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-The Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Seefahrt ist not!
-
-Author: Gorch Fock
-
-Release Date: February 26, 2016 [EBook #51303]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Seefahrt ist not!
-
-
- Roman
- von
- Gorch Fock
-
- 121.-130. Tausend
-
- Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921
-
- Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
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-
- Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten,
- bleibt in euern Hütten, euern Zelten,
- und ich reite froh in alle Ferne --
- über meiner Mütze nur die Sterne.
-
- Goethe.
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-
- Erster Stremel.
-
-
-»Insonderheit aber bitten wir dich für die, die auf dem Wasser ihre
-Nahrung suchen. Segne, segne die Fischerei auf der See und im Fluß,
-behüte Mann und Schiff in allen Gefahren!«
-
-Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor. Da hatte er
-laut und warm für seinen alten Kaiser gebetet, laut und warm, wie es ihm
-von Herzen kam, nicht leise und kalt, wie sein Vorgänger, ein zäher
-Welfe, der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: »Laß deine
-Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm, unsern Kaiser und Herrn,
-und über das ganze kaiserliche Haus.«
-
-Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch, mit dem die Kanzel
-vom Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war. Es schien,
-als wenn die Stimme ihm versagte und er aufhören müßte. Und er hielt
-überwältigt inne und ließ die große Stille kommen.
-
-Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. Regungslos saß die
-Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.
-
-Und die _See_ nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee -- mit ihren
-jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm,
-mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und
-Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter, -- mit geborstenen Segeln,
-gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracken und
-hilferufenden Fahrensleuten.
-
-Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen hätte.
-
-Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem Altar, die als große
-Schleefen zu den gegenübersitzenden Konfirmandinnen hinübergelacht und
-ihnen zugenickt hatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände
-zusammen und sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille die
-Väter und Brüder in den Sinn kamen, die draußen waren, und weil sie
-daran dachten, daß sie nach Ostern selbst in die Fischerei hineinkamen.
-
-Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Alle falteten rasch die
-Hände, und manches Kinderherz bebte -- vergessen war, daß sie abends am
-Deich einzuhüten hatten und daß die Jungen dort vor den Fenstern
-trommelten und pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder
-Sechsundsechzig mitspielen durften.
-
-Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seite des Eilandes, um
-die die Junggäste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten
-stiegen, weil keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause
-bringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf, nicht
-allein, weil sie wußte, daß es ihr gut stand, sondern auch um die
-Seefischerei, um alle Freundschaft, Bekanntschaft und Verwandtschaft,
-die unter Segeln war.
-
-Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, den sie den
-Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war, Hein Loop, einer der
-Verwegenen, der Verwogenen, wie sie an der Wasserkante sagen, einer von
-denen, die nicht reffen und nicht beidrehen mögen, die mit allen Lappen
-segeln und mit jedem Winde fischen, denen es ergeht wie dem jungen Lord
-von Edenhall:
-
- sie schlürfen gern in vollem Zug,
- sie läuten gern mit lautem Schall,
-
-die mit dem Glück von Edenhall anstoßen und es wohl auch einmal
-versuchen. Die See schmecke ihm erst dann, wenn sie gar sei, und gar sei
-sie nach seiner Meinung erst, wenn sie _koche_, hat Hein Loop einmal
-gesagt, und jeder, der ihn kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete er,
-denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter nach See, up de Schullen
-dol, und konnte mooi Wind und mooi Fang gebrauchen.
-
-Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine Macker, die nicht weit
-hinter ihm saßen, ließen das Kirchenwort in die unerschrockenen
-Seemannsherzen hinein, wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges
-Sprüchlein achteran hingen, das bei Jan hieß: Herr Pastur, de
-verdreihten Dänen ne vergeten! Bei Simon lautete es: Amen, Herr Pastur:
-ober dat Is mütt irst innen Dutt, ans kann ik ne rut! Und bei Hinnik
-besagte es: De Büt, Herr Pastur, de Büt, de Büt, de hürt dor ok mit to!
-
-Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort saßen die
-Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln
-Kopftüchern wie morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte
-Jahrgang hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein
-Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst
-saß die greise Geeschen Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer
-Landkarte ähnlicher sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur noch
-für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben: ihren Vater,
-der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen war,
-ihren Mann, der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien
-untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf Jahre später bei
-Amrum geholt hatte, ihre beiden Söhne, die vor neun Jahren mit ihrem
-neuen Ewer verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem großen,
-leeren Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen
-zurückgelassen hatten, und wunderte sich, daß sie immer noch lebte und
-daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon lange eine andere saß.
-
-Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht
-zugemacht: Thees to Baben, der Segelmacher und Spökenkieker, der Blut
-stillen, Krankheiten besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen
-bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besaß. Er
-beobachtete den Pastor scharf, und als Bodemann die Augen schloß, machte
-Thees seine weit auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn
-kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich stieg und über die
-Äcker, Gräben und Wischen wallte, ohne eines Weges oder Steges zu
-bedürfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte
-und die Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren
-Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die
-gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die
-Knechte. Mit weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie
-an. Wie sie über Bord gespült waren, standen und gingen sie, das Wasser
-leckte ihnen von den Südwestern, glänzte auf den Ölröcken und quoll aus
-den Seestiefeln. Der Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter
-sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt geworden war.
-Dabei blieb er ruhig, denn er war an Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der
-Toten ihn ansah, schüttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an
-den Segeln hat es nicht gelegen, daß ihr geblieben seid: die Segel waren
-gut! Wobei er allerdings voraussetzte, daß er sie auch wirklich gemacht
-hatte.
-
-Endlich -- ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes
-Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei draußen in
-den Erlen und Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die
-Sonnenstrahlen fingen wieder an zu spielen und Alt-Bodemann bekam seine
-Sprache zurück. Und als er dann bei seinem Herrgott um den Hausstand
-anhielt und alle, die dazugehörten, um gottesfürchtige Eheleute, Eltern
-und Herren, gehorsame Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war
-die große Stille vorüber: die Konfirmanden machten wieder ihre
-verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten und stießen einander im
-geheimen an, Gesine Külper dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees
-Segelmacher stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu,
-als wenn er noch Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die
-Prüntjer geruhig wieder hinter die Kusen.
-
-Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe der Orgel auf dem
-Chor saß, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn
-jäh befallen hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen.
-Denn er hatte sich so zu Anker gehen lassen, daß er nicht allein recht
-in der Sonne saß, sondern auch aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den
-Wischen und Gräben sah er den hohen Deich aufragen und über den Stroh-
-und Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der
-Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und die
-Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen
-Elbufer, auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und
-Freude füllten!
-
-Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete, so konnte
-nur sein Junge schuld daran sein, der unter seinen Augen unermüdlich
-neben der Kirche im Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint,
-daß er ihn nicht mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich seine
-Absicht gewesen war, als der Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und
-gesagt hatte, sie wollten das Gesangbuch tragen und ihn bis an die
-Kirchentür bringen. Denn hätte der Vogel Bunt so lange ruhig gesessen
-und geschwiegen? Sicherlich nicht -- er wäre bald aufgestanden und
-umhergelaufen und hätte geguckt und gezeigt und gefragt und getan: beim
-stillen Eingangsgebet in der Fensternische hätte er gefragt, wie jener
-Bauerjunge vom Osterende getan hatte, als er seinen Vater in den Hut
-gucken sah: Du Vadder, lot mi ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel
-hätte er in den Händen gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, Vadder: dor
-is ober plenni Monne in! Und Geeschen Witten hätte er laut gefragt:
-Diern, Geeschen, wat schreest du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten
-geben? Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wäre, hätte er geantwortet:
-ick bün vörn Pastur ne bang, Vadder! -- oder eingewendet: de lebe Gott
-is ne bi Hus, Vadder, de kann mi nix seggen!
-
-Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen, was er alles
-angerichtet hätte, und es war besser, daß er draußen seine Wache
-abreißen mußte.
-
-Der Seefischer lachte in sich hinein.
-
-Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen Rolf sich zu ihnen
-gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: wenn der Junge mit hinein wolle,
-müßten ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine
-Steine bei sich behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe. Solle er
-aber draußen bleiben, dann wäre nur zu wünschen, daß der Pastor es kurz
-und knapp mache, damit der Junge nicht die Geduld verliere und alles in
-Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt die Kirche von oben bis unten
-angeguckt und dann ernsthaft erwidert hatte, die brenne ja gar nicht,
-weil sie ganz aus Stein gemacht sei. -- Da war dem Seefischer ein
-köstlicher Einfall gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand genommen
-und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen Apfelbaum und einen
-Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, der eine sei der Großmast und der
-andere der Besansmast und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter
-Hand sei Steuerbord und linker Hand sei Backbord. Dat brukst mi ne to
-vertillen, hatte der Junge geeifert, dat weet ik jo all lang! Na, dann
-solle er aufpassen, war des Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle
-einmal ausfindig machen, ob der Junge schon etwas könne, ob er schon zu
-etwas zu brauchen sei: darum solle er auf dem Ewer zwischen den Bäumen
-eine Wache nehmen, wie auf See in der Schollenzeit, zwei Stunden
-hindurch. Der Kompaß läge Nordwest an: er solle darauf achten, daß er
-nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, daß die Segel immer voll Wind
-seien und nicht klapperten, und guten Ausguck halten, damit er keine
-Haverei mit andern Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Großer
-genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen, er hatte
-sogleich das Deck mit großen Schritten ausgemessen, hatte Großmast und
-Besan mit den wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken
-geworfen und die Äste auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprüft.
-
-»Van Burd dött ik ober doch ne gohn, ne, Vadder?« hatte er noch gefragt.
-
-»Och du Dösbattel,« war des Seefischers Erwiderung gewesen, »kannst du
-ok van Burd gohn? Büst doch up See, is doch all Woter üm di rüm.«
-
-»Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?«
-
-»Seemann?« Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den
-Birnbaum gesetzt. »Sitten blieben, Seemann! Dat is dat witte Nachthus,
-Störtebeker, un sien Nüff, dat is de Kumpaß.« Nun wisse er wohl alles:
-er brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten,
-sondern könne geruhig auf Deck hin und her gehen, wie die Fischerleute
-es täten, hatte der Seefischer geschlossen und war in die Kirche
-getreten, während der Junge unter dem Geläut der Glocken und dem Gebraus
-der Orgel an seine erste Schiffswache gegangen war.
-
-Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und der Junge ging immer
-noch ernst und wachsam zwischen Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als
-ob er wirklich an Bord sei, denn er wollte beweisen, daß er schon groß
-genug wäre und allein die Wache gehen könne. Er wollte zeigen, daß er
-schon mit der See klar kommen könne, damit sein Vater ihn im Sommer mit
-auf den Ewer nahm, wie er ihm versprochen hatte. Wie nach Segeln blickte
-er nach den Zweigen hinauf. Einen Buchfink, der im Wipfel des
-Apfelbaumes saß, ließ er sich als Flögel gefallen. Er hatte die Hände
-nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff gefühlvoll
-vor sich hin, spuckte auch einmal großartig in die See hinein, als wenn
-er bange sei, daß er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme.
-
-Es schien stürmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte ihm das weiße
-Nachthaus über Bord, sei es, weil eine Ratte über den Graben schwamm
-oder weil sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte.
-Junge, was war das für ein Stück Arbeit! Was sollte der Wachhabende tun?
-Nachlaufen konnte er nicht, denn ringsherum war Wasser, das keine Balken
-hatte: er verlegte sich deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das
-nicht half, dachte er schließlich: och wat, nu jump ik eenfach ober
-Burd: ik kann jo swümmen -- und lief nach der Wurt oder nach dem Graben,
-ergriff sein Nachthaus und schleppte es zurück, wobei er pustete, als
-wenn er wirklich im Wasser sei, stellte es wieder an den Birnbaum und
-sagte: »Du müß sitten blieben, Seemann, ans hebb ik keen Kumpaß!« Dann
-guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich
-nicht ganz sicher, ob er über Bord springen durfte.
-
-Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn, während ihm das Blut,
-das die Sonnenstrahlen geweckt hatten, heftig und stark in den Schläfen
-klopfte. Das war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den
-blauen, nordischen Augen und dem wettergebräunten Gesicht, der eine
-graue, wollene Matrosenmütze aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes
-Tuch trug, einen weißblauen Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte
-und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat, der auf
-Freiwache ist und sich landfein gemacht hat. Das war sein Junge! Wer den
-so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland
-einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab -- und durch die Brust
-seines Vaters brauste ein solches Lied, das die Orgel übertönte.
-
-Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, einen Fahrensmann
-aus ihm zu machen, einen Seefischer, einen so furchtlosen und
-verwegenen, wie Finkenwärder noch keinen gehabt hatte. Noch diesen
-Sommer wollte er ihn mit nach See nehmen, ob auch die Mutter weinte und
-die Leute den Kopf schüttelten. Lachend wollte er ihnen trotzen, denn er
-war es nicht gewohnt, auf andere zu hören, weder an Land noch auf See.
-Wie seinen Ewer, so steuerte er auch sein Leben selbst.
-
-Ja, Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden!
-
-Der Junge hieß Klaus Mewes, wie er selbst, aber das ganze Eiland, mit
-Ausnahme von Gesa, nannte ihn Klaus Störtebeker, einmal, weil er
-wirklich ein großer Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und
-Tunichtgut, dann, weil sein grüner Kahn diesen Seeräubernamen an Steven
-und Gatt trug, schließlich auch wegen des Großvaters, dem er noch
-ähnlicher sehen sollte als seinem Vater, wie die alten Leute
-behaupteten, -- der auch Klaus Mewes geheißen hatte, wegen seines
-Freibeutertums aber allgemein Störtebeker genannt worden war. Was den
-kleinen Klaus Mewes anbetraf, so war der mit seinem Seeräubernamen so
-einverstanden, daß er auf seinen wirklichen nicht mehr hörte: rief einer
-Klaus, so sagte er: Klaus gifft en ganzen barg! -- nannte ihn einer
-Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is mien Vadder, du anner! -- erst bei
-Störtebeker ließ er sich ermuntern und antwortete.
-
-Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache ging, wie genau er das
-Deck abmaß! Da war kein Schritt zu viel und keiner zu wenig! Wenn er
-sich beim Birnbaum umdrehte, vergaß er niemals, nach dem Kompaß zu sehen
-und die Segel zu überholen; wenn er beim Apfelbaum angekommen war,
-spähte er luvwärts und leewärts über die See. Mit großem Behagen und
-einiger Verwunderung bemerkte der Seefischer diese Einzelheiten, die ihm
-sagten, daß der Junge ihm und den anderen Fahrensleuten schon viel mehr
-abgeguckt hatte, als er glauben wollte. Nichts störte den kleinen
-Fischer, der wußte, daß er auf See war und kein Land in Sicht hatte, und
-sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte, noch den
-vorüberrollenden Wagen nachlief.
-
-Daß der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hörte, war
-nicht zu verlangen: er wurde kaum gewahr, daß der goldene Stern oben an
-der Orgel klingend lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und hätte sogar
-den Klingelbeutel übersehen, wenn der ihm nicht pall unter die Nase
-gehalten worden wäre. Nur der Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem
-Jungen ab, denn es brauste gewaltig durch die Kirche: Krist Kyrie, komm
-zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es ihn, denn das war kein
-Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie ein todesbanger Schrei hörte es sich
-an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es war, als wenn
-die Stürme sich wieder erhöben und die See und die Herzen aufwühlten,
-die Segel und die Seelen zerrissen, als wenn Geisterlaute, die Stimmen
-der Ertrunkenen, der Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar
-drückte der Küster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn
-dachte, so übermächtig sangen die Fahrensleute.
-
-Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte, es komme Wind auf,
-weil es mit einem Male so brauste. Aber er durfte und wollte sich nicht
-bange machen lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den
-Bäumen, deren Stämme der Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen
-waren. Unverdrossen hielt er aus, bis der Mond aufging, der stille,
-milde Freund der Menschen: Peter Wittorfs rundes, glänzendes
-Vollmondsgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm. Die Glocke mit
-der Aufschrift: Ut dat Füer bün ik floten / Peter Struve hett mi goten
--- begann, sich leise knarrend zu wiegen, schwang sich höher und höher,
-bis der Klöppel dröhnend gegen den Mantel schlug und das helle Geläut
-sich erhob. Die Türen wurden aufgestoßen, die Jungen stürmten heraus,
-als sei drinnen eine Feuersbrunst ausgebrochen, die Mädchen drängten
-nach, dann kamen die Fahrensleute und die Frauen: da ging das Nachthaus
-bellend in die Binsen und war nicht wieder in Sicht zu bekommen, so laut
-Störtebeker auch rief und pfiff. Aber wenn er nun auch ohne Kompaß war,
-so hielt er dennoch getreulich aus und verließ seinen Posten nicht, bis
-sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlöste.
-
-Ob er auch Haverei gehabt hätte? Nein, nur das Nachthaus wäre siebenmal
-über Bord gekommen! Ob der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein
-feiner Streek, hundert Stiege, große Südschollen!
-
-»Deubel ok, du kannst dat ober!« lobte Klaus Mewes.
-
-»Jä, Vadder, dat harrst di woll ne dacht, wat? Nimm mi man mit no See,
-denn schallst mol sehn, wat wi de Fisch belurt!« sagte der Junge mit
-blitzenden Augen und fuchsklugen Nasenlöchern.
-
-Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte, sie
-wollten erst mal sehen, ob die Klütjen noch schmeckten. »Kumm, Seemann!«
-Und er schechtete groß und heiter auf dem Kirchenweg entlang und
-überholte eine dunkle Reihe nach der andern. Immer größer wurden seine
-Schritte, so daß Störtebeker in Sprüngen laufen mußte, um mitzukommen,
-und Seemann, der weite Wege gar nicht gewohnt war, weil er sonst nur von
-Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte, seine rote Zunge als
-Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht bewegen konnte, sich
-aus der Fahrt laufen zu lassen.
-
-Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die mißbilligenden
-Blicke der Alten zu kehren. Was ging es ihn an, daß auf dem Kirchenwege
-nicht gelacht werden sollte? Er tat, was er wollte, und aß, was ihm
-schmeckte, der große Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem Winde bot,
-weil er keinen mürben Kram fuhr, der wußte, daß er den besten Ewer unter
-den Füßen hatte, mit dem sich etwas beschicken ließ, und der Herr und
-König seines Lebens war. Nicht umsonst hatte er Tag und Nacht, bei jedem
-Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der Besan wehen: das war der
-Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner Liebe zu seinem
-Fahrzeug, seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind das bunte
-Tuch zerfetzt, dann zog er unbekümmert eine neue Flagge auf und ließ
-weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein. Sonnigen Herzens
-pflügte der glückliche Fischer die See, lachend strich er den reichen
-Segen ein, den sie für ihn hatte, und wenn der Fische noch so viele
-waren. Fremd war ihm das alte heidnische Gefühl, das den Bauer bewog,
-sein Feld nicht ganz zu mähen, sondern eine Ecke Hafers stehen zu
-lassen, für die Götter, für Wotans Schimmel.
-
-Sie sagten, man solle und dürfe niemand aufs Wasser weisen. Wer den Weg
-nach dem Schiff nicht von selbst finde, aus dem könne doch kein Seemann
-werden: am besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen
-seiner Eltern und aller Willen zur See gegangen sei. Was scherte das
-Klaus Mewes, den Lachenden? Er sprach mit seinem Jungen nichts als
-Fischerei und Seefahrt und erfüllte ihn mit nichts anderem, als daß er
-Fahrensmann werden müsse und solle. Was für Last haben die Frauen am
-Deich, daß sie die Kinder vom Graben und von der Elbe fernhalten, daß
-sie sie aus den Böten und Kähnen herausbringen! Goh man ne bit Woter!
-ist ihr zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er lacht und
-sagt: »Goh man betjen bit Woter, Störtebeker! Schipper man mol, klüs man
-mol not Fohrwoter raf, seil man betjen, swümm man mol, dor liggt de
-Boot, dor is de Kohn!«
-
-Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem Eisen ins Herz und
-drückte es tief und unverwischbar, unauslöschlich ein: Ne bang warrn!
-Nicht bange werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange
-werden, zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel ist,
-ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem Wasser noch an Land,
-weder in den Masten noch auf den Bäumen, weder vor Menschen noch vor
-Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht
-bange werden!
-
-Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. Bang dött ik ne
-warrn, ans komm ik ne no See, sagte er sich immer wieder, wenn ihm etwas
-Furcht einjagen wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater es
-wollte.
-
-Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht, und Klaus Mewes blickte
-aufatmend über die Elbe. Und wenn er auch die Fischerewer noch im
-Wintereise sitzen sah, das nicht von den Schallen schmelzen wollte, so
-fischte und segelte er doch im Morgenlicht mit allen Segeln bei
-Helgoland. Und wenn Störtebeker sich auch noch mit dem Gesangbuch
-abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm die
-Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See.
-
-Da grüßte sein Ewer über das Eis, er sah seine Flagge flattern -- und
-seine Seele faßte noch mehr Wind, als sie schon bereichte, denn sie
-setzte die letzten und höchsten Segel.
-
-
-
-
- Zweiter Stremel.
-
-
-Klaus Störtebeker stand auf dem Deich, hatte die Hände hohl um den Mund
-gelegt und rief die Leute. »Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat
-eten!«
-
-Endlich entstiegen sie der Kambüse, winkten mit der Hand, zum Zeichen,
-daß sie verstanden hätten, und kamen über das Eis.
-
-Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte. Auf der
-Bank mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl saß zu oberst
-der Schiffer, rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der
-Junge, Störtebeker aber neben ihm auf dem bunten Bankkissen.
-
-Gesa trug die vollen dampfenden Schüsseln auf. Es gab frische Suppe mit
-bunten Korintenklütjen. Safran, Suppenkraut und Muskatnuß fehlten nicht
-daran, und ein Stück Fleisch, wie ein halber Ochse groß, kam dazu auf
-den Tisch.
-
-Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den großen, blanken
-Schöpflöffel und füllte sein Fatt, seinen Teller. Als er genug hatte,
-gab er den Löffel dem Knecht. Störtebeker bekam ihn zu allerletzt,
-obgleich er vielleicht am hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung,
-die am Deich galt, durfte nicht gerüttelt werden, obschon Klaus Mewes
-sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort kehrte: Fleesch förn
-Schipper, Klütjen förn Knecht, Kantüffeln förn Jungen. Er gab ein Essen,
-wie es selbst die großen Bauern nicht besser geben konnten.
-
-Bi Disch ward ne snackt: das war nichts für Klaus Mewes, da hätte ihm
-wohl einer ein Pechpflaster auf den Mund backen müssen, wenn er das
-gesollt hätte. Er sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken,
-und ließ sich auch durch die verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus
-dem Kurs bringen.
-
-Störtebeker aß fünf Klöße, Gotts den Donner, wat kunnt angohn! »Vörre
-Hand weg, Vadder,« versicherte er, »ohn uttoseuken; wenn ik no de lütjen
-langt harr, harr ik wenigstens söben upkregen.«
-
-»Oder söbenuntwintig,« gab der Knecht trocken drein, aber Störtebeker
-verstand den Spott nicht.
-
-»Ik wull, wi eten irst lebennige Schullen, Vadder, de smeckt noch en
-barg beter!«
-
-»Dat wull ik ok,« rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus.
-
-Er hätte ja die Schollen annehmen können, die Jan-Ohm von der Aue
-geschickt hätte, meinte Gesa, aber er wehrte ab und sagte, das wäre ja
-noch schöner, wenn der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus
-bringen ließe! Gott solle ihn bewahren: die müsse er selbst aus der See
-geholt haben oder sie schmeckten ihm nicht. Er sah seinen Jungen an:
-
-»Ne, Störtebeker?«
-
-»Jo, Vadder!«
-
- * * * * *
-
-Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten, Klaus der
-Schiffer, Kap Horn der Knecht und Klaus Störtebeker. Hein Mück der Junge
-hatte Urlaub genommen: die drei aber klapperten mit den Schegern und
-fuhren mit den Nadeln in der Luft herum, obgleich Gesa mit der
-Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag keineswegs einverstanden war und
-eine Lippe zog. Aber die Netzmacher ließen sich nicht stören.
-
-Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus Mewes sein Knecht. Er
-hieß eigentlich anders, aber auf Finkenwärder nannten sie ihn allgemein
-Kap Horn. Viele sagten auch Korl Horn, namentlich die Gören.
-
-Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre auf großen Schiffen
-gefahren hatte, auf hamburgischen und englischen, der im Süd-Atlantik
-Albatrosse geangelt und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und
-dreißigmal unter der Linie durchgekommen war. Warum er dann noch von der
-großen Fahrt abgemustert hatte und vom Viermastvollschiff auf den
-Fischerewer geklettert war, weiß ich nicht: er fuhr aber schon zwölf
-Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu einem Finkenwärder geworden,
-nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer Ton und er gab noch oft
-ein englisches Wort drein. Und dann hielt er sich als alt- und
-weitbefahrener Matrose für etwas Besseres als die anderen
-Fischerknechte, die doch höchstens einmal holländisch oder dänisch
-sprechen gehört hatten.
-
-Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann pflegte er einfach zu
-fragen: »Kap Horn?« Und wußte der andere dann nicht einmal, was gemeint
-war, so spuckte er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um
-und sagte, mit Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er aber ein Ja als
-Antwort, so fragte er schnell: »Veel mol?« »Dree oder so.« Dann lachte
-er und sagte: »An mi kannst nich klingeln, old boy: ik bün soßtein Mol
-um Kap Horn seilt un nu lot dien Prohlen man en bitten no.« Bei einer
-solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn getauft worden.
-
-Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer
-weißen Manillakurre, Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert, mit
-dem er nur langsam weiter kommen konnte, und Störtebeker hatte etwas in
-der Mache, von dem er steif und fest behauptete, daß es eine Bunge
-werden sollte, ein Reifenkorbnetz für Hechte und Schleie, während Kap
-Horn auf ein Zwiebelnetz riet und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine
-für den Krähenkäfig hielt. Sie hatten es gleich wichtig. Wie
-Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf den Schegern
-reihte sich Masche an Masche. Dabei aber wurde ausgiebig geklönt, denn
-niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zählen, also
-besonders aufmerksam zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes
-Matrosendöntje von St. Pauli auf und begann zu singen:
-
- »In England geiht dat lustig her,
- dor bot se Scheepen grot un swor,
- een bannig Deert von Ungetüm
- dat sall jo de Gretj Astern sien!
- Lang is dat Deert twee dütsche Mil,
- hoch annerthalf von Deck to Kiel!
- Soß Masten, hoch bet an den Moon,
- acht Dog brukt een, um roptogohn ...«
-
-Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem Graben gewesen war und
-die Enten gefüttert hatte, trat in die Dönß und untersagte ihm den
-Hymnus mit den Worten: »Sünndogs ward ne sungen, Korl!«
-
-Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem gräßlichen
-Seeräubernamen nichts wissen wollte, gab auch Kap Horn nicht seinen
-Spitznamen, sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was für
-einen Gefallen damit zu tun. Janmaat verdeffendierte sich aber:
-
-»Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.«
-
-»Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr man getrost tohop un
-mok man Fierobend un les man mol inne Bibel,« priesterte sie, und als
-Klaus Mewes herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: »Ji dree sündt jo
-woll ne, sünd woll rein mall worden, stillt jo uppen Sünndag vört
-Finster hin un knütt! Weet ji ok, keen sünndogs arbeit?«
-
-»Uns Herr Pastur!« sagte Klaus.
-
-»Ne, de Bedelmann! För uns Lüd is de Week dor!«
-
-Klaus erwiderte gelassen, es müsse aber sein, denn es sei Tauwetter und
-das Eis könne jede Tide abtreiben, so daß sie fahren müßten, er wolle
-und wolle die beiden Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der
-Fischerei unterbliebe das Knütten doch wieder.
-
-Und er müsse seine Bunge auch klar haben, verteidigte Störtebeker sich,
-denn sein Vater solle sie ihm noch einstellen. Was sie wohl meine, die
-ganzen Gräben säßen voller Hechte.
-
-Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder nach dem Boden oder
-nach dem Ewer gehen, fing Gesa wieder an, die sich über sie ärgerte. Sie
-sollten sich doch nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich
-sprächen sie sicherlich wieder davon und hielten sich darüber auf.
-
-»Lot jüm, Mudder,« erwiderte Klaus sorglos, »ik blief doch hier, mag to
-giern sehn, wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finstern kiekt.«
-
-Und er füllte die Nadel, die leer geworden war, und knüttete weiter.
-
-Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte sich in der Küche
-zu schaffen, von wo sie über die Bauerndächer und Obstbäume nach ihrer
-Heimat sehen konnte, nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte
-die Fischer nicht verstehen! Sie war noch keine Fischerfrau geworden und
-fühlte wieder mit bitterem Schmerz, daß aus ihr niemals eine werden
-konnte. Immer noch graute ihr vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war
-ihr fremd und unverständlich. Sie konnte sich nicht helfen. Das eine
-ließ sich nicht abschütteln und das andre nicht lernen. Klaus rüstete
-mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse Zeit kommen, sie hörte schon den
-Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tür saugen und
-wußte nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf See zu
-wissen. Sie liebte ihn tief und heiß und lag in seinen Armen wie im
-Sonnenschein, aber seine Fahrten machten sie bange und sie wünschte im
-Herzen nichts sehnlicher, als daß er kein Seefischer wäre, sondern Bauer
-oder Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. Könnte er nicht etwas
-anderes beschicken, könnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen, wie andere
-Fischer es getan hatten?
-
-Aber Klaus Mewes -- und das tun? Sie mußte doch lächeln über den
-Gedanken. Bis Blankenese müßte es gewiß zu hören sein, sein Lachen, wenn
-sie davon spräche, daß er an Land bleiben solle.
-
-Da saß sie nun in ihrem Glück, um das die ganze arme Heide sie
-beneidete, war eine große Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der
-jede Reise die Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen, und war doch nur
-ein armes Weib voll Unruhe und Bangigkeit, die immer und überall Wetter
-und Wolken aufsteigen sah und ihres Lebens nicht froh werden konnte. Wie
-manchen Tag sehnte sie sich schon nach der stillen, einsamen Geest
-zurück, wo sie nichts von Schiffen und von Seefahrt gewußt hatte, wie
-manchen Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum einherging! Wie manche
-Nacht ließ der Wind sie nicht einschlafen, wie manches Mal jagten die
-Blitze sie aus dem Bett, wie oft schreckten sie die Stimmen der
-geängstigten Schiffahrt im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war
-auf See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwärder Frauen aber hatte
-sie wenig Verkehr und Freundschaft, weil sie fühlte, daß sie als
-Butenländerin nicht ganz für voll angesehen wurde.
-
-Wie wichtig sie es in der Dönß hatten! Als wenn sie sie gar nicht
-vermißten! Wie sie lachten, Klaus Mewes am lautesten!
-
-Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben hatte, denn
-so hatte sie noch niemals jemand lachen gehört! Das hatte sie in seine
-Arme gedrängt, hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem
-Heidehof in das Fischerhaus, und hatte sie nicht an die Not und Schwere
-des Seefischerlebens denken lassen. Vergessen war es gewesen, was sie
-gehört und gelesen hatte von Sturm und Untergang: wo einer so lachen
-konnte, da konnte weder Unglück noch Gefahr sein, hatte sie gemeint, als
-Klaus sie freite.
-
-Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch nicht verlernt, aber
-sie konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hören, es schnitt ihr ins
-Herz, wenn sie an das Finkenwärder Elend, an die Witwen und Waisen, an
-all die Tränen und unruhigen Stunden dachte, es kam ihr wie ein Frevel,
-wie eine Sünde vor. Daß er so verwegen war, machte ihr das Herz noch
-schwerer, und eine trübe Ahnung früher Witwenschaft hing ewig wie ein
-dunkles Gewölk über ihrem Leben.
-
-Wie laut sie erzählten, die beiden Seefischer! Gewiß von nichts anderem
-als von Fahrt und See, und die durstige Seele des Jungen trank es. _Der_
-war schon der See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet und
-wurde es von Tag zu Tag mehr. Es war ja schon ausgemacht, daß er den
-Sommer mit an Bord solle: all ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen.
-
-Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und ihre Heide dachte kein
-einziger, niemand bekümmerte sich darum. Wie lange Zeit war sie nicht
-mehr zu ihren Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus
-lachte, wenn sie davon sprach, sie solle gern hingehen und alle grüßen,
-aber was er auf der Geest beschicken solle? Er könne auch so weit nicht
-laufen. Den Jungen bekam sie nur mit halber Gewalt dazu, daß er mitging.
-Seitdem er wußte, daß sein Vater sich nichts aus der Geest machte, trug
-auch er kein Verlangen danach. Dort sei für einen Seefischer nichts zu
-lernen, echote er, dort gäbe es ja nur Heide und Sand und Steine und
-weiter gar nichts.
-
-Schließlich aber ging Gesa doch nach der Dönß zurück, weil ihr zu kalt
-wurde, suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weißen
-Kachelofen.
-
-»Kiek mol an, Mudder knütt ok, Vadder,« rief der Junge lustig, »kiek mol
-an, Kap Horn, un uns will se wat seggen!«
-
-Da mußte sie wider Willen doch mitlachen.
-
-»Wat sä de Pastur denn Godes, Klaus?« fragte der Knecht, »hette ok beet,
-dat dat Is bald doldrifft un wi no See seilen könnt?«
-
-»Jo, dat segg man,« sagte Klaus und riß grimmig an seiner Kurre, »ik
-wull, dor keum mol Westenwind achter!«
-
-Er blickte über die Schallen, auf denen die Fleek, das dicke Eis, schon
-seit Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter Fall, bis in die Mitte der
-Elbe stand es noch, zwar schwärzlich und mürbe, aber es hing doch noch
-zusammen. Dagegen war das Fahrwasser drüben schon fast frei von Eis,
-dort trieben nur noch große und kleine Schollen. Dort segelten denn auch
-schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich, dem anderen Ende des Eilandes,
-dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken, dort fischten schon die
-Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die Hamburger
-Smietnettfischer nach Butten, während das Neßgeschwader, das aus dreißig
-Ewern, neun Kuttern, sieben Wattjollen, einigen fünfzig Elbjollen und
-Böten bestand, noch im Eise festsaß und nicht mitkonnte. Die Auer und
-Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe
-herauf, einige hatten schon große Reisen nach der Weser gemacht: Klaus
-Mewes aber und seine Nachbarn saßen noch fest. Wenn der Eisbrecher
-binnen Wasser genug gehabt hätte, wäre ihnen längst geholfen gewesen,
-aber der große Beißer konnte nur eben den Rand ein wenig glatt fressen.
-
-Klaus Mewes sah, daß zwei weiße Kutter von einem kleinen Schlepper von
-Blankenese heraufbugsiert wurden, die sicherlich den Bünn voller
-Schollen hatten, und kam sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrümmerten das
-Eis und brachen sich einen Weg nach dem offenen Wasser.
-
-»Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi sülben Isbreker speelt?« rief er.
-
-»Wat seggst du, Klaus? Du wullt en Isbreker utgeben?« fragte der alte
-Janmaat, der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap
-der guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört
-hatte.
-
-»Wi weut di bi Isbrekers,« warf Störtebeker laut dazwischen, »swarten
-Kaffe schallst du hebben!« Klaus aber hatte seinen Plan schon unter
-Segeln. »Wi möt allemann bi,« rief er, »Hütz mitte Mütz, Lütjfischers un
-Seefischers, Schippers un Lüd! Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un
-spannt uns alltohop vör un denn teht wi an! Schallst mol sehn, wo gau wi
-denn not Fohrwoter raf kommt!«
-
-»Jä!«
-
-»Wat jä? Meenst, wat wi ne soveel Hölpslüd uppen Hümpel kriegt?« fragte
-der Schiffer.
-
-»Ik hilp ok mit,« versicherte der Junge wichtig, »ik kann wat tehn,
-Vadder!«
-
-»Du bliffst hier, Klaus,« kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her,
-»meenst du, wat du dor ünnert Is kommen schallst!«
-
-An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen, gab der Knecht zu, aber wer
-würde sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen? _Das_ sei der Knoten!
-
-Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er selbst! Er wolle es
-wagen, sein Ewer sei einer der stärksten und könne es am besten ab, er
-wolle gleich am andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle dann
-den Deich abklopfen und es aussingen, daß die Eisbrecherei mit
-Hochwasser anfangen solle. »Denn könt wi offermorgen all up de Schullen
-dol, Mudder!«
-
-»Huroh, offermorgen geiht no See!« rief der Junge, warf die Bunge hin
-und machte, daß er hinauskam. In voller Fahrt lief er den Deich entlang,
-daß die Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach
-und nach von dem grünköpfigen Wart beruhigen ließen. Wat, wat hebbt ji
-egentlich, dat, dat is de Jung doch, doch jo bloß! So schnatterte der
-Wart.
-
-»Du kummst ober noch ne mit,« wollte Klaus gerade sagen, aber er kam gar
-nicht mehr dazu. Der Junge war schon um die Huk, er hörte auch nicht
-mehr, daß Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte.
-
-»Wat will he? All Bescheed seggen?« fragte Kap Horn lachend, aber sein
-Schiffer lachte noch lauter und sagte: »De? Ne, de will no den Schoster
-hin un sien Seestebeln holen. Wenn de klor sünd, schall he jo mit an
-Burd, un he will woll all gliek de irste Reis giern mit.«
-
-»Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus,« sagte Gesa kopfschüttelnd,
-»dat du em de Stebeln anmeten loten hest! He löppt elken Dag söbenmol
-hin un kött an! De Schoster seggt, he kann em all gorne mihr hinholen.«
-
-»Jä -- du liebe Zeit,« erwiderte er, »endlich will de Bur de Koh betohlt
-hebben un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben. De Schoster
-kanns ok jo man klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen
-Nachten.«
-
-»Un denn?«
-
-»Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is jo
-all genog ober snackt worden,« sagte er sicher.
-
-Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: »Un ik
-segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he
-noher grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen hin, denn will
-ik nix mihr ober em to seggen hebben, ober so lang hürt he mi, mien
-Mudderrecht lot ik mi ne nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Ilw
-loten mütt: no See schall he noch ne!«
-
-»Geef di, Gesa,« beschwichtigte Klaus gelassen, während Kap Horn, der zu
-dem Streit nichts sagen wollte, heimlich aus der Tür ging und mal über
-den Westerdeich guckte. »De Jung _kummt_ düssen Sommer mit no See, dat
-is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!«
-
-»Ik lied dat ne un lied dat ne!« beharrte sie leidenschaftlich. »Du hest
-en reinen Vogel mit dienen Jungen, weest dat? Keen een van de
-Seefischers nimmt son lütjen Boitel all mit an Burd, de kum en Büx mit
-Verstand dregen kann.«
-
-Er machte geruhig seine Maschen. »De hebbt ok ne son Jungen as ik,«
-sagte er, »lot mi man, Gesa. Ik bün en rechten Fischermann un will en
-rechten Fischerjungen ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken,
-Diern! Weest, wat dat is?«
-
-Sie gab keine Antwort.
-
-»En rechte Fischerfro, Gesa! Weest du wat, Diern? Du geihst ok mit no
-See, man to, denn wardt irst mooi! Kiek di mien Fischeree mol mit egen
-Ogen an!«
-
-Sie schüttelte starr den Kopf:
-
-»Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn harr ik dat vullicht all
-lang don, ober ik kannt ne!«
-
-»Dat kummt uppen Verseuk an,« erwiderte er, »goh man mol mit un du
-schallst mol sehn: buten ist en barg beter as binnen!«
-
-»Klaus, gläuf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik warr seekrank un starf
-di all vör Angst, ihr wi mol no See dol sünd! Mi grot to dull vört
-Woter!«
-
-»Jo, du büst en grote Bangbüx,« schalt er, dann aber tat ihm sein herber
-Ton leid und er tröstete: »Ober dat schall sik woll noch all geben, mien
-Diern, paß man up, du warst doch noch en gode Fischerfro, de
-Banghaftigkeit gifft sik mit de Johren.«
-
-»Ne, de gifft sik ne, dat weet ik,« sagte sie tonlos und ging aus der
-Stube, weil ihr die Tränen kommen wollten.
-
-Da blieb der große Seefischer allein bei seinen Kurren, aber er ließ
-sich den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging
-nicht von seinem Kurs ab. Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit
-schweigend auf.
-
-»De Jung kummt doch mit no See,« ließ Klaus Mewes sich vernehmen. Dann
-blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung, die auch
-bald an den Tag kam.
-
-»Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder sien: as du
-geborn weurst, do krüz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen! De
-Mudder hett noch en Recht op den Jungen!«
-
-»Och wat!« fiel Klaus ihm barsch ins Wort, »ik hebb dat eenmol seggt un
-dorbi blifft dat: he kummt mit an Burd! Bi de Dierns geiht dat no de
-Mudder, ober bi de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh jo
-upt leefst, wenn he Schoster oder Snieder warrn dä un keen anner Woter
-to sehn kreeg as dat innen Teeputt. Un wenn wi _blieben_ schulln, Kap
-Horn, denn mokt se ok en Schoster oder Snieder ut em. Ober man keen
-Bang, Klaus Mees kann ne blieben!«
-
-Der alte Knecht erhob warnend die Hand.
-
-»Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, Klaus Mees, un he is
-doch ne wedder kommen mit sien Eber!«
-
-Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer für den besten von der Elbe hielt und
-sich für den besten Fischermann, blieb dabei, daß er nicht bleiben
-könne. Das war sein Wort von jeher gewesen und seine gewisse,
-sturmgewohnte, sonnenfreudige Seele hielt daran fest: »Ik kann ne
-blieben un ik blief ok ne!«
-
-Störtebeker ließ sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing
-wieder an zu knütten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der
-nichts gefangen hat, und ließ die Unterlippe vorstehen, als wenn ein
-Schock Hühner darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der
-Seite an und stichelte: »Na, Klaus Störtebeker, großer Seeräuber, wat sä
-de Schoster? Hett he de Söbenmielenstebeln noch nich klor?«
-
-Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte
-wie ein Großer: »Ik gläuf, de Knappen is verrückt oder splienig! Dat is
-oberhaupt keen Schoster, gläuf ik, de kann gorne schostern un gorkeen
-Stebeln moken! Dat is en Leisegänger, Vadder ...«
-
-Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der
-Junge fuhr in seinen Schmähungen fort. »Jedermol, wenn ik komm, seggt
-he: morgen; ober he kummt ne wieder as he is, de Tüffel.«
-
-»Wat scheut de Stebeln denn all, Störtebeker?« fragte Klaus ernsthaft.
-
-»Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln
-klor würn, denn schull ik mit,« antwortete der Junge zuversichtlich.
-
-»Büst du denn ok nich mehr bang?« fragte nun Kap Horn lauernd. »No See
-dröft blot welk, de nich bang sünd.«
-
-»Ne, Kap Horn, bang bün ik ne,« erwiderte der Junge treuherzig.
-
-»Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten Gnurrhohn ok woll
-nich, ober wenn di en lütjen Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst
-ut, wat kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!«
-
-»Lögen, Lögen, Lögen!« stritt Störtebeker und pekte ihn mit der
-hölzernen Knüttnadel. »Ik bün vör keen Hund bang un vör gornix!«
-
-»Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Bölken
-doch los?«
-
-»Ne, schreen do ik gewiß ne.«
-
-»Denn warst du ober seekrank!«
-
-»Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!«
-
-Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik blief ne! Und Klaus
-Mewes sah seinen Jungen an und dachte: was soll in dem wohl anders
-stecken als ein Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein
-Gelübde: »Man still, Störtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!«
-
-Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen Sinn und ließ ein
-enttäuschtes: »Och, to Sommer irst!« fallen, das den Knecht zu der
-Bemerkung veranlaßte, es wäre jetzt noch zu kalt auf See.
-
-»Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor,« gab Klaus zu bedenken, und
-Kap Horn kam noch einmal mit der bitterbösen Seekrankheit an den Wind.
-
-Sie knütteten fleißig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis
-aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg,
-hielt Störtebeker es nicht mehr aus, er ließ die Bunge liegen und nahm
-französischen Abschied.
-
-»Neem schallt no to?« fragte sein Vater, aber er erwiderte hingeworfen,
-er wolle füttern -- und weg war er.
-
-»Dat keum jo bannig zaghaft rut,« sagte der Knecht und sah ihm nach,
-»wenn de man nix anners in de Lur hett.«
-
-Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker die Fütterung
-seiner Krähe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten
-Spruch einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes!
-
-Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger
-beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von
-Störtebeker nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Männchen, als er
-den Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der Luft tanzen,
-Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst einmal auf See gegriffen
-hatte, saß unbeweglich auf ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein
-halbes Auge an seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht
-hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging er in das Schauer
-und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem Hühnerwiem hingen;
-sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht.
-Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, Stegel und
-Binnendeich, aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater,
-der um einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes
-Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen Wipfeln der
-Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, das die See nicht hat,
-sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaßen
-bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte
-aber nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen sein
-könnte; übrigens wußte er ja auch, daß Störtebeker schwimmen konnte und
-nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte
-wissen, wo er abgeblieben war.
-
-So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und guckte mit seinen
-scharfen Augen über das Eis, er lief über die Blöschen nach dem Ewer,
-die Waken und Löcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die
-Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als das
-raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das Krachen der
-zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.
-
-Sollte der Junge wieder in der Kambüse sitzen, wie er es schon mehrmals
-gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte
-auf das Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm nun
-beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst
-ständig brennende Licht.
-
-Wo mochte der Junge sein?
-
-Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten
-eines Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge
-auf der Besan regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da schoß
-ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di bloß ne halfstock holen
-mütt! -- aber er jagte ihn von dannen, kletterte über das Schwert und
-schritt über das Eis nach dem Bollwerk zurück. Im Osten glomm der
-Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine weit entfernte,
-ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da dachte Klaus Mewes an die alte
-Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt
-war sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren
-braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und
-gesagt: viel anders hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht
-angesehen: nun wäre Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so
-großen Brand hätte.
-
-»Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften,« hatte
-er lachend geantwortet.
-
-Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen.
-»Neem is Störtebeker, Seemann? Such! Such!« rief er hastig.
-
-Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß er verstanden hatte,
-und setzte sich gemächlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen
-Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der
-andern, wenn er lief.
-
-Klaus wußte schon Bescheid, es ging nach der Neßkule, in der der Kahn
-lag: der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug,
-das etwas ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war
-nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars und kein Junge war
-dabei: jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der
-Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte,
-und er lief in Sprüngen den Deich hinab.
-
-»Klaus!«
-
-Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.
-
-»Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?« rief Störtebeker, und eine dunkle
-Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme, die den
-Schleusengraben wie Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie näher und
-wäre umgeschossen, wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte.
-
-»Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst du krank?«
-
-Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon wieder verloren.
-»Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen.«
-
-»Wat kummt dat denn?«
-
-Der Junge wies nach seinem grünen Kahn: »Ik will mi seefast moken,
-Vadder, wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen
-hett to mi seggt, denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk --
-wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn bittern Gesmack
-innen Mund!«
-
-Klaus wollte lachen, lachen, lachen -- er konnte es aber nicht, weil ihn
-die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, der so lange mit dem Kahn
-dümpelte, bis ihm schwindelig wurde, nur, um sich seefest zu machen.
-
-»Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewiß
-ne mihr mit no See, wat?«
-
-Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: »Doch, Vadder! Morgen dümpel
-ik wedder un offermorgen un den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr
-düsig warr un mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer van Kap
-Horn un Hein Mück nix utlachen loten!«
-
-Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen
-Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück.
-
-In der Dönß brannte schon die Lampe.
-
-Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte Klaus halblaut:
-»Brukst Mudder dor ober nix van to seggen, hürst?« »Segg du man nix,
-Vadder: ik will woll swiegen,« flüsterte Störtebeker kameradschaftlich
-und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit von
-der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus, um sein
-Gesicht vor der Mutter zu verbergen, die gleich in richterlichem Ton
-fragte:
-
-»Non, neem kommt ji denn her?«
-
-»Wi sünd mol no de Neßkul wesen,« berichtete Klaus Mewes der Wahrheit
-gemäß.
-
-»Hest du ok natte Strümp, Klaus?«
-
-»Ne, Mudder, knokendreuch!«
-
-»Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör Nattigkeit. Gliek
-treckst jüm ut!«
-
-Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, daß sie
-weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des
-Seefestigkeitskursus ab.
-
-Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen,
-dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.
-
-Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den
-Roman: »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit
-aufgestützten Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten,
-so nickte er anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht
-nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte. Ja,
-man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind
-oder Sturm las (und in einem echten Roman weht und stürmt es ja alle
-drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las er von Liebe, so
-strich er sich über die Backen, gab es eine Mordgeschichte zu kauen, so
-las er mit geballten Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber
-achter Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der Koje
-liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann
-zuletzt: »Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest.« Und
-meistens stimmte es, was er dann erzählte, daß der Knecht zuletzt
-jedesmal erstaunt sagte: »Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.«
-
-Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf
-seinen Knien und treunte um eine Geschichte.
-
-»Ik weet uppen Stutz keen.«
-
-»Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.«
-
-»Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.«
-
-»Och, man to, Vadder!«
-
-»Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder
-seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.«
-
-»Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,« versicherte Störtebeker, und sein Vater
-legte los.
-
-»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de harr keen Kamm, to köfft he
-sik een, to harr he een ...« Da hielt der Junge seinem Vater aber schon
-den Mund zu und paukste: »Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du
-schallst en euliche Geschichte vertillen!«
-
-»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert,
-nu hür man god to! Dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert
-...« Da hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wäre
-auch Tüdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt wesen.
-
-»Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so
-wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!«
-
-O weh -- das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen,
-denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar
-etwas von Klaus Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen
-Satz, den er schon tausendmal gehört habe.
-
-Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah
-auf und sagte: »Klaus Störtebeker büst du jo sülben, Junge, dor brukt di
-doch keeneen wat von to vertellen.«
-
-Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte
-abweisend: »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen
-man ne jümmer Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz
-Leben ne wedder los.«
-
-»De Nom is gornich so slecht, Gesa,« sagte Kap Horn ernsthaft, während
-Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus
-Störtebeker sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe
-er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen,
-aber den Armen habe er viel Gutes getan, noch jetzt würden die armen
-Leute zu Verden von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe er
-es auch nicht bös gemeint: er störte sie nicht und wenn er Fische holte,
-so bezahlte er sie reichlich.
-
-So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante
-zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus
-Störtebeker -- und der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen
-und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören, wie sie
-Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte gelbe Flagge im Sturme
-flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen, wie sie
-Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen König
-gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem großen, breiten
-Graben auf Finkenwärder erzählte, der die kleine Elbe hieß, und daß
-Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da
-sprang der Junge auf, daß Kap Horn ausrief: »Neem is dat Für?« und
-fragte: »Vadder, neem is de Groben?«
-
-Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, daß es damals noch
-keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der
-großen gewesen sei, aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht
-verdeutschen, der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen
-konnte, und es blieb schließlich nichts andres übrig, als daß sie eine
-kleine nächtliche Expedition nach dem Seeräubergraben ausrüsteten, die
-trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich
-auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.
-
-»Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!«
-
-Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halstuch
-umband: »Brummkirl gifft ne, Mudder.«
-
-»So?«
-
-»Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit bang mokt, wat se ne
-bit Woter gohn scheut.«
-
-Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die
-Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem
-Kopfe zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die
-quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so erschaffen sein, daß
-sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt
-denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht
-freuen? Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: warum
-mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden,
-warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie
-den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen
-solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu
-tragen?
-
-Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta
-Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden war, sondern wie sie
-von der Geest stammte, es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und
-singen konnte und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter
-den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann: denn ihr Mann und ihre
-beiden Söhne fuhren auf _einem_ Ewer, schwammen auf _einem_ Stück Holz
-in der See. _Ein_ Blitzstrahl, _eine_ Brechsee konnte ihr ganzes Leben
-verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen -- und
-doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Daß eine so fest stehen
-konnte!
-
-Gesa schüttelte den Kopf.
-
-Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiß
-ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn
-zügelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was
-trieb sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge
-ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen
-hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur
-immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen
-wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor
-wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst
-wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten
-lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: alle zwei Stunden
-raus! -- aber es war nur Spaß gewesen, wie es auch Spaß gewesen war,
-wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und
-ihn seefest zu machen, wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de
-Eber, so dümpelt de Eber up See ...
-
-Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es
-anders geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein
-Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort
-gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne
-schreen, Klaus, anners kann ik di noher an Burd ne bruken, denn müß du
-Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die
-Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! Da war ihm der
-Kompaß in die Brust gesetzt worden, der beständig nach der See wies und
-all sein Tun und Lassen lenkte.
-
-Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, daß
-ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen
-Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten
-Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen, der nun
-mehr war als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da
-übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den
-Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein
-kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an
-diesem gottlosen Namen.
-
- * * * * *
-
-Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen
-den dicken, krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und
-suchten die Spuren von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an
-dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten die
-hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben könnte.
-Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so daß der Junge alle
-Augenblicke ausrief: »Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!« und sie
-von einer Wichel nach der anderen lockte.
-
-Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf
-Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der
-Grönlandshof hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger
-neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze,
-weitausgebreitete Sippe der Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte
-Vogt holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus zu einem
-Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten es
-herausgefunden, daß es besser sei, die grüne See zu pflügen als das
-braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und
-Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben: die
-seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein
-Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und letzte Drittel den
-Focken und Külper zukam.
-
-Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und
-tauschte seinen lieben, großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen
-Grönlandshof.
-
-
-
-
- Dritter Stremel.
-
-
-Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe
-kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an, er schleppte Segel und
-Kurren mit seinen Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen
-fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den
-notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das
-Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte
-er Gewalt anwenden!
-
-Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die
-Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die
-nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben.
-
-Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große
-Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn
-war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar
-dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber
-er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei
-Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen
-Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und
-lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen
-Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt hätte.
-
-Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in
-allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein
-so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei
-seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der
-lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.
-
-Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in
-seiner großen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.
-
-Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker
-drängte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach
-Backbord, als habe er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber
-schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis.
-
-Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die
-Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, die Frachtschipper, es
-kamen der Gastwirt, der Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und
-der Segelmacher, weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln
-steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die
-gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich über den Weg,
-den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen
-Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und
-oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und
-warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der
-Fahrzeuge, denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die
-vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den Klüsenaugen
-leuchtete es vor Hoffnung.
-
-Der große Tag -- der größte Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sie
-die Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die
-Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten
-bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom
-Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich
-unauslöschlich in die Seele eingedrückt. Nicht wahr, du Finkenwärder: up
-den Dag kannst du di ok noch besinnen?
-
-Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis: alle, alle wollten
-helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus
-Mewes stand im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten noch
-weiter auseinander. Und als das getan war, da rief er über das Eis, so
-laut er konnte: »All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh!
-Huroh! Huroh!«
-
-Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute
-aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung
-und zogen die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das
-offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es,
-schob es zur Seite, drückte es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich
-wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen!
-Aber ein schönes Stück war schon bewältigt.
-
-Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein
-Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er
-neben seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am
-Vorderpoller fest. Das war was für ihn. »Junge, Junge, Vadder, so geiht
-he god.«
-
-Stoppi -- stoppi --
-
-Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und sie mußten den Ewer ein
-Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und
-seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu
-entfernen.
-
-Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß (er hatte aus dem
-bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf
-Scharhörn strandete, eine ganze Kiste Kölnischen Wassers -- Eau de
-Cologne -- erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester,
-Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch
-alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Külper kam heran und rief: »Klaus
-Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de drückt
-dat Fohrtüch vör to deep dol.« »Deit he ok!« riefen einige Knechte zur
-Bekräftigung.
-
-Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu
-Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn
-ans Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe.
-
-Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes:
-»Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du
-weest, wat vör un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt ne
-bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat
-Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne
-rut! Dat mütt ganz anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol
-stohn un kummandiern!«
-
-Klaus Mewes aber lachte: »Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll;
-blief du man anne Kurrlien!« »Egenbuck!« rief Jan laut und ging an
-seinen Törn.
-
-Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an.
-
-»Huroh! Togliek! Hödjihöh!«
-
-So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom
-Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg
-weiter. Zwei Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei
-Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, der eigentlich
-Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen von seinem herunterhängenden,
-borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom
-nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn
-fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner,
-jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber, der eine Quappe stach, war
-Störtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die
-Eisblöschen mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre
-beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem
-Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war
-die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog
-ihn aus, hängte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann
-in seine Koje. Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon
-wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der Feuer machen
-mußte, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug
-scheuerte und stieß das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche
-der Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: »Och wat, dat Für will woll van
-sülben inne Gangen kommen!« und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und
-zu helfen.
-
-Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm.
-Nun treckten sie wieder, nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer!
-»Bang dött ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See,« sagte er vor sich
-hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf
-und befühlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er
-frierend wieder unter die Decke und horchte abermals.
-
-Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnitzt
-waren.
-
- * * * * *
-
-Was für Sprüche waren das? -- fragt die Seele. --
-
-Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen
-Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich
-möchte seinen Namen _golden_ schreiben, weil er so viel für unsere
-Fischerei getan hat und noch tut!) -- der hat auch in die
-puppenküchenenge Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger
-Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die darin stehen: unter
-der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der
-Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der
-Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er
-hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier
-erfreuten.
-
-Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten
-auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.
-
-Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches
-Wort:
-
- ^Mediis tranquillus in undis.^
-
-Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen
-Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat,
-dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und
-das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte
-nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages,
-als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den.
-Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas
-wissen.
-
-Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer
-Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und
-über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er
-nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus
-Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter
-auf. »Sühso, mien lebe Klaus Mees,« sagte er und fragte nach Schiff und
-Stapellauf.
-
-Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf,
-als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären, guckte ihn nochmals
-scharf an und sagte dann: »Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?«
-»Jawoll, Herr Mees, latiensch!« »So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son
-betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steiht ^Ora et
-labora^, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht
-^Soli deo gloria^, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis
-sitt ik all gliek fast!«
-
-»^Mediis tranquillus in undis^: Klaus Mewes: geruhig inmitten der
-Meereswogen heet dat!« sagte der Pastor ernst. »Mit den Spruch lett sik
-woll no See fohren.«
-
-Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der
-Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein
-Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein
-deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum:
-»Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches
-und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem
-Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die
-lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen
-Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht,
-wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance,
-Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es
-besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach müßte Ihr Ewer
-Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein
-guter deutscher Spruch stehen!«
-
-»Schallst recht hebben, mien Jung,« sagte Klaus Mewes, »ik frei mi
-jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix
-mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut
-wi mol sehn.« Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje:
-
- Ein feste Burg ist unser GOTT,
-
-den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So
-ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der
-Ewersprüche sammelte, einmal in die Kajüte trat und ausrief: »Twee
-Wiltsproken stoht dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit
-ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden tohop, fehlt
-dor noch bi: plattdütsch!«
-
-»So,« lachte Klaus Mewes, »du kummst van wegen de Sprüch: ik meen all,
-du wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm,
-plattdütsch kannen doch bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!«
-
-»Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!«
-
-»Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!«
-
-»Wat?« schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes
-Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer
-großen plattdeutschen Bibel von 1486 zurück.
-
-»Hier, Klaus Mees!«
-
-»Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten Schinken!«
-
-Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, daß sie
-wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel
-daraus vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch
-einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter
-Scharben für die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und
-leuchteten:
-
- Hilpt mi, Sünn und Wind,
- hilpt mi bit Fischen!
- Ik heet Klaus Mees
- un bün van Finkwarder.
-
-»Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,« sagte er aber doch
-dabei, »ober dat _riemt_ sik jo ne, dorüm kriegst du bloß tein!« Den
-hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje.
-
- * * * * *
-
-Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er
-hängte sie um und stökerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange
-dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen,
-denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach dem Fahrwasser
-kommen!
-
-Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje
-zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln,
-die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte
-sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre
-gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen,
-sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals
-umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht
-klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen
-geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas
-zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam!
-Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich
-wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn
-nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten vom Bort und rollte
-sie auf und sah die roten Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die
-kleinen Feuertürme und Baken, die am Rande der Karten standen, während
-es draußen wieder lärmte und rief.
-
-Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er
-dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best! und zog sich an, so
-schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es
-draußen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb
-angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß und einem in der
-Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp: da drängte der Ewer
-gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie
-Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die
-mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines
-vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen
-Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt!
-
-Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.
-
-Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren
-Erfolg, gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und
-taten von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden:
-was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer
-nach dem großen Priel, war Sache eines Tages und ließ sich leicht
-beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom
-Neß: Hurra, hurra, hurra!
-
-Auf H. F. 125 aber, dem Ewer »Laertes«, ließen sie den Draggen zu
-Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne
-an das Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu
-vertreiben, der alle befallen hatte.
-
-Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab:
-daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht
-hatte, daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß
-sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern
-konnte.
-
-»Du hest dat en betjen god, Seemann,« sagte er aus diesen Gedanken
-heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und
-noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann
-aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von
-gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht.
-
-Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klößen
-schon die See und grüßte Helgoland.
-
-
-
-
- Vierter Stremel.
-
-
-1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in
-Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf
-See.
-
-300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu
-Finkenwärder beheimatet sind und ein H. F. auf den braunen Segeln
-tragen, 83 reedern mit S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der
-Rest gehört dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem Mühlenberg
-und der Teufelsbrücke.
-
-Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Külper von
-Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie
-liefern Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und
-Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe,
-daß halb Holstein und Hannover damit gedüngt werden können, sie sind die
-Könige der Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Holland und
-England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei Südwind einmal nach
-Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Jimuiden oder bei Ostwind nach
-London.
-
-Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine
-Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer, wenn
-sie ihm begegnen, wohl sind schon die Zeiten vorbei, daß nur
-Finkenwärder auf Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen
-fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen: aber dennoch
-steht die Sonne von Finkenwärder auf der Mittagshöhe und seine Segel
-beschatten die ganze See.
-
-Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch
-alle am Leben wärt!
-
- * * * * *
-
-Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er
-mußte Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer, mußte einen
-Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die
-erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man am Deich meinte,
-der Schinken dürfe erst beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden),
-er trug die Kruken mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen
-und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit Vaters Seestiefeln
-und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen, aber es machte
-ihm Spaß und er vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land
-bleiben sollte.
-
-Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem
-saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs
-von Finkenwärder, der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen
-hatte, sah ihn schon, als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu
-seinem Gesellen: »Kiek ut vör Störtebeker!«
-
-Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes bei der Bestellung der
-Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile
-nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa
-hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden,
-wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See
-kommen könne; der Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn
-er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens noch nicht einmal
-angefangen.
-
-Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden Pechräte
-tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie
-Verschwörer und klopften für fünfzehn, ohne aufzugucken.
-
-»Schoster, sünd mien Stebeln klor?«
-
-Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und
-deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten,
-als könnten sie weder hören noch sehen.
-
-»Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?«
-
-Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten
-sich wieder taub und hämmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten
-machen, dabei aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll
-upstillt? sollte es heißen.
-
-Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die großen, langen
-Stiefel der Elbfischer, de güngen bit ant Gatt und waren größer als er
-selbst, da standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig,
-daß er sich dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so
-klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern können, --
-aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte er nicht dazwischen
-finden.
-
-»Schoster, sünd mien Stebeln klor?« Er gröhlte es, so laut er konnte,
-aber die Schuster ließen sich in ihrer Klopferei nicht stören, denn sie
-wußten noch nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie
-wieder über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder
-ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? Störtebeker war ärgerlich
-geworden, er sah den Kram noch eine Weile an, dann drehte er sich batz
-um und lief hinaus.
-
-»Nanu,« sagte der Meister und ließ das Hämmern, »nanu,« sagte der
-Geselle und stellte auch den Betrieb ein, -- aber ehe sie sich's
-versahen, sauste ein großer Mauerstein durch das Fenster, daß die
-Splitter umherflogen, zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser über
-den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die Wand.
-
-»Nu hol mi noch mol förn Buern!« rief Störtebeker draußen, nahm seine
-Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein
-gejagter Hase, hast du nicht, so kannst du nicht -- bang bün ik ne, ober
-lopen kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er so weit
-war, war der Junge schon längst über Heide und Zaun. Da lasen die beiden
-die Splitter auf, nagelten ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten
-große Rache.
-
-Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an.
-Seine Strümpfe waren klitschennaß geworden, denn er hatte auf seiner
-Flucht zwar über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht
-immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick. Er konnte sich
-zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz
-riskieren wollte, das war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die
-Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, daß er vom
-Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die Strümpfe im
-Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hängte sie zum
-Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen
-trocken waren, und zog sie dann getrost an.
-
-»Klor is de Käs!« sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm
-bewundernd zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer,
-den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten,
-rief ihm nach: »Störtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all
-weg!« »Wat schull he woll?« rief der Junge erregt und lief schneller,
-aber er kam doch zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater mehr
-und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein Seemann: sie waren schon alle
-an Bord, und als er verstört hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er
-den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.
-
-Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: »Is Vadder all weg? Worüm
-hett he mi denn ne Adjüst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!«
-
-»Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?« fragte sie dagegen, »wi
-hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht! Vadder wull di so giern
-Adjüst seggen un hett noch en ganze Tied no di teuft!«
-
-»Och wat!« gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig war, »harr he
-denn ne noch en betjen stoppen kunnt? Ik bün jo man bloß eben langsen
-Diek ween! Vadder mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch
-Adjüst seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners ne,
-wat is dat ok doch all för Krom!« Und er stand auf dem Deich und blickte
-mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit
-glockenhellem Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das Boot
-auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, daß sein Vater
-fahren konnte, ohne ihm Adjüst gesagt zu haben, und er dachte: wärst du
-doch bloß nicht nach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater
-noch gesehen!
-
-Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es
-Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war, daß sie an Bord
-mußten. »Störtebeker! Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!« schallte es über
-den Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und sogar der kluge
-Seemann gab ein kurzes Bellen drein, aber der Junge war nicht hier und
-nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam
-nicht. Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, wenn sie
-nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber mit
-Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im
-Verdacht, daß sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im
-letzten Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen konnte den
-Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen an Bord versteckt halte, um
-ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht
-anders gemacht werden können.
-
-Das verbitterte ihnen den Abschied.
-
-Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß sie ihrem Mann unrecht
-getan hatte, kam die Reue über sie und sie winkte vom Bodenfenster mit
-der großen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine
-deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut war längst
-verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel
-über sich hatte. Es war eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch
-ein reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht ein Ewer,
-nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen es still war: überall
-eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die Anker, setzten
-die Segel, ließen die Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem
-andern aus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und
-Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen sie sich mit dem Ebbstrom
-daltreiben, denn es war gar keine Kühlung. Der erste aber war Klaus
-Mewes mit seinem »Laertes«, dem die norddeutsche Flagge von der Besan
-hing.
-
-So güngen se up de Schullen dol.
-
- * * * * *
-
-Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wäre,
-sah nach dem Ewer, der unter der gründachigen Nienstedter Kirche
-kreuzte, und grübelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange
-gewesen war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit:
-er war nicht mitgekommen nach See und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst
-gesagt. Wäre er langsam nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe
-nicht auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch gesehen.
-
-Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz gewiß will ik nu ne mihr
-bang warrn! Das sagte er sich.
-
-Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte sie: »Jä, Klaus,
-dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken kannst du em ne wedder! Nu
-sünd wi wedder den ganzen Sommer alleen!«
-
-»To Sommer bün ik doch all mit an Burd,« sagte er mit halbem Vorwurf,
-ohne sich umzudrehen.
-
-»Kumm man rin, weut Kaffee drinken.«
-
-»Och, ik mag nix, Mudder!«
-
-»Ik will di bi magnix! Gliek anto!«
-
-Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche am Tisch saß, da
-schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht
-geschmeckt? Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt
-ausnahmsweise still, obgleich er sich schon selbst waschen konnte und
-obgleich er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die Backen
-eien zu können. Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der
-Krähe (denn sie hatte sich fest vorgenommen, sein Vertrauen
-zurückzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein,
-sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus,
-denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. So guckt der Spatz
-mißtrauisch vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.
-
-Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hieß,
-segelte der Ewer -- viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war
-immer noch totstill.
-
-Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert hatte. Der Gerechte
-erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging über die
-Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber
-trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den
-Bauch zu befühlen, denn er wartete sehr darauf, daß sie jungen sollte,
-hatte er doch schon fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen
-Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper, Jan Loop jeder
-eine Eve.
-
-Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Kluß
-schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen:
-Störtebeker faßte es aber anders auf und sagte betrübt: »Jä, Kluß,
-Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!«
-
-Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit über
-das Eis pektest, ganz nach Blankenese hinunter, könntest du deinen Vater
-noch sehen und ihm Adjüst sagen. »Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!« Er
-suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein
-Indianer den Binnendeich entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr
-werden sollte. Als er weit genug war, kletterte er über den Deich,
-sprang vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen und
-Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser.
-
-Vadder, ik komm!
-
- * * * * *
-
-Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, daß der Polizist
-auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schloß sich
-dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich ein
-wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem droken Klaus
-Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen.
-
-Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen -- der Vogel war nicht
-da. Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden,
-als sie ihn dort aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ
-sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe
-und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, daß Klaus kommen und
-Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und
-Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder
-in die Reihe.
-
- * * * * *
-
-»Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!«
-
-Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal
-auf dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des
-Fahrwassers. Störtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt,
-und winkte.
-
-»Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mörre Is?«
-
-»Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,« rief der Junge, »du büst
-jo so fohrn.«
-
-Kap Horn aber machte Weiberlärm:
-
-»Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder
-innen Lock kommen kunnt?«
-
-Aber Störtebeker sagte ruhig: »Dorför hett de Minsch doch Ogen, Kap
-Horn!«
-
-Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte, was er tun
-sollte.
-
-»Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß ne mihr rup,« ließ Hein
-Mück sich vernehmen, aber Störtebeker rief: »Dat gläuf ik, du Bangbüx!
-Non, Adjüst, Vadder!«
-
-»Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?«
-
-»Jo, dat is jo nix, Vadder!«
-
-Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: Ȇmschicken kannst du em
-nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!«
-
-»Dat hebb ik ok all dacht,« stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch
-er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern
-und den großen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge
-es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die
-beständig abbröckelnde Kante.
-
-»Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung
-sall mit no See! Nimm em mit!«
-
-»Dat woll jüst ne,« lenkte Klaus ab, »dat is noch to kold buten un Gesa
-weet dor ok jo nix van af: ober an Burd weut wi em man mol hieven! Wi
-geeft em denn an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus.
-Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!«
-
-»Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!« frohlockte Störtebeker und
-dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh no See!
-
-Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser.
-Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber, packte den Jungen samt der
-Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück.
-
-Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie
-gesprächig er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei
-seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf
-Segel und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er
-sich aber doch nicht enthalten, an den Streek zwischen Kirche und
-Apfelbaum zu erinnern: »Düt mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!«
-
-Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven »Ree« zu rufen und Hein
-Mück nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der holländische
-Kapitän machte, dem der große Friedrich in der Ems mit »Ree« zwischen
-sein Kommando kam, und sagte: »Mynheer, dat Ree kummt mi to!«
-
-Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann
-an sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren,
-was es zu sehen gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts
-kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war
-Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen, da war Blankenese mit den
-vielen Ewern und dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen
-Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um die Hunderte von
-Krähen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental mit dem
-Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen
-Zementsäcken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff,
-dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern, da war die Lühe
-mit ihrem hohen Deich -- und von allem gab es Geschichten zu erzählen.
-
-Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und
-zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel und Besan konnten die fünf
-Stunden geruhig stehen bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den
-Klüver nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus
-und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen
-Jungen mitgeben könne, aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und
-Lühjollen ausmachen, die nicht in Frage kamen.
-
-So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee
-nieder.
-
-»Ik wull, dat geef brodte Schullen,« rief Störtebeker übermütig, »dor
-verlangt mi eulich no!« Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den
-Topp.
-
-Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewußt
-hätte, es wäre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu
-behalten: aber so ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und
-suchte mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend nicht an
-den Laden kam.
-
-Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche Reise über das
-Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu
-sich selbst als zu den andern: »Junge, dat is jüst so as der Reiter und
-der Bodensee!«
-
-Gotts den Donner -- Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee und Kap
-Horn blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich
-dieser Rede ihres Speisemeisters. »Wat is dat?« fragte der Schiffer
-zuletzt. »Och nix.« »Nix?« »Ne, nix!« »Ik will di gliek bi nix! Hier
-vertillst oder du warrst afmunstert un Klaus Störtebeker ward uns Kock,«
-befahl Klaus.
-
-»Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as
-Störtebeker sien Reis.«
-
-»Upseggen!«
-
-Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne Tasse Tee! Hätte
-er doch nichts gesagt! Nun mußte er in seine Koje steigen und sein
-Lesebuch aus dem Stroh suchen.
-
-Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht
-verbeißen: »Jä, jä, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he
-sien Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest
-den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen
-Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!«
-
-»Jo,« sagte Klaus Mewes, »ik wür son groten Döskupp: man god, wat de
-Jungens nu all en Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich
-Mücke,« setzte er gemütlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann,
-der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...
-
- Den Reiter schauderts, er atmet schwer:
- Da hinten die Ebne, die ritt ich her.
- Da recket die Magd die Arm in die Höh:
- Herrgott, so rittest du über den _See_!
- An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
- hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!
- Und unter dir zürnten die Wasser nicht,
- nicht krachte hinunter die Rinde dicht,
- und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,
- der hungrigen Hecht' in der kalten Flut?
- Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;
- es stellen die Knaben sich um ihn her,
- die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
- »Glückseliger Mann, ja segne du dich!
- Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
- brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!« ...
- ...
-
-Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer,
-obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht recht gefallen wollte, denn
-hinterher vor Angst sterben, war nichts für ihn. Auch Störtebeker war
-still, so sehr wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen
-konnte.
-
-Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte
-anerkennend: »Du kannst god beden, Hein! Blief man giern betjen bi de
-Beuker: wennt weiht, hest dor Tied genog to.« Damit stand er auf und
-ging an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen
-zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon Störtebeker wünschte, es
-möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer
-an Bord bleiben mußte.
-
-Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte
-richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte.
-Jawohl, er nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn
-und Hein Mück an Deck.
-
-Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und daß er von Bord
-sollte. Tränen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn
-hinüberwriggte und Kreek und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er
-selbst übersteigen. »Adjüst, Störtebeker.« »Jüst, Vadder!« Er konnte
-kaum sprechen, so traurig war er geworden, und hatte für Jan Külper
-keinen guten Tag und guten Weg. »Greut Mudder man un segg man, wi kommt
-bald mit en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer kummst du ok
-mit no See!«
-
-»Jo,« sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch bloß no!
-
-Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ die Jolle schwoien.
-»Adjüst, Störtebeker!« riefen Kap Horn und Hein Mück, die auf den Luken
-standen, aber der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr.
-Er war ganz krank und wollte nichts hören und sehen. Er wollte auch den
-Ewer nicht mehr angucken. Jan Külper hatte gedacht, einen munteren
-Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber
-Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während der ganzen
-Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser.
-
-»Warr man ne seekrank, Störtebeker,« sagte der Elbfischer einmal.
-
-»Dor quäl di man ne üm!«
-
-»Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,« drohte der Fischer.
-
-»Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt,« rief der
-Junge patzig. Da goß Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über
-den Kopf.
-
-Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu Finkenwärder an. Am
-Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, setzte Jan seinen mürrischen
-Passagier an Land. Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek
-in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach dem Neß.
-
-Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine Mutter schon
-rufen: »Klaus! Klaus! Klaus!« Und er sah, daß Leute bei ihr standen.
-Auch sein Großonkel, der alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah,
-war auf dem Deich.
-
-»Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll bloß ween?«
-
-»Hier is he!«
-
-»Woneem, woneem?«
-
-»Hier uppen Diek, Mudder!«
-
-Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand
-und führte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt hätte. Und als er
-seine Reise über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter
-und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche
-Übertreibung, denn er hielt sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat
-beleben, denn brukt en ok ne to legen! -- da warf die Mutter sich
-schluchzend auf den Tisch und sagte: »Haut ji em, Unkel, haut ji em: ik
-kannt ne!«
-
-»Hebben mütt he wat,« erklärte der verbissene und durch das viele Rufen
-gereizte Alte.
-
-»Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun,«
-sagte Störtebeker mit blitzenden Augen, aber der alte Jäger, den das
-Schreien aus dem Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: »Wat? Van mi
-lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol wies warrn!«
-
-Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war
-ihm auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über
-Bord werfen wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen,
-ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne
-vergeten! Diese Ruhe brachte den Alten noch mehr auf und er schlug ihn
-ärger, da warf sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden
-auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen nicht zu brechen
-war, daß er sich lieber krumm und lahm prügeln ließ, ehe er einen Laut
-von sich gab.
-
-»Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll
-alleen mit em klor warrn,« bat sie dringend. Der Alte ging mit einem
-bösen Blick hinaus und brummte noch auf der Diele.
-
-Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster
-vorhalten. »Dat betjen Hoveree,« sagte er verächtlich, »wat he dor son
-Larm üm moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben
-kunnt!« Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren
-gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das Fenster eingeworfen wäre.
-
-Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem
-langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn
-ik irst an Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as
-Mudder: -- dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.
-
-Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm
-in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm
-ab, daß sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja
-nicht anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt
-hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: sie beugte sich über ihn
-und küßte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht
-tun dürfen: er hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen
-Kinderkram, wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster gesprungen,
-als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte.
-
-»Mien Jung büst du doch,« flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das
-Haar, da regte er sich und sagte halblaut: »U, Vadder, kiek mol dat
-grote Schipp!«
-
-Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht
-schon wieder bei seinem Vater an Bord -- und du, Gesa?
-
-
-
-
- Fünfter Stremel.
-
-
-Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, daß er auf den
-Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind
-wehte, daß die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so
-kam auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder da. Denn sein
-Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es
-nichts, ohne den wußte er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und
-ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken
-ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen
-sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon wieder
-aufgetallt wäre, ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und
-andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war
-er wieder ganz allein und wußte nicht, was für einen Weg er einschlagen
-solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete
-den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen
-Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach
-ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater
-noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht,
-noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle krabbelte an dem
-mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurück. Der Junge stellte
-das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem
-Binnendeich, um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den
-durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf
-See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser
-lag, aufs Trockne und überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er
-drinnen hatte, noch springenlebendig waren.
-
-Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte
-er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun
-war er eigentlich arbeitslos.
-
-Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die
-Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. »Speel doch en
-betjen mit de Kinner,« sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die
-Hühner fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit
-aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen
-wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er überhaupt nicht: er
-wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder
-Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann hätte
-er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben -- und
-deshalb wurde es ihm bald über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte
-ihnen den Rücken.
-
-Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den
-Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen.
-Juno, der große, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.
-
-Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er dachte an die
-Schläge vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und
-sagte vergnügt: »Meun, Klaus Störtebeker!« Störtebeker dachte aber:
-snack, soveel du wullt, wat geiht mi dat an, -- obgleich die Enten
-durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den
-Sack geguckt hätte, auch von Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre.
-
-Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete,
-daß einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Pütten
-oder nach der Wisch ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter
-hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit
-den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise über das Eis war schon
-bekannt geworden. Ihre Jungen sollten sich nicht mehr mit dem
-Buschräuber abgeben, riefen die Frauen einander zu.
-
-»Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß no den Störtebeker,
-hest mi verstohn?« »Jo, Mudder!«
-
-In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre zur Hand
-und lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu
-erwischen, aber er hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig
-genug, die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie
-schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher kam. Einmal gewahrte
-er einen großen Hecht, der gut gegen die Sonne stand: behutsam tauchte
-er die goldige Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen,
-und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch anfänglich
-gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn er hinter den Kiemen
-war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da
-strich eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek
-gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im Wasser.
-
-»Du verdreihte Jakob du!« rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem
-Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem
-runden Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war
-lohnender: er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke Weibchen
-und graue, dünne Männchen. Den größten Teil bekam die Mutter, die sie
-für die Hühner kochen wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank
-unter den Linden sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für
-Kluß zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt. Die alte
-Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den Schmaus durch die Maschen des
-Kastens stopfte.
-
-Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr
-ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: »Höh,
-Klaus Mees!« da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als
-wenn sie schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den Schnabel,
-als wenn sie um weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre, sie
-krächzte auch einmal, aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der
-Junge sich auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach getaner
-Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen, wenn er in den
-Hof hineinging und es mit einem Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich
-sollte die Krähe lernen: De Jung mütt no See! -- aber das sollte nun
-erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld freilich noch nicht
-groß.
-
-»Du büst dummerhaftig, Kluß!« sagte Störtebeker ärgerlich, »wenn du ne
-bald snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.«
-
-Nach dem Mittagessen -- Plummensaus gab es, eine Götterspeise für ihn --
-machte er sich ans Knütten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage
-vorher zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und
-Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur
-so, aber nach anderthalb Stunden sah er ein, daß es ohne seinen Vater
-doch nichts schaffte.
-
-Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und goß den Kahn leer, der
-immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mußte der werden, das war ein
-Apfel, und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, hätten
-sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl allein dabei.
-
-Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie fischten wohl schon
-und hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kämen oder
-übermorgen!
-
-Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten baumelten an der Tasche
-und machten ihn guter Laune.
-
-»Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du schallst Afbitt
-don,« stichelte er, aber der Junge ließ sich nicht in die Kneife
-bringen. »De ward fix nattgoten,« sagte er gleichmütig, dann aber besann
-er sich, schluckte den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich,
-um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen, Juno zu
-streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war, und die Flinte zu
-tragen, denn er wollte nun doch gern einmal wieder mit auf die Jagd, bis
-sein Vater kam.
-
-»Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn
-schippern kann.«
-
-»Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt woll anner Wetter,«
-sagte der Jäger und sah den Heben an.
-
-Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, die
-dreierlei wissen wollten.
-
-Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hatte, denn dann
-wollten sie einen Bock und eine Eve bestellen.
-
-Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen
-hatte, denn das war am Deich erzählt worden.
-
-Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken war, denn dann
-wollten sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhölzer hatten sie eine
-ganze Schachtel voll in der Tasche.
-
-Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. »Ik weet
-ne, veel lütje Munkis dat ik krieg, Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor
-söben van ward, denn kriegst du noch twee.« Wegen des Schusters ließ er
-es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und
-sagte: »De Lüd snotert sik wat trecht, Hein!« Der Feek sei noch mistnaß
-und für Ostermoonen sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich
-wohl eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien? Wenn es
-soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen Rauch trecken sehen. »De
-Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du lütje Boitel doch noch ne
-mit ümgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.« Damit entriß
-er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies ihnen
-noch Kluß und die angefangene Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und
-die Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn
-er sah die Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an, und wenn
-nicht die Bestellung gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit
-ihnen abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen halten.
-
-Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht
-bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn,
-um sich seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.
-
-In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang und Graupen und
-Zucker vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.
-
-»Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder,« sagte er
-zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.
-
- * * * * *
-
-Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus,
-ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den großen, schönen
-Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und
-weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater aufkommen konnte,
-stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder
-er saß im Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den
-vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen Ewer und einen
-blauweißen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen
-mußte, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar
-wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, des angetriebenen
-Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung
-der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das
-Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen
-das große Warten auf seinen Vater.
-
-Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Neßhuk
-nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau,
-die im Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie
-die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und
-aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer
-weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch
-suchte sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill war ein
-wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland
-allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr
-nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es
-gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte,
-war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere
-große Haverei bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. Manch
-einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht
-fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man
-mußte Thees to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst
-Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses Weibes.
-
-Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen
-zum Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb
-ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht
-zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine Kurre berührte.
-»Nu bün ik behext,« dachte er. Am Morgen besah er die Kurre genau und
-fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und
-vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte er das Netz auf
-der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to
-Baben.
-
-Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war
-Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darüber zukam, als Gesa dem
-Jungen einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel
-und keine Birne, da sagte er ernsthaft: »Mudder, gläuf doch ne an Hexen
-un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll
-geben? De freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!« Und dann sagte
-er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl
-zugefügt hatte: »Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker,
-un bring Sill de hin!« Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte
-ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und
-sagte ihn für später zu.
-
-Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran,
-klinkte die Tür auf und sagte: »Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns
-hebben.«
-
-Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn
-die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle
-Diele, denn bange war er nicht. »U, Sill, wat bitt de Rook mi inne
-Ogen,« rief er.
-
-»Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de
-Schinken,« sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter
-den Wandbetten war.
-
-»Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to, Sill?«
-
-Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im
-frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch
-zu hören. Ein anderes Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine
-in die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon.
-
-»Wat seggst du, Junge?«
-
-»Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?« wiederholte er lauter.
-
-»Jo, all mien Schinken.«
-
-»Diern, denn kannst du di woll frein!«
-
-Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden
-Augen an. »Is dat de Katt oder de Koter, Sill?«
-
-Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf, wie der Geist von
-Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der
-knochigen Hand.
-
-»Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn
-du Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.«
-
-»Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,« sagte er gemütlich, sie aber gab ihm die
-Äpfel und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wären für die Fische
-von damals und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne
-Danke an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den beißenden
-Rauch nicht mehr aushalten.
-
-Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die
-schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext
-waren und ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte
-es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und sein Vater war der
-Oberste für ihn: er wollte sie getrost essen.
-
-»Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat sünd dat för Appeln?« --
-rief die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh -- das hätte
-nicht kommen dürfen. »Kantappeln, Mudder!« »Keen hett di de geben?«
-Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten hatte! Nun mußte er mit der
-Wahrheit an den Tag. »Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.«
-
-»Her de Appeln!«
-
-»Och, Mudder!«
-
-»Her de Appeln, de schallst du ne upeten!«
-
-»Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen Appeln mihr hatt!«
-
-»Giffst du de her, Klaus?«
-
-Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm
-weg. Hastig steckte sie sie in die große Tasche, die sie unter der
-Schürze trug, und ging ins Haus zurück. Störtebeker lief hinterher und
-versuchte, sie ihr wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie
-war unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie
-heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde. Und als er sie später aus der
-Tür kommen hörte, da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter
-der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, dann
-lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die Äpfel hinein, um
-die Hexerei unwirksam zu machen.
-
-Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen kam und die
-Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte
-sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die
-Tasche. Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in seinem
-Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut
-hatte, betrachtete er sie wieder und aß sie dann mit großem Behagen auf,
-ohne bange zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu schmeckten
-sie viel zu gut.
-
-Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel
-auf dem Tische und die Mutter sagte: »Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een
-van uns egen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne
-krank van. Den et man up.«
-
-Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte
-doch: »Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant
-leber as Prins!«
-
- * * * * *
-
-Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser
-und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon
-auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen
-und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im
-Gras. Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er
-konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß er eben vor
-der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab treiben und legte sich
-zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen
-aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn
-jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon
-weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, --
-das erfreute ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden.
-
-Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden,
-warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten
-hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater
-nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie
-zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer,
-Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor
-seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm.
-
-Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn,
-denen wriggte er entgegen und die begrüßte er: »Hebbt ji Vadder ne sehn?
-Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald?« Wußten die Fahrensleute dann
-mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er
-einfach seinen Kahn so, daß sie seinen Namen »Klaus Störtebeker« lesen
-konnten, -- dann wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder
-nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten ihn
-nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein oder er wäre nach
-der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei
-nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte,
-die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am
-Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte: daß einer
-sagte: »Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!«
--- das bekam er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht
-zu sehen, so weit er auch blickte.
-
-Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die
-Frauen zu grüßen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.
-
-Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich
-entlang mußte, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer
-aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man
-noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett
-tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon
-Bescheid wußten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich
-doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an,
-um so eher, als er nicht für Geld ansagte, wie die andern Jungen, die
-sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen
-Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten.
-Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. »Behol man, ik verdeen
-Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken,« sagte er, wenn ihm eine einen
-Groschen geben wollte.
-
-Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer Manofwar, ein
-deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte
-es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht -- langsam glitt es
-nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem solchen Manofwar war
-auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen
-viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon
-mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und
-rief: »Hallo, Störtebeker!« Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite
-von der Stegel wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern!
-
-»Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!«
-
-»Lurst du up dien Vadder?«
-
-»Jo, Jan! He kummt man bloß ne.«
-
-Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch
-fragte er Jan, ob er seine Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff
-vorüber und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes gegen die
-anlaufende, große Dünung drehte.
-
-Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge
-in gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:
-
-»Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett ok de Reis, he is
-ober no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!«
-
-»Is dat eulich wohr, Hein?«
-
-»Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?«
-
-Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. Nach der Weser
-war sein Vater! Das konnte ja schön werden, denn das letzte Jahr war er
-auch immer dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn
-du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst dor woll gliek söben
-Mol no de Ratt hin! Nun konnte es wieder so kommen, daß er immer dahin
-segelte.
-
-»Mudder, weest, neem Vadder is?« fragte er, als sie beim Kaffee saßen.
-»In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!«
-
-»Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land is,« sagte die
-Mutter erfreut.
-
-»He harr ober man no Hus kommen müßt,« sagte er darauf, »wat deit he no
-de Wesser hin?«
-
-»Dat mütt Vadder sülben weten,« erklärte sie aber, »dor is he dichter bi
-de See un hett dor ok woll noch en beter Markt as boben an Altno.«
-
- * * * * *
-
-Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches,
-am andern Morgen, daß so viel Schollen oben an der Brücke wären, daß
-kein einziger Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und
-hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die sie den
-Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese sich auch nur umguckten.
-Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat Vadder no de Wesser is!
--- aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen
-sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch
-slechter!
-
-Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken Zwillinge bekommen
-hätte -- twee lütje Jungens, ober krekel un gesund! -- daß Hinnik Bott
-seinen Ewer kondemmen ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See über
-Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte sich noch lange über
-Wasser gehalten, aber sie hätten ihn nicht wiederfinden können, weil es
-so dunkel gewesen wäre. »Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!« hätte er
-immer gerufen, bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel hätten
-ihn zuletzt hinuntergezogen. »Is man en Butenlanner, Gorch hett he
-heten, ober wat is dat bedreuft,« schloß die Frau.
-
-Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten Kurrbaum, der noch
-die Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu.
-
-
-
-
- Sechster Stremel.
-
-
-Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei
-große Löcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der
-Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der
-Briefträger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an
-einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst,
-als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, ließ er die Bunge liegen und
-sauste ins Haus hinein.
-
-»Van Bremen, Gesa,« sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter
-einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte, ob
-der Kessel über dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte,
-hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel aus der
-Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: »Hunnert
-Doler, mien Diern!«
-
-»Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!« rief Störtebeker aus, als er die
-Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: »Wat kann dat
-angohn? Wenn Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter
-Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?«
-
-»Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,« antwortete der Postkerl
-geheimnisvoll.
-
-Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker
-hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, daß er einen Grog
-verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf
-den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das
-rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar
-nicht schwitzte, dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und
-sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu
-rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog
-liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte, wie ein
-Weinküfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, daß er
-gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich
-aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: »Dat
-Glas kannst du utlicken.«
-
-»Ik bün keen Restensuper,« sagte der Junge verächtlich und schob das
-Glas von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen
-Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten
-Worten: »So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!«
-
-»Jüst, Jan!«
-
-»Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!« rief Störtebeker
-bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot
-ihm, es am Deich zu erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte
-sie den Brief auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:
-
- Klaus Mewes, Finkenwärder,
-
-ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. »Se findt mi ok so,«
-pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.
-
-Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben,
-und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt
-waren einander dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte,
-sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch
-auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum, die Geldsumme.
-
- Bremen, den 29. März 1887.
-
- Liebe Gesa!
-
- Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und
- 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu
- voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut
- getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre
- Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das Markt ist ja
- immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen
- wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch
- gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.
-
- Jetzt will ich schließen.
-
- Mit Gruß an Dich und Störtebeker
-
- Dein Mann Klaus Mewes.
-
-Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: »Och, de scheebe Weg no
-Bremen!« Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle: Bremen
-zeigen: rief er: »Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!« Die
-Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und
-sagte ein Junge ja, so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in
-die Höhe und fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er
-gequält ja sagte.
-
-Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein
-Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er
-wieder an seine Arbeit.
-
-Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst
-mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen,
-aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen!
-
-Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem
-Schauer und heilte dort weiter, unter den großen Namenbrettern
-gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen
-war, _Büt_, wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf
-Großvogelsand strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer Klipper mit
-Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich
-trugen diese Namenbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine
-Inschrift, wie »Kalliope«, »Ceres«, »Fare well« oder »Merkur«.
-
-Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf, davon zwei mit
-Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte
-Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen
-umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt -- nun von Spatzen umpiept,
-von Hühnern umgackert.
-
-Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit
-der goldenen Inschrift:
-
- +----------------------------+
- | Suzanne -- LE HAVRE |
- +----------------------------+
-
-die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen Beutemacher, und
-hießen:
-
- +-----------------+ +--------------------------+
- | HOFFNUNG | | Goede Verwachting |
- +-----------------+ +--------------------------+
-
- +------------------------+ +----------------------+
- | HAABET -- SKIEN | | MARY THOMPSON |
- +------------------------+ +----------------------+
-
- * * * * *
-
-Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene Fischerei in diesen
-Tagen besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein
-Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen
-konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er
-sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig. Der Jäger
-stellte sie ihm ein und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt
-saß das Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und
-Karauschen und er mußte daran denken, sie an den Markt zu bringen.
-
-Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal gebrauchte,
-denn er konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mußte hin
-und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf
-nehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: »Frog em man
-sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,« da sagte er aber kurz und
-bündig: »Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krüssen, denn lots
-man dot blieben.« Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er
-selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen: sie
-dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn.
-
-»Will he jüm mithebben, Mudder?«
-
-»Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!«
-
-Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der
-Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte,
-und hängte sie in den Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige
-Einwendungen: wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik jüm los warr ...
-de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de Hökerwieber man nehmt ... Als
-Störtebeker aber sagte: »Denn schallst du jüm gorne mithebben, du
-Bangbüx,« und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer
-ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer als
-möglich zu verkaufen und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg
-selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume.
-
-Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen
-ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte
-sich schnell, damit er nicht Danke zu sagen brauchte.
-
- * * * * *
-
-Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe
-ganz vergessen hätte. Bald kam eine Kunde von Geestemünde, bald von
-Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von
-Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte
-die ganze Unterweser mit springenlebendigen Klapperschollen und mit
-Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste,
-Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit
-aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Nach
-dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.
-
-Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter
-gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein
-Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus,
-denn der Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon
-bald aus, wenn er fragte.
-
-Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn
-die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten,
-und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären.
-
-Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!
-
- * * * * *
-
-Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden, wenn die Sonne
-höher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an
-der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen
-ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie
-das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene,
-entwickelte, so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der
-Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr
-Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und
-seht mit Ehrfurcht auf das Kind -- straft es nicht um seine
-Osterflammen!
-
-»Johannisfeuer bleibe unverwehrt!«
-
- * * * * *
-
-Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet,
-Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen
-hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es
-hümpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus
-Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es
-nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden
-immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer
-saß, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines
-Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben,
-pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten
-wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der
-bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß
-bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein,
-die größte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie.
-
-Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche
-gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die
-Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, --
-aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer
-wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen
-oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer
-von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so
-zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der
-Püttensümpfe, zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen, hinter dem
-Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war
-der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der
-wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: »Ik bün obers
-ne bang, Jungens!« Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig
-räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in
-Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und
-ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu
-quälen. »Lot man brinnen,« sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal
-in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen
-dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten.
-
-Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müßten sein: sein
-Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand
-am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.
-
- * * * * *
-
-In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß
-Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.
-
-Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der
-Heimat gegangen -- als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor
-Wochen zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um
-den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die
-vor den Türen gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht möglich
-gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen
-werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und
-brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.
-
-In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und
-niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er
-fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus --
-über sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden,
-den er nicht wegwischen konnte.
-
-Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen
-Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und
-sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er
-butenlands gewesen war.
-
-Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an,
-als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur
-noch selten: an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die
-Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit
-fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz
-sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel
-ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu machen
-waren.
-
-Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der
-jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein
-Lächeln in das ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken
-bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst? ...
-Kiek, hier! Dat schall fluckern un räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm!
-... Jo, hier is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat
-fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en feine
-Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus
-Störtebeker! ...
-
-»Säst du wat, mien Jung?« fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen
-gehört hatte und von unten gekommen war.
-
-»Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern
-mol mit em snacken,« bat er.
-
-Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem
-Feuer gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und ließ sich ausfragen
-von dem todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und
-seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von
-seinem Vater und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann
-aber fing er an zu fragen: nach den großen Schiffen und den Schwarzen,
-nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika. Ob Harm schon mal
-Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre,
-was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der alle
-Schiffe hindurch müßten.
-
-Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in
-dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder,
-die er verloren hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis
-die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. Da schenkte er
-ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die
-Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt
-hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage
-wieder heraufzukommen.
-
-»Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een,« sagte er zu
-seinem Bruder. »Herrgott innen Heben, wat förn mooi Leben hett de nu
-noch vör sik -- un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!« stöhnte er und
-kehrte das Gesicht gegen die graue Wand.
-
-Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die
-Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er
-ganz still lag. Dann sagte sie: »Harm, hür mol to: ik will mol mit di
-snacken.«
-
-»Och, lot mi doch, Mudder!«
-
-»Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik
-ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut
-de Schol is! Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh to Woter,
-wenn he ne an Land blifft!«
-
-Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, daß
-er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur
-keine Antwort geben wollen.
-
-Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für
-sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und
-erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit.
-
-Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken
-kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf
-dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen
-hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete
-auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand,
-und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der
-Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.
-
-Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern
-stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu
-entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche,
-wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das schöne
-Vollschiff!
-
-Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male
-der Gedanke: jetzt muß ich sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis
-er sich ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! Da
-kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all
-das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer
-wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß
-und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und
-lachend lag die See vor ihm, die große, weite See, und hohe, stolze
-Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Winde! Wie
-leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf
-der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis saß der Norweger und
-spielte auf der Harmonika: über ihm aber wölbten sich die gewaltigen
-Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine
-spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der
-Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam
-ins Wasser sank ...
-
-»Jan?«
-
-»Wat schall ik, Harm?«
-
-Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und
-sah verdrießlich von seinem Katechismus auf.
-
-»Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no
-See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn
-Vadder un Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un
-kodimmt warrn mütt! Ik ro di _to_, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn
-goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer,
-wenn du goden Wind inne Seils hest!«
-
-Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.
-
-»Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok
-seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb
-keen Sack vull Gild mitbröcht: ik segg di: mien Leben is _recht_ wesen,
-un wünsch mi keen anner!«
-
-»Snack doch ne soveel, Harm,« beschwichtigte ihn der Bruder, der gern
-weiterlernen wollte, »ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.«
-
-Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft
-ging er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte
-sein Seefahrtsbuch.
-
-»Wat wullt dormit, Harm?«
-
-»Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!«
-
-Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen
-seine knochigen Finger es, als er sagte: »Dor steiht dat in, Jan, woneem
-ik allerwärts wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne
-Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de
-Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook will ik nu
-jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn scheut ji mi dat innen
-Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verklorn kann.«
-
-»Harm, schon di doch,« bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah,
-aber der Matrose hörte nicht.
-
-»Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen Finger mihr krumm
-moken kann, ohn mi weh to don: wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor
-ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un
-Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch
-angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben
-mütt.«
-
-»Harm, so snackst du nu -- un to Sommer, wenn du wedder beter büst un
-wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.«
-
-Der Kranke schüttelte den Kopf.
-
-»Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh de See ne wedder!
-Jan, goh no See un warr en fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!«
-
-»Ik do ok doch, wat ik will,« sagte der Bruder bestimmt, »meenst du, wat
-ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?«
-
-Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder
-hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch
-nicht käme, denn er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet.
-
-Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, daß
-der Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch
-einmal über den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein
-rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer
-und hinter dem Neß standen viele braune Segel auf dem Wasser.
-
-Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam und grüßte ihn. Und
-Harm Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick.
-
- * * * * *
-
-Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das
-Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte
-Triengretj, die Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, daß er
-Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem
-Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen
-Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in
-einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit
-hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem er das halbe Geld
-aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer mit,
-daß es eine große Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger
-Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der
-manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte.
-
-Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief
-Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab
-und ließ es auf der blinkenden Elbe segeln.
-
-
-
-
- Siebenter Stremel.
-
-
-Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach
-dem Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in
-der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der
-es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte, der abwechselnd als
-Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott dienen müsse. Den Tisch fege sie
-mit dem Besen ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als
-Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze.
-Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im
-Bettstroh.
-
-Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota
-eine große Farm haben, so groß wie ganz Finkenwärder, sagten sie:
-anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags
-gleich schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst
-einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn nach dem
-Kirchhof: das wäre so Mode in Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht
-um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der
-Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit
-nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun
-war, die er für das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel.
-
-Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete und
-die Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die
-Gören hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des
-Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand
-die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gänzlich
-niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner
-Mutter hin und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts:
-als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuß hatte,
-war das Haus schon zusammengestürzt und sie konnte nur noch die
-Obstbäume naßspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem
-Klütjenpott umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan,
-die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker
-machte, daß er weg kam, als er das hörte.
-
-Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei,
-daß er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg
-gewesen, als daß Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten.
-Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie
-drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete sich nicht. Aber es
-kam doch soviel dabei heraus, daß kein Junge mehr mit ihm nach dem
-Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre
-wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmütig gesagt
-hätte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten Haus sei
-nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!
-
-Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen
-und dampfte nach Neuyork ab.
-
-Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld
-zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht
-freigesprochen, er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein
-gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt
-verratzt, wie er sich ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch
-noch die Bungen weggenommen und er konnte nicht mehr fischen.
-
-Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum ersten Mal wieder eine
-Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog,
-und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich
-genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem Giebel des Neßhofes
-erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann ließ er
-das Feuer im Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete
-lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinem _Vater_
-entgegen.
-
-Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein
-Vater war wieder da!
-
-Wie wriggte er, wie rief er:
-
-»Höh, Vadder, höh!«
-
-Da wurde er vom Ewer gesehen:
-
-»Höh, Klaus Störtebeker!«
-
-»Non, Vadder, de Reis afmokt?« ... »Jo, mien Jung!« ... »Wat geiht di
-dat, Kap Horn?« ... »Och, god, Störtebeker, dat weest woll, slechte Lüd
-geiht dat jümmer god!« ... »Büst ok seekrank worden, Hein Mück?« ...
-»Ne, du Schietinnebüx.«
-
-Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte
-an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin.
-Nun war alles gut -- er war wieder an Bord bei seinem Vater!
-
-»Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all en
-eulichen Snauzbort!«
-
-Kap Horn aber sagte: »Dat is keen Bort, Störtebeker: Hein Mück hett sik
-bloß en bitten annen Klütjenputt swart mokt.«
-
-»Dor quält jo man ne üm,« schnauzte der Koch.
-
-Vom Ruder scholl es: »Gohn den Draggen!« Der schwere Anker fiel,
-rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum
-Schwoien.
-
-»Vadder, schall ik de Fock dol smieten?« rief Störtebeker, der sich
-wunderte, daß sich niemand um die Segel bekümmerte, aber Klaus Mewes
-erwiderte: »De Seils blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit
-allemann no Stadt rup!«
-
-»Junge, jo! Dat ward fein!« sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht
-einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit
-dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug
-und wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn
-das Boot in die Tallje und setzten es über Bord. Der Schiffer warf
-unterdessen die Scharben in den Reisekorb und dann schipperten sie an
-den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot.
-Hein Mück wriggte. »Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett
-wunnen!« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften -- und richtig
-wurde er dem schweren Boot leicht über.
-
-Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen
-entgegen. In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe
-und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den
-Nebel und an die dunkeln Nächte.
-
-»Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi weut
-alltohopen mit no Altno rup!« -- rief Störtebeker schon von unten.
-
-Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt
-ihre fest: »Goden Dag!«
-
-»Goden Dag!« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er
-hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte
-verwirrt: »Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Lüd dinken!«
-
-Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn
-nicht der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: »To, Vadder,
-lot ehr los, se schall sik klor moken!«
-
-»Wullt mit, Mudder?«
-
-Sie nickte: »Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!«
-
-Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, die großen, braunen
-Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und
-konnten alle drei kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er
-mußte alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo
-sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie gebört hatten, was für Wetter
-sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie
-eine Pfeffermühle.
-
-Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäß,
-obgleich er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das
-Viehwerk wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn
-und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön auf dem blanken
-Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt
-wurde.
-
-Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das
-Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war
-soviel Wind, daß sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an
-der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf
-den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in
-Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser
-wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder
-hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei Hein Mück, der
-Kartoffeln schälte, und aß getrocknete Knurrhähne. Oder er besah die
-Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.
-
-Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun
-pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte
-er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine
-Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen
-maß und bat: »Vadder, stür doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,« dann
-lachte er sie aus und sagte: »Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp ut
-den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.«
-
-»Worum denn nich?« fragte Kap Horn lauernd.
-
-»Vadder seggt dat,« gab Störtebeker zur Antwort, »un de mütt dat doch
-weten!«
-
-»Jo, mütt he ok,« bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem
-großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen
-vorbeischob. »Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?« Der Junge sah nach
-der Flagge am Heck. »En Ingelschmann.«
-
-Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen.
-
-»U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!«
-
-Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit
-angerichtet hatte. Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf,
-aber sie hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn
-erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: »Mudder, wi sitt hier nu so
-scheun up Deck un fohrt so mooi no Hamborg un nu fangst du dorvan an!«
-Und er stand auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht
-noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos,
-sie solle ihn nur gewähren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor,
-sondern Fischermann werden.
-
-»Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.«
-
-»Gesa, mok doch kein Schop bang.«
-
-»So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol ober em weenen!«
-
-»Ne, dat gläuf ik ne, Diern!«
-
-Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen.
-
-»Bestrof em, Klaus!«
-
-»Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen
-rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa,
-anner Reis nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen
-Undöt mihr moken!«
-
-Da gab sie es auf.
-
- * * * * *
-
-Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder.
-Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Störtebeker stimmte
-eine Art Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher.
-
-Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer,
-Fischhändler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise
-abzukaufen und die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen
-guten, runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es
-waren erst drei Ewer an der Brücke und er konnte auf einen guten Markt
-hoffen: auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu
-verhandeln. Die Händler drängten:
-
-»Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!«
-
-»Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,« lachte Klaus Mewes.
-
-»Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!«
-
-»Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,« bemerkte er trocken.
-
-Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal nach Eierkohrs
-einladen, sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst
-einen kaufen. Und er sog ruhig an den Gräten.
-
-Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der
-Helgoländer Dünung klüse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer
-in beständiger Bewegung gehalten.
-
-Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. »Du büst seekrank, Mudder, weest,
-wat dat is?« rief Störtebeker hinter ihr her.
-
-»Paß man up, di geiht dat nix beter,« steckte Kap Horn es ihm, aber er
-lachte sicher und sagte: »Nix zu machen, Herr: ik bün seefast!«
-
-»Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,« warf Hein Mück
-dazwischen, aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem
-er spottend rief: »Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot
-inne Koi legen, ast weihn worden is!«
-
-Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa
-die Brücke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den
-Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige
-Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker mußte an
-Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musiktüdelei
-machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den
-Nudelkastenmännern stehen.
-
-Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den
-Bünn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden
-herausgesucht. Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie
-sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den großen
-Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen werden sollte.
-
-Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum
-Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen
-schönen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der
-Hafenstraße hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas,
-einige deftige Eisbrecher.
-
-Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen
-der großen Segelschiffe, die bei Blohm und Voß dockten, und nannte alle
-Segel und Taue mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und von
-dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hörte nipp zu, wie er dem
-todkranken Matrosen zugehört hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen
-Stellen beiläufig hinzufügte: »Dor harrst doch bang bi worden, nich,
-Störtebeker?« -- dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: »Ne, bang
-harrk ne worden!«
-
-So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser
-schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie
-auf der dänischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch
-viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb
-gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem
-Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheißen. Das war ein
-stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm: jener
-war auf der Höhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet
-worden -- er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht --: dieser lebte
-und drängte mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht
-leben könne.
-
-Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte
-und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem
-Glucken des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der
-seesüchtige Junge.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker,
-als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten -- er hatte richtig die Zeit
-verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.
-
-Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn es Karkmeß wäre! Das
-ganze Deck stand voll von fremden Leuten: was für ein Gedränge auch
-doch, was für ein Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen,
-Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und Beuteln
-standen um den Bünn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften
-schließlich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bünn und
-ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein
-Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter,
-langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn
-Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott,
-obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war
-schollenhungrig.
-
-»Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens
-man mol,« sagte er zu Gesa, die beim Kompaßhäuschen stand und mit
-fremden Augen auf die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn,
-der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann geboren. Sie
-schüttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo
-war Störtebeker? War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um
-sich den Kasper anzusehen?
-
-Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück
-und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser
-hineintun konnten, er warf die toten Fische beiseite und reichte die
-vollen Netze seinem Vater hinauf. »För twee Mark, Vadder!« ... »Förn
-Mark!« ... »För föftein Groschen, Vadder!« ... So rief er dabei, mit
-einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören war: nun paß auf, daß alle
-bezahlen!
-
-»Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springenlebennig!
-Süßtein förn Mark!« rief Klaus Mewes oben und »Süßtein förn Mark!
-Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!« echote
-Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern
-Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen.
-Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kökschen ... »Leben dot de
-all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote gifft ne, dat geiht
-vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...«
-An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mußte ja helfen.
-
-»De sünd jo dot, Junge!« »Wenn du man ne dot büst: de leeft!« »De sünd
-jo so lütj, Junge!« »Wenn du man ne lütj büst: de sünd grot!« Er ließ
-sich nicht verblüffen. »Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft
-achttein!« »Denn goh dor man hin: hier gifft dat bloß süßtein!« Er paßte
-aber auch auf: »Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!«
-
-Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten
-Hilfsmann! »Vadder, dat middelste Schott is all leddig!«
-
-Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: »Wat mokt he sik ok doch
-utsehn!« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: »Worüm hest du em
-dat nee Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten
-kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen!«
-
-Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die Luken zumachen
-konnten: die paar Stiege, die noch im Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes
-selbst. Ausverkauft!
-
-Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, wie ein Stück vom
-Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die
-Kajüte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen,
-Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt war, waren es
-nahe an dreihundert Mark, die er in acht Tagen aus der See geholt hatte.
-Es war wieder Glück dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen
-hatte.
-
-Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so groß vor, daß sie
-immer nur von den _großen_ Seefischern sprachen und auf sie schalten,
-denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg
-und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den
-Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag für sechs Groschen wie Pferde
-arbeiten mußten: wenn sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie
-hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!
-
-Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: sie ist und
-bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben
-mit der Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so könnte die
-hamburgische Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift:
-Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, daß so
-viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die
-Zinsen, der Winter -- wir wollen sie dennoch preisen, die schöne, schöne
-Schollenzeit!
-
- * * * * *
-
-Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch die Klüsen. »Dol de
-Seils!« Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an
-Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte
-die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, daß die Leinen
-den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker mußte die Schollen
-austragen, die sein Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten
-Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft
-lebendige Schollen. »De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk
-wedder fangt,« hieß es am Deich. Die Bauern auf den Wurten, die
-Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte
-Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm
-Freude, wenn die Leute fragten: »Non, Junge, is dien Vadder her?« »Jo!«
-»Mit Schullen?« »Jo!« Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei,
-der Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus
-Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte
-wieder ins Stroh hinein und holte richtig noch einen schönen Apfel
-hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn
-nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen
-müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.
-
-In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging
-mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest
-waren, daß sie anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes
-wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich
-schlichen die Katzen mit erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander
-wegen der Abfälle an.
-
-Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und
-verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei
-bei Juist und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im
-Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und
-schwerer in den Heben hineinwuchsen.
-
-Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen
-Aalkörben beladen.
-
-»Non, könt hier utholen?«
-
-»Jo, Jakob!«
-
-Er blieb einen Augenblick stehen.
-
-»Lopt de Ool all, Jakob?«
-
-»Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms
-hebben.«
-
-»Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all
-eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voß de Geus un as de Hund de
-Rotten! Wi weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an
-Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de
-Gildbütel man afkann!«
-
-Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: er dachte an die drei,
-vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben schrapte, und ärgerte
-sich über den großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich
-warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. »So, so,« knurrte er und
-stiefelte weiter.
-
-Gesa schüttelte den Kopf. »Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus
-Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?«
-
-Er sah sie groß an. »Wat meenst du dat?« fragte er verwundert. »Ik kann
-mien Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor
-steihst du, dor sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien
-Linnenbäum, dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben oder is dat
-all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik
-gläuf, uns Herrgott süht ok leber en vergneugten Minschen as en
-trurigen!«
-
-»Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en Minsch un wullt wedder
-no See!« mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab, wie die Ente das
-Wasser.
-
-
-
-
- Achter Stremel.
-
-
-Es war Ostern auf Finkenwärder.
-
-An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen
-ließen braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im
-Sonnenschein und glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln.
-Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die
-Kiebitze zu Hunderten, und über dem hohen Neß schwebten die grauen
-Reiher.
-
-Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr
-Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst
-auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er
-geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für Landwege
-geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege
-es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt haben, die aber
-abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu
-viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.
-
-Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen
-Winter eingestellt war und die große, allgemeine Ausreise erst nach
-Ostern stattfand. Da lag es nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel
-auf den Kieker nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute!
-Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen,
-den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu haben, bevor sie an Bord
-gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.
-
-Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und
-seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen
-und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten,
-mittelalterlichen Stadt Frankfurt -- aber das muß verblassen vor der
-großen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag
-anfängt und bis zum Abend währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit.
-
-Breit und blau grüßt die Elbe -- im Hintergrunde steigen die Blankeneser
-Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht über den Strom.
-Deutsche, englische, französische, nordische und holländische Flaggen
-flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das
-Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und im Osten steigen die Hamburger Türme
-aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber
-und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und Kutter, die starken,
-schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im Sonnenschein, als wenn sie
-wüßten, daß es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher
-Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser.
-Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen
-lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche
-gehabt hat.
-
-Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die
-Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen
-Türen, geröteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen
-Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs
-stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbäume, die
-aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die braunen Äcker, von
-Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den großen
-Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der
-Insel.
-
-Da kommen sie an, die Osterleute.
-
-Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen
-sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand
--- denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei --, damit die Fahrensleute
-Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die
-Schlingel, die ihre Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die
-Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die über die Gräben
-jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns vom Deich stoßen und
-die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann erscheinen die Konfirmandinnen
-in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen
-Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste
-Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den
-Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie
-ihr Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das
-kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr
-an, bekümmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen
-von Schiffen und Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler,
-sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der
-Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt seine Zigarre (un noher
-fangt se doch all an to prüntjern).
-
-Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen
-zu fünfen oder sieben, in Schöfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den
-ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein,
-sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich,
-die Häuser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die
-Alten nehmen sie vor, die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster
-schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und
-fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle.
-Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser
-das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch der Fahrt und
-der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so
-geht es immerzu.
-
-Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten Finkenwärder sein, wenn
-sie nicht auch unterwegs wären! Auch sie machten die Runde um das
-Eiland, wobei sie sich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das
-Mewesgeschlecht das größte auf Finkenwärder war, hatten sie an allen
-Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag sagen mußten, und wurden
-alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den
-Fischern, die er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes
-manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und zu an der Jacke,
-damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um Finkenwärder
-herum.
-
-Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt, das bis Karkmeß
-geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling
-stehen sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats.
-Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch an der Rechnung
-stehen hatte, dann besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen
-ließ. Ein hohes, stolzes Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in
-den Heben ragte.
-
-»Wat köst de nu, Jochen?« fragte er, als er alles befühlt und besehen
-hatte.
-
-»He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,« erwiderte der Baas.
-
-»Dat Schipp is god,« lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an
-dem scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, »de schall woll seilen,
-Gotts den Dünner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor
-Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter
-bon, noch greuter un noch scheuner as düsse hier! Un denn will ik jo mol
-wiesen, wat Seilen un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees
-heet!«
-
-»Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?« rief Störtebeker eifrig, der
-Baas aber strich den grauen Bart und sagte bedächtig: »Dor snackt wi
-noch mol ober, Klaus, wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!«
-
-»Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?«
-
-»Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.«
-
-»Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi
-hebbt H. F. 500 up See!«
-
-Der Baas aber sagte nur: »Wi weut dat best höpen,« denn er glaubte nicht
-daran.
-
-Vater und Sohn verließen die Werft und gingen weiter.
-
- * * * * *
-
-Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf die Ostereier. Hein
-Mück sagte, er wolle ganz gewiß zehn essen, und Kap Horn erzählte, er
-habe schon den ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- oder
-vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa mit der großen Schüssel
-an, die gehäuft voll von den schönen weißen Eiern war, und das
-Ostereieressen begann, das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen
-hatte, der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte
-Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. »Wedder een, Vadder! De smeckt
-as Sucker!«
-
-»Söben,« rief sein Vater.
-
-»Kann ne angohn,« sagte Störtebeker aufgebracht, »du kannst heuchstens
-dree Eier up hebben.« Er zählte die Schalen: »Een, twee, dree, Vadder!«
-
-Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich
-und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne daß er's
-merkte, die leeren Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier
-untergeschmuggelt werden. Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches
-Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten sie doch back brassen und
-sich für beet erklären. Da bekleidete Störtebeker sich mit der Würde
-eines Preisrichters und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich
-liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf. »U, wat wenig, Vadder! Du
-säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!« »Ik much ne tolangen,
-Störtebeker,« entschuldigte sein Vater sich, »ik dach, anners wörst du
-ne satt!« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden
-Ergebnis: »Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. Du müß
-gewiß de Pann wegdrägen!« Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam
-glimpflich davon, aber über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich
-zusammengedrückter Schalen hatte, goß er die volle Schale seines Spottes
-aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen.
-»Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken,« stichelte Kap Horn.
-
-»Van wegen poor Dinger,« ereiferte der Junge sich und zählte sie in
-Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, daß er sich nicht
-verzählt hatte, »kiek hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier!
-Ik harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst jo sehn!«
-
-»Wohrraftig negen,« rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren
-konnte, »wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft un wat de
-Jung mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?«
-
-Kap Horn lachte: »Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten
-warrn.«
-
-Störtebeker aber sagte: »Junge, Junge!« und knöpfte die Hose auf, um
-sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen
-ihm nun doch mit einem Male schwer im Magen. »Vadder, nu komm ik ok doch
-mit no See?«
-
-»Nu noch ne,« bremste die Mutter schnell, »is noch veel to kold buten,«
-Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen nach
-dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre
-Reise schon mit an Bord.
-
-»Och jo, Vadder! Och jo!« rief Störtebeker in heller Freude und sprang
-in der Dönß herum, wie ein Füllen auf der Wisch.
-
-Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er
-ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den großen
-Schiffen her. Er ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem
-Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite
-in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darüber:
-Ölzeug für Klaus Mewes junior.
-
-Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen
-Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen
-Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von
-Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des
-Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.
-
- * * * * *
-
-So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein
-starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, daß er bis
-Michaelis wehen könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus
-Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen
-Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel
-im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven.
-
-»He hett mi förn Narren,« sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur
-Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der
-Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der
-Diele an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing,
-und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn
-alle Tage.
-
-Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, das hierhin und
-dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte,
-bemühte sich um das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen
-Kaninchen, er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete sein
-Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, er watete schon in der
-Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom
-Neß, der schon schwamm -- das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm
-fast den Atem! --, er suchte Regenwürmer an feuchten Abenden und
-pödderte Aale, er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte
-seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß
-mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den
-wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte
-sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab,
-schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß sie
-abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er
-machte sich Hupuppen, Flöten und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren
-Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die
-Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, -- aber es war
-keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen
-mußte und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und
-er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und
-Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder nach H. F. 125 fragen.
-
-Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte,
-unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, und hatte die Maulwurfshügel
-unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte
-aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den
-Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und tötete ihn durch einen Hieb
-auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschützenden Deich von
-seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so
-manchen Deichbruch verschuldet hatten.
-
-Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper
-von St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter
-ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter
-ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und
-lachten, schrien und sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders,
-des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Stürmen zu fischen und in
-schwarzen Kleidern zu tanzen. »U -- en Snilläuper!« Vorbei braust die
-wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben dem Schnelläufer, er überholt
-ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben
-soll, aber dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und er kehrt
-batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu Tür
-ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte
-der Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die Ewer an.
-
-Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der seine Hand
-ausstreckte, sondern fragte nur: »Wat is dor los?« »Ik bün de Snelleuper
-un heff snell lopen!« »Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig
-lopen kunnt,« sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu.
-
-Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches Volk, nicht zu
-vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwölfen und zwanzigen, und spielten,
-daß der ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder
-sangen:
-
- Schosteenfeger sitt upt Dack:
- goh no Schol un lihr di wat!
-
-Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner erschienen,
-denen weiße Mäuse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hüten und
-Geesch mit Wolle, Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat
-Räukerts, da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen, der
-Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und
-Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und zu hören am garn- und
-fischbehängten Deich, aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet.
-Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote und
-Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lühjollen und
-Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche
-Störfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck
-standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den Wanten hingen, und
-an dem großmaschigen Störgarn, -- er hatte neun große Störe gefangen,
-die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an
-Stricken mitnahm, -- aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht in Sicht
-kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein Vater fischte keine Störe!
-Was kümmerte es ihn, daß Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und
-mit dem Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei der
-Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast einsetzen ließ,
-weil er den alten abgesegelt hatte, daß Hinnik Saß doch nach dem Bauern
-mußte, weil er zu seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln in
-den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte, weil sein
-Sohn von einem Dampfer in Grund gebohrt war, daß Hein Husteen und
-Marieken Kröger lustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf
-seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte, ihn an den Deich
-und an das Land zu gewöhnen -- er sprach von der See und guckte nach den
-Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe.
-
-Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte, daß sie
-keinen Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn
-Vater doch bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall
-holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß, sie zu
-überraschen und ihr heimlich einen Kahn voll Sand zu holen. Er nahm sich
-den dritten Tag, als es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf
-zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte mit halber Ebbe
-westwärts, nach den Ausläufern des Nienstedter Falles, die bei
-Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht
-sagen, daß er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.
-
-Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und
-Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strümpfe
-aus, krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker
-machte es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte,
-häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die
-Feuchtigkeit abziehen konnte, dann erst schaufelten sie den trockneren
-Sand in den Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können, sagte
-sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis der Hümpel mit der
-Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch nicht nach: er wollte eine
-ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich.
-
-»Schullt ok woll all genog wesen?« fragte Harm, aber Störtebeker
-schüttelte den Kopf und spuckte von neuem in die Hände. »Noch lang ne,
-Harm, smiet man noch in, de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn,
-de driggt wat, kann ik di flüstern.« Er mußte sich schon den Schweiß von
-der Stirn wischen, so riß er sich ab. »Lot em giern bit an den Dullbom
-to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un nix!«
-
-Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand
-war. »Nu weut wi utscheiden, Harm,« sagte er väterlich, setzte sich auf
-den Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott
-machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß.
-Harm betrachtete besorgt den großen Sandhaufen, aber er getraute sich
-nicht, etwas dagegen zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte
-und weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war.
-
-»Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Flot,« sagte
-Störtebeker gleichmütig, »dat durt ober noch wat,« setzte er hinzu, als
-er Jakob Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen
-vorbeirudern sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe
-überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden Jungen spielten deshalb
-erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen sich mit Sand, sie
-sammelten die großen Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten
-die Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante saßen, daß sie sich
-wie eine riesige, schwarzweiße Wolke über dem Wasser erhoben, sie
-griffen die Nesen und Weißfische, die in den Prielen schwammen, und
-wateten in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt
-saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden
-Segeln.
-
-»Nu ist Stallwoter,« sagte Störtebeker, »kiek, Harm!« Und er wies nach
-den Blasen auf dem Wasser, die still standen.
-
-Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von
-Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam,
-die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf,
-unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm
-allmählich zu, wurde stärker und stärker; gelassen wischte das Wasser
-mit leiser, zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die
-ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte,
-dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und
-wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser,
-wie sprang, wie lief, wie wallte es!
-
-Flot, Schipper, Flot, Flot!
-
-Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen
-folgten die Störche und Reiher, als das reißende Wasser immer mehr vom
-Sand fraß. Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen
-fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei
-Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei
-Segeln.
-
-Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und
-ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen. »Gliek sünd wi flott,
-Harm!« rief er, »kiek mol, wat dat Woter kummt!« Seines Genossen
-Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden
-und er wagte es, wieder davon anzufangen, daß sie zu viel Sand
-eingeladen hätten, daß der Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut
-täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den
-Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie ein Stück
-des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.
-
-Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der großen
-Wasserfläche -- und schwamm doch nicht, sondern saß fest und rührte sich
-nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie
-wollten doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem
-Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein großer
-Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mühte.
-
-»Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,« jammerte sein Kamerad, »wi
-flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!« »Dat wür scheun!« sagte
-Klaus, »kumm hier, ward nix mokt!« Und er bemühte sich eifriger, den
-Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand,
-aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte
-es sich nicht. »Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,« scherzte
-er, als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, daß nur
-noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging
-hastiger mit dem Riemen zur Kehr. »Bang bün ik ober ne,« sagte er ...
-Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: »Wi buddelt af,
-wi versupt!« klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: »Hilpt uns, hilpt
-uns!« Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren
-noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß,
-wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst
-zurückgerudert.
-
-Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der
-Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!
-
-»Hilpt uns, hilpt uns!«
-
-»Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!« sagte
-Störtebeker barsch, »smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!«
-
-»U, ik bün jo so bang, Klaus!«
-
-»Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen bang! Smiet doch bloß
-mit ut, du Knappen!«
-
-Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen, aber er warf
-unverdrossen aus. »Mol schuben, Harm!« Sie stemmten sich, auf dem
-Dollbaum stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte
-das Fahrzeug sich jetzt. »Huroh, wi hebbt em,« rief Störtebeker, »noch
-en lütj betjen, denn geiht de Reis los!« Er schaufelte emsig, denn die
-Reeling lag jetzt mit dem Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine
-kleine See in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem Eifer
-doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu retten, aber da kam die
-hohe, mächtige Dünung eines großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon
-bei Teufelsbrücke qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen Arbeit
-aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über den Nienstedter Fall
-gelaufen, fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit Wasser,
-wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war
-nichts mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, um das
-Wasser auszugießen: es war zu spät.
-
-»Wi versupt, wi versupt!«
-
-Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten.
-Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig, so auf dem Wasser zu
-stehen. Er tröstete Harm und sagte, er solle nicht bange sein; bis das
-Wasser ihnen an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und könnten
-sie holen; schade wäre es nur um den schönen Sand. Er guckte aber doch
-mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war
-still geblieben und die Segel kamen nur langsam näher. Als das Wasser
-ihnen bis über die Knie reichte, band er die Riemen an die Fangelleine
-und hieß Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn nicht
-umrisse.
-
-Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen,
-nachdem er versichert hatte, daß er nicht bange sei. Aber sie konnten
-wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der
-weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot ließ sich sehen.
-Immer höher stieg das Wasser, es reichte ihnen schon an die Hüften.
-Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker, er solle sich an ihm
-festhalten, damit er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie
-wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann
-noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und
-sich mit den Riemen treiben lassen. »De drägt uns as en Beesenbült,«
-sagte er zuversichtlich.
-
-»Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!«
-
-Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote
-kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen
-klammerte er sich an den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne
-mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das erste Boot: der
-Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus, um durch Rudern
-schnellere Fahrt zu machen.
-
-»Nu hol di fast,« sagte Störtebeker.
-
-Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie
-erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter Husteen, sie über den Setzbord
-zog.
-
-»Junge, du kannst wat moken,« sagte er zu Störtebeker, »wat meenst woll,
-wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch
-afsopen as son poor Rotten!«
-
-»Non, denn lot di man en Medallje geben,« antwortete Störtebeker und zog
-die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.
-
-»Nu büst doch mol bang wesen, wat?«
-
-»Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat
-schreest du denn nu noch?« wandte er sich an seinen Leidensgefährten,
-aber der antwortete nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte
-an die Schläge, die zu Hause seiner warteten.
-
-Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem
-gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, es zu heben.
-
-»Segg den Düker man Bescheed,« sagte er am Neß zu dem Fischerjungen, als
-sie gelandet wurden.
-
-Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen
-bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh un
-Togels durt ne lang, und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel
-hingenommen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich
-zum Abendbrot hinsetzte: »Bang wesen bün ik ober doch keen betjen,
-Mudder!«
-
-Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn zu bergen. Störtebeker
-wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte,
-wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen.
-
-
-
-
- Neunter Stremel.
-
-
- »Der Allmächtige, der Herr der Götter,
- vor dem der Engel niederfällt,
- Gott redet donnernd aus dem Wetter
- und ruft voll Majestät der Welt!
- Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,
- der Wald ertönt, es bebt die Flur!
- Und Blitze sagens Blitzen wieder:
- Gott ist der Herrscher der Natur ...
-
-... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne
-Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht
-in Für un Flammen!«
-
-Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: »Lot mi doch slopen,
-Mudder, ik bün so meud!« Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit
-bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten
-Donnerschlägen ängstlich zusammen.
-
-Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer
-dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weißen Flecken auf
-der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun es Nacht
-geworden war, griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit
-Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken
-und der Donner rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall
-alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die Frauen sich
-erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und
-Bangnis bei dicht verhängten Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter
-sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem
-Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und
-Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird.
-Sie können weder vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und
-her; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie
-müssen sich über dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und naß
-wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind
-vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen
-mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt über sie: die
-nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin: aber bis es
-Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter.
-
-Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn
-die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch
-die Bäume und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte
-das Haus in seinen Grundfesten.
-
-Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die
-grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war
-bange vor Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere
-und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, damit sie
-wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge. Störtebeker blieb geruhig im
-Bett liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.
-
-Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender
-Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen haben!
-
-»Klaus, nu steihst du batz up!« Gesa lief in die Schlafkammer und holte
-den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drängte ihn
-in die Küche. Da konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz
-und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine
-Siebenmeilenstiefel her, damit er draußen waten könne, wenn es
-einschlüge, wie er sagte. Recht war es ihm nicht, er hätte lieber
-geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja
-morgen nicht zu den Jungen sagen: »Ik bün beliggen bleben!«
-
-»Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!«
-
-»Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is,« sagte der
-Junge in schläfrigem Ton, »lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht
-bit Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!«
-
-»Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du ok don, ne?«
-
-»Jo, dat is gewiß, Mudder!«
-
-»Wat en Slag!«
-
-»Junge jo,« sagte Klaus anerkennend, »dat wür en eulichen! Petrus hett
-alle Negen smeeten bit Kegeln!«
-
-»Junge, lot den droken Snack!«
-
-»Err -- hett Vadder ober seggt!«
-
-»Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.«
-
-»De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne
-Koi un slöppt!«
-
-»Dat gläuf man ne!«
-
-»Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang,
-Mudder?«
-
-»Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.«
-
-»Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang, Mudder!«
-
-»Wennt obers insleit, Klaus?«
-
-»Sleit ne in, Mudder!«
-
-Wieder knallte der Donner. »Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder
-noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: ji sünd beid veel to driest!«
-
-Du un dien Vadder -- das hörte Störtebeker am liebsten. ... Das Gewitter
-stand nun steil über ihnen und die Blitze jagten einander. »Nu hett dat
-inslogen! Nu hett dat gewiß inslogen,« rief Gesa bei jedem Knall, bis
-Störtebeker es zuviel wurde.
-
-»Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder woll all upfluckert
-wesen,« sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht
-hinaus. Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig
-in die Blitze: er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten.
-»Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de süht ut!
-Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen
-kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn Kugelblitz!«
-
-»Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van
-warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!«
-
-»An Vadder dink ik jümmerto.«
-
-Störtebeker wurde gesprächiger.
-
-»Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Körf vull. Un
-de vunnacht pöddert, de kriegt gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward
-all de Melk sur vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe drinken.«
-
-Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald
-hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte, verstärkte
-sich das Toben, der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die
-Scheiben.
-
-»Schullt woll all Flot wesen?« fragte Störtebeker und holte den
-Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: »Jo,
-is Flot! Gott Loff un Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de
-Wind dor woll achter!«
-
-Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Plötzlich sagte er,
-er wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zögen, stand auf und trat
-ungeachtet des mütterlichen Widerspruches aus der Tür, in den
-nachlassenden Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete eine
-große Pfütze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden, aber das
-Schlimmste schien überstanden zu sein, denn die grellsten Blitze glommen
-jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte
-nach der Elbe und sah zwei dunkle, große Segel unweit des Bollwerks: ein
-Ewer segelte vorbei. Da hörte er in einem donnerschwachen Augenblick,
-wie die Kette durch die Klüse rollte, scharf und deutlich!
-
-Da wußte er, daß es sein Vater war, und er rief, so laut er gröhlen
-konnte: »Höh, Vadder! Höh, Vadder!«
-
-Und vom Wasser antwortete es: »Höh, Störtebeker!«
-
-Er stürmte ins Haus: »Mudder, Mudder, Vadder is hier! He liggt hier
-afward! Kiek man bloß mol ut!«
-
-»Ist wohr, Klaus?«
-
-»Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett mi eben antert« --
-damit sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der
-Schürze über dem Kopf, da war er schon Gott weiß wie weit, da war er
-schon nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den glücklich
-geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen nach dem Ewer hinaus, dessen
-rote Seitenlaterne sein Kompaß war. »Vadder, ik komm all!« Die Reise
-dauerte einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden,
-dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die tief im Ölzeug
-steckten und deren Gesichter glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die
-Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die
-Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte
-Hand mit an, als sie das Boot vom Deck setzten! Was kümmerten ihn Regen
-und Blitz, was ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an
-Bord!
-
-Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich
-niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf
-war, konnten sie auch erst noch Kaffee trinken. Als sie abstießen,
-Störtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese
-schon einige Sterne: das Gewittergewölk saß über Hamburg. Der Regen
-hatte aufgehört. Im Reet piepten die Wasserküken, am Nienstedter Loch
-lärmten die jungen Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer.
-Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.
-
-Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa
-stand in der Tür, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie
-hatte keine Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien
-sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts
-als Regen gehört hatte, wie freute er sich!
-
-Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren, hielt er sie
-fest, zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden
-Linden in die Arme.
-
-Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte:
-da war das Ölzeug, das er gemacht hatte, da war eine Ölbüx, lang und
-weit genug, da war ein Ölrock mit großen, blanken Knöpfen, da war ein
-Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und noch klebend, aber
-Störtebeker probte es doch gleich an, damit er wußte, wie es paßte. Er
-zog die Hose mit dem Strick zu, ließ sich von dem Knecht die drang
-gehenden Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester vor dem Spiegel auf.
-Er zupfte und riß an dem Zeug herum, endlich aber war er fertig und ging
-vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge
-lobten ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte
-aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.
-
-»Schipper, wat ist, könnt wi nu anmunstern?« rief er übermütig und
-guckte um die Ecke. Sein Vater und seine Mutter ließen einander schnell
-los, denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen
-herein und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn lachen, als
-er so freiherrlich dastand.
-
-»So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt no See gohn!«
-
-»Jo, Störtebeker, nu ist so wiet -- nu kummst du mit no See!« sagte
-Klaus Mewes und sah Gesa groß und gewaltig an, daß sie fühlte, dagegen
-gäbe es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.
-
-Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.
-
-»Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? Hein Mück, du hest hürt?
-Ji hebbt alltohopen hürt: ik schall mit no See, ik schall mit no See,
-huroh!« rief der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich
-warm geworden war, und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter,
-grober Stimme: »Non denn so wißt: ich selbst bin Klaus Störtebeker!« --
-daß alle lachten.
-
-Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den
-Tag, darunter als Hauptstück die große Haverei. Kap Horn aber erhob den
-grauen Kopf und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn der
-Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die
-Sache vor ein Seeamt käme, erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner
-Umsicht und Ruhe. Anderseiner wäre dabei ertrunken, meinte Hein Mück, um
-auch etwas zu sagen.
-
-»Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht,« sagte Gesa, in deren
-Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, »denn nimm em hin! Goht hin un
-verdrinkt alltohopen!« Die Tränen kamen ihr. »Ochott, wat ist en
-Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weest ne, wat du
-deist, un dinkst noch mol an mi. Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di
-storben: ik starf jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen
-nehmen!«
-
-Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier: wo sie die
-Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt
-ging er in der Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und
-Störtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, daß sie immer wieder
-nicht mit konnte, daß sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur Sonne.
-Er dachte an seinen Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der
-verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Stürme und
-Unwetter -- und fand sein Leben doch groß und stark und schön, daß er
-sich kein andres wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen
-wollte: Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, sollten
-immerdar Fischer bleiben.
-
-»Gesa?«
-
-»Wat schall ik noch?«
-
-Sie war müde, körperlich und seelisch.
-
-»Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch?
-Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat weest du doch?«
-
-»Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?«
-
-Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin
-keine und werde niemals eine werden!
-
-»Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat, Diern? Goh mit an
-Burd! Man to! Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben!
-Man to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo mooi
-dat up See is!«
-
-Er faßte sie bei den Händen an, aber sie wich seinen Blicken aus und
-schüttkopfte. »Ik kannt ne, Klaus, gläuf mi dat! Mi groot all vör de
-Ilw, wat schull dat irst up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!«
-
-In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde
-zu wählen, und er wählte den Jungen.
-
- * * * * *
-
-Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn
-er Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Neß, sondern ging
-mit der ersten Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die
-Fischerei zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der
-Ausrüstung, als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war. Kap Horn,
-der Janmaat, war es zufrieden, daß sie schon abends fuhren, obgleich er
-dann eine Hochzeit versäumte, bei der er auf der Harmonika spielen
-sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter etwas
-taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen. Und Störtebeker? Das
-zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte dieser eine Tag schon zu lang und
-er hätte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker
-aufgehievt hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch
-etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden.
-Nur einem paßte der Kram nicht, dem guten Hein Mück, der auf einen
-Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte
-^plenty money^ in der Tasche und wollte den Bauernknechten mal
-preußische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde für
-allemann ausgeben, wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in
-der Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde
-wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der
-einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er
-sich mit Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!
-
-Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes
-auf die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog
-und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch
-wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt
-stehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstung des Fahrzeuges und suchte
-die Sachen für den Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer
-angeborenen Heiterkeit kam.
-
-Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was
-suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn
-Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine
-Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und Socken, wollene Jacken,
-Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher, Handschuhe und Taschentücher,
-Mützen und Hüte, Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen
-auf der Diele in der Reihe, rein gefährlich anzusehen! Gesa ging dabei
-nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, der da hieß: Upt Woter ist jümmer
-kold -- und kehrte alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und
-Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles gehörte dazu.
-
-Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen
-Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten
-an, indem er sie von der Leine schnitt.
-
-Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen auf den Schauerboden,
-die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den
-Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord
-haben, auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie
-hätten für die Munkis kein Futter und Kluß könne sich ja doch nicht mit
-Seemann vertragen. Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder
-über die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu
-sagen: »Du hest mi ober sülben seggt, wat ji up grote Scheep Swien un
-Kninken an Burd hatt hebbt.« »Jo, op grote Scheep,« sagte Kap Horn, »das
-is ok wat anners!«
-
-»So? Fischereber is ok en grot Schipp,« rief Störtebeker patzig.
-
-Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot
-und Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und
-Kaffee. Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam
-vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde
-von allen Seiten gefragt, ob er nun mit an Bord komme. Und wenn er
-bejaht hatte, dann sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden,
-solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über Bord
-falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den Alten: »Sien Vadder is
-verrückt: wat schall dat Gör all up See?«
-
-Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. »Wat schall
-dat denn?« fragte Störtebeker verwundert. »Och, nehm man mit! Is god för
-de Fohrt!« »Neem to?« »Kumm, dat segg ik di int Uhr,« raunte der Krämer
-und flüsterte: »Dor bindst du di de Been mit to, Störtebeker: du deist
-de Büx jo doch vull, wenn ji up See sünd.«
-
-Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm könne
-sowas nicht passieren.
-
-Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die
-Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Störtebeker mißtraute der Sache, er
-fürchtete, daß sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht
-alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er
-schließlich die Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise
-seines Vaters Strümpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die
-Decke mit dem Gedanken: Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst!
-
-Der andre Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen
-Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle
-Brote und Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer sicher an
-Bord. Es war zu verwundern, daß er sich nicht in Brand lief.
-
-Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an Bord mußten. Der
-Abschied nahte. Gesa mußte ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es
-scheinbar ruhig! Er sprang vor Freude, daß es nun wirklich und
-dreihaftig losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm
-verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden, nicht zu
-weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die Wanten zu klettern, sich
-nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu bleiben. Er hätte
-in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er
-zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der in
-der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küßte, bis
-sie sich ihm verwirrt entzog.
-
-Der Kahn mußte mit, Störtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm
-damit durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der
-leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte
-ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen.
-
-Adjüst! Adjüst! Adjüst!
-
-Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und
-bellte nach Gesa hinüber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er
-Adjüst sagen wolle.
-
-Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flügel, der
-Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann
-schwoite das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, -- langsam zog es
-davon und segelte in einem großen Gange westwärts. Gesa winkte nochmal,
-Klaus Mewes und Störtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte
-Kap Horn schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und
-spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang es nach dem
-Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch so wehmütig, daß sie, die sich
-bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und weinen mußte.
-
-So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei
-Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und
-dem Gebell von Seemann.
-
-Fahr wohl, Störtebeker!
-
-
-
-
- Zehnter Stremel.
-
-
-Nun wölbt euch, große, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt,
-ihr Schoten, tanz, Flögel! Du Wind mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du
-Wasser mußt blinken, auf daß die _Freude_ in Klaus Störtebekers Herz
-komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein Fahrensmann werde!
-Daß er sich dem Kampf mit der See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem
-Kampf mit Rom, daß er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater etwa
-vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen Landmann aus ihm zu
-machen gedächte!
-
-Denn ^navigare necesse est^ -- Seefahrt ist not, und bitter not ist es,
-daß das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe!
-
- * * * * *
-
-Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen. Hinter dem Schweinesand,
-dwars von Wittenbergen, füllten sie das Wasserfaß mit frischem
-Elbwasser, wobei Störtebeker fleißig half, denn er konnte auch schon
-eine Pütze tragen. Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen
-gehabt, nun setzten sie noch den großen Klüver, das Toppsegel und den
-Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann nahmen sie das Boot aus
-dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch
-Störtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter den
-Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen
-Schappen. Es gab Enden aufzuschießen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu
-schruppen und zu dweilen.
-
-Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln,
-bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache
-bekommen sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte
-vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente
-die Fock, wenn der Ewer über Stag ging. Störtebeker saß auf den Luken.
-Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief.
-
-Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam,
-daß er sich immer wieder wundern mußte. »Dat reckt bit inne Wulken,
-Vadder,« sagte er, »uns Karkturn is nix dorgegen.«
-
-»Ree,« rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht
-hatten, und warf das Ruder hinum, daß der Ewer gewaltig aufluvte und in
-den Wind schoß. Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig
-schlagende, rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber
-drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel schüttelte
-sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblöcken, daß das Deck
-erzitterte, dann aber war der Ewer herum, die Segel fielen von der
-andern Seite voll und der neue Streek begann. »Gohn!« scholl es über
-Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt, daß die
-Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.
-
-So ging es die ganze Tide.
-
-Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter
-Segeln, aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich
-nicht überholen. So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden
-Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die
-Tonnen und Feuertürme, die Deiche und Kirchtürme, er erklärte ihm
-Flaggen und Segel, er zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes,
-die Berghäuser von Blankenese (»dat de dor ne dolpurzelt!« sagte der
-Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand mit den
-Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen, die roten
-Dächer von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen
-Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem
-Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen mit einem
-löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme von Stade.
-
-Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm
-doch der große Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die
-Seen schoß und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand,
-darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er
-mitunter von der Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien
-es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in
-der Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus.
-
-Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem
-Sinn, denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte: »Hest ok all Heimweh?«
-da guckte Störtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht
-verstanden hätte. Auch als sein Vater einmal meinte: »Muchst ok all
-wedder no Hus hin, no Mudder?« -- da schüttelte er nur den Kopf wie im
-Traum und blickte nach den Segeln hinauf.
-
-»Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill af, denn büst morgen
-wedder annen Diek!« setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der
-Junge nach dem Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von
-solchem Schnack nichts wissen wollte.
-
-Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und
-schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker
-zu gehen. Das war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen,
-steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte. Als sie
-nachher noch mal überguckten, Störtebeker und sein Vater, sahen sie, daß
-sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden
-Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten
-Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander.
-Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken umlagert wie von Alpen
-und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.
-
-Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließen sich von den
-gluckenden und klopfenden Seen solange etwas erzählen, bis sie es nicht
-mehr hören konnten.
-
-»Büst ok all bang, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes, schon halb im
-Traum, aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon.
-
-Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte.
-
- * * * * *
-
-Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus
-Mewes: »Seilen!« und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel
-anzuziehen. Knecht und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten
-mit kleinen Augen nach ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen bleiben
-wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedreht hatte, aber er stand
-doch mit auf und half beim Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock
-mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken, denn es
-war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das Großsegel stieg
-auf, die Besan folgte, dann der große Klüver. Auch auf den andern
-Fahrzeugen regte es sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl
-der Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde
-herüber, die Gaffeln knarrten und die Schoten hauten.
-
-Der Wind war südlich gelaufen, sodaß sie dalsegeln konnten, schier
-dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll
-und der Ewer, ein großer, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach
-dem Fahrwasser zurück.
-
-Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes
-wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse
-hätte. Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompaß
-und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den
-alten Knecht, keine Haverei zu machen, und ging mit seinem Vater wieder
-zu Koje. Er zog aber die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht
-an ihn, denn er zitterte vor Kälte.
-
-Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel
-Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, daß er
-aufgestanden war, ohne ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon
-gekommen wären: da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes graugrünes,
-schmutziges Wasser und lief, was er konnte. »Vadder, neem sünd wi all?«
-»To Freeborg, Störtebeker,« rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von
-Freiburg an der Elbe.
-
-»Neem is de See denn?«
-
-»Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!«
-
-»Ne, dat gläuf ik ne,« rief Störtebeker, aber Hein Mück sprang wie ein
-Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Pütze voll Wasser auf
-und hieß ihn kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser
-war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der
-Geschmack änderte sich nicht. Wie das angehen könne, rief er
-kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen! Daß Fische darin leben
-könnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch
-geheimnisvoller für ihn.
-
-Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver und Toppsegel
-weggenommen werden mußten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen
-bukt voll Wind und die groben Seen spritzten schon einmal über Deck,
-wenn der Ewer tauchte. Am Heben standen »Ziegenhaare«, zerzauste
-Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten.
-
-Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes, der
-vergnügt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dänenzeit war es, den er
-beim Wickel hatte, vererbt vom Großvater her:
-
- »Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,
- kridderwidderwitt, den deen ik ne!
- Den sien Lohn is mi to wenig,
- Pillkantüffeln mag ik ne!«
-
-Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die
-Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was
-sollte ihm da die See tun können?
-
-Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch
-zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus
-und übernahm das Ruder, während die andern sich die Klütjen und Plummen
-schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie soweit, daß
-Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte, denn im Norden trat das
-Ufer zurück, dort blinkte die See, die See, nach der er sich am Deich
-gesehnt hatte, der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit
-vermacht wäre.
-
-Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß und sagte: ja, er könne
-sie sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine
-große Enttäuschung für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge,
-zu sagen: »Dat is ok jo wieder nix as Woter!« -- aber er verbiß es, denn
-er dachte: Erst ganz hin sein!
-
-»Vadder, neem fischt wi nu?«
-
-»Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gorne
-sehn!«
-
-Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch anders kommen, wenn
-es mehr sein sollte als die Elbe.
-
-Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen Kanonenschlünden, die
-die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, das an seinen Ketten riß, die
-Türme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm,
-die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff, eine
-Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen
-Hafen, die großen Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich
-standen, das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den Bäumen
-guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter dem Ewer auftauchte, und
-drei Masten, die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten.
-
-Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See
-größer werden sah, als er wahrnahm, daß der Ewer ungestümer auf und ab
-tauchte und sich schräger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und
-ließ sich nichts merken.
-
-Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit dem flagigen, starken
-Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine
-breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel
-ohne Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die
-See und auf den Watten räucherte die Brandung. Mit breiten, langen
-Kämmen kam die Flut ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas
-über sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr
-aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der großen Frau der
-Elbmündung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch längst
-geblieben ist, -- und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N.
-z. W.
-
-Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte Regen und jagte
-die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker mußte hinein. Als sein Vater
-ihm den Rock zuknöpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das
-Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, als hätte er
-nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der
-Seekrankheit zu drohen und Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn
-am ersten davor zu bewahren.
-
-Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte, daß
-Störtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt
-hätte.
-
-Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da
-vergaß der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter, er holte sich
-den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer für Ewer: er las die
-Nummern und ließ sich die Schiffer dazu sagen.
-
-»94, Vadder?« »Jakob Fock, dat weest du doch!« »138?« »Jakob Mees.« »3?«
-»Friedrichson van de Au, de Störnfischer.« »107?« »Ornd Fock!« Er lernte
-erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder und die Möwen
-flogen um die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er
-aussetzte. Von da an kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und
-Feuerschiffe, Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der
-Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten, und war
-gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie noch einen ganzen Tag zu segeln
-hätten.
-
-Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach
-dem Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein
-nachbarliches Gespräch wie am Deich und schloß mit einem
-Gedankenaustausch über das Wetter.
-
-Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot
-nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg, daß
-Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand
-ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Düsigkeit im
-Kopf nahm immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er
-nicht wieder los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank wurde
-und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das
-nicht, nur das nicht!
-
-Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mück,
-daß sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die
-Zähne zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig
-und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine
-Pfoten ableckte, während er es kaum noch aushalten konnte.
-
-Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen großen Hering in der
-Kehle stecken hat, so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig
-dümpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.
-
-Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier schon seekrank würde,
-sei ein Schietinnebüx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge
-erst beim ersten Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich
-noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden.
-Sie lachten ihn aus, das war gewiß! Wenn er doch mit seinem Vater allein
-auf Deck wäre!
-
-Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts
-geholfen! Junge, Junge, Junge, was für ein Zustand! Er wollte und wollte
-sich aber vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht
-geben!
-
-Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen
-mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wäre über Bord
-gefallen, aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der
-Seefischer ging nach vorn -- da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt
-unter den Duchten und erbrach heftig. Hein Mück steckte einen Grientje
-auf und wollte etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn
-schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren --
-schließlich, als das Spucken nachließ, legte er ihm die Hand auf die
-Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf -- kreidebleich im
-Gesicht! -- Dann lächelte er unter Tränen und sagte: »Nu lach mi man fix
-wat ut, Vadder, wat ik seekrank bün!« Urch -- da ging es wieder los:
-Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann
-bekamen etwas ab. Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am
-Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem Albatros, der auf Deck
-sei, und Hein Mück lachte, weil sie ihn die ersten Reisen auch
-ausgelacht hatten. Störtebeker lachte auch mit, wenn auch verzerrten
-Gesichts, dann aber mußte er sich geben. »Gliek ist all rut,« tröstete
-er, »denn wardt beter!« Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer
-ärger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und
-lag dann regungslos auf der Ducht.
-
-»Bang bün ik ober ne, Vadder,« sagte er matt, »bloß seekrank!«
-
-»Schall ik di wedder an Land setten?«
-
-Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn
-er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte sein Vater ihn mit einem
-alten Segel zu und ließ ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war
-als die Luft in der Koje.
-
-Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise
-und an seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt
-wurde er etwas seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder
-nach See kam -- wie viele alte Fahrensleute.
-
-Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu. Es wurde stur.
-
-Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die
-meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte
-Mützen aufgesetzt. Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney
-und Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel
-nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im
-Norden blinkte.
-
-Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und rollte, während die
-düstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und
-der dunkle Felsen stieg immer höher aus der See.
-
-Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land, d.
-h. zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind
-nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein
-konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite Anker aus,
-dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn
-nach unten -- und weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in
-die Koje.
-
-Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er eine nasse Hansch in
-den Nacken. »Wi sünd ok mol seekrank worden,« sagte Klaus Mewes, »dorüm
-kann he doch en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.«
-
-Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste
-wie nichts Gutes hinter Helgoland.
-
- * * * * *
-
-In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch
-nicht nach Aufklaren aus. Draußen stand eine hohe See, so daß an Fischen
-nicht zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.
-
-Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze
-Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück saß auf der Treppe und schälte
-Kartoffeln, Kap Horn war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf
-der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knüttete
-an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten Tisch stand noch der
-Morgenkaffee.
-
-»Vadder, neem sünd wi?«
-
-»Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne
-fischen könnt.«
-
-»To Anker, Vadder?«
-
-»Jo, Störtebeker!«
-
-Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einem Mal
-so sauste und warum die ganze Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm
-seine Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie
-nicht wiederkommen sollte.
-
-»Blief man giern liggen,« sagte sein Vater mit verstelltem Ernst,
-während er geruhig knüttete, »wenn dat noher stiller is, sett ik di an
-Land, denn fohrst du mitten Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix
-för di, wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten magst du
-ok nix, dat kann jo ne god gohn.«
-
-Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann,
-der ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: »Nu weut
-wi mol sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!« Als er die Reihe der
-Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six
-gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm ankerte, ging er wieder
-unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und knüttete weiter, als wenn
-nichts geschehen wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das
-Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte.
-
-Denn siehe -- Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich
-angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der
-Muck. Noch mehr: er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war,
-es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch
-nicht gleich gelang, so war sein Wille doch nicht daran schuld. Tapfer
-aß und trank er, obgleich der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen
-und zu tanzen begannen.
-
-»Smeckt all wedder, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes nach einer Weile.
-
-»Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit dör!«
-
-»Dat segg man nich to hart,« rief der Knecht von der Diele.
-
-»Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! Un no Hus will
-ik ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!«
-
-»Non!« sagte sein Vater, »denn ist god!« Und erging sich mit ihm an
-Deck, damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die
-Teer- und Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand.
-
-Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland und das Oberland, die
-große Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die großen rotgrauen
-Felsen, die starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs,
-auf dem die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines
-Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon wieder
-Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt fühlte: sein Vater ließ
-ihn pumpen und das Boot schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und
-sich nicht wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig
-verjagt werden.
-
-Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer, wenn auch nicht so
-viel als sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen
-und seine Augen glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.
-
-Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, er wolle an Land: wer
-mitginge? Störtebeker war dabei. Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte
-ab: er wollte ein bißchen voraus schlafen.
-
-»Up Hilchland ist fein, Hein Mück.«
-
-»Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,« sagte Hein Mück aber und zog
-die Stiefel aus, um einen Stremel zu verträumen. Kap Horn, der gern
-mitgegangen wäre, mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben.
-
-Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, denn es stand
-noch eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und
-raumer gelaufen war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie
-Wasser über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an, aber
-er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit nicht an sich
-heran.
-
-An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest
-und betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald
-schier. Klaus Mewes sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte,
-und der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte etwas, was
-Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wäre Englisch.
-Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die
-kleinen, kleinen Ewer und Kutter.
-
-»U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi Hus!« rief Störtebeker.
-Er bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden
-Felsen mit dem grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die
-schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann
-schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegäste die Kartoffelallee
-getauft haben, und blickten von der Nordklippe des Eilandes weit und
-breit über die graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen stand
-ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber
-brandete die See in dumpfem Grollen.
-
-Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den
-Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweißen isländischen
-Gesellen, in großen Scharen saßen. Andre flogen hin und her und
-krächzten.
-
-Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb
-einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland
-und wriggten nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über
-die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich: »Worüm
-hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann to?« »Worum?« lachte Kap Horn.
-»Worum heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un
-Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud
-weurn.«
-
-Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu
-Rate, dann aber rief er munter: »Seilen!« und warf seine Kurre mit einem
-großen Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder
-in ihr Recht und alle stürzten an Deck.
-
-Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten
-aus dem Helgoländer Loch. Draußen kamen sie in leege Wall und trafen
-eine so hohe See und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber
-weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und
-dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen
-südwestlichen Kurs nach Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an
-seinem Ruder aus.
-
-Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn
-der Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum
-Brechen kam er nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte,
-nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die
-Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die Wache und Störtebeker ging mit
-seinem Vater zu Koje, hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden
-war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und lobte ihn.
-
-Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle
-angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte.
-Dwars von Juist klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer
-geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus und setzten die
-Kurre aus, nachdem sie den Ewer in den Wind gebracht hatten. Kurrbaum
-und Kugeln, Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann
-ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser,
-mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben
-aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker
-war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle
-Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die
-Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen wäre, trat Seemann auf den
-Schwanz, daß er klagend schrie, und steckte sich überall dazwischen.
-
-Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier
-Männer bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und
-Knecht gingen in die Puk.
-
-Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Roß mit dem
-Pflug, und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden
-aus der See guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle
-sie jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord
-und machte sich Gedanken darüber: als Hein Mück, der Wachmann, aber
-anfing, sich über ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und
-verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen.
-
-»Intehn! Intehn!« Der Ruf, der Tote auferwecken und Kranke zum Aufstehen
-bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet
-hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei,
-drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dünen
-die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallen
-gelassen hatten.
-
-Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des
-Netzes! »Hiev, hiev!« Wie oft mußte Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er
-sich beim Abstoppen abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der
-Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten saß.
-Dann beugten sie sich über Bord und zogen die Kurre mit den Händen über
-die Reling.
-
-Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich
-zu Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Möwen war
-Störtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und
-rief: »U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all
-wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een --
-den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!«
-
-Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert,
-der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so groß und schwer,
-daß sie ihn nicht über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn
-deshalb in die Talje nehmen.
-
-Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und
-anderm Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das
-Steerttau los und sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und
-quuks-quaks stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.
-
-Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: Störtebeker aber kam
-gänzlich aus der Tüte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das
-war doch noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn
-die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und
-spaddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da
-schnappten die roten Petermännchen nach Wasser, da knurrten die
-Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und
-Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein
-zerbrochener Topf und ein großer Stein.
-
-Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach
-der Größe gesondert, und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie
-kamen auf 8 Stiege großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker
-mußte den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, die
-Taschen packte Hein Mück, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehörte,
-in einen Hummerkasten. Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne
-bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht
-frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake
-gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und
-setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel
-ab und nahm seeseitigen Kurs.
-
-Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos, wie sie erschienen
-waren, verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.
-
-Der erste Streek war getan.
-
- * * * * *
-
-Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie
-taten kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische,
-die lebendig an den Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu
-sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje
-und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei
-Gewalt über die Fischer: das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann
-durchführen, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter
-wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn der Bünn voll war
-oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.
-
-Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stückchen
-wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, so läßt er keinen Streek
-aus und fischt tags und nachts, Sonntags und Alltags.
-
-Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen
-leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten
-ja! »Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spoß!« versicherte er immer
-wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von
-dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes
-Stück Schwarzbrots aus dem Schapp und aß es, er trank Kaffee dazu und
-war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht
-bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein.
-
-Wie im Fluge verging die Zeit.
-
-»Is so wiet,« sagte Klaus Mewes, »nu rop jüm man!«
-
-Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp
-zurück, kletterte die Treppe hinab und gröhlte, so laut er konnte: »Kap
-Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!«
-
-»Jo,« brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch
-die Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn
-aber schwang sich auf die Bank und schalt: »Wat is dat egentlich forn
-Snack von wegen opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst woll, du büst hier
-bin Buern, wat? Weest du nich, dat an Bord allens _utsungen_ warrn mutt?
-Paß mol op: so heet dat:
-
- »Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,
- reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!
- De een von jo sallt Ror verfangen,
- reis ut, Quarteer, de Wacht is don,
- acht Glosen sünd slon!
- Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!«
-
-»Junge, dat is jo en ganzen Gesang,« rief Störtebeker, »den kannk ne
-beholen!« Dann aber rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder
-eingedusselt war: »Schall ik irst mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di
-ne seggt, du schullst upstohn?«
-
-»Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam
-flügst,« drohte der Junge mürrisch und erhob sich.
-
-Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle
-drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen
-lassen, die Fock war schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder
-über den Masten.
-
-Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer
-als vorher, daß Störtebeker rief, da säßen gewiß hundert Stiege Schollen
-drin. Ihr Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der
-Gedanken an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre einzogt?
-Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr
-zutage gehoben hattet: kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder,
-daß es auch einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste gesät
-hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber der Fischer, der nicht
-sät (Sehet die Fischer an: sie säen nicht und ernten doch, hatte Pastor
-Evers gepredigt), für den ein andrer die Saat bestellt, der immer
-unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann der alles
-ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein
-Fischer wird es einmal finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes,
-Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem
-armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und
-sie ist es, die Fischer werben wird, so lange die See nicht zugeschüttet
-ist.
-
-Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine
-Weile überlassen, denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich
-diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden.
-Diesmal riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn er wußte
-jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich wenig darum, daß er naß wurde.
-Sogar Seemann half: er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter
-großem Geknurr.
-
-Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das
-Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen!
-Zum Glück waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in
-den Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: Klaus Mewes
-wollte ihn hier nicht über Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer
-Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen
-Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden
-konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, als die
-Sonne ihn abgetrocknet hatte.
-
-Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder
-schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und
-Aufhängen der Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte
-Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte
-ihm Geschichten von der großen Fahrt, die noch all seine Gedanken
-füllte, wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte,
-Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrüchen und
-Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten
-Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und dem Sargassomeer
-bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch
-die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die war so:
-als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen
-Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und
-konnten es nicht, denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie
-Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. Als Hans aber
-angelaufen kam und gerade anfangen wollte, zu arbeiten -- in die Hände
-hatte er schon dreimal gespuckt! --, wat meent ji woll: mit einem Mal
-taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der See auf, steckt den
-Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans Fink holt geruhig sein
-Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das er noch heute
-hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich vom Smutje
-Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht
-nicht einen Tropfen Wasser mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen,
-bloß, weil Hans Fink so schlau gewesen war.
-
-Gotts den Dünner -- was für eine Geschichte. »Minsch, wat kannt angohn,«
-rief Störtebeker verdutzt, »wo grot is dat Leck denn wesen?« »Och so as
-mien Arm dick is!« »Son dicke Ool gifft ober ne!« Kap Horn ließ sich
-aber nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal gewesen! »Veel
-Pund schull de woll wogen hebben?« »Dor mutt ik um legen, Störtebeker:
-Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!« Der Junge
-konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall hinwegkommen und
-trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: »Jä, nu segg mi ober
-mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch
-butenburds?« Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst
-wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu
-finden: zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung,
-indem er tiefsinnig erklärte: »Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn
-ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em öber den Krom
-snacken.«
-
-Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während sie stetig
-fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, daß viele
-darüber fielen und viele es für einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal
-erlebte Jan Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der
-beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen darüber gebreitet hatte. Ein
-andermal steckte der große Karsten Külper es im Vorbeigehen in die
-Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es
-heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und
-Bierseidel mit den Worten: »Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek
-funnen hebb!« Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der
-Tür
-
- Jan Wurt,
- Elbfischer.
-
-und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und
-ehe der große Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte,
-ging die Tür des kleinen Hauses auf und Jan guckte heraus. Die
-Groggläser und den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins bei
-ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die Musikanten konnten nicht weiter
-spielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er
-gröhlen und schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und wäre am
-liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er mußte
-das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern,
-hochhellichten Tag mußte er den Deich entlang und mußte Abbitte vor Jan
-Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ...
-
-Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus
-umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte
-ihn den Kompaß nach der Weise:
-
- West zum Norden, Westnordwest,
- unsre Freundschaft stehet fest;
- Süd zum Osten, Südsüdost,
- deine Liebe ist mein Trost! ...
-
-Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache
-er die Fische bange, dafür aber machte er ihm eine Angel für Makrelen
-und Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie
-hinteraus. Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte, so oft
-Störtebeker auch aufzog.
-
-Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, als wenn sie sagen
-wollten: Man to, wi sünd all hungerig!
-
-Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser
-Streek brachte nur fünf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor
-sie wieder aussetzten. Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber tat
-auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, er ließ sich von ihm
-im Steuern unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch
-betätigen, die Klöße rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte.
-Das war etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie
-paßte er auf, daß kein Segel an zu klappern fing, daß sie immer voll
-standen, daß er nicht aus dem gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See
-ab, daß er keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn sehen müssen!
-
-Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über Ostermoonen und
-Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und
-andre Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben
-und beschwögten Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die drei großen
-Feste, die nun bald kamen.
-
-Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach
-dem Mittagessen -- gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches! -- an Deck
-gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen
-gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das Fischen
-aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin
-und her, wie in schweren Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten
-schlugen mit den Blöcken.
-
-Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes
-machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose
-Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung
-und der Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der
-Maus. Störtebeker wunderte sich sehr über diese unruhige See und diesen
-tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft.
-
-Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den Luken, der dritte
-lief an Deck auf und ab: sie wußten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh
-waren sie aus der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie
-nach dem Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das
-Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. Zuletzt schleppte er die
-angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es heiß, und knüttete in
-großer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber
-auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige Taschen, die dieser
-unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen aufklopfte und
-verzehrte.
-
-»Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,« rief Kap Horn, aber
-Störtebeker lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Großmutter man
-tun lassen. Dagegen hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der
-Kimmung.
-
-Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen
-Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom
-Ewer; mit einem Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk
-auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei
-eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht,
-denn was er für Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tümmler, die
-träge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und
-untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr auf, mitunter
-erschien auch der Kopf eines Seehundes. Ließ sich aber einmal einer
-einfallen, zu schreien, dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem
-Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete!
-Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber lachen.
-
-Es blieb die ganze Nacht todstill -- erst gegen Morgen kräuselte sich
-die Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.
-
-So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden,
-oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog
-hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: »Utscheiden!« Sie
-hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen, sie hatten die
-Reise!
-
-Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach
-der Weser. Störtebeker sollte es bestimmen: er war natürlich für die
-Weser, denn dort gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser
-wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl
-aber auf der Elbe.
-
-Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte
-kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte:
-vergessen waren Krähe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig
-mit Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in
-der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.
-
-Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam
-Störtebeker zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei
-Jahre vorher errichteten Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere
-stehenden rotweißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal gezeigt
-worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl ebenso spurlos im Meere
-verschwinden wie sein Vorgänger, weil er auf Sand gebaut sei und nicht
-auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte: einerlei,
-Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen. Störtebeker wunderte
-sich am meisten über das Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser
-hing. Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.
-
-Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten den andern Morgen ihre
-Schollen. Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los, denn sie waren
-nur zu fünfen, und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht zu
-viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den
-Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil machte, der mit seiner Glocke und
-mit seiner rostigen, durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen
-abklopfen mußte.
-
-Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem
-Störtebeker ein großes Verlangen hatte, dann Büffelfleisch und Zucker
-aus dem Freilager, und gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß
-bekam nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen kurzen
-Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönß schrieb, während
-Störtebeker sich von Marta und Mieze, den Töchtern des Fischerwirtes,
-denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten
-ließ.
-
-Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem Brief, den der
-Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er
-schon nichts mehr davon, er habe große Lust zu der Fischerei und sei
-immer vergnügt, Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen. Heute
-abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald mit Schollen nach der
-Elbe. Störtebeker ließe ihr noch sagen, sie solle die Krähe und die
-Kaninchen nicht vergessen.
-
-Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den
-Fingern gesogen, denn Störtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf.
-Er wollte Bremerhaven sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf den
-weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie mußten an
-Bord und nach See.
-
-Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu
-Geestemünde: da wehte es zwei Tage und da bekam Störtebeker alles zu
-sehen, was er sehen wollte.
-
-
-
-
- Elfter Stremel.
-
-
- Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
- Kämpfer einst Karls in der Schlacht;
- Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
- jetzo wie einst noch steht er und wacht!
-
-H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., 28 Registertonnen
-groß, geführt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der
-Schlachte mit lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser
-gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher blickten
-überlegen auf ihn herab, denn sie standen schon zweihundert Jahre und
-hatten Güter aller Zonen unter ihren Dächern. Auf der Kaje standen die
-Bremer Jungen und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie
-Störtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit Steinen
-nach ihm zu werfen, da rief er: »Ji verdreihten Zigarrenmokers!« (das
-hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), zog seine Seestiefel aus und ging
-ihnen mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht
-ergriffen.
-
-Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und Arbeitsleute waren
-minder stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die
-Jugend: sie kamen mit Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen
-die Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu
-nehmen wußte, war den Fang bald los, zumal er ganz allein an der
-Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach Bremen hielt die andern
-Ewer fern.
-
-Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf um die Scholle
-entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche
-klirrend zuguckte, bis er sagte: »Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de
-Luken to!« Dann zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken
-und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen Wind- und
-Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen ließ.
-
-Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und der Kleine und Kap Horn
-sich landfein und wiesen einander Bremen. Zunächst steuerten sie wie
-alle Fremden nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue
-Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige, verwitterte Rathaus
-und das hohe, steife Standbild, die Rolandssäule. Störtebeker gefiel von
-all diesen Bauwerken eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen Türmen:
-das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll von Grünspan; das könnten
-sie auch mal abschruppen, meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war
-ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn er nicht
-bis fünf zählen könne, lachte er.
-
-Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi
-vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen Dom traten, mit den leuchtenden
-Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen
-Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; -- denn da gingen sie
-unhörbar auf weichen Teppichen und alles war so still und so feierlich,
-wie es den Morgen gewesen war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten
-und das Läuten der Glocken zu hören gewesen war. »Hier in Bremen hett de
-lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,« flüsterte er seinem Vater
-zu, der leise lachen mußte.
-
-Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen
-und in dem die Särge reihenweise stehen. Schwedische Gräfinnen,
-englische Majore, bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in
-offenen Steinsärgen und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. Um
-die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen, hingen auch frische
-Ratten, Hühner und andres Getier an den Pfeilern. Die trockne Luft des
-Raumes benahm den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht
-lange im Schnack aufhielten.
-
-Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er könne den bösen
-Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. »De mütt dolspeult
-warrn,« sagte Klaus, »lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller
-is jo bi de Hand!«
-
-»Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat for de Groten, for
-Reeders un Käppens, dor gifft bloß Wien, Minsch!« rief der Janmaat, aber
-Klaus Mewes nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff
-und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein.
-
-»Een van de Groten bün ik ok,« sagte er stolz, »ik bün Reeder un Käppen
-un Wien mag ik ok un up de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm,
-Störtebeker!«
-
-Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich
-mitten zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit.
-
-»Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker gohn,« lachte Klaus,
-»büst ok bang, Störtebeker?«
-
-»Ne, bang bün ik ne, Vadder.«
-
-Mißtrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan vom Moor konnten
-wohl nur versehentlich die Treppe herunter gefallen sein, die wollten
-gewiß zu Heini Holtentüffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als
-Klaus Mewes, der es merkte, ihn groß und frei ansah und mit lauter
-Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler den Buddel und ein Glas
-süßen Weins für den Jungen bestellte. Da nickte er höflich und brachte
-das Verlangte.
-
-Es schien allgemein aufzufallen, entweder, daß der Finkenwärder so laut
-oder daß er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die
-bedächtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes ließ sich
-dadurch in keiner Weise stören. Er rief den Kellner und sie ließen sich
-durch alle Räume führen: sie sahen die Rose an der Decke, die ein
-italienischer Maler gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen
-konnte, sie sahen Fässer, die so groß waren wie ein kleines Haus, sie
-kamen durch den Apostelkeller, in dem zwölf nach den Jüngern benannte
-Fässer lagen, von denen der Judas sauer war, sie hörten von Wein, von
-dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete.
-
-Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht. Die
-Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker noch durchaus sehen wollte,
-waren nicht auszumachen, so gingen sie durch die Langenstraße an dem
-schnörkelgesegneten Essighaus vorüber nach dem Ewer zurück.
-
-Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends unternahm, um sich
-etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen,
-daß er allerhand Havereien machte und schließlich von einem Schutzmann
-an Bord gebracht werden mußte. Als er da noch weisen Wind hatte und sich
-nicht geben wollte, goß Klaus Mewes ihm einfach eine Pütze Weserwassers
-über den Kopf, um den großen Brand zu löschen.
-
- * * * * *
-
-Keine Luft von keiner Seite ...
-
-Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer in
-totenstiller Luft auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon
-keinen Wind mehr gehabt; zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt,
-nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie es osterselten
-vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei, hängt die Kurre am Mast,
-ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das
-Deck nieder, das so heiß ist, daß sie Schollen darauf braten könnten und
-daß das Pech in den Nähten weich ist. Von den Wanten leckt der Teer.
-
-Plackendotstill ist es, wie Störtebeker, der munterste an Bord, immer
-wieder versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die
-Strömung zu erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das
-große Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe läßt
-sich sehen.
-
-Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück Segeltuches und
-schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfaß und
-liest in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor
-mitgegeben hat, bis er dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil
-erwählt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im Bünn, bis an den
-Hals im Seewasser.
-
-Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter
-Löwe und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen -- das
-sagt alles.
-
-Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Lesen? -- Son Schiet! -- Knütten?
--- Son Snarrkrom! -- Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln,
-kreuzen, denn sie müssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm der
-Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann
-war der Fang schlecht gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun
-kam ihm noch die Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem
-Wetterglas und starrte es an, als wenn es an allem schuld wäre mit
-seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr schön -- ^very dry^.
-Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht -- verdreiht! lesen.
-
-Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem Heben, als wolle er
-Löcher hineingucken. Dabei hörte er das Spalken und Plätschern im Bünn.
-Erst wollte er Hein die Leviten lesen, daß der die paar Schollen im Bünn
-noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf
-der Achterplicht aus, setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in
-Berserkerwut über Deck nach dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und
-sprang mit Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam prustend
-wie ein Seehund wieder an die Oberfläche.
-
-»Kiek mol ober, Kap Horn,« rief Hein Mück, »ik gläuf, Klaus hetten
-Sünnenstich kregen!«
-
-Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: da schwamm sein
-Schiffer kräftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte
-und rief: »So ist mooi, Kap Horn!«
-
-Seemann aber stand mit den Vorderfüßen auf dem Setzbord und bellte und
-Störtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen.
-
-»Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne
-Been,« warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und
-warf ihn über Bord, auch fierte er einen Riemen längseit, damit der
-Schwimmer einen Halt hätte, wenn er dessen bedürfte. Schließlich setzte
-er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in
-die Nähe seines Schiffers, denn das Schwimmen in offener See, ohne
-Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie der Bauer
-sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der Fischer niemals
-in der See schwimmen.
-
-Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer.
-
-Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und
-als der Knecht sich umdrehte, sah er Störtebeker nackt an Bord laufen
-und den widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. »Störtebeker,
-wat mokst du?« rief er, »Klaus, kiek mol den Jungen!«
-
-»Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen un wennt mitten Dübel
-togeiht,« gröhlte Störtebeker und warf den winselnden Seemann
-kopfheister in die See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra
-nach.
-
-»Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all versupen,« rief Kap
-Horn, als auch noch Hein Mück über das Schwert kletterte.
-
-»Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik woll uppassen,« rief
-Klaus Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrüstet sagte:
-»Du meenst woll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott,
-kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all duken: paß up!«
-
-Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. »Junge, dat do ik ne
-wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gorne an dacht! I, wat
-bitter!«
-
-Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen und hielt sich in
-seiner Nähe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Kräfte nachlassen
-sollten, Kap Horn aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und
-bewachte die drei kühnen Schwimmer und den großen, regungslosen Ewer,
-der wie tot auf dem Wasser lag.
-
-So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in
-der See, als wäre es am Finkenwärder Bollwerk und nicht zwischen
-Spiekeroog und Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.
-
-Wenn Gesa das gesehen hätte!
-
-Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachließ, saßen sie
-allemann auf Deck. Dort aßen sie auch Abendbrot, denn in der Kambüse war
-es nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bänken
-und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache.
-
-Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein Gewitter aus der See
-und fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit
-verbreitete es sich über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der
-Donner und die ganze Wolke saß voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und
-seine Gesellen begrüßten das Wetter mit Freude, denn nun mußte ja auch
-Wind kommen und sie erlösen.
-
-Als die ersten, großen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und
-gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der
-gefährlichen Nähe der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind
-auf den Wanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die Masten
-erdröhnten, der Ewer zitterte, die Lampe schwankte, die See kam
-allmählich in leise Bewegung. Geruhig saßen oder lagen die Seefischer
-unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorüber war, zogen sie
-die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der
-letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord, denn nun hatten sie
-wieder Wind genug.
-
- * * * * *
-
- ^Ships that pass in the night ...^
-
-Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die Sterne funkeln um so
-heller um den Schleier der Milchstraße. Wie tanzt der Orion, wie blitzt
-die Wega, wie leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie
-gleißt der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige
-Wisch, die mit abertausend weißen und bunten Blumen bewachsen ist und
-auf der Myriaden von Tautropfen glitzern.
-
-Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie
-urgewaltige dunkle Kühe, die auf der großen Wiese in den Blumen grasen.
-Ruhig und bedächtig grasen sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam
-weiter.
-
-Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in
-solchen Nächten nicht viel.
-
-Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert über die See und
-gibt den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grün und gelb
-spielen die Fischerlichter auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als
-ginge es durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie
-ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast
-und wie im Traum reißt der Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel,
-an seiner Schote, über der Besan aber weht die dunkle Flagge im
-Nachtwinde. Seemann schläft im Nachthaus neben dem Kompaß und Klaus
-Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und her, die Hände in
-den Taschen, während Störtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn
-Steuern hat er längst gelernt.
-
-Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck
-ist, er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er
-nicht: da fühlt er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein
-Wesen, seine Atemzüge, da haben alle Segel und Wanten, alle Bäume und
-Masten ihre eigene Sprache. Nächte, die gewesen sind, und Nächte, die
-noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen
-beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle
-Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken kommen ihm entgegen,
-wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der
-Sehnsucht nach Gesa, nach einem guten Streek und einem schönen Markt,
-die ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen Nächten muß er
-Verklarung über sich selbst tun, der lachende Seefischer, und nicht
-lachend, sondern ernst beantwortet er seine eigenen Fragen, denn je
-höher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich seine
-Wurzel -- und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum.
-
-Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weiße, grüne, denn
-sie fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen
-Gründen wimmelt es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist das
-Geklapper einer Winsch in der Weite zu hören, wenn sie irgendwo
-einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier Fischer, die einander nahe
-gekommen sind, abgebrochen herüber.
-
-Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil der Laertes wegen
-seiner Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hüben und drüben
-gerufen.
-
-»Klaus, büst du dat?«
-
-»Jo, Hinnik! Wat fangt ji?«
-
-»Ochott, is ne slimm: acht Stieg!«
-
-»So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de Reis?«
-
-»Morgen weuf utscheiden!«
-
-»Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen lostowarrn,
-Klaus.«
-
-»So!«
-
-Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als daß das
-Seegespräch fortgesetzt werden könnte, und Klaus Mewes geht wieder
-schweigend auf und ab. Einmal steht er hart an den Wanten und blickt
-starr in die Weite, als sähe er seines Großvaters Kuff im Norden
-untergehen, dann horcht er, als höre er seines Vaters Todesschrei aus
-der See heraus.
-
-Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig in den
-Sternen.
-
- * * * * *
-
-Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen. Sie sah, wie ein Schiff
-sich mit haushohen Seen abriß, wie es leck wurde und wie zuletzt eine
-große Woge ins Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem
-Seemannszeug in der See schwammen, sie hörte, wie sie um Hilfe riefen.
-
-Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren
-ihr Mann und ihr Junge.
-
-Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.
-
-
-
-
- Zwölfter Stremel.
-
-
-Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweißlingen,
-Füchsen und Pfauenaugen, wobei sie sangen:
-
- Schomoker, sett di annen greunen Diek,
- Schomoker, sett di annen greunen Diek.
-
-»U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See geiht!« »Woneem?« »Dor!
-Kannst ne kieken?« »U Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.«
-
-»Höh, Klaus Störtebeker!«
-
-»Höh, Peter! Non, wat mokst?«
-
-»Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!«
-
-»Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un smeern, wat meenst! Uns
-Eber süht ut as ik weet ne wat.«
-
-»Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?«
-
-»Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.«
-
-Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen
-vorüber und freute sich, als er fühlte, daß sie ihm nachguckten. Er war
-größer und brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein
-Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hände waren die eines
-Tagelöhners.
-
-»Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een för Schipp un See,«
-hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. Störtebeker hörte es und vergaß es
-nicht wieder. Und er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm
-sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog
-den Jungen einer Kleinschifferprüfung, fragte ihn nach Wind und Wetter,
-Fang und Markt und freute sich über die fahrensmännische Klugheit des
-kleinen Gesellen.
-
-»Hest den flegen Hollanner ok sehn?«
-
-»Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den flegen Hollanner in
-Sicht kriegt, de blifft!«
-
-»So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vörn flegen Hollanner,
-Störtebeker, wenn du grot büst, un seh man to, dat du jümmer goden Wind
-hest, un warr man en fixen Fischermann, hürst?«
-
-»Jo, Willem, dat will ik ok,« sagte der Junge mit lachendem Munde und
-ging stolz weiter.
-
-Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose
-wohl über das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ...
-Störtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Krämerladen
-hinein und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war ihm
-fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem
-Ewer.
-
- * * * * *
-
- Sonnenwende, Sonnenwende!
-
-A und O von Finkenwärder, der kleine schwarze Ewer H. F. 1, Jan Sieverts
-Hoffnung, und der große, weiße Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs' Möwe, die
-noch die Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte, lagen im
-Köhlfleet beieinander und um sie herum und auf den Schallen ankerten
-wohl hundertfünfzig große Ewer und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß
-spiegelten die Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen
-Sinn.
-
-Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das
-Watt hinter sich ließen und sich auf die offene See wagten, die bei
-Helgoland und Terschelling die dunkeln holländischen Logger und die
-schwarzen englischen Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch
-Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren.
-
-Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge verrosten ließen
-und sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen
-See an ihre grünen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen
-erinnert sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten.
-
-Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die Störfänger und
-Beutemacher, die Schollenkönige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen
-haben wollten und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam.
-
-Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei
-waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch draußen klüsten, wenn
-andre schon im Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig
-seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu
-Gesicht stand, und binnengekommen wußte er nichts Besseres zu tun, als
-den Bug weiß zu malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle.
-
-Hochwasser!
-
-Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter, umstreicht
-Heitmanns weißen Leuchtturm und die mächtige Königsbake, das alte
-Wahrzeichen von Finkenwärder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und
-läßt die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser
-sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die
-Segel aufgezogen und die Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes
-Ding sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der deutschen
-Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer Bucht vereinsamen läßt!
-
-Es _ist_ ein großes Ding: _Karkmeß_ ist da, der Jahrmarkt, der
-Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein Tag von so großer Bedeutung
-und so tief eingreifend in das Leben und Treiben des Eilandes, daß es
-Ehren- und Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu sein.
-Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen, wenn sie Karkmeß nicht
-kriegten, und bei den Nachbarn hieße es: »Den geiht dat jo woll bannig
-lütj: he is jo ne mol Karkmeß bi Hus ween!«
-
-Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen, hieße nach Rom reisen
-und den Papst nicht sehen, denn Karkmeß ist die große Sonnenwende von
-Finkenwärder, ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt der
-Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkmeß oder
-soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer am Deich auf Schritt und Tritt
-und »söben Weeken vör Karkmeß« oder »fief Weeken no Karkmeß« sind genaue
-Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann. Karkmeß teilt das
-Jahr: es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit.
-Vor Karkmeß werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend
-an den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf die Zungen los,
-die auf Eis gepackt werden: da sind die Reisen länger und mühseliger und
-das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.
-
-Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er
-sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in
-Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer,
-um ihr Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten
-entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen, wollen
-sie einen Tag lachen.
-
-Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen guten Schilling
-verdient hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See
-und mag denken, die alten Weiber hätten ihn behext.
-
-Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, wenn Tucktuck gerufen
-wird, sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet
-mit Schiffen: Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem
-Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen.
-
-Es gibt auch mancherlei zu tun.
-
-Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und
-Fischerjungen auf Musik sind und sich _en Perd_, ein Mädchen, für das
-Fest heuern, weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt
-wird, sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, den
-Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die
-Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn erst muß der Ewer sein
-Karkmeßkleid haben. Teeren und Schmeeren heißt die Losung, den langen
-Tag wird geteert und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht und
-daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da wird geschruppt und
-kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren
-werden sollen, liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über
-sich ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist.
-
-Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer
-zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er
-holländisches Blut in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und
-Buntheit: so schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden
-Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren.
-
-Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die Eiskisten überholt,
-schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene
-Segel geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der
-ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel an
-Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle werden gebräunt und
-geloht, damit sie haltbarer werden sollen.
-
-Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus, die keinen
-Platz dafür haben (denn in den Sand können sie die Segel nicht legen)
-und deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen.
-
-Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln und Fischer
-und Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.
-
-Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und
-begleicht die großen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied,
-beim Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist
-allgemeiner Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also
-das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt, so bekommt noch der Bauer
-seine Zinsen.
-
-In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die
-Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, die 1835
-gegründet worden ist, als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu
-vernichten drohten. Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen,
-das nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grüner
-Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch
-wird gesprochen, einer nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und
-niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat von
-Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.
-
-Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten
-Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom
-Skagerrak bis zur Themsemündung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen,
-Stürme wollten sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet!
-
-Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg bis zum Tun, auch
-nicht müßig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und
-gehämmert auf Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die
-Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak und der große Freudentag
-ist da mit seinen Luftbällen und Reitbuden, seinen Aalzelten und
-Schießständen, seinen Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kasper,
-mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und Negern, mit Hün
-und Perdün, mit Jubel und Trubel! Die Gören sind wie durchgedreht und
-die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was
-sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen und
-getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue
-wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und
-Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste und Eis, bis sie nicht mehr
-können: die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an
-Zuckerstangen: es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß alles los
-ist. Die sich erzürnt hatten, vertragen sich und trinken wieder einen
-zusammen, und die gut Freund gewesen waren, erzürnen sich und kriegen
-das Tageln: dat is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den Lukas,
-daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden Leistungen eine
-goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan Tiemann läßt sich
-elektrisieren, Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz,
-Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und ein
-Getute und Geblarre, ein Flöten und Knarren, ein Juchen und Schreien!
-
-Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein
-weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der Dönß und setzen sich geruhig auf
-den Deich. Sie lassen die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die
-beladenen Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch.
-
-Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und
-Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende
-Korn im Lande und den weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten
-am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen verloren.
-
- * * * * *
-
-Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen,
-wenn sie dem Karkmeß fern geblieben wären. Zumal Störtebeker hatte sich
-den Tag ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er
-geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde
-hängend, hatte er die Besan gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den
-Bünn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, er
-hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er hatte das Nachthaus grün
-angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen
-auf dem Schlick verbrannt.
-
-Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam, wo er seines
-Amtes gewaltet hatte, denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande
-der Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker
-und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein
-Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte
-wie der Regenbogen. Seine deutsche Flagge wehte im Winde, und grüßte
-seinen Schiffer.
-
-Dem aber lachte das Herz.
-
- * * * * *
-
- Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,
- denn goht wi langsen Diek!
-
-Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Störtebeker.
-Dieser voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit,
-die Reitbuden und die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht
-mehr. »Kann ik up See jo doch ne bruken,« sagte er verächtlich, und als
-er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er
-ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten
-Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an Schina erinnert würde,
-und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal. Einen Augenblick guckten
-sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa
-tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam auch der alte
-Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen Frau seines Schiffers.
-
- * * * * *
-
-Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmeß.
-
-Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In der Dämmerung saßen sie
-vor der Tür. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und
-erzählte vom Walroßfang bei Grönland.
-
-Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken.
-
-Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.
-
- * * * * *
-
-Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat. In königlicher Pracht
-schreitet er einher, weithin über Land und See gleißt und funkelt sein
-Purpurmantel. Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder,
-alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht und senkt die
-Ähren, die Blumen verdorren, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen
-sich.
-
-Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist der _Mann_
-gekommen, der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze
-Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche,
-Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er
-allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme,
-dann stemmt er die Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht
-und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne. Selbst die großen
-Meister, die Winde, müssen vor ihm ducken, und wollen sie sich ja
-erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er
-zu tun hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß der Winter
-kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den
-milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem
-Ernst, in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem Zorn -- und
-all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe!
-
-Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fühlt
-sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille
-und das Deck ist bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen und
-das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft
-müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis
-geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen,
-die nicht freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden,
-sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal
-segeln sie bei scharfem Ostwind nach Jimuiden in Holland, einmal kommen
-sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen,
-sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt
-es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die
-Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu
-hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt ja wohl
-an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf,
-steht einen Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und
-dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische
-Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Haverei, daß sie nach der
-Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind
-hinter Wangeroog.
-
-Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es
-kommen ja auch schöne, große Reisen: einmal, als die Zungen auf
-Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute
-vierhundert Mark.
-
-Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem
-hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als
-Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück.
-Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater
-bleiben darf.
-
-Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich
-auf Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den
-Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er
-muß fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder
-bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird
-gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis
-nicht wegschmelze!
-
-All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel
-und der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom
-Achterdeck, aber sie lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder
-einmal glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.
-
- * * * * *
-
-In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun auch berichten, daß
-sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind.
-
-Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch
-wäre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage
-vorkommen kann.
-
-Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken,
-eine noch grauer als die andre, trieb er über den Heben.
-
-Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den
-Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen.
-Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete
-stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den
-leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf,
-die Seen krönten sich mit Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und
-tiefer.
-
-Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu
-lassen.
-
-»Intehn, intehn!« sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück
-kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten
-sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger
-und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des
-schweren Netzes mangelte.
-
-Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das
-Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit
-dem Knecht über die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte.
-Als keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, dachte
-er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach
-der Elbe hinüber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.
-
-Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem
-mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein
-Dampfer und manchen Spritzer überkriegte.
-
-Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleiße,
-Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie
-das Deck rein. Hein ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee
-zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und
-packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es
-wollte schon dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch
-brächte.
-
-Die Elbe war weit weg.
-
-Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war
-die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief
-raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen
-liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr für
-Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll
-den Kopf oben und ließ sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen.
-Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und half
-das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre,
-hätten sie es längst in Sicht haben müssen.
-
-Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze
-Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit
-unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit
-unfaßlicher Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze
-und dumpfe Donnerschläge sind das nächste.
-
-»Nu gifft wat!« ruft Kap Horn.
-
-»Gläuf ik ok!« antwortet Klaus Mewes, »goh no binnen, Störtebeker!«
-
-»Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!«
-
-»Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un
-lot Hein de Kapp toschuben un blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder
-ropt!«
-
-Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: »Jo, Vadder!« und geht
-nach unten, denn er weiß, daß man dem Schiffer gehorchen muß und wenn
-man's auch zehnmal besser wüßte.
-
-»Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,« ruft er noch vom Großmast, dann
-verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter
-brät und meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden.
-
-Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen
-sie darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen,
-was die große Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz
-geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen:
-niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche Menschen sind und so
-gern lachen.
-
-Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben sie ein so jähes
-Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt
-und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der
-Südwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt
-ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft
-sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind
-wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich:
-Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!
-
-Die See, die See!
-
-Wie gischt und schäumt sie! Sie _kocht_!
-
-Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er faßt die schweren,
-langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um.
-Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild
-durcheinander laufen.
-
-Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp, dat noch buten is,
-will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer
-ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der
-Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe
-ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister
-werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel,
-daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert und bebt, als
-könne er sich nicht wieder aufrichten. In der Kajüte purzelt Hein gegen
-den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck aber klammern
-Schiffer und Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu spülen.
-Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. »Fock
-dol!« gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und
-reißt sie herunter. »Seil dol!« schrillt es. Der Schiffer kettet das
-Ruder an und stürzt nach den Fallen.
-
-Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und
-zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt
-fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden,
-wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoß
--- da ein scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in
-das Großsegel gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze Seil geiht
-innen Dutt!
-
-Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch
-einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als
-seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult
-der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beißen gibt,
-dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen
-krummen Buckel -- und in Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in
-die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne
-Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der
-brüllenden Seen.
-
-Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden
-Dünung und die hohen Seen rollen über ihn hinweg.
-
-»Dor is en Licht!« ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt
-nach der bezeichneten Richtung und sieht ein _Licht_ auf der See, hell
-und tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reißt dort
-das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? Klaus peilt
-und als er »Nordost« ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf
-und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit
-dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die
-Elbe ist nicht zu erreichen.
-
-Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen
-Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher
-Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange
-zögern.
-
-Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen
-handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der Weser!
-
-Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du
-doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du deines Jungen? Der sitzt
-warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! -- und
-obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues,
-bleibt er fröhlich und lacht sorglos: »Vadder is jo boben!«
-
-An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb
-aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten kleinen
-Klüver am Großmast, geschoben von den immer gröber und ochsiger
-werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.
-
-Südwest liegt an.
-
-Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen
-alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie
-sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen
-über den Setzbord, wie sie wollen.
-
-Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft
-oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz
-ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind
-alle Stuben und Kammern beleuchtet und über die Treppen eilen die
-aufgejagten Diener.
-
-Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie
-aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich
-dermaßen verstärkt, daß er es muß.
-
-»Lot ut!« ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus. Der
-Knecht peilt die Tiefe.
-
-»Fief Fohm!«
-
-»Denn sünd wi uppe Grünnen!«
-
-Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger
-Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der
-nun kommt!
-
-Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn
-erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm,
-Gefahr! schreit der Ewer. »Nu geiht op Leben un Dot,« ruft der Knecht.
-
-Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt »Seil upsetten!« denn er will
-sich nicht geben. Mit großer Mühe setzen sie das Sturmsegel am
-Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf
-und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt
-sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig wird der Kampf mit Wind und
-Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden
-Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und
-Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord, daß das Deck
-_ein_ Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis
-zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen
-gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle
-und nimmt sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und
-schüttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im
-Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr
-dich, Ewer!
-
-Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den
-düstern Felsen, nach dem du genannt bist, und laß die Kette nicht los!
-Steh fest auf dem glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an
-die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen
-sollst!
-
-Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe
-gestanden hast, muß ich dich aufrufen? Nein -- das braucht es nicht: da
-steht er am Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief im
-Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den Ewer, er hält ihn! Damit
-er nicht über Bord schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden.
-So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht durch
-Nacht und Regen nach Land und Feuern.
-
-Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es
-Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein
-Licht erscheint? »Rodensand!« ruft der Knecht, aber der Schiffer
-schüttelt ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein
-schwächeres auf und er muß glauben, was er erst nicht glauben wollte,
-weil er sich nicht denken konnte, daß sie so weit abgetrieben sein
-könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch
-auf dem Trocknen sein!
-
-Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten
-Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine muß gehakt sein! Aber es
-bleiben drei Faden.
-
-»Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!« ruft er durch den Sturm. »Hest hürt,
-Kap Horn?« gröhlt er, als er keine Antwort bekommt.
-
-In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die
-Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht,
-daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe
-hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp
-zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht:
-»Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kregen! Meist, as
-wenn Vadder mi en fixen Backs geef!«
-
- * * * * *
-
-Kap Horn schweigt noch immer.
-
-Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die
-letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen
-konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es
-kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es
-bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschütterliche Ruhe des
-Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich
-nicht klein machen. Er kann sterben -- ob Klaus es auch kann? Er sieht
-ihn an.
-
-»Dree Fohm bloß noch!«
-
-Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie
-die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie
-Bodemann sagt, daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei
-Wochen vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür
-und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer und die blanken
-Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau
-spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die
-Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter.
-
-Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was
-ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiß der eine wie
-der andre: vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind
-die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen sie, sonst
-bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und zu versuchen, den Ewer
-so hoch als möglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch
-die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund,
-ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stücke,
-aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn
-eins ist so gefährlich wie das andre.
-
-Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den
-Watten stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!
-
-Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern
-und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich
-durchzuschlagen. »Nu hol di fast, Kap Horn!« ruft er gell.
-
-Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm
-auf dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik
-di!« Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht
-erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält
-darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen
-entgegen, die sich wild überschlagen -- er verzieht keine Miene.
-
-Gott im Heben -- da stürzt die erste große See wie ein wildes Tier auf
-das Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert,
-reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der
-Klemme sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus ist
-weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie Seemann vorher in die Kapp
-gestopft haben.
-
-Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und der Ewer klüst
-weiter.
-
-»Fastholen!«
-
-Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite
-Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das
-Deck, sie schlägt in die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt
-und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber
-sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See
-hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder
-aufzurichten.
-
-Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar
-auf das Deck nieder, daß die Luken verloren gehen und der Ewer sich halb
-mit Wasser füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und
-Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die
-Treppe, um sofort hinaus zu können, wenn etwas passieren sollte. Fest
-klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. »Junge, wat snuft
-dat langs!« ruft Störtebeker, »ober bang bün ik dorbi doch keen betjen!«
-
-An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! Sie müssen
-durch! Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann
-es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder
-hält!
-
-Wieder ein Brecher?
-
- * * * * *
-
-Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von
-Bremerhaven liegt, ließen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die
-Pumpen, pumpten das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre
-Kojen.
-
-Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von
-Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem
-Fischerewer rührte sich nichts: alles an Bord schlief.
-
-Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer
-erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff,
-das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie
-feststellten, daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den
-kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager.
-Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Großsegel zu nähen und einen
-Flicken darauf zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste
-gelangen konnten.
-
-Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt drahten, und den andern
-Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte
-den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger und
-Optiker zu gutem Verdienst -- der Ewer aber mußte ganze acht Tage
-untätig an der Kaje liegen.
-
-Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen konnten.
-
-»Sall he wedder mit?« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach
-Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte.
-Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an.
-
-»Worüm denn ne?« fragte er.
-
-»Och nix, ik meen man bloß,« lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber
-sah ihn schief an und sagte: »Up wat för Gedanken du ok doch kommen
-kannst! Hett mol en betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt
-warrn, wat?«
-
-»Ik heff jo doch gornix seggt,« beschwichtigte der alte Jantje ihn
-sanftmütig und verschwand in der Kajüte.
-
-Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und
-wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das
-Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er
-den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich
-nach ihm verlangte?
-
-Ach was -- Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.
-
-»Störtebeker?«
-
-»Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx
-twei.«
-
-»Wullt noch wedder mit no See?«
-
-»Gewiß, Vadder!«
-
-Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er
-nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu
-kaufen.
-
- * * * * *
-
-Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der
-Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein
-der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts
-Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten
-Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute,
-für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er
-sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher
-Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen
-durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie
-glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude
-anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz
-in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste
-hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein
-andrer schlug ihn knallend zu.
-
-Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe
-durch.
-
-»Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is
-all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten
-Hein, Geeschen? ... Willem Mees?« ... -- er machte eine lange Pause,
-denn Willem Mewes war geblieben ... »Paul Külper? De liggt jo blangen
-uns; den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!« ... Der Junge
-war bereit, Briefträger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste
-hinunter ... »Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt,
-Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik
-Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125:
-dat bün ik sülben! August, geef mi mol en lütjen Angostura!«
-
-Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch.
-Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim
-Schreiben geweint hatte.
-
-Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht
-einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam
-und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes
-fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. »Dor is
-obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben,
-wat?« sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann
-las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach
-Haus verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie
-so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß
-sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen
-fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die
-könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein
-Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar
-nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei,
-habe sie gemeint.
-
-Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es
-weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und
-Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die
-Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde
-wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur
-stand: »Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!«
-
-Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust
-glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat
-nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker,
-der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute,
-und setzte die Segel auf.
-
-Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen.
-
-»Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder
-weet gornix van di af: wat is dat egentlich?«
-
-»Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,« sagte der Koch
-leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann
-bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und
-schnell einige Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem
-Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug.
-
- * * * * *
-
-Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte
-sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen.
-Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und
-weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel
-war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so
-segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war
-ihm bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte.
-
- * * * * *
-
-Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der
-Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne
-Reise: sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den
-weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein großes
-Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark »Elisabeth«, auf der er
-lange Jahre gefahren hatte.
-
-Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an
-Bord ging, um seinen alten Käppen zu begrüßen. Unter dem Arm trug er
-einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing
-noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.
-
-Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die
-himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er
-ein großes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mußte er sich über
-die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann
-betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und
-freute sich über seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor
-den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten
-Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und
-neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen
-Seeleuten.
-
-Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck,
-an der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er
-das Schiff genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ sich
-von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte
-sich einen Löffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem
-Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die
-keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise auf
-einer Mundharmonika und machte große Augen. Über dem Vortopp aber stand
-der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens und
-jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die
-Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen
-auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.
-
-Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken
-darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum.
-So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die
-wir noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von uns, bringen
-sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich vielleicht nur in der
-Hausnummer versehen?
-
-Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der
-Fockrah stand, als sie aber hörten, daß er Klaus Störtebeker hieß und
-ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig,
-nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein
-Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen
-seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend
-mit einem Backtrog, der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen
-Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen:
-mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große
-Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind, daß
-sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände
-zusammenschlugen. Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas wußte
-und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und
-Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig
-werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen
-ganz sicher.
-
-»Un wo is Backbord?« fragte der Zimmermann, ein Däne.
-
-»Dor frog dien Großmudder man no,« antwortete Störtebeker, »mi kannst ne
-förn Buern hebben.«
-
-Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang.
-Der Segelmacher, der großes Gefallen an ihm gefunden hatte -- alle alten
-Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! --, schenkte ihm einen
-ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den kleinen Seemann
-mit Adjüst und Good bye.
-
-Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen
-Schiffe, das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten,
-wunderlichen Götzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch
-er freute sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische
-Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprämie von
-dem Alten: ein weißseidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war.
-
-»Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver« -- damit wurde Störtebeker
-zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen
-die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter
-Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und
-sie sprachen noch lange von ihm.
-
-Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und
-ließ sich das große Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken
-Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt
-war.
-
-Als der Kapitän der »Elisabeth« den andern Tag etwas in der
-Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und
-ging über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und
-dem großen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt
-hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der
-Morgenfrühe nach See gesegelt, so daß Käppen Vinnen kein Glück damit
-hatte.
-
- * * * * *
-
-Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren
-dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.
-
-Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die
-glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang
-und den Seesternen einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er
-zog ihn heraus und wies ihn herum: »Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen
-Steenbutt, rein en Stoot!«
-
-Er stand dicht am Setzbord -- und der Ewer holte in diesem Augenblick
-plötzlich weit über! -- da sackte er langsam nach hinten über und fiel
-über Bord in die See hinein.
-
-Mann über Bord!
-
-Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich
-jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin,
-stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem
-Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe
-Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte
-ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen
-nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing
-es an ihm.
-
-Da schwamm der Junge. »Hol di, Klaus, fix roonen!« »Jo, Vadder!« Bevor
-er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm
-unter die Arme. »Lot den Butt doch los, Junge!« »Ne, Vadder!« Zum Glück
-sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord
-geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte
-erlahmt waren.
-
-Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt
-und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen
-wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen
-und konnten sich verpusten.
-
-Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. »Son scheunen Butt
-schull ik wedder swümmen loten?« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater,
-dann aber zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf,
-damit die Sonne und der Wind es trockneten.
-
-»Up See mütten Kummer gewinnt warrn,« sagte er lachend zu Kap Horn, der
-ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes
-Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen
-hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war's denn auch weiter: er
-hatte bloß einmal über Bord gelegen.
-
-
-
-
- Dreizehnter Stremel.
-
-
-Is de Sommer all her? -- fragen die Frauen, die einander begegnen, denn
-ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide
-schwerfällig ebbt. Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft
-dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten
-werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weiße Scheibe ohne
-Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben.
-
-Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche
-Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um
-Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die
-Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer
-tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen
-bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu
-sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft,
-sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe
-haben etwas Formloses, Gespenstisches.
-
-Wie Herbst ist der Tag.
-
- * * * * *
-
-»Stuten! Weu ok Stuten?«
-
-Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr,
-der ein bißchen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder
-Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich
-entlang, die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen.
-
-»Wullt ok Stuten, Greta?« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie
-die Frau gerade heißt. Zu verwundern ist es, daß sie bei den vierhundert
-Häusern, die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals
-die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und
-Ginen miteinander verwechselt.
-
-Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und atmet auf.
-
-»Gesa, wullt ok Stuten hebben?« ruft sie ins Haus hinein. Die
-Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über
-die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte
-auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen
-ermittelt.
-
-Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die
-Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen
-gesetzt hat. Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen
-einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat
-etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den
-Nachbargebieten ins Reine gekommen ist, fragt sie teilnehmend:
-
-»Diern, is dat wohr mit dien Jungen?«
-
-Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. »Wat schall wohr
-ween?« fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht.
-
-»Weest du dor noch nix af?«
-
-»Ne, wat schall ik weeten?« stößt Gesa heraus, »ik weet bloß, wat he
-gesund un munter an Burd is!«
-
-»Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn
-ist woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn
-ist jo man god!«
-
-»Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?«
-
-»Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so
-verjogt, mien Diern! Föftein Penn giffst du ut: denn kriegst du jo noch
-wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!«
-
-Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden
-ist, und läßt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist
-erzählt worden, daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und
-in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber
-er habe ihn nicht wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiß
-sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht
-hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist.
-
-»Schree man ne gliek, mien Diern,« tröstet sie, »is jo bloß Snackeree.«
-
-Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit
-einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen
-erschüttert sie und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann.
-Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch.
-
-Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr
-als bloßes Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es
-geträumt hat! Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit einem
-Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle
-Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um
-seine Fahrt lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen
-treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült ist! Ob er nun
-auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen
-gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen
-Störtebeker verloren hat?
-
-Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, daß er mit zur See
-kam? Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein und alles
-in ihr schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt,
-gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an.
-Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und
-trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen
-umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen
-und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm
-nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein
-Grab pflanzen!
-
-Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu
-erwehren. Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein,
-nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des
-Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord und
-Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein:
-ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein großer Vater lebt und lacht,
-und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden
-Fahrensleute!
-
-Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie
-verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe
-von Bremerhaven und Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge
-gesund und munter ist -- und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie
-Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa kann es nicht glauben und richtet
-sich an diesen Briefen wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht
-sie die Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger und blickt
-über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewiß
-weiß, daß ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme
-Mutter -- daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen weicht
-sie beharrlich aus: sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und
-will nichts hören und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist
-sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre
-Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen und um ihren Mund hat sich
-eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine
-Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre
-tiefdenkern geworden.
-
- * * * * *
-
-Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in
-der Hand und riß ihn jäh auf, daß Jan sie verwundert anguckte.
-
-Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die
-Zweifel wieder über sie, sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief. »Dat
-lügst du, Klaus Mees, he is verdrunken!« schrie ihre gemarterte Seele.
-In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie wenig Schlaf finden
-konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war
-krank und wund und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die
-klagende Stimme des Jungen.
-
-Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach
-der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie mußte Ruhe
-haben: sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr
-schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles
-bereit hatte -- es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit
-der Eisenbahn gefahren --, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger
-an, der gar nicht wußte, was los war und es auch nicht herausbekommen
-konnte, denn sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe
-und erst den andern Abend zurückkomme.
-
-Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten
-ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton, der besagte: na, was hast du denn
-vor, willst es uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein,
-sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell
-der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden
-anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der
-Ortsfremden, wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen.
-
-Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen
-ihr nach.
-
-»Se hett jo man bloß den eenen Jungen,« hieß es dann.
-
-Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde
-schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht,
-damit Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht
-wissen, daß sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte
-sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren.
-
-Der Klapperkasten »Courier« paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet
-und setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und
-fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den
-Pariser nannten.
-
- * * * * *
-
-Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und
-angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie
-erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Außenweser
-und ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in langer
-doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von
-ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als an ihren
-Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an
-der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen
-und da Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige, graue
-Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was
-Klaus wohl hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es
-weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grünen Deich
-doch nimmermehr vergleichen konnte?
-
-Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie
-nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie
-an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: »Süh, Gesa, ok
-mol oberreist?«
-
-Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. »Klaus liggt dor wieder
-rup,« rief er ihr noch nach, »dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is
-he.«
-
-Die Flagge -- sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: so wenig
-Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte
-Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf
-der Besan, wehte lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber
-ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt
-hatte.
-
-Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief
-aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren
-sauste es und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch
-umkehren?
-
-In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der
-Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.
-
-Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe
-hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das
-rautenförmige Türfenster in die erhellte Kajüte hinein.
-
-Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Klütjenpfanne stand
-darauf, auf einem Tauring, und die Seefischer saßen im Kreise herum,
-hatten die Gabeln in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus
-Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und
-erzählte von der großen Hitze im Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem
-Gesicht, das heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant
-Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch en Butenlanner
-vör mi --, da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen
-Klößen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht
-der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort dazwischen.
-
-Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme
-hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter
-auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die
-Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst
-kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem
-einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn
-fest, den Traum ...
-
-Da rief Störtebeker: »Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol
-mokst du de Brotklütjen to sult!« Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß
-auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft
-zu Ende.
-
-»Klaus, mien Klaus!« schrie sie auf und sank um.
-
- * * * * *
-
-Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa
-aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach
-dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören.
-
-Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu
-lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach
-dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht
-eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum
-noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord
-sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.
-
- * * * * *
-
-Es ging um Störtebeker.
-
-Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter
-Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und
-schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte
-Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so
-leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen
-Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und
-Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das
-der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte und
-gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich
-doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu
-werden, da verspielte er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der
-Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf
-und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief
-beständig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst
-verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord: der gehört
-zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor
-dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen,
-und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe
-und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen
-von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.
-
-Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser
-Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach
-dem Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht
-gefügt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu
-bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen solle,
-mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten.
-
-Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen sagen.
-
-Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: »Un ik goh ne mit un
-goh ne mit!« Dann trat er in den Lichtkreis.
-
-Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.
-
-Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater
-ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an
-seinem Bein auf, als wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht
-gewahr. Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte
-etwas Häßliches getan, aber sie war klug genug, es nicht zu tun.
-
-Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in
-seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn und bei Kap Horn wollte
-er nicht schlafen), löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes
-Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See
-haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der
-auch nicht schlafen konnte, hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet
-hätte, Gesa oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden
-und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.
-
-In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das
-Deck.
-
-Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während
-seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie
-hatte gelernt, wie die beiden genommen werden mußten, und handelte
-danach.
-
-Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an,
-aber ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen
-Fischerbank ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen
-mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er
-gesehen, daß Störtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten
-angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann
-war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den
-achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder,
-denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn
-aufgeweckt.
-
-Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit dem Knecht und dem
-Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so
-tat er.
-
-Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: »Kumm, Klaus, du müß di klor
-moken!« Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.
-
-Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. »Dien Mudder hett di
-ropen, Klaus, goh dol,« sagte Klaus Mewes ernst.
-
-Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an.
-»Schall ik würklich van Burd, Vadder?« fragte er mit heiserer Stimme.
-
-Klaus Mewes nickte ernst.
-
-Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm
-machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen
-Spielkameraden, war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf.
-
-Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap
-Horn. »Hol di man fuchtig,« sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken,
-Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm
-die Hand und tröstete: »Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nich bang
-wesen! Wi kriegt all nich unsen Willen! Annern Sommer kummst du wedder
-mit no See!«
-
-Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja
-doch selbst nicht!
-
-»Adjüst, mien Seemann,« sagte er und streichelte dem Hund das struppige
-Fell.
-
-»De bringt di noch langs,« rief Klaus Mewes, der sich auch fertig
-gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
-
-Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren
-nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr
-sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt.
-
-Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen
-sehen.
-
-Er sagte aber nichts.
-
- * * * * *
-
-Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug
-vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des
-Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive
-pfiff und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.
-
-»Adjüst, mien Jung!«
-
-»Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!«
-
-Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte,
-bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm und er legte
-den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem
-Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und
-weich über das sonnenhelle Haar.
-
- * * * * *
-
-Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück.
-Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen
-Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißen
-Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen hatte,
-und ging über die Geleise zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in
-seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte
-einen schweren Streek hinter sich.
-
-Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine
-Stimme in ihm, dir träumte, daß Gesa gekommen sei und den Jungen
-mitgenommen hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus
-Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und ertrunken ist: sie
-haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt!
-
-Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge
-fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen
-Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben,
-als ob er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war
-gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich, daß
-er sich so hatte überteufeln und unterkriegen lassen.
-
-Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die
-halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker
-fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst
-jetzt so recht.
-
-Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die
-kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten
-verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und
-fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge es
-nicht verwinden noch vergessen würde.
-
-Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und
-gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.
-
-
-
-
- Vierzehnter Stremel.
-
-
-Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht
-zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war
-umgeweht, Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und
-die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich
-auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der
-Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden, der
-ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den
-Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht,
-weil er es nicht wollte.
-
-Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten
-ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See
-gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf
-Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören
-spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen
-Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den
-Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen
-war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!
-
-Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und
-streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu
-vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine
-Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte,
-und seinen grünen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!
-
-Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit
-aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem
-Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm:
-das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.
-
-Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach
-erzürnte er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach
-und keiner mehr nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie
-ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen
-Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und
-Wetterdingen (»dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du
-Kiekinnewilt,« hieß es herrisch) -- und das ließen sie sich bald nicht
-mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.
-
-Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, daß er ihr
-selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie
-sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die
-Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die
-See vergäße: so wenig kannte sie ihn.
-
-Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief
-ins Haus: »Vadder kummt up!« Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes,
-ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging
-sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das
-Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen
-Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein
-Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn
-ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.
-
-Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und
-dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen
-wuchsen und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch
-die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.
-
-Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen.
-Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und
-hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist.
-
-Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang
-über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord
-wäre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten
-Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein
-Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.
-
-»Höh, Vadder!«
-
-So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: »Höh, Vadder!
-Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!«
-
-Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen
-zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Maßen
-und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der
-trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme, und sich nicht
-um ihn bekümmere, -- und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr
-verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am
-Wasser stand und Ausguck hielt!
-
-»Gohn den Draggen! Fock dol!« scholl es dann über Deck und das Echo am
-Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm
-geworden: »Gohn den Draggen! Fock dol!« Da gewahrte auch Seemann seinen
-Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn
-sein Herr fragte: neem is Störtebeker, Seemann? -- und er stellte sich
-mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, während die
-Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite.
-
-Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das
-Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter.
-Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu
-lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig
-zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel
-zusammengebunden und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde
-aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es
-jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt
-geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!
-
-»Mien Kohn ne vergeten, Vadder!« rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum
-Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte
-der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die
-vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben
-von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und
-stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich
-einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen
-Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken
-aus der Kapp und stieg ins Boot.
-
-Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam,
-Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap
-Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der
-Kette nach.
-
-Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals
-seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn es noch länger gedauert hätte,
-hätte er sich nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen.
-
-»Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,« lachte er nun und wehrte
-dem Hunde, dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im
-Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden
-Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein
-Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit
-ab.
-
-Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie köstlichen Kaffee in
-der Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht
-im Winde wiegten, lachten sie von draußen an. Und köstlich war die
-Fragerei von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hörte
-nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein
-buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah.
-
-Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit und sie sah
-Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte aber nicht, was sie damit sagen
-wollte.
-
-Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann
-versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die
-Fische zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon
-Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und
-verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater,
-in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf
-seinem großen, schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte
-das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das
-Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als
-wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, er
-blickte nach dem Kompaß und nach allem.
-
-Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes vor der Tür und piepte
-wie ein Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der
-Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern auf der
-Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber
-gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den
-nackten Beinen, zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze.
-
- * * * * *
-
-In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker
-standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich
-entlang nach der Neßkule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und
-naßkalt. Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern, wie die
-Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucken. Auf den Feldern
-braute der Fuchs.
-
-Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine großen
-Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom
-Lande ab. Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der
-Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe
-regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf
-und verschwand surrend.
-
-Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende
-Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern.
-Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des
-Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht
-brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst
-vorbei, dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus
-Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.
-
-Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen
-schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und
-Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar
-gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die
-Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in
-Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem
-Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden,
-sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie
-saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem
-Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von
-oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief
-hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und
-wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele
-Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches
-Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen
-zumute.
-
-Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm
-bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm saß? Er
-konnte es nicht deuten.
-
-Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp,
-setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der
-Versteigerung ab. Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewölbe
-und rief die Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der
-Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern,
-denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der
-kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an
-sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die großen Zungen,
-die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen
-und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich
-bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war
-schon alles verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten,
-aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber, daß alles so
-schnell gegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an
-stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte, was
-er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet
-hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan.
-»Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes« -- und damit
-basta.
-
-Die Abrechnung konnte er erst später bekommen -- sie hatten deshalb noch
-viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten,
-guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die
-Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee
-ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr
-festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn
-hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten
-denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die
-Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt.
-
-»Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?« fragte Jan Tiemann,
-der Elbfischer.
-
-»Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,« sagte Klaus Mewes.
-
-»Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is
-to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen,
-Klaus!«
-
-Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig
-an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?
-
-Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen
-Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig
-und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von
-der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen
-wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit
-an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise
-gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein,
-daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte
-die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und
-fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes
-fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz
-unbefangen.
-
-So segelten sie die Elbe hinunter.
-
-Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den
-Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn
-Prozent, der Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute
-hatte und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben
-als die andern Fischer, und er tat es gern.
-
- * * * * *
-
-Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht von Thees to
-Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich
-oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich
-nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann
-noch, der kleine, krumme Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in
-seinen dunkeln Augen, wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie
-wirr ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts wittert er
-Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Wie unheimlich ist sein
-Tun, wenn er Segel näht: erst legt er die Karten, um den rechten Tag und
-die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann rutscht er
-wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor sich
-hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar
-über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, welche Segel zerreißen
-und welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergänge der letzten
-vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.
-
- * * * * *
-
-Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saßen auf
-dem Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte
-auf einem neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich,
-und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der
-sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekommen konnte, was
-er haben wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das
-Feinste zu essen und zu trinken.
-
-Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur
-Tür herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den
-Segelmacher, was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte.
-
-Thees lächelte eigentümlich und sagte: »Du kummst ok jümmer, wenn ik di
-ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne
-Gangen un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn un an to
-reken fangen!«
-
-»Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,« lachte Klaus.
-
-»Ne, ne, di vertill ik nix,« antwortete der Segelmacher, der
-aufgestanden war und sein Buch suchte, »di vertill ik nix, du lachst jo
-doch bloß ober sowat; du meenst, dat gifft bloß dat, wat du vör Ogen
-sühst: aber ich sage dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol
-de Kortjen leggen?«
-
-»Ne, lot man, Thees,« wehrte der Seefischer heiter ab, »ik gläuf ne an
-Hexen.«
-
-»Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!« wandte der Alte sich an die
-beiden Wattenläufer, »wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!«
-
-»Man keen Bangen,« rief Klaus sicher, »ik blief ok ne!« Und Störtebeker,
-der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu:
-»Vadder kann ne blieben, he kummt jümmer wedder!«
-
-»Do ik ok, mien Jung!«
-
-Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte
-mit veränderter Stimme: »Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De
-kunn ok ne blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer bloß
-een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. Jä, un de See is em
-doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, un de See, dat
-gläuf man, is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters!«
-
-»Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt,« erwiderte Klaus
-Mewes unerschüttert, »wi könt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln!
-Wat ist mit den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?«
-
-Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die
-Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu
-blättern, aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er
-sei wieder behext, die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die
-Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. »Betohl anner Reis,
-Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!«
-
-»Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,« mahnte der Fischer, »ik kann
-ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben.«
-
-»Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,« sagte Thees und
-vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte
-Klaus zu lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich
-rief er: »Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein
-Klüfer 98 Mark.«
-
-Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er
-wie in Gedanken: »Dat is jo all dörstreken, Klaus: keen hett dat denn
-don?«
-
-»Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp don?« lachte Klaus,
-»betohlt hebb ik gewiß noch ne.« Und er zählte das Geld auf. »Sühso,
-Thees, till no, wat dat ok stimmt!«
-
-Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht
-nehmen, das Geld gehöre ihm nicht.
-
-»Kumm, Störtebeker!«
-
-Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach
-Peter Fick hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der
-Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.
-
-»Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,« sagte Störtebeker, als sie
-draußen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm
-doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: »Jo, de hett allerhand
-Grabben.«
-
-Sie gingen westwärts.
-
-Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst
-nur selten tat.
-
-»Vadder ...«
-
-»Non?«
-
-»Och -- nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?«
-
-»Ne, mien Jung, ik blief ne!« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer
-auf dem Wasser.
-
- * * * * *
-
-Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als
-die Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch
-nochmals vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und
-seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen
-waren, denn er strich die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann
-bezahlt hatte oder -- wenn er geblieben war.
-
-Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das
-Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen
-Seitenblicken ein.
-
- * * * * *
-
-Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag
-er wieder vor dem Neß. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List
-festgehalten und er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute
-sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur
-konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte.
-Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem
-Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen Mittag
-die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war
-aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen.
-
-Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige
-Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber
-der Ewer, von dem besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein
-Stier und wies dem Wind die Hörner.
-
-Plötzlich rief Kap Horn: »U, kiek« und sprang nach vorn. Da trieb eine
-Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und
-stürzte auch nach dem Steven. »Dor drifft een!« schrie Kap Horn und wies
-leewärts. »Denn fot man gau de Boot mit an,« schrillte Klaus, »Hein,
-inne Wind den Eber!«
-
-So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und
-sprangen über den Setzbord. »Hilpt uns, hilpt uns!« rief es
-todesängstlich an Backbord, aber der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie
-konnten niemand erblicken. »Liek vörut mütt dat ween,« rief Klaus,
-»roon, wat du kannst, Kap Horn!« Der Südwester war ihm in den Nacken
-geweht und die scharfen Körner flogen ihm in das Gesicht, aber er ließ
-den Riemen nicht los. »Holt jo, wi kommt! Wi kommt!« gröhlte er, so laut
-er konnte.
-
-»Hilpt uns!«
-
-»Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!«
-
-Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven, er
-beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden
-bei den Haaren. Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap
-Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in
-das Boot. Hans Danker war es, der Lüttfischer.
-
-»Neem is Trino?« fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte
-die Frau in Altona an Bord stehen sehen. »Kiek mol to, Kap Horn, wat se
-dor drifft!«
-
-Hans Danker aber ächzte dumpf: »De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch
-verdrinken loten!« »So, un dien Kinner?« fragte Klaus, er blieb aber
-noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen
-und suchten, um die Frau zu finden.
-
-Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden
-abstießen, warf er sofort Anker, ließ die Fock fallen und machte das
-Ruder los, so daß der Ewer mit den klappernden großen Segeln keinen
-Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an
-den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von
-allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote
-herbei. Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich
-gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der
-Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.
-
-Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Hause zu.
-Der Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten.
-
-Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an
-zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: »Vadder,
-Vadder, neem hest du uns Mudder loten?« Da stöhnte Hans Danker furchtbar
-auf und wollte sich losreißen, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus
-Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und
-brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der
-Nachbarn anvertrauten.
-
-Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.
-
- * * * * *
-
-Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne
-nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.
-
-Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten
-die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit
-den Booten nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu
-fischen. Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo
-auf und ab.
-
-Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei.
-Sie sprachen aber wenig.
-
-Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte,
-schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück. Sie hatten
-die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.
-
- * * * * *
-
-Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf Finkenwärder:
-nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den
-Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel
-und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel.
-
-Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.
-
-Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er
-der Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein
-seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, daß sie
-ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein
-längeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mußte, und zogen dann
-mit ihm los.
-
-»So geiht he god, Vadder,« rief er vergnügt, als der Ewer recht an den
-Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor
-seinem Bug und über die großen Segel, die ihn beschatteten.
-
-Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig
-davon und hatte den Neß bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken
-und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war,
-tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.
-
-Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit
-dem Wasser gleich und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen
-steuern, damit er sich trocken hielt.
-
-Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mußte das Tau
-losmachen und zurückbleiben.
-
-Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.
-
-»Adjüst, Störtebeker!«
-
-»Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder!« ... »Adjüst,
-Störtebeker!« ... »Jüst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!«
-... »Adjüst, Klaus Störtebeker!« ... »Jüst, Hein Klütjenbacker, pett di
-man keenen Nudelkassen innen Foot!« ... »Wauwauwauwau!« ... »Jüst,
-Seemann, fall man ne ober Burd!«
-
-Dann rannte ihm der Ewer davon.
-
-Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten,
-schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei
-Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach
-Finkenwärder um.
-
-Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?
-
-
-
-
- Fünfzehnter Stremel.
-
-
- Sinne, öffnet eure Tore!
-
- Grabbe.
-
-Die Äquinoktien!
-
-Herbsttagundnachtgleiche!
-
-Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in großer Angst.
-Ringsum lauern die grauen Stürme, die die Natur brechen und die
-Sonnenkraft tot machen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie
-an den Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen.
-
-Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei
-unruhigem Wetter. In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend
-aufgeschlagen auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf
-Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener
-Meldung über die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt
-eine der andern aus den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt:
-Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett Paul ne bi jo
-fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere Wolkenwand seewärts auf
-der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein sausen!
-
-In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille,
-bange Zeit.
-
-Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und
-auflegen kann: das können und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten
-sind schon nicht mehr danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß
-auch Winters gefischt und verdient werden.
-
-Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Stürmen
-entgegenfahren.
-
- * * * * *
-
-Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig Seemeilen hinter
-Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwärme
-haben die Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte
-der Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser wärmer und der
-Grund stiller ist. Wer noch einen guten Streek tun will, der muß
-Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der
-weiten See anvertrauen. Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt
-werden.
-
-Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer, die diesen
-Winterfang betreiben können: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven
-und warten auf den Hering.
-
-Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.
-
-Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt und
-für sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den
-Engländern und Holländern und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen.
-Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob wird, daß er
-reffen muß, oder wenn der Wind es so gut meint, daß er das Netz
-einhieven und treiben lassen muß: gefischt wird doch wieder, und wer die
-Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von
-Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, als der kleine
-Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.
-
-Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, als wenn sie
-binnen wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise
-haben, guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend
-kreuzt nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne
-Mißtrauen und geht geruhig zu Koje.
-
-In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie
-verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden,
-denn es ist stur geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu
-Bett, um noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe,
-denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und auf Kap Horn, den
-Altbefahrenen, können sie sich verlassen wie auf den Deich bei
-springender Tide.
-
-Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden und
-er muß befürchten, daß der jagende Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus
-Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen.
-In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann
-schickt er die Leute zu Koje und übernimmt selbst die Wache. Im Sturm
-gehört das Ruder ihm, dem Schiffer!
-
- * * * * *
-
-Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so daß
-die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine
-Haverei, so viel Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch
-stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte
-etwa in Stärke 8 nach dem alten englischen Admiral Beaufort.
-
-Da mit einem Male legte er sich gänzlich -- ganz still wurde die Luft.
-Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und
-donnernden Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung.
-
-Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie
-machten sich klar zum Sturm, der kommen mußte, denn das Wetterglas fiel
-rasend. Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde
-ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden, damit es nicht über Bord
-gehe, das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden
-geschalkt. Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit, dann
-steckten sie das zweite Reff in die Segel -- und dann kam der Sturm
-wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt. Es
-trommelte und pfiff im Südwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht zum
-Stürmen lärmte, der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das
-brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß die Masten sich
-bogen und Hein Mück laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn
-der Ewer dem ersten, gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er
-umkippte, aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und
-riß ihn auf. Wie brauste es in den Lüften, wie erhob sich die See, wie
-tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem
-Achtersteven so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, und erhob
-er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das tränenüberströmte Gesicht
-eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen und über die
-Backen. Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die Luken
-nicht zerschlagen wurden!
-
-Südweststurm --
-
-Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn
-der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an
-Deck, mit Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er
-nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn
-einige starke Taue kreuz und quer über Deck, von Wanten zu Wanten und
-von der Winsch nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden, wenn
-sie stolpern sollten.
-
-Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er
-tröstete sich, daß es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe,
-und ließ sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der
-unbekümmert im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt und
-überstanden.
-
-Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen
-jagten einander und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es
-auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie mußten es wegnehmen
-und dafür den kleinen Klüver als Sturmsegel setzen, statt der Besan aber
-den dreieckigen Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und
-alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er
-nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an
-Deck. Noch war keine Angst in sein Herz gekommen, so toll es auch im
-Wirbel ging, noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so
-schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch immer lachte er
-des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei, damit er ihm zeigen
-könne, was Klüsen heiße. Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog,
-verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne sich zu
-besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das Segel aus der
-Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige
-Stunden gut, bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine
-sternenlose, sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf
-Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und
-fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die Nordsee, und selbst die
-Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie
-nicht alles Tuch in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel
-gänzlich abgeschlagen werden.
-
-Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie
-machten die Sturmanker zurecht. Backbords schäkelten sie einen unklaren
-Anker auf dreißig Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden
-Kurrleine, steuerbords taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf
-fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer mit dem Kopf am
-Winde halten und verhüten, daß er dwars schlüge und von den Seen
-kopfheister geworfen würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am
-Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.
-
-So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich
-her wie der Jäger das Wild, das er lahm geschossen hat. Die ganze Nacht
-trieben sie auf der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber
-in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends
-war ein Schiff zu sichten und sie sahen kein anderes Licht als die
-Strahlen des Elmsfeuers, das in Büscheln auf den Toppen der Masten und
-an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage es
-verlöschte.
-
-Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an
-Deck stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine
-schwere Sturzsee über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und
-verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die Fischer fühlten sich
-emporgehoben und verloren den Grund unter den Füßen, sie mußten
-schwimmen und spülten hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon
-in die Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen!
-
-Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet -- da schrie er
-gellend auf, denn eine schwere, kreißende, ungeheure See hing wie ein
-Berg, wie ein Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern. »Holt jo
-fast, holt jo fast!« rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und des
-Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück und erstickte sie. Dann
-schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur Seite und warf ihn gegen das
-Nachthaus, daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte.
-
-Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich wieder mit den
-kleinern Dwarsläufern abriß, hing Kap Horn mit zerrissenem Ölzeug und
-blutendem Gesicht in Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts
-mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck verschwunden:
-zerrissen lagen die Ketten auf den Luken. Sie suchten die See mit den
-Augen ab und warfen den Rettungsring über Bord, aber obgleich es schon
-einigermaßen hell geworden war, konnten sie doch weder Hein Mück, noch
-das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der Junge war weg
-...
-
-»Dat duert bloß en Ogenblick, denn ist ut,« sagte Kap Horn tröstend, der
-nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt
-hatte.
-
-Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch über die See und
-suchte seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter
-angeweint kam und ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte?
-
- * * * * *
-
-»Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr,« rief Klaus, aber Kap
-Horn schüttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen
-sollte -- und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen
-Kajüte ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit
-war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren.
-
-Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte,
-sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See,
-wie ein Löwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt
-er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte
-Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach, er
-lotete gewissenhaft und tat alles, was sich noch tun ließ bei solcher
-Gelegenheit. Er dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an
-Störtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.
-
-Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit
-zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu
-tun. Dennoch hätte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die
-Notflagge gezeigt hätte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von
-einem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott schall mi
-bewohren, dachte er und ließ John Bull stiemen, der dann auch wieder aus
-den Augen kam.
-
-Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug, um von Jütland
-freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Küste zu tun -- und
-die war noch weit weg.
-
-»Ik gläuf, wi kommt dorch,« sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der
-Schiffer ihn an. »Wat schullen wi ne dörkommen!« antwortete er, »wi weut
-doch ne blieben!«
-
-Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach
-mußte Kap Horn hinunter, damit er nicht flau würde.
-
-Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwächer
-gewesen war, zum Orkan! Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr
-unter als über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dünung über
-Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe
-aufgerüttelt hatte und die mit Sand geschwängert und mit Muscheln und
-Steinen beladen war, schoß herauf, richtete sich urgewaltig auf und lief
-dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte. Bleischwer stürzte sie
-sich auf das Achterdeck und drückte es nieder, daß der Steven steil aus
-dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit
-ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaßen auf das Wasser,
-daß er nicht wieder aufstehen konnte.
-
-Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte, daß er den einen
-Arm nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den
-Kampf und das Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines
-Gottes Hände: er hätte noch mit seinem Schiffer fischen und segeln
-können, hätte bei Hochzeiten am Deich auf seiner Harmonika spielen und
-den kleinen Klaus Störtebeker mit zu einem rechten Fischermann machen
-können, aber wenn es sein mußte, ging es wohl auch ohne ihn. Er hörte
-nicht mehr das Sausen des Wassers: eine große, tiefe Stille legte sich
-um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ...
-
-Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die
-ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie seinen Knecht. So tauchte er wieder
-auf und versuchte, zu schwimmen. »Kap Horn, neem büst du?« schrie er in
-den Sturm hinein und rang schwer mit der Dünung, die ihn furchtbar hin
-und her warf. Beständig liefen ihm die Seen über den Kopf, so daß er
-viel bitteres Wasser schlucken mußte.
-
-Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal
-aufrichteten und dann untertauchten, daß kein Topp und kein Flögel mehr
-zu sehen waren. Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich
-der Sturm mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie wieder
-so kraus, wie die ganze See war.
-
-Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein
-Ewer waren ertrunken, er trieb in der wilden Dünung von Skagen: nirgends
-war ein Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett
-des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er
-konnte nichts sehen.
-
-»Geef di, geef di, Klaus Mees!« brüllte die See, aber er gab sich nicht,
-mit aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben
-und er konnte noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden,
-den keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen
-waren, so würden sie am Deich über ihn herfallen und alles zerstören
-wollen, was er in ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die
-Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die Freude
-am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! Ob Störtebeker schon stark
-genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den vielen
-Hunden erlag, ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem
-Schneider oder Schuster machen ließ! »Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!«
-rief er in den Sturm hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und
-blühend, und dennoch keine Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie
-hatte nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der einsame,
-ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er wußte, daß er oft hart mit
-ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen
-abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -- aber Reue fühlte
-er nicht. Sie würde weinen, aber die Ruhe würde in ihr Herz kommen und
-sie würde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen,
-wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um sich zu ernähren,
-brauchte sie nicht.
-
-Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und daß er es nicht mehr
-lange machen konnte. Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin
-emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über
-die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es paßte
-nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke klein zu machen und
-mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben!
-
-Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem
-Schicksal trotzig vor die Füße, wie ein Junge. Groß und königlich, wie
-er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu
-seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird.
-Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen
-glänzenden, neuen Kutter mit leuchtenden, weißen Segeln und bunten
-Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder
-stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker ... grüßend
-winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh
-zu, daß du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und
-mooi Fang, mien Jung! ...
-
-Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. -- -- --
---
-
- * * * * *
-
-Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es an
-demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, bei dem er gerade
-zu tun hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der
-unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu,
-dann fragte er erschüttert: »Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock
-di woll tweireten?« und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das
-aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der
-Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende Elbe ging wie eine
-breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den
-Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten der
-gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie
-nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern
-hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus,
-damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei
-und verstopften die Löcher im Deich, damit das Land keine Haverei hätte.
-»Is Klaus Mees bihus?« fragte der Segelmacher. »Ne, de is buten,«
-erwiderte Jan Lanker, der lustige. »Denn weet ik genog,« sagte Thees
-nickend und ging langsam nach seinem Boden zurück. Als er das Segel
-wieder übers Knie legte, lag es ganz still -- das Zerren hatte
-aufgehört. »Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?« fragte er leise und
-wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten
-sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel
-schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers
-Besan.
-
- * * * * *
-
-Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers
-Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht rein zu
-kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange
-auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wußte
-nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder ob er draußen sei. Wie wehte es!
-
-Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür
-hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der
-Seemann, draußen und begehrte Einlaß, war er vorausgelaufen und kam
-Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die
-Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das Herz still und ihre
-Knie bebten, denn die Tür war von selbst aufgegangen und auf der
-Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht
-war totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren müde und
-glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie
-ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie
-vermochte nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen,
-ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber ihre Zunge war
-gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen.
-
-»Gesa,« sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie
-Gesa laut auf und sank zu Boden.
-
- * * * * *
-
-Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich
-zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und
-Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den
-niedrigen Katendeich überflutete und das weite Land des Neßbauern
-überschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland saß und im
-Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas für
-Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und
-befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat!
-
-Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich
-mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser mußte, da
-rief es mit einem Male hinter ihm: »Höh, Störtebeker!« und als er sich
-schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken.
-»Hödjihöh, Vadder,« rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte,
-dann aber warf er den Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts
-mehr an: sein Vater war gekommen!
-
-Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte -- nun war
-er weg? Störtebeker lachte und glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie
-er es immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im
-Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht
-wieder ausfindig machen. »Vadder, neem büst du?« rief er, aber er bekam
-keine Antwort. Da nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und
-lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das Wasser -- der Ewer war
-nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch an St.
-Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser mit
-der Eisenbahn übergereist sein.
-
-»Mudder, is Vadder ne hier?« rief er schon auf der Diele und stürmte
-suchend in die Küche, überholte hastig die Schlafkammer und suchte die
-Dönß ab.
-
-»Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder woll wesen,« klagte
-seine Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch
-auf, in dem sie gelesen hatte.
-
-»Eben wür he annen Westerdiek,« lachte er und stieg auf den Stuhl, um
-aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. »Ik will em woll gewohr
-warrn, den Versteekspeeler den!«
-
-Da wurde sie aufmerksam. »Keen wür annen Westerdiek?« fragte sie tonlos.
-
-»Vadder!« rief Störtebeker, »he stünn boben uppen Diek un lach un wink.
-As ik to rupleep, wür he batz weg.«
-
-Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren konnte, und
-jammerte: »Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien
-Jung!«
-
-Er schüttelte den Kopf. »Dat is ne wohr, Mudder,« sagte er bestimmt,
-»dat hest du dräumt. Vadder kann ne blieben und blifft ne, dat hett he
-sülben to mi seggt. Vadder kummt jümmer wedder!«
-
-Sie weinte nur noch heftiger.
-
-»Stopp, ik will em woll finnen,« rief er und lief wieder in den Wind
-hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewiß auf dem
-Westerdeich gesehen hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hörte nicht
-darauf.
-
- * * * * *
-
-Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf stand sie: das war die
-Todesstunde von Klaus Mewes.
-
-Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestoßen.
-Wie die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben.
-
- * * * * *
-
-Zufall? Gaukelei der Sinne?
-
-Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der Stunde, in der sie
-auf See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder
-zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen,
-die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in
-Lebensgestalt zu erscheinen.
-
- * * * * *
-
-H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, das heißt von
-Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und
-gebrochenem Großmast hinter der Alten Liebe lag, und erzählte, daß er
-ein solches Wetter noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch
-nicht, es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der
-Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit
-bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann
-fragte, sprach er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm
-gewesen, sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes.
-Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm
-gehört, aber da war alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff
-im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine
-gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine Gedanken zu machen: der
-kam wieder, so gewiß wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute
-noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hatte,
-hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da
-konnte sie ganz geruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner
-Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, daß
-er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster
-auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: »Inne Nurd
-schallt noch mihr weiht hebben, as neem wi ween sünd -- un ik gläuf,
-Klaus Mees is inne Nurd wesen.«
-
- * * * * *
-
-Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der
-Wasserkante, denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht.
-
-Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der
-Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken,
-Häuser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren
-entwurzelt. Auf Scharhörn war eine große englische Bark gestrandet und
-mit Mann und Maus spurlos verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein
-Lotsenschoner umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast
-einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber lag bis an den
-Leuchtturm voll von haverierten Schiffen.
-
-Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf Kutter und zwei Ewer,
-darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und
-sprachen die Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre mußte
-zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal der sieben Fahrzeuge,
-der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten,
-das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie
-kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen Ewer unter den Füßen und
-guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte
-ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich
-immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den
-geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten
-Schiffern und den wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten
-ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.
-
-Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter
-kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei
-war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben,
-weder auf der Weser noch auf der Elbe.
-
-Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen und
-Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel
-herab Fürbitte für ihn und die beiden Leute und er betete stark und
-ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die Kirche ging, denn der
-Untergang dieses großen, fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer
-mag noch Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er.
-
-Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen.
-Sie mußten es endlich glauben, daß sie seine Flagge nicht mehr flattern
-sehen würden, daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich
-entlangkommen konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten
-aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den Mädchen tanzte. Was für
-ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt! Gut
-und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort
-gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da
-hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten
-Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend
-gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei
-ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein
-Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie
-so manche es waren.
-
-Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den
-Watten gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhängt und vor der
-verschlossenen Tür, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten
-standen der Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im
-Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die
-Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel
-und das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst
-durch die stillen, totenstillen Räume. Meistens saß sie in der
-dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür
-schloß sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen,
-die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun
-Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie für eine
-Finkenwärderin), mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren
-Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich selten sehen,
-denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht mehr ertragen,
-konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne daß ihr die Augen
-übergingen.
-
- * * * * *
-
-Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und
-weinte mit?
-
-Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, daß sein
-Vater untergegangen war, daß der Ewer nicht wiederkommen konnte, daß er
-Kap Horn und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater
-war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiß
-kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so
-viel vor Wind hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz
-gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des
-Jungen auf dieses Wort seines Vaters und unerschütterlich war sein
-Glaube.
-
-»Störtebeker, dien Vadder is bleben,« sagten die andern Jungen zu ihm,
-aber er schüttelte geruhig den Kopf und antwortete: »Wat weet ji dorvan
-af?« -- »Doch, Vadder hett dat seggt!« -- »Denn segg dien Vadder man,
-dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt
-wedder,« sagte Störtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter
-tröstete er jeden Morgen und jeden Abend: »Schree doch ne, Mudder, gläuf
-doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,« aber er
-erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte.
-
-Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch: sein
-Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mißmutig.
-
-Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe
-versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus,
-bis hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen
-im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater.
-Große Dampfer mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den
-Fäusten, aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier
-ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf
-den Kahn wie eine Nußschale auf und ab: Störtebeker ging nicht vom
-Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach
-seinem Vater.
-
-»Hest Vadder ne sehn, Jannis?«
-
-»Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?«
-
-Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat,
-nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn
-alle. »Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,« sagten die
-Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind
-und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und
-trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr
-blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer
-wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabei
-sein, einmal mußte er ihn doch hergucken können! So viele Schiffe!
-
-»Is keen Breef van Vadder kommen,« fragte er abends, denn sie konnten ja
-auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepaßt hätte.
-
-»Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?« fragte Gesa
-bekümmert.
-
-»Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!«
-
-Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau
-ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte,
-er wäre es, und eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken
-Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er
-ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur
-schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu
-erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die
-alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er
-die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte,
-und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann
-wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern
-helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern,
-wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er
-immer getan hatte. Ach -- er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken
-schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er
-einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.
-
- * * * * *
-
-Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen draußen
-auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden.
-Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den
-Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom
-oder Wind konnte. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren,
-sondern am Bollwerk zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen,
-nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.
-
-Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der
-nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft
-hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen
-ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer wieder,
-immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen.
-Sein Vater kam wieder: von dieser Hoffnung ging er nicht ab -- und er
-wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.
-
-Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im
-Gras, denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben. Kluß, die alte
-Krähe, lag eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie
-im Garten ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen
-verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich nicht mehr darum
-bekümmerte: gleichgültig ließ er es geschehen, denn es war ihm einerlei
-geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder
-da sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen! Dann
-kam auch all das andre wieder an die Reihe.
-
-In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! -- lief er nach
-seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.
-
-Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst
-nichts von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wäre am Westerdeich
-zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät
-oder überhaupt nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine
-rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher, wie in
-tiefen, schweren Träumen.
-
-Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig
-geworden war und er sich auf der Elbe, zwischen Kranz und Wittenbergen,
-verirrt hatte. Da wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den
-Westerdeich ab und lief ängstlich über die Weiden. Als sie ihn nirgends
-finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. Da hörte sie von den
-Fischern, wie ihr Junge seine Tage verbrachte, daß er ständig mit dem
-Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie
-erschrak sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all den
-Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. Wenn er nun ertrunken
-war!
-
-Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht
-mehr aus den Augen lassen!
-
-Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen
-auf die Suche, obgleich es so dick geworden war, daß sie einen Kompaß
-mitnehmen mußten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und
-ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das
-stille, tote Wasser, aber es war nichts zu hören, noch zu sehen. Sie
-wollten es schon aufgeben, da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este
-und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht nach dem
-Neß. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen, aber er sprang
-aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein
-nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen werden
-mußte!
-
-»Morgen kummt Vadder gewiß,« tröstete er seine Mutter, als er sich das
-klamme Zeug auszog, sie aber wußte vor Schmerz und Freude und innerster
-Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen
-sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und
-kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, daß ihm gar nichts fehle.
-
-Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak,
-wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken
-schuld daran, daß sie nicht einschlafen konnte. Sie riß sich schwer ab,
-dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr
-als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen
-vom Wasser abzubringen, zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertränke, zu
-verhindern, daß er ein Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode
-käme, wie sein armer Vater, dafür zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden
-und auf dem Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der
-wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von der Geest in dieses
-Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das Geschlecht der Mewes
-vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig zu
-machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen
-Nachmittag von ihr gewollt: sie fühlte es und hörte es, was sie hatten
-sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, daß der
-Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters,
-laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es
-gewesen! »Jo, Klaus, dat will ik,« flüsterte sie vor sich hin, »du
-schallst dien Rauh hebben!« Starr richtete sie sich aus den Kissen auf
-und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es schwer halten
-würde, daß sie streng und hart sein müßte, denn der Junge saß voll von
-diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen,
-aber ihr zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich um
-ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn
-dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu
-bewahren. Das war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt
-abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung
-war, mußte noch zu biegen und zu lenken sein, wenn ein fester Wille
-dahinter stand. Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen, sie
-konnte es nicht ...
-
-Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um
-die See. Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große
-Strafpredigt, bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine
-Mutter dann aber weiterging und davon sprach, daß sein Vater nicht
-wiederkommen konnte, daß er auf dem Grunde der See lag, da richtete er
-sich wieder auf und sagte, das sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg,
-sie wüßten alle nichts davon! Sein Vater käme wieder: dabei blieb er und
-davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen und sein Vater
-könne nicht ertrinken: er glaubte es nicht und wenn sie es auch alle
-zusammen sagten!
-
-Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu
-schippern, aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser
-blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein
-Vater müßte gewiß kommen und er müßte ihm entgegenfahren. Und als seine
-Mutter hinterm Hause war und die Schweine fütterte, da machte er seinen
-Kahn los und wriggte wieder weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den
-Ewer mitbrächte, würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten:
-mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der Segel absuchte.
-
-Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen
-und kam deshalb erst spät am Abend zurück.
-
-»Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?« fragte Gesa erregt,
-»wullt du ober Burd fallen oder scheut de Dampers di inne Grund jogen?«
-
-Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und biß von seinem
-Brotknuß ab, ohne etwas zu erwidern.
-
-»Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll
-gornix mihr to seggen?« fragte sie bebend.
-
-»Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,« erwiderte er
-geruhig und setzte abweisend hinzu: »Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!«
-
-Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie alles andre
-in ihr und sie schlug ihn sehr. Er stand still und ließ sich schlagen,
-weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die
-Zähne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.
-
-Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk
-zurück, sodaß er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf
-flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie
-wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer!
-Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater
-kam nicht, und er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den
-ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken hatte er, und war
-sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der Schwelle und guckte
-seine Mutter an, die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte:
-nu hau mi man wedder!
-
- * * * * *
-
-Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage
-fest. Streng achtete sie darauf, daß ihn niemand mehr Störtebeker
-nannte, daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach
-dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten
-würde, den Jungen Störtebeker zu nennen: aber damit erreichte sie nur
-das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst
-recht Störtebeker.
-
-Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen
-hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen
-gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es
-regelmäßig knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht
-sah, fragte sie ihn weich: »Wat schall dat denn, Klaus?« Er schüttelte
-erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestört werden wollte, dann aber
-besann er sich und sagte leise: »Mok de Ogen ok mol to, Mudder!« -- »Wat
-schall dat denn, Junge?« -- »Moks doch mol to, Mudder, och man to!« --
-»Ik hebbs jo all to, Klaus.« -- »Ganz fast?« -- »Jo, ganz fast!« --
-
-»Denn sünd wi up See, Mudder,« sagte er verträumt, »kannst hürn, wat dat
-boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt,
-Mudder! ... Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt wi
-intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de
-Meben anflegen kommt! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen
-sehn? Dor slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht Kap
-Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up --
-dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück
-schillt Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken
-... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is
-Hilchland! ...«
-
-So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu.
-Gesa saß auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125
-trug, und hörte zu, während ihre Augen sich verdunkelten. »Woneem is
-Vadder denn?« fragte sie zuletzt erschüttert.
-
-»Vadder?« rief er verwundert, »Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur,
-de hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!«
-
-Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er aber saß noch lange
-und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.
-
- * * * * *
-
-Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen: immer
-war er dann auf See bei seinem Vater.
-
-Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und
-Schläge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen.
-Die Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn
-wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen
-aber immer wieder durch die Maschen! Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm
-gewesen war, hatte sich zum Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor
-hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.
-
-Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von
-allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er, nach der See zu schippern
-und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn
-gefunden hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht
-wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt
-aufgegeben hätte, so daß Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber
-rüstete er sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke her
-und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas zu trinken hätte,
-er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs Fische fangen
-könnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt
-unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen könnte. Als
-er soweit fertig war, wartete er auf einen günstigen Augenblick, und als
-seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß von
-der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem
-Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich
-beim Bäcker zwei große Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann
-wriggte er unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war und
-er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts, bis über die Lühe
-hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der Nordkante
-in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel
-hinein, denn es war fröstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als
-Hochwasser war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis
-Krautsand war er schon gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es
-Tag geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, der auf
-seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er sprang ins Boot und
-verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Störtebeker bat und biß, aber
-es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und
-brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte, nach
-Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig ab, denn der Jäger
-kam dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder
-ein Stück Vieh vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann
-aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wür,
-de wull jo god!
-
-Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn nach dem andern
-Ende des Deiches bringen. Und sagte, sie hätte ihn einem Fischer
-verkauft, der ihn mit nach See genommen hätte. »Wat kannst du bloß den
-Kohn verkäupen?« rief er heftig, »de hürt mi to un dor hett nüms wat
-ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!« Als er sie dann aber nach
-dem Fischer fragte, gab sie keine klare Antwort, so daß ihm die Sache
-muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und spähte solange, bis
-er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen, machte er es los
-und brachte es nach dem Neß zurück.
-
-Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mußte ja
-wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung.
-
-War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, denn die Frauen
-bestärkten Gesa in ihrer Strenge und die Elbfischer griffen ihn, wo sie
-seiner habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen
-Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte!
-
-Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein
-Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er dort auf der Heide seinen
-Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. Der
-alte Heidjer und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal
-bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu
-passen, als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte. Störtebeker ließ
-sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er
-ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, er lernte
-Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er
-kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land: dann aber
-fiel ihm plötzlich ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem Neß
-mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang er kopflängs von dem
-Schimmel herab, auf dem er saß, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und
-alles, fragte sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe,
-ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich entlang und
-stand an der Huk still, denn er konnte keinen Ewer sehen. Erst wollte er
-wieder nach der Geest zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach
-seiner Mutter Haus.
-
-Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach
-der Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten und sie
-schlug ihn, daß er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit
-seinem Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den Trotz des
-Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte er ihn binden und wieder
-mitnehmen, aber Gesa sagte, das hülfe doch nichts: sie wolle ihn hier
-behalten: er solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den Kahn
-nun wirklich verkaufen.
-
-Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller bringen. Da saß er im
-Gefängnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch
-die Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der gerade
-unter dem Fenster entlangging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und
-sagte grimmig: »Wi weut di woll mörr kriegen, du Dickkupp!«
-
-Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine
-Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wußte sich nicht mehr zu
-helfen.
-
-»Hilp mi doch, Vadder!« schluchzte er, »hilp mi doch! Kumm doch wedder!«
-
-Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen
-beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord, auf
-den Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn und kein
-Seemann kam, ihm die Hände zu lecken.
-
-»Hilp mi doch, Vadder!« ......
-
-
-
-
- Letzter Stremel.
-
-
-Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem grünen Ewer
-geblieben ist.
-
-Wir kurren in der Gegenwart.
-
- * * * * *
-
-Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der die Blätter von
-den Bäumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat.
-
-Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit Liebe zu tun hat,
-sondern ihren Namen von der »Olive« bekommen hat, einem haverierten und
-abgeschlachteten Schiff, das zuerst den Anleger bildete) -- liegt die
-Austernflotte und macht sich zum Auslaufen klar. Da liegen die neun
-Kutter, die Dohrmann, der große Austernhändler, für den Winterfang
-angenommen hat.
-
-Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, die hansischen Farben
-mit den hamburgischen Türmen, die am Finkenwärder Deich die Todesflagge
-genannt wird. Denn der Austernfang auf hoher See ist die
-allergefährlichste Fischerei, weil sie in die stürmischen Monate fällt
-und weil die Austernbänke so weit draußen liegen, inmitten der Nordsee,
-meilenweit hinter Helgoland. Da ist keine Reede und kein Hafen zu
-erreichen, wenn das Wetterglas fällt: alle Stürme müssen draußen
-ausgeklüst werden.
-
-Nur die neuesten, größten und seetüchtigsten Kutter können sich des
-Austernkurrens unterfangen. Nur die verwegensten und mutigsten
-Seefischer, die jungen und starken, können diese Fischerei betreiben:
-aber auch sie würden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen
-müßten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die Zeiten sind schwer
-geworden, seitdem die Fischdampfer groß geworden sind: Winter und Sommer
-muß der Fischermann kurren, wenn er noch bestehen will: die
-Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in die
-Stürme hinein.
-
-Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht
-aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer.
-
-Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der
-stärkste von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Großtopp,
-bunte Bänder und grüne Blätter -- so neu ist er.
-
-Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig, Landrat Teßmar, Farewell,
-Senator von Melle, Süllberg, Fairplay und Providentia, so heißt er Klaus
-Störtebeker.
-
-In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck:
-
- +----------------------+
- | Klaus Störtebeker, |
- | Finkenwärder. |
- +----------------------+
-
-Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm
-eine deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein
-Vater und zieht keine fremde Fahne auf. Dohrmann muß ihn so fahren
-lassen.
-
-Der schöne, schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus Mewes! Dem jungen
-Klaus Mewes!
-
-Ja, Seele, dem jungen Klaus Mewes gehört er, dem kleinen Klaus
-Störtebeker, aus dem sie einen Geestbauer, einen Schuster, einen
-Zimmermann und was nicht alles machen wollten und aus dem doch nur eins
-werden konnte, in dem doch nur eins steckte: ein Seefischer! Allen zum
-Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und ist ein Fahrensmann
-geworden wie sein Vater.
-
-Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem ersten Kutter ist
-er bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoßen und hat ihn dabei
-eingebüßt. Nun liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will
-Austern fischen.
-
-Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch manches Schiff unter
-den Füßen gehabt haben, vor dem großen, herrlichen Fischerkutter stehen,
-betrachten die glänzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden Bug,
-und loben den Baumeister, der ihn zusammengeklopft hat, und den
-Schiffer, dem er gehört und der mit ihm nach See gehen kann.
-
- * * * * *
-
-Die Kajüte ist groß und hoch, denn der junge Klaus Mewes fährt zu vieren
-und ist hochgewachsen.
-
-Drei Sprüche zieren sie.
-
-Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne goldene Spruch aus dem Ewer:
-
- Hilpt mi, Sünn un Wind,
- hilpt mi bit Fischen!
- Ik heet Klaus Mees
- un bün van Finkwarder.
-
-Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: Kap Horn
--- und die letzte Koje schmückt das trotzige Wort:
-
- Finkwarder blifft Finkwarder
- un geiht ne van de See!
-
- * * * * *
-
-Da kommt der junge Klaus Mewes.
-
-Er kommt vom Kriegshafen herüber, von den Torpedobooten her. Er hat
-seinen Leutnant besucht. Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch
-jetzt viel voneinander.
-
-»Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht
-bange,« hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefügt:
-»Mehr als auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See
-an! England ist Rom und wir sind Karthago -- goden Wind, Klaus Mewes!«
-
-Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der
-ausgesehen hat: es ist, als wäre der andre Klaus Mewes wiedergekommen.
-
-Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und höher hat auch er den
-Kopf nicht getragen: wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem
-Isländer und auf seinen Seestiefeln.
-
-Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann.
-Nicht als finsterer Fliegender Holländer geht er einher: viel ähnlicher
-ist er dem blonden Konradin, der tapfer lachend über die Alpen zog, nur
-von seinem Schwert begleitet, und sich sein Königreich erobern wollte.
-
-Daß er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgroßvater, Großvater und
-Vater sind geblieben, seine Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die
-schweren Winterstürme vor sich -- und dennoch lacht er, wie die Sonne,
-wenn sie scheint.
-
-An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt, auf See aber ein
-verwegener Draufgänger, der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber
-ein Segel in die See gehen läßt, als daß er ein Reff einsteckt. Die
-Furcht, die schon der Junge nicht kannte, hat auch in der Seele des
-Mannes keinen Raum.
-
-Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht die schnellsten
-und besten Reisen. Das weiß der ganze Deich. Und wenn ein Junggast bei
-ihm als Koch gefahren hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht,
-denn die Fahrzeit bei dem jungen Klaus Mewes ist wie Kriegszeit und wird
-doppelt gezählt.
-
-Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein lachender,
-glücklicher Vater, den er in Gedanken immer bei sich stehen hat, wenn er
-steuert. Bei ihm an Bord ist nichts von der Not der Zeit zu spüren, die
-die stolzen Flotten von Finkenwärder und Blankenese bis auf neunzig
-Schiffe zerschlagen und zertrümmert hat: er hat Leute genug: wie der
-Magnet das Eisen, so zieht er das tüchtige Jungvolk, den Nachwuchs von
-Finkenwärder, der noch Lust zur Seefischerei hat, mit Gewalt an sich.
-
-Er brauchte nicht während des Winters zu fischen, denn er hat im Sommer
-Geld genug verdient, daß er geruhig auflegen könnte: aber er geht
-dennoch auf die Austern los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb,
-den Zug ins Heunenland mitzumachen: es ist ihm um die Ehre zu tun! Er
-muß überall der erste sein! Er kann und will sich nicht sagen lassen,
-daß er hinter dem Ofen gesessen hätte, während andre in den Austern
-gewesen seien!
-
-Er weiß, daß sie auf ihn sehen, wie auf ihren Führer, und er ist stolz
-darauf und freut sich dessen.
-
-Als der Kutter auf der Helling saß, machte der junge Klaus Mewes einige
-Reisen als Fischdampferkapitän, um sein großes Steuermannspatent auch
-einmal auszunutzen: er fischte im Angesichte von Island im Schein der
-Mitternachtssonne und an der Küste von Marokko in der Glut des Samums,
-er sah sich Aberdeen und Lissabon an: als aber sein Kutter zu Wasser
-gelassen war, da bedankte er sich selbst lachend bei seinem Reeder und
-zog es vor, sein eigenes Schiff zu steuern und nichts über sich zu
-haben, als seine Segel und seinen Herrgott!
-
-Er hat sein schönes Schiff erreicht, der junge Klaus Mewes. Er springt
-an Bord und ruft die Leute auf.
-
-Sie wollen fahren!
-
-Klappernd steigen die weißen, leuchtenden Segel, die noch keine Lohe
-geschmeckt haben, an den Masten auf, die Gaffeln knarren und die Schoten
-schlagen wie wilde Geister, denn es ist noch stur.
-
-Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt den Südwester auf,
-dann faßt er das Ruder an und läßt die Stroppen losmachen. Langsam
-schwoit der Kutter -- die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich
-allmählich in Bewegung.
-
-Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schießt
-mächtig davon, um Austern zu kurren. Gewaltig taucht es in die schwere
-Dünung hinein.
-
-Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes
-und seiner Fahrt.
-
- * * * * *
-
-Seefahrt ist not!
-
-Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes!
-
- * * * * *
-
- Ende
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- Verklarung einiger Schiffsausdrücke und plattdeutscher Wörter.
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-ans = sonst (entstanden aus anders)
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-back brassen = einen Teil der Rahsegel so stellen, daß der Wind von vorn
-hineinfällt, wodurch das Schiff aus der Fahrt kommt; in übertragenem
-Sinne = stoppen
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-ballern = poltern, werfen, daß es knallt
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-bannig = sehr
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-barg = viel
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-batz = plötzlich
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-Black = Tinte
-
-blangen = neben
-
-Blösch = Eisscholle (Mehrzahl Blöschen)
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-Blutstropfen = Fuchsie
-
-Boitel = Wicht, Kerlchen
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-Bünn = mittschiffs eingebauter, durch Löcher mit dem Wasser verbundener
-Fischbehälter
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-Bunge = Reifenstellnetz in Trommelform
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-Buscherump = Oberhemd (entstanden aus Burschenrumpf)
-
-Büt = Beute, Strandgut
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-Buttpedder = Buttentreter, Neckname der Elbfischer
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-Daak = Dunst, Nebel
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-Dachhaus = Strohdachhaus
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-diesig = dunstig, unsichtig
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-Dönß = Stube
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-Draggen = vierzahniger Anker
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-Dreuchewer = Frachtewer, der keinen Bünn hat, also »trocken« ist
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-drok = dreist
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-Ducht = Bootsbank
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-dümpeln = schwanken, schaukeln
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-dwars = quer, gegenüber
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-Dweel = leinenes Tischtuch
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-Dweil = gestielter Schiffsfeudel
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-elk = jeder, jedes
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-Euschfatt = Holzschaufel zum Wasserausgießen
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-Ewer = zwei- oder einmastiger Segler auf der Elbe (der Name bedeutet
-Eber; vergl. Bollen = Bulle [Anleger], Buck = Bock [stumpfes Schiff])
-
-Fall = Sand- oder Schlickriff, das sich durch den »Fall« der vom Wasser
-mitgeführten Bestandteile gebildet hat
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-fieren = herunterlassen
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-Flage = Schauer, Bö
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-Fleek = Fläche
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-Flögel = Windfahne auf den Masten (eigentlich Flügel)
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-Gaffel = oberer Segelbaum (-Gabel)
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-Gatt = Hinterteil des Schiffes
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-gau = schnell
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-Geutjen = Kinder (eigentlich Gänschen)
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-Giekbaum = Schlagbaum, unterer Segelbaum
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-gnostern = knirschen
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-Grientje = schmieriges Lachen
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-gucheln = in sich hinein lachen
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-Heck = Hinterwand des Schiffes
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-heilen, ausheilen = ein Netz flicken
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-Helmholz = oberer Teil des Ruders (Steuers)
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-Hemdsmauen = Hemdsärmel
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-hieven = aufziehen
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-hild = eilig
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-Hödjihöh = Ahoi
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-Huk = Ecke (holländ. hoek)
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-jumpen = springen, aus dem Englischen
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-Jalk = Tjalk, kleines breitbugiges Frachtfahrzeug
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-Kambüse = Küche, auch Schiffskajüte
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-Kapp = Deckverschluß der Kajüte
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-Kapuze = Wandbett mit Schiebetür
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-Kastetten = Staket
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-Kieker = Fernrohr
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-Kimmung = Horizont
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-klamüstern = grübeln
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-Klitsch = leichte Mütze
-
-Klür = Farbe, Couleur
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-klüsen = scharf segeln, hart ankern, daß das Wasser durch die Klüsen
-(Kettenlöcher) kommt
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-Kluten = Erdstück
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-Knipptasche = Geldtasche, Portemonnaie
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-kodimmen = kondemnieren, ein Schiff abschlachten
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-Kolosen = Vorhänge, Rouleaus
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-krüssen = ersticken
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-Kule = Vertiefung, Senkung, Wasserloch
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-Kurre = Schleppnetz
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-Kurrgut = Netzgarn
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-labsalben = die Masten und Stengen schmeeren
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-lavieren = kreuzen, hin und her segeln
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-Lee = die dem Winde abgekehrte Schiffsseite
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-leege Wall = gefährliche Nähe von Land
-
-Liek = Tau, das das Segel einfaßt
-
-Liekedeeler = Gleichteiler, mittelalterliche Seeräuber der Nordsee
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-Luv = die dem Winde zugekehrte Schiffsseite
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-Macker = Kamerad, Gefährte
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-mall = krank, verrückt
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-meuten = aufhalten (inne Meut = entgegen)
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-mooi = gut, schön, angenehm
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-mörr = mürbe
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-Muck = schmale Henkeltasse (engl. mug)
-
-Nachthaus = Kompaßhäuschen
-
-Neß = Nase, Westspitze von Finkenwärder
-
-Nock = Ende der Rah
-
-Nüff = Nase
-
-offermorgen = übermorgen
-
-Patt = Pfütze
-
-Pek = Schlittenhaken
-
-Plicht = kleine Koje
-
-Poller = kurzer Deckspfahl
-
-Posensteel = Gänsekiel, Federhalter
-
-Priel = schmaler Wasserarm
-
-Putt = Sumpf
-
-Pütze = Schiffseimer, an einem Tau befestigt
-
-Ramm = Hexenschuß
-
-raum ist der Wind, der von hinten kommt
-
-Reepschläger = Seiler
-
-reffen = die Segel durch Zusammenrollen verkleinern
-
-Reff = der zusammengerollte Teil des Segels
-
-Rickels = Zaun
-
-Riemen = Ruderstange
-
-rollen heißt die Bewegung des Schiffes um seine Längsachse
-
-Ruder = Steuer
-
-sacken = sinken
-
-Schallen = Schlickvorland
-
-Scharben = scharfschuppige Schollenart
-
-schechten = ausschreiten
-
-Scheger = Holzbrettchen, das beim Netzmachen die Maschen hält
-
-scheistern = schwanken
-
-Schleef = Schlingel, eigentlich großer Löffel
-
-schölen = spülen, waschen
-
-Schote = unteres Segeltau
-
-Schütt = Hauszaun
-
-schwoien = drehen (nur von Schiffen)
-
-Setzbord = Reling, Bordwand
-
-Sickberg = Eisberg
-
-Siel = kleine Schleuse im Deich, aus hohlen Baumstämmen gemacht
-
-slarpen = lässig, schlürfend gehen
-
-sleupen = schleppen
-
-Smutje = Schiffskoch
-
-Spake = dicke Holzstange zum Bewegen des Spills (s. d.)
-
-Spill = Ankerwinde
-
-stampfen = die Bewegung des Schiffes um seine Querachse
-
-Steert = Netzende, eigentlich Schwanz
-
-Stegel = Weg vom Deich ins Land hinab
-
-Streek = Strich, Zug
-
-Stremel = Streifen, Stück
-
-Stropp = dickes Tau
-
-Stubben = Baumstumpf
-
-stur = aufrecht (vom Mann), hart (vom Wetter)
-
-Tamp = kleines Tau
-
-Tamp legen = ein Schiff anbinden
-
-Törn = Reihe, Tour, Zug, auch Schlinge
-
-treunen = betteln
-
-troß = stolz
-
-Tunner = Zunder
-
-Vogel Bunt = Vagabund
-
-Wake = Wasserstelle im Eis
-
-Warbel = Drehriegel
-
-Wanten = Taue, die die Masten seitlich halten
-
-Wart = Enterich
-
-Wichel = Weide
-
-Wiem = Hühnerstall
-
-Winsch = Winde
-
-Wisch = Wiese
-
-ziepen = piepen (ein Fahrzeug ziept, wenn es ein wenig leckt).
-
-
-
-
-
-
-
- Verlag von M. Glogau jr. in Hamburg 36
-
- Gorch Fock
-
- Seefahrt ist not! Roman. 120. Tausend. Gebunden.
-
- Schiff vor Anker. Erzählungen. 16. Tausend. Gebunden.
-
- Fahrensleute. Neue Seegeschichten. 36. Tausend. Gebunden.
-
- Hamborger Janmooten. Een lustig Book. 42. Tausend. Geb.
-
- Nordsee! Erzählungen. Mit einem Bilde des Dichters. 55. Tausend.
- Gebunden.
-
- Sterne überm Meer. Tagebuchblätter und Gedichte mit
- Lebensbeschreibung und Bild des Dichters. 45. Tausend. Gebunden.
-
- Hein Godenwind, de Admirol von Moskitonien. Eine deftige
- Hamburger Geschichte. 48. Tausend. Gebunden.
-
- Schullengrieper und Tungenknieper. Finkenwärder Geschichten. 48.
- Tausend. Gebunden.
-
- Schiff ahoi! Ausgewählte Erzählungen. 22. Tausend.
-
- Doggerbank. Niederdeutsches Drama.
-
- Georg Droste
-
- Dokter Langbeen und anner Geschichten von Tiere un Minschen. 11.
- Tausend. Ein Buch voll Herz und Humor, rührend und lustig
- zugleich, dessen Wert unvergänglich ist.
-
- Wilhelm Poeck
-
- Poggenkönig un Dübelsprinzessin. Lustige plattdeutsche Märchen
- für Jung und Alt. Gebunden.
-
- Der Herr Innehmer Barkenbusch und andere lustige Geschichten von
- der Wasserkant. 4. bis 6. Tausend. Gebunden.
-
- In de Ellernbucht. En Geschicht von de Hamborger Waterkant.
-
- Otto Ernst
-
- Hamborger Schippergeschichten. Nach Holger Drachmann in
- plattdeutsche Art und Sprache übertragen. 11. Tausend.
-
- Herr Bummerlunder. Volkskomödie in 4 Akten.
-
- Carl Fr. Wagner
-
- Hein Boller, de Hamborger Buddje. Mit sechs Bildern und
- Umschlagbild von Adolf Möller. Gebunden.
-
- Hans Much
-
- Int Kinnerland. Kinnerleeder un Schattenbiller. Ein kleines
- Prachtwerk.
-
- Im Verlage von M. Glogau jr. in Hamburg 36
- erschienen folgende
- Bücher von
-
- Fritz Lau
-
- Kopp hoch! Plattdeutsche Erzählungen. 1. bis 5. Tausend (Neuheit).
-
- Katenlüd. Plattdeutsche Erzählungen. 6. u. 7. Tausend.
-
- Brandung. Geschichten von de Waterkant. 4. bis 6. Tausend.
-
- Ebb un Flot -- Glück un Not. Plattdeutsche Erzählungen. 4. bis 6.
- Tausend.
-
- Helden to Hus. Plattdeutsche Erzählungen. 15. bis 17. Tausend.
-
- In Luv un Lee. Plattdeutsche Erzählungen. 6. bis 8. Tausend.
-
- Elsbe. Ein Stück Minschenleben. Mit einem Bildnis des Dichters.
- 6. bis 8. Tausend.
-
- ------
-
- Auszüge aus Besprechungen:
-
- Fritz Lau's Menschen wissen von Mühe und Arbeit, von Sorgen und Not,
- aber sie wissen auch wieder von Gott und sie haben immer noch ein
- herzliches Lachen in der Brust. Und wenn er dann von Kindern
- spricht, oder von Tieren erzählt, dann kann es über uns kommen,
- daß wir anhalten müssen, weil wir heilig Land vor uns sehen: so
- fein, so innig wird Fritz Lau dann. Um seiner Kinder und Tiere
- willen stelle ich ihn am höchsten. Er ist ein Meister der Stille,
- und die Stillen im Lande werden zu ihm kommen. Er macht uns die
- Augen auf und läßt uns weit sehen: in die Kindheit, in unseren
- Alltag, in den Heben. Wahr und tief und lebendig ist alles, was
- er geschrieben hat: auch alle für uns toten Dinge leben zwischen
- seinen Fingern. Fritz Lau's Bücher sind Bücher für die Wasserkante.
- Bücher für die Fahrt und das Leben. Sie sind für uns geschrieben und
- sollten von uns gelesen werden.
-
- Gorch Fock (Der Fischerbote -- Hamburg).
-
- Fritz Lau sieht die Welt mit Dichteraugen an und wird vieles gewahr,
- was andere, gewöhnliche Leute nicht bemerken. Und was er sieht,
- das weiß er lebendig zu schildern und zwar immer in den
- treffendsten, bezeichnendsten Ausdrücken. Es ist daher wie bei
- einem Maler ganz gleichgültig, was er darstellt. Unser Interesse
- wird immer gefesselt. Was er in seinen Bildern gibt, ist echte
- Poesie, und zwar echte plattdeutsche Poesie. Es gibt Bücher, und
- die bilden die Mehrzahl, die man, wenn man sie einmal gelesen
- hat, nicht wieder in die Hand nehmen mag. Zu diesen gehört das
- Buch von Fritz Lau nicht. Man kann es immer wieder lesen und hat
- immer neuen Genuß davon.
-
- Prof. Dr. Wisser-Oldenburg (Anz. für das Fürstentum Lübeck).
-
- Der Dichter weiß den Leser in seinen Bann zu ziehen, läßt ihn mit
- ihm sehen die gewaltigen Bilder der tosenden See wie die
- lachenden Fluren, das einfache Dorfleben abseits der Welt, wie
- die Tiefen in den Seelen der Meeresanwohner, die lichten und die
- düsteren Farben, -- immer verklärt von warmen, vollen
- Herzensregungen und von reiner Güte. Hinter seinen Gestalten steht
- der Dichter mit seherischen Augen, mit feinem Empfinden und
- vollendetem Können in der Formengebung: wahrhaft echte Poesie und
- Prosa. Die Erzählungen »Klas un Lena«, »De Regenbagen« und »Dat
- Polakengör«, sowie die ergreifende Schilderung »Up Scharhörn«
- gehören zu dem Besten, was ich je in mundartlicher Dichtung und
- überhaupt gelesen habe.
-
- Deutsche Tageszeitung.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 7]:
- ... der in der sechziger Jahren während der Äquinoktien ...
- ... der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien ...
-
- [S. 14]:
- ... Strömer und Liekedeeler war, ein Britte und Tunichtgut, ...
- ... Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und Tunichtgut, ...
-
- [S. 43]:
- ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis treib nicht weg und ...
- ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und ...
-
- [S. 80]:
- ... hohe Tiede Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...
- ... hohe Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...
-
- [S. 106]:
- ... Störtebecker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...
- ... Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...
-
- [S. 139]:
- ... Störtebeker barg dat Hütfaß und stellte die Bungen ...
- ... Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen ...
-
- [S. 163]:
- ... Linie und dem Sargossameer bei Westindien, in dem ...
- ... Linie und dem Sargassomeer bei Westindien, in dem ...
-
- [S. 183]:
- ... sein, daß diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...
- ... sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...
-
- [S. 231]:
- ... schalt die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...
- ... schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock</title>
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- <!-- TITLE="Seefahrt ist not!" -->
- <!-- AUTHOR="Gorch Fock" -->
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Seefahrt ist not!
-
-Author: Gorch Fock
-
-Release Date: February 26, 2016 [EBook #51303]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="titlematter">
-<h1 class="title">
-Seefahrt ist not!
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Roman</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Gorch Fock</span>
-</p>
-
-<p class="run">
-121.-130. Tausend
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<p class="printer">
-Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
- <div class="epigraph">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten,</p>
- <p class="verse">bleibt in euern Hütten, euern Zelten,</p>
- <p class="verse">und ich reite froh in alle Ferne &mdash;</p>
- <p class="verse">über meiner Mütze nur die Sterne.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="sign">
-Goethe.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Erster Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Insonderheit aber bitten wir dich für die, die auf
-dem Wasser ihre Nahrung suchen. Segne, segne die
-Fischerei auf der See und im Fluß, behüte Mann und
-Schiff in allen Gefahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als
-zuvor. Da hatte er laut und warm für seinen alten Kaiser
-gebetet, laut und warm, wie es ihm von Herzen kam,
-nicht leise und kalt, wie sein Vorgänger, ein zäher Welfe,
-der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war:
-&bdquo;Laß deine Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm,
-unsern Kaiser und Herrn, und über das ganze
-kaiserliche Haus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch,
-mit dem die Kanzel vom Sonntag Reminiszere bis zum
-stillen Freitag bedeckt war. Es schien, als wenn die
-Stimme ihm versagte und er aufhören müßte. Und er
-hielt überwältigt inne und ließ die große Stille kommen.
-</p>
-
-<p>
-Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder.
-Regungslos saß die Gemeinde. In die Augen kam eine
-Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.
-</p>
-
-<p>
-Und die <em>See</em> nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee
-&mdash; mit ihren jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem
-pfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen,
-schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten,
-mit Dünung und Gewitter, &mdash; mit geborstenen
-Segeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen
-Wracken und hilferufenden Fahrensleuten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen
-hätte.
-</p>
-
-<p>
-Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem
-Altar, die als große Schleefen zu den gegenübersitzenden
-Konfirmandinnen hinübergelacht und ihnen zugenickt
-hatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände zusammen
-und sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille
-die Väter und Brüder in den Sinn kamen, die draußen
-waren, und weil sie daran dachten, daß sie nach Ostern
-selbst in die Fischerei hineinkamen.
-</p>
-
-<p>
-Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Alle
-falteten rasch die Hände, und manches Kinderherz bebte
-&mdash; vergessen war, daß sie abends am Deich einzuhüten
-hatten und daß die Jungen dort vor den Fenstern trommelten
-und pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und
-Blindekuh oder Sechsundsechzig mitspielen durften.
-</p>
-
-<p>
-Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seite
-des Eilandes, um die die Junggäste einander Sonntag
-abends auf Musik bannig in die Wanten stiegen, weil
-keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause
-bringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzen
-Kopf, nicht allein, weil sie wußte, daß es ihr gut stand,
-sondern auch um die Seefischerei, um alle Freundschaft,
-Bekanntschaft und Verwandtschaft, die unter Segeln war.
-</p>
-
-<p>
-Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich,
-den sie den Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war,
-Hein Loop, einer der Verwegenen, der Verwogenen, wie
-sie an der Wasserkante sagen, einer von denen, die nicht
-reffen und nicht beidrehen mögen, die mit allen Lappen
-segeln und mit jedem Winde fischen, denen es ergeht wie
-dem jungen Lord von Edenhall:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">sie schlürfen gern in vollem Zug,</p>
- <p class="verse">sie läuten gern mit lautem Schall,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-die mit dem Glück von Edenhall anstoßen und es wohl
-auch einmal versuchen. Die See schmecke ihm erst dann,
-wenn sie gar sei, und gar sei sie nach seiner Meinung
-erst, wenn sie <em>koche</em>, hat Hein Loop einmal gesagt, und
-jeder, der ihn kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete
-er, denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter
-nach See, up de Schullen dol, und konnte mooi Wind
-und mooi Fang gebrauchen.
-</p>
-
-<p>
-Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine
-Macker, die nicht weit hinter ihm saßen, ließen das
-Kirchenwort in die unerschrockenen Seemannsherzen hinein,
-wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges Sprüchlein
-achteran hingen, das bei Jan hieß: Herr Pastur, de verdreihten
-Dänen ne vergeten! Bei Simon lautete es:
-Amen, Herr Pastur: ober dat Is mütt irst innen Dutt,
-ans kann ik ne rut! Und bei Hinnik besagte es: De Büt,
-Herr Pastur, de Büt, de Büt, de hürt dor ok mit to!
-</p>
-
-<p>
-Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und
-Schluchzen. Dort saßen die Seefischerwitwen, in ihren
-schwarzen Kleidern und mit den dunkeln Kopftüchern wie
-morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte Jahrgang
-hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen,
-als sei kein Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte
-und der Schmerz. Zuhinterst saß die greise Geeschen
-Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer Landkarte ähnlicher
-sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur
-noch für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See
-gegeben: ihren Vater, der dreiundvierzig vor der holländischen
-Küste über Bord gekommen war, ihren Mann,
-der in <a id="corr-0"></a>den sechziger Jahren während der Äquinoktien
-untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf
-Jahre später bei Amrum geholt hatte, ihre beiden Söhne,
-die vor neun Jahren mit ihrem neuen Ewer verschollen
-waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem großen, leeren
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen
-zurückgelassen hatten, und wunderte sich, daß sie immer
-noch lebte und daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon
-lange eine andere saß.
-</p>
-
-<p>
-Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt
-und die Augen nicht zugemacht: Thees to Baben, der
-Segelmacher und Spökenkieker, der Blut stillen, Krankheiten
-besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen
-bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens
-besaß. Er beobachtete den Pastor scharf, und als
-Bodemann die Augen schloß, machte Thees seine weit
-auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn
-kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich
-stieg und über die Äcker, Gräben und Wischen wallte,
-ohne eines Weges oder Steges zu bedürfen, der durch die
-von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte und die
-Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle
-leeren Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie,
-die gekommen waren, die gebliebenen Fahrensleute, die
-alten und die jungen, die Schiffer und die Knechte. Mit
-weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher
-sie an. Wie sie über Bord gespült waren, standen und
-gingen sie, das Wasser leckte ihnen von den Südwestern,
-glänzte auf den Ölröcken und quoll aus den Seestiefeln.
-Der Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter
-sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt
-geworden war. Dabei blieb er ruhig, denn er war an
-Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der Toten ihn ansah,
-schüttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an den
-Segeln hat es nicht gelegen, daß ihr geblieben seid: die
-Segel waren gut! Wobei er allerdings voraussetzte, daß
-er sie auch wirklich gemacht hatte.
-</p>
-
-<p>
-Endlich &mdash; ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein
-befreiendes Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Sperlingsgeschrei draußen in den Erlen und Eschen. Da
-vergingen Gespenster und Gedanken, die Sonnenstrahlen
-fingen wieder an zu spielen und Alt-Bodemann bekam
-seine Sprache zurück. Und als er dann bei seinem Herrgott
-um den Hausstand anhielt und alle, die dazugehörten,
-um gottesfürchtige Eheleute, Eltern und Herren, gehorsame
-Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war
-die große Stille vorüber: die Konfirmanden machten
-wieder ihre verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten
-und stießen einander im geheimen an, Gesine Külper
-dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees Segelmacher
-stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp
-zu, als wenn er noch Pastor werden wollte, und die
-Fahrensleute rollten die Prüntjer geruhig wieder hinter
-die Kusen.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe
-der Orgel auf dem Chor saß, war von der Erinnerung
-an seinen Vater freigekommen, die ihn jäh befallen hatte,
-und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen. Denn
-er hatte sich so zu Anker gehen lassen, daß er nicht allein
-recht in der Sonne saß, sondern auch aus dem Fenster
-sehen konnte. Hinter den Wischen und Gräben sah er
-den hohen Deich aufragen und über den Stroh- und
-Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der
-Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk
-lagen, und die Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser,
-hart am holsteinischen Elbufer, auf und ab fuhren:
-Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und Freude
-füllten!
-</p>
-
-<p>
-Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf
-achtete, so konnte nur sein Junge schuld daran sein, der
-unter seinen Augen unermüdlich neben der Kirche im
-Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint, daß
-er ihn nicht mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-seine Absicht gewesen war, als der Junge ihm mit dem
-Hund nachgekommen war und gesagt hatte, sie wollten
-das Gesangbuch tragen und ihn bis an die Kirchentür
-bringen. Denn hätte der Vogel Bunt so lange ruhig
-gesessen und geschwiegen? Sicherlich nicht &mdash; er wäre
-bald aufgestanden und umhergelaufen und hätte geguckt
-und gezeigt und gefragt und getan: beim stillen Eingangsgebet
-in der Fensternische hätte er gefragt, wie
-jener Bauerjunge vom Osterende getan hatte, als er
-seinen Vater in den Hut gucken sah: Du Vadder, lot mi
-ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel hätte er in
-den Händen gewogen und ausgerufen: Junge, Junge,
-Vadder: dor is ober plenni Monne in! Und Geeschen
-Witten hätte er laut gefragt: Diern, Geeschen, wat schreest
-du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten geben?
-Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wäre, hätte er
-geantwortet: ick bün vörn Pastur ne bang, Vadder! &mdash;
-oder eingewendet: de lebe Gott is ne bi Hus, Vadder,
-de kann mi nix seggen!
-</p>
-
-<p>
-Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen,
-was er alles angerichtet hätte, und es war besser, daß
-er draußen seine Wache abreißen mußte.
-</p>
-
-<p>
-Der Seefischer lachte in sich hinein.
-</p>
-
-<p>
-Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen
-Rolf sich zu ihnen gesellt und schalkhaft-ernst gemeint:
-wenn der Junge mit hinein wolle, müßten ihm wohl
-erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine Steine
-bei sich behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe.
-Solle er aber draußen bleiben, dann wäre nur zu
-wünschen, daß der Pastor es kurz und knapp mache, damit
-der Junge nicht die Geduld verliere und alles in
-Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt die Kirche von
-oben bis unten angeguckt und dann ernsthaft erwidert
-hatte, die brenne ja gar nicht, weil sie ganz aus Stein
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-gemacht sei. &mdash; Da war dem Seefischer ein köstlicher Einfall
-gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand genommen
-und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen
-Apfelbaum und einen Birnbaum gezeigt und ihm gesagt,
-der eine sei der Großmast und der andere der Besansmast
-und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter
-Hand sei Steuerbord und linker Hand sei Backbord. Dat
-brukst mi ne to vertillen, hatte der Junge geeifert, dat
-weet ik jo all lang! Na, dann solle er aufpassen, war des
-Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle einmal ausfindig
-machen, ob der Junge schon etwas könne, ob er
-schon zu etwas zu brauchen sei: darum solle er auf dem
-Ewer zwischen den Bäumen eine Wache nehmen, wie auf
-See in der Schollenzeit, zwei Stunden hindurch. Der
-Kompaß läge Nordwest an: er solle darauf achten, daß
-er nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, daß die
-Segel immer voll Wind seien und nicht klapperten, und
-guten Ausguck halten, damit er keine Haverei mit andern
-Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Großer genickt
-und war von Herzen damit einverstanden gewesen,
-er hatte sogleich das Deck mit großen Schritten ausgemessen,
-hatte Großmast und Besan mit den wirklichen
-Masten verglichen und den Kopf in den Nacken geworfen
-und die Äste auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel
-geprüft.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Van Burd dött ik ober doch ne gohn, ne, Vadder?&ldquo;
-hatte er noch gefragt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och du Dösbattel,&ldquo; war des Seefischers Erwiderung
-gewesen, &bdquo;kannst du ok van Burd gohn? Büst doch up
-See, is doch all Woter üm di rüm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seemann?&ldquo; Klaus Mewes hatte den struppigen Hund
-ergriffen und an den Birnbaum gesetzt. &bdquo;Sitten blieben,
-Seemann! Dat is dat witte Nachthus, Störtebeker, un
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-sien Nüff, dat is de Kumpaß.&ldquo; Nun wisse er wohl alles:
-er brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das
-Helmholz festzuhalten, sondern könne geruhig auf Deck
-hin und her gehen, wie die Fischerleute es täten, hatte
-der Seefischer geschlossen und war in die Kirche getreten,
-während der Junge unter dem Geläut der Glocken und
-dem Gebraus der Orgel an seine erste Schiffswache gegangen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und
-der Junge ging immer noch ernst und wachsam zwischen
-Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als ob er wirklich
-an Bord sei, denn er wollte beweisen, daß er schon groß
-genug wäre und allein die Wache gehen könne. Er wollte
-zeigen, daß er schon mit der See klar kommen könne,
-damit sein Vater ihn im Sommer mit auf den Ewer
-nahm, wie er ihm versprochen hatte. Wie nach Segeln
-blickte er nach den Zweigen hinauf. Einen Buchfink, der
-im Wipfel des Apfelbaumes saß, ließ er sich als Flögel
-gefallen. Er hatte die Hände nach Fischerart tief in die
-Hosentaschen gesteckt und pfiff gefühlvoll vor sich hin,
-spuckte auch einmal großartig in die See hinein, als wenn
-er bange sei, daß er kein Wasser genug habe und aufs
-Trockne komme.
-</p>
-
-<p>
-Es schien stürmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte
-ihm das weiße Nachthaus über Bord, sei es, weil eine
-Ratte über den Graben schwamm oder weil sich eine Katze
-auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte. Junge,
-was war das für ein Stück Arbeit! Was sollte der Wachhabende
-tun? Nachlaufen konnte er nicht, denn ringsherum
-war Wasser, das keine Balken hatte: er verlegte
-sich deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das nicht
-half, dachte er schließlich: och wat, nu jump ik eenfach
-ober Burd: ik kann jo swümmen &mdash; und lief nach der
-Wurt oder nach dem Graben, ergriff sein Nachthaus und
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-schleppte es zurück, wobei er pustete, als wenn er wirklich
-im Wasser sei, stellte es wieder an den Birnbaum und
-sagte: &bdquo;Du müß sitten blieben, Seemann, ans hebb ik
-keen Kumpaß!&ldquo; Dann guckte er verstohlen nach den
-Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich nicht ganz sicher,
-ob er über Bord springen durfte.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn,
-während ihm das Blut, das die Sonnenstrahlen geweckt
-hatten, heftig und stark in den Schläfen klopfte. Das
-war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren,
-den blauen, nordischen Augen und dem wettergebräunten
-Gesicht, der eine graue, wollene Matrosenmütze aufhatte,
-um den Hals ein schottischbuntes Tuch trug, einen weißblauen
-Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte
-und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat,
-der auf Freiwache ist und sich landfein gemacht
-hat. Das war sein Junge! Wer den so gehen und stehen
-sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland einfallen:
-Jung Siegfried war ein stolzer Knab &mdash; und durch die
-Brust seines Vaters brauste ein solches Lied, das die
-Orgel übertönte.
-</p>
-
-<p>
-Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor,
-einen Fahrensmann aus ihm zu machen, einen Seefischer,
-einen so furchtlosen und verwegenen, wie Finkenwärder
-noch keinen gehabt hatte. Noch diesen Sommer wollte er
-ihn mit nach See nehmen, ob auch die Mutter weinte und
-die Leute den Kopf schüttelten. Lachend wollte er ihnen
-trotzen, denn er war es nicht gewohnt, auf andere zu
-hören, weder an Land noch auf See. Wie seinen Ewer,
-so steuerte er auch sein Leben selbst.
-</p>
-
-<p>
-Ja, Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden!
-</p>
-
-<p>
-Der Junge hieß Klaus Mewes, wie er selbst, aber
-das ganze Eiland, mit Ausnahme von Gesa, nannte ihn
-Klaus Störtebeker, einmal, weil er wirklich ein großer
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Strömer und Liekedeeler war, ein <a id="corr-1"></a>Brite und Tunichtgut,
-dann, weil sein grüner Kahn diesen Seeräubernamen an
-Steven und Gatt trug, schließlich auch wegen des Großvaters,
-dem er noch ähnlicher sehen sollte als seinem
-Vater, wie die alten Leute behaupteten, &mdash; der auch
-Klaus Mewes geheißen hatte, wegen seines Freibeutertums
-aber allgemein Störtebeker genannt worden war.
-Was den kleinen Klaus Mewes anbetraf, so war der mit
-seinem Seeräubernamen so einverstanden, daß er auf
-seinen wirklichen nicht mehr hörte: rief einer Klaus, so
-sagte er: Klaus gifft en ganzen barg! &mdash; nannte ihn
-einer Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is mien Vadder,
-du anner! &mdash; erst bei Störtebeker ließ er sich ermuntern
-und antwortete.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache
-ging, wie genau er das Deck abmaß! Da war kein Schritt
-zu viel und keiner zu wenig! Wenn er sich beim Birnbaum
-umdrehte, vergaß er niemals, nach dem Kompaß
-zu sehen und die Segel zu überholen; wenn er beim
-Apfelbaum angekommen war, spähte er luvwärts und
-leewärts über die See. Mit großem Behagen und einiger
-Verwunderung bemerkte der Seefischer diese Einzelheiten,
-die ihm sagten, daß der Junge ihm und den anderen
-Fahrensleuten schon viel mehr abgeguckt hatte, als er
-glauben wollte. Nichts störte den kleinen Fischer, der
-wußte, daß er auf See war und kein Land in Sicht hatte,
-und sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte,
-noch den vorüberrollenden Wagen nachlief.
-</p>
-
-<p>
-Daß der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der
-Predigt hörte, war nicht zu verlangen: er wurde kaum
-gewahr, daß der goldene Stern oben an der Orgel klingend
-lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und hätte sogar
-den Klingelbeutel übersehen, wenn der ihm nicht pall
-unter die Nase gehalten worden wäre. Nur der Gesang
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-lenkte ihn eine Zeitlang von seinem Jungen ab, denn
-es brauste gewaltig durch die Kirche: Krist Kyrie, komm
-zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es ihn, denn
-das war kein Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie
-ein todesbanger Schrei hörte es sich an und schlug wie
-Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es war, als wenn
-die Stürme sich wieder erhöben und die See und die
-Herzen aufwühlten, die Segel und die Seelen zerrissen,
-als wenn Geisterlaute, die Stimmen der Ertrunkenen, der
-Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar drückte der
-Küster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn
-dachte, so übermächtig sangen die Fahrensleute.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte, es
-komme Wind auf, weil es mit einem Male so brauste.
-Aber er durfte und wollte sich nicht bange machen lassen
-und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den Bäumen,
-deren Stämme der Hasen und der Raupen wegen mit
-Kalk bestrichen waren. Unverdrossen hielt er aus, bis
-der Mond aufging, der stille, milde Freund der Menschen:
-Peter Wittorfs rundes, glänzendes Vollmondsgesicht erschien
-in der Schalluke auf dem Turm. Die Glocke mit
-der Aufschrift: Ut dat Füer bün ik floten / Peter Struve
-hett mi goten &mdash; begann, sich leise knarrend zu wiegen,
-schwang sich höher und höher, bis der Klöppel dröhnend
-gegen den Mantel schlug und das helle Geläut sich erhob.
-Die Türen wurden aufgestoßen, die Jungen stürmten
-heraus, als sei drinnen eine Feuersbrunst ausgebrochen,
-die Mädchen drängten nach, dann kamen die Fahrensleute
-und die Frauen: da ging das Nachthaus bellend in die
-Binsen und war nicht wieder in Sicht zu bekommen, so
-laut Störtebeker auch rief und pfiff. Aber wenn er nun
-auch ohne Kompaß war, so hielt er dennoch getreulich
-aus und verließ seinen Posten nicht, bis sein Vater lachend
-zu ihm trat und ihn erlöste.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Ob er auch Haverei gehabt hätte? Nein, nur das
-Nachthaus wäre siebenmal über Bord gekommen! Ob
-der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein feiner
-Streek, hundert Stiege, große Südschollen!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Deubel ok, du kannst dat ober!&ldquo; lobte Klaus Mewes.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä, Vadder, dat harrst di woll ne dacht, wat? Nimm
-mi man mit no See, denn schallst mol sehn, wat wi de
-Fisch belurt!&ldquo; sagte der Junge mit blitzenden Augen und
-fuchsklugen Nasenlöchern.
-</p>
-
-<p>
-Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und
-erwiderte, sie wollten erst mal sehen, ob die Klütjen noch
-schmeckten. &bdquo;Kumm, Seemann!&ldquo; Und er schechtete groß
-und heiter auf dem Kirchenweg entlang und überholte
-eine dunkle Reihe nach der andern. Immer größer wurden
-seine Schritte, so daß Störtebeker in Sprüngen laufen
-mußte, um mitzukommen, und Seemann, der weite Wege
-gar nicht gewohnt war, weil er sonst nur von Backbord
-nach Steuerbord zu wackeln brauchte, seine rote Zunge
-als Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht
-bewegen konnte, sich aus der Fahrt laufen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die
-mißbilligenden Blicke der Alten zu kehren. Was ging es
-ihn an, daß auf dem Kirchenwege nicht gelacht werden
-sollte? Er tat, was er wollte, und aß, was ihm schmeckte,
-der große Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem
-Winde bot, weil er keinen mürben Kram fuhr, der wußte,
-daß er den besten Ewer unter den Füßen hatte, mit dem
-sich etwas beschicken ließ, und der Herr und König seines
-Lebens war. Nicht umsonst hatte er Tag und Nacht, bei
-jedem Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der
-Besan wehen: das war der Tiefe seines Wesens entsprungen
-und entsprach seiner Liebe zu seinem Fahrzeug,
-seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind das
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-bunte Tuch zerfetzt, dann zog er unbekümmert eine neue
-Flagge auf und ließ weder Furcht noch Aberglauben in
-seine Seele hinein. Sonnigen Herzens pflügte der glückliche
-Fischer die See, lachend strich er den reichen Segen
-ein, den sie für ihn hatte, und wenn der Fische noch so
-viele waren. Fremd war ihm das alte heidnische Gefühl,
-das den Bauer bewog, sein Feld nicht ganz zu mähen,
-sondern eine Ecke Hafers stehen zu lassen, für die Götter,
-für Wotans Schimmel.
-</p>
-
-<p>
-Sie sagten, man solle und dürfe niemand aufs Wasser
-weisen. Wer den Weg nach dem Schiff nicht von selbst
-finde, aus dem könne doch kein Seemann werden: am
-besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen
-seiner Eltern und aller Willen zur See gegangen sei.
-Was scherte das Klaus Mewes, den Lachenden? Er sprach
-mit seinem Jungen nichts als Fischerei und Seefahrt
-und erfüllte ihn mit nichts anderem, als daß er Fahrensmann
-werden müsse und solle. Was für Last haben die
-Frauen am Deich, daß sie die Kinder vom Graben und
-von der Elbe fernhalten, daß sie sie aus den Böten und
-Kähnen herausbringen! Goh man ne bit Woter! ist ihr
-zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er
-lacht und sagt: &bdquo;Goh man betjen bit Woter, Störtebeker!
-Schipper man mol, klüs man mol not Fohrwoter raf,
-seil man betjen, swümm man mol, dor liggt de Boot,
-dor is de Kohn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem
-Eisen ins Herz und drückte es tief und unverwischbar,
-unauslöschlich ein: Ne bang warrn! Nicht bange werden,
-sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange werden,
-zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel
-ist, ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem
-Wasser noch an Land, weder in den Masten noch auf
-den Bäumen, weder vor Menschen noch vor Tieren, weder
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht
-bange werden!
-</p>
-
-<p>
-Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind.
-Bang dött ik ne warrn, ans komm ik ne no See, sagte
-er sich immer wieder, wenn ihm etwas Furcht einjagen
-wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater
-es wollte.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht, und Klaus
-Mewes blickte aufatmend über die Elbe. Und wenn er
-auch die Fischerewer noch im Wintereise sitzen sah, das
-nicht von den Schallen schmelzen wollte, so fischte und
-segelte er doch im Morgenlicht mit allen Segeln bei
-Helgoland. Und wenn Störtebeker sich auch noch mit dem
-Gesangbuch abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord
-und wies ihm die Feuerschiffe vor der Elbe und die
-Lotsenschoner auf See.
-</p>
-
-<p>
-Da grüßte sein Ewer über das Eis, er sah seine Flagge
-flattern &mdash; und seine Seele faßte noch mehr Wind, als
-sie schon bereichte, denn sie setzte die letzten und höchsten
-Segel.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-Zweiter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Klaus Störtebeker stand auf dem Deich, hatte die
-Hände hohl um den Mund gelegt und rief die Leute.
-&bdquo;Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat eten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Endlich entstiegen sie der Kambüse, winkten mit der
-Hand, zum Zeichen, daß sie verstanden hätten, und kamen
-über das Eis.
-</p>
-
-<p>
-Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte.
-Auf der Bank mit dem Blumenkranz und dem
-Namen und der Jahreszahl saß zu oberst der Schiffer,
-rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der
-Junge, Störtebeker aber neben ihm auf dem bunten Bankkissen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Gesa trug die vollen dampfenden Schüsseln auf. Es
-gab frische Suppe mit bunten Korintenklütjen. Safran,
-Suppenkraut und Muskatnuß fehlten nicht daran, und ein
-Stück Fleisch, wie ein halber Ochse groß, kam dazu auf
-den Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den
-großen, blanken Schöpflöffel und füllte sein Fatt, seinen
-Teller. Als er genug hatte, gab er den Löffel dem Knecht.
-Störtebeker bekam ihn zu allerletzt, obgleich er vielleicht
-am hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung, die
-am Deich galt, durfte nicht gerüttelt werden, obschon Klaus
-Mewes sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort kehrte:
-Fleesch förn Schipper, Klütjen förn Knecht, Kantüffeln
-förn Jungen. Er gab ein Essen, wie es selbst die großen
-Bauern nicht besser geben konnten.
-</p>
-
-<p>
-Bi Disch ward ne snackt: das war nichts für Klaus
-Mewes, da hätte ihm wohl einer ein Pechpflaster auf
-den Mund backen müssen, wenn er das gesollt hätte. Er
-sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken, und
-ließ sich auch durch die verweisenden Blicke seiner Frau
-nicht aus dem Kurs bringen.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker aß fünf Klöße, Gotts den Donner, wat
-kunnt angohn! &bdquo;Vörre Hand weg, Vadder,&ldquo; versicherte
-er, &bdquo;ohn uttoseuken; wenn ik no de lütjen langt harr,
-harr ik wenigstens söben upkregen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oder söbenuntwintig,&ldquo; gab der Knecht trocken drein,
-aber Störtebeker verstand den Spott nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik wull, wi eten irst lebennige Schullen, Vadder, de
-smeckt noch en barg beter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat wull ik ok,&ldquo; rief Klaus Mewes und blickte nach
-seinem Ewer hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Er hätte ja die Schollen annehmen können, die Jan-Ohm
-von der Aue geschickt hätte, meinte Gesa, aber er
-wehrte ab und sagte, das wäre ja noch schöner, wenn
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus bringen
-ließe! Gott solle ihn bewahren: die müsse er selbst aus
-der See geholt haben oder sie schmeckten ihm nicht. Er
-sah seinen Jungen an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, Störtebeker?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten,
-Klaus der Schiffer, Kap Horn der Knecht und Klaus
-Störtebeker. Hein Mück der Junge hatte Urlaub genommen:
-die drei aber klapperten mit den Schegern und
-fuhren mit den Nadeln in der Luft herum, obgleich Gesa
-mit der Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag keineswegs
-einverstanden war und eine Lippe zog. Aber die
-Netzmacher ließen sich nicht stören.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus
-Mewes sein Knecht. Er hieß eigentlich anders, aber auf
-Finkenwärder nannten sie ihn allgemein Kap Horn. Viele
-sagten auch Korl Horn, namentlich die Gören.
-</p>
-
-<p>
-Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre
-auf großen Schiffen gefahren hatte, auf hamburgischen
-und englischen, der im Süd-Atlantik Albatrosse geangelt
-und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und dreißigmal
-unter der Linie durchgekommen war. Warum er
-dann noch von der großen Fahrt abgemustert hatte und
-vom Viermastvollschiff auf den Fischerewer geklettert war,
-weiß ich nicht: er fuhr aber schon zwölf Jahre bei Klaus
-Mewes und war schon fast zu einem Finkenwärder geworden,
-nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer
-Ton und er gab noch oft ein englisches Wort drein. Und
-dann hielt er sich als alt- und weitbefahrener Matrose
-für etwas Besseres als die anderen Fischerknechte, die
-doch höchstens einmal holländisch oder dänisch sprechen
-gehört hatten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann
-pflegte er einfach zu fragen: &bdquo;Kap Horn?&ldquo; Und wußte der
-andere dann nicht einmal, was gemeint war, so spuckte
-er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um
-und sagte, mit Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er
-aber ein Ja als Antwort, so fragte er schnell: &bdquo;Veel
-mol?&ldquo; &bdquo;Dree oder so.&ldquo; Dann lachte er und sagte: &bdquo;An
-mi kannst nich klingeln, old boy: ik bün soßtein Mol
-um Kap Horn seilt un nu lot dien Prohlen man en
-bitten no.&ldquo; Bei einer solchen Gelegenheit war er auch
-Kap Horn getauft worden.
-</p>
-
-<p>
-Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster
-und war bei einer weißen Manillakurre, Klaus Mewes
-arbeitete an einem Zungensteert, mit dem er nur langsam
-weiter kommen konnte, und Störtebeker hatte etwas
-in der Mache, von dem er steif und fest behauptete, daß
-es eine Bunge werden sollte, ein Reifenkorbnetz für Hechte
-und Schleie, während Kap Horn auf ein Zwiebelnetz riet
-und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine für den
-Krähenkäfig hielt. Sie hatten es gleich wichtig. Wie
-Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf
-den Schegern reihte sich Masche an Masche. Dabei aber
-wurde ausgiebig geklönt, denn niemand hatte uppen Stutz
-zu mindern und Maschen zu zählen, also besonders aufmerksam
-zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein
-altes Matrosendöntje von St. Pauli auf und begann
-zu singen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;In England geiht dat lustig her,</p>
- <p class="verse">dor bot se Scheepen grot un swor,</p>
- <p class="verse">een bannig Deert von Ungetüm</p>
- <p class="verse">dat sall jo de Gretj Astern sien!</p>
- <p class="verse">Lang is dat Deert twee dütsche Mil,</p>
- <p class="verse">hoch annerthalf von Deck to Kiel!</p>
- <p class="verse">Soß Masten, hoch bet an den Moon,</p>
- <p class="verse">acht Dog brukt een, um roptogohn ...&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem
-Graben gewesen war und die Enten gefüttert hatte, trat
-in die Dönß und untersagte ihm den Hymnus mit den
-Worten: &bdquo;Sünndogs ward ne sungen, Korl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von
-seinem gräßlichen Seeräubernamen nichts wissen wollte,
-gab auch Kap Horn nicht seinen Spitznamen, sondern
-nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was
-für einen Gefallen damit zu tun. Janmaat verdeffendierte
-sich aber:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr
-man getrost tohop un mok man Fierobend un les man
-mol inne Bibel,&ldquo; priesterte sie, und als Klaus Mewes
-herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: &bdquo;Ji dree sündt jo
-woll ne, sünd woll rein mall worden, stillt jo uppen
-Sünndag vört Finster hin un knütt! Weet ji ok, keen
-sünndogs arbeit?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Uns Herr Pastur!&ldquo; sagte Klaus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, de Bedelmann! För uns Lüd is de Week dor!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus erwiderte gelassen, es müsse aber sein, denn es
-sei Tauwetter und das Eis könne jede Tide abtreiben, so
-daß sie fahren müßten, er wolle und wolle die beiden
-Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der Fischerei
-unterbliebe das Knütten doch wieder.
-</p>
-
-<p>
-Und er müsse seine Bunge auch klar haben, verteidigte
-Störtebeker sich, denn sein Vater solle sie ihm noch einstellen.
-Was sie wohl meine, die ganzen Gräben säßen
-voller Hechte.
-</p>
-
-<p>
-Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder
-nach dem Boden oder nach dem Ewer gehen, fing Gesa
-wieder an, die sich über sie ärgerte. Sie sollten sich doch
-nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich sprächen
-sie sicherlich wieder davon und hielten sich darüber auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-&bdquo;Lot jüm, Mudder,&ldquo; erwiderte Klaus sorglos, &bdquo;ik blief
-doch hier, mag to giern sehn, wenn welk uppen Diek
-langs goht un mi inne Finstern kiekt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er füllte die Nadel, die leer geworden war, und
-knüttete weiter.
-</p>
-
-<p>
-Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte
-sich in der Küche zu schaffen, von wo sie über die Bauerndächer
-und Obstbäume nach ihrer Heimat sehen konnte,
-nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte die
-Fischer nicht verstehen! Sie war noch keine Fischerfrau
-geworden und fühlte wieder mit bitterem Schmerz, daß
-aus ihr niemals eine werden konnte. Immer noch graute
-ihr vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war ihr fremd
-und unverständlich. Sie konnte sich nicht helfen. Das
-eine ließ sich nicht abschütteln und das andre nicht lernen.
-Klaus rüstete mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse
-Zeit kommen, sie hörte schon den Regen gegen die Fenster
-schlagen und den Wind an der Tür saugen und wußte
-nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf
-See zu wissen. Sie liebte ihn tief und heiß und lag in
-seinen Armen wie im Sonnenschein, aber seine Fahrten
-machten sie bange und sie wünschte im Herzen nichts sehnlicher,
-als daß er kein Seefischer wäre, sondern Bauer
-oder Handwerker oder sonst etwas anderes an Land.
-Könnte er nicht etwas anderes beschicken, könnte er nicht
-sein Fahrzeug verkaufen, wie andere Fischer es getan
-hatten?
-</p>
-
-<p>
-Aber Klaus Mewes &mdash; und das tun? Sie mußte doch
-lächeln über den Gedanken. Bis Blankenese müßte es
-gewiß zu hören sein, sein Lachen, wenn sie davon spräche,
-daß er an Land bleiben solle.
-</p>
-
-<p>
-Da saß sie nun in ihrem Glück, um das die ganze arme
-Heide sie beneidete, war eine große Seefischerfrau mit
-Haus und Hof und Deich, der jede Reise die Hundertmarkscheine
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-auf den Tisch flogen, und war doch nur ein armes
-Weib voll Unruhe und Bangigkeit, die immer und überall
-Wetter und Wolken aufsteigen sah und ihres Lebens nicht
-froh werden konnte. Wie manchen Tag sehnte sie sich
-schon nach der stillen, einsamen Geest zurück, wo sie nichts
-von Schiffen und von Seefahrt gewußt hatte, wie manchen
-Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum einherging!
-Wie manche Nacht ließ der Wind sie nicht einschlafen,
-wie manches Mal jagten die Blitze sie aus dem Bett, wie
-oft schreckten sie die Stimmen der geängstigten Schiffahrt
-im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war
-auf See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwärder
-Frauen aber hatte sie wenig Verkehr und Freundschaft,
-weil sie fühlte, daß sie als Butenländerin nicht ganz
-für voll angesehen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Wie wichtig sie es in der Dönß hatten! Als wenn sie
-sie gar nicht vermißten! Wie sie lachten, Klaus Mewes
-am lautesten!
-</p>
-
-<p>
-Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben
-hatte, denn so hatte sie noch niemals jemand
-lachen gehört! Das hatte sie in seine Arme gedrängt,
-hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem
-Heidehof in das Fischerhaus, und hatte sie nicht an die
-Not und Schwere des Seefischerlebens denken lassen. Vergessen
-war es gewesen, was sie gehört und gelesen hatte
-von Sturm und Untergang: wo einer so lachen konnte,
-da konnte weder Unglück noch Gefahr sein, hatte sie gemeint,
-als Klaus sie freite.
-</p>
-
-<p>
-Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch
-nicht verlernt, aber sie konnte es jetzt nicht mehr ohne
-Schmerz hören, es schnitt ihr ins Herz, wenn sie an das
-Finkenwärder Elend, an die Witwen und Waisen, an
-all die Tränen und unruhigen Stunden dachte, es kam
-ihr wie ein Frevel, wie eine Sünde vor. Daß er so verwegen
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-war, machte ihr das Herz noch schwerer, und eine
-trübe Ahnung früher Witwenschaft hing ewig wie ein
-dunkles Gewölk über ihrem Leben.
-</p>
-
-<p>
-Wie laut sie erzählten, die beiden Seefischer! Gewiß
-von nichts anderem als von Fahrt und See, und die
-durstige Seele des Jungen trank es. <em>Der</em> war schon der
-See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet
-und wurde es von Tag zu Tag mehr. Es war ja schon
-ausgemacht, daß er den Sommer mit an Bord solle: all
-ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und
-ihre Heide dachte kein einziger, niemand bekümmerte sich
-darum. Wie lange Zeit war sie nicht mehr zu ihren
-Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus
-lachte, wenn sie davon sprach, sie solle gern hingehen und
-alle grüßen, aber was er auf der Geest beschicken solle?
-Er könne auch so weit nicht laufen. Den Jungen bekam
-sie nur mit halber Gewalt dazu, daß er mitging. Seitdem
-er wußte, daß sein Vater sich nichts aus der Geest
-machte, trug auch er kein Verlangen danach. Dort sei
-für einen Seefischer nichts zu lernen, echote er, dort gäbe
-es ja nur Heide und Sand und Steine und weiter gar
-nichts.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich aber ging Gesa doch nach der Dönß zurück,
-weil ihr zu kalt wurde, suchte ihr Strickzeug her und
-setzte sich neben den weißen Kachelofen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kiek mol an, Mudder knütt ok, Vadder,&ldquo; rief der
-Junge lustig, &bdquo;kiek mol an, Kap Horn, un uns will se
-wat seggen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da mußte sie wider Willen doch mitlachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat sä de Pastur denn Godes, Klaus?&ldquo; fragte der
-Knecht, &bdquo;hette ok beet, dat dat Is bald doldrifft un wi
-no See seilen könnt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-&bdquo;Jo, dat segg man,&ldquo; sagte Klaus und riß grimmig an
-seiner Kurre, &bdquo;ik wull, dor keum mol Westenwind achter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er blickte über die Schallen, auf denen die Fleek, das
-dicke Eis, schon seit Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter
-Fall, bis in die Mitte der Elbe stand es noch,
-zwar schwärzlich und mürbe, aber es hing doch noch zusammen.
-Dagegen war das Fahrwasser drüben schon fast
-frei von Eis, dort trieben nur noch große und kleine
-Schollen. Dort segelten denn auch schon die Fischerfahrzeuge
-vom Audeich, dem anderen Ende des Eilandes, dort
-kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken, dort fischten
-schon die Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen
-und die Hamburger Smietnettfischer nach Butten, während
-das Neßgeschwader, das aus dreißig Ewern, neun Kuttern,
-sieben Wattjollen, einigen fünfzig Elbjollen und Böten
-bestand, noch im Eise festsaß und nicht mitkonnte. Die
-Auer und Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen
-Schollen die Elbe herauf, einige hatten schon große
-Reisen nach der Weser gemacht: Klaus Mewes aber und
-seine Nachbarn saßen noch fest. Wenn der Eisbrecher
-binnen Wasser genug gehabt hätte, wäre ihnen längst
-geholfen gewesen, aber der große Beißer konnte nur eben
-den Rand ein wenig glatt fressen.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes sah, daß zwei weiße Kutter von einem
-kleinen Schlepper von Blankenese heraufbugsiert wurden,
-die sicherlich den Bünn voller Schollen hatten, und kam
-sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrümmerten das Eis
-und brachen sich einen Weg nach dem offenen Wasser.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi sülben Isbreker
-speelt?&ldquo; rief er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat seggst du, Klaus? Du wullt en Isbreker utgeben?&ldquo;
-fragte der alte Janmaat, der gerade mit brausendem
-Monsun in den Segeln zwischen dem Kap der guten
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wi weut di bi Isbrekers,&ldquo; warf Störtebeker laut dazwischen,
-&bdquo;swarten Kaffe schallst du hebben!&ldquo; Klaus aber
-hatte seinen Plan schon unter Segeln. &bdquo;Wi möt allemann
-bi,&ldquo; rief er, &bdquo;Hütz mitte Mütz, Lütjfischers un Seefischers,
-Schippers un Lüd! Wi stekt uns beiden Kurrlienens
-ut un spannt uns alltohop vör un denn teht wi an!
-Schallst mol sehn, wo gau wi denn not Fohrwoter raf
-kommt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat jä? Meenst, wat wi ne soveel Hölpslüd uppen
-Hümpel kriegt?&ldquo; fragte der Schiffer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik hilp ok mit,&ldquo; versicherte der Junge wichtig, &bdquo;ik
-kann wat tehn, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bliffst hier, Klaus,&ldquo; kam es aber mit Gegenwind
-vom Ofen her, &bdquo;meenst du, wat du dor ünnert Is kommen
-schallst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen, gab der
-Knecht zu, aber wer würde sein Fahrzeug zum Eisbrecher
-machen wollen? <em>Das</em> sei der Knoten!
-</p>
-
-<p>
-Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er
-selbst! Er wolle es wagen, sein Ewer sei einer der
-stärksten und könne es am besten ab, er wolle gleich am
-andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle
-dann den Deich abklopfen und es aussingen, daß die Eisbrecherei
-mit Hochwasser anfangen solle. &bdquo;Denn könt wi
-offermorgen all up de Schullen dol, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Huroh, offermorgen geiht no See!&ldquo; rief der Junge,
-warf die Bunge hin und machte, daß er hinauskam. In
-voller Fahrt lief er den Deich entlang, daß die Enten
-im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst
-nach und nach von dem grünköpfigen Wart beruhigen
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-ließen. Wat, wat hebbt ji egentlich, dat, dat is de Jung
-doch, doch jo bloß! So schnatterte der Wart.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kummst ober noch ne mit,&ldquo; wollte Klaus gerade
-sagen, aber er kam gar nicht mehr dazu. Der Junge
-war schon um die Huk, er hörte auch nicht mehr, daß
-Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat will he? All Bescheed seggen?&ldquo; fragte Kap Horn
-lachend, aber sein Schiffer lachte noch lauter und sagte:
-&bdquo;De? Ne, de will no den Schoster hin un sien Seestebeln
-holen. Wenn de klor sünd, schall he jo mit an Burd,
-un he will woll all gliek de irste Reis giern mit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus,&ldquo; sagte Gesa
-kopfschüttelnd, &bdquo;dat du em de Stebeln anmeten loten hest!
-He löppt elken Dag söbenmol hin un kött an! De Schoster
-seggt, he kann em all gorne mihr hinholen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä &mdash; du liebe Zeit,&ldquo; erwiderte er, &bdquo;endlich will de
-Bur de Koh betohlt hebben un de Jung will toletzt ok
-mol sien Stebeln hebben. De Schoster kanns ok jo man
-klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen
-Nachten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Un denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat
-weest du jo, dor is jo all genog ober snackt worden,&ldquo;
-sagte er sicher.
-</p>
-
-<p>
-Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter,
-heiserer Stimme: &bdquo;Un ik segg di soveel, Klaus Mees,
-du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he noher
-grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen
-hin, denn will ik nix mihr ober em to seggen hebben,
-ober so lang hürt he mi, mien Mudderrecht lot ik mi ne
-nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Ilw loten
-mütt: no See schall he noch ne!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geef di, Gesa,&ldquo; beschwichtigte Klaus gelassen, während
-Kap Horn, der zu dem Streit nichts sagen wollte, heimlich
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-aus der Tür ging und mal über den Westerdeich guckte.
-&bdquo;De Jung <em>kummt</em> düssen Sommer mit no See, dat is
-so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik lied dat ne un lied dat ne!&ldquo; beharrte sie leidenschaftlich.
-&bdquo;Du hest en reinen Vogel mit dienen Jungen,
-weest dat? Keen een van de Seefischers nimmt son lütjen
-Boitel all mit an Burd, de kum en Büx mit Verstand
-dregen kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er machte geruhig seine Maschen. &bdquo;De hebbt ok ne
-son Jungen as ik,&ldquo; sagte er, &bdquo;lot mi man, Gesa. Ik bün
-en rechten Fischermann un will en rechten Fischerjungen
-ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken,
-Diern! Weest, wat dat is?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie gab keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;En rechte Fischerfro, Gesa! Weest du wat, Diern?
-Du geihst ok mit no See, man to, denn wardt irst mooi!
-Kiek di mien Fischeree mol mit egen Ogen an!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schüttelte starr den Kopf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn
-harr ik dat vullicht all lang don, ober ik kannt ne!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat kummt uppen Verseuk an,&ldquo; erwiderte er, &bdquo;goh
-man mol mit un du schallst mol sehn: buten ist en barg
-beter as binnen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, gläuf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik warr
-seekrank un starf di all vör Angst, ihr wi mol no See
-dol sünd! Mi grot to dull vört Woter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, du büst en grote Bangbüx,&ldquo; schalt er, dann aber
-tat ihm sein herber Ton leid und er tröstete: &bdquo;Ober
-dat schall sik woll noch all geben, mien Diern, paß
-man up, du warst doch noch en gode Fischerfro, de Banghaftigkeit
-gifft sik mit de Johren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, de gifft sik ne, dat weet ik,&ldquo; sagte sie tonlos und
-ging aus der Stube, weil ihr die Tränen kommen wollten.
-</p>
-
-<p>
-Da blieb der große Seefischer allein bei seinen Kurren,
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-aber er ließ sich den klaren Sinn auch durch die Stille
-nicht verwirren und ging nicht von seinem Kurs ab.
-Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit schweigend
-auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;De Jung kummt doch mit no See,&ldquo; ließ Klaus Mewes
-sich vernehmen. Dann blickte er nach seinem Ewer und
-wartete auf Kap Horns Meinung, die auch bald an den
-Tag kam.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder
-sien: as du geborn weurst, do krüz ik all bi Kap Horn
-rum un greep Albatrossen! De Mudder hett noch en
-Recht op den Jungen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och wat!&ldquo; fiel Klaus ihm barsch ins Wort, &bdquo;ik hebb
-dat eenmol seggt un dorbi blifft dat: he kummt mit an
-Burd! Bi de Dierns geiht dat no de Mudder, ober bi
-de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh
-jo upt leefst, wenn he Schoster oder Snieder warrn dä
-un keen anner Woter to sehn kreeg as dat innen Teeputt.
-Un wenn wi <em>blieben</em> schulln, Kap Horn, denn mokt se
-ok en Schoster oder Snieder ut em. Ober man keen Bang,
-Klaus Mees kann ne blieben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der alte Knecht erhob warnend die Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt,
-Klaus Mees, un he is doch ne wedder kommen mit sien
-Eber!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer für den besten von
-der Elbe hielt und sich für den besten Fischermann, blieb
-dabei, daß er nicht bleiben könne. Das war sein Wort
-von jeher gewesen und seine gewisse, sturmgewohnte,
-sonnenfreudige Seele hielt daran fest: &bdquo;Ik kann ne blieben
-un ik blief ok ne!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker ließ sich auch wieder sehen, er nahm seine
-Bunge und fing wieder an zu knütten, aber er machte
-ein Gesicht wie ein Fischer, der nichts gefangen hat, und
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-ließ die Unterlippe vorstehen, als wenn ein Schock Hühner
-darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von
-der Seite an und stichelte: &bdquo;Na, Klaus Störtebeker, großer
-Seeräuber, wat sä de Schoster? Hett he de Söbenmielenstebeln
-noch nich klor?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage,
-und er ballerte wie ein Großer: &bdquo;Ik gläuf, de
-Knappen is verrückt oder splienig! Dat is oberhaupt
-keen Schoster, gläuf ik, de kann gorne schostern un gorkeen
-Stebeln moken! Dat is en Leisegänger, Vadder ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen
-helfen, aber der Junge fuhr in seinen Schmähungen fort.
-&bdquo;Jedermol, wenn ik komm, seggt he: morgen; ober he
-kummt ne wieder as he is, de Tüffel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat scheut de Stebeln denn all, Störtebeker?&ldquo; fragte
-Klaus ernsthaft.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch
-seggt, wenn de Stebeln klor würn, denn schull ik mit,&ldquo;
-antwortete der Junge zuversichtlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Büst du denn ok nich mehr bang?&ldquo; fragte nun Kap
-Horn lauernd. &bdquo;No See dröft blot welk, de nich bang
-sünd.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, Kap Horn, bang bün ik ne,&ldquo; erwiderte der Junge
-treuherzig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten
-Gnurrhohn ok woll nich, ober wenn di en lütjen Rottenbieter
-inne Meut kummt, denn neihst ut, wat kannst,
-un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lögen, Lögen, Lögen!&ldquo; stritt Störtebeker und pekte
-ihn mit der hölzernen Knüttnadel. &bdquo;Ik bün vör keen
-Hund bang un vör gornix!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst,
-denn geiht dat Bölken doch los?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, schreen do ik gewiß ne.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-&bdquo;Denn warst du ober seekrank!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik
-blief ne! Und Klaus Mewes sah seinen Jungen an und
-dachte: was soll in dem wohl anders stecken als ein
-Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein
-Gelübde: &bdquo;Man still, Störtebeker, du kummst to Sommer
-mit an Burd!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen
-Sinn und ließ ein enttäuschtes: &bdquo;Och, to Sommer irst!&ldquo;
-fallen, das den Knecht zu der Bemerkung veranlaßte,
-es wäre jetzt noch zu kalt auf See.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor,&ldquo; gab Klaus
-zu bedenken, und Kap Horn kam noch einmal mit der
-bitterbösen Seekrankheit an den Wind.
-</p>
-
-<p>
-Sie knütteten fleißig weiter; als es aber Flut geworden
-war und das Eis aufstand, die Ewer sich erhoben und
-das Wasser auf das Bollwerk stieg, hielt Störtebeker
-es nicht mehr aus, er ließ die Bunge liegen und nahm
-französischen Abschied.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Neem schallt no to?&ldquo; fragte sein Vater, aber er erwiderte
-hingeworfen, er wolle füttern &mdash; und weg war er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat keum jo bannig zaghaft rut,&ldquo; sagte der Knecht
-und sah ihm nach, &bdquo;wenn de man nix anners in de Lur
-hett.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker
-die Fütterung seiner Krähe und seiner Kaninchen mit dem
-von seiner Mutter gelernten Spruch einzuleiten: Der Gerechte
-erbarmt sich seines Viehes!
-</p>
-
-<p>
-Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes
-den Scheger beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich
-schon gedacht hatte, war von Störtebeker nichts zu erblicken.
-Die Kaninchen machten Männchen, als er den
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der
-Luft tanzen, Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst
-einmal auf See gegriffen hatte, saß unbeweglich auf ihrer
-Stange und wagte nicht mehr als ein halbes Auge an
-seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht
-hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging
-er in das Schauer und guckte nach den Stichlingsnetzen,
-die neben dem Hühnerwiem hingen; sie waren alle drei
-am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht.
-Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen,
-Stegel und Binnendeich, aber da rührte sich nichts als
-Hannis Holsts gelber Kater, der um einen Mäusebraten
-verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes
-Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen
-Wipfeln der Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen,
-das die See nicht hat, sondern nur das Land, und das
-den Seefischer darum einigermaßen bedrückte, als er sich
-nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte aber
-nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen
-sein könnte; übrigens wußte er ja auch, daß
-Störtebeker schwimmen konnte und nicht in einen Graben
-fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte wissen,
-wo er abgeblieben war.
-</p>
-
-<p>
-So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und
-guckte mit seinen scharfen Augen über das Eis, er lief
-über die Blöschen nach dem Ewer, die Waken und Löcher
-umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die
-Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als
-das raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das
-Krachen der zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.
-</p>
-
-<p>
-Sollte der Junge wieder in der Kambüse sitzen, wie
-er es schon mehrmals gemacht hatte, um sich an die
-Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte auf das
-Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-nun beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien
-sie ihm ohne das sonst ständig brennende Licht.
-</p>
-
-<p>
-Wo mochte der Junge sein?
-</p>
-
-<p>
-Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm
-nur das Tuten eines Dampfers, der dwars von
-der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge auf der Besan
-regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da
-schoß ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di
-bloß ne halfstock holen mütt! &mdash; aber er jagte ihn von
-dannen, kletterte über das Schwert und schritt über das
-Eis nach dem Bollwerk zurück. Im Osten glomm der
-Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine
-weit entfernte, ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da
-dachte Klaus Mewes an die alte Fischfrau Beeken Focken,
-die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt war sie.
-Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und
-mit ihren braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen
-Abendrot gewiesen und gesagt: viel anders hätte sich das
-1842 vom Deich aus auch nicht angesehen: nun wäre
-Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so großen
-Brand hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen
-Wirtschaften,&ldquo; hatte er lachend geantwortet.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann
-auf dem Bollwerk stehen. &bdquo;Neem is Störtebeker, Seemann?
-Such! Such!&ldquo; rief er hastig.
-</p>
-
-<p>
-Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß
-er verstanden hatte, und setzte sich gemächlich in Bewegung.
-Er schwankte von dem langen Leben an Bord
-wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der
-andern, wenn er lief.
-</p>
-
-<p>
-Klaus wußte schon Bescheid, es ging nach der Neßkule,
-in der der Kahn lag: der Junge schipperte gewiß oder
-goß das Wasser aus seinem Fahrzeug, das etwas ziepte.
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und
-war nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars
-und kein Junge war dabei: jach befiel ein ungeheurer
-Schreck den Fahrensmann, der auf der Doggerbank den
-bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte,
-und er lief in Sprüngen den Deich hinab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der
-Kehle stecken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?&ldquo; rief Störtebeker,
-und eine dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten der
-Baumstämme, die den Schleusengraben wie Gespenster
-umstanden. Taumelnd kam sie näher und wäre umgeschossen,
-wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst
-du krank?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon
-wieder verloren. &bdquo;Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt
-mi jümmer speen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat kummt dat denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Junge wies nach seinem grünen Kahn: &bdquo;Ik will
-mi seefast moken, Vadder, wat ik mi noher up See ne
-mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen hett to mi seggt,
-denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk
-&mdash; wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn
-bittern Gesmack innen Mund!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus wollte lachen, lachen, lachen &mdash; er konnte es aber
-nicht, weil ihn die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte,
-der so lange mit dem Kahn dümpelte, bis ihm schwindelig
-wurde, nur, um sich seefest zu machen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag!
-Nu wullt doch gewiß ne mihr mit no See, wat?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: &bdquo;Doch,
-Vadder! Morgen dümpel ik wedder un offermorgen un
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr düsig warr un
-mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer
-van Kap Horn un Hein Mück nix utlachen loten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter
-Art, nahm seinen Jungen bei der Hand und ging mit
-ihm nach dem Neß zurück.
-</p>
-
-<p>
-In der Dönß brannte schon die Lampe.
-</p>
-
-<p>
-Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte
-Klaus halblaut: &bdquo;Brukst Mudder dor ober nix van to
-seggen, hürst?&ldquo; &bdquo;Segg du man nix, Vadder: ik will woll
-swiegen,&ldquo; flüsterte Störtebeker kameradschaftlich und setzte
-sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit
-von der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die
-Stiefel aus, um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen,
-die gleich in richterlichem Ton fragte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, neem kommt ji denn her?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wi sünd mol no de Neßkul wesen,&ldquo; berichtete Klaus
-Mewes der Wahrheit gemäß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hest du ok natte Strümp, Klaus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, Mudder, knokendreuch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör
-Nattigkeit. Gliek treckst jüm ut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute
-sich doch, daß sie weiter nichts merkte, und wischte heimlich
-die letzten Spuren des Seefestigkeitskursus ab.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine
-Weile wieder aufgenommen, dann aber packten sie das
-Kurrengut zusammen und machten Feierabend.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank
-hervor und las den Roman: &bdquo;Zehn Jahre unter der Erde
-oder Schuld und Sühne&ldquo; mit aufgestützten Ellbogen. Wenn
-er dabei an Stellen kam, die ihm behagten, so nickte er
-anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die
-nicht nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Kopf schüttelte. Ja, man konnte noch mehr aus seinem
-Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind oder Sturm
-las (und in einem echten Roman weht und stürmt es
-ja alle drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las
-er von Liebe, so strich er sich über die Backen, gab es
-eine Mordgeschichte zu kauen, so las er mit geballten
-Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber achter
-Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in
-der Koje liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang
-und sagte dann zuletzt: &bdquo;Nu will ik di mol vertillen,
-Kap Horn, wat du lest hest.&ldquo; Und meistens stimmte es,
-was er dann erzählte, daß der Knecht zuletzt jedesmal
-erstaunt sagte: &bdquo;Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn
-sein Junge ritt auf seinen Knien und treunte um eine
-Geschichte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik weet uppen Stutz keen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, man to, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn
-un noher ne wedder seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,&ldquo; versicherte Störtebeker,
-und sein Vater legte los.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de harr
-keen Kamm, to köfft he sik een, to harr he een ...&ldquo; Da
-hielt der Junge seinem Vater aber schon den Mund zu
-und paukste: &bdquo;Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom!
-Du schallst en euliche Geschichte vertillen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de wür
-in de Heid verbiestert, nu hür man god to! Dor wür
-mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert ...&ldquo; Da
-hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-wäre auch Tüdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt
-wesen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch
-un seggt: non denn so wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-O weh &mdash; das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber
-nicht vorbringen sollen, denn nun tagelte Störtebeker
-ihn regelrecht durch und heischte zwar etwas von Klaus
-Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen
-Satz, den er schon tausendmal gehört habe.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das
-er gelesen hatte, sah auf und sagte: &bdquo;Klaus Störtebeker
-büst du jo sülben, Junge, dor brukt di doch keeneen wat
-von to vertellen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose
-setzte, sagte abweisend: &bdquo;Lot den olen Seeräuber man
-ünnerwegens un näumt den Jungen man ne jümmer
-Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz
-Leben ne wedder los.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;De Nom is gornich so slecht, Gesa,&ldquo; sagte Kap Horn
-ernsthaft, während Klaus Mewes lachte und meinte, den
-Namen habe er einmal weg. Klaus Störtebeker sei
-übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe
-er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold
-und Gut weggenommen, aber den Armen habe er viel
-Gutes getan, noch jetzt würden die armen Leute zu Verden
-von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe
-er es auch nicht bös gemeint: er störte sie nicht und
-wenn er Fische holte, so bezahlte er sie reichlich.
-</p>
-
-<p>
-So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der
-Wasserkante zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern
-und ihrem Hauptmann Klaus Störtebeker &mdash; und
-der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen
-und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören,
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-wie sie Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte
-gelbe Flagge im Sturme flatterte, wie sie mit den Hamburger
-Schiffen umsprangen, wie sie Ritzebüttel und Neuwerk
-wegnahmen und wie sie den schottischen König
-gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von
-dem großen, breiten Graben auf Finkenwärder erzählte,
-der die kleine Elbe hieß, und daß Störtebeker dort oft mit
-seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da sprang der
-Junge auf, daß Kap Horn ausrief: &bdquo;Neem is dat Für?&ldquo;
-und fragte: &bdquo;Vadder, neem is de Groben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte,
-daß es damals noch keinen Deich gegeben habe und daß
-die kleine Elbe ein Priel von der großen gewesen sei,
-aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen,
-der sich einen so breiten Graben eben nicht
-vorstellen konnte, und es blieb schließlich nichts andres
-übrig, als daß sie eine kleine nächtliche Expedition nach
-dem Seeräubergraben ausrüsteten, die trotz der großen
-Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich
-auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben
-un holt di!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein
-wollenes Halstuch umband: &bdquo;Brummkirl gifft ne,
-Mudder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit
-bang mokt, wat se ne bit Woter gohn scheut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war
-wieder allein. Wie die Brechseen über dem kleinen Ewer,
-so schlugen die Gedanken über ihrem Kopfe zusammen;
-sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die
-quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so
-erschaffen sein, daß sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Herzens an die Seefahrt denken konnte, warum
-konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen?
-Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund:
-warum mußte sie da immer wieder zusammenbrechen
-und klein und verzagt werden, warum konnte sie ihn
-nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie den
-Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im
-Graben sehen solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem
-Grauen, helle Kleider zu tragen?
-</p>
-
-<p>
-Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die
-kleine Metta Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden
-war, sondern wie sie von der Geest stammte,
-es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und singen konnte
-und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich
-unter den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann:
-denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf <em>einem</em>
-Ewer, schwammen auf <em>einem</em> Stück Holz in der See.
-<em>Ein</em> Blitzstrahl, <em>eine</em> Brechsee konnte ihr ganzes Leben
-verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles
-nehmen &mdash; und doch konnte sie singen und lachen, die
-Frau. Daß eine so fest stehen konnte!
-</p>
-
-<p>
-Gesa schüttelte den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt
-viel von ihm, gewiß ebensoviel, wie andere Frauen von
-ihren Kindern. Und wenn sie ihn zügelte und ihm wehrte,
-wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was trieb
-sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war
-der Junge ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr
-Schürzenband kaum losgelassen hatte, und sein Vater hatte
-sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur immer lachend
-erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen
-wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm
-habe, komme ihm vor wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt
-sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst wohl alle zwei
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten
-lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch:
-alle zwei Stunden raus! &mdash; aber es war nur Spaß gewesen,
-wie es auch Spaß gewesen war, wenn er ihn
-auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen
-und ihn seefest zu machen, wozu er sang: So
-dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber, so dümpelt de
-Eber up See ...
-</p>
-
-<p>
-Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu
-begreifen, war es anders geworden: da kam der Ernst.
-Da wurde er ausgelacht, weil er ein Mutterkind war,
-und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort
-gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du
-ne mit no See! Ne schreen, Klaus, anners kann ik di
-noher an Burd ne bruken, denn müß du Kleigrober oder
-Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die
-Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert!
-Da war ihm der Kompaß in die Brust gesetzt
-worden, der beständig nach der See wies und all sein
-Tun und Lassen lenkte.
-</p>
-
-<p>
-Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von
-dem Gesa glaubte, daß ihr Mann ihn vom Teufel gekauft
-hatte und nicht von dem norwegischen Schuner, wie
-er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten
-Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser
-verfallen, der nun mehr war als die andern Jungen
-am Deich: Reeder und Schiffer. Da übertrugen die Finkenwärder
-den Namen des Fahrzeuges bald auf den Jungen,
-und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und
-alt ein kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn
-sie trug schwer an diesem gottlosen Namen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die vier Getreuen aber standen an dem breiten,
-schwarzen Graben zwischen den dicken, krummen Wicheln
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-und den schlanken, schiefen Erlen und suchten die Spuren
-von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an
-dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten
-die hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht
-hineingesteckt haben könnte. Das faule Holz glomm auch
-wirklich wie Silber, so daß der Junge alle Augenblicke
-ausrief: &bdquo;Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!&ldquo; und
-sie von einer Wichel nach der anderen lockte.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof
-auf der zehn oder zwölf Ewerlängen entfernten deichhohen
-Wurt, der bei den alten Leuten noch der Grönlandshof
-hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen
-Walfischfänger neben ihm geankert hatten. Dorther
-stammten er und die ganze, weitausgebreitete Sippe der
-Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt
-holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus
-zu einem Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen
-und Enkel dann, die hatten es herausgefunden, daß es
-besser sei, die grüne See zu pflügen als das braune Land,
-und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und
-Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war
-ausgestorben: die seefahrenden Mewes aber waren immer
-noch groß am Ruder und machten ein Drittel der Fischerflotte
-aus, während das zweite und letzte Drittel den
-Focken und Külper zukam.
-</p>
-
-<p>
-Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der
-Bauerei zurück und tauschte seinen lieben, großen Ewer
-gewiß nicht gegen den ganzen Grönlandshof.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-Dritter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag
-über die Elbe kam, fing Klaus Mewes mit früher
-Arbeit an, er schleppte Segel und Kurren mit seinen
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen fertig
-und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum
-für den notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er
-hatte keine Ruhe mehr: das Eis <a id="corr-2"></a>trieb nicht weg und
-konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte er Gewalt
-anwenden!
-</p>
-
-<p>
-Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen
-war, konnte kaum die Augen offen halten, aber
-sein Tappen half ihm nichts: er bekam die nassen Fausthandschuhe
-zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben.
-</p>
-
-<p>
-Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um
-anzusagen für die große Arbeit, die gleich nach dem Essen
-angegriffen werden sollte. Kap Horn war der rechte
-Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar
-dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft
-hatte, aber er hatte dafür auch die Genugtuung,
-acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen
-bekommen und alle an Land befindlichen Mannsleute
-angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück
-und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte
-ihn um die langen Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt
-hätte.
-</p>
-
-<p>
-Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem
-Vater, dem er in allen Schiffsdingen der unermüdlichste
-und aufmerksamste Helfer war. Ein so großer Stankmacher
-und Ausfresser der Junge sonst war: solange er
-bei seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war
-nur noch der lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.
-</p>
-
-<p>
-Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf
-dem Ewer, der schon in seiner großen Wake trieb:
-Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.
-</p>
-
-<p>
-Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte,
-und Störtebeker drängte das Ruder von Backbord nach
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord, als habe
-er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber
-schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis.
-</p>
-
-<p>
-Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis
-gegangen, die Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer,
-die Frachtschipper, es kamen der Gastwirt, der Reepschläger,
-der Blockmacher, der Krämer und der Segelmacher,
-weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln
-steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und
-einzeln. Und die gewaltige Schar versammelte sich um
-den Ewer, einigte sich über den Weg, den sie nehmen
-wollte, und verteilte sich auf die beiden langen Kurrleinen.
-Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen
-umher, und oben auf dem Deich standen die Frauen und
-Mädchen und guckten und warteten. Am Bollwerk und
-auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge,
-denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die
-vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den
-Klüsenaugen leuchtete es vor Hoffnung.
-</p>
-
-<p>
-Der große Tag &mdash; der größte Tag der Finkenwärder
-Fischerei, an dem sie die Mächtigkeit ihrer Flotte, die
-Stärke ihrer Mannschaft, die Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft
-ihrer Fahrensleute am besten bewies. Allen,
-die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom
-Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen
-haben, hat er sich unauslöschlich in die Seele eingedrückt.
-Nicht wahr, du Finkenwärder: up den Dag kannst du di
-ok noch besinnen?
-</p>
-
-<p>
-Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das
-Eis: alle, alle wollten helfen, alle wollten dabei sein!
-Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus Mewes stand
-im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten
-noch weiter auseinander. Und als das getan war, da
-rief er über das Eis, so laut er konnte: &bdquo;All klor! Een,
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh! Huroh!
-Huroh!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es
-herum: die Fahrensleute aber setzten sich mit Huroh und
-Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung und zogen
-die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch
-das offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen
-das Eis, zerbrach es, schob es zur Seite, drückte es unter
-sich, bäumte sich auf, senkte sich wieder, kam aber dann
-zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen! Aber
-ein schönes Stück war schon bewältigt.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister,
-wie ein Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das
-Brechen losging, stand er neben seinem Vater, der unermüdlich
-anfeuerte, und hielt sich am Vorderpoller fest.
-Das war was für ihn. &bdquo;Junge, Junge, Vadder, so geiht
-he god.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Stoppi &mdash; stoppi &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und
-sie mußten den Ewer ein Stück rückwärts ziehen, damit
-sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und seine Leute
-gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu
-entfernen.
-</p>
-
-<p>
-Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß
-(er hatte aus dem bremischen Dreimaster, der mit Stückgut
-nach Valparaiso wollte und auf Scharhörn strandete,
-eine ganze Kiste Kölnischen Wassers &mdash; Eau de Cologne
-&mdash; erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester,
-Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde,
-jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje),
-Kord Külper kam heran und rief: &bdquo;Klaus Störtebeker
-mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de
-drückt dat Fohrtüch vör to deep dol.&ldquo; &bdquo;Deit he ok!&ldquo; riefen
-einige Knechte zur Bekräftigung.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein
-auf dem Reichstag zu Regensburg, ging langsam nach
-dem Heck und stellte sich neben Kap Horn ans Ruder,
-damit der Ewer den Steven höher höbe.
-</p>
-
-<p>
-Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und
-sagte zu Klaus Mewes: &bdquo;Klaus, du büst en fixen Kirl
-bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du weest, wat vör
-un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt
-ne bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst
-du, dat Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien
-Jung, dat hest du doch noch ne rut! Dat mütt ganz
-anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol
-stohn un kummandiern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes aber lachte: &bdquo;Hier kummandier ik, Jan,
-dat weest du woll; blief du man anne Kurrlien!&ldquo;
-&bdquo;Egenbuck!&ldquo; rief Jan laut und ging an seinen Törn.
-</p>
-
-<p>
-Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme
-und alle zogen an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Huroh! Togliek! Hödjihöh!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen,
-so rief es vom Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder
-durch das Eis und brach den Weg weiter. Zwei Ewerlängen
-wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei
-Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß,
-der eigentlich Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen
-von seinem herunterhängenden, borstigen Schnurrbart
-hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom nannten,
-weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder
-ihn fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest
-woll, Siem Achner, jümmer lompdom, lompdom! Der
-dritte aber, der eine Quappe stach, war Störtebeker: er
-hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblöschen
-mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen
-und wäre beinahe unter das Eis gekommen, wenn
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte.
-Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war
-die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem
-Jungen nach unten, zog ihn aus, hängte das nasse Zeug
-um den Ofen und steckte den nackten Mann in seine Koje.
-Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon
-wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der
-Feuer machen mußte, damit es trockne. Oben rief es
-wieder von allen Seiten, am Bug scheuerte und stieß
-das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche der
-Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: &bdquo;Och wat, dat Für
-will woll van sülben inne Gangen kommen!&ldquo; und rannte
-die Treppe hinauf, zu sehen und zu helfen.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte
-auf den Lärm. Nun treckten sie wieder, nun mußte der
-Ewer erst wieder über Steuer! &bdquo;Bang dött ik ne warrn,
-anners komm ik ne mit no See,&ldquo; sagte er vor sich hin,
-wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter
-stand er auf und befühlte das Zeug, ob es noch nicht
-trocken wäre, dann kroch er frierend wieder unter die
-Decke und horchte abermals.
-</p>
-
-<p>
-Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den
-Kojen eingeschnitzt waren.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Was für Sprüche waren das? &mdash; fragt die Seele. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung
-des Deutschen Seefischerei-Vereins gesehen hat
-(Deutscher Seefischerei-Verein: ich möchte seinen Namen
-<em>golden</em> schreiben, weil er so viel für unsere Fischerei
-getan hat und noch tut!) &mdash; der hat auch in die puppenküchenenge
-Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den
-sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen,
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-die darin stehen: unter der Schifferkoje: In Storm un
-Noth / Bewahr uns Gott: unter der Knechtenkoje: Hier
-eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der
-Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht
-wi to Disch. Und er hat wohl gefragt, ob auch die anderen
-Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten.
-</p>
-
-<p>
-Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen
-trug, so hatten auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche
-Bibelverse zumeist.
-</p>
-
-<p>
-Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches
-sogar ein lateinisches Wort:
-</p>
-
-<p class="center">
-<span class="antiqua">Mediis tranquillus in undis.</span>
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug
-bauen ließ, bei Jochen Behrens an der Süderelbe, der
-ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat, dachte er
-selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel
-und das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den
-Kopf, aber er konnte nichts ketschern, das ihm gut genug
-war. Da ging er denn eines Tages, als er wieder nach
-der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den.
-Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte,
-mußte etwas wissen.
-</p>
-
-<p>
-Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus
-dem Borkumer Kirchenbuch über eine angeschwemmte
-Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen
-Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er nötigte den
-Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß
-Klaus Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und
-schrieb ihm die vier Wörter auf. &bdquo;Sühso, mien lebe
-Klaus Mees,&ldquo; sagte er und fragte nach Schiff und
-Stapellauf.
-</p>
-
-<p>
-Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er
-den Zettel überkopf, als wenn die Worte in Spiegelschrift
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-abgefaßt wären, guckte ihn nochmals scharf an und sagte
-dann: &bdquo;Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?&ldquo; &bdquo;Jawoll,
-Herr Mees, latiensch!&ldquo; &bdquo;So, so! Non, Herr Pastur,
-weten Se: son betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen
-sien Kutter steiht <span class="antiqua">Ora et labora</span>, un dat heet: Bete und
-arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht <span class="antiqua">Soli deo gloria</span>,
-un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis
-sitt ik all gliek fast!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Mediis tranquillus in undis</span>: Klaus Mewes: geruhig
-inmitten der Meereswogen heet dat!&ldquo; sagte der Pastor
-ernst. &bdquo;Mit den Spruch lett sik woll no See fohren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines
-Weges gegangen. Der Spruch gleißte zwei Jahre unter
-seiner Koje, dann ging einmal ein Schullehrer in der
-Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein deutschgesinnter,
-begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum:
-&bdquo;Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr
-Schiff kein deutsches und muß es keinen deutschen Spruch
-haben, den Sie verstehen und bei dem Sie sich etwas
-denken können? Was sollen überhaupt alle die lateinischen,
-griechischen, hebräischen, englischen und französischen
-Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie
-aus, wer hat sie bedacht, wer tauft hier deutsche Fahrzeuge
-Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, Courier,
-Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten
-machten es besser, die nannten die Schiffe wie ihre
-Frauen: danach müßte Ihr Ewer Gesa heißen und nicht
-Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein guter
-deutscher Spruch stehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schallst recht hebben, mien Jung,&ldquo; sagte Klaus Mewes,
-&bdquo;ik frei mi jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An
-den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern, ober wenn
-du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut wi
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-mol sehn.&ldquo; Da kam das starke, ewige Lutherwort unter
-die Koje:
-</p>
-
-<p class="center">
-Ein feste Burg ist unser GOTT,
-</p>
-
-<p class="noindent">
-den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als
-Schmuck. So ging es wieder zwei Jahre gut, bis der
-lange Harm Riegen, der Ewersprüche sammelte, einmal
-in die Kajüte trat und ausrief: &bdquo;Twee Wiltsproken stoht
-dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit ant
-Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden
-tohop, fehlt dor noch bi: plattdütsch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So,&ldquo; lachte Klaus Mewes, &bdquo;du kummst van wegen
-de Sprüch: ik meen all, du wullst mol meten, keen greuter
-is van uns twee beiden! Harm, plattdütsch kannen doch
-bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch
-sünd!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van
-hürt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat?&ldquo; schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie
-ein durchgehendes Pferd den Deich entlang und kam nach
-einer Viertelstunde mit einer großen plattdeutschen Bibel
-von 1486 zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier, Klaus Mees!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten
-Schinken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt
-hatte, daß sie wirklich plattdeutsch gedruckt war
-und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus vorgelesen
-hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch einen
-plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter
-Scharben für die Worte, die nun unter seiner
-Koje prangten und leuchteten:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
- <p class="verse">Hilpt mi, Sünn und Wind,</p>
- <p class="verse">hilpt mi bit Fischen!</p>
- <p class="verse">Ik heet Klaus Mees</p>
- <p class="verse">un bün van Finkwarder.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,&ldquo;
-sagte er aber doch dabei, &bdquo;ober dat <em>riemt</em> sik jo ne, dorüm
-kriegst du bloß tein!&ldquo; Den hochdeutschen Spruch bekam
-die Jungenkoje.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte
-seine Sachen, er hängte sie um und stökerte das
-Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange dauerte das! Er
-kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen,
-denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach
-dem Fahrwasser kommen!
-</p>
-
-<p>
-Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand
-der Koje zurück und guckte über die Ketten hinweg
-nach den fünf Totenschädeln, die ganz vorn im Steven
-zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte sie ihm
-vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der
-Kurre gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder
-über Bord werfen, sondern müsse sie in den Steven stecken,
-dann könne der Ewer niemals umkippen. Nachdenklich
-starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht klug
-daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine
-Fragen geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und
-Besehen, sondern etwas zum Schweigen. Wie grösig kalt
-die Luft aus dem dunkeln Loch kam! Störtebeker zitterte
-vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich wieder
-auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es
-ihn nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten
-vom Bort und rollte sie auf und sah die roten Punkte
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-an, die Feuer bedeuteten, und die kleinen Feuertürme
-und Baken, die am Rande der Karten standen, während
-es draußen wieder lärmte und rief.
-</p>
-
-<p>
-Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm
-und fuchtig, aber er dachte wie sein Vater: Uppen Lief
-dreucht upt best! und zog sich an, so schnell es gehen wollte.
-Er war noch nicht ganz fertig damit, als es draußen
-dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb
-angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß
-und einem in der Hand, sauste er nach oben und guckte aus
-der Kapp: da drängte der Ewer gerade die letzten Eisstücke
-beiseite und glitt langsam in das freie Fahrwasser
-hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die mitgeschleiften
-Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die
-Dünung eines vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen
-Dankesverbeugungen vor seinen Helfern: Ok veelen Dank,
-dat ji mi rutholpen hebbt!
-</p>
-
-<p>
-Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt
-Hurra.
-</p>
-
-<p>
-Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich
-erfreut über ihren Erfolg, gruppenweise über das Eis
-nach dem Deich zurück und sprachen und taten von der
-Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden:
-was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von
-seinem Ewer nach dem großen Priel, war Sache eines
-Tages und ließ sich leicht beschicken. Die Schollenzeit war
-angebrochen für die Schollengreifer vom Neß: Hurra,
-hurra, hurra!
-</p>
-
-<p>
-Auf H. F. 125 aber, dem Ewer &bdquo;Laertes&ldquo;, ließen sie
-den Draggen zu Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten
-das Deck, hängten die Laterne an das Fockstag und
-kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu
-vertreiben, der alle befallen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-mit drei Dingen ab: daß der verdrehte Kerl von Schuster
-ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte, daß sein Vater
-morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß
-sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch
-nicht schippern konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hest dat en betjen god, Seemann,&ldquo; sagte er aus
-diesen Gedanken heraus und streichelte den Hund, der
-auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner als er
-war und doch immer mit nach See durfte. Seemann aber
-hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch
-wie von gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er
-roch hinter den Klößen schon die See und grüßte Helgoland.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-Vierter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln
-steht in Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel
-erreicht und ist Baas auf See.
-</p>
-
-<p>
-300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von
-denen 187 zu Finkenwärder beheimatet sind und ein
-H. F. auf den braunen Segeln tragen, 83 reedern mit
-S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der Rest gehört
-dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem
-Mühlenberg und der Teufelsbrücke.
-</p>
-
-<p>
-Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes
-und Külper von Finkenwärder und die Breckwoldt und
-von Appen von Blankenese: sie liefern Hamburg und
-Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und
-Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags
-so viele Heringe, daß halb Holstein und Hannover
-damit gedüngt werden können, sie sind die Könige der
-Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Holland
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-und England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei
-Südwind einmal nach Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind
-nach Jimuiden oder bei Ostwind nach London.
-</p>
-
-<p>
-Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer,
-die kleine Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch
-über den Smeukewer, wenn sie ihm begegnen, wohl sind
-schon die Zeiten vorbei, daß nur Finkenwärder auf
-Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen
-fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen:
-aber dennoch steht die Sonne von Finkenwärder auf der
-Mittagshöhe und seine Segel beschatten die ganze See.
-</p>
-
-<p>
-Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe,
-als wenn ihr noch alle am Leben wärt!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz
-verteufelt hild: er mußte Brot vom Bäcker holen und
-Proviant vom Krämer, mußte einen Schinken aus der
-Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die
-erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man
-am Deich meinte, der Schinken dürfe erst beim ersten
-Kuckucksruf angeschnitten werden), er trug die Kruken
-mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen
-und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit
-Vaters Seestiefeln und seinem Ölzeug ab wie Roland mit
-seines Vaters Waffen, aber es machte ihm Spaß und er
-vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land
-bleiben sollte.
-</p>
-
-<p>
-Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen,
-dem saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen.
-Der Hans Niedersachs von Finkenwärder, der ein Schelm
-war und einen Schalk als Gesellen hatte, sah ihn schon,
-als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu seinem
-Gesellen: &bdquo;Kiek ut vör Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes
-bei der Bestellung der Siebenmeilenstiefel für seinen
-Jungen heimlich gesagt hatte, es eile nicht und vor
-Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa
-hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert
-werden, wenn der Junge der unruhigen Witterung
-wegen nicht mehr mit nach See kommen könne; der
-Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn
-er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens
-noch nicht einmal angefangen.
-</p>
-
-<p>
-Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden
-Pechräte tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen
-Glaskugeln wie Verschwörer und klopften für fünfzehn,
-ohne aufzugucken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schoster, sünd mien Stebeln klor?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch
-lauter und deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter
-klirrten, und taten, als könnten sie weder hören
-noch sehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter
-stellten sich wieder taub und hämmerten, als wollten
-sie Stahl aus den Kuhhäuten machen, dabei aber sahen
-sie einander heimlich an: wat he nu woll upstillt? sollte
-es heißen.
-</p>
-
-<p>
-Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen
-die großen, langen Stiefel der Elbfischer, de güngen bit
-ant Gatt und waren größer als er selbst, da standen die
-schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig, daß er sich
-dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so
-klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern
-können, &mdash; aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte
-er nicht dazwischen finden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schoster, sünd mien Stebeln klor?&ldquo; Er gröhlte es,
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-so laut er konnte, aber die Schuster ließen sich in ihrer
-Klopferei nicht stören, denn sie wußten noch nicht, was
-sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie wieder
-über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen
-oder ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen?
-Störtebeker war ärgerlich geworden, er sah den Kram
-noch eine Weile an, dann drehte er sich batz um und lief
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nanu,&ldquo; sagte der Meister und ließ das Hämmern,
-&bdquo;nanu,&ldquo; sagte der Geselle und stellte auch den Betrieb
-ein, &mdash; aber ehe sie sich&rsquo;s versahen, sauste ein großer
-Mauerstein durch das Fenster, daß die Splitter umherflogen,
-zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser
-über den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die
-Wand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu hol mi noch mol förn Buern!&ldquo; rief Störtebeker
-draußen, nahm seine Pantoffeln in die Hand und sauste
-auf Strumpfsocken davon, wie ein gejagter Hase, hast du
-nicht, so kannst du nicht &mdash; bang bün ik ne, ober lopen
-kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er
-so weit war, war der Junge schon längst über Heide und
-Zaun. Da lasen die beiden die Splitter auf, nagelten
-ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten große Rache.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine
-Pantoffeln wieder an. Seine Strümpfe waren klitschennaß
-geworden, denn er hatte auf seiner Flucht zwar
-über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht
-immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick.
-Er konnte sich zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn
-er nicht eine Tracht Knüppelholz riskieren wollte, das
-war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die
-Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel,
-daß er vom Deich nicht wahrgenommen werden konnte,
-und wusch die Strümpfe im Graben, bis sie wieder rein
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-waren, wrang sie aus und hängte sie zum Trocknen auf,
-sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen
-trocken waren, und zog sie dann getrost an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klor is de Käs!&ldquo; sagte er zu den beiden kleinen
-Jungen, die ihm bewundernd zuguckten, und lief nach
-Hause. Jan Husteen, der Elbfischer, den sie seines Lieblingsessens
-wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten,
-rief ihm nach: &bdquo;Störtebeker, du kummst ne mihr mit,
-dien Vadder is all weg!&ldquo; &bdquo;Wat schull he woll?&ldquo; rief
-der Junge erregt und lief schneller, aber er kam doch
-zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater
-mehr und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein
-Seemann: sie waren schon alle an Bord, und als er verstört
-hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er den Ewer
-schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.
-</p>
-
-<p>
-Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: &bdquo;Is Vadder
-all weg? Worüm hett he mi denn ne Adjüst seggt,
-Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?&ldquo;
-fragte sie dagegen, &bdquo;wi hebbt di soveel ropen un allerwärts
-söcht! Vadder wull di so giern Adjüst seggen un
-hett noch en ganze Tied no di teuft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och wat!&ldquo; gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig
-war, &bdquo;harr he denn ne noch en betjen stoppen kunnt?
-Ik bün jo man bloß eben langsen Diek ween! Vadder
-mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch Adjüst
-seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners
-ne, wat is dat ok doch all för Krom!&ldquo; Und er
-stand auf dem Deich und blickte mit dunkeln Augen und
-finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit glockenhellem
-Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das
-Boot auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf
-hinein, daß sein Vater fahren konnte, ohne ihm Adjüst
-gesagt zu haben, und er dachte: wärst du doch bloß nicht
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-nach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater
-noch gesehen!
-</p>
-
-<p>
-Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen
-gerufen, als es Hochwasser werden wollte und die Zeit
-gekommen war, daß sie an Bord mußten. &bdquo;Störtebeker!
-Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!&ldquo; schallte es über den
-Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und
-sogar der kluge Seemann gab ein kurzes Bellen drein,
-aber der Junge war nicht hier und nicht wir zu werden,
-auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam nicht.
-Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben,
-wenn sie nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und
-Gesa schieden aber mit Widerhaken im Herzen, die ihnen
-weh taten, denn er hatte sie im Verdacht, daß sie den
-Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im letzten
-Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen
-konnte den Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen
-an Bord versteckt halte, um ihn doch mit nach See zu
-nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht anders
-gemacht werden können.
-</p>
-
-<p>
-Das verbitterte ihnen den Abschied.
-</p>
-
-<p>
-Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß
-sie ihrem Mann unrecht getan hatte, kam die Reue über
-sie und sie winkte vom Bodenfenster mit der großen
-Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine
-deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut
-war längst verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann
-an Bord stand und seine Segel über sich hatte. Es war
-eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch ein
-reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht
-ein Ewer, nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen
-es still war: überall eisten sie, trugen Segel und Proviant
-herbei, hievten die Anker, setzten die Segel, ließen die
-Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem andern
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-aus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen
-hatte und Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen
-sie sich mit dem Ebbstrom daltreiben, denn es war gar
-keine Kühlung. Der erste aber war Klaus Mewes mit
-seinem &bdquo;Laertes&ldquo;, dem die norddeutsche Flagge von der
-Besan hing.
-</p>
-
-<p>
-So güngen se up de Schullen dol.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er
-dort angewachsen wäre, sah nach dem Ewer, der unter
-der gründachigen Nienstedter Kirche kreuzte, und grübelte,
-ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange gewesen
-war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine
-Bangbüxigkeit: er war nicht mitgekommen nach See und
-sie hatten ihm nicht einmal Adjüst gesagt. Wäre er langsam
-nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe nicht
-auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch
-gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz
-gewiß will ik nu ne mihr bang warrn! Das sagte er sich.
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte
-sie: &bdquo;Jä, Klaus, dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken
-kannst du em ne wedder! Nu sünd wi wedder den
-ganzen Sommer alleen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;To Sommer bün ik doch all mit an Burd,&ldquo; sagte er
-mit halbem Vorwurf, ohne sich umzudrehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kumm man rin, weut Kaffee drinken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, ik mag nix, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik will di bi magnix! Gliek anto!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche
-am Tisch saß, da schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus
-Störtebeker übrigens nicht geschmeckt? Nach dem Kaffee
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt ausnahmsweise still,
-obgleich er sich schon selbst waschen konnte und obgleich
-er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die
-Backen eien zu können. Als sie dann aber nach seiner
-Bunge fragte und nach der Krähe (denn sie hatte sich fest
-vorgenommen, sein Vertrauen zurückzugewinnen, wollte
-auch nicht mehr so streng gegen ihn sein, sondern versuchen,
-seine Kameradin zu werden), da ging er bald
-hinaus, denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich.
-So guckt der Spatz mißtrauisch vom Dach, wenn ihm
-Krumen gestreut werden.
-</p>
-
-<p>
-Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie
-es am Deich hieß, segelte der Ewer &mdash; viel weiter war
-er noch nicht gekommen, denn es war immer noch totstill.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert
-hatte. Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, auch
-wenn er Kummer hat. Er ging über die Wurt nach dem
-Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein,
-aber trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten,
-der Eve den Bauch zu befühlen, denn er wartete
-sehr darauf, daß sie jungen sollte, hatte er doch schon
-fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen Bock
-und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper,
-Jan Loop jeder eine Eve.
-</p>
-
-<p>
-Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten.
-Der struppige Kluß schlug mit den Flügeln und quarkte
-vergnügt über das Fressen: Störtebeker faßte es aber
-anders auf und sagte betrübt: &bdquo;Jä, Kluß, Vadder is nu
-no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte:
-wenn du damit über das Eis pektest, ganz nach Blankenese
-hinunter, könntest du deinen Vater noch sehen und ihm
-Adjüst sagen. &bdquo;Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!&ldquo;
-Er suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-und schlich wie ein Indianer den Binnendeich entlang,
-damit die Mutter ihn nicht gewahr werden sollte. Als
-er weit genug war, kletterte er über den Deich, sprang
-vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen
-und Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach
-dem Fahrwasser.
-</p>
-
-<p>
-Vadder, ik komm!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab,
-daß der Polizist auf seinem gewohnten Rundgang den
-Deich entlang kam, und schloß sich dann dem ahnungslosen
-Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich
-ein wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem
-droken Klaus Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen.
-</p>
-
-<p>
-Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen &mdash;
-der Vogel war nicht da. Die ängstliche Gesa suchte den
-Jungen im Keller und auf dem Boden, als sie ihn dort
-aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ
-sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte
-die Scheibe und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster,
-daß Klaus kommen und Abbitte tun solle, gab ihm noch
-ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und Vorschuhen mit
-und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder
-in die Reihe.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen
-mit einem Mal auf dem Eise stehen sah, dwars ab von
-Blankenese, hart am Rande des Fahrwassers. Störtebeker
-stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt, und
-winkte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-&bdquo;Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat
-mörre Is?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,&ldquo; rief der
-Junge, &bdquo;du büst jo so fohrn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn aber machte Weiberlärm:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht
-harrst du inne Wok oder innen Lock kommen kunnt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Störtebeker sagte ruhig: &bdquo;Dorför hett de Minsch
-doch Ogen, Kap Horn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und
-überlegte, was er tun sollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß
-ne mihr rup,&ldquo; ließ Hein Mück sich vernehmen, aber Störtebeker
-rief: &bdquo;Dat gläuf ik, du Bangbüx! Non, Adjüst,
-Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, dat is jo nix, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: &bdquo;Ümschicken
-kannst du em nich, Klaus, dat geiht nich: he
-kummt uns innen Lock un buddelt weg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat hebb ik ok all dacht,&ldquo; stimmte der Schiffer besorgt
-zu, denn auch er hatte kein Vertrauen mehr zu dem
-mürben Eis mit den zahllosen Löchern und den großen
-Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge
-es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen,
-bis an die beständig abbröckelnde Kante.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is
-Schicksol: de Jung sall mit no See! Nimm em mit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat woll jüst ne,&ldquo; lenkte Klaus ab, &bdquo;dat is noch to
-kold buten un Gesa weet dor ok jo nix van af: ober an
-Burd weut wi em man mol hieven! Wi geeft em denn
-an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus.
-Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!&ldquo; frohlockte
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Störtebeker und dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh
-no See!
-</p>
-
-<p>
-Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und
-fierten es ins Wasser. Klaus Mewes stieß eben nach dem
-Eis hinüber, packte den Jungen samt der Kreek zwischen
-die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück.
-</p>
-
-<p>
-Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich
-freute, wie gesprächig er war, wie scharf er auf alles
-achtete! Zumeist stand er bei seinem Vater im Rudergang
-und half beim Steuern, sah aufmerksam auf Segel
-und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest,
-dabei konnte er sich aber doch nicht enthalten, an den
-Streek zwischen Kirche und Apfelbaum zu erinnern: &bdquo;Düt
-mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven &bdquo;Ree&ldquo;
-zu rufen und Hein Mück nach der Fock zu schicken, bis sein
-Vater es wie der holländische Kapitän machte, dem der
-große Friedrich in der Ems mit &bdquo;Ree&ldquo; zwischen sein
-Kommando kam, und sagte: &bdquo;Mynheer, dat Ree kummt
-mi to!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die
-Luken, zog Seemann an sich und ließ sich von Kap Horn
-und von seinem Vater alles verklaren, was es zu sehen
-gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts
-kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen
-verdiente. Da war Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen,
-da war Blankenese mit den vielen Ewern und
-dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen
-Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um
-die Hunderte von Krähen flogen, die dort ihre Nester
-hatten, da war Falkental mit dem Taucherdampfer, mit
-den Wracken und mit den zu Stein gewordenen Zementsäcken,
-da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem
-Feuerschiff, dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-roten Dächern, da war die Lühe mit ihrem hohen Deich
-&mdash; und von allem gab es Geschichten zu erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut
-ihnen entgegen und zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel
-und Besan konnten die fünf Stunden geruhig stehen
-bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den Klüver
-nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus
-dem Nachthaus und suchte den Strom nach bekannten
-Fahrzeugen ab, denen er seinen Jungen mitgeben könne,
-aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und Lühjollen
-ausmachen, die nicht in Frage kamen.
-</p>
-
-<p>
-So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten
-sich zum Kaffee nieder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik wull, dat geef brodte Schullen,&ldquo; rief Störtebeker
-übermütig, &bdquo;dor verlangt mi eulich no!&ldquo; Er ging aber
-auch dem Groffbrot tüchtig in den Topp.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn
-Gesa Bescheid gewußt hätte, es wäre ihm von Herzen
-recht gewesen, den Jungen an Bord zu behalten: aber so
-ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und suchte
-mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend
-nicht an den Laden kam.
-</p>
-
-<p>
-Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche
-Reise über das Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und
-mit einem Mal sagte er mehr zu sich selbst als zu den
-andern: &bdquo;Junge, dat is jüst so as der Reiter und der
-Bodensee!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gotts den Donner &mdash; Klaus Mewes verschüttete den
-halben Kaffee und Kap Horn blieb der Brotknust im
-Halse stecken, so verwunderten sie sich dieser Rede ihres
-Speisemeisters. &bdquo;Wat is dat?&ldquo; fragte der Schiffer zuletzt.
-&bdquo;Och nix.&ldquo; &bdquo;Nix?&ldquo; &bdquo;Ne, nix!&ldquo; &bdquo;Ik will di gliek
-bi nix! Hier vertillst oder du warrst afmunstert un
-Klaus Störtebeker ward uns Kock,&ldquo; befahl Klaus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-&bdquo;Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook,
-dat is meist as Störtebeker sien Reis.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Upseggen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne
-Tasse Tee! Hätte er doch nichts gesagt! Nun mußte er
-in seine Koje steigen und sein Lesebuch aus dem Stroh
-suchen.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb
-auf Klaus nicht verbeißen: &bdquo;Jä, jä, Klaus Mees, du
-kiekst un wunnerst di woll, dat he sien Leesbook noch
-hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest
-den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest
-dor annen Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo,&ldquo; sagte Klaus Mewes, &bdquo;ik wür son groten Döskupp:
-man god, wat de Jungens nu all en Deel kleuker
-sind. Non, denn legg los, Heinrich Mücke,&ldquo; setzte er gemütlich
-hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann,
-der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne
-es zu wissen ...
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Den Reiter schauderts, er atmet schwer:</p>
- <p class="verse">Da hinten die Ebne, die ritt ich her.</p>
- <p class="verse">Da recket die Magd die Arm in die Höh:</p>
- <p class="verse">Herrgott, so rittest du über den <em>See</em>!</p>
- <p class="verse">An den Schlund, an die Tiefe bodenlos</p>
- <p class="verse">hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!</p>
- <p class="verse">Und unter dir zürnten die Wasser nicht,</p>
- <p class="verse">nicht krachte hinunter die Rinde dicht,</p>
- <p class="verse">und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,</p>
- <p class="verse">der hungrigen Hecht&rsquo; in der kalten Flut?</p>
- <p class="verse">Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;</p>
- <p class="verse">es stellen die Knaben sich um ihn her,</p>
- <p class="verse">die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:</p>
- <p class="verse">&bdquo;Glückseliger Mann, ja segne du dich!</p>
- <p class="verse">Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,</p>
- <p class="verse">brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!&ldquo; ...</p>
- <p class="verse">...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille
-Pause im Ewer, obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht
-recht gefallen wollte, denn hinterher vor Angst sterben,
-war nichts für ihn. Auch Störtebeker war still, so sehr
-wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die
-Schulter und sagte anerkennend: &bdquo;Du kannst god beden,
-Hein! Blief man giern betjen bi de Beuker: wennt weiht,
-hest dor Tied genog to.&ldquo; Damit stand er auf und ging
-an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen
-Jungen zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon
-Störtebeker wünschte, es möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln,
-damit er die Nacht und immer an Bord bleiben
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt
-und drehte richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief
-und ihm die Sache verklarte. Jawohl, er nehme ihn
-gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn
-und Hein Mück an Deck.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und
-daß er von Bord sollte. Tränen standen ihm in den
-Augen, als sein Vater ihn hinüberwriggte und Kreek
-und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er selbst
-übersteigen. &bdquo;Adjüst, Störtebeker.&ldquo; &bdquo;Jüst, Vadder!&ldquo; Er
-konnte kaum sprechen, so traurig war er geworden, und
-hatte für Jan Külper keinen guten Tag und guten Weg.
-&bdquo;Greut Mudder man un segg man, wi kommt bald mit
-en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer
-kummst du ok mit no See!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo,&ldquo; sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien
-Snacken doch bloß no!
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ
-die Jolle schwoien. &bdquo;Adjüst, Störtebeker!&ldquo; riefen Kap
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Horn und Hein Mück, die auf den Luken standen, aber
-der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort
-mehr. Er war ganz krank und wollte nichts hören und
-sehen. Er wollte auch den Ewer nicht mehr angucken.
-Jan Külper hatte gedacht, einen munteren Fahrtgenossen
-zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber
-Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während
-der ganzen Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr
-ins Wasser.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warr man ne seekrank, Störtebeker,&ldquo; sagte der Elbfischer
-einmal.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dor quäl di man ne üm!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,&ldquo;
-drohte der Fischer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben
-wullt,&ldquo; rief der Junge patzig. Da goß Jan ihm
-zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu
-Finkenwärder an. Am Köhlfleet, eben hinter der Königsbake,
-setzte Jan seinen mürrischen Passagier an Land.
-Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek
-in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach
-dem Neß.
-</p>
-
-<p>
-Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine
-Mutter schon rufen: &bdquo;Klaus! Klaus! Klaus!&ldquo; Und er
-sah, daß Leute bei ihr standen. Auch sein Großonkel, der
-alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah, war auf
-dem Deich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch
-woll bloß ween?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier is he!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woneem, woneem?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier uppen Diek, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-ihn bei der Hand und führte ihn in die Stube und fragte,
-wo er gesteckt hätte. Und als er seine Reise über das
-Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter
-und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne
-jede kindliche Übertreibung, denn er hielt sich an das
-Wort seines Vaters: Eulich wat beleben, denn brukt en
-ok ne to legen! &mdash; da warf die Mutter sich schluchzend
-auf den Tisch und sagte: &bdquo;Haut ji em, Unkel, haut ji
-em: ik kannt ne!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hebben mütt he wat,&ldquo; erklärte der verbissene und
-durch das viele Rufen gereizte Alte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel
-lot ik mi ne haun,&ldquo; sagte Störtebeker mit blitzenden
-Augen, aber der alte Jäger, den das Schreien aus dem
-Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: &bdquo;Wat? Van mi
-lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol
-wies warrn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen,
-dann aber war ihm auch das einerlei: mochte
-er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über Bord werfen
-wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen,
-ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen
-funkelten: dat ward ne vergeten! Diese Ruhe brachte
-den Alten noch mehr auf und er schlug ihn ärger, da warf
-sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden
-auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen
-nicht zu brechen war, daß er sich lieber krumm und lahm
-prügeln ließ, ehe er einen Laut von sich gab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder
-uppen Bitt, ik will woll alleen mit em klor warrn,&ldquo;
-bat sie dringend. Der Alte ging mit einem bösen Blick
-hinaus und brummte noch auf der Diele.
-</p>
-
-<p>
-Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem
-Schuster vorhalten. &bdquo;Dat betjen Hoveree,&ldquo; sagte er verächtlich,
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-&bdquo;wat he dor son Larm üm moken mag! Harrst
-em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben kunnt!&ldquo;
-Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn
-Narren gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das
-Fenster eingeworfen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich
-zu Bett. Nach dem langen, ereignisreichen Tag schlief er
-schnell ein. Er dachte noch: wenn ik irst an Burd bün,
-denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as Mudder:
-&mdash; dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.
-</p>
-
-<p>
-Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett
-schlich und ihm in das stille, braune Gesicht sah! Lange
-Zeit sah sie ihn an und bat ihm ab, daß sie ihn hatte
-schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja nicht
-anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn
-gelehrt hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf:
-sie beugte sich über ihn und küßte ihm den festgeschlossenen
-Mund. Bei Tage hätte sie das nicht tun dürfen: er hätte
-sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen Kinderkram,
-wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster
-gesprungen, als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mien Jung büst du doch,&ldquo; flüsterte sie zärtlich und
-strich ihm über das Haar, da regte er sich und sagte
-halblaut: &bdquo;U, Vadder, kiek mol dat grote Schipp!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich:
-er steht schon wieder bei seinem Vater an Bord &mdash; und
-du, Gesa?
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-Fünfter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker
-tat, daß er auf den Deich lief und nach dem Wetter guckte.
-Und er freute sich, als der Wind wehte, daß die Ewer
-im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so kam
-auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-da. Denn sein Vater, sein Vater! Danach fragte er,
-das ging ihn an: ohne den war es nichts, ohne den wußte
-er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und ohne den
-Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken
-ging es noch, als er in behaglicher Breite von
-dem Segeln und Kreuzen sprach, wie weit sie wohl schon
-wären, ob das Boot wohl schon wieder aufgetallt wäre,
-ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und
-andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im
-Türloch stand, da war er wieder ganz allein und wußte
-nicht, was für einen Weg er einschlagen solle. Zuletzt
-dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete
-den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine
-Lage frischen Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem
-Gehabe zurechtlegte. Danach ging er an dem Graben
-entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater noch mit
-unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein
-Hecht, noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle
-krabbelte an dem mittleren Reifen und sprang eilig ins
-Wasser zurück. Der Junge stellte das Netz auf einer
-anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem Binnendeich,
-um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den
-durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein
-Vater auf See eingezogen hatte und die nun vor dem
-Deichsiel im fließenden Wasser lag, aufs Trockne und
-überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er drinnen
-hatte, noch springenlebendig waren.
-</p>
-
-<p>
-Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon
-verwaltet. Was sollte er nun noch tun? Wenn sein Vater
-da war, hatte er alle Hände voll: nun war er eigentlich
-arbeitslos.
-</p>
-
-<p>
-Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen,
-spielten die Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe
-und Tickfast. &bdquo;Speel doch en betjen mit de Kinner,&ldquo;
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die Hühner
-fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit
-aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob
-er mitspielen wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen
-spiele er überhaupt nicht: er wäre doch kein Mädchenkönig!
-Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder Hahnensehen
-mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann
-hätte er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe
-bleiben &mdash; und deshalb wurde es ihm bald über,
-da Gevatter zu stehen, und er kehrte ihnen den Rücken.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr
-auf dem Nacken und den Sack mit den Lockenten auf dem
-Rücken und wollte wilde Enten schießen. Juno, der große,
-braungefleckte Hund, lief neben ihm her.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er
-dachte an die Schläge vom Abend vorher, aber der Alte
-hatte seine Wut verschnarcht und sagte vergnügt: &bdquo;Meun,
-Klaus Störtebeker!&ldquo; Störtebeker dachte aber: snack, soveel
-du wullt, wat geiht mi dat an, &mdash; obgleich die
-Enten durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun
-und er gern einmal in den Sack geguckt hätte, auch von
-Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels
-und wartete, daß einige von seinen Mackern kommen
-sollten, mit denen er in die Pütten oder nach der Wisch
-ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter
-hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die
-Runde mit den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise
-über das Eis war schon bekannt geworden. Ihre Jungen
-sollten sich nicht mehr mit dem Buschräuber abgeben,
-riefen die Frauen einander zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß
-no den Störtebeker, hest mi verstohn?&ldquo; &bdquo;Jo, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-zur Hand und lief mit dem Bambusstock grabenauf
-und grabenab, um einen Hecht zu erwischen, aber er
-hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig genug,
-die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu,
-sie schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher
-kam. Einmal gewahrte er einen großen Hecht, der gut
-gegen die Sonne stand: behutsam tauchte er die goldige
-Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen,
-und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch
-anfänglich gut: die Schnauze war schon in der Schnarre:
-wenn er hinter den Kiemen war, wollte er rasch zuziehen
-und den Hecht aufs Land schnellen, aber da strich
-eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi
-Pundsheek gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im
-Wasser.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du verdreihte Jakob du!&ldquo; rief Störtebeker ärgerlich
-und warf mit einem Kluten nach ihr, dann gab er die
-Feekfischerei auf und zog mit seinem runden Netz nach
-der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war lohnender:
-er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke
-Weibchen und graue, dünne Männchen. Den größten Teil
-bekam die Mutter, die sie für die Hühner kochen wollte,
-den Rest aber machte er, auf der Bank unter den Linden
-sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für Kluß
-zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt.
-Die alte Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den
-Schmaus durch die Maschen des Kastens stopfte.
-</p>
-
-<p>
-Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock
-setzte und ihr ununterbrochen die drei Worte vorpredigte,
-die sie lernen sollte: &bdquo;Höh, Klaus Mees!&ldquo; da sprang
-sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als wenn sie
-schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den
-Schnabel, als wenn sie um weiter nichts als um neue
-Stichlinge verlegen wäre, sie krächzte auch einmal, aber
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der Junge sich
-auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach
-getaner Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen,
-wenn er in den Hof hineinging und es mit einem
-Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich sollte die Krähe
-lernen: De Jung mütt no See! &mdash; aber das sollte
-nun erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld
-freilich noch nicht groß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du büst dummerhaftig, Kluß!&ldquo; sagte Störtebeker
-ärgerlich, &bdquo;wenn du ne bald snackst, bring ik di keen
-Steengrimpen mihr her.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Mittagessen &mdash; Plummensaus gab es, eine
-Götterspeise für ihn &mdash; machte er sich ans Knütten und
-dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage vorher zwischen
-seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen
-und Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten,
-die Nadel flog nur so, aber nach anderthalb Stunden sah
-er ein, daß es ohne seinen Vater doch nichts schaffte.
-</p>
-
-<p>
-Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und
-goß den Kahn leer, der immer noch etwas Wasser machte.
-Kalfatert mußte der werden, das war ein Apfel, und
-wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre,
-hätten sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl
-allein dabei.
-</p>
-
-<p>
-Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie
-fischten wohl schon und hatten bald die Reise! Wenn
-sie doch schon morgen kämen oder übermorgen!
-</p>
-
-<p>
-Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten
-baumelten an der Tasche und machten ihn guter Laune.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du
-schallst Afbitt don,&ldquo; stichelte er, aber der Junge ließ sich
-nicht in die Kneife bringen. &bdquo;De ward fix nattgoten,&ldquo;
-sagte er gleichmütig, dann aber besann er sich, schluckte
-den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich,
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen,
-Juno zu streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war,
-und die Flinte zu tragen, denn er wollte nun doch gern
-einmal wieder mit auf die Jagd, bis sein Vater kam.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik
-mit mien Kohn schippern kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt
-woll anner Wetter,&ldquo; sagte der Jäger und sah den
-Heben an.
-</p>
-
-<p>
-Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich,
-die dreierlei wissen wollten.
-</p>
-
-<p>
-Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen
-hatte, denn dann wollten sie einen Bock und eine Eve
-bestellen.
-</p>
-
-<p>
-Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle
-Fenster eingeschlagen hatte, denn das war am Deich erzählt
-worden.
-</p>
-
-<p>
-Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken
-war, denn dann wollten sie gleich Ostermoonen beuten.
-Streichhölzer hatten sie eine ganze Schachtel voll in der
-Tasche.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen
-die Eve. &bdquo;Ik weet ne, veel lütje Munkis dat ik krieg,
-Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor söben van ward,
-denn kriegst du noch twee.&ldquo; Wegen des Schusters ließ
-er es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter
-bezahlt hatte, und sagte: &bdquo;De Lüd snotert sik wat trecht,
-Hein!&ldquo; Der Feek sei noch mistnaß und für Ostermoonen
-sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich wohl
-eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien?
-Wenn es soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen
-Rauch trecken sehen. &bdquo;De Rietsticken geef mi man, Ott,
-dor kannst du lütje Boitel doch noch ne mit ümgohn,
-de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.&ldquo; Damit
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-entriß er dem Jungen die Schachtel und steckte sie
-in die Tasche. Er wies ihnen noch Kluß und die angefangene
-Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und die
-Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er
-sie um, denn er sah die Gören vom andern Ende doch
-nicht ganz für voll an, und wenn nicht die Bestellung
-gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit ihnen
-abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen
-halten.
-</p>
-
-<p>
-Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor
-drei Tagen so schlecht bekommen war, ging er doch wieder
-an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn, um sich seefest
-zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.
-</p>
-
-<p>
-In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang
-und Graupen und Zucker vom Krämer holen. Damit
-war sein Tagewerk beendigt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all
-wedder,&ldquo; sagte er zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch
-die anderen Tage aus, ohne rechte Lust und rechten Wind,
-und wartete auf den großen, schönen Ewer mit den hohen,
-braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und
-weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater
-aufkommen konnte, stand er stundenlang auf dem Deich
-oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder er saß im
-Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den
-vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen
-Ewer und einen blauweißen Stander, der von Godefroo
-bis zur Nienstedter Kirche wehen mußte, nicht länger,
-wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar
-wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks,
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-des angetriebenen Schilfes, am Westerdeich, auf das
-Schmelzen des Eises, auf die Besserung der Grabenfischerei,
-auf das Jungen des Kaninchens und auf das
-Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur
-Kleinigkeiten gegen das große Warten auf seinen Vater.
-</p>
-
-<p>
-Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern
-stand auf der Neßhuk nur noch eine alte Kate, in der
-Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau, die im Winter
-Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm
-sie die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen
-Schornstein, und aller Torfrauch sammelte sich auf der
-Diele, die die beste Rauchkammer weit und siet abgab.
-Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch suchte
-sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill
-war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten
-Leben und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe,
-die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr nicht,
-aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand
-verdarb es gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der
-sie schief angeguckt hatte, war es schlecht ergangen, er
-hatte den Mast abgebrochen oder andere große Haverei
-bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen.
-Manch einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben
-glaubte und nicht fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher
-gehörig ausgeräuchert zu haben. Man mußte Thees
-to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst
-Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses
-Weibes.
-</p>
-
-<p>
-Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und
-sie zwischen den Eschen zum Trocknen aufgehängt. Nachts
-wachte er mit einem Mal auf und es trieb ihn, aus dem
-Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht
-zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine
-Kurre berührte. &bdquo;Nu bün ik behext,&ldquo; dachte er. Am
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Morgen besah er die Kurre genau und fand einen Pfennig,
-in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und
-vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte
-er das Netz auf der ersten Reise gleich an den Steinen
-zerrissen. Also sprach Thees to Baben.
-</p>
-
-<p>
-Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts
-hielten, war Klaus Mewes, der Lachende, und als er
-einmal darüber zukam, als Gesa dem Jungen einschärfte,
-doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel
-und keine Birne, da sagte er ernsthaft: &bdquo;Mudder, gläuf
-doch ne an Hexen un sowat. De arme Froo kann ne
-mihr as du. Wat schull de den Jungen woll geben? De
-freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!&ldquo; Und dann
-sagte er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr
-nach seinem sicheren Gefühl zugefügt hatte: &bdquo;Wi hebbt
-noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker, un bring
-Sill de hin!&ldquo; Der Junge tat es: Sill war vergnügt und
-wollte ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht
-gleich einen finden und sagte ihn für später zu.
-</p>
-
-<p>
-Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn
-kam, dachte sie daran, klinkte die Tür auf und sagte:
-&bdquo;Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns hebben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich
-erst um, ob ihn die Mutter auch sah. Als die Luft rein
-war, trat er auf die dunkle Diele, denn bange war er
-nicht. &bdquo;U, Sill, wat bitt de Rook mi inne Ogen,&ldquo; rief er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen
-god för de Schinken,&ldquo; sagte die Alte und kroch in das
-Kellerloch hinein, das unter den Wandbetten war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to,
-Sill?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher,
-wie ein Schwein im frischbestreuten Koben. Zu sehen war
-gar nichts mehr von ihr, nur noch zu hören. Ein anderes
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine in
-die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat seggst du, Junge?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?&ldquo; wiederholte
-er lauter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, all mien Schinken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Diern, denn kannst du di woll frein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah
-ihn mit glühenden Augen an. &bdquo;Is dat de Katt oder de
-Koter, Sill?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung
-auf, wie der Geist von Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme
-in den Haaren und zwei Äpfel in der knochigen
-Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De
-Katt hett Junge: wenn du Lust hest, kannst jüm offermorgen
-all versupen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,&ldquo; sagte er gemütlich, sie
-aber gab ihm die Äpfel und bemerkte dazu, es seien die
-letzten, die wären für die Fische von damals und er solle
-sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne Danke
-an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den
-beißenden Rauch nicht mehr aushalten.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte,
-und betrachtete die schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein
-die rochen! Ob sie wohl behext waren und ob er wohl
-krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte
-es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und
-sein Vater war der Oberste für ihn: er wollte sie getrost
-essen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat
-sünd dat för Appeln?&ldquo; &mdash; rief die Mutter, die mit
-einem Mal neben ihm stand. O weh &mdash; das hätte nicht
-kommen dürfen. &bdquo;Kantappeln, Mudder!&ldquo; &bdquo;Keen hett di
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-de geben?&ldquo; Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten
-hatte! Nun mußte er mit der Wahrheit an den
-Tag. &bdquo;Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Her de Appeln!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Her de Appeln, de schallst du ne upeten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen
-Appeln mihr hatt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Giffst du de her, Klaus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger
-und nahm sie ihm weg. Hastig steckte sie sie in die große
-Tasche, die sie unter der Schürze trug, und ging ins Haus
-zurück. Störtebeker lief hinterher und versuchte, sie ihr
-wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie war
-unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete
-sie heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde.
-Und als er sie später aus der Tür kommen hörte, da
-versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter der dicken
-Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte,
-dann lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte
-die Äpfel hinein, um die Hexerei unwirksam zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen
-kam und die Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah
-er sie nicht lange, sondern wischte sie schnell an der
-englischledernen Hose ab und steckte sie in die Tasche.
-Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in
-seinem Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits
-stehenden Esche gebaut hatte, betrachtete er sie wieder
-und aß sie dann mit großem Behagen auf, ohne bange
-zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu
-schmeckten sie viel zu gut.
-</p>
-
-<p>
-Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein
-gelber Prinzapfel auf dem Tische und die Mutter sagte:
-&bdquo;Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een van uns egen Appeln
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne
-krank van. Den et man up.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht,
-aber er sagte doch: &bdquo;Van wegen beter, Mudder, dat will
-ik di man seggen: ik mag Kant leber as Prins!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine
-hohe <a id="corr-3"></a>Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in
-tausend Stücke, schob das meiste davon auf den Deich
-und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten
-Regen und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel
-und Schlickhaufen im Gras. Nun hatte Störtebeker
-freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er konnte
-wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß
-er eben vor der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab
-treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem
-Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen aus und
-harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten,
-denn jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein.
-Zehn Tage war er schon weg. Die Dünung der Dampfer
-tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, &mdash; das erfreute
-ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden.
-</p>
-
-<p>
-Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster
-vorbeigeschleppt wurden, warf er den Kopf in den Nacken
-und guckte nach den Rahen und Masten hinauf. Dampfer
-sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater
-nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn
-nicht gut auf sie zu sprechen war. Was da sonst noch
-segelte und kreuzte, Dreuchewer, Jalken, Kuffen,
-Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor
-seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper
-bei ihm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren
-Schiffe für ihn, denen wriggte er entgegen und die begrüßte
-er: &bdquo;Hebbt ji Vadder ne sehn? Hett he ne bi jo
-fischt? Kummt he bald?&ldquo; Wußten die Fahrensleute dann
-mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger,
-dann drehte er einfach seinen Kahn so, daß sie
-seinen Namen &bdquo;Klaus Störtebeker&ldquo; lesen konnten, &mdash; dann
-wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder nein,
-sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten
-ihn nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein
-oder er wäre nach der Weser gesegelt. Es waren auch
-Schelme da, die riefen, sein Vater sei nach Janmerika gefahren
-und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte,
-die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern,
-sondern am Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten
-hören wollte: daß einer sagte: &bdquo;Dor seilt dien Vadder,
-dor achter: schipper em man inne Meut!&ldquo; &mdash; das bekam
-er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er
-nicht zu sehen, so weit er auch blickte.
-</p>
-
-<p>
-Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich
-zu winken und die Frauen zu grüßen: er sah es mit
-einem bitteren Geschmack im Munde.
-</p>
-
-<p>
-Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er
-dann noch den Deich entlang mußte, benachrichtigte er
-wohl die Frauen, deren Männer aufgekommen waren:
-Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man noch
-mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein
-is upkommen, hett tweehunnert Stieg Schullen. Und
-wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wußten,
-wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich
-doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker
-freundlicher an, um so eher, als er nicht für Geld ansagte,
-wie die andern Jungen, die sich gemeinsam ein
-Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-auf Teilung unterhielten.
-Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. &bdquo;Behol
-man, ik verdeen Gild nog mit mien Fisch un mien
-Kninken,&ldquo; sagte er, wenn ihm eine einen Groschen geben
-wollte.
-</p>
-
-<p>
-Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer
-Manofwar, ein deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang.
-Schon von Schulau an hatte es sich durch langgezogenes
-Heulen bemerkbar gemacht &mdash; langsam glitt es
-nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem
-solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen, als er
-gedient hatte. An der Reeling standen viele Mariner und
-guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon mitten
-auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte
-ein Matrose und rief: &bdquo;Hallo, Störtebeker!&ldquo; Das war
-Jan Greun, der auf der anderen Seite von der Stegel
-wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen,
-du würst in Schino!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lurst du up dien Vadder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, Jan! He kummt man bloß ne.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den
-Kanonen losballern, auch fragte er Jan, ob er seine
-Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff vorüber
-und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes
-gegen die anlaufende, große Dünung drehte.
-</p>
-
-<p>
-Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei,
-und als der Junge in gewohnter Weise fragte, da
-bekam er die Antwort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett
-ok de Reis, he is ober no Bremerhoben gohn! Segg dien
-Mudder man Bescheed!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Is dat eulich wohr, Hein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück.
-Nach der Weser war sein Vater! Das konnte ja
-schön werden, denn das letzte Jahr war er auch immer
-dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte:
-wenn du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst
-dor woll gliek söben Mol no de Ratt hin! Nun konnte
-es wieder so kommen, daß er immer dahin segelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mudder, weest, neem Vadder is?&ldquo; fragte er, als sie
-beim Kaffee saßen. &bdquo;In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein
-Rolf snackt, de hett bi em fischt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und
-an Land is,&ldquo; sagte die Mutter erfreut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He harr ober man no Hus kommen müßt,&ldquo; sagte er
-darauf, &bdquo;wat deit he no de Wesser hin?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat mütt Vadder sülben weten,&ldquo; erklärte sie aber,
-&bdquo;dor is he dichter bi de See un hett dor ok woll noch
-en beter Markt as boben an Altno.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige
-Zeitung des Deiches, am andern Morgen, daß so viel
-Schollen oben an der Brücke wären, daß kein einziger
-Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und
-hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die
-sie den Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese
-sich auch nur umguckten. Da sah Gesa ihren Jungen an:
-doch man god, wat Vadder no de Wesser is! &mdash; aber
-Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen
-sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht
-noch slechter!
-</p>
-
-<p>
-Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken
-Zwillinge bekommen hätte &mdash; twee lütje Jungens, ober
-krekel un gesund! &mdash; daß Hinnik Bott seinen Ewer kondemmen
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See
-über Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte
-sich noch lange über Wasser gehalten, aber sie hätten ihn
-nicht wiederfinden können, weil es so dunkel gewesen wäre.
-&bdquo;Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!&ldquo; hätte er immer gerufen,
-bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel
-hätten ihn zuletzt hinuntergezogen. &bdquo;Is man en Butenlanner,
-Gorch hett he heten, ober wat is dat bedreuft,&ldquo;
-schloß die Frau.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten
-Kurrbaum, der noch die Zeichen H. F. 125 trug, und
-hörte zu.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-Sechster Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge
-aus, die zwei große Löcher hatte; entweder war ein Hecht
-hindurchgeschossen, oder der Bauer hatte sie mit Willen
-entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der Briefträger
-den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte
-er an einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch
-nicht fragen. Erst, als er Jan Beier in das Schütt gehen
-sah, ließ er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Van Bremen, Gesa,&ldquo; sagte der Briefträger gerade
-und gab seiner Mutter einen Brief, wobei er den Herd
-mit den Augen streifte und lüsterte, ob der Kessel über
-dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte,
-hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel
-aus der Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch
-und sagte: &bdquo;Hunnert Doler, mien Diern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!&ldquo; rief Störtebeker
-aus, als er die Goldstücke sah, dann aber wurde
-er nachdenklich und sagte: &bdquo;Wat kann dat angohn? Wenn
-Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter
-Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-&bdquo;Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,&ldquo; antwortete
-der Postkerl geheimnisvoll.
-</p>
-
-<p>
-Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und
-tat Rum und Zucker hinein, denn es war Jan Beiers
-herkömmliches Recht, daß er einen Grog verlangen konnte,
-wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf
-den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete,
-holte das rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich
-die Stirn, obgleich ihn gar nicht schwitzte, dann ließ er
-eine kleine Rede über den langen Weg und sein Alter
-los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu
-rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte
-den Grog liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht,
-er probte, wie ein Weinküfer, mit geschlossenen Augen,
-und nickte, zum Zeichen, daß er gegen das Verhältnis
-der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich aber
-trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker:
-&bdquo;Dat Glas kannst du utlicken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik bün keen Restensuper,&ldquo; sagte der Junge verächtlich
-und schob das Glas von sich, Jan Beier aber machte sich
-reisefertig, nahm seinen Gutentagstock aus der Ecke und
-ging aus der Tür mit den hergebrachten Worten: &bdquo;So,
-nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jüst, Jan!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!&ldquo; rief
-Störtebeker bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell
-in die Kommode und verbot ihm, es am Deich zu erzählen,
-wieviel sie bekommen hatte. Dann machte sie den Brief
-auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:
-</p>
-
-<p class="center">
-Klaus Mewes, Finkenwärder,
-</p>
-
-<p class="noindent">
-ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg.
-&bdquo;Se findt mi ok so,&ldquo; pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen,
-wenn Gesa ihm das vorhielt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch,
-wie er geschrieben, und dann plattdeutsch, wie er gemeint
-war. Diese Briefe von der Fahrt waren einander
-dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte,
-sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er
-dann nur noch auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum,
-die Geldsumme.
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="date">
-Bremen, den 29. März 1887.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Liebe Gesa!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg
-gehabt und 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300.
-In Bremerhaven war es zu voll, deshalb sind wir
-raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen. Diese
-Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre
-Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das
-Markt ist ja immer so schlecht auf der Elbe. Wenn
-Störtebeker mitgegangen wäre, hätte ich ihm schön
-Bremen zeigen können. Wir sind noch gesund und
-munter, was ich auch von Euch hoffe.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt will ich schließen.
-</p>
-
-<p>
-Mit Gruß an Dich und Störtebeker
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein Mann Klaus Mewes.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: &bdquo;Och, de
-scheebe Weg no Bremen!&ldquo; Das war eine Redensart am
-Deich. Und bei der Stelle: Bremen zeigen: rief er: &bdquo;Jo,
-dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!&ldquo; Die
-Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol
-Bremen wiesen? Und sagte ein Junge ja, so faßten sie
-ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Höhe und
-fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis
-er gequält ja sagte.
-</p>
-
-<p>
-Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-zufrieden, denn sein Vater wollte ja noch länger nach
-der Weser fahren. Verdrossen ging er wieder an seine
-Arbeit.
-</p>
-
-<p>
-Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte?
-Nachher, wenn er erst mit an Bord war, konnte es seinetwegen
-gern immer nach Bremen gehen, aber erst sollte
-sein Vater kommen und ihn holen!
-</p>
-
-<p>
-Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er
-sein Netz nach dem Schauer und heilte dort weiter, unter
-den großen Namenbrettern gestrandeter Schiffe aus der
-alten Zeit, als noch gute Beute zu machen war, <em>Büt</em>,
-wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf Großvogelsand
-strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer
-Klipper mit Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der
-Schauer hinter dem Deich trugen diese Namenbretter als
-Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine Inschrift, wie
-&bdquo;Kalliope&ldquo;, &bdquo;Ceres&ldquo;, &bdquo;Fare well&ldquo; oder &bdquo;Merkur&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter
-auf, davon zwei mit Goldbuchstaben, und über
-dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau,
-die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen
-umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt &mdash; nun von
-Spatzen umpiept, von Hühnern umgackert.
-</p>
-
-<p>
-Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur
-eins angemacht, das mit der goldenen Inschrift:
-</p>
-
-<div class="boxes">
-
-<p class="box center antiqua">
-Suzanne &mdash; LE HAVRE
-</p>
-
-</div>
-<p class="noindent">
-die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen
-Beutemacher, und hießen:
-</p>
-
-
-<div class="boxes">
-<div class="box2">
-
-<p class="box left antiqua">
-HOFFNUNG
-</p>
-
-<p class="box right antiqua">
-Goede Verwachting
-</p>
-
-</div>
-</div>
-
-<div class="boxes">
-<div class="box2">
-
-<p class="box left antiqua">
-HAABET &mdash; SKIEN
-</p>
-
-<p class="box right antiqua">
-MARY THOMPSON
-</p>
-
-</div>
-</div>
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene
-Fischerei in diesen Tagen besser wurde, er fing beinahe
-jede Nacht etwas. Und weil sein Vater in den ersten sechs
-oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen konnte, er
-also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte,
-warf er sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam
-die Bunge fertig. Der Jäger stellte sie ihm ein und
-dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt saß das
-Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen
-und Karauschen und er mußte daran denken, sie an den
-Markt zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal
-gebrauchte, denn er konnte nicht bitten, wie er nicht
-danken konnte. Gesa mußte hin und Hannes Husteen
-fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf nehmen
-wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: &bdquo;Frog
-em man sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,&ldquo; da
-sagte er aber kurz und bündig: &bdquo;Non, denn ist god, denn
-lot de Fisch man all krüssen, denn lots man dot blieben.&ldquo;
-Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er
-selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer
-gelaufen: sie dachte aber nicht daran, sondern tat den
-Gang für ihn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Will he jüm mithebben, Mudder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek
-rup!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief
-damit nach der Jolle, die im Sielgraben lag und schon
-ungeduldig mit dem Segel giekte, und hängte sie in den
-Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige Einwendungen:
-wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik
-jüm los warr ... de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de
-Hökerwieber man nehmt ... Als Störtebeker aber sagte:
-&bdquo;Denn schallst du jüm gorne mithebben, du Bangbüx,&ldquo;
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der
-Elbfischer ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und
-die Fische so teuer als möglich zu verkaufen und wenn
-er sie dem Bürgermeister von Hamburg selbst ins Haus
-bringen müsse und die Tide darüber versäume.
-</p>
-
-<p>
-Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag
-für ihren Jungen ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau
-ankommen sah, versteckte sich schnell, damit
-er nicht Danke zu sagen brauchte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er
-den Weg nach der Elbe ganz vergessen hätte. Bald kam
-eine Kunde von Geestemünde, bald von Vegesack oder
-Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von
-Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher
-hinein und versorgte die ganze Unterweser mit springenlebendigen
-Klapperschollen und mit Finkenwärder Plattdeutsch.
-Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste,
-Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich,
-wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand
-und seine Fische pries. Nach dem Elbdeich kamen nur
-Briefe und Anweisungen auf Geld.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte
-seiner Mutter gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags
-tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker. Nach dem
-Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus, denn der
-Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja
-schon bald aus, wenn er fragte.
-</p>
-
-<p>
-Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit
-anfangen solle, wenn die Eve nicht sieben Junge gekriegt
-hätte, die ihm viel Arbeit machten, und wenn nicht die
-Tage der Ostermoonen angebrochen wären.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden,
-wenn die Sonne höher steigt? Die alte Heidenfreude ist
-es, die Freude an der Welt, an der Sonne und am Licht,
-die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen ihr ferner
-und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber
-wie das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das
-ausgewachsene, entwickelte, so steht auch das Kind dem
-früheren Menschen näher als der Mann: es horcht auf
-Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr Eltern
-und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es
-jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind &mdash; straft es
-nicht um seine Osterflammen!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Johannisfeuer bleibe unverwehrt!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel
-aus Schilf, Reet, Binsen und Gras, das die winterlichen
-Sturmfluten zusammengeworfen hatten, und als die Sonne
-es etwas getrocknet hatte, da wurde es hümpelweise in
-Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus
-Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden
-Tag, an dem es nicht mit Mulden goß, den Westerdeich
-belebte. Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben,
-und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer saß, so
-qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams
-eines Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die
-Jungen lagen daneben, pusteten und husteten, machten
-an der Windseite Luftlöcher, schleppten wieder Feek herbei
-und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der
-bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-durchzog und vom Neß bis nach dem Audeich zu riechen
-war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein, die größte Ostermoon
-zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie.
-</p>
-
-<p>
-Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte
-in der Kirche gegen den heidnischen Greuel, der Polizist
-vertrieb die Jungen, die Bauern hetzten sie mit den
-Hunden, die Frauen taten alles mögliche, &mdash; aber die
-Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich
-immer wieder zusammen und steckten die Feuer wieder
-an. Rauchgeschwärzt saßen oder standen sie bei ihren
-Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer von ihnen
-Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch,
-so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen
-Inselgewirr der Püttensümpfe, zog die Bretter ab
-und saß in den Erlenbüschen, hinter dem Reet und den
-dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker
-war der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch
-der erste, der wieder aus den Pütten kroch, und vergaß
-niemals zu sagen: &bdquo;Ik bün obers ne bang, Jungens!&ldquo;
-Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig
-räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal
-eine alte Wichel in Brand zu setzen. Abends wusch er
-sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt
-nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu
-quälen. &bdquo;Lot man brinnen,&ldquo; sagte er zu seiner Mutter,
-wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen
-besorgten Frauen hinlief und die Flammen dämpfte, damit
-nicht alle Bäume in Brand kommen sollten.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen
-müßten sein: sein Vater hätte sie als Junge auch
-gehabt, so verteidigte er sich und fand am andern Morgen
-wieder den Weg nach dem Westerdeich.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker
-Matrose, der hieß Harm Külper und konnte von seinem
-Bett nach dem Westerdeich sehen.
-</p>
-
-<p>
-Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor
-Jahren aus der Heimat gegangen &mdash; als ein kranker,
-schwacher, stiller Mann war er vor Wochen zurückgekommen.
-Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen,
-um den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die
-Leute noch gegrüßt, die vor den Türen gesessen hatten:
-aber es war ihm doch nicht möglich gewesen: beim Kirchenweg
-sackte er um und mußte nach dem Neß getragen
-werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein
-Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter, die
-laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn
-gepackt und niedergeworfen. Nun lag er im Bett und
-wartete auf den Tod, denn er fühlte, daß er nicht wieder
-gesunden könne. Die große Fahrt war aus &mdash; über sein
-Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht
-worden, den er nicht wegwischen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter
-ging in schwarzen Kleidern und die unteren Fenster waren
-dicht verhängt. Sein Vater und sein ältester Bruder
-waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er butenlands
-gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen
-Augen sah er sie an, als wenn er noch im deutschen
-Hospital läge und träume. Er sprach nur noch selten:
-an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die
-Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage
-vor sich hin. Mit fünfundzwanzig Jahren den Tod bei
-der Hand fassen: wie das Seemannsherz sich dagegen
-wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Segel ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie
-nicht wieder zu machen waren.
-</p>
-
-<p>
-Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus
-Störtebeker, der jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon
-ansteckte. Der brachte noch ein Lächeln in das
-ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken
-bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her,
-Klaus, hürst? ... Kiek, hier! Dat schall fluckern un
-räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm! ... Jo, hier
-is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat
-fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en
-feine Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune
-Ostermoon, Klaus Störtebeker! ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Säst du wat, mien Jung?&ldquo; fragte die Mutter besorgt,
-die ihn sprechen gehört hatte und von unten gekommen
-war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup,
-Mudder, ik much giern mol mit em snacken,&ldquo; bat er.
-</p>
-
-<p>
-Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert,
-wie er bei seinem Feuer gestanden hatte, geschwärzten
-Gesichts, und ließ sich ausfragen von dem todkranken
-Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und seinen
-Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am
-meisten aber von seinem Vater und daß er den Sommer
-mit nach See wolle und solle. Dann aber fing er
-an zu fragen: nach den großen Schiffen und den
-Schwarzen, nach dem Fliegenden Holländer und nach
-Amerika. Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen
-hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre, was Kap
-Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der
-alle Schiffe hindurch müßten.
-</p>
-
-<p>
-Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des
-Jungen. Er schaute in dessen Augen wie in einen Spiegel
-hinein und sah seine Kindheit wieder, die er verloren
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis die
-Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte.
-Da schenkte er ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das
-er in den Passaten, als die Segel wochenlang stehen
-bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt hatte, und
-nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle
-Tage wieder heraufzukommen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all
-een,&ldquo; sagte er zu seinem Bruder. &bdquo;Herrgott innen Heben,
-wat förn mooi Leben hett de nu noch vör sik &mdash; un mien
-is ut! Mien is ut! Ik bün beet!&ldquo; stöhnte er und kehrte
-das Gesicht gegen die graue Wand.
-</p>
-
-<p>
-Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören
-konnte, die Mutter aber setzte sich zu ihm und
-streichelte ihm die Backen, bis er ganz still lag. Dann
-sagte sie: &bdquo;Harm, hür mol to: ik will mol mit di snacken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, lot mi doch, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so
-vörn Harten, dat ik ne mihr slopen kann. Jan, dien
-Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut de Schol is!
-Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh
-to Woter, wenn he ne an Land blifft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort:
-da glaubte sie, daß er eingeschlafen sei, und schlich auf
-Socken hinaus. Er hatte aber nur keine Antwort geben
-wollen.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen,
-er hatte keine Zeit für sie, denn er war mit seinem
-kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte dessen
-Segel- und Manövrierfähigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger
-Tag. Weiße Wolken kamen im Westen aus der See gestiegen
-und segelten wie Lustkutter auf dem blauen Luftmeer.
-Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken
-konnte, und wartete auf Störtebeker. Die Mutter kam
-herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, und fragte,
-ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach
-der Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange
-auf, sondern stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter,
-um das Dankesfeuer zu entfachen. Nach kurzer
-Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche, wie
-Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das
-schöne Vollschiff!
-</p>
-
-<p>
-Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff
-ihn mit einem Male der Gedanke: jetzt muß ich
-sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis er sich
-ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib!
-Da kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz
-verging und all das Tote, Dumpfe, das auf ihm und
-in ihm gelegen hatte, wich einer wunderlichen Leichtigkeit
-und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß und
-schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend,
-atmend und lachend lag die See vor ihm, die große, weite
-See, und hohe, stolze Drei- und Viermaster segelten wie
-Königsschiffe vor dem Winde! Wie leuchteten ihre goldenen
-Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand
-auf der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis
-saß der Norweger und spielte auf der Harmonika: über
-ihm aber wölbten sich die gewaltigen Segel, von der
-Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine
-spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten
-über dem Heck! Und der Norweger spielte, bis die weißen
-Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser
-sank ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jan?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat schall ik, Harm?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht
-sitzen wollten, und sah verdrießlich von seinem Katechismus
-auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden.
-Du schallst ne no See hin, seggt se. Un ik schall
-di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un
-Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree
-hebb un kodimmt warrn mütt! Ik ro di <em>to</em>, Jan!
-Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot
-di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer,
-wenn du goden Wind inne Seils hest!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele
-des Matrosen auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat!
-Wenn de Wieber ok seggt, mien Leben is verkihrt wesen:
-ik bün krank wedderkommen un hebb keen Sack vull Gild
-mitbröcht: ik segg di: mien Leben is <em>recht</em> wesen, un
-wünsch mi keen anner!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Snack doch ne soveel, Harm,&ldquo; beschwichtigte ihn der
-Bruder, der gern weiterlernen wollte, &bdquo;ik seh di dat an,
-du hest dor Wehdog van.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten
-Rest seiner Kraft ging er gegen die Schwäche an, die
-ihn übermannen wollte, und verlangte sein Seefahrtsbuch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat wullt dormit, Harm?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien
-Seemannskist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte.
-Fest umschlossen seine knochigen Finger es, als er sagte:
-&bdquo;Dor steiht dat in, Jan, woneem ik allerwärts wesen
-bün: an de Westküst un in Schino, inne Middellandssee
-un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de
-Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-will ik nu jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk
-dot bün, denn scheut ji mi dat innen Sarg leggen, wat
-ik mi vör Gott ok verklorn kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Harm, schon di doch,&ldquo; bat der Bruder, der ihm die
-Anstrengung ansah, aber der Matrose hörte nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen
-Finger mihr krumm moken kann, ohn mi weh to don:
-wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor ober an dinken,
-wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht
-un Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen
-Atlantik mol Haifisch angelt hebb! Un dor an to dinken,
-dat is god, Jan, wenn en starben mütt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Harm, so snackst du nu &mdash; un to Sommer, wenn du
-wedder beter büst un wedder up grote Fohrt geihst, denn
-lachst du dor ober.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kranke schüttelte den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh
-de See ne wedder! Jan, goh no See un warr en fixen
-Seemann! Ünner Seils ist up best!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik do ok doch, wat ik will,&ldquo; sagte der Bruder bestimmt,
-&bdquo;meenst du, wat ik Lust hebb, bi de Buern to
-sleupen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er
-seinen Bruder hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal
-ausgucken, ob die Mutter noch nicht käme, denn er meine,
-die Kirchenglocken hätten schon geläutet.
-</p>
-
-<p>
-Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand,
-und wollte nicht, daß der Junge ihn sterben sehen sollte.
-Als er allein war, blickte er noch einmal über den Westerdeich,
-auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein rauchendes
-Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten
-die Dampfer und hinter dem Neß standen viele braune
-Segel auf dem Wasser.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam
-und grüßte ihn. Und Harm Külper war tapfer bis zum
-letzten Augenblick.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn,
-und das Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit
-in den Sarg. Die gebückte Triengretj, die Totenfrau, ging
-von Tür zu Tür und sagte an, daß er Mittweeken Klock
-dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem
-Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den
-ruhelosen Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen
-nicht genug gewesen waren, in einer kleinen halben
-Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit
-hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem
-er das halbe Geld aus seinem Spartopf zugeschossen hatte.
-Aus jedem Hause ging einer mit, daß es eine große Leiche
-wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger Kirchenjungen,
-und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der
-manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte.
-</p>
-
-<p>
-Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster
-verhängte, lief Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem
-Kahn, wriggte vom Bollwerk ab und ließ es auf der
-blinkenden Elbe segeln.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-Siebenter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker
-seine Ostermoonen nach dem Südende des Westerdeiches.
-Dort stand eine einsame kleine Kate, in der Bartel Tamp
-mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von
-der es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte,
-der abwechselnd als Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott
-dienen müsse. Den Tisch fege sie mit dem Besen
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als
-Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang
-benutze. Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem,
-und die Ferkel hausten bei ihr im Bettstroh.
-</p>
-
-<p>
-Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen.
-Er sollte in Minnesota eine große Farm haben, so groß
-wie ganz Finkenwärder, sagten sie: anzusehen war ihm
-das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags gleich
-schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er
-selbst einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre
-und fuhr ihn nach dem Kirchhof: das wäre so Mode in
-Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht um die Leute.
-Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm
-der Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von
-solcher Gottlosigkeit nichts wissen wollte: dem es aber
-mehr um die achtzehn Groschen zu tun war, die er für
-das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel.
-</p>
-
-<p>
-Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter
-tutete und die Feuerleute rannten in weißen
-Kitteln nach dem Spritzenhaus, die Gören hinterher.
-Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke
-des Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte.
-Als sie hinkamen, stand die Kate in hellen Flammen und
-war schon beinahe gänzlich niedergebrannt: Bartel Tamp
-aber rannte mit dem einzigen Topf seiner Mutter hin
-und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war
-da nichts: als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben
-und alles in Schuß hatte, war das Haus schon zusammengestürzt
-und sie konnte nur noch die Obstbäume naßspritzen.
-Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem Klütjenpott
-umher, sagte Goddam und rief, das hätten die
-Jungens getan, die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker
-und Konsorten. Störtebeker machte, daß er weg
-kam, als er das hörte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker
-blieb dabei, daß er es nicht getan hätte, seine
-Ostermoon wäre viel zu weit weg gewesen, als daß
-Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten. Obgleich
-seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts
-zu. Sie drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete
-sich nicht. Aber es kam doch soviel dabei heraus, daß
-kein Junge mehr mit ihm nach dem Westerdeich gehen
-durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre
-wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht
-gutmütig gesagt hätte: die Jungen sollten nicht bestraft
-werden! An dem alten Haus sei nichts gelegen: er reise
-ja doch wieder nach Amerika!
-</p>
-
-<p>
-Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld
-ausbezahlen und dampfte nach Neuyork ab.
-</p>
-
-<p>
-Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt,
-um das Geld zu bekommen, und die Leute
-glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht freigesprochen,
-er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und
-bekam kein gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze
-Geschichte war überhaupt verratzt, wie er sich ausdrückte,
-denn die Bauernknechte hatten ihm auch noch die Bungen
-weggenommen und er konnte nicht mehr fischen.
-</p>
-
-<p>
-Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum
-ersten Mal wieder eine Ostermoon gemacht hatte, eine
-ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog, und sich mehr
-als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich
-genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem
-Giebel des Neßhofes erscheinen, die ihm bekannt vorkamen.
-Er sah scharf hin, dann ließ er das Feuer im
-Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete
-lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich,
-seinem <em>Vater</em> entgegen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah
-die Flagge! Sein Vater war wieder da!
-</p>
-
-<p>
-Wie wriggte er, wie rief er:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höh, Vadder, höh!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da wurde er vom Ewer gesehen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höh, Klaus Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, Vadder, de Reis afmokt?&ldquo; ... &bdquo;Jo, mien Jung!&ldquo;
-... &bdquo;Wat geiht di dat, Kap Horn?&ldquo; ... &bdquo;Och, god, Störtebeker,
-dat weest woll, slechte Lüd geiht dat jümmer god!&ldquo;
-... &bdquo;Büst ok seekrank worden, Hein Mück?&ldquo; ... &bdquo;Ne, du
-Schietinnebüx.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn
-achter an und kletterte an Deck, streichelte Seemann und
-stellte sich dann bei seinem Vater hin. Nun war alles
-gut &mdash; er war wieder an Bord bei seinem Vater!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch,
-hest jo all en eulichen Snauzbort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn aber sagte: &bdquo;Dat is keen Bort, Störtebeker:
-Hein Mück hett sik bloß en bitten annen Klütjenputt
-swart mokt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dor quält jo man ne üm,&ldquo; schnauzte der Koch.
-</p>
-
-<p>
-Vom Ruder scholl es: &bdquo;Gohn den Draggen!&ldquo; Der
-schwere Anker fiel, rasselnd sprang die Kette nach, straffte
-sich und brachte den Ewer zum Schwoien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vadder, schall ik de Fock dol smieten?&ldquo; rief Störtebeker,
-der sich wunderte, daß sich niemand um die Segel
-bekümmerte, aber Klaus Mewes erwiderte: &bdquo;De Seils
-blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit allemann
-no Stadt rup!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, jo! Dat ward fein!&ldquo; sagte Störtebeker, wenngleich
-er nicht recht einsehen konnte, was seine Mutter
-dabei sollte. Er erbot sich, sie mit dem Kahn zu holen,
-aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug und
-wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-die Leute denn das Boot in die Tallje und setzten es über
-Bord. Der Schiffer warf unterdessen die Scharben in den
-Reisekorb und dann schipperten sie an den Deich, Störtebeker
-in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot.
-Hein Mück wriggte. &bdquo;Inne Wett, Hein, de up irst ant
-Bullwark kummt, hett wunnen!&ldquo; rief der Junge und
-wriggte aus Leibeskräften &mdash; und richtig wurde er dem
-schweren Boot leicht über.
-</p>
-
-<p>
-Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus
-glücklichem Herzen entgegen. In diesem Augenblick sah
-sie nur die Sonne, die auf der Elbe und auf ihres Mannes
-Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den
-Nebel und an die dunkeln Nächte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder
-seggt: wi weut alltohopen mit no Altno rup!&ldquo; &mdash; rief
-Störtebeker schon von unten.
-</p>
-
-<p>
-Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau
-die Hand und hielt ihre fest: &bdquo;Goden Dag!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Goden Dag!&ldquo; sagte sie verhalten und wollte ihre Hand
-lösen, aber er hielt sie fest und sah ihr in die Augen.
-Da wurde sie rot und sagte verwirrt: &bdquo;Lot mi doch los,
-Klaus, wat scheut de Lüd dinken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen,
-wenn nicht der Junge dazwischengetreten wäre
-und gesagt hätte: &bdquo;To, Vadder, lot ehr los, se schall sik
-klor moken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wullt mit, Mudder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie nickte: &bdquo;Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo
-scheun Wedder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken,
-die großen, braunen Gesellen, die sich fünf Wochen auf
-der See herumgetrieben hatten, und konnten alle drei
-kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er mußte
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen
-hatten, wo sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie
-gebört hatten, was für Wetter sie gehabt hatten und
-so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie eine
-Pfeffermühle.
-</p>
-
-<p>
-Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker
-stadtgemäß, obgleich er sich zur Wehr setzte, denn
-er mochte nicht glatt gehen. Das Viehwerk wurde in die
-Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn
-und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön
-auf dem blanken Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das
-Spill, als die Kette aufgehievt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte
-sie durch das Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser
-zwischen die vielen Segel; dort war soviel Wind, daß
-sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie
-an der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald
-mit Seemann auf den Luken, bald nahm er Kap Horn
-in seemännischen Angelegenheiten in Anspruch, bald guckte
-er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser wirbelte
-und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder
-hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei
-Hein Mück, der Kartoffeln schälte, und aß getrocknete
-Knurrhähne. Oder er besah die Seeäpfel und Seesterne,
-die sie ihm mitgebracht hatten.
-</p>
-
-<p>
-Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die
-Pfennige zu tun pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll
-Kupfer heraus. Dann spielte er den Schelm und
-kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn
-seine Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah,
-die Entfernungen maß und bat: &bdquo;Vadder, stür
-doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,&ldquo; dann lachte er sie
-aus und sagte: &bdquo;Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp
-ut den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-&bdquo;Worum denn nich?&ldquo; fragte Kap Horn lauernd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vadder seggt dat,&ldquo; gab Störtebeker zur Antwort, &bdquo;un
-de mütt dat doch weten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, mütt he ok,&ldquo; bestätigte der Schiffer vergnügt und
-guckte an dem großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer
-und gewaltig an ihnen vorbeischob. &bdquo;Störtebeker, wat
-is dat förn Stiemer?&ldquo; Der Junge sah nach der Flagge
-am Heck. &bdquo;En Ingelschmann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der
-Junge in der Zeit angerichtet hatte. Sie saß auf den
-Luken und knüttete an ihrem Strumpf, aber sie hatte
-sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn
-erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: &bdquo;Mudder,
-wi sitt hier nu so scheun up Deck un fohrt so mooi no
-Hamborg un nu fangst du dorvan an!&ldquo; Und er stand
-auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den
-Bericht noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht,
-sagte er sorglos, sie solle ihn nur gewähren lassen.
-Der Junge solle ja kein Pastor, sondern Fischermann
-werden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gesa, mok doch kein Schop bang.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol
-ober em weenen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, dat gläuf ik ne, Diern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben
-schon überschauen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bestrof em, Klaus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm,
-will ik up den Jungen rümkloppen? Gott schall mi bewohren,
-dat ik dat do! Man still, Gesa, anner Reis nehm
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land
-keen Undöt mihr moken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da gab sie es auf.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum
-Abendbrot nieder. Gebratene Schollen gab es, das beste
-von der See. Störtebeker stimmte eine Art Lobgesang
-an und aß wie ein Scheunendrescher.
-</p>
-
-<p>
-Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die
-ersten Reisenkäufer, Fischhändler, deren Gewerb es war,
-den Fischern die ganze Reise abzukaufen und die Schollen
-aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen guten,
-runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht,
-denn es waren erst drei Ewer an der Brücke und er
-konnte auf einen guten Markt hoffen: auch war er von
-der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu verhandeln.
-Die Händler drängten:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,&ldquo; lachte
-Klaus Mewes.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all
-dot, Mewes!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,&ldquo; bemerkte
-er trocken.
-</p>
-
-<p>
-Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal
-nach Eierkohrs einladen, sondern sagte, wenn er durstig
-wäre, könne er sich noch selbst einen kaufen. Und er
-sog ruhig an den Gräten.
-</p>
-
-<p>
-Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als
-wenn er in der Helgoländer Dünung klüse, denn das
-Wasser wurde durch die vielen Dampfer in beständiger
-Bewegung gehalten.
-</p>
-
-<p>
-Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. &bdquo;Du büst seekrank,
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Mudder, weest, wat dat is?&ldquo; rief Störtebeker hinter
-ihr her.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Paß man up, di geiht dat nix beter,&ldquo; steckte Kap
-Horn es ihm, aber er lachte sicher und sagte: &bdquo;Nix zu
-machen, Herr: ik bün seefast!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,&ldquo;
-warf Hein Mück dazwischen, aber Störtebeker erwehrte
-sich auch dieses Angreifers, indem er spottend rief: &bdquo;Wees
-du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot inne
-Koi legen, ast weihn worden is!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann
-ging er mit Gesa die Brücke hinan: sie wollten nach
-St. Pauli hinauf und mal in den Tingeltangel gucken,
-sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige
-Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte.
-Störtebeker mußte an Bord bleiben, was er auch gern
-tat, denn aus solcher Musiktüdelei machte er sich nichts,
-er blieb am Deich nicht einmal bei den Nudelkastenmännern
-stehen.
-</p>
-
-<p>
-Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei
-und ketscherten den Bünn durch. Alle toten Schollen und
-die schon fleckig gewordenen wurden herausgesucht.
-<a id="corr-4"></a>Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich
-besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den
-großen Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen
-werden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft
-und warf sich zum Wohltäter auf, weil er so lange
-auf der Weser gewesen war und einen schönen Schilling
-in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der Hafenstraße
-hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen,
-dem Schlafbaas, einige deftige Eisbrecher.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp
-und wies ihm die Rahen der großen Segelschiffe, die bei
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Blohm und Voß dockten, und nannte alle Segel und Taue
-mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und
-von dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge
-hörte nipp zu, wie er dem todkranken Matrosen zugehört
-hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen Stellen
-beiläufig hinzufügte: &bdquo;Dor harrst doch bang bi worden,
-nich, Störtebeker?&ldquo; &mdash; dann sagte der Junge jedesmal
-ernsthaft: &bdquo;Ne, bang harrk ne worden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf
-dem Wasser schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine
-Junge in den Sinn, den sie auf der dänischen Bark an
-Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch viel abgegeben
-hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän,
-lieb gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem
-Mast gewesen als auf dem Achterdeck. Den kleinen Janmaaten
-hatten sie ihn geheißen. Das war ein stiller
-Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm:
-jener war auf der Höhe von Rio gestorben und
-nach Seemannsbrauch bestattet worden &mdash; er selbst hatte
-ihn in Segeltuch eingenäht &mdash;: dieser lebte und drängte
-mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht
-leben könne.
-</p>
-
-<p>
-Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem
-Jungen in die Kajüte und nahm ihn mit in seine Koje.
-Und bei dem Wiegen des Ewers und dem Glucken des
-Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und
-der seesüchtige Junge.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Am andern Morgen war ein großes Trampeln und
-Scharren über Störtebeker, als er erwachte. Kein Mensch
-war mehr unten &mdash; er hatte richtig die Zeit verschlafen.
-Schnell zog er sich an und sauste an Deck.
-</p>
-
-<p>
-Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-es Karkmeß wäre! Das ganze Deck stand voll von fremden
-Leuten: was für ein Gedränge auch doch, was für ein
-Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen, Arbeitsleute,
-Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und
-Beuteln standen um den Bünn herum, fragten nach dem
-Preis, handelten und kauften schließlich. Der Knecht und
-der Junge standen im Raum vor dem Bünn und
-ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte
-wie ein Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte
-die leeren Körbe hinunter, langte die vollen herauf und
-strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn Schollen.
-Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott,
-obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen
-waren: Hamburg war schollenhungrig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup
-un bekiekt jo de Lodens man mol,&ldquo; sagte er zu Gesa, die
-beim Kompaßhäuschen stand und mit fremden Augen auf
-die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn,
-der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann
-geboren. Sie schüttelte aber den Kopf und blieb,
-wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo war Störtebeker?
-War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um
-sich den Kasper anzusehen?
-</p>
-
-<p>
-Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen
-Kap Horn und Hein Mück und hielt die Beutel und Netze
-auf, damit sie die Schollen besser hineintun konnten,
-er warf die toten Fische beiseite und reichte die vollen
-Netze seinem Vater hinauf. &bdquo;För twee Mark, Vadder!&ldquo;
-... &bdquo;Förn Mark!&ldquo; ... &bdquo;För föftein Groschen, Vadder!&ldquo;
-... So rief er dabei, mit einer Stimme, aus der deutlich
-herauszuhören war: nun paß auf, daß alle bezahlen!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All
-springenlebennig! Süßtein förn Mark!&ldquo; rief Klaus
-Mewes oben und &bdquo;Süßtein förn Mark! Süßtein grote
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!&ldquo;
-echote Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich
-nicht wie die andern Ewer zu machen und sich einen
-Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen. Mitunter bekam
-der Junge auch Streit mit den Kökschen ... &bdquo;Leben
-dot de all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote
-gifft ne, dat geiht vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd
-süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...&ldquo; An Kaffeetrinken
-dachte er nicht, er mußte ja helfen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;De sünd jo dot, Junge!&ldquo; &bdquo;Wenn du man ne dot
-büst: de leeft!&ldquo; &bdquo;De sünd jo so lütj, Junge!&ldquo; &bdquo;Wenn
-du man ne lütj büst: de sünd grot!&ldquo; Er ließ sich nicht
-verblüffen. &bdquo;Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer
-gifft achttein!&ldquo; &bdquo;Denn goh dor man hin: hier gifft dat
-bloß süßtein!&ldquo; Er paßte aber auch auf: &bdquo;Vadder, de
-Olsch hett noch ne betohlt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen,
-bei einem so guten Hilfsmann! &bdquo;Vadder, dat middelste
-Schott is all leddig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: &bdquo;Wat
-mokt he sik ok doch utsehn!&ldquo; Aber Klaus Mewes lachte
-sie aus und sagte: &bdquo;Worüm hest du em dat nee Tüch
-antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten
-kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote
-Schullen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die
-Luken zumachen konnten: die paar Stiege, die noch im
-Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes selbst. Ausverkauft!
-</p>
-
-<p>
-Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah,
-wie ein Stück vom Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes
-aber ging mit Frau und Kind in die Kajüte und entleerte
-seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen,
-Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt
-war, waren es nahe an dreihundert Mark, die er in acht
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Tagen aus der See geholt hatte. Es war wieder Glück
-dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern
-so groß vor, daß sie immer nur von den <em>großen</em> Seefischern
-sprachen und auf sie schalten, denn hatten sie
-einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg
-und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen:
-wie kam das den Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag
-für sechs Groschen wie Pferde arbeiten mußten: wenn
-sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie hätten
-es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!
-</p>
-
-<p>
-Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben:
-sie ist und bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann.
-Wie sie Taler haben mit der Aufschrift: Segen
-des Mansfelder Bergbaues, so könnte die hamburgische
-Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift:
-Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen
-sagen, daß so viel davon abginge: die Kasse, die Kurren,
-die Leute, die Segel, die Zinsen, der Winter &mdash; wir wollen
-sie dennoch preisen, die schöne, schöne Schollenzeit!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch
-die Klüsen. &bdquo;Dol de Seils!&ldquo; Als sie zusammengebunden
-waren, ging es mit Boot und Kahn an Land, mit Schollen
-und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte
-die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf,
-daß die Leinen den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus
-Störtebeker mußte die Schollen austragen, die sein Vater
-in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten Reise bekam
-alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft
-lebendige Schollen. &bdquo;De keen Fisch utgeben mag, is ne
-wirt, wat he welk wedder fangt,&ldquo; hieß es am Deich. Die
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Bauern auf den Wurten, die Handwerker, die Tagelöhner:
-keiner wurde vergessen. Sogar an die alte Sill dachte er.
-Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm
-Freude, wenn die Leute fragten: &bdquo;Non, Junge, is dien
-Vadder her?&ldquo; &bdquo;Jo!&ldquo; &bdquo;Mit Schullen?&ldquo; &bdquo;Jo!&ldquo; Dabei
-bekam er hier einen Groschen und da zwei, der Bäcker
-gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje
-aus Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll
-Milch, Sill aber wühlte wieder ins Stroh hinein und
-holte richtig noch einen schönen Apfel hervor. Er verzehrte
-ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn
-nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im
-Graben abwaschen müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.
-</p>
-
-<p>
-In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern
-auf dem Deich und ging mit dem Hammer auf die gekochten
-Taschen los, deren Scheren so fest waren, daß sie
-anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes
-wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich.
-Im Binnendeich schlichen die Katzen mit erhobenen
-Schwänzen heran und knurrten einander wegen der Abfälle
-an.
-</p>
-
-<p>
-Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den
-Linden auf der Bank und verklarte dem alten Jäger,
-der am Staket lehnte, die Schollenfischerei bei Juist und
-Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im
-Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger
-und schwerer in den Heben hineinwuchsen.
-</p>
-
-<p>
-Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob
-Derner, mit seinen Aalkörben beladen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, könt hier utholen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, Jakob!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er blieb einen Augenblick stehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lopt de Ool all, Jakob?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-&bdquo;Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold!
-De Ool will Warms hebben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt
-wi nu doch ober all eulich belurt, ik kann di seggen, as
-de Voß de Geus un as de Hund de Rotten! Wi weet
-de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern
-an Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt:
-wenn dat de Gildbütel man afkann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt:
-er dachte an die drei, vier kleinen Aale, die er jede Tide
-aus den Körben schrapte, und ärgerte sich über den
-großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um
-sich warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. &bdquo;So,
-so,&ldquo; knurrte er und stiefelte weiter.
-</p>
-
-<p>
-Gesa schüttelte den Kopf. &bdquo;Wat magst du woll so dull
-prohlen, Klaus Mees, as wenn du unsen Herrgott sien
-best Jung würst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sah sie groß an. &bdquo;Wat meenst du dat?&ldquo; fragte er
-verwundert. &bdquo;Ik kann mien Leben doch ne anners moken
-ast is: grot un klor un scheun! Dor steihst du, dor sitt
-mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien Linnenbäum,
-dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben
-oder is dat all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei
-mi to dat, wat ik hebb! Un ik gläuf, uns Herrgott süht
-ok leber en vergneugten Minschen as en trurigen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en
-Minsch un wullt wedder no See!&ldquo; mahnte sie, er aber
-schüttelte die Worte ab, wie die Ente das Wasser.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-Achter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Es war Ostern auf Finkenwärder.
-</p>
-
-<p>
-An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen
-Katzen, und die Erlen ließen braune Troddeln im Winde
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-wehen. Die Pappeln leuchteten im Sonnenschein und
-glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln.
-Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den
-Wischen gaukelten die Kiebitze zu Hunderten, und über
-dem hohen Neß schwebten die grauen Reiher.
-</p>
-
-<p>
-Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern,
-indem sie um ihr Eiland gingen. Nur Ostern taten sie
-das, sonst nicht. Wann käme sonst auch wohl ein Fischermann
-dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er
-geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für
-Landwege geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist,
-lassen die grundlosen Wege es nicht zu, für die sie früher
-Stelzen gehabt haben, die aber abgekommen sind.
-Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu
-viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.
-</p>
-
-<p>
-Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei
-den ganzen Winter eingestellt war und die große, allgemeine
-Ausreise erst nach Ostern stattfand. Da lag es
-nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel auf den Kieker
-nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute!
-Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten,
-hatten ein Verlangen, den Deich noch einmal ganz unter
-den Füßen zu haben, bevor sie an Bord gingen. 1887
-war diese uralte Sitte noch allgemein.
-</p>
-
-<p>
-Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele,
-an den Doktor und seinen Famulus, an Bürger und
-Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen und an all
-das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten,
-mittelalterlichen Stadt Frankfurt &mdash; aber das muß verblassen
-vor der großen Deichwanderung der Fischer am
-Ostersonntag, die nachmittag anfängt und bis zum Abend
-währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Breit und blau grüßt die Elbe &mdash; im Hintergrunde
-steigen die Blankeneser Berge auf. Dampfer gehen auf
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-und ab. Ihr Rauch weht über den Strom. Deutsche,
-englische, französische, nordische und holländische Flaggen
-flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen
-Segeln beleben das Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und
-im Osten steigen die Hamburger Türme aus dem Hafendunst
-auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk
-aber und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und
-Kutter, die starken, schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen
-im Sonnenschein, als wenn sie wüßten, daß es Ostern
-ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher Eintracht
-und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen
-Wasser. Zwischen den Masten hängen die Kurren zum
-Trocknen, die sich ansehen lassen wie die Panzerhemden
-eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche gehabt hat.
-</p>
-
-<p>
-Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern
-stehen die Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder
-Pfannendächern, mit grünen Türen, geröteten Steinen
-und blanken Fenstern, hinter denen Blutstropfen, Schuhbäume,
-Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs
-stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten
-Kurrbäume, die aufgefischten Hummerkästen: dahinter
-liegen die braunen Äcker, von Gräben durchzogen, die
-grünen Wischen, die Wurten mit den großen Bauerhäusern,
-mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln
-inmitten der Insel.
-</p>
-
-<p>
-Da kommen sie an, die Osterleute.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren
-weut! In Scharen kommen sie und setzen am Westerdeich
-einen Feekhaufen nach dem andern in Brand &mdash; denn
-diesen Tag sind die Ostermoonen frei &mdash;, damit die
-Fahrensleute Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern
-können. Ihnen folgen die Schlingel, die ihre Kräfte an
-den morschen Wicheln versuchen, die in die Eschen klettern
-und in die Heisternester gucken, die über die Gräben
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns
-vom Deich stoßen und die Hunde reizen. Sind die vorüber,
-dann erscheinen die Konfirmandinnen in langer
-Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen
-Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon
-der erste Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich
-schon heimlich nach den Konfirmanden um, die nun
-kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie ihr
-Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie
-schon das kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken
-die Jungen gar nicht mehr an, bekümmern sich auch nicht
-mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen von Schiffen und
-Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler, sitzt
-verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite,
-wie der Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt
-seine Zigarre (un noher fangt se doch all an to prüntjern).
-</p>
-
-<p>
-Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien
-oder dreien, in Gruppen zu fünfen oder sieben, in Schöfen
-zu zehn und zwanzig: die brauchen den ganzen Deich
-und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren
-ein, sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und
-betrachten den Deich, die Häuser und die Schiffe, wie ein
-Bauer sein Vieh. Namentlich die Alten nehmen sie vor,
-die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster schauen,
-Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder
-Warnk, und fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob
-das Essen noch schmecken wolle. Sie sehen nach, was auf
-den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser das
-Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch
-der Fahrt und der Fischerei und dem Wetter. Neem
-hei fischt und wat hei fungen: so geht es immerzu.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten
-Finkenwärder sein, wenn sie nicht auch unterwegs wären!
-Auch sie machten die Runde um das Eiland, wobei sie
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-sich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das Mewesgeschlecht
-das größte auf Finkenwärder war, hatten sie
-an allen Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag
-sagen mußten, und wurden alle Augenblicke zu einer
-Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den Fischern, die
-er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes
-manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und
-zu an der Jacke, damit sie nur weiterkamen, denn er
-wollte gern ganz um Finkenwärder herum.
-</p>
-
-<p>
-Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt,
-das bis Karkmeß geliefert werden sollte. Und als Klaus
-den Zimmerbaas auf der Helling stehen sah, bog er mit
-seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats.
-Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch
-an der Rechnung stehen hatte, dann besah er den neuen
-Kutter, den Simon Wriede bauen ließ. Ein hohes, stolzes
-Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in den Heben
-ragte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat köst de nu, Jochen?&ldquo; fragte er, als er alles befühlt
-und besehen hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,&ldquo; erwiderte
-der Baas.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat Schipp is god,&ldquo; lobte der Seefischer und erfreute
-sich wieder an dem scharfen Steven und dem schlanken
-Rumpf, &bdquo;de schall woll seilen, Gotts den Dünner! Dor
-mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor
-Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi
-een neen Kutter bon, noch greuter un noch scheuner as
-düsse hier! Un denn will ik jo mol wiesen, wat Seilen
-un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees
-heet!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?&ldquo; rief Störtebeker
-eifrig, der Baas aber strich den grauen Bart und
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-sagte bedächtig: &bdquo;Dor snackt wi noch mol ober, Klaus,
-wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang
-schallt duern un wi hebbt H. F. 500 up See!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Baas aber sagte nur: &bdquo;Wi weut dat best höpen,&ldquo;
-denn er glaubte nicht daran.
-</p>
-
-<p>
-Vater und Sohn verließen die Werft und gingen
-weiter.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf
-die Ostereier. Hein Mück sagte, er wolle ganz gewiß
-zehn essen, und Kap Horn erzählte, er habe schon den
-ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei-
-oder vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa
-mit der großen Schüssel an, die gehäuft voll von den
-schönen weißen Eiern war, und das Ostereieressen begann,
-das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen hatte,
-der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte
-Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. &bdquo;Wedder een,
-Vadder! De smeckt as Sucker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Söben,&ldquo; rief sein Vater.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kann ne angohn,&ldquo; sagte Störtebeker aufgebracht, &bdquo;du
-kannst heuchstens dree Eier up hebben.&ldquo; Er zählte die
-Schalen: &bdquo;Een, twee, dree, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen
-bald auf dem Deich und bald bei den Bildern an der
-Wand und schob ihm, ohne daß er&rsquo;s merkte, die leeren
-Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier untergeschmuggelt
-werden. Die drei Fahrensleute rissen ein
-ordentliches Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten
-sie doch back brassen und sich für beet erklären. Da bekleidete
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Störtebeker sich mit der Würde eines Preisrichters
-und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich liegen hatte.
-Bei seinem Vater waren es fünf. &bdquo;U, wat wenig, Vadder!
-Du säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!&ldquo; &bdquo;Ik much
-ne tolangen, Störtebeker,&ldquo; entschuldigte sein Vater sich,
-&bdquo;ik dach, anners wörst du ne satt!&ldquo; Bei der Mutter
-kam Störtebeker zu dem niederschmetternden Ergebnis:
-&bdquo;Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist.
-Du müß gewiß de Pann wegdrägen!&ldquo; Hein Mück, der
-sechs Eier gegessen hatte, kam glimpflich davon, aber
-über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich zusammengedrückter
-Schalen hatte, goß er die volle Schale seines
-Spottes aus. Dann ging er an den eigenen Berg und
-steckte die Schalen zusammen. &bdquo;Mit de poor Dinger is
-ok doch keen Stoot to moken,&ldquo; stichelte Kap Horn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Van wegen poor Dinger,&ldquo; ereiferte der Junge sich
-und zählte sie in Gedanken schnell noch einmal durch,
-um sicher zu sein, daß er sich nicht verzählt hatte, &bdquo;kiek
-hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier! Ik
-harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst
-jo sehn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohrraftig negen,&ldquo; rief Klaus Mewes, der sich kaum
-des Lachens erwehren konnte, &bdquo;wat kannt angohn, wat
-en swarte Koh witte Melk gifft un wat de Jung mihr
-Eier eten kann as wi groten Lüd?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn lachte: &bdquo;Jo, he is de Boos un sall noher
-hochleben loten warrn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker aber sagte: &bdquo;Junge, Junge!&ldquo; und knöpfte
-die Hose auf, um sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich
-gegessenen neun Eier lagen ihm nun doch mit
-einem Male schwer im Magen. &bdquo;Vadder, nu komm ik
-ok doch mit no See?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu noch ne,&ldquo; bremste die Mutter schnell, &bdquo;is noch
-veel to kold buten,&ldquo; Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-an und sagte, er wolle morgen nach dem Schuster und
-Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre
-Reise schon mit an Bord.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och jo, Vadder! Och jo!&ldquo; rief Störtebeker in heller
-Freude und sprang in der Dönß herum, wie ein Füllen
-auf der Wisch.
-</p>
-
-<p>
-Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu
-bedenken; das wolle er ihm machen, denn auf so was
-verstehe er sich noch von den großen Schiffen her. Er
-ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem
-Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb
-er Länge und Breite in sein Notizbuch mit Kalender
-von Anno Tobak ein und malte darüber: Ölzeug für
-Klaus Mewes junior.
-</p>
-
-<p>
-Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten
-nach den drei großen Osterfeuern, die auf dem Opferberge
-bei Neugraben, der altgermanischen Tingstätte, auf
-dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von
-Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen
-des Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers
-Seefahrt, denn ein starker, stetiger Ostwind, von dem
-die Fahrensleute sagten, daß er bis Michaelis wehen
-könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus
-Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn
-mit dem ewigen Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff
-bis Hamburg hatte er nicht viel im Sinn, und
-schrieb von Bremen und Bremerhaven.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He hett mi förn Narren,&ldquo; sagte Störtebeker immer
-wieder erbittert zur Mutter, wenn er den Ewer nicht
-hergucken konnte. Längst hatte der Schuster die Siebenmeilenstiefel
-abgeliefert: aber sie hingen auf der Diele
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete
-Schwein hing, und er sollte sie vorher nicht tragen. Da
-hingen sie und ärgerten ihn alle Tage.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß,
-das hierhin und dorthin trieb, wohin gerade der Wind
-wehte: er fischte und schipperte, bemühte sich um das
-Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen Kaninchen,
-er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete
-sein Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war,
-er watete schon in der Elbe, wenn die Mutter es nicht
-sehen konnte, und war der einzige vom Neß, der schon
-schwamm &mdash; das Wasser war noch eiskalt und benahm
-ihm fast den Atem! &mdash;, er suchte Regenwürmer
-an feuchten Abenden und pödderte Aale, er ließ sein
-kleines Vollschiff segeln und kalfaterte seinen Kahn mit
-Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß
-mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten
-nach den wilden Schwestern riefen und Juno zum
-Sprunge bereit stand, er holte sich die getrockneten
-Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab, schnitt
-sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß
-sie abends und vor aufkommenden Regenflagen unter
-Dach und Fach kamen, er machte sich Hupuppen, Flöten
-und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren Bast der
-jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden
-die Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden
-schwirrten, &mdash; aber es war keins rechte Herzenssache, war
-alles Notbehelf, bis sein Vater kommen mußte und er
-mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord
-und er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser
-hinausfahren und Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder
-nach H. F. 125 fragen.
-</p>
-
-<p>
-Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem
-Altenteil lebte, unbeweglich auf seine Schaufel gestützt,
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-und hatte die Maulwurfshügel unter den Augen. Regungslos
-stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte aber
-ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel
-in den Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und
-tötete ihn durch einen Hieb auf die Nase. So reinigte er
-jeden Tag den landschützenden Deich von seinen schlimmsten
-Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so manchen
-Deichbruch verschuldet hatten.
-</p>
-
-<p>
-Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet
-wie ein Kasper von St. Pauli, mit Schellen behängt,
-eine Glocke in der Hand, und hinter ihm her liefen
-Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter
-ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger:
-die lärmten und lachten, schrien und sangen wie rechte
-Gören des lauten Finkenwärders, des Eilandes, das gewohnt
-ist, zwischen Stürmen zu fischen und in schwarzen
-Kleidern zu tanzen. &bdquo;U &mdash; en Snilläuper!&ldquo; Vorbei
-braust die wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben
-dem Schnelläufer, er überholt ihn und springt geschickt
-vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben soll, aber
-dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und
-er kehrt batz um. Und als der bunte Mann langsam
-zurück kam und von Tür zu Tür ging, um sich für sein
-schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte der
-Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die
-Ewer an.
-</p>
-
-<p>
-Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der
-seine Hand ausstreckte, sondern fragte nur: &bdquo;Wat is dor
-los?&ldquo; &bdquo;Ik bün de Snelleuper un heff snell lopen!&ldquo; &bdquo;Wat
-geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig lopen kunnt,&ldquo;
-sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu.
-</p>
-
-<p>
-Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches
-Volk, nicht zu vieren, wie in Hamburg, sondern
-zu zwölfen und zwanzigen, und spielten, daß der ganze
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder
-sangen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Schosteenfeger sitt upt Dack:</p>
- <p class="verse">goh no Schol un lihr di wat!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner
-erschienen, denen weiße Mäuse aus den Taschen
-krochen, Elias kam mit Hüten und Geesch mit Wolle,
-Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat Räukerts,
-da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen,
-der Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern
-kamen mit Pferd und Wagen: es gab wirklich viel zu
-gucken und zu hören am garn- und fischbehängten Deich,
-aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet. Er
-lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote
-und Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und
-Barken, Lühjollen und Steinewer vorbeidampfen und
--segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche Störfischer,
-weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck
-standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den
-Wanten hingen, und an dem großmaschigen Störgarn,
-&mdash; er hatte neun große Störe gefangen, die er an Stroppen
-hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an Stricken
-mitnahm, &mdash; aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht
-in Sicht kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein
-Vater fischte keine Störe! Was kümmerte es ihn, daß
-Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und mit dem
-Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei
-der Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast
-einsetzen ließ, weil er den alten abgesegelt hatte, daß
-Hinnik Saß doch nach dem Bauern mußte, weil er zu
-seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln
-in den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte,
-weil sein Sohn von einem Dampfer in Grund
-gebohrt war, daß Hein Husteen und Marieken Kröger
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-lustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf
-seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte,
-ihn an den Deich und an das Land zu gewöhnen &mdash; er
-sprach von der See und guckte nach den Schiffen, als
-wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe.
-</p>
-
-<p>
-Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig
-klagte, daß sie keinen Sand mehr hätte und den
-Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn Vater doch
-bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter
-Fall holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß,
-sie zu überraschen und ihr heimlich einen Kahn
-voll Sand zu holen. Er nahm sich den dritten Tag, als
-es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf
-zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte
-mit halber Ebbe westwärts, nach den Ausläufern des
-Nienstedter Falles, die bei Niedrigwasser als Sandbänke
-aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht sagen, daß er
-nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.
-</p>
-
-<p>
-Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand
-ohne Schlick und Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne
-laufen, zog Stiefel und Strümpfe aus, krempelte die Hose
-auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker machte
-es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser
-guckte, häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn
-zu einem Berg, damit die Feuchtigkeit abziehen konnte,
-dann erst schaufelten sie den trockneren Sand in den
-Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können,
-sagte sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis
-der Hümpel mit der Ducht gleich war. Aber auch dann
-gab er noch nicht nach: er wollte eine ordentliche Last
-ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schullt ok woll all genog wesen?&ldquo; fragte Harm, aber
-Störtebeker schüttelte den Kopf und spuckte von neuem
-in die Hände. &bdquo;Noch lang ne, Harm, smiet man noch in,
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn, de driggt
-wat, kann ik di flüstern.&ldquo; Er mußte sich schon den
-Schweiß von der Stirn wischen, so riß er sich ab. &bdquo;Lot
-em giern bit an den Dullbom to Woter liggen, Harm:
-dat weiht jo ne un nix!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der
-ganze Kahn voll Sand war. &bdquo;Nu weut wi utscheiden,
-Harm,&ldquo; sagte er väterlich, setzte sich auf den Dollbaum
-und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott
-machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen
-Sandrücken saß. Harm betrachtete besorgt den großen
-Sandhaufen, aber er getraute sich nicht, etwas dagegen
-zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte und
-weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so
-sicher war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn
-ist Flot,&ldquo; sagte Störtebeker gleichmütig, &bdquo;dat durt ober
-noch wat,&ldquo; setzte er hinzu, als er Jakob Derner und
-Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen vorbeirudern
-sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre
-Körbe überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden
-Jungen spielten deshalb erst noch Kriegen auf dem Fall,
-sie bewarfen sich mit Sand, sie sammelten die großen
-Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten die
-Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante
-saßen, daß sie sich wie eine riesige, schwarzweiße Wolke
-über dem Wasser erhoben, sie griffen die Nesen und
-Weißfische, die in den Prielen schwammen, und wateten
-in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war.
-Zuletzt saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und
-suchten nach flutkündenden Segeln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu ist Stallwoter,&ldquo; sagte Störtebeker, &bdquo;kiek, Harm!&ldquo;
-Und er wies nach den Blasen auf dem Wasser, die still
-standen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die
-Ebbe wird künden von Asenkraft, bis einmal alles vergeht!
-sagt die Edda), und die Flut kam, die Flut, die
-Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf,
-unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit
-nahm allmählich zu, wurde stärker und
-stärker; gelassen wischte das Wasser mit leiser, zaghafter
-Hand über den Sand und stieg schüchtern über die ersten
-Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte,
-dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam
-zu und wurden stark und wild, denn es war
-Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser,
-wie sprang, wie lief, wie wallte es!
-</p>
-
-<p>
-Flot, Schipper, Flot, Flot!
-</p>
-
-<p>
-Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und
-flogen davon, ihnen folgten die Störche und Reiher, als
-das reißende Wasser immer mehr vom Sand fraß. Im
-Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen
-fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür
-erschienen bei Schulau Dampfer über Dampfer und hinter
-dem Schweinesand Segel bei Segeln.
-</p>
-
-<p>
-Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte
-mit den Beinen und ließ die lebendige Flut um seine
-Füße strömen. &bdquo;Gliek sünd wi flott, Harm!&ldquo; rief er,
-&bdquo;kiek mol, wat dat Woter kummt!&ldquo; Seines Genossen Besorgnis
-aber war angesichts der starken Strömung zur
-Angst geworden und er wagte es, wieder davon anzufangen,
-daß sie zu viel Sand eingeladen hätten, daß der
-Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut täten, etwas
-auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den
-Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit
-Freude, wie ein Stück des Sandes nach dem andern im
-Wasser verschwand.
-</p>
-
-<p>
-Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-inmitten der großen Wasserfläche &mdash; und schwamm doch
-nicht, sondern saß fest und rührte sich nicht. Er habe sich
-am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie wollten
-doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und
-riß an dem Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber
-das lag fest wie ein großer Stein und war nicht zu bewegen,
-so sehr der Junge sich auch mühte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,&ldquo; jammerte
-sein Kamerad, &bdquo;wi flott ne, wi flott ne, lot uns gau
-utsmieten!&ldquo; &bdquo;Dat wür scheun!&ldquo; sagte Klaus, &bdquo;kumm hier,
-ward nix mokt!&ldquo; Und er bemühte sich eifriger, den Kahn
-zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen
-zur Hand, aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen
-wäre, jedenfalls rührte es sich nicht. &bdquo;Dat is
-jo rein, as wenn dat Diert behext wür,&ldquo; scherzte er, als
-er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand,
-daß nur noch eine Handbreit nach war, da wurde auch
-er bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur
-Kehr. &bdquo;Bang bün ik ober ne,&ldquo; sagte er ... Der Kahn
-blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: &bdquo;Wi
-buddelt af, wi versupt!&ldquo; klagte er und begann, um Hilfe
-zu rufen: &bdquo;Hilpt uns, hilpt uns!&ldquo; Aber der Deich war
-weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren noch in
-der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder
-im Reet saß, wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer
-waren schon längst zurückgerudert.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel,
-wie blitzte sie in der Sonne, wie flog der Sand, wie
-spritzte das Wasser auf!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilpt uns, hilpt uns!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un
-Dotslag no!&ldquo; sagte Störtebeker barsch, &bdquo;smiet man mit
-ut, denn sünd wi gliek flott!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;U, ik bün jo so bang, Klaus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-&bdquo;Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen
-bang! Smiet doch bloß mit ut, du Knappen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen,
-aber er warf unverdrossen aus. &bdquo;Mol schuben,
-Harm!&ldquo; Sie stemmten sich, auf dem Dollbaum stehend,
-mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte
-das Fahrzeug sich jetzt. &bdquo;Huroh, wi hebbt em,&ldquo; rief Störtebeker,
-&bdquo;noch en lütj betjen, denn geiht de Reis los!&ldquo;
-Er schaufelte emsig, denn die Reeling lag jetzt mit dem
-Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine kleine See
-in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem
-Eifer doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu
-retten, aber da kam die hohe, mächtige Dünung eines
-großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon bei Teufelsbrücke
-qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen
-Arbeit aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über
-den Nienstedter Fall gelaufen, fegte über den Bordrand
-und füllte den Kahn mit Wasser, wischte den Sand glatt
-und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war nichts
-mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff,
-um das Wasser auszugießen: es war zu spät.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wi versupt, wi versupt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf
-den Duchten. Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig,
-so auf dem Wasser zu stehen. Er tröstete Harm und
-sagte, er solle nicht bange sein; bis das Wasser ihnen
-an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und
-könnten sie holen; schade wäre es nur um den schönen
-Sand. Er guckte aber doch mit Besorgnis umher, ob nicht
-vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war still geblieben
-und die Segel kamen nur langsam näher. Als
-das Wasser ihnen bis über die Knie reichte, band er die
-Riemen an die Fangelleine und hieß Harm sich daran
-festhalten, damit der starke Strom ihn nicht umrisse.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker
-laut zu rufen, nachdem er versichert hatte, daß er
-nicht bange sei. Aber sie konnten wohl am Deich vor
-den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der
-weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot
-ließ sich sehen. Immer höher stieg das Wasser, es reichte
-ihnen schon an die Hüften. Störtebeker tröstete seinen
-frierenden Macker, er solle sich an ihm festhalten, damit
-er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie wollten
-warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe:
-wenn dann noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie
-die Leine losmachen und sich mit den Riemen treiben
-lassen. &bdquo;De drägt uns as en Beesenbült,&ldquo; sagte er zuversichtlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns,
-hilpt uns, hilpt uns!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die
-ersten Boote kamen heran und konnten sie am Ende schon
-sehen. Mehr als an den Riemen klammerte er sich an
-den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne
-mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das
-erste Boot: der Fischer hob die Hand und steckte schnell
-die Riemen aus, um durch Rudern schnellere Fahrt zu
-machen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu hol di fast,&ldquo; sagte Störtebeker.
-</p>
-
-<p>
-Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser,
-als das Boot sie erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter
-Husteen, sie über den Setzbord zog.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, du kannst wat moken,&ldquo; sagte er zu Störtebeker,
-&bdquo;wat meenst woll, wenn Peter Husteen ne so bannig
-seilen kunn, denn harrn ji hier doch afsopen as son poor
-Rotten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, denn lot di man en Medallje geben,&ldquo; antwortete
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-Störtebeker und zog die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu büst doch mol bang wesen, wat?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst
-Harm frogen! Wat schreest du denn nu noch?&ldquo; wandte
-er sich an seinen Leidensgefährten, aber der antwortete
-nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte an die
-Schläge, die zu Hause seiner warteten.
-</p>
-
-<p>
-Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken
-waren bei seinem gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten,
-es zu heben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Segg den Düker man Bescheed,&ldquo; sagte er am Neß zu
-dem Fischerjungen, als sie gelandet wurden.
-</p>
-
-<p>
-Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden
-war, ihrem Jungen bereitete, war nicht ohne, aber er
-dachte: Utschillers deit ne weh un Togels durt ne lang,
-und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel hingenommen
-hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien,
-und sich zum Abendbrot hinsetzte: &bdquo;Bang wesen bün ik
-ober doch keen betjen, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn
-zu bergen. Störtebeker wollte ihn mit aller Gewalt begleiten,
-und weil er das nicht sollte, wurde er zuletzt in
-den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-Neunter Stremel.
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Der Allmächtige, der Herr der Götter,</p>
- <p class="verse">vor dem der Engel niederfällt,</p>
- <p class="verse">Gott redet donnernd aus dem Wetter</p>
- <p class="verse">und ruft voll Majestät der Welt!</p>
- <p class="verse">Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,</p>
- <p class="verse">der Wald ertönt, es bebt die Flur!</p>
- <p class="verse">Und Blitze sagens Blitzen wieder:</p>
- <p class="verse">Gott ist der Herrscher der Natur ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm
-allens inne Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat
-lücht! De ganze Heben steiht in Für un Flammen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch:
-&bdquo;Lot mi doch slopen, Mudder, ik bün so meud!&ldquo; Und er
-machte die Augen wieder zu. Sie las mit bebender Stimme
-im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlägen
-ängstlich zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut,
-das gegen Abend in einer dunkelblauen schweren Wolkenwand
-mit den unheilvollen weißen Flecken auf der Elbe
-stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun
-es Nacht geworden war, griff es mit Riesenhänden über
-den Heben und brach mit Regen- und Windflagen herein.
-Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken und der Donner
-rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall
-alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die
-Frauen sich erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet
-und saßen nun in Angst und Bangnis bei dicht verhängten
-Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter sind schwer auf
-der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem
-Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den
-Blankeneser und Harburger Bergen und den Häusern und
-Türmen von Hamburg gebildet wird. Sie können weder
-vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und her;
-wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang
-liegen. Sie müssen sich über dem Eiland austoben, das
-flach wie ein Teller und naß wie ein Keller ist und
-keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind vermag sie
-nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen mitunter
-trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt
-über sie: die nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt
-über Hamburg hin: aber bis es Flut ist, oft stundenlang,
-wankt und weicht selten ein Gewitter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf
-dem Wasser, wenn die Donner einen Augenblick schwiegen,
-der Gewitterwind brauste durch die Bäume und die
-Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte das
-Haus in seinen Grundfesten.
-</p>
-
-<p>
-Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster,
-damit sie die grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte,
-und las laut, denn sie war bange vor Gewittern. Sie
-war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere und
-ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze,
-damit sie wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge.
-Störtebeker blieb geruhig im Bett liegen, denn Gewitterfurcht
-hatte sein Vater ihm ausgeredet.
-</p>
-
-<p>
-Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich
-knallender Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen
-haben!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, nu steihst du batz up!&ldquo; Gesa lief in die Schlafkammer
-und holte den Widerstrebenden aus den Federn,
-suchte sein Zeug her und drängte ihn in die Küche. Da
-konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz
-und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit
-wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel her, damit er
-draußen waten könne, wenn es einschlüge, wie er sagte.
-Recht war es ihm nicht, er hätte lieber geschlafen. So
-sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja
-morgen nicht zu den Jungen sagen: &bdquo;Ik bün beliggen
-bleben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen
-is,&ldquo; sagte der Junge in schläfrigem Ton, &bdquo;lot mi
-man wedder to Koi gohn! Vadder geiht bit Gewidder ok
-uppen Bitt, seggt he!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du
-ok don, ne?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-&bdquo;Jo, dat is gewiß, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat en Slag!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge jo,&ldquo; sagte Klaus anerkennend, &bdquo;dat wür en
-eulichen! Petrus hett alle Negen smeeten bit Kegeln!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, lot den droken Snack!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Err &mdash; hett Vadder ober seggt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;De, Mudder? De is up See un hett all de Seils
-dolsmeten un liggt inne Koi un slöppt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat gläuf man ne!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt.
-Büst du denn fix bang, Mudder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang,
-Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wennt obers insleit, Klaus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sleit ne in, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder knallte der Donner. &bdquo;Wees still, Junge! Wat
-ut di un dien Vadder noch mol warrn schall, weet de leebe
-Gott: ji sünd beid veel to driest!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Du un dien Vadder &mdash; das hörte Störtebeker am liebsten.
-... Das Gewitter stand nun steil über ihnen und die
-Blitze jagten einander. &bdquo;Nu hett dat inslogen! Nu hett
-dat gewiß inslogen,&ldquo; rief Gesa bei jedem Knall, bis
-Störtebeker es zuviel wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder
-woll all upfluckert wesen,&ldquo; sagte er, schlug die Vorhänge
-zurück und guckte in die Nacht hinaus. Gesa prallte zurück
-vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig in die Blitze:
-er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten.
-&bdquo;Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge,
-de süht ut! Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt
-dat? Junge, eben son ganzen kwatterwatschen, Mudder,
-ik gläuf, dat würn Kugelblitz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-&bdquo;Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor
-kannst blind van warrn. Dink leber mol an dien Vadder,
-du!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;An Vadder dink ik jümmerto.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker wurde gesprächiger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen
-sitt de Körf vull. Un de vunnacht pöddert, de kriegt
-gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward all de
-Melk sur vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe
-drinken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin,
-dann, als es bald hell werden wollte und der Hahn schon
-einmal gekräht hatte, verstärkte sich das Toben, der Wind
-schwoll an und der Hagel prasselte gegen die Scheiben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schullt woll all Flot wesen?&ldquo; fragte Störtebeker und
-holte den Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor.
-Die Mutter sah nach: &bdquo;Jo, is Flot! Gott Loff un
-Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de Wind
-dor woll achter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett.
-Plötzlich sagte er, er wolle mal ausgucken, ob die Wolken
-schon zögen, stand auf und trat ungeachtet des mütterlichen
-Widerspruches aus der Tür, in den nachlassenden
-Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete
-eine große Pfütze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden,
-aber das Schlimmste schien überstanden zu sein,
-denn die grellsten Blitze glommen jetzt im Osten und
-der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte nach
-der Elbe und sah zwei dunkle, große Segel unweit des
-Bollwerks: ein Ewer segelte vorbei. Da hörte er in
-einem donnerschwachen Augenblick, wie die Kette durch
-die Klüse rollte, scharf und deutlich!
-</p>
-
-<p>
-Da wußte er, daß es sein Vater war, und er rief, so
-laut er gröhlen konnte: &bdquo;Höh, Vadder! Höh, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-Und vom Wasser antwortete es: &bdquo;Höh, Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er stürmte ins Haus: &bdquo;Mudder, Mudder, Vadder is
-hier! He liggt hier afward! Kiek man bloß mol ut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist wohr, Klaus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett
-mi eben antert&ldquo; &mdash; damit sauste er hinaus, und als sie
-auf der Schwelle stand, mit der Schürze über dem Kopf,
-da war er schon Gott weiß wie weit, da war er schon
-nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den
-glücklich geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen
-nach dem Ewer hinaus, dessen rote Seitenlaterne sein
-Kompaß war. &bdquo;Vadder, ik komm all!&ldquo; Die Reise dauerte
-einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden,
-dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern,
-die tief im Ölzeug steckten und deren Gesichter
-glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die Segel fierten,
-und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die
-Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus,
-und er legte Hand mit an, als sie das Boot vom Deck
-setzten! Was kümmerten ihn Regen und Blitz, was ging
-ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an Bord!
-</p>
-
-<p>
-Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und
-Junge sich niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit
-an Land, denn wenn Gesa auf war, konnten sie auch erst
-noch Kaffee trinken. Als sie abstießen, Störtebeker als
-Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese
-schon einige Sterne: das Gewittergewölk saß über Hamburg.
-Der Regen hatte aufgehört. Im Reet piepten die
-Wasserküken, am Nienstedter Loch lärmten die jungen
-Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer. Binnendeichs
-schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt
-waren. Gesa stand in der Tür, warm und licht im
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Schein der Lampe, und wirklich, sie hatte keine Angst
-mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien
-sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze
-gesehen und nichts als Regen gehört hatte, wie freute
-er sich!
-</p>
-
-<p>
-Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen
-waren, hielt er sie fest, zog sie aus dem Licht heraus
-und nahm sie unter den leckenden Linden in die Arme.
-</p>
-
-<p>
-Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den
-er mitgebracht hatte: da war das Ölzeug, das er gemacht
-hatte, da war eine Ölbüx, lang und weit genug, da war
-ein Ölrock mit großen, blanken Knöpfen, da war ein
-Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und
-noch klebend, aber Störtebeker probte es doch gleich an,
-damit er wußte, wie es paßte. Er zog die Hose mit dem
-Strick zu, ließ sich von dem Knecht die drang gehenden
-Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester vor dem
-Spiegel auf. Er zupfte und riß an dem Zeug herum,
-endlich aber war er fertig und ging vor dem Spiegel auf
-und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge lobten
-ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann;
-ihm fehlte aber noch das gewichtigste Urteil, das seines
-Vaters.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schipper, wat ist, könnt wi nu anmunstern?&ldquo; rief
-er übermütig und guckte um die Ecke. Sein Vater und
-seine Mutter ließen einander schnell los, denn sie hatten
-noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen herein
-und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn
-lachen, als er so freiherrlich dastand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt
-no See gohn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, Störtebeker, nu ist so wiet &mdash; nu kummst du mit
-no See!&ldquo; sagte Klaus Mewes und sah Gesa groß und
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-gewaltig an, daß sie fühlte, dagegen gäbe es ebensowenig
-ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.
-</p>
-
-<p>
-Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem
-Mutterrecht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt?
-Hein Mück, du hest hürt? Ji hebbt alltohopen hürt: ik
-schall mit no See, ik schall mit no See, huroh!&ldquo; rief
-der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich
-warm geworden war, und sprach im Tonfall seines
-Vaters, mit verstellter, grober Stimme: &bdquo;Non denn so
-wißt: ich selbst bin Klaus Störtebeker!&ldquo; &mdash; daß alle
-lachten.
-</p>
-
-<p>
-Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten
-Schandtaten an den Tag, darunter als Hauptstück die
-große Haverei. Kap Horn aber erhob den grauen Kopf
-und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn
-der Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes
-nickte und sagte, wenn die Sache vor ein Seeamt käme,
-erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner Umsicht und
-Ruhe. Anderseiner wäre dabei ertrunken, meinte Hein
-Mück, um auch etwas zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht,&ldquo;
-sagte Gesa, in deren Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg,
-&bdquo;denn nimm em hin! Goht hin un verdrinkt alltohopen!&ldquo;
-Die Tränen kamen ihr. &bdquo;Ochott, wat ist en
-Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees,
-du weest ne, wat du deist, un dinkst noch mol an mi.
-Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di storben: ik starf
-jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen
-nehmen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen
-Kürassier: wo sie die Not nur sah und die Plag, schien
-ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt ging er in der
-Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-und Störtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, daß sie
-immer wieder nicht mit konnte, daß sie immer wieder
-umkehrte auf dem Wege zur Sonne. Er dachte an seinen
-Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der verschollen
-war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine
-Stürme und Unwetter &mdash; und fand sein Leben doch groß
-und stark und schön, daß er sich kein andres wünschte
-und auch seinem Jungen kein andres verschaffen wollte:
-Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen,
-sollten immerdar Fischer bleiben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gesa?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat schall ik noch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie war müde, körperlich und seelisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken
-vertüch? Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat
-weest du doch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen
-wolle: ich bin keine und werde niemals eine werden!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat,
-Diern? Goh mit an Burd! Man to! Denn sünd wi
-uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben! Man
-to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol
-sehn, wo mooi dat up See is!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er faßte sie bei den Händen an, aber sie wich seinen
-Blicken aus und schüttkopfte. &bdquo;Ik kannt ne, Klaus, gläuf
-mi dat! Mi groot all vör de Ilw, wat schull dat irst
-up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner
-Frau und seinem Kinde zu wählen, und er wählte den
-Jungen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen
-Streek an Land: wenn er Proviant eingenommen hatte,
-lag er nicht lange am Neß, sondern ging mit der ersten
-Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die Fischerei
-zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der Ausrüstung,
-als er mit seinem Ewer von Altona gekommen
-war. Kap Horn, der Janmaat, war es zufrieden, daß sie
-schon abends fuhren, obgleich er dann eine Hochzeit versäumte,
-bei der er auf der Harmonika spielen sollte. Er
-war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter
-etwas taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen.
-Und Störtebeker? Das zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte
-dieser eine Tag schon zu lang und er hätte am liebsten
-gesehen, wenn sie schon mittags den Anker aufgehievt
-hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch
-etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder
-abgemustert werden. Nur einem paßte der Kram nicht,
-dem guten Hein Mück, der auf einen Sonntag gehofft
-hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte
-<span class="antiqua">plenty money</span> in der Tasche und wollte den Bauernknechten
-mal preußische Taler unter die Nase halten,
-wollte mal eine Runde für allemann ausgeben, wollte
-mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in der
-Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und
-nun wurde wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus
-Mewes nur nicht antun, der einen so treuen und fixen
-Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er sich mit
-Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!
-</p>
-
-<p>
-Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden
-lachenden Klaus Mewes auf die Dauer doch nicht grollen,
-wenn sich ihr Herz auch zusammenzog und sie mit Grauen
-an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch wollte
-sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein
-und verzagt stehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstung
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-des Fahrzeuges und suchte die Sachen für den
-Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer angeborenen
-Heiterkeit kam.
-</p>
-
-<p>
-Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht
-alles zurecht, was suchte sie nicht alles her! Es war,
-wie Klaus scherzend sagte: als wenn Störtebeker auf
-Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er
-eine Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und
-Socken, wollene Jacken, Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher,
-Handschuhe und Taschentücher, Mützen und Hüte,
-Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen
-auf der Diele in der Reihe, rein gefährlich anzusehen!
-Gesa ging dabei nach dem Grundsatz der Fischerfrauen,
-der da hieß: Upt Woter ist jümmer kold &mdash; und kehrte
-alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und
-Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles
-gehörte dazu.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer
-und musterte einen Schinken, eine Seite Specks und eine
-erkleckliche Anzahl von Mettwürsten an, indem er sie von
-der Leine schnitt.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker barg <a id="corr-5"></a>das Hütfaß und stellte die Bungen
-auf den Schauerboden, die er den Bauernknechten wieder
-weggeholt hatte. Dann schleppte er den Kaninchenkoben
-auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord
-haben, auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und
-redete es ihm aus: sie hätten für die Munkis kein Futter
-und Kluß könne sich ja doch nicht mit Seemann vertragen.
-Störtebeker sah es ein und kantete den Stall
-wieder über die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten,
-vorwurfsvoll zu sagen: &bdquo;Du hest mi ober sülben seggt,
-wat ji up grote Scheep Swien un Kninken an Burd hatt
-hebbt.&ldquo; &bdquo;Jo, op grote Scheep,&ldquo; sagte Kap Horn, &bdquo;das
-is ok wat anners!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-&bdquo;So? Fischereber is ok en grot Schipp,&ldquo; rief Störtebeker
-patzig.
-</p>
-
-<p>
-Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang,
-mit der Karre, und Brot und Mehl holen, Pflaumen und
-Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und Kaffee. Er
-hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam
-vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug
-am Deich und wurde von allen Seiten gefragt, ob er nun
-mit an Bord komme. Und wenn er bejaht hatte, dann
-sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden, solle kein
-Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über
-Bord falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den
-Alten: &bdquo;Sien Vadder is verrückt: wat schall dat Gör all
-up See?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen
-Bindfaden. &bdquo;Wat schall dat denn?&ldquo; fragte Störtebeker
-verwundert. &bdquo;Och, nehm man mit! Is god för de Fohrt!&ldquo;
-&bdquo;Neem to?&ldquo; &bdquo;Kumm, dat segg ik di int Uhr,&ldquo; raunte
-der Krämer und flüsterte: &bdquo;Dor bindst du di de Been
-mit to, Störtebeker: du deist de Büx jo doch vull, wenn
-ji up See sünd.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank
-und sagte, ihm könne sowas nicht passieren.
-</p>
-
-<p>
-Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig
-und verschoben die Abfahrt deshalb auf den andern Tag.
-Störtebeker mißtraute der Sache, er fürchtete, daß sein
-Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht
-alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas
-rege. Als er schließlich die Augen nicht mehr offen halten
-konnte, zog er leise seines Vaters Strümpfe vom Stuhl
-und steckte sie bei sich unter die Decke mit dem Gedanken:
-Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst!
-</p>
-
-<p>
-Der andre Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr
-ununterbrochen zwischen Bollwerk und Ewer hin und her
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-und brachte alle Beutel und Packen, alle Brote und
-Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer
-sicher an Bord. Es war zu verwundern, daß er sich nicht
-in Brand lief.
-</p>
-
-<p>
-Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an
-Bord mußten. Der Abschied nahte. Gesa mußte ihrem
-Jungen die Hand geben: sie tat es scheinbar ruhig! Er
-sprang vor Freude, daß es nun wirklich und dreihaftig
-losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm
-verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden,
-nicht zu weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die
-Wanten zu klettern, sich nicht von den Fischen beißen zu
-lassen und gesund zu bleiben. Er hätte in diesem Augenblick
-noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er
-zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen
-Vater, der in der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte
-und seine schöne Frau küßte, bis sie sich ihm verwirrt
-entzog.
-</p>
-
-<p>
-Der Kahn mußte mit, Störtebeker sagte, sonst gingen
-die Jungens ihm damit durch die Binsen, und Klaus
-Mewes war es zufrieden, denn der leichte Kahn war eher
-vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte
-ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen.
-</p>
-
-<p>
-Adjüst! Adjüst! Adjüst!
-</p>
-
-<p>
-Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann
-stand auf der Ducht und bellte nach Gesa hinüber, die
-auf dem Deich stand, als wenn auch er Adjüst sagen wolle.
-</p>
-
-<p>
-Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling
-seine Flügel, der Anker wurde aufgehievt, wobei Kap
-Horn nach Matrosenbrauch sang, dann schwoite das Fahrzeug
-herum, die Lappen fielen voll, &mdash; langsam zog es
-davon und segelte in einem großen Gange westwärts.
-Gesa winkte nochmal, Klaus Mewes und Störtebeker
-winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte Kap Horn
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und
-spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang
-es nach dem Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch
-so wehmütig, daß sie, die sich bisher tapfer gehalten
-hatte, ins Haus gehen und weinen mußte.
-</p>
-
-<p>
-So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater
-am Ruder und bei Sonnenschein auf dem Wasser, unter
-dem Harmonikaspiel von Kap Horn und dem Gebell von
-Seemann.
-</p>
-
-<p>
-Fahr wohl, Störtebeker!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-Zehnter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Nun wölbt euch, große, braune Segel, nun knarrt, ihr
-Gaffeln, schlagt, ihr Schoten, tanz, Flögel! Du Wind
-mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du Wasser mußt
-blinken, auf daß die <em>Freude</em> in Klaus Störtebekers Herz
-komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein
-Fahrensmann werde! Daß er sich dem Kampf mit der
-See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem Kampf mit
-Rom, daß er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater
-etwa vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen
-Landmann aus ihm zu machen gedächte!
-</p>
-
-<p>
-Denn <span class="antiqua">navigare necesse est</span> &mdash; Seefahrt ist not, und
-bitter not ist es, daß das Lachen von Klaus Mewes nicht
-von der See gehe!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen. Hinter
-dem Schweinesand, dwars von Wittenbergen, füllten sie
-das Wasserfaß mit frischem Elbwasser, wobei Störtebeker
-fleißig half, denn er konnte auch schon eine Pütze tragen.
-Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen gehabt,
-nun setzten sie noch den großen Klüver, das Toppsegel
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-und den Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen.
-Dann nahmen sie das Boot aus dem Wasser und setzten
-es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch Störtebekers
-Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter
-den Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant
-in die verschiedenen Schappen. Es gab Enden aufzuschießen,
-sie hatten zu pumpen, das Deck zu schruppen
-und zu dweilen.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt,
-bis auf das Segeln, bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte
-sich zu Koje, weil er die Nachtwache bekommen sollte. Da
-stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte
-vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und
-Messer und bediente die Fock, wenn der Ewer über Stag
-ging. Störtebeker saß auf den Luken. Seemann hatte
-den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief.
-</p>
-
-<p>
-Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch,
-so hoch vorkam, daß er sich immer wieder wundern mußte.
-&bdquo;Dat reckt bit inne Wulken, Vadder,&ldquo; sagte er, &bdquo;uns
-Karkturn is nix dorgegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ree,&ldquo; rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers
-erreicht hatten, und warf das Ruder hinum, daß
-der Ewer gewaltig aufluvte und in den Wind schoß.
-Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig schlagende,
-rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber
-drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel
-schüttelte sich wie unwillig und haute erregt mit
-den Schotenblöcken, daß das Deck erzitterte, dann aber
-war der Ewer herum, die Segel fielen von der andern
-Seite voll und der neue Streek begann. &bdquo;Gohn!&ldquo; scholl
-es über Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block
-einen Fußtritt, daß die Fock nach Lee schlug, wo sie
-wieder festgebunden wurde.
-</p>
-
-<p>
-So ging es die ganze Tide.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und
-Blankeneser unter Segeln, aber der Laertes, der gut
-kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich nicht überholen.
-So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden
-Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die
-Schiffe und Baken, die Tonnen und Feuertürme, die Deiche
-und Kirchtürme, er erklärte ihm Flaggen und Segel, er
-zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes,
-die Berghäuser von Blankenese (&bdquo;dat de dor ne dolpurzelt!&ldquo;
-sagte der Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand
-mit den Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen
-Kirschbäumen, die roten Dächer von Wedel, das Schulauer
-Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen Wolf, von dem
-nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem
-Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen
-mit einem löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme
-von Stade.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem,
-aber das Beste war ihm doch der große Ewer in seiner
-Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die Seen schoß und
-wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand,
-darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch
-seinen Vater sah er mitunter von der Seite an: obgleich
-der noch lachte und sprach, schien es ihm doch ein andres
-Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in der
-Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus.
-</p>
-
-<p>
-Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar
-auch schon aus dem Sinn, denn als Hein Mück einmal
-spöttisch fragte: &bdquo;Hest ok all Heimweh?&ldquo; da guckte Störtebeker
-ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht verstanden
-hätte. Auch als sein Vater einmal meinte:
-&bdquo;Muchst ok all wedder no Hus hin, no Mudder?&ldquo; &mdash;
-da schüttelte er nur den Kopf wie im Traum und blickte
-nach den Segeln hinauf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-&bdquo;Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill
-af, denn büst morgen wedder annen Diek!&ldquo; setzte Klaus
-Mewes lauernd hinzu. Da fragte der Junge nach dem
-Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von
-solchem Schnack nichts wissen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom:
-dort aber wogte und schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich
-entgegen und zwang sie, zu Anker zu gehen. Das
-war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen,
-steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der
-Kajüte. Als sie nachher noch mal überguckten, Störtebeker
-und sein Vater, sahen sie, daß sich viele Ewer zu ihnen
-gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden Fahrzeugen
-lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten
-Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser
-spielend durcheinander. Der Heben war von übereinandergetürmten
-Wolken umlagert wie von Alpen und der kalte
-Nachtwind strich tauend um die Wanten.
-</p>
-
-<p>
-Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und
-ließen sich von den gluckenden und klopfenden Seen solange
-etwas erzählen, bis sie es nicht mehr hören konnten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Büst ok all bang, Störtebeker?&ldquo; fragte Klaus Mewes,
-schon halb im Traum, aber der Junge antwortete nicht
-mehr: er schlief schon.
-</p>
-
-<p>
-Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe
-in der Kajüte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief.
-Da rief Klaus Mewes: &bdquo;Seilen!&ldquo; und schwang sich
-aus der Koje, um die Seestiefel anzuziehen. Knecht und
-Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten mit
-kleinen Augen nach ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen
-bleiben wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedreht
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-hatte, aber er stand doch mit auf und half beim
-Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock mit auf und
-drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken,
-denn es war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling.
-Das Großsegel stieg auf, die Besan folgte, dann der
-große Klüver. Auch auf den andern Fahrzeugen regte es
-sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl der
-Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte
-mit dem Winde herüber, die Gaffeln knarrten und die
-Schoten hauten.
-</p>
-
-<p>
-Der Wind war südlich gelaufen, sodaß sie dalsegeln
-konnten, schier dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen
-brauchten. Die Segel fielen voll und der Ewer, ein großer,
-schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach dem Fahrwasser
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache.
-Er hatte sich ein dickes wollenes Tuch um den Hals gebunden
-und sah aus, als wenn er es im Halse hätte.
-Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten
-Kompaß und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte,
-er ermahnte den alten Knecht, keine Haverei zu machen,
-und ging mit seinem Vater wieder zu Koje. Er zog aber
-die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht an ihn,
-denn er zitterte vor Kälte.
-</p>
-
-<p>
-Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und
-seinem Knöbel Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen
-Vater auszuschelten, daß er aufgestanden war, ohne ihn
-zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon gekommen
-wären: da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes
-graugrünes, schmutziges Wasser und lief, was er konnte.
-&bdquo;Vadder, neem sünd wi all?&ldquo; &bdquo;To Freeborg, Störtebeker,&ldquo;
-rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von Freiburg
-an der Elbe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Neem is de See denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-&bdquo;Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter
-hebbt wi all fot!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, dat gläuf ik ne,&ldquo; rief Störtebeker, aber Hein
-Mück sprang wie ein Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart,
-schlug eine Pütze voll Wasser auf und hieß ihn
-kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser
-war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal,
-aber der Geschmack änderte sich nicht. Wie das angehen
-könne, rief er kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen!
-Daß Fische darin leben könnten, wollte ihm
-noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch
-geheimnisvoller für ihn.
-</p>
-
-<p>
-Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver
-und Toppsegel weggenommen werden mußten. Der Ewer
-lag sehr schief, die Segel standen bukt voll Wind und die
-groben Seen spritzten schon einmal über Deck, wenn der
-Ewer tauchte. Am Heben standen &bdquo;Ziegenhaare&ldquo;, zerzauste
-Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten.
-</p>
-
-<p>
-Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht
-für Klaus Mewes, der vergnügt steuerte und sang! Ein
-Vers aus der Dänenzeit war es, den er beim Wickel hatte,
-vererbt vom Großvater her:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,</p>
- <p class="verse">kridderwidderwitt, den deen ik ne!</p>
- <p class="verse">Den sien Lohn is mi to wenig,</p>
- <p class="verse">Pillkantüffeln mag ik ne!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und
-versang die Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein
-Vater war ja bei ihm: was sollte ihm da die See tun
-können?
-</p>
-
-<p>
-Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen
-Mittag schon, so rasch zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel
-füllte Hein Mück das Essen aus und übernahm das
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Ruder, während die andern sich die Klütjen und Plummen
-schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie
-soweit, daß Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen
-konnte, denn im Norden trat das Ufer zurück, dort blinkte
-die See, die See, nach der er sich am Deich gesehnt hatte,
-der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit vermacht
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß
-und sagte: ja, er könne sie sehen, aber weiter sagte er
-nichts, denn eigentlich war es eine große Enttäuschung
-für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge, zu
-sagen: &bdquo;Dat is ok jo wieder nix as Woter!&ldquo; &mdash; aber er
-verbiß es, denn er dachte: Erst ganz hin sein!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vadder, neem fischt wi nu?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten,
-kannst nu noch gorne sehn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch
-anders kommen, wenn es mehr sein sollte als die Elbe.
-</p>
-
-<p>
-Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen
-Kanonenschlünden, die die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff,
-das an seinen Ketten riß, die Türme von Altenbruch;
-dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm,
-die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein
-großes Schiff, eine Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater
-wies ihm den alten und den neuen Hafen, die großen
-Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich standen,
-das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den
-Bäumen guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter
-dem Ewer auftauchte, und drei Masten, die im Norden
-kahl und verlassen aus der See guckten.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner
-und die See größer werden sah, als er wahrnahm, daß
-der Ewer ungestümer auf und ab tauchte und sich schräger
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und ließ sich
-nichts merken.
-</p>
-
-<p>
-Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit
-dem flagigen, starken Südwestwind in den Segeln brauste
-er mächtig einher und schnitt eine breite, schaumige Furche
-wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel ohne
-Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten
-die See und auf den Watten räucherte die
-Brandung. Mit breiten, langen Kämmen kam die Flut
-ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas über
-sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr
-aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der
-großen Frau der Elbmündung, die immerfort nach ihrem
-Mann sucht, der doch längst geblieben ist, &mdash; und nahmen
-den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N. z. W.
-</p>
-
-<p>
-Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte
-Regen und jagte die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker
-mußte hinein. Als sein Vater ihm den Rock zuknöpfte,
-sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das
-Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber,
-als hätte er nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen
-hatte er untersagt, mit der Seekrankheit zu drohen und
-Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn am ersten
-davor zu bewahren.
-</p>
-
-<p>
-Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk
-und erzählte, daß Störtebeker von dort einen Gang unterm
-Wasser bis nach Cuxhaven gehabt hätte.
-</p>
-
-<p>
-Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden
-Fischerewer: da vergaß der Junge das fremde Gefühl und
-wurde lebhafter, er holte sich den Kieker aus dem Nachthaus
-und betrachtete Ewer für Ewer: er las die Nummern
-und ließ sich die Schiffer dazu sagen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;94, Vadder?&ldquo; &bdquo;Jakob Fock, dat weest du doch!&ldquo;
-&bdquo;138?&ldquo; &bdquo;Jakob Mees.&ldquo; &bdquo;3?&ldquo; &bdquo;Friedrichson van de Au,
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-de Störnfischer.&ldquo; &bdquo;107?&ldquo; &bdquo;Ornd Fock!&ldquo; Er lernte erkennen,
-wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder
-und die Möwen flogen um die Masten, wann er kurrte,
-wann er segelte, wann er aussetzte. Von da an kümmerte
-er sich nicht viel mehr um Gallioten und Feuerschiffe,
-Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der
-Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten,
-und war gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie
-noch einen ganzen Tag zu segeln hätten.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer
-an und fragte nach dem Fang, der Schiffer aber fragte
-nach dem Markt. Das war immer ein nachbarliches Gespräch
-wie am Deich und schloß mit einem Gedankenaustausch
-über das Wetter.
-</p>
-
-<p>
-Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer.
-Bei der Lotsengalliot nahm eine hohe See den Ewer auf
-den Rücken und warf ihn dwars weg, daß Störtebeker
-das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er
-stand ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest,
-aber die Düsigkeit im Kopf nahm immer mehr zu und
-den schlechten Geschmack im Munde wurde er nicht wieder
-los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank
-wurde und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er
-wollte es nicht! Nur das nicht, nur das nicht!
-</p>
-
-<p>
-Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap
-Horn und Hein Mück, daß sie ihn auslachen konnten!
-Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die Zähne zusammen
-und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann,
-der ruhig und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus
-lag und sorglos seine Pfoten ableckte, während er
-es kaum noch aushalten konnte.
-</p>
-
-<p>
-Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen
-großen Hering in der Kehle stecken hat, so schluckte und
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-würgte Störtebeker auf dem heftig dümpelnden Fahrzeuge
-und wehrte sich gegen die Seekrankheit.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier
-schon seekrank würde, sei ein Schietinnebüx, denn sie seien
-ja noch in der Elbe, die See finge erst beim ersten
-Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich
-noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon
-seekrank werden. Sie lachten ihn aus, das war gewiß!
-Wenn er doch mit seinem Vater allein auf Deck wäre!
-</p>
-
-<p>
-Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all
-das Scheistern nichts geholfen! Junge, Junge, Junge,
-was für ein Zustand! Er wollte und wollte sich aber
-vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See,
-nicht geben!
-</p>
-
-<p>
-Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus
-Mewes seinen Jungen mit einem Male nicht mehr sehen
-und dachte schon, er wäre über Bord gefallen, aber da
-nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot.
-Der Seefischer ging nach vorn &mdash; da lag Störtebeker im
-Boot zusammengekrümmt unter den Duchten und erbrach
-heftig. Hein Mück steckte einen Grientje auf und wollte
-etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn
-schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren
-&mdash; schließlich, als das Spucken nachließ, legte er
-ihm die Hand auf die Schulter. Der Junge fuhr zusammen
-und sah auf &mdash; kreidebleich im Gesicht! &mdash; Dann lächelte
-er unter Tränen und sagte: &bdquo;Nu lach mi man fix wat
-ut, Vadder, wat ik seekrank bün!&ldquo; Urch &mdash; da ging es
-wieder los: Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der
-neugierig herbeigekommene Seemann bekamen etwas ab.
-Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am
-Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem
-Albatros, der auf Deck sei, und Hein Mück lachte, weil
-sie ihn die ersten Reisen auch ausgelacht hatten. Störtebeker
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-lachte auch mit, wenn auch verzerrten Gesichts,
-dann aber mußte er sich geben. &bdquo;Gliek ist all rut,&ldquo;
-tröstete er, &bdquo;denn wardt beter!&ldquo; Aber das stimmte nicht,
-denn es wurde immer ärger, je leerer der Magen wurde,
-zuletzt spuckte er die Galle aus und lag dann regungslos
-auf der Ducht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bang bün ik ober ne, Vadder,&ldquo; sagte er matt, &bdquo;bloß
-seekrank!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schall ik di wedder an Land setten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte
-er nicht, denn er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte
-sein Vater ihn mit einem alten Segel zu und ließ ihn
-im Boot liegen, weil die Seeluft besser war als die Luft
-in der Koje.
-</p>
-
-<p>
-Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er
-an seine erste Reise und an seine Seekrankheit: er war
-auch nicht frei geblieben. Noch jetzt wurde er etwas
-seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder
-nach See kam &mdash; wie viele alte Fahrensleute.
-</p>
-
-<p>
-Der Wind krempte nach Westen um und nahm an
-Stärke zu. Es wurde stur.
-</p>
-
-<p>
-Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff
-im Segel, die meisten aber hatten das Kurren aufgegeben
-und trieben. Die See hatte Mützen aufgesetzt. Klaus
-Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney und
-Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil
-er die Segel nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland
-zu, dessen Feuer hell im Norden blinkte.
-</p>
-
-<p>
-Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und
-rollte, während die düstere Nacht hereinbrach. Viele
-Segel und Lichter waren bei ihnen und der dunkle Felsen
-stieg immer höher aus der See.
-</p>
-
-<p>
-Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und
-dem großen Land, d. h. zwischen der Düne und Helgoland
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-zu Anker gingen, war der Wind nordwestlich gelaufen
-und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein
-konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite
-Anker aus, dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken
-auf den Arm und trug ihn nach unten &mdash; und
-weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in die
-Koje.
-</p>
-
-<p>
-Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er
-eine nasse Hansch in den Nacken. &bdquo;Wi sünd ok mol seekrank
-worden,&ldquo; sagte Klaus Mewes, &bdquo;dorüm kann he doch
-en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen
-Ketten und klüste wie nichts Gutes hinter Helgoland.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas,
-aber die Luft sah noch nicht nach Aufklaren aus. Draußen
-stand eine hohe See, so daß an Fischen nicht zu denken
-war. Sie blieben deshalb noch liegen.
-</p>
-
-<p>
-Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war
-die ganze Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück
-saß auf der Treppe und schälte Kartoffeln, Kap Horn
-war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf
-der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus
-Mewes knüttete an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten
-Tisch stand noch der Morgenkaffee.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vadder, neem sünd wi?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so
-dull, dat wi ne fischen könnt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;To Anker, Vadder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm
-der Kopf mit einem Mal so sauste und warum die ganze
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm seine Seekrankheit
-ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie
-nicht wiederkommen sollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Blief man giern liggen,&ldquo; sagte sein Vater mit verstelltem
-Ernst, während er geruhig knüttete, &bdquo;wenn dat
-noher stiller is, sett ik di an Land, denn fohrst du mitten
-Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix för di,
-wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten
-magst du ok nix, dat kann jo ne god gohn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen,
-und sagte zu Seemann, der ihm nachgelaufen war und
-auch die Nase in den Wind steckte: &bdquo;Nu weut wi mol
-sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!&ldquo; Als er die Reihe
-der Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit
-Jannis Six gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm
-ankerte, ging er wieder unter Deck, nahm Scheger und
-Nadel auf und knüttete weiter, als wenn nichts geschehen
-wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das
-Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte.
-</p>
-
-<p>
-Denn siehe &mdash; Klaus Störtebeker war aufgestanden
-und hatte sich angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch
-und trank schwarzen Kaffee aus der Muck. Noch mehr:
-er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war,
-es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen;
-und wenn es noch nicht gleich gelang, so war sein Wille
-doch nicht daran schuld. Tapfer aß und trank er, obgleich
-der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen und zu
-tanzen begannen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Smeckt all wedder, Störtebeker?&ldquo; fragte Klaus Mewes
-nach einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit
-dör!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat segg man nich to hart,&ldquo; rief der Knecht von der
-Diele.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-&bdquo;Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank!
-Un no Hus will ik ne, Vadder: ik will bi di
-blieben un mit fischen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non!&ldquo; sagte sein Vater, &bdquo;denn ist god!&ldquo; Und erging
-sich mit ihm an Deck, damit der Junge in der frischen
-Seeluft ganz genese, denn die Teer- und Segelgerüche
-der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand.
-</p>
-
-<p>
-Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland
-und das Oberland, die große Treppe, den Leuchtturm und
-die Kirche, die großen rotgrauen Felsen, die starken Boote
-der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs, auf dem
-die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines
-Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon
-wieder Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt
-fühlte: sein Vater ließ ihn pumpen und das Boot
-schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und sich nicht
-wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig
-verjagt werden.
-</p>
-
-<p>
-Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer,
-wenn auch nicht so viel als sonst. Seine Backen hatten
-schon einige Farbe zurückbekommen und seine Augen
-glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte,
-er wolle an Land: wer mitginge? Störtebeker war dabei.
-Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte ab: er wollte
-ein bißchen voraus schlafen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Up Hilchland ist fein, Hein Mück.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,&ldquo; sagte Hein
-Mück aber und zog die Stiefel aus, um einen Stremel zu
-verträumen. Kap Horn, der gern mitgegangen wäre,
-mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben.
-</p>
-
-<p>
-Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen,
-denn es stand noch eine ziemliche See, wenn
-auch der Wind nachgelassen hatte und raumer gelaufen war,
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie Wasser
-über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf
-an, aber er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit
-nicht an sich heran.
-</p>
-
-<p>
-An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer
-Booten fest und betraten den englischen Boden.
-Mit dem Unterland waren sie bald schier. Klaus Mewes
-sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte, und
-der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte
-etwas, was Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er
-meinte, es wäre Englisch. Dann stiegen sie die 188 Stufen
-zum Oberland hinauf und blickten auf die kleinen, kleinen
-Ewer und Kutter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi
-Hus!&ldquo; rief Störtebeker. Er bekam den Mönch zu sehen,
-den gewaltigen, frei im Wasser stehenden Felsen mit dem
-grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in
-die schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft
-rauschte. Dann schlugen sie den Mittelweg ein, den die
-Badegäste die Kartoffelallee getauft haben, und blickten
-von der Nordklippe des Eilandes weit und breit über die
-graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen
-stand ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung,
-unter ihnen aber brandete die See in dumpfem
-Grollen.
-</p>
-
-<p>
-Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen
-sie nach den Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen,
-die schwarzweißen isländischen Gesellen, in großen Scharen
-saßen. Andre flogen hin und her und krächzten.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein
-und Klaus Mewes schrieb einige Zeilen an Gesa. Dann
-schieden sie von dem englischen Heligoland und wriggten
-nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne
-über die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-nachdenklich: &bdquo;Worüm hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann
-to?&ldquo; &bdquo;Worum?&ldquo; lachte Kap Horn. &bdquo;Worum
-heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar
-un Kapstadt un Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche
-Jan Bull, as anner Lüd bleud weurn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal
-mit dem Heben zu Rate, dann aber rief er munter:
-&bdquo;Seilen!&ldquo; und warf seine Kurre mit einem großen
-Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat
-wieder in ihr Recht und alle stürzten an Deck.
-</p>
-
-<p>
-Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den
-Anker und kreuzten aus dem Helgoländer Loch. Draußen
-kamen sie in leege Wall und trafen eine so hohe See
-und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber
-weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich
-nicht aufhalten und dachte nicht an Umkehren. Er hatte
-schon anderes erlebt, als diesen südwestlichen Kurs nach
-Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an seinem
-Ruder aus.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje
-fest, wenn der Ewer überholte. Er kämpfte wieder
-mit bösem Unwohlsein, aber zum Brechen kam er nicht
-mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte,
-nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte
-die Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die
-Wache und Störtebeker ging mit seinem Vater zu Koje,
-hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden war.
-Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und
-lobte ihn.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren
-auf der alten Stelle angelangt, wie Klaus Mewes durch
-Peilen und Loten festgestellt hatte. Dwars von Juist
-klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer
-geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-und setzten die Kurre aus, nachdem sie den Ewer in
-den Wind gebracht hatten. Kurrbaum und Kugeln,
-Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann
-ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu
-Wasser, mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten
-Feuerweg, den die eben aus der See gestiegene Sonne
-auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker war mit Leib
-und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle
-Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte
-über die Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen
-wäre, trat Seemann auf den Schwanz, daß er klagend
-schrie, und steckte sich überall dazwischen.
-</p>
-
-<p>
-Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die
-ganze Kraft dreier Männer bewältigt werden konnte, bekam
-Hein Mück die Wache. Schiffer und Knecht gingen in
-die Puk.
-</p>
-
-<p>
-Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie
-ein Roß mit dem Pflug, und segelte langsam dem grauen
-Streifen entgegen, der im Süden aus der See guckte.
-Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle sie
-jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang
-über Bord und machte sich Gedanken darüber: als Hein
-Mück, der Wachmann, aber anfing, sich über ihn lustig
-zu machen, ging er seinem Vater nach und verschlief die
-beiden Kurrstunden in dessen Armen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Intehn! Intehn!&ldquo; Der Ruf, der Tote auferwecken
-und Kranke zum Aufstehen bringen kann, scholl in die
-Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet hatte. Da
-konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins,
-zwei, drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte
-der Norderneyer Dünen die Kurre ein, nachdem sie das
-Ruder lose gegeben und die Fock fallen gelassen hatten.
-</p>
-
-<p>
-Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame
-Aufhieven des Netzes! &bdquo;Hiev, hiev!&ldquo; Wie oft mußte
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er sich beim Abstoppen
-abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der
-Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an
-den Wanten saß. Dann beugten sie sich über Bord und
-zogen die Kurre mit den Händen über die Reling.
-</p>
-
-<p>
-Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den
-Ewer flogen und sich zu Hunderten angesammelt hatten,
-lauter aber als Hund und Möwen war Störtebeker, der
-bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und
-rief: &bdquo;U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch
-een! Dor all wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch,
-dor een Gnurrhohn, dor een &mdash; den kinnk ne! Junge,
-Junge, watten Fisch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien
-der Steert, der Beutel des Netzes, an der Oberfläche.
-Der war so groß und schwer, daß sie ihn nicht
-über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn deshalb
-in die Talje nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige
-Klumpen von Fischen und anderm Seegetier, und leckte
-wie ein Sieb. Der Schiffer machte das Steerttau los und
-sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und quuks-quaks
-stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.
-</p>
-
-<p>
-Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter:
-Störtebeker aber kam gänzlich aus der Tüte. Mann o
-Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das war doch
-noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder
-als wenn die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen!
-Da klapperten und spaddelten die Schollen und Scharben,
-da sprangen die Rochen, da schnappten die roten Petermännchen
-nach Wasser, da knurrten die Knurrhähne,
-zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und
-Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel,
-ein zerbrochener Topf und ein großer Stein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den
-Bünn geworfen, nach der Größe gesondert, und gezählt.
-Der Streek hatte gelohnt, denn sie kamen auf 8 Stiege
-großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker mußte
-den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn
-hängen, die Taschen packte Hein Mück, dem nach altem
-Brauch das Taschengeld gehörte, in einen Hummerkasten.
-Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne bestimmt,
-denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht
-frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht
-und in Salzlake gelegt, dann schaufelten sie den Rest
-des Fanges schnell über Bord und setzten die Kurre wieder
-aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel ab und
-nahm seeseitigen Kurs.
-</p>
-
-<p>
-Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos,
-wie sie erschienen waren, verschwanden sie wieder, um
-andre fallende Focksegel aufzusuchen.
-</p>
-
-<p>
-Der erste Streek war getan.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater
-stand am Ruder. Sie taten kurze, zweistündige Striche
-in der Schollenzeit, damit die Fische, die lebendig an den
-Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu
-sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller
-Kleidung zu Koje und schliefen, denn wie ein ehernes
-Gesetz hatte nun die Fischerei Gewalt über die Fischer:
-das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann durchführen,
-wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem
-Wetter wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst,
-wenn der Bünn voll war oder wenn die Stille oder der
-Sturm dazwischen kam.
-</p>
-
-<p>
-Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-kein Stückchen wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt,
-so läßt er keinen Streek aus und fischt tags und
-nachts, Sonntags und Alltags.
-</p>
-
-<p>
-Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine
-blauen Augen leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen:
-sie fischten ja, sie fischten ja! &bdquo;Junge, Vadder, dat is
-wat, dat mokt Spoß!&ldquo; versicherte er immer wieder und
-sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm
-als von dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen:
-er holte sich ein dickes Stück Schwarzbrots aus dem Schapp
-und aß es, er trank Kaffee dazu und war guter Dinge.
-In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht
-bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein.
-</p>
-
-<p>
-Wie im Fluge verging die Zeit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Is so wiet,&ldquo; sagte Klaus Mewes, &bdquo;nu rop jüm man!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die
-halbgeöffnete Kapp zurück, kletterte die Treppe hinab
-und gröhlte, so laut er konnte: &bdquo;Kap Horn un Hein,
-upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo,&ldquo; brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum
-von seiner Gesine durch die Latten gegangen war, und
-grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn aber schwang
-sich auf die Bank und schalt: &bdquo;Wat is dat egentlich forn
-Snack von wegen opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst
-woll, du büst hier bin Buern, wat? Weest du nich, dat
-an Bord allens <em>utsungen</em> warrn mutt? Paß mol op:
-so heet dat:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,</p>
- <p class="verse">reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!</p>
- <p class="verse">De een von jo sallt Ror verfangen,</p>
- <p class="verse">reis ut, Quarteer, de Wacht is don,</p>
- <p class="verse">acht Glosen sünd slon!</p>
- <p class="verse">Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-&bdquo;Junge, dat is jo en ganzen Gesang,&ldquo; rief Störtebeker,
-&bdquo;den kannk ne beholen!&ldquo; Dann aber rüttelte er Hein,
-der auf der Bank wieder eingedusselt war: &bdquo;Schall ik irst
-mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di ne seggt, du
-schullst upstohn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier
-no Amsterdam flügst,&ldquo; drohte der Junge mürrisch und
-erhob sich.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren.
-Als sie alle drei an Deck kamen, hatte sein Vater den
-Ewer schon in den Wind schießen lassen, die Fock war
-schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder über
-den Masten.
-</p>
-
-<p>
-Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es
-ging noch schwerer als vorher, daß Störtebeker rief, da
-säßen gewiß hundert Stiege Schollen drin. Ihr Seefischer,
-die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der Gedanken
-an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre
-einzogt? Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und
-Steine gewesen waren, was Ihr zutage gehoben hattet: kam
-nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder, daß es auch
-einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste
-gesät hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber
-der Fischer, der nicht sät (Sehet die Fischer an: sie säen
-nicht und ernten doch, hatte Pastor Evers gepredigt),
-für den ein andrer die Saat bestellt, der immer unbekannte,
-geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann
-der alles ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch
-auf dem Grunde der See: ein Fischer wird es einmal
-finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes, Unsichtbares,
-die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch
-dem armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen
-etwas vorausgibt: und sie ist es, die Fischer werben
-wird, so lange die See nicht zugeschüttet ist.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen
-das Abstoppen für eine Weile überlassen, denn ohne seine
-Bärenkraft ließ die Winsch sich diesmal nicht drehen.
-Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden. Diesmal
-riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn
-er wußte jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich
-wenig darum, daß er naß wurde. Sogar Seemann half:
-er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter großem
-Geknurr.
-</p>
-
-<p>
-Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer
-Stein auf das Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war
-der vermeintliche reiche Segen! Zum Glück waren aber
-auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in den
-Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen:
-Klaus Mewes wollte ihn hier nicht über Bord werfen,
-sondern gedachte ihn an einer Stelle sacken zu lassen,
-wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen Fischern mehr
-beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden
-konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf,
-als die Sonne ihn abgetrocknet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker,
-der noch nicht wieder schlafen konnte, blieb bei ihm und
-half ihm beim Zusammenbinden und Aufhängen der
-Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte
-Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt,
-und erzählte ihm Geschichten von der großen Fahrt, die
-noch all seine Gedanken füllte, wie der Wind die Segel,
-und die er nicht vergessen konnte, Geschichten von Albatrossen
-und Eisbergen, von Schiffbrüchen und Piraten,
-von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten
-Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der
-Linie und dem <a id="corr-6"></a>Sargassomeer bei Westindien, in dem
-kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch die berühmte
-Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-war so: als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine
-Bark einst zwischen Kapstadt und Singapur ein Leck in
-den Boden. Sie wollten es dichten und konnten es nicht,
-denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie
-Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache.
-Als Hans aber angelaufen kam und gerade anfangen
-wollte, zu arbeiten &mdash; in die Hände hatte er schon dreimal
-gespuckt! &mdash;, wat meent ji woll: mit einem Mal
-taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der
-See auf, steckt den Kopf durch das Loch und bleibt darin
-sitzen. Hans Fink holt geruhig sein Knief aus der Tasche,
-das mit der knöchernen Schale, das er noch heute hat,
-schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich
-vom Smutje Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und
-das Schiff ist dicht und macht nicht einen Tropfen Wasser
-mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen, bloß,
-weil Hans Fink so schlau gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-Gotts den Dünner &mdash; was für eine Geschichte. &bdquo;Minsch,
-wat kannt angohn,&ldquo; rief Störtebeker verdutzt, &bdquo;wo grot
-is dat Leck denn wesen?&ldquo; &bdquo;Och so as mien Arm dick is!&ldquo;
-&bdquo;Son dicke Ool gifft ober ne!&ldquo; Kap Horn ließ sich aber
-nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal
-gewesen! &bdquo;Veel Pund schull de woll wogen hebben?&ldquo;
-&bdquo;Dor mutt ik um legen, Störtebeker: Hans Fink meent
-ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!&ldquo; Der Junge
-konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall
-hinwegkommen und trieb den Knecht zuletzt in die Enge
-mit der Frage: &bdquo;Jä, nu segg mi ober mol: wat hett he
-denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch butenburds?&ldquo;
-Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und
-wand sich selbst wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und
-bei den Segeln Rat, ohne ihn zu finden: zuletzt aber
-rettete er sich durch einen Hasenseitensprung, indem er
-tiefsinnig erklärte: &bdquo;Dor heff ik Hans noch nich no frogt!
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-Wenn ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol
-mit em öber den Krom snacken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während
-sie stetig fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so
-klein war, daß viele darüber fielen und viele es für
-einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal erlebte Jan
-Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis
-Loop, der beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen
-darüber gebreitet hatte. Ein andermal steckte der große
-Karsten Külper es im Vorbeigehen in die Jackentasche
-und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog
-er es heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die
-Groggläser und Bierseidel mit den Worten: &bdquo;Kiekt, Junggäst,
-wat ik annen Feekstreek funnen hebb!&ldquo; Seine
-Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der Tür
-</p>
-
-<p class="schild center">
-<span class="line1">Jan Wurt,</span><br />
-<span class="line2">Elbfischer.</span>
-</p>
-
-<p class="noindent">
-und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan
-Wurts Haus. Und ehe der große Fischermann noch recht
-begriff, was er angerichtet hatte, ging die Tür des kleinen
-Hauses auf und Jan guckte heraus. Die Groggläser und
-den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins
-bei ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die Musikanten
-konnten nicht weiter spielen, eine so gewaltige
-Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er gröhlen und
-schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und
-wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm
-aber nichts: er mußte das Haus wieder hintragen, wo er
-es hergenommen hatte, und am andern, hochhellichten
-Tag mußte er den Deich entlang und mußte Abbitte vor
-Jan Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ...
-</p>
-
-<p>
-Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-dem Jungen aus umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren
-Seeaffen zurecht und lehrte ihn den Kompaß nach
-der Weise:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">West zum Norden, Westnordwest,</p>
- <p class="verse">unsre Freundschaft stehet fest;</p>
- <p class="verse">Süd zum Osten, Südsüdost,</p>
- <p class="verse">deine Liebe ist mein Trost! ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit
-der Harmonika mache er die Fische bange, dafür aber
-machte er ihm eine Angel für Makrelen und Katzenhaie
-zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie hinteraus.
-Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte,
-so oft Störtebeker auch aufzog.
-</p>
-
-<p>
-Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin,
-als wenn sie sagen wollten: Man to, wi sünd all
-hungerig!
-</p>
-
-<p>
-Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit
-begann wieder. Dieser Streek brachte nur fünf Stiege:
-sie segelten deshalb westlicher, bevor sie wieder aussetzten.
-Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber
-tat auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war,
-er ließ sich von ihm im Steuern unterrichten und steuerte
-allein, als Hein sich als Koch betätigen, die Klöße rollen
-und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte. Das war
-etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu
-steuern. Wie paßte er auf, daß kein Segel an zu klappern
-fing, daß sie immer voll standen, daß er nicht aus dem
-gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See ab, daß er
-keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn sehen müssen!
-</p>
-
-<p>
-Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über
-Ostermoonen und Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen,
-Kaninchenzucht und andre Dinge vom Deich,
-sie einigten sich über die fischreichsten Gräben und beschwögten
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die
-drei großen Feste, die nun bald kamen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen,
-als sie aber nach dem Mittagessen &mdash; gekochte Rochen gab
-es, etwas Köstliches! &mdash; an Deck gingen, um die Kurre
-wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen gegangen
-und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das
-Fischen aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf
-der ziemlichen Dünung hin und her, wie in schweren
-Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten schlugen
-mit den Blöcken.
-</p>
-
-<p>
-Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst
-Klaus Mewes machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig
-schlug das herrenlose Ruder hin und her, willen-
-und machtlos war der Ewer der Meeresdünung und der
-Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie
-Löwen mit der Maus. Störtebeker wunderte sich sehr
-über diese unruhige See und diesen tanzenden, rollenden
-Ewer bei so totenstiller Luft.
-</p>
-
-<p>
-Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den
-Luken, der dritte lief an Deck auf und ab: sie wußten die
-Zeit nicht hinzubringen, so jäh waren sie aus der schönen
-Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie nach dem
-Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes
-schüttelte das Wetterglas, als wenn darin die Brise säße.
-Zuletzt schleppte er die angefangene Kurre an Deck, denn
-drinnen war es heiß, und knüttete in großer Ungeduld.
-Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber
-auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige
-Taschen, die dieser unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch
-der Seemöwen aufklopfte und verzehrte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,&ldquo;
-rief Kap Horn, aber Störtebeker lachte ihn aus und sagte,
-das solle er seine Großmutter man tun lassen. Dagegen
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der
-Kimmung.
-</p>
-
-<p>
-Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich
-ruhiger. Gegen Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote
-auf der See, nicht weit vom Ewer; mit einem
-Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk
-auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen
-Schiffen, sei eben umgekippt und untergegangen. Da
-wurde er aber bannig ausgelacht, denn was er für Torpedoboote
-gehalten hatte, das waren Tümmler, die träge
-auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen
-und untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer
-mehr auf, mitunter erschien auch der Kopf eines Seehundes.
-Ließ sich aber einmal einer einfallen, zu schreien,
-dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem
-Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord
-wütete! Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber
-lachen.
-</p>
-
-<p>
-Es blieb die ganze Nacht todstill &mdash; erst gegen Morgen
-kräuselte sich die Dünung. Da konnte zur allgemeinen
-Freude wieder gefischt werden.
-</p>
-
-<p>
-So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei
-wechselnden Winden, oft von Stillen heimgesucht, und
-kamen immer östlicher, bis Langeoog hinauf. Dort sprach
-Klaus Mewes das erlösende Wort: &bdquo;Utscheiden!&ldquo; Sie
-hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen,
-sie hatten die Reise!
-</p>
-
-<p>
-Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges
-wegen, sondern nach der Weser. Störtebeker sollte es
-bestimmen: er war natürlich für die Weser, denn dort
-gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser
-wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von
-Bord holte, wohl aber auf der Elbe.
-</p>
-
-<p>
-Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-noch an? Er dachte kaum noch daran, so weit weg lag
-das alles, seit er mit fischte: vergessen waren Krähe
-und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig mit
-Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr
-war er in der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.
-</p>
-
-<p>
-Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser.
-Da bekam Störtebeker zum erstenmal das Wunder der
-Nordsee zu sehen, den zwei Jahre vorher errichteten
-Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere stehenden
-rotweißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal
-gezeigt worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl
-ebenso spurlos im Meere verschwinden wie sein Vorgänger,
-weil er auf Sand gebaut sei und nicht auf Felsen
-wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte:
-einerlei, Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen.
-Störtebeker wunderte sich am meisten über das
-Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser hing.
-Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.
-</p>
-
-<p>
-Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten
-den andern Morgen ihre Schollen. Sie wurden sie auch
-zu gängigen Preisen los, denn sie waren nur zu fünfen,
-und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht
-zu viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser
-bekannt war, den Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil
-machte, der mit seiner Glocke und mit seiner rostigen,
-durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen abklopfen
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks,
-nach dem Störtebeker ein großes Verlangen hatte,
-dann Büffelfleisch und Zucker aus dem Freilager, und
-gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß bekam
-nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen
-kurzen Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönß
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-schrieb, während Störtebeker sich von Marta und Mieze,
-den Töchtern des Fischerwirtes, denen der kleine Fischerjunge
-sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten ließ.
-</p>
-
-<p>
-Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem
-Brief, den der Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag
-seekrank gewesen, nun wisse er schon nichts mehr davon,
-er habe große Lust zu der Fischerei und sei immer vergnügt,
-Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen.
-Heute abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald
-mit Schollen nach der Elbe. Störtebeker ließe ihr noch
-sagen, sie solle die Krähe und die Kaninchen nicht vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach
-Wippchenart aus den Fingern gesogen, denn Störtebeker
-hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf. Er wollte Bremerhaven
-sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf
-den weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine
-Zeit: sie mußten an Bord und nach See.
-</p>
-
-<p>
-Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an
-der Kaje zu Geestemünde: da wehte es zwei Tage und da
-bekam Störtebeker alles zu sehen, was er sehen wollte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-Elfter Stremel.
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Roland der Ries&rsquo; am Rathaus zu Bremen,</p>
- <p class="verse">Kämpfer einst Karls in der Schlacht;</p>
- <p class="verse">Roland der Ries&rsquo; am Rathaus zu Bremen,</p>
- <p class="verse">jetzo wie einst noch steht er und wacht!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B.,
-28 Registertonnen groß, geführt vom Schiffer Klaus
-Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der Schlachte mit
-lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser
-gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher
-blickten überlegen auf ihn herab, denn sie standen schon
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-zweihundert Jahre und hatten Güter aller Zonen unter
-ihren Dächern. Auf der Kaje standen die Bremer Jungen
-und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie Störtebeker
-nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit
-Steinen nach ihm zu werfen, da rief er: &bdquo;Ji verdreihten
-Zigarrenmokers!&ldquo; (das hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!),
-zog seine Seestiefel aus und ging ihnen mit
-der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die
-Flucht ergriffen.
-</p>
-
-<p>
-Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und
-Arbeitsleute waren minder stolz als die alten Speicher
-und minder feindselig als die Jugend: sie kamen mit
-Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen die
-Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch
-die Bremer zu nehmen wußte, war den Fang bald los,
-zumal er ganz allein an der Schlachte lag. Der verrufene
-schiefe Weg nach Bremen hielt die andern Ewer fern.
-</p>
-
-<p>
-Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf
-um die Scholle entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und
-mit seiner vollen Tasche klirrend zuguckte, bis er sagte:
-&bdquo;Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de Luken to!&ldquo; Dann
-zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken
-und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen
-Wind- und Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen
-ließ.
-</p>
-
-<p>
-Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und
-der Kleine und Kap Horn sich landfein und wiesen einander
-Bremen. Zunächst steuerten sie wie alle Fremden
-nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die
-graue Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige,
-verwitterte Rathaus und das hohe, steife Standbild, die
-Rolandssäule. Störtebeker gefiel von all diesen Bauwerken
-eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen
-Türmen: das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-von Grünspan; das könnten sie auch mal abschruppen,
-meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war ihm nicht
-bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn
-er nicht bis fünf zählen könne, lachte er.
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des
-Heidenbekehrers Wilhadi vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen
-Dom traten, mit den leuchtenden Glasmalereien
-und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen
-Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; &mdash; denn
-da gingen sie unhörbar auf weichen Teppichen und alles
-war so still und so feierlich, wie es den Morgen gewesen
-war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten und das
-Läuten der Glocken zu hören gewesen war. &bdquo;Hier in
-Bremen hett de lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,&ldquo;
-flüsterte er seinem Vater zu, der leise lachen
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem
-keine Leichen verwesen und in dem die Särge reihenweise
-stehen. Schwedische Gräfinnen, englische Majore, bremische
-Bürger lagen da gelb und lederartig in offenen Steinsärgen
-und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt.
-Um die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen,
-hingen auch frische Ratten, Hühner und andres Getier
-an den Pfeilern. Die trockne Luft des Raumes benahm
-den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht
-lange im Schnack aufhielten.
-</p>
-
-<p>
-Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn,
-er könne den bösen Geschmack nicht wieder aus dem Munde
-los werden. &bdquo;De mütt dolspeult warrn,&ldquo; sagte Klaus, &bdquo;lot
-uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller is
-jo bi de Hand!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat
-for de Groten, for Reeders un Käppens, dor gifft bloß
-Wien, Minsch!&ldquo; rief der Janmaat, aber Klaus Mewes
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von
-Hauff und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Een van de Groten bün ik ok,&ldquo; sagte er stolz, &bdquo;ik
-bün Reeder un Käppen un Wien mag ik ok un up de
-scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm, Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter,
-setzten sich mitten zwischen die Pfeiler und besahen
-die Hausgelegenheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker
-gohn,&ldquo; lachte Klaus, &bdquo;büst ok bang, Störtebeker?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, bang bün ik ne, Vadder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mißtrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan
-vom Moor konnten wohl nur versehentlich die Treppe
-herunter gefallen sein, die wollten gewiß zu Heini Holtentüffel
-und bei dem eine kleine Lage trinken: als Klaus
-Mewes, der es merkte, ihn groß und frei ansah und mit
-lauter Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler
-den Buddel und ein Glas süßen Weins für den Jungen
-bestellte. Da nickte er höflich und brachte das Verlangte.
-</p>
-
-<p>
-Es schien allgemein aufzufallen, entweder, daß der
-Finkenwärder so laut oder daß er plattdeutsch sprach, denn
-an allen Tischen drehten sich die bedächtigen, geruhigen
-Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes ließ sich dadurch
-in keiner Weise stören. Er rief den Kellner und
-sie ließen sich durch alle Räume führen: sie sahen die
-Rose an der Decke, die ein italienischer Maler gemalt hatte,
-weil er seine Zeche nicht bezahlen konnte, sie sahen Fässer,
-die so groß waren wie ein kleines Haus, sie kamen durch
-den Apostelkeller, in dem zwölf nach den Jüngern benannte
-Fässer lagen, von denen der Judas sauer war,
-sie hörten von Wein, von dem jeder Tropfen dreitausend
-Mark kostete.
-</p>
-
-<p>
-Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-ans Tageslicht. Die Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker
-noch durchaus sehen wollte, waren nicht auszumachen,
-so gingen sie durch die Langenstraße an dem
-schnörkelgesegneten Essighaus vorüber nach dem Ewer
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends
-unternahm, um sich etwas vorsingen zu lassen: er konnte
-das Bremer Bier so wenig vertragen, daß er allerhand
-Havereien machte und schließlich von einem Schutzmann
-an Bord gebracht werden mußte. Als er da noch weisen
-Wind hatte und sich nicht geben wollte, goß Klaus Mewes
-ihm einfach eine Pütze Weserwassers über den Kopf, um
-den großen Brand zu löschen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Keine Luft von keiner Seite ...
-</p>
-
-<p>
-Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht
-der Ewer in totenstiller Luft auf dem spiegelglatten
-Meer. Drei Tage haben sie schon keinen Wind mehr gehabt;
-zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt,
-nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie
-es osterselten vorkommt. Drei Tage schon ruht die
-Fischerei, hängt die Kurre am Mast, ist das Ruder mittschiffs
-festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das Deck
-nieder, das so heiß ist, daß sie Schollen darauf braten
-könnten und daß das Pech in den Nähten weich ist. Von
-den Wanten leckt der Teer.
-</p>
-
-<p>
-Plackendotstill ist es, wie Störtebeker, der munterste
-an Bord, immer wieder versichert. Ein Brett, das er
-ins Wasser geworfen hat, um die Strömung zu erkunden,
-bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das große
-Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe
-läßt sich sehen.
-</p>
-
-<p>
-Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-Segeltuches und schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf
-der Diele neben dem Wasserfaß und liest in einem Buche,
-das ihm der Bremerhavener Seemannspastor mitgegeben
-hat, bis er dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil
-erwählt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im
-Bünn, bis an den Hals im Seewasser.
-</p>
-
-<p>
-Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er
-ist wie ein gereizter Löwe und es ist nicht gut anbinden
-mit ihm. Er kann nicht fischen &mdash; das sagt alles.
-</p>
-
-<p>
-Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Lesen? &mdash; Son
-Schiet! &mdash; Knütten? &mdash; Son Snarrkrom! &mdash; Fischen will
-er, Schollen greifen, kurren, segeln, kreuzen, denn sie
-müssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm
-der Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog
-gejagt hatte, dann war der Fang schlecht gewesen, drei
-magere Schollen im Streek! und nun kam ihm noch die
-Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem Wetterglas
-und starrte es an, als wenn es an allem schuld
-wäre mit seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr
-schön &mdash; <span class="antiqua">very dry</span>. Klaus Mewes konnte es nur als Sehr
-schlecht &mdash; verdreiht! lesen.
-</p>
-
-<p>
-Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem
-Heben, als wolle er Löcher hineingucken. Dabei hörte
-er das Spalken und Plätschern im Bünn. Erst wollte er
-Hein die Leviten lesen, daß der die paar Schollen im Bünn
-noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und
-er zog sich auf der Achterplicht aus, setzte seinen alten
-Kameruner ab, rannte in Berserkerwut über Deck nach
-dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und sprang mit
-Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam
-prustend wie ein Seehund wieder an die Oberfläche.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kiek mol ober, Kap Horn,&ldquo; rief Hein Mück, &bdquo;ik gläuf,
-Klaus hetten Sünnenstich kregen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck:
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-da schwamm sein Schiffer kräftig ausholend wohl zwanzig
-Faden vor dem Ewer und lachte und rief: &bdquo;So ist mooi,
-Kap Horn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seemann aber stand mit den Vorderfüßen auf dem
-Setzbord und bellte und Störtebeker sagte in einem fort,
-er wolle auch mal schwimmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man
-keen Ramm inne Been,&ldquo; warnte der Knecht, steckte eine
-Leine auf den Rettungsring und warf ihn über Bord,
-auch fierte er einen Riemen längseit, damit der Schwimmer
-einen Halt hätte, wenn er dessen bedürfte. Schließlich
-setzte er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser,
-stieg hinein und wriggte in die Nähe seines Schiffers,
-denn das Schwimmen in offener See, ohne Schwimmweste
-und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie
-der Bauer sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte
-der Fischer niemals in der See schwimmen.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre
-und Gescharre, und als der Knecht sich umdrehte,
-sah er Störtebeker nackt an Bord laufen und den widerstrebenden
-Hund nach dem Setzbord schleppen. &bdquo;Störtebeker,
-wat mokst du?&ldquo; rief er, &bdquo;Klaus, kiek mol den
-Jungen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen un
-wennt mitten Dübel togeiht,&ldquo; gröhlte Störtebeker und
-warf den winselnden Seemann kopfheister in die See,
-dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all
-versupen,&ldquo; rief Kap Horn, als auch noch Hein Mück über
-das Schwert kletterte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik
-woll uppassen,&ldquo; rief Klaus Mewes und schwamm an die
-Seite seines Jungen, der entrüstet sagte: &bdquo;Du meenst
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-woll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son
-Woterrott, kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all
-duken: paß up!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen.
-&bdquo;Junge, dat do ik ne wedder: dat Woter is jo sult, dor
-hebb ik gorne an dacht! I, wat bitter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen
-und hielt sich in seiner Nähe auf, um ihm beizuspringen,
-wenn seine Kräfte nachlassen sollten, Kap Horn aber zog
-den spaddelnden Seemann in den Kahn und bewachte die
-drei kühnen Schwimmer und den großen, regungslosen
-Ewer, der wie tot auf dem Wasser lag.
-</p>
-
-<p>
-So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm
-mit seinem Jungen in der See, als wäre es am Finkenwärder
-Bollwerk und nicht zwischen Spiekeroog und
-Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.
-</p>
-
-<p>
-Wenn Gesa das gesehen hätte!
-</p>
-
-<p>
-Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas
-nachließ, saßen sie allemann auf Deck. Dort aßen sie auch
-Abendbrot, denn in der Kambüse war es nicht auszuhalten.
-Dann schliefen sie in alten Segeln auf den
-Bänken und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein
-Gewitter aus der See und fegte dunkel und drohend
-heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitete es sich
-über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der Donner
-und die ganze Wolke saß voll von Blitzen, aber Klaus
-Mewes und seine Gesellen begrüßten das Wetter mit
-Freude, denn nun mußte ja auch Wind kommen und sie
-erlösen.
-</p>
-
-<p>
-Als die ersten, großen Tropfen fielen, warfen sie die
-Segel nieder und gingen hinunter, denn bei einem Gewitter
-an Deck sein, ist der gefährlichen Nähe der Masten
-wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind auf den
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-Wanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die
-Masten erdröhnten, der Ewer zitterte, die Lampe
-schwankte, die See kam allmählich in leise Bewegung.
-Geruhig saßen oder lagen die Seefischer unter Deck und
-horchten. Als das Gewitter halb vorüber war, zogen sie
-die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen
-Schein der letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord,
-denn nun hatten sie wieder Wind genug.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="right">
-<span class="antiqua">Ships that pass in the night ...</span>
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die
-Sterne funkeln um so heller um den Schleier der Milchstraße.
-Wie tanzt der Orion, wie blitzt die Wega, wie
-leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen,
-wie gleißt der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan,
-die gewaltige Wisch, die mit abertausend weißen
-und bunten Blumen bewachsen ist und auf der Myriaden
-von Tautropfen glitzern.
-</p>
-
-<p>
-Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber
-sind wie urgewaltige dunkle Kühe, die auf der großen
-Wiese in den Blumen grasen. Ruhig und bedächtig grasen
-sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam weiter.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder.
-Gesprochen wird in solchen Nächten nicht viel.
-</p>
-
-<p>
-Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert
-über die See und gibt den Segeln die Kraft, die Kurre
-zu ziehen. Rot, grün und gelb spielen die Fischerlichter
-auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als ginge es
-durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist
-sie wie ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die
-Gaffeln oben am Mast und wie im Traum reißt der
-Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel, an seiner
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-Schote, über der Besan aber weht die dunkle Flagge im
-Nachtwinde. Seemann schläft im Nachthaus neben dem
-Kompaß und Klaus Mewes geht nach Schifferart auf dem
-Achterdeck hin und her, die Hände in den Taschen, während
-Störtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn
-Steuern hat er längst gelernt.
-</p>
-
-<p>
-Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes,
-wenn er allein an Deck ist, er singt auch bei Sonnenschein,
-aber in solcher Nacht singt er nicht: da fühlt er
-tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein
-Wesen, seine Atemzüge, da haben alle Segel und Wanten,
-alle Bäume und Masten ihre eigene Sprache. Nächte,
-die gewesen sind, und Nächte, die noch kommen sollen,
-stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen beschleichen
-ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle
-Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken
-kommen ihm entgegen, wie der Wind in die Segel weht,
-die ihn weit hinaustragen aus der Sehnsucht nach Gesa,
-nach einem guten Streek und einem schönen Markt, die
-ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen
-Nächten muß er Verklarung über sich selbst tun, der
-lachende Seefischer, und nicht lachend, sondern ernst beantwortet
-er seine eigenen Fragen, denn je höher dem
-Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich
-seine Wurzel &mdash; und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener
-Baum.
-</p>
-
-<p>
-Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote,
-weiße, grüne, denn sie fischen zwischen Helgoland und
-dem Weserfeuerschiff, und auf diesen Gründen wimmelt
-es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist
-das Geklapper einer Winsch in der Weite zu hören, wenn
-sie irgendwo einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier
-Fischer, die einander nahe gekommen sind, abgebrochen
-herüber.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil
-der Laertes wegen seiner Besansflagge leicht ausgemacht
-ist, so wird hüben und drüben gerufen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, büst du dat?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, Hinnik! Wat fangt ji?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ochott, is ne slimm: acht Stieg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de
-Reis?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Morgen weuf utscheiden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen
-lostowarrn, Klaus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen,
-als daß das Seegespräch fortgesetzt werden könnte, und
-Klaus Mewes geht wieder schweigend auf und ab. Einmal
-steht er hart an den Wanten und blickt starr in die
-Weite, als sähe er seines Großvaters Kuff im Norden
-untergehen, dann horcht er, als höre er seines Vaters
-Todesschrei aus der See heraus.
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig
-in den Sternen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen.
-Sie sah, wie ein Schiff sich mit haushohen Seen abriß,
-wie es leck wurde und wie zuletzt eine große Woge ins
-Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in
-schwerem Seemannszeug in der See schwammen, sie hörte,
-wie sie um Hilfe riefen.
-</p>
-
-<p>
-Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf,
-denn es waren ihr Mann und ihr Junge.
-</p>
-
-<p>
-Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-Zwölfter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach,
-den Kohlweißlingen, Füchsen und Pfauenaugen, wobei
-sie sangen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Schomoker, sett di annen greunen Diek,</p>
- <p class="verse">Schomoker, sett di annen greunen Diek.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See
-geiht!&ldquo; &bdquo;Woneem?&ldquo; &bdquo;Dor! Kannst ne kieken?&ldquo; &bdquo;U
-Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höh, Klaus Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höh, Peter! Non, wat mokst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit
-ankommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un
-smeern, wat meenst! Uns Eber süht ut as ik weet ne wat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der
-Hand an ihnen vorüber und freute sich, als er fühlte,
-daß sie ihm nachguckten. Er war größer und brauner
-geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein
-Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hände
-waren die eines Tagelöhners.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een
-för Schipp un See,&ldquo; hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt.
-Störtebeker hörte es und vergaß es nicht wieder. Und
-er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm
-sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte.
-Er unterzog den Jungen einer Kleinschifferprüfung,
-fragte ihn nach Wind und Wetter, Fang und Markt und
-freute sich über die fahrensmännische Klugheit des kleinen
-Gesellen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hest den flegen Hollanner ok sehn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-&bdquo;Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den
-flegen Hollanner in Sicht kriegt, de blifft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vörn
-flegen Hollanner, Störtebeker, wenn du grot büst, un
-seh man to, dat du jümmer goden Wind hest, un warr
-man en fixen Fischermann, hürst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jo, Willem, dat will ik ok,&ldquo; sagte der Junge mit
-lachendem Munde und ging stolz weiter.
-</p>
-
-<p>
-Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu:
-Es fuhr ein Matrose wohl über das Meer, nahm Abschied
-vom Liebchen, sie weinte so sehr ... Störtebeker blickte
-sie gar nicht an, sondern ging in den Krämerladen hinein
-und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war
-ihm fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei
-seinem Vater auf dem Ewer.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="right">
-Sonnenwende, Sonnenwende!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-A und O von Finkenwärder, der kleine schwarze Ewer
-H. F. 1, Jan Sieverts Hoffnung, und der große, weiße
-Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs&rsquo; Möwe, die noch die
-Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte,
-lagen im Köhlfleet beieinander und um sie herum und
-auf den Schallen ankerten wohl hundertfünfzig große Ewer
-und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß spiegelten die
-Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen
-Sinn.
-</p>
-
-<p>
-Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als
-die ersten das Watt hinter sich ließen und sich auf die
-offene See wagten, die bei Helgoland und Terschelling
-die dunkeln holländischen Logger und die schwarzen englischen
-Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch
-Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge
-verrosten ließen und sich auf die Seefischerei warfen.
-Sie wollten auf der grauen, kahlen See an ihre grünen
-Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen erinnert
-sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten.
-</p>
-
-<p>
-Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die
-Störfänger und Beutemacher, die Schollenkönige, die gern
-etwas Besonderes aufzuweisen haben wollten und denen
-es auf den teuern Zinnober nicht ankam.
-</p>
-
-<p>
-Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer,
-die noch dabei waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und
-die noch draußen klüsten, wenn andre schon im Hafen
-lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig
-seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt
-vor dem Steven zu Gesicht stand, und binnengekommen
-wußte er nichts Besseres zu tun, als den Bug weiß zu
-malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle.
-</p>
-
-<p>
-Hochwasser!
-</p>
-
-<p>
-Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter,
-umstreicht Heitmanns weißen Leuchtturm und die
-mächtige Königsbake, das alte Wahrzeichen von Finkenwärder,
-rauscht durch das Reet des Pagensandes und läßt
-die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er
-nicht besser sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge
-liegen: nirgends werden die Segel aufgezogen und die
-Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes Ding
-sein, <a id="corr-8"></a>das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der
-deutschen Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer
-Bucht vereinsamen läßt!
-</p>
-
-<p>
-Es <em>ist</em> ein großes Ding: <em>Karkmeß</em> ist da, der Jahrmarkt,
-der Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein
-Tag von so großer Bedeutung und so tief eingreifend in
-das Leben und Treiben des Eilandes, daß es Ehren- und
-Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-sein. Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen,
-wenn sie Karkmeß nicht kriegten, und bei den Nachbarn
-hieße es: &bdquo;Den geiht dat jo woll bannig lütj: he is jo
-ne mol Karkmeß bi Hus ween!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen,
-hieße nach Rom reisen und den Papst nicht sehen, denn
-Karkmeß ist die große Sonnenwende von Finkenwärder,
-ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt
-der Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor
-Karkmeß oder soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer
-am Deich auf Schritt und Tritt und &bdquo;söben Weeken vör
-Karkmeß&ldquo; oder &bdquo;fief Weeken no Karkmeß&ldquo; sind genaue
-Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann.
-Karkmeß teilt das Jahr: es ist die Grenze zwischen der
-Schollenzeit und der Zungenzeit. Vor Karkmeß werden
-in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend an
-den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf
-die Zungen los, die auf Eis gepackt werden: da sind die
-Reisen länger und mühseliger und das Geld hat nicht
-mehr den hellen Klang der Schollentaler.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden
-reiten, aber ehe er sein weißes Roß, den Sleipner, wendet,
-hält er einen Augenblick in Gedanken inne, und diesen
-Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer, um ihr
-Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten
-entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens
-freuen, wollen sie einen Tag lachen.
-</p>
-
-<p>
-Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen
-guten Schilling verdient hat, der holt den Rest des Sommers
-auch nichts mehr aus der See und mag denken, die
-alten Weiber hätten ihn behext.
-</p>
-
-<p>
-Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner,
-wenn Tucktuck gerufen wird, sondern nach und nach. Schon
-acht Tage vorher füllt sich das Fleet mit Schiffen: Klugheit
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-und Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem
-Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die
-Fische wertlos machen.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt auch mancherlei zu tun.
-</p>
-
-<p>
-Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte
-und Fischerjungen auf Musik sind und sich <em>en
-Perd</em>, ein Mädchen, für das Fest heuern, weshalb diese
-Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt wird,
-sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit,
-den Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu
-helfen oder die Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn
-erst muß der Ewer sein Karkmeßkleid haben. Teeren und
-Schmeeren heißt die Losung, den langen Tag wird geteert
-und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht und
-daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da
-wird geschruppt und kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt!
-Wie Schafe, die geschoren werden sollen, liegen
-die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über sich
-ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist.
-</p>
-
-<p>
-Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein
-Finkenwärder Ewer zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer
-daran. Nicht umsonst hat er holländisches Blut in sich
-und eine große Lust an Reinlichkeit und Buntheit: so
-schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden
-Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren.
-</p>
-
-<p>
-Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die
-Eiskisten überholt, schlechte Taue ausgeschoren, neue
-Kurren eingestellt und zerrissene Segel geflickt. Da wird
-geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der ganze Rasen
-des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel
-an Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle
-werden gebräunt und geloht, damit sie haltbarer werden
-sollen.
-</p>
-
-<p>
-Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-voraus, die keinen Platz dafür haben (denn in
-den Sand können sie die Segel nicht legen) und deshalb
-mit weißen Lappen fischen und segeln müssen.
-</p>
-
-<p>
-Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln
-und Fischer und Frauen schöpfen die Lohe und
-dweilen sie auf die Segel.
-</p>
-
-<p>
-Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine
-Knipptasche an und begleicht die großen Rechnungen, die
-er beim Zimmerbaas, beim Schmied, beim Segelmacher
-und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist allgemeiner
-Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren,
-also das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt,
-so bekommt noch der Bauer seine Zinsen.
-</p>
-
-<p>
-In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die
-Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer,
-die 1835 gegründet worden ist, als schwere
-Stürme die damalige kleine Flotte zu vernichten drohten.
-Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen, das
-nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig
-kein grüner Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher
-sitzen! Plattdeutsch wird gesprochen, einer
-nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und niemand
-braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat
-von Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal
-besten Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm,
-der seine Strahlen vom Skagerrak bis zur Themsemündung
-wirft. Seen wollten ihn unterwaschen, Stürme wollten
-sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet!
-</p>
-
-<p>
-Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg
-bis zum Tun, auch nicht müßig gewesen, sie haben
-gebaut und gezimmert, geklopft und gehämmert auf
-Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-die Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak
-und der große Freudentag ist da mit seinen Luftbällen
-und Reitbuden, seinen Aalzelten und Schießständen, seinen
-Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kasper,
-mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und
-Negern, mit Hün und Perdün, mit Jubel und Trubel!
-Die Gören sind wie durchgedreht und die Jungkerls und
-Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was
-sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen
-und getanzt und getrunken und gesungen und gelacht:
-die ganze Aue wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen
-blaue Brillen und Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste
-und Eis, bis sie nicht mehr können: die Mädchen
-kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an Zuckerstangen:
-es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß
-alles los ist. Die sich erzürnt hatten, vertragen sich und
-trinken wieder einen zusammen, und die gut Freund gewesen
-waren, erzürnen sich und kriegen das Tageln: dat
-is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den
-Lukas, daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden
-Leistungen eine goldene Medaille an die Heldenbrust
-heften. Jan Tiemann läßt sich elektrisieren, Hinnik
-Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz, Peter
-Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus.
-Und ein Getute und Geblarre, ein Flöten und
-Knarren, ein Juchen und Schreien!
-</p>
-
-<p>
-Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute;
-sie ziehen ein weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der
-Dönß und setzen sich geruhig auf den Deich. Sie lassen
-die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die beladenen
-Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch.
-</p>
-
-<p>
-Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen
-und Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am
-Westerdeich und das wogende Korn im Lande und den
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten
-am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen
-verloren.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht
-von hier sein müssen, wenn sie dem Karkmeß fern geblieben
-wären. Zumal Störtebeker hatte sich den Tag
-ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend,
-hatte er geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl
-zwischen Himmel und Erde hängend, hatte er die Besan
-gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den Bünn
-gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt,
-er hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er
-hatte das Nachthaus grün angestrichen, er hatte das alte
-Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen auf dem Schlick
-verbrannt.
-</p>
-
-<p>
-Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule
-zurückkam, wo er seines Amtes gewaltet hatte, denn er
-saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande der Seefischerkasse,
-da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker
-und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie
-ein Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden
-Wasser und glänzte wie der Regenbogen. Seine deutsche
-Flagge wehte im Winde, und grüßte seinen Schiffer.
-</p>
-
-<p>
-Dem aber lachte das Herz.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,</p>
- <p class="verse">denn goht wi langsen Diek!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn
-und Störtebeker. Dieser voran, denn er hatte die Taschen
-voll Geld. Er nahm alles mit, die Reitbuden und die
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht mehr.
-&bdquo;Kann ik up See jo doch ne bruken,&ldquo; sagte er verächtlich,
-und als er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen
-hatte, schenkte er ihn dem kleinen Paul Meier.
-Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten Blumentopf,
-Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an Schina erinnert
-würde, und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal.
-Einen Augenblick guckten sie auch bei Trina Külpers am
-Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa tanzten
-durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam
-auch der alte Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen
-Frau seines Schiffers.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem
-Karkmeß.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In
-der Dämmerung saßen sie vor der Tür. Der Matrose
-guckte nach den Lichtern auf der Elbe und erzählte vom
-Walroßfang bei Grönland.
-</p>
-
-<p>
-Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die
-Mücken.
-</p>
-
-<p>
-Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat.
-In königlicher Pracht schreitet er einher, weithin über
-Land und See gleißt und funkelt sein Purpurmantel.
-Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder,
-alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht
-und senkt die Ähren, die Blumen verdorren, die
-Vögel verstummen, die Tiere verkriechen sich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling
-ist der <em>Mann</em> gekommen, der Riese. Stückwerk ist
-nicht sein Handwerk: er macht ganze Arbeit. Mit gewaltiger,
-furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche,
-Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu
-Staub, bis er allein dasteht. Dann zuckt es in seinen
-Fäusten, dann reckt er die Arme, dann stemmt er die
-Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht
-und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne.
-Selbst die großen Meister, die Winde, müssen vor ihm
-ducken, und wollen sie sich ja erheben, so fegt er sie mit
-Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er zu tun
-hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß
-der Winter kommt. Was andre nicht gekonnt haben an
-all den langen Tagen, in all den milden Monden, das
-vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem Ernst,
-in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem
-Zorn &mdash; und all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige
-Liebe!
-</p>
-
-<p>
-Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch
-Klaus Mewes fühlt sie. Lange Tage treibt der Ewer
-mit schlaffen Segeln in der Windstille und das Deck ist
-bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen
-und das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen
-hin, wie oft müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen
-laufen, weil ihnen das Eis geschmolzen ist! Sie fahren
-wieder viel nach der Weser, denn die Zungen, die nicht
-freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert
-werden, sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli
-und Altona. Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind
-nach Jimuiden in Holland, einmal kommen sie nach
-Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den
-Steinen, sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu
-tun hat. Lange Wachen gibt es: der Streek dauert drei
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die Zungen sitzen
-mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht
-zu hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die
-Kurre hakt ja wohl an einem auf dem Meeresgrunde
-liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf, steht einen
-Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und
-dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine
-ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche
-Haverei, daß sie nach der Oste segeln und dort zimmern
-müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind hinter
-Wangeroog.
-</p>
-
-<p>
-Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das
-Lachen nicht! Und es kommen ja auch schöne, große
-Reisen: einmal, als die Zungen auf Zweimarkzehn stehen
-und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute vierhundert
-Mark.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn
-er auch nicht vor dem hamburgischen Wasserschout angemustert
-worden ist, so gehört er doch als Viertsmaat
-zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein
-Mück. Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord
-und bei seinem Vater bleiben darf.
-</p>
-
-<p>
-Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf,
-aber sie halten sich auf Finkenwärder nicht lange auf.
-Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den Winter, wenn sie
-ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er muß
-fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht
-wieder bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit
-der Nachttide wird gefahren, damit sie wieder in die
-Fischerei kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze!
-</p>
-
-<p>
-All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind
-bläst in die Segel und der Ewer zieht westwärts. Zwar
-winken die beiden Seefischer vom Achterdeck, aber sie
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder einmal
-glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun
-auch berichten, daß sie einmal im Sturm mit genauer
-Not über das Watt gesegelt sind.
-</p>
-
-<p>
-Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es
-unfinkenwärderisch wäre, denn kein Fischermann machte
-viel Worte um etwas, das alle Tage vorkommen kann.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der
-See. Graue Wolken, eine noch grauer als die andre,
-trieb er über den Heben.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten,
-steckten unter den Südwestern tief im Ölzeug und ließen
-den Regen auf sich niederströmen. Sie fischten beim Weserfeuerschiff
-auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete stark in
-der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit
-den leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr
-frischte der Wind auf, die Seen krönten sich mit Schaum
-und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer.
-</p>
-
-<p>
-Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen
-und treiben zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Intehn, intehn!&ldquo; sang Störtebeker, und Kap Horn
-und Hein Mück kletterten aus ihren Kojen und kamen
-an Deck. Sie zogen ein und freuten sich, als sie den Steert
-an Deck hatten, denn es wurde immer windiger und der
-Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der
-Halt des schweren Netzes mangelte.
-</p>
-
-<p>
-Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug,
-klatschten auf das Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen
-die Fock auf und machten sich mit dem Knecht über die
-Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte. Als
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere,
-dachte er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann
-er sich und hielt nach der Elbe hinüber, um zwischen
-den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.
-</p>
-
-<p>
-Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers,
-der vor dem mächtigen Druck der Segel durch das hohle
-Wasser schäumte wie ein Dampfer und manchen Spritzer
-überkriegte.
-</p>
-
-<p>
-Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen,
-Rochen, Kleiße, Steinbutte, Taschen und Zungen waren
-bald verarbeitet. Dann spülten sie das Deck rein. Hein
-ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee
-zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und
-Boot genau nach und packte alles in den Raum und die
-Plicht, was drift gehen konnte, denn es wollte schon
-dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch
-brächte.
-</p>
-
-<p>
-Die Elbe war weit weg.
-</p>
-
-<p>
-Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und
-unsichtig war die Luft. Der Wind wehte flagiger und
-stoßweiser als vorher und lief raumer. Sie segelten schon
-platt vor dem Laken und die hohen Wogen liefen ihnen
-nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr
-für Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne
-Schwimmer, hielt kraftvoll den Kopf oben und ließ sich
-weder begraben, noch aus dem Kurs werfen. Störtebeker
-stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und
-half das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht
-so dick gewesen wäre, hätten sie es längst in Sicht haben
-müssen.
-</p>
-
-<p>
-Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich
-eine blauschwarze Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge
-aus der See steigt. Mit unheimlicher Schnelligkeit
-fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit unfaßlicher
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle
-Blitze und dumpfe Donnerschläge sind das nächste.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu gifft wat!&ldquo; ruft Kap Horn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gläuf ik ok!&ldquo; antwortet Klaus Mewes, &bdquo;goh no binnen,
-Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier
-blieben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd!
-Goh gau no nerden un lot Hein de Kapp toschuben un
-blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder ropt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: &bdquo;Jo,
-Vadder!&ldquo; und geht nach unten, denn er weiß, daß man
-dem Schiffer gehorchen muß und wenn man&rsquo;s auch zehnmal
-besser wüßte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,&ldquo; ruft er noch
-vom Großmast, dann verschwindet er und verklart Hein
-Mück die Sache, der aber ruhig weiter brät und meint,
-es würde jawohl nicht so schlimm werden.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm.
-Zu sprechen brauchen sie darüber nicht, denn sie fahren
-lange genug zur See, um zu wissen, was die große Wolke
-zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz
-geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen:
-niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche
-Menschen sind und so gern lachen.
-</p>
-
-<p>
-Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben
-sie ein so jähes Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen
-des Windes noch nicht erlebt und einen so furchtbaren
-Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der Südwest
-hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den
-Armen fegt ein eisiger Nordwest heran, trommelt und
-pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestüm auf den
-Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind wieder um:
-Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich:
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr
-dich, Klaus Mewes!
-</p>
-
-<p>
-Die See, die See!
-</p>
-
-<p>
-Wie gischt und schäumt sie! Sie <em>kocht</em>!
-</p>
-
-<p>
-Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an.
-Er faßt die schweren, langsamen Seen des Südwestes
-beim Schopf und dreht sie geradezu um. Furchtbar bearbeitet
-er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild durcheinander
-laufen.
-</p>
-
-<p>
-Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp,
-dat noch buten is, will Kap Horn noch sagen, aber er
-kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer ist mitten in
-diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild
-kommt der Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst
-springt er ihn an, wie der Löwe ein Schaf, als wolle er
-ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen. Als ihm
-das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel, daß
-sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert
-und bebt, als könne er sich nicht wieder aufrichten. In
-der Kajüte purzelt Hein gegen den Ofen und Störtebeker
-gegen die Dielentür, an Deck aber klammern Schiffer und
-Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu
-spülen. Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn
-überfallen hat. &bdquo;Fock dol!&ldquo; gellt seine Stimme durch
-den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und reißt sie
-herunter. &bdquo;Seil dol!&ldquo; schrillt es. Der Schiffer kettet das
-Ruder an und stürzt nach den Fallen.
-</p>
-
-<p>
-Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den
-Giekbaum gegen das Boot und zerschlägt diesem Duchten
-und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt fürchterlich
-auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet
-worden, wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte.
-Wieder ein harter Windstoß &mdash; da ein scharfer Knall:
-über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in das Großsegel
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze
-Seil geiht innen Dutt!
-</p>
-
-<p>
-Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das
-wilde Tier noch einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt
-hinein und schwenkt es als seine Fahne, dann aber
-gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult der
-geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts
-zu beißen gibt, dann aber gewahrt er das Achtersegel,
-das noch steht, er macht einen krummen Buckel &mdash; und in
-Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in die Winde.
-Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt
-ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist
-ein Spielball der brüllenden Seen.
-</p>
-
-<p>
-Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert
-er in der wilden Dünung und die hohen Seen rollen über
-ihn hinweg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dor is en Licht!&ldquo; ruft Kap Horn und weist über den
-Steven. Klaus blickt nach der bezeichneten Richtung und
-sieht ein <em>Licht</em> auf der See, hell und tröstend. Ein unerschrockener,
-unauslöschlicher Weiser, reißt dort das Elbfeuerschiff
-an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß?
-Klaus peilt und als er &bdquo;Nordost&ldquo; ruft, da schüttelt der
-alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an, denn ein
-Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch
-im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit.
-Die Elbe ist nicht zu erreichen.
-</p>
-
-<p>
-Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn
-sie haben keinen Platz: die gefährlichen Sandbänke der
-Westertill sind in bedrohlicher Nähe und der Sturm muß
-sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange zögern.
-</p>
-
-<p>
-Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen,
-sie müssen handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der
-Weser!
-</p>
-
-<p>
-Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-singst du nicht, der du doch sonst im Sturm gesungen hast?
-Denkst du deines Jungen? Der sitzt warm im Bauch des
-Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! &mdash;
-und obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei
-nichts Genaues, bleibt er fröhlich und lacht sorglos:
-&bdquo;Vadder is jo boben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von
-der halb aufgeholten, angebundenen Fock und dem als
-Sturmsegel gesetzten kleinen Klüver am Großmast, geschoben
-von den immer gröber und ochsiger werdenden
-Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Südwest liegt an.
-</p>
-
-<p>
-Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und
-Regenflagen benehmen alle Sicht. So weit sie sehen
-können, ist kein Licht zu erblicken: sie sind allein auf
-der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen
-über den Setzbord, wie sie wollen.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden,
-nichts schläft oder träumt in ihm, alles wacht.
-Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von
-Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen:
-taghell sind alle Stuben und Kammern beleuchtet und
-über die Treppen eilen die aufgejagten Diener.
-</p>
-
-<p>
-Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger
-klingt ihr Lärm, wie aus der Tiefe gequollen. Klaus
-will ihm erst nicht glauben, bis er sich dermaßen verstärkt,
-daß er es muß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lot ut!&ldquo; ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem
-Nachthaus. Der Knecht peilt die Tiefe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fief Fohm!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denn sünd wi uppe Grünnen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben!
-Sie sind in leeger Wall! Bis jetzt ist alles
-Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der nun kommt!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten
-gepackt, die ihn erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das
-Wasser, Gefahr! braust der Sturm, Gefahr! schreit der
-Ewer. &bdquo;Nu geiht op Leben un Dot,&ldquo; ruft der Knecht.
-</p>
-
-<p>
-Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt &bdquo;Seil upsetten!&ldquo;
-denn er will sich nicht geben. Mit großer Mühe
-setzen sie das Sturmsegel am Besansmast, binden das
-dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf und
-geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer
-luvt auf und legt sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig
-wird der Kampf mit Wind und Wasser, verzweifelt
-wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die
-beiden Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher
-Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen
-über den Setzbord, daß das Deck <em>ein</em> Wasser ist,
-die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis
-zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von
-Sturzseen gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der
-Ewer sich wie ein Bulle und nimmt sie von Steuerbord
-über, richtet sich hoch und steil auf und schüttelt sie nach
-Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im
-Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn
-eindringen. Wehr dich, Ewer!
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen
-Atlantik, an den düstern Felsen, nach dem du genannt
-bist, und laß die Kette nicht los! Steh fest auf dem
-glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an
-die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika
-aufspielen sollst!
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer
-in der ersten Reihe gestanden hast, muß ich dich aufrufen?
-Nein &mdash; das braucht es nicht: da steht er am
-Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief
-im Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-Ewer, er hält ihn! Damit er nicht über Bord schöle,
-hat er sich mit einem Tauende festgebunden. So steht
-er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht
-durch Nacht und Regen nach Land und Feuern.
-</p>
-
-<p>
-Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm!
-Wer will wissen, ob es Minuten oder Stunden sind, die
-sie durchleben, bis an Steuerbord ein Licht erscheint?
-&bdquo;Rodensand!&ldquo; ruft der Knecht, aber der Schiffer schüttelt
-ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht
-ein schwächeres auf und er muß glauben, was er erst
-nicht glauben wollte, weil er sich nicht denken konnte,
-daß sie so weit abgetrieben sein könnten: das Licht voraus
-ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch auf
-dem Trocknen sein!
-</p>
-
-<p>
-Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft
-es zum zweiten Mal, denn es kann ja nicht sein, die
-Leine muß gehakt sein! Aber es bleiben drei Faden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!&ldquo; ruft er durch
-den Sturm. &bdquo;Hest hürt, Kap Horn?&ldquo; gröhlt er, als er
-keine Antwort bekommt.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit
-zu lang wird, die Kapp auf, um auszugucken: da schlägt
-ihm die See dermaßen ins Gesicht, daß er das Gleichgewicht
-verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust.
-Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt
-die Kapp zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner
-Bangigkeit auslacht: &bdquo;Junge, dat do ik ne wedder, Hein!
-Wat hebb ik een kregen! Meist, as wenn Vadder mi en
-fixen Backs geef!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn schweigt noch immer.
-</p>
-
-<p>
-Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen?
-Soll das die letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-auf den Weltmeeren nicht fassen konnte, ihn nun hier
-im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es kann
-so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut,
-denn es bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige,
-unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein
-Herz. Der alte Janmaat will und kann sich nicht klein
-machen. Er kann sterben &mdash; ob Klaus es auch kann?
-Er sieht ihn an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dree Fohm bloß noch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder
-hinein, er sieht, wie die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten
-Hände senken, er hört, wie Bodemann sagt, daß
-Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei Wochen
-vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die
-bunte Haustür und die Bank unter den Linden: die Bank
-aber ist leer und die blanken Fenster, in denen sich sonst
-die Elbe von Nienstedten bis Schulau spiegelte, sind dicht
-verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die Hühner
-stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr
-Futter.
-</p>
-
-<p>
-Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es.
-Schiffsrat! Aber was ist da zu sagen? Nichts, denn was
-mit ihnen los ist, weiß der eine wie der andre: vor ihnen
-ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind die
-Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen
-sie, sonst bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und
-zu versuchen, den Ewer so hoch als möglich auf das Watt
-zu setzen! Kommen sie behalten durch die Brandung, so
-ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund, ist
-alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer
-in Stücke, aber sie können sich wahrscheinlich im Boot
-retten. Wahrscheinlich, denn eins ist so gefährlich wie
-das andre.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-Ewersandes auf den Watten stehen müssen, als wenn er
-damit sagen will: stranden und landen!
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen.
-Er fühlt das Zittern und Beben des treuen Fahrzeuges
-und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. &bdquo;Nu hol di
-fast, Kap Horn!&ldquo; ruft er gell.
-</p>
-
-<p>
-Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht
-der Tod neben ihm auf dem Achterdeck und jauchzt: &bdquo;Nu
-krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik di!&ldquo; Aber der
-Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht erschüttern.
-Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält
-darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und
-Zischen der Grundseen entgegen, die sich wild überschlagen
-&mdash; er verzieht keine Miene.
-</p>
-
-<p>
-Gott im Heben &mdash; da stürzt die erste große See wie ein
-wildes Tier auf das Deck und rollt über den Ewer weg,
-zertrümmert das Backbordschwert, reißt das Boot los und
-wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der Klemme
-sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus
-ist weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie
-Seemann vorher in die Kapp gestopft haben.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und
-der Ewer klüst weiter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fastholen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch
-klingt. Die zweite Riesensee stößt wie ein Felsen gegen
-den Ewer und ergießt sich über das Deck, sie schlägt in
-die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt und
-umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum
-Schwimmen. Aber sie lassen ihren Halt nicht los, und
-weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest
-gibt, vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten.
-</p>
-
-<p>
-Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und
-schlägt furchtbar auf das Deck nieder, daß die Luken verloren
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-gehen und der Ewer sich halb mit Wasser füllt.
-Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und
-Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und
-klettern oben auf die Treppe, um sofort hinaus zu können,
-wenn etwas passieren sollte. Fest klammern sie sich an,
-damit sie nicht hinunterfliegen. &bdquo;Junge, wat snuft dat
-langs!&ldquo; ruft Störtebeker, &bdquo;ober bang bün ik dorbi doch
-keen betjen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten!
-Sie müssen durch! Durch müssen sie! Sie sind
-mitten in der Brandung: schlimmer kann es nicht werden!
-Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder
-hält!
-</p>
-
-<p>
-Wieder ein Brecher?
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf,
-das dwars von Bremerhaven liegt, ließen sie gegen
-Morgen den Anker fallen, peilten die Pumpen, pumpten
-das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre
-Kojen.
-</p>
-
-<p>
-Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen,
-von Nordenham, von Geestendorf und von Bremerhaven
-klangen über die Weser, aber auf dem Fischerewer rührte
-sich nichts: alles an Bord schlief.
-</p>
-
-<p>
-Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck:
-die Seefischer erschienen einer nach dem andern und überholten
-das haverierte Schiff, das schwer gelitten hatte.
-Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie feststellten,
-daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den
-kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein
-Handschuhlager. Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei,
-das Großsegel zu nähen und einen Flicken darauf
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen
-konnten.
-</p>
-
-<p>
-Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt
-drahten, und den andern Tag erschien der Obervorsteher
-Peter Fick von Finkenwärder und schätzte den Schaden ab.
-Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger
-und Optiker zu gutem Verdienst &mdash; der Ewer aber mußte
-ganze acht Tage untätig an der Kaje liegen.
-</p>
-
-<p>
-Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen
-konnten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sall he wedder mit?&ldquo; fragte Kap Horn mit einem
-Male und blickte nach Störtebeker, der mit Seemann
-zwischen den weißen Eisschuppen tollte. Klaus Mewes
-sah seinen Knecht verwundert an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Worüm denn ne?&ldquo; fragte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och nix, ik meen man bloß,&ldquo; lenkte der Janmaat ab;
-der Schiffer aber sah ihn schief an und sagte: &bdquo;Up wat
-för Gedanken du ok doch kommen kannst! Hett mol en
-betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt warrn,
-wat?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik heff jo doch gornix seggt,&ldquo; beschwichtigte der alte
-Jantje ihn sanftmütig und verschwand in der Kajüte.
-</p>
-
-<p>
-Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging
-durch seine Seele und wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer
-zuckte es vor ihm auf: hatte das Schicksal ihn warnen
-wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er den
-Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die
-so sehnlich nach ihm verlangte?
-</p>
-
-<p>
-Ach was &mdash; Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord
-und damit gut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Störtebeker?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi
-jo de ganze Büx twei.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wullt noch wedder mit no See?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-&bdquo;Gewiß, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht
-weiter fragte. Er nahm ihn mit nach dem Fischerhaus
-hinauf, um noch etwas Proviant zu kaufen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten
-an der Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers
-und neben dem Sammelschifflein der Deutschen
-Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts
-Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die
-sonderbarsten Gedanken putzen, denn in ihm steckten die
-Briefe für die Fahrensleute, für die Schiffer, für die
-Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er sich
-dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute!
-Wie mancher Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf
-und blätterte den Haufen durch, blätterte auch wohl ein
-zweites Mal. Fand er einen Brief, wie glänzten dann
-seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude
-anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich
-mit dem Schatz in den Winkel, um zu lesen. Oder er
-lief spornstreichs nach der Geeste hinunter. Fand einer
-nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein andrer
-schlug ihn knallend zu.
-</p>
-
-<p>
-Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor
-und blätterte die Briefe durch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard
-Grube? De Knecht is all lang afmunstert! ... Hein Fock?
-Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein, Geeschen?
-... Willem Mees?&ldquo; ... &mdash; er machte eine lange Pause,
-denn Willem Mewes war geblieben ... &bdquo;Paul Külper?
-De liggt jo blangen uns; den Breef bring em man eben
-gau dol, Störtebeker!&ldquo; ... Der Junge war bereit, Briefträger
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-zu spielen, und lief eilends nach der Geeste hinunter
-... &bdquo;Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef
-harrst di sporn kunnt, Trino! ... Hinnik Loop? De
-kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik Wrie, Hein
-Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes,
-H. F. 125: dat bün ik sülben! August, geef mi mol en
-lütjen Angostura!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief
-an den Tisch. Die Reihen waren stellenweise verkleckst,
-ein Zeichen, daß Gesa beim Schreiben geweint hatte.
-</p>
-
-<p>
-Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser
-segelten und nicht einmal nach Hause kämen? Sie komme
-sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen sei
-sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus
-Mewes fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam
-den Husten. &bdquo;Dor is obern barg baschen Peper twüschen,
-August! Den mokst du woll sülben, wat?&ldquo; sagte er laut
-und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann
-las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen
-gar nicht nach Haus verlange? Er möchte doch sofort
-antworten! Am Deich erzählten sie so viel von ihnen.
-Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß
-sie schon in London gewesen wären und immer mitten
-unter den Englischen fischten: das möchte er doch ja lassen,
-denn das wären böse Briten, die könnten einen totschlagen,
-hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mücks
-Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß
-der Junge gar nichts von sich hören lasse: wenn er nur
-nicht über Bord gekommen sei, habe sie gemeint.
-</p>
-
-<p>
-Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben.
-Klaus Mewes wurde es weich ums Herz: er holte sich
-Black und Posensteel, das heißt Tinte und Feder, um
-Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber
-die Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-finden und es wurde wieder einer der berühmten kurzen
-Briefe daraus, in denen eigentlich nur stand: &bdquo;Liebe
-Frau, es grüßt dich dein Mann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit
-der Faust glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem
-Bewußtsein einer guten Tat nach dem Ewer zurück, mit
-den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker, der auf
-einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje
-kaute, und setzte die Segel auf.
-</p>
-
-<p>
-Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen
-Segen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus?
-Dien gode Moder weet gornix van di af: wat is dat
-egentlich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,&ldquo; sagte
-der Koch leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer
-gegen sich, sogar Seemann bellte ihn aus, und sie ruhten
-nicht eher, bis er in die Kapp stieg und schnell einige
-Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem
-Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn
-Klaus Mewes mochte sich kein Geld von Gesa schicken
-lassen, um sie nicht unruhig zu machen. Er hatte deshalb
-die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und
-weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es
-ihm ein Greuel war, geflickte Segel am Mast oder geflickte
-Hosen am Leibe zu haben, so segelte er weiter nach
-der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war ihm
-bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor
-der Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker
-eine schöne Reise: sie gingen zu Fuß nach dem
-Neuen Hafen. Dort lag hinter den weißen Lloyddampfern
-und den englischen Baumwollkasten ein großes Segelschiff
-und das war Kap Horns alte Bark &bdquo;Elisabeth&ldquo;,
-auf der er lange Jahre gefahren hatte.
-</p>
-
-<p>
-Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit
-dem Jungen an Bord ging, um seinen alten Käppen zu
-begrüßen. Unter dem Arm trug er einen Beutel voll
-Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing
-noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.
-</p>
-
-<p>
-Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr
-über die himmelhohen Masten und über die mächtigen
-Rahen, denn so nahe hatte er ein großes Schiff noch nicht
-gesehen, am meisten aber mußte er sich über die vielen
-Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte.
-Dann betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der
-Alte war an Bord und freute sich über seinen alten Vollmatrosen.
-Obgleich der eigentlich vor den Mast gehörte,
-nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten Achterdeck.
-Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von
-alten und neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen,
-von alten und jungen Seeleuten.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer
-langen Deck, an der Reling und hörte mit fremden
-Augen zu, dann aber untersuchte er das Schiff
-genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ
-sich von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör
-nehmen und lauerte sich einen Löffel Labskaus weg, dann
-aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das
-Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die keine Landwache
-genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-auf einer Mundharmonika und machte große Augen. Über
-dem Vortopp aber stand der gelbe Mond und spiegelte
-sich auf dem blanken Wasser des Hafens und jenseits des
-Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen
-die Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne
-Matrosen gingen auf der Kaje vorbei, um die
-Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei
-Gedanken darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen
-Kopf ging wie ein Traum. So blicken wir, wenn wir
-Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die wir
-noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von
-uns, bringen sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich
-vielleicht nur in der Hausnummer versehen?
-</p>
-
-<p>
-Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der
-Junge unter der Fockrah stand, als sie aber hörten, daß
-er Klaus Störtebeker hieß und ein kleiner Fischermann,
-ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig, nahmen ihn
-in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein
-Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen,
-sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen
-den Fischerewer spottend mit einem Backtrog, der
-einen alten Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel
-als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen:
-mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer
-und die große Seefischerei und sprach so klug und seemännisch
-von Fahrt und Wind, daß sie sich verwunderten
-und mehrmals vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen.
-Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas
-wußte und nannte Rahen und Masten beim richtigen
-Namen, er kannte Nocken und Pferde, Back und Poop,
-nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden,
-da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und
-Brassen ganz sicher.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-&bdquo;Un wo is Backbord?&ldquo; fragte der Zimmermann, ein
-Däne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dor frog dien Großmudder man no,&ldquo; antwortete
-Störtebeker, &bdquo;mi kannst ne förn Buern hebben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn
-von achtern aussang. Der Segelmacher, der großes Gefallen
-an ihm gefunden hatte &mdash; alle alten Seeleute sind
-wunderlich tiefe Kinderfreunde! &mdash;, schenkte ihm einen
-ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den
-kleinen Seemann mit Adjüst und Good bye.
-</p>
-
-<p>
-Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies
-ihm seine kleinen Schiffe, das große Haifischmaul und
-den aus Holz geschnitzten, wunderlichen Götzen, der mit
-dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch er freute
-sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische
-Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die
-Reichsprämie von dem Alten: ein weißseidenes Halstuch,
-das in Tschifu gekauft war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver&ldquo; &mdash; damit
-wurde Störtebeker zuletzt entlassen, und als er mit Kap
-Horn auf der Kaje ging, standen die Matrosen auf der
-Back und guckten ihm nach, wie er hinter Eisenbahnwagen
-und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand.
-Und sie sprachen noch lange von ihm.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den
-fliegenden Fisch und ließ sich das große Belebnis erzählen,
-während der Knecht mit blanken Augen auf der
-Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt
-war.
-</p>
-
-<p>
-Als der Kapitän der &bdquo;Elisabeth&ldquo; den andern Tag etwas
-in der Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte,
-machte er einen Umweg und ging über den Alten Hafen,
-um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem großen
-Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-erzählt hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der
-Ewer war schon in der Morgenfrühe nach See gesegelt,
-so daß Käppen Vinnen kein Glück damit hatte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen
-und waren dabei, den Fang zu sichten und die
-Fische zu kehlen.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser
-halten konnte als die glatten Schollen und die schleimigen
-Zungen. Da sah er unter dem Tang und den Seesternen
-einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er
-zog ihn heraus und wies ihn herum: &bdquo;Kiek mol, Vadder,
-wat förn scheunen Steenbutt, rein en Stoot!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er stand dicht am Setzbord &mdash; und der Ewer holte in
-diesem Augenblick plötzlich weit über! &mdash; da sackte er
-langsam nach hinten über und fiel über Bord in die
-See hinein.
-</p>
-
-<p>
-Mann über Bord!
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet
-hatte, erhob sich jäh von dem Hummerkasten, auf dem
-er saß, warf Fisch und Messer hin, stürzte nach dem
-Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter
-dem Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar
-und man konnte beinahe Grund sehen. Zu spät dachte
-er daran, daß er die schweren Stiefel hätte ausziehen
-sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den
-Jungen nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche
-zu kommen. Wie Blei hing es an ihm.
-</p>
-
-<p>
-Da schwamm der Junge. &bdquo;Hol di, Klaus, fix roonen!&ldquo;
-&bdquo;Jo, Vadder!&ldquo; Bevor er zum zweiten Mal untertauchte,
-war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die Arme.
-&bdquo;Lot den Butt doch los, Junge!&ldquo; &bdquo;Ne, Vadder!&ldquo; Zum
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-Glück sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den
-Kap Horn über Bord geworfen hatte, und es gelang ihm,
-ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte erlahmt waren.
-</p>
-
-<p>
-Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das
-Fahrzeug herumgekriegt und kamen auf sie zu. Klaus
-Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen wurde, und
-nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord
-gezogen und konnten sich verpusten.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand.
-&bdquo;Son scheunen Butt schull ik wedder swümmen loten?&ldquo;
-sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, dann aber zog
-er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten
-auf, damit die Sonne und der Wind es trockneten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Up See mütten Kummer gewinnt warrn,&ldquo; sagte er
-lachend zu Kap Horn, der ihn kopfschüttelnd betrachtete,
-ging in die Koje, suchte sich trocknes Zeug aus dem Beutel
-und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin,
-als wenn nichts geschehen wäre. Was war&rsquo;s denn auch
-weiter: er hatte bloß einmal über Bord gelegen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-Dreizehnter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Is de Sommer all her? &mdash; fragen die Frauen, die einander
-begegnen, denn ein grieser, nebeliger Tag liegt
-auf der Niederelbe, die bei tauber Tide schwerfällig ebbt.
-Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick
-geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen
-Schatten werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben,
-eine weiße Scheibe ohne Strahlen. Den Daak vermag sie
-nicht zu vertreiben.
-</p>
-
-<p>
-Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche
-Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde
-Stimme, um Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor
-Anker liegenden Bagger läuten die Glocke, die kreuzenden
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten
-und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von
-Neumühlen bis Blankenese, daß man meinen könnte,
-mitten im Hamburger Hafen zu sein. Der Rauch, der den
-Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft, sich zu erheben.
-Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und
-Schiffe haben etwas Formloses, Gespenstisches.
-</p>
-
-<p>
-Wie Herbst ist der Tag.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Stuten! Weu ok Stuten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten
-Jan Stihr, der ein bißchen heilig ist, nicht mit
-Unrecht die Finkenwärder Morgenpost genannt wird,
-kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich entlang,
-die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wullt ok Stuten, Greta?&ldquo; Oder Meetj oder Ilsbeeken
-oder Trina oder wie die Frau gerade heißt. Zu verwundern
-ist es, daß sie bei den vierhundert Häusern, die
-den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals
-die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken,
-Wieschen und Ginen miteinander verwechselt.
-</p>
-
-<p>
-Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und
-atmet auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gesa, wullt ok Stuten hebben?&ldquo; ruft sie ins Haus
-hinein. Die Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten
-Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen her,
-um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen, wobei
-sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt.
-</p>
-
-<p>
-Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den
-Fenstern hat, denkt die Stutenfrau, die sich zum Ausruhen
-auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt hat.
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen
-einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht,
-denn sie hat etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit
-dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins Reine gekommen
-ist, fragt sie teilnehmend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Diern, is dat wohr mit dien Jungen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen.
-&bdquo;Wat schall wohr ween?&ldquo; fragt sie hastig und wird weiß
-im Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weest du dor noch nix af?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, wat schall ik weeten?&ldquo; stößt Gesa heraus, &bdquo;ik
-weet bloß, wat he gesund un munter an Burd is!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern!
-Wenn dut ne weest, denn ist woll Snackeree vanne Lüd;
-de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn ist jo man
-god!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn
-harr ik di gorne so verjogt, mien Diern! Föftein Penn
-giffst du ut: denn kriegst du jo noch wat wedder! Wat
-is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen,
-was erzählt worden ist, und läßt der Witfrau keine
-Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist erzählt worden,
-daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen
-und in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch
-nachgesprungen, aber er habe ihn nicht wiederkriegen
-können. Wann es gewesen sein soll, weiß sie nicht, sie
-kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht
-hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schree man ne gliek, mien Diern,&ldquo; tröstet sie, &bdquo;is
-jo bloß Snackeree.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr
-Haus und bricht mit einem lauten Aufschrei vor dem
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen erschüttert sie
-und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann.
-Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch.
-</p>
-
-<p>
-Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist
-weg! Das ist mehr als bloßes Gespräch, es ist wahr!
-Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es geträumt hat!
-Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit
-einem Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der
-Elbe finden kann: dieser grelle Blitz, der in ihre Seele
-gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um seine Fahrt
-lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen
-treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült
-ist! Ob er nun auch noch lacht, der lachende Seefischer,
-der so sehr an seinem Jungen gehangen hat? Oder ob
-er ernst und still geworden ist, weil er seinen Störtebeker
-verloren hat?
-</p>
-
-<p>
-Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben,
-daß er mit zur See kam? Warum hat sie darein gewilligt?
-Er war doch noch so klein und alles in ihr schrie
-doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt,
-gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt
-ihre Seele sie an. Nun hatte der kleine Junge im bittern
-Salzwasser ertrinken müssen und trieb ruhelos auf dem
-Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher!
-So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht
-mehr gesehen und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu
-sehen bekommen! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen
-zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein Grab
-pflanzen!
-</p>
-
-<p>
-Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich
-ihrer nicht zu erwehren. Stiller geworden, geruhiger,
-sagt sie sich hundertmal: nein, nein, es ist nicht wahr,
-es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des Deiches,
-Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-und Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst
-mit! Nein, nein: ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie
-sein großer Vater lebt und lacht, und bei Wind und
-Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden
-Fahrensleute!
-</p>
-
-<p>
-Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung
-kann sie verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade
-und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven und
-Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge
-gesund und munter ist &mdash; und das sollte nicht wahr sein?
-Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa
-kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen
-wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht sie die
-Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger
-und blickt über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine
-Ruhe mehr, bis sie gewiß weiß, daß ihr Junge lebt.
-Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme Mutter &mdash;
-daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen
-weicht sie beharrlich aus: sie kann deren fragende
-Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts
-sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist sie voll
-Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren.
-Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen
-und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben. Wäre
-nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine Wartung
-verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre
-tiefdenkern geworden.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder
-Stempel in der Hand und riß ihn jäh auf, daß
-Jan sie verwundert anguckte.
-</p>
-
-<p>
-Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre,
-dann aber kamen die Zweifel wieder über sie, sie stöhnte
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-auf und zerknüllte den Brief. &bdquo;Dat lügst du, Klaus
-Mees, he is verdrunken!&ldquo; schrie ihre gemarterte Seele.
-In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie
-wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken
-zu fassen vermochte. Ihre Seele war krank und wund
-und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr
-die klagende Stimme des Jungen.
-</p>
-
-<p>
-Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit
-der Eisenbahn nach der Weser zu fahren und sich Gewißheit
-zu verschaffen. Sie mußte Ruhe haben: sie konnte
-es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr schwarzseidenes
-Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles bereit
-hatte &mdash; es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst
-wenig mit der Eisenbahn gefahren &mdash;, vertraute sie Haus
-und Hof dem alten Jäger an, der gar nicht wußte, was
-los war und es auch nicht herausbekommen konnte, denn
-sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen
-habe und erst den andern Abend zurückkomme.
-</p>
-
-<p>
-Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich
-standen, erwiderten ihren Gruß in etwas langgezogenem
-Ton, der besagte: na, was hast du denn vor, willst es
-uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein,
-sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus
-Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war, den
-Deich entlang zu gehen, jeden anzuholen und vor allen
-Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der Ortsfremden,
-wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe
-zusammen und sahen ihr nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Se hett jo man bloß den eenen Jungen,&ldquo; hieß es dann.
-</p>
-
-<p>
-Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre,
-nach Geestemünde schlagen zu lassen und ihre Ankunft
-zu melden. Sie tat es aber nicht, damit Klaus nicht nach
-See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht wissen, daß
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf,
-konnte sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit
-erfahren.
-</p>
-
-<p>
-Der Klapperkasten &bdquo;Courier&ldquo; paddelte langsam, aber
-sicher aus dem Fleet und setzte sie zu St. Pauli ab.
-Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem
-Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den
-Pariser nannten.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag
-müde und angegriffen zu Geestendorf an und
-fragte sich nach der Geeste. Sie erreichte auch den Deich,
-sah im Westen und Norden die breite Außenweser und
-ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in
-langer doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der
-Wind hatte viele von ihnen hergeweht. Obgleich sie an
-weiter nichts dachte, als an ihren Jungen und weiter
-nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an
-der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren
-Eisschuppen und da Werften, hüben waren Holzstapel
-und drüben schmutzige, graue Maschinenhäuser und weiter
-nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was Klaus wohl
-hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn
-es weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit
-dem grünen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte?
-</p>
-
-<p>
-Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes.
-Fragen mochte sie nicht, obgleich einige Jungen an Deck
-standen. Da rief Jannis Sloo sie an, der mit einem
-Norderneyer Schaluppenfischer sprach: &bdquo;Süh, Gesa, ok mol
-oberreist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. &bdquo;Klaus
-liggt dor wieder rup,&ldquo; rief er ihr noch nach, &bdquo;dor eben
-vörre Brügg, de Flagg dor, dat is he.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-Die Flagge &mdash; sie mußte bitter und schmerzlich lächeln:
-so wenig Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an
-das allgemein bekannte Zeichen des Ewers gedacht hatte.
-Ja, da wehte die deutsche Flagge auf der Besan, wehte
-lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber
-ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal
-halbstock gesetzt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem
-Ewer stand. Tief aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick
-am Pfahl fest. In ihren Ohren sauste es und ihr
-Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch umkehren?
-</p>
-
-<p>
-In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp
-aber halb von der Fock bedeckt war, konnte man von der
-Kaje aus niemand erkennen.
-</p>
-
-<p>
-Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg
-die Treppe hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln
-Diele und blickte durch das rautenförmige Türfenster in
-die erhellte Kajüte hinein.
-</p>
-
-<p>
-Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende
-Klütjenpfanne stand darauf, auf einem Tauring, und
-die Seefischer saßen im Kreise herum, hatten die Gabeln
-in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus
-Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem
-Gelehrtengesicht und erzählte von der großen Hitze im
-Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem Gesicht, das
-heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant
-Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch
-en Butenlanner vör mi &mdash;, da saß der griese Seemann und
-liebäugelte mit den gebratenen Klößen, zwischen Seemann
-und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht
-der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort
-dazwischen.
-</p>
-
-<p>
-Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-hörte sie eine Stimme hinter sich, die sie lange nicht
-mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter auf der Geest:
-das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die
-Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der
-Ewerdiele und siehst kein Licht mehr: dann ist alles
-dunkel und du findest dich in deinem einsamen Bett am
-Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn
-fest, den Traum ...
-</p>
-
-<p>
-Da rief Störtebeker: &bdquo;Dat is wat to dull mit di, Hein
-Mück, jedesmol mokst du de Brotklütjen to sult!&ldquo; Und er
-stand auf, um aus dem Wasserfaß auf der Diele zu
-trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft
-zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, mien Klaus!&ldquo; schrie sie auf und sank um.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als
-Klaus Mewes seine Gesa aufgehoben und in das Licht
-getragen hatte, waren die andern einer nach dem andern
-hinausgeschlichen, um nicht zu stören.
-</p>
-
-<p>
-Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um
-sich etwas vorsingen zu lassen, Kap Horn und Störtebeker
-aber standen auf Deck und guckten nach dem englischen
-Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei
-Licht eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam
-geworden: er gab kaum noch Antwort, denn er ahnte,
-daß es unten um ihn ging, daß er von Bord sollte. Der
-Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Es ging um Störtebeker.
-</p>
-
-<p>
-Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind,
-mit krankhafter Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-und warnte, bat und schmeichelte, weinte und schluchzte.
-Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen
-Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so leicht
-etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem
-lübischen Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier
-stand er auf gutem Grund und Boden, denn das Recht
-der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das der
-Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte
-und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken
-ein, die ihn schließlich doch aus seiner Ruhe brachten.
-Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu werden, da verspielte
-er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der
-Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben
-hatte, stand er auf und ging unruhig auf und ab. Er
-war uneins mit sich geworden und es rief beständig in
-ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst verkehrt!
-Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von
-Bord: der gehört zu dir und zu niemand anders! Aber
-er hatte sein Wort gegeben, ihn vor dem Herbst abzumustern,
-nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen,
-und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen
-und hatte die Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht.
-Sie wollte nicht ohne den Jungen von Bord gehen
-und ging nicht ohne ihn von Bord.
-</p>
-
-<p>
-Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt
-war dieser Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er
-hätte den Jungen selbst nach dem Neß bringen müssen,
-mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht gefügt!
-Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen,
-an Bord zu bleiben und die eine Reise, die gewiß nach
-der Elbe gehen solle, mitzumachen, aber sie ging nicht
-darauf ein. Er mußte Wort halten.
-</p>
-
-<p>
-Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen
-sagen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn:
-&bdquo;Un ik goh ne mit un goh ne mit!&ldquo; Dann trat er in
-den Lichtkreis.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm
-sagte.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl,
-als ob sein Vater ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er
-nichts. Seemann richtete sich an seinem Bein auf, als
-wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht gewahr.
-Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt,
-er hätte etwas Häßliches getan, aber sie war klug
-genug, es nicht zu tun.
-</p>
-
-<p>
-Erst als er nachher draußen auf der Diele in der
-Segelkoje lag (denn in seines Vaters Koje war kein Platz
-mehr für ihn und bei Kap Horn wollte er nicht schlafen),
-löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes
-Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder
-mit nach See haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn
-nicht, aber sein Vater, der auch nicht schlafen konnte,
-hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet hätte, Gesa
-oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden
-und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.
-</p>
-
-<p>
-In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen
-klatschte auf das Deck.
-</p>
-
-<p>
-Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich
-beim Pumpen, während seine Mutter schon seine Sachen
-einpackte, die er mithaben sollte. Sie hatte gelernt, wie
-die beiden genommen werden mußten, und handelte
-danach.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und
-guckte den Heben an, aber ohne Teilnahme. Er hätte
-lieber einen schweren Sturm auf der großen Fischerbank
-ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord
-jagen mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch!
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-Im Traum hatte er gesehen, daß Störtebeker sich im letzten
-Augenblick an den Wanten angeklammert hatte: mit Gewalt
-hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann war er
-unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den
-achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du
-mi dol, Vadder, denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte
-der Wind stark aufgeheult und ihn aufgeweckt.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit
-dem Knecht und dem Jungen, aber mit seinem Vater
-sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so tat er.
-</p>
-
-<p>
-Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: &bdquo;Kumm, Klaus,
-du müß di klor moken!&ldquo; Sie war schon ganz angezogen,
-dunkel wie das Schicksal selbst.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. &bdquo;Dien
-Mudder hett di ropen, Klaus, goh dol,&ldquo; sagte Klaus
-Mewes ernst.
-</p>
-
-<p>
-Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum
-erstenmal wieder an. &bdquo;Schall ik würklich van Burd,
-Vadder?&ldquo; fragte er mit heiserer Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes nickte ernst.
-</p>
-
-<p>
-Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ
-die Mutter mit ihm machen, was sie wollte. Was sie ihm
-dabei erzählte, vom Deich und seinen Spielkameraden,
-war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer
-und von Hein und Kap Horn. &bdquo;Hol di man fuchtig,&ldquo;
-sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken, Kap Horn
-aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte,
-gab ihm die Hand und tröstete: &bdquo;Nich bang wesen, Klaus
-Störtebeker, nich bang wesen! Wi kriegt all nich unsen
-Willen! Annern Sommer kummst du wedder mit no
-See!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte:
-das glaubst du ja doch selbst nicht!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-&bdquo;Adjüst, mien Seemann,&ldquo; sagte er und streichelte dem
-Hund das struppige Fell.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;De bringt di noch langs,&ldquo; rief Klaus Mewes, der sich
-auch fertig gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu
-begleiten.
-</p>
-
-<p>
-Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch
-einmal verloren nach der Geeste und suchte die Flagge,
-aber er konnte sie nicht mehr sehen, denn die Eisschuppen
-hatten sich dazwischengedrängt.
-</p>
-
-<p>
-Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er
-noch einen Streifen sehen.
-</p>
-
-<p>
-Er sagte aber nichts.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl
-noch Zeit genug vorhanden war. Sie suchte einen guten
-Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus und blickte mit
-ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive pfiff
-und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Adjüst, mien Jung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem
-Fenster und winkte, bis Gesa ihn wortlos an sich zog.
-Da löste es sich in ihm und er legte den Kopf auf ihren
-Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem Abteil
-waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm
-nur leise und weich über das sonnenhelle Haar.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach
-seinem Ewer zurück. Seemann blieb manchmal fragend
-stehen, denn es ging nicht den richtigen Weg. Erst als
-sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißen
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen
-hatte, und ging über die Geleise zurück. Wie in
-eine Totenkammer trat er in seine Kajüte und ließ sich
-müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte einen
-schweren Streek hinter sich.
-</p>
-
-<p>
-Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt,
-Klaus Mewes, sprach eine Stimme in ihm, dir träumte,
-daß Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen
-hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus
-Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und
-ertrunken ist: sie haben es ja sogar schon am Deich laut
-erzählt!
-</p>
-
-<p>
-Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen,
-denn der Junge fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn
-die klaren, lachenden, blauen Augen an. Ruhelos ging
-er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben, als ob
-er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne.
-Er war gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte
-einen heißen Zorn auf sich, daß er sich so hatte überteufeln
-und unterkriegen lassen.
-</p>
-
-<p>
-Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser,
-auch er hatte die halben Segel back gebraßt und konnte
-keine Fahrt machen. Störtebeker fehlte vorn und achtern.
-Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst jetzt
-so recht.
-</p>
-
-<p>
-Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an,
-wie Leute, die kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten
-ihren fröhlichen Maaten verraten und verkauft, wie die
-Kinder Israel ihren Bruder Josef, und fühlten, daß sie
-das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge
-es nicht verwinden noch vergessen würde.
-</p>
-
-<p>
-Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die
-Segel auf und gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-14">
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-Vierzehnter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe
-war noch nicht zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet
-und keine Esche war umgeweht, Kluß saß noch struppig
-und vergnügt in seinem Hummerkasten und die Kaninchen
-musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte
-Reich auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen
-war, aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen
-war, der war anders geworden, der ging wie
-ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum
-unter den Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem
-kleinen Herzogtum zurecht, weil er es nicht wollte.
-</p>
-
-<p>
-Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt
-gekostet! Was galten ihm noch die schmalen, seichten
-Gräben, der die ungeheure, tiefe See gesehen hatte! Was
-galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf
-Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte
-er noch mit den Gören spielen, der einen ganzen Sommer
-Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer
-allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den
-Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven
-hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See
-geschwommen hatte!
-</p>
-
-<p>
-Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in
-den Gräben und streifte in den Pütten umher, aber er
-tat es nur, um sich die Zeit zu vertreiben, und nicht,
-weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine
-Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen
-hatte, und seinen grünen, nordischen Kahn, der
-noch unter den Luken stand!
-</p>
-
-<p>
-Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage,
-ging seiner Mutter weit aus dem Wege und guckte viel
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem Vater auch
-gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach
-ihm: das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein
-Leben mehr für ihn.
-</p>
-
-<p>
-Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr
-stellen. Nach und nach erzürnte er sich mit allen, daß
-zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und keiner mehr
-nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach
-wie ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher,
-konnte keinen Widerspruch mehr vertragen, namentlich
-nicht in Fischer- und Wetterdingen (&bdquo;dat mütt ik as
-Fohrnsmann doch woll beter weten, as du Kiekinnewilt,&ldquo;
-hieß es herrisch) &mdash; und das ließen sie sich bald nicht
-mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit
-allein.
-</p>
-
-<p>
-Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich
-quälte, daß er ihr selten ein gutes Wort gönnte und
-einen Bogen um sie machte, so ließ sie sich äußerlich doch
-nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die Zeit
-die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß
-der Junge die See vergäße: so wenig kannte sie ihn.
-</p>
-
-<p>
-Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor
-Freude und rief ins Haus: &bdquo;Vadder kummt up!&ldquo; Gesa
-lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes, ist dir die Elbe
-nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann
-ging sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker
-ließ sie durch das Glas gucken und wies ihr einen dunkeln
-Punkt weit hinten, zwischen Hahnöfer und Schweinesand.
-Sie konnte kaum erkennen, daß es ein Fischerewer war,
-aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn
-ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.
-</p>
-
-<p>
-Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der
-mit der Flut und dem Westwind herankam und größer
-und größer wurde. Die braunen Lappen wuchsen und der
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war
-auch die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm
-unverwandt entgegen. Hätte er seinen Kahn schon gehabt,
-er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das Fahrzeug
-jubelnd umkreist.
-</p>
-
-<p>
-Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig
-hin und her, sprang über Schoten und Blöcke und tat,
-als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre. Da stand
-Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten
-Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu
-lassen, und Hein Mück hatte schon Hand an das Fockfall
-gelegt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höh, Vadder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder:
-&bdquo;Höh, Vadder! Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als
-sie den Jungen zwischen den Wicheln erkannt hatten,
-da freuten sie sich über die Maßen und winkten und
-riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß
-der trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause
-käme, und sich nicht um ihn bekümmere, &mdash; und er hätte
-es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht. Wie freute
-er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am
-Wasser stand und Ausguck hielt!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gohn den Draggen! Fock dol!&ldquo; scholl es dann über
-Deck und das Echo am Bollwerk wiederholte laut und
-übermütig, denn das Herz war ihm warm geworden:
-&bdquo;Gohn den Draggen! Fock dol!&ldquo; Da gewahrte auch Seemann
-seinen Kameraden, den er auf See so manches Mal
-vergeblich gesucht hatte, wenn sein Herr fragte: neem
-is Störtebeker, Seemann? &mdash; und er stellte sich mit den
-Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend,
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-während die Kette durch die Klüse rollte und der Ewer
-schwoite.
-</p>
-
-<p>
-Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver,
-nahmen das Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal
-und fierten die Besan herunter. Die Freude trieb die
-Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu
-lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging
-ungeduldig zwischen den Bäumen hin und her. Endlich,
-endlich waren die Segel zusammengebunden und das Boot
-konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde aber auch
-Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß
-es jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon
-zu alt für die Fahrt geworden oder woran konnte es
-sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mien Kohn ne vergeten, Vadder!&ldquo; rief er. Klaus
-Mewes hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden
-hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte der kleine
-grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung,
-die vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein
-die getrockneten Scharben von der Leine und warf sie in
-eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und stieg nach
-den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich
-einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb
-und einigen Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers
-Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg
-ins Boot.
-</p>
-
-<p>
-Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm
-als Jungen zukam, Seemann stand auf der vordersten
-Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap Horn saßen im
-Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an
-der Kette nach.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte
-schon mehrmals seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-es noch länger gedauert hätte, hätte er sich nackt ausgezogen
-und wäre nach dem Ewer geschwommen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,&ldquo;
-lachte er nun und wehrte dem Hunde, dann griff er nach
-seinen großen Stiefeln und trug sie im Triumph den
-Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden Seefischer.
-Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich
-ein Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und
-schleppte sich damit ab.
-</p>
-
-<p>
-Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie
-köstlichen Kaffee in der Küche, und die gelben Birnen
-und rotbackigen Äpfel, die sich leicht im Winde wiegten,
-lachten sie von draußen an. Und köstlich war die Fragerei
-von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang:
-er hörte nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek
-zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet
-sah.
-</p>
-
-<p>
-Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit
-und sie sah Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte
-aber nicht, was sie damit sagen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück
-die Scharben auf, dann versorgte er die Nachbarschaft mit
-Schollen vom letzten Hol und half die Fische zumachen,
-die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon Flossen
-und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht
-und verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte
-mit seinem Vater, in dessen Augen auch ein Leuchten
-stand, an Bord und ging wieder auf seinem großen,
-schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte
-das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die
-Winsch, um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu
-lassen, er kletterte in die Wanten, als wenn er den dicken
-Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte,
-er blickte nach dem Kompaß und nach allem.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes
-vor der Tür und piepte wie ein Sperling, während sein
-Vater und seine Mutter, Kap Horn und der Jäger in
-der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern
-auf der Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten.
-Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte,
-ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen,
-zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes
-und Störtebeker standen auf und zogen sich an, dann
-gingen sie im Dunkel den Deich entlang nach der Neßkule,
-in der der Kahn lag. Es war nebelig und naßkalt.
-Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern,
-wie die Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven
-glucken. Auf den Feldern braute der Fuchs.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte
-seine großen Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das
-Fahrzeug und stießen vom Lande ab. Der Junge wriggte.
-Neben ihnen rauschte das Reet und in der Schleuse murmelte
-das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen
-Kühe regungslos im Gras und erwarteten den Morgen.
-Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend.
-</p>
-
-<p>
-Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter.
-Der fliegende Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen
-ab und ließ sie erschauern. Klaus Mewes saß in Gedanken
-auf der Ducht und hörte auf das Knarren des
-Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine
-Jolle, die kein Licht brennen hatte, ging mit ihrem hohen,
-dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei, dann stieg der
-Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus Mewes
-erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu
-haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in
-den Kojen schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann
-suchten sie Körbe und Hummerkasten her und packten die
-Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar gemacht, der
-Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die
-Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank
-der Ewer wieder in Nacht und Schweigen, Klaus Mewes
-und sein Junge aber segelten mit dem Boot nach dem
-Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden,
-sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen
-konnten. Sie saßen beide auf der Achterducht und jeder
-hatte eine Hand auf dem Helmholz des Ruders liegen.
-Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von oben kamen,
-mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief
-hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb
-aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf.
-Vor und hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen,
-Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches
-Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war
-zum Schweigen zumute.
-</p>
-
-<p>
-Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er
-der Stürme, die ihm bevorstanden, oder kam es von dem
-Jungen her, der neben ihm saß? Er konnte es nicht
-deuten.
-</p>
-
-<p>
-Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an
-und legten Tamp, setzten ihre Fische in die Halle und
-warteten den Beginn der Versteigerung ab. Um sechs
-<a id="corr-9"></a>schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die
-Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der
-Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag
-folgte dem andern, denn bei den Fischen gibt es kein
-langes Besinnen. Der große und der kleine Klaus standen
-vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an sie
-kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-großen Zungen, die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße
-und Steinbutte, die Schollen und Rochen, die Petermännchen
-und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich bannig
-wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an,
-da war schon alles verkauft und die Händler standen bereits
-auf andern Kisten, aber auch Klaus Mewes machte
-sich seine Gedanken darüber, daß alles so schnell gegangen
-war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an stürmischen
-Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen
-hatte, was er Fisch für Fisch in der Hand
-gehabt und sorgsam auf Eis gebettet hatte, das wurde
-hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan.
-&bdquo;Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes&ldquo;
-&mdash; und damit basta.
-</p>
-
-<p>
-Die Abrechnung konnte er erst später bekommen &mdash; sie
-hatten deshalb noch viel Zeit. Als sie die Fische der
-andern Ewer und Kutter besehen hatten, guckten sie nach
-Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen,
-dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee
-ein und tranken Kaffee. Und weil es schien,
-als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wären,
-stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn hinauf.
-Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie
-guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck
-und beim Panoptikum in die Fenster und gingen dann
-zurück nach dem Fischmarkt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?&ldquo;
-fragte Jan Tiemann, der Elbfischer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,&ldquo; sagte Klaus
-Mewes.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all
-to winnig buten, is to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit
-mihr för son lütje Geutjen, Klaus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-Elbfischer feindselig an und dachte: Wat weest du Buttpedder
-dorvan af?
-</p>
-
-<p>
-Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten
-der vielen Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus
-Mewes seiner Gedanken ledig und blickte wieder fröhlich
-über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von der Seite an
-und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk
-fragen wollte und was ihm seitdem schwer auf dem
-Herzen lag: ob er wieder mit an Bord solle, wieder mit
-nach See. Sie hatten eine schöne Reise gemacht, das hatte
-er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein,
-daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch
-ansetzte, er brachte die Worte doch nicht heraus: im letzten
-Augenblick stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff
-oder nach etwas anderm. Klaus Mewes fühlte wohl die
-Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz unbefangen.
-</p>
-
-<p>
-So segelten sie die Elbe hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von
-St. Pauli auf den Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und
-der Knecht bekam dreizehn Prozent, der Junge neun
-Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute hatte
-und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent
-mehr geben als die andern Fischer, und er tat es gern.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht
-von Thees to Baben machen. Ich ginge zu Jakob von
-Cölln am östlichen Norderelbdeich oder zu Kai Kröger
-auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich
-nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln
-sitzt der Mann noch, der kleine, krumme Segelmacher.
-Wie übernatürlich lodert es in seinen dunkeln Augen,
-wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie wirr
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts
-wittert er Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu
-tun. Wie unheimlich ist sein Tun, wenn er Segel näht:
-erst legt er die Karten, um den rechten Tag und die
-rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und
-dann rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher,
-murmelt unverständlich vor sich hin, spricht mit
-den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar
-über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß,
-welche Segel zerreißen und welche Fahrensleute bleiben:
-alle Schiffsuntergänge der letzten vierzig Jahre hat er
-im Kopf. Mir graut vor ihm.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen
-Wattenfischer, saßen auf dem Segelboden und erzählten
-sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte auf einem
-neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem
-Teppich, und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben
-von Doktor Faust, der sich dem Teufel verschrieben hatte
-und dafür alles bekommen konnte, was er haben wollte:
-Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und
-das Feinste zu essen und zu trinken.
-</p>
-
-<p>
-Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über
-die Deichbrücke zur Tür herein, bot den Fahrensleuten
-die Tageszeit und fragte den Segelmacher, was er für den
-neuen Klüver zu bezahlen hätte.
-</p>
-
-<p>
-Thees lächelte eigentümlich und sagte: &bdquo;Du kummst
-ok jümmer, wenn ik di ne bruken kann, Klaus Mees.
-Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne Gangen
-un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn
-un an to reken fangen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,&ldquo; lachte
-Klaus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-&bdquo;Ne, ne, di vertill ik nix,&ldquo; antwortete der Segelmacher,
-der aufgestanden war und sein Buch suchte, &bdquo;di vertill
-ik nix, du lachst jo doch bloß ober sowat; du meenst, dat
-gifft bloß dat, wat du vör Ogen sühst: aber ich sage
-dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol de
-Kortjen leggen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, lot man, Thees,&ldquo; wehrte der Seefischer heiter ab,
-&bdquo;ik gläuf ne an Hexen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!&ldquo; wandte der
-Alte sich an die beiden Wattenläufer, &bdquo;wat he glüst, as
-wenn he ne blieben kunn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man keen Bangen,&ldquo; rief Klaus sicher, &bdquo;ik blief ok ne!&ldquo;
-Und Störtebeker, der auch einmal zu Wort kommen wollte,
-setzte nachdrücklich hinzu: &bdquo;Vadder kann ne blieben, he
-kummt jümmer wedder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Do ik ok, mien Jung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg
-an und sagte mit veränderter Stimme: &bdquo;Dat hett
-dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De kunn ok ne
-blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer
-bloß een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt.
-Jä, un de See is em doch ober worden, is em doch ober
-worden, Klaus Mees, un de See, dat gläuf man, is noch
-jümmer hungerig no Ebers un Kutters!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr
-hebbt,&ldquo; erwiderte Klaus Mewes unerschüttert, &bdquo;wi könt
-noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln! Wat ist mit
-den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der
-Hand über die Augen, dann begann er wieder in seinem
-Hauptbuch zu suchen und zu blättern, aber er kam wieder
-zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er sei wieder behext,
-die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. &bdquo;Betohl
-anner Reis, Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,&ldquo; mahnte der
-Fischer, &bdquo;ik kann ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm
-dienenhalben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,&ldquo;
-sagte Thees und vertiefte sich von neuem in seine doppelte
-Buchführung. Das dauerte Klaus zu lange, er trat näher
-und sah ihm über die Schulter. Plötzlich rief er: &bdquo;Hier
-steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein
-Klüfer 98 Mark.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen
-an. Dann sagte er wie in Gedanken: &bdquo;Dat is jo all dörstreken,
-Klaus: keen hett dat denn don?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp
-don?&ldquo; lachte Klaus, &bdquo;betohlt hebb ik gewiß noch ne.&ldquo;
-Und er zählte das Geld auf. &bdquo;Sühso, Thees, till no,
-wat dat ok stimmt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er
-könne es nicht nehmen, das Geld gehöre ihm nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kumm, Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er
-wollte auch noch nach Peter Fick hin: deshalb verabschiedete
-er sich kurz und trat aus der Segel- und Teerluft
-des Bodens in den frischen Westwind hinaus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,&ldquo; sagte
-Störtebeker, als sie draußen waren. Klaus Mewes gab
-nicht gleich Antwort, denn es ging ihm doch etwas durch
-den Sinn, dann aber sagte er: &bdquo;Jo, de hett allerhand
-Grabben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen westwärts.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters
-Hand, was er sonst nur selten tat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vadder ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-&bdquo;Non?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och &mdash; nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ne, mien Jung, ik blief ne!&ldquo; rief Klaus Mewes und
-suchte seinen Ewer auf dem Wasser.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach,
-und nachher, als die Gäste ihn verlassen hatten, um
-Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch nochmals vor und
-besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und
-seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie
-sie dahin gekommen waren, denn er strich die Reihen nur
-dann durch, wenn der Fischermann bezahlt hatte oder
-&mdash; wenn er geblieben war.
-</p>
-
-<p>
-Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu
-und steckte das Geld, das immer noch auf der Fensterbank
-lag, unter scheuen Seitenblicken ein.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden:
-nach zwei Wochen lag er wieder vor dem Neß. Stürme
-hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten und er
-hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute sich,
-ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord,
-wo er nur konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer
-zu Markt, weil es stark wehte. Die deutsche Flagge war
-gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg
-eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen
-Mittag die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen,
-denn der Wind war aufgefrischt und die Elbe ging in
-Hemdsmauen.
-</p>
-
-<p>
-Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in
-eine gewaltige Hagelflage hinein, die sich mit wildem
-Ungestüm auf die Segel warf. Aber der Ewer, von dem
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein Stier
-und wies dem Wind die Hörner.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich rief Kap Horn: &bdquo;U, kiek&ldquo; und sprang nach
-vorn. Da trieb eine Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes
-setzte hastig das Ruder fest und stürzte auch nach dem
-Steven. &bdquo;Dor drifft een!&ldquo; schrie Kap Horn und wies
-leewärts. &bdquo;Denn fot man gau de Boot mit an,&ldquo; schrillte
-Klaus, &bdquo;Hein, inne Wind den Eber!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die
-Riemen nach und sprangen über den Setzbord. &bdquo;Hilpt
-uns, hilpt uns!&ldquo; rief es todesängstlich an Backbord, aber
-der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie konnten niemand erblicken.
-&bdquo;Liek vörut mütt dat ween,&ldquo; rief Klaus, &bdquo;roon,
-wat du kannst, Kap Horn!&ldquo; Der Südwester war ihm
-in den Nacken geweht und die scharfen Körner flogen ihm
-in das Gesicht, aber er ließ den Riemen nicht los. &bdquo;Holt
-jo, wi kommt! Wi kommt!&ldquo; gröhlte er, so laut er konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilpt uns!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten
-nach dem Steven, er beugte sich blitzschnell über den
-Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den Haaren.
-Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap
-Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten
-Fischer in das Boot. Hans Danker war es, der
-Lüttfischer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Neem is Trino?&ldquo; fragte Klaus dringend und spähte
-umher, denn er hatte die Frau in Altona an Bord stehen
-sehen. &bdquo;Kiek mol to, Kap Horn, wat se dor drifft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hans Danker aber ächzte dumpf: &bdquo;De is wegsackt!
-Harrn ji mi ok doch verdrinken loten!&ldquo; &bdquo;So, un dien
-Kinner?&ldquo; fragte Klaus, er blieb aber noch eine ganze Zeit
-auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen und
-suchten, um die Frau zu finden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann:
-als die beiden abstießen, warf er sofort Anker, ließ die
-Fock fallen und machte das Ruder los, so daß der Ewer
-mit den klappernden großen Segeln keinen Schaden nehmen
-konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand
-an den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger
-wurde, kamen von allen Seiten Jollen und Ewer
-heran, auch vom Deich segelten Boote herbei. Da überließ
-Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich
-gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle
-mit der Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens
-Loch nach dem Bollwerk.
-</p>
-
-<p>
-Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann
-seinem Hause zu. Der Deich war schwarz von
-Menschen und viele Frauen weinten.
-</p>
-
-<p>
-Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste
-Mädchen fing laut an zu weinen, als es seinen Vater
-so ankommen sah, und jammerte: &bdquo;Vadder, Vadder, neem
-hest du uns Mudder loten?&ldquo; Da stöhnte Hans Danker
-furchtbar auf und wollte sich losreißen, um wieder zu
-Wasser zu gehen, aber Klaus Mewes und Kap Horn
-hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und brachten
-ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der
-Obhut der Nachbarn anvertrauten.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer
-Tag, an dem die Sonne nicht durchkommen konnte. Der
-Wind war still geworden.
-</p>
-
-<p>
-Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause
-war. Sie holten die Totenangeln vom Strandvogt, machten
-die Leinen klar und segelten mit den Booten nach dem
-Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu fischen.
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und
-Godefroo auf und ab.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch
-mit ihrem Boot dabei. Sie sprachen aber wenig.
-</p>
-
-<p>
-Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit
-Schiffen füllte, schlichen alle Boote mit müden Segeln
-nach dem Deich zurück. Sie hatten die Tote nicht gefunden.
-Die Elbe hielt sie fest.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf
-Finkenwärder: nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost
-seine Segel auf und hievte den Anker, um zu fahren.
-Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel und
-über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter
-Vogel.
-</p>
-
-<p>
-Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des
-Ewers, als wenn er der Lotse wäre, der das Schiff aus
-dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein seinen Tamp
-loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an,
-daß sie ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte
-es. Sie warfen ihm ein längeres Tau zu, das er im
-Stevenring befestigen mußte, und zogen dann mit ihm los.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So geiht he god, Vadder,&ldquo; rief er vergnügt, als der
-Ewer recht an den Wind kam und gute Fahrt machte,
-und freute sich über den Schaum vor seinem Bug und
-über die großen Segel, die ihn beschatteten.
-</p>
-
-<p>
-Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff.
-Er zog mächtig davon und hatte den Neß bald hinter
-sich. Störtebeker sollte abschwenken und umkehren, er
-wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war,
-tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch
-weiter mit.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem
-Achterdollbaum fast mit dem Wasser gleich und Störtebeker
-mußte aufmerksam mit dem Riemen steuern, damit
-er sich trocken hielt.
-</p>
-
-<p>
-Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende:
-er mußte das Tau losmachen und zurückbleiben.
-</p>
-
-<p>
-Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und
-winkten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Adjüst, Störtebeker!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis
-wedder!&ldquo; ... &bdquo;Adjüst, Störtebeker!&ldquo; ... &bdquo;Jüst, Kap
-Horn, lot di de Tied man ne lang duern!&ldquo; ... &bdquo;Adjüst,
-Klaus Störtebeker!&ldquo; ... &bdquo;Jüst, Hein Klütjenbacker, pett
-di man keenen Nudelkassen innen Foot!&ldquo; ... &bdquo;Wauwauwauwau!&ldquo;
-... &bdquo;Jüst, Seemann, fall man ne ober Burd!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann rannte ihm der Ewer davon.
-</p>
-
-<p>
-Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn
-sie winkten, schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst
-als die braunen Segel bei Schulau um die Huk waren,
-griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwärder
-um.
-</p>
-
-<p>
-Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-15">
-Fünfzehnter Stremel.
-</h2>
-
-<div class="motto">
-<p class="right">
-Sinne, öffnet eure Tore!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Grabbe.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Die Äquinoktien!
-</p>
-
-<p>
-Herbsttagundnachtgleiche!
-</p>
-
-<p>
-Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen
-in großer Angst. Ringsum lauern die grauen Stürme,
-die die Natur brechen und die Sonnenkraft tot machen
-sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie an den
-Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im
-Krampf bebt er bei unruhigem Wetter. In vielen
-Häusern liegt die Bibel jeden Abend aufgeschlagen auf
-dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf
-Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit
-der Cuxhavener Meldung über die hinter der Alten Liebe
-liegenden Ewer und Kutter reißt eine der andern aus
-den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt:
-Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett
-Paul ne bi jo fischt? Wie beben sie, wenn abends eine
-schwere Wolkenwand seewärts auf der Elbe steht oder
-wenn die Winde im Schornstein sausen!
-</p>
-
-<p>
-In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es
-ist eine stille, bange Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer
-anbinden und auflegen kann: das können und wollen
-aber nur wenige, denn die Zeiten sind schon nicht mehr
-danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß
-auch Winters gefischt und verdient werden.
-</p>
-
-<p>
-Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den
-Stürmen entgegenfahren.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig
-Seemeilen hinter Helgoland auf der Höhe von Hornsriff.
-Mit der abnehmenden Sonnenwärme haben die Fische
-die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte der
-Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser
-wärmer und der Grund stiller ist. Wer noch einen guten
-Streek tun will, der muß Helgoland und Neuwerk weit
-hinter sich lassen und sich schutzlos der weiten See anvertrauen.
-Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt
-werden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer,
-die diesen Winterfang betreiben können: die andern liegen
-scharenweise zu Cuxhaven und warten auf den Hering.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.
-</p>
-
-<p>
-Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute
-sind erprobt und für sich selbst kann er auch einstehen:
-so kurrt er getrost zwischen den Engländern und Holländern
-und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen.
-Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob
-wird, daß er reffen muß, oder wenn der Wind es so gut
-meint, daß er das Netz einhieven und treiben lassen muß:
-gefischt wird doch wieder, und wer die Wache hat, der
-singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von
-Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen,
-als der kleine Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden
-Tag sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter,
-als wenn sie binnen wollen: aber Klaus Mewes
-meint, sie tun es, weil sie die Reise haben, guckt Heben
-und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend kreuzt
-nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist
-noch ohne Mißtrauen und geht geruhig zu Koje.
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum
-Reffen. Sie verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen
-und Festbinden, denn es ist stur geworden,
-dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu Bett, um
-noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe,
-denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und
-auf Kap Horn, den Altbefahrenen, können sie sich verlassen
-wie auf den Deich bei springender Tide.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu
-stur geworden und er muß befürchten, daß der jagende
-Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus Mewes guckt in den
-Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen.
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen
-Fische, dann schickt er die Leute zu Koje und
-übernimmt selbst die Wache. Im Sturm gehört das
-Ruder ihm, dem Schiffer!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer
-scharf am Winde, so daß die Segel eben zwischen Klappern
-und Vollfallen standen, und hatte keine Haverei, so viel
-Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch
-stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum
-Westen und wehte etwa in Stärke 8 nach dem alten
-englischen Admiral Beaufort.
-</p>
-
-<p>
-Da mit einem Male legte er sich gänzlich &mdash; ganz still
-wurde die Luft. Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar
-knarrenden Gaffeln und donnernden Schoten dümpelte
-der Ewer in der hohen Dünung.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser
-Stille nicht. Sie machten sich klar zum Sturm, der kommen
-mußte, denn das Wetterglas fiel rasend. Kurrbaum und
-Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde ausgepackt
-und mit doppelten Ketten umwunden, damit es
-nicht über Bord gehe, das Bugspriet wurde eingezogen
-und Plichten und Luken wurden geschalkt. Auch sich selbst
-machten die Seefischer sturmbereit, dann steckten sie das
-zweite Reff in die Segel &mdash; und dann kam der Sturm
-wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer
-an Gewalt. Es trommelte und pfiff im Südwesten,
-als wenn ein Heer in der Schlacht zum Stürmen lärmte,
-der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das
-brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß
-die Masten sich bogen und Hein Mück laut aufschrie.
-Einen Augenblick schien es, als wenn der Ewer dem ersten,
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er umkippte,
-aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war
-auf der Hut und riß ihn auf. Wie brauste es in den
-Lüften, wie erhob sich die See, wie tanzte der Ewer!
-Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem Achtersteven
-so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich,
-und erhob er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das
-tränenüberströmte Gesicht eines Riesen: das Wasser rann
-ihm aus den Klüsenaugen und über die Backen. Wenn
-nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die
-Luken nicht zerschlagen wurden!
-</p>
-
-<p>
-Südweststurm &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff
-einstecken, denn der Ewer konnte die Segel nicht mehr
-tragen. Sie standen nun allemann an Deck, mit Tauen
-festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er
-nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden,
-scherte Kap Horn einige starke Taue kreuz und quer
-über Deck, von Wanten zu Wanten und von der Winsch
-nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden,
-wenn sie stolpern sollten.
-</p>
-
-<p>
-Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes
-sah es wohl, aber er tröstete sich, daß es in Hamburg
-ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe, und ließ sich nicht
-unruhig machen, so wenig wie Seemann, der unbekümmert
-im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt
-und überstanden.
-</p>
-
-<p>
-Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger,
-die schlimmen Regenflagen jagten einander und die
-See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es
-auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie
-mußten es wegnehmen und dafür den kleinen Klüver als
-Sturmsegel setzen, statt der Besan aber den dreieckigen
-Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt,
-damit er nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb
-mit Kap Horn allein an Deck. Noch war keine Angst in
-sein Herz gekommen, so toll es auch im Wirbel ging,
-noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so
-schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch
-immer lachte er des Sturmes und wünschte seinen Jungen
-herbei, damit er ihm zeigen könne, was Klüsen heiße.
-Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog, verzog
-er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne
-sich zu besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das
-Segel aus der Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen
-auf. So ging es wieder einige Stunden gut, bis es Abend
-wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine sternenlose,
-sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis
-zwölf Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten
-Nüstern und fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die
-Nordsee, und selbst die Sturmsegel, die winzigen Lappen,
-wollten nicht mehr halten. Wenn sie nicht alles Tuch
-in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel
-gänzlich abgeschlagen werden.
-</p>
-
-<p>
-Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen
-noch blieb, sie machten die Sturmanker zurecht. Backbords
-schäkelten sie einen unklaren Anker auf dreißig Faden
-Kette und steckten sie an siebzig Faden Kurrleine, steuerbords
-taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf
-fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer
-mit dem Kopf am Winde halten und verhüten, daß er
-dwars schlüge und von den Seen kopfheister geworfen
-würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am
-Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der
-Pumpen ergab.
-</p>
-
-<p>
-So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte
-den Ewer vor sich her wie der Jäger das Wild, das er
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-lahm geschossen hat. Die ganze Nacht trieben sie auf
-der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber
-in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der
-Doggerbank, nirgends war ein Schiff zu sichten und sie
-sahen kein anderes Licht als die Strahlen des Elmsfeuers,
-das in Büscheln auf den Toppen der Masten und an den
-Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage
-es verlöschte.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der
-Junge wieder mit an Deck stand, weil es schien, als flaute
-der Sturm ab, bekam der Ewer eine schwere Sturzsee
-über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und
-verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die
-Fischer fühlten sich emporgehoben und verloren den Grund
-unter den Füßen, sie mußten schwimmen und spülten
-hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon in die
-Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen!
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet &mdash;
-da schrie er gellend auf, denn eine schwere, kreißende,
-ungeheure See hing wie ein Berg, wie ein Eisberg steil
-über ihm und senkte sich ehern. &bdquo;Holt jo fast, holt jo
-fast!&ldquo; rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und
-des Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück
-und erstickte sie. Dann schleuderte die See ihn wie Gerümpel
-zur Seite und warf ihn gegen das Nachthaus,
-daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich
-wieder mit den kleinern Dwarsläufern abriß, hing Kap
-Horn mit zerrissenem Ölzeug und blutendem Gesicht in
-Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts
-mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck
-verschwunden: zerrissen lagen die Ketten auf den Luken.
-Sie suchten die See mit den Augen ab und warfen den
-Rettungsring über Bord, aber obgleich es schon einigermaßen
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-hell geworden war, konnten sie doch weder Hein
-Mück, noch das Boot entdecken. Nur wilde, graue See
-war ringsum: der Junge war weg ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dat duert bloß en Ogenblick, denn ist ut,&ldquo; sagte
-Kap Horn tröstend, der nach achtern gekommen war und
-sich bei seinem Schiffer hingestellt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer
-noch über die See und suchte seinen Speisemeister. Was
-sollte er sagen, wenn die Mutter angeweint kam und
-ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte?
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr,&ldquo;
-rief Klaus, aber Kap Horn schüttelte den Kopf und blieb
-bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen sollte &mdash; und es
-sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen Kajüte
-ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber
-so weit war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch
-nicht mehr lachte, sondern ein ernstes Gesicht machte.
-Wie ein Wiking trotzte er der See, wie ein Löwe verteidigte
-er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt
-er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn
-und streichelte Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit
-zu Zeit die Pumpen nach, er lotete gewissenhaft und tat
-alles, was sich noch tun ließ bei solcher Gelegenheit. Er
-dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an Störtebeker
-und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das
-erste Schiff seit zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und
-hatte genug mit sich selbst zu tun. Dennoch hätte er vielleicht
-geholfen, wenn Klaus Mewes die Notflagge gezeigt
-hätte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-einem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott
-schall mi bewohren, dachte er und ließ John Bull stiemen,
-der dann auch wieder aus den Augen kam.
-</p>
-
-<p>
-Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug,
-um von Jütland freizuscheren, hatten sie nur mit
-der norwegischen Küste zu tun &mdash; und die war noch
-weit weg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ik gläuf, wi kommt dorch,&ldquo; sagte der Knecht. Etwas
-verwundert sah der Schiffer ihn an. &bdquo;Wat schullen wi
-ne dörkommen!&ldquo; antwortete er, &bdquo;wi weut doch ne
-blieben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu
-trinken. Danach mußte Kap Horn hinunter, damit er
-nicht flau würde.
-</p>
-
-<p>
-Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig
-etwas schwächer gewesen war, zum Orkan! Das
-Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr unter als
-über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde
-Dünung über Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die
-der Sturm in der Tiefe aufgerüttelt hatte und die mit
-Sand geschwängert und mit Muscheln und Steinen beladen
-war, schoß herauf, richtete sich urgewaltig auf und
-lief dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte.
-Bleischwer stürzte sie sich auf das Achterdeck und drückte
-es nieder, daß der Steven steil aus dem Wasser sprang
-und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit
-ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaßen
-auf das Wasser, daß er nicht wieder aufstehen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte,
-daß er den einen Arm nicht bewegen konnte, und sank
-langsam in die Tiefe. Da gab er den Kampf und das
-Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines
-Gottes Hände: er hätte noch mit seinem Schiffer fischen
-und segeln können, hätte bei Hochzeiten am Deich auf
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-seiner Harmonika spielen und den kleinen Klaus Störtebeker
-mit zu einem rechten Fischermann machen können,
-aber wenn es sein mußte, ging es wohl auch ohne ihn.
-Er hörte nicht mehr das Sausen des Wassers: eine große,
-tiefe Stille legte sich um ihn ... ganz in der Weite klangen
-Glocken ...
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel
-loszuwerden, die ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie
-seinen Knecht. So tauchte er wieder auf und versuchte,
-zu schwimmen. &bdquo;Kap Horn, neem büst du?&ldquo; schrie er in
-den Sturm hinein und rang schwer mit der Dünung, die
-ihn furchtbar hin und her warf. Beständig liefen ihm die
-Seen über den Kopf, so daß er viel bitteres Wasser
-schlucken mußte.
-</p>
-
-<p>
-Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch
-einmal aufrichteten und dann untertauchten, daß kein
-Topp und kein Flögel mehr zu sehen waren. Blasen
-schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich der Sturm
-mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie
-wieder so kraus, wie die ganze See war.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge,
-sein Hund und sein Ewer waren ertrunken, er trieb in
-der wilden Dünung von Skagen: nirgends war ein Schiff,
-nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett
-des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran
-festzuhalten, aber er konnte nichts sehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geef di, geef di, Klaus Mees!&ldquo; brüllte die See, aber
-er gab sich nicht, mit aller Kraft hielt er sich oben, denn
-er wollte noch nicht sterben und er konnte noch nicht
-sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden, den
-keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den
-Ewer hergefallen waren, so würden sie am Deich über
-ihn herfallen und alles zerstören wollen, was er in
-ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die Liebe
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die
-Freude am Sturm: alles würden sie ermorden wollen!
-Ob Störtebeker schon stark genug war, alles zu ertragen?
-Oder ob er wie ein armer Hase den vielen Hunden erlag,
-ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem
-Schneider oder Schuster machen ließ! &bdquo;Gesa, Gesa, lot mi
-den Jungen!&ldquo; rief er in den Sturm hinein. Er sah seine
-Frau vor sich, jung und blühend, und dennoch keine
-Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie hatte
-nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der
-einsame, ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er
-wußte, daß er oft hart mit ihr gewesen war, als er
-mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen
-abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte,
-&mdash; aber Reue fühlte er nicht. Sie würde weinen, aber
-die Ruhe würde in ihr Herz kommen und sie würde ihren
-Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen,
-wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um
-sich zu ernähren, brauchte sie nicht.
-</p>
-
-<p>
-Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und
-daß er es nicht mehr lange machen konnte. Noch einmal
-ließ er sich von einer Wogenriesin emporheben und blickte
-von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über
-die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf.
-Es paßte nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke
-klein zu machen und mit den Seen um die paar
-Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben!
-</p>
-
-<p>
-Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein
-Leben auch nicht dem Schicksal trotzig vor die Füße, wie
-ein Junge. Groß und königlich, wie er gelebt hatte,
-starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu
-seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den
-Helden kommen wird. Mit einem Lachen auf den Lippen
-versank er, denn er sah einen glänzenden, neuen Kutter
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-mit leuchtenden, weißen Segeln und bunten Kränzen in
-den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder
-stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker
-... grüßend winkte er mit der Hand ... fahr glücklich,
-Junge, fahr glücklich, sieh zu, daß du dein fröhliches
-Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und mooi Fang,
-mien Jung! ...
-</p>
-
-<p>
-Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über
-ihn hinweg. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt,
-wie es an demselben Tage unsichtbar an dem Segel
-gerissen hätte, bei dem er gerade zu tun hatte. Als er
-genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der
-unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah
-eine Weile zu, dann fragte er erschüttert: &bdquo;Brukst du
-dat Seil, Klaus? Is de anner Fock di woll tweireten?&ldquo;
-und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das aber
-nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging
-hinaus. Der Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende
-Elbe ging wie eine breite See in Schaum und
-Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den Südwester im
-Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten
-der gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf
-den Deich, damit sie nicht voll Wasser schlügen, sie
-kämpften sich nach den Ewern und Kuttern hinaus, auf
-denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten
-aus, damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten
-Sandsäcke herbei und verstopften die Löcher im Deich,
-damit das Land keine Haverei hätte. &bdquo;Is Klaus Mees
-bihus?&ldquo; fragte der Segelmacher. &bdquo;Ne, de is buten,&ldquo; erwiderte
-Jan Lanker, der lustige. &bdquo;Denn weet ik genog,&ldquo;
-sagte Thees nickend und ging langsam nach seinem Boden
-zurück. Als er das Segel wieder übers Knie legte, lag
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-es ganz still &mdash; das Zerren hatte aufgehört. &bdquo;Brukst
-du dat Seil nu ne mihr, Klaus?&ldquo; fragte er leise und
-wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab.
-Seine Augen weiteten sich, als wenn er etwas sähe, dann
-stand er auf, rollte das Segel schweigend zusammen, legte
-es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers Besan.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und
-rubbelte Störtebekers Kleibüxen, die voll Schlick und
-Schmeer saßen und gar nicht rein zu kriegen waren. Ihr
-Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange
-auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte,
-denn sie wußte nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder
-ob er draußen sei. Wie wehte es!
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um,
-denn an der Tür hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich
-gehört. Stand der Hund, der Seemann, draußen und begehrte
-Einlaß, war er vorausgelaufen und kam Klaus
-nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete
-sie die Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das
-Herz still und ihre Knie bebten, denn die Tür war von
-selbst aufgegangen und auf der Schwelle stand ihr Mann,
-als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht war
-totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren
-müde und glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen.
-In starrer Angst sah sie ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen
-und ihm die Hand geben, aber sie vermochte
-nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen,
-ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber
-ihre Zunge war gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gesa,&ldquo; sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die
-Hand, da schrie Gesa laut auf und sank zu Boden.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern
-Jungen am Westerdeich zugange, mit einem großen
-Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und Mäuse
-und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das
-Wasser den niedrigen Katendeich überflutete und das weite
-Land des Neßbauern überschwemmte, der auf seiner Wurt
-wie auf einem Eiland saß und im Kuhstall Fische fangen
-konnte. Diese Rattenjagd war etwas für Störtebeker,
-dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab
-und befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge,
-dat wür wat!
-</p>
-
-<p>
-Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine
-Ratte, die gleich mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet
-hatte, zu Wasser mußte, da rief es mit einem
-Male hinter ihm: &bdquo;Höh, Störtebeker!&ldquo; und als er sich
-schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich
-stehen und winken. &bdquo;Hödjihöh, Vadder,&ldquo; rief er freudig,
-sah noch einmal nach der Ratte, dann aber warf er den
-Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts
-mehr an: sein Vater war gekommen!
-</p>
-
-<p>
-Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben
-und lachte &mdash; nun war er weg? Störtebeker lachte und
-glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie er es immer
-machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im
-Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er
-konnte ihn nicht wieder ausfindig machen. &bdquo;Vadder, neem
-büst du?&ldquo; rief er, aber er bekam keine Antwort. Da
-nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und
-lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das
-Wasser &mdash; der Ewer war nicht da, aber das hatte nichts
-zu sagen, denn der konnte ja noch an St. Pauli liegen,
-oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser
-mit der Eisenbahn übergereist sein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mudder, is Vadder ne hier?&ldquo; rief er schon auf der
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-Diele und stürmte suchend in die Küche, überholte hastig
-die Schlafkammer und suchte die Dönß ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder
-woll wesen,&ldquo; klagte seine Mutter und sah tränenüberströmten
-Gesichts von ihrem Psalmenbuch auf, in dem
-sie gelesen hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eben wür he annen Westerdiek,&ldquo; lachte er und stieg
-auf den Stuhl, um aus dem Fenster in den Hof hinunter
-zu sehen. &bdquo;Ik will em woll gewohr warrn, den Versteekspeeler
-den!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da wurde sie aufmerksam. &bdquo;Keen wür annen Westerdiek?&ldquo;
-fragte sie tonlos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vadder!&ldquo; rief Störtebeker, &bdquo;he stünn boben uppen
-Diek un lach un wink. As ik to rupleep, wür he batz weg.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren
-konnte, und jammerte: &bdquo;Vadder is bleben, Klaus, du hest
-keen Vadder mihr, mien Jung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schüttelte den Kopf. &bdquo;Dat is ne wohr, Mudder,&ldquo;
-sagte er bestimmt, &bdquo;dat hest du dräumt. Vadder kann
-ne blieben und blifft ne, dat hett he sülben to mi seggt.
-Vadder kummt jümmer wedder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie weinte nur noch heftiger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Stopp, ik will em woll finnen,&ldquo; rief er und lief wieder
-in den Wind hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er
-doch ganz gewiß auf dem Westerdeich gesehen hatte. Gesa
-rief ihm nach, aber er hörte nicht darauf.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf
-stand sie: das war die Todesstunde von Klaus Mewes.
-</p>
-
-<p>
-Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals
-wieder angestoßen. Wie die unsichtbare Hand sie angehalten
-hat, ist sie stehen geblieben.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-Zufall? Gaukelei der Sinne?
-</p>
-
-<p>
-Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der
-Stunde, in der sie auf See ertrinken, mächtig sind, an
-Land, in ihrem Hause, zu rufen oder zu schreien, zu klopfen
-oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen, die Bilder
-an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten
-oder in Lebensgestalt zu erscheinen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof,
-das heißt von Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit
-zerrissenen Segeln und gebrochenem Großmast hinter der
-Alten Liebe lag, und erzählte, daß er ein solches Wetter
-noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch nicht, es
-wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der
-Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln
-Tuch um den Kopf, mit bleichen Backen und verweinten,
-geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann fragte, sprach
-er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm gewesen,
-sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und
-so was Gutes. Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen
-und er hatte auch nichts von ihm gehört, aber da war
-alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff
-im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann
-gleich eine gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine
-Gedanken zu machen: der kam wieder, so gewiß wie
-zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute noch, dann
-morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten
-hatte, hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer
-ihn siebenmal ausgehalten. Da konnte sie ganz geruhig
-sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner Unbeholfenheit,
-bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte,
-daß er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange
-Zeit aus dem Fenster auf das Wasser hinaus, dann sagte
-er langsam zu seiner Frau: &bdquo;Inne Nurd schallt noch mihr
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-weiht hebben, as neem wi ween sünd &mdash; un ik gläuf,
-Klaus Mees is inne Nurd wesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im
-Kalender der Wasserkante, denn er hat viel Unglück und
-Haverei gebracht.
-</p>
-
-<p>
-Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite
-Strecken der Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh
-war in den Fluten ertrunken, Häuser waren abgedeckt,
-Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren entwurzelt.
-Auf Scharhörn war eine große englische Bark
-gestrandet und mit Mann und Maus spurlos verschwunden,
-beim zweiten Feuerschiff war ein Lotsenschoner
-umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast
-einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber
-lag bis an den Leuchtturm voll von haverierten Schiffen.
-</p>
-
-<p>
-Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf
-Kutter und zwei Ewer, darunter Klaus Mewes. Tag
-für Tag lauerten sie am Deich auf sie und sprachen die
-Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre
-mußte zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal
-der sieben Fahrzeuge, der einundzwanzig Menschen hatten.
-Um den sie sich am wenigsten sorgten, das war Klaus
-Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann
-wie kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen
-Ewer unter den Füßen und guten, befahrenen Leuten an
-Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte ja wiederkommen;
-der hatte schon viele schwere Stürme bestanden
-und sich immer oben gehalten. Mehr bangten sie um
-den andern Ewer mit den geflickten Segeln und um die
-Kutter mit ihren blutjungen, dreisten Schiffern und den
-wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten
-ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.
-</p>
-
-<p>
-Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-Ewer und die Kutter kamen nach und nach alle binnen,
-wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei war. Nur der
-eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben,
-weder auf der Weser noch auf der Elbe.
-</p>
-
-<p>
-Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche,
-wurden Wochen und Klaus Mewes kam nicht wieder.
-Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel herab Fürbitte
-für ihn und die beiden Leute und er betete stark
-und ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die
-Kirche ging, denn der Untergang dieses großen, fröhlichen
-Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer mag noch
-Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er.
-</p>
-
-<p>
-Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus
-Mewes war verschollen. Sie mußten es endlich glauben,
-daß sie seine Flagge nicht mehr flattern sehen würden,
-daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich entlangkommen
-konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten
-aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den
-Mädchen tanzte. Was für ein Mann Klaus Mewes gewesen
-war, merkten die meisten erst jetzt! Gut und
-fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches
-Wort gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen,
-wo er helfen konnte, da hatte er geholfen, mit Rat und
-Tat, vielen war er in ihrer harten Fischerei ein Trost
-gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend gefahren
-war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen
-war. Bei ihm an Bord hatte die Lebensfreude
-das Wort gehabt; er war ein Seefischer aus Lust gewesen,
-nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie so manche
-es waren.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes
-damals auf den Watten gesehen hatte: alle Fenster waren
-dicht verhängt und vor der verschlossenen Tür, auf den
-Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten standen der
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr
-Futter. Im Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl
-kam mehr in die Stuben, die Klaus Mewes mit seinem
-Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel und
-das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie
-ein Gespenst durch die stillen, totenstillen Räume.
-Meistens saß sie in der dämmerigen Küche und starrte
-vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür schloß sie zu,
-denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen,
-die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu
-trösten (denn nun Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau
-geworden war, galt sie für eine Finkenwärderin),
-mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren
-Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich
-selten sehen, denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers
-nicht mehr ertragen, konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln
-sehen, ohne daß ihr die Augen übergingen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der
-dunkeln Küche, und weinte mit?
-</p>
-
-<p>
-Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte
-nicht, daß sein Vater untergegangen war, daß der Ewer
-nicht wiederkommen konnte, daß er Kap Horn und Hein
-Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater
-war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam
-wieder, ganz gewiß kam er wieder, die Reise dauerte
-diesmal nur etwas länger, weil sie so viel vor Wind
-hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz
-gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das
-Vertrauen des Jungen auf dieses Wort seines Vaters
-und unerschütterlich war sein Glaube.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Störtebeker, dien Vadder is bleben,&ldquo; sagten die andern
-Jungen zu ihm, aber er schüttelte geruhig den Kopf und
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-antwortete: &bdquo;Wat weet ji dorvan af?&ldquo; &mdash; &bdquo;Doch, Vadder
-hett dat seggt!&ldquo; &mdash; &bdquo;Denn segg dien Vadder man, dat
-is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben,
-Vadder kummt wedder,&ldquo; sagte Störtebeker bestimmt und
-ging davon. Seine Mutter tröstete er jeden Morgen und
-jeden Abend: &bdquo;Schree doch ne, Mudder, gläuf doch ne,
-wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,&ldquo; aber
-er erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte.
-</p>
-
-<p>
-Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles
-Halstuch: sein Vater würde ihn auslachen, wenn er kam,
-meinte er mißmutig.
-</p>
-
-<p>
-Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg
-und golden in die Elbe versank, lag er mit seinem Kahn
-auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus, bis hinter
-Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren
-seine Augen im Westen und suchten die Elbe ab, suchten
-den Ewer, suchten den Vater. Große Dampfer mahlten an
-ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den Fäusten,
-aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe
-hier ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht
-darum. Die Dünung warf den Kahn wie eine Nußschale
-auf und ab: Störtebeker ging nicht vom Fleck. Wenn ein
-Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte
-nach seinem Vater.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hest Vadder ne sehn, Jannis?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein
-und den guten Rat, nach Hause zu schippern, den er aber
-nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn alle. &bdquo;Kiek, dor
-is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,&ldquo; sagten die
-Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht
-bekamen. Bei Wind und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein,
-bei Regen und Brise dümpelte und trieb Störtebeker
-vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen,
-wo immer wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein
-Vater doch gewiß dabei sein, einmal mußte er ihn doch
-hergucken können! So viele Schiffe!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Is keen Breef van Vadder kommen,&ldquo; fragte er abends,
-denn sie konnten ja auch nach der Weser gesegelt sein,
-wenn es gerade so gepaßt hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?&ldquo;
-fragte Gesa bekümmert.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt
-wedder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte,
-kam hinter Schulau ein grüner Ewer in Sicht, der ganz
-so aussah wie sein Vater. Er dachte, er wäre es, und
-eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken
-Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen
-auf, den er ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer
-entgegen, so schnell er nur schippern konnte. Wenn die
-Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war,
-wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die
-alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam,
-dann wollte er die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht
-im Dollenkasten steckte, und solange rufen und
-winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann
-wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem
-Vater steuern helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen
-und Hein Mück ein bißchen ärgern, wollte mit Seemann
-spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er immer
-getan hatte. Ach &mdash; er wollte noch viel mehr und stand
-in Gedanken schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen
-gekommen war, sah er einen fremden Ewer vor
-sich und kehrte traurig um.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den
-Jungen draußen auf der Elbe gesehen und sind von ihm
-nach seinem Vater gefragt worden. Die Jollen nahmen
-ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den
-Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und
-nicht gegen den Strom oder Wind konnte. Alle ermahnten
-ihn, nicht wieder so weit zu fahren, sondern am Bollwerk
-zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen, nach
-dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.
-</p>
-
-<p>
-Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen
-nicht: mit der nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts
-und suchte seinen Vater. Oft hungerte ihn, er zitterte
-vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen ihn
-bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer
-wieder, immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte
-den Schiffen entgegen. Sein Vater kam wieder: von dieser
-Hoffnung ging er nicht ab &mdash; und er wollte der erste
-sein, der ihn gewahr wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der
-Aalkorb verrottete im Gras, denn er hatte sich der Fischerei
-gänzlich begeben. Kluß, die alte Krähe, lag eines Morgens
-tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie im Garten
-ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen
-verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich
-nicht mehr darum bekümmerte: gleichgültig ließ er es
-geschehen, denn es war ihm einerlei geworden, ob er Viehwerk
-hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder da
-sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich
-schauen! Dann kam auch all das andre wieder an die
-Reihe.
-</p>
-
-<p>
-In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater!
-&mdash; lief er nach seinem nordischen Kahn und nahm den
-Kurs auf Blankenese.
-</p>
-
-<p>
-Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-war, merkte zuerst nichts von diesen weiten Fahrten, sie
-dachte, er wäre am Westerdeich zugange, und achtete nicht
-sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt
-nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch
-keine rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin
-umher, wie in tiefen, schweren Träumen.
-</p>
-
-<p>
-Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam,
-weil es nebelig geworden war und er sich auf der Elbe,
-zwischen Kranz und Wittenbergen, verirrt hatte. Da
-wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den Westerdeich
-ab und lief ängstlich über die Weiden. Als sie ihn
-nirgends finden konnte, jammerte sie den Deich entlang.
-Da hörte sie von den Fischern, wie ihr Junge seine Tage
-verbrachte, daß er ständig mit dem Kahn im Fahrwasser
-zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie erschrak
-sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all
-den Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte.
-Wenn er nun ertrunken war!
-</p>
-
-<p>
-Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will
-ihn dann nicht mehr aus den Augen lassen!
-</p>
-
-<p>
-Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der
-Nacht zu fünfen auf die Suche, obgleich es so dick geworden
-war, daß sie einen Kompaß mitnehmen mußten,
-wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und
-ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und
-riefen über das stille, tote Wasser, aber es war nichts
-zu hören, noch zu sehen. Sie wollten es schon aufgeben,
-da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este und
-brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht
-nach dem Neß. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf
-den Arm nehmen, aber er sprang aus dem Boot, machte
-seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein nach
-Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen
-werden mußte!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-&bdquo;Morgen kummt Vadder gewiß,&ldquo; tröstete er seine
-Mutter, als er sich das klamme Zeug auszog, sie aber
-wußte vor Schmerz und Freude und innerster Aufregung
-nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen
-sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und
-unter Decken und kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte,
-daß ihm gar nichts fehle.
-</p>
-
-<p>
-Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen
-Atem und erschrak, wenn er einmal hustete. Mehr noch
-als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld daran,
-daß sie nicht einschlafen konnte. Sie riß sich schwer ab,
-dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer
-Seele, das ihr als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe
-von Gott erschien: den Jungen vom Wasser abzubringen,
-zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertränke, zu verhindern,
-daß er ein Seefischer würde und zu Schaden
-und frühem Tode käme, wie sein armer Vater, dafür
-zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden und auf dem
-Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der
-wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von
-der Geest in dieses Fischerhaus gekommen, sie erkannte
-es jetzt: um das Geschlecht der Mewes vor dem Untergange
-zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig
-zu machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes
-an jenem schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt: sie
-fühlte es und hörte es, was sie hatten sagen wollen:
-ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, daß der
-Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal
-seines Vaters, laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr
-Mann sagen wollen, das war es gewesen! &bdquo;Jo, Klaus,
-dat will ik,&ldquo; flüsterte sie vor sich hin, &bdquo;du schallst dien
-Rauh hebben!&ldquo; Starr richtete sie sich aus den Kissen auf
-und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es
-schwer halten würde, daß sie streng und hart sein müßte,
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-denn der Junge saß voll von diesem Seegift, wie sie es
-nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen, aber ihr
-zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich
-um ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine
-Schritte achten, um ihn dem Wasser fernzuhalten und
-ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren. Das
-war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt
-abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge,
-der noch so jung war, mußte noch zu biegen und zu lenken
-sein, wenn ein fester Wille dahinter stand. Sie konnte
-keinen wieder nach See segeln sehen, sie konnte es nicht ...
-</p>
-
-<p>
-Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter
-und Kind, ein Kampf um die See. Gleich am andern
-Morgen bekam Störtebeker eine große Strafpredigt, bis
-er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine
-Mutter dann aber weiterging und davon sprach, daß sein
-Vater nicht wiederkommen konnte, daß er auf dem Grunde
-der See lag, da richtete er sich wieder auf und sagte, das
-sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg, sie wüßten alle
-nichts davon! Sein Vater käme wieder: dabei blieb er
-und davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen
-und sein Vater könne nicht ertrinken: er glaubte
-es nicht und wenn sie es auch alle zusammen sagten!
-</p>
-
-<p>
-Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem
-Fahrwasser zu schippern, aber als er nachher auf dem
-Deich stand und über das Wasser blickte und so viele
-Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein Vater
-müßte gewiß kommen und er müßte ihm entgegenfahren.
-Und als seine Mutter hinterm Hause war und die Schweine
-fütterte, da machte er seinen Kahn los und wriggte wieder
-weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den Ewer mitbrächte,
-würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten:
-mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der
-Segel absuchte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes
-sehr zu pulen und kam deshalb erst spät am
-Abend zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?&ldquo;
-fragte Gesa erregt, &bdquo;wullt du ober Burd fallen oder
-scheut de Dampers di inne Grund jogen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und
-biß von seinem Brotknuß ab, ohne etwas zu erwidern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen!
-Dien Mudder hett di woll gornix mihr to seggen?&ldquo; fragte
-sie bebend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,&ldquo;
-erwiderte er geruhig und setzte abweisend hinzu: &bdquo;Nu lot
-mi doch tofreeden, Mudder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie
-alles andre in ihr und sie schlug ihn sehr. Er
-stand still und ließ sich schlagen, weder wehrte er sich,
-noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die Zähne
-aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem
-Stock vom Bollwerk zurück, sodaß er nicht entkommen
-konnte, aber den Morgen darauf flüchtete er wieder vom
-Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie
-wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme,
-der grüne Ewer! Sonst gab es heute abend ja wieder
-etwas mit dem Stock! Aber sein Vater kam nicht, und
-er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den
-ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken
-hatte er, und war sehr hungrig. Triefend von Regen,
-stand er auf der Schwelle und guckte seine Mutter an,
-die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte:
-nu hau mi man wedder!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt
-ihn auch einige Tage fest. Streng achtete sie darauf, daß
-ihn niemand mehr Störtebeker nannte, daß er wieder
-Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach dem
-alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den
-Kindern verboten würde, den Jungen Störtebeker zu
-nennen: aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von
-dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst
-recht Störtebeker.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit
-geschlossenen Augen hockte er auf einem Hummerkasten
-von Grimsby und stieß mit den Füßen gegen ein Brett,
-das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es regelmäßig
-knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht
-sah, fragte sie ihn weich: &bdquo;Wat schall dat denn,
-Klaus?&ldquo; Er schüttelte erst heftig den Kopf, als wenn er
-nicht gestört werden wollte, dann aber besann er sich
-und sagte leise: &bdquo;Mok de Ogen ok mol to, Mudder!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Wat schall dat denn, Junge?&ldquo; &mdash; &bdquo;Moks doch mol to,
-Mudder, och man to!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ik hebbs jo all to, Klaus.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Ganz fast?&ldquo; &mdash; &bdquo;Jo, ganz fast!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denn sünd wi up See, Mudder,&ldquo; sagte er verträumt,
-&bdquo;kannst hürn, wat dat boben unsen Kupp gnarrt? Dat
-deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt, Mudder! ...
-Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt
-wi intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben
-ward, wat denn de Meben anflegen kommt! ... Kannst
-Seemann dor blangen den Kumpaß liggen sehn? Dor
-slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht
-Kap Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de
-Koi un speelt een up &mdash; dat hürt sik up See veel beter
-an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück schillt
-Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-smecken ... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land,
-dat hoge, rode? Dat is Hilchland! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und
-erzählte immerzu. Gesa saß auf dem Kurrbaum, der
-die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu,
-während ihre Augen sich verdunkelten. &bdquo;Woneem is Vadder
-denn?&ldquo; fragte sie zuletzt erschüttert.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vadder?&ldquo; rief er verwundert, &bdquo;Vadder? De steiht
-hier jo bi uns ant Rur, de hett jo de Wacht! Hür mol,
-wat he lachen kann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er
-aber saß noch lange und horchte auf das Rauschen der
-Eschen wie auf Meeresbrausen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im
-Traum sprechen: immer war er dann auf See bei seinem
-Vater.
-</p>
-
-<p>
-Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet
-aller Schelte und Schläge brach er immer wieder
-aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen. Die Elbfischer,
-denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn
-wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen,
-er ging ihnen aber immer wieder durch die Maschen!
-Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm gewesen war, hatte
-sich zum Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor hoffte
-er auf seines Vaters Wiederkehr.
-</p>
-
-<p>
-Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die
-Hunde von allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er,
-nach der See zu schippern und seinen Vater vor der Elbe
-und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn gefunden
-hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und
-gar nicht wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-Tage, als wenn er die Fahrt aufgegeben hätte, so daß
-Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber rüstete er
-sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke
-her und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See
-etwas zu trinken hätte, er packte seinen Aalkorb zurecht,
-damit er sich unterwegs Fische fangen könnte, er zog ein
-altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt
-unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und
-schlafen könnte. Als er soweit fertig war, wartete er auf
-einen günstigen Augenblick, und als seine Mutter die
-Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß
-von der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und
-jagte mit seinem Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese
-ging er an Land und kaufte sich beim Bäcker zwei große
-Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann wriggte er
-unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war
-und er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts,
-bis über die Lühe hinaus. Als es Flut wurde und der
-Abend kam, suchte er an der Nordkante in einem Priel
-Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel
-hinein, denn es war fröstelig. Schlafen konnte er aber
-nicht, und als Hochwasser war, stand er wieder auf und
-schipperte emsig weiter. Bis Krautsand war er schon
-gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es Tag
-geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer,
-der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er
-sprang ins Boot und verfolgte ihn, bis er ihn gefangen
-hatte. Störtebeker bat und biß, aber es half ihm nichts,
-der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und
-brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte,
-nach Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig
-ab, denn der Jäger kam dazwischen und brauchte den
-Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder ein Stück Vieh
-vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder
-man hier wür, de wull jo god!
-</p>
-
-<p>
-Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn
-nach dem andern Ende des Deiches bringen. Und sagte,
-sie hätte ihn einem Fischer verkauft, der ihn mit nach
-See genommen hätte. &bdquo;Wat kannst du bloß den Kohn
-verkäupen?&ldquo; rief er heftig, &bdquo;de hürt mi to un dor hett
-nüms wat ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!&ldquo;
-Als er sie dann aber nach dem Fischer fragte, gab sie
-keine klare Antwort, so daß ihm die Sache muffig vorkam;
-er fragte die Jungen und suchte und spähte solange,
-bis er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand
-zu fragen, machte er es los und brachte es nach dem Neß
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn
-sein Vater mußte ja wiederkommen! Felsenfest stand
-seine Hoffnung.
-</p>
-
-<p>
-War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht,
-denn die Frauen bestärkten Gesa in ihrer Strenge und
-die Elbfischer griffen ihn, wo sie seiner habhaft werden
-konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen
-Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen
-konnte!
-</p>
-
-<p>
-Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern,
-wo es kein Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er
-dort auf der Heide seinen Vater und die See, die Schiffahrt
-und die Fischerei vergessen würde. Der alte Heidjer
-und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal
-bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen,
-gut auf ihn zu passen, als Gesa sich wieder auf den
-Heimweg machte. Störtebeker ließ sich das neue Leben
-und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er
-ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach,
-er lernte Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-suchte sich Brombeeren, er kletterte auf die Berge und
-guckte weit über das Alte Land: dann aber fiel ihm plötzlich
-ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem
-Neß mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang
-er kopflängs von dem Schimmel herab, auf dem er saß,
-und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und alles, fragte
-sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe,
-ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich
-entlang und stand an der Huk still, denn er konnte
-keinen Ewer sehen. Erst wollte er wieder nach der Geest
-zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach seiner
-Mutter Haus.
-</p>
-
-<p>
-Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen
-und noch immer nach der Elbe gucken sah, dann aber
-konnte sie nicht an sich halten und sie schlug ihn, daß
-er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit seinem
-Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den
-Trotz des Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte
-er ihn binden und wieder mitnehmen, aber Gesa sagte,
-das hülfe doch nichts: sie wolle ihn hier behalten: er
-solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den
-Kahn nun wirklich verkaufen.
-</p>
-
-<p>
-Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller
-bringen. Da saß er im Gefängnis, denn das Fenster
-war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch die Eisenstangen
-zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der
-gerade unter dem Fenster entlangging, drohte ihm mit
-dem Flintenkolben und sagte grimmig: &bdquo;Wi weut di woll
-mörr kriegen, du Dickkupp!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig
-auf eine Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er
-wußte sich nicht mehr zu helfen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilp mi doch, Vadder!&ldquo; schluchzte er, &bdquo;hilp mi doch!
-Kumm doch wedder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem
-treuen Jungen beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen
-und ihn wieder mit an Bord, auf den Ewer und nach
-See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn und kein
-Seemann kam, ihm die Hände zu lecken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilp mi doch, Vadder!&ldquo; ......
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-16">
-Letzter Stremel.
-</h2>
-
-<p class="first">
-Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem
-grünen Ewer geblieben ist.
-</p>
-
-<p>
-Wir kurren in der Gegenwart.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der
-die Blätter von den Bäumen gerissen und die kleinen
-Segelschiffe von der See gefegt hat.
-</p>
-
-<p>
-Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit
-Liebe zu tun hat, sondern ihren Namen von der &bdquo;Olive&ldquo;
-bekommen hat, einem haverierten und abgeschlachteten
-Schiff, das zuerst den Anleger bildete) &mdash; liegt die Austernflotte
-und macht sich zum Auslaufen klar. Da liegen die
-neun Kutter, die Dohrmann, der große Austernhändler,
-für den Winterfang angenommen hat.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen,
-die hansischen Farben mit den hamburgischen Türmen,
-die am Finkenwärder Deich die Todesflagge genannt wird.
-Denn der Austernfang auf hoher See ist die allergefährlichste
-Fischerei, weil sie in die stürmischen Monate fällt
-und weil die Austernbänke so weit draußen liegen, inmitten
-der Nordsee, meilenweit hinter Helgoland. Da ist
-keine Reede und kein Hafen zu erreichen, wenn das Wetterglas
-fällt: alle Stürme müssen draußen ausgeklüst werden.
-</p>
-
-<p>
-Nur die neuesten, größten und seetüchtigsten Kutter
-können sich des Austernkurrens unterfangen. Nur die
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-verwegensten und mutigsten Seefischer, die jungen und
-starken, können diese Fischerei betreiben: aber auch sie
-würden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen
-müßten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die
-Zeiten sind schwer geworden, seitdem die Fischdampfer groß
-geworden sind: Winter und Sommer muß der Fischermann
-kurren, wenn er noch bestehen will: die Notwendigkeit,
-die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in
-die Stürme hinein.
-</p>
-
-<p>
-Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge.
-Der Tod steht aufgerichtet an den Wanten und ist
-der heimliche Schiffer.
-</p>
-
-<p>
-Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten
-und ist der stärkste von ihnen. Noch flattern Reste des
-Taufkranzes am Großtopp, bunte Bänder und grüne
-Blätter &mdash; so neu ist er.
-</p>
-
-<p>
-Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig, Landrat
-Teßmar, Farewell, Senator von Melle, Süllberg,
-Fairplay und Providentia, so heißt er Klaus Störtebeker.
-</p>
-
-<p>
-In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck:
-</p>
-
-
-<div class="boxes">
-
-<p class="box center">
-Klaus Störtebeker,<br />
-Finkenwärder.
-</p>
-
-</div>
-<p>
-Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde
-flattern, so weht ihm eine deutsche Flagge von der Besan,
-denn der junge Fischer ist wie sein Vater und zieht
-keine fremde Fahne auf. Dohrmann muß ihn so fahren
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-Der schöne, schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus
-Mewes! Dem jungen Klaus Mewes!
-</p>
-
-<p>
-Ja, Seele, dem jungen Klaus Mewes gehört er, dem
-kleinen Klaus Störtebeker, aus dem sie einen Geestbauer,
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-einen Schuster, einen Zimmermann und was nicht alles
-machen wollten und aus dem doch nur eins werden konnte,
-in dem doch nur eins steckte: ein Seefischer! Allen zum
-Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und
-ist ein Fahrensmann geworden wie sein Vater.
-</p>
-
-<p>
-Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem
-ersten Kutter ist er bei Texel auf ein treibendes Wrack
-gestoßen und hat ihn dabei eingebüßt. Nun liegt er mit
-seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will Austern
-fischen.
-</p>
-
-<p>
-Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch
-manches Schiff unter den Füßen gehabt haben, vor dem
-großen, herrlichen Fischerkutter stehen, betrachten die
-glänzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden
-Bug, und loben den Baumeister, der ihn zusammengeklopft
-hat, und den Schiffer, dem er gehört und der
-mit ihm nach See gehen kann.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Die Kajüte ist groß und hoch, denn der junge Klaus
-Mewes fährt zu vieren und ist hochgewachsen.
-</p>
-
-<p>
-Drei Sprüche zieren sie.
-</p>
-
-<p>
-Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne goldene Spruch
-aus dem Ewer:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Hilpt mi, Sünn un Wind,</p>
- <p class="verse">hilpt mi bit Fischen!</p>
- <p class="verse">Ik heet Klaus Mees</p>
- <p class="verse">un bün van Finkwarder.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll:
-Kap Horn &mdash; und die letzte Koje schmückt
-das trotzige Wort:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Finkwarder blifft Finkwarder</p>
- <p class="verse">un geiht ne van de See!</p>
- </div>
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-Da kommt der junge Klaus Mewes.
-</p>
-
-<p>
-Er kommt vom Kriegshafen herüber, von den Torpedobooten
-her. Er hat seinen Leutnant besucht. Sie waren
-zusammen in Ostafrika und halten noch jetzt viel voneinander.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die
-Wacht an der See nicht bange,&ldquo; hat der Seeoffizier zum
-Abschied gesagt und ernst hinzugefügt: &bdquo;Mehr als auf
-die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der
-See an! England ist Rom und wir sind Karthago &mdash;
-goden Wind, Klaus Mewes!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging.
-Er sieht aus, wie der ausgesehen hat: es ist, als wäre
-der andre Klaus Mewes wiedergekommen.
-</p>
-
-<p>
-Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und
-höher hat auch er den Kopf nicht getragen: wie ein
-Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem Isländer
-und auf seinen Seestiefeln.
-</p>
-
-<p>
-Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener
-Fischermann. Nicht als finsterer Fliegender
-Holländer geht er einher: viel ähnlicher ist er dem blonden
-Konradin, der tapfer lachend über die Alpen zog,
-nur von seinem Schwert begleitet, und sich sein Königreich
-erobern wollte.
-</p>
-
-<p>
-Daß er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgroßvater,
-Großvater und Vater sind geblieben, seine
-Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die schweren
-Winterstürme vor sich &mdash; und dennoch lacht er, wie die
-Sonne, wenn sie scheint.
-</p>
-
-<p>
-An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt,
-auf See aber ein verwegener Draufgänger, der sich vor
-keinem Wind verkriecht und lieber ein Segel in die See
-gehen läßt, als daß er ein Reff einsteckt. Die Furcht,
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-die schon der Junge nicht kannte, hat auch in der Seele
-des Mannes keinen Raum.
-</p>
-
-<p>
-Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht
-die schnellsten und besten Reisen. Das weiß der ganze
-Deich. Und wenn ein Junggast bei ihm als Koch gefahren
-hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht,
-denn die Fahrzeit bei dem jungen Klaus Mewes ist wie
-Kriegszeit und wird doppelt gezählt.
-</p>
-
-<p>
-Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein
-lachender, glücklicher Vater, den er in Gedanken immer
-bei sich stehen hat, wenn er steuert. Bei ihm an Bord
-ist nichts von der Not der Zeit zu spüren, die die stolzen
-Flotten von Finkenwärder und Blankenese bis auf neunzig
-Schiffe zerschlagen und zertrümmert hat: er hat Leute
-genug: wie der Magnet das Eisen, so zieht er das tüchtige
-Jungvolk, den Nachwuchs von Finkenwärder, der noch
-Lust zur Seefischerei hat, mit Gewalt an sich.
-</p>
-
-<p>
-Er brauchte nicht während des Winters zu fischen, denn
-er hat im Sommer Geld genug verdient, daß er geruhig
-auflegen könnte: aber er geht dennoch auf die Austern
-los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb, den Zug
-ins Heunenland mitzumachen: es ist ihm um die Ehre
-zu tun! Er muß überall der erste sein! Er kann und
-will sich nicht sagen lassen, daß er hinter dem Ofen gesessen
-hätte, während andre in den Austern gewesen seien!
-</p>
-
-<p>
-Er weiß, daß sie auf ihn sehen, wie auf ihren Führer,
-und er ist stolz darauf und freut sich dessen.
-</p>
-
-<p>
-Als der Kutter auf der Helling saß, machte der junge
-Klaus Mewes einige Reisen als Fischdampferkapitän, um
-sein großes Steuermannspatent auch einmal auszunutzen:
-er fischte im Angesichte von Island im Schein der Mitternachtssonne
-und an der Küste von Marokko in der Glut
-des Samums, er sah sich Aberdeen und Lissabon an: als
-aber sein Kutter zu Wasser gelassen war, da bedankte er
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-sich selbst lachend bei seinem Reeder und zog es vor, sein
-eigenes Schiff zu steuern und nichts über sich zu haben,
-als seine Segel und seinen Herrgott!
-</p>
-
-<p>
-Er hat sein schönes Schiff erreicht, der junge Klaus
-Mewes. Er springt an Bord und ruft die Leute auf.
-</p>
-
-<p>
-Sie wollen fahren!
-</p>
-
-<p>
-Klappernd steigen die weißen, leuchtenden Segel, die
-noch keine Lohe geschmeckt haben, an den Masten auf,
-die Gaffeln knarren und die Schoten schlagen wie wilde
-Geister, denn es ist noch stur.
-</p>
-
-<p>
-Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt
-den Südwester auf, dann faßt er das Ruder an und läßt
-die Stroppen losmachen. Langsam schwoit der Kutter &mdash;
-die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich allmählich
-in Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine
-Kraft und schießt mächtig davon, um Austern zu kurren.
-Gewaltig taucht es in die schwere Dünung hinein.
-</p>
-
-<p>
-Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut
-sich seines Schiffes und seiner Fahrt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p>
-Seefahrt ist not!
-</p>
-
-<p>
-Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes!
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="end">
-Ende
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-17">
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-Verklarung einiger Schiffsausdrücke
-und plattdeutscher Wörter.
-</h2>
-
-<div class="wordlist">
-<p>
-ans = sonst (entstanden aus anders)
-</p>
-
-<p>
-back brassen = einen Teil der Rahsegel so stellen, daß der Wind
-von vorn hineinfällt, wodurch das Schiff aus der Fahrt
-kommt; in übertragenem Sinne = stoppen
-</p>
-
-<p>
-ballern = poltern, werfen, daß es knallt
-</p>
-
-<p>
-bannig = sehr
-</p>
-
-<p>
-barg = viel
-</p>
-
-<p>
-batz = plötzlich
-</p>
-
-<p>
-Black = Tinte
-</p>
-
-<p>
-blangen = neben
-</p>
-
-<p>
-Blösch = Eisscholle (Mehrzahl Blöschen)
-</p>
-
-<p>
-Blutstropfen = Fuchsie
-</p>
-
-<p>
-Boitel = Wicht, Kerlchen
-</p>
-
-<p>
-Bünn = mittschiffs eingebauter, durch Löcher mit dem Wasser
-verbundener Fischbehälter
-</p>
-
-<p>
-Bunge = Reifenstellnetz in Trommelform
-</p>
-
-<p>
-Buscherump = Oberhemd (entstanden aus Burschenrumpf)
-</p>
-
-<p>
-Büt = Beute, Strandgut
-</p>
-
-<p>
-Buttpedder = Buttentreter, Neckname der Elbfischer
-</p>
-
-<p>
-Daak = Dunst, Nebel
-</p>
-
-<p>
-Dachhaus = Strohdachhaus
-</p>
-
-<p>
-diesig = dunstig, unsichtig
-</p>
-
-<p>
-Dönß = Stube
-</p>
-
-<p>
-Draggen = vierzahniger Anker
-</p>
-
-<p>
-Dreuchewer = Frachtewer, der keinen Bünn hat, also &bdquo;trocken&ldquo; ist
-</p>
-
-<p>
-drok = dreist
-</p>
-
-<p>
-Ducht = Bootsbank
-</p>
-
-<p>
-dümpeln = schwanken, schaukeln
-</p>
-
-<p>
-dwars = quer, gegenüber
-</p>
-
-<p>
-Dweel = leinenes Tischtuch
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-Dweil = gestielter Schiffsfeudel
-</p>
-
-<p>
-elk = jeder, jedes
-</p>
-
-<p>
-Euschfatt = Holzschaufel zum Wasserausgießen
-</p>
-
-<p>
-Ewer = zwei- oder einmastiger Segler auf der Elbe (der Name
-bedeutet Eber; vergl. Bollen = Bulle [Anleger], Buck = Bock
-[stumpfes Schiff])
-</p>
-
-<p>
-Fall = Sand- oder Schlickriff, das sich durch den &bdquo;Fall&ldquo; der vom
-Wasser mitgeführten Bestandteile gebildet hat
-</p>
-
-<p>
-fieren = herunterlassen
-</p>
-
-<p>
-Flage = Schauer, Bö
-</p>
-
-<p>
-Fleek = Fläche
-</p>
-
-<p>
-Flögel = Windfahne auf den Masten (eigentlich Flügel)
-</p>
-
-<p>
-Gaffel = oberer Segelbaum (-Gabel)
-</p>
-
-<p>
-Gatt = Hinterteil des Schiffes
-</p>
-
-<p>
-gau = schnell
-</p>
-
-<p>
-Geutjen = Kinder (eigentlich Gänschen)
-</p>
-
-<p>
-Giekbaum = Schlagbaum, unterer Segelbaum
-</p>
-
-<p>
-gnostern = knirschen
-</p>
-
-<p>
-Grientje = schmieriges Lachen
-</p>
-
-<p>
-gucheln = in sich hinein lachen
-</p>
-
-<p>
-Heck = Hinterwand des Schiffes
-</p>
-
-<p>
-heilen, ausheilen = ein Netz flicken
-</p>
-
-<p>
-Helmholz = oberer Teil des Ruders (Steuers)
-</p>
-
-<p>
-Hemdsmauen = Hemdsärmel
-</p>
-
-<p>
-hieven = aufziehen
-</p>
-
-<p>
-hild = eilig
-</p>
-
-<p>
-Hödjihöh = Ahoi
-</p>
-
-<p>
-Huk = Ecke (holländ. hoek)
-</p>
-
-<p>
-jumpen = springen, aus dem Englischen
-</p>
-
-<p>
-Jalk = Tjalk, kleines breitbugiges Frachtfahrzeug
-</p>
-
-<p>
-Kambüse = Küche, auch Schiffskajüte
-</p>
-
-<p>
-Kapp = Deckverschluß der Kajüte
-</p>
-
-<p>
-Kapuze = Wandbett mit Schiebetür
-</p>
-
-<p>
-Kastetten = Staket
-</p>
-
-<p>
-Kieker = Fernrohr
-</p>
-
-<p>
-Kimmung = Horizont
-</p>
-
-<p>
-klamüstern = grübeln
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-Klitsch = leichte Mütze
-</p>
-
-<p>
-Klür = Farbe, Couleur
-</p>
-
-<p>
-klüsen = scharf segeln, hart ankern, daß das Wasser durch die
-Klüsen (Kettenlöcher) kommt
-</p>
-
-<p>
-Kluten = Erdstück
-</p>
-
-<p>
-Knipptasche = Geldtasche, Portemonnaie
-</p>
-
-<p>
-kodimmen = kondemnieren, ein Schiff abschlachten
-</p>
-
-<p>
-Kolosen = Vorhänge, Rouleaus
-</p>
-
-<p>
-krüssen = ersticken
-</p>
-
-<p>
-Kule = Vertiefung, Senkung, Wasserloch
-</p>
-
-<p>
-Kurre = Schleppnetz
-</p>
-
-<p>
-Kurrgut = Netzgarn
-</p>
-
-<p>
-labsalben = die Masten und Stengen schmeeren
-</p>
-
-<p>
-lavieren = kreuzen, hin und her segeln
-</p>
-
-<p>
-Lee = die dem Winde abgekehrte Schiffsseite
-</p>
-
-<p>
-leege Wall = gefährliche Nähe von Land
-</p>
-
-<p>
-Liek = Tau, das das Segel einfaßt
-</p>
-
-<p>
-Liekedeeler = Gleichteiler, mittelalterliche Seeräuber der Nordsee
-</p>
-
-<p>
-Luv = die dem Winde zugekehrte Schiffsseite
-</p>
-
-<p>
-Macker = Kamerad, Gefährte
-</p>
-
-<p>
-mall = krank, verrückt
-</p>
-
-<p>
-meuten = aufhalten (inne Meut = entgegen)
-</p>
-
-<p>
-mooi = gut, schön, angenehm
-</p>
-
-<p>
-mörr = mürbe
-</p>
-
-<p>
-Muck = schmale Henkeltasse (engl. mug)
-</p>
-
-<p>
-Nachthaus = Kompaßhäuschen
-</p>
-
-<p>
-Neß = Nase, Westspitze von Finkenwärder
-</p>
-
-<p>
-Nock = Ende der Rah
-</p>
-
-<p>
-Nüff = Nase
-</p>
-
-<p>
-offermorgen = übermorgen
-</p>
-
-<p>
-Patt = Pfütze
-</p>
-
-<p>
-Pek = Schlittenhaken
-</p>
-
-<p>
-Plicht = kleine Koje
-</p>
-
-<p>
-Poller = kurzer Deckspfahl
-</p>
-
-<p>
-Posensteel = Gänsekiel, Federhalter
-</p>
-
-<p>
-Priel = schmaler Wasserarm
-</p>
-
-<p>
-Putt = Sumpf
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-Pütze = Schiffseimer, an einem Tau befestigt
-</p>
-
-<p>
-Ramm = Hexenschuß
-</p>
-
-<p>
-raum ist der Wind, der von hinten kommt
-</p>
-
-<p>
-Reepschläger = Seiler
-</p>
-
-<p>
-reffen = die Segel durch Zusammenrollen verkleinern
-</p>
-
-<p>
-Reff = der zusammengerollte Teil des Segels
-</p>
-
-<p>
-Rickels = Zaun
-</p>
-
-<p>
-Riemen = Ruderstange
-</p>
-
-<p>
-rollen heißt die Bewegung des Schiffes um seine Längsachse
-</p>
-
-<p>
-Ruder = Steuer
-</p>
-
-<p>
-sacken = sinken
-</p>
-
-<p>
-Schallen = Schlickvorland
-</p>
-
-<p>
-Scharben = scharfschuppige Schollenart
-</p>
-
-<p>
-schechten = ausschreiten
-</p>
-
-<p>
-Scheger = Holzbrettchen, das beim Netzmachen die Maschen hält
-</p>
-
-<p>
-scheistern = schwanken
-</p>
-
-<p>
-Schleef = Schlingel, eigentlich großer Löffel
-</p>
-
-<p>
-schölen = spülen, waschen
-</p>
-
-<p>
-Schote = unteres Segeltau
-</p>
-
-<p>
-Schütt = Hauszaun
-</p>
-
-<p>
-schwoien = drehen (nur von Schiffen)
-</p>
-
-<p>
-Setzbord = Reling, Bordwand
-</p>
-
-<p>
-Sickberg = Eisberg
-</p>
-
-<p>
-Siel = kleine Schleuse im Deich, aus hohlen Baumstämmen
-gemacht
-</p>
-
-<p>
-slarpen = lässig, schlürfend gehen
-</p>
-
-<p>
-sleupen = schleppen
-</p>
-
-<p>
-Smutje = Schiffskoch
-</p>
-
-<p>
-Spake = dicke Holzstange zum Bewegen des Spills (s. d.)
-</p>
-
-<p>
-Spill = Ankerwinde
-</p>
-
-<p>
-stampfen = die Bewegung des Schiffes um seine Querachse
-</p>
-
-<p>
-Steert = Netzende, eigentlich Schwanz
-</p>
-
-<p>
-Stegel = Weg vom Deich ins Land hinab
-</p>
-
-<p>
-Streek = Strich, Zug
-</p>
-
-<p>
-Stremel = Streifen, Stück
-</p>
-
-<p>
-Stropp = dickes Tau
-</p>
-
-<p>
-Stubben = Baumstumpf
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-stur = aufrecht (vom Mann), hart (vom Wetter)
-</p>
-
-<p>
-Tamp = kleines Tau
-</p>
-
-<p>
-Tamp legen = ein Schiff anbinden
-</p>
-
-<p>
-Törn = Reihe, Tour, Zug, auch Schlinge
-</p>
-
-<p>
-treunen = betteln
-</p>
-
-<p>
-troß = stolz
-</p>
-
-<p>
-Tunner = Zunder
-</p>
-
-<p>
-Vogel Bunt = Vagabund
-</p>
-
-<p>
-Wake = Wasserstelle im Eis
-</p>
-
-<p>
-Warbel = Drehriegel
-</p>
-
-<p>
-Wanten = Taue, die die Masten seitlich halten
-</p>
-
-<p>
-Wart = Enterich
-</p>
-
-<p>
-Wichel = Weide
-</p>
-
-<p>
-Wiem = Hühnerstall
-</p>
-
-<p>
-Winsch = Winde
-</p>
-
-<p>
-Wisch = Wiese
-</p>
-
-<p>
-ziepen = piepen (ein Fahrzeug ziept, wenn es ein wenig leckt).
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads">
-<p class="pub">
-<span class="line1"><em>Verlag von M. Glogau jr. in Hamburg 36</em></span>
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Gorch Fock</span>
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Seefahrt ist not!</em> Roman. 120. Tausend. Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Schiff vor Anker.</em> Erzählungen. 16. Tausend. Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Fahrensleute.</em> Neue Seegeschichten. 36. Tausend. Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Hamborger Janmooten.</em> Een lustig Book. 42. Tausend. Geb.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Nordsee!</em> Erzählungen. Mit einem Bilde des Dichters. 55. Tausend.
-Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Sterne überm Meer.</em> Tagebuchblätter und Gedichte mit Lebensbeschreibung
-und Bild des Dichters. 45. Tausend. Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Hein Godenwind, de Admirol von Moskitonien.</em>
-Eine deftige Hamburger Geschichte. 48. Tausend. Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Schullengrieper und Tungenknieper.</em> Finkenwärder
-Geschichten. 48. Tausend. Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Schiff ahoi!</em> Ausgewählte Erzählungen. 22. Tausend.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Doggerbank.</em> Niederdeutsches Drama.
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Georg Droste</span>
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Dokter Langbeen</em> und anner Geschichten von Tiere un Minschen.
-11. Tausend. Ein Buch voll Herz und Humor, rührend und
-lustig zugleich, dessen Wert unvergänglich ist.
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Wilhelm Poeck</span>
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Poggenkönig un Dübelsprinzessin.</em> Lustige plattdeutsche
-Märchen für Jung und Alt. Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Der Herr Innehmer Barkenbusch und andere lustige
-Geschichten von der Wasserkant.</em> 4. bis 6. Tausend.
-Gebunden.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>In de Ellernbucht.</em> En Geschicht von de Hamborger Waterkant.
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Otto Ernst</span>
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Hamborger Schippergeschichten.</em> Nach Holger Drachmann
-in plattdeutsche Art und Sprache übertragen. 11. Tausend.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Herr Bummerlunder.</em> Volkskomödie in 4 Akten.
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Carl Fr. Wagner</span>
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Hein Boller, de Hamborger Buddje.</em> Mit sechs Bildern
-und Umschlagbild von Adolf Möller. Gebunden.
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Hans Much</span>
-</p>
-
-<p class="hang">
-<em>Int Kinnerland. Kinnerleeder un Schattenbiller.</em>
-Ein kleines Prachtwerk.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads">
-<p class="pub">
-<span class="line1"><em>Im Verlage von M. Glogau jr. in Hamburg 36</em></span><br />
-<span class="line2"><em>erschienen folgende</em></span><br />
-<span class="line3">Bücher von</span>
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Fritz Lau</span>
-</p>
-
-<p class="hang">
-<span class="bigger">Kopp hoch!</span> Plattdeutsche Erzählungen. 1. bis 5. Tausend (Neuheit).
-</p>
-
-<p class="hang">
-<span class="bigger">Katenlüd.</span> Plattdeutsche Erzählungen. 6. u. 7. Tausend.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<span class="bigger">Brandung.</span> Geschichten von de Waterkant. 4. bis 6. Tausend.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<span class="bigger">Ebb un Flot &mdash; Glück un Not.</span> Plattdeutsche Erzählungen.
-4. bis 6. Tausend.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<span class="bigger">Helden to Hus.</span> Plattdeutsche Erzählungen. 15. bis 17. Tausend.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<span class="bigger">In Luv un Lee.</span> Plattdeutsche Erzählungen. 6. bis 8. Tausend.
-</p>
-
-<p class="hang">
-<span class="bigger">Elsbe.</span> Ein Stück Minschenleben. Mit einem Bildnis des Dichters.
-6. bis 8. Tausend.
-</p>
-
-<p class="center">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
- <div class="reviews">
-<p class="center">
-Auszüge aus Besprechungen:
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Fritz Lau&rsquo;s Menschen wissen von Mühe und Arbeit, von Sorgen und Not, aber
-sie wissen auch wieder von Gott und sie haben immer noch ein herzliches Lachen
-in der Brust. Und wenn er dann von Kindern spricht, oder von Tieren erzählt,
-dann kann es über uns kommen, daß wir anhalten müssen, weil wir heilig Land
-vor uns sehen: so fein, so innig wird Fritz Lau dann. Um seiner Kinder und
-Tiere willen stelle ich ihn am höchsten. Er ist ein Meister der Stille, und die
-Stillen im Lande werden zu ihm kommen. Er macht uns die Augen auf und läßt
-uns weit sehen: in die Kindheit, in unseren Alltag, in den Heben. Wahr und
-tief und lebendig ist alles, was er geschrieben hat: auch alle für uns toten Dinge
-leben zwischen seinen Fingern. Fritz Lau&rsquo;s Bücher sind Bücher für die Wasserkante.
-Bücher für die Fahrt und das Leben. Sie sind für uns geschrieben und
-sollten von uns gelesen werden.
-</p>
-
-<p class="src">
-<em>Gorch Fock</em> (Der Fischerbote &mdash; Hamburg).
-</p>
-
-<p>
-Fritz Lau sieht die Welt mit Dichteraugen an und wird vieles gewahr, was andere,
-gewöhnliche Leute nicht bemerken. Und was er sieht, das weiß er lebendig zu
-schildern und zwar immer in den treffendsten, bezeichnendsten Ausdrücken. Es ist
-daher wie bei einem Maler ganz gleichgültig, was er darstellt. Unser Interesse
-wird immer gefesselt. Was er in seinen Bildern gibt, ist echte Poesie, und zwar
-echte plattdeutsche Poesie. Es gibt Bücher, und die bilden die Mehrzahl, die man,
-wenn man sie einmal gelesen hat, nicht wieder in die Hand nehmen mag. Zu
-diesen gehört das Buch von Fritz Lau nicht. Man kann es immer wieder lesen
-und hat immer neuen Genuß davon.
-</p>
-
-<p class="src">
-Prof. Dr. <em>Wisser</em>-Oldenburg (Anz. für das Fürstentum Lübeck).
-</p>
-
-<p>
-Der Dichter weiß den Leser in seinen Bann zu ziehen, läßt ihn mit ihm sehen
-die gewaltigen Bilder der tosenden See wie die lachenden Fluren, das einfache
-Dorfleben abseits der Welt, wie die Tiefen in den Seelen der Meeresanwohner,
-die lichten und die düsteren Farben, &mdash; immer verklärt von warmen, vollen
-Herzensregungen und von reiner Güte. Hinter seinen Gestalten steht der Dichter
-mit seherischen Augen, mit feinem Empfinden und vollendetem Können in der
-Formengebung: wahrhaft echte Poesie und Prosa. Die Erzählungen &bdquo;Klas un
-Lena&ldquo;, &bdquo;De Regenbagen&ldquo; und &bdquo;Dat Polakengör&ldquo;, sowie die ergreifende Schilderung
-&bdquo;Up Scharhörn&ldquo; gehören zu dem Besten, was ich je in mundartlicher Dichtung
-und überhaupt gelesen habe.
-</p>
-
-<p class="src">
-<em>Deutsche Tageszeitung.</em>
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span>
-Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer
-<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... der in <span class="underline">der</span> sechziger Jahren während der Äquinoktien ...<br />
-... der in <a href="#corr-0"><span class="underline">den</span></a> sechziger Jahren während der Äquinoktien ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Strömer und Liekedeeler war, ein <span class="underline">Britte</span> und Tunichtgut, ...<br />
-... Strömer und Liekedeeler war, ein <a href="#corr-1"><span class="underline">Brite</span></a> und Tunichtgut, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... hatte keine Ruhe mehr: das Eis <span class="underline">treib</span> nicht weg und ...<br />
-... hatte keine Ruhe mehr: das Eis <a href="#corr-2"><span class="underline">trieb</span></a> nicht weg und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... hohe <span class="underline">Tiede</span> Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...<br />
-... hohe <a href="#corr-3"><span class="underline">Tide</span></a> Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Störtebecker</span> mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...<br />
-... <a href="#corr-4"><span class="underline">Störtebeker</span></a> mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Störtebeker barg <span class="underline">dat</span> Hütfaß und stellte die Bungen ...<br />
-... Störtebeker barg <a href="#corr-5"><span class="underline">das</span></a> Hütfaß und stellte die Bungen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Linie und dem <span class="underline">Sargossa</span>meer bei Westindien, in dem ...<br />
-... Linie und dem <a href="#corr-6"><span class="underline">Sargasso</span></a>meer bei Westindien, in dem ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sein, <span class="underline">daß</span> diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...<br />
-... sein, <a href="#corr-8"><span class="underline">das</span></a> diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">schalt</span> die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...<br />
-... <a href="#corr-9"><span class="underline">schallte</span></a> die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
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-End of the Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! ***
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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