstein. Sie riefen laut
-nach Tom, der auf dem nahen Bache Mühlen baute.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-Peter folgte ihnen langsam mit den Augen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Für die Kinder ... wiederholte er noch einmal und
-stützte den Kopf auf die Hände.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die
-Sonne berührte schon den Horizont, und die Welt begann
-sich aus dem Gold in Purpur zu färben. Ein leichter Wind
-trug uns vom Meer den scharfen Duft der Wasserpflanzen
-zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande zerschlagenden
-Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen
-der Kinder.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen
-Ton, wie ich ihn schon lange nicht mehr bei ihr gehört hatte,
-vergib, ich war vielleicht ... ungerecht ... vergib, aber
-ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann nicht ... Es
-tut mir leid, daß du durch mich ... ein solches Leben
-hattest ...
-</p>
-
-<p>
-Sie streckte ihm die Hand entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann
-auf ihre ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und
-brach plötzlich in ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem
-Wort, nach so viel Jahren, ha, ha, willst du Freiheit?
-Ein guter Gedanke. Vielleicht eine neue Wahl? Ha!
-ha! ha! &bdquo;Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er lachte wie toll und stieß verschiedene unverständliche
-Worte hervor. Dann brach er plötzlich ab, wandte sich
-um und schritt zum Hause.
-</p>
-
-<p>
-Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck
-des Widerwillens und der Demütigung in den Zügen,
-bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam verweigerten und
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-sie in ein lautes Weinen ausbrach &mdash; zum erstenmal seit
-damals, als sie Peters Weib wurde.
-</p>
-
-<p>
-Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrückter als
-gewöhnlich.
-</p>
-
-<p>
-Die lange, vierzehntägige Nacht verbrachten wir fast
-ohne miteinander zu sprechen. Am andern Tage nahm
-scheinbar alles seinen alten gewohnten Lauf. Wir machten
-uns sofort am Morgen an die üblichen Tagesbeschäftigungen,
-sprachen sogar zusammen wie früher, die &bdquo;Scheidung&ldquo;
-nicht erwähnend, die sich seit jenem Abend tatsächlich
-vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen
-Peter und Martha waren derart, daß wir alle ihren Bruch
-als eine Erleichterung empfanden. Ich bemerkte vor allem
-eine vorteilhafte Veränderung in Marthas Stimmung. Ich
-will nicht sagen, daß sie heiterer war, aber der Druck, der
-immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach
-freimütiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl
-er die herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so
-brutal von sich wies.
-</p>
-
-<p>
-Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich
-immer ein Rätsel bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Scheinbar hatte er alles gleichgültig hingenommen, und
-das widerwärtige Lachen an jenem Abend, als Martha
-den Bruch herbeiführte, war die einzige Äußerung seiner
-verborgenen Gefühle. Und dennoch, wie viel Leid, wie viel
-Demütigung und Schmerz mußte sich in der leidenschaftlichen
-Seele dieses Mannes angehäuft haben! Und welche
-Kraft des Willens gehörte dazu, um all das herunterzuwürgen
-und in sich zu verschließen! Denn er liebte sie
-trotz alledem &mdash; und liebt sie bis zu diesem Augenblick;
-in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag
-zu mir, als ich gerade von einem Ausflug auf das Meer
-zurückkehrte und das Boot an einem Pfahl am Strande
-festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab,
-als wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend
-die Worte nicht. Dann, als wenn er plötzlich
-einen Entschluß gefaßt hätte, packte er mich bei der Hand
-und sagte, mir scharf in die Augen sehend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir
-damals, als ich Martha nahm, gegeben hast ...
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte ihn erstaunt an und wußte noch nicht, wo
-er hinauswollte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du hast mir damals versprochen, daß du dich niemals
-darum bemühen willst, Martha für dich zu gewinnen
-&mdash; niemals! Erinnerst du dich?
-</p>
-
-<p>
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
-</p>
-
-<p>
-Peter lächelte bitter.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie
-du willst. Aber erst ... knalle mich nieder.
-</p>
-
-<p>
-Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher
-Leidenschaft, daß mich ein Schauer durchlief. Ich
-wollte ihm antworten, ihn beruhigen, aber er wartete
-es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich.
-</p>
-
-<p>
-Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten
-Kämpfe und Qualen. Martha gehörte in der Tat
-keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es ein
-zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken:
-ein Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch
-nach Ruhe sehnte, um der Erinnerung an den geliebten
-Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um ihren Sohn
-und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-war, daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches
-Unrecht gewesen wäre. Und dennoch gab es Augenblicke,
-wo ich meine ganze Energie aufbieten mußte, um
-Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte,
-und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige
-Versuchungen quälten mich vor allem dann, wenn ich
-glaubte, bei Martha eine wachsende Zuneigung für mich
-zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich
-wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im
-Kopfe, und ich sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten
-wir beide miteinander glücklich sein! Aber alsbald kam
-wieder die Ernüchterung. Martha ist mir, so dachte ich
-weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals zwischen
-sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig
-Geliebten getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer
-Gefühle verletzte, nie ihren Körper berührte noch ihre
-Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur jenem geweiht hat,
-der unter dem Sande des <em>Mare Frigoris</em> schläft, für
-mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert
-hätte ...
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ...
-</p>
-
-<p>
-Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel
-des Kraters Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause
-unter dem Schutze Toms, dem man sie schon anvertrauen
-konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus durch
-das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze
-Wälder mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten,
-gelangten wir auf eine abschüssige Ebene, die einer weiten
-Alm ähnlich und mit flach am Boden wachsendem, großblättrigen
-Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns der
-Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf,
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-wenn es möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen,
-um den großartigen Anblick zu genießen, der sich von
-der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen Gegend bieten
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte
-ziemlich steil in die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne,
-die zwischen den Felsen der erkalteten und verwitterten
-Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen Teile bis an
-die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem
-Monde ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen
-als auf der Erde, wo der menschliche Körper
-sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem war es keine geringe
-Mühe.
-</p>
-
-<p>
-Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir
-uns direkt unter der Wand des Kraters, aber jede weitere
-Ersteigung erwies sich als vollständig ausgeschlossen. Oben
-auf der Höhe taute der Schnee durch die heißen Dämpfe,
-die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen
-Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das
-herabtriefende Wasser gefror im Winde und bedeckte die
-Felsen mit einer glänzenden Eisdecke, auf der man sich
-nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der Unmöglichkeit
-eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten
-wir uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr
-auszuruhen und die Gegend anzusehen.
-</p>
-
-<p>
-Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns,
-hinter den schwarzen Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte
-sich das Meer in grenzenlose Fernen, alle Regenbogenfarben
-spielend und mit Inseln übersät, die kleinen schwarzen
-Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder
-buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-Osten, zeigten sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte
-Gipfel und Ringe kleinerer Krater, zwischen denen
-hie und da das blaue Band eines Baches glänzte. Zur
-Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine
-weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene,
-von einem in Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten,
-auf dem in der Ferne wie Perlen auf einer
-Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von
-grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten.
-</p>
-
-<p>
-Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen
-Anblick, als uns ein dumpfes unterirdisches Rollen
-aufschreckte. Die Dämpfe, die sich über dem Krater erhoben,
-wurden schwärzer und drängten sich zu einem mächtigen
-Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende
-Asche auf uns herniederzustäuben begann. Man mußte
-so schnell wie möglich umkehren, da anscheinend ein Vulkanausbruch
-in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht mehr,
-rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den
-halben Weg in jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter
-den Wäldern endete, zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem
-unterirdischen Dröhnen die Felsen erbebten; von
-allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis dahin
-schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf.
-</p>
-
-<p>
-Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den
-Augenblick erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen
-konnten. Der Himmel über uns war mit dichten
-Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen Höllenrachen;
-das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus,
-und die von Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte
-Luft würgte uns und benahm uns den Atem. Von oben
-fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den schmutzigen
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir
-mußten uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit
-Asche und Erde gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees
-ergoß, eiligst flüchten.
-</p>
-
-<p>
-Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen
-des Bodens, die wir fühlen konnten, mußten eine große
-Ausdehnung auch am Fuß der Berge annehmen, denn als
-der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und den
-Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor
-uns, und &mdash; wir sahen auf das stürmende, schäumende
-Meer.
-</p>
-
-<p>
-Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine
-Landzunge an der Stelle erhob, wo die Bergrinne nach
-unten mündend nach zwei Seiten auseinanderging, von
-oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt, verbrachten
-wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben
-schwebend. Martha zitterte für die Kinder. Tom war zwar
-mit dem Erdbeben bekannt, das oft und sehr gefahrvoll
-in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner Umsicht
-und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch
-mich quälte der Gedanke, daß, im Fall unseres Todes,
-auch die Kinder, sich selbst überlassen, dem unabwendbaren
-Tode verfallen wären. Peter war gleichgültig und ruhig,
-oder wenigstens stellte er sich so.
-</p>
-
-<p>
-Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind,
-der sich plötzlich vom Meere erhob, reinigte die Luft
-und trieb die dünner werdenden Rauchwolken langsam
-auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken
-hörte auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade
-zur weiteren Rückkehr aufbrechen, als uns ein seltsames
-Zischen und Sausen über uns von neuem beunruhigte.
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor
-um zu sehen, was das bedeute, aber kaum stand er
-auf dem vorspringenden Felsen, als er einen Schrei des
-Entsetzens ausstieß. Ein glühender Lavastrom stürzte dröhnend
-durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß Peter zu uns
-zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich
-ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging
-und fegte ihn vor unseren Augen fort, daß wir anfangs
-nicht wußten, was mit ihm geschehen war.
-</p>
-
-<p>
-Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen.
-Beide Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden
-Masse ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren
-Feuer- und Steinkaskaden in die Tiefe hinabwälzte.
-Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der
-Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava
-die Rückkehr abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen
-zwischen den Rinnen ausfüllen oder, was schlimmer wäre,
-unsern Steinwerder zermalmen und davontragen, wie die
-Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln davonträgt.
-Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter,
-den ich im ersten Augenblick für verloren hielt, nahm
-Martha, die vor Schreck ohnmächtig geworden war, auf die
-Schultern und begann mich so schnell wie möglich herabzulassen,
-an dem zerrissenen Kamm der zwischen den Bergrinnen
-emporragenden Kante einen Halt suchend.
-</p>
-
-<p>
-Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu
-denken! Die Felsen, an denen sich die höllische Flut brach,
-bebten unter meinen Füßen wie der Boden eines Schiffes,
-das mit voller Dampfkraft gegen den Wind fährt. Eine
-entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing
-ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-Bewegungen im höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles
-tun, um nicht auszugleiten, denn jeder falsche Schritt bedeutete
-den Tod.
-</p>
-
-<p>
-Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt,
-von dem heißen Rauch und dem Glanz der Lava geblendet,
-von einem gräßlichen Sausen betäubt und zerschlagen
-von den herabfallenden Steinen, mit Martha
-auf die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten
-hatten, kann ich heute nicht mehr sagen.
-</p>
-
-<p>
-Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo
-seitwärts durch die Wälder ab, die einen Moment aufrauchten,
-und hinterließ in der Mitte ein mächtiges freies
-Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr sich
-erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand
-schuf, der sich über tausend Meter unter uns erstreckte.
-</p>
-
-<p>
-Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung.
-Nachdem sie die Augen aufgeschlagen und sich überzeugt
-hatte, daß uns keine Gefahr mehr drohe, frug sie sofort
-nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei und
-wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden,
-noch ehe der Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände
-entgegen und sagte, wie damals im Polarlande, als ich
-sie nach der Überschwemmung gesucht hatte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mein Freund, mein lieber Freund ...
-</p>
-
-<p>
-In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches
-und Süßes, das meinen Körper erschauern machte und
-mir die Kehle wie im Krampf zusammenschnürte. Ich
-neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht verrieten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-&mdash; Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr,
-das Leben Toms, dem wir noch notwendig sind. Du bist
-gut ... flüsterte sie und preßte meinen Kopf an ihre
-Brust.
-</p>
-
-<p>
-Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr
-das Kleid unter dem Halse aufgerissen. Nun berührte
-ich mit der Stirn diese entblößte Brust, und gleichzeitig
-fühlte ich ihre Tränen mein Haar benetzen.
-</p>
-
-<p>
-Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses
-Weib, das noch so schön und so über alle Maßen begehrenswert
-war, vor mir; ich brauchte nur die Hand
-auszustrecken, sie an mich zu reißen, mit Küssen zu bedecken,
-in glühenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde
-mir schwarz vor den Augen, in den Ohren dröhnte und
-sauste es, meine Pulse flogen; ich fühlte die Wärme und
-Weichheit ihres Körpers, sein Duft berauschte mich und
-machte mich wahnsinnig ...
-</p>
-
-<p>
-Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen
-auf diesem Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als
-Leiche zwischen den Steinen ...
-</p>
-
-<p>
-Und übrigens, was geht mich Peter an, was geht mich
-die ganze Welt an, wenn nur sie ... Eine unaussprechliche
-Zärtlichkeit, ein unermeßliches Glücksgefühl überströmte
-mein ganzes Wesen.
-</p>
-
-<p>
-Nein!
-</p>
-
-<p>
-Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurück.
-Peter liegt vielleicht in diesem Augenblick irgendwo
-auf dem Felsen, blutig, halb tot und wartet auf Rettung,
-während ich ...
-</p>
-
-<p>
-Martha schaute mich an und &mdash; verstand.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete,
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-obwohl ich kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht,
-geh und suche Peter.
-</p>
-
-<p>
-Dann erhob sie sich und drückte mir die Hand.
-</p>
-
-<p>
-Ich fand Peter tatsächlich nicht weit von der Stelle,
-wo der Orkan ihn hinabgestoßen hatte. Er lag bewußtlos
-an einen spitzen Felsen gelehnt, der ihn vor dem Hinabsausen
-in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir
-trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mühen
-gelang es, ihm die Gesundheit wiederzugeben.
-</p>
-
-<p>
-Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen,
-und ich, an den Augenblick der Schwäche denkend, bemühe
-mich um so eifriger, mit meinem Willen stets über diesem
-Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die menschliche
-Seele ausmacht.
-</p>
-
-<p>
-Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und
-finster auf der Schwelle des Hauses und vielleicht, ich
-weiß es nicht, vielleicht tut es ihm leid, daß er auf den
-Abhängen des Otamor sein Leben damals nicht lassen
-durfte.
-</p>
-
-<p>
-Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch
-diese Kinder meiner nicht mehr bedürfen. Ich will mir
-ein Grab errichten &mdash; auf der Friedhofinsel.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-6">
-VI.
-</h3>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Nach sechs Tagen ...
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen
-Mondtagen niederschrieb und meine Augen trüben sich,
-nicht mehr von Tränen, denn die sind längst vertrocknet;
-nein, es ist, als wenn Entsetzen und Verzweiflung sie mir
-wie mit heißem Sande geblendet hätten. Nicht für mich
-habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-Weshalb ... weshalb!
-</p>
-
-<p>
-Eine ewig stumme, qualvolle Frage &mdash; ohne Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin allein geblieben.
-</p>
-
-<p>
-Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind.
-Ich bin der letzte Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen,
-die von der Erde gekommen sind. Die beiden
-andern, Martha und Peter, sind O&rsquo;Tamor, den Remogners,
-sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe.
-</p>
-
-<p>
-Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefürchtet
-und &mdash; am wenigsten erwartet habe.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn ich bedenke, daß das alles so schnell geschehen
-konnte! Sechs Mondtage, ein halbes irdisches Jahr!
-Wer hätte das damals geglaubt! Und zum drittenmal schon
-ist diese träge Sonne über diesem Meer aufgegangen, seit
-ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so
-grauenhaft allein, daß ich während der finstern Nächte
-aufspringe und herumlaufe und am Tage jedes Geräusch
-und die Schatten der sich im Winde wiegenden Pflanzenungeheuer
-fürchte.
-</p>
-
-<p>
-Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder können mir nicht
-nahe stehen. Das sind Wesen aus einer anderen Welt,
-in des Wortes wahrster Bedeutung.
-</p>
-
-<p>
-Was würde ich dafür geben, wenn auch nur für einen
-Augenblick, Martha oder Peter hier bei mir zu haben!
-</p>
-
-<p>
-Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, daß
-das so furchtbar enden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Ich bemerkte zwar schon lange, daß ihr Organismus erschöpft
-war von all dem, was sie durchgemacht hatte, daß
-Kummer und Trauer an ihrem Leben nagten, aber dieser
-Gedanke war doch so fern von mir, so fern!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-Am letzten Mondtage begann Martha zu kränkeln. Noch
-stiller und nachdenklicher wie gewöhnlich, verbrachte sie
-fast die ganze Zeit mit den Kindern am Meeresstrande.
-Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar die Mädchen, die
-sehr erstaunt waren über die so seltene Zärtlichkeit der
-Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um
-ihr zu sagen, daß sie nach Hause zu den Teichen zurückkehren
-müsse, da die Gewitter im Anzuge seien, lächelte
-sie mir zu und wiederholte einigemal:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren, es ist
-Zeit, zurückzukehren ...
-</p>
-
-<p>
-All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im
-Gedächtnis, stehen so klar vor meiner Seele, daß ich sie
-jetzt beim Schreiben vor Augen habe, jede ihrer Bewegungen
-sehe, ihre Stimme höre und es nicht fassen kann,
-daß sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen
-werde ...
-</p>
-
-<p>
-Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jüngste, Ada,
-bei der Hand und frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind
-schüttelte den Kopf:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, ich liebe ihn nicht.
-</p>
-
-<p>
-Martha wurde traurig.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weil Tom nicht gut ist. Tom will, daß ich ihm
-gehorche.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mußt Tom
-gehorchen und ihn lieben, denn du bist sein ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein. Ich gehöre nicht Tom. Lilli und Rosa gehören
-Tom. Ich bin mein.
-</p>
-
-<p>
-Ich lachte laut über diese Antwort des Kindes, aber
-Martha traten die Tränen in die Augen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-&mdash; Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich,
-flüsterte sie mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich.
-</p>
-
-<p>
-Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie
-ihn zu sich gerufen hatte, erzählte sie ihm vom Vater,
-vielleicht zum tausendstenmal, eine Unmenge Einzelheiten
-wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames Märchen
-bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten.
-Tomas war ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in
-den Erinnerungen Marthas wurde sein Bild göttlich, die
-Verkörperung von allem, was gut und groß und schön ist.
-</p>
-
-<p>
-Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut
-sein müsse. Das setzte mich in Erstaunen, denn solche Lehren
-hatte ich nie aus ihrem Munde gehört.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche
-zu klagen, über Schwindel und Schmerzen in den Gliedern.
-Gewöhnlich ertrug sie alle Unpäßlichkeiten schweigend,
-so daß wir nur aus ihren Zügen erraten konnten,
-wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre
-Lippen, noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe.
-Selbst wenn wir bemerkten, daß sie schlecht aussah und
-sie frugen, was ihr fehle, schüttelte sie den Kopf und
-sagte lächelnd:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber,
-ich werde noch nicht sterben, denn ich bin Tom noch notwendig.
-</p>
-
-<p>
-Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem
-Abend um so mehr. Ich sah sie forschend an und bemerkte
-erst jetzt, beim Lichte des erlöschenden Tages, daß
-Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre Augen
-schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-nichts von dem früheren Glanz verloren: All die vergossenen
-blutigen Tränen vermochten nicht den Strahl
-dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in einem
-ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener
-früheren sternenklaren Helligkeit!
-</p>
-
-<p>
-Als die Sonne untergegangen war, begann Martha,
-die sich niedergelegt hatte, mehr infolge der Schwäche
-als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu werden. Sie sprang
-vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte. Sie
-rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie
-sich, kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor
-dem Geiste des Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen
-stand, ihres Lebens wegen und klagte sich der Geburt
-dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer Liebe zu
-ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich
-glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich
-ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen
-den Töchtern gegenüber ihr als ein Tom und dem
-Toten zugefügtes Unrecht erschien.
-</p>
-
-<p>
-Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß
-mit Peter an ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor
-allem peinigte uns der Gedanke, daß wir keine Arzeneien
-hatten und dieser Krankheit gegenüber ganz ratlos waren.
-Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an
-und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen
-sei. Ich antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem
-Monde bereits begonnen habe.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung.
-Draußen ist es doch finster und hier brennen die
-Lichter ... Ich habe es nicht gleich bemerkt. Und dort
-auf dem <em>Mare Frigoris</em>, was ist jetzt dort?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-&mdash; Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt
-über Tomas&rsquo; Grab, nicht wahr? Und dieselbe Sonne
-über diesem Grabe wird hierher zu uns am Morgen
-kommen?
-</p>
-
-<p>
-Ich nickte schweigend.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und
-wenn ich daran denke, daß diese Sonne täglich, so viele
-Mondtage hindurch, auf das Grab schaute und dann auf
-mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem Grabe
-zurückkehrte, ihm zu erzählen, was sie hier gesehen hat!
-</p>
-
-<p>
-Sie bedeckte die Augen mit den Händen und begann
-am ganzen Körper zu zittern.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male.
-</p>
-
-<p>
-Peter ließ den Kopf sinken. Es schien mir, daß ich in
-seinem gelben, verdorrten Gesicht eine dunkle Röte aufsteigen
-sah, die sich bis in die gefurchte Stirne ergoß. Dies
-mußte auch Martha bemerkt haben, denn sie wandte sich
-zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ...
-Übrigens bist du nicht schuld daran, wie hättest du mich
-zwingen können, dein Weib zu werden, wenn ich es nicht
-selbst gewollt hätte ... für Tom ...
-</p>
-
-<p>
-Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile
-sagte sie leise:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich möchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar,
-in der Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort
-auf der Wüste zu suchen. Wenn hier der Tag beginnt,
-wird dort über dem <em>Mare Frigoris</em> die Erde leuchten.
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn
-ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, in den vollen Glanz
-der Sonne zu schauen ...
-</p>
-
-<p>
-Martha, was sprichst du? rief ich unwillkürlich.
-</p>
-
-<p>
-Sie sah mich an und antwortete kurz:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde sterben ...
-</p>
-
-<p>
-Gegen Mitternacht stieg eine würgende Angst, daß sie
-wirklich sterben könne, in mir auf. Eine Krankheit, für
-die wir nicht einmal einen Namen fanden, raffte sie dahin.
-Wir bemerkten nur einen außerordentlich schnellen Kräfteverfall,
-der im Verein mit dem stets wiederkehrenden
-Fieber nichts Gutes ankündigte.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens, was bedeuten alle ärztlichen Benennungen!
-Ich weiß nur zu gut, welch eine Krankheit das ist, ich
-kenne sie zur Genüge, sie heißt Leben! Sie weckt den
-Menschen aus dem Nichtbewußtsein, sie kost mit ihm und
-spielt und tändelt, und während des Spielens reißt sie
-und zerrt an ihm herum und drückt und überwindet und
-vernichtet ihn schließlich. Mit dieser Krankheit kommen
-wir alle zur Welt, und es gibt für sie kein Heilmittel als
-den Tod!
-</p>
-
-<p>
-Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager.
-Ich blickte auf seine finsteren, unbeweglichen Züge und
-dachte, trotz der tödlichen Angst, die mich erfaßt hatte,
-darüber nach, was für Gefühle sich unter dieser undurchdringlichen
-Maske verbergen könnten. Ich sollte es früh
-genug erfahren!
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die
-Dämmerung brachte ihr ein wenig Linderung.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte,
-mit blassen Lippen zu lächeln.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-Jetzt saß ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen
-Wachen übermüdet, gab schließlich meiner Überredung nach
-und legte sich in dem benachbarten Zimmer schlafen. Die
-Morgendämmerung drang durch die Scheiben von dickem
-Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten, herein,
-und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee
-lag auf den Feldern, wie immer, und als der Wind die
-Dämpfe, die sich stets über den Warmen Teichen erhoben,
-verweht hatte, sah man durch das Fenster eine große
-glitzernde Fläche.
-</p>
-
-<p>
-In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurückgeworfenen
-Schein des nahenden Tages, der mit dem
-gelben, ersterbenden Licht der Lampe kämpfte, schaute ich
-auf Martha und zweifelte nicht mehr, daß sie in kurzer
-Zeit für immer von uns gehen würde. Ihr Gesicht war
-lang und blaß; die einst so vollen verführerischen roten
-Lippen nahmen die blaß-bläuliche Farbe des Todes an.
-Unter den gesenkten, fast durchsichtigen Lidern sahen erlöschende
-und über alle Beschreibung traurige Augen
-hervor.
-</p>
-
-<p>
-Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und
-biß die Zähne zusammen, um nicht in lautes, unmännliches
-Weinen auszubrechen, das in meiner Brust zerrte wie ein
-Tier an der Kette.
-</p>
-
-<p>
-Indessen wurde es draußen immer heller. Die bis vor
-kurzem grauen Nebel glitten jetzt, vom Winde getrieben,
-an den Fenstern vorüber wie weiße Gespenster. Manchmal
-verdichtete sich ihr Schleier und verhüllte die Welt; dann
-dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten,
-die plötzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten
-und weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-weiße Felsstreifen und wolkenumhüllte, perlende Säulen
-der Geiser und weiter oben am Hintergrunde des hellblauen
-Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in den
-ersten Strahlen der Sonne rötlich färbte.
-</p>
-
-<p>
-Martha frug nach den Kindern; als sie hörte, daß sie
-noch schliefen, ließ sie sie jedoch nicht aufwecken.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mögen sie schlafen, flüsterte sie, ich werde sie noch
-sehen, bevor die Sonne aufgeht ... Indessen ist es
-gut, daß es so still ist.
-</p>
-
-<p>
-Dann wandte sie sich zu mir:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht
-wahr?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, antwortete ich mit tränenerstickter Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und du wirst sie niemals verlassen?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Schwörst du mir das?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ich schwöre es.
-</p>
-
-<p>
-Sie streckte die Hand nach mir aus:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du bist gut, mein Freund, flüsterte sie, nun kann
-ich ruhig sterben, weil ich weiß, daß du sie nicht verlassen
-wirst.
-</p>
-
-<p>
-Ich ergriff ihre Hand und preßte sie leidenschaftlich an
-die Lippen. Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie
-meine Hand drücken wollte. Eine so eisige Kälte entströmte
-ihnen, daß meine heißen Lippen sie nicht mehr erwärmen
-konnten.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch
-vor dem Tode sagen, daß du mir ... teuer warst. Ich
-machte mir darüber größere Vorwürfe, als daß ich Peters
-Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehört hätte,
-statt ihm, vielleicht wäre mein Leben auf dem Monde
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-in eine andere Bahn gelenkt, glücklicher und länger gewesen
-...
-</p>
-
-<p>
-Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlöschenden
-Stimme, in mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte
-weinend auf und ihre Hände sinnlos mit Küssen bedeckend,
-brachen aus meiner Brust von Tränen erstickte,
-unzusammenhängende Worte der Liebe hervor &mdash; der Liebe,
-die ich so lange verbergen und zurückhalten mußte und die
-jetzt mit Allgewalt überschäumte, gegenüber der Sterbenden.
-</p>
-
-<p>
-Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf
-mein Haupt.
-</p>
-
-<p>
-Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich weiß ... Weine
-nicht ... es ist so besser ... Du warst mir teuer durch
-deinen Edelmut, durch deine Liebe für Tom, ich weiß es
-selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem, vielleicht
-wäre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich
-und den Verstorbenen getreten wärst, der allein ein Recht
-auf mich hatte. Ruhig, weine nicht, du weißt es schon.
-Ich denke, daß Tomas es mir verzeihen wird, daß ich das
-für dich fühlte und es dir jetzt in der Todesstunde sage.
-</p>
-
-<p>
-Ich war maßlos unglücklich.
-</p>
-
-<p>
-Sie verstummte erschöpft, und ich, mein Gesicht an
-ihrer Brust verbergend, zitterte am ganzen Körper, von
-einem inneren Schluchzen geschüttelt.
-</p>
-
-<p>
-Martha versuchte abermals zu sprechen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich
-spreche ja heute das letztemal zu dir ... an jenem Mittag ...
-</p>
-
-<p>
-Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefühl der Scham
-ihre Stimme ersticken machte, aber ich wußte wohl, von
-welchem Mittag sie sprach!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die
-Lippen. Plötzlich rief sie, wie verzweifelt ausbrechend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Warum hast du Peter nicht getötet?
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick hörte ich ein unterdrücktes Stöhnen
-hinter mir. Ich wandte mich um; in der Tür stand, die
-Hand an die Pfosten gestützt, Peter, blaß wie eine Leiche,
-und blickte auf uns mit weit geöffneten Augen. Er mußte
-schon ziemlich lange dort stehen und hörte wahrscheinlich
-alles, was Martha zu mir sagte.
-</p>
-
-<p>
-Als er sah, daß ich ihn bemerkte, machte er schwankend
-einige Schritte nach vorn und stammelte etwas Unverständliches.
-</p>
-
-<p>
-Martha kehrte sich mit einem unterdrückten Schrei des
-Ekels zur Wand.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war
-unabsichtlich ... Ich wollte nicht ...
-</p>
-
-<p>
-Da ertönten im Nebenzimmer helle Stimmen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Die Kinder! rief Martha und streckte die Hände
-aus. Aber die Mädchen waren befangen und blieben in
-der Tür stehen, nur Tom stürzte zu ihr; sie nahm seinen
-Kopf in ihre zitternden Hände und drückte ihn an sich.
-</p>
-
-<p>
-Peter beobachtete sie und trat an mich heran:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung
-auf Martha, für alle Kinder zu sorgen ... für
-alle! In gleicher Weise ... Bevor ich, durch diese seltsamen
-Worte überrascht, antworten konnte, war er nicht
-mehr im Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Durch die am Fenster vorübergleitenden Nebel drang
-schon der erste Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben
-in Stücke leuchtenden Goldes und eilte in hellen
-Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphäre des Zimmers.
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-Martha lag regungslos, mit erlöschendem Blick
-in den Streifen des Sonnenlichts starrend, der immer
-tiefer herunterglitt an der Wand und sich wie ein herabsteigender
-Engel ihrem Bette näherte. Die Mädchen schlichen
-auf den Fußspitzen heran und schauten erstaunt auf die
-blassen, unbeweglichen Züge der Mutter.
-</p>
-
-<p>
-Mir war es schwül; im Munde fühlte ich eine trockene
-Bitterkeit. Dieser anbrechende Tag kam zu mir wie ein
-erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn, denn ich wußte, daß
-mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der Vergangenheit
-beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen
-dahin ...
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich schrie Tom:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Onkel, Onkel, ich ängstige mich! Mütterchen blickt
-so furchtbar!
-</p>
-
-<p>
-Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen
-fiel, erleuchtete Marthas Züge; die verglasten, erloschenen
-Augen starrten in die Sonne.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer würgenden,
-mir selbst fremden Stimme zu den Kindern, die
-sich erstaunt und verängstigt um das Lager drängten. Dann
-beugte ich mich über sie, um ihre Augenlider zu schließen.
-</p>
-
-<p>
-In demselben Moment ertönte ein Schuß.
-</p>
-
-<p>
-Ich stürzte zur Tür: Peter lag im benachbarten Zimmer
-am Boden, mit zerschmettertem Schädel, den rauchenden
-Revolver in der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Ich wankte wie ein Betrunkener.
-</p>
-
-<p>
-Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen
-den letzten Dienst erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in
-große, aus Pflanzenfasern gewebte und mit Harz getränkte
-Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot, das
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen
-neben mir und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren
-drängten sich um die Mutter. Tom, durch den Anblick
-des Todes betroffen und verschüchtert, saß schweigend zu
-Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den Händchen
-nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als
-wenn sie noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten,
-mit denen sie die Mädchen im Leben so spärlich
-bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen in dem Boote.
-Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch streichelnd,
-flüsterte sie leise:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Armes Väterchen, armes ...
-</p>
-
-<p>
-Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden.
-Die Sonne, die noch nicht hoch über dem Horizont
-stand, erleuchtete golden die mächtige, ruhige, kaum
-von einem leichten Winde in zarte Furchen gepflügte
-Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln
-auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt.
-Und niemals im Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose,
-grausame Ironie, die in der sich immer
-gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude
-wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig!
-Denn ich fuhr doch in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen
-Wesen, die mit mir auf diesen Globus gekommen
-waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten; ich
-fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich
-für mich gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein!
-Und trotzdem leuchtete die Sonne erhaben und herrlich,
-genau so wie damals, da ich als glückliches Kind auf
-jenem in diesem Augenblick so weit von mir entfernten
-Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken
-zum Grabe, das ich auf der Höhe in der schönsten Gegend
-der Insel erbaut habe. Die Leichen waren leicht, sechsmal
-so leicht als sie auf der Erde sein würden, und ich beugte
-mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein
-Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes
-zu Grabe!
-</p>
-
-<p>
-Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für
-mich bestimmt hatte. Für Peter errichtete ich eine andere
-Ruhestätte, etwas tiefer gelegen.
-</p>
-
-<p>
-Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn
-mich die Last der Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich
-die Versuchung, von diesem Globus fortzugehen, auf dem
-Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen sind:
-O&rsquo;Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und
-Martha; aber dann denke ich an den Schwur, den ich der
-Sterbenden geleistet habe, daß ich die Kinder nicht verlassen
-werde. Für sie muß ich leben. Ich bin jetzt zum
-Leben verurteilt, wie ich &mdash; so lange sie lebte, zur Liebe
-verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen
-sind mir zur Qual, zur namenlosen Qual geworden.
-</p>
-
-<p>
-Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich
-mit allen Kräften, stets an sie zu denken, beschäftige mich
-mit ihnen, lehre sie, nehme sie mit mir, schütze und pflege
-sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem lastet die geistige
-Vaterschaft des Mondgeschlechtes.
-</p>
-
-<p>
-Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück
-und spreche mit den Toten.
-</p>
-
-<p>
-Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen,
-oder die Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt,
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-denn die Wirklichkeit erscheint mir als Traum, und
-die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches Leben.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehne mich nach den Träumen. In ihnen wandle ich
-auf der Erde und küsse voll Rührung ihre Bäume und
-Blumen, sogar den Staub und die Steine, und es ist mir
-dann, als hätte mich niemals das wahnsinnige Verlangen
-nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des sternenbesäten
-Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen
-Kameraden. Voran geht der greise O&rsquo;Tamor und beschuldigt
-sich, er, der die Güte selbst war, daß er uns
-leichtsinnig auf diesen öden Globus, der wie eine Lampe
-für die Erde zwischen den Himmeln hängt, hinausgeführt
-hat. Dann sehe ich die Remogners. Sie beklagen sich,
-daß sie uns gefolgt sind und dadurch den Tod gefunden
-hätten. Woodbell erscheint blaß und fragt, was wir mit
-Martha getan haben. Ob sie glücklich mit uns war. Und
-Peter erzählt mir im Traum alles, was ich in den letzten
-Jahren seines Lebens aus seinen Augen gelesen habe: von
-seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu Martha, die ihn
-verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspäne, von dem
-furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick
-des Glücks gegeben hat! Wie er die langen Jahre
-hindurch nur Ekel, Widerwillen und Verachtung in dem
-angebeteten, so heiß begehrten Weibe erwecken konnte. Wie
-er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz hinunterwürgen
-mußte, wie sich die beleidigte Manneswürde in
-ihm aufbäumte. Er erzählt mir, was in jener letzten Nacht
-in seiner Seele vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht
-an ihrer Brust verborgen, sah, und später, als er den
-Revolver an die Schläfe setzte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-Diesen traurigen Geisterreigen beschließt Martha. Sie
-erscheint mir &mdash; still, mit einem schmerzlichen Lächeln auf
-den Lippen &mdash; und dankt mir, daß ich ein Mensch war, und
-manchmal will es mir wieder scheinen, als mache sie mir
-einen Vorwurf, daß ich es nicht war ... Mein ganzes
-Innere ist ein Abgrund von Leid und Trauer ...
-</p>
-
-<p>
-So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir
-nichts Frohes zu sagen haben, ist es mir doch heimatlich
-mit ihnen und heimlich und gut zumute, weil sie meinem
-Herzen nahe stehen.
-</p>
-
-<p>
-Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwächst,
-ist so anders. Es sind noch Kinder und dennoch fühle ich,
-daß sie schon jetzt eine besondere Welt für sich bilden, die
-mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd sein
-wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen,
-verschlossen ist.
-</p>
-
-<p>
-Und doch muß ich, der Bruder dieser sechs Gräber, die
-auf dem Monde verstreut liegen, mit denen leben, für die
-dieser Globus die Heimat ist &mdash; und wer weiß, wie lange
-noch ... wie lange ...
-</p>
-
-<p class="end">
-Ende des zweiten Teiles.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-4">
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-Dritter Teil
-</h2>
-
-<p class="ptit">
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-Das neue Geschlecht.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-1">
-I.
-</h3>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Im Polarlande.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm
-immer weniger nötig und immer trauriger ... Ich bin
-nach dem Polarland gegangen, um auf die Erde zu schauen
-und allein zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Seit unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> von unserer verlorenen
-Erde sind schon zweihundertneunzehn Mondtage verflossen
-und siebenundsechzig seit dem Tode Marthas und Peters.
-</p>
-
-<p>
-Ich wundere mich, daß ich nicht sterbe ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose
-Sehnsucht nach meiner Heimat, der Erde, quält mich immer
-mehr. Sie läßt mich sogar dieses Geschlecht vergessen,
-das mir von Martha in ihrer Todesstunde übergeben
-wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glücklich. Als
-ich fortging, erwachten Frühlingsgefühle der Liebe in mir!
-Zu wonnig und zu ... schmerzlich war es für mich, auf
-diesen Frühling zu schauen ...
-</p>
-
-<p>
-Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze
-Erde wie eine verkohlte Leiche über dem goldenen Regenbogen
-und Güsse und Überschwemmungen ...
-</p>
-
-<p>
-Seit unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> zweihundertsechsundzwanzig
-Mondtage.
-</p>
-
-<p>
-Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich
-werde zurückkehren müssen an das Meer und sehen, ob
-sie mich brauchen.
-</p>
-
-<p>
-Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtägiger
-Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder
-hat mich hingeführt.
-</p>
-
-<p>
-Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa.
-</p>
-
-<p>
-Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde
-degenerieren! Tom ist schon erwachsen, reicht mir aber
-nicht einmal bis an die Schulter. Ada, glaube ich, wird
-noch kleiner.
-</p>
-
-<p>
-Während meines Aufenthaltes am Meere war ein
-furchtbarer Ausbruch des Otamor, der größte von allen,
-an die ich mich erinnern kann. Die südliche Seite des Kraters
-ist ins Meer gesunken. Es war dies der zweihundertachtunddreißigste
-Mondtag seit unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> &mdash;
-vierzehn Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen.
-</p>
-
-<p>
-Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft.
-Ada habe ich mit mir genommen &mdash; sie war dort so verlassen.
-Sie bedarf jetzt meines Schutzes mehr als je. Es
-ist furchtbar, daß es mir noch immer nicht erlaubt ist, zu
-sterben!
-</p>
-
-<p>
-Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfünfzig Mondtage
-nach unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span>. Tom bemühte sich, mich
-zurückzuhalten, aber ich fühlte trotzdem, daß er froh war,
-als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht ungern
-meine Achtung seinen Frauen gegenüber. Es ist ihm auch
-lieb, daß Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht
-leiden, weil sie sich ihm nicht ergeben will, obwohl sie
-fast noch ein Kind ist.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Fahl und kühl ziehen die Stunden vorüber, wie dieses
-Licht der unsichtbaren Sonne auf dem Pol &mdash; eine lange,
-lange, unendliche Reihe von Stunden ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-Nur mit Mühe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht;
-ich spreche nicht viel und Ada ist immer schweigsam. Sie
-sitzt ganze Stunden auf dem grünen Moos und ihre traurigen
-Kinderaugen irren über die rosa beleuchteten Gipfel
-der Berge.
-</p>
-
-<p>
-Und ich? ...
-</p>
-
-<p>
-Seit langem habe ich aufgehört der Gegenwart zu leben
-und noch mehr der Zukunft. Ich sehe zurück und schaue
-unaufhörlich meinen Erinnerungen in die Augen. Eine
-trübselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer und
-traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eine lange Zeit ist vorübergegangen, seit ich die letzten
-Notizen niederschrieb. Ada wird größer und beginnt sich
-nach den Geschwistern zu sehnen. Ich merke ihr das an,
-obwohl sie selbst es nicht zugeben will.
-</p>
-
-<p>
-Auch ich denke, daß es trotz allem Zeit ist, an das
-Meer zurückzukehren. Ich werde älter, und wenn ich in
-dieser Einsamkeit sterben sollte, wäre Ada zum Tode verurteilt.
-Ihretwegen will ich zurückkehren, obwohl Gott
-weiß, wie gern ich hierbleiben und sterben möchte, auf die
-Erde schauend!
-</p>
-
-<p>
-Und ich fürchte fast, daß dieses Kind schon zu lange mit
-mir, dem Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat.
-Seltsam ist dieses Kind &mdash; und auch das ist seltsam, daß
-wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu nähern, gegenseitig
-immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit
-weit geöffneten Augen, und ich fühle, daß sie vieles denkt,
-worüber sie nicht zu mir spricht.
-</p>
-
-<p>
-Ich muß es mir selber eingestehen, so lange ich auch
-mit diesem Mädchen zusammen bin, es ist mir unmöglich,
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-mich an sie zu gewöhnen, im Gegenteil, sie reizt mich durch
-ihre Gegenwart. Allein möchte ich sein und ungestört über
-die Vergangenheit nachdenken ... über die Erde ...
-</p>
-
-<p>
-Und dennoch muß ich zurückkehren ... zu Tom, zu
-Toms Kindern, die mit Staunen und Furcht auf mich
-schauen werden, auf den alten Menschen, der einstmals
-von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit
-lebte. Ich muß zurück ... wir müssen zurück &mdash;
-Ada ...
-</p>
-
-<p>
-Es ist mir noch nicht vergönnt, zu sterben ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-2">
-II.
-</h3>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Am Meere bei den warmen Teichen.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>eit unserem <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> sind vierhundertzweiundneunzig
-Mondtage verflossen, das heißt, fast achtunddreißig
-Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts mehr
-auf diesen Blättern niedergeschrieben, heute nehme ich sie
-zur Hand, um den Tod Rosas zu notieren.
-</p>
-
-<p>
-Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld
-ihres Mannes und Bruders, meines geliebten einstigen Zöglings
-Tom, der sie im Zorn mit einem Stein erschlagen hat!
-</p>
-
-<p>
-Die zweite Frau Toms und seine älteren Kinder haben
-diese Tat schweigend hingenommen. Anscheinend glaubt
-er, das Recht zu haben, alle zu töten, die ihm nicht
-gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der Familie
-Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten.
-Ohne Worte, ohne einen Gefühlsausbruch, nur
-mit drohender Miene und erhobenen Händen ging das
-Mädchen auf ihn zu, und er wich ängstlich zurück, obwohl
-er sie mit einem Faustschlag hätte niederschmettern können,
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-weil er größer und stärker ist. Sie blieb zwei Schritte
-von ihm entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die
-Leiche der Frau zeigend, erhob sie die andere über seinem
-Haupte und rief:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Für das Blut dieser Frau verfluche ich dich im
-Namen des Alten Menschen!
-</p>
-
-<p>
-(&bdquo;Alter Mensch&ldquo; ist der Name, den dieses neue Geschlecht
-mir gegeben hat.)
-</p>
-
-<p>
-Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren
-Blick an und sagte zu Ada, indem er sich bemühte,
-seinen Worten einen harten, herrischen Klang zu geben:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr
-zu tun, was ich wollte ... sie zu ernähren oder zu töten.
-Warum war sie unfolgsam?
-</p>
-
-<p>
-Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen,
-denn ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht
-daran, daß Tom seine Frau mit der Absicht sie zu töten
-getroffen hat, haben mir plötzlich drei Dinge klar gemacht,
-über die ich mir bis jetzt keine genügende Rechenschaft gab.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe vor allem die Brutalität Toms und glaube,
-daß ich sie verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es
-nicht verstanden, seinen Charakter anders zu formen.
-Ferner hätte ich nicht einsame Jahre auf dem Pol verbringen
-und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal
-überlassen dürfen, und endlich versetzt mich Ada in
-Staunen. Ich sehe jetzt aus ihrem ganzen Auftreten und
-aus vielen Dingen, an die ich mich erst nachträglich erinnere,
-so manches, worauf ich nicht genügend achtgegeben
-habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder
-und seiner Familie. Es scheint mir, daß sie sich gegenseitig
-hassen, und trotzdem fürchten jene dieses Mädchen,
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-das jüngste aus dem ersten Geschlecht dieser Menschen.
-Sie hält sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie eine
-Priesterin, obwohl ich nicht weiß, ob dieses Wort ihr Verhältnis
-zu den andern richtig ausdrückt. Ada tut mir leid,
-denn sie ist einsam und wird, glaube ich, immer einsam
-bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie tut mir um so mehr
-leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr eigentlich
-sein müßte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in
-ihrer Beziehung zu mir liegt mehr eine abergläubische
-Verehrung als Liebe. Auch daran scheine ich selbst schuld
-zu sein ...
-</p>
-
-<p>
-Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil
-es mich am nächsten angeht: sie halten mich für ...
-Aber nein, vielleicht täusche ich mich nur! Was ist&rsquo;s, daß
-Ada Tom in <em>meinem Namen</em> verflucht hat? Ich
-bin doch der Älteste, also wahrscheinlich nur deswegen ...
-Und dennoch, wenn es so wäre? Sollte ich auch dieses ...
-Götzentum verschuldet haben?
-</p>
-
-<p>
-Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit
-dem sie mich belegten: &bdquo;Der Alte Mensch&ldquo; ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit
-Jahren unaufhörlich quält und es mit sich bringt, daß
-ich mich in dieser Welt immer fremder fühle ...
-</p>
-
-<p>
-Ich träumte, daß ich auf der Erde war.
-</p>
-
-<p>
-Aber heute war das ganz besonders seltsam.
-</p>
-
-<p>
-Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich
-über die Angelegenheiten des Staates, der Völker, des
-Fortschritts sprach. Man sagte mir, daß sich die Grenzen
-einiger Länder veränderten, seit der Zeit, da ich die Erde
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-verlassen habe, daß jetzt andere Rechte herrschen und vieles
-von dem früheren Glauben hinfällig wurde. All das
-hatte mich interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit
-die Erde mit eigenen Augen besichtigen, um mich zu
-überzeugen, wie es dort aussieht.
-</p>
-
-<p>
-Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir
-einst bekannte Gegenden und Städte. Es hatte sich tatsächlich
-vieles geändert. Wie ein Vogel durchflog ich die
-Länder und wunderte mich, daß an Stelle der alten Metropolen
-Trümmer waren, an Stelle blühender Fluren sah ich
-Wüsten und Brandstätten, und dort, wo sich einst Wüsten
-ausdehnten, traf ich Wasser an oder bestellte Felder und
-Wiesen, die neue Residenzstädte umgaben, in denen starkes
-Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um mir bekannte
-Häuser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach
-Dingen, die sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber
-niemand konnte mir darauf antworten. Man schüttelte
-nur die Köpfe und sagte: &bdquo;Wir wissen nichts davon&ldquo;,
-oder: &bdquo;Wir haben es vergessen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid,
-denn ich sah, daß diese Erde anders geworden ist und der
-nicht mehr ähnlich sah, die ich gekannt habe.
-</p>
-
-<p>
-Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur
-Jahre, sondern Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier
-gegangen bin; auf dem Monde ist es schwer, die langen,
-einander ähnlichen Tage zu zählen, ich habe ihrer wohl viele
-aus dem Gedächtnis verloren ... Ich komme auf die
-Erde, die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr
-kennt.
-</p>
-
-<p>
-Und plötzlich fühlte ich mich so namenlos unglücklich!
-Fremd auf dem Monde, auf dem ich mich nicht einleben
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-kann, und fremd auf der Erde, auf die ich durch irgendein
-Wunder zurückgekehrt bin &mdash; zu spät! Wo ist noch Raum
-für mich, wo werde ich Ruhe finden?
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte also weiter durch die Lüfte, eine grenzenlose
-Leere im Herzen &mdash; und nach dem kurzen Tage sank schon
-die Nacht hernieder. Die ersten Sterne erglänzten am
-Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang vorwärtsgetrieben,
-schon über der uferlosen Fläche des Ozeans
-befand. Unter mir wälzten sich die Fluten wie sich in
-Windungen schlängelnde Seeungeheuer mit glatter schillernder
-Haut. Und die goldenen Himmelslichter spiegelten
-sich in den durchsichtigen Wogen.
-</p>
-
-<p>
-Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich
-nichts geändert. Das Meer war unermeßlich wie früher
-und ebenso wild bewegt und veränderlich.
-</p>
-
-<p>
-Aber während ich noch darüber nachdachte, bemerkte ich,
-daß sich das Wasser seltsam zu dehnen begann und seine
-Fluten zu mir emporsandte. Jetzt erst sah ich auch, daß
-direkt über mir der Vollmond stand. Ich erschrak über
-die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Höhe und
-wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte;
-aber plötzlich fehlten mir die Kräfte. Ich fühlte,
-daß ich auf die sich immer höher hebenden Fluten hinabfiel;
-sie aber stiegen und stiegen, warfen mich nach oben,
-dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos
-langen Hälsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden
-höher und immer höher. In wahnsinnigem Entsetzen
-blickte ich nach dem Monde: Er wuchs vor meinen
-Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein;
-der ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem
-silbergrauen Schleier. Es schien mir, daß in seiner Scheibe
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-die sich herausneigenden Köpfchen der degenerierten Nachkommenschaft
-Marthas sichtbar wurden und ich ihr boshaftes
-Rufen hörte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Kehre zu uns zurück! Kehre zu uns zurück! Alter
-Mensch, du bist nicht von der Erde!
-</p>
-
-<p>
-Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen,
-auf der Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht
-mehr kennen wollte, alles das durchlief im Sturme meine
-Seele. Ich stieß einen gellenden Schrei aus und strengte
-meine ganzen Kräfte an, um gegen die mich in den Weltenraum
-schleudernden Fluten anzukämpfen. Ich griff mit
-den Händen nach dem Wasser, schlug mit den Füßen die
-Luft ...
-</p>
-
-<p>
-Vergebens! Ich fühlte plötzlich, daß die Erde statt
-unter meinen Füßen schon über meinem Haupte war und
-ich wieder auf den Mond zurückfalle ...
-</p>
-
-<p>
-Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit
-...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Seit unserm <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> fünfhundertundein Mondtag.
-</p>
-
-<p>
-Tom hat mit seinen beiden ältesten Söhnen zu Schiff
-die Fahrt nach dem Süden angetreten. Aus seinen Erzählungen
-schließe ich, daß sie fast bis zum Äquator vorgedrungen
-sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie furchtbare
-tropische Meeresstürme zurück. Und so mußten sie
-resultatlos umkehren.
-</p>
-
-<p>
-Tom redete nach der Rückkehr lange mit mir. Er sprach
-viel von seiner Mutter und von Rosa und bedauerte ihren
-Tod. Dann erzählte er mir von der Expedition und schilderte
-die Kämpfe und Mühen, die er zu bestehen hatte. Schließlich
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-verfiel er in Nachdenken und sagte, er fürchte, daß
-dies seine letzte Fahrt gewesen sei.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser
-junge Mensch, kaum halb so alt wie ich, ist schon ein
-Greis. Auf der Erde wäre er jetzt in der Blüte der Jahre.
-Hier werden die Menschen bedeutend früher reif und altern
-früher. Desto erstaunlicher ist es, daß ich lebe.
-</p>
-
-<p>
-Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und
-antwortete nach einer Weile des Zögerns:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, daß du der
-Alte Mensch bist.
-</p>
-
-<p>
-Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner
-Kindheit an kennst, was sagst du über mich?
-</p>
-
-<p>
-Tom konnte mir keine Antwort geben.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom.
-Er hinterließ zwölf Kinder, fünf von der verstorbenen
-Frau und sieben von Lilli. Ich habe ihn selbst auf der
-Friedhofinsel begraben neben den andern Gräbern. Dort
-ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jüngstes,
-dreizehntes Kind, das kurz nach der Geburt gestorben ist.
-</p>
-
-<p>
-Lilli ist verzweifelt über den Tod ihres Mannes. Es
-scheint mir, daß auch sie ihm bald folgen wird.
-</p>
-
-<p>
-Nur Ada ist still und gleichgültig.
-</p>
-
-<p>
-Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der älteste
-Sohn Rosas und Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis.
-</p>
-
-<p>
-Ada sagte mir heute mit tiefer Überzeugung, daß ich
-niemals sterben würde ... Ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig
-geworden ist und mit ihr dieses ganze Mondgeschlecht,
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-das auf sie hört und ihr scheinbar glaubt, oder bin ich
-wirklich eine seltsam unerhörte Ausnahme zwischen diesen
-Menschen? ...
-</p>
-
-<p>
-Denn in der Tat &mdash; woher lebe ich noch?
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Lilli ist gestorben.
-</p>
-
-<p>
-Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada.
-</p>
-
-<p>
-Seit unserm <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> fünfhundertsiebzehn Mondtage
-...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht
-etwas, das ich nicht verstehen kann und nicht verstehen
-will, nicht will! ... Dieses Völkchen kam während des
-Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich
-und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte,
-dieses Völkchen kam zu meiner Behausung mit
-Opfern, die wahnsinnige Priesterin Ada, der scheinbar der
-lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im Polarland
-die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem
-an Rosa begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte,
-bemerkte ich eine Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß
-sie wirklich geisteskrank ist. Aber ich bin der einzige, der
-das bemerkt! Die andern verehren sie und halten sie für
-geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, &mdash; es ist furchtbar,
-es auszusprechen! &mdash; beteten sie zu mir, daß ich die
-Stürme niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende
-Erde beruhigen sollte! Also sie halten mich wirklich
-für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich in dieser
-Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten
-Bibliothek und meiner Papiere gemacht, und
-plötzlich überkam mich der Wunsch, alles zu verbrennen
-&mdash; auch dieses Tagebuch.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere
-blieben zerstreut auf dem Boden liegen, und ich
-habe keine Lust, auch nur die Hand auszustrecken, um sie
-aufzuheben.
-</p>
-
-<p>
-Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie
-wahrscheinlich niemand mehr anrühren ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-3">
-III.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>o viele Tage, so viel unendlich lange Tage und
-Nächte ... Ich glaube, daß ich die Zeitrechnung verloren
-habe ... Es ist so schwer, die Tage zu zählen, die
-einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen
-meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im
-Laufe stehen bleibt, ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt.
-Nur mein Herz zeichnet mit seinem Pochen jeden kleinsten
-Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche Stunde
-es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen
-Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher
-Stunden vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu
-viel! zu viel! So ist es, du mein banges, einsames Herz!
-Zu viel dieser Stunden, zu viel der Sehnsucht, zu viel
-schon des Lebens ...
-</p>
-
-<p>
-Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich
-weiß es nicht. Dort auf der Erde müssen wohl zwanzig
-oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich die Gräber auf
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin bettete.
-Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich
-habe Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben,
-die noch Kinder waren, als ich mich bereits beugte unter
-der Last der Jahre. Um mich herum wachsen Urenkel
-derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese
-Welt kamen, und ich lebe noch immer.
-</p>
-
-<p>
-Das ist so erstaunlich, daß ich mein Wesen schon selbst
-nicht mehr begreife und fast fähig wäre, mit an diese unter
-dem Mondgeschlecht verbreitete Legende zu glauben, daß ich
-niemals sterben werde ...
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten,
-für immer verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche
-eines bekannten Naturforschers, daß der Tod eine unbegreifliche
-und zufällige Erscheinung sei, die sich nicht
-absolut aus den Bedingungen des Lebens ergeben muß.
-Die Angst schüttelt mich, wenn ich denke, daß er mich vielleicht
-vergessen hat und nicht kommen könnte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wenn ich recht zähle, sind schon fünfzig Jahre vorübergegangen,
-seit ich mit den verstorbenen Kameraden die
-Erde verlassen habe.
-</p>
-
-<p>
-Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich
-nur noch wenige; diejenigen, die in der Kindheit
-von den Wahnsinnigen, die auf den Mond gefahren
-sind, hörten, werden längst grau sein und die Namen
-jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon
-für tot und verloren hielt.
-</p>
-
-<p>
-Fünfzig Jahre! Wie vieles muß sich seit dieser Zeit
-auf der Erde geändert haben! Vielleicht würde ich mir
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-einst vertraute Gegenden nicht mehr erkennen. Auch mein
-Gedächtnis wird schwächer ... Es hat eine Unmenge
-Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen
-Stunden des Nachdenkens spiele, aber ich sehe, daß die
-Bilder der Erinnerung immer loser werden, einer Mosaik
-wertvoller, durch meine Sehnsucht glänzender Steine gleich,
-die schon zerbröckelt und auseinanderfällt.
-</p>
-
-<p>
-Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von
-neuem zusammen; die Steine, die ich im Lauf der langen
-Jahre verloren habe, ergänze ich durch irgendein trauriges
-Traumgebilde, und wiederum verändere ich die Bilder
-und spiele im Alter mit diesen Schätzen der Erinnerung
-wie ein Kind mit einem Kaleidoskop.
-</p>
-
-<p>
-Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen,
-wenn ich durch meine Tränen auf sie blicke!
-</p>
-
-<p>
-Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde!
-Nur einmal noch Menschen sehen, wirkliche, mir ähnliche
-Menschen! Gott, wenn ich das Rauschen der Wälder
-hören könnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die
-im Winde flatternden Blätter der Birke sehen, das Gras
-auf den Wiesen, den Duft irdischer Pflanzen und Blumen
-einatmen, dem Gesang der Vögel lauschen, wenn ich nur
-ein einziges Mal noch die grünen Fluren im Frühling
-oder im Sommer die goldene Ährenflut sehen dürfte!
-</p>
-
-<p>
-Ja, vieles muß sich auf der Erde geändert haben, aber
-die Menschen sind dieselben geblieben und auch die Bäume,
-die Blumen und die Vögel!
-</p>
-
-<p>
-Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen,
-daß die menschliche Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken
-in den Welten herumwandern könne, auf Sternen
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der
-auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an
-die Reisen im sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte
-ich nur noch auf der Erde sein, ewig, ewig auf der Erde!
-Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß die
-Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren
-kannte, dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt
-noch Menschen sind und Wälder und singende Vögel, daß
-es dort blühende Fluren und duftende Blumen gibt! Das
-genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die
-Freiheit erlangt hat.
-</p>
-
-<p>
-Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört!
-Und ich erinnere mich an wonnige Maienmorgen, die ganz
-von Vogelgesang erfüllt waren ... Die Dämmerung beginnt,
-der Himmel verblaßt, dann färbt er sich allmählich
-im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille!
-Nur das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden
-großen Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich
-das erste kurze, abgebrochene Gezwitscher; das zweite von
-einer anderen Seite, das dritte, vierte ... Noch eine
-kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume
-und Sträucher erwacht und lebendig geworden wären:
-rings umher ein Pfeifen, Singen, Schlagen, Jubilieren!
-Zunächst kann man die einzelnen Laute noch gar nicht
-unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus
-dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher
-die Meisen, die Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen
-erheben. Hoch oben die Lerche, die in den Lüften
-schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt die Nachtigall.
-Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen
-und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-erhellt, der Himmel wird röter und röter, bis endlich die
-goldene Sonne am Firmament emporsteigt ...
-</p>
-
-<p>
-Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man
-könnte fast glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine
-süßen Stimmen sie rufen. Die mehrstündige graue Dämmerung,
-während der die Gegend in Frost und Schnee
-erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ...
-Hier erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die
-in eine grauenhafte Stille gehüllt ist. Nur der Mensch,
-der von einem fernen Gestirn gekommen, unterbricht die
-bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein Kind, das
-erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in
-der Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer
-verjagt hat, um vor der Kälte Schutz zu suchen. Still ist
-es, still, während des ganzen langen, unendlich langen
-Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer, das um
-die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans,
-sonst nichts, nichts ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor
-der Seele! Ich durchwühle die vergilbten Blätter des
-Tagebuches, und wenn ich für eine Minute die Augen
-schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des Wagens
-höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt,
-daß ich diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die
-in seiner Dunkelheit leuchtende Erde. Die mächtigen Berge,
-die sich im Schatten im tiefsten Schwarz der Kohle malen
-und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen den
-verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere
-Sichel bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben
-spielen. Und dann tauchen die ersten Jahre, die ich hier
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-am Meeresstrande verlebte, vor meiner Erinnerung auf.
-Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich Martha, traurig
-und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute
-schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber
-sie scheint sich nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl
-sie das, was sie durch mich von ihnen gehört hat,
-mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen Geschlecht
-erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute
-ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese
-Zwerge verehren sie fast ebenso wie mich, nur mit dem
-Unterschied, daß sie mich auch noch fürchten, obwohl ich,
-Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn ich habe
-ihnen niemals etwas zuleide getan.
-</p>
-
-<p>
-Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie
-mit mir gleichen Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar
-den Eindruck von seltsam einfältigen Tieren auf mich.
-Schon das erste hier geborene Geschlecht war von uns,
-den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom
-und seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben
-mir wie Kinder aus. Ihre Größe wie ihre Kräfte haben
-sich schon den Bedingungen dieser Welt angepaßt: ihren
-kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge.
-Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer
-Riese. Die Enkel Marthas, schon erwachsene Menschen,
-die hier erstaunlich früh reifen, reichen mir kaum bis zu
-den Hüften und beugen sich unter der Last von Gegenständen,
-die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz
-des überaus zarten Körpers sind sie jedoch von robuster
-Gesundheit und gegen Hitze und Kälte abgehärtet.
-</p>
-
-<p>
-Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil,
-aber wenn es nottut, arbeiten sie auch bei der empfindlichsten
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-Kälte mit einer Ausdauer, die meine Bewunderung
-erregt.
-</p>
-
-<p>
-Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben.
-Die armseligen Brocken der Zivilisation, die
-wir von der Erde mit hierhergebracht haben, was ist aus
-ihnen geworden? Ich blicke um mich und habe den Eindruck,
-mich unter Wesen zu befinden, die auf die Bezeichnung
-&bdquo;Mensch&ldquo; kaum einen Anspruch mehr haben. Sie
-können lesen und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und
-Fallen stellen und Kleider nähen; sie bedienen sich des
-Feuers, wissen sogar mit der Verwendung verschiedener
-Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich
-reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer
-und englischer Bücher, aber untereinander reden
-sie ein erbärmliches Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen,
-englischen, malabarischen und portugiesischen Worten
-zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln fließen
-die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß
-sie sie nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen,
-dabei mit den Händen gestikulierend und Grimassen schneidend,
-wie Wilde irgendwo im Innern Afrikas oder auf
-den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ...
-</p>
-
-<p>
-Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich
-auf diese dritte Generation der von der Erde hierhergekommenen
-Menschen blicke! Und diese Trauer wird dadurch
-um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des
-eigenen Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen
-armen Halbmenschen gegenüber nicht erwehren kann und
-mich gleichzeitig als Mitschuldiger an dem hier begangenen
-Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben tatsächlich
-verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet,
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine
-Entwicklung nicht geeigneten Globus fortzupflanzen. Die
-Natur ist ebenso unerbittlich da, wo sie im Triumphzuge
-vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens erfüllend,
-immer neue und immer höhere Formen schafft,
-wie auch dort, wo sie beleidigt zurückweicht und das widerruft
-und verneint, was sie geschaffen hat. Vergeblich habe
-ich mit ihr gerungen, vergebens versucht, dieses Mondgeschlecht
-auf der geistigen Höhe zu erhalten, die die Menschen
-auf der Erde erklommen haben. Das einzige und
-unerwartete Resultat all meiner Bemühungen ist diese
-mit heiliger Furcht vermischte Verehrung, die sie mir entgegenbringen.
-Ich bin für sie nicht nur ein Riese, sondern
-ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht wissen,
-und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind.
-</p>
-
-<p>
-Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem,
-daß im Norden ein Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht,
-daß sich eine grenzenlose Wüste dort erstreckt und
-über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern leuchtet,
-von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das
-nicht genug, um die Köpfe dieser armen Degenerierten
-zu verwirren? Sie waren niemals dort und haben die
-leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im
-Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr
-mit angehaltenem Atem zu und blicken ängstlich auf mich,
-auf meine im Verhältnis zu ihnen riesenhafte Gestalt.
-</p>
-
-<p>
-Und so bin ich vereinsamt unter ihnen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden
-hintereinander schlafen wie diese Mondleutchen, und bin
-nun allein mit meinen trüben Gedanken.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst
-mit Martha und Peter erbaut habe; am Tage schleichen
-diese Zwerge um den Teich herum und schauen mir neugierig
-zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit kennen,
-wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur
-Ada erscheint regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten, bringt
-mir meine Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn
-sie mich zu Hause antrifft, stellt sie mir immer dieselben
-gleichgültigen Fragen; dann sitzt sie noch einige Stunden
-schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich wieder
-meinen Gedanken überlassend.
-</p>
-
-<p>
-Es scheint, daß sie diese Besuche als eine Art Pflicht
-mir gegenüber und gewissermaßen als Zeremonie, die dem
-&bdquo;Alten Menschen&ldquo; gebührt, auffaßt.
-</p>
-
-<p>
-Diese Frau, die scheinbar vollständig klar und bei
-Sinnen ist, lebt in einem seltsamen Wahn. Sie hält mich
-für ein übermenschliches Wesen, das diese Mondwelt beherrscht,
-und bildet sich ein, meine Priesterin und die Prophetin
-dieses Volkes zu sein, das unerschütterlich an sie
-glaubt.
-</p>
-
-<p>
-Sie verkündet den Kindern Toms eine neue phantastische
-Religion, die sich aus der Heiligen Schrift, meinen
-Erzählungen von der Erde und unserer Ankunft hier zusammensetzt.
-Anfangs versuchte ich, auf alle erdenkliche Art
-der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt ich
-selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich überzeugte mich
-schließlich, daß ich in dieser Beziehung vollständig machtlos
-bin. Ich setzte Ada lang und breit auseinander, daß
-ich genau derselbe Mensch sei wie all die andern auf dem
-Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an die sie
-sich ja noch erinnern müsse. Ich versuchte ihr klar zu
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-machen, daß meine der späteren Generation überlegene
-Kraft und Körpergröße nur darin ihren Grund haben,
-daß ich auf einem anderen, größeren Planeten, nämlich
-auf der Erde geboren bin. Sie hörte aufmerksam und
-schweigend zu, und als ich endlich ungeduldig wurde,
-flüsterte sie, mich mit einem flüchtigen Lächeln streifend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde
-hierher gelangen und meine Eltern hierher bringen, was
-kein anderer gekonnt hätte? Woher weißt du, was kein
-anderer weiß? Und vor allem, warum stirbst du nicht
-wie die andern?
-</p>
-
-<p>
-Ich schalt sie und verbot ihr ein für allemal, derartige
-Märchen von mir zu verbreiten, aber alles war vergebens.
-Einige Stunden später hörte ich, wie sie zu Jan, der jetzt
-der Mondpatriarch ist, und der gerade zu mir gehen wollte,
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will
-nicht, daß man wisse, daß er ... ein Alter Mensch ist.
-</p>
-
-<p>
-Jan wurde traurig.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte
-ihn gerade bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben,
-den ich mit meinen Söhnen zusammen nicht von der
-Stelle bringen kann.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Man muß ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada.
-Bringt nur viel Schnecken, Salat und Bernstein, das
-werde ich ihm geben. Und vor allem, &mdash; hier legte sie
-den Finger an den Mund &mdash; sprecht nichts vor ihm!
-Wehe! Denn er will es nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich trat aus der Ecke, von der aus ich der ganzen Unterredung
-zuhörte, hervor, machte Ada abermals Vorwürfe
-und begab mich zu Jans Haus, um ihm den Dienst zu
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-erweisen, von dem er gesprochen hatte. Beim Fortgehen
-hörte ich noch, wie Ada dem bekümmerten &bdquo;Patriarchen&ldquo;
-zuflüsterte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Siehst du, er hört und weiß alles!
-</p>
-
-<p>
-Wie ist in Adas Gehirn dieser Wahnsinn entstanden?
-Ich weiß es nicht, bin aber fest überzeugt, daß er den
-Inhalt ihres ganzen Wesens bildet und der Grund des
-großen Ansehens ist, das sie unter dem Mondvolke genießt.
-Rosa und Lilli fürchteten sie, so lange sie lebten, ja sogar
-Tom, der ihr gegenüber nicht immer zum Nachgeben geneigt
-war, zitterte vor ihr. Heute würden seine Kinder
-es nicht wagen, sich irgendeinem ihrer Befehle zu widersetzen.
-Mich empört es, daß sie diese Verwirrung in den
-armen Köpfen der bedauernswerten Zwerge anrichtet und
-gleichzeitig empfinde ich das innigste Mitleid mit ihr, denn
-ich fühle, daß sie in ihrem Irrsinn lichte Momente hat,
-während deren sie sich anscheinend klar darüber ist, daß
-sie in Hirngespinsten lebt, und dadurch entsetzlich leidet ...
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnere mich an einen Vorfall, der mir das so recht
-zum Bewußtsein brachte: Es war bereits nach Mitternacht,
-als Ada zu mir kam. Ich staunte über ihren Besuch
-zu so ungewöhnlicher Zeit, vor allem der empfindlichen
-Kälte wegen, während der man das Haus des Nachts
-nicht gut verlassen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Sie traf mich über ein Buch geneigt und da sie mich nicht
-zu unterbrechen wagte, setzte sie sich still auf eine Bank in
-der Ecke des Zimmers. Ich sah, daß sie mit mir sprechen
-wollte, aber ich tat absichtlich, als wenn ich sie nicht bemerkte.
-Ada saß eine Zeitlang schweigend da, bis sie sich
-mir endlich näherte und leise, ganz leise meine Schulter
-mit der Hand berührte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-&mdash; Herr ...
-</p>
-
-<p>
-Ich wandte mich schnell zu ihr; so hatte sie mich noch
-niemals angeredet. Sie nannte mich immer nur &bdquo;Alter
-Mensch&ldquo;, und als ich jetzt das Wort Herr hörte, stiegen
-geteilte Empfindungen in mir auf. Halb war es Freude
-darüber, daß jemand in altgewohnter menschlicher Weise
-zu mir sprach, und andererseits empörte mich wiederum
-diese Anrede.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Herr ... kam es von neuem von Adas Lippen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was willst du, Kind? fragte ich so sanft ich nur
-konnte. Ich mußte diese Frage einige Male wiederholen,
-bis sie mir endlich antwortete.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich wollte fragen, ich wollte wissen ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Herr, ich weiß nichts! rief sie plötzlich mit einer
-Verzweiflung in der Stimme und in den auf mich
-starrenden Augen, daß ich die Vorwürfe, die ich ihr abermals
-wegen ihrer dem Mondvolk erteilten falschen Lehren
-machen wollte, gewaltsam zurückdrängte. Sie indessen
-fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß absolut nichts ... und ich wollte dich
-bitten, daß du mir endlich sagen mögest, was das alles
-bedeutet; wer du eigentlich bist und was wir sind? Ich
-sehe dich unter uns, einsam und alt, stark und groß,
-aber ich glaube, soweit ich mich noch an meine Eltern erinnere,
-daß sie ebenfalls anders waren als wir heute, dir
-ähnlich ....
-</p>
-
-<p>
-Sie verstummte, und nach einer Weile wiederholte sie,
-mir in die Augen schauend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sage, wer du bist und was wir sind?
-</p>
-
-<p>
-Und in meiner Brust drängten sich die widerstreitendsten
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-Gefühle. Es schien mir zwar, daß ich ihr auf diese
-Frage schon oft und vor langer Zeit geantwortet habe, aber
-trotzdem gärte in mir ein Verlangen, zu sprechen, menschlich
-zu sprechen zu diesem Weibe, das endlich einmal
-menschlich denkend und fühlend vor mir stand. Eine tiefe
-Rührung kam über mich; mein Herz wurde weich, und
-Tränen traten mir in die Augen und schnürten mir die
-Kehle zu, daß ich zunächst keinen Laut hervorbringen
-konnte. Nach einer Weile wiederholte ich ihre Worte wie
-ein Echo:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wer ich bin! ...
-</p>
-
-<p>
-Es schien mir, daß ich es eigentlich selbst nicht mehr
-recht wußte ... Und Ada fragte abermals:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, wer du bist, Herr ... Wir nennen dich alle
-der &bdquo;Alte Mensch&ldquo;, aber ich dachte heute lange nach ...
-und bin zu dir gekommen, dich anzuflehen, sage mir die
-Wahrheit, ob du wirklich der Alte Mensch bist?
-</p>
-
-<p>
-Diesen meinen Namen, den sie selbst hier verbreitet hatte,
-sprach sie jetzt mit einer abergläubischen Furcht aus und
-dämpfte dabei geheimnisvoll ihre Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich will wissen, sagte sie weiter, ob du wirklich von
-<em>dort</em>, von jener Erde, die ich gesehen habe, hierhergekommen
-bist und du alles tun kannst, was du willst.
-Und ob du niemals sterben wirst und wir, wenn du uns,
-auf die Erde zurückkehrend, verläßt, der Vernichtung anheimfallen,
-so wie wir es denken?
-</p>
-
-<p>
-Sie sagte das alles fast in einem Atemzug, und ihre
-glänzenden, unruhig flackernden Augen starrten auf mich.
-</p>
-
-<p>
-Und was sollte ich ihr antworten? Vor einem Augenblick
-noch wollte ich ihr mein ganzes Innere enthüllen, noch
-einmal so recht von Herzen sprechen, ihr alles sagen, was
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-ich schon so oft gesagt hatte, und von der Erde reden, von
-unserer Ankunft hier, von meinen verstorbenen Kameraden,
-aber als ich ihre Worte hörte, stieg plötzlich die Überzeugung
-in mir auf, daß alles vergeblich sein würde. Sie
-will nun einmal in dem Glauben bestärkt sein, daß ich der
-&bdquo;Alte Mensch&ldquo; sei, das heißt, nach ihren Begriffen ein
-übernatürliches Wesen.
-</p>
-
-<p>
-Ich suchte und konnte lange keine Worte finden.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Warum fragst du mich, sagte ich endlich. Ich habe
-es dir doch schon so oft erklärt.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja ... aber ich möchte, daß du mir ... die
-Wahrheit sagst!
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnerte mich, daß vor vielen, vielen Jahren der
-kleine Tom ähnlich zu mir gesprochen hatte, als ich ihm
-die Erde zeigte und erzählte, daß ich von dort gekommen
-wäre. &bdquo;Onkel, sage mir jetzt die Wahrheit!&ldquo; hatte er
-mir damals geantwortet.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sage mir, drängte Ada weiter, sage, ob es wahr
-ist, daß du mit meinen Eltern von jenem mächtigen Stern
-gekommen bist, den du Erde nennst.
-</p>
-
-<p>
-Sie faßte mich bei der Hand und starrte mich mit flammenden
-Augen an. Niemals hatte ich sie so gesehen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sage es mir! rief sie, denn ich wiederhole es diesen
-Leuten und sie glauben an dich!
-</p>
-
-<p>
-Die letzten Worte stieß sie wie einen Angstschrei hervor,
-der mich geradezu entsetzte. Ich hätte niemals gedacht,
-daß in diesem stillen, halb geisteskranken alternden
-Mädchen noch derartige Seelenkämpfe toben und
-ein so heißes Gefühl flammen kann. &bdquo;Sie glauben an
-dich!&ldquo; Darin faßte sie in diesem Augenblick die ganze
-Tragödie ihres Lebens zusammen. Sie hat dem Mondvolke
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-einen neuen phantastischen Glauben geschaffen, und
-jetzt, da sich in ihr plötzlich der Zweifel an dem regte,
-was sie selbst verkündete, kam sie zu mir, um aus meinem
-Munde die Bestätigung ihrer Lehre zu hören. &bdquo;Und sie
-glauben an dich!&ldquo; In diesem Schrei lag etwas wie eine
-Klage darüber, daß diese Menschen so arm und so elend
-mir gegenüber sind, und zugleich auch die flehentliche Bitte,
-ihnen nicht das Höchste, ihren Glauben, zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte sie lange an und es schien mir, daß in ihren
-Augen Tränen glänzten.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ada, willst du daran glauben, was ich dir jetzt
-sagen werde?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich will glauben, ich will glauben!
-</p>
-
-<p>
-Ich zögerte einen Augenblick: Sollte ich vielleicht die
-irdische Herkunft verleugnen? Wenn ich in ihnen den
-Glauben erweckte, daß ich auf dem Monde geboren bin
-wie sie, würden sie am Ende aufhören, mich für ein
-höheres Wesen zu halten? Aber plötzlich erschien es mir
-als etwas so Ungeheuerliches, die Erde zu verleugnen, daß
-mir bei dem bloßen Gedanken daran der Schweiß auf die
-Stirne trat. Mag kommen was will; ich beschloß, Ada
-auseinanderzusetzen, daß ich zwar ein alter Mensch bin,
-aber durchaus nicht &bdquo;<em>der</em> Alte Mensch&ldquo;, wie sie es verstehen,
-und daß sie das endlich begreifen müßten, wenn
-ihnen auch der Verlust ihres Glaubens oder besser des
-unter ihnen verbreiteten Aberglaubens schmerzlich wäre.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich bin in der Tat von der Erde hierhergekommen,
-begann ich, aber Ada ließ mich nicht zu Ende sprechen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Also das ist wahr, rief sie, das ist wahr?
-</p>
-
-<p>
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe. In diesem Augenblick
-warf Ada sich mir zu Füßen und umschlang meine Knie.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-&mdash; Ich danke dir, Alter Mensch, und bitte dich, mir
-zu verzeihen, daß ich es wagte ... jetzt weiß ich, daß
-du der Alte Mensch bist!
-</p>
-
-<p>
-Ich sah sie erstaunt an. In ihren Augen, die eben noch
-klar und verständig auf mir geruht hatten, brannte jetzt
-wieder dieses unheimliche Feuer; ihre Hände zitterten,
-und ihre Wangen bedeckten rote Fieberflecke.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich danke dir, Alter Mensch, wiederholte sie, ich
-werde gehen und es dem Volk verkünden ...
-</p>
-
-<p>
-Ehe ich mich noch von dem Erstaunen über diese unerwarteten
-Worte Adas erholen konnte, war sie verschwunden.
-Es blieb mir keine Zeit, sie zurückzuhalten oder
-zu rufen.
-</p>
-
-<p>
-Diese Frau ist zweifellos wahnsinnig, und ich wundere
-mich nur, daß die Nachkommenschaft Toms ihren Worten
-so bedingungslos glaubt; ich wundere mich, daß all diese
-Märchen einen so ergiebigen Boden bei diesen Degenerierten
-gefunden haben.
-</p>
-
-<p>
-Ich denke oft darüber nach, wie das alles gekommen
-ist. Ich bin wohl auch zum Teil selbst daran schuld: Ich
-hatte mich zu sehr von dem neuen Mondgeschlechte zurückgezogen,
-und als ich bemerkte, daß es meine Person mit
-einer Legende umgab, hielt ich das zuerst für eine Kinderei
-und bemühte mich nicht genügend, sie im Keim zu ersticken.
-Als ich endlich die Tragweite zu ermessen begann
-und dagegen auftreten wollte, war es zu spät.
-</p>
-
-<p>
-Schon zu Toms Lebzeiten bemerkte ich, daß unter seinen
-Kindern phantastische Gerüchte über mich herumgingen.
-Aus zufällig gehörten Worten entnahm ich, daß sie mein
-Wissen und meine im Verhältnis zu ihnen ungewöhnliche
-Kraft für etwas Übernatürliches hielten. Ich galt in ihren
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-Augen zum wenigsten für einen mächtigen Gaukler. Tom
-hat zwar diese Ansicht nicht verbreitet, ihr aber, soviel ich
-weiß, auch nicht widersprochen.
-</p>
-
-<p>
-Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung,
-bis nach dem Tode Toms die Dinge eine ernste
-Bedeutung annahmen. Ich fürchte, daß ich heute für dieses
-Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben, daß
-ich alles weiß und kann und wenn ich nicht immer das
-tue, was sie von mir erbitten, so geschieht das in ihren
-Augen nur, weil ich es nicht will. Haben sie mich doch
-in allem Ernste gebeten, die Stürme zu beschwichtigen und
-mir gesagt, daß Ada dies leider nicht gelinge, trotzdem
-sie in meinem Namen die Elemente beschwört. Und sie
-sandten sie zu mir, denn &mdash; ich kann alles!
-</p>
-
-<p>
-Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll,
-wann ich sie zu verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige.
-Ada hat ihnen prophezeit, daß dies unzweifelhaft
-geschehen wird, und sie fürchten mein Fortgehen!
-</p>
-
-<p>
-Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf
-das, was in den Köpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich
-kann nichts daran ändern; vielleicht bin ich auch zu träge,
-den Kampf mit dieser Naivetät aufzunehmen. Alles quält
-mich, alles drückt mich zu Boden. Ich bin froh, wenn
-ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um
-mich herum geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend
-von der Erde träumen kann.
-</p>
-
-<p>
-Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wälder,
-Vögel, Wiesen, duftende Blumen ...
-</p>
-
-<p>
-Oh, dort! ...
-</p>
-
-<p>
-Und ich sehne mich immer glühender, auf ewig von
-hier fortzugehen!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-Ach, wenn ich es könnte, wie sie denken, auf die Erde
-zurückkehren! Ich bin ganz erfüllt von diesem Gedanken
-an die Erde. Womit ich mich auch beschäftige, er kehrt
-immer wieder und läßt mir am Tage und in der Nacht
-keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder
-an meinen Augen vorüber, aber alle sind Variationen
-des einen Motivs: Erde! Erde! Erde! ...
-</p>
-
-<p>
-Einst, als ich noch dort lebte, waren das für mich verschiedene
-Länder, verschiedene Erdteile und Völker und Gesellschaften,
-jetzt hat sich alles zu einem Gedanken verschmolzen,
-zu einer einzigen Liebe und Sehnsucht. Ich
-kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die Grenzen
-der Staaten, noch die Völker verschiedener Zungen
-und Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit
-fließt in meiner Seele zu einem unzertrennlichen
-Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und dem Erdball selbst
-zusammen, und alles das leuchtet und glänzt und strahlt
-in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel
-über den Wüsten!
-</p>
-
-<p>
-Erde! Erde! Erde!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glücklichen
-Zeiten, als er noch ein Kind und mein unzertrennlicher
-Kamerad und Freund war. Und jetzt in der stillen kalten
-Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen, Einsamen
-farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren
-auf.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn ich so sehnsüchtig an ihn zurückdenke, empfinde
-ich klar und schmerzlich, daß er der einzige Mensch
-aus dem neuen Geschlecht war, den ich wirklich liebte.
-Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn betraf!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter
-den Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er
-vierzehn Jahre zählte, war er bereits ein erwachsener, reifer
-Mensch. Die beiden älteren Schwestern wuchsen auch schon
-heran. Ich blickte auf sie wie auf blühende Blumen,
-die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und
-vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, &mdash; daß
-sich in ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche
-Macht von ihnen ausgeht, durch die sie wertvoll und begehrenswert
-sind.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig.
-Früher waren sie zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge,
-die um seinen hellen Kopf herumflatterten, nur
-die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm nützlich
-zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die
-Schwestern fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen
-ihm gegenüber für etwas ganz Natürliches. Er machte
-sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er wirklich einmal
-in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare
-einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er
-dies immer mit der herablassenden Miene eines gütigen
-Herrschers, der die Anhänglichkeit seiner Untertanen zu
-belohnen geruht, aber auch dafür Sorge trägt, daß sie
-nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und Zufriedenheit
-übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms
-zu den Schwestern empfand ich oft peinlich und unangenehm
-und ich ermahnte den Knaben wiederholt, wenn
-ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und
-rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß
-sie ihn lieben sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für
-eine gewisse Zeit wenigstens, vollständig ändern würde.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder
-zu meiden und in ihren Liebesäußerungen zurückhaltender
-zu sein. Manchmal nur, wenn er es nicht sah, blickten
-sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten, wenn
-er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber
-kühler wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander.
-</p>
-
-<p>
-Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor
-sich, daß ich mir, als ich sie bemerkte, nicht klar darüber
-war, wie und wann sie eigentlich begonnen hatte. Nur
-das eine fühlte ich, wenn ich diese drei ... die noch
-Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend, betrachtete,
-daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung
-vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt,
-obwohl sie sich später an den Werkzeugen und Werken
-ihres eigenen Willens grausam rächen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei
-Frauen und ein Mann ... Sie selbst verstanden das
-natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den Schwestern
-wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer
-schwerer den rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit
-und wurde verwirrt in ihrer Gesellschaft. Diese stillen,
-schmächtigen Mädchen hatten jetzt entschieden das Übergewicht
-über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt erlangt.
-Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu
-benützen. Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um
-ihre Bekleidung, ihre Bequemlichkeiten und Zerstreuungen;
-er sammelte bunte Muscheln und Bernstein für
-sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr sie
-zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An
-diesen Ausflügen nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist
-seltsam, die Mädchen, die mit Tom erzogen waren und
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-bisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten, wollten
-durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug
-ich Tom vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war,
-rudern zu lassen, aber er ließ es nie zu. Ich bemerkte
-wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu schonen, sondern
-vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen Kraftleistungen
-und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen.
-</p>
-
-<p>
-Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab,
-und ich sah ihr gerne zu. Es schien mir, daß ich drei
-Vögel vor mir habe und meine Hand auf ihre pochenden
-Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen schlagen:
-und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen.
-Ich glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod
-war, wo ich mich fast glücklich fühlte.
-</p>
-
-<p>
-Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis
-des Lebens und der Liebe vollzog, wehte es zu mir
-wie frische Frühlingsluft. Und das sind heute schon alte
-Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins Gedächtnis
-zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht
-viel Tage erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne
-Schmerz erinnern könnte. Nur eins &mdash; und das ist wieder
-die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe Toms zu Lilli
-und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein
-Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch
-dieser Welt das degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun
-langsam die Gegend der Warmen Teiche bevölkert.
-</p>
-
-<p>
-So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich,
-als wenn ich in einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer
-gefunden hätte.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen
-gegenüber. Sie sind vor allem arm, so arm, daß mein
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-ganzes <a id="corr-13"></a>Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn
-ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über ihnen.
-Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ...
-Er war energisch und verständig und hatte in den Augen
-noch das, was ich vergebens in den Blicken seiner Kinder
-suche: die Seele.
-</p>
-
-<p>
-Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast
-schwer fällt, es niederzuschreiben.
-</p>
-
-<p>
-Und warum mußte es so geschehen und nicht anders?
-Eine schwerwiegende Frage, auf die es keine Antwort
-gibt! Weil wir hierhergekommen waren, weil Tomas starb
-und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie
-verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand,
-weil sie gestorben ist und ich leben blieb, das heißt,
-immer diese eiserne, unerbittliche Notwendigkeit, die
-die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und sich
-um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert
-wie der Wind um ein Körnchen des Sandmeeres, das er
-davonträgt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht
-niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum
-und für wen ich das niederschreibe ...
-</p>
-
-<p>
-Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch
-die öde Wüste notierte, als ich unsere ersten Jahre auf
-dem Monde beschrieb, dachte ich, daß ich dieses Tagebuch
-den Mondvölkern zurücklassen würde, damit ihre künftigen
-Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und
-was wir alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis
-es uns gelungen ist, erträgliche Lebensbedingungen zu
-finden. Aber heute ... Das ist doch lächerlich &mdash; dieser
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-Gedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden das
-niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es
-lesen sollen. Was geht das sie an? Was gehen sie meine
-Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen an? Könnten sie sie verstehen?
-Würden sie in diesen Blättern etwas mehr als
-eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken?
-Und übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen
-könnten, wissen, daß sie degenerierte Nachkommen einer
-erhabenen Rasse sind, die mit ihrem Geiste über ein fernes
-und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo
-sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht,
-Scham und Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie
-betrachte. Möge denn die hiesige Menschheit lieber gänzlich
-vergessen, was sie einst auf einem anderen Planeten
-gewesen ist und von keiner &bdquo;metaphysischen Sehnsucht&ldquo;
-gequält werden.
-</p>
-
-<p>
-Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich
-nur für mich. Wenn ich davon träumen dürfte, es durch
-irgendein Wunder auf die Erde zu befördern, würde ich
-es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten
-und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und
-segnen; die Getreidefelder, Blumen und Früchte, die
-Wälder und Gärten, die Menschen und Tiere und alles,
-alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer ist!
-</p>
-
-<p>
-Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen
-wird, daß ich nicht ein einziges kleines Wort auf die Erde
-schicken kann, zu der ich mich nur in Gedanken und mit
-den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der Sehnsucht
-getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine
-über den Wüsten leuchtende Heimat zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbst
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-wie alle Greise. Und wenn es mir hier und da gelingt,
-mich für einen Augenblick der Täuschung hinzugeben, daß
-ich das alles den Menschen mitteile, die auf der Erde geblieben
-sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine
-Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden
-spinne zwischen mir und diesem Hunderttausende von Kilometern
-entfernten heimatlichen Planeten!
-</p>
-
-<p>
-Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus
-meinem armen Leben hier erzählen, meine Gedanken beichten
-und meine Schmerzen klagen und über die seltenen
-kurzen Freuden Bericht erstatten ...
-</p>
-
-<p>
-Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dann schrieb ich ausführlich über den einzigen Frühling,
-den ich auf diesem traurigen Globus erlebte, indem ich
-mich der erwachenden Liebe zwischen Tom und den Mädchen
-erfreute.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht hätte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich
-glaubte, wenn ich für einige Zeit von ihnen ginge, jenen
-zauberischen Frühling zu verlängern, und ich wollte erst
-zu der Zeit des Jahres zurückkehren, wo ich die reife
-Frucht vorfände.
-</p>
-
-<p>
-Ich alter Narr! Es wäre kein kleineres Wunder gewesen,
-einen herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten,
-daß man sich von ihm abwendet. Das Leben ging seinen
-gewöhnlichen Gang!
-</p>
-
-<p>
-Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande
-verbracht hatte, ans Meer zurückkam, begrüßte mich Tom
-mit einer seltsamen Würde und führte mich in das alte
-Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-&mdash; Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen
-hast. Wir haben nichts angerührt. Nur Ada hat
-während deiner Abwesenheit hier gewohnt und deine beiden
-alten Hunde, die du zurückgelassen hast.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und du? frug ich, und die älteren Mädchen? Wo
-seid ihr gewesen?
-</p>
-
-<p>
-Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte
-jetzt erst, daß sich nicht weit, am Ufer des höheren
-warmen Teiches, ein beinahe fertiges neues Häuschen
-erhob.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wozu? frug ich mit unverhüllter Verwunderung.
-</p>
-
-<p>
-Tom zögerte einen Augenblick, dann wies er auf die
-sich uns gerade nähernden Mädchen und sagte, mir fest
-in die Augen blickend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das sind meine Frauen!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Welche? frug ich fast unbewußt.
-</p>
-
-<p>
-Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die
-Mädchen schauten uns ängstlich an.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Welche von ihnen? frug ich abermals.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein!
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten nahm er die Mädchen bei den Händen
-und führte sie zu mir.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Segne uns, Alter Mensch!
-</p>
-
-<p>
-Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen
-genannt, der heute schon für immer mit mir verwachsen ist.
-</p>
-
-<p>
-Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Veränderung,
-die scheinbar unwesentlich und dennoch sehr
-eingreifend war. In unserem kleinen Kreis vollzog sich
-eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen eine eigene,
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Maße
-enger wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte.
-</p>
-
-<p>
-Mit jedem Tage fühlte ich mehr, daß ich auf dieser
-Welt unnötig wurde, und mit jedem Tage wuchs in mir
-die Sehnsucht nach jener anderen, die so entfernt, ach,
-so ferne war! Und das Leben floß dahin, immer unaufhaltsam
-seinen alten Lauf!
-</p>
-
-<p>
-Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben
-Toms mit den Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen,
-obwohl sie ihn unveränderlich bis zum letzten Atemzug
-liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu despotisch.
-Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren.
-Zum Teil waren diese unerquicklichen Verhältnisse
-auch die Veranlassung, daß ich zum zweitenmal nach dem
-Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir nahm.
-</p>
-
-<p>
-Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie
-ich glaube, der Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie,
-der bis auf den heutigen Tag dauert. Der
-furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der Tod
-Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht
-nach der Erde und die entsetzliche Einsamkeit martern und
-quälen mich mit jedem Tage mehr, obwohl die Zahl der
-Menschen hier auf dem Monde immer größer wird.
-</p>
-
-<p>
-Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche
-Nachkommenschaft, sechs Söhne und sieben Töchter, von
-denen die jüngste einige Mondtage nach der Geburt gestorben
-ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat sich
-der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend,
-mit der Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle
-in dem Maße des Zuwachses gepaart. Heute, nach dem
-Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel vorhanden, darunter
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-zwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn,
-der schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen
-zweiundvierzig Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre
-Niederlassungen errichten sie längs dem Meeresstrande
-nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen schreitet auch
-die &bdquo;Zivilisation&ldquo; vorwärts. Häuser erheben sich, Schmieden
-und Hundezwinger.
-</p>
-
-<p>
-Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen
-und werde hier wohl bis zum Tode bleiben, den ich so
-heiß herbeisehne! Und so bin ich schon eine Ausnahme
-auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde
-verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-4">
-IV.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen
-auf der Erde ein Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe
-und an sie denke. Das ist so wenig, und es würde mich
-so namenlos glücklich machen!
-</p>
-
-<p>
-Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele
-Hunderttausende von Kilometern, eine interplanetarische
-Strecke, die noch niemals zurückgelegt wurde, von dieser
-Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich geboren bin,
-trennen!
-</p>
-
-<p>
-Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren
-Gedanken nur damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf
-dem Meere reichlich ausfällt, der Salat gut aufwächst
-und die verwilderten Hunde nicht die eiertragenden Eidechsen
-in den Umzäunungen zerreißen ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel
-zugebracht ... Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort
-gerne und dachte über die Vergangenheit des heute erloschenen
-Mondglobus nach; jetzt zieht es mich wieder oftmals
-dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten
-Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an
-Martha, Peter, Tom und an mich selbst und wann ich
-wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde. Gerade
-heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille
-Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses
-Leid, ein so trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen
-begann und die Hände ausstreckte zu den Gräbern und
-sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu sprechen oder mich
-in ihre Gesellschaft aufzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben.
-Was hält mich auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid,
-Sehnsucht, die furchtbarste Vereinsamung, alles das habe ich
-zur Genüge ausgekostet; seit langem bin ich niemandem
-mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen!
-</p>
-
-<p>
-Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde
-sehen, auf diese helle Kugel schauen, die am Himmel
-hängt, auf die Erdteile, die langsam darüber kreisen und
-die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich will
-noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich
-das Land, wo ich geboren bin, und dann ...
-</p>
-
-<p>
-Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß
-gefaßt. Ich werde zum Polarlande gehen, um auf die
-Erde zu schauen.
-</p>
-
-<p>
-Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken
-die ganze Fahrt und die dafür nötigen Vorbereitungen
-zurecht. Auf der Schwelle des Sommerhäuschens
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-fand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde gekommen,
-und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig
-auf meine Rückkehr.
-</p>
-
-<p>
-Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde,
-wenn auch nur von ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht
-zurückhalten konnte, Ada meine Absicht mitzuteilen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde
-ich von euch gehen!
-</p>
-
-<p>
-Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an,
-die sie mir gegenüber stets bewahrt, und antwortete nach
-einem kleinen Zögern:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter
-Mensch ... aber ...
-</p>
-
-<p>
-Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe,
-mit mir umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte
-gewöhnt haben müssen, derartig aufgebracht. Im ersten
-Augenblick schnürte sich mir das Herz im Gefühl der
-Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte
-mich ein unbezwinglicher Zorn.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß
-stampfend. Ich werde fortgehen, wann es mir gefällt
-und wann ich will, aber daran ist nichts Geheimnisvolles,
-nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß
-ich morgen früh die Hunde für den Wagen haben will;
-ich fahre zum Polarland.
-</p>
-
-<p>
-Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem
-Befehl nachzukommen.
-</p>
-
-<p>
-Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche
-Bewegung vor meinem Hause. Jan und die
-Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen nicht ausgenommen,
-hatten sich versammelt und standen entblößten
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-Hauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend.
-Ada trat aus ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner
-Schwelle stehen. Sie war in feierlicher Kleidung: einen
-Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu den Hüften
-herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue
-Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln
-eines Hundes, die geglättet auf einen langen Kupferdraht
-gesteckt waren.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen!
-</p>
-
-<p>
-Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die
-an der Wand hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese
-Horde, die mit einem solchem Pomp zu mir gekommen,
-auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder leid.
-Was können sie dafür.
-</p>
-
-<p>
-Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der
-Absicht, noch einmal den Versuch zu machen, ihnen vernünftig
-zuzureden. Der wilde Lärm des Beipflichtens,
-der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte
-sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in
-der Stille nur noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen
-und das erstickte Flüstern der Mutter: Still, still, der
-Alte Mensch wird unwillig ...
-</p>
-
-<p>
-Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite
-schiebend.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit
-dem Blick eines ratlosen, verängstigten Zwerges in die
-Augen und sagte schließlich, nachdem er sich umgesehen,
-um aus den Mienen der Kameraden Mut zu schöpfen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-&mdash; Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch
-nicht von uns fortgehen möchtest.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend
-über dreißig Personen.
-</p>
-
-<p>
-Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte
-in ihren Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung
-ergriffen fühlte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage
-mehr mir selbst als ihnen vorlegend.
-</p>
-
-<p>
-Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam,
-mit sichtlicher Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen
-zusammenzufassen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht
-und die große Kälte kommen. Oh, die böse Kälte, die
-wie ein Hund beißt, und wir würden allein sein ...
-Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei
-uns, Alter Mensch ... Ada &mdash; hier blickte er auf die
-neben ihm stehende &bdquo;Priesterin&ldquo; &mdash; Ada sagte uns, daß
-du dich mit der Sonne kennst und noch mit einem anderen
-Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll
-und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den
-sie gesehen hat, als sie mit dir dort war im Norden ...
-Sie sagte, daß du von dort gekommen bist, und wenn du
-ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in einer heiligen
-Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir
-fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren
-könntest, denn wir würden allein bleiben. Wir
-bitten dich also ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die
-Zwerge, den Satz Jans beendend.
-</p>
-
-<p>
-Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-ihnen antworten sollte. Die Männer und Frauen umringten
-mich, streckten die Hände aus und baten mit
-angstvollen Stimmen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Bleibe bei uns, bleibe!
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen,
-was ich ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich
-ein gewöhnlicher Mensch sei, durchaus mit keinen geheimnisvollen
-Kräften begabt und ebenso wie sie alle dem
-Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte;
-in den Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig
-wie eine Litanei: Bleibe bei uns!
-</p>
-
-<p>
-Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande,
-mit einer außerordentlichen Würde in der ganzen
-Gestalt, aber es schien mir, daß ich auf ihren Lippen ein
-Lächeln bemerkte &mdash; halb spöttisch, halb wehmütig ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich.
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen.
-</p>
-
-<p>
-Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns.
-</p>
-
-<p>
-Das war mir zu viel.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich
-werde nicht bleiben, denn ...
-</p>
-
-<p>
-Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte.
-Wie konnte ich ihnen erklären, daß ich gehe, um die Erde
-zu sehen, den mächtigen und hellen Stern, nach dem ich
-mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem wahnsinnigen
-Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen
-bin? ... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte
-auf die Versammelten und bemerkte, daß diese Zwerge
-weinten! Sie weinten bei dem Gedanken, daß ich sie verlassen
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-würde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht, aber
-in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag
-die Demut eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach
-als alle Worte. Sie dauerten mich unbeschreiblich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher
-Stimme, aber noch nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen!
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung,
-das sich ihren Kehlen entrang ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich
-hinzu, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise,
-dort nach Norden, wo der schönste Stern leuchtet, von
-dem ihr von mir und von Ada gehört habt, dann werde
-ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und
-später euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen
-könnt.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig!
-antworteten mir zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur
-nicht von uns auf diesen Stern, von dem du sprichst!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich,
-aber leider bin ich nur ein Mensch, so wie ihr.
-</p>
-
-<p>
-In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung.
-Sie schauten sich untereinander an, und es schien mir,
-daß ich auf ihren breiten Lippen etwas bemerkte, das einem
-schnellen Lächeln des Einverständnisses glich und sagen
-wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt,
-daß der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen
-Grunde nicht will, daß wir wissen sollen, daß er ...
-der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte mich der
-Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer.
-Vor dem Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster,
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-wie sich alle um Ada scharten, die lebhaft etwas erzählte,
-wahrscheinlich von mir und meiner Übernatürlichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang,
-und das Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen
-Häusern zerstreut, die sich in langer Reihe an den steinigen,
-nach Südwesten laufenden Ufern der warmen Teiche erheben.
-In einigen Stunden werden sie sich zu einem langen
-Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom
-Alten Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der
-Erde, dem mächtigen, seltsamen und unbekannten Stern,
-den sie nur aus den Erzählungen kennen ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-In einigen Stunden werde ich das einzige wachende
-Wesen auf dem Monde sein.
-</p>
-
-<p>
-Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das
-Fenster, wie sich vor dem Hause Jans seine Söhne zu
-schaffen machen; nicht weit davon beenden die Frauen in
-aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald
-hereinbrechenden Nacht.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger
-unter diesem Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein
-Überlegen mehr, denn ich habe ihnen versprochen, daß ich
-noch bleibe.
-</p>
-
-<p>
-Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes
-Herz &mdash; lange wird es nicht mehr schlagen müssen. Noch
-einige Tage, einige Mondtage höchstens, und dann ziehe
-ich gen Norden, zum Polarland, um dort das Leben zu
-beenden, &mdash; den Blick auf die geliebte Erde gerichtet.
-</p>
-
-<p>
-Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern,
-ich weiß es, und mich begleiten wollen. Und so
-werde ich einige von ihnen mitnehmen auf diesen letzten
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-Weg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern
-zurückkehren &mdash; ohne mich.
-</p>
-
-<p>
-Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid,
-daß ich nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier
-zu bleiben. Der Gedanke ängstigt mich, es könne mir in
-kurzer Zeit vielleicht schon an Kraft und Leben fehlen,
-die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor Augen habe,
-anzutreten.
-</p>
-
-<p>
-Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich
-wundere mich manchmal selbst über die Frische und Unverbrauchtheit
-meines Organismus. Ich nähere mich nun
-fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich jeder
-Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit
-zu untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht.
-</p>
-
-<p>
-Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich
-lächerliche und entsetzenerregende Überlieferung, die unter
-diesem Volke verbreitet ist, daß ich niemals sterben werde.
-</p>
-
-<p>
-Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur
-die physische Natur des Menschen an ihr Widersprechendes
-gewöhnen, die Seele niemals! Mein Schmerz und meine
-Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie wachsen
-unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte.
-</p>
-
-<p>
-Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch
-mit einem heißen Glücksgefühl daran, daß ich in einigen
-Mondtagen die Erde sehen werde. Das Herz schlägt mir
-dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling wäre,
-der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über
-alles geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in
-Träumen zu sprechen gewagt hat.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und
-unerreichbar; ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-ausbreiten und sie durch die undurchdringlichen Himmelsräume
-rufen, sie wird weder meine Stimme hören noch
-mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.
-</p>
-
-<p>
-Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches,
-den Gegenstand seiner Sehnsucht am Himmel zu haben.
-Es dünkt mich, daß ich an diesen entfernten, von hier aus
-unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem langen Faden,
-der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich
-in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann.
-Und so an diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich,
-daß mir der Boden unter den Füßen fremd ist und immer
-fremd bleiben wird.
-</p>
-
-<p>
-Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den
-Sternen! Denn die Erde ist für mich nur noch ein Stern,
-den ich über alles liebe. Wenn es Geister gibt, die von
-erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden Sonnen
-vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie
-in der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die
-schrecklichsten Qualen, wie auch ich sie erdulden muß.
-</p>
-
-<p>
-Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige,
-von mir so bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge,
-das fast im Staube vor mir, dem Alten Menschen, kriecht,
-doch tausendmal glücklicher ist als ich.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese
-Leutchen um ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich,
-lächeln einander zu und sind heiter und zufrieden. Jan,
-der durch das natürliche Recht des Ältesten ihr Oberhaupt
-ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für allemal
-vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens
-einiger Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten
-Schriften, zusammen. Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-noch ein kleiner Knabe war, habe ich diese Abendversammlungen
-gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder andere
-zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde
-erzählt und von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich
-nicht einmal mehr am Versammlungsort, dort unter dem
-Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum verstehen. Warum
-soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner Worte
-doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit
-durch phantastische Legenden entstellen und verwirren?
-</p>
-
-<p>
-Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen:
-Sind sie schuld daran? Ist es ihre Schuld, daß sie alles,
-was sie hören, auf sich beziehen, unfähig, sich in Gedanken
-über diesen Landstreifen zu erheben, den sie bewohnen?
-Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der
-Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab
-sie auf der Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem
-Ausdruck einer Götzenanbetung auf mich richten? Daß
-Menschen eine andere Welt bewohnen können, einen Stern,
-der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen leuchten,
-halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil
-ich es gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele
-zu wecken, und erst dann meine Bemühungen aufgegeben,
-als ich mich von der gänzlichen Unmöglichkeit überzeugt
-hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe machen,
-und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare Verantwortung
-für diesen Fall des menschlichen Geschlechts,
-das mir anvertraut war. Und wiederum die Ironie des
-Lebens: Sie sind in ihrer Weise glücklich, und ich gräme
-mich ihretwegen und vergrößere durch eine quälende Sorge
-um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-5">
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-V.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum
-letztenmal diese Blätter in Händen hatte. Heute öffne
-ich das Tagebuch, um das Datum zu notieren, wo ich dieses
-Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe endlich zum
-Polarland!
-</p>
-
-<p>
-Seit unserm <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> sechshunderteinundneunzig
-Mondtage.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur
-Hälfte kleiner gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln
-und Brennmaterial versehen, die mir für eine lange
-Zeit des Aufenthaltes im Polarland genügen werden &mdash;
-länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich bin alt ...
-Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand
-eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern
-wird.
-</p>
-
-<p>
-Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach
-Norden zum Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen
-mußte, hatte ich streng verboten, derartige Reisen zu unternehmen,
-denn ich war fest überzeugt, daß sie zu keinem
-Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr
-bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs
-genaueste und ich glaubte bestimmt, daß es immer so
-bleiben würde, besonders in Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes
-dieses Mondvolkes, das mit seinem ganzen
-Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen
-und Lebensbedürfnissen hängt.
-</p>
-
-<p>
-Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst
-hierher ein Hauch jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-zu sein und verborgen in der Brust dieser Zwerge
-zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt bewirkt
-und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean
-fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß
-einige der Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden
-schauen, über das weite Meer. Sie frugen mich einst,
-was wohl dort sein könne hinter dem großen Wasser,
-und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber,
-wie in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht
-daran. Sie hatten mich vielmehr im Verdacht, daß ich
-es ihnen nur nicht sagen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen
-Petroleumquellen, mit der Zubereitung der Vorräte für
-die Reise zum Polarland beschäftigt. Als ich am Morgen
-ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu verabschieden,
-um fern von diesen Gegenden mein Leben zu
-beenden, erfuhr ich, daß drei Männer, die kräftigsten und
-kühnsten, meine Abwesenheit benützend, nach Norden gefahren
-sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie bauten
-sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor
-unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln
-zwei Hunde und verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in
-der Nacht auf das festgefrorene Meer hinaus, um noch
-vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf der
-nördlichen Halbkugel zu gelangen.
-</p>
-
-<p>
-Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß
-sie niemals zurückkehren werden, aber indessen muß ich
-den Bitten Jans und Adas nachgeben und noch einen Tag
-warten, um sie zu segnen, wenn sie heimkommen sollten,
-ehe ich fortgehe.
-</p>
-
-<p>
-Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer,
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-weshalb sie nach Norden gegangen wären. Sie
-antwortete, daß sie sehen wollten, was dort sei ... Darüber
-hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben.
-</p>
-
-<p>
-Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft
-zugrunde gehen und sind tüchtig, wie sie es bewiesen
-haben.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne
-ist seit einigen Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt
-zu schmelzen, bald werde ich den Wagen besteigen
-und nach Norden aufbrechen.
-</p>
-
-<p>
-So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied,
-obwohl ich doch weiß, daß ich fortgehe, um nie mehr
-wiederzukehren.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas,
-auf der entfernten Insel, um, und es ist mir seltsam weh
-zumute ...
-</p>
-
-<p>
-Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an
-diesem Grabe verbracht. Es war mir schwer, mich von
-ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich auf dieser
-Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen
-Hügel mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen,
-wenn ich allein im weiten Lande sterben werde.
-</p>
-
-<p>
-Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt
-sich, um mir Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht,
-sie widersetzen sich nicht, sie wissen, daß es so sein muß.
-Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich zum Polarlande
-begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.
-</p>
-
-<p>
-Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden
-wohl auch niemals heimkehren. Aber ich will nicht mehr
-<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-länger warten. Übrigens sind alle meiner Abreise wegen
-so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie denken.
-</p>
-
-<p>
-Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt
-und hinzugefügt:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind
-aufgebrochen, ohne den Alten Menschen um Rat zu fragen.
-</p>
-
-<p>
-Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen
-haben, klagten sie und drängten sich weinend um mich.
-</p>
-
-<p>
-Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben.
-Eine seltsame Entdeckung &mdash; in diesem letzten Augenblick
-...
-</p>
-
-<p>
-Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich,
-aufzubrechen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Unterwegs auf der See-Ebene.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ch, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß
-nun das Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur
-noch ein kurzer Aufenthalt im Polarland &mdash; unser erster
-Aufenthalt einst auf diesem Globus &mdash; und dann &mdash;
-der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am
-Himmel leuchtenden Heimat.
-</p>
-
-<p>
-Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes
-Leben und diese Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen
-habe; alles das zerrinnt in einen schillernden
-Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch das
-flammende Rund der Erde glänzt.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell
-wie möglich sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern
-kann. Es ist Nacht und der Schlaf will sich nicht
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-auf meine Lider senken. Ich versuche durch Schreiben die
-langen Stunden zu verkürzen.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst
-die ersten Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre
-sind seitdem verflossen! Und wieder kehre ich in Gedanken
-zu diesem Leben zurück, das schon so weit hinter
-mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor
-Augen und Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls
-nicht mehr leben ...
-</p>
-
-<p>
-Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da
-ich meine Kräfte anspannen muß, das Land zu erreichen,
-von wo ich die Erde sehen werde!
-</p>
-
-<p>
-Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und
-dennoch muß ich zugeben, daß mir die letzten Augenblicke
-des Abschieds schwer wurden. Wie seltsam ist doch das
-menschliche Herz und wie stark die Macht der Gewohnheit!
-Man kann sich, scheint&rsquo;s, selbst an die Gitter des
-Gefängnisses gewöhnen ...
-</p>
-
-<p>
-Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz
-niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem
-Hause die ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte.
-Sie kamen schweigend, finster und traurig und warteten.
-Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren alle, mit
-Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.
-</p>
-
-<p>
-Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume
-gleiten, in denen ich fünfzig Jahre lang gehaust habe
-und da ich nicht wollte, daß man diese Wohnstätte als
-Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt,
-steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben
-ist und was ich einst gebraucht hatte, eigenhändig
-in Brand und ging hinaus zu den mich Erwartenden. Eine
-<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und Fenster.
-Es war mein eigener Scheiterhaufen.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter
-kurzer Schrei. Sie schauten auf das brennende Haus und
-dann auf mich, und keiner rührte sich, um das Feuer zu
-löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und alle
-schwiegen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann
-ich, um etwas zu sagen, da mich in dieser Stille, die nur
-durch das Knistern des Feuers unterbrochen wurde, Wehmut
-und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte ich
-weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte.
-Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren
-werde, ihr aber, wenn ihr wollt, könnt mich dort
-aufsuchen, solange ich nicht sterbe.
-</p>
-
-<p>
-Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden
-Balken des Daches und auf mich; ich sah, daß
-einigen von ihnen Tränen über die Wangen liefen.
-</p>
-
-<p>
-Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine
-drückende Last sich auf meine Brust wälzte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann
-ich wieder, mit Mühe nach Worten suchend, ihr wart
-mit mir bis zu diesem Augenblick, und von jetzt ab sollt ihr
-euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr Menschen seid,
-denkt daran!
-</p>
-
-<p>
-Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster
-Anstrengung fortfahren:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich
-lasse euch das Buch zurück, das heilige Buch, das ich
-von der Erde mitgebracht habe, das von der Erschaffung
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des
-Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört.
-</p>
-
-<p>
-Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose
-Dinge redete.
-</p>
-
-<p>
-Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und
-sprach:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht
-ist, daß der Mann die Frau schlägt?
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick
-umringten mich Frauen und Männer und begannen
-mit traurigen Stimmen zu fragen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder
-den jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern
-aus der Hütte zu treiben, die sie einst selbst erbaut haben?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke
-spricht: &bdquo;Das sind meine Felder!&ldquo; und anderen nicht erlaubt,
-die Ernte davon einzubringen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau
-nimmt?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Daß er die Handwerkszeuge beschädigt?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Daß er zum eigenen Vorteil lügt?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sage, ob das recht ist!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die
-Bücher haben gelehrt, daß man das alles nicht tun solle,
-und trotzdem geschieht es täglich in unserer Mitte!
-</p>
-
-<p>
-Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen.
-Dieses Volk verlassend, sah ich nur zu klar, auf
-welchen Bahnen seine Entwicklung schreiten wird. Vieles
-vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond
-<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
-verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit
-uns von der Erde hierhergekommen!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter
-meinen Augen derartige Dinge geschehen sind, was wird
-erst sein, wenn ich fortgehe?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.
-</p>
-
-<p>
-Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich.
-Warum ich fortgehe?
-</p>
-
-<p>
-Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne
-zu wissen, was ich erwidern sollte.
-</p>
-
-<p>
-Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der
-Stille zu hören und ein dumpfes, entferntes Dröhnen des
-Vulkans.
-</p>
-
-<p>
-Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie
-fühlten scheinbar dasselbe, was ich in jenem Augenblick
-empfand, daß meine Abfahrt das unabwendbare Schicksal
-ist, dem man sich vergebens widersetzen würde.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren.
-Lebt indessen in Frieden und menschlich, murmelte
-ich und wußte gar wohl, daß ich ihnen die Unwahrheit
-sagte, wie mir selbst.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt
-kein Wort gesprochen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie
-mit erhobener Stimme hinzu:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Der Alte Mensch verläßt euch!
-</p>
-
-<p>
-Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle
-Versammelten wie mit einem Schauer überlief.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Es muß so sein! sagte ich dumpf.
-</p>
-
-<p>
-Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und
-eilte mit Ada und drei ihrer Neffen gen Norden ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als
-die Sonne heute aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade
-zur Höhe steigend, sondern schleppte sich am Horizont, gerötet
-kaum einige Fuß über der bläulichen Linie der
-Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns
-dem Ziel unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine
-Bergkette vor mir auf; ich unterscheide schon mit bloßem
-Auge die höchsten, ewig von der Sonne beleuchteten Gipfel
-und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde bildet.
-</p>
-
-<p>
-Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ...
-</p>
-
-<p>
-Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem
-Augenblick, da die Sonne auf dieser Halbkugel untergehen
-müßte, werden wir schon auf dem Pol sein, im Land der
-ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig
-Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen
-Meridiane ist, deren Knotenpunkt man dort unter
-den Füßen hat.
-</p>
-
-<p>
-Und dort &mdash; werde ich die Erde sehen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Im Polarlande.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span>ach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde,
-da die Sonne in den Gegenden an den Warmen Teichen
-untergehen sollte, kam der große Augenblick. Wir sind
-durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen, die
-die Grenzmauer der Polarmulde bildet.
-</p>
-
-<p>
-Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die
-Augen nach der Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir
-bald die Erde zeigen sollte, und als ich sie plötzlich in
-der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis ins Innerste
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter
-ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich
-von den Knien erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine
-geliebte Heimat, und mit ausgestreckten Händen, wie sie
-ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah ich auf meine
-Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden
-Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit
-entblößten Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen
-Furcht in den Zügen, die starren Blicke auf das Halbrund
-der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die Arme zu
-dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber,
-bis sie sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen
-Kameraden wandte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Von dort ist <em>er</em> gekommen, sagte sie mit gedämpfter
-Stimme, als wenn sie nicht wollte, daß ich es höre, und
-dorthin wird er zurückkehren, wenn die Zeit erfüllt ist.
-Werft euch zu Boden.
-</p>
-
-<p>
-Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde,
-auf der ihre Väter einst gelebt haben ...
-</p>
-
-<p>
-Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht,
-sich mir zu nähern, und ich rief sie zu mir und begann
-ihnen mit vor Rührung zitternder Stimme die Erscheinung
-zu erklären, die sie vor sich hatten. Sie drängten sich
-um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn
-sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick
-über ihre Köpfe erheben und durch die blasse Luft
-zu diesem hellen Sterne fliegen würde!
-</p>
-
-<p>
-Ach, wenn ich es könnte!
-</p>
-
-<p>
-Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden,
-beschäftigte mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß
-ich unwillkürlich verstummte, auf die Erde starrte und
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-nur noch fühlte, daß ich diesen Menschen hier nichts mehr
-zu sagen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher
-zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen
-und, auf die Erde zeigend, flüsterten:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sieh, sieh, <em>er</em> ist von dort gekommen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Damals, als es hier noch niemanden gab ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja ... <em>Er</em> hat den Großvater Peter hierhergebracht
-und seine Frau Martha ... Und einen, der der Vater
-unseres Großvaters war, hat er auf der Wüste tot zurückgelassen
-... so lehrt Ada.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist
-nur die Rede von Adam, das ist sozusagen Peter, und
-von ...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige
-Schrift hat er ebenfalls von dort mitgebracht.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, alles hat <em>er</em> geschaffen; für die ersten Menschen
-hat <em>er</em> hier Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...
-</p>
-
-<p>
-Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte,
-schnell um und die halblaut geführte Unterhaltung verstummte
-sofort.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder
-ein, wie vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen
-deshalb nur, daß sie das Zelt aufschlagen möchten, da
-wir hier längere Zeit bleiben würden. Und seitdem fließen
-die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den rosagefärbten
-Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint
-es, langsam, für mich aber viel zu schnell dahin!
-</p>
-
-<p>
-So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und
-Schmerz mich bei dem Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren,
-dorthin zu den Warmen Teichen. Hier verweilend
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im letzten
-Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt,
-daß von hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen
-Weltenraum zur Erde ist, und bei Gott, sie lockt
-mich mehr, diese endlose, tote Wüste hinter den Bergen
-dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so lange
-gelebt habe.
-</p>
-
-<p>
-Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht
-mich jetzt nicht mehr dorthin. Ich habe ja hier so viel
-mehr von ihr um mich als dort ... Hier hat sie mir
-gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen
-haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich
-krank war, hier wandelte sie mit mir auf den grünen
-üppigen Wiesen oder kletterte auf die rosigen Berggipfel,
-und dort ... war sie die Frau eines andern, dort schaute
-ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst
-gedemütigt und von Schmerz zerrissen.
-</p>
-
-<p>
-Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es
-nur einem Menschen sein kann, der alles verloren hat,
-sogar die Erde unter seinen Füßen, und, auf einem silbernen
-Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der
-Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an
-das, was unwiederbringlich dahin ist ...
-</p>
-
-<p>
-Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz!
-Hier hast du das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben
-Wiesen, auf denen sie, die Tote, wandelte, und auch
-das Grab ist sicher nicht mehr fern &mdash; was willst du noch?
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in
-diesem Augenblick vor meinen Augen leuchtet!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und
-über alles teuren Brüder!
-</p>
-
-<p>
-O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende
-Leuchte über den Wüsten!
-</p>
-
-<p>
-Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes
-Kleinod, lichter Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt,
-o herrlichste Blume, duftender Weihrauch! Wie Vogelstimmen
-tönende Harfe!
-</p>
-
-<p>
-O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!
-</p>
-
-<p>
-Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich
-habe keine Tränen mehr, dich zu beweinen, Stern, über
-Wüsten leuchtend! Welt, über alle anderen der glühendsten
-Liebe wert!
-</p>
-
-<p>
-Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so
-Ferne, der unglücklichste deiner Söhne und der einzige,
-dem du dich jetzt in deiner goldenen Gestalt zu zeigen geruhst!
-Stern unter den Sternen am Himmel!
-</p>
-
-<p>
-Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als
-Kind kanntest, und der grau geworden ist, nicht auf deinem
-Mutterschoß:
-</p>
-
-<p class="ind1">
-Erde!
-</p>
-
-<p class="ind2">
-Vergib, daß ich mich von
-dir abwandte, durch die Begierde nach Erkenntnis, die du
-selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt. Von
-dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du
-vor Zeiten von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte
-und deine Meere einwiege!
-</p>
-
-<p>
-Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du
-alles Gute gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden
-Geist, Blumen, die seine Augen erfreuen, und
-Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte, und Brüder,
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene,
-grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende
-Sohn und der Kinder schlechtestes auf deinem breiten
-Schoße:
-</p>
-
-<p class="ind1">
-Erde!
-</p>
-
-<p class="ind2">
-Vergiß mich nicht! Leuchte
-meinen Augen, ehe sie der Schleier des ersehnten Todes
-umhüllt! ...
-</p>
-
-<p>
-Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht!
-Berausche mich mit deinem gesegneten Lichte!
-</p>
-
-<p>
-Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere,
-von schneeigen Gipfeln und grünen Gefilden, von den
-kleinen schimmernden Blättern der Bäume, von blühenden
-Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet, von
-Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen,
-von menschlichen Zügen, die in Nachdenken versunken zum
-Himmel schauen, Hunderttausende von Meilen hat es durchflogen,
-durch die ewige Wüste zu mir eilend, und ist mir
-jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner
-Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste
-Farbe und des menschlichen Geistes Widerschein, der sich
-in den zum Himmel gewandten Augen spiegelt!
-</p>
-
-<p>
-O Erde, meine Erde!
-</p>
-
-<p>
-Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit,
-endlich auf diesen leuchtenden Saiten, die zwischen
-dir und der furchtbaren Welt hier gespannt sind, zu deinem
-Mutterschoß zurückgelangen und in balsamischen Lüften
-alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach er
-sich so grenzenlos sehnt!
-</p>
-
-<p>
-O Erde!
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-6">
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-VI.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde.
-Dieser Gedanke umkreist mich beständig; die Luft ist voll
-von ihm und die blutigen Sonnenstrahlen, der Himmel
-erscheint gleich einem weichen Schleier, und die Erde
-leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals
-fühlte ich so wie jetzt, daß der Tod nahe ist.
-</p>
-
-<p>
-Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich
-daran, aber &mdash; was erstaunlicher ist &mdash; auch ohne Freude,
-die doch die endlich nahende Erlösung in mir erwecken
-müßte ...
-</p>
-
-<p>
-Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt,
-etwas ungemein Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf
-ich jedoch nicht kommen kann. Und das bedrückt mich,
-und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit Freuden
-begrüße &mdash; den Tod-Erlöser!
-</p>
-
-<p>
-Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde.
-Und ich, ebenfalls im Traume, antworte ihnen jedesmal:
-Ich sehne mich so maßlos danach, zu euch zu gehen, aber
-ich finde mich nicht zurecht ...
-</p>
-
-<p>
-Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose
-Wüste? ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich
-mit Peter auf die Sonnenfinsternis geschaut habe und
-dann auf den See, der plötzlich die ganze Polarmulde
-überflutete.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie
-bat mich darum, als sie gesehen, daß ich öfter auf die
-benachbarten Berge steige, um auf die Erde oder die Wüste
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-zu blicken, die hier schon an der Grenze des Horizontes
-sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen
-möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf
-ich schaue und wonach ich mich sehne. Als sie heute mit
-mir ging, legte sie die feierlichsten Priestergewänder an
-und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten
-Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre
-Würde lachen; wenn man sie ansah, schien es, daß sie auf
-diesen Berg schreite, um ein heiliges Opfer darzubringen.
-Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem Zelt im Tal
-zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie
-blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend
-erstiegen wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich
-in mir geregt hatte als ich Adas Priestergewänder
-gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort von
-mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter
-mir ging. Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam,
-je nachdem ich vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob,
-und auf die Sonne, die, hier schon sichtbar, wie eine rote
-Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des Horizontes
-stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich
-von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der
-Sonne rosig gefärbt waren, über meinem Haupte der blasse,
-erloschene Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir,
-daß ich mich, diesen Berg ersteigend, schon für immer
-von den Mondleuten entfernte und von dieser ganzen mir
-so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich wirklich ein
-geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk
-vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort
-inmitten der Sterne ... Und die rotglühende Sonne
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-liegt schon in meinem Rücken und nimmt Abschied von
-mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz
-und Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir,
-mächtig, hell erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten
-Schoß aufzunehmen ...
-</p>
-
-<p>
-Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte,
-mich in den Anblick der Erdscheibe versenkend, in der klaren
-Luft den vorübergleitenden hellen Keil Europas. Er war
-deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über Frankreich und
-England glitten, seine Konturen von dieser Seite her
-verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im
-Osten glänzten wie ein glatter silberner Spiegel, von der
-einen Seite an den dunklen Streifen des Baltischen Meeres
-gelehnt, von der anderen an die Kette der Karpathen,
-deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen schimmerten.
-Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen
-Himmel war so unerwartet und bezaubernd für mich, daß
-ich einen Augenblick mit zurückgehaltenem Atem, ganz
-Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich wie ein Kind
-in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel &mdash; dort
-oben auf dem Gipfel des Mondberges.
-</p>
-
-<p>
-Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit
-Staunen, daß Ada zu meinen Füßen kniete und helle
-Tränen über ihr Gesicht herabflossen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.
-</p>
-
-<p>
-Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie
-und weinte herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem
-Schluchzen die abgerissenen Worte heraus:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du bist unglücklich, Alter Mensch.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und deshalb weinst du?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen
-und starrte auf die goldene Scheibe der Erde.
-</p>
-
-<p>
-Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen.
-</p>
-
-<p>
-Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem
-eigenartig durchdringenden Blick in die Augen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich,
-sogar du, sagte sie. Weshalb bist du hergekommen?
-Weshalb von diesem Sterne ...
-</p>
-
-<p>
-Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß es nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht,
-warum ich nicht sterbe ...
-</p>
-
-<p>
-Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn
-ich mußte an jenes furchtbare Mondmärchen denken, daß
-ich niemals sterben würde.
-</p>
-
-<p>
-Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist
-du unglücklich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich.
-</p>
-
-<p>
-Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich
-an einer Biegung das Zelt Jans und der Kameraden,
-das an derselben Stelle aufgeschlagen war, an der einst
-unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir
-vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom
-an der Brust, erwarte und Peter, wie gewöhnlich in
-Nachdenken versunken, aber noch jung und nicht gebrochen
-wie dort am Strand des Meeres.
-</p>
-
-<p>
-Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick
-der Zwerge, die sich um das Zelt zu schaffen machten,
-grausam zerstört.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen.
-Ada bemerkte es.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch?
-fragte sie.
-</p>
-
-<p>
-Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich
-nach der Erde um und schritt ins Tal hinab: nur noch
-ein kleines Segment von ihr war am Horizont sichtbar.
-</p>
-
-<p>
-Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend
-die Hände zusammen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch.
-</p>
-
-<p>
-Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen
-wollte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann?
-sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du kannst alles, was du willst, antwortete sie &mdash;
-aber ... wolle nicht!
-</p>
-
-<p>
-Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt
-war, legte ich mich nieder, aber der Schlaf wollte
-nicht kommen. Vor allem ließ mich einige Stunden hindurch
-das Flüstern meiner Begleiter hinter der Zeltwand
-keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie
-nach mir aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen
-und getan hätte ... Ihr Geschwätz peinigte
-mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte mir
-von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste
-und von der Erde! ... Von der Erde ...
-</p>
-
-<p>
-Ach, wie mich diese Träume quälen ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir
-hierhergekommen sind, ermüden mich unsagbar. Es scheint
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-mir, daß sie unaufhörlich zwischen mir und der Erde stehen
-und einen Schatten auf meine Seele werfen ...
-</p>
-
-<p>
-Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie
-haben es sich bequem gemacht auf der Ebene, richten sich
-ein, tragen Vorräte zusammen, als wenn sie sich dauernd
-hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa der Täuschung
-hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde,
-mich zur Umkehr zu bewegen?
-</p>
-
-<p>
-Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im
-Spiele hat? Immer mehr staune ich über diese Frau.
-Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob ich es wirklich
-mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen
-mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist
-es etwa nicht wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich
-die Verständigste von all den hier Geborenen ist?
-</p>
-
-<p>
-Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch
-ein Mensch aus einer anderen Welt, der fertig ist mit
-dem Leben und so müde, so furchtbar müde durch das,
-was dieses Leben ihm brachte.
-</p>
-
-<p>
-Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen
-und mich allein lassen wollten!
-</p>
-
-<p>
-O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir
-ist, ohne dich zu leben, und wie gerne ich sterben möchte!
-Morgen, heute, sofort ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Welch eine Lästerung habe ich niedergeschrieben! Noch
-gestern wollte ich sterben, und heute will ich leben, muß
-ich leben, noch einige Mondtage, dann mag geschehen,
-was will! Es saust mir im Kopfe, und ein unaussprechlich
-wonniges Gefühl will mir die Brust zersprengen. So ist
-es, so ist es! Ich muß es erfüllen, ich muß!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-Gott, wie danke ich dir, daß ich unseren alten Wagen
-mit mir habe und genügende Vorräte. Und es ist so einfach!
-Wie sonderbar, daß ich nicht früher daran gedacht
-habe!
-</p>
-
-<p>
-O Erde! O meine Brüder! Ich bin doch nicht so verlassen
-und von euch abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem
-glaubte; ich habe ein Mittel, euch Nachrichten von mir
-zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben bezahlen
-werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe!
-</p>
-
-<p>
-Ich werde auf der Wüste sterben, im vollen Glanz
-meines geliebten Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ach, daß ich sie finden möchte! An sie denke ich jetzt
-nur, von ihr träume ich, und wahrhaftig, ich weiß nicht,
-ob ich jemals im Leben den Anblick des geliebten Weibes
-so heiß begehrt habe, wie ich heute begehre, sie wiederzufinden
-&mdash; diese Kanone, die wir vor fünfzig Jahren
-am Grabe O&rsquo;Tamors zurückgelassen haben! ...
-</p>
-
-<p>
-Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf
-fuhr, überkam mich ein wahrer Freudentaumel; er erschien
-mir wie eine Offenbarung, die mir das Mittel zur Verständigung
-mit meinen Brüdern auf der Erde zeigte.
-</p>
-
-<p>
-Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe
-nicht ein einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort,
-auf dem <em>Sinus Aestuum</em>, inmitten der Steinwüste,
-am Grabe O&rsquo;Tamors, eine Kanone steht, die genau auf
-die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den
-Funken wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den
-Weltenraum, der Erde entgegenzuschleudern.
-</p>
-
-<p>
-So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen und
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-diese Kanone suchen; ich werde die Leiche des greisen
-O&rsquo;Tamor in dem felsigen Grabe auffinden. O&rsquo;Tamor, der
-diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die leeren Augenhöhlen
-der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von
-dieser Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu
-erschöpft, und vor allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren
-könnte. Der Tod hat mich verschmäht, er wollte
-nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm entgegengehen,
-in dieses furchtbare Land, das sein Königreich
-sein muß.
-</p>
-
-<p>
-Und ich werde dort ruhen, neben O&rsquo;Tamor und der abgeschossenen
-Kanone, auf Felsen gebettet unter dem Rund
-der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es doch bald wäre &mdash;
-so bald wie möglich!
-</p>
-
-<p>
-Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert!
-Vorher werde ich dieses Tagebuch zusammenfalten, dieses
-Buch des Schmerzes, das ich den künftigen Mondvölkern
-hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust pressen
-und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer
-Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich
-träume davon mit klopfenden Schläfen, wie dort auf der
-Erde jemand diese Stahlkugel findet, &mdash; nach Wochen
-vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten. Und
-nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt
-...
-</p>
-
-<p>
-Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen,
-was ich im unaufhörlichen Denken an euch und an unsere
-gemeinsame Mutter, die Erde, geschrieben habe. Ihr kennt
-sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht der Blüten
-und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch
-vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichen
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-Zeiten über dem Reich der Stille und des Todes
-leuchtet!
-</p>
-
-<p>
-Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter
-ist, wenn man sie durch die Abgründe der Himmel erschaut,
-und wie ich mich nach ihr sehne und nach euch &mdash; und
-diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl er
-mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste
-und zum drittenmal verblaßte die Erde seit der Zeit, da
-wir nach langer, mühseliger Fahrt im Polarland anlangten,
-als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf den Hügeln
-überraschte, zu mir trat und sprach:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren!
-</p>
-
-<p>
-Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in
-meinen Gedanken so mit der Erde beschäftigt, daß ich den
-Sinn zuerst nicht verstand, sondern glaubte, er rufe mich
-zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ...
-</p>
-
-<p>
-Aber er sagte weiter:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist
-Zeit, an das Meer zu den warmen Teichen zurückzukehren,
-zu unseren Behausungen und Feldern, Alter Mensch.
-</p>
-
-<p>
-Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage,
-aber trotzdem las ich in seinen Zügen einen unerschütterlichen
-Entschluß. Und plötzlich überkam mich eine unsägliche
-Trauer: Diese Menschen sind mit mir hierhergekommen
-und denken jetzt an die Rückkehr, an ihre
-Familien, an die Heimat, nach der sie sich sehnen und
-die sie bald wiedersehen werden &mdash; und ich? ... Mein
-Haus, meine Familie und meine Heimat dort &mdash; am
-Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurückkehren, obwohl an
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-mir sicherlich eine hundertmal heißere Sehnsucht nagt
-nach ihr, die ich auf ewig verloren habe, als an diesen
-Leuten nach einem Stückchen Mond, am Strande des
-Mondmeeres! Eifersucht bemächtigte sich meiner.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Kehrt zurück! sagte ich trocken.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen
-zu mir aufblickend.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich
-euch mit mir nahm, gesagt, daß ich gehe, um niemals
-wiederzukehren.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, flüsterte Jan, aber ich dachte, daß mit der
-Zeit vielleicht doch ... Hier ist es nicht gut für Menschen
-...
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Kehrt also zurück. Ich bleibe.
-</p>
-
-<p>
-Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt,
-als wenn er von einem Wurf in den Nacken getroffen
-wäre und entfernte sich eiligst. Zu Ada, dachte ich mir,
-um Rat zu holen.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile kam
-die &bdquo;Mondpriesterin&ldquo;. Ich war auf eine lächerliche Szene
-mit Bitten, Beschwörungen und Weinen vorbereitet, wie
-sie sich vor Aufbruch zu der Fahrt hierher abgespielt hatte,
-und daher sehr verwundert, als Ada allein und still kam,
-weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur sagte:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter
-Mensch?
-</p>
-
-<p>
-Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber du wirst doch nicht <em>dorthin</em> gehen?
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf
-die Erde und die unter ihr liegende Mondwüste.
-</p>
-
-<p>
-Unwillkürlich folgte ich ihren Blicken, und da war es,
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-als zum erstenmal der Gedanke in mir auftauchte, daß
-ich mich dorthin begeben könnte, auf die Wüste, die ich
-vor fünfzig Jahren mit meinen Kameraden zurückgelegt
-hatte, um mich wenigstens für kurze Zeit, ehe ich sterbe,
-der Erde näher zu fühlen, sie direkt über mir zu haben.
-Heute erfüllt mich dieser Gedanke ganz und gar; er begleitet
-mich im Wachen und im Schlafe und ich kann
-mich nicht eine Minute von ihm losreißen. Aber damals
-war es kaum ein erstes Aufblitzen, das ich zunächst in
-mir erstickte, denn ich glaubte, daß es etwas Unmögliches
-sei; als wenn der Tod an der Grenze der Möglichkeit
-stünde und es unmöglich wäre, etwas zu kaufen, was man
-mit dem Leben bezahlen muß.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Dorthin wirst du also nicht zurückkehren, wiederholte
-die Priesterin.
-</p>
-
-<p>
-Ich zögerte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein. Noch nicht.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; So ... könntest du vielleicht doch noch mit diesen
-Armen am Meere wohnen? Sie möchten dich so gern in
-ihrer Mitte haben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein! antwortete ich hart, da ich sah, daß ich wieder
-mit Bitten bestürmt werden sollte. Ich will hierbleiben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie es dir gefällt, Alter Mensch. Sie werden sehr
-traurig sein, aber ... wie es dir gefällt, so wirst du tun.
-Wenn sie allein zurückkehren, werden diejenigen, die zu
-Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der Alte Mensch,
-auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie
-aber werden die Köpfe sinken lassen und antworten: Er
-hat uns verlassen. Aber wie es dir gefällt. Schließlich
-wissen sie, daß du ein Gast unter ihnen bist und die Zeit
-kommen wird, da sie sich allein regieren müssen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-&mdash; Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich.
-Sogar Jan gehorcht dir und achtet deinen Willen.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah sie erstaunt an; sie zögerte, dann glitt sie langsam
-zu meinen Füßen nieder:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sprich.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Jage mich nicht fort!
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu
-bleiben.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Bei mir, hier im Polarland?
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ja, bei dir im Polarland.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind
-diejenigen, die dir nahe stehen, dort am Meeresstrande.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß, du stehst mir nicht nah, denn du bist
-von einem fernen Stern gekommen; ich weiß es, aber
-erlaube mir dennoch ...
-</p>
-
-<p>
-Ich dachte über diese seltsame Bitte nach.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich
-zum zweitenmal.
-</p>
-
-<p>
-Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber
-fester Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich liebe dich, Alter Mensch.
-</p>
-
-<p>
-Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich weiß es, daß es eine strafwürdige Kühnheit ist,
-wenn ich zu dir sage, daß ich dich liebe, aber ich kann das,
-was ich fühle, nicht anders bezeichnen. Meiner Eltern
-erinnere ich mich kaum mehr. Ich weiß nur noch, daß
-sie unglücklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner
-Kindheit, und ich sehe in dir alles Große, Lichte, Mächtige,
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-etwas, das ich nicht kenne, aber ich weiß, daß es
-von den Sternen mit dir hierhergekommen ist.
-</p>
-
-<p>
-Sie verstummte. Und als ich noch in höchstem Staunen
-ihre sonderbaren Worte an meiner Seele vorüberziehen
-ließ, begann sie von neuem:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und dabei warst auch du unglücklich und so einsam,
-einsam das ganze Leben hindurch, einsam wie ich. Ich
-weiß nicht, weshalb du von dem dort leuchtenden Stern
-auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ...
-Ich weiß, daß du alles tust, was du willst, &mdash; du genügst
-dir und bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen
-und bis zum Ende mit dir zusammen sein. Jage mich nicht
-fort! Du Großer, du Guter und Kluger!
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen
-Füßen und verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und wenn du dann fortgehen willst, zurückkehren
-zu deiner am Himmel strahlenden Heimat, sagte sie nach
-einer Weile des Schweigens, so werde ich dich bis an die
-Grenze dieser großen, toten Wüste begleiten und von dir
-Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen,
-bis du meinen Augen entschwunden sein wirst und dann
-zu den Menschen am Meeresstrande zurückkehren und ihnen
-nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich
-sterben.
-</p>
-
-<p>
-Während sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flüsternd
-und träumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen
-hatte, waren die Mondzwerge nahe herangeschlichen
-und lauschten ihren Worten mit angehaltenem Atem. Und
-plötzlich hörte ich Jan leise sagen:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die
-Erde!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes
-Weinen. Und sonderbar! Für gewöhnlich regte mich
-das Weinen dieser Antropomorphen auf und reizte mich,
-jetzt aber, ich weiß nicht, ob durch die unerwarteten Worte
-Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele erschüttert
-hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte
-Reise auf die Wüste hinaus &mdash; im Angesicht der leuchtenden
-Erde, &mdash; genug, es überkam mich eine große Trauer, ein
-herzzerreißendes Mitleid.
-</p>
-
-<p>
-Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch
-meinen Blick ermutigt, kam einige Schritte näher und
-sagte, mir in die Augen schauend:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet
-man dich dort? Hast du deine Ankunft schon angekündigt?
-Müssen wir allein bleiben? In diesem Augenblick war
-es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke:
-Das Geschütz!
-</p>
-
-<p>
-Ja, das Geschütz, am Grabe O&rsquo;Tamors, dort in der
-Wüste!
-</p>
-
-<p>
-Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drückte beide
-Hände aufs Herz, das mir die Brust zu sprengen drohte.
-Ich starrte in das kleine Segment der Erdscheibe, das
-noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne
-jagte und drängte es sich im wilden Durcheinander:
-Reise, Wüste, Kanone, der Schuß, meine Erdenbrüder,
-dieses Tagebuch ... und dann ein grauer Nebel, in dem
-alles zusammenschmolz. Ich fühlte, das ist der Tod!
-</p>
-
-<p>
-Ich vergaß, wo ich war, was um mich her vorging.
-Sie blickten stumm in höchstem Staunen auf mich, aber
-ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum erreichte mich nur
-noch die Stimme Adas:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-&mdash; Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde.
-Bald wird er uns verlassen.
-</p>
-
-<p>
-Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich
-allein.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstand, daß das eine Offenbarung war, daß ich
-in die Wüste gehen, das Geschütz finden, die letzte Kunde
-und den letzten Gruß auf die Erde senden und dann &mdash;
-sterben muß.
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile später teilte ich Ada und Jan meinen Entschluß
-mit; sie nahmen ihn mit traurig gesenkten Köpfen
-auf, aber ohne ein Wort des Widerspruchs, als wenn sie
-darauf vorbereitet waren.
-</p>
-
-<p>
-Von ihrer Rückkehr an die Warmen Teiche ist keine
-Rede mehr. Sie wollen hierbleiben bis zum Augenblick
-meiner Abreise.
-</p>
-
-<p>
-Gegenwärtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende,
-habe ich die Sonne zur Rechten; bevor sie mit dem halben
-Rund emporsteigt, den Tag auf die öde Halbkugel tragend
-und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Meine Mondtragödie ist somit zu Ende! Ich bin hier,
-wo ich auf diesem Globus die ersten Wiesen, das erste
-frische, lebendige Grün erblickte. Damals lag die Fahrt
-durch die todbringende Wüste hinter mir, jetzt will ich
-aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten.
-</p>
-
-<p>
-Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse
-mein verflossenes Leben an mir vorüberziehen, und es
-dünkt mich, daß es Zeit ist, mit dem Gewissen abzurechnen.
-Ich möchte mich, wie es die Menschen auf der
-Erde tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Sünden
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-beichten, und seltsam, auf meine Lippen drängt sich nur
-mein Unglück. Sollte beides ein und dasselbe sein?
-</p>
-
-<p>
-Du also, <em>Herr</em>, der Du die Stimme des elendesten Wurmes
-hörst, wie das Getöse der Welten, die durch den
-Weltenraum dahinsausen, der Du mich hier auf dem Monde
-siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast,
-nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, daß
-ich sündig war &mdash; und unglücklich!
-</p>
-
-<p>
-Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng,
-die Du für mich geschaffen hast, und ich flog auf Flügeln
-der Sehnsucht mit all meinen Gedanken zu diesen am Firmamente
-glänzenden Welten und entzog mich den Liebkosungen
-der Mutter, um von den Wundern zu träumen,
-die Du geschaffen hast &mdash; <em>nicht</em> für mich! Ich war sündig,
-<em>Herr</em>, &mdash; und unglücklich ...
-</p>
-
-<p>
-Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang,
-die Du den Menschen zu erringen erlaubst, schrie
-meine Seele in mir: Zu wenig! Und ich träumte davon,
-das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier aufzuheben,
-die Deine Hand herabgelassen hat. Sündig war
-ich und unglücklich ...
-</p>
-
-<p>
-Und kaum war ich ein Mann, erfaßte mich die Begierde,
-den Weltenraum zu durchfliegen, als wenn ich,
-auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von den Unendlichkeiten
-des Weltalls umgeben wäre und nicht über Abgründen
-schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und
-verließ leichten Herzens die nährende Mutter, von dem
-silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz des Mondes verführt
-... Sündig war ich, <em>Herr</em>, und ich bin unglücklich.
-</p>
-
-<p>
-Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde
-und war so erbärmlich, um ein wenig Luft, die ich für
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-die Erhaltung des Lebens benötigte, mit ihnen zu kämpfen,
-oder um die Frau, die keinem von uns gehörte, die wir
-verlangend die Hände nach ihr ausstreckten. Und als ich
-Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt,
-Schuld getragen, habe ich nichts getan, um sie
-davon zu befreien. Sündig war ich und unglücklich ...
-</p>
-
-<p>
-Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die
-mich mein eigener Wille verschlagen, und als mir das
-junge menschliche Geschlecht anvertraut ward, konnte ich
-in ihm den Geist nicht erwecken noch seine Augen zum
-Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich
-nur Verachtung für die Unglücklichen und habe es geduldet,
-daß sie mich verehrten, während nur <em>Dir</em> allein die
-Ehre gebührt ... Ich war sündig, <em>Herr</em>, und unglücklich
-...
-</p>
-
-<p>
-Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht
-erschöpft, verlasse ich diese Armen, deren Schicksal meinem
-Schutz und meiner Führung übergeben war und gehe der
-letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im Angesicht
-der Erde! Ich bin sündig, <em>Herr</em>, und unglücklich!
-</p>
-
-<p>
-Mein Leben ist in zwei große Teile zerfallen: Der eine
-heißt Verlangen nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht
-nach dem Verlorenen; und beide waren traurig, ach,
-so unendlich traurig ...
-</p>
-
-<p>
-Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen,
-denn ich bin kaum einen elenden Schritt vorwärtsgekommen
-im Weltall, und ich kenne nicht einmal die
-Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich befinde. Vergeblich
-habe ich alles geopfert, vergebens die Räume der
-Himmel durchflogen, eine Wüste durchwandert, die furchtbarer
-ist als irgendeine auf der Erde, vergebens fünfzig
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-Jahre auf diesem Globus gelebt. Die Rätsel, die mich
-umgeben, sind heute so ungelöst wie vor einem halben Jahrhundert.
-</p>
-
-<p>
-Wonach ich mich auch sehne, ich weiß, daß ich es
-niemals erreichen werde.
-</p>
-
-<p>
-Und das ist mein ganzes Leben!
-</p>
-
-<p>
-Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, daß es ende ...
-</p>
-
-<p>
-Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wüste, auf
-die ich früh den Wagen lenken werde, um allein zu sein
-bis zum Tode ...
-</p>
-
-<p>
-Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe,
-werden hierbleiben ... Sie werden auf den Berg steigen
-und mir noch lange nachsehen, mir und dem schwarzen
-Wagen, der in der anbrechenden Morgenröte verschwindet;
-und dann werden sie zu ihrem Volke zurückkehren und
-sagen: Der Alte Mensch ist von uns gegangen ...
-</p>
-
-<p>
-Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird
-hier dereinst eine Legende entstehen, sowie aus unserer
-Ankunft auf dieser Welt!
-</p>
-
-<p>
-Sündig bin ich ...
-</p>
-
-<p>
-Es nähert sich die Zeit der Abreise ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-7">
-VII.
-</h3>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf Mare Frigoris.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>ch bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt
-mich diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, daß
-ich schon gestorben bin und in diesem Wagen dahinfahre,
-wie in dem Boote Charons, zu unbekannten Ländern.
-</p>
-
-<p>
-Und ich kenne doch diese Wüste und sah diese Berge,
-die sich dort am Horizont malen. Ich bin schon einmal
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-hier gewesen, vor langen Jahren! Nur damals eilten wir
-zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel
-Kraft, bis zum Grabe O&rsquo;Tamors zu dringen! Um nichts
-anderes bitte ich dich mehr.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe dem Mondvölkchen versprochen, aus der Wüste
-zurückzukehren, wenn meine Kräfte reichen sollten und
-dann bis zum Ende meines Lebens bei ihnen zu bleiben;
-aber ich weiß, daß ich aus der Wüste nicht zurückkehren
-werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an
-den warmen Teichen notwendiger wäre als jemals.
-</p>
-
-<p>
-Wenn das wahr ist ...
-</p>
-
-<p>
-Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im
-Augenblick meiner Abreise.
-</p>
-
-<p>
-Hört es, Menschen auf der Erde:
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete
-mich von der kleinen Schar der Zurückbleibenden, als ich
-plötzlich am Eingang zu der Mulde zwei Menschen bemerkte.
-Im ersten Augenblick dachte ich, daß dies eine
-Täuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln.
-Zwei Zwerge näherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie
-ebenfalls und stieß einen Schrei aus:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Sie senden nach uns! Es muß etwas Schlimmes
-geschehen sein!
-</p>
-
-<p>
-Die Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Die beiden
-Abgesandten kamen vom Meere mit einer erschreckenden
-Nachricht.
-</p>
-
-<p>
-Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen
-Teiche waren die kühnen Abenteurer, die ich für verloren
-hielt, von der Expedition nach der südlichen Halbkugel zurückgekehrt.
-Aber nur zwei von ihnen, der dritte wird niemals
-wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beiden
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-beschloß man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um
-mich zur Rückkehr ans Meer zu bewegen.
-</p>
-
-<p>
-Die zwei, die sie für diese Mission ausgewählt hatten,
-hielten sich bei ihrer Wanderung längs dem Lauf des
-Flusses, in der Richtung, wie sie den Weg aus Adas Erzählungen
-kannten; so gelangten sie auf die Höhe über
-der See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten
-zur Polarmulde.
-</p>
-
-<p>
-Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen
-zu und wollte endlich genau wissen, was sie zu dieser so
-ungewöhnlichen Reise bewogen hatte. Da begannen sie,
-von mir und Ada immer wieder befragt, sich gegenseitig
-unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr
-ich nur so viel, daß ihre drei Kameraden bei günstigem und
-überaus starken Winde im Schlitten, der mit Segeln
-versehen war, im Lauf der Nacht das zugefrorene Meer
-im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum
-gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel
-gelangten. Das war klar, aber das weitere nur mit Mühe
-aus ihren konfusen Reden herauszufinden. Und außerdem
-klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen, auf
-weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb
-Mensch und halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen
-Höhlen verkriechen. Diese Schlupfwinkel haben sie sich
-um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene, in Trümmer
-zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen entsetzlichen,
-raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge
-Kämpfe bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen
-der ihrigen, dank des Besitzes von Schußwaffen, siegreich
-hervorgingen. Den Heimweg legten sie in wilder
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-Flucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig
-auf dem Eise.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler
-und zitterte bei der bloßen Erinnerung dessen, was
-er gehört hatte; klein, aber fürchterlich! Die Unseren mußten
-fliehen, da ihrer viele, viele waren! Sie haben Schnäbel
-statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar
-haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und
-die Leiche dann in eine jener Höhlen geschleppt, worin sie
-hausen. Das Land dort ist herrlich, aber diese Geschöpfe
-sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten erzählten uns
-davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten
-den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang
-es ihnen zu entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und
-seltsam ist das Land dort im Süden hinter dem Meere.
-Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind, und mächtige
-Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen.
-Und diese Bestien bewachen das alles und verneigen
-sich vor den Türmen, es scheint jedoch, daß sie nicht wissen,
-was sie damit anfangen sollen. Sie wohnen in Höhlen
-und sind entsetzlich anzusehen.
-</p>
-
-<p>
-Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere
-Einzelheiten über diese neu entdeckten Wesen hinter dem
-Mondmeer zu erfahren; sie konnten mir keine Antwort
-geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt
-der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee!
-Der Wind war ihnen nicht günstig; infolgedessen gelang
-es ihnen nicht, in einer Nacht über das Meer zu kommen.
-Es war schon Morgen, und das Eis begann zu schmelzen,
-als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort verbrachten
-sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend,
-<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-den ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht
-und die Kälte, um auf dem Eise die Weiterreise anzutreten.
-In der zweiten Nacht hat sie dann der Sturm weit
-nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll
-zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so
-daß sie, mit unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am
-Meeresstrande zu Fuß zurücklegen mußten, nachdem sie
-den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande
-überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land
-der warmen Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch
-sie verlassen hat.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige
-Erzählung zu Ende war.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide
-gleichzeitig; es geht uns schlecht und Unglück kommt über
-uns! Diese raubgierigen Ungeheuer werden jetzt, da sie
-von unserem Vorhandensein erfahren haben, unzweifelhaft
-über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns niederdrücken
-und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind
-viele, viel mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen!
-</p>
-
-<p>
-Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen;
-ich fühlte ängstlich fragende, flehende Blicke Jans und
-seiner Brüder auf mich gerichtet, nur Ada war unbeweglich
-und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im Innersten
-erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und
-tun sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles
-jener Wesen auf die menschliche Mondkolonie, sondern die
-Kunde selbst, daß hier auf diesem Globus Geschöpfe leben
-und, wie es scheint, sogar verständige, die mich wanken
-machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran, auf
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr
-Brüder auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden,
-und hierzubleiben unter dem Mondgeschlecht, jene seltsamen
-Völker kennen zu lernen, die hinter dem Meere
-wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte,
-nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der
-Not die Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde
-vor ihnen zu schützen.
-</p>
-
-<p>
-Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich
-die Mondvölker, die von der Erde gekommenen und jene,
-die Überreste irgendeines alten Mondstammes, an, die wie
-Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte wohnen,
-in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten?
-Mögen sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich
-gegenseitig vernichten. Was kümmert es mich? Ich bin
-alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug leben werde,
-um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen.
-Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids
-willen vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und
-wer bürgt mir dafür, daß die Erzählung dieser beiden
-Degenerierten wahr ist? Vielleicht stehen dort gar keine
-zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte Felsen?
-Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige
-Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich
-davon zu überzeugen, denn es eilt mir, dort zu sterben am
-Grabe O&rsquo;Tamors, im vollen Schein der Erde.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich,
-ihr denkt nur an euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt
-antreten, und mein Weg führt nach einer anderen Richtung
-als der eure.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-&mdash; Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte
-Ada, während ich schon den Fuß auf die Stufen des
-Wagens setzte. Aber Jan berührte noch einmal meine
-Knie:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders
-sein kann, versprich uns, daß du zu uns zurückkehren willst,
-wohin du auch zu fahren beabsichtigst! Wir werden dich
-erwarten, und der Gedanke an dich wird uns in den
-Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen!
-</p>
-
-<p>
-Ich zögerte.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht,
-werde ich zurückkehren!
-</p>
-
-<p>
-Ada wandte sich zu der kleinen Schar:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Er wird zurückkehren, aber dorthin!
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das
-kleine Segment der Erde, das über dem Horizont glänzte.
-</p>
-
-<p>
-Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer,
-als ihre letzten Worte noch mein Ohr erreichten:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Und hierher wird <em>er</em> wiederkehren erst nach Jahrhunderten,
-nach Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt
-ist ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">F</span>urchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr
-Brüder! Starres Entsetzen überkommt mich, wenn ich
-an die grenzenlose Einsamkeit denke, an die grauenhafte
-Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten.
-Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch
-flammende Höllen vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige
-Kälten. Und Leere ... Leere ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten,
-hat mich dieses Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle
-Kluft in dem <em>Quertale</em>, in der ich ein Steckenbleiben
-des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste ich
-vom <em>Mare Frigoris</em> aus den Ring des <em>Plato</em> von
-Westen her und erreichte so die große Ebene, auf der ich
-bis zum Fuße des <em>Eratosthenes</em> gelangen werde.
-</p>
-
-<p>
-Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen?
-Es wartet meiner wohl noch Schlimmeres.
-</p>
-
-<p>
-Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der
-Toten gesehen haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste
-dort; weder Felsen noch jene ruinenartigen Steinmassen
-waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne getäuscht,
-oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so
-daß ich von fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen
-bin? Oder sollte vielleicht die Karawane der
-Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen haben und
-weitergezogen sein durch die Wüste &mdash; auf die grenzenlose
-Ebene des Todes? ...
-</p>
-
-<p>
-Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her,
-und ich mit meiner grauenhaften letzten Einsamkeit ...
-</p>
-
-<p>
-Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen
-Sterne leuchten am schwarzen Samthimmel &mdash; grausig,
-fürchterlich ... Und warum soll ich die Stadt der Toten
-suchen &mdash; ich werde sie sicherlich finden, früh genug &mdash;
-ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her?
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
-Unter dem Eratosthenes.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span>och eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg,
-der letzte Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden
-umkreisen und so auf den <em>Sinus Aestuum</em> gelangen
-&mdash; und von dort, vom Steingrabe des greisen O&rsquo;Tamor ...
-</p>
-
-<p>
-Wilde, zerrissene Gipfel vor mir &mdash; und die Erde fast
-im Zenit, in der Fülle wie eine entfaltete Blume, und die
-Sonne schon unter mir.
-</p>
-
-<p>
-Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft,
-oh, wenn doch auch die Kräfte reichen wollten, sie
-verlassen mich mehr und mehr ... Ich habe schon lange
-nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit der
-Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert
-war, nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke
-des <em>Mare Imbrium</em>, verfolgten mich im Schlaf verschiedene
-Stimmen und Erscheinungen. Zuerst glaubte ich,
-hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören,
-die mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor
-den Mondbewohnern zu schützen, die über das Äquatormeer
-gekommen wären und ihnen die Hütten verbrennen
-und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser
-Alp von mir gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner
-verstorbenen Kameraden. Sie begrüßten mich in ihrer
-Mitte und forderten mich auf, ein Schatten unter Schatten,
-mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und
-endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe
-&mdash; und das war die einzige Stimme, der meine ganze
-Seele Antwort gab.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine
-Brüder auf der Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe,
-<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-bis daß es mir vergönnt sein wird, im letzten Schlaf
-die müden Augen zu schließen.
-</p>
-
-<p>
-Das währt nicht mehr lange &mdash; nicht wahr, nicht mehr
-lange? ...
-</p>
-
-<div class="date">
-<p class="date">
-Am Grabe O&rsquo;Tamors &mdash; in letzter Stunde.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span>ott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den
-Weg und jene Stelle gefunden, jene verfluchte Stelle,
-wo unser Fuß zum erstenmal den Boden berührt hat,
-und ... sie sei gesegnet, &mdash; von wo ich Kunde von mir auf
-die Erde senden kann.
-</p>
-
-<p>
-Ich stehe an der Leiche des Greises O&rsquo;Tamor und bin
-erstaunt, daß er jünger ist als ich, frischer, lebendiger.
-Jahre sind über ihn dahingegangen, ohne ihn zu berühren,
-wie ein leichter Wind über Granitfelsen dahinweht. Hier
-in dieser luftlosen Leere gibt es keine Zerstörung: der
-Greis O&rsquo;Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir
-ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten
-Augen unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich,
-der ich als Jüngling von diesem Grabe fortging, jetzt über
-ihm gebeugt stehe mit weißem Bart und weißen Haaren
-und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu
-lange habe ich gelebt, Greis O&rsquo;Tamor! Zu lange habe ich
-gelebt!
-</p>
-
-<p>
-Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört;
-es wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und
-ich schreibe die letzten Worte, ehe ich diese Papiere in die
-Kugel einschließe, die sie auf die Erde tragen wird.
-</p>
-
-<p>
-Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird
-kaum mehr für zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich
-muß mich eilen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-Seit unserm <span class="antiqua"><em>EXODUS</em></span> siebenhundertsieben Mondtage.
-</p>
-
-<p>
-O Erde! O verlorene Erde! ...................................................................
-</p>
-
-<p class="end">
-Hier bricht das Manuskript ab, das in der
-vom Monde herabgefallenen Kugel gefunden
-wurde.
-</p>
-
-<p class="cap">
-DER MITTLERE TEIL DER NÖRDLICHEN
-HALBKUGEL DES MONDES
-</p>
-
-<p class="maplnk">
-[<a href="images/maphr.jpg">Karte mit hoher Auflösung</a>]
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-map">
-<img src="images/map.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="printer">
-Gedruckt bei M. Müller &amp; Sohn in München
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span>
-Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer
-<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Die Namen der Mondkrater Mösting, Schröter und Sömmering sind im
-Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering.
-Dies wurde so belassen.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... frischem <span class="underline">üppigen</span> Grün bedeckt waren. Und alles von ...<br />
-... frischem <a href="#corr-11"><span class="underline">üppigem</span></a> Grün bedeckt waren. Und alles von ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &mdash; <span class="underline">Jedesfalls</span> steht es schlecht. ...<br />
-... &mdash; <a href="#corr-12"><span class="underline">Jedenfalls</span></a> steht es schlecht. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ganzes <span class="underline">Innere</span> sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...<br />
-... ganzes <a href="#corr-13"><span class="underline">Inneres</span></a> sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF SILBERNEN GEFILDEN ***
-
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