summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-05 08:49:49 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-05 08:49:49 -0800
commita435d1676a3839f19462e744ae906cd573d1deb1 (patch)
tree08b2b224b4120a5d4f5aa9fa91e6cdf7f217d665
parentd6ea6eab5730510934f1018e8437dcb1d8954ee2 (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/51230-0.txt6553
-rw-r--r--old/51230-h/51230-h.htm7947
-rw-r--r--old/51230-h/images/cover.jpgbin91418 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/51230-h/images/signet.pngbin575 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/old/51230-0.txt6950
-rw-r--r--old/old/51230-0.zipbin120822 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/old/51230-h.zipbin218966 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/old/51230-h/51230-h.htm8329
-rw-r--r--old/old/51230-h/images/cover.jpgbin91418 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/old/51230-h/images/signet.pngbin575 -> 0 bytes
13 files changed, 17 insertions, 29779 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..e0b40c0
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #51230 (https://www.gutenberg.org/ebooks/51230)
diff --git a/old/51230-0.txt b/old/51230-0.txt
deleted file mode 100644
index aee6d36..0000000
--- a/old/51230-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,6553 +0,0 @@
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 ***
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.
-
- Die Autorennamen der Katalogseiten sind _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-
-Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.
-
-Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.
-
-Dreizehnter Jahrgang. Band 12.
-
-
-RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN.
-
-von
-
-Helene Böhlau.
-
-(Madame al Raschid Bey.)
-
-
-
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Stuttgart.
-Verlag von J. Engelhorn.
-1897.
-
-Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten.
-
-Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
-
-
-
-
-Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe.
-
-
-Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das kleine, nun längst
-wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet anfing, mitten unter den
-tausend und abertausend europäischen Städten und Städtchen sich
-außerordentlich wichtig zu thun. Es mochte auch alles Recht dazu haben;
-denn es hatten sich in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet,
-Vögel, derengleichen vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren,
-und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so daß sie wirklich
-außerordentlich seltene Vögel geblieben sind, bis heutzutage.
-
-Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben, und es hat den
-Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig hinerzählt war, allem
-Feierlichen, Schweren aus dem Wege ging, alles Leichtlebige beim Zipfel
-nahm.
-
-Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus den Bürgerstuben,
-aus den Gärten vor der Stadt, von jenen alten, gesegneten Gärten, und
-ich werde mich auch wieder vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen
-Tieren vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten abgeben.
-
-Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre alte weimarische
-Sonne locken, von der sie so gerne sich wieder bescheinen lassen würden.
-
-Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt, eine weiche,
-hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es sproßt und keimt, in der
-ein lustiger, feuchter Wind weht, Nebel ziehen, in der Herzen schlagen,
-und in der allerlei behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die
-Achseln zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen; damals
-aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen machte. So glaubte man
-in jenen Tagen und tuschelte es sich gegenseitig wie eine interessante
-Hofgeschichte zu, daß die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie,
-von der Karl August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts
-machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in Tieffurth, im
-Park und im Schlößchen.
-
-Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten Dinge. Die
-bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft, aber doch
-humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß daran, daß die kleine, bucklige,
-häßliche Dame solche Geschichten machte.
-
-Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn es war absolut
-nicht ~comme il faut~ von der Göchhausen. -- Außerdem sprach die
-Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern darüber, daß ihr so etwas
-»arrivieren« mußte -- solch eine »Kalamität«! -- Man fand, daß sich
-die Göchhausen noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich
-machte.
-
-Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie sie schimpfend und
-klagend die Parkwege auf und nieder gehuscht war.
-
-Sie hatten sie ganz genau erkannt, -- daran bestand kein Zweifel!
-
-Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von Krommsdorf erst
-spät heimgetrieben, war sie im Park auch nachgehuscht, und er erzählte,
-daß sie ihm scheußlich weinerlich und wichtig gesagt habe: »Ich
-la--ngweil' mich so!« -- Weiter nichts. Aber +wie+ sie es gesagt hätte!
-Wie aus einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden, die
-die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer Kalb, das
-die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt hatte, pfundweis nach
-Hause trugen, gar nicht haarsträubend genug vormachen.
-
-Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen, immer klagend,
-immer schimpfend und immer unzufrieden; -- manchmal auch nur murmelnd
-und brummend; -- aber +wie+ murmelnd! -- eben ganz wie eine arme
-Seele murmeln muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war
-überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache, daß sich die
-Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, -- nach Vorschrift der alten
-Kobold- und Geistergeschichten.
-
-Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen haben und hatten auch
-gottlob immer etwas; sie waren an die merkwürdigsten Dinge gewöhnt,
-eine solche Fülle von gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das
-graue Rattennest niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß
-diese Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit allerhand
-fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel.
-
-Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar lachende,
-blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich behende Körper,
-blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch etwas tollpatschige Hände,
-helle Kleider, die sich lebendig um diese jungen Körper schmiegen,
-die sich so jugendsicher auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so
-wohlgebaut und unschuldig.
-
-All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie zu ein paar
-Mädchen, die in der alten Wünschengasse daheim sind.
-
-Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt und sind mehr,
-als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund und Feind, Nachbar und
-Nachbarin.
-
-»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und sind die Töchter des
-Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und würdig, nie verstanden hat, weshalb
-gerade ihm das Schicksal diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr
-Mühe und Kopfzerbrechen kosteten, als seine Buben. Ja, in der That,
-er und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem hübschen Paare
-fertig geworden, wenn nicht die ganze Wünschengasse ihnen beigestanden
-hätte, die Rangen zu erziehen; und nicht nur die Wünschengasse fühlte
-sich dazu berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen
-Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es, wenn sie miteinander durch
-die dämmerige Gasse schlenderten. Und wer dies aussprach, schaute ihnen
-gewissermaßen gespannt nach.
-
-Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige Wünschengasse in
-Aufregung zu erhalten.
-
-Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach den Ratsmädchen,
-das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln und Hetzen, das Verhätscheln
-und Anraunzen. Nie, solange die Wünschengasse steht, sind aber zwei
-Schwestern von Kindesbeinen an trotz alledem so ungetrübt heiter
-gewesen wie diese zwei, so treu ihren Freunden ergeben.
-
-Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag Freunde
-haben, -- zu den Menschen, die nie einsam sind, -- zu den sonnigen
-Kraftmenschen, die Wärme und Strahlen für andre übrig haben.
-
-Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden keinen
-Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden nahe treten wollte, waren
-ihnen dankbar, -- und was die Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und
-diese Freunde: der blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon,
-den sie auf den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner
-französischen Abstammung wegen; in den weimarischen Mäulern aber war
-»der Pudding« zu einem »Budang« geworden. -- Und der schöne Franz
-Horny, der sich als Maler später einen Namen machte und in jungen
-Jahren in Amalfi starb; -- sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo
-es von den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian verehrt
-wird. -- Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller, Schillers Sohn.
-
-Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich vergnügt, wie
-dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr geschieht.
-
-Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere Urwüchsigkeit
-wie ein altmodisches Kleidungsstück abgelegt.
-
-Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen und haben
-sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von Röses Paten Sperber,
-einquartiert. Sie sind ins Wasser gefallen, haben miteinander getanzt,
-wenn es ihnen paßte; sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten
-gefahren, sie haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie
-haben »Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren
-gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich von den
-etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre genommen worden, haben
-ihnen ihre Schularbeiten vorweisen müssen und sind von ihnen belobt und
-gestraft worden, wie das alles ausführlich schon einmal erzählt worden
-ist. Herr und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung
-ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen.
-
- * * * * *
-
-Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse.
-Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel, und in die Dämmerung
-dröhnt die große Glocke im Schloßturm. Der Sturmwind fährt in das
-mächtige Geläute; er reißt die großen, vollen Töne wie Wolken
-auseinander und nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie,
-läßt sie hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen.
-
-Die Glocke läutet die Osternacht ein.
-
-Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch; so
-voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne und das tiefste
-Menschenleid.
-
-Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß Gott wo,
-erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens Weimar geworden.
-Ein jeder versteht dies Herz da oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig
-aus, was die andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es
-erweckt sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein
-großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat. --
-
-Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster hinaus.
-
-»Hörst du?« sagt Marie.
-
-Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet wurde, zum Schloß
-hinunter gelaufen und haben hinauf nach der grünen Turmspitze gesehen,
-die von der Wucht der Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und
-her schwankte; oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten,
-und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert; oder
-die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den Glockenstuhl, und sie haben
-da, schwankend und schwindelnd und ganz betäubt von den ungeheuren
-Schlägen, die den Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander
-geklammert und an den riesigen Balken festgehalten.
-
-Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum Fenster hinaus.
-
-Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen.
-
-Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal geantwortet.
-
-Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen grüne
-Schärpen.
-
-Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff von aller
-Schönheit und Eleganz.
-
-»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! -- Was fällt euch ein! --
-Der Wind!« So ruft Frau Rat, die Mutter der Ratsmädchen, die eben ins
-Zimmer tritt.
-
-Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt. Der Haushalt
-mit den wilden Mädchen und Buben, die Kriegsjahre, der überernste
-Gatte, die Geldsorgen, -- das alles ist der fein organisierten Frau zu
-viel geworden.
-
-Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe; sie aber hat etwas
-Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur bei sich selbst fände, was sie
-sucht.
-
-Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das Glockengeläut dringt
-nur noch dumpf ins Zimmer.
-
-Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die Lichter an.
-
-Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches Gesicht.
-
-Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des einen Talglichtes
-brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter unter einem grünseidenen,
-ovalen Schirm.
-
-»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?«
-
-»Was denn sonst, Schatz? -- Habt ihr euch die Hände gewaschen?«
-
-»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse.
-
-»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und streicht ihr übers
-Haar. -- »Gutes Kind!«
-
-Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß sie ihrer
-Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht.
-
-»Ruhig, ruhig!«
-
-Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf auf dem Tisch?«
-
-Senf war eben das Neueste.
-
-Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles in schönster
-Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht feierlich im Zimmer auf
-und ab.
-
-»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch einmal: »Charmante
-Leute!«
-
-Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden« nicht. Man hat zu
-warten, bis er fragt.
-
-»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit
-erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau.
-
-»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?«
-
-»Ich dachte so etwa ... etwa ...«
-
-Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit« nannte,
-nicht recht klar zu sein.
-
-»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon eine recht
-große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem Seitenblick auf die
-Mädchen.
-
-Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der Mutter auf der Platte
-tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt zu.
-
-»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?«
-
-Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen Halsbinde heraus,
-im Hintergrunde des großen Zimmers, zu seiner Frau.
-
-»Bst!« macht Frau Rat. -- »Mein Gott, so jung sollte sie nicht sein. So
-ein armes Ding!«
-
-»I was!« sagt Herr Rat. -- »Papperlapapp! Warst du etwa älter?«
-
-Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres Lebens zogen
-an ihrer Seele vorüber. -- Sie lächelt, -- alle heißen Thränen, alles
-Sehnen, alles Verstummen hatte sich bei ihr zu einem müden Lächeln
-herabgemildert, -- oder in ein Lächeln zusammengefaßt, -- wie man will.
-
-Apothekers kamen.
-
-Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten rundes Bäuchlein war
-mit »selber gestickter« Seide überspannt und glänzte wie ein heiteres
-Gestirn. Er kniff Röse in die Wange und war vortrefflich gelaunt.
-
-Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach den Fenstern
-des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte sich eben eine Dame in
-vollem Putz, in weißer Haube mit blauen Bändern und im weißen Kleide.
-Sie öffnete das Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der
-Wind, der durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte.
-
-»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte nicht lange, da
-empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau Geheimderat Thon und deren
-Sohn Ottokar Thon, Adjutanten des Großherzogs Karl August.
-
-Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den Eltern Kirsten,
-küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann Marie.
-
-Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte. Das weiße Kleid
-umschloß in langen Falten eine volle, stolze Gestalt. Das schöne
-Busentuch war aus kostbaren gelblichen Spitzen, und eine breite,
-hohe Haube mit himmelblauen Bändern beschattete ein energisches,
-wohlkonserviertes Gesicht.
-
-Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre rundliche Kinderhand
-dann an die Lippen.
-
-Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen Gesichte aber lag
-eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen ihrer Schwester Hand nicht
-los, bis man sich zu Tische setzte.
-
-Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie ahnte, sie wußte
-alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach mit ihr, als spräche er zu
-einem lebendigen Heiligtume, -- so etwas scheu, -- und doch ... --
-Rösen überschauerte es.
-
-Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten Uniform aussah!
-
-Von dem Augenblick an, als sie ihn zuerst gesehen, war ihre Seele
-ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner Gescheitheit und
-seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger gewesen, und sie hatte auch
-gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet.
-
-Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig gelobt habe,
-und daß Karl August eine Schrift über die Zukunft Deutschlands von ihm
-kenne, von wahrer staatsmännischer Bedeutung.
-
-»Solch ein Mensch will mich!«
-
-Das waren Röses Jubelgedanken. --
-
-Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen und hörte zu,
-wie alle sprachen.
-
-Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie mußte träumerisch
-an einen Vogel denken, der in seinem Nest auf schwankem, grünem Zweige
-sitzt, das von einem weichen Winde hin und her geweht wird. Die Sonne
-glitzert durch die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes
-Licht um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug. Sie
-fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist; deshalb macht
-sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen, stillen Wonne, ein
-kindisches, süßes Bild.
-
-Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter; nein, alles
-und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte Festsuppe: Grünkern
-mit Kerbelrübchen. Das war Frau Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen,
-wie Mandeln so fein und klein, zergingen auf der Zunge, und die
-Suppe duftete wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete
-es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer. Warmer
-Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel, der echte köstliche
-Kornduft, ein sanfter Wind, der über die Aehrenhäupter streicht, --
-Erdgeruch! Das alles kam, als der Deckel von der Suppenschüssel gehoben
-wurde, den Gästen bewußt oder unbewußt in Erinnerung.
-
-Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe!
-
-Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß sein wie eine Musik
-oder wie ein Gedicht, die Leute sollen fröhlich davon werden.«
-
-Ja, es war eine feierliche Suppe!
-
-Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben klirrten,
-und im Schornstein heulte und jammerte er.
-
-Nach der Suppe gab es einen Karpfen, -- einen Spiegelkarpfen mit
-großen, goldenen Schildern und Flecken, den besten Karpfen, den
-der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen! Röse und Marie hatten
-natürlich mitgeholfen, ihn aus dem Behälter herauszufischen, in dessen
-klarem Ilmwasser die festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig
-flimmernden Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten
-hatten sie also erwischt.
-
-Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit, seiner
-Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen.
-
-Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm den Kopf
-auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im Rasen neben
-den Fischbehältern eingerammt waren, und der über und über von
-Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er den Fisch in zwei Hälften
-geteilt und den Ratsmädchen in den Korb gepackt und ihnen die
-Fischblase extra verehrt. Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen
-zu lassen; es hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein
-althergebrachter Spaß gewesen.
-
-Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer kam, blau gesotten mit
-geriebenem Meerrettich, und ganz in Petersilie ruhend, da rief der
-Apotheker: »Donnerwetter, ist das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger
-gewesen?«
-
-Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren aber nur die
-Vorläufer vom Propheten.
-
-Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern zu einem
-wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus.
-
-Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer Hofjagd
-mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem Herrn, und hatte sie
-Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert, und nun sollten sie feierlich
-gemeinschaftlich verzehrt werden.
-
-Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte, waren alle
-erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen, nußbraun
-gebratenen Tiere silberne Füße und silberne Köpfe hatten.
-
-»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung vor eurer
-Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen! Silberne Köpfe und
-silberne Füße!«
-
-Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger und waren
-glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater auch nichts davon
-gewußt hatte.
-
-Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem Geschenk gehört
-hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene Vögel aus ihrem
-Silberschrank geliehen.
-
-Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei Flaschen alten
-Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden Flaschen hatte er in dem
-Franzosenjahr vor den gierigen Langfingern versteckt. Er hatte sie im
-kleinen, dunklen Höfchen unter dem Regenfaß vergraben und, als die
-Luft wieder rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in
-einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz von Staub
-und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande setzte er sie, als die
-Vögel mit den silbernen Füßen kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz
-auf den Tisch.
-
-»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt.
-
-»Papperlapapp!« -- Herr Rat war schon dabei, eine zu entkorken. --
-»Gehört sich's nicht etwa so?«
-
-Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß ein alter,
-seltener Wein in so staubigen und schimmeligen Flaschen auf den Tisch
-kommen müsse; das sei für den Kenner das Feinste.
-
-Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten, Kompotts und
-Beilagen aller Art.
-
-»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie verspürt haben
-wollen?« fragte der Apotheker den jungen Thon. »Das wäre heute so eine
-Nacht für die Bestie, um den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!«
-
-»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!« antwortete der
-Adjutant lebhaft.
-
-»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der Ilm an dem
-Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth -- so eigentlich mitten im
-Tieffurther Park. Verspürt ist er nun, der Lump ... aber ...!«
-
-»Ja -- aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem Adjutanten auf den
-Fuchs an.
-
-Marie zupfte Röse am Kleid.
-
-Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon.
-
-»Röse,« tuschelte Marie besorgt, -- »sie werden doch nicht gar zu lange
-bleiben?« --
-
-Röse fuhr wie aus einem Traum auf.
-
-»Was?« fragte sie.
-
-»Na, wenn unsre Drei nun kämen?«
-
-»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort sind; die werden
-unten schon lauern, bis der letzte hinaus ist!« flüsterte Röse.
-
-Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben, verehrten
-Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und bedauerte, daß sie
-Weimar so bald wieder verlassen müsse.
-
-Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen, um ihren Sohn zu
-besuchen.
-
-Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem Kompottlöffelchen an
-ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt und stattlich.
-
-Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene Frau in
-ihrem weißen Kleid so frei und vornehm stehen zu sehen.
-
-Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren Sohn diesmal
-verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit menschliches Berechnen
-nicht trüge, vor ihren Augen läge, -- und für diese Beruhigung, diese
-frohe Aussicht danke sie dem gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten.
-
-Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und Frau Rat an, dann mit
-Apothekers, und mit Röse ganz besonders.
-
-»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie.
-
-Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand; darauf küßte er Röses
-Hand wieder tief bewegt.
-
-Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder Schlingel!« flüsterte
-sie Röse zu.
-
-Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das war auf Vater
-Kirstens Befehl hin so eingerichtet.
-
-Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten, und er wollte in
-seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand keinen »Verlobungstrafik«, wie
-er sich ausdrückte. Das Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt
-werden.
-
-Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein verliebtes Paar zu
-stolpern!
-
-Er war Herr im Hause, damit basta!
-
-Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die Apothekerin mußte
-ihren Mann zweimal am Rockschoß zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der
-schönste gewürzte Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß.
-
-Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der Wind mit solcher
-Gewalt gegen die Scheiben gefahren und hatte an den wackeligen, alten
-Fenstern gerüttelt, daß der Apotheker ordentlich zusammengefahren und
-wieder zur Besinnung gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider.
-
-Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes durchaus nicht. Es war
-gut so. Sie wünschte sich's nicht anders. Nichts schreckte sie aus
-ihrem süßen Traume auf. Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich!
-Und es war nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien
-es ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen.
-
-Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut!
-
-Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und Hochzeitssprüchlein
-und gab ihrem Vater, als sie mit ihm anstieß, extra einen Kuß dafür,
-daß der in der schön gestickten, seidenen Weste nicht reden durfte.
-
-Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde, kindliche Geschöpf
-vor sich, wie es so süß träumte. Und sie gehörte ihm, war sein eigen,
-sie war ihm versprochen!
-
-Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß auf diese junge
-Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden Mund schien ihm
-Erlösung, -- das seidenweiche Haar zu streicheln Erquickung!
-
-Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt schwieg,
-erschütterte ihn.
-
-Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume. Ein berauschender
-Duft! --
-
-Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird doch heut auch
-wirklich spuken?«
-
-»Wer?« fragte Röse.
-
-»Ach geh!«
-
-»Wenn das +so+ werden soll, wenn du ewig nur vor dich hin gucken
-willst! -- Na dann --!« Marie sprach sich nicht weiter aus, schien aber
-entrüstet zu sein.
-
-»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß! Mich freut's
-grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht noch mehr!«
-
-Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden zankend
-miteinander tuscheln.
-
-»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und eine Seele?«
-
-»Sind wir auch!« sagte Röse.
-
-Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen Braut;
-etwas würdig, wie er es mit jedem jungen Mädchen that, aber jedes
-Wort bebte und zitterte und war beladen mit allem möglichen, und die
-Blicke beider hingen aneinander, -- forschend, ergründend und scheu den
-Anblick genießend.
-
-Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der Wind und trug jetzt,
-wie es schien, einen merkwürdig hellen, rhythmischen Pfiff auf seinen
-Flügeln.
-
-Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem Anbeter war, spitzte
-die Ohren, erhob sich wie im Traume, ging dem Fenster zu, blieb aber
-zögernd, wie unverrichteter Sache stehen und begab sich wieder auf
-ihren Platz.
-
-Der junge Thon beobachtete sie.
-
-»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken, lassen sie uns bei
-dem Wetter nicht fort!«
-
-Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht gekommen.
-
-Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die Arme.
-
-Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte bei sich: »Das war
-ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?«
-
-Jetzt schellte es unten.
-
-Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt und
-sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen. Was ihnen denn nur
-einfiele! Waren sie denn des Kuckucks!
-
-Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten.
-
-Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus für
-Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei und mit einem
-Veilchenbouquet daran gebunden, etwas unsagbar Schönes, Bräutliches.
-Sie hatte jedenfalls nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch
-bei einem Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei.
-
-Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen sollten; sie
-beratschlagten und hielten sich deshalb ziemlich lange auf der Treppe
-auf. Marie kam auf den schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt
-den Veilchen in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben,
-bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es möchte dem Vater
-nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk der Schopenhauerin
-jetzt mit hereinbrächten. Und es geschah so, wie sie sich vorgenommen.
-
-»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die Mädchen wieder eintraten.
-
-Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr.
-
-Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit einiger Zeit von einer
-merkwürdigen Unruhe befallen waren. Es war ihm, als müsse er mit Röse
-ein feierliches, großes Wort reden.
-
-Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch wirklich? War er
-ihrer sicher?
-
-Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig und
-liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den Händen fest.
-
-»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!« dachte der junge Thon
-mitten in seinem Herzensrausch. Er hat bereits gestern die halbe Nacht
-platt auf dem Bauche vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich
-schon, wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den Fuchs
-paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über sich rauschen, fühlt
-wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm. Und das Lauern, das scharfe
-Hinhorchen, -- das Spannen, -- die Naturlaute, die nachts hie und da
-geheimnisvoll auftauchen, -- da wird's ihm wohl werden!
-
- * * * * *
-
-Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen Frau Rat Kirsten
-Komplimente über das splendide Gastmahl, und Frau Geheimderat Thon
-drückt Röse mütterlich zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr.
-Röse errötet tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand
-ihrer künftigen Frau Schwiegermutter.
-
-Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem, Unbekanntem, als
-Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand drückt, so erregt und bewegt,
-als wäre dieser einfache Händedruck eine heilige Handlung.
-
-Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme und küßt sie
-und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen in den Augen.
-
-Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort und Stelle bringen;
-sie sind zu diesem Behuf aus ihren weißen Kleidern in die grauen
-Ginghamalltagskleider geschlüpft und wirtschaften mit wahrem Feuer und
-so ordentlich und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei sich
-denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch, pflichttreu und
-brav!«
-
-»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du so trödelst, wann
-denkst du denn, daß wir fortkommen?«
-
-»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang, »was hilft's
-denn sonst? -- Poltere doch nicht so!« Marie ging darauf hin auf den
-Fußspitzen.
-
-Drüben bei Thons war schon alles dunkel.
-
-»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn bei uns so lang?«
-
-Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah nach diesem und
-jenem; die Mutter schloß das gespülte und geputzte Silberzeug in den
-Schrank.
-
-Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen Füße und
-Hälse der Fasanen.
-
-Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus Dunkelheit und
-Nachtruhe ein.
-
-Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt; die Magd,
-Vater und Mutter, jedes war schlafen gegangen, und keine Maus rührte
-sich.
-
-Es schlug elf Uhr. -- Da war es, als wenn auf der dunklen Treppe sich
-vorsichtig etwas bewege. Es knarrte eine Stufe; es huschte und schlich
-etwas. Zwei Stimmen wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte
-Röse tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich angst, --
-so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du, daß der Vater bös sein
-würde?«
-
-»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem Atem, »jetzt
-ist's zu spät! -- Mach nur leise, -- du trampelst ja!«
-
-»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar nich!« Aber da krachte
-die alte Stufe so entsetzlich. Den beiden kam es wie ein Kanonenschuß
-vor. -- Sie standen ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu
-regen. -- »Ach Gott!« klagte Marie.
-
-Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter.
-
-»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in seinen Kissen.
-
-Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete undeutlich: »Der Wind;
-auch wohl die Katze.«
-
-Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte draußen an den
-Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben, sang und jodelte in den
-Schornsteinen. Es war eine wilde, stürmische Osternacht. Zerrissene
-Wolken fuhren über den Himmel.
-
-Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche, zitternde
-Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel geräuschlos ins
-Schlüsselloch zu stecken.
-
-Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden Herzens, aus der
-Mutter Speisekammer stibitzt.
-
-Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und schauten mit
-ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie seufzten beide tief, denn
-es war ihnen nicht geheuer zu Mute. Sie hätten's nicht thun sollen!
-So heimlich fortzuschleichen war das Rechte nicht, das fühlten sie.
-Und sie dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an Frau
-Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten Respekt hatten. Was
-die wohl dazu meinen würde?
-
-»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! -- Himmlisch!«
-
-Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von dem Winde treiben.
-»Glaubst du wirklich, daß es was gibt, wenn sie's oben merken?« fragte
-Röse.
-
-Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen Longshawl gefaßt
-und sich darin verfangen.
-
-»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub' schon. Aber wenn
-alles gut ausgeht, und wir haben sie wirklich gesehen, und wir sagen's,
-dann -- dann ...«
-
-Der Wind nahm ihr den Atem.
-
-Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern lieber gedeckt,
-wie die Diebe an den Häusern hin; und so eilten sie Hand in Hand
-vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke flatterten wild im Westwinde;
-die Stirnlöckchen, selbst die schweren hängenden Zöpfe wehten und
-peitschten um sie her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries
-Zopf übers Gesicht gefahren war.
-
-Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der Gaststube schimmerte
-Licht in die Dunkelheit; es trat jemand aus der hellerleuchteten
-Thorfahrt. Röse und Marie drückten sich atemlos, erschreckt in den
-Schatten an die Mauer. Dann liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen
-Augen, weil der Sturm Sand und Staub aufrührte.
-
-Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond schaute auf einen
-Augenblick ungeheuer glänzend, als wäre er von den Wolken eben erst
-wieder blank gewischt worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde
-hinab.
-
-»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen.
-
-Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und die Ilm nächtlich
-an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen und lauschten ins Dunkel
-hinaus.
-
-Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der Sturm hatte sie wie ein
-paar Rosenbüsche zerzaust.
-
-»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte Marie, »wenn sie
-uns nur nicht erschrecken!«
-
-Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende und
-wieder verschwindende Mondlicht, die schweren, schwarzen Wolken, der
-Sturm, der in den hohen Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche
-Stille, ohne menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell
-unterbrochen, das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne auf
-der Mühle, -- alles bedrückte sie!
-
-Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem ähnlich, den der
-Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen hatte; aber er kam so
-zaghaft zu stande, daß er wie ein Hauch verflog.
-
-»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte Marie kaum hörbar.
-
-»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und beide schmiegten sich
-fest aneinander.
-
-»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,« meinte Marie.
-»Wir müssen ein bißchen näher. Ob der Müller ihnen wohl die Fähre los
-gemacht hat?«
-
-Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam.
-
-»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie.
-
-Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben: »Scheußlich
-falsch.«
-
-»Oho!« hörten sie laut rufen.
-
-Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur ein paar Augenblicke,
-da standen ihre drei Freunde Budang, Horny und Ernst Schiller vor ihnen.
-
-»Trödelbüchsen!« rief Budang.
-
-»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend.
-
-Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle Fähre. Das Ilmwasser
-rauschte und gluckste um die groben Bretter und schien eine eisige
-Kälte zu verbreiten.
-
-Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre zwischen den
-geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder, woran die schweren Taue
-liefen, schnurrten; der Wind klappte und rasselte damit. Röse und
-Marie saßen aneinander gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre
-heute sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd, dem man
-nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende Wasser schlich, wie
-sie schwankte, ruckte und zuckte! Der Sturm erschwerte die Ueberfahrt
-außerordentlich.
-
-»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse wieder, -- »so schwarz!«
-
-Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?«
-
-Keine Antwort.
-
-Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie waren gerade dabei,
-die Fähre am andern Ufer anzulegen, und mußten aufpassen.
-
-Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer schwer und bang
-gestimmt. Alle miteinander schritten in einer Reihe den aufwärts
-führenden Weg hinan. Den breit ausladenden Westwind hatten sie jetzt
-in der Seite. Man konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond
-war einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit
-pechschwarz.
-
-Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?«
-
-»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!«
-
-»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in der Osternacht da
-stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.«
-
-Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen.
-
-»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade, denke ich, gehen
-wir doch!«
-
-Tiefe Stille.
-
-Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen miteinander und
-die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es durchrieselte sie selbst bei
-ihren Worten.
-
-»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so fürchterliche Dinge!
-Am Tage denkt man nicht daran, aber nachts, da sieht alles so wie in
-einer alten schrecklichen Geschichte aus. Weißt du von dem Fährmann,
-der die Toten über ein großes schwarzes Wasser setzte; -- so wie wir
-vorhin, fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie lieb
-haben. -- So hat es gewiß gerauscht, -- und so kalt wird's gewesen
-sein, und die Taue haben so geklappt, und die Räder geschnurrt; und
-alles pechschwarz, Sturm, nie wieder Sonnenschein! -- Und da haben sie
-auch so auf der Bank gesessen und sich gefürchtet, -- und sind auf
-Nimmerwiedersehen fortgefahren! -- Budang, wie mir die Göchhausen leid
-thut! -- Glaubst du denn wirklich, daß sie kommt? -- Und wie ist's denn
-nur, daß sie gerade kommt, und die andern nicht? -- -- Ach, Budang, wer
-so was wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?«
-
-Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie aus einer Flasche
-spricht, -- so fiept, -- das ist gräßlich!«
-
-Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien, alle Hand in
-Hand.
-
-Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden Blätterknospen
-aneinander; es klappte und sauste, und über die kahlen Felder kam es
-unheimlich angebraust.
-
-Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und die Blätter werden
-erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie sich an Budang fest vor
-Grauen. Und Marie flüsterte bebend: »Pfui Röse!«
-
-»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten die sich!«
-
-Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt; ganz geheuer
-war es keinem von der Gesellschaft zu Mute.
-
-»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn sie wirklich kommen
-sollte! Was machen wir denn da mit Röse und Marie --?« meinte Ernst
-Schiller.
-
-Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne Sorge, wenn es
-darauf ankommt, fürchte ich mich gar nicht! -- Ich rede sie an!«
-
-»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen sollt!«
-
-»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so darfst du uns
-nicht behandeln! -- Weißt du, wir sind so gut wie verlobte Mädchen!«
-
-»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich, »laß die
-dummen Witze!«
-
-Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht! -- Haben wir je
-gelogen?«
-
-Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen alle
-zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind schnob um sie her und
-trieb sie noch näher zu einander.
-
-»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand sogleich wußte,
-wem sie angehörte. Sie klang so fremd, so unterdrückt, als wenn der
-Frühlingssturm selbst mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan
-hätte.
-
-Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare Veränderung in
-dem Gesichte seines Freundes Ernst Schiller.
-
-Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen Götzendienst
-getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts Lieblicheres als
-diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen Herzens geblieben, sein ganzes
-erstes Jugendfeuer gehörte seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn
-auch seines Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?«
-
-»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja noch nicht sagen!«
-
-»Nun, -- weshalb sagst du dann: beide?«
-
-»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten sie sie doch auf
-einer Lüge ertappt, die Bengel!
-
-Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas gehabt hatte,
-was die andre nicht auch besaß. Es mochte ihr neu sein, daß sie
-Einzelwesen waren. Es verdutzte sie völlig. Beide gehörten so eng
-zusammen. Sie waren sogar merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre
-geboren, als gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen
-wir ja.
-
-Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche durcheinander.
-Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten und Zweige, wie durch ein
-Riesensieb.
-
-Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein andres schwatzend
-und klagend, frühlingshaft spitz und grell vor sich hin. Auch ein
-Liebespärchen, das sich lockte und schalt, koste und sich beklagte!
-
-Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da und dort:
-unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen!
-
-»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure Fasanen gekommen,
--- vielleicht ein Fuchs.«
-
-»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses Verlobungsgeschichte
-nicht glauben wollte und sich doch nicht recht zu fragen getraute.
-
-»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe und silberne Füße
-aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll aus.«
-
-Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt ganz still.
-
-Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches.
-
-»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen, »ist denn
-deine Verlobung wirklich wahr?«
-
-»Ja, Budang.«
-
-»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?«
-
-»Ja.«
-
-»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine vernünftige Person
-bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst du dich denn gern? Ich
-begreif's nicht! Wieviel jünger bist du denn als ich?«
-
-»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft.
-
-»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in anderthalb Jahren
-verheiraten wollte. -- Lächerlich!«
-
-»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig.
-
-»Und du weißt's, daß du verlobt bist, -- seit heute erst, -- und bist
-doch mitgerannt! -- -- Du bist aber gedankenlos! Da muß man doch,
-dächt' ich, ganz erschüttert sein?«
-
-»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht ganz verlobt!
--- Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer dran? -- Immer! -- --
-Nein, weißt du, mir ist's auch viel lieber, daß ich mit euch hier
-renne; zu Haus war mir's manchmal ganz angst und bange vor Glück.«
-
-»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?«
-
-»Nein.«
-
-»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts nach! Wie bist du
-nur!«
-
-»Ach geh!« wehrte Röse ab.
-
-Der Sturm hatte nachgelassen.
-
-Sie bogen jetzt ins Dorf ein.
-
-Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde!
-
-»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny.
-
-Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht, geh' ich
-wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig.
-
-»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber nicht naß!‹« rief
-Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse und Marie denken nicht; sie
-thun's nur!«
-
-»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!«
-
-Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der Ilm vorüberführt.
-Und die Ilm gluckste und rauschte auch hier geheimnisvoll nächtlich,
-und der Wind pfiff noch gespenstischer durch die riesig hohen Ulmen.
-»Wenn sie hier käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch
-nirgends ausweichen, -- so zwischen der Mauer und der Ilm. -- -- -- Ich
-stürb' auf der Stelle, wenn sie mich anfaßte!«
-
-»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie darauf kommen, dich
-anzufassen? Schließlich war sie doch eine vornehme Dame, und die wird
-sich doch nicht im Grabe solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!«
-
-»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht hören!«
-
-Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt; das nächtliche
-Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge, daß sie doch etwas Unrechtes
-thäten, das schauerliche Ziel, die vermutliche Nähe des Entsetzlichen,
--- all das hatte sie überwältigt, und sie brach in Thränen aus.
-
-Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze; Röses Hals
-umklammernd, weinte sie bitterlich.
-
-»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!«
-
-Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und wußten nicht, was
-beginnen.
-
-»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten ihre blonden
-Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen Körper schmiegten sich fest
-einer an den andern.
-
-Der Mond schien hell über sie hin.
-
-»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir verlassen uns doch
-nicht?«
-
-»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.«
-
-»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie muß der zu Mute
-sein! -- Und wie schrecklich, daß sich die Leute so vor ihr fürchten!«
-
-»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen sie fragen.
-Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!«
-
-Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen.
-
-Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während Röse leicht
-beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun gehen wir weiter,«
-sagten sie dann, und sie hingen sich wieder ein in die Arme ihrer
-Freunde.
-
-»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie bedenklich.
-
-In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch gestört war, nur
-die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr durch die Baumkronen, da hörten
-sie etwas! -- Was war das?
-
-Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. -- Von fern ein Scharren,
--- ein Laufen, -- ein Huschen, -- Schritte, -- aber merkwürdige
-Schritte, -- in Sätzen, -- etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges,
-Menschenunwürdiges!
-
-Sie standen alle bewegungslos, lautlos.
-
-Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges Hupfen und
-Huschen!
-
-Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher, -- grad auf
-dem Wege kam es auf sie zu, -- näher, -- immer näher, auf dürren
-Blättern gehend, dann hopsend! Ja, wenn sie das wirklich wäre, dann
-überstiegen diese Laute alle Phantasie! Der entsetzlichste Kobold
-hätte nicht widersinniger rennen, hüpfen und stehen bleiben können,
-als es das that, was da ankam! -- Und zu denken, daß diese arme Seele
-eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem etwas
-boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel! -- Ein Mensch! Eine
-Hofdame!! -- so heruntergekommen, so urweltlich sich aufführend, -- so
-ungeheuerlich!
-
-Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde mächtig
-bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer angedrückt,
--- totenstill. Wie mußte erst das Aussehen des Spukes sein, nach
-solchen Lauten! -- Sie hatten sich alle eine unbestimmte Vorstellung
-von der Begegnung mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes --
-Nebelhaftes -- Huschendes -- Fiependes, -- und daß sie wie aus einer
-Flasche sprechen würde; aber nicht so -- um Gottes willen nicht so!
-
-Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, deren Ränder
-versilbernd.
-
-Da sahen sie sich etwas bewegen, -- etwas Ungestaltes, Niederes;
--- es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel, -- und zwei
-unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich und hoben sich gespenstig
-vom dunklen Hintergrund ab! Diese wackelnden Hörner, was sollten die?
-Was wollten die?
-
-Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.
-
-Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein Bocken und Stampfen,
-und wie aus einer Trompete, ein urweltlicher, scheußlicher Ton, und --
-ein Gelächter! Budang war's, der lachte.
-
-Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet und beleuchtete
--- ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt auf vier hohen, sparrigen
-Beinen stand und seinen Riesenkopf mit seinen Riesenohren vor sich hin
-streckte und horchte.
-
-»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.
-
-Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge Scheusal hopsend
-und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit vorgestrecktem Kopf in die
-Nacht und in den Park hinein.
-
-»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine ›Muffel‹, der ist dem
-Pächter entwischt!«
-
-Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was kommen; zu
-einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten sie es nicht. Es lag
-etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, Werdendes, -- so etwas Banges,
-Wehes. -- Auf Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste
-schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall an, an
-die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die Gräber, -- denn es war
-heilige Osternacht, wo die Toten auferstehen!
-
-Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, -- Käuzchen, -- verliebtes
-Nachtgetier.
-
-Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die Schritte waren
-unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. Eine moderige Feuchtigkeit stieg
-auf.
-
-Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.
-
-»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor Goethes Gartenhaus
-alle Morgen gekehrt wurde? Daß ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt
-hat? -- Glaubt ihr das?«
-
-Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht der
-stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.
-
-Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst einmal gesehen;
-die Schopenhauern hat's erzählt, und die weiß auch, wer's gewesen
-ist. Beim ersten Morgenschimmer hat er das Mädchen getroffen, wie
-sie gekehrt hat, -- und da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele
-und ist zusammengesunken wie ein Wisch; und eine alte Frau, die wie
-ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat etwas gemurmelt,
-wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig is!‹ Dann sind sie nie wieder
-gekommen, und das Kehren war aus!«
-
-Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -- »Ja, wißt
-ihr denn das nicht?« rief Marie unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern
-gesagt, daß das nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen
-gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit saß, hat es sich
-ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt, -- so wie ein Kätzchen,
--- oder wie ein Mädchen, das ihn lieb hatte und für ihn gestorben
-ist. Einmal hat er auch, als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm
-gesehen, der sich über seine Brust spannte, -- nur einen Arm und eine
-Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten ging, da soll
-etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. Es haben's auch
-andre Leute gesehen und sind davor erschrocken. Ja, es war oft jemand
-unsichtbar um ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern
-hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist und ihn so
-übermannt hat, wie der Schauer, wenn das Wundersame bei ihm gewesen
-sei. Und an dem Morgen, an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen
-hat, da soll er ganz verstört gewesen sein!«
-
-Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit zu haben; alle
-unterhielten sich weiter über geheimnisvolle Dinge. Jeder hatte etwas
-zu erzählen.
-
-Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim Umzug als Feder
-nachfliegt und im neuen Hause wieder mit einzieht; die Beutlersleute,
-die über Kirstens wohnten, kannten einen in ihrer Familie, der auf
-Spinnenbeinen ging und eine Zipfelmütze trug. -- Im alten Rattenneste
-Weimar spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab es
-keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht irgend etwas
-nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein altes Haus, in dem
-es ganz einfach geheuer war, und keine adelige Familie, die nicht
-gerade so wie ihr altes Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß.
-Das heißt, auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das
-Familiensilber zu rechnen.
-
-Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf den einsamen
-Parkwiesen hin und her und betraten nun mit abermals klopfendem Herzen
-die dunkelsten, geheimnisvollsten, überwachsenen, feuchten Wege an der
-Ilm, um trotz allem der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade
-dort, hieß es allgemein, sollte sie spuken.
-
-Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung ziemlich von oben
-herab von diesen Dingen, waren aber wiederum um nichts weniger eifrig
-und weniger erregt, als unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die
-Borkenbrücke und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen
-Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und Büschen bestandenen
-Abhange hin, und kaum waren sie hier eine Strecke in tiefem Schweigen
-geschlichen, -- denn es war eine so feuchte, monddurchschienene
-Einsamkeit, als wäre jahrhundertelang hier niemand gegangen, -- da
-standen sie alle mit einem Schlage wie gebannt!
-
-Nahe, -- in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand aufgestöhnt, und sie
-hatten alle deutlich gehört, wie etwas, das in den Büschen steckte,
-so recht verbissen und verzweifelt zwischen den Zähnen »verdammt!«
-gezischt hatte. »Verdammt!« deutlich »verdammt!« nichts weiter, und
-dann wieder tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten.
-
-»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.
-
-Alle hielten den Atem an und horchten.
-
-Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen schien indessen
-auch zu horchen.
-
-Totenstille!
-
-Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen würde, -- denn
-da war etwas, -- das war sicher!
-
-Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen wie die
-Bildsäulen so starr, -- ganz Erwartung! Dasjenige, das in den Büschen
-auf so sonderbare Weise »verdammt!« gesagt hatte, mußte sicherlich in
-Verwunderung geraten sein, was mit den vielen Schritten, die es doch
-kommen gehört hatte, geworden sei.
-
-Jetzt aber, -- was war das? -- Ein Fiepen, ein jämmerliches,
-sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, oder quietsche ein
-Wägelchen, oder auch als wimmere ein Hund unter ganz besonderen
-Umständen!
-
-Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es durchaus nicht
-unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie fiepe, oder wie durch eine
-Flasche rede, hatten sie ja gewußt!
-
-Das war das Entsetzliche!
-
-Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, was im Gebüsch
-steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.
-
-Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer gepackt, mahnte Röse:
-»So kommt doch!« Und sie war's, die sich wieder auf die Beine machte,
-ohne auf die andern zu achten, die ihr schleichend folgten.
-
-So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige Schritte, mit
-klopfendem Herzen und stockendem Atem. -- Dann ein gewaltiges Rascheln
-im dichten Gebüsch, -- ein furchtbarer Schrei, -- ein Springen, --
-ein heiserer Laut, -- und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem
-großen, dunklen Mantel umfangen wurde. -- Ein ungeheurer Schreck! --
-Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!
-
-Marie schrie verzweifelt auf.
-
-»Ruhig, -- ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was macht ihr denn hier?
-Röse, um Gottes willen, wie kommst du hierher?«
-
-Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien zu flüstern und
-war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. Und jetzt, -- ein
-zarter, zarter Frühlingslaut, -- so süß, so wunderlich, -- ein Laut wie
-ein Kuß!
-
-»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. »Der lag hier auf
-der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße Wort hatte sich ihr im
-Schreck und in der Ueberraschung gebildet.
-
-Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und in der Erregung
-über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, die ihm den Fuchs
-verscheuchten, die Schnauze zugehalten hatte, wedelnd an Marie in die
-Höhe.
-
-»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt, erschüttert,
-doch auch unwillig aus dem großen, dunklen Mantel heraus. -- »Was fällt
-euch denn ein?«
-
-»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, »daß wir
-ausgerissen sind.«
-
-»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, »sie sind ja mit
-+uns+; -- und wenn +wir+ dabei sind, dürfen sie alles! -- Frau Rat hat
-es ihnen ein für allemal erlaubt.«
-
-Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die die beiden Mädchen
-hatten, lächeln.
-
-In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine überzeugende
-Vortrefflichkeit, -- so eine unantastbare Treuherzigkeit, -- daß jedes
-weitere Wort, jeder Unwille und jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der
-Adjutant schüttelte Budang die Hand und begrüßte die beiden andern,
-währenddem er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.
-
-»Also die Göchhausen wolltest du sehen? -- Für so etwas hattest du also
-doch noch Raum?«
-
-»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft -- »lagen da doch des
-Fuchses wegen?«
-
-»Ja, mein Herz, -- weil ich's daheim nicht aushalten konnte. -- Was
-denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«
-
-»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«
-
-Und nun gingen sie alle miteinander und brachten die leichtsinnigen
-Dinger, die Ratsmädchen, heim in die Wünschengasse.
-
-Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren Kameraden, -- wie
-gut sie immer wären, wie lustig, wie treu, und was sie alles von ihnen
-gelernt hätte, besonders von Budang.
-
-Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, das voller Liebe und
-Freundschaft war, voller Anhänglichkeit, -- und erzählte alle möglichen
-dummen und lustigen Streiche.
-
-Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn, auch ihre
-Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so klug! Solche gibt's nicht
-wieder!« rief sie.
-
-Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.
-
-Das war Frühlingsreinheit, -- Frühlingszartheit, -- Frühlingswonne!
-
-Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.
-
- * * * * *
-
-Viele, viele Jahre sind vergangen. -- Die Jugend vieler Millionen
-Menschen ist verweht. -- Es ist alles anders geworden.
-
-Röse ist nun eine alte Frau. -- Was das Leben ihr gab, hat es ihr
-längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle
-Freuden mit Leiden gezahlt -- nach Menschenart. Sie ist unendlich
-geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich
-wiederholen sehen, immer von neuem. -- Sie ist gut, still und heiter
-und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die
-schöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, -- sonst nirgends!
-
-Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die
-sie nichts angehen.
-
-Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft, -- aber
-da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht.
-
-Geduldig werden, -- geduldig werden, -- geduldig werden! darauf läuft's
-hinaus.
-
-Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre
-Enkelin sitzt bei ihr am Bette.
-
-Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit
-durch die Straßen fährt.
-
-Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.
-
-Da, -- was ist das?
-
-Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu
-ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie
-beim Fasanenessen saßen.
-
-»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer
-Enkelin, -- »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das
-Gesicht der Greisin. -- »Das ist er!« nickte sie träumerisch.
-
-»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er uns abholen wollte;
-so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei,
-und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!«
-
-Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein,
-in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß
-es sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf
-mit lebendigen, geistvollen Augen, -- und seine silberweißen, dichten
-Locken liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. -- Er hat eine
-Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.
-
-»Wie geht's der Röse?« fragt er.
-
-Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.
-
-»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im Auge, »du kannst ja
-noch deinen Pfiff!«
-
-»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten,
-»das freut dich?«
-
-Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten
-miteinander einen weiten, -- weiten Ausflug in die gute alte Zeit.
-
-Und das war die beste Medizin.
-
-Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in
-Sorgen und Bangen kam; -- aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr
-wohl that.
-
-»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, -- du treuer Mensch!«
-
-Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, -- treu in großer,
-wahrer, seltener, starker Freundschaft.
-
-
-
-
-Das dritte Ratsmädel.
-
-
-Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, die sie
-wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon als Kinder oft in
-der Dämmerung sich von ihr unterhalten, wenn der Schnee fiel, und sie
-daheim still in der Familienstube stecken mußten. -- So eine unbekannte
-Schwester zu haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch
-etwas höchst Merkwürdiges!
-
-Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester gesprochen; es war
-ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten sie sich Märchen.
-
-Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee fallen! -- Sie mußten
-in der Dämmerung sitzen, und niemand durfte sie beachten; dann kam
-die Schwester dran, und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl
-aussehen könne.
-
-Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die Tochter aus des Vaters
-erster Ehe, und nach ihrer Mutter Tode von ihrer Großmutter mit nach
-München genommen worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete,
-hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.
-
-Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester Barbara schreiben
-gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst aus dem fernen München
-alle Weihnachten an den Herrn Vater und die Frau Mutter nach Weimar.
-
-Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit wunderlichem Schauer.
-
-Einmal schrieb auch die Großmutter.
-
- »Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!
-
- Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, woraus ich
- sah, daß es Ihn und der Frau und den guten Kindern wohl und
- gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man wird ein alts Möbel, das
- heißt, um von mir zu reden. -- Waberl wird groß. Sie tritt die
- Kindsschuh aus. -- Kurios, was für ein ruhiges Mädel sie immer
- war. Grad als wenn meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre
- alte Mutter in Voraussicht so geboren hätte.
-
- Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das müßt' ich
- lügen.
-
- Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit Jahresfrist
- jetzt unser Quartier.
-
- So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.
-
- Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf dem
- kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹
-
- Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber es ißt
- doch gut wohnen. -- Fünf Fenster in Front, drei Fenster die
- große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, dazu Alkoven, ein
- kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und Speicher. Kurz alles, was
- der Mensch braucht -- und das Glockengeläute obendrein.
-
- Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das ißt ein
- Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.
-
- Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.
-
- Herr Sohn mögen mir nit zürnen.
-
- Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm geraten.
- Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust. Die
- Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche Sach und wäre
- dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich bietet, wie ißt
- Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, und ein Gang zu guten
- Freunden, und ein gut Obst und ein gut Bier. Gottes Gaben sind
- verschiedenerlei.
-
- Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich ißt
- gut.‹
-
- Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil
- aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. Und
- eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel zu schiegen
- und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der Herr Gott sie in
- seiner Laune gemacht hat.
-
- Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau daß
- Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, damit es
- ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das Bildnis der
- heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den Hals, was bedeutet,
- daß sie besonders dem Schutz der heiligen Jungfrau anvertraut
- ißt.
-
- Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen sie
- unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, aber
- ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie den
- weltlichen Dingen entrückt.
-
- Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine Gabe an sich,
- die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie hat eine gesegnete
- Hand. Und das ißt so gekommen: Ein Kindel in unserm Haus hatte
- die Fraisen und war gottserbärmlich geplagt. Zufällig hat die
- Waben das Kindel in die Arme bekommen und hat's umhertragen un
- gestreichelt un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und
- wenn's wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst
- nach der Waben geschickt -- dann hat's sich rumgeredet und es
- sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf hatte, und
- Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch das Mäderl ißt
- gesund worden.
-
- Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder Wäsche
- flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und es kommt
- eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter und will sich
- von der Waben kurieren lassen.
-
- Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von Uebel sein?
-
- Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, -- wenn's so
- still und brav dahinlebt.
-
- Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich hab' Ihm
- von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, wie's in die
- Höh gewachsen ißt, -- und damit Sie, wenn ich das Zeitliche
- gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu sich zu rufen.
-
- Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang des
- freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie von uns
- alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die liebe Frau und
- die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens verbleib'
-
- dero
-
- Großmutter.«
-
-Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen wie ein
-Märchen wirkte.
-
-Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das von einer
-Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu haben, die eine Mutter
-Gottes am Halse trug, eine katholische Schwester! Sie sprachen von dem
-fürchterlich lauten Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und
-daß sie mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.
-
-Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen mußte!
-
-Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, der waren sie
-auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn sie erwarteten immer etwas
-Merkwürdiges von ihr. Den Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in
-ihr Gebetbuch geschaut, -- und sie hatte ihnen einmal das »Heilig«
-vorgesungen, -- etwas ganz Außerordentliches.
-
-Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -- Häulig! --
-Häulig! -- Häulig! kam es wie aus einem tiefen Keller herauf.
-
-Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.
-
-Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten Keller -- und
-so fort. So sang es die Magd ihnen vor, und sie selbst hatten es bei
-Spaziergängen oft zu singen versucht.
-
-Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt worden.
-
-Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die Weimaraner zu jener
-Zeit hatten von »dem Katholischen« keine rechte Idee.
-
-In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, und die Magd mußte
-jährlich einmal nach Jena wandern zur großen Osterbeichte. Da kam sie
-ihnen vor, wie eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben;
-und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu beichten.
-
-Sie beneideten sie.
-
-Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande sei's gesagt, dann
-ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres als eine Predigt schienen ihnen
-auf der Welt nicht zu existieren.
-
-Das war das Längste.
-
-Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten ihnen zum Trost,
-wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige Blumenbouquetchen zum
-Mitnehmen, oder Budang schnitt ihnen ihre Namen besonders kunstvoll
-aus, oder auch gaben sie ihnen Malzbonbons mit.
-
-Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres: zu Weihnachten,
-Ostern und Pfingsten; dann war es ein großes Fest neben dem Fest, denn
-da gingen sie alle miteinander.
-
-Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief der Großmutter
-erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse und Marie lasen auch diesen.
-Das war auch ein sehr merkwürdiger Brief. Die Großmutter schrieb:
-
- »Hochverehrend libswertester Herr Sohn!
-
- Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.
-
- Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges Engerl zu
- sein, das arme Mädel.
-
- Herr Sohn, -- 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's gehört,
- wenn der Herr Gott ein End machen will.
-
- Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter
- Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, der mir und dem
- Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -- Um meinet und Ihres
- Willen mög's nun genug sein. Sie pflegt mich wie eine heilige
- Nonn -- Gott sei's geklagt.
-
- Da gibt's nix. -- Ungeduld kennt's scheint's nit -- und wenn
- ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.
-
- Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott
- geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich,
- geschweige vor ein menschlich Wesen.
-
- Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig Jahr --
- und so mög' es dem Herrn gefallen, mich baldn zu erlösen, das
- wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere und stehn ihr die Ohren
- voll Tag und Nacht.
-
- Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes
- Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das
- Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches halten im
- Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. Das walte
- Gott.
-
- Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr Sohn und die
- lieb Frau und die Kinder
-
- In Todesnot und Jammer
-
- Die Großmutter.«
-
-Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!
-
-Und sie würden nun zu »drei« sein!
-
-Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über alles Maß
-außerordentlich.
-
-Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren Bräutigam Ottokar
-Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach mit dem Großherzog war und
-auch noch bleiben mußte, zu Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.
-
-Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. Sein Hauswesen
-sollte wie am Schnürchen gehen.
-
-Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen.
-
-Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der
-älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.«
-
-Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem
-fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen?
-Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine
-gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben?
-Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu
-fremd.
-
-Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei
-Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl
-alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese
-Angelegenheit zu seiner Frau sagte.
-
-Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom
-Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen
-Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.
-
-»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß
-bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht
-hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.«
-
-Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte,
-und waren des besten Willens voll.
-
- * * * * *
-
-So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist
-sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie
-nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras
-Aussehen ein Wörtchen geschrieben.
-
-Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.
-
-Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein Mädchen zu erwarten.
-
-Er wollte es so.
-
-Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch gedeckt, und
-ein Riesennapfkuchen stand mitten unter den Tassen, wie ein Berg.
-
-Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.
-
-Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, aber die Mutter
-verbot es ihnen.
-
-»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«
-
-Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten Bäumen, die sich ihrer
-Farben, ungestört von Regen und Nebel, freuen konnten.
-
-In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober zur Seltenheit;
-gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, ehe sie abfallen. Dies
-Jahr aber war auch ein vortrefflicher Zwetschgenherbst. Die Zweige
-bogen sich unter der blauen Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur
-standen heuer acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen
-aufmarschiert zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch
-die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die Magd und
-Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.
-
-Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und tags darauf das
-Rühren und Kochen im Waschkessel, von früh morgens bis spät in die
-Nacht. -- Ein Hauptfest, an dem geschwelgt und geschleckt wurde.
-
-In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte auf der Treppe
-überhört.
-
-Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie
-euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.
-
-Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend,
--- flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug
-einen großen, schwarzen Holländerhut.
-
-Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. -- »So ein
-Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie.
-
-Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie
-den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß.
-
-Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich
-zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein
-Rebhuhn.«
-
-Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich
-aufgesteckt.
-
-»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden
-waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre
-Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben
-der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die
-Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie
-gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen.
-Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel
-bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten
-Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit
-den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen
-Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber
-feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich
-daherschritten.
-
-Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.
-
-Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr
-den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie
-sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und
-fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife.
-
-Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.
-
-»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife geben!« sagte Marie
-leise.
-
-Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen Schwester wanderten sie
-beide hinauf in die Dachstube.
-
-Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.
-
-Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und Marie nötigten sie
-gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der Vater hielt auch mit.
-
-»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit diesen beiden
-großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er auf Marie und Röse, »mußt
-du nun auskommen.«
-
-Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.
-
-Und der Vater hatte recht!
-
-Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen und den guten
-Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen lassend, ließ sich gar
-nichts Treffenderes von ihnen sagen.
-
-»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, »von eurer Wohnung
-aus konnte man die Alpen doch wohl nicht sehen?«
-
-»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«
-
-»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu gleicher Zeit. »Wie
-sehen die denn aus?«
-
-Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von zackigen Bergen;
-auch manchmal wie Wolken und manchmal schneeweiß, wie aus lauter Eis,
-und manchmal himmelblau. Aber nur bei schönem Wetter kann man sie
-sehen.«
-
-»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«
-
-»Nein, das ist zu weit.«
-
-Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester hatte so eine
-sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, und manchmal »halt«, -- das
-gefiel ihnen; aber sie sprach nur, wenn man sie fragte.
-
-»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was heilen, das wissen
-wir,« sagte Röse.
-
-Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter die flachsblonden
-Härchen.
-
-»Bst!« machte die Mutter leise.
-
- * * * * *
-
-Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der
-langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von
-Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen
-lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester.
-
-»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so
-zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt
-du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und -- komisch!
--- einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder
-›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte
-Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«
-
-»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die
-Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht.
-
-Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten
-sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe
-lag.
-
-»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.
-
-»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse.
-
-Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten
-schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos.
-
-Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine
-Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr
-Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs
-in die Küche.
-
-Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die
-Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit.
-
-»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!«
-
-»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich.
-
-Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer
-etwas zu thun.
-
-Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen
-die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei
-für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen
-während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit
-Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre
-Art.
-
-Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der
-Arbeit.
-
-Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist
-»benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein
-Seelchen eingezogen.
-
-Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn
-man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging.
-
-Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im
-ganzem Hause gerufen und verlangt.
-
-Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu
-finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten
-zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die
-allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie
-nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit,
-gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.
-
-Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren Gang.
-
-Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete freundlich, wenn
-es gefragt wurde, war immer gleichmäßig liebenswürdig, hatte aber ein
-ganz undurchdringliches Wesen.
-
-»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach einigen Wochen kaum
-bekannter mit ihr, als am ersten Tag, und wurden doch von ihr verwöhnt,
-daß es eine Art hatte.
-
-Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, lange Haar, was
-bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte ihnen die Kleider, half
-ihnen nähen und schneidern und saß bis an die Ohren und mit einem
-rührenden Eifer in Röses Ausstattungsarbeiten.
-
-Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander durch den Park.
-
-Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts von dir. -- Wir
-haben dich doch lieb, -- erzähl doch!«
-
-Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. »Wie denn? -- Was
-denn?« fragte sie.
-
-»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel älter als wir;
-warst du denn nie verliebt?«
-
-»Nein.«
-
-»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«
-
-»Nein.«
-
-»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast du denn nie
-getanzt?«
-
-»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon mitgegangen; aber ich
-wollt' halt net. Ich hatte Angst, daß die Großmutter sich verderben
-könnt'.«
-
-»Aber sonst hättst du's gemocht?«
-
-»O ja, warum net?«
-
-»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.
-
-»Ja.«
-
-Da war die Unterhaltung wieder aus.
-
-»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten sie nach einer Weile.
-
-»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, und jeden Tag
-durfte ich in die Messe gehen.«
-
-Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen Frauenkirche,
-den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, dem wundervollen Gesang,
-der mächtigen Orgel, den vielen Menschen, dem Weihrauchduft und den
-vielen, vielen Grabkugeln am Karsamstag.
-
-»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.
-
-»Sehnst du dich danach?«
-
-»Manchmal.«
-
-»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn nicht traurig
-darüber?«
-
-»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete sie kurz.
-
-»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen die Menschen einen
-trösten. Uns wenigstens kannst du alles sagen. Wir sagen auch alles.«
-
-»Bist du nicht einmal in München in der Komödie gewesen?« forschte
-Marie.
-
-»Ja, einmal.«
-
-»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«
-
-»Passabel.«
-
-»Und was sahst du denn?«
-
-»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar nimmer.«
-
-»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar nicht!« meinten sie
-verwundert.
-
-»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander einmal in die Komödie,
-wir und Budang und die andern, da wirst du sehen, daß es hier nicht nur
-›passabel‹ ist.«
-
-Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren Streichen: wie sie
-mit Budang, Ernst von Schiller und Horny aller Nasenlang durchs
-Hinterpförtchen ins Theater geschlüpft seien, -- und wie herrlich das
-war. Sie berichteten ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August,
-wie der sie beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner
-Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei ihrer
-Schwester kein besonderes Verständnis.
-
-Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich gehabt habe,
-trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr gute Frau gewesen sein
-mußte. Die Schwester that ihnen leid.
-
-Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, sagten sie ihm:
-»Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie die Schwester, weil ihnen
-das gefiel, »ist eigentlich wie ein altes Weibchen aufgewachsen. Sie
-versteht uns gar nicht, das arme Ding. -- Und so verschlossen wie sie
-ist! Weißt du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch sehr
-mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders »nett« mit ihr
-zu sein.
-
-Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen gemacht,
-als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit als etwas ganz extra
-Mitleiderregendes hingestellt hatten.
-
-»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter aus als wir.«
-
-»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei Waben zu machen.«
-
-»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er konnte sich's doch
-nicht verbeißen.
-
-Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie glaubten an ihn.
-
-In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten sich alle, es
-der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, was sie schön fanden.
-Sie hatten sie in die »Zauberflöte« geführt.
-
-Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben während der
-Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.
-
-»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse stieß ihre Schwester
-leicht an.
-
-»Du schläfst ja!«
-
-»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«
-
-Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah nur nieder.
-
-Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst du denn nicht auf
-die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, der da singt.«
-
-»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, als die
-Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«
-
-Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang zu, der hinter
-ihnen saß.
-
-Und Budang nickte dazu.
-
-Er sprach dann in der Pause mit Waben über die Musik. Sie sagte ihm:
-»Ich wollte, die Großmutter hätte die Musik bei ihrem Tode hören
-können, -- das wär' eine Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«
-
-Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.
-
-»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse und Marie haben's
-erzählt.«
-
-»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. -- »Da gibt's kein
-Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, den freut nichts mehr.«
-
-Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf ließ, seit sie
-von daheim fort war.
-
-Das hatte die Musik gethan.
-
-»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.
-
-»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, und ich
-soll net mal dran denken können? Hier wird's einem, als wär's erst
-gestern geschehen, -- und das ist gut. -- Die armen Seelen brauchen
-unser Mitleid. Sie werden überall zu schnell vergessen.«
-
-Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der Abgeschiedenen.
-
-Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die armen Seelen«,
-das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie aus einem uralten Märchen.
-Ueberhaupt, obwohl die Waben ein tüchtiges und zuverlässiges
-Hausmütterchen war, würden sich die Ratsmädel nicht gewundert haben,
-wenn es sich herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist
-sei, ein armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen immer
-fremder.
-
-Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie bedrückt und
-kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.
-
-Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle Klosterspitzen nach
-einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht hatte.
-
-»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« fragte Röse.
-
-»Wär' net übel,« war die Antwort.
-
-Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers Adele eingeladen
-und kam so in den Kreis der geistreichen jungen Damen, die alle um
-einige Jahre älter als die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen
-ihrer Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie aber
-alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen Wittumstreppe
-indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, Liebesbriefe waren es auch
-im eigentlichen Sinne des Wortes nicht, sondern vielmehr sprachen die
-jungen Damen sich gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen
-Episteln aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, das
-größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die Treulosigkeit
-der beiden Schelme.
-
-Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte dieser jungen
-Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; die Waben war nur durch die
-größten Ueberredungskünste ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles
-Kränzchen zu besuchen.
-
-Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu gehen. Die langen
-Zuredereien und das Drängen hörte von selbst auf. Sie ging still
-und kam still, sprach über nichts, was sie dort in der Gesellschaft
-erfahren hatte, -- aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen
-gekommen zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei Rats
-ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter meinte: »Laßt
-sie -- fragt nicht!«
-
-Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig diensteifrig.
-
-Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes Kind; wie ein
-Sonnenstrahl, so still und gut!«
-
-Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.
-
-Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre aus dem jungen,
-pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen geworden. Sie blühte wahrhaft
-auf und wurde jeden Tag reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf-
-und hinablaufen. Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und Röse
-und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das Haar machte.
-
-Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie dazumal, als ihre
-Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen hatten, zum erstenmal im März
-ganz unvermutet im dunklen Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.
-
-Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, die aus der
-dunklen Ecke kamen, erbebt.
-
-Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.
-
-So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu Schopenhauers
-gegangen, und spät abends bei Mondenschein und Winterkälte wandelte
-sie über hartgefrorenen Schnee am Arm eines jungen Mannes, der sie von
-Schopenhauers heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der
-Esplanade zur inneren Stadt führt.
-
-Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte das schon öfter
-so gethan; es war ihm zu einer angenehmen Gewohnheit geworden, das
-liebliche Geschöpf heimzubegleiten. Sie hatten keinen besonders weiten
-Weg vor sich, aber sie verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch
-nie so viel hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke,
-die zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern
-lag, -- und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Bei dem
-hellen Mondlichte war zu konstatieren, daß die Waben einen durchaus
-nicht ungefährlichen Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem
-prächtigen Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken;
-dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und galant in der Art,
-wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, sich zu ihr neigte und ihr
-Geplauder anhörte.
-
-Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.
-
-»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen sein! Ich fühle
-Ihren Arm nicht mehr als eine Feder.«
-
-»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl klein; aber da ist
-nun nichts zu machen.«
-
-»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß genug sein,«
-erwiderte er.
-
-»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem Mädel doch Respekt
-haben, und sie soll ordentlich arbeiten können. Ich bin freilich viel
-stärker, als ich ausseh', gottlob! Sonst könnt' ich mir das Salz zum
-Brot net verdienen.«
-
-»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«
-
-»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim schlafen und essen,
-wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's verdient? Was denken Sie denn?
-Halten Sie uns Mädel für Tagediebe? Oder für was denn?«
-
-»Sie sind so tapfer, -- so tüchtig, -- so anders, als die Mädchen
-gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein wirkliches Menschenkind, Sie
-Elfchen?« sagte er zärtlich.
-
-»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine Schwestern nicht?«
-
-»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit vier Wochen hier, aber
-Ihre Schwestern hab' ich nun noch immer nicht kennen gelernt.«
-
-»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide so fleißig und
-tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen Tag zu lachen gibt, --
-und so wunderschön! Wissen Sie, sie sind das Schönste und Beste, was es
-auf Erden gibt.«
-
-»Die eine ist verlobt?« fragte er.
-
-»Ja, die Röse. -- Sie glauben nicht, wie gut sie mit mir waren, vom
-ersten Augenblick an, wie große Kinder. Sie sind so freundlich, wie
-halt eben nur Kinder sind.«
-
-»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. Sie erlauben mir,
-Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern meine Aufwartung mache?«
-
-Die Wangen des Mädchens glühten.
-
-»Gewiß!« sagte sie.
-
-Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte sie. An seinem
-Arme wußte sie das nie. Er sprach so zärtlich. Das war wie himmlische
-Musik. Gott, daß es solches Glück auf Erden gab!
-
-Jetzt standen sie an der Hausthür.
-
-»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus im Schlosse. Sie
-sind mit bei dem großen Aufzug.«
-
-»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen wir uns die
-Schwestern doch miteinander anschauen. Sie finden mich auch auf der
-Galerie; ich beschütze Sie, und ich verteidige einen Platz für Sie.«
-
-Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.
-
-»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.
-
-»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«
-
-»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes Mädchen! Sie sind
-so gleichmütig!«
-
-»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie lächelnd und
-schloß dabei die Thür auf.
-
-Er wollte etwas darauf entgegnen.
-
-»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man
-muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.«
-
-»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.
-
-»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«
-
-Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und
-hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause
-und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem
-abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der
-Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.
-
-Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört
-und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen
-schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen
-Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer
-Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische
-Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes
-bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in
-jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe,
-immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und
-jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden
-bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie
-von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine
-gewisse Beruhigung.
-
-Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die
-Goethe selbst überwachte.
-
-Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes
-Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war.
-Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere,
-duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen
-Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.
-
-Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des Riesenreiches
-produzieren!
-
-Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, was für
-Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm ausgebrütet worden war.
-
-Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, ungeschickten
-Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.
-
-Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug daran gewesen sein,
-die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; denn was die Weimaraner
-thaten, und wie sie sprachen, war natürlicherweise himmelweit von
-seinem Ideal entfernt.
-
-Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen, welche
-Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den Weimaranern ihr geliebtes
-Deutsch in einigermaßen richtigen Lauten beizubringen.
-
-Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte es sich um
-hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll Seine Excellenz sich in
-der Verzweiflung mit einem Kuß geholfen haben, von dem er wohl hoffen
-mochte, daß er begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten
-O und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.
-
-Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp auf die Beine zu
-bringen!
-
-Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; aber
-niemand verstand ihn zu tragen.
-
-Einzig und allein Seine Excellenz selbst.
-
-An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, es wird schon
-gehen!« wie es schließlich dann immer heißt und heißen muß. --
-
-Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll zu thun, -- und
-that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. Sie befand sich wohl,
-wie eine Amsel im April. Sie wußte zwar kein Wort ihres Anbeters, das
-direkt von Liebe gehandelt hätte, -- aber wozu?
-
-Der Klang seiner Stimme, -- die Art, wie er alles sagte, wie er ihr die
-Hand gab, -- das sprach so eine nie gekannte Sprache. Sie wußte sich
-geliebt! -- Ja, sie wußte es!
-
-Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, so unbestimmt,
-beängstigend.
-
-War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? -- Nein, -- nein, --
-nein! Gewiß nicht!
-
-So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.
-
-Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.
-
-Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause hoch her.
-
-So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; so etwas
-Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, als wäre sie in eine
-andere Welt versetzt, zum erstenmal in den Sonnenschein.
-
-Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren und hatte auch etwas
-zu sagen, große, getragene Worte, die sie feierlich und ruhig zu
-sprechen verstand.
-
-Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, bis das Ganze
-tadellos gelang.
-
-Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie von der Schönheit
-ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die jungen, weißen, vollen
-Glieder, das schneeweiße Gewand, das herrliche Gesichtchen, die
-lebendigen Augen, die schöngezeichneten Augenbrauen, die ihr so etwas
-Vornehmes, Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken
-Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die Kniee fiel und
-sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte und um die kindliche Stirn.
-Es war ein so anmutiges Haar!
-
-Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer Schwester gleich
-gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen vor, war aber auch, wie
-Marie, eingewickelt in ihre bräunliche Haarflut.
-
-Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.
-
-Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, daß du nicht
-mitkannst! Wie jammerschade!«
-
-In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, lustigen Wünsche zu
-regen.
-
-Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!
-
-Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie alle Herrlichkeiten,
-die es zu sehen geben würde, zusammen genießen! --
-
-Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der aus man in den
-großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr Beschützer war schon da und
-hatte in der vordersten Reihe, neben sich, ihr einen Platz gegen die
-andrängenden Neugierigen verteidigt.
-
-Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.
-
-In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von den Hunderten von
-Wachskerzen, und sie sahen von ihren dämmerig beleuchteten Plätzen
-in einen schwarzen Abgrund hinab; aber die Waben und ihr Begleiter
-unterhielten sich vortrefflich miteinander, wie sich das leicht denken
-läßt. Die Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.
-
-Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der Kerzenanzünder
-gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit auftauchten, und wie die
-Flammen an den Zündschnürchen, was das Neueste war, von Licht zu Licht
-hüpften und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel
-erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer Viertelstunde alles
-glänzte und funkelte, ein ganzes Meer von Licht!
-
-Personen schritten geschäftig hin und her durch den Saal, anordnend
-oder Umschau haltend.
-
-Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. »Der
-Oberhofmarschall!« hieß es, -- »da, -- -- da, -- -- da! Da ging er
-eben!«
-
-Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die Hälse wurden
-gereckt. -- Jeder Lakai wurde angestarrt.
-
-Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. -- Sie blühte neben
-ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach langem trüben Regenwetter,
-wenn ihn ein paar Stunden warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie
-offen sie sprach! Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor
-ihm ausgebreitet.
-
-Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte das auch nicht. Sie
-hatte nichts zu geben und mitzuteilen als ihre Vergangenheit, -- gar
-nichts weiter, -- und diese Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. --
-Er fragte, und sie antwortete. Sie vertraute. -- Jubelnd empfand sie
-zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.
-
-Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, dachte besonnen,
-daß sie eine gute, kommode Frau abgeben würde, und erwog dies hin und
-her, während sie eifrig schwatzte.
-
-»Aus guter Familie ist sie, -- mitbekommen thut sie sicher auch etwas.
--- Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich unschuldig, ein durchaus
-bequemer Charakter.«
-
-So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen geht und
-Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.
-
-Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war er erst in Weimar
-angelangt, war hier zu einer guten Stellung gekommen, und seine Absicht
-ging dahin, sich mit einer alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu
-verschwägern.
-
-Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem blanken Parkett des
-riesigen Saales wie in einem stillen See.
-
-Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, helle Saal
-hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte Gäste gekommen.
-Oben auf der Galerie reckten sich abermals die Hälse. Es wurde wieder
-eifrig getuschelt. Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je
-mehr es sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte und
-farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe mit griechisch
-aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder Art, auf hohe,
-schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße Hälse und Arme, enge
-Kleider mit langen Schleppen, Fräcke und Uniformen, Lakaien und hohe
-Würdenträger, -- ein schillerndes, bewegliches Durcheinander.
-
-Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar
-parfümiertes Lüftchen nach oben.
-
-Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen Saal war gelblich
-warm.
-
-Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, -- etwas Berauschendes.
-
-Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem weißen Saal gar
-nicht genug wundern.
-
-Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die fremden
-Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte Ceremoniell, -- die große
-Feierlichkeit, die große Vornehmheit!
-
-Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte Geschichte
-hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so etwas wirklich noch
-existierte! Ein bißchen komisch erschien es ihr, -- ein bißchen
-ernsthaft, -- ein bißchen schaurig, aber hauptsächlich sehr amüsant.
-Die einzelnen Personen interessierten sie gar nicht, nur das Ganze.
-Sie hörte kaum darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute
-bezeichnete.
-
-Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war der weimarische Pomp wirklich
-auf die Beine gebracht! Da lag die weimarische Glorienzeit wirklich
-wie eine duftende Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft
-feierliche Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat
-ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende Musik und
-große Worte, und ein Schimmern und Auftauchen und Ziehen und Kommen und
-Verweilen, -- eine Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.
-
-Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem großen, feierlichen
-Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. Sie gehörten sich nicht mehr
-selbst. Es war etwas in sie gefahren, was sie begeisterte.
-
-Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, sie sprachen nicht
-mehr wie die Weimaraner. Es war etwas Außerordentliches.
-
-Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem Aermel. »Meine
-Schwester! Meine Schwester!« sagte eine weiche, leise Stimme ganz
-erregt. »Sehen Sie, meine Schwester!«
-
-Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt gerade vor der
-Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die Goetheschen Worte; das gute
-Ratsmädel leuchtete dabei wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit.
-Sie bewegte sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als
-wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne Gesicht und die
-Arme und der Hals und das weiße Gewand strahlten.
-
-Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, der
-Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. Es lag etwas Heiteres,
-etwas Frohlockendes über die Gestalt gebreitet. -- Aller Augen sahen
-auf sie.
-
-»Das ist Ihre Schwester?«
-
-Die Waben lächelte.
-
-»Die verlobte?« fragte er.
-
-»Nein!«
-
-»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des jungen Mannes wie ein
-Seufzer.
-
-Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick seiner Augen sich
-an ihre Schwester heftete.
-
-Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, so männlich und
-gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.
-
-Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie nieder. Es
-war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas anderes, -- etwas
-Schwereres.
-
-Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas Schreckliches
-schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es war ihr, als wenn ihr
-Blut aufhörte zu fließen, als wenn eine Spange sich ihr fest um den
-Hals legte, als wenn das Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte,
-weiter zu schlagen.
-
-Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, so arm. Wie
-hatte sie nur denken können, -- daß ...
-
-Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen Gedanken. Wie
-große, graue, schwere Steinplatten kamen sie ihr vor, die langsam auf
-sie drückten und sie tief in den Boden hineinpreßten, ganz langsam und
-schmerzlos, -- aber entsetzlich.
-
-Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer Schwester. Sie
-wartete, daß er sie wieder anreden würde, und sie schaute alles im
-voraus.
-
-Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon geschehen.
-
-Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig klingen würde. Sie
-sah und verstand das alles so tief, so klar, so anders, als sie sonst
-nie verstand und begriff.
-
-Ja, -- und so kam es denn auch, ganz so! --
-
-Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, -- aber wie ausgelöscht.
-Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles so grau, so fahl, -- alles so
-gleichgültig, -- so erstickend, -- so weh! -- Sie wollte gehen. Sie
-hatte genug gesehen; aber er redete ihr zu, zu bleiben.
-
-Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren beiden Schwestern.
-Er war außerordentlich gnädig und schien an den beiden schönen Mädchen
-großes Gefallen zu finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie
-sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, von ihrem
-gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; von der Schaukelei auf
-der schmiedeeisernen Thür an der Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen
-Theaterbesuchen, von der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf
-dem Vogelschießen, was ich alles ausführlich berichtet habe.
-
-Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher großes Wohlgefallen
-aneinander gehabt.
-
-»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich aus!«
-sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt und ganz versunken, nur
-Augen für das wunderschöne Mädchen unten im Saale behaltend.
-
-Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.
-
-Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat war noch auf und sagte:
-»Warte, mein armes Bärbelchen, du sollst mir nicht immer Zuschauerin
-bleiben! Glaube das nicht.«
-
-Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und schlief wie betäubt
-ein und wachte auf, als lägen noch immer die schweren Steine auf ihr.
-
-Und so blieb es.
-
- * * * * *
-
-Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen
-am Zug bei der Oberhofmeisterin.
-
-Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern aus indischer Seide,
-die sie von Röses künftiger Schwiegermutter bekommen hatten. Dazu
-trugen sie goldene Gürtel und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen
-Haar.
-
-Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten köstlich herab. Die
-Waben half ihren beiden Schwestern beim Anziehen.
-
-Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner als gestern.«
-
-Und das waren sie auch.
-
-Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen selbst ganz feierlich
-gestimmt, wie die eine die andre so ansah.
-
-Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den Zug nicht
-mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen anzuschauen. Die
-Lichter unter dem grünen Seidenschirm waren angesteckt, und die beiden
-Mädchen gingen im Zimmer umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.
-
-Die Kameraden verhielten sich einsilbig.
-
-Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas so Bekanntes,
-Vertrauliches, süß Freundschaftliches, -- und doch so Entrücktes.
-
-Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer beengend auf dem
-Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl zu Mute.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe spät zum Frühstück
-kamen, schenkte die Waben ihnen ihre Milch ein.
-
-Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn bei Kirstens irgend
-etwas Besonderes los war, einen Kuchen geschickt, und in diesen Kuchen
-aßen Röse und Marie sich in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief
-ein, wie ein paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben
-ihre Erlebnisse.
-
-Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange die Welt steht,
-zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende Dinge, die das Geschöpf
-triumphieren lassen im glückseligen Machtgefühle.
-
-Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und fischten nach den
-Rosinen darin.
-
-Und während sie im besten Plaudern waren, brachte die Magd einen
-vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz Unbegreifliches zu dieser
-Winterszeit, und sagte: »Eine schöne Empfehlung an Fräulein Marie.«
-
-Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.
-
-Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen das Wunder in
-Empfang.
-
-»Ach Marie!« jubelte Röse auf.
-
-Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, -- ein paar Lippen zitterten wie in
-namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt ging unhörbar zur Thür hinaus,
-ohne daß jemand darauf geachtet hätte.
-
-Das war von +ihm+!
-
-Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das hatten sie ja schon
-erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? Er hatte es eben möglich
-gemacht, dachte die Waben dumpf.
-
-Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, -- das war es, -- das erst
-hatte ihr schneidend weh gethan!
-
-»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt der alte Paracelsus.
-
-Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen bei verschlossener
-Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz zwischen den zitternden
-Fingern und hatte sich das Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl
-gelehnt und hielt Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen
-Gottesdienst.
-
-Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen Orgelbrausen in
-ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen der Geistlichen bei der
-großen Messe; sie sehnte sich nach den prachtvollen Meßgewändern,
-klangvollen Worten und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und
-den gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden Gewölben.
-
-Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf Orgelbrausen
-und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter Gottes zu Füßen gestürmt.
-Aber so, in dieser Kahlheit hier, da hob der Schmerz sich nicht zum
-Himmelsflug, sondern drückte und drückte und wurde wieder zur grauen,
-schweren Steinplatte, die sie ganz begrub.
-
-Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, stillen,
-dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus und schluchzte laut. --
-
-Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen selbst
-gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der Schwestern erkundigt.
-Das Befinden war vortrefflich. Sie waren lustig und guter Dinge.
-Röses Bräutigam erschien auch, und die beiden schönen Paare standen
-auf ihrer Lebenshöhe, denn auch Marie war ganz entzückt von dem
-begeisterten, wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in
-sie verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem Kirstenschen
-Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne Menschen in voller
-Jugend, die nur von den besten, schönsten Dingen sprachen und
-dachten und träumten, die Feste beredeten und Ausflüge und allerhand
-Vergnügungen und Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.
-
-Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher Freund sie,
-leicht befangen, als alte Bekannte, -- that es aber mit gutem Gewissen,
-denn das große Liebesfeuer, das jetzt in ihm brannte, hatte das
-kleine, bedächtige Flämmchen, das für die zarte Waben geglommen hatte,
-vollständig verschlungen.
-
-Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens gesagt, gethan und
-geblickt hatte, davon wußte er wohl nichts mehr.
-
-»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.
-
-»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.
-
-Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer schon wieder
-hell empor. --
-
-Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, wie dunkles
-Wasser.
-
-Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.
-
-Sie liebte ihn so sehr!
-
-Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen
-Menschen vor.
-
-Das ging so ein paar Tage fort, -- so hilflos, so über Bord geworfen
-fühlte sie sich! -- Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich
-ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur
-Beichte fahre?«
-
-Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie
-die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch
-sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist.
-
-Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche,
-und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein
-echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem
-lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen
-auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch
-die dunklen Straßen fährt -- und die Schläfer weckt -- und ihnen das
-Herz bewegt.
-
- * * * * *
-
-In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen
-umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen
-Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten,
-geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das
-Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, --
-das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie
-auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die
-Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie
-ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und
-höher, immer höher.
-
-Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten,
-ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich.
-
-Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe
-kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte.
-
-Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er
-sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der
-Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien,
-ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht
-beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen
-gönnend, -- nichts wollend selig.
-
-Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte
-zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord
-Geworfensein«, die genießen und leben wollte.
-
-Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos gedemütigt. --
-Sie wollte nur Hilfe und streckte die Hände aus und nahm, was man ihr
-gab: die große, schwere, ernste Gabe.
-
-Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete sich auf,
-und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.
-
-Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in Weimar wieder ein;
-der Postillon blies und weckte die Schläfer.
-
-Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes Wesen und ging
-durch enge Gassen und Straßen.
-
-Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus in der
-Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen Schwestern
-stand und die beiden Mädchen fest schlafen sah, kniete sie nieder und
-faltete die Hände, und es war ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen
-langsam in das tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie
-weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas so unsagbar
-Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. Und es ward ihr weich und
-weit ums Herz, so frühlingshaft, so werdend, als wenn von einem großen,
-wunderbaren Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das Beste
-auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es gibt noch etwas, etwas
-so geheimnisvoll Unergründliches, was größer als Glück und Unglück ist,
-was über allem steht, -- etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt
-einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.
-
-Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner Größe
-erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle Glückseligkeiten.
-
-So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig beleuchtete Stube
-drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, irdische Bräute, -- und
-eine süße, kleine Himmelsbraut, mit lichtem, klarem Herzen; eine
-Himmelsbraut, auch wenn sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern
-hier zu bleiben gedachte, in diesem glücklichen Hause.
-
-Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in der Freude
-unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, -- nichts wollend selig.
-
-Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!
-
-
-
-
-Kußwirkungen.
-
-
-Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt,
-da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der
-Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker,
-den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach
-den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können,
-und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke und mit
-dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die Fabianen und die
-Kummerfelden und die Kameraden der Ratsmädchen, Budang, Horny und
-Schillers Aeltester vorüberwanderten, und es überhaupt von all den
-alten Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig
-ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser
-Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen
-statiösen Dame, und seiner Haushälterin.
-
-Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles blitzblank, vom
-messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen an der Flurthür, bis
-zu dem messingenen Vogelkäfig an dem Fenster über Madame Tiburtsius'
-Arbeitstischchen, und bis auf den letzten Messingnagelknopf in
-der Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame
-Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die der Reihe
-nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, der Mutter der
-Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden und auch bei Fräulein von Knebel
-im Schloß, der Erzieherin der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und
-noch einigen andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte
-und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne,
-die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, winters in
-die Stadtkirche nachgetragen wurde und die jetzt im Flur hing. Die
-Kaffeekanne, aus der Herr und Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen
-tranken, blendete die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie
-stand, warf ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und
-ließ grelle Lichtringel tanzen.
-
-Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer an, das, wenn
-man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen gehörigen Putzlappen, die
-ganze liebe Erde reingefegt haben würde. Dieses Frauenzimmer war
-eine trockene, hagere Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie
-mit ihren beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter
-Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken laufen
-ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes Hand mit samt
-ihren Eimern hervorgegangen, da schauten die Hausfrauen, die mit ihren
-Strickstrümpfen und in großen Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich
-nach ihr aus und seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus,
-der da sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.
-
-Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, wie sie wollten,
-sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen doch nichts.
-
-Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, eher
-hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen gedacht, als daß Kathrine von
-ihrem Dienst in einen andern getreten wäre.
-
-Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter von Madame
-Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der alten Dame die messingene
-Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, aber immer noch blinkend, im
-Flur hing, mit dem Feuerstörer, dem Gesangbuch, dem Lederkissen in
-die Stadtkirche nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit
-ihren Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius
-mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen solchen Treubruch
-gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als wäre sie sein angetrautes
-Weib gewesen und nicht die Köchin und Haushälterin der Madame.
-
-»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.
-
-»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn sie in Eifer kam über
-irgend etwas, was ihrer Meinung nach der Herr Gemahl hätte unterlassen
-können.
-
-Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und mit der Madame, trotz
-aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, sich von ihnen und ihren
-Messingkäfigen, Messingknäufen, Messinghandhaben, Messingkesseln,
-Messingofenthüren, Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem
-messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus nicht so
-ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause hantieren und auf
-den Markt gehen, so hätte man glauben sollen, solche unanfechtbare,
-bewährte Sauberkeit, die könnte nur in allertiefstem Frieden gedeihen,
-in einer Harmonie, von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung
-machen kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel
-der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger noch
-Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, noch etwas Versalzenes,
-Angebranntes, Gesäuertes, noch Mißverständnisse aller Art, Zank mit
-Handwerkern, Tauwetter, Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde und
-Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf Nachmittagvisiten
-gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen, noch Kinder mit
-schmutzigen Schuhen und Musbröten.
-
-Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf Erden. Es ging
-nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte Glanz, der über allen
-Dingen lag, war nichts weiter als was sich eben mit unermüdlichen
-Fäusten erreichen ließ. Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu
-schlucken, so viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.
-
-Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von Reinlichkeit und
-Sauberkeit -- aber im Kern dieser Wolke, da saß der Rat und paffte
-und steckte in einem schmierigen Schlafrock und in ausgeschlappten
-Filzschuhen und häufte Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf
-seinen Schreibtisch und rührte all dieses untereinander und streute
-Schnupftabak darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich die
-Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen auf die Akten,
-daß der Puder stäubte und sich mit dem Schnupftabak und Rauchtabak und
-der Asche und den Dochten, die er immer aus der Lichtputzschere fallen
-ließ, auf seinem Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren
-Selbstgesprächen) zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.
-
-Das war ein Kreuz und ein Elend -- und dies vor den Augen der Welt zu
-verbergen, war Rats Kathrine ihre erste Sorge, da war kein Opfer und
-keine Mühe groß genug.
-
-Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als eine Lüge zu
-verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine Lüge zu glauben und
-glauben zu machen, eine Lüge am Leben zu erhalten, für eine Lüge zu
-leben und zu sterben.
-
-Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre ein Wunder von
-Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und dergleichen löblichen
-Eigenschaften mehr. Das hatte sich Kathrine in den Kopf gesetzt,
-und nicht nur Kathrine, sondern das rechtmäßig angetraute Weib auch
-ebenso. Armer Rat, wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller
-Unschuld, wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter
-dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der Tuchbürste
-und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden über dich herfuhr wie
-ein Hagelwetter, vom Kragen auf den Rock mit der sanften Bürste und
-der harten Bürste in blitzschneller Abwechslung -- und wenn, von den
-Bürsten angelockt, sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit
-sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste eilig ankam, um
-dir das Perückchen frisch zu stäuben und dein Zöpfchen zwischen den
-Fingern zu nudeln -- und dann das Bürsten von neuem begann -- wild und
-eifrig, damit um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles
-in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!
-
-»Und die Finger, Gustävchen -- und die Finger und das Fazeterl?
-
-»Die Finger --, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« --
-
-Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche Stimme -- so ein
-bißchen eine fette Stimme und ein wenig schnarrend.
-
-Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da war es dir ein wenig
-schwindlig -- da wackeltest du mit dem Kopfe ein ganz klein wenig
-über diese Weibsbilder; aber nicht etwa so stark, daß man es mit
-unbewaffneten Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe
-nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir nach und öffnete
-das Schiebfensterchen und rief einmal wie allemal: »Aber Gustävchen,
-pünktlich zum Essen -- damit wir den Nachmittag vor uns haben --
-Gustävchen!«
-
-Und dann gingst du in deine Sitzung -- da warst du ein freier -- ein
-großer Mensch.
-
-In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch in den Teich, wenn
-du nur das Bild nicht übelnehmen willst! Da kam dir nichts nach -- gar
-nichts, da mußte alles draußen bleiben, unwiderruflich -- alles, alles.
-Ueber die Schwelle -- ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das
-war eine vortreffliche Einrichtung!
-
-Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz eigenartig, da
-war es dir zu Mute wie dem Schneck, der sein Haus irgendwo hat stehen
-lassen aus Vergeßlichkeit, wenn einem Schneck so etwas passieren
-könnte, und der sich nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus
-geschehen ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben
--- oder ob was hineingekrochen ist.
-
-Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat -- das weiß ich, und du
-würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb gewesen, wenn du nicht
-gewissermaßen nackt und bloß in die Sitzung hättest gehen müssen,
-sondern wie der Schneck dein Haus, dein Eigentum hättest überall
-mitnehmen können; wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in
-die Sitzung gehen können -- das wäre schön gewesen! Der aber hat zu
-Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.
-
-Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten in einem
-solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, nicht hineinpaßt;
-daß ein Misthaufen entfernt werden muß, und daß es Hände gibt, die das
-unwiderruflich thun werden, wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie
-Kathrine sagt.
-
-Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und es empfing dich so
-eine angenehme wohlbekannte Luft, eine eigentümliche Oede -- fremd
-starrte dich dein Zimmer an, wie eine Wüste dein Schreibtisch, die
-Dielen naß, kalt, fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch
-vermischt, der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft
-ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von Gelehrsamkeit, Schnupftabak,
-Rauchtabak, Asche und Staub zerstört, das Behagen verscheucht -- das
-hast du oft durchgemacht, Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft,
-gezankt, aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin
-wie eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine
-Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut einfach ein,
-quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.
-
-Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du thun; du warst
-machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen beiden Wärtern, die ihn
-seelenruhig toben, schreien, zappeln lassen, bis der Anfall vorüber
-ist, und sich sogar verständnisinnig in ihrer Roheit über das Gethu des
-armen Narren zulächeln.
-
-Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du ein armer Narr. --
-Glaub's nur, Herr Rat.
-
-Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie nichts, und wie
-sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin deine Gelehrsamkeit
-ihnen einbrachte, darüber zerbrachen sie sich auch den Kopf nicht.
-
-Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige Feuerstelle, die
-die Flamme deines Geistes erzeugte, und hielten das für einfache
-Schmutzerei.
-
-Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die Kathrine nicht,
-weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, Atemholen, Essen und Trinken
-ansah, und die Frau Rätin nicht, weil sie immer Besuch und Visiten
-erwartete -- und die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.
-
-Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem Gläschen Wein und
-Kringeln. So waren Besuch und Visiten voneinander zu unterscheiden bei
-Frau Rätin und Kathrine. Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das
-war der zweite schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht
-nur auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige Frau, die bei
-sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn eines im Hause sauertopft,
-das sollte mir fehlen, daß ich mich über meinen Nähtisch setzte, wie
-mein Rat über seinen Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte.
-Gott bewahre.« Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, dem
-kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der strammen, kugelrunden
-Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen konnte, daß alles an ihr
-schwabberte und schwabbelte, die wollte das Leben genießen und genoß es.
-
-Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte und junge, und
-war überall dabei und machte alles mit. Vormittags hielt sie sich, wie
-es einer guten Hausfrau geziemt, leidlich daheim, flickte, schaute der
-Kathrine nach, machte mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer,
-sobald er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs
-und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die Morgenstunden
-herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit einem grilligen Mann am
-Schreibtisch in Weimar und anderswo je hingebracht hat. -- Aber am
-Nachmittag!
-
-»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« Das rief sie
-nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem Schiebfensterchen nach, wenn er
-sich in die Sitzung aufmachte.
-
- * * * * *
-
-Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten her von allen,
-die rings um den Marktplatz wohnten.
-
-Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit teil, da floß
-Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie ein lustiges Bächlein.
-Bei Rat Tiburtsius' aber ging der Geselligkeitstrieb, der Trieb nach
-Festlichkeit und Lustbarkeit von einem einzigen fetten Weibchen aus,
-das sich breit und wichtig machte.
-
-Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres Herzens. Sie kamen
-zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. Ehe die Stiegen noch trocken
-waren, tappten kleine und große Füße darauf herum und schleiften den
-Straßenschmutz wieder herein.
-
-Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige Nählehrerin, die
-am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen wohnte, kam angehatscht durch
-dick und dünn, bei jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar
-oftmals Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ sie dann
-auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so hießen ein paar kleine Häuser
-am Lottenbach, fallen, hatte aber nicht viel genutzt, und so zierlich
-sie ging, die Alte, ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren
-Kreuzbänderschuhen immer noch mit.
-
-Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die Fabianen,
-die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie jeden Winter, den
-Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte und die Raben fütterte
-mit allerlei, was sie bei den guten Freunden eingesammelt hatte,
-worauf sie mit ihren großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie
-ein Rieseneiszapfen, zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren
-unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer hing, so daß
-beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. Und ihre Freundin, die
-winzige Mamsell Muskulusen mit der dicken Perücke, und die wunderschöne
-Rätin Kirsten mit ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers,
-und der Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu
-vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von Schiller und Horny
-und Herr und Frau Egidi, ein junges Ehepärchen, und zu feierlicheren
-Gelegenheiten Madame Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs,
-die ganze schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon,
-August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. -- Wer sie
-alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer lustigen Weimar, die
-fleißig bei der dicken kleinen Frau Tiburtsius aus und ein gingen
-und Kathrinens guten Kaffee tranken und die guten Kuchen aßen, die
-sie buk, und die Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen
-Brotschnittchen -- und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von
-Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, so lange,
-bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das Nachsehen hatte.
-
-Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der Thür von Herrn
-Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch an der blinkenden Küche
-von Kathrine. Sie wußten gar wohl die Sachlage zu beurteilen; aber
-das störte sie nicht, durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas
-Anregendes. Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in die
-schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau trat, da wurde
-er gescholten und liebenswürdig gehänselt und zwischen zwei schöne
-Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter spielen. Und brauchte man sein
-Arbeitszimmer zu lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu
-irgend einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte dann
-irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der Apotheker, oder
-Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend so eine Art Witz machten
-sie stets, gewöhnlich denselben.
-
-Das ging so fort jahraus, jahrein.
-
-Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht der Wissenschaft
-war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten von ihm erzählte, daß die
-Marktweiber ihn nicht nur in eine Reihe mit Schiller und Goethe
-stellten, sondern noch weit über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn
-ganz besonders ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger
-war? Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die nicht
-im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, überstäubt
-und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie ein Stall gereinigt, sein
-Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine Atmosphäre gelüftet, seine
-Gewohnheiten wurden mißachtet, seine Ruhe wurde gestört, seine Stube
-genäßt, versandet, sein Wein verschenkt -- der Boden ihm unter den
-Füßen weggenommen. Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.
-
-Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht über den Zustand
-ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, weil auch sie dem Trieb nach
-Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, feindlich im Grunde ihrer
-Seele gegenüberstand. Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt
-vom Stadthaus ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die
-sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, von der
-sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom Stadthause sie ihr
-mitteilte, und die Geschichte hatte sich folgendermaßen zugetragen.
-
-»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der Wirt ihr
-gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm einfüllen ließ.
-»Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und gafft, und bei mir steht ein
-Bauersmann, so 'n Stoffel, der nich dreie zählen kann -- der sollte
-in der Stadt einen Doktor holen, aber welchen -- das hatte er dir
-vergessen. Und nun steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor
-dem neuen Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is -- und kratzt
-sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, da sieht der Rat
-Tiburtsius zum Fenster 'naus -- der weiß alles. Wenn einer, so kann der
-dir's sagen, den mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch
-und steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf -- und thut 's Maul nich
-auf.
-
-»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem Herrn Rat mein
-Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann da soll schnell einen Doktor
-aufs Land holen un weiß nich mehr, welchen.‹
-
-»Der Herr Rat, der hört's dir nur -- un sagt gleich: ›Das ist ja
-wunderlich -- das ist ja wunderlich.‹
-
-»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das hatte er gleich
-weg. -- Der Doktor Wunderlich, der sollte geholt werden. Es muß schonn
-so an recht Gelehrter sein, dein Rat.« --
-
-Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen und vergaß sie
-nicht, und wenn es die Gäste der Madame gar zu bunt trieben und den
-Frieden des Herrn Rat gar zu unverschämt störten und auch in ihrer
-Küche herumwirtschafteten, das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um
-Mehlhäufchen zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten,
-weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden Bilde gebrauchten
--- da dachte Tiburtsius' Kathrine, daß man so einen gelehrten Mann doch
-mehr ästimieren sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe
-von Jahren lang.
-
-Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, der seine zehn
-Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so verlangte man es damals
-in Weimar von ihm, auch wirklich gab; -- es waren schon bald ihrer zehn
-beisammen, und der Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und
-der Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch so und so
-viele sagten, wenn sie einander begegneten oder ein Gespräch anfingen:
-»Heuer ist's aber in schönster Ordnung« -- oder »Ein kapitaler Februar«
--- oder »Ein Staatsfebruar« -- oder »Heite ham mer en Februar, der sich
-gewaschen hat« -- oder sonst dergleichen etwas, wie es die alten Herren
-von damals zu sagen liebten.
-
-Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen und
-Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, wie weit sie in Jena
-schon Weimar voraus wären.
-
-Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare Lustigkeit
-gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. Die einen sahen ihn da,
-die andern begegneten ihm dort. Er machte weite Spaziergänge, man hatte
-ihn mit Leuten auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie
-mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn je, ließ
-sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von der Rätin bestäuben
-und dann wieder bürsten, ohne etwas davon zu bemerken. Er suchte die
-Dinge, die er in der Hand trug, in allen Ecken, jammerte nach der
-Brille, die ihm auf der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie
-seinen Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von Kathrine
-ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt des Hutes aber seinen
-alten Filzschuh unterm Arm trug. So toll dies auch klingen mag, ist es
-doch wirklich und wahrhaftig wahr und in Weimar auch bei alt und jung
-gar wohl bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn Rat
-fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung abgeben, daß
-überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat erzähle, vollständig auf
-Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, was ich in dieser Geschichte zum
-besten geben will.
-
-Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so manches
-Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, es würden sich
-so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, Gelten und Schaffen
-aufmachen, um auch aus meiner Quelle zu schöpfen, daß ich wohlweislich
-schweigen werde. Sie würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei
-weitem wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. -- Sie würden sich mit
-wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen oder
-höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die Goethezeit mit allem
-Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. -- Jawohl -- daraus wird aber
-nichts.
-
-Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich schuldig
-gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre thun, gestehe ich,
-daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh unterm Arm statt seines
-Hutes getragen hat, sondern etwas andres, was ich mir aber erlaubt
-habe, des guten Tons halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der
-Rat war eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine und
-die Rätin meinten, daß er sein müßte.
-
-So ging es eine ganze Weile fort.
-
-Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr Rat einen Kauf müsse
-abgeschlossen haben; aber was er gekauft habe, das konnten sie ihr
-nicht sagen. Auf dem Stadtgericht war er auch gesehen worden. -- Gott
-weiß, wo alles man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte
-man ihn gesehen haben.
-
-Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste grübelten, Kathrine
-grübelte. Man fragte, man sprach allerlei Vermutungen aus. Die einen
-meinten, er habe sich ein Reitpferd gekauft -- darüber mußte aber die
-Frau Rätin lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen -- da lachte
-die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade recht gewesen. Einen
-Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte der Apotheker. Andre wieder kamen
-darauf, er wolle der Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht
-darüber einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.
-
-»Das ist meine Sache -- meine Sache -- meine Sache!« fuhr er seine Frau
-an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er sie wahr und wahrhaftig an, als
-sie hinterlistig und energisch hinterlistig in ihn dringen wollte.
-
-Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter alter Gatte mit
-einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes fühlte, was sie
-veranlaßte, nicht weiter in ihn zu dringen.
-
-Und so blieb er so weit unbehelligt.
-
-Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern zur
-Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in seinem Zimmer auf und
-nieder und pfiff. -- Er pfiff wirklich. -- Wie sonderbar es klang,
-und wie sonderbar er es fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm
-ordentlich steif geworden und juckten ihn. -- Er hatte seit Jahrzehnten
-nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.
-
-Aber heute! -- Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt und schlürfte
-in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr eifrig auf und nieder.
-
-Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und kramte unten und
-oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk stand, und auf dem, wo Hüte und
-Kappen lagen und wo ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß.
-Dem nickte er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«
-
-Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen und den gestickten
-Westen herum, und ein paar weiße, mächtige Halsbinden fielen oben vom
-Brett, wo sie neben dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf.
-Es knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu hinterst
-im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß in einer, und die
-hatte eine Mechanik und schnappte.
-
-Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen und den gestickten
-Westen -- und sah nach, was angebissen hatte.
-
-»Ei -- ei -- ei -- ei!« sagte er betroffen und gedachte seiner
-Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, trotzdem er sie
-bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -- und kramte
-weiter.
-
-Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm von einem alten
-Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, der ihm von oben bis unten
-ging. Er schien, nach dem Zustand zu urteilen, in dem er sich befand,
-der Vater von dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat
-gerade anhatte -- oder auch der Großvater davon. Er war so eine Art
-Schlafrockheiligtum.
-
-»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin
-und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die
-Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien,
-wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende
-Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und
-unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines
-vergangenen Lebens.
-
-Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig
-und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar
-große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte
-einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine
-ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er
-vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still -- Kathrine mußte
-auch fort sein.
-
-Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte
-die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein
-Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so
-weiter. Diesmal aber pfiff er nicht.
-
-Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche,
-wenn er seinen Choral absang -- aber ein gutes, herzerfreuendes
-Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon -- weiter
-nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine
-Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck
-über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber
-kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.
-
-Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die
-gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die
-Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ
-sie wie lebendiges Silber glänzen.
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.
-
-Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung,
-eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze
-Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt,
-denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau
-so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht
-erinnerungsselig, sondern triumphierend -- wirklich triumphierend. Und
-er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf
-seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er
-hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft -- für sich
-selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch
-der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre!
-
-Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde,
-mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu
-wandern.
-
-Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee
-gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich
-niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung
-und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die
-Kathrine ausgegangen war.
-
-Und endlich -- endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen
-Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten
-Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem
-Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu
-jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man
-einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges
-Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine
-solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im
-Traume damals.
-
-Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die
-»Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und
-strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken
-wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich
-nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die
-Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die
-Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit
-den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste
-und der Puderschachtel.
-
-Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun
-einmal angewöhnt.
-
-Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich
-irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse
-unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur
-Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon
-recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten;
-aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten
-glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock
-dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem
-Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in
-Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt.
-
-Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm
-ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und
-sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater
-noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen,
-dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin -- Garten
-an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer
-Mühle.
-
-Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit
-zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges
-Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten,
-auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe
-wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen
-winzigen Grasfleckchen -- keine so blechernen Gärten, in denen die
-Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten,
-wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten,
-gesegnete Gärten.
-
-Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der
-Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der
-Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den
-Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den
-Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.
-
-Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den
-Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging -- und
-jetzt stand er vor seiner Thür -- seiner Thür, einer Thür aus zart
-silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun
-steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der
-Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll
-der Duft aus dem vollen grünen Garten -- und der Duft gehörte dem Herrn
-Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief.
-
-So ein Duft aus dem eigenen Garten!
-
-Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen
-die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten
-in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und
-Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.
-
-Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle
-beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen
-dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und
-quoll und blühte und knospte und duftete.
-
-Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel
-des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde
-wie Schilf -- nur weicher.
-
-Und alles war so weich, so voll, so lebendig -- Farben lugten aus
-der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr
-zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius.
-
-Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem
-Weg, ohne sich zu regen.
-
-Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein
-Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand,
-und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den
-keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das
-Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem
-weichen, vollen Garten erschreckt.
-
-Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen
-Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten
-Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den
-Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem
-ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.
-
-Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten
-hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich
-schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten
-sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend
-Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die
-Finger.
-
-Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen
-zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen
-den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen
-durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos
-blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze
-Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald
-empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle
-schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut.
-
-Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und das Klappern und
-Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, und die Birken und Eschen rauschten
-dazu. -- Die Dunkelheit sank immer tiefer herab, und der Herr Rat
-tastete sich aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und
-machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, blieb er
-noch lange ganz versunken stehen und atmete den schönen Gartenfrieden
-ein, und die Dunkelheit verbarg ihn mit allen seinen Schätzen vor aller
-Welt, ihn mit seinen Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen,
-seinen knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln,
-Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem Gurkenkraut,
-seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden und den
-hundertfach knospenden Centifolienbüschen.
-
-Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der Stadt zuging, da
-kam er wirklich wie von seiner Liebsten -- und zu Hause ließ er kein
-Wörtchen verlauten.
-
-Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der Schopenhauern
-zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« bei seinen alten Herren
-gewesen. -- Und unter denen ging es das eine Mal so zu wie das andre
-Mal, da war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem alten
-Ehepaar.
-
-Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er sich wieder
-auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es schnatterte bis in sein
-Studierzimmer, und in der Küche wurde gebacken und geklappert. Es war
-großer Damenthee.
-
-Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und arbeitete
-im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse und saß vor dem
-Gartenhäuschen und paffte aus seiner Pfeife, schaute in den blauen
-Himmel, hörte auf eine Lerche, die draußen in den Feldern aufstieg,
-schnaufte tief den Duft seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte
-sich mit den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.
-
-Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der alte Bretterzaun
-war hoch, und von den Nachbargärten war er auch nicht ohne weiteres zu
-belauschen. Dieser Umstand hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat
-zum Ankauf dieses Grundstückes zu bestimmen.
-
-Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie sangen:
-
- »Es fuhr ein Bauer ins Holz,
- Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,
- Ki -- ka -- Kirmsenholz,
- Es fuhr ein Bauer ins Holz.«
-
-Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt alles Spaß.
-
-Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein Lächeln, wie
-es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin war, seine Muskeln niemals
-inkommodiert hatte.
-
-Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber
-mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht
-vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit,
-als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch
-sehen, wer Herr im Hause ist!«
-
-So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -- aber -- aber.
-
-Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten,
-war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich,
-das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der
-Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte
-wirklich so weit reinen Mund gehalten haben.
-
-Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte
-er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er
-unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch
-frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten
-Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden
-und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört.
-
-Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war
-durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war
-vortrefflich.
-
-Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten
-des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen
-und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie.
-
-Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine
-mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den
-Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin
-nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um
-und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem
-Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«,
-der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie
-eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn
-sie war eine pünktliche Frau -- dann gesellten sich allerlei Personen
-zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen
-verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den
-Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich
-auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch
-Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der
-Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine
-Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen
-Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf.
-
-Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern
-und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich
-in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder
-Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert«
-nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern
-und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach
-Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora.
-
-So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran
-dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen.
-
-Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte
-Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten
-Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so
-recht Altäre der Geselligkeit.
-
-Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie herrlich es war,
-wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen aufstiegen, die Würste sich
-auf dem heißen Roste wanden, dann platzten und rauchig dufteten,
-und die Leute im Garten bei einander saßen mit Weißbroten und Bier,
-hauseingelegtem Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und
-Gesang.
-
-Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-und ähnliche Lieder.
-
-In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch so ein Bratwurstherd,
-und es war ihm mehrmals schon das Wasser im Munde zusammengelaufen,
-wenn er davor gestanden hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben,
-als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine Wurst
-begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.
-
-Nein -- nein -- lieber keine Wurst!
-
-Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer müßigen Stunde das
-Gelüste gekommen, sich ganz allein ein Paar Würste zu braten --
-das wäre gegangen, aber der Rauch! Den hätten sie in allen Gärten
-geschnuppert. -- Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht
-gewesen; aber verlockt hatte es ihn -- sehr verlockt.
-
-Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren Kern die Frau
-Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf bewegt hatte, ging
-er wieder in den Garten. Es wurde ihm jetzt schon gar nicht leicht,
-sich mit Amtsgeschäften auszureden, wenn die Rätin ihn fragte: »Aber
-Gustävchen, heute kommst du doch nach -- kommst uns wenigstens
-entgegen?« Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau Rätin und
-schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und wie er diesmal im Garten
-war, fiel es ihm auf die Seele, daß es eigentlich so nicht fortgehen
-könne, und das stimmte ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als
-wäre der schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er dachte
-aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's auch weiter
-gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's auch vielleicht noch
-lang niemand,« und beruhigte sich damit und goß seinen Salat und die
-Radieschen und alles, was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der
-Herr Rat ernten sollte.
-
-Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all dem Gemüse hin sollte
--- und wenn das Obst reifte -- die Kirschen glühten schon zwischen den
-grünen Zweigen: ja, was sollte er mit all den Dingen machen? -- hm --
-das wußte er nicht recht.
-
-Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. Allerlei wollte sich
-eindrängen, was ihm nicht paßte. Es lag so in der Luft, war schwül und
-trüb heute. Der Garten war so dicht und grün und voll, so sommerlich
-und still, und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf und
-dröhnend.
-
-Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, vor
-Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen auf und trat behutsam
-hinaus, schaute nach links: da war die Luft sauber, keine Menschenseele
-zu bemerken -- schaute nach rechts -- und stand wie vom Blitz gerührt.
--- Ja, wo hatte er denn seine Ohren gehabt? -- Drei Gartenthüren von
-ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da kam es angerückt. -- Ihm
-schien es wie Tausende von Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden
-Armen, Tausende von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen auch
-geschwenkt wurde. -- Das war die Lawine, die doch heute in Tröbsdorf
-hätte sein sollen. Und mit welchem Lärm kam diese Lawine an! Dem armen
-Rat schwindelte.
-
-»Ja -- ja -- ja -- was ist denn das?« riefen aus dem Gewirre
-verschiedene Stimmen zugleich.
-
-»Aber Gustävchen -- Gustävchen!« -- Das war die Stimme der Rätin. --
-Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß er die Hand noch am Schlüssel
-hatte, um ihn abzuziehen -- das hatte die ganze Lawine gesehen, da war
-nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb regungslos --
-und da waren sie schon alle um ihn.
-
-»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.
-
-Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den Herrn Rat mit
-ihren großen, runden Augen an.
-
-»Aber Gustävchen! -- Aber Gustävchen!« Das war wieder die knarrende
-Stimme der kleinen Rätin. »Was ist denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst
-du denn her? Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst
-und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich alle um ihn
-wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den Kindern auf Weimars Gassen
-sehr beliebt war und noch ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des
-Wickelkloses steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden.
-Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Das ist
-mein Garten. -- Ich komme -- ich habe -- ich komme aus meinem Garten --
-ich habe mir nämlich einen Garten gekauft.«
-
-»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.
-
-Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. Aber die Frau Rätin,
-die kleine, fette Frau, war Meisterin darin, in das einzige »Aber
-Gustävchen!« ganz unglaublich viel zu verpacken.
-
-Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt ihren ganzen
-Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert Variationen. Sie konnte auf
-dieser einen Violinsaite ganze Lieder und Musikstücke spielen.
-
-Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen
-Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter Regimentsgaul.
-
-»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie ein kleines
-vollgeladenes Gewitterchen.
-
-Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der Bühne und spräche
-zum Publikum gewendet: »Einen Garten hat er also gekauft, und kein
-Pferd und kein Kütschchen.«
-
-Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine Gite! -- Du meine Gite!«
-
-»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk lachte. -- Und sie
-riefen alle durcheinander alles mögliche in Weimarscher Ursprache.
-
-»Ne aber!« -- »Herr Jemine!« -- »Herr Jes!« und machten ein arges
-Geschrei damit.
-
-Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n mer uns doch aber
-auch einmal den Garten ansehen.« -- Und gesagt gethan. Die Thür ging
-auf.
-
-Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste dazu, und nun
-strömte es hinein und riß den armen Rat mit sich.
-
-Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn Rat ein wenig
-beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte Miene aufgesetzt mit
-so viel Grandezza, als womit sie ihre Hüte und Hauben aufzusetzen
-pflegte. Und diejenigen, welche dem Paar am nächsten standen, hörten
-verschiedene scharf betonte »Aber Gustävchen!«
-
-So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte und so viel
-Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten mit den vielen lustigen
-Leuten und dem vielen Gemüse, dem Obst und den Sommerblumen und den
-pflückreifen Kirschen und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und
-dem Beerenobst doch auch an.
-
-Und alle waren in der besten Stimmung; der arme Rat mußte wahrhaft
-Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr Mütchen an ihm und hänselten
-ihn und zeckten und neckten ohne Aufhören.
-
-Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann war und mehr wußte
-als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, daß zu verschiedenen Malen
-sein Name in den Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half
-es ihm, eben gar nichts!
-
-Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die alten Latschen und
-die große Pfeife entdeckten, brach ein Hallo aus. Sie drängten mit
-solcher Wucht in das Häuschen, alle auf einmal, um den Flausrock zu
-betrachten, daß es den Anschein hatte, als wollten sie die stille,
-winzige Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, Erde
-und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.
-
-Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, mitten unter lauter
-Stimmen, die nicht müde wurden, den Rat zu bearbeiten und zu ärgern,
-erhob sich plötzlich eine, die rief und alle andern wie mit einem
-Schlag verstummen ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«
-
-Das hatte eingeschlagen -- und es zeigte sich, daß die alten Weimaraner
-wahren Feldherrnblick hatten, wenn es galt, ein Vergnügen beim Zipfel
-zu fassen; denn wer weiß, was alles dazu gehört, ein wirkliches und
-wahrhaftiges Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das
-so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.
-
-Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in aller Eile nach allen
-Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, was zu holen war. Die einen
-mußten in die »Armbrust« laufen und die Würste herbeischaffen. Der
-Apotheker wußte ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und
-Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes Kompliment
-vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.
-
-Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen und Budang
-bei sich aus dem Keller holen, um ihn zum Feste zu stiften. Der
-Apotheker lieferte die Brote. Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von
-dem gebracht werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand am
-nächsten.
-
-Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf dem Frauenplan oder
-am Markt, nur die Kummerfelden, die aber hatte nicht so viel Teller.
-
-Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit zugegen. Zu der
-schickte die Frau Rätin und ließ sagen: »Eine schöne Empfehlung und
-ob die Frau Schopenhauern und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben
-wollten, in der Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen,
-und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele Gläser und
-viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer mitzugeben.«
-
-Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin -- und das fiel
-niemand auf -- nur dem Rat fiel es auf.
-
-Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im Garten, dem Rat
-brauchte das Wasser nun nicht mehr im Munde zusammenzulaufen.
-
-Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte er sich nun
-beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben Abend schon zu Gerichte;
-die Frau Rätin trieb einen wahren Handel. Zu einer gewissen Zeit
-sollten Apothekers beginnen, sich den Salat zu holen und die Mohrrüben,
-und zum Einmachen konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie
-gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden sollten
-alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich für ein billiges
-erstehen.
-
-Und nun sangen sie an diesem Abend alle:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Nur der Herr Rat sang nicht mit.
-
-Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen war.
-
-Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist mir doch immer
-abgegangen.«
-
-Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff zu, als
-die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig gestopft waren --
-und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche aus, die alle den
-geheimnisvollen Kauf des Herrn Rat in der Mache hatten.
-
-Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen:
-
- »Der Rat, das ist ein schlauer Mann,
- Der wollte einen Garten han,
- Der kauft sich einen Garten
- Und ließ die andern warten.«
-
-Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich.
-
-Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und konnte es nicht satt
-bekommen, seinen alten Rat zu ärgern.
-
-»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem, mein Schatz,
-und zieh deinen schönen Flausrock an und die Latschen und stecke die
-Pfeife an, damit wir doch auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so
-kommod umeinander geschoben bist.«
-
-Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte so etwas an sich,
-daß er immer das aussprach, was in den andern noch unbewußt schlummerte.
-
-Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen, so, als
-wollten sie's zum Platzen bringen, und holten den Flausrock, brachten
-ihn angeschleift und rissen sich um die Latschen und brachten die
-Pfeife, und der arme Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich
-in seinen Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker
-hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und mußte den
-Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade.
-
-In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm sein Lebtag noch
-nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn er sich auch die Entdeckung
-seines Gartens manchmal vorgestellt hatte, so, in solcher Gestalt,
-hatte er sie sich nicht vorgestellt. Das sind ja lauter Teufel! Die
-Menschen sind ja Teufel! dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen
-Mucks zu thun.
-
-Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen. Aeußerlich zornig
-zu sein hatte er ganz verlernt, und das war das Schlimme und Ungesunde.
-
-Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit vor den Augen
-herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und besingen und rührte sich
-nicht. Er ließ sich alles gefallen und machte den liebenswürdigen Wirt
-und ließ sich eben gar nichts davon merken, daß unter dem Flausrock
-nachgerade ein Hexenkessel braute.
-
-Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde ich sie nur
-wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit, dazu Pläne zu schmieden
--- aber -- aber --
-
-Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer, denen er
-zu Hause davongelaufen war, deretwegen einzig und allein, um ihnen
-entwischen zu können, er sich diesen Garten gekauft hatte, die würden
-nun tagtäglich, wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. -- Und
-diese unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne Ende --
-denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre Whistpartieen abhalten
-würden?
-
-Was sah er nicht alles kommen!
-
-Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen! Der Rat
-verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln, das war ja sein eigenstes
-Element. Was hatte er an langen Winterabenden bei seinem Leuchter mit
-dem grünen Schirm nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt!
-
-Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese wissenschaftlichen.
-Wer das kann, der wird doch auch ein paar Frauenzimmer loswerden können.
-
-Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem Garten im
-Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die ihm die Galle überlaufen
-ließen.
-
-Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen, das wußte er im
-voraus, und der Kathrine auch einen; die Kathrine würde dann im Garten
-zu putzen und zu wirtschaften anfangen wie in ihrer Küche, unter den
-Büschen rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen und
-auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn. Und er erlebte im
-Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten Feste auf Feste feierte,
-ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste in schwerer Menge,
-auch ein Perlzwiebelfest -- natürlich. Da sah er schon die ganze
-Gesellschaft um das lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die
-Zwiebelchen aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm
-jedenfalls einen Gefallen thun, die Unsinnigen -- wie ihn das schon im
-voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte ihm weiter aus, wie
-Kathrine während der Arbeit allen Kuchen präsentierte, und wie dem mit
-einem vorsündflutlichen Appetit zugesprochen wurde.
-
-Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle Frauenzimmer
-auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen und in große Flocken
-Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden in ihrem geblümten Kleid und die
-Muskulus mit der großen Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack
-nannte; über der Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen
-Veilchenhut auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich
-genau vor sich.
-
-Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und Madame Schopenhauer
-und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen mit ihren Freundinnen und
-Freunden und die Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch
-Frauenzimmer und noch viele mehr -- eben alle, die jetzt auch
-leibhaftig im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht worden
-waren, herumwirtschafteten.
-
-Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen Hauptärger, die waren
-damals und sind noch jetzt in Weimar stark vertreten.
-
-Jetzt war das Maß voll, über und über voll -- das Blut des geduldigen
-Mannes war endlich in Wallung geraten -- in eine ganz wütende
-Wallung. Wie er so hellsehend und außer sich umherlief, kamen ihm die
-Ratsmädchen gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten
-ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie würden an allen
-Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu gleicher Zeit sein und unter
-allen Beerensträuchern hocken und immer mit einem Gefolge von so und
-so vielen. Sie waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren.
-»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine große weiße
-Halsbinde mit der Mechanik hinein.
-
-»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben -- diese Bestien?« Das
-war und blieb es, worüber der Herr Rat rachsüchtig und leidenschaftlich
-grübelte. -- Und mit einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen
-kommen, da hatte er's -- da rieb er sich die Hände in seiner Wut und
-flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter die
-dunkelsten Wege auf und nieder.
-
-Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die Rätin hatte heute ihr
-karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke kleine Gestalt wie eine Haut
-umspannte. Um den Nacken trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie
-saßen jetzt vor dem Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und
-stippten Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine Wohl
-geliefert.
-
-Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen und sprachen aufs
-ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter als kurz vorher, und
-es hatte den Anschein, als wäre die lustige plappernde Lawine im
-Handumdrehen zu einer Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die
-sich nicht so ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem
-Bratwurstfest sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin eine
-ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit zu Füßen.
-
-Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, auch den Arthur
-und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.
-
-Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür und
-verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein Stein ins Wasser fällt,
-zieht er Kreise, und Kreise zog auch Arthur Schopenhauer in den
-Gesellschaften, in die er fiel oder fallen mußte, Kreise des Schweigens
-und des Verstummens.
-
-Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann schaute seine Frau
-Mama mit angstvollen Augen auf ihn. Heute sprach er wieder einmal gar
-nicht. »Ein rechtes Kreuz für so eine gescheite, liebenswürdige Dame
-wie die Schopenhauern,« dachten die Frauen.
-
-Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch wie ein Alp auf allen
-andern. Er »glubschte«, wie die Weimaraner sagen, so von unten auf mit
-seinen großen blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn,
-wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war.
-
-Ein ungemütlicher Bursche!
-
-Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen Wirt, dienerte
-nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen die Zuckerdose und
-die Tabaksdose. Es war ihm in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei
-andressiert worden. Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat
-beobachtet hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen haben.
-
-Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald das andre
-Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als wollte er eins davon kaufen,
-oder als hätte er irgendwie sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte
-er sich aufs Malen verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war
-manchmal ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt sah,
-ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber, Gustävchen,« zu sagen.
-
-Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich standesgemäß
-benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau unter den Kirschbäumen
-die Würste, setzten die Windlichter hin und trugen die dampfenden
-Herrlichkeiten haufenweise auf.
-
-Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug, um mit der
-Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es zwar alle, daß die Rätin es
-liebte, wenn man sich hin und wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in
-Weimar sagen; damit war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten
-sie jetzt überwunden.
-
-Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter Letzt zu
-den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett antreten, und
-setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um nun endlich mit einem
-Wolfshunger über die Herrlichkeiten herzufallen.
-
-Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht stark zusprach,
-aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige Gewohnheit, dem Hausmuff,
-so daß ein leises, wohlmeinendes »Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt
-kam, mitten durch das Stimmengemurmel.
-
-Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher, andre spielten
-Rat- und Antwortspiele und benahmen sich, wie es sich für gesättigte
-Menschen geziemt. Den Rat sah man mit der Kummerfelden umherwandern.
-Das war sonst nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim
-einzulassen.
-
-Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle zu, und die
-Kummerfelden wunderte sich über den galanten Rat.
-
-Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt, der rauschte
-nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das Wasser. Da, mit einem Male,
-war es der Kummerfelden ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und
-traumhaft. Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften -- und
-dann -- als führe er ihr mit dem Kopf in das Gesicht.
-
-Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß sie an die Nase, und
-um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. Und der Kummerfelden war
-es, als schöbe er sie dem Mühlbache zu.
-
-»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf, »was hat denn der
-Mann? -- Sollte er tobsüchtig geworden sein?«
-
-»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der Rat wütend in
-seine große Halsbinde mit Mechanik hinein und würgte die erschreckte
-Kummerfelden wieder. Der wurde es angst und bang, sie hätte schreien
-mögen, verließ sich aber fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn
-»Schreien«, das kam ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr
-ihr ihre ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn man sie
-schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander finden würde,
-denn er war immer noch ganz ungebärdig und fuhr ihr beständig mit dem
-Kopf ins Gesicht.
-
-Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in Leipzig, Hamburg
-und Weimar, gingen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit durch ihre
-Seele, aber da war keine, die mit dieser einige Aehnlichkeit
-gehabt hätte, es müßte denn eine Liebesscene gewesen sein -- ach
-du barmherziger Gott -- so ein sträflicher Gedanke! Der alte,
-wohlverehelichte Rat und sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt«
-ließ sie in diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn
-alles, was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, das
-war in ein paar Sekunden hineingezwängt.
-
-Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den sie für Herrn
-Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht aufhörte, sondern fortfuhr,
-sie mit seiner Person zu bedrängen, gab sie ihm einen ganz gehörigen
-Puff vor die Brust mit ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte
-etwas auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen
-und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch dick und dünn, durch
-Gemüsebeete und Blumenbeete mit schiefer Haube der Gesellschaft und den
-Windlichtern zu.
-
-Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«
-
-»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was ist mir denn
-das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb sind Sie denn so
-umhergesprungen? -- Ich habe Sie ja springen sehen.«
-
-Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer Haube, die saß ganz
-miserabel; aber sie konnte nicht antworten, die arme Kummerfelden,
-denn sie war völlig außer Atem und wollte das nicht merken lassen.
-Ihr gutes, menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum
-Zerspringen.
-
-»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was ist mir denn das?
-Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet -- oder -- oder wie wär's denn mit
-noch einem Gläschen?«
-
-Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick der alten, guten
-Dame.
-
-»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang sich ihr
-mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!«
-
-»Aber so zu springen! -- Ich habe Sie ja gesehen.« Der Apotheker
-bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen, und stützte die beiden
-fetten Händchen auf die runden Beine.
-
-»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie ärgerlich und nach
-Luft schnappend.
-
-Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte die Hände ihr auf
-die Schulter und schaute sie an mit einem Paar so großer, mitleidvoller
-Augen, wie man die Frau möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes
-ansehen würde.
-
-Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr Mienenspiel war
-durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger geworden als andern
-Leuten ihres.
-
-»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die Rätin ganz betroffen.
-
- * * * * *
-
-Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit einem weiblichen
-Wesen im Garten auf und nieder, und wieder kamen sie in die Nähe des
-Mühlbachs, in die tiefste Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat
-sein Opfer. Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der
-Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen, hatte
-eine unsinnige Angst angestanden, so daß die doch gewiß erfahrene
-Kummerfelden über das, was sich zwischen ihr und dem Rat abgespielt
-hatte, im unklaren geblieben war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte
-die kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt, war aber
-statt auf den Mund in den Mund geraten, denn sie hatte ihn vor Schreck
-weit aufgesperrt.
-
-Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte sie ein
-paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel gar nicht mehr
-aufkommen konnte.
-
-»Ach, Herr Rat -- ach, Herr Rat --« lispelte die kleine Mamsell
-verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick ihren Kopf und die
-große weiche Perücke an seiner Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz
-überwältigt, fühlte vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt
-worden war, und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle.
-
-Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die Kleider
-zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, und es wurde ihm
-sonderbar, als dies nicht geschah. Die Muskulusen wandelte mit ihm auf
-und nieder in der tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner
-Hand tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, daß
-sie ihm von jeher sehr ergeben sei -- aber ebenso seiner Gemahlin, und
-daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen Frau schuldig sei. Mamsell
-Muskulus sprach wohlgesetzt und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr
-unbequem, so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu
-führen.
-
-Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. Und als sie in
-den Schein der Windlichter traten, bemerkte der Rat, daß Mamsell
-Muskulusen einen ganz verklärten Ausdruck hatte.
-
-Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine andre; diesmal
-jedoch war er an die Adele Schopenhauer geraten, da war's ihm angst und
-bange dabei; er beschränkte sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu
-küssen und die Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte
-er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen.
-Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer Hoheit und
-schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte und erschreckte,
-und in wahrer sittlicher Empörung verließ sie den verblüfften Rat am
-Mühlbach und wandelte ruhig gemessen ihres Weges.
-
-»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun einmal ein ganzer
-Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt hatte, so mußte die auch
-durchgeführt werden, und so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf
-ein Frauenzimmer -- und wieder auf eins -- und wieder auf eins -- und
-wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig dabei, spitzte die
-Lippen mit einer wahren Virtuosität und wütender Zärtlichkeit, denn
-seine Wut hatte sich gewissermaßen in Zärtlichkeit verwandelt.
-
-Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme gelaufen, die
-kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche Jammertöne aus, daß es dem Rat
-erst recht angst wurde.
-
-»Ach mei' Mann -- mei' Mann! -- Was wird mei' Mann sagen!« rief
-sie laut und ängstlich, so daß der Rat fürchtete, sie würden alle
-zusammenlaufen, und daß er von ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen
-ließ.
-
-Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch die Ratsmädchen
-in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte er, denen kann's nicht schaden,
-wenn ich sie ein bißchen erschrecke, die brächte ich mir gern vom Hals.
-Sie waren wie immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten,
-gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab jeder einen
-gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber durchaus nicht erschreckte;
-sondern sie hakten sich in seine Arme ein, äußerst vertrauensvoll,
-und Röse bog sich hinter dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie
-hinüber und flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können
-wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. Ich habe doch
-immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«
-
- * * * * *
-
-Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem Gartenhäuschen
-etwas Sonderbares abgespielt: es war, als hätten die vortrefflichen
-Würste und der gute Hausmuff ihre Kraft verloren, als wäre nur alles
-eine Art Luftspiegelung gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat
-noch gar nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen sein.
-Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, die erschien sich wie
-verraten und verkauft unter ihren guten Freundinnen.
-
-Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte mit einem Male so
-ein Paar närrische Augen gemacht, als wäre der Geist der Verwirrung in
-sie gefahren, dann war mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie
-eine Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft
-über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und überhaupt tuschelte
-man überall miteinander.
-
-»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der Apotheker ganz
-verblüfft zur Rätin.
-
-Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten ihr die Hühner
-das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit allen war es mit einem Male
-nicht richtig. Es lag eine drückende, schwüle Stimmung über der ganzen,
-sonst nach vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf
-die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als hätten
-in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem Bankerott des Mannes
-erfahren als die Hausfrau und betrachteten sie sich daraufhin.
-
-Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu Mute -- und wo
-steckte denn nur ihr Mann --?
-
-»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, als es ihr immer
-unheimlicher wurde unter ihren Gästen. Und als der Rat endlich kam, da
-war der Höhepunkt der unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da
-erhoben sich die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten
-sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten sie
-gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und mit Schopenhauers
-brachen alle plötzlich auf -- und fort waren sie. Apothekers gingen
-auch mit, denn eins zieht nun einmal das andre nach sich.
-
-Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch der Rat, die ganz
-verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.
-
- * * * * *
-
-So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht nur im Garten. Der
-Rat, die Rätin und Kathrine lebten mit einem Mal im Haus am Markt wie
-auf einer einsamen Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner
-Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr tugendhaft. Die
-Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig vor Grübeln. Der Rat aber
-ging jetzt unbehelligt in seinen Garten und wirtschaftete dort wieder
-im Flausrock. Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß er
-bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich aus dem Weg
-gingen.
-
-Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene
-wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal aber hatte er
-auch auf einer Seite, wo er sonst immer Niederlagen erlitt, Triumphe
-gefeiert, und außerdem sah und hörte er nichts weiter.
-
-Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die Kummerfelden
-in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen Salatköpfe auf den
-Komposthaufen und ordnete alles, was seine gute Idee angerichtet hatte.
-
- * * * * *
-
-Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. Das Haus am Markt
-wurde so stille wie ein Grab; seine Frau saß in sich gekehrt, war stumm
-und bedrückt zu jeder Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten
-immer fragend die Wände an.
-
-Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, die ihn ganz
-eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie wieder Appetit
-hätte. Der Rat aber machte lange Schritte und schüttelte sich in der
-Erinnerung an die Strapazen, die er durchgemacht hatte.
-
-Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer bänger. Er fand
-jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. Sie war ganz hilflos, ganz
-verwirrt. Im Herrn Rat regte sich etwas -- er wußte selbst nicht recht
-was, etwas Unbequemes, Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er
-ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen Gartens gar
-nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit dem er diese Einsamkeit
-erkauft hatte, verdient hätte; er saß mit etwas Aehnlichem, wie einem
-schlechten Gewissen, oben in der Studierstube, und wie ihn früher der
-Lärm gestört hatte, so störte ihn jetzt die Stille.
-
-Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das Vertreibungsmittel
-hatte ganz niederträchtig gewirkt.
-
-Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es und Madame
-Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz betreten entgegen. Und Madame
-Kummerfelden kam feierlich, setzte sich aufs Kanapee und fragte nach
-dem Ergehen und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun
-pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf Frau
-Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig mitleidig an, wie
-damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt den Rücken hinunterlief --
-und dann kam die ganze Pastete von Anfang bis zu Ende -- alles, was
-geschehen und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war,
-mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -- und
-daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins Haus setze und daß die
-junge Frau Egidi gesagt habe, ihr Mann werde ihn fordern, und daß er
-selbst die harmlosen Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld
-erzählt hätten -- und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt habe
-auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht für Küssen
-gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in den Mühlbach habe werfen
-wollen, und daß er tollwütig geworden sei -- und daß die Rätin es sich
-nicht allzusehr zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und
-man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild zu gewärtigen
-habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie sei, es möge sich stellen,
-wie es wolle -- und daß sie, die Kummerfelden, von den Mannsbildern
-überhaupt nichts halte, was sie auch trieben.
-
-Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas im Wege, Zeugen
-haben sie die Hülle und Fülle, und das sei in solchem Fall von größtem
-Wert.
-
-Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, denn die
-Muskulusen hatte die ganze Zeit über niemand gesprochen, die hatte sich
-mit ihren Liebesgefühlen in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte
-davon noch gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern
-zu teilen hatte.
-
-»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. -- Mein Gott, für die
-Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten sollen, so ein gescheiter,
-gelehrter Mann! -- Es ist wie ein böser Traum.«
-
-Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und die arme Rätin saß
-ganz bewegungslos da, starr und steif, und ihre großen runden Augen
-fragten die Wände um Aufklärung. Sie verstand nichts recht, sie war
-ganz auseinander -- ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, als
-würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte Fleisch- und
-Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -- und in diese Situation trat
-völlig unvermutet, leidlich harmlos der Herr Rat -- und wurde von der
-Kummerfelden wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt -- und
-von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt -- und zum erstenmal in
-ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« über ihre Lippen. Sie war
-verstummt. Und so saßen und standen sich die drei gegenüber.
-
-Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, als er in die
-richtenden Augen der Kummerfelden gesehen hatte. -- Das waren Augen,
-wie sie nur auf einem ganz Gesunkenen ruhen konnten -- und da die
-Kummerfelden eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles
-Gesagte und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles
-Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. --
-
-»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das aber doch gar nicht!«
-rang es sich protestierend aus der Kehle des Herrn Rats los -- und nun
-fing der Rat an zu erklären -- und predigte erst tauben Ohren -- aber
-so nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung
-auf und sie schaute den Rat an -- und in ihren alten lustigen Augen
-blitzte es auf. Das waren wieder die Augen der Kummerfelden, die
-Kirchenfenster, mit denen sie den verworfenen Rat angeschaut hatte,
-mochten nur so eine Art Kraftleistung gewesen sein. --
-
-»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -- haben
-gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -- na ja --
-gewissermaßen in gewissen Fällen schon. Freilich, wenn Sie sie alle
-so geküßt haben wie mich -- dann glaub' ich's schon eher -- dann
-schon. Aber wer küßt denn auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen
-kann so ein gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern
-schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen -- wundert
-mich.«
-
-Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.
-
-»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich alte Gans!« rief sie
-ein Mal über das andre Mal, »daß ich mit den andern Weibsbildern Ach
-und Weh geschrieen habe! Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«
-
-Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte die blinkende
-Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller und Kuchen und Tassen
-und das Zuckerdöschen.
-
-Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer gewesen, urgemütlich,
-und auch die Erstarrung der armen niedergedrückten Rätin löste sich --
-und das erste Zeichen eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz
-unglaublich betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -- Und
-darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, wie nur sie lachen
-konnte.
-
-Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, auf welche Weise
-der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich gekauften Garten hatte
-vertreiben wollen, kam ganz gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof
-erzählt und bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall.
--- Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu würdigen, der
-Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen Leute hatten überhaupt
-Vertrauen zu ihm und ließen sich nun bei jeder Gelegenheit von ihm
-beraten, brachten ihm ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne
-werden lassen sollten.
-
-Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und weshalb der Herr Rat
-die Frauenzimmer geküßt hatte, herumgekommen war, seinen Spaziergang
-machte, der ging hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius
-wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten Freunde
-und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und in den Garten, um zu
-zeigen, daß sie in keiner Weise etwas gegen den Herrn Rat hätten,
-und in dem alten Garten, ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend
-vorausgesehen hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende
-statt -- Versöhnungsfeste.
-
-Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter Mann sein und doch
-dem Leben gegenüber ein rechter Esel bleiben könne -- und daß selbst
-dem gescheitesten Manne die Frauenzimmer immer über sind und über sein
-werden, denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts
--- nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.
-
-
-
-
-Wie die Enkelin der Ratsmädel zum Blaustrumpf wurde.
-
-
-Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott und die Menschen,
-fühlte weder Unruh' noch Erregung, weder Hoffnung noch Verzagen,
-aber hatte eine Art Zuversicht und wußte wohl weshalb. Ein günstiges
-Schicksal umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da
-kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.
-
-An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, dessen Kern fürs
-erste auch nicht verraten wird, denn, wer weiß, vielleicht steht sie
-noch unter dessen Schutz -- und Schweigen ist eben bei jedem Zauber die
-Hauptsache.
-
-Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, ließ ich
-es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten gedruckt wurden;
-hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb versucht, ein Zufall
-brachte es zuwege, ein Zufall machte mich zum Blaustrumpf. Von der
-schwerwiegenden, wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte
-ich nichts -- nicht das Geringste.
-
-Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!
-
-Ich fühlte mich so froh -- so unbedacht!
-
-Was ich that, das war gethan -- das stand mit dem, was andre thaten, in
-keiner Verbindung. Ich empfand mich als Wesen für sich und verglich
-mich ein für allemal nicht mit andern.
-
-Ich las über meine in die Welt geschickten Träume viel Gutes -- und
-wunderte mich.
-
-Unzufriedenes natürlich auch, -- selbstverständlich.
-
-Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das stärkt die
-Persönlichkeit.
-
-Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie mir in irgend
-etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; als ich aber sah,
-welcher Wirrwarr daraus entstehen würde, wenn ich auf alle hören
-wollte, da kein Urteil mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes
-und Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man hören?
-Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der andre sagt, gewöhnlich
-wieder auf mit dem Gegenteil, und der Dritte wieder, was der Zweite
-sagt. Und was ist nun das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von
-dem man sich überzeugen lassen soll?
-
-In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde eines
-eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend gewürdigt.
-
-Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen
-Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem Sessel zwischen
-ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten Gesellschaft einen Vortrag
-hält.
-
-Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein Marabustorch, das
-Symbol der Weisheit.
-
-Was aber haben seine langen Beine und der spitze Schnabel dem Marabu
-genutzt? Gar nichts.
-
-Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele des Künstlers
-vertieft und hat gefunden, daß der Künstler mit einem vortrefflichen,
-sachgemäßen Humor eine Löffelgans hinter diese weibliche Wissenschaft
-gesetzt hat.
-
-Was konnte er Besseres tun?
-
-Wie stimmt das alles!
-
-Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! Wissenschaft
-personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! Was wird sie lehren? Die
-Löffelgans hinter ihr gibt die Würdigung dessen, was sie lehrt.
-
-Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in die
-Intentionen des Künstlers hinein.
-
-Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie der Künstler
-sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans begnügt hat, die ja
-vollkommen genügt hätte, den Wert eines Frauenzimmers auszudrücken.
-Durch des Kritikers Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge.
-Er nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«,
-Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. -- Solches beweist, daß
-dem Marabu seine langen Beine und sein spitzer Schnabel nichts nutzen,
-wenn der Kritiker seine Augen und sein Verständnis schon auf die
-Löffelgans gespitzt hat.
-
-Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der Täuschung, sein
-Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen den sich nichts sagen läßt,
-und der nichts zu wünschen übrig läßt.
-
-Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und eine Löffelgans
-dickgedrungen und kurzbeinig.
-
-Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige Marabu ist eine
-kurzbeinige Löffelgans.
-
-»Marabu,« sagt der Künstler.
-
-»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält natürlich in den
-Augen aller Einsichtigen recht.
-
-»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker weiter, »ist leider
-verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, der Schnabel zu spitz, so
-daß sie eine gewisse Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«
-
-»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«
-
-»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«
-
-Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn der Klügere nicht
-nachgäbe.
-
-Und es geschehen noch ganz andere Dinge.
-
-Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen lassen? soll nach
-dem würdigen Schelten oder Loben seinem Marabu, den die Kritik zur
-Gans umzaubert, künftighin kürzere Beine machen, soll betroffen und
-zerknirscht sein und sich bessern?
-
-Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, so oft
-überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, kluge Kritiker es
-wohl wünschen möchten!
-
-Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker und Krittler
-verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr übel mitgespielt
-worden; denn an nichts glaubt man so gern und so fest als an das
-Schlimme, das einer von sich selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber
-unverdientermaßen gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von sich
-sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich windig
-aus; aber unverdient gut ergangen ist ein grenzenloser Spielraum für
-alles Wünschenswerte.
-
-Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis oft
-wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen hab' ich kennen gelernt!
-
-Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben dieser Person
-etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist es mir, als säße ich in
-einem bequemen Wagen und führe leicht und behaglich dieselbe Strecke,
-die ich einst mühsam und beschwerlich zurücklegte.
-
-Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir mit warmem
-Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert hielten zu sagen: Sei unsres
-Mitgefühls sicher, wir halten zu dir! Wir haben dich verstanden.
-
-Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe bekannt sind, mit
-deren Schicksal ich mich mehr, als es gut ist, beschäftigte.
-
-Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre Leute ungeschoren
-lassen.
-
-Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als ob die Welt nicht
-Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung und Unsinn, Krankheit, Thorheit,
-Lug und Trug, Lachen, Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und
-Haß, solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden es
-nicht genug!
-
-Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, glauben, es
-sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, wenn sie sich zu
-den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig auf Erden sinnverwirrend
-durcheinander wimmeln, noch welche hinzuträumen, hinzuklügeln.
-
-Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen zu Grunde geht,
-stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, das genügt ihnen nicht; sie
-schaffen mit Mühe, Begeisterung, Qual und Glück, mit ihrem Herzblut
-Hirngespinste und sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen,
-die sie zu sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze,
-die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen als
-außerordentlich wichtige Personen.
-
-Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen vernünftigen,
-weitherzigen Menschen.
-
-Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen sie leiden,
-beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie dies nicht gerecht,
-sachgemäß und vernünftig betreiben oder gar vergessen haben, über ihre
-Käuze ein vollgerüttelt Maß zeitgemäßer Moral auszuschütten.
-
-Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben -- tödlich ernst -- das
-ganze Glück der wunderlichen Schöpfer hängt an dieser großen Thorheit.
-
-Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist der Urheber
-dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, gebrochen, -- und wenn es
-noch so ein gesunder, guter, braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen
-und Armen.
-
-Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« -- aber was auf Erden
-ist nicht Wahn? Was auf der Welt thun wir, wobei uns nicht die Sinne
-umnebelt und verwirrt sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?
-
-Sehen wir in irgend einem Ding klar?
-
-Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges beurteilen?
-Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! Uns braucht es nicht zu
-kümmern. Wer einmal zu den Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und
-was zwischen Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.
-
-Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, mag es
-offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, füllt das Leben
-der Generationen aus, führt sie ihren Weg bis zum Vergehen, und keine
-Thorheit ist Thorheit genug, daß sie nicht ein Menschenleben würdig
-beschäftigen könnte, eins oder das Leben von Millionen.
-
-Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, der durch das Leben
-führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil und Verwirrung den Takt geben,
-einen ruhigen, praktischen Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den
-nämlich: »Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was Wert
-hat.«
-
-Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren ist, mögen gelten.
-
-Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen er nun einmal,
-halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern möchte, wenn er diesen
-Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe steckt.
-
-Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes zu thun, seine
-Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. Ich bin jetzt scheinbar
-weit abgekommen.
-
-Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach allen Seiten und sehe
-überall Leute, die mir sehr bekannt sind, was niemand nach dem eben
-Gesagten Wunder nehmen wird, denn diese Leute sind meine geliebten
-Käuze -- meine selbstgeschaffenen Gestalten, würde ein ästhetisch
-Gebildeter sagen.
-
-Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die Patsche, ein gutes
-Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme Nase, oder vielleicht hat
-er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. Sein Herz kann das Böse
-auf der Welt nicht ertragen, er wird davon zu mächtig gepackt. Salin
-Kaliske habe ich ihn genannt.
-
-Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig seines Weges gehen
-lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -- solch ein Kind,
-wie unser Erlöser eines war.
-
-Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders krummen Nase
-ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen Geldgier? Weshalb bin ich
-sparsam verfahren mit der Zuteilung der allbekannten Attribute?
-
-Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich die Ansicht,
-daß wir in dem lobenswerten Streben nach Wahrheit uns allzusehr mit
-dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, und mehr als je das Beste und
-Wertvollste achtlos beiseite lassen.
-
-Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich
-wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. Ein kräftiger,
-lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, ein düsterer, grober Geselle,
-der in der Todesstunde sich mächtig verliebt und sterbend den guten
-Freund um die Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod
-einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.
-
-Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel und ein
-liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht begreifen kann,
-daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen muß, der über seine
-unglückliche Liebe tobt.
-
-Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er möchte etwas leisten
-und schaffen, seiner unerwiderten Liebe ein Denkmal setzen; doch ist er
-unbegabt.
-
-Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und nichts mehr. Aber er
-schafft etwas in heiliger Einfalt aus sich selbst, aus seiner eigenen
-Schönheit.
-
-In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein am hohen Kreuz
-hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, lebenatmend, geisterhaft.
-Davor in angstvollem Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das
-zitternd und erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die
-dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.
-
-Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen hab' ich auf die
-Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit Sünde. Mit diesem für
-diese Welt sehr thörichten Abzeichen müssen sie umherlaufen.
-
-Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, die voller
-munteren Streiche stecken, die ihr Wesen in Weimar treiben, zu Goethes
-Zeit, und hinter ihnen her ziehen allerlei Personen aus Weimars
-goldenen Tagen, die Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute
-aus der Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche
-Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen Töchtern, die
-eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde der Welt auf sich nehmen,
-mit eigenem Leid fremdes heilen, diese stille, große Anne! Und ihr
-braver Bräutigam! Welche Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit!
-Das sind nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber
-es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.
-
-Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, schwachsinnig vor
-Behagen. Das sind die verspielten Leute!
-
-Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in ihrer
-Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, flachen und
-wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles mit ihrer wattenen
-Herzensgüte -- das sind die rechten, schlimmer wie Raubtiere;
-wohlversorgt leben sie, essen gut, trinken gut, sind gesund und
-wohlgestellt -- Ehrenmänner -- Ehrenfrauen -- aber aufgepaßt!
-
-Hütet euch vor ihnen!
-
-Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. Der alte Apotheker
-mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche Apothekergehilfe,
-der jeden Todesfall voraus weiß. Sperbers, die Gutsbesitzer in
-ihrer köstlichen Hülle und Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom
-Nachtwächter schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der
-Nachtwächter nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.
-
-Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, in ihren köstlichen
-Gärten! O, welches Behagen! Ich denke an den alten Doktor Tiburtsius
-in den Kußwirkungen, der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen
-runden, kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen
-Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem duftenden, Grün
-strotzenden Garten verbringt -- und wie er dann später entdeckt wird!
-Und daß ich es nicht vergesse, Goethe und Karl August sind auch dabei
-unter diesen alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut
-auch, und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame
-Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der Kummerfelden,
-ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.
-
-Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch anmarschiert, und
-Franz Horny und Schillers Sohn, die Kameraden der wilden Ratsmädel,
-die der alten Jüdin alle weimarischen Esel über den Hals gejagt haben
--- und das dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das
-katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit kommt,
-das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten Leben neidlos
-steht -- und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, der seine
-schauervolle Johannisnacht mit seinem süßen Bräutchen, dem würdigen
-katholischen Geistlichen, den glotzenden Hausleuten und dem Tod oben
-unter dem Dachraum des uralten Hauses zu Ende feiert.
-
-Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« heißt, seh' ich
-dort -- und ich rufe: O, du meine arme kleine Olly! Du weißt es,
-wie bitter schwer das Weib zu tragen hat, wenn es mit ganzer Seele
-die Kunst liebt -- und jung ist und leben möchte -- und aus einem
-Zärtlichkeitstraum, aus so einem weichen, weichen Traum in der Ehe
-erwacht.
-
-Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei dir daheim sonderbar zu!
-Mit welchem Lärm und Getöse rangierten die hyperästhetischen Naturen,
-die aus der Kunst doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem
-Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein und feurig
-geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem Haushalt!
-
-Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!
-
-Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht und
-Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen Herzen!
-
-Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, am Besten hier
-auf Erden teilzunehmen!
-
-Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet mir -- Dorothea in
-»Reines Herzens schuldig«. Sie ist so ganz in Liebe erwacht, in heißer
-Liebe -- und muß in einem Leben verschmachten, das ihr nichts bietet,
-kein Glück, auch nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.
-
-Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und hoffte, dies Buch
-würde von guten Menschen gelesen, die sich mit dem Gedanken trügen, wie
-man den Vernachlässigten, Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein
-die arme Dorothea Zeugnis gibt, helfen könnte.
-
-Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu meiner größten
-Freude erfahren -- und ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht ein wenig
-prahlen soll, weshalb ich nicht ein paar von jenen Briefen und Zeilen
-hier wiedergeben soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten
-und sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten ins
-Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen Lebensabriß lesen, doch
-auch eine Ahnung bekommen, was für ein glückliches Menschenkind ich bin.
-
- »Berlin ... Reichstag.
-
- Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes gar nicht.
- Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal hintereinander.
- Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. Sie sprechen
- einmal: ›Wenn du den Dichter findest, dem es gelungen ist, das
- tiefste Leiden versöhnend darzustellen, den halte fest wie
- einen Freund.‹
-
- Möge Ihnen -- in Leben und Kunst -- das hohe Ziel zu teil
- werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und eines
- Mozart!«
-
-Ein andrer Brief:
-
- »Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. Ich
- habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe von Ihnen.
- Jedes Wort eines Dichters, das mir seine Seele offenbart,
- nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares Geschenk
- entgegen. Nicht viele geben so viel wie Sie. Eines Abends,
- wenige Tage vor dem Fest, las ich Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr
- übermächtiges Empfinden riß mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle
- auszusprechen, begeisterte mich. Zugleich dachte ich mit Bangen
- an das Schicksal dieser Bücher; mir war's, als sähe ich sie
- schutzlos in der Welt umherirren; ich wünschte innigst, daß
- sie zarte Finger und warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch
- Ihre Dorothea wird nicht oft verstanden werden; die freie
- Menschlichkeit hat so wenig Raum in dieser verschnörkelten
- Welt.«
-
-Und noch ein +dritter+ Brief von einem Arzt.
-
- »An die Schriftstellerin Helene Böhlau.
-
- Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, wie
- Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte im Bunde sein;
- auf mich ist von dem Glücke übergegangen, das zwischen den
- beiden erstehen durfte. -- Das will ich nicht vergessen und
- Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich zu den zwei Menschen
- führten, bei denen ich rein und gut sein konnte.«
-
-So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende gebracht und könnte
-noch ein ganzes Weilchen fortfahren, doch möchte ich nicht, daß jemand
-meine Skizzen unmutig aus der Hand legte, und ich will mir meine
-Freunde erhalten.
-
-Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht zu den trübseligen.
-Ich habe sie ausgespickt mit allerlei lustigem, freundlichem und
-thörichtem Volk. Da ist ein Herr von Bublitz, ein fetter Schlingel,
-der dem Wohlthätigkeitssport obliegt, da ist ein prächtiger
-lustiger Onkel, schöne Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche
-Hochzeitsgesellschaft, die des Guten zu viel gethan hat.
-
-Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus Stambul,
-wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner Umgebung, alles
-wächst und blüht und duftet und leuchtet, und die Menschen wachsen und
-blühen mit und werden freudig und gesund. Es sind gar liebe Leute, die
-»im frischen Wasser«.
-
-Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den andern, dem guten
-Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit seiner kleinen überspannten Käthe.
-
-Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden miteinander.
-Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen Herrn ein Lebtag
-im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im Alter zu einem Landhaus
-und köstlichen Garten, so daß das schwärmerische Persönchen in
-einer Glücksfülle steckt, die sich ganz wunderlich ausnimmt. Ein
-widerwärtiger, langbeiniger Ladenjunge schleicht hinter der kleinen
-Alten her, trägt ein Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als
-Buchzeichen steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.
-
-Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, Leute, die
-mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. Laßt es euch sagen, vom alten
-Kutscher Jermak, wie er über seine Herrin denkt, über ihr Kindchen,
-wie er von den verlassenen Mädchen spricht, von Gott und der Welt,
-den Popen, den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn
-im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der Schwester
-Jekatherina, spricht.
-
-Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, diese herbe,
-vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine Frau, in der der Geist
-mächtig wurde, eine Herrin des Lebens. -- Und Christine, du Reine, auf
-dich kam die größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der
-gebildeten Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach hat noch
-jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. -- Dich nicht!
-
-Frei hältst du dein Kindchen im Arm.
-
-Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen über dir; aber
-in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf sonnig klar geworden. Auch
-du bist Herrin geworden, dein Kind ein Königskind -- das Kind des
-freien, ungebeugten Weibes.
-
-Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden hast? dem Manne
-aus dem Volk, dessen Gesicht immer zur Erde gekehrt ist, und doch so
-heiter blickt wie der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir,
-dem armen gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk den
-Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. -- Nicht wahr, er hat dich und
-dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, in seinem Haus warst du
-frei und unbescholten?
-
-Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren menschlicher. -- Bei
-ihnen hatte das Weib schon gesiegt.
-
-Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen anempfehlen.
-Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu verstehen. Sie sagen auch
-viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen möchte -- viel mehr. --
-
-All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind der Ausdruck
-eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, der Ausdruck einer Seele,
-die durch Schweres ging, die Schweres kannte und fühlte, die aber im
-tiefsten Grunde glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste
-Glück zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der in
-seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem Wissen und
-seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer wunderbaren Fülle
-sie belehrte, dem sie alles dankt -- auch alles Glück auf Erden,
-Freund, Lehrer, Gemahl zugleich -- und jede Stunde segnet sie, die sie
-beisammen sind.
-
-Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so glücklichem Leben, mich
-mit solchem Volk zu befassen?
-
-Ich begreife es heut noch nicht.
-
-Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe solch ein Kauz
-sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken sollen, -- denn ich war
-so faul, so wundervoll faul!
-
-Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, denn sie war
-charaktervoll diese Faulheit -- sie war etwas! -- Da gab es nichts auf
-Erden, was mich hätte zu irgend einem Fleiß anspornen können.
-
-Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt werden sollte,
-sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel zu klein,« und blieb
-bei dieser Meinung und lernte keine Verslein wie andre brave Kinder.
-
-Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen Kindern
-während ein paar Vormittagsstunden das Spielen gelehrt wird, auf
-Kommando in Reih und Glied; ich sollte alles genießen, was die Zeit
-einem jungen Menschlein bietet. Aber diese ernste Spielmaschine
-erschien mir abschreckend; ich empfand eine Scheu vor den schon
-abgerichteten Kindern, die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu
-singen, die es verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den
-Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt und getadelt
-wurden. Das alles geschah in einem dämmerigen, staubigen Raum, es war
-mir, als würden da schreckliche Dinge getrieben.
-
-Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, die mich
-beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen Eindruck. Sie drückten
-mir eine Puppe in die Arme, eine fremde, mir sehr widerliche Puppe in
-einem Ballkleid mit einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie
-ich sie mir nicht dummer vorstellen konnte.
-
-Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde und sagte, daß
-man nur Kinder tragen könne, keine großen Leute, die Puppe wäre eine
-alte Frau.
-
-Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in einen Kreis
-treten, den die Spielschüler bildeten, und solle so thun, als grübe
-ich im Sande und pflanzte eine Blume, dann solle ich mich anstellen,
-als nähme ich einen Rechen, damit der Sand wieder geglättet werden
-könnte. Die Kinder würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles
-ausführen, ich hätte es nur nachzumachen.
-
-Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, die Kinder
-erschienen mir immer unheimlicher, das ganze Thun immer sinnloser,
-die Stube immer düsterer; da sah ich eine Thür offen, lief schreiend
-hinaus, die Treppe hinab, hinter mir her die Lehrerin; ich war aber
-flinker.
-
-Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen brachte niemand es
-dahin, mich zu einem zweiten Besuch dieses unheimlichen Instituts zu
-bewegen.
-
-Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich war ein
-zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte mit meinen zwei
-Schwestern den ganzen Tag in unserm hübschen Garten, hatte meine
-wundervolle dunkle Ecke unter einem Holundergebüsch, in die verkroch
-ich mich, und stundenlang harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es
-mir da unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene
-Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, ein Löwe
-oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging mir die Zeit aufs
-angenehmste.
-
-Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß es unmöglich sein
-würde, aus der Schule auszureißen. Das war mir schrecklich zu hören.
-
-»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der Kindergarten lebte
-mir in düsterster Erinnerung. Und ich kam in die Schule. Der Lehrer
-verkündete mir, daß ich ihn »Sie« zu nennen hätte.
-
-Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte nach, weshalb ich
-dies thun sollte, und vergaß es darüber; ich konnte mich auch in die
-Schule nicht hineinfinden.
-
-Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch nicht im
-geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in den untersten Klassen
-benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, machte mir Spaß, da war ich
-dabei.
-
-Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.
-
-Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, wenn der
-Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren Weg durch die
-Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche Langeweile, ich hätte weinen
-mögen. Da kam ich auf einen glücklichen Gedanken: ich stellte mir
-vor, in unserm Garten in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt
-auf der Schulbank, stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im
-Grünen in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue Luft
-blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, wußte er natürlich
-nichts, wie es auch einem guten Hasen zukommt, und das erwies sich als
-sehr übel für seinen Ruf. Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme
-Hase sollte sagen, aus was der Mensch besteht -- und blieb die Antwort
-schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und keck um ihn her in
-die Höh', ein ganzes Feld, und nickten und schnickten, und die Bravste
-sagte im schulgemäßen Ton: »Aus Leib und Seele.«
-
-»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte hinzu: »aber
-die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten alle, und der Lehrer
-verwies mir solch dummes Zeug.
-
-»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer unwahr.«
-
-Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem Lehrer eine
-längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte wissen, was die Seele ist,
-wollte erfahren, woher man weiß, daß man eine hat, wollte wissen,
-weshalb die Märchengeschichten unwahr und die biblischen wahr sind.
-
-»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.
-
-»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer freilich so dumm ist,
-wie du, hat keine.«
-
-Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar nicht weshalb; aber es
-war mir angenehmer, zu denken, daß ich keine Seele habe. Es schien mir
-einfacher und besser, und gerade weil die andern alle eine hatten,
-gefiel es mir, keine zu haben.
-
-Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte mich wieder in
-den Hasen.
-
-Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, mich über die
-Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, erging es mir oft übel.
-
-Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz desperat an den
-Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. Ich aber, wild, bös und
-wütend, fahre mit beiden Händen in das Tintenfaß, das in die Bank
-eingelassen war, halte mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich
-nicht an, rühr mich nicht an!«
-
-Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte nicht Lust haben,
-nähere Bekanntschaft mit meinen beiden schwarzen Tintenhänden zu machen
--- und ließ mich unangefochten sitzen. Die Mädchen aber flüsterten
-untereinander: »Die ist klug, die ist doch schlau.«
-
-Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus dem Munde der
-Kameradinnen mir sehr wohl that.
-
-»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie nichts
-einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, daß man mit
-Hochachtung mir behilflich war, die Spuren meines siegreichen Kampfes
-unschädlich zu machen.
-
-Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen Schullaufbahn.
-
-Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich mit mir; in
-der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine sanftere Art mit mir
-zu sprechen angenommen, als mit den andern Mädchen; aber es war nicht
-das Rechte. Ich war und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg
-aufzuweisen. Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd
-zurück.
-
-Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es sah so
-unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte in
-erschreckender Weise vor.
-
-Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen mußte, und der
-Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann dir's nicht erlassen, du
-mußt mit dableiben.« Ich beschwor ihn, ich bat ihn, ich küßte seine
-Hand.
-
-Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« Und so blieb
-es.
-
-Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte mich zerbrochen,
-fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu tragen, so tausendfach ich
-sie verdient hatte. Als ich nach Haus kam, stand meine Mutter an der
-Treppe und reichte mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte
-mich kommen sehen.
-
-Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich -- ich zitterte; ich
-hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -- aber es ging
-nicht, ich brachte mein Unglück nicht über die Lippen. Die Güte meiner
-Mutter rührte mich unbeschreiblich -- und ich nahm die Himbeeren, mit
-denen sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen und
-verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. Ja, hätte
-ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, nachdem ich das Gute
-genossen -- das erschien mir abscheulich, trotzdem alles in Angst und
-Verwirrung geschehen war, ohne daß ich recht wußte wie.
-
-Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die schlimmen
-Angelegenheiten für immer zu verschweigen.
-
-Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht darunter. Ich grämte
-mich -- aber ich konnte nicht reden -- ich wurde kränklich -- krank und
-bekam nach einiger Zeit ein Nervenfieber.
-
-Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen Eindruck, der
-sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. Ich sah einen kleinen
-Holzschnitt; durch Zufall kam er in meine Hände. Auf diesem Holzschnitt
-war der Tod als Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer
-schritt. Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte ihn
-an.
-
-Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; ich fiel
-bewußtlos zusammen.
-
-Es war niemand zugegen, als mir dies geschah -- und niemand, als ich
-wieder zu mir kam; ich konnte mich vor Grauen, Furcht und Schwäche
-nicht erheben. Das schreckliche Bild war wie eingebrannt in meine Seele.
-
-Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. Die ganze Welt
-erschien mir unheimlich und entsetzlich.
-
-Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man da leben? Wie
-konnten die Leute noch lachen?
-
-Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -- Nun aber hatte
-ich ihn gesehen.
-
-Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung verwandelt.
-
-Und wieder mußte ich schweigen -- ich konnte nicht reden, fürchtete
-mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. Mir war, als müßte dann die
-abscheuliche Gestalt sogleich ins Zimmer treten.
-
-So hatte mein armes Herz viel zu tragen.
-
-Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, und das
-Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der Tod ist, vernichtete mich
-fast.
-
-Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, nur weiß ich,
-daß, als ich wieder aufgestanden war und nicht mehr gehen konnte, ich
-mich darüber verwunderte und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.
-
-In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam bei einem
-guten, freundlichen Manne Unterricht mit noch einem Mädchen. Unser
-Lehrer hieß Herr Bräunlich.
-
-Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war ein behaglicher
-Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel in Form kleiner,
-netter Geschichten vorzuführen; aber immer noch schlief mein Lerneifer
-und war auf keine Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.
-
-Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern Stunden teil,
-vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. Ich blieb mit aller
-Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb sollte ich es ihnen gleichthun?
-Ich sah den Zweck nicht ein.
-
-Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. Die Mädchen
-wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer am glänzendsten beweisen sollten.
-Wir hatten frei, uns die Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu
-wählen. Da überboten sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen.
-Kein Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für sie
-geschaffen -- die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts lang genug
-sein.
-
-Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu traurige Lieder.
-
-Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie hatten nicht
-unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich liebte diese kurzen,
-traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom Tode kannte und die
-schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll empfunden hatte, erschien
-mir das Leben nicht mehr harmlos und heiter. Ich liebte es nicht mehr,
-allein zu sein, ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging -- die
-Träume brachten mir schlimme Erscheinungen -- und das Bild des Todes
-stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene oder gedruckte
-Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern bringen.
-
-»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich wieder einmal
-ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich gefunden und leidlich
-gelernt hatte.
-
-Ich führte ein freies Leben -- täglich nur eine Unterrichtsstunde
-und diese wurde zur Sommerszeit im Garten gehalten. Herr Bräunlich
-verschmähte es nicht, als wir zur Heuzeit ihm einen großen Haufen
-Heu aufgestapelt hatten, auf diesem Platz zu nehmen und so seinen
-Unterricht zu erteilen.
-
-Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte Zigeuner- und
-Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem Kasten das tollste
-Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, Säbel, Decken, Mützen mit
-wallenden Hahnenfedern; wir besaßen prächtige Dinge. Wie in den
-Unterrichtsstunden, spielte ich auch bei den Spielen eine sehr
-untergeordnete Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und
-es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin sein,
-oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es zufrieden und strebte
-nicht nach Höherem. Ich wußte auch, ich taugte zu nichts.
-
-Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, bevor der
-Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr dankbar und machte keine
-weiteren Ansprüche.
-
-Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im Eifer drängte
-sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, und that sich wichtig.
-
-Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu vortrefflich, als
-daß ich mich ihnen hätte anschließen können. Sie kamen mir mehr oder
-weniger selbst wie Schulmeister vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl
-vor ihnen los.
-
-Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause machten mir einen
-vertrauenerweckenderen Eindruck und waren auch samt und sonders meine
-Freunde, mit denen ich mich bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters
-und sommers. Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann,
-Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den Verfolgern um
-die Häuser huschen, das war etwas! Und wenn mich ein Mädel mit zu ihrer
-Mutter nahm und ich im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend
-essen durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein und
-warm!
-
-Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig lehrte, war
-zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, ein Würdiger kommen, einer, der
-uns in die höheren Wissenschaften einzuführen hatte.
-
-Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich ersetzen können, der
-in mein Censurenbuch jedesmal zu Weihnachten schrieb: Helene war gut;
-aber gar nicht fleißig, hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist
-und im Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, denke
-ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren wie den Schwestern
-und ihr die schlechten Fortschritte nicht nachtragen.
-
-Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr Bräunlich meine
-schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr für Jahr, wenn ich sie meinem
-guten Vater vorzeigen mußte.
-
-Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, mich exemplarisch
-zu strafen.
-
-Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich Prellers, und
-zwar wie immer gegen Abend; es war zur Winterszeit, also schon völlig
-dunkel.
-
-Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas Anheimelndes
--- und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine Laterne und eine
-große Anzahl Wachslichter.
-
-Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern auf den Weg. Ich
-zündete sie schon in der allerersten Dämmerung an, und es war mir wenig
-störend, wenn die Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten.
-Ich fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem
-war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit mich überraschen
-konnte.
-
-Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen, die sie immer
-erneuerte, mir geschenkt.
-
-Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war. Ich hatte es ihr
-vertraut, daß die Dunkelheit mir das Schrecklichste auf der Welt sei.
-Da hat sie mich ausgelacht; aber tags darauf hatte ich mein Laternchen.
-
-So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde.
-
-Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am Ende der Stunde
-sagte er mit einem Mal feierlich zu mir gewendet: »Für deine
-jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit muß einmal eine Strafe kommen.
-Du gehst heute abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause
-bringe. -- Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an deinen
-Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich zu bessern.« Das
-traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis ins innerste Herz; aber ich
-verhielt mich vollkommen ruhig. Ich wollte den Mädchen nicht die Freude
-machen, daß sie mich unglücklich sähen.
-
-Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den Weg machten, blieben
-die andern zurück. Ich zündete stumpf und verzweifelt mein Laternchen
-an.
-
-Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem Fuß auf und murmelte:
-»Diese Dummhüte.«
-
-»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich.
-
-»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich.
-
-»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz gute Mädchen.«
-
-»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie mich auslachen!«
-
-Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause Friedrich
-Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und ehe wir noch aus der Thüre
-waren, kam er selbst, seine schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die
-Stirn gezogen.
-
-»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein altes bedeutende
-Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit strahlen.
-
-»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei mir absitzen,
-Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.
-
-»Ja, in drei Teufels Namen!« -- der alte Preller liebte solche kräftige
-Ausdrücke -- »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? Ja, es mag ein
-schweres Stück sein, mit solchen Mädels fertig zu werden. Machen Sie's
-nur gnädig, das Lenchen ist kein böses Mädchen.«
-
-»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber das Abscheuliche
-an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul ist. Dabei ist sie nicht
-so arg dumm und könnte alles besser machen; aber sie rührt sich nicht.«
-
-»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig muß man sein. Was
-denkst du denn -- gottlob, daß du kein Junge bist!«
-
-Ich war tief beschämt -- an dem alten herrlichen Preller hing mein
-ganzes Herz. Er war so gut mit mir. Ich hatte das große Glück, wenn
-er abends still seine wundervollen Studien und Skizzenbücher und
-Zeichnungen durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen,
-um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und Andacht.
-
-Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! Verzweifelt ging
-ich neben Herrn Bräunlich die dunkle Belvedere-Allee entlang. Mein
-Laternchen leuchtete mir und ihm.
-
-Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich es nie zu Hause
-gestehen würde, was mich getroffen, und noch einmal solch eine Schmach
-verschweigen, ging auch nicht. Es war beides unmöglich. Beides wollte
-ich nicht. Also blieb nur ein drittes übrig. Das war einfach und
-überstieg meine Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß
-Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja Beine -- und
-was für flinke. Gottlob! dachte ich.
-
-Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß gefaßt, und
-als wir an den Alexanderplatz kamen mit seiner herrlichen Wiese und dem
-großen Taxusbusch darauf, da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie
-das Laternchen Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht
-war. Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die Wiese
-entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen -- und schnaufen.
-
-Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um denselben herum.
-
-Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben, mich zu
-fangen; aber das Laternchen war flinker, als er glaubte.
-
-Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich genähert
-hatte.
-
-Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen, wenn er mir noch
-weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof laufen.
-
-»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er pustend. »Mach,
-was du willst -- aber schlecht ist's von dir!«
-
-»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich von weitem und
-stand still, als ich sah, daß auch er still stand -- »und sagen Sie's
-Papa nicht.«
-
-»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend, »es sei dir
-geschenkt, ich sag's auch nicht.«
-
-»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie mir auch noch
-sagen!«
-
-»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach Hause kommst.«
-
-Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht und zufrieden,
-es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich ging stolz im Gefühl
-meines Sieges durch die Straßen.
-
-Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die Strafe abgelaufen
-sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu; da sagte er mir, daß
-ich es nicht übel gemacht habe. »Es ist immer gut,« meinte er, »wenn
-man sich zu helfen weiß.«
-
-Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde.
-
-Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter, ein andrer auf.
-
-Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der ganz unzweifelhaft
-ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind und wurde von mir gründlich
-und andauernd gehaßt. Er mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man
-ihm, dem ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen wie
-mich zu unterrichten, und behandelte mich danach.
-
-Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung und Spott.
-Tiefer und tiefer sank ich in den Augen meiner Mitschülerinnen und
-erschien mir selbst wie ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft.
-Mir fiel in einer der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und
-ich erkundigte mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der ein
-behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern verstand, auf mich
-ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich mit Ihnen verkehrt -- das
-hat aber jetzt bei mir ein Ende« -- und es war zu Ende.
-
-Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum Unterricht, so
-hatte ich die Empfindung, als befände ich mich die Zeit über vor der
-Mündung einer geladenen Kanone, die jeden Augenblick losgehen konnte.
-
-Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem Weg zu dem
-gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit neidischen Augen an. Die
-Verantwortung, Mensch zu sein, war mir sehr drückend. -- Wie gern hätte
-ich mit so einem munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen
-Hunde oder mit jeder Katze.
-
-Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen Stein in einen
-Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich mit heiler Haut wieder
-heraus, so will ich dankbar den Stein mit mir nehmen und zum Angedenken
-aufbewahren. Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an,
-denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den Stein aus
-Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende gegangen war, jedesmal mit
-mir.
-
-So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an Gnade bei Gott und
-den Menschen, sondern sank tiefer und tiefer in der Achtung aller
-derer, die über meine glänzenden Erfolge unterrichtet waren.
-
-Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der Angst und
-Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht gewöhnlich befand,
-meinen ganzen Haufen trauriger Hefte bei einer unserm Haus befreundeten
-Familie hatte liegen lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die
-Hefte, meine greulichen Hefte! -- Wie mich das durchfuhr!
-
-Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden es thun. Das war
-mir ganz sicher.
-
-Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg, sie mir wieder zu
-holen, wie langsam schlich ich die Treppe hinauf, wie zaghaft zog ich
-die Schelle! -- Und was stand mir bevor!
-
-Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst die Thüre, eine
-ganze Schar mir sehr würdig erscheinender Damen, Gott weiß, wer noch
-dabei war. Sie ließen mich nicht herein, sondern öffneten nur halb und
-reichten mir mit der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen:
-»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren stellten
-sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg mich sehen und mir gute
-Lehren geben zu können. Ich war wie vernichtet, wütend zum Zerspringen;
-aber ich nahm die einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im
-Herzen zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als die
-Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich lief davon, und
-meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen die übrigen Herrlichkeiten
-die Treppe hinab nach. Sie ahnten wohl nicht, was sie mir anthaten --
-fast sinnlos vor Verzweiflung, Wut und Schande, sammelte ich meine
-Habseligkeit ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten Augen
-nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue Hefte zu kaufen und die
-alten zu verbrennen. Es reichte nicht; aber ich verbrannte sie dennoch.
-
-In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen Aufsatz gab: Die
-Vorzüge des Menschen vor dem Tiere.
-
-Dabei schien mir wenig Witz zu sein -- und ich beschloß, das Gegenteil
-zu behandeln: die Vorzüge des Tieres vor dem Menschen. Das leuchtete
-mir weit mehr ein, und was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter
-mehr oder weniger, darauf kam es mir nicht an.
-
-Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten, machte meinem
-Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig, stand vor lauter Wonne auf
-einem Bein während des Schreibens, pfiff und war der besten Dinge.
-
-Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben, es kam mir
-immer Neues in die Finger. So war das Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn
-es sich immer um Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei
-sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und Namen,
-Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und Hirn beschweren mußte, da
-konnte man nicht verlangen, daß ein vernünftiges Geschöpf sich daran
-mitbeteiligen sollte!
-
-Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller Gemütsruhe und
-erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer Verachtung von dem Gestrengen
-zurück. Er durchbohrte mich mit majestätischen Blicken -- sagte mir,
-daß sich derjenige, welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln
-Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben nicht einmal
-bemerkt, daß das gestellte Thema verändert wurde -- übrigens sei
-dieser Aufsatz vortrefflich, und er hätte ihn in seiner Ersten Klasse
-vorgelesen, habe dabei aber bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine
-ungeschickte und faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten
-lassen, um damit einen Betrug auszuführen.
-
-Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam aber wieder
-einen majestätisch verächtlichen Blick, der mir Schweigen gebot.
-
-Und ich schwieg -- ich war zufrieden, stolz und beglückt; was der
-Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen gleichgültig, er hatte
-sich bei mir durch Poltern und Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt.
-Es kamen jetzt öfters Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen
-war: Gut, aber nicht selbst verfaßt.
-
-Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier. --
-
-Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten Eltern wohl meinten,
-daß mir ein religiöser Halt im Leben wohlthäte, sollte diese Zeit der
-Konfirmation mir besonders zu Herzen gehen.
-
-Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter.
-
-Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden Elternhaus und
-all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll »Heimischen« erträglich
-überwunden war, fand ich mich in einer wahrhaft beglückenden Umgebung.
-Alle waren unbeschreiblich gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte
-mich; sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde, eine Jean
-Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen zugeneigt, dem
-Humor zugänglich, lebhaft und schön.
-
-Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei markig, kräftig
-und heiter.
-
-Im Haushalt ging es frei und ländlich zu.
-
-Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein ganzes Herz
-ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem Gelerne, Aufgesage fiel
-weg. -- Mein Pastor plagte mich nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir
-unterhielten uns, er hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen,
-wir kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch einmal, daß er
-aufstand, an den Bücherschrank ging und den Faust herausholte.
-
-Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er begann zu lesen. Er
-las lebhaft und hinreißend.
-
-Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich die Thür, und die
-Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie hörte, was hier vorging, mit
-offenem Munde in der Thür stehen.
-
-»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja Religionsstunde
-halten -- das ist nicht recht von dir -- das ist nichts für das Kind.«
-
-»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte mein
-Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen kannte den
-Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und schlug das Buch zu.
-
-Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück halte -- »und
-du hast es nun ja auch nachgeholt,« sagte sie.
-
-Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin und las mir,
-jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche vor, das die Geschichte
-der Märtyrer poetisch behandelte. Zu diesen Vorlesungen fand sich eine
-alte nette Dame ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der
-Märtyrer mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau Pastorin saß
-manchmal wie verklärt da, und die alte Dame auch.
-
-Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche, gottbegnadete Zeit
-gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres vorstellen könnte, als
-als Märtyrer zu leben und zu sterben.
-
-Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte zu sagen, daß es
-jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe.
-
-»Leider, leider -- nein!« rief die alte Dame schmerzlich aus.
-
-Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten Heiligen, dachte mir
-immer, wie schrecklich es sei, daß sie sich bis zu Tode quälen ließen
-mit der schönen Aussicht, dann in einen wundervollen Himmel zu kommen
--- und daß sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten -- so etwas
-fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung in
-mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse.
-
-Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in mir gespürt,
-dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was andre Leute mit solcher
-Bestimmtheit in sich vermuten und wissen und mit aller Energie
-verteidigen. Ich dachte damals nie darüber nach. Wenn ich mich abends
-niederlegte, sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts
-von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich.
-
-Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte: Einen
-Augenblick bewußtlos -- eine Ewigkeit bewußtlos!
-
-Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten Käthe im
-»Herzenswahn« in den Mund gelegt -- hatte aber meine Lust zum Grübeln
-mit diesem Worte beruhigt und war völlig zufriedengestellt.
-
-Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an meinem
-Religionsunterricht zu finden.
-
-Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends mit Holzpantoffeln
-durchs Dorf, die Kinder im Haus, die Mädels in der Nachbarschaft waren
-mir willkommene Kameraden. Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal
-früh auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und ging
-mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim Schulmeister seinen
-schwarzen Talar schon angezogen und sah sehr würdig und stattlich aus.
-
-Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah die Bauern kommen,
-indes die Schwalben zwitscherten und an den Fenstern vorüberhuschten.
-Dann hörte ich meinen Pastor predigen. Die Bauern bekamen manchen
-kräftigen Brocken von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall
-sie ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten.
-
-Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade.
-
-Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die Eltern, die
-Schwestern, mein Großmütterchen und unsre junge, reizende Erzieherin
-kamen alle von Weimar.
-
-Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte Dame, die für die
-Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare gelockt und sie mit einer
-Rose zusammengesteckt, versicherte mir auch nach der heiligen
-Handlung -- sie hätte sich mit aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer
-Lieblingsheiligen versetzt, während ich am Altar gestanden hätte, sei
-es ihr so gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine
-Hinrichtung.
-
-Das kam mir sehr übertrieben vor.
-
-Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich, es war
-mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute. Es wurde niemand mit mir
-konfirmiert, das gefiel mir auch, und ich hatte den Tag über bei
-jeder Gelegenheit die denkbar besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so
-unbeschreiblich gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar.
-
-Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene Person, das
-erschien mir wenig erfreulich und auch wenig wahrscheinlich, war mir
-übrigens auch gleichgültig, ich war, was ich war, und damit gut.
-
-Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte vor, den
-Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins innerste Herz war ich davon
-erschüttert, so daß ich die ganze Nacht mit den tollsten Phantasieen zu
-thun hatte und mich fürchtete, wie noch nie in meinem Leben.
-
-Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier dieses Tages mit
-Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert, wie ein grünes Nest.
-
-Es war alles hier so schön und beglückend gewesen, daß ich schweren
-Herzens Abschied nahm. Die Pastorin wußte nicht, was sie mir noch
-Gutes anthun sollte, und steckte mir alle Taschen voll herrlicher
-Aepfel. Zwei davon brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten
-mir wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch einen
-Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter gesteckt, und ich fuhr
-mit meinen Eltern davon.
-
-Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie vor
-Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr geliebten jungen
-Erzieherin Unterricht.
-
-Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt durfte ich von
-unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen, und so begab es sich, daß
-ich der Aufführung von Wagners »Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich
-war überwältigt, hingerissen, betäubt, berauscht. -- Die Gewalt in
-dieser Musik erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze
-Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen Tönen der
-Erwartung, der Angst, des Zweifels. Wundervoll empfand ich zuletzt das
-Sichauflösen alles Leidens, alles Lebens.
-
-Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den mächtigen
-Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg erschien es mir
-unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben wieder zu beginnen. Es mußte
-etwas geschehen, etwas Außergewöhnliches -- das Leben mußte sich anders
-gestalten, um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können. Aber
-wie, was sollte geschehen?
-
-Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht nach etwas,
-was die Wunder, die ich eben durchlebt hatte, und die Alltäglichkeit
-in Einklang bringen sollte, und ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer
-gehen wollte.
-
-Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich schon den
-andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu lassen. Sie erlaubte mir
-dies gern; ich teilte ihr auch den Grund meiner Reise mit, der sie
-einigermaßen zu wundern schien.
-
-Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war mit mir durch meinen
-Entschluß wieder ins Gleichgewicht gekommen.
-
-Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich überrascht und
-freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag. Die Pastorin führte
-mich sogleich ins Wohnzimmer, ließ Kaffee kochen, und ich traf eine
-muntere Gesellschaft. Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei
-junge Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im Hause zu.
-
-Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen vorbrachte
-und sagte, daß ich gekommen sei, um am Sonntag das Abendmahl hier zu
-nehmen, sah sie mich kopfschüttelnd an und schwieg.
-
-»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann sie würdevoll.
-»Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du denn nicht heut' morgen
-gekommen, um wenigstens zur allgemeinen Beichte da zu sein? So kannst
-du das Abendmahl gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor -- ohne
-Beichte!«
-
-Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich fühlte mich sehr
-beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht.
-
-»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen, »was sollen denn
-die Leute denken? Da muß wegen dir Privatbeichte gehalten werden, und
-den Leuten muß gesagt werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.«
-
-Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor in sein
-Studierzimmer.
-
-»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn du etwas auf dem Herzen
-hast, sag es ihm -- und wenn es das größte Unrecht wäre, verschweigen
-darfst du's nicht. -- Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll
-und etwas neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl
-nehmen willst?«
-
-In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe, und er empfing
-mich ernst und wohlwollend und feierlich. Er fragte mich, ob ich irgend
-etwas auf dem Herzen hätte.
-
-»Nein,« sagte ich.
-
-Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene.
-
-Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge.
-
-Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei.
-
-Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte.
-
-Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt hätte, und da sich
-zu seiner großen Verwunderung durchaus nichts fand, so erteilte er mir
-nach den Worten der Bibel die Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte
-ich seine beiden Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und
-Isolde‹ gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck, daß
-auch er mir in die Augen sah.
-
-Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung und Bewegung
-des vorigen Abends kam über mich.
-
-»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht. »Nun setz dich
-einmal hin und erzähle.«
-
-Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor ihm aus -- und wie
-er zuhörte! Er fragte und fragte und wäre für sein Leben gern dabei
-gewesen; die Zeit verging uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte
-auf und holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von vorn
-beginnen.
-
-Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber guter Pastor, ich
-möchte auch irgend etwas thun, was schön ist, ich möchte irgend ein
-großes Talent haben, dann erst würde ich glücklich sein.«
-
-»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal um einen großen
-Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du auf ein Ding deinen ganzen Fleiß
-verwendest, wird es dich auch interessieren, ganz gleich, was es ist.«
-
-Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete, daß es damit
-aber nichts wäre. Der alte Preller lache über alles, was ich mit Müh'
-und Not zu stande brächte; und wenn er sich meine Arbeit angesehen
-habe, sage er gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser,
-wenn ich mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann auch
-nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich abmühten, säße
-ich schon und lauerte darauf, daß der alte Preller seine wundervollen
-Skizzenbücher zur Hand nehmen würde; aber selber zeichnen und bei aller
-Not und Mühe nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine
-Sünde.
-
-»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst.
-
-»Nun also!«
-
-Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein Herz mit
-wunderbaren Schauern.
-
-Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen Augenblicke
-hin -- den dumpfen Klängen der Orgel, dem mystischen Gesang, den
-geheimnisvollen Worten. --
-
-Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen zu fühlen.
-Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein, seiner Ruhe,
-Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und den tiefen Bewegungen
-und Gewalten einer mächtigen Kunst hatte mich verwirrt, beunruhigt --
-und ich wollte Beruhigung empfinden.
-
-Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld das
-wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon erzählt habe --
-trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf unsrer Bodentreppe und
-schrieb dort nach Herzenslust -- Geschöpfe zauberte ich in mein blaues
-Heft, die mir ungemein sympathisch waren; sie sprachen und thaten,
-was ich wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten
-Einvernehmen.
-
-Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um die Welt hätte
-ich es nicht irgend jemand verraten mögen -- und dennoch verriet ich
-es selbst und gewann durch diesen Verrat das höchste Glück, das das
-Schicksal einer schaffensmutigen Seele zu teil werden lassen kann; ich
-gewann, wie ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen
-Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der es verstand,
-mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und Ausdauer anzuspornen; der
-mir als höchstes Ziel steckte: Wahrheit in jedem Empfinden, und eine
-freie Würdigung alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches
-und beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen
-Weg gehen konnte. -- Meine Arbeit, meine Kunst wurde mir die stille
-Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das alltägliche Leben zu
-stürmisch oder zu gleichgültig oder gar zu schwer werden wollte. Und
-ich selbst habe mich immer gewundert, wie gerade ich zu diesem großen
-Glück gekommen bin -- gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je
-etwas zu erstreben, geschweige zu erreichen.
-
-Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von guten Freunden,
-getreuen Nachbarn und dergleichen, von Ereignissen aller Art, von
-meiner Verheiratung, meinen Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich
-auf Erden kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß
-ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles ist nur
-Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat -- der volle Ernst
--- und in seinem Gefolge Kummer und Not, wie ich die Arme nach Hilfe
-ausstreckte, wie ich verzweifelte, wie ich endlich nach langer Qual
-genas, davon will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde,
-für Worte kaum erreichbar.
-
- +Ende.+
-
-
-
-
-Werke von Helene Böhlau.
-
-
- =Das Recht der Mutter.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.50. F. Fontane &
- Co., Berlin.
-
- =Der Rangierbahnhof.= Roman. Zweite Auflage. M. 4.--, geb. M. 5.--.
- F. Fontane & Co., Berlin.
-
- =Rathsmädelgeschichten.= Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60. J.
- C. C. Bruns, Minden i. W.
-
- =Herzenswahn.= Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, Minden
- i. W.
-
- =Im Trosse der Kunst.= Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C.
- Bruns, Minden i. W.
-
- =Reines Herzens schuldig.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.--. J. C. C.
- Bruns, Minden i. W.
-
- =Im frischen Wasser.= Roman in zwei Bänden. M. 1.--, geb. M. 1.50.
- J. Engelhorn, Stuttgart.
-
- =Novellen:= Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.--, geb.
- M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin.
-
- =Novellen:= Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen. M. 5.--,
- geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin.
-
-
-
-
- Engelhorns
- Allgemeine
- Romanbibliothek.
-
- Eine Auswahl
- der besten modernen Romane aller Völker.
-
- Alle vierzehn Tage erscheint ein Band.
-
- Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.
-
- (26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark,
- gebunden 19 M. 50 Pf.)
-
-»=Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek=«, die nun in ihren dreizehnten
-Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr zu Jahr an Beliebtheit und
-Verbreitung zugenommen, sondern auch an litterarischer Bedeutung
-gewonnen, so daß es nicht zu viel gesagt ist, wenn man sie heute
-
- einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter
- der Weltliteratur
-
-nennt. -- Die »+Deutsche Dichtung+« schreibt darüber:
-
- Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum +gute Bücher
- zu billigem Preis+ zu bieten und dabei weder die Autoren noch
- die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen, nur gehört
- Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu -- das ist die
- Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg von
- »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann, und
- hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht,
- in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige
- Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten
- ziegelroten Bändchen -- durchschnittlich zehn Bogen guter
- Ausstattung -- +zum Preise von 50 Pfennigen+ in die Welt
- sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne;
- schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark
- kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes
- Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe -- nur den Einband
- abgerechnet -- für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist
- die »Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet,
- daß eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast
- überflüssig erscheint.
-
-Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführten
-Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung zum Preise von =50
-Pf.= für den broschierten und =75 Pf.= für den gebundenen Band bezogen
-werden.
-
-
- Erster Jahrgang.
-
- =Der Hüttenbesitzer.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände.
-
- =Aus Nacht zum Licht.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen.
-
- =Zéro.= Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. _Praed_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Wassilissa.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Vornehme Gesellschaft.= Von _H. Aïdé_. Aus dem Englischen.
-
- =Gräfin Sarah.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Unter der roten Fahne.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus d. Englischen.
-
- =Abbé Constantin.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen.
-
- =Ihr Gatte.= Von _G. Verga_. Aus dem Italienischen.
-
- =Ein gefährliches Geheimnis=. Von _Charles Reade_. Aus d. Engl. 2
- Bde.
-
- =Gérards Heirat.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Dosia.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Ein heroisches Weib.= Von _J. J. Kraszewski_. Aus dem Polnischen.
-
- =Eheglück.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Schiffer Worse.= Von _Alex. Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Ein Ideal.= Von _Marchesa Colombi_. Aus dem Italienischen.
-
- =Dunkle Tage.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen.
-
- =Novellen= von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. +Glitzer-Brita.+ --
- +Einer, der seinen Namen verlor.+ Deutsch von +Friedrich
- Spielhagen+. -- +Ein Ritter vom Danebrog.+ Aus dem Englischen.
-
- =Die Heimkehr der Prinzessin.= Von _Jacques Vincent_. Aus d.
- Französ.
-
- =Ein Mutterherz.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
-
- Zweiter Jahrgang.
-
- =Der Steinbruch.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Helene Jung.= Von _Paul Lindau_.
-
- =Maruja.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Sozialisten.= Aus dem Englischen.
-
- =Criquette.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Wille zum Leben. -- Untrennbar.= Von _Adolf Wilbrandt_.
-
- =Die Illusionen des Doktor Faustino.= Von _Valera_. Aus d. Span.
-
- =Zu fein gesponnen.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen. 2
- Bände.
-
- =Gift.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Fortuna.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Lise Fleuron.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Aus des Meeres Schaum. -- Aus den Saiten einer Baßgeige.= Von
- _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen.
-
- =Auf der Woge des Glücks.= Von _Bernhard Frey_. (+M. Bernhard.+)
-
- =Die hübsche Miß Neville.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Engl. 2 Bde.
-
- =Die Verstorbene.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen.
-
- =Mein erstes Abenteuer und andere Geschichten.= Von _Hans Hopfen_.
-
- =Ihr ärgster Feind.= Von Mrs. _Alexander_. Aus d. Englischen. 2 Bde.
-
- =Ein Fürstensohn. -- Zerline.= Von _Claire von Glümer_.
-
- =Von der Grenze.= Novellen von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Eine Familiengeschichte.= Von _Hugh Conway_. Aus d. Englischen. 2
- Bde.
-
-
- Dritter Jahrgang.
-
- =Die Versaillerin.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =In Acht und Bann.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Tochter des Meeres.= Von _Johanne Schjörring_. Aus dem
- Dänischen.
-
- =Lieutenant Bonnet.= Von _Hector Malot_. Aus d. Französ. 2 Bände.
-
- =Pariser Ehen.= Von _E. About_. Aus dem Französischen.
-
- =Hanna Warners Herz.= Von _Florence Marryat_. Aus d. Englischen.
-
- =Eine Tochter der Philister.= Von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. Aus dem
- Englischen. 2 Bände.
-
- =Savelis Büßung.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Die Damen von Croix-Mort.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Die Glocken von Plurs.= Von _Ernst Pasqué_.
-
- =Fromont junior und Risler senior.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem
- Französischen. 2 Bände.
-
- =Der Genius und sein Erbe.= Von _Hans Hopfen_.
-
- =Ein einfach Herz.= Von _Charles Reade_. Aus dem Englischen.
-
- =Baccarat.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Mein Freund Jim.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen.
-
- =Hanna.= Von _Heinr. Sienkiewicz_. Aus dem Polnischen.
-
- =Das beste Teil.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen.
-
- =Lebend oder tot.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Die Familie Monach.= Von _Robert de Bonnières_. Aus dem Französ.
-
-
- Vierter Jahrgang.
-
- =Eine neue Judith.= Von _H. Rider Haggard_. Aus d. Englischen. 2
- Bde.
-
- =Schwarz und Rosig.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen.
-
- =Das Tagebuch einer Frau.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französ.
-
- =Jahre des Gärens.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =Gute Kameraden.= Von _H. Lafontaine_. Aus dem Französischen.
-
- =Die Töchter des Commandeurs.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norweg.
-
- =Zita.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Erbschaft Xenias.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Kinder des Südens.= Von _Rich. Voß_.
-
- =Daniele Cortis.= Von _A. Fogazzaro_. Aus dem Italienischen. 2
- Bände.
-
- =Die Herz-Neune.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen.
-
- =Sie will.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Kinder der Excellenz.= Von _Ernst v. Wolzogen_.
-
- =Um den Glanz des Ruhmes.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Ital.
-
- =Der Nabob.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände.
-
- =Der kleine Lord.= Von _F. H. Burnett_. Aus dem Englischen.
-
- =Der Prozeß Froideville.= Von _André Theuriet_. Aus d.
- Französischen.
-
- =Stella.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Fünfter Jahrgang.
-
- =Robert Leichtfuß.= Von _Hans Hopfen_. 2 Bände.
-
- =Der Unsterbliche.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen.
-
- =Lady Dorotheas Gäste.= Von _Ouida_. Aus dem Englischen.
-
- =Marchesa d'Arcello.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
-
- =Was der heilige Joseph vermag.= Aus dem Französischen.
-
- =Alessa. -- Keine Illusionen.= Von _Claire von Glümer_.
-
- =Wie in einem Spiegel.= Von _F. C. Philips_. Aus d. Englischen. 2
- Bände.
-
- =Schnee.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Jean Mornas.= Von _Jules Claretie_. Aus dem Französischen.
-
- =Auf der Fährte.= Von _H. F. Wood_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Satisfaction. -- Das zersprungene Glück. -- La Speranza.= Von
- _Alexander Baron von Roberts_.
-
- =Die Scheinheilige.= Von _Karoline Gravière_. Aus dem Französischen.
-
- =Doktor Rameau.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände.
-
- =Frau Regine.= Von _Emil Peschkau_.
-
- =Zwei Brüder.= Von _Guy de Maupassant_. Aus dem Französischen.
-
- =Mein Sohn.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
-
- =Dosias Tochter.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Lotse und sein Weib.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Numa Roumestan.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 2
- Bände.
-
-
- Sechster Jahrgang.
-
- =Die tolle Komteß.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Eine Sirene.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen.
-
- =Jack und seine drei Flammen.= Von _F. C. Philips_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Mr. Barnes von New-York.= Von _A. C. Gunter_. Aus d. Engl. 2 Bde.
-
- =Gertruds Geheimnis.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Wunderbare Gaben und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Letzte Liebe.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Sabinerin. -- Felice Leste. -- Die Mutter der Catonen.= Von
- _Richard Voß_.
-
- =Mia.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen.
-
- =Diana Barrington.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2 Bände.
-
- =Der reine Thor.= Von _Karl v. Heigel_.
-
- =Ein Kirchenraub. -- Junge Liebe.= Von _H. Pontoppidan_. Aus dem
- Dänischen.
-
- =Die Könige im Exil.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Die verhängnisvolle Phryne.= Von _F. C. Philips_ u. _C. J. Wils_.
- Aus dem Englischen.
-
- =Serguis Panin.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französischen. 2 Bände.
-
- =Achtung Schildwache!= und andere Geschichten. Von _Mathilde
- Serao_. Aus dem Italienischen.
-
- =Salonidylle.= Von _H. Rabusson_. Aus dem Französischen.
-
- =Mr. Potter aus Texas.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Engl. 2 Bände.
-
- =Ein gefährliches Werkzeug.= Von _D. C._ u. _H. Murray_. Aus d.
- Engl.
-
-
- Siebenter Jahrgang.
-
- =Preisgekrönt.= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände.
-
- =Die Seele Pierres.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen.
-
- =Zum Kinderparadies.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Imogen.= Von _Hamilton Aïdé_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Port Tarascon.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen.
-
- =Ein Mann von Bedeutung.= Von _Anthony Hope_. Aus d. Englischen.
-
- =Ohne Liebe.= Von _Fürst Galitzin_. Aus dem Russischen. 2 Bände.
-
- =Die Erbin.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen.
-
- =Die kühle Blonde.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Mein Pfarrer u. mein Onkel.= Von _Jean de la Brète_. Aus d.
- Französ.
-
- =Der Mönch von Berchtesgaden= und andere Erzählungen. Von _Rich.
- Voß_.
-
- =Oberst Quaritch.= Von _H. Rider Haggard_. Aus dem Engl. 2 Bände.
-
- =Noras Roman.= Von _Emil Peschkau_.
-
- =Auf Vorposten= und andere Geschichten. Von _F. de Renzis_. Aus dem
- Italienischen.
-
- =Versiegelte Lippen.= Von _Léon de Tinseau_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Aus den Papieren eines Wanderers.= Von _Jefferey C. Jeffery_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Mein Onkel Scipio.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Wie's im Leben geht.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2
- Bde.
-
- =Verhängnis.= Von _F. de Renzis_. Aus dem Italienischen.
-
-
- Achter Jahrgang.
-
- =Irgend ein Anderer.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2
- Bände.
-
- =Fräulein Reseda. -- Ein Mann der Erfolge.= Von _Julien Gordon_.
- Aus dem Englischen.
-
- =Künstlerehre.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen.
-
- =In frischem Wasser.= Von _Helene Böhlau_. 2 Bände.
-
- =Die geprellten Verschwörer.= Von _W. E. Norris_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Daphne.= Nach ~A Diplomat's Diary~ von _Julien Gordon_, deutsch
- bearb. von +Friedrich Spielhagen+.
-
- =Ein Genie der That.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =Mischa.= Von _Marguerite Poradowska_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Thronfolger.= Von _Ernst von Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Im Reisfeld. -- Ohne Liebe.= Von _Marchesa Colombi_. Aus d. Ital.
-
- =Eine Künstlerin.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Miß Niemand.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Marienkind.= Von _Paul Heyse_.
-
- =Schwarzwaldgeschichten.= Von _Hermine Villinger_.
-
- =Jack.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände.
-
- =Der schwarze Koffer.= Aus dem Engl.
-
- =Der Affenmaler.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Schwer geprüft.= Von _J. Masterman_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Neunter Jahrgang.
-
- =Im Schuldbuch des Hasses.= Von _G. Ohnet_. Aus d. Französ. 2 Bde.
-
- =Meine offizielle Frau.= Von _Col. Richard Henry Savage_. Aus d.
- Engl.
-
- =Sein Genius.= Von _Claus Zehren_.
-
- =Ein Zugvogel.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Violette Merian.= Von _Augustin Filon_. Aus dem Französischen.
-
- =Fräulein Kapitän.= Eine Eismeergeschichte von _Max Lay_.
-
- =Ein puritanischer Heide.= Von _Julien Gordon_. 2 Bände. Aus dem
- Englischen.
-
- =Das Stück Brot und andere Geschichten.= Von _François Coppée_. Aus
- dem Französischen.
-
- =In der Prairie verlassen.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Zwischen Lipp' und Kelchesrand.= Von _Charles de Berkeley_. Aus
- dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Mein erster Klient und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Auf steinigen Pfaden.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem
- Französischen.
-
- =Heimatlos.= Von _Hector Malot_. 3 Bände. Aus dem Französischen.
-
- =Baronin Müller.= Von _R. v. Heigel_.
-
- =In guter Hut.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Das Kind.= Von _Ernst Eckstein_.
-
- =Das Haus am Moor.= Von _Florence Warden_. Aus d. Englischen. 2 Bde.
-
- =Giovannino oder den Tod! -- Dreißig Prozent.= Von _Mathilde
- Serao_. Aus dem Italienischen.
-
- =Des Seemanns Tagebuch.= Von _Gustave Toudouze_. Aus dem Französ.
-
-
- Zehnter Jahrgang.
-
- =Das Geheimnis des Hauslehrers.= Von _Victor Cherbuliez_. Aus dem
- Französischen. 2 Bände.
-
- =Das wandernde Licht.= Von _Ernst von Wildenbruch_.
-
- =Einer alten Jungfer Liebestraum.= Von _Alan St. Aubyn_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Schatten.= Von _Ossip Schubin_.
-
- =Unerwartet.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Ein Opfer.= Von _Karl E. Franzos_.
-
- =Die Möwe.= Von _Zacharias Nielsen_. Aus dem Dänischen. 2 Bände.
-
- =Geopfert.= Von _George Simmy_. Aus dem Französischen.
-
- =Unheimliche Geschichten.= Von _Dick-May_. Aus dem Französischen.
-
- =Margarete und Ludwig.= Von _Frieda Freiin von Bülow_. 2 Bände.
-
- =Die Herzogstochter.= Von _Mrs. Oliphant_. Aus dem Englischen.
-
- =Briefe aus meiner Mühle.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ.
-
- =Erinnerungen einer Schwiegermutter.= Von _George R. Sims_. Aus dem
- Englischen. 2 Bände.
-
- =Lou.= Von _Alexander Baron von Roberts_.
-
- =Hof Gilje.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Don Cirillos Hut.= Von _Emilio de Marchi_. Aus d. Italienischen. 2
- Bde.
-
- =Jean von Kerdren.= Von _Jeanne Schultz_. Aus dem Französischen.
-
- =Unter Bauern.= Von _Hermine Villinger_.
-
- =Prinz Schamyls Brautwerbung.= Von _R. H. Savage_. Aus dem Engl. 2
- Bände.
-
-
- Elfter Jahrgang.
-
- =Das Recht des Kindes.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Fränzös. 2
- Bände.
-
- =Ein schlechter Mensch.= Von _A. von Gersdorff_.
-
- =Mademoiselle.= Von _F. M. Peard_. Aus dem Englischen.
-
- =Kosmopolis.= Von _Paul Bourget_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Eine schnurrige Geschichte.= Von _Frank R. Stockton_. Aus d. Engl.
-
- =Die wahren Reichen.= Von _François Coppée_. Aus dem Französischen.
-
- =Simson und Delila.= Von _Annie Bock_. 2 Bände.
-
- =Die gelbe Rose.= Von _Maurus Jókai_. Aus dem Ungarischen.
-
- =Verloren.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Zwei Herren.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Eine Schultragödie.= Von _Edmondo de Amicis_. Aus dem
- Italienischen.
-
- =Schiffe, die nachts sich begegnen.= Von _Beatrice Harraden_. Aus
- d. Engl.
-
- =Susi.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände.
-
- =Tim.= Aus dem Englischen.
-
- =Frauen.= Von _Anna Munch_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Die alte Geschichte.= Von _Charles de Berkeley_. Aus d. Französ. 2
- Bde.
-
- =Der Sänger.= Von _Karl v. Heigel_.
-
- =Möblierte Wohnungen.= Von _George R. Sims_. Aus dem Englischen.
-
- =Tante Anna.= Von _W. R. Clifford_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Zwölfter Jahrgang.
-
- =Die Erbschleicherinnen.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Der Kameenknopf.= Von _Rodrigues Ottolengui_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Cigarette und andre Geschichten.= Von _Jules Claretie_. Aus
- dem Französischen.
-
- =Dodo.= Von _E. F. Benson_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Die Brüder.= Von _Claus Zehren_.
-
- =Pflichtgefühl.= Von _W. D. Howells_. Aus dem Englischen.
-
- =Revanche!= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände.
-
- =Pinsel und Meißel.= Von _Teodoro Serrao_. Aus dem Englischen.
-
- =Schwere Frage.= Von _A. v. Gersdorff_.
-
- =Das Magdalenenhaar.= Von _Jean Rameau_. Aus dem Französischen. 2
- Bände.
-
- =Der Verkauf einer Seele.= Von _F. Frankfort Moore_. Aus d.
- Englischen.
-
- =Wandelbilder.= Von _Richard Henry Savage_. Aus dem Englischen.
-
- =Selbstgerecht.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände.
-
- =Roman-Studien.= Von _Jerome K. Jerome_. Aus dem Englischen.
-
- =Jugendstürme.= Von _Karl Busse_.
-
- =Eine Familienähnlichkeit.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen.
- 2 Bände.
-
- =Verbotene Frucht.= Von _Henning van Horst_.
-
- =Gold und Ehre.= Von _Otto M. Moeller_. Aus dem Dänischen.
-
- =Eine gelbe Aster.= Von _Jota_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Dreizehnter Jahrgang.
-
- =Villa Falconieri.= Von _R. Voß_. 2 Bde.
-
- Mit wahrhaft berauschender Glut der Schilderung zaubert uns der
- berühmte Dichter in seinem prächtigen Roman den Frühling der
- Campagna di Roma und des Albanergebirgs mit seiner märchenhaften
- Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift uns das Schicksal der
- Menschen voll Leidenschaft, die er in dieser großartigen, stil- und
- stimmungsvollen Umgebung lieben und leiden läßt.
-
- =Die Tochter des Abgeordneten.= Von _Georges Ohnet_.
-
- In diesem glänzend geschriebenen Roman bietet +Ohnets+ vielseitiges
- und fruchtbares Talent eine seiner reifsten Früchte. Die große
- Schar der Freunde und Verehrer des gefeierten Erzählers wird dieses
- Buch namentlich auch darum noch vermehren, weil es sich auch zur
- Lektüre für junge Mädchen eignet.
-
- =Die Siegerin.= Von _Hans Hopfen_.
-
- Einem neuen Buche von Hans Hopfen können wir keine bessere
- Empfehlung mit auf den Weg geben als die, daß es ein »echter
- Hopfen« ist.
-
- =Eine dritte Person.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2
- Bände.
-
- Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem Schauplatze der meisten
- Crokerschen Romane, durchwärmt und verklärt gleichsam die
- Geschichten dieser mit Recht so beliebten Erzählerin und verleiht
- ihnen einen romantischen Schimmer, der den Leser unwiderstehlich
- gefangen nimmt.
-
- =Flederwischs Heirat.= Von _Gyp_. Aus dem Französischen.
-
- Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«, ist ein
- entzückendes Geschöpfchen, dessen köstliche Naivetät und neckischer
- Humor wahrhaft herzerfrischend wirken.
-
- =Eine internationale Ehe.= Von _Madame Bigot_. Aus dem Englischen.
-
- Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes, gut beobachtetes
- Milieu und eine reich bewegte Handlung vereinigen sich in diesem
- flott geschriebenen Roman zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen
- Ganzen.
-
- =Sich selber treu.= Von _M. Gerbrandt_. 2 Bände.
-
- Warmherzige Menschen von reich entwickeltem Gefühlsleben treten
- uns in diesem hochgestimmten Roman entgegen, in dem sich die
- begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin von feiner poetischer
- Empfindung und abgeklärter Kunstanschauung erweist.
-
- =Islandfischer.= Von _Pierre Loti_. Aus dem Französischen.
-
- Mit der Einreihung von Lotis berühmten Roman, diesem Hohenlied der
- See und der Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir einen Wunsch
- vieler unserer Leser.
-
- =Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.= Von _Helene Böhlau_.
-
- Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller Kleinmalerei und gemütvollen,
- schalkhaften Humors sind auch diese neuen +Böhlau+schen
- Ratsmädelgeschichten, in denen wir einen Hauch aus Weimars großer
- Zeit verspüren.
-
-
-Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu =Geschenken ganz
-besonders geeigneten=
-
- Salon-Ausgabe
-
-auf =feines, extra starkes Papier= gedruckt und in =elegantem
-Liebhaber-Einband= zum Preise von M. 2.-- für den einfachen und M. 3.--
-für den doppelten Band erschienen.
-
-
- Einfache Bände:
-
- _Burnett_, =Der kleine Lord=.
-
- _Feuilett_, =Das Tagebuch einer Frau=.
-
- _Paul Lindau_, =Helene Jung=.
-
- _Voß_, =Kinder des Südens=.
-
- =Was der heilige Joseph vermag.=
-
- _v. Wolzogen_, =Die Kinder der Excellenz=.
-
- _v. Gersdorff_, =Ein schlechter Mensch=.
-
- _Savage_, =Meine offizielle Frau=.
-
-
- Doppel-Bände:
-
- _Conway_, =Eine Familiengeschichte=.
-
- _Croker_, =Die hübsche Miß Neville=.
-
- _Hopfen_, =Robert Leichtfuß=.
-
- _Ohnet_, =Der Hüttenbesitzer=.
-
- _v. Wolzogen_, =Der Thronfolger=.
-
- -- =Die tolle Komteß=.
-
- _Sims_, =Erinnerungen einer Schwiegermutter=.
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben.
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 7: alimodisches → altmodisches
- wie ein {altmodisches} Kleidungsstück abgelegt
-
- S. 11: Augenbiick → Augenblick
- Von dem {Augenblick} an, als sie
-
- S. 61: Weimararaner → Weimararnern
- den {Weimaranern} ihr geliebtes Deutsch
-
- S. 136: wir → mir
- es war {mir}, als würden da
-
- Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray
- Von _D. C._ u. _H. {Murray}_
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 ***
diff --git a/old/51230-h/51230-h.htm b/old/51230-h/51230-h.htm
deleted file mode 100644
index 1f31423..0000000
--- a/old/51230-h/51230-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,7947 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8" />
-<title>Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten | Project Gutenberg</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.chapter {
- page-break-before: always;
-}
-
-h1, h2, h3, h4 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-.h2 {
- text-indent: 0;
- text-align: center;
- font-size: x-large;
-}
-
-p {
- margin-top: 1ex;
- margin-bottom: 1ex;
- text-align: justify;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.noind {
- text-indent: 0;
-}
-
-p.chap:first-letter {
- font-size: 150%;
- line-height: 2ex;
-}
-
-.advtext {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 5%;
- font-size: small;
-}
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; }
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; }
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 90%;
- width: 8%;
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-size: small;
- text-align: right;
-} /* page numbers */
-
-.pagenum a {
- color: gray;
-}
-
-.blockquot {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 5%;
-}
-
-.hang p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -2em;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.right {
- text-align: right;
- margin-right: 2em;
-}
-
-.large {
- font-size: large;
-}
-
-.smaller {
- font-size: smaller;
-}
-
-.antiqua {
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-size: 95%;
-}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-.author {
- font-family: sans-serif;
- font-style: italic;
-}
-
-/* Images */
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-
-.figcenter {
- margin: 2ex auto 2ex auto;
- text-align: center;
-}
-
-/* Poetry */
-.poem {
- margin-left:10%;
- margin-right:10%;
- text-align: left;
- font-size: small;
-}
-
-.poem br {display: none;}
-
-.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
-
-.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.transnote p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-
- hr.full { width: 100%;
- margin-top: 3em;
- margin-bottom: 0em;
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
- height: 4px;
- border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */
- border-style: solid;
- border-color: #000000;
- clear: both; }
- </style>
-</head>
-<body>
-<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 ***</div>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Die Autorennamen der Katalogseiten sind <em class="author">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-<hr class="full" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center large">Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.</p>
-
-<p class="center">Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.</p>
-
-<p class="center smaller">Dreizehnter Jahrgang. Band 12.</p>
-
-<h1>Ratsmädel-<br />
-<span class="smaller">und</span><br />
-Altweimarische Geschichten.</h1>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="h2">Helene Böhlau.</p>
-
-<p class="center">(Madame al Raschid Bey.)</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">Stuttgart.</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Verlag von J. Engelhorn.</em></p>
-
-<p class="center">1897.</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p>
-
-<p class="center">Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten.
-</p>
-
-<p class="center p2">Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Ratsmaedel_gehen_einem_Spuk">Die Ratsmädel gehen einem Spuk
-zu Leibe.</h2>
-</div>
-
-<p class="chap">Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das
-kleine, nun längst wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet
-anfing, mitten unter den tausend und abertausend europäischen
-Städten und Städtchen sich außerordentlich wichtig zu thun.
-Es mochte auch alles Recht dazu haben; denn es hatten sich
-in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet, Vögel, derengleichen
-vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren,
-und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so
-daß sie wirklich außerordentlich seltene Vögel geblieben sind,
-bis heutzutage.</p>
-
-<p>Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben,
-und es hat den Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig
-hinerzählt war, allem Feierlichen, Schweren aus dem Wege
-ging, alles Leichtlebige beim Zipfel nahm.</p>
-
-<p>Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus
-den Bürgerstuben, aus den Gärten vor der Stadt, von jenen
-alten, gesegneten Gärten, und ich werde mich auch wieder
-vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen Tieren
-vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten
-abgeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p>
-
-<p>Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre
-alte weimarische Sonne locken, von der sie so gerne sich
-wieder bescheinen lassen würden.</p>
-
-<p>Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt,
-eine weiche, hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es
-sproßt und keimt, in der ein lustiger, feuchter Wind weht,
-Nebel ziehen, in der Herzen schlagen, und in der allerlei
-behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die Achseln
-zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen;
-damals aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen
-machte. So glaubte man in jenen Tagen und tuschelte es
-sich gegenseitig wie eine interessante Hofgeschichte zu, daß
-die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie, von der Karl
-August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts
-machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in
-Tieffurth, im Park und im Schlößchen.</p>
-
-<p>Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten
-Dinge. Die bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft,
-aber doch humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß
-daran, daß die kleine, bucklige, häßliche Dame solche Geschichten
-machte.</p>
-
-<p>Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn
-es war absolut nicht <em class="antiqua">comme il faut</em> von der Göchhausen. &ndash;
-Außerdem sprach die Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern
-darüber, daß ihr so etwas »arrivieren« mußte &ndash;
-solch eine »Kalamität«! &ndash; Man fand, daß sich die Göchhausen
-noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich
-machte.</p>
-
-<p>Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie
-sie schimpfend und klagend die Parkwege auf und nieder
-gehuscht war.</p>
-
-<p>Sie hatten sie ganz genau erkannt, &ndash; daran bestand
-kein Zweifel!</p>
-
-<p>Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-Krommsdorf erst spät heimgetrieben, war sie im Park auch
-nachgehuscht, und er erzählte, daß sie ihm scheußlich weinerlich
-und wichtig gesagt habe: »Ich la&ndash;ngweil' mich so!« &ndash;
-Weiter nichts. Aber <em class="gesperrt">wie</em> sie es gesagt hätte! Wie aus
-einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden,
-die die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer
-Kalb, das die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt
-hatte, pfundweis nach Hause trugen, gar nicht haarsträubend
-genug vormachen.</p>
-
-<p>Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen,
-immer klagend, immer schimpfend und immer unzufrieden;
-&ndash; manchmal auch nur murmelnd und brummend; &ndash; aber
-<em class="gesperrt">wie</em> murmelnd! &ndash; eben ganz wie eine arme Seele murmeln
-muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war
-überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache,
-daß sich die Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, &ndash;
-nach Vorschrift der alten Kobold- und Geistergeschichten.</p>
-
-<p>Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen
-haben und hatten auch gottlob immer etwas; sie waren an
-die merkwürdigsten Dinge gewöhnt, eine solche Fülle von
-gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das graue Rattennest
-niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß diese
-Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit
-allerhand fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel.</p>
-
-<p>Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar
-lachende, blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich
-behende Körper, blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch
-etwas tollpatschige Hände, helle Kleider, die sich lebendig
-um diese jungen Körper schmiegen, die sich so jugendsicher
-auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so wohlgebaut und
-unschuldig.</p>
-
-<p>All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie
-zu ein paar Mädchen, die in der alten Wünschengasse
-daheim sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt
-und sind mehr, als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund
-und Feind, Nachbar und Nachbarin.</p>
-
-<p>»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und
-sind die Töchter des Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und
-würdig, nie verstanden hat, weshalb gerade ihm das Schicksal
-diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr Mühe und Kopfzerbrechen
-kosteten, als seine Buben. Ja, in der That, er
-und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem
-hübschen Paare fertig geworden, wenn nicht die ganze
-Wünschengasse ihnen beigestanden hätte, die Rangen zu erziehen;
-und nicht nur die Wünschengasse fühlte sich dazu
-berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen
-Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es,
-wenn sie miteinander durch die dämmerige Gasse schlenderten.
-Und wer dies aussprach, schaute ihnen gewissermaßen gespannt
-nach.</p>
-
-<p>Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige
-Wünschengasse in Aufregung zu erhalten.</p>
-
-<p>Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach
-den Ratsmädchen, das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln
-und Hetzen, das Verhätscheln und Anraunzen. Nie, solange
-die Wünschengasse steht, sind aber zwei Schwestern von Kindesbeinen
-an trotz alledem so ungetrübt heiter gewesen wie diese
-zwei, so treu ihren Freunden ergeben.</p>
-
-<p>Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag
-Freunde haben, &ndash; zu den Menschen, die nie einsam
-sind, &ndash; zu den sonnigen Kraftmenschen, die Wärme und
-Strahlen für andre übrig haben.</p>
-
-<p>Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden
-keinen Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden
-nahe treten wollte, waren ihnen dankbar, &ndash; und was die
-Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und diese Freunde: der
-blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon, den sie auf<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner
-französischen Abstammung wegen; in den weimarischen
-Mäulern aber war »der Pudding« zu einem »Budang« geworden.
-&ndash; Und der schöne Franz Horny, der sich als Maler
-später einen Namen machte und in jungen Jahren in Amalfi
-starb; &ndash; sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo es von
-den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian
-verehrt wird. &ndash; Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller,
-Schillers Sohn.</p>
-
-<p>Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich
-vergnügt, wie dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr
-geschieht.</p>
-
-<p>Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere
-Urwüchsigkeit wie ein <span id="corr007">altmodisches</span> Kleidungsstück abgelegt.</p>
-
-<p>Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen
-und haben sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von
-Röses Paten Sperber, einquartiert. Sie sind ins Wasser
-gefallen, haben miteinander getanzt, wenn es ihnen paßte;
-sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten gefahren, sie
-haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie haben
-»Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren
-gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich
-von den etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre
-genommen worden, haben ihnen ihre Schularbeiten vorweisen
-müssen und sind von ihnen belobt und gestraft worden, wie
-das alles ausführlich schon einmal erzählt worden ist. Herr
-und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung
-ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse.
-Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel,
-und in die Dämmerung dröhnt die große Glocke im Schloßturm.
-Der Sturmwind fährt in das mächtige Geläute; er
-reißt die großen, vollen Töne wie Wolken auseinander und<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie, läßt sie
-hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen.</p>
-
-<p>Die Glocke läutet die Osternacht ein.</p>
-
-<p>Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch;
-so voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne
-und das tiefste Menschenleid.</p>
-
-<p>Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß
-Gott wo, erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens
-Weimar geworden. Ein jeder versteht dies Herz da
-oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig aus, was die
-andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es erweckt
-sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein
-großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster
-hinaus.</p>
-
-<p>»Hörst du?« sagt Marie.</p>
-
-<p>Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet
-wurde, zum Schloß hinunter gelaufen und haben hinauf nach
-der grünen Turmspitze gesehen, die von der Wucht der
-Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und her schwankte;
-oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten,
-und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert;
-oder die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den
-Glockenstuhl, und sie haben da, schwankend und schwindelnd
-und ganz betäubt von den ungeheuren Schlägen, die den
-Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander geklammert und
-an den riesigen Balken festgehalten.</p>
-
-<p>Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum
-Fenster hinaus.</p>
-
-<p>Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen.</p>
-
-<p>Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal
-geantwortet.</p>
-
-<p>Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen
-grüne Schärpen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<p>Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff
-von aller Schönheit und Eleganz.</p>
-
-<p>»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! &ndash; Was
-fällt euch ein! &ndash; Der Wind!« So ruft Frau Rat, die
-Mutter der Ratsmädchen, die eben ins Zimmer tritt.</p>
-
-<p>Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt.
-Der Haushalt mit den wilden Mädchen und Buben, die
-Kriegsjahre, der überernste Gatte, die Geldsorgen, &ndash; das
-alles ist der fein organisierten Frau zu viel geworden.</p>
-
-<p>Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe;
-sie aber hat etwas Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur
-bei sich selbst fände, was sie sucht.</p>
-
-<p>Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das
-Glockengeläut dringt nur noch dumpf ins Zimmer.</p>
-
-<p>Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die
-Lichter an.</p>
-
-<p>Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches
-Gesicht.</p>
-
-<p>Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des
-einen Talglichtes brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter
-unter einem grünseidenen, ovalen Schirm.</p>
-
-<p>»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?«</p>
-
-<p>»Was denn sonst, Schatz? &ndash; Habt ihr euch die Hände
-gewaschen?«</p>
-
-<p>»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse.</p>
-
-<p>»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und
-streicht ihr übers Haar. &ndash; »Gutes Kind!«</p>
-
-<p>Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß
-sie ihrer Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht.</p>
-
-<p>»Ruhig, ruhig!«</p>
-
-<p>Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf
-auf dem Tisch?«</p>
-
-<p>Senf war eben das Neueste.</p>
-
-<p>Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-in schönster Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht
-feierlich im Zimmer auf und ab.</p>
-
-<p>»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch
-einmal: »Charmante Leute!«</p>
-
-<p>Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden«
-nicht. Man hat zu warten, bis er fragt.</p>
-
-<p>»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit
-erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau.</p>
-
-<p>»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?«</p>
-
-<p>»Ich dachte so etwa … etwa&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit«
-nannte, nicht recht klar zu sein.</p>
-
-<p>»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon
-eine recht große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem
-Seitenblick auf die Mädchen.</p>
-
-<p>Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der
-Mutter auf der Platte tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt
-zu.</p>
-
-<p>»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?«</p>
-
-<p>Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen
-Halsbinde heraus, im Hintergrunde des großen Zimmers,
-zu seiner Frau.</p>
-
-<p>»Bst!« macht Frau Rat. &ndash; »Mein Gott, so jung sollte
-sie nicht sein. So ein armes Ding!«</p>
-
-<p>»I was!« sagt Herr Rat. &ndash; »Papperlapapp! Warst
-du etwa älter?«</p>
-
-<p>Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres
-Lebens zogen an ihrer Seele vorüber. &ndash; Sie lächelt, &ndash; alle
-heißen Thränen, alles Sehnen, alles Verstummen hatte sich
-bei ihr zu einem müden Lächeln herabgemildert, &ndash; oder in
-ein Lächeln zusammengefaßt, &ndash; wie man will.</p>
-
-<p>Apothekers kamen.</p>
-
-<p>Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten
-rundes Bäuchlein war mit »selber gestickter« Seide überspannt<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-und glänzte wie ein heiteres Gestirn. Er kniff Röse
-in die Wange und war vortrefflich gelaunt.</p>
-
-<p>Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach
-den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte
-sich eben eine Dame in vollem Putz, in weißer Haube mit
-blauen Bändern und im weißen Kleide. Sie öffnete das
-Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der Wind, der
-durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte.</p>
-
-<p>»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte
-nicht lange, da empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau
-Geheimderat Thon und deren Sohn Ottokar Thon, Adjutanten
-des Großherzogs Karl August.</p>
-
-<p>Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den
-Eltern Kirsten, küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann
-Marie.</p>
-
-<p>Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte.
-Das weiße Kleid umschloß in langen Falten eine volle, stolze
-Gestalt. Das schöne Busentuch war aus kostbaren gelblichen
-Spitzen, und eine breite, hohe Haube mit himmelblauen
-Bändern beschattete ein energisches, wohlkonserviertes Gesicht.</p>
-
-<p>Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre
-rundliche Kinderhand dann an die Lippen.</p>
-
-<p>Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen
-Gesichte aber lag eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen
-ihrer Schwester Hand nicht los, bis man sich zu
-Tische setzte.</p>
-
-<p>Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie
-ahnte, sie wußte alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach
-mit ihr, als spräche er zu einem lebendigen Heiligtume, &ndash;
-so etwas scheu, &ndash; und doch … &ndash; Rösen überschauerte es.</p>
-
-<p>Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten
-Uniform aussah!</p>
-
-<p>Von dem <span id="corr011">Augenblick</span> an, als sie ihn zuerst gesehen, war
-ihre Seele ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-Gescheitheit und seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger
-gewesen, und sie hatte auch gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet.</p>
-
-<p>Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig
-gelobt habe, und daß Karl August eine Schrift über
-die Zukunft Deutschlands von ihm kenne, von wahrer staatsmännischer
-Bedeutung.</p>
-
-<p>»Solch ein Mensch will mich!«</p>
-
-<p>Das waren Röses Jubelgedanken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen
-und hörte zu, wie alle sprachen.</p>
-
-<p>Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie
-mußte träumerisch an einen Vogel denken, der in seinem Nest
-auf schwankem, grünem Zweige sitzt, das von einem weichen
-Winde hin und her geweht wird. Die Sonne glitzert durch
-die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes Licht
-um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug.
-Sie fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist;
-deshalb macht sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen,
-stillen Wonne, ein kindisches, süßes Bild.</p>
-
-<p>Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter;
-nein, alles und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte
-Festsuppe: Grünkern mit Kerbelrübchen. Das war Frau
-Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen, wie Mandeln so fein
-und klein, zergingen auf der Zunge, und die Suppe duftete
-wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete
-es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer.
-Warmer Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel,
-der echte köstliche Kornduft, ein sanfter Wind, der über die
-Aehrenhäupter streicht, &ndash; Erdgeruch! Das alles kam, als
-der Deckel von der Suppenschüssel gehoben wurde, den Gästen
-bewußt oder unbewußt in Erinnerung.</p>
-
-<p>Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe!</p>
-
-<p>Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-sein wie eine Musik oder wie ein Gedicht, die Leute sollen
-fröhlich davon werden.«</p>
-
-<p>Ja, es war eine feierliche Suppe!</p>
-
-<p>Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben
-klirrten, und im Schornstein heulte und jammerte er.</p>
-
-<p>Nach der Suppe gab es einen Karpfen, &ndash; einen Spiegelkarpfen
-mit großen, goldenen Schildern und Flecken, den
-besten Karpfen, den der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen!
-Röse und Marie hatten natürlich mitgeholfen, ihn aus dem
-Behälter herauszufischen, in dessen klarem Ilmwasser die
-festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig flimmernden
-Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten
-hatten sie also erwischt.</p>
-
-<p>Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit,
-seiner Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen.</p>
-
-<p>Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm
-den Kopf auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im
-Rasen neben den Fischbehältern eingerammt waren, und der
-über und über von Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er
-den Fisch in zwei Hälften geteilt und den Ratsmädchen in
-den Korb gepackt und ihnen die Fischblase extra verehrt.
-Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen zu lassen; es
-hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein althergebrachter
-Spaß gewesen.</p>
-
-<p>Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer
-kam, blau gesotten mit geriebenem Meerrettich, und ganz in
-Petersilie ruhend, da rief der Apotheker: »Donnerwetter, ist
-das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger gewesen?«</p>
-
-<p>Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren
-aber nur die Vorläufer vom Propheten.</p>
-
-<p>Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern
-zu einem wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus.</p>
-
-<p>Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer
-Hofjagd mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-Herrn, und hatte sie Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert,
-und nun sollten sie feierlich gemeinschaftlich verzehrt werden.</p>
-
-<p>Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte,
-waren alle erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen,
-nußbraun gebratenen Tiere silberne Füße und
-silberne Köpfe hatten.</p>
-
-<p>»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung
-vor eurer Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen!
-Silberne Köpfe und silberne Füße!«</p>
-
-<p>Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger
-und waren glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater
-auch nichts davon gewußt hatte.</p>
-
-<p>Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem
-Geschenk gehört hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene
-Vögel aus ihrem Silberschrank geliehen.</p>
-
-<p>Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei
-Flaschen alten Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden
-Flaschen hatte er in dem Franzosenjahr vor den gierigen
-Langfingern versteckt. Er hatte sie im kleinen, dunklen Höfchen
-unter dem Regenfaß vergraben und, als die Luft wieder
-rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in
-einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz
-von Staub und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande
-setzte er sie, als die Vögel mit den silbernen Füßen
-kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz auf den Tisch.</p>
-
-<p>»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt.</p>
-
-<p>»Papperlapapp!« &ndash; Herr Rat war schon dabei, eine
-zu entkorken. &ndash; »Gehört sich's nicht etwa so?«</p>
-
-<p>Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß
-ein alter, seltener Wein in so staubigen und schimmeligen
-Flaschen auf den Tisch kommen müsse; das sei für den
-Kenner das Feinste.</p>
-
-<p>Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten,
-Kompotts und Beilagen aller Art.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie
-verspürt haben wollen?« fragte der Apotheker den jungen
-Thon. »Das wäre heute so eine Nacht für die Bestie, um
-den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!«</p>
-
-<p>»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!«
-antwortete der Adjutant lebhaft.</p>
-
-<p>»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der
-Ilm an dem Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth &ndash;
-so eigentlich mitten im Tieffurther Park. Verspürt ist er
-nun, der Lump … aber&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem
-Adjutanten auf den Fuchs an.</p>
-
-<p>Marie zupfte Röse am Kleid.</p>
-
-<p>Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon.</p>
-
-<p>»Röse,« tuschelte Marie besorgt, &ndash; »sie werden doch
-nicht gar zu lange bleiben?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Röse fuhr wie aus einem Traum auf.</p>
-
-<p>»Was?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Na, wenn unsre Drei nun kämen?«</p>
-
-<p>»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort
-sind; die werden unten schon lauern, bis der letzte hinaus
-ist!« flüsterte Röse.</p>
-
-<p>Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben,
-verehrten Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und
-bedauerte, daß sie Weimar so bald wieder verlassen müsse.</p>
-
-<p>Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen,
-um ihren Sohn zu besuchen.</p>
-
-<p>Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem
-Kompottlöffelchen an ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt
-und stattlich.</p>
-
-<p>Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene
-Frau in ihrem weißen Kleid so frei und vornehm
-stehen zu sehen.</p>
-
-<p>Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Sohn diesmal verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit
-menschliches Berechnen nicht trüge, vor ihren Augen läge, &ndash;
-und für diese Beruhigung, diese frohe Aussicht danke sie dem
-gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten.</p>
-
-<p>Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und
-Frau Rat an, dann mit Apothekers, und mit Röse ganz besonders.</p>
-
-<p>»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie.</p>
-
-<p>Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand;
-darauf küßte er Röses Hand wieder tief bewegt.</p>
-
-<p>Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder
-Schlingel!« flüsterte sie Röse zu.</p>
-
-<p>Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das
-war auf Vater Kirstens Befehl hin so eingerichtet.</p>
-
-<p>Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten,
-und er wollte in seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand
-keinen »Verlobungstrafik«, wie er sich ausdrückte. Das
-Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt werden.</p>
-
-<p>Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein
-verliebtes Paar zu stolpern!</p>
-
-<p>Er war Herr im Hause, damit basta!</p>
-
-<p>Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die
-Apothekerin mußte ihren Mann zweimal am Rockschoß
-zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der schönste gewürzte
-Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß.</p>
-
-<p>Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der
-Wind mit solcher Gewalt gegen die Scheiben gefahren und
-hatte an den wackeligen, alten Fenstern gerüttelt, daß der
-Apotheker ordentlich zusammengefahren und wieder zur Besinnung
-gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider.</p>
-
-<p>Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes
-durchaus nicht. Es war gut so. Sie wünschte sich's nicht
-anders. Nichts schreckte sie aus ihrem süßen Traume auf.
-Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich! Und es war<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien es
-ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen.</p>
-
-<p>Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut!</p>
-
-<p>Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und
-Hochzeitssprüchlein und gab ihrem Vater, als sie mit ihm
-anstieß, extra einen Kuß dafür, daß der in der schön gestickten,
-seidenen Weste nicht reden durfte.</p>
-
-<p>Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde,
-kindliche Geschöpf vor sich, wie es so süß träumte. Und sie
-gehörte ihm, war sein eigen, sie war ihm versprochen!</p>
-
-<p>Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß
-auf diese junge Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden
-Mund schien ihm Erlösung, &ndash; das seidenweiche Haar
-zu streicheln Erquickung!</p>
-
-<p>Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt
-schwieg, erschütterte ihn.</p>
-
-<p>Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume.
-Ein berauschender Duft!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird
-doch heut auch wirklich spuken?«</p>
-
-<p>»Wer?« fragte Röse.</p>
-
-<p>»Ach geh!«</p>
-
-<p>»Wenn das <em class="gesperrt">so</em> werden soll, wenn du ewig nur vor
-dich hin gucken willst! &ndash; Na dann &ndash;!« Marie sprach sich
-nicht weiter aus, schien aber entrüstet zu sein.</p>
-
-<p>»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß!
-Mich freut's grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht
-noch mehr!«</p>
-
-<p>Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden
-zankend miteinander tuscheln.</p>
-
-<p>»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und
-eine Seele?«</p>
-
-<p>»Sind wir auch!« sagte Röse.</p>
-
-<p>Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-Braut; etwas würdig, wie er es mit jedem jungen
-Mädchen that, aber jedes Wort bebte und zitterte und war
-beladen mit allem möglichen, und die Blicke beider hingen
-aneinander, &ndash; forschend, ergründend und scheu den Anblick
-genießend.</p>
-
-<p>Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der
-Wind und trug jetzt, wie es schien, einen merkwürdig hellen,
-rhythmischen Pfiff auf seinen Flügeln.</p>
-
-<p>Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem
-Anbeter war, spitzte die Ohren, erhob sich wie im Traume,
-ging dem Fenster zu, blieb aber zögernd, wie unverrichteter
-Sache stehen und begab sich wieder auf ihren Platz.</p>
-
-<p>Der junge Thon beobachtete sie.</p>
-
-<p>»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken,
-lassen sie uns bei dem Wetter nicht fort!«</p>
-
-<p>Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht
-gekommen.</p>
-
-<p>Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die
-Arme.</p>
-
-<p>Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte
-bei sich: »Das war ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?«</p>
-
-<p>Jetzt schellte es unten.</p>
-
-<p>Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt
-und sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen.
-Was ihnen denn nur einfiele! Waren sie denn des Kuckucks!</p>
-
-<p>Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten.</p>
-
-<p>Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus
-für Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei
-und mit einem Veilchenbouquet daran gebunden,
-etwas unsagbar Schönes, Bräutliches. Sie hatte jedenfalls
-nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch bei einem
-Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei.</p>
-
-<p>Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen
-sollten; sie beratschlagten und hielten sich deshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-ziemlich lange auf der Treppe auf. Marie kam auf den
-schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt den Veilchen
-in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben,
-bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es
-möchte dem Vater nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk
-der Schopenhauerin jetzt mit hereinbrächten. Und
-es geschah so, wie sie sich vorgenommen.</p>
-
-<p>»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die
-Mädchen wieder eintraten.</p>
-
-<p>Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr.</p>
-
-<p>Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit
-einiger Zeit von einer merkwürdigen Unruhe befallen waren.
-Es war ihm, als müsse er mit Röse ein feierliches, großes
-Wort reden.</p>
-
-<p>Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch
-wirklich? War er ihrer sicher?</p>
-
-<p>Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig
-und liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den
-Händen fest.</p>
-
-<p>»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!«
-dachte der junge Thon mitten in seinem Herzensrausch. Er
-hat bereits gestern die halbe Nacht platt auf dem Bauche
-vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich schon,
-wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den
-Fuchs paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über
-sich rauschen, fühlt wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm.
-Und das Lauern, das scharfe Hinhorchen, &ndash; das Spannen,
-&ndash; die Naturlaute, die nachts hie und da geheimnisvoll
-auftauchen, &ndash; da wird's ihm wohl werden!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen
-Frau Rat Kirsten Komplimente über das splendide Gastmahl,
-und Frau Geheimderat Thon drückt Röse mütterlich
-zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr. Röse errötet<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand
-ihrer künftigen Frau Schwiegermutter.</p>
-
-<p>Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem,
-Unbekanntem, als Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand
-drückt, so erregt und bewegt, als wäre dieser einfache Händedruck
-eine heilige Handlung.</p>
-
-<p>Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme
-und küßt sie und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen
-in den Augen.</p>
-
-<p>Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort
-und Stelle bringen; sie sind zu diesem Behuf aus ihren
-weißen Kleidern in die grauen Ginghamalltagskleider geschlüpft
-und wirtschaften mit wahrem Feuer und so ordentlich
-und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei
-sich denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch,
-pflichttreu und brav!«</p>
-
-<p>»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du
-so trödelst, wann denkst du denn, daß wir fortkommen?«</p>
-
-<p>»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang,
-»was hilft's denn sonst? &ndash; Poltere doch nicht so!« Marie
-ging darauf hin auf den Fußspitzen.</p>
-
-<p>Drüben bei Thons war schon alles dunkel.</p>
-
-<p>»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn
-bei uns so lang?«</p>
-
-<p>Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah
-nach diesem und jenem; die Mutter schloß das gespülte und
-geputzte Silberzeug in den Schrank.</p>
-
-<p>Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen
-Füße und Hälse der Fasanen.</p>
-
-<p>Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus
-Dunkelheit und Nachtruhe ein.</p>
-
-<p>Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt;
-die Magd, Vater und Mutter, jedes war schlafen
-gegangen, und keine Maus rührte sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>Es schlug elf Uhr. &ndash; Da war es, als wenn auf der
-dunklen Treppe sich vorsichtig etwas bewege. Es knarrte
-eine Stufe; es huschte und schlich etwas. Zwei Stimmen
-wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte Röse
-tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich
-angst, &ndash; so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du,
-daß der Vater bös sein würde?«</p>
-
-<p>»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem
-Atem, »jetzt ist's zu spät! &ndash; Mach nur leise, &ndash;
-du trampelst ja!«</p>
-
-<p>»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar
-nich!« Aber da krachte die alte Stufe so entsetzlich. Den
-beiden kam es wie ein Kanonenschuß vor. &ndash; Sie standen
-ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu regen.
-&ndash; »Ach Gott!« klagte Marie.</p>
-
-<p>Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter.</p>
-
-<p>»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in
-seinen Kissen.</p>
-
-<p>Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete
-undeutlich: »Der Wind; auch wohl die Katze.«</p>
-
-<p>Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte
-draußen an den Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben,
-sang und jodelte in den Schornsteinen. Es war eine wilde,
-stürmische Osternacht. Zerrissene Wolken fuhren über den
-Himmel.</p>
-
-<p>Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche,
-zitternde Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel
-geräuschlos ins Schlüsselloch zu stecken.</p>
-
-<p>Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden
-Herzens, aus der Mutter Speisekammer stibitzt.</p>
-
-<p>Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und
-schauten mit ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie
-seufzten beide tief, denn es war ihnen nicht geheuer zu
-Mute. Sie hätten's nicht thun sollen! So heimlich fortzuschleichen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-war das Rechte nicht, das fühlten sie. Und sie
-dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an
-Frau Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten
-Respekt hatten. Was die wohl dazu meinen würde?</p>
-
-<p>»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! &ndash;
-Himmlisch!«</p>
-
-<p>Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von
-dem Winde treiben. »Glaubst du wirklich, daß es was gibt,
-wenn sie's oben merken?« fragte Röse.</p>
-
-<p>Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen
-Longshawl gefaßt und sich darin verfangen.</p>
-
-<p>»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub'
-schon. Aber wenn alles gut ausgeht, und wir haben sie
-wirklich gesehen, und wir sagen's, dann &ndash; dann&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Wind nahm ihr den Atem.</p>
-
-<p>Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern
-lieber gedeckt, wie die Diebe an den Häusern hin; und so
-eilten sie Hand in Hand vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke
-flatterten wild im Westwinde; die Stirnlöckchen, selbst die
-schweren hängenden Zöpfe wehten und peitschten um sie
-her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries
-Zopf übers Gesicht gefahren war.</p>
-
-<p>Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der
-Gaststube schimmerte Licht in die Dunkelheit; es trat jemand
-aus der hellerleuchteten Thorfahrt. Röse und Marie drückten
-sich atemlos, erschreckt in den Schatten an die Mauer. Dann
-liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen Augen, weil der
-Sturm Sand und Staub aufrührte.</p>
-
-<p>Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond
-schaute auf einen Augenblick ungeheuer glänzend, als
-wäre er von den Wolken eben erst wieder blank gewischt
-worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde hinab.</p>
-
-<p>»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen.</p>
-
-<p>Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-die Ilm nächtlich an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen
-und lauschten ins Dunkel hinaus.</p>
-
-<p>Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der
-Sturm hatte sie wie ein paar Rosenbüsche zerzaust.</p>
-
-<p>»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte
-Marie, »wenn sie uns nur nicht erschrecken!«</p>
-
-<p>Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende
-und wieder verschwindende Mondlicht, die
-schweren, schwarzen Wolken, der Sturm, der in den hohen
-Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche Stille, ohne
-menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell unterbrochen,
-das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne
-auf der Mühle, &ndash; alles bedrückte sie!</p>
-
-<p>Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem
-ähnlich, den der Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen
-hatte; aber er kam so zaghaft zu stande, daß er wie
-ein Hauch verflog.</p>
-
-<p>»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte
-Marie kaum hörbar.</p>
-
-<p>»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und
-beide schmiegten sich fest aneinander.</p>
-
-<p>»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,«
-meinte Marie. »Wir müssen ein bißchen näher. Ob der
-Müller ihnen wohl die Fähre los gemacht hat?«</p>
-
-<p>Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam.</p>
-
-<p>»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie.</p>
-
-<p>Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben:
-»Scheußlich falsch.«</p>
-
-<p>»Oho!« hörten sie laut rufen.</p>
-
-<p>Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur
-ein paar Augenblicke, da standen ihre drei Freunde Budang,
-Horny und Ernst Schiller vor ihnen.</p>
-
-<p>»Trödelbüchsen!« rief Budang.</p>
-
-<p>»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p>
-
-<p>Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle
-Fähre. Das Ilmwasser rauschte und gluckste um die groben
-Bretter und schien eine eisige Kälte zu verbreiten.</p>
-
-<p>Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre
-zwischen den geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder,
-woran die schweren Taue liefen, schnurrten; der Wind
-klappte und rasselte damit. Röse und Marie saßen aneinander
-gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre heute
-sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd,
-dem man nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende
-Wasser schlich, wie sie schwankte, ruckte und zuckte! Der
-Sturm erschwerte die Ueberfahrt außerordentlich.</p>
-
-<p>»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse
-wieder, &ndash; »so schwarz!«</p>
-
-<p>Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?«</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie
-waren gerade dabei, die Fähre am andern Ufer anzulegen,
-und mußten aufpassen.</p>
-
-<p>Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer
-schwer und bang gestimmt. Alle miteinander schritten in
-einer Reihe den aufwärts führenden Weg hinan. Den breit
-ausladenden Westwind hatten sie jetzt in der Seite. Man
-konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond war
-einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit
-pechschwarz.</p>
-
-<p>Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?«</p>
-
-<p>»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!«</p>
-
-<p>»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in
-der Osternacht da stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.«</p>
-
-<p>Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen.</p>
-
-<p>»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade,
-denke ich, gehen wir doch!«</p>
-
-<p>Tiefe Stille.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen
-miteinander und die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es
-durchrieselte sie selbst bei ihren Worten.</p>
-
-<p>»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so
-fürchterliche Dinge! Am Tage denkt man nicht daran, aber
-nachts, da sieht alles so wie in einer alten schrecklichen Geschichte
-aus. Weißt du von dem Fährmann, der die Toten
-über ein großes schwarzes Wasser setzte; &ndash; so wie wir vorhin,
-fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie
-lieb haben. &ndash; So hat es gewiß gerauscht, &ndash; und so kalt
-wird's gewesen sein, und die Taue haben so geklappt, und
-die Räder geschnurrt; und alles pechschwarz, Sturm, nie
-wieder Sonnenschein! &ndash; Und da haben sie auch so auf der
-Bank gesessen und sich gefürchtet, &ndash; und sind auf Nimmerwiedersehen
-fortgefahren! &ndash; Budang, wie mir die Göchhausen
-leid thut! &ndash; Glaubst du denn wirklich, daß sie
-kommt? &ndash; Und wie ist's denn nur, daß sie gerade kommt,
-und die andern nicht? &ndash; &ndash; Ach, Budang, wer so was
-wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?«</p>
-
-<p>Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie
-aus einer Flasche spricht, &ndash; so fiept, &ndash; das ist gräßlich!«</p>
-
-<p>Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien,
-alle Hand in Hand.</p>
-
-<p>Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden
-Blätterknospen aneinander; es klappte und sauste, und
-über die kahlen Felder kam es unheimlich angebraust.</p>
-
-<p>Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und
-die Blätter werden erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie
-sich an Budang fest vor Grauen. Und Marie flüsterte
-bebend: »Pfui Röse!«</p>
-
-<p>»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten
-die sich!«</p>
-
-<p>Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt;
-ganz geheuer war es keinem von der Gesellschaft zu Mute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn
-sie wirklich kommen sollte! Was machen wir denn da mit
-Röse und Marie &ndash;?« meinte Ernst Schiller.</p>
-
-<p>Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne
-Sorge, wenn es darauf ankommt, fürchte ich mich gar
-nicht! &ndash; Ich rede sie an!«</p>
-
-<p>»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen
-sollt!«</p>
-
-<p>»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so
-darfst du uns nicht behandeln! &ndash; Weißt du, wir sind so
-gut wie verlobte Mädchen!«</p>
-
-<p>»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich,
-»laß die dummen Witze!«</p>
-
-<p>Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht!
-&ndash; Haben wir je gelogen?«</p>
-
-<p>Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen
-alle zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind
-schnob um sie her und trieb sie noch näher zu einander.</p>
-
-<p>»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand
-sogleich wußte, wem sie angehörte. Sie klang so
-fremd, so unterdrückt, als wenn der Frühlingssturm selbst
-mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan hätte.</p>
-
-<p>Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare
-Veränderung in dem Gesichte seines Freundes Ernst
-Schiller.</p>
-
-<p>Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen
-Götzendienst getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts
-Lieblicheres als diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen
-Herzens geblieben, sein ganzes erstes Jugendfeuer gehörte
-seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn auch seines
-Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja
-noch nicht sagen!«</p>
-
-<p>»Nun, &ndash; weshalb sagst du dann: beide?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten
-sie sie doch auf einer Lüge ertappt, die Bengel!</p>
-
-<p>Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas
-gehabt hatte, was die andre nicht auch besaß. Es mochte
-ihr neu sein, daß sie Einzelwesen waren. Es verdutzte sie
-völlig. Beide gehörten so eng zusammen. Sie waren sogar
-merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre geboren, als
-gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen
-wir ja.</p>
-
-<p>Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche
-durcheinander. Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten
-und Zweige, wie durch ein Riesensieb.</p>
-
-<p>Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein
-andres schwatzend und klagend, frühlingshaft spitz und grell
-vor sich hin. Auch ein Liebespärchen, das sich lockte und
-schalt, koste und sich beklagte!</p>
-
-<p>Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da
-und dort: unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen!</p>
-
-<p>»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure
-Fasanen gekommen, &ndash; vielleicht ein Fuchs.«</p>
-
-<p>»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses
-Verlobungsgeschichte nicht glauben wollte und sich doch nicht
-recht zu fragen getraute.</p>
-
-<p>»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe
-und silberne Füße aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll
-aus.«</p>
-
-<p>Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt
-ganz still.</p>
-
-<p>Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches.</p>
-
-<p>»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen,
-»ist denn deine Verlobung wirklich wahr?«</p>
-
-<p>»Ja, Budang.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine
-vernünftige Person bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst
-du dich denn gern? Ich begreif's nicht! Wieviel jünger
-bist du denn als ich?«</p>
-
-<p>»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft.</p>
-
-<p>»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in
-anderthalb Jahren verheiraten wollte. &ndash; Lächerlich!«</p>
-
-<p>»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig.</p>
-
-<p>»Und du weißt's, daß du verlobt bist, &ndash; seit heute
-erst, &ndash; und bist doch mitgerannt! &ndash; &ndash; Du bist aber gedankenlos!
-Da muß man doch, dächt' ich, ganz erschüttert sein?«</p>
-
-<p>»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht
-ganz verlobt! &ndash; Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer
-dran? &ndash; Immer! &ndash; &ndash; Nein, weißt du, mir ist's auch
-viel lieber, daß ich mit euch hier renne; zu Haus war mir's
-manchmal ganz angst und bange vor Glück.«</p>
-
-<p>»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts
-nach! Wie bist du nur!«</p>
-
-<p>»Ach geh!« wehrte Röse ab.</p>
-
-<p>Der Sturm hatte nachgelassen.</p>
-
-<p>Sie bogen jetzt ins Dorf ein.</p>
-
-<p>Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde!</p>
-
-<p>»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny.</p>
-
-<p>Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht,
-geh' ich wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig.</p>
-
-<p>»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber
-nicht naß!‹« rief Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse
-und Marie denken nicht; sie thun's nur!«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der
-Ilm vorüberführt. Und die Ilm gluckste und rauschte auch
-hier geheimnisvoll nächtlich, und der Wind pfiff noch gespenstischer
-durch die riesig hohen Ulmen. »Wenn sie hier
-käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch
-nirgends ausweichen, &ndash; so zwischen der Mauer und der
-Ilm. &ndash; &ndash; &ndash; Ich stürb' auf der Stelle, wenn sie mich
-anfaßte!«</p>
-
-<p>»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie
-darauf kommen, dich anzufassen? Schließlich war sie doch
-eine vornehme Dame, und die wird sich doch nicht im Grabe
-solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!«</p>
-
-<p>»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht
-hören!«</p>
-
-<p>Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt;
-das nächtliche Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge,
-daß sie doch etwas Unrechtes thäten, das schauerliche Ziel,
-die vermutliche Nähe des Entsetzlichen, &ndash; all das hatte sie
-überwältigt, und sie brach in Thränen aus.</p>
-
-<p>Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze;
-Röses Hals umklammernd, weinte sie bitterlich.</p>
-
-<p>»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!«</p>
-
-<p>Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und
-wußten nicht, was beginnen.</p>
-
-<p>»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten
-ihre blonden Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen
-Körper schmiegten sich fest einer an den andern.</p>
-
-<p>Der Mond schien hell über sie hin.</p>
-
-<p>»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir
-verlassen uns doch nicht?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.«</p>
-
-<p>»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie
-muß der zu Mute sein! &ndash; Und wie schrecklich, daß sich die
-Leute so vor ihr fürchten!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen
-sie fragen. Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!«</p>
-
-<p>Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen.</p>
-
-<p>Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während
-Röse leicht beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun
-gehen wir weiter,« sagten sie dann, und sie hingen sich
-wieder ein in die Arme ihrer Freunde.</p>
-
-<p>»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie
-bedenklich.</p>
-
-<p>In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch
-gestört war, nur die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr
-durch die Baumkronen, da hörten sie etwas! &ndash; Was
-war das?</p>
-
-<p>Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. &ndash;
-Von fern ein Scharren, &ndash; ein Laufen, &ndash; ein Huschen, &ndash;
-Schritte, &ndash; aber merkwürdige Schritte, &ndash; in Sätzen, &ndash;
-etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges, Menschenunwürdiges!</p>
-
-<p>Sie standen alle bewegungslos, lautlos.</p>
-
-<p>Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges
-Hupfen und Huschen!</p>
-
-<p>Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher,
-&ndash; grad auf dem Wege kam es auf sie zu, &ndash; näher, &ndash;
-immer näher, auf dürren Blättern gehend, dann hopsend! Ja,
-wenn sie das wirklich wäre, dann überstiegen diese Laute alle
-Phantasie! Der entsetzlichste Kobold hätte nicht widersinniger
-rennen, hüpfen und stehen bleiben können, als es das that,
-was da ankam! &ndash; Und zu denken, daß diese arme Seele
-eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem
-etwas boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel!
-&ndash; Ein Mensch! Eine Hofdame!! &ndash; so heruntergekommen,
-so urweltlich sich aufführend, &ndash; so ungeheuerlich!</p>
-
-<p>Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde
-mächtig bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-angedrückt, &ndash; totenstill. Wie mußte erst das Aussehen
-des Spukes sein, nach solchen Lauten! &ndash; Sie hatten
-sich alle eine unbestimmte Vorstellung von der Begegnung
-mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes &ndash; Nebelhaftes
-&ndash; Huschendes &ndash; Fiependes, &ndash; und daß sie wie aus
-einer Flasche sprechen würde; aber nicht so &ndash; um Gottes
-willen nicht so!</p>
-
-<p>Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen,
-deren Ränder versilbernd.</p>
-
-<p>Da sahen sie sich etwas bewegen, &ndash; etwas Ungestaltes,
-Niederes; &ndash; es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel,
-&ndash; und zwei unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich
-und hoben sich gespenstig vom dunklen Hintergrund ab! Diese
-wackelnden Hörner, was sollten die? Was wollten die?</p>
-
-<p>Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.</p>
-
-<p>Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein
-Bocken und Stampfen, und wie aus einer Trompete, ein
-urweltlicher, scheußlicher Ton, und &ndash; ein Gelächter! Budang
-war's, der lachte.</p>
-
-<p>Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet
-und beleuchtete &ndash; ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt
-auf vier hohen, sparrigen Beinen stand und seinen Riesenkopf
-mit seinen Riesenohren vor sich hin streckte und horchte.</p>
-
-<p>»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.</p>
-
-<p>Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge
-Scheusal hopsend und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit
-vorgestrecktem Kopf in die Nacht und in den Park hinein.</p>
-
-<p>»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine
-›Muffel‹, der ist dem Pächter entwischt!«</p>
-
-<p>Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was
-kommen; zu einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten
-sie es nicht. Es lag etwas in der Luft, so etwas Rauschendes,
-Werdendes, &ndash; so etwas Banges, Wehes. &ndash; Auf
-Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall
-an, an die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die
-Gräber, &ndash; denn es war heilige Osternacht, wo die Toten
-auferstehen!</p>
-
-<p>Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, &ndash; Käuzchen, &ndash;
-verliebtes Nachtgetier.</p>
-
-<p>Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die
-Schritte waren unhörbar auf dem moosigen Rasenboden.
-Eine moderige Feuchtigkeit stieg auf.</p>
-
-<p>Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.</p>
-
-<p>»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor
-Goethes Gartenhaus alle Morgen gekehrt wurde? Daß
-ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt hat? &ndash; Glaubt
-ihr das?«</p>
-
-<p>Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht
-der stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.</p>
-
-<p>Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst
-einmal gesehen; die Schopenhauern hat's erzählt, und die
-weiß auch, wer's gewesen ist. Beim ersten Morgenschimmer
-hat er das Mädchen getroffen, wie sie gekehrt hat, &ndash; und
-da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele und ist zusammengesunken
-wie ein Wisch; und eine alte Frau, die
-wie ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat
-etwas gemurmelt, wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig
-is!‹ Dann sind sie nie wieder gekommen, und das Kehren
-war aus!«</p>
-
-<p>Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben.
-&ndash; »Ja, wißt ihr denn das nicht?« rief Marie
-unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern gesagt, daß das
-nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen
-gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit
-saß, hat es sich ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt,
-&ndash; so wie ein Kätzchen, &ndash; oder wie ein Mädchen, das ihn
-lieb hatte und für ihn gestorben ist. Einmal hat er auch,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm gesehen, der
-sich über seine Brust spannte, &ndash; nur einen Arm und eine
-Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten
-ging, da soll etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes.
-Es haben's auch andre Leute gesehen und sind
-davor erschrocken. Ja, es war oft jemand unsichtbar um
-ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern
-hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist
-und ihn so übermannt hat, wie der Schauer, wenn das
-Wundersame bei ihm gewesen sei. Und an dem Morgen,
-an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen hat, da soll
-er ganz verstört gewesen sein!«</p>
-
-<p>Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit
-zu haben; alle unterhielten sich weiter über geheimnisvolle
-Dinge. Jeder hatte etwas zu erzählen.</p>
-
-<p>Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim
-Umzug als Feder nachfliegt und im neuen Hause wieder mit
-einzieht; die Beutlersleute, die über Kirstens wohnten,
-kannten einen in ihrer Familie, der auf Spinnenbeinen ging
-und eine Zipfelmütze trug. &ndash; Im alten Rattenneste Weimar
-spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab
-es keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht
-irgend etwas nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein
-altes Haus, in dem es ganz einfach geheuer war, und
-keine adelige Familie, die nicht gerade so wie ihr altes
-Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß. Das heißt,
-auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das
-Familiensilber zu rechnen.</p>
-
-<p>Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf
-den einsamen Parkwiesen hin und her und betraten nun mit
-abermals klopfendem Herzen die dunkelsten, geheimnisvollsten,
-überwachsenen, feuchten Wege an der Ilm, um trotz allem
-der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade dort,
-hieß es allgemein, sollte sie spuken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<p>Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung
-ziemlich von oben herab von diesen Dingen, waren aber
-wiederum um nichts weniger eifrig und weniger erregt, als
-unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die Borkenbrücke
-und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen
-Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und
-Büschen bestandenen Abhange hin, und kaum waren sie hier
-eine Strecke in tiefem Schweigen geschlichen, &ndash; denn es
-war eine so feuchte, monddurchschienene Einsamkeit, als wäre
-jahrhundertelang hier niemand gegangen, &ndash; da standen sie
-alle mit einem Schlage wie gebannt!</p>
-
-<p>Nahe, &ndash; in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand
-aufgestöhnt, und sie hatten alle deutlich gehört, wie etwas,
-das in den Büschen steckte, so recht verbissen und verzweifelt
-zwischen den Zähnen »verdammt!« gezischt hatte. »Verdammt!«
-deutlich »verdammt!« nichts weiter, und dann wieder
-tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten.</p>
-
-<p>»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.</p>
-
-<p>Alle hielten den Atem an und horchten.</p>
-
-<p>Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen
-schien indessen auch zu horchen.</p>
-
-<p>Totenstille!</p>
-
-<p>Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen
-würde, &ndash; denn da war etwas, &ndash; das war sicher!</p>
-
-<p>Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen
-wie die Bildsäulen so starr, &ndash; ganz Erwartung! Dasjenige,
-das in den Büschen auf so sonderbare Weise »verdammt!«
-gesagt hatte, mußte sicherlich in Verwunderung geraten sein,
-was mit den vielen Schritten, die es doch kommen gehört
-hatte, geworden sei.</p>
-
-<p>Jetzt aber, &ndash; was war das? &ndash; Ein Fiepen, ein
-jämmerliches, sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel,
-oder quietsche ein Wägelchen, oder auch als wimmere ein
-Hund unter ganz besonderen Umständen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<p>Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es
-durchaus nicht unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie
-fiepe, oder wie durch eine Flasche rede, hatten sie ja gewußt!</p>
-
-<p>Das war das Entsetzliche!</p>
-
-<p>Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das,
-was im Gebüsch steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.</p>
-
-<p>Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer
-gepackt, mahnte Röse: »So kommt doch!« Und sie war's,
-die sich wieder auf die Beine machte, ohne auf die andern
-zu achten, die ihr schleichend folgten.</p>
-
-<p>So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige
-Schritte, mit klopfendem Herzen und stockendem Atem. &ndash;
-Dann ein gewaltiges Rascheln im dichten Gebüsch, &ndash; ein
-furchtbarer Schrei, &ndash; ein Springen, &ndash; ein heiserer Laut,
-&ndash; und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem großen,
-dunklen Mantel umfangen wurde. &ndash; Ein ungeheurer Schreck!
-&ndash; Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!</p>
-
-<p>Marie schrie verzweifelt auf.</p>
-
-<p>»Ruhig, &ndash; ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was
-macht ihr denn hier? Röse, um Gottes willen, wie kommst
-du hierher?«</p>
-
-<p>Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien
-zu flüstern und war immer noch in dem großen Mantel verschwunden.
-Und jetzt, &ndash; ein zarter, zarter Frühlingslaut,
-&ndash; so süß, so wunderlich, &ndash; ein Laut wie ein Kuß!</p>
-
-<p>»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt.
-»Der lag hier auf der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße
-Wort hatte sich ihr im Schreck und in der Ueberraschung
-gebildet.</p>
-
-<p>Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und
-in der Erregung über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte,
-die ihm den Fuchs verscheuchten, die Schnauze zugehalten
-hatte, wedelnd an Marie in die Höhe.</p>
-
-<p>»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt,<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-erschüttert, doch auch unwillig aus dem großen, dunklen
-Mantel heraus. &ndash; »Was fällt euch denn ein?«</p>
-
-<p>»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten,
-»daß wir ausgerissen sind.«</p>
-
-<p>»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise,
-»sie sind ja mit <em class="gesperrt">uns</em>; &ndash; und wenn <em class="gesperrt">wir</em> dabei sind, dürfen
-sie alles! &ndash; Frau Rat hat es ihnen ein für allemal erlaubt.«</p>
-
-<p>Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die
-die beiden Mädchen hatten, lächeln.</p>
-
-<p>In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine
-überzeugende Vortrefflichkeit, &ndash; so eine unantastbare Treuherzigkeit,
-&ndash; daß jedes weitere Wort, jeder Unwille und
-jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der Adjutant schüttelte
-Budang die Hand und begrüßte die beiden andern, währenddem
-er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.</p>
-
-<p>»Also die Göchhausen wolltest du sehen? &ndash; Für so
-etwas hattest du also doch noch Raum?«</p>
-
-<p>»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft &ndash;
-»lagen da doch des Fuchses wegen?«</p>
-
-<p>»Ja, mein Herz, &ndash; weil ich's daheim nicht aushalten
-konnte. &ndash; Was denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«</p>
-
-<p>Und nun gingen sie alle miteinander und brachten
-die leichtsinnigen Dinger, die Ratsmädchen, heim in die
-Wünschengasse.</p>
-
-<p>Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren
-Kameraden, &ndash; wie gut sie immer wären, wie lustig, wie
-treu, und was sie alles von ihnen gelernt hätte, besonders
-von Budang.</p>
-
-<p>Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus,
-das voller Liebe und Freundschaft war, voller Anhänglichkeit,
-&ndash; und erzählte alle möglichen dummen und lustigen
-Streiche.</p>
-
-<p>Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn,<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-auch ihre Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so
-klug! Solche gibt's nicht wieder!« rief sie.</p>
-
-<p>Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.</p>
-
-<p>Das war Frühlingsreinheit, &ndash; Frühlingszartheit, &ndash;
-Frühlingswonne!</p>
-
-<p>Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Viele, viele Jahre sind vergangen. &ndash; Die Jugend
-vieler Millionen Menschen ist verweht. &ndash; Es ist alles
-anders geworden.</p>
-
-<p>Röse ist nun eine alte Frau. &ndash; Was das Leben ihr
-gab, hat es ihr längst wieder genommen. Sie hat alle
-Freuden genossen und alle Freuden mit Leiden gezahlt &ndash;
-nach Menschenart. Sie ist unendlich geduldig geworden. Sie
-kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich wiederholen
-sehen, immer von neuem. &ndash; Sie ist gut, still und heiter und
-lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die schöne,
-alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, &ndash; sonst nirgends!</p>
-
-<p>Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von
-fremden Dingen, die sie nichts angehen.</p>
-
-<p>Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift
-sie oft, &ndash; aber da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich,
-was geschieht.</p>
-
-<p>Geduldig werden, &ndash; geduldig werden, &ndash; geduldig
-werden! darauf läuft's hinaus.</p>
-
-<p>Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird
-sie gepflegt. Ihre Enkelin sitzt bei ihr am Bette.</p>
-
-<p>Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher
-Sturm, der breit durch die Straßen fährt.</p>
-
-<p>Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.</p>
-
-<p>Da, &ndash; was ist das?</p>
-
-<p>Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch
-munteren Pfiff zu ihrem Fenster herauf; ganz wie damals
-in der Wünschengasse, als sie beim Fasanenessen saßen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise
-bewegt zu ihrer Enkelin, &ndash; »das ist Budang!« Und wie ein
-milder Glanz geht es über das Gesicht der Greisin. &ndash; »Das
-ist er!« nickte sie träumerisch.</p>
-
-<p>»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er
-uns abholen wollte; so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob
-der Vater nicht mehr daheim sei, und ob er mit den beiden
-andern heraufkommen dürfe!«</p>
-
-<p>Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter
-Mann tritt ein, in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz;
-so tadellos, daß es sofort wie etwas Besonderes
-auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf mit lebendigen, geistvollen
-Augen, &ndash; und seine silberweißen, dichten Locken liegen
-ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. &ndash; Er hat eine
-Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.</p>
-
-<p>»Wie geht's der Röse?« fragt er.</p>
-
-<p>Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.</p>
-
-<p>»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im
-Auge, »du kannst ja noch deinen Pfiff!«</p>
-
-<p>»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den
-»Budang« nannten, »das freut dich?«</p>
-
-<p>Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten
-und machten miteinander einen weiten, &ndash; weiten Ausflug
-in die gute alte Zeit.</p>
-
-<p>Und das war die beste Medizin.</p>
-
-<p>Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner
-alten Freundin in Sorgen und Bangen kam; &ndash; aber zuletzt,
-da hatte er's gefunden, was ihr wohl that.</p>
-
-<p>»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, &ndash;
-du treuer Mensch!«</p>
-
-<p>Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, &ndash;
-treu in großer, wahrer, seltener, starker Freundschaft.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_dritte_Ratsmaedel">Das dritte Ratsmädel.</h2>
-</div>
-
-<p class="chap">Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester,
-die sie wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon
-als Kinder oft in der Dämmerung sich von ihr unterhalten,
-wenn der Schnee fiel, und sie daheim still in der Familienstube
-stecken mußten. &ndash; So eine unbekannte Schwester zu
-haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch
-etwas höchst Merkwürdiges!</p>
-
-<p>Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester
-gesprochen; es war ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten
-sie sich Märchen.</p>
-
-<p>Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee
-fallen! &ndash; Sie mußten in der Dämmerung sitzen, und niemand
-durfte sie beachten; dann kam die Schwester dran,
-und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl aussehen
-könne.</p>
-
-<p>Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die
-Tochter aus des Vaters erster Ehe, und nach ihrer Mutter
-Tode von ihrer Großmutter mit nach München genommen
-worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete,
-hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.</p>
-
-<p>Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester
-Barbara schreiben gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-aus dem fernen München alle Weihnachten an den Herrn
-Vater und die Frau Mutter nach Weimar.</p>
-
-<p>Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit
-wunderlichem Schauer.</p>
-
-<p>Einmal schrieb auch die Großmutter.</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="center">
-»Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!<br />
-</p>
-
-<p>Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht,
-woraus ich sah, daß es Ihn und der Frau und den guten
-Kindern wohl und gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man
-wird ein alts Möbel, das heißt, um von mir zu reden. &ndash;
-Waberl wird groß. Sie tritt die Kindsschuh aus. &ndash; Kurios,
-was für ein ruhiges Mädel sie immer war. Grad als wenn
-meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre alte Mutter in
-Voraussicht so geboren hätte.</p>
-
-<p>Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das
-müßt' ich lügen.</p>
-
-<p>Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit
-Jahresfrist jetzt unser Quartier.</p>
-
-<p>So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.</p>
-
-<p>Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf
-dem kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹</p>
-
-<p>Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber
-es ißt doch gut wohnen. &ndash; Fünf Fenster in Front, drei
-Fenster die große Stub und zwei Fenster die Schlafstub,
-dazu Alkoven, ein kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und
-Speicher. Kurz alles, was der Mensch braucht &ndash; und das
-Glockengeläute obendrein.</p>
-
-<p>Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das
-ißt ein Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.</p>
-
-<p>Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.</p>
-
-<p>Herr Sohn mögen mir nit zürnen.</p>
-
-<p>Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm
-geraten. Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust.<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-Die Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche
-Sach und wäre dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich
-bietet, wie ißt Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind,
-und ein Gang zu guten Freunden, und ein gut Obst und
-ein gut Bier. Gottes Gaben sind verschiedenerlei.</p>
-
-<p>Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich
-ißt gut.‹</p>
-
-<p>Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil
-aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt.
-Und eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel
-zu schiegen und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der
-Herr Gott sie in seiner Laune gemacht hat.</p>
-
-<p>Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau
-daß Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen,
-damit es ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das
-Bildnis der heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den
-Hals, was bedeutet, daß sie besonders dem Schutz der heiligen
-Jungfrau anvertraut ißt.</p>
-
-<p>Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen
-sie unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen,
-aber ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie
-den weltlichen Dingen entrückt.</p>
-
-<p>Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine
-Gabe an sich, die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie
-hat eine gesegnete Hand. Und das ißt so gekommen: Ein
-Kindel in unserm Haus hatte die Fraisen und war gottserbärmlich
-geplagt. Zufällig hat die Waben das Kindel in
-die Arme bekommen und hat's umhertragen un gestreichelt
-un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und wenn's
-wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst nach
-der Waben geschickt &ndash; dann hat's sich rumgeredet und es
-sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf
-hatte, und Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch
-das Mäderl ißt gesund worden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder
-Wäsche flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und
-es kommt eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter
-und will sich von der Waben kurieren lassen.</p>
-
-<p>Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von
-Uebel sein?</p>
-
-<p>Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, &ndash;
-wenn's so still und brav dahinlebt.</p>
-
-<p>Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich
-hab' Ihm von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen,
-wie's in die Höh gewachsen ißt, &ndash; und damit Sie, wenn
-ich das Zeitliche gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu
-sich zu rufen.</p>
-
-<p>Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang
-des freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie
-von uns alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die
-liebe Frau und die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens
-verbleib'</p>
-
-<p class="center">
-dero</p>
-<p class="right">
-Großmutter.«
-</p></div>
-
-<p>Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen
-wie ein Märchen wirkte.</p>
-
-<p>Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das
-von einer Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu
-haben, die eine Mutter Gottes am Halse trug, eine katholische
-Schwester! Sie sprachen von dem fürchterlich lauten
-Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und daß sie
-mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.</p>
-
-<p>Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen
-mußte!</p>
-
-<p>Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst,
-der waren sie auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn
-sie erwarteten immer etwas Merkwürdiges von ihr. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in ihr Gebetbuch
-geschaut, &ndash; und sie hatte ihnen einmal das »Heilig« vorgesungen,
-&ndash; etwas ganz Außerordentliches.</p>
-
-<p>Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck.
-&ndash; Häulig! &ndash; Häulig! &ndash; Häulig! kam es wie aus einem
-tiefen Keller herauf.</p>
-
-<p>Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.</p>
-
-<p>Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten
-Keller &ndash; und so fort. So sang es die Magd ihnen vor,
-und sie selbst hatten es bei Spaziergängen oft zu singen
-versucht.</p>
-
-<p>Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt
-worden.</p>
-
-<p>Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die
-Weimaraner zu jener Zeit hatten von »dem Katholischen«
-keine rechte Idee.</p>
-
-<p>In Weimar gab es auch keine katholische Kirche,
-und die Magd mußte jährlich einmal nach Jena wandern
-zur großen Osterbeichte. Da kam sie ihnen vor, wie
-eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben;
-und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu
-beichten.</p>
-
-<p>Sie beneideten sie.</p>
-
-<p>Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande
-sei's gesagt, dann ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres
-als eine Predigt schienen ihnen auf der Welt nicht zu
-existieren.</p>
-
-<p>Das war das Längste.</p>
-
-<p>Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten
-ihnen zum Trost, wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige
-Blumenbouquetchen zum Mitnehmen, oder Budang schnitt
-ihnen ihre Namen besonders kunstvoll aus, oder auch gaben
-sie ihnen Malzbonbons mit.</p>
-
-<p>Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres:<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten; dann war es ein
-großes Fest neben dem Fest, denn da gingen sie alle miteinander.</p>
-
-<p>Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief
-der Großmutter erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse
-und Marie lasen auch diesen. Das war auch ein sehr merkwürdiger
-Brief. Die Großmutter schrieb:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="center">
-»Hochverehrend libswertester Herr Sohn!<br />
-</p>
-
-<p>Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.</p>
-
-<p>Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges
-Engerl zu sein, das arme Mädel.</p>
-
-<p>Herr Sohn, &ndash; 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's
-gehört, wenn der Herr Gott ein End machen will.</p>
-
-<p>Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter
-Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer,
-der mir und dem Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt.
-&ndash; Um meinet und Ihres Willen mög's nun genug
-sein. Sie pflegt mich wie eine heilige Nonn &ndash; Gott sei's
-geklagt.</p>
-
-<p>Da gibt's nix. &ndash; Ungeduld kennt's scheint's nit &ndash;
-und wenn ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.</p>
-
-<p>Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott
-geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich, geschweige
-vor ein menschlich Wesen.</p>
-
-<p>Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig
-Jahr &ndash; und so mög' es dem Herrn gefallen, mich
-baldn zu erlösen, das wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere
-und stehn ihr die Ohren voll Tag und Nacht.</p>
-
-<p>Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes
-Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das
-Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches
-halten im Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter.
-Das walte Gott.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr
-Sohn und die lieb Frau und die Kinder</p>
-
-<p class="center">
-In Todesnot und Jammer</p>
-<p class="right">
-Die Großmutter.«
-</p></div>
-
-<p>Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!</p>
-
-<p>Und sie würden nun zu »drei« sein!</p>
-
-<p>Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über
-alles Maß außerordentlich.</p>
-
-<p>Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren
-Bräutigam Ottokar Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach
-mit dem Großherzog war und auch noch bleiben mußte, zu
-Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.</p>
-
-<p>Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem.
-Sein Hauswesen sollte wie am Schnürchen gehen.</p>
-
-<p>Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit
-Bangen entgegen.</p>
-
-<p>Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich
-mein',« sagte der älteste, »wir hätten Weibsleute genug.
-Röse und Marie zählen doppelt.«</p>
-
-<p>Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber
-auch sie sah dem fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde
-es ihr bei ihnen gefallen? Würde sie mit ihren Kindern
-Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine gute Mutter
-sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen
-haben? Auch die katholische Religion machte sie besorgt.
-Es war alles gar zu fremd.</p>
-
-<p>Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand,
-keinerlei Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also
-du machst ja wohl alles und richtest es ein.« Das war
-das einzige, was er über diese Angelegenheit zu seiner
-Frau sagte.</p>
-
-<p>Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten
-das ganze Haus, vom Keller bis zum Boden, und richteten<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-miteinander das Bett der neuen Schwester in der großen
-Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.</p>
-
-<p>»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die
-Mutter. »Sie muß bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen,
-daß sie Schweres durchgemacht hat, und die traurigen Gedanken
-kommen über Nacht.«</p>
-
-<p>Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von
-ihnen verlangte, und waren des besten Willens voll.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten
-konnten. Ist sie groß oder klein, braun oder blond?
-Das waren die Fragen, die sie nicht beantworten konnten,
-denn die Großmutter hatte nie von Barbaras Aussehen ein
-Wörtchen geschrieben.</p>
-
-<p>Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.</p>
-
-<p>Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein
-Mädchen zu erwarten.</p>
-
-<p>Er wollte es so.</p>
-
-<p>Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch
-gedeckt, und ein Riesennapfkuchen stand mitten unter
-den Tassen, wie ein Berg.</p>
-
-<p>Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.</p>
-
-<p>Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen,
-aber die Mutter verbot es ihnen.</p>
-
-<p>»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«</p>
-
-<p>Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten
-Bäumen, die sich ihrer Farben, ungestört von Regen und
-Nebel, freuen konnten.</p>
-
-<p>In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober
-zur Seltenheit; gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen,
-ehe sie abfallen. Dies Jahr aber war auch ein vortrefflicher
-Zwetschgenherbst. Die Zweige bogen sich unter der blauen
-Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur standen heuer
-acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen aufmarschiert<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch
-die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die
-Magd und Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.</p>
-
-<p>Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und
-tags darauf das Rühren und Kochen im Waschkessel, von
-früh morgens bis spät in die Nacht. &ndash; Ein Hauptfest, an
-dem geschwelgt und geschleckt wurde.</p>
-
-<p>In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte
-auf der Treppe überhört.</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich
-bring' sie euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck
-im Gesicht.</p>
-
-<p>Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich,
-aber reizend, &ndash; flachsblond. Sie steckte in einem
-schwarzen, engen Kleid und trug einen großen, schwarzen
-Holländerhut.</p>
-
-<p>Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht
-gekommen. &ndash; »So ein Geschöpfchen! So ein Püppchen!«
-dachten sie.</p>
-
-<p>Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen,
-und jetzt gab sie den Schwestern die Hand und bot ihnen
-den feinen Mund zum Kuß.</p>
-
-<p>Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte
-Händchen nachdenklich zaghaft in der ihren. »Was für
-Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein Rebhuhn.«</p>
-
-<p>Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen,
-zierlich aufgesteckt.</p>
-
-<p>»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die
-Mutter; und die beiden waren doch gar nicht übermäßig
-groß. Sie schaute lächelnd auf ihre Mädchen, die ziemlich
-verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben der neuen Schwester
-standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die Schelme,
-die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie
-gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen.<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern,
-den sternklaren, dunkel bewimperten Augen, mit den um
-Stirn und Nacken ganz fein geringelten Härchen, die das
-Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit den runden
-Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen
-Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten,
-aber feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen
-Röcken so deutlich daherschritten.</p>
-
-<p>Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.</p>
-
-<p>Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu
-thun, rückten ihr den Stuhl, und Marie führte sie an den
-Tisch. Die Schwester bat, ob sie sich erst die Hände waschen
-dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und fragte dringlich
-nach einem Stück Mandelseife.</p>
-
-<p>Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.</p>
-
-<p>»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife
-geben!« sagte Marie leise.</p>
-
-<p>Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen
-Schwester wanderten sie beide hinauf in die Dachstube.</p>
-
-<p>Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.</p>
-
-<p>Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und
-Marie nötigten sie gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der
-Vater hielt auch mit.</p>
-
-<p>»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit
-diesen beiden großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er
-auf Marie und Röse, »mußt du nun auskommen.«</p>
-
-<p>Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.</p>
-
-<p>Und der Vater hatte recht!</p>
-
-<p>Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen
-und den guten Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen
-lassend, ließ sich gar nichts Treffenderes von ihnen sagen.</p>
-
-<p>»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen,
-»von eurer Wohnung aus konnte man die Alpen doch wohl
-nicht sehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«</p>
-
-<p>»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu
-gleicher Zeit. »Wie sehen die denn aus?«</p>
-
-<p>Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von
-zackigen Bergen; auch manchmal wie Wolken und manchmal
-schneeweiß, wie aus lauter Eis, und manchmal himmelblau.
-Aber nur bei schönem Wetter kann man sie sehen.«</p>
-
-<p>»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«</p>
-
-<p>»Nein, das ist zu weit.«</p>
-
-<p>Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester
-hatte so eine sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht,
-und manchmal »halt«, &ndash; das gefiel ihnen; aber sie sprach
-nur, wenn man sie fragte.</p>
-
-<p>»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was
-heilen, das wissen wir,« sagte Röse.</p>
-
-<p>Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter
-die flachsblonden Härchen.</p>
-
-<p>»Bst!« machte die Mutter leise.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um
-sich von der langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen
-Budang, Ernst von Schiller und Horny voller Neugier und
-Teilnahme, und die Ratsmädchen lieferten ihnen eine Beschreibung
-der neuen Schwester.</p>
-
-<p>»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse.
-»Ich sag' euch, so zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind!
-Gehen hört sie kein Mensch; weißt du, ihre Großmutter hat
-sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und &ndash; komisch! &ndash; einmal
-hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder
-›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel.
-Ihre alte Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«</p>
-
-<p>»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse
-beschämt. Die Orthographie war auch ihre und Maries
-stärkste Seite nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube
-schlichen, schauten sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre
-Schwester in tiefem Schlafe lag.</p>
-
-<p>»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.</p>
-
-<p>»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,«
-meinte Röse.</p>
-
-<p>Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den
-Schlaf der Gerechten schliefen, wusch und kämmte sich die
-sanfte, fremde Schwester lautlos.</p>
-
-<p>Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie
-eine Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf,
-betete ihr Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür
-und begab sich geradenwegs in die Küche.</p>
-
-<p>Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen
-wollte, fand sie die Magd und ihre neue Tochter schon in
-voller Arbeit.</p>
-
-<p>»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach
-deiner Reise!«</p>
-
-<p>»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen
-freundlich.</p>
-
-<p>Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand,
-ohne zu fragen, immer etwas zu thun.</p>
-
-<p>Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm
-das stille Mädchen die erste Stelle ein. Röse und Marie
-aber sahen die ganze Muskocherei für einen ausbündigen
-Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen während der
-Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit
-Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten
-sich auf ihre Art.</p>
-
-<p>Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und
-Zeitvertreib bei der Arbeit.</p>
-
-<p>Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen
-ihren Hausgeist »benamset« hatte. Es war auch, als wäre
-bei Rats wirklich so ein Seelchen eingezogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p>
-
-<p>Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich
-groß, wenn man bedachte, daß die von dem zierlichen
-blonden Mädchen ausging.</p>
-
-<p>Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde
-viel weniger im ganzem Hause gerufen und verlangt.</p>
-
-<p>Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist
-sauber aufgeräumt zu finden, wenn sie nach dem Frühstück
-in ihre Stube kamen, um ihre Betten zu machen. Und nicht
-nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die allersorgsamste
-Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und
-wie sie nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit,
-gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.</p>
-
-<p>Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren
-Gang.</p>
-
-<p>Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete
-freundlich, wenn es gefragt wurde, war immer gleichmäßig
-liebenswürdig, hatte aber ein ganz undurchdringliches Wesen.</p>
-
-<p>»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach
-einigen Wochen kaum bekannter mit ihr, als am ersten Tag,
-und wurden doch von ihr verwöhnt, daß es eine Art hatte.</p>
-
-<p>Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke,
-lange Haar, was bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte
-ihnen die Kleider, half ihnen nähen und schneidern und saß
-bis an die Ohren und mit einem rührenden Eifer in Röses
-Ausstattungsarbeiten.</p>
-
-<p>Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander
-durch den Park.</p>
-
-<p>Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts
-von dir. &ndash; Wir haben dich doch lieb, &ndash; erzähl doch!«</p>
-
-<p>Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an.
-»Wie denn? &ndash; Was denn?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel
-älter als wir; warst du denn nie verliebt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p>
-
-<p>»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast
-du denn nie getanzt?«</p>
-
-<p>»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon
-mitgegangen; aber ich wollt' halt net. Ich hatte Angst,
-daß die Großmutter sich verderben könnt'.«</p>
-
-<p>»Aber sonst hättst du's gemocht?«</p>
-
-<p>»O ja, warum net?«</p>
-
-<p>»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>Da war die Unterhaltung wieder aus.</p>
-
-<p>»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten
-sie nach einer Weile.</p>
-
-<p>»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren,
-und jeden Tag durfte ich in die Messe gehen.«</p>
-
-<p>Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen
-Frauenkirche, den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen,
-dem wundervollen Gesang, der mächtigen Orgel, den vielen
-Menschen, dem Weihrauchduft und den vielen, vielen Grabkugeln
-am Karsamstag.</p>
-
-<p>»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.</p>
-
-<p>»Sehnst du dich danach?«</p>
-
-<p>»Manchmal.«</p>
-
-<p>»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn
-nicht traurig darüber?«</p>
-
-<p>»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete
-sie kurz.</p>
-
-<p>»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen
-die Menschen einen trösten. Uns wenigstens kannst du alles
-sagen. Wir sagen auch alles.«</p>
-
-<p>»Bist du nicht einmal in München in der Komödie
-gewesen?« forschte Marie.</p>
-
-<p>»Ja, einmal.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«</p>
-
-<p>»Passabel.«</p>
-
-<p>»Und was sahst du denn?«</p>
-
-<p>»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar
-nimmer.«</p>
-
-<p>»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar
-nicht!« meinten sie verwundert.</p>
-
-<p>»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander
-einmal in die Komödie, wir und Budang und die andern,
-da wirst du sehen, daß es hier nicht nur ›passabel‹ ist.«</p>
-
-<p>Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren
-Streichen: wie sie mit Budang, Ernst von Schiller und
-Horny aller Nasenlang durchs Hinterpförtchen ins Theater
-geschlüpft seien, &ndash; und wie herrlich das war. Sie berichteten
-ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August, wie der sie
-beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner
-Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei
-ihrer Schwester kein besonderes Verständnis.</p>
-
-<p>Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich
-gehabt habe, trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr
-gute Frau gewesen sein mußte. Die Schwester that ihnen leid.</p>
-
-<p>Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen,
-sagten sie ihm: »Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie
-die Schwester, weil ihnen das gefiel, »ist eigentlich wie ein
-altes Weibchen aufgewachsen. Sie versteht uns gar nicht,
-das arme Ding. &ndash; Und so verschlossen wie sie ist! Weißt
-du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch
-sehr mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders
-»nett« mit ihr zu sein.</p>
-
-<p>Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen
-gemacht, als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit
-als etwas ganz extra Mitleiderregendes hingestellt hatten.</p>
-
-<p>»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter
-aus als wir.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei
-Waben zu machen.«</p>
-
-<p>»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er
-konnte sich's doch nicht verbeißen.</p>
-
-<p>Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie
-glaubten an ihn.</p>
-
-<p>In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten
-sich alle, es der fremden Schwester recht ans Herz zu legen,
-was sie schön fanden. Sie hatten sie in die »Zauberflöte«
-geführt.</p>
-
-<p>Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben
-während der Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.</p>
-
-<p>»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse
-stieß ihre Schwester leicht an.</p>
-
-<p>»Du schläfst ja!«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«</p>
-
-<p>Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah
-nur nieder.</p>
-
-<p>Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst
-du denn nicht auf die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester,
-der da singt.«</p>
-
-<p>»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres,
-als die Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«</p>
-
-<p>Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang
-zu, der hinter ihnen saß.</p>
-
-<p>Und Budang nickte dazu.</p>
-
-<p>Er sprach dann in der Pause mit Waben über die
-Musik. Sie sagte ihm: »Ich wollte, die Großmutter hätte
-die Musik bei ihrem Tode hören können, &ndash; das wär' eine
-Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«</p>
-
-<p>Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.</p>
-
-<p>»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse
-und Marie haben's erzählt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. &ndash;
-»Da gibt's kein Wort dafür! Wer das mit angesehen hat,
-den freut nichts mehr.«</p>
-
-<p>Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf
-ließ, seit sie von daheim fort war.</p>
-
-<p>Das hatte die Musik gethan.</p>
-
-<p>»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.</p>
-
-<p>»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten,
-und ich soll net mal dran denken können? Hier
-wird's einem, als wär's erst gestern geschehen, &ndash; und das
-ist gut. &ndash; Die armen Seelen brauchen unser Mitleid. Sie
-werden überall zu schnell vergessen.«</p>
-
-<p>Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der
-Abgeschiedenen.</p>
-
-<p>Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die
-armen Seelen«, das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie
-aus einem uralten Märchen. Ueberhaupt, obwohl die Waben
-ein tüchtiges und zuverlässiges Hausmütterchen war, würden
-sich die Ratsmädel nicht gewundert haben, wenn es sich
-herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist sei, ein
-armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen
-immer fremder.</p>
-
-<p>Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie
-bedrückt und kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.</p>
-
-<p>Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle
-Klosterspitzen nach einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht
-hatte.</p>
-
-<p>»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?«
-fragte Röse.</p>
-
-<p>»Wär' net übel,« war die Antwort.</p>
-
-<p>Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers
-Adele eingeladen und kam so in den Kreis der geistreichen
-jungen Damen, die alle um einige Jahre älter als
-die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie
-aber alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen
-Wittumstreppe indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt,
-Liebesbriefe waren es auch im eigentlichen Sinne des Wortes
-nicht, sondern vielmehr sprachen die jungen Damen sich
-gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen Episteln
-aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen,
-das größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die
-Treulosigkeit der beiden Schelme.</p>
-
-<p>Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte
-dieser jungen Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge;
-die Waben war nur durch die größten Ueberredungskünste
-ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles Kränzchen
-zu besuchen.</p>
-
-<p>Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu
-gehen. Die langen Zuredereien und das Drängen hörte
-von selbst auf. Sie ging still und kam still, sprach über
-nichts, was sie dort in der Gesellschaft erfahren hatte, &ndash;
-aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen gekommen
-zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei
-Rats ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter
-meinte: »Laßt sie &ndash; fragt nicht!«</p>
-
-<p>Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig
-diensteifrig.</p>
-
-<p>Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes
-Kind; wie ein Sonnenstrahl, so still und gut!«</p>
-
-<p>Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.</p>
-
-<p>Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre
-aus dem jungen, pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen
-geworden. Sie blühte wahrhaft auf und wurde jeden Tag
-reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf- und hinablaufen.
-Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und
-Röse und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das
-Haar machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie
-dazumal, als ihre Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen
-hatten, zum erstenmal im März ganz unvermutet im dunklen
-Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.</p>
-
-<p>Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern,
-die aus der dunklen Ecke kamen, erbebt.</p>
-
-<p>Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.</p>
-
-<p>So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu
-Schopenhauers gegangen, und spät abends bei Mondenschein
-und Winterkälte wandelte sie über hartgefrorenen Schnee
-am Arm eines jungen Mannes, der sie von Schopenhauers
-heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der
-Esplanade zur inneren Stadt führt.</p>
-
-<p>Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte
-das schon öfter so gethan; es war ihm zu einer angenehmen
-Gewohnheit geworden, das liebliche Geschöpf heimzubegleiten.
-Sie hatten keinen besonders weiten Weg vor sich, aber sie
-verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch nie so viel
-hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke, die
-zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern
-lag, &ndash; und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer
-Zuhörer. Bei dem hellen Mondlichte war zu konstatieren,
-daß die Waben einen durchaus nicht ungefährlichen
-Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem prächtigen
-Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken;
-dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und
-galant in der Art, wie er mit dem kleinen Persönchen sprach,
-sich zu ihr neigte und ihr Geplauder anhörte.</p>
-
-<p>Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.</p>
-
-<p>»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen
-sein! Ich fühle Ihren Arm nicht mehr als eine
-Feder.«</p>
-
-<p>»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl
-klein; aber da ist nun nichts zu machen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß
-genug sein,« erwiderte er.</p>
-
-<p>»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem
-Mädel doch Respekt haben, und sie soll ordentlich arbeiten
-können. Ich bin freilich viel stärker, als ich ausseh', gottlob!
-Sonst könnt' ich mir das Salz zum Brot net verdienen.«</p>
-
-<p>»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«</p>
-
-<p>»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim
-schlafen und essen, wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's
-verdient? Was denken Sie denn? Halten Sie uns Mädel
-für Tagediebe? Oder für was denn?«</p>
-
-<p>»Sie sind so tapfer, &ndash; so tüchtig, &ndash; so anders, als
-die Mädchen gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein
-wirkliches Menschenkind, Sie Elfchen?« sagte er zärtlich.</p>
-
-<p>»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine
-Schwestern nicht?«</p>
-
-<p>»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit
-vier Wochen hier, aber Ihre Schwestern hab' ich nun noch
-immer nicht kennen gelernt.«</p>
-
-<p>»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide
-so fleißig und tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen
-Tag zu lachen gibt, &ndash; und so wunderschön! Wissen Sie,
-sie sind das Schönste und Beste, was es auf Erden gibt.«</p>
-
-<p>»Die eine ist verlobt?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ja, die Röse. &ndash; Sie glauben nicht, wie gut sie mit
-mir waren, vom ersten Augenblick an, wie große Kinder.
-Sie sind so freundlich, wie halt eben nur Kinder sind.«</p>
-
-<p>»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen.
-Sie erlauben mir, Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern
-meine Aufwartung mache?«</p>
-
-<p>Die Wangen des Mädchens glühten.</p>
-
-<p>»Gewiß!« sagte sie.</p>
-
-<p>Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-sie. An seinem Arme wußte sie das nie. Er sprach so
-zärtlich. Das war wie himmlische Musik. Gott, daß es
-solches Glück auf Erden gab!</p>
-
-<p>Jetzt standen sie an der Hausthür.</p>
-
-<p>»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus
-im Schlosse. Sie sind mit bei dem großen Aufzug.«</p>
-
-<p>»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen
-wir uns die Schwestern doch miteinander anschauen. Sie
-finden mich auch auf der Galerie; ich beschütze Sie, und ich
-verteidige einen Platz für Sie.«</p>
-
-<p>Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.</p>
-
-<p>»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«</p>
-
-<p>»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes
-Mädchen! Sie sind so gleichmütig!«</p>
-
-<p>»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie
-lächelnd und schloß dabei die Thür auf.</p>
-
-<p>Er wollte etwas darauf entgegnen.</p>
-
-<p>»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand
-zum Abschiede. »Man muß der Wahrheit die Ehre geben.
-Ich bin schon ein bisserl langweilig.«</p>
-
-<p>»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.</p>
-
-<p>»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«</p>
-
-<p>Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen,
-dunklen Hausflur und hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben
-im Kirstenschen Hause und in der ganzen Stadt Weimar,
-denn es war der große Tag, an dem abends im Schlosse
-der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der Kaiserin-Mutter,
-Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.</p>
-
-<p>Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim,
-nichts weiter gehört und gesehen, als Vorbereitungen zu
-diesem großen Feste. Allen schönen und weniger schönen<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Mädchen und Frauen aus der weimarischen Gesellschaft war
-das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer Kaiserin
-sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische
-Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes
-bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem
-Pathos in jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas,
-ohne Ende dasselbe, immer wieder von Anfang an; unermüdlich,
-zum Haarausraufen. Jeder und jede war wochenlang
-von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden bedeutenden
-Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten,
-wie von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren
-gab eine gewisse Beruhigung.</p>
-
-<p>Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von
-den Proben, die Goethe selbst überwachte.</p>
-
-<p>Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm
-gespreiztes Ansehen bekommen, wie noch nie etwas
-derartiges zu stande gekommen war. Die weimarische Glorienzeit
-sollte darüber liegen wie eine schwere, duftende Weihrauchwolke;
-die Weimaraner sollten in ihrer eigenen Herrlichkeit
-wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.</p>
-
-<p>Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des
-Riesenreiches produzieren!</p>
-
-<p>Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete,
-was für Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm
-ausgebrütet worden war.</p>
-
-<p>Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen,
-ungeschickten Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.</p>
-
-<p>Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug
-daran gewesen sein, die Hoffnung und die Geduld zu verlieren;
-denn was die Weimaraner thaten, und wie sie
-sprachen, war natürlicherweise himmelweit von seinem Ideal
-entfernt.</p>
-
-<p>Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-welche Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den
-<span id="corr061">Weimaranern</span> ihr geliebtes Deutsch in einigermaßen richtigen
-Lauten beizubringen.</p>
-
-<p>Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte
-es sich um hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll
-Seine Excellenz sich in der Verzweiflung mit einem Kuß
-geholfen haben, von dem er wohl hoffen mochte, daß er
-begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten O
-und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.</p>
-
-<p>Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp
-auf die Beine zu bringen!</p>
-
-<p>Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat;
-aber niemand verstand ihn zu tragen.</p>
-
-<p>Einzig und allein Seine Excellenz selbst.</p>
-
-<p>An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu,
-es wird schon gehen!« wie es schließlich dann immer heißt
-und heißen muß.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll
-zu thun, &ndash; und that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen.
-Sie befand sich wohl, wie eine Amsel im April. Sie wußte
-zwar kein Wort ihres Anbeters, das direkt von Liebe gehandelt
-hätte, &ndash; aber wozu?</p>
-
-<p>Der Klang seiner Stimme, &ndash; die Art, wie er alles
-sagte, wie er ihr die Hand gab, &ndash; das sprach so eine nie
-gekannte Sprache. Sie wußte sich geliebt! &ndash; Ja, sie
-wußte es!</p>
-
-<p>Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend,
-so unbestimmt, beängstigend.</p>
-
-<p>War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? &ndash;
-Nein, &ndash; nein, &ndash; nein! Gewiß nicht!</p>
-
-<p>So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.</p>
-
-<p>Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.</p>
-
-<p>Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause
-hoch her.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren;
-so etwas Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara,
-als wäre sie in eine andere Welt versetzt, zum erstenmal in
-den Sonnenschein.</p>
-
-<p>Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren
-und hatte auch etwas zu sagen, große, getragene Worte, die
-sie feierlich und ruhig zu sprechen verstand.</p>
-
-<p>Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht,
-bis das Ganze tadellos gelang.</p>
-
-<p>Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie
-von der Schönheit ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die
-jungen, weißen, vollen Glieder, das schneeweiße Gewand,
-das herrliche Gesichtchen, die lebendigen Augen, die schöngezeichneten
-Augenbrauen, die ihr so etwas Vornehmes,
-Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken
-Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die
-Kniee fiel und sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte
-und um die kindliche Stirn. Es war ein so anmutiges Haar!</p>
-
-<p>Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer
-Schwester gleich gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen
-vor, war aber auch, wie Marie, eingewickelt in ihre bräunliche
-Haarflut.</p>
-
-<p>Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.</p>
-
-<p>Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben,
-daß du nicht mitkannst! Wie jammerschade!«</p>
-
-<p>In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen,
-lustigen Wünsche zu regen.</p>
-
-<p>Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!</p>
-
-<p>Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie
-alle Herrlichkeiten, die es zu sehen geben würde, zusammen
-genießen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der
-aus man in den großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr
-Beschützer war schon da und hatte in der vordersten Reihe,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-neben sich, ihr einen Platz gegen die andrängenden Neugierigen
-verteidigt.</p>
-
-<p>Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.</p>
-
-<p>In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von
-den Hunderten von Wachskerzen, und sie sahen von ihren
-dämmerig beleuchteten Plätzen in einen schwarzen Abgrund
-hinab; aber die Waben und ihr Begleiter unterhielten sich vortrefflich
-miteinander, wie sich das leicht denken läßt. Die
-Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.</p>
-
-<p>Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der
-Kerzenanzünder gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit
-auftauchten, und wie die Flammen an den Zündschnürchen,
-was das Neueste war, von Licht zu Licht hüpften
-und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel
-erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer
-Viertelstunde alles glänzte und funkelte, ein ganzes Meer
-von Licht!</p>
-
-<p>Personen schritten geschäftig hin und her durch den
-Saal, anordnend oder Umschau haltend.</p>
-
-<p>Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt.
-»Der Oberhofmarschall!« hieß es, &ndash; »da, &ndash; &ndash; da, &ndash; &ndash;
-da! Da ging er eben!«</p>
-
-<p>Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die
-Hälse wurden gereckt. &ndash; Jeder Lakai wurde angestarrt.</p>
-
-<p>Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. &ndash;
-Sie blühte neben ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach
-langem trüben Regenwetter, wenn ihn ein paar Stunden
-warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie offen sie sprach!
-Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor ihm
-ausgebreitet.</p>
-
-<p>Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte
-das auch nicht. Sie hatte nichts zu geben und mitzuteilen
-als ihre Vergangenheit, &ndash; gar nichts weiter, &ndash; und diese
-Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. &ndash; Er fragte,<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-und sie antwortete. Sie vertraute. &ndash; Jubelnd empfand
-sie zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.</p>
-
-<p>Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin,
-dachte besonnen, daß sie eine gute, kommode Frau abgeben
-würde, und erwog dies hin und her, während sie eifrig schwatzte.</p>
-
-<p>»Aus guter Familie ist sie, &ndash; mitbekommen thut sie
-sicher auch etwas. &ndash; Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich
-unschuldig, ein durchaus bequemer Charakter.«</p>
-
-<p>So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen
-geht und Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.</p>
-
-<p>Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war
-er erst in Weimar angelangt, war hier zu einer guten Stellung
-gekommen, und seine Absicht ging dahin, sich mit einer
-alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu verschwägern.</p>
-
-<p>Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem
-blanken Parkett des riesigen Saales wie in einem stillen See.</p>
-
-<p>Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere,
-helle Saal hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte
-Gäste gekommen. Oben auf der Galerie reckten
-sich abermals die Hälse. Es wurde wieder eifrig getuschelt.
-Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je mehr es
-sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte
-und farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe
-mit griechisch aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder
-Art, auf hohe, schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße
-Hälse und Arme, enge Kleider mit langen Schleppen, Fräcke
-und Uniformen, Lakaien und hohe Würdenträger, &ndash; ein schillerndes,
-bewegliches Durcheinander.</p>
-
-<p>Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar
-parfümiertes Lüftchen nach oben.</p>
-
-<p>Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen
-Saal war gelblich warm.</p>
-
-<p>Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, &ndash; etwas
-Berauschendes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem
-weißen Saal gar nicht genug wundern.</p>
-
-<p>Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die
-fremden Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte
-Ceremoniell, &ndash; die große Feierlichkeit, die große Vornehmheit!</p>
-
-<p>Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte
-Geschichte hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so
-etwas wirklich noch existierte! Ein bißchen komisch erschien
-es ihr, &ndash; ein bißchen ernsthaft, &ndash; ein bißchen schaurig,
-aber hauptsächlich sehr amüsant. Die einzelnen Personen
-interessierten sie gar nicht, nur das Ganze. Sie hörte kaum
-darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute bezeichnete.</p>
-
-<p>Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war
-der weimarische Pomp wirklich auf die Beine gebracht! Da
-lag die weimarische Glorienzeit wirklich wie eine duftende
-Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft feierliche
-Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat
-ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende
-Musik und große Worte, und ein Schimmern und
-Auftauchen und Ziehen und Kommen und Verweilen, &ndash; eine
-Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.</p>
-
-<p>Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem
-großen, feierlichen Pomp am Schlafittchen nehmen lassen.
-Sie gehörten sich nicht mehr selbst. Es war etwas in sie
-gefahren, was sie begeisterte.</p>
-
-<p>Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner,
-sie sprachen nicht mehr wie die Weimaraner. Es war etwas
-Außerordentliches.</p>
-
-<p>Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem
-Aermel. »Meine Schwester! Meine Schwester!« sagte eine
-weiche, leise Stimme ganz erregt. »Sehen Sie, meine
-Schwester!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt
-gerade vor der Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die
-Goetheschen Worte; das gute Ratsmädel leuchtete dabei
-wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit. Sie bewegte
-sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als
-wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne
-Gesicht und die Arme und der Hals und das weiße Gewand
-strahlten.</p>
-
-<p>Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit,
-der Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes.
-Es lag etwas Heiteres, etwas Frohlockendes über die Gestalt
-gebreitet. &ndash; Aller Augen sahen auf sie.</p>
-
-<p>»Das ist Ihre Schwester?«</p>
-
-<p>Die Waben lächelte.</p>
-
-<p>»Die verlobte?« fragte er.</p>
-
-<p>»Nein!«</p>
-
-<p>»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des
-jungen Mannes wie ein Seufzer.</p>
-
-<p>Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick
-seiner Augen sich an ihre Schwester heftete.</p>
-
-<p>Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte,
-so männlich und gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.</p>
-
-<p>Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie
-nieder. Es war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas
-anderes, &ndash; etwas Schwereres.</p>
-
-<p>Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas
-Schreckliches schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es
-war ihr, als wenn ihr Blut aufhörte zu fließen, als wenn
-eine Spange sich ihr fest um den Hals legte, als wenn das
-Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte, weiter zu
-schlagen.</p>
-
-<p>Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig,
-so arm. Wie hatte sie nur denken können, &ndash;
-daß&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen
-Gedanken. Wie große, graue, schwere Steinplatten kamen sie
-ihr vor, die langsam auf sie drückten und sie tief in den
-Boden hineinpreßten, ganz langsam und schmerzlos, &ndash; aber
-entsetzlich.</p>
-
-<p>Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer
-Schwester. Sie wartete, daß er sie wieder anreden würde,
-und sie schaute alles im voraus.</p>
-
-<p>Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon
-geschehen.</p>
-
-<p>Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig
-klingen würde. Sie sah und verstand das alles so
-tief, so klar, so anders, als sie sonst nie verstand und
-begriff.</p>
-
-<p>Ja, &ndash; und so kam es denn auch, ganz so!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, &ndash; aber
-wie ausgelöscht. Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles
-so grau, so fahl, &ndash; alles so gleichgültig, &ndash; so erstickend, &ndash;
-so weh! &ndash; Sie wollte gehen. Sie hatte genug gesehen;
-aber er redete ihr zu, zu bleiben.</p>
-
-<p>Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren
-beiden Schwestern. Er war außerordentlich gnädig und
-schien an den beiden schönen Mädchen großes Gefallen zu
-finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie
-sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen,
-von ihrem gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause;
-von der Schaukelei auf der schmiedeeisernen Thür an der
-Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen Theaterbesuchen, von
-der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf dem Vogelschießen,
-was ich alles ausführlich berichtet habe.</p>
-
-<p>Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher
-großes Wohlgefallen aneinander gehabt.</p>
-
-<p>»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich
-aus!« sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-und ganz versunken, nur Augen für das wunderschöne Mädchen
-unten im Saale behaltend.</p>
-
-<p>Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.</p>
-
-<p>Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat
-war noch auf und sagte: »Warte, mein armes Bärbelchen,
-du sollst mir nicht immer Zuschauerin bleiben! Glaube das
-nicht.«</p>
-
-<p>Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und
-schlief wie betäubt ein und wachte auf, als lägen noch
-immer die schweren Steine auf ihr.</p>
-
-<p>Und so blieb es.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer
-und Teilnehmerinnen am Zug bei der Oberhofmeisterin.</p>
-
-<p>Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern
-aus indischer Seide, die sie von Röses künftiger Schwiegermutter
-bekommen hatten. Dazu trugen sie goldene Gürtel
-und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen Haar.</p>
-
-<p>Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten
-köstlich herab. Die Waben half ihren beiden Schwestern
-beim Anziehen.</p>
-
-<p>Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner
-als gestern.«</p>
-
-<p>Und das waren sie auch.</p>
-
-<p>Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen
-selbst ganz feierlich gestimmt, wie die eine die andre so ansah.</p>
-
-<p>Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den
-Zug nicht mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen
-anzuschauen. Die Lichter unter dem grünen Seidenschirm
-waren angesteckt, und die beiden Mädchen gingen im Zimmer
-umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.</p>
-
-<p>Die Kameraden verhielten sich einsilbig.</p>
-
-<p>Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-so Bekanntes, Vertrauliches, süß Freundschaftliches, &ndash; und
-doch so Entrücktes.</p>
-
-<p>Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer
-beengend auf dem Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl
-zu Mute.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe
-spät zum Frühstück kamen, schenkte die Waben ihnen ihre
-Milch ein.</p>
-
-<p>Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn
-bei Kirstens irgend etwas Besonderes los war, einen Kuchen
-geschickt, und in diesen Kuchen aßen Röse und Marie sich
-in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief ein, wie ein
-paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben
-ihre Erlebnisse.</p>
-
-<p>Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange
-die Welt steht, zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende
-Dinge, die das Geschöpf triumphieren lassen im glückseligen
-Machtgefühle.</p>
-
-<p>Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und
-fischten nach den Rosinen darin.</p>
-
-<p>Und während sie im besten Plaudern waren, brachte
-die Magd einen vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz
-Unbegreifliches zu dieser Winterszeit, und sagte: »Eine schöne
-Empfehlung an Fräulein Marie.«</p>
-
-<p>Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.</p>
-
-<p>Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen
-das Wunder in Empfang.</p>
-
-<p>»Ach Marie!« jubelte Röse auf.</p>
-
-<p>Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, &ndash; ein paar Lippen
-zitterten wie in namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt
-ging unhörbar zur Thür hinaus, ohne daß jemand darauf
-geachtet hätte.</p>
-
-<p>Das war von <em class="gesperrt">ihm</em>!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p>
-
-<p>Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das
-hatten sie ja schon erzählt. Wie war er denn nur hingekommen?
-Er hatte es eben möglich gemacht, dachte die
-Waben dumpf.</p>
-
-<p>Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, &ndash; das
-war es, &ndash; das erst hatte ihr schneidend weh gethan!</p>
-
-<p>»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt
-der alte Paracelsus.</p>
-
-<p>Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen
-bei verschlossener Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz
-zwischen den zitternden Fingern und hatte sich das
-Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl gelehnt und hielt
-Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen Gottesdienst.</p>
-
-<p>Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen
-Orgelbrausen in ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen
-der Geistlichen bei der großen Messe; sie sehnte sich
-nach den prachtvollen Meßgewändern, klangvollen Worten
-und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und den
-gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden
-Gewölben.</p>
-
-<p>Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf
-Orgelbrausen und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter
-Gottes zu Füßen gestürmt. Aber so, in dieser Kahlheit hier,
-da hob der Schmerz sich nicht zum Himmelsflug, sondern
-drückte und drückte und wurde wieder zur grauen, schweren
-Steinplatte, die sie ganz begrub.</p>
-
-<p>Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen,
-stillen, dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus
-und schluchzte laut.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen
-selbst gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der
-Schwestern erkundigt. Das Befinden war vortrefflich. Sie
-waren lustig und guter Dinge. Röses Bräutigam erschien<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-auch, und die beiden schönen Paare standen auf ihrer Lebenshöhe,
-denn auch Marie war ganz entzückt von dem begeisterten,
-wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in sie
-verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem
-Kirstenschen Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne
-Menschen in voller Jugend, die nur von den besten, schönsten
-Dingen sprachen und dachten und träumten, die Feste beredeten
-und Ausflüge und allerhand Vergnügungen und
-Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.</p>
-
-<p>Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher
-Freund sie, leicht befangen, als alte Bekannte, &ndash; that es
-aber mit gutem Gewissen, denn das große Liebesfeuer, das
-jetzt in ihm brannte, hatte das kleine, bedächtige Flämmchen,
-das für die zarte Waben geglommen hatte, vollständig verschlungen.</p>
-
-<p>Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens
-gesagt, gethan und geblickt hatte, davon wußte er wohl
-nichts mehr.</p>
-
-<p>»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.</p>
-
-<p>»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.</p>
-
-<p>Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer
-schon wieder hell empor.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen,
-wie dunkles Wasser.</p>
-
-<p>Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.</p>
-
-<p>Sie liebte ihn so sehr!</p>
-
-<p>Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter
-den glücklichen Menschen vor.</p>
-
-<p>Das ging so ein paar Tage fort, &ndash; so hilflos,
-so über Bord geworfen fühlte sie sich! &ndash; Dann hatte
-sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich ein Herz und bat:
-»Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur Beichte
-fahre?«</p>
-
-<p>Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Es faßte sie wie die Sehnsucht nach einer alles verstehenden
-Mutter, die durch und durch sieht, alles weiß und voller
-Hilfe und Liebe ist.</p>
-
-<p>Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen
-Postkutsche, und der Postillon blies ein Stückchen,
-das zu Herzen ging; so ein echtes, rechtes Postillonstück,
-das die alte lederne Kutsche zu einem lebendigen Ding
-macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen auszieht
-und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen
-durch die dunklen Straßen fährt &ndash; und die Schläfer weckt &ndash;
-und ihnen das Herz bewegt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen,
-heitern Bergen umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest
-hockt, mit spitzen grauen Giebeln und spitzen Dächern, da
-fand sie in der kleinen, uralten, geheimnisvollen Kirche, die
-zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das Orgelbrausen, die
-Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, &ndash; das
-Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da
-durfte sie auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh
-anvertrauen. Und die Weihrauchwolken und die Orgeltöne
-waren wie breite Flügel, auf die sie ihren Jammer niederlegte,
-und die mit ihm höher flogen, und höher und höher,
-immer höher.</p>
-
-<p>Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und
-einem alten, ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und
-beschuldigte sich.</p>
-
-<p>Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende
-mit dieser Liebe kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte
-und glücklich sein wollte.</p>
-
-<p>Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte
-sie. Er sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung;
-er sprach von der Seligkeit des großen Ueberwindens,
-von der reinen Freiheit der freien, ruhigen Seele,<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht beunruhigt,
-mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen
-gönnend, &ndash; nichts wollend selig.</p>
-
-<p>Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen,
-ascetischen Worte zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt
-hatte gegen das »Ueber Bord Geworfensein«, die genießen
-und leben wollte.</p>
-
-<p>Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos
-gedemütigt. &ndash; Sie wollte nur Hilfe und streckte die
-Hände aus und nahm, was man ihr gab: die große, schwere,
-ernste Gabe.</p>
-
-<p>Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete
-sich auf, und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.</p>
-
-<p>Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in
-Weimar wieder ein; der Postillon blies und weckte die
-Schläfer.</p>
-
-<p>Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes
-Wesen und ging durch enge Gassen und Straßen.</p>
-
-<p>Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus
-in der Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen
-Schwestern stand und die beiden Mädchen fest schlafen
-sah, kniete sie nieder und faltete die Hände, und es war
-ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen langsam in das
-tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie
-weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas
-so unsagbar Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes.
-Und es ward ihr weich und weit ums Herz, so frühlingshaft,
-so werdend, als wenn von einem großen, wunderbaren
-Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das
-Beste auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es
-gibt noch etwas, etwas so geheimnisvoll Unergründliches,
-was größer als Glück und Unglück ist, was über allem
-steht, &ndash; etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt
-einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner
-Größe erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle
-Glückseligkeiten.</p>
-
-<p>So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig
-beleuchtete Stube drei Bräute: zwei glückselige, schlafende,
-irdische Bräute, &ndash; und eine süße, kleine Himmelsbraut,
-mit lichtem, klarem Herzen; eine Himmelsbraut, auch wenn
-sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern hier zu bleiben
-gedachte, in diesem glücklichen Hause.</p>
-
-<p>Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in
-der Freude unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, &ndash;
-nichts wollend selig.</p>
-
-<p>Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p>
-
-<h2 id="Kusswirkungen">Kußwirkungen.</h2>
-</div>
-
-<p class="chap">Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus
-gegenüber liegt, da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel
-mit allerlei Schwänken in der Wünschengasse ihr Wesen
-trieben, und Apothekers von ihrem Erker, den ein buckliges
-steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach den
-Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können,
-und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke
-und mit dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die
-Fabianen und die Kummerfelden und die Kameraden der
-Ratsmädchen, Budang, Horny und Schillers Aeltester
-vorüberwanderten, und es überhaupt von all den alten Weimaranern,
-von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig
-ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und
-weiser Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner
-Gemahlin, einer kleinen statiösen Dame, und seiner Haushälterin.</p>
-
-<p>Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles
-blitzblank, vom messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen
-an der Flurthür, bis zu dem messingenen Vogelkäfig
-an dem Fenster über Madame Tiburtsius' Arbeitstischchen,
-und bis auf den letzten Messingnagelknopf in der
-Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die
-der Reihe nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten,
-der Mutter der Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden
-und auch bei Fräulein von Knebel im Schloß, der Erzieherin
-der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und noch einigen
-andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte
-und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne,
-die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen,
-winters in die Stadtkirche nachgetragen wurde und
-die jetzt im Flur hing. Die Kaffeekanne, aus der Herr und
-Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen tranken, blendete
-die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie stand, warf
-ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und
-ließ grelle Lichtringel tanzen.</p>
-
-<p>Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer
-an, das, wenn man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen
-gehörigen Putzlappen, die ganze liebe Erde reingefegt haben
-würde. Dieses Frauenzimmer war eine trockene, hagere
-Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie mit ihren
-beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter
-Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken
-laufen ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes
-Hand mit samt ihren Eimern hervorgegangen, da schauten
-die Hausfrauen, die mit ihren Strickstrümpfen und in großen
-Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich nach ihr aus und
-seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus, der da
-sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.</p>
-
-<p>Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten,
-wie sie wollten, sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen
-doch nichts.</p>
-
-<p>Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt,
-eher hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen
-gedacht, als daß Kathrine von ihrem Dienst in einen andern
-getreten wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter
-von Madame Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der
-alten Dame die messingene Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt,
-aber immer noch blinkend, im Flur hing, mit dem Feuerstörer,
-dem Gesangbuch, dem Lederkissen in die Stadtkirche
-nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit ihren
-Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius
-mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen
-solchen Treubruch gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als
-wäre sie sein angetrautes Weib gewesen und nicht die Köchin
-und Haushälterin der Madame.</p>
-
-<p>»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.</p>
-
-<p>»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn
-sie in Eifer kam über irgend etwas, was ihrer Meinung
-nach der Herr Gemahl hätte unterlassen können.</p>
-
-<p>Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und
-mit der Madame, trotz aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit,
-sich von ihnen und ihren Messingkäfigen, Messingknäufen,
-Messinghandhaben, Messingkesseln, Messingofenthüren,
-Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem
-messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus
-nicht so ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause
-hantieren und auf den Markt gehen, so hätte man glauben
-sollen, solche unanfechtbare, bewährte Sauberkeit, die könnte
-nur in allertiefstem Frieden gedeihen, in einer Harmonie,
-von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung machen
-kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel
-der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger
-noch Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub,
-noch etwas Versalzenes, Angebranntes, Gesäuertes, noch
-Mißverständnisse aller Art, Zank mit Handwerkern, Tauwetter,
-Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde
-und Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf
-Nachmittagvisiten gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-noch Kinder mit schmutzigen Schuhen und Musbröten.</p>
-
-<p>Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf
-Erden. Es ging nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte
-Glanz, der über allen Dingen lag, war nichts weiter
-als was sich eben mit unermüdlichen Fäusten erreichen ließ.
-Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu schlucken, so
-viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.</p>
-
-<p>Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von
-Reinlichkeit und Sauberkeit &ndash; aber im Kern dieser Wolke,
-da saß der Rat und paffte und steckte in einem schmierigen
-Schlafrock und in ausgeschlappten Filzschuhen und häufte
-Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf seinen Schreibtisch
-und rührte all dieses untereinander und streute Schnupftabak
-darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich
-die Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen
-auf die Akten, daß der Puder stäubte und sich mit dem
-Schnupftabak und Rauchtabak und der Asche und den Dochten,
-die er immer aus der Lichtputzschere fallen ließ, auf seinem
-Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren Selbstgesprächen)
-zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.</p>
-
-<p>Das war ein Kreuz und ein Elend &ndash; und dies vor
-den Augen der Welt zu verbergen, war Rats Kathrine ihre
-erste Sorge, da war kein Opfer und keine Mühe groß
-genug.</p>
-
-<p>Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als
-eine Lüge zu verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine
-Lüge zu glauben und glauben zu machen, eine Lüge am
-Leben zu erhalten, für eine Lüge zu leben und zu sterben.</p>
-
-<p>Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre
-ein Wunder von Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe
-und dergleichen löblichen Eigenschaften mehr. Das hatte sich
-Kathrine in den Kopf gesetzt, und nicht nur Kathrine, sondern
-das rechtmäßig angetraute Weib auch ebenso. Armer Rat,<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller Unschuld,
-wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter
-dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der
-Tuchbürste und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden
-über dich herfuhr wie ein Hagelwetter, vom Kragen auf den
-Rock mit der sanften Bürste und der harten Bürste in blitzschneller
-Abwechslung &ndash; und wenn, von den Bürsten angelockt,
-sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit
-sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste
-eilig ankam, um dir das Perückchen frisch zu stäuben und
-dein Zöpfchen zwischen den Fingern zu nudeln &ndash; und dann
-das Bürsten von neuem begann &ndash; wild und eifrig, damit
-um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles
-in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!</p>
-
-<p>»Und die Finger, Gustävchen &ndash; und die Finger und
-das Fazeterl?</p>
-
-<p>»Die Finger &ndash;, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche
-Stimme &ndash; so ein bißchen eine fette Stimme und ein wenig
-schnarrend.</p>
-
-<p>Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da
-war es dir ein wenig schwindlig &ndash; da wackeltest du mit
-dem Kopfe ein ganz klein wenig über diese Weibsbilder;
-aber nicht etwa so stark, daß man es mit unbewaffneten
-Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe
-nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir
-nach und öffnete das Schiebfensterchen und rief einmal wie
-allemal: »Aber Gustävchen, pünktlich zum Essen &ndash; damit
-wir den Nachmittag vor uns haben &ndash; Gustävchen!«</p>
-
-<p>Und dann gingst du in deine Sitzung &ndash; da warst du
-ein freier &ndash; ein großer Mensch.</p>
-
-<p>In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch
-in den Teich, wenn du nur das Bild nicht übelnehmen willst!<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-Da kam dir nichts nach &ndash; gar nichts, da mußte alles draußen
-bleiben, unwiderruflich &ndash; alles, alles. Ueber die Schwelle &ndash;
-ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das war
-eine vortreffliche Einrichtung!</p>
-
-<p>Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz
-eigenartig, da war es dir zu Mute wie dem Schneck, der
-sein Haus irgendwo hat stehen lassen aus Vergeßlichkeit,
-wenn einem Schneck so etwas passieren könnte, und der sich
-nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus geschehen
-ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben &ndash;
-oder ob was hineingekrochen ist.</p>
-
-<p>Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat &ndash; das weiß
-ich, und du würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb
-gewesen, wenn du nicht gewissermaßen nackt und bloß in
-die Sitzung hättest gehen müssen, sondern wie der Schneck
-dein Haus, dein Eigentum hättest überall mitnehmen können;
-wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in die
-Sitzung gehen können &ndash; das wäre schön gewesen! Der
-aber hat zu Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.</p>
-
-<p>Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten
-in einem solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist,
-nicht hineinpaßt; daß ein Misthaufen entfernt werden muß,
-und daß es Hände gibt, die das unwiderruflich thun werden,
-wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie Kathrine sagt.</p>
-
-<p>Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und
-es empfing dich so eine angenehme wohlbekannte Luft, eine
-eigentümliche Oede &ndash; fremd starrte dich dein Zimmer an,
-wie eine Wüste dein Schreibtisch, die Dielen naß, kalt,
-fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch vermischt,
-der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft
-ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von
-Gelehrsamkeit, Schnupftabak, Rauchtabak, Asche und Staub
-zerstört, das Behagen verscheucht &ndash; das hast du oft durchgemacht,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft, gezankt,
-aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin wie
-eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine
-Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut
-einfach ein, quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.</p>
-
-<p>Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du
-thun; du warst machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen
-beiden Wärtern, die ihn seelenruhig toben, schreien, zappeln
-lassen, bis der Anfall vorüber ist, und sich sogar verständnisinnig
-in ihrer Roheit über das Gethu des armen Narren
-zulächeln.</p>
-
-<p>Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du
-ein armer Narr. &ndash; Glaub's nur, Herr Rat.</p>
-
-<p>Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie
-nichts, und wie sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin
-deine Gelehrsamkeit ihnen einbrachte, darüber zerbrachen
-sie sich auch den Kopf nicht.</p>
-
-<p>Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige
-Feuerstelle, die die Flamme deines Geistes erzeugte, und
-hielten das für einfache Schmutzerei.</p>
-
-<p>Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die
-Kathrine nicht, weil sie Blankheit für wichtiger als Luft,
-Atemholen, Essen und Trinken ansah, und die Frau Rätin
-nicht, weil sie immer Besuch und Visiten erwartete &ndash; und
-die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.</p>
-
-<p>Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem
-Gläschen Wein und Kringeln. So waren Besuch und Visiten
-voneinander zu unterscheiden bei Frau Rätin und Kathrine.
-Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das war der zweite
-schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht nur
-auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige
-Frau, die bei sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn
-eines im Hause sauertopft, das sollte mir fehlen, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-mich über meinen Nähtisch setzte, wie mein Rat über seinen
-Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte. Gott bewahre.«
-Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen,
-dem kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der
-strammen, kugelrunden Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen
-konnte, daß alles an ihr schwabberte und schwabbelte, die
-wollte das Leben genießen und genoß es.</p>
-
-<p>Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte
-und junge, und war überall dabei und machte alles mit.
-Vormittags hielt sie sich, wie es einer guten Hausfrau geziemt,
-leidlich daheim, flickte, schaute der Kathrine nach, machte
-mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer, sobald
-er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs
-und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die
-Morgenstunden herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit
-einem grilligen Mann am Schreibtisch in Weimar und anderswo
-je hingebracht hat. &ndash; Aber am Nachmittag!</p>
-
-<p>»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.«
-Das rief sie nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem
-Schiebfensterchen nach, wenn er sich in die Sitzung aufmachte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten
-her von allen, die rings um den Marktplatz wohnten.</p>
-
-<p>Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit
-teil, da floß Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie
-ein lustiges Bächlein. Bei Rat Tiburtsius' aber ging der
-Geselligkeitstrieb, der Trieb nach Festlichkeit und Lustbarkeit
-von einem einzigen fetten Weibchen aus, das sich breit und
-wichtig machte.</p>
-
-<p>Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres
-Herzens. Sie kamen zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen.
-Ehe die Stiegen noch trocken waren, tappten kleine und<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-große Füße darauf herum und schleiften den Straßenschmutz
-wieder herein.</p>
-
-<p>Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige
-Nählehrerin, die am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen
-wohnte, kam angehatscht durch dick und dünn, bei
-jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar oftmals
-Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ
-sie dann auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so
-hießen ein paar kleine Häuser am Lottenbach, fallen, hatte
-aber nicht viel genutzt, und so zierlich sie ging, die Alte,
-ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren Kreuzbänderschuhen
-immer noch mit.</p>
-
-<p>Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die
-Fabianen, die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie
-jeden Winter, den Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte
-und die Raben fütterte mit allerlei, was sie bei
-den guten Freunden eingesammelt hatte, worauf sie mit ihren
-großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie ein Rieseneiszapfen,
-zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren
-unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer
-hing, so daß beim Auftauen die Bäche davon herabrannen.
-Und ihre Freundin, die winzige Mamsell Muskulusen mit
-der dicken Perücke, und die wunderschöne Rätin Kirsten mit
-ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers, und der
-Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu
-vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von
-Schiller und Horny und Herr und Frau Egidi, ein junges
-Ehepärchen, und zu feierlicheren Gelegenheiten Madame
-Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs, die ganze
-schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon,
-August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. &ndash;
-Wer sie alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer
-lustigen Weimar, die fleißig bei der dicken kleinen Frau
-Tiburtsius aus und ein gingen und Kathrinens guten Kaffee<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-tranken und die guten Kuchen aßen, die sie buk, und die
-Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen Brotschnittchen
-&ndash; und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von
-Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen,
-so lange, bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das
-Nachsehen hatte.</p>
-
-<p>Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der
-Thür von Herrn Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch
-an der blinkenden Küche von Kathrine. Sie wußten gar
-wohl die Sachlage zu beurteilen; aber das störte sie nicht,
-durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas Anregendes.
-Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in
-die schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau
-trat, da wurde er gescholten und liebenswürdig gehänselt und
-zwischen zwei schöne Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter
-spielen. Und brauchte man sein Arbeitszimmer zu
-lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu irgend
-einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte
-dann irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der
-Apotheker, oder Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend
-so eine Art Witz machten sie stets, gewöhnlich denselben.</p>
-
-<p>Das ging so fort jahraus, jahrein.</p>
-
-<p>Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht
-der Wissenschaft war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten
-von ihm erzählte, daß die Marktweiber ihn nicht nur in eine
-Reihe mit Schiller und Goethe stellten, sondern noch weit
-über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn ganz besonders
-ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger war?
-Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die
-nicht im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet,
-überstäubt und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie
-ein Stall gereinigt, sein Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine
-Atmosphäre gelüftet, seine Gewohnheiten wurden mißachtet,
-seine Ruhe wurde gestört, seine Stube genäßt, versandet, sein<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-Wein verschenkt &ndash; der Boden ihm unter den Füßen weggenommen.
-Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.</p>
-
-<p>Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht
-über den Zustand ihres armen Herrn auf, einzig deshalb,
-weil auch sie dem Trieb nach Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte,
-feindlich im Grunde ihrer Seele gegenüberstand.
-Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt vom Stadthaus
-ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die
-sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente,
-von der sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom
-Stadthause sie ihr mitteilte, und die Geschichte hatte sich
-folgendermaßen zugetragen.</p>
-
-<p>»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der
-Wirt ihr gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm
-einfüllen ließ. »Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und
-gafft, und bei mir steht ein Bauersmann, so 'n Stoffel, der
-nich dreie zählen kann &ndash; der sollte in der Stadt einen Doktor
-holen, aber welchen &ndash; das hatte er dir vergessen. Und nun
-steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor dem neuen
-Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is &ndash; und
-kratzt sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck,
-da sieht der Rat Tiburtsius zum Fenster 'naus &ndash; der
-weiß alles. Wenn einer, so kann der dir's sagen, den
-mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch und
-steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf &ndash; und thut 's
-Maul nich auf.</p>
-
-<p>»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem
-Herrn Rat mein Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann
-da soll schnell einen Doktor aufs Land holen un weiß nich
-mehr, welchen.‹</p>
-
-<p>»Der Herr Rat, der hört's dir nur &ndash; un sagt gleich:
-›Das ist ja wunderlich &ndash; das ist ja wunderlich.‹</p>
-
-<p>»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das
-hatte er gleich weg. &ndash; Der Doktor Wunderlich, der sollte<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-geholt werden. Es muß schonn so an recht Gelehrter sein,
-dein Rat.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen
-und vergaß sie nicht, und wenn es die Gäste der Madame
-gar zu bunt trieben und den Frieden des Herrn Rat gar zu
-unverschämt störten und auch in ihrer Küche herumwirtschafteten,
-das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um Mehlhäufchen
-zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten,
-weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden
-Bilde gebrauchten &ndash; da dachte Tiburtsius' Kathrine,
-daß man so einen gelehrten Mann doch mehr ästimieren
-sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe von
-Jahren lang.</p>
-
-<p>Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar,
-der seine zehn Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so
-verlangte man es damals in Weimar von ihm, auch wirklich
-gab; &ndash; es waren schon bald ihrer zehn beisammen, und der
-Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und der
-Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch
-so und so viele sagten, wenn sie einander begegneten oder
-ein Gespräch anfingen: »Heuer ist's aber in schönster Ordnung«
-&ndash; oder »Ein kapitaler Februar« &ndash; oder »Ein Staatsfebruar«
-&ndash; oder »Heite ham mer en Februar, der sich gewaschen
-hat« &ndash; oder sonst dergleichen etwas, wie es die
-alten Herren von damals zu sagen liebten.</p>
-
-<p>Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen
-und Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge,
-wie weit sie in Jena schon Weimar voraus wären.</p>
-
-<p>Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare
-Lustigkeit gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher.
-Die einen sahen ihn da, die andern begegneten ihm dort.
-Er machte weite Spaziergänge, man hatte ihn mit Leuten
-auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie
-mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-je, ließ sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von
-der Rätin bestäuben und dann wieder bürsten, ohne etwas
-davon zu bemerken. Er suchte die Dinge, die er in der Hand
-trug, in allen Ecken, jammerte nach der Brille, die ihm auf
-der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie seinen
-Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von
-Kathrine ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt
-des Hutes aber seinen alten Filzschuh unterm Arm trug. So
-toll dies auch klingen mag, ist es doch wirklich und wahrhaftig
-wahr und in Weimar auch bei alt und jung gar wohl
-bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn
-Rat fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung
-abgeben, daß überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat
-erzähle, vollständig auf Wahrheit beruht, wie überhaupt alles,
-was ich in dieser Geschichte zum besten geben will.</p>
-
-<p>Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so
-manches Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert,
-es würden sich so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern,
-Gelten und Schaffen aufmachen, um auch aus meiner Quelle
-zu schöpfen, daß ich wohlweislich schweigen werde. Sie
-würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei weitem
-wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. &ndash; Sie würden sich
-mit wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen
-oder höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die
-Goethezeit mit allem Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben.
-&ndash; Jawohl &ndash; daraus wird aber nichts.</p>
-
-<p>Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich
-schuldig gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre
-thun, gestehe ich, daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh
-unterm Arm statt seines Hutes getragen hat, sondern
-etwas andres, was ich mir aber erlaubt habe, des guten Tons
-halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der Rat war
-eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine
-und die Rätin meinten, daß er sein müßte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p>
-
-<p>So ging es eine ganze Weile fort.</p>
-
-<p>Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr
-Rat einen Kauf müsse abgeschlossen haben; aber was er gekauft
-habe, das konnten sie ihr nicht sagen. Auf dem Stadtgericht
-war er auch gesehen worden. &ndash; Gott weiß, wo alles
-man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte
-man ihn gesehen haben.</p>
-
-<p>Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste
-grübelten, Kathrine grübelte. Man fragte, man sprach allerlei
-Vermutungen aus. Die einen meinten, er habe sich ein
-Reitpferd gekauft &ndash; darüber mußte aber die Frau Rätin
-lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen &ndash; da
-lachte die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade
-recht gewesen. Einen Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte
-der Apotheker. Andre wieder kamen darauf, er wolle der
-Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht darüber
-einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.</p>
-
-<p>»Das ist meine Sache &ndash; meine Sache &ndash; meine Sache!«
-fuhr er seine Frau an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er
-sie wahr und wahrhaftig an, als sie hinterlistig und energisch
-hinterlistig in ihn dringen wollte.</p>
-
-<p>Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter
-alter Gatte mit einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes
-fühlte, was sie veranlaßte, nicht weiter in ihn
-zu dringen.</p>
-
-<p>Und so blieb er so weit unbehelligt.</p>
-
-<p>Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern
-zur Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in
-seinem Zimmer auf und nieder und pfiff. &ndash; Er pfiff wirklich.
-&ndash; Wie sonderbar es klang, und wie sonderbar er es
-fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm ordentlich
-steif geworden und juckten ihn. &ndash; Er hatte seit Jahrzehnten
-nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.</p>
-
-<p>Aber heute! &ndash; Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-und schlürfte in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr
-eifrig auf und nieder.</p>
-
-<p>Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und
-kramte unten und oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk
-stand, und auf dem, wo Hüte und Kappen lagen und wo
-ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß. Dem nickte
-er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«</p>
-
-<p>Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen
-und den gestickten Westen herum, und ein paar weiße,
-mächtige Halsbinden fielen oben vom Brett, wo sie neben
-dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf. Es
-knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu
-hinterst im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß
-in einer, und die hatte eine Mechanik und schnappte.</p>
-
-<p>Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen
-und den gestickten Westen &ndash; und sah nach, was angebissen
-hatte.</p>
-
-<p>»Ei &ndash; ei &ndash; ei &ndash; ei!« sagte er betroffen und gedachte
-seiner Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig,
-trotzdem er sie bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen
-&ndash; und kramte weiter.</p>
-
-<p>Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm
-von einem alten Flausrock hervor, einen hellen Flausrock,
-der ihm von oben bis unten ging. Er schien, nach dem
-Zustand zu urteilen, in dem er sich befand, der Vater von
-dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat gerade
-anhatte &ndash; oder auch der Großvater davon. Er war so eine
-Art Schlafrockheiligtum.</p>
-
-<p>»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet
-vor sich hin und schaute den schäbigen Gesellen
-pfiffig an und schaute auf die Rutschpartieen von altbekannten
-Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, wo er die Feder jahrelang
-ausgewischt hatte, so daß glänzende Krusten entstanden
-waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und unbestimmbare<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines
-vergangenen Lebens.</p>
-
-<p>Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte
-ihn sorgfältig und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden
-band er ein paar große Latschen darauf, schob dann
-das Paket in eine Ecke und stellte einen Lehnstuhl davor
-und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine ganze Weile,
-schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er vorsichtig
-zur Thür hinaus. Es war still, ganz still &ndash; Kathrine
-mußte auch fort sein.</p>
-
-<p>Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht
-des Rats. Er legte die Hände über sein spitzes Bäuchlein,
-das sich unvermittelt wie ein Schwalbennest an der hagern
-Figur angehängt hatte, und wandelte so weiter. Diesmal
-aber pfiff er nicht.</p>
-
-<p>Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme,
-wie in der Kirche, wenn er seinen Choral absang &ndash; aber ein
-gutes, herzerfreuendes Lied war es, kein Choral. Und nur die
-erste Strophe davon &ndash; weiter nicht. Er sang so schüchtern,
-als wollte er einer schönen Dame eine Liebeserklärung singend
-vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck über seinem
-Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber kannte
-und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.</p>
-
-<p>Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen
-auf die gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß
-es golden glänzte, und die Strahlen, die in das große Becken
-des Marktbrunnens plätscherten, ließ sie wie lebendiges Silber
-glänzen.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.</p>
-
-<p>Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung,
-eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz
-schleicht, die das ganze Leben vergessen läßt und uns in die<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-liebe, gute Jugend versetzt, denn der Herr Rat hatte alles,
-nur keinen Garten, und er sang genau so, als hätte er einen,
-nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht erinnerungsselig,
-sondern triumphierend &ndash; wirklich triumphierend. Und er
-schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn
-auf seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit
-wir's kurz sagen: er hatte wirklich einen Garten. Er hatte
-einen Garten gekauft &ndash; für sich selbst einen Garten, kein
-Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch der Stadt nichts
-vermacht. Gott bewahre!</p>
-
-<p>Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig
-dichter wurde, mit seinem Flausrock unterm Arme in sein
-neu erworbenes Eigentum zu wandern.</p>
-
-<p>Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten
-würdige Idee gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es
-sollte so lang als möglich niemand etwas davon erfahren,
-und deshalb wartete er auf die Dämmerung und sang das
-Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die
-Kathrine ausgegangen war.</p>
-
-<p>Und endlich &ndash; endlich war es so weit. Der Rat
-schlüpfte in seinen Rock, nahm Stock und Hut, legte über
-den Flausrock und über die alten Latschen ein zerknittertes
-Fetzchen blaues Papier, das er aus einem Fache seines
-Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu jener
-Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo
-man einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem
-in ein einziges Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben.
-Man dachte an eine solche papierne Flut, wie sie uns heute
-überschwemmt hat, noch nicht im Traume damals.</p>
-
-<p>Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen
-Zeitung, wie die »Kölnische« etwa, gerade recht gekommen,
-denn er zupfte und reckte und strich an seinem blauen festen
-alten Papierchen, das gar nichts decken wollte, sondern nur
-wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die
-Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft
-in die Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das
-Frauenzimmer mit den Bürsten ebensowenig daheim war
-als die Gattin mit der Puderquaste und der Puderschachtel.</p>
-
-<p>Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte
-er sich nun einmal angewöhnt.</p>
-
-<p>Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel,
-als es sich irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch
-die Wünschengasse unter dem Wittumspalais hin, die alte
-ausgetretene Treppe, die zur Esplanade führt, hinauf; da,
-unter den alten Linden, war es schon recht dämmerig. Für
-den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; aber
-diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in
-dem Garten glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor,
-wie er den Flausrock dort aufhängen würde, damit er künftig
-alle Herrlichkeit in seinem Garten auch ganz kommod genießen
-könnte, denn im Staatsrock und in Lederstiefeln, das
-hätte ihm nicht gepaßt.</p>
-
-<p>Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das
-schien ihm ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem
-Partiechen, hörten und sahen nichts, das kannte er. So ging
-er weiter und hinter dem Theater noch ein Stückchen Erfurterstraße,
-bis ans Erfurter Chausseehäuschen, dann ging die
-Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin &ndash; Garten
-an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur
-Wallendorfer Mühle.</p>
-
-<p>Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt,
-mit zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges
-langweiliges Strählchen Wasser, mit langweiligen runden
-und dreieckigen Beeten, auf denen wohlgeordnete Blumen
-von gleicher Höhe und gleicher Farbe wachsen, mit dünnem
-Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen winzigen
-Grasfleckchen &ndash; keine so blechernen Gärten, in denen die<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen,
-Gärten, wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren
-urwüchsige Gärten, gesegnete Gärten.</p>
-
-<p>Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit
-von der Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle
-aus, den hatte der Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem
-Liebchen schlich er an den Gartenzäunen hin. Die Hand
-hielt er in der Tasche und faßte den Schlüssel darin fest,
-mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.</p>
-
-<p>Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete
-zwischen den Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend
-etwas anging &ndash; und jetzt stand er vor seiner Thür &ndash; seiner
-Thür, einer Thür aus zart silberglänzenden, verwitterten
-Latten, und durch den Bretterzaun steckten Himbeerbüsche
-ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der Garten
-wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun
-quoll der Duft aus dem vollen grünen Garten &ndash; und der
-Duft gehörte dem Herrn Rat. Ehe er wirklich aufschloß,
-schnaufte er ein paarmal tief.</p>
-
-<p>So ein Duft aus dem eigenen Garten!</p>
-
-<p>Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen
-zuführte, standen die Sommerblumen schon in dicken Knospen,
-und die Pfingstrosen blühten in ganzen Ballen, und Irisblumen,
-blaue und gelbe. Die Aepfel- und Birnen- und
-Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.</p>
-
-<p>Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste
-Dach der Lottenmühle beschatteten, schützten den Garten von
-Norden und hüllten ihn in einen dichten grünen Mantel.
-Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und quoll und
-blühte und knospte und duftete.</p>
-
-<p>Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und
-die großen Bündel des gestreiften Bandgrases raschelten und
-wisperten ganz fein im Winde wie Schilf &ndash; nur weicher.</p>
-
-<p>Und alles war so weich, so voll, so lebendig &ndash; Farben<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-lugten aus der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer
-dicker, flossen immer mehr zusammen, und es war feierlich
-im Garten des Herrn Tiburtsius.</p>
-
-<p>Der stand immer noch mit dem zusammengerollten
-Flausrock mitten auf dem Weg, ohne sich zu regen.</p>
-
-<p>Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich
-zu rühren. Kein Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich
-befand und wie er sich befand, und er kam sich vor wie ein
-Vogel in einem grünen versteckten Nest, den keines Menschen
-Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er
-das Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der
-eigenen, in dem weichen, vollen Garten erschreckt.</p>
-
-<p>Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im
-dumpfen dunklen Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien,
-trockenem Laub, alten Weidenkörben und etwas moderig roch,
-aufgehängt. Der Rat mußte mit den Händen nach einem
-Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem ein
-paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.</p>
-
-<p>Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den
-Gemüsebeeten hin und her, bückte sich und befühlte die
-Salatpflanzen, die sich schon zu Köpfen ballten. So zart
-und elastisch waren sie und fühlten sich etwas fettig an.
-Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend Schlupfwinkeln
-so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die
-Finger.</p>
-
-<p>Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte
-man die Grillen zirpen, und die Luft war voll Laubduft.
-Und manchmal trug ein Windchen den unaussprechlich zarten
-Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen durch die
-Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos
-blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-her kamen ganze Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig,
-so vielgestaltet; bald empfand der Rat diesen wundervollen
-Duft wie Vanille, bald wie alle schönen bekannten
-und unbekannten Düfte zusammengebraut.</p>
-
-<p>Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und
-das Klappern und Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf,
-und die Birken und Eschen rauschten dazu. &ndash; Die Dunkelheit
-sank immer tiefer herab, und der Herr Rat tastete sich
-aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und
-machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete,
-blieb er noch lange ganz versunken stehen und atmete den
-schönen Gartenfrieden ein, und die Dunkelheit verbarg ihn
-mit allen seinen Schätzen vor aller Welt, ihn mit seinen
-Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen, seinen
-knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln,
-Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem
-Gurkenkraut, seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden
-und den hundertfach knospenden Centifolienbüschen.</p>
-
-<p>Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der
-Stadt zuging, da kam er wirklich wie von seiner Liebsten &ndash;
-und zu Hause ließ er kein Wörtchen verlauten.</p>
-
-<p>Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der
-Schopenhauern zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten«
-bei seinen alten Herren gewesen. &ndash; Und unter
-denen ging es das eine Mal so zu wie das andre Mal, da
-war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem
-alten Ehepaar.</p>
-
-<p>Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er
-sich wieder auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es
-schnatterte bis in sein Studierzimmer, und in der Küche
-wurde gebacken und geklappert. Es war großer Damenthee.</p>
-
-<p>Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und
-arbeitete im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-und saß vor dem Gartenhäuschen und paffte aus seiner
-Pfeife, schaute in den blauen Himmel, hörte auf eine Lerche,
-die draußen in den Feldern aufstieg, schnaufte tief den Duft
-seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte sich mit
-den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.</p>
-
-<p>Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der
-alte Bretterzaun war hoch, und von den Nachbargärten war
-er auch nicht ohne weiteres zu belauschen. Dieser Umstand
-hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat zum Ankauf
-dieses Grundstückes zu bestimmen.</p>
-
-<p>Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie
-sangen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Es fuhr ein Bauer ins Holz,<br /></span>
-<span class="i0">Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,<br /></span>
-<span class="i0">Ki &ndash; ka &ndash; Kirmsenholz,<br /></span>
-<span class="i0">Es fuhr ein Bauer ins Holz.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt
-alles Spaß.</p>
-
-<p>Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein
-Lächeln, wie es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin
-war, seine Muskeln niemals inkommodiert hatte.</p>
-
-<p>Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause
-zu sein. Darüber mußte er nun wieder lächeln, denn so
-ganz geheuer kam es ihm doch nicht vor, und er dachte an
-den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, als er die
-Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch
-sehen, wer Herr im Hause ist!«</p>
-
-<p>So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen
-&ndash; aber &ndash; aber.</p>
-
-<p>Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht
-heraus hatten, war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder
-durch den Kopf. Wirklich, das war ein seltener Glücksfall.
-Eigentlich nicht zu glauben. Der Zinngießer Lange, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte wirklich
-so weit reinen Mund gehalten haben.</p>
-
-<p>Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier
-Wochen lang schlüpfte er nun schon wie der Fuchs in seinen
-Bau, und es war ihm, als stände er unter ganz besonderer
-göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch frech und
-unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten
-Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar
-Porreestauden und Dill und Gurkenkraut, was zu einem
-ordentlichen Salat gehört.</p>
-
-<p>Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe,
-denn es war durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen.
-Der Salat aber war vortrefflich.</p>
-
-<p>Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für
-die Heimlichkeiten des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin
-genoß mit ihren Bekanntinnen und Bekannten den Sommer
-mit einer erstaunlichen Energie.</p>
-
-<p>Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten,
-lief Kathrine mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor
-Ortelli und brachte ihr den Beutel ganz appetitlich gefüllt
-wieder mit heim. Und die Frau Rätin nahm ihn dann,
-setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um
-und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte
-darauf von seinem Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in
-der Nähe des »Elefanten«, der dem Hause des Herrn Rat gerade
-gegenüber lag, postierte und wie eine Schildwache auf und
-nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn sie war eine pünktliche
-Frau &ndash; dann gesellten sich allerlei Personen zu ihr und
-gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse
-kamen verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit
-der Adele und den Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und
-die Ratsmädchen; gewöhnlich auch die Begleiter der beiden
-Mädchen, die guten Freunde, und auch Bekannte von den
-Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus,
-und die kleine Muskulusen kam angerannt und manchmal auch
-die Kummerfelden mit einigen Schülerinnen, manchmal auch
-mit allen, wie es sich gerade traf.</p>
-
-<p>Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und
-alten Weimaranern und Weimaranerinnen lachte und schnatterte
-und setzte sich endlich in Bewegung. Entweder nach
-Tieffurth zu oder nach Belvedere oder Ettersburg oder Tröbsdorf,
-nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« nannten, nach
-Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern
-und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen
-sind, nach Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und
-nach Nora.</p>
-
-<p>So genoß man damals den Sommer, wo noch keine
-Menschenseele daran dachte, eine Badereise zu machen oder
-in die Sommerfrische zu gehen.</p>
-
-<p>Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest.
-Jeder alte Weimarsche Garten hatte seinen kleinen
-Herd im Freien, einen gemauerten Herd, auf dem ein Rost
-stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so recht Altäre
-der Geselligkeit.</p>
-
-<p>Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie
-herrlich es war, wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen
-aufstiegen, die Würste sich auf dem heißen Roste wanden,
-dann platzten und rauchig dufteten, und die Leute im Garten
-bei einander saßen mit Weißbroten und Bier, hauseingelegtem
-Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und
-Gesang.</p>
-
-<p>Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und ähnliche Lieder.</p>
-
-<p>In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch
-so ein Bratwurstherd, und es war ihm mehrmals schon das<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Wasser im Munde zusammengelaufen, wenn er davor gestanden
-hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben,
-als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine
-Wurst begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.</p>
-
-<p>Nein &ndash; nein &ndash; lieber keine Wurst!</p>
-
-<p>Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer
-müßigen Stunde das Gelüste gekommen, sich ganz allein ein
-Paar Würste zu braten &ndash; das wäre gegangen, aber der
-Rauch! Den hätten sie in allen Gärten geschnuppert. &ndash;
-Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht gewesen;
-aber verlockt hatte es ihn &ndash; sehr verlockt.</p>
-
-<p>Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren
-Kern die Frau Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf
-bewegt hatte, ging er wieder in den Garten. Es wurde
-ihm jetzt schon gar nicht leicht, sich mit Amtsgeschäften auszureden,
-wenn die Rätin ihn fragte: »Aber Gustävchen,
-heute kommst du doch nach &ndash; kommst uns wenigstens entgegen?«
-Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau
-Rätin und schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und
-wie er diesmal im Garten war, fiel es ihm auf die Seele,
-daß es eigentlich so nicht fortgehen könne, und das stimmte
-ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als wäre der
-schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er
-dachte aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's
-auch weiter gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's
-auch vielleicht noch lang niemand,« und beruhigte sich
-damit und goß seinen Salat und die Radieschen und alles,
-was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der Herr Rat
-ernten sollte.</p>
-
-<p>Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all
-dem Gemüse hin sollte &ndash; und wenn das Obst reifte &ndash; die
-Kirschen glühten schon zwischen den grünen Zweigen: ja,
-was sollte er mit all den Dingen machen? &ndash; hm &ndash; das
-wußte er nicht recht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p>
-
-<p>Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt.
-Allerlei wollte sich eindrängen, was ihm nicht paßte. Es
-lag so in der Luft, war schwül und trüb heute. Der Garten
-war so dicht und grün und voll, so sommerlich und still,
-und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf
-und dröhnend.</p>
-
-<p>Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg,
-vor Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen
-auf und trat behutsam hinaus, schaute nach links: da war
-die Luft sauber, keine Menschenseele zu bemerken &ndash; schaute
-nach rechts &ndash; und stand wie vom Blitz gerührt. &ndash; Ja,
-wo hatte er denn seine Ohren gehabt? &ndash; Drei Gartenthüren
-von ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da
-kam es angerückt. &ndash; Ihm schien es wie Tausende von
-Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden Armen, Tausende
-von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen
-auch geschwenkt wurde. &ndash; Das war die Lawine, die doch
-heute in Tröbsdorf hätte sein sollen. Und mit welchem
-Lärm kam diese Lawine an! Dem armen Rat schwindelte.</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ja &ndash; ja &ndash; was ist denn das?« riefen aus
-dem Gewirre verschiedene Stimmen zugleich.</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen &ndash; Gustävchen!« &ndash; Das war die
-Stimme der Rätin. &ndash; Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein,
-daß er die Hand noch am Schlüssel hatte, um ihn abzuziehen
-&ndash; das hatte die ganze Lawine gesehen, da war
-nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb
-regungslos &ndash; und da waren sie schon alle um ihn.</p>
-
-<p>»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.</p>
-
-<p>Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den
-Herrn Rat mit ihren großen, runden Augen an.</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen! &ndash; Aber Gustävchen!« Das war
-wieder die knarrende Stimme der kleinen Rätin. »Was ist
-denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst du denn her?<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst
-und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich
-alle um ihn wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den
-Kindern auf Weimars Gassen sehr beliebt war und noch
-ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des Wickelkloses
-steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden.
-Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und
-sagte: »Das ist mein Garten. &ndash; Ich komme &ndash; ich habe &ndash;
-ich komme aus meinem Garten &ndash; ich habe mir nämlich einen
-Garten gekauft.«</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.</p>
-
-<p>Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte.
-Aber die Frau Rätin, die kleine, fette Frau, war Meisterin
-darin, in das einzige »Aber Gustävchen!« ganz unglaublich
-viel zu verpacken.</p>
-
-<p>Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt
-ihren ganzen Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert
-Variationen. Sie konnte auf dieser einen Violinsaite ganze
-Lieder und Musikstücke spielen.</p>
-
-<p>Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen
-Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter
-Regimentsgaul.</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie
-ein kleines vollgeladenes Gewitterchen.</p>
-
-<p>Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der
-Bühne und spräche zum Publikum gewendet: »Einen Garten
-hat er also gekauft, und kein Pferd und kein Kütschchen.«</p>
-
-<p>Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine
-Gite! &ndash; Du meine Gite!«</p>
-
-<p>»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk
-lachte. &ndash; Und sie riefen alle durcheinander alles mögliche
-in Weimarscher Ursprache.</p>
-
-<p>»Ne aber!« &ndash; »Herr Jemine!« &ndash; »Herr Jes!« und
-machten ein arges Geschrei damit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n
-mer uns doch aber auch einmal den Garten ansehen.« &ndash;
-Und gesagt gethan. Die Thür ging auf.</p>
-
-<p>Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste
-dazu, und nun strömte es hinein und riß den armen Rat
-mit sich.</p>
-
-<p>Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn
-Rat ein wenig beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte
-Miene aufgesetzt mit so viel Grandezza, als womit sie ihre
-Hüte und Hauben aufzusetzen pflegte. Und diejenigen, welche
-dem Paar am nächsten standen, hörten verschiedene scharf
-betonte »Aber Gustävchen!«</p>
-
-<p>So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte
-und so viel Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten
-mit den vielen lustigen Leuten und dem vielen Gemüse, dem
-Obst und den Sommerblumen und den pflückreifen Kirschen
-und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und dem
-Beerenobst doch auch an.</p>
-
-<p>Und alle waren in der besten Stimmung; der arme
-Rat mußte wahrhaft Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr
-Mütchen an ihm und hänselten ihn und zeckten und neckten
-ohne Aufhören.</p>
-
-<p>Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann
-war und mehr wußte als die ganze Gesellschaft zusammengenommen,
-daß zu verschiedenen Malen sein Name in den
-Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half es
-ihm, eben gar nichts!</p>
-
-<p>Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die
-alten Latschen und die große Pfeife entdeckten, brach ein
-Hallo aus. Sie drängten mit solcher Wucht in das Häuschen,
-alle auf einmal, um den Flausrock zu betrachten, daß
-es den Anschein hatte, als wollten sie die stille, winzige
-Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien,
-Erde und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen,
-mitten unter lauter Stimmen, die nicht müde wurden, den
-Rat zu bearbeiten und zu ärgern, erhob sich plötzlich eine,
-die rief und alle andern wie mit einem Schlag verstummen
-ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«</p>
-
-<p>Das hatte eingeschlagen &ndash; und es zeigte sich, daß die
-alten Weimaraner wahren Feldherrnblick hatten, wenn es
-galt, ein Vergnügen beim Zipfel zu fassen; denn wer weiß,
-was alles dazu gehört, ein wirkliches und wahrhaftiges
-Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das
-so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.</p>
-
-<p>Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in
-aller Eile nach allen Seiten hin ausgeschickt, um zu holen,
-was zu holen war. Die einen mußten in die »Armbrust«
-laufen und die Würste herbeischaffen. Der Apotheker wußte
-ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und
-Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes
-Kompliment vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.</p>
-
-<p>Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen
-und Budang bei sich aus dem Keller holen, um
-ihn zum Feste zu stiften. Der Apotheker lieferte die Brote.
-Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von dem gebracht
-werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand
-am nächsten.</p>
-
-<p>Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf
-dem Frauenplan oder am Markt, nur die Kummerfelden,
-die aber hatte nicht so viel Teller.</p>
-
-<p>Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit
-zugegen. Zu der schickte die Frau Rätin und ließ sagen:
-»Eine schöne Empfehlung und ob die Frau Schopenhauern
-und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben wollten, in der
-Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen,
-und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-Gläser und viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer
-mitzugeben.«</p>
-
-<p>Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin
-&ndash; und das fiel niemand auf &ndash; nur dem Rat fiel es auf.</p>
-
-<p>Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im
-Garten, dem Rat brauchte das Wasser nun nicht mehr im
-Munde zusammenzulaufen.</p>
-
-<p>Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte
-er sich nun beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben
-Abend schon zu Gerichte; die Frau Rätin trieb einen wahren
-Handel. Zu einer gewissen Zeit sollten Apothekers beginnen,
-sich den Salat zu holen und die Mohrrüben, und zum Einmachen
-konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie
-gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden
-sollten alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich
-für ein billiges erstehen.</p>
-
-<p>Und nun sangen sie an diesem Abend alle:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Nur der Herr Rat sang nicht mit.</p>
-
-<p>Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen
-war.</p>
-
-<p>Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist
-mir doch immer abgegangen.«</p>
-
-<p>Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff
-zu, als die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig
-gestopft waren &ndash; und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche
-aus, die alle den geheimnisvollen Kauf des Herrn
-Rat in der Mache hatten.</p>
-
-<p>Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Rat, das ist ein schlauer Mann,<br /></span>
-<span class="i0">Der wollte einen Garten han,<br /></span>
-<span class="i0">Der kauft sich einen Garten<br /></span>
-<span class="i0">Und ließ die andern warten.«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p>
-<p>Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich.</p>
-
-<p>Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und
-konnte es nicht satt bekommen, seinen alten Rat zu ärgern.</p>
-
-<p>»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem,
-mein Schatz, und zieh deinen schönen Flausrock an
-und die Latschen und stecke die Pfeife an, damit wir doch
-auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so kommod umeinander
-geschoben bist.«</p>
-
-<p>Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte
-so etwas an sich, daß er immer das aussprach, was in den
-andern noch unbewußt schlummerte.</p>
-
-<p>Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen,
-so, als wollten sie's zum Platzen bringen, und
-holten den Flausrock, brachten ihn angeschleift und rissen
-sich um die Latschen und brachten die Pfeife, und der arme
-Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich in seinen
-Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker
-hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und
-mußte den Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade.</p>
-
-<p>In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm
-sein Lebtag noch nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn
-er sich auch die Entdeckung seines Gartens manchmal vorgestellt
-hatte, so, in solcher Gestalt, hatte er sie sich nicht vorgestellt.
-Das sind ja lauter Teufel! Die Menschen sind ja Teufel!
-dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen Mucks zu thun.</p>
-
-<p>Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen.
-Aeußerlich zornig zu sein hatte er ganz verlernt, und das
-war das Schlimme und Ungesunde.</p>
-
-<p>Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit
-vor den Augen herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und
-besingen und rührte sich nicht. Er ließ sich alles gefallen
-und machte den liebenswürdigen Wirt und ließ sich eben gar
-nichts davon merken, daß unter dem Flausrock nachgerade
-ein Hexenkessel braute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p>
-
-<p>Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde
-ich sie nur wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit,
-dazu Pläne zu schmieden &ndash; aber &ndash; aber&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer,
-denen er zu Hause davongelaufen war, deretwegen
-einzig und allein, um ihnen entwischen zu können, er sich
-diesen Garten gekauft hatte, die würden nun tagtäglich,
-wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. &ndash; Und diese
-unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne
-Ende &ndash; denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre
-Whistpartieen abhalten würden?</p>
-
-<p>Was sah er nicht alles kommen!</p>
-
-<p>Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen!
-Der Rat verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln,
-das war ja sein eigenstes Element. Was hatte er an langen
-Winterabenden bei seinem Leuchter mit dem grünen Schirm
-nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt!</p>
-
-<p>Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese
-wissenschaftlichen. Wer das kann, der wird doch auch ein
-paar Frauenzimmer loswerden können.</p>
-
-<p>Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem
-Garten im Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die
-ihm die Galle überlaufen ließen.</p>
-
-<p>Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen,
-das wußte er im voraus, und der Kathrine auch einen; die
-Kathrine würde dann im Garten zu putzen und zu wirtschaften
-anfangen wie in ihrer Küche, unter den Büschen
-rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen
-und auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn.
-Und er erlebte im Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten
-Feste auf Feste feierte, ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste
-in schwerer Menge, auch ein Perlzwiebelfest &ndash;
-natürlich. Da sah er schon die ganze Gesellschaft um das
-lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die Zwiebelchen<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm jedenfalls
-einen Gefallen thun, die Unsinnigen &ndash; wie ihn das
-schon im voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte
-ihm weiter aus, wie Kathrine während der Arbeit allen
-Kuchen präsentierte, und wie dem mit einem vorsündflutlichen
-Appetit zugesprochen wurde.</p>
-
-<p>Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle
-Frauenzimmer auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen
-und in große Flocken Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden
-in ihrem geblümten Kleid und die Muskulus mit der großen
-Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack nannte; über der
-Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen Veilchenhut
-auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich
-genau vor sich.</p>
-
-<p>Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und
-Madame Schopenhauer und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen
-mit ihren Freundinnen und Freunden und die
-Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch Frauenzimmer
-und noch viele mehr &ndash; eben alle, die jetzt auch leibhaftig
-im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht
-worden waren, herumwirtschafteten.</p>
-
-<p>Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen
-Hauptärger, die waren damals und sind noch jetzt in Weimar
-stark vertreten.</p>
-
-<p>Jetzt war das Maß voll, über und über voll &ndash; das
-Blut des geduldigen Mannes war endlich in Wallung geraten
-&ndash; in eine ganz wütende Wallung. Wie er so hellsehend
-und außer sich umherlief, kamen ihm die Ratsmädchen
-gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten
-ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie
-würden an allen Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu
-gleicher Zeit sein und unter allen Beerensträuchern hocken
-und immer mit einem Gefolge von so und so vielen. Sie
-waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren.<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine
-große weiße Halsbinde mit der Mechanik hinein.</p>
-
-<p>»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben &ndash;
-diese Bestien?« Das war und blieb es, worüber der Herr
-Rat rachsüchtig und leidenschaftlich grübelte. &ndash; Und mit
-einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen kommen,
-da hatte er's &ndash; da rieb er sich die Hände in seiner Wut
-und flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter
-die dunkelsten Wege auf und nieder.</p>
-
-<p>Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die
-Rätin hatte heute ihr karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke
-kleine Gestalt wie eine Haut umspannte. Um den Nacken
-trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie saßen jetzt vor dem
-Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und stippten
-Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine
-Wohl geliefert.</p>
-
-<p>Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen
-und sprachen aufs ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter
-als kurz vorher, und es hatte den Anschein, als wäre
-die lustige plappernde Lawine im Handumdrehen zu einer
-Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die sich nicht so
-ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem Bratwurstfest
-sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin
-eine ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit
-zu Füßen.</p>
-
-<p>Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht,
-auch den Arthur und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.</p>
-
-<p>Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür
-und verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein
-Stein ins Wasser fällt, zieht er Kreise, und Kreise zog auch
-Arthur Schopenhauer in den Gesellschaften, in die er fiel
-oder fallen mußte, Kreise des Schweigens und des Verstummens.</p>
-
-<p>Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-schaute seine Frau Mama mit angstvollen Augen auf ihn.
-Heute sprach er wieder einmal gar nicht. »Ein rechtes Kreuz
-für so eine gescheite, liebenswürdige Dame wie die Schopenhauern,«
-dachten die Frauen.</p>
-
-<p>Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch
-wie ein Alp auf allen andern. Er »glubschte«, wie die
-Weimaraner sagen, so von unten auf mit seinen großen
-blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn,
-wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel
-gewachsen war.</p>
-
-<p>Ein ungemütlicher Bursche!</p>
-
-<p>Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen
-Wirt, dienerte nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen
-die Zuckerdose und die Tabaksdose. Es war ihm
-in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei andressiert worden.
-Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat beobachtet
-hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen
-haben.</p>
-
-<p>Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald
-das andre Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als
-wollte er eins davon kaufen, oder als hätte er irgendwie
-sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte er sich aufs Malen
-verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war manchmal
-ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt
-sah, ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber,
-Gustävchen,« zu sagen.</p>
-
-<p>Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich
-standesgemäß benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau
-unter den Kirschbäumen die Würste, setzten die Windlichter
-hin und trugen die dampfenden Herrlichkeiten haufenweise
-auf.</p>
-
-<p>Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug,
-um mit der Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es
-zwar alle, daß die Rätin es liebte, wenn man sich hin und<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in Weimar sagen; damit
-war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten sie
-jetzt überwunden.</p>
-
-<p>Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter
-Letzt zu den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett
-antreten, und setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um
-nun endlich mit einem Wolfshunger über die Herrlichkeiten
-herzufallen.</p>
-
-<p>Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht
-stark zusprach, aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige
-Gewohnheit, dem Hausmuff, so daß ein leises, wohlmeinendes
-»Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt kam, mitten durch
-das Stimmengemurmel.</p>
-
-<p>Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher,
-andre spielten Rat- und Antwortspiele und benahmen sich,
-wie es sich für gesättigte Menschen geziemt. Den Rat sah
-man mit der Kummerfelden umherwandern. Das war sonst
-nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim einzulassen.</p>
-
-<p>Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle
-zu, und die Kummerfelden wunderte sich über den
-galanten Rat.</p>
-
-<p>Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt,
-der rauschte nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das
-Wasser. Da, mit einem Male, war es der Kummerfelden
-ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und traumhaft.
-Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften
-&ndash; und dann &ndash; als führe er ihr mit dem Kopf in das
-Gesicht.</p>
-
-<p>Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß
-sie an die Nase, und um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt.
-Und der Kummerfelden war es, als schöbe er sie
-dem Mühlbache zu.</p>
-
-<p>»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf,<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-»was hat denn der Mann? &ndash; Sollte er tobsüchtig geworden
-sein?«</p>
-
-<p>»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der
-Rat wütend in seine große Halsbinde mit Mechanik hinein
-und würgte die erschreckte Kummerfelden wieder. Der wurde
-es angst und bang, sie hätte schreien mögen, verließ sich aber
-fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn »Schreien«, das kam
-ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr ihr ihre
-ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn
-man sie schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander
-finden würde, denn er war immer noch ganz ungebärdig
-und fuhr ihr beständig mit dem Kopf ins Gesicht.</p>
-
-<p>Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in
-Leipzig, Hamburg und Weimar, gingen mit unbegreiflicher
-Geschwindigkeit durch ihre Seele, aber da war keine, die mit
-dieser einige Aehnlichkeit gehabt hätte, es müßte denn eine
-Liebesscene gewesen sein &ndash; ach du barmherziger Gott &ndash; so
-ein sträflicher Gedanke! Der alte, wohlverehelichte Rat und
-sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt« ließ sie in
-diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn alles,
-was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte,
-das war in ein paar Sekunden hineingezwängt.</p>
-
-<p>Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den
-sie für Herrn Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht
-aufhörte, sondern fortfuhr, sie mit seiner Person zu bedrängen,
-gab sie ihm einen ganz gehörigen Puff vor die Brust mit
-ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte etwas
-auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen
-und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch
-dick und dünn, durch Gemüsebeete und Blumenbeete mit
-schiefer Haube der Gesellschaft und den Windlichtern zu.</p>
-
-<p>Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«</p>
-
-<p>»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was
-ist mir denn das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-sind Sie denn so umhergesprungen? &ndash; Ich habe Sie ja
-springen sehen.«</p>
-
-<p>Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer
-Haube, die saß ganz miserabel; aber sie konnte nicht antworten,
-die arme Kummerfelden, denn sie war völlig außer
-Atem und wollte das nicht merken lassen. Ihr gutes,
-menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum
-Zerspringen.</p>
-
-<p>»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was
-ist mir denn das? Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet &ndash;
-oder &ndash; oder wie wär's denn mit noch einem Gläschen?«</p>
-
-<p>Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick
-der alten, guten Dame.</p>
-
-<p>»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang
-sich ihr mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!«</p>
-
-<p>»Aber so zu springen! &ndash; Ich habe Sie ja gesehen.«
-Der Apotheker bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen,
-und stützte die beiden fetten Händchen auf die runden Beine.</p>
-
-<p>»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie
-ärgerlich und nach Luft schnappend.</p>
-
-<p>Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte
-die Hände ihr auf die Schulter und schaute sie an mit einem
-Paar so großer, mitleidvoller Augen, wie man die Frau
-möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes ansehen
-würde.</p>
-
-<p>Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr
-Mienenspiel war durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger
-geworden als andern Leuten ihres.</p>
-
-<p>»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die
-Rätin ganz betroffen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit
-einem weiblichen Wesen im Garten auf und nieder, und<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-wieder kamen sie in die Nähe des Mühlbachs, in die tiefste
-Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat sein Opfer.
-Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der
-Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen,
-hatte eine unsinnige Angst angestanden, so daß die
-doch gewiß erfahrene Kummerfelden über das, was sich
-zwischen ihr und dem Rat abgespielt hatte, im unklaren geblieben
-war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte die
-kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt,
-war aber statt auf den Mund in den Mund geraten, denn
-sie hatte ihn vor Schreck weit aufgesperrt.</p>
-
-<p>Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte
-sie ein paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel
-gar nicht mehr aufkommen konnte.</p>
-
-<p>»Ach, Herr Rat &ndash; ach, Herr Rat &ndash;« lispelte die kleine
-Mamsell verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick
-ihren Kopf und die große weiche Perücke an seiner
-Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz überwältigt, fühlte
-vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt worden war,
-und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle.</p>
-
-<p>Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die
-Kleider zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden,
-und es wurde ihm sonderbar, als dies nicht geschah.
-Die Muskulusen wandelte mit ihm auf und nieder in der
-tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner Hand
-tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse,
-daß sie ihm von jeher sehr ergeben sei &ndash; aber ebenso seiner
-Gemahlin, und daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen
-Frau schuldig sei. Mamsell Muskulus sprach wohlgesetzt
-und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr unbequem,
-so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu
-führen.</p>
-
-<p>Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte.
-Und als sie in den Schein der Windlichter traten, bemerkte<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-der Rat, daß Mamsell Muskulusen einen ganz verklärten
-Ausdruck hatte.</p>
-
-<p>Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine
-andre; diesmal jedoch war er an die Adele Schopenhauer
-geraten, da war's ihm angst und bange dabei; er beschränkte
-sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu küssen und die
-Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte
-er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen.
-Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer
-Hoheit und schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte
-und erschreckte, und in wahrer sittlicher Empörung verließ
-sie den verblüfften Rat am Mühlbach und wandelte ruhig
-gemessen ihres Weges.</p>
-
-<p>»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun
-einmal ein ganzer Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt
-hatte, so mußte die auch durchgeführt werden, und
-so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf ein Frauenzimmer
-&ndash; und wieder auf eins &ndash; und wieder auf eins &ndash;
-und wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig
-dabei, spitzte die Lippen mit einer wahren Virtuosität und
-wütender Zärtlichkeit, denn seine Wut hatte sich gewissermaßen
-in Zärtlichkeit verwandelt.</p>
-
-<p>Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme
-gelaufen, die kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche
-Jammertöne aus, daß es dem Rat erst recht angst wurde.</p>
-
-<p>»Ach mei' Mann &ndash; mei' Mann! &ndash; Was wird mei'
-Mann sagen!« rief sie laut und ängstlich, so daß der Rat
-fürchtete, sie würden alle zusammenlaufen, und daß er von
-ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen ließ.</p>
-
-<p>Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch
-die Ratsmädchen in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte
-er, denen kann's nicht schaden, wenn ich sie ein bißchen erschrecke,
-die brächte ich mir gern vom Hals. Sie waren wie
-immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab
-jeder einen gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber
-durchaus nicht erschreckte; sondern sie hakten sich in seine
-Arme ein, äußerst vertrauensvoll, und Röse bog sich hinter
-dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie hinüber und
-flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können
-wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen.
-Ich habe doch immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem
-Gartenhäuschen etwas Sonderbares abgespielt: es war, als
-hätten die vortrefflichen Würste und der gute Hausmuff ihre
-Kraft verloren, als wäre nur alles eine Art Luftspiegelung
-gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat noch gar
-nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen
-sein. Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen,
-die erschien sich wie verraten und verkauft unter
-ihren guten Freundinnen.</p>
-
-<p>Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte
-mit einem Male so ein Paar närrische Augen gemacht, als
-wäre der Geist der Verwirrung in sie gefahren, dann war
-mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie eine
-Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft
-über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und
-überhaupt tuschelte man überall miteinander.</p>
-
-<p>»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der
-Apotheker ganz verblüfft zur Rätin.</p>
-
-<p>Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten
-ihr die Hühner das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit
-allen war es mit einem Male nicht richtig. Es lag eine
-drückende, schwüle Stimmung über der ganzen, sonst nach
-vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf
-die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als
-hätten in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-Bankerott des Mannes erfahren als die Hausfrau und betrachteten
-sie sich daraufhin.</p>
-
-<p>Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu
-Mute &ndash; und wo steckte denn nur ihr Mann&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein,
-als es ihr immer unheimlicher wurde unter ihren Gästen.
-Und als der Rat endlich kam, da war der Höhepunkt der
-unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da erhoben sich
-die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten
-sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten
-sie gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und
-mit Schopenhauers brachen alle plötzlich auf &ndash; und fort
-waren sie. Apothekers gingen auch mit, denn eins zieht nun
-einmal das andre nach sich.</p>
-
-<p>Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch
-der Rat, die ganz verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht
-nur im Garten. Der Rat, die Rätin und Kathrine lebten
-mit einem Mal im Haus am Markt wie auf einer einsamen
-Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner
-Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr
-tugendhaft. Die Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig
-vor Grübeln. Der Rat aber ging jetzt unbehelligt in
-seinen Garten und wirtschaftete dort wieder im Flausrock.
-Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß
-er bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich
-aus dem Weg gingen.</p>
-
-<p>Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene
-wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal
-aber hatte er auch auf einer Seite, wo er sonst immer
-Niederlagen erlitt, Triumphe gefeiert, und außerdem sah und
-hörte er nichts weiter.</p>
-
-<p>Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-Kummerfelden in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen
-Salatköpfe auf den Komposthaufen und ordnete alles,
-was seine gute Idee angerichtet hatte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich.
-Das Haus am Markt wurde so stille wie ein Grab; seine
-Frau saß in sich gekehrt, war stumm und bedrückt zu jeder
-Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten immer
-fragend die Wände an.</p>
-
-<p>Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus,
-die ihn ganz eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie
-wieder Appetit hätte. Der Rat aber machte lange Schritte
-und schüttelte sich in der Erinnerung an die Strapazen, die
-er durchgemacht hatte.</p>
-
-<p>Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer
-bänger. Er fand jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen.
-Sie war ganz hilflos, ganz verwirrt. Im Herrn Rat regte
-sich etwas &ndash; er wußte selbst nicht recht was, etwas Unbequemes,
-Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er
-ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen
-Gartens gar nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit
-dem er diese Einsamkeit erkauft hatte, verdient hätte; er
-saß mit etwas Aehnlichem, wie einem schlechten Gewissen,
-oben in der Studierstube, und wie ihn früher der Lärm gestört
-hatte, so störte ihn jetzt die Stille.</p>
-
-<p>Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das
-Vertreibungsmittel hatte ganz niederträchtig gewirkt.</p>
-
-<p>Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es
-und Madame Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz
-betreten entgegen. Und Madame Kummerfelden kam feierlich,
-setzte sich aufs Kanapee und fragte nach dem Ergehen
-und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun
-pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf
-Frau Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-mitleidig an, wie damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt
-den Rücken hinunterlief &ndash; und dann kam die ganze
-Pastete von Anfang bis zu Ende &ndash; alles, was geschehen
-und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war,
-mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten
-&ndash; und daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins
-Haus setze und daß die junge Frau Egidi gesagt habe, ihr
-Mann werde ihn fordern, und daß er selbst die harmlosen
-Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld erzählt
-hätten &ndash; und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt
-habe auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht
-für Küssen gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in
-den Mühlbach habe werfen wollen, und daß er tollwütig
-geworden sei &ndash; und daß die Rätin es sich nicht allzusehr
-zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und
-man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild
-zu gewärtigen habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie
-sei, es möge sich stellen, wie es wolle &ndash; und daß sie, die
-Kummerfelden, von den Mannsbildern überhaupt nichts halte,
-was sie auch trieben.</p>
-
-<p>Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas
-im Wege, Zeugen haben sie die Hülle und Fülle, und das
-sei in solchem Fall von größtem Wert.</p>
-
-<p>Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen,
-denn die Muskulusen hatte die ganze Zeit über
-niemand gesprochen, die hatte sich mit ihren Liebesgefühlen
-in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte davon noch
-gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern
-zu teilen hatte.</p>
-
-<p>»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. &ndash;
-Mein Gott, für die Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten
-sollen, so ein gescheiter, gelehrter Mann! &ndash; Es ist wie ein
-böser Traum.«</p>
-
-<p>Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-die arme Rätin saß ganz bewegungslos da, starr und steif,
-und ihre großen runden Augen fragten die Wände um Aufklärung.
-Sie verstand nichts recht, sie war ganz auseinander
-&ndash; ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen,
-als würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte
-Fleisch- und Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen,
-&ndash; und in diese Situation trat völlig unvermutet, leidlich
-harmlos der Herr Rat &ndash; und wurde von der Kummerfelden
-wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt &ndash; und
-von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt &ndash; und zum
-erstenmal in ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!«
-über ihre Lippen. Sie war verstummt. Und so saßen und
-standen sich die drei gegenüber.</p>
-
-<p>Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele,
-als er in die richtenden Augen der Kummerfelden gesehen
-hatte. &ndash; Das waren Augen, wie sie nur auf einem ganz
-Gesunkenen ruhen konnten &ndash; und da die Kummerfelden
-eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles Gesagte
-und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles
-Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das
-aber doch gar nicht!« rang es sich protestierend aus der
-Kehle des Herrn Rats los &ndash; und nun fing der Rat an
-zu erklären &ndash; und predigte erst tauben Ohren &ndash; aber so
-nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung
-auf und sie schaute den Rat an &ndash; und in ihren
-alten lustigen Augen blitzte es auf. Das waren wieder die
-Augen der Kummerfelden, die Kirchenfenster, mit denen sie
-den verworfenen Rat angeschaut hatte, mochten nur so eine
-Art Kraftleistung gewesen sein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt
-&ndash; haben gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben
-&ndash; na ja &ndash; gewissermaßen in gewissen Fällen schon.
-Freilich, wenn Sie sie alle so geküßt haben wie mich &ndash; dann<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-glaub' ich's schon eher &ndash; dann schon. Aber wer küßt denn
-auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen kann so ein
-gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern
-schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen &ndash;
-wundert mich.«</p>
-
-<p>Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.</p>
-
-<p>»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich
-alte Gans!« rief sie ein Mal über das andre Mal, »daß ich
-mit den andern Weibsbildern Ach und Weh geschrieen habe!
-Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«</p>
-
-<p>Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte
-die blinkende Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller
-und Kuchen und Tassen und das Zuckerdöschen.</p>
-
-<p>Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer
-gewesen, urgemütlich, und auch die Erstarrung der armen
-niedergedrückten Rätin löste sich &ndash; und das erste Zeichen
-eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz unglaublich
-betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam.
-&ndash; Und darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich,
-wie nur sie lachen konnte.</p>
-
-<p>Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte,
-auf welche Weise der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich
-gekauften Garten hatte vertreiben wollen, kam ganz
-gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof erzählt und
-bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall. &ndash;
-Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu
-würdigen, der Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen
-Leute hatten überhaupt Vertrauen zu ihm und ließen sich
-nun bei jeder Gelegenheit von ihm beraten, brachten ihm
-ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne werden
-lassen sollten.</p>
-
-<p>Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und
-weshalb der Herr Rat die Frauenzimmer geküßt hatte,
-herumgekommen war, seinen Spaziergang machte, der ging<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius
-wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten
-Freunde und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und
-in den Garten, um zu zeigen, daß sie in keiner Weise etwas
-gegen den Herrn Rat hätten, und in dem alten Garten,
-ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend vorausgesehen
-hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende statt
-&ndash; Versöhnungsfeste.</p>
-
-<p>Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter
-Mann sein und doch dem Leben gegenüber ein rechter Esel
-bleiben könne &ndash; und daß selbst dem gescheitesten Manne
-die Frauenzimmer immer über sind und über sein werden,
-denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts
-&ndash; nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wie_die_Enkelin_der_Ratsmaedel_zum">Wie die Enkelin der Ratsmädel zum
-Blaustrumpf wurde.</h2>
-</div>
-
-<p class="chap">Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott
-und die Menschen, fühlte weder Unruh' noch Erregung,
-weder Hoffnung noch Verzagen, aber hatte eine Art Zuversicht
-und wußte wohl weshalb. Ein günstiges Schicksal
-umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da
-kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.</p>
-
-<p>An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber,
-dessen Kern fürs erste auch nicht verraten wird, denn, wer
-weiß, vielleicht steht sie noch unter dessen Schutz &ndash; und
-Schweigen ist eben bei jedem Zauber die Hauptsache.</p>
-
-<p>Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst,
-ließ ich es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten
-gedruckt wurden; hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb
-versucht, ein Zufall brachte es zuwege, ein Zufall
-machte mich zum Blaustrumpf. Von der schwerwiegenden,
-wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte ich
-nichts &ndash; nicht das Geringste.</p>
-
-<p>Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!</p>
-
-<p>Ich fühlte mich so froh &ndash; so unbedacht!</p>
-
-<p>Was ich that, das war gethan &ndash; das stand mit dem,
-was andre thaten, in keiner Verbindung. Ich empfand mich<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-als Wesen für sich und verglich mich ein für allemal nicht
-mit andern.</p>
-
-<p>Ich las über meine in die Welt geschickten Träume
-viel Gutes &ndash; und wunderte mich.</p>
-
-<p>Unzufriedenes natürlich auch, &ndash; selbstverständlich.</p>
-
-<p>Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das
-stärkt die Persönlichkeit.</p>
-
-<p>Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie
-mir in irgend etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten;
-als ich aber sah, welcher Wirrwarr daraus entstehen
-würde, wenn ich auf alle hören wollte, da kein Urteil
-mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes und
-Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man
-hören? Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der
-andre sagt, gewöhnlich wieder auf mit dem Gegenteil, und
-der Dritte wieder, was der Zweite sagt. Und was ist nun
-das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von dem man
-sich überzeugen lassen soll?</p>
-
-<p>In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde
-eines eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend
-gewürdigt.</p>
-
-<p>Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen
-Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem
-Sessel zwischen ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten
-Gesellschaft einen Vortrag hält.</p>
-
-<p>Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein
-Marabustorch, das Symbol der Weisheit.</p>
-
-<p>Was aber haben seine langen Beine und der spitze
-Schnabel dem Marabu genutzt? Gar nichts.</p>
-
-<p>Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele
-des Künstlers vertieft und hat gefunden, daß der Künstler
-mit einem vortrefflichen, sachgemäßen Humor eine Löffelgans
-hinter diese weibliche Wissenschaft gesetzt hat.</p>
-
-<p>Was konnte er Besseres tun?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p>
-
-<p>Wie stimmt das alles!</p>
-
-<p>Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden!
-Wissenschaft personifiziert als weibliche Figur! Lehrend!
-Was wird sie lehren? Die Löffelgans hinter ihr gibt die
-Würdigung dessen, was sie lehrt.</p>
-
-<p>Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in
-die Intentionen des Künstlers hinein.</p>
-
-<p>Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie
-der Künstler sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans
-begnügt hat, die ja vollkommen genügt hätte, den Wert
-eines Frauenzimmers auszudrücken. Durch des Kritikers
-Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge. Er
-nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«,
-Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. &ndash;
-Solches beweist, daß dem Marabu seine langen Beine und
-sein spitzer Schnabel nichts nutzen, wenn der Kritiker seine
-Augen und sein Verständnis schon auf die Löffelgans gespitzt
-hat.</p>
-
-<p>Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der
-Täuschung, sein Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen
-den sich nichts sagen läßt, und der nichts zu wünschen
-übrig läßt.</p>
-
-<p>Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und
-eine Löffelgans dickgedrungen und kurzbeinig.</p>
-
-<p>Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige
-Marabu ist eine kurzbeinige Löffelgans.</p>
-
-<p>»Marabu,« sagt der Künstler.</p>
-
-<p>»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält
-natürlich in den Augen aller Einsichtigen recht.</p>
-
-<p>»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker
-weiter, »ist leider verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten,
-der Schnabel zu spitz, so daß sie eine gewisse
-Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«</p>
-
-<p>»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p>
-
-<p>»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«</p>
-
-<p>Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn
-der Klügere nicht nachgäbe.</p>
-
-<p>Und es geschehen noch ganz andere Dinge.</p>
-
-<p>Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen
-lassen? soll nach dem würdigen Schelten oder Loben seinem
-Marabu, den die Kritik zur Gans umzaubert, künftighin
-kürzere Beine machen, soll betroffen und zerknirscht sein und
-sich bessern?</p>
-
-<p>Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll,
-so oft überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde,
-kluge Kritiker es wohl wünschen möchten!</p>
-
-<p>Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker
-und Krittler verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr
-übel mitgespielt worden; denn an nichts glaubt man so
-gern und so fest als an das Schlimme, das einer von sich
-selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber unverdientermaßen
-gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von
-sich sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich
-windig aus; aber unverdient gut ergangen ist ein
-grenzenloser Spielraum für alles Wünschenswerte.</p>
-
-<p>Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis
-oft wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen
-hab' ich kennen gelernt!</p>
-
-<p>Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben
-dieser Person etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist
-es mir, als säße ich in einem bequemen Wagen und führe
-leicht und behaglich dieselbe Strecke, die ich einst mühsam
-und beschwerlich zurücklegte.</p>
-
-<p>Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir
-mit warmem Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert
-hielten zu sagen: Sei unsres Mitgefühls sicher, wir halten
-zu dir! Wir haben dich verstanden.</p>
-
-<p>Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-bekannt sind, mit deren Schicksal ich mich mehr, als es gut
-ist, beschäftigte.</p>
-
-<p>Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre
-Leute ungeschoren lassen.</p>
-
-<p>Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als
-ob die Welt nicht Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung
-und Unsinn, Krankheit, Thorheit, Lug und Trug, Lachen,
-Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und Haß,
-solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden
-es nicht genug!</p>
-
-<p>Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben,
-glauben, es sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst,
-wenn sie sich zu den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig
-auf Erden sinnverwirrend durcheinander wimmeln, noch welche
-hinzuträumen, hinzuklügeln.</p>
-
-<p>Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen
-zu Grunde geht, stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel,
-das genügt ihnen nicht; sie schaffen mit Mühe, Begeisterung,
-Qual und Glück, mit ihrem Herzblut Hirngespinste und
-sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen, die sie zu
-sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze,
-die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen
-als außerordentlich wichtige Personen.</p>
-
-<p>Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen
-vernünftigen, weitherzigen Menschen.</p>
-
-<p>Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen
-sie leiden, beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie
-dies nicht gerecht, sachgemäß und vernünftig betreiben oder
-gar vergessen haben, über ihre Käuze ein vollgerüttelt Maß
-zeitgemäßer Moral auszuschütten.</p>
-
-<p>Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben &ndash; tödlich
-ernst &ndash; das ganze Glück der wunderlichen Schöpfer
-hängt an dieser großen Thorheit.</p>
-
-<p>Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-der Urheber dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet,
-gebrochen, &ndash; und wenn es noch so ein gesunder, guter,
-braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen und Armen.</p>
-
-<p>Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« &ndash;
-aber was auf Erden ist nicht Wahn? Was auf der Welt
-thun wir, wobei uns nicht die Sinne umnebelt und verwirrt
-sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?</p>
-
-<p>Sehen wir in irgend einem Ding klar?</p>
-
-<p>Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges
-beurteilen? Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel!
-Uns braucht es nicht zu kümmern. Wer einmal zu den
-Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und was zwischen
-Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.</p>
-
-<p>Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird,
-mag es offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein,
-füllt das Leben der Generationen aus, führt sie ihren Weg
-bis zum Vergehen, und keine Thorheit ist Thorheit genug,
-daß sie nicht ein Menschenleben würdig beschäftigen könnte,
-eins oder das Leben von Millionen.</p>
-
-<p>Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens,
-der durch das Leben führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil
-und Verwirrung den Takt geben, einen ruhigen, praktischen
-Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den nämlich:
-»Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was
-Wert hat.«</p>
-
-<p>Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren
-ist, mögen gelten.</p>
-
-<p>Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen
-er nun einmal, halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern
-möchte, wenn er diesen Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe
-steckt.</p>
-
-<p>Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes
-zu thun, seine Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger.
-Ich bin jetzt scheinbar weit abgekommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p>
-
-<p>Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach
-allen Seiten und sehe überall Leute, die mir sehr bekannt sind,
-was niemand nach dem eben Gesagten Wunder nehmen wird,
-denn diese Leute sind meine geliebten Käuze &ndash; meine selbstgeschaffenen
-Gestalten, würde ein ästhetisch Gebildeter sagen.</p>
-
-<p>Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die
-Patsche, ein gutes Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme
-Nase, oder vielleicht hat er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen.
-Sein Herz kann das Böse auf der Welt nicht ertragen,
-er wird davon zu mächtig gepackt. Salin Kaliske
-habe ich ihn genannt.</p>
-
-<p>Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig
-seines Weges gehen lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch
-&ndash; solch ein Kind, wie unser Erlöser eines war.</p>
-
-<p>Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders
-krummen Nase ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen
-Geldgier? Weshalb bin ich sparsam verfahren mit der Zuteilung
-der allbekannten Attribute?</p>
-
-<p>Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich
-die Ansicht, daß wir in dem lobenswerten Streben nach
-Wahrheit uns allzusehr mit dem gröbsten Aeußerlichen begnügen,
-und mehr als je das Beste und Wertvollste achtlos
-beiseite lassen.</p>
-
-<p>Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich
-wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben.
-Ein kräftiger, lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort,
-ein düsterer, grober Geselle, der in der Todesstunde sich
-mächtig verliebt und sterbend den guten Freund um die
-Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod
-einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.</p>
-
-<p>Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel
-und ein liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht
-begreifen kann, daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen
-muß, der über seine unglückliche Liebe tobt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er
-möchte etwas leisten und schaffen, seiner unerwiderten Liebe
-ein Denkmal setzen; doch ist er unbegabt.</p>
-
-<p>Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und
-nichts mehr. Aber er schafft etwas in heiliger Einfalt aus
-sich selbst, aus seiner eigenen Schönheit.</p>
-
-<p>In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein
-am hohen Kreuz hängt die göttliche Gestalt des Erlösers,
-lebenatmend, geisterhaft. Davor in angstvollem
-Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das zitternd und
-erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die
-dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.</p>
-
-<p>Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen
-hab' ich auf die Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit
-Sünde. Mit diesem für diese Welt sehr thörichten Abzeichen
-müssen sie umherlaufen.</p>
-
-<p>Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel,
-die voller munteren Streiche stecken, die ihr Wesen
-in Weimar treiben, zu Goethes Zeit, und hinter ihnen her
-ziehen allerlei Personen aus Weimars goldenen Tagen, die
-Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute aus der
-Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche
-Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen
-Töchtern, die eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde
-der Welt auf sich nehmen, mit eigenem Leid fremdes heilen,
-diese stille, große Anne! Und ihr braver Bräutigam! Welche
-Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit! Das sind
-nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber
-es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.</p>
-
-<p>Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft,
-schwachsinnig vor Behagen. Das sind die verspielten Leute!</p>
-
-<p>Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in
-ihrer Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht,
-flachen und wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-mit ihrer wattenen Herzensgüte &ndash; das sind die rechten,
-schlimmer wie Raubtiere; wohlversorgt leben sie, essen gut,
-trinken gut, sind gesund und wohlgestellt &ndash; Ehrenmänner
-&ndash; Ehrenfrauen &ndash; aber aufgepaßt!</p>
-
-<p>Hütet euch vor ihnen!</p>
-
-<p>Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar.
-Der alte Apotheker mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche
-Apothekergehilfe, der jeden Todesfall voraus weiß.
-Sperbers, die Gutsbesitzer in ihrer köstlichen Hülle und
-Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom Nachtwächter
-schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der Nachtwächter
-nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.</p>
-
-<p>Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten,
-in ihren köstlichen Gärten! O, welches Behagen! Ich
-denke an den alten Doktor Tiburtsius in den Kußwirkungen,
-der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen runden,
-kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen
-Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem
-duftenden, Grün strotzenden Garten verbringt &ndash; und wie
-er dann später entdeckt wird! Und daß ich es nicht vergesse,
-Goethe und Karl August sind auch dabei unter diesen
-alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut auch,
-und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame
-Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der
-Kummerfelden, ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.</p>
-
-<p>Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch
-anmarschiert, und Franz Horny und Schillers Sohn, die
-Kameraden der wilden Ratsmädel, die der alten Jüdin alle
-weimarischen Esel über den Hals gejagt haben &ndash; und das
-dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das
-katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit
-kommt, das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten
-Leben neidlos steht &ndash; und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling,
-der seine schauervolle Johannisnacht mit seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-süßen Bräutchen, dem würdigen katholischen Geistlichen, den
-glotzenden Hausleuten und dem Tod oben unter dem Dachraum
-des uralten Hauses zu Ende feiert.</p>
-
-<p>Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof«
-heißt, seh' ich dort &ndash; und ich rufe: O, du meine arme
-kleine Olly! Du weißt es, wie bitter schwer das Weib zu
-tragen hat, wenn es mit ganzer Seele die Kunst liebt &ndash;
-und jung ist und leben möchte &ndash; und aus einem Zärtlichkeitstraum,
-aus so einem weichen, weichen Traum in der
-Ehe erwacht.</p>
-
-<p>Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei
-dir daheim sonderbar zu! Mit welchem Lärm und Getöse
-rangierten die hyperästhetischen Naturen, die aus der Kunst
-doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem
-Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein
-und feurig geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem
-Haushalt!</p>
-
-<p>Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!</p>
-
-<p>Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht
-und Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen
-Herzen!</p>
-
-<p>Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen,
-am Besten hier auf Erden teilzunehmen!</p>
-
-<p>Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet
-mir &ndash; Dorothea in »Reines Herzens schuldig«. Sie ist so
-ganz in Liebe erwacht, in heißer Liebe &ndash; und muß in einem
-Leben verschmachten, das ihr nichts bietet, kein Glück, auch
-nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.</p>
-
-<p>Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und
-hoffte, dies Buch würde von guten Menschen gelesen, die
-sich mit dem Gedanken trügen, wie man den Vernachlässigten,
-Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein die arme Dorothea
-Zeugnis gibt, helfen könnte.</p>
-
-<p>Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-meiner größten Freude erfahren &ndash; und ich sehe nicht ein,
-weshalb ich nicht ein wenig prahlen soll, weshalb ich nicht
-ein paar von jenen Briefen und Zeilen hier wiedergeben
-soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten und
-sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten
-ins Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen
-Lebensabriß lesen, doch auch eine Ahnung bekommen, was
-für ein glückliches Menschenkind ich bin.</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="right">
-»Berlin … Reichstag.<br />
-</p>
-
-<p>Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes
-gar nicht. Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal
-hintereinander. Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht.
-Sie sprechen einmal: ›Wenn du den Dichter findest,
-dem es gelungen ist, das tiefste Leiden versöhnend darzustellen,
-den halte fest wie einen Freund.‹</p>
-
-<p>Möge Ihnen &ndash; in Leben und Kunst &ndash; das hohe Ziel
-zu teil werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und
-eines Mozart!«</p></div>
-
-<p>Ein andrer Brief:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch.
-Ich habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe
-von Ihnen. Jedes Wort eines Dichters, das mir seine
-Seele offenbart, nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares
-Geschenk entgegen. Nicht viele geben so viel wie
-Sie. Eines Abends, wenige Tage vor dem Fest, las ich
-Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr übermächtiges Empfinden riß
-mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle auszusprechen, begeisterte
-mich. Zugleich dachte ich mit Bangen an das Schicksal dieser
-Bücher; mir war's, als sähe ich sie schutzlos in der Welt
-umherirren; ich wünschte innigst, daß sie zarte Finger und
-warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch Ihre Dorothea
-wird nicht oft verstanden werden; die freie Menschlichkeit hat
-so wenig Raum in dieser verschnörkelten Welt.«</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>Und noch ein <em class="gesperrt">dritter</em> Brief von einem Arzt.</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="center">
-»An die Schriftstellerin Helene Böhlau.<br />
-</p>
-
-<p>Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen,
-wie Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte
-im Bunde sein; auf mich ist von dem Glücke übergegangen,
-das zwischen den beiden erstehen durfte. &ndash; Das will ich
-nicht vergessen und Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich
-zu den zwei Menschen führten, bei denen ich rein und gut
-sein konnte.«</p></div>
-
-<p>So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende
-gebracht und könnte noch ein ganzes Weilchen fortfahren,
-doch möchte ich nicht, daß jemand meine Skizzen unmutig
-aus der Hand legte, und ich will mir meine Freunde erhalten.</p>
-
-<p>Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht
-zu den trübseligen. Ich habe sie ausgespickt mit allerlei
-lustigem, freundlichem und thörichtem Volk. Da ist ein Herr
-von Bublitz, ein fetter Schlingel, der dem Wohlthätigkeitssport
-obliegt, da ist ein prächtiger lustiger Onkel, schöne
-Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche Hochzeitsgesellschaft,
-die des Guten zu viel gethan hat.</p>
-
-<p>Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus
-Stambul, wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner
-Umgebung, alles wächst und blüht und duftet und leuchtet,
-und die Menschen wachsen und blühen mit und werden freudig
-und gesund. Es sind gar liebe Leute, die »im frischen
-Wasser«.</p>
-
-<p>Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den
-andern, dem guten Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit
-seiner kleinen überspannten Käthe.</p>
-
-<p>Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden
-miteinander. Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-Herrn ein Lebtag im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im
-Alter zu einem Landhaus und köstlichen Garten, so daß das
-schwärmerische Persönchen in einer Glücksfülle steckt, die sich
-ganz wunderlich ausnimmt. Ein widerwärtiger, langbeiniger
-Ladenjunge schleicht hinter der kleinen Alten her, trägt ein
-Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als Buchzeichen
-steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.</p>
-
-<p>Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«,
-Leute, die mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind.
-Laßt es euch sagen, vom alten Kutscher Jermak, wie er über
-seine Herrin denkt, über ihr Kindchen, wie er von den verlassenen
-Mädchen spricht, von Gott und der Welt, den Popen,
-den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn
-im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der
-Schwester Jekatherina, spricht.</p>
-
-<p>Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt,
-diese herbe, vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine
-Frau, in der der Geist mächtig wurde, eine Herrin des
-Lebens. &ndash; Und Christine, du Reine, auf dich kam die
-größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der gebildeten
-Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach
-hat noch jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. &ndash;
-Dich nicht!</p>
-
-<p>Frei hältst du dein Kindchen im Arm.</p>
-
-<p>Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen
-über dir; aber in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf
-sonnig klar geworden. Auch du bist Herrin geworden, dein
-Kind ein Königskind &ndash; das Kind des freien, ungebeugten
-Weibes.</p>
-
-<p>Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden
-hast? dem Manne aus dem Volk, dessen Gesicht
-immer zur Erde gekehrt ist, und doch so heiter blickt wie
-der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir, dem armen
-gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-den Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. &ndash; Nicht wahr,
-er hat dich und dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern,
-in seinem Haus warst du frei und unbescholten?</p>
-
-<p>Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren
-menschlicher. &ndash; Bei ihnen hatte das Weib schon gesiegt.</p>
-
-<p>Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen
-anempfehlen. Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu
-verstehen. Sie sagen auch viel mehr, als es auf den ersten
-Blick scheinen möchte &ndash; viel mehr.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind
-der Ausdruck eines so überaus reichen, lebendigen Lebens,
-der Ausdruck einer Seele, die durch Schweres ging, die
-Schweres kannte und fühlte, die aber im tiefsten Grunde
-glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste Glück
-zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der
-in seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem
-Wissen und seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer
-wunderbaren Fülle sie belehrte, dem sie alles dankt &ndash; auch
-alles Glück auf Erden, Freund, Lehrer, Gemahl zugleich &ndash;
-und jede Stunde segnet sie, die sie beisammen sind.</p>
-
-<p>Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so
-glücklichem Leben, mich mit solchem Volk zu befassen?</p>
-
-<p>Ich begreife es heut noch nicht.</p>
-
-<p>Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe
-solch ein Kauz sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken
-sollen, &ndash; denn ich war so faul, so wundervoll faul!</p>
-
-<p>Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück,
-denn sie war charaktervoll diese Faulheit &ndash; sie war etwas! &ndash;
-Da gab es nichts auf Erden, was mich hätte zu irgend einem
-Fleiß anspornen können.</p>
-
-<p>Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt
-werden sollte, sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel
-zu klein,« und blieb bei dieser Meinung und lernte keine
-Verslein wie andre brave Kinder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen
-Kindern während ein paar Vormittagsstunden das Spielen
-gelehrt wird, auf Kommando in Reih und Glied; ich sollte
-alles genießen, was die Zeit einem jungen Menschlein bietet.
-Aber diese ernste Spielmaschine erschien mir abschreckend; ich
-empfand eine Scheu vor den schon abgerichteten Kindern,
-die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu singen, die es
-verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den
-Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt
-und getadelt wurden. Das alles geschah in einem
-dämmerigen, staubigen Raum, es war <span id="corr136">mir</span>, als würden da
-schreckliche Dinge getrieben.</p>
-
-<p>Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen,
-die mich beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen
-Eindruck. Sie drückten mir eine Puppe in die Arme, eine
-fremde, mir sehr widerliche Puppe in einem Ballkleid mit
-einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie ich sie mir
-nicht dummer vorstellen konnte.</p>
-
-<p>Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde
-und sagte, daß man nur Kinder tragen könne, keine großen
-Leute, die Puppe wäre eine alte Frau.</p>
-
-<p>Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in
-einen Kreis treten, den die Spielschüler bildeten, und solle
-so thun, als grübe ich im Sande und pflanzte eine Blume,
-dann solle ich mich anstellen, als nähme ich einen Rechen,
-damit der Sand wieder geglättet werden könnte. Die Kinder
-würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles ausführen,
-ich hätte es nur nachzumachen.</p>
-
-<p>Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir,
-die Kinder erschienen mir immer unheimlicher, das ganze
-Thun immer sinnloser, die Stube immer düsterer; da sah
-ich eine Thür offen, lief schreiend hinaus, die Treppe hinab,
-hinter mir her die Lehrerin; ich war aber flinker.</p>
-
-<p>Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-brachte niemand es dahin, mich zu einem zweiten Besuch
-dieses unheimlichen Instituts zu bewegen.</p>
-
-<p>Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich
-war ein zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte
-mit meinen zwei Schwestern den ganzen Tag in unserm
-hübschen Garten, hatte meine wundervolle dunkle Ecke unter
-einem Holundergebüsch, in die verkroch ich mich, und stundenlang
-harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es mir da
-unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene
-Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase,
-ein Löwe oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging
-mir die Zeit aufs angenehmste.</p>
-
-<p>Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß
-es unmöglich sein würde, aus der Schule auszureißen. Das
-war mir schrecklich zu hören.</p>
-
-<p>»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der
-Kindergarten lebte mir in düsterster Erinnerung. Und ich
-kam in die Schule. Der Lehrer verkündete mir, daß ich ihn
-»Sie« zu nennen hätte.</p>
-
-<p>Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte
-nach, weshalb ich dies thun sollte, und vergaß es darüber;
-ich konnte mich auch in die Schule nicht hineinfinden.</p>
-
-<p>Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch
-nicht im geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in
-den untersten Klassen benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«,
-machte mir Spaß, da war ich dabei.</p>
-
-<p>Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.</p>
-
-<p>Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es,
-wenn der Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren
-Weg durch die Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche
-Langeweile, ich hätte weinen mögen. Da kam ich auf einen
-glücklichen Gedanken: ich stellte mir vor, in unserm Garten
-in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt auf der Schulbank,
-stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im Grünen<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue
-Luft blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam,
-wußte er natürlich nichts, wie es auch einem guten Hasen
-zukommt, und das erwies sich als sehr übel für seinen Ruf.
-Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme Hase sollte
-sagen, aus was der Mensch besteht &ndash; und blieb die Antwort
-schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und
-keck um ihn her in die Höh', ein ganzes Feld, und nickten
-und schnickten, und die Bravste sagte im schulgemäßen Ton:
-»Aus Leib und Seele.«</p>
-
-<p>»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte
-hinzu: »aber die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten
-alle, und der Lehrer verwies mir solch dummes Zeug.</p>
-
-<p>»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer
-unwahr.«</p>
-
-<p>Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem
-Lehrer eine längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte
-wissen, was die Seele ist, wollte erfahren, woher man weiß,
-daß man eine hat, wollte wissen, weshalb die Märchengeschichten
-unwahr und die biblischen wahr sind.</p>
-
-<p>»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.</p>
-
-<p>»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer
-freilich so dumm ist, wie du, hat keine.«</p>
-
-<p>Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar
-nicht weshalb; aber es war mir angenehmer, zu denken, daß
-ich keine Seele habe. Es schien mir einfacher und besser,
-und gerade weil die andern alle eine hatten, gefiel es mir,
-keine zu haben.</p>
-
-<p>Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte
-mich wieder in den Hasen.</p>
-
-<p>Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte,
-mich über die Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen,
-erging es mir oft übel.</p>
-
-<p>Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-desperat an den Schultern, um mich in die Ecke zu stellen.
-Ich aber, wild, bös und wütend, fahre mit beiden Händen
-in das Tintenfaß, das in die Bank eingelassen war, halte
-mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich nicht an,
-rühr mich nicht an!«</p>
-
-<p>Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte
-nicht Lust haben, nähere Bekanntschaft mit meinen beiden
-schwarzen Tintenhänden zu machen &ndash; und ließ mich unangefochten
-sitzen. Die Mädchen aber flüsterten untereinander:
-»Die ist klug, die ist doch schlau.«</p>
-
-<p>Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus
-dem Munde der Kameradinnen mir sehr wohl that.</p>
-
-<p>»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie
-nichts einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte,
-daß man mit Hochachtung mir behilflich war, die Spuren
-meines siegreichen Kampfes unschädlich zu machen.</p>
-
-<p>Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen
-Schullaufbahn.</p>
-
-<p>Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich
-mit mir; in der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine
-sanftere Art mit mir zu sprechen angenommen, als mit den
-andern Mädchen; aber es war nicht das Rechte. Ich war
-und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg aufzuweisen.
-Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd
-zurück.</p>
-
-<p>Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es
-sah so unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte
-in erschreckender Weise vor.</p>
-
-<p>Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen
-mußte, und der Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann
-dir's nicht erlassen, du mußt mit dableiben.« Ich beschwor
-ihn, ich bat ihn, ich küßte seine Hand.</p>
-
-<p>Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.«
-Und so blieb es.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte
-mich zerbrochen, fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu
-tragen, so tausendfach ich sie verdient hatte. Als ich nach
-Haus kam, stand meine Mutter an der Treppe und reichte
-mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte mich
-kommen sehen.</p>
-
-<p>Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich &ndash; ich
-zitterte; ich hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen;
-&ndash; aber es ging nicht, ich brachte mein Unglück
-nicht über die Lippen. Die Güte meiner Mutter rührte mich
-unbeschreiblich &ndash; und ich nahm die Himbeeren, mit denen
-sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen
-und verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten.
-Ja, hätte ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt,
-nachdem ich das Gute genossen &ndash; das erschien mir abscheulich,
-trotzdem alles in Angst und Verwirrung geschehen war,
-ohne daß ich recht wußte wie.</p>
-
-<p>Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die
-schlimmen Angelegenheiten für immer zu verschweigen.</p>
-
-<p>Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht
-darunter. Ich grämte mich &ndash; aber ich konnte nicht reden
-&ndash; ich wurde kränklich &ndash; krank und bekam nach einiger Zeit
-ein Nervenfieber.</p>
-
-<p>Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen
-Eindruck, der sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte.
-Ich sah einen kleinen Holzschnitt; durch Zufall kam er in
-meine Hände. Auf diesem Holzschnitt war der Tod als
-Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer schritt.
-Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte
-ihn an.</p>
-
-<p>Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden;
-ich fiel bewußtlos zusammen.</p>
-
-<p>Es war niemand zugegen, als mir dies geschah &ndash; und
-niemand, als ich wieder zu mir kam; ich konnte mich vor<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Grauen, Furcht und Schwäche nicht erheben. Das schreckliche
-Bild war wie eingebrannt in meine Seele.</p>
-
-<p>Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen.
-Die ganze Welt erschien mir unheimlich und entsetzlich.</p>
-
-<p>Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man
-da leben? Wie konnten die Leute noch lachen?</p>
-
-<p>Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht.
-&ndash; Nun aber hatte ich ihn gesehen.</p>
-
-<p>Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung
-verwandelt.</p>
-
-<p>Und wieder mußte ich schweigen &ndash; ich konnte nicht
-reden, fürchtete mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen.
-Mir war, als müßte dann die abscheuliche Gestalt sogleich
-ins Zimmer treten.</p>
-
-<p>So hatte mein armes Herz viel zu tragen.</p>
-
-<p>Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder,
-und das Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der
-Tod ist, vernichtete mich fast.</p>
-
-<p>Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben,
-nur weiß ich, daß, als ich wieder aufgestanden war
-und nicht mehr gehen konnte, ich mich darüber verwunderte
-und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.</p>
-
-<p>In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam
-bei einem guten, freundlichen Manne Unterricht mit
-noch einem Mädchen. Unser Lehrer hieß Herr Bräunlich.</p>
-
-<p>Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war
-ein behaglicher Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel
-in Form kleiner, netter Geschichten vorzuführen;
-aber immer noch schlief mein Lerneifer und war auf keine
-Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.</p>
-
-<p>Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern
-Stunden teil, vortreffliche Schülerinnen, klug und weise.
-Ich blieb mit aller Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb
-sollte ich es ihnen gleichthun? Ich sah den Zweck nicht ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span></p>
-
-<p>Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig.
-Die Mädchen wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer
-am glänzendsten beweisen sollten. Wir hatten frei, uns die
-Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu wählen. Da überboten
-sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen. Kein
-Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für
-sie geschaffen &ndash; die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts
-lang genug sein.</p>
-
-<p>Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu
-traurige Lieder.</p>
-
-<p>Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie
-hatten nicht unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich
-liebte diese kurzen, traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom
-Tode kannte und die schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll
-empfunden hatte, erschien mir das Leben nicht mehr harmlos
-und heiter. Ich liebte es nicht mehr, allein zu sein,
-ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging &ndash; die Träume
-brachten mir schlimme Erscheinungen &ndash; und das Bild des
-Todes stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene
-oder gedruckte Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern
-bringen.</p>
-
-<p>»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich
-wieder einmal ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich
-gefunden und leidlich gelernt hatte.</p>
-
-<p>Ich führte ein freies Leben &ndash; täglich nur eine Unterrichtsstunde
-und diese wurde zur Sommerszeit im Garten
-gehalten. Herr Bräunlich verschmähte es nicht, als wir zur
-Heuzeit ihm einen großen Haufen Heu aufgestapelt hatten,
-auf diesem Platz zu nehmen und so seinen Unterricht zu
-erteilen.</p>
-
-<p>Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte
-Zigeuner- und Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem
-Kasten das tollste Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte,
-Säbel, Decken, Mützen mit wallenden Hahnenfedern; wir<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-besaßen prächtige Dinge. Wie in den Unterrichtsstunden,
-spielte ich auch bei den Spielen eine sehr untergeordnete
-Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und
-es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin
-sein, oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es
-zufrieden und strebte nicht nach Höherem. Ich wußte auch,
-ich taugte zu nichts.</p>
-
-<p>Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten,
-bevor der Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr
-dankbar und machte keine weiteren Ansprüche.</p>
-
-<p>Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im
-Eifer drängte sich die Kammerjungfer oder der Hund vor,
-und that sich wichtig.</p>
-
-<p>Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu
-vortrefflich, als daß ich mich ihnen hätte anschließen können.
-Sie kamen mir mehr oder weniger selbst wie Schulmeister
-vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl vor ihnen los.</p>
-
-<p>Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause
-machten mir einen vertrauenerweckenderen Eindruck und waren
-auch samt und sonders meine Freunde, mit denen ich mich
-bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters und sommers.
-Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann,
-Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den
-Verfolgern um die Häuser huschen, das war etwas! Und
-wenn mich ein Mädel mit zu ihrer Mutter nahm und ich
-im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend essen
-durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein
-und warm!</p>
-
-<p>Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig
-lehrte, war zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer,
-ein Würdiger kommen, einer, der uns in die höheren Wissenschaften
-einzuführen hatte.</p>
-
-<p>Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich
-ersetzen können, der in mein Censurenbuch jedesmal zu<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-Weihnachten schrieb: Helene war gut; aber gar nicht fleißig,
-hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist und im
-Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern,
-denke ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren
-wie den Schwestern und ihr die schlechten Fortschritte nicht
-nachtragen.</p>
-
-<p>Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr
-Bräunlich meine schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr
-für Jahr, wenn ich sie meinem guten Vater vorzeigen mußte.</p>
-
-<p>Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis,
-mich exemplarisch zu strafen.</p>
-
-<p>Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich
-Prellers, und zwar wie immer gegen Abend; es war zur
-Winterszeit, also schon völlig dunkel.</p>
-
-<p>Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas
-Anheimelndes &ndash; und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine
-Laterne und eine große Anzahl Wachslichter.</p>
-
-<p>Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern
-auf den Weg. Ich zündete sie schon in der allerersten
-Dämmerung an, und es war mir wenig störend, wenn die
-Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten. Ich
-fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem
-war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit
-mich überraschen konnte.</p>
-
-<p>Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen,
-die sie immer erneuerte, mir geschenkt.</p>
-
-<p>Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war.
-Ich hatte es ihr vertraut, daß die Dunkelheit mir das
-Schrecklichste auf der Welt sei. Da hat sie mich ausgelacht;
-aber tags darauf hatte ich mein Laternchen.</p>
-
-<p>So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde.</p>
-
-<p>Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am
-Ende der Stunde sagte er mit einem Mal feierlich zu mir<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-gewendet: »Für deine jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit
-muß einmal eine Strafe kommen. Du gehst heute
-abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause bringe.
-&ndash; Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an
-deinen Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich
-zu bessern.« Das traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis
-ins innerste Herz; aber ich verhielt mich vollkommen ruhig.
-Ich wollte den Mädchen nicht die Freude machen, daß sie
-mich unglücklich sähen.</p>
-
-<p>Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den
-Weg machten, blieben die andern zurück. Ich zündete stumpf
-und verzweifelt mein Laternchen an.</p>
-
-<p>Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem
-Fuß auf und murmelte: »Diese Dummhüte.«</p>
-
-<p>»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich.</p>
-
-<p>»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich.</p>
-
-<p>»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz
-gute Mädchen.«</p>
-
-<p>»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie
-mich auslachen!«</p>
-
-<p>Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause
-Friedrich Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und
-ehe wir noch aus der Thüre waren, kam er selbst, seine
-schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die Stirn gezogen.</p>
-
-<p>»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein
-altes bedeutende Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit
-strahlen.</p>
-
-<p>»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei
-mir absitzen, Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.</p>
-
-<p>»Ja, in drei Teufels Namen!« &ndash; der alte Preller liebte
-solche kräftige Ausdrücke &ndash; »Lenchen, was ist dir denn eingefallen?
-Ja, es mag ein schweres Stück sein, mit solchen
-Mädels fertig zu werden. Machen Sie's nur gnädig, das
-Lenchen ist kein böses Mädchen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber
-das Abscheuliche an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul
-ist. Dabei ist sie nicht so arg dumm und könnte alles besser
-machen; aber sie rührt sich nicht.«</p>
-
-<p>»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig
-muß man sein. Was denkst du denn &ndash; gottlob, daß du
-kein Junge bist!«</p>
-
-<p>Ich war tief beschämt &ndash; an dem alten herrlichen
-Preller hing mein ganzes Herz. Er war so gut mit mir.
-Ich hatte das große Glück, wenn er abends still seine
-wundervollen Studien und Skizzenbücher und Zeichnungen
-durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen,
-um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und
-Andacht.</p>
-
-<p>Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand!
-Verzweifelt ging ich neben Herrn Bräunlich die dunkle
-Belvedere-Allee entlang. Mein Laternchen leuchtete mir
-und ihm.</p>
-
-<p>Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich
-es nie zu Hause gestehen würde, was mich getroffen, und
-noch einmal solch eine Schmach verschweigen, ging auch nicht.
-Es war beides unmöglich. Beides wollte ich nicht. Also blieb
-nur ein drittes übrig. Das war einfach und überstieg meine
-Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß
-Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja
-Beine &ndash; und was für flinke. Gottlob! dachte ich.</p>
-
-<p>Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß
-gefaßt, und als wir an den Alexanderplatz kamen mit
-seiner herrlichen Wiese und dem großen Taxusbusch darauf,
-da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie das Laternchen
-Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht war.
-Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die
-Wiese entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen &ndash;
-und schnaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<p>Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um
-denselben herum.</p>
-
-<p>Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben,
-mich zu fangen; aber das Laternchen war flinker, als er
-glaubte.</p>
-
-<p>Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich
-genähert hatte.</p>
-
-<p>Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen,
-wenn er mir noch weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof
-laufen.</p>
-
-<p>»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er
-pustend. »Mach, was du willst &ndash; aber schlecht ist's von dir!«</p>
-
-<p>»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich
-von weitem und stand still, als ich sah, daß auch er still
-stand &ndash; »und sagen Sie's Papa nicht.«</p>
-
-<p>»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend,
-»es sei dir geschenkt, ich sag's auch nicht.«</p>
-
-<p>»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie
-mir auch noch sagen!«</p>
-
-<p>»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach
-Hause kommst.«</p>
-
-<p>Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht
-und zufrieden, es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich
-ging stolz im Gefühl meines Sieges durch die Straßen.</p>
-
-<p>Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die
-Strafe abgelaufen sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu;
-da sagte er mir, daß ich es nicht übel gemacht habe.
-»Es ist immer gut,« meinte er, »wenn man sich zu helfen
-weiß.«</p>
-
-<p>Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde.</p>
-
-<p>Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter,
-ein andrer auf.</p>
-
-<p>Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der
-ganz unzweifelhaft ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-und wurde von mir gründlich und andauernd gehaßt. Er
-mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man ihm, dem
-ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen
-wie mich zu unterrichten, und behandelte mich danach.</p>
-
-<p>Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung
-und Spott. Tiefer und tiefer sank ich in den Augen
-meiner Mitschülerinnen und erschien mir selbst wie ausgestoßen
-aus der menschlichen Gesellschaft. Mir fiel in einer
-der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und ich erkundigte
-mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der
-ein behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern
-verstand, auf mich ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich
-mit Ihnen verkehrt &ndash; das hat aber jetzt bei mir ein Ende« &ndash;
-und es war zu Ende.</p>
-
-<p>Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum
-Unterricht, so hatte ich die Empfindung, als befände ich mich
-die Zeit über vor der Mündung einer geladenen Kanone,
-die jeden Augenblick losgehen konnte.</p>
-
-<p>Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem
-Weg zu dem gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit
-neidischen Augen an. Die Verantwortung, Mensch zu sein,
-war mir sehr drückend. &ndash; Wie gern hätte ich mit so einem
-munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen Hunde
-oder mit jeder Katze.</p>
-
-<p>Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen
-Stein in einen Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich
-mit heiler Haut wieder heraus, so will ich dankbar den
-Stein mit mir nehmen und zum Angedenken aufbewahren.
-Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an,
-denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den
-Stein aus Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende
-gegangen war, jedesmal mit mir.</p>
-
-<p>So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an
-Gnade bei Gott und den Menschen, sondern sank tiefer und<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-tiefer in der Achtung aller derer, die über meine glänzenden
-Erfolge unterrichtet waren.</p>
-
-<p>Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der
-Angst und Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht
-gewöhnlich befand, meinen ganzen Haufen trauriger Hefte
-bei einer unserm Haus befreundeten Familie hatte liegen
-lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die Hefte,
-meine greulichen Hefte! &ndash; Wie mich das durchfuhr!</p>
-
-<p>Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden
-es thun. Das war mir ganz sicher.</p>
-
-<p>Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg,
-sie mir wieder zu holen, wie langsam schlich ich die Treppe
-hinauf, wie zaghaft zog ich die Schelle! &ndash; Und was stand
-mir bevor!</p>
-
-<p>Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst
-die Thüre, eine ganze Schar mir sehr würdig erscheinender
-Damen, Gott weiß, wer noch dabei war. Sie ließen mich
-nicht herein, sondern öffneten nur halb und reichten mir mit
-der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen:
-»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren
-stellten sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg
-mich sehen und mir gute Lehren geben zu können. Ich war
-wie vernichtet, wütend zum Zerspringen; aber ich nahm die
-einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im Herzen
-zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als
-die Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich
-lief davon, und meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen
-die übrigen Herrlichkeiten die Treppe hinab nach. Sie ahnten
-wohl nicht, was sie mir anthaten &ndash; fast sinnlos vor Verzweiflung,
-Wut und Schande, sammelte ich meine Habseligkeit
-ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten
-Augen nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue
-Hefte zu kaufen und die alten zu verbrennen. Es reichte
-nicht; aber ich verbrannte sie dennoch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p>
-
-<p>In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen
-Aufsatz gab: Die Vorzüge des Menschen vor dem Tiere.</p>
-
-<p>Dabei schien mir wenig Witz zu sein &ndash; und ich beschloß,
-das Gegenteil zu behandeln: die Vorzüge des Tieres
-vor dem Menschen. Das leuchtete mir weit mehr ein, und
-was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter mehr oder
-weniger, darauf kam es mir nicht an.</p>
-
-<p>Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten,
-machte meinem Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig,
-stand vor lauter Wonne auf einem Bein während des
-Schreibens, pfiff und war der besten Dinge.</p>
-
-<p>Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben,
-es kam mir immer Neues in die Finger. So war das
-Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn es sich immer um
-Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei
-sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und
-Namen, Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und
-Hirn beschweren mußte, da konnte man nicht verlangen, daß
-ein vernünftiges Geschöpf sich daran mitbeteiligen sollte!</p>
-
-<p>Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller
-Gemütsruhe und erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer
-Verachtung von dem Gestrengen zurück. Er durchbohrte
-mich mit majestätischen Blicken &ndash; sagte mir, daß sich derjenige,
-welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln
-Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben
-nicht einmal bemerkt, daß das gestellte Thema verändert
-wurde &ndash; übrigens sei dieser Aufsatz vortrefflich, und er
-hätte ihn in seiner Ersten Klasse vorgelesen, habe dabei aber
-bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine ungeschickte und
-faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten lassen,
-um damit einen Betrug auszuführen.</p>
-
-<p>Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam
-aber wieder einen majestätisch verächtlichen Blick, der
-mir Schweigen gebot.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p>
-
-<p>Und ich schwieg &ndash; ich war zufrieden, stolz und beglückt;
-was der Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen
-gleichgültig, er hatte sich bei mir durch Poltern und
-Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt. Es kamen jetzt öfters
-Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen war: Gut,
-aber nicht selbst verfaßt.</p>
-
-<p>Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten
-Eltern wohl meinten, daß mir ein religiöser Halt im Leben
-wohlthäte, sollte diese Zeit der Konfirmation mir besonders
-zu Herzen gehen.</p>
-
-<p>Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter.</p>
-
-<p>Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden
-Elternhaus und all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll
-»Heimischen« erträglich überwunden war, fand ich mich
-in einer wahrhaft beglückenden Umgebung. Alle waren unbeschreiblich
-gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte mich;
-sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde,
-eine Jean Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen
-zugeneigt, dem Humor zugänglich, lebhaft und
-schön.</p>
-
-<p>Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei
-markig, kräftig und heiter.</p>
-
-<p>Im Haushalt ging es frei und ländlich zu.</p>
-
-<p>Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein
-ganzes Herz ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem
-Gelerne, Aufgesage fiel weg. &ndash; Mein Pastor plagte mich
-nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir unterhielten uns, er
-hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen, wir
-kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch
-einmal, daß er aufstand, an den Bücherschrank ging und den
-Faust herausholte.</p>
-
-<p>Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er
-begann zu lesen. Er las lebhaft und hinreißend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich
-die Thür, und die Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie
-hörte, was hier vorging, mit offenem Munde in der Thür
-stehen.</p>
-
-<p>»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja
-Religionsstunde halten &ndash; das ist nicht recht von dir &ndash; das
-ist nichts für das Kind.«</p>
-
-<p>»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte
-mein Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen
-kannte den Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und
-schlug das Buch zu.</p>
-
-<p>Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück
-halte &ndash; »und du hast es nun ja auch nachgeholt,«
-sagte sie.</p>
-
-<p>Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin
-und las mir, jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche
-vor, das die Geschichte der Märtyrer poetisch behandelte.
-Zu diesen Vorlesungen fand sich eine alte nette Dame
-ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der Märtyrer
-mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau
-Pastorin saß manchmal wie verklärt da, und die alte
-Dame auch.</p>
-
-<p>Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche,
-gottbegnadete Zeit gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres
-vorstellen könnte, als als Märtyrer zu leben und
-zu sterben.</p>
-
-<p>Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte
-zu sagen, daß es jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe.</p>
-
-<p>»Leider, leider &ndash; nein!« rief die alte Dame schmerzlich
-aus.</p>
-
-<p>Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten
-Heiligen, dachte mir immer, wie schrecklich es sei, daß sie
-sich bis zu Tode quälen ließen mit der schönen Aussicht,
-dann in einen wundervollen Himmel zu kommen &ndash; und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten &ndash; so etwas
-fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung
-in mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse.</p>
-
-<p>Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in
-mir gespürt, dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was
-andre Leute mit solcher Bestimmtheit in sich vermuten und
-wissen und mit aller Energie verteidigen. Ich dachte damals
-nie darüber nach. Wenn ich mich abends niederlegte,
-sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts
-von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich.</p>
-
-<p>Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte:
-Einen Augenblick bewußtlos &ndash; eine Ewigkeit bewußtlos!</p>
-
-<p>Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten
-Käthe im »Herzenswahn« in den Mund gelegt &ndash; hatte aber
-meine Lust zum Grübeln mit diesem Worte beruhigt und
-war völlig zufriedengestellt.</p>
-
-<p>Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an
-meinem Religionsunterricht zu finden.</p>
-
-<p>Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends
-mit Holzpantoffeln durchs Dorf, die Kinder im Haus, die
-Mädels in der Nachbarschaft waren mir willkommene Kameraden.
-Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal früh
-auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und
-ging mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim
-Schulmeister seinen schwarzen Talar schon angezogen und
-sah sehr würdig und stattlich aus.</p>
-
-<p>Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah
-die Bauern kommen, indes die Schwalben zwitscherten und an
-den Fenstern vorüberhuschten. Dann hörte ich meinen Pastor
-predigen. Die Bauern bekamen manchen kräftigen Brocken
-von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall sie
-ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten.</p>
-
-<p>Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p>
-
-<p>Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die
-Eltern, die Schwestern, mein Großmütterchen und unsre
-junge, reizende Erzieherin kamen alle von Weimar.</p>
-
-<p>Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte
-Dame, die für die Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare
-gelockt und sie mit einer Rose zusammengesteckt, versicherte
-mir auch nach der heiligen Handlung &ndash; sie hätte sich mit
-aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer Lieblingsheiligen versetzt,
-während ich am Altar gestanden hätte, sei es ihr so
-gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine
-Hinrichtung.</p>
-
-<p>Das kam mir sehr übertrieben vor.</p>
-
-<p>Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich,
-es war mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute.
-Es wurde niemand mit mir konfirmiert, das gefiel mir auch,
-und ich hatte den Tag über bei jeder Gelegenheit die denkbar
-besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so unbeschreiblich
-gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar.</p>
-
-<p>Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene
-Person, das erschien mir wenig erfreulich und auch
-wenig wahrscheinlich, war mir übrigens auch gleichgültig,
-ich war, was ich war, und damit gut.</p>
-
-<p>Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte
-vor, den Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins
-innerste Herz war ich davon erschüttert, so daß ich die ganze
-Nacht mit den tollsten Phantasieen zu thun hatte und mich
-fürchtete, wie noch nie in meinem Leben.</p>
-
-<p>Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier
-dieses Tages mit Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert,
-wie ein grünes Nest.</p>
-
-<p>Es war alles hier so schön und beglückend gewesen,
-daß ich schweren Herzens Abschied nahm. Die Pastorin
-wußte nicht, was sie mir noch Gutes anthun sollte, und
-steckte mir alle Taschen voll herrlicher Aepfel. Zwei davon<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten mir
-wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch
-einen Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter
-gesteckt, und ich fuhr mit meinen Eltern davon.</p>
-
-<p>Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie
-vor Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr
-geliebten jungen Erzieherin Unterricht.</p>
-
-<p>Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt
-durfte ich von unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen,
-und so begab es sich, daß ich der Aufführung von Wagners
-»Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich war überwältigt, hingerissen,
-betäubt, berauscht. &ndash; Die Gewalt in dieser Musik
-erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze
-Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen
-Tönen der Erwartung, der Angst, des Zweifels.
-Wundervoll empfand ich zuletzt das Sichauflösen alles Leidens,
-alles Lebens.</p>
-
-<p>Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den
-mächtigen Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg
-erschien es mir unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben
-wieder zu beginnen. Es mußte etwas geschehen, etwas
-Außergewöhnliches &ndash; das Leben mußte sich anders gestalten,
-um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können.
-Aber wie, was sollte geschehen?</p>
-
-<p>Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht
-nach etwas, was die Wunder, die ich eben durchlebt
-hatte, und die Alltäglichkeit in Einklang bringen sollte, und
-ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer gehen wollte.</p>
-
-<p>Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich
-schon den andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu
-lassen. Sie erlaubte mir dies gern; ich teilte ihr auch den
-Grund meiner Reise mit, der sie einigermaßen zu wundern
-schien.</p>
-
-<p>Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-mit mir durch meinen Entschluß wieder ins Gleichgewicht
-gekommen.</p>
-
-<p>Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich
-überrascht und freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag.
-Die Pastorin führte mich sogleich ins Wohnzimmer,
-ließ Kaffee kochen, und ich traf eine muntere Gesellschaft.
-Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei junge
-Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im
-Hause zu.</p>
-
-<p>Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen
-vorbrachte und sagte, daß ich gekommen sei, um am
-Sonntag das Abendmahl hier zu nehmen, sah sie mich
-kopfschüttelnd an und schwieg.</p>
-
-<p>»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann
-sie würdevoll. »Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du
-denn nicht heut' morgen gekommen, um wenigstens zur allgemeinen
-Beichte da zu sein? So kannst du das Abendmahl
-gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor &ndash; ohne
-Beichte!«</p>
-
-<p>Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich
-fühlte mich sehr beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht.</p>
-
-<p>»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen,
-»was sollen denn die Leute denken? Da muß wegen dir
-Privatbeichte gehalten werden, und den Leuten muß gesagt
-werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.«</p>
-
-<p>Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor
-in sein Studierzimmer.</p>
-
-<p>»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn
-du etwas auf dem Herzen hast, sag es ihm &ndash; und wenn
-es das größte Unrecht wäre, verschweigen darfst du's nicht. &ndash;
-Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll und etwas
-neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl
-nehmen willst?«</p>
-
-<p>In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-und er empfing mich ernst und wohlwollend und feierlich.
-Er fragte mich, ob ich irgend etwas auf dem Herzen hätte.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte ich.</p>
-
-<p>Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene.</p>
-
-<p>Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge.</p>
-
-<p>Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei.</p>
-
-<p>Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte.</p>
-
-<p>Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt
-hätte, und da sich zu seiner großen Verwunderung durchaus
-nichts fand, so erteilte er mir nach den Worten der Bibel die
-Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte ich seine beiden
-Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und Isolde‹
-gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck,
-daß auch er mir in die Augen sah.</p>
-
-<p>Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung
-und Bewegung des vorigen Abends kam über mich.</p>
-
-<p>»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht.
-»Nun setz dich einmal hin und erzähle.«</p>
-
-<p>Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor
-ihm aus &ndash; und wie er zuhörte! Er fragte und fragte und
-wäre für sein Leben gern dabei gewesen; die Zeit verging
-uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte auf und
-holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von
-vorn beginnen.</p>
-
-<p>Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber
-guter Pastor, ich möchte auch irgend etwas thun, was schön
-ist, ich möchte irgend ein großes Talent haben, dann erst
-würde ich glücklich sein.«</p>
-
-<p>»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal
-um einen großen Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du
-auf ein Ding deinen ganzen Fleiß verwendest, wird es dich
-auch interessieren, ganz gleich, was es ist.«</p>
-
-<p>Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete,
-daß es damit aber nichts wäre. Der alte Preller lache<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-über alles, was ich mit Müh' und Not zu stande brächte;
-und wenn er sich meine Arbeit angesehen habe, sage er
-gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser, wenn ich
-mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann
-auch nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich
-abmühten, säße ich schon und lauerte darauf, daß der alte
-Preller seine wundervollen Skizzenbücher zur Hand nehmen
-würde; aber selber zeichnen und bei aller Not und Mühe
-nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine
-Sünde.</p>
-
-<p>»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst.</p>
-
-<p>»Nun also!«</p>
-
-<p>Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein
-Herz mit wunderbaren Schauern.</p>
-
-<p>Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen
-Augenblicke hin &ndash; den dumpfen Klängen der Orgel, dem
-mystischen Gesang, den geheimnisvollen Worten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen
-zu fühlen. Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein,
-seiner Ruhe, Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und
-den tiefen Bewegungen und Gewalten einer mächtigen Kunst
-hatte mich verwirrt, beunruhigt &ndash; und ich wollte Beruhigung
-empfinden.</p>
-
-<p>Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld
-das wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon
-erzählt habe &ndash; trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf
-unsrer Bodentreppe und schrieb dort nach Herzenslust &ndash;
-Geschöpfe zauberte ich in mein blaues Heft, die mir ungemein
-sympathisch waren; sie sprachen und thaten, was ich
-wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten
-Einvernehmen.</p>
-
-<p>Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um
-die Welt hätte ich es nicht irgend jemand verraten mögen &ndash;
-und dennoch verriet ich es selbst und gewann durch diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-Verrat das höchste Glück, das das Schicksal einer schaffensmutigen
-Seele zu teil werden lassen kann; ich gewann, wie
-ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen
-Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der
-es verstand, mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und
-Ausdauer anzuspornen; der mir als höchstes Ziel steckte:
-Wahrheit in jedem Empfinden, und eine freie Würdigung
-alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches und
-beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen
-Weg gehen konnte. &ndash; Meine Arbeit, meine Kunst wurde
-mir die stille Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das
-alltägliche Leben zu stürmisch oder zu gleichgültig oder gar
-zu schwer werden wollte. Und ich selbst habe mich immer
-gewundert, wie gerade ich zu diesem großen Glück gekommen
-bin &ndash; gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je etwas
-zu erstreben, geschweige zu erreichen.</p>
-
-<p>Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von
-guten Freunden, getreuen Nachbarn und dergleichen, von
-Ereignissen aller Art, von meiner Verheiratung, meinen
-Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich auf Erden
-kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß
-ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles
-ist nur Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat
-&ndash; der volle Ernst &ndash; und in seinem Gefolge Kummer und
-Not, wie ich die Arme nach Hilfe ausstreckte, wie ich verzweifelte,
-wie ich endlich nach langer Qual genas, davon
-will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde, für
-Worte kaum erreichbar.</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Ende.</em><br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Werke von Helene Böhlau.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Das Recht der Mutter.</b> Roman. M. 6.&ndash;, geb. M. 7.50.
-F. Fontane &amp; Co., Berlin.</p>
-
-<p><b>Der Rangierbahnhof.</b> Roman. Zweite Auflage. M. 4.&ndash;,
-geb. M. 5.&ndash;. F. Fontane &amp; Co., Berlin.</p>
-
-<p><b>Rathsmädelgeschichten.</b> Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60.
-J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p>
-
-<p><b>Herzenswahn.</b> Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns,
-Minden i. W.</p>
-
-<p><b>Im Trosse der Kunst.</b> Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60.
-J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p>
-
-<p><b>Reines Herzens schuldig.</b> Roman. M. 6.&ndash;, geb. M. 7.&ndash;.
-J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p>
-
-<p><b>Im frischen Wasser.</b> Roman in zwei Bänden. M. 1.&ndash;,
-geb. M. 1.50. J. Engelhorn, Stuttgart.</p>
-
-<p><b>Novellen:</b> Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.&ndash;,
-geb. M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin.</p>
-
-<p><b>Novellen:</b> Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen.
-M. 5.&ndash;, geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Engelhorns<br />
-<span class="smaller">Allgemeine</span><br />
-Romanbibliothek.</p>
-</div>
-
-<p class="center large">Eine Auswahl<br />
-der besten modernen Romane aller Völker.</p>
-
-<p class="center">Alle vierzehn Tage erscheint ein Band.
-</p>
-
-<p class="center">Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.</p>
-
-<p class="center">(26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark, gebunden 19 M. 50 Pf.)</p>
-
-<p>»<b>Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek</b>«, die
-nun in ihren dreizehnten Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr
-zu Jahr an Beliebtheit und Verbreitung zugenommen, sondern
-auch an litterarischer Bedeutung gewonnen, so daß es nicht zu
-viel gesagt ist, wenn man sie heute</p>
-
-<p class="center"><b>einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter
-der Weltliteratur</b>
-</p>
-
-<p class="noind">nennt. &ndash; Die »<em class="gesperrt">Deutsche Dichtung</em>« schreibt darüber:</p>
-
-<div class="advtext">
-
-<p>Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum <em class="gesperrt">gute
-Bücher zu billigem Preis</em> zu bieten und dabei weder die
-Autoren noch die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen,
-nur gehört Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu &ndash; das
-ist die Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg
-von »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann,
-und hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht,
-in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige
-Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten
-ziegelroten Bändchen &ndash; durchschnittlich zehn Bogen guter Ausstattung
-&ndash; <em class="gesperrt">zum Preise von 50 Pfennigen</em> in die Welt
-sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne;
-schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark
-kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes
-Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe &ndash; nur den Einband
-abgerechnet &ndash; für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist die
-»Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet, daß
-eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast überflüssig
-erscheint.</p></div>
-
-<p>Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis
-aufgeführten Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung
-zum Preise von <b>50 Pf.</b> für den broschierten und <b>75 Pf.</b>
-für den gebundenen Band bezogen werden.</p>
-
-<p class="center large p2">Erster Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Der Hüttenbesitzer.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Aus Nacht zum Licht.</b> Von <em class="author">Hugh
-Conway</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Zéro.</b> Eine Geschichte aus Monte Carlo.
-Von Mrs. <em class="author">Praed</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Wassilissa.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Vornehme Gesellschaft.</b> Von <em class="author">H. Aïdé</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Gräfin Sarah.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Unter der roten Fahne.</b> Von Miß
-<em class="author">M. E. Braddon</em>. Aus d. Englischen.</p>
-
-<p><b>Abbé Constantin.</b> Von <em class="author">L. Halévy</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Ihr Gatte.</b> Von <em class="author">G. Verga</em>. Aus dem
-Italienischen.</p>
-
-<p><b>Ein gefährliches Geheimnis</b>. Von
-<em class="author">Charles Reade</em>. Aus d. Engl. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Gérards Heirat.</b> Von <em class="author">André Theuriet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Dosia.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Ein heroisches Weib.</b> Von <em class="author">J. J.
-Kraszewski</em>. Aus dem Polnischen.</p>
-
-<p><b>Eheglück.</b> Von <em class="author">W. E. Norris</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Schiffer Worse.</b> Von <em class="author">Alex. Kielland</em>.
-Aus dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Ein Ideal.</b> Von <em class="author">Marchesa Colombi</em>.
-Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Dunkle Tage.</b> Von <em class="author">Hugh Conway</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Novellen</b> von <em class="author">Hjalmar Hjorth Boyesen</em>.
-<em class="gesperrt">Glitzer-Brita.</em> &ndash; <em class="gesperrt">Einer,
-der seinen Namen verlor.</em> Deutsch
-von <em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>. &ndash; <em class="gesperrt">Ein
-Ritter vom Danebrog.</em> Aus dem
-Englischen.</p>
-
-<p><b>Die Heimkehr der Prinzessin.</b> Von
-<em class="author">Jacques Vincent</em>. Aus d. Französ.</p>
-
-<p><b>Ein Mutterherz.</b> Von <em class="author">A. Delpit</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Zweiter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Der Steinbruch.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Helene Jung.</b> Von <em class="author">Paul Lindau</em>.</p>
-
-<p><b>Maruja.</b> Von <em class="author">Bret Harte</em>. Aus dem
-Englischen.</p>
-
-<p><b>Die Sozialisten.</b> Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Criquette.</b> Von <em class="author">L. Halévy</em>. Aus dem
-Französischen.</p>
-
-<p><b>Der Wille zum Leben. &ndash; Untrennbar.</b>
-Von <em class="author">Adolf Wilbrandt</em>.</p>
-
-<p><b>Die Illusionen des Doktor Faustino.</b>
-Von <em class="author">Valera</em>. Aus d. Span.</p>
-
-<p><b>Zu fein gesponnen.</b> Von <em class="author">B. L. Farjeon</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Gift.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>. Aus
-dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Fortuna.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>.
-Aus dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Lise Fleuron.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Aus des Meeres Schaum. &ndash; Aus
-den Saiten einer Baßgeige.</b> Von
-<em class="author">Salvatore Farina</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Auf der Woge des Glücks.</b> Von
-<em class="author">Bernhard Frey</em>. (<em class="gesperrt">M. Bernhard.</em>)</p>
-
-<p><b>Die hübsche Miß Neville.</b> Von <em class="author">B.
-M. Croker</em>. Aus dem Engl. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Die Verstorbene.</b> Von <em class="author">Octave
-Feuillet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Mein erstes Abenteuer und andere
-Geschichten.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.</p>
-
-<p><b>Ihr ärgster Feind.</b> Von Mrs. <em class="author">Alexander</em>.
-Aus d. Englischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Ein Fürstensohn. &ndash; Zerline.</b> Von
-<em class="author">Claire von Glümer</em>.</p>
-
-<p><b>Von der Grenze.</b> Novellen von <em class="author">Bret
-Harte</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Eine Familiengeschichte.</b> Von <em class="author">Hugh
-Conway</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Dritter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Die Versaillerin.</b> Von <em class="author">Ernst Remin</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>In Acht und Bann.</b> Von Miß <em class="author">M. E.
-Braddon</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Die Tochter des Meeres.</b> Von
-<em class="author">Johanne Schjörring</em>. Aus dem
-Dänischen.</p>
-
-<p><b>Lieutenant Bonnet.</b> Von <em class="author">Hector
-Malot</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Pariser Ehen.</b> Von <em class="author">E. About</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Hanna Warners Herz.</b> Von <em class="author">Florence
-Marryat</em>. Aus d. Englischen.</p>
-
-<p><b>Eine Tochter der Philister.</b> Von
-<em class="author">Hjalmar Hjorth Boyesen</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Savelis Büßung.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Die Damen von Croix-Mort.</b> Von
-<em class="author">Georges Ohnet</em>. Aus d. Französ.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Glocken von Plurs.</b> Von <em class="author">Ernst
-Pasqué</em>.</p>
-
-<p><b>Fromont junior und Risler senior.</b>
-Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus dem
-Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der Genius und sein Erbe.</b> Von
-<em class="author">Hans Hopfen</em>.</p>
-
-<p><b>Ein einfach Herz.</b> Von <em class="author">Charles
-Reade</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Baccarat.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Mein Freund Jim.</b> Von <em class="author">W. E.
-Norris</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Hanna.</b> Von <em class="author">Heinr. Sienkiewicz</em>.
-Aus dem Polnischen.</p>
-
-<p><b>Das beste Teil.</b> Von <em class="author">Léon de Tinseau</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Lebend oder tot.</b> Von <em class="author">Hugh Conway</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Familie Monach.</b> Von <em class="author">Robert
-de Bonnières</em>. Aus dem Französ.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Vierter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Eine neue Judith.</b> Von <em class="author">H. Rider
-Haggard</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Schwarz und Rosig.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Das Tagebuch einer Frau.</b> Von
-<em class="author">Octave Feuillet</em>. Aus dem Französ.</p>
-
-<p><b>Jahre des Gärens.</b> Von <em class="author">Ernst Remin</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Gute Kameraden.</b> Von <em class="author">H. Lafontaine</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Die Töchter des Commandeurs.</b>
-Von <em class="author">Jonas Lie</em>. Aus dem Norweg.</p>
-
-<p><b>Zita.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. Aus dem
-Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Erbschaft Xenias.</b> Von <em class="author">Henry
-Gréville</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Kinder des Südens.</b> Von <em class="author">Rich. Voß</em>.</p>
-
-<p><b>Daniele Cortis.</b> Von <em class="author">A. Fogazzaro</em>.
-Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Herz-Neune.</b> Von <em class="author">B. L. Farjeon</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Sie will.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Kinder der Excellenz.</b> Von <em class="author">Ernst
-v. Wolzogen</em>.</p>
-
-<p><b>Um den Glanz des Ruhmes.</b> Von
-<em class="author">Salvatore Farina</em>. Aus dem Ital.</p>
-
-<p><b>Der Nabob.</b> Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>.
-Aus dem Französischen. 3 Bände.</p>
-
-<p><b>Der kleine Lord.</b> Von <em class="author">F. H. Burnett</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Der Prozeß Froideville.</b> Von <em class="author">André
-Theuriet</em>. Aus d. Französischen.</p>
-
-<p><b>Stella.</b> Von Miß <em class="author">M. E. Braddon</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Fünfter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Robert Leichtfuß.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der Unsterbliche.</b> Von <em class="author">Alphonse
-Daudet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Lady Dorotheas Gäste.</b> Von <em class="author">Ouida</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Marchesa d'Arcello.</b> Von <em class="author">Memini</em>.
-Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Was der heilige Joseph vermag.</b>
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Alessa. &ndash; Keine Illusionen.</b> Von
-<em class="author">Claire von Glümer</em>.</p>
-
-<p><b>Wie in einem Spiegel.</b> Von <em class="author">F. C.
-Philips</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Schnee.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>.
-Aus dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Jean Mornas.</b> Von <em class="author">Jules Claretie</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Auf der Fährte.</b> Von <em class="author">H. F. Wood</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Satisfaction. &ndash; Das zersprungene
-Glück. &ndash; La Speranza.</b> Von <em class="author">Alexander
-Baron von Roberts</em>.</p>
-
-<p><b>Die Scheinheilige.</b> Von <em class="author">Karoline
-Gravière</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Doktor Rameau.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Frau Regine.</b> Von <em class="author">Emil Peschkau</em>.</p>
-
-<p><b>Zwei Brüder.</b> Von <em class="author">Guy de Maupassant</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Mein Sohn.</b> Von <em class="author">Salvatore Farina</em>.
-Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Dosias Tochter.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Der Lotse und sein Weib.</b> Von
-<em class="author">Jonas Lie</em>. Aus dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Numa Roumestan.</b> Von <em class="author">Alphonse
-Daudet</em>. Aus dem Französischen.
-2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Sechster Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Die tolle Komteß.</b> Von <em class="author">Ernst v.
-Wolzogen</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Eine Sirene.</b> Von <em class="author">Léon de Tinseau</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Jack und seine drei Flammen.</b> Von
-<em class="author">F. C. Philips</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Mr. Barnes von New-York.</b> Von
-<em class="author">A. C. Gunter</em>. Aus d. Engl. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Gertruds Geheimnis.</b> Von <em class="author">André
-Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Wunderbare Gaben und andere Geschichten.</b>
-Von <em class="author">Hugh Conway</em>. Aus
-dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Letzte Liebe.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Sabinerin. &ndash; Felice Leste. &ndash;
-Die Mutter der Catonen.</b> Von
-<em class="author">Richard Voß</em>.</p>
-
-<p><b>Mia.</b> Von <em class="author">Memini</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Diana Barrington.</b> Von <em class="author">B. M.
-Croker</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der reine Thor.</b> Von <em class="author">Karl v. Heigel</em>.</p>
-
-<p><b>Ein Kirchenraub. &ndash; Junge Liebe.</b>
-Von <em class="author">H. Pontoppidan</em>. Aus dem Dänischen.</p>
-
-<p><b>Die Könige im Exil.</b> Von <em class="author">Alphonse
-Daudet</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die verhängnisvolle Phryne.</b> Von
-<em class="author">F. C. Philips</em> u. <em class="author">C. J. Wils</em>. Aus
-dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Serguis Panin.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>.
-Aus d. Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Achtung Schildwache!</b> und andere
-Geschichten. Von <em class="author">Mathilde Serao</em>.
-Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Salonidylle.</b> Von <em class="author">H. Rabusson</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Mr. Potter aus Texas.</b> Von <em class="author">A. C.
-Gunter</em>. Aus dem Engl. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Ein gefährliches Werkzeug.</b> Von
-<em class="author">D. C.</em> u. <em class="author">H. <span id="corrcat6">Murray</span></em>. Aus d. Engl.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Siebenter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Preisgekrönt.</b> Von <em class="author">Alexander Baron
-von Roberts</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Seele Pierres.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Zum Kinderparadies.</b> Von <em class="author">André
-Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Imogen.</b> Von <em class="author">Hamilton Aïdé</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Port Tarascon.</b> Von <em class="author">Alphonse
-Daudet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Ein Mann von Bedeutung.</b> Von
-<em class="author">Anthony Hope</em>. Aus d. Englischen.</p>
-
-<p><b>Ohne Liebe.</b> Von <em class="author">Fürst Galitzin</em>.
-Aus dem Russischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Erbin.</b> Von <em class="author">W. E. Norris</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Die kühle Blonde.</b> Von <em class="author">Ernst v.
-Wolzogen</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Mein Pfarrer u. mein Onkel.</b> Von
-<em class="author">Jean de la Brète</em>. Aus d. Französ.</p>
-
-<p><b>Der Mönch von Berchtesgaden</b> und
-andere Erzählungen. Von <em class="author">Rich. Voß</em>.</p>
-
-<p><b>Oberst Quaritch.</b> Von <em class="author">H. Rider
-Haggard</em>. Aus dem Engl. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Noras Roman.</b> Von <em class="author">Emil Peschkau</em>.</p>
-
-<p><b>Auf Vorposten</b> und andere Geschichten.
-Von <em class="author">F. de Renzis</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Versiegelte Lippen.</b> Von <em class="author">Léon de
-Tinseau</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Aus den Papieren eines Wanderers.</b>
-Von <em class="author">Jefferey C. Jeffery</em>. Aus
-dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Mein Onkel Scipio.</b> Von <em class="author">André
-Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Wie's im Leben geht.</b> Von <em class="author">A. Delpit</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Verhängnis.</b> Von <em class="author">F. de Renzis</em>. Aus
-dem Italienischen.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Achter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Irgend ein Anderer.</b> Von <em class="author">B. M.
-Croker</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Fräulein Reseda. &ndash; Ein Mann der
-Erfolge.</b> Von <em class="author">Julien Gordon</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Künstlerehre.</b> Von <em class="author">Octave Feuillet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>In frischem Wasser.</b> Von <em class="author">Helene
-Böhlau</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die geprellten Verschwörer.</b> Von
-<em class="author">W. E. Norris</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Daphne.</b> Nach <em class="antiqua">A Diplomat's Diary</em>
-von <em class="author">Julien Gordon</em>, deutsch bearb.
-von <em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>.</p>
-
-<p><b>Ein Genie der That.</b> Von <em class="author">Ernst
-Remin</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Mischa.</b> Von <em class="author">Marguerite Poradowska</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Der Thronfolger.</b> Von <em class="author">Ernst von
-Wolzogen</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Im Reisfeld. &ndash; Ohne Liebe.</b> Von
-<em class="author">Marchesa Colombi</em>. Aus d. Ital.</p>
-
-<p><b>Eine Künstlerin.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Miß Niemand.</b> Von <em class="author">A. C. Gunter</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Marienkind.</b> Von <em class="author">Paul Heyse</em>.</p>
-
-<p><b>Schwarzwaldgeschichten.</b> Von <em class="author">Hermine
-Villinger</em>.</p>
-
-<p><b>Jack.</b> Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus
-dem Französischen. 3 Bände.</p>
-
-<p><b>Der schwarze Koffer.</b> Aus dem Engl.</p>
-
-<p><b>Der Affenmaler.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Schwer geprüft.</b> Von <em class="author">J. Masterman</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Neunter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Im Schuldbuch des Hasses.</b> Von
-<em class="author">G. Ohnet</em>. Aus d. Französ. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Meine offizielle Frau.</b> Von <em class="author">Col. Richard
-Henry Savage</em>. Aus d. Engl.</p>
-
-<p><b>Sein Genius.</b> Von <em class="author">Claus Zehren</em>.</p>
-
-<p><b>Ein Zugvogel.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Violette Merian.</b> Von <em class="author">Augustin
-Filon</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Fräulein Kapitän.</b> Eine Eismeergeschichte
-von <em class="author">Max Lay</em>.</p>
-
-<p><b>Ein puritanischer Heide.</b> Von <em class="author">Julien
-Gordon</em>. 2 Bände. Aus dem
-Englischen.</p>
-
-<p><b>Das Stück Brot und andere Geschichten.</b>
-Von <em class="author">François Coppée</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>In der Prairie verlassen.</b> Von <em class="author">Bret
-Harte</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Zwischen Lipp' und Kelchesrand.</b>
-Von <em class="author">Charles de Berkeley</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Mein erster Klient und andere Geschichten.</b>
-Von <em class="author">Hugh Conway</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Auf steinigen Pfaden.</b> Von <em class="author">Léon de
-Tinseau</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Heimatlos.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>.
-3 Bände. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Baronin Müller.</b> Von <em class="author">R. v. Heigel</em>.</p>
-
-<p><b>In guter Hut.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Das Kind.</b> Von <em class="author">Ernst Eckstein</em>.</p>
-
-<p><b>Das Haus am Moor.</b> Von <em class="author">Florence
-Warden</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Giovannino oder den Tod! &ndash;
-Dreißig Prozent.</b> Von <em class="author">Mathilde
-Serao</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Des Seemanns Tagebuch.</b> Von <em class="author">Gustave
-Toudouze</em>. Aus dem Französ.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Zehnter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Das Geheimnis des Hauslehrers.</b>
-Von <em class="author">Victor Cherbuliez</em>. Aus dem
-Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Das wandernde Licht.</b> Von <em class="author">Ernst
-von Wildenbruch</em>.</p>
-
-<p><b>Einer alten Jungfer Liebestraum.</b>
-Von <em class="author">Alan St. Aubyn</em>. Aus dem
-Englischen.</p>
-
-<p><b>Schatten.</b> Von <em class="author">Ossip Schubin</em>.</p>
-
-<p><b>Unerwartet.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Ein Opfer.</b> Von <em class="author">Karl E. Franzos</em>.</p>
-
-<p><b>Die Möwe.</b> Von <em class="author">Zacharias Nielsen</em>.
-Aus dem Dänischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Geopfert.</b> Von <em class="author">George Simmy</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Unheimliche Geschichten.</b> Von <em class="author">Dick-May</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Margarete und Ludwig.</b> Von <em class="author">Frieda
-Freiin von Bülow</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Herzogstochter.</b> Von <em class="author">Mrs. Oliphant</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Briefe aus meiner Mühle.</b> Von
-<em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus d. Französ.</p>
-
-<p><b>Erinnerungen einer Schwiegermutter.</b>
-Von <em class="author">George R. Sims</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Lou.</b> Von <em class="author">Alexander Baron von
-Roberts</em>.</p>
-
-<p><b>Hof Gilje.</b> Von <em class="author">Jonas Lie</em>. Aus
-dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Don Cirillos Hut.</b> Von <em class="author">Emilio de
-Marchi</em>. Aus d. Italienischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Jean von Kerdren.</b> Von <em class="author">Jeanne
-Schultz</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Unter Bauern.</b> Von <em class="author">Hermine Villinger</em>.</p>
-
-<p><b>Prinz Schamyls Brautwerbung.</b>
-Von <em class="author">R. H. Savage</em>. Aus dem Engl.
-2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Elfter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Das Recht des Kindes.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Fränzös. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Ein schlechter Mensch.</b> Von <em class="author">A. von
-Gersdorff</em>.</p>
-
-<p><b>Mademoiselle.</b> Von <em class="author">F. M. Peard</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Kosmopolis.</b> Von <em class="author">Paul Bourget</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Eine schnurrige Geschichte.</b> Von
-<em class="author">Frank R. Stockton</em>. Aus d. Engl.</p>
-
-<p><b>Die wahren Reichen.</b> Von <em class="author">François
-Coppée</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Simson und Delila.</b> Von <em class="author">Annie
-Bock</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die gelbe Rose.</b> Von <em class="author">Maurus Jókai</em>.
-Aus dem Ungarischen.</p>
-
-<p><b>Verloren.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Zwei Herren.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Eine Schultragödie.</b> Von <em class="author">Edmondo
-de Amicis</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Schiffe, die nachts sich begegnen.</b> Von
-<em class="author">Beatrice Harraden</em>. Aus d. Engl.</p>
-
-<p><b>Susi.</b> Von <em class="author">Friedrich Spielhagen</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Tim.</b> Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Frauen.</b> Von <em class="author">Anna Munch</em>. Aus
-dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Die alte Geschichte.</b> Von <em class="author">Charles
-de Berkeley</em>. Aus d. Französ. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Der Sänger.</b> Von <em class="author">Karl v. Heigel</em>.</p>
-
-<p><b>Möblierte Wohnungen.</b> Von <em class="author">George
-R. Sims</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Tante Anna.</b> Von <em class="author">W. R. Clifford</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Zwölfter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Die Erbschleicherinnen.</b> Von <em class="author">Ernst
-v. Wolzogen</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der Kameenknopf.</b> Von <em class="author">Rodrigues
-Ottolengui</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Die Cigarette und andre Geschichten.</b>
-Von <em class="author">Jules Claretie</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Dodo.</b> Von <em class="author">E. F. Benson</em>. Aus dem
-Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Brüder.</b> Von <em class="author">Claus Zehren</em>.</p>
-
-<p><b>Pflichtgefühl.</b> Von <em class="author">W. D. Howells</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Revanche!</b> Von <em class="author">Alexander Baron
-von Roberts</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Pinsel und Meißel.</b> Von <em class="author">Teodoro
-Serrao</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Schwere Frage.</b> Von <em class="author">A. v. Gersdorff</em>.</p>
-
-<p><b>Das Magdalenenhaar.</b> Von <em class="author">Jean
-Rameau</em>. Aus dem Französischen.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der Verkauf einer Seele.</b> Von <em class="author">F.
-Frankfort Moore</em>. Aus d. Englischen.</p>
-
-<p><b>Wandelbilder.</b> Von <em class="author">Richard Henry
-Savage</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Selbstgerecht.</b> Von <em class="author">Friedrich Spielhagen</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Roman-Studien.</b> Von <em class="author">Jerome K.
-Jerome</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Jugendstürme.</b> Von <em class="author">Karl Busse</em>.</p>
-
-<p><b>Eine Familienähnlichkeit.</b> Von <em class="author">B. M.
-Croker</em>. Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Verbotene Frucht.</b> Von <em class="author">Henning
-van Horst</em>.</p>
-
-<p><b>Gold und Ehre.</b> Von <em class="author">Otto M.
-Moeller</em>. Aus dem Dänischen.</p>
-
-<p><b>Eine gelbe Aster.</b> Von <em class="author">Jota</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Dreizehnter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Villa Falconieri.</b> Von <em class="author">R. Voß</em>. 2 Bde.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Mit wahrhaft berauschender Glut der
-Schilderung zaubert uns der berühmte
-Dichter in seinem prächtigen Roman den
-Frühling der Campagna di Roma und des
-Albanergebirgs mit seiner märchenhaften
-Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift
-uns das Schicksal der Menschen voll
-Leidenschaft, die er in dieser großartigen,
-stil- und stimmungsvollen Umgebung
-lieben und leiden läßt.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Die Tochter des Abgeordneten.</b> Von
-<em class="author">Georges Ohnet</em>.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>In diesem glänzend geschriebenen Roman
-bietet <em class="gesperrt">Ohnets</em> vielseitiges und fruchtbares
-Talent eine seiner reifsten Früchte.
-Die große Schar der Freunde und Verehrer
-des gefeierten Erzählers wird dieses
-Buch namentlich auch darum noch vermehren,
-weil es sich auch zur Lektüre für
-junge Mädchen eignet.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Die Siegerin.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Einem neuen Buche von Hans Hopfen können
-wir keine bessere Empfehlung mit auf den Weg
-geben als die, daß es ein »echter Hopfen« ist.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Eine dritte Person.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem
-Schauplatze der meisten Crokerschen Romane,
-durchwärmt und verklärt gleichsam
-die Geschichten dieser mit Recht so beliebten
-Erzählerin und verleiht ihnen einen romantischen
-Schimmer, der den Leser unwiderstehlich
-gefangen nimmt.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Flederwischs Heirat.</b> Von <em class="author">Gyp</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«,
-ist ein entzückendes Geschöpfchen,
-dessen köstliche Naivetät und neckischer
-Humor wahrhaft herzerfrischend wirken.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Eine internationale Ehe.</b> Von <em class="author">Madame
-Bigot</em>. Aus dem Englischen.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes,
-gut beobachtetes Milieu und
-eine reich bewegte Handlung vereinigen
-sich in diesem flott geschriebenen Roman
-zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen
-Ganzen.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Sich selber treu.</b> Von <em class="author">M. Gerbrandt</em>.
-2 Bände.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Warmherzige Menschen von reich entwickeltem
-Gefühlsleben treten uns in diesem
-hochgestimmten Roman entgegen, in dem
-sich die begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin
-von feiner poetischer Empfindung
-und abgeklärter Kunstanschauung
-erweist.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Islandfischer.</b> Von <em class="author">Pierre Loti</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Mit der Einreihung von Lotis berühmten
-Roman, diesem Hohenlied der See und der
-Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir
-einen Wunsch vieler unserer Leser.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.</b>
-Von <em class="author">Helene Böhlau</em>.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller
-Kleinmalerei und gemütvollen, schalkhaften
-Humors sind auch diese neuen <em class="gesperrt">Böhlau</em>schen
-Ratsmädelgeschichten, in denen wir
-einen Hauch aus Weimars großer Zeit
-verspüren.</p></div>
-
-<p class="p2">Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu <b>Geschenken ganz besonders geeigneten</b></p>
-
-<p class="center large">Salon-Ausgabe
-</p>
-
-<p class="noind">auf <b>feines, extra starkes Papier</b> gedruckt und in <b>elegantem Liebhaber-Einband</b>
-zum Preise von M. 2.&ndash; für den einfachen und M. 3.&ndash; für den doppelten
-Band erschienen.</p>
-
-<p class="center">Einfache Bände:</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><em class="author">Burnett</em>, <b>Der kleine Lord</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Feuilett</em>, <b>Das Tagebuch einer Frau</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Paul Lindau</em>, <b>Helene Jung</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Voß</em>, <b>Kinder des Südens</b>.</p>
-
-<p><b>Was der heilige Joseph vermag.</b></p>
-
-<p><em class="author">v. Wolzogen</em>, <b>Die Kinder der Excellenz</b>.</p>
-
-<p><em class="author">v. Gersdorff</em>, <b>Ein schlechter Mensch</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Savage</em>, <b>Meine offizielle Frau</b>.</p></div>
-
-<p class="center">Doppel-Bände:</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><em class="author">Conway</em>, <b>Eine Familiengeschichte</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Croker</em>, <b>Die hübsche Miß Neville</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Hopfen</em>, <b>Robert Leichtfuß</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Ohnet</em>, <b>Der Hüttenbesitzer</b>.</p>
-
-<p><em class="author">v. Wolzogen</em>, <b>Der Thronfolger</b>.</p>
-
-<p>&ndash; <b>Die tolle Komteß</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Sims</em>, <b>Erinnerungen einer Schwiegermutter</b>.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="chapter">
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben.</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 7: alimodisches → altmodisches<br />
-wie ein <a href="#corr007">altmodisches</a> Kleidungsstück abgelegt</p>
-<p>
-S. 11: Augenbiick → Augenblick<br />
-Von dem <a href="#corr011">Augenblick</a> an, als sie</p>
-<p>
-S. 61: Weimararaner → Weimararnern<br />
-den <a href="#corr061">Weimaranern</a> ihr geliebtes Deutsch</p>
-<p>
-S. 136: wir → mir<br />
-es war <a href="#corr136">mir</a>, als würden da</p>
-<p>
-Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray<br />
-Von <em class="author">D. C.</em> u. <em class="author">H. <a href="#corrcat6">Murray</a></em></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-
-<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 ***</div>
-</body>
-</html>
-
-
diff --git a/old/51230-h/images/cover.jpg b/old/51230-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 9f5b76a..0000000
--- a/old/51230-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51230-h/images/signet.png b/old/51230-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index e37905e..0000000
--- a/old/51230-h/images/signet.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/old/51230-0.txt b/old/old/51230-0.txt
deleted file mode 100644
index 0462032..0000000
--- a/old/old/51230-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,6950 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook, Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten,
-by Helene Böhlau
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-
-Title: Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten
-
-
-Author: Helene Böhlau
-
-
-
-Release Date: February 16, 2016 [eBook #51230]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE
-GESCHICHTEN***
-
-
-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net)
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.
-
- Die Autorennamen der Katalogseiten sind _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-
-Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.
-
-Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.
-
-Dreizehnter Jahrgang. Band 12.
-
-
-RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN.
-
-von
-
-Helene Böhlau.
-
-(Madame al Raschid Bey.)
-
-
-
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Stuttgart.
-Verlag von J. Engelhorn.
-1897.
-
-Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten.
-
-Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
-
-
-
-
-Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe.
-
-
-Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das kleine, nun längst
-wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet anfing, mitten unter den
-tausend und abertausend europäischen Städten und Städtchen sich
-außerordentlich wichtig zu thun. Es mochte auch alles Recht dazu haben;
-denn es hatten sich in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet,
-Vögel, derengleichen vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren,
-und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so daß sie wirklich
-außerordentlich seltene Vögel geblieben sind, bis heutzutage.
-
-Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben, und es hat den
-Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig hinerzählt war, allem
-Feierlichen, Schweren aus dem Wege ging, alles Leichtlebige beim Zipfel
-nahm.
-
-Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus den Bürgerstuben,
-aus den Gärten vor der Stadt, von jenen alten, gesegneten Gärten, und
-ich werde mich auch wieder vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen
-Tieren vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten abgeben.
-
-Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre alte weimarische
-Sonne locken, von der sie so gerne sich wieder bescheinen lassen würden.
-
-Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt, eine weiche,
-hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es sproßt und keimt, in der
-ein lustiger, feuchter Wind weht, Nebel ziehen, in der Herzen schlagen,
-und in der allerlei behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die
-Achseln zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen; damals
-aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen machte. So glaubte man
-in jenen Tagen und tuschelte es sich gegenseitig wie eine interessante
-Hofgeschichte zu, daß die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie,
-von der Karl August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts
-machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in Tieffurth, im
-Park und im Schlößchen.
-
-Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten Dinge. Die
-bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft, aber doch
-humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß daran, daß die kleine, bucklige,
-häßliche Dame solche Geschichten machte.
-
-Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn es war absolut
-nicht ~comme il faut~ von der Göchhausen. -- Außerdem sprach die
-Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern darüber, daß ihr so etwas
-»arrivieren« mußte -- solch eine »Kalamität«! -- Man fand, daß sich
-die Göchhausen noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich
-machte.
-
-Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie sie schimpfend und
-klagend die Parkwege auf und nieder gehuscht war.
-
-Sie hatten sie ganz genau erkannt, -- daran bestand kein Zweifel!
-
-Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von Krommsdorf erst
-spät heimgetrieben, war sie im Park auch nachgehuscht, und er erzählte,
-daß sie ihm scheußlich weinerlich und wichtig gesagt habe: »Ich
-la--ngweil' mich so!« -- Weiter nichts. Aber +wie+ sie es gesagt hätte!
-Wie aus einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden, die
-die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer Kalb, das
-die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt hatte, pfundweis nach
-Hause trugen, gar nicht haarsträubend genug vormachen.
-
-Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen, immer klagend,
-immer schimpfend und immer unzufrieden; -- manchmal auch nur murmelnd
-und brummend; -- aber +wie+ murmelnd! -- eben ganz wie eine arme
-Seele murmeln muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war
-überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache, daß sich die
-Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, -- nach Vorschrift der alten
-Kobold- und Geistergeschichten.
-
-Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen haben und hatten auch
-gottlob immer etwas; sie waren an die merkwürdigsten Dinge gewöhnt,
-eine solche Fülle von gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das
-graue Rattennest niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß
-diese Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit allerhand
-fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel.
-
-Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar lachende,
-blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich behende Körper,
-blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch etwas tollpatschige Hände,
-helle Kleider, die sich lebendig um diese jungen Körper schmiegen,
-die sich so jugendsicher auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so
-wohlgebaut und unschuldig.
-
-All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie zu ein paar
-Mädchen, die in der alten Wünschengasse daheim sind.
-
-Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt und sind mehr,
-als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund und Feind, Nachbar und
-Nachbarin.
-
-»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und sind die Töchter des
-Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und würdig, nie verstanden hat, weshalb
-gerade ihm das Schicksal diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr
-Mühe und Kopfzerbrechen kosteten, als seine Buben. Ja, in der That,
-er und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem hübschen Paare
-fertig geworden, wenn nicht die ganze Wünschengasse ihnen beigestanden
-hätte, die Rangen zu erziehen; und nicht nur die Wünschengasse fühlte
-sich dazu berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen
-Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es, wenn sie miteinander durch
-die dämmerige Gasse schlenderten. Und wer dies aussprach, schaute ihnen
-gewissermaßen gespannt nach.
-
-Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige Wünschengasse in
-Aufregung zu erhalten.
-
-Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach den Ratsmädchen,
-das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln und Hetzen, das Verhätscheln
-und Anraunzen. Nie, solange die Wünschengasse steht, sind aber zwei
-Schwestern von Kindesbeinen an trotz alledem so ungetrübt heiter
-gewesen wie diese zwei, so treu ihren Freunden ergeben.
-
-Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag Freunde
-haben, -- zu den Menschen, die nie einsam sind, -- zu den sonnigen
-Kraftmenschen, die Wärme und Strahlen für andre übrig haben.
-
-Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden keinen
-Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden nahe treten wollte, waren
-ihnen dankbar, -- und was die Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und
-diese Freunde: der blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon,
-den sie auf den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner
-französischen Abstammung wegen; in den weimarischen Mäulern aber war
-»der Pudding« zu einem »Budang« geworden. -- Und der schöne Franz
-Horny, der sich als Maler später einen Namen machte und in jungen
-Jahren in Amalfi starb; -- sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo
-es von den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian verehrt
-wird. -- Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller, Schillers Sohn.
-
-Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich vergnügt, wie
-dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr geschieht.
-
-Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere Urwüchsigkeit
-wie ein altmodisches Kleidungsstück abgelegt.
-
-Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen und haben
-sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von Röses Paten Sperber,
-einquartiert. Sie sind ins Wasser gefallen, haben miteinander getanzt,
-wenn es ihnen paßte; sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten
-gefahren, sie haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie
-haben »Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren
-gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich von den
-etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre genommen worden, haben
-ihnen ihre Schularbeiten vorweisen müssen und sind von ihnen belobt und
-gestraft worden, wie das alles ausführlich schon einmal erzählt worden
-ist. Herr und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung
-ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen.
-
- * * * * *
-
-Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse.
-Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel, und in die Dämmerung
-dröhnt die große Glocke im Schloßturm. Der Sturmwind fährt in das
-mächtige Geläute; er reißt die großen, vollen Töne wie Wolken
-auseinander und nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie,
-läßt sie hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen.
-
-Die Glocke läutet die Osternacht ein.
-
-Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch; so
-voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne und das tiefste
-Menschenleid.
-
-Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß Gott wo,
-erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens Weimar geworden.
-Ein jeder versteht dies Herz da oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig
-aus, was die andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es
-erweckt sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein
-großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat. --
-
-Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster hinaus.
-
-»Hörst du?« sagt Marie.
-
-Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet wurde, zum Schloß
-hinunter gelaufen und haben hinauf nach der grünen Turmspitze gesehen,
-die von der Wucht der Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und
-her schwankte; oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten,
-und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert; oder
-die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den Glockenstuhl, und sie haben
-da, schwankend und schwindelnd und ganz betäubt von den ungeheuren
-Schlägen, die den Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander
-geklammert und an den riesigen Balken festgehalten.
-
-Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum Fenster hinaus.
-
-Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen.
-
-Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal geantwortet.
-
-Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen grüne
-Schärpen.
-
-Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff von aller
-Schönheit und Eleganz.
-
-»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! -- Was fällt euch ein! --
-Der Wind!« So ruft Frau Rat, die Mutter der Ratsmädchen, die eben ins
-Zimmer tritt.
-
-Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt. Der Haushalt
-mit den wilden Mädchen und Buben, die Kriegsjahre, der überernste
-Gatte, die Geldsorgen, -- das alles ist der fein organisierten Frau zu
-viel geworden.
-
-Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe; sie aber hat etwas
-Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur bei sich selbst fände, was sie
-sucht.
-
-Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das Glockengeläut dringt
-nur noch dumpf ins Zimmer.
-
-Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die Lichter an.
-
-Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches Gesicht.
-
-Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des einen Talglichtes
-brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter unter einem grünseidenen,
-ovalen Schirm.
-
-»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?«
-
-»Was denn sonst, Schatz? -- Habt ihr euch die Hände gewaschen?«
-
-»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse.
-
-»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und streicht ihr übers
-Haar. -- »Gutes Kind!«
-
-Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß sie ihrer
-Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht.
-
-»Ruhig, ruhig!«
-
-Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf auf dem Tisch?«
-
-Senf war eben das Neueste.
-
-Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles in schönster
-Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht feierlich im Zimmer auf
-und ab.
-
-»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch einmal: »Charmante
-Leute!«
-
-Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden« nicht. Man hat zu
-warten, bis er fragt.
-
-»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit
-erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau.
-
-»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?«
-
-»Ich dachte so etwa ... etwa ...«
-
-Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit« nannte,
-nicht recht klar zu sein.
-
-»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon eine recht
-große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem Seitenblick auf die
-Mädchen.
-
-Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der Mutter auf der Platte
-tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt zu.
-
-»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?«
-
-Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen Halsbinde heraus,
-im Hintergrunde des großen Zimmers, zu seiner Frau.
-
-»Bst!« macht Frau Rat. -- »Mein Gott, so jung sollte sie nicht sein. So
-ein armes Ding!«
-
-»I was!« sagt Herr Rat. -- »Papperlapapp! Warst du etwa älter?«
-
-Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres Lebens zogen
-an ihrer Seele vorüber. -- Sie lächelt, -- alle heißen Thränen, alles
-Sehnen, alles Verstummen hatte sich bei ihr zu einem müden Lächeln
-herabgemildert, -- oder in ein Lächeln zusammengefaßt, -- wie man will.
-
-Apothekers kamen.
-
-Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten rundes Bäuchlein war
-mit »selber gestickter« Seide überspannt und glänzte wie ein heiteres
-Gestirn. Er kniff Röse in die Wange und war vortrefflich gelaunt.
-
-Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach den Fenstern
-des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte sich eben eine Dame in
-vollem Putz, in weißer Haube mit blauen Bändern und im weißen Kleide.
-Sie öffnete das Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der
-Wind, der durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte.
-
-»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte nicht lange, da
-empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau Geheimderat Thon und deren
-Sohn Ottokar Thon, Adjutanten des Großherzogs Karl August.
-
-Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den Eltern Kirsten,
-küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann Marie.
-
-Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte. Das weiße Kleid
-umschloß in langen Falten eine volle, stolze Gestalt. Das schöne
-Busentuch war aus kostbaren gelblichen Spitzen, und eine breite,
-hohe Haube mit himmelblauen Bändern beschattete ein energisches,
-wohlkonserviertes Gesicht.
-
-Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre rundliche Kinderhand
-dann an die Lippen.
-
-Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen Gesichte aber lag
-eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen ihrer Schwester Hand nicht
-los, bis man sich zu Tische setzte.
-
-Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie ahnte, sie wußte
-alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach mit ihr, als spräche er zu
-einem lebendigen Heiligtume, -- so etwas scheu, -- und doch ... --
-Rösen überschauerte es.
-
-Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten Uniform aussah!
-
-Von dem Augenblick an, als sie ihn zuerst gesehen, war ihre Seele
-ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner Gescheitheit und
-seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger gewesen, und sie hatte auch
-gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet.
-
-Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig gelobt habe,
-und daß Karl August eine Schrift über die Zukunft Deutschlands von ihm
-kenne, von wahrer staatsmännischer Bedeutung.
-
-»Solch ein Mensch will mich!«
-
-Das waren Röses Jubelgedanken. --
-
-Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen und hörte zu,
-wie alle sprachen.
-
-Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie mußte träumerisch
-an einen Vogel denken, der in seinem Nest auf schwankem, grünem Zweige
-sitzt, das von einem weichen Winde hin und her geweht wird. Die Sonne
-glitzert durch die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes
-Licht um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug. Sie
-fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist; deshalb macht
-sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen, stillen Wonne, ein
-kindisches, süßes Bild.
-
-Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter; nein, alles
-und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte Festsuppe: Grünkern
-mit Kerbelrübchen. Das war Frau Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen,
-wie Mandeln so fein und klein, zergingen auf der Zunge, und die
-Suppe duftete wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete
-es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer. Warmer
-Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel, der echte köstliche
-Kornduft, ein sanfter Wind, der über die Aehrenhäupter streicht, --
-Erdgeruch! Das alles kam, als der Deckel von der Suppenschüssel gehoben
-wurde, den Gästen bewußt oder unbewußt in Erinnerung.
-
-Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe!
-
-Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß sein wie eine Musik
-oder wie ein Gedicht, die Leute sollen fröhlich davon werden.«
-
-Ja, es war eine feierliche Suppe!
-
-Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben klirrten,
-und im Schornstein heulte und jammerte er.
-
-Nach der Suppe gab es einen Karpfen, -- einen Spiegelkarpfen mit
-großen, goldenen Schildern und Flecken, den besten Karpfen, den
-der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen! Röse und Marie hatten
-natürlich mitgeholfen, ihn aus dem Behälter herauszufischen, in dessen
-klarem Ilmwasser die festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig
-flimmernden Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten
-hatten sie also erwischt.
-
-Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit, seiner
-Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen.
-
-Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm den Kopf
-auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im Rasen neben
-den Fischbehältern eingerammt waren, und der über und über von
-Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er den Fisch in zwei Hälften
-geteilt und den Ratsmädchen in den Korb gepackt und ihnen die
-Fischblase extra verehrt. Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen
-zu lassen; es hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein
-althergebrachter Spaß gewesen.
-
-Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer kam, blau gesotten mit
-geriebenem Meerrettich, und ganz in Petersilie ruhend, da rief der
-Apotheker: »Donnerwetter, ist das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger
-gewesen?«
-
-Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren aber nur die
-Vorläufer vom Propheten.
-
-Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern zu einem
-wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus.
-
-Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer Hofjagd
-mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem Herrn, und hatte sie
-Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert, und nun sollten sie feierlich
-gemeinschaftlich verzehrt werden.
-
-Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte, waren alle
-erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen, nußbraun
-gebratenen Tiere silberne Füße und silberne Köpfe hatten.
-
-»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung vor eurer
-Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen! Silberne Köpfe und
-silberne Füße!«
-
-Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger und waren
-glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater auch nichts davon
-gewußt hatte.
-
-Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem Geschenk gehört
-hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene Vögel aus ihrem
-Silberschrank geliehen.
-
-Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei Flaschen alten
-Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden Flaschen hatte er in dem
-Franzosenjahr vor den gierigen Langfingern versteckt. Er hatte sie im
-kleinen, dunklen Höfchen unter dem Regenfaß vergraben und, als die
-Luft wieder rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in
-einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz von Staub
-und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande setzte er sie, als die
-Vögel mit den silbernen Füßen kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz
-auf den Tisch.
-
-»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt.
-
-»Papperlapapp!« -- Herr Rat war schon dabei, eine zu entkorken. --
-»Gehört sich's nicht etwa so?«
-
-Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß ein alter,
-seltener Wein in so staubigen und schimmeligen Flaschen auf den Tisch
-kommen müsse; das sei für den Kenner das Feinste.
-
-Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten, Kompotts und
-Beilagen aller Art.
-
-»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie verspürt haben
-wollen?« fragte der Apotheker den jungen Thon. »Das wäre heute so eine
-Nacht für die Bestie, um den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!«
-
-»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!« antwortete der
-Adjutant lebhaft.
-
-»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der Ilm an dem
-Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth -- so eigentlich mitten im
-Tieffurther Park. Verspürt ist er nun, der Lump ... aber ...!«
-
-»Ja -- aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem Adjutanten auf den
-Fuchs an.
-
-Marie zupfte Röse am Kleid.
-
-Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon.
-
-»Röse,« tuschelte Marie besorgt, -- »sie werden doch nicht gar zu lange
-bleiben?« --
-
-Röse fuhr wie aus einem Traum auf.
-
-»Was?« fragte sie.
-
-»Na, wenn unsre Drei nun kämen?«
-
-»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort sind; die werden
-unten schon lauern, bis der letzte hinaus ist!« flüsterte Röse.
-
-Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben, verehrten
-Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und bedauerte, daß sie
-Weimar so bald wieder verlassen müsse.
-
-Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen, um ihren Sohn zu
-besuchen.
-
-Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem Kompottlöffelchen an
-ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt und stattlich.
-
-Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene Frau in
-ihrem weißen Kleid so frei und vornehm stehen zu sehen.
-
-Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren Sohn diesmal
-verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit menschliches Berechnen
-nicht trüge, vor ihren Augen läge, -- und für diese Beruhigung, diese
-frohe Aussicht danke sie dem gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten.
-
-Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und Frau Rat an, dann mit
-Apothekers, und mit Röse ganz besonders.
-
-»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie.
-
-Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand; darauf küßte er Röses
-Hand wieder tief bewegt.
-
-Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder Schlingel!« flüsterte
-sie Röse zu.
-
-Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das war auf Vater
-Kirstens Befehl hin so eingerichtet.
-
-Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten, und er wollte in
-seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand keinen »Verlobungstrafik«, wie
-er sich ausdrückte. Das Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt
-werden.
-
-Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein verliebtes Paar zu
-stolpern!
-
-Er war Herr im Hause, damit basta!
-
-Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die Apothekerin mußte
-ihren Mann zweimal am Rockschoß zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der
-schönste gewürzte Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß.
-
-Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der Wind mit solcher
-Gewalt gegen die Scheiben gefahren und hatte an den wackeligen, alten
-Fenstern gerüttelt, daß der Apotheker ordentlich zusammengefahren und
-wieder zur Besinnung gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider.
-
-Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes durchaus nicht. Es war
-gut so. Sie wünschte sich's nicht anders. Nichts schreckte sie aus
-ihrem süßen Traume auf. Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich!
-Und es war nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien
-es ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen.
-
-Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut!
-
-Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und Hochzeitssprüchlein
-und gab ihrem Vater, als sie mit ihm anstieß, extra einen Kuß dafür,
-daß der in der schön gestickten, seidenen Weste nicht reden durfte.
-
-Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde, kindliche Geschöpf
-vor sich, wie es so süß träumte. Und sie gehörte ihm, war sein eigen,
-sie war ihm versprochen!
-
-Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß auf diese junge
-Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden Mund schien ihm
-Erlösung, -- das seidenweiche Haar zu streicheln Erquickung!
-
-Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt schwieg,
-erschütterte ihn.
-
-Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume. Ein berauschender
-Duft! --
-
-Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird doch heut auch
-wirklich spuken?«
-
-»Wer?« fragte Röse.
-
-»Ach geh!«
-
-»Wenn das +so+ werden soll, wenn du ewig nur vor dich hin gucken
-willst! -- Na dann --!« Marie sprach sich nicht weiter aus, schien aber
-entrüstet zu sein.
-
-»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß! Mich freut's
-grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht noch mehr!«
-
-Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden zankend
-miteinander tuscheln.
-
-»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und eine Seele?«
-
-»Sind wir auch!« sagte Röse.
-
-Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen Braut;
-etwas würdig, wie er es mit jedem jungen Mädchen that, aber jedes
-Wort bebte und zitterte und war beladen mit allem möglichen, und die
-Blicke beider hingen aneinander, -- forschend, ergründend und scheu den
-Anblick genießend.
-
-Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der Wind und trug jetzt,
-wie es schien, einen merkwürdig hellen, rhythmischen Pfiff auf seinen
-Flügeln.
-
-Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem Anbeter war, spitzte
-die Ohren, erhob sich wie im Traume, ging dem Fenster zu, blieb aber
-zögernd, wie unverrichteter Sache stehen und begab sich wieder auf
-ihren Platz.
-
-Der junge Thon beobachtete sie.
-
-»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken, lassen sie uns bei
-dem Wetter nicht fort!«
-
-Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht gekommen.
-
-Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die Arme.
-
-Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte bei sich: »Das war
-ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?«
-
-Jetzt schellte es unten.
-
-Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt und
-sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen. Was ihnen denn nur
-einfiele! Waren sie denn des Kuckucks!
-
-Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten.
-
-Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus für
-Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei und mit einem
-Veilchenbouquet daran gebunden, etwas unsagbar Schönes, Bräutliches.
-Sie hatte jedenfalls nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch
-bei einem Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei.
-
-Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen sollten; sie
-beratschlagten und hielten sich deshalb ziemlich lange auf der Treppe
-auf. Marie kam auf den schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt
-den Veilchen in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben,
-bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es möchte dem Vater
-nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk der Schopenhauerin
-jetzt mit hereinbrächten. Und es geschah so, wie sie sich vorgenommen.
-
-»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die Mädchen wieder eintraten.
-
-Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr.
-
-Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit einiger Zeit von einer
-merkwürdigen Unruhe befallen waren. Es war ihm, als müsse er mit Röse
-ein feierliches, großes Wort reden.
-
-Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch wirklich? War er
-ihrer sicher?
-
-Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig und
-liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den Händen fest.
-
-»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!« dachte der junge Thon
-mitten in seinem Herzensrausch. Er hat bereits gestern die halbe Nacht
-platt auf dem Bauche vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich
-schon, wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den Fuchs
-paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über sich rauschen, fühlt
-wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm. Und das Lauern, das scharfe
-Hinhorchen, -- das Spannen, -- die Naturlaute, die nachts hie und da
-geheimnisvoll auftauchen, -- da wird's ihm wohl werden!
-
- * * * * *
-
-Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen Frau Rat Kirsten
-Komplimente über das splendide Gastmahl, und Frau Geheimderat Thon
-drückt Röse mütterlich zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr.
-Röse errötet tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand
-ihrer künftigen Frau Schwiegermutter.
-
-Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem, Unbekanntem, als
-Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand drückt, so erregt und bewegt,
-als wäre dieser einfache Händedruck eine heilige Handlung.
-
-Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme und küßt sie
-und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen in den Augen.
-
-Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort und Stelle bringen;
-sie sind zu diesem Behuf aus ihren weißen Kleidern in die grauen
-Ginghamalltagskleider geschlüpft und wirtschaften mit wahrem Feuer und
-so ordentlich und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei sich
-denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch, pflichttreu und
-brav!«
-
-»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du so trödelst, wann
-denkst du denn, daß wir fortkommen?«
-
-»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang, »was hilft's
-denn sonst? -- Poltere doch nicht so!« Marie ging darauf hin auf den
-Fußspitzen.
-
-Drüben bei Thons war schon alles dunkel.
-
-»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn bei uns so lang?«
-
-Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah nach diesem und
-jenem; die Mutter schloß das gespülte und geputzte Silberzeug in den
-Schrank.
-
-Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen Füße und
-Hälse der Fasanen.
-
-Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus Dunkelheit und
-Nachtruhe ein.
-
-Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt; die Magd,
-Vater und Mutter, jedes war schlafen gegangen, und keine Maus rührte
-sich.
-
-Es schlug elf Uhr. -- Da war es, als wenn auf der dunklen Treppe sich
-vorsichtig etwas bewege. Es knarrte eine Stufe; es huschte und schlich
-etwas. Zwei Stimmen wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte
-Röse tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich angst, --
-so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du, daß der Vater bös sein
-würde?«
-
-»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem Atem, »jetzt
-ist's zu spät! -- Mach nur leise, -- du trampelst ja!«
-
-»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar nich!« Aber da krachte
-die alte Stufe so entsetzlich. Den beiden kam es wie ein Kanonenschuß
-vor. -- Sie standen ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu
-regen. -- »Ach Gott!« klagte Marie.
-
-Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter.
-
-»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in seinen Kissen.
-
-Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete undeutlich: »Der Wind;
-auch wohl die Katze.«
-
-Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte draußen an den
-Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben, sang und jodelte in den
-Schornsteinen. Es war eine wilde, stürmische Osternacht. Zerrissene
-Wolken fuhren über den Himmel.
-
-Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche, zitternde
-Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel geräuschlos ins
-Schlüsselloch zu stecken.
-
-Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden Herzens, aus der
-Mutter Speisekammer stibitzt.
-
-Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und schauten mit
-ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie seufzten beide tief, denn
-es war ihnen nicht geheuer zu Mute. Sie hätten's nicht thun sollen!
-So heimlich fortzuschleichen war das Rechte nicht, das fühlten sie.
-Und sie dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an Frau
-Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten Respekt hatten. Was
-die wohl dazu meinen würde?
-
-»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! -- Himmlisch!«
-
-Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von dem Winde treiben.
-»Glaubst du wirklich, daß es was gibt, wenn sie's oben merken?« fragte
-Röse.
-
-Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen Longshawl gefaßt
-und sich darin verfangen.
-
-»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub' schon. Aber wenn
-alles gut ausgeht, und wir haben sie wirklich gesehen, und wir sagen's,
-dann -- dann ...«
-
-Der Wind nahm ihr den Atem.
-
-Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern lieber gedeckt,
-wie die Diebe an den Häusern hin; und so eilten sie Hand in Hand
-vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke flatterten wild im Westwinde;
-die Stirnlöckchen, selbst die schweren hängenden Zöpfe wehten und
-peitschten um sie her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries
-Zopf übers Gesicht gefahren war.
-
-Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der Gaststube schimmerte
-Licht in die Dunkelheit; es trat jemand aus der hellerleuchteten
-Thorfahrt. Röse und Marie drückten sich atemlos, erschreckt in den
-Schatten an die Mauer. Dann liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen
-Augen, weil der Sturm Sand und Staub aufrührte.
-
-Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond schaute auf einen
-Augenblick ungeheuer glänzend, als wäre er von den Wolken eben erst
-wieder blank gewischt worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde
-hinab.
-
-»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen.
-
-Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und die Ilm nächtlich
-an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen und lauschten ins Dunkel
-hinaus.
-
-Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der Sturm hatte sie wie ein
-paar Rosenbüsche zerzaust.
-
-»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte Marie, »wenn sie
-uns nur nicht erschrecken!«
-
-Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende und
-wieder verschwindende Mondlicht, die schweren, schwarzen Wolken, der
-Sturm, der in den hohen Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche
-Stille, ohne menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell
-unterbrochen, das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne auf
-der Mühle, -- alles bedrückte sie!
-
-Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem ähnlich, den der
-Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen hatte; aber er kam so
-zaghaft zu stande, daß er wie ein Hauch verflog.
-
-»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte Marie kaum hörbar.
-
-»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und beide schmiegten sich
-fest aneinander.
-
-»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,« meinte Marie.
-»Wir müssen ein bißchen näher. Ob der Müller ihnen wohl die Fähre los
-gemacht hat?«
-
-Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam.
-
-»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie.
-
-Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben: »Scheußlich
-falsch.«
-
-»Oho!« hörten sie laut rufen.
-
-Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur ein paar Augenblicke,
-da standen ihre drei Freunde Budang, Horny und Ernst Schiller vor ihnen.
-
-»Trödelbüchsen!« rief Budang.
-
-»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend.
-
-Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle Fähre. Das Ilmwasser
-rauschte und gluckste um die groben Bretter und schien eine eisige
-Kälte zu verbreiten.
-
-Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre zwischen den
-geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder, woran die schweren Taue
-liefen, schnurrten; der Wind klappte und rasselte damit. Röse und
-Marie saßen aneinander gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre
-heute sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd, dem man
-nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende Wasser schlich, wie
-sie schwankte, ruckte und zuckte! Der Sturm erschwerte die Ueberfahrt
-außerordentlich.
-
-»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse wieder, -- »so schwarz!«
-
-Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?«
-
-Keine Antwort.
-
-Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie waren gerade dabei,
-die Fähre am andern Ufer anzulegen, und mußten aufpassen.
-
-Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer schwer und bang
-gestimmt. Alle miteinander schritten in einer Reihe den aufwärts
-führenden Weg hinan. Den breit ausladenden Westwind hatten sie jetzt
-in der Seite. Man konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond
-war einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit
-pechschwarz.
-
-Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?«
-
-»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!«
-
-»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in der Osternacht da
-stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.«
-
-Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen.
-
-»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade, denke ich, gehen
-wir doch!«
-
-Tiefe Stille.
-
-Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen miteinander und
-die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es durchrieselte sie selbst bei
-ihren Worten.
-
-»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so fürchterliche Dinge!
-Am Tage denkt man nicht daran, aber nachts, da sieht alles so wie in
-einer alten schrecklichen Geschichte aus. Weißt du von dem Fährmann,
-der die Toten über ein großes schwarzes Wasser setzte; -- so wie wir
-vorhin, fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie lieb
-haben. -- So hat es gewiß gerauscht, -- und so kalt wird's gewesen
-sein, und die Taue haben so geklappt, und die Räder geschnurrt; und
-alles pechschwarz, Sturm, nie wieder Sonnenschein! -- Und da haben sie
-auch so auf der Bank gesessen und sich gefürchtet, -- und sind auf
-Nimmerwiedersehen fortgefahren! -- Budang, wie mir die Göchhausen leid
-thut! -- Glaubst du denn wirklich, daß sie kommt? -- Und wie ist's denn
-nur, daß sie gerade kommt, und die andern nicht? -- -- Ach, Budang, wer
-so was wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?«
-
-Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie aus einer Flasche
-spricht, -- so fiept, -- das ist gräßlich!«
-
-Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien, alle Hand in
-Hand.
-
-Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden Blätterknospen
-aneinander; es klappte und sauste, und über die kahlen Felder kam es
-unheimlich angebraust.
-
-Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und die Blätter werden
-erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie sich an Budang fest vor
-Grauen. Und Marie flüsterte bebend: »Pfui Röse!«
-
-»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten die sich!«
-
-Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt; ganz geheuer
-war es keinem von der Gesellschaft zu Mute.
-
-»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn sie wirklich kommen
-sollte! Was machen wir denn da mit Röse und Marie --?« meinte Ernst
-Schiller.
-
-Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne Sorge, wenn es
-darauf ankommt, fürchte ich mich gar nicht! -- Ich rede sie an!«
-
-»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen sollt!«
-
-»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so darfst du uns
-nicht behandeln! -- Weißt du, wir sind so gut wie verlobte Mädchen!«
-
-»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich, »laß die
-dummen Witze!«
-
-Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht! -- Haben wir je
-gelogen?«
-
-Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen alle
-zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind schnob um sie her und
-trieb sie noch näher zu einander.
-
-»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand sogleich wußte,
-wem sie angehörte. Sie klang so fremd, so unterdrückt, als wenn der
-Frühlingssturm selbst mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan
-hätte.
-
-Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare Veränderung in
-dem Gesichte seines Freundes Ernst Schiller.
-
-Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen Götzendienst
-getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts Lieblicheres als
-diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen Herzens geblieben, sein ganzes
-erstes Jugendfeuer gehörte seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn
-auch seines Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?«
-
-»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja noch nicht sagen!«
-
-»Nun, -- weshalb sagst du dann: beide?«
-
-»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten sie sie doch auf
-einer Lüge ertappt, die Bengel!
-
-Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas gehabt hatte,
-was die andre nicht auch besaß. Es mochte ihr neu sein, daß sie
-Einzelwesen waren. Es verdutzte sie völlig. Beide gehörten so eng
-zusammen. Sie waren sogar merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre
-geboren, als gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen
-wir ja.
-
-Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche durcheinander.
-Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten und Zweige, wie durch ein
-Riesensieb.
-
-Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein andres schwatzend
-und klagend, frühlingshaft spitz und grell vor sich hin. Auch ein
-Liebespärchen, das sich lockte und schalt, koste und sich beklagte!
-
-Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da und dort:
-unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen!
-
-»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure Fasanen gekommen,
--- vielleicht ein Fuchs.«
-
-»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses Verlobungsgeschichte
-nicht glauben wollte und sich doch nicht recht zu fragen getraute.
-
-»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe und silberne Füße
-aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll aus.«
-
-Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt ganz still.
-
-Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches.
-
-»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen, »ist denn
-deine Verlobung wirklich wahr?«
-
-»Ja, Budang.«
-
-»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?«
-
-»Ja.«
-
-»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine vernünftige Person
-bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst du dich denn gern? Ich
-begreif's nicht! Wieviel jünger bist du denn als ich?«
-
-»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft.
-
-»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in anderthalb Jahren
-verheiraten wollte. -- Lächerlich!«
-
-»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig.
-
-»Und du weißt's, daß du verlobt bist, -- seit heute erst, -- und bist
-doch mitgerannt! -- -- Du bist aber gedankenlos! Da muß man doch,
-dächt' ich, ganz erschüttert sein?«
-
-»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht ganz verlobt!
--- Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer dran? -- Immer! -- --
-Nein, weißt du, mir ist's auch viel lieber, daß ich mit euch hier
-renne; zu Haus war mir's manchmal ganz angst und bange vor Glück.«
-
-»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?«
-
-»Nein.«
-
-»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts nach! Wie bist du
-nur!«
-
-»Ach geh!« wehrte Röse ab.
-
-Der Sturm hatte nachgelassen.
-
-Sie bogen jetzt ins Dorf ein.
-
-Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde!
-
-»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny.
-
-Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht, geh' ich
-wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig.
-
-»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber nicht naß!‹« rief
-Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse und Marie denken nicht; sie
-thun's nur!«
-
-»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!«
-
-Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der Ilm vorüberführt.
-Und die Ilm gluckste und rauschte auch hier geheimnisvoll nächtlich,
-und der Wind pfiff noch gespenstischer durch die riesig hohen Ulmen.
-»Wenn sie hier käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch
-nirgends ausweichen, -- so zwischen der Mauer und der Ilm. -- -- -- Ich
-stürb' auf der Stelle, wenn sie mich anfaßte!«
-
-»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie darauf kommen, dich
-anzufassen? Schließlich war sie doch eine vornehme Dame, und die wird
-sich doch nicht im Grabe solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!«
-
-»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht hören!«
-
-Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt; das nächtliche
-Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge, daß sie doch etwas Unrechtes
-thäten, das schauerliche Ziel, die vermutliche Nähe des Entsetzlichen,
--- all das hatte sie überwältigt, und sie brach in Thränen aus.
-
-Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze; Röses Hals
-umklammernd, weinte sie bitterlich.
-
-»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!«
-
-Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und wußten nicht, was
-beginnen.
-
-»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten ihre blonden
-Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen Körper schmiegten sich fest
-einer an den andern.
-
-Der Mond schien hell über sie hin.
-
-»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir verlassen uns doch
-nicht?«
-
-»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.«
-
-»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie muß der zu Mute
-sein! -- Und wie schrecklich, daß sich die Leute so vor ihr fürchten!«
-
-»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen sie fragen.
-Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!«
-
-Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen.
-
-Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während Röse leicht
-beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun gehen wir weiter,«
-sagten sie dann, und sie hingen sich wieder ein in die Arme ihrer
-Freunde.
-
-»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie bedenklich.
-
-In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch gestört war, nur
-die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr durch die Baumkronen, da hörten
-sie etwas! -- Was war das?
-
-Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. -- Von fern ein Scharren,
--- ein Laufen, -- ein Huschen, -- Schritte, -- aber merkwürdige
-Schritte, -- in Sätzen, -- etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges,
-Menschenunwürdiges!
-
-Sie standen alle bewegungslos, lautlos.
-
-Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges Hupfen und
-Huschen!
-
-Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher, -- grad auf
-dem Wege kam es auf sie zu, -- näher, -- immer näher, auf dürren
-Blättern gehend, dann hopsend! Ja, wenn sie das wirklich wäre, dann
-überstiegen diese Laute alle Phantasie! Der entsetzlichste Kobold
-hätte nicht widersinniger rennen, hüpfen und stehen bleiben können,
-als es das that, was da ankam! -- Und zu denken, daß diese arme Seele
-eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem etwas
-boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel! -- Ein Mensch! Eine
-Hofdame!! -- so heruntergekommen, so urweltlich sich aufführend, -- so
-ungeheuerlich!
-
-Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde mächtig
-bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer angedrückt,
--- totenstill. Wie mußte erst das Aussehen des Spukes sein, nach
-solchen Lauten! -- Sie hatten sich alle eine unbestimmte Vorstellung
-von der Begegnung mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes --
-Nebelhaftes -- Huschendes -- Fiependes, -- und daß sie wie aus einer
-Flasche sprechen würde; aber nicht so -- um Gottes willen nicht so!
-
-Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, deren Ränder
-versilbernd.
-
-Da sahen sie sich etwas bewegen, -- etwas Ungestaltes, Niederes;
--- es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel, -- und zwei
-unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich und hoben sich gespenstig
-vom dunklen Hintergrund ab! Diese wackelnden Hörner, was sollten die?
-Was wollten die?
-
-Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.
-
-Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein Bocken und Stampfen,
-und wie aus einer Trompete, ein urweltlicher, scheußlicher Ton, und --
-ein Gelächter! Budang war's, der lachte.
-
-Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet und beleuchtete
--- ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt auf vier hohen, sparrigen
-Beinen stand und seinen Riesenkopf mit seinen Riesenohren vor sich hin
-streckte und horchte.
-
-»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.
-
-Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge Scheusal hopsend
-und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit vorgestrecktem Kopf in die
-Nacht und in den Park hinein.
-
-»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine ›Muffel‹, der ist dem
-Pächter entwischt!«
-
-Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was kommen; zu
-einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten sie es nicht. Es lag
-etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, Werdendes, -- so etwas Banges,
-Wehes. -- Auf Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste
-schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall an, an
-die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die Gräber, -- denn es war
-heilige Osternacht, wo die Toten auferstehen!
-
-Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, -- Käuzchen, -- verliebtes
-Nachtgetier.
-
-Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die Schritte waren
-unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. Eine moderige Feuchtigkeit stieg
-auf.
-
-Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.
-
-»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor Goethes Gartenhaus
-alle Morgen gekehrt wurde? Daß ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt
-hat? -- Glaubt ihr das?«
-
-Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht der
-stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.
-
-Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst einmal gesehen;
-die Schopenhauern hat's erzählt, und die weiß auch, wer's gewesen
-ist. Beim ersten Morgenschimmer hat er das Mädchen getroffen, wie
-sie gekehrt hat, -- und da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele
-und ist zusammengesunken wie ein Wisch; und eine alte Frau, die wie
-ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat etwas gemurmelt,
-wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig is!‹ Dann sind sie nie wieder
-gekommen, und das Kehren war aus!«
-
-Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -- »Ja, wißt
-ihr denn das nicht?« rief Marie unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern
-gesagt, daß das nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen
-gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit saß, hat es sich
-ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt, -- so wie ein Kätzchen,
--- oder wie ein Mädchen, das ihn lieb hatte und für ihn gestorben
-ist. Einmal hat er auch, als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm
-gesehen, der sich über seine Brust spannte, -- nur einen Arm und eine
-Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten ging, da soll
-etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. Es haben's auch
-andre Leute gesehen und sind davor erschrocken. Ja, es war oft jemand
-unsichtbar um ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern
-hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist und ihn so
-übermannt hat, wie der Schauer, wenn das Wundersame bei ihm gewesen
-sei. Und an dem Morgen, an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen
-hat, da soll er ganz verstört gewesen sein!«
-
-Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit zu haben; alle
-unterhielten sich weiter über geheimnisvolle Dinge. Jeder hatte etwas
-zu erzählen.
-
-Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim Umzug als Feder
-nachfliegt und im neuen Hause wieder mit einzieht; die Beutlersleute,
-die über Kirstens wohnten, kannten einen in ihrer Familie, der auf
-Spinnenbeinen ging und eine Zipfelmütze trug. -- Im alten Rattenneste
-Weimar spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab es
-keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht irgend etwas
-nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein altes Haus, in dem
-es ganz einfach geheuer war, und keine adelige Familie, die nicht
-gerade so wie ihr altes Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß.
-Das heißt, auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das
-Familiensilber zu rechnen.
-
-Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf den einsamen
-Parkwiesen hin und her und betraten nun mit abermals klopfendem Herzen
-die dunkelsten, geheimnisvollsten, überwachsenen, feuchten Wege an der
-Ilm, um trotz allem der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade
-dort, hieß es allgemein, sollte sie spuken.
-
-Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung ziemlich von oben
-herab von diesen Dingen, waren aber wiederum um nichts weniger eifrig
-und weniger erregt, als unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die
-Borkenbrücke und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen
-Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und Büschen bestandenen
-Abhange hin, und kaum waren sie hier eine Strecke in tiefem Schweigen
-geschlichen, -- denn es war eine so feuchte, monddurchschienene
-Einsamkeit, als wäre jahrhundertelang hier niemand gegangen, -- da
-standen sie alle mit einem Schlage wie gebannt!
-
-Nahe, -- in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand aufgestöhnt, und sie
-hatten alle deutlich gehört, wie etwas, das in den Büschen steckte,
-so recht verbissen und verzweifelt zwischen den Zähnen »verdammt!«
-gezischt hatte. »Verdammt!« deutlich »verdammt!« nichts weiter, und
-dann wieder tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten.
-
-»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.
-
-Alle hielten den Atem an und horchten.
-
-Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen schien indessen
-auch zu horchen.
-
-Totenstille!
-
-Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen würde, -- denn
-da war etwas, -- das war sicher!
-
-Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen wie die
-Bildsäulen so starr, -- ganz Erwartung! Dasjenige, das in den Büschen
-auf so sonderbare Weise »verdammt!« gesagt hatte, mußte sicherlich in
-Verwunderung geraten sein, was mit den vielen Schritten, die es doch
-kommen gehört hatte, geworden sei.
-
-Jetzt aber, -- was war das? -- Ein Fiepen, ein jämmerliches,
-sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, oder quietsche ein
-Wägelchen, oder auch als wimmere ein Hund unter ganz besonderen
-Umständen!
-
-Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es durchaus nicht
-unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie fiepe, oder wie durch eine
-Flasche rede, hatten sie ja gewußt!
-
-Das war das Entsetzliche!
-
-Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, was im Gebüsch
-steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.
-
-Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer gepackt, mahnte Röse:
-»So kommt doch!« Und sie war's, die sich wieder auf die Beine machte,
-ohne auf die andern zu achten, die ihr schleichend folgten.
-
-So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige Schritte, mit
-klopfendem Herzen und stockendem Atem. -- Dann ein gewaltiges Rascheln
-im dichten Gebüsch, -- ein furchtbarer Schrei, -- ein Springen, --
-ein heiserer Laut, -- und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem
-großen, dunklen Mantel umfangen wurde. -- Ein ungeheurer Schreck! --
-Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!
-
-Marie schrie verzweifelt auf.
-
-»Ruhig, -- ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was macht ihr denn hier?
-Röse, um Gottes willen, wie kommst du hierher?«
-
-Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien zu flüstern und
-war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. Und jetzt, -- ein
-zarter, zarter Frühlingslaut, -- so süß, so wunderlich, -- ein Laut wie
-ein Kuß!
-
-»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. »Der lag hier auf
-der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße Wort hatte sich ihr im
-Schreck und in der Ueberraschung gebildet.
-
-Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und in der Erregung
-über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, die ihm den Fuchs
-verscheuchten, die Schnauze zugehalten hatte, wedelnd an Marie in die
-Höhe.
-
-»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt, erschüttert,
-doch auch unwillig aus dem großen, dunklen Mantel heraus. -- »Was fällt
-euch denn ein?«
-
-»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, »daß wir
-ausgerissen sind.«
-
-»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, »sie sind ja mit
-+uns+; -- und wenn +wir+ dabei sind, dürfen sie alles! -- Frau Rat hat
-es ihnen ein für allemal erlaubt.«
-
-Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die die beiden Mädchen
-hatten, lächeln.
-
-In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine überzeugende
-Vortrefflichkeit, -- so eine unantastbare Treuherzigkeit, -- daß jedes
-weitere Wort, jeder Unwille und jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der
-Adjutant schüttelte Budang die Hand und begrüßte die beiden andern,
-währenddem er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.
-
-»Also die Göchhausen wolltest du sehen? -- Für so etwas hattest du also
-doch noch Raum?«
-
-»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft -- »lagen da doch des
-Fuchses wegen?«
-
-»Ja, mein Herz, -- weil ich's daheim nicht aushalten konnte. -- Was
-denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«
-
-»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«
-
-Und nun gingen sie alle miteinander und brachten die leichtsinnigen
-Dinger, die Ratsmädchen, heim in die Wünschengasse.
-
-Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren Kameraden, -- wie
-gut sie immer wären, wie lustig, wie treu, und was sie alles von ihnen
-gelernt hätte, besonders von Budang.
-
-Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, das voller Liebe und
-Freundschaft war, voller Anhänglichkeit, -- und erzählte alle möglichen
-dummen und lustigen Streiche.
-
-Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn, auch ihre
-Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so klug! Solche gibt's nicht
-wieder!« rief sie.
-
-Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.
-
-Das war Frühlingsreinheit, -- Frühlingszartheit, -- Frühlingswonne!
-
-Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.
-
- * * * * *
-
-Viele, viele Jahre sind vergangen. -- Die Jugend vieler Millionen
-Menschen ist verweht. -- Es ist alles anders geworden.
-
-Röse ist nun eine alte Frau. -- Was das Leben ihr gab, hat es ihr
-längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle
-Freuden mit Leiden gezahlt -- nach Menschenart. Sie ist unendlich
-geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich
-wiederholen sehen, immer von neuem. -- Sie ist gut, still und heiter
-und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die
-schöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, -- sonst nirgends!
-
-Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die
-sie nichts angehen.
-
-Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft, -- aber
-da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht.
-
-Geduldig werden, -- geduldig werden, -- geduldig werden! darauf läuft's
-hinaus.
-
-Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre
-Enkelin sitzt bei ihr am Bette.
-
-Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit
-durch die Straßen fährt.
-
-Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.
-
-Da, -- was ist das?
-
-Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu
-ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie
-beim Fasanenessen saßen.
-
-»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer
-Enkelin, -- »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das
-Gesicht der Greisin. -- »Das ist er!« nickte sie träumerisch.
-
-»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er uns abholen wollte;
-so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei,
-und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!«
-
-Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein,
-in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß
-es sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf
-mit lebendigen, geistvollen Augen, -- und seine silberweißen, dichten
-Locken liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. -- Er hat eine
-Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.
-
-»Wie geht's der Röse?« fragt er.
-
-Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.
-
-»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im Auge, »du kannst ja
-noch deinen Pfiff!«
-
-»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten,
-»das freut dich?«
-
-Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten
-miteinander einen weiten, -- weiten Ausflug in die gute alte Zeit.
-
-Und das war die beste Medizin.
-
-Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in
-Sorgen und Bangen kam; -- aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr
-wohl that.
-
-»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, -- du treuer Mensch!«
-
-Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, -- treu in großer,
-wahrer, seltener, starker Freundschaft.
-
-
-
-
-Das dritte Ratsmädel.
-
-
-Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, die sie
-wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon als Kinder oft in
-der Dämmerung sich von ihr unterhalten, wenn der Schnee fiel, und sie
-daheim still in der Familienstube stecken mußten. -- So eine unbekannte
-Schwester zu haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch
-etwas höchst Merkwürdiges!
-
-Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester gesprochen; es war
-ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten sie sich Märchen.
-
-Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee fallen! -- Sie mußten
-in der Dämmerung sitzen, und niemand durfte sie beachten; dann kam
-die Schwester dran, und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl
-aussehen könne.
-
-Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die Tochter aus des Vaters
-erster Ehe, und nach ihrer Mutter Tode von ihrer Großmutter mit nach
-München genommen worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete,
-hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.
-
-Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester Barbara schreiben
-gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst aus dem fernen München
-alle Weihnachten an den Herrn Vater und die Frau Mutter nach Weimar.
-
-Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit wunderlichem Schauer.
-
-Einmal schrieb auch die Großmutter.
-
- »Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!
-
- Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, woraus ich
- sah, daß es Ihn und der Frau und den guten Kindern wohl und
- gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man wird ein alts Möbel, das
- heißt, um von mir zu reden. -- Waberl wird groß. Sie tritt die
- Kindsschuh aus. -- Kurios, was für ein ruhiges Mädel sie immer
- war. Grad als wenn meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre
- alte Mutter in Voraussicht so geboren hätte.
-
- Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das müßt' ich
- lügen.
-
- Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit Jahresfrist
- jetzt unser Quartier.
-
- So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.
-
- Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf dem
- kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹
-
- Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber es ißt
- doch gut wohnen. -- Fünf Fenster in Front, drei Fenster die
- große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, dazu Alkoven, ein
- kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und Speicher. Kurz alles, was
- der Mensch braucht -- und das Glockengeläute obendrein.
-
- Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das ißt ein
- Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.
-
- Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.
-
- Herr Sohn mögen mir nit zürnen.
-
- Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm geraten.
- Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust. Die
- Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche Sach und wäre
- dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich bietet, wie ißt
- Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, und ein Gang zu guten
- Freunden, und ein gut Obst und ein gut Bier. Gottes Gaben sind
- verschiedenerlei.
-
- Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich ißt
- gut.‹
-
- Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil
- aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. Und
- eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel zu schiegen
- und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der Herr Gott sie in
- seiner Laune gemacht hat.
-
- Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau daß
- Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, damit es
- ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das Bildnis der
- heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den Hals, was bedeutet,
- daß sie besonders dem Schutz der heiligen Jungfrau anvertraut
- ißt.
-
- Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen sie
- unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, aber
- ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie den
- weltlichen Dingen entrückt.
-
- Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine Gabe an sich,
- die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie hat eine gesegnete
- Hand. Und das ißt so gekommen: Ein Kindel in unserm Haus hatte
- die Fraisen und war gottserbärmlich geplagt. Zufällig hat die
- Waben das Kindel in die Arme bekommen und hat's umhertragen un
- gestreichelt un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und
- wenn's wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst
- nach der Waben geschickt -- dann hat's sich rumgeredet und es
- sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf hatte, und
- Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch das Mäderl ißt
- gesund worden.
-
- Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder Wäsche
- flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und es kommt
- eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter und will sich
- von der Waben kurieren lassen.
-
- Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von Uebel sein?
-
- Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, -- wenn's so
- still und brav dahinlebt.
-
- Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich hab' Ihm
- von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, wie's in die
- Höh gewachsen ißt, -- und damit Sie, wenn ich das Zeitliche
- gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu sich zu rufen.
-
- Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang des
- freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie von uns
- alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die liebe Frau und
- die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens verbleib'
-
- dero
-
- Großmutter.«
-
-Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen wie ein
-Märchen wirkte.
-
-Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das von einer
-Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu haben, die eine Mutter
-Gottes am Halse trug, eine katholische Schwester! Sie sprachen von dem
-fürchterlich lauten Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und
-daß sie mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.
-
-Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen mußte!
-
-Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, der waren sie
-auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn sie erwarteten immer etwas
-Merkwürdiges von ihr. Den Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in
-ihr Gebetbuch geschaut, -- und sie hatte ihnen einmal das »Heilig«
-vorgesungen, -- etwas ganz Außerordentliches.
-
-Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -- Häulig! --
-Häulig! -- Häulig! kam es wie aus einem tiefen Keller herauf.
-
-Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.
-
-Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten Keller -- und
-so fort. So sang es die Magd ihnen vor, und sie selbst hatten es bei
-Spaziergängen oft zu singen versucht.
-
-Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt worden.
-
-Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die Weimaraner zu jener
-Zeit hatten von »dem Katholischen« keine rechte Idee.
-
-In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, und die Magd mußte
-jährlich einmal nach Jena wandern zur großen Osterbeichte. Da kam sie
-ihnen vor, wie eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben;
-und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu beichten.
-
-Sie beneideten sie.
-
-Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande sei's gesagt, dann
-ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres als eine Predigt schienen ihnen
-auf der Welt nicht zu existieren.
-
-Das war das Längste.
-
-Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten ihnen zum Trost,
-wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige Blumenbouquetchen zum
-Mitnehmen, oder Budang schnitt ihnen ihre Namen besonders kunstvoll
-aus, oder auch gaben sie ihnen Malzbonbons mit.
-
-Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres: zu Weihnachten,
-Ostern und Pfingsten; dann war es ein großes Fest neben dem Fest, denn
-da gingen sie alle miteinander.
-
-Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief der Großmutter
-erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse und Marie lasen auch diesen.
-Das war auch ein sehr merkwürdiger Brief. Die Großmutter schrieb:
-
- »Hochverehrend libswertester Herr Sohn!
-
- Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.
-
- Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges Engerl zu
- sein, das arme Mädel.
-
- Herr Sohn, -- 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's gehört,
- wenn der Herr Gott ein End machen will.
-
- Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter
- Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, der mir und dem
- Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -- Um meinet und Ihres
- Willen mög's nun genug sein. Sie pflegt mich wie eine heilige
- Nonn -- Gott sei's geklagt.
-
- Da gibt's nix. -- Ungeduld kennt's scheint's nit -- und wenn
- ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.
-
- Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott
- geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich,
- geschweige vor ein menschlich Wesen.
-
- Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig Jahr --
- und so mög' es dem Herrn gefallen, mich baldn zu erlösen, das
- wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere und stehn ihr die Ohren
- voll Tag und Nacht.
-
- Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes
- Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das
- Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches halten im
- Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. Das walte
- Gott.
-
- Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr Sohn und die
- lieb Frau und die Kinder
-
- In Todesnot und Jammer
-
- Die Großmutter.«
-
-Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!
-
-Und sie würden nun zu »drei« sein!
-
-Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über alles Maß
-außerordentlich.
-
-Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren Bräutigam Ottokar
-Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach mit dem Großherzog war und
-auch noch bleiben mußte, zu Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.
-
-Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. Sein Hauswesen
-sollte wie am Schnürchen gehen.
-
-Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen.
-
-Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der
-älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.«
-
-Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem
-fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen?
-Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine
-gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben?
-Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu
-fremd.
-
-Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei
-Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl
-alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese
-Angelegenheit zu seiner Frau sagte.
-
-Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom
-Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen
-Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.
-
-»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß
-bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht
-hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.«
-
-Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte,
-und waren des besten Willens voll.
-
- * * * * *
-
-So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist
-sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie
-nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras
-Aussehen ein Wörtchen geschrieben.
-
-Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.
-
-Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein Mädchen zu erwarten.
-
-Er wollte es so.
-
-Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch gedeckt, und
-ein Riesennapfkuchen stand mitten unter den Tassen, wie ein Berg.
-
-Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.
-
-Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, aber die Mutter
-verbot es ihnen.
-
-»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«
-
-Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten Bäumen, die sich ihrer
-Farben, ungestört von Regen und Nebel, freuen konnten.
-
-In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober zur Seltenheit;
-gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, ehe sie abfallen. Dies
-Jahr aber war auch ein vortrefflicher Zwetschgenherbst. Die Zweige
-bogen sich unter der blauen Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur
-standen heuer acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen
-aufmarschiert zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch
-die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die Magd und
-Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.
-
-Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und tags darauf das
-Rühren und Kochen im Waschkessel, von früh morgens bis spät in die
-Nacht. -- Ein Hauptfest, an dem geschwelgt und geschleckt wurde.
-
-In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte auf der Treppe
-überhört.
-
-Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie
-euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.
-
-Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend,
--- flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug
-einen großen, schwarzen Holländerhut.
-
-Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. -- »So ein
-Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie.
-
-Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie
-den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß.
-
-Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich
-zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein
-Rebhuhn.«
-
-Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich
-aufgesteckt.
-
-»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden
-waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre
-Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben
-der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die
-Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie
-gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen.
-Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel
-bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten
-Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit
-den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen
-Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber
-feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich
-daherschritten.
-
-Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.
-
-Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr
-den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie
-sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und
-fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife.
-
-Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.
-
-»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife geben!« sagte Marie
-leise.
-
-Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen Schwester wanderten sie
-beide hinauf in die Dachstube.
-
-Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.
-
-Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und Marie nötigten sie
-gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der Vater hielt auch mit.
-
-»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit diesen beiden
-großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er auf Marie und Röse, »mußt
-du nun auskommen.«
-
-Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.
-
-Und der Vater hatte recht!
-
-Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen und den guten
-Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen lassend, ließ sich gar
-nichts Treffenderes von ihnen sagen.
-
-»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, »von eurer Wohnung
-aus konnte man die Alpen doch wohl nicht sehen?«
-
-»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«
-
-»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu gleicher Zeit. »Wie
-sehen die denn aus?«
-
-Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von zackigen Bergen;
-auch manchmal wie Wolken und manchmal schneeweiß, wie aus lauter Eis,
-und manchmal himmelblau. Aber nur bei schönem Wetter kann man sie
-sehen.«
-
-»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«
-
-»Nein, das ist zu weit.«
-
-Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester hatte so eine
-sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, und manchmal »halt«, -- das
-gefiel ihnen; aber sie sprach nur, wenn man sie fragte.
-
-»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was heilen, das wissen
-wir,« sagte Röse.
-
-Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter die flachsblonden
-Härchen.
-
-»Bst!« machte die Mutter leise.
-
- * * * * *
-
-Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der
-langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von
-Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen
-lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester.
-
-»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so
-zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt
-du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und -- komisch!
--- einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder
-›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte
-Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«
-
-»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die
-Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht.
-
-Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten
-sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe
-lag.
-
-»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.
-
-»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse.
-
-Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten
-schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos.
-
-Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine
-Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr
-Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs
-in die Küche.
-
-Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die
-Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit.
-
-»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!«
-
-»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich.
-
-Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer
-etwas zu thun.
-
-Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen
-die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei
-für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen
-während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit
-Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre
-Art.
-
-Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der
-Arbeit.
-
-Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist
-»benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein
-Seelchen eingezogen.
-
-Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn
-man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging.
-
-Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im
-ganzem Hause gerufen und verlangt.
-
-Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu
-finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten
-zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die
-allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie
-nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit,
-gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.
-
-Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren Gang.
-
-Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete freundlich, wenn
-es gefragt wurde, war immer gleichmäßig liebenswürdig, hatte aber ein
-ganz undurchdringliches Wesen.
-
-»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach einigen Wochen kaum
-bekannter mit ihr, als am ersten Tag, und wurden doch von ihr verwöhnt,
-daß es eine Art hatte.
-
-Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, lange Haar, was
-bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte ihnen die Kleider, half
-ihnen nähen und schneidern und saß bis an die Ohren und mit einem
-rührenden Eifer in Röses Ausstattungsarbeiten.
-
-Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander durch den Park.
-
-Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts von dir. -- Wir
-haben dich doch lieb, -- erzähl doch!«
-
-Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. »Wie denn? -- Was
-denn?« fragte sie.
-
-»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel älter als wir;
-warst du denn nie verliebt?«
-
-»Nein.«
-
-»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«
-
-»Nein.«
-
-»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast du denn nie
-getanzt?«
-
-»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon mitgegangen; aber ich
-wollt' halt net. Ich hatte Angst, daß die Großmutter sich verderben
-könnt'.«
-
-»Aber sonst hättst du's gemocht?«
-
-»O ja, warum net?«
-
-»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.
-
-»Ja.«
-
-Da war die Unterhaltung wieder aus.
-
-»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten sie nach einer Weile.
-
-»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, und jeden Tag
-durfte ich in die Messe gehen.«
-
-Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen Frauenkirche,
-den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, dem wundervollen Gesang,
-der mächtigen Orgel, den vielen Menschen, dem Weihrauchduft und den
-vielen, vielen Grabkugeln am Karsamstag.
-
-»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.
-
-»Sehnst du dich danach?«
-
-»Manchmal.«
-
-»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn nicht traurig
-darüber?«
-
-»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete sie kurz.
-
-»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen die Menschen einen
-trösten. Uns wenigstens kannst du alles sagen. Wir sagen auch alles.«
-
-»Bist du nicht einmal in München in der Komödie gewesen?« forschte
-Marie.
-
-»Ja, einmal.«
-
-»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«
-
-»Passabel.«
-
-»Und was sahst du denn?«
-
-»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar nimmer.«
-
-»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar nicht!« meinten sie
-verwundert.
-
-»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander einmal in die Komödie,
-wir und Budang und die andern, da wirst du sehen, daß es hier nicht nur
-›passabel‹ ist.«
-
-Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren Streichen: wie sie
-mit Budang, Ernst von Schiller und Horny aller Nasenlang durchs
-Hinterpförtchen ins Theater geschlüpft seien, -- und wie herrlich das
-war. Sie berichteten ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August,
-wie der sie beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner
-Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei ihrer
-Schwester kein besonderes Verständnis.
-
-Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich gehabt habe,
-trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr gute Frau gewesen sein
-mußte. Die Schwester that ihnen leid.
-
-Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, sagten sie ihm:
-»Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie die Schwester, weil ihnen
-das gefiel, »ist eigentlich wie ein altes Weibchen aufgewachsen. Sie
-versteht uns gar nicht, das arme Ding. -- Und so verschlossen wie sie
-ist! Weißt du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch sehr
-mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders »nett« mit ihr
-zu sein.
-
-Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen gemacht,
-als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit als etwas ganz extra
-Mitleiderregendes hingestellt hatten.
-
-»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter aus als wir.«
-
-»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei Waben zu machen.«
-
-»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er konnte sich's doch
-nicht verbeißen.
-
-Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie glaubten an ihn.
-
-In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten sich alle, es
-der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, was sie schön fanden.
-Sie hatten sie in die »Zauberflöte« geführt.
-
-Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben während der
-Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.
-
-»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse stieß ihre Schwester
-leicht an.
-
-»Du schläfst ja!«
-
-»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«
-
-Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah nur nieder.
-
-Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst du denn nicht auf
-die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, der da singt.«
-
-»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, als die
-Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«
-
-Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang zu, der hinter
-ihnen saß.
-
-Und Budang nickte dazu.
-
-Er sprach dann in der Pause mit Waben über die Musik. Sie sagte ihm:
-»Ich wollte, die Großmutter hätte die Musik bei ihrem Tode hören
-können, -- das wär' eine Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«
-
-Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.
-
-»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse und Marie haben's
-erzählt.«
-
-»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. -- »Da gibt's kein
-Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, den freut nichts mehr.«
-
-Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf ließ, seit sie
-von daheim fort war.
-
-Das hatte die Musik gethan.
-
-»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.
-
-»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, und ich
-soll net mal dran denken können? Hier wird's einem, als wär's erst
-gestern geschehen, -- und das ist gut. -- Die armen Seelen brauchen
-unser Mitleid. Sie werden überall zu schnell vergessen.«
-
-Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der Abgeschiedenen.
-
-Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die armen Seelen«,
-das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie aus einem uralten Märchen.
-Ueberhaupt, obwohl die Waben ein tüchtiges und zuverlässiges
-Hausmütterchen war, würden sich die Ratsmädel nicht gewundert haben,
-wenn es sich herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist
-sei, ein armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen immer
-fremder.
-
-Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie bedrückt und
-kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.
-
-Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle Klosterspitzen nach
-einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht hatte.
-
-»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« fragte Röse.
-
-»Wär' net übel,« war die Antwort.
-
-Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers Adele eingeladen
-und kam so in den Kreis der geistreichen jungen Damen, die alle um
-einige Jahre älter als die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen
-ihrer Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie aber
-alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen Wittumstreppe
-indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, Liebesbriefe waren es auch
-im eigentlichen Sinne des Wortes nicht, sondern vielmehr sprachen die
-jungen Damen sich gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen
-Episteln aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, das
-größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die Treulosigkeit
-der beiden Schelme.
-
-Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte dieser jungen
-Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; die Waben war nur durch die
-größten Ueberredungskünste ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles
-Kränzchen zu besuchen.
-
-Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu gehen. Die langen
-Zuredereien und das Drängen hörte von selbst auf. Sie ging still
-und kam still, sprach über nichts, was sie dort in der Gesellschaft
-erfahren hatte, -- aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen
-gekommen zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei Rats
-ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter meinte: »Laßt
-sie -- fragt nicht!«
-
-Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig diensteifrig.
-
-Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes Kind; wie ein
-Sonnenstrahl, so still und gut!«
-
-Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.
-
-Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre aus dem jungen,
-pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen geworden. Sie blühte wahrhaft
-auf und wurde jeden Tag reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf-
-und hinablaufen. Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und Röse
-und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das Haar machte.
-
-Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie dazumal, als ihre
-Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen hatten, zum erstenmal im März
-ganz unvermutet im dunklen Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.
-
-Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, die aus der
-dunklen Ecke kamen, erbebt.
-
-Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.
-
-So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu Schopenhauers
-gegangen, und spät abends bei Mondenschein und Winterkälte wandelte
-sie über hartgefrorenen Schnee am Arm eines jungen Mannes, der sie von
-Schopenhauers heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der
-Esplanade zur inneren Stadt führt.
-
-Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte das schon öfter
-so gethan; es war ihm zu einer angenehmen Gewohnheit geworden, das
-liebliche Geschöpf heimzubegleiten. Sie hatten keinen besonders weiten
-Weg vor sich, aber sie verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch
-nie so viel hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke,
-die zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern
-lag, -- und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Bei dem
-hellen Mondlichte war zu konstatieren, daß die Waben einen durchaus
-nicht ungefährlichen Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem
-prächtigen Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken;
-dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und galant in der Art,
-wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, sich zu ihr neigte und ihr
-Geplauder anhörte.
-
-Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.
-
-»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen sein! Ich fühle
-Ihren Arm nicht mehr als eine Feder.«
-
-»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl klein; aber da ist
-nun nichts zu machen.«
-
-»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß genug sein,«
-erwiderte er.
-
-»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem Mädel doch Respekt
-haben, und sie soll ordentlich arbeiten können. Ich bin freilich viel
-stärker, als ich ausseh', gottlob! Sonst könnt' ich mir das Salz zum
-Brot net verdienen.«
-
-»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«
-
-»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim schlafen und essen,
-wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's verdient? Was denken Sie denn?
-Halten Sie uns Mädel für Tagediebe? Oder für was denn?«
-
-»Sie sind so tapfer, -- so tüchtig, -- so anders, als die Mädchen
-gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein wirkliches Menschenkind, Sie
-Elfchen?« sagte er zärtlich.
-
-»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine Schwestern nicht?«
-
-»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit vier Wochen hier, aber
-Ihre Schwestern hab' ich nun noch immer nicht kennen gelernt.«
-
-»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide so fleißig und
-tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen Tag zu lachen gibt, --
-und so wunderschön! Wissen Sie, sie sind das Schönste und Beste, was es
-auf Erden gibt.«
-
-»Die eine ist verlobt?« fragte er.
-
-»Ja, die Röse. -- Sie glauben nicht, wie gut sie mit mir waren, vom
-ersten Augenblick an, wie große Kinder. Sie sind so freundlich, wie
-halt eben nur Kinder sind.«
-
-»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. Sie erlauben mir,
-Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern meine Aufwartung mache?«
-
-Die Wangen des Mädchens glühten.
-
-»Gewiß!« sagte sie.
-
-Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte sie. An seinem
-Arme wußte sie das nie. Er sprach so zärtlich. Das war wie himmlische
-Musik. Gott, daß es solches Glück auf Erden gab!
-
-Jetzt standen sie an der Hausthür.
-
-»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus im Schlosse. Sie
-sind mit bei dem großen Aufzug.«
-
-»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen wir uns die
-Schwestern doch miteinander anschauen. Sie finden mich auch auf der
-Galerie; ich beschütze Sie, und ich verteidige einen Platz für Sie.«
-
-Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.
-
-»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.
-
-»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«
-
-»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes Mädchen! Sie sind
-so gleichmütig!«
-
-»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie lächelnd und
-schloß dabei die Thür auf.
-
-Er wollte etwas darauf entgegnen.
-
-»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man
-muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.«
-
-»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.
-
-»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«
-
-Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und
-hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause
-und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem
-abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der
-Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.
-
-Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört
-und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen
-schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen
-Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer
-Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische
-Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes
-bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in
-jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe,
-immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und
-jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden
-bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie
-von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine
-gewisse Beruhigung.
-
-Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die
-Goethe selbst überwachte.
-
-Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes
-Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war.
-Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere,
-duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen
-Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.
-
-Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des Riesenreiches
-produzieren!
-
-Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, was für
-Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm ausgebrütet worden war.
-
-Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, ungeschickten
-Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.
-
-Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug daran gewesen sein,
-die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; denn was die Weimaraner
-thaten, und wie sie sprachen, war natürlicherweise himmelweit von
-seinem Ideal entfernt.
-
-Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen, welche
-Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den Weimaranern ihr geliebtes
-Deutsch in einigermaßen richtigen Lauten beizubringen.
-
-Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte es sich um
-hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll Seine Excellenz sich in
-der Verzweiflung mit einem Kuß geholfen haben, von dem er wohl hoffen
-mochte, daß er begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten
-O und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.
-
-Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp auf die Beine zu
-bringen!
-
-Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; aber
-niemand verstand ihn zu tragen.
-
-Einzig und allein Seine Excellenz selbst.
-
-An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, es wird schon
-gehen!« wie es schließlich dann immer heißt und heißen muß. --
-
-Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll zu thun, -- und
-that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. Sie befand sich wohl,
-wie eine Amsel im April. Sie wußte zwar kein Wort ihres Anbeters, das
-direkt von Liebe gehandelt hätte, -- aber wozu?
-
-Der Klang seiner Stimme, -- die Art, wie er alles sagte, wie er ihr die
-Hand gab, -- das sprach so eine nie gekannte Sprache. Sie wußte sich
-geliebt! -- Ja, sie wußte es!
-
-Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, so unbestimmt,
-beängstigend.
-
-War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? -- Nein, -- nein, --
-nein! Gewiß nicht!
-
-So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.
-
-Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.
-
-Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause hoch her.
-
-So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; so etwas
-Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, als wäre sie in eine
-andere Welt versetzt, zum erstenmal in den Sonnenschein.
-
-Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren und hatte auch etwas
-zu sagen, große, getragene Worte, die sie feierlich und ruhig zu
-sprechen verstand.
-
-Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, bis das Ganze
-tadellos gelang.
-
-Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie von der Schönheit
-ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die jungen, weißen, vollen
-Glieder, das schneeweiße Gewand, das herrliche Gesichtchen, die
-lebendigen Augen, die schöngezeichneten Augenbrauen, die ihr so etwas
-Vornehmes, Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken
-Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die Kniee fiel und
-sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte und um die kindliche Stirn.
-Es war ein so anmutiges Haar!
-
-Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer Schwester gleich
-gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen vor, war aber auch, wie
-Marie, eingewickelt in ihre bräunliche Haarflut.
-
-Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.
-
-Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, daß du nicht
-mitkannst! Wie jammerschade!«
-
-In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, lustigen Wünsche zu
-regen.
-
-Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!
-
-Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie alle Herrlichkeiten,
-die es zu sehen geben würde, zusammen genießen! --
-
-Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der aus man in den
-großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr Beschützer war schon da und
-hatte in der vordersten Reihe, neben sich, ihr einen Platz gegen die
-andrängenden Neugierigen verteidigt.
-
-Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.
-
-In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von den Hunderten von
-Wachskerzen, und sie sahen von ihren dämmerig beleuchteten Plätzen
-in einen schwarzen Abgrund hinab; aber die Waben und ihr Begleiter
-unterhielten sich vortrefflich miteinander, wie sich das leicht denken
-läßt. Die Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.
-
-Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der Kerzenanzünder
-gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit auftauchten, und wie die
-Flammen an den Zündschnürchen, was das Neueste war, von Licht zu Licht
-hüpften und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel
-erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer Viertelstunde alles
-glänzte und funkelte, ein ganzes Meer von Licht!
-
-Personen schritten geschäftig hin und her durch den Saal, anordnend
-oder Umschau haltend.
-
-Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. »Der
-Oberhofmarschall!« hieß es, -- »da, -- -- da, -- -- da! Da ging er
-eben!«
-
-Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die Hälse wurden
-gereckt. -- Jeder Lakai wurde angestarrt.
-
-Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. -- Sie blühte neben
-ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach langem trüben Regenwetter,
-wenn ihn ein paar Stunden warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie
-offen sie sprach! Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor
-ihm ausgebreitet.
-
-Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte das auch nicht. Sie
-hatte nichts zu geben und mitzuteilen als ihre Vergangenheit, -- gar
-nichts weiter, -- und diese Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. --
-Er fragte, und sie antwortete. Sie vertraute. -- Jubelnd empfand sie
-zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.
-
-Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, dachte besonnen,
-daß sie eine gute, kommode Frau abgeben würde, und erwog dies hin und
-her, während sie eifrig schwatzte.
-
-»Aus guter Familie ist sie, -- mitbekommen thut sie sicher auch etwas.
--- Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich unschuldig, ein durchaus
-bequemer Charakter.«
-
-So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen geht und
-Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.
-
-Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war er erst in Weimar
-angelangt, war hier zu einer guten Stellung gekommen, und seine Absicht
-ging dahin, sich mit einer alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu
-verschwägern.
-
-Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem blanken Parkett des
-riesigen Saales wie in einem stillen See.
-
-Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, helle Saal
-hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte Gäste gekommen.
-Oben auf der Galerie reckten sich abermals die Hälse. Es wurde wieder
-eifrig getuschelt. Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je
-mehr es sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte und
-farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe mit griechisch
-aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder Art, auf hohe,
-schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße Hälse und Arme, enge
-Kleider mit langen Schleppen, Fräcke und Uniformen, Lakaien und hohe
-Würdenträger, -- ein schillerndes, bewegliches Durcheinander.
-
-Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar
-parfümiertes Lüftchen nach oben.
-
-Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen Saal war gelblich
-warm.
-
-Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, -- etwas Berauschendes.
-
-Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem weißen Saal gar
-nicht genug wundern.
-
-Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die fremden
-Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte Ceremoniell, -- die große
-Feierlichkeit, die große Vornehmheit!
-
-Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte Geschichte
-hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so etwas wirklich noch
-existierte! Ein bißchen komisch erschien es ihr, -- ein bißchen
-ernsthaft, -- ein bißchen schaurig, aber hauptsächlich sehr amüsant.
-Die einzelnen Personen interessierten sie gar nicht, nur das Ganze.
-Sie hörte kaum darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute
-bezeichnete.
-
-Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war der weimarische Pomp wirklich
-auf die Beine gebracht! Da lag die weimarische Glorienzeit wirklich
-wie eine duftende Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft
-feierliche Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat
-ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende Musik und
-große Worte, und ein Schimmern und Auftauchen und Ziehen und Kommen und
-Verweilen, -- eine Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.
-
-Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem großen, feierlichen
-Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. Sie gehörten sich nicht mehr
-selbst. Es war etwas in sie gefahren, was sie begeisterte.
-
-Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, sie sprachen nicht
-mehr wie die Weimaraner. Es war etwas Außerordentliches.
-
-Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem Aermel. »Meine
-Schwester! Meine Schwester!« sagte eine weiche, leise Stimme ganz
-erregt. »Sehen Sie, meine Schwester!«
-
-Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt gerade vor der
-Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die Goetheschen Worte; das gute
-Ratsmädel leuchtete dabei wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit.
-Sie bewegte sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als
-wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne Gesicht und die
-Arme und der Hals und das weiße Gewand strahlten.
-
-Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, der
-Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. Es lag etwas Heiteres,
-etwas Frohlockendes über die Gestalt gebreitet. -- Aller Augen sahen
-auf sie.
-
-»Das ist Ihre Schwester?«
-
-Die Waben lächelte.
-
-»Die verlobte?« fragte er.
-
-»Nein!«
-
-»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des jungen Mannes wie ein
-Seufzer.
-
-Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick seiner Augen sich
-an ihre Schwester heftete.
-
-Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, so männlich und
-gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.
-
-Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie nieder. Es
-war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas anderes, -- etwas
-Schwereres.
-
-Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas Schreckliches
-schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es war ihr, als wenn ihr
-Blut aufhörte zu fließen, als wenn eine Spange sich ihr fest um den
-Hals legte, als wenn das Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte,
-weiter zu schlagen.
-
-Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, so arm. Wie
-hatte sie nur denken können, -- daß ...
-
-Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen Gedanken. Wie
-große, graue, schwere Steinplatten kamen sie ihr vor, die langsam auf
-sie drückten und sie tief in den Boden hineinpreßten, ganz langsam und
-schmerzlos, -- aber entsetzlich.
-
-Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer Schwester. Sie
-wartete, daß er sie wieder anreden würde, und sie schaute alles im
-voraus.
-
-Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon geschehen.
-
-Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig klingen würde. Sie
-sah und verstand das alles so tief, so klar, so anders, als sie sonst
-nie verstand und begriff.
-
-Ja, -- und so kam es denn auch, ganz so! --
-
-Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, -- aber wie ausgelöscht.
-Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles so grau, so fahl, -- alles so
-gleichgültig, -- so erstickend, -- so weh! -- Sie wollte gehen. Sie
-hatte genug gesehen; aber er redete ihr zu, zu bleiben.
-
-Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren beiden Schwestern.
-Er war außerordentlich gnädig und schien an den beiden schönen Mädchen
-großes Gefallen zu finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie
-sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, von ihrem
-gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; von der Schaukelei auf
-der schmiedeeisernen Thür an der Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen
-Theaterbesuchen, von der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf
-dem Vogelschießen, was ich alles ausführlich berichtet habe.
-
-Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher großes Wohlgefallen
-aneinander gehabt.
-
-»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich aus!«
-sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt und ganz versunken, nur
-Augen für das wunderschöne Mädchen unten im Saale behaltend.
-
-Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.
-
-Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat war noch auf und sagte:
-»Warte, mein armes Bärbelchen, du sollst mir nicht immer Zuschauerin
-bleiben! Glaube das nicht.«
-
-Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und schlief wie betäubt
-ein und wachte auf, als lägen noch immer die schweren Steine auf ihr.
-
-Und so blieb es.
-
- * * * * *
-
-Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen
-am Zug bei der Oberhofmeisterin.
-
-Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern aus indischer Seide,
-die sie von Röses künftiger Schwiegermutter bekommen hatten. Dazu
-trugen sie goldene Gürtel und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen
-Haar.
-
-Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten köstlich herab. Die
-Waben half ihren beiden Schwestern beim Anziehen.
-
-Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner als gestern.«
-
-Und das waren sie auch.
-
-Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen selbst ganz feierlich
-gestimmt, wie die eine die andre so ansah.
-
-Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den Zug nicht
-mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen anzuschauen. Die
-Lichter unter dem grünen Seidenschirm waren angesteckt, und die beiden
-Mädchen gingen im Zimmer umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.
-
-Die Kameraden verhielten sich einsilbig.
-
-Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas so Bekanntes,
-Vertrauliches, süß Freundschaftliches, -- und doch so Entrücktes.
-
-Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer beengend auf dem
-Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl zu Mute.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe spät zum Frühstück
-kamen, schenkte die Waben ihnen ihre Milch ein.
-
-Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn bei Kirstens irgend
-etwas Besonderes los war, einen Kuchen geschickt, und in diesen Kuchen
-aßen Röse und Marie sich in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief
-ein, wie ein paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben
-ihre Erlebnisse.
-
-Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange die Welt steht,
-zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende Dinge, die das Geschöpf
-triumphieren lassen im glückseligen Machtgefühle.
-
-Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und fischten nach den
-Rosinen darin.
-
-Und während sie im besten Plaudern waren, brachte die Magd einen
-vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz Unbegreifliches zu dieser
-Winterszeit, und sagte: »Eine schöne Empfehlung an Fräulein Marie.«
-
-Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.
-
-Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen das Wunder in
-Empfang.
-
-»Ach Marie!« jubelte Röse auf.
-
-Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, -- ein paar Lippen zitterten wie in
-namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt ging unhörbar zur Thür hinaus,
-ohne daß jemand darauf geachtet hätte.
-
-Das war von +ihm+!
-
-Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das hatten sie ja schon
-erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? Er hatte es eben möglich
-gemacht, dachte die Waben dumpf.
-
-Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, -- das war es, -- das erst
-hatte ihr schneidend weh gethan!
-
-»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt der alte Paracelsus.
-
-Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen bei verschlossener
-Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz zwischen den zitternden
-Fingern und hatte sich das Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl
-gelehnt und hielt Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen
-Gottesdienst.
-
-Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen Orgelbrausen in
-ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen der Geistlichen bei der
-großen Messe; sie sehnte sich nach den prachtvollen Meßgewändern,
-klangvollen Worten und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und
-den gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden Gewölben.
-
-Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf Orgelbrausen
-und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter Gottes zu Füßen gestürmt.
-Aber so, in dieser Kahlheit hier, da hob der Schmerz sich nicht zum
-Himmelsflug, sondern drückte und drückte und wurde wieder zur grauen,
-schweren Steinplatte, die sie ganz begrub.
-
-Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, stillen,
-dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus und schluchzte laut. --
-
-Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen selbst
-gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der Schwestern erkundigt.
-Das Befinden war vortrefflich. Sie waren lustig und guter Dinge.
-Röses Bräutigam erschien auch, und die beiden schönen Paare standen
-auf ihrer Lebenshöhe, denn auch Marie war ganz entzückt von dem
-begeisterten, wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in
-sie verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem Kirstenschen
-Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne Menschen in voller
-Jugend, die nur von den besten, schönsten Dingen sprachen und
-dachten und träumten, die Feste beredeten und Ausflüge und allerhand
-Vergnügungen und Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.
-
-Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher Freund sie,
-leicht befangen, als alte Bekannte, -- that es aber mit gutem Gewissen,
-denn das große Liebesfeuer, das jetzt in ihm brannte, hatte das
-kleine, bedächtige Flämmchen, das für die zarte Waben geglommen hatte,
-vollständig verschlungen.
-
-Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens gesagt, gethan und
-geblickt hatte, davon wußte er wohl nichts mehr.
-
-»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.
-
-»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.
-
-Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer schon wieder
-hell empor. --
-
-Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, wie dunkles
-Wasser.
-
-Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.
-
-Sie liebte ihn so sehr!
-
-Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen
-Menschen vor.
-
-Das ging so ein paar Tage fort, -- so hilflos, so über Bord geworfen
-fühlte sie sich! -- Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich
-ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur
-Beichte fahre?«
-
-Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie
-die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch
-sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist.
-
-Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche,
-und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein
-echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem
-lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen
-auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch
-die dunklen Straßen fährt -- und die Schläfer weckt -- und ihnen das
-Herz bewegt.
-
- * * * * *
-
-In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen
-umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen
-Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten,
-geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das
-Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, --
-das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie
-auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die
-Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie
-ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und
-höher, immer höher.
-
-Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten,
-ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich.
-
-Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe
-kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte.
-
-Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er
-sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der
-Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien,
-ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht
-beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen
-gönnend, -- nichts wollend selig.
-
-Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte
-zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord
-Geworfensein«, die genießen und leben wollte.
-
-Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos gedemütigt. --
-Sie wollte nur Hilfe und streckte die Hände aus und nahm, was man ihr
-gab: die große, schwere, ernste Gabe.
-
-Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete sich auf,
-und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.
-
-Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in Weimar wieder ein;
-der Postillon blies und weckte die Schläfer.
-
-Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes Wesen und ging
-durch enge Gassen und Straßen.
-
-Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus in der
-Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen Schwestern
-stand und die beiden Mädchen fest schlafen sah, kniete sie nieder und
-faltete die Hände, und es war ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen
-langsam in das tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie
-weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas so unsagbar
-Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. Und es ward ihr weich und
-weit ums Herz, so frühlingshaft, so werdend, als wenn von einem großen,
-wunderbaren Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das Beste
-auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es gibt noch etwas, etwas
-so geheimnisvoll Unergründliches, was größer als Glück und Unglück ist,
-was über allem steht, -- etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt
-einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.
-
-Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner Größe
-erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle Glückseligkeiten.
-
-So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig beleuchtete Stube
-drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, irdische Bräute, -- und
-eine süße, kleine Himmelsbraut, mit lichtem, klarem Herzen; eine
-Himmelsbraut, auch wenn sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern
-hier zu bleiben gedachte, in diesem glücklichen Hause.
-
-Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in der Freude
-unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, -- nichts wollend selig.
-
-Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!
-
-
-
-
-Kußwirkungen.
-
-
-Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt,
-da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der
-Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker,
-den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach
-den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können,
-und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke und mit
-dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die Fabianen und die
-Kummerfelden und die Kameraden der Ratsmädchen, Budang, Horny und
-Schillers Aeltester vorüberwanderten, und es überhaupt von all den
-alten Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig
-ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser
-Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen
-statiösen Dame, und seiner Haushälterin.
-
-Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles blitzblank, vom
-messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen an der Flurthür, bis
-zu dem messingenen Vogelkäfig an dem Fenster über Madame Tiburtsius'
-Arbeitstischchen, und bis auf den letzten Messingnagelknopf in
-der Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame
-Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die der Reihe
-nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, der Mutter der
-Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden und auch bei Fräulein von Knebel
-im Schloß, der Erzieherin der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und
-noch einigen andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte
-und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne,
-die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, winters in
-die Stadtkirche nachgetragen wurde und die jetzt im Flur hing. Die
-Kaffeekanne, aus der Herr und Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen
-tranken, blendete die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie
-stand, warf ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und
-ließ grelle Lichtringel tanzen.
-
-Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer an, das, wenn
-man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen gehörigen Putzlappen, die
-ganze liebe Erde reingefegt haben würde. Dieses Frauenzimmer war
-eine trockene, hagere Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie
-mit ihren beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter
-Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken laufen
-ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes Hand mit samt
-ihren Eimern hervorgegangen, da schauten die Hausfrauen, die mit ihren
-Strickstrümpfen und in großen Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich
-nach ihr aus und seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus,
-der da sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.
-
-Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, wie sie wollten,
-sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen doch nichts.
-
-Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, eher
-hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen gedacht, als daß Kathrine von
-ihrem Dienst in einen andern getreten wäre.
-
-Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter von Madame
-Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der alten Dame die messingene
-Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, aber immer noch blinkend, im
-Flur hing, mit dem Feuerstörer, dem Gesangbuch, dem Lederkissen in
-die Stadtkirche nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit
-ihren Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius
-mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen solchen Treubruch
-gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als wäre sie sein angetrautes
-Weib gewesen und nicht die Köchin und Haushälterin der Madame.
-
-»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.
-
-»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn sie in Eifer kam über
-irgend etwas, was ihrer Meinung nach der Herr Gemahl hätte unterlassen
-können.
-
-Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und mit der Madame, trotz
-aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, sich von ihnen und ihren
-Messingkäfigen, Messingknäufen, Messinghandhaben, Messingkesseln,
-Messingofenthüren, Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem
-messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus nicht so
-ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause hantieren und auf
-den Markt gehen, so hätte man glauben sollen, solche unanfechtbare,
-bewährte Sauberkeit, die könnte nur in allertiefstem Frieden gedeihen,
-in einer Harmonie, von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung
-machen kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel
-der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger noch
-Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, noch etwas Versalzenes,
-Angebranntes, Gesäuertes, noch Mißverständnisse aller Art, Zank mit
-Handwerkern, Tauwetter, Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde und
-Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf Nachmittagvisiten
-gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen, noch Kinder mit
-schmutzigen Schuhen und Musbröten.
-
-Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf Erden. Es ging
-nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte Glanz, der über allen
-Dingen lag, war nichts weiter als was sich eben mit unermüdlichen
-Fäusten erreichen ließ. Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu
-schlucken, so viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.
-
-Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von Reinlichkeit und
-Sauberkeit -- aber im Kern dieser Wolke, da saß der Rat und paffte
-und steckte in einem schmierigen Schlafrock und in ausgeschlappten
-Filzschuhen und häufte Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf
-seinen Schreibtisch und rührte all dieses untereinander und streute
-Schnupftabak darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich die
-Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen auf die Akten,
-daß der Puder stäubte und sich mit dem Schnupftabak und Rauchtabak und
-der Asche und den Dochten, die er immer aus der Lichtputzschere fallen
-ließ, auf seinem Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren
-Selbstgesprächen) zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.
-
-Das war ein Kreuz und ein Elend -- und dies vor den Augen der Welt zu
-verbergen, war Rats Kathrine ihre erste Sorge, da war kein Opfer und
-keine Mühe groß genug.
-
-Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als eine Lüge zu
-verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine Lüge zu glauben und
-glauben zu machen, eine Lüge am Leben zu erhalten, für eine Lüge zu
-leben und zu sterben.
-
-Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre ein Wunder von
-Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und dergleichen löblichen
-Eigenschaften mehr. Das hatte sich Kathrine in den Kopf gesetzt,
-und nicht nur Kathrine, sondern das rechtmäßig angetraute Weib auch
-ebenso. Armer Rat, wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller
-Unschuld, wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter
-dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der Tuchbürste
-und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden über dich herfuhr wie
-ein Hagelwetter, vom Kragen auf den Rock mit der sanften Bürste und
-der harten Bürste in blitzschneller Abwechslung -- und wenn, von den
-Bürsten angelockt, sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit
-sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste eilig ankam, um
-dir das Perückchen frisch zu stäuben und dein Zöpfchen zwischen den
-Fingern zu nudeln -- und dann das Bürsten von neuem begann -- wild und
-eifrig, damit um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles
-in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!
-
-»Und die Finger, Gustävchen -- und die Finger und das Fazeterl?
-
-»Die Finger --, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« --
-
-Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche Stimme -- so ein
-bißchen eine fette Stimme und ein wenig schnarrend.
-
-Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da war es dir ein wenig
-schwindlig -- da wackeltest du mit dem Kopfe ein ganz klein wenig
-über diese Weibsbilder; aber nicht etwa so stark, daß man es mit
-unbewaffneten Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe
-nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir nach und öffnete
-das Schiebfensterchen und rief einmal wie allemal: »Aber Gustävchen,
-pünktlich zum Essen -- damit wir den Nachmittag vor uns haben --
-Gustävchen!«
-
-Und dann gingst du in deine Sitzung -- da warst du ein freier -- ein
-großer Mensch.
-
-In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch in den Teich, wenn
-du nur das Bild nicht übelnehmen willst! Da kam dir nichts nach -- gar
-nichts, da mußte alles draußen bleiben, unwiderruflich -- alles, alles.
-Ueber die Schwelle -- ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das
-war eine vortreffliche Einrichtung!
-
-Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz eigenartig, da
-war es dir zu Mute wie dem Schneck, der sein Haus irgendwo hat stehen
-lassen aus Vergeßlichkeit, wenn einem Schneck so etwas passieren
-könnte, und der sich nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus
-geschehen ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben
--- oder ob was hineingekrochen ist.
-
-Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat -- das weiß ich, und du
-würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb gewesen, wenn du nicht
-gewissermaßen nackt und bloß in die Sitzung hättest gehen müssen,
-sondern wie der Schneck dein Haus, dein Eigentum hättest überall
-mitnehmen können; wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in
-die Sitzung gehen können -- das wäre schön gewesen! Der aber hat zu
-Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.
-
-Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten in einem
-solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, nicht hineinpaßt;
-daß ein Misthaufen entfernt werden muß, und daß es Hände gibt, die das
-unwiderruflich thun werden, wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie
-Kathrine sagt.
-
-Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und es empfing dich so
-eine angenehme wohlbekannte Luft, eine eigentümliche Oede -- fremd
-starrte dich dein Zimmer an, wie eine Wüste dein Schreibtisch, die
-Dielen naß, kalt, fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch
-vermischt, der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft
-ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von Gelehrsamkeit, Schnupftabak,
-Rauchtabak, Asche und Staub zerstört, das Behagen verscheucht -- das
-hast du oft durchgemacht, Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft,
-gezankt, aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin
-wie eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine
-Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut einfach ein,
-quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.
-
-Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du thun; du warst
-machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen beiden Wärtern, die ihn
-seelenruhig toben, schreien, zappeln lassen, bis der Anfall vorüber
-ist, und sich sogar verständnisinnig in ihrer Roheit über das Gethu des
-armen Narren zulächeln.
-
-Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du ein armer Narr. --
-Glaub's nur, Herr Rat.
-
-Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie nichts, und wie
-sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin deine Gelehrsamkeit
-ihnen einbrachte, darüber zerbrachen sie sich auch den Kopf nicht.
-
-Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige Feuerstelle, die
-die Flamme deines Geistes erzeugte, und hielten das für einfache
-Schmutzerei.
-
-Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die Kathrine nicht,
-weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, Atemholen, Essen und Trinken
-ansah, und die Frau Rätin nicht, weil sie immer Besuch und Visiten
-erwartete -- und die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.
-
-Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem Gläschen Wein und
-Kringeln. So waren Besuch und Visiten voneinander zu unterscheiden bei
-Frau Rätin und Kathrine. Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das
-war der zweite schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht
-nur auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige Frau, die bei
-sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn eines im Hause sauertopft,
-das sollte mir fehlen, daß ich mich über meinen Nähtisch setzte, wie
-mein Rat über seinen Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte.
-Gott bewahre.« Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, dem
-kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der strammen, kugelrunden
-Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen konnte, daß alles an ihr
-schwabberte und schwabbelte, die wollte das Leben genießen und genoß es.
-
-Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte und junge, und
-war überall dabei und machte alles mit. Vormittags hielt sie sich, wie
-es einer guten Hausfrau geziemt, leidlich daheim, flickte, schaute der
-Kathrine nach, machte mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer,
-sobald er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs
-und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die Morgenstunden
-herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit einem grilligen Mann am
-Schreibtisch in Weimar und anderswo je hingebracht hat. -- Aber am
-Nachmittag!
-
-»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« Das rief sie
-nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem Schiebfensterchen nach, wenn er
-sich in die Sitzung aufmachte.
-
- * * * * *
-
-Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten her von allen,
-die rings um den Marktplatz wohnten.
-
-Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit teil, da floß
-Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie ein lustiges Bächlein.
-Bei Rat Tiburtsius' aber ging der Geselligkeitstrieb, der Trieb nach
-Festlichkeit und Lustbarkeit von einem einzigen fetten Weibchen aus,
-das sich breit und wichtig machte.
-
-Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres Herzens. Sie kamen
-zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. Ehe die Stiegen noch trocken
-waren, tappten kleine und große Füße darauf herum und schleiften den
-Straßenschmutz wieder herein.
-
-Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige Nählehrerin, die
-am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen wohnte, kam angehatscht durch
-dick und dünn, bei jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar
-oftmals Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ sie dann
-auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so hießen ein paar kleine Häuser
-am Lottenbach, fallen, hatte aber nicht viel genutzt, und so zierlich
-sie ging, die Alte, ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren
-Kreuzbänderschuhen immer noch mit.
-
-Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die Fabianen,
-die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie jeden Winter, den
-Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte und die Raben fütterte
-mit allerlei, was sie bei den guten Freunden eingesammelt hatte,
-worauf sie mit ihren großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie
-ein Rieseneiszapfen, zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren
-unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer hing, so daß
-beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. Und ihre Freundin, die
-winzige Mamsell Muskulusen mit der dicken Perücke, und die wunderschöne
-Rätin Kirsten mit ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers,
-und der Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu
-vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von Schiller und Horny
-und Herr und Frau Egidi, ein junges Ehepärchen, und zu feierlicheren
-Gelegenheiten Madame Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs,
-die ganze schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon,
-August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. -- Wer sie
-alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer lustigen Weimar, die
-fleißig bei der dicken kleinen Frau Tiburtsius aus und ein gingen
-und Kathrinens guten Kaffee tranken und die guten Kuchen aßen, die
-sie buk, und die Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen
-Brotschnittchen -- und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von
-Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, so lange,
-bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das Nachsehen hatte.
-
-Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der Thür von Herrn
-Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch an der blinkenden Küche
-von Kathrine. Sie wußten gar wohl die Sachlage zu beurteilen; aber
-das störte sie nicht, durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas
-Anregendes. Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in die
-schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau trat, da wurde
-er gescholten und liebenswürdig gehänselt und zwischen zwei schöne
-Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter spielen. Und brauchte man sein
-Arbeitszimmer zu lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu
-irgend einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte dann
-irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der Apotheker, oder
-Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend so eine Art Witz machten
-sie stets, gewöhnlich denselben.
-
-Das ging so fort jahraus, jahrein.
-
-Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht der Wissenschaft
-war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten von ihm erzählte, daß die
-Marktweiber ihn nicht nur in eine Reihe mit Schiller und Goethe
-stellten, sondern noch weit über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn
-ganz besonders ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger
-war? Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die nicht
-im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, überstäubt
-und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie ein Stall gereinigt, sein
-Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine Atmosphäre gelüftet, seine
-Gewohnheiten wurden mißachtet, seine Ruhe wurde gestört, seine Stube
-genäßt, versandet, sein Wein verschenkt -- der Boden ihm unter den
-Füßen weggenommen. Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.
-
-Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht über den Zustand
-ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, weil auch sie dem Trieb nach
-Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, feindlich im Grunde ihrer
-Seele gegenüberstand. Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt
-vom Stadthaus ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die
-sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, von der
-sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom Stadthause sie ihr
-mitteilte, und die Geschichte hatte sich folgendermaßen zugetragen.
-
-»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der Wirt ihr
-gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm einfüllen ließ.
-»Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und gafft, und bei mir steht ein
-Bauersmann, so 'n Stoffel, der nich dreie zählen kann -- der sollte
-in der Stadt einen Doktor holen, aber welchen -- das hatte er dir
-vergessen. Und nun steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor
-dem neuen Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is -- und kratzt
-sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, da sieht der Rat
-Tiburtsius zum Fenster 'naus -- der weiß alles. Wenn einer, so kann der
-dir's sagen, den mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch
-und steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf -- und thut 's Maul nich
-auf.
-
-»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem Herrn Rat mein
-Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann da soll schnell einen Doktor
-aufs Land holen un weiß nich mehr, welchen.‹
-
-»Der Herr Rat, der hört's dir nur -- un sagt gleich: ›Das ist ja
-wunderlich -- das ist ja wunderlich.‹
-
-»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das hatte er gleich
-weg. -- Der Doktor Wunderlich, der sollte geholt werden. Es muß schonn
-so an recht Gelehrter sein, dein Rat.« --
-
-Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen und vergaß sie
-nicht, und wenn es die Gäste der Madame gar zu bunt trieben und den
-Frieden des Herrn Rat gar zu unverschämt störten und auch in ihrer
-Küche herumwirtschafteten, das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um
-Mehlhäufchen zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten,
-weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden Bilde gebrauchten
--- da dachte Tiburtsius' Kathrine, daß man so einen gelehrten Mann doch
-mehr ästimieren sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe
-von Jahren lang.
-
-Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, der seine zehn
-Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so verlangte man es damals
-in Weimar von ihm, auch wirklich gab; -- es waren schon bald ihrer zehn
-beisammen, und der Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und
-der Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch so und so
-viele sagten, wenn sie einander begegneten oder ein Gespräch anfingen:
-»Heuer ist's aber in schönster Ordnung« -- oder »Ein kapitaler Februar«
--- oder »Ein Staatsfebruar« -- oder »Heite ham mer en Februar, der sich
-gewaschen hat« -- oder sonst dergleichen etwas, wie es die alten Herren
-von damals zu sagen liebten.
-
-Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen und
-Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, wie weit sie in Jena
-schon Weimar voraus wären.
-
-Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare Lustigkeit
-gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. Die einen sahen ihn da,
-die andern begegneten ihm dort. Er machte weite Spaziergänge, man hatte
-ihn mit Leuten auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie
-mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn je, ließ
-sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von der Rätin bestäuben
-und dann wieder bürsten, ohne etwas davon zu bemerken. Er suchte die
-Dinge, die er in der Hand trug, in allen Ecken, jammerte nach der
-Brille, die ihm auf der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie
-seinen Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von Kathrine
-ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt des Hutes aber seinen
-alten Filzschuh unterm Arm trug. So toll dies auch klingen mag, ist es
-doch wirklich und wahrhaftig wahr und in Weimar auch bei alt und jung
-gar wohl bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn Rat
-fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung abgeben, daß
-überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat erzähle, vollständig auf
-Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, was ich in dieser Geschichte zum
-besten geben will.
-
-Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so manches
-Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, es würden sich
-so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, Gelten und Schaffen
-aufmachen, um auch aus meiner Quelle zu schöpfen, daß ich wohlweislich
-schweigen werde. Sie würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei
-weitem wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. -- Sie würden sich mit
-wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen oder
-höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die Goethezeit mit allem
-Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. -- Jawohl -- daraus wird aber
-nichts.
-
-Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich schuldig
-gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre thun, gestehe ich,
-daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh unterm Arm statt seines
-Hutes getragen hat, sondern etwas andres, was ich mir aber erlaubt
-habe, des guten Tons halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der
-Rat war eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine und
-die Rätin meinten, daß er sein müßte.
-
-So ging es eine ganze Weile fort.
-
-Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr Rat einen Kauf müsse
-abgeschlossen haben; aber was er gekauft habe, das konnten sie ihr
-nicht sagen. Auf dem Stadtgericht war er auch gesehen worden. -- Gott
-weiß, wo alles man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte
-man ihn gesehen haben.
-
-Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste grübelten, Kathrine
-grübelte. Man fragte, man sprach allerlei Vermutungen aus. Die einen
-meinten, er habe sich ein Reitpferd gekauft -- darüber mußte aber die
-Frau Rätin lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen -- da lachte
-die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade recht gewesen. Einen
-Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte der Apotheker. Andre wieder kamen
-darauf, er wolle der Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht
-darüber einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.
-
-»Das ist meine Sache -- meine Sache -- meine Sache!« fuhr er seine Frau
-an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er sie wahr und wahrhaftig an, als
-sie hinterlistig und energisch hinterlistig in ihn dringen wollte.
-
-Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter alter Gatte mit
-einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes fühlte, was sie
-veranlaßte, nicht weiter in ihn zu dringen.
-
-Und so blieb er so weit unbehelligt.
-
-Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern zur
-Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in seinem Zimmer auf und
-nieder und pfiff. -- Er pfiff wirklich. -- Wie sonderbar es klang,
-und wie sonderbar er es fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm
-ordentlich steif geworden und juckten ihn. -- Er hatte seit Jahrzehnten
-nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.
-
-Aber heute! -- Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt und schlürfte
-in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr eifrig auf und nieder.
-
-Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und kramte unten und
-oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk stand, und auf dem, wo Hüte und
-Kappen lagen und wo ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß.
-Dem nickte er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«
-
-Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen und den gestickten
-Westen herum, und ein paar weiße, mächtige Halsbinden fielen oben vom
-Brett, wo sie neben dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf.
-Es knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu hinterst
-im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß in einer, und die
-hatte eine Mechanik und schnappte.
-
-Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen und den gestickten
-Westen -- und sah nach, was angebissen hatte.
-
-»Ei -- ei -- ei -- ei!« sagte er betroffen und gedachte seiner
-Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, trotzdem er sie
-bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -- und kramte
-weiter.
-
-Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm von einem alten
-Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, der ihm von oben bis unten
-ging. Er schien, nach dem Zustand zu urteilen, in dem er sich befand,
-der Vater von dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat
-gerade anhatte -- oder auch der Großvater davon. Er war so eine Art
-Schlafrockheiligtum.
-
-»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin
-und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die
-Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien,
-wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende
-Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und
-unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines
-vergangenen Lebens.
-
-Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig
-und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar
-große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte
-einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine
-ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er
-vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still -- Kathrine mußte
-auch fort sein.
-
-Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte
-die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein
-Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so
-weiter. Diesmal aber pfiff er nicht.
-
-Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche,
-wenn er seinen Choral absang -- aber ein gutes, herzerfreuendes
-Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon -- weiter
-nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine
-Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck
-über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber
-kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.
-
-Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die
-gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die
-Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ
-sie wie lebendiges Silber glänzen.
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.
-
-Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung,
-eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze
-Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt,
-denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau
-so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht
-erinnerungsselig, sondern triumphierend -- wirklich triumphierend. Und
-er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf
-seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er
-hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft -- für sich
-selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch
-der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre!
-
-Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde,
-mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu
-wandern.
-
-Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee
-gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich
-niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung
-und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die
-Kathrine ausgegangen war.
-
-Und endlich -- endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen
-Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten
-Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem
-Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu
-jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man
-einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges
-Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine
-solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im
-Traume damals.
-
-Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die
-»Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und
-strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken
-wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich
-nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die
-Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die
-Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit
-den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste
-und der Puderschachtel.
-
-Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun
-einmal angewöhnt.
-
-Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich
-irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse
-unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur
-Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon
-recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten;
-aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten
-glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock
-dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem
-Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in
-Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt.
-
-Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm
-ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und
-sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater
-noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen,
-dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin -- Garten
-an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer
-Mühle.
-
-Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit
-zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges
-Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten,
-auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe
-wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen
-winzigen Grasfleckchen -- keine so blechernen Gärten, in denen die
-Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten,
-wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten,
-gesegnete Gärten.
-
-Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der
-Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der
-Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den
-Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den
-Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.
-
-Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den
-Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging -- und
-jetzt stand er vor seiner Thür -- seiner Thür, einer Thür aus zart
-silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun
-steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der
-Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll
-der Duft aus dem vollen grünen Garten -- und der Duft gehörte dem Herrn
-Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief.
-
-So ein Duft aus dem eigenen Garten!
-
-Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen
-die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten
-in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und
-Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.
-
-Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle
-beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen
-dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und
-quoll und blühte und knospte und duftete.
-
-Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel
-des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde
-wie Schilf -- nur weicher.
-
-Und alles war so weich, so voll, so lebendig -- Farben lugten aus
-der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr
-zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius.
-
-Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem
-Weg, ohne sich zu regen.
-
-Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein
-Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand,
-und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den
-keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das
-Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem
-weichen, vollen Garten erschreckt.
-
-Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen
-Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten
-Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den
-Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem
-ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.
-
-Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten
-hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich
-schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten
-sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend
-Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die
-Finger.
-
-Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen
-zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen
-den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen
-durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos
-blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze
-Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald
-empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle
-schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut.
-
-Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und das Klappern und
-Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, und die Birken und Eschen rauschten
-dazu. -- Die Dunkelheit sank immer tiefer herab, und der Herr Rat
-tastete sich aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und
-machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, blieb er
-noch lange ganz versunken stehen und atmete den schönen Gartenfrieden
-ein, und die Dunkelheit verbarg ihn mit allen seinen Schätzen vor aller
-Welt, ihn mit seinen Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen,
-seinen knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln,
-Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem Gurkenkraut,
-seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden und den
-hundertfach knospenden Centifolienbüschen.
-
-Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der Stadt zuging, da
-kam er wirklich wie von seiner Liebsten -- und zu Hause ließ er kein
-Wörtchen verlauten.
-
-Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der Schopenhauern
-zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« bei seinen alten Herren
-gewesen. -- Und unter denen ging es das eine Mal so zu wie das andre
-Mal, da war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem alten
-Ehepaar.
-
-Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er sich wieder
-auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es schnatterte bis in sein
-Studierzimmer, und in der Küche wurde gebacken und geklappert. Es war
-großer Damenthee.
-
-Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und arbeitete
-im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse und saß vor dem
-Gartenhäuschen und paffte aus seiner Pfeife, schaute in den blauen
-Himmel, hörte auf eine Lerche, die draußen in den Feldern aufstieg,
-schnaufte tief den Duft seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte
-sich mit den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.
-
-Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der alte Bretterzaun
-war hoch, und von den Nachbargärten war er auch nicht ohne weiteres zu
-belauschen. Dieser Umstand hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat
-zum Ankauf dieses Grundstückes zu bestimmen.
-
-Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie sangen:
-
- »Es fuhr ein Bauer ins Holz,
- Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,
- Ki -- ka -- Kirmsenholz,
- Es fuhr ein Bauer ins Holz.«
-
-Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt alles Spaß.
-
-Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein Lächeln, wie
-es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin war, seine Muskeln niemals
-inkommodiert hatte.
-
-Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber
-mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht
-vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit,
-als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch
-sehen, wer Herr im Hause ist!«
-
-So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -- aber -- aber.
-
-Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten,
-war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich,
-das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der
-Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte
-wirklich so weit reinen Mund gehalten haben.
-
-Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte
-er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er
-unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch
-frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten
-Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden
-und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört.
-
-Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war
-durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war
-vortrefflich.
-
-Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten
-des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen
-und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie.
-
-Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine
-mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den
-Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin
-nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um
-und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem
-Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«,
-der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie
-eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn
-sie war eine pünktliche Frau -- dann gesellten sich allerlei Personen
-zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen
-verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den
-Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich
-auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch
-Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der
-Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine
-Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen
-Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf.
-
-Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern
-und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich
-in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder
-Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert«
-nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern
-und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach
-Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora.
-
-So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran
-dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen.
-
-Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte
-Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten
-Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so
-recht Altäre der Geselligkeit.
-
-Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie herrlich es war,
-wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen aufstiegen, die Würste sich
-auf dem heißen Roste wanden, dann platzten und rauchig dufteten,
-und die Leute im Garten bei einander saßen mit Weißbroten und Bier,
-hauseingelegtem Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und
-Gesang.
-
-Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-und ähnliche Lieder.
-
-In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch so ein Bratwurstherd,
-und es war ihm mehrmals schon das Wasser im Munde zusammengelaufen,
-wenn er davor gestanden hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben,
-als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine Wurst
-begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.
-
-Nein -- nein -- lieber keine Wurst!
-
-Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer müßigen Stunde das
-Gelüste gekommen, sich ganz allein ein Paar Würste zu braten --
-das wäre gegangen, aber der Rauch! Den hätten sie in allen Gärten
-geschnuppert. -- Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht
-gewesen; aber verlockt hatte es ihn -- sehr verlockt.
-
-Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren Kern die Frau
-Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf bewegt hatte, ging
-er wieder in den Garten. Es wurde ihm jetzt schon gar nicht leicht,
-sich mit Amtsgeschäften auszureden, wenn die Rätin ihn fragte: »Aber
-Gustävchen, heute kommst du doch nach -- kommst uns wenigstens
-entgegen?« Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau Rätin und
-schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und wie er diesmal im Garten
-war, fiel es ihm auf die Seele, daß es eigentlich so nicht fortgehen
-könne, und das stimmte ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als
-wäre der schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er dachte
-aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's auch weiter
-gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's auch vielleicht noch
-lang niemand,« und beruhigte sich damit und goß seinen Salat und die
-Radieschen und alles, was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der
-Herr Rat ernten sollte.
-
-Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all dem Gemüse hin sollte
--- und wenn das Obst reifte -- die Kirschen glühten schon zwischen den
-grünen Zweigen: ja, was sollte er mit all den Dingen machen? -- hm --
-das wußte er nicht recht.
-
-Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. Allerlei wollte sich
-eindrängen, was ihm nicht paßte. Es lag so in der Luft, war schwül und
-trüb heute. Der Garten war so dicht und grün und voll, so sommerlich
-und still, und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf und
-dröhnend.
-
-Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, vor
-Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen auf und trat behutsam
-hinaus, schaute nach links: da war die Luft sauber, keine Menschenseele
-zu bemerken -- schaute nach rechts -- und stand wie vom Blitz gerührt.
--- Ja, wo hatte er denn seine Ohren gehabt? -- Drei Gartenthüren von
-ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da kam es angerückt. -- Ihm
-schien es wie Tausende von Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden
-Armen, Tausende von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen auch
-geschwenkt wurde. -- Das war die Lawine, die doch heute in Tröbsdorf
-hätte sein sollen. Und mit welchem Lärm kam diese Lawine an! Dem armen
-Rat schwindelte.
-
-»Ja -- ja -- ja -- was ist denn das?« riefen aus dem Gewirre
-verschiedene Stimmen zugleich.
-
-»Aber Gustävchen -- Gustävchen!« -- Das war die Stimme der Rätin. --
-Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß er die Hand noch am Schlüssel
-hatte, um ihn abzuziehen -- das hatte die ganze Lawine gesehen, da war
-nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb regungslos --
-und da waren sie schon alle um ihn.
-
-»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.
-
-Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den Herrn Rat mit
-ihren großen, runden Augen an.
-
-»Aber Gustävchen! -- Aber Gustävchen!« Das war wieder die knarrende
-Stimme der kleinen Rätin. »Was ist denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst
-du denn her? Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst
-und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich alle um ihn
-wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den Kindern auf Weimars Gassen
-sehr beliebt war und noch ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des
-Wickelkloses steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden.
-Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Das ist
-mein Garten. -- Ich komme -- ich habe -- ich komme aus meinem Garten --
-ich habe mir nämlich einen Garten gekauft.«
-
-»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.
-
-Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. Aber die Frau Rätin,
-die kleine, fette Frau, war Meisterin darin, in das einzige »Aber
-Gustävchen!« ganz unglaublich viel zu verpacken.
-
-Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt ihren ganzen
-Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert Variationen. Sie konnte auf
-dieser einen Violinsaite ganze Lieder und Musikstücke spielen.
-
-Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen
-Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter Regimentsgaul.
-
-»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie ein kleines
-vollgeladenes Gewitterchen.
-
-Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der Bühne und spräche
-zum Publikum gewendet: »Einen Garten hat er also gekauft, und kein
-Pferd und kein Kütschchen.«
-
-Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine Gite! -- Du meine Gite!«
-
-»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk lachte. -- Und sie
-riefen alle durcheinander alles mögliche in Weimarscher Ursprache.
-
-»Ne aber!« -- »Herr Jemine!« -- »Herr Jes!« und machten ein arges
-Geschrei damit.
-
-Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n mer uns doch aber
-auch einmal den Garten ansehen.« -- Und gesagt gethan. Die Thür ging
-auf.
-
-Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste dazu, und nun
-strömte es hinein und riß den armen Rat mit sich.
-
-Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn Rat ein wenig
-beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte Miene aufgesetzt mit
-so viel Grandezza, als womit sie ihre Hüte und Hauben aufzusetzen
-pflegte. Und diejenigen, welche dem Paar am nächsten standen, hörten
-verschiedene scharf betonte »Aber Gustävchen!«
-
-So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte und so viel
-Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten mit den vielen lustigen
-Leuten und dem vielen Gemüse, dem Obst und den Sommerblumen und den
-pflückreifen Kirschen und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und
-dem Beerenobst doch auch an.
-
-Und alle waren in der besten Stimmung; der arme Rat mußte wahrhaft
-Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr Mütchen an ihm und hänselten
-ihn und zeckten und neckten ohne Aufhören.
-
-Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann war und mehr wußte
-als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, daß zu verschiedenen Malen
-sein Name in den Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half
-es ihm, eben gar nichts!
-
-Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die alten Latschen und
-die große Pfeife entdeckten, brach ein Hallo aus. Sie drängten mit
-solcher Wucht in das Häuschen, alle auf einmal, um den Flausrock zu
-betrachten, daß es den Anschein hatte, als wollten sie die stille,
-winzige Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, Erde
-und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.
-
-Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, mitten unter lauter
-Stimmen, die nicht müde wurden, den Rat zu bearbeiten und zu ärgern,
-erhob sich plötzlich eine, die rief und alle andern wie mit einem
-Schlag verstummen ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«
-
-Das hatte eingeschlagen -- und es zeigte sich, daß die alten Weimaraner
-wahren Feldherrnblick hatten, wenn es galt, ein Vergnügen beim Zipfel
-zu fassen; denn wer weiß, was alles dazu gehört, ein wirkliches und
-wahrhaftiges Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das
-so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.
-
-Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in aller Eile nach allen
-Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, was zu holen war. Die einen
-mußten in die »Armbrust« laufen und die Würste herbeischaffen. Der
-Apotheker wußte ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und
-Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes Kompliment
-vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.
-
-Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen und Budang
-bei sich aus dem Keller holen, um ihn zum Feste zu stiften. Der
-Apotheker lieferte die Brote. Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von
-dem gebracht werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand am
-nächsten.
-
-Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf dem Frauenplan oder
-am Markt, nur die Kummerfelden, die aber hatte nicht so viel Teller.
-
-Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit zugegen. Zu der
-schickte die Frau Rätin und ließ sagen: »Eine schöne Empfehlung und
-ob die Frau Schopenhauern und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben
-wollten, in der Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen,
-und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele Gläser und
-viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer mitzugeben.«
-
-Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin -- und das fiel
-niemand auf -- nur dem Rat fiel es auf.
-
-Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im Garten, dem Rat
-brauchte das Wasser nun nicht mehr im Munde zusammenzulaufen.
-
-Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte er sich nun
-beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben Abend schon zu Gerichte;
-die Frau Rätin trieb einen wahren Handel. Zu einer gewissen Zeit
-sollten Apothekers beginnen, sich den Salat zu holen und die Mohrrüben,
-und zum Einmachen konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie
-gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden sollten
-alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich für ein billiges
-erstehen.
-
-Und nun sangen sie an diesem Abend alle:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Nur der Herr Rat sang nicht mit.
-
-Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen war.
-
-Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist mir doch immer
-abgegangen.«
-
-Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff zu, als
-die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig gestopft waren --
-und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche aus, die alle den
-geheimnisvollen Kauf des Herrn Rat in der Mache hatten.
-
-Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen:
-
- »Der Rat, das ist ein schlauer Mann,
- Der wollte einen Garten han,
- Der kauft sich einen Garten
- Und ließ die andern warten.«
-
-Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich.
-
-Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und konnte es nicht satt
-bekommen, seinen alten Rat zu ärgern.
-
-»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem, mein Schatz,
-und zieh deinen schönen Flausrock an und die Latschen und stecke die
-Pfeife an, damit wir doch auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so
-kommod umeinander geschoben bist.«
-
-Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte so etwas an sich,
-daß er immer das aussprach, was in den andern noch unbewußt schlummerte.
-
-Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen, so, als
-wollten sie's zum Platzen bringen, und holten den Flausrock, brachten
-ihn angeschleift und rissen sich um die Latschen und brachten die
-Pfeife, und der arme Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich
-in seinen Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker
-hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und mußte den
-Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade.
-
-In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm sein Lebtag noch
-nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn er sich auch die Entdeckung
-seines Gartens manchmal vorgestellt hatte, so, in solcher Gestalt,
-hatte er sie sich nicht vorgestellt. Das sind ja lauter Teufel! Die
-Menschen sind ja Teufel! dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen
-Mucks zu thun.
-
-Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen. Aeußerlich zornig
-zu sein hatte er ganz verlernt, und das war das Schlimme und Ungesunde.
-
-Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit vor den Augen
-herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und besingen und rührte sich
-nicht. Er ließ sich alles gefallen und machte den liebenswürdigen Wirt
-und ließ sich eben gar nichts davon merken, daß unter dem Flausrock
-nachgerade ein Hexenkessel braute.
-
-Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde ich sie nur
-wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit, dazu Pläne zu schmieden
--- aber -- aber --
-
-Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer, denen er
-zu Hause davongelaufen war, deretwegen einzig und allein, um ihnen
-entwischen zu können, er sich diesen Garten gekauft hatte, die würden
-nun tagtäglich, wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. -- Und
-diese unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne Ende --
-denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre Whistpartieen abhalten
-würden?
-
-Was sah er nicht alles kommen!
-
-Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen! Der Rat
-verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln, das war ja sein eigenstes
-Element. Was hatte er an langen Winterabenden bei seinem Leuchter mit
-dem grünen Schirm nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt!
-
-Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese wissenschaftlichen.
-Wer das kann, der wird doch auch ein paar Frauenzimmer loswerden können.
-
-Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem Garten im
-Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die ihm die Galle überlaufen
-ließen.
-
-Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen, das wußte er im
-voraus, und der Kathrine auch einen; die Kathrine würde dann im Garten
-zu putzen und zu wirtschaften anfangen wie in ihrer Küche, unter den
-Büschen rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen und
-auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn. Und er erlebte im
-Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten Feste auf Feste feierte,
-ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste in schwerer Menge,
-auch ein Perlzwiebelfest -- natürlich. Da sah er schon die ganze
-Gesellschaft um das lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die
-Zwiebelchen aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm
-jedenfalls einen Gefallen thun, die Unsinnigen -- wie ihn das schon im
-voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte ihm weiter aus, wie
-Kathrine während der Arbeit allen Kuchen präsentierte, und wie dem mit
-einem vorsündflutlichen Appetit zugesprochen wurde.
-
-Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle Frauenzimmer
-auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen und in große Flocken
-Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden in ihrem geblümten Kleid und die
-Muskulus mit der großen Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack
-nannte; über der Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen
-Veilchenhut auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich
-genau vor sich.
-
-Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und Madame Schopenhauer
-und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen mit ihren Freundinnen und
-Freunden und die Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch
-Frauenzimmer und noch viele mehr -- eben alle, die jetzt auch
-leibhaftig im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht worden
-waren, herumwirtschafteten.
-
-Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen Hauptärger, die waren
-damals und sind noch jetzt in Weimar stark vertreten.
-
-Jetzt war das Maß voll, über und über voll -- das Blut des geduldigen
-Mannes war endlich in Wallung geraten -- in eine ganz wütende
-Wallung. Wie er so hellsehend und außer sich umherlief, kamen ihm die
-Ratsmädchen gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten
-ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie würden an allen
-Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu gleicher Zeit sein und unter
-allen Beerensträuchern hocken und immer mit einem Gefolge von so und
-so vielen. Sie waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren.
-»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine große weiße
-Halsbinde mit der Mechanik hinein.
-
-»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben -- diese Bestien?« Das
-war und blieb es, worüber der Herr Rat rachsüchtig und leidenschaftlich
-grübelte. -- Und mit einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen
-kommen, da hatte er's -- da rieb er sich die Hände in seiner Wut und
-flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter die
-dunkelsten Wege auf und nieder.
-
-Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die Rätin hatte heute ihr
-karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke kleine Gestalt wie eine Haut
-umspannte. Um den Nacken trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie
-saßen jetzt vor dem Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und
-stippten Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine Wohl
-geliefert.
-
-Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen und sprachen aufs
-ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter als kurz vorher, und
-es hatte den Anschein, als wäre die lustige plappernde Lawine im
-Handumdrehen zu einer Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die
-sich nicht so ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem
-Bratwurstfest sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin eine
-ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit zu Füßen.
-
-Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, auch den Arthur
-und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.
-
-Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür und
-verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein Stein ins Wasser fällt,
-zieht er Kreise, und Kreise zog auch Arthur Schopenhauer in den
-Gesellschaften, in die er fiel oder fallen mußte, Kreise des Schweigens
-und des Verstummens.
-
-Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann schaute seine Frau
-Mama mit angstvollen Augen auf ihn. Heute sprach er wieder einmal gar
-nicht. »Ein rechtes Kreuz für so eine gescheite, liebenswürdige Dame
-wie die Schopenhauern,« dachten die Frauen.
-
-Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch wie ein Alp auf allen
-andern. Er »glubschte«, wie die Weimaraner sagen, so von unten auf mit
-seinen großen blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn,
-wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war.
-
-Ein ungemütlicher Bursche!
-
-Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen Wirt, dienerte
-nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen die Zuckerdose und
-die Tabaksdose. Es war ihm in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei
-andressiert worden. Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat
-beobachtet hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen haben.
-
-Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald das andre
-Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als wollte er eins davon kaufen,
-oder als hätte er irgendwie sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte
-er sich aufs Malen verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war
-manchmal ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt sah,
-ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber, Gustävchen,« zu sagen.
-
-Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich standesgemäß
-benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau unter den Kirschbäumen
-die Würste, setzten die Windlichter hin und trugen die dampfenden
-Herrlichkeiten haufenweise auf.
-
-Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug, um mit der
-Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es zwar alle, daß die Rätin es
-liebte, wenn man sich hin und wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in
-Weimar sagen; damit war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten
-sie jetzt überwunden.
-
-Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter Letzt zu
-den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett antreten, und
-setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um nun endlich mit einem
-Wolfshunger über die Herrlichkeiten herzufallen.
-
-Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht stark zusprach,
-aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige Gewohnheit, dem Hausmuff,
-so daß ein leises, wohlmeinendes »Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt
-kam, mitten durch das Stimmengemurmel.
-
-Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher, andre spielten
-Rat- und Antwortspiele und benahmen sich, wie es sich für gesättigte
-Menschen geziemt. Den Rat sah man mit der Kummerfelden umherwandern.
-Das war sonst nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim
-einzulassen.
-
-Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle zu, und die
-Kummerfelden wunderte sich über den galanten Rat.
-
-Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt, der rauschte
-nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das Wasser. Da, mit einem Male,
-war es der Kummerfelden ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und
-traumhaft. Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften -- und
-dann -- als führe er ihr mit dem Kopf in das Gesicht.
-
-Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß sie an die Nase, und
-um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. Und der Kummerfelden war
-es, als schöbe er sie dem Mühlbache zu.
-
-»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf, »was hat denn der
-Mann? -- Sollte er tobsüchtig geworden sein?«
-
-»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der Rat wütend in
-seine große Halsbinde mit Mechanik hinein und würgte die erschreckte
-Kummerfelden wieder. Der wurde es angst und bang, sie hätte schreien
-mögen, verließ sich aber fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn
-»Schreien«, das kam ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr
-ihr ihre ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn man sie
-schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander finden würde,
-denn er war immer noch ganz ungebärdig und fuhr ihr beständig mit dem
-Kopf ins Gesicht.
-
-Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in Leipzig, Hamburg
-und Weimar, gingen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit durch ihre
-Seele, aber da war keine, die mit dieser einige Aehnlichkeit
-gehabt hätte, es müßte denn eine Liebesscene gewesen sein -- ach
-du barmherziger Gott -- so ein sträflicher Gedanke! Der alte,
-wohlverehelichte Rat und sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt«
-ließ sie in diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn
-alles, was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, das
-war in ein paar Sekunden hineingezwängt.
-
-Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den sie für Herrn
-Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht aufhörte, sondern fortfuhr,
-sie mit seiner Person zu bedrängen, gab sie ihm einen ganz gehörigen
-Puff vor die Brust mit ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte
-etwas auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen
-und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch dick und dünn, durch
-Gemüsebeete und Blumenbeete mit schiefer Haube der Gesellschaft und den
-Windlichtern zu.
-
-Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«
-
-»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was ist mir denn
-das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb sind Sie denn so
-umhergesprungen? -- Ich habe Sie ja springen sehen.«
-
-Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer Haube, die saß ganz
-miserabel; aber sie konnte nicht antworten, die arme Kummerfelden,
-denn sie war völlig außer Atem und wollte das nicht merken lassen.
-Ihr gutes, menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum
-Zerspringen.
-
-»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was ist mir denn das?
-Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet -- oder -- oder wie wär's denn mit
-noch einem Gläschen?«
-
-Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick der alten, guten
-Dame.
-
-»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang sich ihr
-mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!«
-
-»Aber so zu springen! -- Ich habe Sie ja gesehen.« Der Apotheker
-bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen, und stützte die beiden
-fetten Händchen auf die runden Beine.
-
-»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie ärgerlich und nach
-Luft schnappend.
-
-Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte die Hände ihr auf
-die Schulter und schaute sie an mit einem Paar so großer, mitleidvoller
-Augen, wie man die Frau möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes
-ansehen würde.
-
-Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr Mienenspiel war
-durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger geworden als andern
-Leuten ihres.
-
-»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die Rätin ganz betroffen.
-
- * * * * *
-
-Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit einem weiblichen
-Wesen im Garten auf und nieder, und wieder kamen sie in die Nähe des
-Mühlbachs, in die tiefste Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat
-sein Opfer. Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der
-Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen, hatte
-eine unsinnige Angst angestanden, so daß die doch gewiß erfahrene
-Kummerfelden über das, was sich zwischen ihr und dem Rat abgespielt
-hatte, im unklaren geblieben war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte
-die kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt, war aber
-statt auf den Mund in den Mund geraten, denn sie hatte ihn vor Schreck
-weit aufgesperrt.
-
-Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte sie ein
-paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel gar nicht mehr
-aufkommen konnte.
-
-»Ach, Herr Rat -- ach, Herr Rat --« lispelte die kleine Mamsell
-verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick ihren Kopf und die
-große weiche Perücke an seiner Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz
-überwältigt, fühlte vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt
-worden war, und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle.
-
-Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die Kleider
-zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, und es wurde ihm
-sonderbar, als dies nicht geschah. Die Muskulusen wandelte mit ihm auf
-und nieder in der tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner
-Hand tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, daß
-sie ihm von jeher sehr ergeben sei -- aber ebenso seiner Gemahlin, und
-daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen Frau schuldig sei. Mamsell
-Muskulus sprach wohlgesetzt und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr
-unbequem, so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu
-führen.
-
-Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. Und als sie in
-den Schein der Windlichter traten, bemerkte der Rat, daß Mamsell
-Muskulusen einen ganz verklärten Ausdruck hatte.
-
-Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine andre; diesmal
-jedoch war er an die Adele Schopenhauer geraten, da war's ihm angst und
-bange dabei; er beschränkte sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu
-küssen und die Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte
-er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen.
-Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer Hoheit und
-schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte und erschreckte,
-und in wahrer sittlicher Empörung verließ sie den verblüfften Rat am
-Mühlbach und wandelte ruhig gemessen ihres Weges.
-
-»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun einmal ein ganzer
-Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt hatte, so mußte die auch
-durchgeführt werden, und so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf
-ein Frauenzimmer -- und wieder auf eins -- und wieder auf eins -- und
-wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig dabei, spitzte die
-Lippen mit einer wahren Virtuosität und wütender Zärtlichkeit, denn
-seine Wut hatte sich gewissermaßen in Zärtlichkeit verwandelt.
-
-Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme gelaufen, die
-kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche Jammertöne aus, daß es dem Rat
-erst recht angst wurde.
-
-»Ach mei' Mann -- mei' Mann! -- Was wird mei' Mann sagen!« rief
-sie laut und ängstlich, so daß der Rat fürchtete, sie würden alle
-zusammenlaufen, und daß er von ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen
-ließ.
-
-Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch die Ratsmädchen
-in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte er, denen kann's nicht schaden,
-wenn ich sie ein bißchen erschrecke, die brächte ich mir gern vom Hals.
-Sie waren wie immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten,
-gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab jeder einen
-gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber durchaus nicht erschreckte;
-sondern sie hakten sich in seine Arme ein, äußerst vertrauensvoll,
-und Röse bog sich hinter dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie
-hinüber und flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können
-wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. Ich habe doch
-immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«
-
- * * * * *
-
-Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem Gartenhäuschen
-etwas Sonderbares abgespielt: es war, als hätten die vortrefflichen
-Würste und der gute Hausmuff ihre Kraft verloren, als wäre nur alles
-eine Art Luftspiegelung gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat
-noch gar nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen sein.
-Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, die erschien sich wie
-verraten und verkauft unter ihren guten Freundinnen.
-
-Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte mit einem Male so
-ein Paar närrische Augen gemacht, als wäre der Geist der Verwirrung in
-sie gefahren, dann war mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie
-eine Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft
-über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und überhaupt tuschelte
-man überall miteinander.
-
-»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der Apotheker ganz
-verblüfft zur Rätin.
-
-Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten ihr die Hühner
-das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit allen war es mit einem Male
-nicht richtig. Es lag eine drückende, schwüle Stimmung über der ganzen,
-sonst nach vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf
-die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als hätten
-in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem Bankerott des Mannes
-erfahren als die Hausfrau und betrachteten sie sich daraufhin.
-
-Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu Mute -- und wo
-steckte denn nur ihr Mann --?
-
-»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, als es ihr immer
-unheimlicher wurde unter ihren Gästen. Und als der Rat endlich kam, da
-war der Höhepunkt der unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da
-erhoben sich die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten
-sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten sie
-gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und mit Schopenhauers
-brachen alle plötzlich auf -- und fort waren sie. Apothekers gingen
-auch mit, denn eins zieht nun einmal das andre nach sich.
-
-Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch der Rat, die ganz
-verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.
-
- * * * * *
-
-So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht nur im Garten. Der
-Rat, die Rätin und Kathrine lebten mit einem Mal im Haus am Markt wie
-auf einer einsamen Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner
-Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr tugendhaft. Die
-Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig vor Grübeln. Der Rat aber
-ging jetzt unbehelligt in seinen Garten und wirtschaftete dort wieder
-im Flausrock. Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß er
-bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich aus dem Weg
-gingen.
-
-Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene
-wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal aber hatte er
-auch auf einer Seite, wo er sonst immer Niederlagen erlitt, Triumphe
-gefeiert, und außerdem sah und hörte er nichts weiter.
-
-Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die Kummerfelden
-in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen Salatköpfe auf den
-Komposthaufen und ordnete alles, was seine gute Idee angerichtet hatte.
-
- * * * * *
-
-Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. Das Haus am Markt
-wurde so stille wie ein Grab; seine Frau saß in sich gekehrt, war stumm
-und bedrückt zu jeder Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten
-immer fragend die Wände an.
-
-Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, die ihn ganz
-eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie wieder Appetit
-hätte. Der Rat aber machte lange Schritte und schüttelte sich in der
-Erinnerung an die Strapazen, die er durchgemacht hatte.
-
-Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer bänger. Er fand
-jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. Sie war ganz hilflos, ganz
-verwirrt. Im Herrn Rat regte sich etwas -- er wußte selbst nicht recht
-was, etwas Unbequemes, Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er
-ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen Gartens gar
-nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit dem er diese Einsamkeit
-erkauft hatte, verdient hätte; er saß mit etwas Aehnlichem, wie einem
-schlechten Gewissen, oben in der Studierstube, und wie ihn früher der
-Lärm gestört hatte, so störte ihn jetzt die Stille.
-
-Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das Vertreibungsmittel
-hatte ganz niederträchtig gewirkt.
-
-Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es und Madame
-Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz betreten entgegen. Und Madame
-Kummerfelden kam feierlich, setzte sich aufs Kanapee und fragte nach
-dem Ergehen und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun
-pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf Frau
-Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig mitleidig an, wie
-damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt den Rücken hinunterlief --
-und dann kam die ganze Pastete von Anfang bis zu Ende -- alles, was
-geschehen und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war,
-mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -- und
-daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins Haus setze und daß die
-junge Frau Egidi gesagt habe, ihr Mann werde ihn fordern, und daß er
-selbst die harmlosen Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld
-erzählt hätten -- und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt habe
-auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht für Küssen
-gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in den Mühlbach habe werfen
-wollen, und daß er tollwütig geworden sei -- und daß die Rätin es sich
-nicht allzusehr zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und
-man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild zu gewärtigen
-habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie sei, es möge sich stellen,
-wie es wolle -- und daß sie, die Kummerfelden, von den Mannsbildern
-überhaupt nichts halte, was sie auch trieben.
-
-Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas im Wege, Zeugen
-haben sie die Hülle und Fülle, und das sei in solchem Fall von größtem
-Wert.
-
-Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, denn die
-Muskulusen hatte die ganze Zeit über niemand gesprochen, die hatte sich
-mit ihren Liebesgefühlen in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte
-davon noch gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern
-zu teilen hatte.
-
-»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. -- Mein Gott, für die
-Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten sollen, so ein gescheiter,
-gelehrter Mann! -- Es ist wie ein böser Traum.«
-
-Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und die arme Rätin saß
-ganz bewegungslos da, starr und steif, und ihre großen runden Augen
-fragten die Wände um Aufklärung. Sie verstand nichts recht, sie war
-ganz auseinander -- ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, als
-würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte Fleisch- und
-Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -- und in diese Situation trat
-völlig unvermutet, leidlich harmlos der Herr Rat -- und wurde von der
-Kummerfelden wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt -- und
-von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt -- und zum erstenmal in
-ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« über ihre Lippen. Sie war
-verstummt. Und so saßen und standen sich die drei gegenüber.
-
-Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, als er in die
-richtenden Augen der Kummerfelden gesehen hatte. -- Das waren Augen,
-wie sie nur auf einem ganz Gesunkenen ruhen konnten -- und da die
-Kummerfelden eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles
-Gesagte und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles
-Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. --
-
-»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das aber doch gar nicht!«
-rang es sich protestierend aus der Kehle des Herrn Rats los -- und nun
-fing der Rat an zu erklären -- und predigte erst tauben Ohren -- aber
-so nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung
-auf und sie schaute den Rat an -- und in ihren alten lustigen Augen
-blitzte es auf. Das waren wieder die Augen der Kummerfelden, die
-Kirchenfenster, mit denen sie den verworfenen Rat angeschaut hatte,
-mochten nur so eine Art Kraftleistung gewesen sein. --
-
-»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -- haben
-gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -- na ja --
-gewissermaßen in gewissen Fällen schon. Freilich, wenn Sie sie alle
-so geküßt haben wie mich -- dann glaub' ich's schon eher -- dann
-schon. Aber wer küßt denn auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen
-kann so ein gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern
-schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen -- wundert
-mich.«
-
-Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.
-
-»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich alte Gans!« rief sie
-ein Mal über das andre Mal, »daß ich mit den andern Weibsbildern Ach
-und Weh geschrieen habe! Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«
-
-Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte die blinkende
-Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller und Kuchen und Tassen
-und das Zuckerdöschen.
-
-Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer gewesen, urgemütlich,
-und auch die Erstarrung der armen niedergedrückten Rätin löste sich --
-und das erste Zeichen eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz
-unglaublich betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -- Und
-darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, wie nur sie lachen
-konnte.
-
-Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, auf welche Weise
-der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich gekauften Garten hatte
-vertreiben wollen, kam ganz gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof
-erzählt und bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall.
--- Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu würdigen, der
-Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen Leute hatten überhaupt
-Vertrauen zu ihm und ließen sich nun bei jeder Gelegenheit von ihm
-beraten, brachten ihm ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne
-werden lassen sollten.
-
-Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und weshalb der Herr Rat
-die Frauenzimmer geküßt hatte, herumgekommen war, seinen Spaziergang
-machte, der ging hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius
-wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten Freunde
-und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und in den Garten, um zu
-zeigen, daß sie in keiner Weise etwas gegen den Herrn Rat hätten,
-und in dem alten Garten, ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend
-vorausgesehen hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende
-statt -- Versöhnungsfeste.
-
-Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter Mann sein und doch
-dem Leben gegenüber ein rechter Esel bleiben könne -- und daß selbst
-dem gescheitesten Manne die Frauenzimmer immer über sind und über sein
-werden, denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts
--- nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.
-
-
-
-
-Wie die Enkelin der Ratsmädel zum Blaustrumpf wurde.
-
-
-Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott und die Menschen,
-fühlte weder Unruh' noch Erregung, weder Hoffnung noch Verzagen,
-aber hatte eine Art Zuversicht und wußte wohl weshalb. Ein günstiges
-Schicksal umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da
-kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.
-
-An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, dessen Kern fürs
-erste auch nicht verraten wird, denn, wer weiß, vielleicht steht sie
-noch unter dessen Schutz -- und Schweigen ist eben bei jedem Zauber die
-Hauptsache.
-
-Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, ließ ich
-es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten gedruckt wurden;
-hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb versucht, ein Zufall
-brachte es zuwege, ein Zufall machte mich zum Blaustrumpf. Von der
-schwerwiegenden, wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte
-ich nichts -- nicht das Geringste.
-
-Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!
-
-Ich fühlte mich so froh -- so unbedacht!
-
-Was ich that, das war gethan -- das stand mit dem, was andre thaten, in
-keiner Verbindung. Ich empfand mich als Wesen für sich und verglich
-mich ein für allemal nicht mit andern.
-
-Ich las über meine in die Welt geschickten Träume viel Gutes -- und
-wunderte mich.
-
-Unzufriedenes natürlich auch, -- selbstverständlich.
-
-Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das stärkt die
-Persönlichkeit.
-
-Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie mir in irgend
-etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; als ich aber sah,
-welcher Wirrwarr daraus entstehen würde, wenn ich auf alle hören
-wollte, da kein Urteil mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes
-und Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man hören?
-Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der andre sagt, gewöhnlich
-wieder auf mit dem Gegenteil, und der Dritte wieder, was der Zweite
-sagt. Und was ist nun das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von
-dem man sich überzeugen lassen soll?
-
-In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde eines
-eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend gewürdigt.
-
-Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen
-Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem Sessel zwischen
-ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten Gesellschaft einen Vortrag
-hält.
-
-Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein Marabustorch, das
-Symbol der Weisheit.
-
-Was aber haben seine langen Beine und der spitze Schnabel dem Marabu
-genutzt? Gar nichts.
-
-Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele des Künstlers
-vertieft und hat gefunden, daß der Künstler mit einem vortrefflichen,
-sachgemäßen Humor eine Löffelgans hinter diese weibliche Wissenschaft
-gesetzt hat.
-
-Was konnte er Besseres tun?
-
-Wie stimmt das alles!
-
-Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! Wissenschaft
-personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! Was wird sie lehren? Die
-Löffelgans hinter ihr gibt die Würdigung dessen, was sie lehrt.
-
-Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in die
-Intentionen des Künstlers hinein.
-
-Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie der Künstler
-sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans begnügt hat, die ja
-vollkommen genügt hätte, den Wert eines Frauenzimmers auszudrücken.
-Durch des Kritikers Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge.
-Er nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«,
-Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. -- Solches beweist, daß
-dem Marabu seine langen Beine und sein spitzer Schnabel nichts nutzen,
-wenn der Kritiker seine Augen und sein Verständnis schon auf die
-Löffelgans gespitzt hat.
-
-Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der Täuschung, sein
-Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen den sich nichts sagen läßt,
-und der nichts zu wünschen übrig läßt.
-
-Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und eine Löffelgans
-dickgedrungen und kurzbeinig.
-
-Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige Marabu ist eine
-kurzbeinige Löffelgans.
-
-»Marabu,« sagt der Künstler.
-
-»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält natürlich in den
-Augen aller Einsichtigen recht.
-
-»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker weiter, »ist leider
-verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, der Schnabel zu spitz, so
-daß sie eine gewisse Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«
-
-»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«
-
-»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«
-
-Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn der Klügere nicht
-nachgäbe.
-
-Und es geschehen noch ganz andere Dinge.
-
-Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen lassen? soll nach
-dem würdigen Schelten oder Loben seinem Marabu, den die Kritik zur
-Gans umzaubert, künftighin kürzere Beine machen, soll betroffen und
-zerknirscht sein und sich bessern?
-
-Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, so oft
-überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, kluge Kritiker es
-wohl wünschen möchten!
-
-Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker und Krittler
-verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr übel mitgespielt
-worden; denn an nichts glaubt man so gern und so fest als an das
-Schlimme, das einer von sich selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber
-unverdientermaßen gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von sich
-sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich windig
-aus; aber unverdient gut ergangen ist ein grenzenloser Spielraum für
-alles Wünschenswerte.
-
-Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis oft
-wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen hab' ich kennen gelernt!
-
-Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben dieser Person
-etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist es mir, als säße ich in
-einem bequemen Wagen und führe leicht und behaglich dieselbe Strecke,
-die ich einst mühsam und beschwerlich zurücklegte.
-
-Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir mit warmem
-Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert hielten zu sagen: Sei unsres
-Mitgefühls sicher, wir halten zu dir! Wir haben dich verstanden.
-
-Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe bekannt sind, mit
-deren Schicksal ich mich mehr, als es gut ist, beschäftigte.
-
-Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre Leute ungeschoren
-lassen.
-
-Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als ob die Welt nicht
-Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung und Unsinn, Krankheit, Thorheit,
-Lug und Trug, Lachen, Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und
-Haß, solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden es
-nicht genug!
-
-Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, glauben, es
-sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, wenn sie sich zu
-den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig auf Erden sinnverwirrend
-durcheinander wimmeln, noch welche hinzuträumen, hinzuklügeln.
-
-Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen zu Grunde geht,
-stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, das genügt ihnen nicht; sie
-schaffen mit Mühe, Begeisterung, Qual und Glück, mit ihrem Herzblut
-Hirngespinste und sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen,
-die sie zu sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze,
-die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen als
-außerordentlich wichtige Personen.
-
-Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen vernünftigen,
-weitherzigen Menschen.
-
-Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen sie leiden,
-beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie dies nicht gerecht,
-sachgemäß und vernünftig betreiben oder gar vergessen haben, über ihre
-Käuze ein vollgerüttelt Maß zeitgemäßer Moral auszuschütten.
-
-Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben -- tödlich ernst -- das
-ganze Glück der wunderlichen Schöpfer hängt an dieser großen Thorheit.
-
-Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist der Urheber
-dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, gebrochen, -- und wenn es
-noch so ein gesunder, guter, braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen
-und Armen.
-
-Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« -- aber was auf Erden
-ist nicht Wahn? Was auf der Welt thun wir, wobei uns nicht die Sinne
-umnebelt und verwirrt sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?
-
-Sehen wir in irgend einem Ding klar?
-
-Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges beurteilen?
-Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! Uns braucht es nicht zu
-kümmern. Wer einmal zu den Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und
-was zwischen Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.
-
-Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, mag es
-offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, füllt das Leben
-der Generationen aus, führt sie ihren Weg bis zum Vergehen, und keine
-Thorheit ist Thorheit genug, daß sie nicht ein Menschenleben würdig
-beschäftigen könnte, eins oder das Leben von Millionen.
-
-Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, der durch das Leben
-führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil und Verwirrung den Takt geben,
-einen ruhigen, praktischen Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den
-nämlich: »Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was Wert
-hat.«
-
-Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren ist, mögen gelten.
-
-Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen er nun einmal,
-halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern möchte, wenn er diesen
-Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe steckt.
-
-Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes zu thun, seine
-Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. Ich bin jetzt scheinbar
-weit abgekommen.
-
-Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach allen Seiten und sehe
-überall Leute, die mir sehr bekannt sind, was niemand nach dem eben
-Gesagten Wunder nehmen wird, denn diese Leute sind meine geliebten
-Käuze -- meine selbstgeschaffenen Gestalten, würde ein ästhetisch
-Gebildeter sagen.
-
-Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die Patsche, ein gutes
-Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme Nase, oder vielleicht hat
-er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. Sein Herz kann das Böse
-auf der Welt nicht ertragen, er wird davon zu mächtig gepackt. Salin
-Kaliske habe ich ihn genannt.
-
-Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig seines Weges gehen
-lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -- solch ein Kind,
-wie unser Erlöser eines war.
-
-Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders krummen Nase
-ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen Geldgier? Weshalb bin ich
-sparsam verfahren mit der Zuteilung der allbekannten Attribute?
-
-Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich die Ansicht,
-daß wir in dem lobenswerten Streben nach Wahrheit uns allzusehr mit
-dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, und mehr als je das Beste und
-Wertvollste achtlos beiseite lassen.
-
-Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich
-wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. Ein kräftiger,
-lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, ein düsterer, grober Geselle,
-der in der Todesstunde sich mächtig verliebt und sterbend den guten
-Freund um die Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod
-einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.
-
-Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel und ein
-liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht begreifen kann,
-daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen muß, der über seine
-unglückliche Liebe tobt.
-
-Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er möchte etwas leisten
-und schaffen, seiner unerwiderten Liebe ein Denkmal setzen; doch ist er
-unbegabt.
-
-Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und nichts mehr. Aber er
-schafft etwas in heiliger Einfalt aus sich selbst, aus seiner eigenen
-Schönheit.
-
-In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein am hohen Kreuz
-hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, lebenatmend, geisterhaft.
-Davor in angstvollem Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das
-zitternd und erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die
-dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.
-
-Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen hab' ich auf die
-Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit Sünde. Mit diesem für
-diese Welt sehr thörichten Abzeichen müssen sie umherlaufen.
-
-Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, die voller
-munteren Streiche stecken, die ihr Wesen in Weimar treiben, zu Goethes
-Zeit, und hinter ihnen her ziehen allerlei Personen aus Weimars
-goldenen Tagen, die Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute
-aus der Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche
-Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen Töchtern, die
-eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde der Welt auf sich nehmen,
-mit eigenem Leid fremdes heilen, diese stille, große Anne! Und ihr
-braver Bräutigam! Welche Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit!
-Das sind nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber
-es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.
-
-Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, schwachsinnig vor
-Behagen. Das sind die verspielten Leute!
-
-Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in ihrer
-Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, flachen und
-wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles mit ihrer wattenen
-Herzensgüte -- das sind die rechten, schlimmer wie Raubtiere;
-wohlversorgt leben sie, essen gut, trinken gut, sind gesund und
-wohlgestellt -- Ehrenmänner -- Ehrenfrauen -- aber aufgepaßt!
-
-Hütet euch vor ihnen!
-
-Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. Der alte Apotheker
-mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche Apothekergehilfe,
-der jeden Todesfall voraus weiß. Sperbers, die Gutsbesitzer in
-ihrer köstlichen Hülle und Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom
-Nachtwächter schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der
-Nachtwächter nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.
-
-Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, in ihren köstlichen
-Gärten! O, welches Behagen! Ich denke an den alten Doktor Tiburtsius
-in den Kußwirkungen, der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen
-runden, kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen
-Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem duftenden, Grün
-strotzenden Garten verbringt -- und wie er dann später entdeckt wird!
-Und daß ich es nicht vergesse, Goethe und Karl August sind auch dabei
-unter diesen alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut
-auch, und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame
-Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der Kummerfelden,
-ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.
-
-Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch anmarschiert, und
-Franz Horny und Schillers Sohn, die Kameraden der wilden Ratsmädel,
-die der alten Jüdin alle weimarischen Esel über den Hals gejagt haben
--- und das dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das
-katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit kommt,
-das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten Leben neidlos
-steht -- und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, der seine
-schauervolle Johannisnacht mit seinem süßen Bräutchen, dem würdigen
-katholischen Geistlichen, den glotzenden Hausleuten und dem Tod oben
-unter dem Dachraum des uralten Hauses zu Ende feiert.
-
-Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« heißt, seh' ich
-dort -- und ich rufe: O, du meine arme kleine Olly! Du weißt es,
-wie bitter schwer das Weib zu tragen hat, wenn es mit ganzer Seele
-die Kunst liebt -- und jung ist und leben möchte -- und aus einem
-Zärtlichkeitstraum, aus so einem weichen, weichen Traum in der Ehe
-erwacht.
-
-Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei dir daheim sonderbar zu!
-Mit welchem Lärm und Getöse rangierten die hyperästhetischen Naturen,
-die aus der Kunst doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem
-Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein und feurig
-geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem Haushalt!
-
-Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!
-
-Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht und
-Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen Herzen!
-
-Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, am Besten hier
-auf Erden teilzunehmen!
-
-Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet mir -- Dorothea in
-»Reines Herzens schuldig«. Sie ist so ganz in Liebe erwacht, in heißer
-Liebe -- und muß in einem Leben verschmachten, das ihr nichts bietet,
-kein Glück, auch nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.
-
-Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und hoffte, dies Buch
-würde von guten Menschen gelesen, die sich mit dem Gedanken trügen, wie
-man den Vernachlässigten, Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein
-die arme Dorothea Zeugnis gibt, helfen könnte.
-
-Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu meiner größten
-Freude erfahren -- und ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht ein wenig
-prahlen soll, weshalb ich nicht ein paar von jenen Briefen und Zeilen
-hier wiedergeben soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten
-und sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten ins
-Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen Lebensabriß lesen, doch
-auch eine Ahnung bekommen, was für ein glückliches Menschenkind ich bin.
-
- »Berlin ... Reichstag.
-
- Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes gar nicht.
- Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal hintereinander.
- Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. Sie sprechen
- einmal: ›Wenn du den Dichter findest, dem es gelungen ist, das
- tiefste Leiden versöhnend darzustellen, den halte fest wie
- einen Freund.‹
-
- Möge Ihnen -- in Leben und Kunst -- das hohe Ziel zu teil
- werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und eines
- Mozart!«
-
-Ein andrer Brief:
-
- »Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. Ich
- habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe von Ihnen.
- Jedes Wort eines Dichters, das mir seine Seele offenbart,
- nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares Geschenk
- entgegen. Nicht viele geben so viel wie Sie. Eines Abends,
- wenige Tage vor dem Fest, las ich Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr
- übermächtiges Empfinden riß mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle
- auszusprechen, begeisterte mich. Zugleich dachte ich mit Bangen
- an das Schicksal dieser Bücher; mir war's, als sähe ich sie
- schutzlos in der Welt umherirren; ich wünschte innigst, daß
- sie zarte Finger und warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch
- Ihre Dorothea wird nicht oft verstanden werden; die freie
- Menschlichkeit hat so wenig Raum in dieser verschnörkelten
- Welt.«
-
-Und noch ein +dritter+ Brief von einem Arzt.
-
- »An die Schriftstellerin Helene Böhlau.
-
- Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, wie
- Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte im Bunde sein;
- auf mich ist von dem Glücke übergegangen, das zwischen den
- beiden erstehen durfte. -- Das will ich nicht vergessen und
- Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich zu den zwei Menschen
- führten, bei denen ich rein und gut sein konnte.«
-
-So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende gebracht und könnte
-noch ein ganzes Weilchen fortfahren, doch möchte ich nicht, daß jemand
-meine Skizzen unmutig aus der Hand legte, und ich will mir meine
-Freunde erhalten.
-
-Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht zu den trübseligen.
-Ich habe sie ausgespickt mit allerlei lustigem, freundlichem und
-thörichtem Volk. Da ist ein Herr von Bublitz, ein fetter Schlingel,
-der dem Wohlthätigkeitssport obliegt, da ist ein prächtiger
-lustiger Onkel, schöne Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche
-Hochzeitsgesellschaft, die des Guten zu viel gethan hat.
-
-Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus Stambul,
-wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner Umgebung, alles
-wächst und blüht und duftet und leuchtet, und die Menschen wachsen und
-blühen mit und werden freudig und gesund. Es sind gar liebe Leute, die
-»im frischen Wasser«.
-
-Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den andern, dem guten
-Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit seiner kleinen überspannten Käthe.
-
-Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden miteinander.
-Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen Herrn ein Lebtag
-im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im Alter zu einem Landhaus
-und köstlichen Garten, so daß das schwärmerische Persönchen in
-einer Glücksfülle steckt, die sich ganz wunderlich ausnimmt. Ein
-widerwärtiger, langbeiniger Ladenjunge schleicht hinter der kleinen
-Alten her, trägt ein Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als
-Buchzeichen steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.
-
-Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, Leute, die
-mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. Laßt es euch sagen, vom alten
-Kutscher Jermak, wie er über seine Herrin denkt, über ihr Kindchen,
-wie er von den verlassenen Mädchen spricht, von Gott und der Welt,
-den Popen, den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn
-im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der Schwester
-Jekatherina, spricht.
-
-Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, diese herbe,
-vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine Frau, in der der Geist
-mächtig wurde, eine Herrin des Lebens. -- Und Christine, du Reine, auf
-dich kam die größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der
-gebildeten Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach hat noch
-jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. -- Dich nicht!
-
-Frei hältst du dein Kindchen im Arm.
-
-Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen über dir; aber
-in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf sonnig klar geworden. Auch
-du bist Herrin geworden, dein Kind ein Königskind -- das Kind des
-freien, ungebeugten Weibes.
-
-Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden hast? dem Manne
-aus dem Volk, dessen Gesicht immer zur Erde gekehrt ist, und doch so
-heiter blickt wie der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir,
-dem armen gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk den
-Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. -- Nicht wahr, er hat dich und
-dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, in seinem Haus warst du
-frei und unbescholten?
-
-Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren menschlicher. -- Bei
-ihnen hatte das Weib schon gesiegt.
-
-Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen anempfehlen.
-Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu verstehen. Sie sagen auch
-viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen möchte -- viel mehr. --
-
-All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind der Ausdruck
-eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, der Ausdruck einer Seele,
-die durch Schweres ging, die Schweres kannte und fühlte, die aber im
-tiefsten Grunde glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste
-Glück zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der in
-seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem Wissen und
-seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer wunderbaren Fülle
-sie belehrte, dem sie alles dankt -- auch alles Glück auf Erden,
-Freund, Lehrer, Gemahl zugleich -- und jede Stunde segnet sie, die sie
-beisammen sind.
-
-Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so glücklichem Leben, mich
-mit solchem Volk zu befassen?
-
-Ich begreife es heut noch nicht.
-
-Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe solch ein Kauz
-sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken sollen, -- denn ich war
-so faul, so wundervoll faul!
-
-Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, denn sie war
-charaktervoll diese Faulheit -- sie war etwas! -- Da gab es nichts auf
-Erden, was mich hätte zu irgend einem Fleiß anspornen können.
-
-Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt werden sollte,
-sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel zu klein,« und blieb
-bei dieser Meinung und lernte keine Verslein wie andre brave Kinder.
-
-Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen Kindern
-während ein paar Vormittagsstunden das Spielen gelehrt wird, auf
-Kommando in Reih und Glied; ich sollte alles genießen, was die Zeit
-einem jungen Menschlein bietet. Aber diese ernste Spielmaschine
-erschien mir abschreckend; ich empfand eine Scheu vor den schon
-abgerichteten Kindern, die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu
-singen, die es verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den
-Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt und getadelt
-wurden. Das alles geschah in einem dämmerigen, staubigen Raum, es war
-mir, als würden da schreckliche Dinge getrieben.
-
-Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, die mich
-beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen Eindruck. Sie drückten
-mir eine Puppe in die Arme, eine fremde, mir sehr widerliche Puppe in
-einem Ballkleid mit einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie
-ich sie mir nicht dummer vorstellen konnte.
-
-Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde und sagte, daß
-man nur Kinder tragen könne, keine großen Leute, die Puppe wäre eine
-alte Frau.
-
-Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in einen Kreis
-treten, den die Spielschüler bildeten, und solle so thun, als grübe
-ich im Sande und pflanzte eine Blume, dann solle ich mich anstellen,
-als nähme ich einen Rechen, damit der Sand wieder geglättet werden
-könnte. Die Kinder würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles
-ausführen, ich hätte es nur nachzumachen.
-
-Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, die Kinder
-erschienen mir immer unheimlicher, das ganze Thun immer sinnloser,
-die Stube immer düsterer; da sah ich eine Thür offen, lief schreiend
-hinaus, die Treppe hinab, hinter mir her die Lehrerin; ich war aber
-flinker.
-
-Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen brachte niemand es
-dahin, mich zu einem zweiten Besuch dieses unheimlichen Instituts zu
-bewegen.
-
-Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich war ein
-zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte mit meinen zwei
-Schwestern den ganzen Tag in unserm hübschen Garten, hatte meine
-wundervolle dunkle Ecke unter einem Holundergebüsch, in die verkroch
-ich mich, und stundenlang harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es
-mir da unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene
-Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, ein Löwe
-oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging mir die Zeit aufs
-angenehmste.
-
-Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß es unmöglich sein
-würde, aus der Schule auszureißen. Das war mir schrecklich zu hören.
-
-»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der Kindergarten lebte
-mir in düsterster Erinnerung. Und ich kam in die Schule. Der Lehrer
-verkündete mir, daß ich ihn »Sie« zu nennen hätte.
-
-Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte nach, weshalb ich
-dies thun sollte, und vergaß es darüber; ich konnte mich auch in die
-Schule nicht hineinfinden.
-
-Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch nicht im
-geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in den untersten Klassen
-benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, machte mir Spaß, da war ich
-dabei.
-
-Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.
-
-Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, wenn der
-Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren Weg durch die
-Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche Langeweile, ich hätte weinen
-mögen. Da kam ich auf einen glücklichen Gedanken: ich stellte mir
-vor, in unserm Garten in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt
-auf der Schulbank, stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im
-Grünen in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue Luft
-blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, wußte er natürlich
-nichts, wie es auch einem guten Hasen zukommt, und das erwies sich als
-sehr übel für seinen Ruf. Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme
-Hase sollte sagen, aus was der Mensch besteht -- und blieb die Antwort
-schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und keck um ihn her in
-die Höh', ein ganzes Feld, und nickten und schnickten, und die Bravste
-sagte im schulgemäßen Ton: »Aus Leib und Seele.«
-
-»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte hinzu: »aber
-die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten alle, und der Lehrer
-verwies mir solch dummes Zeug.
-
-»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer unwahr.«
-
-Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem Lehrer eine
-längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte wissen, was die Seele ist,
-wollte erfahren, woher man weiß, daß man eine hat, wollte wissen,
-weshalb die Märchengeschichten unwahr und die biblischen wahr sind.
-
-»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.
-
-»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer freilich so dumm ist,
-wie du, hat keine.«
-
-Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar nicht weshalb; aber es
-war mir angenehmer, zu denken, daß ich keine Seele habe. Es schien mir
-einfacher und besser, und gerade weil die andern alle eine hatten,
-gefiel es mir, keine zu haben.
-
-Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte mich wieder in
-den Hasen.
-
-Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, mich über die
-Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, erging es mir oft übel.
-
-Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz desperat an den
-Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. Ich aber, wild, bös und
-wütend, fahre mit beiden Händen in das Tintenfaß, das in die Bank
-eingelassen war, halte mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich
-nicht an, rühr mich nicht an!«
-
-Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte nicht Lust haben,
-nähere Bekanntschaft mit meinen beiden schwarzen Tintenhänden zu machen
--- und ließ mich unangefochten sitzen. Die Mädchen aber flüsterten
-untereinander: »Die ist klug, die ist doch schlau.«
-
-Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus dem Munde der
-Kameradinnen mir sehr wohl that.
-
-»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie nichts
-einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, daß man mit
-Hochachtung mir behilflich war, die Spuren meines siegreichen Kampfes
-unschädlich zu machen.
-
-Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen Schullaufbahn.
-
-Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich mit mir; in
-der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine sanftere Art mit mir
-zu sprechen angenommen, als mit den andern Mädchen; aber es war nicht
-das Rechte. Ich war und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg
-aufzuweisen. Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd
-zurück.
-
-Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es sah so
-unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte in
-erschreckender Weise vor.
-
-Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen mußte, und der
-Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann dir's nicht erlassen, du
-mußt mit dableiben.« Ich beschwor ihn, ich bat ihn, ich küßte seine
-Hand.
-
-Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« Und so blieb
-es.
-
-Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte mich zerbrochen,
-fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu tragen, so tausendfach ich
-sie verdient hatte. Als ich nach Haus kam, stand meine Mutter an der
-Treppe und reichte mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte
-mich kommen sehen.
-
-Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich -- ich zitterte; ich
-hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -- aber es ging
-nicht, ich brachte mein Unglück nicht über die Lippen. Die Güte meiner
-Mutter rührte mich unbeschreiblich -- und ich nahm die Himbeeren, mit
-denen sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen und
-verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. Ja, hätte
-ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, nachdem ich das Gute
-genossen -- das erschien mir abscheulich, trotzdem alles in Angst und
-Verwirrung geschehen war, ohne daß ich recht wußte wie.
-
-Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die schlimmen
-Angelegenheiten für immer zu verschweigen.
-
-Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht darunter. Ich grämte
-mich -- aber ich konnte nicht reden -- ich wurde kränklich -- krank und
-bekam nach einiger Zeit ein Nervenfieber.
-
-Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen Eindruck, der
-sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. Ich sah einen kleinen
-Holzschnitt; durch Zufall kam er in meine Hände. Auf diesem Holzschnitt
-war der Tod als Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer
-schritt. Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte ihn
-an.
-
-Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; ich fiel
-bewußtlos zusammen.
-
-Es war niemand zugegen, als mir dies geschah -- und niemand, als ich
-wieder zu mir kam; ich konnte mich vor Grauen, Furcht und Schwäche
-nicht erheben. Das schreckliche Bild war wie eingebrannt in meine Seele.
-
-Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. Die ganze Welt
-erschien mir unheimlich und entsetzlich.
-
-Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man da leben? Wie
-konnten die Leute noch lachen?
-
-Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -- Nun aber hatte
-ich ihn gesehen.
-
-Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung verwandelt.
-
-Und wieder mußte ich schweigen -- ich konnte nicht reden, fürchtete
-mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. Mir war, als müßte dann die
-abscheuliche Gestalt sogleich ins Zimmer treten.
-
-So hatte mein armes Herz viel zu tragen.
-
-Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, und das
-Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der Tod ist, vernichtete mich
-fast.
-
-Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, nur weiß ich,
-daß, als ich wieder aufgestanden war und nicht mehr gehen konnte, ich
-mich darüber verwunderte und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.
-
-In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam bei einem
-guten, freundlichen Manne Unterricht mit noch einem Mädchen. Unser
-Lehrer hieß Herr Bräunlich.
-
-Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war ein behaglicher
-Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel in Form kleiner,
-netter Geschichten vorzuführen; aber immer noch schlief mein Lerneifer
-und war auf keine Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.
-
-Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern Stunden teil,
-vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. Ich blieb mit aller
-Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb sollte ich es ihnen gleichthun?
-Ich sah den Zweck nicht ein.
-
-Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. Die Mädchen
-wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer am glänzendsten beweisen sollten.
-Wir hatten frei, uns die Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu
-wählen. Da überboten sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen.
-Kein Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für sie
-geschaffen -- die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts lang genug
-sein.
-
-Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu traurige Lieder.
-
-Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie hatten nicht
-unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich liebte diese kurzen,
-traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom Tode kannte und die
-schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll empfunden hatte, erschien
-mir das Leben nicht mehr harmlos und heiter. Ich liebte es nicht mehr,
-allein zu sein, ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging -- die
-Träume brachten mir schlimme Erscheinungen -- und das Bild des Todes
-stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene oder gedruckte
-Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern bringen.
-
-»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich wieder einmal
-ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich gefunden und leidlich
-gelernt hatte.
-
-Ich führte ein freies Leben -- täglich nur eine Unterrichtsstunde
-und diese wurde zur Sommerszeit im Garten gehalten. Herr Bräunlich
-verschmähte es nicht, als wir zur Heuzeit ihm einen großen Haufen
-Heu aufgestapelt hatten, auf diesem Platz zu nehmen und so seinen
-Unterricht zu erteilen.
-
-Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte Zigeuner- und
-Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem Kasten das tollste
-Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, Säbel, Decken, Mützen mit
-wallenden Hahnenfedern; wir besaßen prächtige Dinge. Wie in den
-Unterrichtsstunden, spielte ich auch bei den Spielen eine sehr
-untergeordnete Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und
-es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin sein,
-oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es zufrieden und strebte
-nicht nach Höherem. Ich wußte auch, ich taugte zu nichts.
-
-Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, bevor der
-Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr dankbar und machte keine
-weiteren Ansprüche.
-
-Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im Eifer drängte
-sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, und that sich wichtig.
-
-Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu vortrefflich, als
-daß ich mich ihnen hätte anschließen können. Sie kamen mir mehr oder
-weniger selbst wie Schulmeister vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl
-vor ihnen los.
-
-Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause machten mir einen
-vertrauenerweckenderen Eindruck und waren auch samt und sonders meine
-Freunde, mit denen ich mich bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters
-und sommers. Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann,
-Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den Verfolgern um
-die Häuser huschen, das war etwas! Und wenn mich ein Mädel mit zu ihrer
-Mutter nahm und ich im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend
-essen durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein und
-warm!
-
-Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig lehrte, war
-zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, ein Würdiger kommen, einer, der
-uns in die höheren Wissenschaften einzuführen hatte.
-
-Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich ersetzen können, der
-in mein Censurenbuch jedesmal zu Weihnachten schrieb: Helene war gut;
-aber gar nicht fleißig, hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist
-und im Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, denke
-ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren wie den Schwestern
-und ihr die schlechten Fortschritte nicht nachtragen.
-
-Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr Bräunlich meine
-schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr für Jahr, wenn ich sie meinem
-guten Vater vorzeigen mußte.
-
-Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, mich exemplarisch
-zu strafen.
-
-Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich Prellers, und
-zwar wie immer gegen Abend; es war zur Winterszeit, also schon völlig
-dunkel.
-
-Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas Anheimelndes
--- und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine Laterne und eine
-große Anzahl Wachslichter.
-
-Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern auf den Weg. Ich
-zündete sie schon in der allerersten Dämmerung an, und es war mir wenig
-störend, wenn die Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten.
-Ich fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem
-war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit mich überraschen
-konnte.
-
-Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen, die sie immer
-erneuerte, mir geschenkt.
-
-Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war. Ich hatte es ihr
-vertraut, daß die Dunkelheit mir das Schrecklichste auf der Welt sei.
-Da hat sie mich ausgelacht; aber tags darauf hatte ich mein Laternchen.
-
-So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde.
-
-Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am Ende der Stunde
-sagte er mit einem Mal feierlich zu mir gewendet: »Für deine
-jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit muß einmal eine Strafe kommen.
-Du gehst heute abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause
-bringe. -- Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an deinen
-Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich zu bessern.« Das
-traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis ins innerste Herz; aber ich
-verhielt mich vollkommen ruhig. Ich wollte den Mädchen nicht die Freude
-machen, daß sie mich unglücklich sähen.
-
-Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den Weg machten, blieben
-die andern zurück. Ich zündete stumpf und verzweifelt mein Laternchen
-an.
-
-Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem Fuß auf und murmelte:
-»Diese Dummhüte.«
-
-»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich.
-
-»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich.
-
-»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz gute Mädchen.«
-
-»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie mich auslachen!«
-
-Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause Friedrich
-Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und ehe wir noch aus der Thüre
-waren, kam er selbst, seine schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die
-Stirn gezogen.
-
-»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein altes bedeutende
-Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit strahlen.
-
-»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei mir absitzen,
-Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.
-
-»Ja, in drei Teufels Namen!« -- der alte Preller liebte solche kräftige
-Ausdrücke -- »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? Ja, es mag ein
-schweres Stück sein, mit solchen Mädels fertig zu werden. Machen Sie's
-nur gnädig, das Lenchen ist kein böses Mädchen.«
-
-»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber das Abscheuliche
-an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul ist. Dabei ist sie nicht
-so arg dumm und könnte alles besser machen; aber sie rührt sich nicht.«
-
-»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig muß man sein. Was
-denkst du denn -- gottlob, daß du kein Junge bist!«
-
-Ich war tief beschämt -- an dem alten herrlichen Preller hing mein
-ganzes Herz. Er war so gut mit mir. Ich hatte das große Glück, wenn
-er abends still seine wundervollen Studien und Skizzenbücher und
-Zeichnungen durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen,
-um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und Andacht.
-
-Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! Verzweifelt ging
-ich neben Herrn Bräunlich die dunkle Belvedere-Allee entlang. Mein
-Laternchen leuchtete mir und ihm.
-
-Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich es nie zu Hause
-gestehen würde, was mich getroffen, und noch einmal solch eine Schmach
-verschweigen, ging auch nicht. Es war beides unmöglich. Beides wollte
-ich nicht. Also blieb nur ein drittes übrig. Das war einfach und
-überstieg meine Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß
-Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja Beine -- und
-was für flinke. Gottlob! dachte ich.
-
-Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß gefaßt, und
-als wir an den Alexanderplatz kamen mit seiner herrlichen Wiese und dem
-großen Taxusbusch darauf, da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie
-das Laternchen Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht
-war. Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die Wiese
-entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen -- und schnaufen.
-
-Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um denselben herum.
-
-Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben, mich zu
-fangen; aber das Laternchen war flinker, als er glaubte.
-
-Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich genähert
-hatte.
-
-Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen, wenn er mir noch
-weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof laufen.
-
-»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er pustend. »Mach,
-was du willst -- aber schlecht ist's von dir!«
-
-»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich von weitem und
-stand still, als ich sah, daß auch er still stand -- »und sagen Sie's
-Papa nicht.«
-
-»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend, »es sei dir
-geschenkt, ich sag's auch nicht.«
-
-»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie mir auch noch
-sagen!«
-
-»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach Hause kommst.«
-
-Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht und zufrieden,
-es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich ging stolz im Gefühl
-meines Sieges durch die Straßen.
-
-Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die Strafe abgelaufen
-sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu; da sagte er mir, daß
-ich es nicht übel gemacht habe. »Es ist immer gut,« meinte er, »wenn
-man sich zu helfen weiß.«
-
-Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde.
-
-Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter, ein andrer auf.
-
-Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der ganz unzweifelhaft
-ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind und wurde von mir gründlich
-und andauernd gehaßt. Er mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man
-ihm, dem ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen wie
-mich zu unterrichten, und behandelte mich danach.
-
-Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung und Spott.
-Tiefer und tiefer sank ich in den Augen meiner Mitschülerinnen und
-erschien mir selbst wie ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft.
-Mir fiel in einer der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und
-ich erkundigte mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der ein
-behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern verstand, auf mich
-ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich mit Ihnen verkehrt -- das
-hat aber jetzt bei mir ein Ende« -- und es war zu Ende.
-
-Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum Unterricht, so
-hatte ich die Empfindung, als befände ich mich die Zeit über vor der
-Mündung einer geladenen Kanone, die jeden Augenblick losgehen konnte.
-
-Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem Weg zu dem
-gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit neidischen Augen an. Die
-Verantwortung, Mensch zu sein, war mir sehr drückend. -- Wie gern hätte
-ich mit so einem munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen
-Hunde oder mit jeder Katze.
-
-Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen Stein in einen
-Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich mit heiler Haut wieder
-heraus, so will ich dankbar den Stein mit mir nehmen und zum Angedenken
-aufbewahren. Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an,
-denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den Stein aus
-Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende gegangen war, jedesmal mit
-mir.
-
-So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an Gnade bei Gott und
-den Menschen, sondern sank tiefer und tiefer in der Achtung aller
-derer, die über meine glänzenden Erfolge unterrichtet waren.
-
-Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der Angst und
-Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht gewöhnlich befand,
-meinen ganzen Haufen trauriger Hefte bei einer unserm Haus befreundeten
-Familie hatte liegen lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die
-Hefte, meine greulichen Hefte! -- Wie mich das durchfuhr!
-
-Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden es thun. Das war
-mir ganz sicher.
-
-Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg, sie mir wieder zu
-holen, wie langsam schlich ich die Treppe hinauf, wie zaghaft zog ich
-die Schelle! -- Und was stand mir bevor!
-
-Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst die Thüre, eine
-ganze Schar mir sehr würdig erscheinender Damen, Gott weiß, wer noch
-dabei war. Sie ließen mich nicht herein, sondern öffneten nur halb und
-reichten mir mit der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen:
-»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren stellten
-sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg mich sehen und mir gute
-Lehren geben zu können. Ich war wie vernichtet, wütend zum Zerspringen;
-aber ich nahm die einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im
-Herzen zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als die
-Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich lief davon, und
-meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen die übrigen Herrlichkeiten
-die Treppe hinab nach. Sie ahnten wohl nicht, was sie mir anthaten --
-fast sinnlos vor Verzweiflung, Wut und Schande, sammelte ich meine
-Habseligkeit ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten Augen
-nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue Hefte zu kaufen und die
-alten zu verbrennen. Es reichte nicht; aber ich verbrannte sie dennoch.
-
-In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen Aufsatz gab: Die
-Vorzüge des Menschen vor dem Tiere.
-
-Dabei schien mir wenig Witz zu sein -- und ich beschloß, das Gegenteil
-zu behandeln: die Vorzüge des Tieres vor dem Menschen. Das leuchtete
-mir weit mehr ein, und was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter
-mehr oder weniger, darauf kam es mir nicht an.
-
-Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten, machte meinem
-Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig, stand vor lauter Wonne auf
-einem Bein während des Schreibens, pfiff und war der besten Dinge.
-
-Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben, es kam mir
-immer Neues in die Finger. So war das Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn
-es sich immer um Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei
-sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und Namen,
-Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und Hirn beschweren mußte, da
-konnte man nicht verlangen, daß ein vernünftiges Geschöpf sich daran
-mitbeteiligen sollte!
-
-Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller Gemütsruhe und
-erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer Verachtung von dem Gestrengen
-zurück. Er durchbohrte mich mit majestätischen Blicken -- sagte mir,
-daß sich derjenige, welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln
-Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben nicht einmal
-bemerkt, daß das gestellte Thema verändert wurde -- übrigens sei
-dieser Aufsatz vortrefflich, und er hätte ihn in seiner Ersten Klasse
-vorgelesen, habe dabei aber bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine
-ungeschickte und faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten
-lassen, um damit einen Betrug auszuführen.
-
-Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam aber wieder
-einen majestätisch verächtlichen Blick, der mir Schweigen gebot.
-
-Und ich schwieg -- ich war zufrieden, stolz und beglückt; was der
-Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen gleichgültig, er hatte
-sich bei mir durch Poltern und Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt.
-Es kamen jetzt öfters Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen
-war: Gut, aber nicht selbst verfaßt.
-
-Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier. --
-
-Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten Eltern wohl meinten,
-daß mir ein religiöser Halt im Leben wohlthäte, sollte diese Zeit der
-Konfirmation mir besonders zu Herzen gehen.
-
-Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter.
-
-Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden Elternhaus und
-all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll »Heimischen« erträglich
-überwunden war, fand ich mich in einer wahrhaft beglückenden Umgebung.
-Alle waren unbeschreiblich gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte
-mich; sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde, eine Jean
-Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen zugeneigt, dem
-Humor zugänglich, lebhaft und schön.
-
-Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei markig, kräftig
-und heiter.
-
-Im Haushalt ging es frei und ländlich zu.
-
-Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein ganzes Herz
-ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem Gelerne, Aufgesage fiel
-weg. -- Mein Pastor plagte mich nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir
-unterhielten uns, er hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen,
-wir kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch einmal, daß er
-aufstand, an den Bücherschrank ging und den Faust herausholte.
-
-Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er begann zu lesen. Er
-las lebhaft und hinreißend.
-
-Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich die Thür, und die
-Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie hörte, was hier vorging, mit
-offenem Munde in der Thür stehen.
-
-»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja Religionsstunde
-halten -- das ist nicht recht von dir -- das ist nichts für das Kind.«
-
-»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte mein
-Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen kannte den
-Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und schlug das Buch zu.
-
-Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück halte -- »und
-du hast es nun ja auch nachgeholt,« sagte sie.
-
-Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin und las mir,
-jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche vor, das die Geschichte
-der Märtyrer poetisch behandelte. Zu diesen Vorlesungen fand sich eine
-alte nette Dame ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der
-Märtyrer mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau Pastorin saß
-manchmal wie verklärt da, und die alte Dame auch.
-
-Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche, gottbegnadete Zeit
-gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres vorstellen könnte, als
-als Märtyrer zu leben und zu sterben.
-
-Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte zu sagen, daß es
-jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe.
-
-»Leider, leider -- nein!« rief die alte Dame schmerzlich aus.
-
-Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten Heiligen, dachte mir
-immer, wie schrecklich es sei, daß sie sich bis zu Tode quälen ließen
-mit der schönen Aussicht, dann in einen wundervollen Himmel zu kommen
--- und daß sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten -- so etwas
-fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung in
-mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse.
-
-Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in mir gespürt,
-dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was andre Leute mit solcher
-Bestimmtheit in sich vermuten und wissen und mit aller Energie
-verteidigen. Ich dachte damals nie darüber nach. Wenn ich mich abends
-niederlegte, sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts
-von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich.
-
-Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte: Einen
-Augenblick bewußtlos -- eine Ewigkeit bewußtlos!
-
-Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten Käthe im
-»Herzenswahn« in den Mund gelegt -- hatte aber meine Lust zum Grübeln
-mit diesem Worte beruhigt und war völlig zufriedengestellt.
-
-Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an meinem
-Religionsunterricht zu finden.
-
-Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends mit Holzpantoffeln
-durchs Dorf, die Kinder im Haus, die Mädels in der Nachbarschaft waren
-mir willkommene Kameraden. Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal
-früh auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und ging
-mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim Schulmeister seinen
-schwarzen Talar schon angezogen und sah sehr würdig und stattlich aus.
-
-Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah die Bauern kommen,
-indes die Schwalben zwitscherten und an den Fenstern vorüberhuschten.
-Dann hörte ich meinen Pastor predigen. Die Bauern bekamen manchen
-kräftigen Brocken von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall
-sie ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten.
-
-Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade.
-
-Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die Eltern, die
-Schwestern, mein Großmütterchen und unsre junge, reizende Erzieherin
-kamen alle von Weimar.
-
-Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte Dame, die für die
-Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare gelockt und sie mit einer
-Rose zusammengesteckt, versicherte mir auch nach der heiligen
-Handlung -- sie hätte sich mit aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer
-Lieblingsheiligen versetzt, während ich am Altar gestanden hätte, sei
-es ihr so gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine
-Hinrichtung.
-
-Das kam mir sehr übertrieben vor.
-
-Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich, es war
-mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute. Es wurde niemand mit mir
-konfirmiert, das gefiel mir auch, und ich hatte den Tag über bei
-jeder Gelegenheit die denkbar besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so
-unbeschreiblich gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar.
-
-Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene Person, das
-erschien mir wenig erfreulich und auch wenig wahrscheinlich, war mir
-übrigens auch gleichgültig, ich war, was ich war, und damit gut.
-
-Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte vor, den
-Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins innerste Herz war ich davon
-erschüttert, so daß ich die ganze Nacht mit den tollsten Phantasieen zu
-thun hatte und mich fürchtete, wie noch nie in meinem Leben.
-
-Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier dieses Tages mit
-Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert, wie ein grünes Nest.
-
-Es war alles hier so schön und beglückend gewesen, daß ich schweren
-Herzens Abschied nahm. Die Pastorin wußte nicht, was sie mir noch
-Gutes anthun sollte, und steckte mir alle Taschen voll herrlicher
-Aepfel. Zwei davon brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten
-mir wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch einen
-Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter gesteckt, und ich fuhr
-mit meinen Eltern davon.
-
-Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie vor
-Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr geliebten jungen
-Erzieherin Unterricht.
-
-Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt durfte ich von
-unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen, und so begab es sich, daß
-ich der Aufführung von Wagners »Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich
-war überwältigt, hingerissen, betäubt, berauscht. -- Die Gewalt in
-dieser Musik erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze
-Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen Tönen der
-Erwartung, der Angst, des Zweifels. Wundervoll empfand ich zuletzt das
-Sichauflösen alles Leidens, alles Lebens.
-
-Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den mächtigen
-Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg erschien es mir
-unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben wieder zu beginnen. Es mußte
-etwas geschehen, etwas Außergewöhnliches -- das Leben mußte sich anders
-gestalten, um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können. Aber
-wie, was sollte geschehen?
-
-Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht nach etwas,
-was die Wunder, die ich eben durchlebt hatte, und die Alltäglichkeit
-in Einklang bringen sollte, und ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer
-gehen wollte.
-
-Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich schon den
-andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu lassen. Sie erlaubte mir
-dies gern; ich teilte ihr auch den Grund meiner Reise mit, der sie
-einigermaßen zu wundern schien.
-
-Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war mit mir durch meinen
-Entschluß wieder ins Gleichgewicht gekommen.
-
-Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich überrascht und
-freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag. Die Pastorin führte
-mich sogleich ins Wohnzimmer, ließ Kaffee kochen, und ich traf eine
-muntere Gesellschaft. Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei
-junge Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im Hause zu.
-
-Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen vorbrachte
-und sagte, daß ich gekommen sei, um am Sonntag das Abendmahl hier zu
-nehmen, sah sie mich kopfschüttelnd an und schwieg.
-
-»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann sie würdevoll.
-»Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du denn nicht heut' morgen
-gekommen, um wenigstens zur allgemeinen Beichte da zu sein? So kannst
-du das Abendmahl gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor -- ohne
-Beichte!«
-
-Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich fühlte mich sehr
-beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht.
-
-»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen, »was sollen denn
-die Leute denken? Da muß wegen dir Privatbeichte gehalten werden, und
-den Leuten muß gesagt werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.«
-
-Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor in sein
-Studierzimmer.
-
-»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn du etwas auf dem Herzen
-hast, sag es ihm -- und wenn es das größte Unrecht wäre, verschweigen
-darfst du's nicht. -- Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll
-und etwas neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl
-nehmen willst?«
-
-In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe, und er empfing
-mich ernst und wohlwollend und feierlich. Er fragte mich, ob ich irgend
-etwas auf dem Herzen hätte.
-
-»Nein,« sagte ich.
-
-Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene.
-
-Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge.
-
-Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei.
-
-Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte.
-
-Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt hätte, und da sich
-zu seiner großen Verwunderung durchaus nichts fand, so erteilte er mir
-nach den Worten der Bibel die Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte
-ich seine beiden Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und
-Isolde‹ gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck, daß
-auch er mir in die Augen sah.
-
-Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung und Bewegung
-des vorigen Abends kam über mich.
-
-»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht. »Nun setz dich
-einmal hin und erzähle.«
-
-Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor ihm aus -- und wie
-er zuhörte! Er fragte und fragte und wäre für sein Leben gern dabei
-gewesen; die Zeit verging uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte
-auf und holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von vorn
-beginnen.
-
-Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber guter Pastor, ich
-möchte auch irgend etwas thun, was schön ist, ich möchte irgend ein
-großes Talent haben, dann erst würde ich glücklich sein.«
-
-»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal um einen großen
-Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du auf ein Ding deinen ganzen Fleiß
-verwendest, wird es dich auch interessieren, ganz gleich, was es ist.«
-
-Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete, daß es damit
-aber nichts wäre. Der alte Preller lache über alles, was ich mit Müh'
-und Not zu stande brächte; und wenn er sich meine Arbeit angesehen
-habe, sage er gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser,
-wenn ich mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann auch
-nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich abmühten, säße
-ich schon und lauerte darauf, daß der alte Preller seine wundervollen
-Skizzenbücher zur Hand nehmen würde; aber selber zeichnen und bei aller
-Not und Mühe nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine
-Sünde.
-
-»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst.
-
-»Nun also!«
-
-Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein Herz mit
-wunderbaren Schauern.
-
-Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen Augenblicke
-hin -- den dumpfen Klängen der Orgel, dem mystischen Gesang, den
-geheimnisvollen Worten. --
-
-Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen zu fühlen.
-Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein, seiner Ruhe,
-Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und den tiefen Bewegungen
-und Gewalten einer mächtigen Kunst hatte mich verwirrt, beunruhigt --
-und ich wollte Beruhigung empfinden.
-
-Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld das
-wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon erzählt habe --
-trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf unsrer Bodentreppe und
-schrieb dort nach Herzenslust -- Geschöpfe zauberte ich in mein blaues
-Heft, die mir ungemein sympathisch waren; sie sprachen und thaten,
-was ich wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten
-Einvernehmen.
-
-Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um die Welt hätte
-ich es nicht irgend jemand verraten mögen -- und dennoch verriet ich
-es selbst und gewann durch diesen Verrat das höchste Glück, das das
-Schicksal einer schaffensmutigen Seele zu teil werden lassen kann; ich
-gewann, wie ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen
-Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der es verstand,
-mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und Ausdauer anzuspornen; der
-mir als höchstes Ziel steckte: Wahrheit in jedem Empfinden, und eine
-freie Würdigung alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches
-und beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen
-Weg gehen konnte. -- Meine Arbeit, meine Kunst wurde mir die stille
-Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das alltägliche Leben zu
-stürmisch oder zu gleichgültig oder gar zu schwer werden wollte. Und
-ich selbst habe mich immer gewundert, wie gerade ich zu diesem großen
-Glück gekommen bin -- gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je
-etwas zu erstreben, geschweige zu erreichen.
-
-Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von guten Freunden,
-getreuen Nachbarn und dergleichen, von Ereignissen aller Art, von
-meiner Verheiratung, meinen Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich
-auf Erden kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß
-ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles ist nur
-Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat -- der volle Ernst
--- und in seinem Gefolge Kummer und Not, wie ich die Arme nach Hilfe
-ausstreckte, wie ich verzweifelte, wie ich endlich nach langer Qual
-genas, davon will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde,
-für Worte kaum erreichbar.
-
- +Ende.+
-
-
-
-
-Werke von Helene Böhlau.
-
-
- =Das Recht der Mutter.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.50. F. Fontane &
- Co., Berlin.
-
- =Der Rangierbahnhof.= Roman. Zweite Auflage. M. 4.--, geb. M. 5.--.
- F. Fontane & Co., Berlin.
-
- =Rathsmädelgeschichten.= Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60. J.
- C. C. Bruns, Minden i. W.
-
- =Herzenswahn.= Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, Minden
- i. W.
-
- =Im Trosse der Kunst.= Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C.
- Bruns, Minden i. W.
-
- =Reines Herzens schuldig.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.--. J. C. C.
- Bruns, Minden i. W.
-
- =Im frischen Wasser.= Roman in zwei Bänden. M. 1.--, geb. M. 1.50.
- J. Engelhorn, Stuttgart.
-
- =Novellen:= Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.--, geb.
- M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin.
-
- =Novellen:= Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen. M. 5.--,
- geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin.
-
-
-
-
- Engelhorns
- Allgemeine
- Romanbibliothek.
-
- Eine Auswahl
- der besten modernen Romane aller Völker.
-
- Alle vierzehn Tage erscheint ein Band.
-
- Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.
-
- (26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark,
- gebunden 19 M. 50 Pf.)
-
-»=Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek=«, die nun in ihren dreizehnten
-Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr zu Jahr an Beliebtheit und
-Verbreitung zugenommen, sondern auch an litterarischer Bedeutung
-gewonnen, so daß es nicht zu viel gesagt ist, wenn man sie heute
-
- einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter
- der Weltliteratur
-
-nennt. -- Die »+Deutsche Dichtung+« schreibt darüber:
-
- Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum +gute Bücher
- zu billigem Preis+ zu bieten und dabei weder die Autoren noch
- die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen, nur gehört
- Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu -- das ist die
- Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg von
- »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann, und
- hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht,
- in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige
- Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten
- ziegelroten Bändchen -- durchschnittlich zehn Bogen guter
- Ausstattung -- +zum Preise von 50 Pfennigen+ in die Welt
- sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne;
- schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark
- kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes
- Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe -- nur den Einband
- abgerechnet -- für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist
- die »Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet,
- daß eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast
- überflüssig erscheint.
-
-Die bisher erschienen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführten
-Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung zum Preise von =50
-Pf.= für den broschierten und =75 Pf.= für den gebundenen Band bezogen
-werden.
-
-
- Erster Jahrgang.
-
- =Der Hüttenbesitzer.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände.
-
- =Aus Nacht zum Licht.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen.
-
- =Zéro.= Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. _Praed_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Wassilissa.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Vornehme Gesellschaft.= Von _H. Aïdé_. Aus dem Englischen.
-
- =Gräfin Sarah.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Unter der roten Fahne.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus d. Englischen.
-
- =Abbé Constantin.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen.
-
- =Ihr Gatte.= Von _G. Verga_. Aus dem Italienischen.
-
- =Ein gefährliches Geheimnis=. Von _Charles Reade_. Aus d. Engl. 2
- Bde.
-
- =Gérards Heirat.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Dosia.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Ein heroisches Weib.= Von _J. J. Kraszewski_. Aus dem Polnischen.
-
- =Eheglück.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Schiffer Worse.= Von _Alex. Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Ein Ideal.= Von _Marchesa Colombi_. Aus dem Italienischen.
-
- =Dunkle Tage.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen.
-
- =Novellen= von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. +Glitzer-Brita.+ --
- +Einer, der seinen Namen verlor.+ Deutsch von +Friedrich
- Spielhagen+. -- +Ein Ritter vom Danebrog.+ Aus dem Englischen.
-
- =Die Heimkehr der Prinzessin.= Von _Jacques Vincent_. Aus d.
- Französ.
-
- =Ein Mutterherz.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
-
- Zweiter Jahrgang.
-
- =Der Steinbruch.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Helene Jung.= Von _Paul Lindau_.
-
- =Maruja.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Sozialisten.= Aus dem Englischen.
-
- =Criquette.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Wille zum Leben. -- Untrennbar.= Von _Adolf Wilbrandt_.
-
- =Die Illusionen des Doktor Faustino.= Von _Valera_. Aus d. Span.
-
- =Zu fein gesponnen.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen. 2
- Bände.
-
- =Gift.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Fortuna.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Lise Fleuron.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Aus des Meeres Schaum. -- Aus den Saiten einer Baßgeige.= Von
- _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen.
-
- =Auf der Woge des Glücks.= Von _Bernhard Frey_. (+M. Bernhard.+)
-
- =Die hübsche Miß Neville.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Engl. 2 Bde.
-
- =Die Verstorbene.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen.
-
- =Mein erstes Abenteuer und andere Geschichten.= Von _Hans Hopfen_.
-
- =Ihr ärgster Feind.= Von Mrs. _Alexander_. Aus d. Englischen. 2 Bde.
-
- =Ein Fürstensohn. -- Zerline.= Von _Claire von Glümer_.
-
- =Von der Grenze.= Novellen von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Eine Familiengeschichte.= Von _Hugh Conway_. Aus d. Englischen. 2
- Bde.
-
-
- Dritter Jahrgang.
-
- =Die Versaillerin.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =In Acht und Bann.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Tochter des Meeres.= Von _Johanne Schjörring_. Aus dem
- Dänischen.
-
- =Lieutenant Bonnet.= Von _Hector Malot_. Aus d. Französ. 2 Bände.
-
- =Pariser Ehen.= Von _E. About_. Aus dem Französischen.
-
- =Hanna Warners Herz.= Von _Florence Marryat_. Aus d. Englischen.
-
- =Eine Tochter der Philister.= Von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. Aus dem
- Englischen. 2 Bände.
-
- =Savelis Büßung.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Die Damen von Croix-Mort.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Die Glocken von Plurs.= Von _Ernst Pasqué_.
-
- =Fromont junior und Risler senior.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem
- Französischen. 2 Bände.
-
- =Der Genius und sein Erbe.= Von _Hans Hopfen_.
-
- =Ein einfach Herz.= Von _Charles Reade_. Aus dem Englischen.
-
- =Baccarat.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Mein Freund Jim.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen.
-
- =Hanna.= Von _Heinr. Sienkiewicz_. Aus dem Polnischen.
-
- =Das beste Teil.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen.
-
- =Lebend oder tot.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Die Familie Monach.= Von _Robert de Bonnières_. Aus dem Französ.
-
-
- Vierter Jahrgang.
-
- =Eine neue Judith.= Von _H. Rider Haggard_. Aus d. Englischen. 2
- Bde.
-
- =Schwarz und Rosig.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen.
-
- =Das Tagebuch einer Frau.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französ.
-
- =Jahre des Gärens.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =Gute Kameraden.= Von _H. Lafontaine_. Aus dem Französischen.
-
- =Die Töchter des Commandeurs.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norweg.
-
- =Zita.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Erbschaft Xenias.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Kinder des Südens.= Von _Rich. Voß_.
-
- =Daniele Cortis.= Von _A. Fogazzaro_. Aus dem Italienischen. 2
- Bände.
-
- =Die Herz-Neune.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen.
-
- =Sie will.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Kinder der Excellenz.= Von _Ernst v. Wolzogen_.
-
- =Um den Glanz des Ruhmes.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Ital.
-
- =Der Nabob.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände.
-
- =Der kleine Lord.= Von _F. H. Burnett_. Aus dem Englischen.
-
- =Der Prozeß Froideville.= Von _André Theuriet_. Aus d.
- Französischen.
-
- =Stella.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Fünfter Jahrgang.
-
- =Robert Leichtfuß.= Von _Hans Hopfen_. 2 Bände.
-
- =Der Unsterbliche.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen.
-
- =Lady Dorotheas Gäste.= Von _Ouida_. Aus dem Englischen.
-
- =Marchesa d'Arcello.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
-
- =Was der heilige Joseph vermag.= Aus dem Französischen.
-
- =Alessa. -- Keine Illusionen.= Von _Claire von Glümer_.
-
- =Wie in einem Spiegel.= Von _F. C. Philips_. Aus d. Englischen. 2
- Bände.
-
- =Schnee.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Jean Mornas.= Von _Jules Claretie_. Aus dem Französischen.
-
- =Auf der Fährte.= Von _H. F. Wood_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Satisfaction. -- Das zersprungene Glück. -- La Speranza.= Von
- _Alexander Baron von Roberts_.
-
- =Die Scheinheilige.= Von _Karoline Gravière_. Aus dem Französischen.
-
- =Doktor Rameau.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände.
-
- =Frau Regine.= Von _Emil Peschkau_.
-
- =Zwei Brüder.= Von _Guy de Maupassant_. Aus dem Französischen.
-
- =Mein Sohn.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
-
- =Dosias Tochter.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Lotse und sein Weib.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Numa Roumestan.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 2
- Bände.
-
-
- Sechster Jahrgang.
-
- =Die tolle Komteß.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Eine Sirene.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen.
-
- =Jack und seine drei Flammen.= Von _F. C. Philips_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Mr. Barnes von New-York.= Von _A. C. Gunter_. Aus d. Engl. 2 Bde.
-
- =Gertruds Geheimnis.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Wunderbare Gaben und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Letzte Liebe.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Sabinerin. -- Felice Leste. -- Die Mutter der Catonen.= Von
- _Richard Voß_.
-
- =Mia.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen.
-
- =Diana Barrington.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2 Bände.
-
- =Der reine Thor.= Von _Karl v. Heigel_.
-
- =Ein Kirchenraub. -- Junge Liebe.= Von _H. Pontoppidan_. Aus dem
- Dänischen.
-
- =Die Könige im Exil.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Die verhängnisvolle Phryne.= Von _F. C. Philips_ u. _C. J. Wils_.
- Aus dem Englischen.
-
- =Serguis Panin.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französischen. 2 Bände.
-
- =Achtung Schildwache!= und andere Geschichten. Von _Mathilde
- Serao_. Aus dem Italienischen.
-
- =Salonidylle.= Von _H. Rabusson_. Aus dem Französischen.
-
- =Mr. Potter aus Texas.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Engl. 2 Bände.
-
- =Ein gefährliches Werkzeug.= Von _D. C._ u. _H. Murray_. Aus d.
- Engl.
-
-
- Siebenter Jahrgang.
-
- =Preisgekrönt.= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände.
-
- =Die Seele Pierres.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen.
-
- =Zum Kinderparadies.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Imogen.= Von _Hamilton Aïdé_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Port Tarascon.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen.
-
- =Ein Mann von Bedeutung.= Von _Anthony Hope_. Aus d. Englischen.
-
- =Ohne Liebe.= Von _Fürst Galitzin_. Aus dem Russischen. 2 Bände.
-
- =Die Erbin.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen.
-
- =Die kühle Blonde.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Mein Pfarrer u. mein Onkel.= Von _Jean de la Brète_. Aus d.
- Französ.
-
- =Der Mönch von Berchtesgaden= und andere Erzählungen. Von _Rich.
- Voß_.
-
- =Oberst Quaritch.= Von _H. Rider Haggard_. Aus dem Engl. 2 Bände.
-
- =Noras Roman.= Von _Emil Peschkau_.
-
- =Auf Vorposten= und andere Geschichten. Von _F. de Renzis_. Aus dem
- Italienischen.
-
- =Versiegelte Lippen.= Von _Léon de Tinseau_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Aus den Papieren eines Wanderers.= Von _Jefferey C. Jeffery_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Mein Onkel Scipio.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Wie's im Leben geht.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2
- Bde.
-
- =Verhängnis.= Von _F. de Renzis_. Aus dem Italienischen.
-
-
- Achter Jahrgang.
-
- =Irgend ein Anderer.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2
- Bände.
-
- =Fräulein Reseda. -- Ein Mann der Erfolge.= Von _Julien Gordon_.
- Aus dem Englischen.
-
- =Künstlerehre.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen.
-
- =In frischem Wasser.= Von _Helene Böhlau_. 2 Bände.
-
- =Die geprellten Verschwörer.= Von _W. E. Norris_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Daphne.= Nach ~A Diplomat's Diary~ von _Julien Gordon_, deutsch
- bearb. von +Friedrich Spielhagen+.
-
- =Ein Genie der That.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =Mischa.= Von _Marguerite Poradowska_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Thronfolger.= Von _Ernst von Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Im Reisfeld. -- Ohne Liebe.= Von _Marchesa Colombi_. Aus d. Ital.
-
- =Eine Künstlerin.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Miß Niemand.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Marienkind.= Von _Paul Heyse_.
-
- =Schwarzwaldgeschichten.= Von _Hermine Villinger_.
-
- =Jack.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände.
-
- =Der schwarze Koffer.= Aus dem Engl.
-
- =Der Affenmaler.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Schwer geprüft.= Von _J. Masterman_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Neunter Jahrgang.
-
- =Im Schuldbuch des Hasses.= Von _G. Ohnet_. Aus d. Französ. 2 Bde.
-
- =Meine offizielle Frau.= Von _Col. Richard Henry Savage_. Aus d.
- Engl.
-
- =Sein Genius.= Von _Claus Zehren_.
-
- =Ein Zugvogel.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Violette Merian.= Von _Augustin Filon_. Aus dem Französischen.
-
- =Fräulein Kapitän.= Eine Eismeergeschichte von _Max Lay_.
-
- =Ein puritanischer Heide.= Von _Julien Gordon_. 2 Bände. Aus dem
- Englischen.
-
- =Das Stück Brot und andere Geschichten.= Von _François Coppée_. Aus
- dem Französischen.
-
- =In der Prairie verlassen.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Zwischen Lipp' und Kelchesrand.= Von _Charles de Berkeley_. Aus
- dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Mein erster Klient und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Auf steinigen Pfaden.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem
- Französischen.
-
- =Heimatlos.= Von _Hector Malot_. 3 Bände. Aus dem Französischen.
-
- =Baronin Müller.= Von _R. v. Heigel_.
-
- =In guter Hut.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Das Kind.= Von _Ernst Eckstein_.
-
- =Das Haus am Moor.= Von _Florence Warden_. Aus d. Englischen. 2 Bde.
-
- =Giovannino oder den Tod! -- Dreißig Prozent.= Von _Mathilde
- Serao_. Aus dem Italienischen.
-
- =Des Seemanns Tagebuch.= Von _Gustave Toudouze_. Aus dem Französ.
-
-
- Zehnter Jahrgang.
-
- =Das Geheimnis des Hauslehrers.= Von _Victor Cherbuliez_. Aus dem
- Französischen. 2 Bände.
-
- =Das wandernde Licht.= Von _Ernst von Wildenbruch_.
-
- =Einer alten Jungfer Liebestraum.= Von _Alan St. Aubyn_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Schatten.= Von _Ossip Schubin_.
-
- =Unerwartet.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Ein Opfer.= Von _Karl E. Franzos_.
-
- =Die Möwe.= Von _Zacharias Nielsen_. Aus dem Dänischen. 2 Bände.
-
- =Geopfert.= Von _George Simmy_. Aus dem Französischen.
-
- =Unheimliche Geschichten.= Von _Dick-May_. Aus dem Französischen.
-
- =Margarete und Ludwig.= Von _Frieda Freiin von Bülow_. 2 Bände.
-
- =Die Herzogstochter.= Von _Mrs. Oliphant_. Aus dem Englischen.
-
- =Briefe aus meiner Mühle.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ.
-
- =Erinnerungen einer Schwiegermutter.= Von _George R. Sims_. Aus dem
- Englischen. 2 Bände.
-
- =Lou.= Von _Alexander Baron von Roberts_.
-
- =Hof Gilje.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Don Cirillos Hut.= Von _Emilio de Marchi_. Aus d. Italienischen. 2
- Bde.
-
- =Jean von Kerdren.= Von _Jeanne Schultz_. Aus dem Französischen.
-
- =Unter Bauern.= Von _Hermine Villinger_.
-
- =Prinz Schamyls Brautwerbung.= Von _R. H. Savage_. Aus dem Engl. 2
- Bände.
-
-
- Elfter Jahrgang.
-
- =Das Recht des Kindes.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Fränzös. 2
- Bände.
-
- =Ein schlechter Mensch.= Von _A. von Gersdorff_.
-
- =Mademoiselle.= Von _F. M. Peard_. Aus dem Englischen.
-
- =Kosmopolis.= Von _Paul Bourget_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Eine schnurrige Geschichte.= Von _Frank R. Stockton_. Aus d. Engl.
-
- =Die wahren Reichen.= Von _François Coppée_. Aus dem Französischen.
-
- =Simson und Delila.= Von _Annie Bock_. 2 Bände.
-
- =Die gelbe Rose.= Von _Maurus Jókai_. Aus dem Ungarischen.
-
- =Verloren.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Zwei Herren.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Eine Schultragödie.= Von _Edmondo de Amicis_. Aus dem
- Italienischen.
-
- =Schiffe, die nachts sich begegnen.= Von _Beatrice Harraden_. Aus
- d. Engl.
-
- =Susi.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände.
-
- =Tim.= Aus dem Englischen.
-
- =Frauen.= Von _Anna Munch_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Die alte Geschichte.= Von _Charles de Berkeley_. Aus d. Französ. 2
- Bde.
-
- =Der Sänger.= Von _Karl v. Heigel_.
-
- =Möblierte Wohnungen.= Von _George R. Sims_. Aus dem Englischen.
-
- =Tante Anna.= Von _W. R. Clifford_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Zwölfter Jahrgang.
-
- =Die Erbschleicherinnen.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Der Kameenknopf.= Von _Rodrigues Ottolengui_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Cigarette und andre Geschichten.= Von _Jules Claretie_. Aus
- dem Französischen.
-
- =Dodo.= Von _E. F. Benson_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Die Brüder.= Von _Claus Zehren_.
-
- =Pflichtgefühl.= Von _W. D. Howells_. Aus dem Englischen.
-
- =Revanche!= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände.
-
- =Pinsel und Meißel.= Von _Teodoro Serrao_. Aus dem Englischen.
-
- =Schwere Frage.= Von _A. v. Gersdorff_.
-
- =Das Magdalenenhaar.= Von _Jean Rameau_. Aus dem Französischen. 2
- Bände.
-
- =Der Verkauf einer Seele.= Von _F. Frankfort Moore_. Aus d.
- Englischen.
-
- =Wandelbilder.= Von _Richard Henry Savage_. Aus dem Englischen.
-
- =Selbstgerecht.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände.
-
- =Roman-Studien.= Von _Jerome K. Jerome_. Aus dem Englischen.
-
- =Jugendstürme.= Von _Karl Busse_.
-
- =Eine Familienähnlichkeit.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen.
- 2 Bände.
-
- =Verbotene Frucht.= Von _Henning van Horst_.
-
- =Gold und Ehre.= Von _Otto M. Moeller_. Aus dem Dänischen.
-
- =Eine gelbe Aster.= Von _Jota_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Dreizehnter Jahrgang.
-
- =Villa Falconieri.= Von _R. Voß_. 2 Bde.
-
- Mit wahrhaft berauschender Glut der Schilderung zaubert uns der
- berühmte Dichter in seinem prächtigen Roman den Frühling der
- Campagna di Roma und des Albanergebirgs mit seiner märchenhaften
- Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift uns das Schicksal der
- Menschen voll Leidenschaft, die er in dieser großartigen, stil- und
- stimmungsvollen Umgebung lieben und leiden läßt.
-
- =Die Tochter des Abgeordneten.= Von _Georges Ohnet_.
-
- In diesem glänzend geschriebenen Roman bietet +Ohnets+ vielseitiges
- und fruchtbares Talent eine seiner reifsten Früchte. Die große
- Schar der Freunde und Verehrer des gefeierten Erzählers wird dieses
- Buch namentlich auch darum noch vermehren, weil es sich auch zur
- Lektüre für junge Mädchen eignet.
-
- =Die Siegerin.= Von _Hans Hopfen_.
-
- Einem neuen Buche von Hans Hopfen können wir keine bessere
- Empfehlung mit auf den Weg geben als die, daß es ein »echter
- Hopfen« ist.
-
- =Eine dritte Person.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2
- Bände.
-
- Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem Schauplatze der meisten
- Crokerschen Romane, durchwärmt und verklärt gleichsam die
- Geschichten dieser mit Recht so beliebten Erzählerin und verleiht
- ihnen einen romantischen Schimmer, der den Leser unwiderstehlich
- gefangen nimmt.
-
- =Flederwischs Heirat.= Von _Gyp_. Aus dem Französischen.
-
- Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«, ist ein
- entzückendes Geschöpfchen, dessen köstliche Naivetät und neckischer
- Humor wahrhaft herzerfrischend wirken.
-
- =Eine internationale Ehe.= Von _Madame Bigot_. Aus dem Englischen.
-
- Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes, gut beobachtetes
- Milieu und eine reich bewegte Handlung vereinigen sich in diesem
- flott geschriebenen Roman zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen
- Ganzen.
-
- =Sich selber treu.= Von _M. Gerbrandt_. 2 Bände.
-
- Warmherzige Menschen von reich entwickeltem Gefühlsleben treten
- uns in diesem hochgestimmten Roman entgegen, in dem sich die
- begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin von feiner poetischer
- Empfindung und abgeklärter Kunstanschauung erweist.
-
- =Islandfischer.= Von _Pierre Loti_. Aus dem Französischen.
-
- Mit der Einreihung von Lotis berühmten Roman, diesem Hohenlied der
- See und der Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir einen Wunsch
- vieler unserer Leser.
-
- =Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.= Von _Helene Böhlau_.
-
- Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller Kleinmalerei und gemütvollen,
- schalkhaften Humors sind auch diese neuen +Böhlau+schen
- Ratsmädelgeschichten, in denen wir einen Hauch aus Weimars großer
- Zeit verspüren.
-
-
-Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu =Geschenken ganz
-besonders geeigneten=
-
- Salon-Ausgabe
-
-auf =feines, extra starkes Papier= gedruckt und in =elegantem
-Liebhaber-Einband= zum Preise von M. 2.-- für den einfachen und M. 3.--
-für den doppelten Band erschienen.
-
-
- Einfache Bände:
-
- _Burnett_, =Der kleine Lord=.
-
- _Feuilett_, =Das Tagebuch einer Frau=.
-
- _Paul Lindau_, =Helene Jung=.
-
- _Voß_, =Kinder des Südens=.
-
- =Was der heilige Joseph vermag.=
-
- _v. Wolzogen_, =Die Kinder der Excellenz=.
-
- _v. Gersdorff_, =Ein schlechter Mensch=.
-
- _Savage_, =Meine offizielle Frau=.
-
-
- Doppel-Bände:
-
- _Conway_, =Eine Familiengeschichte=.
-
- _Croker_, =Die hübsche Miß Neville=.
-
- _Hopfen_, =Robert Leichtfuß=.
-
- _Ohnet_, =Der Hüttenbesitzer=.
-
- _v. Wolzogen_, =Der Thronfolger=.
-
- -- =Die tolle Komteß=.
-
- _Sims_, =Erinnerungen einer Schwiegermutter=.
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben.
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 7: alimodisches → altmodisches
- wie ein {altmodisches} Kleidungsstück abgelegt
-
- S. 11: Augenbiick → Augenblick
- Von dem {Augenblick} an, als sie
-
- S. 61: Weimararaner → Weimararnern
- den {Weimaranern} ihr geliebtes Deutsch
-
- S. 136: wir → mir
- es war {mir}, als würden da
-
- Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray
- Von _D. C._ u. _H. {Murray}_
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE
-GESCHICHTEN***
-
-
-******* This file should be named 51230-0.txt or 51230-0.zip *******
-
-
-This and all associated files of various formats will be found in:
-http://www.gutenberg.org/dirs/5/1/2/3/51230
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/old/51230-0.zip b/old/old/51230-0.zip
deleted file mode 100644
index 2dd9d40..0000000
--- a/old/old/51230-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/old/51230-h.zip b/old/old/51230-h.zip
deleted file mode 100644
index 07e9583..0000000
--- a/old/old/51230-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/old/51230-h/51230-h.htm b/old/old/51230-h/51230-h.htm
deleted file mode 100644
index a4ee5b1..0000000
--- a/old/old/51230-h/51230-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,8329 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8" />
-<title>The Project Gutenberg eBook of Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten, by Helene Böhlau</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.chapter {
- page-break-before: always;
-}
-
-h1, h2, h3, h4 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-.h2 {
- text-indent: 0;
- text-align: center;
- font-size: x-large;
-}
-
-p {
- margin-top: 1ex;
- margin-bottom: 1ex;
- text-align: justify;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.noind {
- text-indent: 0;
-}
-
-p.chap:first-letter {
- font-size: 150%;
- line-height: 2ex;
-}
-
-.advtext {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 5%;
- font-size: small;
-}
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; }
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; }
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 90%;
- width: 8%;
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-size: small;
- text-align: right;
-} /* page numbers */
-
-.pagenum a {
- color: gray;
-}
-
-.blockquot {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 5%;
-}
-
-.hang p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -2em;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.right {
- text-align: right;
- margin-right: 2em;
-}
-
-.large {
- font-size: large;
-}
-
-.smaller {
- font-size: smaller;
-}
-
-.antiqua {
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-size: 95%;
-}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-.author {
- font-family: sans-serif;
- font-style: italic;
-}
-
-/* Images */
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-
-.figcenter {
- margin: 2ex auto 2ex auto;
- text-align: center;
-}
-
-/* Poetry */
-.poem {
- margin-left:10%;
- margin-right:10%;
- text-align: left;
- font-size: small;
-}
-
-.poem br {display: none;}
-
-.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
-
-.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.transnote p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-
- hr.full { width: 100%;
- margin-top: 3em;
- margin-bottom: 0em;
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
- height: 4px;
- border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */
- border-style: solid;
- border-color: #000000;
- clear: both; }
- </style>
-</head>
-<body>
-<h1>The Project Gutenberg eBook, Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten,
-by Helene Böhlau</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.</p>
-<p>Title: Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten</p>
-<p>Author: Helene Böhlau</p>
-<p>Release Date: February 16, 2016 [eBook #51230]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: UTF-8</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h3>E-text prepared by<br />
- the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (http://www.pgdp.net)</h3>
-<p>&nbsp;</p>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Die Autorennamen der Katalogseiten sind <em class="author">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-<hr class="full" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center large">Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.</p>
-
-<p class="center">Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.</p>
-
-<p class="center smaller">Dreizehnter Jahrgang. Band 12.</p>
-
-<h1>Ratsmädel-<br />
-<span class="smaller">und</span><br />
-Altweimarische Geschichten.</h1>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="h2">Helene Böhlau.</p>
-
-<p class="center">(Madame al Raschid Bey.)</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">Stuttgart.</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Verlag von J. Engelhorn.</em></p>
-
-<p class="center">1897.</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p>
-
-<p class="center">Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten.
-</p>
-
-<p class="center p2">Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Ratsmaedel_gehen_einem_Spuk">Die Ratsmädel gehen einem Spuk
-zu Leibe.</h2>
-</div>
-
-<p class="chap">Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das
-kleine, nun längst wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet
-anfing, mitten unter den tausend und abertausend europäischen
-Städten und Städtchen sich außerordentlich wichtig zu thun.
-Es mochte auch alles Recht dazu haben; denn es hatten sich
-in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet, Vögel, derengleichen
-vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren,
-und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so
-daß sie wirklich außerordentlich seltene Vögel geblieben sind,
-bis heutzutage.</p>
-
-<p>Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben,
-und es hat den Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig
-hinerzählt war, allem Feierlichen, Schweren aus dem Wege
-ging, alles Leichtlebige beim Zipfel nahm.</p>
-
-<p>Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus
-den Bürgerstuben, aus den Gärten vor der Stadt, von jenen
-alten, gesegneten Gärten, und ich werde mich auch wieder
-vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen Tieren
-vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten
-abgeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p>
-
-<p>Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre
-alte weimarische Sonne locken, von der sie so gerne sich
-wieder bescheinen lassen würden.</p>
-
-<p>Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt,
-eine weiche, hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es
-sproßt und keimt, in der ein lustiger, feuchter Wind weht,
-Nebel ziehen, in der Herzen schlagen, und in der allerlei
-behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die Achseln
-zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen;
-damals aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen
-machte. So glaubte man in jenen Tagen und tuschelte es
-sich gegenseitig wie eine interessante Hofgeschichte zu, daß
-die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie, von der Karl
-August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts
-machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in
-Tieffurth, im Park und im Schlößchen.</p>
-
-<p>Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten
-Dinge. Die bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft,
-aber doch humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß
-daran, daß die kleine, bucklige, häßliche Dame solche Geschichten
-machte.</p>
-
-<p>Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn
-es war absolut nicht <em class="antiqua">comme il faut</em> von der Göchhausen. &ndash;
-Außerdem sprach die Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern
-darüber, daß ihr so etwas »arrivieren« mußte &ndash;
-solch eine »Kalamität«! &ndash; Man fand, daß sich die Göchhausen
-noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich
-machte.</p>
-
-<p>Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie
-sie schimpfend und klagend die Parkwege auf und nieder
-gehuscht war.</p>
-
-<p>Sie hatten sie ganz genau erkannt, &ndash; daran bestand
-kein Zweifel!</p>
-
-<p>Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-Krommsdorf erst spät heimgetrieben, war sie im Park auch
-nachgehuscht, und er erzählte, daß sie ihm scheußlich weinerlich
-und wichtig gesagt habe: »Ich la&ndash;ngweil' mich so!« &ndash;
-Weiter nichts. Aber <em class="gesperrt">wie</em> sie es gesagt hätte! Wie aus
-einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden,
-die die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer
-Kalb, das die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt
-hatte, pfundweis nach Hause trugen, gar nicht haarsträubend
-genug vormachen.</p>
-
-<p>Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen,
-immer klagend, immer schimpfend und immer unzufrieden;
-&ndash; manchmal auch nur murmelnd und brummend; &ndash; aber
-<em class="gesperrt">wie</em> murmelnd! &ndash; eben ganz wie eine arme Seele murmeln
-muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war
-überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache,
-daß sich die Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, &ndash;
-nach Vorschrift der alten Kobold- und Geistergeschichten.</p>
-
-<p>Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen
-haben und hatten auch gottlob immer etwas; sie waren an
-die merkwürdigsten Dinge gewöhnt, eine solche Fülle von
-gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das graue Rattennest
-niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß diese
-Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit
-allerhand fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel.</p>
-
-<p>Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar
-lachende, blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich
-behende Körper, blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch
-etwas tollpatschige Hände, helle Kleider, die sich lebendig
-um diese jungen Körper schmiegen, die sich so jugendsicher
-auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so wohlgebaut und
-unschuldig.</p>
-
-<p>All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie
-zu ein paar Mädchen, die in der alten Wünschengasse
-daheim sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt
-und sind mehr, als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund
-und Feind, Nachbar und Nachbarin.</p>
-
-<p>»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und
-sind die Töchter des Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und
-würdig, nie verstanden hat, weshalb gerade ihm das Schicksal
-diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr Mühe und Kopfzerbrechen
-kosteten, als seine Buben. Ja, in der That, er
-und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem
-hübschen Paare fertig geworden, wenn nicht die ganze
-Wünschengasse ihnen beigestanden hätte, die Rangen zu erziehen;
-und nicht nur die Wünschengasse fühlte sich dazu
-berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen
-Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es,
-wenn sie miteinander durch die dämmerige Gasse schlenderten.
-Und wer dies aussprach, schaute ihnen gewissermaßen gespannt
-nach.</p>
-
-<p>Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige
-Wünschengasse in Aufregung zu erhalten.</p>
-
-<p>Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach
-den Ratsmädchen, das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln
-und Hetzen, das Verhätscheln und Anraunzen. Nie, solange
-die Wünschengasse steht, sind aber zwei Schwestern von Kindesbeinen
-an trotz alledem so ungetrübt heiter gewesen wie diese
-zwei, so treu ihren Freunden ergeben.</p>
-
-<p>Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag
-Freunde haben, &ndash; zu den Menschen, die nie einsam
-sind, &ndash; zu den sonnigen Kraftmenschen, die Wärme und
-Strahlen für andre übrig haben.</p>
-
-<p>Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden
-keinen Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden
-nahe treten wollte, waren ihnen dankbar, &ndash; und was die
-Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und diese Freunde: der
-blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon, den sie auf<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner
-französischen Abstammung wegen; in den weimarischen
-Mäulern aber war »der Pudding« zu einem »Budang« geworden.
-&ndash; Und der schöne Franz Horny, der sich als Maler
-später einen Namen machte und in jungen Jahren in Amalfi
-starb; &ndash; sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo es von
-den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian
-verehrt wird. &ndash; Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller,
-Schillers Sohn.</p>
-
-<p>Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich
-vergnügt, wie dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr
-geschieht.</p>
-
-<p>Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere
-Urwüchsigkeit wie ein <span id="corr007">altmodisches</span> Kleidungsstück abgelegt.</p>
-
-<p>Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen
-und haben sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von
-Röses Paten Sperber, einquartiert. Sie sind ins Wasser
-gefallen, haben miteinander getanzt, wenn es ihnen paßte;
-sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten gefahren, sie
-haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie haben
-»Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren
-gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich
-von den etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre
-genommen worden, haben ihnen ihre Schularbeiten vorweisen
-müssen und sind von ihnen belobt und gestraft worden, wie
-das alles ausführlich schon einmal erzählt worden ist. Herr
-und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung
-ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse.
-Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel,
-und in die Dämmerung dröhnt die große Glocke im Schloßturm.
-Der Sturmwind fährt in das mächtige Geläute; er
-reißt die großen, vollen Töne wie Wolken auseinander und<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie, läßt sie
-hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen.</p>
-
-<p>Die Glocke läutet die Osternacht ein.</p>
-
-<p>Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch;
-so voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne
-und das tiefste Menschenleid.</p>
-
-<p>Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß
-Gott wo, erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens
-Weimar geworden. Ein jeder versteht dies Herz da
-oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig aus, was die
-andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es erweckt
-sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein
-großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster
-hinaus.</p>
-
-<p>»Hörst du?« sagt Marie.</p>
-
-<p>Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet
-wurde, zum Schloß hinunter gelaufen und haben hinauf nach
-der grünen Turmspitze gesehen, die von der Wucht der
-Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und her schwankte;
-oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten,
-und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert;
-oder die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den
-Glockenstuhl, und sie haben da, schwankend und schwindelnd
-und ganz betäubt von den ungeheuren Schlägen, die den
-Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander geklammert und
-an den riesigen Balken festgehalten.</p>
-
-<p>Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum
-Fenster hinaus.</p>
-
-<p>Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen.</p>
-
-<p>Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal
-geantwortet.</p>
-
-<p>Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen
-grüne Schärpen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<p>Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff
-von aller Schönheit und Eleganz.</p>
-
-<p>»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! &ndash; Was
-fällt euch ein! &ndash; Der Wind!« So ruft Frau Rat, die
-Mutter der Ratsmädchen, die eben ins Zimmer tritt.</p>
-
-<p>Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt.
-Der Haushalt mit den wilden Mädchen und Buben, die
-Kriegsjahre, der überernste Gatte, die Geldsorgen, &ndash; das
-alles ist der fein organisierten Frau zu viel geworden.</p>
-
-<p>Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe;
-sie aber hat etwas Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur
-bei sich selbst fände, was sie sucht.</p>
-
-<p>Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das
-Glockengeläut dringt nur noch dumpf ins Zimmer.</p>
-
-<p>Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die
-Lichter an.</p>
-
-<p>Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches
-Gesicht.</p>
-
-<p>Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des
-einen Talglichtes brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter
-unter einem grünseidenen, ovalen Schirm.</p>
-
-<p>»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?«</p>
-
-<p>»Was denn sonst, Schatz? &ndash; Habt ihr euch die Hände
-gewaschen?«</p>
-
-<p>»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse.</p>
-
-<p>»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und
-streicht ihr übers Haar. &ndash; »Gutes Kind!«</p>
-
-<p>Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß
-sie ihrer Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht.</p>
-
-<p>»Ruhig, ruhig!«</p>
-
-<p>Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf
-auf dem Tisch?«</p>
-
-<p>Senf war eben das Neueste.</p>
-
-<p>Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-in schönster Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht
-feierlich im Zimmer auf und ab.</p>
-
-<p>»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch
-einmal: »Charmante Leute!«</p>
-
-<p>Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden«
-nicht. Man hat zu warten, bis er fragt.</p>
-
-<p>»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit
-erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau.</p>
-
-<p>»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?«</p>
-
-<p>»Ich dachte so etwa … etwa&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit«
-nannte, nicht recht klar zu sein.</p>
-
-<p>»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon
-eine recht große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem
-Seitenblick auf die Mädchen.</p>
-
-<p>Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der
-Mutter auf der Platte tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt
-zu.</p>
-
-<p>»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?«</p>
-
-<p>Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen
-Halsbinde heraus, im Hintergrunde des großen Zimmers,
-zu seiner Frau.</p>
-
-<p>»Bst!« macht Frau Rat. &ndash; »Mein Gott, so jung sollte
-sie nicht sein. So ein armes Ding!«</p>
-
-<p>»I was!« sagt Herr Rat. &ndash; »Papperlapapp! Warst
-du etwa älter?«</p>
-
-<p>Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres
-Lebens zogen an ihrer Seele vorüber. &ndash; Sie lächelt, &ndash; alle
-heißen Thränen, alles Sehnen, alles Verstummen hatte sich
-bei ihr zu einem müden Lächeln herabgemildert, &ndash; oder in
-ein Lächeln zusammengefaßt, &ndash; wie man will.</p>
-
-<p>Apothekers kamen.</p>
-
-<p>Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten
-rundes Bäuchlein war mit »selber gestickter« Seide überspannt<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-und glänzte wie ein heiteres Gestirn. Er kniff Röse
-in die Wange und war vortrefflich gelaunt.</p>
-
-<p>Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach
-den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte
-sich eben eine Dame in vollem Putz, in weißer Haube mit
-blauen Bändern und im weißen Kleide. Sie öffnete das
-Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der Wind, der
-durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte.</p>
-
-<p>»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte
-nicht lange, da empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau
-Geheimderat Thon und deren Sohn Ottokar Thon, Adjutanten
-des Großherzogs Karl August.</p>
-
-<p>Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den
-Eltern Kirsten, küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann
-Marie.</p>
-
-<p>Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte.
-Das weiße Kleid umschloß in langen Falten eine volle, stolze
-Gestalt. Das schöne Busentuch war aus kostbaren gelblichen
-Spitzen, und eine breite, hohe Haube mit himmelblauen
-Bändern beschattete ein energisches, wohlkonserviertes Gesicht.</p>
-
-<p>Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre
-rundliche Kinderhand dann an die Lippen.</p>
-
-<p>Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen
-Gesichte aber lag eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen
-ihrer Schwester Hand nicht los, bis man sich zu
-Tische setzte.</p>
-
-<p>Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie
-ahnte, sie wußte alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach
-mit ihr, als spräche er zu einem lebendigen Heiligtume, &ndash;
-so etwas scheu, &ndash; und doch … &ndash; Rösen überschauerte es.</p>
-
-<p>Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten
-Uniform aussah!</p>
-
-<p>Von dem <span id="corr011">Augenblick</span> an, als sie ihn zuerst gesehen, war
-ihre Seele ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-Gescheitheit und seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger
-gewesen, und sie hatte auch gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet.</p>
-
-<p>Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig
-gelobt habe, und daß Karl August eine Schrift über
-die Zukunft Deutschlands von ihm kenne, von wahrer staatsmännischer
-Bedeutung.</p>
-
-<p>»Solch ein Mensch will mich!«</p>
-
-<p>Das waren Röses Jubelgedanken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen
-und hörte zu, wie alle sprachen.</p>
-
-<p>Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie
-mußte träumerisch an einen Vogel denken, der in seinem Nest
-auf schwankem, grünem Zweige sitzt, das von einem weichen
-Winde hin und her geweht wird. Die Sonne glitzert durch
-die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes Licht
-um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug.
-Sie fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist;
-deshalb macht sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen,
-stillen Wonne, ein kindisches, süßes Bild.</p>
-
-<p>Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter;
-nein, alles und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte
-Festsuppe: Grünkern mit Kerbelrübchen. Das war Frau
-Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen, wie Mandeln so fein
-und klein, zergingen auf der Zunge, und die Suppe duftete
-wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete
-es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer.
-Warmer Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel,
-der echte köstliche Kornduft, ein sanfter Wind, der über die
-Aehrenhäupter streicht, &ndash; Erdgeruch! Das alles kam, als
-der Deckel von der Suppenschüssel gehoben wurde, den Gästen
-bewußt oder unbewußt in Erinnerung.</p>
-
-<p>Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe!</p>
-
-<p>Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-sein wie eine Musik oder wie ein Gedicht, die Leute sollen
-fröhlich davon werden.«</p>
-
-<p>Ja, es war eine feierliche Suppe!</p>
-
-<p>Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben
-klirrten, und im Schornstein heulte und jammerte er.</p>
-
-<p>Nach der Suppe gab es einen Karpfen, &ndash; einen Spiegelkarpfen
-mit großen, goldenen Schildern und Flecken, den
-besten Karpfen, den der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen!
-Röse und Marie hatten natürlich mitgeholfen, ihn aus dem
-Behälter herauszufischen, in dessen klarem Ilmwasser die
-festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig flimmernden
-Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten
-hatten sie also erwischt.</p>
-
-<p>Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit,
-seiner Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen.</p>
-
-<p>Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm
-den Kopf auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im
-Rasen neben den Fischbehältern eingerammt waren, und der
-über und über von Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er
-den Fisch in zwei Hälften geteilt und den Ratsmädchen in
-den Korb gepackt und ihnen die Fischblase extra verehrt.
-Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen zu lassen; es
-hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein althergebrachter
-Spaß gewesen.</p>
-
-<p>Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer
-kam, blau gesotten mit geriebenem Meerrettich, und ganz in
-Petersilie ruhend, da rief der Apotheker: »Donnerwetter, ist
-das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger gewesen?«</p>
-
-<p>Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren
-aber nur die Vorläufer vom Propheten.</p>
-
-<p>Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern
-zu einem wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus.</p>
-
-<p>Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer
-Hofjagd mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-Herrn, und hatte sie Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert,
-und nun sollten sie feierlich gemeinschaftlich verzehrt werden.</p>
-
-<p>Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte,
-waren alle erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen,
-nußbraun gebratenen Tiere silberne Füße und
-silberne Köpfe hatten.</p>
-
-<p>»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung
-vor eurer Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen!
-Silberne Köpfe und silberne Füße!«</p>
-
-<p>Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger
-und waren glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater
-auch nichts davon gewußt hatte.</p>
-
-<p>Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem
-Geschenk gehört hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene
-Vögel aus ihrem Silberschrank geliehen.</p>
-
-<p>Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei
-Flaschen alten Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden
-Flaschen hatte er in dem Franzosenjahr vor den gierigen
-Langfingern versteckt. Er hatte sie im kleinen, dunklen Höfchen
-unter dem Regenfaß vergraben und, als die Luft wieder
-rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in
-einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz
-von Staub und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande
-setzte er sie, als die Vögel mit den silbernen Füßen
-kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz auf den Tisch.</p>
-
-<p>»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt.</p>
-
-<p>»Papperlapapp!« &ndash; Herr Rat war schon dabei, eine
-zu entkorken. &ndash; »Gehört sich's nicht etwa so?«</p>
-
-<p>Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß
-ein alter, seltener Wein in so staubigen und schimmeligen
-Flaschen auf den Tisch kommen müsse; das sei für den
-Kenner das Feinste.</p>
-
-<p>Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten,
-Kompotts und Beilagen aller Art.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie
-verspürt haben wollen?« fragte der Apotheker den jungen
-Thon. »Das wäre heute so eine Nacht für die Bestie, um
-den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!«</p>
-
-<p>»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!«
-antwortete der Adjutant lebhaft.</p>
-
-<p>»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der
-Ilm an dem Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth &ndash;
-so eigentlich mitten im Tieffurther Park. Verspürt ist er
-nun, der Lump … aber&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem
-Adjutanten auf den Fuchs an.</p>
-
-<p>Marie zupfte Röse am Kleid.</p>
-
-<p>Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon.</p>
-
-<p>»Röse,« tuschelte Marie besorgt, &ndash; »sie werden doch
-nicht gar zu lange bleiben?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Röse fuhr wie aus einem Traum auf.</p>
-
-<p>»Was?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Na, wenn unsre Drei nun kämen?«</p>
-
-<p>»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort
-sind; die werden unten schon lauern, bis der letzte hinaus
-ist!« flüsterte Röse.</p>
-
-<p>Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben,
-verehrten Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und
-bedauerte, daß sie Weimar so bald wieder verlassen müsse.</p>
-
-<p>Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen,
-um ihren Sohn zu besuchen.</p>
-
-<p>Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem
-Kompottlöffelchen an ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt
-und stattlich.</p>
-
-<p>Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene
-Frau in ihrem weißen Kleid so frei und vornehm
-stehen zu sehen.</p>
-
-<p>Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Sohn diesmal verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit
-menschliches Berechnen nicht trüge, vor ihren Augen läge, &ndash;
-und für diese Beruhigung, diese frohe Aussicht danke sie dem
-gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten.</p>
-
-<p>Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und
-Frau Rat an, dann mit Apothekers, und mit Röse ganz besonders.</p>
-
-<p>»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie.</p>
-
-<p>Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand;
-darauf küßte er Röses Hand wieder tief bewegt.</p>
-
-<p>Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder
-Schlingel!« flüsterte sie Röse zu.</p>
-
-<p>Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das
-war auf Vater Kirstens Befehl hin so eingerichtet.</p>
-
-<p>Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten,
-und er wollte in seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand
-keinen »Verlobungstrafik«, wie er sich ausdrückte. Das
-Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt werden.</p>
-
-<p>Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein
-verliebtes Paar zu stolpern!</p>
-
-<p>Er war Herr im Hause, damit basta!</p>
-
-<p>Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die
-Apothekerin mußte ihren Mann zweimal am Rockschoß
-zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der schönste gewürzte
-Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß.</p>
-
-<p>Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der
-Wind mit solcher Gewalt gegen die Scheiben gefahren und
-hatte an den wackeligen, alten Fenstern gerüttelt, daß der
-Apotheker ordentlich zusammengefahren und wieder zur Besinnung
-gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider.</p>
-
-<p>Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes
-durchaus nicht. Es war gut so. Sie wünschte sich's nicht
-anders. Nichts schreckte sie aus ihrem süßen Traume auf.
-Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich! Und es war<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien es
-ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen.</p>
-
-<p>Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut!</p>
-
-<p>Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und
-Hochzeitssprüchlein und gab ihrem Vater, als sie mit ihm
-anstieß, extra einen Kuß dafür, daß der in der schön gestickten,
-seidenen Weste nicht reden durfte.</p>
-
-<p>Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde,
-kindliche Geschöpf vor sich, wie es so süß träumte. Und sie
-gehörte ihm, war sein eigen, sie war ihm versprochen!</p>
-
-<p>Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß
-auf diese junge Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden
-Mund schien ihm Erlösung, &ndash; das seidenweiche Haar
-zu streicheln Erquickung!</p>
-
-<p>Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt
-schwieg, erschütterte ihn.</p>
-
-<p>Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume.
-Ein berauschender Duft!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird
-doch heut auch wirklich spuken?«</p>
-
-<p>»Wer?« fragte Röse.</p>
-
-<p>»Ach geh!«</p>
-
-<p>»Wenn das <em class="gesperrt">so</em> werden soll, wenn du ewig nur vor
-dich hin gucken willst! &ndash; Na dann &ndash;!« Marie sprach sich
-nicht weiter aus, schien aber entrüstet zu sein.</p>
-
-<p>»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß!
-Mich freut's grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht
-noch mehr!«</p>
-
-<p>Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden
-zankend miteinander tuscheln.</p>
-
-<p>»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und
-eine Seele?«</p>
-
-<p>»Sind wir auch!« sagte Röse.</p>
-
-<p>Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-Braut; etwas würdig, wie er es mit jedem jungen
-Mädchen that, aber jedes Wort bebte und zitterte und war
-beladen mit allem möglichen, und die Blicke beider hingen
-aneinander, &ndash; forschend, ergründend und scheu den Anblick
-genießend.</p>
-
-<p>Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der
-Wind und trug jetzt, wie es schien, einen merkwürdig hellen,
-rhythmischen Pfiff auf seinen Flügeln.</p>
-
-<p>Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem
-Anbeter war, spitzte die Ohren, erhob sich wie im Traume,
-ging dem Fenster zu, blieb aber zögernd, wie unverrichteter
-Sache stehen und begab sich wieder auf ihren Platz.</p>
-
-<p>Der junge Thon beobachtete sie.</p>
-
-<p>»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken,
-lassen sie uns bei dem Wetter nicht fort!«</p>
-
-<p>Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht
-gekommen.</p>
-
-<p>Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die
-Arme.</p>
-
-<p>Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte
-bei sich: »Das war ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?«</p>
-
-<p>Jetzt schellte es unten.</p>
-
-<p>Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt
-und sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen.
-Was ihnen denn nur einfiele! Waren sie denn des Kuckucks!</p>
-
-<p>Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten.</p>
-
-<p>Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus
-für Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei
-und mit einem Veilchenbouquet daran gebunden,
-etwas unsagbar Schönes, Bräutliches. Sie hatte jedenfalls
-nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch bei einem
-Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei.</p>
-
-<p>Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen
-sollten; sie beratschlagten und hielten sich deshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-ziemlich lange auf der Treppe auf. Marie kam auf den
-schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt den Veilchen
-in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben,
-bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es
-möchte dem Vater nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk
-der Schopenhauerin jetzt mit hereinbrächten. Und
-es geschah so, wie sie sich vorgenommen.</p>
-
-<p>»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die
-Mädchen wieder eintraten.</p>
-
-<p>Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr.</p>
-
-<p>Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit
-einiger Zeit von einer merkwürdigen Unruhe befallen waren.
-Es war ihm, als müsse er mit Röse ein feierliches, großes
-Wort reden.</p>
-
-<p>Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch
-wirklich? War er ihrer sicher?</p>
-
-<p>Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig
-und liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den
-Händen fest.</p>
-
-<p>»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!«
-dachte der junge Thon mitten in seinem Herzensrausch. Er
-hat bereits gestern die halbe Nacht platt auf dem Bauche
-vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich schon,
-wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den
-Fuchs paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über
-sich rauschen, fühlt wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm.
-Und das Lauern, das scharfe Hinhorchen, &ndash; das Spannen,
-&ndash; die Naturlaute, die nachts hie und da geheimnisvoll
-auftauchen, &ndash; da wird's ihm wohl werden!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen
-Frau Rat Kirsten Komplimente über das splendide Gastmahl,
-und Frau Geheimderat Thon drückt Röse mütterlich
-zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr. Röse errötet<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand
-ihrer künftigen Frau Schwiegermutter.</p>
-
-<p>Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem,
-Unbekanntem, als Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand
-drückt, so erregt und bewegt, als wäre dieser einfache Händedruck
-eine heilige Handlung.</p>
-
-<p>Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme
-und küßt sie und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen
-in den Augen.</p>
-
-<p>Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort
-und Stelle bringen; sie sind zu diesem Behuf aus ihren
-weißen Kleidern in die grauen Ginghamalltagskleider geschlüpft
-und wirtschaften mit wahrem Feuer und so ordentlich
-und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei
-sich denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch,
-pflichttreu und brav!«</p>
-
-<p>»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du
-so trödelst, wann denkst du denn, daß wir fortkommen?«</p>
-
-<p>»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang,
-»was hilft's denn sonst? &ndash; Poltere doch nicht so!« Marie
-ging darauf hin auf den Fußspitzen.</p>
-
-<p>Drüben bei Thons war schon alles dunkel.</p>
-
-<p>»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn
-bei uns so lang?«</p>
-
-<p>Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah
-nach diesem und jenem; die Mutter schloß das gespülte und
-geputzte Silberzeug in den Schrank.</p>
-
-<p>Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen
-Füße und Hälse der Fasanen.</p>
-
-<p>Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus
-Dunkelheit und Nachtruhe ein.</p>
-
-<p>Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt;
-die Magd, Vater und Mutter, jedes war schlafen
-gegangen, und keine Maus rührte sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>Es schlug elf Uhr. &ndash; Da war es, als wenn auf der
-dunklen Treppe sich vorsichtig etwas bewege. Es knarrte
-eine Stufe; es huschte und schlich etwas. Zwei Stimmen
-wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte Röse
-tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich
-angst, &ndash; so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du,
-daß der Vater bös sein würde?«</p>
-
-<p>»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem
-Atem, »jetzt ist's zu spät! &ndash; Mach nur leise, &ndash;
-du trampelst ja!«</p>
-
-<p>»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar
-nich!« Aber da krachte die alte Stufe so entsetzlich. Den
-beiden kam es wie ein Kanonenschuß vor. &ndash; Sie standen
-ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu regen.
-&ndash; »Ach Gott!« klagte Marie.</p>
-
-<p>Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter.</p>
-
-<p>»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in
-seinen Kissen.</p>
-
-<p>Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete
-undeutlich: »Der Wind; auch wohl die Katze.«</p>
-
-<p>Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte
-draußen an den Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben,
-sang und jodelte in den Schornsteinen. Es war eine wilde,
-stürmische Osternacht. Zerrissene Wolken fuhren über den
-Himmel.</p>
-
-<p>Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche,
-zitternde Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel
-geräuschlos ins Schlüsselloch zu stecken.</p>
-
-<p>Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden
-Herzens, aus der Mutter Speisekammer stibitzt.</p>
-
-<p>Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und
-schauten mit ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie
-seufzten beide tief, denn es war ihnen nicht geheuer zu
-Mute. Sie hätten's nicht thun sollen! So heimlich fortzuschleichen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-war das Rechte nicht, das fühlten sie. Und sie
-dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an
-Frau Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten
-Respekt hatten. Was die wohl dazu meinen würde?</p>
-
-<p>»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! &ndash;
-Himmlisch!«</p>
-
-<p>Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von
-dem Winde treiben. »Glaubst du wirklich, daß es was gibt,
-wenn sie's oben merken?« fragte Röse.</p>
-
-<p>Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen
-Longshawl gefaßt und sich darin verfangen.</p>
-
-<p>»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub'
-schon. Aber wenn alles gut ausgeht, und wir haben sie
-wirklich gesehen, und wir sagen's, dann &ndash; dann&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Wind nahm ihr den Atem.</p>
-
-<p>Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern
-lieber gedeckt, wie die Diebe an den Häusern hin; und so
-eilten sie Hand in Hand vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke
-flatterten wild im Westwinde; die Stirnlöckchen, selbst die
-schweren hängenden Zöpfe wehten und peitschten um sie
-her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries
-Zopf übers Gesicht gefahren war.</p>
-
-<p>Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der
-Gaststube schimmerte Licht in die Dunkelheit; es trat jemand
-aus der hellerleuchteten Thorfahrt. Röse und Marie drückten
-sich atemlos, erschreckt in den Schatten an die Mauer. Dann
-liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen Augen, weil der
-Sturm Sand und Staub aufrührte.</p>
-
-<p>Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond
-schaute auf einen Augenblick ungeheuer glänzend, als
-wäre er von den Wolken eben erst wieder blank gewischt
-worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde hinab.</p>
-
-<p>»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen.</p>
-
-<p>Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-die Ilm nächtlich an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen
-und lauschten ins Dunkel hinaus.</p>
-
-<p>Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der
-Sturm hatte sie wie ein paar Rosenbüsche zerzaust.</p>
-
-<p>»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte
-Marie, »wenn sie uns nur nicht erschrecken!«</p>
-
-<p>Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende
-und wieder verschwindende Mondlicht, die
-schweren, schwarzen Wolken, der Sturm, der in den hohen
-Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche Stille, ohne
-menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell unterbrochen,
-das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne
-auf der Mühle, &ndash; alles bedrückte sie!</p>
-
-<p>Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem
-ähnlich, den der Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen
-hatte; aber er kam so zaghaft zu stande, daß er wie
-ein Hauch verflog.</p>
-
-<p>»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte
-Marie kaum hörbar.</p>
-
-<p>»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und
-beide schmiegten sich fest aneinander.</p>
-
-<p>»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,«
-meinte Marie. »Wir müssen ein bißchen näher. Ob der
-Müller ihnen wohl die Fähre los gemacht hat?«</p>
-
-<p>Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam.</p>
-
-<p>»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie.</p>
-
-<p>Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben:
-»Scheußlich falsch.«</p>
-
-<p>»Oho!« hörten sie laut rufen.</p>
-
-<p>Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur
-ein paar Augenblicke, da standen ihre drei Freunde Budang,
-Horny und Ernst Schiller vor ihnen.</p>
-
-<p>»Trödelbüchsen!« rief Budang.</p>
-
-<p>»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p>
-
-<p>Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle
-Fähre. Das Ilmwasser rauschte und gluckste um die groben
-Bretter und schien eine eisige Kälte zu verbreiten.</p>
-
-<p>Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre
-zwischen den geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder,
-woran die schweren Taue liefen, schnurrten; der Wind
-klappte und rasselte damit. Röse und Marie saßen aneinander
-gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre heute
-sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd,
-dem man nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende
-Wasser schlich, wie sie schwankte, ruckte und zuckte! Der
-Sturm erschwerte die Ueberfahrt außerordentlich.</p>
-
-<p>»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse
-wieder, &ndash; »so schwarz!«</p>
-
-<p>Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?«</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie
-waren gerade dabei, die Fähre am andern Ufer anzulegen,
-und mußten aufpassen.</p>
-
-<p>Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer
-schwer und bang gestimmt. Alle miteinander schritten in
-einer Reihe den aufwärts führenden Weg hinan. Den breit
-ausladenden Westwind hatten sie jetzt in der Seite. Man
-konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond war
-einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit
-pechschwarz.</p>
-
-<p>Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?«</p>
-
-<p>»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!«</p>
-
-<p>»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in
-der Osternacht da stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.«</p>
-
-<p>Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen.</p>
-
-<p>»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade,
-denke ich, gehen wir doch!«</p>
-
-<p>Tiefe Stille.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen
-miteinander und die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es
-durchrieselte sie selbst bei ihren Worten.</p>
-
-<p>»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so
-fürchterliche Dinge! Am Tage denkt man nicht daran, aber
-nachts, da sieht alles so wie in einer alten schrecklichen Geschichte
-aus. Weißt du von dem Fährmann, der die Toten
-über ein großes schwarzes Wasser setzte; &ndash; so wie wir vorhin,
-fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie
-lieb haben. &ndash; So hat es gewiß gerauscht, &ndash; und so kalt
-wird's gewesen sein, und die Taue haben so geklappt, und
-die Räder geschnurrt; und alles pechschwarz, Sturm, nie
-wieder Sonnenschein! &ndash; Und da haben sie auch so auf der
-Bank gesessen und sich gefürchtet, &ndash; und sind auf Nimmerwiedersehen
-fortgefahren! &ndash; Budang, wie mir die Göchhausen
-leid thut! &ndash; Glaubst du denn wirklich, daß sie
-kommt? &ndash; Und wie ist's denn nur, daß sie gerade kommt,
-und die andern nicht? &ndash; &ndash; Ach, Budang, wer so was
-wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?«</p>
-
-<p>Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie
-aus einer Flasche spricht, &ndash; so fiept, &ndash; das ist gräßlich!«</p>
-
-<p>Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien,
-alle Hand in Hand.</p>
-
-<p>Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden
-Blätterknospen aneinander; es klappte und sauste, und
-über die kahlen Felder kam es unheimlich angebraust.</p>
-
-<p>Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und
-die Blätter werden erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie
-sich an Budang fest vor Grauen. Und Marie flüsterte
-bebend: »Pfui Röse!«</p>
-
-<p>»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten
-die sich!«</p>
-
-<p>Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt;
-ganz geheuer war es keinem von der Gesellschaft zu Mute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn
-sie wirklich kommen sollte! Was machen wir denn da mit
-Röse und Marie &ndash;?« meinte Ernst Schiller.</p>
-
-<p>Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne
-Sorge, wenn es darauf ankommt, fürchte ich mich gar
-nicht! &ndash; Ich rede sie an!«</p>
-
-<p>»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen
-sollt!«</p>
-
-<p>»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so
-darfst du uns nicht behandeln! &ndash; Weißt du, wir sind so
-gut wie verlobte Mädchen!«</p>
-
-<p>»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich,
-»laß die dummen Witze!«</p>
-
-<p>Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht!
-&ndash; Haben wir je gelogen?«</p>
-
-<p>Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen
-alle zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind
-schnob um sie her und trieb sie noch näher zu einander.</p>
-
-<p>»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand
-sogleich wußte, wem sie angehörte. Sie klang so
-fremd, so unterdrückt, als wenn der Frühlingssturm selbst
-mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan hätte.</p>
-
-<p>Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare
-Veränderung in dem Gesichte seines Freundes Ernst
-Schiller.</p>
-
-<p>Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen
-Götzendienst getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts
-Lieblicheres als diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen
-Herzens geblieben, sein ganzes erstes Jugendfeuer gehörte
-seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn auch seines
-Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja
-noch nicht sagen!«</p>
-
-<p>»Nun, &ndash; weshalb sagst du dann: beide?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten
-sie sie doch auf einer Lüge ertappt, die Bengel!</p>
-
-<p>Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas
-gehabt hatte, was die andre nicht auch besaß. Es mochte
-ihr neu sein, daß sie Einzelwesen waren. Es verdutzte sie
-völlig. Beide gehörten so eng zusammen. Sie waren sogar
-merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre geboren, als
-gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen
-wir ja.</p>
-
-<p>Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche
-durcheinander. Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten
-und Zweige, wie durch ein Riesensieb.</p>
-
-<p>Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein
-andres schwatzend und klagend, frühlingshaft spitz und grell
-vor sich hin. Auch ein Liebespärchen, das sich lockte und
-schalt, koste und sich beklagte!</p>
-
-<p>Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da
-und dort: unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen!</p>
-
-<p>»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure
-Fasanen gekommen, &ndash; vielleicht ein Fuchs.«</p>
-
-<p>»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses
-Verlobungsgeschichte nicht glauben wollte und sich doch nicht
-recht zu fragen getraute.</p>
-
-<p>»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe
-und silberne Füße aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll
-aus.«</p>
-
-<p>Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt
-ganz still.</p>
-
-<p>Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches.</p>
-
-<p>»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen,
-»ist denn deine Verlobung wirklich wahr?«</p>
-
-<p>»Ja, Budang.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine
-vernünftige Person bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst
-du dich denn gern? Ich begreif's nicht! Wieviel jünger
-bist du denn als ich?«</p>
-
-<p>»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft.</p>
-
-<p>»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in
-anderthalb Jahren verheiraten wollte. &ndash; Lächerlich!«</p>
-
-<p>»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig.</p>
-
-<p>»Und du weißt's, daß du verlobt bist, &ndash; seit heute
-erst, &ndash; und bist doch mitgerannt! &ndash; &ndash; Du bist aber gedankenlos!
-Da muß man doch, dächt' ich, ganz erschüttert sein?«</p>
-
-<p>»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht
-ganz verlobt! &ndash; Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer
-dran? &ndash; Immer! &ndash; &ndash; Nein, weißt du, mir ist's auch
-viel lieber, daß ich mit euch hier renne; zu Haus war mir's
-manchmal ganz angst und bange vor Glück.«</p>
-
-<p>»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts
-nach! Wie bist du nur!«</p>
-
-<p>»Ach geh!« wehrte Röse ab.</p>
-
-<p>Der Sturm hatte nachgelassen.</p>
-
-<p>Sie bogen jetzt ins Dorf ein.</p>
-
-<p>Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde!</p>
-
-<p>»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny.</p>
-
-<p>Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht,
-geh' ich wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig.</p>
-
-<p>»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber
-nicht naß!‹« rief Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse
-und Marie denken nicht; sie thun's nur!«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der
-Ilm vorüberführt. Und die Ilm gluckste und rauschte auch
-hier geheimnisvoll nächtlich, und der Wind pfiff noch gespenstischer
-durch die riesig hohen Ulmen. »Wenn sie hier
-käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch
-nirgends ausweichen, &ndash; so zwischen der Mauer und der
-Ilm. &ndash; &ndash; &ndash; Ich stürb' auf der Stelle, wenn sie mich
-anfaßte!«</p>
-
-<p>»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie
-darauf kommen, dich anzufassen? Schließlich war sie doch
-eine vornehme Dame, und die wird sich doch nicht im Grabe
-solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!«</p>
-
-<p>»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht
-hören!«</p>
-
-<p>Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt;
-das nächtliche Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge,
-daß sie doch etwas Unrechtes thäten, das schauerliche Ziel,
-die vermutliche Nähe des Entsetzlichen, &ndash; all das hatte sie
-überwältigt, und sie brach in Thränen aus.</p>
-
-<p>Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze;
-Röses Hals umklammernd, weinte sie bitterlich.</p>
-
-<p>»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!«</p>
-
-<p>Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und
-wußten nicht, was beginnen.</p>
-
-<p>»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten
-ihre blonden Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen
-Körper schmiegten sich fest einer an den andern.</p>
-
-<p>Der Mond schien hell über sie hin.</p>
-
-<p>»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir
-verlassen uns doch nicht?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.«</p>
-
-<p>»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie
-muß der zu Mute sein! &ndash; Und wie schrecklich, daß sich die
-Leute so vor ihr fürchten!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen
-sie fragen. Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!«</p>
-
-<p>Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen.</p>
-
-<p>Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während
-Röse leicht beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun
-gehen wir weiter,« sagten sie dann, und sie hingen sich
-wieder ein in die Arme ihrer Freunde.</p>
-
-<p>»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie
-bedenklich.</p>
-
-<p>In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch
-gestört war, nur die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr
-durch die Baumkronen, da hörten sie etwas! &ndash; Was
-war das?</p>
-
-<p>Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. &ndash;
-Von fern ein Scharren, &ndash; ein Laufen, &ndash; ein Huschen, &ndash;
-Schritte, &ndash; aber merkwürdige Schritte, &ndash; in Sätzen, &ndash;
-etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges, Menschenunwürdiges!</p>
-
-<p>Sie standen alle bewegungslos, lautlos.</p>
-
-<p>Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges
-Hupfen und Huschen!</p>
-
-<p>Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher,
-&ndash; grad auf dem Wege kam es auf sie zu, &ndash; näher, &ndash;
-immer näher, auf dürren Blättern gehend, dann hopsend! Ja,
-wenn sie das wirklich wäre, dann überstiegen diese Laute alle
-Phantasie! Der entsetzlichste Kobold hätte nicht widersinniger
-rennen, hüpfen und stehen bleiben können, als es das that,
-was da ankam! &ndash; Und zu denken, daß diese arme Seele
-eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem
-etwas boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel!
-&ndash; Ein Mensch! Eine Hofdame!! &ndash; so heruntergekommen,
-so urweltlich sich aufführend, &ndash; so ungeheuerlich!</p>
-
-<p>Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde
-mächtig bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-angedrückt, &ndash; totenstill. Wie mußte erst das Aussehen
-des Spukes sein, nach solchen Lauten! &ndash; Sie hatten
-sich alle eine unbestimmte Vorstellung von der Begegnung
-mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes &ndash; Nebelhaftes
-&ndash; Huschendes &ndash; Fiependes, &ndash; und daß sie wie aus
-einer Flasche sprechen würde; aber nicht so &ndash; um Gottes
-willen nicht so!</p>
-
-<p>Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen,
-deren Ränder versilbernd.</p>
-
-<p>Da sahen sie sich etwas bewegen, &ndash; etwas Ungestaltes,
-Niederes; &ndash; es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel,
-&ndash; und zwei unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich
-und hoben sich gespenstig vom dunklen Hintergrund ab! Diese
-wackelnden Hörner, was sollten die? Was wollten die?</p>
-
-<p>Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.</p>
-
-<p>Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein
-Bocken und Stampfen, und wie aus einer Trompete, ein
-urweltlicher, scheußlicher Ton, und &ndash; ein Gelächter! Budang
-war's, der lachte.</p>
-
-<p>Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet
-und beleuchtete &ndash; ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt
-auf vier hohen, sparrigen Beinen stand und seinen Riesenkopf
-mit seinen Riesenohren vor sich hin streckte und horchte.</p>
-
-<p>»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.</p>
-
-<p>Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge
-Scheusal hopsend und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit
-vorgestrecktem Kopf in die Nacht und in den Park hinein.</p>
-
-<p>»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine
-›Muffel‹, der ist dem Pächter entwischt!«</p>
-
-<p>Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was
-kommen; zu einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten
-sie es nicht. Es lag etwas in der Luft, so etwas Rauschendes,
-Werdendes, &ndash; so etwas Banges, Wehes. &ndash; Auf
-Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall
-an, an die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die
-Gräber, &ndash; denn es war heilige Osternacht, wo die Toten
-auferstehen!</p>
-
-<p>Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, &ndash; Käuzchen, &ndash;
-verliebtes Nachtgetier.</p>
-
-<p>Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die
-Schritte waren unhörbar auf dem moosigen Rasenboden.
-Eine moderige Feuchtigkeit stieg auf.</p>
-
-<p>Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.</p>
-
-<p>»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor
-Goethes Gartenhaus alle Morgen gekehrt wurde? Daß
-ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt hat? &ndash; Glaubt
-ihr das?«</p>
-
-<p>Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht
-der stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.</p>
-
-<p>Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst
-einmal gesehen; die Schopenhauern hat's erzählt, und die
-weiß auch, wer's gewesen ist. Beim ersten Morgenschimmer
-hat er das Mädchen getroffen, wie sie gekehrt hat, &ndash; und
-da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele und ist zusammengesunken
-wie ein Wisch; und eine alte Frau, die
-wie ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat
-etwas gemurmelt, wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig
-is!‹ Dann sind sie nie wieder gekommen, und das Kehren
-war aus!«</p>
-
-<p>Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben.
-&ndash; »Ja, wißt ihr denn das nicht?« rief Marie
-unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern gesagt, daß das
-nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen
-gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit
-saß, hat es sich ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt,
-&ndash; so wie ein Kätzchen, &ndash; oder wie ein Mädchen, das ihn
-lieb hatte und für ihn gestorben ist. Einmal hat er auch,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm gesehen, der
-sich über seine Brust spannte, &ndash; nur einen Arm und eine
-Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten
-ging, da soll etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes.
-Es haben's auch andre Leute gesehen und sind
-davor erschrocken. Ja, es war oft jemand unsichtbar um
-ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern
-hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist
-und ihn so übermannt hat, wie der Schauer, wenn das
-Wundersame bei ihm gewesen sei. Und an dem Morgen,
-an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen hat, da soll
-er ganz verstört gewesen sein!«</p>
-
-<p>Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit
-zu haben; alle unterhielten sich weiter über geheimnisvolle
-Dinge. Jeder hatte etwas zu erzählen.</p>
-
-<p>Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim
-Umzug als Feder nachfliegt und im neuen Hause wieder mit
-einzieht; die Beutlersleute, die über Kirstens wohnten,
-kannten einen in ihrer Familie, der auf Spinnenbeinen ging
-und eine Zipfelmütze trug. &ndash; Im alten Rattenneste Weimar
-spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab
-es keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht
-irgend etwas nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein
-altes Haus, in dem es ganz einfach geheuer war, und
-keine adelige Familie, die nicht gerade so wie ihr altes
-Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß. Das heißt,
-auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das
-Familiensilber zu rechnen.</p>
-
-<p>Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf
-den einsamen Parkwiesen hin und her und betraten nun mit
-abermals klopfendem Herzen die dunkelsten, geheimnisvollsten,
-überwachsenen, feuchten Wege an der Ilm, um trotz allem
-der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade dort,
-hieß es allgemein, sollte sie spuken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<p>Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung
-ziemlich von oben herab von diesen Dingen, waren aber
-wiederum um nichts weniger eifrig und weniger erregt, als
-unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die Borkenbrücke
-und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen
-Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und
-Büschen bestandenen Abhange hin, und kaum waren sie hier
-eine Strecke in tiefem Schweigen geschlichen, &ndash; denn es
-war eine so feuchte, monddurchschienene Einsamkeit, als wäre
-jahrhundertelang hier niemand gegangen, &ndash; da standen sie
-alle mit einem Schlage wie gebannt!</p>
-
-<p>Nahe, &ndash; in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand
-aufgestöhnt, und sie hatten alle deutlich gehört, wie etwas,
-das in den Büschen steckte, so recht verbissen und verzweifelt
-zwischen den Zähnen »verdammt!« gezischt hatte. »Verdammt!«
-deutlich »verdammt!« nichts weiter, und dann wieder
-tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten.</p>
-
-<p>»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.</p>
-
-<p>Alle hielten den Atem an und horchten.</p>
-
-<p>Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen
-schien indessen auch zu horchen.</p>
-
-<p>Totenstille!</p>
-
-<p>Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen
-würde, &ndash; denn da war etwas, &ndash; das war sicher!</p>
-
-<p>Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen
-wie die Bildsäulen so starr, &ndash; ganz Erwartung! Dasjenige,
-das in den Büschen auf so sonderbare Weise »verdammt!«
-gesagt hatte, mußte sicherlich in Verwunderung geraten sein,
-was mit den vielen Schritten, die es doch kommen gehört
-hatte, geworden sei.</p>
-
-<p>Jetzt aber, &ndash; was war das? &ndash; Ein Fiepen, ein
-jämmerliches, sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel,
-oder quietsche ein Wägelchen, oder auch als wimmere ein
-Hund unter ganz besonderen Umständen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<p>Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es
-durchaus nicht unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie
-fiepe, oder wie durch eine Flasche rede, hatten sie ja gewußt!</p>
-
-<p>Das war das Entsetzliche!</p>
-
-<p>Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das,
-was im Gebüsch steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.</p>
-
-<p>Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer
-gepackt, mahnte Röse: »So kommt doch!« Und sie war's,
-die sich wieder auf die Beine machte, ohne auf die andern
-zu achten, die ihr schleichend folgten.</p>
-
-<p>So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige
-Schritte, mit klopfendem Herzen und stockendem Atem. &ndash;
-Dann ein gewaltiges Rascheln im dichten Gebüsch, &ndash; ein
-furchtbarer Schrei, &ndash; ein Springen, &ndash; ein heiserer Laut,
-&ndash; und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem großen,
-dunklen Mantel umfangen wurde. &ndash; Ein ungeheurer Schreck!
-&ndash; Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!</p>
-
-<p>Marie schrie verzweifelt auf.</p>
-
-<p>»Ruhig, &ndash; ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was
-macht ihr denn hier? Röse, um Gottes willen, wie kommst
-du hierher?«</p>
-
-<p>Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien
-zu flüstern und war immer noch in dem großen Mantel verschwunden.
-Und jetzt, &ndash; ein zarter, zarter Frühlingslaut,
-&ndash; so süß, so wunderlich, &ndash; ein Laut wie ein Kuß!</p>
-
-<p>»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt.
-»Der lag hier auf der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße
-Wort hatte sich ihr im Schreck und in der Ueberraschung
-gebildet.</p>
-
-<p>Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und
-in der Erregung über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte,
-die ihm den Fuchs verscheuchten, die Schnauze zugehalten
-hatte, wedelnd an Marie in die Höhe.</p>
-
-<p>»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt,<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-erschüttert, doch auch unwillig aus dem großen, dunklen
-Mantel heraus. &ndash; »Was fällt euch denn ein?«</p>
-
-<p>»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten,
-»daß wir ausgerissen sind.«</p>
-
-<p>»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise,
-»sie sind ja mit <em class="gesperrt">uns</em>; &ndash; und wenn <em class="gesperrt">wir</em> dabei sind, dürfen
-sie alles! &ndash; Frau Rat hat es ihnen ein für allemal erlaubt.«</p>
-
-<p>Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die
-die beiden Mädchen hatten, lächeln.</p>
-
-<p>In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine
-überzeugende Vortrefflichkeit, &ndash; so eine unantastbare Treuherzigkeit,
-&ndash; daß jedes weitere Wort, jeder Unwille und
-jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der Adjutant schüttelte
-Budang die Hand und begrüßte die beiden andern, währenddem
-er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.</p>
-
-<p>»Also die Göchhausen wolltest du sehen? &ndash; Für so
-etwas hattest du also doch noch Raum?«</p>
-
-<p>»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft &ndash;
-»lagen da doch des Fuchses wegen?«</p>
-
-<p>»Ja, mein Herz, &ndash; weil ich's daheim nicht aushalten
-konnte. &ndash; Was denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«</p>
-
-<p>Und nun gingen sie alle miteinander und brachten
-die leichtsinnigen Dinger, die Ratsmädchen, heim in die
-Wünschengasse.</p>
-
-<p>Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren
-Kameraden, &ndash; wie gut sie immer wären, wie lustig, wie
-treu, und was sie alles von ihnen gelernt hätte, besonders
-von Budang.</p>
-
-<p>Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus,
-das voller Liebe und Freundschaft war, voller Anhänglichkeit,
-&ndash; und erzählte alle möglichen dummen und lustigen
-Streiche.</p>
-
-<p>Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn,<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-auch ihre Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so
-klug! Solche gibt's nicht wieder!« rief sie.</p>
-
-<p>Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.</p>
-
-<p>Das war Frühlingsreinheit, &ndash; Frühlingszartheit, &ndash;
-Frühlingswonne!</p>
-
-<p>Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Viele, viele Jahre sind vergangen. &ndash; Die Jugend
-vieler Millionen Menschen ist verweht. &ndash; Es ist alles
-anders geworden.</p>
-
-<p>Röse ist nun eine alte Frau. &ndash; Was das Leben ihr
-gab, hat es ihr längst wieder genommen. Sie hat alle
-Freuden genossen und alle Freuden mit Leiden gezahlt &ndash;
-nach Menschenart. Sie ist unendlich geduldig geworden. Sie
-kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich wiederholen
-sehen, immer von neuem. &ndash; Sie ist gut, still und heiter und
-lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die schöne,
-alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, &ndash; sonst nirgends!</p>
-
-<p>Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von
-fremden Dingen, die sie nichts angehen.</p>
-
-<p>Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift
-sie oft, &ndash; aber da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich,
-was geschieht.</p>
-
-<p>Geduldig werden, &ndash; geduldig werden, &ndash; geduldig
-werden! darauf läuft's hinaus.</p>
-
-<p>Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird
-sie gepflegt. Ihre Enkelin sitzt bei ihr am Bette.</p>
-
-<p>Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher
-Sturm, der breit durch die Straßen fährt.</p>
-
-<p>Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.</p>
-
-<p>Da, &ndash; was ist das?</p>
-
-<p>Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch
-munteren Pfiff zu ihrem Fenster herauf; ganz wie damals
-in der Wünschengasse, als sie beim Fasanenessen saßen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise
-bewegt zu ihrer Enkelin, &ndash; »das ist Budang!« Und wie ein
-milder Glanz geht es über das Gesicht der Greisin. &ndash; »Das
-ist er!« nickte sie träumerisch.</p>
-
-<p>»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er
-uns abholen wollte; so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob
-der Vater nicht mehr daheim sei, und ob er mit den beiden
-andern heraufkommen dürfe!«</p>
-
-<p>Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter
-Mann tritt ein, in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz;
-so tadellos, daß es sofort wie etwas Besonderes
-auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf mit lebendigen, geistvollen
-Augen, &ndash; und seine silberweißen, dichten Locken liegen
-ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. &ndash; Er hat eine
-Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.</p>
-
-<p>»Wie geht's der Röse?« fragt er.</p>
-
-<p>Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.</p>
-
-<p>»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im
-Auge, »du kannst ja noch deinen Pfiff!«</p>
-
-<p>»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den
-»Budang« nannten, »das freut dich?«</p>
-
-<p>Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten
-und machten miteinander einen weiten, &ndash; weiten Ausflug
-in die gute alte Zeit.</p>
-
-<p>Und das war die beste Medizin.</p>
-
-<p>Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner
-alten Freundin in Sorgen und Bangen kam; &ndash; aber zuletzt,
-da hatte er's gefunden, was ihr wohl that.</p>
-
-<p>»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, &ndash;
-du treuer Mensch!«</p>
-
-<p>Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, &ndash;
-treu in großer, wahrer, seltener, starker Freundschaft.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_dritte_Ratsmaedel">Das dritte Ratsmädel.</h2>
-</div>
-
-<p class="chap">Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester,
-die sie wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon
-als Kinder oft in der Dämmerung sich von ihr unterhalten,
-wenn der Schnee fiel, und sie daheim still in der Familienstube
-stecken mußten. &ndash; So eine unbekannte Schwester zu
-haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch
-etwas höchst Merkwürdiges!</p>
-
-<p>Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester
-gesprochen; es war ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten
-sie sich Märchen.</p>
-
-<p>Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee
-fallen! &ndash; Sie mußten in der Dämmerung sitzen, und niemand
-durfte sie beachten; dann kam die Schwester dran,
-und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl aussehen
-könne.</p>
-
-<p>Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die
-Tochter aus des Vaters erster Ehe, und nach ihrer Mutter
-Tode von ihrer Großmutter mit nach München genommen
-worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete,
-hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.</p>
-
-<p>Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester
-Barbara schreiben gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-aus dem fernen München alle Weihnachten an den Herrn
-Vater und die Frau Mutter nach Weimar.</p>
-
-<p>Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit
-wunderlichem Schauer.</p>
-
-<p>Einmal schrieb auch die Großmutter.</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="center">
-»Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!<br />
-</p>
-
-<p>Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht,
-woraus ich sah, daß es Ihn und der Frau und den guten
-Kindern wohl und gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man
-wird ein alts Möbel, das heißt, um von mir zu reden. &ndash;
-Waberl wird groß. Sie tritt die Kindsschuh aus. &ndash; Kurios,
-was für ein ruhiges Mädel sie immer war. Grad als wenn
-meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre alte Mutter in
-Voraussicht so geboren hätte.</p>
-
-<p>Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das
-müßt' ich lügen.</p>
-
-<p>Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit
-Jahresfrist jetzt unser Quartier.</p>
-
-<p>So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.</p>
-
-<p>Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf
-dem kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹</p>
-
-<p>Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber
-es ißt doch gut wohnen. &ndash; Fünf Fenster in Front, drei
-Fenster die große Stub und zwei Fenster die Schlafstub,
-dazu Alkoven, ein kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und
-Speicher. Kurz alles, was der Mensch braucht &ndash; und das
-Glockengeläute obendrein.</p>
-
-<p>Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das
-ißt ein Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.</p>
-
-<p>Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.</p>
-
-<p>Herr Sohn mögen mir nit zürnen.</p>
-
-<p>Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm
-geraten. Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust.<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-Die Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche
-Sach und wäre dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich
-bietet, wie ißt Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind,
-und ein Gang zu guten Freunden, und ein gut Obst und
-ein gut Bier. Gottes Gaben sind verschiedenerlei.</p>
-
-<p>Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich
-ißt gut.‹</p>
-
-<p>Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil
-aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt.
-Und eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel
-zu schiegen und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der
-Herr Gott sie in seiner Laune gemacht hat.</p>
-
-<p>Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau
-daß Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen,
-damit es ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das
-Bildnis der heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den
-Hals, was bedeutet, daß sie besonders dem Schutz der heiligen
-Jungfrau anvertraut ißt.</p>
-
-<p>Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen
-sie unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen,
-aber ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie
-den weltlichen Dingen entrückt.</p>
-
-<p>Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine
-Gabe an sich, die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie
-hat eine gesegnete Hand. Und das ißt so gekommen: Ein
-Kindel in unserm Haus hatte die Fraisen und war gottserbärmlich
-geplagt. Zufällig hat die Waben das Kindel in
-die Arme bekommen und hat's umhertragen un gestreichelt
-un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und wenn's
-wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst nach
-der Waben geschickt &ndash; dann hat's sich rumgeredet und es
-sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf
-hatte, und Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch
-das Mäderl ißt gesund worden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder
-Wäsche flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und
-es kommt eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter
-und will sich von der Waben kurieren lassen.</p>
-
-<p>Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von
-Uebel sein?</p>
-
-<p>Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, &ndash;
-wenn's so still und brav dahinlebt.</p>
-
-<p>Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich
-hab' Ihm von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen,
-wie's in die Höh gewachsen ißt, &ndash; und damit Sie, wenn
-ich das Zeitliche gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu
-sich zu rufen.</p>
-
-<p>Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang
-des freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie
-von uns alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die
-liebe Frau und die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens
-verbleib'</p>
-
-<p class="center">
-dero</p>
-<p class="right">
-Großmutter.«
-</p></div>
-
-<p>Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen
-wie ein Märchen wirkte.</p>
-
-<p>Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das
-von einer Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu
-haben, die eine Mutter Gottes am Halse trug, eine katholische
-Schwester! Sie sprachen von dem fürchterlich lauten
-Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und daß sie
-mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.</p>
-
-<p>Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen
-mußte!</p>
-
-<p>Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst,
-der waren sie auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn
-sie erwarteten immer etwas Merkwürdiges von ihr. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in ihr Gebetbuch
-geschaut, &ndash; und sie hatte ihnen einmal das »Heilig« vorgesungen,
-&ndash; etwas ganz Außerordentliches.</p>
-
-<p>Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck.
-&ndash; Häulig! &ndash; Häulig! &ndash; Häulig! kam es wie aus einem
-tiefen Keller herauf.</p>
-
-<p>Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.</p>
-
-<p>Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten
-Keller &ndash; und so fort. So sang es die Magd ihnen vor,
-und sie selbst hatten es bei Spaziergängen oft zu singen
-versucht.</p>
-
-<p>Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt
-worden.</p>
-
-<p>Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die
-Weimaraner zu jener Zeit hatten von »dem Katholischen«
-keine rechte Idee.</p>
-
-<p>In Weimar gab es auch keine katholische Kirche,
-und die Magd mußte jährlich einmal nach Jena wandern
-zur großen Osterbeichte. Da kam sie ihnen vor, wie
-eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben;
-und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu
-beichten.</p>
-
-<p>Sie beneideten sie.</p>
-
-<p>Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande
-sei's gesagt, dann ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres
-als eine Predigt schienen ihnen auf der Welt nicht zu
-existieren.</p>
-
-<p>Das war das Längste.</p>
-
-<p>Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten
-ihnen zum Trost, wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige
-Blumenbouquetchen zum Mitnehmen, oder Budang schnitt
-ihnen ihre Namen besonders kunstvoll aus, oder auch gaben
-sie ihnen Malzbonbons mit.</p>
-
-<p>Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres:<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten; dann war es ein
-großes Fest neben dem Fest, denn da gingen sie alle miteinander.</p>
-
-<p>Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief
-der Großmutter erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse
-und Marie lasen auch diesen. Das war auch ein sehr merkwürdiger
-Brief. Die Großmutter schrieb:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="center">
-»Hochverehrend libswertester Herr Sohn!<br />
-</p>
-
-<p>Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.</p>
-
-<p>Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges
-Engerl zu sein, das arme Mädel.</p>
-
-<p>Herr Sohn, &ndash; 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's
-gehört, wenn der Herr Gott ein End machen will.</p>
-
-<p>Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter
-Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer,
-der mir und dem Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt.
-&ndash; Um meinet und Ihres Willen mög's nun genug
-sein. Sie pflegt mich wie eine heilige Nonn &ndash; Gott sei's
-geklagt.</p>
-
-<p>Da gibt's nix. &ndash; Ungeduld kennt's scheint's nit &ndash;
-und wenn ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.</p>
-
-<p>Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott
-geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich, geschweige
-vor ein menschlich Wesen.</p>
-
-<p>Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig
-Jahr &ndash; und so mög' es dem Herrn gefallen, mich
-baldn zu erlösen, das wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere
-und stehn ihr die Ohren voll Tag und Nacht.</p>
-
-<p>Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes
-Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das
-Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches
-halten im Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter.
-Das walte Gott.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr
-Sohn und die lieb Frau und die Kinder</p>
-
-<p class="center">
-In Todesnot und Jammer</p>
-<p class="right">
-Die Großmutter.«
-</p></div>
-
-<p>Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!</p>
-
-<p>Und sie würden nun zu »drei« sein!</p>
-
-<p>Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über
-alles Maß außerordentlich.</p>
-
-<p>Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren
-Bräutigam Ottokar Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach
-mit dem Großherzog war und auch noch bleiben mußte, zu
-Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.</p>
-
-<p>Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem.
-Sein Hauswesen sollte wie am Schnürchen gehen.</p>
-
-<p>Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit
-Bangen entgegen.</p>
-
-<p>Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich
-mein',« sagte der älteste, »wir hätten Weibsleute genug.
-Röse und Marie zählen doppelt.«</p>
-
-<p>Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber
-auch sie sah dem fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde
-es ihr bei ihnen gefallen? Würde sie mit ihren Kindern
-Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine gute Mutter
-sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen
-haben? Auch die katholische Religion machte sie besorgt.
-Es war alles gar zu fremd.</p>
-
-<p>Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand,
-keinerlei Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also
-du machst ja wohl alles und richtest es ein.« Das war
-das einzige, was er über diese Angelegenheit zu seiner
-Frau sagte.</p>
-
-<p>Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten
-das ganze Haus, vom Keller bis zum Boden, und richteten<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-miteinander das Bett der neuen Schwester in der großen
-Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.</p>
-
-<p>»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die
-Mutter. »Sie muß bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen,
-daß sie Schweres durchgemacht hat, und die traurigen Gedanken
-kommen über Nacht.«</p>
-
-<p>Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von
-ihnen verlangte, und waren des besten Willens voll.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten
-konnten. Ist sie groß oder klein, braun oder blond?
-Das waren die Fragen, die sie nicht beantworten konnten,
-denn die Großmutter hatte nie von Barbaras Aussehen ein
-Wörtchen geschrieben.</p>
-
-<p>Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.</p>
-
-<p>Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein
-Mädchen zu erwarten.</p>
-
-<p>Er wollte es so.</p>
-
-<p>Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch
-gedeckt, und ein Riesennapfkuchen stand mitten unter
-den Tassen, wie ein Berg.</p>
-
-<p>Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.</p>
-
-<p>Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen,
-aber die Mutter verbot es ihnen.</p>
-
-<p>»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«</p>
-
-<p>Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten
-Bäumen, die sich ihrer Farben, ungestört von Regen und
-Nebel, freuen konnten.</p>
-
-<p>In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober
-zur Seltenheit; gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen,
-ehe sie abfallen. Dies Jahr aber war auch ein vortrefflicher
-Zwetschgenherbst. Die Zweige bogen sich unter der blauen
-Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur standen heuer
-acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen aufmarschiert<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch
-die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die
-Magd und Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.</p>
-
-<p>Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und
-tags darauf das Rühren und Kochen im Waschkessel, von
-früh morgens bis spät in die Nacht. &ndash; Ein Hauptfest, an
-dem geschwelgt und geschleckt wurde.</p>
-
-<p>In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte
-auf der Treppe überhört.</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich
-bring' sie euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck
-im Gesicht.</p>
-
-<p>Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich,
-aber reizend, &ndash; flachsblond. Sie steckte in einem
-schwarzen, engen Kleid und trug einen großen, schwarzen
-Holländerhut.</p>
-
-<p>Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht
-gekommen. &ndash; »So ein Geschöpfchen! So ein Püppchen!«
-dachten sie.</p>
-
-<p>Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen,
-und jetzt gab sie den Schwestern die Hand und bot ihnen
-den feinen Mund zum Kuß.</p>
-
-<p>Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte
-Händchen nachdenklich zaghaft in der ihren. »Was für
-Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein Rebhuhn.«</p>
-
-<p>Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen,
-zierlich aufgesteckt.</p>
-
-<p>»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die
-Mutter; und die beiden waren doch gar nicht übermäßig
-groß. Sie schaute lächelnd auf ihre Mädchen, die ziemlich
-verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben der neuen Schwester
-standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die Schelme,
-die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie
-gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen.<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern,
-den sternklaren, dunkel bewimperten Augen, mit den um
-Stirn und Nacken ganz fein geringelten Härchen, die das
-Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit den runden
-Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen
-Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten,
-aber feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen
-Röcken so deutlich daherschritten.</p>
-
-<p>Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.</p>
-
-<p>Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu
-thun, rückten ihr den Stuhl, und Marie führte sie an den
-Tisch. Die Schwester bat, ob sie sich erst die Hände waschen
-dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und fragte dringlich
-nach einem Stück Mandelseife.</p>
-
-<p>Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.</p>
-
-<p>»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife
-geben!« sagte Marie leise.</p>
-
-<p>Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen
-Schwester wanderten sie beide hinauf in die Dachstube.</p>
-
-<p>Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.</p>
-
-<p>Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und
-Marie nötigten sie gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der
-Vater hielt auch mit.</p>
-
-<p>»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit
-diesen beiden großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er
-auf Marie und Röse, »mußt du nun auskommen.«</p>
-
-<p>Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.</p>
-
-<p>Und der Vater hatte recht!</p>
-
-<p>Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen
-und den guten Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen
-lassend, ließ sich gar nichts Treffenderes von ihnen sagen.</p>
-
-<p>»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen,
-»von eurer Wohnung aus konnte man die Alpen doch wohl
-nicht sehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«</p>
-
-<p>»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu
-gleicher Zeit. »Wie sehen die denn aus?«</p>
-
-<p>Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von
-zackigen Bergen; auch manchmal wie Wolken und manchmal
-schneeweiß, wie aus lauter Eis, und manchmal himmelblau.
-Aber nur bei schönem Wetter kann man sie sehen.«</p>
-
-<p>»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«</p>
-
-<p>»Nein, das ist zu weit.«</p>
-
-<p>Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester
-hatte so eine sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht,
-und manchmal »halt«, &ndash; das gefiel ihnen; aber sie sprach
-nur, wenn man sie fragte.</p>
-
-<p>»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was
-heilen, das wissen wir,« sagte Röse.</p>
-
-<p>Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter
-die flachsblonden Härchen.</p>
-
-<p>»Bst!« machte die Mutter leise.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um
-sich von der langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen
-Budang, Ernst von Schiller und Horny voller Neugier und
-Teilnahme, und die Ratsmädchen lieferten ihnen eine Beschreibung
-der neuen Schwester.</p>
-
-<p>»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse.
-»Ich sag' euch, so zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind!
-Gehen hört sie kein Mensch; weißt du, ihre Großmutter hat
-sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und &ndash; komisch! &ndash; einmal
-hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder
-›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel.
-Ihre alte Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«</p>
-
-<p>»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse
-beschämt. Die Orthographie war auch ihre und Maries
-stärkste Seite nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube
-schlichen, schauten sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre
-Schwester in tiefem Schlafe lag.</p>
-
-<p>»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.</p>
-
-<p>»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,«
-meinte Röse.</p>
-
-<p>Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den
-Schlaf der Gerechten schliefen, wusch und kämmte sich die
-sanfte, fremde Schwester lautlos.</p>
-
-<p>Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie
-eine Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf,
-betete ihr Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür
-und begab sich geradenwegs in die Küche.</p>
-
-<p>Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen
-wollte, fand sie die Magd und ihre neue Tochter schon in
-voller Arbeit.</p>
-
-<p>»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach
-deiner Reise!«</p>
-
-<p>»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen
-freundlich.</p>
-
-<p>Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand,
-ohne zu fragen, immer etwas zu thun.</p>
-
-<p>Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm
-das stille Mädchen die erste Stelle ein. Röse und Marie
-aber sahen die ganze Muskocherei für einen ausbündigen
-Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen während der
-Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit
-Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten
-sich auf ihre Art.</p>
-
-<p>Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und
-Zeitvertreib bei der Arbeit.</p>
-
-<p>Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen
-ihren Hausgeist »benamset« hatte. Es war auch, als wäre
-bei Rats wirklich so ein Seelchen eingezogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p>
-
-<p>Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich
-groß, wenn man bedachte, daß die von dem zierlichen
-blonden Mädchen ausging.</p>
-
-<p>Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde
-viel weniger im ganzem Hause gerufen und verlangt.</p>
-
-<p>Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist
-sauber aufgeräumt zu finden, wenn sie nach dem Frühstück
-in ihre Stube kamen, um ihre Betten zu machen. Und nicht
-nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die allersorgsamste
-Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und
-wie sie nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit,
-gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.</p>
-
-<p>Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren
-Gang.</p>
-
-<p>Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete
-freundlich, wenn es gefragt wurde, war immer gleichmäßig
-liebenswürdig, hatte aber ein ganz undurchdringliches Wesen.</p>
-
-<p>»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach
-einigen Wochen kaum bekannter mit ihr, als am ersten Tag,
-und wurden doch von ihr verwöhnt, daß es eine Art hatte.</p>
-
-<p>Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke,
-lange Haar, was bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte
-ihnen die Kleider, half ihnen nähen und schneidern und saß
-bis an die Ohren und mit einem rührenden Eifer in Röses
-Ausstattungsarbeiten.</p>
-
-<p>Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander
-durch den Park.</p>
-
-<p>Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts
-von dir. &ndash; Wir haben dich doch lieb, &ndash; erzähl doch!«</p>
-
-<p>Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an.
-»Wie denn? &ndash; Was denn?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel
-älter als wir; warst du denn nie verliebt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p>
-
-<p>»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast
-du denn nie getanzt?«</p>
-
-<p>»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon
-mitgegangen; aber ich wollt' halt net. Ich hatte Angst,
-daß die Großmutter sich verderben könnt'.«</p>
-
-<p>»Aber sonst hättst du's gemocht?«</p>
-
-<p>»O ja, warum net?«</p>
-
-<p>»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>Da war die Unterhaltung wieder aus.</p>
-
-<p>»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten
-sie nach einer Weile.</p>
-
-<p>»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren,
-und jeden Tag durfte ich in die Messe gehen.«</p>
-
-<p>Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen
-Frauenkirche, den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen,
-dem wundervollen Gesang, der mächtigen Orgel, den vielen
-Menschen, dem Weihrauchduft und den vielen, vielen Grabkugeln
-am Karsamstag.</p>
-
-<p>»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.</p>
-
-<p>»Sehnst du dich danach?«</p>
-
-<p>»Manchmal.«</p>
-
-<p>»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn
-nicht traurig darüber?«</p>
-
-<p>»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete
-sie kurz.</p>
-
-<p>»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen
-die Menschen einen trösten. Uns wenigstens kannst du alles
-sagen. Wir sagen auch alles.«</p>
-
-<p>»Bist du nicht einmal in München in der Komödie
-gewesen?« forschte Marie.</p>
-
-<p>»Ja, einmal.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«</p>
-
-<p>»Passabel.«</p>
-
-<p>»Und was sahst du denn?«</p>
-
-<p>»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar
-nimmer.«</p>
-
-<p>»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar
-nicht!« meinten sie verwundert.</p>
-
-<p>»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander
-einmal in die Komödie, wir und Budang und die andern,
-da wirst du sehen, daß es hier nicht nur ›passabel‹ ist.«</p>
-
-<p>Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren
-Streichen: wie sie mit Budang, Ernst von Schiller und
-Horny aller Nasenlang durchs Hinterpförtchen ins Theater
-geschlüpft seien, &ndash; und wie herrlich das war. Sie berichteten
-ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August, wie der sie
-beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner
-Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei
-ihrer Schwester kein besonderes Verständnis.</p>
-
-<p>Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich
-gehabt habe, trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr
-gute Frau gewesen sein mußte. Die Schwester that ihnen leid.</p>
-
-<p>Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen,
-sagten sie ihm: »Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie
-die Schwester, weil ihnen das gefiel, »ist eigentlich wie ein
-altes Weibchen aufgewachsen. Sie versteht uns gar nicht,
-das arme Ding. &ndash; Und so verschlossen wie sie ist! Weißt
-du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch
-sehr mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders
-»nett« mit ihr zu sein.</p>
-
-<p>Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen
-gemacht, als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit
-als etwas ganz extra Mitleiderregendes hingestellt hatten.</p>
-
-<p>»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter
-aus als wir.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei
-Waben zu machen.«</p>
-
-<p>»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er
-konnte sich's doch nicht verbeißen.</p>
-
-<p>Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie
-glaubten an ihn.</p>
-
-<p>In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten
-sich alle, es der fremden Schwester recht ans Herz zu legen,
-was sie schön fanden. Sie hatten sie in die »Zauberflöte«
-geführt.</p>
-
-<p>Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben
-während der Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.</p>
-
-<p>»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse
-stieß ihre Schwester leicht an.</p>
-
-<p>»Du schläfst ja!«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«</p>
-
-<p>Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah
-nur nieder.</p>
-
-<p>Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst
-du denn nicht auf die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester,
-der da singt.«</p>
-
-<p>»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres,
-als die Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«</p>
-
-<p>Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang
-zu, der hinter ihnen saß.</p>
-
-<p>Und Budang nickte dazu.</p>
-
-<p>Er sprach dann in der Pause mit Waben über die
-Musik. Sie sagte ihm: »Ich wollte, die Großmutter hätte
-die Musik bei ihrem Tode hören können, &ndash; das wär' eine
-Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«</p>
-
-<p>Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.</p>
-
-<p>»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse
-und Marie haben's erzählt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. &ndash;
-»Da gibt's kein Wort dafür! Wer das mit angesehen hat,
-den freut nichts mehr.«</p>
-
-<p>Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf
-ließ, seit sie von daheim fort war.</p>
-
-<p>Das hatte die Musik gethan.</p>
-
-<p>»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.</p>
-
-<p>»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten,
-und ich soll net mal dran denken können? Hier
-wird's einem, als wär's erst gestern geschehen, &ndash; und das
-ist gut. &ndash; Die armen Seelen brauchen unser Mitleid. Sie
-werden überall zu schnell vergessen.«</p>
-
-<p>Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der
-Abgeschiedenen.</p>
-
-<p>Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die
-armen Seelen«, das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie
-aus einem uralten Märchen. Ueberhaupt, obwohl die Waben
-ein tüchtiges und zuverlässiges Hausmütterchen war, würden
-sich die Ratsmädel nicht gewundert haben, wenn es sich
-herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist sei, ein
-armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen
-immer fremder.</p>
-
-<p>Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie
-bedrückt und kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.</p>
-
-<p>Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle
-Klosterspitzen nach einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht
-hatte.</p>
-
-<p>»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?«
-fragte Röse.</p>
-
-<p>»Wär' net übel,« war die Antwort.</p>
-
-<p>Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers
-Adele eingeladen und kam so in den Kreis der geistreichen
-jungen Damen, die alle um einige Jahre älter als
-die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie
-aber alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen
-Wittumstreppe indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt,
-Liebesbriefe waren es auch im eigentlichen Sinne des Wortes
-nicht, sondern vielmehr sprachen die jungen Damen sich
-gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen Episteln
-aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen,
-das größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die
-Treulosigkeit der beiden Schelme.</p>
-
-<p>Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte
-dieser jungen Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge;
-die Waben war nur durch die größten Ueberredungskünste
-ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles Kränzchen
-zu besuchen.</p>
-
-<p>Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu
-gehen. Die langen Zuredereien und das Drängen hörte
-von selbst auf. Sie ging still und kam still, sprach über
-nichts, was sie dort in der Gesellschaft erfahren hatte, &ndash;
-aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen gekommen
-zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei
-Rats ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter
-meinte: »Laßt sie &ndash; fragt nicht!«</p>
-
-<p>Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig
-diensteifrig.</p>
-
-<p>Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes
-Kind; wie ein Sonnenstrahl, so still und gut!«</p>
-
-<p>Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.</p>
-
-<p>Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre
-aus dem jungen, pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen
-geworden. Sie blühte wahrhaft auf und wurde jeden Tag
-reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf- und hinablaufen.
-Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und
-Röse und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das
-Haar machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie
-dazumal, als ihre Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen
-hatten, zum erstenmal im März ganz unvermutet im dunklen
-Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.</p>
-
-<p>Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern,
-die aus der dunklen Ecke kamen, erbebt.</p>
-
-<p>Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.</p>
-
-<p>So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu
-Schopenhauers gegangen, und spät abends bei Mondenschein
-und Winterkälte wandelte sie über hartgefrorenen Schnee
-am Arm eines jungen Mannes, der sie von Schopenhauers
-heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der
-Esplanade zur inneren Stadt führt.</p>
-
-<p>Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte
-das schon öfter so gethan; es war ihm zu einer angenehmen
-Gewohnheit geworden, das liebliche Geschöpf heimzubegleiten.
-Sie hatten keinen besonders weiten Weg vor sich, aber sie
-verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch nie so viel
-hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke, die
-zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern
-lag, &ndash; und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer
-Zuhörer. Bei dem hellen Mondlichte war zu konstatieren,
-daß die Waben einen durchaus nicht ungefährlichen
-Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem prächtigen
-Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken;
-dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und
-galant in der Art, wie er mit dem kleinen Persönchen sprach,
-sich zu ihr neigte und ihr Geplauder anhörte.</p>
-
-<p>Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.</p>
-
-<p>»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen
-sein! Ich fühle Ihren Arm nicht mehr als eine
-Feder.«</p>
-
-<p>»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl
-klein; aber da ist nun nichts zu machen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß
-genug sein,« erwiderte er.</p>
-
-<p>»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem
-Mädel doch Respekt haben, und sie soll ordentlich arbeiten
-können. Ich bin freilich viel stärker, als ich ausseh', gottlob!
-Sonst könnt' ich mir das Salz zum Brot net verdienen.«</p>
-
-<p>»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«</p>
-
-<p>»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim
-schlafen und essen, wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's
-verdient? Was denken Sie denn? Halten Sie uns Mädel
-für Tagediebe? Oder für was denn?«</p>
-
-<p>»Sie sind so tapfer, &ndash; so tüchtig, &ndash; so anders, als
-die Mädchen gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein
-wirkliches Menschenkind, Sie Elfchen?« sagte er zärtlich.</p>
-
-<p>»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine
-Schwestern nicht?«</p>
-
-<p>»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit
-vier Wochen hier, aber Ihre Schwestern hab' ich nun noch
-immer nicht kennen gelernt.«</p>
-
-<p>»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide
-so fleißig und tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen
-Tag zu lachen gibt, &ndash; und so wunderschön! Wissen Sie,
-sie sind das Schönste und Beste, was es auf Erden gibt.«</p>
-
-<p>»Die eine ist verlobt?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ja, die Röse. &ndash; Sie glauben nicht, wie gut sie mit
-mir waren, vom ersten Augenblick an, wie große Kinder.
-Sie sind so freundlich, wie halt eben nur Kinder sind.«</p>
-
-<p>»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen.
-Sie erlauben mir, Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern
-meine Aufwartung mache?«</p>
-
-<p>Die Wangen des Mädchens glühten.</p>
-
-<p>»Gewiß!« sagte sie.</p>
-
-<p>Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-sie. An seinem Arme wußte sie das nie. Er sprach so
-zärtlich. Das war wie himmlische Musik. Gott, daß es
-solches Glück auf Erden gab!</p>
-
-<p>Jetzt standen sie an der Hausthür.</p>
-
-<p>»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus
-im Schlosse. Sie sind mit bei dem großen Aufzug.«</p>
-
-<p>»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen
-wir uns die Schwestern doch miteinander anschauen. Sie
-finden mich auch auf der Galerie; ich beschütze Sie, und ich
-verteidige einen Platz für Sie.«</p>
-
-<p>Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.</p>
-
-<p>»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«</p>
-
-<p>»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes
-Mädchen! Sie sind so gleichmütig!«</p>
-
-<p>»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie
-lächelnd und schloß dabei die Thür auf.</p>
-
-<p>Er wollte etwas darauf entgegnen.</p>
-
-<p>»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand
-zum Abschiede. »Man muß der Wahrheit die Ehre geben.
-Ich bin schon ein bisserl langweilig.«</p>
-
-<p>»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.</p>
-
-<p>»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«</p>
-
-<p>Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen,
-dunklen Hausflur und hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben
-im Kirstenschen Hause und in der ganzen Stadt Weimar,
-denn es war der große Tag, an dem abends im Schlosse
-der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der Kaiserin-Mutter,
-Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.</p>
-
-<p>Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim,
-nichts weiter gehört und gesehen, als Vorbereitungen zu
-diesem großen Feste. Allen schönen und weniger schönen<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Mädchen und Frauen aus der weimarischen Gesellschaft war
-das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer Kaiserin
-sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische
-Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes
-bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem
-Pathos in jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas,
-ohne Ende dasselbe, immer wieder von Anfang an; unermüdlich,
-zum Haarausraufen. Jeder und jede war wochenlang
-von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden bedeutenden
-Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten,
-wie von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren
-gab eine gewisse Beruhigung.</p>
-
-<p>Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von
-den Proben, die Goethe selbst überwachte.</p>
-
-<p>Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm
-gespreiztes Ansehen bekommen, wie noch nie etwas
-derartiges zu stande gekommen war. Die weimarische Glorienzeit
-sollte darüber liegen wie eine schwere, duftende Weihrauchwolke;
-die Weimaraner sollten in ihrer eigenen Herrlichkeit
-wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.</p>
-
-<p>Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des
-Riesenreiches produzieren!</p>
-
-<p>Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete,
-was für Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm
-ausgebrütet worden war.</p>
-
-<p>Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen,
-ungeschickten Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.</p>
-
-<p>Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug
-daran gewesen sein, die Hoffnung und die Geduld zu verlieren;
-denn was die Weimaraner thaten, und wie sie
-sprachen, war natürlicherweise himmelweit von seinem Ideal
-entfernt.</p>
-
-<p>Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-welche Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den
-<span id="corr061">Weimaranern</span> ihr geliebtes Deutsch in einigermaßen richtigen
-Lauten beizubringen.</p>
-
-<p>Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte
-es sich um hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll
-Seine Excellenz sich in der Verzweiflung mit einem Kuß
-geholfen haben, von dem er wohl hoffen mochte, daß er
-begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten O
-und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.</p>
-
-<p>Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp
-auf die Beine zu bringen!</p>
-
-<p>Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat;
-aber niemand verstand ihn zu tragen.</p>
-
-<p>Einzig und allein Seine Excellenz selbst.</p>
-
-<p>An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu,
-es wird schon gehen!« wie es schließlich dann immer heißt
-und heißen muß.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll
-zu thun, &ndash; und that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen.
-Sie befand sich wohl, wie eine Amsel im April. Sie wußte
-zwar kein Wort ihres Anbeters, das direkt von Liebe gehandelt
-hätte, &ndash; aber wozu?</p>
-
-<p>Der Klang seiner Stimme, &ndash; die Art, wie er alles
-sagte, wie er ihr die Hand gab, &ndash; das sprach so eine nie
-gekannte Sprache. Sie wußte sich geliebt! &ndash; Ja, sie
-wußte es!</p>
-
-<p>Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend,
-so unbestimmt, beängstigend.</p>
-
-<p>War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? &ndash;
-Nein, &ndash; nein, &ndash; nein! Gewiß nicht!</p>
-
-<p>So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.</p>
-
-<p>Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.</p>
-
-<p>Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause
-hoch her.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren;
-so etwas Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara,
-als wäre sie in eine andere Welt versetzt, zum erstenmal in
-den Sonnenschein.</p>
-
-<p>Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren
-und hatte auch etwas zu sagen, große, getragene Worte, die
-sie feierlich und ruhig zu sprechen verstand.</p>
-
-<p>Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht,
-bis das Ganze tadellos gelang.</p>
-
-<p>Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie
-von der Schönheit ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die
-jungen, weißen, vollen Glieder, das schneeweiße Gewand,
-das herrliche Gesichtchen, die lebendigen Augen, die schöngezeichneten
-Augenbrauen, die ihr so etwas Vornehmes,
-Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken
-Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die
-Kniee fiel und sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte
-und um die kindliche Stirn. Es war ein so anmutiges Haar!</p>
-
-<p>Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer
-Schwester gleich gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen
-vor, war aber auch, wie Marie, eingewickelt in ihre bräunliche
-Haarflut.</p>
-
-<p>Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.</p>
-
-<p>Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben,
-daß du nicht mitkannst! Wie jammerschade!«</p>
-
-<p>In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen,
-lustigen Wünsche zu regen.</p>
-
-<p>Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!</p>
-
-<p>Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie
-alle Herrlichkeiten, die es zu sehen geben würde, zusammen
-genießen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der
-aus man in den großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr
-Beschützer war schon da und hatte in der vordersten Reihe,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-neben sich, ihr einen Platz gegen die andrängenden Neugierigen
-verteidigt.</p>
-
-<p>Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.</p>
-
-<p>In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von
-den Hunderten von Wachskerzen, und sie sahen von ihren
-dämmerig beleuchteten Plätzen in einen schwarzen Abgrund
-hinab; aber die Waben und ihr Begleiter unterhielten sich vortrefflich
-miteinander, wie sich das leicht denken läßt. Die
-Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.</p>
-
-<p>Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der
-Kerzenanzünder gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit
-auftauchten, und wie die Flammen an den Zündschnürchen,
-was das Neueste war, von Licht zu Licht hüpften
-und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel
-erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer
-Viertelstunde alles glänzte und funkelte, ein ganzes Meer
-von Licht!</p>
-
-<p>Personen schritten geschäftig hin und her durch den
-Saal, anordnend oder Umschau haltend.</p>
-
-<p>Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt.
-»Der Oberhofmarschall!« hieß es, &ndash; »da, &ndash; &ndash; da, &ndash; &ndash;
-da! Da ging er eben!«</p>
-
-<p>Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die
-Hälse wurden gereckt. &ndash; Jeder Lakai wurde angestarrt.</p>
-
-<p>Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. &ndash;
-Sie blühte neben ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach
-langem trüben Regenwetter, wenn ihn ein paar Stunden
-warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie offen sie sprach!
-Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor ihm
-ausgebreitet.</p>
-
-<p>Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte
-das auch nicht. Sie hatte nichts zu geben und mitzuteilen
-als ihre Vergangenheit, &ndash; gar nichts weiter, &ndash; und diese
-Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. &ndash; Er fragte,<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-und sie antwortete. Sie vertraute. &ndash; Jubelnd empfand
-sie zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.</p>
-
-<p>Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin,
-dachte besonnen, daß sie eine gute, kommode Frau abgeben
-würde, und erwog dies hin und her, während sie eifrig schwatzte.</p>
-
-<p>»Aus guter Familie ist sie, &ndash; mitbekommen thut sie
-sicher auch etwas. &ndash; Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich
-unschuldig, ein durchaus bequemer Charakter.«</p>
-
-<p>So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen
-geht und Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.</p>
-
-<p>Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war
-er erst in Weimar angelangt, war hier zu einer guten Stellung
-gekommen, und seine Absicht ging dahin, sich mit einer
-alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu verschwägern.</p>
-
-<p>Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem
-blanken Parkett des riesigen Saales wie in einem stillen See.</p>
-
-<p>Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere,
-helle Saal hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte
-Gäste gekommen. Oben auf der Galerie reckten
-sich abermals die Hälse. Es wurde wieder eifrig getuschelt.
-Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je mehr es
-sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte
-und farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe
-mit griechisch aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder
-Art, auf hohe, schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße
-Hälse und Arme, enge Kleider mit langen Schleppen, Fräcke
-und Uniformen, Lakaien und hohe Würdenträger, &ndash; ein schillerndes,
-bewegliches Durcheinander.</p>
-
-<p>Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar
-parfümiertes Lüftchen nach oben.</p>
-
-<p>Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen
-Saal war gelblich warm.</p>
-
-<p>Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, &ndash; etwas
-Berauschendes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem
-weißen Saal gar nicht genug wundern.</p>
-
-<p>Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die
-fremden Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte
-Ceremoniell, &ndash; die große Feierlichkeit, die große Vornehmheit!</p>
-
-<p>Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte
-Geschichte hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so
-etwas wirklich noch existierte! Ein bißchen komisch erschien
-es ihr, &ndash; ein bißchen ernsthaft, &ndash; ein bißchen schaurig,
-aber hauptsächlich sehr amüsant. Die einzelnen Personen
-interessierten sie gar nicht, nur das Ganze. Sie hörte kaum
-darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute bezeichnete.</p>
-
-<p>Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war
-der weimarische Pomp wirklich auf die Beine gebracht! Da
-lag die weimarische Glorienzeit wirklich wie eine duftende
-Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft feierliche
-Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat
-ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende
-Musik und große Worte, und ein Schimmern und
-Auftauchen und Ziehen und Kommen und Verweilen, &ndash; eine
-Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.</p>
-
-<p>Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem
-großen, feierlichen Pomp am Schlafittchen nehmen lassen.
-Sie gehörten sich nicht mehr selbst. Es war etwas in sie
-gefahren, was sie begeisterte.</p>
-
-<p>Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner,
-sie sprachen nicht mehr wie die Weimaraner. Es war etwas
-Außerordentliches.</p>
-
-<p>Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem
-Aermel. »Meine Schwester! Meine Schwester!« sagte eine
-weiche, leise Stimme ganz erregt. »Sehen Sie, meine
-Schwester!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt
-gerade vor der Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die
-Goetheschen Worte; das gute Ratsmädel leuchtete dabei
-wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit. Sie bewegte
-sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als
-wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne
-Gesicht und die Arme und der Hals und das weiße Gewand
-strahlten.</p>
-
-<p>Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit,
-der Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes.
-Es lag etwas Heiteres, etwas Frohlockendes über die Gestalt
-gebreitet. &ndash; Aller Augen sahen auf sie.</p>
-
-<p>»Das ist Ihre Schwester?«</p>
-
-<p>Die Waben lächelte.</p>
-
-<p>»Die verlobte?« fragte er.</p>
-
-<p>»Nein!«</p>
-
-<p>»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des
-jungen Mannes wie ein Seufzer.</p>
-
-<p>Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick
-seiner Augen sich an ihre Schwester heftete.</p>
-
-<p>Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte,
-so männlich und gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.</p>
-
-<p>Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie
-nieder. Es war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas
-anderes, &ndash; etwas Schwereres.</p>
-
-<p>Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas
-Schreckliches schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es
-war ihr, als wenn ihr Blut aufhörte zu fließen, als wenn
-eine Spange sich ihr fest um den Hals legte, als wenn das
-Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte, weiter zu
-schlagen.</p>
-
-<p>Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig,
-so arm. Wie hatte sie nur denken können, &ndash;
-daß&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen
-Gedanken. Wie große, graue, schwere Steinplatten kamen sie
-ihr vor, die langsam auf sie drückten und sie tief in den
-Boden hineinpreßten, ganz langsam und schmerzlos, &ndash; aber
-entsetzlich.</p>
-
-<p>Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer
-Schwester. Sie wartete, daß er sie wieder anreden würde,
-und sie schaute alles im voraus.</p>
-
-<p>Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon
-geschehen.</p>
-
-<p>Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig
-klingen würde. Sie sah und verstand das alles so
-tief, so klar, so anders, als sie sonst nie verstand und
-begriff.</p>
-
-<p>Ja, &ndash; und so kam es denn auch, ganz so!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, &ndash; aber
-wie ausgelöscht. Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles
-so grau, so fahl, &ndash; alles so gleichgültig, &ndash; so erstickend, &ndash;
-so weh! &ndash; Sie wollte gehen. Sie hatte genug gesehen;
-aber er redete ihr zu, zu bleiben.</p>
-
-<p>Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren
-beiden Schwestern. Er war außerordentlich gnädig und
-schien an den beiden schönen Mädchen großes Gefallen zu
-finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie
-sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen,
-von ihrem gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause;
-von der Schaukelei auf der schmiedeeisernen Thür an der
-Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen Theaterbesuchen, von
-der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf dem Vogelschießen,
-was ich alles ausführlich berichtet habe.</p>
-
-<p>Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher
-großes Wohlgefallen aneinander gehabt.</p>
-
-<p>»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich
-aus!« sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-und ganz versunken, nur Augen für das wunderschöne Mädchen
-unten im Saale behaltend.</p>
-
-<p>Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.</p>
-
-<p>Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat
-war noch auf und sagte: »Warte, mein armes Bärbelchen,
-du sollst mir nicht immer Zuschauerin bleiben! Glaube das
-nicht.«</p>
-
-<p>Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und
-schlief wie betäubt ein und wachte auf, als lägen noch
-immer die schweren Steine auf ihr.</p>
-
-<p>Und so blieb es.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer
-und Teilnehmerinnen am Zug bei der Oberhofmeisterin.</p>
-
-<p>Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern
-aus indischer Seide, die sie von Röses künftiger Schwiegermutter
-bekommen hatten. Dazu trugen sie goldene Gürtel
-und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen Haar.</p>
-
-<p>Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten
-köstlich herab. Die Waben half ihren beiden Schwestern
-beim Anziehen.</p>
-
-<p>Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner
-als gestern.«</p>
-
-<p>Und das waren sie auch.</p>
-
-<p>Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen
-selbst ganz feierlich gestimmt, wie die eine die andre so ansah.</p>
-
-<p>Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den
-Zug nicht mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen
-anzuschauen. Die Lichter unter dem grünen Seidenschirm
-waren angesteckt, und die beiden Mädchen gingen im Zimmer
-umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.</p>
-
-<p>Die Kameraden verhielten sich einsilbig.</p>
-
-<p>Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-so Bekanntes, Vertrauliches, süß Freundschaftliches, &ndash; und
-doch so Entrücktes.</p>
-
-<p>Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer
-beengend auf dem Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl
-zu Mute.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe
-spät zum Frühstück kamen, schenkte die Waben ihnen ihre
-Milch ein.</p>
-
-<p>Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn
-bei Kirstens irgend etwas Besonderes los war, einen Kuchen
-geschickt, und in diesen Kuchen aßen Röse und Marie sich
-in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief ein, wie ein
-paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben
-ihre Erlebnisse.</p>
-
-<p>Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange
-die Welt steht, zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende
-Dinge, die das Geschöpf triumphieren lassen im glückseligen
-Machtgefühle.</p>
-
-<p>Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und
-fischten nach den Rosinen darin.</p>
-
-<p>Und während sie im besten Plaudern waren, brachte
-die Magd einen vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz
-Unbegreifliches zu dieser Winterszeit, und sagte: »Eine schöne
-Empfehlung an Fräulein Marie.«</p>
-
-<p>Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.</p>
-
-<p>Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen
-das Wunder in Empfang.</p>
-
-<p>»Ach Marie!« jubelte Röse auf.</p>
-
-<p>Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, &ndash; ein paar Lippen
-zitterten wie in namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt
-ging unhörbar zur Thür hinaus, ohne daß jemand darauf
-geachtet hätte.</p>
-
-<p>Das war von <em class="gesperrt">ihm</em>!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p>
-
-<p>Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das
-hatten sie ja schon erzählt. Wie war er denn nur hingekommen?
-Er hatte es eben möglich gemacht, dachte die
-Waben dumpf.</p>
-
-<p>Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, &ndash; das
-war es, &ndash; das erst hatte ihr schneidend weh gethan!</p>
-
-<p>»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt
-der alte Paracelsus.</p>
-
-<p>Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen
-bei verschlossener Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz
-zwischen den zitternden Fingern und hatte sich das
-Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl gelehnt und hielt
-Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen Gottesdienst.</p>
-
-<p>Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen
-Orgelbrausen in ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen
-der Geistlichen bei der großen Messe; sie sehnte sich
-nach den prachtvollen Meßgewändern, klangvollen Worten
-und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und den
-gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden
-Gewölben.</p>
-
-<p>Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf
-Orgelbrausen und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter
-Gottes zu Füßen gestürmt. Aber so, in dieser Kahlheit hier,
-da hob der Schmerz sich nicht zum Himmelsflug, sondern
-drückte und drückte und wurde wieder zur grauen, schweren
-Steinplatte, die sie ganz begrub.</p>
-
-<p>Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen,
-stillen, dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus
-und schluchzte laut.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen
-selbst gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der
-Schwestern erkundigt. Das Befinden war vortrefflich. Sie
-waren lustig und guter Dinge. Röses Bräutigam erschien<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-auch, und die beiden schönen Paare standen auf ihrer Lebenshöhe,
-denn auch Marie war ganz entzückt von dem begeisterten,
-wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in sie
-verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem
-Kirstenschen Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne
-Menschen in voller Jugend, die nur von den besten, schönsten
-Dingen sprachen und dachten und träumten, die Feste beredeten
-und Ausflüge und allerhand Vergnügungen und
-Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.</p>
-
-<p>Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher
-Freund sie, leicht befangen, als alte Bekannte, &ndash; that es
-aber mit gutem Gewissen, denn das große Liebesfeuer, das
-jetzt in ihm brannte, hatte das kleine, bedächtige Flämmchen,
-das für die zarte Waben geglommen hatte, vollständig verschlungen.</p>
-
-<p>Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens
-gesagt, gethan und geblickt hatte, davon wußte er wohl
-nichts mehr.</p>
-
-<p>»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.</p>
-
-<p>»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.</p>
-
-<p>Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer
-schon wieder hell empor.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen,
-wie dunkles Wasser.</p>
-
-<p>Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.</p>
-
-<p>Sie liebte ihn so sehr!</p>
-
-<p>Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter
-den glücklichen Menschen vor.</p>
-
-<p>Das ging so ein paar Tage fort, &ndash; so hilflos,
-so über Bord geworfen fühlte sie sich! &ndash; Dann hatte
-sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich ein Herz und bat:
-»Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur Beichte
-fahre?«</p>
-
-<p>Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Es faßte sie wie die Sehnsucht nach einer alles verstehenden
-Mutter, die durch und durch sieht, alles weiß und voller
-Hilfe und Liebe ist.</p>
-
-<p>Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen
-Postkutsche, und der Postillon blies ein Stückchen,
-das zu Herzen ging; so ein echtes, rechtes Postillonstück,
-das die alte lederne Kutsche zu einem lebendigen Ding
-macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen auszieht
-und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen
-durch die dunklen Straßen fährt &ndash; und die Schläfer weckt &ndash;
-und ihnen das Herz bewegt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen,
-heitern Bergen umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest
-hockt, mit spitzen grauen Giebeln und spitzen Dächern, da
-fand sie in der kleinen, uralten, geheimnisvollen Kirche, die
-zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das Orgelbrausen, die
-Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, &ndash; das
-Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da
-durfte sie auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh
-anvertrauen. Und die Weihrauchwolken und die Orgeltöne
-waren wie breite Flügel, auf die sie ihren Jammer niederlegte,
-und die mit ihm höher flogen, und höher und höher,
-immer höher.</p>
-
-<p>Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und
-einem alten, ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und
-beschuldigte sich.</p>
-
-<p>Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende
-mit dieser Liebe kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte
-und glücklich sein wollte.</p>
-
-<p>Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte
-sie. Er sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung;
-er sprach von der Seligkeit des großen Ueberwindens,
-von der reinen Freiheit der freien, ruhigen Seele,<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht beunruhigt,
-mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen
-gönnend, &ndash; nichts wollend selig.</p>
-
-<p>Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen,
-ascetischen Worte zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt
-hatte gegen das »Ueber Bord Geworfensein«, die genießen
-und leben wollte.</p>
-
-<p>Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos
-gedemütigt. &ndash; Sie wollte nur Hilfe und streckte die
-Hände aus und nahm, was man ihr gab: die große, schwere,
-ernste Gabe.</p>
-
-<p>Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete
-sich auf, und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.</p>
-
-<p>Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in
-Weimar wieder ein; der Postillon blies und weckte die
-Schläfer.</p>
-
-<p>Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes
-Wesen und ging durch enge Gassen und Straßen.</p>
-
-<p>Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus
-in der Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen
-Schwestern stand und die beiden Mädchen fest schlafen
-sah, kniete sie nieder und faltete die Hände, und es war
-ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen langsam in das
-tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie
-weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas
-so unsagbar Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes.
-Und es ward ihr weich und weit ums Herz, so frühlingshaft,
-so werdend, als wenn von einem großen, wunderbaren
-Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das
-Beste auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es
-gibt noch etwas, etwas so geheimnisvoll Unergründliches,
-was größer als Glück und Unglück ist, was über allem
-steht, &ndash; etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt
-einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner
-Größe erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle
-Glückseligkeiten.</p>
-
-<p>So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig
-beleuchtete Stube drei Bräute: zwei glückselige, schlafende,
-irdische Bräute, &ndash; und eine süße, kleine Himmelsbraut,
-mit lichtem, klarem Herzen; eine Himmelsbraut, auch wenn
-sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern hier zu bleiben
-gedachte, in diesem glücklichen Hause.</p>
-
-<p>Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in
-der Freude unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, &ndash;
-nichts wollend selig.</p>
-
-<p>Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p>
-
-<h2 id="Kusswirkungen">Kußwirkungen.</h2>
-</div>
-
-<p class="chap">Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus
-gegenüber liegt, da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel
-mit allerlei Schwänken in der Wünschengasse ihr Wesen
-trieben, und Apothekers von ihrem Erker, den ein buckliges
-steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach den
-Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können,
-und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke
-und mit dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die
-Fabianen und die Kummerfelden und die Kameraden der
-Ratsmädchen, Budang, Horny und Schillers Aeltester
-vorüberwanderten, und es überhaupt von all den alten Weimaranern,
-von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig
-ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und
-weiser Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner
-Gemahlin, einer kleinen statiösen Dame, und seiner Haushälterin.</p>
-
-<p>Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles
-blitzblank, vom messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen
-an der Flurthür, bis zu dem messingenen Vogelkäfig
-an dem Fenster über Madame Tiburtsius' Arbeitstischchen,
-und bis auf den letzten Messingnagelknopf in der
-Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die
-der Reihe nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten,
-der Mutter der Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden
-und auch bei Fräulein von Knebel im Schloß, der Erzieherin
-der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und noch einigen
-andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte
-und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne,
-die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen,
-winters in die Stadtkirche nachgetragen wurde und
-die jetzt im Flur hing. Die Kaffeekanne, aus der Herr und
-Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen tranken, blendete
-die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie stand, warf
-ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und
-ließ grelle Lichtringel tanzen.</p>
-
-<p>Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer
-an, das, wenn man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen
-gehörigen Putzlappen, die ganze liebe Erde reingefegt haben
-würde. Dieses Frauenzimmer war eine trockene, hagere
-Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie mit ihren
-beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter
-Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken
-laufen ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes
-Hand mit samt ihren Eimern hervorgegangen, da schauten
-die Hausfrauen, die mit ihren Strickstrümpfen und in großen
-Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich nach ihr aus und
-seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus, der da
-sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.</p>
-
-<p>Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten,
-wie sie wollten, sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen
-doch nichts.</p>
-
-<p>Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt,
-eher hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen
-gedacht, als daß Kathrine von ihrem Dienst in einen andern
-getreten wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter
-von Madame Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der
-alten Dame die messingene Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt,
-aber immer noch blinkend, im Flur hing, mit dem Feuerstörer,
-dem Gesangbuch, dem Lederkissen in die Stadtkirche
-nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit ihren
-Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius
-mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen
-solchen Treubruch gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als
-wäre sie sein angetrautes Weib gewesen und nicht die Köchin
-und Haushälterin der Madame.</p>
-
-<p>»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.</p>
-
-<p>»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn
-sie in Eifer kam über irgend etwas, was ihrer Meinung
-nach der Herr Gemahl hätte unterlassen können.</p>
-
-<p>Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und
-mit der Madame, trotz aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit,
-sich von ihnen und ihren Messingkäfigen, Messingknäufen,
-Messinghandhaben, Messingkesseln, Messingofenthüren,
-Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem
-messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus
-nicht so ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause
-hantieren und auf den Markt gehen, so hätte man glauben
-sollen, solche unanfechtbare, bewährte Sauberkeit, die könnte
-nur in allertiefstem Frieden gedeihen, in einer Harmonie,
-von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung machen
-kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel
-der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger
-noch Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub,
-noch etwas Versalzenes, Angebranntes, Gesäuertes, noch
-Mißverständnisse aller Art, Zank mit Handwerkern, Tauwetter,
-Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde
-und Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf
-Nachmittagvisiten gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-noch Kinder mit schmutzigen Schuhen und Musbröten.</p>
-
-<p>Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf
-Erden. Es ging nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte
-Glanz, der über allen Dingen lag, war nichts weiter
-als was sich eben mit unermüdlichen Fäusten erreichen ließ.
-Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu schlucken, so
-viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.</p>
-
-<p>Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von
-Reinlichkeit und Sauberkeit &ndash; aber im Kern dieser Wolke,
-da saß der Rat und paffte und steckte in einem schmierigen
-Schlafrock und in ausgeschlappten Filzschuhen und häufte
-Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf seinen Schreibtisch
-und rührte all dieses untereinander und streute Schnupftabak
-darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich
-die Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen
-auf die Akten, daß der Puder stäubte und sich mit dem
-Schnupftabak und Rauchtabak und der Asche und den Dochten,
-die er immer aus der Lichtputzschere fallen ließ, auf seinem
-Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren Selbstgesprächen)
-zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.</p>
-
-<p>Das war ein Kreuz und ein Elend &ndash; und dies vor
-den Augen der Welt zu verbergen, war Rats Kathrine ihre
-erste Sorge, da war kein Opfer und keine Mühe groß
-genug.</p>
-
-<p>Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als
-eine Lüge zu verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine
-Lüge zu glauben und glauben zu machen, eine Lüge am
-Leben zu erhalten, für eine Lüge zu leben und zu sterben.</p>
-
-<p>Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre
-ein Wunder von Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe
-und dergleichen löblichen Eigenschaften mehr. Das hatte sich
-Kathrine in den Kopf gesetzt, und nicht nur Kathrine, sondern
-das rechtmäßig angetraute Weib auch ebenso. Armer Rat,<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller Unschuld,
-wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter
-dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der
-Tuchbürste und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden
-über dich herfuhr wie ein Hagelwetter, vom Kragen auf den
-Rock mit der sanften Bürste und der harten Bürste in blitzschneller
-Abwechslung &ndash; und wenn, von den Bürsten angelockt,
-sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit
-sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste
-eilig ankam, um dir das Perückchen frisch zu stäuben und
-dein Zöpfchen zwischen den Fingern zu nudeln &ndash; und dann
-das Bürsten von neuem begann &ndash; wild und eifrig, damit
-um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles
-in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!</p>
-
-<p>»Und die Finger, Gustävchen &ndash; und die Finger und
-das Fazeterl?</p>
-
-<p>»Die Finger &ndash;, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche
-Stimme &ndash; so ein bißchen eine fette Stimme und ein wenig
-schnarrend.</p>
-
-<p>Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da
-war es dir ein wenig schwindlig &ndash; da wackeltest du mit
-dem Kopfe ein ganz klein wenig über diese Weibsbilder;
-aber nicht etwa so stark, daß man es mit unbewaffneten
-Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe
-nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir
-nach und öffnete das Schiebfensterchen und rief einmal wie
-allemal: »Aber Gustävchen, pünktlich zum Essen &ndash; damit
-wir den Nachmittag vor uns haben &ndash; Gustävchen!«</p>
-
-<p>Und dann gingst du in deine Sitzung &ndash; da warst du
-ein freier &ndash; ein großer Mensch.</p>
-
-<p>In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch
-in den Teich, wenn du nur das Bild nicht übelnehmen willst!<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-Da kam dir nichts nach &ndash; gar nichts, da mußte alles draußen
-bleiben, unwiderruflich &ndash; alles, alles. Ueber die Schwelle &ndash;
-ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das war
-eine vortreffliche Einrichtung!</p>
-
-<p>Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz
-eigenartig, da war es dir zu Mute wie dem Schneck, der
-sein Haus irgendwo hat stehen lassen aus Vergeßlichkeit,
-wenn einem Schneck so etwas passieren könnte, und der sich
-nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus geschehen
-ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben &ndash;
-oder ob was hineingekrochen ist.</p>
-
-<p>Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat &ndash; das weiß
-ich, und du würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb
-gewesen, wenn du nicht gewissermaßen nackt und bloß in
-die Sitzung hättest gehen müssen, sondern wie der Schneck
-dein Haus, dein Eigentum hättest überall mitnehmen können;
-wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in die
-Sitzung gehen können &ndash; das wäre schön gewesen! Der
-aber hat zu Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.</p>
-
-<p>Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten
-in einem solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist,
-nicht hineinpaßt; daß ein Misthaufen entfernt werden muß,
-und daß es Hände gibt, die das unwiderruflich thun werden,
-wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie Kathrine sagt.</p>
-
-<p>Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und
-es empfing dich so eine angenehme wohlbekannte Luft, eine
-eigentümliche Oede &ndash; fremd starrte dich dein Zimmer an,
-wie eine Wüste dein Schreibtisch, die Dielen naß, kalt,
-fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch vermischt,
-der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft
-ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von
-Gelehrsamkeit, Schnupftabak, Rauchtabak, Asche und Staub
-zerstört, das Behagen verscheucht &ndash; das hast du oft durchgemacht,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft, gezankt,
-aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin wie
-eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine
-Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut
-einfach ein, quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.</p>
-
-<p>Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du
-thun; du warst machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen
-beiden Wärtern, die ihn seelenruhig toben, schreien, zappeln
-lassen, bis der Anfall vorüber ist, und sich sogar verständnisinnig
-in ihrer Roheit über das Gethu des armen Narren
-zulächeln.</p>
-
-<p>Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du
-ein armer Narr. &ndash; Glaub's nur, Herr Rat.</p>
-
-<p>Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie
-nichts, und wie sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin
-deine Gelehrsamkeit ihnen einbrachte, darüber zerbrachen
-sie sich auch den Kopf nicht.</p>
-
-<p>Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige
-Feuerstelle, die die Flamme deines Geistes erzeugte, und
-hielten das für einfache Schmutzerei.</p>
-
-<p>Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die
-Kathrine nicht, weil sie Blankheit für wichtiger als Luft,
-Atemholen, Essen und Trinken ansah, und die Frau Rätin
-nicht, weil sie immer Besuch und Visiten erwartete &ndash; und
-die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.</p>
-
-<p>Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem
-Gläschen Wein und Kringeln. So waren Besuch und Visiten
-voneinander zu unterscheiden bei Frau Rätin und Kathrine.
-Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das war der zweite
-schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht nur
-auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige
-Frau, die bei sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn
-eines im Hause sauertopft, das sollte mir fehlen, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-mich über meinen Nähtisch setzte, wie mein Rat über seinen
-Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte. Gott bewahre.«
-Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen,
-dem kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der
-strammen, kugelrunden Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen
-konnte, daß alles an ihr schwabberte und schwabbelte, die
-wollte das Leben genießen und genoß es.</p>
-
-<p>Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte
-und junge, und war überall dabei und machte alles mit.
-Vormittags hielt sie sich, wie es einer guten Hausfrau geziemt,
-leidlich daheim, flickte, schaute der Kathrine nach, machte
-mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer, sobald
-er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs
-und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die
-Morgenstunden herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit
-einem grilligen Mann am Schreibtisch in Weimar und anderswo
-je hingebracht hat. &ndash; Aber am Nachmittag!</p>
-
-<p>»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.«
-Das rief sie nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem
-Schiebfensterchen nach, wenn er sich in die Sitzung aufmachte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten
-her von allen, die rings um den Marktplatz wohnten.</p>
-
-<p>Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit
-teil, da floß Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie
-ein lustiges Bächlein. Bei Rat Tiburtsius' aber ging der
-Geselligkeitstrieb, der Trieb nach Festlichkeit und Lustbarkeit
-von einem einzigen fetten Weibchen aus, das sich breit und
-wichtig machte.</p>
-
-<p>Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres
-Herzens. Sie kamen zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen.
-Ehe die Stiegen noch trocken waren, tappten kleine und<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-große Füße darauf herum und schleiften den Straßenschmutz
-wieder herein.</p>
-
-<p>Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige
-Nählehrerin, die am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen
-wohnte, kam angehatscht durch dick und dünn, bei
-jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar oftmals
-Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ
-sie dann auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so
-hießen ein paar kleine Häuser am Lottenbach, fallen, hatte
-aber nicht viel genutzt, und so zierlich sie ging, die Alte,
-ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren Kreuzbänderschuhen
-immer noch mit.</p>
-
-<p>Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die
-Fabianen, die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie
-jeden Winter, den Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte
-und die Raben fütterte mit allerlei, was sie bei
-den guten Freunden eingesammelt hatte, worauf sie mit ihren
-großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie ein Rieseneiszapfen,
-zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren
-unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer
-hing, so daß beim Auftauen die Bäche davon herabrannen.
-Und ihre Freundin, die winzige Mamsell Muskulusen mit
-der dicken Perücke, und die wunderschöne Rätin Kirsten mit
-ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers, und der
-Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu
-vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von
-Schiller und Horny und Herr und Frau Egidi, ein junges
-Ehepärchen, und zu feierlicheren Gelegenheiten Madame
-Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs, die ganze
-schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon,
-August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. &ndash;
-Wer sie alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer
-lustigen Weimar, die fleißig bei der dicken kleinen Frau
-Tiburtsius aus und ein gingen und Kathrinens guten Kaffee<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-tranken und die guten Kuchen aßen, die sie buk, und die
-Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen Brotschnittchen
-&ndash; und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von
-Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen,
-so lange, bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das
-Nachsehen hatte.</p>
-
-<p>Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der
-Thür von Herrn Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch
-an der blinkenden Küche von Kathrine. Sie wußten gar
-wohl die Sachlage zu beurteilen; aber das störte sie nicht,
-durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas Anregendes.
-Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in
-die schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau
-trat, da wurde er gescholten und liebenswürdig gehänselt und
-zwischen zwei schöne Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter
-spielen. Und brauchte man sein Arbeitszimmer zu
-lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu irgend
-einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte
-dann irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der
-Apotheker, oder Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend
-so eine Art Witz machten sie stets, gewöhnlich denselben.</p>
-
-<p>Das ging so fort jahraus, jahrein.</p>
-
-<p>Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht
-der Wissenschaft war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten
-von ihm erzählte, daß die Marktweiber ihn nicht nur in eine
-Reihe mit Schiller und Goethe stellten, sondern noch weit
-über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn ganz besonders
-ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger war?
-Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die
-nicht im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet,
-überstäubt und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie
-ein Stall gereinigt, sein Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine
-Atmosphäre gelüftet, seine Gewohnheiten wurden mißachtet,
-seine Ruhe wurde gestört, seine Stube genäßt, versandet, sein<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-Wein verschenkt &ndash; der Boden ihm unter den Füßen weggenommen.
-Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.</p>
-
-<p>Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht
-über den Zustand ihres armen Herrn auf, einzig deshalb,
-weil auch sie dem Trieb nach Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte,
-feindlich im Grunde ihrer Seele gegenüberstand.
-Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt vom Stadthaus
-ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die
-sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente,
-von der sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom
-Stadthause sie ihr mitteilte, und die Geschichte hatte sich
-folgendermaßen zugetragen.</p>
-
-<p>»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der
-Wirt ihr gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm
-einfüllen ließ. »Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und
-gafft, und bei mir steht ein Bauersmann, so 'n Stoffel, der
-nich dreie zählen kann &ndash; der sollte in der Stadt einen Doktor
-holen, aber welchen &ndash; das hatte er dir vergessen. Und nun
-steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor dem neuen
-Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is &ndash; und
-kratzt sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck,
-da sieht der Rat Tiburtsius zum Fenster 'naus &ndash; der
-weiß alles. Wenn einer, so kann der dir's sagen, den
-mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch und
-steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf &ndash; und thut 's
-Maul nich auf.</p>
-
-<p>»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem
-Herrn Rat mein Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann
-da soll schnell einen Doktor aufs Land holen un weiß nich
-mehr, welchen.‹</p>
-
-<p>»Der Herr Rat, der hört's dir nur &ndash; un sagt gleich:
-›Das ist ja wunderlich &ndash; das ist ja wunderlich.‹</p>
-
-<p>»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das
-hatte er gleich weg. &ndash; Der Doktor Wunderlich, der sollte<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-geholt werden. Es muß schonn so an recht Gelehrter sein,
-dein Rat.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen
-und vergaß sie nicht, und wenn es die Gäste der Madame
-gar zu bunt trieben und den Frieden des Herrn Rat gar zu
-unverschämt störten und auch in ihrer Küche herumwirtschafteten,
-das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um Mehlhäufchen
-zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten,
-weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden
-Bilde gebrauchten &ndash; da dachte Tiburtsius' Kathrine,
-daß man so einen gelehrten Mann doch mehr ästimieren
-sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe von
-Jahren lang.</p>
-
-<p>Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar,
-der seine zehn Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so
-verlangte man es damals in Weimar von ihm, auch wirklich
-gab; &ndash; es waren schon bald ihrer zehn beisammen, und der
-Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und der
-Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch
-so und so viele sagten, wenn sie einander begegneten oder
-ein Gespräch anfingen: »Heuer ist's aber in schönster Ordnung«
-&ndash; oder »Ein kapitaler Februar« &ndash; oder »Ein Staatsfebruar«
-&ndash; oder »Heite ham mer en Februar, der sich gewaschen
-hat« &ndash; oder sonst dergleichen etwas, wie es die
-alten Herren von damals zu sagen liebten.</p>
-
-<p>Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen
-und Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge,
-wie weit sie in Jena schon Weimar voraus wären.</p>
-
-<p>Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare
-Lustigkeit gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher.
-Die einen sahen ihn da, die andern begegneten ihm dort.
-Er machte weite Spaziergänge, man hatte ihn mit Leuten
-auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie
-mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-je, ließ sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von
-der Rätin bestäuben und dann wieder bürsten, ohne etwas
-davon zu bemerken. Er suchte die Dinge, die er in der Hand
-trug, in allen Ecken, jammerte nach der Brille, die ihm auf
-der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie seinen
-Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von
-Kathrine ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt
-des Hutes aber seinen alten Filzschuh unterm Arm trug. So
-toll dies auch klingen mag, ist es doch wirklich und wahrhaftig
-wahr und in Weimar auch bei alt und jung gar wohl
-bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn
-Rat fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung
-abgeben, daß überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat
-erzähle, vollständig auf Wahrheit beruht, wie überhaupt alles,
-was ich in dieser Geschichte zum besten geben will.</p>
-
-<p>Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so
-manches Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert,
-es würden sich so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern,
-Gelten und Schaffen aufmachen, um auch aus meiner Quelle
-zu schöpfen, daß ich wohlweislich schweigen werde. Sie
-würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei weitem
-wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. &ndash; Sie würden sich
-mit wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen
-oder höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die
-Goethezeit mit allem Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben.
-&ndash; Jawohl &ndash; daraus wird aber nichts.</p>
-
-<p>Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich
-schuldig gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre
-thun, gestehe ich, daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh
-unterm Arm statt seines Hutes getragen hat, sondern
-etwas andres, was ich mir aber erlaubt habe, des guten Tons
-halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der Rat war
-eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine
-und die Rätin meinten, daß er sein müßte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p>
-
-<p>So ging es eine ganze Weile fort.</p>
-
-<p>Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr
-Rat einen Kauf müsse abgeschlossen haben; aber was er gekauft
-habe, das konnten sie ihr nicht sagen. Auf dem Stadtgericht
-war er auch gesehen worden. &ndash; Gott weiß, wo alles
-man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte
-man ihn gesehen haben.</p>
-
-<p>Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste
-grübelten, Kathrine grübelte. Man fragte, man sprach allerlei
-Vermutungen aus. Die einen meinten, er habe sich ein
-Reitpferd gekauft &ndash; darüber mußte aber die Frau Rätin
-lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen &ndash; da
-lachte die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade
-recht gewesen. Einen Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte
-der Apotheker. Andre wieder kamen darauf, er wolle der
-Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht darüber
-einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.</p>
-
-<p>»Das ist meine Sache &ndash; meine Sache &ndash; meine Sache!«
-fuhr er seine Frau an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er
-sie wahr und wahrhaftig an, als sie hinterlistig und energisch
-hinterlistig in ihn dringen wollte.</p>
-
-<p>Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter
-alter Gatte mit einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes
-fühlte, was sie veranlaßte, nicht weiter in ihn
-zu dringen.</p>
-
-<p>Und so blieb er so weit unbehelligt.</p>
-
-<p>Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern
-zur Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in
-seinem Zimmer auf und nieder und pfiff. &ndash; Er pfiff wirklich.
-&ndash; Wie sonderbar es klang, und wie sonderbar er es
-fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm ordentlich
-steif geworden und juckten ihn. &ndash; Er hatte seit Jahrzehnten
-nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.</p>
-
-<p>Aber heute! &ndash; Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-und schlürfte in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr
-eifrig auf und nieder.</p>
-
-<p>Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und
-kramte unten und oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk
-stand, und auf dem, wo Hüte und Kappen lagen und wo
-ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß. Dem nickte
-er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«</p>
-
-<p>Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen
-und den gestickten Westen herum, und ein paar weiße,
-mächtige Halsbinden fielen oben vom Brett, wo sie neben
-dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf. Es
-knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu
-hinterst im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß
-in einer, und die hatte eine Mechanik und schnappte.</p>
-
-<p>Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen
-und den gestickten Westen &ndash; und sah nach, was angebissen
-hatte.</p>
-
-<p>»Ei &ndash; ei &ndash; ei &ndash; ei!« sagte er betroffen und gedachte
-seiner Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig,
-trotzdem er sie bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen
-&ndash; und kramte weiter.</p>
-
-<p>Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm
-von einem alten Flausrock hervor, einen hellen Flausrock,
-der ihm von oben bis unten ging. Er schien, nach dem
-Zustand zu urteilen, in dem er sich befand, der Vater von
-dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat gerade
-anhatte &ndash; oder auch der Großvater davon. Er war so eine
-Art Schlafrockheiligtum.</p>
-
-<p>»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet
-vor sich hin und schaute den schäbigen Gesellen
-pfiffig an und schaute auf die Rutschpartieen von altbekannten
-Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, wo er die Feder jahrelang
-ausgewischt hatte, so daß glänzende Krusten entstanden
-waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und unbestimmbare<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines
-vergangenen Lebens.</p>
-
-<p>Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte
-ihn sorgfältig und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden
-band er ein paar große Latschen darauf, schob dann
-das Paket in eine Ecke und stellte einen Lehnstuhl davor
-und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine ganze Weile,
-schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er vorsichtig
-zur Thür hinaus. Es war still, ganz still &ndash; Kathrine
-mußte auch fort sein.</p>
-
-<p>Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht
-des Rats. Er legte die Hände über sein spitzes Bäuchlein,
-das sich unvermittelt wie ein Schwalbennest an der hagern
-Figur angehängt hatte, und wandelte so weiter. Diesmal
-aber pfiff er nicht.</p>
-
-<p>Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme,
-wie in der Kirche, wenn er seinen Choral absang &ndash; aber ein
-gutes, herzerfreuendes Lied war es, kein Choral. Und nur die
-erste Strophe davon &ndash; weiter nicht. Er sang so schüchtern,
-als wollte er einer schönen Dame eine Liebeserklärung singend
-vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck über seinem
-Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber kannte
-und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.</p>
-
-<p>Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen
-auf die gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß
-es golden glänzte, und die Strahlen, die in das große Becken
-des Marktbrunnens plätscherten, ließ sie wie lebendiges Silber
-glänzen.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.</p>
-
-<p>Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung,
-eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz
-schleicht, die das ganze Leben vergessen läßt und uns in die<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-liebe, gute Jugend versetzt, denn der Herr Rat hatte alles,
-nur keinen Garten, und er sang genau so, als hätte er einen,
-nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht erinnerungsselig,
-sondern triumphierend &ndash; wirklich triumphierend. Und er
-schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn
-auf seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit
-wir's kurz sagen: er hatte wirklich einen Garten. Er hatte
-einen Garten gekauft &ndash; für sich selbst einen Garten, kein
-Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch der Stadt nichts
-vermacht. Gott bewahre!</p>
-
-<p>Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig
-dichter wurde, mit seinem Flausrock unterm Arme in sein
-neu erworbenes Eigentum zu wandern.</p>
-
-<p>Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten
-würdige Idee gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es
-sollte so lang als möglich niemand etwas davon erfahren,
-und deshalb wartete er auf die Dämmerung und sang das
-Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die
-Kathrine ausgegangen war.</p>
-
-<p>Und endlich &ndash; endlich war es so weit. Der Rat
-schlüpfte in seinen Rock, nahm Stock und Hut, legte über
-den Flausrock und über die alten Latschen ein zerknittertes
-Fetzchen blaues Papier, das er aus einem Fache seines
-Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu jener
-Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo
-man einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem
-in ein einziges Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben.
-Man dachte an eine solche papierne Flut, wie sie uns heute
-überschwemmt hat, noch nicht im Traume damals.</p>
-
-<p>Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen
-Zeitung, wie die »Kölnische« etwa, gerade recht gekommen,
-denn er zupfte und reckte und strich an seinem blauen festen
-alten Papierchen, das gar nichts decken wollte, sondern nur
-wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die
-Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft
-in die Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das
-Frauenzimmer mit den Bürsten ebensowenig daheim war
-als die Gattin mit der Puderquaste und der Puderschachtel.</p>
-
-<p>Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte
-er sich nun einmal angewöhnt.</p>
-
-<p>Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel,
-als es sich irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch
-die Wünschengasse unter dem Wittumspalais hin, die alte
-ausgetretene Treppe, die zur Esplanade führt, hinauf; da,
-unter den alten Linden, war es schon recht dämmerig. Für
-den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; aber
-diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in
-dem Garten glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor,
-wie er den Flausrock dort aufhängen würde, damit er künftig
-alle Herrlichkeit in seinem Garten auch ganz kommod genießen
-könnte, denn im Staatsrock und in Lederstiefeln, das
-hätte ihm nicht gepaßt.</p>
-
-<p>Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das
-schien ihm ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem
-Partiechen, hörten und sahen nichts, das kannte er. So ging
-er weiter und hinter dem Theater noch ein Stückchen Erfurterstraße,
-bis ans Erfurter Chausseehäuschen, dann ging die
-Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin &ndash; Garten
-an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur
-Wallendorfer Mühle.</p>
-
-<p>Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt,
-mit zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges
-langweiliges Strählchen Wasser, mit langweiligen runden
-und dreieckigen Beeten, auf denen wohlgeordnete Blumen
-von gleicher Höhe und gleicher Farbe wachsen, mit dünnem
-Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen winzigen
-Grasfleckchen &ndash; keine so blechernen Gärten, in denen die<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen,
-Gärten, wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren
-urwüchsige Gärten, gesegnete Gärten.</p>
-
-<p>Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit
-von der Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle
-aus, den hatte der Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem
-Liebchen schlich er an den Gartenzäunen hin. Die Hand
-hielt er in der Tasche und faßte den Schlüssel darin fest,
-mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.</p>
-
-<p>Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete
-zwischen den Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend
-etwas anging &ndash; und jetzt stand er vor seiner Thür &ndash; seiner
-Thür, einer Thür aus zart silberglänzenden, verwitterten
-Latten, und durch den Bretterzaun steckten Himbeerbüsche
-ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der Garten
-wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun
-quoll der Duft aus dem vollen grünen Garten &ndash; und der
-Duft gehörte dem Herrn Rat. Ehe er wirklich aufschloß,
-schnaufte er ein paarmal tief.</p>
-
-<p>So ein Duft aus dem eigenen Garten!</p>
-
-<p>Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen
-zuführte, standen die Sommerblumen schon in dicken Knospen,
-und die Pfingstrosen blühten in ganzen Ballen, und Irisblumen,
-blaue und gelbe. Die Aepfel- und Birnen- und
-Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.</p>
-
-<p>Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste
-Dach der Lottenmühle beschatteten, schützten den Garten von
-Norden und hüllten ihn in einen dichten grünen Mantel.
-Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und quoll und
-blühte und knospte und duftete.</p>
-
-<p>Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und
-die großen Bündel des gestreiften Bandgrases raschelten und
-wisperten ganz fein im Winde wie Schilf &ndash; nur weicher.</p>
-
-<p>Und alles war so weich, so voll, so lebendig &ndash; Farben<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-lugten aus der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer
-dicker, flossen immer mehr zusammen, und es war feierlich
-im Garten des Herrn Tiburtsius.</p>
-
-<p>Der stand immer noch mit dem zusammengerollten
-Flausrock mitten auf dem Weg, ohne sich zu regen.</p>
-
-<p>Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich
-zu rühren. Kein Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich
-befand und wie er sich befand, und er kam sich vor wie ein
-Vogel in einem grünen versteckten Nest, den keines Menschen
-Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er
-das Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der
-eigenen, in dem weichen, vollen Garten erschreckt.</p>
-
-<p>Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im
-dumpfen dunklen Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien,
-trockenem Laub, alten Weidenkörben und etwas moderig roch,
-aufgehängt. Der Rat mußte mit den Händen nach einem
-Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem ein
-paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.</p>
-
-<p>Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den
-Gemüsebeeten hin und her, bückte sich und befühlte die
-Salatpflanzen, die sich schon zu Köpfen ballten. So zart
-und elastisch waren sie und fühlten sich etwas fettig an.
-Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend Schlupfwinkeln
-so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die
-Finger.</p>
-
-<p>Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte
-man die Grillen zirpen, und die Luft war voll Laubduft.
-Und manchmal trug ein Windchen den unaussprechlich zarten
-Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen durch die
-Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos
-blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-her kamen ganze Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig,
-so vielgestaltet; bald empfand der Rat diesen wundervollen
-Duft wie Vanille, bald wie alle schönen bekannten
-und unbekannten Düfte zusammengebraut.</p>
-
-<p>Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und
-das Klappern und Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf,
-und die Birken und Eschen rauschten dazu. &ndash; Die Dunkelheit
-sank immer tiefer herab, und der Herr Rat tastete sich
-aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und
-machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete,
-blieb er noch lange ganz versunken stehen und atmete den
-schönen Gartenfrieden ein, und die Dunkelheit verbarg ihn
-mit allen seinen Schätzen vor aller Welt, ihn mit seinen
-Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen, seinen
-knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln,
-Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem
-Gurkenkraut, seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden
-und den hundertfach knospenden Centifolienbüschen.</p>
-
-<p>Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der
-Stadt zuging, da kam er wirklich wie von seiner Liebsten &ndash;
-und zu Hause ließ er kein Wörtchen verlauten.</p>
-
-<p>Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der
-Schopenhauern zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten«
-bei seinen alten Herren gewesen. &ndash; Und unter
-denen ging es das eine Mal so zu wie das andre Mal, da
-war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem
-alten Ehepaar.</p>
-
-<p>Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er
-sich wieder auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es
-schnatterte bis in sein Studierzimmer, und in der Küche
-wurde gebacken und geklappert. Es war großer Damenthee.</p>
-
-<p>Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und
-arbeitete im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-und saß vor dem Gartenhäuschen und paffte aus seiner
-Pfeife, schaute in den blauen Himmel, hörte auf eine Lerche,
-die draußen in den Feldern aufstieg, schnaufte tief den Duft
-seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte sich mit
-den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.</p>
-
-<p>Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der
-alte Bretterzaun war hoch, und von den Nachbargärten war
-er auch nicht ohne weiteres zu belauschen. Dieser Umstand
-hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat zum Ankauf
-dieses Grundstückes zu bestimmen.</p>
-
-<p>Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie
-sangen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Es fuhr ein Bauer ins Holz,<br /></span>
-<span class="i0">Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,<br /></span>
-<span class="i0">Ki &ndash; ka &ndash; Kirmsenholz,<br /></span>
-<span class="i0">Es fuhr ein Bauer ins Holz.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt
-alles Spaß.</p>
-
-<p>Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein
-Lächeln, wie es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin
-war, seine Muskeln niemals inkommodiert hatte.</p>
-
-<p>Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause
-zu sein. Darüber mußte er nun wieder lächeln, denn so
-ganz geheuer kam es ihm doch nicht vor, und er dachte an
-den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, als er die
-Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch
-sehen, wer Herr im Hause ist!«</p>
-
-<p>So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen
-&ndash; aber &ndash; aber.</p>
-
-<p>Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht
-heraus hatten, war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder
-durch den Kopf. Wirklich, das war ein seltener Glücksfall.
-Eigentlich nicht zu glauben. Der Zinngießer Lange, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte wirklich
-so weit reinen Mund gehalten haben.</p>
-
-<p>Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier
-Wochen lang schlüpfte er nun schon wie der Fuchs in seinen
-Bau, und es war ihm, als stände er unter ganz besonderer
-göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch frech und
-unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten
-Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar
-Porreestauden und Dill und Gurkenkraut, was zu einem
-ordentlichen Salat gehört.</p>
-
-<p>Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe,
-denn es war durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen.
-Der Salat aber war vortrefflich.</p>
-
-<p>Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für
-die Heimlichkeiten des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin
-genoß mit ihren Bekanntinnen und Bekannten den Sommer
-mit einer erstaunlichen Energie.</p>
-
-<p>Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten,
-lief Kathrine mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor
-Ortelli und brachte ihr den Beutel ganz appetitlich gefüllt
-wieder mit heim. Und die Frau Rätin nahm ihn dann,
-setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um
-und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte
-darauf von seinem Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in
-der Nähe des »Elefanten«, der dem Hause des Herrn Rat gerade
-gegenüber lag, postierte und wie eine Schildwache auf und
-nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn sie war eine pünktliche
-Frau &ndash; dann gesellten sich allerlei Personen zu ihr und
-gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse
-kamen verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit
-der Adele und den Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und
-die Ratsmädchen; gewöhnlich auch die Begleiter der beiden
-Mädchen, die guten Freunde, und auch Bekannte von den
-Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus,
-und die kleine Muskulusen kam angerannt und manchmal auch
-die Kummerfelden mit einigen Schülerinnen, manchmal auch
-mit allen, wie es sich gerade traf.</p>
-
-<p>Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und
-alten Weimaranern und Weimaranerinnen lachte und schnatterte
-und setzte sich endlich in Bewegung. Entweder nach
-Tieffurth zu oder nach Belvedere oder Ettersburg oder Tröbsdorf,
-nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« nannten, nach
-Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern
-und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen
-sind, nach Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und
-nach Nora.</p>
-
-<p>So genoß man damals den Sommer, wo noch keine
-Menschenseele daran dachte, eine Badereise zu machen oder
-in die Sommerfrische zu gehen.</p>
-
-<p>Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest.
-Jeder alte Weimarsche Garten hatte seinen kleinen
-Herd im Freien, einen gemauerten Herd, auf dem ein Rost
-stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so recht Altäre
-der Geselligkeit.</p>
-
-<p>Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie
-herrlich es war, wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen
-aufstiegen, die Würste sich auf dem heißen Roste wanden,
-dann platzten und rauchig dufteten, und die Leute im Garten
-bei einander saßen mit Weißbroten und Bier, hauseingelegtem
-Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und
-Gesang.</p>
-
-<p>Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">und ähnliche Lieder.</p>
-
-<p>In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch
-so ein Bratwurstherd, und es war ihm mehrmals schon das<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Wasser im Munde zusammengelaufen, wenn er davor gestanden
-hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben,
-als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine
-Wurst begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.</p>
-
-<p>Nein &ndash; nein &ndash; lieber keine Wurst!</p>
-
-<p>Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer
-müßigen Stunde das Gelüste gekommen, sich ganz allein ein
-Paar Würste zu braten &ndash; das wäre gegangen, aber der
-Rauch! Den hätten sie in allen Gärten geschnuppert. &ndash;
-Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht gewesen;
-aber verlockt hatte es ihn &ndash; sehr verlockt.</p>
-
-<p>Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren
-Kern die Frau Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf
-bewegt hatte, ging er wieder in den Garten. Es wurde
-ihm jetzt schon gar nicht leicht, sich mit Amtsgeschäften auszureden,
-wenn die Rätin ihn fragte: »Aber Gustävchen,
-heute kommst du doch nach &ndash; kommst uns wenigstens entgegen?«
-Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau
-Rätin und schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und
-wie er diesmal im Garten war, fiel es ihm auf die Seele,
-daß es eigentlich so nicht fortgehen könne, und das stimmte
-ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als wäre der
-schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er
-dachte aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's
-auch weiter gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's
-auch vielleicht noch lang niemand,« und beruhigte sich
-damit und goß seinen Salat und die Radieschen und alles,
-was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der Herr Rat
-ernten sollte.</p>
-
-<p>Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all
-dem Gemüse hin sollte &ndash; und wenn das Obst reifte &ndash; die
-Kirschen glühten schon zwischen den grünen Zweigen: ja,
-was sollte er mit all den Dingen machen? &ndash; hm &ndash; das
-wußte er nicht recht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p>
-
-<p>Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt.
-Allerlei wollte sich eindrängen, was ihm nicht paßte. Es
-lag so in der Luft, war schwül und trüb heute. Der Garten
-war so dicht und grün und voll, so sommerlich und still,
-und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf
-und dröhnend.</p>
-
-<p>Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg,
-vor Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen
-auf und trat behutsam hinaus, schaute nach links: da war
-die Luft sauber, keine Menschenseele zu bemerken &ndash; schaute
-nach rechts &ndash; und stand wie vom Blitz gerührt. &ndash; Ja,
-wo hatte er denn seine Ohren gehabt? &ndash; Drei Gartenthüren
-von ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da
-kam es angerückt. &ndash; Ihm schien es wie Tausende von
-Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden Armen, Tausende
-von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen
-auch geschwenkt wurde. &ndash; Das war die Lawine, die doch
-heute in Tröbsdorf hätte sein sollen. Und mit welchem
-Lärm kam diese Lawine an! Dem armen Rat schwindelte.</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ja &ndash; ja &ndash; was ist denn das?« riefen aus
-dem Gewirre verschiedene Stimmen zugleich.</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen &ndash; Gustävchen!« &ndash; Das war die
-Stimme der Rätin. &ndash; Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein,
-daß er die Hand noch am Schlüssel hatte, um ihn abzuziehen
-&ndash; das hatte die ganze Lawine gesehen, da war
-nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb
-regungslos &ndash; und da waren sie schon alle um ihn.</p>
-
-<p>»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.</p>
-
-<p>Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den
-Herrn Rat mit ihren großen, runden Augen an.</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen! &ndash; Aber Gustävchen!« Das war
-wieder die knarrende Stimme der kleinen Rätin. »Was ist
-denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst du denn her?<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst
-und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich
-alle um ihn wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den
-Kindern auf Weimars Gassen sehr beliebt war und noch
-ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des Wickelkloses
-steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden.
-Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und
-sagte: »Das ist mein Garten. &ndash; Ich komme &ndash; ich habe &ndash;
-ich komme aus meinem Garten &ndash; ich habe mir nämlich einen
-Garten gekauft.«</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.</p>
-
-<p>Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte.
-Aber die Frau Rätin, die kleine, fette Frau, war Meisterin
-darin, in das einzige »Aber Gustävchen!« ganz unglaublich
-viel zu verpacken.</p>
-
-<p>Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt
-ihren ganzen Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert
-Variationen. Sie konnte auf dieser einen Violinsaite ganze
-Lieder und Musikstücke spielen.</p>
-
-<p>Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen
-Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter
-Regimentsgaul.</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie
-ein kleines vollgeladenes Gewitterchen.</p>
-
-<p>Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der
-Bühne und spräche zum Publikum gewendet: »Einen Garten
-hat er also gekauft, und kein Pferd und kein Kütschchen.«</p>
-
-<p>Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine
-Gite! &ndash; Du meine Gite!«</p>
-
-<p>»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk
-lachte. &ndash; Und sie riefen alle durcheinander alles mögliche
-in Weimarscher Ursprache.</p>
-
-<p>»Ne aber!« &ndash; »Herr Jemine!« &ndash; »Herr Jes!« und
-machten ein arges Geschrei damit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n
-mer uns doch aber auch einmal den Garten ansehen.« &ndash;
-Und gesagt gethan. Die Thür ging auf.</p>
-
-<p>Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste
-dazu, und nun strömte es hinein und riß den armen Rat
-mit sich.</p>
-
-<p>Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn
-Rat ein wenig beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte
-Miene aufgesetzt mit so viel Grandezza, als womit sie ihre
-Hüte und Hauben aufzusetzen pflegte. Und diejenigen, welche
-dem Paar am nächsten standen, hörten verschiedene scharf
-betonte »Aber Gustävchen!«</p>
-
-<p>So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte
-und so viel Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten
-mit den vielen lustigen Leuten und dem vielen Gemüse, dem
-Obst und den Sommerblumen und den pflückreifen Kirschen
-und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und dem
-Beerenobst doch auch an.</p>
-
-<p>Und alle waren in der besten Stimmung; der arme
-Rat mußte wahrhaft Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr
-Mütchen an ihm und hänselten ihn und zeckten und neckten
-ohne Aufhören.</p>
-
-<p>Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann
-war und mehr wußte als die ganze Gesellschaft zusammengenommen,
-daß zu verschiedenen Malen sein Name in den
-Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half es
-ihm, eben gar nichts!</p>
-
-<p>Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die
-alten Latschen und die große Pfeife entdeckten, brach ein
-Hallo aus. Sie drängten mit solcher Wucht in das Häuschen,
-alle auf einmal, um den Flausrock zu betrachten, daß
-es den Anschein hatte, als wollten sie die stille, winzige
-Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien,
-Erde und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen,
-mitten unter lauter Stimmen, die nicht müde wurden, den
-Rat zu bearbeiten und zu ärgern, erhob sich plötzlich eine,
-die rief und alle andern wie mit einem Schlag verstummen
-ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«</p>
-
-<p>Das hatte eingeschlagen &ndash; und es zeigte sich, daß die
-alten Weimaraner wahren Feldherrnblick hatten, wenn es
-galt, ein Vergnügen beim Zipfel zu fassen; denn wer weiß,
-was alles dazu gehört, ein wirkliches und wahrhaftiges
-Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das
-so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.</p>
-
-<p>Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in
-aller Eile nach allen Seiten hin ausgeschickt, um zu holen,
-was zu holen war. Die einen mußten in die »Armbrust«
-laufen und die Würste herbeischaffen. Der Apotheker wußte
-ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und
-Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes
-Kompliment vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.</p>
-
-<p>Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen
-und Budang bei sich aus dem Keller holen, um
-ihn zum Feste zu stiften. Der Apotheker lieferte die Brote.
-Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von dem gebracht
-werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand
-am nächsten.</p>
-
-<p>Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf
-dem Frauenplan oder am Markt, nur die Kummerfelden,
-die aber hatte nicht so viel Teller.</p>
-
-<p>Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit
-zugegen. Zu der schickte die Frau Rätin und ließ sagen:
-»Eine schöne Empfehlung und ob die Frau Schopenhauern
-und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben wollten, in der
-Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen,
-und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-Gläser und viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer
-mitzugeben.«</p>
-
-<p>Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin
-&ndash; und das fiel niemand auf &ndash; nur dem Rat fiel es auf.</p>
-
-<p>Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im
-Garten, dem Rat brauchte das Wasser nun nicht mehr im
-Munde zusammenzulaufen.</p>
-
-<p>Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte
-er sich nun beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben
-Abend schon zu Gerichte; die Frau Rätin trieb einen wahren
-Handel. Zu einer gewissen Zeit sollten Apothekers beginnen,
-sich den Salat zu holen und die Mohrrüben, und zum Einmachen
-konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie
-gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden
-sollten alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich
-für ein billiges erstehen.</p>
-
-<p>Und nun sangen sie an diesem Abend alle:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Nur der Herr Rat sang nicht mit.</p>
-
-<p>Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen
-war.</p>
-
-<p>Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist
-mir doch immer abgegangen.«</p>
-
-<p>Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff
-zu, als die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig
-gestopft waren &ndash; und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche
-aus, die alle den geheimnisvollen Kauf des Herrn
-Rat in der Mache hatten.</p>
-
-<p>Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Rat, das ist ein schlauer Mann,<br /></span>
-<span class="i0">Der wollte einen Garten han,<br /></span>
-<span class="i0">Der kauft sich einen Garten<br /></span>
-<span class="i0">Und ließ die andern warten.«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p>
-<p>Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich.</p>
-
-<p>Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und
-konnte es nicht satt bekommen, seinen alten Rat zu ärgern.</p>
-
-<p>»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem,
-mein Schatz, und zieh deinen schönen Flausrock an
-und die Latschen und stecke die Pfeife an, damit wir doch
-auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so kommod umeinander
-geschoben bist.«</p>
-
-<p>Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte
-so etwas an sich, daß er immer das aussprach, was in den
-andern noch unbewußt schlummerte.</p>
-
-<p>Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen,
-so, als wollten sie's zum Platzen bringen, und
-holten den Flausrock, brachten ihn angeschleift und rissen
-sich um die Latschen und brachten die Pfeife, und der arme
-Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich in seinen
-Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker
-hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und
-mußte den Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade.</p>
-
-<p>In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm
-sein Lebtag noch nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn
-er sich auch die Entdeckung seines Gartens manchmal vorgestellt
-hatte, so, in solcher Gestalt, hatte er sie sich nicht vorgestellt.
-Das sind ja lauter Teufel! Die Menschen sind ja Teufel!
-dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen Mucks zu thun.</p>
-
-<p>Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen.
-Aeußerlich zornig zu sein hatte er ganz verlernt, und das
-war das Schlimme und Ungesunde.</p>
-
-<p>Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit
-vor den Augen herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und
-besingen und rührte sich nicht. Er ließ sich alles gefallen
-und machte den liebenswürdigen Wirt und ließ sich eben gar
-nichts davon merken, daß unter dem Flausrock nachgerade
-ein Hexenkessel braute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p>
-
-<p>Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde
-ich sie nur wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit,
-dazu Pläne zu schmieden &ndash; aber &ndash; aber&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer,
-denen er zu Hause davongelaufen war, deretwegen
-einzig und allein, um ihnen entwischen zu können, er sich
-diesen Garten gekauft hatte, die würden nun tagtäglich,
-wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. &ndash; Und diese
-unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne
-Ende &ndash; denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre
-Whistpartieen abhalten würden?</p>
-
-<p>Was sah er nicht alles kommen!</p>
-
-<p>Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen!
-Der Rat verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln,
-das war ja sein eigenstes Element. Was hatte er an langen
-Winterabenden bei seinem Leuchter mit dem grünen Schirm
-nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt!</p>
-
-<p>Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese
-wissenschaftlichen. Wer das kann, der wird doch auch ein
-paar Frauenzimmer loswerden können.</p>
-
-<p>Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem
-Garten im Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die
-ihm die Galle überlaufen ließen.</p>
-
-<p>Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen,
-das wußte er im voraus, und der Kathrine auch einen; die
-Kathrine würde dann im Garten zu putzen und zu wirtschaften
-anfangen wie in ihrer Küche, unter den Büschen
-rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen
-und auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn.
-Und er erlebte im Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten
-Feste auf Feste feierte, ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste
-in schwerer Menge, auch ein Perlzwiebelfest &ndash;
-natürlich. Da sah er schon die ganze Gesellschaft um das
-lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die Zwiebelchen<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm jedenfalls
-einen Gefallen thun, die Unsinnigen &ndash; wie ihn das
-schon im voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte
-ihm weiter aus, wie Kathrine während der Arbeit allen
-Kuchen präsentierte, und wie dem mit einem vorsündflutlichen
-Appetit zugesprochen wurde.</p>
-
-<p>Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle
-Frauenzimmer auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen
-und in große Flocken Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden
-in ihrem geblümten Kleid und die Muskulus mit der großen
-Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack nannte; über der
-Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen Veilchenhut
-auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich
-genau vor sich.</p>
-
-<p>Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und
-Madame Schopenhauer und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen
-mit ihren Freundinnen und Freunden und die
-Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch Frauenzimmer
-und noch viele mehr &ndash; eben alle, die jetzt auch leibhaftig
-im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht
-worden waren, herumwirtschafteten.</p>
-
-<p>Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen
-Hauptärger, die waren damals und sind noch jetzt in Weimar
-stark vertreten.</p>
-
-<p>Jetzt war das Maß voll, über und über voll &ndash; das
-Blut des geduldigen Mannes war endlich in Wallung geraten
-&ndash; in eine ganz wütende Wallung. Wie er so hellsehend
-und außer sich umherlief, kamen ihm die Ratsmädchen
-gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten
-ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie
-würden an allen Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu
-gleicher Zeit sein und unter allen Beerensträuchern hocken
-und immer mit einem Gefolge von so und so vielen. Sie
-waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren.<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine
-große weiße Halsbinde mit der Mechanik hinein.</p>
-
-<p>»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben &ndash;
-diese Bestien?« Das war und blieb es, worüber der Herr
-Rat rachsüchtig und leidenschaftlich grübelte. &ndash; Und mit
-einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen kommen,
-da hatte er's &ndash; da rieb er sich die Hände in seiner Wut
-und flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter
-die dunkelsten Wege auf und nieder.</p>
-
-<p>Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die
-Rätin hatte heute ihr karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke
-kleine Gestalt wie eine Haut umspannte. Um den Nacken
-trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie saßen jetzt vor dem
-Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und stippten
-Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine
-Wohl geliefert.</p>
-
-<p>Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen
-und sprachen aufs ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter
-als kurz vorher, und es hatte den Anschein, als wäre
-die lustige plappernde Lawine im Handumdrehen zu einer
-Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die sich nicht so
-ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem Bratwurstfest
-sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin
-eine ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit
-zu Füßen.</p>
-
-<p>Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht,
-auch den Arthur und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.</p>
-
-<p>Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür
-und verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein
-Stein ins Wasser fällt, zieht er Kreise, und Kreise zog auch
-Arthur Schopenhauer in den Gesellschaften, in die er fiel
-oder fallen mußte, Kreise des Schweigens und des Verstummens.</p>
-
-<p>Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-schaute seine Frau Mama mit angstvollen Augen auf ihn.
-Heute sprach er wieder einmal gar nicht. »Ein rechtes Kreuz
-für so eine gescheite, liebenswürdige Dame wie die Schopenhauern,«
-dachten die Frauen.</p>
-
-<p>Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch
-wie ein Alp auf allen andern. Er »glubschte«, wie die
-Weimaraner sagen, so von unten auf mit seinen großen
-blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn,
-wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel
-gewachsen war.</p>
-
-<p>Ein ungemütlicher Bursche!</p>
-
-<p>Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen
-Wirt, dienerte nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen
-die Zuckerdose und die Tabaksdose. Es war ihm
-in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei andressiert worden.
-Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat beobachtet
-hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen
-haben.</p>
-
-<p>Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald
-das andre Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als
-wollte er eins davon kaufen, oder als hätte er irgendwie
-sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte er sich aufs Malen
-verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war manchmal
-ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt
-sah, ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber,
-Gustävchen,« zu sagen.</p>
-
-<p>Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich
-standesgemäß benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau
-unter den Kirschbäumen die Würste, setzten die Windlichter
-hin und trugen die dampfenden Herrlichkeiten haufenweise
-auf.</p>
-
-<p>Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug,
-um mit der Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es
-zwar alle, daß die Rätin es liebte, wenn man sich hin und<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in Weimar sagen; damit
-war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten sie
-jetzt überwunden.</p>
-
-<p>Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter
-Letzt zu den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett
-antreten, und setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um
-nun endlich mit einem Wolfshunger über die Herrlichkeiten
-herzufallen.</p>
-
-<p>Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht
-stark zusprach, aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige
-Gewohnheit, dem Hausmuff, so daß ein leises, wohlmeinendes
-»Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt kam, mitten durch
-das Stimmengemurmel.</p>
-
-<p>Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher,
-andre spielten Rat- und Antwortspiele und benahmen sich,
-wie es sich für gesättigte Menschen geziemt. Den Rat sah
-man mit der Kummerfelden umherwandern. Das war sonst
-nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim einzulassen.</p>
-
-<p>Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle
-zu, und die Kummerfelden wunderte sich über den
-galanten Rat.</p>
-
-<p>Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt,
-der rauschte nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das
-Wasser. Da, mit einem Male, war es der Kummerfelden
-ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und traumhaft.
-Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften
-&ndash; und dann &ndash; als führe er ihr mit dem Kopf in das
-Gesicht.</p>
-
-<p>Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß
-sie an die Nase, und um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt.
-Und der Kummerfelden war es, als schöbe er sie
-dem Mühlbache zu.</p>
-
-<p>»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf,<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-»was hat denn der Mann? &ndash; Sollte er tobsüchtig geworden
-sein?«</p>
-
-<p>»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der
-Rat wütend in seine große Halsbinde mit Mechanik hinein
-und würgte die erschreckte Kummerfelden wieder. Der wurde
-es angst und bang, sie hätte schreien mögen, verließ sich aber
-fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn »Schreien«, das kam
-ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr ihr ihre
-ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn
-man sie schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander
-finden würde, denn er war immer noch ganz ungebärdig
-und fuhr ihr beständig mit dem Kopf ins Gesicht.</p>
-
-<p>Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in
-Leipzig, Hamburg und Weimar, gingen mit unbegreiflicher
-Geschwindigkeit durch ihre Seele, aber da war keine, die mit
-dieser einige Aehnlichkeit gehabt hätte, es müßte denn eine
-Liebesscene gewesen sein &ndash; ach du barmherziger Gott &ndash; so
-ein sträflicher Gedanke! Der alte, wohlverehelichte Rat und
-sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt« ließ sie in
-diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn alles,
-was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte,
-das war in ein paar Sekunden hineingezwängt.</p>
-
-<p>Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den
-sie für Herrn Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht
-aufhörte, sondern fortfuhr, sie mit seiner Person zu bedrängen,
-gab sie ihm einen ganz gehörigen Puff vor die Brust mit
-ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte etwas
-auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen
-und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch
-dick und dünn, durch Gemüsebeete und Blumenbeete mit
-schiefer Haube der Gesellschaft und den Windlichtern zu.</p>
-
-<p>Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«</p>
-
-<p>»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was
-ist mir denn das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-sind Sie denn so umhergesprungen? &ndash; Ich habe Sie ja
-springen sehen.«</p>
-
-<p>Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer
-Haube, die saß ganz miserabel; aber sie konnte nicht antworten,
-die arme Kummerfelden, denn sie war völlig außer
-Atem und wollte das nicht merken lassen. Ihr gutes,
-menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum
-Zerspringen.</p>
-
-<p>»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was
-ist mir denn das? Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet &ndash;
-oder &ndash; oder wie wär's denn mit noch einem Gläschen?«</p>
-
-<p>Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick
-der alten, guten Dame.</p>
-
-<p>»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang
-sich ihr mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!«</p>
-
-<p>»Aber so zu springen! &ndash; Ich habe Sie ja gesehen.«
-Der Apotheker bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen,
-und stützte die beiden fetten Händchen auf die runden Beine.</p>
-
-<p>»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie
-ärgerlich und nach Luft schnappend.</p>
-
-<p>Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte
-die Hände ihr auf die Schulter und schaute sie an mit einem
-Paar so großer, mitleidvoller Augen, wie man die Frau
-möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes ansehen
-würde.</p>
-
-<p>Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr
-Mienenspiel war durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger
-geworden als andern Leuten ihres.</p>
-
-<p>»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die
-Rätin ganz betroffen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit
-einem weiblichen Wesen im Garten auf und nieder, und<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-wieder kamen sie in die Nähe des Mühlbachs, in die tiefste
-Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat sein Opfer.
-Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der
-Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen,
-hatte eine unsinnige Angst angestanden, so daß die
-doch gewiß erfahrene Kummerfelden über das, was sich
-zwischen ihr und dem Rat abgespielt hatte, im unklaren geblieben
-war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte die
-kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt,
-war aber statt auf den Mund in den Mund geraten, denn
-sie hatte ihn vor Schreck weit aufgesperrt.</p>
-
-<p>Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte
-sie ein paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel
-gar nicht mehr aufkommen konnte.</p>
-
-<p>»Ach, Herr Rat &ndash; ach, Herr Rat &ndash;« lispelte die kleine
-Mamsell verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick
-ihren Kopf und die große weiche Perücke an seiner
-Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz überwältigt, fühlte
-vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt worden war,
-und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle.</p>
-
-<p>Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die
-Kleider zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden,
-und es wurde ihm sonderbar, als dies nicht geschah.
-Die Muskulusen wandelte mit ihm auf und nieder in der
-tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner Hand
-tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse,
-daß sie ihm von jeher sehr ergeben sei &ndash; aber ebenso seiner
-Gemahlin, und daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen
-Frau schuldig sei. Mamsell Muskulus sprach wohlgesetzt
-und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr unbequem,
-so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu
-führen.</p>
-
-<p>Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte.
-Und als sie in den Schein der Windlichter traten, bemerkte<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-der Rat, daß Mamsell Muskulusen einen ganz verklärten
-Ausdruck hatte.</p>
-
-<p>Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine
-andre; diesmal jedoch war er an die Adele Schopenhauer
-geraten, da war's ihm angst und bange dabei; er beschränkte
-sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu küssen und die
-Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte
-er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen.
-Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer
-Hoheit und schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte
-und erschreckte, und in wahrer sittlicher Empörung verließ
-sie den verblüfften Rat am Mühlbach und wandelte ruhig
-gemessen ihres Weges.</p>
-
-<p>»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun
-einmal ein ganzer Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt
-hatte, so mußte die auch durchgeführt werden, und
-so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf ein Frauenzimmer
-&ndash; und wieder auf eins &ndash; und wieder auf eins &ndash;
-und wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig
-dabei, spitzte die Lippen mit einer wahren Virtuosität und
-wütender Zärtlichkeit, denn seine Wut hatte sich gewissermaßen
-in Zärtlichkeit verwandelt.</p>
-
-<p>Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme
-gelaufen, die kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche
-Jammertöne aus, daß es dem Rat erst recht angst wurde.</p>
-
-<p>»Ach mei' Mann &ndash; mei' Mann! &ndash; Was wird mei'
-Mann sagen!« rief sie laut und ängstlich, so daß der Rat
-fürchtete, sie würden alle zusammenlaufen, und daß er von
-ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen ließ.</p>
-
-<p>Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch
-die Ratsmädchen in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte
-er, denen kann's nicht schaden, wenn ich sie ein bißchen erschrecke,
-die brächte ich mir gern vom Hals. Sie waren wie
-immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab
-jeder einen gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber
-durchaus nicht erschreckte; sondern sie hakten sich in seine
-Arme ein, äußerst vertrauensvoll, und Röse bog sich hinter
-dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie hinüber und
-flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können
-wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen.
-Ich habe doch immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem
-Gartenhäuschen etwas Sonderbares abgespielt: es war, als
-hätten die vortrefflichen Würste und der gute Hausmuff ihre
-Kraft verloren, als wäre nur alles eine Art Luftspiegelung
-gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat noch gar
-nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen
-sein. Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen,
-die erschien sich wie verraten und verkauft unter
-ihren guten Freundinnen.</p>
-
-<p>Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte
-mit einem Male so ein Paar närrische Augen gemacht, als
-wäre der Geist der Verwirrung in sie gefahren, dann war
-mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie eine
-Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft
-über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und
-überhaupt tuschelte man überall miteinander.</p>
-
-<p>»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der
-Apotheker ganz verblüfft zur Rätin.</p>
-
-<p>Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten
-ihr die Hühner das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit
-allen war es mit einem Male nicht richtig. Es lag eine
-drückende, schwüle Stimmung über der ganzen, sonst nach
-vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf
-die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als
-hätten in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-Bankerott des Mannes erfahren als die Hausfrau und betrachteten
-sie sich daraufhin.</p>
-
-<p>Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu
-Mute &ndash; und wo steckte denn nur ihr Mann&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein,
-als es ihr immer unheimlicher wurde unter ihren Gästen.
-Und als der Rat endlich kam, da war der Höhepunkt der
-unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da erhoben sich
-die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten
-sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten
-sie gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und
-mit Schopenhauers brachen alle plötzlich auf &ndash; und fort
-waren sie. Apothekers gingen auch mit, denn eins zieht nun
-einmal das andre nach sich.</p>
-
-<p>Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch
-der Rat, die ganz verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht
-nur im Garten. Der Rat, die Rätin und Kathrine lebten
-mit einem Mal im Haus am Markt wie auf einer einsamen
-Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner
-Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr
-tugendhaft. Die Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig
-vor Grübeln. Der Rat aber ging jetzt unbehelligt in
-seinen Garten und wirtschaftete dort wieder im Flausrock.
-Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß
-er bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich
-aus dem Weg gingen.</p>
-
-<p>Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene
-wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal
-aber hatte er auch auf einer Seite, wo er sonst immer
-Niederlagen erlitt, Triumphe gefeiert, und außerdem sah und
-hörte er nichts weiter.</p>
-
-<p>Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-Kummerfelden in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen
-Salatköpfe auf den Komposthaufen und ordnete alles,
-was seine gute Idee angerichtet hatte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich.
-Das Haus am Markt wurde so stille wie ein Grab; seine
-Frau saß in sich gekehrt, war stumm und bedrückt zu jeder
-Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten immer
-fragend die Wände an.</p>
-
-<p>Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus,
-die ihn ganz eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie
-wieder Appetit hätte. Der Rat aber machte lange Schritte
-und schüttelte sich in der Erinnerung an die Strapazen, die
-er durchgemacht hatte.</p>
-
-<p>Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer
-bänger. Er fand jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen.
-Sie war ganz hilflos, ganz verwirrt. Im Herrn Rat regte
-sich etwas &ndash; er wußte selbst nicht recht was, etwas Unbequemes,
-Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er
-ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen
-Gartens gar nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit
-dem er diese Einsamkeit erkauft hatte, verdient hätte; er
-saß mit etwas Aehnlichem, wie einem schlechten Gewissen,
-oben in der Studierstube, und wie ihn früher der Lärm gestört
-hatte, so störte ihn jetzt die Stille.</p>
-
-<p>Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das
-Vertreibungsmittel hatte ganz niederträchtig gewirkt.</p>
-
-<p>Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es
-und Madame Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz
-betreten entgegen. Und Madame Kummerfelden kam feierlich,
-setzte sich aufs Kanapee und fragte nach dem Ergehen
-und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun
-pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf
-Frau Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-mitleidig an, wie damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt
-den Rücken hinunterlief &ndash; und dann kam die ganze
-Pastete von Anfang bis zu Ende &ndash; alles, was geschehen
-und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war,
-mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten
-&ndash; und daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins
-Haus setze und daß die junge Frau Egidi gesagt habe, ihr
-Mann werde ihn fordern, und daß er selbst die harmlosen
-Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld erzählt
-hätten &ndash; und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt
-habe auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht
-für Küssen gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in
-den Mühlbach habe werfen wollen, und daß er tollwütig
-geworden sei &ndash; und daß die Rätin es sich nicht allzusehr
-zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und
-man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild
-zu gewärtigen habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie
-sei, es möge sich stellen, wie es wolle &ndash; und daß sie, die
-Kummerfelden, von den Mannsbildern überhaupt nichts halte,
-was sie auch trieben.</p>
-
-<p>Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas
-im Wege, Zeugen haben sie die Hülle und Fülle, und das
-sei in solchem Fall von größtem Wert.</p>
-
-<p>Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen,
-denn die Muskulusen hatte die ganze Zeit über
-niemand gesprochen, die hatte sich mit ihren Liebesgefühlen
-in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte davon noch
-gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern
-zu teilen hatte.</p>
-
-<p>»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. &ndash;
-Mein Gott, für die Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten
-sollen, so ein gescheiter, gelehrter Mann! &ndash; Es ist wie ein
-böser Traum.«</p>
-
-<p>Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-die arme Rätin saß ganz bewegungslos da, starr und steif,
-und ihre großen runden Augen fragten die Wände um Aufklärung.
-Sie verstand nichts recht, sie war ganz auseinander
-&ndash; ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen,
-als würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte
-Fleisch- und Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen,
-&ndash; und in diese Situation trat völlig unvermutet, leidlich
-harmlos der Herr Rat &ndash; und wurde von der Kummerfelden
-wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt &ndash; und
-von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt &ndash; und zum
-erstenmal in ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!«
-über ihre Lippen. Sie war verstummt. Und so saßen und
-standen sich die drei gegenüber.</p>
-
-<p>Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele,
-als er in die richtenden Augen der Kummerfelden gesehen
-hatte. &ndash; Das waren Augen, wie sie nur auf einem ganz
-Gesunkenen ruhen konnten &ndash; und da die Kummerfelden
-eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles Gesagte
-und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles
-Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das
-aber doch gar nicht!« rang es sich protestierend aus der
-Kehle des Herrn Rats los &ndash; und nun fing der Rat an
-zu erklären &ndash; und predigte erst tauben Ohren &ndash; aber so
-nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung
-auf und sie schaute den Rat an &ndash; und in ihren
-alten lustigen Augen blitzte es auf. Das waren wieder die
-Augen der Kummerfelden, die Kirchenfenster, mit denen sie
-den verworfenen Rat angeschaut hatte, mochten nur so eine
-Art Kraftleistung gewesen sein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt
-&ndash; haben gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben
-&ndash; na ja &ndash; gewissermaßen in gewissen Fällen schon.
-Freilich, wenn Sie sie alle so geküßt haben wie mich &ndash; dann<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-glaub' ich's schon eher &ndash; dann schon. Aber wer küßt denn
-auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen kann so ein
-gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern
-schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen &ndash;
-wundert mich.«</p>
-
-<p>Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.</p>
-
-<p>»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich
-alte Gans!« rief sie ein Mal über das andre Mal, »daß ich
-mit den andern Weibsbildern Ach und Weh geschrieen habe!
-Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«</p>
-
-<p>Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte
-die blinkende Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller
-und Kuchen und Tassen und das Zuckerdöschen.</p>
-
-<p>Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer
-gewesen, urgemütlich, und auch die Erstarrung der armen
-niedergedrückten Rätin löste sich &ndash; und das erste Zeichen
-eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz unglaublich
-betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam.
-&ndash; Und darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich,
-wie nur sie lachen konnte.</p>
-
-<p>Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte,
-auf welche Weise der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich
-gekauften Garten hatte vertreiben wollen, kam ganz
-gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof erzählt und
-bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall. &ndash;
-Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu
-würdigen, der Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen
-Leute hatten überhaupt Vertrauen zu ihm und ließen sich
-nun bei jeder Gelegenheit von ihm beraten, brachten ihm
-ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne werden
-lassen sollten.</p>
-
-<p>Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und
-weshalb der Herr Rat die Frauenzimmer geküßt hatte,
-herumgekommen war, seinen Spaziergang machte, der ging<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius
-wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten
-Freunde und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und
-in den Garten, um zu zeigen, daß sie in keiner Weise etwas
-gegen den Herrn Rat hätten, und in dem alten Garten,
-ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend vorausgesehen
-hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende statt
-&ndash; Versöhnungsfeste.</p>
-
-<p>Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter
-Mann sein und doch dem Leben gegenüber ein rechter Esel
-bleiben könne &ndash; und daß selbst dem gescheitesten Manne
-die Frauenzimmer immer über sind und über sein werden,
-denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts
-&ndash; nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wie_die_Enkelin_der_Ratsmaedel_zum">Wie die Enkelin der Ratsmädel zum
-Blaustrumpf wurde.</h2>
-</div>
-
-<p class="chap">Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott
-und die Menschen, fühlte weder Unruh' noch Erregung,
-weder Hoffnung noch Verzagen, aber hatte eine Art Zuversicht
-und wußte wohl weshalb. Ein günstiges Schicksal
-umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da
-kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.</p>
-
-<p>An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber,
-dessen Kern fürs erste auch nicht verraten wird, denn, wer
-weiß, vielleicht steht sie noch unter dessen Schutz &ndash; und
-Schweigen ist eben bei jedem Zauber die Hauptsache.</p>
-
-<p>Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst,
-ließ ich es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten
-gedruckt wurden; hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb
-versucht, ein Zufall brachte es zuwege, ein Zufall
-machte mich zum Blaustrumpf. Von der schwerwiegenden,
-wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte ich
-nichts &ndash; nicht das Geringste.</p>
-
-<p>Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!</p>
-
-<p>Ich fühlte mich so froh &ndash; so unbedacht!</p>
-
-<p>Was ich that, das war gethan &ndash; das stand mit dem,
-was andre thaten, in keiner Verbindung. Ich empfand mich<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-als Wesen für sich und verglich mich ein für allemal nicht
-mit andern.</p>
-
-<p>Ich las über meine in die Welt geschickten Träume
-viel Gutes &ndash; und wunderte mich.</p>
-
-<p>Unzufriedenes natürlich auch, &ndash; selbstverständlich.</p>
-
-<p>Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das
-stärkt die Persönlichkeit.</p>
-
-<p>Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie
-mir in irgend etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten;
-als ich aber sah, welcher Wirrwarr daraus entstehen
-würde, wenn ich auf alle hören wollte, da kein Urteil
-mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes und
-Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man
-hören? Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der
-andre sagt, gewöhnlich wieder auf mit dem Gegenteil, und
-der Dritte wieder, was der Zweite sagt. Und was ist nun
-das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von dem man
-sich überzeugen lassen soll?</p>
-
-<p>In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde
-eines eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend
-gewürdigt.</p>
-
-<p>Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen
-Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem
-Sessel zwischen ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten
-Gesellschaft einen Vortrag hält.</p>
-
-<p>Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein
-Marabustorch, das Symbol der Weisheit.</p>
-
-<p>Was aber haben seine langen Beine und der spitze
-Schnabel dem Marabu genutzt? Gar nichts.</p>
-
-<p>Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele
-des Künstlers vertieft und hat gefunden, daß der Künstler
-mit einem vortrefflichen, sachgemäßen Humor eine Löffelgans
-hinter diese weibliche Wissenschaft gesetzt hat.</p>
-
-<p>Was konnte er Besseres tun?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p>
-
-<p>Wie stimmt das alles!</p>
-
-<p>Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden!
-Wissenschaft personifiziert als weibliche Figur! Lehrend!
-Was wird sie lehren? Die Löffelgans hinter ihr gibt die
-Würdigung dessen, was sie lehrt.</p>
-
-<p>Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in
-die Intentionen des Künstlers hinein.</p>
-
-<p>Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie
-der Künstler sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans
-begnügt hat, die ja vollkommen genügt hätte, den Wert
-eines Frauenzimmers auszudrücken. Durch des Kritikers
-Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge. Er
-nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«,
-Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. &ndash;
-Solches beweist, daß dem Marabu seine langen Beine und
-sein spitzer Schnabel nichts nutzen, wenn der Kritiker seine
-Augen und sein Verständnis schon auf die Löffelgans gespitzt
-hat.</p>
-
-<p>Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der
-Täuschung, sein Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen
-den sich nichts sagen läßt, und der nichts zu wünschen
-übrig läßt.</p>
-
-<p>Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und
-eine Löffelgans dickgedrungen und kurzbeinig.</p>
-
-<p>Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige
-Marabu ist eine kurzbeinige Löffelgans.</p>
-
-<p>»Marabu,« sagt der Künstler.</p>
-
-<p>»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält
-natürlich in den Augen aller Einsichtigen recht.</p>
-
-<p>»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker
-weiter, »ist leider verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten,
-der Schnabel zu spitz, so daß sie eine gewisse
-Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«</p>
-
-<p>»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p>
-
-<p>»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«</p>
-
-<p>Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn
-der Klügere nicht nachgäbe.</p>
-
-<p>Und es geschehen noch ganz andere Dinge.</p>
-
-<p>Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen
-lassen? soll nach dem würdigen Schelten oder Loben seinem
-Marabu, den die Kritik zur Gans umzaubert, künftighin
-kürzere Beine machen, soll betroffen und zerknirscht sein und
-sich bessern?</p>
-
-<p>Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll,
-so oft überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde,
-kluge Kritiker es wohl wünschen möchten!</p>
-
-<p>Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker
-und Krittler verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr
-übel mitgespielt worden; denn an nichts glaubt man so
-gern und so fest als an das Schlimme, das einer von sich
-selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber unverdientermaßen
-gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von
-sich sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich
-windig aus; aber unverdient gut ergangen ist ein
-grenzenloser Spielraum für alles Wünschenswerte.</p>
-
-<p>Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis
-oft wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen
-hab' ich kennen gelernt!</p>
-
-<p>Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben
-dieser Person etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist
-es mir, als säße ich in einem bequemen Wagen und führe
-leicht und behaglich dieselbe Strecke, die ich einst mühsam
-und beschwerlich zurücklegte.</p>
-
-<p>Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir
-mit warmem Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert
-hielten zu sagen: Sei unsres Mitgefühls sicher, wir halten
-zu dir! Wir haben dich verstanden.</p>
-
-<p>Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-bekannt sind, mit deren Schicksal ich mich mehr, als es gut
-ist, beschäftigte.</p>
-
-<p>Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre
-Leute ungeschoren lassen.</p>
-
-<p>Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als
-ob die Welt nicht Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung
-und Unsinn, Krankheit, Thorheit, Lug und Trug, Lachen,
-Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und Haß,
-solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden
-es nicht genug!</p>
-
-<p>Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben,
-glauben, es sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst,
-wenn sie sich zu den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig
-auf Erden sinnverwirrend durcheinander wimmeln, noch welche
-hinzuträumen, hinzuklügeln.</p>
-
-<p>Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen
-zu Grunde geht, stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel,
-das genügt ihnen nicht; sie schaffen mit Mühe, Begeisterung,
-Qual und Glück, mit ihrem Herzblut Hirngespinste und
-sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen, die sie zu
-sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze,
-die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen
-als außerordentlich wichtige Personen.</p>
-
-<p>Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen
-vernünftigen, weitherzigen Menschen.</p>
-
-<p>Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen
-sie leiden, beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie
-dies nicht gerecht, sachgemäß und vernünftig betreiben oder
-gar vergessen haben, über ihre Käuze ein vollgerüttelt Maß
-zeitgemäßer Moral auszuschütten.</p>
-
-<p>Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben &ndash; tödlich
-ernst &ndash; das ganze Glück der wunderlichen Schöpfer
-hängt an dieser großen Thorheit.</p>
-
-<p>Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-der Urheber dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet,
-gebrochen, &ndash; und wenn es noch so ein gesunder, guter,
-braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen und Armen.</p>
-
-<p>Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« &ndash;
-aber was auf Erden ist nicht Wahn? Was auf der Welt
-thun wir, wobei uns nicht die Sinne umnebelt und verwirrt
-sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?</p>
-
-<p>Sehen wir in irgend einem Ding klar?</p>
-
-<p>Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges
-beurteilen? Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel!
-Uns braucht es nicht zu kümmern. Wer einmal zu den
-Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und was zwischen
-Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.</p>
-
-<p>Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird,
-mag es offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein,
-füllt das Leben der Generationen aus, führt sie ihren Weg
-bis zum Vergehen, und keine Thorheit ist Thorheit genug,
-daß sie nicht ein Menschenleben würdig beschäftigen könnte,
-eins oder das Leben von Millionen.</p>
-
-<p>Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens,
-der durch das Leben führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil
-und Verwirrung den Takt geben, einen ruhigen, praktischen
-Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den nämlich:
-»Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was
-Wert hat.«</p>
-
-<p>Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren
-ist, mögen gelten.</p>
-
-<p>Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen
-er nun einmal, halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern
-möchte, wenn er diesen Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe
-steckt.</p>
-
-<p>Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes
-zu thun, seine Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger.
-Ich bin jetzt scheinbar weit abgekommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p>
-
-<p>Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach
-allen Seiten und sehe überall Leute, die mir sehr bekannt sind,
-was niemand nach dem eben Gesagten Wunder nehmen wird,
-denn diese Leute sind meine geliebten Käuze &ndash; meine selbstgeschaffenen
-Gestalten, würde ein ästhetisch Gebildeter sagen.</p>
-
-<p>Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die
-Patsche, ein gutes Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme
-Nase, oder vielleicht hat er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen.
-Sein Herz kann das Böse auf der Welt nicht ertragen,
-er wird davon zu mächtig gepackt. Salin Kaliske
-habe ich ihn genannt.</p>
-
-<p>Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig
-seines Weges gehen lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch
-&ndash; solch ein Kind, wie unser Erlöser eines war.</p>
-
-<p>Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders
-krummen Nase ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen
-Geldgier? Weshalb bin ich sparsam verfahren mit der Zuteilung
-der allbekannten Attribute?</p>
-
-<p>Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich
-die Ansicht, daß wir in dem lobenswerten Streben nach
-Wahrheit uns allzusehr mit dem gröbsten Aeußerlichen begnügen,
-und mehr als je das Beste und Wertvollste achtlos
-beiseite lassen.</p>
-
-<p>Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich
-wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben.
-Ein kräftiger, lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort,
-ein düsterer, grober Geselle, der in der Todesstunde sich
-mächtig verliebt und sterbend den guten Freund um die
-Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod
-einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.</p>
-
-<p>Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel
-und ein liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht
-begreifen kann, daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen
-muß, der über seine unglückliche Liebe tobt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er
-möchte etwas leisten und schaffen, seiner unerwiderten Liebe
-ein Denkmal setzen; doch ist er unbegabt.</p>
-
-<p>Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und
-nichts mehr. Aber er schafft etwas in heiliger Einfalt aus
-sich selbst, aus seiner eigenen Schönheit.</p>
-
-<p>In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein
-am hohen Kreuz hängt die göttliche Gestalt des Erlösers,
-lebenatmend, geisterhaft. Davor in angstvollem
-Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das zitternd und
-erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die
-dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.</p>
-
-<p>Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen
-hab' ich auf die Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit
-Sünde. Mit diesem für diese Welt sehr thörichten Abzeichen
-müssen sie umherlaufen.</p>
-
-<p>Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel,
-die voller munteren Streiche stecken, die ihr Wesen
-in Weimar treiben, zu Goethes Zeit, und hinter ihnen her
-ziehen allerlei Personen aus Weimars goldenen Tagen, die
-Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute aus der
-Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche
-Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen
-Töchtern, die eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde
-der Welt auf sich nehmen, mit eigenem Leid fremdes heilen,
-diese stille, große Anne! Und ihr braver Bräutigam! Welche
-Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit! Das sind
-nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber
-es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.</p>
-
-<p>Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft,
-schwachsinnig vor Behagen. Das sind die verspielten Leute!</p>
-
-<p>Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in
-ihrer Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht,
-flachen und wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-mit ihrer wattenen Herzensgüte &ndash; das sind die rechten,
-schlimmer wie Raubtiere; wohlversorgt leben sie, essen gut,
-trinken gut, sind gesund und wohlgestellt &ndash; Ehrenmänner
-&ndash; Ehrenfrauen &ndash; aber aufgepaßt!</p>
-
-<p>Hütet euch vor ihnen!</p>
-
-<p>Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar.
-Der alte Apotheker mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche
-Apothekergehilfe, der jeden Todesfall voraus weiß.
-Sperbers, die Gutsbesitzer in ihrer köstlichen Hülle und
-Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom Nachtwächter
-schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der Nachtwächter
-nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.</p>
-
-<p>Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten,
-in ihren köstlichen Gärten! O, welches Behagen! Ich
-denke an den alten Doktor Tiburtsius in den Kußwirkungen,
-der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen runden,
-kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen
-Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem
-duftenden, Grün strotzenden Garten verbringt &ndash; und wie
-er dann später entdeckt wird! Und daß ich es nicht vergesse,
-Goethe und Karl August sind auch dabei unter diesen
-alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut auch,
-und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame
-Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der
-Kummerfelden, ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.</p>
-
-<p>Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch
-anmarschiert, und Franz Horny und Schillers Sohn, die
-Kameraden der wilden Ratsmädel, die der alten Jüdin alle
-weimarischen Esel über den Hals gejagt haben &ndash; und das
-dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das
-katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit
-kommt, das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten
-Leben neidlos steht &ndash; und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling,
-der seine schauervolle Johannisnacht mit seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-süßen Bräutchen, dem würdigen katholischen Geistlichen, den
-glotzenden Hausleuten und dem Tod oben unter dem Dachraum
-des uralten Hauses zu Ende feiert.</p>
-
-<p>Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof«
-heißt, seh' ich dort &ndash; und ich rufe: O, du meine arme
-kleine Olly! Du weißt es, wie bitter schwer das Weib zu
-tragen hat, wenn es mit ganzer Seele die Kunst liebt &ndash;
-und jung ist und leben möchte &ndash; und aus einem Zärtlichkeitstraum,
-aus so einem weichen, weichen Traum in der
-Ehe erwacht.</p>
-
-<p>Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei
-dir daheim sonderbar zu! Mit welchem Lärm und Getöse
-rangierten die hyperästhetischen Naturen, die aus der Kunst
-doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem
-Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein
-und feurig geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem
-Haushalt!</p>
-
-<p>Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!</p>
-
-<p>Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht
-und Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen
-Herzen!</p>
-
-<p>Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen,
-am Besten hier auf Erden teilzunehmen!</p>
-
-<p>Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet
-mir &ndash; Dorothea in »Reines Herzens schuldig«. Sie ist so
-ganz in Liebe erwacht, in heißer Liebe &ndash; und muß in einem
-Leben verschmachten, das ihr nichts bietet, kein Glück, auch
-nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.</p>
-
-<p>Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und
-hoffte, dies Buch würde von guten Menschen gelesen, die
-sich mit dem Gedanken trügen, wie man den Vernachlässigten,
-Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein die arme Dorothea
-Zeugnis gibt, helfen könnte.</p>
-
-<p>Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-meiner größten Freude erfahren &ndash; und ich sehe nicht ein,
-weshalb ich nicht ein wenig prahlen soll, weshalb ich nicht
-ein paar von jenen Briefen und Zeilen hier wiedergeben
-soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten und
-sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten
-ins Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen
-Lebensabriß lesen, doch auch eine Ahnung bekommen, was
-für ein glückliches Menschenkind ich bin.</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="right">
-»Berlin … Reichstag.<br />
-</p>
-
-<p>Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes
-gar nicht. Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal
-hintereinander. Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht.
-Sie sprechen einmal: ›Wenn du den Dichter findest,
-dem es gelungen ist, das tiefste Leiden versöhnend darzustellen,
-den halte fest wie einen Freund.‹</p>
-
-<p>Möge Ihnen &ndash; in Leben und Kunst &ndash; das hohe Ziel
-zu teil werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und
-eines Mozart!«</p></div>
-
-<p>Ein andrer Brief:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch.
-Ich habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe
-von Ihnen. Jedes Wort eines Dichters, das mir seine
-Seele offenbart, nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares
-Geschenk entgegen. Nicht viele geben so viel wie
-Sie. Eines Abends, wenige Tage vor dem Fest, las ich
-Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr übermächtiges Empfinden riß
-mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle auszusprechen, begeisterte
-mich. Zugleich dachte ich mit Bangen an das Schicksal dieser
-Bücher; mir war's, als sähe ich sie schutzlos in der Welt
-umherirren; ich wünschte innigst, daß sie zarte Finger und
-warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch Ihre Dorothea
-wird nicht oft verstanden werden; die freie Menschlichkeit hat
-so wenig Raum in dieser verschnörkelten Welt.«</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>Und noch ein <em class="gesperrt">dritter</em> Brief von einem Arzt.</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p class="center">
-»An die Schriftstellerin Helene Böhlau.<br />
-</p>
-
-<p>Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen,
-wie Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte
-im Bunde sein; auf mich ist von dem Glücke übergegangen,
-das zwischen den beiden erstehen durfte. &ndash; Das will ich
-nicht vergessen und Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich
-zu den zwei Menschen führten, bei denen ich rein und gut
-sein konnte.«</p></div>
-
-<p>So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende
-gebracht und könnte noch ein ganzes Weilchen fortfahren,
-doch möchte ich nicht, daß jemand meine Skizzen unmutig
-aus der Hand legte, und ich will mir meine Freunde erhalten.</p>
-
-<p>Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht
-zu den trübseligen. Ich habe sie ausgespickt mit allerlei
-lustigem, freundlichem und thörichtem Volk. Da ist ein Herr
-von Bublitz, ein fetter Schlingel, der dem Wohlthätigkeitssport
-obliegt, da ist ein prächtiger lustiger Onkel, schöne
-Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche Hochzeitsgesellschaft,
-die des Guten zu viel gethan hat.</p>
-
-<p>Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus
-Stambul, wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner
-Umgebung, alles wächst und blüht und duftet und leuchtet,
-und die Menschen wachsen und blühen mit und werden freudig
-und gesund. Es sind gar liebe Leute, die »im frischen
-Wasser«.</p>
-
-<p>Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den
-andern, dem guten Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit
-seiner kleinen überspannten Käthe.</p>
-
-<p>Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden
-miteinander. Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-Herrn ein Lebtag im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im
-Alter zu einem Landhaus und köstlichen Garten, so daß das
-schwärmerische Persönchen in einer Glücksfülle steckt, die sich
-ganz wunderlich ausnimmt. Ein widerwärtiger, langbeiniger
-Ladenjunge schleicht hinter der kleinen Alten her, trägt ein
-Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als Buchzeichen
-steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.</p>
-
-<p>Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«,
-Leute, die mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind.
-Laßt es euch sagen, vom alten Kutscher Jermak, wie er über
-seine Herrin denkt, über ihr Kindchen, wie er von den verlassenen
-Mädchen spricht, von Gott und der Welt, den Popen,
-den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn
-im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der
-Schwester Jekatherina, spricht.</p>
-
-<p>Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt,
-diese herbe, vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine
-Frau, in der der Geist mächtig wurde, eine Herrin des
-Lebens. &ndash; Und Christine, du Reine, auf dich kam die
-größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der gebildeten
-Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach
-hat noch jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. &ndash;
-Dich nicht!</p>
-
-<p>Frei hältst du dein Kindchen im Arm.</p>
-
-<p>Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen
-über dir; aber in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf
-sonnig klar geworden. Auch du bist Herrin geworden, dein
-Kind ein Königskind &ndash; das Kind des freien, ungebeugten
-Weibes.</p>
-
-<p>Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden
-hast? dem Manne aus dem Volk, dessen Gesicht
-immer zur Erde gekehrt ist, und doch so heiter blickt wie
-der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir, dem armen
-gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-den Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. &ndash; Nicht wahr,
-er hat dich und dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern,
-in seinem Haus warst du frei und unbescholten?</p>
-
-<p>Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren
-menschlicher. &ndash; Bei ihnen hatte das Weib schon gesiegt.</p>
-
-<p>Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen
-anempfehlen. Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu
-verstehen. Sie sagen auch viel mehr, als es auf den ersten
-Blick scheinen möchte &ndash; viel mehr.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind
-der Ausdruck eines so überaus reichen, lebendigen Lebens,
-der Ausdruck einer Seele, die durch Schweres ging, die
-Schweres kannte und fühlte, die aber im tiefsten Grunde
-glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste Glück
-zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der
-in seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem
-Wissen und seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer
-wunderbaren Fülle sie belehrte, dem sie alles dankt &ndash; auch
-alles Glück auf Erden, Freund, Lehrer, Gemahl zugleich &ndash;
-und jede Stunde segnet sie, die sie beisammen sind.</p>
-
-<p>Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so
-glücklichem Leben, mich mit solchem Volk zu befassen?</p>
-
-<p>Ich begreife es heut noch nicht.</p>
-
-<p>Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe
-solch ein Kauz sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken
-sollen, &ndash; denn ich war so faul, so wundervoll faul!</p>
-
-<p>Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück,
-denn sie war charaktervoll diese Faulheit &ndash; sie war etwas! &ndash;
-Da gab es nichts auf Erden, was mich hätte zu irgend einem
-Fleiß anspornen können.</p>
-
-<p>Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt
-werden sollte, sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel
-zu klein,« und blieb bei dieser Meinung und lernte keine
-Verslein wie andre brave Kinder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen
-Kindern während ein paar Vormittagsstunden das Spielen
-gelehrt wird, auf Kommando in Reih und Glied; ich sollte
-alles genießen, was die Zeit einem jungen Menschlein bietet.
-Aber diese ernste Spielmaschine erschien mir abschreckend; ich
-empfand eine Scheu vor den schon abgerichteten Kindern,
-die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu singen, die es
-verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den
-Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt
-und getadelt wurden. Das alles geschah in einem
-dämmerigen, staubigen Raum, es war <span id="corr136">mir</span>, als würden da
-schreckliche Dinge getrieben.</p>
-
-<p>Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen,
-die mich beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen
-Eindruck. Sie drückten mir eine Puppe in die Arme, eine
-fremde, mir sehr widerliche Puppe in einem Ballkleid mit
-einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie ich sie mir
-nicht dummer vorstellen konnte.</p>
-
-<p>Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde
-und sagte, daß man nur Kinder tragen könne, keine großen
-Leute, die Puppe wäre eine alte Frau.</p>
-
-<p>Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in
-einen Kreis treten, den die Spielschüler bildeten, und solle
-so thun, als grübe ich im Sande und pflanzte eine Blume,
-dann solle ich mich anstellen, als nähme ich einen Rechen,
-damit der Sand wieder geglättet werden könnte. Die Kinder
-würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles ausführen,
-ich hätte es nur nachzumachen.</p>
-
-<p>Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir,
-die Kinder erschienen mir immer unheimlicher, das ganze
-Thun immer sinnloser, die Stube immer düsterer; da sah
-ich eine Thür offen, lief schreiend hinaus, die Treppe hinab,
-hinter mir her die Lehrerin; ich war aber flinker.</p>
-
-<p>Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-brachte niemand es dahin, mich zu einem zweiten Besuch
-dieses unheimlichen Instituts zu bewegen.</p>
-
-<p>Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich
-war ein zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte
-mit meinen zwei Schwestern den ganzen Tag in unserm
-hübschen Garten, hatte meine wundervolle dunkle Ecke unter
-einem Holundergebüsch, in die verkroch ich mich, und stundenlang
-harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es mir da
-unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene
-Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase,
-ein Löwe oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging
-mir die Zeit aufs angenehmste.</p>
-
-<p>Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß
-es unmöglich sein würde, aus der Schule auszureißen. Das
-war mir schrecklich zu hören.</p>
-
-<p>»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der
-Kindergarten lebte mir in düsterster Erinnerung. Und ich
-kam in die Schule. Der Lehrer verkündete mir, daß ich ihn
-»Sie« zu nennen hätte.</p>
-
-<p>Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte
-nach, weshalb ich dies thun sollte, und vergaß es darüber;
-ich konnte mich auch in die Schule nicht hineinfinden.</p>
-
-<p>Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch
-nicht im geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in
-den untersten Klassen benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«,
-machte mir Spaß, da war ich dabei.</p>
-
-<p>Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.</p>
-
-<p>Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es,
-wenn der Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren
-Weg durch die Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche
-Langeweile, ich hätte weinen mögen. Da kam ich auf einen
-glücklichen Gedanken: ich stellte mir vor, in unserm Garten
-in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt auf der Schulbank,
-stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im Grünen<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue
-Luft blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam,
-wußte er natürlich nichts, wie es auch einem guten Hasen
-zukommt, und das erwies sich als sehr übel für seinen Ruf.
-Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme Hase sollte
-sagen, aus was der Mensch besteht &ndash; und blieb die Antwort
-schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und
-keck um ihn her in die Höh', ein ganzes Feld, und nickten
-und schnickten, und die Bravste sagte im schulgemäßen Ton:
-»Aus Leib und Seele.«</p>
-
-<p>»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte
-hinzu: »aber die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten
-alle, und der Lehrer verwies mir solch dummes Zeug.</p>
-
-<p>»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer
-unwahr.«</p>
-
-<p>Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem
-Lehrer eine längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte
-wissen, was die Seele ist, wollte erfahren, woher man weiß,
-daß man eine hat, wollte wissen, weshalb die Märchengeschichten
-unwahr und die biblischen wahr sind.</p>
-
-<p>»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.</p>
-
-<p>»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer
-freilich so dumm ist, wie du, hat keine.«</p>
-
-<p>Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar
-nicht weshalb; aber es war mir angenehmer, zu denken, daß
-ich keine Seele habe. Es schien mir einfacher und besser,
-und gerade weil die andern alle eine hatten, gefiel es mir,
-keine zu haben.</p>
-
-<p>Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte
-mich wieder in den Hasen.</p>
-
-<p>Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte,
-mich über die Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen,
-erging es mir oft übel.</p>
-
-<p>Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-desperat an den Schultern, um mich in die Ecke zu stellen.
-Ich aber, wild, bös und wütend, fahre mit beiden Händen
-in das Tintenfaß, das in die Bank eingelassen war, halte
-mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich nicht an,
-rühr mich nicht an!«</p>
-
-<p>Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte
-nicht Lust haben, nähere Bekanntschaft mit meinen beiden
-schwarzen Tintenhänden zu machen &ndash; und ließ mich unangefochten
-sitzen. Die Mädchen aber flüsterten untereinander:
-»Die ist klug, die ist doch schlau.«</p>
-
-<p>Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus
-dem Munde der Kameradinnen mir sehr wohl that.</p>
-
-<p>»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie
-nichts einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte,
-daß man mit Hochachtung mir behilflich war, die Spuren
-meines siegreichen Kampfes unschädlich zu machen.</p>
-
-<p>Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen
-Schullaufbahn.</p>
-
-<p>Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich
-mit mir; in der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine
-sanftere Art mit mir zu sprechen angenommen, als mit den
-andern Mädchen; aber es war nicht das Rechte. Ich war
-und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg aufzuweisen.
-Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd
-zurück.</p>
-
-<p>Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es
-sah so unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte
-in erschreckender Weise vor.</p>
-
-<p>Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen
-mußte, und der Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann
-dir's nicht erlassen, du mußt mit dableiben.« Ich beschwor
-ihn, ich bat ihn, ich küßte seine Hand.</p>
-
-<p>Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.«
-Und so blieb es.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte
-mich zerbrochen, fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu
-tragen, so tausendfach ich sie verdient hatte. Als ich nach
-Haus kam, stand meine Mutter an der Treppe und reichte
-mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte mich
-kommen sehen.</p>
-
-<p>Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich &ndash; ich
-zitterte; ich hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen;
-&ndash; aber es ging nicht, ich brachte mein Unglück
-nicht über die Lippen. Die Güte meiner Mutter rührte mich
-unbeschreiblich &ndash; und ich nahm die Himbeeren, mit denen
-sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen
-und verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten.
-Ja, hätte ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt,
-nachdem ich das Gute genossen &ndash; das erschien mir abscheulich,
-trotzdem alles in Angst und Verwirrung geschehen war,
-ohne daß ich recht wußte wie.</p>
-
-<p>Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die
-schlimmen Angelegenheiten für immer zu verschweigen.</p>
-
-<p>Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht
-darunter. Ich grämte mich &ndash; aber ich konnte nicht reden
-&ndash; ich wurde kränklich &ndash; krank und bekam nach einiger Zeit
-ein Nervenfieber.</p>
-
-<p>Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen
-Eindruck, der sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte.
-Ich sah einen kleinen Holzschnitt; durch Zufall kam er in
-meine Hände. Auf diesem Holzschnitt war der Tod als
-Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer schritt.
-Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte
-ihn an.</p>
-
-<p>Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden;
-ich fiel bewußtlos zusammen.</p>
-
-<p>Es war niemand zugegen, als mir dies geschah &ndash; und
-niemand, als ich wieder zu mir kam; ich konnte mich vor<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Grauen, Furcht und Schwäche nicht erheben. Das schreckliche
-Bild war wie eingebrannt in meine Seele.</p>
-
-<p>Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen.
-Die ganze Welt erschien mir unheimlich und entsetzlich.</p>
-
-<p>Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man
-da leben? Wie konnten die Leute noch lachen?</p>
-
-<p>Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht.
-&ndash; Nun aber hatte ich ihn gesehen.</p>
-
-<p>Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung
-verwandelt.</p>
-
-<p>Und wieder mußte ich schweigen &ndash; ich konnte nicht
-reden, fürchtete mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen.
-Mir war, als müßte dann die abscheuliche Gestalt sogleich
-ins Zimmer treten.</p>
-
-<p>So hatte mein armes Herz viel zu tragen.</p>
-
-<p>Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder,
-und das Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der
-Tod ist, vernichtete mich fast.</p>
-
-<p>Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben,
-nur weiß ich, daß, als ich wieder aufgestanden war
-und nicht mehr gehen konnte, ich mich darüber verwunderte
-und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.</p>
-
-<p>In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam
-bei einem guten, freundlichen Manne Unterricht mit
-noch einem Mädchen. Unser Lehrer hieß Herr Bräunlich.</p>
-
-<p>Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war
-ein behaglicher Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel
-in Form kleiner, netter Geschichten vorzuführen;
-aber immer noch schlief mein Lerneifer und war auf keine
-Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.</p>
-
-<p>Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern
-Stunden teil, vortreffliche Schülerinnen, klug und weise.
-Ich blieb mit aller Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb
-sollte ich es ihnen gleichthun? Ich sah den Zweck nicht ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span></p>
-
-<p>Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig.
-Die Mädchen wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer
-am glänzendsten beweisen sollten. Wir hatten frei, uns die
-Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu wählen. Da überboten
-sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen. Kein
-Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für
-sie geschaffen &ndash; die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts
-lang genug sein.</p>
-
-<p>Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu
-traurige Lieder.</p>
-
-<p>Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie
-hatten nicht unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich
-liebte diese kurzen, traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom
-Tode kannte und die schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll
-empfunden hatte, erschien mir das Leben nicht mehr harmlos
-und heiter. Ich liebte es nicht mehr, allein zu sein,
-ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging &ndash; die Träume
-brachten mir schlimme Erscheinungen &ndash; und das Bild des
-Todes stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene
-oder gedruckte Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern
-bringen.</p>
-
-<p>»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich
-wieder einmal ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich
-gefunden und leidlich gelernt hatte.</p>
-
-<p>Ich führte ein freies Leben &ndash; täglich nur eine Unterrichtsstunde
-und diese wurde zur Sommerszeit im Garten
-gehalten. Herr Bräunlich verschmähte es nicht, als wir zur
-Heuzeit ihm einen großen Haufen Heu aufgestapelt hatten,
-auf diesem Platz zu nehmen und so seinen Unterricht zu
-erteilen.</p>
-
-<p>Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte
-Zigeuner- und Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem
-Kasten das tollste Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte,
-Säbel, Decken, Mützen mit wallenden Hahnenfedern; wir<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-besaßen prächtige Dinge. Wie in den Unterrichtsstunden,
-spielte ich auch bei den Spielen eine sehr untergeordnete
-Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und
-es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin
-sein, oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es
-zufrieden und strebte nicht nach Höherem. Ich wußte auch,
-ich taugte zu nichts.</p>
-
-<p>Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten,
-bevor der Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr
-dankbar und machte keine weiteren Ansprüche.</p>
-
-<p>Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im
-Eifer drängte sich die Kammerjungfer oder der Hund vor,
-und that sich wichtig.</p>
-
-<p>Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu
-vortrefflich, als daß ich mich ihnen hätte anschließen können.
-Sie kamen mir mehr oder weniger selbst wie Schulmeister
-vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl vor ihnen los.</p>
-
-<p>Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause
-machten mir einen vertrauenerweckenderen Eindruck und waren
-auch samt und sonders meine Freunde, mit denen ich mich
-bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters und sommers.
-Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann,
-Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den
-Verfolgern um die Häuser huschen, das war etwas! Und
-wenn mich ein Mädel mit zu ihrer Mutter nahm und ich
-im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend essen
-durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein
-und warm!</p>
-
-<p>Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig
-lehrte, war zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer,
-ein Würdiger kommen, einer, der uns in die höheren Wissenschaften
-einzuführen hatte.</p>
-
-<p>Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich
-ersetzen können, der in mein Censurenbuch jedesmal zu<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-Weihnachten schrieb: Helene war gut; aber gar nicht fleißig,
-hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist und im
-Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern,
-denke ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren
-wie den Schwestern und ihr die schlechten Fortschritte nicht
-nachtragen.</p>
-
-<p>Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr
-Bräunlich meine schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr
-für Jahr, wenn ich sie meinem guten Vater vorzeigen mußte.</p>
-
-<p>Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis,
-mich exemplarisch zu strafen.</p>
-
-<p>Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich
-Prellers, und zwar wie immer gegen Abend; es war zur
-Winterszeit, also schon völlig dunkel.</p>
-
-<p>Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas
-Anheimelndes &ndash; und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine
-Laterne und eine große Anzahl Wachslichter.</p>
-
-<p>Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern
-auf den Weg. Ich zündete sie schon in der allerersten
-Dämmerung an, und es war mir wenig störend, wenn die
-Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten. Ich
-fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem
-war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit
-mich überraschen konnte.</p>
-
-<p>Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen,
-die sie immer erneuerte, mir geschenkt.</p>
-
-<p>Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war.
-Ich hatte es ihr vertraut, daß die Dunkelheit mir das
-Schrecklichste auf der Welt sei. Da hat sie mich ausgelacht;
-aber tags darauf hatte ich mein Laternchen.</p>
-
-<p>So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde.</p>
-
-<p>Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am
-Ende der Stunde sagte er mit einem Mal feierlich zu mir<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-gewendet: »Für deine jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit
-muß einmal eine Strafe kommen. Du gehst heute
-abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause bringe.
-&ndash; Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an
-deinen Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich
-zu bessern.« Das traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis
-ins innerste Herz; aber ich verhielt mich vollkommen ruhig.
-Ich wollte den Mädchen nicht die Freude machen, daß sie
-mich unglücklich sähen.</p>
-
-<p>Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den
-Weg machten, blieben die andern zurück. Ich zündete stumpf
-und verzweifelt mein Laternchen an.</p>
-
-<p>Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem
-Fuß auf und murmelte: »Diese Dummhüte.«</p>
-
-<p>»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich.</p>
-
-<p>»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich.</p>
-
-<p>»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz
-gute Mädchen.«</p>
-
-<p>»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie
-mich auslachen!«</p>
-
-<p>Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause
-Friedrich Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und
-ehe wir noch aus der Thüre waren, kam er selbst, seine
-schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die Stirn gezogen.</p>
-
-<p>»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein
-altes bedeutende Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit
-strahlen.</p>
-
-<p>»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei
-mir absitzen, Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.</p>
-
-<p>»Ja, in drei Teufels Namen!« &ndash; der alte Preller liebte
-solche kräftige Ausdrücke &ndash; »Lenchen, was ist dir denn eingefallen?
-Ja, es mag ein schweres Stück sein, mit solchen
-Mädels fertig zu werden. Machen Sie's nur gnädig, das
-Lenchen ist kein böses Mädchen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber
-das Abscheuliche an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul
-ist. Dabei ist sie nicht so arg dumm und könnte alles besser
-machen; aber sie rührt sich nicht.«</p>
-
-<p>»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig
-muß man sein. Was denkst du denn &ndash; gottlob, daß du
-kein Junge bist!«</p>
-
-<p>Ich war tief beschämt &ndash; an dem alten herrlichen
-Preller hing mein ganzes Herz. Er war so gut mit mir.
-Ich hatte das große Glück, wenn er abends still seine
-wundervollen Studien und Skizzenbücher und Zeichnungen
-durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen,
-um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und
-Andacht.</p>
-
-<p>Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand!
-Verzweifelt ging ich neben Herrn Bräunlich die dunkle
-Belvedere-Allee entlang. Mein Laternchen leuchtete mir
-und ihm.</p>
-
-<p>Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich
-es nie zu Hause gestehen würde, was mich getroffen, und
-noch einmal solch eine Schmach verschweigen, ging auch nicht.
-Es war beides unmöglich. Beides wollte ich nicht. Also blieb
-nur ein drittes übrig. Das war einfach und überstieg meine
-Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß
-Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja
-Beine &ndash; und was für flinke. Gottlob! dachte ich.</p>
-
-<p>Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß
-gefaßt, und als wir an den Alexanderplatz kamen mit
-seiner herrlichen Wiese und dem großen Taxusbusch darauf,
-da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie das Laternchen
-Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht war.
-Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die
-Wiese entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen &ndash;
-und schnaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<p>Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um
-denselben herum.</p>
-
-<p>Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben,
-mich zu fangen; aber das Laternchen war flinker, als er
-glaubte.</p>
-
-<p>Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich
-genähert hatte.</p>
-
-<p>Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen,
-wenn er mir noch weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof
-laufen.</p>
-
-<p>»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er
-pustend. »Mach, was du willst &ndash; aber schlecht ist's von dir!«</p>
-
-<p>»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich
-von weitem und stand still, als ich sah, daß auch er still
-stand &ndash; »und sagen Sie's Papa nicht.«</p>
-
-<p>»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend,
-»es sei dir geschenkt, ich sag's auch nicht.«</p>
-
-<p>»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie
-mir auch noch sagen!«</p>
-
-<p>»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach
-Hause kommst.«</p>
-
-<p>Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht
-und zufrieden, es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich
-ging stolz im Gefühl meines Sieges durch die Straßen.</p>
-
-<p>Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die
-Strafe abgelaufen sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu;
-da sagte er mir, daß ich es nicht übel gemacht habe.
-»Es ist immer gut,« meinte er, »wenn man sich zu helfen
-weiß.«</p>
-
-<p>Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde.</p>
-
-<p>Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter,
-ein andrer auf.</p>
-
-<p>Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der
-ganz unzweifelhaft ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-und wurde von mir gründlich und andauernd gehaßt. Er
-mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man ihm, dem
-ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen
-wie mich zu unterrichten, und behandelte mich danach.</p>
-
-<p>Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung
-und Spott. Tiefer und tiefer sank ich in den Augen
-meiner Mitschülerinnen und erschien mir selbst wie ausgestoßen
-aus der menschlichen Gesellschaft. Mir fiel in einer
-der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und ich erkundigte
-mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der
-ein behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern
-verstand, auf mich ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich
-mit Ihnen verkehrt &ndash; das hat aber jetzt bei mir ein Ende« &ndash;
-und es war zu Ende.</p>
-
-<p>Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum
-Unterricht, so hatte ich die Empfindung, als befände ich mich
-die Zeit über vor der Mündung einer geladenen Kanone,
-die jeden Augenblick losgehen konnte.</p>
-
-<p>Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem
-Weg zu dem gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit
-neidischen Augen an. Die Verantwortung, Mensch zu sein,
-war mir sehr drückend. &ndash; Wie gern hätte ich mit so einem
-munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen Hunde
-oder mit jeder Katze.</p>
-
-<p>Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen
-Stein in einen Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich
-mit heiler Haut wieder heraus, so will ich dankbar den
-Stein mit mir nehmen und zum Angedenken aufbewahren.
-Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an,
-denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den
-Stein aus Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende
-gegangen war, jedesmal mit mir.</p>
-
-<p>So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an
-Gnade bei Gott und den Menschen, sondern sank tiefer und<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-tiefer in der Achtung aller derer, die über meine glänzenden
-Erfolge unterrichtet waren.</p>
-
-<p>Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der
-Angst und Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht
-gewöhnlich befand, meinen ganzen Haufen trauriger Hefte
-bei einer unserm Haus befreundeten Familie hatte liegen
-lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die Hefte,
-meine greulichen Hefte! &ndash; Wie mich das durchfuhr!</p>
-
-<p>Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden
-es thun. Das war mir ganz sicher.</p>
-
-<p>Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg,
-sie mir wieder zu holen, wie langsam schlich ich die Treppe
-hinauf, wie zaghaft zog ich die Schelle! &ndash; Und was stand
-mir bevor!</p>
-
-<p>Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst
-die Thüre, eine ganze Schar mir sehr würdig erscheinender
-Damen, Gott weiß, wer noch dabei war. Sie ließen mich
-nicht herein, sondern öffneten nur halb und reichten mir mit
-der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen:
-»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren
-stellten sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg
-mich sehen und mir gute Lehren geben zu können. Ich war
-wie vernichtet, wütend zum Zerspringen; aber ich nahm die
-einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im Herzen
-zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als
-die Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich
-lief davon, und meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen
-die übrigen Herrlichkeiten die Treppe hinab nach. Sie ahnten
-wohl nicht, was sie mir anthaten &ndash; fast sinnlos vor Verzweiflung,
-Wut und Schande, sammelte ich meine Habseligkeit
-ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten
-Augen nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue
-Hefte zu kaufen und die alten zu verbrennen. Es reichte
-nicht; aber ich verbrannte sie dennoch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p>
-
-<p>In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen
-Aufsatz gab: Die Vorzüge des Menschen vor dem Tiere.</p>
-
-<p>Dabei schien mir wenig Witz zu sein &ndash; und ich beschloß,
-das Gegenteil zu behandeln: die Vorzüge des Tieres
-vor dem Menschen. Das leuchtete mir weit mehr ein, und
-was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter mehr oder
-weniger, darauf kam es mir nicht an.</p>
-
-<p>Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten,
-machte meinem Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig,
-stand vor lauter Wonne auf einem Bein während des
-Schreibens, pfiff und war der besten Dinge.</p>
-
-<p>Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben,
-es kam mir immer Neues in die Finger. So war das
-Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn es sich immer um
-Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei
-sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und
-Namen, Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und
-Hirn beschweren mußte, da konnte man nicht verlangen, daß
-ein vernünftiges Geschöpf sich daran mitbeteiligen sollte!</p>
-
-<p>Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller
-Gemütsruhe und erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer
-Verachtung von dem Gestrengen zurück. Er durchbohrte
-mich mit majestätischen Blicken &ndash; sagte mir, daß sich derjenige,
-welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln
-Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben
-nicht einmal bemerkt, daß das gestellte Thema verändert
-wurde &ndash; übrigens sei dieser Aufsatz vortrefflich, und er
-hätte ihn in seiner Ersten Klasse vorgelesen, habe dabei aber
-bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine ungeschickte und
-faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten lassen,
-um damit einen Betrug auszuführen.</p>
-
-<p>Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam
-aber wieder einen majestätisch verächtlichen Blick, der
-mir Schweigen gebot.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p>
-
-<p>Und ich schwieg &ndash; ich war zufrieden, stolz und beglückt;
-was der Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen
-gleichgültig, er hatte sich bei mir durch Poltern und
-Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt. Es kamen jetzt öfters
-Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen war: Gut,
-aber nicht selbst verfaßt.</p>
-
-<p>Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten
-Eltern wohl meinten, daß mir ein religiöser Halt im Leben
-wohlthäte, sollte diese Zeit der Konfirmation mir besonders
-zu Herzen gehen.</p>
-
-<p>Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter.</p>
-
-<p>Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden
-Elternhaus und all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll
-»Heimischen« erträglich überwunden war, fand ich mich
-in einer wahrhaft beglückenden Umgebung. Alle waren unbeschreiblich
-gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte mich;
-sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde,
-eine Jean Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen
-zugeneigt, dem Humor zugänglich, lebhaft und
-schön.</p>
-
-<p>Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei
-markig, kräftig und heiter.</p>
-
-<p>Im Haushalt ging es frei und ländlich zu.</p>
-
-<p>Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein
-ganzes Herz ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem
-Gelerne, Aufgesage fiel weg. &ndash; Mein Pastor plagte mich
-nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir unterhielten uns, er
-hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen, wir
-kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch
-einmal, daß er aufstand, an den Bücherschrank ging und den
-Faust herausholte.</p>
-
-<p>Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er
-begann zu lesen. Er las lebhaft und hinreißend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich
-die Thür, und die Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie
-hörte, was hier vorging, mit offenem Munde in der Thür
-stehen.</p>
-
-<p>»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja
-Religionsstunde halten &ndash; das ist nicht recht von dir &ndash; das
-ist nichts für das Kind.«</p>
-
-<p>»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte
-mein Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen
-kannte den Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und
-schlug das Buch zu.</p>
-
-<p>Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück
-halte &ndash; »und du hast es nun ja auch nachgeholt,«
-sagte sie.</p>
-
-<p>Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin
-und las mir, jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche
-vor, das die Geschichte der Märtyrer poetisch behandelte.
-Zu diesen Vorlesungen fand sich eine alte nette Dame
-ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der Märtyrer
-mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau
-Pastorin saß manchmal wie verklärt da, und die alte
-Dame auch.</p>
-
-<p>Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche,
-gottbegnadete Zeit gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres
-vorstellen könnte, als als Märtyrer zu leben und
-zu sterben.</p>
-
-<p>Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte
-zu sagen, daß es jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe.</p>
-
-<p>»Leider, leider &ndash; nein!« rief die alte Dame schmerzlich
-aus.</p>
-
-<p>Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten
-Heiligen, dachte mir immer, wie schrecklich es sei, daß sie
-sich bis zu Tode quälen ließen mit der schönen Aussicht,
-dann in einen wundervollen Himmel zu kommen &ndash; und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten &ndash; so etwas
-fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung
-in mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse.</p>
-
-<p>Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in
-mir gespürt, dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was
-andre Leute mit solcher Bestimmtheit in sich vermuten und
-wissen und mit aller Energie verteidigen. Ich dachte damals
-nie darüber nach. Wenn ich mich abends niederlegte,
-sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts
-von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich.</p>
-
-<p>Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte:
-Einen Augenblick bewußtlos &ndash; eine Ewigkeit bewußtlos!</p>
-
-<p>Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten
-Käthe im »Herzenswahn« in den Mund gelegt &ndash; hatte aber
-meine Lust zum Grübeln mit diesem Worte beruhigt und
-war völlig zufriedengestellt.</p>
-
-<p>Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an
-meinem Religionsunterricht zu finden.</p>
-
-<p>Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends
-mit Holzpantoffeln durchs Dorf, die Kinder im Haus, die
-Mädels in der Nachbarschaft waren mir willkommene Kameraden.
-Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal früh
-auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und
-ging mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim
-Schulmeister seinen schwarzen Talar schon angezogen und
-sah sehr würdig und stattlich aus.</p>
-
-<p>Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah
-die Bauern kommen, indes die Schwalben zwitscherten und an
-den Fenstern vorüberhuschten. Dann hörte ich meinen Pastor
-predigen. Die Bauern bekamen manchen kräftigen Brocken
-von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall sie
-ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten.</p>
-
-<p>Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p>
-
-<p>Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die
-Eltern, die Schwestern, mein Großmütterchen und unsre
-junge, reizende Erzieherin kamen alle von Weimar.</p>
-
-<p>Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte
-Dame, die für die Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare
-gelockt und sie mit einer Rose zusammengesteckt, versicherte
-mir auch nach der heiligen Handlung &ndash; sie hätte sich mit
-aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer Lieblingsheiligen versetzt,
-während ich am Altar gestanden hätte, sei es ihr so
-gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine
-Hinrichtung.</p>
-
-<p>Das kam mir sehr übertrieben vor.</p>
-
-<p>Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich,
-es war mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute.
-Es wurde niemand mit mir konfirmiert, das gefiel mir auch,
-und ich hatte den Tag über bei jeder Gelegenheit die denkbar
-besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so unbeschreiblich
-gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar.</p>
-
-<p>Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene
-Person, das erschien mir wenig erfreulich und auch
-wenig wahrscheinlich, war mir übrigens auch gleichgültig,
-ich war, was ich war, und damit gut.</p>
-
-<p>Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte
-vor, den Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins
-innerste Herz war ich davon erschüttert, so daß ich die ganze
-Nacht mit den tollsten Phantasieen zu thun hatte und mich
-fürchtete, wie noch nie in meinem Leben.</p>
-
-<p>Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier
-dieses Tages mit Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert,
-wie ein grünes Nest.</p>
-
-<p>Es war alles hier so schön und beglückend gewesen,
-daß ich schweren Herzens Abschied nahm. Die Pastorin
-wußte nicht, was sie mir noch Gutes anthun sollte, und
-steckte mir alle Taschen voll herrlicher Aepfel. Zwei davon<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten mir
-wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch
-einen Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter
-gesteckt, und ich fuhr mit meinen Eltern davon.</p>
-
-<p>Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie
-vor Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr
-geliebten jungen Erzieherin Unterricht.</p>
-
-<p>Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt
-durfte ich von unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen,
-und so begab es sich, daß ich der Aufführung von Wagners
-»Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich war überwältigt, hingerissen,
-betäubt, berauscht. &ndash; Die Gewalt in dieser Musik
-erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze
-Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen
-Tönen der Erwartung, der Angst, des Zweifels.
-Wundervoll empfand ich zuletzt das Sichauflösen alles Leidens,
-alles Lebens.</p>
-
-<p>Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den
-mächtigen Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg
-erschien es mir unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben
-wieder zu beginnen. Es mußte etwas geschehen, etwas
-Außergewöhnliches &ndash; das Leben mußte sich anders gestalten,
-um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können.
-Aber wie, was sollte geschehen?</p>
-
-<p>Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht
-nach etwas, was die Wunder, die ich eben durchlebt
-hatte, und die Alltäglichkeit in Einklang bringen sollte, und
-ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer gehen wollte.</p>
-
-<p>Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich
-schon den andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu
-lassen. Sie erlaubte mir dies gern; ich teilte ihr auch den
-Grund meiner Reise mit, der sie einigermaßen zu wundern
-schien.</p>
-
-<p>Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-mit mir durch meinen Entschluß wieder ins Gleichgewicht
-gekommen.</p>
-
-<p>Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich
-überrascht und freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag.
-Die Pastorin führte mich sogleich ins Wohnzimmer,
-ließ Kaffee kochen, und ich traf eine muntere Gesellschaft.
-Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei junge
-Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im
-Hause zu.</p>
-
-<p>Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen
-vorbrachte und sagte, daß ich gekommen sei, um am
-Sonntag das Abendmahl hier zu nehmen, sah sie mich
-kopfschüttelnd an und schwieg.</p>
-
-<p>»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann
-sie würdevoll. »Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du
-denn nicht heut' morgen gekommen, um wenigstens zur allgemeinen
-Beichte da zu sein? So kannst du das Abendmahl
-gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor &ndash; ohne
-Beichte!«</p>
-
-<p>Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich
-fühlte mich sehr beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht.</p>
-
-<p>»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen,
-»was sollen denn die Leute denken? Da muß wegen dir
-Privatbeichte gehalten werden, und den Leuten muß gesagt
-werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.«</p>
-
-<p>Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor
-in sein Studierzimmer.</p>
-
-<p>»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn
-du etwas auf dem Herzen hast, sag es ihm &ndash; und wenn
-es das größte Unrecht wäre, verschweigen darfst du's nicht. &ndash;
-Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll und etwas
-neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl
-nehmen willst?«</p>
-
-<p>In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-und er empfing mich ernst und wohlwollend und feierlich.
-Er fragte mich, ob ich irgend etwas auf dem Herzen hätte.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte ich.</p>
-
-<p>Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene.</p>
-
-<p>Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge.</p>
-
-<p>Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei.</p>
-
-<p>Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte.</p>
-
-<p>Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt
-hätte, und da sich zu seiner großen Verwunderung durchaus
-nichts fand, so erteilte er mir nach den Worten der Bibel die
-Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte ich seine beiden
-Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und Isolde‹
-gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck,
-daß auch er mir in die Augen sah.</p>
-
-<p>Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung
-und Bewegung des vorigen Abends kam über mich.</p>
-
-<p>»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht.
-»Nun setz dich einmal hin und erzähle.«</p>
-
-<p>Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor
-ihm aus &ndash; und wie er zuhörte! Er fragte und fragte und
-wäre für sein Leben gern dabei gewesen; die Zeit verging
-uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte auf und
-holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von
-vorn beginnen.</p>
-
-<p>Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber
-guter Pastor, ich möchte auch irgend etwas thun, was schön
-ist, ich möchte irgend ein großes Talent haben, dann erst
-würde ich glücklich sein.«</p>
-
-<p>»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal
-um einen großen Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du
-auf ein Ding deinen ganzen Fleiß verwendest, wird es dich
-auch interessieren, ganz gleich, was es ist.«</p>
-
-<p>Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete,
-daß es damit aber nichts wäre. Der alte Preller lache<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-über alles, was ich mit Müh' und Not zu stande brächte;
-und wenn er sich meine Arbeit angesehen habe, sage er
-gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser, wenn ich
-mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann
-auch nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich
-abmühten, säße ich schon und lauerte darauf, daß der alte
-Preller seine wundervollen Skizzenbücher zur Hand nehmen
-würde; aber selber zeichnen und bei aller Not und Mühe
-nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine
-Sünde.</p>
-
-<p>»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst.</p>
-
-<p>»Nun also!«</p>
-
-<p>Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein
-Herz mit wunderbaren Schauern.</p>
-
-<p>Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen
-Augenblicke hin &ndash; den dumpfen Klängen der Orgel, dem
-mystischen Gesang, den geheimnisvollen Worten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen
-zu fühlen. Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein,
-seiner Ruhe, Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und
-den tiefen Bewegungen und Gewalten einer mächtigen Kunst
-hatte mich verwirrt, beunruhigt &ndash; und ich wollte Beruhigung
-empfinden.</p>
-
-<p>Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld
-das wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon
-erzählt habe &ndash; trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf
-unsrer Bodentreppe und schrieb dort nach Herzenslust &ndash;
-Geschöpfe zauberte ich in mein blaues Heft, die mir ungemein
-sympathisch waren; sie sprachen und thaten, was ich
-wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten
-Einvernehmen.</p>
-
-<p>Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um
-die Welt hätte ich es nicht irgend jemand verraten mögen &ndash;
-und dennoch verriet ich es selbst und gewann durch diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-Verrat das höchste Glück, das das Schicksal einer schaffensmutigen
-Seele zu teil werden lassen kann; ich gewann, wie
-ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen
-Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der
-es verstand, mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und
-Ausdauer anzuspornen; der mir als höchstes Ziel steckte:
-Wahrheit in jedem Empfinden, und eine freie Würdigung
-alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches und
-beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen
-Weg gehen konnte. &ndash; Meine Arbeit, meine Kunst wurde
-mir die stille Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das
-alltägliche Leben zu stürmisch oder zu gleichgültig oder gar
-zu schwer werden wollte. Und ich selbst habe mich immer
-gewundert, wie gerade ich zu diesem großen Glück gekommen
-bin &ndash; gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je etwas
-zu erstreben, geschweige zu erreichen.</p>
-
-<p>Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von
-guten Freunden, getreuen Nachbarn und dergleichen, von
-Ereignissen aller Art, von meiner Verheiratung, meinen
-Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich auf Erden
-kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß
-ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles
-ist nur Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat
-&ndash; der volle Ernst &ndash; und in seinem Gefolge Kummer und
-Not, wie ich die Arme nach Hilfe ausstreckte, wie ich verzweifelte,
-wie ich endlich nach langer Qual genas, davon
-will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde, für
-Worte kaum erreichbar.</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Ende.</em><br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Werke von Helene Böhlau.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Das Recht der Mutter.</b> Roman. M. 6.&ndash;, geb. M. 7.50.
-F. Fontane &amp; Co., Berlin.</p>
-
-<p><b>Der Rangierbahnhof.</b> Roman. Zweite Auflage. M. 4.&ndash;,
-geb. M. 5.&ndash;. F. Fontane &amp; Co., Berlin.</p>
-
-<p><b>Rathsmädelgeschichten.</b> Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60.
-J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p>
-
-<p><b>Herzenswahn.</b> Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns,
-Minden i. W.</p>
-
-<p><b>Im Trosse der Kunst.</b> Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60.
-J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p>
-
-<p><b>Reines Herzens schuldig.</b> Roman. M. 6.&ndash;, geb. M. 7.&ndash;.
-J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p>
-
-<p><b>Im frischen Wasser.</b> Roman in zwei Bänden. M. 1.&ndash;,
-geb. M. 1.50. J. Engelhorn, Stuttgart.</p>
-
-<p><b>Novellen:</b> Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.&ndash;,
-geb. M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin.</p>
-
-<p><b>Novellen:</b> Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen.
-M. 5.&ndash;, geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Engelhorns<br />
-<span class="smaller">Allgemeine</span><br />
-Romanbibliothek.</p>
-</div>
-
-<p class="center large">Eine Auswahl<br />
-der besten modernen Romane aller Völker.</p>
-
-<p class="center">Alle vierzehn Tage erscheint ein Band.
-</p>
-
-<p class="center">Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.</p>
-
-<p class="center">(26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark, gebunden 19 M. 50 Pf.)</p>
-
-<p>»<b>Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek</b>«, die
-nun in ihren dreizehnten Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr
-zu Jahr an Beliebtheit und Verbreitung zugenommen, sondern
-auch an litterarischer Bedeutung gewonnen, so daß es nicht zu
-viel gesagt ist, wenn man sie heute</p>
-
-<p class="center"><b>einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter
-der Weltliteratur</b>
-</p>
-
-<p class="noind">nennt. &ndash; Die »<em class="gesperrt">Deutsche Dichtung</em>« schreibt darüber:</p>
-
-<div class="advtext">
-
-<p>Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum <em class="gesperrt">gute
-Bücher zu billigem Preis</em> zu bieten und dabei weder die
-Autoren noch die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen,
-nur gehört Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu &ndash; das
-ist die Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg
-von »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann,
-und hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht,
-in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige
-Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten
-ziegelroten Bändchen &ndash; durchschnittlich zehn Bogen guter Ausstattung
-&ndash; <em class="gesperrt">zum Preise von 50 Pfennigen</em> in die Welt
-sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne;
-schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark
-kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes
-Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe &ndash; nur den Einband
-abgerechnet &ndash; für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist die
-»Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet, daß
-eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast überflüssig
-erscheint.</p></div>
-
-<p>Die bisher erschienen, in dem nachfolgenden Verzeichnis
-aufgeführten Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung
-zum Preise von <b>50 Pf.</b> für den broschierten und <b>75 Pf.</b>
-für den gebundenen Band bezogen werden.</p>
-
-<p class="center large p2">Erster Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Der Hüttenbesitzer.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Aus Nacht zum Licht.</b> Von <em class="author">Hugh
-Conway</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Zéro.</b> Eine Geschichte aus Monte Carlo.
-Von Mrs. <em class="author">Praed</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Wassilissa.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Vornehme Gesellschaft.</b> Von <em class="author">H. Aïdé</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Gräfin Sarah.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Unter der roten Fahne.</b> Von Miß
-<em class="author">M. E. Braddon</em>. Aus d. Englischen.</p>
-
-<p><b>Abbé Constantin.</b> Von <em class="author">L. Halévy</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Ihr Gatte.</b> Von <em class="author">G. Verga</em>. Aus dem
-Italienischen.</p>
-
-<p><b>Ein gefährliches Geheimnis</b>. Von
-<em class="author">Charles Reade</em>. Aus d. Engl. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Gérards Heirat.</b> Von <em class="author">André Theuriet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Dosia.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Ein heroisches Weib.</b> Von <em class="author">J. J.
-Kraszewski</em>. Aus dem Polnischen.</p>
-
-<p><b>Eheglück.</b> Von <em class="author">W. E. Norris</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Schiffer Worse.</b> Von <em class="author">Alex. Kielland</em>.
-Aus dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Ein Ideal.</b> Von <em class="author">Marchesa Colombi</em>.
-Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Dunkle Tage.</b> Von <em class="author">Hugh Conway</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Novellen</b> von <em class="author">Hjalmar Hjorth Boyesen</em>.
-<em class="gesperrt">Glitzer-Brita.</em> &ndash; <em class="gesperrt">Einer,
-der seinen Namen verlor.</em> Deutsch
-von <em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>. &ndash; <em class="gesperrt">Ein
-Ritter vom Danebrog.</em> Aus dem
-Englischen.</p>
-
-<p><b>Die Heimkehr der Prinzessin.</b> Von
-<em class="author">Jacques Vincent</em>. Aus d. Französ.</p>
-
-<p><b>Ein Mutterherz.</b> Von <em class="author">A. Delpit</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Zweiter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Der Steinbruch.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Helene Jung.</b> Von <em class="author">Paul Lindau</em>.</p>
-
-<p><b>Maruja.</b> Von <em class="author">Bret Harte</em>. Aus dem
-Englischen.</p>
-
-<p><b>Die Sozialisten.</b> Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Criquette.</b> Von <em class="author">L. Halévy</em>. Aus dem
-Französischen.</p>
-
-<p><b>Der Wille zum Leben. &ndash; Untrennbar.</b>
-Von <em class="author">Adolf Wilbrandt</em>.</p>
-
-<p><b>Die Illusionen des Doktor Faustino.</b>
-Von <em class="author">Valera</em>. Aus d. Span.</p>
-
-<p><b>Zu fein gesponnen.</b> Von <em class="author">B. L. Farjeon</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Gift.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>. Aus
-dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Fortuna.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>.
-Aus dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Lise Fleuron.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Aus des Meeres Schaum. &ndash; Aus
-den Saiten einer Baßgeige.</b> Von
-<em class="author">Salvatore Farina</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Auf der Woge des Glücks.</b> Von
-<em class="author">Bernhard Frey</em>. (<em class="gesperrt">M. Bernhard.</em>)</p>
-
-<p><b>Die hübsche Miß Neville.</b> Von <em class="author">B.
-M. Croker</em>. Aus dem Engl. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Die Verstorbene.</b> Von <em class="author">Octave
-Feuillet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Mein erstes Abenteuer und andere
-Geschichten.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.</p>
-
-<p><b>Ihr ärgster Feind.</b> Von Mrs. <em class="author">Alexander</em>.
-Aus d. Englischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Ein Fürstensohn. &ndash; Zerline.</b> Von
-<em class="author">Claire von Glümer</em>.</p>
-
-<p><b>Von der Grenze.</b> Novellen von <em class="author">Bret
-Harte</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Eine Familiengeschichte.</b> Von <em class="author">Hugh
-Conway</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Dritter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Die Versaillerin.</b> Von <em class="author">Ernst Remin</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>In Acht und Bann.</b> Von Miß <em class="author">M. E.
-Braddon</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Die Tochter des Meeres.</b> Von
-<em class="author">Johanne Schjörring</em>. Aus dem
-Dänischen.</p>
-
-<p><b>Lieutenant Bonnet.</b> Von <em class="author">Hector
-Malot</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Pariser Ehen.</b> Von <em class="author">E. About</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Hanna Warners Herz.</b> Von <em class="author">Florence
-Marryat</em>. Aus d. Englischen.</p>
-
-<p><b>Eine Tochter der Philister.</b> Von
-<em class="author">Hjalmar Hjorth Boyesen</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Savelis Büßung.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Die Damen von Croix-Mort.</b> Von
-<em class="author">Georges Ohnet</em>. Aus d. Französ.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Glocken von Plurs.</b> Von <em class="author">Ernst
-Pasqué</em>.</p>
-
-<p><b>Fromont junior und Risler senior.</b>
-Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus dem
-Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der Genius und sein Erbe.</b> Von
-<em class="author">Hans Hopfen</em>.</p>
-
-<p><b>Ein einfach Herz.</b> Von <em class="author">Charles
-Reade</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Baccarat.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Mein Freund Jim.</b> Von <em class="author">W. E.
-Norris</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Hanna.</b> Von <em class="author">Heinr. Sienkiewicz</em>.
-Aus dem Polnischen.</p>
-
-<p><b>Das beste Teil.</b> Von <em class="author">Léon de Tinseau</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Lebend oder tot.</b> Von <em class="author">Hugh Conway</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Familie Monach.</b> Von <em class="author">Robert
-de Bonnières</em>. Aus dem Französ.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Vierter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Eine neue Judith.</b> Von <em class="author">H. Rider
-Haggard</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Schwarz und Rosig.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Das Tagebuch einer Frau.</b> Von
-<em class="author">Octave Feuillet</em>. Aus dem Französ.</p>
-
-<p><b>Jahre des Gärens.</b> Von <em class="author">Ernst Remin</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Gute Kameraden.</b> Von <em class="author">H. Lafontaine</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Die Töchter des Commandeurs.</b>
-Von <em class="author">Jonas Lie</em>. Aus dem Norweg.</p>
-
-<p><b>Zita.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. Aus dem
-Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Erbschaft Xenias.</b> Von <em class="author">Henry
-Gréville</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Kinder des Südens.</b> Von <em class="author">Rich. Voß</em>.</p>
-
-<p><b>Daniele Cortis.</b> Von <em class="author">A. Fogazzaro</em>.
-Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Herz-Neune.</b> Von <em class="author">B. L. Farjeon</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Sie will.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Kinder der Excellenz.</b> Von <em class="author">Ernst
-v. Wolzogen</em>.</p>
-
-<p><b>Um den Glanz des Ruhmes.</b> Von
-<em class="author">Salvatore Farina</em>. Aus dem Ital.</p>
-
-<p><b>Der Nabob.</b> Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>.
-Aus dem Französischen. 3 Bände.</p>
-
-<p><b>Der kleine Lord.</b> Von <em class="author">F. H. Burnett</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Der Prozeß Froideville.</b> Von <em class="author">André
-Theuriet</em>. Aus d. Französischen.</p>
-
-<p><b>Stella.</b> Von Miß <em class="author">M. E. Braddon</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Fünfter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Robert Leichtfuß.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der Unsterbliche.</b> Von <em class="author">Alphonse
-Daudet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Lady Dorotheas Gäste.</b> Von <em class="author">Ouida</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Marchesa d'Arcello.</b> Von <em class="author">Memini</em>.
-Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Was der heilige Joseph vermag.</b>
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Alessa. &ndash; Keine Illusionen.</b> Von
-<em class="author">Claire von Glümer</em>.</p>
-
-<p><b>Wie in einem Spiegel.</b> Von <em class="author">F. C.
-Philips</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Schnee.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>.
-Aus dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Jean Mornas.</b> Von <em class="author">Jules Claretie</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Auf der Fährte.</b> Von <em class="author">H. F. Wood</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Satisfaction. &ndash; Das zersprungene
-Glück. &ndash; La Speranza.</b> Von <em class="author">Alexander
-Baron von Roberts</em>.</p>
-
-<p><b>Die Scheinheilige.</b> Von <em class="author">Karoline
-Gravière</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Doktor Rameau.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Frau Regine.</b> Von <em class="author">Emil Peschkau</em>.</p>
-
-<p><b>Zwei Brüder.</b> Von <em class="author">Guy de Maupassant</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Mein Sohn.</b> Von <em class="author">Salvatore Farina</em>.
-Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Dosias Tochter.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Der Lotse und sein Weib.</b> Von
-<em class="author">Jonas Lie</em>. Aus dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Numa Roumestan.</b> Von <em class="author">Alphonse
-Daudet</em>. Aus dem Französischen.
-2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Sechster Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Die tolle Komteß.</b> Von <em class="author">Ernst v.
-Wolzogen</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Eine Sirene.</b> Von <em class="author">Léon de Tinseau</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Jack und seine drei Flammen.</b> Von
-<em class="author">F. C. Philips</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Mr. Barnes von New-York.</b> Von
-<em class="author">A. C. Gunter</em>. Aus d. Engl. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Gertruds Geheimnis.</b> Von <em class="author">André
-Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Wunderbare Gaben und andere Geschichten.</b>
-Von <em class="author">Hugh Conway</em>. Aus
-dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Letzte Liebe.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Sabinerin. &ndash; Felice Leste. &ndash;
-Die Mutter der Catonen.</b> Von
-<em class="author">Richard Voß</em>.</p>
-
-<p><b>Mia.</b> Von <em class="author">Memini</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Diana Barrington.</b> Von <em class="author">B. M.
-Croker</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der reine Thor.</b> Von <em class="author">Karl v. Heigel</em>.</p>
-
-<p><b>Ein Kirchenraub. &ndash; Junge Liebe.</b>
-Von <em class="author">H. Pontoppidan</em>. Aus dem Dänischen.</p>
-
-<p><b>Die Könige im Exil.</b> Von <em class="author">Alphonse
-Daudet</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die verhängnisvolle Phryne.</b> Von
-<em class="author">F. C. Philips</em> u. <em class="author">C. J. Wils</em>. Aus
-dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Serguis Panin.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>.
-Aus d. Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Achtung Schildwache!</b> und andere
-Geschichten. Von <em class="author">Mathilde Serao</em>.
-Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Salonidylle.</b> Von <em class="author">H. Rabusson</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Mr. Potter aus Texas.</b> Von <em class="author">A. C.
-Gunter</em>. Aus dem Engl. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Ein gefährliches Werkzeug.</b> Von
-<em class="author">D. C.</em> u. <em class="author">H. <span id="corrcat6">Murray</span></em>. Aus d. Engl.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Siebenter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Preisgekrönt.</b> Von <em class="author">Alexander Baron
-von Roberts</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Seele Pierres.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Zum Kinderparadies.</b> Von <em class="author">André
-Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Imogen.</b> Von <em class="author">Hamilton Aïdé</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Port Tarascon.</b> Von <em class="author">Alphonse
-Daudet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Ein Mann von Bedeutung.</b> Von
-<em class="author">Anthony Hope</em>. Aus d. Englischen.</p>
-
-<p><b>Ohne Liebe.</b> Von <em class="author">Fürst Galitzin</em>.
-Aus dem Russischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Erbin.</b> Von <em class="author">W. E. Norris</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Die kühle Blonde.</b> Von <em class="author">Ernst v.
-Wolzogen</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Mein Pfarrer u. mein Onkel.</b> Von
-<em class="author">Jean de la Brète</em>. Aus d. Französ.</p>
-
-<p><b>Der Mönch von Berchtesgaden</b> und
-andere Erzählungen. Von <em class="author">Rich. Voß</em>.</p>
-
-<p><b>Oberst Quaritch.</b> Von <em class="author">H. Rider
-Haggard</em>. Aus dem Engl. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Noras Roman.</b> Von <em class="author">Emil Peschkau</em>.</p>
-
-<p><b>Auf Vorposten</b> und andere Geschichten.
-Von <em class="author">F. de Renzis</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Versiegelte Lippen.</b> Von <em class="author">Léon de
-Tinseau</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Aus den Papieren eines Wanderers.</b>
-Von <em class="author">Jefferey C. Jeffery</em>. Aus
-dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Mein Onkel Scipio.</b> Von <em class="author">André
-Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Wie's im Leben geht.</b> Von <em class="author">A. Delpit</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Verhängnis.</b> Von <em class="author">F. de Renzis</em>. Aus
-dem Italienischen.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Achter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Irgend ein Anderer.</b> Von <em class="author">B. M.
-Croker</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Fräulein Reseda. &ndash; Ein Mann der
-Erfolge.</b> Von <em class="author">Julien Gordon</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Künstlerehre.</b> Von <em class="author">Octave Feuillet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>In frischem Wasser.</b> Von <em class="author">Helene
-Böhlau</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die geprellten Verschwörer.</b> Von
-<em class="author">W. E. Norris</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Daphne.</b> Nach <em class="antiqua">A Diplomat's Diary</em>
-von <em class="author">Julien Gordon</em>, deutsch bearb.
-von <em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>.</p>
-
-<p><b>Ein Genie der That.</b> Von <em class="author">Ernst
-Remin</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Mischa.</b> Von <em class="author">Marguerite Poradowska</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Der Thronfolger.</b> Von <em class="author">Ernst von
-Wolzogen</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Im Reisfeld. &ndash; Ohne Liebe.</b> Von
-<em class="author">Marchesa Colombi</em>. Aus d. Ital.</p>
-
-<p><b>Eine Künstlerin.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Miß Niemand.</b> Von <em class="author">A. C. Gunter</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Marienkind.</b> Von <em class="author">Paul Heyse</em>.</p>
-
-<p><b>Schwarzwaldgeschichten.</b> Von <em class="author">Hermine
-Villinger</em>.</p>
-
-<p><b>Jack.</b> Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus
-dem Französischen. 3 Bände.</p>
-
-<p><b>Der schwarze Koffer.</b> Aus dem Engl.</p>
-
-<p><b>Der Affenmaler.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Schwer geprüft.</b> Von <em class="author">J. Masterman</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Neunter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Im Schuldbuch des Hasses.</b> Von
-<em class="author">G. Ohnet</em>. Aus d. Französ. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Meine offizielle Frau.</b> Von <em class="author">Col. Richard
-Henry Savage</em>. Aus d. Engl.</p>
-
-<p><b>Sein Genius.</b> Von <em class="author">Claus Zehren</em>.</p>
-
-<p><b>Ein Zugvogel.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Violette Merian.</b> Von <em class="author">Augustin
-Filon</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Fräulein Kapitän.</b> Eine Eismeergeschichte
-von <em class="author">Max Lay</em>.</p>
-
-<p><b>Ein puritanischer Heide.</b> Von <em class="author">Julien
-Gordon</em>. 2 Bände. Aus dem
-Englischen.</p>
-
-<p><b>Das Stück Brot und andere Geschichten.</b>
-Von <em class="author">François Coppée</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>In der Prairie verlassen.</b> Von <em class="author">Bret
-Harte</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Zwischen Lipp' und Kelchesrand.</b>
-Von <em class="author">Charles de Berkeley</em>. Aus
-dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Mein erster Klient und andere Geschichten.</b>
-Von <em class="author">Hugh Conway</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Auf steinigen Pfaden.</b> Von <em class="author">Léon de
-Tinseau</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Heimatlos.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>.
-3 Bände. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Baronin Müller.</b> Von <em class="author">R. v. Heigel</em>.</p>
-
-<p><b>In guter Hut.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Das Kind.</b> Von <em class="author">Ernst Eckstein</em>.</p>
-
-<p><b>Das Haus am Moor.</b> Von <em class="author">Florence
-Warden</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Giovannino oder den Tod! &ndash;
-Dreißig Prozent.</b> Von <em class="author">Mathilde
-Serao</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Des Seemanns Tagebuch.</b> Von <em class="author">Gustave
-Toudouze</em>. Aus dem Französ.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Zehnter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Das Geheimnis des Hauslehrers.</b>
-Von <em class="author">Victor Cherbuliez</em>. Aus dem
-Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Das wandernde Licht.</b> Von <em class="author">Ernst
-von Wildenbruch</em>.</p>
-
-<p><b>Einer alten Jungfer Liebestraum.</b>
-Von <em class="author">Alan St. Aubyn</em>. Aus dem
-Englischen.</p>
-
-<p><b>Schatten.</b> Von <em class="author">Ossip Schubin</em>.</p>
-
-<p><b>Unerwartet.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Ein Opfer.</b> Von <em class="author">Karl E. Franzos</em>.</p>
-
-<p><b>Die Möwe.</b> Von <em class="author">Zacharias Nielsen</em>.
-Aus dem Dänischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Geopfert.</b> Von <em class="author">George Simmy</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Unheimliche Geschichten.</b> Von <em class="author">Dick-May</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Margarete und Ludwig.</b> Von <em class="author">Frieda
-Freiin von Bülow</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Herzogstochter.</b> Von <em class="author">Mrs. Oliphant</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Briefe aus meiner Mühle.</b> Von
-<em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus d. Französ.</p>
-
-<p><b>Erinnerungen einer Schwiegermutter.</b>
-Von <em class="author">George R. Sims</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Lou.</b> Von <em class="author">Alexander Baron von
-Roberts</em>.</p>
-
-<p><b>Hof Gilje.</b> Von <em class="author">Jonas Lie</em>. Aus
-dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Don Cirillos Hut.</b> Von <em class="author">Emilio de
-Marchi</em>. Aus d. Italienischen. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Jean von Kerdren.</b> Von <em class="author">Jeanne
-Schultz</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Unter Bauern.</b> Von <em class="author">Hermine Villinger</em>.</p>
-
-<p><b>Prinz Schamyls Brautwerbung.</b>
-Von <em class="author">R. H. Savage</em>. Aus dem Engl.
-2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Elfter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Das Recht des Kindes.</b> Von <em class="author">Georges
-Ohnet</em>. Aus dem Fränzös. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Ein schlechter Mensch.</b> Von <em class="author">A. von
-Gersdorff</em>.</p>
-
-<p><b>Mademoiselle.</b> Von <em class="author">F. M. Peard</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Kosmopolis.</b> Von <em class="author">Paul Bourget</em>.
-Aus dem Französischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Eine schnurrige Geschichte.</b> Von
-<em class="author">Frank R. Stockton</em>. Aus d. Engl.</p>
-
-<p><b>Die wahren Reichen.</b> Von <em class="author">François
-Coppée</em>. Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Simson und Delila.</b> Von <em class="author">Annie
-Bock</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die gelbe Rose.</b> Von <em class="author">Maurus Jókai</em>.
-Aus dem Ungarischen.</p>
-
-<p><b>Verloren.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>.
-Aus dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Zwei Herren.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Eine Schultragödie.</b> Von <em class="author">Edmondo
-de Amicis</em>. Aus dem Italienischen.</p>
-
-<p><b>Schiffe, die nachts sich begegnen.</b> Von
-<em class="author">Beatrice Harraden</em>. Aus d. Engl.</p>
-
-<p><b>Susi.</b> Von <em class="author">Friedrich Spielhagen</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Tim.</b> Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Frauen.</b> Von <em class="author">Anna Munch</em>. Aus
-dem Norwegischen.</p>
-
-<p><b>Die alte Geschichte.</b> Von <em class="author">Charles
-de Berkeley</em>. Aus d. Französ. 2 Bde.</p>
-
-<p><b>Der Sänger.</b> Von <em class="author">Karl v. Heigel</em>.</p>
-
-<p><b>Möblierte Wohnungen.</b> Von <em class="author">George
-R. Sims</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Tante Anna.</b> Von <em class="author">W. R. Clifford</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Zwölfter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Die Erbschleicherinnen.</b> Von <em class="author">Ernst
-v. Wolzogen</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der Kameenknopf.</b> Von <em class="author">Rodrigues
-Ottolengui</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Die Cigarette und andre Geschichten.</b>
-Von <em class="author">Jules Claretie</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-
-<p><b>Dodo.</b> Von <em class="author">E. F. Benson</em>. Aus dem
-Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Die Brüder.</b> Von <em class="author">Claus Zehren</em>.</p>
-
-<p><b>Pflichtgefühl.</b> Von <em class="author">W. D. Howells</em>.
-Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Revanche!</b> Von <em class="author">Alexander Baron
-von Roberts</em>. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Pinsel und Meißel.</b> Von <em class="author">Teodoro
-Serrao</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Schwere Frage.</b> Von <em class="author">A. v. Gersdorff</em>.</p>
-
-<p><b>Das Magdalenenhaar.</b> Von <em class="author">Jean
-Rameau</em>. Aus dem Französischen.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Der Verkauf einer Seele.</b> Von <em class="author">F.
-Frankfort Moore</em>. Aus d. Englischen.</p>
-
-<p><b>Wandelbilder.</b> Von <em class="author">Richard Henry
-Savage</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Selbstgerecht.</b> Von <em class="author">Friedrich Spielhagen</em>.
-2 Bände.</p>
-
-<p><b>Roman-Studien.</b> Von <em class="author">Jerome K.
-Jerome</em>. Aus dem Englischen.</p>
-
-<p><b>Jugendstürme.</b> Von <em class="author">Karl Busse</em>.</p>
-
-<p><b>Eine Familienähnlichkeit.</b> Von <em class="author">B. M.
-Croker</em>. Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-
-<p><b>Verbotene Frucht.</b> Von <em class="author">Henning
-van Horst</em>.</p>
-
-<p><b>Gold und Ehre.</b> Von <em class="author">Otto M.
-Moeller</em>. Aus dem Dänischen.</p>
-
-<p><b>Eine gelbe Aster.</b> Von <em class="author">Jota</em>. Aus
-dem Englischen. 2 Bände.</p></div>
-
-<p class="center large p2">Dreizehnter Jahrgang.</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Villa Falconieri.</b> Von <em class="author">R. Voß</em>. 2 Bde.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Mit wahrhaft berauschender Glut der
-Schilderung zaubert uns der berühmte
-Dichter in seinem prächtigen Roman den
-Frühling der Campagna di Roma und des
-Albanergebirgs mit seiner märchenhaften
-Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift
-uns das Schicksal der Menschen voll
-Leidenschaft, die er in dieser großartigen,
-stil- und stimmungsvollen Umgebung
-lieben und leiden läßt.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Die Tochter des Abgeordneten.</b> Von
-<em class="author">Georges Ohnet</em>.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>In diesem glänzend geschriebenen Roman
-bietet <em class="gesperrt">Ohnets</em> vielseitiges und fruchtbares
-Talent eine seiner reifsten Früchte.
-Die große Schar der Freunde und Verehrer
-des gefeierten Erzählers wird dieses
-Buch namentlich auch darum noch vermehren,
-weil es sich auch zur Lektüre für
-junge Mädchen eignet.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Die Siegerin.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Einem neuen Buche von Hans Hopfen können
-wir keine bessere Empfehlung mit auf den Weg
-geben als die, daß es ein »echter Hopfen« ist.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Eine dritte Person.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>.
-Aus dem Englischen. 2 Bände.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem
-Schauplatze der meisten Crokerschen Romane,
-durchwärmt und verklärt gleichsam
-die Geschichten dieser mit Recht so beliebten
-Erzählerin und verleiht ihnen einen romantischen
-Schimmer, der den Leser unwiderstehlich
-gefangen nimmt.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Flederwischs Heirat.</b> Von <em class="author">Gyp</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«,
-ist ein entzückendes Geschöpfchen,
-dessen köstliche Naivetät und neckischer
-Humor wahrhaft herzerfrischend wirken.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Eine internationale Ehe.</b> Von <em class="author">Madame
-Bigot</em>. Aus dem Englischen.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes,
-gut beobachtetes Milieu und
-eine reich bewegte Handlung vereinigen
-sich in diesem flott geschriebenen Roman
-zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen
-Ganzen.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Sich selber treu.</b> Von <em class="author">M. Gerbrandt</em>.
-2 Bände.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Warmherzige Menschen von reich entwickeltem
-Gefühlsleben treten uns in diesem
-hochgestimmten Roman entgegen, in dem
-sich die begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin
-von feiner poetischer Empfindung
-und abgeklärter Kunstanschauung
-erweist.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Islandfischer.</b> Von <em class="author">Pierre Loti</em>. Aus
-dem Französischen.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Mit der Einreihung von Lotis berühmten
-Roman, diesem Hohenlied der See und der
-Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir
-einen Wunsch vieler unserer Leser.</p>
-</div>
-
-<div class="hang">
-<p><b>Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.</b>
-Von <em class="author">Helene Böhlau</em>.</p>
-</div>
-
-<div class="advtext">
-<p>Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller
-Kleinmalerei und gemütvollen, schalkhaften
-Humors sind auch diese neuen <em class="gesperrt">Böhlau</em>schen
-Ratsmädelgeschichten, in denen wir
-einen Hauch aus Weimars großer Zeit
-verspüren.</p></div>
-
-<p class="p2">Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu <b>Geschenken ganz besonders geeigneten</b></p>
-
-<p class="center large">Salon-Ausgabe
-</p>
-
-<p class="noind">auf <b>feines, extra starkes Papier</b> gedruckt und in <b>elegantem Liebhaber-Einband</b>
-zum Preise von M. 2.&ndash; für den einfachen und M. 3.&ndash; für den doppelten
-Band erschienen.</p>
-
-<p class="center">Einfache Bände:</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><em class="author">Burnett</em>, <b>Der kleine Lord</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Feuilett</em>, <b>Das Tagebuch einer Frau</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Paul Lindau</em>, <b>Helene Jung</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Voß</em>, <b>Kinder des Südens</b>.</p>
-
-<p><b>Was der heilige Joseph vermag.</b></p>
-
-<p><em class="author">v. Wolzogen</em>, <b>Die Kinder der Excellenz</b>.</p>
-
-<p><em class="author">v. Gersdorff</em>, <b>Ein schlechter Mensch</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Savage</em>, <b>Meine offizielle Frau</b>.</p></div>
-
-<p class="center">Doppel-Bände:</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p><em class="author">Conway</em>, <b>Eine Familiengeschichte</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Croker</em>, <b>Die hübsche Miß Neville</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Hopfen</em>, <b>Robert Leichtfuß</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Ohnet</em>, <b>Der Hüttenbesitzer</b>.</p>
-
-<p><em class="author">v. Wolzogen</em>, <b>Der Thronfolger</b>.</p>
-
-<p>&ndash; <b>Die tolle Komteß</b>.</p>
-
-<p><em class="author">Sims</em>, <b>Erinnerungen einer Schwiegermutter</b>.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="chapter">
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben.</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 7: alimodisches → altmodisches<br />
-wie ein <a href="#corr007">altmodisches</a> Kleidungsstück abgelegt</p>
-<p>
-S. 11: Augenbiick → Augenblick<br />
-Von dem <a href="#corr011">Augenblick</a> an, als sie</p>
-<p>
-S. 61: Weimararaner → Weimararnern<br />
-den <a href="#corr061">Weimaranern</a> ihr geliebtes Deutsch</p>
-<p>
-S. 136: wir → mir<br />
-es war <a href="#corr136">mir</a>, als würden da</p>
-<p>
-Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray<br />
-Von <em class="author">D. C.</em> u. <em class="author">H. <a href="#corrcat6">Murray</a></em></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN***</p>
-<p>******* This file should be named 51230-h.htm or 51230-h.zip *******</p>
-<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
-<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/1/2/3/51230">http://www.gutenberg.org/5/1/2/3/51230</a></p>
-<p>
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.</p>
-
-<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-</p>
-
-<h2>START: FULL LICENSE<br />
-<br />
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br />
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</h2>
-
-<p>To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.</p>
-
-<h3>Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works</h3>
-
-<p>1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.</p>
-
-<p>1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.</p>
-
-<p>1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.</p>
-
-<p>1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.</p>
-
-<p>1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:</p>
-
-<p>1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:</p>
-
-<blockquote><p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United
- States and most other parts of the world at no cost and with almost
- no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use
- it under the terms of the Project Gutenberg License included with
- this eBook or online
- at <a href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
- are not located in the United States, you'll have to check the laws
- of the country where you are located before using this
- ebook.</p></blockquote>
-
-<p>1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.</p>
-
-<p>1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.</p>
-
-<p>1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.</p>
-
-<p>1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.</p>
-
-<p>1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.</p>
-
-<p>1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.</p>
-
-<p>1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that</p>
-
-<ul>
-<li>You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."</li>
-
-<li>You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.</li>
-
-<li>You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.</li>
-
-<li>You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.</li>
-</ul>
-
-<p>1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
-
-<p>1.F.</p>
-
-<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.</p>
-
-<p>1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.</p>
-
-<p>1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.</p>
-
-<p>1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
-
-<p>1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.</p>
-
-<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause. </p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
-</html>
-
diff --git a/old/old/51230-h/images/cover.jpg b/old/old/51230-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 9f5b76a..0000000
--- a/old/old/51230-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/old/51230-h/images/signet.png b/old/old/51230-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index e37905e..0000000
--- a/old/old/51230-h/images/signet.png
+++ /dev/null
Binary files differ