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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 09:30:42 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Seefahrt ist not! - -Author: Gorch Fock - -Release Date: February 26, 2016 [EBook #51303] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Seefahrt ist not! - - - Roman - von - Gorch Fock - - 121.-130. Tausend - - Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921 - - Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. - - - - - - - - Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten, - bleibt in euern Hütten, euern Zelten, - und ich reite froh in alle Ferne -- - über meiner Mütze nur die Sterne. - - Goethe. - - - - - Erster Stremel. - - -»Insonderheit aber bitten wir dich für die, die auf dem Wasser ihre -Nahrung suchen. Segne, segne die Fischerei auf der See und im Fluß, -behüte Mann und Schiff in allen Gefahren!« - -Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor. Da hatte er -laut und warm für seinen alten Kaiser gebetet, laut und warm, wie es ihm -von Herzen kam, nicht leise und kalt, wie sein Vorgänger, ein zäher -Welfe, der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: »Laß deine -Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm, unsern Kaiser und Herrn, -und über das ganze kaiserliche Haus.« - -Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch, mit dem die Kanzel -vom Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war. Es schien, -als wenn die Stimme ihm versagte und er aufhören müßte. Und er hielt -überwältigt inne und ließ die große Stille kommen. - -Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. Regungslos saß die -Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen. - -Und die _See_ nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee -- mit ihren -jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm, -mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und -Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter, -- mit geborstenen Segeln, -gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracken und -hilferufenden Fahrensleuten. - -Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen hätte. - -Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem Altar, die als große -Schleefen zu den gegenübersitzenden Konfirmandinnen hinübergelacht und -ihnen zugenickt hatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände -zusammen und sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille die -Väter und Brüder in den Sinn kamen, die draußen waren, und weil sie -daran dachten, daß sie nach Ostern selbst in die Fischerei hineinkamen. - -Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Alle falteten rasch die -Hände, und manches Kinderherz bebte -- vergessen war, daß sie abends am -Deich einzuhüten hatten und daß die Jungen dort vor den Fenstern -trommelten und pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder -Sechsundsechzig mitspielen durften. - -Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seite des Eilandes, um -die die Junggäste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten -stiegen, weil keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause -bringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf, nicht -allein, weil sie wußte, daß es ihr gut stand, sondern auch um die -Seefischerei, um alle Freundschaft, Bekanntschaft und Verwandtschaft, -die unter Segeln war. - -Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, den sie den -Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war, Hein Loop, einer der -Verwegenen, der Verwogenen, wie sie an der Wasserkante sagen, einer von -denen, die nicht reffen und nicht beidrehen mögen, die mit allen Lappen -segeln und mit jedem Winde fischen, denen es ergeht wie dem jungen Lord -von Edenhall: - - sie schlürfen gern in vollem Zug, - sie läuten gern mit lautem Schall, - -die mit dem Glück von Edenhall anstoßen und es wohl auch einmal -versuchen. Die See schmecke ihm erst dann, wenn sie gar sei, und gar sei -sie nach seiner Meinung erst, wenn sie _koche_, hat Hein Loop einmal -gesagt, und jeder, der ihn kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete er, -denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter nach See, up de Schullen -dol, und konnte mooi Wind und mooi Fang gebrauchen. - -Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine Macker, die nicht weit -hinter ihm saßen, ließen das Kirchenwort in die unerschrockenen -Seemannsherzen hinein, wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges -Sprüchlein achteran hingen, das bei Jan hieß: Herr Pastur, de -verdreihten Dänen ne vergeten! Bei Simon lautete es: Amen, Herr Pastur: -ober dat Is mütt irst innen Dutt, ans kann ik ne rut! Und bei Hinnik -besagte es: De Büt, Herr Pastur, de Büt, de Büt, de hürt dor ok mit to! - -Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort saßen die -Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln -Kopftüchern wie morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte -Jahrgang hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein -Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst -saß die greise Geeschen Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer -Landkarte ähnlicher sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur noch -für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben: ihren Vater, -der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen war, -ihren Mann, der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien -untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf Jahre später bei -Amrum geholt hatte, ihre beiden Söhne, die vor neun Jahren mit ihrem -neuen Ewer verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem großen, -leeren Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen -zurückgelassen hatten, und wunderte sich, daß sie immer noch lebte und -daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon lange eine andere saß. - -Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht -zugemacht: Thees to Baben, der Segelmacher und Spökenkieker, der Blut -stillen, Krankheiten besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen -bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besaß. Er -beobachtete den Pastor scharf, und als Bodemann die Augen schloß, machte -Thees seine weit auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn -kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich stieg und über die -Äcker, Gräben und Wischen wallte, ohne eines Weges oder Steges zu -bedürfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte -und die Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren -Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die -gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die -Knechte. Mit weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie -an. Wie sie über Bord gespült waren, standen und gingen sie, das Wasser -leckte ihnen von den Südwestern, glänzte auf den Ölröcken und quoll aus -den Seestiefeln. Der Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter -sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt geworden war. -Dabei blieb er ruhig, denn er war an Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der -Toten ihn ansah, schüttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an -den Segeln hat es nicht gelegen, daß ihr geblieben seid: die Segel waren -gut! Wobei er allerdings voraussetzte, daß er sie auch wirklich gemacht -hatte. - -Endlich -- ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes -Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei draußen in -den Erlen und Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die -Sonnenstrahlen fingen wieder an zu spielen und Alt-Bodemann bekam seine -Sprache zurück. Und als er dann bei seinem Herrgott um den Hausstand -anhielt und alle, die dazugehörten, um gottesfürchtige Eheleute, Eltern -und Herren, gehorsame Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war -die große Stille vorüber: die Konfirmanden machten wieder ihre -verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten und stießen einander im -geheimen an, Gesine Külper dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees -Segelmacher stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu, -als wenn er noch Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die -Prüntjer geruhig wieder hinter die Kusen. - -Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe der Orgel auf dem -Chor saß, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn -jäh befallen hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen. -Denn er hatte sich so zu Anker gehen lassen, daß er nicht allein recht -in der Sonne saß, sondern auch aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den -Wischen und Gräben sah er den hohen Deich aufragen und über den Stroh- -und Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der -Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und die -Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen -Elbufer, auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und -Freude füllten! - -Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete, so konnte -nur sein Junge schuld daran sein, der unter seinen Augen unermüdlich -neben der Kirche im Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint, -daß er ihn nicht mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich seine -Absicht gewesen war, als der Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und -gesagt hatte, sie wollten das Gesangbuch tragen und ihn bis an die -Kirchentür bringen. Denn hätte der Vogel Bunt so lange ruhig gesessen -und geschwiegen? Sicherlich nicht -- er wäre bald aufgestanden und -umhergelaufen und hätte geguckt und gezeigt und gefragt und getan: beim -stillen Eingangsgebet in der Fensternische hätte er gefragt, wie jener -Bauerjunge vom Osterende getan hatte, als er seinen Vater in den Hut -gucken sah: Du Vadder, lot mi ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel -hätte er in den Händen gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, Vadder: dor -is ober plenni Monne in! Und Geeschen Witten hätte er laut gefragt: -Diern, Geeschen, wat schreest du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten -geben? Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wäre, hätte er geantwortet: -ick bün vörn Pastur ne bang, Vadder! -- oder eingewendet: de lebe Gott -is ne bi Hus, Vadder, de kann mi nix seggen! - -Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen, was er alles -angerichtet hätte, und es war besser, daß er draußen seine Wache -abreißen mußte. - -Der Seefischer lachte in sich hinein. - -Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen Rolf sich zu ihnen -gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: wenn der Junge mit hinein wolle, -müßten ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine -Steine bei sich behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe. Solle er -aber draußen bleiben, dann wäre nur zu wünschen, daß der Pastor es kurz -und knapp mache, damit der Junge nicht die Geduld verliere und alles in -Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt die Kirche von oben bis unten -angeguckt und dann ernsthaft erwidert hatte, die brenne ja gar nicht, -weil sie ganz aus Stein gemacht sei. -- Da war dem Seefischer ein -köstlicher Einfall gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand genommen -und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen Apfelbaum und einen -Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, der eine sei der Großmast und der -andere der Besansmast und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter -Hand sei Steuerbord und linker Hand sei Backbord. Dat brukst mi ne to -vertillen, hatte der Junge geeifert, dat weet ik jo all lang! Na, dann -solle er aufpassen, war des Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle -einmal ausfindig machen, ob der Junge schon etwas könne, ob er schon zu -etwas zu brauchen sei: darum solle er auf dem Ewer zwischen den Bäumen -eine Wache nehmen, wie auf See in der Schollenzeit, zwei Stunden -hindurch. Der Kompaß läge Nordwest an: er solle darauf achten, daß er -nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, daß die Segel immer voll Wind -seien und nicht klapperten, und guten Ausguck halten, damit er keine -Haverei mit andern Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Großer -genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen, er hatte -sogleich das Deck mit großen Schritten ausgemessen, hatte Großmast und -Besan mit den wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken -geworfen und die Äste auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprüft. - -»Van Burd dött ik ober doch ne gohn, ne, Vadder?« hatte er noch gefragt. - -»Och du Dösbattel,« war des Seefischers Erwiderung gewesen, »kannst du -ok van Burd gohn? Büst doch up See, is doch all Woter üm di rüm.« - -»Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?« - -»Seemann?« Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den -Birnbaum gesetzt. »Sitten blieben, Seemann! Dat is dat witte Nachthus, -Störtebeker, un sien Nüff, dat is de Kumpaß.« Nun wisse er wohl alles: -er brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten, -sondern könne geruhig auf Deck hin und her gehen, wie die Fischerleute -es täten, hatte der Seefischer geschlossen und war in die Kirche -getreten, während der Junge unter dem Geläut der Glocken und dem Gebraus -der Orgel an seine erste Schiffswache gegangen war. - -Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und der Junge ging immer -noch ernst und wachsam zwischen Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als -ob er wirklich an Bord sei, denn er wollte beweisen, daß er schon groß -genug wäre und allein die Wache gehen könne. Er wollte zeigen, daß er -schon mit der See klar kommen könne, damit sein Vater ihn im Sommer mit -auf den Ewer nahm, wie er ihm versprochen hatte. Wie nach Segeln blickte -er nach den Zweigen hinauf. Einen Buchfink, der im Wipfel des -Apfelbaumes saß, ließ er sich als Flögel gefallen. Er hatte die Hände -nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff gefühlvoll -vor sich hin, spuckte auch einmal großartig in die See hinein, als wenn -er bange sei, daß er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme. - -Es schien stürmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte ihm das weiße -Nachthaus über Bord, sei es, weil eine Ratte über den Graben schwamm -oder weil sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte. -Junge, was war das für ein Stück Arbeit! Was sollte der Wachhabende tun? -Nachlaufen konnte er nicht, denn ringsherum war Wasser, das keine Balken -hatte: er verlegte sich deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das -nicht half, dachte er schließlich: och wat, nu jump ik eenfach ober -Burd: ik kann jo swümmen -- und lief nach der Wurt oder nach dem Graben, -ergriff sein Nachthaus und schleppte es zurück, wobei er pustete, als -wenn er wirklich im Wasser sei, stellte es wieder an den Birnbaum und -sagte: »Du müß sitten blieben, Seemann, ans hebb ik keen Kumpaß!« Dann -guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich -nicht ganz sicher, ob er über Bord springen durfte. - -Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn, während ihm das Blut, -das die Sonnenstrahlen geweckt hatten, heftig und stark in den Schläfen -klopfte. Das war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den -blauen, nordischen Augen und dem wettergebräunten Gesicht, der eine -graue, wollene Matrosenmütze aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes -Tuch trug, einen weißblauen Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte -und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat, der auf -Freiwache ist und sich landfein gemacht hat. Das war sein Junge! Wer den -so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland -einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab -- und durch die Brust -seines Vaters brauste ein solches Lied, das die Orgel übertönte. - -Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, einen Fahrensmann -aus ihm zu machen, einen Seefischer, einen so furchtlosen und -verwegenen, wie Finkenwärder noch keinen gehabt hatte. Noch diesen -Sommer wollte er ihn mit nach See nehmen, ob auch die Mutter weinte und -die Leute den Kopf schüttelten. Lachend wollte er ihnen trotzen, denn er -war es nicht gewohnt, auf andere zu hören, weder an Land noch auf See. -Wie seinen Ewer, so steuerte er auch sein Leben selbst. - -Ja, Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden! - -Der Junge hieß Klaus Mewes, wie er selbst, aber das ganze Eiland, mit -Ausnahme von Gesa, nannte ihn Klaus Störtebeker, einmal, weil er -wirklich ein großer Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und -Tunichtgut, dann, weil sein grüner Kahn diesen Seeräubernamen an Steven -und Gatt trug, schließlich auch wegen des Großvaters, dem er noch -ähnlicher sehen sollte als seinem Vater, wie die alten Leute -behaupteten, -- der auch Klaus Mewes geheißen hatte, wegen seines -Freibeutertums aber allgemein Störtebeker genannt worden war. Was den -kleinen Klaus Mewes anbetraf, so war der mit seinem Seeräubernamen so -einverstanden, daß er auf seinen wirklichen nicht mehr hörte: rief einer -Klaus, so sagte er: Klaus gifft en ganzen barg! -- nannte ihn einer -Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is mien Vadder, du anner! -- erst bei -Störtebeker ließ er sich ermuntern und antwortete. - -Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache ging, wie genau er das -Deck abmaß! Da war kein Schritt zu viel und keiner zu wenig! Wenn er -sich beim Birnbaum umdrehte, vergaß er niemals, nach dem Kompaß zu sehen -und die Segel zu überholen; wenn er beim Apfelbaum angekommen war, -spähte er luvwärts und leewärts über die See. Mit großem Behagen und -einiger Verwunderung bemerkte der Seefischer diese Einzelheiten, die ihm -sagten, daß der Junge ihm und den anderen Fahrensleuten schon viel mehr -abgeguckt hatte, als er glauben wollte. Nichts störte den kleinen -Fischer, der wußte, daß er auf See war und kein Land in Sicht hatte, und -sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte, noch den -vorüberrollenden Wagen nachlief. - -Daß der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hörte, war -nicht zu verlangen: er wurde kaum gewahr, daß der goldene Stern oben an -der Orgel klingend lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und hätte sogar -den Klingelbeutel übersehen, wenn der ihm nicht pall unter die Nase -gehalten worden wäre. Nur der Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem -Jungen ab, denn es brauste gewaltig durch die Kirche: Krist Kyrie, komm -zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es ihn, denn das war kein -Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie ein todesbanger Schrei hörte es sich -an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es war, als wenn -die Stürme sich wieder erhöben und die See und die Herzen aufwühlten, -die Segel und die Seelen zerrissen, als wenn Geisterlaute, die Stimmen -der Ertrunkenen, der Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar -drückte der Küster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn -dachte, so übermächtig sangen die Fahrensleute. - -Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte, es komme Wind auf, -weil es mit einem Male so brauste. Aber er durfte und wollte sich nicht -bange machen lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den -Bäumen, deren Stämme der Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen -waren. Unverdrossen hielt er aus, bis der Mond aufging, der stille, -milde Freund der Menschen: Peter Wittorfs rundes, glänzendes -Vollmondsgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm. Die Glocke mit -der Aufschrift: Ut dat Füer bün ik floten / Peter Struve hett mi goten --- begann, sich leise knarrend zu wiegen, schwang sich höher und höher, -bis der Klöppel dröhnend gegen den Mantel schlug und das helle Geläut -sich erhob. Die Türen wurden aufgestoßen, die Jungen stürmten heraus, -als sei drinnen eine Feuersbrunst ausgebrochen, die Mädchen drängten -nach, dann kamen die Fahrensleute und die Frauen: da ging das Nachthaus -bellend in die Binsen und war nicht wieder in Sicht zu bekommen, so laut -Störtebeker auch rief und pfiff. Aber wenn er nun auch ohne Kompaß war, -so hielt er dennoch getreulich aus und verließ seinen Posten nicht, bis -sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlöste. - -Ob er auch Haverei gehabt hätte? Nein, nur das Nachthaus wäre siebenmal -über Bord gekommen! Ob der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein -feiner Streek, hundert Stiege, große Südschollen! - -»Deubel ok, du kannst dat ober!« lobte Klaus Mewes. - -»Jä, Vadder, dat harrst di woll ne dacht, wat? Nimm mi man mit no See, -denn schallst mol sehn, wat wi de Fisch belurt!« sagte der Junge mit -blitzenden Augen und fuchsklugen Nasenlöchern. - -Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte, sie -wollten erst mal sehen, ob die Klütjen noch schmeckten. »Kumm, Seemann!« -Und er schechtete groß und heiter auf dem Kirchenweg entlang und -überholte eine dunkle Reihe nach der andern. Immer größer wurden seine -Schritte, so daß Störtebeker in Sprüngen laufen mußte, um mitzukommen, -und Seemann, der weite Wege gar nicht gewohnt war, weil er sonst nur von -Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte, seine rote Zunge als -Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht bewegen konnte, sich -aus der Fahrt laufen zu lassen. - -Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die mißbilligenden -Blicke der Alten zu kehren. Was ging es ihn an, daß auf dem Kirchenwege -nicht gelacht werden sollte? Er tat, was er wollte, und aß, was ihm -schmeckte, der große Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem Winde bot, -weil er keinen mürben Kram fuhr, der wußte, daß er den besten Ewer unter -den Füßen hatte, mit dem sich etwas beschicken ließ, und der Herr und -König seines Lebens war. Nicht umsonst hatte er Tag und Nacht, bei jedem -Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der Besan wehen: das war der -Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner Liebe zu seinem -Fahrzeug, seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind das bunte -Tuch zerfetzt, dann zog er unbekümmert eine neue Flagge auf und ließ -weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein. Sonnigen Herzens -pflügte der glückliche Fischer die See, lachend strich er den reichen -Segen ein, den sie für ihn hatte, und wenn der Fische noch so viele -waren. Fremd war ihm das alte heidnische Gefühl, das den Bauer bewog, -sein Feld nicht ganz zu mähen, sondern eine Ecke Hafers stehen zu -lassen, für die Götter, für Wotans Schimmel. - -Sie sagten, man solle und dürfe niemand aufs Wasser weisen. Wer den Weg -nach dem Schiff nicht von selbst finde, aus dem könne doch kein Seemann -werden: am besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen -seiner Eltern und aller Willen zur See gegangen sei. Was scherte das -Klaus Mewes, den Lachenden? Er sprach mit seinem Jungen nichts als -Fischerei und Seefahrt und erfüllte ihn mit nichts anderem, als daß er -Fahrensmann werden müsse und solle. Was für Last haben die Frauen am -Deich, daß sie die Kinder vom Graben und von der Elbe fernhalten, daß -sie sie aus den Böten und Kähnen herausbringen! Goh man ne bit Woter! -ist ihr zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er lacht und -sagt: »Goh man betjen bit Woter, Störtebeker! Schipper man mol, klüs man -mol not Fohrwoter raf, seil man betjen, swümm man mol, dor liggt de -Boot, dor is de Kohn!« - -Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem Eisen ins Herz und -drückte es tief und unverwischbar, unauslöschlich ein: Ne bang warrn! -Nicht bange werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange -werden, zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel ist, -ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem Wasser noch an Land, -weder in den Masten noch auf den Bäumen, weder vor Menschen noch vor -Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht -bange werden! - -Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. Bang dött ik ne -warrn, ans komm ik ne no See, sagte er sich immer wieder, wenn ihm etwas -Furcht einjagen wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater es -wollte. - -Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht, und Klaus Mewes blickte -aufatmend über die Elbe. Und wenn er auch die Fischerewer noch im -Wintereise sitzen sah, das nicht von den Schallen schmelzen wollte, so -fischte und segelte er doch im Morgenlicht mit allen Segeln bei -Helgoland. Und wenn Störtebeker sich auch noch mit dem Gesangbuch -abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm die -Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See. - -Da grüßte sein Ewer über das Eis, er sah seine Flagge flattern -- und -seine Seele faßte noch mehr Wind, als sie schon bereichte, denn sie -setzte die letzten und höchsten Segel. - - - - - Zweiter Stremel. - - -Klaus Störtebeker stand auf dem Deich, hatte die Hände hohl um den Mund -gelegt und rief die Leute. »Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat -eten!« - -Endlich entstiegen sie der Kambüse, winkten mit der Hand, zum Zeichen, -daß sie verstanden hätten, und kamen über das Eis. - -Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte. Auf der -Bank mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl saß zu oberst -der Schiffer, rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der -Junge, Störtebeker aber neben ihm auf dem bunten Bankkissen. - -Gesa trug die vollen dampfenden Schüsseln auf. Es gab frische Suppe mit -bunten Korintenklütjen. Safran, Suppenkraut und Muskatnuß fehlten nicht -daran, und ein Stück Fleisch, wie ein halber Ochse groß, kam dazu auf -den Tisch. - -Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den großen, blanken -Schöpflöffel und füllte sein Fatt, seinen Teller. Als er genug hatte, -gab er den Löffel dem Knecht. Störtebeker bekam ihn zu allerletzt, -obgleich er vielleicht am hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung, -die am Deich galt, durfte nicht gerüttelt werden, obschon Klaus Mewes -sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort kehrte: Fleesch förn -Schipper, Klütjen förn Knecht, Kantüffeln förn Jungen. Er gab ein Essen, -wie es selbst die großen Bauern nicht besser geben konnten. - -Bi Disch ward ne snackt: das war nichts für Klaus Mewes, da hätte ihm -wohl einer ein Pechpflaster auf den Mund backen müssen, wenn er das -gesollt hätte. Er sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken, -und ließ sich auch durch die verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus -dem Kurs bringen. - -Störtebeker aß fünf Klöße, Gotts den Donner, wat kunnt angohn! »Vörre -Hand weg, Vadder,« versicherte er, »ohn uttoseuken; wenn ik no de lütjen -langt harr, harr ik wenigstens söben upkregen.« - -»Oder söbenuntwintig,« gab der Knecht trocken drein, aber Störtebeker -verstand den Spott nicht. - -»Ik wull, wi eten irst lebennige Schullen, Vadder, de smeckt noch en -barg beter!« - -»Dat wull ik ok,« rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus. - -Er hätte ja die Schollen annehmen können, die Jan-Ohm von der Aue -geschickt hätte, meinte Gesa, aber er wehrte ab und sagte, das wäre ja -noch schöner, wenn der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus -bringen ließe! Gott solle ihn bewahren: die müsse er selbst aus der See -geholt haben oder sie schmeckten ihm nicht. Er sah seinen Jungen an: - -»Ne, Störtebeker?« - -»Jo, Vadder!« - - * * * * * - -Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten, Klaus der -Schiffer, Kap Horn der Knecht und Klaus Störtebeker. Hein Mück der Junge -hatte Urlaub genommen: die drei aber klapperten mit den Schegern und -fuhren mit den Nadeln in der Luft herum, obgleich Gesa mit der -Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag keineswegs einverstanden war und -eine Lippe zog. Aber die Netzmacher ließen sich nicht stören. - -Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus Mewes sein Knecht. Er -hieß eigentlich anders, aber auf Finkenwärder nannten sie ihn allgemein -Kap Horn. Viele sagten auch Korl Horn, namentlich die Gören. - -Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre auf großen Schiffen -gefahren hatte, auf hamburgischen und englischen, der im Süd-Atlantik -Albatrosse geangelt und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und -dreißigmal unter der Linie durchgekommen war. Warum er dann noch von der -großen Fahrt abgemustert hatte und vom Viermastvollschiff auf den -Fischerewer geklettert war, weiß ich nicht: er fuhr aber schon zwölf -Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu einem Finkenwärder geworden, -nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer Ton und er gab noch oft -ein englisches Wort drein. Und dann hielt er sich als alt- und -weitbefahrener Matrose für etwas Besseres als die anderen -Fischerknechte, die doch höchstens einmal holländisch oder dänisch -sprechen gehört hatten. - -Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann pflegte er einfach zu -fragen: »Kap Horn?« Und wußte der andere dann nicht einmal, was gemeint -war, so spuckte er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um -und sagte, mit Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er aber ein Ja als -Antwort, so fragte er schnell: »Veel mol?« »Dree oder so.« Dann lachte -er und sagte: »An mi kannst nich klingeln, old boy: ik bün soßtein Mol -um Kap Horn seilt un nu lot dien Prohlen man en bitten no.« Bei einer -solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn getauft worden. - -Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer -weißen Manillakurre, Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert, mit -dem er nur langsam weiter kommen konnte, und Störtebeker hatte etwas in -der Mache, von dem er steif und fest behauptete, daß es eine Bunge -werden sollte, ein Reifenkorbnetz für Hechte und Schleie, während Kap -Horn auf ein Zwiebelnetz riet und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine -für den Krähenkäfig hielt. Sie hatten es gleich wichtig. Wie -Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf den Schegern -reihte sich Masche an Masche. Dabei aber wurde ausgiebig geklönt, denn -niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zählen, also -besonders aufmerksam zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes -Matrosendöntje von St. Pauli auf und begann zu singen: - - »In England geiht dat lustig her, - dor bot se Scheepen grot un swor, - een bannig Deert von Ungetüm - dat sall jo de Gretj Astern sien! - Lang is dat Deert twee dütsche Mil, - hoch annerthalf von Deck to Kiel! - Soß Masten, hoch bet an den Moon, - acht Dog brukt een, um roptogohn ...« - -Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem Graben gewesen war und -die Enten gefüttert hatte, trat in die Dönß und untersagte ihm den -Hymnus mit den Worten: »Sünndogs ward ne sungen, Korl!« - -Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem gräßlichen -Seeräubernamen nichts wissen wollte, gab auch Kap Horn nicht seinen -Spitznamen, sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was für -einen Gefallen damit zu tun. Janmaat verdeffendierte sich aber: - -»Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.« - -»Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr man getrost tohop un -mok man Fierobend un les man mol inne Bibel,« priesterte sie, und als -Klaus Mewes herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: »Ji dree sündt jo -woll ne, sünd woll rein mall worden, stillt jo uppen Sünndag vört -Finster hin un knütt! Weet ji ok, keen sünndogs arbeit?« - -»Uns Herr Pastur!« sagte Klaus. - -»Ne, de Bedelmann! För uns Lüd is de Week dor!« - -Klaus erwiderte gelassen, es müsse aber sein, denn es sei Tauwetter und -das Eis könne jede Tide abtreiben, so daß sie fahren müßten, er wolle -und wolle die beiden Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der -Fischerei unterbliebe das Knütten doch wieder. - -Und er müsse seine Bunge auch klar haben, verteidigte Störtebeker sich, -denn sein Vater solle sie ihm noch einstellen. Was sie wohl meine, die -ganzen Gräben säßen voller Hechte. - -Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder nach dem Boden oder -nach dem Ewer gehen, fing Gesa wieder an, die sich über sie ärgerte. Sie -sollten sich doch nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich -sprächen sie sicherlich wieder davon und hielten sich darüber auf. - -»Lot jüm, Mudder,« erwiderte Klaus sorglos, »ik blief doch hier, mag to -giern sehn, wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finstern kiekt.« - -Und er füllte die Nadel, die leer geworden war, und knüttete weiter. - -Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte sich in der Küche -zu schaffen, von wo sie über die Bauerndächer und Obstbäume nach ihrer -Heimat sehen konnte, nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte -die Fischer nicht verstehen! Sie war noch keine Fischerfrau geworden und -fühlte wieder mit bitterem Schmerz, daß aus ihr niemals eine werden -konnte. Immer noch graute ihr vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war -ihr fremd und unverständlich. Sie konnte sich nicht helfen. Das eine -ließ sich nicht abschütteln und das andre nicht lernen. Klaus rüstete -mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse Zeit kommen, sie hörte schon den -Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tür saugen und -wußte nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf See zu -wissen. Sie liebte ihn tief und heiß und lag in seinen Armen wie im -Sonnenschein, aber seine Fahrten machten sie bange und sie wünschte im -Herzen nichts sehnlicher, als daß er kein Seefischer wäre, sondern Bauer -oder Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. Könnte er nicht etwas -anderes beschicken, könnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen, wie andere -Fischer es getan hatten? - -Aber Klaus Mewes -- und das tun? Sie mußte doch lächeln über den -Gedanken. Bis Blankenese müßte es gewiß zu hören sein, sein Lachen, wenn -sie davon spräche, daß er an Land bleiben solle. - -Da saß sie nun in ihrem Glück, um das die ganze arme Heide sie -beneidete, war eine große Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der -jede Reise die Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen, und war doch nur -ein armes Weib voll Unruhe und Bangigkeit, die immer und überall Wetter -und Wolken aufsteigen sah und ihres Lebens nicht froh werden konnte. Wie -manchen Tag sehnte sie sich schon nach der stillen, einsamen Geest -zurück, wo sie nichts von Schiffen und von Seefahrt gewußt hatte, wie -manchen Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum einherging! Wie manche -Nacht ließ der Wind sie nicht einschlafen, wie manches Mal jagten die -Blitze sie aus dem Bett, wie oft schreckten sie die Stimmen der -geängstigten Schiffahrt im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war -auf See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwärder Frauen aber hatte -sie wenig Verkehr und Freundschaft, weil sie fühlte, daß sie als -Butenländerin nicht ganz für voll angesehen wurde. - -Wie wichtig sie es in der Dönß hatten! Als wenn sie sie gar nicht -vermißten! Wie sie lachten, Klaus Mewes am lautesten! - -Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben hatte, denn -so hatte sie noch niemals jemand lachen gehört! Das hatte sie in seine -Arme gedrängt, hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem -Heidehof in das Fischerhaus, und hatte sie nicht an die Not und Schwere -des Seefischerlebens denken lassen. Vergessen war es gewesen, was sie -gehört und gelesen hatte von Sturm und Untergang: wo einer so lachen -konnte, da konnte weder Unglück noch Gefahr sein, hatte sie gemeint, als -Klaus sie freite. - -Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch nicht verlernt, aber -sie konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hören, es schnitt ihr ins -Herz, wenn sie an das Finkenwärder Elend, an die Witwen und Waisen, an -all die Tränen und unruhigen Stunden dachte, es kam ihr wie ein Frevel, -wie eine Sünde vor. Daß er so verwegen war, machte ihr das Herz noch -schwerer, und eine trübe Ahnung früher Witwenschaft hing ewig wie ein -dunkles Gewölk über ihrem Leben. - -Wie laut sie erzählten, die beiden Seefischer! Gewiß von nichts anderem -als von Fahrt und See, und die durstige Seele des Jungen trank es. _Der_ -war schon der See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet und -wurde es von Tag zu Tag mehr. Es war ja schon ausgemacht, daß er den -Sommer mit an Bord solle: all ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen. - -Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und ihre Heide dachte kein -einziger, niemand bekümmerte sich darum. Wie lange Zeit war sie nicht -mehr zu ihren Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus -lachte, wenn sie davon sprach, sie solle gern hingehen und alle grüßen, -aber was er auf der Geest beschicken solle? Er könne auch so weit nicht -laufen. Den Jungen bekam sie nur mit halber Gewalt dazu, daß er mitging. -Seitdem er wußte, daß sein Vater sich nichts aus der Geest machte, trug -auch er kein Verlangen danach. Dort sei für einen Seefischer nichts zu -lernen, echote er, dort gäbe es ja nur Heide und Sand und Steine und -weiter gar nichts. - -Schließlich aber ging Gesa doch nach der Dönß zurück, weil ihr zu kalt -wurde, suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weißen -Kachelofen. - -»Kiek mol an, Mudder knütt ok, Vadder,« rief der Junge lustig, »kiek mol -an, Kap Horn, un uns will se wat seggen!« - -Da mußte sie wider Willen doch mitlachen. - -»Wat sä de Pastur denn Godes, Klaus?« fragte der Knecht, »hette ok beet, -dat dat Is bald doldrifft un wi no See seilen könnt?« - -»Jo, dat segg man,« sagte Klaus und riß grimmig an seiner Kurre, »ik -wull, dor keum mol Westenwind achter!« - -Er blickte über die Schallen, auf denen die Fleek, das dicke Eis, schon -seit Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter Fall, bis in die Mitte der -Elbe stand es noch, zwar schwärzlich und mürbe, aber es hing doch noch -zusammen. Dagegen war das Fahrwasser drüben schon fast frei von Eis, -dort trieben nur noch große und kleine Schollen. Dort segelten denn auch -schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich, dem anderen Ende des Eilandes, -dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken, dort fischten schon die -Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die Hamburger -Smietnettfischer nach Butten, während das Neßgeschwader, das aus dreißig -Ewern, neun Kuttern, sieben Wattjollen, einigen fünfzig Elbjollen und -Böten bestand, noch im Eise festsaß und nicht mitkonnte. Die Auer und -Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe -herauf, einige hatten schon große Reisen nach der Weser gemacht: Klaus -Mewes aber und seine Nachbarn saßen noch fest. Wenn der Eisbrecher -binnen Wasser genug gehabt hätte, wäre ihnen längst geholfen gewesen, -aber der große Beißer konnte nur eben den Rand ein wenig glatt fressen. - -Klaus Mewes sah, daß zwei weiße Kutter von einem kleinen Schlepper von -Blankenese heraufbugsiert wurden, die sicherlich den Bünn voller -Schollen hatten, und kam sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrümmerten das -Eis und brachen sich einen Weg nach dem offenen Wasser. - -»Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi sülben Isbreker speelt?« rief er. - -»Wat seggst du, Klaus? Du wullt en Isbreker utgeben?« fragte der alte -Janmaat, der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap -der guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört -hatte. - -»Wi weut di bi Isbrekers,« warf Störtebeker laut dazwischen, »swarten -Kaffe schallst du hebben!« Klaus aber hatte seinen Plan schon unter -Segeln. »Wi möt allemann bi,« rief er, »Hütz mitte Mütz, Lütjfischers un -Seefischers, Schippers un Lüd! Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un -spannt uns alltohop vör un denn teht wi an! Schallst mol sehn, wo gau wi -denn not Fohrwoter raf kommt!« - -»Jä!« - -»Wat jä? Meenst, wat wi ne soveel Hölpslüd uppen Hümpel kriegt?« fragte -der Schiffer. - -»Ik hilp ok mit,« versicherte der Junge wichtig, »ik kann wat tehn, -Vadder!« - -»Du bliffst hier, Klaus,« kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her, -»meenst du, wat du dor ünnert Is kommen schallst!« - -An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen, gab der Knecht zu, aber wer -würde sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen? _Das_ sei der Knoten! - -Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er selbst! Er wolle es -wagen, sein Ewer sei einer der stärksten und könne es am besten ab, er -wolle gleich am andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle dann -den Deich abklopfen und es aussingen, daß die Eisbrecherei mit -Hochwasser anfangen solle. »Denn könt wi offermorgen all up de Schullen -dol, Mudder!« - -»Huroh, offermorgen geiht no See!« rief der Junge, warf die Bunge hin -und machte, daß er hinauskam. In voller Fahrt lief er den Deich entlang, -daß die Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach -und nach von dem grünköpfigen Wart beruhigen ließen. Wat, wat hebbt ji -egentlich, dat, dat is de Jung doch, doch jo bloß! So schnatterte der -Wart. - -»Du kummst ober noch ne mit,« wollte Klaus gerade sagen, aber er kam gar -nicht mehr dazu. Der Junge war schon um die Huk, er hörte auch nicht -mehr, daß Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte. - -»Wat will he? All Bescheed seggen?« fragte Kap Horn lachend, aber sein -Schiffer lachte noch lauter und sagte: »De? Ne, de will no den Schoster -hin un sien Seestebeln holen. Wenn de klor sünd, schall he jo mit an -Burd, un he will woll all gliek de irste Reis giern mit.« - -»Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus,« sagte Gesa kopfschüttelnd, -»dat du em de Stebeln anmeten loten hest! He löppt elken Dag söbenmol -hin un kött an! De Schoster seggt, he kann em all gorne mihr hinholen.« - -»Jä -- du liebe Zeit,« erwiderte er, »endlich will de Bur de Koh betohlt -hebben un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben. De Schoster -kanns ok jo man klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen -Nachten.« - -»Un denn?« - -»Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is jo -all genog ober snackt worden,« sagte er sicher. - -Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: »Un ik -segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he -noher grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen hin, denn will -ik nix mihr ober em to seggen hebben, ober so lang hürt he mi, mien -Mudderrecht lot ik mi ne nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Ilw -loten mütt: no See schall he noch ne!« - -»Geef di, Gesa,« beschwichtigte Klaus gelassen, während Kap Horn, der zu -dem Streit nichts sagen wollte, heimlich aus der Tür ging und mal über -den Westerdeich guckte. »De Jung _kummt_ düssen Sommer mit no See, dat -is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!« - -»Ik lied dat ne un lied dat ne!« beharrte sie leidenschaftlich. »Du hest -en reinen Vogel mit dienen Jungen, weest dat? Keen een van de -Seefischers nimmt son lütjen Boitel all mit an Burd, de kum en Büx mit -Verstand dregen kann.« - -Er machte geruhig seine Maschen. »De hebbt ok ne son Jungen as ik,« -sagte er, »lot mi man, Gesa. Ik bün en rechten Fischermann un will en -rechten Fischerjungen ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken, -Diern! Weest, wat dat is?« - -Sie gab keine Antwort. - -»En rechte Fischerfro, Gesa! Weest du wat, Diern? Du geihst ok mit no -See, man to, denn wardt irst mooi! Kiek di mien Fischeree mol mit egen -Ogen an!« - -Sie schüttelte starr den Kopf: - -»Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn harr ik dat vullicht all -lang don, ober ik kannt ne!« - -»Dat kummt uppen Verseuk an,« erwiderte er, »goh man mol mit un du -schallst mol sehn: buten ist en barg beter as binnen!« - -»Klaus, gläuf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik warr seekrank un starf -di all vör Angst, ihr wi mol no See dol sünd! Mi grot to dull vört -Woter!« - -»Jo, du büst en grote Bangbüx,« schalt er, dann aber tat ihm sein herber -Ton leid und er tröstete: »Ober dat schall sik woll noch all geben, mien -Diern, paß man up, du warst doch noch en gode Fischerfro, de -Banghaftigkeit gifft sik mit de Johren.« - -»Ne, de gifft sik ne, dat weet ik,« sagte sie tonlos und ging aus der -Stube, weil ihr die Tränen kommen wollten. - -Da blieb der große Seefischer allein bei seinen Kurren, aber er ließ -sich den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging -nicht von seinem Kurs ab. Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit -schweigend auf. - -»De Jung kummt doch mit no See,« ließ Klaus Mewes sich vernehmen. Dann -blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung, die auch -bald an den Tag kam. - -»Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder sien: as du -geborn weurst, do krüz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen! De -Mudder hett noch en Recht op den Jungen!« - -»Och wat!« fiel Klaus ihm barsch ins Wort, »ik hebb dat eenmol seggt un -dorbi blifft dat: he kummt mit an Burd! Bi de Dierns geiht dat no de -Mudder, ober bi de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh jo -upt leefst, wenn he Schoster oder Snieder warrn dä un keen anner Woter -to sehn kreeg as dat innen Teeputt. Un wenn wi _blieben_ schulln, Kap -Horn, denn mokt se ok en Schoster oder Snieder ut em. Ober man keen -Bang, Klaus Mees kann ne blieben!« - -Der alte Knecht erhob warnend die Hand. - -»Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, Klaus Mees, un he is -doch ne wedder kommen mit sien Eber!« - -Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer für den besten von der Elbe hielt und -sich für den besten Fischermann, blieb dabei, daß er nicht bleiben -könne. Das war sein Wort von jeher gewesen und seine gewisse, -sturmgewohnte, sonnenfreudige Seele hielt daran fest: »Ik kann ne -blieben un ik blief ok ne!« - -Störtebeker ließ sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing -wieder an zu knütten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der -nichts gefangen hat, und ließ die Unterlippe vorstehen, als wenn ein -Schock Hühner darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der -Seite an und stichelte: »Na, Klaus Störtebeker, großer Seeräuber, wat sä -de Schoster? Hett he de Söbenmielenstebeln noch nich klor?« - -Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte -wie ein Großer: »Ik gläuf, de Knappen is verrückt oder splienig! Dat is -oberhaupt keen Schoster, gläuf ik, de kann gorne schostern un gorkeen -Stebeln moken! Dat is en Leisegänger, Vadder ...« - -Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der -Junge fuhr in seinen Schmähungen fort. »Jedermol, wenn ik komm, seggt -he: morgen; ober he kummt ne wieder as he is, de Tüffel.« - -»Wat scheut de Stebeln denn all, Störtebeker?« fragte Klaus ernsthaft. - -»Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln -klor würn, denn schull ik mit,« antwortete der Junge zuversichtlich. - -»Büst du denn ok nich mehr bang?« fragte nun Kap Horn lauernd. »No See -dröft blot welk, de nich bang sünd.« - -»Ne, Kap Horn, bang bün ik ne,« erwiderte der Junge treuherzig. - -»Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten Gnurrhohn ok woll -nich, ober wenn di en lütjen Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst -ut, wat kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!« - -»Lögen, Lögen, Lögen!« stritt Störtebeker und pekte ihn mit der -hölzernen Knüttnadel. »Ik bün vör keen Hund bang un vör gornix!« - -»Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Bölken -doch los?« - -»Ne, schreen do ik gewiß ne.« - -»Denn warst du ober seekrank!« - -»Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!« - -Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik blief ne! Und Klaus -Mewes sah seinen Jungen an und dachte: was soll in dem wohl anders -stecken als ein Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein -Gelübde: »Man still, Störtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!« - -Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen Sinn und ließ ein -enttäuschtes: »Och, to Sommer irst!« fallen, das den Knecht zu der -Bemerkung veranlaßte, es wäre jetzt noch zu kalt auf See. - -»Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor,« gab Klaus zu bedenken, und -Kap Horn kam noch einmal mit der bitterbösen Seekrankheit an den Wind. - -Sie knütteten fleißig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis -aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg, -hielt Störtebeker es nicht mehr aus, er ließ die Bunge liegen und nahm -französischen Abschied. - -»Neem schallt no to?« fragte sein Vater, aber er erwiderte hingeworfen, -er wolle füttern -- und weg war er. - -»Dat keum jo bannig zaghaft rut,« sagte der Knecht und sah ihm nach, -»wenn de man nix anners in de Lur hett.« - -Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker die Fütterung -seiner Krähe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten -Spruch einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes! - -Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger -beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von -Störtebeker nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Männchen, als er -den Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der Luft tanzen, -Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst einmal auf See gegriffen -hatte, saß unbeweglich auf ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein -halbes Auge an seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht -hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging er in das Schauer -und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem Hühnerwiem hingen; -sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht. -Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, Stegel und -Binnendeich, aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater, -der um einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes -Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen Wipfeln der -Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, das die See nicht hat, -sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaßen -bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte -aber nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen sein -könnte; übrigens wußte er ja auch, daß Störtebeker schwimmen konnte und -nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte -wissen, wo er abgeblieben war. - -So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und guckte mit seinen -scharfen Augen über das Eis, er lief über die Blöschen nach dem Ewer, -die Waken und Löcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die -Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als das -raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das Krachen der -zusammenbrechenden Sickberge in der Weite. - -Sollte der Junge wieder in der Kambüse sitzen, wie er es schon mehrmals -gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte -auf das Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm nun -beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst -ständig brennende Licht. - -Wo mochte der Junge sein? - -Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten -eines Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge -auf der Besan regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da schoß -ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di bloß ne halfstock holen -mütt! -- aber er jagte ihn von dannen, kletterte über das Schwert und -schritt über das Eis nach dem Bollwerk zurück. Im Osten glomm der -Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine weit entfernte, -ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da dachte Klaus Mewes an die alte -Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt -war sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren -braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und -gesagt: viel anders hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht -angesehen: nun wäre Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so -großen Brand hätte. - -»Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften,« hatte -er lachend geantwortet. - -Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen. -»Neem is Störtebeker, Seemann? Such! Such!« rief er hastig. - -Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß er verstanden hatte, -und setzte sich gemächlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen -Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der -andern, wenn er lief. - -Klaus wußte schon Bescheid, es ging nach der Neßkule, in der der Kahn -lag: der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug, -das etwas ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war -nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars und kein Junge war -dabei: jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der -Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte, -und er lief in Sprüngen den Deich hinab. - -»Klaus!« - -Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken. - -»Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?« rief Störtebeker, und eine dunkle -Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme, die den -Schleusengraben wie Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie näher und -wäre umgeschossen, wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte. - -»Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst du krank?« - -Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon wieder verloren. -»Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen.« - -»Wat kummt dat denn?« - -Der Junge wies nach seinem grünen Kahn: »Ik will mi seefast moken, -Vadder, wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen -hett to mi seggt, denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk -- -wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn bittern Gesmack -innen Mund!« - -Klaus wollte lachen, lachen, lachen -- er konnte es aber nicht, weil ihn -die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, der so lange mit dem Kahn -dümpelte, bis ihm schwindelig wurde, nur, um sich seefest zu machen. - -»Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewiß -ne mihr mit no See, wat?« - -Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: »Doch, Vadder! Morgen dümpel -ik wedder un offermorgen un den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr -düsig warr un mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer van Kap -Horn un Hein Mück nix utlachen loten!« - -Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen -Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück. - -In der Dönß brannte schon die Lampe. - -Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte Klaus halblaut: -»Brukst Mudder dor ober nix van to seggen, hürst?« »Segg du man nix, -Vadder: ik will woll swiegen,« flüsterte Störtebeker kameradschaftlich -und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit von -der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus, um sein -Gesicht vor der Mutter zu verbergen, die gleich in richterlichem Ton -fragte: - -»Non, neem kommt ji denn her?« - -»Wi sünd mol no de Neßkul wesen,« berichtete Klaus Mewes der Wahrheit -gemäß. - -»Hest du ok natte Strümp, Klaus?« - -»Ne, Mudder, knokendreuch!« - -»Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör Nattigkeit. Gliek -treckst jüm ut!« - -Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, daß sie -weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des -Seefestigkeitskursus ab. - -Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen, -dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend. - -Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den -Roman: »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit -aufgestützten Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten, -so nickte er anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht -nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte. Ja, -man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind -oder Sturm las (und in einem echten Roman weht und stürmt es ja alle -drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las er von Liebe, so -strich er sich über die Backen, gab es eine Mordgeschichte zu kauen, so -las er mit geballten Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber -achter Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der Koje -liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann -zuletzt: »Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest.« Und -meistens stimmte es, was er dann erzählte, daß der Knecht zuletzt -jedesmal erstaunt sagte: »Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.« - -Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf -seinen Knien und treunte um eine Geschichte. - -»Ik weet uppen Stutz keen.« - -»Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.« - -»Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.« - -»Och, man to, Vadder!« - -»Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder -seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.« - -»Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,« versicherte Störtebeker, und sein Vater -legte los. - -»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de harr keen Kamm, to köfft he -sik een, to harr he een ...« Da hielt der Junge seinem Vater aber schon -den Mund zu und paukste: »Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du -schallst en euliche Geschichte vertillen!« - -»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert, -nu hür man god to! Dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert -...« Da hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wäre -auch Tüdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt wesen. - -»Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so -wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!« - -O weh -- das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen, -denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar -etwas von Klaus Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen -Satz, den er schon tausendmal gehört habe. - -Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah -auf und sagte: »Klaus Störtebeker büst du jo sülben, Junge, dor brukt di -doch keeneen wat von to vertellen.« - -Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte -abweisend: »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen -man ne jümmer Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz -Leben ne wedder los.« - -»De Nom is gornich so slecht, Gesa,« sagte Kap Horn ernsthaft, während -Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus -Störtebeker sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe -er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen, -aber den Armen habe er viel Gutes getan, noch jetzt würden die armen -Leute zu Verden von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe er -es auch nicht bös gemeint: er störte sie nicht und wenn er Fische holte, -so bezahlte er sie reichlich. - -So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante -zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus -Störtebeker -- und der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen -und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören, wie sie -Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte gelbe Flagge im Sturme -flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen, wie sie -Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen König -gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem großen, breiten -Graben auf Finkenwärder erzählte, der die kleine Elbe hieß, und daß -Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da -sprang der Junge auf, daß Kap Horn ausrief: »Neem is dat Für?« und -fragte: »Vadder, neem is de Groben?« - -Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, daß es damals noch -keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der -großen gewesen sei, aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht -verdeutschen, der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen -konnte, und es blieb schließlich nichts andres übrig, als daß sie eine -kleine nächtliche Expedition nach dem Seeräubergraben ausrüsteten, die -trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich -auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen. - -»Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!« - -Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halstuch -umband: »Brummkirl gifft ne, Mudder.« - -»So?« - -»Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit bang mokt, wat se ne -bit Woter gohn scheut.« - -Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die -Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem -Kopfe zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die -quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so erschaffen sein, daß -sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt -denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht -freuen? Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: warum -mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden, -warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie -den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen -solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu -tragen? - -Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta -Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden war, sondern wie sie -von der Geest stammte, es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und -singen konnte und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter -den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann: denn ihr Mann und ihre -beiden Söhne fuhren auf _einem_ Ewer, schwammen auf _einem_ Stück Holz -in der See. _Ein_ Blitzstrahl, _eine_ Brechsee konnte ihr ganzes Leben -verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen -- und -doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Daß eine so fest stehen -konnte! - -Gesa schüttelte den Kopf. - -Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiß -ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn -zügelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was -trieb sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge -ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen -hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur -immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen -wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor -wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst -wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten -lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: alle zwei Stunden -raus! -- aber es war nur Spaß gewesen, wie es auch Spaß gewesen war, -wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und -ihn seefest zu machen, wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de -Eber, so dümpelt de Eber up See ... - -Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es -anders geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein -Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort -gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne -schreen, Klaus, anners kann ik di noher an Burd ne bruken, denn müß du -Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die -Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! Da war ihm der -Kompaß in die Brust gesetzt worden, der beständig nach der See wies und -all sein Tun und Lassen lenkte. - -Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, daß -ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen -Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten -Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen, der nun -mehr war als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da -übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den -Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein -kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an -diesem gottlosen Namen. - - * * * * * - -Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen -den dicken, krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und -suchten die Spuren von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an -dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten die -hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben könnte. -Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so daß der Junge alle -Augenblicke ausrief: »Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!« und sie -von einer Wichel nach der anderen lockte. - -Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf -Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der -Grönlandshof hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger -neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze, -weitausgebreitete Sippe der Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte -Vogt holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus zu einem -Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten es -herausgefunden, daß es besser sei, die grüne See zu pflügen als das -braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und -Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben: die -seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein -Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und letzte Drittel den -Focken und Külper zukam. - -Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und -tauschte seinen lieben, großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen -Grönlandshof. - - - - - Dritter Stremel. - - -Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe -kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an, er schleppte Segel und -Kurren mit seinen Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen -fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den -notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das -Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte -er Gewalt anwenden! - -Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die -Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die -nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben. - -Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große -Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn -war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar -dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber -er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei -Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen -Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und -lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen -Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt hätte. - -Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in -allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein -so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei -seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der -lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge. - -Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in -seiner großen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund. - -Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker -drängte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach -Backbord, als habe er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber -schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis. - -Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die -Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, die Frachtschipper, es -kamen der Gastwirt, der Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und -der Segelmacher, weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln -steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die -gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich über den Weg, -den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen -Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und -oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und -warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der -Fahrzeuge, denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die -vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den Klüsenaugen -leuchtete es vor Hoffnung. - -Der große Tag -- der größte Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sie -die Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die -Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten -bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom -Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich -unauslöschlich in die Seele eingedrückt. Nicht wahr, du Finkenwärder: up -den Dag kannst du di ok noch besinnen? - -Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis: alle, alle wollten -helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus -Mewes stand im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten noch -weiter auseinander. Und als das getan war, da rief er über das Eis, so -laut er konnte: »All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh! -Huroh! Huroh!« - -Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute -aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung -und zogen die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das -offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es, -schob es zur Seite, drückte es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich -wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen! -Aber ein schönes Stück war schon bewältigt. - -Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein -Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er -neben seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am -Vorderpoller fest. Das war was für ihn. »Junge, Junge, Vadder, so geiht -he god.« - -Stoppi -- stoppi -- - -Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und sie mußten den Ewer ein -Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und -seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu -entfernen. - -Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß (er hatte aus dem -bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf -Scharhörn strandete, eine ganze Kiste Kölnischen Wassers -- Eau de -Cologne -- erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester, -Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch -alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Külper kam heran und rief: »Klaus -Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de drückt -dat Fohrtüch vör to deep dol.« »Deit he ok!« riefen einige Knechte zur -Bekräftigung. - -Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu -Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn -ans Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe. - -Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes: -»Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du -weest, wat vör un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt ne -bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat -Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne -rut! Dat mütt ganz anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol -stohn un kummandiern!« - -Klaus Mewes aber lachte: »Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll; -blief du man anne Kurrlien!« »Egenbuck!« rief Jan laut und ging an -seinen Törn. - -Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an. - -»Huroh! Togliek! Hödjihöh!« - -So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom -Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg -weiter. Zwei Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei -Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, der eigentlich -Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen von seinem herunterhängenden, -borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom -nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn -fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner, -jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber, der eine Quappe stach, war -Störtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die -Eisblöschen mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre -beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem -Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war -die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog -ihn aus, hängte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann -in seine Koje. Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon -wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der Feuer machen -mußte, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug -scheuerte und stieß das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche -der Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: »Och wat, dat Für will woll van -sülben inne Gangen kommen!« und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und -zu helfen. - -Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm. -Nun treckten sie wieder, nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer! -»Bang dött ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See,« sagte er vor sich -hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf -und befühlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er -frierend wieder unter die Decke und horchte abermals. - -Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnitzt -waren. - - * * * * * - -Was für Sprüche waren das? -- fragt die Seele. -- - -Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen -Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich -möchte seinen Namen _golden_ schreiben, weil er so viel für unsere -Fischerei getan hat und noch tut!) -- der hat auch in die -puppenküchenenge Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger -Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die darin stehen: unter -der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der -Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der -Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er -hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier -erfreuten. - -Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten -auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist. - -Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches -Wort: - - ^Mediis tranquillus in undis.^ - -Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen -Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat, -dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und -das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte -nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages, -als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den. -Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas -wissen. - -Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer -Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und -über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er -nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus -Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter -auf. »Sühso, mien lebe Klaus Mees,« sagte er und fragte nach Schiff und -Stapellauf. - -Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf, -als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären, guckte ihn nochmals -scharf an und sagte dann: »Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?« -»Jawoll, Herr Mees, latiensch!« »So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son -betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steiht ^Ora et -labora^, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht -^Soli deo gloria^, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis -sitt ik all gliek fast!« - -»^Mediis tranquillus in undis^: Klaus Mewes: geruhig inmitten der -Meereswogen heet dat!« sagte der Pastor ernst. »Mit den Spruch lett sik -woll no See fohren.« - -Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der -Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein -Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein -deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum: -»Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches -und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem -Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die -lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen -Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht, -wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, -Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es -besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach müßte Ihr Ewer -Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein -guter deutscher Spruch stehen!« - -»Schallst recht hebben, mien Jung,« sagte Klaus Mewes, »ik frei mi -jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix -mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut -wi mol sehn.« Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje: - - Ein feste Burg ist unser GOTT, - -den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So -ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der -Ewersprüche sammelte, einmal in die Kajüte trat und ausrief: »Twee -Wiltsproken stoht dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit -ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden tohop, fehlt -dor noch bi: plattdütsch!« - -»So,« lachte Klaus Mewes, »du kummst van wegen de Sprüch: ik meen all, -du wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm, -plattdütsch kannen doch bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!« - -»Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!« - -»Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!« - -»Wat?« schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes -Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer -großen plattdeutschen Bibel von 1486 zurück. - -»Hier, Klaus Mees!« - -»Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten Schinken!« - -Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, daß sie -wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel -daraus vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch -einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter -Scharben für die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und -leuchteten: - - Hilpt mi, Sünn und Wind, - hilpt mi bit Fischen! - Ik heet Klaus Mees - un bün van Finkwarder. - -»Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,« sagte er aber doch -dabei, »ober dat _riemt_ sik jo ne, dorüm kriegst du bloß tein!« Den -hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje. - - * * * * * - -Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er -hängte sie um und stökerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange -dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen, -denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach dem Fahrwasser -kommen! - -Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje -zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln, -die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte -sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre -gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen, -sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals -umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht -klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen -geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas -zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam! -Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich -wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn -nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten vom Bort und rollte -sie auf und sah die roten Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die -kleinen Feuertürme und Baken, die am Rande der Karten standen, während -es draußen wieder lärmte und rief. - -Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er -dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best! und zog sich an, so -schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es -draußen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb -angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß und einem in der -Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp: da drängte der Ewer -gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie -Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die -mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines -vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen -Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt! - -Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra. - -Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren -Erfolg, gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und -taten von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden: -was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer -nach dem großen Priel, war Sache eines Tages und ließ sich leicht -beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom -Neß: Hurra, hurra, hurra! - -Auf H. F. 125 aber, dem Ewer »Laertes«, ließen sie den Draggen zu -Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne -an das Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu -vertreiben, der alle befallen hatte. - -Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab: -daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht -hatte, daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß -sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern -konnte. - -»Du hest dat en betjen god, Seemann,« sagte er aus diesen Gedanken -heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und -noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann -aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von -gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht. - -Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klößen -schon die See und grüßte Helgoland. - - - - - Vierter Stremel. - - -1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in -Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf -See. - -300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu -Finkenwärder beheimatet sind und ein H. F. auf den braunen Segeln -tragen, 83 reedern mit S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der -Rest gehört dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem Mühlenberg -und der Teufelsbrücke. - -Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Külper von -Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie -liefern Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und -Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe, -daß halb Holstein und Hannover damit gedüngt werden können, sie sind die -Könige der Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Holland und -England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei Südwind einmal nach -Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Jimuiden oder bei Ostwind nach -London. - -Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine -Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer, wenn -sie ihm begegnen, wohl sind schon die Zeiten vorbei, daß nur -Finkenwärder auf Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen -fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen: aber dennoch -steht die Sonne von Finkenwärder auf der Mittagshöhe und seine Segel -beschatten die ganze See. - -Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch -alle am Leben wärt! - - * * * * * - -Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er -mußte Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer, mußte einen -Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die -erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man am Deich meinte, -der Schinken dürfe erst beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden), -er trug die Kruken mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen -und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit Vaters Seestiefeln -und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen, aber es machte -ihm Spaß und er vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land -bleiben sollte. - -Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem -saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs -von Finkenwärder, der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen -hatte, sah ihn schon, als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu -seinem Gesellen: »Kiek ut vör Störtebeker!« - -Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes bei der Bestellung der -Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile -nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa -hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden, -wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See -kommen könne; der Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn -er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens noch nicht einmal -angefangen. - -Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden Pechräte -tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie -Verschwörer und klopften für fünfzehn, ohne aufzugucken. - -»Schoster, sünd mien Stebeln klor?« - -Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und -deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten, -als könnten sie weder hören noch sehen. - -»Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?« - -Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten -sich wieder taub und hämmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten -machen, dabei aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll -upstillt? sollte es heißen. - -Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die großen, langen -Stiefel der Elbfischer, de güngen bit ant Gatt und waren größer als er -selbst, da standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig, -daß er sich dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so -klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern können, -- -aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte er nicht dazwischen -finden. - -»Schoster, sünd mien Stebeln klor?« Er gröhlte es, so laut er konnte, -aber die Schuster ließen sich in ihrer Klopferei nicht stören, denn sie -wußten noch nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie -wieder über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder -ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? Störtebeker war ärgerlich -geworden, er sah den Kram noch eine Weile an, dann drehte er sich batz -um und lief hinaus. - -»Nanu,« sagte der Meister und ließ das Hämmern, »nanu,« sagte der -Geselle und stellte auch den Betrieb ein, -- aber ehe sie sich's -versahen, sauste ein großer Mauerstein durch das Fenster, daß die -Splitter umherflogen, zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser über -den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die Wand. - -»Nu hol mi noch mol förn Buern!« rief Störtebeker draußen, nahm seine -Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein -gejagter Hase, hast du nicht, so kannst du nicht -- bang bün ik ne, ober -lopen kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er so weit -war, war der Junge schon längst über Heide und Zaun. Da lasen die beiden -die Splitter auf, nagelten ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten -große Rache. - -Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an. -Seine Strümpfe waren klitschennaß geworden, denn er hatte auf seiner -Flucht zwar über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht -immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick. Er konnte sich -zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz -riskieren wollte, das war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die -Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, daß er vom -Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die Strümpfe im -Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hängte sie zum -Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen -trocken waren, und zog sie dann getrost an. - -»Klor is de Käs!« sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm -bewundernd zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer, -den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten, -rief ihm nach: »Störtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all -weg!« »Wat schull he woll?« rief der Junge erregt und lief schneller, -aber er kam doch zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater mehr -und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein Seemann: sie waren schon alle -an Bord, und als er verstört hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er -den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben. - -Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: »Is Vadder all weg? Worüm -hett he mi denn ne Adjüst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!« - -»Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?« fragte sie dagegen, »wi -hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht! Vadder wull di so giern -Adjüst seggen un hett noch en ganze Tied no di teuft!« - -»Och wat!« gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig war, »harr he -denn ne noch en betjen stoppen kunnt? Ik bün jo man bloß eben langsen -Diek ween! Vadder mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch -Adjüst seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners ne, -wat is dat ok doch all för Krom!« Und er stand auf dem Deich und blickte -mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit -glockenhellem Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das Boot -auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, daß sein Vater -fahren konnte, ohne ihm Adjüst gesagt zu haben, und er dachte: wärst du -doch bloß nicht nach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater -noch gesehen! - -Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es -Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war, daß sie an Bord -mußten. »Störtebeker! Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!« schallte es über -den Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und sogar der kluge -Seemann gab ein kurzes Bellen drein, aber der Junge war nicht hier und -nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam -nicht. Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, wenn sie -nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber mit -Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im -Verdacht, daß sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im -letzten Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen konnte den -Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen an Bord versteckt halte, um -ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht -anders gemacht werden können. - -Das verbitterte ihnen den Abschied. - -Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß sie ihrem Mann unrecht -getan hatte, kam die Reue über sie und sie winkte vom Bodenfenster mit -der großen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine -deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut war längst -verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel -über sich hatte. Es war eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch -ein reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht ein Ewer, -nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen es still war: überall -eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die Anker, setzten -die Segel, ließen die Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem -andern aus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und -Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen sie sich mit dem Ebbstrom -daltreiben, denn es war gar keine Kühlung. Der erste aber war Klaus -Mewes mit seinem »Laertes«, dem die norddeutsche Flagge von der Besan -hing. - -So güngen se up de Schullen dol. - - * * * * * - -Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wäre, -sah nach dem Ewer, der unter der gründachigen Nienstedter Kirche -kreuzte, und grübelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange -gewesen war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit: -er war nicht mitgekommen nach See und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst -gesagt. Wäre er langsam nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe -nicht auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch gesehen. - -Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz gewiß will ik nu ne mihr -bang warrn! Das sagte er sich. - -Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte sie: »Jä, Klaus, -dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken kannst du em ne wedder! Nu -sünd wi wedder den ganzen Sommer alleen!« - -»To Sommer bün ik doch all mit an Burd,« sagte er mit halbem Vorwurf, -ohne sich umzudrehen. - -»Kumm man rin, weut Kaffee drinken.« - -»Och, ik mag nix, Mudder!« - -»Ik will di bi magnix! Gliek anto!« - -Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche am Tisch saß, da -schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht -geschmeckt? Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt -ausnahmsweise still, obgleich er sich schon selbst waschen konnte und -obgleich er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die Backen -eien zu können. Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der -Krähe (denn sie hatte sich fest vorgenommen, sein Vertrauen -zurückzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein, -sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus, -denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. So guckt der Spatz -mißtrauisch vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden. - -Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hieß, -segelte der Ewer -- viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war -immer noch totstill. - -Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert hatte. Der Gerechte -erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging über die -Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber -trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den -Bauch zu befühlen, denn er wartete sehr darauf, daß sie jungen sollte, -hatte er doch schon fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen -Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper, Jan Loop jeder -eine Eve. - -Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Kluß -schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen: -Störtebeker faßte es aber anders auf und sagte betrübt: »Jä, Kluß, -Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!« - -Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit über -das Eis pektest, ganz nach Blankenese hinunter, könntest du deinen Vater -noch sehen und ihm Adjüst sagen. »Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!« Er -suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein -Indianer den Binnendeich entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr -werden sollte. Als er weit genug war, kletterte er über den Deich, -sprang vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen und -Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser. - -Vadder, ik komm! - - * * * * * - -Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, daß der Polizist -auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schloß sich -dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich ein -wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem droken Klaus -Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen. - -Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen -- der Vogel war nicht -da. Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden, -als sie ihn dort aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ -sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe -und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, daß Klaus kommen und -Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und -Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder -in die Reihe. - - * * * * * - -»Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!« - -Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal -auf dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des -Fahrwassers. Störtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt, -und winkte. - -»Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mörre Is?« - -»Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,« rief der Junge, »du büst -jo so fohrn.« - -Kap Horn aber machte Weiberlärm: - -»Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder -innen Lock kommen kunnt?« - -Aber Störtebeker sagte ruhig: »Dorför hett de Minsch doch Ogen, Kap -Horn!« - -Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte, was er tun -sollte. - -»Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß ne mihr rup,« ließ Hein -Mück sich vernehmen, aber Störtebeker rief: »Dat gläuf ik, du Bangbüx! -Non, Adjüst, Vadder!« - -»Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?« - -»Jo, dat is jo nix, Vadder!« - -Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: »Ümschicken kannst du em -nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!« - -»Dat hebb ik ok all dacht,« stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch -er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern -und den großen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge -es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die -beständig abbröckelnde Kante. - -»Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung -sall mit no See! Nimm em mit!« - -»Dat woll jüst ne,« lenkte Klaus ab, »dat is noch to kold buten un Gesa -weet dor ok jo nix van af: ober an Burd weut wi em man mol hieven! Wi -geeft em denn an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus. -Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!« - -»Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!« frohlockte Störtebeker und -dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh no See! - -Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser. -Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber, packte den Jungen samt der -Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück. - -Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie -gesprächig er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei -seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf -Segel und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er -sich aber doch nicht enthalten, an den Streek zwischen Kirche und -Apfelbaum zu erinnern: »Düt mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!« - -Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven »Ree« zu rufen und Hein -Mück nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der holländische -Kapitän machte, dem der große Friedrich in der Ems mit »Ree« zwischen -sein Kommando kam, und sagte: »Mynheer, dat Ree kummt mi to!« - -Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann -an sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren, -was es zu sehen gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts -kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war -Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen, da war Blankenese mit den -vielen Ewern und dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen -Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um die Hunderte von -Krähen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental mit dem -Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen -Zementsäcken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff, -dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern, da war die Lühe -mit ihrem hohen Deich -- und von allem gab es Geschichten zu erzählen. - -Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und -zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel und Besan konnten die fünf -Stunden geruhig stehen bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den -Klüver nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus -und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen -Jungen mitgeben könne, aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und -Lühjollen ausmachen, die nicht in Frage kamen. - -So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee -nieder. - -»Ik wull, dat geef brodte Schullen,« rief Störtebeker übermütig, »dor -verlangt mi eulich no!« Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den -Topp. - -Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewußt -hätte, es wäre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu -behalten: aber so ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und -suchte mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend nicht an -den Laden kam. - -Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche Reise über das -Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu -sich selbst als zu den andern: »Junge, dat is jüst so as der Reiter und -der Bodensee!« - -Gotts den Donner -- Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee und Kap -Horn blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich -dieser Rede ihres Speisemeisters. »Wat is dat?« fragte der Schiffer -zuletzt. »Och nix.« »Nix?« »Ne, nix!« »Ik will di gliek bi nix! Hier -vertillst oder du warrst afmunstert un Klaus Störtebeker ward uns Kock,« -befahl Klaus. - -»Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as -Störtebeker sien Reis.« - -»Upseggen!« - -Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne Tasse Tee! Hätte -er doch nichts gesagt! Nun mußte er in seine Koje steigen und sein -Lesebuch aus dem Stroh suchen. - -Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht -verbeißen: »Jä, jä, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he -sien Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest -den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen -Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!« - -»Jo,« sagte Klaus Mewes, »ik wür son groten Döskupp: man god, wat de -Jungens nu all en Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich -Mücke,« setzte er gemütlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann, -der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ... - - Den Reiter schauderts, er atmet schwer: - Da hinten die Ebne, die ritt ich her. - Da recket die Magd die Arm in die Höh: - Herrgott, so rittest du über den _See_! - An den Schlund, an die Tiefe bodenlos - hat gepocht des rasenden Hufes Stoß! - Und unter dir zürnten die Wasser nicht, - nicht krachte hinunter die Rinde dicht, - und du wardst nicht die Speise der stummen Brut, - der hungrigen Hecht' in der kalten Flut? - Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär; - es stellen die Knaben sich um ihn her, - die Mütter, die Greise, sie sammeln sich: - »Glückseliger Mann, ja segne du dich! - Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch, - brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!« ... - ... - -Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer, -obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht recht gefallen wollte, denn -hinterher vor Angst sterben, war nichts für ihn. Auch Störtebeker war -still, so sehr wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen -konnte. - -Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte -anerkennend: »Du kannst god beden, Hein! Blief man giern betjen bi de -Beuker: wennt weiht, hest dor Tied genog to.« Damit stand er auf und -ging an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen -zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon Störtebeker wünschte, es -möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer -an Bord bleiben mußte. - -Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte -richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte. -Jawohl, er nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn -und Hein Mück an Deck. - -Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und daß er von Bord -sollte. Tränen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn -hinüberwriggte und Kreek und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er -selbst übersteigen. »Adjüst, Störtebeker.« »Jüst, Vadder!« Er konnte -kaum sprechen, so traurig war er geworden, und hatte für Jan Külper -keinen guten Tag und guten Weg. »Greut Mudder man un segg man, wi kommt -bald mit en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer kummst du ok -mit no See!« - -»Jo,« sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch bloß no! - -Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ die Jolle schwoien. -»Adjüst, Störtebeker!« riefen Kap Horn und Hein Mück, die auf den Luken -standen, aber der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr. -Er war ganz krank und wollte nichts hören und sehen. Er wollte auch den -Ewer nicht mehr angucken. Jan Külper hatte gedacht, einen munteren -Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber -Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während der ganzen -Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser. - -»Warr man ne seekrank, Störtebeker,« sagte der Elbfischer einmal. - -»Dor quäl di man ne üm!« - -»Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,« drohte der Fischer. - -»Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt,« rief der -Junge patzig. Da goß Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über -den Kopf. - -Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu Finkenwärder an. Am -Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, setzte Jan seinen mürrischen -Passagier an Land. Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek -in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach dem Neß. - -Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine Mutter schon -rufen: »Klaus! Klaus! Klaus!« Und er sah, daß Leute bei ihr standen. -Auch sein Großonkel, der alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah, -war auf dem Deich. - -»Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll bloß ween?« - -»Hier is he!« - -»Woneem, woneem?« - -»Hier uppen Diek, Mudder!« - -Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand -und führte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt hätte. Und als er -seine Reise über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter -und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche -Übertreibung, denn er hielt sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat -beleben, denn brukt en ok ne to legen! -- da warf die Mutter sich -schluchzend auf den Tisch und sagte: »Haut ji em, Unkel, haut ji em: ik -kannt ne!« - -»Hebben mütt he wat,« erklärte der verbissene und durch das viele Rufen -gereizte Alte. - -»Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun,« -sagte Störtebeker mit blitzenden Augen, aber der alte Jäger, den das -Schreien aus dem Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: »Wat? Van mi -lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol wies warrn!« - -Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war -ihm auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über -Bord werfen wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen, -ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne -vergeten! Diese Ruhe brachte den Alten noch mehr auf und er schlug ihn -ärger, da warf sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden -auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen nicht zu brechen -war, daß er sich lieber krumm und lahm prügeln ließ, ehe er einen Laut -von sich gab. - -»Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll -alleen mit em klor warrn,« bat sie dringend. Der Alte ging mit einem -bösen Blick hinaus und brummte noch auf der Diele. - -Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster -vorhalten. »Dat betjen Hoveree,« sagte er verächtlich, »wat he dor son -Larm üm moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben -kunnt!« Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren -gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das Fenster eingeworfen wäre. - -Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem -langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn -ik irst an Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as -Mudder: -- dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab. - -Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm -in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm -ab, daß sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja -nicht anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt -hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: sie beugte sich über ihn -und küßte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht -tun dürfen: er hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen -Kinderkram, wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster gesprungen, -als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte. - -»Mien Jung büst du doch,« flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das -Haar, da regte er sich und sagte halblaut: »U, Vadder, kiek mol dat -grote Schipp!« - -Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht -schon wieder bei seinem Vater an Bord -- und du, Gesa? - - - - - Fünfter Stremel. - - -Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, daß er auf den -Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind -wehte, daß die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so -kam auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder da. Denn sein -Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es -nichts, ohne den wußte er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und -ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken -ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen -sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon wieder -aufgetallt wäre, ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und -andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war -er wieder ganz allein und wußte nicht, was für einen Weg er einschlagen -solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete -den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen -Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach -ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater -noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht, -noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle krabbelte an dem -mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurück. Der Junge stellte -das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem -Binnendeich, um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den -durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf -See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser -lag, aufs Trockne und überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er -drinnen hatte, noch springenlebendig waren. - -Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte -er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun -war er eigentlich arbeitslos. - -Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die -Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. »Speel doch en -betjen mit de Kinner,« sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die -Hühner fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit -aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen -wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er überhaupt nicht: er -wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder -Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann hätte -er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben -- und -deshalb wurde es ihm bald über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte -ihnen den Rücken. - -Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den -Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen. -Juno, der große, braungefleckte Hund, lief neben ihm her. - -Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er dachte an die -Schläge vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und -sagte vergnügt: »Meun, Klaus Störtebeker!« Störtebeker dachte aber: -snack, soveel du wullt, wat geiht mi dat an, -- obgleich die Enten -durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den -Sack geguckt hätte, auch von Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre. - -Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete, -daß einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Pütten -oder nach der Wisch ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter -hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit -den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise über das Eis war schon -bekannt geworden. Ihre Jungen sollten sich nicht mehr mit dem -Buschräuber abgeben, riefen die Frauen einander zu. - -»Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß no den Störtebeker, -hest mi verstohn?« »Jo, Mudder!« - -In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre zur Hand -und lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu -erwischen, aber er hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig -genug, die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie -schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher kam. Einmal gewahrte -er einen großen Hecht, der gut gegen die Sonne stand: behutsam tauchte -er die goldige Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen, -und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch anfänglich -gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn er hinter den Kiemen -war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da -strich eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek -gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im Wasser. - -»Du verdreihte Jakob du!« rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem -Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem -runden Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war -lohnender: er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke Weibchen -und graue, dünne Männchen. Den größten Teil bekam die Mutter, die sie -für die Hühner kochen wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank -unter den Linden sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für -Kluß zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt. Die alte -Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den Schmaus durch die Maschen des -Kastens stopfte. - -Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr -ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: »Höh, -Klaus Mees!« da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als -wenn sie schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den Schnabel, -als wenn sie um weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre, sie -krächzte auch einmal, aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der -Junge sich auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach getaner -Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen, wenn er in den -Hof hineinging und es mit einem Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich -sollte die Krähe lernen: De Jung mütt no See! -- aber das sollte nun -erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld freilich noch nicht -groß. - -»Du büst dummerhaftig, Kluß!« sagte Störtebeker ärgerlich, »wenn du ne -bald snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.« - -Nach dem Mittagessen -- Plummensaus gab es, eine Götterspeise für ihn -- -machte er sich ans Knütten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage -vorher zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und -Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur -so, aber nach anderthalb Stunden sah er ein, daß es ohne seinen Vater -doch nichts schaffte. - -Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und goß den Kahn leer, der -immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mußte der werden, das war ein -Apfel, und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, hätten -sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl allein dabei. - -Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie fischten wohl schon -und hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kämen oder -übermorgen! - -Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten baumelten an der Tasche -und machten ihn guter Laune. - -»Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du schallst Afbitt -don,« stichelte er, aber der Junge ließ sich nicht in die Kneife -bringen. »De ward fix nattgoten,« sagte er gleichmütig, dann aber besann -er sich, schluckte den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich, -um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen, Juno zu -streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war, und die Flinte zu -tragen, denn er wollte nun doch gern einmal wieder mit auf die Jagd, bis -sein Vater kam. - -»Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn -schippern kann.« - -»Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt woll anner Wetter,« -sagte der Jäger und sah den Heben an. - -Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, die -dreierlei wissen wollten. - -Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hatte, denn dann -wollten sie einen Bock und eine Eve bestellen. - -Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen -hatte, denn das war am Deich erzählt worden. - -Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken war, denn dann -wollten sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhölzer hatten sie eine -ganze Schachtel voll in der Tasche. - -Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. »Ik weet -ne, veel lütje Munkis dat ik krieg, Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor -söben van ward, denn kriegst du noch twee.« Wegen des Schusters ließ er -es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und -sagte: »De Lüd snotert sik wat trecht, Hein!« Der Feek sei noch mistnaß -und für Ostermoonen sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich -wohl eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien? Wenn es -soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen Rauch trecken sehen. »De -Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du lütje Boitel doch noch ne -mit ümgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.« Damit entriß -er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies ihnen -noch Kluß und die angefangene Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und -die Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn -er sah die Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an, und wenn -nicht die Bestellung gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit -ihnen abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen halten. - -Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht -bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn, -um sich seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht. - -In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang und Graupen und -Zucker vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt. - -»Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder,« sagte er -zuversichtlich, als er die Stiefel auszog. - - * * * * * - -Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus, -ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den großen, schönen -Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und -weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater aufkommen konnte, -stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder -er saß im Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den -vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen Ewer und einen -blauweißen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen -mußte, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar -wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, des angetriebenen -Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung -der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das -Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen -das große Warten auf seinen Vater. - -Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Neßhuk -nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau, -die im Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie -die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und -aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer -weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch -suchte sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill war ein -wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland -allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr -nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es -gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte, -war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere -große Haverei bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. Manch -einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht -fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man -mußte Thees to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst -Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses Weibes. - -Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen -zum Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb -ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht -zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine Kurre berührte. -»Nu bün ik behext,« dachte er. Am Morgen besah er die Kurre genau und -fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und -vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte er das Netz auf -der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to -Baben. - -Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war -Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darüber zukam, als Gesa dem -Jungen einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel -und keine Birne, da sagte er ernsthaft: »Mudder, gläuf doch ne an Hexen -un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll -geben? De freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!« Und dann sagte -er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl -zugefügt hatte: »Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker, -un bring Sill de hin!« Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte -ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und -sagte ihn für später zu. - -Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran, -klinkte die Tür auf und sagte: »Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns -hebben.« - -Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn -die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle -Diele, denn bange war er nicht. »U, Sill, wat bitt de Rook mi inne -Ogen,« rief er. - -»Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de -Schinken,« sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter -den Wandbetten war. - -»Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to, Sill?« - -Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im -frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch -zu hören. Ein anderes Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine -in die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon. - -»Wat seggst du, Junge?« - -»Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?« wiederholte er lauter. - -»Jo, all mien Schinken.« - -»Diern, denn kannst du di woll frein!« - -Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden -Augen an. »Is dat de Katt oder de Koter, Sill?« - -Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf, wie der Geist von -Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der -knochigen Hand. - -»Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn -du Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.« - -»Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,« sagte er gemütlich, sie aber gab ihm die -Äpfel und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wären für die Fische -von damals und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne -Danke an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den beißenden -Rauch nicht mehr aushalten. - -Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die -schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext -waren und ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte -es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und sein Vater war der -Oberste für ihn: er wollte sie getrost essen. - -»Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat sünd dat för Appeln?« -- -rief die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh -- das hätte -nicht kommen dürfen. »Kantappeln, Mudder!« »Keen hett di de geben?« -Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten hatte! Nun mußte er mit der -Wahrheit an den Tag. »Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.« - -»Her de Appeln!« - -»Och, Mudder!« - -»Her de Appeln, de schallst du ne upeten!« - -»Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen Appeln mihr hatt!« - -»Giffst du de her, Klaus?« - -Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm -weg. Hastig steckte sie sie in die große Tasche, die sie unter der -Schürze trug, und ging ins Haus zurück. Störtebeker lief hinterher und -versuchte, sie ihr wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie -war unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie -heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde. Und als er sie später aus der -Tür kommen hörte, da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter -der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, dann -lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die Äpfel hinein, um -die Hexerei unwirksam zu machen. - -Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen kam und die -Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte -sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die -Tasche. Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in seinem -Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut -hatte, betrachtete er sie wieder und aß sie dann mit großem Behagen auf, -ohne bange zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu schmeckten -sie viel zu gut. - -Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel -auf dem Tische und die Mutter sagte: »Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een -van uns egen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne -krank van. Den et man up.« - -Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte -doch: »Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant -leber as Prins!« - - * * * * * - -Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser -und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon -auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen -und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im -Gras. Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er -konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß er eben vor -der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab treiben und legte sich -zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen -aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn -jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon -weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, -- -das erfreute ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden. - -Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden, -warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten -hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater -nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie -zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer, -Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor -seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm. - -Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn, -denen wriggte er entgegen und die begrüßte er: »Hebbt ji Vadder ne sehn? -Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald?« Wußten die Fahrensleute dann -mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er -einfach seinen Kahn so, daß sie seinen Namen »Klaus Störtebeker« lesen -konnten, -- dann wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder -nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten ihn -nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein oder er wäre nach -der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei -nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte, -die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am -Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte: daß einer -sagte: »Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!« --- das bekam er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht -zu sehen, so weit er auch blickte. - -Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die -Frauen zu grüßen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde. - -Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich -entlang mußte, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer -aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man -noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett -tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon -Bescheid wußten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich -doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an, -um so eher, als er nicht für Geld ansagte, wie die andern Jungen, die -sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen -Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten. -Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. »Behol man, ik verdeen -Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken,« sagte er, wenn ihm eine einen -Groschen geben wollte. - -Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer Manofwar, ein -deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte -es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht -- langsam glitt es -nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem solchen Manofwar war -auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen -viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon -mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und -rief: »Hallo, Störtebeker!« Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite -von der Stegel wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern! - -»Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!« - -»Lurst du up dien Vadder?« - -»Jo, Jan! He kummt man bloß ne.« - -Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch -fragte er Jan, ob er seine Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff -vorüber und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes gegen die -anlaufende, große Dünung drehte. - -Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge -in gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort: - -»Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett ok de Reis, he is -ober no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!« - -»Is dat eulich wohr, Hein?« - -»Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?« - -Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. Nach der Weser -war sein Vater! Das konnte ja schön werden, denn das letzte Jahr war er -auch immer dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn -du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst dor woll gliek söben -Mol no de Ratt hin! Nun konnte es wieder so kommen, daß er immer dahin -segelte. - -»Mudder, weest, neem Vadder is?« fragte er, als sie beim Kaffee saßen. -»In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!« - -»Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land is,« sagte die -Mutter erfreut. - -»He harr ober man no Hus kommen müßt,« sagte er darauf, »wat deit he no -de Wesser hin?« - -»Dat mütt Vadder sülben weten,« erklärte sie aber, »dor is he dichter bi -de See un hett dor ok woll noch en beter Markt as boben an Altno.« - - * * * * * - -Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches, -am andern Morgen, daß so viel Schollen oben an der Brücke wären, daß -kein einziger Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und -hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die sie den -Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese sich auch nur umguckten. -Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat Vadder no de Wesser is! --- aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen -sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch -slechter! - -Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken Zwillinge bekommen -hätte -- twee lütje Jungens, ober krekel un gesund! -- daß Hinnik Bott -seinen Ewer kondemmen ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See über -Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte sich noch lange über -Wasser gehalten, aber sie hätten ihn nicht wiederfinden können, weil es -so dunkel gewesen wäre. »Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!« hätte er -immer gerufen, bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel hätten -ihn zuletzt hinuntergezogen. »Is man en Butenlanner, Gorch hett he -heten, ober wat is dat bedreuft,« schloß die Frau. - -Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten Kurrbaum, der noch -die Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu. - - - - - Sechster Stremel. - - -Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei -große Löcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der -Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der -Briefträger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an -einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst, -als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, ließ er die Bunge liegen und -sauste ins Haus hinein. - -»Van Bremen, Gesa,« sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter -einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte, ob -der Kessel über dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte, -hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel aus der -Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: »Hunnert -Doler, mien Diern!« - -»Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!« rief Störtebeker aus, als er die -Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: »Wat kann dat -angohn? Wenn Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter -Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?« - -»Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,« antwortete der Postkerl -geheimnisvoll. - -Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker -hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, daß er einen Grog -verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf -den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das -rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar -nicht schwitzte, dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und -sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu -rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog -liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte, wie ein -Weinküfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, daß er -gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich -aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: »Dat -Glas kannst du utlicken.« - -»Ik bün keen Restensuper,« sagte der Junge verächtlich und schob das -Glas von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen -Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten -Worten: »So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!« - -»Jüst, Jan!« - -»Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!« rief Störtebeker -bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot -ihm, es am Deich zu erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte -sie den Brief auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand: - - Klaus Mewes, Finkenwärder, - -ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. »Se findt mi ok so,« -pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt. - -Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben, -und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt -waren einander dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte, -sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch -auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum, die Geldsumme. - - Bremen, den 29. März 1887. - - Liebe Gesa! - - Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und - 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu - voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut - getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre - Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das Markt ist ja - immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen - wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch - gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe. - - Jetzt will ich schließen. - - Mit Gruß an Dich und Störtebeker - - Dein Mann Klaus Mewes. - -Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: »Och, de scheebe Weg no -Bremen!« Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle: Bremen -zeigen: rief er: »Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!« Die -Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und -sagte ein Junge ja, so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in -die Höhe und fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er -gequält ja sagte. - -Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein -Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er -wieder an seine Arbeit. - -Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst -mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen, -aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen! - -Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem -Schauer und heilte dort weiter, unter den großen Namenbrettern -gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen -war, _Büt_, wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf -Großvogelsand strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer Klipper mit -Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich -trugen diese Namenbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine -Inschrift, wie »Kalliope«, »Ceres«, »Fare well« oder »Merkur«. - -Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf, davon zwei mit -Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte -Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen -umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt -- nun von Spatzen umpiept, -von Hühnern umgackert. - -Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit -der goldenen Inschrift: - - +----------------------------+ - | Suzanne -- LE HAVRE | - +----------------------------+ - -die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen Beutemacher, und -hießen: - - +-----------------+ +--------------------------+ - | HOFFNUNG | | Goede Verwachting | - +-----------------+ +--------------------------+ - - +------------------------+ +----------------------+ - | HAABET -- SKIEN | | MARY THOMPSON | - +------------------------+ +----------------------+ - - * * * * * - -Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene Fischerei in diesen -Tagen besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein -Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen -konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er -sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig. Der Jäger -stellte sie ihm ein und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt -saß das Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und -Karauschen und er mußte daran denken, sie an den Markt zu bringen. - -Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal gebrauchte, -denn er konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mußte hin -und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf -nehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: »Frog em man -sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,« da sagte er aber kurz und -bündig: »Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krüssen, denn lots -man dot blieben.« Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er -selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen: sie -dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn. - -»Will he jüm mithebben, Mudder?« - -»Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!« - -Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der -Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte, -und hängte sie in den Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige -Einwendungen: wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik jüm los warr ... -de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de Hökerwieber man nehmt ... Als -Störtebeker aber sagte: »Denn schallst du jüm gorne mithebben, du -Bangbüx,« und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer -ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer als -möglich zu verkaufen und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg -selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume. - -Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen -ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte -sich schnell, damit er nicht Danke zu sagen brauchte. - - * * * * * - -Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe -ganz vergessen hätte. Bald kam eine Kunde von Geestemünde, bald von -Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von -Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte -die ganze Unterweser mit springenlebendigen Klapperschollen und mit -Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste, -Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit -aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Nach -dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld. - -Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter -gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein -Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus, -denn der Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon -bald aus, wenn er fragte. - -Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn -die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten, -und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären. - -Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich! - - * * * * * - -Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden, wenn die Sonne -höher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an -der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen -ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie -das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene, -entwickelte, so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der -Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr -Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und -seht mit Ehrfurcht auf das Kind -- straft es nicht um seine -Osterflammen! - -»Johannisfeuer bleibe unverwehrt!« - - * * * * * - -Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet, -Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen -hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es -hümpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus -Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es -nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden -immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer -saß, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines -Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben, -pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten -wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der -bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß -bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein, -die größte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie. - -Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche -gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die -Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, -- -aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer -wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen -oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer -von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so -zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der -Püttensümpfe, zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen, hinter dem -Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war -der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der -wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: »Ik bün obers -ne bang, Jungens!« Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig -räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in -Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und -ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu -quälen. »Lot man brinnen,« sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal -in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen -dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten. - -Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müßten sein: sein -Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand -am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich. - - * * * * * - -In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß -Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen. - -Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der -Heimat gegangen -- als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor -Wochen zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um -den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die -vor den Türen gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht möglich -gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen -werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und -brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht. - -In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und -niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er -fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus -- -über sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden, -den er nicht wegwischen konnte. - -Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen -Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und -sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er -butenlands gewesen war. - -Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an, -als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur -noch selten: an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die -Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit -fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz -sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel -ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu machen -waren. - -Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der -jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein -Lächeln in das ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken -bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst? ... -Kiek, hier! Dat schall fluckern un räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm! -... Jo, hier is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat -fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en feine -Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus -Störtebeker! ... - -»Säst du wat, mien Jung?« fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen -gehört hatte und von unten gekommen war. - -»Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern -mol mit em snacken,« bat er. - -Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem -Feuer gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und ließ sich ausfragen -von dem todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und -seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von -seinem Vater und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann -aber fing er an zu fragen: nach den großen Schiffen und den Schwarzen, -nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika. Ob Harm schon mal -Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre, -was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der alle -Schiffe hindurch müßten. - -Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in -dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder, -die er verloren hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis -die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. Da schenkte er -ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die -Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt -hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage -wieder heraufzukommen. - -»Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een,« sagte er zu -seinem Bruder. »Herrgott innen Heben, wat förn mooi Leben hett de nu -noch vör sik -- un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!« stöhnte er und -kehrte das Gesicht gegen die graue Wand. - -Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die -Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er -ganz still lag. Dann sagte sie: »Harm, hür mol to: ik will mol mit di -snacken.« - -»Och, lot mi doch, Mudder!« - -»Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik -ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut -de Schol is! Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh to Woter, -wenn he ne an Land blifft!« - -Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, daß -er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur -keine Antwort geben wollen. - -Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für -sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und -erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit. - -Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken -kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf -dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen -hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete -auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, -und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der -Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden. - -Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern -stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu -entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche, -wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das schöne -Vollschiff! - -Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male -der Gedanke: jetzt muß ich sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis -er sich ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! Da -kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all -das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer -wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß -und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und -lachend lag die See vor ihm, die große, weite See, und hohe, stolze -Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Winde! Wie -leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf -der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis saß der Norweger und -spielte auf der Harmonika: über ihm aber wölbten sich die gewaltigen -Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine -spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der -Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam -ins Wasser sank ... - -»Jan?« - -»Wat schall ik, Harm?« - -Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und -sah verdrießlich von seinem Katechismus auf. - -»Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no -See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn -Vadder un Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un -kodimmt warrn mütt! Ik ro di _to_, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn -goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, -wenn du goden Wind inne Seils hest!« - -Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf. - -»Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok -seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb -keen Sack vull Gild mitbröcht: ik segg di: mien Leben is _recht_ wesen, -un wünsch mi keen anner!« - -»Snack doch ne soveel, Harm,« beschwichtigte ihn der Bruder, der gern -weiterlernen wollte, »ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.« - -Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft -ging er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte -sein Seefahrtsbuch. - -»Wat wullt dormit, Harm?« - -»Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!« - -Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen -seine knochigen Finger es, als er sagte: »Dor steiht dat in, Jan, woneem -ik allerwärts wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne -Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de -Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook will ik nu -jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn scheut ji mi dat innen -Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verklorn kann.« - -»Harm, schon di doch,« bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah, -aber der Matrose hörte nicht. - -»Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen Finger mihr krumm -moken kann, ohn mi weh to don: wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor -ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un -Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch -angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben -mütt.« - -»Harm, so snackst du nu -- un to Sommer, wenn du wedder beter büst un -wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.« - -Der Kranke schüttelte den Kopf. - -»Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh de See ne wedder! -Jan, goh no See un warr en fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!« - -»Ik do ok doch, wat ik will,« sagte der Bruder bestimmt, »meenst du, wat -ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?« - -Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder -hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch -nicht käme, denn er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet. - -Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, daß -der Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch -einmal über den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein -rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer -und hinter dem Neß standen viele braune Segel auf dem Wasser. - -Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam und grüßte ihn. Und -Harm Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick. - - * * * * * - -Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das -Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte -Triengretj, die Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, daß er -Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem -Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen -Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in -einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit -hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem er das halbe Geld -aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer mit, -daß es eine große Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger -Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der -manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte. - -Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief -Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab -und ließ es auf der blinkenden Elbe segeln. - - - - - Siebenter Stremel. - - -Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach -dem Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in -der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der -es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte, der abwechselnd als -Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott dienen müsse. Den Tisch fege sie -mit dem Besen ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als -Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze. -Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im -Bettstroh. - -Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota -eine große Farm haben, so groß wie ganz Finkenwärder, sagten sie: -anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags -gleich schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst -einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn nach dem -Kirchhof: das wäre so Mode in Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht -um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der -Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit -nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun -war, die er für das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel. - -Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete und -die Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die -Gören hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des -Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand -die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gänzlich -niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner -Mutter hin und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts: -als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuß hatte, -war das Haus schon zusammengestürzt und sie konnte nur noch die -Obstbäume naßspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem -Klütjenpott umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan, -die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker -machte, daß er weg kam, als er das hörte. - -Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei, -daß er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg -gewesen, als daß Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten. -Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie -drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete sich nicht. Aber es -kam doch soviel dabei heraus, daß kein Junge mehr mit ihm nach dem -Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre -wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmütig gesagt -hätte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten Haus sei -nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika! - -Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen -und dampfte nach Neuyork ab. - -Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld -zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht -freigesprochen, er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein -gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt -verratzt, wie er sich ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch -noch die Bungen weggenommen und er konnte nicht mehr fischen. - -Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum ersten Mal wieder eine -Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog, -und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich -genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem Giebel des Neßhofes -erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann ließ er -das Feuer im Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete -lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinem _Vater_ -entgegen. - -Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein -Vater war wieder da! - -Wie wriggte er, wie rief er: - -»Höh, Vadder, höh!« - -Da wurde er vom Ewer gesehen: - -»Höh, Klaus Störtebeker!« - -»Non, Vadder, de Reis afmokt?« ... »Jo, mien Jung!« ... »Wat geiht di -dat, Kap Horn?« ... »Och, god, Störtebeker, dat weest woll, slechte Lüd -geiht dat jümmer god!« ... »Büst ok seekrank worden, Hein Mück?« ... -»Ne, du Schietinnebüx.« - -Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte -an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin. -Nun war alles gut -- er war wieder an Bord bei seinem Vater! - -»Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all en -eulichen Snauzbort!« - -Kap Horn aber sagte: »Dat is keen Bort, Störtebeker: Hein Mück hett sik -bloß en bitten annen Klütjenputt swart mokt.« - -»Dor quält jo man ne üm,« schnauzte der Koch. - -Vom Ruder scholl es: »Gohn den Draggen!« Der schwere Anker fiel, -rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum -Schwoien. - -»Vadder, schall ik de Fock dol smieten?« rief Störtebeker, der sich -wunderte, daß sich niemand um die Segel bekümmerte, aber Klaus Mewes -erwiderte: »De Seils blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit -allemann no Stadt rup!« - -»Junge, jo! Dat ward fein!« sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht -einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit -dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug -und wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn -das Boot in die Tallje und setzten es über Bord. Der Schiffer warf -unterdessen die Scharben in den Reisekorb und dann schipperten sie an -den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot. -Hein Mück wriggte. »Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett -wunnen!« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften -- und richtig -wurde er dem schweren Boot leicht über. - -Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen -entgegen. In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe -und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den -Nebel und an die dunkeln Nächte. - -»Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi weut -alltohopen mit no Altno rup!« -- rief Störtebeker schon von unten. - -Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt -ihre fest: »Goden Dag!« - -»Goden Dag!« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er -hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte -verwirrt: »Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Lüd dinken!« - -Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn -nicht der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: »To, Vadder, -lot ehr los, se schall sik klor moken!« - -»Wullt mit, Mudder?« - -Sie nickte: »Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!« - -Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, die großen, braunen -Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und -konnten alle drei kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er -mußte alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo -sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie gebört hatten, was für Wetter -sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie -eine Pfeffermühle. - -Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäß, -obgleich er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das -Viehwerk wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn -und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön auf dem blanken -Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt -wurde. - -Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das -Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war -soviel Wind, daß sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an -der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf -den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in -Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser -wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder -hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei Hein Mück, der -Kartoffeln schälte, und aß getrocknete Knurrhähne. Oder er besah die -Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten. - -Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun -pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte -er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine -Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen -maß und bat: »Vadder, stür doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,« dann -lachte er sie aus und sagte: »Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp ut -den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.« - -»Worum denn nich?« fragte Kap Horn lauernd. - -»Vadder seggt dat,« gab Störtebeker zur Antwort, »un de mütt dat doch -weten!« - -»Jo, mütt he ok,« bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem -großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen -vorbeischob. »Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?« Der Junge sah nach -der Flagge am Heck. »En Ingelschmann.« - -Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen. - -»U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!« - -Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit -angerichtet hatte. Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf, -aber sie hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn -erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: »Mudder, wi sitt hier nu so -scheun up Deck un fohrt so mooi no Hamborg un nu fangst du dorvan an!« -Und er stand auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht -noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos, -sie solle ihn nur gewähren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor, -sondern Fischermann werden. - -»Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.« - -»Gesa, mok doch kein Schop bang.« - -»So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol ober em weenen!« - -»Ne, dat gläuf ik ne, Diern!« - -Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen. - -»Bestrof em, Klaus!« - -»Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen -rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa, -anner Reis nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen -Undöt mihr moken!« - -Da gab sie es auf. - - * * * * * - -Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder. -Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Störtebeker stimmte -eine Art Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher. - -Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer, -Fischhändler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise -abzukaufen und die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen -guten, runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es -waren erst drei Ewer an der Brücke und er konnte auf einen guten Markt -hoffen: auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu -verhandeln. Die Händler drängten: - -»Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!« - -»Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,« lachte Klaus Mewes. - -»Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!« - -»Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,« bemerkte er trocken. - -Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal nach Eierkohrs -einladen, sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst -einen kaufen. Und er sog ruhig an den Gräten. - -Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der -Helgoländer Dünung klüse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer -in beständiger Bewegung gehalten. - -Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. »Du büst seekrank, Mudder, weest, -wat dat is?« rief Störtebeker hinter ihr her. - -»Paß man up, di geiht dat nix beter,« steckte Kap Horn es ihm, aber er -lachte sicher und sagte: »Nix zu machen, Herr: ik bün seefast!« - -»Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,« warf Hein Mück -dazwischen, aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem -er spottend rief: »Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot -inne Koi legen, ast weihn worden is!« - -Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa -die Brücke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den -Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige -Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker mußte an -Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musiktüdelei -machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den -Nudelkastenmännern stehen. - -Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den -Bünn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden -herausgesucht. Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie -sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den großen -Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen werden sollte. - -Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum -Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen -schönen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der -Hafenstraße hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas, -einige deftige Eisbrecher. - -Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen -der großen Segelschiffe, die bei Blohm und Voß dockten, und nannte alle -Segel und Taue mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und von -dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hörte nipp zu, wie er dem -todkranken Matrosen zugehört hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen -Stellen beiläufig hinzufügte: »Dor harrst doch bang bi worden, nich, -Störtebeker?« -- dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: »Ne, bang -harrk ne worden!« - -So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser -schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie -auf der dänischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch -viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb -gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem -Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheißen. Das war ein -stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm: jener -war auf der Höhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet -worden -- er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht --: dieser lebte -und drängte mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht -leben könne. - -Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte -und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem -Glucken des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der -seesüchtige Junge. - - * * * * * - -Am andern Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker, -als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten -- er hatte richtig die Zeit -verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck. - -Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn es Karkmeß wäre! Das -ganze Deck stand voll von fremden Leuten: was für ein Gedränge auch -doch, was für ein Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen, -Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und Beuteln -standen um den Bünn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften -schließlich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bünn und -ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein -Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter, -langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn -Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott, -obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war -schollenhungrig. - -»Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens -man mol,« sagte er zu Gesa, die beim Kompaßhäuschen stand und mit -fremden Augen auf die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn, -der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann geboren. Sie -schüttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo -war Störtebeker? War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um -sich den Kasper anzusehen? - -Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück -und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser -hineintun konnten, er warf die toten Fische beiseite und reichte die -vollen Netze seinem Vater hinauf. »För twee Mark, Vadder!« ... »Förn -Mark!« ... »För föftein Groschen, Vadder!« ... So rief er dabei, mit -einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören war: nun paß auf, daß alle -bezahlen! - -»Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! -Süßtein förn Mark!« rief Klaus Mewes oben und »Süßtein förn Mark! -Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!« echote -Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern -Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen. -Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kökschen ... »Leben dot de -all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote gifft ne, dat geiht -vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...« -An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mußte ja helfen. - -»De sünd jo dot, Junge!« »Wenn du man ne dot büst: de leeft!« »De sünd -jo so lütj, Junge!« »Wenn du man ne lütj büst: de sünd grot!« Er ließ -sich nicht verblüffen. »Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft -achttein!« »Denn goh dor man hin: hier gifft dat bloß süßtein!« Er paßte -aber auch auf: »Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!« - -Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten -Hilfsmann! »Vadder, dat middelste Schott is all leddig!« - -Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: »Wat mokt he sik ok doch -utsehn!« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: »Worüm hest du em -dat nee Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten -kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen!« - -Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die Luken zumachen -konnten: die paar Stiege, die noch im Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes -selbst. Ausverkauft! - -Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, wie ein Stück vom -Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die -Kajüte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen, -Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt war, waren es -nahe an dreihundert Mark, die er in acht Tagen aus der See geholt hatte. -Es war wieder Glück dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen -hatte. - -Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so groß vor, daß sie -immer nur von den _großen_ Seefischern sprachen und auf sie schalten, -denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg -und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den -Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag für sechs Groschen wie Pferde -arbeiten mußten: wenn sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie -hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht! - -Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: sie ist und -bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben -mit der Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so könnte die -hamburgische Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift: -Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, daß so -viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die -Zinsen, der Winter -- wir wollen sie dennoch preisen, die schöne, schöne -Schollenzeit! - - * * * * * - -Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch die Klüsen. »Dol de -Seils!« Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an -Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte -die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, daß die Leinen -den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker mußte die Schollen -austragen, die sein Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten -Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft -lebendige Schollen. »De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk -wedder fangt,« hieß es am Deich. Die Bauern auf den Wurten, die -Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte -Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm -Freude, wenn die Leute fragten: »Non, Junge, is dien Vadder her?« »Jo!« -»Mit Schullen?« »Jo!« Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei, -der Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus -Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte -wieder ins Stroh hinein und holte richtig noch einen schönen Apfel -hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn -nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen -müsse. Es war ein fetter Tag für ihn. - -In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging -mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest -waren, daß sie anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes -wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich -schlichen die Katzen mit erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander -wegen der Abfälle an. - -Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und -verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei -bei Juist und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im -Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und -schwerer in den Heben hineinwuchsen. - -Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen -Aalkörben beladen. - -»Non, könt hier utholen?« - -»Jo, Jakob!« - -Er blieb einen Augenblick stehen. - -»Lopt de Ool all, Jakob?« - -»Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms -hebben.« - -»Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all -eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voß de Geus un as de Hund de -Rotten! Wi weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an -Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de -Gildbütel man afkann!« - -Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: er dachte an die drei, -vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben schrapte, und ärgerte -sich über den großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich -warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. »So, so,« knurrte er und -stiefelte weiter. - -Gesa schüttelte den Kopf. »Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus -Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?« - -Er sah sie groß an. »Wat meenst du dat?« fragte er verwundert. »Ik kann -mien Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor -steihst du, dor sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien -Linnenbäum, dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben oder is dat -all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik -gläuf, uns Herrgott süht ok leber en vergneugten Minschen as en -trurigen!« - -»Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en Minsch un wullt wedder -no See!« mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab, wie die Ente das -Wasser. - - - - - Achter Stremel. - - -Es war Ostern auf Finkenwärder. - -An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen -ließen braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im -Sonnenschein und glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln. -Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die -Kiebitze zu Hunderten, und über dem hohen Neß schwebten die grauen -Reiher. - -Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr -Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst -auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er -geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für Landwege -geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege -es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt haben, die aber -abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu -viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar. - -Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen -Winter eingestellt war und die große, allgemeine Ausreise erst nach -Ostern stattfand. Da lag es nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel -auf den Kieker nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute! -Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen, -den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu haben, bevor sie an Bord -gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein. - -Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und -seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen -und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten, -mittelalterlichen Stadt Frankfurt -- aber das muß verblassen vor der -großen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag -anfängt und bis zum Abend währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit. - -Breit und blau grüßt die Elbe -- im Hintergrunde steigen die Blankeneser -Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht über den Strom. -Deutsche, englische, französische, nordische und holländische Flaggen -flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das -Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und im Osten steigen die Hamburger Türme -aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber -und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und Kutter, die starken, -schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im Sonnenschein, als wenn sie -wüßten, daß es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher -Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser. -Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen -lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche -gehabt hat. - -Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die -Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen -Türen, geröteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen -Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs -stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbäume, die -aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die braunen Äcker, von -Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den großen -Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der -Insel. - -Da kommen sie an, die Osterleute. - -Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen -sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand --- denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei --, damit die Fahrensleute -Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die -Schlingel, die ihre Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die -Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die über die Gräben -jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns vom Deich stoßen und -die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann erscheinen die Konfirmandinnen -in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen -Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste -Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den -Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie -ihr Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das -kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr -an, bekümmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen -von Schiffen und Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler, -sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der -Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt seine Zigarre (un noher -fangt se doch all an to prüntjern). - -Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen -zu fünfen oder sieben, in Schöfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den -ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein, -sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich, -die Häuser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die -Alten nehmen sie vor, die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster -schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und -fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle. -Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser -das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch der Fahrt und -der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so -geht es immerzu. - -Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten Finkenwärder sein, wenn -sie nicht auch unterwegs wären! Auch sie machten die Runde um das -Eiland, wobei sie sich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das -Mewesgeschlecht das größte auf Finkenwärder war, hatten sie an allen -Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag sagen mußten, und wurden -alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den -Fischern, die er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes -manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und zu an der Jacke, -damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um Finkenwärder -herum. - -Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt, das bis Karkmeß -geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling -stehen sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats. -Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch an der Rechnung -stehen hatte, dann besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen -ließ. Ein hohes, stolzes Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in -den Heben ragte. - -»Wat köst de nu, Jochen?« fragte er, als er alles befühlt und besehen -hatte. - -»He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,« erwiderte der Baas. - -»Dat Schipp is god,« lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an -dem scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, »de schall woll seilen, -Gotts den Dünner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor -Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter -bon, noch greuter un noch scheuner as düsse hier! Un denn will ik jo mol -wiesen, wat Seilen un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees -heet!« - -»Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?« rief Störtebeker eifrig, der -Baas aber strich den grauen Bart und sagte bedächtig: »Dor snackt wi -noch mol ober, Klaus, wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!« - -»Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?« - -»Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.« - -»Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi -hebbt H. F. 500 up See!« - -Der Baas aber sagte nur: »Wi weut dat best höpen,« denn er glaubte nicht -daran. - -Vater und Sohn verließen die Werft und gingen weiter. - - * * * * * - -Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf die Ostereier. Hein -Mück sagte, er wolle ganz gewiß zehn essen, und Kap Horn erzählte, er -habe schon den ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- oder -vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa mit der großen Schüssel -an, die gehäuft voll von den schönen weißen Eiern war, und das -Ostereieressen begann, das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen -hatte, der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte -Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. »Wedder een, Vadder! De smeckt -as Sucker!« - -»Söben,« rief sein Vater. - -»Kann ne angohn,« sagte Störtebeker aufgebracht, »du kannst heuchstens -dree Eier up hebben.« Er zählte die Schalen: »Een, twee, dree, Vadder!« - -Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich -und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne daß er's -merkte, die leeren Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier -untergeschmuggelt werden. Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches -Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten sie doch back brassen und -sich für beet erklären. Da bekleidete Störtebeker sich mit der Würde -eines Preisrichters und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich -liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf. »U, wat wenig, Vadder! Du -säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!« »Ik much ne tolangen, -Störtebeker,« entschuldigte sein Vater sich, »ik dach, anners wörst du -ne satt!« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden -Ergebnis: »Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. Du müß -gewiß de Pann wegdrägen!« Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam -glimpflich davon, aber über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich -zusammengedrückter Schalen hatte, goß er die volle Schale seines Spottes -aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen. -»Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken,« stichelte Kap Horn. - -»Van wegen poor Dinger,« ereiferte der Junge sich und zählte sie in -Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, daß er sich nicht -verzählt hatte, »kiek hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier! -Ik harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst jo sehn!« - -»Wohrraftig negen,« rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren -konnte, »wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft un wat de -Jung mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?« - -Kap Horn lachte: »Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten -warrn.« - -Störtebeker aber sagte: »Junge, Junge!« und knöpfte die Hose auf, um -sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen -ihm nun doch mit einem Male schwer im Magen. »Vadder, nu komm ik ok doch -mit no See?« - -»Nu noch ne,« bremste die Mutter schnell, »is noch veel to kold buten,« -Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen nach -dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre -Reise schon mit an Bord. - -»Och jo, Vadder! Och jo!« rief Störtebeker in heller Freude und sprang -in der Dönß herum, wie ein Füllen auf der Wisch. - -Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er -ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den großen -Schiffen her. Er ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem -Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite -in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darüber: -Ölzeug für Klaus Mewes junior. - -Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen -Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen -Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von -Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des -Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen. - - * * * * * - -So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein -starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, daß er bis -Michaelis wehen könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus -Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen -Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel -im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven. - -»He hett mi förn Narren,« sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur -Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der -Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der -Diele an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing, -und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn -alle Tage. - -Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, das hierhin und -dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte, -bemühte sich um das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen -Kaninchen, er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete sein -Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, er watete schon in der -Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom -Neß, der schon schwamm -- das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm -fast den Atem! --, er suchte Regenwürmer an feuchten Abenden und -pödderte Aale, er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte -seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß -mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den -wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte -sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab, -schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß sie -abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er -machte sich Hupuppen, Flöten und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren -Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die -Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, -- aber es war -keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen -mußte und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und -er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und -Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder nach H. F. 125 fragen. - -Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte, -unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, und hatte die Maulwurfshügel -unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte -aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den -Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und tötete ihn durch einen Hieb -auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschützenden Deich von -seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so -manchen Deichbruch verschuldet hatten. - -Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper -von St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter -ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter -ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und -lachten, schrien und sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders, -des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Stürmen zu fischen und in -schwarzen Kleidern zu tanzen. »U -- en Snilläuper!« Vorbei braust die -wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben dem Schnelläufer, er überholt -ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben -soll, aber dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und er kehrt -batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu Tür -ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte -der Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die Ewer an. - -Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der seine Hand -ausstreckte, sondern fragte nur: »Wat is dor los?« »Ik bün de Snelleuper -un heff snell lopen!« »Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig -lopen kunnt,« sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu. - -Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches Volk, nicht zu -vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwölfen und zwanzigen, und spielten, -daß der ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder -sangen: - - Schosteenfeger sitt upt Dack: - goh no Schol un lihr di wat! - -Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner erschienen, -denen weiße Mäuse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hüten und -Geesch mit Wolle, Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat -Räukerts, da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen, der -Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und -Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und zu hören am garn- und -fischbehängten Deich, aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet. -Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote und -Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lühjollen und -Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche -Störfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck -standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den Wanten hingen, und -an dem großmaschigen Störgarn, -- er hatte neun große Störe gefangen, -die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an -Stricken mitnahm, -- aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht in Sicht -kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein Vater fischte keine Störe! -Was kümmerte es ihn, daß Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und -mit dem Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei der -Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast einsetzen ließ, -weil er den alten abgesegelt hatte, daß Hinnik Saß doch nach dem Bauern -mußte, weil er zu seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln in -den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte, weil sein -Sohn von einem Dampfer in Grund gebohrt war, daß Hein Husteen und -Marieken Kröger lustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf -seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte, ihn an den Deich -und an das Land zu gewöhnen -- er sprach von der See und guckte nach den -Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe. - -Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte, daß sie -keinen Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn -Vater doch bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall -holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß, sie zu -überraschen und ihr heimlich einen Kahn voll Sand zu holen. Er nahm sich -den dritten Tag, als es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf -zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte mit halber Ebbe -westwärts, nach den Ausläufern des Nienstedter Falles, die bei -Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht -sagen, daß er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei. - -Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und -Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strümpfe -aus, krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker -machte es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte, -häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die -Feuchtigkeit abziehen konnte, dann erst schaufelten sie den trockneren -Sand in den Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können, sagte -sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis der Hümpel mit der -Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch nicht nach: er wollte eine -ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich. - -»Schullt ok woll all genog wesen?« fragte Harm, aber Störtebeker -schüttelte den Kopf und spuckte von neuem in die Hände. »Noch lang ne, -Harm, smiet man noch in, de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn, -de driggt wat, kann ik di flüstern.« Er mußte sich schon den Schweiß von -der Stirn wischen, so riß er sich ab. »Lot em giern bit an den Dullbom -to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un nix!« - -Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand -war. »Nu weut wi utscheiden, Harm,« sagte er väterlich, setzte sich auf -den Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott -machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß. -Harm betrachtete besorgt den großen Sandhaufen, aber er getraute sich -nicht, etwas dagegen zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte -und weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war. - -»Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Flot,« sagte -Störtebeker gleichmütig, »dat durt ober noch wat,« setzte er hinzu, als -er Jakob Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen -vorbeirudern sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe -überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden Jungen spielten deshalb -erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen sich mit Sand, sie -sammelten die großen Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten -die Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante saßen, daß sie sich -wie eine riesige, schwarzweiße Wolke über dem Wasser erhoben, sie -griffen die Nesen und Weißfische, die in den Prielen schwammen, und -wateten in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt -saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden -Segeln. - -»Nu ist Stallwoter,« sagte Störtebeker, »kiek, Harm!« Und er wies nach -den Blasen auf dem Wasser, die still standen. - -Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von -Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam, -die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf, -unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm -allmählich zu, wurde stärker und stärker; gelassen wischte das Wasser -mit leiser, zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die -ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte, -dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und -wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser, -wie sprang, wie lief, wie wallte es! - -Flot, Schipper, Flot, Flot! - -Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen -folgten die Störche und Reiher, als das reißende Wasser immer mehr vom -Sand fraß. Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen -fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei -Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei -Segeln. - -Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und -ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen. »Gliek sünd wi flott, -Harm!« rief er, »kiek mol, wat dat Woter kummt!« Seines Genossen -Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden -und er wagte es, wieder davon anzufangen, daß sie zu viel Sand -eingeladen hätten, daß der Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut -täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den -Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie ein Stück -des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand. - -Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der großen -Wasserfläche -- und schwamm doch nicht, sondern saß fest und rührte sich -nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie -wollten doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem -Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein großer -Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mühte. - -»Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,« jammerte sein Kamerad, »wi -flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!« »Dat wür scheun!« sagte -Klaus, »kumm hier, ward nix mokt!« Und er bemühte sich eifriger, den -Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand, -aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte -es sich nicht. »Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,« scherzte -er, als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, daß nur -noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging -hastiger mit dem Riemen zur Kehr. »Bang bün ik ober ne,« sagte er ... -Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: »Wi buddelt af, -wi versupt!« klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: »Hilpt uns, hilpt -uns!« Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren -noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß, -wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst -zurückgerudert. - -Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der -Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf! - -»Hilpt uns, hilpt uns!« - -»Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!« sagte -Störtebeker barsch, »smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!« - -»U, ik bün jo so bang, Klaus!« - -»Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen bang! Smiet doch bloß -mit ut, du Knappen!« - -Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen, aber er warf -unverdrossen aus. »Mol schuben, Harm!« Sie stemmten sich, auf dem -Dollbaum stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte -das Fahrzeug sich jetzt. »Huroh, wi hebbt em,« rief Störtebeker, »noch -en lütj betjen, denn geiht de Reis los!« Er schaufelte emsig, denn die -Reeling lag jetzt mit dem Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine -kleine See in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem Eifer -doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu retten, aber da kam die -hohe, mächtige Dünung eines großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon -bei Teufelsbrücke qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen Arbeit -aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über den Nienstedter Fall -gelaufen, fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit Wasser, -wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war -nichts mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, um das -Wasser auszugießen: es war zu spät. - -»Wi versupt, wi versupt!« - -Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten. -Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig, so auf dem Wasser zu -stehen. Er tröstete Harm und sagte, er solle nicht bange sein; bis das -Wasser ihnen an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und könnten -sie holen; schade wäre es nur um den schönen Sand. Er guckte aber doch -mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war -still geblieben und die Segel kamen nur langsam näher. Als das Wasser -ihnen bis über die Knie reichte, band er die Riemen an die Fangelleine -und hieß Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn nicht -umrisse. - -Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen, -nachdem er versichert hatte, daß er nicht bange sei. Aber sie konnten -wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der -weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot ließ sich sehen. -Immer höher stieg das Wasser, es reichte ihnen schon an die Hüften. -Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker, er solle sich an ihm -festhalten, damit er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie -wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann -noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und -sich mit den Riemen treiben lassen. »De drägt uns as en Beesenbült,« -sagte er zuversichtlich. - -»Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!« - -Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote -kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen -klammerte er sich an den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne -mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das erste Boot: der -Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus, um durch Rudern -schnellere Fahrt zu machen. - -»Nu hol di fast,« sagte Störtebeker. - -Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie -erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter Husteen, sie über den Setzbord -zog. - -»Junge, du kannst wat moken,« sagte er zu Störtebeker, »wat meenst woll, -wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch -afsopen as son poor Rotten!« - -»Non, denn lot di man en Medallje geben,« antwortete Störtebeker und zog -die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte. - -»Nu büst doch mol bang wesen, wat?« - -»Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat -schreest du denn nu noch?« wandte er sich an seinen Leidensgefährten, -aber der antwortete nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte -an die Schläge, die zu Hause seiner warteten. - -Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem -gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, es zu heben. - -»Segg den Düker man Bescheed,« sagte er am Neß zu dem Fischerjungen, als -sie gelandet wurden. - -Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen -bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh un -Togels durt ne lang, und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel -hingenommen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich -zum Abendbrot hinsetzte: »Bang wesen bün ik ober doch keen betjen, -Mudder!« - -Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn zu bergen. Störtebeker -wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte, -wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen. - - - - - Neunter Stremel. - - - »Der Allmächtige, der Herr der Götter, - vor dem der Engel niederfällt, - Gott redet donnernd aus dem Wetter - und ruft voll Majestät der Welt! - Anbetend sinkt der Erdkreis nieder, - der Wald ertönt, es bebt die Flur! - Und Blitze sagens Blitzen wieder: - Gott ist der Herrscher der Natur ... - -... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne -Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht -in Für un Flammen!« - -Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: »Lot mi doch slopen, -Mudder, ik bün so meud!« Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit -bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten -Donnerschlägen ängstlich zusammen. - -Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer -dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weißen Flecken auf -der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun es Nacht -geworden war, griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit -Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken -und der Donner rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall -alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die Frauen sich -erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und -Bangnis bei dicht verhängten Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter -sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem -Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und -Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird. -Sie können weder vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und -her; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie -müssen sich über dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und naß -wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind -vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen -mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt über sie: die -nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin: aber bis es -Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter. - -Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn -die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch -die Bäume und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte -das Haus in seinen Grundfesten. - -Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die -grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war -bange vor Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere -und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, damit sie -wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge. Störtebeker blieb geruhig im -Bett liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet. - -Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender -Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen haben! - -»Klaus, nu steihst du batz up!« Gesa lief in die Schlafkammer und holte -den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drängte ihn -in die Küche. Da konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz -und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine -Siebenmeilenstiefel her, damit er draußen waten könne, wenn es -einschlüge, wie er sagte. Recht war es ihm nicht, er hätte lieber -geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja -morgen nicht zu den Jungen sagen: »Ik bün beliggen bleben!« - -»Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!« - -»Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is,« sagte der -Junge in schläfrigem Ton, »lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht -bit Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!« - -»Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du ok don, ne?« - -»Jo, dat is gewiß, Mudder!« - -»Wat en Slag!« - -»Junge jo,« sagte Klaus anerkennend, »dat wür en eulichen! Petrus hett -alle Negen smeeten bit Kegeln!« - -»Junge, lot den droken Snack!« - -»Err -- hett Vadder ober seggt!« - -»Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.« - -»De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne -Koi un slöppt!« - -»Dat gläuf man ne!« - -»Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang, -Mudder?« - -»Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.« - -»Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang, Mudder!« - -»Wennt obers insleit, Klaus?« - -»Sleit ne in, Mudder!« - -Wieder knallte der Donner. »Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder -noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: ji sünd beid veel to driest!« - -Du un dien Vadder -- das hörte Störtebeker am liebsten. ... Das Gewitter -stand nun steil über ihnen und die Blitze jagten einander. »Nu hett dat -inslogen! Nu hett dat gewiß inslogen,« rief Gesa bei jedem Knall, bis -Störtebeker es zuviel wurde. - -»Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder woll all upfluckert -wesen,« sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht -hinaus. Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig -in die Blitze: er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten. -»Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de süht ut! -Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen -kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn Kugelblitz!« - -»Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van -warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!« - -»An Vadder dink ik jümmerto.« - -Störtebeker wurde gesprächiger. - -»Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Körf vull. Un -de vunnacht pöddert, de kriegt gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward -all de Melk sur vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe drinken.« - -Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald -hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte, verstärkte -sich das Toben, der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die -Scheiben. - -»Schullt woll all Flot wesen?« fragte Störtebeker und holte den -Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: »Jo, -is Flot! Gott Loff un Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de -Wind dor woll achter!« - -Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Plötzlich sagte er, -er wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zögen, stand auf und trat -ungeachtet des mütterlichen Widerspruches aus der Tür, in den -nachlassenden Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete eine -große Pfütze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden, aber das -Schlimmste schien überstanden zu sein, denn die grellsten Blitze glommen -jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte -nach der Elbe und sah zwei dunkle, große Segel unweit des Bollwerks: ein -Ewer segelte vorbei. Da hörte er in einem donnerschwachen Augenblick, -wie die Kette durch die Klüse rollte, scharf und deutlich! - -Da wußte er, daß es sein Vater war, und er rief, so laut er gröhlen -konnte: »Höh, Vadder! Höh, Vadder!« - -Und vom Wasser antwortete es: »Höh, Störtebeker!« - -Er stürmte ins Haus: »Mudder, Mudder, Vadder is hier! He liggt hier -afward! Kiek man bloß mol ut!« - -»Ist wohr, Klaus?« - -»Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett mi eben antert« -- -damit sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der -Schürze über dem Kopf, da war er schon Gott weiß wie weit, da war er -schon nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den glücklich -geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen nach dem Ewer hinaus, dessen -rote Seitenlaterne sein Kompaß war. »Vadder, ik komm all!« Die Reise -dauerte einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden, -dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die tief im Ölzeug -steckten und deren Gesichter glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die -Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die -Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte -Hand mit an, als sie das Boot vom Deck setzten! Was kümmerten ihn Regen -und Blitz, was ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an -Bord! - -Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich -niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf -war, konnten sie auch erst noch Kaffee trinken. Als sie abstießen, -Störtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese -schon einige Sterne: das Gewittergewölk saß über Hamburg. Der Regen -hatte aufgehört. Im Reet piepten die Wasserküken, am Nienstedter Loch -lärmten die jungen Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer. -Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit. - -Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa -stand in der Tür, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie -hatte keine Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien -sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts -als Regen gehört hatte, wie freute er sich! - -Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren, hielt er sie -fest, zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden -Linden in die Arme. - -Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte: -da war das Ölzeug, das er gemacht hatte, da war eine Ölbüx, lang und -weit genug, da war ein Ölrock mit großen, blanken Knöpfen, da war ein -Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und noch klebend, aber -Störtebeker probte es doch gleich an, damit er wußte, wie es paßte. Er -zog die Hose mit dem Strick zu, ließ sich von dem Knecht die drang -gehenden Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester vor dem Spiegel auf. -Er zupfte und riß an dem Zeug herum, endlich aber war er fertig und ging -vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge -lobten ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte -aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters. - -»Schipper, wat ist, könnt wi nu anmunstern?« rief er übermütig und -guckte um die Ecke. Sein Vater und seine Mutter ließen einander schnell -los, denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen -herein und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn lachen, als -er so freiherrlich dastand. - -»So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt no See gohn!« - -»Jo, Störtebeker, nu ist so wiet -- nu kummst du mit no See!« sagte -Klaus Mewes und sah Gesa groß und gewaltig an, daß sie fühlte, dagegen -gäbe es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst. - -Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht. - -»Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? Hein Mück, du hest hürt? -Ji hebbt alltohopen hürt: ik schall mit no See, ik schall mit no See, -huroh!« rief der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich -warm geworden war, und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter, -grober Stimme: »Non denn so wißt: ich selbst bin Klaus Störtebeker!« -- -daß alle lachten. - -Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den -Tag, darunter als Hauptstück die große Haverei. Kap Horn aber erhob den -grauen Kopf und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn der -Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die -Sache vor ein Seeamt käme, erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner -Umsicht und Ruhe. Anderseiner wäre dabei ertrunken, meinte Hein Mück, um -auch etwas zu sagen. - -»Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht,« sagte Gesa, in deren -Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, »denn nimm em hin! Goht hin un -verdrinkt alltohopen!« Die Tränen kamen ihr. »Ochott, wat ist en -Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weest ne, wat du -deist, un dinkst noch mol an mi. Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di -storben: ik starf jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen -nehmen!« - -Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier: wo sie die -Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt -ging er in der Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und -Störtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, daß sie immer wieder -nicht mit konnte, daß sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur Sonne. -Er dachte an seinen Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der -verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Stürme und -Unwetter -- und fand sein Leben doch groß und stark und schön, daß er -sich kein andres wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen -wollte: Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, sollten -immerdar Fischer bleiben. - -»Gesa?« - -»Wat schall ik noch?« - -Sie war müde, körperlich und seelisch. - -»Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch? -Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat weest du doch?« - -»Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?« - -Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin -keine und werde niemals eine werden! - -»Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat, Diern? Goh mit an -Burd! Man to! Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben! -Man to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo mooi -dat up See is!« - -Er faßte sie bei den Händen an, aber sie wich seinen Blicken aus und -schüttkopfte. »Ik kannt ne, Klaus, gläuf mi dat! Mi groot all vör de -Ilw, wat schull dat irst up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!« - -In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde -zu wählen, und er wählte den Jungen. - - * * * * * - -Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn -er Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Neß, sondern ging -mit der ersten Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die -Fischerei zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der -Ausrüstung, als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war. Kap Horn, -der Janmaat, war es zufrieden, daß sie schon abends fuhren, obgleich er -dann eine Hochzeit versäumte, bei der er auf der Harmonika spielen -sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter etwas -taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen. Und Störtebeker? Das -zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte dieser eine Tag schon zu lang und -er hätte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker -aufgehievt hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch -etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden. -Nur einem paßte der Kram nicht, dem guten Hein Mück, der auf einen -Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte -^plenty money^ in der Tasche und wollte den Bauernknechten mal -preußische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde für -allemann ausgeben, wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in -der Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde -wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der -einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er -sich mit Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes! - -Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes -auf die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog -und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch -wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt -stehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstung des Fahrzeuges und suchte -die Sachen für den Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer -angeborenen Heiterkeit kam. - -Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was -suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn -Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine -Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und Socken, wollene Jacken, -Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher, Handschuhe und Taschentücher, -Mützen und Hüte, Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen -auf der Diele in der Reihe, rein gefährlich anzusehen! Gesa ging dabei -nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, der da hieß: Upt Woter ist jümmer -kold -- und kehrte alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und -Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles gehörte dazu. - -Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen -Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten -an, indem er sie von der Leine schnitt. - -Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen auf den Schauerboden, -die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den -Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord -haben, auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie -hätten für die Munkis kein Futter und Kluß könne sich ja doch nicht mit -Seemann vertragen. Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder -über die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu -sagen: »Du hest mi ober sülben seggt, wat ji up grote Scheep Swien un -Kninken an Burd hatt hebbt.« »Jo, op grote Scheep,« sagte Kap Horn, »das -is ok wat anners!« - -»So? Fischereber is ok en grot Schipp,« rief Störtebeker patzig. - -Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot -und Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und -Kaffee. Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam -vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde -von allen Seiten gefragt, ob er nun mit an Bord komme. Und wenn er -bejaht hatte, dann sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden, -solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über Bord -falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den Alten: »Sien Vadder is -verrückt: wat schall dat Gör all up See?« - -Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. »Wat schall -dat denn?« fragte Störtebeker verwundert. »Och, nehm man mit! Is god för -de Fohrt!« »Neem to?« »Kumm, dat segg ik di int Uhr,« raunte der Krämer -und flüsterte: »Dor bindst du di de Been mit to, Störtebeker: du deist -de Büx jo doch vull, wenn ji up See sünd.« - -Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm könne -sowas nicht passieren. - -Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die -Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Störtebeker mißtraute der Sache, er -fürchtete, daß sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht -alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er -schließlich die Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise -seines Vaters Strümpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die -Decke mit dem Gedanken: Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst! - -Der andre Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen -Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle -Brote und Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer sicher an -Bord. Es war zu verwundern, daß er sich nicht in Brand lief. - -Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an Bord mußten. Der -Abschied nahte. Gesa mußte ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es -scheinbar ruhig! Er sprang vor Freude, daß es nun wirklich und -dreihaftig losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm -verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden, nicht zu -weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die Wanten zu klettern, sich -nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu bleiben. Er hätte -in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er -zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der in -der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küßte, bis -sie sich ihm verwirrt entzog. - -Der Kahn mußte mit, Störtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm -damit durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der -leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte -ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen. - -Adjüst! Adjüst! Adjüst! - -Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und -bellte nach Gesa hinüber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er -Adjüst sagen wolle. - -Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flügel, der -Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann -schwoite das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, -- langsam zog es -davon und segelte in einem großen Gange westwärts. Gesa winkte nochmal, -Klaus Mewes und Störtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte -Kap Horn schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und -spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang es nach dem -Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch so wehmütig, daß sie, die sich -bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und weinen mußte. - -So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei -Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und -dem Gebell von Seemann. - -Fahr wohl, Störtebeker! - - - - - Zehnter Stremel. - - -Nun wölbt euch, große, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt, -ihr Schoten, tanz, Flögel! Du Wind mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du -Wasser mußt blinken, auf daß die _Freude_ in Klaus Störtebekers Herz -komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein Fahrensmann werde! -Daß er sich dem Kampf mit der See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem -Kampf mit Rom, daß er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater etwa -vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen Landmann aus ihm zu -machen gedächte! - -Denn ^navigare necesse est^ -- Seefahrt ist not, und bitter not ist es, -daß das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe! - - * * * * * - -Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen. Hinter dem Schweinesand, -dwars von Wittenbergen, füllten sie das Wasserfaß mit frischem -Elbwasser, wobei Störtebeker fleißig half, denn er konnte auch schon -eine Pütze tragen. Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen -gehabt, nun setzten sie noch den großen Klüver, das Toppsegel und den -Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann nahmen sie das Boot aus -dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch -Störtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter den -Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen -Schappen. Es gab Enden aufzuschießen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu -schruppen und zu dweilen. - -Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln, -bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache -bekommen sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte -vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente -die Fock, wenn der Ewer über Stag ging. Störtebeker saß auf den Luken. -Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief. - -Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam, -daß er sich immer wieder wundern mußte. »Dat reckt bit inne Wulken, -Vadder,« sagte er, »uns Karkturn is nix dorgegen.« - -»Ree,« rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht -hatten, und warf das Ruder hinum, daß der Ewer gewaltig aufluvte und in -den Wind schoß. Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig -schlagende, rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber -drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel schüttelte -sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblöcken, daß das Deck -erzitterte, dann aber war der Ewer herum, die Segel fielen von der -andern Seite voll und der neue Streek begann. »Gohn!« scholl es über -Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt, daß die -Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde. - -So ging es die ganze Tide. - -Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter -Segeln, aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich -nicht überholen. So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden -Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die -Tonnen und Feuertürme, die Deiche und Kirchtürme, er erklärte ihm -Flaggen und Segel, er zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes, -die Berghäuser von Blankenese (»dat de dor ne dolpurzelt!« sagte der -Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand mit den -Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen, die roten -Dächer von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen -Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem -Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen mit einem -löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme von Stade. - -Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm -doch der große Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die -Seen schoß und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand, -darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er -mitunter von der Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien -es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in -der Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus. - -Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem -Sinn, denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte: »Hest ok all Heimweh?« -da guckte Störtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht -verstanden hätte. Auch als sein Vater einmal meinte: »Muchst ok all -wedder no Hus hin, no Mudder?« -- da schüttelte er nur den Kopf wie im -Traum und blickte nach den Segeln hinauf. - -»Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill af, denn büst morgen -wedder annen Diek!« setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der -Junge nach dem Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von -solchem Schnack nichts wissen wollte. - -Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und -schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker -zu gehen. Das war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen, -steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte. Als sie -nachher noch mal überguckten, Störtebeker und sein Vater, sahen sie, daß -sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden -Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten -Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander. -Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken umlagert wie von Alpen -und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten. - -Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließen sich von den -gluckenden und klopfenden Seen solange etwas erzählen, bis sie es nicht -mehr hören konnten. - -»Büst ok all bang, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes, schon halb im -Traum, aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon. - -Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte. - - * * * * * - -Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus -Mewes: »Seilen!« und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel -anzuziehen. Knecht und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten -mit kleinen Augen nach ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen bleiben -wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedreht hatte, aber er stand -doch mit auf und half beim Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock -mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken, denn es -war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das Großsegel stieg -auf, die Besan folgte, dann der große Klüver. Auch auf den andern -Fahrzeugen regte es sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl -der Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde -herüber, die Gaffeln knarrten und die Schoten hauten. - -Der Wind war südlich gelaufen, sodaß sie dalsegeln konnten, schier -dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll -und der Ewer, ein großer, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach -dem Fahrwasser zurück. - -Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes -wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse -hätte. Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompaß -und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den -alten Knecht, keine Haverei zu machen, und ging mit seinem Vater wieder -zu Koje. Er zog aber die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht -an ihn, denn er zitterte vor Kälte. - -Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel -Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, daß er -aufgestanden war, ohne ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon -gekommen wären: da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes graugrünes, -schmutziges Wasser und lief, was er konnte. »Vadder, neem sünd wi all?« -»To Freeborg, Störtebeker,« rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von -Freiburg an der Elbe. - -»Neem is de See denn?« - -»Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!« - -»Ne, dat gläuf ik ne,« rief Störtebeker, aber Hein Mück sprang wie ein -Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Pütze voll Wasser auf -und hieß ihn kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser -war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der -Geschmack änderte sich nicht. Wie das angehen könne, rief er -kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen! Daß Fische darin leben -könnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch -geheimnisvoller für ihn. - -Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver und Toppsegel -weggenommen werden mußten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen -bukt voll Wind und die groben Seen spritzten schon einmal über Deck, -wenn der Ewer tauchte. Am Heben standen »Ziegenhaare«, zerzauste -Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten. - -Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes, der -vergnügt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dänenzeit war es, den er -beim Wickel hatte, vererbt vom Großvater her: - - »Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig, - kridderwidderwitt, den deen ik ne! - Den sien Lohn is mi to wenig, - Pillkantüffeln mag ik ne!« - -Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die -Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was -sollte ihm da die See tun können? - -Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch -zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus -und übernahm das Ruder, während die andern sich die Klütjen und Plummen -schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie soweit, daß -Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte, denn im Norden trat das -Ufer zurück, dort blinkte die See, die See, nach der er sich am Deich -gesehnt hatte, der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit -vermacht wäre. - -Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß und sagte: ja, er könne -sie sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine -große Enttäuschung für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge, -zu sagen: »Dat is ok jo wieder nix as Woter!« -- aber er verbiß es, denn -er dachte: Erst ganz hin sein! - -»Vadder, neem fischt wi nu?« - -»Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gorne -sehn!« - -Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch anders kommen, wenn -es mehr sein sollte als die Elbe. - -Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen Kanonenschlünden, die -die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, das an seinen Ketten riß, die -Türme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm, -die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff, eine -Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen -Hafen, die großen Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich -standen, das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den Bäumen -guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter dem Ewer auftauchte, und -drei Masten, die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten. - -Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See -größer werden sah, als er wahrnahm, daß der Ewer ungestümer auf und ab -tauchte und sich schräger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und -ließ sich nichts merken. - -Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit dem flagigen, starken -Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine -breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel -ohne Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die -See und auf den Watten räucherte die Brandung. Mit breiten, langen -Kämmen kam die Flut ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas -über sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr -aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der großen Frau der -Elbmündung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch längst -geblieben ist, -- und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N. -z. W. - -Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte Regen und jagte -die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker mußte hinein. Als sein Vater -ihm den Rock zuknöpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das -Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, als hätte er -nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der -Seekrankheit zu drohen und Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn -am ersten davor zu bewahren. - -Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte, daß -Störtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt -hätte. - -Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da -vergaß der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter, er holte sich -den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer für Ewer: er las die -Nummern und ließ sich die Schiffer dazu sagen. - -»94, Vadder?« »Jakob Fock, dat weest du doch!« »138?« »Jakob Mees.« »3?« -»Friedrichson van de Au, de Störnfischer.« »107?« »Ornd Fock!« Er lernte -erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder und die Möwen -flogen um die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er -aussetzte. Von da an kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und -Feuerschiffe, Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der -Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten, und war -gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie noch einen ganzen Tag zu segeln -hätten. - -Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach -dem Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein -nachbarliches Gespräch wie am Deich und schloß mit einem -Gedankenaustausch über das Wetter. - -Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot -nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg, daß -Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand -ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Düsigkeit im -Kopf nahm immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er -nicht wieder los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank wurde -und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das -nicht, nur das nicht! - -Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mück, -daß sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die -Zähne zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig -und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine -Pfoten ableckte, während er es kaum noch aushalten konnte. - -Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen großen Hering in der -Kehle stecken hat, so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig -dümpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit. - -Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier schon seekrank würde, -sei ein Schietinnebüx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge -erst beim ersten Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich -noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden. -Sie lachten ihn aus, das war gewiß! Wenn er doch mit seinem Vater allein -auf Deck wäre! - -Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts -geholfen! Junge, Junge, Junge, was für ein Zustand! Er wollte und wollte -sich aber vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht -geben! - -Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen -mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wäre über Bord -gefallen, aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der -Seefischer ging nach vorn -- da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt -unter den Duchten und erbrach heftig. Hein Mück steckte einen Grientje -auf und wollte etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn -schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren -- -schließlich, als das Spucken nachließ, legte er ihm die Hand auf die -Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf -- kreidebleich im -Gesicht! -- Dann lächelte er unter Tränen und sagte: »Nu lach mi man fix -wat ut, Vadder, wat ik seekrank bün!« Urch -- da ging es wieder los: -Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann -bekamen etwas ab. Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am -Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem Albatros, der auf Deck -sei, und Hein Mück lachte, weil sie ihn die ersten Reisen auch -ausgelacht hatten. Störtebeker lachte auch mit, wenn auch verzerrten -Gesichts, dann aber mußte er sich geben. »Gliek ist all rut,« tröstete -er, »denn wardt beter!« Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer -ärger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und -lag dann regungslos auf der Ducht. - -»Bang bün ik ober ne, Vadder,« sagte er matt, »bloß seekrank!« - -»Schall ik di wedder an Land setten?« - -Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn -er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte sein Vater ihn mit einem -alten Segel zu und ließ ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war -als die Luft in der Koje. - -Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise -und an seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt -wurde er etwas seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder -nach See kam -- wie viele alte Fahrensleute. - -Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu. Es wurde stur. - -Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die -meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte -Mützen aufgesetzt. Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney -und Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel -nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im -Norden blinkte. - -Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und rollte, während die -düstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und -der dunkle Felsen stieg immer höher aus der See. - -Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land, d. -h. zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind -nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein -konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite Anker aus, -dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn -nach unten -- und weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in -die Koje. - -Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er eine nasse Hansch in -den Nacken. »Wi sünd ok mol seekrank worden,« sagte Klaus Mewes, »dorüm -kann he doch en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.« - -Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste -wie nichts Gutes hinter Helgoland. - - * * * * * - -In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch -nicht nach Aufklaren aus. Draußen stand eine hohe See, so daß an Fischen -nicht zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen. - -Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze -Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück saß auf der Treppe und schälte -Kartoffeln, Kap Horn war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf -der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knüttete -an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten Tisch stand noch der -Morgenkaffee. - -»Vadder, neem sünd wi?« - -»Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne -fischen könnt.« - -»To Anker, Vadder?« - -»Jo, Störtebeker!« - -Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einem Mal -so sauste und warum die ganze Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm -seine Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie -nicht wiederkommen sollte. - -»Blief man giern liggen,« sagte sein Vater mit verstelltem Ernst, -während er geruhig knüttete, »wenn dat noher stiller is, sett ik di an -Land, denn fohrst du mitten Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix -för di, wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten magst du -ok nix, dat kann jo ne god gohn.« - -Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann, -der ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: »Nu weut -wi mol sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!« Als er die Reihe der -Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six -gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm ankerte, ging er wieder -unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und knüttete weiter, als wenn -nichts geschehen wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das -Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte. - -Denn siehe -- Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich -angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der -Muck. Noch mehr: er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war, -es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch -nicht gleich gelang, so war sein Wille doch nicht daran schuld. Tapfer -aß und trank er, obgleich der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen -und zu tanzen begannen. - -»Smeckt all wedder, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes nach einer Weile. - -»Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit dör!« - -»Dat segg man nich to hart,« rief der Knecht von der Diele. - -»Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! Un no Hus will -ik ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!« - -»Non!« sagte sein Vater, »denn ist god!« Und erging sich mit ihm an -Deck, damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die -Teer- und Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand. - -Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland und das Oberland, die -große Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die großen rotgrauen -Felsen, die starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs, -auf dem die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines -Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon wieder -Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt fühlte: sein Vater ließ -ihn pumpen und das Boot schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und -sich nicht wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig -verjagt werden. - -Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer, wenn auch nicht so -viel als sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen -und seine Augen glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen. - -Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, er wolle an Land: wer -mitginge? Störtebeker war dabei. Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte -ab: er wollte ein bißchen voraus schlafen. - -»Up Hilchland ist fein, Hein Mück.« - -»Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,« sagte Hein Mück aber und zog -die Stiefel aus, um einen Stremel zu verträumen. Kap Horn, der gern -mitgegangen wäre, mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben. - -Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, denn es stand -noch eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und -raumer gelaufen war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie -Wasser über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an, aber -er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit nicht an sich -heran. - -An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest -und betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald -schier. Klaus Mewes sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte, -und der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte etwas, was -Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wäre Englisch. -Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die -kleinen, kleinen Ewer und Kutter. - -»U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi Hus!« rief Störtebeker. -Er bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden -Felsen mit dem grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die -schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann -schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegäste die Kartoffelallee -getauft haben, und blickten von der Nordklippe des Eilandes weit und -breit über die graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen stand -ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber -brandete die See in dumpfem Grollen. - -Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den -Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweißen isländischen -Gesellen, in großen Scharen saßen. Andre flogen hin und her und -krächzten. - -Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb -einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland -und wriggten nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über -die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich: »Worüm -hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann to?« »Worum?« lachte Kap Horn. -»Worum heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un -Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud -weurn.« - -Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu -Rate, dann aber rief er munter: »Seilen!« und warf seine Kurre mit einem -großen Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder -in ihr Recht und alle stürzten an Deck. - -Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten -aus dem Helgoländer Loch. Draußen kamen sie in leege Wall und trafen -eine so hohe See und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber -weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und -dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen -südwestlichen Kurs nach Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an -seinem Ruder aus. - -Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn -der Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum -Brechen kam er nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte, -nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die -Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die Wache und Störtebeker ging mit -seinem Vater zu Koje, hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden -war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und lobte ihn. - -Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle -angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte. -Dwars von Juist klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer -geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus und setzten die -Kurre aus, nachdem sie den Ewer in den Wind gebracht hatten. Kurrbaum -und Kugeln, Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann -ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser, -mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben -aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker -war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle -Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die -Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen wäre, trat Seemann auf den -Schwanz, daß er klagend schrie, und steckte sich überall dazwischen. - -Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier -Männer bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und -Knecht gingen in die Puk. - -Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Roß mit dem -Pflug, und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden -aus der See guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle -sie jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord -und machte sich Gedanken darüber: als Hein Mück, der Wachmann, aber -anfing, sich über ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und -verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen. - -»Intehn! Intehn!« Der Ruf, der Tote auferwecken und Kranke zum Aufstehen -bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet -hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei, -drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dünen -die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallen -gelassen hatten. - -Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des -Netzes! »Hiev, hiev!« Wie oft mußte Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er -sich beim Abstoppen abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der -Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten saß. -Dann beugten sie sich über Bord und zogen die Kurre mit den Händen über -die Reling. - -Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich -zu Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Möwen war -Störtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und -rief: »U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all -wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een -- -den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!« - -Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert, -der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so groß und schwer, -daß sie ihn nicht über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn -deshalb in die Talje nehmen. - -Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und -anderm Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das -Steerttau los und sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und -quuks-quaks stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck. - -Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: Störtebeker aber kam -gänzlich aus der Tüte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das -war doch noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn -die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und -spaddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da -schnappten die roten Petermännchen nach Wasser, da knurrten die -Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und -Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein -zerbrochener Topf und ein großer Stein. - -Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach -der Größe gesondert, und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie -kamen auf 8 Stiege großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker -mußte den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, die -Taschen packte Hein Mück, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehörte, -in einen Hummerkasten. Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne -bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht -frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake -gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und -setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel -ab und nahm seeseitigen Kurs. - -Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos, wie sie erschienen -waren, verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen. - -Der erste Streek war getan. - - * * * * * - -Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie -taten kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische, -die lebendig an den Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu -sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje -und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei -Gewalt über die Fischer: das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann -durchführen, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter -wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn der Bünn voll war -oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam. - -Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stückchen -wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, so läßt er keinen Streek -aus und fischt tags und nachts, Sonntags und Alltags. - -Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen -leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten -ja! »Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spoß!« versicherte er immer -wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von -dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes -Stück Schwarzbrots aus dem Schapp und aß es, er trank Kaffee dazu und -war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht -bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein. - -Wie im Fluge verging die Zeit. - -»Is so wiet,« sagte Klaus Mewes, »nu rop jüm man!« - -Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp -zurück, kletterte die Treppe hinab und gröhlte, so laut er konnte: »Kap -Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!« - -»Jo,« brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch -die Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn -aber schwang sich auf die Bank und schalt: »Wat is dat egentlich forn -Snack von wegen opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst woll, du büst hier -bin Buern, wat? Weest du nich, dat an Bord allens _utsungen_ warrn mutt? -Paß mol op: so heet dat: - - »Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen, - reis ut, Quarteer, in Gottes Nom! - De een von jo sallt Ror verfangen, - reis ut, Quarteer, de Wacht is don, - acht Glosen sünd slon! - Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!« - -»Junge, dat is jo en ganzen Gesang,« rief Störtebeker, »den kannk ne -beholen!« Dann aber rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder -eingedusselt war: »Schall ik irst mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di -ne seggt, du schullst upstohn?« - -»Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam -flügst,« drohte der Junge mürrisch und erhob sich. - -Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle -drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen -lassen, die Fock war schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder -über den Masten. - -Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer -als vorher, daß Störtebeker rief, da säßen gewiß hundert Stiege Schollen -drin. Ihr Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der -Gedanken an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre einzogt? -Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr -zutage gehoben hattet: kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder, -daß es auch einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste gesät -hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber der Fischer, der nicht -sät (Sehet die Fischer an: sie säen nicht und ernten doch, hatte Pastor -Evers gepredigt), für den ein andrer die Saat bestellt, der immer -unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann der alles -ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein -Fischer wird es einmal finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes, -Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem -armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und -sie ist es, die Fischer werben wird, so lange die See nicht zugeschüttet -ist. - -Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine -Weile überlassen, denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich -diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden. -Diesmal riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn er wußte -jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich wenig darum, daß er naß wurde. -Sogar Seemann half: er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter -großem Geknurr. - -Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das -Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen! -Zum Glück waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in -den Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: Klaus Mewes -wollte ihn hier nicht über Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer -Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen -Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden -konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, als die -Sonne ihn abgetrocknet hatte. - -Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder -schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und -Aufhängen der Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte -Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte -ihm Geschichten von der großen Fahrt, die noch all seine Gedanken -füllte, wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte, -Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrüchen und -Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten -Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und dem Sargassomeer -bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch -die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die war so: -als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen -Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und -konnten es nicht, denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie -Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. Als Hans aber -angelaufen kam und gerade anfangen wollte, zu arbeiten -- in die Hände -hatte er schon dreimal gespuckt! --, wat meent ji woll: mit einem Mal -taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der See auf, steckt den -Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans Fink holt geruhig sein -Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das er noch heute -hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich vom Smutje -Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht -nicht einen Tropfen Wasser mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen, -bloß, weil Hans Fink so schlau gewesen war. - -Gotts den Dünner -- was für eine Geschichte. »Minsch, wat kannt angohn,« -rief Störtebeker verdutzt, »wo grot is dat Leck denn wesen?« »Och so as -mien Arm dick is!« »Son dicke Ool gifft ober ne!« Kap Horn ließ sich -aber nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal gewesen! »Veel -Pund schull de woll wogen hebben?« »Dor mutt ik um legen, Störtebeker: -Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!« Der Junge -konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall hinwegkommen und -trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: »Jä, nu segg mi ober -mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch -butenburds?« Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst -wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu -finden: zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung, -indem er tiefsinnig erklärte: »Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn -ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em öber den Krom -snacken.« - -Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während sie stetig -fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, daß viele -darüber fielen und viele es für einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal -erlebte Jan Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der -beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen darüber gebreitet hatte. Ein -andermal steckte der große Karsten Külper es im Vorbeigehen in die -Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es -heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und -Bierseidel mit den Worten: »Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek -funnen hebb!« Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der -Tür - - Jan Wurt, - Elbfischer. - -und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und -ehe der große Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte, -ging die Tür des kleinen Hauses auf und Jan guckte heraus. Die -Groggläser und den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins bei -ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die Musikanten konnten nicht weiter -spielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er -gröhlen und schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und wäre am -liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er mußte -das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern, -hochhellichten Tag mußte er den Deich entlang und mußte Abbitte vor Jan -Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ... - -Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus -umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte -ihn den Kompaß nach der Weise: - - West zum Norden, Westnordwest, - unsre Freundschaft stehet fest; - Süd zum Osten, Südsüdost, - deine Liebe ist mein Trost! ... - -Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache -er die Fische bange, dafür aber machte er ihm eine Angel für Makrelen -und Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie -hinteraus. Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte, so oft -Störtebeker auch aufzog. - -Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, als wenn sie sagen -wollten: Man to, wi sünd all hungerig! - -Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser -Streek brachte nur fünf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor -sie wieder aussetzten. Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber tat -auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, er ließ sich von ihm -im Steuern unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch -betätigen, die Klöße rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte. -Das war etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie -paßte er auf, daß kein Segel an zu klappern fing, daß sie immer voll -standen, daß er nicht aus dem gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See -ab, daß er keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn sehen müssen! - -Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über Ostermoonen und -Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und -andre Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben -und beschwögten Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die drei großen -Feste, die nun bald kamen. - -Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach -dem Mittagessen -- gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches! -- an Deck -gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen -gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das Fischen -aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin -und her, wie in schweren Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten -schlugen mit den Blöcken. - -Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes -machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose -Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung -und der Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der -Maus. Störtebeker wunderte sich sehr über diese unruhige See und diesen -tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft. - -Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den Luken, der dritte -lief an Deck auf und ab: sie wußten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh -waren sie aus der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie -nach dem Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das -Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. Zuletzt schleppte er die -angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es heiß, und knüttete in -großer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber -auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige Taschen, die dieser -unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen aufklopfte und -verzehrte. - -»Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,« rief Kap Horn, aber -Störtebeker lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Großmutter man -tun lassen. Dagegen hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der -Kimmung. - -Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen -Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom -Ewer; mit einem Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk -auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei -eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht, -denn was er für Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tümmler, die -träge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und -untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr auf, mitunter -erschien auch der Kopf eines Seehundes. Ließ sich aber einmal einer -einfallen, zu schreien, dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem -Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete! -Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber lachen. - -Es blieb die ganze Nacht todstill -- erst gegen Morgen kräuselte sich -die Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden. - -So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden, -oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog -hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: »Utscheiden!« Sie -hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen, sie hatten die -Reise! - -Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach -der Weser. Störtebeker sollte es bestimmen: er war natürlich für die -Weser, denn dort gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser -wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl -aber auf der Elbe. - -Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte -kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte: -vergessen waren Krähe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig -mit Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in -der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen. - -Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam -Störtebeker zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei -Jahre vorher errichteten Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere -stehenden rotweißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal gezeigt -worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl ebenso spurlos im Meere -verschwinden wie sein Vorgänger, weil er auf Sand gebaut sei und nicht -auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte: einerlei, -Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen. Störtebeker wunderte -sich am meisten über das Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser -hing. Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen. - -Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten den andern Morgen ihre -Schollen. Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los, denn sie waren -nur zu fünfen, und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht zu -viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den -Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil machte, der mit seiner Glocke und -mit seiner rostigen, durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen -abklopfen mußte. - -Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem -Störtebeker ein großes Verlangen hatte, dann Büffelfleisch und Zucker -aus dem Freilager, und gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß -bekam nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen kurzen -Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönß schrieb, während -Störtebeker sich von Marta und Mieze, den Töchtern des Fischerwirtes, -denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten -ließ. - -Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem Brief, den der -Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er -schon nichts mehr davon, er habe große Lust zu der Fischerei und sei -immer vergnügt, Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen. Heute -abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald mit Schollen nach der -Elbe. Störtebeker ließe ihr noch sagen, sie solle die Krähe und die -Kaninchen nicht vergessen. - -Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den -Fingern gesogen, denn Störtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf. -Er wollte Bremerhaven sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf den -weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie mußten an -Bord und nach See. - -Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu -Geestemünde: da wehte es zwei Tage und da bekam Störtebeker alles zu -sehen, was er sehen wollte. - - - - - Elfter Stremel. - - - Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen, - Kämpfer einst Karls in der Schlacht; - Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen, - jetzo wie einst noch steht er und wacht! - -H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., 28 Registertonnen -groß, geführt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der -Schlachte mit lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser -gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher blickten -überlegen auf ihn herab, denn sie standen schon zweihundert Jahre und -hatten Güter aller Zonen unter ihren Dächern. Auf der Kaje standen die -Bremer Jungen und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie -Störtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit Steinen -nach ihm zu werfen, da rief er: »Ji verdreihten Zigarrenmokers!« (das -hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), zog seine Seestiefel aus und ging -ihnen mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht -ergriffen. - -Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und Arbeitsleute waren -minder stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die -Jugend: sie kamen mit Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen -die Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu -nehmen wußte, war den Fang bald los, zumal er ganz allein an der -Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach Bremen hielt die andern -Ewer fern. - -Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf um die Scholle -entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche -klirrend zuguckte, bis er sagte: »Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de -Luken to!« Dann zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken -und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen Wind- und -Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen ließ. - -Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und der Kleine und Kap Horn -sich landfein und wiesen einander Bremen. Zunächst steuerten sie wie -alle Fremden nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue -Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige, verwitterte Rathaus -und das hohe, steife Standbild, die Rolandssäule. Störtebeker gefiel von -all diesen Bauwerken eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen Türmen: -das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll von Grünspan; das könnten -sie auch mal abschruppen, meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war -ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn er nicht -bis fünf zählen könne, lachte er. - -Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi -vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen Dom traten, mit den leuchtenden -Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen -Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; -- denn da gingen sie -unhörbar auf weichen Teppichen und alles war so still und so feierlich, -wie es den Morgen gewesen war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten -und das Läuten der Glocken zu hören gewesen war. »Hier in Bremen hett de -lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,« flüsterte er seinem Vater -zu, der leise lachen mußte. - -Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen -und in dem die Särge reihenweise stehen. Schwedische Gräfinnen, -englische Majore, bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in -offenen Steinsärgen und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. Um -die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen, hingen auch frische -Ratten, Hühner und andres Getier an den Pfeilern. Die trockne Luft des -Raumes benahm den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht -lange im Schnack aufhielten. - -Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er könne den bösen -Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. »De mütt dolspeult -warrn,« sagte Klaus, »lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller -is jo bi de Hand!« - -»Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat for de Groten, for -Reeders un Käppens, dor gifft bloß Wien, Minsch!« rief der Janmaat, aber -Klaus Mewes nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff -und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein. - -»Een van de Groten bün ik ok,« sagte er stolz, »ik bün Reeder un Käppen -un Wien mag ik ok un up de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm, -Störtebeker!« - -Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich -mitten zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit. - -»Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker gohn,« lachte Klaus, -»büst ok bang, Störtebeker?« - -»Ne, bang bün ik ne, Vadder.« - -Mißtrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan vom Moor konnten -wohl nur versehentlich die Treppe herunter gefallen sein, die wollten -gewiß zu Heini Holtentüffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als -Klaus Mewes, der es merkte, ihn groß und frei ansah und mit lauter -Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler den Buddel und ein Glas -süßen Weins für den Jungen bestellte. Da nickte er höflich und brachte -das Verlangte. - -Es schien allgemein aufzufallen, entweder, daß der Finkenwärder so laut -oder daß er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die -bedächtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes ließ sich -dadurch in keiner Weise stören. Er rief den Kellner und sie ließen sich -durch alle Räume führen: sie sahen die Rose an der Decke, die ein -italienischer Maler gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen -konnte, sie sahen Fässer, die so groß waren wie ein kleines Haus, sie -kamen durch den Apostelkeller, in dem zwölf nach den Jüngern benannte -Fässer lagen, von denen der Judas sauer war, sie hörten von Wein, von -dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete. - -Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht. Die -Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker noch durchaus sehen wollte, -waren nicht auszumachen, so gingen sie durch die Langenstraße an dem -schnörkelgesegneten Essighaus vorüber nach dem Ewer zurück. - -Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends unternahm, um sich -etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen, -daß er allerhand Havereien machte und schließlich von einem Schutzmann -an Bord gebracht werden mußte. Als er da noch weisen Wind hatte und sich -nicht geben wollte, goß Klaus Mewes ihm einfach eine Pütze Weserwassers -über den Kopf, um den großen Brand zu löschen. - - * * * * * - -Keine Luft von keiner Seite ... - -Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer in -totenstiller Luft auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon -keinen Wind mehr gehabt; zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt, -nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie es osterselten -vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei, hängt die Kurre am Mast, -ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das -Deck nieder, das so heiß ist, daß sie Schollen darauf braten könnten und -daß das Pech in den Nähten weich ist. Von den Wanten leckt der Teer. - -Plackendotstill ist es, wie Störtebeker, der munterste an Bord, immer -wieder versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die -Strömung zu erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das -große Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe läßt -sich sehen. - -Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück Segeltuches und -schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfaß und -liest in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor -mitgegeben hat, bis er dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil -erwählt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im Bünn, bis an den -Hals im Seewasser. - -Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter -Löwe und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen -- das -sagt alles. - -Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Lesen? -- Son Schiet! -- Knütten? --- Son Snarrkrom! -- Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln, -kreuzen, denn sie müssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm der -Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann -war der Fang schlecht gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun -kam ihm noch die Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem -Wetterglas und starrte es an, als wenn es an allem schuld wäre mit -seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr schön -- ^very dry^. -Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht -- verdreiht! lesen. - -Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem Heben, als wolle er -Löcher hineingucken. Dabei hörte er das Spalken und Plätschern im Bünn. -Erst wollte er Hein die Leviten lesen, daß der die paar Schollen im Bünn -noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf -der Achterplicht aus, setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in -Berserkerwut über Deck nach dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und -sprang mit Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam prustend -wie ein Seehund wieder an die Oberfläche. - -»Kiek mol ober, Kap Horn,« rief Hein Mück, »ik gläuf, Klaus hetten -Sünnenstich kregen!« - -Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: da schwamm sein -Schiffer kräftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte -und rief: »So ist mooi, Kap Horn!« - -Seemann aber stand mit den Vorderfüßen auf dem Setzbord und bellte und -Störtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen. - -»Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne -Been,« warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und -warf ihn über Bord, auch fierte er einen Riemen längseit, damit der -Schwimmer einen Halt hätte, wenn er dessen bedürfte. Schließlich setzte -er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in -die Nähe seines Schiffers, denn das Schwimmen in offener See, ohne -Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie der Bauer -sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der Fischer niemals -in der See schwimmen. - -Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer. - -Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und -als der Knecht sich umdrehte, sah er Störtebeker nackt an Bord laufen -und den widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. »Störtebeker, -wat mokst du?« rief er, »Klaus, kiek mol den Jungen!« - -»Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen un wennt mitten Dübel -togeiht,« gröhlte Störtebeker und warf den winselnden Seemann -kopfheister in die See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra -nach. - -»Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all versupen,« rief Kap -Horn, als auch noch Hein Mück über das Schwert kletterte. - -»Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik woll uppassen,« rief -Klaus Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrüstet sagte: -»Du meenst woll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott, -kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all duken: paß up!« - -Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. »Junge, dat do ik ne -wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gorne an dacht! I, wat -bitter!« - -Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen und hielt sich in -seiner Nähe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Kräfte nachlassen -sollten, Kap Horn aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und -bewachte die drei kühnen Schwimmer und den großen, regungslosen Ewer, -der wie tot auf dem Wasser lag. - -So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in -der See, als wäre es am Finkenwärder Bollwerk und nicht zwischen -Spiekeroog und Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe. - -Wenn Gesa das gesehen hätte! - -Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachließ, saßen sie -allemann auf Deck. Dort aßen sie auch Abendbrot, denn in der Kambüse war -es nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bänken -und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache. - -Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein Gewitter aus der See -und fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit -verbreitete es sich über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der -Donner und die ganze Wolke saß voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und -seine Gesellen begrüßten das Wetter mit Freude, denn nun mußte ja auch -Wind kommen und sie erlösen. - -Als die ersten, großen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und -gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der -gefährlichen Nähe der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind -auf den Wanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die Masten -erdröhnten, der Ewer zitterte, die Lampe schwankte, die See kam -allmählich in leise Bewegung. Geruhig saßen oder lagen die Seefischer -unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorüber war, zogen sie -die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der -letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord, denn nun hatten sie -wieder Wind genug. - - * * * * * - - ^Ships that pass in the night ...^ - -Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die Sterne funkeln um so -heller um den Schleier der Milchstraße. Wie tanzt der Orion, wie blitzt -die Wega, wie leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie -gleißt der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige -Wisch, die mit abertausend weißen und bunten Blumen bewachsen ist und -auf der Myriaden von Tautropfen glitzern. - -Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie -urgewaltige dunkle Kühe, die auf der großen Wiese in den Blumen grasen. -Ruhig und bedächtig grasen sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam -weiter. - -Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in -solchen Nächten nicht viel. - -Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert über die See und -gibt den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grün und gelb -spielen die Fischerlichter auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als -ginge es durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie -ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast -und wie im Traum reißt der Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel, -an seiner Schote, über der Besan aber weht die dunkle Flagge im -Nachtwinde. Seemann schläft im Nachthaus neben dem Kompaß und Klaus -Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und her, die Hände in -den Taschen, während Störtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn -Steuern hat er längst gelernt. - -Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck -ist, er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er -nicht: da fühlt er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein -Wesen, seine Atemzüge, da haben alle Segel und Wanten, alle Bäume und -Masten ihre eigene Sprache. Nächte, die gewesen sind, und Nächte, die -noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen -beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle -Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken kommen ihm entgegen, -wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der -Sehnsucht nach Gesa, nach einem guten Streek und einem schönen Markt, -die ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen Nächten muß er -Verklarung über sich selbst tun, der lachende Seefischer, und nicht -lachend, sondern ernst beantwortet er seine eigenen Fragen, denn je -höher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich seine -Wurzel -- und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum. - -Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weiße, grüne, denn -sie fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen -Gründen wimmelt es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist das -Geklapper einer Winsch in der Weite zu hören, wenn sie irgendwo -einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier Fischer, die einander nahe -gekommen sind, abgebrochen herüber. - -Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil der Laertes wegen -seiner Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hüben und drüben -gerufen. - -»Klaus, büst du dat?« - -»Jo, Hinnik! Wat fangt ji?« - -»Ochott, is ne slimm: acht Stieg!« - -»So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de Reis?« - -»Morgen weuf utscheiden!« - -»Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen lostowarrn, -Klaus.« - -»So!« - -Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als daß das -Seegespräch fortgesetzt werden könnte, und Klaus Mewes geht wieder -schweigend auf und ab. Einmal steht er hart an den Wanten und blickt -starr in die Weite, als sähe er seines Großvaters Kuff im Norden -untergehen, dann horcht er, als höre er seines Vaters Todesschrei aus -der See heraus. - -Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig in den -Sternen. - - * * * * * - -Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen. Sie sah, wie ein Schiff -sich mit haushohen Seen abriß, wie es leck wurde und wie zuletzt eine -große Woge ins Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem -Seemannszeug in der See schwammen, sie hörte, wie sie um Hilfe riefen. - -Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren -ihr Mann und ihr Junge. - -Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen. - - - - - Zwölfter Stremel. - - -Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweißlingen, -Füchsen und Pfauenaugen, wobei sie sangen: - - Schomoker, sett di annen greunen Diek, - Schomoker, sett di annen greunen Diek. - -»U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See geiht!« »Woneem?« »Dor! -Kannst ne kieken?« »U Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.« - -»Höh, Klaus Störtebeker!« - -»Höh, Peter! Non, wat mokst?« - -»Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!« - -»Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un smeern, wat meenst! Uns -Eber süht ut as ik weet ne wat.« - -»Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?« - -»Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.« - -Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen -vorüber und freute sich, als er fühlte, daß sie ihm nachguckten. Er war -größer und brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein -Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hände waren die eines -Tagelöhners. - -»Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een för Schipp un See,« -hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. Störtebeker hörte es und vergaß es -nicht wieder. Und er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm -sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog -den Jungen einer Kleinschifferprüfung, fragte ihn nach Wind und Wetter, -Fang und Markt und freute sich über die fahrensmännische Klugheit des -kleinen Gesellen. - -»Hest den flegen Hollanner ok sehn?« - -»Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den flegen Hollanner in -Sicht kriegt, de blifft!« - -»So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vörn flegen Hollanner, -Störtebeker, wenn du grot büst, un seh man to, dat du jümmer goden Wind -hest, un warr man en fixen Fischermann, hürst?« - -»Jo, Willem, dat will ik ok,« sagte der Junge mit lachendem Munde und -ging stolz weiter. - -Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose -wohl über das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ... -Störtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Krämerladen -hinein und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war ihm -fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem -Ewer. - - * * * * * - - Sonnenwende, Sonnenwende! - -A und O von Finkenwärder, der kleine schwarze Ewer H. F. 1, Jan Sieverts -Hoffnung, und der große, weiße Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs' Möwe, die -noch die Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte, lagen im -Köhlfleet beieinander und um sie herum und auf den Schallen ankerten -wohl hundertfünfzig große Ewer und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß -spiegelten die Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen -Sinn. - -Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das -Watt hinter sich ließen und sich auf die offene See wagten, die bei -Helgoland und Terschelling die dunkeln holländischen Logger und die -schwarzen englischen Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch -Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren. - -Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge verrosten ließen -und sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen -See an ihre grünen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen -erinnert sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten. - -Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die Störfänger und -Beutemacher, die Schollenkönige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen -haben wollten und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam. - -Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei -waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch draußen klüsten, wenn -andre schon im Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig -seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu -Gesicht stand, und binnengekommen wußte er nichts Besseres zu tun, als -den Bug weiß zu malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle. - -Hochwasser! - -Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter, umstreicht -Heitmanns weißen Leuchtturm und die mächtige Königsbake, das alte -Wahrzeichen von Finkenwärder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und -läßt die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser -sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die -Segel aufgezogen und die Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes -Ding sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der deutschen -Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer Bucht vereinsamen läßt! - -Es _ist_ ein großes Ding: _Karkmeß_ ist da, der Jahrmarkt, der -Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein Tag von so großer Bedeutung -und so tief eingreifend in das Leben und Treiben des Eilandes, daß es -Ehren- und Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu sein. -Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen, wenn sie Karkmeß nicht -kriegten, und bei den Nachbarn hieße es: »Den geiht dat jo woll bannig -lütj: he is jo ne mol Karkmeß bi Hus ween!« - -Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen, hieße nach Rom reisen -und den Papst nicht sehen, denn Karkmeß ist die große Sonnenwende von -Finkenwärder, ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt der -Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkmeß oder -soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer am Deich auf Schritt und Tritt -und »söben Weeken vör Karkmeß« oder »fief Weeken no Karkmeß« sind genaue -Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann. Karkmeß teilt das -Jahr: es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit. -Vor Karkmeß werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend -an den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf die Zungen los, -die auf Eis gepackt werden: da sind die Reisen länger und mühseliger und -das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler. - -Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er -sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in -Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer, -um ihr Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten -entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen, wollen -sie einen Tag lachen. - -Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen guten Schilling -verdient hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See -und mag denken, die alten Weiber hätten ihn behext. - -Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, wenn Tucktuck gerufen -wird, sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet -mit Schiffen: Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem -Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen. - -Es gibt auch mancherlei zu tun. - -Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und -Fischerjungen auf Musik sind und sich _en Perd_, ein Mädchen, für das -Fest heuern, weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt -wird, sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, den -Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die -Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn erst muß der Ewer sein -Karkmeßkleid haben. Teeren und Schmeeren heißt die Losung, den langen -Tag wird geteert und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht und -daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da wird geschruppt und -kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren -werden sollen, liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über -sich ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist. - -Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer -zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er -holländisches Blut in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und -Buntheit: so schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden -Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren. - -Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die Eiskisten überholt, -schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene -Segel geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der -ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel an -Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle werden gebräunt und -geloht, damit sie haltbarer werden sollen. - -Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus, die keinen -Platz dafür haben (denn in den Sand können sie die Segel nicht legen) -und deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen. - -Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln und Fischer -und Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel. - -Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und -begleicht die großen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied, -beim Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist -allgemeiner Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also -das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt, so bekommt noch der Bauer -seine Zinsen. - -In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die -Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, die 1835 -gegründet worden ist, als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu -vernichten drohten. Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen, -das nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grüner -Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch -wird gesprochen, einer nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und -niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat von -Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht. - -Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten -Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom -Skagerrak bis zur Themsemündung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen, -Stürme wollten sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet! - -Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg bis zum Tun, auch -nicht müßig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und -gehämmert auf Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die -Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak und der große Freudentag -ist da mit seinen Luftbällen und Reitbuden, seinen Aalzelten und -Schießständen, seinen Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kasper, -mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und Negern, mit Hün -und Perdün, mit Jubel und Trubel! Die Gören sind wie durchgedreht und -die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was -sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen und -getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue -wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und -Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste und Eis, bis sie nicht mehr -können: die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an -Zuckerstangen: es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß alles los -ist. Die sich erzürnt hatten, vertragen sich und trinken wieder einen -zusammen, und die gut Freund gewesen waren, erzürnen sich und kriegen -das Tageln: dat is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den Lukas, -daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden Leistungen eine -goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan Tiemann läßt sich -elektrisieren, Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz, -Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und ein -Getute und Geblarre, ein Flöten und Knarren, ein Juchen und Schreien! - -Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein -weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der Dönß und setzen sich geruhig auf -den Deich. Sie lassen die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die -beladenen Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch. - -Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und -Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende -Korn im Lande und den weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten -am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen verloren. - - * * * * * - -Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen, -wenn sie dem Karkmeß fern geblieben wären. Zumal Störtebeker hatte sich -den Tag ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er -geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde -hängend, hatte er die Besan gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den -Bünn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, er -hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er hatte das Nachthaus grün -angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen -auf dem Schlick verbrannt. - -Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam, wo er seines -Amtes gewaltet hatte, denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande -der Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker -und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein -Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte -wie der Regenbogen. Seine deutsche Flagge wehte im Winde, und grüßte -seinen Schiffer. - -Dem aber lachte das Herz. - - * * * * * - - Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is, - denn goht wi langsen Diek! - -Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Störtebeker. -Dieser voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit, -die Reitbuden und die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht -mehr. »Kann ik up See jo doch ne bruken,« sagte er verächtlich, und als -er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er -ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten -Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an Schina erinnert würde, -und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal. Einen Augenblick guckten -sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa -tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam auch der alte -Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen Frau seines Schiffers. - - * * * * * - -Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmeß. - -Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In der Dämmerung saßen sie -vor der Tür. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und -erzählte vom Walroßfang bei Grönland. - -Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken. - -Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank. - - * * * * * - -Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat. In königlicher Pracht -schreitet er einher, weithin über Land und See gleißt und funkelt sein -Purpurmantel. Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder, -alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht und senkt die -Ähren, die Blumen verdorren, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen -sich. - -Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist der _Mann_ -gekommen, der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze -Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche, -Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er -allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme, -dann stemmt er die Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht -und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne. Selbst die großen -Meister, die Winde, müssen vor ihm ducken, und wollen sie sich ja -erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er -zu tun hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß der Winter -kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den -milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem -Ernst, in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem Zorn -- und -all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe! - -Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fühlt -sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille -und das Deck ist bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen und -das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft -müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis -geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen, -die nicht freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden, -sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal -segeln sie bei scharfem Ostwind nach Jimuiden in Holland, einmal kommen -sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen, -sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt -es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die -Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu -hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt ja wohl -an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf, -steht einen Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und -dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische -Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Haverei, daß sie nach der -Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind -hinter Wangeroog. - -Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es -kommen ja auch schöne, große Reisen: einmal, als die Zungen auf -Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute -vierhundert Mark. - -Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem -hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als -Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück. -Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater -bleiben darf. - -Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich -auf Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den -Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er -muß fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder -bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird -gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis -nicht wegschmelze! - -All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel -und der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom -Achterdeck, aber sie lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder -einmal glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden. - - * * * * * - -In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun auch berichten, daß -sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind. - -Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch -wäre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage -vorkommen kann. - -Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken, -eine noch grauer als die andre, trieb er über den Heben. - -Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den -Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen. -Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete -stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den -leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf, -die Seen krönten sich mit Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und -tiefer. - -Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu -lassen. - -»Intehn, intehn!« sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück -kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten -sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger -und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des -schweren Netzes mangelte. - -Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das -Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit -dem Knecht über die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte. -Als keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, dachte -er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach -der Elbe hinüber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen. - -Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem -mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein -Dampfer und manchen Spritzer überkriegte. - -Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleiße, -Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie -das Deck rein. Hein ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee -zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und -packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es -wollte schon dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch -brächte. - -Die Elbe war weit weg. - -Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war -die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief -raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen -liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr für -Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll -den Kopf oben und ließ sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen. -Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und half -das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre, -hätten sie es längst in Sicht haben müssen. - -Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze -Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit -unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit -unfaßlicher Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze -und dumpfe Donnerschläge sind das nächste. - -»Nu gifft wat!« ruft Kap Horn. - -»Gläuf ik ok!« antwortet Klaus Mewes, »goh no binnen, Störtebeker!« - -»Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!« - -»Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un -lot Hein de Kapp toschuben un blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder -ropt!« - -Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: »Jo, Vadder!« und geht -nach unten, denn er weiß, daß man dem Schiffer gehorchen muß und wenn -man's auch zehnmal besser wüßte. - -»Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,« ruft er noch vom Großmast, dann -verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter -brät und meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden. - -Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen -sie darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen, -was die große Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz -geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen: -niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche Menschen sind und so -gern lachen. - -Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben sie ein so jähes -Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt -und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der -Südwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt -ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft -sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind -wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich: -Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes! - -Die See, die See! - -Wie gischt und schäumt sie! Sie _kocht_! - -Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er faßt die schweren, -langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um. -Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild -durcheinander laufen. - -Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp, dat noch buten is, -will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer -ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der -Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe -ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister -werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel, -daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert und bebt, als -könne er sich nicht wieder aufrichten. In der Kajüte purzelt Hein gegen -den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck aber klammern -Schiffer und Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu spülen. -Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. »Fock -dol!« gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und -reißt sie herunter. »Seil dol!« schrillt es. Der Schiffer kettet das -Ruder an und stürzt nach den Fallen. - -Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und -zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt -fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden, -wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoß --- da ein scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in -das Großsegel gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze Seil geiht -innen Dutt! - -Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch -einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als -seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult -der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beißen gibt, -dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen -krummen Buckel -- und in Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in -die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne -Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der -brüllenden Seen. - -Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden -Dünung und die hohen Seen rollen über ihn hinweg. - -»Dor is en Licht!« ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt -nach der bezeichneten Richtung und sieht ein _Licht_ auf der See, hell -und tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reißt dort -das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? Klaus peilt -und als er »Nordost« ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf -und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit -dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die -Elbe ist nicht zu erreichen. - -Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen -Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher -Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange -zögern. - -Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen -handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der Weser! - -Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du -doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du deines Jungen? Der sitzt -warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! -- und -obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues, -bleibt er fröhlich und lacht sorglos: »Vadder is jo boben!« - -An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb -aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten kleinen -Klüver am Großmast, geschoben von den immer gröber und ochsiger -werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser. - -Südwest liegt an. - -Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen -alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie -sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen -über den Setzbord, wie sie wollen. - -Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft -oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz -ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind -alle Stuben und Kammern beleuchtet und über die Treppen eilen die -aufgejagten Diener. - -Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie -aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich -dermaßen verstärkt, daß er es muß. - -»Lot ut!« ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus. Der -Knecht peilt die Tiefe. - -»Fief Fohm!« - -»Denn sünd wi uppe Grünnen!« - -Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger -Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der -nun kommt! - -Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn -erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm, -Gefahr! schreit der Ewer. »Nu geiht op Leben un Dot,« ruft der Knecht. - -Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt »Seil upsetten!« denn er will -sich nicht geben. Mit großer Mühe setzen sie das Sturmsegel am -Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf -und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt -sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig wird der Kampf mit Wind und -Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden -Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und -Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord, daß das Deck -_ein_ Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis -zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen -gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle -und nimmt sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und -schüttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im -Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr -dich, Ewer! - -Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den -düstern Felsen, nach dem du genannt bist, und laß die Kette nicht los! -Steh fest auf dem glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an -die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen -sollst! - -Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe -gestanden hast, muß ich dich aufrufen? Nein -- das braucht es nicht: da -steht er am Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief im -Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den Ewer, er hält ihn! Damit -er nicht über Bord schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden. -So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht durch -Nacht und Regen nach Land und Feuern. - -Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es -Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein -Licht erscheint? »Rodensand!« ruft der Knecht, aber der Schiffer -schüttelt ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein -schwächeres auf und er muß glauben, was er erst nicht glauben wollte, -weil er sich nicht denken konnte, daß sie so weit abgetrieben sein -könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch -auf dem Trocknen sein! - -Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten -Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine muß gehakt sein! Aber es -bleiben drei Faden. - -»Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!« ruft er durch den Sturm. »Hest hürt, -Kap Horn?« gröhlt er, als er keine Antwort bekommt. - -In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die -Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht, -daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe -hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp -zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht: -»Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kregen! Meist, as -wenn Vadder mi en fixen Backs geef!« - - * * * * * - -Kap Horn schweigt noch immer. - -Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die -letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen -konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es -kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es -bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschütterliche Ruhe des -Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich -nicht klein machen. Er kann sterben -- ob Klaus es auch kann? Er sieht -ihn an. - -»Dree Fohm bloß noch!« - -Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie -die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie -Bodemann sagt, daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei -Wochen vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür -und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer und die blanken -Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau -spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die -Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter. - -Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was -ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiß der eine wie -der andre: vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind -die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen sie, sonst -bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und zu versuchen, den Ewer -so hoch als möglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch -die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund, -ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stücke, -aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn -eins ist so gefährlich wie das andre. - -Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den -Watten stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen! - -Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern -und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich -durchzuschlagen. »Nu hol di fast, Kap Horn!« ruft er gell. - -Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm -auf dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik -di!« Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht -erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält -darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen -entgegen, die sich wild überschlagen -- er verzieht keine Miene. - -Gott im Heben -- da stürzt die erste große See wie ein wildes Tier auf -das Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert, -reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der -Klemme sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus ist -weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie Seemann vorher in die Kapp -gestopft haben. - -Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und der Ewer klüst -weiter. - -»Fastholen!« - -Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite -Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das -Deck, sie schlägt in die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt -und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber -sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See -hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder -aufzurichten. - -Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar -auf das Deck nieder, daß die Luken verloren gehen und der Ewer sich halb -mit Wasser füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und -Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die -Treppe, um sofort hinaus zu können, wenn etwas passieren sollte. Fest -klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. »Junge, wat snuft -dat langs!« ruft Störtebeker, »ober bang bün ik dorbi doch keen betjen!« - -An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! Sie müssen -durch! Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann -es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder -hält! - -Wieder ein Brecher? - - * * * * * - -Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von -Bremerhaven liegt, ließen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die -Pumpen, pumpten das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre -Kojen. - -Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von -Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem -Fischerewer rührte sich nichts: alles an Bord schlief. - -Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer -erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff, -das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie -feststellten, daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den -kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager. -Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Großsegel zu nähen und einen -Flicken darauf zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste -gelangen konnten. - -Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt drahten, und den andern -Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte -den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger und -Optiker zu gutem Verdienst -- der Ewer aber mußte ganze acht Tage -untätig an der Kaje liegen. - -Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen konnten. - -»Sall he wedder mit?« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach -Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte. -Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an. - -»Worüm denn ne?« fragte er. - -»Och nix, ik meen man bloß,« lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber -sah ihn schief an und sagte: »Up wat för Gedanken du ok doch kommen -kannst! Hett mol en betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt -warrn, wat?« - -»Ik heff jo doch gornix seggt,« beschwichtigte der alte Jantje ihn -sanftmütig und verschwand in der Kajüte. - -Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und -wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das -Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er -den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich -nach ihm verlangte? - -Ach was -- Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut. - -»Störtebeker?« - -»Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx -twei.« - -»Wullt noch wedder mit no See?« - -»Gewiß, Vadder!« - -Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er -nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu -kaufen. - - * * * * * - -Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der -Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein -der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts -Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten -Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute, -für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er -sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher -Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen -durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie -glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude -anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz -in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste -hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein -andrer schlug ihn knallend zu. - -Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe -durch. - -»Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is -all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten -Hein, Geeschen? ... Willem Mees?« ... -- er machte eine lange Pause, -denn Willem Mewes war geblieben ... »Paul Külper? De liggt jo blangen -uns; den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!« ... Der Junge -war bereit, Briefträger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste -hinunter ... »Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt, -Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik -Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125: -dat bün ik sülben! August, geef mi mol en lütjen Angostura!« - -Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch. -Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim -Schreiben geweint hatte. - -Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht -einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam -und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes -fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. »Dor is -obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben, -wat?« sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann -las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach -Haus verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie -so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß -sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen -fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die -könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein -Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar -nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei, -habe sie gemeint. - -Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es -weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und -Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die -Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde -wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur -stand: »Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!« - -Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust -glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat -nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker, -der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute, -und setzte die Segel auf. - -Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen. - -»Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder -weet gornix van di af: wat is dat egentlich?« - -»Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,« sagte der Koch -leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann -bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und -schnell einige Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem -Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug. - - * * * * * - -Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte -sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen. -Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und -weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel -war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so -segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war -ihm bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte. - - * * * * * - -Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der -Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne -Reise: sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den -weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein großes -Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark »Elisabeth«, auf der er -lange Jahre gefahren hatte. - -Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an -Bord ging, um seinen alten Käppen zu begrüßen. Unter dem Arm trug er -einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing -noch immer an dem Ollen, an sien Vadder. - -Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die -himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er -ein großes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mußte er sich über -die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann -betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und -freute sich über seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor -den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten -Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und -neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen -Seeleuten. - -Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck, -an der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er -das Schiff genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ sich -von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte -sich einen Löffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem -Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die -keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise auf -einer Mundharmonika und machte große Augen. Über dem Vortopp aber stand -der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens und -jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die -Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen -auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen. - -Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken -darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum. -So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die -wir noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von uns, bringen -sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich vielleicht nur in der -Hausnummer versehen? - -Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der -Fockrah stand, als sie aber hörten, daß er Klaus Störtebeker hieß und -ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig, -nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein -Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen -seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend -mit einem Backtrog, der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen -Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen: -mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große -Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind, daß -sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände -zusammenschlugen. Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas wußte -und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und -Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig -werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen -ganz sicher. - -»Un wo is Backbord?« fragte der Zimmermann, ein Däne. - -»Dor frog dien Großmudder man no,« antwortete Störtebeker, »mi kannst ne -förn Buern hebben.« - -Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang. -Der Segelmacher, der großes Gefallen an ihm gefunden hatte -- alle alten -Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! --, schenkte ihm einen -ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den kleinen Seemann -mit Adjüst und Good bye. - -Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen -Schiffe, das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten, -wunderlichen Götzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch -er freute sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische -Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprämie von -dem Alten: ein weißseidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war. - -»Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver« -- damit wurde Störtebeker -zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen -die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter -Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und -sie sprachen noch lange von ihm. - -Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und -ließ sich das große Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken -Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt -war. - -Als der Kapitän der »Elisabeth« den andern Tag etwas in der -Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und -ging über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und -dem großen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt -hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der -Morgenfrühe nach See gesegelt, so daß Käppen Vinnen kein Glück damit -hatte. - - * * * * * - -Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren -dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen. - -Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die -glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang -und den Seesternen einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er -zog ihn heraus und wies ihn herum: »Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen -Steenbutt, rein en Stoot!« - -Er stand dicht am Setzbord -- und der Ewer holte in diesem Augenblick -plötzlich weit über! -- da sackte er langsam nach hinten über und fiel -über Bord in die See hinein. - -Mann über Bord! - -Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich -jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin, -stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem -Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe -Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte -ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen -nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing -es an ihm. - -Da schwamm der Junge. »Hol di, Klaus, fix roonen!« »Jo, Vadder!« Bevor -er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm -unter die Arme. »Lot den Butt doch los, Junge!« »Ne, Vadder!« Zum Glück -sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord -geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte -erlahmt waren. - -Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt -und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen -wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen -und konnten sich verpusten. - -Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. »Son scheunen Butt -schull ik wedder swümmen loten?« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, -dann aber zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf, -damit die Sonne und der Wind es trockneten. - -»Up See mütten Kummer gewinnt warrn,« sagte er lachend zu Kap Horn, der -ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes -Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen -hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war's denn auch weiter: er -hatte bloß einmal über Bord gelegen. - - - - - Dreizehnter Stremel. - - -Is de Sommer all her? -- fragen die Frauen, die einander begegnen, denn -ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide -schwerfällig ebbt. Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft -dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten -werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weiße Scheibe ohne -Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben. - -Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche -Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um -Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die -Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer -tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen -bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu -sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft, -sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe -haben etwas Formloses, Gespenstisches. - -Wie Herbst ist der Tag. - - * * * * * - -»Stuten! Weu ok Stuten?« - -Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr, -der ein bißchen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder -Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich -entlang, die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen. - -»Wullt ok Stuten, Greta?« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie -die Frau gerade heißt. Zu verwundern ist es, daß sie bei den vierhundert -Häusern, die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals -die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und -Ginen miteinander verwechselt. - -Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und atmet auf. - -»Gesa, wullt ok Stuten hebben?« ruft sie ins Haus hinein. Die -Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über -die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte -auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen -ermittelt. - -Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die -Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen -gesetzt hat. Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen -einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat -etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den -Nachbargebieten ins Reine gekommen ist, fragt sie teilnehmend: - -»Diern, is dat wohr mit dien Jungen?« - -Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. »Wat schall wohr -ween?« fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht. - -»Weest du dor noch nix af?« - -»Ne, wat schall ik weeten?« stößt Gesa heraus, »ik weet bloß, wat he -gesund un munter an Burd is!« - -»Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn -ist woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn -ist jo man god!« - -»Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?« - -»Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so -verjogt, mien Diern! Föftein Penn giffst du ut: denn kriegst du jo noch -wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!« - -Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden -ist, und läßt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist -erzählt worden, daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und -in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber -er habe ihn nicht wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiß -sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht -hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist. - -»Schree man ne gliek, mien Diern,« tröstet sie, »is jo bloß Snackeree.« - -Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit -einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen -erschüttert sie und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann. -Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch. - -Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr -als bloßes Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es -geträumt hat! Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit einem -Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle -Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um -seine Fahrt lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen -treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült ist! Ob er nun -auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen -gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen -Störtebeker verloren hat? - -Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, daß er mit zur See -kam? Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein und alles -in ihr schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt, -gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an. -Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und -trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen -umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen -und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm -nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein -Grab pflanzen! - -Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu -erwehren. Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein, -nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des -Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord und -Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein: -ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein großer Vater lebt und lacht, -und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden -Fahrensleute! - -Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie -verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe -von Bremerhaven und Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge -gesund und munter ist -- und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie -Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa kann es nicht glauben und richtet -sich an diesen Briefen wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht -sie die Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger und blickt -über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewiß -weiß, daß ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme -Mutter -- daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen weicht -sie beharrlich aus: sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und -will nichts hören und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist -sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre -Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen und um ihren Mund hat sich -eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine -Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre -tiefdenkern geworden. - - * * * * * - -Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in -der Hand und riß ihn jäh auf, daß Jan sie verwundert anguckte. - -Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die -Zweifel wieder über sie, sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief. »Dat -lügst du, Klaus Mees, he is verdrunken!« schrie ihre gemarterte Seele. -In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie wenig Schlaf finden -konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war -krank und wund und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die -klagende Stimme des Jungen. - -Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach -der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie mußte Ruhe -haben: sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr -schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles -bereit hatte -- es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit -der Eisenbahn gefahren --, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger -an, der gar nicht wußte, was los war und es auch nicht herausbekommen -konnte, denn sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe -und erst den andern Abend zurückkomme. - -Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten -ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton, der besagte: na, was hast du denn -vor, willst es uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein, -sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell -der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden -anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der -Ortsfremden, wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen. - -Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen -ihr nach. - -»Se hett jo man bloß den eenen Jungen,« hieß es dann. - -Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde -schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht, -damit Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht -wissen, daß sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte -sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren. - -Der Klapperkasten »Courier« paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet -und setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und -fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den -Pariser nannten. - - * * * * * - -Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und -angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie -erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Außenweser -und ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in langer -doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von -ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als an ihren -Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an -der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen -und da Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige, graue -Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was -Klaus wohl hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es -weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grünen Deich -doch nimmermehr vergleichen konnte? - -Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie -nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie -an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: »Süh, Gesa, ok -mol oberreist?« - -Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. »Klaus liggt dor wieder -rup,« rief er ihr noch nach, »dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is -he.« - -Die Flagge -- sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: so wenig -Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte -Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf -der Besan, wehte lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber -ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt -hatte. - -Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief -aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren -sauste es und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch -umkehren? - -In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der -Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen. - -Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe -hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das -rautenförmige Türfenster in die erhellte Kajüte hinein. - -Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Klütjenpfanne stand -darauf, auf einem Tauring, und die Seefischer saßen im Kreise herum, -hatten die Gabeln in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus -Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und -erzählte von der großen Hitze im Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem -Gesicht, das heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant -Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch en Butenlanner -vör mi --, da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen -Klößen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht -der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort dazwischen. - -Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme -hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter -auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die -Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst -kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem -einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn -fest, den Traum ... - -Da rief Störtebeker: »Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol -mokst du de Brotklütjen to sult!« Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß -auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft -zu Ende. - -»Klaus, mien Klaus!« schrie sie auf und sank um. - - * * * * * - -Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa -aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach -dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören. - -Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu -lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach -dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht -eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum -noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord -sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber. - - * * * * * - -Es ging um Störtebeker. - -Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter -Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und -schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte -Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so -leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen -Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und -Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das -der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte und -gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich -doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu -werden, da verspielte er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der -Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf -und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief -beständig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst -verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord: der gehört -zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor -dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen, -und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe -und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen -von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord. - -Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser -Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach -dem Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht -gefügt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu -bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen solle, -mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten. - -Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen sagen. - -Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: »Un ik goh ne mit un -goh ne mit!« Dann trat er in den Lichtkreis. - -Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte. - -Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater -ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an -seinem Bein auf, als wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht -gewahr. Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte -etwas Häßliches getan, aber sie war klug genug, es nicht zu tun. - -Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in -seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn und bei Kap Horn wollte -er nicht schlafen), löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes -Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See -haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der -auch nicht schlafen konnte, hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet -hätte, Gesa oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden -und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen. - -In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das -Deck. - -Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während -seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie -hatte gelernt, wie die beiden genommen werden mußten, und handelte -danach. - -Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an, -aber ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen -Fischerbank ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen -mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er -gesehen, daß Störtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten -angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann -war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den -achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder, -denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn -aufgeweckt. - -Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit dem Knecht und dem -Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so -tat er. - -Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: »Kumm, Klaus, du müß di klor -moken!« Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst. - -Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. »Dien Mudder hett di -ropen, Klaus, goh dol,« sagte Klaus Mewes ernst. - -Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an. -»Schall ik würklich van Burd, Vadder?« fragte er mit heiserer Stimme. - -Klaus Mewes nickte ernst. - -Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm -machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen -Spielkameraden, war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf. - -Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap -Horn. »Hol di man fuchtig,« sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken, -Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm -die Hand und tröstete: »Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nich bang -wesen! Wi kriegt all nich unsen Willen! Annern Sommer kummst du wedder -mit no See!« - -Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja -doch selbst nicht! - -»Adjüst, mien Seemann,« sagte er und streichelte dem Hund das struppige -Fell. - -»De bringt di noch langs,« rief Klaus Mewes, der sich auch fertig -gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten. - -Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren -nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr -sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt. - -Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen -sehen. - -Er sagte aber nichts. - - * * * * * - -Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug -vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des -Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive -pfiff und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung. - -»Adjüst, mien Jung!« - -»Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!« - -Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte, -bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm und er legte -den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem -Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und -weich über das sonnenhelle Haar. - - * * * * * - -Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück. -Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen -Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißen -Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen hatte, -und ging über die Geleise zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in -seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte -einen schweren Streek hinter sich. - -Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine -Stimme in ihm, dir träumte, daß Gesa gekommen sei und den Jungen -mitgenommen hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus -Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und ertrunken ist: sie -haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt! - -Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge -fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen -Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben, -als ob er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war -gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich, daß -er sich so hatte überteufeln und unterkriegen lassen. - -Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die -halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker -fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst -jetzt so recht. - -Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die -kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten -verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und -fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge es -nicht verwinden noch vergessen würde. - -Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und -gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen. - - - - - Vierzehnter Stremel. - - -Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht -zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war -umgeweht, Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und -die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich -auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der -Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden, der -ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den -Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht, -weil er es nicht wollte. - -Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten -ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See -gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf -Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören -spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen -Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den -Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen -war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte! - -Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und -streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu -vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine -Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte, -und seinen grünen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand! - -Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit -aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem -Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm: -das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn. - -Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach -erzürnte er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach -und keiner mehr nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie -ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen -Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und -Wetterdingen (»dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du -Kiekinnewilt,« hieß es herrisch) -- und das ließen sie sich bald nicht -mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein. - -Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, daß er ihr -selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie -sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die -Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die -See vergäße: so wenig kannte sie ihn. - -Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief -ins Haus: »Vadder kummt up!« Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes, -ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging -sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das -Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen -Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein -Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn -ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen. - -Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und -dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen -wuchsen und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch -die Nummer schon zu lesen: H. F. 125. - -Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen. -Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und -hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist. - -Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang -über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord -wäre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten -Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein -Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt. - -»Höh, Vadder!« - -So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: »Höh, Vadder! -Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!« - -Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen -zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Maßen -und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der -trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme, und sich nicht -um ihn bekümmere, -- und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr -verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am -Wasser stand und Ausguck hielt! - -»Gohn den Draggen! Fock dol!« scholl es dann über Deck und das Echo am -Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm -geworden: »Gohn den Draggen! Fock dol!« Da gewahrte auch Seemann seinen -Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn -sein Herr fragte: neem is Störtebeker, Seemann? -- und er stellte sich -mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, während die -Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite. - -Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das -Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter. -Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu -lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig -zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel -zusammengebunden und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde -aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es -jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt -geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig! - -»Mien Kohn ne vergeten, Vadder!« rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum -Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte -der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die -vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben -von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und -stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich -einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen -Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken -aus der Kapp und stieg ins Boot. - -Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam, -Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap -Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der -Kette nach. - -Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals -seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn es noch länger gedauert hätte, -hätte er sich nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen. - -»Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,« lachte er nun und wehrte -dem Hunde, dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im -Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden -Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein -Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit -ab. - -Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie köstlichen Kaffee in -der Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht -im Winde wiegten, lachten sie von draußen an. Und köstlich war die -Fragerei von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hörte -nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein -buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah. - -Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit und sie sah -Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte aber nicht, was sie damit sagen -wollte. - -Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann -versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die -Fische zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon -Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und -verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater, -in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf -seinem großen, schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte -das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das -Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als -wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, er -blickte nach dem Kompaß und nach allem. - -Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes vor der Tür und piepte -wie ein Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der -Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern auf der -Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber -gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den -nackten Beinen, zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze. - - * * * * * - -In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker -standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich -entlang nach der Neßkule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und -naßkalt. Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern, wie die -Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucken. Auf den Feldern -braute der Fuchs. - -Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine großen -Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom -Lande ab. Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der -Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe -regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf -und verschwand surrend. - -Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende -Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern. -Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des -Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht -brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst -vorbei, dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus -Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben. - -Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen -schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und -Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar -gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die -Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in -Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem -Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden, -sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie -saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem -Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von -oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief -hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und -wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele -Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches -Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen -zumute. - -Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm -bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm saß? Er -konnte es nicht deuten. - -Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp, -setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der -Versteigerung ab. Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewölbe -und rief die Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der -Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern, -denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der -kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an -sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die großen Zungen, -die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen -und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich -bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war -schon alles verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten, -aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber, daß alles so -schnell gegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an -stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte, was -er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet -hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan. -»Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes« -- und damit -basta. - -Die Abrechnung konnte er erst später bekommen -- sie hatten deshalb noch -viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten, -guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die -Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee -ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr -festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn -hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten -denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die -Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt. - -»Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?« fragte Jan Tiemann, -der Elbfischer. - -»Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,« sagte Klaus Mewes. - -»Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is -to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen, -Klaus!« - -Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig -an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af? - -Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen -Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig -und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von -der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen -wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit -an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise -gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein, -daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte -die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und -fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes -fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz -unbefangen. - -So segelten sie die Elbe hinunter. - -Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den -Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn -Prozent, der Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute -hatte und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben -als die andern Fischer, und er tat es gern. - - * * * * * - -Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht von Thees to -Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich -oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich -nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann -noch, der kleine, krumme Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in -seinen dunkeln Augen, wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie -wirr ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts wittert er -Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Wie unheimlich ist sein -Tun, wenn er Segel näht: erst legt er die Karten, um den rechten Tag und -die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann rutscht er -wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor sich -hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar -über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, welche Segel zerreißen -und welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergänge der letzten -vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm. - - * * * * * - -Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saßen auf -dem Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte -auf einem neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich, -und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der -sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekommen konnte, was -er haben wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das -Feinste zu essen und zu trinken. - -Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur -Tür herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den -Segelmacher, was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte. - -Thees lächelte eigentümlich und sagte: »Du kummst ok jümmer, wenn ik di -ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne -Gangen un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn un an to -reken fangen!« - -»Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,« lachte Klaus. - -»Ne, ne, di vertill ik nix,« antwortete der Segelmacher, der -aufgestanden war und sein Buch suchte, »di vertill ik nix, du lachst jo -doch bloß ober sowat; du meenst, dat gifft bloß dat, wat du vör Ogen -sühst: aber ich sage dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol -de Kortjen leggen?« - -»Ne, lot man, Thees,« wehrte der Seefischer heiter ab, »ik gläuf ne an -Hexen.« - -»Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!« wandte der Alte sich an die -beiden Wattenläufer, »wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!« - -»Man keen Bangen,« rief Klaus sicher, »ik blief ok ne!« Und Störtebeker, -der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu: -»Vadder kann ne blieben, he kummt jümmer wedder!« - -»Do ik ok, mien Jung!« - -Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte -mit veränderter Stimme: »Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De -kunn ok ne blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer bloß -een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. Jä, un de See is em -doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, un de See, dat -gläuf man, is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters!« - -»Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt,« erwiderte Klaus -Mewes unerschüttert, »wi könt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln! -Wat ist mit den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?« - -Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die -Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu -blättern, aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er -sei wieder behext, die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die -Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. »Betohl anner Reis, -Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!« - -»Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,« mahnte der Fischer, »ik kann -ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben.« - -»Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,« sagte Thees und -vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte -Klaus zu lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich -rief er: »Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein -Klüfer 98 Mark.« - -Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er -wie in Gedanken: »Dat is jo all dörstreken, Klaus: keen hett dat denn -don?« - -»Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp don?« lachte Klaus, -»betohlt hebb ik gewiß noch ne.« Und er zählte das Geld auf. »Sühso, -Thees, till no, wat dat ok stimmt!« - -Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht -nehmen, das Geld gehöre ihm nicht. - -»Kumm, Störtebeker!« - -Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach -Peter Fick hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der -Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus. - -»Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,« sagte Störtebeker, als sie -draußen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm -doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: »Jo, de hett allerhand -Grabben.« - -Sie gingen westwärts. - -Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst -nur selten tat. - -»Vadder ...« - -»Non?« - -»Och -- nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?« - -»Ne, mien Jung, ik blief ne!« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer -auf dem Wasser. - - * * * * * - -Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als -die Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch -nochmals vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und -seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen -waren, denn er strich die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann -bezahlt hatte oder -- wenn er geblieben war. - -Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das -Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen -Seitenblicken ein. - - * * * * * - -Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag -er wieder vor dem Neß. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List -festgehalten und er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute -sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur -konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte. -Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem -Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen Mittag -die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war -aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen. - -Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige -Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber -der Ewer, von dem besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein -Stier und wies dem Wind die Hörner. - -Plötzlich rief Kap Horn: »U, kiek« und sprang nach vorn. Da trieb eine -Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und -stürzte auch nach dem Steven. »Dor drifft een!« schrie Kap Horn und wies -leewärts. »Denn fot man gau de Boot mit an,« schrillte Klaus, »Hein, -inne Wind den Eber!« - -So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und -sprangen über den Setzbord. »Hilpt uns, hilpt uns!« rief es -todesängstlich an Backbord, aber der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie -konnten niemand erblicken. »Liek vörut mütt dat ween,« rief Klaus, -»roon, wat du kannst, Kap Horn!« Der Südwester war ihm in den Nacken -geweht und die scharfen Körner flogen ihm in das Gesicht, aber er ließ -den Riemen nicht los. »Holt jo, wi kommt! Wi kommt!« gröhlte er, so laut -er konnte. - -»Hilpt uns!« - -»Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!« - -Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven, er -beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden -bei den Haaren. Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap -Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in -das Boot. Hans Danker war es, der Lüttfischer. - -»Neem is Trino?« fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte -die Frau in Altona an Bord stehen sehen. »Kiek mol to, Kap Horn, wat se -dor drifft!« - -Hans Danker aber ächzte dumpf: »De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch -verdrinken loten!« »So, un dien Kinner?« fragte Klaus, er blieb aber -noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen -und suchten, um die Frau zu finden. - -Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden -abstießen, warf er sofort Anker, ließ die Fock fallen und machte das -Ruder los, so daß der Ewer mit den klappernden großen Segeln keinen -Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an -den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von -allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote -herbei. Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich -gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der -Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk. - -Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Hause zu. -Der Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten. - -Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an -zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: »Vadder, -Vadder, neem hest du uns Mudder loten?« Da stöhnte Hans Danker furchtbar -auf und wollte sich losreißen, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus -Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und -brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der -Nachbarn anvertrauten. - -Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an. - - * * * * * - -Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne -nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden. - -Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten -die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit -den Booten nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu -fischen. Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo -auf und ab. - -Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei. -Sie sprachen aber wenig. - -Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte, -schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück. Sie hatten -die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest. - - * * * * * - -Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf Finkenwärder: -nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den -Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel -und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel. - -Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand. - -Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er -der Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein -seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, daß sie -ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein -längeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mußte, und zogen dann -mit ihm los. - -»So geiht he god, Vadder,« rief er vergnügt, als der Ewer recht an den -Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor -seinem Bug und über die großen Segel, die ihn beschatteten. - -Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig -davon und hatte den Neß bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken -und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war, -tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit. - -Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit -dem Wasser gleich und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen -steuern, damit er sich trocken hielt. - -Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mußte das Tau -losmachen und zurückbleiben. - -Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten. - -»Adjüst, Störtebeker!« - -»Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder!« ... »Adjüst, -Störtebeker!« ... »Jüst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!« -... »Adjüst, Klaus Störtebeker!« ... »Jüst, Hein Klütjenbacker, pett di -man keenen Nudelkassen innen Foot!« ... »Wauwauwauwau!« ... »Jüst, -Seemann, fall man ne ober Burd!« - -Dann rannte ihm der Ewer davon. - -Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten, -schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei -Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach -Finkenwärder um. - -Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen? - - - - - Fünfzehnter Stremel. - - - Sinne, öffnet eure Tore! - - Grabbe. - -Die Äquinoktien! - -Herbsttagundnachtgleiche! - -Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in großer Angst. -Ringsum lauern die grauen Stürme, die die Natur brechen und die -Sonnenkraft tot machen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie -an den Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen. - -Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei -unruhigem Wetter. In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend -aufgeschlagen auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf -Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener -Meldung über die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt -eine der andern aus den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt: -Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett Paul ne bi jo -fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere Wolkenwand seewärts auf -der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein sausen! - -In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille, -bange Zeit. - -Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und -auflegen kann: das können und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten -sind schon nicht mehr danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß -auch Winters gefischt und verdient werden. - -Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Stürmen -entgegenfahren. - - * * * * * - -Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig Seemeilen hinter -Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwärme -haben die Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte -der Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser wärmer und der -Grund stiller ist. Wer noch einen guten Streek tun will, der muß -Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der -weiten See anvertrauen. Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt -werden. - -Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer, die diesen -Winterfang betreiben können: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven -und warten auf den Hering. - -Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank. - -Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt und -für sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den -Engländern und Holländern und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen. -Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob wird, daß er -reffen muß, oder wenn der Wind es so gut meint, daß er das Netz -einhieven und treiben lassen muß: gefischt wird doch wieder, und wer die -Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von -Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, als der kleine -Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen. - -Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, als wenn sie -binnen wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise -haben, guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend -kreuzt nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne -Mißtrauen und geht geruhig zu Koje. - -In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie -verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden, -denn es ist stur geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu -Bett, um noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe, -denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und auf Kap Horn, den -Altbefahrenen, können sie sich verlassen wie auf den Deich bei -springender Tide. - -Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden und -er muß befürchten, daß der jagende Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus -Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen. -In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann -schickt er die Leute zu Koje und übernimmt selbst die Wache. Im Sturm -gehört das Ruder ihm, dem Schiffer! - - * * * * * - -Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so daß -die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine -Haverei, so viel Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch -stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte -etwa in Stärke 8 nach dem alten englischen Admiral Beaufort. - -Da mit einem Male legte er sich gänzlich -- ganz still wurde die Luft. -Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und -donnernden Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung. - -Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie -machten sich klar zum Sturm, der kommen mußte, denn das Wetterglas fiel -rasend. Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde -ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden, damit es nicht über Bord -gehe, das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden -geschalkt. Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit, dann -steckten sie das zweite Reff in die Segel -- und dann kam der Sturm -wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt. Es -trommelte und pfiff im Südwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht zum -Stürmen lärmte, der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das -brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß die Masten sich -bogen und Hein Mück laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn -der Ewer dem ersten, gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er -umkippte, aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und -riß ihn auf. Wie brauste es in den Lüften, wie erhob sich die See, wie -tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem -Achtersteven so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, und erhob -er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das tränenüberströmte Gesicht -eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen und über die -Backen. Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die Luken -nicht zerschlagen wurden! - -Südweststurm -- - -Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn -der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an -Deck, mit Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er -nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn -einige starke Taue kreuz und quer über Deck, von Wanten zu Wanten und -von der Winsch nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden, wenn -sie stolpern sollten. - -Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er -tröstete sich, daß es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe, -und ließ sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der -unbekümmert im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt und -überstanden. - -Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen -jagten einander und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es -auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie mußten es wegnehmen -und dafür den kleinen Klüver als Sturmsegel setzen, statt der Besan aber -den dreieckigen Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und -alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er -nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an -Deck. Noch war keine Angst in sein Herz gekommen, so toll es auch im -Wirbel ging, noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so -schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch immer lachte er -des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei, damit er ihm zeigen -könne, was Klüsen heiße. Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog, -verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne sich zu -besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das Segel aus der -Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige -Stunden gut, bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine -sternenlose, sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf -Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und -fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die Nordsee, und selbst die -Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie -nicht alles Tuch in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel -gänzlich abgeschlagen werden. - -Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie -machten die Sturmanker zurecht. Backbords schäkelten sie einen unklaren -Anker auf dreißig Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden -Kurrleine, steuerbords taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf -fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer mit dem Kopf am -Winde halten und verhüten, daß er dwars schlüge und von den Seen -kopfheister geworfen würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am -Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab. - -So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich -her wie der Jäger das Wild, das er lahm geschossen hat. Die ganze Nacht -trieben sie auf der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber -in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends -war ein Schiff zu sichten und sie sahen kein anderes Licht als die -Strahlen des Elmsfeuers, das in Büscheln auf den Toppen der Masten und -an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage es -verlöschte. - -Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an -Deck stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine -schwere Sturzsee über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und -verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die Fischer fühlten sich -emporgehoben und verloren den Grund unter den Füßen, sie mußten -schwimmen und spülten hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon -in die Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen! - -Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet -- da schrie er -gellend auf, denn eine schwere, kreißende, ungeheure See hing wie ein -Berg, wie ein Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern. »Holt jo -fast, holt jo fast!« rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und des -Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück und erstickte sie. Dann -schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur Seite und warf ihn gegen das -Nachthaus, daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte. - -Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich wieder mit den -kleinern Dwarsläufern abriß, hing Kap Horn mit zerrissenem Ölzeug und -blutendem Gesicht in Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts -mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck verschwunden: -zerrissen lagen die Ketten auf den Luken. Sie suchten die See mit den -Augen ab und warfen den Rettungsring über Bord, aber obgleich es schon -einigermaßen hell geworden war, konnten sie doch weder Hein Mück, noch -das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der Junge war weg -... - -»Dat duert bloß en Ogenblick, denn ist ut,« sagte Kap Horn tröstend, der -nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt -hatte. - -Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch über die See und -suchte seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter -angeweint kam und ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte? - - * * * * * - -»Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr,« rief Klaus, aber Kap -Horn schüttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen -sollte -- und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen -Kajüte ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit -war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren. - -Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte, -sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See, -wie ein Löwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt -er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte -Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach, er -lotete gewissenhaft und tat alles, was sich noch tun ließ bei solcher -Gelegenheit. Er dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an -Störtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht. - -Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit -zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu -tun. Dennoch hätte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die -Notflagge gezeigt hätte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von -einem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott schall mi -bewohren, dachte er und ließ John Bull stiemen, der dann auch wieder aus -den Augen kam. - -Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug, um von Jütland -freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Küste zu tun -- und -die war noch weit weg. - -»Ik gläuf, wi kommt dorch,« sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der -Schiffer ihn an. »Wat schullen wi ne dörkommen!« antwortete er, »wi weut -doch ne blieben!« - -Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach -mußte Kap Horn hinunter, damit er nicht flau würde. - -Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwächer -gewesen war, zum Orkan! Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr -unter als über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dünung über -Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe -aufgerüttelt hatte und die mit Sand geschwängert und mit Muscheln und -Steinen beladen war, schoß herauf, richtete sich urgewaltig auf und lief -dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte. Bleischwer stürzte sie -sich auf das Achterdeck und drückte es nieder, daß der Steven steil aus -dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit -ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaßen auf das Wasser, -daß er nicht wieder aufstehen konnte. - -Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte, daß er den einen -Arm nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den -Kampf und das Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines -Gottes Hände: er hätte noch mit seinem Schiffer fischen und segeln -können, hätte bei Hochzeiten am Deich auf seiner Harmonika spielen und -den kleinen Klaus Störtebeker mit zu einem rechten Fischermann machen -können, aber wenn es sein mußte, ging es wohl auch ohne ihn. Er hörte -nicht mehr das Sausen des Wassers: eine große, tiefe Stille legte sich -um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ... - -Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die -ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie seinen Knecht. So tauchte er wieder -auf und versuchte, zu schwimmen. »Kap Horn, neem büst du?« schrie er in -den Sturm hinein und rang schwer mit der Dünung, die ihn furchtbar hin -und her warf. Beständig liefen ihm die Seen über den Kopf, so daß er -viel bitteres Wasser schlucken mußte. - -Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal -aufrichteten und dann untertauchten, daß kein Topp und kein Flögel mehr -zu sehen waren. Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich -der Sturm mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie wieder -so kraus, wie die ganze See war. - -Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein -Ewer waren ertrunken, er trieb in der wilden Dünung von Skagen: nirgends -war ein Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett -des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er -konnte nichts sehen. - -»Geef di, geef di, Klaus Mees!« brüllte die See, aber er gab sich nicht, -mit aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben -und er konnte noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden, -den keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen -waren, so würden sie am Deich über ihn herfallen und alles zerstören -wollen, was er in ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die -Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die Freude -am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! Ob Störtebeker schon stark -genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den vielen -Hunden erlag, ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem -Schneider oder Schuster machen ließ! »Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!« -rief er in den Sturm hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und -blühend, und dennoch keine Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie -hatte nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der einsame, -ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er wußte, daß er oft hart mit -ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen -abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -- aber Reue fühlte -er nicht. Sie würde weinen, aber die Ruhe würde in ihr Herz kommen und -sie würde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen, -wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um sich zu ernähren, -brauchte sie nicht. - -Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und daß er es nicht mehr -lange machen konnte. Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin -emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über -die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es paßte -nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke klein zu machen und -mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben! - -Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem -Schicksal trotzig vor die Füße, wie ein Junge. Groß und königlich, wie -er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu -seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird. -Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen -glänzenden, neuen Kutter mit leuchtenden, weißen Segeln und bunten -Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder -stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker ... grüßend -winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh -zu, daß du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und -mooi Fang, mien Jung! ... - -Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. -- -- -- --- - - * * * * * - -Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es an -demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, bei dem er gerade -zu tun hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der -unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu, -dann fragte er erschüttert: »Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock -di woll tweireten?« und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das -aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der -Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende Elbe ging wie eine -breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den -Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten der -gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie -nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern -hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus, -damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei -und verstopften die Löcher im Deich, damit das Land keine Haverei hätte. -»Is Klaus Mees bihus?« fragte der Segelmacher. »Ne, de is buten,« -erwiderte Jan Lanker, der lustige. »Denn weet ik genog,« sagte Thees -nickend und ging langsam nach seinem Boden zurück. Als er das Segel -wieder übers Knie legte, lag es ganz still -- das Zerren hatte -aufgehört. »Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?« fragte er leise und -wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten -sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel -schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers -Besan. - - * * * * * - -Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers -Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht rein zu -kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange -auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wußte -nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder ob er draußen sei. Wie wehte es! - -Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür -hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der -Seemann, draußen und begehrte Einlaß, war er vorausgelaufen und kam -Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die -Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das Herz still und ihre -Knie bebten, denn die Tür war von selbst aufgegangen und auf der -Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht -war totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren müde und -glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie -ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie -vermochte nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen, -ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber ihre Zunge war -gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen. - -»Gesa,« sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie -Gesa laut auf und sank zu Boden. - - * * * * * - -Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich -zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und -Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den -niedrigen Katendeich überflutete und das weite Land des Neßbauern -überschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland saß und im -Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas für -Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und -befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat! - -Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich -mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser mußte, da -rief es mit einem Male hinter ihm: »Höh, Störtebeker!« und als er sich -schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken. -»Hödjihöh, Vadder,« rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte, -dann aber warf er den Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts -mehr an: sein Vater war gekommen! - -Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte -- nun war -er weg? Störtebeker lachte und glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie -er es immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im -Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht -wieder ausfindig machen. »Vadder, neem büst du?« rief er, aber er bekam -keine Antwort. Da nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und -lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das Wasser -- der Ewer war -nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch an St. -Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser mit -der Eisenbahn übergereist sein. - -»Mudder, is Vadder ne hier?« rief er schon auf der Diele und stürmte -suchend in die Küche, überholte hastig die Schlafkammer und suchte die -Dönß ab. - -»Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder woll wesen,« klagte -seine Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch -auf, in dem sie gelesen hatte. - -»Eben wür he annen Westerdiek,« lachte er und stieg auf den Stuhl, um -aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. »Ik will em woll gewohr -warrn, den Versteekspeeler den!« - -Da wurde sie aufmerksam. »Keen wür annen Westerdiek?« fragte sie tonlos. - -»Vadder!« rief Störtebeker, »he stünn boben uppen Diek un lach un wink. -As ik to rupleep, wür he batz weg.« - -Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren konnte, und -jammerte: »Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien -Jung!« - -Er schüttelte den Kopf. »Dat is ne wohr, Mudder,« sagte er bestimmt, -»dat hest du dräumt. Vadder kann ne blieben und blifft ne, dat hett he -sülben to mi seggt. Vadder kummt jümmer wedder!« - -Sie weinte nur noch heftiger. - -»Stopp, ik will em woll finnen,« rief er und lief wieder in den Wind -hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewiß auf dem -Westerdeich gesehen hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hörte nicht -darauf. - - * * * * * - -Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf stand sie: das war die -Todesstunde von Klaus Mewes. - -Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestoßen. -Wie die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben. - - * * * * * - -Zufall? Gaukelei der Sinne? - -Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der Stunde, in der sie -auf See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder -zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen, -die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in -Lebensgestalt zu erscheinen. - - * * * * * - -H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, das heißt von -Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und -gebrochenem Großmast hinter der Alten Liebe lag, und erzählte, daß er -ein solches Wetter noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch -nicht, es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der -Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit -bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann -fragte, sprach er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm -gewesen, sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes. -Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm -gehört, aber da war alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff -im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine -gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine Gedanken zu machen: der -kam wieder, so gewiß wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute -noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hatte, -hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da -konnte sie ganz geruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner -Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, daß -er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster -auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: »Inne Nurd -schallt noch mihr weiht hebben, as neem wi ween sünd -- un ik gläuf, -Klaus Mees is inne Nurd wesen.« - - * * * * * - -Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der -Wasserkante, denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht. - -Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der -Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken, -Häuser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren -entwurzelt. Auf Scharhörn war eine große englische Bark gestrandet und -mit Mann und Maus spurlos verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein -Lotsenschoner umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast -einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber lag bis an den -Leuchtturm voll von haverierten Schiffen. - -Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf Kutter und zwei Ewer, -darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und -sprachen die Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre mußte -zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal der sieben Fahrzeuge, -der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten, -das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie -kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen Ewer unter den Füßen und -guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte -ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich -immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den -geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten -Schiffern und den wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten -ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes. - -Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter -kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei -war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben, -weder auf der Weser noch auf der Elbe. - -Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen und -Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel -herab Fürbitte für ihn und die beiden Leute und er betete stark und -ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die Kirche ging, denn der -Untergang dieses großen, fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer -mag noch Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er. - -Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen. -Sie mußten es endlich glauben, daß sie seine Flagge nicht mehr flattern -sehen würden, daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich -entlangkommen konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten -aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den Mädchen tanzte. Was für -ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt! Gut -und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort -gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da -hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten -Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend -gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei -ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein -Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie -so manche es waren. - -Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den -Watten gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhängt und vor der -verschlossenen Tür, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten -standen der Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im -Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die -Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel -und das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst -durch die stillen, totenstillen Räume. Meistens saß sie in der -dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür -schloß sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen, -die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun -Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie für eine -Finkenwärderin), mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren -Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich selten sehen, -denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht mehr ertragen, -konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne daß ihr die Augen -übergingen. - - * * * * * - -Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und -weinte mit? - -Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, daß sein -Vater untergegangen war, daß der Ewer nicht wiederkommen konnte, daß er -Kap Horn und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater -war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiß -kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so -viel vor Wind hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz -gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des -Jungen auf dieses Wort seines Vaters und unerschütterlich war sein -Glaube. - -»Störtebeker, dien Vadder is bleben,« sagten die andern Jungen zu ihm, -aber er schüttelte geruhig den Kopf und antwortete: »Wat weet ji dorvan -af?« -- »Doch, Vadder hett dat seggt!« -- »Denn segg dien Vadder man, -dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt -wedder,« sagte Störtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter -tröstete er jeden Morgen und jeden Abend: »Schree doch ne, Mudder, gläuf -doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,« aber er -erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte. - -Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch: sein -Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mißmutig. - -Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe -versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus, -bis hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen -im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater. -Große Dampfer mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den -Fäusten, aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier -ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf -den Kahn wie eine Nußschale auf und ab: Störtebeker ging nicht vom -Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach -seinem Vater. - -»Hest Vadder ne sehn, Jannis?« - -»Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?« - -Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat, -nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn -alle. »Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,« sagten die -Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind -und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und -trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr -blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer -wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabei -sein, einmal mußte er ihn doch hergucken können! So viele Schiffe! - -»Is keen Breef van Vadder kommen,« fragte er abends, denn sie konnten ja -auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepaßt hätte. - -»Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?« fragte Gesa -bekümmert. - -»Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!« - -Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau -ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte, -er wäre es, und eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken -Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er -ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur -schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu -erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die -alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er -die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte, -und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann -wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern -helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern, -wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er -immer getan hatte. Ach -- er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken -schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er -einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um. - - * * * * * - -Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen draußen -auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden. -Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den -Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom -oder Wind konnte. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren, -sondern am Bollwerk zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen, -nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen. - -Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der -nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft -hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen -ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer wieder, -immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen. -Sein Vater kam wieder: von dieser Hoffnung ging er nicht ab -- und er -wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde. - -Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im -Gras, denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben. Kluß, die alte -Krähe, lag eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie -im Garten ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen -verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich nicht mehr darum -bekümmerte: gleichgültig ließ er es geschehen, denn es war ihm einerlei -geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder -da sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen! Dann -kam auch all das andre wieder an die Reihe. - -In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! -- lief er nach -seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese. - -Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst -nichts von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wäre am Westerdeich -zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät -oder überhaupt nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine -rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher, wie in -tiefen, schweren Träumen. - -Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig -geworden war und er sich auf der Elbe, zwischen Kranz und Wittenbergen, -verirrt hatte. Da wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den -Westerdeich ab und lief ängstlich über die Weiden. Als sie ihn nirgends -finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. Da hörte sie von den -Fischern, wie ihr Junge seine Tage verbrachte, daß er ständig mit dem -Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie -erschrak sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all den -Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. Wenn er nun ertrunken -war! - -Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht -mehr aus den Augen lassen! - -Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen -auf die Suche, obgleich es so dick geworden war, daß sie einen Kompaß -mitnehmen mußten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und -ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das -stille, tote Wasser, aber es war nichts zu hören, noch zu sehen. Sie -wollten es schon aufgeben, da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este -und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht nach dem -Neß. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen, aber er sprang -aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein -nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen werden -mußte! - -»Morgen kummt Vadder gewiß,« tröstete er seine Mutter, als er sich das -klamme Zeug auszog, sie aber wußte vor Schmerz und Freude und innerster -Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen -sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und -kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, daß ihm gar nichts fehle. - -Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak, -wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken -schuld daran, daß sie nicht einschlafen konnte. Sie riß sich schwer ab, -dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr -als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen -vom Wasser abzubringen, zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertränke, zu -verhindern, daß er ein Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode -käme, wie sein armer Vater, dafür zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden -und auf dem Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der -wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von der Geest in dieses -Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das Geschlecht der Mewes -vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig zu -machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen -Nachmittag von ihr gewollt: sie fühlte es und hörte es, was sie hatten -sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, daß der -Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters, -laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es -gewesen! »Jo, Klaus, dat will ik,« flüsterte sie vor sich hin, »du -schallst dien Rauh hebben!« Starr richtete sie sich aus den Kissen auf -und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es schwer halten -würde, daß sie streng und hart sein müßte, denn der Junge saß voll von -diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen, -aber ihr zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich um -ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn -dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu -bewahren. Das war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt -abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung -war, mußte noch zu biegen und zu lenken sein, wenn ein fester Wille -dahinter stand. Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen, sie -konnte es nicht ... - -Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um -die See. Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große -Strafpredigt, bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine -Mutter dann aber weiterging und davon sprach, daß sein Vater nicht -wiederkommen konnte, daß er auf dem Grunde der See lag, da richtete er -sich wieder auf und sagte, das sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg, -sie wüßten alle nichts davon! Sein Vater käme wieder: dabei blieb er und -davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen und sein Vater -könne nicht ertrinken: er glaubte es nicht und wenn sie es auch alle -zusammen sagten! - -Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu -schippern, aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser -blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein -Vater müßte gewiß kommen und er müßte ihm entgegenfahren. Und als seine -Mutter hinterm Hause war und die Schweine fütterte, da machte er seinen -Kahn los und wriggte wieder weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den -Ewer mitbrächte, würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten: -mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der Segel absuchte. - -Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen -und kam deshalb erst spät am Abend zurück. - -»Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?« fragte Gesa erregt, -»wullt du ober Burd fallen oder scheut de Dampers di inne Grund jogen?« - -Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und biß von seinem -Brotknuß ab, ohne etwas zu erwidern. - -»Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll -gornix mihr to seggen?« fragte sie bebend. - -»Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,« erwiderte er -geruhig und setzte abweisend hinzu: »Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!« - -Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie alles andre -in ihr und sie schlug ihn sehr. Er stand still und ließ sich schlagen, -weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die -Zähne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben. - -Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk -zurück, sodaß er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf -flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie -wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer! -Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater -kam nicht, und er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den -ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken hatte er, und war -sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der Schwelle und guckte -seine Mutter an, die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte: -nu hau mi man wedder! - - * * * * * - -Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage -fest. Streng achtete sie darauf, daß ihn niemand mehr Störtebeker -nannte, daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach -dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten -würde, den Jungen Störtebeker zu nennen: aber damit erreichte sie nur -das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst -recht Störtebeker. - -Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen -hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen -gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es -regelmäßig knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht -sah, fragte sie ihn weich: »Wat schall dat denn, Klaus?« Er schüttelte -erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestört werden wollte, dann aber -besann er sich und sagte leise: »Mok de Ogen ok mol to, Mudder!« -- »Wat -schall dat denn, Junge?« -- »Moks doch mol to, Mudder, och man to!« -- -»Ik hebbs jo all to, Klaus.« -- »Ganz fast?« -- »Jo, ganz fast!« -- - -»Denn sünd wi up See, Mudder,« sagte er verträumt, »kannst hürn, wat dat -boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt, -Mudder! ... Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt wi -intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de -Meben anflegen kommt! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen -sehn? Dor slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht Kap -Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up -- -dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück -schillt Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken -... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is -Hilchland! ...« - -So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu. -Gesa saß auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125 -trug, und hörte zu, während ihre Augen sich verdunkelten. »Woneem is -Vadder denn?« fragte sie zuletzt erschüttert. - -»Vadder?« rief er verwundert, »Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur, -de hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!« - -Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er aber saß noch lange -und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen. - - * * * * * - -Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen: immer -war er dann auf See bei seinem Vater. - -Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und -Schläge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen. -Die Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn -wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen -aber immer wieder durch die Maschen! Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm -gewesen war, hatte sich zum Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor -hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr. - -Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von -allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er, nach der See zu schippern -und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn -gefunden hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht -wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt -aufgegeben hätte, so daß Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber -rüstete er sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke her -und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas zu trinken hätte, -er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs Fische fangen -könnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt -unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen könnte. Als -er soweit fertig war, wartete er auf einen günstigen Augenblick, und als -seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß von -der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem -Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich -beim Bäcker zwei große Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann -wriggte er unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war und -er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts, bis über die Lühe -hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der Nordkante -in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel -hinein, denn es war fröstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als -Hochwasser war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis -Krautsand war er schon gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es -Tag geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, der auf -seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er sprang ins Boot und -verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Störtebeker bat und biß, aber -es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und -brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte, nach -Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig ab, denn der Jäger -kam dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder -ein Stück Vieh vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann -aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wür, -de wull jo god! - -Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn nach dem andern -Ende des Deiches bringen. Und sagte, sie hätte ihn einem Fischer -verkauft, der ihn mit nach See genommen hätte. »Wat kannst du bloß den -Kohn verkäupen?« rief er heftig, »de hürt mi to un dor hett nüms wat -ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!« Als er sie dann aber nach -dem Fischer fragte, gab sie keine klare Antwort, so daß ihm die Sache -muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und spähte solange, bis -er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen, machte er es los -und brachte es nach dem Neß zurück. - -Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mußte ja -wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung. - -War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, denn die Frauen -bestärkten Gesa in ihrer Strenge und die Elbfischer griffen ihn, wo sie -seiner habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen -Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte! - -Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein -Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er dort auf der Heide seinen -Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. Der -alte Heidjer und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal -bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu -passen, als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte. Störtebeker ließ -sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er -ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, er lernte -Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er -kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land: dann aber -fiel ihm plötzlich ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem Neß -mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang er kopflängs von dem -Schimmel herab, auf dem er saß, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und -alles, fragte sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe, -ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich entlang und -stand an der Huk still, denn er konnte keinen Ewer sehen. Erst wollte er -wieder nach der Geest zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach -seiner Mutter Haus. - -Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach -der Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten und sie -schlug ihn, daß er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit -seinem Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den Trotz des -Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte er ihn binden und wieder -mitnehmen, aber Gesa sagte, das hülfe doch nichts: sie wolle ihn hier -behalten: er solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den Kahn -nun wirklich verkaufen. - -Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller bringen. Da saß er im -Gefängnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch -die Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der gerade -unter dem Fenster entlangging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und -sagte grimmig: »Wi weut di woll mörr kriegen, du Dickkupp!« - -Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine -Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wußte sich nicht mehr zu -helfen. - -»Hilp mi doch, Vadder!« schluchzte er, »hilp mi doch! Kumm doch wedder!« - -Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen -beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord, auf -den Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn und kein -Seemann kam, ihm die Hände zu lecken. - -»Hilp mi doch, Vadder!« ...... - - - - - Letzter Stremel. - - -Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem grünen Ewer -geblieben ist. - -Wir kurren in der Gegenwart. - - * * * * * - -Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der die Blätter von -den Bäumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat. - -Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit Liebe zu tun hat, -sondern ihren Namen von der »Olive« bekommen hat, einem haverierten und -abgeschlachteten Schiff, das zuerst den Anleger bildete) -- liegt die -Austernflotte und macht sich zum Auslaufen klar. Da liegen die neun -Kutter, die Dohrmann, der große Austernhändler, für den Winterfang -angenommen hat. - -Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, die hansischen Farben -mit den hamburgischen Türmen, die am Finkenwärder Deich die Todesflagge -genannt wird. Denn der Austernfang auf hoher See ist die -allergefährlichste Fischerei, weil sie in die stürmischen Monate fällt -und weil die Austernbänke so weit draußen liegen, inmitten der Nordsee, -meilenweit hinter Helgoland. Da ist keine Reede und kein Hafen zu -erreichen, wenn das Wetterglas fällt: alle Stürme müssen draußen -ausgeklüst werden. - -Nur die neuesten, größten und seetüchtigsten Kutter können sich des -Austernkurrens unterfangen. Nur die verwegensten und mutigsten -Seefischer, die jungen und starken, können diese Fischerei betreiben: -aber auch sie würden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen -müßten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die Zeiten sind schwer -geworden, seitdem die Fischdampfer groß geworden sind: Winter und Sommer -muß der Fischermann kurren, wenn er noch bestehen will: die -Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in die -Stürme hinein. - -Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht -aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer. - -Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der -stärkste von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Großtopp, -bunte Bänder und grüne Blätter -- so neu ist er. - -Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig, Landrat Teßmar, Farewell, -Senator von Melle, Süllberg, Fairplay und Providentia, so heißt er Klaus -Störtebeker. - -In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck: - - +----------------------+ - | Klaus Störtebeker, | - | Finkenwärder. | - +----------------------+ - -Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm -eine deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein -Vater und zieht keine fremde Fahne auf. Dohrmann muß ihn so fahren -lassen. - -Der schöne, schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus Mewes! Dem jungen -Klaus Mewes! - -Ja, Seele, dem jungen Klaus Mewes gehört er, dem kleinen Klaus -Störtebeker, aus dem sie einen Geestbauer, einen Schuster, einen -Zimmermann und was nicht alles machen wollten und aus dem doch nur eins -werden konnte, in dem doch nur eins steckte: ein Seefischer! Allen zum -Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und ist ein Fahrensmann -geworden wie sein Vater. - -Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem ersten Kutter ist -er bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoßen und hat ihn dabei -eingebüßt. Nun liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will -Austern fischen. - -Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch manches Schiff unter -den Füßen gehabt haben, vor dem großen, herrlichen Fischerkutter stehen, -betrachten die glänzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden Bug, -und loben den Baumeister, der ihn zusammengeklopft hat, und den -Schiffer, dem er gehört und der mit ihm nach See gehen kann. - - * * * * * - -Die Kajüte ist groß und hoch, denn der junge Klaus Mewes fährt zu vieren -und ist hochgewachsen. - -Drei Sprüche zieren sie. - -Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne goldene Spruch aus dem Ewer: - - Hilpt mi, Sünn un Wind, - hilpt mi bit Fischen! - Ik heet Klaus Mees - un bün van Finkwarder. - -Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: Kap Horn --- und die letzte Koje schmückt das trotzige Wort: - - Finkwarder blifft Finkwarder - un geiht ne van de See! - - * * * * * - -Da kommt der junge Klaus Mewes. - -Er kommt vom Kriegshafen herüber, von den Torpedobooten her. Er hat -seinen Leutnant besucht. Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch -jetzt viel voneinander. - -»Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht -bange,« hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefügt: -»Mehr als auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See -an! England ist Rom und wir sind Karthago -- goden Wind, Klaus Mewes!« - -Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der -ausgesehen hat: es ist, als wäre der andre Klaus Mewes wiedergekommen. - -Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und höher hat auch er den -Kopf nicht getragen: wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem -Isländer und auf seinen Seestiefeln. - -Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann. -Nicht als finsterer Fliegender Holländer geht er einher: viel ähnlicher -ist er dem blonden Konradin, der tapfer lachend über die Alpen zog, nur -von seinem Schwert begleitet, und sich sein Königreich erobern wollte. - -Daß er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgroßvater, Großvater und -Vater sind geblieben, seine Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die -schweren Winterstürme vor sich -- und dennoch lacht er, wie die Sonne, -wenn sie scheint. - -An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt, auf See aber ein -verwegener Draufgänger, der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber -ein Segel in die See gehen läßt, als daß er ein Reff einsteckt. Die -Furcht, die schon der Junge nicht kannte, hat auch in der Seele des -Mannes keinen Raum. - -Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht die schnellsten -und besten Reisen. Das weiß der ganze Deich. Und wenn ein Junggast bei -ihm als Koch gefahren hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht, -denn die Fahrzeit bei dem jungen Klaus Mewes ist wie Kriegszeit und wird -doppelt gezählt. - -Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein lachender, -glücklicher Vater, den er in Gedanken immer bei sich stehen hat, wenn er -steuert. Bei ihm an Bord ist nichts von der Not der Zeit zu spüren, die -die stolzen Flotten von Finkenwärder und Blankenese bis auf neunzig -Schiffe zerschlagen und zertrümmert hat: er hat Leute genug: wie der -Magnet das Eisen, so zieht er das tüchtige Jungvolk, den Nachwuchs von -Finkenwärder, der noch Lust zur Seefischerei hat, mit Gewalt an sich. - -Er brauchte nicht während des Winters zu fischen, denn er hat im Sommer -Geld genug verdient, daß er geruhig auflegen könnte: aber er geht -dennoch auf die Austern los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb, -den Zug ins Heunenland mitzumachen: es ist ihm um die Ehre zu tun! Er -muß überall der erste sein! Er kann und will sich nicht sagen lassen, -daß er hinter dem Ofen gesessen hätte, während andre in den Austern -gewesen seien! - -Er weiß, daß sie auf ihn sehen, wie auf ihren Führer, und er ist stolz -darauf und freut sich dessen. - -Als der Kutter auf der Helling saß, machte der junge Klaus Mewes einige -Reisen als Fischdampferkapitän, um sein großes Steuermannspatent auch -einmal auszunutzen: er fischte im Angesichte von Island im Schein der -Mitternachtssonne und an der Küste von Marokko in der Glut des Samums, -er sah sich Aberdeen und Lissabon an: als aber sein Kutter zu Wasser -gelassen war, da bedankte er sich selbst lachend bei seinem Reeder und -zog es vor, sein eigenes Schiff zu steuern und nichts über sich zu -haben, als seine Segel und seinen Herrgott! - -Er hat sein schönes Schiff erreicht, der junge Klaus Mewes. Er springt -an Bord und ruft die Leute auf. - -Sie wollen fahren! - -Klappernd steigen die weißen, leuchtenden Segel, die noch keine Lohe -geschmeckt haben, an den Masten auf, die Gaffeln knarren und die Schoten -schlagen wie wilde Geister, denn es ist noch stur. - -Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt den Südwester auf, -dann faßt er das Ruder an und läßt die Stroppen losmachen. Langsam -schwoit der Kutter -- die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich -allmählich in Bewegung. - -Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schießt -mächtig davon, um Austern zu kurren. Gewaltig taucht es in die schwere -Dünung hinein. - -Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes -und seiner Fahrt. - - * * * * * - -Seefahrt ist not! - -Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes! - - * * * * * - - Ende - - - - - Verklarung einiger Schiffsausdrücke und plattdeutscher Wörter. - - -ans = sonst (entstanden aus anders) - -back brassen = einen Teil der Rahsegel so stellen, daß der Wind von vorn -hineinfällt, wodurch das Schiff aus der Fahrt kommt; in übertragenem -Sinne = stoppen - -ballern = poltern, werfen, daß es knallt - -bannig = sehr - -barg = viel - -batz = plötzlich - -Black = Tinte - -blangen = neben - -Blösch = Eisscholle (Mehrzahl Blöschen) - -Blutstropfen = Fuchsie - -Boitel = Wicht, Kerlchen - -Bünn = mittschiffs eingebauter, durch Löcher mit dem Wasser verbundener -Fischbehälter - -Bunge = Reifenstellnetz in Trommelform - -Buscherump = Oberhemd (entstanden aus Burschenrumpf) - -Büt = Beute, Strandgut - -Buttpedder = Buttentreter, Neckname der Elbfischer - -Daak = Dunst, Nebel - -Dachhaus = Strohdachhaus - -diesig = dunstig, unsichtig - -Dönß = Stube - -Draggen = vierzahniger Anker - -Dreuchewer = Frachtewer, der keinen Bünn hat, also »trocken« ist - -drok = dreist - -Ducht = Bootsbank - -dümpeln = schwanken, schaukeln - -dwars = quer, gegenüber - -Dweel = leinenes Tischtuch - -Dweil = gestielter Schiffsfeudel - -elk = jeder, jedes - -Euschfatt = Holzschaufel zum Wasserausgießen - -Ewer = zwei- oder einmastiger Segler auf der Elbe (der Name bedeutet -Eber; vergl. Bollen = Bulle [Anleger], Buck = Bock [stumpfes Schiff]) - -Fall = Sand- oder Schlickriff, das sich durch den »Fall« der vom Wasser -mitgeführten Bestandteile gebildet hat - -fieren = herunterlassen - -Flage = Schauer, Bö - -Fleek = Fläche - -Flögel = Windfahne auf den Masten (eigentlich Flügel) - -Gaffel = oberer Segelbaum (-Gabel) - -Gatt = Hinterteil des Schiffes - -gau = schnell - -Geutjen = Kinder (eigentlich Gänschen) - -Giekbaum = Schlagbaum, unterer Segelbaum - -gnostern = knirschen - -Grientje = schmieriges Lachen - -gucheln = in sich hinein lachen - -Heck = Hinterwand des Schiffes - -heilen, ausheilen = ein Netz flicken - -Helmholz = oberer Teil des Ruders (Steuers) - -Hemdsmauen = Hemdsärmel - -hieven = aufziehen - -hild = eilig - -Hödjihöh = Ahoi - -Huk = Ecke (holländ. hoek) - -jumpen = springen, aus dem Englischen - -Jalk = Tjalk, kleines breitbugiges Frachtfahrzeug - -Kambüse = Küche, auch Schiffskajüte - -Kapp = Deckverschluß der Kajüte - -Kapuze = Wandbett mit Schiebetür - -Kastetten = Staket - -Kieker = Fernrohr - -Kimmung = Horizont - -klamüstern = grübeln - -Klitsch = leichte Mütze - -Klür = Farbe, Couleur - -klüsen = scharf segeln, hart ankern, daß das Wasser durch die Klüsen -(Kettenlöcher) kommt - -Kluten = Erdstück - -Knipptasche = Geldtasche, Portemonnaie - -kodimmen = kondemnieren, ein Schiff abschlachten - -Kolosen = Vorhänge, Rouleaus - -krüssen = ersticken - -Kule = Vertiefung, Senkung, Wasserloch - -Kurre = Schleppnetz - -Kurrgut = Netzgarn - -labsalben = die Masten und Stengen schmeeren - -lavieren = kreuzen, hin und her segeln - -Lee = die dem Winde abgekehrte Schiffsseite - -leege Wall = gefährliche Nähe von Land - -Liek = Tau, das das Segel einfaßt - -Liekedeeler = Gleichteiler, mittelalterliche Seeräuber der Nordsee - -Luv = die dem Winde zugekehrte Schiffsseite - -Macker = Kamerad, Gefährte - -mall = krank, verrückt - -meuten = aufhalten (inne Meut = entgegen) - -mooi = gut, schön, angenehm - -mörr = mürbe - -Muck = schmale Henkeltasse (engl. mug) - -Nachthaus = Kompaßhäuschen - -Neß = Nase, Westspitze von Finkenwärder - -Nock = Ende der Rah - -Nüff = Nase - -offermorgen = übermorgen - -Patt = Pfütze - -Pek = Schlittenhaken - -Plicht = kleine Koje - -Poller = kurzer Deckspfahl - -Posensteel = Gänsekiel, Federhalter - -Priel = schmaler Wasserarm - -Putt = Sumpf - -Pütze = Schiffseimer, an einem Tau befestigt - -Ramm = Hexenschuß - -raum ist der Wind, der von hinten kommt - -Reepschläger = Seiler - -reffen = die Segel durch Zusammenrollen verkleinern - -Reff = der zusammengerollte Teil des Segels - -Rickels = Zaun - -Riemen = Ruderstange - -rollen heißt die Bewegung des Schiffes um seine Längsachse - -Ruder = Steuer - -sacken = sinken - -Schallen = Schlickvorland - -Scharben = scharfschuppige Schollenart - -schechten = ausschreiten - -Scheger = Holzbrettchen, das beim Netzmachen die Maschen hält - -scheistern = schwanken - -Schleef = Schlingel, eigentlich großer Löffel - -schölen = spülen, waschen - -Schote = unteres Segeltau - -Schütt = Hauszaun - -schwoien = drehen (nur von Schiffen) - -Setzbord = Reling, Bordwand - -Sickberg = Eisberg - -Siel = kleine Schleuse im Deich, aus hohlen Baumstämmen gemacht - -slarpen = lässig, schlürfend gehen - -sleupen = schleppen - -Smutje = Schiffskoch - -Spake = dicke Holzstange zum Bewegen des Spills (s. d.) - -Spill = Ankerwinde - -stampfen = die Bewegung des Schiffes um seine Querachse - -Steert = Netzende, eigentlich Schwanz - -Stegel = Weg vom Deich ins Land hinab - -Streek = Strich, Zug - -Stremel = Streifen, Stück - -Stropp = dickes Tau - -Stubben = Baumstumpf - -stur = aufrecht (vom Mann), hart (vom Wetter) - -Tamp = kleines Tau - -Tamp legen = ein Schiff anbinden - -Törn = Reihe, Tour, Zug, auch Schlinge - -treunen = betteln - -troß = stolz - -Tunner = Zunder - -Vogel Bunt = Vagabund - -Wake = Wasserstelle im Eis - -Warbel = Drehriegel - -Wanten = Taue, die die Masten seitlich halten - -Wart = Enterich - -Wichel = Weide - -Wiem = Hühnerstall - -Winsch = Winde - -Wisch = Wiese - -ziepen = piepen (ein Fahrzeug ziept, wenn es ein wenig leckt). - - - - - - - - Verlag von M. Glogau jr. in Hamburg 36 - - Gorch Fock - - Seefahrt ist not! Roman. 120. Tausend. Gebunden. - - Schiff vor Anker. Erzählungen. 16. Tausend. Gebunden. - - Fahrensleute. Neue Seegeschichten. 36. Tausend. Gebunden. - - Hamborger Janmooten. Een lustig Book. 42. Tausend. Geb. - - Nordsee! Erzählungen. Mit einem Bilde des Dichters. 55. Tausend. - Gebunden. - - Sterne überm Meer. Tagebuchblätter und Gedichte mit - Lebensbeschreibung und Bild des Dichters. 45. Tausend. Gebunden. - - Hein Godenwind, de Admirol von Moskitonien. Eine deftige - Hamburger Geschichte. 48. Tausend. Gebunden. - - Schullengrieper und Tungenknieper. Finkenwärder Geschichten. 48. - Tausend. Gebunden. - - Schiff ahoi! Ausgewählte Erzählungen. 22. Tausend. - - Doggerbank. Niederdeutsches Drama. - - Georg Droste - - Dokter Langbeen und anner Geschichten von Tiere un Minschen. 11. - Tausend. Ein Buch voll Herz und Humor, rührend und lustig - zugleich, dessen Wert unvergänglich ist. - - Wilhelm Poeck - - Poggenkönig un Dübelsprinzessin. Lustige plattdeutsche Märchen - für Jung und Alt. Gebunden. - - Der Herr Innehmer Barkenbusch und andere lustige Geschichten von - der Wasserkant. 4. bis 6. Tausend. Gebunden. - - In de Ellernbucht. En Geschicht von de Hamborger Waterkant. - - Otto Ernst - - Hamborger Schippergeschichten. Nach Holger Drachmann in - plattdeutsche Art und Sprache übertragen. 11. Tausend. - - Herr Bummerlunder. Volkskomödie in 4 Akten. - - Carl Fr. Wagner - - Hein Boller, de Hamborger Buddje. Mit sechs Bildern und - Umschlagbild von Adolf Möller. Gebunden. - - Hans Much - - Int Kinnerland. Kinnerleeder un Schattenbiller. Ein kleines - Prachtwerk. - - Im Verlage von M. Glogau jr. in Hamburg 36 - erschienen folgende - Bücher von - - Fritz Lau - - Kopp hoch! Plattdeutsche Erzählungen. 1. bis 5. Tausend (Neuheit). - - Katenlüd. Plattdeutsche Erzählungen. 6. u. 7. Tausend. - - Brandung. Geschichten von de Waterkant. 4. bis 6. Tausend. - - Ebb un Flot -- Glück un Not. Plattdeutsche Erzählungen. 4. bis 6. - Tausend. - - Helden to Hus. Plattdeutsche Erzählungen. 15. bis 17. Tausend. - - In Luv un Lee. Plattdeutsche Erzählungen. 6. bis 8. Tausend. - - Elsbe. Ein Stück Minschenleben. Mit einem Bildnis des Dichters. - 6. bis 8. Tausend. - - ------ - - Auszüge aus Besprechungen: - - Fritz Lau's Menschen wissen von Mühe und Arbeit, von Sorgen und Not, - aber sie wissen auch wieder von Gott und sie haben immer noch ein - herzliches Lachen in der Brust. Und wenn er dann von Kindern - spricht, oder von Tieren erzählt, dann kann es über uns kommen, - daß wir anhalten müssen, weil wir heilig Land vor uns sehen: so - fein, so innig wird Fritz Lau dann. Um seiner Kinder und Tiere - willen stelle ich ihn am höchsten. Er ist ein Meister der Stille, - und die Stillen im Lande werden zu ihm kommen. Er macht uns die - Augen auf und läßt uns weit sehen: in die Kindheit, in unseren - Alltag, in den Heben. Wahr und tief und lebendig ist alles, was - er geschrieben hat: auch alle für uns toten Dinge leben zwischen - seinen Fingern. Fritz Lau's Bücher sind Bücher für die Wasserkante. - Bücher für die Fahrt und das Leben. Sie sind für uns geschrieben und - sollten von uns gelesen werden. - - Gorch Fock (Der Fischerbote -- Hamburg). - - Fritz Lau sieht die Welt mit Dichteraugen an und wird vieles gewahr, - was andere, gewöhnliche Leute nicht bemerken. Und was er sieht, - das weiß er lebendig zu schildern und zwar immer in den - treffendsten, bezeichnendsten Ausdrücken. Es ist daher wie bei - einem Maler ganz gleichgültig, was er darstellt. Unser Interesse - wird immer gefesselt. Was er in seinen Bildern gibt, ist echte - Poesie, und zwar echte plattdeutsche Poesie. Es gibt Bücher, und - die bilden die Mehrzahl, die man, wenn man sie einmal gelesen - hat, nicht wieder in die Hand nehmen mag. Zu diesen gehört das - Buch von Fritz Lau nicht. Man kann es immer wieder lesen und hat - immer neuen Genuß davon. - - Prof. Dr. Wisser-Oldenburg (Anz. für das Fürstentum Lübeck). - - Der Dichter weiß den Leser in seinen Bann zu ziehen, läßt ihn mit - ihm sehen die gewaltigen Bilder der tosenden See wie die - lachenden Fluren, das einfache Dorfleben abseits der Welt, wie - die Tiefen in den Seelen der Meeresanwohner, die lichten und die - düsteren Farben, -- immer verklärt von warmen, vollen - Herzensregungen und von reiner Güte. Hinter seinen Gestalten steht - der Dichter mit seherischen Augen, mit feinem Empfinden und - vollendetem Können in der Formengebung: wahrhaft echte Poesie und - Prosa. Die Erzählungen »Klas un Lena«, »De Regenbagen« und »Dat - Polakengör«, sowie die ergreifende Schilderung »Up Scharhörn« - gehören zu dem Besten, was ich je in mundartlicher Dichtung und - überhaupt gelesen habe. - - Deutsche Tageszeitung. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, -wurden ^so^ markiert. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 7]: - ... der in der sechziger Jahren während der Äquinoktien ... - ... der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien ... - - [S. 14]: - ... Strömer und Liekedeeler war, ein Britte und Tunichtgut, ... - ... Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und Tunichtgut, ... - - [S. 43]: - ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis treib nicht weg und ... - ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und ... - - [S. 80]: - ... hohe Tiede Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ... - ... hohe Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ... - - [S. 106]: - ... Störtebecker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ... - ... Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ... - - [S. 139]: - ... Störtebeker barg dat Hütfaß und stellte die Bungen ... - ... Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen ... - - [S. 163]: - ... Linie und dem Sargossameer bei Westindien, in dem ... - ... Linie und dem Sargassomeer bei Westindien, in dem ... - - [S. 183]: - ... sein, daß diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ... - ... sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ... - - [S. 231]: - ... schalt die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ... - ... schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! *** - -***** This file should be named 51303-8.txt or 51303-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/3/0/51303/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Seefahrt ist not! - -Author: Gorch Fock - -Release Date: February 26, 2016 [EBook #51303] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="titlematter"> -<h1 class="title"> -Seefahrt ist not! -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Roman</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Gorch Fock</span> -</p> - -<p class="run"> -121.-130. Tausend -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921</span> -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="printer"> -Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> - <div class="epigraph"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten,</p> - <p class="verse">bleibt in euern Hütten, euern Zelten,</p> - <p class="verse">und ich reite froh in alle Ferne —</p> - <p class="verse">über meiner Mütze nur die Sterne.</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="sign"> -Goethe. -</p> - - </div> -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Erster Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -„Insonderheit aber bitten wir dich für die, die auf -dem Wasser ihre Nahrung suchen. Segne, segne die -Fischerei auf der See und im Fluß, behüte Mann und -Schiff in allen Gefahren!“ -</p> - -<p> -Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als -zuvor. Da hatte er laut und warm für seinen alten Kaiser -gebetet, laut und warm, wie es ihm von Herzen kam, -nicht leise und kalt, wie sein Vorgänger, ein zäher Welfe, -der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: -„Laß deine Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm, -unsern Kaiser und Herrn, und über das ganze -kaiserliche Haus.“ -</p> - -<p> -Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch, -mit dem die Kanzel vom Sonntag Reminiszere bis zum -stillen Freitag bedeckt war. Es schien, als wenn die -Stimme ihm versagte und er aufhören müßte. Und er -hielt überwältigt inne und ließ die große Stille kommen. -</p> - -<p> -Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. -Regungslos saß die Gemeinde. In die Augen kam eine -Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen. -</p> - -<p> -Und die <em>See</em> nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee -— mit ihren jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem -pfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen, -schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten, -mit Dünung und Gewitter, — mit geborstenen -Segeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen -Wracken und hilferufenden Fahrensleuten. -</p> - -<p> -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen -hätte. -</p> - -<p> -Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem -Altar, die als große Schleefen zu den gegenübersitzenden -Konfirmandinnen hinübergelacht und ihnen zugenickt -hatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände zusammen -und sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille -die Väter und Brüder in den Sinn kamen, die draußen -waren, und weil sie daran dachten, daß sie nach Ostern -selbst in die Fischerei hineinkamen. -</p> - -<p> -Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Alle -falteten rasch die Hände, und manches Kinderherz bebte -— vergessen war, daß sie abends am Deich einzuhüten -hatten und daß die Jungen dort vor den Fenstern trommelten -und pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und -Blindekuh oder Sechsundsechzig mitspielen durften. -</p> - -<p> -Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seite -des Eilandes, um die die Junggäste einander Sonntag -abends auf Musik bannig in die Wanten stiegen, weil -keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause -bringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzen -Kopf, nicht allein, weil sie wußte, daß es ihr gut stand, -sondern auch um die Seefischerei, um alle Freundschaft, -Bekanntschaft und Verwandtschaft, die unter Segeln war. -</p> - -<p> -Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, -den sie den Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war, -Hein Loop, einer der Verwegenen, der Verwogenen, wie -sie an der Wasserkante sagen, einer von denen, die nicht -reffen und nicht beidrehen mögen, die mit allen Lappen -segeln und mit jedem Winde fischen, denen es ergeht wie -dem jungen Lord von Edenhall: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">sie schlürfen gern in vollem Zug,</p> - <p class="verse">sie läuten gern mit lautem Schall,</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -die mit dem Glück von Edenhall anstoßen und es wohl -auch einmal versuchen. Die See schmecke ihm erst dann, -wenn sie gar sei, und gar sei sie nach seiner Meinung -erst, wenn sie <em>koche</em>, hat Hein Loop einmal gesagt, und -jeder, der ihn kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete -er, denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter -nach See, up de Schullen dol, und konnte mooi Wind -und mooi Fang gebrauchen. -</p> - -<p> -Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine -Macker, die nicht weit hinter ihm saßen, ließen das -Kirchenwort in die unerschrockenen Seemannsherzen hinein, -wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges Sprüchlein -achteran hingen, das bei Jan hieß: Herr Pastur, de verdreihten -Dänen ne vergeten! Bei Simon lautete es: -Amen, Herr Pastur: ober dat Is mütt irst innen Dutt, -ans kann ik ne rut! Und bei Hinnik besagte es: De Büt, -Herr Pastur, de Büt, de Büt, de hürt dor ok mit to! -</p> - -<p> -Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und -Schluchzen. Dort saßen die Seefischerwitwen, in ihren -schwarzen Kleidern und mit den dunkeln Kopftüchern wie -morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte Jahrgang -hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen, -als sei kein Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte -und der Schmerz. Zuhinterst saß die greise Geeschen -Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer Landkarte ähnlicher -sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur -noch für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See -gegeben: ihren Vater, der dreiundvierzig vor der holländischen -Küste über Bord gekommen war, ihren Mann, -der in <a id="corr-0"></a>den sechziger Jahren während der Äquinoktien -untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf -Jahre später bei Amrum geholt hatte, ihre beiden Söhne, -die vor neun Jahren mit ihrem neuen Ewer verschollen -waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem großen, leeren -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen -zurückgelassen hatten, und wunderte sich, daß sie immer -noch lebte und daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon -lange eine andere saß. -</p> - -<p> -Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt -und die Augen nicht zugemacht: Thees to Baben, der -Segelmacher und Spökenkieker, der Blut stillen, Krankheiten -besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen -bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens -besaß. Er beobachtete den Pastor scharf, und als -Bodemann die Augen schloß, machte Thees seine weit -auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn -kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich -stieg und über die Äcker, Gräben und Wischen wallte, -ohne eines Weges oder Steges zu bedürfen, der durch die -von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte und die -Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle -leeren Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie, -die gekommen waren, die gebliebenen Fahrensleute, die -alten und die jungen, die Schiffer und die Knechte. Mit -weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher -sie an. Wie sie über Bord gespült waren, standen und -gingen sie, das Wasser leckte ihnen von den Südwestern, -glänzte auf den Ölröcken und quoll aus den Seestiefeln. -Der Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter -sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt -geworden war. Dabei blieb er ruhig, denn er war an -Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der Toten ihn ansah, -schüttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an den -Segeln hat es nicht gelegen, daß ihr geblieben seid: die -Segel waren gut! Wobei er allerdings voraussetzte, daß -er sie auch wirklich gemacht hatte. -</p> - -<p> -Endlich — ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein -befreiendes Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Sperlingsgeschrei draußen in den Erlen und Eschen. Da -vergingen Gespenster und Gedanken, die Sonnenstrahlen -fingen wieder an zu spielen und Alt-Bodemann bekam -seine Sprache zurück. Und als er dann bei seinem Herrgott -um den Hausstand anhielt und alle, die dazugehörten, -um gottesfürchtige Eheleute, Eltern und Herren, gehorsame -Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war -die große Stille vorüber: die Konfirmanden machten -wieder ihre verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten -und stießen einander im geheimen an, Gesine Külper -dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees Segelmacher -stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp -zu, als wenn er noch Pastor werden wollte, und die -Fahrensleute rollten die Prüntjer geruhig wieder hinter -die Kusen. -</p> - -<p> -Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe -der Orgel auf dem Chor saß, war von der Erinnerung -an seinen Vater freigekommen, die ihn jäh befallen hatte, -und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen. Denn -er hatte sich so zu Anker gehen lassen, daß er nicht allein -recht in der Sonne saß, sondern auch aus dem Fenster -sehen konnte. Hinter den Wischen und Gräben sah er -den hohen Deich aufragen und über den Stroh- und -Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der -Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk -lagen, und die Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, -hart am holsteinischen Elbufer, auf und ab fuhren: -Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und Freude -füllten! -</p> - -<p> -Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf -achtete, so konnte nur sein Junge schuld daran sein, der -unter seinen Augen unermüdlich neben der Kirche im -Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint, daß -er ihn nicht mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -seine Absicht gewesen war, als der Junge ihm mit dem -Hund nachgekommen war und gesagt hatte, sie wollten -das Gesangbuch tragen und ihn bis an die Kirchentür -bringen. Denn hätte der Vogel Bunt so lange ruhig -gesessen und geschwiegen? Sicherlich nicht — er wäre -bald aufgestanden und umhergelaufen und hätte geguckt -und gezeigt und gefragt und getan: beim stillen Eingangsgebet -in der Fensternische hätte er gefragt, wie -jener Bauerjunge vom Osterende getan hatte, als er -seinen Vater in den Hut gucken sah: Du Vadder, lot mi -ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel hätte er in -den Händen gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, -Vadder: dor is ober plenni Monne in! Und Geeschen -Witten hätte er laut gefragt: Diern, Geeschen, wat schreest -du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten geben? -Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wäre, hätte er -geantwortet: ick bün vörn Pastur ne bang, Vadder! — -oder eingewendet: de lebe Gott is ne bi Hus, Vadder, -de kann mi nix seggen! -</p> - -<p> -Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen, -was er alles angerichtet hätte, und es war besser, daß -er draußen seine Wache abreißen mußte. -</p> - -<p> -Der Seefischer lachte in sich hinein. -</p> - -<p> -Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen -Rolf sich zu ihnen gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: -wenn der Junge mit hinein wolle, müßten ihm wohl -erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine Steine -bei sich behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe. -Solle er aber draußen bleiben, dann wäre nur zu -wünschen, daß der Pastor es kurz und knapp mache, damit -der Junge nicht die Geduld verliere und alles in -Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt die Kirche von -oben bis unten angeguckt und dann ernsthaft erwidert -hatte, die brenne ja gar nicht, weil sie ganz aus Stein -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -gemacht sei. — Da war dem Seefischer ein köstlicher Einfall -gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand genommen -und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen -Apfelbaum und einen Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, -der eine sei der Großmast und der andere der Besansmast -und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter -Hand sei Steuerbord und linker Hand sei Backbord. Dat -brukst mi ne to vertillen, hatte der Junge geeifert, dat -weet ik jo all lang! Na, dann solle er aufpassen, war des -Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle einmal ausfindig -machen, ob der Junge schon etwas könne, ob er -schon zu etwas zu brauchen sei: darum solle er auf dem -Ewer zwischen den Bäumen eine Wache nehmen, wie auf -See in der Schollenzeit, zwei Stunden hindurch. Der -Kompaß läge Nordwest an: er solle darauf achten, daß -er nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, daß die -Segel immer voll Wind seien und nicht klapperten, und -guten Ausguck halten, damit er keine Haverei mit andern -Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Großer genickt -und war von Herzen damit einverstanden gewesen, -er hatte sogleich das Deck mit großen Schritten ausgemessen, -hatte Großmast und Besan mit den wirklichen -Masten verglichen und den Kopf in den Nacken geworfen -und die Äste auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel -geprüft. -</p> - -<p> -„Van Burd dött ik ober doch ne gohn, ne, Vadder?“ -hatte er noch gefragt. -</p> - -<p> -„Och du Dösbattel,“ war des Seefischers Erwiderung -gewesen, „kannst du ok van Burd gohn? Büst doch up -See, is doch all Woter üm di rüm.“ -</p> - -<p> -„Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?“ -</p> - -<p> -„Seemann?“ Klaus Mewes hatte den struppigen Hund -ergriffen und an den Birnbaum gesetzt. „Sitten blieben, -Seemann! Dat is dat witte Nachthus, Störtebeker, un -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -sien Nüff, dat is de Kumpaß.“ Nun wisse er wohl alles: -er brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das -Helmholz festzuhalten, sondern könne geruhig auf Deck -hin und her gehen, wie die Fischerleute es täten, hatte -der Seefischer geschlossen und war in die Kirche getreten, -während der Junge unter dem Geläut der Glocken und -dem Gebraus der Orgel an seine erste Schiffswache gegangen -war. -</p> - -<p> -Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und -der Junge ging immer noch ernst und wachsam zwischen -Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als ob er wirklich -an Bord sei, denn er wollte beweisen, daß er schon groß -genug wäre und allein die Wache gehen könne. Er wollte -zeigen, daß er schon mit der See klar kommen könne, -damit sein Vater ihn im Sommer mit auf den Ewer -nahm, wie er ihm versprochen hatte. Wie nach Segeln -blickte er nach den Zweigen hinauf. Einen Buchfink, der -im Wipfel des Apfelbaumes saß, ließ er sich als Flögel -gefallen. Er hatte die Hände nach Fischerart tief in die -Hosentaschen gesteckt und pfiff gefühlvoll vor sich hin, -spuckte auch einmal großartig in die See hinein, als wenn -er bange sei, daß er kein Wasser genug habe und aufs -Trockne komme. -</p> - -<p> -Es schien stürmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte -ihm das weiße Nachthaus über Bord, sei es, weil eine -Ratte über den Graben schwamm oder weil sich eine Katze -auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte. Junge, -was war das für ein Stück Arbeit! Was sollte der Wachhabende -tun? Nachlaufen konnte er nicht, denn ringsherum -war Wasser, das keine Balken hatte: er verlegte -sich deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das nicht -half, dachte er schließlich: och wat, nu jump ik eenfach -ober Burd: ik kann jo swümmen — und lief nach der -Wurt oder nach dem Graben, ergriff sein Nachthaus und -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -schleppte es zurück, wobei er pustete, als wenn er wirklich -im Wasser sei, stellte es wieder an den Birnbaum und -sagte: „Du müß sitten blieben, Seemann, ans hebb ik -keen Kumpaß!“ Dann guckte er verstohlen nach den -Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich nicht ganz sicher, -ob er über Bord springen durfte. -</p> - -<p> -Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn, -während ihm das Blut, das die Sonnenstrahlen geweckt -hatten, heftig und stark in den Schläfen klopfte. Das -war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, -den blauen, nordischen Augen und dem wettergebräunten -Gesicht, der eine graue, wollene Matrosenmütze aufhatte, -um den Hals ein schottischbuntes Tuch trug, einen weißblauen -Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte -und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat, -der auf Freiwache ist und sich landfein gemacht -hat. Das war sein Junge! Wer den so gehen und stehen -sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland einfallen: -Jung Siegfried war ein stolzer Knab — und durch die -Brust seines Vaters brauste ein solches Lied, das die -Orgel übertönte. -</p> - -<p> -Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, -einen Fahrensmann aus ihm zu machen, einen Seefischer, -einen so furchtlosen und verwegenen, wie Finkenwärder -noch keinen gehabt hatte. Noch diesen Sommer wollte er -ihn mit nach See nehmen, ob auch die Mutter weinte und -die Leute den Kopf schüttelten. Lachend wollte er ihnen -trotzen, denn er war es nicht gewohnt, auf andere zu -hören, weder an Land noch auf See. Wie seinen Ewer, -so steuerte er auch sein Leben selbst. -</p> - -<p> -Ja, Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden! -</p> - -<p> -Der Junge hieß Klaus Mewes, wie er selbst, aber -das ganze Eiland, mit Ausnahme von Gesa, nannte ihn -Klaus Störtebeker, einmal, weil er wirklich ein großer -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Strömer und Liekedeeler war, ein <a id="corr-1"></a>Brite und Tunichtgut, -dann, weil sein grüner Kahn diesen Seeräubernamen an -Steven und Gatt trug, schließlich auch wegen des Großvaters, -dem er noch ähnlicher sehen sollte als seinem -Vater, wie die alten Leute behaupteten, — der auch -Klaus Mewes geheißen hatte, wegen seines Freibeutertums -aber allgemein Störtebeker genannt worden war. -Was den kleinen Klaus Mewes anbetraf, so war der mit -seinem Seeräubernamen so einverstanden, daß er auf -seinen wirklichen nicht mehr hörte: rief einer Klaus, so -sagte er: Klaus gifft en ganzen barg! — nannte ihn -einer Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is mien Vadder, -du anner! — erst bei Störtebeker ließ er sich ermuntern -und antwortete. -</p> - -<p> -Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache -ging, wie genau er das Deck abmaß! Da war kein Schritt -zu viel und keiner zu wenig! Wenn er sich beim Birnbaum -umdrehte, vergaß er niemals, nach dem Kompaß -zu sehen und die Segel zu überholen; wenn er beim -Apfelbaum angekommen war, spähte er luvwärts und -leewärts über die See. Mit großem Behagen und einiger -Verwunderung bemerkte der Seefischer diese Einzelheiten, -die ihm sagten, daß der Junge ihm und den anderen -Fahrensleuten schon viel mehr abgeguckt hatte, als er -glauben wollte. Nichts störte den kleinen Fischer, der -wußte, daß er auf See war und kein Land in Sicht hatte, -und sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte, -noch den vorüberrollenden Wagen nachlief. -</p> - -<p> -Daß der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der -Predigt hörte, war nicht zu verlangen: er wurde kaum -gewahr, daß der goldene Stern oben an der Orgel klingend -lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und hätte sogar -den Klingelbeutel übersehen, wenn der ihm nicht pall -unter die Nase gehalten worden wäre. Nur der Gesang -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -lenkte ihn eine Zeitlang von seinem Jungen ab, denn -es brauste gewaltig durch die Kirche: Krist Kyrie, komm -zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es ihn, denn -das war kein Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie -ein todesbanger Schrei hörte es sich an und schlug wie -Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es war, als wenn -die Stürme sich wieder erhöben und die See und die -Herzen aufwühlten, die Segel und die Seelen zerrissen, -als wenn Geisterlaute, die Stimmen der Ertrunkenen, der -Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar drückte der -Küster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn -dachte, so übermächtig sangen die Fahrensleute. -</p> - -<p> -Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte, es -komme Wind auf, weil es mit einem Male so brauste. -Aber er durfte und wollte sich nicht bange machen lassen -und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den Bäumen, -deren Stämme der Hasen und der Raupen wegen mit -Kalk bestrichen waren. Unverdrossen hielt er aus, bis -der Mond aufging, der stille, milde Freund der Menschen: -Peter Wittorfs rundes, glänzendes Vollmondsgesicht erschien -in der Schalluke auf dem Turm. Die Glocke mit -der Aufschrift: Ut dat Füer bün ik floten / Peter Struve -hett mi goten — begann, sich leise knarrend zu wiegen, -schwang sich höher und höher, bis der Klöppel dröhnend -gegen den Mantel schlug und das helle Geläut sich erhob. -Die Türen wurden aufgestoßen, die Jungen stürmten -heraus, als sei drinnen eine Feuersbrunst ausgebrochen, -die Mädchen drängten nach, dann kamen die Fahrensleute -und die Frauen: da ging das Nachthaus bellend in die -Binsen und war nicht wieder in Sicht zu bekommen, so -laut Störtebeker auch rief und pfiff. Aber wenn er nun -auch ohne Kompaß war, so hielt er dennoch getreulich -aus und verließ seinen Posten nicht, bis sein Vater lachend -zu ihm trat und ihn erlöste. -</p> - -<p> -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Ob er auch Haverei gehabt hätte? Nein, nur das -Nachthaus wäre siebenmal über Bord gekommen! Ob -der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein feiner -Streek, hundert Stiege, große Südschollen! -</p> - -<p> -„Deubel ok, du kannst dat ober!“ lobte Klaus Mewes. -</p> - -<p> -„Jä, Vadder, dat harrst di woll ne dacht, wat? Nimm -mi man mit no See, denn schallst mol sehn, wat wi de -Fisch belurt!“ sagte der Junge mit blitzenden Augen und -fuchsklugen Nasenlöchern. -</p> - -<p> -Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und -erwiderte, sie wollten erst mal sehen, ob die Klütjen noch -schmeckten. „Kumm, Seemann!“ Und er schechtete groß -und heiter auf dem Kirchenweg entlang und überholte -eine dunkle Reihe nach der andern. Immer größer wurden -seine Schritte, so daß Störtebeker in Sprüngen laufen -mußte, um mitzukommen, und Seemann, der weite Wege -gar nicht gewohnt war, weil er sonst nur von Backbord -nach Steuerbord zu wackeln brauchte, seine rote Zunge -als Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht -bewegen konnte, sich aus der Fahrt laufen zu lassen. -</p> - -<p> -Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die -mißbilligenden Blicke der Alten zu kehren. Was ging es -ihn an, daß auf dem Kirchenwege nicht gelacht werden -sollte? Er tat, was er wollte, und aß, was ihm schmeckte, -der große Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem -Winde bot, weil er keinen mürben Kram fuhr, der wußte, -daß er den besten Ewer unter den Füßen hatte, mit dem -sich etwas beschicken ließ, und der Herr und König seines -Lebens war. Nicht umsonst hatte er Tag und Nacht, bei -jedem Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der -Besan wehen: das war der Tiefe seines Wesens entsprungen -und entsprach seiner Liebe zu seinem Fahrzeug, -seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind das -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -bunte Tuch zerfetzt, dann zog er unbekümmert eine neue -Flagge auf und ließ weder Furcht noch Aberglauben in -seine Seele hinein. Sonnigen Herzens pflügte der glückliche -Fischer die See, lachend strich er den reichen Segen -ein, den sie für ihn hatte, und wenn der Fische noch so -viele waren. Fremd war ihm das alte heidnische Gefühl, -das den Bauer bewog, sein Feld nicht ganz zu mähen, -sondern eine Ecke Hafers stehen zu lassen, für die Götter, -für Wotans Schimmel. -</p> - -<p> -Sie sagten, man solle und dürfe niemand aufs Wasser -weisen. Wer den Weg nach dem Schiff nicht von selbst -finde, aus dem könne doch kein Seemann werden: am -besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen -seiner Eltern und aller Willen zur See gegangen sei. -Was scherte das Klaus Mewes, den Lachenden? Er sprach -mit seinem Jungen nichts als Fischerei und Seefahrt -und erfüllte ihn mit nichts anderem, als daß er Fahrensmann -werden müsse und solle. Was für Last haben die -Frauen am Deich, daß sie die Kinder vom Graben und -von der Elbe fernhalten, daß sie sie aus den Böten und -Kähnen herausbringen! Goh man ne bit Woter! ist ihr -zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er -lacht und sagt: „Goh man betjen bit Woter, Störtebeker! -Schipper man mol, klüs man mol not Fohrwoter raf, -seil man betjen, swümm man mol, dor liggt de Boot, -dor is de Kohn!“ -</p> - -<p> -Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem -Eisen ins Herz und drückte es tief und unverwischbar, -unauslöschlich ein: Ne bang warrn! Nicht bange werden, -sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange werden, -zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel -ist, ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem -Wasser noch an Land, weder in den Masten noch auf -den Bäumen, weder vor Menschen noch vor Tieren, weder -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht -bange werden! -</p> - -<p> -Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. -Bang dött ik ne warrn, ans komm ik ne no See, sagte -er sich immer wieder, wenn ihm etwas Furcht einjagen -wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater -es wollte. -</p> - -<p> -Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht, und Klaus -Mewes blickte aufatmend über die Elbe. Und wenn er -auch die Fischerewer noch im Wintereise sitzen sah, das -nicht von den Schallen schmelzen wollte, so fischte und -segelte er doch im Morgenlicht mit allen Segeln bei -Helgoland. Und wenn Störtebeker sich auch noch mit dem -Gesangbuch abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord -und wies ihm die Feuerschiffe vor der Elbe und die -Lotsenschoner auf See. -</p> - -<p> -Da grüßte sein Ewer über das Eis, er sah seine Flagge -flattern — und seine Seele faßte noch mehr Wind, als -sie schon bereichte, denn sie setzte die letzten und höchsten -Segel. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -Zweiter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Klaus Störtebeker stand auf dem Deich, hatte die -Hände hohl um den Mund gelegt und rief die Leute. -„Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat eten!“ -</p> - -<p> -Endlich entstiegen sie der Kambüse, winkten mit der -Hand, zum Zeichen, daß sie verstanden hätten, und kamen -über das Eis. -</p> - -<p> -Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte. -Auf der Bank mit dem Blumenkranz und dem -Namen und der Jahreszahl saß zu oberst der Schiffer, -rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der -Junge, Störtebeker aber neben ihm auf dem bunten Bankkissen. -</p> - -<p> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -Gesa trug die vollen dampfenden Schüsseln auf. Es -gab frische Suppe mit bunten Korintenklütjen. Safran, -Suppenkraut und Muskatnuß fehlten nicht daran, und ein -Stück Fleisch, wie ein halber Ochse groß, kam dazu auf -den Tisch. -</p> - -<p> -Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den -großen, blanken Schöpflöffel und füllte sein Fatt, seinen -Teller. Als er genug hatte, gab er den Löffel dem Knecht. -Störtebeker bekam ihn zu allerletzt, obgleich er vielleicht -am hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung, die -am Deich galt, durfte nicht gerüttelt werden, obschon Klaus -Mewes sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort kehrte: -Fleesch förn Schipper, Klütjen förn Knecht, Kantüffeln -förn Jungen. Er gab ein Essen, wie es selbst die großen -Bauern nicht besser geben konnten. -</p> - -<p> -Bi Disch ward ne snackt: das war nichts für Klaus -Mewes, da hätte ihm wohl einer ein Pechpflaster auf -den Mund backen müssen, wenn er das gesollt hätte. Er -sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken, und -ließ sich auch durch die verweisenden Blicke seiner Frau -nicht aus dem Kurs bringen. -</p> - -<p> -Störtebeker aß fünf Klöße, Gotts den Donner, wat -kunnt angohn! „Vörre Hand weg, Vadder,“ versicherte -er, „ohn uttoseuken; wenn ik no de lütjen langt harr, -harr ik wenigstens söben upkregen.“ -</p> - -<p> -„Oder söbenuntwintig,“ gab der Knecht trocken drein, -aber Störtebeker verstand den Spott nicht. -</p> - -<p> -„Ik wull, wi eten irst lebennige Schullen, Vadder, de -smeckt noch en barg beter!“ -</p> - -<p> -„Dat wull ik ok,“ rief Klaus Mewes und blickte nach -seinem Ewer hinaus. -</p> - -<p> -Er hätte ja die Schollen annehmen können, die Jan-Ohm -von der Aue geschickt hätte, meinte Gesa, aber er -wehrte ab und sagte, das wäre ja noch schöner, wenn -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus bringen -ließe! Gott solle ihn bewahren: die müsse er selbst aus -der See geholt haben oder sie schmeckten ihm nicht. Er -sah seinen Jungen an: -</p> - -<p> -„Ne, Störtebeker?“ -</p> - -<p> -„Jo, Vadder!“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten, -Klaus der Schiffer, Kap Horn der Knecht und Klaus -Störtebeker. Hein Mück der Junge hatte Urlaub genommen: -die drei aber klapperten mit den Schegern und -fuhren mit den Nadeln in der Luft herum, obgleich Gesa -mit der Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag keineswegs -einverstanden war und eine Lippe zog. Aber die -Netzmacher ließen sich nicht stören. -</p> - -<p> -Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus -Mewes sein Knecht. Er hieß eigentlich anders, aber auf -Finkenwärder nannten sie ihn allgemein Kap Horn. Viele -sagten auch Korl Horn, namentlich die Gören. -</p> - -<p> -Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre -auf großen Schiffen gefahren hatte, auf hamburgischen -und englischen, der im Süd-Atlantik Albatrosse geangelt -und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und dreißigmal -unter der Linie durchgekommen war. Warum er -dann noch von der großen Fahrt abgemustert hatte und -vom Viermastvollschiff auf den Fischerewer geklettert war, -weiß ich nicht: er fuhr aber schon zwölf Jahre bei Klaus -Mewes und war schon fast zu einem Finkenwärder geworden, -nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer -Ton und er gab noch oft ein englisches Wort drein. Und -dann hielt er sich als alt- und weitbefahrener Matrose -für etwas Besseres als die anderen Fischerknechte, die -doch höchstens einmal holländisch oder dänisch sprechen -gehört hatten. -</p> - -<p> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann -pflegte er einfach zu fragen: „Kap Horn?“ Und wußte der -andere dann nicht einmal, was gemeint war, so spuckte -er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um -und sagte, mit Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er -aber ein Ja als Antwort, so fragte er schnell: „Veel -mol?“ „Dree oder so.“ Dann lachte er und sagte: „An -mi kannst nich klingeln, old boy: ik bün soßtein Mol -um Kap Horn seilt un nu lot dien Prohlen man en -bitten no.“ Bei einer solchen Gelegenheit war er auch -Kap Horn getauft worden. -</p> - -<p> -Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster -und war bei einer weißen Manillakurre, Klaus Mewes -arbeitete an einem Zungensteert, mit dem er nur langsam -weiter kommen konnte, und Störtebeker hatte etwas -in der Mache, von dem er steif und fest behauptete, daß -es eine Bunge werden sollte, ein Reifenkorbnetz für Hechte -und Schleie, während Kap Horn auf ein Zwiebelnetz riet -und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine für den -Krähenkäfig hielt. Sie hatten es gleich wichtig. Wie -Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf -den Schegern reihte sich Masche an Masche. Dabei aber -wurde ausgiebig geklönt, denn niemand hatte uppen Stutz -zu mindern und Maschen zu zählen, also besonders aufmerksam -zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein -altes Matrosendöntje von St. Pauli auf und begann -zu singen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„In England geiht dat lustig her,</p> - <p class="verse">dor bot se Scheepen grot un swor,</p> - <p class="verse">een bannig Deert von Ungetüm</p> - <p class="verse">dat sall jo de Gretj Astern sien!</p> - <p class="verse">Lang is dat Deert twee dütsche Mil,</p> - <p class="verse">hoch annerthalf von Deck to Kiel!</p> - <p class="verse">Soß Masten, hoch bet an den Moon,</p> - <p class="verse">acht Dog brukt een, um roptogohn ...“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem -Graben gewesen war und die Enten gefüttert hatte, trat -in die Dönß und untersagte ihm den Hymnus mit den -Worten: „Sünndogs ward ne sungen, Korl!“ -</p> - -<p> -Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von -seinem gräßlichen Seeräubernamen nichts wissen wollte, -gab auch Kap Horn nicht seinen Spitznamen, sondern -nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was -für einen Gefallen damit zu tun. Janmaat verdeffendierte -sich aber: -</p> - -<p> -„Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.“ -</p> - -<p> -„Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr -man getrost tohop un mok man Fierobend un les man -mol inne Bibel,“ priesterte sie, und als Klaus Mewes -herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: „Ji dree sündt jo -woll ne, sünd woll rein mall worden, stillt jo uppen -Sünndag vört Finster hin un knütt! Weet ji ok, keen -sünndogs arbeit?“ -</p> - -<p> -„Uns Herr Pastur!“ sagte Klaus. -</p> - -<p> -„Ne, de Bedelmann! För uns Lüd is de Week dor!“ -</p> - -<p> -Klaus erwiderte gelassen, es müsse aber sein, denn es -sei Tauwetter und das Eis könne jede Tide abtreiben, so -daß sie fahren müßten, er wolle und wolle die beiden -Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der Fischerei -unterbliebe das Knütten doch wieder. -</p> - -<p> -Und er müsse seine Bunge auch klar haben, verteidigte -Störtebeker sich, denn sein Vater solle sie ihm noch einstellen. -Was sie wohl meine, die ganzen Gräben säßen -voller Hechte. -</p> - -<p> -Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder -nach dem Boden oder nach dem Ewer gehen, fing Gesa -wieder an, die sich über sie ärgerte. Sie sollten sich doch -nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich sprächen -sie sicherlich wieder davon und hielten sich darüber auf. -</p> - -<p> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -„Lot jüm, Mudder,“ erwiderte Klaus sorglos, „ik blief -doch hier, mag to giern sehn, wenn welk uppen Diek -langs goht un mi inne Finstern kiekt.“ -</p> - -<p> -Und er füllte die Nadel, die leer geworden war, und -knüttete weiter. -</p> - -<p> -Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte -sich in der Küche zu schaffen, von wo sie über die Bauerndächer -und Obstbäume nach ihrer Heimat sehen konnte, -nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte die -Fischer nicht verstehen! Sie war noch keine Fischerfrau -geworden und fühlte wieder mit bitterem Schmerz, daß -aus ihr niemals eine werden konnte. Immer noch graute -ihr vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war ihr fremd -und unverständlich. Sie konnte sich nicht helfen. Das -eine ließ sich nicht abschütteln und das andre nicht lernen. -Klaus rüstete mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse -Zeit kommen, sie hörte schon den Regen gegen die Fenster -schlagen und den Wind an der Tür saugen und wußte -nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf -See zu wissen. Sie liebte ihn tief und heiß und lag in -seinen Armen wie im Sonnenschein, aber seine Fahrten -machten sie bange und sie wünschte im Herzen nichts sehnlicher, -als daß er kein Seefischer wäre, sondern Bauer -oder Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. -Könnte er nicht etwas anderes beschicken, könnte er nicht -sein Fahrzeug verkaufen, wie andere Fischer es getan -hatten? -</p> - -<p> -Aber Klaus Mewes — und das tun? Sie mußte doch -lächeln über den Gedanken. Bis Blankenese müßte es -gewiß zu hören sein, sein Lachen, wenn sie davon spräche, -daß er an Land bleiben solle. -</p> - -<p> -Da saß sie nun in ihrem Glück, um das die ganze arme -Heide sie beneidete, war eine große Seefischerfrau mit -Haus und Hof und Deich, der jede Reise die Hundertmarkscheine -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -auf den Tisch flogen, und war doch nur ein armes -Weib voll Unruhe und Bangigkeit, die immer und überall -Wetter und Wolken aufsteigen sah und ihres Lebens nicht -froh werden konnte. Wie manchen Tag sehnte sie sich -schon nach der stillen, einsamen Geest zurück, wo sie nichts -von Schiffen und von Seefahrt gewußt hatte, wie manchen -Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum einherging! -Wie manche Nacht ließ der Wind sie nicht einschlafen, -wie manches Mal jagten die Blitze sie aus dem Bett, wie -oft schreckten sie die Stimmen der geängstigten Schiffahrt -im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war -auf See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwärder -Frauen aber hatte sie wenig Verkehr und Freundschaft, -weil sie fühlte, daß sie als Butenländerin nicht ganz -für voll angesehen wurde. -</p> - -<p> -Wie wichtig sie es in der Dönß hatten! Als wenn sie -sie gar nicht vermißten! Wie sie lachten, Klaus Mewes -am lautesten! -</p> - -<p> -Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben -hatte, denn so hatte sie noch niemals jemand -lachen gehört! Das hatte sie in seine Arme gedrängt, -hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem -Heidehof in das Fischerhaus, und hatte sie nicht an die -Not und Schwere des Seefischerlebens denken lassen. Vergessen -war es gewesen, was sie gehört und gelesen hatte -von Sturm und Untergang: wo einer so lachen konnte, -da konnte weder Unglück noch Gefahr sein, hatte sie gemeint, -als Klaus sie freite. -</p> - -<p> -Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch -nicht verlernt, aber sie konnte es jetzt nicht mehr ohne -Schmerz hören, es schnitt ihr ins Herz, wenn sie an das -Finkenwärder Elend, an die Witwen und Waisen, an -all die Tränen und unruhigen Stunden dachte, es kam -ihr wie ein Frevel, wie eine Sünde vor. Daß er so verwegen -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -war, machte ihr das Herz noch schwerer, und eine -trübe Ahnung früher Witwenschaft hing ewig wie ein -dunkles Gewölk über ihrem Leben. -</p> - -<p> -Wie laut sie erzählten, die beiden Seefischer! Gewiß -von nichts anderem als von Fahrt und See, und die -durstige Seele des Jungen trank es. <em>Der</em> war schon der -See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet -und wurde es von Tag zu Tag mehr. Es war ja schon -ausgemacht, daß er den Sommer mit an Bord solle: all -ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen. -</p> - -<p> -Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und -ihre Heide dachte kein einziger, niemand bekümmerte sich -darum. Wie lange Zeit war sie nicht mehr zu ihren -Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus -lachte, wenn sie davon sprach, sie solle gern hingehen und -alle grüßen, aber was er auf der Geest beschicken solle? -Er könne auch so weit nicht laufen. Den Jungen bekam -sie nur mit halber Gewalt dazu, daß er mitging. Seitdem -er wußte, daß sein Vater sich nichts aus der Geest -machte, trug auch er kein Verlangen danach. Dort sei -für einen Seefischer nichts zu lernen, echote er, dort gäbe -es ja nur Heide und Sand und Steine und weiter gar -nichts. -</p> - -<p> -Schließlich aber ging Gesa doch nach der Dönß zurück, -weil ihr zu kalt wurde, suchte ihr Strickzeug her und -setzte sich neben den weißen Kachelofen. -</p> - -<p> -„Kiek mol an, Mudder knütt ok, Vadder,“ rief der -Junge lustig, „kiek mol an, Kap Horn, un uns will se -wat seggen!“ -</p> - -<p> -Da mußte sie wider Willen doch mitlachen. -</p> - -<p> -„Wat sä de Pastur denn Godes, Klaus?“ fragte der -Knecht, „hette ok beet, dat dat Is bald doldrifft un wi -no See seilen könnt?“ -</p> - -<p> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -„Jo, dat segg man,“ sagte Klaus und riß grimmig an -seiner Kurre, „ik wull, dor keum mol Westenwind achter!“ -</p> - -<p> -Er blickte über die Schallen, auf denen die Fleek, das -dicke Eis, schon seit Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter -Fall, bis in die Mitte der Elbe stand es noch, -zwar schwärzlich und mürbe, aber es hing doch noch zusammen. -Dagegen war das Fahrwasser drüben schon fast -frei von Eis, dort trieben nur noch große und kleine -Schollen. Dort segelten denn auch schon die Fischerfahrzeuge -vom Audeich, dem anderen Ende des Eilandes, dort -kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken, dort fischten -schon die Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen -und die Hamburger Smietnettfischer nach Butten, während -das Neßgeschwader, das aus dreißig Ewern, neun Kuttern, -sieben Wattjollen, einigen fünfzig Elbjollen und Böten -bestand, noch im Eise festsaß und nicht mitkonnte. Die -Auer und Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen -Schollen die Elbe herauf, einige hatten schon große -Reisen nach der Weser gemacht: Klaus Mewes aber und -seine Nachbarn saßen noch fest. Wenn der Eisbrecher -binnen Wasser genug gehabt hätte, wäre ihnen längst -geholfen gewesen, aber der große Beißer konnte nur eben -den Rand ein wenig glatt fressen. -</p> - -<p> -Klaus Mewes sah, daß zwei weiße Kutter von einem -kleinen Schlepper von Blankenese heraufbugsiert wurden, -die sicherlich den Bünn voller Schollen hatten, und kam -sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrümmerten das Eis -und brachen sich einen Weg nach dem offenen Wasser. -</p> - -<p> -„Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi sülben Isbreker -speelt?“ rief er. -</p> - -<p> -„Wat seggst du, Klaus? Du wullt en Isbreker utgeben?“ -fragte der alte Janmaat, der gerade mit brausendem -Monsun in den Segeln zwischen dem Kap der guten -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört -hatte. -</p> - -<p> -„Wi weut di bi Isbrekers,“ warf Störtebeker laut dazwischen, -„swarten Kaffe schallst du hebben!“ Klaus aber -hatte seinen Plan schon unter Segeln. „Wi möt allemann -bi,“ rief er, „Hütz mitte Mütz, Lütjfischers un Seefischers, -Schippers un Lüd! Wi stekt uns beiden Kurrlienens -ut un spannt uns alltohop vör un denn teht wi an! -Schallst mol sehn, wo gau wi denn not Fohrwoter raf -kommt!“ -</p> - -<p> -„Jä!“ -</p> - -<p> -„Wat jä? Meenst, wat wi ne soveel Hölpslüd uppen -Hümpel kriegt?“ fragte der Schiffer. -</p> - -<p> -„Ik hilp ok mit,“ versicherte der Junge wichtig, „ik -kann wat tehn, Vadder!“ -</p> - -<p> -„Du bliffst hier, Klaus,“ kam es aber mit Gegenwind -vom Ofen her, „meenst du, wat du dor ünnert Is kommen -schallst!“ -</p> - -<p> -An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen, gab der -Knecht zu, aber wer würde sein Fahrzeug zum Eisbrecher -machen wollen? <em>Das</em> sei der Knoten! -</p> - -<p> -Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er -selbst! Er wolle es wagen, sein Ewer sei einer der -stärksten und könne es am besten ab, er wolle gleich am -andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle -dann den Deich abklopfen und es aussingen, daß die Eisbrecherei -mit Hochwasser anfangen solle. „Denn könt wi -offermorgen all up de Schullen dol, Mudder!“ -</p> - -<p> -„Huroh, offermorgen geiht no See!“ rief der Junge, -warf die Bunge hin und machte, daß er hinauskam. In -voller Fahrt lief er den Deich entlang, daß die Enten -im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst -nach und nach von dem grünköpfigen Wart beruhigen -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -ließen. Wat, wat hebbt ji egentlich, dat, dat is de Jung -doch, doch jo bloß! So schnatterte der Wart. -</p> - -<p> -„Du kummst ober noch ne mit,“ wollte Klaus gerade -sagen, aber er kam gar nicht mehr dazu. Der Junge -war schon um die Huk, er hörte auch nicht mehr, daß -Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte. -</p> - -<p> -„Wat will he? All Bescheed seggen?“ fragte Kap Horn -lachend, aber sein Schiffer lachte noch lauter und sagte: -„De? Ne, de will no den Schoster hin un sien Seestebeln -holen. Wenn de klor sünd, schall he jo mit an Burd, -un he will woll all gliek de irste Reis giern mit.“ -</p> - -<p> -„Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus,“ sagte Gesa -kopfschüttelnd, „dat du em de Stebeln anmeten loten hest! -He löppt elken Dag söbenmol hin un kött an! De Schoster -seggt, he kann em all gorne mihr hinholen.“ -</p> - -<p> -„Jä — du liebe Zeit,“ erwiderte er, „endlich will de -Bur de Koh betohlt hebben un de Jung will toletzt ok -mol sien Stebeln hebben. De Schoster kanns ok jo man -klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen -Nachten.“ -</p> - -<p> -„Un denn?“ -</p> - -<p> -„Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat -weest du jo, dor is jo all genog ober snackt worden,“ -sagte er sicher. -</p> - -<p> -Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, -heiserer Stimme: „Un ik segg di soveel, Klaus Mees, -du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he noher -grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen -hin, denn will ik nix mihr ober em to seggen hebben, -ober so lang hürt he mi, mien Mudderrecht lot ik mi ne -nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Ilw loten -mütt: no See schall he noch ne!“ -</p> - -<p> -„Geef di, Gesa,“ beschwichtigte Klaus gelassen, während -Kap Horn, der zu dem Streit nichts sagen wollte, heimlich -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -aus der Tür ging und mal über den Westerdeich guckte. -„De Jung <em>kummt</em> düssen Sommer mit no See, dat is -so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!“ -</p> - -<p> -„Ik lied dat ne un lied dat ne!“ beharrte sie leidenschaftlich. -„Du hest en reinen Vogel mit dienen Jungen, -weest dat? Keen een van de Seefischers nimmt son lütjen -Boitel all mit an Burd, de kum en Büx mit Verstand -dregen kann.“ -</p> - -<p> -Er machte geruhig seine Maschen. „De hebbt ok ne -son Jungen as ik,“ sagte er, „lot mi man, Gesa. Ik bün -en rechten Fischermann un will en rechten Fischerjungen -ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken, -Diern! Weest, wat dat is?“ -</p> - -<p> -Sie gab keine Antwort. -</p> - -<p> -„En rechte Fischerfro, Gesa! Weest du wat, Diern? -Du geihst ok mit no See, man to, denn wardt irst mooi! -Kiek di mien Fischeree mol mit egen Ogen an!“ -</p> - -<p> -Sie schüttelte starr den Kopf: -</p> - -<p> -„Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn -harr ik dat vullicht all lang don, ober ik kannt ne!“ -</p> - -<p> -„Dat kummt uppen Verseuk an,“ erwiderte er, „goh -man mol mit un du schallst mol sehn: buten ist en barg -beter as binnen!“ -</p> - -<p> -„Klaus, gläuf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik warr -seekrank un starf di all vör Angst, ihr wi mol no See -dol sünd! Mi grot to dull vört Woter!“ -</p> - -<p> -„Jo, du büst en grote Bangbüx,“ schalt er, dann aber -tat ihm sein herber Ton leid und er tröstete: „Ober -dat schall sik woll noch all geben, mien Diern, paß -man up, du warst doch noch en gode Fischerfro, de Banghaftigkeit -gifft sik mit de Johren.“ -</p> - -<p> -„Ne, de gifft sik ne, dat weet ik,“ sagte sie tonlos und -ging aus der Stube, weil ihr die Tränen kommen wollten. -</p> - -<p> -Da blieb der große Seefischer allein bei seinen Kurren, -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -aber er ließ sich den klaren Sinn auch durch die Stille -nicht verwirren und ging nicht von seinem Kurs ab. -Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit schweigend -auf. -</p> - -<p> -„De Jung kummt doch mit no See,“ ließ Klaus Mewes -sich vernehmen. Dann blickte er nach seinem Ewer und -wartete auf Kap Horns Meinung, die auch bald an den -Tag kam. -</p> - -<p> -„Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder -sien: as du geborn weurst, do krüz ik all bi Kap Horn -rum un greep Albatrossen! De Mudder hett noch en -Recht op den Jungen!“ -</p> - -<p> -„Och wat!“ fiel Klaus ihm barsch ins Wort, „ik hebb -dat eenmol seggt un dorbi blifft dat: he kummt mit an -Burd! Bi de Dierns geiht dat no de Mudder, ober bi -de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh -jo upt leefst, wenn he Schoster oder Snieder warrn dä -un keen anner Woter to sehn kreeg as dat innen Teeputt. -Un wenn wi <em>blieben</em> schulln, Kap Horn, denn mokt se -ok en Schoster oder Snieder ut em. Ober man keen Bang, -Klaus Mees kann ne blieben!“ -</p> - -<p> -Der alte Knecht erhob warnend die Hand. -</p> - -<p> -„Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, -Klaus Mees, un he is doch ne wedder kommen mit sien -Eber!“ -</p> - -<p> -Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer für den besten von -der Elbe hielt und sich für den besten Fischermann, blieb -dabei, daß er nicht bleiben könne. Das war sein Wort -von jeher gewesen und seine gewisse, sturmgewohnte, -sonnenfreudige Seele hielt daran fest: „Ik kann ne blieben -un ik blief ok ne!“ -</p> - -<p> -Störtebeker ließ sich auch wieder sehen, er nahm seine -Bunge und fing wieder an zu knütten, aber er machte -ein Gesicht wie ein Fischer, der nichts gefangen hat, und -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -ließ die Unterlippe vorstehen, als wenn ein Schock Hühner -darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von -der Seite an und stichelte: „Na, Klaus Störtebeker, großer -Seeräuber, wat sä de Schoster? Hett he de Söbenmielenstebeln -noch nich klor?“ -</p> - -<p> -Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, -und er ballerte wie ein Großer: „Ik gläuf, de -Knappen is verrückt oder splienig! Dat is oberhaupt -keen Schoster, gläuf ik, de kann gorne schostern un gorkeen -Stebeln moken! Dat is en Leisegänger, Vadder ...“ -</p> - -<p> -Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen -helfen, aber der Junge fuhr in seinen Schmähungen fort. -„Jedermol, wenn ik komm, seggt he: morgen; ober he -kummt ne wieder as he is, de Tüffel.“ -</p> - -<p> -„Wat scheut de Stebeln denn all, Störtebeker?“ fragte -Klaus ernsthaft. -</p> - -<p> -„Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch -seggt, wenn de Stebeln klor würn, denn schull ik mit,“ -antwortete der Junge zuversichtlich. -</p> - -<p> -„Büst du denn ok nich mehr bang?“ fragte nun Kap -Horn lauernd. „No See dröft blot welk, de nich bang -sünd.“ -</p> - -<p> -„Ne, Kap Horn, bang bün ik ne,“ erwiderte der Junge -treuherzig. -</p> - -<p> -„Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten -Gnurrhohn ok woll nich, ober wenn di en lütjen Rottenbieter -inne Meut kummt, denn neihst ut, wat kannst, -un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!“ -</p> - -<p> -„Lögen, Lögen, Lögen!“ stritt Störtebeker und pekte -ihn mit der hölzernen Knüttnadel. „Ik bün vör keen -Hund bang un vör gornix!“ -</p> - -<p> -„Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, -denn geiht dat Bölken doch los?“ -</p> - -<p> -„Ne, schreen do ik gewiß ne.“ -</p> - -<p> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -„Denn warst du ober seekrank!“ -</p> - -<p> -„Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!“ -</p> - -<p> -Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik -blief ne! Und Klaus Mewes sah seinen Jungen an und -dachte: was soll in dem wohl anders stecken als ein -Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein -Gelübde: „Man still, Störtebeker, du kummst to Sommer -mit an Burd!“ -</p> - -<p> -Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen -Sinn und ließ ein enttäuschtes: „Och, to Sommer irst!“ -fallen, das den Knecht zu der Bemerkung veranlaßte, -es wäre jetzt noch zu kalt auf See. -</p> - -<p> -„Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor,“ gab Klaus -zu bedenken, und Kap Horn kam noch einmal mit der -bitterbösen Seekrankheit an den Wind. -</p> - -<p> -Sie knütteten fleißig weiter; als es aber Flut geworden -war und das Eis aufstand, die Ewer sich erhoben und -das Wasser auf das Bollwerk stieg, hielt Störtebeker -es nicht mehr aus, er ließ die Bunge liegen und nahm -französischen Abschied. -</p> - -<p> -„Neem schallt no to?“ fragte sein Vater, aber er erwiderte -hingeworfen, er wolle füttern — und weg war er. -</p> - -<p> -„Dat keum jo bannig zaghaft rut,“ sagte der Knecht -und sah ihm nach, „wenn de man nix anners in de Lur -hett.“ -</p> - -<p> -Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker -die Fütterung seiner Krähe und seiner Kaninchen mit dem -von seiner Mutter gelernten Spruch einzuleiten: Der Gerechte -erbarmt sich seines Viehes! -</p> - -<p> -Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes -den Scheger beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich -schon gedacht hatte, war von Störtebeker nichts zu erblicken. -Die Kaninchen machten Männchen, als er den -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der -Luft tanzen, Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst -einmal auf See gegriffen hatte, saß unbeweglich auf ihrer -Stange und wagte nicht mehr als ein halbes Auge an -seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht -hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging -er in das Schauer und guckte nach den Stichlingsnetzen, -die neben dem Hühnerwiem hingen; sie waren alle drei -am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht. -Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, -Stegel und Binnendeich, aber da rührte sich nichts als -Hannis Holsts gelber Kater, der um einen Mäusebraten -verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes -Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen -Wipfeln der Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, -das die See nicht hat, sondern nur das Land, und das -den Seefischer darum einigermaßen bedrückte, als er sich -nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte aber -nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen -sein könnte; übrigens wußte er ja auch, daß -Störtebeker schwimmen konnte und nicht in einen Graben -fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte wissen, -wo er abgeblieben war. -</p> - -<p> -So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und -guckte mit seinen scharfen Augen über das Eis, er lief -über die Blöschen nach dem Ewer, die Waken und Löcher -umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die -Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als -das raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das -Krachen der zusammenbrechenden Sickberge in der Weite. -</p> - -<p> -Sollte der Junge wieder in der Kambüse sitzen, wie -er es schon mehrmals gemacht hatte, um sich an die -Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte auf das -Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -nun beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien -sie ihm ohne das sonst ständig brennende Licht. -</p> - -<p> -Wo mochte der Junge sein? -</p> - -<p> -Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm -nur das Tuten eines Dampfers, der dwars von -der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge auf der Besan -regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da -schoß ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di -bloß ne halfstock holen mütt! — aber er jagte ihn von -dannen, kletterte über das Schwert und schritt über das -Eis nach dem Bollwerk zurück. Im Osten glomm der -Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine -weit entfernte, ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da -dachte Klaus Mewes an die alte Fischfrau Beeken Focken, -die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt war sie. -Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und -mit ihren braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen -Abendrot gewiesen und gesagt: viel anders hätte sich das -1842 vom Deich aus auch nicht angesehen: nun wäre -Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so großen -Brand hätte. -</p> - -<p> -„Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen -Wirtschaften,“ hatte er lachend geantwortet. -</p> - -<p> -Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann -auf dem Bollwerk stehen. „Neem is Störtebeker, Seemann? -Such! Such!“ rief er hastig. -</p> - -<p> -Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß -er verstanden hatte, und setzte sich gemächlich in Bewegung. -Er schwankte von dem langen Leben an Bord -wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der -andern, wenn er lief. -</p> - -<p> -Klaus wußte schon Bescheid, es ging nach der Neßkule, -in der der Kahn lag: der Junge schipperte gewiß oder -goß das Wasser aus seinem Fahrzeug, das etwas ziepte. -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und -war nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars -und kein Junge war dabei: jach befiel ein ungeheurer -Schreck den Fahrensmann, der auf der Doggerbank den -bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte, -und er lief in Sprüngen den Deich hinab. -</p> - -<p> -„Klaus!“ -</p> - -<p> -Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der -Kehle stecken. -</p> - -<p> -„Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?“ rief Störtebeker, -und eine dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten der -Baumstämme, die den Schleusengraben wie Gespenster -umstanden. Taumelnd kam sie näher und wäre umgeschossen, -wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte. -</p> - -<p> -„Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst -du krank?“ -</p> - -<p> -Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon -wieder verloren. „Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt -mi jümmer speen.“ -</p> - -<p> -„Wat kummt dat denn?“ -</p> - -<p> -Der Junge wies nach seinem grünen Kahn: „Ik will -mi seefast moken, Vadder, wat ik mi noher up See ne -mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen hett to mi seggt, -denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk -— wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn -bittern Gesmack innen Mund!“ -</p> - -<p> -Klaus wollte lachen, lachen, lachen — er konnte es aber -nicht, weil ihn die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, -der so lange mit dem Kahn dümpelte, bis ihm schwindelig -wurde, nur, um sich seefest zu machen. -</p> - -<p> -„Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! -Nu wullt doch gewiß ne mihr mit no See, wat?“ -</p> - -<p> -Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: „Doch, -Vadder! Morgen dümpel ik wedder un offermorgen un -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr düsig warr un -mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer -van Kap Horn un Hein Mück nix utlachen loten!“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter -Art, nahm seinen Jungen bei der Hand und ging mit -ihm nach dem Neß zurück. -</p> - -<p> -In der Dönß brannte schon die Lampe. -</p> - -<p> -Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte -Klaus halblaut: „Brukst Mudder dor ober nix van to -seggen, hürst?“ „Segg du man nix, Vadder: ik will woll -swiegen,“ flüsterte Störtebeker kameradschaftlich und setzte -sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit -von der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die -Stiefel aus, um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen, -die gleich in richterlichem Ton fragte: -</p> - -<p> -„Non, neem kommt ji denn her?“ -</p> - -<p> -„Wi sünd mol no de Neßkul wesen,“ berichtete Klaus -Mewes der Wahrheit gemäß. -</p> - -<p> -„Hest du ok natte Strümp, Klaus?“ -</p> - -<p> -„Ne, Mudder, knokendreuch!“ -</p> - -<p> -„Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör -Nattigkeit. Gliek treckst jüm ut!“ -</p> - -<p> -Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute -sich doch, daß sie weiter nichts merkte, und wischte heimlich -die letzten Spuren des Seefestigkeitskursus ab. -</p> - -<p> -Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine -Weile wieder aufgenommen, dann aber packten sie das -Kurrengut zusammen und machten Feierabend. -</p> - -<p> -Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank -hervor und las den Roman: „Zehn Jahre unter der Erde -oder Schuld und Sühne“ mit aufgestützten Ellbogen. Wenn -er dabei an Stellen kam, die ihm behagten, so nickte er -anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die -nicht nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Kopf schüttelte. Ja, man konnte noch mehr aus seinem -Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind oder Sturm -las (und in einem echten Roman weht und stürmt es -ja alle drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las -er von Liebe, so strich er sich über die Backen, gab es -eine Mordgeschichte zu kauen, so las er mit geballten -Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber achter -Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in -der Koje liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang -und sagte dann zuletzt: „Nu will ik di mol vertillen, -Kap Horn, wat du lest hest.“ Und meistens stimmte es, -was er dann erzählte, daß der Knecht zuletzt jedesmal -erstaunt sagte: „Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.“ -</p> - -<p> -Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn -sein Junge ritt auf seinen Knien und treunte um eine -Geschichte. -</p> - -<p> -„Ik weet uppen Stutz keen.“ -</p> - -<p> -„Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.“ -</p> - -<p> -„Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.“ -</p> - -<p> -„Och, man to, Vadder!“ -</p> - -<p> -„Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn -un noher ne wedder seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.“ -</p> - -<p> -„Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,“ versicherte Störtebeker, -und sein Vater legte los. -</p> - -<p> -„Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de harr -keen Kamm, to köfft he sik een, to harr he een ...“ Da -hielt der Junge seinem Vater aber schon den Mund zu -und paukste: „Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! -Du schallst en euliche Geschichte vertillen!“ -</p> - -<p> -„Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de wür -in de Heid verbiestert, nu hür man god to! Dor wür -mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert ...“ Da -hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -wäre auch Tüdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt -wesen. -</p> - -<p> -„Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch -un seggt: non denn so wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!“ -</p> - -<p> -O weh — das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber -nicht vorbringen sollen, denn nun tagelte Störtebeker -ihn regelrecht durch und heischte zwar etwas von Klaus -Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen -Satz, den er schon tausendmal gehört habe. -</p> - -<p> -Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das -er gelesen hatte, sah auf und sagte: „Klaus Störtebeker -büst du jo sülben, Junge, dor brukt di doch keeneen wat -von to vertellen.“ -</p> - -<p> -Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose -setzte, sagte abweisend: „Lot den olen Seeräuber man -ünnerwegens un näumt den Jungen man ne jümmer -Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz -Leben ne wedder los.“ -</p> - -<p> -„De Nom is gornich so slecht, Gesa,“ sagte Kap Horn -ernsthaft, während Klaus Mewes lachte und meinte, den -Namen habe er einmal weg. Klaus Störtebeker sei -übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe -er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold -und Gut weggenommen, aber den Armen habe er viel -Gutes getan, noch jetzt würden die armen Leute zu Verden -von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe -er es auch nicht bös gemeint: er störte sie nicht und -wenn er Fische holte, so bezahlte er sie reichlich. -</p> - -<p> -So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der -Wasserkante zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern -und ihrem Hauptmann Klaus Störtebeker — und -der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen -und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören, -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -wie sie Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte -gelbe Flagge im Sturme flatterte, wie sie mit den Hamburger -Schiffen umsprangen, wie sie Ritzebüttel und Neuwerk -wegnahmen und wie sie den schottischen König -gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von -dem großen, breiten Graben auf Finkenwärder erzählte, -der die kleine Elbe hieß, und daß Störtebeker dort oft mit -seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da sprang der -Junge auf, daß Kap Horn ausrief: „Neem is dat Für?“ -und fragte: „Vadder, neem is de Groben?“ -</p> - -<p> -Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, -daß es damals noch keinen Deich gegeben habe und daß -die kleine Elbe ein Priel von der großen gewesen sei, -aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen, -der sich einen so breiten Graben eben nicht -vorstellen konnte, und es blieb schließlich nichts andres -übrig, als daß sie eine kleine nächtliche Expedition nach -dem Seeräubergraben ausrüsteten, die trotz der großen -Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich -auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen. -</p> - -<p> -„Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben -un holt di!“ -</p> - -<p> -Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein -wollenes Halstuch umband: „Brummkirl gifft ne, -Mudder.“ -</p> - -<p> -„So?“ -</p> - -<p> -„Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit -bang mokt, wat se ne bit Woter gohn scheut.“ -</p> - -<p> -Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war -wieder allein. Wie die Brechseen über dem kleinen Ewer, -so schlugen die Gedanken über ihrem Kopfe zusammen; -sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die -quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so -erschaffen sein, daß sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Herzens an die Seefahrt denken konnte, warum -konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen? -Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: -warum mußte sie da immer wieder zusammenbrechen -und klein und verzagt werden, warum konnte sie ihn -nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie den -Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im -Graben sehen solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem -Grauen, helle Kleider zu tragen? -</p> - -<p> -Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die -kleine Metta Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden -war, sondern wie sie von der Geest stammte, -es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und singen konnte -und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich -unter den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann: -denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf <em>einem</em> -Ewer, schwammen auf <em>einem</em> Stück Holz in der See. -<em>Ein</em> Blitzstrahl, <em>eine</em> Brechsee konnte ihr ganzes Leben -verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles -nehmen — und doch konnte sie singen und lachen, die -Frau. Daß eine so fest stehen konnte! -</p> - -<p> -Gesa schüttelte den Kopf. -</p> - -<p> -Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt -viel von ihm, gewiß ebensoviel, wie andere Frauen von -ihren Kindern. Und wenn sie ihn zügelte und ihm wehrte, -wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was trieb -sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war -der Junge ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr -Schürzenband kaum losgelassen hatte, und sein Vater hatte -sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur immer lachend -erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen -wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm -habe, komme ihm vor wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt -sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst wohl alle zwei -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten -lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: -alle zwei Stunden raus! — aber es war nur Spaß gewesen, -wie es auch Spaß gewesen war, wenn er ihn -auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen -und ihn seefest zu machen, wozu er sang: So -dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber, so dümpelt de -Eber up See ... -</p> - -<p> -Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu -begreifen, war es anders geworden: da kam der Ernst. -Da wurde er ausgelacht, weil er ein Mutterkind war, -und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort -gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du -ne mit no See! Ne schreen, Klaus, anners kann ik di -noher an Burd ne bruken, denn müß du Kleigrober oder -Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die -Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! -Da war ihm der Kompaß in die Brust gesetzt -worden, der beständig nach der See wies und all sein -Tun und Lassen lenkte. -</p> - -<p> -Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von -dem Gesa glaubte, daß ihr Mann ihn vom Teufel gekauft -hatte und nicht von dem norwegischen Schuner, wie -er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten -Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser -verfallen, der nun mehr war als die andern Jungen -am Deich: Reeder und Schiffer. Da übertrugen die Finkenwärder -den Namen des Fahrzeuges bald auf den Jungen, -und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und -alt ein kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn -sie trug schwer an diesem gottlosen Namen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, -schwarzen Graben zwischen den dicken, krummen Wicheln -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -und den schlanken, schiefen Erlen und suchten die Spuren -von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an -dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten -die hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht -hineingesteckt haben könnte. Das faule Holz glomm auch -wirklich wie Silber, so daß der Junge alle Augenblicke -ausrief: „Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!“ und -sie von einer Wichel nach der anderen lockte. -</p> - -<p> -Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof -auf der zehn oder zwölf Ewerlängen entfernten deichhohen -Wurt, der bei den alten Leuten noch der Grönlandshof -hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen -Walfischfänger neben ihm geankert hatten. Dorther -stammten er und die ganze, weitausgebreitete Sippe der -Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt -holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus -zu einem Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen -und Enkel dann, die hatten es herausgefunden, daß es -besser sei, die grüne See zu pflügen als das braune Land, -und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und -Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war -ausgestorben: die seefahrenden Mewes aber waren immer -noch groß am Ruder und machten ein Drittel der Fischerflotte -aus, während das zweite und letzte Drittel den -Focken und Külper zukam. -</p> - -<p> -Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der -Bauerei zurück und tauschte seinen lieben, großen Ewer -gewiß nicht gegen den ganzen Grönlandshof. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -Dritter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag -über die Elbe kam, fing Klaus Mewes mit früher -Arbeit an, er schleppte Segel und Kurren mit seinen -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen fertig -und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum -für den notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er -hatte keine Ruhe mehr: das Eis <a id="corr-2"></a>trieb nicht weg und -konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte er Gewalt -anwenden! -</p> - -<p> -Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen -war, konnte kaum die Augen offen halten, aber -sein Tappen half ihm nichts: er bekam die nassen Fausthandschuhe -zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben. -</p> - -<p> -Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um -anzusagen für die große Arbeit, die gleich nach dem Essen -angegriffen werden sollte. Kap Horn war der rechte -Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar -dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft -hatte, aber er hatte dafür auch die Genugtuung, -acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen -bekommen und alle an Land befindlichen Mannsleute -angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück -und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte -ihn um die langen Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt -hätte. -</p> - -<p> -Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem -Vater, dem er in allen Schiffsdingen der unermüdlichste -und aufmerksamste Helfer war. Ein so großer Stankmacher -und Ausfresser der Junge sonst war: solange er -bei seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war -nur noch der lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge. -</p> - -<p> -Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf -dem Ewer, der schon in seiner großen Wake trieb: -Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund. -</p> - -<p> -Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, -und Störtebeker drängte das Ruder von Backbord nach -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord, als habe -er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber -schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis. -</p> - -<p> -Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis -gegangen, die Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, -die Frachtschipper, es kamen der Gastwirt, der Reepschläger, -der Blockmacher, der Krämer und der Segelmacher, -weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln -steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und -einzeln. Und die gewaltige Schar versammelte sich um -den Ewer, einigte sich über den Weg, den sie nehmen -wollte, und verteilte sich auf die beiden langen Kurrleinen. -Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen -umher, und oben auf dem Deich standen die Frauen und -Mädchen und guckten und warteten. Am Bollwerk und -auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge, -denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die -vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den -Klüsenaugen leuchtete es vor Hoffnung. -</p> - -<p> -Der große Tag — der größte Tag der Finkenwärder -Fischerei, an dem sie die Mächtigkeit ihrer Flotte, die -Stärke ihrer Mannschaft, die Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft -ihrer Fahrensleute am besten bewies. Allen, -die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom -Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen -haben, hat er sich unauslöschlich in die Seele eingedrückt. -Nicht wahr, du Finkenwärder: up den Dag kannst du di -ok noch besinnen? -</p> - -<p> -Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das -Eis: alle, alle wollten helfen, alle wollten dabei sein! -Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus Mewes stand -im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten -noch weiter auseinander. Und als das getan war, da -rief er über das Eis, so laut er konnte: „All klor! Een, -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh! Huroh! -Huroh!“ -</p> - -<p> -Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es -herum: die Fahrensleute aber setzten sich mit Huroh und -Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung und zogen -die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch -das offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen -das Eis, zerbrach es, schob es zur Seite, drückte es unter -sich, bäumte sich auf, senkte sich wieder, kam aber dann -zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen! Aber -ein schönes Stück war schon bewältigt. -</p> - -<p> -Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, -wie ein Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das -Brechen losging, stand er neben seinem Vater, der unermüdlich -anfeuerte, und hielt sich am Vorderpoller fest. -Das war was für ihn. „Junge, Junge, Vadder, so geiht -he god.“ -</p> - -<p> -Stoppi — stoppi — -</p> - -<p> -Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und -sie mußten den Ewer ein Stück rückwärts ziehen, damit -sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und seine Leute -gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu -entfernen. -</p> - -<p> -Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß -(er hatte aus dem bremischen Dreimaster, der mit Stückgut -nach Valparaiso wollte und auf Scharhörn strandete, -eine ganze Kiste Kölnischen Wassers — Eau de Cologne -— erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester, -Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, -jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje), -Kord Külper kam heran und rief: „Klaus Störtebeker -mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de -drückt dat Fohrtüch vör to deep dol.“ „Deit he ok!“ riefen -einige Knechte zur Bekräftigung. -</p> - -<p> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein -auf dem Reichstag zu Regensburg, ging langsam nach -dem Heck und stellte sich neben Kap Horn ans Ruder, -damit der Ewer den Steven höher höbe. -</p> - -<p> -Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und -sagte zu Klaus Mewes: „Klaus, du büst en fixen Kirl -bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du weest, wat vör -un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt -ne bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst -du, dat Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien -Jung, dat hest du doch noch ne rut! Dat mütt ganz -anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol -stohn un kummandiern!“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes aber lachte: „Hier kummandier ik, Jan, -dat weest du woll; blief du man anne Kurrlien!“ -„Egenbuck!“ rief Jan laut und ging an seinen Törn. -</p> - -<p> -Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme -und alle zogen an. -</p> - -<p> -„Huroh! Togliek! Hödjihöh!“ -</p> - -<p> -So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, -so rief es vom Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder -durch das Eis und brach den Weg weiter. Zwei Ewerlängen -wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei -Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, -der eigentlich Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen -von seinem herunterhängenden, borstigen Schnurrbart -hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom nannten, -weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder -ihn fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest -woll, Siem Achner, jümmer lompdom, lompdom! Der -dritte aber, der eine Quappe stach, war Störtebeker: er -hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblöschen -mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen -und wäre beinahe unter das Eis gekommen, wenn -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte. -Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war -die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem -Jungen nach unten, zog ihn aus, hängte das nasse Zeug -um den Ofen und steckte den nackten Mann in seine Koje. -Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon -wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der -Feuer machen mußte, damit es trockne. Oben rief es -wieder von allen Seiten, am Bug scheuerte und stieß -das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche der -Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: „Och wat, dat Für -will woll van sülben inne Gangen kommen!“ und rannte -die Treppe hinauf, zu sehen und zu helfen. -</p> - -<p> -Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte -auf den Lärm. Nun treckten sie wieder, nun mußte der -Ewer erst wieder über Steuer! „Bang dött ik ne warrn, -anners komm ik ne mit no See,“ sagte er vor sich hin, -wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter -stand er auf und befühlte das Zeug, ob es noch nicht -trocken wäre, dann kroch er frierend wieder unter die -Decke und horchte abermals. -</p> - -<p> -Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den -Kojen eingeschnitzt waren. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Was für Sprüche waren das? — fragt die Seele. — -</p> - -<p> -Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung -des Deutschen Seefischerei-Vereins gesehen hat -(Deutscher Seefischerei-Verein: ich möchte seinen Namen -<em>golden</em> schreiben, weil er so viel für unsere Fischerei -getan hat und noch tut!) — der hat auch in die puppenküchenenge -Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den -sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -die darin stehen: unter der Schifferkoje: In Storm un -Noth / Bewahr uns Gott: unter der Knechtenkoje: Hier -eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der -Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht -wi to Disch. Und er hat wohl gefragt, ob auch die anderen -Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten. -</p> - -<p> -Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen -trug, so hatten auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche -Bibelverse zumeist. -</p> - -<p> -Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches -sogar ein lateinisches Wort: -</p> - -<p class="center"> -<span class="antiqua">Mediis tranquillus in undis.</span> -</p> - -<p class="noindent"> -Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug -bauen ließ, bei Jochen Behrens an der Süderelbe, der -ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat, dachte er -selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel -und das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den -Kopf, aber er konnte nichts ketschern, das ihm gut genug -war. Da ging er denn eines Tages, als er wieder nach -der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den. -Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, -mußte etwas wissen. -</p> - -<p> -Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus -dem Borkumer Kirchenbuch über eine angeschwemmte -Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen -Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er nötigte den -Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß -Klaus Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und -schrieb ihm die vier Wörter auf. „Sühso, mien lebe -Klaus Mees,“ sagte er und fragte nach Schiff und -Stapellauf. -</p> - -<p> -Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er -den Zettel überkopf, als wenn die Worte in Spiegelschrift -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -abgefaßt wären, guckte ihn nochmals scharf an und sagte -dann: „Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?“ „Jawoll, -Herr Mees, latiensch!“ „So, so! Non, Herr Pastur, -weten Se: son betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen -sien Kutter steiht <span class="antiqua">Ora et labora</span>, un dat heet: Bete und -arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht <span class="antiqua">Soli deo gloria</span>, -un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis -sitt ik all gliek fast!“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Mediis tranquillus in undis</span>: Klaus Mewes: geruhig -inmitten der Meereswogen heet dat!“ sagte der Pastor -ernst. „Mit den Spruch lett sik woll no See fohren.“ -</p> - -<p> -Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines -Weges gegangen. Der Spruch gleißte zwei Jahre unter -seiner Koje, dann ging einmal ein Schullehrer in der -Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein deutschgesinnter, -begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum: -„Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr -Schiff kein deutsches und muß es keinen deutschen Spruch -haben, den Sie verstehen und bei dem Sie sich etwas -denken können? Was sollen überhaupt alle die lateinischen, -griechischen, hebräischen, englischen und französischen -Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie -aus, wer hat sie bedacht, wer tauft hier deutsche Fahrzeuge -Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, Courier, -Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten -machten es besser, die nannten die Schiffe wie ihre -Frauen: danach müßte Ihr Ewer Gesa heißen und nicht -Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein guter -deutscher Spruch stehen!“ -</p> - -<p> -„Schallst recht hebben, mien Jung,“ sagte Klaus Mewes, -„ik frei mi jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An -den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern, ober wenn -du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut wi -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -mol sehn.“ Da kam das starke, ewige Lutherwort unter -die Koje: -</p> - -<p class="center"> -Ein feste Burg ist unser GOTT, -</p> - -<p class="noindent"> -den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als -Schmuck. So ging es wieder zwei Jahre gut, bis der -lange Harm Riegen, der Ewersprüche sammelte, einmal -in die Kajüte trat und ausrief: „Twee Wiltsproken stoht -dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit ant -Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden -tohop, fehlt dor noch bi: plattdütsch!“ -</p> - -<p> -„So,“ lachte Klaus Mewes, „du kummst van wegen -de Sprüch: ik meen all, du wullst mol meten, keen greuter -is van uns twee beiden! Harm, plattdütsch kannen doch -bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!“ -</p> - -<p> -„Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch -sünd!“ -</p> - -<p> -„Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van -hürt!“ -</p> - -<p> -„Wat?“ schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie -ein durchgehendes Pferd den Deich entlang und kam nach -einer Viertelstunde mit einer großen plattdeutschen Bibel -von 1486 zurück. -</p> - -<p> -„Hier, Klaus Mees!“ -</p> - -<p> -„Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten -Schinken!“ -</p> - -<p> -Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt -hatte, daß sie wirklich plattdeutsch gedruckt war -und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus vorgelesen -hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch einen -plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter -Scharben für die Worte, die nun unter seiner -Koje prangten und leuchteten: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> - <p class="verse">Hilpt mi, Sünn und Wind,</p> - <p class="verse">hilpt mi bit Fischen!</p> - <p class="verse">Ik heet Klaus Mees</p> - <p class="verse">un bün van Finkwarder.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,“ -sagte er aber doch dabei, „ober dat <em>riemt</em> sik jo ne, dorüm -kriegst du bloß tein!“ Den hochdeutschen Spruch bekam -die Jungenkoje. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte -seine Sachen, er hängte sie um und stökerte das -Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange dauerte das! Er -kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen, -denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach -dem Fahrwasser kommen! -</p> - -<p> -Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand -der Koje zurück und guckte über die Ketten hinweg -nach den fünf Totenschädeln, die ganz vorn im Steven -zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte sie ihm -vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der -Kurre gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder -über Bord werfen, sondern müsse sie in den Steven stecken, -dann könne der Ewer niemals umkippen. Nachdenklich -starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht klug -daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine -Fragen geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und -Besehen, sondern etwas zum Schweigen. Wie grösig kalt -die Luft aus dem dunkeln Loch kam! Störtebeker zitterte -vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich wieder -auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es -ihn nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten -vom Bort und rollte sie auf und sah die roten Punkte -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -an, die Feuer bedeuteten, und die kleinen Feuertürme -und Baken, die am Rande der Karten standen, während -es draußen wieder lärmte und rief. -</p> - -<p> -Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm -und fuchtig, aber er dachte wie sein Vater: Uppen Lief -dreucht upt best! und zog sich an, so schnell es gehen wollte. -Er war noch nicht ganz fertig damit, als es draußen -dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb -angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß -und einem in der Hand, sauste er nach oben und guckte aus -der Kapp: da drängte der Ewer gerade die letzten Eisstücke -beiseite und glitt langsam in das freie Fahrwasser -hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die mitgeschleiften -Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die -Dünung eines vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen -Dankesverbeugungen vor seinen Helfern: Ok veelen Dank, -dat ji mi rutholpen hebbt! -</p> - -<p> -Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt -Hurra. -</p> - -<p> -Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich -erfreut über ihren Erfolg, gruppenweise über das Eis -nach dem Deich zurück und sprachen und taten von der -Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden: -was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von -seinem Ewer nach dem großen Priel, war Sache eines -Tages und ließ sich leicht beschicken. Die Schollenzeit war -angebrochen für die Schollengreifer vom Neß: Hurra, -hurra, hurra! -</p> - -<p> -Auf H. F. 125 aber, dem Ewer „Laertes“, ließen sie -den Draggen zu Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten -das Deck, hängten die Laterne an das Fockstag und -kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu -vertreiben, der alle befallen hatte. -</p> - -<p> -Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -mit drei Dingen ab: daß der verdrehte Kerl von Schuster -ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte, daß sein Vater -morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß -sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch -nicht schippern konnte. -</p> - -<p> -„Du hest dat en betjen god, Seemann,“ sagte er aus -diesen Gedanken heraus und streichelte den Hund, der -auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner als er -war und doch immer mit nach See durfte. Seemann aber -hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch -wie von gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht. -</p> - -<p> -Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er -roch hinter den Klößen schon die See und grüßte Helgoland. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -Vierter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln -steht in Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel -erreicht und ist Baas auf See. -</p> - -<p> -300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von -denen 187 zu Finkenwärder beheimatet sind und ein -H. F. auf den braunen Segeln tragen, 83 reedern mit -S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der Rest gehört -dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem -Mühlenberg und der Teufelsbrücke. -</p> - -<p> -Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes -und Külper von Finkenwärder und die Breckwoldt und -von Appen von Blankenese: sie liefern Hamburg und -Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und -Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags -so viele Heringe, daß halb Holstein und Hannover -damit gedüngt werden können, sie sind die Könige der -Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Holland -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -und England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei -Südwind einmal nach Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind -nach Jimuiden oder bei Ostwind nach London. -</p> - -<p> -Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, -die kleine Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch -über den Smeukewer, wenn sie ihm begegnen, wohl sind -schon die Zeiten vorbei, daß nur Finkenwärder auf -Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen -fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen: -aber dennoch steht die Sonne von Finkenwärder auf der -Mittagshöhe und seine Segel beschatten die ganze See. -</p> - -<p> -Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, -als wenn ihr noch alle am Leben wärt! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz -verteufelt hild: er mußte Brot vom Bäcker holen und -Proviant vom Krämer, mußte einen Schinken aus der -Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die -erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man -am Deich meinte, der Schinken dürfe erst beim ersten -Kuckucksruf angeschnitten werden), er trug die Kruken -mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen -und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit -Vaters Seestiefeln und seinem Ölzeug ab wie Roland mit -seines Vaters Waffen, aber es machte ihm Spaß und er -vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land -bleiben sollte. -</p> - -<p> -Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, -dem saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. -Der Hans Niedersachs von Finkenwärder, der ein Schelm -war und einen Schalk als Gesellen hatte, sah ihn schon, -als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu seinem -Gesellen: „Kiek ut vör Störtebeker!“ -</p> - -<p> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes -bei der Bestellung der Siebenmeilenstiefel für seinen -Jungen heimlich gesagt hatte, es eile nicht und vor -Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa -hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert -werden, wenn der Junge der unruhigen Witterung -wegen nicht mehr mit nach See kommen könne; der -Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn -er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens -noch nicht einmal angefangen. -</p> - -<p> -Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden -Pechräte tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen -Glaskugeln wie Verschwörer und klopften für fünfzehn, -ohne aufzugucken. -</p> - -<p> -„Schoster, sünd mien Stebeln klor?“ -</p> - -<p> -Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch -lauter und deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter -klirrten, und taten, als könnten sie weder hören -noch sehen. -</p> - -<p> -„Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?“ -</p> - -<p> -Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter -stellten sich wieder taub und hämmerten, als wollten -sie Stahl aus den Kuhhäuten machen, dabei aber sahen -sie einander heimlich an: wat he nu woll upstillt? sollte -es heißen. -</p> - -<p> -Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen -die großen, langen Stiefel der Elbfischer, de güngen bit -ant Gatt und waren größer als er selbst, da standen die -schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig, daß er sich -dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so -klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern -können, — aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte -er nicht dazwischen finden. -</p> - -<p> -„Schoster, sünd mien Stebeln klor?“ Er gröhlte es, -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -so laut er konnte, aber die Schuster ließen sich in ihrer -Klopferei nicht stören, denn sie wußten noch nicht, was -sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie wieder -über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen -oder ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? -Störtebeker war ärgerlich geworden, er sah den Kram -noch eine Weile an, dann drehte er sich batz um und lief -hinaus. -</p> - -<p> -„Nanu,“ sagte der Meister und ließ das Hämmern, -„nanu,“ sagte der Geselle und stellte auch den Betrieb -ein, — aber ehe sie sich’s versahen, sauste ein großer -Mauerstein durch das Fenster, daß die Splitter umherflogen, -zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser -über den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die -Wand. -</p> - -<p> -„Nu hol mi noch mol förn Buern!“ rief Störtebeker -draußen, nahm seine Pantoffeln in die Hand und sauste -auf Strumpfsocken davon, wie ein gejagter Hase, hast du -nicht, so kannst du nicht — bang bün ik ne, ober lopen -kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er -so weit war, war der Junge schon längst über Heide und -Zaun. Da lasen die beiden die Splitter auf, nagelten -ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten große Rache. -</p> - -<p> -Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine -Pantoffeln wieder an. Seine Strümpfe waren klitschennaß -geworden, denn er hatte auf seiner Flucht zwar -über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht -immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick. -Er konnte sich zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn -er nicht eine Tracht Knüppelholz riskieren wollte, das -war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die -Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, -daß er vom Deich nicht wahrgenommen werden konnte, -und wusch die Strümpfe im Graben, bis sie wieder rein -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -waren, wrang sie aus und hängte sie zum Trocknen auf, -sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen -trocken waren, und zog sie dann getrost an. -</p> - -<p> -„Klor is de Käs!“ sagte er zu den beiden kleinen -Jungen, die ihm bewundernd zuguckten, und lief nach -Hause. Jan Husteen, der Elbfischer, den sie seines Lieblingsessens -wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten, -rief ihm nach: „Störtebeker, du kummst ne mihr mit, -dien Vadder is all weg!“ „Wat schull he woll?“ rief -der Junge erregt und lief schneller, aber er kam doch -zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater -mehr und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein -Seemann: sie waren schon alle an Bord, und als er verstört -hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er den Ewer -schon bei Nienstedten unter Segeln treiben. -</p> - -<p> -Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: „Is Vadder -all weg? Worüm hett he mi denn ne Adjüst seggt, -Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!“ -</p> - -<p> -„Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?“ -fragte sie dagegen, „wi hebbt di soveel ropen un allerwärts -söcht! Vadder wull di so giern Adjüst seggen un -hett noch en ganze Tied no di teuft!“ -</p> - -<p> -„Och wat!“ gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig -war, „harr he denn ne noch en betjen stoppen kunnt? -Ik bün jo man bloß eben langsen Diek ween! Vadder -mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch Adjüst -seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners -ne, wat is dat ok doch all för Krom!“ Und er -stand auf dem Deich und blickte mit dunkeln Augen und -finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit glockenhellem -Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das -Boot auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf -hinein, daß sein Vater fahren konnte, ohne ihm Adjüst -gesagt zu haben, und er dachte: wärst du doch bloß nicht -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -nach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater -noch gesehen! -</p> - -<p> -Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen -gerufen, als es Hochwasser werden wollte und die Zeit -gekommen war, daß sie an Bord mußten. „Störtebeker! -Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!“ schallte es über den -Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und -sogar der kluge Seemann gab ein kurzes Bellen drein, -aber der Junge war nicht hier und nicht wir zu werden, -auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam nicht. -Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, -wenn sie nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und -Gesa schieden aber mit Widerhaken im Herzen, die ihnen -weh taten, denn er hatte sie im Verdacht, daß sie den -Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im letzten -Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen -konnte den Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen -an Bord versteckt halte, um ihn doch mit nach See zu -nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht anders -gemacht werden können. -</p> - -<p> -Das verbitterte ihnen den Abschied. -</p> - -<p> -Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß -sie ihrem Mann unrecht getan hatte, kam die Reue über -sie und sie winkte vom Bodenfenster mit der großen -Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine -deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut -war längst verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann -an Bord stand und seine Segel über sich hatte. Es war -eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch ein -reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht -ein Ewer, nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen -es still war: überall eisten sie, trugen Segel und Proviant -herbei, hievten die Anker, setzten die Segel, ließen die -Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem andern -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -aus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen -hatte und Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen -sie sich mit dem Ebbstrom daltreiben, denn es war gar -keine Kühlung. Der erste aber war Klaus Mewes mit -seinem „Laertes“, dem die norddeutsche Flagge von der -Besan hing. -</p> - -<p> -So güngen se up de Schullen dol. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er -dort angewachsen wäre, sah nach dem Ewer, der unter -der gründachigen Nienstedter Kirche kreuzte, und grübelte, -ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange gewesen -war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine -Bangbüxigkeit: er war nicht mitgekommen nach See und -sie hatten ihm nicht einmal Adjüst gesagt. Wäre er langsam -nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe nicht -auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch -gesehen. -</p> - -<p> -Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz -gewiß will ik nu ne mihr bang warrn! Das sagte er sich. -</p> - -<p> -Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte -sie: „Jä, Klaus, dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken -kannst du em ne wedder! Nu sünd wi wedder den -ganzen Sommer alleen!“ -</p> - -<p> -„To Sommer bün ik doch all mit an Burd,“ sagte er -mit halbem Vorwurf, ohne sich umzudrehen. -</p> - -<p> -„Kumm man rin, weut Kaffee drinken.“ -</p> - -<p> -„Och, ik mag nix, Mudder!“ -</p> - -<p> -„Ik will di bi magnix! Gliek anto!“ -</p> - -<p> -Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche -am Tisch saß, da schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus -Störtebeker übrigens nicht geschmeckt? Nach dem Kaffee -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt ausnahmsweise still, -obgleich er sich schon selbst waschen konnte und obgleich -er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die -Backen eien zu können. Als sie dann aber nach seiner -Bunge fragte und nach der Krähe (denn sie hatte sich fest -vorgenommen, sein Vertrauen zurückzugewinnen, wollte -auch nicht mehr so streng gegen ihn sein, sondern versuchen, -seine Kameradin zu werden), da ging er bald -hinaus, denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. -So guckt der Spatz mißtrauisch vom Dach, wenn ihm -Krumen gestreut werden. -</p> - -<p> -Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie -es am Deich hieß, segelte der Ewer — viel weiter war -er noch nicht gekommen, denn es war immer noch totstill. -</p> - -<p> -Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert -hatte. Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, auch -wenn er Kummer hat. Er ging über die Wurt nach dem -Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, -aber trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, -der Eve den Bauch zu befühlen, denn er wartete -sehr darauf, daß sie jungen sollte, hatte er doch schon -fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen Bock -und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper, -Jan Loop jeder eine Eve. -</p> - -<p> -Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. -Der struppige Kluß schlug mit den Flügeln und quarkte -vergnügt über das Fressen: Störtebeker faßte es aber -anders auf und sagte betrübt: „Jä, Kluß, Vadder is nu -no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!“ -</p> - -<p> -Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: -wenn du damit über das Eis pektest, ganz nach Blankenese -hinunter, könntest du deinen Vater noch sehen und ihm -Adjüst sagen. „Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!“ -Er suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -und schlich wie ein Indianer den Binnendeich entlang, -damit die Mutter ihn nicht gewahr werden sollte. Als -er weit genug war, kletterte er über den Deich, sprang -vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen -und Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach -dem Fahrwasser. -</p> - -<p> -Vadder, ik komm! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, -daß der Polizist auf seinem gewohnten Rundgang den -Deich entlang kam, und schloß sich dann dem ahnungslosen -Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich -ein wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem -droken Klaus Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen. -</p> - -<p> -Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen — -der Vogel war nicht da. Die ängstliche Gesa suchte den -Jungen im Keller und auf dem Boden, als sie ihn dort -aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ -sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte -die Scheibe und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, -daß Klaus kommen und Abbitte tun solle, gab ihm noch -ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und Vorschuhen mit -und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder -in die Reihe. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -„Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen -mit einem Mal auf dem Eise stehen sah, dwars ab von -Blankenese, hart am Rande des Fahrwassers. Störtebeker -stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt, und -winkte. -</p> - -<p> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -„Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat -mörre Is?“ -</p> - -<p> -„Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,“ rief der -Junge, „du büst jo so fohrn.“ -</p> - -<p> -Kap Horn aber machte Weiberlärm: -</p> - -<p> -„Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht -harrst du inne Wok oder innen Lock kommen kunnt?“ -</p> - -<p> -Aber Störtebeker sagte ruhig: „Dorför hett de Minsch -doch Ogen, Kap Horn!“ -</p> - -<p> -Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und -überlegte, was er tun sollte. -</p> - -<p> -„Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß -ne mihr rup,“ ließ Hein Mück sich vernehmen, aber Störtebeker -rief: „Dat gläuf ik, du Bangbüx! Non, Adjüst, -Vadder!“ -</p> - -<p> -„Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?“ -</p> - -<p> -„Jo, dat is jo nix, Vadder!“ -</p> - -<p> -Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: „Ümschicken -kannst du em nich, Klaus, dat geiht nich: he -kummt uns innen Lock un buddelt weg!“ -</p> - -<p> -„Dat hebb ik ok all dacht,“ stimmte der Schiffer besorgt -zu, denn auch er hatte kein Vertrauen mehr zu dem -mürben Eis mit den zahllosen Löchern und den großen -Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge -es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, -bis an die beständig abbröckelnde Kante. -</p> - -<p> -„Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is -Schicksol: de Jung sall mit no See! Nimm em mit!“ -</p> - -<p> -„Dat woll jüst ne,“ lenkte Klaus ab, „dat is noch to -kold buten un Gesa weet dor ok jo nix van af: ober an -Burd weut wi em man mol hieven! Wi geeft em denn -an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus. -Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!“ -</p> - -<p> -„Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!“ frohlockte -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Störtebeker und dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh -no See! -</p> - -<p> -Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und -fierten es ins Wasser. Klaus Mewes stieß eben nach dem -Eis hinüber, packte den Jungen samt der Kreek zwischen -die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück. -</p> - -<p> -Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich -freute, wie gesprächig er war, wie scharf er auf alles -achtete! Zumeist stand er bei seinem Vater im Rudergang -und half beim Steuern, sah aufmerksam auf Segel -und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest, -dabei konnte er sich aber doch nicht enthalten, an den -Streek zwischen Kirche und Apfelbaum zu erinnern: „Düt -mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!“ -</p> - -<p> -Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven „Ree“ -zu rufen und Hein Mück nach der Fock zu schicken, bis sein -Vater es wie der holländische Kapitän machte, dem der -große Friedrich in der Ems mit „Ree“ zwischen sein -Kommando kam, und sagte: „Mynheer, dat Ree kummt -mi to!“ -</p> - -<p> -Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die -Luken, zog Seemann an sich und ließ sich von Kap Horn -und von seinem Vater alles verklaren, was es zu sehen -gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts -kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen -verdiente. Da war Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen, -da war Blankenese mit den vielen Ewern und -dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen -Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um -die Hunderte von Krähen flogen, die dort ihre Nester -hatten, da war Falkental mit dem Taucherdampfer, mit -den Wracken und mit den zu Stein gewordenen Zementsäcken, -da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem -Feuerschiff, dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -roten Dächern, da war die Lühe mit ihrem hohen Deich -— und von allem gab es Geschichten zu erzählen. -</p> - -<p> -Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut -ihnen entgegen und zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel -und Besan konnten die fünf Stunden geruhig stehen -bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den Klüver -nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus -dem Nachthaus und suchte den Strom nach bekannten -Fahrzeugen ab, denen er seinen Jungen mitgeben könne, -aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und Lühjollen -ausmachen, die nicht in Frage kamen. -</p> - -<p> -So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten -sich zum Kaffee nieder. -</p> - -<p> -„Ik wull, dat geef brodte Schullen,“ rief Störtebeker -übermütig, „dor verlangt mi eulich no!“ Er ging aber -auch dem Groffbrot tüchtig in den Topp. -</p> - -<p> -Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn -Gesa Bescheid gewußt hätte, es wäre ihm von Herzen -recht gewesen, den Jungen an Bord zu behalten: aber so -ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und suchte -mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend -nicht an den Laden kam. -</p> - -<p> -Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche -Reise über das Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und -mit einem Mal sagte er mehr zu sich selbst als zu den -andern: „Junge, dat is jüst so as der Reiter und der -Bodensee!“ -</p> - -<p> -Gotts den Donner — Klaus Mewes verschüttete den -halben Kaffee und Kap Horn blieb der Brotknust im -Halse stecken, so verwunderten sie sich dieser Rede ihres -Speisemeisters. „Wat is dat?“ fragte der Schiffer zuletzt. -„Och nix.“ „Nix?“ „Ne, nix!“ „Ik will di gliek -bi nix! Hier vertillst oder du warrst afmunstert un -Klaus Störtebeker ward uns Kock,“ befahl Klaus. -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -„Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook, -dat is meist as Störtebeker sien Reis.“ -</p> - -<p> -„Upseggen!“ -</p> - -<p> -Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne -Tasse Tee! Hätte er doch nichts gesagt! Nun mußte er -in seine Koje steigen und sein Lesebuch aus dem Stroh -suchen. -</p> - -<p> -Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb -auf Klaus nicht verbeißen: „Jä, jä, Klaus Mees, du -kiekst un wunnerst di woll, dat he sien Leesbook noch -hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest -den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest -dor annen Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!“ -</p> - -<p> -„Jo,“ sagte Klaus Mewes, „ik wür son groten Döskupp: -man god, wat de Jungens nu all en Deel kleuker -sind. Non, denn legg los, Heinrich Mücke,“ setzte er gemütlich -hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann, -der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne -es zu wissen ... -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Den Reiter schauderts, er atmet schwer:</p> - <p class="verse">Da hinten die Ebne, die ritt ich her.</p> - <p class="verse">Da recket die Magd die Arm in die Höh:</p> - <p class="verse">Herrgott, so rittest du über den <em>See</em>!</p> - <p class="verse">An den Schlund, an die Tiefe bodenlos</p> - <p class="verse">hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!</p> - <p class="verse">Und unter dir zürnten die Wasser nicht,</p> - <p class="verse">nicht krachte hinunter die Rinde dicht,</p> - <p class="verse">und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,</p> - <p class="verse">der hungrigen Hecht’ in der kalten Flut?</p> - <p class="verse">Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;</p> - <p class="verse">es stellen die Knaben sich um ihn her,</p> - <p class="verse">die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:</p> - <p class="verse">„Glückseliger Mann, ja segne du dich!</p> - <p class="verse">Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,</p> - <p class="verse">brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!“ ...</p> - <p class="verse">...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille -Pause im Ewer, obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht -recht gefallen wollte, denn hinterher vor Angst sterben, -war nichts für ihn. Auch Störtebeker war still, so sehr -wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen -konnte. -</p> - -<p> -Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die -Schulter und sagte anerkennend: „Du kannst god beden, -Hein! Blief man giern betjen bi de Beuker: wennt weiht, -hest dor Tied genog to.“ Damit stand er auf und ging -an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen -Jungen zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon -Störtebeker wünschte, es möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, -damit er die Nacht und immer an Bord bleiben -mußte. -</p> - -<p> -Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt -und drehte richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief -und ihm die Sache verklarte. Jawohl, er nehme ihn -gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn -und Hein Mück an Deck. -</p> - -<p> -Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und -daß er von Bord sollte. Tränen standen ihm in den -Augen, als sein Vater ihn hinüberwriggte und Kreek -und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er selbst -übersteigen. „Adjüst, Störtebeker.“ „Jüst, Vadder!“ Er -konnte kaum sprechen, so traurig war er geworden, und -hatte für Jan Külper keinen guten Tag und guten Weg. -„Greut Mudder man un segg man, wi kommt bald mit -en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer -kummst du ok mit no See!“ -</p> - -<p> -„Jo,“ sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien -Snacken doch bloß no! -</p> - -<p> -Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ -die Jolle schwoien. „Adjüst, Störtebeker!“ riefen Kap -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Horn und Hein Mück, die auf den Luken standen, aber -der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort -mehr. Er war ganz krank und wollte nichts hören und -sehen. Er wollte auch den Ewer nicht mehr angucken. -Jan Külper hatte gedacht, einen munteren Fahrtgenossen -zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber -Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während -der ganzen Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr -ins Wasser. -</p> - -<p> -„Warr man ne seekrank, Störtebeker,“ sagte der Elbfischer -einmal. -</p> - -<p> -„Dor quäl di man ne üm!“ -</p> - -<p> -„Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,“ -drohte der Fischer. -</p> - -<p> -„Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben -wullt,“ rief der Junge patzig. Da goß Jan ihm -zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über den Kopf. -</p> - -<p> -Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu -Finkenwärder an. Am Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, -setzte Jan seinen mürrischen Passagier an Land. -Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek -in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach -dem Neß. -</p> - -<p> -Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine -Mutter schon rufen: „Klaus! Klaus! Klaus!“ Und er -sah, daß Leute bei ihr standen. Auch sein Großonkel, der -alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah, war auf -dem Deich. -</p> - -<p> -„Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch -woll bloß ween?“ -</p> - -<p> -„Hier is he!“ -</p> - -<p> -„Woneem, woneem?“ -</p> - -<p> -„Hier uppen Diek, Mudder!“ -</p> - -<p> -Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -ihn bei der Hand und führte ihn in die Stube und fragte, -wo er gesteckt hätte. Und als er seine Reise über das -Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter -und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne -jede kindliche Übertreibung, denn er hielt sich an das -Wort seines Vaters: Eulich wat beleben, denn brukt en -ok ne to legen! — da warf die Mutter sich schluchzend -auf den Tisch und sagte: „Haut ji em, Unkel, haut ji -em: ik kannt ne!“ -</p> - -<p> -„Hebben mütt he wat,“ erklärte der verbissene und -durch das viele Rufen gereizte Alte. -</p> - -<p> -„Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel -lot ik mi ne haun,“ sagte Störtebeker mit blitzenden -Augen, aber der alte Jäger, den das Schreien aus dem -Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: „Wat? Van mi -lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol -wies warrn!“ -</p> - -<p> -Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, -dann aber war ihm auch das einerlei: mochte -er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über Bord werfen -wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen, -ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen -funkelten: dat ward ne vergeten! Diese Ruhe brachte -den Alten noch mehr auf und er schlug ihn ärger, da warf -sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden -auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen -nicht zu brechen war, daß er sich lieber krumm und lahm -prügeln ließ, ehe er einen Laut von sich gab. -</p> - -<p> -„Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder -uppen Bitt, ik will woll alleen mit em klor warrn,“ -bat sie dringend. Der Alte ging mit einem bösen Blick -hinaus und brummte noch auf der Diele. -</p> - -<p> -Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem -Schuster vorhalten. „Dat betjen Hoveree,“ sagte er verächtlich, -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -„wat he dor son Larm üm moken mag! Harrst -em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben kunnt!“ -Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn -Narren gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das -Fenster eingeworfen wäre. -</p> - -<p> -Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich -zu Bett. Nach dem langen, ereignisreichen Tag schlief er -schnell ein. Er dachte noch: wenn ik irst an Burd bün, -denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as Mudder: -— dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab. -</p> - -<p> -Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett -schlich und ihm in das stille, braune Gesicht sah! Lange -Zeit sah sie ihn an und bat ihm ab, daß sie ihn hatte -schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja nicht -anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn -gelehrt hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: -sie beugte sich über ihn und küßte ihm den festgeschlossenen -Mund. Bei Tage hätte sie das nicht tun dürfen: er hätte -sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen Kinderkram, -wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster -gesprungen, als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte. -</p> - -<p> -„Mien Jung büst du doch,“ flüsterte sie zärtlich und -strich ihm über das Haar, da regte er sich und sagte -halblaut: „U, Vadder, kiek mol dat grote Schipp!“ -</p> - -<p> -Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: -er steht schon wieder bei seinem Vater an Bord — und -du, Gesa? -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -Fünfter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker -tat, daß er auf den Deich lief und nach dem Wetter guckte. -Und er freute sich, als der Wind wehte, daß die Ewer -im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so kam -auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -da. Denn sein Vater, sein Vater! Danach fragte er, -das ging ihn an: ohne den war es nichts, ohne den wußte -er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und ohne den -Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken -ging es noch, als er in behaglicher Breite von -dem Segeln und Kreuzen sprach, wie weit sie wohl schon -wären, ob das Boot wohl schon wieder aufgetallt wäre, -ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und -andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im -Türloch stand, da war er wieder ganz allein und wußte -nicht, was für einen Weg er einschlagen solle. Zuletzt -dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete -den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine -Lage frischen Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem -Gehabe zurechtlegte. Danach ging er an dem Graben -entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater noch mit -unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein -Hecht, noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle -krabbelte an dem mittleren Reifen und sprang eilig ins -Wasser zurück. Der Junge stellte das Netz auf einer -anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem Binnendeich, -um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den -durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein -Vater auf See eingezogen hatte und die nun vor dem -Deichsiel im fließenden Wasser lag, aufs Trockne und -überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er drinnen -hatte, noch springenlebendig waren. -</p> - -<p> -Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon -verwaltet. Was sollte er nun noch tun? Wenn sein Vater -da war, hatte er alle Hände voll: nun war er eigentlich -arbeitslos. -</p> - -<p> -Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, -spielten die Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe -und Tickfast. „Speel doch en betjen mit de Kinner,“ -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die Hühner -fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit -aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob -er mitspielen wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen -spiele er überhaupt nicht: er wäre doch kein Mädchenkönig! -Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder Hahnensehen -mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann -hätte er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe -bleiben — und deshalb wurde es ihm bald über, -da Gevatter zu stehen, und er kehrte ihnen den Rücken. -</p> - -<p> -Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr -auf dem Nacken und den Sack mit den Lockenten auf dem -Rücken und wollte wilde Enten schießen. Juno, der große, -braungefleckte Hund, lief neben ihm her. -</p> - -<p> -Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er -dachte an die Schläge vom Abend vorher, aber der Alte -hatte seine Wut verschnarcht und sagte vergnügt: „Meun, -Klaus Störtebeker!“ Störtebeker dachte aber: snack, soveel -du wullt, wat geiht mi dat an, — obgleich die -Enten durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun -und er gern einmal in den Sack geguckt hätte, auch von -Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre. -</p> - -<p> -Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels -und wartete, daß einige von seinen Mackern kommen -sollten, mit denen er in die Pütten oder nach der Wisch -ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter -hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die -Runde mit den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise -über das Eis war schon bekannt geworden. Ihre Jungen -sollten sich nicht mehr mit dem Buschräuber abgeben, -riefen die Frauen einander zu. -</p> - -<p> -„Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß -no den Störtebeker, hest mi verstohn?“ „Jo, Mudder!“ -</p> - -<p> -In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -zur Hand und lief mit dem Bambusstock grabenauf -und grabenab, um einen Hecht zu erwischen, aber er -hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig genug, -die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, -sie schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher -kam. Einmal gewahrte er einen großen Hecht, der gut -gegen die Sonne stand: behutsam tauchte er die goldige -Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen, -und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch -anfänglich gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: -wenn er hinter den Kiemen war, wollte er rasch zuziehen -und den Hecht aufs Land schnellen, aber da strich -eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi -Pundsheek gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im -Wasser. -</p> - -<p> -„Du verdreihte Jakob du!“ rief Störtebeker ärgerlich -und warf mit einem Kluten nach ihr, dann gab er die -Feekfischerei auf und zog mit seinem runden Netz nach -der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war lohnender: -er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke -Weibchen und graue, dünne Männchen. Den größten Teil -bekam die Mutter, die sie für die Hühner kochen wollte, -den Rest aber machte er, auf der Bank unter den Linden -sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für Kluß -zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt. -Die alte Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den -Schmaus durch die Maschen des Kastens stopfte. -</p> - -<p> -Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock -setzte und ihr ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, -die sie lernen sollte: „Höh, Klaus Mees!“ da sprang -sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als wenn sie -schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den -Schnabel, als wenn sie um weiter nichts als um neue -Stichlinge verlegen wäre, sie krächzte auch einmal, aber -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der Junge sich -auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach -getaner Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen, -wenn er in den Hof hineinging und es mit einem -Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich sollte die Krähe -lernen: De Jung mütt no See! — aber das sollte -nun erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld -freilich noch nicht groß. -</p> - -<p> -„Du büst dummerhaftig, Kluß!“ sagte Störtebeker -ärgerlich, „wenn du ne bald snackst, bring ik di keen -Steengrimpen mihr her.“ -</p> - -<p> -Nach dem Mittagessen — Plummensaus gab es, eine -Götterspeise für ihn — machte er sich ans Knütten und -dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage vorher zwischen -seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen -und Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, -die Nadel flog nur so, aber nach anderthalb Stunden sah -er ein, daß es ohne seinen Vater doch nichts schaffte. -</p> - -<p> -Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und -goß den Kahn leer, der immer noch etwas Wasser machte. -Kalfatert mußte der werden, das war ein Apfel, und -wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, -hätten sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl -allein dabei. -</p> - -<p> -Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie -fischten wohl schon und hatten bald die Reise! Wenn -sie doch schon morgen kämen oder übermorgen! -</p> - -<p> -Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten -baumelten an der Tasche und machten ihn guter Laune. -</p> - -<p> -„Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du -schallst Afbitt don,“ stichelte er, aber der Junge ließ sich -nicht in die Kneife bringen. „De ward fix nattgoten,“ -sagte er gleichmütig, dann aber besann er sich, schluckte -den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich, -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen, -Juno zu streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war, -und die Flinte zu tragen, denn er wollte nun doch gern -einmal wieder mit auf die Jagd, bis sein Vater kam. -</p> - -<p> -„Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik -mit mien Kohn schippern kann.“ -</p> - -<p> -„Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt -woll anner Wetter,“ sagte der Jäger und sah den -Heben an. -</p> - -<p> -Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, -die dreierlei wissen wollten. -</p> - -<p> -Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen -hatte, denn dann wollten sie einen Bock und eine Eve -bestellen. -</p> - -<p> -Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle -Fenster eingeschlagen hatte, denn das war am Deich erzählt -worden. -</p> - -<p> -Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken -war, denn dann wollten sie gleich Ostermoonen beuten. -Streichhölzer hatten sie eine ganze Schachtel voll in der -Tasche. -</p> - -<p> -Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen -die Eve. „Ik weet ne, veel lütje Munkis dat ik krieg, -Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor söben van ward, -denn kriegst du noch twee.“ Wegen des Schusters ließ -er es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter -bezahlt hatte, und sagte: „De Lüd snotert sik wat trecht, -Hein!“ Der Feek sei noch mistnaß und für Ostermoonen -sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich wohl -eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien? -Wenn es soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen -Rauch trecken sehen. „De Rietsticken geef mi man, Ott, -dor kannst du lütje Boitel doch noch ne mit ümgohn, -de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.“ Damit -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -entriß er dem Jungen die Schachtel und steckte sie -in die Tasche. Er wies ihnen noch Kluß und die angefangene -Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und die -Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er -sie um, denn er sah die Gören vom andern Ende doch -nicht ganz für voll an, und wenn nicht die Bestellung -gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit ihnen -abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen -halten. -</p> - -<p> -Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor -drei Tagen so schlecht bekommen war, ging er doch wieder -an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn, um sich seefest -zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht. -</p> - -<p> -In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang -und Graupen und Zucker vom Krämer holen. Damit -war sein Tagewerk beendigt. -</p> - -<p> -„Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all -wedder,“ sagte er zuversichtlich, als er die Stiefel auszog. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch -die anderen Tage aus, ohne rechte Lust und rechten Wind, -und wartete auf den großen, schönen Ewer mit den hohen, -braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und -weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater -aufkommen konnte, stand er stundenlang auf dem Deich -oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder er saß im -Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den -vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen -Ewer und einen blauweißen Stander, der von Godefroo -bis zur Nienstedter Kirche wehen mußte, nicht länger, -wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar -wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -des angetriebenen Schilfes, am Westerdeich, auf das -Schmelzen des Eises, auf die Besserung der Grabenfischerei, -auf das Jungen des Kaninchens und auf das -Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur -Kleinigkeiten gegen das große Warten auf seinen Vater. -</p> - -<p> -Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern -stand auf der Neßhuk nur noch eine alte Kate, in der -Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau, die im Winter -Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm -sie die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen -Schornstein, und aller Torfrauch sammelte sich auf der -Diele, die die beste Rauchkammer weit und siet abgab. -Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch suchte -sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill -war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten -Leben und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe, -die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr nicht, -aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand -verdarb es gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der -sie schief angeguckt hatte, war es schlecht ergangen, er -hatte den Mast abgebrochen oder andere große Haverei -bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. -Manch einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben -glaubte und nicht fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher -gehörig ausgeräuchert zu haben. Man mußte Thees -to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst -Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses -Weibes. -</p> - -<p> -Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und -sie zwischen den Eschen zum Trocknen aufgehängt. Nachts -wachte er mit einem Mal auf und es trieb ihn, aus dem -Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht -zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine -Kurre berührte. „Nu bün ik behext,“ dachte er. Am -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Morgen besah er die Kurre genau und fand einen Pfennig, -in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und -vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte -er das Netz auf der ersten Reise gleich an den Steinen -zerrissen. Also sprach Thees to Baben. -</p> - -<p> -Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts -hielten, war Klaus Mewes, der Lachende, und als er -einmal darüber zukam, als Gesa dem Jungen einschärfte, -doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel -und keine Birne, da sagte er ernsthaft: „Mudder, gläuf -doch ne an Hexen un sowat. De arme Froo kann ne -mihr as du. Wat schull de den Jungen woll geben? De -freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!“ Und dann -sagte er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr -nach seinem sicheren Gefühl zugefügt hatte: „Wi hebbt -noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker, un bring -Sill de hin!“ Der Junge tat es: Sill war vergnügt und -wollte ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht -gleich einen finden und sagte ihn für später zu. -</p> - -<p> -Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn -kam, dachte sie daran, klinkte die Tür auf und sagte: -„Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns hebben.“ -</p> - -<p> -Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich -erst um, ob ihn die Mutter auch sah. Als die Luft rein -war, trat er auf die dunkle Diele, denn bange war er -nicht. „U, Sill, wat bitt de Rook mi inne Ogen,“ rief er. -</p> - -<p> -„Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen -god för de Schinken,“ sagte die Alte und kroch in das -Kellerloch hinein, das unter den Wandbetten war. -</p> - -<p> -„Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to, -Sill?“ -</p> - -<p> -Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher, -wie ein Schwein im frischbestreuten Koben. Zu sehen war -gar nichts mehr von ihr, nur noch zu hören. Ein anderes -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine in -die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon. -</p> - -<p> -„Wat seggst du, Junge?“ -</p> - -<p> -„Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?“ wiederholte -er lauter. -</p> - -<p> -„Jo, all mien Schinken.“ -</p> - -<p> -„Diern, denn kannst du di woll frein!“ -</p> - -<p> -Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah -ihn mit glühenden Augen an. „Is dat de Katt oder de -Koter, Sill?“ -</p> - -<p> -Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung -auf, wie der Geist von Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme -in den Haaren und zwei Äpfel in der knochigen -Hand. -</p> - -<p> -„Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De -Katt hett Junge: wenn du Lust hest, kannst jüm offermorgen -all versupen.“ -</p> - -<p> -„Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,“ sagte er gemütlich, sie -aber gab ihm die Äpfel und bemerkte dazu, es seien die -letzten, die wären für die Fische von damals und er solle -sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne Danke -an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den -beißenden Rauch nicht mehr aushalten. -</p> - -<p> -Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, -und betrachtete die schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein -die rochen! Ob sie wohl behext waren und ob er wohl -krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte -es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und -sein Vater war der Oberste für ihn: er wollte sie getrost -essen. -</p> - -<p> -„Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat -sünd dat för Appeln?“ — rief die Mutter, die mit -einem Mal neben ihm stand. O weh — das hätte nicht -kommen dürfen. „Kantappeln, Mudder!“ „Keen hett di -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -de geben?“ Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten -hatte! Nun mußte er mit der Wahrheit an den -Tag. „Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.“ -</p> - -<p> -„Her de Appeln!“ -</p> - -<p> -„Och, Mudder!“ -</p> - -<p> -„Her de Appeln, de schallst du ne upeten!“ -</p> - -<p> -„Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen -Appeln mihr hatt!“ -</p> - -<p> -„Giffst du de her, Klaus?“ -</p> - -<p> -Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger -und nahm sie ihm weg. Hastig steckte sie sie in die große -Tasche, die sie unter der Schürze trug, und ging ins Haus -zurück. Störtebeker lief hinterher und versuchte, sie ihr -wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie war -unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete -sie heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde. -Und als er sie später aus der Tür kommen hörte, da -versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter der dicken -Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, -dann lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte -die Äpfel hinein, um die Hexerei unwirksam zu machen. -</p> - -<p> -Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen -kam und die Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah -er sie nicht lange, sondern wischte sie schnell an der -englischledernen Hose ab und steckte sie in die Tasche. -Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in -seinem Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits -stehenden Esche gebaut hatte, betrachtete er sie wieder -und aß sie dann mit großem Behagen auf, ohne bange -zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu -schmeckten sie viel zu gut. -</p> - -<p> -Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein -gelber Prinzapfel auf dem Tische und die Mutter sagte: -„Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een van uns egen Appeln -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne -krank van. Den et man up.“ -</p> - -<p> -Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, -aber er sagte doch: „Van wegen beter, Mudder, dat will -ik di man seggen: ik mag Kant leber as Prins!“ -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine -hohe <a id="corr-3"></a>Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in -tausend Stücke, schob das meiste davon auf den Deich -und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten -Regen und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel -und Schlickhaufen im Gras. Nun hatte Störtebeker -freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er konnte -wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß -er eben vor der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab -treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem -Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen aus und -harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, -denn jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. -Zehn Tage war er schon weg. Die Dünung der Dampfer -tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, — das erfreute -ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden. -</p> - -<p> -Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster -vorbeigeschleppt wurden, warf er den Kopf in den Nacken -und guckte nach den Rahen und Masten hinauf. Dampfer -sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater -nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn -nicht gut auf sie zu sprechen war. Was da sonst noch -segelte und kreuzte, Dreuchewer, Jalken, Kuffen, -Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor -seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper -bei ihm. -</p> - -<p> -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren -Schiffe für ihn, denen wriggte er entgegen und die begrüßte -er: „Hebbt ji Vadder ne sehn? Hett he ne bi jo -fischt? Kummt he bald?“ Wußten die Fahrensleute dann -mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, -dann drehte er einfach seinen Kahn so, daß sie -seinen Namen „Klaus Störtebeker“ lesen konnten, — dann -wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder nein, -sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten -ihn nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein -oder er wäre nach der Weser gesegelt. Es waren auch -Schelme da, die riefen, sein Vater sei nach Janmerika gefahren -und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte, -die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, -sondern am Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten -hören wollte: daß einer sagte: „Dor seilt dien Vadder, -dor achter: schipper em man inne Meut!“ — das bekam -er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er -nicht zu sehen, so weit er auch blickte. -</p> - -<p> -Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich -zu winken und die Frauen zu grüßen: er sah es mit -einem bitteren Geschmack im Munde. -</p> - -<p> -Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er -dann noch den Deich entlang mußte, benachrichtigte er -wohl die Frauen, deren Männer aufgekommen waren: -Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man noch -mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein -is upkommen, hett tweehunnert Stieg Schullen. Und -wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wußten, -wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich -doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker -freundlicher an, um so eher, als er nicht für Geld ansagte, -wie die andern Jungen, die sich gemeinsam ein -Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -auf Teilung unterhielten. -Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. „Behol -man, ik verdeen Gild nog mit mien Fisch un mien -Kninken,“ sagte er, wenn ihm eine einen Groschen geben -wollte. -</p> - -<p> -Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer -Manofwar, ein deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. -Schon von Schulau an hatte es sich durch langgezogenes -Heulen bemerkbar gemacht — langsam glitt es -nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem -solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen, als er -gedient hatte. An der Reeling standen viele Mariner und -guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon mitten -auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte -ein Matrose und rief: „Hallo, Störtebeker!“ Das war -Jan Greun, der auf der anderen Seite von der Stegel -wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern! -</p> - -<p> -„Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, -du würst in Schino!“ -</p> - -<p> -„Lurst du up dien Vadder?“ -</p> - -<p> -„Jo, Jan! He kummt man bloß ne.“ -</p> - -<p> -Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den -Kanonen losballern, auch fragte er Jan, ob er seine -Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff vorüber -und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes -gegen die anlaufende, große Dünung drehte. -</p> - -<p> -Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, -und als der Junge in gewohnter Weise fragte, da -bekam er die Antwort: -</p> - -<p> -„Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett -ok de Reis, he is ober no Bremerhoben gohn! Segg dien -Mudder man Bescheed!“ -</p> - -<p> -„Is dat eulich wohr, Hein?“ -</p> - -<p> -„Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?“ -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. -Nach der Weser war sein Vater! Das konnte ja -schön werden, denn das letzte Jahr war er auch immer -dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte: -wenn du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst -dor woll gliek söben Mol no de Ratt hin! Nun konnte -es wieder so kommen, daß er immer dahin segelte. -</p> - -<p> -„Mudder, weest, neem Vadder is?“ fragte er, als sie -beim Kaffee saßen. „In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein -Rolf snackt, de hett bi em fischt!“ -</p> - -<p> -„Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und -an Land is,“ sagte die Mutter erfreut. -</p> - -<p> -„He harr ober man no Hus kommen müßt,“ sagte er -darauf, „wat deit he no de Wesser hin?“ -</p> - -<p> -„Dat mütt Vadder sülben weten,“ erklärte sie aber, -„dor is he dichter bi de See un hett dor ok woll noch -en beter Markt as boben an Altno.“ -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige -Zeitung des Deiches, am andern Morgen, daß so viel -Schollen oben an der Brücke wären, daß kein einziger -Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und -hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die -sie den Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese -sich auch nur umguckten. Da sah Gesa ihren Jungen an: -doch man god, wat Vadder no de Wesser is! — aber -Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen -sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht -noch slechter! -</p> - -<p> -Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken -Zwillinge bekommen hätte — twee lütje Jungens, ober -krekel un gesund! — daß Hinnik Bott seinen Ewer kondemmen -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See -über Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte -sich noch lange über Wasser gehalten, aber sie hätten ihn -nicht wiederfinden können, weil es so dunkel gewesen wäre. -„Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!“ hätte er immer gerufen, -bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel -hätten ihn zuletzt hinuntergezogen. „Is man en Butenlanner, -Gorch hett he heten, ober wat is dat bedreuft,“ -schloß die Frau. -</p> - -<p> -Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten -Kurrbaum, der noch die Zeichen H. F. 125 trug, und -hörte zu. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -Sechster Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge -aus, die zwei große Löcher hatte; entweder war ein Hecht -hindurchgeschossen, oder der Bauer hatte sie mit Willen -entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der Briefträger -den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte -er an einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch -nicht fragen. Erst, als er Jan Beier in das Schütt gehen -sah, ließ er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein. -</p> - -<p> -„Van Bremen, Gesa,“ sagte der Briefträger gerade -und gab seiner Mutter einen Brief, wobei er den Herd -mit den Augen streifte und lüsterte, ob der Kessel über -dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte, -hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel -aus der Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch -und sagte: „Hunnert Doler, mien Diern!“ -</p> - -<p> -„Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!“ rief Störtebeker -aus, als er die Goldstücke sah, dann aber wurde -er nachdenklich und sagte: „Wat kann dat angohn? Wenn -Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter -Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?“ -</p> - -<p> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -„Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,“ antwortete -der Postkerl geheimnisvoll. -</p> - -<p> -Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und -tat Rum und Zucker hinein, denn es war Jan Beiers -herkömmliches Recht, daß er einen Grog verlangen konnte, -wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf -den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, -holte das rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich -die Stirn, obgleich ihn gar nicht schwitzte, dann ließ er -eine kleine Rede über den langen Weg und sein Alter -los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu -rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte -den Grog liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, -er probte, wie ein Weinküfer, mit geschlossenen Augen, -und nickte, zum Zeichen, daß er gegen das Verhältnis -der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich aber -trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: -„Dat Glas kannst du utlicken.“ -</p> - -<p> -„Ik bün keen Restensuper,“ sagte der Junge verächtlich -und schob das Glas von sich, Jan Beier aber machte sich -reisefertig, nahm seinen Gutentagstock aus der Ecke und -ging aus der Tür mit den hergebrachten Worten: „So, -nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!“ -</p> - -<p> -„Jüst, Jan!“ -</p> - -<p> -„Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!“ rief -Störtebeker bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell -in die Kommode und verbot ihm, es am Deich zu erzählen, -wieviel sie bekommen hatte. Dann machte sie den Brief -auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand: -</p> - -<p class="center"> -Klaus Mewes, Finkenwärder, -</p> - -<p class="noindent"> -ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. -„Se findt mi ok so,“ pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, -wenn Gesa ihm das vorhielt. -</p> - -<p> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, -wie er geschrieben, und dann plattdeutsch, wie er gemeint -war. Diese Briefe von der Fahrt waren einander -dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte, -sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er -dann nur noch auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum, -die Geldsumme. -</p> - -<div class="letter"> -<p class="date"> -Bremen, den 29. März 1887. -</p> - -<p class="adr"> -Liebe Gesa! -</p> - -<p class="noindent"> -Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg -gehabt und 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. -In Bremerhaven war es zu voll, deshalb sind wir -raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen. Diese -Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre -Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das -Markt ist ja immer so schlecht auf der Elbe. Wenn -Störtebeker mitgegangen wäre, hätte ich ihm schön -Bremen zeigen können. Wir sind noch gesund und -munter, was ich auch von Euch hoffe. -</p> - -<p> -Jetzt will ich schließen. -</p> - -<p> -Mit Gruß an Dich und Störtebeker -</p> - -<p class="sign"> -Dein Mann Klaus Mewes. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: „Och, de -scheebe Weg no Bremen!“ Das war eine Redensart am -Deich. Und bei der Stelle: Bremen zeigen: rief er: „Jo, -dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!“ Die -Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol -Bremen wiesen? Und sagte ein Junge ja, so faßten sie -ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Höhe und -fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis -er gequält ja sagte. -</p> - -<p> -Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -zufrieden, denn sein Vater wollte ja noch länger nach -der Weser fahren. Verdrossen ging er wieder an seine -Arbeit. -</p> - -<p> -Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? -Nachher, wenn er erst mit an Bord war, konnte es seinetwegen -gern immer nach Bremen gehen, aber erst sollte -sein Vater kommen und ihn holen! -</p> - -<p> -Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er -sein Netz nach dem Schauer und heilte dort weiter, unter -den großen Namenbrettern gestrandeter Schiffe aus der -alten Zeit, als noch gute Beute zu machen war, <em>Büt</em>, -wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf Großvogelsand -strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer -Klipper mit Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der -Schauer hinter dem Deich trugen diese Namenbretter als -Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine Inschrift, wie -„Kalliope“, „Ceres“, „Fare well“ oder „Merkur“. -</p> - -<p> -Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter -auf, davon zwei mit Goldbuchstaben, und über -dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau, -die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen -umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt — nun von -Spatzen umpiept, von Hühnern umgackert. -</p> - -<p> -Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur -eins angemacht, das mit der goldenen Inschrift: -</p> - -<div class="boxes"> - -<p class="box center antiqua"> -Suzanne — LE HAVRE -</p> - -</div> -<p class="noindent"> -die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen -Beutemacher, und hießen: -</p> - - -<div class="boxes"> -<div class="box2"> - -<p class="box left antiqua"> -HOFFNUNG -</p> - -<p class="box right antiqua"> -Goede Verwachting -</p> - -</div> -</div> - -<div class="boxes"> -<div class="box2"> - -<p class="box left antiqua"> -HAABET — SKIEN -</p> - -<p class="box right antiqua"> -MARY THOMPSON -</p> - -</div> -</div> -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene -Fischerei in diesen Tagen besser wurde, er fing beinahe -jede Nacht etwas. Und weil sein Vater in den ersten sechs -oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen konnte, er -also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, -warf er sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam -die Bunge fertig. Der Jäger stellte sie ihm ein und -dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt saß das -Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen -und Karauschen und er mußte daran denken, sie an den -Markt zu bringen. -</p> - -<p> -Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal -gebrauchte, denn er konnte nicht bitten, wie er nicht -danken konnte. Gesa mußte hin und Hannes Husteen -fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf nehmen -wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: „Frog -em man sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,“ da -sagte er aber kurz und bündig: „Non, denn ist god, denn -lot de Fisch man all krüssen, denn lots man dot blieben.“ -Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er -selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer -gelaufen: sie dachte aber nicht daran, sondern tat den -Gang für ihn. -</p> - -<p> -„Will he jüm mithebben, Mudder?“ -</p> - -<p> -„Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek -rup!“ -</p> - -<p> -Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief -damit nach der Jolle, die im Sielgraben lag und schon -ungeduldig mit dem Segel giekte, und hängte sie in den -Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige Einwendungen: -wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik -jüm los warr ... de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de -Hökerwieber man nehmt ... Als Störtebeker aber sagte: -„Denn schallst du jüm gorne mithebben, du Bangbüx,“ -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der -Elbfischer ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und -die Fische so teuer als möglich zu verkaufen und wenn -er sie dem Bürgermeister von Hamburg selbst ins Haus -bringen müsse und die Tide darüber versäume. -</p> - -<p> -Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag -für ihren Jungen ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau -ankommen sah, versteckte sich schnell, damit -er nicht Danke zu sagen brauchte. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er -den Weg nach der Elbe ganz vergessen hätte. Bald kam -eine Kunde von Geestemünde, bald von Vegesack oder -Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von -Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher -hinein und versorgte die ganze Unterweser mit springenlebendigen -Klapperschollen und mit Finkenwärder Plattdeutsch. -Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste, -Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, -wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand -und seine Fische pries. Nach dem Elbdeich kamen nur -Briefe und Anweisungen auf Geld. -</p> - -<p> -Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte -seiner Mutter gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags -tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker. Nach dem -Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus, denn der -Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja -schon bald aus, wenn er fragte. -</p> - -<p> -Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit -anfangen solle, wenn die Eve nicht sieben Junge gekriegt -hätte, die ihm viel Arbeit machten, und wenn nicht die -Tage der Ostermoonen angebrochen wären. -</p> - -<p> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden, -wenn die Sonne höher steigt? Die alte Heidenfreude ist -es, die Freude an der Welt, an der Sonne und am Licht, -die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen ihr ferner -und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber -wie das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das -ausgewachsene, entwickelte, so steht auch das Kind dem -früheren Menschen näher als der Mann: es horcht auf -Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr Eltern -und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es -jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind — straft es -nicht um seine Osterflammen! -</p> - -<p> -„Johannisfeuer bleibe unverwehrt!“ -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel -aus Schilf, Reet, Binsen und Gras, das die winterlichen -Sturmfluten zusammengeworfen hatten, und als die Sonne -es etwas getrocknet hatte, da wurde es hümpelweise in -Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus -Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden -Tag, an dem es nicht mit Mulden goß, den Westerdeich -belebte. Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben, -und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer saß, so -qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams -eines Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die -Jungen lagen daneben, pusteten und husteten, machten -an der Windseite Luftlöcher, schleppten wieder Feek herbei -und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der -bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -durchzog und vom Neß bis nach dem Audeich zu riechen -war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein, die größte Ostermoon -zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie. -</p> - -<p> -Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte -in der Kirche gegen den heidnischen Greuel, der Polizist -vertrieb die Jungen, die Bauern hetzten sie mit den -Hunden, die Frauen taten alles mögliche, — aber die -Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich -immer wieder zusammen und steckten die Feuer wieder -an. Rauchgeschwärzt saßen oder standen sie bei ihren -Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer von ihnen -Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, -so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen -Inselgewirr der Püttensümpfe, zog die Bretter ab -und saß in den Erlenbüschen, hinter dem Reet und den -dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker -war der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch -der erste, der wieder aus den Pütten kroch, und vergaß -niemals zu sagen: „Ik bün obers ne bang, Jungens!“ -Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig -räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal -eine alte Wichel in Brand zu setzen. Abends wusch er -sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt -nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu -quälen. „Lot man brinnen,“ sagte er zu seiner Mutter, -wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen -besorgten Frauen hinlief und die Flammen dämpfte, damit -nicht alle Bäume in Brand kommen sollten. -</p> - -<p> -Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen -müßten sein: sein Vater hätte sie als Junge auch -gehabt, so verteidigte er sich und fand am andern Morgen -wieder den Weg nach dem Westerdeich. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker -Matrose, der hieß Harm Külper und konnte von seinem -Bett nach dem Westerdeich sehen. -</p> - -<p> -Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor -Jahren aus der Heimat gegangen — als ein kranker, -schwacher, stiller Mann war er vor Wochen zurückgekommen. -Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, -um den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die -Leute noch gegrüßt, die vor den Türen gesessen hatten: -aber es war ihm doch nicht möglich gewesen: beim Kirchenweg -sackte er um und mußte nach dem Neß getragen -werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein -Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter, die -laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht. -</p> - -<p> -In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn -gepackt und niedergeworfen. Nun lag er im Bett und -wartete auf den Tod, denn er fühlte, daß er nicht wieder -gesunden könne. Die große Fahrt war aus — über sein -Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht -worden, den er nicht wegwischen konnte. -</p> - -<p> -Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter -ging in schwarzen Kleidern und die unteren Fenster waren -dicht verhängt. Sein Vater und sein ältester Bruder -waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er butenlands -gewesen war. -</p> - -<p> -Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen -Augen sah er sie an, als wenn er noch im deutschen -Hospital läge und träume. Er sprach nur noch selten: -an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die -Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage -vor sich hin. Mit fünfundzwanzig Jahren den Tod bei -der Hand fassen: wie das Seemannsherz sich dagegen -wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Segel ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie -nicht wieder zu machen waren. -</p> - -<p> -Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus -Störtebeker, der jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon -ansteckte. Der brachte noch ein Lächeln in das -ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken -bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, -Klaus, hürst? ... Kiek, hier! Dat schall fluckern un -räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm! ... Jo, hier -is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat -fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en -feine Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune -Ostermoon, Klaus Störtebeker! ... -</p> - -<p> -„Säst du wat, mien Jung?“ fragte die Mutter besorgt, -die ihn sprechen gehört hatte und von unten gekommen -war. -</p> - -<p> -„Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, -Mudder, ik much giern mol mit em snacken,“ bat er. -</p> - -<p> -Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, -wie er bei seinem Feuer gestanden hatte, geschwärzten -Gesichts, und ließ sich ausfragen von dem todkranken -Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und seinen -Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am -meisten aber von seinem Vater und daß er den Sommer -mit nach See wolle und solle. Dann aber fing er -an zu fragen: nach den großen Schiffen und den -Schwarzen, nach dem Fliegenden Holländer und nach -Amerika. Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen -hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre, was Kap -Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der -alle Schiffe hindurch müßten. -</p> - -<p> -Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des -Jungen. Er schaute in dessen Augen wie in einen Spiegel -hinein und sah seine Kindheit wieder, die er verloren -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis die -Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. -Da schenkte er ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das -er in den Passaten, als die Segel wochenlang stehen -bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt hatte, und -nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle -Tage wieder heraufzukommen. -</p> - -<p> -„Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all -een,“ sagte er zu seinem Bruder. „Herrgott innen Heben, -wat förn mooi Leben hett de nu noch vör sik — un mien -is ut! Mien is ut! Ik bün beet!“ stöhnte er und kehrte -das Gesicht gegen die graue Wand. -</p> - -<p> -Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören -konnte, die Mutter aber setzte sich zu ihm und -streichelte ihm die Backen, bis er ganz still lag. Dann -sagte sie: „Harm, hür mol to: ik will mol mit di snacken.“ -</p> - -<p> -„Och, lot mi doch, Mudder!“ -</p> - -<p> -„Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so -vörn Harten, dat ik ne mihr slopen kann. Jan, dien -Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut de Schol is! -Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh -to Woter, wenn he ne an Land blifft!“ -</p> - -<p> -Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort: -da glaubte sie, daß er eingeschlafen sei, und schlich auf -Socken hinaus. Er hatte aber nur keine Antwort geben -wollen. -</p> - -<p> -Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, -er hatte keine Zeit für sie, denn er war mit seinem -kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte dessen -Segel- und Manövrierfähigkeit. -</p> - -<p> -Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger -Tag. Weiße Wolken kamen im Westen aus der See gestiegen -und segelten wie Lustkutter auf dem blauen Luftmeer. -Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken -konnte, und wartete auf Störtebeker. Die Mutter kam -herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, und fragte, -ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach -der Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden. -</p> - -<p> -Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange -auf, sondern stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, -um das Dankesfeuer zu entfachen. Nach kurzer -Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche, wie -Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das -schöne Vollschiff! -</p> - -<p> -Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff -ihn mit einem Male der Gedanke: jetzt muß ich -sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis er sich -ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! -Da kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz -verging und all das Tote, Dumpfe, das auf ihm und -in ihm gelegen hatte, wich einer wunderlichen Leichtigkeit -und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß und -schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, -atmend und lachend lag die See vor ihm, die große, weite -See, und hohe, stolze Drei- und Viermaster segelten wie -Königsschiffe vor dem Winde! Wie leuchteten ihre goldenen -Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand -auf der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis -saß der Norweger und spielte auf der Harmonika: über -ihm aber wölbten sich die gewaltigen Segel, von der -Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine -spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten -über dem Heck! Und der Norweger spielte, bis die weißen -Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser -sank ... -</p> - -<p> -„Jan?“ -</p> - -<p> -„Wat schall ik, Harm?“ -</p> - -<p> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht -sitzen wollten, und sah verdrießlich von seinem Katechismus -auf. -</p> - -<p> -„Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. -Du schallst ne no See hin, seggt se. Un ik schall -di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un -Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree -hebb un kodimmt warrn mütt! Ik ro di <em>to</em>, Jan! -Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot -di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, -wenn du goden Wind inne Seils hest!“ -</p> - -<p> -Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele -des Matrosen auf. -</p> - -<p> -„Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! -Wenn de Wieber ok seggt, mien Leben is verkihrt wesen: -ik bün krank wedderkommen un hebb keen Sack vull Gild -mitbröcht: ik segg di: mien Leben is <em>recht</em> wesen, un -wünsch mi keen anner!“ -</p> - -<p> -„Snack doch ne soveel, Harm,“ beschwichtigte ihn der -Bruder, der gern weiterlernen wollte, „ik seh di dat an, -du hest dor Wehdog van.“ -</p> - -<p> -Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten -Rest seiner Kraft ging er gegen die Schwäche an, die -ihn übermannen wollte, und verlangte sein Seefahrtsbuch. -</p> - -<p> -„Wat wullt dormit, Harm?“ -</p> - -<p> -„Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien -Seemannskist!“ -</p> - -<p> -Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. -Fest umschlossen seine knochigen Finger es, als er sagte: -„Dor steiht dat in, Jan, woneem ik allerwärts wesen -bün: an de Westküst un in Schino, inne Middellandssee -un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de -Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -will ik nu jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk -dot bün, denn scheut ji mi dat innen Sarg leggen, wat -ik mi vör Gott ok verklorn kann.“ -</p> - -<p> -„Harm, schon di doch,“ bat der Bruder, der ihm die -Anstrengung ansah, aber der Matrose hörte nicht. -</p> - -<p> -„Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen -Finger mihr krumm moken kann, ohn mi weh to don: -wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor ober an dinken, -wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht -un Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen -Atlantik mol Haifisch angelt hebb! Un dor an to dinken, -dat is god, Jan, wenn en starben mütt.“ -</p> - -<p> -„Harm, so snackst du nu — un to Sommer, wenn du -wedder beter büst un wedder up grote Fohrt geihst, denn -lachst du dor ober.“ -</p> - -<p> -Der Kranke schüttelte den Kopf. -</p> - -<p> -„Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh -de See ne wedder! Jan, goh no See un warr en fixen -Seemann! Ünner Seils ist up best!“ -</p> - -<p> -„Ik do ok doch, wat ik will,“ sagte der Bruder bestimmt, -„meenst du, wat ik Lust hebb, bi de Buern to -sleupen?“ -</p> - -<p> -Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er -seinen Bruder hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal -ausgucken, ob die Mutter noch nicht käme, denn er meine, -die Kirchenglocken hätten schon geläutet. -</p> - -<p> -Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, -und wollte nicht, daß der Junge ihn sterben sehen sollte. -Als er allein war, blickte er noch einmal über den Westerdeich, -auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein rauchendes -Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten -die Dampfer und hinter dem Neß standen viele braune -Segel auf dem Wasser. -</p> - -<p> -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam -und grüßte ihn. Und Harm Külper war tapfer bis zum -letzten Augenblick. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, -und das Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit -in den Sarg. Die gebückte Triengretj, die Totenfrau, ging -von Tür zu Tür und sagte an, daß er Mittweeken Klock -dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem -Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den -ruhelosen Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen -nicht genug gewesen waren, in einer kleinen halben -Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit -hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem -er das halbe Geld aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. -Aus jedem Hause ging einer mit, daß es eine große Leiche -wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger Kirchenjungen, -und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der -manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte. -</p> - -<p> -Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster -verhängte, lief Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem -Kahn, wriggte vom Bollwerk ab und ließ es auf der -blinkenden Elbe segeln. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -Siebenter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker -seine Ostermoonen nach dem Südende des Westerdeiches. -Dort stand eine einsame kleine Kate, in der Bartel Tamp -mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von -der es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte, -der abwechselnd als Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott -dienen müsse. Den Tisch fege sie mit dem Besen -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als -Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang -benutze. Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, -und die Ferkel hausten bei ihr im Bettstroh. -</p> - -<p> -Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. -Er sollte in Minnesota eine große Farm haben, so groß -wie ganz Finkenwärder, sagten sie: anzusehen war ihm -das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags gleich -schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er -selbst einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre -und fuhr ihn nach dem Kirchhof: das wäre so Mode in -Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht um die Leute. -Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm -der Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von -solcher Gottlosigkeit nichts wissen wollte: dem es aber -mehr um die achtzehn Groschen zu tun war, die er für -das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel. -</p> - -<p> -Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter -tutete und die Feuerleute rannten in weißen -Kitteln nach dem Spritzenhaus, die Gören hinterher. -Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke -des Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. -Als sie hinkamen, stand die Kate in hellen Flammen und -war schon beinahe gänzlich niedergebrannt: Bartel Tamp -aber rannte mit dem einzigen Topf seiner Mutter hin -und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war -da nichts: als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben -und alles in Schuß hatte, war das Haus schon zusammengestürzt -und sie konnte nur noch die Obstbäume naßspritzen. -Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem Klütjenpott -umher, sagte Goddam und rief, das hätten die -Jungens getan, die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker -und Konsorten. Störtebeker machte, daß er weg -kam, als er das hörte. -</p> - -<p> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker -blieb dabei, daß er es nicht getan hätte, seine -Ostermoon wäre viel zu weit weg gewesen, als daß -Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten. Obgleich -seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts -zu. Sie drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete -sich nicht. Aber es kam doch soviel dabei heraus, daß -kein Junge mehr mit ihm nach dem Westerdeich gehen -durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre -wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht -gutmütig gesagt hätte: die Jungen sollten nicht bestraft -werden! An dem alten Haus sei nichts gelegen: er reise -ja doch wieder nach Amerika! -</p> - -<p> -Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld -ausbezahlen und dampfte nach Neuyork ab. -</p> - -<p> -Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, -um das Geld zu bekommen, und die Leute -glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht freigesprochen, -er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und -bekam kein gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze -Geschichte war überhaupt verratzt, wie er sich ausdrückte, -denn die Bauernknechte hatten ihm auch noch die Bungen -weggenommen und er konnte nicht mehr fischen. -</p> - -<p> -Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum -ersten Mal wieder eine Ostermoon gemacht hatte, eine -ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog, und sich mehr -als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich -genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem -Giebel des Neßhofes erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. -Er sah scharf hin, dann ließ er das Feuer im -Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete -lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, -seinem <em>Vater</em> entgegen. -</p> - -<p> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah -die Flagge! Sein Vater war wieder da! -</p> - -<p> -Wie wriggte er, wie rief er: -</p> - -<p> -„Höh, Vadder, höh!“ -</p> - -<p> -Da wurde er vom Ewer gesehen: -</p> - -<p> -„Höh, Klaus Störtebeker!“ -</p> - -<p> -„Non, Vadder, de Reis afmokt?“ ... „Jo, mien Jung!“ -... „Wat geiht di dat, Kap Horn?“ ... „Och, god, Störtebeker, -dat weest woll, slechte Lüd geiht dat jümmer god!“ -... „Büst ok seekrank worden, Hein Mück?“ ... „Ne, du -Schietinnebüx.“ -</p> - -<p> -Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn -achter an und kletterte an Deck, streichelte Seemann und -stellte sich dann bei seinem Vater hin. Nun war alles -gut — er war wieder an Bord bei seinem Vater! -</p> - -<p> -„Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch, -hest jo all en eulichen Snauzbort!“ -</p> - -<p> -Kap Horn aber sagte: „Dat is keen Bort, Störtebeker: -Hein Mück hett sik bloß en bitten annen Klütjenputt -swart mokt.“ -</p> - -<p> -„Dor quält jo man ne üm,“ schnauzte der Koch. -</p> - -<p> -Vom Ruder scholl es: „Gohn den Draggen!“ Der -schwere Anker fiel, rasselnd sprang die Kette nach, straffte -sich und brachte den Ewer zum Schwoien. -</p> - -<p> -„Vadder, schall ik de Fock dol smieten?“ rief Störtebeker, -der sich wunderte, daß sich niemand um die Segel -bekümmerte, aber Klaus Mewes erwiderte: „De Seils -blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit allemann -no Stadt rup!“ -</p> - -<p> -„Junge, jo! Dat ward fein!“ sagte Störtebeker, wenngleich -er nicht recht einsehen konnte, was seine Mutter -dabei sollte. Er erbot sich, sie mit dem Kahn zu holen, -aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug und -wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -die Leute denn das Boot in die Tallje und setzten es über -Bord. Der Schiffer warf unterdessen die Scharben in den -Reisekorb und dann schipperten sie an den Deich, Störtebeker -in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot. -Hein Mück wriggte. „Inne Wett, Hein, de up irst ant -Bullwark kummt, hett wunnen!“ rief der Junge und -wriggte aus Leibeskräften — und richtig wurde er dem -schweren Boot leicht über. -</p> - -<p> -Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus -glücklichem Herzen entgegen. In diesem Augenblick sah -sie nur die Sonne, die auf der Elbe und auf ihres Mannes -Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den -Nebel und an die dunkeln Nächte. -</p> - -<p> -„Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder -seggt: wi weut alltohopen mit no Altno rup!“ — rief -Störtebeker schon von unten. -</p> - -<p> -Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau -die Hand und hielt ihre fest: „Goden Dag!“ -</p> - -<p> -„Goden Dag!“ sagte sie verhalten und wollte ihre Hand -lösen, aber er hielt sie fest und sah ihr in die Augen. -Da wurde sie rot und sagte verwirrt: „Lot mi doch los, -Klaus, wat scheut de Lüd dinken!“ -</p> - -<p> -Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, -wenn nicht der Junge dazwischengetreten wäre -und gesagt hätte: „To, Vadder, lot ehr los, se schall sik -klor moken!“ -</p> - -<p> -„Wullt mit, Mudder?“ -</p> - -<p> -Sie nickte: „Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo -scheun Wedder!“ -</p> - -<p> -Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, -die großen, braunen Gesellen, die sich fünf Wochen auf -der See herumgetrieben hatten, und konnten alle drei -kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er mußte -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen -hatten, wo sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie -gebört hatten, was für Wetter sie gehabt hatten und -so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie eine -Pfeffermühle. -</p> - -<p> -Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker -stadtgemäß, obgleich er sich zur Wehr setzte, denn -er mochte nicht glatt gehen. Das Viehwerk wurde in die -Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn -und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön -auf dem blanken Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das -Spill, als die Kette aufgehievt wurde. -</p> - -<p> -Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte -sie durch das Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser -zwischen die vielen Segel; dort war soviel Wind, daß -sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie -an der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald -mit Seemann auf den Luken, bald nahm er Kap Horn -in seemännischen Angelegenheiten in Anspruch, bald guckte -er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser wirbelte -und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder -hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei -Hein Mück, der Kartoffeln schälte, und aß getrocknete -Knurrhähne. Oder er besah die Seeäpfel und Seesterne, -die sie ihm mitgebracht hatten. -</p> - -<p> -Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die -Pfennige zu tun pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll -Kupfer heraus. Dann spielte er den Schelm und -kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn -seine Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, -die Entfernungen maß und bat: „Vadder, stür -doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,“ dann lachte er sie -aus und sagte: „Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp -ut den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.“ -</p> - -<p> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -„Worum denn nich?“ fragte Kap Horn lauernd. -</p> - -<p> -„Vadder seggt dat,“ gab Störtebeker zur Antwort, „un -de mütt dat doch weten!“ -</p> - -<p> -„Jo, mütt he ok,“ bestätigte der Schiffer vergnügt und -guckte an dem großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer -und gewaltig an ihnen vorbeischob. „Störtebeker, wat -is dat förn Stiemer?“ Der Junge sah nach der Flagge -am Heck. „En Ingelschmann.“ -</p> - -<p> -Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen. -</p> - -<p> -„U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!“ -</p> - -<p> -Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der -Junge in der Zeit angerichtet hatte. Sie saß auf den -Luken und knüttete an ihrem Strumpf, aber sie hatte -sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn -erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: „Mudder, -wi sitt hier nu so scheun up Deck un fohrt so mooi no -Hamborg un nu fangst du dorvan an!“ Und er stand -auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den -Bericht noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht, -sagte er sorglos, sie solle ihn nur gewähren lassen. -Der Junge solle ja kein Pastor, sondern Fischermann -werden. -</p> - -<p> -„Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.“ -</p> - -<p> -„Gesa, mok doch kein Schop bang.“ -</p> - -<p> -„So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol -ober em weenen!“ -</p> - -<p> -„Ne, dat gläuf ik ne, Diern!“ -</p> - -<p> -Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben -schon überschauen. -</p> - -<p> -„Bestrof em, Klaus!“ -</p> - -<p> -„Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, -will ik up den Jungen rümkloppen? Gott schall mi bewohren, -dat ik dat do! Man still, Gesa, anner Reis nehm -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land -keen Undöt mihr moken!“ -</p> - -<p> -Da gab sie es auf. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum -Abendbrot nieder. Gebratene Schollen gab es, das beste -von der See. Störtebeker stimmte eine Art Lobgesang -an und aß wie ein Scheunendrescher. -</p> - -<p> -Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die -ersten Reisenkäufer, Fischhändler, deren Gewerb es war, -den Fischern die ganze Reise abzukaufen und die Schollen -aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen guten, -runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, -denn es waren erst drei Ewer an der Brücke und er -konnte auf einen guten Markt hoffen: auch war er von -der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu verhandeln. -Die Händler drängten: -</p> - -<p> -„Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!“ -</p> - -<p> -„Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,“ lachte -Klaus Mewes. -</p> - -<p> -„Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all -dot, Mewes!“ -</p> - -<p> -„Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,“ bemerkte -er trocken. -</p> - -<p> -Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal -nach Eierkohrs einladen, sondern sagte, wenn er durstig -wäre, könne er sich noch selbst einen kaufen. Und er -sog ruhig an den Gräten. -</p> - -<p> -Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als -wenn er in der Helgoländer Dünung klüse, denn das -Wasser wurde durch die vielen Dampfer in beständiger -Bewegung gehalten. -</p> - -<p> -Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. „Du büst seekrank, -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -Mudder, weest, wat dat is?“ rief Störtebeker hinter -ihr her. -</p> - -<p> -„Paß man up, di geiht dat nix beter,“ steckte Kap -Horn es ihm, aber er lachte sicher und sagte: „Nix zu -machen, Herr: ik bün seefast!“ -</p> - -<p> -„Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,“ -warf Hein Mück dazwischen, aber Störtebeker erwehrte -sich auch dieses Angreifers, indem er spottend rief: „Wees -du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot inne -Koi legen, ast weihn worden is!“ -</p> - -<p> -Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann -ging er mit Gesa die Brücke hinan: sie wollten nach -St. Pauli hinauf und mal in den Tingeltangel gucken, -sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige -Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. -Störtebeker mußte an Bord bleiben, was er auch gern -tat, denn aus solcher Musiktüdelei machte er sich nichts, -er blieb am Deich nicht einmal bei den Nudelkastenmännern -stehen. -</p> - -<p> -Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei -und ketscherten den Bünn durch. Alle toten Schollen und -die schon fleckig gewordenen wurden herausgesucht. -<a id="corr-4"></a>Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich -besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den -großen Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen -werden sollte. -</p> - -<p> -Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft -und warf sich zum Wohltäter auf, weil er so lange -auf der Weser gewesen war und einen schönen Schilling -in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der Hafenstraße -hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, -dem Schlafbaas, einige deftige Eisbrecher. -</p> - -<p> -Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp -und wies ihm die Rahen der großen Segelschiffe, die bei -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Blohm und Voß dockten, und nannte alle Segel und Taue -mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und -von dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge -hörte nipp zu, wie er dem todkranken Matrosen zugehört -hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen Stellen -beiläufig hinzufügte: „Dor harrst doch bang bi worden, -nich, Störtebeker?“ — dann sagte der Junge jedesmal -ernsthaft: „Ne, bang harrk ne worden!“ -</p> - -<p> -So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf -dem Wasser schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine -Junge in den Sinn, den sie auf der dänischen Bark an -Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch viel abgegeben -hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, -lieb gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem -Mast gewesen als auf dem Achterdeck. Den kleinen Janmaaten -hatten sie ihn geheißen. Das war ein stiller -Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm: -jener war auf der Höhe von Rio gestorben und -nach Seemannsbrauch bestattet worden — er selbst hatte -ihn in Segeltuch eingenäht —: dieser lebte und drängte -mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht -leben könne. -</p> - -<p> -Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem -Jungen in die Kajüte und nahm ihn mit in seine Koje. -Und bei dem Wiegen des Ewers und dem Glucken des -Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und -der seesüchtige Junge. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Am andern Morgen war ein großes Trampeln und -Scharren über Störtebeker, als er erwachte. Kein Mensch -war mehr unten — er hatte richtig die Zeit verschlafen. -Schnell zog er sich an und sauste an Deck. -</p> - -<p> -Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -es Karkmeß wäre! Das ganze Deck stand voll von fremden -Leuten: was für ein Gedränge auch doch, was für ein -Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen, Arbeitsleute, -Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und -Beuteln standen um den Bünn herum, fragten nach dem -Preis, handelten und kauften schließlich. Der Knecht und -der Junge standen im Raum vor dem Bünn und -ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte -wie ein Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte -die leeren Körbe hinunter, langte die vollen herauf und -strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn Schollen. -Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott, -obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen -waren: Hamburg war schollenhungrig. -</p> - -<p> -„Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup -un bekiekt jo de Lodens man mol,“ sagte er zu Gesa, die -beim Kompaßhäuschen stand und mit fremden Augen auf -die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn, -der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann -geboren. Sie schüttelte aber den Kopf und blieb, -wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo war Störtebeker? -War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um -sich den Kasper anzusehen? -</p> - -<p> -Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen -Kap Horn und Hein Mück und hielt die Beutel und Netze -auf, damit sie die Schollen besser hineintun konnten, -er warf die toten Fische beiseite und reichte die vollen -Netze seinem Vater hinauf. „För twee Mark, Vadder!“ -... „Förn Mark!“ ... „För föftein Groschen, Vadder!“ -... So rief er dabei, mit einer Stimme, aus der deutlich -herauszuhören war: nun paß auf, daß alle bezahlen! -</p> - -<p> -„Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All -springenlebennig! Süßtein förn Mark!“ rief Klaus -Mewes oben und „Süßtein förn Mark! Süßtein grote -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!“ -echote Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich -nicht wie die andern Ewer zu machen und sich einen -Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen. Mitunter bekam -der Junge auch Streit mit den Kökschen ... „Leben -dot de all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote -gifft ne, dat geiht vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd -süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...“ An Kaffeetrinken -dachte er nicht, er mußte ja helfen. -</p> - -<p> -„De sünd jo dot, Junge!“ „Wenn du man ne dot -büst: de leeft!“ „De sünd jo so lütj, Junge!“ „Wenn -du man ne lütj büst: de sünd grot!“ Er ließ sich nicht -verblüffen. „Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer -gifft achttein!“ „Denn goh dor man hin: hier gifft dat -bloß süßtein!“ Er paßte aber auch auf: „Vadder, de -Olsch hett noch ne betohlt!“ -</p> - -<p> -Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, -bei einem so guten Hilfsmann! „Vadder, dat middelste -Schott is all leddig!“ -</p> - -<p> -Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: „Wat -mokt he sik ok doch utsehn!“ Aber Klaus Mewes lachte -sie aus und sagte: „Worüm hest du em dat nee Tüch -antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten -kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote -Schullen!“ -</p> - -<p> -Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die -Luken zumachen konnten: die paar Stiege, die noch im -Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes selbst. Ausverkauft! -</p> - -<p> -Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, -wie ein Stück vom Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes -aber ging mit Frau und Kind in die Kajüte und entleerte -seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen, -Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt -war, waren es nahe an dreihundert Mark, die er in acht -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Tagen aus der See geholt hatte. Es war wieder Glück -dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen hatte. -</p> - -<p> -Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern -so groß vor, daß sie immer nur von den <em>großen</em> Seefischern -sprachen und auf sie schalten, denn hatten sie -einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg -und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: -wie kam das den Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag -für sechs Groschen wie Pferde arbeiten mußten: wenn -sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie hätten -es wohl auch noch mit der Fischerei versucht! -</p> - -<p> -Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: -sie ist und bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. -Wie sie Taler haben mit der Aufschrift: Segen -des Mansfelder Bergbaues, so könnte die hamburgische -Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift: -Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen -sagen, daß so viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, -die Leute, die Segel, die Zinsen, der Winter — wir wollen -sie dennoch preisen, die schöne, schöne Schollenzeit! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch -die Klüsen. „Dol de Seils!“ Als sie zusammengebunden -waren, ging es mit Boot und Kahn an Land, mit Schollen -und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte -die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, -daß die Leinen den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus -Störtebeker mußte die Schollen austragen, die sein Vater -in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten Reise bekam -alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft -lebendige Schollen. „De keen Fisch utgeben mag, is ne -wirt, wat he welk wedder fangt,“ hieß es am Deich. Die -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Bauern auf den Wurten, die Handwerker, die Tagelöhner: -keiner wurde vergessen. Sogar an die alte Sill dachte er. -Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm -Freude, wenn die Leute fragten: „Non, Junge, is dien -Vadder her?“ „Jo!“ „Mit Schullen?“ „Jo!“ Dabei -bekam er hier einen Groschen und da zwei, der Bäcker -gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje -aus Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll -Milch, Sill aber wühlte wieder ins Stroh hinein und -holte richtig noch einen schönen Apfel hervor. Er verzehrte -ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn -nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im -Graben abwaschen müsse. Es war ein fetter Tag für ihn. -</p> - -<p> -In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern -auf dem Deich und ging mit dem Hammer auf die gekochten -Taschen los, deren Scheren so fest waren, daß sie -anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes -wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. -Im Binnendeich schlichen die Katzen mit erhobenen -Schwänzen heran und knurrten einander wegen der Abfälle -an. -</p> - -<p> -Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den -Linden auf der Bank und verklarte dem alten Jäger, -der am Staket lehnte, die Schollenfischerei bei Juist und -Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im -Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger -und schwerer in den Heben hineinwuchsen. -</p> - -<p> -Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob -Derner, mit seinen Aalkörben beladen. -</p> - -<p> -„Non, könt hier utholen?“ -</p> - -<p> -„Jo, Jakob!“ -</p> - -<p> -Er blieb einen Augenblick stehen. -</p> - -<p> -„Lopt de Ool all, Jakob?“ -</p> - -<p> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -„Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! -De Ool will Warms hebben.“ -</p> - -<p> -„Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt -wi nu doch ober all eulich belurt, ik kann di seggen, as -de Voß de Geus un as de Hund de Rotten! Wi weet -de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern -an Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: -wenn dat de Gildbütel man afkann!“ -</p> - -<p> -Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: -er dachte an die drei, vier kleinen Aale, die er jede Tide -aus den Körben schrapte, und ärgerte sich über den -großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um -sich warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. „So, -so,“ knurrte er und stiefelte weiter. -</p> - -<p> -Gesa schüttelte den Kopf. „Wat magst du woll so dull -prohlen, Klaus Mees, as wenn du unsen Herrgott sien -best Jung würst?“ -</p> - -<p> -Er sah sie groß an. „Wat meenst du dat?“ fragte er -verwundert. „Ik kann mien Leben doch ne anners moken -ast is: grot un klor un scheun! Dor steihst du, dor sitt -mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien Linnenbäum, -dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben -oder is dat all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei -mi to dat, wat ik hebb! Un ik gläuf, uns Herrgott süht -ok leber en vergneugten Minschen as en trurigen!“ -</p> - -<p> -„Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en -Minsch un wullt wedder no See!“ mahnte sie, er aber -schüttelte die Worte ab, wie die Ente das Wasser. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -Achter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Es war Ostern auf Finkenwärder. -</p> - -<p> -An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen -Katzen, und die Erlen ließen braune Troddeln im Winde -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -wehen. Die Pappeln leuchteten im Sonnenschein und -glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln. -Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den -Wischen gaukelten die Kiebitze zu Hunderten, und über -dem hohen Neß schwebten die grauen Reiher. -</p> - -<p> -Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, -indem sie um ihr Eiland gingen. Nur Ostern taten sie -das, sonst nicht. Wann käme sonst auch wohl ein Fischermann -dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er -geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für -Landwege geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, -lassen die grundlosen Wege es nicht zu, für die sie früher -Stelzen gehabt haben, die aber abgekommen sind. -Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu -viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar. -</p> - -<p> -Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei -den ganzen Winter eingestellt war und die große, allgemeine -Ausreise erst nach Ostern stattfand. Da lag es -nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel auf den Kieker -nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute! -Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, -hatten ein Verlangen, den Deich noch einmal ganz unter -den Füßen zu haben, bevor sie an Bord gingen. 1887 -war diese uralte Sitte noch allgemein. -</p> - -<p> -Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, -an den Doktor und seinen Famulus, an Bürger und -Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen und an all -das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten, -mittelalterlichen Stadt Frankfurt — aber das muß verblassen -vor der großen Deichwanderung der Fischer am -Ostersonntag, die nachmittag anfängt und bis zum Abend -währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit. -</p> - -<p> -Breit und blau grüßt die Elbe — im Hintergrunde -steigen die Blankeneser Berge auf. Dampfer gehen auf -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -und ab. Ihr Rauch weht über den Strom. Deutsche, -englische, französische, nordische und holländische Flaggen -flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen -Segeln beleben das Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und -im Osten steigen die Hamburger Türme aus dem Hafendunst -auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk -aber und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und -Kutter, die starken, schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen -im Sonnenschein, als wenn sie wüßten, daß es Ostern -ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher Eintracht -und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen -Wasser. Zwischen den Masten hängen die Kurren zum -Trocknen, die sich ansehen lassen wie die Panzerhemden -eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche gehabt hat. -</p> - -<p> -Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern -stehen die Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder -Pfannendächern, mit grünen Türen, geröteten Steinen -und blanken Fenstern, hinter denen Blutstropfen, Schuhbäume, -Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs -stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten -Kurrbäume, die aufgefischten Hummerkästen: dahinter -liegen die braunen Äcker, von Gräben durchzogen, die -grünen Wischen, die Wurten mit den großen Bauerhäusern, -mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln -inmitten der Insel. -</p> - -<p> -Da kommen sie an, die Osterleute. -</p> - -<p> -Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren -weut! In Scharen kommen sie und setzen am Westerdeich -einen Feekhaufen nach dem andern in Brand — denn -diesen Tag sind die Ostermoonen frei —, damit die -Fahrensleute Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern -können. Ihnen folgen die Schlingel, die ihre Kräfte an -den morschen Wicheln versuchen, die in die Eschen klettern -und in die Heisternester gucken, die über die Gräben -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns -vom Deich stoßen und die Hunde reizen. Sind die vorüber, -dann erscheinen die Konfirmandinnen in langer -Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen -Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon -der erste Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich -schon heimlich nach den Konfirmanden um, die nun -kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie ihr -Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie -schon das kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken -die Jungen gar nicht mehr an, bekümmern sich auch nicht -mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen von Schiffen und -Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler, sitzt -verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, -wie der Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt -seine Zigarre (un noher fangt se doch all an to prüntjern). -</p> - -<p> -Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien -oder dreien, in Gruppen zu fünfen oder sieben, in Schöfen -zu zehn und zwanzig: die brauchen den ganzen Deich -und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren -ein, sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und -betrachten den Deich, die Häuser und die Schiffe, wie ein -Bauer sein Vieh. Namentlich die Alten nehmen sie vor, -die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster schauen, -Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder -Warnk, und fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob -das Essen noch schmecken wolle. Sie sehen nach, was auf -den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser das -Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch -der Fahrt und der Fischerei und dem Wetter. Neem -hei fischt und wat hei fungen: so geht es immerzu. -</p> - -<p> -Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten -Finkenwärder sein, wenn sie nicht auch unterwegs wären! -Auch sie machten die Runde um das Eiland, wobei sie -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -sich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das Mewesgeschlecht -das größte auf Finkenwärder war, hatten sie -an allen Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag -sagen mußten, und wurden alle Augenblicke zu einer -Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den Fischern, die -er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes -manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und -zu an der Jacke, damit sie nur weiterkamen, denn er -wollte gern ganz um Finkenwärder herum. -</p> - -<p> -Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt, -das bis Karkmeß geliefert werden sollte. Und als Klaus -den Zimmerbaas auf der Helling stehen sah, bog er mit -seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats. -Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch -an der Rechnung stehen hatte, dann besah er den neuen -Kutter, den Simon Wriede bauen ließ. Ein hohes, stolzes -Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in den Heben -ragte. -</p> - -<p> -„Wat köst de nu, Jochen?“ fragte er, als er alles befühlt -und besehen hatte. -</p> - -<p> -„He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,“ erwiderte -der Baas. -</p> - -<p> -„Dat Schipp is god,“ lobte der Seefischer und erfreute -sich wieder an dem scharfen Steven und dem schlanken -Rumpf, „de schall woll seilen, Gotts den Dünner! Dor -mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor -Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi -een neen Kutter bon, noch greuter un noch scheuner as -düsse hier! Un denn will ik jo mol wiesen, wat Seilen -un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees -heet!“ -</p> - -<p> -„Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?“ rief Störtebeker -eifrig, der Baas aber strich den grauen Bart und -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -sagte bedächtig: „Dor snackt wi noch mol ober, Klaus, -wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!“ -</p> - -<p> -„Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?“ -</p> - -<p> -„Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.“ -</p> - -<p> -„Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang -schallt duern un wi hebbt H. F. 500 up See!“ -</p> - -<p> -Der Baas aber sagte nur: „Wi weut dat best höpen,“ -denn er glaubte nicht daran. -</p> - -<p> -Vater und Sohn verließen die Werft und gingen -weiter. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf -die Ostereier. Hein Mück sagte, er wolle ganz gewiß -zehn essen, und Kap Horn erzählte, er habe schon den -ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- -oder vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa -mit der großen Schüssel an, die gehäuft voll von den -schönen weißen Eiern war, und das Ostereieressen begann, -das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen hatte, -der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte -Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. „Wedder een, -Vadder! De smeckt as Sucker!“ -</p> - -<p> -„Söben,“ rief sein Vater. -</p> - -<p> -„Kann ne angohn,“ sagte Störtebeker aufgebracht, „du -kannst heuchstens dree Eier up hebben.“ Er zählte die -Schalen: „Een, twee, dree, Vadder!“ -</p> - -<p> -Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen -bald auf dem Deich und bald bei den Bildern an der -Wand und schob ihm, ohne daß er’s merkte, die leeren -Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier untergeschmuggelt -werden. Die drei Fahrensleute rissen ein -ordentliches Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten -sie doch back brassen und sich für beet erklären. Da bekleidete -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Störtebeker sich mit der Würde eines Preisrichters -und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich liegen hatte. -Bei seinem Vater waren es fünf. „U, wat wenig, Vadder! -Du säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!“ „Ik much -ne tolangen, Störtebeker,“ entschuldigte sein Vater sich, -„ik dach, anners wörst du ne satt!“ Bei der Mutter -kam Störtebeker zu dem niederschmetternden Ergebnis: -„Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. -Du müß gewiß de Pann wegdrägen!“ Hein Mück, der -sechs Eier gegessen hatte, kam glimpflich davon, aber -über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich zusammengedrückter -Schalen hatte, goß er die volle Schale seines -Spottes aus. Dann ging er an den eigenen Berg und -steckte die Schalen zusammen. „Mit de poor Dinger is -ok doch keen Stoot to moken,“ stichelte Kap Horn. -</p> - -<p> -„Van wegen poor Dinger,“ ereiferte der Junge sich -und zählte sie in Gedanken schnell noch einmal durch, -um sicher zu sein, daß er sich nicht verzählt hatte, „kiek -hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier! Ik -harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst -jo sehn!“ -</p> - -<p> -„Wohrraftig negen,“ rief Klaus Mewes, der sich kaum -des Lachens erwehren konnte, „wat kannt angohn, wat -en swarte Koh witte Melk gifft un wat de Jung mihr -Eier eten kann as wi groten Lüd?“ -</p> - -<p> -Kap Horn lachte: „Jo, he is de Boos un sall noher -hochleben loten warrn.“ -</p> - -<p> -Störtebeker aber sagte: „Junge, Junge!“ und knöpfte -die Hose auf, um sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich -gegessenen neun Eier lagen ihm nun doch mit -einem Male schwer im Magen. „Vadder, nu komm ik -ok doch mit no See?“ -</p> - -<p> -„Nu noch ne,“ bremste die Mutter schnell, „is noch -veel to kold buten,“ Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -an und sagte, er wolle morgen nach dem Schuster und -Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre -Reise schon mit an Bord. -</p> - -<p> -„Och jo, Vadder! Och jo!“ rief Störtebeker in heller -Freude und sprang in der Dönß herum, wie ein Füllen -auf der Wisch. -</p> - -<p> -Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu -bedenken; das wolle er ihm machen, denn auf so was -verstehe er sich noch von den großen Schiffen her. Er -ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem -Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb -er Länge und Breite in sein Notizbuch mit Kalender -von Anno Tobak ein und malte darüber: Ölzeug für -Klaus Mewes junior. -</p> - -<p> -Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten -nach den drei großen Osterfeuern, die auf dem Opferberge -bei Neugraben, der altgermanischen Tingstätte, auf -dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von -Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen -des Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers -Seefahrt, denn ein starker, stetiger Ostwind, von dem -die Fahrensleute sagten, daß er bis Michaelis wehen -könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus -Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn -mit dem ewigen Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff -bis Hamburg hatte er nicht viel im Sinn, und -schrieb von Bremen und Bremerhaven. -</p> - -<p> -„He hett mi förn Narren,“ sagte Störtebeker immer -wieder erbittert zur Mutter, wenn er den Ewer nicht -hergucken konnte. Längst hatte der Schuster die Siebenmeilenstiefel -abgeliefert: aber sie hingen auf der Diele -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete -Schwein hing, und er sollte sie vorher nicht tragen. Da -hingen sie und ärgerten ihn alle Tage. -</p> - -<p> -Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, -das hierhin und dorthin trieb, wohin gerade der Wind -wehte: er fischte und schipperte, bemühte sich um das -Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen Kaninchen, -er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete -sein Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, -er watete schon in der Elbe, wenn die Mutter es nicht -sehen konnte, und war der einzige vom Neß, der schon -schwamm — das Wasser war noch eiskalt und benahm -ihm fast den Atem! —, er suchte Regenwürmer -an feuchten Abenden und pödderte Aale, er ließ sein -kleines Vollschiff segeln und kalfaterte seinen Kahn mit -Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß -mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten -nach den wilden Schwestern riefen und Juno zum -Sprunge bereit stand, er holte sich die getrockneten -Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab, schnitt -sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß -sie abends und vor aufkommenden Regenflagen unter -Dach und Fach kamen, er machte sich Hupuppen, Flöten -und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren Bast der -jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden -die Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden -schwirrten, — aber es war keins rechte Herzenssache, war -alles Notbehelf, bis sein Vater kommen mußte und er -mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord -und er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser -hinausfahren und Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder -nach H. F. 125 fragen. -</p> - -<p> -Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem -Altenteil lebte, unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -und hatte die Maulwurfshügel unter den Augen. Regungslos -stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte aber -ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel -in den Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und -tötete ihn durch einen Hieb auf die Nase. So reinigte er -jeden Tag den landschützenden Deich von seinen schlimmsten -Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so manchen -Deichbruch verschuldet hatten. -</p> - -<p> -Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet -wie ein Kasper von St. Pauli, mit Schellen behängt, -eine Glocke in der Hand, und hinter ihm her liefen -Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter -ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: -die lärmten und lachten, schrien und sangen wie rechte -Gören des lauten Finkenwärders, des Eilandes, das gewohnt -ist, zwischen Stürmen zu fischen und in schwarzen -Kleidern zu tanzen. „U — en Snilläuper!“ Vorbei -braust die wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben -dem Schnelläufer, er überholt ihn und springt geschickt -vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben soll, aber -dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und -er kehrt batz um. Und als der bunte Mann langsam -zurück kam und von Tür zu Tür ging, um sich für sein -schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte der -Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die -Ewer an. -</p> - -<p> -Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der -seine Hand ausstreckte, sondern fragte nur: „Wat is dor -los?“ „Ik bün de Snelleuper un heff snell lopen!“ „Wat -geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig lopen kunnt,“ -sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu. -</p> - -<p> -Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches -Volk, nicht zu vieren, wie in Hamburg, sondern -zu zwölfen und zwanzigen, und spielten, daß der ganze -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder -sangen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schosteenfeger sitt upt Dack:</p> - <p class="verse">goh no Schol un lihr di wat!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner -erschienen, denen weiße Mäuse aus den Taschen -krochen, Elias kam mit Hüten und Geesch mit Wolle, -Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat Räukerts, -da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen, -der Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern -kamen mit Pferd und Wagen: es gab wirklich viel zu -gucken und zu hören am garn- und fischbehängten Deich, -aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet. Er -lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote -und Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und -Barken, Lühjollen und Steinewer vorbeidampfen und --segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche Störfischer, -weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck -standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den -Wanten hingen, und an dem großmaschigen Störgarn, -— er hatte neun große Störe gefangen, die er an Stroppen -hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an Stricken -mitnahm, — aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht -in Sicht kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein -Vater fischte keine Störe! Was kümmerte es ihn, daß -Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und mit dem -Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei -der Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast -einsetzen ließ, weil er den alten abgesegelt hatte, daß -Hinnik Saß doch nach dem Bauern mußte, weil er zu -seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln -in den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte, -weil sein Sohn von einem Dampfer in Grund -gebohrt war, daß Hein Husteen und Marieken Kröger -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -lustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf -seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte, -ihn an den Deich und an das Land zu gewöhnen — er -sprach von der See und guckte nach den Schiffen, als -wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe. -</p> - -<p> -Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig -klagte, daß sie keinen Sand mehr hätte und den -Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn Vater doch -bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter -Fall holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß, -sie zu überraschen und ihr heimlich einen Kahn -voll Sand zu holen. Er nahm sich den dritten Tag, als -es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf -zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte -mit halber Ebbe westwärts, nach den Ausläufern des -Nienstedter Falles, die bei Niedrigwasser als Sandbänke -aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht sagen, daß er -nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei. -</p> - -<p> -Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand -ohne Schlick und Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne -laufen, zog Stiefel und Strümpfe aus, krempelte die Hose -auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker machte -es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser -guckte, häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn -zu einem Berg, damit die Feuchtigkeit abziehen konnte, -dann erst schaufelten sie den trockneren Sand in den -Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können, -sagte sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis -der Hümpel mit der Ducht gleich war. Aber auch dann -gab er noch nicht nach: er wollte eine ordentliche Last -ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich. -</p> - -<p> -„Schullt ok woll all genog wesen?“ fragte Harm, aber -Störtebeker schüttelte den Kopf und spuckte von neuem -in die Hände. „Noch lang ne, Harm, smiet man noch in, -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn, de driggt -wat, kann ik di flüstern.“ Er mußte sich schon den -Schweiß von der Stirn wischen, so riß er sich ab. „Lot -em giern bit an den Dullbom to Woter liggen, Harm: -dat weiht jo ne un nix!“ -</p> - -<p> -Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der -ganze Kahn voll Sand war. „Nu weut wi utscheiden, -Harm,“ sagte er väterlich, setzte sich auf den Dollbaum -und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott -machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen -Sandrücken saß. Harm betrachtete besorgt den großen -Sandhaufen, aber er getraute sich nicht, etwas dagegen -zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte und -weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so -sicher war. -</p> - -<p> -„Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn -ist Flot,“ sagte Störtebeker gleichmütig, „dat durt ober -noch wat,“ setzte er hinzu, als er Jakob Derner und -Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen vorbeirudern -sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre -Körbe überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden -Jungen spielten deshalb erst noch Kriegen auf dem Fall, -sie bewarfen sich mit Sand, sie sammelten die großen -Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten die -Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante -saßen, daß sie sich wie eine riesige, schwarzweiße Wolke -über dem Wasser erhoben, sie griffen die Nesen und -Weißfische, die in den Prielen schwammen, und wateten -in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. -Zuletzt saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und -suchten nach flutkündenden Segeln. -</p> - -<p> -„Nu ist Stallwoter,“ sagte Störtebeker, „kiek, Harm!“ -Und er wies nach den Blasen auf dem Wasser, die still -standen. -</p> - -<p> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die -Ebbe wird künden von Asenkraft, bis einmal alles vergeht! -sagt die Edda), und die Flut kam, die Flut, die -Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf, -unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit -nahm allmählich zu, wurde stärker und -stärker; gelassen wischte das Wasser mit leiser, zaghafter -Hand über den Sand und stieg schüchtern über die ersten -Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte, -dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam -zu und wurden stark und wild, denn es war -Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser, -wie sprang, wie lief, wie wallte es! -</p> - -<p> -Flot, Schipper, Flot, Flot! -</p> - -<p> -Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und -flogen davon, ihnen folgten die Störche und Reiher, als -das reißende Wasser immer mehr vom Sand fraß. Im -Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen -fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür -erschienen bei Schulau Dampfer über Dampfer und hinter -dem Schweinesand Segel bei Segeln. -</p> - -<p> -Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte -mit den Beinen und ließ die lebendige Flut um seine -Füße strömen. „Gliek sünd wi flott, Harm!“ rief er, -„kiek mol, wat dat Woter kummt!“ Seines Genossen Besorgnis -aber war angesichts der starken Strömung zur -Angst geworden und er wagte es, wieder davon anzufangen, -daß sie zu viel Sand eingeladen hätten, daß der -Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut täten, etwas -auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den -Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit -Freude, wie ein Stück des Sandes nach dem andern im -Wasser verschwand. -</p> - -<p> -Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -inmitten der großen Wasserfläche — und schwamm doch -nicht, sondern saß fest und rührte sich nicht. Er habe sich -am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie wollten -doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und -riß an dem Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber -das lag fest wie ein großer Stein und war nicht zu bewegen, -so sehr der Junge sich auch mühte. -</p> - -<p> -„Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,“ jammerte -sein Kamerad, „wi flott ne, wi flott ne, lot uns gau -utsmieten!“ „Dat wür scheun!“ sagte Klaus, „kumm hier, -ward nix mokt!“ Und er bemühte sich eifriger, den Kahn -zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen -zur Hand, aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen -wäre, jedenfalls rührte es sich nicht. „Dat is -jo rein, as wenn dat Diert behext wür,“ scherzte er, als -er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, -daß nur noch eine Handbreit nach war, da wurde auch -er bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur -Kehr. „Bang bün ik ober ne,“ sagte er ... Der Kahn -blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: „Wi -buddelt af, wi versupt!“ klagte er und begann, um Hilfe -zu rufen: „Hilpt uns, hilpt uns!“ Aber der Deich war -weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren noch in -der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder -im Reet saß, wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer -waren schon längst zurückgerudert. -</p> - -<p> -Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, -wie blitzte sie in der Sonne, wie flog der Sand, wie -spritzte das Wasser auf! -</p> - -<p> -„Hilpt uns, hilpt uns!“ -</p> - -<p> -„Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un -Dotslag no!“ sagte Störtebeker barsch, „smiet man mit -ut, denn sünd wi gliek flott!“ -</p> - -<p> -„U, ik bün jo so bang, Klaus!“ -</p> - -<p> -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -„Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen -bang! Smiet doch bloß mit ut, du Knappen!“ -</p> - -<p> -Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen, -aber er warf unverdrossen aus. „Mol schuben, -Harm!“ Sie stemmten sich, auf dem Dollbaum stehend, -mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte -das Fahrzeug sich jetzt. „Huroh, wi hebbt em,“ rief Störtebeker, -„noch en lütj betjen, denn geiht de Reis los!“ -Er schaufelte emsig, denn die Reeling lag jetzt mit dem -Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine kleine See -in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem -Eifer doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu -retten, aber da kam die hohe, mächtige Dünung eines -großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon bei Teufelsbrücke -qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen -Arbeit aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über -den Nienstedter Fall gelaufen, fegte über den Bordrand -und füllte den Kahn mit Wasser, wischte den Sand glatt -und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war nichts -mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, -um das Wasser auszugießen: es war zu spät. -</p> - -<p> -„Wi versupt, wi versupt!“ -</p> - -<p> -Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf -den Duchten. Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig, -so auf dem Wasser zu stehen. Er tröstete Harm und -sagte, er solle nicht bange sein; bis das Wasser ihnen -an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und -könnten sie holen; schade wäre es nur um den schönen -Sand. Er guckte aber doch mit Besorgnis umher, ob nicht -vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war still geblieben -und die Segel kamen nur langsam näher. Als -das Wasser ihnen bis über die Knie reichte, band er die -Riemen an die Fangelleine und hieß Harm sich daran -festhalten, damit der starke Strom ihn nicht umrisse. -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker -laut zu rufen, nachdem er versichert hatte, daß er -nicht bange sei. Aber sie konnten wohl am Deich vor -den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der -weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot -ließ sich sehen. Immer höher stieg das Wasser, es reichte -ihnen schon an die Hüften. Störtebeker tröstete seinen -frierenden Macker, er solle sich an ihm festhalten, damit -er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie wollten -warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: -wenn dann noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie -die Leine losmachen und sich mit den Riemen treiben -lassen. „De drägt uns as en Beesenbült,“ sagte er zuversichtlich. -</p> - -<p> -„Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, -hilpt uns, hilpt uns!“ -</p> - -<p> -Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die -ersten Boote kamen heran und konnten sie am Ende schon -sehen. Mehr als an den Riemen klammerte er sich an -den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne -mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das -erste Boot: der Fischer hob die Hand und steckte schnell -die Riemen aus, um durch Rudern schnellere Fahrt zu -machen. -</p> - -<p> -„Nu hol di fast,“ sagte Störtebeker. -</p> - -<p> -Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, -als das Boot sie erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter -Husteen, sie über den Setzbord zog. -</p> - -<p> -„Junge, du kannst wat moken,“ sagte er zu Störtebeker, -„wat meenst woll, wenn Peter Husteen ne so bannig -seilen kunn, denn harrn ji hier doch afsopen as son poor -Rotten!“ -</p> - -<p> -„Non, denn lot di man en Medallje geben,“ antwortete -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -Störtebeker und zog die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet -hatte. -</p> - -<p> -„Nu büst doch mol bang wesen, wat?“ -</p> - -<p> -„Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst -Harm frogen! Wat schreest du denn nu noch?“ wandte -er sich an seinen Leidensgefährten, aber der antwortete -nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte an die -Schläge, die zu Hause seiner warteten. -</p> - -<p> -Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken -waren bei seinem gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, -es zu heben. -</p> - -<p> -„Segg den Düker man Bescheed,“ sagte er am Neß zu -dem Fischerjungen, als sie gelandet wurden. -</p> - -<p> -Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden -war, ihrem Jungen bereitete, war nicht ohne, aber er -dachte: Utschillers deit ne weh un Togels durt ne lang, -und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel hingenommen -hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, -und sich zum Abendbrot hinsetzte: „Bang wesen bün ik -ober doch keen betjen, Mudder!“ -</p> - -<p> -Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn -zu bergen. Störtebeker wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, -und weil er das nicht sollte, wurde er zuletzt in -den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -Neunter Stremel. -</h2> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Der Allmächtige, der Herr der Götter,</p> - <p class="verse">vor dem der Engel niederfällt,</p> - <p class="verse">Gott redet donnernd aus dem Wetter</p> - <p class="verse">und ruft voll Majestät der Welt!</p> - <p class="verse">Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,</p> - <p class="verse">der Wald ertönt, es bebt die Flur!</p> - <p class="verse">Und Blitze sagens Blitzen wieder:</p> - <p class="verse">Gott ist der Herrscher der Natur ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm -allens inne Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat -lücht! De ganze Heben steiht in Für un Flammen!“ -</p> - -<p> -Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: -„Lot mi doch slopen, Mudder, ik bün so meud!“ Und er -machte die Augen wieder zu. Sie las mit bebender Stimme -im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlägen -ängstlich zusammen. -</p> - -<p> -Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, -das gegen Abend in einer dunkelblauen schweren Wolkenwand -mit den unheilvollen weißen Flecken auf der Elbe -stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun -es Nacht geworden war, griff es mit Riesenhänden über -den Heben und brach mit Regen- und Windflagen herein. -Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken und der Donner -rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall -alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die -Frauen sich erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet -und saßen nun in Angst und Bangnis bei dicht verhängten -Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter sind schwer auf -der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem -Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den -Blankeneser und Harburger Bergen und den Häusern und -Türmen von Hamburg gebildet wird. Sie können weder -vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und her; -wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang -liegen. Sie müssen sich über dem Eiland austoben, das -flach wie ein Teller und naß wie ein Keller ist und -keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind vermag sie -nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen mitunter -trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt -über sie: die nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt -über Hamburg hin: aber bis es Flut ist, oft stundenlang, -wankt und weicht selten ein Gewitter. -</p> - -<p> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf -dem Wasser, wenn die Donner einen Augenblick schwiegen, -der Gewitterwind brauste durch die Bäume und die -Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte das -Haus in seinen Grundfesten. -</p> - -<p> -Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, -damit sie die grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, -und las laut, denn sie war bange vor Gewittern. Sie -war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere und -ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, -damit sie wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge. -Störtebeker blieb geruhig im Bett liegen, denn Gewitterfurcht -hatte sein Vater ihm ausgeredet. -</p> - -<p> -Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich -knallender Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen -haben! -</p> - -<p> -„Klaus, nu steihst du batz up!“ Gesa lief in die Schlafkammer -und holte den Widerstrebenden aus den Federn, -suchte sein Zeug her und drängte ihn in die Küche. Da -konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz -und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit -wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel her, damit er -draußen waten könne, wenn es einschlüge, wie er sagte. -Recht war es ihm nicht, er hätte lieber geschlafen. So -sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja -morgen nicht zu den Jungen sagen: „Ik bün beliggen -bleben!“ -</p> - -<p> -„Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!“ -</p> - -<p> -„Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen -is,“ sagte der Junge in schläfrigem Ton, „lot mi -man wedder to Koi gohn! Vadder geiht bit Gewidder ok -uppen Bitt, seggt he!“ -</p> - -<p> -„Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du -ok don, ne?“ -</p> - -<p> -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -„Jo, dat is gewiß, Mudder!“ -</p> - -<p> -„Wat en Slag!“ -</p> - -<p> -„Junge jo,“ sagte Klaus anerkennend, „dat wür en -eulichen! Petrus hett alle Negen smeeten bit Kegeln!“ -</p> - -<p> -„Junge, lot den droken Snack!“ -</p> - -<p> -„Err — hett Vadder ober seggt!“ -</p> - -<p> -„Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.“ -</p> - -<p> -„De, Mudder? De is up See un hett all de Seils -dolsmeten un liggt inne Koi un slöppt!“ -</p> - -<p> -„Dat gläuf man ne!“ -</p> - -<p> -„Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. -Büst du denn fix bang, Mudder?“ -</p> - -<p> -„Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.“ -</p> - -<p> -„Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang, -Mudder!“ -</p> - -<p> -„Wennt obers insleit, Klaus?“ -</p> - -<p> -„Sleit ne in, Mudder!“ -</p> - -<p> -Wieder knallte der Donner. „Wees still, Junge! Wat -ut di un dien Vadder noch mol warrn schall, weet de leebe -Gott: ji sünd beid veel to driest!“ -</p> - -<p> -Du un dien Vadder — das hörte Störtebeker am liebsten. -... Das Gewitter stand nun steil über ihnen und die -Blitze jagten einander. „Nu hett dat inslogen! Nu hett -dat gewiß inslogen,“ rief Gesa bei jedem Knall, bis -Störtebeker es zuviel wurde. -</p> - -<p> -„Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder -woll all upfluckert wesen,“ sagte er, schlug die Vorhänge -zurück und guckte in die Nacht hinaus. Gesa prallte zurück -vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig in die Blitze: -er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten. -„Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, -de süht ut! Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt -dat? Junge, eben son ganzen kwatterwatschen, Mudder, -ik gläuf, dat würn Kugelblitz!“ -</p> - -<p> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -„Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor -kannst blind van warrn. Dink leber mol an dien Vadder, -du!“ -</p> - -<p> -„An Vadder dink ik jümmerto.“ -</p> - -<p> -Störtebeker wurde gesprächiger. -</p> - -<p> -„Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen -sitt de Körf vull. Un de vunnacht pöddert, de kriegt -gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward all de -Melk sur vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe -drinken.“ -</p> - -<p> -Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, -dann, als es bald hell werden wollte und der Hahn schon -einmal gekräht hatte, verstärkte sich das Toben, der Wind -schwoll an und der Hagel prasselte gegen die Scheiben. -</p> - -<p> -„Schullt woll all Flot wesen?“ fragte Störtebeker und -holte den Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. -Die Mutter sah nach: „Jo, is Flot! Gott Loff un -Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de Wind -dor woll achter!“ -</p> - -<p> -Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. -Plötzlich sagte er, er wolle mal ausgucken, ob die Wolken -schon zögen, stand auf und trat ungeachtet des mütterlichen -Widerspruches aus der Tür, in den nachlassenden -Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete -eine große Pfütze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden, -aber das Schlimmste schien überstanden zu sein, -denn die grellsten Blitze glommen jetzt im Osten und -der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte nach -der Elbe und sah zwei dunkle, große Segel unweit des -Bollwerks: ein Ewer segelte vorbei. Da hörte er in -einem donnerschwachen Augenblick, wie die Kette durch -die Klüse rollte, scharf und deutlich! -</p> - -<p> -Da wußte er, daß es sein Vater war, und er rief, so -laut er gröhlen konnte: „Höh, Vadder! Höh, Vadder!“ -</p> - -<p> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -Und vom Wasser antwortete es: „Höh, Störtebeker!“ -</p> - -<p> -Er stürmte ins Haus: „Mudder, Mudder, Vadder is -hier! He liggt hier afward! Kiek man bloß mol ut!“ -</p> - -<p> -„Ist wohr, Klaus?“ -</p> - -<p> -„Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett -mi eben antert“ — damit sauste er hinaus, und als sie -auf der Schwelle stand, mit der Schürze über dem Kopf, -da war er schon Gott weiß wie weit, da war er schon -nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den -glücklich geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen -nach dem Ewer hinaus, dessen rote Seitenlaterne sein -Kompaß war. „Vadder, ik komm all!“ Die Reise dauerte -einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden, -dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, -die tief im Ölzeug steckten und deren Gesichter -glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die Segel fierten, -und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die -Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, -und er legte Hand mit an, als sie das Boot vom Deck -setzten! Was kümmerten ihn Regen und Blitz, was ging -ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an Bord! -</p> - -<p> -Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und -Junge sich niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit -an Land, denn wenn Gesa auf war, konnten sie auch erst -noch Kaffee trinken. Als sie abstießen, Störtebeker als -Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese -schon einige Sterne: das Gewittergewölk saß über Hamburg. -Der Regen hatte aufgehört. Im Reet piepten die -Wasserküken, am Nienstedter Loch lärmten die jungen -Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer. Binnendeichs -schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit. -</p> - -<p> -Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt -waren. Gesa stand in der Tür, warm und licht im -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Schein der Lampe, und wirklich, sie hatte keine Angst -mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien -sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze -gesehen und nichts als Regen gehört hatte, wie freute -er sich! -</p> - -<p> -Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen -waren, hielt er sie fest, zog sie aus dem Licht heraus -und nahm sie unter den leckenden Linden in die Arme. -</p> - -<p> -Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den -er mitgebracht hatte: da war das Ölzeug, das er gemacht -hatte, da war eine Ölbüx, lang und weit genug, da war -ein Ölrock mit großen, blanken Knöpfen, da war ein -Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und -noch klebend, aber Störtebeker probte es doch gleich an, -damit er wußte, wie es paßte. Er zog die Hose mit dem -Strick zu, ließ sich von dem Knecht die drang gehenden -Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester vor dem -Spiegel auf. Er zupfte und riß an dem Zeug herum, -endlich aber war er fertig und ging vor dem Spiegel auf -und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge lobten -ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; -ihm fehlte aber noch das gewichtigste Urteil, das seines -Vaters. -</p> - -<p> -„Schipper, wat ist, könnt wi nu anmunstern?“ rief -er übermütig und guckte um die Ecke. Sein Vater und -seine Mutter ließen einander schnell los, denn sie hatten -noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen herein -und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn -lachen, als er so freiherrlich dastand. -</p> - -<p> -„So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt -no See gohn!“ -</p> - -<p> -„Jo, Störtebeker, nu ist so wiet — nu kummst du mit -no See!“ sagte Klaus Mewes und sah Gesa groß und -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -gewaltig an, daß sie fühlte, dagegen gäbe es ebensowenig -ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst. -</p> - -<p> -Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem -Mutterrecht. -</p> - -<p> -„Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? -Hein Mück, du hest hürt? Ji hebbt alltohopen hürt: ik -schall mit no See, ik schall mit no See, huroh!“ rief -der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich -warm geworden war, und sprach im Tonfall seines -Vaters, mit verstellter, grober Stimme: „Non denn so -wißt: ich selbst bin Klaus Störtebeker!“ — daß alle -lachten. -</p> - -<p> -Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten -Schandtaten an den Tag, darunter als Hauptstück die -große Haverei. Kap Horn aber erhob den grauen Kopf -und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn -der Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes -nickte und sagte, wenn die Sache vor ein Seeamt käme, -erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner Umsicht und -Ruhe. Anderseiner wäre dabei ertrunken, meinte Hein -Mück, um auch etwas zu sagen. -</p> - -<p> -„Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht,“ -sagte Gesa, in deren Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, -„denn nimm em hin! Goht hin un verdrinkt alltohopen!“ -Die Tränen kamen ihr. „Ochott, wat ist en -Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, -du weest ne, wat du deist, un dinkst noch mol an mi. -Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di storben: ik starf -jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen -nehmen!“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen -Kürassier: wo sie die Not nur sah und die Plag, schien -ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt ging er in der -Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -und Störtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, daß sie -immer wieder nicht mit konnte, daß sie immer wieder -umkehrte auf dem Wege zur Sonne. Er dachte an seinen -Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der verschollen -war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine -Stürme und Unwetter — und fand sein Leben doch groß -und stark und schön, daß er sich kein andres wünschte -und auch seinem Jungen kein andres verschaffen wollte: -Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, -sollten immerdar Fischer bleiben. -</p> - -<p> -„Gesa?“ -</p> - -<p> -„Wat schall ik noch?“ -</p> - -<p> -Sie war müde, körperlich und seelisch. -</p> - -<p> -„Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken -vertüch? Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat -weest du doch?“ -</p> - -<p> -„Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?“ -</p> - -<p> -Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen -wolle: ich bin keine und werde niemals eine werden! -</p> - -<p> -„Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat, -Diern? Goh mit an Burd! Man to! Denn sünd wi -uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben! Man -to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol -sehn, wo mooi dat up See is!“ -</p> - -<p> -Er faßte sie bei den Händen an, aber sie wich seinen -Blicken aus und schüttkopfte. „Ik kannt ne, Klaus, gläuf -mi dat! Mi groot all vör de Ilw, wat schull dat irst -up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!“ -</p> - -<p> -In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner -Frau und seinem Kinde zu wählen, und er wählte den -Jungen. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen -Streek an Land: wenn er Proviant eingenommen hatte, -lag er nicht lange am Neß, sondern ging mit der ersten -Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die Fischerei -zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der Ausrüstung, -als er mit seinem Ewer von Altona gekommen -war. Kap Horn, der Janmaat, war es zufrieden, daß sie -schon abends fuhren, obgleich er dann eine Hochzeit versäumte, -bei der er auf der Harmonika spielen sollte. Er -war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter -etwas taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen. -Und Störtebeker? Das zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte -dieser eine Tag schon zu lang und er hätte am liebsten -gesehen, wenn sie schon mittags den Anker aufgehievt -hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch -etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder -abgemustert werden. Nur einem paßte der Kram nicht, -dem guten Hein Mück, der auf einen Sonntag gehofft -hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte -<span class="antiqua">plenty money</span> in der Tasche und wollte den Bauernknechten -mal preußische Taler unter die Nase halten, -wollte mal eine Runde für allemann ausgeben, wollte -mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in der -Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und -nun wurde wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus -Mewes nur nicht antun, der einen so treuen und fixen -Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er sich mit -Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes! -</p> - -<p> -Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden -lachenden Klaus Mewes auf die Dauer doch nicht grollen, -wenn sich ihr Herz auch zusammenzog und sie mit Grauen -an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch wollte -sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein -und verzagt stehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstung -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -des Fahrzeuges und suchte die Sachen für den -Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer angeborenen -Heiterkeit kam. -</p> - -<p> -Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht -alles zurecht, was suchte sie nicht alles her! Es war, -wie Klaus scherzend sagte: als wenn Störtebeker auf -Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er -eine Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und -Socken, wollene Jacken, Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher, -Handschuhe und Taschentücher, Mützen und Hüte, -Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen -auf der Diele in der Reihe, rein gefährlich anzusehen! -Gesa ging dabei nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, -der da hieß: Upt Woter ist jümmer kold — und kehrte -alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und -Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles -gehörte dazu. -</p> - -<p> -Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer -und musterte einen Schinken, eine Seite Specks und eine -erkleckliche Anzahl von Mettwürsten an, indem er sie von -der Leine schnitt. -</p> - -<p> -Störtebeker barg <a id="corr-5"></a>das Hütfaß und stellte die Bungen -auf den Schauerboden, die er den Bauernknechten wieder -weggeholt hatte. Dann schleppte er den Kaninchenkoben -auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord -haben, auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und -redete es ihm aus: sie hätten für die Munkis kein Futter -und Kluß könne sich ja doch nicht mit Seemann vertragen. -Störtebeker sah es ein und kantete den Stall -wieder über die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten, -vorwurfsvoll zu sagen: „Du hest mi ober sülben seggt, -wat ji up grote Scheep Swien un Kninken an Burd hatt -hebbt.“ „Jo, op grote Scheep,“ sagte Kap Horn, „das -is ok wat anners!“ -</p> - -<p> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -„So? Fischereber is ok en grot Schipp,“ rief Störtebeker -patzig. -</p> - -<p> -Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang, -mit der Karre, und Brot und Mehl holen, Pflaumen und -Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und Kaffee. Er -hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam -vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug -am Deich und wurde von allen Seiten gefragt, ob er nun -mit an Bord komme. Und wenn er bejaht hatte, dann -sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden, solle kein -Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über -Bord falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den -Alten: „Sien Vadder is verrückt: wat schall dat Gör all -up See?“ -</p> - -<p> -Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen -Bindfaden. „Wat schall dat denn?“ fragte Störtebeker -verwundert. „Och, nehm man mit! Is god för de Fohrt!“ -„Neem to?“ „Kumm, dat segg ik di int Uhr,“ raunte -der Krämer und flüsterte: „Dor bindst du di de Been -mit to, Störtebeker: du deist de Büx jo doch vull, wenn -ji up See sünd.“ -</p> - -<p> -Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank -und sagte, ihm könne sowas nicht passieren. -</p> - -<p> -Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig -und verschoben die Abfahrt deshalb auf den andern Tag. -Störtebeker mißtraute der Sache, er fürchtete, daß sein -Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht -alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas -rege. Als er schließlich die Augen nicht mehr offen halten -konnte, zog er leise seines Vaters Strümpfe vom Stuhl -und steckte sie bei sich unter die Decke mit dem Gedanken: -Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst! -</p> - -<p> -Der andre Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr -ununterbrochen zwischen Bollwerk und Ewer hin und her -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -und brachte alle Beutel und Packen, alle Brote und -Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer -sicher an Bord. Es war zu verwundern, daß er sich nicht -in Brand lief. -</p> - -<p> -Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an -Bord mußten. Der Abschied nahte. Gesa mußte ihrem -Jungen die Hand geben: sie tat es scheinbar ruhig! Er -sprang vor Freude, daß es nun wirklich und dreihaftig -losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm -verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden, -nicht zu weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die -Wanten zu klettern, sich nicht von den Fischen beißen zu -lassen und gesund zu bleiben. Er hätte in diesem Augenblick -noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er -zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen -Vater, der in der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte -und seine schöne Frau küßte, bis sie sich ihm verwirrt -entzog. -</p> - -<p> -Der Kahn mußte mit, Störtebeker sagte, sonst gingen -die Jungens ihm damit durch die Binsen, und Klaus -Mewes war es zufrieden, denn der leichte Kahn war eher -vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte -ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen. -</p> - -<p> -Adjüst! Adjüst! Adjüst! -</p> - -<p> -Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann -stand auf der Ducht und bellte nach Gesa hinüber, die -auf dem Deich stand, als wenn auch er Adjüst sagen wolle. -</p> - -<p> -Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling -seine Flügel, der Anker wurde aufgehievt, wobei Kap -Horn nach Matrosenbrauch sang, dann schwoite das Fahrzeug -herum, die Lappen fielen voll, — langsam zog es -davon und segelte in einem großen Gange westwärts. -Gesa winkte nochmal, Klaus Mewes und Störtebeker -winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte Kap Horn -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und -spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang -es nach dem Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch -so wehmütig, daß sie, die sich bisher tapfer gehalten -hatte, ins Haus gehen und weinen mußte. -</p> - -<p> -So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater -am Ruder und bei Sonnenschein auf dem Wasser, unter -dem Harmonikaspiel von Kap Horn und dem Gebell von -Seemann. -</p> - -<p> -Fahr wohl, Störtebeker! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -Zehnter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Nun wölbt euch, große, braune Segel, nun knarrt, ihr -Gaffeln, schlagt, ihr Schoten, tanz, Flögel! Du Wind -mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du Wasser mußt -blinken, auf daß die <em>Freude</em> in Klaus Störtebekers Herz -komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein -Fahrensmann werde! Daß er sich dem Kampf mit der -See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem Kampf mit -Rom, daß er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater -etwa vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen -Landmann aus ihm zu machen gedächte! -</p> - -<p> -Denn <span class="antiqua">navigare necesse est</span> — Seefahrt ist not, und -bitter not ist es, daß das Lachen von Klaus Mewes nicht -von der See gehe! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen. Hinter -dem Schweinesand, dwars von Wittenbergen, füllten sie -das Wasserfaß mit frischem Elbwasser, wobei Störtebeker -fleißig half, denn er konnte auch schon eine Pütze tragen. -Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen gehabt, -nun setzten sie noch den großen Klüver, das Toppsegel -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -und den Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. -Dann nahmen sie das Boot aus dem Wasser und setzten -es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch Störtebekers -Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter -den Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant -in die verschiedenen Schappen. Es gab Enden aufzuschießen, -sie hatten zu pumpen, das Deck zu schruppen -und zu dweilen. -</p> - -<p> -Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt, -bis auf das Segeln, bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte -sich zu Koje, weil er die Nachtwache bekommen sollte. Da -stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte -vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und -Messer und bediente die Fock, wenn der Ewer über Stag -ging. Störtebeker saß auf den Luken. Seemann hatte -den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief. -</p> - -<p> -Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch, -so hoch vorkam, daß er sich immer wieder wundern mußte. -„Dat reckt bit inne Wulken, Vadder,“ sagte er, „uns -Karkturn is nix dorgegen.“ -</p> - -<p> -„Ree,“ rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers -erreicht hatten, und warf das Ruder hinum, daß -der Ewer gewaltig aufluvte und in den Wind schoß. -Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig schlagende, -rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber -drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel -schüttelte sich wie unwillig und haute erregt mit -den Schotenblöcken, daß das Deck erzitterte, dann aber -war der Ewer herum, die Segel fielen von der andern -Seite voll und der neue Streek begann. „Gohn!“ scholl -es über Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block -einen Fußtritt, daß die Fock nach Lee schlug, wo sie -wieder festgebunden wurde. -</p> - -<p> -So ging es die ganze Tide. -</p> - -<p> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und -Blankeneser unter Segeln, aber der Laertes, der gut -kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich nicht überholen. -So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden -Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die -Schiffe und Baken, die Tonnen und Feuertürme, die Deiche -und Kirchtürme, er erklärte ihm Flaggen und Segel, er -zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes, -die Berghäuser von Blankenese („dat de dor ne dolpurzelt!“ -sagte der Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand -mit den Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen -Kirschbäumen, die roten Dächer von Wedel, das Schulauer -Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen Wolf, von dem -nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem -Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen -mit einem löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme -von Stade. -</p> - -<p> -Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, -aber das Beste war ihm doch der große Ewer in seiner -Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die Seen schoß und -wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand, -darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch -seinen Vater sah er mitunter von der Seite an: obgleich -der noch lachte und sprach, schien es ihm doch ein andres -Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in der -Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus. -</p> - -<p> -Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar -auch schon aus dem Sinn, denn als Hein Mück einmal -spöttisch fragte: „Hest ok all Heimweh?“ da guckte Störtebeker -ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht verstanden -hätte. Auch als sein Vater einmal meinte: -„Muchst ok all wedder no Hus hin, no Mudder?“ — -da schüttelte er nur den Kopf wie im Traum und blickte -nach den Segeln hinauf. -</p> - -<p> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -„Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill -af, denn büst morgen wedder annen Diek!“ setzte Klaus -Mewes lauernd hinzu. Da fragte der Junge nach dem -Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von -solchem Schnack nichts wissen wollte. -</p> - -<p> -Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: -dort aber wogte und schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich -entgegen und zwang sie, zu Anker zu gehen. Das -war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen, -steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der -Kajüte. Als sie nachher noch mal überguckten, Störtebeker -und sein Vater, sahen sie, daß sich viele Ewer zu ihnen -gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden Fahrzeugen -lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten -Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser -spielend durcheinander. Der Heben war von übereinandergetürmten -Wolken umlagert wie von Alpen und der kalte -Nachtwind strich tauend um die Wanten. -</p> - -<p> -Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und -ließen sich von den gluckenden und klopfenden Seen solange -etwas erzählen, bis sie es nicht mehr hören konnten. -</p> - -<p> -„Büst ok all bang, Störtebeker?“ fragte Klaus Mewes, -schon halb im Traum, aber der Junge antwortete nicht -mehr: er schlief schon. -</p> - -<p> -Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe -in der Kajüte. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief. -Da rief Klaus Mewes: „Seilen!“ und schwang sich -aus der Koje, um die Seestiefel anzuziehen. Knecht und -Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten mit -kleinen Augen nach ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen -bleiben wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedreht -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -hatte, aber er stand doch mit auf und half beim -Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock mit auf und -drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken, -denn es war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. -Das Großsegel stieg auf, die Besan folgte, dann der -große Klüver. Auch auf den andern Fahrzeugen regte es -sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl der -Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte -mit dem Winde herüber, die Gaffeln knarrten und die -Schoten hauten. -</p> - -<p> -Der Wind war südlich gelaufen, sodaß sie dalsegeln -konnten, schier dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen -brauchten. Die Segel fielen voll und der Ewer, ein großer, -schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach dem Fahrwasser -zurück. -</p> - -<p> -Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache. -Er hatte sich ein dickes wollenes Tuch um den Hals gebunden -und sah aus, als wenn er es im Halse hätte. -Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten -Kompaß und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte, -er ermahnte den alten Knecht, keine Haverei zu machen, -und ging mit seinem Vater wieder zu Koje. Er zog aber -die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht an ihn, -denn er zitterte vor Kälte. -</p> - -<p> -Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und -seinem Knöbel Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen -Vater auszuschelten, daß er aufgestanden war, ohne ihn -zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon gekommen -wären: da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes -graugrünes, schmutziges Wasser und lief, was er konnte. -„Vadder, neem sünd wi all?“ „To Freeborg, Störtebeker,“ -rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von Freiburg -an der Elbe. -</p> - -<p> -„Neem is de See denn?“ -</p> - -<p> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -„Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter -hebbt wi all fot!“ -</p> - -<p> -„Ne, dat gläuf ik ne,“ rief Störtebeker, aber Hein -Mück sprang wie ein Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart, -schlug eine Pütze voll Wasser auf und hieß ihn -kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser -war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal, -aber der Geschmack änderte sich nicht. Wie das angehen -könne, rief er kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen! -Daß Fische darin leben könnten, wollte ihm -noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch -geheimnisvoller für ihn. -</p> - -<p> -Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver -und Toppsegel weggenommen werden mußten. Der Ewer -lag sehr schief, die Segel standen bukt voll Wind und die -groben Seen spritzten schon einmal über Deck, wenn der -Ewer tauchte. Am Heben standen „Ziegenhaare“, zerzauste -Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten. -</p> - -<p> -Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht -für Klaus Mewes, der vergnügt steuerte und sang! Ein -Vers aus der Dänenzeit war es, den er beim Wickel hatte, -vererbt vom Großvater her: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,</p> - <p class="verse">kridderwidderwitt, den deen ik ne!</p> - <p class="verse">Den sien Lohn is mi to wenig,</p> - <p class="verse">Pillkantüffeln mag ik ne!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und -versang die Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein -Vater war ja bei ihm: was sollte ihm da die See tun -können? -</p> - -<p> -Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen -Mittag schon, so rasch zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel -füllte Hein Mück das Essen aus und übernahm das -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -Ruder, während die andern sich die Klütjen und Plummen -schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie -soweit, daß Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen -konnte, denn im Norden trat das Ufer zurück, dort blinkte -die See, die See, nach der er sich am Deich gesehnt hatte, -der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit vermacht -wäre. -</p> - -<p> -Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß -und sagte: ja, er könne sie sehen, aber weiter sagte er -nichts, denn eigentlich war es eine große Enttäuschung -für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge, zu -sagen: „Dat is ok jo wieder nix as Woter!“ — aber er -verbiß es, denn er dachte: Erst ganz hin sein! -</p> - -<p> -„Vadder, neem fischt wi nu?“ -</p> - -<p> -„Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, -kannst nu noch gorne sehn!“ -</p> - -<p> -Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch -anders kommen, wenn es mehr sein sollte als die Elbe. -</p> - -<p> -Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen -Kanonenschlünden, die die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, -das an seinen Ketten riß, die Türme von Altenbruch; -dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm, -die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein -großes Schiff, eine Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater -wies ihm den alten und den neuen Hafen, die großen -Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich standen, -das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den -Bäumen guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter -dem Ewer auftauchte, und drei Masten, die im Norden -kahl und verlassen aus der See guckten. -</p> - -<p> -Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner -und die See größer werden sah, als er wahrnahm, daß -der Ewer ungestümer auf und ab tauchte und sich schräger -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und ließ sich -nichts merken. -</p> - -<p> -Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit -dem flagigen, starken Südwestwind in den Segeln brauste -er mächtig einher und schnitt eine breite, schaumige Furche -wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel ohne -Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten -die See und auf den Watten räucherte die -Brandung. Mit breiten, langen Kämmen kam die Flut -ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas über -sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr -aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der -großen Frau der Elbmündung, die immerfort nach ihrem -Mann sucht, der doch längst geblieben ist, — und nahmen -den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N. z. W. -</p> - -<p> -Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte -Regen und jagte die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker -mußte hinein. Als sein Vater ihm den Rock zuknöpfte, -sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das -Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, -als hätte er nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen -hatte er untersagt, mit der Seekrankheit zu drohen und -Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn am ersten -davor zu bewahren. -</p> - -<p> -Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk -und erzählte, daß Störtebeker von dort einen Gang unterm -Wasser bis nach Cuxhaven gehabt hätte. -</p> - -<p> -Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden -Fischerewer: da vergaß der Junge das fremde Gefühl und -wurde lebhafter, er holte sich den Kieker aus dem Nachthaus -und betrachtete Ewer für Ewer: er las die Nummern -und ließ sich die Schiffer dazu sagen. -</p> - -<p> -„94, Vadder?“ „Jakob Fock, dat weest du doch!“ -„138?“ „Jakob Mees.“ „3?“ „Friedrichson van de Au, -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -de Störnfischer.“ „107?“ „Ornd Fock!“ Er lernte erkennen, -wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder -und die Möwen flogen um die Masten, wann er kurrte, -wann er segelte, wann er aussetzte. Von da an kümmerte -er sich nicht viel mehr um Gallioten und Feuerschiffe, -Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der -Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten, -und war gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie -noch einen ganzen Tag zu segeln hätten. -</p> - -<p> -Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer -an und fragte nach dem Fang, der Schiffer aber fragte -nach dem Markt. Das war immer ein nachbarliches Gespräch -wie am Deich und schloß mit einem Gedankenaustausch -über das Wetter. -</p> - -<p> -Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer. -Bei der Lotsengalliot nahm eine hohe See den Ewer auf -den Rücken und warf ihn dwars weg, daß Störtebeker -das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er -stand ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, -aber die Düsigkeit im Kopf nahm immer mehr zu und -den schlechten Geschmack im Munde wurde er nicht wieder -los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank -wurde und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er -wollte es nicht! Nur das nicht, nur das nicht! -</p> - -<p> -Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap -Horn und Hein Mück, daß sie ihn auslachen konnten! -Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die Zähne zusammen -und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, -der ruhig und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus -lag und sorglos seine Pfoten ableckte, während er -es kaum noch aushalten konnte. -</p> - -<p> -Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen -großen Hering in der Kehle stecken hat, so schluckte und -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -würgte Störtebeker auf dem heftig dümpelnden Fahrzeuge -und wehrte sich gegen die Seekrankheit. -</p> - -<p> -Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier -schon seekrank würde, sei ein Schietinnebüx, denn sie seien -ja noch in der Elbe, die See finge erst beim ersten -Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich -noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon -seekrank werden. Sie lachten ihn aus, das war gewiß! -Wenn er doch mit seinem Vater allein auf Deck wäre! -</p> - -<p> -Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all -das Scheistern nichts geholfen! Junge, Junge, Junge, -was für ein Zustand! Er wollte und wollte sich aber -vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See, -nicht geben! -</p> - -<p> -Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus -Mewes seinen Jungen mit einem Male nicht mehr sehen -und dachte schon, er wäre über Bord gefallen, aber da -nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. -Der Seefischer ging nach vorn — da lag Störtebeker im -Boot zusammengekrümmt unter den Duchten und erbrach -heftig. Hein Mück steckte einen Grientje auf und wollte -etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn -schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren -— schließlich, als das Spucken nachließ, legte er -ihm die Hand auf die Schulter. Der Junge fuhr zusammen -und sah auf — kreidebleich im Gesicht! — Dann lächelte -er unter Tränen und sagte: „Nu lach mi man fix wat -ut, Vadder, wat ik seekrank bün!“ Urch — da ging es -wieder los: Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der -neugierig herbeigekommene Seemann bekamen etwas ab. -Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am -Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem -Albatros, der auf Deck sei, und Hein Mück lachte, weil -sie ihn die ersten Reisen auch ausgelacht hatten. Störtebeker -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -lachte auch mit, wenn auch verzerrten Gesichts, -dann aber mußte er sich geben. „Gliek ist all rut,“ -tröstete er, „denn wardt beter!“ Aber das stimmte nicht, -denn es wurde immer ärger, je leerer der Magen wurde, -zuletzt spuckte er die Galle aus und lag dann regungslos -auf der Ducht. -</p> - -<p> -„Bang bün ik ober ne, Vadder,“ sagte er matt, „bloß -seekrank!“ -</p> - -<p> -„Schall ik di wedder an Land setten?“ -</p> - -<p> -Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte -er nicht, denn er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte -sein Vater ihn mit einem alten Segel zu und ließ ihn -im Boot liegen, weil die Seeluft besser war als die Luft -in der Koje. -</p> - -<p> -Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er -an seine erste Reise und an seine Seekrankheit: er war -auch nicht frei geblieben. Noch jetzt wurde er etwas -seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder -nach See kam — wie viele alte Fahrensleute. -</p> - -<p> -Der Wind krempte nach Westen um und nahm an -Stärke zu. Es wurde stur. -</p> - -<p> -Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff -im Segel, die meisten aber hatten das Kurren aufgegeben -und trieben. Die See hatte Mützen aufgesetzt. Klaus -Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney und -Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil -er die Segel nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland -zu, dessen Feuer hell im Norden blinkte. -</p> - -<p> -Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und -rollte, während die düstere Nacht hereinbrach. Viele -Segel und Lichter waren bei ihnen und der dunkle Felsen -stieg immer höher aus der See. -</p> - -<p> -Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und -dem großen Land, d. h. zwischen der Düne und Helgoland -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -zu Anker gingen, war der Wind nordwestlich gelaufen -und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein -konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite -Anker aus, dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken -auf den Arm und trug ihn nach unten — und -weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in die -Koje. -</p> - -<p> -Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er -eine nasse Hansch in den Nacken. „Wi sünd ok mol seekrank -worden,“ sagte Klaus Mewes, „dorüm kann he doch -en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.“ -</p> - -<p> -Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen -Ketten und klüste wie nichts Gutes hinter Helgoland. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, -aber die Luft sah noch nicht nach Aufklaren aus. Draußen -stand eine hohe See, so daß an Fischen nicht zu denken -war. Sie blieben deshalb noch liegen. -</p> - -<p> -Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war -die ganze Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück -saß auf der Treppe und schälte Kartoffeln, Kap Horn -war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf -der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus -Mewes knüttete an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten -Tisch stand noch der Morgenkaffee. -</p> - -<p> -„Vadder, neem sünd wi?“ -</p> - -<p> -„Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so -dull, dat wi ne fischen könnt.“ -</p> - -<p> -„To Anker, Vadder?“ -</p> - -<p> -„Jo, Störtebeker!“ -</p> - -<p> -Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm -der Kopf mit einem Mal so sauste und warum die ganze -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm seine Seekrankheit -ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie -nicht wiederkommen sollte. -</p> - -<p> -„Blief man giern liggen,“ sagte sein Vater mit verstelltem -Ernst, während er geruhig knüttete, „wenn dat -noher stiller is, sett ik di an Land, denn fohrst du mitten -Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix för di, -wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten -magst du ok nix, dat kann jo ne god gohn.“ -</p> - -<p> -Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, -und sagte zu Seemann, der ihm nachgelaufen war und -auch die Nase in den Wind steckte: „Nu weut wi mol -sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!“ Als er die Reihe -der Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit -Jannis Six gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm -ankerte, ging er wieder unter Deck, nahm Scheger und -Nadel auf und knüttete weiter, als wenn nichts geschehen -wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das -Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte. -</p> - -<p> -Denn siehe — Klaus Störtebeker war aufgestanden -und hatte sich angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch -und trank schwarzen Kaffee aus der Muck. Noch mehr: -er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war, -es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; -und wenn es noch nicht gleich gelang, so war sein Wille -doch nicht daran schuld. Tapfer aß und trank er, obgleich -der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen und zu -tanzen begannen. -</p> - -<p> -„Smeckt all wedder, Störtebeker?“ fragte Klaus Mewes -nach einer Weile. -</p> - -<p> -„Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit -dör!“ -</p> - -<p> -„Dat segg man nich to hart,“ rief der Knecht von der -Diele. -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -„Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! -Un no Hus will ik ne, Vadder: ik will bi di -blieben un mit fischen!“ -</p> - -<p> -„Non!“ sagte sein Vater, „denn ist god!“ Und erging -sich mit ihm an Deck, damit der Junge in der frischen -Seeluft ganz genese, denn die Teer- und Segelgerüche -der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand. -</p> - -<p> -Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland -und das Oberland, die große Treppe, den Leuchtturm und -die Kirche, die großen rotgrauen Felsen, die starken Boote -der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs, auf dem -die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines -Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon -wieder Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt -fühlte: sein Vater ließ ihn pumpen und das Boot -schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und sich nicht -wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig -verjagt werden. -</p> - -<p> -Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer, -wenn auch nicht so viel als sonst. Seine Backen hatten -schon einige Farbe zurückbekommen und seine Augen -glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen. -</p> - -<p> -Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, -er wolle an Land: wer mitginge? Störtebeker war dabei. -Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte ab: er wollte -ein bißchen voraus schlafen. -</p> - -<p> -„Up Hilchland ist fein, Hein Mück.“ -</p> - -<p> -„Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,“ sagte Hein -Mück aber und zog die Stiefel aus, um einen Stremel zu -verträumen. Kap Horn, der gern mitgegangen wäre, -mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben. -</p> - -<p> -Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, -denn es stand noch eine ziemliche See, wenn -auch der Wind nachgelassen hatte und raumer gelaufen war, -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie Wasser -über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf -an, aber er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit -nicht an sich heran. -</p> - -<p> -An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer -Booten fest und betraten den englischen Boden. -Mit dem Unterland waren sie bald schier. Klaus Mewes -sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte, und -der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte -etwas, was Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er -meinte, es wäre Englisch. Dann stiegen sie die 188 Stufen -zum Oberland hinauf und blickten auf die kleinen, kleinen -Ewer und Kutter. -</p> - -<p> -„U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi -Hus!“ rief Störtebeker. Er bekam den Mönch zu sehen, -den gewaltigen, frei im Wasser stehenden Felsen mit dem -grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in -die schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft -rauschte. Dann schlugen sie den Mittelweg ein, den die -Badegäste die Kartoffelallee getauft haben, und blickten -von der Nordklippe des Eilandes weit und breit über die -graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen -stand ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, -unter ihnen aber brandete die See in dumpfem -Grollen. -</p> - -<p> -Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen -sie nach den Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, -die schwarzweißen isländischen Gesellen, in großen Scharen -saßen. Andre flogen hin und her und krächzten. -</p> - -<p> -Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein -und Klaus Mewes schrieb einige Zeilen an Gesa. Dann -schieden sie von dem englischen Heligoland und wriggten -nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne -über die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -nachdenklich: „Worüm hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann -to?“ „Worum?“ lachte Kap Horn. „Worum -heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar -un Kapstadt un Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche -Jan Bull, as anner Lüd bleud weurn.“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal -mit dem Heben zu Rate, dann aber rief er munter: -„Seilen!“ und warf seine Kurre mit einem großen -Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat -wieder in ihr Recht und alle stürzten an Deck. -</p> - -<p> -Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den -Anker und kreuzten aus dem Helgoländer Loch. Draußen -kamen sie in leege Wall und trafen eine so hohe See -und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber -weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich -nicht aufhalten und dachte nicht an Umkehren. Er hatte -schon anderes erlebt, als diesen südwestlichen Kurs nach -Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an seinem -Ruder aus. -</p> - -<p> -Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje -fest, wenn der Ewer überholte. Er kämpfte wieder -mit bösem Unwohlsein, aber zum Brechen kam er nicht -mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte, -nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte -die Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die -Wache und Störtebeker ging mit seinem Vater zu Koje, -hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden war. -Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und -lobte ihn. -</p> - -<p> -Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren -auf der alten Stelle angelangt, wie Klaus Mewes durch -Peilen und Loten festgestellt hatte. Dwars von Juist -klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer -geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -und setzten die Kurre aus, nachdem sie den Ewer in -den Wind gebracht hatten. Kurrbaum und Kugeln, -Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann -ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu -Wasser, mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten -Feuerweg, den die eben aus der See gestiegene Sonne -auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker war mit Leib -und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle -Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte -über die Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen -wäre, trat Seemann auf den Schwanz, daß er klagend -schrie, und steckte sich überall dazwischen. -</p> - -<p> -Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die -ganze Kraft dreier Männer bewältigt werden konnte, bekam -Hein Mück die Wache. Schiffer und Knecht gingen in -die Puk. -</p> - -<p> -Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie -ein Roß mit dem Pflug, und segelte langsam dem grauen -Streifen entgegen, der im Süden aus der See guckte. -Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle sie -jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang -über Bord und machte sich Gedanken darüber: als Hein -Mück, der Wachmann, aber anfing, sich über ihn lustig -zu machen, ging er seinem Vater nach und verschlief die -beiden Kurrstunden in dessen Armen. -</p> - -<p> -„Intehn! Intehn!“ Der Ruf, der Tote auferwecken -und Kranke zum Aufstehen bringen kann, scholl in die -Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet hatte. Da -konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, -zwei, drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte -der Norderneyer Dünen die Kurre ein, nachdem sie das -Ruder lose gegeben und die Fock fallen gelassen hatten. -</p> - -<p> -Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame -Aufhieven des Netzes! „Hiev, hiev!“ Wie oft mußte -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er sich beim Abstoppen -abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der -Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an -den Wanten saß. Dann beugten sie sich über Bord und -zogen die Kurre mit den Händen über die Reling. -</p> - -<p> -Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den -Ewer flogen und sich zu Hunderten angesammelt hatten, -lauter aber als Hund und Möwen war Störtebeker, der -bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und -rief: „U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch -een! Dor all wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, -dor een Gnurrhohn, dor een — den kinnk ne! Junge, -Junge, watten Fisch!“ -</p> - -<p> -Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien -der Steert, der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. -Der war so groß und schwer, daß sie ihn nicht -über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn deshalb -in die Talje nehmen. -</p> - -<p> -Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige -Klumpen von Fischen und anderm Seegetier, und leckte -wie ein Sieb. Der Schiffer machte das Steerttau los und -sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und quuks-quaks -stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck. -</p> - -<p> -Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: -Störtebeker aber kam gänzlich aus der Tüte. Mann o -Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das war doch -noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder -als wenn die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen! -Da klapperten und spaddelten die Schollen und Scharben, -da sprangen die Rochen, da schnappten die roten Petermännchen -nach Wasser, da knurrten die Knurrhähne, -zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und -Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, -ein zerbrochener Topf und ein großer Stein. -</p> - -<p> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den -Bünn geworfen, nach der Größe gesondert, und gezählt. -Der Streek hatte gelohnt, denn sie kamen auf 8 Stiege -großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker mußte -den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn -hängen, die Taschen packte Hein Mück, dem nach altem -Brauch das Taschengeld gehörte, in einen Hummerkasten. -Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne bestimmt, -denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht -frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht -und in Salzlake gelegt, dann schaufelten sie den Rest -des Fanges schnell über Bord und setzten die Kurre wieder -aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel ab und -nahm seeseitigen Kurs. -</p> - -<p> -Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos, -wie sie erschienen waren, verschwanden sie wieder, um -andre fallende Focksegel aufzusuchen. -</p> - -<p> -Der erste Streek war getan. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater -stand am Ruder. Sie taten kurze, zweistündige Striche -in der Schollenzeit, damit die Fische, die lebendig an den -Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu -sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller -Kleidung zu Koje und schliefen, denn wie ein ehernes -Gesetz hatte nun die Fischerei Gewalt über die Fischer: -das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann durchführen, -wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem -Wetter wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, -wenn der Bünn voll war oder wenn die Stille oder der -Sturm dazwischen kam. -</p> - -<p> -Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -kein Stückchen wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, -so läßt er keinen Streek aus und fischt tags und -nachts, Sonntags und Alltags. -</p> - -<p> -Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine -blauen Augen leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: -sie fischten ja, sie fischten ja! „Junge, Vadder, dat is -wat, dat mokt Spoß!“ versicherte er immer wieder und -sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm -als von dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: -er holte sich ein dickes Stück Schwarzbrots aus dem Schapp -und aß es, er trank Kaffee dazu und war guter Dinge. -In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht -bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein. -</p> - -<p> -Wie im Fluge verging die Zeit. -</p> - -<p> -„Is so wiet,“ sagte Klaus Mewes, „nu rop jüm man!“ -</p> - -<p> -Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die -halbgeöffnete Kapp zurück, kletterte die Treppe hinab -und gröhlte, so laut er konnte: „Kap Horn un Hein, -upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!“ -</p> - -<p> -„Jo,“ brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum -von seiner Gesine durch die Latten gegangen war, und -grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn aber schwang -sich auf die Bank und schalt: „Wat is dat egentlich forn -Snack von wegen opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst -woll, du büst hier bin Buern, wat? Weest du nich, dat -an Bord allens <em>utsungen</em> warrn mutt? Paß mol op: -so heet dat: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,</p> - <p class="verse">reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!</p> - <p class="verse">De een von jo sallt Ror verfangen,</p> - <p class="verse">reis ut, Quarteer, de Wacht is don,</p> - <p class="verse">acht Glosen sünd slon!</p> - <p class="verse">Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -„Junge, dat is jo en ganzen Gesang,“ rief Störtebeker, -„den kannk ne beholen!“ Dann aber rüttelte er Hein, -der auf der Bank wieder eingedusselt war: „Schall ik irst -mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di ne seggt, du -schullst upstohn?“ -</p> - -<p> -„Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier -no Amsterdam flügst,“ drohte der Junge mürrisch und -erhob sich. -</p> - -<p> -Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. -Als sie alle drei an Deck kamen, hatte sein Vater den -Ewer schon in den Wind schießen lassen, die Fock war -schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder über -den Masten. -</p> - -<p> -Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es -ging noch schwerer als vorher, daß Störtebeker rief, da -säßen gewiß hundert Stiege Schollen drin. Ihr Seefischer, -die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der Gedanken -an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre -einzogt? Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und -Steine gewesen waren, was Ihr zutage gehoben hattet: kam -nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder, daß es auch -einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste -gesät hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber -der Fischer, der nicht sät (Sehet die Fischer an: sie säen -nicht und ernten doch, hatte Pastor Evers gepredigt), -für den ein andrer die Saat bestellt, der immer unbekannte, -geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann -der alles ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch -auf dem Grunde der See: ein Fischer wird es einmal -finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes, Unsichtbares, -die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch -dem armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen -etwas vorausgibt: und sie ist es, die Fischer werben -wird, so lange die See nicht zugeschüttet ist. -</p> - -<p> -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen -das Abstoppen für eine Weile überlassen, denn ohne seine -Bärenkraft ließ die Winsch sich diesmal nicht drehen. -Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden. Diesmal -riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn -er wußte jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich -wenig darum, daß er naß wurde. Sogar Seemann half: -er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter großem -Geknurr. -</p> - -<p> -Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer -Stein auf das Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war -der vermeintliche reiche Segen! Zum Glück waren aber -auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in den -Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: -Klaus Mewes wollte ihn hier nicht über Bord werfen, -sondern gedachte ihn an einer Stelle sacken zu lassen, -wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen Fischern mehr -beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden -konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, -als die Sonne ihn abgetrocknet hatte. -</p> - -<p> -Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, -der noch nicht wieder schlafen konnte, blieb bei ihm und -half ihm beim Zusammenbinden und Aufhängen der -Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte -Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, -und erzählte ihm Geschichten von der großen Fahrt, die -noch all seine Gedanken füllte, wie der Wind die Segel, -und die er nicht vergessen konnte, Geschichten von Albatrossen -und Eisbergen, von Schiffbrüchen und Piraten, -von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten -Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der -Linie und dem <a id="corr-6"></a>Sargassomeer bei Westindien, in dem -kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch die berühmte -Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -war so: als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine -Bark einst zwischen Kapstadt und Singapur ein Leck in -den Boden. Sie wollten es dichten und konnten es nicht, -denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie -Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. -Als Hans aber angelaufen kam und gerade anfangen -wollte, zu arbeiten — in die Hände hatte er schon dreimal -gespuckt! —, wat meent ji woll: mit einem Mal -taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der -See auf, steckt den Kopf durch das Loch und bleibt darin -sitzen. Hans Fink holt geruhig sein Knief aus der Tasche, -das mit der knöchernen Schale, das er noch heute hat, -schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich -vom Smutje Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und -das Schiff ist dicht und macht nicht einen Tropfen Wasser -mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen, bloß, -weil Hans Fink so schlau gewesen war. -</p> - -<p> -Gotts den Dünner — was für eine Geschichte. „Minsch, -wat kannt angohn,“ rief Störtebeker verdutzt, „wo grot -is dat Leck denn wesen?“ „Och so as mien Arm dick is!“ -„Son dicke Ool gifft ober ne!“ Kap Horn ließ sich aber -nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal -gewesen! „Veel Pund schull de woll wogen hebben?“ -„Dor mutt ik um legen, Störtebeker: Hans Fink meent -ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!“ Der Junge -konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall -hinwegkommen und trieb den Knecht zuletzt in die Enge -mit der Frage: „Jä, nu segg mi ober mol: wat hett he -denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch butenburds?“ -Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und -wand sich selbst wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und -bei den Segeln Rat, ohne ihn zu finden: zuletzt aber -rettete er sich durch einen Hasenseitensprung, indem er -tiefsinnig erklärte: „Dor heff ik Hans noch nich no frogt! -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -Wenn ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol -mit em öber den Krom snacken.“ -</p> - -<p> -Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während -sie stetig fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so -klein war, daß viele darüber fielen und viele es für -einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal erlebte Jan -Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis -Loop, der beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen -darüber gebreitet hatte. Ein andermal steckte der große -Karsten Külper es im Vorbeigehen in die Jackentasche -und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog -er es heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die -Groggläser und Bierseidel mit den Worten: „Kiekt, Junggäst, -wat ik annen Feekstreek funnen hebb!“ Seine -Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der Tür -</p> - -<p class="schild center"> -<span class="line1">Jan Wurt,</span><br /> -<span class="line2">Elbfischer.</span> -</p> - -<p class="noindent"> -und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan -Wurts Haus. Und ehe der große Fischermann noch recht -begriff, was er angerichtet hatte, ging die Tür des kleinen -Hauses auf und Jan guckte heraus. Die Groggläser und -den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins -bei ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die Musikanten -konnten nicht weiter spielen, eine so gewaltige -Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er gröhlen und -schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und -wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm -aber nichts: er mußte das Haus wieder hintragen, wo er -es hergenommen hatte, und am andern, hochhellichten -Tag mußte er den Deich entlang und mußte Abbitte vor -Jan Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ... -</p> - -<p> -Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -dem Jungen aus umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren -Seeaffen zurecht und lehrte ihn den Kompaß nach -der Weise: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">West zum Norden, Westnordwest,</p> - <p class="verse">unsre Freundschaft stehet fest;</p> - <p class="verse">Süd zum Osten, Südsüdost,</p> - <p class="verse">deine Liebe ist mein Trost! ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit -der Harmonika mache er die Fische bange, dafür aber -machte er ihm eine Angel für Makrelen und Katzenhaie -zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie hinteraus. -Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte, -so oft Störtebeker auch aufzog. -</p> - -<p> -Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, -als wenn sie sagen wollten: Man to, wi sünd all -hungerig! -</p> - -<p> -Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit -begann wieder. Dieser Streek brachte nur fünf Stiege: -sie segelten deshalb westlicher, bevor sie wieder aussetzten. -Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber -tat auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, -er ließ sich von ihm im Steuern unterrichten und steuerte -allein, als Hein sich als Koch betätigen, die Klöße rollen -und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte. Das war -etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu -steuern. Wie paßte er auf, daß kein Segel an zu klappern -fing, daß sie immer voll standen, daß er nicht aus dem -gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See ab, daß er -keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn sehen müssen! -</p> - -<p> -Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über -Ostermoonen und Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, -Kaninchenzucht und andre Dinge vom Deich, -sie einigten sich über die fischreichsten Gräben und beschwögten -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die -drei großen Feste, die nun bald kamen. -</p> - -<p> -Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, -als sie aber nach dem Mittagessen — gekochte Rochen gab -es, etwas Köstliches! — an Deck gingen, um die Kurre -wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen gegangen -und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das -Fischen aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf -der ziemlichen Dünung hin und her, wie in schweren -Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten schlugen -mit den Blöcken. -</p> - -<p> -Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst -Klaus Mewes machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig -schlug das herrenlose Ruder hin und her, willen- -und machtlos war der Ewer der Meeresdünung und der -Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie -Löwen mit der Maus. Störtebeker wunderte sich sehr -über diese unruhige See und diesen tanzenden, rollenden -Ewer bei so totenstiller Luft. -</p> - -<p> -Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den -Luken, der dritte lief an Deck auf und ab: sie wußten die -Zeit nicht hinzubringen, so jäh waren sie aus der schönen -Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie nach dem -Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes -schüttelte das Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. -Zuletzt schleppte er die angefangene Kurre an Deck, denn -drinnen war es heiß, und knüttete in großer Ungeduld. -Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber -auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige -Taschen, die dieser unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch -der Seemöwen aufklopfte und verzehrte. -</p> - -<p> -„Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,“ -rief Kap Horn, aber Störtebeker lachte ihn aus und sagte, -das solle er seine Großmutter man tun lassen. Dagegen -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der -Kimmung. -</p> - -<p> -Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich -ruhiger. Gegen Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote -auf der See, nicht weit vom Ewer; mit einem -Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk -auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen -Schiffen, sei eben umgekippt und untergegangen. Da -wurde er aber bannig ausgelacht, denn was er für Torpedoboote -gehalten hatte, das waren Tümmler, die träge -auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen -und untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer -mehr auf, mitunter erschien auch der Kopf eines Seehundes. -Ließ sich aber einmal einer einfallen, zu schreien, -dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem -Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord -wütete! Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber -lachen. -</p> - -<p> -Es blieb die ganze Nacht todstill — erst gegen Morgen -kräuselte sich die Dünung. Da konnte zur allgemeinen -Freude wieder gefischt werden. -</p> - -<p> -So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei -wechselnden Winden, oft von Stillen heimgesucht, und -kamen immer östlicher, bis Langeoog hinauf. Dort sprach -Klaus Mewes das erlösende Wort: „Utscheiden!“ Sie -hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen, -sie hatten die Reise! -</p> - -<p> -Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges -wegen, sondern nach der Weser. Störtebeker sollte es -bestimmen: er war natürlich für die Weser, denn dort -gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser -wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von -Bord holte, wohl aber auf der Elbe. -</p> - -<p> -Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -noch an? Er dachte kaum noch daran, so weit weg lag -das alles, seit er mit fischte: vergessen waren Krähe -und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig mit -Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr -war er in der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen. -</p> - -<p> -Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. -Da bekam Störtebeker zum erstenmal das Wunder der -Nordsee zu sehen, den zwei Jahre vorher errichteten -Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere stehenden -rotweißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal -gezeigt worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl -ebenso spurlos im Meere verschwinden wie sein Vorgänger, -weil er auf Sand gebaut sei und nicht auf Felsen -wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte: -einerlei, Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen. -Störtebeker wunderte sich am meisten über das -Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser hing. -Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen. -</p> - -<p> -Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten -den andern Morgen ihre Schollen. Sie wurden sie auch -zu gängigen Preisen los, denn sie waren nur zu fünfen, -und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht -zu viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser -bekannt war, den Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil -machte, der mit seiner Glocke und mit seiner rostigen, -durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen abklopfen -mußte. -</p> - -<p> -Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, -nach dem Störtebeker ein großes Verlangen hatte, -dann Büffelfleisch und Zucker aus dem Freilager, und -gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß bekam -nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen -kurzen Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönß -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -schrieb, während Störtebeker sich von Marta und Mieze, -den Töchtern des Fischerwirtes, denen der kleine Fischerjunge -sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten ließ. -</p> - -<p> -Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem -Brief, den der Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag -seekrank gewesen, nun wisse er schon nichts mehr davon, -er habe große Lust zu der Fischerei und sei immer vergnügt, -Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen. -Heute abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald -mit Schollen nach der Elbe. Störtebeker ließe ihr noch -sagen, sie solle die Krähe und die Kaninchen nicht vergessen. -</p> - -<p> -Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach -Wippchenart aus den Fingern gesogen, denn Störtebeker -hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf. Er wollte Bremerhaven -sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf -den weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine -Zeit: sie mußten an Bord und nach See. -</p> - -<p> -Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an -der Kaje zu Geestemünde: da wehte es zwei Tage und da -bekam Störtebeker alles zu sehen, was er sehen wollte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -Elfter Stremel. -</h2> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,</p> - <p class="verse">Kämpfer einst Karls in der Schlacht;</p> - <p class="verse">Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,</p> - <p class="verse">jetzo wie einst noch steht er und wacht!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., -28 Registertonnen groß, geführt vom Schiffer Klaus -Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der Schlachte mit -lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser -gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher -blickten überlegen auf ihn herab, denn sie standen schon -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -zweihundert Jahre und hatten Güter aller Zonen unter -ihren Dächern. Auf der Kaje standen die Bremer Jungen -und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie Störtebeker -nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit -Steinen nach ihm zu werfen, da rief er: „Ji verdreihten -Zigarrenmokers!“ (das hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), -zog seine Seestiefel aus und ging ihnen mit -der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die -Flucht ergriffen. -</p> - -<p> -Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und -Arbeitsleute waren minder stolz als die alten Speicher -und minder feindselig als die Jugend: sie kamen mit -Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen die -Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch -die Bremer zu nehmen wußte, war den Fang bald los, -zumal er ganz allein an der Schlachte lag. Der verrufene -schiefe Weg nach Bremen hielt die andern Ewer fern. -</p> - -<p> -Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf -um die Scholle entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und -mit seiner vollen Tasche klirrend zuguckte, bis er sagte: -„Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de Luken to!“ Dann -zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken -und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen -Wind- und Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen -ließ. -</p> - -<p> -Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und -der Kleine und Kap Horn sich landfein und wiesen einander -Bremen. Zunächst steuerten sie wie alle Fremden -nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die -graue Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige, -verwitterte Rathaus und das hohe, steife Standbild, die -Rolandssäule. Störtebeker gefiel von all diesen Bauwerken -eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen -Türmen: das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -von Grünspan; das könnten sie auch mal abschruppen, -meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war ihm nicht -bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn -er nicht bis fünf zählen könne, lachte er. -</p> - -<p> -Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des -Heidenbekehrers Wilhadi vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen -Dom traten, mit den leuchtenden Glasmalereien -und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen -Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; — denn -da gingen sie unhörbar auf weichen Teppichen und alles -war so still und so feierlich, wie es den Morgen gewesen -war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten und das -Läuten der Glocken zu hören gewesen war. „Hier in -Bremen hett de lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,“ -flüsterte er seinem Vater zu, der leise lachen -mußte. -</p> - -<p> -Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem -keine Leichen verwesen und in dem die Särge reihenweise -stehen. Schwedische Gräfinnen, englische Majore, bremische -Bürger lagen da gelb und lederartig in offenen Steinsärgen -und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. -Um die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen, -hingen auch frische Ratten, Hühner und andres Getier -an den Pfeilern. Die trockne Luft des Raumes benahm -den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht -lange im Schnack aufhielten. -</p> - -<p> -Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, -er könne den bösen Geschmack nicht wieder aus dem Munde -los werden. „De mütt dolspeult warrn,“ sagte Klaus, „lot -uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller is -jo bi de Hand!“ -</p> - -<p> -„Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat -for de Groten, for Reeders un Käppens, dor gifft bloß -Wien, Minsch!“ rief der Janmaat, aber Klaus Mewes -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von -Hauff und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein. -</p> - -<p> -„Een van de Groten bün ik ok,“ sagte er stolz, „ik -bün Reeder un Käppen un Wien mag ik ok un up de -scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm, Störtebeker!“ -</p> - -<p> -Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, -setzten sich mitten zwischen die Pfeiler und besahen -die Hausgelegenheit. -</p> - -<p> -„Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker -gohn,“ lachte Klaus, „büst ok bang, Störtebeker?“ -</p> - -<p> -„Ne, bang bün ik ne, Vadder.“ -</p> - -<p> -Mißtrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan -vom Moor konnten wohl nur versehentlich die Treppe -herunter gefallen sein, die wollten gewiß zu Heini Holtentüffel -und bei dem eine kleine Lage trinken: als Klaus -Mewes, der es merkte, ihn groß und frei ansah und mit -lauter Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler -den Buddel und ein Glas süßen Weins für den Jungen -bestellte. Da nickte er höflich und brachte das Verlangte. -</p> - -<p> -Es schien allgemein aufzufallen, entweder, daß der -Finkenwärder so laut oder daß er plattdeutsch sprach, denn -an allen Tischen drehten sich die bedächtigen, geruhigen -Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes ließ sich dadurch -in keiner Weise stören. Er rief den Kellner und -sie ließen sich durch alle Räume führen: sie sahen die -Rose an der Decke, die ein italienischer Maler gemalt hatte, -weil er seine Zeche nicht bezahlen konnte, sie sahen Fässer, -die so groß waren wie ein kleines Haus, sie kamen durch -den Apostelkeller, in dem zwölf nach den Jüngern benannte -Fässer lagen, von denen der Judas sauer war, -sie hörten von Wein, von dem jeder Tropfen dreitausend -Mark kostete. -</p> - -<p> -Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -ans Tageslicht. Die Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker -noch durchaus sehen wollte, waren nicht auszumachen, -so gingen sie durch die Langenstraße an dem -schnörkelgesegneten Essighaus vorüber nach dem Ewer -zurück. -</p> - -<p> -Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends -unternahm, um sich etwas vorsingen zu lassen: er konnte -das Bremer Bier so wenig vertragen, daß er allerhand -Havereien machte und schließlich von einem Schutzmann -an Bord gebracht werden mußte. Als er da noch weisen -Wind hatte und sich nicht geben wollte, goß Klaus Mewes -ihm einfach eine Pütze Weserwassers über den Kopf, um -den großen Brand zu löschen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Keine Luft von keiner Seite ... -</p> - -<p> -Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht -der Ewer in totenstiller Luft auf dem spiegelglatten -Meer. Drei Tage haben sie schon keinen Wind mehr gehabt; -zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt, -nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie -es osterselten vorkommt. Drei Tage schon ruht die -Fischerei, hängt die Kurre am Mast, ist das Ruder mittschiffs -festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das Deck -nieder, das so heiß ist, daß sie Schollen darauf braten -könnten und daß das Pech in den Nähten weich ist. Von -den Wanten leckt der Teer. -</p> - -<p> -Plackendotstill ist es, wie Störtebeker, der munterste -an Bord, immer wieder versichert. Ein Brett, das er -ins Wasser geworfen hat, um die Strömung zu erkunden, -bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das große -Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe -läßt sich sehen. -</p> - -<p> -Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Segeltuches und schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf -der Diele neben dem Wasserfaß und liest in einem Buche, -das ihm der Bremerhavener Seemannspastor mitgegeben -hat, bis er dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil -erwählt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im -Bünn, bis an den Hals im Seewasser. -</p> - -<p> -Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er -ist wie ein gereizter Löwe und es ist nicht gut anbinden -mit ihm. Er kann nicht fischen — das sagt alles. -</p> - -<p> -Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Lesen? — Son -Schiet! — Knütten? — Son Snarrkrom! — Fischen will -er, Schollen greifen, kurren, segeln, kreuzen, denn sie -müssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm -der Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog -gejagt hatte, dann war der Fang schlecht gewesen, drei -magere Schollen im Streek! und nun kam ihm noch die -Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem Wetterglas -und starrte es an, als wenn es an allem schuld -wäre mit seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr -schön — <span class="antiqua">very dry</span>. Klaus Mewes konnte es nur als Sehr -schlecht — verdreiht! lesen. -</p> - -<p> -Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem -Heben, als wolle er Löcher hineingucken. Dabei hörte -er das Spalken und Plätschern im Bünn. Erst wollte er -Hein die Leviten lesen, daß der die paar Schollen im Bünn -noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und -er zog sich auf der Achterplicht aus, setzte seinen alten -Kameruner ab, rannte in Berserkerwut über Deck nach -dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und sprang mit -Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam -prustend wie ein Seehund wieder an die Oberfläche. -</p> - -<p> -„Kiek mol ober, Kap Horn,“ rief Hein Mück, „ik gläuf, -Klaus hetten Sünnenstich kregen!“ -</p> - -<p> -Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -da schwamm sein Schiffer kräftig ausholend wohl zwanzig -Faden vor dem Ewer und lachte und rief: „So ist mooi, -Kap Horn!“ -</p> - -<p> -Seemann aber stand mit den Vorderfüßen auf dem -Setzbord und bellte und Störtebeker sagte in einem fort, -er wolle auch mal schwimmen. -</p> - -<p> -„Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man -keen Ramm inne Been,“ warnte der Knecht, steckte eine -Leine auf den Rettungsring und warf ihn über Bord, -auch fierte er einen Riemen längseit, damit der Schwimmer -einen Halt hätte, wenn er dessen bedürfte. Schließlich -setzte er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser, -stieg hinein und wriggte in die Nähe seines Schiffers, -denn das Schwimmen in offener See, ohne Schwimmweste -und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie -der Bauer sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte -der Fischer niemals in der See schwimmen. -</p> - -<p> -Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer. -</p> - -<p> -Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre -und Gescharre, und als der Knecht sich umdrehte, -sah er Störtebeker nackt an Bord laufen und den widerstrebenden -Hund nach dem Setzbord schleppen. „Störtebeker, -wat mokst du?“ rief er, „Klaus, kiek mol den -Jungen!“ -</p> - -<p> -„Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen un -wennt mitten Dübel togeiht,“ gröhlte Störtebeker und -warf den winselnden Seemann kopfheister in die See, -dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra nach. -</p> - -<p> -„Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all -versupen,“ rief Kap Horn, als auch noch Hein Mück über -das Schwert kletterte. -</p> - -<p> -„Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik -woll uppassen,“ rief Klaus Mewes und schwamm an die -Seite seines Jungen, der entrüstet sagte: „Du meenst -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -woll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son -Woterrott, kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all -duken: paß up!“ -</p> - -<p> -Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. -„Junge, dat do ik ne wedder: dat Woter is jo sult, dor -hebb ik gorne an dacht! I, wat bitter!“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen -und hielt sich in seiner Nähe auf, um ihm beizuspringen, -wenn seine Kräfte nachlassen sollten, Kap Horn aber zog -den spaddelnden Seemann in den Kahn und bewachte die -drei kühnen Schwimmer und den großen, regungslosen -Ewer, der wie tot auf dem Wasser lag. -</p> - -<p> -So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm -mit seinem Jungen in der See, als wäre es am Finkenwärder -Bollwerk und nicht zwischen Spiekeroog und -Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe. -</p> - -<p> -Wenn Gesa das gesehen hätte! -</p> - -<p> -Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas -nachließ, saßen sie allemann auf Deck. Dort aßen sie auch -Abendbrot, denn in der Kambüse war es nicht auszuhalten. -Dann schliefen sie in alten Segeln auf den -Bänken und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache. -</p> - -<p> -Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein -Gewitter aus der See und fegte dunkel und drohend -heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitete es sich -über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der Donner -und die ganze Wolke saß voll von Blitzen, aber Klaus -Mewes und seine Gesellen begrüßten das Wetter mit -Freude, denn nun mußte ja auch Wind kommen und sie -erlösen. -</p> - -<p> -Als die ersten, großen Tropfen fielen, warfen sie die -Segel nieder und gingen hinunter, denn bei einem Gewitter -an Deck sein, ist der gefährlichen Nähe der Masten -wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind auf den -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Wanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die -Masten erdröhnten, der Ewer zitterte, die Lampe -schwankte, die See kam allmählich in leise Bewegung. -Geruhig saßen oder lagen die Seefischer unter Deck und -horchten. Als das Gewitter halb vorüber war, zogen sie -die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen -Schein der letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord, -denn nun hatten sie wieder Wind genug. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="right"> -<span class="antiqua">Ships that pass in the night ...</span> -</p> - -<p class="noindent"> -Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die -Sterne funkeln um so heller um den Schleier der Milchstraße. -Wie tanzt der Orion, wie blitzt die Wega, wie -leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, -wie gleißt der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan, -die gewaltige Wisch, die mit abertausend weißen -und bunten Blumen bewachsen ist und auf der Myriaden -von Tautropfen glitzern. -</p> - -<p> -Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber -sind wie urgewaltige dunkle Kühe, die auf der großen -Wiese in den Blumen grasen. Ruhig und bedächtig grasen -sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam weiter. -</p> - -<p> -Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. -Gesprochen wird in solchen Nächten nicht viel. -</p> - -<p> -Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert -über die See und gibt den Segeln die Kraft, die Kurre -zu ziehen. Rot, grün und gelb spielen die Fischerlichter -auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als ginge es -durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist -sie wie ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die -Gaffeln oben am Mast und wie im Traum reißt der -Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel, an seiner -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -Schote, über der Besan aber weht die dunkle Flagge im -Nachtwinde. Seemann schläft im Nachthaus neben dem -Kompaß und Klaus Mewes geht nach Schifferart auf dem -Achterdeck hin und her, die Hände in den Taschen, während -Störtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn -Steuern hat er längst gelernt. -</p> - -<p> -Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, -wenn er allein an Deck ist, er singt auch bei Sonnenschein, -aber in solcher Nacht singt er nicht: da fühlt er -tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein -Wesen, seine Atemzüge, da haben alle Segel und Wanten, -alle Bäume und Masten ihre eigene Sprache. Nächte, -die gewesen sind, und Nächte, die noch kommen sollen, -stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen beschleichen -ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle -Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken -kommen ihm entgegen, wie der Wind in die Segel weht, -die ihn weit hinaustragen aus der Sehnsucht nach Gesa, -nach einem guten Streek und einem schönen Markt, die -ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen -Nächten muß er Verklarung über sich selbst tun, der -lachende Seefischer, und nicht lachend, sondern ernst beantwortet -er seine eigenen Fragen, denn je höher dem -Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich -seine Wurzel — und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener -Baum. -</p> - -<p> -Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, -weiße, grüne, denn sie fischen zwischen Helgoland und -dem Weserfeuerschiff, und auf diesen Gründen wimmelt -es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist -das Geklapper einer Winsch in der Weite zu hören, wenn -sie irgendwo einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier -Fischer, die einander nahe gekommen sind, abgebrochen -herüber. -</p> - -<p> -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil -der Laertes wegen seiner Besansflagge leicht ausgemacht -ist, so wird hüben und drüben gerufen. -</p> - -<p> -„Klaus, büst du dat?“ -</p> - -<p> -„Jo, Hinnik! Wat fangt ji?“ -</p> - -<p> -„Ochott, is ne slimm: acht Stieg!“ -</p> - -<p> -„So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de -Reis?“ -</p> - -<p> -„Morgen weuf utscheiden!“ -</p> - -<p> -„Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen -lostowarrn, Klaus.“ -</p> - -<p> -„So!“ -</p> - -<p> -Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, -als daß das Seegespräch fortgesetzt werden könnte, und -Klaus Mewes geht wieder schweigend auf und ab. Einmal -steht er hart an den Wanten und blickt starr in die -Weite, als sähe er seines Großvaters Kuff im Norden -untergehen, dann horcht er, als höre er seines Vaters -Todesschrei aus der See heraus. -</p> - -<p> -Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig -in den Sternen. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen. -Sie sah, wie ein Schiff sich mit haushohen Seen abriß, -wie es leck wurde und wie zuletzt eine große Woge ins -Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in -schwerem Seemannszeug in der See schwammen, sie hörte, -wie sie um Hilfe riefen. -</p> - -<p> -Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, -denn es waren ihr Mann und ihr Junge. -</p> - -<p> -Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -Zwölfter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, -den Kohlweißlingen, Füchsen und Pfauenaugen, wobei -sie sangen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schomoker, sett di annen greunen Diek,</p> - <p class="verse">Schomoker, sett di annen greunen Diek.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See -geiht!“ „Woneem?“ „Dor! Kannst ne kieken?“ „U -Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.“ -</p> - -<p> -„Höh, Klaus Störtebeker!“ -</p> - -<p> -„Höh, Peter! Non, wat mokst?“ -</p> - -<p> -„Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit -ankommen!“ -</p> - -<p> -„Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un -smeern, wat meenst! Uns Eber süht ut as ik weet ne wat.“ -</p> - -<p> -„Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?“ -</p> - -<p> -„Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.“ -</p> - -<p> -Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der -Hand an ihnen vorüber und freute sich, als er fühlte, -daß sie ihm nachguckten. Er war größer und brauner -geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein -Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hände -waren die eines Tagelöhners. -</p> - -<p> -„Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een -för Schipp un See,“ hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. -Störtebeker hörte es und vergaß es nicht wieder. Und -er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm -sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. -Er unterzog den Jungen einer Kleinschifferprüfung, -fragte ihn nach Wind und Wetter, Fang und Markt und -freute sich über die fahrensmännische Klugheit des kleinen -Gesellen. -</p> - -<p> -„Hest den flegen Hollanner ok sehn?“ -</p> - -<p> -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -„Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den -flegen Hollanner in Sicht kriegt, de blifft!“ -</p> - -<p> -„So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vörn -flegen Hollanner, Störtebeker, wenn du grot büst, un -seh man to, dat du jümmer goden Wind hest, un warr -man en fixen Fischermann, hürst?“ -</p> - -<p> -„Jo, Willem, dat will ik ok,“ sagte der Junge mit -lachendem Munde und ging stolz weiter. -</p> - -<p> -Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: -Es fuhr ein Matrose wohl über das Meer, nahm Abschied -vom Liebchen, sie weinte so sehr ... Störtebeker blickte -sie gar nicht an, sondern ging in den Krämerladen hinein -und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war -ihm fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei -seinem Vater auf dem Ewer. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="right"> -Sonnenwende, Sonnenwende! -</p> - -<p class="noindent"> -A und O von Finkenwärder, der kleine schwarze Ewer -H. F. 1, Jan Sieverts Hoffnung, und der große, weiße -Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs’ Möwe, die noch die -Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte, -lagen im Köhlfleet beieinander und um sie herum und -auf den Schallen ankerten wohl hundertfünfzig große Ewer -und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß spiegelten die -Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen -Sinn. -</p> - -<p> -Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als -die ersten das Watt hinter sich ließen und sich auf die -offene See wagten, die bei Helgoland und Terschelling -die dunkeln holländischen Logger und die schwarzen englischen -Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch -Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren. -</p> - -<p> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge -verrosten ließen und sich auf die Seefischerei warfen. -Sie wollten auf der grauen, kahlen See an ihre grünen -Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen erinnert -sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten. -</p> - -<p> -Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die -Störfänger und Beutemacher, die Schollenkönige, die gern -etwas Besonderes aufzuweisen haben wollten und denen -es auf den teuern Zinnober nicht ankam. -</p> - -<p> -Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, -die noch dabei waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und -die noch draußen klüsten, wenn andre schon im Hafen -lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig -seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt -vor dem Steven zu Gesicht stand, und binnengekommen -wußte er nichts Besseres zu tun, als den Bug weiß zu -malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle. -</p> - -<p> -Hochwasser! -</p> - -<p> -Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter, -umstreicht Heitmanns weißen Leuchtturm und die -mächtige Königsbake, das alte Wahrzeichen von Finkenwärder, -rauscht durch das Reet des Pagensandes und läßt -die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er -nicht besser sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge -liegen: nirgends werden die Segel aufgezogen und die -Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes Ding -sein, <a id="corr-8"></a>das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der -deutschen Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer -Bucht vereinsamen läßt! -</p> - -<p> -Es <em>ist</em> ein großes Ding: <em>Karkmeß</em> ist da, der Jahrmarkt, -der Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein -Tag von so großer Bedeutung und so tief eingreifend in -das Leben und Treiben des Eilandes, daß es Ehren- und -Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -sein. Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen, -wenn sie Karkmeß nicht kriegten, und bei den Nachbarn -hieße es: „Den geiht dat jo woll bannig lütj: he is jo -ne mol Karkmeß bi Hus ween!“ -</p> - -<p> -Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen, -hieße nach Rom reisen und den Papst nicht sehen, denn -Karkmeß ist die große Sonnenwende von Finkenwärder, -ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt -der Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor -Karkmeß oder soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer -am Deich auf Schritt und Tritt und „söben Weeken vör -Karkmeß“ oder „fief Weeken no Karkmeß“ sind genaue -Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann. -Karkmeß teilt das Jahr: es ist die Grenze zwischen der -Schollenzeit und der Zungenzeit. Vor Karkmeß werden -in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend an -den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf -die Zungen los, die auf Eis gepackt werden: da sind die -Reisen länger und mühseliger und das Geld hat nicht -mehr den hellen Klang der Schollentaler. -</p> - -<p> -Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden -reiten, aber ehe er sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, -hält er einen Augenblick in Gedanken inne, und diesen -Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer, um ihr -Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten -entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens -freuen, wollen sie einen Tag lachen. -</p> - -<p> -Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen -guten Schilling verdient hat, der holt den Rest des Sommers -auch nichts mehr aus der See und mag denken, die -alten Weiber hätten ihn behext. -</p> - -<p> -Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, -wenn Tucktuck gerufen wird, sondern nach und nach. Schon -acht Tage vorher füllt sich das Fleet mit Schiffen: Klugheit -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -und Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem -Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die -Fische wertlos machen. -</p> - -<p> -Es gibt auch mancherlei zu tun. -</p> - -<p> -Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte -und Fischerjungen auf Musik sind und sich <em>en -Perd</em>, ein Mädchen, für das Fest heuern, weshalb diese -Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt wird, -sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, -den Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu -helfen oder die Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn -erst muß der Ewer sein Karkmeßkleid haben. Teeren und -Schmeeren heißt die Losung, den langen Tag wird geteert -und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht und -daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da -wird geschruppt und kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! -Wie Schafe, die geschoren werden sollen, liegen -die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über sich -ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist. -</p> - -<p> -Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein -Finkenwärder Ewer zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer -daran. Nicht umsonst hat er holländisches Blut in sich -und eine große Lust an Reinlichkeit und Buntheit: so -schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden -Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren. -</p> - -<p> -Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die -Eiskisten überholt, schlechte Taue ausgeschoren, neue -Kurren eingestellt und zerrissene Segel geflickt. Da wird -geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der ganze Rasen -des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel -an Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle -werden gebräunt und geloht, damit sie haltbarer werden -sollen. -</p> - -<p> -Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -voraus, die keinen Platz dafür haben (denn in -den Sand können sie die Segel nicht legen) und deshalb -mit weißen Lappen fischen und segeln müssen. -</p> - -<p> -Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln -und Fischer und Frauen schöpfen die Lohe und -dweilen sie auf die Segel. -</p> - -<p> -Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine -Knipptasche an und begleicht die großen Rechnungen, die -er beim Zimmerbaas, beim Schmied, beim Segelmacher -und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist allgemeiner -Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, -also das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt, -so bekommt noch der Bauer seine Zinsen. -</p> - -<p> -In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die -Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, -die 1835 gegründet worden ist, als schwere -Stürme die damalige kleine Flotte zu vernichten drohten. -Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen, das -nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig -kein grüner Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher -sitzen! Plattdeutsch wird gesprochen, einer -nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und niemand -braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat -von Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch -nicht. -</p> - -<p> -Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal -besten Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm, -der seine Strahlen vom Skagerrak bis zur Themsemündung -wirft. Seen wollten ihn unterwaschen, Stürme wollten -sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet! -</p> - -<p> -Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg -bis zum Tun, auch nicht müßig gewesen, sie haben -gebaut und gezimmert, geklopft und gehämmert auf -Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -die Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak -und der große Freudentag ist da mit seinen Luftbällen -und Reitbuden, seinen Aalzelten und Schießständen, seinen -Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kasper, -mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und -Negern, mit Hün und Perdün, mit Jubel und Trubel! -Die Gören sind wie durchgedreht und die Jungkerls und -Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was -sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen -und getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: -die ganze Aue wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen -blaue Brillen und Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste -und Eis, bis sie nicht mehr können: die Mädchen -kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an Zuckerstangen: -es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß -alles los ist. Die sich erzürnt hatten, vertragen sich und -trinken wieder einen zusammen, und die gut Freund gewesen -waren, erzürnen sich und kriegen das Tageln: dat -is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den -Lukas, daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden -Leistungen eine goldene Medaille an die Heldenbrust -heften. Jan Tiemann läßt sich elektrisieren, Hinnik -Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz, Peter -Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. -Und ein Getute und Geblarre, ein Flöten und -Knarren, ein Juchen und Schreien! -</p> - -<p> -Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; -sie ziehen ein weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der -Dönß und setzen sich geruhig auf den Deich. Sie lassen -die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die beladenen -Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch. -</p> - -<p> -Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen -und Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am -Westerdeich und das wogende Korn im Lande und den -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten -am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen -verloren. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht -von hier sein müssen, wenn sie dem Karkmeß fern geblieben -wären. Zumal Störtebeker hatte sich den Tag -ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, -hatte er geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl -zwischen Himmel und Erde hängend, hatte er die Besan -gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den Bünn -gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, -er hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er -hatte das Nachthaus grün angestrichen, er hatte das alte -Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen auf dem Schlick -verbrannt. -</p> - -<p> -Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule -zurückkam, wo er seines Amtes gewaltet hatte, denn er -saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande der Seefischerkasse, -da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker -und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie -ein Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden -Wasser und glänzte wie der Regenbogen. Seine deutsche -Flagge wehte im Winde, und grüßte seinen Schiffer. -</p> - -<p> -Dem aber lachte das Herz. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,</p> - <p class="verse">denn goht wi langsen Diek!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn -und Störtebeker. Dieser voran, denn er hatte die Taschen -voll Geld. Er nahm alles mit, die Reitbuden und die -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht mehr. -„Kann ik up See jo doch ne bruken,“ sagte er verächtlich, -und als er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen -hatte, schenkte er ihn dem kleinen Paul Meier. -Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten Blumentopf, -Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an Schina erinnert -würde, und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal. -Einen Augenblick guckten sie auch bei Trina Külpers am -Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa tanzten -durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam -auch der alte Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen -Frau seines Schiffers. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem -Karkmeß. -</p> - -<p> -Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In -der Dämmerung saßen sie vor der Tür. Der Matrose -guckte nach den Lichtern auf der Elbe und erzählte vom -Walroßfang bei Grönland. -</p> - -<p> -Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die -Mücken. -</p> - -<p> -Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat. -In königlicher Pracht schreitet er einher, weithin über -Land und See gleißt und funkelt sein Purpurmantel. -Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder, -alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht -und senkt die Ähren, die Blumen verdorren, die -Vögel verstummen, die Tiere verkriechen sich. -</p> - -<p> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling -ist der <em>Mann</em> gekommen, der Riese. Stückwerk ist -nicht sein Handwerk: er macht ganze Arbeit. Mit gewaltiger, -furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche, -Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu -Staub, bis er allein dasteht. Dann zuckt es in seinen -Fäusten, dann reckt er die Arme, dann stemmt er die -Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht -und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne. -Selbst die großen Meister, die Winde, müssen vor ihm -ducken, und wollen sie sich ja erheben, so fegt er sie mit -Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er zu tun -hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß -der Winter kommt. Was andre nicht gekonnt haben an -all den langen Tagen, in all den milden Monden, das -vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem Ernst, -in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem -Zorn — und all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige -Liebe! -</p> - -<p> -Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch -Klaus Mewes fühlt sie. Lange Tage treibt der Ewer -mit schlaffen Segeln in der Windstille und das Deck ist -bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen -und das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen -hin, wie oft müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen -laufen, weil ihnen das Eis geschmolzen ist! Sie fahren -wieder viel nach der Weser, denn die Zungen, die nicht -freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert -werden, sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli -und Altona. Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind -nach Jimuiden in Holland, einmal kommen sie nach -Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den -Steinen, sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu -tun hat. Lange Wachen gibt es: der Streek dauert drei -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die Zungen sitzen -mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht -zu hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die -Kurre hakt ja wohl an einem auf dem Meeresgrunde -liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf, steht einen -Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und -dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine -ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche -Haverei, daß sie nach der Oste segeln und dort zimmern -müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind hinter -Wangeroog. -</p> - -<p> -Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das -Lachen nicht! Und es kommen ja auch schöne, große -Reisen: einmal, als die Zungen auf Zweimarkzehn stehen -und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute vierhundert -Mark. -</p> - -<p> -Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn -er auch nicht vor dem hamburgischen Wasserschout angemustert -worden ist, so gehört er doch als Viertsmaat -zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein -Mück. Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord -und bei seinem Vater bleiben darf. -</p> - -<p> -Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, -aber sie halten sich auf Finkenwärder nicht lange auf. -Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den Winter, wenn sie -ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er muß -fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht -wieder bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit -der Nachttide wird gefahren, damit sie wieder in die -Fischerei kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze! -</p> - -<p> -All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind -bläst in die Segel und der Ewer zieht westwärts. Zwar -winken die beiden Seefischer vom Achterdeck, aber sie -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder einmal -glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun -auch berichten, daß sie einmal im Sturm mit genauer -Not über das Watt gesegelt sind. -</p> - -<p> -Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es -unfinkenwärderisch wäre, denn kein Fischermann machte -viel Worte um etwas, das alle Tage vorkommen kann. -</p> - -<p> -Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der -See. Graue Wolken, eine noch grauer als die andre, -trieb er über den Heben. -</p> - -<p> -Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, -steckten unter den Südwestern tief im Ölzeug und ließen -den Regen auf sich niederströmen. Sie fischten beim Weserfeuerschiff -auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete stark in -der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit -den leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr -frischte der Wind auf, die Seen krönten sich mit Schaum -und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer. -</p> - -<p> -Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen -und treiben zu lassen. -</p> - -<p> -„Intehn, intehn!“ sang Störtebeker, und Kap Horn -und Hein Mück kletterten aus ihren Kojen und kamen -an Deck. Sie zogen ein und freuten sich, als sie den Steert -an Deck hatten, denn es wurde immer windiger und der -Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der -Halt des schweren Netzes mangelte. -</p> - -<p> -Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, -klatschten auf das Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen -die Fock auf und machten sich mit dem Knecht über die -Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte. Als -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, -dachte er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann -er sich und hielt nach der Elbe hinüber, um zwischen -den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen. -</p> - -<p> -Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, -der vor dem mächtigen Druck der Segel durch das hohle -Wasser schäumte wie ein Dampfer und manchen Spritzer -überkriegte. -</p> - -<p> -Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, -Rochen, Kleiße, Steinbutte, Taschen und Zungen waren -bald verarbeitet. Dann spülten sie das Deck rein. Hein -ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee -zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und -Boot genau nach und packte alles in den Raum und die -Plicht, was drift gehen konnte, denn es wollte schon -dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch -brächte. -</p> - -<p> -Die Elbe war weit weg. -</p> - -<p> -Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und -unsichtig war die Luft. Der Wind wehte flagiger und -stoßweiser als vorher und lief raumer. Sie segelten schon -platt vor dem Laken und die hohen Wogen liefen ihnen -nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr -für Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne -Schwimmer, hielt kraftvoll den Kopf oben und ließ sich -weder begraben, noch aus dem Kurs werfen. Störtebeker -stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und -half das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht -so dick gewesen wäre, hätten sie es längst in Sicht haben -müssen. -</p> - -<p> -Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich -eine blauschwarze Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge -aus der See steigt. Mit unheimlicher Schnelligkeit -fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit unfaßlicher -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle -Blitze und dumpfe Donnerschläge sind das nächste. -</p> - -<p> -„Nu gifft wat!“ ruft Kap Horn. -</p> - -<p> -„Gläuf ik ok!“ antwortet Klaus Mewes, „goh no binnen, -Störtebeker!“ -</p> - -<p> -„Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier -blieben!“ -</p> - -<p> -„Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! -Goh gau no nerden un lot Hein de Kapp toschuben un -blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder ropt!“ -</p> - -<p> -Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: „Jo, -Vadder!“ und geht nach unten, denn er weiß, daß man -dem Schiffer gehorchen muß und wenn man’s auch zehnmal -besser wüßte. -</p> - -<p> -„Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,“ ruft er noch -vom Großmast, dann verschwindet er und verklart Hein -Mück die Sache, der aber ruhig weiter brät und meint, -es würde jawohl nicht so schlimm werden. -</p> - -<p> -Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. -Zu sprechen brauchen sie darüber nicht, denn sie fahren -lange genug zur See, um zu wissen, was die große Wolke -zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz -geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen: -niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche -Menschen sind und so gern lachen. -</p> - -<p> -Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben -sie ein so jähes Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen -des Windes noch nicht erlebt und einen so furchtbaren -Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der Südwest -hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den -Armen fegt ein eisiger Nordwest heran, trommelt und -pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestüm auf den -Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind wieder um: -Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich: -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr -dich, Klaus Mewes! -</p> - -<p> -Die See, die See! -</p> - -<p> -Wie gischt und schäumt sie! Sie <em>kocht</em>! -</p> - -<p> -Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. -Er faßt die schweren, langsamen Seen des Südwestes -beim Schopf und dreht sie geradezu um. Furchtbar bearbeitet -er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild durcheinander -laufen. -</p> - -<p> -Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp, -dat noch buten is, will Kap Horn noch sagen, aber er -kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer ist mitten in -diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild -kommt der Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst -springt er ihn an, wie der Löwe ein Schaf, als wolle er -ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen. Als ihm -das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel, daß -sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert -und bebt, als könne er sich nicht wieder aufrichten. In -der Kajüte purzelt Hein gegen den Ofen und Störtebeker -gegen die Dielentür, an Deck aber klammern Schiffer und -Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu -spülen. Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn -überfallen hat. „Fock dol!“ gellt seine Stimme durch -den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und reißt sie -herunter. „Seil dol!“ schrillt es. Der Schiffer kettet das -Ruder an und stürzt nach den Fallen. -</p> - -<p> -Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den -Giekbaum gegen das Boot und zerschlägt diesem Duchten -und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt fürchterlich -auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet -worden, wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. -Wieder ein harter Windstoß — da ein scharfer Knall: -über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in das Großsegel -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze -Seil geiht innen Dutt! -</p> - -<p> -Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das -wilde Tier noch einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt -hinein und schwenkt es als seine Fahne, dann aber -gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult der -geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts -zu beißen gibt, dann aber gewahrt er das Achtersegel, -das noch steht, er macht einen krummen Buckel — und in -Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in die Winde. -Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt -ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist -ein Spielball der brüllenden Seen. -</p> - -<p> -Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert -er in der wilden Dünung und die hohen Seen rollen über -ihn hinweg. -</p> - -<p> -„Dor is en Licht!“ ruft Kap Horn und weist über den -Steven. Klaus blickt nach der bezeichneten Richtung und -sieht ein <em>Licht</em> auf der See, hell und tröstend. Ein unerschrockener, -unauslöschlicher Weiser, reißt dort das Elbfeuerschiff -an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? -Klaus peilt und als er „Nordost“ ruft, da schüttelt der -alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an, denn ein -Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch -im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. -Die Elbe ist nicht zu erreichen. -</p> - -<p> -Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn -sie haben keinen Platz: die gefährlichen Sandbänke der -Westertill sind in bedrohlicher Nähe und der Sturm muß -sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange zögern. -</p> - -<p> -Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, -sie müssen handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der -Weser! -</p> - -<p> -Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -singst du nicht, der du doch sonst im Sturm gesungen hast? -Denkst du deines Jungen? Der sitzt warm im Bauch des -Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! — -und obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei -nichts Genaues, bleibt er fröhlich und lacht sorglos: -„Vadder is jo boben!“ -</p> - -<p> -An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von -der halb aufgeholten, angebundenen Fock und dem als -Sturmsegel gesetzten kleinen Klüver am Großmast, geschoben -von den immer gröber und ochsiger werdenden -Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser. -</p> - -<p> -Südwest liegt an. -</p> - -<p> -Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und -Regenflagen benehmen alle Sicht. So weit sie sehen -können, ist kein Licht zu erblicken: sie sind allein auf -der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen -über den Setzbord, wie sie wollen. -</p> - -<p> -Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, -nichts schläft oder träumt in ihm, alles wacht. -Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von -Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: -taghell sind alle Stuben und Kammern beleuchtet und -über die Treppen eilen die aufgejagten Diener. -</p> - -<p> -Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger -klingt ihr Lärm, wie aus der Tiefe gequollen. Klaus -will ihm erst nicht glauben, bis er sich dermaßen verstärkt, -daß er es muß. -</p> - -<p> -„Lot ut!“ ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem -Nachthaus. Der Knecht peilt die Tiefe. -</p> - -<p> -„Fief Fohm!“ -</p> - -<p> -„Denn sünd wi uppe Grünnen!“ -</p> - -<p> -Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! -Sie sind in leeger Wall! Bis jetzt ist alles -Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der nun kommt! -</p> - -<p> -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten -gepackt, die ihn erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das -Wasser, Gefahr! braust der Sturm, Gefahr! schreit der -Ewer. „Nu geiht op Leben un Dot,“ ruft der Knecht. -</p> - -<p> -Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt „Seil upsetten!“ -denn er will sich nicht geben. Mit großer Mühe -setzen sie das Sturmsegel am Besansmast, binden das -dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf und -geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer -luvt auf und legt sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig -wird der Kampf mit Wind und Wasser, verzweifelt -wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die -beiden Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher -Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen -über den Setzbord, daß das Deck <em>ein</em> Wasser ist, -die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis -zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von -Sturzseen gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der -Ewer sich wie ein Bulle und nimmt sie von Steuerbord -über, richtet sich hoch und steil auf und schüttelt sie nach -Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im -Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn -eindringen. Wehr dich, Ewer! -</p> - -<p> -Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen -Atlantik, an den düstern Felsen, nach dem du genannt -bist, und laß die Kette nicht los! Steh fest auf dem -glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an -die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika -aufspielen sollst! -</p> - -<p> -Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer -in der ersten Reihe gestanden hast, muß ich dich aufrufen? -Nein — das braucht es nicht: da steht er am -Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief -im Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -Ewer, er hält ihn! Damit er nicht über Bord schöle, -hat er sich mit einem Tauende festgebunden. So steht -er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht -durch Nacht und Regen nach Land und Feuern. -</p> - -<p> -Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! -Wer will wissen, ob es Minuten oder Stunden sind, die -sie durchleben, bis an Steuerbord ein Licht erscheint? -„Rodensand!“ ruft der Knecht, aber der Schiffer schüttelt -ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht -ein schwächeres auf und er muß glauben, was er erst -nicht glauben wollte, weil er sich nicht denken konnte, -daß sie so weit abgetrieben sein könnten: das Licht voraus -ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch auf -dem Trocknen sein! -</p> - -<p> -Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft -es zum zweiten Mal, denn es kann ja nicht sein, die -Leine muß gehakt sein! Aber es bleiben drei Faden. -</p> - -<p> -„Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!“ ruft er durch -den Sturm. „Hest hürt, Kap Horn?“ gröhlt er, als er -keine Antwort bekommt. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit -zu lang wird, die Kapp auf, um auszugucken: da schlägt -ihm die See dermaßen ins Gesicht, daß er das Gleichgewicht -verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust. -Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt -die Kapp zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner -Bangigkeit auslacht: „Junge, dat do ik ne wedder, Hein! -Wat hebb ik een kregen! Meist, as wenn Vadder mi en -fixen Backs geef!“ -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Kap Horn schweigt noch immer. -</p> - -<p> -Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? -Soll das die letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -auf den Weltmeeren nicht fassen konnte, ihn nun hier -im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es kann -so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, -denn es bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, -unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein -Herz. Der alte Janmaat will und kann sich nicht klein -machen. Er kann sterben — ob Klaus es auch kann? -Er sieht ihn an. -</p> - -<p> -„Dree Fohm bloß noch!“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder -hinein, er sieht, wie die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten -Hände senken, er hört, wie Bodemann sagt, daß -Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei Wochen -vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die -bunte Haustür und die Bank unter den Linden: die Bank -aber ist leer und die blanken Fenster, in denen sich sonst -die Elbe von Nienstedten bis Schulau spiegelte, sind dicht -verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die Hühner -stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr -Futter. -</p> - -<p> -Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. -Schiffsrat! Aber was ist da zu sagen? Nichts, denn was -mit ihnen los ist, weiß der eine wie der andre: vor ihnen -ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind die -Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen -sie, sonst bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und -zu versuchen, den Ewer so hoch als möglich auf das Watt -zu setzen! Kommen sie behalten durch die Brandung, so -ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund, ist -alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer -in Stücke, aber sie können sich wahrscheinlich im Boot -retten. Wahrscheinlich, denn eins ist so gefährlich wie -das andre. -</p> - -<p> -Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -Ewersandes auf den Watten stehen müssen, als wenn er -damit sagen will: stranden und landen! -</p> - -<p> -Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. -Er fühlt das Zittern und Beben des treuen Fahrzeuges -und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. „Nu hol di -fast, Kap Horn!“ ruft er gell. -</p> - -<p> -Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht -der Tod neben ihm auf dem Achterdeck und jauchzt: „Nu -krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik di!“ Aber der -Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht erschüttern. -Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält -darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und -Zischen der Grundseen entgegen, die sich wild überschlagen -— er verzieht keine Miene. -</p> - -<p> -Gott im Heben — da stürzt die erste große See wie ein -wildes Tier auf das Deck und rollt über den Ewer weg, -zertrümmert das Backbordschwert, reißt das Boot los und -wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der Klemme -sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus -ist weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie -Seemann vorher in die Kapp gestopft haben. -</p> - -<p> -Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und -der Ewer klüst weiter. -</p> - -<p> -„Fastholen!“ -</p> - -<p> -Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch -klingt. Die zweite Riesensee stößt wie ein Felsen gegen -den Ewer und ergießt sich über das Deck, sie schlägt in -die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt und -umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum -Schwimmen. Aber sie lassen ihren Halt nicht los, und -weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest -gibt, vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten. -</p> - -<p> -Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und -schlägt furchtbar auf das Deck nieder, daß die Luken verloren -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -gehen und der Ewer sich halb mit Wasser füllt. -Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und -Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und -klettern oben auf die Treppe, um sofort hinaus zu können, -wenn etwas passieren sollte. Fest klammern sie sich an, -damit sie nicht hinunterfliegen. „Junge, wat snuft dat -langs!“ ruft Störtebeker, „ober bang bün ik dorbi doch -keen betjen!“ -</p> - -<p> -An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! -Sie müssen durch! Durch müssen sie! Sie sind -mitten in der Brandung: schlimmer kann es nicht werden! -Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder -hält! -</p> - -<p> -Wieder ein Brecher? -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, -das dwars von Bremerhaven liegt, ließen sie gegen -Morgen den Anker fallen, peilten die Pumpen, pumpten -das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre -Kojen. -</p> - -<p> -Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, -von Nordenham, von Geestendorf und von Bremerhaven -klangen über die Weser, aber auf dem Fischerewer rührte -sich nichts: alles an Bord schlief. -</p> - -<p> -Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: -die Seefischer erschienen einer nach dem andern und überholten -das haverierte Schiff, das schwer gelitten hatte. -Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie feststellten, -daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den -kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein -Handschuhlager. Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, -das Großsegel zu nähen und einen Flicken darauf -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen -konnten. -</p> - -<p> -Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt -drahten, und den andern Tag erschien der Obervorsteher -Peter Fick von Finkenwärder und schätzte den Schaden ab. -Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger -und Optiker zu gutem Verdienst — der Ewer aber mußte -ganze acht Tage untätig an der Kaje liegen. -</p> - -<p> -Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen -konnten. -</p> - -<p> -„Sall he wedder mit?“ fragte Kap Horn mit einem -Male und blickte nach Störtebeker, der mit Seemann -zwischen den weißen Eisschuppen tollte. Klaus Mewes -sah seinen Knecht verwundert an. -</p> - -<p> -„Worüm denn ne?“ fragte er. -</p> - -<p> -„Och nix, ik meen man bloß,“ lenkte der Janmaat ab; -der Schiffer aber sah ihn schief an und sagte: „Up wat -för Gedanken du ok doch kommen kannst! Hett mol en -betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt warrn, -wat?“ -</p> - -<p> -„Ik heff jo doch gornix seggt,“ beschwichtigte der alte -Jantje ihn sanftmütig und verschwand in der Kajüte. -</p> - -<p> -Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging -durch seine Seele und wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer -zuckte es vor ihm auf: hatte das Schicksal ihn warnen -wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er den -Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die -so sehnlich nach ihm verlangte? -</p> - -<p> -Ach was — Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord -und damit gut. -</p> - -<p> -„Störtebeker?“ -</p> - -<p> -„Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi -jo de ganze Büx twei.“ -</p> - -<p> -„Wullt noch wedder mit no See?“ -</p> - -<p> -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -„Gewiß, Vadder!“ -</p> - -<p> -Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht -weiter fragte. Er nahm ihn mit nach dem Fischerhaus -hinauf, um noch etwas Proviant zu kaufen. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten -an der Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers -und neben dem Sammelschifflein der Deutschen -Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts -Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die -sonderbarsten Gedanken putzen, denn in ihm steckten die -Briefe für die Fahrensleute, für die Schiffer, für die -Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er sich -dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! -Wie mancher Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf -und blätterte den Haufen durch, blätterte auch wohl ein -zweites Mal. Fand er einen Brief, wie glänzten dann -seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude -anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich -mit dem Schatz in den Winkel, um zu lesen. Oder er -lief spornstreichs nach der Geeste hinunter. Fand einer -nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein andrer -schlug ihn knallend zu. -</p> - -<p> -Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor -und blätterte die Briefe durch. -</p> - -<p> -„Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard -Grube? De Knecht is all lang afmunstert! ... Hein Fock? -Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein, Geeschen? -... Willem Mees?“ ... — er machte eine lange Pause, -denn Willem Mewes war geblieben ... „Paul Külper? -De liggt jo blangen uns; den Breef bring em man eben -gau dol, Störtebeker!“ ... Der Junge war bereit, Briefträger -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -zu spielen, und lief eilends nach der Geeste hinunter -... „Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef -harrst di sporn kunnt, Trino! ... Hinnik Loop? De -kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik Wrie, Hein -Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, -H. F. 125: dat bün ik sülben! August, geef mi mol en -lütjen Angostura!“ -</p> - -<p> -Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief -an den Tisch. Die Reihen waren stellenweise verkleckst, -ein Zeichen, daß Gesa beim Schreiben geweint hatte. -</p> - -<p> -Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser -segelten und nicht einmal nach Hause kämen? Sie komme -sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen sei -sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus -Mewes fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam -den Husten. „Dor is obern barg baschen Peper twüschen, -August! Den mokst du woll sülben, wat?“ sagte er laut -und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann -las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen -gar nicht nach Haus verlange? Er möchte doch sofort -antworten! Am Deich erzählten sie so viel von ihnen. -Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß -sie schon in London gewesen wären und immer mitten -unter den Englischen fischten: das möchte er doch ja lassen, -denn das wären böse Briten, die könnten einen totschlagen, -hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mücks -Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß -der Junge gar nichts von sich hören lasse: wenn er nur -nicht über Bord gekommen sei, habe sie gemeint. -</p> - -<p> -Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. -Klaus Mewes wurde es weich ums Herz: er holte sich -Black und Posensteel, das heißt Tinte und Feder, um -Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber -die Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -finden und es wurde wieder einer der berühmten kurzen -Briefe daraus, in denen eigentlich nur stand: „Liebe -Frau, es grüßt dich dein Mann!“ -</p> - -<p> -Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit -der Faust glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem -Bewußtsein einer guten Tat nach dem Ewer zurück, mit -den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker, der auf -einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje -kaute, und setzte die Segel auf. -</p> - -<p> -Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen -Segen. -</p> - -<p> -„Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? -Dien gode Moder weet gornix van di af: wat is dat -egentlich?“ -</p> - -<p> -„Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,“ sagte -der Koch leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer -gegen sich, sogar Seemann bellte ihn aus, und sie ruhten -nicht eher, bis er in die Kapp stieg und schnell einige -Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem -Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn -Klaus Mewes mochte sich kein Geld von Gesa schicken -lassen, um sie nicht unruhig zu machen. Er hatte deshalb -die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und -weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es -ihm ein Greuel war, geflickte Segel am Mast oder geflickte -Hosen am Leibe zu haben, so segelte er weiter nach -der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war ihm -bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor -der Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker -eine schöne Reise: sie gingen zu Fuß nach dem -Neuen Hafen. Dort lag hinter den weißen Lloyddampfern -und den englischen Baumwollkasten ein großes Segelschiff -und das war Kap Horns alte Bark „Elisabeth“, -auf der er lange Jahre gefahren hatte. -</p> - -<p> -Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit -dem Jungen an Bord ging, um seinen alten Käppen zu -begrüßen. Unter dem Arm trug er einen Beutel voll -Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing -noch immer an dem Ollen, an sien Vadder. -</p> - -<p> -Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr -über die himmelhohen Masten und über die mächtigen -Rahen, denn so nahe hatte er ein großes Schiff noch nicht -gesehen, am meisten aber mußte er sich über die vielen -Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. -Dann betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der -Alte war an Bord und freute sich über seinen alten Vollmatrosen. -Obgleich der eigentlich vor den Mast gehörte, -nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten Achterdeck. -Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von -alten und neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, -von alten und jungen Seeleuten. -</p> - -<p> -Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer -langen Deck, an der Reling und hörte mit fremden -Augen zu, dann aber untersuchte er das Schiff -genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ -sich von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör -nehmen und lauerte sich einen Löffel Labskaus weg, dann -aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das -Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die keine Landwache -genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -auf einer Mundharmonika und machte große Augen. Über -dem Vortopp aber stand der gelbe Mond und spiegelte -sich auf dem blanken Wasser des Hafens und jenseits des -Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen -die Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne -Matrosen gingen auf der Kaje vorbei, um die -Stadt und ihre Freuden aufzusuchen. -</p> - -<p> -Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei -Gedanken darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen -Kopf ging wie ein Traum. So blicken wir, wenn wir -Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die wir -noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von -uns, bringen sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich -vielleicht nur in der Hausnummer versehen? -</p> - -<p> -Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der -Junge unter der Fockrah stand, als sie aber hörten, daß -er Klaus Störtebeker hieß und ein kleiner Fischermann, -ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig, nahmen ihn -in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein -Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, -sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen -den Fischerewer spottend mit einem Backtrog, der -einen alten Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel -als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen: -mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer -und die große Seefischerei und sprach so klug und seemännisch -von Fahrt und Wind, daß sie sich verwunderten -und mehrmals vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen. -Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas -wußte und nannte Rahen und Masten beim richtigen -Namen, er kannte Nocken und Pferde, Back und Poop, -nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden, -da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und -Brassen ganz sicher. -</p> - -<p> -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -„Un wo is Backbord?“ fragte der Zimmermann, ein -Däne. -</p> - -<p> -„Dor frog dien Großmudder man no,“ antwortete -Störtebeker, „mi kannst ne förn Buern hebben.“ -</p> - -<p> -Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn -von achtern aussang. Der Segelmacher, der großes Gefallen -an ihm gefunden hatte — alle alten Seeleute sind -wunderlich tiefe Kinderfreunde! —, schenkte ihm einen -ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den -kleinen Seemann mit Adjüst und Good bye. -</p> - -<p> -Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies -ihm seine kleinen Schiffe, das große Haifischmaul und -den aus Holz geschnitzten, wunderlichen Götzen, der mit -dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch er freute -sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische -Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die -Reichsprämie von dem Alten: ein weißseidenes Halstuch, -das in Tschifu gekauft war. -</p> - -<p> -„Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver“ — damit -wurde Störtebeker zuletzt entlassen, und als er mit Kap -Horn auf der Kaje ging, standen die Matrosen auf der -Back und guckten ihm nach, wie er hinter Eisenbahnwagen -und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. -Und sie sprachen noch lange von ihm. -</p> - -<p> -Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den -fliegenden Fisch und ließ sich das große Belebnis erzählen, -während der Knecht mit blanken Augen auf der -Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt -war. -</p> - -<p> -Als der Kapitän der „Elisabeth“ den andern Tag etwas -in der Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, -machte er einen Umweg und ging über den Alten Hafen, -um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem großen -Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -erzählt hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der -Ewer war schon in der Morgenfrühe nach See gesegelt, -so daß Käppen Vinnen kein Glück damit hatte. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen -und waren dabei, den Fang zu sichten und die -Fische zu kehlen. -</p> - -<p> -Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser -halten konnte als die glatten Schollen und die schleimigen -Zungen. Da sah er unter dem Tang und den Seesternen -einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er -zog ihn heraus und wies ihn herum: „Kiek mol, Vadder, -wat förn scheunen Steenbutt, rein en Stoot!“ -</p> - -<p> -Er stand dicht am Setzbord — und der Ewer holte in -diesem Augenblick plötzlich weit über! — da sackte er -langsam nach hinten über und fiel über Bord in die -See hinein. -</p> - -<p> -Mann über Bord! -</p> - -<p> -Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet -hatte, erhob sich jäh von dem Hummerkasten, auf dem -er saß, warf Fisch und Messer hin, stürzte nach dem -Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter -dem Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar -und man konnte beinahe Grund sehen. Zu spät dachte -er daran, daß er die schweren Stiefel hätte ausziehen -sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den -Jungen nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche -zu kommen. Wie Blei hing es an ihm. -</p> - -<p> -Da schwamm der Junge. „Hol di, Klaus, fix roonen!“ -„Jo, Vadder!“ Bevor er zum zweiten Mal untertauchte, -war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die Arme. -„Lot den Butt doch los, Junge!“ „Ne, Vadder!“ Zum -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -Glück sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den -Kap Horn über Bord geworfen hatte, und es gelang ihm, -ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte erlahmt waren. -</p> - -<p> -Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das -Fahrzeug herumgekriegt und kamen auf sie zu. Klaus -Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen wurde, und -nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord -gezogen und konnten sich verpusten. -</p> - -<p> -Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. -„Son scheunen Butt schull ik wedder swümmen loten?“ -sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, dann aber zog -er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten -auf, damit die Sonne und der Wind es trockneten. -</p> - -<p> -„Up See mütten Kummer gewinnt warrn,“ sagte er -lachend zu Kap Horn, der ihn kopfschüttelnd betrachtete, -ging in die Koje, suchte sich trocknes Zeug aus dem Beutel -und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin, -als wenn nichts geschehen wäre. Was war’s denn auch -weiter: er hatte bloß einmal über Bord gelegen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> -Dreizehnter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Is de Sommer all her? — fragen die Frauen, die einander -begegnen, denn ein grieser, nebeliger Tag liegt -auf der Niederelbe, die bei tauber Tide schwerfällig ebbt. -Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick -geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen -Schatten werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, -eine weiße Scheibe ohne Strahlen. Den Daak vermag sie -nicht zu vertreiben. -</p> - -<p> -Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche -Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde -Stimme, um Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor -Anker liegenden Bagger läuten die Glocke, die kreuzenden -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten -und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von -Neumühlen bis Blankenese, daß man meinen könnte, -mitten im Hamburger Hafen zu sein. Der Rauch, der den -Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft, sich zu erheben. -Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und -Schiffe haben etwas Formloses, Gespenstisches. -</p> - -<p> -Wie Herbst ist der Tag. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -„Stuten! Weu ok Stuten?“ -</p> - -<p> -Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten -Jan Stihr, der ein bißchen heilig ist, nicht mit -Unrecht die Finkenwärder Morgenpost genannt wird, -kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich entlang, -die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen. -</p> - -<p> -„Wullt ok Stuten, Greta?“ Oder Meetj oder Ilsbeeken -oder Trina oder wie die Frau gerade heißt. Zu verwundern -ist es, daß sie bei den vierhundert Häusern, die -den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals -die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, -Wieschen und Ginen miteinander verwechselt. -</p> - -<p> -Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und -atmet auf. -</p> - -<p> -„Gesa, wullt ok Stuten hebben?“ ruft sie ins Haus -hinein. Die Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten -Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen her, -um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen, wobei -sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt. -</p> - -<p> -Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den -Fenstern hat, denkt die Stutenfrau, die sich zum Ausruhen -auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt hat. -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen -einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, -denn sie hat etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit -dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins Reine gekommen -ist, fragt sie teilnehmend: -</p> - -<p> -„Diern, is dat wohr mit dien Jungen?“ -</p> - -<p> -Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. -„Wat schall wohr ween?“ fragt sie hastig und wird weiß -im Gesicht. -</p> - -<p> -„Weest du dor noch nix af?“ -</p> - -<p> -„Ne, wat schall ik weeten?“ stößt Gesa heraus, „ik -weet bloß, wat he gesund un munter an Burd is!“ -</p> - -<p> -„Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! -Wenn dut ne weest, denn ist woll Snackeree vanne Lüd; -de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn ist jo man -god!“ -</p> - -<p> -„Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?“ -</p> - -<p> -„Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn -harr ik di gorne so verjogt, mien Diern! Föftein Penn -giffst du ut: denn kriegst du jo noch wat wedder! Wat -is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!“ -</p> - -<p> -Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, -was erzählt worden ist, und läßt der Witfrau keine -Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist erzählt worden, -daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen -und in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch -nachgesprungen, aber er habe ihn nicht wiederkriegen -können. Wann es gewesen sein soll, weiß sie nicht, sie -kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht -hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist. -</p> - -<p> -„Schree man ne gliek, mien Diern,“ tröstet sie, „is -jo bloß Snackeree.“ -</p> - -<p> -Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr -Haus und bricht mit einem lauten Aufschrei vor dem -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen erschüttert sie -und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann. -Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch. -</p> - -<p> -Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist -weg! Das ist mehr als bloßes Gespräch, es ist wahr! -Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es geträumt hat! -Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit -einem Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der -Elbe finden kann: dieser grelle Blitz, der in ihre Seele -gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um seine Fahrt -lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen -treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült -ist! Ob er nun auch noch lacht, der lachende Seefischer, -der so sehr an seinem Jungen gehangen hat? Oder ob -er ernst und still geworden ist, weil er seinen Störtebeker -verloren hat? -</p> - -<p> -Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, -daß er mit zur See kam? Warum hat sie darein gewilligt? -Er war doch noch so klein und alles in ihr schrie -doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt, -gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt -ihre Seele sie an. Nun hatte der kleine Junge im bittern -Salzwasser ertrinken müssen und trieb ruhelos auf dem -Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher! -So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht -mehr gesehen und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu -sehen bekommen! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen -zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein Grab -pflanzen! -</p> - -<p> -Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich -ihrer nicht zu erwehren. Stiller geworden, geruhiger, -sagt sie sich hundertmal: nein, nein, es ist nicht wahr, -es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des Deiches, -Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -und Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst -mit! Nein, nein: ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie -sein großer Vater lebt und lacht, und bei Wind und -Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden -Fahrensleute! -</p> - -<p> -Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung -kann sie verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade -und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven und -Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge -gesund und munter ist — und das sollte nicht wahr sein? -Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa -kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen -wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht sie die -Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger -und blickt über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine -Ruhe mehr, bis sie gewiß weiß, daß ihr Junge lebt. -Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme Mutter — -daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen -weicht sie beharrlich aus: sie kann deren fragende -Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts -sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist sie voll -Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. -Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen -und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben. Wäre -nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine Wartung -verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre -tiefdenkern geworden. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder -Stempel in der Hand und riß ihn jäh auf, daß -Jan sie verwundert anguckte. -</p> - -<p> -Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, -dann aber kamen die Zweifel wieder über sie, sie stöhnte -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -auf und zerknüllte den Brief. „Dat lügst du, Klaus -Mees, he is verdrunken!“ schrie ihre gemarterte Seele. -In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie -wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken -zu fassen vermochte. Ihre Seele war krank und wund -und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr -die klagende Stimme des Jungen. -</p> - -<p> -Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit -der Eisenbahn nach der Weser zu fahren und sich Gewißheit -zu verschaffen. Sie mußte Ruhe haben: sie konnte -es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr schwarzseidenes -Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles bereit -hatte — es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst -wenig mit der Eisenbahn gefahren —, vertraute sie Haus -und Hof dem alten Jäger an, der gar nicht wußte, was -los war und es auch nicht herausbekommen konnte, denn -sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen -habe und erst den andern Abend zurückkomme. -</p> - -<p> -Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich -standen, erwiderten ihren Gruß in etwas langgezogenem -Ton, der besagte: na, was hast du denn vor, willst es -uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein, -sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus -Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war, den -Deich entlang zu gehen, jeden anzuholen und vor allen -Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der Ortsfremden, -wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen. -</p> - -<p> -Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe -zusammen und sahen ihr nach. -</p> - -<p> -„Se hett jo man bloß den eenen Jungen,“ hieß es dann. -</p> - -<p> -Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, -nach Geestemünde schlagen zu lassen und ihre Ankunft -zu melden. Sie tat es aber nicht, damit Klaus nicht nach -See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht wissen, daß -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, -konnte sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit -erfahren. -</p> - -<p> -Der Klapperkasten „Courier“ paddelte langsam, aber -sicher aus dem Fleet und setzte sie zu St. Pauli ab. -Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem -Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den -Pariser nannten. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag -müde und angegriffen zu Geestendorf an und -fragte sich nach der Geeste. Sie erreichte auch den Deich, -sah im Westen und Norden die breite Außenweser und -ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in -langer doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der -Wind hatte viele von ihnen hergeweht. Obgleich sie an -weiter nichts dachte, als an ihren Jungen und weiter -nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an -der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren -Eisschuppen und da Werften, hüben waren Holzstapel -und drüben schmutzige, graue Maschinenhäuser und weiter -nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was Klaus wohl -hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn -es weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit -dem grünen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte? -</p> - -<p> -Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. -Fragen mochte sie nicht, obgleich einige Jungen an Deck -standen. Da rief Jannis Sloo sie an, der mit einem -Norderneyer Schaluppenfischer sprach: „Süh, Gesa, ok mol -oberreist?“ -</p> - -<p> -Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. „Klaus -liggt dor wieder rup,“ rief er ihr noch nach, „dor eben -vörre Brügg, de Flagg dor, dat is he.“ -</p> - -<p> -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -Die Flagge — sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: -so wenig Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an -das allgemein bekannte Zeichen des Ewers gedacht hatte. -Ja, da wehte die deutsche Flagge auf der Besan, wehte -lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber -ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal -halbstock gesetzt hatte. -</p> - -<p> -Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem -Ewer stand. Tief aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick -am Pfahl fest. In ihren Ohren sauste es und ihr -Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch umkehren? -</p> - -<p> -In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp -aber halb von der Fock bedeckt war, konnte man von der -Kaje aus niemand erkennen. -</p> - -<p> -Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg -die Treppe hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln -Diele und blickte durch das rautenförmige Türfenster in -die erhellte Kajüte hinein. -</p> - -<p> -Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende -Klütjenpfanne stand darauf, auf einem Tauring, und -die Seefischer saßen im Kreise herum, hatten die Gabeln -in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus -Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem -Gelehrtengesicht und erzählte von der großen Hitze im -Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem Gesicht, das -heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant -Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch -en Butenlanner vör mi —, da saß der griese Seemann und -liebäugelte mit den gebratenen Klößen, zwischen Seemann -und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht -der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort -dazwischen. -</p> - -<p> -Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -hörte sie eine Stimme hinter sich, die sie lange nicht -mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter auf der Geest: -das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die -Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der -Ewerdiele und siehst kein Licht mehr: dann ist alles -dunkel und du findest dich in deinem einsamen Bett am -Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn -fest, den Traum ... -</p> - -<p> -Da rief Störtebeker: „Dat is wat to dull mit di, Hein -Mück, jedesmol mokst du de Brotklütjen to sult!“ Und er -stand auf, um aus dem Wasserfaß auf der Diele zu -trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft -zu Ende. -</p> - -<p> -„Klaus, mien Klaus!“ schrie sie auf und sank um. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als -Klaus Mewes seine Gesa aufgehoben und in das Licht -getragen hatte, waren die andern einer nach dem andern -hinausgeschlichen, um nicht zu stören. -</p> - -<p> -Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um -sich etwas vorsingen zu lassen, Kap Horn und Störtebeker -aber standen auf Deck und guckten nach dem englischen -Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei -Licht eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam -geworden: er gab kaum noch Antwort, denn er ahnte, -daß es unten um ihn ging, daß er von Bord sollte. Der -Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Es ging um Störtebeker. -</p> - -<p> -Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, -mit krankhafter Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -und warnte, bat und schmeichelte, weinte und schluchzte. -Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen -Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so leicht -etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem -lübischen Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier -stand er auf gutem Grund und Boden, denn das Recht -der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das der -Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte -und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken -ein, die ihn schließlich doch aus seiner Ruhe brachten. -Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu werden, da verspielte -er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der -Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben -hatte, stand er auf und ging unruhig auf und ab. Er -war uneins mit sich geworden und es rief beständig in -ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst verkehrt! -Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von -Bord: der gehört zu dir und zu niemand anders! Aber -er hatte sein Wort gegeben, ihn vor dem Herbst abzumustern, -nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen, -und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen -und hatte die Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht. -Sie wollte nicht ohne den Jungen von Bord gehen -und ging nicht ohne ihn von Bord. -</p> - -<p> -Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt -war dieser Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er -hätte den Jungen selbst nach dem Neß bringen müssen, -mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht gefügt! -Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, -an Bord zu bleiben und die eine Reise, die gewiß nach -der Elbe gehen solle, mitzumachen, aber sie ging nicht -darauf ein. Er mußte Wort halten. -</p> - -<p> -Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen -sagen. -</p> - -<p> -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: -„Un ik goh ne mit un goh ne mit!“ Dann trat er in -den Lichtkreis. -</p> - -<p> -Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm -sagte. -</p> - -<p> -Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, -als ob sein Vater ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er -nichts. Seemann richtete sich an seinem Bein auf, als -wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht gewahr. -Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, -er hätte etwas Häßliches getan, aber sie war klug -genug, es nicht zu tun. -</p> - -<p> -Erst als er nachher draußen auf der Diele in der -Segelkoje lag (denn in seines Vaters Koje war kein Platz -mehr für ihn und bei Kap Horn wollte er nicht schlafen), -löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes -Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder -mit nach See haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn -nicht, aber sein Vater, der auch nicht schlafen konnte, -hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet hätte, Gesa -oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden -und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen. -</p> - -<p> -In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen -klatschte auf das Deck. -</p> - -<p> -Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich -beim Pumpen, während seine Mutter schon seine Sachen -einpackte, die er mithaben sollte. Sie hatte gelernt, wie -die beiden genommen werden mußten, und handelte -danach. -</p> - -<p> -Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und -guckte den Heben an, aber ohne Teilnahme. Er hätte -lieber einen schweren Sturm auf der großen Fischerbank -ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord -jagen mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch! -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -Im Traum hatte er gesehen, daß Störtebeker sich im letzten -Augenblick an den Wanten angeklammert hatte: mit Gewalt -hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann war er -unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den -achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du -mi dol, Vadder, denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte -der Wind stark aufgeheult und ihn aufgeweckt. -</p> - -<p> -Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit -dem Knecht und dem Jungen, aber mit seinem Vater -sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so tat er. -</p> - -<p> -Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: „Kumm, Klaus, -du müß di klor moken!“ Sie war schon ganz angezogen, -dunkel wie das Schicksal selbst. -</p> - -<p> -Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. „Dien -Mudder hett di ropen, Klaus, goh dol,“ sagte Klaus -Mewes ernst. -</p> - -<p> -Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum -erstenmal wieder an. „Schall ik würklich van Burd, -Vadder?“ fragte er mit heiserer Stimme. -</p> - -<p> -Klaus Mewes nickte ernst. -</p> - -<p> -Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ -die Mutter mit ihm machen, was sie wollte. Was sie ihm -dabei erzählte, vom Deich und seinen Spielkameraden, -war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf. -</p> - -<p> -Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer -und von Hein und Kap Horn. „Hol di man fuchtig,“ -sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken, Kap Horn -aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, -gab ihm die Hand und tröstete: „Nich bang wesen, Klaus -Störtebeker, nich bang wesen! Wi kriegt all nich unsen -Willen! Annern Sommer kummst du wedder mit no -See!“ -</p> - -<p> -Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: -das glaubst du ja doch selbst nicht! -</p> - -<p> -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -„Adjüst, mien Seemann,“ sagte er und streichelte dem -Hund das struppige Fell. -</p> - -<p> -„De bringt di noch langs,“ rief Klaus Mewes, der sich -auch fertig gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu -begleiten. -</p> - -<p> -Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch -einmal verloren nach der Geeste und suchte die Flagge, -aber er konnte sie nicht mehr sehen, denn die Eisschuppen -hatten sich dazwischengedrängt. -</p> - -<p> -Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er -noch einen Streifen sehen. -</p> - -<p> -Er sagte aber nichts. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl -noch Zeit genug vorhanden war. Sie suchte einen guten -Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus und blickte mit -ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive pfiff -und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung. -</p> - -<p> -„Adjüst, mien Jung!“ -</p> - -<p> -„Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!“ -</p> - -<p> -Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem -Fenster und winkte, bis Gesa ihn wortlos an sich zog. -Da löste es sich in ihm und er legte den Kopf auf ihren -Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem Abteil -waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm -nur leise und weich über das sonnenhelle Haar. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach -seinem Ewer zurück. Seemann blieb manchmal fragend -stehen, denn es ging nicht den richtigen Weg. Erst als -sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißen -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen -hatte, und ging über die Geleise zurück. Wie in -eine Totenkammer trat er in seine Kajüte und ließ sich -müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte einen -schweren Streek hinter sich. -</p> - -<p> -Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, -Klaus Mewes, sprach eine Stimme in ihm, dir träumte, -daß Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen -hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus -Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und -ertrunken ist: sie haben es ja sogar schon am Deich laut -erzählt! -</p> - -<p> -Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, -denn der Junge fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn -die klaren, lachenden, blauen Augen an. Ruhelos ging -er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben, als ob -er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. -Er war gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte -einen heißen Zorn auf sich, daß er sich so hatte überteufeln -und unterkriegen lassen. -</p> - -<p> -Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, -auch er hatte die halben Segel back gebraßt und konnte -keine Fahrt machen. Störtebeker fehlte vorn und achtern. -Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst jetzt -so recht. -</p> - -<p> -Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, -wie Leute, die kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten -ihren fröhlichen Maaten verraten und verkauft, wie die -Kinder Israel ihren Bruder Josef, und fühlten, daß sie -das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge -es nicht verwinden noch vergessen würde. -</p> - -<p> -Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die -Segel auf und gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-14"> -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -Vierzehnter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe -war noch nicht zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet -und keine Esche war umgeweht, Kluß saß noch struppig -und vergnügt in seinem Hummerkasten und die Kaninchen -musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte -Reich auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen -war, aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen -war, der war anders geworden, der ging wie -ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum -unter den Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem -kleinen Herzogtum zurecht, weil er es nicht wollte. -</p> - -<p> -Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt -gekostet! Was galten ihm noch die schmalen, seichten -Gräben, der die ungeheure, tiefe See gesehen hatte! Was -galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf -Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte -er noch mit den Gören spielen, der einen ganzen Sommer -Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer -allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den -Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven -hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See -geschwommen hatte! -</p> - -<p> -Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in -den Gräben und streifte in den Pütten umher, aber er -tat es nur, um sich die Zeit zu vertreiben, und nicht, -weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine -Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen -hatte, und seinen grünen, nordischen Kahn, der -noch unter den Luken stand! -</p> - -<p> -Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, -ging seiner Mutter weit aus dem Wege und guckte viel -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem Vater auch -gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach -ihm: das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein -Leben mehr für ihn. -</p> - -<p> -Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr -stellen. Nach und nach erzürnte er sich mit allen, daß -zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und keiner mehr -nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach -wie ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, -konnte keinen Widerspruch mehr vertragen, namentlich -nicht in Fischer- und Wetterdingen („dat mütt ik as -Fohrnsmann doch woll beter weten, as du Kiekinnewilt,“ -hieß es herrisch) — und das ließen sie sich bald nicht -mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit -allein. -</p> - -<p> -Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich -quälte, daß er ihr selten ein gutes Wort gönnte und -einen Bogen um sie machte, so ließ sie sich äußerlich doch -nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die Zeit -die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß -der Junge die See vergäße: so wenig kannte sie ihn. -</p> - -<p> -Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor -Freude und rief ins Haus: „Vadder kummt up!“ Gesa -lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes, ist dir die Elbe -nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann -ging sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker -ließ sie durch das Glas gucken und wies ihr einen dunkeln -Punkt weit hinten, zwischen Hahnöfer und Schweinesand. -Sie konnte kaum erkennen, daß es ein Fischerewer war, -aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn -ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen. -</p> - -<p> -Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der -mit der Flut und dem Westwind herankam und größer -und größer wurde. Die braunen Lappen wuchsen und der -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war -auch die Nummer schon zu lesen: H. F. 125. -</p> - -<p> -Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm -unverwandt entgegen. Hätte er seinen Kahn schon gehabt, -er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das Fahrzeug -jubelnd umkreist. -</p> - -<p> -Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig -hin und her, sprang über Schoten und Blöcke und tat, -als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre. Da stand -Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten -Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu -lassen, und Hein Mück hatte schon Hand an das Fockfall -gelegt. -</p> - -<p> -„Höh, Vadder!“ -</p> - -<p> -So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: -„Höh, Vadder! Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!“ -</p> - -<p> -Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als -sie den Jungen zwischen den Wicheln erkannt hatten, -da freuten sie sich über die Maßen und winkten und -riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß -der trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause -käme, und sich nicht um ihn bekümmere, — und er hätte -es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht. Wie freute -er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am -Wasser stand und Ausguck hielt! -</p> - -<p> -„Gohn den Draggen! Fock dol!“ scholl es dann über -Deck und das Echo am Bollwerk wiederholte laut und -übermütig, denn das Herz war ihm warm geworden: -„Gohn den Draggen! Fock dol!“ Da gewahrte auch Seemann -seinen Kameraden, den er auf See so manches Mal -vergeblich gesucht hatte, wenn sein Herr fragte: neem -is Störtebeker, Seemann? — und er stellte sich mit den -Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -während die Kette durch die Klüse rollte und der Ewer -schwoite. -</p> - -<p> -Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, -nahmen das Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal -und fierten die Besan herunter. Die Freude trieb die -Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu -lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging -ungeduldig zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, -endlich waren die Segel zusammengebunden und das Boot -konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde aber auch -Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß -es jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon -zu alt für die Fahrt geworden oder woran konnte es -sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig! -</p> - -<p> -„Mien Kohn ne vergeten, Vadder!“ rief er. Klaus -Mewes hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden -hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte der kleine -grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, -die vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein -die getrockneten Scharben von der Leine und warf sie in -eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und stieg nach -den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich -einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb -und einigen Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers -Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg -ins Boot. -</p> - -<p> -Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm -als Jungen zukam, Seemann stand auf der vordersten -Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap Horn saßen im -Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an -der Kette nach. -</p> - -<p> -Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte -schon mehrmals seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -es noch länger gedauert hätte, hätte er sich nackt ausgezogen -und wäre nach dem Ewer geschwommen. -</p> - -<p> -„Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,“ -lachte er nun und wehrte dem Hunde, dann griff er nach -seinen großen Stiefeln und trug sie im Triumph den -Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden Seefischer. -Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich -ein Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und -schleppte sich damit ab. -</p> - -<p> -Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie -köstlichen Kaffee in der Küche, und die gelben Birnen -und rotbackigen Äpfel, die sich leicht im Winde wiegten, -lachten sie von draußen an. Und köstlich war die Fragerei -von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: -er hörte nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek -zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet -sah. -</p> - -<p> -Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit -und sie sah Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte -aber nicht, was sie damit sagen wollte. -</p> - -<p> -Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück -die Scharben auf, dann versorgte er die Nachbarschaft mit -Schollen vom letzten Hol und half die Fische zumachen, -die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon Flossen -und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht -und verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte -mit seinem Vater, in dessen Augen auch ein Leuchten -stand, an Bord und ging wieder auf seinem großen, -schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte -das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die -Winsch, um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu -lassen, er kletterte in die Wanten, als wenn er den dicken -Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, -er blickte nach dem Kompaß und nach allem. -</p> - -<p> -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes -vor der Tür und piepte wie ein Sperling, während sein -Vater und seine Mutter, Kap Horn und der Jäger in -der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern -auf der Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten. -Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte, -ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen, -zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes -und Störtebeker standen auf und zogen sich an, dann -gingen sie im Dunkel den Deich entlang nach der Neßkule, -in der der Kahn lag. Es war nebelig und naßkalt. -Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern, -wie die Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven -glucken. Auf den Feldern braute der Fuchs. -</p> - -<p> -Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte -seine großen Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das -Fahrzeug und stießen vom Lande ab. Der Junge wriggte. -Neben ihnen rauschte das Reet und in der Schleuse murmelte -das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen -Kühe regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. -Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend. -</p> - -<p> -Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. -Der fliegende Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen -ab und ließ sie erschauern. Klaus Mewes saß in Gedanken -auf der Ducht und hörte auf das Knarren des -Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine -Jolle, die kein Licht brennen hatte, ging mit ihrem hohen, -dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei, dann stieg der -Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus Mewes -erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu -haben. -</p> - -<p> -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in -den Kojen schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann -suchten sie Körbe und Hummerkasten her und packten die -Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar gemacht, der -Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die -Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank -der Ewer wieder in Nacht und Schweigen, Klaus Mewes -und sein Junge aber segelten mit dem Boot nach dem -Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden, -sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen -konnten. Sie saßen beide auf der Achterducht und jeder -hatte eine Hand auf dem Helmholz des Ruders liegen. -Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von oben kamen, -mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief -hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb -aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf. -Vor und hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen, -Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches -Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war -zum Schweigen zumute. -</p> - -<p> -Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er -der Stürme, die ihm bevorstanden, oder kam es von dem -Jungen her, der neben ihm saß? Er konnte es nicht -deuten. -</p> - -<p> -Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an -und legten Tamp, setzten ihre Fische in die Halle und -warteten den Beginn der Versteigerung ab. Um sechs -<a id="corr-9"></a>schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die -Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der -Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag -folgte dem andern, denn bei den Fischen gibt es kein -langes Besinnen. Der große und der kleine Klaus standen -vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an sie -kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -großen Zungen, die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße -und Steinbutte, die Schollen und Rochen, die Petermännchen -und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich bannig -wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, -da war schon alles verkauft und die Händler standen bereits -auf andern Kisten, aber auch Klaus Mewes machte -sich seine Gedanken darüber, daß alles so schnell gegangen -war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an stürmischen -Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen -hatte, was er Fisch für Fisch in der Hand -gehabt und sorgsam auf Eis gebettet hatte, das wurde -hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan. -„Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes“ -— und damit basta. -</p> - -<p> -Die Abrechnung konnte er erst später bekommen — sie -hatten deshalb noch viel Zeit. Als sie die Fische der -andern Ewer und Kutter besehen hatten, guckten sie nach -Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen, -dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee -ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, -als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wären, -stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn hinauf. -Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie -guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck -und beim Panoptikum in die Fenster und gingen dann -zurück nach dem Fischmarkt. -</p> - -<p> -„Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?“ -fragte Jan Tiemann, der Elbfischer. -</p> - -<p> -„Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,“ sagte Klaus -Mewes. -</p> - -<p> -„Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all -to winnig buten, is to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit -mihr för son lütje Geutjen, Klaus!“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -Elbfischer feindselig an und dachte: Wat weest du Buttpedder -dorvan af? -</p> - -<p> -Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten -der vielen Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus -Mewes seiner Gedanken ledig und blickte wieder fröhlich -über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von der Seite an -und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk -fragen wollte und was ihm seitdem schwer auf dem -Herzen lag: ob er wieder mit an Bord solle, wieder mit -nach See. Sie hatten eine schöne Reise gemacht, das hatte -er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein, -daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch -ansetzte, er brachte die Worte doch nicht heraus: im letzten -Augenblick stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff -oder nach etwas anderm. Klaus Mewes fühlte wohl die -Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz unbefangen. -</p> - -<p> -So segelten sie die Elbe hinunter. -</p> - -<p> -Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von -St. Pauli auf den Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und -der Knecht bekam dreizehn Prozent, der Junge neun -Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute hatte -und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent -mehr geben als die andern Fischer, und er tat es gern. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht -von Thees to Baben machen. Ich ginge zu Jakob von -Cölln am östlichen Norderelbdeich oder zu Kai Kröger -auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich -nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln -sitzt der Mann noch, der kleine, krumme Segelmacher. -Wie übernatürlich lodert es in seinen dunkeln Augen, -wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie wirr -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts -wittert er Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu -tun. Wie unheimlich ist sein Tun, wenn er Segel näht: -erst legt er die Karten, um den rechten Tag und die -rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und -dann rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, -murmelt unverständlich vor sich hin, spricht mit -den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar -über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, -welche Segel zerreißen und welche Fahrensleute bleiben: -alle Schiffsuntergänge der letzten vierzig Jahre hat er -im Kopf. Mir graut vor ihm. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen -Wattenfischer, saßen auf dem Segelboden und erzählten -sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte auf einem -neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem -Teppich, und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben -von Doktor Faust, der sich dem Teufel verschrieben hatte -und dafür alles bekommen konnte, was er haben wollte: -Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und -das Feinste zu essen und zu trinken. -</p> - -<p> -Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über -die Deichbrücke zur Tür herein, bot den Fahrensleuten -die Tageszeit und fragte den Segelmacher, was er für den -neuen Klüver zu bezahlen hätte. -</p> - -<p> -Thees lächelte eigentümlich und sagte: „Du kummst -ok jümmer, wenn ik di ne bruken kann, Klaus Mees. -Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne Gangen -un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn -un an to reken fangen!“ -</p> - -<p> -„Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,“ lachte -Klaus. -</p> - -<p> -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -„Ne, ne, di vertill ik nix,“ antwortete der Segelmacher, -der aufgestanden war und sein Buch suchte, „di vertill -ik nix, du lachst jo doch bloß ober sowat; du meenst, dat -gifft bloß dat, wat du vör Ogen sühst: aber ich sage -dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol de -Kortjen leggen?“ -</p> - -<p> -„Ne, lot man, Thees,“ wehrte der Seefischer heiter ab, -„ik gläuf ne an Hexen.“ -</p> - -<p> -„Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!“ wandte der -Alte sich an die beiden Wattenläufer, „wat he glüst, as -wenn he ne blieben kunn!“ -</p> - -<p> -„Man keen Bangen,“ rief Klaus sicher, „ik blief ok ne!“ -Und Störtebeker, der auch einmal zu Wort kommen wollte, -setzte nachdrücklich hinzu: „Vadder kann ne blieben, he -kummt jümmer wedder!“ -</p> - -<p> -„Do ik ok, mien Jung!“ -</p> - -<p> -Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg -an und sagte mit veränderter Stimme: „Dat hett -dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De kunn ok ne -blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer -bloß een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. -Jä, un de See is em doch ober worden, is em doch ober -worden, Klaus Mees, un de See, dat gläuf man, is noch -jümmer hungerig no Ebers un Kutters!“ -</p> - -<p> -„Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr -hebbt,“ erwiderte Klaus Mewes unerschüttert, „wi könt -noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln! Wat ist mit -den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?“ -</p> - -<p> -Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der -Hand über die Augen, dann begann er wieder in seinem -Hauptbuch zu suchen und zu blättern, aber er kam wieder -zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er sei wieder behext, -die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. „Betohl -anner Reis, Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!“ -</p> - -<p> -„Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,“ mahnte der -Fischer, „ik kann ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm -dienenhalben.“ -</p> - -<p> -„Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,“ -sagte Thees und vertiefte sich von neuem in seine doppelte -Buchführung. Das dauerte Klaus zu lange, er trat näher -und sah ihm über die Schulter. Plötzlich rief er: „Hier -steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein -Klüfer 98 Mark.“ -</p> - -<p> -Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen -an. Dann sagte er wie in Gedanken: „Dat is jo all dörstreken, -Klaus: keen hett dat denn don?“ -</p> - -<p> -„Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp -don?“ lachte Klaus, „betohlt hebb ik gewiß noch ne.“ -Und er zählte das Geld auf. „Sühso, Thees, till no, -wat dat ok stimmt!“ -</p> - -<p> -Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er -könne es nicht nehmen, das Geld gehöre ihm nicht. -</p> - -<p> -„Kumm, Störtebeker!“ -</p> - -<p> -Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er -wollte auch noch nach Peter Fick hin: deshalb verabschiedete -er sich kurz und trat aus der Segel- und Teerluft -des Bodens in den frischen Westwind hinaus. -</p> - -<p> -„Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,“ sagte -Störtebeker, als sie draußen waren. Klaus Mewes gab -nicht gleich Antwort, denn es ging ihm doch etwas durch -den Sinn, dann aber sagte er: „Jo, de hett allerhand -Grabben.“ -</p> - -<p> -Sie gingen westwärts. -</p> - -<p> -Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters -Hand, was er sonst nur selten tat. -</p> - -<p> -„Vadder ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -„Non?“ -</p> - -<p> -„Och — nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?“ -</p> - -<p> -„Ne, mien Jung, ik blief ne!“ rief Klaus Mewes und -suchte seinen Ewer auf dem Wasser. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, -und nachher, als die Gäste ihn verlassen hatten, um -Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch nochmals vor und -besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und -seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie -sie dahin gekommen waren, denn er strich die Reihen nur -dann durch, wenn der Fischermann bezahlt hatte oder -— wenn er geblieben war. -</p> - -<p> -Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu -und steckte das Geld, das immer noch auf der Fensterbank -lag, unter scheuen Seitenblicken ein. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: -nach zwei Wochen lag er wieder vor dem Neß. Stürme -hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten und er -hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute sich, -ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, -wo er nur konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer -zu Markt, weil es stark wehte. Die deutsche Flagge war -gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg -eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen -Mittag die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, -denn der Wind war aufgefrischt und die Elbe ging in -Hemdsmauen. -</p> - -<p> -Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in -eine gewaltige Hagelflage hinein, die sich mit wildem -Ungestüm auf die Segel warf. Aber der Ewer, von dem -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein Stier -und wies dem Wind die Hörner. -</p> - -<p> -Plötzlich rief Kap Horn: „U, kiek“ und sprang nach -vorn. Da trieb eine Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes -setzte hastig das Ruder fest und stürzte auch nach dem -Steven. „Dor drifft een!“ schrie Kap Horn und wies -leewärts. „Denn fot man gau de Boot mit an,“ schrillte -Klaus, „Hein, inne Wind den Eber!“ -</p> - -<p> -So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die -Riemen nach und sprangen über den Setzbord. „Hilpt -uns, hilpt uns!“ rief es todesängstlich an Backbord, aber -der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie konnten niemand erblicken. -„Liek vörut mütt dat ween,“ rief Klaus, „roon, -wat du kannst, Kap Horn!“ Der Südwester war ihm -in den Nacken geweht und die scharfen Körner flogen ihm -in das Gesicht, aber er ließ den Riemen nicht los. „Holt -jo, wi kommt! Wi kommt!“ gröhlte er, so laut er konnte. -</p> - -<p> -„Hilpt uns!“ -</p> - -<p> -„Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!“ -</p> - -<p> -Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten -nach dem Steven, er beugte sich blitzschnell über den -Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den Haaren. -Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap -Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten -Fischer in das Boot. Hans Danker war es, der -Lüttfischer. -</p> - -<p> -„Neem is Trino?“ fragte Klaus dringend und spähte -umher, denn er hatte die Frau in Altona an Bord stehen -sehen. „Kiek mol to, Kap Horn, wat se dor drifft!“ -</p> - -<p> -Hans Danker aber ächzte dumpf: „De is wegsackt! -Harrn ji mi ok doch verdrinken loten!“ „So, un dien -Kinner?“ fragte Klaus, er blieb aber noch eine ganze Zeit -auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen und -suchten, um die Frau zu finden. -</p> - -<p> -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: -als die beiden abstießen, warf er sofort Anker, ließ die -Fock fallen und machte das Ruder los, so daß der Ewer -mit den klappernden großen Segeln keinen Schaden nehmen -konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand -an den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger -wurde, kamen von allen Seiten Jollen und Ewer -heran, auch vom Deich segelten Boote herbei. Da überließ -Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich -gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle -mit der Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens -Loch nach dem Bollwerk. -</p> - -<p> -Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann -seinem Hause zu. Der Deich war schwarz von -Menschen und viele Frauen weinten. -</p> - -<p> -Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste -Mädchen fing laut an zu weinen, als es seinen Vater -so ankommen sah, und jammerte: „Vadder, Vadder, neem -hest du uns Mudder loten?“ Da stöhnte Hans Danker -furchtbar auf und wollte sich losreißen, um wieder zu -Wasser zu gehen, aber Klaus Mewes und Kap Horn -hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und brachten -ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der -Obhut der Nachbarn anvertrauten. -</p> - -<p> -Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer -Tag, an dem die Sonne nicht durchkommen konnte. Der -Wind war still geworden. -</p> - -<p> -Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause -war. Sie holten die Totenangeln vom Strandvogt, machten -die Leinen klar und segelten mit den Booten nach dem -Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu fischen. -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und -Godefroo auf und ab. -</p> - -<p> -Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch -mit ihrem Boot dabei. Sie sprachen aber wenig. -</p> - -<p> -Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit -Schiffen füllte, schlichen alle Boote mit müden Segeln -nach dem Deich zurück. Sie hatten die Tote nicht gefunden. -Die Elbe hielt sie fest. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf -Finkenwärder: nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost -seine Segel auf und hievte den Anker, um zu fahren. -Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel und -über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter -Vogel. -</p> - -<p> -Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand. -</p> - -<p> -Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des -Ewers, als wenn er der Lotse wäre, der das Schiff aus -dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein seinen Tamp -loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, -daß sie ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte -es. Sie warfen ihm ein längeres Tau zu, das er im -Stevenring befestigen mußte, und zogen dann mit ihm los. -</p> - -<p> -„So geiht he god, Vadder,“ rief er vergnügt, als der -Ewer recht an den Wind kam und gute Fahrt machte, -und freute sich über den Schaum vor seinem Bug und -über die großen Segel, die ihn beschatteten. -</p> - -<p> -Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. -Er zog mächtig davon und hatte den Neß bald hinter -sich. Störtebeker sollte abschwenken und umkehren, er -wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war, -tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch -weiter mit. -</p> - -<p> -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem -Achterdollbaum fast mit dem Wasser gleich und Störtebeker -mußte aufmerksam mit dem Riemen steuern, damit -er sich trocken hielt. -</p> - -<p> -Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: -er mußte das Tau losmachen und zurückbleiben. -</p> - -<p> -Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und -winkten. -</p> - -<p> -„Adjüst, Störtebeker!“ -</p> - -<p> -„Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis -wedder!“ ... „Adjüst, Störtebeker!“ ... „Jüst, Kap -Horn, lot di de Tied man ne lang duern!“ ... „Adjüst, -Klaus Störtebeker!“ ... „Jüst, Hein Klütjenbacker, pett -di man keenen Nudelkassen innen Foot!“ ... „Wauwauwauwau!“ -... „Jüst, Seemann, fall man ne ober Burd!“ -</p> - -<p> -Dann rannte ihm der Ewer davon. -</p> - -<p> -Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn -sie winkten, schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst -als die braunen Segel bei Schulau um die Huk waren, -griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwärder -um. -</p> - -<p> -Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen? -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-15"> -Fünfzehnter Stremel. -</h2> - -<div class="motto"> -<p class="right"> -Sinne, öffnet eure Tore! -</p> - -<p class="sign"> -Grabbe. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Die Äquinoktien! -</p> - -<p> -Herbsttagundnachtgleiche! -</p> - -<p> -Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen -in großer Angst. Ringsum lauern die grauen Stürme, -die die Natur brechen und die Sonnenkraft tot machen -sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie an den -Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen. -</p> - -<p> -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im -Krampf bebt er bei unruhigem Wetter. In vielen -Häusern liegt die Bibel jeden Abend aufgeschlagen auf -dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf -Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit -der Cuxhavener Meldung über die hinter der Alten Liebe -liegenden Ewer und Kutter reißt eine der andern aus -den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt: -Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett -Paul ne bi jo fischt? Wie beben sie, wenn abends eine -schwere Wolkenwand seewärts auf der Elbe steht oder -wenn die Winde im Schornstein sausen! -</p> - -<p> -In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es -ist eine stille, bange Zeit. -</p> - -<p> -Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer -anbinden und auflegen kann: das können und wollen -aber nur wenige, denn die Zeiten sind schon nicht mehr -danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß -auch Winters gefischt und verdient werden. -</p> - -<p> -Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den -Stürmen entgegenfahren. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig -Seemeilen hinter Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. -Mit der abnehmenden Sonnenwärme haben die Fische -die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte der -Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser -wärmer und der Grund stiller ist. Wer noch einen guten -Streek tun will, der muß Helgoland und Neuwerk weit -hinter sich lassen und sich schutzlos der weiten See anvertrauen. -Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt -werden. -</p> - -<p> -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer, -die diesen Winterfang betreiben können: die andern liegen -scharenweise zu Cuxhaven und warten auf den Hering. -</p> - -<p> -Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank. -</p> - -<p> -Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute -sind erprobt und für sich selbst kann er auch einstehen: -so kurrt er getrost zwischen den Engländern und Holländern -und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen. -Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob -wird, daß er reffen muß, oder wenn der Wind es so gut -meint, daß er das Netz einhieven und treiben lassen muß: -gefischt wird doch wieder, und wer die Wache hat, der -singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von -Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, -als der kleine Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden -Tag sprechen. -</p> - -<p> -Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, -als wenn sie binnen wollen: aber Klaus Mewes -meint, sie tun es, weil sie die Reise haben, guckt Heben -und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend kreuzt -nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist -noch ohne Mißtrauen und geht geruhig zu Koje. -</p> - -<p> -In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum -Reffen. Sie verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen -und Festbinden, denn es ist stur geworden, -dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu Bett, um -noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe, -denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und -auf Kap Horn, den Altbefahrenen, können sie sich verlassen -wie auf den Deich bei springender Tide. -</p> - -<p> -Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu -stur geworden und er muß befürchten, daß der jagende -Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus Mewes guckt in den -Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen. -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen -Fische, dann schickt er die Leute zu Koje und -übernimmt selbst die Wache. Im Sturm gehört das -Ruder ihm, dem Schiffer! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer -scharf am Winde, so daß die Segel eben zwischen Klappern -und Vollfallen standen, und hatte keine Haverei, so viel -Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch -stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum -Westen und wehte etwa in Stärke 8 nach dem alten -englischen Admiral Beaufort. -</p> - -<p> -Da mit einem Male legte er sich gänzlich — ganz still -wurde die Luft. Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar -knarrenden Gaffeln und donnernden Schoten dümpelte -der Ewer in der hohen Dünung. -</p> - -<p> -Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser -Stille nicht. Sie machten sich klar zum Sturm, der kommen -mußte, denn das Wetterglas fiel rasend. Kurrbaum und -Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde ausgepackt -und mit doppelten Ketten umwunden, damit es -nicht über Bord gehe, das Bugspriet wurde eingezogen -und Plichten und Luken wurden geschalkt. Auch sich selbst -machten die Seefischer sturmbereit, dann steckten sie das -zweite Reff in die Segel — und dann kam der Sturm -wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer -an Gewalt. Es trommelte und pfiff im Südwesten, -als wenn ein Heer in der Schlacht zum Stürmen lärmte, -der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das -brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß -die Masten sich bogen und Hein Mück laut aufschrie. -Einen Augenblick schien es, als wenn der Ewer dem ersten, -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er umkippte, -aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war -auf der Hut und riß ihn auf. Wie brauste es in den -Lüften, wie erhob sich die See, wie tanzte der Ewer! -Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem Achtersteven -so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, -und erhob er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das -tränenüberströmte Gesicht eines Riesen: das Wasser rann -ihm aus den Klüsenaugen und über die Backen. Wenn -nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die -Luken nicht zerschlagen wurden! -</p> - -<p> -Südweststurm — -</p> - -<p> -Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff -einstecken, denn der Ewer konnte die Segel nicht mehr -tragen. Sie standen nun allemann an Deck, mit Tauen -festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er -nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden, -scherte Kap Horn einige starke Taue kreuz und quer -über Deck, von Wanten zu Wanten und von der Winsch -nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden, -wenn sie stolpern sollten. -</p> - -<p> -Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes -sah es wohl, aber er tröstete sich, daß es in Hamburg -ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe, und ließ sich nicht -unruhig machen, so wenig wie Seemann, der unbekümmert -im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt -und überstanden. -</p> - -<p> -Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, -die schlimmen Regenflagen jagten einander und die -See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es -auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie -mußten es wegnehmen und dafür den kleinen Klüver als -Sturmsegel setzen, statt der Besan aber den dreieckigen -Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, -damit er nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb -mit Kap Horn allein an Deck. Noch war keine Angst in -sein Herz gekommen, so toll es auch im Wirbel ging, -noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so -schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch -immer lachte er des Sturmes und wünschte seinen Jungen -herbei, damit er ihm zeigen könne, was Klüsen heiße. -Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog, verzog -er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne -sich zu besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das -Segel aus der Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen -auf. So ging es wieder einige Stunden gut, bis es Abend -wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine sternenlose, -sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis -zwölf Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten -Nüstern und fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die -Nordsee, und selbst die Sturmsegel, die winzigen Lappen, -wollten nicht mehr halten. Wenn sie nicht alles Tuch -in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel -gänzlich abgeschlagen werden. -</p> - -<p> -Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen -noch blieb, sie machten die Sturmanker zurecht. Backbords -schäkelten sie einen unklaren Anker auf dreißig Faden -Kette und steckten sie an siebzig Faden Kurrleine, steuerbords -taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf -fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer -mit dem Kopf am Winde halten und verhüten, daß er -dwars schlüge und von den Seen kopfheister geworfen -würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am -Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der -Pumpen ergab. -</p> - -<p> -So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte -den Ewer vor sich her wie der Jäger das Wild, das er -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -lahm geschossen hat. Die ganze Nacht trieben sie auf -der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber -in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der -Doggerbank, nirgends war ein Schiff zu sichten und sie -sahen kein anderes Licht als die Strahlen des Elmsfeuers, -das in Büscheln auf den Toppen der Masten und an den -Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage -es verlöschte. -</p> - -<p> -Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der -Junge wieder mit an Deck stand, weil es schien, als flaute -der Sturm ab, bekam der Ewer eine schwere Sturzsee -über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und -verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die -Fischer fühlten sich emporgehoben und verloren den Grund -unter den Füßen, sie mußten schwimmen und spülten -hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon in die -Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen! -</p> - -<p> -Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet — -da schrie er gellend auf, denn eine schwere, kreißende, -ungeheure See hing wie ein Berg, wie ein Eisberg steil -über ihm und senkte sich ehern. „Holt jo fast, holt jo -fast!“ rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und -des Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück -und erstickte sie. Dann schleuderte die See ihn wie Gerümpel -zur Seite und warf ihn gegen das Nachthaus, -daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte. -</p> - -<p> -Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich -wieder mit den kleinern Dwarsläufern abriß, hing Kap -Horn mit zerrissenem Ölzeug und blutendem Gesicht in -Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts -mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck -verschwunden: zerrissen lagen die Ketten auf den Luken. -Sie suchten die See mit den Augen ab und warfen den -Rettungsring über Bord, aber obgleich es schon einigermaßen -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -hell geworden war, konnten sie doch weder Hein -Mück, noch das Boot entdecken. Nur wilde, graue See -war ringsum: der Junge war weg ... -</p> - -<p> -„Dat duert bloß en Ogenblick, denn ist ut,“ sagte -Kap Horn tröstend, der nach achtern gekommen war und -sich bei seinem Schiffer hingestellt hatte. -</p> - -<p> -Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer -noch über die See und suchte seinen Speisemeister. Was -sollte er sagen, wenn die Mutter angeweint kam und -ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte? -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -„Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr,“ -rief Klaus, aber Kap Horn schüttelte den Kopf und blieb -bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen sollte — und es -sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen Kajüte -ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber -so weit war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren. -</p> - -<p> -Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch -nicht mehr lachte, sondern ein ernstes Gesicht machte. -Wie ein Wiking trotzte er der See, wie ein Löwe verteidigte -er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt -er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn -und streichelte Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit -zu Zeit die Pumpen nach, er lotete gewissenhaft und tat -alles, was sich noch tun ließ bei solcher Gelegenheit. Er -dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an Störtebeker -und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht. -</p> - -<p> -Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das -erste Schiff seit zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und -hatte genug mit sich selbst zu tun. Dennoch hätte er vielleicht -geholfen, wenn Klaus Mewes die Notflagge gezeigt -hätte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -einem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott -schall mi bewohren, dachte er und ließ John Bull stiemen, -der dann auch wieder aus den Augen kam. -</p> - -<p> -Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug, -um von Jütland freizuscheren, hatten sie nur mit -der norwegischen Küste zu tun — und die war noch -weit weg. -</p> - -<p> -„Ik gläuf, wi kommt dorch,“ sagte der Knecht. Etwas -verwundert sah der Schiffer ihn an. „Wat schullen wi -ne dörkommen!“ antwortete er, „wi weut doch ne -blieben!“ -</p> - -<p> -Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu -trinken. Danach mußte Kap Horn hinunter, damit er -nicht flau würde. -</p> - -<p> -Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig -etwas schwächer gewesen war, zum Orkan! Das -Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr unter als -über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde -Dünung über Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die -der Sturm in der Tiefe aufgerüttelt hatte und die mit -Sand geschwängert und mit Muscheln und Steinen beladen -war, schoß herauf, richtete sich urgewaltig auf und -lief dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte. -Bleischwer stürzte sie sich auf das Achterdeck und drückte -es nieder, daß der Steven steil aus dem Wasser sprang -und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit -ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaßen -auf das Wasser, daß er nicht wieder aufstehen konnte. -</p> - -<p> -Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte, -daß er den einen Arm nicht bewegen konnte, und sank -langsam in die Tiefe. Da gab er den Kampf und das -Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines -Gottes Hände: er hätte noch mit seinem Schiffer fischen -und segeln können, hätte bei Hochzeiten am Deich auf -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -seiner Harmonika spielen und den kleinen Klaus Störtebeker -mit zu einem rechten Fischermann machen können, -aber wenn es sein mußte, ging es wohl auch ohne ihn. -Er hörte nicht mehr das Sausen des Wassers: eine große, -tiefe Stille legte sich um ihn ... ganz in der Weite klangen -Glocken ... -</p> - -<p> -Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel -loszuwerden, die ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie -seinen Knecht. So tauchte er wieder auf und versuchte, -zu schwimmen. „Kap Horn, neem büst du?“ schrie er in -den Sturm hinein und rang schwer mit der Dünung, die -ihn furchtbar hin und her warf. Beständig liefen ihm die -Seen über den Kopf, so daß er viel bitteres Wasser -schlucken mußte. -</p> - -<p> -Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch -einmal aufrichteten und dann untertauchten, daß kein -Topp und kein Flögel mehr zu sehen waren. Blasen -schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich der Sturm -mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie -wieder so kraus, wie die ganze See war. -</p> - -<p> -Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, -sein Hund und sein Ewer waren ertrunken, er trieb in -der wilden Dünung von Skagen: nirgends war ein Schiff, -nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett -des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran -festzuhalten, aber er konnte nichts sehen. -</p> - -<p> -„Geef di, geef di, Klaus Mees!“ brüllte die See, aber -er gab sich nicht, mit aller Kraft hielt er sich oben, denn -er wollte noch nicht sterben und er konnte noch nicht -sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden, den -keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den -Ewer hergefallen waren, so würden sie am Deich über -ihn herfallen und alles zerstören wollen, was er in -ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die Liebe -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die -Freude am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! -Ob Störtebeker schon stark genug war, alles zu ertragen? -Oder ob er wie ein armer Hase den vielen Hunden erlag, -ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem -Schneider oder Schuster machen ließ! „Gesa, Gesa, lot mi -den Jungen!“ rief er in den Sturm hinein. Er sah seine -Frau vor sich, jung und blühend, und dennoch keine -Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie hatte -nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der -einsame, ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er -wußte, daß er oft hart mit ihr gewesen war, als er -mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen -abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -— aber Reue fühlte er nicht. Sie würde weinen, aber -die Ruhe würde in ihr Herz kommen und sie würde ihren -Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen, -wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um -sich zu ernähren, brauchte sie nicht. -</p> - -<p> -Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und -daß er es nicht mehr lange machen konnte. Noch einmal -ließ er sich von einer Wogenriesin emporheben und blickte -von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über -die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. -Es paßte nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke -klein zu machen und mit den Seen um die paar -Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben! -</p> - -<p> -Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein -Leben auch nicht dem Schicksal trotzig vor die Füße, wie -ein Junge. Groß und königlich, wie er gelebt hatte, -starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu -seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den -Helden kommen wird. Mit einem Lachen auf den Lippen -versank er, denn er sah einen glänzenden, neuen Kutter -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -mit leuchtenden, weißen Segeln und bunten Kränzen in -den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder -stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker -... grüßend winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, -Junge, fahr glücklich, sieh zu, daß du dein fröhliches -Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und mooi Fang, -mien Jung! ... -</p> - -<p> -Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über -ihn hinweg. — — — — -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, -wie es an demselben Tage unsichtbar an dem Segel -gerissen hätte, bei dem er gerade zu tun hatte. Als er -genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der -unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah -eine Weile zu, dann fragte er erschüttert: „Brukst du -dat Seil, Klaus? Is de anner Fock di woll tweireten?“ -und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das aber -nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging -hinaus. Der Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende -Elbe ging wie eine breite See in Schaum und -Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den Südwester im -Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten -der gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf -den Deich, damit sie nicht voll Wasser schlügen, sie -kämpften sich nach den Ewern und Kuttern hinaus, auf -denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten -aus, damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten -Sandsäcke herbei und verstopften die Löcher im Deich, -damit das Land keine Haverei hätte. „Is Klaus Mees -bihus?“ fragte der Segelmacher. „Ne, de is buten,“ erwiderte -Jan Lanker, der lustige. „Denn weet ik genog,“ -sagte Thees nickend und ging langsam nach seinem Boden -zurück. Als er das Segel wieder übers Knie legte, lag -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -es ganz still — das Zerren hatte aufgehört. „Brukst -du dat Seil nu ne mihr, Klaus?“ fragte er leise und -wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. -Seine Augen weiteten sich, als wenn er etwas sähe, dann -stand er auf, rollte das Segel schweigend zusammen, legte -es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers Besan. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und -rubbelte Störtebekers Kleibüxen, die voll Schlick und -Schmeer saßen und gar nicht rein zu kriegen waren. Ihr -Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange -auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, -denn sie wußte nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder -ob er draußen sei. Wie wehte es! -</p> - -<p> -Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, -denn an der Tür hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich -gehört. Stand der Hund, der Seemann, draußen und begehrte -Einlaß, war er vorausgelaufen und kam Klaus -nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete -sie die Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das -Herz still und ihre Knie bebten, denn die Tür war von -selbst aufgegangen und auf der Schwelle stand ihr Mann, -als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht war -totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren -müde und glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. -In starrer Angst sah sie ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen -und ihm die Hand geben, aber sie vermochte -nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen, -ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber -ihre Zunge war gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen. -</p> - -<p> -„Gesa,“ sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die -Hand, da schrie Gesa laut auf und sank zu Boden. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern -Jungen am Westerdeich zugange, mit einem großen -Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und Mäuse -und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das -Wasser den niedrigen Katendeich überflutete und das weite -Land des Neßbauern überschwemmte, der auf seiner Wurt -wie auf einem Eiland saß und im Kuhstall Fische fangen -konnte. Diese Rattenjagd war etwas für Störtebeker, -dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab -und befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, -dat wür wat! -</p> - -<p> -Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine -Ratte, die gleich mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet -hatte, zu Wasser mußte, da rief es mit einem -Male hinter ihm: „Höh, Störtebeker!“ und als er sich -schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich -stehen und winken. „Hödjihöh, Vadder,“ rief er freudig, -sah noch einmal nach der Ratte, dann aber warf er den -Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts -mehr an: sein Vater war gekommen! -</p> - -<p> -Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben -und lachte — nun war er weg? Störtebeker lachte und -glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie er es immer -machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im -Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er -konnte ihn nicht wieder ausfindig machen. „Vadder, neem -büst du?“ rief er, aber er bekam keine Antwort. Da -nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und -lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das -Wasser — der Ewer war nicht da, aber das hatte nichts -zu sagen, denn der konnte ja noch an St. Pauli liegen, -oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser -mit der Eisenbahn übergereist sein. -</p> - -<p> -„Mudder, is Vadder ne hier?“ rief er schon auf der -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -Diele und stürmte suchend in die Küche, überholte hastig -die Schlafkammer und suchte die Dönß ab. -</p> - -<p> -„Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder -woll wesen,“ klagte seine Mutter und sah tränenüberströmten -Gesichts von ihrem Psalmenbuch auf, in dem -sie gelesen hatte. -</p> - -<p> -„Eben wür he annen Westerdiek,“ lachte er und stieg -auf den Stuhl, um aus dem Fenster in den Hof hinunter -zu sehen. „Ik will em woll gewohr warrn, den Versteekspeeler -den!“ -</p> - -<p> -Da wurde sie aufmerksam. „Keen wür annen Westerdiek?“ -fragte sie tonlos. -</p> - -<p> -„Vadder!“ rief Störtebeker, „he stünn boben uppen -Diek un lach un wink. As ik to rupleep, wür he batz weg.“ -</p> - -<p> -Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren -konnte, und jammerte: „Vadder is bleben, Klaus, du hest -keen Vadder mihr, mien Jung!“ -</p> - -<p> -Er schüttelte den Kopf. „Dat is ne wohr, Mudder,“ -sagte er bestimmt, „dat hest du dräumt. Vadder kann -ne blieben und blifft ne, dat hett he sülben to mi seggt. -Vadder kummt jümmer wedder!“ -</p> - -<p> -Sie weinte nur noch heftiger. -</p> - -<p> -„Stopp, ik will em woll finnen,“ rief er und lief wieder -in den Wind hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er -doch ganz gewiß auf dem Westerdeich gesehen hatte. Gesa -rief ihm nach, aber er hörte nicht darauf. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf -stand sie: das war die Todesstunde von Klaus Mewes. -</p> - -<p> -Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals -wieder angestoßen. Wie die unsichtbare Hand sie angehalten -hat, ist sie stehen geblieben. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -Zufall? Gaukelei der Sinne? -</p> - -<p> -Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der -Stunde, in der sie auf See ertrinken, mächtig sind, an -Land, in ihrem Hause, zu rufen oder zu schreien, zu klopfen -oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen, die Bilder -an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten -oder in Lebensgestalt zu erscheinen. -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, -das heißt von Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit -zerrissenen Segeln und gebrochenem Großmast hinter der -Alten Liebe lag, und erzählte, daß er ein solches Wetter -noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch nicht, es -wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der -Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln -Tuch um den Kopf, mit bleichen Backen und verweinten, -geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann fragte, sprach -er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm gewesen, -sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und -so was Gutes. Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen -und er hatte auch nichts von ihm gehört, aber da war -alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff -im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann -gleich eine gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine -Gedanken zu machen: der kam wieder, so gewiß wie -zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute noch, dann -morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten -hatte, hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer -ihn siebenmal ausgehalten. Da konnte sie ganz geruhig -sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner Unbeholfenheit, -bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, -daß er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange -Zeit aus dem Fenster auf das Wasser hinaus, dann sagte -er langsam zu seiner Frau: „Inne Nurd schallt noch mihr -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -weiht hebben, as neem wi ween sünd — un ik gläuf, -Klaus Mees is inne Nurd wesen.“ -</p> - -<p class="tb"> -— — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im -Kalender der Wasserkante, denn er hat viel Unglück und -Haverei gebracht. -</p> - -<p> -Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite -Strecken der Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh -war in den Fluten ertrunken, Häuser waren abgedeckt, -Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren entwurzelt. -Auf Scharhörn war eine große englische Bark -gestrandet und mit Mann und Maus spurlos verschwunden, -beim zweiten Feuerschiff war ein Lotsenschoner -umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast -einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber -lag bis an den Leuchtturm voll von haverierten Schiffen. -</p> - -<p> -Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf -Kutter und zwei Ewer, darunter Klaus Mewes. Tag -für Tag lauerten sie am Deich auf sie und sprachen die -Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre -mußte zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal -der sieben Fahrzeuge, der einundzwanzig Menschen hatten. -Um den sie sich am wenigsten sorgten, das war Klaus -Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann -wie kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen -Ewer unter den Füßen und guten, befahrenen Leuten an -Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte ja wiederkommen; -der hatte schon viele schwere Stürme bestanden -und sich immer oben gehalten. Mehr bangten sie um -den andern Ewer mit den geflickten Segeln und um die -Kutter mit ihren blutjungen, dreisten Schiffern und den -wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten -ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes. -</p> - -<p> -Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -Ewer und die Kutter kamen nach und nach alle binnen, -wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei war. Nur der -eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben, -weder auf der Weser noch auf der Elbe. -</p> - -<p> -Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, -wurden Wochen und Klaus Mewes kam nicht wieder. -Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel herab Fürbitte -für ihn und die beiden Leute und er betete stark -und ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die -Kirche ging, denn der Untergang dieses großen, fröhlichen -Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer mag noch -Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er. -</p> - -<p> -Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus -Mewes war verschollen. Sie mußten es endlich glauben, -daß sie seine Flagge nicht mehr flattern sehen würden, -daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich entlangkommen -konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten -aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den -Mädchen tanzte. Was für ein Mann Klaus Mewes gewesen -war, merkten die meisten erst jetzt! Gut und -fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches -Wort gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, -wo er helfen konnte, da hatte er geholfen, mit Rat und -Tat, vielen war er in ihrer harten Fischerei ein Trost -gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend gefahren -war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen -war. Bei ihm an Bord hatte die Lebensfreude -das Wort gehabt; er war ein Seefischer aus Lust gewesen, -nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie so manche -es waren. -</p> - -<p> -Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes -damals auf den Watten gesehen hatte: alle Fenster waren -dicht verhängt und vor der verschlossenen Tür, auf den -Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten standen der -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr -Futter. Im Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl -kam mehr in die Stuben, die Klaus Mewes mit seinem -Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel und -das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie -ein Gespenst durch die stillen, totenstillen Räume. -Meistens saß sie in der dämmerigen Küche und starrte -vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür schloß sie zu, -denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen, -die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu -trösten (denn nun Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau -geworden war, galt sie für eine Finkenwärderin), -mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren -Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich -selten sehen, denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers -nicht mehr ertragen, konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln -sehen, ohne daß ihr die Augen übergingen. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der -dunkeln Küche, und weinte mit? -</p> - -<p> -Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte -nicht, daß sein Vater untergegangen war, daß der Ewer -nicht wiederkommen konnte, daß er Kap Horn und Hein -Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater -war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam -wieder, ganz gewiß kam er wieder, die Reise dauerte -diesmal nur etwas länger, weil sie so viel vor Wind -hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz -gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das -Vertrauen des Jungen auf dieses Wort seines Vaters -und unerschütterlich war sein Glaube. -</p> - -<p> -„Störtebeker, dien Vadder is bleben,“ sagten die andern -Jungen zu ihm, aber er schüttelte geruhig den Kopf und -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -antwortete: „Wat weet ji dorvan af?“ — „Doch, Vadder -hett dat seggt!“ — „Denn segg dien Vadder man, dat -is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, -Vadder kummt wedder,“ sagte Störtebeker bestimmt und -ging davon. Seine Mutter tröstete er jeden Morgen und -jeden Abend: „Schree doch ne, Mudder, gläuf doch ne, -wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,“ aber -er erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte. -</p> - -<p> -Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles -Halstuch: sein Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, -meinte er mißmutig. -</p> - -<p> -Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg -und golden in die Elbe versank, lag er mit seinem Kahn -auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus, bis hinter -Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren -seine Augen im Westen und suchten die Elbe ab, suchten -den Ewer, suchten den Vater. Große Dampfer mahlten an -ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den Fäusten, -aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe -hier ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht -darum. Die Dünung warf den Kahn wie eine Nußschale -auf und ab: Störtebeker ging nicht vom Fleck. Wenn ein -Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte -nach seinem Vater. -</p> - -<p> -„Hest Vadder ne sehn, Jannis?“ -</p> - -<p> -„Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?“ -</p> - -<p> -Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein -und den guten Rat, nach Hause zu schippern, den er aber -nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn alle. „Kiek, dor -is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,“ sagten die -Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht -bekamen. Bei Wind und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, -bei Regen und Brise dümpelte und trieb Störtebeker -vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, -wo immer wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein -Vater doch gewiß dabei sein, einmal mußte er ihn doch -hergucken können! So viele Schiffe! -</p> - -<p> -„Is keen Breef van Vadder kommen,“ fragte er abends, -denn sie konnten ja auch nach der Weser gesegelt sein, -wenn es gerade so gepaßt hätte. -</p> - -<p> -„Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?“ -fragte Gesa bekümmert. -</p> - -<p> -„Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt -wedder!“ -</p> - -<p> -Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, -kam hinter Schulau ein grüner Ewer in Sicht, der ganz -so aussah wie sein Vater. Er dachte, er wäre es, und -eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken -Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen -auf, den er ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer -entgegen, so schnell er nur schippern konnte. Wenn die -Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war, -wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die -alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, -dann wollte er die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht -im Dollenkasten steckte, und solange rufen und -winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann -wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem -Vater steuern helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen -und Hein Mück ein bißchen ärgern, wollte mit Seemann -spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er immer -getan hatte. Ach — er wollte noch viel mehr und stand -in Gedanken schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen -gekommen war, sah er einen fremden Ewer vor -sich und kehrte traurig um. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den -Jungen draußen auf der Elbe gesehen und sind von ihm -nach seinem Vater gefragt worden. Die Jollen nahmen -ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den -Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und -nicht gegen den Strom oder Wind konnte. Alle ermahnten -ihn, nicht wieder so weit zu fahren, sondern am Bollwerk -zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen, nach -dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen. -</p> - -<p> -Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen -nicht: mit der nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts -und suchte seinen Vater. Oft hungerte ihn, er zitterte -vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen ihn -bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer -wieder, immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte -den Schiffen entgegen. Sein Vater kam wieder: von dieser -Hoffnung ging er nicht ab — und er wollte der erste -sein, der ihn gewahr wurde. -</p> - -<p> -Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der -Aalkorb verrottete im Gras, denn er hatte sich der Fischerei -gänzlich begeben. Kluß, die alte Krähe, lag eines Morgens -tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie im Garten -ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen -verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich -nicht mehr darum bekümmerte: gleichgültig ließ er es -geschehen, denn es war ihm einerlei geworden, ob er Viehwerk -hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder da -sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich -schauen! Dann kam auch all das andre wieder an die -Reihe. -</p> - -<p> -In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! -— lief er nach seinem nordischen Kahn und nahm den -Kurs auf Blankenese. -</p> - -<p> -Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -war, merkte zuerst nichts von diesen weiten Fahrten, sie -dachte, er wäre am Westerdeich zugange, und achtete nicht -sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt -nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch -keine rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin -umher, wie in tiefen, schweren Träumen. -</p> - -<p> -Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, -weil es nebelig geworden war und er sich auf der Elbe, -zwischen Kranz und Wittenbergen, verirrt hatte. Da -wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den Westerdeich -ab und lief ängstlich über die Weiden. Als sie ihn -nirgends finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. -Da hörte sie von den Fischern, wie ihr Junge seine Tage -verbrachte, daß er ständig mit dem Kahn im Fahrwasser -zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie erschrak -sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all -den Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. -Wenn er nun ertrunken war! -</p> - -<p> -Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will -ihn dann nicht mehr aus den Augen lassen! -</p> - -<p> -Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der -Nacht zu fünfen auf die Suche, obgleich es so dick geworden -war, daß sie einen Kompaß mitnehmen mußten, -wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und -ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und -riefen über das stille, tote Wasser, aber es war nichts -zu hören, noch zu sehen. Sie wollten es schon aufgeben, -da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este und -brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht -nach dem Neß. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf -den Arm nehmen, aber er sprang aus dem Boot, machte -seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein nach -Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen -werden mußte! -</p> - -<p> -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -„Morgen kummt Vadder gewiß,“ tröstete er seine -Mutter, als er sich das klamme Zeug auszog, sie aber -wußte vor Schmerz und Freude und innerster Aufregung -nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen -sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und -unter Decken und kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, -daß ihm gar nichts fehle. -</p> - -<p> -Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen -Atem und erschrak, wenn er einmal hustete. Mehr noch -als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld daran, -daß sie nicht einschlafen konnte. Sie riß sich schwer ab, -dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer -Seele, das ihr als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe -von Gott erschien: den Jungen vom Wasser abzubringen, -zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertränke, zu verhindern, -daß er ein Seefischer würde und zu Schaden -und frühem Tode käme, wie sein armer Vater, dafür -zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden und auf dem -Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der -wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von -der Geest in dieses Fischerhaus gekommen, sie erkannte -es jetzt: um das Geschlecht der Mewes vor dem Untergange -zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig -zu machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes -an jenem schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt: sie -fühlte es und hörte es, was sie hatten sagen wollen: -ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, daß der -Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal -seines Vaters, laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr -Mann sagen wollen, das war es gewesen! „Jo, Klaus, -dat will ik,“ flüsterte sie vor sich hin, „du schallst dien -Rauh hebben!“ Starr richtete sie sich aus den Kissen auf -und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es -schwer halten würde, daß sie streng und hart sein müßte, -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -denn der Junge saß voll von diesem Seegift, wie sie es -nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen, aber ihr -zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich -um ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine -Schritte achten, um ihn dem Wasser fernzuhalten und -ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren. Das -war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt -abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge, -der noch so jung war, mußte noch zu biegen und zu lenken -sein, wenn ein fester Wille dahinter stand. Sie konnte -keinen wieder nach See segeln sehen, sie konnte es nicht ... -</p> - -<p> -Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter -und Kind, ein Kampf um die See. Gleich am andern -Morgen bekam Störtebeker eine große Strafpredigt, bis -er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine -Mutter dann aber weiterging und davon sprach, daß sein -Vater nicht wiederkommen konnte, daß er auf dem Grunde -der See lag, da richtete er sich wieder auf und sagte, das -sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg, sie wüßten alle -nichts davon! Sein Vater käme wieder: dabei blieb er -und davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen -und sein Vater könne nicht ertrinken: er glaubte -es nicht und wenn sie es auch alle zusammen sagten! -</p> - -<p> -Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem -Fahrwasser zu schippern, aber als er nachher auf dem -Deich stand und über das Wasser blickte und so viele -Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein Vater -müßte gewiß kommen und er müßte ihm entgegenfahren. -Und als seine Mutter hinterm Hause war und die Schweine -fütterte, da machte er seinen Kahn los und wriggte wieder -weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den Ewer mitbrächte, -würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten: -mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der -Segel absuchte. -</p> - -<p> -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes -sehr zu pulen und kam deshalb erst spät am -Abend zurück. -</p> - -<p> -„Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?“ -fragte Gesa erregt, „wullt du ober Burd fallen oder -scheut de Dampers di inne Grund jogen?“ -</p> - -<p> -Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und -biß von seinem Brotknuß ab, ohne etwas zu erwidern. -</p> - -<p> -„Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! -Dien Mudder hett di woll gornix mihr to seggen?“ fragte -sie bebend. -</p> - -<p> -„Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,“ -erwiderte er geruhig und setzte abweisend hinzu: „Nu lot -mi doch tofreeden, Mudder!“ -</p> - -<p> -Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie -alles andre in ihr und sie schlug ihn sehr. Er -stand still und ließ sich schlagen, weder wehrte er sich, -noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die Zähne -aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben. -</p> - -<p> -Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem -Stock vom Bollwerk zurück, sodaß er nicht entkommen -konnte, aber den Morgen darauf flüchtete er wieder vom -Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie -wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, -der grüne Ewer! Sonst gab es heute abend ja wieder -etwas mit dem Stock! Aber sein Vater kam nicht, und -er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den -ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken -hatte er, und war sehr hungrig. Triefend von Regen, -stand er auf der Schwelle und guckte seine Mutter an, -die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte: -nu hau mi man wedder! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt -ihn auch einige Tage fest. Streng achtete sie darauf, daß -ihn niemand mehr Störtebeker nannte, daß er wieder -Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach dem -alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den -Kindern verboten würde, den Jungen Störtebeker zu -nennen: aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von -dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst -recht Störtebeker. -</p> - -<p> -Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit -geschlossenen Augen hockte er auf einem Hummerkasten -von Grimsby und stieß mit den Füßen gegen ein Brett, -das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es regelmäßig -knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht -sah, fragte sie ihn weich: „Wat schall dat denn, -Klaus?“ Er schüttelte erst heftig den Kopf, als wenn er -nicht gestört werden wollte, dann aber besann er sich -und sagte leise: „Mok de Ogen ok mol to, Mudder!“ — -„Wat schall dat denn, Junge?“ — „Moks doch mol to, -Mudder, och man to!“ — „Ik hebbs jo all to, Klaus.“ -— „Ganz fast?“ — „Jo, ganz fast!“ — -</p> - -<p> -„Denn sünd wi up See, Mudder,“ sagte er verträumt, -„kannst hürn, wat dat boben unsen Kupp gnarrt? Dat -deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt, Mudder! ... -Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt -wi intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben -ward, wat denn de Meben anflegen kommt! ... Kannst -Seemann dor blangen den Kumpaß liggen sehn? Dor -slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht -Kap Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de -Koi un speelt een up — dat hürt sik up See veel beter -an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück schillt -Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -smecken ... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, -dat hoge, rode? Dat is Hilchland! ...“ -</p> - -<p> -So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und -erzählte immerzu. Gesa saß auf dem Kurrbaum, der -die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu, -während ihre Augen sich verdunkelten. „Woneem is Vadder -denn?“ fragte sie zuletzt erschüttert. -</p> - -<p> -„Vadder?“ rief er verwundert, „Vadder? De steiht -hier jo bi uns ant Rur, de hett jo de Wacht! Hür mol, -wat he lachen kann!“ -</p> - -<p> -Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er -aber saß noch lange und horchte auf das Rauschen der -Eschen wie auf Meeresbrausen. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im -Traum sprechen: immer war er dann auf See bei seinem -Vater. -</p> - -<p> -Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet -aller Schelte und Schläge brach er immer wieder -aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen. Die Elbfischer, -denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn -wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, -er ging ihnen aber immer wieder durch die Maschen! -Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm gewesen war, hatte -sich zum Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor hoffte -er auf seines Vaters Wiederkehr. -</p> - -<p> -Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die -Hunde von allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er, -nach der See zu schippern und seinen Vater vor der Elbe -und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn gefunden -hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und -gar nicht wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -Tage, als wenn er die Fahrt aufgegeben hätte, so daß -Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber rüstete er -sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke -her und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See -etwas zu trinken hätte, er packte seinen Aalkorb zurecht, -damit er sich unterwegs Fische fangen könnte, er zog ein -altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt -unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und -schlafen könnte. Als er soweit fertig war, wartete er auf -einen günstigen Augenblick, und als seine Mutter die -Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß -von der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und -jagte mit seinem Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese -ging er an Land und kaufte sich beim Bäcker zwei große -Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann wriggte er -unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war -und er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts, -bis über die Lühe hinaus. Als es Flut wurde und der -Abend kam, suchte er an der Nordkante in einem Priel -Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel -hinein, denn es war fröstelig. Schlafen konnte er aber -nicht, und als Hochwasser war, stand er wieder auf und -schipperte emsig weiter. Bis Krautsand war er schon -gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es Tag -geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, -der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er -sprang ins Boot und verfolgte ihn, bis er ihn gefangen -hatte. Störtebeker bat und biß, aber es half ihm nichts, -der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und -brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte, -nach Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig -ab, denn der Jäger kam dazwischen und brauchte den -Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder ein Stück Vieh -vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder -man hier wür, de wull jo god! -</p> - -<p> -Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn -nach dem andern Ende des Deiches bringen. Und sagte, -sie hätte ihn einem Fischer verkauft, der ihn mit nach -See genommen hätte. „Wat kannst du bloß den Kohn -verkäupen?“ rief er heftig, „de hürt mi to un dor hett -nüms wat ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!“ -Als er sie dann aber nach dem Fischer fragte, gab sie -keine klare Antwort, so daß ihm die Sache muffig vorkam; -er fragte die Jungen und suchte und spähte solange, -bis er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand -zu fragen, machte er es los und brachte es nach dem Neß -zurück. -</p> - -<p> -Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn -sein Vater mußte ja wiederkommen! Felsenfest stand -seine Hoffnung. -</p> - -<p> -War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, -denn die Frauen bestärkten Gesa in ihrer Strenge und -die Elbfischer griffen ihn, wo sie seiner habhaft werden -konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen -Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen -konnte! -</p> - -<p> -Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, -wo es kein Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er -dort auf der Heide seinen Vater und die See, die Schiffahrt -und die Fischerei vergessen würde. Der alte Heidjer -und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal -bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, -gut auf ihn zu passen, als Gesa sich wieder auf den -Heimweg machte. Störtebeker ließ sich das neue Leben -und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er -ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, -er lernte Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -suchte sich Brombeeren, er kletterte auf die Berge und -guckte weit über das Alte Land: dann aber fiel ihm plötzlich -ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem -Neß mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang -er kopflängs von dem Schimmel herab, auf dem er saß, -und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und alles, fragte -sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe, -ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich -entlang und stand an der Huk still, denn er konnte -keinen Ewer sehen. Erst wollte er wieder nach der Geest -zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach seiner -Mutter Haus. -</p> - -<p> -Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen -und noch immer nach der Elbe gucken sah, dann aber -konnte sie nicht an sich halten und sie schlug ihn, daß -er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit seinem -Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den -Trotz des Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte -er ihn binden und wieder mitnehmen, aber Gesa sagte, -das hülfe doch nichts: sie wolle ihn hier behalten: er -solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den -Kahn nun wirklich verkaufen. -</p> - -<p> -Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller -bringen. Da saß er im Gefängnis, denn das Fenster -war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch die Eisenstangen -zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der -gerade unter dem Fenster entlangging, drohte ihm mit -dem Flintenkolben und sagte grimmig: „Wi weut di woll -mörr kriegen, du Dickkupp!“ -</p> - -<p> -Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig -auf eine Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er -wußte sich nicht mehr zu helfen. -</p> - -<p> -„Hilp mi doch, Vadder!“ schluchzte er, „hilp mi doch! -Kumm doch wedder!“ -</p> - -<p> -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem -treuen Jungen beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen -und ihn wieder mit an Bord, auf den Ewer und nach -See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn und kein -Seemann kam, ihm die Hände zu lecken. -</p> - -<p> -„Hilp mi doch, Vadder!“ ...... -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-16"> -Letzter Stremel. -</h2> - -<p class="first"> -Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem -grünen Ewer geblieben ist. -</p> - -<p> -Wir kurren in der Gegenwart. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der -die Blätter von den Bäumen gerissen und die kleinen -Segelschiffe von der See gefegt hat. -</p> - -<p> -Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit -Liebe zu tun hat, sondern ihren Namen von der „Olive“ -bekommen hat, einem haverierten und abgeschlachteten -Schiff, das zuerst den Anleger bildete) — liegt die Austernflotte -und macht sich zum Auslaufen klar. Da liegen die -neun Kutter, die Dohrmann, der große Austernhändler, -für den Winterfang angenommen hat. -</p> - -<p> -Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, -die hansischen Farben mit den hamburgischen Türmen, -die am Finkenwärder Deich die Todesflagge genannt wird. -Denn der Austernfang auf hoher See ist die allergefährlichste -Fischerei, weil sie in die stürmischen Monate fällt -und weil die Austernbänke so weit draußen liegen, inmitten -der Nordsee, meilenweit hinter Helgoland. Da ist -keine Reede und kein Hafen zu erreichen, wenn das Wetterglas -fällt: alle Stürme müssen draußen ausgeklüst werden. -</p> - -<p> -Nur die neuesten, größten und seetüchtigsten Kutter -können sich des Austernkurrens unterfangen. Nur die -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -verwegensten und mutigsten Seefischer, die jungen und -starken, können diese Fischerei betreiben: aber auch sie -würden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen -müßten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die -Zeiten sind schwer geworden, seitdem die Fischdampfer groß -geworden sind: Winter und Sommer muß der Fischermann -kurren, wenn er noch bestehen will: die Notwendigkeit, -die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in -die Stürme hinein. -</p> - -<p> -Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. -Der Tod steht aufgerichtet an den Wanten und ist -der heimliche Schiffer. -</p> - -<p> -Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten -und ist der stärkste von ihnen. Noch flattern Reste des -Taufkranzes am Großtopp, bunte Bänder und grüne -Blätter — so neu ist er. -</p> - -<p> -Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig, Landrat -Teßmar, Farewell, Senator von Melle, Süllberg, -Fairplay und Providentia, so heißt er Klaus Störtebeker. -</p> - -<p> -In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck: -</p> - - -<div class="boxes"> - -<p class="box center"> -Klaus Störtebeker,<br /> -Finkenwärder. -</p> - -</div> -<p> -Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde -flattern, so weht ihm eine deutsche Flagge von der Besan, -denn der junge Fischer ist wie sein Vater und zieht -keine fremde Fahne auf. Dohrmann muß ihn so fahren -lassen. -</p> - -<p> -Der schöne, schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus -Mewes! Dem jungen Klaus Mewes! -</p> - -<p> -Ja, Seele, dem jungen Klaus Mewes gehört er, dem -kleinen Klaus Störtebeker, aus dem sie einen Geestbauer, -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -einen Schuster, einen Zimmermann und was nicht alles -machen wollten und aus dem doch nur eins werden konnte, -in dem doch nur eins steckte: ein Seefischer! Allen zum -Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und -ist ein Fahrensmann geworden wie sein Vater. -</p> - -<p> -Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem -ersten Kutter ist er bei Texel auf ein treibendes Wrack -gestoßen und hat ihn dabei eingebüßt. Nun liegt er mit -seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will Austern -fischen. -</p> - -<p> -Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch -manches Schiff unter den Füßen gehabt haben, vor dem -großen, herrlichen Fischerkutter stehen, betrachten die -glänzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden -Bug, und loben den Baumeister, der ihn zusammengeklopft -hat, und den Schiffer, dem er gehört und der -mit ihm nach See gehen kann. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Die Kajüte ist groß und hoch, denn der junge Klaus -Mewes fährt zu vieren und ist hochgewachsen. -</p> - -<p> -Drei Sprüche zieren sie. -</p> - -<p> -Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne goldene Spruch -aus dem Ewer: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hilpt mi, Sünn un Wind,</p> - <p class="verse">hilpt mi bit Fischen!</p> - <p class="verse">Ik heet Klaus Mees</p> - <p class="verse">un bün van Finkwarder.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: -Kap Horn — und die letzte Koje schmückt -das trotzige Wort: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Finkwarder blifft Finkwarder</p> - <p class="verse">un geiht ne van de See!</p> - </div> -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -Da kommt der junge Klaus Mewes. -</p> - -<p> -Er kommt vom Kriegshafen herüber, von den Torpedobooten -her. Er hat seinen Leutnant besucht. Sie waren -zusammen in Ostafrika und halten noch jetzt viel voneinander. -</p> - -<p> -„Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die -Wacht an der See nicht bange,“ hat der Seeoffizier zum -Abschied gesagt und ernst hinzugefügt: „Mehr als auf -die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der -See an! England ist Rom und wir sind Karthago — -goden Wind, Klaus Mewes!“ -</p> - -<p> -Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. -Er sieht aus, wie der ausgesehen hat: es ist, als wäre -der andre Klaus Mewes wiedergekommen. -</p> - -<p> -Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und -höher hat auch er den Kopf nicht getragen: wie ein -Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem Isländer -und auf seinen Seestiefeln. -</p> - -<p> -Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener -Fischermann. Nicht als finsterer Fliegender -Holländer geht er einher: viel ähnlicher ist er dem blonden -Konradin, der tapfer lachend über die Alpen zog, -nur von seinem Schwert begleitet, und sich sein Königreich -erobern wollte. -</p> - -<p> -Daß er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgroßvater, -Großvater und Vater sind geblieben, seine -Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die schweren -Winterstürme vor sich — und dennoch lacht er, wie die -Sonne, wenn sie scheint. -</p> - -<p> -An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt, -auf See aber ein verwegener Draufgänger, der sich vor -keinem Wind verkriecht und lieber ein Segel in die See -gehen läßt, als daß er ein Reff einsteckt. Die Furcht, -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -die schon der Junge nicht kannte, hat auch in der Seele -des Mannes keinen Raum. -</p> - -<p> -Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht -die schnellsten und besten Reisen. Das weiß der ganze -Deich. Und wenn ein Junggast bei ihm als Koch gefahren -hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht, -denn die Fahrzeit bei dem jungen Klaus Mewes ist wie -Kriegszeit und wird doppelt gezählt. -</p> - -<p> -Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein -lachender, glücklicher Vater, den er in Gedanken immer -bei sich stehen hat, wenn er steuert. Bei ihm an Bord -ist nichts von der Not der Zeit zu spüren, die die stolzen -Flotten von Finkenwärder und Blankenese bis auf neunzig -Schiffe zerschlagen und zertrümmert hat: er hat Leute -genug: wie der Magnet das Eisen, so zieht er das tüchtige -Jungvolk, den Nachwuchs von Finkenwärder, der noch -Lust zur Seefischerei hat, mit Gewalt an sich. -</p> - -<p> -Er brauchte nicht während des Winters zu fischen, denn -er hat im Sommer Geld genug verdient, daß er geruhig -auflegen könnte: aber er geht dennoch auf die Austern -los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb, den Zug -ins Heunenland mitzumachen: es ist ihm um die Ehre -zu tun! Er muß überall der erste sein! Er kann und -will sich nicht sagen lassen, daß er hinter dem Ofen gesessen -hätte, während andre in den Austern gewesen seien! -</p> - -<p> -Er weiß, daß sie auf ihn sehen, wie auf ihren Führer, -und er ist stolz darauf und freut sich dessen. -</p> - -<p> -Als der Kutter auf der Helling saß, machte der junge -Klaus Mewes einige Reisen als Fischdampferkapitän, um -sein großes Steuermannspatent auch einmal auszunutzen: -er fischte im Angesichte von Island im Schein der Mitternachtssonne -und an der Küste von Marokko in der Glut -des Samums, er sah sich Aberdeen und Lissabon an: als -aber sein Kutter zu Wasser gelassen war, da bedankte er -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -sich selbst lachend bei seinem Reeder und zog es vor, sein -eigenes Schiff zu steuern und nichts über sich zu haben, -als seine Segel und seinen Herrgott! -</p> - -<p> -Er hat sein schönes Schiff erreicht, der junge Klaus -Mewes. Er springt an Bord und ruft die Leute auf. -</p> - -<p> -Sie wollen fahren! -</p> - -<p> -Klappernd steigen die weißen, leuchtenden Segel, die -noch keine Lohe geschmeckt haben, an den Masten auf, -die Gaffeln knarren und die Schoten schlagen wie wilde -Geister, denn es ist noch stur. -</p> - -<p> -Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt -den Südwester auf, dann faßt er das Ruder an und läßt -die Stroppen losmachen. Langsam schwoit der Kutter — -die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich allmählich -in Bewegung. -</p> - -<p> -Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine -Kraft und schießt mächtig davon, um Austern zu kurren. -Gewaltig taucht es in die schwere Dünung hinein. -</p> - -<p> -Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut -sich seines Schiffes und seiner Fahrt. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p> -Seefahrt ist not! -</p> - -<p> -Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes! -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="end"> -Ende -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-17"> -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -Verklarung einiger Schiffsausdrücke -und plattdeutscher Wörter. -</h2> - -<div class="wordlist"> -<p> -ans = sonst (entstanden aus anders) -</p> - -<p> -back brassen = einen Teil der Rahsegel so stellen, daß der Wind -von vorn hineinfällt, wodurch das Schiff aus der Fahrt -kommt; in übertragenem Sinne = stoppen -</p> - -<p> -ballern = poltern, werfen, daß es knallt -</p> - -<p> -bannig = sehr -</p> - -<p> -barg = viel -</p> - -<p> -batz = plötzlich -</p> - -<p> -Black = Tinte -</p> - -<p> -blangen = neben -</p> - -<p> -Blösch = Eisscholle (Mehrzahl Blöschen) -</p> - -<p> -Blutstropfen = Fuchsie -</p> - -<p> -Boitel = Wicht, Kerlchen -</p> - -<p> -Bünn = mittschiffs eingebauter, durch Löcher mit dem Wasser -verbundener Fischbehälter -</p> - -<p> -Bunge = Reifenstellnetz in Trommelform -</p> - -<p> -Buscherump = Oberhemd (entstanden aus Burschenrumpf) -</p> - -<p> -Büt = Beute, Strandgut -</p> - -<p> -Buttpedder = Buttentreter, Neckname der Elbfischer -</p> - -<p> -Daak = Dunst, Nebel -</p> - -<p> -Dachhaus = Strohdachhaus -</p> - -<p> -diesig = dunstig, unsichtig -</p> - -<p> -Dönß = Stube -</p> - -<p> -Draggen = vierzahniger Anker -</p> - -<p> -Dreuchewer = Frachtewer, der keinen Bünn hat, also „trocken“ ist -</p> - -<p> -drok = dreist -</p> - -<p> -Ducht = Bootsbank -</p> - -<p> -dümpeln = schwanken, schaukeln -</p> - -<p> -dwars = quer, gegenüber -</p> - -<p> -Dweel = leinenes Tischtuch -</p> - -<p> -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -Dweil = gestielter Schiffsfeudel -</p> - -<p> -elk = jeder, jedes -</p> - -<p> -Euschfatt = Holzschaufel zum Wasserausgießen -</p> - -<p> -Ewer = zwei- oder einmastiger Segler auf der Elbe (der Name -bedeutet Eber; vergl. Bollen = Bulle [Anleger], Buck = Bock -[stumpfes Schiff]) -</p> - -<p> -Fall = Sand- oder Schlickriff, das sich durch den „Fall“ der vom -Wasser mitgeführten Bestandteile gebildet hat -</p> - -<p> -fieren = herunterlassen -</p> - -<p> -Flage = Schauer, Bö -</p> - -<p> -Fleek = Fläche -</p> - -<p> -Flögel = Windfahne auf den Masten (eigentlich Flügel) -</p> - -<p> -Gaffel = oberer Segelbaum (-Gabel) -</p> - -<p> -Gatt = Hinterteil des Schiffes -</p> - -<p> -gau = schnell -</p> - -<p> -Geutjen = Kinder (eigentlich Gänschen) -</p> - -<p> -Giekbaum = Schlagbaum, unterer Segelbaum -</p> - -<p> -gnostern = knirschen -</p> - -<p> -Grientje = schmieriges Lachen -</p> - -<p> -gucheln = in sich hinein lachen -</p> - -<p> -Heck = Hinterwand des Schiffes -</p> - -<p> -heilen, ausheilen = ein Netz flicken -</p> - -<p> -Helmholz = oberer Teil des Ruders (Steuers) -</p> - -<p> -Hemdsmauen = Hemdsärmel -</p> - -<p> -hieven = aufziehen -</p> - -<p> -hild = eilig -</p> - -<p> -Hödjihöh = Ahoi -</p> - -<p> -Huk = Ecke (holländ. hoek) -</p> - -<p> -jumpen = springen, aus dem Englischen -</p> - -<p> -Jalk = Tjalk, kleines breitbugiges Frachtfahrzeug -</p> - -<p> -Kambüse = Küche, auch Schiffskajüte -</p> - -<p> -Kapp = Deckverschluß der Kajüte -</p> - -<p> -Kapuze = Wandbett mit Schiebetür -</p> - -<p> -Kastetten = Staket -</p> - -<p> -Kieker = Fernrohr -</p> - -<p> -Kimmung = Horizont -</p> - -<p> -klamüstern = grübeln -</p> - -<p> -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -Klitsch = leichte Mütze -</p> - -<p> -Klür = Farbe, Couleur -</p> - -<p> -klüsen = scharf segeln, hart ankern, daß das Wasser durch die -Klüsen (Kettenlöcher) kommt -</p> - -<p> -Kluten = Erdstück -</p> - -<p> -Knipptasche = Geldtasche, Portemonnaie -</p> - -<p> -kodimmen = kondemnieren, ein Schiff abschlachten -</p> - -<p> -Kolosen = Vorhänge, Rouleaus -</p> - -<p> -krüssen = ersticken -</p> - -<p> -Kule = Vertiefung, Senkung, Wasserloch -</p> - -<p> -Kurre = Schleppnetz -</p> - -<p> -Kurrgut = Netzgarn -</p> - -<p> -labsalben = die Masten und Stengen schmeeren -</p> - -<p> -lavieren = kreuzen, hin und her segeln -</p> - -<p> -Lee = die dem Winde abgekehrte Schiffsseite -</p> - -<p> -leege Wall = gefährliche Nähe von Land -</p> - -<p> -Liek = Tau, das das Segel einfaßt -</p> - -<p> -Liekedeeler = Gleichteiler, mittelalterliche Seeräuber der Nordsee -</p> - -<p> -Luv = die dem Winde zugekehrte Schiffsseite -</p> - -<p> -Macker = Kamerad, Gefährte -</p> - -<p> -mall = krank, verrückt -</p> - -<p> -meuten = aufhalten (inne Meut = entgegen) -</p> - -<p> -mooi = gut, schön, angenehm -</p> - -<p> -mörr = mürbe -</p> - -<p> -Muck = schmale Henkeltasse (engl. mug) -</p> - -<p> -Nachthaus = Kompaßhäuschen -</p> - -<p> -Neß = Nase, Westspitze von Finkenwärder -</p> - -<p> -Nock = Ende der Rah -</p> - -<p> -Nüff = Nase -</p> - -<p> -offermorgen = übermorgen -</p> - -<p> -Patt = Pfütze -</p> - -<p> -Pek = Schlittenhaken -</p> - -<p> -Plicht = kleine Koje -</p> - -<p> -Poller = kurzer Deckspfahl -</p> - -<p> -Posensteel = Gänsekiel, Federhalter -</p> - -<p> -Priel = schmaler Wasserarm -</p> - -<p> -Putt = Sumpf -</p> - -<p> -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -Pütze = Schiffseimer, an einem Tau befestigt -</p> - -<p> -Ramm = Hexenschuß -</p> - -<p> -raum ist der Wind, der von hinten kommt -</p> - -<p> -Reepschläger = Seiler -</p> - -<p> -reffen = die Segel durch Zusammenrollen verkleinern -</p> - -<p> -Reff = der zusammengerollte Teil des Segels -</p> - -<p> -Rickels = Zaun -</p> - -<p> -Riemen = Ruderstange -</p> - -<p> -rollen heißt die Bewegung des Schiffes um seine Längsachse -</p> - -<p> -Ruder = Steuer -</p> - -<p> -sacken = sinken -</p> - -<p> -Schallen = Schlickvorland -</p> - -<p> -Scharben = scharfschuppige Schollenart -</p> - -<p> -schechten = ausschreiten -</p> - -<p> -Scheger = Holzbrettchen, das beim Netzmachen die Maschen hält -</p> - -<p> -scheistern = schwanken -</p> - -<p> -Schleef = Schlingel, eigentlich großer Löffel -</p> - -<p> -schölen = spülen, waschen -</p> - -<p> -Schote = unteres Segeltau -</p> - -<p> -Schütt = Hauszaun -</p> - -<p> -schwoien = drehen (nur von Schiffen) -</p> - -<p> -Setzbord = Reling, Bordwand -</p> - -<p> -Sickberg = Eisberg -</p> - -<p> -Siel = kleine Schleuse im Deich, aus hohlen Baumstämmen -gemacht -</p> - -<p> -slarpen = lässig, schlürfend gehen -</p> - -<p> -sleupen = schleppen -</p> - -<p> -Smutje = Schiffskoch -</p> - -<p> -Spake = dicke Holzstange zum Bewegen des Spills (s. d.) -</p> - -<p> -Spill = Ankerwinde -</p> - -<p> -stampfen = die Bewegung des Schiffes um seine Querachse -</p> - -<p> -Steert = Netzende, eigentlich Schwanz -</p> - -<p> -Stegel = Weg vom Deich ins Land hinab -</p> - -<p> -Streek = Strich, Zug -</p> - -<p> -Stremel = Streifen, Stück -</p> - -<p> -Stropp = dickes Tau -</p> - -<p> -Stubben = Baumstumpf -</p> - -<p> -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -stur = aufrecht (vom Mann), hart (vom Wetter) -</p> - -<p> -Tamp = kleines Tau -</p> - -<p> -Tamp legen = ein Schiff anbinden -</p> - -<p> -Törn = Reihe, Tour, Zug, auch Schlinge -</p> - -<p> -treunen = betteln -</p> - -<p> -troß = stolz -</p> - -<p> -Tunner = Zunder -</p> - -<p> -Vogel Bunt = Vagabund -</p> - -<p> -Wake = Wasserstelle im Eis -</p> - -<p> -Warbel = Drehriegel -</p> - -<p> -Wanten = Taue, die die Masten seitlich halten -</p> - -<p> -Wart = Enterich -</p> - -<p> -Wichel = Weide -</p> - -<p> -Wiem = Hühnerstall -</p> - -<p> -Winsch = Winde -</p> - -<p> -Wisch = Wiese -</p> - -<p> -ziepen = piepen (ein Fahrzeug ziept, wenn es ein wenig leckt). -</p> - -</div> - -<div class="ads"> -<p class="pub"> -<span class="line1"><em>Verlag von M. Glogau jr. in Hamburg 36</em></span> -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Gorch Fock</span> -</p> - -<p class="hang"> -<em>Seefahrt ist not!</em> Roman. 120. Tausend. Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Schiff vor Anker.</em> Erzählungen. 16. Tausend. Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Fahrensleute.</em> Neue Seegeschichten. 36. Tausend. Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Hamborger Janmooten.</em> Een lustig Book. 42. Tausend. Geb. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Nordsee!</em> Erzählungen. Mit einem Bilde des Dichters. 55. Tausend. -Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Sterne überm Meer.</em> Tagebuchblätter und Gedichte mit Lebensbeschreibung -und Bild des Dichters. 45. Tausend. Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Hein Godenwind, de Admirol von Moskitonien.</em> -Eine deftige Hamburger Geschichte. 48. Tausend. Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Schullengrieper und Tungenknieper.</em> Finkenwärder -Geschichten. 48. Tausend. Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Schiff ahoi!</em> Ausgewählte Erzählungen. 22. Tausend. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Doggerbank.</em> Niederdeutsches Drama. -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Georg Droste</span> -</p> - -<p class="hang"> -<em>Dokter Langbeen</em> und anner Geschichten von Tiere un Minschen. -11. Tausend. Ein Buch voll Herz und Humor, rührend und -lustig zugleich, dessen Wert unvergänglich ist. -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Wilhelm Poeck</span> -</p> - -<p class="hang"> -<em>Poggenkönig un Dübelsprinzessin.</em> Lustige plattdeutsche -Märchen für Jung und Alt. Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Der Herr Innehmer Barkenbusch und andere lustige -Geschichten von der Wasserkant.</em> 4. bis 6. Tausend. -Gebunden. -</p> - -<p class="hang"> -<em>In de Ellernbucht.</em> En Geschicht von de Hamborger Waterkant. -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Otto Ernst</span> -</p> - -<p class="hang"> -<em>Hamborger Schippergeschichten.</em> Nach Holger Drachmann -in plattdeutsche Art und Sprache übertragen. 11. Tausend. -</p> - -<p class="hang"> -<em>Herr Bummerlunder.</em> Volkskomödie in 4 Akten. -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Carl Fr. Wagner</span> -</p> - -<p class="hang"> -<em>Hein Boller, de Hamborger Buddje.</em> Mit sechs Bildern -und Umschlagbild von Adolf Möller. Gebunden. -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Hans Much</span> -</p> - -<p class="hang"> -<em>Int Kinnerland. Kinnerleeder un Schattenbiller.</em> -Ein kleines Prachtwerk. -</p> - -</div> - -<div class="ads"> -<p class="pub"> -<span class="line1"><em>Im Verlage von M. Glogau jr. in Hamburg 36</em></span><br /> -<span class="line2"><em>erschienen folgende</em></span><br /> -<span class="line3">Bücher von</span> -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Fritz Lau</span> -</p> - -<p class="hang"> -<span class="bigger">Kopp hoch!</span> Plattdeutsche Erzählungen. 1. bis 5. Tausend (Neuheit). -</p> - -<p class="hang"> -<span class="bigger">Katenlüd.</span> Plattdeutsche Erzählungen. 6. u. 7. Tausend. -</p> - -<p class="hang"> -<span class="bigger">Brandung.</span> Geschichten von de Waterkant. 4. bis 6. Tausend. -</p> - -<p class="hang"> -<span class="bigger">Ebb un Flot — Glück un Not.</span> Plattdeutsche Erzählungen. -4. bis 6. Tausend. -</p> - -<p class="hang"> -<span class="bigger">Helden to Hus.</span> Plattdeutsche Erzählungen. 15. bis 17. Tausend. -</p> - -<p class="hang"> -<span class="bigger">In Luv un Lee.</span> Plattdeutsche Erzählungen. 6. bis 8. Tausend. -</p> - -<p class="hang"> -<span class="bigger">Elsbe.</span> Ein Stück Minschenleben. Mit einem Bildnis des Dichters. -6. bis 8. Tausend. -</p> - -<p class="center"> -——— -</p> - - <div class="reviews"> -<p class="center"> -Auszüge aus Besprechungen: -</p> - -<p class="noindent"> -Fritz Lau’s Menschen wissen von Mühe und Arbeit, von Sorgen und Not, aber -sie wissen auch wieder von Gott und sie haben immer noch ein herzliches Lachen -in der Brust. Und wenn er dann von Kindern spricht, oder von Tieren erzählt, -dann kann es über uns kommen, daß wir anhalten müssen, weil wir heilig Land -vor uns sehen: so fein, so innig wird Fritz Lau dann. Um seiner Kinder und -Tiere willen stelle ich ihn am höchsten. Er ist ein Meister der Stille, und die -Stillen im Lande werden zu ihm kommen. Er macht uns die Augen auf und läßt -uns weit sehen: in die Kindheit, in unseren Alltag, in den Heben. Wahr und -tief und lebendig ist alles, was er geschrieben hat: auch alle für uns toten Dinge -leben zwischen seinen Fingern. Fritz Lau’s Bücher sind Bücher für die Wasserkante. -Bücher für die Fahrt und das Leben. Sie sind für uns geschrieben und -sollten von uns gelesen werden. -</p> - -<p class="src"> -<em>Gorch Fock</em> (Der Fischerbote — Hamburg). -</p> - -<p> -Fritz Lau sieht die Welt mit Dichteraugen an und wird vieles gewahr, was andere, -gewöhnliche Leute nicht bemerken. Und was er sieht, das weiß er lebendig zu -schildern und zwar immer in den treffendsten, bezeichnendsten Ausdrücken. Es ist -daher wie bei einem Maler ganz gleichgültig, was er darstellt. Unser Interesse -wird immer gefesselt. Was er in seinen Bildern gibt, ist echte Poesie, und zwar -echte plattdeutsche Poesie. Es gibt Bücher, und die bilden die Mehrzahl, die man, -wenn man sie einmal gelesen hat, nicht wieder in die Hand nehmen mag. Zu -diesen gehört das Buch von Fritz Lau nicht. Man kann es immer wieder lesen -und hat immer neuen Genuß davon. -</p> - -<p class="src"> -Prof. Dr. <em>Wisser</em>-Oldenburg (Anz. für das Fürstentum Lübeck). -</p> - -<p> -Der Dichter weiß den Leser in seinen Bann zu ziehen, läßt ihn mit ihm sehen -die gewaltigen Bilder der tosenden See wie die lachenden Fluren, das einfache -Dorfleben abseits der Welt, wie die Tiefen in den Seelen der Meeresanwohner, -die lichten und die düsteren Farben, — immer verklärt von warmen, vollen -Herzensregungen und von reiner Güte. Hinter seinen Gestalten steht der Dichter -mit seherischen Augen, mit feinem Empfinden und vollendetem Können in der -Formengebung: wahrhaft echte Poesie und Prosa. Die Erzählungen „Klas un -Lena“, „De Regenbagen“ und „Dat Polakengör“, sowie die ergreifende Schilderung -„Up Scharhörn“ gehören zu dem Besten, was ich je in mundartlicher Dichtung -und überhaupt gelesen habe. -</p> - -<p class="src"> -<em>Deutsche Tageszeitung.</em> -</p> - - </div> -</div> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span> -Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer -<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert. -</p> - -<p> -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... der in <span class="underline">der</span> sechziger Jahren während der Äquinoktien ...<br /> -... der in <a href="#corr-0"><span class="underline">den</span></a> sechziger Jahren während der Äquinoktien ...<br /> -</li> - -<li> -... Strömer und Liekedeeler war, ein <span class="underline">Britte</span> und Tunichtgut, ...<br /> -... Strömer und Liekedeeler war, ein <a href="#corr-1"><span class="underline">Brite</span></a> und Tunichtgut, ...<br /> -</li> - -<li> -... hatte keine Ruhe mehr: das Eis <span class="underline">treib</span> nicht weg und ...<br /> -... hatte keine Ruhe mehr: das Eis <a href="#corr-2"><span class="underline">trieb</span></a> nicht weg und ...<br /> -</li> - -<li> -... hohe <span class="underline">Tiede</span> Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...<br /> -... hohe <a href="#corr-3"><span class="underline">Tide</span></a> Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Störtebecker</span> mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...<br /> -... <a href="#corr-4"><span class="underline">Störtebeker</span></a> mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...<br /> -</li> - -<li> -... Störtebeker barg <span class="underline">dat</span> Hütfaß und stellte die Bungen ...<br /> -... Störtebeker barg <a href="#corr-5"><span class="underline">das</span></a> Hütfaß und stellte die Bungen ...<br /> -</li> - -<li> -... Linie und dem <span class="underline">Sargossa</span>meer bei Westindien, in dem ...<br /> -... Linie und dem <a href="#corr-6"><span class="underline">Sargasso</span></a>meer bei Westindien, in dem ...<br /> -</li> - -<li> -... sein, <span class="underline">daß</span> diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...<br /> -... sein, <a href="#corr-8"><span class="underline">das</span></a> diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">schalt</span> die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...<br /> -... <a href="#corr-9"><span class="underline">schallte</span></a> die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! *** - -***** This file should be named 51303-h.htm or 51303-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/3/0/51303/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/51303-h/images/cover-page.jpg b/old/51303-h/images/cover-page.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d444546..0000000 --- a/old/51303-h/images/cover-page.jpg +++ /dev/null |
