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-The Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Seefahrt ist not!
-
-Author: Gorch Fock
-
-Release Date: February 26, 2016 [EBook #51303]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! ***
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-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Seefahrt ist not!
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- Roman
- von
- Gorch Fock
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- 121.-130. Tausend
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- Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921
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- Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
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- Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten,
- bleibt in euern Hütten, euern Zelten,
- und ich reite froh in alle Ferne --
- über meiner Mütze nur die Sterne.
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- Goethe.
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- Erster Stremel.
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-»Insonderheit aber bitten wir dich für die, die auf dem Wasser ihre
-Nahrung suchen. Segne, segne die Fischerei auf der See und im Fluß,
-behüte Mann und Schiff in allen Gefahren!«
-
-Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor. Da hatte er
-laut und warm für seinen alten Kaiser gebetet, laut und warm, wie es ihm
-von Herzen kam, nicht leise und kalt, wie sein Vorgänger, ein zäher
-Welfe, der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: »Laß deine
-Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm, unsern Kaiser und Herrn,
-und über das ganze kaiserliche Haus.«
-
-Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch, mit dem die Kanzel
-vom Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war. Es schien,
-als wenn die Stimme ihm versagte und er aufhören müßte. Und er hielt
-überwältigt inne und ließ die große Stille kommen.
-
-Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. Regungslos saß die
-Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.
-
-Und die _See_ nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee -- mit ihren
-jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm,
-mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und
-Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter, -- mit geborstenen Segeln,
-gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracken und
-hilferufenden Fahrensleuten.
-
-Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen hätte.
-
-Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem Altar, die als große
-Schleefen zu den gegenübersitzenden Konfirmandinnen hinübergelacht und
-ihnen zugenickt hatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände
-zusammen und sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille die
-Väter und Brüder in den Sinn kamen, die draußen waren, und weil sie
-daran dachten, daß sie nach Ostern selbst in die Fischerei hineinkamen.
-
-Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Alle falteten rasch die
-Hände, und manches Kinderherz bebte -- vergessen war, daß sie abends am
-Deich einzuhüten hatten und daß die Jungen dort vor den Fenstern
-trommelten und pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder
-Sechsundsechzig mitspielen durften.
-
-Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seite des Eilandes, um
-die die Junggäste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten
-stiegen, weil keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause
-bringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf, nicht
-allein, weil sie wußte, daß es ihr gut stand, sondern auch um die
-Seefischerei, um alle Freundschaft, Bekanntschaft und Verwandtschaft,
-die unter Segeln war.
-
-Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, den sie den
-Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war, Hein Loop, einer der
-Verwegenen, der Verwogenen, wie sie an der Wasserkante sagen, einer von
-denen, die nicht reffen und nicht beidrehen mögen, die mit allen Lappen
-segeln und mit jedem Winde fischen, denen es ergeht wie dem jungen Lord
-von Edenhall:
-
- sie schlürfen gern in vollem Zug,
- sie läuten gern mit lautem Schall,
-
-die mit dem Glück von Edenhall anstoßen und es wohl auch einmal
-versuchen. Die See schmecke ihm erst dann, wenn sie gar sei, und gar sei
-sie nach seiner Meinung erst, wenn sie _koche_, hat Hein Loop einmal
-gesagt, und jeder, der ihn kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete er,
-denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter nach See, up de Schullen
-dol, und konnte mooi Wind und mooi Fang gebrauchen.
-
-Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine Macker, die nicht weit
-hinter ihm saßen, ließen das Kirchenwort in die unerschrockenen
-Seemannsherzen hinein, wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges
-Sprüchlein achteran hingen, das bei Jan hieß: Herr Pastur, de
-verdreihten Dänen ne vergeten! Bei Simon lautete es: Amen, Herr Pastur:
-ober dat Is mütt irst innen Dutt, ans kann ik ne rut! Und bei Hinnik
-besagte es: De Büt, Herr Pastur, de Büt, de Büt, de hürt dor ok mit to!
-
-Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort saßen die
-Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln
-Kopftüchern wie morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte
-Jahrgang hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein
-Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst
-saß die greise Geeschen Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer
-Landkarte ähnlicher sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur noch
-für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben: ihren Vater,
-der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen war,
-ihren Mann, der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien
-untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf Jahre später bei
-Amrum geholt hatte, ihre beiden Söhne, die vor neun Jahren mit ihrem
-neuen Ewer verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem großen,
-leeren Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen
-zurückgelassen hatten, und wunderte sich, daß sie immer noch lebte und
-daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon lange eine andere saß.
-
-Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht
-zugemacht: Thees to Baben, der Segelmacher und Spökenkieker, der Blut
-stillen, Krankheiten besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen
-bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besaß. Er
-beobachtete den Pastor scharf, und als Bodemann die Augen schloß, machte
-Thees seine weit auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn
-kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich stieg und über die
-Äcker, Gräben und Wischen wallte, ohne eines Weges oder Steges zu
-bedürfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte
-und die Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren
-Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die
-gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die
-Knechte. Mit weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie
-an. Wie sie über Bord gespült waren, standen und gingen sie, das Wasser
-leckte ihnen von den Südwestern, glänzte auf den Ölröcken und quoll aus
-den Seestiefeln. Der Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter
-sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt geworden war.
-Dabei blieb er ruhig, denn er war an Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der
-Toten ihn ansah, schüttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an
-den Segeln hat es nicht gelegen, daß ihr geblieben seid: die Segel waren
-gut! Wobei er allerdings voraussetzte, daß er sie auch wirklich gemacht
-hatte.
-
-Endlich -- ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes
-Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei draußen in
-den Erlen und Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die
-Sonnenstrahlen fingen wieder an zu spielen und Alt-Bodemann bekam seine
-Sprache zurück. Und als er dann bei seinem Herrgott um den Hausstand
-anhielt und alle, die dazugehörten, um gottesfürchtige Eheleute, Eltern
-und Herren, gehorsame Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war
-die große Stille vorüber: die Konfirmanden machten wieder ihre
-verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten und stießen einander im
-geheimen an, Gesine Külper dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees
-Segelmacher stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu,
-als wenn er noch Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die
-Prüntjer geruhig wieder hinter die Kusen.
-
-Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe der Orgel auf dem
-Chor saß, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn
-jäh befallen hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen.
-Denn er hatte sich so zu Anker gehen lassen, daß er nicht allein recht
-in der Sonne saß, sondern auch aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den
-Wischen und Gräben sah er den hohen Deich aufragen und über den Stroh-
-und Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der
-Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und die
-Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen
-Elbufer, auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und
-Freude füllten!
-
-Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete, so konnte
-nur sein Junge schuld daran sein, der unter seinen Augen unermüdlich
-neben der Kirche im Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint,
-daß er ihn nicht mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich seine
-Absicht gewesen war, als der Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und
-gesagt hatte, sie wollten das Gesangbuch tragen und ihn bis an die
-Kirchentür bringen. Denn hätte der Vogel Bunt so lange ruhig gesessen
-und geschwiegen? Sicherlich nicht -- er wäre bald aufgestanden und
-umhergelaufen und hätte geguckt und gezeigt und gefragt und getan: beim
-stillen Eingangsgebet in der Fensternische hätte er gefragt, wie jener
-Bauerjunge vom Osterende getan hatte, als er seinen Vater in den Hut
-gucken sah: Du Vadder, lot mi ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel
-hätte er in den Händen gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, Vadder: dor
-is ober plenni Monne in! Und Geeschen Witten hätte er laut gefragt:
-Diern, Geeschen, wat schreest du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten
-geben? Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wäre, hätte er geantwortet:
-ick bün vörn Pastur ne bang, Vadder! -- oder eingewendet: de lebe Gott
-is ne bi Hus, Vadder, de kann mi nix seggen!
-
-Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen, was er alles
-angerichtet hätte, und es war besser, daß er draußen seine Wache
-abreißen mußte.
-
-Der Seefischer lachte in sich hinein.
-
-Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen Rolf sich zu ihnen
-gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: wenn der Junge mit hinein wolle,
-müßten ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine
-Steine bei sich behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe. Solle er
-aber draußen bleiben, dann wäre nur zu wünschen, daß der Pastor es kurz
-und knapp mache, damit der Junge nicht die Geduld verliere und alles in
-Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt die Kirche von oben bis unten
-angeguckt und dann ernsthaft erwidert hatte, die brenne ja gar nicht,
-weil sie ganz aus Stein gemacht sei. -- Da war dem Seefischer ein
-köstlicher Einfall gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand genommen
-und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen Apfelbaum und einen
-Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, der eine sei der Großmast und der
-andere der Besansmast und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter
-Hand sei Steuerbord und linker Hand sei Backbord. Dat brukst mi ne to
-vertillen, hatte der Junge geeifert, dat weet ik jo all lang! Na, dann
-solle er aufpassen, war des Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle
-einmal ausfindig machen, ob der Junge schon etwas könne, ob er schon zu
-etwas zu brauchen sei: darum solle er auf dem Ewer zwischen den Bäumen
-eine Wache nehmen, wie auf See in der Schollenzeit, zwei Stunden
-hindurch. Der Kompaß läge Nordwest an: er solle darauf achten, daß er
-nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, daß die Segel immer voll Wind
-seien und nicht klapperten, und guten Ausguck halten, damit er keine
-Haverei mit andern Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Großer
-genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen, er hatte
-sogleich das Deck mit großen Schritten ausgemessen, hatte Großmast und
-Besan mit den wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken
-geworfen und die Äste auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprüft.
-
-»Van Burd dött ik ober doch ne gohn, ne, Vadder?« hatte er noch gefragt.
-
-»Och du Dösbattel,« war des Seefischers Erwiderung gewesen, »kannst du
-ok van Burd gohn? Büst doch up See, is doch all Woter üm di rüm.«
-
-»Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?«
-
-»Seemann?« Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den
-Birnbaum gesetzt. »Sitten blieben, Seemann! Dat is dat witte Nachthus,
-Störtebeker, un sien Nüff, dat is de Kumpaß.« Nun wisse er wohl alles:
-er brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten,
-sondern könne geruhig auf Deck hin und her gehen, wie die Fischerleute
-es täten, hatte der Seefischer geschlossen und war in die Kirche
-getreten, während der Junge unter dem Geläut der Glocken und dem Gebraus
-der Orgel an seine erste Schiffswache gegangen war.
-
-Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und der Junge ging immer
-noch ernst und wachsam zwischen Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als
-ob er wirklich an Bord sei, denn er wollte beweisen, daß er schon groß
-genug wäre und allein die Wache gehen könne. Er wollte zeigen, daß er
-schon mit der See klar kommen könne, damit sein Vater ihn im Sommer mit
-auf den Ewer nahm, wie er ihm versprochen hatte. Wie nach Segeln blickte
-er nach den Zweigen hinauf. Einen Buchfink, der im Wipfel des
-Apfelbaumes saß, ließ er sich als Flögel gefallen. Er hatte die Hände
-nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff gefühlvoll
-vor sich hin, spuckte auch einmal großartig in die See hinein, als wenn
-er bange sei, daß er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme.
-
-Es schien stürmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte ihm das weiße
-Nachthaus über Bord, sei es, weil eine Ratte über den Graben schwamm
-oder weil sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte.
-Junge, was war das für ein Stück Arbeit! Was sollte der Wachhabende tun?
-Nachlaufen konnte er nicht, denn ringsherum war Wasser, das keine Balken
-hatte: er verlegte sich deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das
-nicht half, dachte er schließlich: och wat, nu jump ik eenfach ober
-Burd: ik kann jo swümmen -- und lief nach der Wurt oder nach dem Graben,
-ergriff sein Nachthaus und schleppte es zurück, wobei er pustete, als
-wenn er wirklich im Wasser sei, stellte es wieder an den Birnbaum und
-sagte: »Du müß sitten blieben, Seemann, ans hebb ik keen Kumpaß!« Dann
-guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich
-nicht ganz sicher, ob er über Bord springen durfte.
-
-Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn, während ihm das Blut,
-das die Sonnenstrahlen geweckt hatten, heftig und stark in den Schläfen
-klopfte. Das war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den
-blauen, nordischen Augen und dem wettergebräunten Gesicht, der eine
-graue, wollene Matrosenmütze aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes
-Tuch trug, einen weißblauen Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte
-und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat, der auf
-Freiwache ist und sich landfein gemacht hat. Das war sein Junge! Wer den
-so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland
-einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab -- und durch die Brust
-seines Vaters brauste ein solches Lied, das die Orgel übertönte.
-
-Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, einen Fahrensmann
-aus ihm zu machen, einen Seefischer, einen so furchtlosen und
-verwegenen, wie Finkenwärder noch keinen gehabt hatte. Noch diesen
-Sommer wollte er ihn mit nach See nehmen, ob auch die Mutter weinte und
-die Leute den Kopf schüttelten. Lachend wollte er ihnen trotzen, denn er
-war es nicht gewohnt, auf andere zu hören, weder an Land noch auf See.
-Wie seinen Ewer, so steuerte er auch sein Leben selbst.
-
-Ja, Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden!
-
-Der Junge hieß Klaus Mewes, wie er selbst, aber das ganze Eiland, mit
-Ausnahme von Gesa, nannte ihn Klaus Störtebeker, einmal, weil er
-wirklich ein großer Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und
-Tunichtgut, dann, weil sein grüner Kahn diesen Seeräubernamen an Steven
-und Gatt trug, schließlich auch wegen des Großvaters, dem er noch
-ähnlicher sehen sollte als seinem Vater, wie die alten Leute
-behaupteten, -- der auch Klaus Mewes geheißen hatte, wegen seines
-Freibeutertums aber allgemein Störtebeker genannt worden war. Was den
-kleinen Klaus Mewes anbetraf, so war der mit seinem Seeräubernamen so
-einverstanden, daß er auf seinen wirklichen nicht mehr hörte: rief einer
-Klaus, so sagte er: Klaus gifft en ganzen barg! -- nannte ihn einer
-Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is mien Vadder, du anner! -- erst bei
-Störtebeker ließ er sich ermuntern und antwortete.
-
-Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache ging, wie genau er das
-Deck abmaß! Da war kein Schritt zu viel und keiner zu wenig! Wenn er
-sich beim Birnbaum umdrehte, vergaß er niemals, nach dem Kompaß zu sehen
-und die Segel zu überholen; wenn er beim Apfelbaum angekommen war,
-spähte er luvwärts und leewärts über die See. Mit großem Behagen und
-einiger Verwunderung bemerkte der Seefischer diese Einzelheiten, die ihm
-sagten, daß der Junge ihm und den anderen Fahrensleuten schon viel mehr
-abgeguckt hatte, als er glauben wollte. Nichts störte den kleinen
-Fischer, der wußte, daß er auf See war und kein Land in Sicht hatte, und
-sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte, noch den
-vorüberrollenden Wagen nachlief.
-
-Daß der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hörte, war
-nicht zu verlangen: er wurde kaum gewahr, daß der goldene Stern oben an
-der Orgel klingend lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und hätte sogar
-den Klingelbeutel übersehen, wenn der ihm nicht pall unter die Nase
-gehalten worden wäre. Nur der Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem
-Jungen ab, denn es brauste gewaltig durch die Kirche: Krist Kyrie, komm
-zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es ihn, denn das war kein
-Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie ein todesbanger Schrei hörte es sich
-an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es war, als wenn
-die Stürme sich wieder erhöben und die See und die Herzen aufwühlten,
-die Segel und die Seelen zerrissen, als wenn Geisterlaute, die Stimmen
-der Ertrunkenen, der Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar
-drückte der Küster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn
-dachte, so übermächtig sangen die Fahrensleute.
-
-Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte, es komme Wind auf,
-weil es mit einem Male so brauste. Aber er durfte und wollte sich nicht
-bange machen lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den
-Bäumen, deren Stämme der Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen
-waren. Unverdrossen hielt er aus, bis der Mond aufging, der stille,
-milde Freund der Menschen: Peter Wittorfs rundes, glänzendes
-Vollmondsgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm. Die Glocke mit
-der Aufschrift: Ut dat Füer bün ik floten / Peter Struve hett mi goten
--- begann, sich leise knarrend zu wiegen, schwang sich höher und höher,
-bis der Klöppel dröhnend gegen den Mantel schlug und das helle Geläut
-sich erhob. Die Türen wurden aufgestoßen, die Jungen stürmten heraus,
-als sei drinnen eine Feuersbrunst ausgebrochen, die Mädchen drängten
-nach, dann kamen die Fahrensleute und die Frauen: da ging das Nachthaus
-bellend in die Binsen und war nicht wieder in Sicht zu bekommen, so laut
-Störtebeker auch rief und pfiff. Aber wenn er nun auch ohne Kompaß war,
-so hielt er dennoch getreulich aus und verließ seinen Posten nicht, bis
-sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlöste.
-
-Ob er auch Haverei gehabt hätte? Nein, nur das Nachthaus wäre siebenmal
-über Bord gekommen! Ob der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein
-feiner Streek, hundert Stiege, große Südschollen!
-
-»Deubel ok, du kannst dat ober!« lobte Klaus Mewes.
-
-»Jä, Vadder, dat harrst di woll ne dacht, wat? Nimm mi man mit no See,
-denn schallst mol sehn, wat wi de Fisch belurt!« sagte der Junge mit
-blitzenden Augen und fuchsklugen Nasenlöchern.
-
-Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte, sie
-wollten erst mal sehen, ob die Klütjen noch schmeckten. »Kumm, Seemann!«
-Und er schechtete groß und heiter auf dem Kirchenweg entlang und
-überholte eine dunkle Reihe nach der andern. Immer größer wurden seine
-Schritte, so daß Störtebeker in Sprüngen laufen mußte, um mitzukommen,
-und Seemann, der weite Wege gar nicht gewohnt war, weil er sonst nur von
-Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte, seine rote Zunge als
-Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht bewegen konnte, sich
-aus der Fahrt laufen zu lassen.
-
-Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die mißbilligenden
-Blicke der Alten zu kehren. Was ging es ihn an, daß auf dem Kirchenwege
-nicht gelacht werden sollte? Er tat, was er wollte, und aß, was ihm
-schmeckte, der große Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem Winde bot,
-weil er keinen mürben Kram fuhr, der wußte, daß er den besten Ewer unter
-den Füßen hatte, mit dem sich etwas beschicken ließ, und der Herr und
-König seines Lebens war. Nicht umsonst hatte er Tag und Nacht, bei jedem
-Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der Besan wehen: das war der
-Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner Liebe zu seinem
-Fahrzeug, seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind das bunte
-Tuch zerfetzt, dann zog er unbekümmert eine neue Flagge auf und ließ
-weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein. Sonnigen Herzens
-pflügte der glückliche Fischer die See, lachend strich er den reichen
-Segen ein, den sie für ihn hatte, und wenn der Fische noch so viele
-waren. Fremd war ihm das alte heidnische Gefühl, das den Bauer bewog,
-sein Feld nicht ganz zu mähen, sondern eine Ecke Hafers stehen zu
-lassen, für die Götter, für Wotans Schimmel.
-
-Sie sagten, man solle und dürfe niemand aufs Wasser weisen. Wer den Weg
-nach dem Schiff nicht von selbst finde, aus dem könne doch kein Seemann
-werden: am besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen
-seiner Eltern und aller Willen zur See gegangen sei. Was scherte das
-Klaus Mewes, den Lachenden? Er sprach mit seinem Jungen nichts als
-Fischerei und Seefahrt und erfüllte ihn mit nichts anderem, als daß er
-Fahrensmann werden müsse und solle. Was für Last haben die Frauen am
-Deich, daß sie die Kinder vom Graben und von der Elbe fernhalten, daß
-sie sie aus den Böten und Kähnen herausbringen! Goh man ne bit Woter!
-ist ihr zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er lacht und
-sagt: »Goh man betjen bit Woter, Störtebeker! Schipper man mol, klüs man
-mol not Fohrwoter raf, seil man betjen, swümm man mol, dor liggt de
-Boot, dor is de Kohn!«
-
-Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem Eisen ins Herz und
-drückte es tief und unverwischbar, unauslöschlich ein: Ne bang warrn!
-Nicht bange werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange
-werden, zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel ist,
-ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem Wasser noch an Land,
-weder in den Masten noch auf den Bäumen, weder vor Menschen noch vor
-Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht
-bange werden!
-
-Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. Bang dött ik ne
-warrn, ans komm ik ne no See, sagte er sich immer wieder, wenn ihm etwas
-Furcht einjagen wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater es
-wollte.
-
-Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht, und Klaus Mewes blickte
-aufatmend über die Elbe. Und wenn er auch die Fischerewer noch im
-Wintereise sitzen sah, das nicht von den Schallen schmelzen wollte, so
-fischte und segelte er doch im Morgenlicht mit allen Segeln bei
-Helgoland. Und wenn Störtebeker sich auch noch mit dem Gesangbuch
-abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm die
-Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See.
-
-Da grüßte sein Ewer über das Eis, er sah seine Flagge flattern -- und
-seine Seele faßte noch mehr Wind, als sie schon bereichte, denn sie
-setzte die letzten und höchsten Segel.
-
-
-
-
- Zweiter Stremel.
-
-
-Klaus Störtebeker stand auf dem Deich, hatte die Hände hohl um den Mund
-gelegt und rief die Leute. »Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat
-eten!«
-
-Endlich entstiegen sie der Kambüse, winkten mit der Hand, zum Zeichen,
-daß sie verstanden hätten, und kamen über das Eis.
-
-Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte. Auf der
-Bank mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl saß zu oberst
-der Schiffer, rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der
-Junge, Störtebeker aber neben ihm auf dem bunten Bankkissen.
-
-Gesa trug die vollen dampfenden Schüsseln auf. Es gab frische Suppe mit
-bunten Korintenklütjen. Safran, Suppenkraut und Muskatnuß fehlten nicht
-daran, und ein Stück Fleisch, wie ein halber Ochse groß, kam dazu auf
-den Tisch.
-
-Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den großen, blanken
-Schöpflöffel und füllte sein Fatt, seinen Teller. Als er genug hatte,
-gab er den Löffel dem Knecht. Störtebeker bekam ihn zu allerletzt,
-obgleich er vielleicht am hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung,
-die am Deich galt, durfte nicht gerüttelt werden, obschon Klaus Mewes
-sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort kehrte: Fleesch förn
-Schipper, Klütjen förn Knecht, Kantüffeln förn Jungen. Er gab ein Essen,
-wie es selbst die großen Bauern nicht besser geben konnten.
-
-Bi Disch ward ne snackt: das war nichts für Klaus Mewes, da hätte ihm
-wohl einer ein Pechpflaster auf den Mund backen müssen, wenn er das
-gesollt hätte. Er sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken,
-und ließ sich auch durch die verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus
-dem Kurs bringen.
-
-Störtebeker aß fünf Klöße, Gotts den Donner, wat kunnt angohn! »Vörre
-Hand weg, Vadder,« versicherte er, »ohn uttoseuken; wenn ik no de lütjen
-langt harr, harr ik wenigstens söben upkregen.«
-
-»Oder söbenuntwintig,« gab der Knecht trocken drein, aber Störtebeker
-verstand den Spott nicht.
-
-»Ik wull, wi eten irst lebennige Schullen, Vadder, de smeckt noch en
-barg beter!«
-
-»Dat wull ik ok,« rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus.
-
-Er hätte ja die Schollen annehmen können, die Jan-Ohm von der Aue
-geschickt hätte, meinte Gesa, aber er wehrte ab und sagte, das wäre ja
-noch schöner, wenn der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus
-bringen ließe! Gott solle ihn bewahren: die müsse er selbst aus der See
-geholt haben oder sie schmeckten ihm nicht. Er sah seinen Jungen an:
-
-»Ne, Störtebeker?«
-
-»Jo, Vadder!«
-
- * * * * *
-
-Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten, Klaus der
-Schiffer, Kap Horn der Knecht und Klaus Störtebeker. Hein Mück der Junge
-hatte Urlaub genommen: die drei aber klapperten mit den Schegern und
-fuhren mit den Nadeln in der Luft herum, obgleich Gesa mit der
-Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag keineswegs einverstanden war und
-eine Lippe zog. Aber die Netzmacher ließen sich nicht stören.
-
-Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus Mewes sein Knecht. Er
-hieß eigentlich anders, aber auf Finkenwärder nannten sie ihn allgemein
-Kap Horn. Viele sagten auch Korl Horn, namentlich die Gören.
-
-Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre auf großen Schiffen
-gefahren hatte, auf hamburgischen und englischen, der im Süd-Atlantik
-Albatrosse geangelt und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und
-dreißigmal unter der Linie durchgekommen war. Warum er dann noch von der
-großen Fahrt abgemustert hatte und vom Viermastvollschiff auf den
-Fischerewer geklettert war, weiß ich nicht: er fuhr aber schon zwölf
-Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu einem Finkenwärder geworden,
-nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer Ton und er gab noch oft
-ein englisches Wort drein. Und dann hielt er sich als alt- und
-weitbefahrener Matrose für etwas Besseres als die anderen
-Fischerknechte, die doch höchstens einmal holländisch oder dänisch
-sprechen gehört hatten.
-
-Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann pflegte er einfach zu
-fragen: »Kap Horn?« Und wußte der andere dann nicht einmal, was gemeint
-war, so spuckte er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um
-und sagte, mit Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er aber ein Ja als
-Antwort, so fragte er schnell: »Veel mol?« »Dree oder so.« Dann lachte
-er und sagte: »An mi kannst nich klingeln, old boy: ik bün soßtein Mol
-um Kap Horn seilt un nu lot dien Prohlen man en bitten no.« Bei einer
-solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn getauft worden.
-
-Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer
-weißen Manillakurre, Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert, mit
-dem er nur langsam weiter kommen konnte, und Störtebeker hatte etwas in
-der Mache, von dem er steif und fest behauptete, daß es eine Bunge
-werden sollte, ein Reifenkorbnetz für Hechte und Schleie, während Kap
-Horn auf ein Zwiebelnetz riet und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine
-für den Krähenkäfig hielt. Sie hatten es gleich wichtig. Wie
-Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf den Schegern
-reihte sich Masche an Masche. Dabei aber wurde ausgiebig geklönt, denn
-niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zählen, also
-besonders aufmerksam zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes
-Matrosendöntje von St. Pauli auf und begann zu singen:
-
- »In England geiht dat lustig her,
- dor bot se Scheepen grot un swor,
- een bannig Deert von Ungetüm
- dat sall jo de Gretj Astern sien!
- Lang is dat Deert twee dütsche Mil,
- hoch annerthalf von Deck to Kiel!
- Soß Masten, hoch bet an den Moon,
- acht Dog brukt een, um roptogohn ...«
-
-Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem Graben gewesen war und
-die Enten gefüttert hatte, trat in die Dönß und untersagte ihm den
-Hymnus mit den Worten: »Sünndogs ward ne sungen, Korl!«
-
-Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem gräßlichen
-Seeräubernamen nichts wissen wollte, gab auch Kap Horn nicht seinen
-Spitznamen, sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was für
-einen Gefallen damit zu tun. Janmaat verdeffendierte sich aber:
-
-»Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.«
-
-»Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr man getrost tohop un
-mok man Fierobend un les man mol inne Bibel,« priesterte sie, und als
-Klaus Mewes herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: »Ji dree sündt jo
-woll ne, sünd woll rein mall worden, stillt jo uppen Sünndag vört
-Finster hin un knütt! Weet ji ok, keen sünndogs arbeit?«
-
-»Uns Herr Pastur!« sagte Klaus.
-
-»Ne, de Bedelmann! För uns Lüd is de Week dor!«
-
-Klaus erwiderte gelassen, es müsse aber sein, denn es sei Tauwetter und
-das Eis könne jede Tide abtreiben, so daß sie fahren müßten, er wolle
-und wolle die beiden Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der
-Fischerei unterbliebe das Knütten doch wieder.
-
-Und er müsse seine Bunge auch klar haben, verteidigte Störtebeker sich,
-denn sein Vater solle sie ihm noch einstellen. Was sie wohl meine, die
-ganzen Gräben säßen voller Hechte.
-
-Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder nach dem Boden oder
-nach dem Ewer gehen, fing Gesa wieder an, die sich über sie ärgerte. Sie
-sollten sich doch nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich
-sprächen sie sicherlich wieder davon und hielten sich darüber auf.
-
-»Lot jüm, Mudder,« erwiderte Klaus sorglos, »ik blief doch hier, mag to
-giern sehn, wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finstern kiekt.«
-
-Und er füllte die Nadel, die leer geworden war, und knüttete weiter.
-
-Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte sich in der Küche
-zu schaffen, von wo sie über die Bauerndächer und Obstbäume nach ihrer
-Heimat sehen konnte, nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte
-die Fischer nicht verstehen! Sie war noch keine Fischerfrau geworden und
-fühlte wieder mit bitterem Schmerz, daß aus ihr niemals eine werden
-konnte. Immer noch graute ihr vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war
-ihr fremd und unverständlich. Sie konnte sich nicht helfen. Das eine
-ließ sich nicht abschütteln und das andre nicht lernen. Klaus rüstete
-mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse Zeit kommen, sie hörte schon den
-Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tür saugen und
-wußte nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf See zu
-wissen. Sie liebte ihn tief und heiß und lag in seinen Armen wie im
-Sonnenschein, aber seine Fahrten machten sie bange und sie wünschte im
-Herzen nichts sehnlicher, als daß er kein Seefischer wäre, sondern Bauer
-oder Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. Könnte er nicht etwas
-anderes beschicken, könnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen, wie andere
-Fischer es getan hatten?
-
-Aber Klaus Mewes -- und das tun? Sie mußte doch lächeln über den
-Gedanken. Bis Blankenese müßte es gewiß zu hören sein, sein Lachen, wenn
-sie davon spräche, daß er an Land bleiben solle.
-
-Da saß sie nun in ihrem Glück, um das die ganze arme Heide sie
-beneidete, war eine große Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der
-jede Reise die Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen, und war doch nur
-ein armes Weib voll Unruhe und Bangigkeit, die immer und überall Wetter
-und Wolken aufsteigen sah und ihres Lebens nicht froh werden konnte. Wie
-manchen Tag sehnte sie sich schon nach der stillen, einsamen Geest
-zurück, wo sie nichts von Schiffen und von Seefahrt gewußt hatte, wie
-manchen Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum einherging! Wie manche
-Nacht ließ der Wind sie nicht einschlafen, wie manches Mal jagten die
-Blitze sie aus dem Bett, wie oft schreckten sie die Stimmen der
-geängstigten Schiffahrt im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war
-auf See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwärder Frauen aber hatte
-sie wenig Verkehr und Freundschaft, weil sie fühlte, daß sie als
-Butenländerin nicht ganz für voll angesehen wurde.
-
-Wie wichtig sie es in der Dönß hatten! Als wenn sie sie gar nicht
-vermißten! Wie sie lachten, Klaus Mewes am lautesten!
-
-Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben hatte, denn
-so hatte sie noch niemals jemand lachen gehört! Das hatte sie in seine
-Arme gedrängt, hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem
-Heidehof in das Fischerhaus, und hatte sie nicht an die Not und Schwere
-des Seefischerlebens denken lassen. Vergessen war es gewesen, was sie
-gehört und gelesen hatte von Sturm und Untergang: wo einer so lachen
-konnte, da konnte weder Unglück noch Gefahr sein, hatte sie gemeint, als
-Klaus sie freite.
-
-Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch nicht verlernt, aber
-sie konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hören, es schnitt ihr ins
-Herz, wenn sie an das Finkenwärder Elend, an die Witwen und Waisen, an
-all die Tränen und unruhigen Stunden dachte, es kam ihr wie ein Frevel,
-wie eine Sünde vor. Daß er so verwegen war, machte ihr das Herz noch
-schwerer, und eine trübe Ahnung früher Witwenschaft hing ewig wie ein
-dunkles Gewölk über ihrem Leben.
-
-Wie laut sie erzählten, die beiden Seefischer! Gewiß von nichts anderem
-als von Fahrt und See, und die durstige Seele des Jungen trank es. _Der_
-war schon der See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet und
-wurde es von Tag zu Tag mehr. Es war ja schon ausgemacht, daß er den
-Sommer mit an Bord solle: all ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen.
-
-Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und ihre Heide dachte kein
-einziger, niemand bekümmerte sich darum. Wie lange Zeit war sie nicht
-mehr zu ihren Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus
-lachte, wenn sie davon sprach, sie solle gern hingehen und alle grüßen,
-aber was er auf der Geest beschicken solle? Er könne auch so weit nicht
-laufen. Den Jungen bekam sie nur mit halber Gewalt dazu, daß er mitging.
-Seitdem er wußte, daß sein Vater sich nichts aus der Geest machte, trug
-auch er kein Verlangen danach. Dort sei für einen Seefischer nichts zu
-lernen, echote er, dort gäbe es ja nur Heide und Sand und Steine und
-weiter gar nichts.
-
-Schließlich aber ging Gesa doch nach der Dönß zurück, weil ihr zu kalt
-wurde, suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weißen
-Kachelofen.
-
-»Kiek mol an, Mudder knütt ok, Vadder,« rief der Junge lustig, »kiek mol
-an, Kap Horn, un uns will se wat seggen!«
-
-Da mußte sie wider Willen doch mitlachen.
-
-»Wat sä de Pastur denn Godes, Klaus?« fragte der Knecht, »hette ok beet,
-dat dat Is bald doldrifft un wi no See seilen könnt?«
-
-»Jo, dat segg man,« sagte Klaus und riß grimmig an seiner Kurre, »ik
-wull, dor keum mol Westenwind achter!«
-
-Er blickte über die Schallen, auf denen die Fleek, das dicke Eis, schon
-seit Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter Fall, bis in die Mitte der
-Elbe stand es noch, zwar schwärzlich und mürbe, aber es hing doch noch
-zusammen. Dagegen war das Fahrwasser drüben schon fast frei von Eis,
-dort trieben nur noch große und kleine Schollen. Dort segelten denn auch
-schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich, dem anderen Ende des Eilandes,
-dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken, dort fischten schon die
-Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die Hamburger
-Smietnettfischer nach Butten, während das Neßgeschwader, das aus dreißig
-Ewern, neun Kuttern, sieben Wattjollen, einigen fünfzig Elbjollen und
-Böten bestand, noch im Eise festsaß und nicht mitkonnte. Die Auer und
-Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe
-herauf, einige hatten schon große Reisen nach der Weser gemacht: Klaus
-Mewes aber und seine Nachbarn saßen noch fest. Wenn der Eisbrecher
-binnen Wasser genug gehabt hätte, wäre ihnen längst geholfen gewesen,
-aber der große Beißer konnte nur eben den Rand ein wenig glatt fressen.
-
-Klaus Mewes sah, daß zwei weiße Kutter von einem kleinen Schlepper von
-Blankenese heraufbugsiert wurden, die sicherlich den Bünn voller
-Schollen hatten, und kam sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrümmerten das
-Eis und brachen sich einen Weg nach dem offenen Wasser.
-
-»Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi sülben Isbreker speelt?« rief er.
-
-»Wat seggst du, Klaus? Du wullt en Isbreker utgeben?« fragte der alte
-Janmaat, der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap
-der guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört
-hatte.
-
-»Wi weut di bi Isbrekers,« warf Störtebeker laut dazwischen, »swarten
-Kaffe schallst du hebben!« Klaus aber hatte seinen Plan schon unter
-Segeln. »Wi möt allemann bi,« rief er, »Hütz mitte Mütz, Lütjfischers un
-Seefischers, Schippers un Lüd! Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un
-spannt uns alltohop vör un denn teht wi an! Schallst mol sehn, wo gau wi
-denn not Fohrwoter raf kommt!«
-
-»Jä!«
-
-»Wat jä? Meenst, wat wi ne soveel Hölpslüd uppen Hümpel kriegt?« fragte
-der Schiffer.
-
-»Ik hilp ok mit,« versicherte der Junge wichtig, »ik kann wat tehn,
-Vadder!«
-
-»Du bliffst hier, Klaus,« kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her,
-»meenst du, wat du dor ünnert Is kommen schallst!«
-
-An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen, gab der Knecht zu, aber wer
-würde sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen? _Das_ sei der Knoten!
-
-Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er selbst! Er wolle es
-wagen, sein Ewer sei einer der stärksten und könne es am besten ab, er
-wolle gleich am andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle dann
-den Deich abklopfen und es aussingen, daß die Eisbrecherei mit
-Hochwasser anfangen solle. »Denn könt wi offermorgen all up de Schullen
-dol, Mudder!«
-
-»Huroh, offermorgen geiht no See!« rief der Junge, warf die Bunge hin
-und machte, daß er hinauskam. In voller Fahrt lief er den Deich entlang,
-daß die Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach
-und nach von dem grünköpfigen Wart beruhigen ließen. Wat, wat hebbt ji
-egentlich, dat, dat is de Jung doch, doch jo bloß! So schnatterte der
-Wart.
-
-»Du kummst ober noch ne mit,« wollte Klaus gerade sagen, aber er kam gar
-nicht mehr dazu. Der Junge war schon um die Huk, er hörte auch nicht
-mehr, daß Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte.
-
-»Wat will he? All Bescheed seggen?« fragte Kap Horn lachend, aber sein
-Schiffer lachte noch lauter und sagte: »De? Ne, de will no den Schoster
-hin un sien Seestebeln holen. Wenn de klor sünd, schall he jo mit an
-Burd, un he will woll all gliek de irste Reis giern mit.«
-
-»Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus,« sagte Gesa kopfschüttelnd,
-»dat du em de Stebeln anmeten loten hest! He löppt elken Dag söbenmol
-hin un kött an! De Schoster seggt, he kann em all gorne mihr hinholen.«
-
-»Jä -- du liebe Zeit,« erwiderte er, »endlich will de Bur de Koh betohlt
-hebben un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben. De Schoster
-kanns ok jo man klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen
-Nachten.«
-
-»Un denn?«
-
-»Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is jo
-all genog ober snackt worden,« sagte er sicher.
-
-Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: »Un ik
-segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he
-noher grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen hin, denn will
-ik nix mihr ober em to seggen hebben, ober so lang hürt he mi, mien
-Mudderrecht lot ik mi ne nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Ilw
-loten mütt: no See schall he noch ne!«
-
-»Geef di, Gesa,« beschwichtigte Klaus gelassen, während Kap Horn, der zu
-dem Streit nichts sagen wollte, heimlich aus der Tür ging und mal über
-den Westerdeich guckte. »De Jung _kummt_ düssen Sommer mit no See, dat
-is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!«
-
-»Ik lied dat ne un lied dat ne!« beharrte sie leidenschaftlich. »Du hest
-en reinen Vogel mit dienen Jungen, weest dat? Keen een van de
-Seefischers nimmt son lütjen Boitel all mit an Burd, de kum en Büx mit
-Verstand dregen kann.«
-
-Er machte geruhig seine Maschen. »De hebbt ok ne son Jungen as ik,«
-sagte er, »lot mi man, Gesa. Ik bün en rechten Fischermann un will en
-rechten Fischerjungen ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken,
-Diern! Weest, wat dat is?«
-
-Sie gab keine Antwort.
-
-»En rechte Fischerfro, Gesa! Weest du wat, Diern? Du geihst ok mit no
-See, man to, denn wardt irst mooi! Kiek di mien Fischeree mol mit egen
-Ogen an!«
-
-Sie schüttelte starr den Kopf:
-
-»Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn harr ik dat vullicht all
-lang don, ober ik kannt ne!«
-
-»Dat kummt uppen Verseuk an,« erwiderte er, »goh man mol mit un du
-schallst mol sehn: buten ist en barg beter as binnen!«
-
-»Klaus, gläuf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik warr seekrank un starf
-di all vör Angst, ihr wi mol no See dol sünd! Mi grot to dull vört
-Woter!«
-
-»Jo, du büst en grote Bangbüx,« schalt er, dann aber tat ihm sein herber
-Ton leid und er tröstete: »Ober dat schall sik woll noch all geben, mien
-Diern, paß man up, du warst doch noch en gode Fischerfro, de
-Banghaftigkeit gifft sik mit de Johren.«
-
-»Ne, de gifft sik ne, dat weet ik,« sagte sie tonlos und ging aus der
-Stube, weil ihr die Tränen kommen wollten.
-
-Da blieb der große Seefischer allein bei seinen Kurren, aber er ließ
-sich den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging
-nicht von seinem Kurs ab. Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit
-schweigend auf.
-
-»De Jung kummt doch mit no See,« ließ Klaus Mewes sich vernehmen. Dann
-blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung, die auch
-bald an den Tag kam.
-
-»Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder sien: as du
-geborn weurst, do krüz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen! De
-Mudder hett noch en Recht op den Jungen!«
-
-»Och wat!« fiel Klaus ihm barsch ins Wort, »ik hebb dat eenmol seggt un
-dorbi blifft dat: he kummt mit an Burd! Bi de Dierns geiht dat no de
-Mudder, ober bi de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh jo
-upt leefst, wenn he Schoster oder Snieder warrn dä un keen anner Woter
-to sehn kreeg as dat innen Teeputt. Un wenn wi _blieben_ schulln, Kap
-Horn, denn mokt se ok en Schoster oder Snieder ut em. Ober man keen
-Bang, Klaus Mees kann ne blieben!«
-
-Der alte Knecht erhob warnend die Hand.
-
-»Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, Klaus Mees, un he is
-doch ne wedder kommen mit sien Eber!«
-
-Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer für den besten von der Elbe hielt und
-sich für den besten Fischermann, blieb dabei, daß er nicht bleiben
-könne. Das war sein Wort von jeher gewesen und seine gewisse,
-sturmgewohnte, sonnenfreudige Seele hielt daran fest: »Ik kann ne
-blieben un ik blief ok ne!«
-
-Störtebeker ließ sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing
-wieder an zu knütten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der
-nichts gefangen hat, und ließ die Unterlippe vorstehen, als wenn ein
-Schock Hühner darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der
-Seite an und stichelte: »Na, Klaus Störtebeker, großer Seeräuber, wat sä
-de Schoster? Hett he de Söbenmielenstebeln noch nich klor?«
-
-Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte
-wie ein Großer: »Ik gläuf, de Knappen is verrückt oder splienig! Dat is
-oberhaupt keen Schoster, gläuf ik, de kann gorne schostern un gorkeen
-Stebeln moken! Dat is en Leisegänger, Vadder ...«
-
-Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der
-Junge fuhr in seinen Schmähungen fort. »Jedermol, wenn ik komm, seggt
-he: morgen; ober he kummt ne wieder as he is, de Tüffel.«
-
-»Wat scheut de Stebeln denn all, Störtebeker?« fragte Klaus ernsthaft.
-
-»Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln
-klor würn, denn schull ik mit,« antwortete der Junge zuversichtlich.
-
-»Büst du denn ok nich mehr bang?« fragte nun Kap Horn lauernd. »No See
-dröft blot welk, de nich bang sünd.«
-
-»Ne, Kap Horn, bang bün ik ne,« erwiderte der Junge treuherzig.
-
-»Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten Gnurrhohn ok woll
-nich, ober wenn di en lütjen Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst
-ut, wat kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!«
-
-»Lögen, Lögen, Lögen!« stritt Störtebeker und pekte ihn mit der
-hölzernen Knüttnadel. »Ik bün vör keen Hund bang un vör gornix!«
-
-»Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Bölken
-doch los?«
-
-»Ne, schreen do ik gewiß ne.«
-
-»Denn warst du ober seekrank!«
-
-»Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!«
-
-Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik blief ne! Und Klaus
-Mewes sah seinen Jungen an und dachte: was soll in dem wohl anders
-stecken als ein Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein
-Gelübde: »Man still, Störtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!«
-
-Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen Sinn und ließ ein
-enttäuschtes: »Och, to Sommer irst!« fallen, das den Knecht zu der
-Bemerkung veranlaßte, es wäre jetzt noch zu kalt auf See.
-
-»Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor,« gab Klaus zu bedenken, und
-Kap Horn kam noch einmal mit der bitterbösen Seekrankheit an den Wind.
-
-Sie knütteten fleißig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis
-aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg,
-hielt Störtebeker es nicht mehr aus, er ließ die Bunge liegen und nahm
-französischen Abschied.
-
-»Neem schallt no to?« fragte sein Vater, aber er erwiderte hingeworfen,
-er wolle füttern -- und weg war er.
-
-»Dat keum jo bannig zaghaft rut,« sagte der Knecht und sah ihm nach,
-»wenn de man nix anners in de Lur hett.«
-
-Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker die Fütterung
-seiner Krähe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten
-Spruch einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes!
-
-Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger
-beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von
-Störtebeker nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Männchen, als er
-den Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der Luft tanzen,
-Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst einmal auf See gegriffen
-hatte, saß unbeweglich auf ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein
-halbes Auge an seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht
-hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging er in das Schauer
-und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem Hühnerwiem hingen;
-sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht.
-Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, Stegel und
-Binnendeich, aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater,
-der um einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes
-Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen Wipfeln der
-Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, das die See nicht hat,
-sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaßen
-bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte
-aber nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen sein
-könnte; übrigens wußte er ja auch, daß Störtebeker schwimmen konnte und
-nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte
-wissen, wo er abgeblieben war.
-
-So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und guckte mit seinen
-scharfen Augen über das Eis, er lief über die Blöschen nach dem Ewer,
-die Waken und Löcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die
-Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als das
-raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das Krachen der
-zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.
-
-Sollte der Junge wieder in der Kambüse sitzen, wie er es schon mehrmals
-gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte
-auf das Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm nun
-beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst
-ständig brennende Licht.
-
-Wo mochte der Junge sein?
-
-Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten
-eines Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge
-auf der Besan regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da schoß
-ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di bloß ne halfstock holen
-mütt! -- aber er jagte ihn von dannen, kletterte über das Schwert und
-schritt über das Eis nach dem Bollwerk zurück. Im Osten glomm der
-Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine weit entfernte,
-ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da dachte Klaus Mewes an die alte
-Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt
-war sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren
-braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und
-gesagt: viel anders hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht
-angesehen: nun wäre Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so
-großen Brand hätte.
-
-»Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften,« hatte
-er lachend geantwortet.
-
-Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen.
-»Neem is Störtebeker, Seemann? Such! Such!« rief er hastig.
-
-Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß er verstanden hatte,
-und setzte sich gemächlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen
-Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der
-andern, wenn er lief.
-
-Klaus wußte schon Bescheid, es ging nach der Neßkule, in der der Kahn
-lag: der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug,
-das etwas ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war
-nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars und kein Junge war
-dabei: jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der
-Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte,
-und er lief in Sprüngen den Deich hinab.
-
-»Klaus!«
-
-Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.
-
-»Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?« rief Störtebeker, und eine dunkle
-Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme, die den
-Schleusengraben wie Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie näher und
-wäre umgeschossen, wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte.
-
-»Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst du krank?«
-
-Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon wieder verloren.
-»Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen.«
-
-»Wat kummt dat denn?«
-
-Der Junge wies nach seinem grünen Kahn: »Ik will mi seefast moken,
-Vadder, wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen
-hett to mi seggt, denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk --
-wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn bittern Gesmack
-innen Mund!«
-
-Klaus wollte lachen, lachen, lachen -- er konnte es aber nicht, weil ihn
-die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, der so lange mit dem Kahn
-dümpelte, bis ihm schwindelig wurde, nur, um sich seefest zu machen.
-
-»Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewiß
-ne mihr mit no See, wat?«
-
-Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: »Doch, Vadder! Morgen dümpel
-ik wedder un offermorgen un den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr
-düsig warr un mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer van Kap
-Horn un Hein Mück nix utlachen loten!«
-
-Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen
-Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück.
-
-In der Dönß brannte schon die Lampe.
-
-Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte Klaus halblaut:
-»Brukst Mudder dor ober nix van to seggen, hürst?« »Segg du man nix,
-Vadder: ik will woll swiegen,« flüsterte Störtebeker kameradschaftlich
-und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit von
-der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus, um sein
-Gesicht vor der Mutter zu verbergen, die gleich in richterlichem Ton
-fragte:
-
-»Non, neem kommt ji denn her?«
-
-»Wi sünd mol no de Neßkul wesen,« berichtete Klaus Mewes der Wahrheit
-gemäß.
-
-»Hest du ok natte Strümp, Klaus?«
-
-»Ne, Mudder, knokendreuch!«
-
-»Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör Nattigkeit. Gliek
-treckst jüm ut!«
-
-Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, daß sie
-weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des
-Seefestigkeitskursus ab.
-
-Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen,
-dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.
-
-Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den
-Roman: »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit
-aufgestützten Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten,
-so nickte er anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht
-nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte. Ja,
-man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind
-oder Sturm las (und in einem echten Roman weht und stürmt es ja alle
-drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las er von Liebe, so
-strich er sich über die Backen, gab es eine Mordgeschichte zu kauen, so
-las er mit geballten Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber
-achter Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der Koje
-liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann
-zuletzt: »Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest.« Und
-meistens stimmte es, was er dann erzählte, daß der Knecht zuletzt
-jedesmal erstaunt sagte: »Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.«
-
-Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf
-seinen Knien und treunte um eine Geschichte.
-
-»Ik weet uppen Stutz keen.«
-
-»Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.«
-
-»Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.«
-
-»Och, man to, Vadder!«
-
-»Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder
-seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.«
-
-»Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,« versicherte Störtebeker, und sein Vater
-legte los.
-
-»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de harr keen Kamm, to köfft he
-sik een, to harr he een ...« Da hielt der Junge seinem Vater aber schon
-den Mund zu und paukste: »Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du
-schallst en euliche Geschichte vertillen!«
-
-»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert,
-nu hür man god to! Dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert
-...« Da hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wäre
-auch Tüdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt wesen.
-
-»Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so
-wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!«
-
-O weh -- das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen,
-denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar
-etwas von Klaus Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen
-Satz, den er schon tausendmal gehört habe.
-
-Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah
-auf und sagte: »Klaus Störtebeker büst du jo sülben, Junge, dor brukt di
-doch keeneen wat von to vertellen.«
-
-Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte
-abweisend: »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen
-man ne jümmer Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz
-Leben ne wedder los.«
-
-»De Nom is gornich so slecht, Gesa,« sagte Kap Horn ernsthaft, während
-Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus
-Störtebeker sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe
-er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen,
-aber den Armen habe er viel Gutes getan, noch jetzt würden die armen
-Leute zu Verden von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe er
-es auch nicht bös gemeint: er störte sie nicht und wenn er Fische holte,
-so bezahlte er sie reichlich.
-
-So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante
-zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus
-Störtebeker -- und der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen
-und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören, wie sie
-Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte gelbe Flagge im Sturme
-flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen, wie sie
-Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen König
-gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem großen, breiten
-Graben auf Finkenwärder erzählte, der die kleine Elbe hieß, und daß
-Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da
-sprang der Junge auf, daß Kap Horn ausrief: »Neem is dat Für?« und
-fragte: »Vadder, neem is de Groben?«
-
-Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, daß es damals noch
-keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der
-großen gewesen sei, aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht
-verdeutschen, der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen
-konnte, und es blieb schließlich nichts andres übrig, als daß sie eine
-kleine nächtliche Expedition nach dem Seeräubergraben ausrüsteten, die
-trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich
-auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.
-
-»Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!«
-
-Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halstuch
-umband: »Brummkirl gifft ne, Mudder.«
-
-»So?«
-
-»Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit bang mokt, wat se ne
-bit Woter gohn scheut.«
-
-Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die
-Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem
-Kopfe zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die
-quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so erschaffen sein, daß
-sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt
-denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht
-freuen? Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: warum
-mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden,
-warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie
-den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen
-solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu
-tragen?
-
-Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta
-Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden war, sondern wie sie
-von der Geest stammte, es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und
-singen konnte und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter
-den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann: denn ihr Mann und ihre
-beiden Söhne fuhren auf _einem_ Ewer, schwammen auf _einem_ Stück Holz
-in der See. _Ein_ Blitzstrahl, _eine_ Brechsee konnte ihr ganzes Leben
-verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen -- und
-doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Daß eine so fest stehen
-konnte!
-
-Gesa schüttelte den Kopf.
-
-Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiß
-ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn
-zügelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was
-trieb sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge
-ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen
-hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur
-immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen
-wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor
-wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst
-wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten
-lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: alle zwei Stunden
-raus! -- aber es war nur Spaß gewesen, wie es auch Spaß gewesen war,
-wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und
-ihn seefest zu machen, wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de
-Eber, so dümpelt de Eber up See ...
-
-Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es
-anders geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein
-Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort
-gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne
-schreen, Klaus, anners kann ik di noher an Burd ne bruken, denn müß du
-Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die
-Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! Da war ihm der
-Kompaß in die Brust gesetzt worden, der beständig nach der See wies und
-all sein Tun und Lassen lenkte.
-
-Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, daß
-ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen
-Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten
-Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen, der nun
-mehr war als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da
-übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den
-Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein
-kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an
-diesem gottlosen Namen.
-
- * * * * *
-
-Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen
-den dicken, krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und
-suchten die Spuren von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an
-dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten die
-hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben könnte.
-Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so daß der Junge alle
-Augenblicke ausrief: »Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!« und sie
-von einer Wichel nach der anderen lockte.
-
-Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf
-Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der
-Grönlandshof hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger
-neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze,
-weitausgebreitete Sippe der Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte
-Vogt holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus zu einem
-Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten es
-herausgefunden, daß es besser sei, die grüne See zu pflügen als das
-braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und
-Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben: die
-seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein
-Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und letzte Drittel den
-Focken und Külper zukam.
-
-Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und
-tauschte seinen lieben, großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen
-Grönlandshof.
-
-
-
-
- Dritter Stremel.
-
-
-Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe
-kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an, er schleppte Segel und
-Kurren mit seinen Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen
-fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den
-notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das
-Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte
-er Gewalt anwenden!
-
-Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die
-Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die
-nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben.
-
-Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große
-Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn
-war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar
-dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber
-er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei
-Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen
-Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und
-lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen
-Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt hätte.
-
-Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in
-allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein
-so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei
-seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der
-lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.
-
-Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in
-seiner großen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.
-
-Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker
-drängte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach
-Backbord, als habe er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber
-schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis.
-
-Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die
-Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, die Frachtschipper, es
-kamen der Gastwirt, der Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und
-der Segelmacher, weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln
-steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die
-gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich über den Weg,
-den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen
-Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und
-oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und
-warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der
-Fahrzeuge, denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die
-vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den Klüsenaugen
-leuchtete es vor Hoffnung.
-
-Der große Tag -- der größte Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sie
-die Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die
-Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten
-bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom
-Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich
-unauslöschlich in die Seele eingedrückt. Nicht wahr, du Finkenwärder: up
-den Dag kannst du di ok noch besinnen?
-
-Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis: alle, alle wollten
-helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus
-Mewes stand im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten noch
-weiter auseinander. Und als das getan war, da rief er über das Eis, so
-laut er konnte: »All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh!
-Huroh! Huroh!«
-
-Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute
-aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung
-und zogen die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das
-offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es,
-schob es zur Seite, drückte es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich
-wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen!
-Aber ein schönes Stück war schon bewältigt.
-
-Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein
-Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er
-neben seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am
-Vorderpoller fest. Das war was für ihn. »Junge, Junge, Vadder, so geiht
-he god.«
-
-Stoppi -- stoppi --
-
-Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und sie mußten den Ewer ein
-Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und
-seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu
-entfernen.
-
-Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß (er hatte aus dem
-bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf
-Scharhörn strandete, eine ganze Kiste Kölnischen Wassers -- Eau de
-Cologne -- erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester,
-Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch
-alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Külper kam heran und rief: »Klaus
-Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de drückt
-dat Fohrtüch vör to deep dol.« »Deit he ok!« riefen einige Knechte zur
-Bekräftigung.
-
-Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu
-Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn
-ans Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe.
-
-Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes:
-»Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du
-weest, wat vör un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt ne
-bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat
-Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne
-rut! Dat mütt ganz anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol
-stohn un kummandiern!«
-
-Klaus Mewes aber lachte: »Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll;
-blief du man anne Kurrlien!« »Egenbuck!« rief Jan laut und ging an
-seinen Törn.
-
-Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an.
-
-»Huroh! Togliek! Hödjihöh!«
-
-So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom
-Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg
-weiter. Zwei Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei
-Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, der eigentlich
-Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen von seinem herunterhängenden,
-borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom
-nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn
-fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner,
-jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber, der eine Quappe stach, war
-Störtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die
-Eisblöschen mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre
-beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem
-Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war
-die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog
-ihn aus, hängte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann
-in seine Koje. Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon
-wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der Feuer machen
-mußte, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug
-scheuerte und stieß das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche
-der Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: »Och wat, dat Für will woll van
-sülben inne Gangen kommen!« und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und
-zu helfen.
-
-Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm.
-Nun treckten sie wieder, nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer!
-»Bang dött ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See,« sagte er vor sich
-hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf
-und befühlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er
-frierend wieder unter die Decke und horchte abermals.
-
-Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnitzt
-waren.
-
- * * * * *
-
-Was für Sprüche waren das? -- fragt die Seele. --
-
-Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen
-Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich
-möchte seinen Namen _golden_ schreiben, weil er so viel für unsere
-Fischerei getan hat und noch tut!) -- der hat auch in die
-puppenküchenenge Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger
-Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die darin stehen: unter
-der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der
-Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der
-Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er
-hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier
-erfreuten.
-
-Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten
-auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.
-
-Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches
-Wort:
-
- ^Mediis tranquillus in undis.^
-
-Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen
-Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat,
-dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und
-das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte
-nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages,
-als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den.
-Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas
-wissen.
-
-Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer
-Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und
-über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er
-nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus
-Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter
-auf. »Sühso, mien lebe Klaus Mees,« sagte er und fragte nach Schiff und
-Stapellauf.
-
-Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf,
-als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären, guckte ihn nochmals
-scharf an und sagte dann: »Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?«
-»Jawoll, Herr Mees, latiensch!« »So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son
-betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steiht ^Ora et
-labora^, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht
-^Soli deo gloria^, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis
-sitt ik all gliek fast!«
-
-»^Mediis tranquillus in undis^: Klaus Mewes: geruhig inmitten der
-Meereswogen heet dat!« sagte der Pastor ernst. »Mit den Spruch lett sik
-woll no See fohren.«
-
-Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der
-Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein
-Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein
-deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum:
-»Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches
-und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem
-Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die
-lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen
-Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht,
-wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance,
-Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es
-besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach müßte Ihr Ewer
-Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein
-guter deutscher Spruch stehen!«
-
-»Schallst recht hebben, mien Jung,« sagte Klaus Mewes, »ik frei mi
-jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix
-mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut
-wi mol sehn.« Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje:
-
- Ein feste Burg ist unser GOTT,
-
-den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So
-ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der
-Ewersprüche sammelte, einmal in die Kajüte trat und ausrief: »Twee
-Wiltsproken stoht dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit
-ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden tohop, fehlt
-dor noch bi: plattdütsch!«
-
-»So,« lachte Klaus Mewes, »du kummst van wegen de Sprüch: ik meen all,
-du wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm,
-plattdütsch kannen doch bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!«
-
-»Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!«
-
-»Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!«
-
-»Wat?« schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes
-Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer
-großen plattdeutschen Bibel von 1486 zurück.
-
-»Hier, Klaus Mees!«
-
-»Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten Schinken!«
-
-Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, daß sie
-wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel
-daraus vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch
-einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter
-Scharben für die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und
-leuchteten:
-
- Hilpt mi, Sünn und Wind,
- hilpt mi bit Fischen!
- Ik heet Klaus Mees
- un bün van Finkwarder.
-
-»Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,« sagte er aber doch
-dabei, »ober dat _riemt_ sik jo ne, dorüm kriegst du bloß tein!« Den
-hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje.
-
- * * * * *
-
-Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er
-hängte sie um und stökerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange
-dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen,
-denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach dem Fahrwasser
-kommen!
-
-Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje
-zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln,
-die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte
-sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre
-gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen,
-sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals
-umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht
-klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen
-geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas
-zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam!
-Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich
-wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn
-nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten vom Bort und rollte
-sie auf und sah die roten Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die
-kleinen Feuertürme und Baken, die am Rande der Karten standen, während
-es draußen wieder lärmte und rief.
-
-Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er
-dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best! und zog sich an, so
-schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es
-draußen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb
-angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß und einem in der
-Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp: da drängte der Ewer
-gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie
-Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die
-mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines
-vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen
-Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt!
-
-Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.
-
-Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren
-Erfolg, gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und
-taten von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden:
-was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer
-nach dem großen Priel, war Sache eines Tages und ließ sich leicht
-beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom
-Neß: Hurra, hurra, hurra!
-
-Auf H. F. 125 aber, dem Ewer »Laertes«, ließen sie den Draggen zu
-Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne
-an das Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu
-vertreiben, der alle befallen hatte.
-
-Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab:
-daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht
-hatte, daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß
-sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern
-konnte.
-
-»Du hest dat en betjen god, Seemann,« sagte er aus diesen Gedanken
-heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und
-noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann
-aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von
-gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht.
-
-Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klößen
-schon die See und grüßte Helgoland.
-
-
-
-
- Vierter Stremel.
-
-
-1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in
-Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf
-See.
-
-300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu
-Finkenwärder beheimatet sind und ein H. F. auf den braunen Segeln
-tragen, 83 reedern mit S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der
-Rest gehört dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem Mühlenberg
-und der Teufelsbrücke.
-
-Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Külper von
-Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie
-liefern Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und
-Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe,
-daß halb Holstein und Hannover damit gedüngt werden können, sie sind die
-Könige der Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Holland und
-England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei Südwind einmal nach
-Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Jimuiden oder bei Ostwind nach
-London.
-
-Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine
-Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer, wenn
-sie ihm begegnen, wohl sind schon die Zeiten vorbei, daß nur
-Finkenwärder auf Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen
-fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen: aber dennoch
-steht die Sonne von Finkenwärder auf der Mittagshöhe und seine Segel
-beschatten die ganze See.
-
-Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch
-alle am Leben wärt!
-
- * * * * *
-
-Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er
-mußte Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer, mußte einen
-Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die
-erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man am Deich meinte,
-der Schinken dürfe erst beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden),
-er trug die Kruken mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen
-und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit Vaters Seestiefeln
-und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen, aber es machte
-ihm Spaß und er vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land
-bleiben sollte.
-
-Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem
-saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs
-von Finkenwärder, der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen
-hatte, sah ihn schon, als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu
-seinem Gesellen: »Kiek ut vör Störtebeker!«
-
-Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes bei der Bestellung der
-Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile
-nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa
-hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden,
-wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See
-kommen könne; der Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn
-er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens noch nicht einmal
-angefangen.
-
-Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden Pechräte
-tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie
-Verschwörer und klopften für fünfzehn, ohne aufzugucken.
-
-»Schoster, sünd mien Stebeln klor?«
-
-Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und
-deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten,
-als könnten sie weder hören noch sehen.
-
-»Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?«
-
-Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten
-sich wieder taub und hämmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten
-machen, dabei aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll
-upstillt? sollte es heißen.
-
-Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die großen, langen
-Stiefel der Elbfischer, de güngen bit ant Gatt und waren größer als er
-selbst, da standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig,
-daß er sich dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so
-klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern können, --
-aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte er nicht dazwischen
-finden.
-
-»Schoster, sünd mien Stebeln klor?« Er gröhlte es, so laut er konnte,
-aber die Schuster ließen sich in ihrer Klopferei nicht stören, denn sie
-wußten noch nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie
-wieder über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder
-ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? Störtebeker war ärgerlich
-geworden, er sah den Kram noch eine Weile an, dann drehte er sich batz
-um und lief hinaus.
-
-»Nanu,« sagte der Meister und ließ das Hämmern, »nanu,« sagte der
-Geselle und stellte auch den Betrieb ein, -- aber ehe sie sich's
-versahen, sauste ein großer Mauerstein durch das Fenster, daß die
-Splitter umherflogen, zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser über
-den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die Wand.
-
-»Nu hol mi noch mol förn Buern!« rief Störtebeker draußen, nahm seine
-Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein
-gejagter Hase, hast du nicht, so kannst du nicht -- bang bün ik ne, ober
-lopen kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er so weit
-war, war der Junge schon längst über Heide und Zaun. Da lasen die beiden
-die Splitter auf, nagelten ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten
-große Rache.
-
-Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an.
-Seine Strümpfe waren klitschennaß geworden, denn er hatte auf seiner
-Flucht zwar über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht
-immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick. Er konnte sich
-zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz
-riskieren wollte, das war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die
-Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, daß er vom
-Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die Strümpfe im
-Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hängte sie zum
-Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen
-trocken waren, und zog sie dann getrost an.
-
-»Klor is de Käs!« sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm
-bewundernd zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer,
-den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten,
-rief ihm nach: »Störtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all
-weg!« »Wat schull he woll?« rief der Junge erregt und lief schneller,
-aber er kam doch zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater mehr
-und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein Seemann: sie waren schon alle
-an Bord, und als er verstört hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er
-den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.
-
-Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: »Is Vadder all weg? Worüm
-hett he mi denn ne Adjüst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!«
-
-»Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?« fragte sie dagegen, »wi
-hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht! Vadder wull di so giern
-Adjüst seggen un hett noch en ganze Tied no di teuft!«
-
-»Och wat!« gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig war, »harr he
-denn ne noch en betjen stoppen kunnt? Ik bün jo man bloß eben langsen
-Diek ween! Vadder mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch
-Adjüst seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners ne,
-wat is dat ok doch all för Krom!« Und er stand auf dem Deich und blickte
-mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit
-glockenhellem Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das Boot
-auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, daß sein Vater
-fahren konnte, ohne ihm Adjüst gesagt zu haben, und er dachte: wärst du
-doch bloß nicht nach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater
-noch gesehen!
-
-Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es
-Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war, daß sie an Bord
-mußten. »Störtebeker! Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!« schallte es über
-den Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und sogar der kluge
-Seemann gab ein kurzes Bellen drein, aber der Junge war nicht hier und
-nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam
-nicht. Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, wenn sie
-nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber mit
-Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im
-Verdacht, daß sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im
-letzten Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen konnte den
-Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen an Bord versteckt halte, um
-ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht
-anders gemacht werden können.
-
-Das verbitterte ihnen den Abschied.
-
-Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß sie ihrem Mann unrecht
-getan hatte, kam die Reue über sie und sie winkte vom Bodenfenster mit
-der großen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine
-deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut war längst
-verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel
-über sich hatte. Es war eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch
-ein reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht ein Ewer,
-nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen es still war: überall
-eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die Anker, setzten
-die Segel, ließen die Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem
-andern aus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und
-Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen sie sich mit dem Ebbstrom
-daltreiben, denn es war gar keine Kühlung. Der erste aber war Klaus
-Mewes mit seinem »Laertes«, dem die norddeutsche Flagge von der Besan
-hing.
-
-So güngen se up de Schullen dol.
-
- * * * * *
-
-Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wäre,
-sah nach dem Ewer, der unter der gründachigen Nienstedter Kirche
-kreuzte, und grübelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange
-gewesen war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit:
-er war nicht mitgekommen nach See und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst
-gesagt. Wäre er langsam nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe
-nicht auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch gesehen.
-
-Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz gewiß will ik nu ne mihr
-bang warrn! Das sagte er sich.
-
-Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte sie: »Jä, Klaus,
-dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken kannst du em ne wedder! Nu
-sünd wi wedder den ganzen Sommer alleen!«
-
-»To Sommer bün ik doch all mit an Burd,« sagte er mit halbem Vorwurf,
-ohne sich umzudrehen.
-
-»Kumm man rin, weut Kaffee drinken.«
-
-»Och, ik mag nix, Mudder!«
-
-»Ik will di bi magnix! Gliek anto!«
-
-Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche am Tisch saß, da
-schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht
-geschmeckt? Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt
-ausnahmsweise still, obgleich er sich schon selbst waschen konnte und
-obgleich er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die Backen
-eien zu können. Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der
-Krähe (denn sie hatte sich fest vorgenommen, sein Vertrauen
-zurückzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein,
-sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus,
-denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. So guckt der Spatz
-mißtrauisch vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.
-
-Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hieß,
-segelte der Ewer -- viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war
-immer noch totstill.
-
-Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert hatte. Der Gerechte
-erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging über die
-Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber
-trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den
-Bauch zu befühlen, denn er wartete sehr darauf, daß sie jungen sollte,
-hatte er doch schon fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen
-Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper, Jan Loop jeder
-eine Eve.
-
-Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Kluß
-schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen:
-Störtebeker faßte es aber anders auf und sagte betrübt: »Jä, Kluß,
-Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!«
-
-Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit über
-das Eis pektest, ganz nach Blankenese hinunter, könntest du deinen Vater
-noch sehen und ihm Adjüst sagen. »Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!« Er
-suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein
-Indianer den Binnendeich entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr
-werden sollte. Als er weit genug war, kletterte er über den Deich,
-sprang vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen und
-Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser.
-
-Vadder, ik komm!
-
- * * * * *
-
-Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, daß der Polizist
-auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schloß sich
-dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich ein
-wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem droken Klaus
-Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen.
-
-Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen -- der Vogel war nicht
-da. Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden,
-als sie ihn dort aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ
-sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe
-und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, daß Klaus kommen und
-Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und
-Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder
-in die Reihe.
-
- * * * * *
-
-»Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!«
-
-Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal
-auf dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des
-Fahrwassers. Störtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt,
-und winkte.
-
-»Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mörre Is?«
-
-»Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,« rief der Junge, »du büst
-jo so fohrn.«
-
-Kap Horn aber machte Weiberlärm:
-
-»Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder
-innen Lock kommen kunnt?«
-
-Aber Störtebeker sagte ruhig: »Dorför hett de Minsch doch Ogen, Kap
-Horn!«
-
-Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte, was er tun
-sollte.
-
-»Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß ne mihr rup,« ließ Hein
-Mück sich vernehmen, aber Störtebeker rief: »Dat gläuf ik, du Bangbüx!
-Non, Adjüst, Vadder!«
-
-»Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?«
-
-»Jo, dat is jo nix, Vadder!«
-
-Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: Ȇmschicken kannst du em
-nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!«
-
-»Dat hebb ik ok all dacht,« stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch
-er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern
-und den großen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge
-es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die
-beständig abbröckelnde Kante.
-
-»Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung
-sall mit no See! Nimm em mit!«
-
-»Dat woll jüst ne,« lenkte Klaus ab, »dat is noch to kold buten un Gesa
-weet dor ok jo nix van af: ober an Burd weut wi em man mol hieven! Wi
-geeft em denn an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus.
-Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!«
-
-»Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!« frohlockte Störtebeker und
-dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh no See!
-
-Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser.
-Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber, packte den Jungen samt der
-Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück.
-
-Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie
-gesprächig er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei
-seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf
-Segel und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er
-sich aber doch nicht enthalten, an den Streek zwischen Kirche und
-Apfelbaum zu erinnern: »Düt mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!«
-
-Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven »Ree« zu rufen und Hein
-Mück nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der holländische
-Kapitän machte, dem der große Friedrich in der Ems mit »Ree« zwischen
-sein Kommando kam, und sagte: »Mynheer, dat Ree kummt mi to!«
-
-Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann
-an sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren,
-was es zu sehen gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts
-kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war
-Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen, da war Blankenese mit den
-vielen Ewern und dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen
-Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um die Hunderte von
-Krähen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental mit dem
-Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen
-Zementsäcken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff,
-dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern, da war die Lühe
-mit ihrem hohen Deich -- und von allem gab es Geschichten zu erzählen.
-
-Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und
-zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel und Besan konnten die fünf
-Stunden geruhig stehen bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den
-Klüver nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus
-und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen
-Jungen mitgeben könne, aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und
-Lühjollen ausmachen, die nicht in Frage kamen.
-
-So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee
-nieder.
-
-»Ik wull, dat geef brodte Schullen,« rief Störtebeker übermütig, »dor
-verlangt mi eulich no!« Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den
-Topp.
-
-Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewußt
-hätte, es wäre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu
-behalten: aber so ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und
-suchte mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend nicht an
-den Laden kam.
-
-Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche Reise über das
-Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu
-sich selbst als zu den andern: »Junge, dat is jüst so as der Reiter und
-der Bodensee!«
-
-Gotts den Donner -- Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee und Kap
-Horn blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich
-dieser Rede ihres Speisemeisters. »Wat is dat?« fragte der Schiffer
-zuletzt. »Och nix.« »Nix?« »Ne, nix!« »Ik will di gliek bi nix! Hier
-vertillst oder du warrst afmunstert un Klaus Störtebeker ward uns Kock,«
-befahl Klaus.
-
-»Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as
-Störtebeker sien Reis.«
-
-»Upseggen!«
-
-Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne Tasse Tee! Hätte
-er doch nichts gesagt! Nun mußte er in seine Koje steigen und sein
-Lesebuch aus dem Stroh suchen.
-
-Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht
-verbeißen: »Jä, jä, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he
-sien Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest
-den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen
-Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!«
-
-»Jo,« sagte Klaus Mewes, »ik wür son groten Döskupp: man god, wat de
-Jungens nu all en Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich
-Mücke,« setzte er gemütlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann,
-der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...
-
- Den Reiter schauderts, er atmet schwer:
- Da hinten die Ebne, die ritt ich her.
- Da recket die Magd die Arm in die Höh:
- Herrgott, so rittest du über den _See_!
- An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
- hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!
- Und unter dir zürnten die Wasser nicht,
- nicht krachte hinunter die Rinde dicht,
- und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,
- der hungrigen Hecht' in der kalten Flut?
- Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;
- es stellen die Knaben sich um ihn her,
- die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
- »Glückseliger Mann, ja segne du dich!
- Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
- brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!« ...
- ...
-
-Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer,
-obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht recht gefallen wollte, denn
-hinterher vor Angst sterben, war nichts für ihn. Auch Störtebeker war
-still, so sehr wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen
-konnte.
-
-Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte
-anerkennend: »Du kannst god beden, Hein! Blief man giern betjen bi de
-Beuker: wennt weiht, hest dor Tied genog to.« Damit stand er auf und
-ging an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen
-zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon Störtebeker wünschte, es
-möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer
-an Bord bleiben mußte.
-
-Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte
-richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte.
-Jawohl, er nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn
-und Hein Mück an Deck.
-
-Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und daß er von Bord
-sollte. Tränen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn
-hinüberwriggte und Kreek und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er
-selbst übersteigen. »Adjüst, Störtebeker.« »Jüst, Vadder!« Er konnte
-kaum sprechen, so traurig war er geworden, und hatte für Jan Külper
-keinen guten Tag und guten Weg. »Greut Mudder man un segg man, wi kommt
-bald mit en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer kummst du ok
-mit no See!«
-
-»Jo,« sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch bloß no!
-
-Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ die Jolle schwoien.
-»Adjüst, Störtebeker!« riefen Kap Horn und Hein Mück, die auf den Luken
-standen, aber der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr.
-Er war ganz krank und wollte nichts hören und sehen. Er wollte auch den
-Ewer nicht mehr angucken. Jan Külper hatte gedacht, einen munteren
-Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber
-Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während der ganzen
-Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser.
-
-»Warr man ne seekrank, Störtebeker,« sagte der Elbfischer einmal.
-
-»Dor quäl di man ne üm!«
-
-»Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,« drohte der Fischer.
-
-»Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt,« rief der
-Junge patzig. Da goß Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über
-den Kopf.
-
-Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu Finkenwärder an. Am
-Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, setzte Jan seinen mürrischen
-Passagier an Land. Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek
-in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach dem Neß.
-
-Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine Mutter schon
-rufen: »Klaus! Klaus! Klaus!« Und er sah, daß Leute bei ihr standen.
-Auch sein Großonkel, der alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah,
-war auf dem Deich.
-
-»Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll bloß ween?«
-
-»Hier is he!«
-
-»Woneem, woneem?«
-
-»Hier uppen Diek, Mudder!«
-
-Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand
-und führte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt hätte. Und als er
-seine Reise über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter
-und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche
-Übertreibung, denn er hielt sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat
-beleben, denn brukt en ok ne to legen! -- da warf die Mutter sich
-schluchzend auf den Tisch und sagte: »Haut ji em, Unkel, haut ji em: ik
-kannt ne!«
-
-»Hebben mütt he wat,« erklärte der verbissene und durch das viele Rufen
-gereizte Alte.
-
-»Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun,«
-sagte Störtebeker mit blitzenden Augen, aber der alte Jäger, den das
-Schreien aus dem Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: »Wat? Van mi
-lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol wies warrn!«
-
-Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war
-ihm auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über
-Bord werfen wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen,
-ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne
-vergeten! Diese Ruhe brachte den Alten noch mehr auf und er schlug ihn
-ärger, da warf sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden
-auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen nicht zu brechen
-war, daß er sich lieber krumm und lahm prügeln ließ, ehe er einen Laut
-von sich gab.
-
-»Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll
-alleen mit em klor warrn,« bat sie dringend. Der Alte ging mit einem
-bösen Blick hinaus und brummte noch auf der Diele.
-
-Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster
-vorhalten. »Dat betjen Hoveree,« sagte er verächtlich, »wat he dor son
-Larm üm moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben
-kunnt!« Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren
-gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das Fenster eingeworfen wäre.
-
-Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem
-langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn
-ik irst an Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as
-Mudder: -- dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.
-
-Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm
-in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm
-ab, daß sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja
-nicht anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt
-hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: sie beugte sich über ihn
-und küßte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht
-tun dürfen: er hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen
-Kinderkram, wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster gesprungen,
-als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte.
-
-»Mien Jung büst du doch,« flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das
-Haar, da regte er sich und sagte halblaut: »U, Vadder, kiek mol dat
-grote Schipp!«
-
-Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht
-schon wieder bei seinem Vater an Bord -- und du, Gesa?
-
-
-
-
- Fünfter Stremel.
-
-
-Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, daß er auf den
-Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind
-wehte, daß die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so
-kam auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder da. Denn sein
-Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es
-nichts, ohne den wußte er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und
-ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken
-ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen
-sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon wieder
-aufgetallt wäre, ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und
-andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war
-er wieder ganz allein und wußte nicht, was für einen Weg er einschlagen
-solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete
-den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen
-Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach
-ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater
-noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht,
-noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle krabbelte an dem
-mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurück. Der Junge stellte
-das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem
-Binnendeich, um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den
-durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf
-See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser
-lag, aufs Trockne und überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er
-drinnen hatte, noch springenlebendig waren.
-
-Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte
-er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun
-war er eigentlich arbeitslos.
-
-Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die
-Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. »Speel doch en
-betjen mit de Kinner,« sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die
-Hühner fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit
-aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen
-wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er überhaupt nicht: er
-wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder
-Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann hätte
-er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben -- und
-deshalb wurde es ihm bald über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte
-ihnen den Rücken.
-
-Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den
-Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen.
-Juno, der große, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.
-
-Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er dachte an die
-Schläge vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und
-sagte vergnügt: »Meun, Klaus Störtebeker!« Störtebeker dachte aber:
-snack, soveel du wullt, wat geiht mi dat an, -- obgleich die Enten
-durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den
-Sack geguckt hätte, auch von Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre.
-
-Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete,
-daß einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Pütten
-oder nach der Wisch ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter
-hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit
-den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise über das Eis war schon
-bekannt geworden. Ihre Jungen sollten sich nicht mehr mit dem
-Buschräuber abgeben, riefen die Frauen einander zu.
-
-»Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß no den Störtebeker,
-hest mi verstohn?« »Jo, Mudder!«
-
-In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre zur Hand
-und lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu
-erwischen, aber er hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig
-genug, die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie
-schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher kam. Einmal gewahrte
-er einen großen Hecht, der gut gegen die Sonne stand: behutsam tauchte
-er die goldige Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen,
-und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch anfänglich
-gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn er hinter den Kiemen
-war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da
-strich eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek
-gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im Wasser.
-
-»Du verdreihte Jakob du!« rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem
-Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem
-runden Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war
-lohnender: er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke Weibchen
-und graue, dünne Männchen. Den größten Teil bekam die Mutter, die sie
-für die Hühner kochen wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank
-unter den Linden sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für
-Kluß zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt. Die alte
-Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den Schmaus durch die Maschen des
-Kastens stopfte.
-
-Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr
-ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: »Höh,
-Klaus Mees!« da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als
-wenn sie schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den Schnabel,
-als wenn sie um weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre, sie
-krächzte auch einmal, aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der
-Junge sich auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach getaner
-Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen, wenn er in den
-Hof hineinging und es mit einem Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich
-sollte die Krähe lernen: De Jung mütt no See! -- aber das sollte nun
-erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld freilich noch nicht
-groß.
-
-»Du büst dummerhaftig, Kluß!« sagte Störtebeker ärgerlich, »wenn du ne
-bald snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.«
-
-Nach dem Mittagessen -- Plummensaus gab es, eine Götterspeise für ihn --
-machte er sich ans Knütten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage
-vorher zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und
-Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur
-so, aber nach anderthalb Stunden sah er ein, daß es ohne seinen Vater
-doch nichts schaffte.
-
-Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und goß den Kahn leer, der
-immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mußte der werden, das war ein
-Apfel, und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, hätten
-sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl allein dabei.
-
-Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie fischten wohl schon
-und hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kämen oder
-übermorgen!
-
-Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten baumelten an der Tasche
-und machten ihn guter Laune.
-
-»Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du schallst Afbitt
-don,« stichelte er, aber der Junge ließ sich nicht in die Kneife
-bringen. »De ward fix nattgoten,« sagte er gleichmütig, dann aber besann
-er sich, schluckte den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich,
-um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen, Juno zu
-streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war, und die Flinte zu
-tragen, denn er wollte nun doch gern einmal wieder mit auf die Jagd, bis
-sein Vater kam.
-
-»Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn
-schippern kann.«
-
-»Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt woll anner Wetter,«
-sagte der Jäger und sah den Heben an.
-
-Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, die
-dreierlei wissen wollten.
-
-Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hatte, denn dann
-wollten sie einen Bock und eine Eve bestellen.
-
-Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen
-hatte, denn das war am Deich erzählt worden.
-
-Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken war, denn dann
-wollten sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhölzer hatten sie eine
-ganze Schachtel voll in der Tasche.
-
-Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. »Ik weet
-ne, veel lütje Munkis dat ik krieg, Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor
-söben van ward, denn kriegst du noch twee.« Wegen des Schusters ließ er
-es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und
-sagte: »De Lüd snotert sik wat trecht, Hein!« Der Feek sei noch mistnaß
-und für Ostermoonen sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich
-wohl eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien? Wenn es
-soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen Rauch trecken sehen. »De
-Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du lütje Boitel doch noch ne
-mit ümgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.« Damit entriß
-er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies ihnen
-noch Kluß und die angefangene Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und
-die Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn
-er sah die Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an, und wenn
-nicht die Bestellung gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit
-ihnen abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen halten.
-
-Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht
-bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn,
-um sich seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.
-
-In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang und Graupen und
-Zucker vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.
-
-»Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder,« sagte er
-zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.
-
- * * * * *
-
-Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus,
-ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den großen, schönen
-Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und
-weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater aufkommen konnte,
-stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder
-er saß im Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den
-vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen Ewer und einen
-blauweißen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen
-mußte, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar
-wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, des angetriebenen
-Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung
-der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das
-Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen
-das große Warten auf seinen Vater.
-
-Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Neßhuk
-nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau,
-die im Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie
-die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und
-aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer
-weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch
-suchte sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill war ein
-wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland
-allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr
-nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es
-gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte,
-war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere
-große Haverei bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. Manch
-einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht
-fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man
-mußte Thees to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst
-Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses Weibes.
-
-Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen
-zum Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb
-ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht
-zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine Kurre berührte.
-»Nu bün ik behext,« dachte er. Am Morgen besah er die Kurre genau und
-fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und
-vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte er das Netz auf
-der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to
-Baben.
-
-Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war
-Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darüber zukam, als Gesa dem
-Jungen einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel
-und keine Birne, da sagte er ernsthaft: »Mudder, gläuf doch ne an Hexen
-un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll
-geben? De freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!« Und dann sagte
-er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl
-zugefügt hatte: »Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker,
-un bring Sill de hin!« Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte
-ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und
-sagte ihn für später zu.
-
-Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran,
-klinkte die Tür auf und sagte: »Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns
-hebben.«
-
-Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn
-die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle
-Diele, denn bange war er nicht. »U, Sill, wat bitt de Rook mi inne
-Ogen,« rief er.
-
-»Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de
-Schinken,« sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter
-den Wandbetten war.
-
-»Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to, Sill?«
-
-Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im
-frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch
-zu hören. Ein anderes Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine
-in die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon.
-
-»Wat seggst du, Junge?«
-
-»Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?« wiederholte er lauter.
-
-»Jo, all mien Schinken.«
-
-»Diern, denn kannst du di woll frein!«
-
-Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden
-Augen an. »Is dat de Katt oder de Koter, Sill?«
-
-Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf, wie der Geist von
-Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der
-knochigen Hand.
-
-»Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn
-du Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.«
-
-»Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,« sagte er gemütlich, sie aber gab ihm die
-Äpfel und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wären für die Fische
-von damals und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne
-Danke an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den beißenden
-Rauch nicht mehr aushalten.
-
-Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die
-schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext
-waren und ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte
-es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und sein Vater war der
-Oberste für ihn: er wollte sie getrost essen.
-
-»Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat sünd dat för Appeln?« --
-rief die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh -- das hätte
-nicht kommen dürfen. »Kantappeln, Mudder!« »Keen hett di de geben?«
-Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten hatte! Nun mußte er mit der
-Wahrheit an den Tag. »Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.«
-
-»Her de Appeln!«
-
-»Och, Mudder!«
-
-»Her de Appeln, de schallst du ne upeten!«
-
-»Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen Appeln mihr hatt!«
-
-»Giffst du de her, Klaus?«
-
-Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm
-weg. Hastig steckte sie sie in die große Tasche, die sie unter der
-Schürze trug, und ging ins Haus zurück. Störtebeker lief hinterher und
-versuchte, sie ihr wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie
-war unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie
-heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde. Und als er sie später aus der
-Tür kommen hörte, da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter
-der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, dann
-lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die Äpfel hinein, um
-die Hexerei unwirksam zu machen.
-
-Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen kam und die
-Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte
-sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die
-Tasche. Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in seinem
-Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut
-hatte, betrachtete er sie wieder und aß sie dann mit großem Behagen auf,
-ohne bange zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu schmeckten
-sie viel zu gut.
-
-Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel
-auf dem Tische und die Mutter sagte: »Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een
-van uns egen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne
-krank van. Den et man up.«
-
-Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte
-doch: »Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant
-leber as Prins!«
-
- * * * * *
-
-Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser
-und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon
-auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen
-und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im
-Gras. Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er
-konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß er eben vor
-der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab treiben und legte sich
-zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen
-aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn
-jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon
-weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, --
-das erfreute ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden.
-
-Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden,
-warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten
-hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater
-nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie
-zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer,
-Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor
-seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm.
-
-Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn,
-denen wriggte er entgegen und die begrüßte er: »Hebbt ji Vadder ne sehn?
-Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald?« Wußten die Fahrensleute dann
-mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er
-einfach seinen Kahn so, daß sie seinen Namen »Klaus Störtebeker« lesen
-konnten, -- dann wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder
-nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten ihn
-nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein oder er wäre nach
-der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei
-nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte,
-die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am
-Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte: daß einer
-sagte: »Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!«
--- das bekam er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht
-zu sehen, so weit er auch blickte.
-
-Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die
-Frauen zu grüßen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.
-
-Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich
-entlang mußte, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer
-aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man
-noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett
-tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon
-Bescheid wußten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich
-doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an,
-um so eher, als er nicht für Geld ansagte, wie die andern Jungen, die
-sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen
-Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten.
-Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. »Behol man, ik verdeen
-Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken,« sagte er, wenn ihm eine einen
-Groschen geben wollte.
-
-Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer Manofwar, ein
-deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte
-es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht -- langsam glitt es
-nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem solchen Manofwar war
-auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen
-viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon
-mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und
-rief: »Hallo, Störtebeker!« Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite
-von der Stegel wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern!
-
-»Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!«
-
-»Lurst du up dien Vadder?«
-
-»Jo, Jan! He kummt man bloß ne.«
-
-Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch
-fragte er Jan, ob er seine Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff
-vorüber und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes gegen die
-anlaufende, große Dünung drehte.
-
-Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge
-in gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:
-
-»Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett ok de Reis, he is
-ober no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!«
-
-»Is dat eulich wohr, Hein?«
-
-»Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?«
-
-Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. Nach der Weser
-war sein Vater! Das konnte ja schön werden, denn das letzte Jahr war er
-auch immer dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn
-du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst dor woll gliek söben
-Mol no de Ratt hin! Nun konnte es wieder so kommen, daß er immer dahin
-segelte.
-
-»Mudder, weest, neem Vadder is?« fragte er, als sie beim Kaffee saßen.
-»In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!«
-
-»Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land is,« sagte die
-Mutter erfreut.
-
-»He harr ober man no Hus kommen müßt,« sagte er darauf, »wat deit he no
-de Wesser hin?«
-
-»Dat mütt Vadder sülben weten,« erklärte sie aber, »dor is he dichter bi
-de See un hett dor ok woll noch en beter Markt as boben an Altno.«
-
- * * * * *
-
-Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches,
-am andern Morgen, daß so viel Schollen oben an der Brücke wären, daß
-kein einziger Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und
-hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die sie den
-Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese sich auch nur umguckten.
-Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat Vadder no de Wesser is!
--- aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen
-sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch
-slechter!
-
-Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken Zwillinge bekommen
-hätte -- twee lütje Jungens, ober krekel un gesund! -- daß Hinnik Bott
-seinen Ewer kondemmen ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See über
-Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte sich noch lange über
-Wasser gehalten, aber sie hätten ihn nicht wiederfinden können, weil es
-so dunkel gewesen wäre. »Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!« hätte er
-immer gerufen, bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel hätten
-ihn zuletzt hinuntergezogen. »Is man en Butenlanner, Gorch hett he
-heten, ober wat is dat bedreuft,« schloß die Frau.
-
-Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten Kurrbaum, der noch
-die Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu.
-
-
-
-
- Sechster Stremel.
-
-
-Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei
-große Löcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der
-Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der
-Briefträger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an
-einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst,
-als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, ließ er die Bunge liegen und
-sauste ins Haus hinein.
-
-»Van Bremen, Gesa,« sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter
-einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte, ob
-der Kessel über dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte,
-hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel aus der
-Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: »Hunnert
-Doler, mien Diern!«
-
-»Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!« rief Störtebeker aus, als er die
-Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: »Wat kann dat
-angohn? Wenn Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter
-Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?«
-
-»Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,« antwortete der Postkerl
-geheimnisvoll.
-
-Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker
-hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, daß er einen Grog
-verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf
-den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das
-rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar
-nicht schwitzte, dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und
-sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu
-rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog
-liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte, wie ein
-Weinküfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, daß er
-gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich
-aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: »Dat
-Glas kannst du utlicken.«
-
-»Ik bün keen Restensuper,« sagte der Junge verächtlich und schob das
-Glas von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen
-Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten
-Worten: »So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!«
-
-»Jüst, Jan!«
-
-»Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!« rief Störtebeker
-bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot
-ihm, es am Deich zu erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte
-sie den Brief auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:
-
- Klaus Mewes, Finkenwärder,
-
-ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. »Se findt mi ok so,«
-pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.
-
-Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben,
-und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt
-waren einander dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte,
-sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch
-auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum, die Geldsumme.
-
- Bremen, den 29. März 1887.
-
- Liebe Gesa!
-
- Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und
- 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu
- voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut
- getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre
- Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das Markt ist ja
- immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen
- wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch
- gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.
-
- Jetzt will ich schließen.
-
- Mit Gruß an Dich und Störtebeker
-
- Dein Mann Klaus Mewes.
-
-Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: »Och, de scheebe Weg no
-Bremen!« Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle: Bremen
-zeigen: rief er: »Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!« Die
-Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und
-sagte ein Junge ja, so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in
-die Höhe und fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er
-gequält ja sagte.
-
-Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein
-Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er
-wieder an seine Arbeit.
-
-Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst
-mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen,
-aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen!
-
-Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem
-Schauer und heilte dort weiter, unter den großen Namenbrettern
-gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen
-war, _Büt_, wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf
-Großvogelsand strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer Klipper mit
-Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich
-trugen diese Namenbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine
-Inschrift, wie »Kalliope«, »Ceres«, »Fare well« oder »Merkur«.
-
-Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf, davon zwei mit
-Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte
-Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen
-umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt -- nun von Spatzen umpiept,
-von Hühnern umgackert.
-
-Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit
-der goldenen Inschrift:
-
- +----------------------------+
- | Suzanne -- LE HAVRE |
- +----------------------------+
-
-die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen Beutemacher, und
-hießen:
-
- +-----------------+ +--------------------------+
- | HOFFNUNG | | Goede Verwachting |
- +-----------------+ +--------------------------+
-
- +------------------------+ +----------------------+
- | HAABET -- SKIEN | | MARY THOMPSON |
- +------------------------+ +----------------------+
-
- * * * * *
-
-Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene Fischerei in diesen
-Tagen besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein
-Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen
-konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er
-sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig. Der Jäger
-stellte sie ihm ein und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt
-saß das Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und
-Karauschen und er mußte daran denken, sie an den Markt zu bringen.
-
-Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal gebrauchte,
-denn er konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mußte hin
-und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf
-nehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: »Frog em man
-sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,« da sagte er aber kurz und
-bündig: »Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krüssen, denn lots
-man dot blieben.« Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er
-selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen: sie
-dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn.
-
-»Will he jüm mithebben, Mudder?«
-
-»Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!«
-
-Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der
-Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte,
-und hängte sie in den Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige
-Einwendungen: wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik jüm los warr ...
-de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de Hökerwieber man nehmt ... Als
-Störtebeker aber sagte: »Denn schallst du jüm gorne mithebben, du
-Bangbüx,« und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer
-ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer als
-möglich zu verkaufen und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg
-selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume.
-
-Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen
-ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte
-sich schnell, damit er nicht Danke zu sagen brauchte.
-
- * * * * *
-
-Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe
-ganz vergessen hätte. Bald kam eine Kunde von Geestemünde, bald von
-Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von
-Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte
-die ganze Unterweser mit springenlebendigen Klapperschollen und mit
-Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste,
-Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit
-aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Nach
-dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.
-
-Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter
-gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein
-Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus,
-denn der Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon
-bald aus, wenn er fragte.
-
-Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn
-die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten,
-und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären.
-
-Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!
-
- * * * * *
-
-Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden, wenn die Sonne
-höher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an
-der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen
-ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie
-das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene,
-entwickelte, so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der
-Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr
-Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und
-seht mit Ehrfurcht auf das Kind -- straft es nicht um seine
-Osterflammen!
-
-»Johannisfeuer bleibe unverwehrt!«
-
- * * * * *
-
-Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet,
-Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen
-hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es
-hümpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus
-Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es
-nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden
-immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer
-saß, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines
-Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben,
-pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten
-wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der
-bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß
-bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein,
-die größte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie.
-
-Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche
-gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die
-Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, --
-aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer
-wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen
-oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer
-von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so
-zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der
-Püttensümpfe, zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen, hinter dem
-Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war
-der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der
-wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: »Ik bün obers
-ne bang, Jungens!« Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig
-räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in
-Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und
-ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu
-quälen. »Lot man brinnen,« sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal
-in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen
-dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten.
-
-Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müßten sein: sein
-Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand
-am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.
-
- * * * * *
-
-In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß
-Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.
-
-Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der
-Heimat gegangen -- als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor
-Wochen zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um
-den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die
-vor den Türen gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht möglich
-gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen
-werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und
-brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.
-
-In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und
-niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er
-fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus --
-über sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden,
-den er nicht wegwischen konnte.
-
-Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen
-Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und
-sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er
-butenlands gewesen war.
-
-Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an,
-als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur
-noch selten: an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die
-Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit
-fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz
-sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel
-ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu machen
-waren.
-
-Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der
-jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein
-Lächeln in das ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken
-bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst? ...
-Kiek, hier! Dat schall fluckern un räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm!
-... Jo, hier is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat
-fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en feine
-Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus
-Störtebeker! ...
-
-»Säst du wat, mien Jung?« fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen
-gehört hatte und von unten gekommen war.
-
-»Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern
-mol mit em snacken,« bat er.
-
-Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem
-Feuer gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und ließ sich ausfragen
-von dem todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und
-seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von
-seinem Vater und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann
-aber fing er an zu fragen: nach den großen Schiffen und den Schwarzen,
-nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika. Ob Harm schon mal
-Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre,
-was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der alle
-Schiffe hindurch müßten.
-
-Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in
-dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder,
-die er verloren hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis
-die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. Da schenkte er
-ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die
-Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt
-hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage
-wieder heraufzukommen.
-
-»Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een,« sagte er zu
-seinem Bruder. »Herrgott innen Heben, wat förn mooi Leben hett de nu
-noch vör sik -- un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!« stöhnte er und
-kehrte das Gesicht gegen die graue Wand.
-
-Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die
-Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er
-ganz still lag. Dann sagte sie: »Harm, hür mol to: ik will mol mit di
-snacken.«
-
-»Och, lot mi doch, Mudder!«
-
-»Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik
-ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut
-de Schol is! Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh to Woter,
-wenn he ne an Land blifft!«
-
-Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, daß
-er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur
-keine Antwort geben wollen.
-
-Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für
-sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und
-erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit.
-
-Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken
-kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf
-dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen
-hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete
-auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand,
-und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der
-Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.
-
-Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern
-stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu
-entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche,
-wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das schöne
-Vollschiff!
-
-Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male
-der Gedanke: jetzt muß ich sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis
-er sich ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! Da
-kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all
-das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer
-wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß
-und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und
-lachend lag die See vor ihm, die große, weite See, und hohe, stolze
-Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Winde! Wie
-leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf
-der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis saß der Norweger und
-spielte auf der Harmonika: über ihm aber wölbten sich die gewaltigen
-Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine
-spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der
-Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam
-ins Wasser sank ...
-
-»Jan?«
-
-»Wat schall ik, Harm?«
-
-Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und
-sah verdrießlich von seinem Katechismus auf.
-
-»Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no
-See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn
-Vadder un Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un
-kodimmt warrn mütt! Ik ro di _to_, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn
-goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer,
-wenn du goden Wind inne Seils hest!«
-
-Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.
-
-»Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok
-seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb
-keen Sack vull Gild mitbröcht: ik segg di: mien Leben is _recht_ wesen,
-un wünsch mi keen anner!«
-
-»Snack doch ne soveel, Harm,« beschwichtigte ihn der Bruder, der gern
-weiterlernen wollte, »ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.«
-
-Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft
-ging er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte
-sein Seefahrtsbuch.
-
-»Wat wullt dormit, Harm?«
-
-»Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!«
-
-Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen
-seine knochigen Finger es, als er sagte: »Dor steiht dat in, Jan, woneem
-ik allerwärts wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne
-Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de
-Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook will ik nu
-jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn scheut ji mi dat innen
-Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verklorn kann.«
-
-»Harm, schon di doch,« bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah,
-aber der Matrose hörte nicht.
-
-»Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen Finger mihr krumm
-moken kann, ohn mi weh to don: wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor
-ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un
-Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch
-angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben
-mütt.«
-
-»Harm, so snackst du nu -- un to Sommer, wenn du wedder beter büst un
-wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.«
-
-Der Kranke schüttelte den Kopf.
-
-»Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh de See ne wedder!
-Jan, goh no See un warr en fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!«
-
-»Ik do ok doch, wat ik will,« sagte der Bruder bestimmt, »meenst du, wat
-ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?«
-
-Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder
-hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch
-nicht käme, denn er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet.
-
-Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, daß
-der Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch
-einmal über den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein
-rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer
-und hinter dem Neß standen viele braune Segel auf dem Wasser.
-
-Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam und grüßte ihn. Und
-Harm Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick.
-
- * * * * *
-
-Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das
-Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte
-Triengretj, die Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, daß er
-Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem
-Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen
-Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in
-einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit
-hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem er das halbe Geld
-aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer mit,
-daß es eine große Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger
-Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der
-manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte.
-
-Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief
-Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab
-und ließ es auf der blinkenden Elbe segeln.
-
-
-
-
- Siebenter Stremel.
-
-
-Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach
-dem Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in
-der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der
-es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte, der abwechselnd als
-Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott dienen müsse. Den Tisch fege sie
-mit dem Besen ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als
-Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze.
-Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im
-Bettstroh.
-
-Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota
-eine große Farm haben, so groß wie ganz Finkenwärder, sagten sie:
-anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags
-gleich schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst
-einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn nach dem
-Kirchhof: das wäre so Mode in Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht
-um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der
-Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit
-nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun
-war, die er für das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel.
-
-Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete und
-die Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die
-Gören hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des
-Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand
-die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gänzlich
-niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner
-Mutter hin und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts:
-als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuß hatte,
-war das Haus schon zusammengestürzt und sie konnte nur noch die
-Obstbäume naßspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem
-Klütjenpott umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan,
-die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker
-machte, daß er weg kam, als er das hörte.
-
-Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei,
-daß er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg
-gewesen, als daß Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten.
-Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie
-drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete sich nicht. Aber es
-kam doch soviel dabei heraus, daß kein Junge mehr mit ihm nach dem
-Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre
-wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmütig gesagt
-hätte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten Haus sei
-nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!
-
-Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen
-und dampfte nach Neuyork ab.
-
-Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld
-zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht
-freigesprochen, er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein
-gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt
-verratzt, wie er sich ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch
-noch die Bungen weggenommen und er konnte nicht mehr fischen.
-
-Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum ersten Mal wieder eine
-Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog,
-und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich
-genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem Giebel des Neßhofes
-erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann ließ er
-das Feuer im Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete
-lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinem _Vater_
-entgegen.
-
-Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein
-Vater war wieder da!
-
-Wie wriggte er, wie rief er:
-
-»Höh, Vadder, höh!«
-
-Da wurde er vom Ewer gesehen:
-
-»Höh, Klaus Störtebeker!«
-
-»Non, Vadder, de Reis afmokt?« ... »Jo, mien Jung!« ... »Wat geiht di
-dat, Kap Horn?« ... »Och, god, Störtebeker, dat weest woll, slechte Lüd
-geiht dat jümmer god!« ... »Büst ok seekrank worden, Hein Mück?« ...
-»Ne, du Schietinnebüx.«
-
-Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte
-an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin.
-Nun war alles gut -- er war wieder an Bord bei seinem Vater!
-
-»Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all en
-eulichen Snauzbort!«
-
-Kap Horn aber sagte: »Dat is keen Bort, Störtebeker: Hein Mück hett sik
-bloß en bitten annen Klütjenputt swart mokt.«
-
-»Dor quält jo man ne üm,« schnauzte der Koch.
-
-Vom Ruder scholl es: »Gohn den Draggen!« Der schwere Anker fiel,
-rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum
-Schwoien.
-
-»Vadder, schall ik de Fock dol smieten?« rief Störtebeker, der sich
-wunderte, daß sich niemand um die Segel bekümmerte, aber Klaus Mewes
-erwiderte: »De Seils blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit
-allemann no Stadt rup!«
-
-»Junge, jo! Dat ward fein!« sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht
-einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit
-dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug
-und wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn
-das Boot in die Tallje und setzten es über Bord. Der Schiffer warf
-unterdessen die Scharben in den Reisekorb und dann schipperten sie an
-den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot.
-Hein Mück wriggte. »Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett
-wunnen!« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften -- und richtig
-wurde er dem schweren Boot leicht über.
-
-Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen
-entgegen. In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe
-und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den
-Nebel und an die dunkeln Nächte.
-
-»Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi weut
-alltohopen mit no Altno rup!« -- rief Störtebeker schon von unten.
-
-Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt
-ihre fest: »Goden Dag!«
-
-»Goden Dag!« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er
-hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte
-verwirrt: »Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Lüd dinken!«
-
-Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn
-nicht der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: »To, Vadder,
-lot ehr los, se schall sik klor moken!«
-
-»Wullt mit, Mudder?«
-
-Sie nickte: »Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!«
-
-Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, die großen, braunen
-Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und
-konnten alle drei kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er
-mußte alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo
-sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie gebört hatten, was für Wetter
-sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie
-eine Pfeffermühle.
-
-Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäß,
-obgleich er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das
-Viehwerk wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn
-und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön auf dem blanken
-Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt
-wurde.
-
-Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das
-Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war
-soviel Wind, daß sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an
-der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf
-den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in
-Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser
-wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder
-hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei Hein Mück, der
-Kartoffeln schälte, und aß getrocknete Knurrhähne. Oder er besah die
-Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.
-
-Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun
-pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte
-er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine
-Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen
-maß und bat: »Vadder, stür doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,« dann
-lachte er sie aus und sagte: »Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp ut
-den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.«
-
-»Worum denn nich?« fragte Kap Horn lauernd.
-
-»Vadder seggt dat,« gab Störtebeker zur Antwort, »un de mütt dat doch
-weten!«
-
-»Jo, mütt he ok,« bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem
-großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen
-vorbeischob. »Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?« Der Junge sah nach
-der Flagge am Heck. »En Ingelschmann.«
-
-Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen.
-
-»U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!«
-
-Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit
-angerichtet hatte. Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf,
-aber sie hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn
-erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: »Mudder, wi sitt hier nu so
-scheun up Deck un fohrt so mooi no Hamborg un nu fangst du dorvan an!«
-Und er stand auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht
-noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos,
-sie solle ihn nur gewähren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor,
-sondern Fischermann werden.
-
-»Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.«
-
-»Gesa, mok doch kein Schop bang.«
-
-»So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol ober em weenen!«
-
-»Ne, dat gläuf ik ne, Diern!«
-
-Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen.
-
-»Bestrof em, Klaus!«
-
-»Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen
-rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa,
-anner Reis nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen
-Undöt mihr moken!«
-
-Da gab sie es auf.
-
- * * * * *
-
-Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder.
-Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Störtebeker stimmte
-eine Art Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher.
-
-Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer,
-Fischhändler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise
-abzukaufen und die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen
-guten, runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es
-waren erst drei Ewer an der Brücke und er konnte auf einen guten Markt
-hoffen: auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu
-verhandeln. Die Händler drängten:
-
-»Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!«
-
-»Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,« lachte Klaus Mewes.
-
-»Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!«
-
-»Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,« bemerkte er trocken.
-
-Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal nach Eierkohrs
-einladen, sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst
-einen kaufen. Und er sog ruhig an den Gräten.
-
-Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der
-Helgoländer Dünung klüse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer
-in beständiger Bewegung gehalten.
-
-Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. »Du büst seekrank, Mudder, weest,
-wat dat is?« rief Störtebeker hinter ihr her.
-
-»Paß man up, di geiht dat nix beter,« steckte Kap Horn es ihm, aber er
-lachte sicher und sagte: »Nix zu machen, Herr: ik bün seefast!«
-
-»Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,« warf Hein Mück
-dazwischen, aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem
-er spottend rief: »Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot
-inne Koi legen, ast weihn worden is!«
-
-Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa
-die Brücke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den
-Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige
-Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker mußte an
-Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musiktüdelei
-machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den
-Nudelkastenmännern stehen.
-
-Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den
-Bünn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden
-herausgesucht. Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie
-sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den großen
-Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen werden sollte.
-
-Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum
-Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen
-schönen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der
-Hafenstraße hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas,
-einige deftige Eisbrecher.
-
-Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen
-der großen Segelschiffe, die bei Blohm und Voß dockten, und nannte alle
-Segel und Taue mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und von
-dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hörte nipp zu, wie er dem
-todkranken Matrosen zugehört hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen
-Stellen beiläufig hinzufügte: »Dor harrst doch bang bi worden, nich,
-Störtebeker?« -- dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: »Ne, bang
-harrk ne worden!«
-
-So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser
-schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie
-auf der dänischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch
-viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb
-gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem
-Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheißen. Das war ein
-stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm: jener
-war auf der Höhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet
-worden -- er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht --: dieser lebte
-und drängte mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht
-leben könne.
-
-Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte
-und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem
-Glucken des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der
-seesüchtige Junge.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker,
-als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten -- er hatte richtig die Zeit
-verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.
-
-Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn es Karkmeß wäre! Das
-ganze Deck stand voll von fremden Leuten: was für ein Gedränge auch
-doch, was für ein Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen,
-Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und Beuteln
-standen um den Bünn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften
-schließlich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bünn und
-ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein
-Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter,
-langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn
-Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott,
-obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war
-schollenhungrig.
-
-»Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens
-man mol,« sagte er zu Gesa, die beim Kompaßhäuschen stand und mit
-fremden Augen auf die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn,
-der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann geboren. Sie
-schüttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo
-war Störtebeker? War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um
-sich den Kasper anzusehen?
-
-Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück
-und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser
-hineintun konnten, er warf die toten Fische beiseite und reichte die
-vollen Netze seinem Vater hinauf. »För twee Mark, Vadder!« ... »Förn
-Mark!« ... »För föftein Groschen, Vadder!« ... So rief er dabei, mit
-einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören war: nun paß auf, daß alle
-bezahlen!
-
-»Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springenlebennig!
-Süßtein förn Mark!« rief Klaus Mewes oben und »Süßtein förn Mark!
-Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!« echote
-Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern
-Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen.
-Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kökschen ... »Leben dot de
-all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote gifft ne, dat geiht
-vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...«
-An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mußte ja helfen.
-
-»De sünd jo dot, Junge!« »Wenn du man ne dot büst: de leeft!« »De sünd
-jo so lütj, Junge!« »Wenn du man ne lütj büst: de sünd grot!« Er ließ
-sich nicht verblüffen. »Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft
-achttein!« »Denn goh dor man hin: hier gifft dat bloß süßtein!« Er paßte
-aber auch auf: »Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!«
-
-Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten
-Hilfsmann! »Vadder, dat middelste Schott is all leddig!«
-
-Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: »Wat mokt he sik ok doch
-utsehn!« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: »Worüm hest du em
-dat nee Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten
-kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen!«
-
-Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die Luken zumachen
-konnten: die paar Stiege, die noch im Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes
-selbst. Ausverkauft!
-
-Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, wie ein Stück vom
-Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die
-Kajüte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen,
-Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt war, waren es
-nahe an dreihundert Mark, die er in acht Tagen aus der See geholt hatte.
-Es war wieder Glück dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen
-hatte.
-
-Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so groß vor, daß sie
-immer nur von den _großen_ Seefischern sprachen und auf sie schalten,
-denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg
-und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den
-Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag für sechs Groschen wie Pferde
-arbeiten mußten: wenn sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie
-hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!
-
-Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: sie ist und
-bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben
-mit der Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so könnte die
-hamburgische Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift:
-Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, daß so
-viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die
-Zinsen, der Winter -- wir wollen sie dennoch preisen, die schöne, schöne
-Schollenzeit!
-
- * * * * *
-
-Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch die Klüsen. »Dol de
-Seils!« Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an
-Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte
-die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, daß die Leinen
-den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker mußte die Schollen
-austragen, die sein Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten
-Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft
-lebendige Schollen. »De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk
-wedder fangt,« hieß es am Deich. Die Bauern auf den Wurten, die
-Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte
-Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm
-Freude, wenn die Leute fragten: »Non, Junge, is dien Vadder her?« »Jo!«
-»Mit Schullen?« »Jo!« Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei,
-der Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus
-Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte
-wieder ins Stroh hinein und holte richtig noch einen schönen Apfel
-hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn
-nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen
-müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.
-
-In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging
-mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest
-waren, daß sie anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes
-wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich
-schlichen die Katzen mit erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander
-wegen der Abfälle an.
-
-Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und
-verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei
-bei Juist und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im
-Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und
-schwerer in den Heben hineinwuchsen.
-
-Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen
-Aalkörben beladen.
-
-»Non, könt hier utholen?«
-
-»Jo, Jakob!«
-
-Er blieb einen Augenblick stehen.
-
-»Lopt de Ool all, Jakob?«
-
-»Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms
-hebben.«
-
-»Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all
-eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voß de Geus un as de Hund de
-Rotten! Wi weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an
-Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de
-Gildbütel man afkann!«
-
-Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: er dachte an die drei,
-vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben schrapte, und ärgerte
-sich über den großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich
-warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. »So, so,« knurrte er und
-stiefelte weiter.
-
-Gesa schüttelte den Kopf. »Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus
-Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?«
-
-Er sah sie groß an. »Wat meenst du dat?« fragte er verwundert. »Ik kann
-mien Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor
-steihst du, dor sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien
-Linnenbäum, dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben oder is dat
-all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik
-gläuf, uns Herrgott süht ok leber en vergneugten Minschen as en
-trurigen!«
-
-»Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en Minsch un wullt wedder
-no See!« mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab, wie die Ente das
-Wasser.
-
-
-
-
- Achter Stremel.
-
-
-Es war Ostern auf Finkenwärder.
-
-An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen
-ließen braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im
-Sonnenschein und glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln.
-Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die
-Kiebitze zu Hunderten, und über dem hohen Neß schwebten die grauen
-Reiher.
-
-Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr
-Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst
-auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er
-geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für Landwege
-geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege
-es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt haben, die aber
-abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu
-viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.
-
-Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen
-Winter eingestellt war und die große, allgemeine Ausreise erst nach
-Ostern stattfand. Da lag es nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel
-auf den Kieker nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute!
-Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen,
-den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu haben, bevor sie an Bord
-gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.
-
-Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und
-seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen
-und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten,
-mittelalterlichen Stadt Frankfurt -- aber das muß verblassen vor der
-großen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag
-anfängt und bis zum Abend währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit.
-
-Breit und blau grüßt die Elbe -- im Hintergrunde steigen die Blankeneser
-Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht über den Strom.
-Deutsche, englische, französische, nordische und holländische Flaggen
-flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das
-Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und im Osten steigen die Hamburger Türme
-aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber
-und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und Kutter, die starken,
-schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im Sonnenschein, als wenn sie
-wüßten, daß es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher
-Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser.
-Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen
-lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche
-gehabt hat.
-
-Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die
-Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen
-Türen, geröteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen
-Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs
-stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbäume, die
-aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die braunen Äcker, von
-Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den großen
-Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der
-Insel.
-
-Da kommen sie an, die Osterleute.
-
-Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen
-sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand
--- denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei --, damit die Fahrensleute
-Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die
-Schlingel, die ihre Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die
-Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die über die Gräben
-jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns vom Deich stoßen und
-die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann erscheinen die Konfirmandinnen
-in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen
-Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste
-Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den
-Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie
-ihr Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das
-kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr
-an, bekümmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen
-von Schiffen und Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler,
-sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der
-Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt seine Zigarre (un noher
-fangt se doch all an to prüntjern).
-
-Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen
-zu fünfen oder sieben, in Schöfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den
-ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein,
-sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich,
-die Häuser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die
-Alten nehmen sie vor, die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster
-schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und
-fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle.
-Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser
-das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch der Fahrt und
-der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so
-geht es immerzu.
-
-Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten Finkenwärder sein, wenn
-sie nicht auch unterwegs wären! Auch sie machten die Runde um das
-Eiland, wobei sie sich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das
-Mewesgeschlecht das größte auf Finkenwärder war, hatten sie an allen
-Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag sagen mußten, und wurden
-alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den
-Fischern, die er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes
-manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und zu an der Jacke,
-damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um Finkenwärder
-herum.
-
-Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt, das bis Karkmeß
-geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling
-stehen sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats.
-Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch an der Rechnung
-stehen hatte, dann besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen
-ließ. Ein hohes, stolzes Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in
-den Heben ragte.
-
-»Wat köst de nu, Jochen?« fragte er, als er alles befühlt und besehen
-hatte.
-
-»He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,« erwiderte der Baas.
-
-»Dat Schipp is god,« lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an
-dem scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, »de schall woll seilen,
-Gotts den Dünner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor
-Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter
-bon, noch greuter un noch scheuner as düsse hier! Un denn will ik jo mol
-wiesen, wat Seilen un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees
-heet!«
-
-»Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?« rief Störtebeker eifrig, der
-Baas aber strich den grauen Bart und sagte bedächtig: »Dor snackt wi
-noch mol ober, Klaus, wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!«
-
-»Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?«
-
-»Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.«
-
-»Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi
-hebbt H. F. 500 up See!«
-
-Der Baas aber sagte nur: »Wi weut dat best höpen,« denn er glaubte nicht
-daran.
-
-Vater und Sohn verließen die Werft und gingen weiter.
-
- * * * * *
-
-Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf die Ostereier. Hein
-Mück sagte, er wolle ganz gewiß zehn essen, und Kap Horn erzählte, er
-habe schon den ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- oder
-vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa mit der großen Schüssel
-an, die gehäuft voll von den schönen weißen Eiern war, und das
-Ostereieressen begann, das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen
-hatte, der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte
-Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. »Wedder een, Vadder! De smeckt
-as Sucker!«
-
-»Söben,« rief sein Vater.
-
-»Kann ne angohn,« sagte Störtebeker aufgebracht, »du kannst heuchstens
-dree Eier up hebben.« Er zählte die Schalen: »Een, twee, dree, Vadder!«
-
-Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich
-und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne daß er's
-merkte, die leeren Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier
-untergeschmuggelt werden. Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches
-Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten sie doch back brassen und
-sich für beet erklären. Da bekleidete Störtebeker sich mit der Würde
-eines Preisrichters und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich
-liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf. »U, wat wenig, Vadder! Du
-säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!« »Ik much ne tolangen,
-Störtebeker,« entschuldigte sein Vater sich, »ik dach, anners wörst du
-ne satt!« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden
-Ergebnis: »Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. Du müß
-gewiß de Pann wegdrägen!« Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam
-glimpflich davon, aber über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich
-zusammengedrückter Schalen hatte, goß er die volle Schale seines Spottes
-aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen.
-»Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken,« stichelte Kap Horn.
-
-»Van wegen poor Dinger,« ereiferte der Junge sich und zählte sie in
-Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, daß er sich nicht
-verzählt hatte, »kiek hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier!
-Ik harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst jo sehn!«
-
-»Wohrraftig negen,« rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren
-konnte, »wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft un wat de
-Jung mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?«
-
-Kap Horn lachte: »Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten
-warrn.«
-
-Störtebeker aber sagte: »Junge, Junge!« und knöpfte die Hose auf, um
-sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen
-ihm nun doch mit einem Male schwer im Magen. »Vadder, nu komm ik ok doch
-mit no See?«
-
-»Nu noch ne,« bremste die Mutter schnell, »is noch veel to kold buten,«
-Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen nach
-dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre
-Reise schon mit an Bord.
-
-»Och jo, Vadder! Och jo!« rief Störtebeker in heller Freude und sprang
-in der Dönß herum, wie ein Füllen auf der Wisch.
-
-Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er
-ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den großen
-Schiffen her. Er ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem
-Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite
-in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darüber:
-Ölzeug für Klaus Mewes junior.
-
-Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen
-Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen
-Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von
-Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des
-Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.
-
- * * * * *
-
-So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein
-starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, daß er bis
-Michaelis wehen könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus
-Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen
-Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel
-im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven.
-
-»He hett mi förn Narren,« sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur
-Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der
-Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der
-Diele an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing,
-und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn
-alle Tage.
-
-Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, das hierhin und
-dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte,
-bemühte sich um das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen
-Kaninchen, er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete sein
-Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, er watete schon in der
-Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom
-Neß, der schon schwamm -- das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm
-fast den Atem! --, er suchte Regenwürmer an feuchten Abenden und
-pödderte Aale, er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte
-seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß
-mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den
-wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte
-sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab,
-schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß sie
-abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er
-machte sich Hupuppen, Flöten und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren
-Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die
-Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, -- aber es war
-keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen
-mußte und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und
-er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und
-Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder nach H. F. 125 fragen.
-
-Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte,
-unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, und hatte die Maulwurfshügel
-unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte
-aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den
-Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und tötete ihn durch einen Hieb
-auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschützenden Deich von
-seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so
-manchen Deichbruch verschuldet hatten.
-
-Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper
-von St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter
-ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter
-ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und
-lachten, schrien und sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders,
-des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Stürmen zu fischen und in
-schwarzen Kleidern zu tanzen. »U -- en Snilläuper!« Vorbei braust die
-wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben dem Schnelläufer, er überholt
-ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben
-soll, aber dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und er kehrt
-batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu Tür
-ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte
-der Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die Ewer an.
-
-Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der seine Hand
-ausstreckte, sondern fragte nur: »Wat is dor los?« »Ik bün de Snelleuper
-un heff snell lopen!« »Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig
-lopen kunnt,« sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu.
-
-Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches Volk, nicht zu
-vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwölfen und zwanzigen, und spielten,
-daß der ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder
-sangen:
-
- Schosteenfeger sitt upt Dack:
- goh no Schol un lihr di wat!
-
-Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner erschienen,
-denen weiße Mäuse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hüten und
-Geesch mit Wolle, Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat
-Räukerts, da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen, der
-Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und
-Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und zu hören am garn- und
-fischbehängten Deich, aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet.
-Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote und
-Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lühjollen und
-Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche
-Störfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck
-standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den Wanten hingen, und
-an dem großmaschigen Störgarn, -- er hatte neun große Störe gefangen,
-die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an
-Stricken mitnahm, -- aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht in Sicht
-kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein Vater fischte keine Störe!
-Was kümmerte es ihn, daß Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und
-mit dem Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei der
-Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast einsetzen ließ,
-weil er den alten abgesegelt hatte, daß Hinnik Saß doch nach dem Bauern
-mußte, weil er zu seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln in
-den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte, weil sein
-Sohn von einem Dampfer in Grund gebohrt war, daß Hein Husteen und
-Marieken Kröger lustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf
-seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte, ihn an den Deich
-und an das Land zu gewöhnen -- er sprach von der See und guckte nach den
-Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe.
-
-Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte, daß sie
-keinen Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn
-Vater doch bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall
-holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß, sie zu
-überraschen und ihr heimlich einen Kahn voll Sand zu holen. Er nahm sich
-den dritten Tag, als es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf
-zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte mit halber Ebbe
-westwärts, nach den Ausläufern des Nienstedter Falles, die bei
-Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht
-sagen, daß er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.
-
-Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und
-Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strümpfe
-aus, krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker
-machte es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte,
-häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die
-Feuchtigkeit abziehen konnte, dann erst schaufelten sie den trockneren
-Sand in den Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können, sagte
-sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis der Hümpel mit der
-Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch nicht nach: er wollte eine
-ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich.
-
-»Schullt ok woll all genog wesen?« fragte Harm, aber Störtebeker
-schüttelte den Kopf und spuckte von neuem in die Hände. »Noch lang ne,
-Harm, smiet man noch in, de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn,
-de driggt wat, kann ik di flüstern.« Er mußte sich schon den Schweiß von
-der Stirn wischen, so riß er sich ab. »Lot em giern bit an den Dullbom
-to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un nix!«
-
-Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand
-war. »Nu weut wi utscheiden, Harm,« sagte er väterlich, setzte sich auf
-den Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott
-machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß.
-Harm betrachtete besorgt den großen Sandhaufen, aber er getraute sich
-nicht, etwas dagegen zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte
-und weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war.
-
-»Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Flot,« sagte
-Störtebeker gleichmütig, »dat durt ober noch wat,« setzte er hinzu, als
-er Jakob Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen
-vorbeirudern sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe
-überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden Jungen spielten deshalb
-erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen sich mit Sand, sie
-sammelten die großen Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten
-die Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante saßen, daß sie sich
-wie eine riesige, schwarzweiße Wolke über dem Wasser erhoben, sie
-griffen die Nesen und Weißfische, die in den Prielen schwammen, und
-wateten in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt
-saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden
-Segeln.
-
-»Nu ist Stallwoter,« sagte Störtebeker, »kiek, Harm!« Und er wies nach
-den Blasen auf dem Wasser, die still standen.
-
-Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von
-Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam,
-die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf,
-unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm
-allmählich zu, wurde stärker und stärker; gelassen wischte das Wasser
-mit leiser, zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die
-ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte,
-dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und
-wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser,
-wie sprang, wie lief, wie wallte es!
-
-Flot, Schipper, Flot, Flot!
-
-Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen
-folgten die Störche und Reiher, als das reißende Wasser immer mehr vom
-Sand fraß. Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen
-fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei
-Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei
-Segeln.
-
-Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und
-ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen. »Gliek sünd wi flott,
-Harm!« rief er, »kiek mol, wat dat Woter kummt!« Seines Genossen
-Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden
-und er wagte es, wieder davon anzufangen, daß sie zu viel Sand
-eingeladen hätten, daß der Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut
-täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den
-Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie ein Stück
-des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.
-
-Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der großen
-Wasserfläche -- und schwamm doch nicht, sondern saß fest und rührte sich
-nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie
-wollten doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem
-Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein großer
-Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mühte.
-
-»Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,« jammerte sein Kamerad, »wi
-flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!« »Dat wür scheun!« sagte
-Klaus, »kumm hier, ward nix mokt!« Und er bemühte sich eifriger, den
-Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand,
-aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte
-es sich nicht. »Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,« scherzte
-er, als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, daß nur
-noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging
-hastiger mit dem Riemen zur Kehr. »Bang bün ik ober ne,« sagte er ...
-Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: »Wi buddelt af,
-wi versupt!« klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: »Hilpt uns, hilpt
-uns!« Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren
-noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß,
-wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst
-zurückgerudert.
-
-Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der
-Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!
-
-»Hilpt uns, hilpt uns!«
-
-»Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!« sagte
-Störtebeker barsch, »smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!«
-
-»U, ik bün jo so bang, Klaus!«
-
-»Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen bang! Smiet doch bloß
-mit ut, du Knappen!«
-
-Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen, aber er warf
-unverdrossen aus. »Mol schuben, Harm!« Sie stemmten sich, auf dem
-Dollbaum stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte
-das Fahrzeug sich jetzt. »Huroh, wi hebbt em,« rief Störtebeker, »noch
-en lütj betjen, denn geiht de Reis los!« Er schaufelte emsig, denn die
-Reeling lag jetzt mit dem Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine
-kleine See in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem Eifer
-doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu retten, aber da kam die
-hohe, mächtige Dünung eines großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon
-bei Teufelsbrücke qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen Arbeit
-aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über den Nienstedter Fall
-gelaufen, fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit Wasser,
-wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war
-nichts mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, um das
-Wasser auszugießen: es war zu spät.
-
-»Wi versupt, wi versupt!«
-
-Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten.
-Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig, so auf dem Wasser zu
-stehen. Er tröstete Harm und sagte, er solle nicht bange sein; bis das
-Wasser ihnen an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und könnten
-sie holen; schade wäre es nur um den schönen Sand. Er guckte aber doch
-mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war
-still geblieben und die Segel kamen nur langsam näher. Als das Wasser
-ihnen bis über die Knie reichte, band er die Riemen an die Fangelleine
-und hieß Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn nicht
-umrisse.
-
-Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen,
-nachdem er versichert hatte, daß er nicht bange sei. Aber sie konnten
-wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der
-weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot ließ sich sehen.
-Immer höher stieg das Wasser, es reichte ihnen schon an die Hüften.
-Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker, er solle sich an ihm
-festhalten, damit er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie
-wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann
-noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und
-sich mit den Riemen treiben lassen. »De drägt uns as en Beesenbült,«
-sagte er zuversichtlich.
-
-»Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!«
-
-Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote
-kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen
-klammerte er sich an den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne
-mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das erste Boot: der
-Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus, um durch Rudern
-schnellere Fahrt zu machen.
-
-»Nu hol di fast,« sagte Störtebeker.
-
-Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie
-erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter Husteen, sie über den Setzbord
-zog.
-
-»Junge, du kannst wat moken,« sagte er zu Störtebeker, »wat meenst woll,
-wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch
-afsopen as son poor Rotten!«
-
-»Non, denn lot di man en Medallje geben,« antwortete Störtebeker und zog
-die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.
-
-»Nu büst doch mol bang wesen, wat?«
-
-»Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat
-schreest du denn nu noch?« wandte er sich an seinen Leidensgefährten,
-aber der antwortete nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte
-an die Schläge, die zu Hause seiner warteten.
-
-Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem
-gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, es zu heben.
-
-»Segg den Düker man Bescheed,« sagte er am Neß zu dem Fischerjungen, als
-sie gelandet wurden.
-
-Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen
-bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh un
-Togels durt ne lang, und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel
-hingenommen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich
-zum Abendbrot hinsetzte: »Bang wesen bün ik ober doch keen betjen,
-Mudder!«
-
-Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn zu bergen. Störtebeker
-wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte,
-wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen.
-
-
-
-
- Neunter Stremel.
-
-
- »Der Allmächtige, der Herr der Götter,
- vor dem der Engel niederfällt,
- Gott redet donnernd aus dem Wetter
- und ruft voll Majestät der Welt!
- Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,
- der Wald ertönt, es bebt die Flur!
- Und Blitze sagens Blitzen wieder:
- Gott ist der Herrscher der Natur ...
-
-... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne
-Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht
-in Für un Flammen!«
-
-Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: »Lot mi doch slopen,
-Mudder, ik bün so meud!« Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit
-bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten
-Donnerschlägen ängstlich zusammen.
-
-Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer
-dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weißen Flecken auf
-der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun es Nacht
-geworden war, griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit
-Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken
-und der Donner rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall
-alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die Frauen sich
-erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und
-Bangnis bei dicht verhängten Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter
-sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem
-Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und
-Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird.
-Sie können weder vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und
-her; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie
-müssen sich über dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und naß
-wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind
-vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen
-mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt über sie: die
-nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin: aber bis es
-Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter.
-
-Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn
-die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch
-die Bäume und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte
-das Haus in seinen Grundfesten.
-
-Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die
-grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war
-bange vor Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere
-und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, damit sie
-wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge. Störtebeker blieb geruhig im
-Bett liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.
-
-Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender
-Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen haben!
-
-»Klaus, nu steihst du batz up!« Gesa lief in die Schlafkammer und holte
-den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drängte ihn
-in die Küche. Da konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz
-und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine
-Siebenmeilenstiefel her, damit er draußen waten könne, wenn es
-einschlüge, wie er sagte. Recht war es ihm nicht, er hätte lieber
-geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja
-morgen nicht zu den Jungen sagen: »Ik bün beliggen bleben!«
-
-»Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!«
-
-»Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is,« sagte der
-Junge in schläfrigem Ton, »lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht
-bit Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!«
-
-»Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du ok don, ne?«
-
-»Jo, dat is gewiß, Mudder!«
-
-»Wat en Slag!«
-
-»Junge jo,« sagte Klaus anerkennend, »dat wür en eulichen! Petrus hett
-alle Negen smeeten bit Kegeln!«
-
-»Junge, lot den droken Snack!«
-
-»Err -- hett Vadder ober seggt!«
-
-»Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.«
-
-»De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne
-Koi un slöppt!«
-
-»Dat gläuf man ne!«
-
-»Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang,
-Mudder?«
-
-»Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.«
-
-»Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang, Mudder!«
-
-»Wennt obers insleit, Klaus?«
-
-»Sleit ne in, Mudder!«
-
-Wieder knallte der Donner. »Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder
-noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: ji sünd beid veel to driest!«
-
-Du un dien Vadder -- das hörte Störtebeker am liebsten. ... Das Gewitter
-stand nun steil über ihnen und die Blitze jagten einander. »Nu hett dat
-inslogen! Nu hett dat gewiß inslogen,« rief Gesa bei jedem Knall, bis
-Störtebeker es zuviel wurde.
-
-»Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder woll all upfluckert
-wesen,« sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht
-hinaus. Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig
-in die Blitze: er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten.
-»Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de süht ut!
-Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen
-kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn Kugelblitz!«
-
-»Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van
-warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!«
-
-»An Vadder dink ik jümmerto.«
-
-Störtebeker wurde gesprächiger.
-
-»Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Körf vull. Un
-de vunnacht pöddert, de kriegt gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward
-all de Melk sur vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe drinken.«
-
-Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald
-hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte, verstärkte
-sich das Toben, der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die
-Scheiben.
-
-»Schullt woll all Flot wesen?« fragte Störtebeker und holte den
-Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: »Jo,
-is Flot! Gott Loff un Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de
-Wind dor woll achter!«
-
-Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Plötzlich sagte er,
-er wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zögen, stand auf und trat
-ungeachtet des mütterlichen Widerspruches aus der Tür, in den
-nachlassenden Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete eine
-große Pfütze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden, aber das
-Schlimmste schien überstanden zu sein, denn die grellsten Blitze glommen
-jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte
-nach der Elbe und sah zwei dunkle, große Segel unweit des Bollwerks: ein
-Ewer segelte vorbei. Da hörte er in einem donnerschwachen Augenblick,
-wie die Kette durch die Klüse rollte, scharf und deutlich!
-
-Da wußte er, daß es sein Vater war, und er rief, so laut er gröhlen
-konnte: »Höh, Vadder! Höh, Vadder!«
-
-Und vom Wasser antwortete es: »Höh, Störtebeker!«
-
-Er stürmte ins Haus: »Mudder, Mudder, Vadder is hier! He liggt hier
-afward! Kiek man bloß mol ut!«
-
-»Ist wohr, Klaus?«
-
-»Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett mi eben antert« --
-damit sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der
-Schürze über dem Kopf, da war er schon Gott weiß wie weit, da war er
-schon nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den glücklich
-geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen nach dem Ewer hinaus, dessen
-rote Seitenlaterne sein Kompaß war. »Vadder, ik komm all!« Die Reise
-dauerte einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden,
-dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die tief im Ölzeug
-steckten und deren Gesichter glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die
-Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die
-Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte
-Hand mit an, als sie das Boot vom Deck setzten! Was kümmerten ihn Regen
-und Blitz, was ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an
-Bord!
-
-Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich
-niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf
-war, konnten sie auch erst noch Kaffee trinken. Als sie abstießen,
-Störtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese
-schon einige Sterne: das Gewittergewölk saß über Hamburg. Der Regen
-hatte aufgehört. Im Reet piepten die Wasserküken, am Nienstedter Loch
-lärmten die jungen Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer.
-Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.
-
-Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa
-stand in der Tür, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie
-hatte keine Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien
-sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts
-als Regen gehört hatte, wie freute er sich!
-
-Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren, hielt er sie
-fest, zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden
-Linden in die Arme.
-
-Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte:
-da war das Ölzeug, das er gemacht hatte, da war eine Ölbüx, lang und
-weit genug, da war ein Ölrock mit großen, blanken Knöpfen, da war ein
-Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und noch klebend, aber
-Störtebeker probte es doch gleich an, damit er wußte, wie es paßte. Er
-zog die Hose mit dem Strick zu, ließ sich von dem Knecht die drang
-gehenden Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester vor dem Spiegel auf.
-Er zupfte und riß an dem Zeug herum, endlich aber war er fertig und ging
-vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge
-lobten ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte
-aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.
-
-»Schipper, wat ist, könnt wi nu anmunstern?« rief er übermütig und
-guckte um die Ecke. Sein Vater und seine Mutter ließen einander schnell
-los, denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen
-herein und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn lachen, als
-er so freiherrlich dastand.
-
-»So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt no See gohn!«
-
-»Jo, Störtebeker, nu ist so wiet -- nu kummst du mit no See!« sagte
-Klaus Mewes und sah Gesa groß und gewaltig an, daß sie fühlte, dagegen
-gäbe es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.
-
-Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.
-
-»Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? Hein Mück, du hest hürt?
-Ji hebbt alltohopen hürt: ik schall mit no See, ik schall mit no See,
-huroh!« rief der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich
-warm geworden war, und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter,
-grober Stimme: »Non denn so wißt: ich selbst bin Klaus Störtebeker!« --
-daß alle lachten.
-
-Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den
-Tag, darunter als Hauptstück die große Haverei. Kap Horn aber erhob den
-grauen Kopf und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn der
-Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die
-Sache vor ein Seeamt käme, erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner
-Umsicht und Ruhe. Anderseiner wäre dabei ertrunken, meinte Hein Mück, um
-auch etwas zu sagen.
-
-»Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht,« sagte Gesa, in deren
-Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, »denn nimm em hin! Goht hin un
-verdrinkt alltohopen!« Die Tränen kamen ihr. »Ochott, wat ist en
-Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weest ne, wat du
-deist, un dinkst noch mol an mi. Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di
-storben: ik starf jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen
-nehmen!«
-
-Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier: wo sie die
-Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt
-ging er in der Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und
-Störtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, daß sie immer wieder
-nicht mit konnte, daß sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur Sonne.
-Er dachte an seinen Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der
-verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Stürme und
-Unwetter -- und fand sein Leben doch groß und stark und schön, daß er
-sich kein andres wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen
-wollte: Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, sollten
-immerdar Fischer bleiben.
-
-»Gesa?«
-
-»Wat schall ik noch?«
-
-Sie war müde, körperlich und seelisch.
-
-»Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch?
-Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat weest du doch?«
-
-»Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?«
-
-Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin
-keine und werde niemals eine werden!
-
-»Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat, Diern? Goh mit an
-Burd! Man to! Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben!
-Man to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo mooi
-dat up See is!«
-
-Er faßte sie bei den Händen an, aber sie wich seinen Blicken aus und
-schüttkopfte. »Ik kannt ne, Klaus, gläuf mi dat! Mi groot all vör de
-Ilw, wat schull dat irst up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!«
-
-In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde
-zu wählen, und er wählte den Jungen.
-
- * * * * *
-
-Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn
-er Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Neß, sondern ging
-mit der ersten Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die
-Fischerei zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der
-Ausrüstung, als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war. Kap Horn,
-der Janmaat, war es zufrieden, daß sie schon abends fuhren, obgleich er
-dann eine Hochzeit versäumte, bei der er auf der Harmonika spielen
-sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter etwas
-taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen. Und Störtebeker? Das
-zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte dieser eine Tag schon zu lang und
-er hätte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker
-aufgehievt hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch
-etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden.
-Nur einem paßte der Kram nicht, dem guten Hein Mück, der auf einen
-Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte
-^plenty money^ in der Tasche und wollte den Bauernknechten mal
-preußische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde für
-allemann ausgeben, wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in
-der Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde
-wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der
-einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er
-sich mit Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!
-
-Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes
-auf die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog
-und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch
-wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt
-stehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstung des Fahrzeuges und suchte
-die Sachen für den Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer
-angeborenen Heiterkeit kam.
-
-Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was
-suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn
-Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine
-Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und Socken, wollene Jacken,
-Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher, Handschuhe und Taschentücher,
-Mützen und Hüte, Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen
-auf der Diele in der Reihe, rein gefährlich anzusehen! Gesa ging dabei
-nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, der da hieß: Upt Woter ist jümmer
-kold -- und kehrte alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und
-Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles gehörte dazu.
-
-Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen
-Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten
-an, indem er sie von der Leine schnitt.
-
-Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen auf den Schauerboden,
-die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den
-Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord
-haben, auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie
-hätten für die Munkis kein Futter und Kluß könne sich ja doch nicht mit
-Seemann vertragen. Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder
-über die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu
-sagen: »Du hest mi ober sülben seggt, wat ji up grote Scheep Swien un
-Kninken an Burd hatt hebbt.« »Jo, op grote Scheep,« sagte Kap Horn, »das
-is ok wat anners!«
-
-»So? Fischereber is ok en grot Schipp,« rief Störtebeker patzig.
-
-Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot
-und Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und
-Kaffee. Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam
-vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde
-von allen Seiten gefragt, ob er nun mit an Bord komme. Und wenn er
-bejaht hatte, dann sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden,
-solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über Bord
-falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den Alten: »Sien Vadder is
-verrückt: wat schall dat Gör all up See?«
-
-Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. »Wat schall
-dat denn?« fragte Störtebeker verwundert. »Och, nehm man mit! Is god för
-de Fohrt!« »Neem to?« »Kumm, dat segg ik di int Uhr,« raunte der Krämer
-und flüsterte: »Dor bindst du di de Been mit to, Störtebeker: du deist
-de Büx jo doch vull, wenn ji up See sünd.«
-
-Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm könne
-sowas nicht passieren.
-
-Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die
-Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Störtebeker mißtraute der Sache, er
-fürchtete, daß sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht
-alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er
-schließlich die Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise
-seines Vaters Strümpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die
-Decke mit dem Gedanken: Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst!
-
-Der andre Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen
-Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle
-Brote und Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer sicher an
-Bord. Es war zu verwundern, daß er sich nicht in Brand lief.
-
-Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an Bord mußten. Der
-Abschied nahte. Gesa mußte ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es
-scheinbar ruhig! Er sprang vor Freude, daß es nun wirklich und
-dreihaftig losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm
-verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden, nicht zu
-weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die Wanten zu klettern, sich
-nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu bleiben. Er hätte
-in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er
-zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der in
-der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küßte, bis
-sie sich ihm verwirrt entzog.
-
-Der Kahn mußte mit, Störtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm
-damit durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der
-leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte
-ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen.
-
-Adjüst! Adjüst! Adjüst!
-
-Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und
-bellte nach Gesa hinüber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er
-Adjüst sagen wolle.
-
-Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flügel, der
-Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann
-schwoite das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, -- langsam zog es
-davon und segelte in einem großen Gange westwärts. Gesa winkte nochmal,
-Klaus Mewes und Störtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte
-Kap Horn schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und
-spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang es nach dem
-Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch so wehmütig, daß sie, die sich
-bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und weinen mußte.
-
-So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei
-Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und
-dem Gebell von Seemann.
-
-Fahr wohl, Störtebeker!
-
-
-
-
- Zehnter Stremel.
-
-
-Nun wölbt euch, große, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt,
-ihr Schoten, tanz, Flögel! Du Wind mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du
-Wasser mußt blinken, auf daß die _Freude_ in Klaus Störtebekers Herz
-komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein Fahrensmann werde!
-Daß er sich dem Kampf mit der See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem
-Kampf mit Rom, daß er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater etwa
-vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen Landmann aus ihm zu
-machen gedächte!
-
-Denn ^navigare necesse est^ -- Seefahrt ist not, und bitter not ist es,
-daß das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe!
-
- * * * * *
-
-Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen. Hinter dem Schweinesand,
-dwars von Wittenbergen, füllten sie das Wasserfaß mit frischem
-Elbwasser, wobei Störtebeker fleißig half, denn er konnte auch schon
-eine Pütze tragen. Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen
-gehabt, nun setzten sie noch den großen Klüver, das Toppsegel und den
-Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann nahmen sie das Boot aus
-dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch
-Störtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter den
-Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen
-Schappen. Es gab Enden aufzuschießen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu
-schruppen und zu dweilen.
-
-Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln,
-bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache
-bekommen sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte
-vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente
-die Fock, wenn der Ewer über Stag ging. Störtebeker saß auf den Luken.
-Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief.
-
-Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam,
-daß er sich immer wieder wundern mußte. »Dat reckt bit inne Wulken,
-Vadder,« sagte er, »uns Karkturn is nix dorgegen.«
-
-»Ree,« rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht
-hatten, und warf das Ruder hinum, daß der Ewer gewaltig aufluvte und in
-den Wind schoß. Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig
-schlagende, rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber
-drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel schüttelte
-sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblöcken, daß das Deck
-erzitterte, dann aber war der Ewer herum, die Segel fielen von der
-andern Seite voll und der neue Streek begann. »Gohn!« scholl es über
-Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt, daß die
-Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.
-
-So ging es die ganze Tide.
-
-Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter
-Segeln, aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich
-nicht überholen. So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden
-Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die
-Tonnen und Feuertürme, die Deiche und Kirchtürme, er erklärte ihm
-Flaggen und Segel, er zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes,
-die Berghäuser von Blankenese (»dat de dor ne dolpurzelt!« sagte der
-Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand mit den
-Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen, die roten
-Dächer von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen
-Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem
-Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen mit einem
-löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme von Stade.
-
-Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm
-doch der große Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die
-Seen schoß und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand,
-darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er
-mitunter von der Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien
-es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in
-der Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus.
-
-Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem
-Sinn, denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte: »Hest ok all Heimweh?«
-da guckte Störtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht
-verstanden hätte. Auch als sein Vater einmal meinte: »Muchst ok all
-wedder no Hus hin, no Mudder?« -- da schüttelte er nur den Kopf wie im
-Traum und blickte nach den Segeln hinauf.
-
-»Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill af, denn büst morgen
-wedder annen Diek!« setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der
-Junge nach dem Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von
-solchem Schnack nichts wissen wollte.
-
-Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und
-schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker
-zu gehen. Das war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen,
-steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte. Als sie
-nachher noch mal überguckten, Störtebeker und sein Vater, sahen sie, daß
-sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden
-Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten
-Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander.
-Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken umlagert wie von Alpen
-und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.
-
-Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließen sich von den
-gluckenden und klopfenden Seen solange etwas erzählen, bis sie es nicht
-mehr hören konnten.
-
-»Büst ok all bang, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes, schon halb im
-Traum, aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon.
-
-Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte.
-
- * * * * *
-
-Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus
-Mewes: »Seilen!« und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel
-anzuziehen. Knecht und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten
-mit kleinen Augen nach ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen bleiben
-wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedreht hatte, aber er stand
-doch mit auf und half beim Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock
-mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken, denn es
-war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das Großsegel stieg
-auf, die Besan folgte, dann der große Klüver. Auch auf den andern
-Fahrzeugen regte es sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl
-der Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde
-herüber, die Gaffeln knarrten und die Schoten hauten.
-
-Der Wind war südlich gelaufen, sodaß sie dalsegeln konnten, schier
-dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll
-und der Ewer, ein großer, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach
-dem Fahrwasser zurück.
-
-Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes
-wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse
-hätte. Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompaß
-und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den
-alten Knecht, keine Haverei zu machen, und ging mit seinem Vater wieder
-zu Koje. Er zog aber die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht
-an ihn, denn er zitterte vor Kälte.
-
-Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel
-Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, daß er
-aufgestanden war, ohne ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon
-gekommen wären: da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes graugrünes,
-schmutziges Wasser und lief, was er konnte. »Vadder, neem sünd wi all?«
-»To Freeborg, Störtebeker,« rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von
-Freiburg an der Elbe.
-
-»Neem is de See denn?«
-
-»Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!«
-
-»Ne, dat gläuf ik ne,« rief Störtebeker, aber Hein Mück sprang wie ein
-Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Pütze voll Wasser auf
-und hieß ihn kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser
-war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der
-Geschmack änderte sich nicht. Wie das angehen könne, rief er
-kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen! Daß Fische darin leben
-könnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch
-geheimnisvoller für ihn.
-
-Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver und Toppsegel
-weggenommen werden mußten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen
-bukt voll Wind und die groben Seen spritzten schon einmal über Deck,
-wenn der Ewer tauchte. Am Heben standen »Ziegenhaare«, zerzauste
-Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten.
-
-Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes, der
-vergnügt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dänenzeit war es, den er
-beim Wickel hatte, vererbt vom Großvater her:
-
- »Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,
- kridderwidderwitt, den deen ik ne!
- Den sien Lohn is mi to wenig,
- Pillkantüffeln mag ik ne!«
-
-Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die
-Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was
-sollte ihm da die See tun können?
-
-Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch
-zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus
-und übernahm das Ruder, während die andern sich die Klütjen und Plummen
-schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie soweit, daß
-Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte, denn im Norden trat das
-Ufer zurück, dort blinkte die See, die See, nach der er sich am Deich
-gesehnt hatte, der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit
-vermacht wäre.
-
-Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß und sagte: ja, er könne
-sie sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine
-große Enttäuschung für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge,
-zu sagen: »Dat is ok jo wieder nix as Woter!« -- aber er verbiß es, denn
-er dachte: Erst ganz hin sein!
-
-»Vadder, neem fischt wi nu?«
-
-»Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gorne
-sehn!«
-
-Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch anders kommen, wenn
-es mehr sein sollte als die Elbe.
-
-Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen Kanonenschlünden, die
-die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, das an seinen Ketten riß, die
-Türme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm,
-die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff, eine
-Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen
-Hafen, die großen Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich
-standen, das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den Bäumen
-guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter dem Ewer auftauchte, und
-drei Masten, die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten.
-
-Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See
-größer werden sah, als er wahrnahm, daß der Ewer ungestümer auf und ab
-tauchte und sich schräger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und
-ließ sich nichts merken.
-
-Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit dem flagigen, starken
-Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine
-breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel
-ohne Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die
-See und auf den Watten räucherte die Brandung. Mit breiten, langen
-Kämmen kam die Flut ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas
-über sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr
-aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der großen Frau der
-Elbmündung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch längst
-geblieben ist, -- und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N.
-z. W.
-
-Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte Regen und jagte
-die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker mußte hinein. Als sein Vater
-ihm den Rock zuknöpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das
-Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, als hätte er
-nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der
-Seekrankheit zu drohen und Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn
-am ersten davor zu bewahren.
-
-Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte, daß
-Störtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt
-hätte.
-
-Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da
-vergaß der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter, er holte sich
-den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer für Ewer: er las die
-Nummern und ließ sich die Schiffer dazu sagen.
-
-»94, Vadder?« »Jakob Fock, dat weest du doch!« »138?« »Jakob Mees.« »3?«
-»Friedrichson van de Au, de Störnfischer.« »107?« »Ornd Fock!« Er lernte
-erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder und die Möwen
-flogen um die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er
-aussetzte. Von da an kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und
-Feuerschiffe, Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der
-Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten, und war
-gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie noch einen ganzen Tag zu segeln
-hätten.
-
-Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach
-dem Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein
-nachbarliches Gespräch wie am Deich und schloß mit einem
-Gedankenaustausch über das Wetter.
-
-Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot
-nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg, daß
-Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand
-ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Düsigkeit im
-Kopf nahm immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er
-nicht wieder los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank wurde
-und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das
-nicht, nur das nicht!
-
-Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mück,
-daß sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die
-Zähne zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig
-und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine
-Pfoten ableckte, während er es kaum noch aushalten konnte.
-
-Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen großen Hering in der
-Kehle stecken hat, so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig
-dümpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.
-
-Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier schon seekrank würde,
-sei ein Schietinnebüx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge
-erst beim ersten Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich
-noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden.
-Sie lachten ihn aus, das war gewiß! Wenn er doch mit seinem Vater allein
-auf Deck wäre!
-
-Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts
-geholfen! Junge, Junge, Junge, was für ein Zustand! Er wollte und wollte
-sich aber vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht
-geben!
-
-Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen
-mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wäre über Bord
-gefallen, aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der
-Seefischer ging nach vorn -- da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt
-unter den Duchten und erbrach heftig. Hein Mück steckte einen Grientje
-auf und wollte etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn
-schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren --
-schließlich, als das Spucken nachließ, legte er ihm die Hand auf die
-Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf -- kreidebleich im
-Gesicht! -- Dann lächelte er unter Tränen und sagte: »Nu lach mi man fix
-wat ut, Vadder, wat ik seekrank bün!« Urch -- da ging es wieder los:
-Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann
-bekamen etwas ab. Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am
-Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem Albatros, der auf Deck
-sei, und Hein Mück lachte, weil sie ihn die ersten Reisen auch
-ausgelacht hatten. Störtebeker lachte auch mit, wenn auch verzerrten
-Gesichts, dann aber mußte er sich geben. »Gliek ist all rut,« tröstete
-er, »denn wardt beter!« Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer
-ärger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und
-lag dann regungslos auf der Ducht.
-
-»Bang bün ik ober ne, Vadder,« sagte er matt, »bloß seekrank!«
-
-»Schall ik di wedder an Land setten?«
-
-Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn
-er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte sein Vater ihn mit einem
-alten Segel zu und ließ ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war
-als die Luft in der Koje.
-
-Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise
-und an seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt
-wurde er etwas seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder
-nach See kam -- wie viele alte Fahrensleute.
-
-Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu. Es wurde stur.
-
-Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die
-meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte
-Mützen aufgesetzt. Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney
-und Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel
-nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im
-Norden blinkte.
-
-Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und rollte, während die
-düstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und
-der dunkle Felsen stieg immer höher aus der See.
-
-Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land, d.
-h. zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind
-nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein
-konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite Anker aus,
-dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn
-nach unten -- und weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in
-die Koje.
-
-Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er eine nasse Hansch in
-den Nacken. »Wi sünd ok mol seekrank worden,« sagte Klaus Mewes, »dorüm
-kann he doch en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.«
-
-Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste
-wie nichts Gutes hinter Helgoland.
-
- * * * * *
-
-In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch
-nicht nach Aufklaren aus. Draußen stand eine hohe See, so daß an Fischen
-nicht zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.
-
-Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze
-Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück saß auf der Treppe und schälte
-Kartoffeln, Kap Horn war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf
-der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knüttete
-an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten Tisch stand noch der
-Morgenkaffee.
-
-»Vadder, neem sünd wi?«
-
-»Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne
-fischen könnt.«
-
-»To Anker, Vadder?«
-
-»Jo, Störtebeker!«
-
-Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einem Mal
-so sauste und warum die ganze Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm
-seine Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie
-nicht wiederkommen sollte.
-
-»Blief man giern liggen,« sagte sein Vater mit verstelltem Ernst,
-während er geruhig knüttete, »wenn dat noher stiller is, sett ik di an
-Land, denn fohrst du mitten Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix
-för di, wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten magst du
-ok nix, dat kann jo ne god gohn.«
-
-Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann,
-der ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: »Nu weut
-wi mol sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!« Als er die Reihe der
-Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six
-gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm ankerte, ging er wieder
-unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und knüttete weiter, als wenn
-nichts geschehen wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das
-Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte.
-
-Denn siehe -- Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich
-angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der
-Muck. Noch mehr: er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war,
-es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch
-nicht gleich gelang, so war sein Wille doch nicht daran schuld. Tapfer
-aß und trank er, obgleich der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen
-und zu tanzen begannen.
-
-»Smeckt all wedder, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes nach einer Weile.
-
-»Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit dör!«
-
-»Dat segg man nich to hart,« rief der Knecht von der Diele.
-
-»Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! Un no Hus will
-ik ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!«
-
-»Non!« sagte sein Vater, »denn ist god!« Und erging sich mit ihm an
-Deck, damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die
-Teer- und Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand.
-
-Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland und das Oberland, die
-große Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die großen rotgrauen
-Felsen, die starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs,
-auf dem die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines
-Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon wieder
-Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt fühlte: sein Vater ließ
-ihn pumpen und das Boot schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und
-sich nicht wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig
-verjagt werden.
-
-Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer, wenn auch nicht so
-viel als sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen
-und seine Augen glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.
-
-Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, er wolle an Land: wer
-mitginge? Störtebeker war dabei. Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte
-ab: er wollte ein bißchen voraus schlafen.
-
-»Up Hilchland ist fein, Hein Mück.«
-
-»Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,« sagte Hein Mück aber und zog
-die Stiefel aus, um einen Stremel zu verträumen. Kap Horn, der gern
-mitgegangen wäre, mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben.
-
-Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, denn es stand
-noch eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und
-raumer gelaufen war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie
-Wasser über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an, aber
-er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit nicht an sich
-heran.
-
-An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest
-und betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald
-schier. Klaus Mewes sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte,
-und der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte etwas, was
-Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wäre Englisch.
-Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die
-kleinen, kleinen Ewer und Kutter.
-
-»U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi Hus!« rief Störtebeker.
-Er bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden
-Felsen mit dem grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die
-schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann
-schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegäste die Kartoffelallee
-getauft haben, und blickten von der Nordklippe des Eilandes weit und
-breit über die graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen stand
-ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber
-brandete die See in dumpfem Grollen.
-
-Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den
-Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweißen isländischen
-Gesellen, in großen Scharen saßen. Andre flogen hin und her und
-krächzten.
-
-Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb
-einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland
-und wriggten nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über
-die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich: »Worüm
-hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann to?« »Worum?« lachte Kap Horn.
-»Worum heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un
-Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud
-weurn.«
-
-Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu
-Rate, dann aber rief er munter: »Seilen!« und warf seine Kurre mit einem
-großen Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder
-in ihr Recht und alle stürzten an Deck.
-
-Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten
-aus dem Helgoländer Loch. Draußen kamen sie in leege Wall und trafen
-eine so hohe See und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber
-weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und
-dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen
-südwestlichen Kurs nach Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an
-seinem Ruder aus.
-
-Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn
-der Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum
-Brechen kam er nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte,
-nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die
-Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die Wache und Störtebeker ging mit
-seinem Vater zu Koje, hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden
-war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und lobte ihn.
-
-Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle
-angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte.
-Dwars von Juist klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer
-geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus und setzten die
-Kurre aus, nachdem sie den Ewer in den Wind gebracht hatten. Kurrbaum
-und Kugeln, Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann
-ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser,
-mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben
-aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker
-war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle
-Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die
-Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen wäre, trat Seemann auf den
-Schwanz, daß er klagend schrie, und steckte sich überall dazwischen.
-
-Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier
-Männer bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und
-Knecht gingen in die Puk.
-
-Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Roß mit dem
-Pflug, und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden
-aus der See guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle
-sie jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord
-und machte sich Gedanken darüber: als Hein Mück, der Wachmann, aber
-anfing, sich über ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und
-verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen.
-
-»Intehn! Intehn!« Der Ruf, der Tote auferwecken und Kranke zum Aufstehen
-bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet
-hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei,
-drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dünen
-die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallen
-gelassen hatten.
-
-Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des
-Netzes! »Hiev, hiev!« Wie oft mußte Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er
-sich beim Abstoppen abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der
-Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten saß.
-Dann beugten sie sich über Bord und zogen die Kurre mit den Händen über
-die Reling.
-
-Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich
-zu Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Möwen war
-Störtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und
-rief: »U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all
-wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een --
-den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!«
-
-Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert,
-der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so groß und schwer,
-daß sie ihn nicht über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn
-deshalb in die Talje nehmen.
-
-Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und
-anderm Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das
-Steerttau los und sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und
-quuks-quaks stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.
-
-Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: Störtebeker aber kam
-gänzlich aus der Tüte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das
-war doch noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn
-die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und
-spaddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da
-schnappten die roten Petermännchen nach Wasser, da knurrten die
-Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und
-Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein
-zerbrochener Topf und ein großer Stein.
-
-Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach
-der Größe gesondert, und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie
-kamen auf 8 Stiege großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker
-mußte den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, die
-Taschen packte Hein Mück, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehörte,
-in einen Hummerkasten. Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne
-bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht
-frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake
-gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und
-setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel
-ab und nahm seeseitigen Kurs.
-
-Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos, wie sie erschienen
-waren, verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.
-
-Der erste Streek war getan.
-
- * * * * *
-
-Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie
-taten kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische,
-die lebendig an den Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu
-sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje
-und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei
-Gewalt über die Fischer: das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann
-durchführen, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter
-wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn der Bünn voll war
-oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.
-
-Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stückchen
-wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, so läßt er keinen Streek
-aus und fischt tags und nachts, Sonntags und Alltags.
-
-Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen
-leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten
-ja! »Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spoß!« versicherte er immer
-wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von
-dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes
-Stück Schwarzbrots aus dem Schapp und aß es, er trank Kaffee dazu und
-war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht
-bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein.
-
-Wie im Fluge verging die Zeit.
-
-»Is so wiet,« sagte Klaus Mewes, »nu rop jüm man!«
-
-Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp
-zurück, kletterte die Treppe hinab und gröhlte, so laut er konnte: »Kap
-Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!«
-
-»Jo,« brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch
-die Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn
-aber schwang sich auf die Bank und schalt: »Wat is dat egentlich forn
-Snack von wegen opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst woll, du büst hier
-bin Buern, wat? Weest du nich, dat an Bord allens _utsungen_ warrn mutt?
-Paß mol op: so heet dat:
-
- »Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,
- reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!
- De een von jo sallt Ror verfangen,
- reis ut, Quarteer, de Wacht is don,
- acht Glosen sünd slon!
- Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!«
-
-»Junge, dat is jo en ganzen Gesang,« rief Störtebeker, »den kannk ne
-beholen!« Dann aber rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder
-eingedusselt war: »Schall ik irst mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di
-ne seggt, du schullst upstohn?«
-
-»Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam
-flügst,« drohte der Junge mürrisch und erhob sich.
-
-Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle
-drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen
-lassen, die Fock war schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder
-über den Masten.
-
-Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer
-als vorher, daß Störtebeker rief, da säßen gewiß hundert Stiege Schollen
-drin. Ihr Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der
-Gedanken an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre einzogt?
-Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr
-zutage gehoben hattet: kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder,
-daß es auch einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste gesät
-hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber der Fischer, der nicht
-sät (Sehet die Fischer an: sie säen nicht und ernten doch, hatte Pastor
-Evers gepredigt), für den ein andrer die Saat bestellt, der immer
-unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann der alles
-ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein
-Fischer wird es einmal finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes,
-Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem
-armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und
-sie ist es, die Fischer werben wird, so lange die See nicht zugeschüttet
-ist.
-
-Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine
-Weile überlassen, denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich
-diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden.
-Diesmal riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn er wußte
-jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich wenig darum, daß er naß wurde.
-Sogar Seemann half: er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter
-großem Geknurr.
-
-Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das
-Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen!
-Zum Glück waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in
-den Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: Klaus Mewes
-wollte ihn hier nicht über Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer
-Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen
-Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden
-konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, als die
-Sonne ihn abgetrocknet hatte.
-
-Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder
-schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und
-Aufhängen der Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte
-Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte
-ihm Geschichten von der großen Fahrt, die noch all seine Gedanken
-füllte, wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte,
-Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrüchen und
-Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten
-Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und dem Sargassomeer
-bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch
-die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die war so:
-als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen
-Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und
-konnten es nicht, denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie
-Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. Als Hans aber
-angelaufen kam und gerade anfangen wollte, zu arbeiten -- in die Hände
-hatte er schon dreimal gespuckt! --, wat meent ji woll: mit einem Mal
-taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der See auf, steckt den
-Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans Fink holt geruhig sein
-Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das er noch heute
-hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich vom Smutje
-Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht
-nicht einen Tropfen Wasser mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen,
-bloß, weil Hans Fink so schlau gewesen war.
-
-Gotts den Dünner -- was für eine Geschichte. »Minsch, wat kannt angohn,«
-rief Störtebeker verdutzt, »wo grot is dat Leck denn wesen?« »Och so as
-mien Arm dick is!« »Son dicke Ool gifft ober ne!« Kap Horn ließ sich
-aber nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal gewesen! »Veel
-Pund schull de woll wogen hebben?« »Dor mutt ik um legen, Störtebeker:
-Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!« Der Junge
-konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall hinwegkommen und
-trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: »Jä, nu segg mi ober
-mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch
-butenburds?« Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst
-wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu
-finden: zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung,
-indem er tiefsinnig erklärte: »Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn
-ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em öber den Krom
-snacken.«
-
-Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während sie stetig
-fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, daß viele
-darüber fielen und viele es für einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal
-erlebte Jan Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der
-beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen darüber gebreitet hatte. Ein
-andermal steckte der große Karsten Külper es im Vorbeigehen in die
-Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es
-heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und
-Bierseidel mit den Worten: »Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek
-funnen hebb!« Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der
-Tür
-
- Jan Wurt,
- Elbfischer.
-
-und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und
-ehe der große Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte,
-ging die Tür des kleinen Hauses auf und Jan guckte heraus. Die
-Groggläser und den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins bei
-ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die Musikanten konnten nicht weiter
-spielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er
-gröhlen und schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und wäre am
-liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er mußte
-das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern,
-hochhellichten Tag mußte er den Deich entlang und mußte Abbitte vor Jan
-Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ...
-
-Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus
-umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte
-ihn den Kompaß nach der Weise:
-
- West zum Norden, Westnordwest,
- unsre Freundschaft stehet fest;
- Süd zum Osten, Südsüdost,
- deine Liebe ist mein Trost! ...
-
-Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache
-er die Fische bange, dafür aber machte er ihm eine Angel für Makrelen
-und Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie
-hinteraus. Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte, so oft
-Störtebeker auch aufzog.
-
-Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, als wenn sie sagen
-wollten: Man to, wi sünd all hungerig!
-
-Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser
-Streek brachte nur fünf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor
-sie wieder aussetzten. Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber tat
-auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, er ließ sich von ihm
-im Steuern unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch
-betätigen, die Klöße rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte.
-Das war etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie
-paßte er auf, daß kein Segel an zu klappern fing, daß sie immer voll
-standen, daß er nicht aus dem gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See
-ab, daß er keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn sehen müssen!
-
-Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über Ostermoonen und
-Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und
-andre Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben
-und beschwögten Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die drei großen
-Feste, die nun bald kamen.
-
-Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach
-dem Mittagessen -- gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches! -- an Deck
-gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen
-gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das Fischen
-aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin
-und her, wie in schweren Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten
-schlugen mit den Blöcken.
-
-Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes
-machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose
-Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung
-und der Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der
-Maus. Störtebeker wunderte sich sehr über diese unruhige See und diesen
-tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft.
-
-Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den Luken, der dritte
-lief an Deck auf und ab: sie wußten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh
-waren sie aus der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie
-nach dem Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das
-Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. Zuletzt schleppte er die
-angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es heiß, und knüttete in
-großer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber
-auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige Taschen, die dieser
-unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen aufklopfte und
-verzehrte.
-
-»Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,« rief Kap Horn, aber
-Störtebeker lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Großmutter man
-tun lassen. Dagegen hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der
-Kimmung.
-
-Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen
-Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom
-Ewer; mit einem Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk
-auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei
-eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht,
-denn was er für Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tümmler, die
-träge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und
-untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr auf, mitunter
-erschien auch der Kopf eines Seehundes. Ließ sich aber einmal einer
-einfallen, zu schreien, dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem
-Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete!
-Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber lachen.
-
-Es blieb die ganze Nacht todstill -- erst gegen Morgen kräuselte sich
-die Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.
-
-So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden,
-oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog
-hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: »Utscheiden!« Sie
-hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen, sie hatten die
-Reise!
-
-Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach
-der Weser. Störtebeker sollte es bestimmen: er war natürlich für die
-Weser, denn dort gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser
-wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl
-aber auf der Elbe.
-
-Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte
-kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte:
-vergessen waren Krähe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig
-mit Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in
-der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.
-
-Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam
-Störtebeker zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei
-Jahre vorher errichteten Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere
-stehenden rotweißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal gezeigt
-worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl ebenso spurlos im Meere
-verschwinden wie sein Vorgänger, weil er auf Sand gebaut sei und nicht
-auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte: einerlei,
-Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen. Störtebeker wunderte
-sich am meisten über das Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser
-hing. Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.
-
-Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten den andern Morgen ihre
-Schollen. Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los, denn sie waren
-nur zu fünfen, und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht zu
-viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den
-Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil machte, der mit seiner Glocke und
-mit seiner rostigen, durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen
-abklopfen mußte.
-
-Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem
-Störtebeker ein großes Verlangen hatte, dann Büffelfleisch und Zucker
-aus dem Freilager, und gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß
-bekam nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen kurzen
-Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönß schrieb, während
-Störtebeker sich von Marta und Mieze, den Töchtern des Fischerwirtes,
-denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten
-ließ.
-
-Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem Brief, den der
-Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er
-schon nichts mehr davon, er habe große Lust zu der Fischerei und sei
-immer vergnügt, Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen. Heute
-abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald mit Schollen nach der
-Elbe. Störtebeker ließe ihr noch sagen, sie solle die Krähe und die
-Kaninchen nicht vergessen.
-
-Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den
-Fingern gesogen, denn Störtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf.
-Er wollte Bremerhaven sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf den
-weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie mußten an
-Bord und nach See.
-
-Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu
-Geestemünde: da wehte es zwei Tage und da bekam Störtebeker alles zu
-sehen, was er sehen wollte.
-
-
-
-
- Elfter Stremel.
-
-
- Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
- Kämpfer einst Karls in der Schlacht;
- Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,
- jetzo wie einst noch steht er und wacht!
-
-H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., 28 Registertonnen
-groß, geführt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der
-Schlachte mit lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser
-gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher blickten
-überlegen auf ihn herab, denn sie standen schon zweihundert Jahre und
-hatten Güter aller Zonen unter ihren Dächern. Auf der Kaje standen die
-Bremer Jungen und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie
-Störtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit Steinen
-nach ihm zu werfen, da rief er: »Ji verdreihten Zigarrenmokers!« (das
-hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), zog seine Seestiefel aus und ging
-ihnen mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht
-ergriffen.
-
-Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und Arbeitsleute waren
-minder stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die
-Jugend: sie kamen mit Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen
-die Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu
-nehmen wußte, war den Fang bald los, zumal er ganz allein an der
-Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach Bremen hielt die andern
-Ewer fern.
-
-Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf um die Scholle
-entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche
-klirrend zuguckte, bis er sagte: »Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de
-Luken to!« Dann zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken
-und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen Wind- und
-Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen ließ.
-
-Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und der Kleine und Kap Horn
-sich landfein und wiesen einander Bremen. Zunächst steuerten sie wie
-alle Fremden nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue
-Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige, verwitterte Rathaus
-und das hohe, steife Standbild, die Rolandssäule. Störtebeker gefiel von
-all diesen Bauwerken eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen Türmen:
-das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll von Grünspan; das könnten
-sie auch mal abschruppen, meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war
-ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn er nicht
-bis fünf zählen könne, lachte er.
-
-Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi
-vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen Dom traten, mit den leuchtenden
-Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen
-Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; -- denn da gingen sie
-unhörbar auf weichen Teppichen und alles war so still und so feierlich,
-wie es den Morgen gewesen war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten
-und das Läuten der Glocken zu hören gewesen war. »Hier in Bremen hett de
-lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,« flüsterte er seinem Vater
-zu, der leise lachen mußte.
-
-Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen
-und in dem die Särge reihenweise stehen. Schwedische Gräfinnen,
-englische Majore, bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in
-offenen Steinsärgen und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. Um
-die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen, hingen auch frische
-Ratten, Hühner und andres Getier an den Pfeilern. Die trockne Luft des
-Raumes benahm den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht
-lange im Schnack aufhielten.
-
-Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er könne den bösen
-Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. »De mütt dolspeult
-warrn,« sagte Klaus, »lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller
-is jo bi de Hand!«
-
-»Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat for de Groten, for
-Reeders un Käppens, dor gifft bloß Wien, Minsch!« rief der Janmaat, aber
-Klaus Mewes nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff
-und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein.
-
-»Een van de Groten bün ik ok,« sagte er stolz, »ik bün Reeder un Käppen
-un Wien mag ik ok un up de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm,
-Störtebeker!«
-
-Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich
-mitten zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit.
-
-»Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker gohn,« lachte Klaus,
-»büst ok bang, Störtebeker?«
-
-»Ne, bang bün ik ne, Vadder.«
-
-Mißtrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan vom Moor konnten
-wohl nur versehentlich die Treppe herunter gefallen sein, die wollten
-gewiß zu Heini Holtentüffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als
-Klaus Mewes, der es merkte, ihn groß und frei ansah und mit lauter
-Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler den Buddel und ein Glas
-süßen Weins für den Jungen bestellte. Da nickte er höflich und brachte
-das Verlangte.
-
-Es schien allgemein aufzufallen, entweder, daß der Finkenwärder so laut
-oder daß er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die
-bedächtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes ließ sich
-dadurch in keiner Weise stören. Er rief den Kellner und sie ließen sich
-durch alle Räume führen: sie sahen die Rose an der Decke, die ein
-italienischer Maler gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen
-konnte, sie sahen Fässer, die so groß waren wie ein kleines Haus, sie
-kamen durch den Apostelkeller, in dem zwölf nach den Jüngern benannte
-Fässer lagen, von denen der Judas sauer war, sie hörten von Wein, von
-dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete.
-
-Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht. Die
-Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker noch durchaus sehen wollte,
-waren nicht auszumachen, so gingen sie durch die Langenstraße an dem
-schnörkelgesegneten Essighaus vorüber nach dem Ewer zurück.
-
-Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends unternahm, um sich
-etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen,
-daß er allerhand Havereien machte und schließlich von einem Schutzmann
-an Bord gebracht werden mußte. Als er da noch weisen Wind hatte und sich
-nicht geben wollte, goß Klaus Mewes ihm einfach eine Pütze Weserwassers
-über den Kopf, um den großen Brand zu löschen.
-
- * * * * *
-
-Keine Luft von keiner Seite ...
-
-Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer in
-totenstiller Luft auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon
-keinen Wind mehr gehabt; zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt,
-nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie es osterselten
-vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei, hängt die Kurre am Mast,
-ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das
-Deck nieder, das so heiß ist, daß sie Schollen darauf braten könnten und
-daß das Pech in den Nähten weich ist. Von den Wanten leckt der Teer.
-
-Plackendotstill ist es, wie Störtebeker, der munterste an Bord, immer
-wieder versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die
-Strömung zu erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das
-große Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe läßt
-sich sehen.
-
-Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück Segeltuches und
-schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfaß und
-liest in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor
-mitgegeben hat, bis er dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil
-erwählt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im Bünn, bis an den
-Hals im Seewasser.
-
-Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter
-Löwe und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen -- das
-sagt alles.
-
-Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Lesen? -- Son Schiet! -- Knütten?
--- Son Snarrkrom! -- Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln,
-kreuzen, denn sie müssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm der
-Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann
-war der Fang schlecht gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun
-kam ihm noch die Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem
-Wetterglas und starrte es an, als wenn es an allem schuld wäre mit
-seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr schön -- ^very dry^.
-Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht -- verdreiht! lesen.
-
-Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem Heben, als wolle er
-Löcher hineingucken. Dabei hörte er das Spalken und Plätschern im Bünn.
-Erst wollte er Hein die Leviten lesen, daß der die paar Schollen im Bünn
-noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf
-der Achterplicht aus, setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in
-Berserkerwut über Deck nach dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und
-sprang mit Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam prustend
-wie ein Seehund wieder an die Oberfläche.
-
-»Kiek mol ober, Kap Horn,« rief Hein Mück, »ik gläuf, Klaus hetten
-Sünnenstich kregen!«
-
-Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: da schwamm sein
-Schiffer kräftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte
-und rief: »So ist mooi, Kap Horn!«
-
-Seemann aber stand mit den Vorderfüßen auf dem Setzbord und bellte und
-Störtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen.
-
-»Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne
-Been,« warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und
-warf ihn über Bord, auch fierte er einen Riemen längseit, damit der
-Schwimmer einen Halt hätte, wenn er dessen bedürfte. Schließlich setzte
-er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in
-die Nähe seines Schiffers, denn das Schwimmen in offener See, ohne
-Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie der Bauer
-sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der Fischer niemals
-in der See schwimmen.
-
-Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer.
-
-Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und
-als der Knecht sich umdrehte, sah er Störtebeker nackt an Bord laufen
-und den widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. »Störtebeker,
-wat mokst du?« rief er, »Klaus, kiek mol den Jungen!«
-
-»Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen un wennt mitten Dübel
-togeiht,« gröhlte Störtebeker und warf den winselnden Seemann
-kopfheister in die See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra
-nach.
-
-»Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all versupen,« rief Kap
-Horn, als auch noch Hein Mück über das Schwert kletterte.
-
-»Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik woll uppassen,« rief
-Klaus Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrüstet sagte:
-»Du meenst woll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott,
-kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all duken: paß up!«
-
-Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. »Junge, dat do ik ne
-wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gorne an dacht! I, wat
-bitter!«
-
-Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen und hielt sich in
-seiner Nähe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Kräfte nachlassen
-sollten, Kap Horn aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und
-bewachte die drei kühnen Schwimmer und den großen, regungslosen Ewer,
-der wie tot auf dem Wasser lag.
-
-So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in
-der See, als wäre es am Finkenwärder Bollwerk und nicht zwischen
-Spiekeroog und Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.
-
-Wenn Gesa das gesehen hätte!
-
-Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachließ, saßen sie
-allemann auf Deck. Dort aßen sie auch Abendbrot, denn in der Kambüse war
-es nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bänken
-und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache.
-
-Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein Gewitter aus der See
-und fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit
-verbreitete es sich über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der
-Donner und die ganze Wolke saß voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und
-seine Gesellen begrüßten das Wetter mit Freude, denn nun mußte ja auch
-Wind kommen und sie erlösen.
-
-Als die ersten, großen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und
-gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der
-gefährlichen Nähe der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind
-auf den Wanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die Masten
-erdröhnten, der Ewer zitterte, die Lampe schwankte, die See kam
-allmählich in leise Bewegung. Geruhig saßen oder lagen die Seefischer
-unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorüber war, zogen sie
-die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der
-letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord, denn nun hatten sie
-wieder Wind genug.
-
- * * * * *
-
- ^Ships that pass in the night ...^
-
-Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die Sterne funkeln um so
-heller um den Schleier der Milchstraße. Wie tanzt der Orion, wie blitzt
-die Wega, wie leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie
-gleißt der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige
-Wisch, die mit abertausend weißen und bunten Blumen bewachsen ist und
-auf der Myriaden von Tautropfen glitzern.
-
-Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie
-urgewaltige dunkle Kühe, die auf der großen Wiese in den Blumen grasen.
-Ruhig und bedächtig grasen sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam
-weiter.
-
-Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in
-solchen Nächten nicht viel.
-
-Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert über die See und
-gibt den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grün und gelb
-spielen die Fischerlichter auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als
-ginge es durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie
-ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast
-und wie im Traum reißt der Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel,
-an seiner Schote, über der Besan aber weht die dunkle Flagge im
-Nachtwinde. Seemann schläft im Nachthaus neben dem Kompaß und Klaus
-Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und her, die Hände in
-den Taschen, während Störtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn
-Steuern hat er längst gelernt.
-
-Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck
-ist, er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er
-nicht: da fühlt er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein
-Wesen, seine Atemzüge, da haben alle Segel und Wanten, alle Bäume und
-Masten ihre eigene Sprache. Nächte, die gewesen sind, und Nächte, die
-noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen
-beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle
-Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken kommen ihm entgegen,
-wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der
-Sehnsucht nach Gesa, nach einem guten Streek und einem schönen Markt,
-die ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen Nächten muß er
-Verklarung über sich selbst tun, der lachende Seefischer, und nicht
-lachend, sondern ernst beantwortet er seine eigenen Fragen, denn je
-höher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich seine
-Wurzel -- und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum.
-
-Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weiße, grüne, denn
-sie fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen
-Gründen wimmelt es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist das
-Geklapper einer Winsch in der Weite zu hören, wenn sie irgendwo
-einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier Fischer, die einander nahe
-gekommen sind, abgebrochen herüber.
-
-Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil der Laertes wegen
-seiner Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hüben und drüben
-gerufen.
-
-»Klaus, büst du dat?«
-
-»Jo, Hinnik! Wat fangt ji?«
-
-»Ochott, is ne slimm: acht Stieg!«
-
-»So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de Reis?«
-
-»Morgen weuf utscheiden!«
-
-»Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen lostowarrn,
-Klaus.«
-
-»So!«
-
-Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als daß das
-Seegespräch fortgesetzt werden könnte, und Klaus Mewes geht wieder
-schweigend auf und ab. Einmal steht er hart an den Wanten und blickt
-starr in die Weite, als sähe er seines Großvaters Kuff im Norden
-untergehen, dann horcht er, als höre er seines Vaters Todesschrei aus
-der See heraus.
-
-Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig in den
-Sternen.
-
- * * * * *
-
-Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen. Sie sah, wie ein Schiff
-sich mit haushohen Seen abriß, wie es leck wurde und wie zuletzt eine
-große Woge ins Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem
-Seemannszeug in der See schwammen, sie hörte, wie sie um Hilfe riefen.
-
-Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren
-ihr Mann und ihr Junge.
-
-Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.
-
-
-
-
- Zwölfter Stremel.
-
-
-Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweißlingen,
-Füchsen und Pfauenaugen, wobei sie sangen:
-
- Schomoker, sett di annen greunen Diek,
- Schomoker, sett di annen greunen Diek.
-
-»U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See geiht!« »Woneem?« »Dor!
-Kannst ne kieken?« »U Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.«
-
-»Höh, Klaus Störtebeker!«
-
-»Höh, Peter! Non, wat mokst?«
-
-»Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!«
-
-»Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un smeern, wat meenst! Uns
-Eber süht ut as ik weet ne wat.«
-
-»Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?«
-
-»Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.«
-
-Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen
-vorüber und freute sich, als er fühlte, daß sie ihm nachguckten. Er war
-größer und brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein
-Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hände waren die eines
-Tagelöhners.
-
-»Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een för Schipp un See,«
-hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. Störtebeker hörte es und vergaß es
-nicht wieder. Und er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm
-sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog
-den Jungen einer Kleinschifferprüfung, fragte ihn nach Wind und Wetter,
-Fang und Markt und freute sich über die fahrensmännische Klugheit des
-kleinen Gesellen.
-
-»Hest den flegen Hollanner ok sehn?«
-
-»Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den flegen Hollanner in
-Sicht kriegt, de blifft!«
-
-»So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vörn flegen Hollanner,
-Störtebeker, wenn du grot büst, un seh man to, dat du jümmer goden Wind
-hest, un warr man en fixen Fischermann, hürst?«
-
-»Jo, Willem, dat will ik ok,« sagte der Junge mit lachendem Munde und
-ging stolz weiter.
-
-Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose
-wohl über das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ...
-Störtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Krämerladen
-hinein und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war ihm
-fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem
-Ewer.
-
- * * * * *
-
- Sonnenwende, Sonnenwende!
-
-A und O von Finkenwärder, der kleine schwarze Ewer H. F. 1, Jan Sieverts
-Hoffnung, und der große, weiße Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs' Möwe, die
-noch die Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte, lagen im
-Köhlfleet beieinander und um sie herum und auf den Schallen ankerten
-wohl hundertfünfzig große Ewer und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß
-spiegelten die Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen
-Sinn.
-
-Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das
-Watt hinter sich ließen und sich auf die offene See wagten, die bei
-Helgoland und Terschelling die dunkeln holländischen Logger und die
-schwarzen englischen Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch
-Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren.
-
-Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge verrosten ließen
-und sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen
-See an ihre grünen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen
-erinnert sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten.
-
-Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die Störfänger und
-Beutemacher, die Schollenkönige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen
-haben wollten und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam.
-
-Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei
-waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch draußen klüsten, wenn
-andre schon im Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig
-seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu
-Gesicht stand, und binnengekommen wußte er nichts Besseres zu tun, als
-den Bug weiß zu malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle.
-
-Hochwasser!
-
-Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter, umstreicht
-Heitmanns weißen Leuchtturm und die mächtige Königsbake, das alte
-Wahrzeichen von Finkenwärder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und
-läßt die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser
-sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die
-Segel aufgezogen und die Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes
-Ding sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der deutschen
-Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer Bucht vereinsamen läßt!
-
-Es _ist_ ein großes Ding: _Karkmeß_ ist da, der Jahrmarkt, der
-Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein Tag von so großer Bedeutung
-und so tief eingreifend in das Leben und Treiben des Eilandes, daß es
-Ehren- und Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu sein.
-Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen, wenn sie Karkmeß nicht
-kriegten, und bei den Nachbarn hieße es: »Den geiht dat jo woll bannig
-lütj: he is jo ne mol Karkmeß bi Hus ween!«
-
-Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen, hieße nach Rom reisen
-und den Papst nicht sehen, denn Karkmeß ist die große Sonnenwende von
-Finkenwärder, ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt der
-Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkmeß oder
-soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer am Deich auf Schritt und Tritt
-und »söben Weeken vör Karkmeß« oder »fief Weeken no Karkmeß« sind genaue
-Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann. Karkmeß teilt das
-Jahr: es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit.
-Vor Karkmeß werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend
-an den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf die Zungen los,
-die auf Eis gepackt werden: da sind die Reisen länger und mühseliger und
-das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.
-
-Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er
-sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in
-Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer,
-um ihr Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten
-entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen, wollen
-sie einen Tag lachen.
-
-Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen guten Schilling
-verdient hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See
-und mag denken, die alten Weiber hätten ihn behext.
-
-Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, wenn Tucktuck gerufen
-wird, sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet
-mit Schiffen: Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem
-Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen.
-
-Es gibt auch mancherlei zu tun.
-
-Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und
-Fischerjungen auf Musik sind und sich _en Perd_, ein Mädchen, für das
-Fest heuern, weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt
-wird, sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, den
-Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die
-Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn erst muß der Ewer sein
-Karkmeßkleid haben. Teeren und Schmeeren heißt die Losung, den langen
-Tag wird geteert und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht und
-daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da wird geschruppt und
-kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren
-werden sollen, liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über
-sich ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist.
-
-Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer
-zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er
-holländisches Blut in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und
-Buntheit: so schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden
-Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren.
-
-Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die Eiskisten überholt,
-schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene
-Segel geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der
-ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel an
-Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle werden gebräunt und
-geloht, damit sie haltbarer werden sollen.
-
-Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus, die keinen
-Platz dafür haben (denn in den Sand können sie die Segel nicht legen)
-und deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen.
-
-Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln und Fischer
-und Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.
-
-Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und
-begleicht die großen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied,
-beim Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist
-allgemeiner Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also
-das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt, so bekommt noch der Bauer
-seine Zinsen.
-
-In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die
-Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, die 1835
-gegründet worden ist, als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu
-vernichten drohten. Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen,
-das nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grüner
-Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch
-wird gesprochen, einer nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und
-niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat von
-Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.
-
-Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten
-Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom
-Skagerrak bis zur Themsemündung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen,
-Stürme wollten sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet!
-
-Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg bis zum Tun, auch
-nicht müßig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und
-gehämmert auf Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die
-Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak und der große Freudentag
-ist da mit seinen Luftbällen und Reitbuden, seinen Aalzelten und
-Schießständen, seinen Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kasper,
-mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und Negern, mit Hün
-und Perdün, mit Jubel und Trubel! Die Gören sind wie durchgedreht und
-die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was
-sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen und
-getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue
-wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und
-Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste und Eis, bis sie nicht mehr
-können: die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an
-Zuckerstangen: es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß alles los
-ist. Die sich erzürnt hatten, vertragen sich und trinken wieder einen
-zusammen, und die gut Freund gewesen waren, erzürnen sich und kriegen
-das Tageln: dat is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den Lukas,
-daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden Leistungen eine
-goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan Tiemann läßt sich
-elektrisieren, Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz,
-Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und ein
-Getute und Geblarre, ein Flöten und Knarren, ein Juchen und Schreien!
-
-Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein
-weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der Dönß und setzen sich geruhig auf
-den Deich. Sie lassen die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die
-beladenen Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch.
-
-Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und
-Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende
-Korn im Lande und den weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten
-am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen verloren.
-
- * * * * *
-
-Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen,
-wenn sie dem Karkmeß fern geblieben wären. Zumal Störtebeker hatte sich
-den Tag ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er
-geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde
-hängend, hatte er die Besan gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den
-Bünn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, er
-hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er hatte das Nachthaus grün
-angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen
-auf dem Schlick verbrannt.
-
-Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam, wo er seines
-Amtes gewaltet hatte, denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande
-der Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker
-und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein
-Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte
-wie der Regenbogen. Seine deutsche Flagge wehte im Winde, und grüßte
-seinen Schiffer.
-
-Dem aber lachte das Herz.
-
- * * * * *
-
- Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,
- denn goht wi langsen Diek!
-
-Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Störtebeker.
-Dieser voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit,
-die Reitbuden und die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht
-mehr. »Kann ik up See jo doch ne bruken,« sagte er verächtlich, und als
-er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er
-ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten
-Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an Schina erinnert würde,
-und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal. Einen Augenblick guckten
-sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa
-tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam auch der alte
-Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen Frau seines Schiffers.
-
- * * * * *
-
-Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmeß.
-
-Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In der Dämmerung saßen sie
-vor der Tür. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und
-erzählte vom Walroßfang bei Grönland.
-
-Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken.
-
-Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.
-
- * * * * *
-
-Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat. In königlicher Pracht
-schreitet er einher, weithin über Land und See gleißt und funkelt sein
-Purpurmantel. Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder,
-alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht und senkt die
-Ähren, die Blumen verdorren, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen
-sich.
-
-Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist der _Mann_
-gekommen, der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze
-Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche,
-Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er
-allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme,
-dann stemmt er die Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht
-und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne. Selbst die großen
-Meister, die Winde, müssen vor ihm ducken, und wollen sie sich ja
-erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er
-zu tun hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß der Winter
-kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den
-milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem
-Ernst, in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem Zorn -- und
-all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe!
-
-Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fühlt
-sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille
-und das Deck ist bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen und
-das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft
-müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis
-geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen,
-die nicht freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden,
-sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal
-segeln sie bei scharfem Ostwind nach Jimuiden in Holland, einmal kommen
-sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen,
-sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt
-es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die
-Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu
-hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt ja wohl
-an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf,
-steht einen Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und
-dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische
-Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Haverei, daß sie nach der
-Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind
-hinter Wangeroog.
-
-Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es
-kommen ja auch schöne, große Reisen: einmal, als die Zungen auf
-Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute
-vierhundert Mark.
-
-Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem
-hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als
-Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück.
-Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater
-bleiben darf.
-
-Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich
-auf Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den
-Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er
-muß fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder
-bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird
-gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis
-nicht wegschmelze!
-
-All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel
-und der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom
-Achterdeck, aber sie lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder
-einmal glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.
-
- * * * * *
-
-In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun auch berichten, daß
-sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind.
-
-Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch
-wäre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage
-vorkommen kann.
-
-Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken,
-eine noch grauer als die andre, trieb er über den Heben.
-
-Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den
-Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen.
-Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete
-stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den
-leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf,
-die Seen krönten sich mit Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und
-tiefer.
-
-Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu
-lassen.
-
-»Intehn, intehn!« sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück
-kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten
-sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger
-und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des
-schweren Netzes mangelte.
-
-Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das
-Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit
-dem Knecht über die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte.
-Als keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, dachte
-er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach
-der Elbe hinüber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.
-
-Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem
-mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein
-Dampfer und manchen Spritzer überkriegte.
-
-Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleiße,
-Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie
-das Deck rein. Hein ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee
-zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und
-packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es
-wollte schon dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch
-brächte.
-
-Die Elbe war weit weg.
-
-Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war
-die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief
-raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen
-liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr für
-Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll
-den Kopf oben und ließ sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen.
-Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und half
-das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre,
-hätten sie es längst in Sicht haben müssen.
-
-Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze
-Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit
-unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit
-unfaßlicher Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze
-und dumpfe Donnerschläge sind das nächste.
-
-»Nu gifft wat!« ruft Kap Horn.
-
-»Gläuf ik ok!« antwortet Klaus Mewes, »goh no binnen, Störtebeker!«
-
-»Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!«
-
-»Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un
-lot Hein de Kapp toschuben un blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder
-ropt!«
-
-Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: »Jo, Vadder!« und geht
-nach unten, denn er weiß, daß man dem Schiffer gehorchen muß und wenn
-man's auch zehnmal besser wüßte.
-
-»Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,« ruft er noch vom Großmast, dann
-verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter
-brät und meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden.
-
-Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen
-sie darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen,
-was die große Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz
-geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen:
-niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche Menschen sind und so
-gern lachen.
-
-Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben sie ein so jähes
-Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt
-und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der
-Südwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt
-ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft
-sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind
-wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich:
-Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!
-
-Die See, die See!
-
-Wie gischt und schäumt sie! Sie _kocht_!
-
-Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er faßt die schweren,
-langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um.
-Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild
-durcheinander laufen.
-
-Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp, dat noch buten is,
-will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer
-ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der
-Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe
-ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister
-werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel,
-daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert und bebt, als
-könne er sich nicht wieder aufrichten. In der Kajüte purzelt Hein gegen
-den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck aber klammern
-Schiffer und Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu spülen.
-Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. »Fock
-dol!« gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und
-reißt sie herunter. »Seil dol!« schrillt es. Der Schiffer kettet das
-Ruder an und stürzt nach den Fallen.
-
-Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und
-zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt
-fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden,
-wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoß
--- da ein scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in
-das Großsegel gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze Seil geiht
-innen Dutt!
-
-Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch
-einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als
-seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult
-der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beißen gibt,
-dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen
-krummen Buckel -- und in Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in
-die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne
-Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der
-brüllenden Seen.
-
-Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden
-Dünung und die hohen Seen rollen über ihn hinweg.
-
-»Dor is en Licht!« ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt
-nach der bezeichneten Richtung und sieht ein _Licht_ auf der See, hell
-und tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reißt dort
-das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? Klaus peilt
-und als er »Nordost« ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf
-und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit
-dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die
-Elbe ist nicht zu erreichen.
-
-Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen
-Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher
-Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange
-zögern.
-
-Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen
-handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der Weser!
-
-Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du
-doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du deines Jungen? Der sitzt
-warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! -- und
-obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues,
-bleibt er fröhlich und lacht sorglos: »Vadder is jo boben!«
-
-An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb
-aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten kleinen
-Klüver am Großmast, geschoben von den immer gröber und ochsiger
-werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.
-
-Südwest liegt an.
-
-Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen
-alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie
-sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen
-über den Setzbord, wie sie wollen.
-
-Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft
-oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz
-ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind
-alle Stuben und Kammern beleuchtet und über die Treppen eilen die
-aufgejagten Diener.
-
-Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie
-aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich
-dermaßen verstärkt, daß er es muß.
-
-»Lot ut!« ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus. Der
-Knecht peilt die Tiefe.
-
-»Fief Fohm!«
-
-»Denn sünd wi uppe Grünnen!«
-
-Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger
-Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der
-nun kommt!
-
-Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn
-erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm,
-Gefahr! schreit der Ewer. »Nu geiht op Leben un Dot,« ruft der Knecht.
-
-Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt »Seil upsetten!« denn er will
-sich nicht geben. Mit großer Mühe setzen sie das Sturmsegel am
-Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf
-und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt
-sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig wird der Kampf mit Wind und
-Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden
-Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und
-Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord, daß das Deck
-_ein_ Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis
-zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen
-gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle
-und nimmt sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und
-schüttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im
-Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr
-dich, Ewer!
-
-Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den
-düstern Felsen, nach dem du genannt bist, und laß die Kette nicht los!
-Steh fest auf dem glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an
-die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen
-sollst!
-
-Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe
-gestanden hast, muß ich dich aufrufen? Nein -- das braucht es nicht: da
-steht er am Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief im
-Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den Ewer, er hält ihn! Damit
-er nicht über Bord schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden.
-So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht durch
-Nacht und Regen nach Land und Feuern.
-
-Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es
-Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein
-Licht erscheint? »Rodensand!« ruft der Knecht, aber der Schiffer
-schüttelt ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein
-schwächeres auf und er muß glauben, was er erst nicht glauben wollte,
-weil er sich nicht denken konnte, daß sie so weit abgetrieben sein
-könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch
-auf dem Trocknen sein!
-
-Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten
-Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine muß gehakt sein! Aber es
-bleiben drei Faden.
-
-»Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!« ruft er durch den Sturm. »Hest hürt,
-Kap Horn?« gröhlt er, als er keine Antwort bekommt.
-
-In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die
-Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht,
-daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe
-hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp
-zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht:
-»Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kregen! Meist, as
-wenn Vadder mi en fixen Backs geef!«
-
- * * * * *
-
-Kap Horn schweigt noch immer.
-
-Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die
-letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen
-konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es
-kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es
-bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschütterliche Ruhe des
-Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich
-nicht klein machen. Er kann sterben -- ob Klaus es auch kann? Er sieht
-ihn an.
-
-»Dree Fohm bloß noch!«
-
-Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie
-die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie
-Bodemann sagt, daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei
-Wochen vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür
-und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer und die blanken
-Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau
-spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die
-Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter.
-
-Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was
-ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiß der eine wie
-der andre: vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind
-die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen sie, sonst
-bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und zu versuchen, den Ewer
-so hoch als möglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch
-die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund,
-ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stücke,
-aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn
-eins ist so gefährlich wie das andre.
-
-Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den
-Watten stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!
-
-Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern
-und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich
-durchzuschlagen. »Nu hol di fast, Kap Horn!« ruft er gell.
-
-Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm
-auf dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik
-di!« Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht
-erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält
-darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen
-entgegen, die sich wild überschlagen -- er verzieht keine Miene.
-
-Gott im Heben -- da stürzt die erste große See wie ein wildes Tier auf
-das Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert,
-reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der
-Klemme sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus ist
-weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie Seemann vorher in die Kapp
-gestopft haben.
-
-Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und der Ewer klüst
-weiter.
-
-»Fastholen!«
-
-Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite
-Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das
-Deck, sie schlägt in die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt
-und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber
-sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See
-hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder
-aufzurichten.
-
-Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar
-auf das Deck nieder, daß die Luken verloren gehen und der Ewer sich halb
-mit Wasser füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und
-Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die
-Treppe, um sofort hinaus zu können, wenn etwas passieren sollte. Fest
-klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. »Junge, wat snuft
-dat langs!« ruft Störtebeker, »ober bang bün ik dorbi doch keen betjen!«
-
-An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! Sie müssen
-durch! Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann
-es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder
-hält!
-
-Wieder ein Brecher?
-
- * * * * *
-
-Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von
-Bremerhaven liegt, ließen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die
-Pumpen, pumpten das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre
-Kojen.
-
-Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von
-Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem
-Fischerewer rührte sich nichts: alles an Bord schlief.
-
-Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer
-erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff,
-das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie
-feststellten, daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den
-kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager.
-Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Großsegel zu nähen und einen
-Flicken darauf zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste
-gelangen konnten.
-
-Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt drahten, und den andern
-Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte
-den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger und
-Optiker zu gutem Verdienst -- der Ewer aber mußte ganze acht Tage
-untätig an der Kaje liegen.
-
-Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen konnten.
-
-»Sall he wedder mit?« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach
-Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte.
-Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an.
-
-»Worüm denn ne?« fragte er.
-
-»Och nix, ik meen man bloß,« lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber
-sah ihn schief an und sagte: »Up wat för Gedanken du ok doch kommen
-kannst! Hett mol en betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt
-warrn, wat?«
-
-»Ik heff jo doch gornix seggt,« beschwichtigte der alte Jantje ihn
-sanftmütig und verschwand in der Kajüte.
-
-Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und
-wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das
-Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er
-den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich
-nach ihm verlangte?
-
-Ach was -- Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.
-
-»Störtebeker?«
-
-»Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx
-twei.«
-
-»Wullt noch wedder mit no See?«
-
-»Gewiß, Vadder!«
-
-Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er
-nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu
-kaufen.
-
- * * * * *
-
-Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der
-Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein
-der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts
-Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten
-Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute,
-für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er
-sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher
-Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen
-durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie
-glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude
-anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz
-in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste
-hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein
-andrer schlug ihn knallend zu.
-
-Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe
-durch.
-
-»Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is
-all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten
-Hein, Geeschen? ... Willem Mees?« ... -- er machte eine lange Pause,
-denn Willem Mewes war geblieben ... »Paul Külper? De liggt jo blangen
-uns; den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!« ... Der Junge
-war bereit, Briefträger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste
-hinunter ... »Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt,
-Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik
-Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125:
-dat bün ik sülben! August, geef mi mol en lütjen Angostura!«
-
-Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch.
-Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim
-Schreiben geweint hatte.
-
-Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht
-einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam
-und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes
-fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. »Dor is
-obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben,
-wat?« sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann
-las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach
-Haus verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie
-so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß
-sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen
-fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die
-könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein
-Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar
-nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei,
-habe sie gemeint.
-
-Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es
-weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und
-Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die
-Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde
-wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur
-stand: »Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!«
-
-Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust
-glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat
-nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker,
-der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute,
-und setzte die Segel auf.
-
-Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen.
-
-»Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder
-weet gornix van di af: wat is dat egentlich?«
-
-»Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,« sagte der Koch
-leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann
-bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und
-schnell einige Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem
-Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug.
-
- * * * * *
-
-Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte
-sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen.
-Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und
-weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel
-war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so
-segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war
-ihm bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte.
-
- * * * * *
-
-Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der
-Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne
-Reise: sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den
-weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein großes
-Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark »Elisabeth«, auf der er
-lange Jahre gefahren hatte.
-
-Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an
-Bord ging, um seinen alten Käppen zu begrüßen. Unter dem Arm trug er
-einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing
-noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.
-
-Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die
-himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er
-ein großes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mußte er sich über
-die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann
-betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und
-freute sich über seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor
-den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten
-Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und
-neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen
-Seeleuten.
-
-Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck,
-an der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er
-das Schiff genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ sich
-von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte
-sich einen Löffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem
-Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die
-keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise auf
-einer Mundharmonika und machte große Augen. Über dem Vortopp aber stand
-der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens und
-jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die
-Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen
-auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.
-
-Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken
-darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum.
-So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die
-wir noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von uns, bringen
-sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich vielleicht nur in der
-Hausnummer versehen?
-
-Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der
-Fockrah stand, als sie aber hörten, daß er Klaus Störtebeker hieß und
-ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig,
-nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein
-Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen
-seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend
-mit einem Backtrog, der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen
-Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen:
-mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große
-Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind, daß
-sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände
-zusammenschlugen. Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas wußte
-und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und
-Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig
-werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen
-ganz sicher.
-
-»Un wo is Backbord?« fragte der Zimmermann, ein Däne.
-
-»Dor frog dien Großmudder man no,« antwortete Störtebeker, »mi kannst ne
-förn Buern hebben.«
-
-Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang.
-Der Segelmacher, der großes Gefallen an ihm gefunden hatte -- alle alten
-Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! --, schenkte ihm einen
-ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den kleinen Seemann
-mit Adjüst und Good bye.
-
-Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen
-Schiffe, das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten,
-wunderlichen Götzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch
-er freute sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische
-Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprämie von
-dem Alten: ein weißseidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war.
-
-»Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver« -- damit wurde Störtebeker
-zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen
-die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter
-Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und
-sie sprachen noch lange von ihm.
-
-Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und
-ließ sich das große Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken
-Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt
-war.
-
-Als der Kapitän der »Elisabeth« den andern Tag etwas in der
-Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und
-ging über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und
-dem großen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt
-hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der
-Morgenfrühe nach See gesegelt, so daß Käppen Vinnen kein Glück damit
-hatte.
-
- * * * * *
-
-Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren
-dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.
-
-Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die
-glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang
-und den Seesternen einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er
-zog ihn heraus und wies ihn herum: »Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen
-Steenbutt, rein en Stoot!«
-
-Er stand dicht am Setzbord -- und der Ewer holte in diesem Augenblick
-plötzlich weit über! -- da sackte er langsam nach hinten über und fiel
-über Bord in die See hinein.
-
-Mann über Bord!
-
-Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich
-jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin,
-stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem
-Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe
-Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte
-ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen
-nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing
-es an ihm.
-
-Da schwamm der Junge. »Hol di, Klaus, fix roonen!« »Jo, Vadder!« Bevor
-er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm
-unter die Arme. »Lot den Butt doch los, Junge!« »Ne, Vadder!« Zum Glück
-sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord
-geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte
-erlahmt waren.
-
-Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt
-und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen
-wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen
-und konnten sich verpusten.
-
-Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. »Son scheunen Butt
-schull ik wedder swümmen loten?« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater,
-dann aber zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf,
-damit die Sonne und der Wind es trockneten.
-
-»Up See mütten Kummer gewinnt warrn,« sagte er lachend zu Kap Horn, der
-ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes
-Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen
-hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war's denn auch weiter: er
-hatte bloß einmal über Bord gelegen.
-
-
-
-
- Dreizehnter Stremel.
-
-
-Is de Sommer all her? -- fragen die Frauen, die einander begegnen, denn
-ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide
-schwerfällig ebbt. Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft
-dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten
-werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weiße Scheibe ohne
-Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben.
-
-Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche
-Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um
-Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die
-Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer
-tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen
-bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu
-sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft,
-sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe
-haben etwas Formloses, Gespenstisches.
-
-Wie Herbst ist der Tag.
-
- * * * * *
-
-»Stuten! Weu ok Stuten?«
-
-Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr,
-der ein bißchen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder
-Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich
-entlang, die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen.
-
-»Wullt ok Stuten, Greta?« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie
-die Frau gerade heißt. Zu verwundern ist es, daß sie bei den vierhundert
-Häusern, die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals
-die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und
-Ginen miteinander verwechselt.
-
-Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und atmet auf.
-
-»Gesa, wullt ok Stuten hebben?« ruft sie ins Haus hinein. Die
-Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über
-die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte
-auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen
-ermittelt.
-
-Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die
-Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen
-gesetzt hat. Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen
-einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat
-etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den
-Nachbargebieten ins Reine gekommen ist, fragt sie teilnehmend:
-
-»Diern, is dat wohr mit dien Jungen?«
-
-Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. »Wat schall wohr
-ween?« fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht.
-
-»Weest du dor noch nix af?«
-
-»Ne, wat schall ik weeten?« stößt Gesa heraus, »ik weet bloß, wat he
-gesund un munter an Burd is!«
-
-»Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn
-ist woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn
-ist jo man god!«
-
-»Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?«
-
-»Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so
-verjogt, mien Diern! Föftein Penn giffst du ut: denn kriegst du jo noch
-wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!«
-
-Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden
-ist, und läßt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist
-erzählt worden, daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und
-in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber
-er habe ihn nicht wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiß
-sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht
-hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist.
-
-»Schree man ne gliek, mien Diern,« tröstet sie, »is jo bloß Snackeree.«
-
-Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit
-einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen
-erschüttert sie und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann.
-Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch.
-
-Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr
-als bloßes Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es
-geträumt hat! Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit einem
-Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle
-Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um
-seine Fahrt lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen
-treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült ist! Ob er nun
-auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen
-gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen
-Störtebeker verloren hat?
-
-Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, daß er mit zur See
-kam? Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein und alles
-in ihr schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt,
-gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an.
-Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und
-trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen
-umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen
-und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm
-nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein
-Grab pflanzen!
-
-Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu
-erwehren. Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein,
-nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des
-Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord und
-Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein:
-ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein großer Vater lebt und lacht,
-und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden
-Fahrensleute!
-
-Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie
-verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe
-von Bremerhaven und Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge
-gesund und munter ist -- und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie
-Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa kann es nicht glauben und richtet
-sich an diesen Briefen wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht
-sie die Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger und blickt
-über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewiß
-weiß, daß ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme
-Mutter -- daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen weicht
-sie beharrlich aus: sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und
-will nichts hören und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist
-sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre
-Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen und um ihren Mund hat sich
-eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine
-Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre
-tiefdenkern geworden.
-
- * * * * *
-
-Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in
-der Hand und riß ihn jäh auf, daß Jan sie verwundert anguckte.
-
-Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die
-Zweifel wieder über sie, sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief. »Dat
-lügst du, Klaus Mees, he is verdrunken!« schrie ihre gemarterte Seele.
-In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie wenig Schlaf finden
-konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war
-krank und wund und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die
-klagende Stimme des Jungen.
-
-Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach
-der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie mußte Ruhe
-haben: sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr
-schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles
-bereit hatte -- es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit
-der Eisenbahn gefahren --, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger
-an, der gar nicht wußte, was los war und es auch nicht herausbekommen
-konnte, denn sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe
-und erst den andern Abend zurückkomme.
-
-Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten
-ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton, der besagte: na, was hast du denn
-vor, willst es uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein,
-sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell
-der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden
-anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der
-Ortsfremden, wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen.
-
-Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen
-ihr nach.
-
-»Se hett jo man bloß den eenen Jungen,« hieß es dann.
-
-Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde
-schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht,
-damit Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht
-wissen, daß sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte
-sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren.
-
-Der Klapperkasten »Courier« paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet
-und setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und
-fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den
-Pariser nannten.
-
- * * * * *
-
-Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und
-angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie
-erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Außenweser
-und ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in langer
-doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von
-ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als an ihren
-Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an
-der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen
-und da Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige, graue
-Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was
-Klaus wohl hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es
-weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grünen Deich
-doch nimmermehr vergleichen konnte?
-
-Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie
-nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie
-an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: »Süh, Gesa, ok
-mol oberreist?«
-
-Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. »Klaus liggt dor wieder
-rup,« rief er ihr noch nach, »dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is
-he.«
-
-Die Flagge -- sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: so wenig
-Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte
-Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf
-der Besan, wehte lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber
-ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt
-hatte.
-
-Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief
-aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren
-sauste es und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch
-umkehren?
-
-In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der
-Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.
-
-Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe
-hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das
-rautenförmige Türfenster in die erhellte Kajüte hinein.
-
-Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Klütjenpfanne stand
-darauf, auf einem Tauring, und die Seefischer saßen im Kreise herum,
-hatten die Gabeln in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus
-Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und
-erzählte von der großen Hitze im Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem
-Gesicht, das heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant
-Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch en Butenlanner
-vör mi --, da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen
-Klößen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht
-der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort dazwischen.
-
-Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme
-hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter
-auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die
-Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst
-kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem
-einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn
-fest, den Traum ...
-
-Da rief Störtebeker: »Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol
-mokst du de Brotklütjen to sult!« Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß
-auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft
-zu Ende.
-
-»Klaus, mien Klaus!« schrie sie auf und sank um.
-
- * * * * *
-
-Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa
-aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach
-dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören.
-
-Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu
-lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach
-dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht
-eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum
-noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord
-sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.
-
- * * * * *
-
-Es ging um Störtebeker.
-
-Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter
-Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und
-schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte
-Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so
-leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen
-Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und
-Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das
-der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte und
-gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich
-doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu
-werden, da verspielte er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der
-Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf
-und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief
-beständig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst
-verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord: der gehört
-zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor
-dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen,
-und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe
-und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen
-von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.
-
-Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser
-Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach
-dem Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht
-gefügt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu
-bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen solle,
-mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten.
-
-Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen sagen.
-
-Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: »Un ik goh ne mit un
-goh ne mit!« Dann trat er in den Lichtkreis.
-
-Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.
-
-Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater
-ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an
-seinem Bein auf, als wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht
-gewahr. Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte
-etwas Häßliches getan, aber sie war klug genug, es nicht zu tun.
-
-Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in
-seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn und bei Kap Horn wollte
-er nicht schlafen), löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes
-Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See
-haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der
-auch nicht schlafen konnte, hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet
-hätte, Gesa oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden
-und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.
-
-In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das
-Deck.
-
-Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während
-seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie
-hatte gelernt, wie die beiden genommen werden mußten, und handelte
-danach.
-
-Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an,
-aber ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen
-Fischerbank ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen
-mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er
-gesehen, daß Störtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten
-angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann
-war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den
-achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder,
-denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn
-aufgeweckt.
-
-Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit dem Knecht und dem
-Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so
-tat er.
-
-Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: »Kumm, Klaus, du müß di klor
-moken!« Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.
-
-Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. »Dien Mudder hett di
-ropen, Klaus, goh dol,« sagte Klaus Mewes ernst.
-
-Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an.
-»Schall ik würklich van Burd, Vadder?« fragte er mit heiserer Stimme.
-
-Klaus Mewes nickte ernst.
-
-Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm
-machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen
-Spielkameraden, war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf.
-
-Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap
-Horn. »Hol di man fuchtig,« sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken,
-Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm
-die Hand und tröstete: »Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nich bang
-wesen! Wi kriegt all nich unsen Willen! Annern Sommer kummst du wedder
-mit no See!«
-
-Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja
-doch selbst nicht!
-
-»Adjüst, mien Seemann,« sagte er und streichelte dem Hund das struppige
-Fell.
-
-»De bringt di noch langs,« rief Klaus Mewes, der sich auch fertig
-gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
-
-Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren
-nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr
-sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt.
-
-Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen
-sehen.
-
-Er sagte aber nichts.
-
- * * * * *
-
-Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug
-vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des
-Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive
-pfiff und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.
-
-»Adjüst, mien Jung!«
-
-»Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!«
-
-Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte,
-bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm und er legte
-den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem
-Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und
-weich über das sonnenhelle Haar.
-
- * * * * *
-
-Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück.
-Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen
-Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißen
-Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen hatte,
-und ging über die Geleise zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in
-seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte
-einen schweren Streek hinter sich.
-
-Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine
-Stimme in ihm, dir träumte, daß Gesa gekommen sei und den Jungen
-mitgenommen hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus
-Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und ertrunken ist: sie
-haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt!
-
-Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge
-fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen
-Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben,
-als ob er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war
-gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich, daß
-er sich so hatte überteufeln und unterkriegen lassen.
-
-Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die
-halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker
-fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst
-jetzt so recht.
-
-Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die
-kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten
-verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und
-fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge es
-nicht verwinden noch vergessen würde.
-
-Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und
-gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.
-
-
-
-
- Vierzehnter Stremel.
-
-
-Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht
-zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war
-umgeweht, Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und
-die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich
-auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der
-Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden, der
-ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den
-Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht,
-weil er es nicht wollte.
-
-Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten
-ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See
-gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf
-Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören
-spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen
-Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den
-Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen
-war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!
-
-Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und
-streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu
-vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine
-Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte,
-und seinen grünen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!
-
-Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit
-aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem
-Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm:
-das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.
-
-Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach
-erzürnte er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach
-und keiner mehr nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie
-ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen
-Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und
-Wetterdingen (»dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du
-Kiekinnewilt,« hieß es herrisch) -- und das ließen sie sich bald nicht
-mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.
-
-Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, daß er ihr
-selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie
-sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die
-Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die
-See vergäße: so wenig kannte sie ihn.
-
-Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief
-ins Haus: »Vadder kummt up!« Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes,
-ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging
-sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das
-Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen
-Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein
-Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn
-ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.
-
-Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und
-dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen
-wuchsen und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch
-die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.
-
-Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen.
-Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und
-hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist.
-
-Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang
-über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord
-wäre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten
-Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein
-Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.
-
-»Höh, Vadder!«
-
-So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: »Höh, Vadder!
-Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!«
-
-Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen
-zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Maßen
-und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der
-trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme, und sich nicht
-um ihn bekümmere, -- und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr
-verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am
-Wasser stand und Ausguck hielt!
-
-»Gohn den Draggen! Fock dol!« scholl es dann über Deck und das Echo am
-Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm
-geworden: »Gohn den Draggen! Fock dol!« Da gewahrte auch Seemann seinen
-Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn
-sein Herr fragte: neem is Störtebeker, Seemann? -- und er stellte sich
-mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, während die
-Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite.
-
-Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das
-Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter.
-Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu
-lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig
-zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel
-zusammengebunden und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde
-aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es
-jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt
-geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!
-
-»Mien Kohn ne vergeten, Vadder!« rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum
-Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte
-der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die
-vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben
-von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und
-stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich
-einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen
-Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken
-aus der Kapp und stieg ins Boot.
-
-Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam,
-Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap
-Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der
-Kette nach.
-
-Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals
-seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn es noch länger gedauert hätte,
-hätte er sich nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen.
-
-»Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,« lachte er nun und wehrte
-dem Hunde, dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im
-Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden
-Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein
-Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit
-ab.
-
-Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie köstlichen Kaffee in
-der Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht
-im Winde wiegten, lachten sie von draußen an. Und köstlich war die
-Fragerei von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hörte
-nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein
-buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah.
-
-Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit und sie sah
-Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte aber nicht, was sie damit sagen
-wollte.
-
-Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann
-versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die
-Fische zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon
-Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und
-verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater,
-in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf
-seinem großen, schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte
-das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das
-Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als
-wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, er
-blickte nach dem Kompaß und nach allem.
-
-Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes vor der Tür und piepte
-wie ein Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der
-Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern auf der
-Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber
-gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den
-nackten Beinen, zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze.
-
- * * * * *
-
-In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker
-standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich
-entlang nach der Neßkule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und
-naßkalt. Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern, wie die
-Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucken. Auf den Feldern
-braute der Fuchs.
-
-Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine großen
-Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom
-Lande ab. Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der
-Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe
-regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf
-und verschwand surrend.
-
-Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende
-Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern.
-Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des
-Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht
-brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst
-vorbei, dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus
-Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.
-
-Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen
-schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und
-Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar
-gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die
-Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in
-Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem
-Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden,
-sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie
-saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem
-Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von
-oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief
-hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und
-wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele
-Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches
-Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen
-zumute.
-
-Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm
-bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm saß? Er
-konnte es nicht deuten.
-
-Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp,
-setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der
-Versteigerung ab. Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewölbe
-und rief die Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der
-Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern,
-denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der
-kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an
-sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die großen Zungen,
-die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen
-und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich
-bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war
-schon alles verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten,
-aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber, daß alles so
-schnell gegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an
-stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte, was
-er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet
-hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan.
-»Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes« -- und damit
-basta.
-
-Die Abrechnung konnte er erst später bekommen -- sie hatten deshalb noch
-viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten,
-guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die
-Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee
-ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr
-festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn
-hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten
-denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die
-Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt.
-
-»Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?« fragte Jan Tiemann,
-der Elbfischer.
-
-»Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,« sagte Klaus Mewes.
-
-»Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is
-to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen,
-Klaus!«
-
-Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig
-an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?
-
-Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen
-Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig
-und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von
-der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen
-wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit
-an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise
-gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein,
-daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte
-die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und
-fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes
-fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz
-unbefangen.
-
-So segelten sie die Elbe hinunter.
-
-Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den
-Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn
-Prozent, der Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute
-hatte und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben
-als die andern Fischer, und er tat es gern.
-
- * * * * *
-
-Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht von Thees to
-Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich
-oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich
-nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann
-noch, der kleine, krumme Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in
-seinen dunkeln Augen, wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie
-wirr ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts wittert er
-Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Wie unheimlich ist sein
-Tun, wenn er Segel näht: erst legt er die Karten, um den rechten Tag und
-die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann rutscht er
-wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor sich
-hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar
-über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, welche Segel zerreißen
-und welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergänge der letzten
-vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.
-
- * * * * *
-
-Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saßen auf
-dem Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte
-auf einem neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich,
-und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der
-sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekommen konnte, was
-er haben wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das
-Feinste zu essen und zu trinken.
-
-Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur
-Tür herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den
-Segelmacher, was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte.
-
-Thees lächelte eigentümlich und sagte: »Du kummst ok jümmer, wenn ik di
-ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne
-Gangen un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn un an to
-reken fangen!«
-
-»Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,« lachte Klaus.
-
-»Ne, ne, di vertill ik nix,« antwortete der Segelmacher, der
-aufgestanden war und sein Buch suchte, »di vertill ik nix, du lachst jo
-doch bloß ober sowat; du meenst, dat gifft bloß dat, wat du vör Ogen
-sühst: aber ich sage dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol
-de Kortjen leggen?«
-
-»Ne, lot man, Thees,« wehrte der Seefischer heiter ab, »ik gläuf ne an
-Hexen.«
-
-»Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!« wandte der Alte sich an die
-beiden Wattenläufer, »wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!«
-
-»Man keen Bangen,« rief Klaus sicher, »ik blief ok ne!« Und Störtebeker,
-der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu:
-»Vadder kann ne blieben, he kummt jümmer wedder!«
-
-»Do ik ok, mien Jung!«
-
-Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte
-mit veränderter Stimme: »Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De
-kunn ok ne blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer bloß
-een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. Jä, un de See is em
-doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, un de See, dat
-gläuf man, is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters!«
-
-»Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt,« erwiderte Klaus
-Mewes unerschüttert, »wi könt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln!
-Wat ist mit den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?«
-
-Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die
-Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu
-blättern, aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er
-sei wieder behext, die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die
-Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. »Betohl anner Reis,
-Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!«
-
-»Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,« mahnte der Fischer, »ik kann
-ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben.«
-
-»Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,« sagte Thees und
-vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte
-Klaus zu lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich
-rief er: »Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein
-Klüfer 98 Mark.«
-
-Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er
-wie in Gedanken: »Dat is jo all dörstreken, Klaus: keen hett dat denn
-don?«
-
-»Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp don?« lachte Klaus,
-»betohlt hebb ik gewiß noch ne.« Und er zählte das Geld auf. »Sühso,
-Thees, till no, wat dat ok stimmt!«
-
-Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht
-nehmen, das Geld gehöre ihm nicht.
-
-»Kumm, Störtebeker!«
-
-Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach
-Peter Fick hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der
-Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.
-
-»Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,« sagte Störtebeker, als sie
-draußen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm
-doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: »Jo, de hett allerhand
-Grabben.«
-
-Sie gingen westwärts.
-
-Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst
-nur selten tat.
-
-»Vadder ...«
-
-»Non?«
-
-»Och -- nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?«
-
-»Ne, mien Jung, ik blief ne!« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer
-auf dem Wasser.
-
- * * * * *
-
-Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als
-die Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch
-nochmals vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und
-seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen
-waren, denn er strich die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann
-bezahlt hatte oder -- wenn er geblieben war.
-
-Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das
-Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen
-Seitenblicken ein.
-
- * * * * *
-
-Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag
-er wieder vor dem Neß. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List
-festgehalten und er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute
-sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur
-konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte.
-Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem
-Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen Mittag
-die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war
-aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen.
-
-Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige
-Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber
-der Ewer, von dem besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein
-Stier und wies dem Wind die Hörner.
-
-Plötzlich rief Kap Horn: »U, kiek« und sprang nach vorn. Da trieb eine
-Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und
-stürzte auch nach dem Steven. »Dor drifft een!« schrie Kap Horn und wies
-leewärts. »Denn fot man gau de Boot mit an,« schrillte Klaus, »Hein,
-inne Wind den Eber!«
-
-So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und
-sprangen über den Setzbord. »Hilpt uns, hilpt uns!« rief es
-todesängstlich an Backbord, aber der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie
-konnten niemand erblicken. »Liek vörut mütt dat ween,« rief Klaus,
-»roon, wat du kannst, Kap Horn!« Der Südwester war ihm in den Nacken
-geweht und die scharfen Körner flogen ihm in das Gesicht, aber er ließ
-den Riemen nicht los. »Holt jo, wi kommt! Wi kommt!« gröhlte er, so laut
-er konnte.
-
-»Hilpt uns!«
-
-»Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!«
-
-Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven, er
-beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden
-bei den Haaren. Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap
-Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in
-das Boot. Hans Danker war es, der Lüttfischer.
-
-»Neem is Trino?« fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte
-die Frau in Altona an Bord stehen sehen. »Kiek mol to, Kap Horn, wat se
-dor drifft!«
-
-Hans Danker aber ächzte dumpf: »De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch
-verdrinken loten!« »So, un dien Kinner?« fragte Klaus, er blieb aber
-noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen
-und suchten, um die Frau zu finden.
-
-Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden
-abstießen, warf er sofort Anker, ließ die Fock fallen und machte das
-Ruder los, so daß der Ewer mit den klappernden großen Segeln keinen
-Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an
-den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von
-allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote
-herbei. Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich
-gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der
-Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.
-
-Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Hause zu.
-Der Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten.
-
-Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an
-zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: »Vadder,
-Vadder, neem hest du uns Mudder loten?« Da stöhnte Hans Danker furchtbar
-auf und wollte sich losreißen, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus
-Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und
-brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der
-Nachbarn anvertrauten.
-
-Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.
-
- * * * * *
-
-Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne
-nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.
-
-Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten
-die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit
-den Booten nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu
-fischen. Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo
-auf und ab.
-
-Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei.
-Sie sprachen aber wenig.
-
-Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte,
-schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück. Sie hatten
-die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.
-
- * * * * *
-
-Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf Finkenwärder:
-nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den
-Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel
-und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel.
-
-Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.
-
-Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er
-der Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein
-seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, daß sie
-ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein
-längeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mußte, und zogen dann
-mit ihm los.
-
-»So geiht he god, Vadder,« rief er vergnügt, als der Ewer recht an den
-Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor
-seinem Bug und über die großen Segel, die ihn beschatteten.
-
-Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig
-davon und hatte den Neß bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken
-und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war,
-tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.
-
-Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit
-dem Wasser gleich und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen
-steuern, damit er sich trocken hielt.
-
-Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mußte das Tau
-losmachen und zurückbleiben.
-
-Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.
-
-»Adjüst, Störtebeker!«
-
-»Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder!« ... »Adjüst,
-Störtebeker!« ... »Jüst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!«
-... »Adjüst, Klaus Störtebeker!« ... »Jüst, Hein Klütjenbacker, pett di
-man keenen Nudelkassen innen Foot!« ... »Wauwauwauwau!« ... »Jüst,
-Seemann, fall man ne ober Burd!«
-
-Dann rannte ihm der Ewer davon.
-
-Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten,
-schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei
-Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach
-Finkenwärder um.
-
-Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?
-
-
-
-
- Fünfzehnter Stremel.
-
-
- Sinne, öffnet eure Tore!
-
- Grabbe.
-
-Die Äquinoktien!
-
-Herbsttagundnachtgleiche!
-
-Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in großer Angst.
-Ringsum lauern die grauen Stürme, die die Natur brechen und die
-Sonnenkraft tot machen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie
-an den Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen.
-
-Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei
-unruhigem Wetter. In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend
-aufgeschlagen auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf
-Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener
-Meldung über die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt
-eine der andern aus den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt:
-Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett Paul ne bi jo
-fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere Wolkenwand seewärts auf
-der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein sausen!
-
-In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille,
-bange Zeit.
-
-Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und
-auflegen kann: das können und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten
-sind schon nicht mehr danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß
-auch Winters gefischt und verdient werden.
-
-Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Stürmen
-entgegenfahren.
-
- * * * * *
-
-Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig Seemeilen hinter
-Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwärme
-haben die Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte
-der Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser wärmer und der
-Grund stiller ist. Wer noch einen guten Streek tun will, der muß
-Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der
-weiten See anvertrauen. Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt
-werden.
-
-Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer, die diesen
-Winterfang betreiben können: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven
-und warten auf den Hering.
-
-Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.
-
-Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt und
-für sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den
-Engländern und Holländern und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen.
-Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob wird, daß er
-reffen muß, oder wenn der Wind es so gut meint, daß er das Netz
-einhieven und treiben lassen muß: gefischt wird doch wieder, und wer die
-Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von
-Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, als der kleine
-Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.
-
-Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, als wenn sie
-binnen wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise
-haben, guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend
-kreuzt nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne
-Mißtrauen und geht geruhig zu Koje.
-
-In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie
-verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden,
-denn es ist stur geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu
-Bett, um noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe,
-denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und auf Kap Horn, den
-Altbefahrenen, können sie sich verlassen wie auf den Deich bei
-springender Tide.
-
-Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden und
-er muß befürchten, daß der jagende Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus
-Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen.
-In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann
-schickt er die Leute zu Koje und übernimmt selbst die Wache. Im Sturm
-gehört das Ruder ihm, dem Schiffer!
-
- * * * * *
-
-Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so daß
-die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine
-Haverei, so viel Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch
-stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte
-etwa in Stärke 8 nach dem alten englischen Admiral Beaufort.
-
-Da mit einem Male legte er sich gänzlich -- ganz still wurde die Luft.
-Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und
-donnernden Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung.
-
-Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie
-machten sich klar zum Sturm, der kommen mußte, denn das Wetterglas fiel
-rasend. Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde
-ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden, damit es nicht über Bord
-gehe, das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden
-geschalkt. Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit, dann
-steckten sie das zweite Reff in die Segel -- und dann kam der Sturm
-wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt. Es
-trommelte und pfiff im Südwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht zum
-Stürmen lärmte, der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das
-brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß die Masten sich
-bogen und Hein Mück laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn
-der Ewer dem ersten, gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er
-umkippte, aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und
-riß ihn auf. Wie brauste es in den Lüften, wie erhob sich die See, wie
-tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem
-Achtersteven so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, und erhob
-er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das tränenüberströmte Gesicht
-eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen und über die
-Backen. Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die Luken
-nicht zerschlagen wurden!
-
-Südweststurm --
-
-Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn
-der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an
-Deck, mit Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er
-nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn
-einige starke Taue kreuz und quer über Deck, von Wanten zu Wanten und
-von der Winsch nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden, wenn
-sie stolpern sollten.
-
-Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er
-tröstete sich, daß es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe,
-und ließ sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der
-unbekümmert im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt und
-überstanden.
-
-Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen
-jagten einander und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es
-auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie mußten es wegnehmen
-und dafür den kleinen Klüver als Sturmsegel setzen, statt der Besan aber
-den dreieckigen Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und
-alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er
-nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an
-Deck. Noch war keine Angst in sein Herz gekommen, so toll es auch im
-Wirbel ging, noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so
-schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch immer lachte er
-des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei, damit er ihm zeigen
-könne, was Klüsen heiße. Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog,
-verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne sich zu
-besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das Segel aus der
-Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige
-Stunden gut, bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine
-sternenlose, sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf
-Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und
-fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die Nordsee, und selbst die
-Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie
-nicht alles Tuch in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel
-gänzlich abgeschlagen werden.
-
-Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie
-machten die Sturmanker zurecht. Backbords schäkelten sie einen unklaren
-Anker auf dreißig Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden
-Kurrleine, steuerbords taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf
-fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer mit dem Kopf am
-Winde halten und verhüten, daß er dwars schlüge und von den Seen
-kopfheister geworfen würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am
-Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.
-
-So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich
-her wie der Jäger das Wild, das er lahm geschossen hat. Die ganze Nacht
-trieben sie auf der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber
-in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends
-war ein Schiff zu sichten und sie sahen kein anderes Licht als die
-Strahlen des Elmsfeuers, das in Büscheln auf den Toppen der Masten und
-an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage es
-verlöschte.
-
-Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an
-Deck stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine
-schwere Sturzsee über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und
-verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die Fischer fühlten sich
-emporgehoben und verloren den Grund unter den Füßen, sie mußten
-schwimmen und spülten hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon
-in die Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen!
-
-Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet -- da schrie er
-gellend auf, denn eine schwere, kreißende, ungeheure See hing wie ein
-Berg, wie ein Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern. »Holt jo
-fast, holt jo fast!« rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und des
-Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück und erstickte sie. Dann
-schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur Seite und warf ihn gegen das
-Nachthaus, daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte.
-
-Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich wieder mit den
-kleinern Dwarsläufern abriß, hing Kap Horn mit zerrissenem Ölzeug und
-blutendem Gesicht in Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts
-mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck verschwunden:
-zerrissen lagen die Ketten auf den Luken. Sie suchten die See mit den
-Augen ab und warfen den Rettungsring über Bord, aber obgleich es schon
-einigermaßen hell geworden war, konnten sie doch weder Hein Mück, noch
-das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der Junge war weg
-...
-
-»Dat duert bloß en Ogenblick, denn ist ut,« sagte Kap Horn tröstend, der
-nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt
-hatte.
-
-Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch über die See und
-suchte seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter
-angeweint kam und ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte?
-
- * * * * *
-
-»Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr,« rief Klaus, aber Kap
-Horn schüttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen
-sollte -- und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen
-Kajüte ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit
-war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren.
-
-Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte,
-sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See,
-wie ein Löwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt
-er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte
-Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach, er
-lotete gewissenhaft und tat alles, was sich noch tun ließ bei solcher
-Gelegenheit. Er dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an
-Störtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.
-
-Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit
-zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu
-tun. Dennoch hätte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die
-Notflagge gezeigt hätte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von
-einem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott schall mi
-bewohren, dachte er und ließ John Bull stiemen, der dann auch wieder aus
-den Augen kam.
-
-Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug, um von Jütland
-freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Küste zu tun -- und
-die war noch weit weg.
-
-»Ik gläuf, wi kommt dorch,« sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der
-Schiffer ihn an. »Wat schullen wi ne dörkommen!« antwortete er, »wi weut
-doch ne blieben!«
-
-Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach
-mußte Kap Horn hinunter, damit er nicht flau würde.
-
-Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwächer
-gewesen war, zum Orkan! Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr
-unter als über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dünung über
-Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe
-aufgerüttelt hatte und die mit Sand geschwängert und mit Muscheln und
-Steinen beladen war, schoß herauf, richtete sich urgewaltig auf und lief
-dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte. Bleischwer stürzte sie
-sich auf das Achterdeck und drückte es nieder, daß der Steven steil aus
-dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit
-ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaßen auf das Wasser,
-daß er nicht wieder aufstehen konnte.
-
-Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte, daß er den einen
-Arm nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den
-Kampf und das Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines
-Gottes Hände: er hätte noch mit seinem Schiffer fischen und segeln
-können, hätte bei Hochzeiten am Deich auf seiner Harmonika spielen und
-den kleinen Klaus Störtebeker mit zu einem rechten Fischermann machen
-können, aber wenn es sein mußte, ging es wohl auch ohne ihn. Er hörte
-nicht mehr das Sausen des Wassers: eine große, tiefe Stille legte sich
-um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ...
-
-Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die
-ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie seinen Knecht. So tauchte er wieder
-auf und versuchte, zu schwimmen. »Kap Horn, neem büst du?« schrie er in
-den Sturm hinein und rang schwer mit der Dünung, die ihn furchtbar hin
-und her warf. Beständig liefen ihm die Seen über den Kopf, so daß er
-viel bitteres Wasser schlucken mußte.
-
-Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal
-aufrichteten und dann untertauchten, daß kein Topp und kein Flögel mehr
-zu sehen waren. Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich
-der Sturm mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie wieder
-so kraus, wie die ganze See war.
-
-Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein
-Ewer waren ertrunken, er trieb in der wilden Dünung von Skagen: nirgends
-war ein Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett
-des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er
-konnte nichts sehen.
-
-»Geef di, geef di, Klaus Mees!« brüllte die See, aber er gab sich nicht,
-mit aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben
-und er konnte noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden,
-den keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen
-waren, so würden sie am Deich über ihn herfallen und alles zerstören
-wollen, was er in ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die
-Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die Freude
-am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! Ob Störtebeker schon stark
-genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den vielen
-Hunden erlag, ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem
-Schneider oder Schuster machen ließ! »Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!«
-rief er in den Sturm hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und
-blühend, und dennoch keine Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie
-hatte nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der einsame,
-ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er wußte, daß er oft hart mit
-ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen
-abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -- aber Reue fühlte
-er nicht. Sie würde weinen, aber die Ruhe würde in ihr Herz kommen und
-sie würde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen,
-wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um sich zu ernähren,
-brauchte sie nicht.
-
-Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und daß er es nicht mehr
-lange machen konnte. Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin
-emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über
-die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es paßte
-nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke klein zu machen und
-mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben!
-
-Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem
-Schicksal trotzig vor die Füße, wie ein Junge. Groß und königlich, wie
-er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu
-seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird.
-Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen
-glänzenden, neuen Kutter mit leuchtenden, weißen Segeln und bunten
-Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder
-stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker ... grüßend
-winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh
-zu, daß du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und
-mooi Fang, mien Jung! ...
-
-Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. -- -- --
---
-
- * * * * *
-
-Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es an
-demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, bei dem er gerade
-zu tun hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der
-unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu,
-dann fragte er erschüttert: »Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock
-di woll tweireten?« und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das
-aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der
-Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende Elbe ging wie eine
-breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den
-Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten der
-gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie
-nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern
-hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus,
-damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei
-und verstopften die Löcher im Deich, damit das Land keine Haverei hätte.
-»Is Klaus Mees bihus?« fragte der Segelmacher. »Ne, de is buten,«
-erwiderte Jan Lanker, der lustige. »Denn weet ik genog,« sagte Thees
-nickend und ging langsam nach seinem Boden zurück. Als er das Segel
-wieder übers Knie legte, lag es ganz still -- das Zerren hatte
-aufgehört. »Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?« fragte er leise und
-wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten
-sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel
-schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers
-Besan.
-
- * * * * *
-
-Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers
-Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht rein zu
-kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange
-auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wußte
-nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder ob er draußen sei. Wie wehte es!
-
-Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür
-hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der
-Seemann, draußen und begehrte Einlaß, war er vorausgelaufen und kam
-Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die
-Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das Herz still und ihre
-Knie bebten, denn die Tür war von selbst aufgegangen und auf der
-Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht
-war totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren müde und
-glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie
-ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie
-vermochte nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen,
-ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber ihre Zunge war
-gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen.
-
-»Gesa,« sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie
-Gesa laut auf und sank zu Boden.
-
- * * * * *
-
-Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich
-zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und
-Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den
-niedrigen Katendeich überflutete und das weite Land des Neßbauern
-überschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland saß und im
-Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas für
-Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und
-befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat!
-
-Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich
-mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser mußte, da
-rief es mit einem Male hinter ihm: »Höh, Störtebeker!« und als er sich
-schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken.
-»Hödjihöh, Vadder,« rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte,
-dann aber warf er den Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts
-mehr an: sein Vater war gekommen!
-
-Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte -- nun war
-er weg? Störtebeker lachte und glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie
-er es immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im
-Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht
-wieder ausfindig machen. »Vadder, neem büst du?« rief er, aber er bekam
-keine Antwort. Da nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und
-lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das Wasser -- der Ewer war
-nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch an St.
-Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser mit
-der Eisenbahn übergereist sein.
-
-»Mudder, is Vadder ne hier?« rief er schon auf der Diele und stürmte
-suchend in die Küche, überholte hastig die Schlafkammer und suchte die
-Dönß ab.
-
-»Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder woll wesen,« klagte
-seine Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch
-auf, in dem sie gelesen hatte.
-
-»Eben wür he annen Westerdiek,« lachte er und stieg auf den Stuhl, um
-aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. »Ik will em woll gewohr
-warrn, den Versteekspeeler den!«
-
-Da wurde sie aufmerksam. »Keen wür annen Westerdiek?« fragte sie tonlos.
-
-»Vadder!« rief Störtebeker, »he stünn boben uppen Diek un lach un wink.
-As ik to rupleep, wür he batz weg.«
-
-Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren konnte, und
-jammerte: »Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien
-Jung!«
-
-Er schüttelte den Kopf. »Dat is ne wohr, Mudder,« sagte er bestimmt,
-»dat hest du dräumt. Vadder kann ne blieben und blifft ne, dat hett he
-sülben to mi seggt. Vadder kummt jümmer wedder!«
-
-Sie weinte nur noch heftiger.
-
-»Stopp, ik will em woll finnen,« rief er und lief wieder in den Wind
-hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewiß auf dem
-Westerdeich gesehen hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hörte nicht
-darauf.
-
- * * * * *
-
-Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf stand sie: das war die
-Todesstunde von Klaus Mewes.
-
-Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestoßen.
-Wie die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben.
-
- * * * * *
-
-Zufall? Gaukelei der Sinne?
-
-Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der Stunde, in der sie
-auf See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder
-zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen,
-die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in
-Lebensgestalt zu erscheinen.
-
- * * * * *
-
-H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, das heißt von
-Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und
-gebrochenem Großmast hinter der Alten Liebe lag, und erzählte, daß er
-ein solches Wetter noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch
-nicht, es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der
-Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit
-bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann
-fragte, sprach er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm
-gewesen, sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes.
-Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm
-gehört, aber da war alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff
-im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine
-gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine Gedanken zu machen: der
-kam wieder, so gewiß wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute
-noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hatte,
-hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da
-konnte sie ganz geruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner
-Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, daß
-er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster
-auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: »Inne Nurd
-schallt noch mihr weiht hebben, as neem wi ween sünd -- un ik gläuf,
-Klaus Mees is inne Nurd wesen.«
-
- * * * * *
-
-Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der
-Wasserkante, denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht.
-
-Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der
-Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken,
-Häuser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren
-entwurzelt. Auf Scharhörn war eine große englische Bark gestrandet und
-mit Mann und Maus spurlos verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein
-Lotsenschoner umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast
-einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber lag bis an den
-Leuchtturm voll von haverierten Schiffen.
-
-Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf Kutter und zwei Ewer,
-darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und
-sprachen die Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre mußte
-zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal der sieben Fahrzeuge,
-der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten,
-das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie
-kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen Ewer unter den Füßen und
-guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte
-ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich
-immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den
-geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten
-Schiffern und den wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten
-ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.
-
-Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter
-kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei
-war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben,
-weder auf der Weser noch auf der Elbe.
-
-Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen und
-Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel
-herab Fürbitte für ihn und die beiden Leute und er betete stark und
-ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die Kirche ging, denn der
-Untergang dieses großen, fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer
-mag noch Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er.
-
-Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen.
-Sie mußten es endlich glauben, daß sie seine Flagge nicht mehr flattern
-sehen würden, daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich
-entlangkommen konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten
-aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den Mädchen tanzte. Was für
-ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt! Gut
-und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort
-gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da
-hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten
-Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend
-gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei
-ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein
-Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie
-so manche es waren.
-
-Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den
-Watten gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhängt und vor der
-verschlossenen Tür, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten
-standen der Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im
-Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die
-Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel
-und das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst
-durch die stillen, totenstillen Räume. Meistens saß sie in der
-dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür
-schloß sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen,
-die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun
-Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie für eine
-Finkenwärderin), mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren
-Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich selten sehen,
-denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht mehr ertragen,
-konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne daß ihr die Augen
-übergingen.
-
- * * * * *
-
-Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und
-weinte mit?
-
-Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, daß sein
-Vater untergegangen war, daß der Ewer nicht wiederkommen konnte, daß er
-Kap Horn und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater
-war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiß
-kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so
-viel vor Wind hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz
-gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des
-Jungen auf dieses Wort seines Vaters und unerschütterlich war sein
-Glaube.
-
-»Störtebeker, dien Vadder is bleben,« sagten die andern Jungen zu ihm,
-aber er schüttelte geruhig den Kopf und antwortete: »Wat weet ji dorvan
-af?« -- »Doch, Vadder hett dat seggt!« -- »Denn segg dien Vadder man,
-dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt
-wedder,« sagte Störtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter
-tröstete er jeden Morgen und jeden Abend: »Schree doch ne, Mudder, gläuf
-doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,« aber er
-erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte.
-
-Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch: sein
-Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mißmutig.
-
-Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe
-versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus,
-bis hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen
-im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater.
-Große Dampfer mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den
-Fäusten, aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier
-ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf
-den Kahn wie eine Nußschale auf und ab: Störtebeker ging nicht vom
-Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach
-seinem Vater.
-
-»Hest Vadder ne sehn, Jannis?«
-
-»Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?«
-
-Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat,
-nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn
-alle. »Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,« sagten die
-Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind
-und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und
-trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr
-blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer
-wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabei
-sein, einmal mußte er ihn doch hergucken können! So viele Schiffe!
-
-»Is keen Breef van Vadder kommen,« fragte er abends, denn sie konnten ja
-auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepaßt hätte.
-
-»Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?« fragte Gesa
-bekümmert.
-
-»Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!«
-
-Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau
-ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte,
-er wäre es, und eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken
-Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er
-ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur
-schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu
-erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die
-alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er
-die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte,
-und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann
-wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern
-helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern,
-wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er
-immer getan hatte. Ach -- er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken
-schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er
-einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.
-
- * * * * *
-
-Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen draußen
-auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden.
-Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den
-Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom
-oder Wind konnte. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren,
-sondern am Bollwerk zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen,
-nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.
-
-Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der
-nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft
-hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen
-ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer wieder,
-immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen.
-Sein Vater kam wieder: von dieser Hoffnung ging er nicht ab -- und er
-wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.
-
-Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im
-Gras, denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben. Kluß, die alte
-Krähe, lag eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie
-im Garten ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen
-verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich nicht mehr darum
-bekümmerte: gleichgültig ließ er es geschehen, denn es war ihm einerlei
-geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder
-da sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen! Dann
-kam auch all das andre wieder an die Reihe.
-
-In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! -- lief er nach
-seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.
-
-Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst
-nichts von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wäre am Westerdeich
-zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät
-oder überhaupt nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine
-rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher, wie in
-tiefen, schweren Träumen.
-
-Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig
-geworden war und er sich auf der Elbe, zwischen Kranz und Wittenbergen,
-verirrt hatte. Da wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den
-Westerdeich ab und lief ängstlich über die Weiden. Als sie ihn nirgends
-finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. Da hörte sie von den
-Fischern, wie ihr Junge seine Tage verbrachte, daß er ständig mit dem
-Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie
-erschrak sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all den
-Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. Wenn er nun ertrunken
-war!
-
-Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht
-mehr aus den Augen lassen!
-
-Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen
-auf die Suche, obgleich es so dick geworden war, daß sie einen Kompaß
-mitnehmen mußten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und
-ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das
-stille, tote Wasser, aber es war nichts zu hören, noch zu sehen. Sie
-wollten es schon aufgeben, da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este
-und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht nach dem
-Neß. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen, aber er sprang
-aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein
-nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen werden
-mußte!
-
-»Morgen kummt Vadder gewiß,« tröstete er seine Mutter, als er sich das
-klamme Zeug auszog, sie aber wußte vor Schmerz und Freude und innerster
-Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen
-sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und
-kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, daß ihm gar nichts fehle.
-
-Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak,
-wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken
-schuld daran, daß sie nicht einschlafen konnte. Sie riß sich schwer ab,
-dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr
-als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen
-vom Wasser abzubringen, zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertränke, zu
-verhindern, daß er ein Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode
-käme, wie sein armer Vater, dafür zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden
-und auf dem Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der
-wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von der Geest in dieses
-Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das Geschlecht der Mewes
-vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig zu
-machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen
-Nachmittag von ihr gewollt: sie fühlte es und hörte es, was sie hatten
-sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, daß der
-Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters,
-laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es
-gewesen! »Jo, Klaus, dat will ik,« flüsterte sie vor sich hin, »du
-schallst dien Rauh hebben!« Starr richtete sie sich aus den Kissen auf
-und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es schwer halten
-würde, daß sie streng und hart sein müßte, denn der Junge saß voll von
-diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen,
-aber ihr zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich um
-ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn
-dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu
-bewahren. Das war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt
-abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung
-war, mußte noch zu biegen und zu lenken sein, wenn ein fester Wille
-dahinter stand. Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen, sie
-konnte es nicht ...
-
-Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um
-die See. Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große
-Strafpredigt, bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine
-Mutter dann aber weiterging und davon sprach, daß sein Vater nicht
-wiederkommen konnte, daß er auf dem Grunde der See lag, da richtete er
-sich wieder auf und sagte, das sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg,
-sie wüßten alle nichts davon! Sein Vater käme wieder: dabei blieb er und
-davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen und sein Vater
-könne nicht ertrinken: er glaubte es nicht und wenn sie es auch alle
-zusammen sagten!
-
-Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu
-schippern, aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser
-blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein
-Vater müßte gewiß kommen und er müßte ihm entgegenfahren. Und als seine
-Mutter hinterm Hause war und die Schweine fütterte, da machte er seinen
-Kahn los und wriggte wieder weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den
-Ewer mitbrächte, würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten:
-mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der Segel absuchte.
-
-Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen
-und kam deshalb erst spät am Abend zurück.
-
-»Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?« fragte Gesa erregt,
-»wullt du ober Burd fallen oder scheut de Dampers di inne Grund jogen?«
-
-Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und biß von seinem
-Brotknuß ab, ohne etwas zu erwidern.
-
-»Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll
-gornix mihr to seggen?« fragte sie bebend.
-
-»Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,« erwiderte er
-geruhig und setzte abweisend hinzu: »Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!«
-
-Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie alles andre
-in ihr und sie schlug ihn sehr. Er stand still und ließ sich schlagen,
-weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die
-Zähne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.
-
-Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk
-zurück, sodaß er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf
-flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie
-wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer!
-Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater
-kam nicht, und er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den
-ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken hatte er, und war
-sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der Schwelle und guckte
-seine Mutter an, die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte:
-nu hau mi man wedder!
-
- * * * * *
-
-Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage
-fest. Streng achtete sie darauf, daß ihn niemand mehr Störtebeker
-nannte, daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach
-dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten
-würde, den Jungen Störtebeker zu nennen: aber damit erreichte sie nur
-das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst
-recht Störtebeker.
-
-Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen
-hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen
-gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es
-regelmäßig knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht
-sah, fragte sie ihn weich: »Wat schall dat denn, Klaus?« Er schüttelte
-erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestört werden wollte, dann aber
-besann er sich und sagte leise: »Mok de Ogen ok mol to, Mudder!« -- »Wat
-schall dat denn, Junge?« -- »Moks doch mol to, Mudder, och man to!« --
-»Ik hebbs jo all to, Klaus.« -- »Ganz fast?« -- »Jo, ganz fast!« --
-
-»Denn sünd wi up See, Mudder,« sagte er verträumt, »kannst hürn, wat dat
-boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt,
-Mudder! ... Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt wi
-intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de
-Meben anflegen kommt! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen
-sehn? Dor slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht Kap
-Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up --
-dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück
-schillt Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken
-... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is
-Hilchland! ...«
-
-So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu.
-Gesa saß auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125
-trug, und hörte zu, während ihre Augen sich verdunkelten. »Woneem is
-Vadder denn?« fragte sie zuletzt erschüttert.
-
-»Vadder?« rief er verwundert, »Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur,
-de hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!«
-
-Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er aber saß noch lange
-und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.
-
- * * * * *
-
-Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen: immer
-war er dann auf See bei seinem Vater.
-
-Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und
-Schläge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen.
-Die Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn
-wie auf ein Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen
-aber immer wieder durch die Maschen! Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm
-gewesen war, hatte sich zum Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor
-hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.
-
-Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von
-allen Seiten nach ihm schnappten, beschloß er, nach der See zu schippern
-und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn
-gefunden hatte, wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht
-wieder nach Hause kommen. Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt
-aufgegeben hätte, so daß Gesa neue Hoffnung schöpfte, heimlich aber
-rüstete er sich für die Flucht aus. Er suchte sich eine große Kruke her
-und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas zu trinken hätte,
-er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs Fische fangen
-könnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt
-unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen könnte. Als
-er soweit fertig war, wartete er auf einen günstigen Augenblick, und als
-seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompaß von
-der Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem
-Kahn die Elbe hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich
-beim Bäcker zwei große Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann
-wriggte er unverzagt weiter, der See entgegen, und weil es Ebbe war und
-er Achterwind hatte, kam er sehr schnell vorwärts, bis über die Lühe
-hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der Nordkante
-in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel
-hinein, denn es war fröstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als
-Hochwasser war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis
-Krautsand war er schon gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es
-Tag geworden war, entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer, der auf
-seiner Jolle stand und seine Garne wusch: er sprang ins Boot und
-verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Störtebeker bat und biß, aber
-es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und
-brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte, nach
-Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig ab, denn der Jäger
-kam dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er seinen Jagdhund oder
-ein Stück Vieh vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann
-aber schwieg er wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wür,
-de wull jo god!
-
-Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn nach dem andern
-Ende des Deiches bringen. Und sagte, sie hätte ihn einem Fischer
-verkauft, der ihn mit nach See genommen hätte. »Wat kannst du bloß den
-Kohn verkäupen?« rief er heftig, »de hürt mi to un dor hett nüms wat
-ober to seggen as ik, kannst Vadder frogen!« Als er sie dann aber nach
-dem Fischer fragte, gab sie keine klare Antwort, so daß ihm die Sache
-muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und spähte solange, bis
-er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen, machte er es los
-und brachte es nach dem Neß zurück.
-
-Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater mußte ja
-wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung.
-
-War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, denn die Frauen
-bestärkten Gesa in ihrer Strenge und die Elbfischer griffen ihn, wo sie
-seiner habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen
-Jungen umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte!
-
-Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein
-Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er dort auf der Heide seinen
-Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. Der
-alte Heidjer und die Großmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal
-bei sich zu haben, tischten ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu
-passen, als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte. Störtebeker ließ
-sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen, er
-ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, er lernte
-Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er
-kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land: dann aber
-fiel ihm plötzlich ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem Neß
-mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang er kopflängs von dem
-Schimmel herab, auf dem er saß, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und
-alles, fragte sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe,
-ließ sich von Paul Müller übersetzen, raste den Westerdeich entlang und
-stand an der Huk still, denn er konnte keinen Ewer sehen. Erst wollte er
-wieder nach der Geest zurücklaufen, dann aber getraute er sich doch nach
-seiner Mutter Haus.
-
-Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach
-der Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten und sie
-schlug ihn, daß er blutete. Als Nachmittag der alte Heidebauer mit
-seinem Wagen angefahren kam, erbost über die Flucht und den Trotz des
-Jungen, schlug auch er auf ihn ein. Dann wollte er ihn binden und wieder
-mitnehmen, aber Gesa sagte, das hülfe doch nichts: sie wolle ihn hier
-behalten: er solle in den Keller gesperrt werden und sie wolle den Kahn
-nun wirklich verkaufen.
-
-Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller bringen. Da saß er im
-Gefängnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch
-die Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der gerade
-unter dem Fenster entlangging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und
-sagte grimmig: »Wi weut di woll mörr kriegen, du Dickkupp!«
-
-Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine
-Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wußte sich nicht mehr zu
-helfen.
-
-»Hilp mi doch, Vadder!« schluchzte er, »hilp mi doch! Kumm doch wedder!«
-
-Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen
-beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord, auf
-den Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn und kein
-Seemann kam, ihm die Hände zu lecken.
-
-»Hilp mi doch, Vadder!« ......
-
-
-
-
- Letzter Stremel.
-
-
-Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem grünen Ewer
-geblieben ist.
-
-Wir kurren in der Gegenwart.
-
- * * * * *
-
-Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der die Blätter von
-den Bäumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat.
-
-Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit Liebe zu tun hat,
-sondern ihren Namen von der »Olive« bekommen hat, einem haverierten und
-abgeschlachteten Schiff, das zuerst den Anleger bildete) -- liegt die
-Austernflotte und macht sich zum Auslaufen klar. Da liegen die neun
-Kutter, die Dohrmann, der große Austernhändler, für den Winterfang
-angenommen hat.
-
-Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, die hansischen Farben
-mit den hamburgischen Türmen, die am Finkenwärder Deich die Todesflagge
-genannt wird. Denn der Austernfang auf hoher See ist die
-allergefährlichste Fischerei, weil sie in die stürmischen Monate fällt
-und weil die Austernbänke so weit draußen liegen, inmitten der Nordsee,
-meilenweit hinter Helgoland. Da ist keine Reede und kein Hafen zu
-erreichen, wenn das Wetterglas fällt: alle Stürme müssen draußen
-ausgeklüst werden.
-
-Nur die neuesten, größten und seetüchtigsten Kutter können sich des
-Austernkurrens unterfangen. Nur die verwegensten und mutigsten
-Seefischer, die jungen und starken, können diese Fischerei betreiben:
-aber auch sie würden sich nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen
-müßten und wenn die Austern nicht so gut lohnten. Die Zeiten sind schwer
-geworden, seitdem die Fischdampfer groß geworden sind: Winter und Sommer
-muß der Fischermann kurren, wenn er noch bestehen will: die
-Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in die
-Stürme hinein.
-
-Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht
-aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer.
-
-Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der
-stärkste von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Großtopp,
-bunte Bänder und grüne Blätter -- so neu ist er.
-
-Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig, Landrat Teßmar, Farewell,
-Senator von Melle, Süllberg, Fairplay und Providentia, so heißt er Klaus
-Störtebeker.
-
-In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck:
-
- +----------------------+
- | Klaus Störtebeker, |
- | Finkenwärder. |
- +----------------------+
-
-Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm
-eine deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein
-Vater und zieht keine fremde Fahne auf. Dohrmann muß ihn so fahren
-lassen.
-
-Der schöne, schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus Mewes! Dem jungen
-Klaus Mewes!
-
-Ja, Seele, dem jungen Klaus Mewes gehört er, dem kleinen Klaus
-Störtebeker, aus dem sie einen Geestbauer, einen Schuster, einen
-Zimmermann und was nicht alles machen wollten und aus dem doch nur eins
-werden konnte, in dem doch nur eins steckte: ein Seefischer! Allen zum
-Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und ist ein Fahrensmann
-geworden wie sein Vater.
-
-Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem ersten Kutter ist
-er bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoßen und hat ihn dabei
-eingebüßt. Nun liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will
-Austern fischen.
-
-Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch manches Schiff unter
-den Füßen gehabt haben, vor dem großen, herrlichen Fischerkutter stehen,
-betrachten die glänzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden Bug,
-und loben den Baumeister, der ihn zusammengeklopft hat, und den
-Schiffer, dem er gehört und der mit ihm nach See gehen kann.
-
- * * * * *
-
-Die Kajüte ist groß und hoch, denn der junge Klaus Mewes fährt zu vieren
-und ist hochgewachsen.
-
-Drei Sprüche zieren sie.
-
-Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne goldene Spruch aus dem Ewer:
-
- Hilpt mi, Sünn un Wind,
- hilpt mi bit Fischen!
- Ik heet Klaus Mees
- un bün van Finkwarder.
-
-Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: Kap Horn
--- und die letzte Koje schmückt das trotzige Wort:
-
- Finkwarder blifft Finkwarder
- un geiht ne van de See!
-
- * * * * *
-
-Da kommt der junge Klaus Mewes.
-
-Er kommt vom Kriegshafen herüber, von den Torpedobooten her. Er hat
-seinen Leutnant besucht. Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch
-jetzt viel voneinander.
-
-»Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht
-bange,« hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefügt:
-»Mehr als auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See
-an! England ist Rom und wir sind Karthago -- goden Wind, Klaus Mewes!«
-
-Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der
-ausgesehen hat: es ist, als wäre der andre Klaus Mewes wiedergekommen.
-
-Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und höher hat auch er den
-Kopf nicht getragen: wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem
-Isländer und auf seinen Seestiefeln.
-
-Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann.
-Nicht als finsterer Fliegender Holländer geht er einher: viel ähnlicher
-ist er dem blonden Konradin, der tapfer lachend über die Alpen zog, nur
-von seinem Schwert begleitet, und sich sein Königreich erobern wollte.
-
-Daß er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgroßvater, Großvater und
-Vater sind geblieben, seine Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die
-schweren Winterstürme vor sich -- und dennoch lacht er, wie die Sonne,
-wenn sie scheint.
-
-An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt, auf See aber ein
-verwegener Draufgänger, der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber
-ein Segel in die See gehen läßt, als daß er ein Reff einsteckt. Die
-Furcht, die schon der Junge nicht kannte, hat auch in der Seele des
-Mannes keinen Raum.
-
-Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht die schnellsten
-und besten Reisen. Das weiß der ganze Deich. Und wenn ein Junggast bei
-ihm als Koch gefahren hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht,
-denn die Fahrzeit bei dem jungen Klaus Mewes ist wie Kriegszeit und wird
-doppelt gezählt.
-
-Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein lachender,
-glücklicher Vater, den er in Gedanken immer bei sich stehen hat, wenn er
-steuert. Bei ihm an Bord ist nichts von der Not der Zeit zu spüren, die
-die stolzen Flotten von Finkenwärder und Blankenese bis auf neunzig
-Schiffe zerschlagen und zertrümmert hat: er hat Leute genug: wie der
-Magnet das Eisen, so zieht er das tüchtige Jungvolk, den Nachwuchs von
-Finkenwärder, der noch Lust zur Seefischerei hat, mit Gewalt an sich.
-
-Er brauchte nicht während des Winters zu fischen, denn er hat im Sommer
-Geld genug verdient, daß er geruhig auflegen könnte: aber er geht
-dennoch auf die Austern los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb,
-den Zug ins Heunenland mitzumachen: es ist ihm um die Ehre zu tun! Er
-muß überall der erste sein! Er kann und will sich nicht sagen lassen,
-daß er hinter dem Ofen gesessen hätte, während andre in den Austern
-gewesen seien!
-
-Er weiß, daß sie auf ihn sehen, wie auf ihren Führer, und er ist stolz
-darauf und freut sich dessen.
-
-Als der Kutter auf der Helling saß, machte der junge Klaus Mewes einige
-Reisen als Fischdampferkapitän, um sein großes Steuermannspatent auch
-einmal auszunutzen: er fischte im Angesichte von Island im Schein der
-Mitternachtssonne und an der Küste von Marokko in der Glut des Samums,
-er sah sich Aberdeen und Lissabon an: als aber sein Kutter zu Wasser
-gelassen war, da bedankte er sich selbst lachend bei seinem Reeder und
-zog es vor, sein eigenes Schiff zu steuern und nichts über sich zu
-haben, als seine Segel und seinen Herrgott!
-
-Er hat sein schönes Schiff erreicht, der junge Klaus Mewes. Er springt
-an Bord und ruft die Leute auf.
-
-Sie wollen fahren!
-
-Klappernd steigen die weißen, leuchtenden Segel, die noch keine Lohe
-geschmeckt haben, an den Masten auf, die Gaffeln knarren und die Schoten
-schlagen wie wilde Geister, denn es ist noch stur.
-
-Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt den Südwester auf,
-dann faßt er das Ruder an und läßt die Stroppen losmachen. Langsam
-schwoit der Kutter -- die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich
-allmählich in Bewegung.
-
-Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schießt
-mächtig davon, um Austern zu kurren. Gewaltig taucht es in die schwere
-Dünung hinein.
-
-Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes
-und seiner Fahrt.
-
- * * * * *
-
-Seefahrt ist not!
-
-Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes!
-
- * * * * *
-
- Ende
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-
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- Verklarung einiger Schiffsausdrücke und plattdeutscher Wörter.
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-ans = sonst (entstanden aus anders)
-
-back brassen = einen Teil der Rahsegel so stellen, daß der Wind von vorn
-hineinfällt, wodurch das Schiff aus der Fahrt kommt; in übertragenem
-Sinne = stoppen
-
-ballern = poltern, werfen, daß es knallt
-
-bannig = sehr
-
-barg = viel
-
-batz = plötzlich
-
-Black = Tinte
-
-blangen = neben
-
-Blösch = Eisscholle (Mehrzahl Blöschen)
-
-Blutstropfen = Fuchsie
-
-Boitel = Wicht, Kerlchen
-
-Bünn = mittschiffs eingebauter, durch Löcher mit dem Wasser verbundener
-Fischbehälter
-
-Bunge = Reifenstellnetz in Trommelform
-
-Buscherump = Oberhemd (entstanden aus Burschenrumpf)
-
-Büt = Beute, Strandgut
-
-Buttpedder = Buttentreter, Neckname der Elbfischer
-
-Daak = Dunst, Nebel
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-Dachhaus = Strohdachhaus
-
-diesig = dunstig, unsichtig
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-Dönß = Stube
-
-Draggen = vierzahniger Anker
-
-Dreuchewer = Frachtewer, der keinen Bünn hat, also »trocken« ist
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-drok = dreist
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-Ducht = Bootsbank
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-dümpeln = schwanken, schaukeln
-
-dwars = quer, gegenüber
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-Dweel = leinenes Tischtuch
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-Dweil = gestielter Schiffsfeudel
-
-elk = jeder, jedes
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-Euschfatt = Holzschaufel zum Wasserausgießen
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-Ewer = zwei- oder einmastiger Segler auf der Elbe (der Name bedeutet
-Eber; vergl. Bollen = Bulle [Anleger], Buck = Bock [stumpfes Schiff])
-
-Fall = Sand- oder Schlickriff, das sich durch den »Fall« der vom Wasser
-mitgeführten Bestandteile gebildet hat
-
-fieren = herunterlassen
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-Flage = Schauer, Bö
-
-Fleek = Fläche
-
-Flögel = Windfahne auf den Masten (eigentlich Flügel)
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-Gaffel = oberer Segelbaum (-Gabel)
-
-Gatt = Hinterteil des Schiffes
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-gau = schnell
-
-Geutjen = Kinder (eigentlich Gänschen)
-
-Giekbaum = Schlagbaum, unterer Segelbaum
-
-gnostern = knirschen
-
-Grientje = schmieriges Lachen
-
-gucheln = in sich hinein lachen
-
-Heck = Hinterwand des Schiffes
-
-heilen, ausheilen = ein Netz flicken
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-Helmholz = oberer Teil des Ruders (Steuers)
-
-Hemdsmauen = Hemdsärmel
-
-hieven = aufziehen
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-hild = eilig
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-Hödjihöh = Ahoi
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-Huk = Ecke (holländ. hoek)
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-jumpen = springen, aus dem Englischen
-
-Jalk = Tjalk, kleines breitbugiges Frachtfahrzeug
-
-Kambüse = Küche, auch Schiffskajüte
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-Kapp = Deckverschluß der Kajüte
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-Kapuze = Wandbett mit Schiebetür
-
-Kastetten = Staket
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-Kieker = Fernrohr
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-Kimmung = Horizont
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-klamüstern = grübeln
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-Klitsch = leichte Mütze
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-Klür = Farbe, Couleur
-
-klüsen = scharf segeln, hart ankern, daß das Wasser durch die Klüsen
-(Kettenlöcher) kommt
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-Kluten = Erdstück
-
-Knipptasche = Geldtasche, Portemonnaie
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-kodimmen = kondemnieren, ein Schiff abschlachten
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-Kolosen = Vorhänge, Rouleaus
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-krüssen = ersticken
-
-Kule = Vertiefung, Senkung, Wasserloch
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-Kurre = Schleppnetz
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-Kurrgut = Netzgarn
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-labsalben = die Masten und Stengen schmeeren
-
-lavieren = kreuzen, hin und her segeln
-
-Lee = die dem Winde abgekehrte Schiffsseite
-
-leege Wall = gefährliche Nähe von Land
-
-Liek = Tau, das das Segel einfaßt
-
-Liekedeeler = Gleichteiler, mittelalterliche Seeräuber der Nordsee
-
-Luv = die dem Winde zugekehrte Schiffsseite
-
-Macker = Kamerad, Gefährte
-
-mall = krank, verrückt
-
-meuten = aufhalten (inne Meut = entgegen)
-
-mooi = gut, schön, angenehm
-
-mörr = mürbe
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-Muck = schmale Henkeltasse (engl. mug)
-
-Nachthaus = Kompaßhäuschen
-
-Neß = Nase, Westspitze von Finkenwärder
-
-Nock = Ende der Rah
-
-Nüff = Nase
-
-offermorgen = übermorgen
-
-Patt = Pfütze
-
-Pek = Schlittenhaken
-
-Plicht = kleine Koje
-
-Poller = kurzer Deckspfahl
-
-Posensteel = Gänsekiel, Federhalter
-
-Priel = schmaler Wasserarm
-
-Putt = Sumpf
-
-Pütze = Schiffseimer, an einem Tau befestigt
-
-Ramm = Hexenschuß
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-raum ist der Wind, der von hinten kommt
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-Reepschläger = Seiler
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-reffen = die Segel durch Zusammenrollen verkleinern
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-Reff = der zusammengerollte Teil des Segels
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-Rickels = Zaun
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-Riemen = Ruderstange
-
-rollen heißt die Bewegung des Schiffes um seine Längsachse
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-Ruder = Steuer
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-sacken = sinken
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-Schallen = Schlickvorland
-
-Scharben = scharfschuppige Schollenart
-
-schechten = ausschreiten
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-Scheger = Holzbrettchen, das beim Netzmachen die Maschen hält
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-scheistern = schwanken
-
-Schleef = Schlingel, eigentlich großer Löffel
-
-schölen = spülen, waschen
-
-Schote = unteres Segeltau
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-Schütt = Hauszaun
-
-schwoien = drehen (nur von Schiffen)
-
-Setzbord = Reling, Bordwand
-
-Sickberg = Eisberg
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-Siel = kleine Schleuse im Deich, aus hohlen Baumstämmen gemacht
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-slarpen = lässig, schlürfend gehen
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-sleupen = schleppen
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-Smutje = Schiffskoch
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-Spake = dicke Holzstange zum Bewegen des Spills (s. d.)
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-Spill = Ankerwinde
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-stampfen = die Bewegung des Schiffes um seine Querachse
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-Steert = Netzende, eigentlich Schwanz
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-Stegel = Weg vom Deich ins Land hinab
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-Streek = Strich, Zug
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-Stremel = Streifen, Stück
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-Stropp = dickes Tau
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-Stubben = Baumstumpf
-
-stur = aufrecht (vom Mann), hart (vom Wetter)
-
-Tamp = kleines Tau
-
-Tamp legen = ein Schiff anbinden
-
-Törn = Reihe, Tour, Zug, auch Schlinge
-
-treunen = betteln
-
-troß = stolz
-
-Tunner = Zunder
-
-Vogel Bunt = Vagabund
-
-Wake = Wasserstelle im Eis
-
-Warbel = Drehriegel
-
-Wanten = Taue, die die Masten seitlich halten
-
-Wart = Enterich
-
-Wichel = Weide
-
-Wiem = Hühnerstall
-
-Winsch = Winde
-
-Wisch = Wiese
-
-ziepen = piepen (ein Fahrzeug ziept, wenn es ein wenig leckt).
-
-
-
-
-
-
-
- Verlag von M. Glogau jr. in Hamburg 36
-
- Gorch Fock
-
- Seefahrt ist not! Roman. 120. Tausend. Gebunden.
-
- Schiff vor Anker. Erzählungen. 16. Tausend. Gebunden.
-
- Fahrensleute. Neue Seegeschichten. 36. Tausend. Gebunden.
-
- Hamborger Janmooten. Een lustig Book. 42. Tausend. Geb.
-
- Nordsee! Erzählungen. Mit einem Bilde des Dichters. 55. Tausend.
- Gebunden.
-
- Sterne überm Meer. Tagebuchblätter und Gedichte mit
- Lebensbeschreibung und Bild des Dichters. 45. Tausend. Gebunden.
-
- Hein Godenwind, de Admirol von Moskitonien. Eine deftige
- Hamburger Geschichte. 48. Tausend. Gebunden.
-
- Schullengrieper und Tungenknieper. Finkenwärder Geschichten. 48.
- Tausend. Gebunden.
-
- Schiff ahoi! Ausgewählte Erzählungen. 22. Tausend.
-
- Doggerbank. Niederdeutsches Drama.
-
- Georg Droste
-
- Dokter Langbeen und anner Geschichten von Tiere un Minschen. 11.
- Tausend. Ein Buch voll Herz und Humor, rührend und lustig
- zugleich, dessen Wert unvergänglich ist.
-
- Wilhelm Poeck
-
- Poggenkönig un Dübelsprinzessin. Lustige plattdeutsche Märchen
- für Jung und Alt. Gebunden.
-
- Der Herr Innehmer Barkenbusch und andere lustige Geschichten von
- der Wasserkant. 4. bis 6. Tausend. Gebunden.
-
- In de Ellernbucht. En Geschicht von de Hamborger Waterkant.
-
- Otto Ernst
-
- Hamborger Schippergeschichten. Nach Holger Drachmann in
- plattdeutsche Art und Sprache übertragen. 11. Tausend.
-
- Herr Bummerlunder. Volkskomödie in 4 Akten.
-
- Carl Fr. Wagner
-
- Hein Boller, de Hamborger Buddje. Mit sechs Bildern und
- Umschlagbild von Adolf Möller. Gebunden.
-
- Hans Much
-
- Int Kinnerland. Kinnerleeder un Schattenbiller. Ein kleines
- Prachtwerk.
-
- Im Verlage von M. Glogau jr. in Hamburg 36
- erschienen folgende
- Bücher von
-
- Fritz Lau
-
- Kopp hoch! Plattdeutsche Erzählungen. 1. bis 5. Tausend (Neuheit).
-
- Katenlüd. Plattdeutsche Erzählungen. 6. u. 7. Tausend.
-
- Brandung. Geschichten von de Waterkant. 4. bis 6. Tausend.
-
- Ebb un Flot -- Glück un Not. Plattdeutsche Erzählungen. 4. bis 6.
- Tausend.
-
- Helden to Hus. Plattdeutsche Erzählungen. 15. bis 17. Tausend.
-
- In Luv un Lee. Plattdeutsche Erzählungen. 6. bis 8. Tausend.
-
- Elsbe. Ein Stück Minschenleben. Mit einem Bildnis des Dichters.
- 6. bis 8. Tausend.
-
- ------
-
- Auszüge aus Besprechungen:
-
- Fritz Lau's Menschen wissen von Mühe und Arbeit, von Sorgen und Not,
- aber sie wissen auch wieder von Gott und sie haben immer noch ein
- herzliches Lachen in der Brust. Und wenn er dann von Kindern
- spricht, oder von Tieren erzählt, dann kann es über uns kommen,
- daß wir anhalten müssen, weil wir heilig Land vor uns sehen: so
- fein, so innig wird Fritz Lau dann. Um seiner Kinder und Tiere
- willen stelle ich ihn am höchsten. Er ist ein Meister der Stille,
- und die Stillen im Lande werden zu ihm kommen. Er macht uns die
- Augen auf und läßt uns weit sehen: in die Kindheit, in unseren
- Alltag, in den Heben. Wahr und tief und lebendig ist alles, was
- er geschrieben hat: auch alle für uns toten Dinge leben zwischen
- seinen Fingern. Fritz Lau's Bücher sind Bücher für die Wasserkante.
- Bücher für die Fahrt und das Leben. Sie sind für uns geschrieben und
- sollten von uns gelesen werden.
-
- Gorch Fock (Der Fischerbote -- Hamburg).
-
- Fritz Lau sieht die Welt mit Dichteraugen an und wird vieles gewahr,
- was andere, gewöhnliche Leute nicht bemerken. Und was er sieht,
- das weiß er lebendig zu schildern und zwar immer in den
- treffendsten, bezeichnendsten Ausdrücken. Es ist daher wie bei
- einem Maler ganz gleichgültig, was er darstellt. Unser Interesse
- wird immer gefesselt. Was er in seinen Bildern gibt, ist echte
- Poesie, und zwar echte plattdeutsche Poesie. Es gibt Bücher, und
- die bilden die Mehrzahl, die man, wenn man sie einmal gelesen
- hat, nicht wieder in die Hand nehmen mag. Zu diesen gehört das
- Buch von Fritz Lau nicht. Man kann es immer wieder lesen und hat
- immer neuen Genuß davon.
-
- Prof. Dr. Wisser-Oldenburg (Anz. für das Fürstentum Lübeck).
-
- Der Dichter weiß den Leser in seinen Bann zu ziehen, läßt ihn mit
- ihm sehen die gewaltigen Bilder der tosenden See wie die
- lachenden Fluren, das einfache Dorfleben abseits der Welt, wie
- die Tiefen in den Seelen der Meeresanwohner, die lichten und die
- düsteren Farben, -- immer verklärt von warmen, vollen
- Herzensregungen und von reiner Güte. Hinter seinen Gestalten steht
- der Dichter mit seherischen Augen, mit feinem Empfinden und
- vollendetem Können in der Formengebung: wahrhaft echte Poesie und
- Prosa. Die Erzählungen »Klas un Lena«, »De Regenbagen« und »Dat
- Polakengör«, sowie die ergreifende Schilderung »Up Scharhörn«
- gehören zu dem Besten, was ich je in mundartlicher Dichtung und
- überhaupt gelesen habe.
-
- Deutsche Tageszeitung.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 7]:
- ... der in der sechziger Jahren während der Äquinoktien ...
- ... der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien ...
-
- [S. 14]:
- ... Strömer und Liekedeeler war, ein Britte und Tunichtgut, ...
- ... Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und Tunichtgut, ...
-
- [S. 43]:
- ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis treib nicht weg und ...
- ... hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und ...
-
- [S. 80]:
- ... hohe Tiede Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...
- ... hohe Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in ...
-
- [S. 106]:
- ... Störtebecker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...
- ... Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich ...
-
- [S. 139]:
- ... Störtebeker barg dat Hütfaß und stellte die Bungen ...
- ... Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen ...
-
- [S. 163]:
- ... Linie und dem Sargossameer bei Westindien, in dem ...
- ... Linie und dem Sargassomeer bei Westindien, in dem ...
-
- [S. 183]:
- ... sein, daß diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...
- ... sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der ...
-
- [S. 231]:
- ... schalt die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...
- ... schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Seefahrt ist not!, by Gorch Fock
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEEFAHRT IST NOT! ***
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