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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-05 08:49:49 -0800 |
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Band 12. - - -RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN. - -von - -Helene Böhlau. - -(Madame al Raschid Bey.) - - - - - - - -[Illustration] - -Stuttgart. -Verlag von J. Engelhorn. -1897. - -Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten. - -Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. - - - - -Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe. - - -Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das kleine, nun längst -wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet anfing, mitten unter den -tausend und abertausend europäischen Städten und Städtchen sich -außerordentlich wichtig zu thun. Es mochte auch alles Recht dazu haben; -denn es hatten sich in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet, -Vögel, derengleichen vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren, -und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so daß sie wirklich -außerordentlich seltene Vögel geblieben sind, bis heutzutage. - -Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben, und es hat den -Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig hinerzählt war, allem -Feierlichen, Schweren aus dem Wege ging, alles Leichtlebige beim Zipfel -nahm. - -Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus den Bürgerstuben, -aus den Gärten vor der Stadt, von jenen alten, gesegneten Gärten, und -ich werde mich auch wieder vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen -Tieren vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten abgeben. - -Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre alte weimarische -Sonne locken, von der sie so gerne sich wieder bescheinen lassen würden. - -Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt, eine weiche, -hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es sproßt und keimt, in der -ein lustiger, feuchter Wind weht, Nebel ziehen, in der Herzen schlagen, -und in der allerlei behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die -Achseln zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen; damals -aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen machte. So glaubte man -in jenen Tagen und tuschelte es sich gegenseitig wie eine interessante -Hofgeschichte zu, daß die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie, -von der Karl August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts -machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in Tieffurth, im -Park und im Schlößchen. - -Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten Dinge. Die -bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft, aber doch -humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß daran, daß die kleine, bucklige, -häßliche Dame solche Geschichten machte. - -Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn es war absolut -nicht ~comme il faut~ von der Göchhausen. -- Außerdem sprach die -Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern darüber, daß ihr so etwas -»arrivieren« mußte -- solch eine »Kalamität«! -- Man fand, daß sich -die Göchhausen noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich -machte. - -Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie sie schimpfend und -klagend die Parkwege auf und nieder gehuscht war. - -Sie hatten sie ganz genau erkannt, -- daran bestand kein Zweifel! - -Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von Krommsdorf erst -spät heimgetrieben, war sie im Park auch nachgehuscht, und er erzählte, -daß sie ihm scheußlich weinerlich und wichtig gesagt habe: »Ich -la--ngweil' mich so!« -- Weiter nichts. Aber +wie+ sie es gesagt hätte! -Wie aus einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden, die -die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer Kalb, das -die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt hatte, pfundweis nach -Hause trugen, gar nicht haarsträubend genug vormachen. - -Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen, immer klagend, -immer schimpfend und immer unzufrieden; -- manchmal auch nur murmelnd -und brummend; -- aber +wie+ murmelnd! -- eben ganz wie eine arme -Seele murmeln muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war -überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache, daß sich die -Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, -- nach Vorschrift der alten -Kobold- und Geistergeschichten. - -Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen haben und hatten auch -gottlob immer etwas; sie waren an die merkwürdigsten Dinge gewöhnt, -eine solche Fülle von gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das -graue Rattennest niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß -diese Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit allerhand -fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel. - -Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar lachende, -blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich behende Körper, -blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch etwas tollpatschige Hände, -helle Kleider, die sich lebendig um diese jungen Körper schmiegen, -die sich so jugendsicher auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so -wohlgebaut und unschuldig. - -All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie zu ein paar -Mädchen, die in der alten Wünschengasse daheim sind. - -Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt und sind mehr, -als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund und Feind, Nachbar und -Nachbarin. - -»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und sind die Töchter des -Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und würdig, nie verstanden hat, weshalb -gerade ihm das Schicksal diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr -Mühe und Kopfzerbrechen kosteten, als seine Buben. Ja, in der That, -er und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem hübschen Paare -fertig geworden, wenn nicht die ganze Wünschengasse ihnen beigestanden -hätte, die Rangen zu erziehen; und nicht nur die Wünschengasse fühlte -sich dazu berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen -Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es, wenn sie miteinander durch -die dämmerige Gasse schlenderten. Und wer dies aussprach, schaute ihnen -gewissermaßen gespannt nach. - -Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige Wünschengasse in -Aufregung zu erhalten. - -Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach den Ratsmädchen, -das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln und Hetzen, das Verhätscheln -und Anraunzen. Nie, solange die Wünschengasse steht, sind aber zwei -Schwestern von Kindesbeinen an trotz alledem so ungetrübt heiter -gewesen wie diese zwei, so treu ihren Freunden ergeben. - -Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag Freunde -haben, -- zu den Menschen, die nie einsam sind, -- zu den sonnigen -Kraftmenschen, die Wärme und Strahlen für andre übrig haben. - -Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden keinen -Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden nahe treten wollte, waren -ihnen dankbar, -- und was die Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und -diese Freunde: der blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon, -den sie auf den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner -französischen Abstammung wegen; in den weimarischen Mäulern aber war -»der Pudding« zu einem »Budang« geworden. -- Und der schöne Franz -Horny, der sich als Maler später einen Namen machte und in jungen -Jahren in Amalfi starb; -- sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo -es von den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian verehrt -wird. -- Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller, Schillers Sohn. - -Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich vergnügt, wie -dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr geschieht. - -Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere Urwüchsigkeit -wie ein altmodisches Kleidungsstück abgelegt. - -Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen und haben -sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von Röses Paten Sperber, -einquartiert. Sie sind ins Wasser gefallen, haben miteinander getanzt, -wenn es ihnen paßte; sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten -gefahren, sie haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie -haben »Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren -gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich von den -etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre genommen worden, haben -ihnen ihre Schularbeiten vorweisen müssen und sind von ihnen belobt und -gestraft worden, wie das alles ausführlich schon einmal erzählt worden -ist. Herr und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung -ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen. - - * * * * * - -Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse. -Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel, und in die Dämmerung -dröhnt die große Glocke im Schloßturm. Der Sturmwind fährt in das -mächtige Geläute; er reißt die großen, vollen Töne wie Wolken -auseinander und nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie, -läßt sie hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen. - -Die Glocke läutet die Osternacht ein. - -Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch; so -voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne und das tiefste -Menschenleid. - -Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß Gott wo, -erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens Weimar geworden. -Ein jeder versteht dies Herz da oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig -aus, was die andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es -erweckt sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein -großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat. -- - -Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster hinaus. - -»Hörst du?« sagt Marie. - -Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet wurde, zum Schloß -hinunter gelaufen und haben hinauf nach der grünen Turmspitze gesehen, -die von der Wucht der Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und -her schwankte; oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten, -und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert; oder -die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den Glockenstuhl, und sie haben -da, schwankend und schwindelnd und ganz betäubt von den ungeheuren -Schlägen, die den Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander -geklammert und an den riesigen Balken festgehalten. - -Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum Fenster hinaus. - -Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen. - -Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal geantwortet. - -Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen grüne -Schärpen. - -Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff von aller -Schönheit und Eleganz. - -»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! -- Was fällt euch ein! -- -Der Wind!« So ruft Frau Rat, die Mutter der Ratsmädchen, die eben ins -Zimmer tritt. - -Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt. Der Haushalt -mit den wilden Mädchen und Buben, die Kriegsjahre, der überernste -Gatte, die Geldsorgen, -- das alles ist der fein organisierten Frau zu -viel geworden. - -Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe; sie aber hat etwas -Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur bei sich selbst fände, was sie -sucht. - -Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das Glockengeläut dringt -nur noch dumpf ins Zimmer. - -Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die Lichter an. - -Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches Gesicht. - -Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des einen Talglichtes -brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter unter einem grünseidenen, -ovalen Schirm. - -»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?« - -»Was denn sonst, Schatz? -- Habt ihr euch die Hände gewaschen?« - -»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse. - -»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und streicht ihr übers -Haar. -- »Gutes Kind!« - -Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß sie ihrer -Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht. - -»Ruhig, ruhig!« - -Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf auf dem Tisch?« - -Senf war eben das Neueste. - -Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles in schönster -Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht feierlich im Zimmer auf -und ab. - -»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch einmal: »Charmante -Leute!« - -Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden« nicht. Man hat zu -warten, bis er fragt. - -»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit -erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau. - -»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?« - -»Ich dachte so etwa ... etwa ...« - -Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit« nannte, -nicht recht klar zu sein. - -»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon eine recht -große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem Seitenblick auf die -Mädchen. - -Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der Mutter auf der Platte -tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt zu. - -»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?« - -Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen Halsbinde heraus, -im Hintergrunde des großen Zimmers, zu seiner Frau. - -»Bst!« macht Frau Rat. -- »Mein Gott, so jung sollte sie nicht sein. So -ein armes Ding!« - -»I was!« sagt Herr Rat. -- »Papperlapapp! Warst du etwa älter?« - -Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres Lebens zogen -an ihrer Seele vorüber. -- Sie lächelt, -- alle heißen Thränen, alles -Sehnen, alles Verstummen hatte sich bei ihr zu einem müden Lächeln -herabgemildert, -- oder in ein Lächeln zusammengefaßt, -- wie man will. - -Apothekers kamen. - -Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten rundes Bäuchlein war -mit »selber gestickter« Seide überspannt und glänzte wie ein heiteres -Gestirn. Er kniff Röse in die Wange und war vortrefflich gelaunt. - -Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach den Fenstern -des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte sich eben eine Dame in -vollem Putz, in weißer Haube mit blauen Bändern und im weißen Kleide. -Sie öffnete das Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der -Wind, der durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte. - -»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte nicht lange, da -empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau Geheimderat Thon und deren -Sohn Ottokar Thon, Adjutanten des Großherzogs Karl August. - -Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den Eltern Kirsten, -küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann Marie. - -Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte. Das weiße Kleid -umschloß in langen Falten eine volle, stolze Gestalt. Das schöne -Busentuch war aus kostbaren gelblichen Spitzen, und eine breite, -hohe Haube mit himmelblauen Bändern beschattete ein energisches, -wohlkonserviertes Gesicht. - -Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre rundliche Kinderhand -dann an die Lippen. - -Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen Gesichte aber lag -eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen ihrer Schwester Hand nicht -los, bis man sich zu Tische setzte. - -Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie ahnte, sie wußte -alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach mit ihr, als spräche er zu -einem lebendigen Heiligtume, -- so etwas scheu, -- und doch ... -- -Rösen überschauerte es. - -Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten Uniform aussah! - -Von dem Augenblick an, als sie ihn zuerst gesehen, war ihre Seele -ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner Gescheitheit und -seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger gewesen, und sie hatte auch -gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet. - -Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig gelobt habe, -und daß Karl August eine Schrift über die Zukunft Deutschlands von ihm -kenne, von wahrer staatsmännischer Bedeutung. - -»Solch ein Mensch will mich!« - -Das waren Röses Jubelgedanken. -- - -Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen und hörte zu, -wie alle sprachen. - -Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie mußte träumerisch -an einen Vogel denken, der in seinem Nest auf schwankem, grünem Zweige -sitzt, das von einem weichen Winde hin und her geweht wird. Die Sonne -glitzert durch die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes -Licht um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug. Sie -fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist; deshalb macht -sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen, stillen Wonne, ein -kindisches, süßes Bild. - -Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter; nein, alles -und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte Festsuppe: Grünkern -mit Kerbelrübchen. Das war Frau Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen, -wie Mandeln so fein und klein, zergingen auf der Zunge, und die -Suppe duftete wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete -es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer. Warmer -Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel, der echte köstliche -Kornduft, ein sanfter Wind, der über die Aehrenhäupter streicht, -- -Erdgeruch! Das alles kam, als der Deckel von der Suppenschüssel gehoben -wurde, den Gästen bewußt oder unbewußt in Erinnerung. - -Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe! - -Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß sein wie eine Musik -oder wie ein Gedicht, die Leute sollen fröhlich davon werden.« - -Ja, es war eine feierliche Suppe! - -Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben klirrten, -und im Schornstein heulte und jammerte er. - -Nach der Suppe gab es einen Karpfen, -- einen Spiegelkarpfen mit -großen, goldenen Schildern und Flecken, den besten Karpfen, den -der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen! Röse und Marie hatten -natürlich mitgeholfen, ihn aus dem Behälter herauszufischen, in dessen -klarem Ilmwasser die festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig -flimmernden Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten -hatten sie also erwischt. - -Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit, seiner -Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen. - -Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm den Kopf -auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im Rasen neben -den Fischbehältern eingerammt waren, und der über und über von -Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er den Fisch in zwei Hälften -geteilt und den Ratsmädchen in den Korb gepackt und ihnen die -Fischblase extra verehrt. Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen -zu lassen; es hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein -althergebrachter Spaß gewesen. - -Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer kam, blau gesotten mit -geriebenem Meerrettich, und ganz in Petersilie ruhend, da rief der -Apotheker: »Donnerwetter, ist das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger -gewesen?« - -Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren aber nur die -Vorläufer vom Propheten. - -Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern zu einem -wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus. - -Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer Hofjagd -mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem Herrn, und hatte sie -Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert, und nun sollten sie feierlich -gemeinschaftlich verzehrt werden. - -Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte, waren alle -erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen, nußbraun -gebratenen Tiere silberne Füße und silberne Köpfe hatten. - -»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung vor eurer -Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen! Silberne Köpfe und -silberne Füße!« - -Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger und waren -glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater auch nichts davon -gewußt hatte. - -Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem Geschenk gehört -hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene Vögel aus ihrem -Silberschrank geliehen. - -Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei Flaschen alten -Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden Flaschen hatte er in dem -Franzosenjahr vor den gierigen Langfingern versteckt. Er hatte sie im -kleinen, dunklen Höfchen unter dem Regenfaß vergraben und, als die -Luft wieder rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in -einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz von Staub -und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande setzte er sie, als die -Vögel mit den silbernen Füßen kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz -auf den Tisch. - -»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt. - -»Papperlapapp!« -- Herr Rat war schon dabei, eine zu entkorken. -- -»Gehört sich's nicht etwa so?« - -Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß ein alter, -seltener Wein in so staubigen und schimmeligen Flaschen auf den Tisch -kommen müsse; das sei für den Kenner das Feinste. - -Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten, Kompotts und -Beilagen aller Art. - -»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie verspürt haben -wollen?« fragte der Apotheker den jungen Thon. »Das wäre heute so eine -Nacht für die Bestie, um den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!« - -»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!« antwortete der -Adjutant lebhaft. - -»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der Ilm an dem -Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth -- so eigentlich mitten im -Tieffurther Park. Verspürt ist er nun, der Lump ... aber ...!« - -»Ja -- aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem Adjutanten auf den -Fuchs an. - -Marie zupfte Röse am Kleid. - -Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon. - -»Röse,« tuschelte Marie besorgt, -- »sie werden doch nicht gar zu lange -bleiben?« -- - -Röse fuhr wie aus einem Traum auf. - -»Was?« fragte sie. - -»Na, wenn unsre Drei nun kämen?« - -»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort sind; die werden -unten schon lauern, bis der letzte hinaus ist!« flüsterte Röse. - -Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben, verehrten -Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und bedauerte, daß sie -Weimar so bald wieder verlassen müsse. - -Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen, um ihren Sohn zu -besuchen. - -Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem Kompottlöffelchen an -ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt und stattlich. - -Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene Frau in -ihrem weißen Kleid so frei und vornehm stehen zu sehen. - -Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren Sohn diesmal -verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit menschliches Berechnen -nicht trüge, vor ihren Augen läge, -- und für diese Beruhigung, diese -frohe Aussicht danke sie dem gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten. - -Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und Frau Rat an, dann mit -Apothekers, und mit Röse ganz besonders. - -»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie. - -Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand; darauf küßte er Röses -Hand wieder tief bewegt. - -Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder Schlingel!« flüsterte -sie Röse zu. - -Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das war auf Vater -Kirstens Befehl hin so eingerichtet. - -Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten, und er wollte in -seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand keinen »Verlobungstrafik«, wie -er sich ausdrückte. Das Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt -werden. - -Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein verliebtes Paar zu -stolpern! - -Er war Herr im Hause, damit basta! - -Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die Apothekerin mußte -ihren Mann zweimal am Rockschoß zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der -schönste gewürzte Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß. - -Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der Wind mit solcher -Gewalt gegen die Scheiben gefahren und hatte an den wackeligen, alten -Fenstern gerüttelt, daß der Apotheker ordentlich zusammengefahren und -wieder zur Besinnung gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider. - -Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes durchaus nicht. Es war -gut so. Sie wünschte sich's nicht anders. Nichts schreckte sie aus -ihrem süßen Traume auf. Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich! -Und es war nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien -es ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen. - -Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut! - -Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und Hochzeitssprüchlein -und gab ihrem Vater, als sie mit ihm anstieß, extra einen Kuß dafür, -daß der in der schön gestickten, seidenen Weste nicht reden durfte. - -Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde, kindliche Geschöpf -vor sich, wie es so süß träumte. Und sie gehörte ihm, war sein eigen, -sie war ihm versprochen! - -Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß auf diese junge -Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden Mund schien ihm -Erlösung, -- das seidenweiche Haar zu streicheln Erquickung! - -Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt schwieg, -erschütterte ihn. - -Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume. Ein berauschender -Duft! -- - -Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird doch heut auch -wirklich spuken?« - -»Wer?« fragte Röse. - -»Ach geh!« - -»Wenn das +so+ werden soll, wenn du ewig nur vor dich hin gucken -willst! -- Na dann --!« Marie sprach sich nicht weiter aus, schien aber -entrüstet zu sein. - -»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß! Mich freut's -grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht noch mehr!« - -Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden zankend -miteinander tuscheln. - -»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und eine Seele?« - -»Sind wir auch!« sagte Röse. - -Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen Braut; -etwas würdig, wie er es mit jedem jungen Mädchen that, aber jedes -Wort bebte und zitterte und war beladen mit allem möglichen, und die -Blicke beider hingen aneinander, -- forschend, ergründend und scheu den -Anblick genießend. - -Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der Wind und trug jetzt, -wie es schien, einen merkwürdig hellen, rhythmischen Pfiff auf seinen -Flügeln. - -Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem Anbeter war, spitzte -die Ohren, erhob sich wie im Traume, ging dem Fenster zu, blieb aber -zögernd, wie unverrichteter Sache stehen und begab sich wieder auf -ihren Platz. - -Der junge Thon beobachtete sie. - -»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken, lassen sie uns bei -dem Wetter nicht fort!« - -Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht gekommen. - -Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die Arme. - -Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte bei sich: »Das war -ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?« - -Jetzt schellte es unten. - -Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt und -sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen. Was ihnen denn nur -einfiele! Waren sie denn des Kuckucks! - -Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten. - -Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus für -Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei und mit einem -Veilchenbouquet daran gebunden, etwas unsagbar Schönes, Bräutliches. -Sie hatte jedenfalls nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch -bei einem Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei. - -Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen sollten; sie -beratschlagten und hielten sich deshalb ziemlich lange auf der Treppe -auf. Marie kam auf den schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt -den Veilchen in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben, -bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es möchte dem Vater -nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk der Schopenhauerin -jetzt mit hereinbrächten. Und es geschah so, wie sie sich vorgenommen. - -»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die Mädchen wieder eintraten. - -Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr. - -Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit einiger Zeit von einer -merkwürdigen Unruhe befallen waren. Es war ihm, als müsse er mit Röse -ein feierliches, großes Wort reden. - -Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch wirklich? War er -ihrer sicher? - -Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig und -liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den Händen fest. - -»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!« dachte der junge Thon -mitten in seinem Herzensrausch. Er hat bereits gestern die halbe Nacht -platt auf dem Bauche vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich -schon, wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den Fuchs -paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über sich rauschen, fühlt -wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm. Und das Lauern, das scharfe -Hinhorchen, -- das Spannen, -- die Naturlaute, die nachts hie und da -geheimnisvoll auftauchen, -- da wird's ihm wohl werden! - - * * * * * - -Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen Frau Rat Kirsten -Komplimente über das splendide Gastmahl, und Frau Geheimderat Thon -drückt Röse mütterlich zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr. -Röse errötet tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand -ihrer künftigen Frau Schwiegermutter. - -Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem, Unbekanntem, als -Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand drückt, so erregt und bewegt, -als wäre dieser einfache Händedruck eine heilige Handlung. - -Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme und küßt sie -und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen in den Augen. - -Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort und Stelle bringen; -sie sind zu diesem Behuf aus ihren weißen Kleidern in die grauen -Ginghamalltagskleider geschlüpft und wirtschaften mit wahrem Feuer und -so ordentlich und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei sich -denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch, pflichttreu und -brav!« - -»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du so trödelst, wann -denkst du denn, daß wir fortkommen?« - -»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang, »was hilft's -denn sonst? -- Poltere doch nicht so!« Marie ging darauf hin auf den -Fußspitzen. - -Drüben bei Thons war schon alles dunkel. - -»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn bei uns so lang?« - -Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah nach diesem und -jenem; die Mutter schloß das gespülte und geputzte Silberzeug in den -Schrank. - -Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen Füße und -Hälse der Fasanen. - -Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus Dunkelheit und -Nachtruhe ein. - -Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt; die Magd, -Vater und Mutter, jedes war schlafen gegangen, und keine Maus rührte -sich. - -Es schlug elf Uhr. -- Da war es, als wenn auf der dunklen Treppe sich -vorsichtig etwas bewege. Es knarrte eine Stufe; es huschte und schlich -etwas. Zwei Stimmen wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte -Röse tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich angst, -- -so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du, daß der Vater bös sein -würde?« - -»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem Atem, »jetzt -ist's zu spät! -- Mach nur leise, -- du trampelst ja!« - -»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar nich!« Aber da krachte -die alte Stufe so entsetzlich. Den beiden kam es wie ein Kanonenschuß -vor. -- Sie standen ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu -regen. -- »Ach Gott!« klagte Marie. - -Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter. - -»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in seinen Kissen. - -Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete undeutlich: »Der Wind; -auch wohl die Katze.« - -Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte draußen an den -Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben, sang und jodelte in den -Schornsteinen. Es war eine wilde, stürmische Osternacht. Zerrissene -Wolken fuhren über den Himmel. - -Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche, zitternde -Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel geräuschlos ins -Schlüsselloch zu stecken. - -Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden Herzens, aus der -Mutter Speisekammer stibitzt. - -Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und schauten mit -ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie seufzten beide tief, denn -es war ihnen nicht geheuer zu Mute. Sie hätten's nicht thun sollen! -So heimlich fortzuschleichen war das Rechte nicht, das fühlten sie. -Und sie dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an Frau -Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten Respekt hatten. Was -die wohl dazu meinen würde? - -»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! -- Himmlisch!« - -Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von dem Winde treiben. -»Glaubst du wirklich, daß es was gibt, wenn sie's oben merken?« fragte -Röse. - -Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen Longshawl gefaßt -und sich darin verfangen. - -»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub' schon. Aber wenn -alles gut ausgeht, und wir haben sie wirklich gesehen, und wir sagen's, -dann -- dann ...« - -Der Wind nahm ihr den Atem. - -Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern lieber gedeckt, -wie die Diebe an den Häusern hin; und so eilten sie Hand in Hand -vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke flatterten wild im Westwinde; -die Stirnlöckchen, selbst die schweren hängenden Zöpfe wehten und -peitschten um sie her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries -Zopf übers Gesicht gefahren war. - -Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der Gaststube schimmerte -Licht in die Dunkelheit; es trat jemand aus der hellerleuchteten -Thorfahrt. Röse und Marie drückten sich atemlos, erschreckt in den -Schatten an die Mauer. Dann liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen -Augen, weil der Sturm Sand und Staub aufrührte. - -Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond schaute auf einen -Augenblick ungeheuer glänzend, als wäre er von den Wolken eben erst -wieder blank gewischt worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde -hinab. - -»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen. - -Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und die Ilm nächtlich -an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen und lauschten ins Dunkel -hinaus. - -Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der Sturm hatte sie wie ein -paar Rosenbüsche zerzaust. - -»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte Marie, »wenn sie -uns nur nicht erschrecken!« - -Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende und -wieder verschwindende Mondlicht, die schweren, schwarzen Wolken, der -Sturm, der in den hohen Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche -Stille, ohne menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell -unterbrochen, das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne auf -der Mühle, -- alles bedrückte sie! - -Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem ähnlich, den der -Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen hatte; aber er kam so -zaghaft zu stande, daß er wie ein Hauch verflog. - -»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte Marie kaum hörbar. - -»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und beide schmiegten sich -fest aneinander. - -»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,« meinte Marie. -»Wir müssen ein bißchen näher. Ob der Müller ihnen wohl die Fähre los -gemacht hat?« - -Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam. - -»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie. - -Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben: »Scheußlich -falsch.« - -»Oho!« hörten sie laut rufen. - -Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, -da standen ihre drei Freunde Budang, Horny und Ernst Schiller vor ihnen. - -»Trödelbüchsen!« rief Budang. - -»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend. - -Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle Fähre. Das Ilmwasser -rauschte und gluckste um die groben Bretter und schien eine eisige -Kälte zu verbreiten. - -Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre zwischen den -geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder, woran die schweren Taue -liefen, schnurrten; der Wind klappte und rasselte damit. Röse und -Marie saßen aneinander gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre -heute sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd, dem man -nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende Wasser schlich, wie -sie schwankte, ruckte und zuckte! Der Sturm erschwerte die Ueberfahrt -außerordentlich. - -»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse wieder, -- »so schwarz!« - -Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?« - -Keine Antwort. - -Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie waren gerade dabei, -die Fähre am andern Ufer anzulegen, und mußten aufpassen. - -Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer schwer und bang -gestimmt. Alle miteinander schritten in einer Reihe den aufwärts -führenden Weg hinan. Den breit ausladenden Westwind hatten sie jetzt -in der Seite. Man konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond -war einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit -pechschwarz. - -Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?« - -»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!« - -»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in der Osternacht da -stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.« - -Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen. - -»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade, denke ich, gehen -wir doch!« - -Tiefe Stille. - -Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen miteinander und -die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es durchrieselte sie selbst bei -ihren Worten. - -»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so fürchterliche Dinge! -Am Tage denkt man nicht daran, aber nachts, da sieht alles so wie in -einer alten schrecklichen Geschichte aus. Weißt du von dem Fährmann, -der die Toten über ein großes schwarzes Wasser setzte; -- so wie wir -vorhin, fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie lieb -haben. -- So hat es gewiß gerauscht, -- und so kalt wird's gewesen -sein, und die Taue haben so geklappt, und die Räder geschnurrt; und -alles pechschwarz, Sturm, nie wieder Sonnenschein! -- Und da haben sie -auch so auf der Bank gesessen und sich gefürchtet, -- und sind auf -Nimmerwiedersehen fortgefahren! -- Budang, wie mir die Göchhausen leid -thut! -- Glaubst du denn wirklich, daß sie kommt? -- Und wie ist's denn -nur, daß sie gerade kommt, und die andern nicht? -- -- Ach, Budang, wer -so was wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?« - -Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie aus einer Flasche -spricht, -- so fiept, -- das ist gräßlich!« - -Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien, alle Hand in -Hand. - -Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden Blätterknospen -aneinander; es klappte und sauste, und über die kahlen Felder kam es -unheimlich angebraust. - -Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und die Blätter werden -erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie sich an Budang fest vor -Grauen. Und Marie flüsterte bebend: »Pfui Röse!« - -»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten die sich!« - -Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt; ganz geheuer -war es keinem von der Gesellschaft zu Mute. - -»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn sie wirklich kommen -sollte! Was machen wir denn da mit Röse und Marie --?« meinte Ernst -Schiller. - -Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne Sorge, wenn es -darauf ankommt, fürchte ich mich gar nicht! -- Ich rede sie an!« - -»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen sollt!« - -»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so darfst du uns -nicht behandeln! -- Weißt du, wir sind so gut wie verlobte Mädchen!« - -»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich, »laß die -dummen Witze!« - -Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht! -- Haben wir je -gelogen?« - -Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen alle -zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind schnob um sie her und -trieb sie noch näher zu einander. - -»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand sogleich wußte, -wem sie angehörte. Sie klang so fremd, so unterdrückt, als wenn der -Frühlingssturm selbst mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan -hätte. - -Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare Veränderung in -dem Gesichte seines Freundes Ernst Schiller. - -Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen Götzendienst -getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts Lieblicheres als -diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen Herzens geblieben, sein ganzes -erstes Jugendfeuer gehörte seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn -auch seines Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?« - -»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja noch nicht sagen!« - -»Nun, -- weshalb sagst du dann: beide?« - -»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten sie sie doch auf -einer Lüge ertappt, die Bengel! - -Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas gehabt hatte, -was die andre nicht auch besaß. Es mochte ihr neu sein, daß sie -Einzelwesen waren. Es verdutzte sie völlig. Beide gehörten so eng -zusammen. Sie waren sogar merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre -geboren, als gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen -wir ja. - -Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche durcheinander. -Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten und Zweige, wie durch ein -Riesensieb. - -Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein andres schwatzend -und klagend, frühlingshaft spitz und grell vor sich hin. Auch ein -Liebespärchen, das sich lockte und schalt, koste und sich beklagte! - -Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da und dort: -unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen! - -»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure Fasanen gekommen, --- vielleicht ein Fuchs.« - -»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses Verlobungsgeschichte -nicht glauben wollte und sich doch nicht recht zu fragen getraute. - -»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe und silberne Füße -aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll aus.« - -Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt ganz still. - -Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches. - -»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen, »ist denn -deine Verlobung wirklich wahr?« - -»Ja, Budang.« - -»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?« - -»Ja.« - -»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine vernünftige Person -bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst du dich denn gern? Ich -begreif's nicht! Wieviel jünger bist du denn als ich?« - -»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft. - -»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in anderthalb Jahren -verheiraten wollte. -- Lächerlich!« - -»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig. - -»Und du weißt's, daß du verlobt bist, -- seit heute erst, -- und bist -doch mitgerannt! -- -- Du bist aber gedankenlos! Da muß man doch, -dächt' ich, ganz erschüttert sein?« - -»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht ganz verlobt! --- Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer dran? -- Immer! -- -- -Nein, weißt du, mir ist's auch viel lieber, daß ich mit euch hier -renne; zu Haus war mir's manchmal ganz angst und bange vor Glück.« - -»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?« - -»Nein.« - -»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts nach! Wie bist du -nur!« - -»Ach geh!« wehrte Röse ab. - -Der Sturm hatte nachgelassen. - -Sie bogen jetzt ins Dorf ein. - -Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde! - -»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny. - -Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht, geh' ich -wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig. - -»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber nicht naß!‹« rief -Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse und Marie denken nicht; sie -thun's nur!« - -»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!« - -Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der Ilm vorüberführt. -Und die Ilm gluckste und rauschte auch hier geheimnisvoll nächtlich, -und der Wind pfiff noch gespenstischer durch die riesig hohen Ulmen. -»Wenn sie hier käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch -nirgends ausweichen, -- so zwischen der Mauer und der Ilm. -- -- -- Ich -stürb' auf der Stelle, wenn sie mich anfaßte!« - -»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie darauf kommen, dich -anzufassen? Schließlich war sie doch eine vornehme Dame, und die wird -sich doch nicht im Grabe solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!« - -»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht hören!« - -Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt; das nächtliche -Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge, daß sie doch etwas Unrechtes -thäten, das schauerliche Ziel, die vermutliche Nähe des Entsetzlichen, --- all das hatte sie überwältigt, und sie brach in Thränen aus. - -Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze; Röses Hals -umklammernd, weinte sie bitterlich. - -»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!« - -Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und wußten nicht, was -beginnen. - -»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten ihre blonden -Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen Körper schmiegten sich fest -einer an den andern. - -Der Mond schien hell über sie hin. - -»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir verlassen uns doch -nicht?« - -»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.« - -»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie muß der zu Mute -sein! -- Und wie schrecklich, daß sich die Leute so vor ihr fürchten!« - -»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen sie fragen. -Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!« - -Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen. - -Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während Röse leicht -beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun gehen wir weiter,« -sagten sie dann, und sie hingen sich wieder ein in die Arme ihrer -Freunde. - -»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie bedenklich. - -In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch gestört war, nur -die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr durch die Baumkronen, da hörten -sie etwas! -- Was war das? - -Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. -- Von fern ein Scharren, --- ein Laufen, -- ein Huschen, -- Schritte, -- aber merkwürdige -Schritte, -- in Sätzen, -- etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges, -Menschenunwürdiges! - -Sie standen alle bewegungslos, lautlos. - -Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges Hupfen und -Huschen! - -Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher, -- grad auf -dem Wege kam es auf sie zu, -- näher, -- immer näher, auf dürren -Blättern gehend, dann hopsend! Ja, wenn sie das wirklich wäre, dann -überstiegen diese Laute alle Phantasie! Der entsetzlichste Kobold -hätte nicht widersinniger rennen, hüpfen und stehen bleiben können, -als es das that, was da ankam! -- Und zu denken, daß diese arme Seele -eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem etwas -boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel! -- Ein Mensch! Eine -Hofdame!! -- so heruntergekommen, so urweltlich sich aufführend, -- so -ungeheuerlich! - -Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde mächtig -bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer angedrückt, --- totenstill. Wie mußte erst das Aussehen des Spukes sein, nach -solchen Lauten! -- Sie hatten sich alle eine unbestimmte Vorstellung -von der Begegnung mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes -- -Nebelhaftes -- Huschendes -- Fiependes, -- und daß sie wie aus einer -Flasche sprechen würde; aber nicht so -- um Gottes willen nicht so! - -Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, deren Ränder -versilbernd. - -Da sahen sie sich etwas bewegen, -- etwas Ungestaltes, Niederes; --- es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel, -- und zwei -unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich und hoben sich gespenstig -vom dunklen Hintergrund ab! Diese wackelnden Hörner, was sollten die? -Was wollten die? - -Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen. - -Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein Bocken und Stampfen, -und wie aus einer Trompete, ein urweltlicher, scheußlicher Ton, und -- -ein Gelächter! Budang war's, der lachte. - -Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet und beleuchtete --- ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt auf vier hohen, sparrigen -Beinen stand und seinen Riesenkopf mit seinen Riesenohren vor sich hin -streckte und horchte. - -»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst. - -Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge Scheusal hopsend -und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit vorgestrecktem Kopf in die -Nacht und in den Park hinein. - -»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine ›Muffel‹, der ist dem -Pächter entwischt!« - -Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was kommen; zu -einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten sie es nicht. Es lag -etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, Werdendes, -- so etwas Banges, -Wehes. -- Auf Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste -schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall an, an -die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die Gräber, -- denn es war -heilige Osternacht, wo die Toten auferstehen! - -Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, -- Käuzchen, -- verliebtes -Nachtgetier. - -Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die Schritte waren -unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. Eine moderige Feuchtigkeit stieg -auf. - -Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand. - -»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor Goethes Gartenhaus -alle Morgen gekehrt wurde? Daß ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt -hat? -- Glaubt ihr das?« - -Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht der -stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen. - -Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst einmal gesehen; -die Schopenhauern hat's erzählt, und die weiß auch, wer's gewesen -ist. Beim ersten Morgenschimmer hat er das Mädchen getroffen, wie -sie gekehrt hat, -- und da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele -und ist zusammengesunken wie ein Wisch; und eine alte Frau, die wie -ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat etwas gemurmelt, -wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig is!‹ Dann sind sie nie wieder -gekommen, und das Kehren war aus!« - -Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -- »Ja, wißt -ihr denn das nicht?« rief Marie unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern -gesagt, daß das nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen -gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit saß, hat es sich -ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt, -- so wie ein Kätzchen, --- oder wie ein Mädchen, das ihn lieb hatte und für ihn gestorben -ist. Einmal hat er auch, als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm -gesehen, der sich über seine Brust spannte, -- nur einen Arm und eine -Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten ging, da soll -etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. Es haben's auch -andre Leute gesehen und sind davor erschrocken. Ja, es war oft jemand -unsichtbar um ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern -hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist und ihn so -übermannt hat, wie der Schauer, wenn das Wundersame bei ihm gewesen -sei. Und an dem Morgen, an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen -hat, da soll er ganz verstört gewesen sein!« - -Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit zu haben; alle -unterhielten sich weiter über geheimnisvolle Dinge. Jeder hatte etwas -zu erzählen. - -Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim Umzug als Feder -nachfliegt und im neuen Hause wieder mit einzieht; die Beutlersleute, -die über Kirstens wohnten, kannten einen in ihrer Familie, der auf -Spinnenbeinen ging und eine Zipfelmütze trug. -- Im alten Rattenneste -Weimar spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab es -keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht irgend etwas -nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein altes Haus, in dem -es ganz einfach geheuer war, und keine adelige Familie, die nicht -gerade so wie ihr altes Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß. -Das heißt, auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das -Familiensilber zu rechnen. - -Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf den einsamen -Parkwiesen hin und her und betraten nun mit abermals klopfendem Herzen -die dunkelsten, geheimnisvollsten, überwachsenen, feuchten Wege an der -Ilm, um trotz allem der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade -dort, hieß es allgemein, sollte sie spuken. - -Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung ziemlich von oben -herab von diesen Dingen, waren aber wiederum um nichts weniger eifrig -und weniger erregt, als unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die -Borkenbrücke und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen -Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und Büschen bestandenen -Abhange hin, und kaum waren sie hier eine Strecke in tiefem Schweigen -geschlichen, -- denn es war eine so feuchte, monddurchschienene -Einsamkeit, als wäre jahrhundertelang hier niemand gegangen, -- da -standen sie alle mit einem Schlage wie gebannt! - -Nahe, -- in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand aufgestöhnt, und sie -hatten alle deutlich gehört, wie etwas, das in den Büschen steckte, -so recht verbissen und verzweifelt zwischen den Zähnen »verdammt!« -gezischt hatte. »Verdammt!« deutlich »verdammt!« nichts weiter, und -dann wieder tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten. - -»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd. - -Alle hielten den Atem an und horchten. - -Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen schien indessen -auch zu horchen. - -Totenstille! - -Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen würde, -- denn -da war etwas, -- das war sicher! - -Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen wie die -Bildsäulen so starr, -- ganz Erwartung! Dasjenige, das in den Büschen -auf so sonderbare Weise »verdammt!« gesagt hatte, mußte sicherlich in -Verwunderung geraten sein, was mit den vielen Schritten, die es doch -kommen gehört hatte, geworden sei. - -Jetzt aber, -- was war das? -- Ein Fiepen, ein jämmerliches, -sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, oder quietsche ein -Wägelchen, oder auch als wimmere ein Hund unter ganz besonderen -Umständen! - -Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es durchaus nicht -unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie fiepe, oder wie durch eine -Flasche rede, hatten sie ja gewußt! - -Das war das Entsetzliche! - -Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, was im Gebüsch -steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte. - -Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer gepackt, mahnte Röse: -»So kommt doch!« Und sie war's, die sich wieder auf die Beine machte, -ohne auf die andern zu achten, die ihr schleichend folgten. - -So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige Schritte, mit -klopfendem Herzen und stockendem Atem. -- Dann ein gewaltiges Rascheln -im dichten Gebüsch, -- ein furchtbarer Schrei, -- ein Springen, -- -ein heiserer Laut, -- und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem -großen, dunklen Mantel umfangen wurde. -- Ein ungeheurer Schreck! -- -Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles! - -Marie schrie verzweifelt auf. - -»Ruhig, -- ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was macht ihr denn hier? -Röse, um Gottes willen, wie kommst du hierher?« - -Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien zu flüstern und -war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. Und jetzt, -- ein -zarter, zarter Frühlingslaut, -- so süß, so wunderlich, -- ein Laut wie -ein Kuß! - -»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. »Der lag hier auf -der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße Wort hatte sich ihr im -Schreck und in der Ueberraschung gebildet. - -Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und in der Erregung -über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, die ihm den Fuchs -verscheuchten, die Schnauze zugehalten hatte, wedelnd an Marie in die -Höhe. - -»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt, erschüttert, -doch auch unwillig aus dem großen, dunklen Mantel heraus. -- »Was fällt -euch denn ein?« - -»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, »daß wir -ausgerissen sind.« - -»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, »sie sind ja mit -+uns+; -- und wenn +wir+ dabei sind, dürfen sie alles! -- Frau Rat hat -es ihnen ein für allemal erlaubt.« - -Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die die beiden Mädchen -hatten, lächeln. - -In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine überzeugende -Vortrefflichkeit, -- so eine unantastbare Treuherzigkeit, -- daß jedes -weitere Wort, jeder Unwille und jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der -Adjutant schüttelte Budang die Hand und begrüßte die beiden andern, -währenddem er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ. - -»Also die Göchhausen wolltest du sehen? -- Für so etwas hattest du also -doch noch Raum?« - -»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft -- »lagen da doch des -Fuchses wegen?« - -»Ja, mein Herz, -- weil ich's daheim nicht aushalten konnte. -- Was -denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!« - -»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.« - -Und nun gingen sie alle miteinander und brachten die leichtsinnigen -Dinger, die Ratsmädchen, heim in die Wünschengasse. - -Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren Kameraden, -- wie -gut sie immer wären, wie lustig, wie treu, und was sie alles von ihnen -gelernt hätte, besonders von Budang. - -Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, das voller Liebe und -Freundschaft war, voller Anhänglichkeit, -- und erzählte alle möglichen -dummen und lustigen Streiche. - -Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn, auch ihre -Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so klug! Solche gibt's nicht -wieder!« rief sie. - -Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu. - -Das war Frühlingsreinheit, -- Frühlingszartheit, -- Frühlingswonne! - -Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell. - - * * * * * - -Viele, viele Jahre sind vergangen. -- Die Jugend vieler Millionen -Menschen ist verweht. -- Es ist alles anders geworden. - -Röse ist nun eine alte Frau. -- Was das Leben ihr gab, hat es ihr -längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle -Freuden mit Leiden gezahlt -- nach Menschenart. Sie ist unendlich -geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich -wiederholen sehen, immer von neuem. -- Sie ist gut, still und heiter -und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die -schöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, -- sonst nirgends! - -Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die -sie nichts angehen. - -Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft, -- aber -da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht. - -Geduldig werden, -- geduldig werden, -- geduldig werden! darauf läuft's -hinaus. - -Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre -Enkelin sitzt bei ihr am Bette. - -Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit -durch die Straßen fährt. - -Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken. - -Da, -- was ist das? - -Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu -ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie -beim Fasanenessen saßen. - -»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer -Enkelin, -- »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das -Gesicht der Greisin. -- »Das ist er!« nickte sie träumerisch. - -»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er uns abholen wollte; -so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei, -und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!« - -Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein, -in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß -es sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf -mit lebendigen, geistvollen Augen, -- und seine silberweißen, dichten -Locken liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. -- Er hat eine -Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung. - -»Wie geht's der Röse?« fragt er. - -Röse streckt ihm die feine Hand entgegen. - -»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im Auge, »du kannst ja -noch deinen Pfiff!« - -»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten, -»das freut dich?« - -Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten -miteinander einen weiten, -- weiten Ausflug in die gute alte Zeit. - -Und das war die beste Medizin. - -Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in -Sorgen und Bangen kam; -- aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr -wohl that. - -»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, -- du treuer Mensch!« - -Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, -- treu in großer, -wahrer, seltener, starker Freundschaft. - - - - -Das dritte Ratsmädel. - - -Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, die sie -wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon als Kinder oft in -der Dämmerung sich von ihr unterhalten, wenn der Schnee fiel, und sie -daheim still in der Familienstube stecken mußten. -- So eine unbekannte -Schwester zu haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch -etwas höchst Merkwürdiges! - -Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester gesprochen; es war -ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten sie sich Märchen. - -Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee fallen! -- Sie mußten -in der Dämmerung sitzen, und niemand durfte sie beachten; dann kam -die Schwester dran, und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl -aussehen könne. - -Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die Tochter aus des Vaters -erster Ehe, und nach ihrer Mutter Tode von ihrer Großmutter mit nach -München genommen worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete, -hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten. - -Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester Barbara schreiben -gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst aus dem fernen München -alle Weihnachten an den Herrn Vater und die Frau Mutter nach Weimar. - -Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit wunderlichem Schauer. - -Einmal schrieb auch die Großmutter. - - »Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn! - - Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, woraus ich - sah, daß es Ihn und der Frau und den guten Kindern wohl und - gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man wird ein alts Möbel, das - heißt, um von mir zu reden. -- Waberl wird groß. Sie tritt die - Kindsschuh aus. -- Kurios, was für ein ruhiges Mädel sie immer - war. Grad als wenn meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre - alte Mutter in Voraussicht so geboren hätte. - - Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das müßt' ich - lügen. - - Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit Jahresfrist - jetzt unser Quartier. - - So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt. - - Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf dem - kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹ - - Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber es ißt - doch gut wohnen. -- Fünf Fenster in Front, drei Fenster die - große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, dazu Alkoven, ein - kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und Speicher. Kurz alles, was - der Mensch braucht -- und das Glockengeläute obendrein. - - Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das ißt ein - Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht. - - Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind. - - Herr Sohn mögen mir nit zürnen. - - Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm geraten. - Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust. Die - Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche Sach und wäre - dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich bietet, wie ißt - Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, und ein Gang zu guten - Freunden, und ein gut Obst und ein gut Bier. Gottes Gaben sind - verschiedenerlei. - - Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich ißt - gut.‹ - - Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil - aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. Und - eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel zu schiegen - und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der Herr Gott sie in - seiner Laune gemacht hat. - - Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau daß - Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, damit es - ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das Bildnis der - heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den Hals, was bedeutet, - daß sie besonders dem Schutz der heiligen Jungfrau anvertraut - ißt. - - Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen sie - unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, aber - ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie den - weltlichen Dingen entrückt. - - Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine Gabe an sich, - die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie hat eine gesegnete - Hand. Und das ißt so gekommen: Ein Kindel in unserm Haus hatte - die Fraisen und war gottserbärmlich geplagt. Zufällig hat die - Waben das Kindel in die Arme bekommen und hat's umhertragen un - gestreichelt un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und - wenn's wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst - nach der Waben geschickt -- dann hat's sich rumgeredet und es - sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf hatte, und - Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch das Mäderl ißt - gesund worden. - - Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder Wäsche - flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und es kommt - eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter und will sich - von der Waben kurieren lassen. - - Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von Uebel sein? - - Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, -- wenn's so - still und brav dahinlebt. - - Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich hab' Ihm - von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, wie's in die - Höh gewachsen ißt, -- und damit Sie, wenn ich das Zeitliche - gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu sich zu rufen. - - Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang des - freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie von uns - alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die liebe Frau und - die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens verbleib' - - dero - - Großmutter.« - -Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen wie ein -Märchen wirkte. - -Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das von einer -Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu haben, die eine Mutter -Gottes am Halse trug, eine katholische Schwester! Sie sprachen von dem -fürchterlich lauten Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und -daß sie mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen. - -Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen mußte! - -Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, der waren sie -auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn sie erwarteten immer etwas -Merkwürdiges von ihr. Den Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in -ihr Gebetbuch geschaut, -- und sie hatte ihnen einmal das »Heilig« -vorgesungen, -- etwas ganz Außerordentliches. - -Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -- Häulig! -- -Häulig! -- Häulig! kam es wie aus einem tiefen Keller herauf. - -Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe. - -Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten Keller -- und -so fort. So sang es die Magd ihnen vor, und sie selbst hatten es bei -Spaziergängen oft zu singen versucht. - -Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt worden. - -Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die Weimaraner zu jener -Zeit hatten von »dem Katholischen« keine rechte Idee. - -In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, und die Magd mußte -jährlich einmal nach Jena wandern zur großen Osterbeichte. Da kam sie -ihnen vor, wie eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben; -und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu beichten. - -Sie beneideten sie. - -Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande sei's gesagt, dann -ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres als eine Predigt schienen ihnen -auf der Welt nicht zu existieren. - -Das war das Längste. - -Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten ihnen zum Trost, -wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige Blumenbouquetchen zum -Mitnehmen, oder Budang schnitt ihnen ihre Namen besonders kunstvoll -aus, oder auch gaben sie ihnen Malzbonbons mit. - -Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres: zu Weihnachten, -Ostern und Pfingsten; dann war es ein großes Fest neben dem Fest, denn -da gingen sie alle miteinander. - -Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief der Großmutter -erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse und Marie lasen auch diesen. -Das war auch ein sehr merkwürdiger Brief. Die Großmutter schrieb: - - »Hochverehrend libswertester Herr Sohn! - - Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir. - - Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges Engerl zu - sein, das arme Mädel. - - Herr Sohn, -- 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's gehört, - wenn der Herr Gott ein End machen will. - - Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter - Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, der mir und dem - Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -- Um meinet und Ihres - Willen mög's nun genug sein. Sie pflegt mich wie eine heilige - Nonn -- Gott sei's geklagt. - - Da gibt's nix. -- Ungeduld kennt's scheint's nit -- und wenn - ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz. - - Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott - geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich, - geschweige vor ein menschlich Wesen. - - Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig Jahr -- - und so mög' es dem Herrn gefallen, mich baldn zu erlösen, das - wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere und stehn ihr die Ohren - voll Tag und Nacht. - - Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes - Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das - Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches halten im - Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. Das walte - Gott. - - Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr Sohn und die - lieb Frau und die Kinder - - In Todesnot und Jammer - - Die Großmutter.« - -Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen! - -Und sie würden nun zu »drei« sein! - -Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über alles Maß -außerordentlich. - -Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren Bräutigam Ottokar -Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach mit dem Großherzog war und -auch noch bleiben mußte, zu Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude. - -Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. Sein Hauswesen -sollte wie am Schnürchen gehen. - -Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen. - -Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der -älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.« - -Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem -fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen? -Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine -gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben? -Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu -fremd. - -Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei -Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl -alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese -Angelegenheit zu seiner Frau sagte. - -Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom -Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen -Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen. - -»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß -bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht -hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.« - -Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte, -und waren des besten Willens voll. - - * * * * * - -So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist -sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie -nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras -Aussehen ein Wörtchen geschrieben. - -Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse. - -Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein Mädchen zu erwarten. - -Er wollte es so. - -Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch gedeckt, und -ein Riesennapfkuchen stand mitten unter den Tassen, wie ein Berg. - -Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen. - -Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, aber die Mutter -verbot es ihnen. - -»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!« - -Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten Bäumen, die sich ihrer -Farben, ungestört von Regen und Nebel, freuen konnten. - -In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober zur Seltenheit; -gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, ehe sie abfallen. Dies -Jahr aber war auch ein vortrefflicher Zwetschgenherbst. Die Zweige -bogen sich unter der blauen Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur -standen heuer acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen -aufmarschiert zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch -die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die Magd und -Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder. - -Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und tags darauf das -Rühren und Kochen im Waschkessel, von früh morgens bis spät in die -Nacht. -- Ein Hauptfest, an dem geschwelgt und geschleckt wurde. - -In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte auf der Treppe -überhört. - -Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie -euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht. - -Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend, --- flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug -einen großen, schwarzen Holländerhut. - -Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. -- »So ein -Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie. - -Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie -den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß. - -Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich -zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein -Rebhuhn.« - -Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich -aufgesteckt. - -»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden -waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre -Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben -der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die -Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie -gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen. -Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel -bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten -Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit -den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen -Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber -feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich -daherschritten. - -Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da. - -Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr -den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie -sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und -fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife. - -Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode. - -»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife geben!« sagte Marie -leise. - -Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen Schwester wanderten sie -beide hinauf in die Dachstube. - -Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken. - -Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und Marie nötigten sie -gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der Vater hielt auch mit. - -»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit diesen beiden -großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er auf Marie und Röse, »mußt -du nun auskommen.« - -Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal. - -Und der Vater hatte recht! - -Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen und den guten -Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen lassend, ließ sich gar -nichts Treffenderes von ihnen sagen. - -»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, »von eurer Wohnung -aus konnte man die Alpen doch wohl nicht sehen?« - -»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.« - -»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu gleicher Zeit. »Wie -sehen die denn aus?« - -Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von zackigen Bergen; -auch manchmal wie Wolken und manchmal schneeweiß, wie aus lauter Eis, -und manchmal himmelblau. Aber nur bei schönem Wetter kann man sie -sehen.« - -»So? Warst du auch einmal wirklich dort?« - -»Nein, das ist zu weit.« - -Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester hatte so eine -sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, und manchmal »halt«, -- das -gefiel ihnen; aber sie sprach nur, wenn man sie fragte. - -»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was heilen, das wissen -wir,« sagte Röse. - -Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter die flachsblonden -Härchen. - -»Bst!« machte die Mutter leise. - - * * * * * - -Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der -langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von -Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen -lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester. - -»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so -zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt -du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und -- komisch! --- einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder -›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte -Großmutter machte nämlich Schreibfehler.« - -»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die -Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht. - -Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten -sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe -lag. - -»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie. - -»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse. - -Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten -schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos. - -Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine -Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr -Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs -in die Küche. - -Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die -Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit. - -»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!« - -»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich. - -Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer -etwas zu thun. - -Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen -die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei -für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen -während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit -Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre -Art. - -Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der -Arbeit. - -Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist -»benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein -Seelchen eingezogen. - -Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn -man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging. - -Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im -ganzem Hause gerufen und verlangt. - -Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu -finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten -zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die -allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie -nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit, -gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester. - -Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren Gang. - -Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete freundlich, wenn -es gefragt wurde, war immer gleichmäßig liebenswürdig, hatte aber ein -ganz undurchdringliches Wesen. - -»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach einigen Wochen kaum -bekannter mit ihr, als am ersten Tag, und wurden doch von ihr verwöhnt, -daß es eine Art hatte. - -Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, lange Haar, was -bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte ihnen die Kleider, half -ihnen nähen und schneidern und saß bis an die Ohren und mit einem -rührenden Eifer in Röses Ausstattungsarbeiten. - -Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander durch den Park. - -Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts von dir. -- Wir -haben dich doch lieb, -- erzähl doch!« - -Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. »Wie denn? -- Was -denn?« fragte sie. - -»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel älter als wir; -warst du denn nie verliebt?« - -»Nein.« - -»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?« - -»Nein.« - -»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast du denn nie -getanzt?« - -»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon mitgegangen; aber ich -wollt' halt net. Ich hatte Angst, daß die Großmutter sich verderben -könnt'.« - -»Aber sonst hättst du's gemocht?« - -»O ja, warum net?« - -»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse. - -»Ja.« - -Da war die Unterhaltung wieder aus. - -»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten sie nach einer Weile. - -»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, und jeden Tag -durfte ich in die Messe gehen.« - -Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen Frauenkirche, -den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, dem wundervollen Gesang, -der mächtigen Orgel, den vielen Menschen, dem Weihrauchduft und den -vielen, vielen Grabkugeln am Karsamstag. - -»Ja, das war wunderschön!« sagte sie. - -»Sehnst du dich danach?« - -»Manchmal.« - -»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn nicht traurig -darüber?« - -»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete sie kurz. - -»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen die Menschen einen -trösten. Uns wenigstens kannst du alles sagen. Wir sagen auch alles.« - -»Bist du nicht einmal in München in der Komödie gewesen?« forschte -Marie. - -»Ja, einmal.« - -»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?« - -»Passabel.« - -»Und was sahst du denn?« - -»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar nimmer.« - -»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar nicht!« meinten sie -verwundert. - -»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander einmal in die Komödie, -wir und Budang und die andern, da wirst du sehen, daß es hier nicht nur -›passabel‹ ist.« - -Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren Streichen: wie sie -mit Budang, Ernst von Schiller und Horny aller Nasenlang durchs -Hinterpförtchen ins Theater geschlüpft seien, -- und wie herrlich das -war. Sie berichteten ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August, -wie der sie beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner -Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei ihrer -Schwester kein besonderes Verständnis. - -Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich gehabt habe, -trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr gute Frau gewesen sein -mußte. Die Schwester that ihnen leid. - -Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, sagten sie ihm: -»Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie die Schwester, weil ihnen -das gefiel, »ist eigentlich wie ein altes Weibchen aufgewachsen. Sie -versteht uns gar nicht, das arme Ding. -- Und so verschlossen wie sie -ist! Weißt du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch sehr -mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders »nett« mit ihr -zu sein. - -Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen gemacht, -als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit als etwas ganz extra -Mitleiderregendes hingestellt hatten. - -»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter aus als wir.« - -»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei Waben zu machen.« - -»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er konnte sich's doch -nicht verbeißen. - -Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie glaubten an ihn. - -In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten sich alle, es -der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, was sie schön fanden. -Sie hatten sie in die »Zauberflöte« geführt. - -Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben während der -Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt. - -»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse stieß ihre Schwester -leicht an. - -»Du schläfst ja!« - -»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.« - -Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah nur nieder. - -Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst du denn nicht auf -die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, der da singt.« - -»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, als die -Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!« - -Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang zu, der hinter -ihnen saß. - -Und Budang nickte dazu. - -Er sprach dann in der Pause mit Waben über die Musik. Sie sagte ihm: -»Ich wollte, die Großmutter hätte die Musik bei ihrem Tode hören -können, -- das wär' eine Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!« - -Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen. - -»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse und Marie haben's -erzählt.« - -»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. -- »Da gibt's kein -Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, den freut nichts mehr.« - -Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf ließ, seit sie -von daheim fort war. - -Das hatte die Musik gethan. - -»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang. - -»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, und ich -soll net mal dran denken können? Hier wird's einem, als wär's erst -gestern geschehen, -- und das ist gut. -- Die armen Seelen brauchen -unser Mitleid. Sie werden überall zu schnell vergessen.« - -Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der Abgeschiedenen. - -Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die armen Seelen«, -das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie aus einem uralten Märchen. -Ueberhaupt, obwohl die Waben ein tüchtiges und zuverlässiges -Hausmütterchen war, würden sich die Ratsmädel nicht gewundert haben, -wenn es sich herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist -sei, ein armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen immer -fremder. - -Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie bedrückt und -kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl. - -Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle Klosterspitzen nach -einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht hatte. - -»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« fragte Röse. - -»Wär' net übel,« war die Antwort. - -Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers Adele eingeladen -und kam so in den Kreis der geistreichen jungen Damen, die alle um -einige Jahre älter als die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen -ihrer Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie aber -alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen Wittumstreppe -indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, Liebesbriefe waren es auch -im eigentlichen Sinne des Wortes nicht, sondern vielmehr sprachen die -jungen Damen sich gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen -Episteln aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, das -größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die Treulosigkeit -der beiden Schelme. - -Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte dieser jungen -Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; die Waben war nur durch die -größten Ueberredungskünste ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles -Kränzchen zu besuchen. - -Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu gehen. Die langen -Zuredereien und das Drängen hörte von selbst auf. Sie ging still -und kam still, sprach über nichts, was sie dort in der Gesellschaft -erfahren hatte, -- aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen -gekommen zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei Rats -ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter meinte: »Laßt -sie -- fragt nicht!« - -Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig diensteifrig. - -Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes Kind; wie ein -Sonnenstrahl, so still und gut!« - -Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen. - -Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre aus dem jungen, -pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen geworden. Sie blühte wahrhaft -auf und wurde jeden Tag reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf- -und hinablaufen. Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und Röse -und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das Haar machte. - -Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie dazumal, als ihre -Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen hatten, zum erstenmal im März -ganz unvermutet im dunklen Bauer die ersten leisen Töne hören ließ. - -Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, die aus der -dunklen Ecke kamen, erbebt. - -Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte. - -So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu Schopenhauers -gegangen, und spät abends bei Mondenschein und Winterkälte wandelte -sie über hartgefrorenen Schnee am Arm eines jungen Mannes, der sie von -Schopenhauers heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der -Esplanade zur inneren Stadt führt. - -Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte das schon öfter -so gethan; es war ihm zu einer angenehmen Gewohnheit geworden, das -liebliche Geschöpf heimzubegleiten. Sie hatten keinen besonders weiten -Weg vor sich, aber sie verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch -nie so viel hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke, -die zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern -lag, -- und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Bei dem -hellen Mondlichte war zu konstatieren, daß die Waben einen durchaus -nicht ungefährlichen Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem -prächtigen Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken; -dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und galant in der Art, -wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, sich zu ihr neigte und ihr -Geplauder anhörte. - -Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel. - -»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen sein! Ich fühle -Ihren Arm nicht mehr als eine Feder.« - -»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl klein; aber da ist -nun nichts zu machen.« - -»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß genug sein,« -erwiderte er. - -»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem Mädel doch Respekt -haben, und sie soll ordentlich arbeiten können. Ich bin freilich viel -stärker, als ich ausseh', gottlob! Sonst könnt' ich mir das Salz zum -Brot net verdienen.« - -»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?« - -»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim schlafen und essen, -wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's verdient? Was denken Sie denn? -Halten Sie uns Mädel für Tagediebe? Oder für was denn?« - -»Sie sind so tapfer, -- so tüchtig, -- so anders, als die Mädchen -gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein wirkliches Menschenkind, Sie -Elfchen?« sagte er zärtlich. - -»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine Schwestern nicht?« - -»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit vier Wochen hier, aber -Ihre Schwestern hab' ich nun noch immer nicht kennen gelernt.« - -»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide so fleißig und -tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen Tag zu lachen gibt, -- -und so wunderschön! Wissen Sie, sie sind das Schönste und Beste, was es -auf Erden gibt.« - -»Die eine ist verlobt?« fragte er. - -»Ja, die Röse. -- Sie glauben nicht, wie gut sie mit mir waren, vom -ersten Augenblick an, wie große Kinder. Sie sind so freundlich, wie -halt eben nur Kinder sind.« - -»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. Sie erlauben mir, -Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern meine Aufwartung mache?« - -Die Wangen des Mädchens glühten. - -»Gewiß!« sagte sie. - -Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte sie. An seinem -Arme wußte sie das nie. Er sprach so zärtlich. Das war wie himmlische -Musik. Gott, daß es solches Glück auf Erden gab! - -Jetzt standen sie an der Hausthür. - -»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus im Schlosse. Sie -sind mit bei dem großen Aufzug.« - -»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen wir uns die -Schwestern doch miteinander anschauen. Sie finden mich auch auf der -Galerie; ich beschütze Sie, und ich verteidige einen Platz für Sie.« - -Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz. - -»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er. - -»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.« - -»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes Mädchen! Sie sind -so gleichmütig!« - -»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie lächelnd und -schloß dabei die Thür auf. - -Er wollte etwas darauf entgegnen. - -»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man -muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.« - -»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er. - -»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.« - -Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und -hörte ihr liebesseliges Herz schlagen. - - * * * * * - -Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause -und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem -abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der -Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte. - -Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört -und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen -schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen -Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer -Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische -Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes -bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in -jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe, -immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und -jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden -bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie -von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine -gewisse Beruhigung. - -Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die -Goethe selbst überwachte. - -Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes -Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war. -Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere, -duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen -Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand. - -Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des Riesenreiches -produzieren! - -Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, was für -Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm ausgebrütet worden war. - -Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, ungeschickten -Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen. - -Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug daran gewesen sein, -die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; denn was die Weimaraner -thaten, und wie sie sprachen, war natürlicherweise himmelweit von -seinem Ideal entfernt. - -Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen, welche -Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den Weimaranern ihr geliebtes -Deutsch in einigermaßen richtigen Lauten beizubringen. - -Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte es sich um -hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll Seine Excellenz sich in -der Verzweiflung mit einem Kuß geholfen haben, von dem er wohl hoffen -mochte, daß er begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten -O und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde. - -Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp auf die Beine zu -bringen! - -Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; aber -niemand verstand ihn zu tragen. - -Einzig und allein Seine Excellenz selbst. - -An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, es wird schon -gehen!« wie es schließlich dann immer heißt und heißen muß. -- - -Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll zu thun, -- und -that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. Sie befand sich wohl, -wie eine Amsel im April. Sie wußte zwar kein Wort ihres Anbeters, das -direkt von Liebe gehandelt hätte, -- aber wozu? - -Der Klang seiner Stimme, -- die Art, wie er alles sagte, wie er ihr die -Hand gab, -- das sprach so eine nie gekannte Sprache. Sie wußte sich -geliebt! -- Ja, sie wußte es! - -Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, so unbestimmt, -beängstigend. - -War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? -- Nein, -- nein, -- -nein! Gewiß nicht! - -So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen. - -Und sie nähte dabei mit fliegender Eile. - -Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause hoch her. - -So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; so etwas -Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, als wäre sie in eine -andere Welt versetzt, zum erstenmal in den Sonnenschein. - -Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren und hatte auch etwas -zu sagen, große, getragene Worte, die sie feierlich und ruhig zu -sprechen verstand. - -Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, bis das Ganze -tadellos gelang. - -Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie von der Schönheit -ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die jungen, weißen, vollen -Glieder, das schneeweiße Gewand, das herrliche Gesichtchen, die -lebendigen Augen, die schöngezeichneten Augenbrauen, die ihr so etwas -Vornehmes, Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken -Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die Kniee fiel und -sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte und um die kindliche Stirn. -Es war ein so anmutiges Haar! - -Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer Schwester gleich -gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen vor, war aber auch, wie -Marie, eingewickelt in ihre bräunliche Haarflut. - -Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern. - -Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, daß du nicht -mitkannst! Wie jammerschade!« - -In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, lustigen Wünsche zu -regen. - -Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen! - -Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie alle Herrlichkeiten, -die es zu sehen geben würde, zusammen genießen! -- - -Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der aus man in den -großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr Beschützer war schon da und -hatte in der vordersten Reihe, neben sich, ihr einen Platz gegen die -andrängenden Neugierigen verteidigt. - -Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie. - -In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von den Hunderten von -Wachskerzen, und sie sahen von ihren dämmerig beleuchteten Plätzen -in einen schwarzen Abgrund hinab; aber die Waben und ihr Begleiter -unterhielten sich vortrefflich miteinander, wie sich das leicht denken -läßt. Die Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen. - -Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der Kerzenanzünder -gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit auftauchten, und wie die -Flammen an den Zündschnürchen, was das Neueste war, von Licht zu Licht -hüpften und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel -erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer Viertelstunde alles -glänzte und funkelte, ein ganzes Meer von Licht! - -Personen schritten geschäftig hin und her durch den Saal, anordnend -oder Umschau haltend. - -Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. »Der -Oberhofmarschall!« hieß es, -- »da, -- -- da, -- -- da! Da ging er -eben!« - -Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die Hälse wurden -gereckt. -- Jeder Lakai wurde angestarrt. - -Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. -- Sie blühte neben -ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach langem trüben Regenwetter, -wenn ihn ein paar Stunden warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie -offen sie sprach! Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor -ihm ausgebreitet. - -Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte das auch nicht. Sie -hatte nichts zu geben und mitzuteilen als ihre Vergangenheit, -- gar -nichts weiter, -- und diese Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. -- -Er fragte, und sie antwortete. Sie vertraute. -- Jubelnd empfand sie -zum erstenmal, daß sie wirklich lebe. - -Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, dachte besonnen, -daß sie eine gute, kommode Frau abgeben würde, und erwog dies hin und -her, während sie eifrig schwatzte. - -»Aus guter Familie ist sie, -- mitbekommen thut sie sicher auch etwas. --- Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich unschuldig, ein durchaus -bequemer Charakter.« - -So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen geht und -Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat. - -Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war er erst in Weimar -angelangt, war hier zu einer guten Stellung gekommen, und seine Absicht -ging dahin, sich mit einer alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu -verschwägern. - -Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem blanken Parkett des -riesigen Saales wie in einem stillen See. - -Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, helle Saal -hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte Gäste gekommen. -Oben auf der Galerie reckten sich abermals die Hälse. Es wurde wieder -eifrig getuschelt. Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je -mehr es sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte und -farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe mit griechisch -aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder Art, auf hohe, -schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße Hälse und Arme, enge -Kleider mit langen Schleppen, Fräcke und Uniformen, Lakaien und hohe -Würdenträger, -- ein schillerndes, bewegliches Durcheinander. - -Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar -parfümiertes Lüftchen nach oben. - -Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen Saal war gelblich -warm. - -Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, -- etwas Berauschendes. - -Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem weißen Saal gar -nicht genug wundern. - -Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die fremden -Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte Ceremoniell, -- die große -Feierlichkeit, die große Vornehmheit! - -Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte Geschichte -hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so etwas wirklich noch -existierte! Ein bißchen komisch erschien es ihr, -- ein bißchen -ernsthaft, -- ein bißchen schaurig, aber hauptsächlich sehr amüsant. -Die einzelnen Personen interessierten sie gar nicht, nur das Ganze. -Sie hörte kaum darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute -bezeichnete. - -Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war der weimarische Pomp wirklich -auf die Beine gebracht! Da lag die weimarische Glorienzeit wirklich -wie eine duftende Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft -feierliche Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat -ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende Musik und -große Worte, und ein Schimmern und Auftauchen und Ziehen und Kommen und -Verweilen, -- eine Pracht und Herrlichkeit sondergleichen. - -Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem großen, feierlichen -Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. Sie gehörten sich nicht mehr -selbst. Es war etwas in sie gefahren, was sie begeisterte. - -Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, sie sprachen nicht -mehr wie die Weimaraner. Es war etwas Außerordentliches. - -Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem Aermel. »Meine -Schwester! Meine Schwester!« sagte eine weiche, leise Stimme ganz -erregt. »Sehen Sie, meine Schwester!« - -Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt gerade vor der -Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die Goetheschen Worte; das gute -Ratsmädel leuchtete dabei wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit. -Sie bewegte sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als -wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne Gesicht und die -Arme und der Hals und das weiße Gewand strahlten. - -Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, der -Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. Es lag etwas Heiteres, -etwas Frohlockendes über die Gestalt gebreitet. -- Aller Augen sahen -auf sie. - -»Das ist Ihre Schwester?« - -Die Waben lächelte. - -»Die verlobte?« fragte er. - -»Nein!« - -»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des jungen Mannes wie ein -Seufzer. - -Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick seiner Augen sich -an ihre Schwester heftete. - -Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, so männlich und -gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen. - -Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie nieder. Es -war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas anderes, -- etwas -Schwereres. - -Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas Schreckliches -schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es war ihr, als wenn ihr -Blut aufhörte zu fließen, als wenn eine Spange sich ihr fest um den -Hals legte, als wenn das Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte, -weiter zu schlagen. - -Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, so arm. Wie -hatte sie nur denken können, -- daß ... - -Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen Gedanken. Wie -große, graue, schwere Steinplatten kamen sie ihr vor, die langsam auf -sie drückten und sie tief in den Boden hineinpreßten, ganz langsam und -schmerzlos, -- aber entsetzlich. - -Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer Schwester. Sie -wartete, daß er sie wieder anreden würde, und sie schaute alles im -voraus. - -Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon geschehen. - -Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig klingen würde. Sie -sah und verstand das alles so tief, so klar, so anders, als sie sonst -nie verstand und begriff. - -Ja, -- und so kam es denn auch, ganz so! -- - -Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, -- aber wie ausgelöscht. -Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles so grau, so fahl, -- alles so -gleichgültig, -- so erstickend, -- so weh! -- Sie wollte gehen. Sie -hatte genug gesehen; aber er redete ihr zu, zu bleiben. - -Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren beiden Schwestern. -Er war außerordentlich gnädig und schien an den beiden schönen Mädchen -großes Gefallen zu finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie -sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, von ihrem -gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; von der Schaukelei auf -der schmiedeeisernen Thür an der Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen -Theaterbesuchen, von der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf -dem Vogelschießen, was ich alles ausführlich berichtet habe. - -Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher großes Wohlgefallen -aneinander gehabt. - -»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich aus!« -sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt und ganz versunken, nur -Augen für das wunderschöne Mädchen unten im Saale behaltend. - -Das war nun ein trauriges Nachhausegehen. - -Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat war noch auf und sagte: -»Warte, mein armes Bärbelchen, du sollst mir nicht immer Zuschauerin -bleiben! Glaube das nicht.« - -Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und schlief wie betäubt -ein und wachte auf, als lägen noch immer die schweren Steine auf ihr. - -Und so blieb es. - - * * * * * - -Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen -am Zug bei der Oberhofmeisterin. - -Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern aus indischer Seide, -die sie von Röses künftiger Schwiegermutter bekommen hatten. Dazu -trugen sie goldene Gürtel und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen -Haar. - -Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten köstlich herab. Die -Waben half ihren beiden Schwestern beim Anziehen. - -Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner als gestern.« - -Und das waren sie auch. - -Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen selbst ganz feierlich -gestimmt, wie die eine die andre so ansah. - -Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den Zug nicht -mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen anzuschauen. Die -Lichter unter dem grünen Seidenschirm waren angesteckt, und die beiden -Mädchen gingen im Zimmer umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit. - -Die Kameraden verhielten sich einsilbig. - -Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas so Bekanntes, -Vertrauliches, süß Freundschaftliches, -- und doch so Entrücktes. - -Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer beengend auf dem -Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl zu Mute. - - * * * * * - -Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe spät zum Frühstück -kamen, schenkte die Waben ihnen ihre Milch ein. - -Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn bei Kirstens irgend -etwas Besonderes los war, einen Kuchen geschickt, und in diesen Kuchen -aßen Röse und Marie sich in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief -ein, wie ein paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben -ihre Erlebnisse. - -Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange die Welt steht, -zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende Dinge, die das Geschöpf -triumphieren lassen im glückseligen Machtgefühle. - -Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und fischten nach den -Rosinen darin. - -Und während sie im besten Plaudern waren, brachte die Magd einen -vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz Unbegreifliches zu dieser -Winterszeit, und sagte: »Eine schöne Empfehlung an Fräulein Marie.« - -Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen. - -Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen das Wunder in -Empfang. - -»Ach Marie!« jubelte Röse auf. - -Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, -- ein paar Lippen zitterten wie in -namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt ging unhörbar zur Thür hinaus, -ohne daß jemand darauf geachtet hätte. - -Das war von +ihm+! - -Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das hatten sie ja schon -erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? Er hatte es eben möglich -gemacht, dachte die Waben dumpf. - -Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, -- das war es, -- das erst -hatte ihr schneidend weh gethan! - -»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt der alte Paracelsus. - -Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen bei verschlossener -Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz zwischen den zitternden -Fingern und hatte sich das Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl -gelehnt und hielt Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen -Gottesdienst. - -Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen Orgelbrausen in -ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen der Geistlichen bei der -großen Messe; sie sehnte sich nach den prachtvollen Meßgewändern, -klangvollen Worten und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und -den gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden Gewölben. - -Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf Orgelbrausen -und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter Gottes zu Füßen gestürmt. -Aber so, in dieser Kahlheit hier, da hob der Schmerz sich nicht zum -Himmelsflug, sondern drückte und drückte und wurde wieder zur grauen, -schweren Steinplatte, die sie ganz begrub. - -Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, stillen, -dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus und schluchzte laut. -- - -Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen selbst -gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der Schwestern erkundigt. -Das Befinden war vortrefflich. Sie waren lustig und guter Dinge. -Röses Bräutigam erschien auch, und die beiden schönen Paare standen -auf ihrer Lebenshöhe, denn auch Marie war ganz entzückt von dem -begeisterten, wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in -sie verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem Kirstenschen -Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne Menschen in voller -Jugend, die nur von den besten, schönsten Dingen sprachen und -dachten und träumten, die Feste beredeten und Ausflüge und allerhand -Vergnügungen und Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen. - -Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher Freund sie, -leicht befangen, als alte Bekannte, -- that es aber mit gutem Gewissen, -denn das große Liebesfeuer, das jetzt in ihm brannte, hatte das -kleine, bedächtige Flämmchen, das für die zarte Waben geglommen hatte, -vollständig verschlungen. - -Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens gesagt, gethan und -geblickt hatte, davon wußte er wohl nichts mehr. - -»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester. - -»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig. - -Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer schon wieder -hell empor. -- - -Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, wie dunkles -Wasser. - -Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte. - -Sie liebte ihn so sehr! - -Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen -Menschen vor. - -Das ging so ein paar Tage fort, -- so hilflos, so über Bord geworfen -fühlte sie sich! -- Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich -ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur -Beichte fahre?« - -Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie -die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch -sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist. - -Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche, -und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein -echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem -lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen -auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch -die dunklen Straßen fährt -- und die Schläfer weckt -- und ihnen das -Herz bewegt. - - * * * * * - -In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen -umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen -Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten, -geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das -Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, -- -das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie -auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die -Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie -ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und -höher, immer höher. - -Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten, -ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich. - -Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe -kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte. - -Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er -sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der -Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien, -ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht -beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen -gönnend, -- nichts wollend selig. - -Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte -zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord -Geworfensein«, die genießen und leben wollte. - -Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos gedemütigt. -- -Sie wollte nur Hilfe und streckte die Hände aus und nahm, was man ihr -gab: die große, schwere, ernste Gabe. - -Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete sich auf, -und sie empfing die Absolution ihrer Sünden. - -Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in Weimar wieder ein; -der Postillon blies und weckte die Schläfer. - -Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes Wesen und ging -durch enge Gassen und Straßen. - -Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus in der -Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen Schwestern -stand und die beiden Mädchen fest schlafen sah, kniete sie nieder und -faltete die Hände, und es war ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen -langsam in das tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie -weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas so unsagbar -Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. Und es ward ihr weich und -weit ums Herz, so frühlingshaft, so werdend, als wenn von einem großen, -wunderbaren Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das Beste -auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es gibt noch etwas, etwas -so geheimnisvoll Unergründliches, was größer als Glück und Unglück ist, -was über allem steht, -- etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt -einzig und allein im Herzen entsagender Menschen. - -Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner Größe -erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle Glückseligkeiten. - -So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig beleuchtete Stube -drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, irdische Bräute, -- und -eine süße, kleine Himmelsbraut, mit lichtem, klarem Herzen; eine -Himmelsbraut, auch wenn sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern -hier zu bleiben gedachte, in diesem glücklichen Hause. - -Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in der Freude -unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, -- nichts wollend selig. - -Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare! - - - - -Kußwirkungen. - - -Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt, -da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der -Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker, -den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach -den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können, -und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke und mit -dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die Fabianen und die -Kummerfelden und die Kameraden der Ratsmädchen, Budang, Horny und -Schillers Aeltester vorüberwanderten, und es überhaupt von all den -alten Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig -ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser -Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen -statiösen Dame, und seiner Haushälterin. - -Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles blitzblank, vom -messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen an der Flurthür, bis -zu dem messingenen Vogelkäfig an dem Fenster über Madame Tiburtsius' -Arbeitstischchen, und bis auf den letzten Messingnagelknopf in -der Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame -Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die der Reihe -nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, der Mutter der -Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden und auch bei Fräulein von Knebel -im Schloß, der Erzieherin der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und -noch einigen andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte -und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne, -die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, winters in -die Stadtkirche nachgetragen wurde und die jetzt im Flur hing. Die -Kaffeekanne, aus der Herr und Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen -tranken, blendete die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie -stand, warf ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und -ließ grelle Lichtringel tanzen. - -Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer an, das, wenn -man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen gehörigen Putzlappen, die -ganze liebe Erde reingefegt haben würde. Dieses Frauenzimmer war -eine trockene, hagere Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie -mit ihren beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter -Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken laufen -ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes Hand mit samt -ihren Eimern hervorgegangen, da schauten die Hausfrauen, die mit ihren -Strickstrümpfen und in großen Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich -nach ihr aus und seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus, -der da sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd. - -Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, wie sie wollten, -sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen doch nichts. - -Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, eher -hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen gedacht, als daß Kathrine von -ihrem Dienst in einen andern getreten wäre. - -Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter von Madame -Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der alten Dame die messingene -Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, aber immer noch blinkend, im -Flur hing, mit dem Feuerstörer, dem Gesangbuch, dem Lederkissen in -die Stadtkirche nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit -ihren Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius -mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen solchen Treubruch -gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als wäre sie sein angetrautes -Weib gewesen und nicht die Köchin und Haushälterin der Madame. - -»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach. - -»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn sie in Eifer kam über -irgend etwas, was ihrer Meinung nach der Herr Gemahl hätte unterlassen -können. - -Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und mit der Madame, trotz -aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, sich von ihnen und ihren -Messingkäfigen, Messingknäufen, Messinghandhaben, Messingkesseln, -Messingofenthüren, Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem -messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus nicht so -ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause hantieren und auf -den Markt gehen, so hätte man glauben sollen, solche unanfechtbare, -bewährte Sauberkeit, die könnte nur in allertiefstem Frieden gedeihen, -in einer Harmonie, von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung -machen kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel -der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger noch -Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, noch etwas Versalzenes, -Angebranntes, Gesäuertes, noch Mißverständnisse aller Art, Zank mit -Handwerkern, Tauwetter, Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde und -Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf Nachmittagvisiten -gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen, noch Kinder mit -schmutzigen Schuhen und Musbröten. - -Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf Erden. Es ging -nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte Glanz, der über allen -Dingen lag, war nichts weiter als was sich eben mit unermüdlichen -Fäusten erreichen ließ. Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu -schlucken, so viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch. - -Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von Reinlichkeit und -Sauberkeit -- aber im Kern dieser Wolke, da saß der Rat und paffte -und steckte in einem schmierigen Schlafrock und in ausgeschlappten -Filzschuhen und häufte Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf -seinen Schreibtisch und rührte all dieses untereinander und streute -Schnupftabak darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich die -Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen auf die Akten, -daß der Puder stäubte und sich mit dem Schnupftabak und Rauchtabak und -der Asche und den Dochten, die er immer aus der Lichtputzschere fallen -ließ, auf seinem Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren -Selbstgesprächen) zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte. - -Das war ein Kreuz und ein Elend -- und dies vor den Augen der Welt zu -verbergen, war Rats Kathrine ihre erste Sorge, da war kein Opfer und -keine Mühe groß genug. - -Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als eine Lüge zu -verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine Lüge zu glauben und -glauben zu machen, eine Lüge am Leben zu erhalten, für eine Lüge zu -leben und zu sterben. - -Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre ein Wunder von -Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und dergleichen löblichen -Eigenschaften mehr. Das hatte sich Kathrine in den Kopf gesetzt, -und nicht nur Kathrine, sondern das rechtmäßig angetraute Weib auch -ebenso. Armer Rat, wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller -Unschuld, wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter -dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der Tuchbürste -und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden über dich herfuhr wie -ein Hagelwetter, vom Kragen auf den Rock mit der sanften Bürste und -der harten Bürste in blitzschneller Abwechslung -- und wenn, von den -Bürsten angelockt, sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit -sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste eilig ankam, um -dir das Perückchen frisch zu stäuben und dein Zöpfchen zwischen den -Fingern zu nudeln -- und dann das Bürsten von neuem begann -- wild und -eifrig, damit um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles -in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge! - -»Und die Finger, Gustävchen -- und die Finger und das Fazeterl? - -»Die Finger --, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« -- - -Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche Stimme -- so ein -bißchen eine fette Stimme und ein wenig schnarrend. - -Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da war es dir ein wenig -schwindlig -- da wackeltest du mit dem Kopfe ein ganz klein wenig -über diese Weibsbilder; aber nicht etwa so stark, daß man es mit -unbewaffneten Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe -nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir nach und öffnete -das Schiebfensterchen und rief einmal wie allemal: »Aber Gustävchen, -pünktlich zum Essen -- damit wir den Nachmittag vor uns haben -- -Gustävchen!« - -Und dann gingst du in deine Sitzung -- da warst du ein freier -- ein -großer Mensch. - -In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch in den Teich, wenn -du nur das Bild nicht übelnehmen willst! Da kam dir nichts nach -- gar -nichts, da mußte alles draußen bleiben, unwiderruflich -- alles, alles. -Ueber die Schwelle -- ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das -war eine vortreffliche Einrichtung! - -Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz eigenartig, da -war es dir zu Mute wie dem Schneck, der sein Haus irgendwo hat stehen -lassen aus Vergeßlichkeit, wenn einem Schneck so etwas passieren -könnte, und der sich nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus -geschehen ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben --- oder ob was hineingekrochen ist. - -Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat -- das weiß ich, und du -würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb gewesen, wenn du nicht -gewissermaßen nackt und bloß in die Sitzung hättest gehen müssen, -sondern wie der Schneck dein Haus, dein Eigentum hättest überall -mitnehmen können; wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in -die Sitzung gehen können -- das wäre schön gewesen! Der aber hat zu -Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen. - -Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten in einem -solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, nicht hineinpaßt; -daß ein Misthaufen entfernt werden muß, und daß es Hände gibt, die das -unwiderruflich thun werden, wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie -Kathrine sagt. - -Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und es empfing dich so -eine angenehme wohlbekannte Luft, eine eigentümliche Oede -- fremd -starrte dich dein Zimmer an, wie eine Wüste dein Schreibtisch, die -Dielen naß, kalt, fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch -vermischt, der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft -ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von Gelehrsamkeit, Schnupftabak, -Rauchtabak, Asche und Staub zerstört, das Behagen verscheucht -- das -hast du oft durchgemacht, Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft, -gezankt, aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin -wie eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine -Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut einfach ein, -quittierten darüber, und die Sache war abgemacht. - -Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du thun; du warst -machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen beiden Wärtern, die ihn -seelenruhig toben, schreien, zappeln lassen, bis der Anfall vorüber -ist, und sich sogar verständnisinnig in ihrer Roheit über das Gethu des -armen Narren zulächeln. - -Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du ein armer Narr. -- -Glaub's nur, Herr Rat. - -Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie nichts, und wie -sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin deine Gelehrsamkeit -ihnen einbrachte, darüber zerbrachen sie sich auch den Kopf nicht. - -Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige Feuerstelle, die -die Flamme deines Geistes erzeugte, und hielten das für einfache -Schmutzerei. - -Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die Kathrine nicht, -weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, Atemholen, Essen und Trinken -ansah, und die Frau Rätin nicht, weil sie immer Besuch und Visiten -erwartete -- und die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein. - -Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem Gläschen Wein und -Kringeln. So waren Besuch und Visiten voneinander zu unterscheiden bei -Frau Rätin und Kathrine. Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das -war der zweite schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht -nur auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige Frau, die bei -sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn eines im Hause sauertopft, -das sollte mir fehlen, daß ich mich über meinen Nähtisch setzte, wie -mein Rat über seinen Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte. -Gott bewahre.« Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, dem -kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der strammen, kugelrunden -Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen konnte, daß alles an ihr -schwabberte und schwabbelte, die wollte das Leben genießen und genoß es. - -Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte und junge, und -war überall dabei und machte alles mit. Vormittags hielt sie sich, wie -es einer guten Hausfrau geziemt, leidlich daheim, flickte, schaute der -Kathrine nach, machte mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer, -sobald er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs -und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die Morgenstunden -herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit einem grilligen Mann am -Schreibtisch in Weimar und anderswo je hingebracht hat. -- Aber am -Nachmittag! - -»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« Das rief sie -nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem Schiebfensterchen nach, wenn er -sich in die Sitzung aufmachte. - - * * * * * - -Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten her von allen, -die rings um den Marktplatz wohnten. - -Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit teil, da floß -Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie ein lustiges Bächlein. -Bei Rat Tiburtsius' aber ging der Geselligkeitstrieb, der Trieb nach -Festlichkeit und Lustbarkeit von einem einzigen fetten Weibchen aus, -das sich breit und wichtig machte. - -Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres Herzens. Sie kamen -zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. Ehe die Stiegen noch trocken -waren, tappten kleine und große Füße darauf herum und schleiften den -Straßenschmutz wieder herein. - -Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige Nählehrerin, die -am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen wohnte, kam angehatscht durch -dick und dünn, bei jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar -oftmals Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ sie dann -auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so hießen ein paar kleine Häuser -am Lottenbach, fallen, hatte aber nicht viel genutzt, und so zierlich -sie ging, die Alte, ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren -Kreuzbänderschuhen immer noch mit. - -Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die Fabianen, -die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie jeden Winter, den -Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte und die Raben fütterte -mit allerlei, was sie bei den guten Freunden eingesammelt hatte, -worauf sie mit ihren großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie -ein Rieseneiszapfen, zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren -unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer hing, so daß -beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. Und ihre Freundin, die -winzige Mamsell Muskulusen mit der dicken Perücke, und die wunderschöne -Rätin Kirsten mit ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers, -und der Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu -vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von Schiller und Horny -und Herr und Frau Egidi, ein junges Ehepärchen, und zu feierlicheren -Gelegenheiten Madame Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs, -die ganze schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon, -August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. -- Wer sie -alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer lustigen Weimar, die -fleißig bei der dicken kleinen Frau Tiburtsius aus und ein gingen -und Kathrinens guten Kaffee tranken und die guten Kuchen aßen, die -sie buk, und die Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen -Brotschnittchen -- und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von -Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, so lange, -bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das Nachsehen hatte. - -Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der Thür von Herrn -Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch an der blinkenden Küche -von Kathrine. Sie wußten gar wohl die Sachlage zu beurteilen; aber -das störte sie nicht, durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas -Anregendes. Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in die -schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau trat, da wurde -er gescholten und liebenswürdig gehänselt und zwischen zwei schöne -Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter spielen. Und brauchte man sein -Arbeitszimmer zu lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu -irgend einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte dann -irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der Apotheker, oder -Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend so eine Art Witz machten -sie stets, gewöhnlich denselben. - -Das ging so fort jahraus, jahrein. - -Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht der Wissenschaft -war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten von ihm erzählte, daß die -Marktweiber ihn nicht nur in eine Reihe mit Schiller und Goethe -stellten, sondern noch weit über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn -ganz besonders ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger -war? Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die nicht -im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, überstäubt -und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie ein Stall gereinigt, sein -Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine Atmosphäre gelüftet, seine -Gewohnheiten wurden mißachtet, seine Ruhe wurde gestört, seine Stube -genäßt, versandet, sein Wein verschenkt -- der Boden ihm unter den -Füßen weggenommen. Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war. - -Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht über den Zustand -ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, weil auch sie dem Trieb nach -Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, feindlich im Grunde ihrer -Seele gegenüberstand. Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt -vom Stadthaus ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die -sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, von der -sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom Stadthause sie ihr -mitteilte, und die Geschichte hatte sich folgendermaßen zugetragen. - -»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der Wirt ihr -gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm einfüllen ließ. -»Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und gafft, und bei mir steht ein -Bauersmann, so 'n Stoffel, der nich dreie zählen kann -- der sollte -in der Stadt einen Doktor holen, aber welchen -- das hatte er dir -vergessen. Und nun steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor -dem neuen Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is -- und kratzt -sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, da sieht der Rat -Tiburtsius zum Fenster 'naus -- der weiß alles. Wenn einer, so kann der -dir's sagen, den mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch -und steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf -- und thut 's Maul nich -auf. - -»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem Herrn Rat mein -Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann da soll schnell einen Doktor -aufs Land holen un weiß nich mehr, welchen.‹ - -»Der Herr Rat, der hört's dir nur -- un sagt gleich: ›Das ist ja -wunderlich -- das ist ja wunderlich.‹ - -»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das hatte er gleich -weg. -- Der Doktor Wunderlich, der sollte geholt werden. Es muß schonn -so an recht Gelehrter sein, dein Rat.« -- - -Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen und vergaß sie -nicht, und wenn es die Gäste der Madame gar zu bunt trieben und den -Frieden des Herrn Rat gar zu unverschämt störten und auch in ihrer -Küche herumwirtschafteten, das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um -Mehlhäufchen zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten, -weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden Bilde gebrauchten --- da dachte Tiburtsius' Kathrine, daß man so einen gelehrten Mann doch -mehr ästimieren sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe -von Jahren lang. - -Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, der seine zehn -Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so verlangte man es damals -in Weimar von ihm, auch wirklich gab; -- es waren schon bald ihrer zehn -beisammen, und der Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und -der Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch so und so -viele sagten, wenn sie einander begegneten oder ein Gespräch anfingen: -»Heuer ist's aber in schönster Ordnung« -- oder »Ein kapitaler Februar« --- oder »Ein Staatsfebruar« -- oder »Heite ham mer en Februar, der sich -gewaschen hat« -- oder sonst dergleichen etwas, wie es die alten Herren -von damals zu sagen liebten. - -Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen und -Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, wie weit sie in Jena -schon Weimar voraus wären. - -Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare Lustigkeit -gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. Die einen sahen ihn da, -die andern begegneten ihm dort. Er machte weite Spaziergänge, man hatte -ihn mit Leuten auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie -mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn je, ließ -sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von der Rätin bestäuben -und dann wieder bürsten, ohne etwas davon zu bemerken. Er suchte die -Dinge, die er in der Hand trug, in allen Ecken, jammerte nach der -Brille, die ihm auf der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie -seinen Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von Kathrine -ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt des Hutes aber seinen -alten Filzschuh unterm Arm trug. So toll dies auch klingen mag, ist es -doch wirklich und wahrhaftig wahr und in Weimar auch bei alt und jung -gar wohl bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn Rat -fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung abgeben, daß -überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat erzähle, vollständig auf -Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, was ich in dieser Geschichte zum -besten geben will. - -Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so manches -Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, es würden sich -so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, Gelten und Schaffen -aufmachen, um auch aus meiner Quelle zu schöpfen, daß ich wohlweislich -schweigen werde. Sie würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei -weitem wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. -- Sie würden sich mit -wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen oder -höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die Goethezeit mit allem -Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. -- Jawohl -- daraus wird aber -nichts. - -Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich schuldig -gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre thun, gestehe ich, -daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh unterm Arm statt seines -Hutes getragen hat, sondern etwas andres, was ich mir aber erlaubt -habe, des guten Tons halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der -Rat war eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine und -die Rätin meinten, daß er sein müßte. - -So ging es eine ganze Weile fort. - -Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr Rat einen Kauf müsse -abgeschlossen haben; aber was er gekauft habe, das konnten sie ihr -nicht sagen. Auf dem Stadtgericht war er auch gesehen worden. -- Gott -weiß, wo alles man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte -man ihn gesehen haben. - -Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste grübelten, Kathrine -grübelte. Man fragte, man sprach allerlei Vermutungen aus. Die einen -meinten, er habe sich ein Reitpferd gekauft -- darüber mußte aber die -Frau Rätin lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen -- da lachte -die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade recht gewesen. Einen -Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte der Apotheker. Andre wieder kamen -darauf, er wolle der Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht -darüber einig werden, und der Rat schwieg beharrlich. - -»Das ist meine Sache -- meine Sache -- meine Sache!« fuhr er seine Frau -an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er sie wahr und wahrhaftig an, als -sie hinterlistig und energisch hinterlistig in ihn dringen wollte. - -Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter alter Gatte mit -einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes fühlte, was sie -veranlaßte, nicht weiter in ihn zu dringen. - -Und so blieb er so weit unbehelligt. - -Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern zur -Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in seinem Zimmer auf und -nieder und pfiff. -- Er pfiff wirklich. -- Wie sonderbar es klang, -und wie sonderbar er es fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm -ordentlich steif geworden und juckten ihn. -- Er hatte seit Jahrzehnten -nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal. - -Aber heute! -- Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt und schlürfte -in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr eifrig auf und nieder. - -Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und kramte unten und -oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk stand, und auf dem, wo Hüte und -Kappen lagen und wo ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß. -Dem nickte er zu und sagte: »Du wirst was erleben!« - -Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen und den gestickten -Westen herum, und ein paar weiße, mächtige Halsbinden fielen oben vom -Brett, wo sie neben dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf. -Es knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu hinterst -im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß in einer, und die -hatte eine Mechanik und schnappte. - -Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen und den gestickten -Westen -- und sah nach, was angebissen hatte. - -»Ei -- ei -- ei -- ei!« sagte er betroffen und gedachte seiner -Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, trotzdem er sie -bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -- und kramte -weiter. - -Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm von einem alten -Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, der ihm von oben bis unten -ging. Er schien, nach dem Zustand zu urteilen, in dem er sich befand, -der Vater von dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat -gerade anhatte -- oder auch der Großvater davon. Er war so eine Art -Schlafrockheiligtum. - -»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin -und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die -Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, -wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende -Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und -unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines -vergangenen Lebens. - -Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig -und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar -große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte -einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine -ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er -vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still -- Kathrine mußte -auch fort sein. - -Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte -die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein -Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so -weiter. Diesmal aber pfiff er nicht. - -Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche, -wenn er seinen Choral absang -- aber ein gutes, herzerfreuendes -Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon -- weiter -nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine -Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck -über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber -kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres. - -Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die -gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die -Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ -sie wie lebendiges Silber glänzen. - - »Wenn einer einen Garten hat.« - -Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme. - -Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung, -eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze -Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt, -denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau -so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht -erinnerungsselig, sondern triumphierend -- wirklich triumphierend. Und -er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf -seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er -hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft -- für sich -selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch -der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre! - -Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde, -mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu -wandern. - -Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee -gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich -niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung -und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die -Kathrine ausgegangen war. - -Und endlich -- endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen -Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten -Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem -Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu -jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man -einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges -Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine -solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im -Traume damals. - -Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die -»Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und -strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken -wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich -nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die -Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die -Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit -den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste -und der Puderschachtel. - -Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun -einmal angewöhnt. - -Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich -irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse -unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur -Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon -recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; -aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten -glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock -dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem -Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in -Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt. - -Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm -ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und -sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater -noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen, -dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin -- Garten -an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer -Mühle. - -Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit -zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges -Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten, -auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe -wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen -winzigen Grasfleckchen -- keine so blechernen Gärten, in denen die -Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten, -wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten, -gesegnete Gärten. - -Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der -Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der -Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den -Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den -Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte. - -Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den -Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging -- und -jetzt stand er vor seiner Thür -- seiner Thür, einer Thür aus zart -silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun -steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der -Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll -der Duft aus dem vollen grünen Garten -- und der Duft gehörte dem Herrn -Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief. - -So ein Duft aus dem eigenen Garten! - -Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen -die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten -in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und -Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub. - -Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle -beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen -dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und -quoll und blühte und knospte und duftete. - -Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel -des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde -wie Schilf -- nur weicher. - -Und alles war so weich, so voll, so lebendig -- Farben lugten aus -der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr -zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius. - -Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem -Weg, ohne sich zu regen. - -Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein -Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand, -und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den -keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das -Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen: - - »Wenn einer einen Garten hat.« - -Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem -weichen, vollen Garten erschreckt. - -Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen -Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten -Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den -Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem -ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich. - -Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten -hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich -schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten -sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend -Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die -Finger. - -Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen -zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen -den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen -durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos -blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze -Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald -empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle -schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut. - -Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und das Klappern und -Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, und die Birken und Eschen rauschten -dazu. -- Die Dunkelheit sank immer tiefer herab, und der Herr Rat -tastete sich aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und -machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, blieb er -noch lange ganz versunken stehen und atmete den schönen Gartenfrieden -ein, und die Dunkelheit verbarg ihn mit allen seinen Schätzen vor aller -Welt, ihn mit seinen Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen, -seinen knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln, -Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem Gurkenkraut, -seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden und den -hundertfach knospenden Centifolienbüschen. - -Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der Stadt zuging, da -kam er wirklich wie von seiner Liebsten -- und zu Hause ließ er kein -Wörtchen verlauten. - -Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der Schopenhauern -zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« bei seinen alten Herren -gewesen. -- Und unter denen ging es das eine Mal so zu wie das andre -Mal, da war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem alten -Ehepaar. - -Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er sich wieder -auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es schnatterte bis in sein -Studierzimmer, und in der Küche wurde gebacken und geklappert. Es war -großer Damenthee. - -Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und arbeitete -im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse und saß vor dem -Gartenhäuschen und paffte aus seiner Pfeife, schaute in den blauen -Himmel, hörte auf eine Lerche, die draußen in den Feldern aufstieg, -schnaufte tief den Duft seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte -sich mit den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife. - -Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der alte Bretterzaun -war hoch, und von den Nachbargärten war er auch nicht ohne weiteres zu -belauschen. Dieser Umstand hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat -zum Ankauf dieses Grundstückes zu bestimmen. - -Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie sangen: - - »Es fuhr ein Bauer ins Holz, - Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz, - Ki -- ka -- Kirmsenholz, - Es fuhr ein Bauer ins Holz.« - -Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt alles Spaß. - -Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein Lächeln, wie -es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin war, seine Muskeln niemals -inkommodiert hatte. - -Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber -mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht -vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, -als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch -sehen, wer Herr im Hause ist!« - -So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -- aber -- aber. - -Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten, -war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich, -das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der -Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte -wirklich so weit reinen Mund gehalten haben. - -Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte -er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er -unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch -frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten -Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden -und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört. - -Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war -durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war -vortrefflich. - -Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten -des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen -und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie. - -Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine -mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den -Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin -nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um -und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem -Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«, -der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie -eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn -sie war eine pünktliche Frau -- dann gesellten sich allerlei Personen -zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen -verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den -Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich -auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch -Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der -Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine -Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen -Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf. - -Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern -und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich -in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder -Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« -nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern -und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach -Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora. - -So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran -dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen. - -Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte -Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten -Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so -recht Altäre der Geselligkeit. - -Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie herrlich es war, -wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen aufstiegen, die Würste sich -auf dem heißen Roste wanden, dann platzten und rauchig dufteten, -und die Leute im Garten bei einander saßen mit Weißbroten und Bier, -hauseingelegtem Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und -Gesang. - -Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen: - - »Wenn einer einen Garten hat.« - -und ähnliche Lieder. - -In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch so ein Bratwurstherd, -und es war ihm mehrmals schon das Wasser im Munde zusammengelaufen, -wenn er davor gestanden hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben, -als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine Wurst -begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte. - -Nein -- nein -- lieber keine Wurst! - -Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer müßigen Stunde das -Gelüste gekommen, sich ganz allein ein Paar Würste zu braten -- -das wäre gegangen, aber der Rauch! Den hätten sie in allen Gärten -geschnuppert. -- Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht -gewesen; aber verlockt hatte es ihn -- sehr verlockt. - -Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren Kern die Frau -Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf bewegt hatte, ging -er wieder in den Garten. Es wurde ihm jetzt schon gar nicht leicht, -sich mit Amtsgeschäften auszureden, wenn die Rätin ihn fragte: »Aber -Gustävchen, heute kommst du doch nach -- kommst uns wenigstens -entgegen?« Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau Rätin und -schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und wie er diesmal im Garten -war, fiel es ihm auf die Seele, daß es eigentlich so nicht fortgehen -könne, und das stimmte ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als -wäre der schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er dachte -aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's auch weiter -gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's auch vielleicht noch -lang niemand,« und beruhigte sich damit und goß seinen Salat und die -Radieschen und alles, was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der -Herr Rat ernten sollte. - -Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all dem Gemüse hin sollte --- und wenn das Obst reifte -- die Kirschen glühten schon zwischen den -grünen Zweigen: ja, was sollte er mit all den Dingen machen? -- hm -- -das wußte er nicht recht. - -Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. Allerlei wollte sich -eindrängen, was ihm nicht paßte. Es lag so in der Luft, war schwül und -trüb heute. Der Garten war so dicht und grün und voll, so sommerlich -und still, und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf und -dröhnend. - -Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, vor -Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen auf und trat behutsam -hinaus, schaute nach links: da war die Luft sauber, keine Menschenseele -zu bemerken -- schaute nach rechts -- und stand wie vom Blitz gerührt. --- Ja, wo hatte er denn seine Ohren gehabt? -- Drei Gartenthüren von -ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da kam es angerückt. -- Ihm -schien es wie Tausende von Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden -Armen, Tausende von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen auch -geschwenkt wurde. -- Das war die Lawine, die doch heute in Tröbsdorf -hätte sein sollen. Und mit welchem Lärm kam diese Lawine an! Dem armen -Rat schwindelte. - -»Ja -- ja -- ja -- was ist denn das?« riefen aus dem Gewirre -verschiedene Stimmen zugleich. - -»Aber Gustävchen -- Gustävchen!« -- Das war die Stimme der Rätin. -- -Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß er die Hand noch am Schlüssel -hatte, um ihn abzuziehen -- das hatte die ganze Lawine gesehen, da war -nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb regungslos -- -und da waren sie schon alle um ihn. - -»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker. - -Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den Herrn Rat mit -ihren großen, runden Augen an. - -»Aber Gustävchen! -- Aber Gustävchen!« Das war wieder die knarrende -Stimme der kleinen Rätin. »Was ist denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst -du denn her? Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst -und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich alle um ihn -wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den Kindern auf Weimars Gassen -sehr beliebt war und noch ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des -Wickelkloses steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden. -Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Das ist -mein Garten. -- Ich komme -- ich habe -- ich komme aus meinem Garten -- -ich habe mir nämlich einen Garten gekauft.« - -»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin. - -Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. Aber die Frau Rätin, -die kleine, fette Frau, war Meisterin darin, in das einzige »Aber -Gustävchen!« ganz unglaublich viel zu verpacken. - -Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt ihren ganzen -Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert Variationen. Sie konnte auf -dieser einen Violinsaite ganze Lieder und Musikstücke spielen. - -Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen -Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter Regimentsgaul. - -»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie ein kleines -vollgeladenes Gewitterchen. - -Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der Bühne und spräche -zum Publikum gewendet: »Einen Garten hat er also gekauft, und kein -Pferd und kein Kütschchen.« - -Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine Gite! -- Du meine Gite!« - -»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk lachte. -- Und sie -riefen alle durcheinander alles mögliche in Weimarscher Ursprache. - -»Ne aber!« -- »Herr Jemine!« -- »Herr Jes!« und machten ein arges -Geschrei damit. - -Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n mer uns doch aber -auch einmal den Garten ansehen.« -- Und gesagt gethan. Die Thür ging -auf. - -Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste dazu, und nun -strömte es hinein und riß den armen Rat mit sich. - -Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn Rat ein wenig -beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte Miene aufgesetzt mit -so viel Grandezza, als womit sie ihre Hüte und Hauben aufzusetzen -pflegte. Und diejenigen, welche dem Paar am nächsten standen, hörten -verschiedene scharf betonte »Aber Gustävchen!« - -So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte und so viel -Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten mit den vielen lustigen -Leuten und dem vielen Gemüse, dem Obst und den Sommerblumen und den -pflückreifen Kirschen und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und -dem Beerenobst doch auch an. - -Und alle waren in der besten Stimmung; der arme Rat mußte wahrhaft -Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr Mütchen an ihm und hänselten -ihn und zeckten und neckten ohne Aufhören. - -Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann war und mehr wußte -als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, daß zu verschiedenen Malen -sein Name in den Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half -es ihm, eben gar nichts! - -Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die alten Latschen und -die große Pfeife entdeckten, brach ein Hallo aus. Sie drängten mit -solcher Wucht in das Häuschen, alle auf einmal, um den Flausrock zu -betrachten, daß es den Anschein hatte, als wollten sie die stille, -winzige Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, Erde -und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen. - -Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, mitten unter lauter -Stimmen, die nicht müde wurden, den Rat zu bearbeiten und zu ärgern, -erhob sich plötzlich eine, die rief und alle andern wie mit einem -Schlag verstummen ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?« - -Das hatte eingeschlagen -- und es zeigte sich, daß die alten Weimaraner -wahren Feldherrnblick hatten, wenn es galt, ein Vergnügen beim Zipfel -zu fassen; denn wer weiß, was alles dazu gehört, ein wirkliches und -wahrhaftiges Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das -so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte. - -Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in aller Eile nach allen -Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, was zu holen war. Die einen -mußten in die »Armbrust« laufen und die Würste herbeischaffen. Der -Apotheker wußte ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und -Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes Kompliment -vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben. - -Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen und Budang -bei sich aus dem Keller holen, um ihn zum Feste zu stiften. Der -Apotheker lieferte die Brote. Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von -dem gebracht werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand am -nächsten. - -Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf dem Frauenplan oder -am Markt, nur die Kummerfelden, die aber hatte nicht so viel Teller. - -Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit zugegen. Zu der -schickte die Frau Rätin und ließ sagen: »Eine schöne Empfehlung und -ob die Frau Schopenhauern und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben -wollten, in der Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen, -und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele Gläser und -viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer mitzugeben.« - -Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin -- und das fiel -niemand auf -- nur dem Rat fiel es auf. - -Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im Garten, dem Rat -brauchte das Wasser nun nicht mehr im Munde zusammenzulaufen. - -Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte er sich nun -beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben Abend schon zu Gerichte; -die Frau Rätin trieb einen wahren Handel. Zu einer gewissen Zeit -sollten Apothekers beginnen, sich den Salat zu holen und die Mohrrüben, -und zum Einmachen konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie -gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden sollten -alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich für ein billiges -erstehen. - -Und nun sangen sie an diesem Abend alle: - - »Wenn einer einen Garten hat.« - -Nur der Herr Rat sang nicht mit. - -Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen war. - -Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist mir doch immer -abgegangen.« - -Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff zu, als -die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig gestopft waren -- -und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche aus, die alle den -geheimnisvollen Kauf des Herrn Rat in der Mache hatten. - -Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen: - - »Der Rat, das ist ein schlauer Mann, - Der wollte einen Garten han, - Der kauft sich einen Garten - Und ließ die andern warten.« - -Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich. - -Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und konnte es nicht satt -bekommen, seinen alten Rat zu ärgern. - -»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem, mein Schatz, -und zieh deinen schönen Flausrock an und die Latschen und stecke die -Pfeife an, damit wir doch auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so -kommod umeinander geschoben bist.« - -Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte so etwas an sich, -daß er immer das aussprach, was in den andern noch unbewußt schlummerte. - -Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen, so, als -wollten sie's zum Platzen bringen, und holten den Flausrock, brachten -ihn angeschleift und rissen sich um die Latschen und brachten die -Pfeife, und der arme Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich -in seinen Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker -hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und mußte den -Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade. - -In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm sein Lebtag noch -nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn er sich auch die Entdeckung -seines Gartens manchmal vorgestellt hatte, so, in solcher Gestalt, -hatte er sie sich nicht vorgestellt. Das sind ja lauter Teufel! Die -Menschen sind ja Teufel! dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen -Mucks zu thun. - -Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen. Aeußerlich zornig -zu sein hatte er ganz verlernt, und das war das Schlimme und Ungesunde. - -Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit vor den Augen -herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und besingen und rührte sich -nicht. Er ließ sich alles gefallen und machte den liebenswürdigen Wirt -und ließ sich eben gar nichts davon merken, daß unter dem Flausrock -nachgerade ein Hexenkessel braute. - -Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde ich sie nur -wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit, dazu Pläne zu schmieden --- aber -- aber -- - -Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer, denen er -zu Hause davongelaufen war, deretwegen einzig und allein, um ihnen -entwischen zu können, er sich diesen Garten gekauft hatte, die würden -nun tagtäglich, wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. -- Und -diese unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne Ende -- -denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre Whistpartieen abhalten -würden? - -Was sah er nicht alles kommen! - -Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen! Der Rat -verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln, das war ja sein eigenstes -Element. Was hatte er an langen Winterabenden bei seinem Leuchter mit -dem grünen Schirm nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt! - -Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese wissenschaftlichen. -Wer das kann, der wird doch auch ein paar Frauenzimmer loswerden können. - -Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem Garten im -Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die ihm die Galle überlaufen -ließen. - -Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen, das wußte er im -voraus, und der Kathrine auch einen; die Kathrine würde dann im Garten -zu putzen und zu wirtschaften anfangen wie in ihrer Küche, unter den -Büschen rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen und -auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn. Und er erlebte im -Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten Feste auf Feste feierte, -ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste in schwerer Menge, -auch ein Perlzwiebelfest -- natürlich. Da sah er schon die ganze -Gesellschaft um das lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die -Zwiebelchen aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm -jedenfalls einen Gefallen thun, die Unsinnigen -- wie ihn das schon im -voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte ihm weiter aus, wie -Kathrine während der Arbeit allen Kuchen präsentierte, und wie dem mit -einem vorsündflutlichen Appetit zugesprochen wurde. - -Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle Frauenzimmer -auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen und in große Flocken -Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden in ihrem geblümten Kleid und die -Muskulus mit der großen Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack -nannte; über der Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen -Veilchenhut auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich -genau vor sich. - -Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und Madame Schopenhauer -und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen mit ihren Freundinnen und -Freunden und die Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch -Frauenzimmer und noch viele mehr -- eben alle, die jetzt auch -leibhaftig im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht worden -waren, herumwirtschafteten. - -Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen Hauptärger, die waren -damals und sind noch jetzt in Weimar stark vertreten. - -Jetzt war das Maß voll, über und über voll -- das Blut des geduldigen -Mannes war endlich in Wallung geraten -- in eine ganz wütende -Wallung. Wie er so hellsehend und außer sich umherlief, kamen ihm die -Ratsmädchen gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten -ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie würden an allen -Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu gleicher Zeit sein und unter -allen Beerensträuchern hocken und immer mit einem Gefolge von so und -so vielen. Sie waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren. -»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine große weiße -Halsbinde mit der Mechanik hinein. - -»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben -- diese Bestien?« Das -war und blieb es, worüber der Herr Rat rachsüchtig und leidenschaftlich -grübelte. -- Und mit einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen -kommen, da hatte er's -- da rieb er sich die Hände in seiner Wut und -flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter die -dunkelsten Wege auf und nieder. - -Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die Rätin hatte heute ihr -karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke kleine Gestalt wie eine Haut -umspannte. Um den Nacken trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie -saßen jetzt vor dem Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und -stippten Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine Wohl -geliefert. - -Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen und sprachen aufs -ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter als kurz vorher, und -es hatte den Anschein, als wäre die lustige plappernde Lawine im -Handumdrehen zu einer Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die -sich nicht so ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem -Bratwurstfest sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin eine -ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit zu Füßen. - -Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, auch den Arthur -und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung. - -Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür und -verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, -zieht er Kreise, und Kreise zog auch Arthur Schopenhauer in den -Gesellschaften, in die er fiel oder fallen mußte, Kreise des Schweigens -und des Verstummens. - -Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann schaute seine Frau -Mama mit angstvollen Augen auf ihn. Heute sprach er wieder einmal gar -nicht. »Ein rechtes Kreuz für so eine gescheite, liebenswürdige Dame -wie die Schopenhauern,« dachten die Frauen. - -Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch wie ein Alp auf allen -andern. Er »glubschte«, wie die Weimaraner sagen, so von unten auf mit -seinen großen blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn, -wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war. - -Ein ungemütlicher Bursche! - -Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen Wirt, dienerte -nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen die Zuckerdose und -die Tabaksdose. Es war ihm in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei -andressiert worden. Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat -beobachtet hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen haben. - -Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald das andre -Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als wollte er eins davon kaufen, -oder als hätte er irgendwie sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte -er sich aufs Malen verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war -manchmal ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt sah, -ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber, Gustävchen,« zu sagen. - -Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich standesgemäß -benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau unter den Kirschbäumen -die Würste, setzten die Windlichter hin und trugen die dampfenden -Herrlichkeiten haufenweise auf. - -Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug, um mit der -Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es zwar alle, daß die Rätin es -liebte, wenn man sich hin und wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in -Weimar sagen; damit war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten -sie jetzt überwunden. - -Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter Letzt zu -den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett antreten, und -setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um nun endlich mit einem -Wolfshunger über die Herrlichkeiten herzufallen. - -Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht stark zusprach, -aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige Gewohnheit, dem Hausmuff, -so daß ein leises, wohlmeinendes »Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt -kam, mitten durch das Stimmengemurmel. - -Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher, andre spielten -Rat- und Antwortspiele und benahmen sich, wie es sich für gesättigte -Menschen geziemt. Den Rat sah man mit der Kummerfelden umherwandern. -Das war sonst nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim -einzulassen. - -Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle zu, und die -Kummerfelden wunderte sich über den galanten Rat. - -Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt, der rauschte -nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das Wasser. Da, mit einem Male, -war es der Kummerfelden ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und -traumhaft. Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften -- und -dann -- als führe er ihr mit dem Kopf in das Gesicht. - -Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß sie an die Nase, und -um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. Und der Kummerfelden war -es, als schöbe er sie dem Mühlbache zu. - -»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf, »was hat denn der -Mann? -- Sollte er tobsüchtig geworden sein?« - -»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der Rat wütend in -seine große Halsbinde mit Mechanik hinein und würgte die erschreckte -Kummerfelden wieder. Der wurde es angst und bang, sie hätte schreien -mögen, verließ sich aber fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn -»Schreien«, das kam ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr -ihr ihre ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn man sie -schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander finden würde, -denn er war immer noch ganz ungebärdig und fuhr ihr beständig mit dem -Kopf ins Gesicht. - -Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in Leipzig, Hamburg -und Weimar, gingen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit durch ihre -Seele, aber da war keine, die mit dieser einige Aehnlichkeit -gehabt hätte, es müßte denn eine Liebesscene gewesen sein -- ach -du barmherziger Gott -- so ein sträflicher Gedanke! Der alte, -wohlverehelichte Rat und sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt« -ließ sie in diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn -alles, was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, das -war in ein paar Sekunden hineingezwängt. - -Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den sie für Herrn -Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht aufhörte, sondern fortfuhr, -sie mit seiner Person zu bedrängen, gab sie ihm einen ganz gehörigen -Puff vor die Brust mit ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte -etwas auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen -und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch dick und dünn, durch -Gemüsebeete und Blumenbeete mit schiefer Haube der Gesellschaft und den -Windlichtern zu. - -Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!« - -»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was ist mir denn -das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb sind Sie denn so -umhergesprungen? -- Ich habe Sie ja springen sehen.« - -Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer Haube, die saß ganz -miserabel; aber sie konnte nicht antworten, die arme Kummerfelden, -denn sie war völlig außer Atem und wollte das nicht merken lassen. -Ihr gutes, menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum -Zerspringen. - -»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was ist mir denn das? -Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet -- oder -- oder wie wär's denn mit -noch einem Gläschen?« - -Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick der alten, guten -Dame. - -»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang sich ihr -mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!« - -»Aber so zu springen! -- Ich habe Sie ja gesehen.« Der Apotheker -bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen, und stützte die beiden -fetten Händchen auf die runden Beine. - -»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie ärgerlich und nach -Luft schnappend. - -Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte die Hände ihr auf -die Schulter und schaute sie an mit einem Paar so großer, mitleidvoller -Augen, wie man die Frau möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes -ansehen würde. - -Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr Mienenspiel war -durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger geworden als andern -Leuten ihres. - -»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die Rätin ganz betroffen. - - * * * * * - -Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit einem weiblichen -Wesen im Garten auf und nieder, und wieder kamen sie in die Nähe des -Mühlbachs, in die tiefste Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat -sein Opfer. Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der -Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen, hatte -eine unsinnige Angst angestanden, so daß die doch gewiß erfahrene -Kummerfelden über das, was sich zwischen ihr und dem Rat abgespielt -hatte, im unklaren geblieben war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte -die kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt, war aber -statt auf den Mund in den Mund geraten, denn sie hatte ihn vor Schreck -weit aufgesperrt. - -Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte sie ein -paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel gar nicht mehr -aufkommen konnte. - -»Ach, Herr Rat -- ach, Herr Rat --« lispelte die kleine Mamsell -verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick ihren Kopf und die -große weiche Perücke an seiner Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz -überwältigt, fühlte vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt -worden war, und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle. - -Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die Kleider -zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, und es wurde ihm -sonderbar, als dies nicht geschah. Die Muskulusen wandelte mit ihm auf -und nieder in der tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner -Hand tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, daß -sie ihm von jeher sehr ergeben sei -- aber ebenso seiner Gemahlin, und -daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen Frau schuldig sei. Mamsell -Muskulus sprach wohlgesetzt und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr -unbequem, so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu -führen. - -Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. Und als sie in -den Schein der Windlichter traten, bemerkte der Rat, daß Mamsell -Muskulusen einen ganz verklärten Ausdruck hatte. - -Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine andre; diesmal -jedoch war er an die Adele Schopenhauer geraten, da war's ihm angst und -bange dabei; er beschränkte sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu -küssen und die Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte -er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen. -Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer Hoheit und -schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte und erschreckte, -und in wahrer sittlicher Empörung verließ sie den verblüfften Rat am -Mühlbach und wandelte ruhig gemessen ihres Weges. - -»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun einmal ein ganzer -Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt hatte, so mußte die auch -durchgeführt werden, und so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf -ein Frauenzimmer -- und wieder auf eins -- und wieder auf eins -- und -wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig dabei, spitzte die -Lippen mit einer wahren Virtuosität und wütender Zärtlichkeit, denn -seine Wut hatte sich gewissermaßen in Zärtlichkeit verwandelt. - -Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme gelaufen, die -kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche Jammertöne aus, daß es dem Rat -erst recht angst wurde. - -»Ach mei' Mann -- mei' Mann! -- Was wird mei' Mann sagen!« rief -sie laut und ängstlich, so daß der Rat fürchtete, sie würden alle -zusammenlaufen, und daß er von ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen -ließ. - -Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch die Ratsmädchen -in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte er, denen kann's nicht schaden, -wenn ich sie ein bißchen erschrecke, die brächte ich mir gern vom Hals. -Sie waren wie immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten, -gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab jeder einen -gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber durchaus nicht erschreckte; -sondern sie hakten sich in seine Arme ein, äußerst vertrauensvoll, -und Röse bog sich hinter dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie -hinüber und flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können -wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. Ich habe doch -immer gedacht, er kann uns nicht leiden.« - - * * * * * - -Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem Gartenhäuschen -etwas Sonderbares abgespielt: es war, als hätten die vortrefflichen -Würste und der gute Hausmuff ihre Kraft verloren, als wäre nur alles -eine Art Luftspiegelung gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat -noch gar nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen sein. -Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, die erschien sich wie -verraten und verkauft unter ihren guten Freundinnen. - -Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte mit einem Male so -ein Paar närrische Augen gemacht, als wäre der Geist der Verwirrung in -sie gefahren, dann war mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie -eine Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft -über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und überhaupt tuschelte -man überall miteinander. - -»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der Apotheker ganz -verblüfft zur Rätin. - -Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten ihr die Hühner -das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit allen war es mit einem Male -nicht richtig. Es lag eine drückende, schwüle Stimmung über der ganzen, -sonst nach vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf -die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als hätten -in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem Bankerott des Mannes -erfahren als die Hausfrau und betrachteten sie sich daraufhin. - -Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu Mute -- und wo -steckte denn nur ihr Mann --? - -»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, als es ihr immer -unheimlicher wurde unter ihren Gästen. Und als der Rat endlich kam, da -war der Höhepunkt der unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da -erhoben sich die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten -sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten sie -gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und mit Schopenhauers -brachen alle plötzlich auf -- und fort waren sie. Apothekers gingen -auch mit, denn eins zieht nun einmal das andre nach sich. - -Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch der Rat, die ganz -verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau. - - * * * * * - -So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht nur im Garten. Der -Rat, die Rätin und Kathrine lebten mit einem Mal im Haus am Markt wie -auf einer einsamen Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner -Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr tugendhaft. Die -Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig vor Grübeln. Der Rat aber -ging jetzt unbehelligt in seinen Garten und wirtschaftete dort wieder -im Flausrock. Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß er -bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich aus dem Weg -gingen. - -Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene -wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal aber hatte er -auch auf einer Seite, wo er sonst immer Niederlagen erlitt, Triumphe -gefeiert, und außerdem sah und hörte er nichts weiter. - -Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die Kummerfelden -in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen Salatköpfe auf den -Komposthaufen und ordnete alles, was seine gute Idee angerichtet hatte. - - * * * * * - -Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. Das Haus am Markt -wurde so stille wie ein Grab; seine Frau saß in sich gekehrt, war stumm -und bedrückt zu jeder Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten -immer fragend die Wände an. - -Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, die ihn ganz -eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie wieder Appetit -hätte. Der Rat aber machte lange Schritte und schüttelte sich in der -Erinnerung an die Strapazen, die er durchgemacht hatte. - -Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer bänger. Er fand -jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. Sie war ganz hilflos, ganz -verwirrt. Im Herrn Rat regte sich etwas -- er wußte selbst nicht recht -was, etwas Unbequemes, Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er -ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen Gartens gar -nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit dem er diese Einsamkeit -erkauft hatte, verdient hätte; er saß mit etwas Aehnlichem, wie einem -schlechten Gewissen, oben in der Studierstube, und wie ihn früher der -Lärm gestört hatte, so störte ihn jetzt die Stille. - -Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das Vertreibungsmittel -hatte ganz niederträchtig gewirkt. - -Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es und Madame -Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz betreten entgegen. Und Madame -Kummerfelden kam feierlich, setzte sich aufs Kanapee und fragte nach -dem Ergehen und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun -pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf Frau -Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig mitleidig an, wie -damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt den Rücken hinunterlief -- -und dann kam die ganze Pastete von Anfang bis zu Ende -- alles, was -geschehen und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war, -mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -- und -daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins Haus setze und daß die -junge Frau Egidi gesagt habe, ihr Mann werde ihn fordern, und daß er -selbst die harmlosen Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld -erzählt hätten -- und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt habe -auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht für Küssen -gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in den Mühlbach habe werfen -wollen, und daß er tollwütig geworden sei -- und daß die Rätin es sich -nicht allzusehr zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und -man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild zu gewärtigen -habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie sei, es möge sich stellen, -wie es wolle -- und daß sie, die Kummerfelden, von den Mannsbildern -überhaupt nichts halte, was sie auch trieben. - -Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas im Wege, Zeugen -haben sie die Hülle und Fülle, und das sei in solchem Fall von größtem -Wert. - -Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, denn die -Muskulusen hatte die ganze Zeit über niemand gesprochen, die hatte sich -mit ihren Liebesgefühlen in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte -davon noch gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern -zu teilen hatte. - -»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. -- Mein Gott, für die -Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten sollen, so ein gescheiter, -gelehrter Mann! -- Es ist wie ein böser Traum.« - -Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und die arme Rätin saß -ganz bewegungslos da, starr und steif, und ihre großen runden Augen -fragten die Wände um Aufklärung. Sie verstand nichts recht, sie war -ganz auseinander -- ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, als -würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte Fleisch- und -Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -- und in diese Situation trat -völlig unvermutet, leidlich harmlos der Herr Rat -- und wurde von der -Kummerfelden wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt -- und -von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt -- und zum erstenmal in -ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« über ihre Lippen. Sie war -verstummt. Und so saßen und standen sich die drei gegenüber. - -Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, als er in die -richtenden Augen der Kummerfelden gesehen hatte. -- Das waren Augen, -wie sie nur auf einem ganz Gesunkenen ruhen konnten -- und da die -Kummerfelden eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles -Gesagte und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles -Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. -- - -»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das aber doch gar nicht!« -rang es sich protestierend aus der Kehle des Herrn Rats los -- und nun -fing der Rat an zu erklären -- und predigte erst tauben Ohren -- aber -so nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung -auf und sie schaute den Rat an -- und in ihren alten lustigen Augen -blitzte es auf. Das waren wieder die Augen der Kummerfelden, die -Kirchenfenster, mit denen sie den verworfenen Rat angeschaut hatte, -mochten nur so eine Art Kraftleistung gewesen sein. -- - -»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -- haben -gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -- na ja -- -gewissermaßen in gewissen Fällen schon. Freilich, wenn Sie sie alle -so geküßt haben wie mich -- dann glaub' ich's schon eher -- dann -schon. Aber wer küßt denn auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen -kann so ein gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern -schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen -- wundert -mich.« - -Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune. - -»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich alte Gans!« rief sie -ein Mal über das andre Mal, »daß ich mit den andern Weibsbildern Ach -und Weh geschrieen habe! Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!« - -Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte die blinkende -Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller und Kuchen und Tassen -und das Zuckerdöschen. - -Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer gewesen, urgemütlich, -und auch die Erstarrung der armen niedergedrückten Rätin löste sich -- -und das erste Zeichen eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz -unglaublich betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -- Und -darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, wie nur sie lachen -konnte. - -Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, auf welche Weise -der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich gekauften Garten hatte -vertreiben wollen, kam ganz gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof -erzählt und bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall. --- Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu würdigen, der -Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen Leute hatten überhaupt -Vertrauen zu ihm und ließen sich nun bei jeder Gelegenheit von ihm -beraten, brachten ihm ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne -werden lassen sollten. - -Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und weshalb der Herr Rat -die Frauenzimmer geküßt hatte, herumgekommen war, seinen Spaziergang -machte, der ging hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius -wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten Freunde -und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und in den Garten, um zu -zeigen, daß sie in keiner Weise etwas gegen den Herrn Rat hätten, -und in dem alten Garten, ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend -vorausgesehen hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende -statt -- Versöhnungsfeste. - -Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter Mann sein und doch -dem Leben gegenüber ein rechter Esel bleiben könne -- und daß selbst -dem gescheitesten Manne die Frauenzimmer immer über sind und über sein -werden, denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts --- nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius. - - - - -Wie die Enkelin der Ratsmädel zum Blaustrumpf wurde. - - -Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott und die Menschen, -fühlte weder Unruh' noch Erregung, weder Hoffnung noch Verzagen, -aber hatte eine Art Zuversicht und wußte wohl weshalb. Ein günstiges -Schicksal umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da -kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen. - -An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, dessen Kern fürs -erste auch nicht verraten wird, denn, wer weiß, vielleicht steht sie -noch unter dessen Schutz -- und Schweigen ist eben bei jedem Zauber die -Hauptsache. - -Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, ließ ich -es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten gedruckt wurden; -hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb versucht, ein Zufall -brachte es zuwege, ein Zufall machte mich zum Blaustrumpf. Von der -schwerwiegenden, wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte -ich nichts -- nicht das Geringste. - -Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen! - -Ich fühlte mich so froh -- so unbedacht! - -Was ich that, das war gethan -- das stand mit dem, was andre thaten, in -keiner Verbindung. Ich empfand mich als Wesen für sich und verglich -mich ein für allemal nicht mit andern. - -Ich las über meine in die Welt geschickten Träume viel Gutes -- und -wunderte mich. - -Unzufriedenes natürlich auch, -- selbstverständlich. - -Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das stärkt die -Persönlichkeit. - -Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie mir in irgend -etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; als ich aber sah, -welcher Wirrwarr daraus entstehen würde, wenn ich auf alle hören -wollte, da kein Urteil mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes -und Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man hören? -Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der andre sagt, gewöhnlich -wieder auf mit dem Gegenteil, und der Dritte wieder, was der Zweite -sagt. Und was ist nun das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von -dem man sich überzeugen lassen soll? - -In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde eines -eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend gewürdigt. - -Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen -Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem Sessel zwischen -ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten Gesellschaft einen Vortrag -hält. - -Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein Marabustorch, das -Symbol der Weisheit. - -Was aber haben seine langen Beine und der spitze Schnabel dem Marabu -genutzt? Gar nichts. - -Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele des Künstlers -vertieft und hat gefunden, daß der Künstler mit einem vortrefflichen, -sachgemäßen Humor eine Löffelgans hinter diese weibliche Wissenschaft -gesetzt hat. - -Was konnte er Besseres tun? - -Wie stimmt das alles! - -Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! Wissenschaft -personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! Was wird sie lehren? Die -Löffelgans hinter ihr gibt die Würdigung dessen, was sie lehrt. - -Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in die -Intentionen des Künstlers hinein. - -Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie der Künstler -sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans begnügt hat, die ja -vollkommen genügt hätte, den Wert eines Frauenzimmers auszudrücken. -Durch des Kritikers Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge. -Er nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«, -Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. -- Solches beweist, daß -dem Marabu seine langen Beine und sein spitzer Schnabel nichts nutzen, -wenn der Kritiker seine Augen und sein Verständnis schon auf die -Löffelgans gespitzt hat. - -Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der Täuschung, sein -Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen den sich nichts sagen läßt, -und der nichts zu wünschen übrig läßt. - -Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und eine Löffelgans -dickgedrungen und kurzbeinig. - -Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige Marabu ist eine -kurzbeinige Löffelgans. - -»Marabu,« sagt der Künstler. - -»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält natürlich in den -Augen aller Einsichtigen recht. - -»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker weiter, »ist leider -verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, der Schnabel zu spitz, so -daß sie eine gewisse Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.« - -»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!« - -»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.« - -Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn der Klügere nicht -nachgäbe. - -Und es geschehen noch ganz andere Dinge. - -Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen lassen? soll nach -dem würdigen Schelten oder Loben seinem Marabu, den die Kritik zur -Gans umzaubert, künftighin kürzere Beine machen, soll betroffen und -zerknirscht sein und sich bessern? - -Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, so oft -überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, kluge Kritiker es -wohl wünschen möchten! - -Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker und Krittler -verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr übel mitgespielt -worden; denn an nichts glaubt man so gern und so fest als an das -Schlimme, das einer von sich selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber -unverdientermaßen gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von sich -sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich windig -aus; aber unverdient gut ergangen ist ein grenzenloser Spielraum für -alles Wünschenswerte. - -Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis oft -wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen hab' ich kennen gelernt! - -Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben dieser Person -etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist es mir, als säße ich in -einem bequemen Wagen und führe leicht und behaglich dieselbe Strecke, -die ich einst mühsam und beschwerlich zurücklegte. - -Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir mit warmem -Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert hielten zu sagen: Sei unsres -Mitgefühls sicher, wir halten zu dir! Wir haben dich verstanden. - -Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe bekannt sind, mit -deren Schicksal ich mich mehr, als es gut ist, beschäftigte. - -Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre Leute ungeschoren -lassen. - -Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als ob die Welt nicht -Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung und Unsinn, Krankheit, Thorheit, -Lug und Trug, Lachen, Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und -Haß, solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden es -nicht genug! - -Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, glauben, es -sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, wenn sie sich zu -den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig auf Erden sinnverwirrend -durcheinander wimmeln, noch welche hinzuträumen, hinzuklügeln. - -Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen zu Grunde geht, -stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, das genügt ihnen nicht; sie -schaffen mit Mühe, Begeisterung, Qual und Glück, mit ihrem Herzblut -Hirngespinste und sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen, -die sie zu sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze, -die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen als -außerordentlich wichtige Personen. - -Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen vernünftigen, -weitherzigen Menschen. - -Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen sie leiden, -beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie dies nicht gerecht, -sachgemäß und vernünftig betreiben oder gar vergessen haben, über ihre -Käuze ein vollgerüttelt Maß zeitgemäßer Moral auszuschütten. - -Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben -- tödlich ernst -- das -ganze Glück der wunderlichen Schöpfer hängt an dieser großen Thorheit. - -Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist der Urheber -dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, gebrochen, -- und wenn es -noch so ein gesunder, guter, braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen -und Armen. - -Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« -- aber was auf Erden -ist nicht Wahn? Was auf der Welt thun wir, wobei uns nicht die Sinne -umnebelt und verwirrt sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem? - -Sehen wir in irgend einem Ding klar? - -Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges beurteilen? -Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! Uns braucht es nicht zu -kümmern. Wer einmal zu den Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und -was zwischen Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst. - -Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, mag es -offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, füllt das Leben -der Generationen aus, führt sie ihren Weg bis zum Vergehen, und keine -Thorheit ist Thorheit genug, daß sie nicht ein Menschenleben würdig -beschäftigen könnte, eins oder das Leben von Millionen. - -Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, der durch das Leben -führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil und Verwirrung den Takt geben, -einen ruhigen, praktischen Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den -nämlich: »Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was Wert -hat.« - -Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren ist, mögen gelten. - -Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen er nun einmal, -halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern möchte, wenn er diesen -Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe steckt. - -Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes zu thun, seine -Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. Ich bin jetzt scheinbar -weit abgekommen. - -Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach allen Seiten und sehe -überall Leute, die mir sehr bekannt sind, was niemand nach dem eben -Gesagten Wunder nehmen wird, denn diese Leute sind meine geliebten -Käuze -- meine selbstgeschaffenen Gestalten, würde ein ästhetisch -Gebildeter sagen. - -Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die Patsche, ein gutes -Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme Nase, oder vielleicht hat -er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. Sein Herz kann das Böse -auf der Welt nicht ertragen, er wird davon zu mächtig gepackt. Salin -Kaliske habe ich ihn genannt. - -Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig seines Weges gehen -lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -- solch ein Kind, -wie unser Erlöser eines war. - -Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders krummen Nase -ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen Geldgier? Weshalb bin ich -sparsam verfahren mit der Zuteilung der allbekannten Attribute? - -Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich die Ansicht, -daß wir in dem lobenswerten Streben nach Wahrheit uns allzusehr mit -dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, und mehr als je das Beste und -Wertvollste achtlos beiseite lassen. - -Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich -wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. Ein kräftiger, -lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, ein düsterer, grober Geselle, -der in der Todesstunde sich mächtig verliebt und sterbend den guten -Freund um die Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod -einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen. - -Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel und ein -liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht begreifen kann, -daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen muß, der über seine -unglückliche Liebe tobt. - -Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er möchte etwas leisten -und schaffen, seiner unerwiderten Liebe ein Denkmal setzen; doch ist er -unbegabt. - -Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und nichts mehr. Aber er -schafft etwas in heiliger Einfalt aus sich selbst, aus seiner eigenen -Schönheit. - -In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein am hohen Kreuz -hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, lebenatmend, geisterhaft. -Davor in angstvollem Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das -zitternd und erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die -dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht. - -Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen hab' ich auf die -Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit Sünde. Mit diesem für -diese Welt sehr thörichten Abzeichen müssen sie umherlaufen. - -Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, die voller -munteren Streiche stecken, die ihr Wesen in Weimar treiben, zu Goethes -Zeit, und hinter ihnen her ziehen allerlei Personen aus Weimars -goldenen Tagen, die Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute -aus der Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche -Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen Töchtern, die -eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde der Welt auf sich nehmen, -mit eigenem Leid fremdes heilen, diese stille, große Anne! Und ihr -braver Bräutigam! Welche Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit! -Das sind nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber -es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen. - -Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, schwachsinnig vor -Behagen. Das sind die verspielten Leute! - -Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in ihrer -Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, flachen und -wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles mit ihrer wattenen -Herzensgüte -- das sind die rechten, schlimmer wie Raubtiere; -wohlversorgt leben sie, essen gut, trinken gut, sind gesund und -wohlgestellt -- Ehrenmänner -- Ehrenfrauen -- aber aufgepaßt! - -Hütet euch vor ihnen! - -Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. Der alte Apotheker -mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche Apothekergehilfe, -der jeden Todesfall voraus weiß. Sperbers, die Gutsbesitzer in -ihrer köstlichen Hülle und Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom -Nachtwächter schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der -Nachtwächter nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten. - -Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, in ihren köstlichen -Gärten! O, welches Behagen! Ich denke an den alten Doktor Tiburtsius -in den Kußwirkungen, der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen -runden, kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen -Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem duftenden, Grün -strotzenden Garten verbringt -- und wie er dann später entdeckt wird! -Und daß ich es nicht vergesse, Goethe und Karl August sind auch dabei -unter diesen alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut -auch, und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame -Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der Kummerfelden, -ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt. - -Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch anmarschiert, und -Franz Horny und Schillers Sohn, die Kameraden der wilden Ratsmädel, -die der alten Jüdin alle weimarischen Esel über den Hals gejagt haben --- und das dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das -katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit kommt, -das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten Leben neidlos -steht -- und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, der seine -schauervolle Johannisnacht mit seinem süßen Bräutchen, dem würdigen -katholischen Geistlichen, den glotzenden Hausleuten und dem Tod oben -unter dem Dachraum des uralten Hauses zu Ende feiert. - -Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« heißt, seh' ich -dort -- und ich rufe: O, du meine arme kleine Olly! Du weißt es, -wie bitter schwer das Weib zu tragen hat, wenn es mit ganzer Seele -die Kunst liebt -- und jung ist und leben möchte -- und aus einem -Zärtlichkeitstraum, aus so einem weichen, weichen Traum in der Ehe -erwacht. - -Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei dir daheim sonderbar zu! -Mit welchem Lärm und Getöse rangierten die hyperästhetischen Naturen, -die aus der Kunst doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem -Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein und feurig -geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem Haushalt! - -Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben! - -Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht und -Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen Herzen! - -Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, am Besten hier -auf Erden teilzunehmen! - -Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet mir -- Dorothea in -»Reines Herzens schuldig«. Sie ist so ganz in Liebe erwacht, in heißer -Liebe -- und muß in einem Leben verschmachten, das ihr nichts bietet, -kein Glück, auch nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte. - -Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und hoffte, dies Buch -würde von guten Menschen gelesen, die sich mit dem Gedanken trügen, wie -man den Vernachlässigten, Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein -die arme Dorothea Zeugnis gibt, helfen könnte. - -Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu meiner größten -Freude erfahren -- und ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht ein wenig -prahlen soll, weshalb ich nicht ein paar von jenen Briefen und Zeilen -hier wiedergeben soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten -und sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten ins -Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen Lebensabriß lesen, doch -auch eine Ahnung bekommen, was für ein glückliches Menschenkind ich bin. - - »Berlin ... Reichstag. - - Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes gar nicht. - Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal hintereinander. - Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. Sie sprechen - einmal: ›Wenn du den Dichter findest, dem es gelungen ist, das - tiefste Leiden versöhnend darzustellen, den halte fest wie - einen Freund.‹ - - Möge Ihnen -- in Leben und Kunst -- das hohe Ziel zu teil - werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und eines - Mozart!« - -Ein andrer Brief: - - »Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. Ich - habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe von Ihnen. - Jedes Wort eines Dichters, das mir seine Seele offenbart, - nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares Geschenk - entgegen. Nicht viele geben so viel wie Sie. Eines Abends, - wenige Tage vor dem Fest, las ich Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr - übermächtiges Empfinden riß mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle - auszusprechen, begeisterte mich. Zugleich dachte ich mit Bangen - an das Schicksal dieser Bücher; mir war's, als sähe ich sie - schutzlos in der Welt umherirren; ich wünschte innigst, daß - sie zarte Finger und warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch - Ihre Dorothea wird nicht oft verstanden werden; die freie - Menschlichkeit hat so wenig Raum in dieser verschnörkelten - Welt.« - -Und noch ein +dritter+ Brief von einem Arzt. - - »An die Schriftstellerin Helene Böhlau. - - Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, wie - Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte im Bunde sein; - auf mich ist von dem Glücke übergegangen, das zwischen den - beiden erstehen durfte. -- Das will ich nicht vergessen und - Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich zu den zwei Menschen - führten, bei denen ich rein und gut sein konnte.« - -So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende gebracht und könnte -noch ein ganzes Weilchen fortfahren, doch möchte ich nicht, daß jemand -meine Skizzen unmutig aus der Hand legte, und ich will mir meine -Freunde erhalten. - -Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht zu den trübseligen. -Ich habe sie ausgespickt mit allerlei lustigem, freundlichem und -thörichtem Volk. Da ist ein Herr von Bublitz, ein fetter Schlingel, -der dem Wohlthätigkeitssport obliegt, da ist ein prächtiger -lustiger Onkel, schöne Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche -Hochzeitsgesellschaft, die des Guten zu viel gethan hat. - -Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus Stambul, -wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner Umgebung, alles -wächst und blüht und duftet und leuchtet, und die Menschen wachsen und -blühen mit und werden freudig und gesund. Es sind gar liebe Leute, die -»im frischen Wasser«. - -Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den andern, dem guten -Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit seiner kleinen überspannten Käthe. - -Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden miteinander. -Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen Herrn ein Lebtag -im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im Alter zu einem Landhaus -und köstlichen Garten, so daß das schwärmerische Persönchen in -einer Glücksfülle steckt, die sich ganz wunderlich ausnimmt. Ein -widerwärtiger, langbeiniger Ladenjunge schleicht hinter der kleinen -Alten her, trägt ein Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als -Buchzeichen steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal. - -Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, Leute, die -mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. Laßt es euch sagen, vom alten -Kutscher Jermak, wie er über seine Herrin denkt, über ihr Kindchen, -wie er von den verlassenen Mädchen spricht, von Gott und der Welt, -den Popen, den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn -im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der Schwester -Jekatherina, spricht. - -Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, diese herbe, -vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine Frau, in der der Geist -mächtig wurde, eine Herrin des Lebens. -- Und Christine, du Reine, auf -dich kam die größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der -gebildeten Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach hat noch -jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. -- Dich nicht! - -Frei hältst du dein Kindchen im Arm. - -Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen über dir; aber -in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf sonnig klar geworden. Auch -du bist Herrin geworden, dein Kind ein Königskind -- das Kind des -freien, ungebeugten Weibes. - -Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden hast? dem Manne -aus dem Volk, dessen Gesicht immer zur Erde gekehrt ist, und doch so -heiter blickt wie der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir, -dem armen gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk den -Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. -- Nicht wahr, er hat dich und -dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, in seinem Haus warst du -frei und unbescholten? - -Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren menschlicher. -- Bei -ihnen hatte das Weib schon gesiegt. - -Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen anempfehlen. -Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu verstehen. Sie sagen auch -viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen möchte -- viel mehr. -- - -All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind der Ausdruck -eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, der Ausdruck einer Seele, -die durch Schweres ging, die Schweres kannte und fühlte, die aber im -tiefsten Grunde glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste -Glück zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der in -seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem Wissen und -seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer wunderbaren Fülle -sie belehrte, dem sie alles dankt -- auch alles Glück auf Erden, -Freund, Lehrer, Gemahl zugleich -- und jede Stunde segnet sie, die sie -beisammen sind. - -Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so glücklichem Leben, mich -mit solchem Volk zu befassen? - -Ich begreife es heut noch nicht. - -Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe solch ein Kauz -sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken sollen, -- denn ich war -so faul, so wundervoll faul! - -Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, denn sie war -charaktervoll diese Faulheit -- sie war etwas! -- Da gab es nichts auf -Erden, was mich hätte zu irgend einem Fleiß anspornen können. - -Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt werden sollte, -sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel zu klein,« und blieb -bei dieser Meinung und lernte keine Verslein wie andre brave Kinder. - -Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen Kindern -während ein paar Vormittagsstunden das Spielen gelehrt wird, auf -Kommando in Reih und Glied; ich sollte alles genießen, was die Zeit -einem jungen Menschlein bietet. Aber diese ernste Spielmaschine -erschien mir abschreckend; ich empfand eine Scheu vor den schon -abgerichteten Kindern, die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu -singen, die es verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den -Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt und getadelt -wurden. Das alles geschah in einem dämmerigen, staubigen Raum, es war -mir, als würden da schreckliche Dinge getrieben. - -Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, die mich -beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen Eindruck. Sie drückten -mir eine Puppe in die Arme, eine fremde, mir sehr widerliche Puppe in -einem Ballkleid mit einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie -ich sie mir nicht dummer vorstellen konnte. - -Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde und sagte, daß -man nur Kinder tragen könne, keine großen Leute, die Puppe wäre eine -alte Frau. - -Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in einen Kreis -treten, den die Spielschüler bildeten, und solle so thun, als grübe -ich im Sande und pflanzte eine Blume, dann solle ich mich anstellen, -als nähme ich einen Rechen, damit der Sand wieder geglättet werden -könnte. Die Kinder würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles -ausführen, ich hätte es nur nachzumachen. - -Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, die Kinder -erschienen mir immer unheimlicher, das ganze Thun immer sinnloser, -die Stube immer düsterer; da sah ich eine Thür offen, lief schreiend -hinaus, die Treppe hinab, hinter mir her die Lehrerin; ich war aber -flinker. - -Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen brachte niemand es -dahin, mich zu einem zweiten Besuch dieses unheimlichen Instituts zu -bewegen. - -Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich war ein -zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte mit meinen zwei -Schwestern den ganzen Tag in unserm hübschen Garten, hatte meine -wundervolle dunkle Ecke unter einem Holundergebüsch, in die verkroch -ich mich, und stundenlang harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es -mir da unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene -Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, ein Löwe -oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging mir die Zeit aufs -angenehmste. - -Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß es unmöglich sein -würde, aus der Schule auszureißen. Das war mir schrecklich zu hören. - -»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der Kindergarten lebte -mir in düsterster Erinnerung. Und ich kam in die Schule. Der Lehrer -verkündete mir, daß ich ihn »Sie« zu nennen hätte. - -Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte nach, weshalb ich -dies thun sollte, und vergaß es darüber; ich konnte mich auch in die -Schule nicht hineinfinden. - -Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch nicht im -geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in den untersten Klassen -benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, machte mir Spaß, da war ich -dabei. - -Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste. - -Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, wenn der -Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren Weg durch die -Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche Langeweile, ich hätte weinen -mögen. Da kam ich auf einen glücklichen Gedanken: ich stellte mir -vor, in unserm Garten in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt -auf der Schulbank, stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im -Grünen in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue Luft -blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, wußte er natürlich -nichts, wie es auch einem guten Hasen zukommt, und das erwies sich als -sehr übel für seinen Ruf. Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme -Hase sollte sagen, aus was der Mensch besteht -- und blieb die Antwort -schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und keck um ihn her in -die Höh', ein ganzes Feld, und nickten und schnickten, und die Bravste -sagte im schulgemäßen Ton: »Aus Leib und Seele.« - -»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte hinzu: »aber -die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten alle, und der Lehrer -verwies mir solch dummes Zeug. - -»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer unwahr.« - -Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem Lehrer eine -längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte wissen, was die Seele ist, -wollte erfahren, woher man weiß, daß man eine hat, wollte wissen, -weshalb die Märchengeschichten unwahr und die biblischen wahr sind. - -»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin. - -»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer freilich so dumm ist, -wie du, hat keine.« - -Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar nicht weshalb; aber es -war mir angenehmer, zu denken, daß ich keine Seele habe. Es schien mir -einfacher und besser, und gerade weil die andern alle eine hatten, -gefiel es mir, keine zu haben. - -Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte mich wieder in -den Hasen. - -Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, mich über die -Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, erging es mir oft übel. - -Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz desperat an den -Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. Ich aber, wild, bös und -wütend, fahre mit beiden Händen in das Tintenfaß, das in die Bank -eingelassen war, halte mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich -nicht an, rühr mich nicht an!« - -Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte nicht Lust haben, -nähere Bekanntschaft mit meinen beiden schwarzen Tintenhänden zu machen --- und ließ mich unangefochten sitzen. Die Mädchen aber flüsterten -untereinander: »Die ist klug, die ist doch schlau.« - -Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus dem Munde der -Kameradinnen mir sehr wohl that. - -»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie nichts -einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, daß man mit -Hochachtung mir behilflich war, die Spuren meines siegreichen Kampfes -unschädlich zu machen. - -Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen Schullaufbahn. - -Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich mit mir; in -der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine sanftere Art mit mir -zu sprechen angenommen, als mit den andern Mädchen; aber es war nicht -das Rechte. Ich war und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg -aufzuweisen. Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd -zurück. - -Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es sah so -unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte in -erschreckender Weise vor. - -Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen mußte, und der -Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann dir's nicht erlassen, du -mußt mit dableiben.« Ich beschwor ihn, ich bat ihn, ich küßte seine -Hand. - -Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« Und so blieb -es. - -Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte mich zerbrochen, -fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu tragen, so tausendfach ich -sie verdient hatte. Als ich nach Haus kam, stand meine Mutter an der -Treppe und reichte mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte -mich kommen sehen. - -Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich -- ich zitterte; ich -hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -- aber es ging -nicht, ich brachte mein Unglück nicht über die Lippen. Die Güte meiner -Mutter rührte mich unbeschreiblich -- und ich nahm die Himbeeren, mit -denen sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen und -verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. Ja, hätte -ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, nachdem ich das Gute -genossen -- das erschien mir abscheulich, trotzdem alles in Angst und -Verwirrung geschehen war, ohne daß ich recht wußte wie. - -Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die schlimmen -Angelegenheiten für immer zu verschweigen. - -Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht darunter. Ich grämte -mich -- aber ich konnte nicht reden -- ich wurde kränklich -- krank und -bekam nach einiger Zeit ein Nervenfieber. - -Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen Eindruck, der -sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. Ich sah einen kleinen -Holzschnitt; durch Zufall kam er in meine Hände. Auf diesem Holzschnitt -war der Tod als Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer -schritt. Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte ihn -an. - -Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; ich fiel -bewußtlos zusammen. - -Es war niemand zugegen, als mir dies geschah -- und niemand, als ich -wieder zu mir kam; ich konnte mich vor Grauen, Furcht und Schwäche -nicht erheben. Das schreckliche Bild war wie eingebrannt in meine Seele. - -Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. Die ganze Welt -erschien mir unheimlich und entsetzlich. - -Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man da leben? Wie -konnten die Leute noch lachen? - -Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -- Nun aber hatte -ich ihn gesehen. - -Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung verwandelt. - -Und wieder mußte ich schweigen -- ich konnte nicht reden, fürchtete -mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. Mir war, als müßte dann die -abscheuliche Gestalt sogleich ins Zimmer treten. - -So hatte mein armes Herz viel zu tragen. - -Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, und das -Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der Tod ist, vernichtete mich -fast. - -Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, nur weiß ich, -daß, als ich wieder aufgestanden war und nicht mehr gehen konnte, ich -mich darüber verwunderte und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen. - -In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam bei einem -guten, freundlichen Manne Unterricht mit noch einem Mädchen. Unser -Lehrer hieß Herr Bräunlich. - -Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war ein behaglicher -Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel in Form kleiner, -netter Geschichten vorzuführen; aber immer noch schlief mein Lerneifer -und war auf keine Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz. - -Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern Stunden teil, -vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. Ich blieb mit aller -Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb sollte ich es ihnen gleichthun? -Ich sah den Zweck nicht ein. - -Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. Die Mädchen -wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer am glänzendsten beweisen sollten. -Wir hatten frei, uns die Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu -wählen. Da überboten sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen. -Kein Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für sie -geschaffen -- die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts lang genug -sein. - -Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu traurige Lieder. - -Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie hatten nicht -unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich liebte diese kurzen, -traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom Tode kannte und die -schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll empfunden hatte, erschien -mir das Leben nicht mehr harmlos und heiter. Ich liebte es nicht mehr, -allein zu sein, ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging -- die -Träume brachten mir schlimme Erscheinungen -- und das Bild des Todes -stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene oder gedruckte -Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern bringen. - -»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich wieder einmal -ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich gefunden und leidlich -gelernt hatte. - -Ich führte ein freies Leben -- täglich nur eine Unterrichtsstunde -und diese wurde zur Sommerszeit im Garten gehalten. Herr Bräunlich -verschmähte es nicht, als wir zur Heuzeit ihm einen großen Haufen -Heu aufgestapelt hatten, auf diesem Platz zu nehmen und so seinen -Unterricht zu erteilen. - -Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte Zigeuner- und -Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem Kasten das tollste -Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, Säbel, Decken, Mützen mit -wallenden Hahnenfedern; wir besaßen prächtige Dinge. Wie in den -Unterrichtsstunden, spielte ich auch bei den Spielen eine sehr -untergeordnete Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und -es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin sein, -oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es zufrieden und strebte -nicht nach Höherem. Ich wußte auch, ich taugte zu nichts. - -Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, bevor der -Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr dankbar und machte keine -weiteren Ansprüche. - -Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im Eifer drängte -sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, und that sich wichtig. - -Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu vortrefflich, als -daß ich mich ihnen hätte anschließen können. Sie kamen mir mehr oder -weniger selbst wie Schulmeister vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl -vor ihnen los. - -Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause machten mir einen -vertrauenerweckenderen Eindruck und waren auch samt und sonders meine -Freunde, mit denen ich mich bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters -und sommers. Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann, -Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den Verfolgern um -die Häuser huschen, das war etwas! Und wenn mich ein Mädel mit zu ihrer -Mutter nahm und ich im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend -essen durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein und -warm! - -Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig lehrte, war -zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, ein Würdiger kommen, einer, der -uns in die höheren Wissenschaften einzuführen hatte. - -Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich ersetzen können, der -in mein Censurenbuch jedesmal zu Weihnachten schrieb: Helene war gut; -aber gar nicht fleißig, hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist -und im Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, denke -ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren wie den Schwestern -und ihr die schlechten Fortschritte nicht nachtragen. - -Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr Bräunlich meine -schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr für Jahr, wenn ich sie meinem -guten Vater vorzeigen mußte. - -Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, mich exemplarisch -zu strafen. - -Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich Prellers, und -zwar wie immer gegen Abend; es war zur Winterszeit, also schon völlig -dunkel. - -Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas Anheimelndes --- und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine Laterne und eine -große Anzahl Wachslichter. - -Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern auf den Weg. Ich -zündete sie schon in der allerersten Dämmerung an, und es war mir wenig -störend, wenn die Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten. -Ich fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem -war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit mich überraschen -konnte. - -Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen, die sie immer -erneuerte, mir geschenkt. - -Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war. Ich hatte es ihr -vertraut, daß die Dunkelheit mir das Schrecklichste auf der Welt sei. -Da hat sie mich ausgelacht; aber tags darauf hatte ich mein Laternchen. - -So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde. - -Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am Ende der Stunde -sagte er mit einem Mal feierlich zu mir gewendet: »Für deine -jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit muß einmal eine Strafe kommen. -Du gehst heute abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause -bringe. -- Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an deinen -Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich zu bessern.« Das -traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis ins innerste Herz; aber ich -verhielt mich vollkommen ruhig. Ich wollte den Mädchen nicht die Freude -machen, daß sie mich unglücklich sähen. - -Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den Weg machten, blieben -die andern zurück. Ich zündete stumpf und verzweifelt mein Laternchen -an. - -Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem Fuß auf und murmelte: -»Diese Dummhüte.« - -»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich. - -»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich. - -»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz gute Mädchen.« - -»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie mich auslachen!« - -Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause Friedrich -Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und ehe wir noch aus der Thüre -waren, kam er selbst, seine schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die -Stirn gezogen. - -»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein altes bedeutende -Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit strahlen. - -»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei mir absitzen, -Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll. - -»Ja, in drei Teufels Namen!« -- der alte Preller liebte solche kräftige -Ausdrücke -- »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? Ja, es mag ein -schweres Stück sein, mit solchen Mädels fertig zu werden. Machen Sie's -nur gnädig, das Lenchen ist kein böses Mädchen.« - -»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber das Abscheuliche -an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul ist. Dabei ist sie nicht -so arg dumm und könnte alles besser machen; aber sie rührt sich nicht.« - -»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig muß man sein. Was -denkst du denn -- gottlob, daß du kein Junge bist!« - -Ich war tief beschämt -- an dem alten herrlichen Preller hing mein -ganzes Herz. Er war so gut mit mir. Ich hatte das große Glück, wenn -er abends still seine wundervollen Studien und Skizzenbücher und -Zeichnungen durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen, -um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und Andacht. - -Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! Verzweifelt ging -ich neben Herrn Bräunlich die dunkle Belvedere-Allee entlang. Mein -Laternchen leuchtete mir und ihm. - -Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich es nie zu Hause -gestehen würde, was mich getroffen, und noch einmal solch eine Schmach -verschweigen, ging auch nicht. Es war beides unmöglich. Beides wollte -ich nicht. Also blieb nur ein drittes übrig. Das war einfach und -überstieg meine Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß -Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja Beine -- und -was für flinke. Gottlob! dachte ich. - -Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß gefaßt, und -als wir an den Alexanderplatz kamen mit seiner herrlichen Wiese und dem -großen Taxusbusch darauf, da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie -das Laternchen Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht -war. Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die Wiese -entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen -- und schnaufen. - -Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um denselben herum. - -Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben, mich zu -fangen; aber das Laternchen war flinker, als er glaubte. - -Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich genähert -hatte. - -Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen, wenn er mir noch -weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof laufen. - -»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er pustend. »Mach, -was du willst -- aber schlecht ist's von dir!« - -»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich von weitem und -stand still, als ich sah, daß auch er still stand -- »und sagen Sie's -Papa nicht.« - -»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend, »es sei dir -geschenkt, ich sag's auch nicht.« - -»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie mir auch noch -sagen!« - -»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach Hause kommst.« - -Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht und zufrieden, -es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich ging stolz im Gefühl -meines Sieges durch die Straßen. - -Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die Strafe abgelaufen -sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu; da sagte er mir, daß -ich es nicht übel gemacht habe. »Es ist immer gut,« meinte er, »wenn -man sich zu helfen weiß.« - -Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde. - -Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter, ein andrer auf. - -Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der ganz unzweifelhaft -ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind und wurde von mir gründlich -und andauernd gehaßt. Er mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man -ihm, dem ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen wie -mich zu unterrichten, und behandelte mich danach. - -Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung und Spott. -Tiefer und tiefer sank ich in den Augen meiner Mitschülerinnen und -erschien mir selbst wie ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft. -Mir fiel in einer der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und -ich erkundigte mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der ein -behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern verstand, auf mich -ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich mit Ihnen verkehrt -- das -hat aber jetzt bei mir ein Ende« -- und es war zu Ende. - -Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum Unterricht, so -hatte ich die Empfindung, als befände ich mich die Zeit über vor der -Mündung einer geladenen Kanone, die jeden Augenblick losgehen konnte. - -Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem Weg zu dem -gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit neidischen Augen an. Die -Verantwortung, Mensch zu sein, war mir sehr drückend. -- Wie gern hätte -ich mit so einem munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen -Hunde oder mit jeder Katze. - -Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen Stein in einen -Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich mit heiler Haut wieder -heraus, so will ich dankbar den Stein mit mir nehmen und zum Angedenken -aufbewahren. Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an, -denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den Stein aus -Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende gegangen war, jedesmal mit -mir. - -So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an Gnade bei Gott und -den Menschen, sondern sank tiefer und tiefer in der Achtung aller -derer, die über meine glänzenden Erfolge unterrichtet waren. - -Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der Angst und -Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht gewöhnlich befand, -meinen ganzen Haufen trauriger Hefte bei einer unserm Haus befreundeten -Familie hatte liegen lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die -Hefte, meine greulichen Hefte! -- Wie mich das durchfuhr! - -Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden es thun. Das war -mir ganz sicher. - -Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg, sie mir wieder zu -holen, wie langsam schlich ich die Treppe hinauf, wie zaghaft zog ich -die Schelle! -- Und was stand mir bevor! - -Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst die Thüre, eine -ganze Schar mir sehr würdig erscheinender Damen, Gott weiß, wer noch -dabei war. Sie ließen mich nicht herein, sondern öffneten nur halb und -reichten mir mit der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen: -»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren stellten -sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg mich sehen und mir gute -Lehren geben zu können. Ich war wie vernichtet, wütend zum Zerspringen; -aber ich nahm die einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im -Herzen zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als die -Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich lief davon, und -meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen die übrigen Herrlichkeiten -die Treppe hinab nach. Sie ahnten wohl nicht, was sie mir anthaten -- -fast sinnlos vor Verzweiflung, Wut und Schande, sammelte ich meine -Habseligkeit ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten Augen -nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue Hefte zu kaufen und die -alten zu verbrennen. Es reichte nicht; aber ich verbrannte sie dennoch. - -In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen Aufsatz gab: Die -Vorzüge des Menschen vor dem Tiere. - -Dabei schien mir wenig Witz zu sein -- und ich beschloß, das Gegenteil -zu behandeln: die Vorzüge des Tieres vor dem Menschen. Das leuchtete -mir weit mehr ein, und was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter -mehr oder weniger, darauf kam es mir nicht an. - -Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten, machte meinem -Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig, stand vor lauter Wonne auf -einem Bein während des Schreibens, pfiff und war der besten Dinge. - -Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben, es kam mir -immer Neues in die Finger. So war das Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn -es sich immer um Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei -sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und Namen, -Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und Hirn beschweren mußte, da -konnte man nicht verlangen, daß ein vernünftiges Geschöpf sich daran -mitbeteiligen sollte! - -Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller Gemütsruhe und -erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer Verachtung von dem Gestrengen -zurück. Er durchbohrte mich mit majestätischen Blicken -- sagte mir, -daß sich derjenige, welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln -Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben nicht einmal -bemerkt, daß das gestellte Thema verändert wurde -- übrigens sei -dieser Aufsatz vortrefflich, und er hätte ihn in seiner Ersten Klasse -vorgelesen, habe dabei aber bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine -ungeschickte und faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten -lassen, um damit einen Betrug auszuführen. - -Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam aber wieder -einen majestätisch verächtlichen Blick, der mir Schweigen gebot. - -Und ich schwieg -- ich war zufrieden, stolz und beglückt; was der -Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen gleichgültig, er hatte -sich bei mir durch Poltern und Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt. -Es kamen jetzt öfters Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen -war: Gut, aber nicht selbst verfaßt. - -Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier. -- - -Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten Eltern wohl meinten, -daß mir ein religiöser Halt im Leben wohlthäte, sollte diese Zeit der -Konfirmation mir besonders zu Herzen gehen. - -Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter. - -Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden Elternhaus und -all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll »Heimischen« erträglich -überwunden war, fand ich mich in einer wahrhaft beglückenden Umgebung. -Alle waren unbeschreiblich gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte -mich; sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde, eine Jean -Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen zugeneigt, dem -Humor zugänglich, lebhaft und schön. - -Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei markig, kräftig -und heiter. - -Im Haushalt ging es frei und ländlich zu. - -Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein ganzes Herz -ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem Gelerne, Aufgesage fiel -weg. -- Mein Pastor plagte mich nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir -unterhielten uns, er hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen, -wir kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch einmal, daß er -aufstand, an den Bücherschrank ging und den Faust herausholte. - -Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er begann zu lesen. Er -las lebhaft und hinreißend. - -Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich die Thür, und die -Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie hörte, was hier vorging, mit -offenem Munde in der Thür stehen. - -»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja Religionsstunde -halten -- das ist nicht recht von dir -- das ist nichts für das Kind.« - -»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte mein -Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen kannte den -Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und schlug das Buch zu. - -Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück halte -- »und -du hast es nun ja auch nachgeholt,« sagte sie. - -Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin und las mir, -jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche vor, das die Geschichte -der Märtyrer poetisch behandelte. Zu diesen Vorlesungen fand sich eine -alte nette Dame ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der -Märtyrer mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau Pastorin saß -manchmal wie verklärt da, und die alte Dame auch. - -Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche, gottbegnadete Zeit -gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres vorstellen könnte, als -als Märtyrer zu leben und zu sterben. - -Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte zu sagen, daß es -jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe. - -»Leider, leider -- nein!« rief die alte Dame schmerzlich aus. - -Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten Heiligen, dachte mir -immer, wie schrecklich es sei, daß sie sich bis zu Tode quälen ließen -mit der schönen Aussicht, dann in einen wundervollen Himmel zu kommen --- und daß sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten -- so etwas -fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung in -mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse. - -Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in mir gespürt, -dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was andre Leute mit solcher -Bestimmtheit in sich vermuten und wissen und mit aller Energie -verteidigen. Ich dachte damals nie darüber nach. Wenn ich mich abends -niederlegte, sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts -von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich. - -Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte: Einen -Augenblick bewußtlos -- eine Ewigkeit bewußtlos! - -Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten Käthe im -»Herzenswahn« in den Mund gelegt -- hatte aber meine Lust zum Grübeln -mit diesem Worte beruhigt und war völlig zufriedengestellt. - -Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an meinem -Religionsunterricht zu finden. - -Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends mit Holzpantoffeln -durchs Dorf, die Kinder im Haus, die Mädels in der Nachbarschaft waren -mir willkommene Kameraden. Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal -früh auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und ging -mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim Schulmeister seinen -schwarzen Talar schon angezogen und sah sehr würdig und stattlich aus. - -Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah die Bauern kommen, -indes die Schwalben zwitscherten und an den Fenstern vorüberhuschten. -Dann hörte ich meinen Pastor predigen. Die Bauern bekamen manchen -kräftigen Brocken von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall -sie ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten. - -Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade. - -Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die Eltern, die -Schwestern, mein Großmütterchen und unsre junge, reizende Erzieherin -kamen alle von Weimar. - -Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte Dame, die für die -Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare gelockt und sie mit einer -Rose zusammengesteckt, versicherte mir auch nach der heiligen -Handlung -- sie hätte sich mit aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer -Lieblingsheiligen versetzt, während ich am Altar gestanden hätte, sei -es ihr so gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine -Hinrichtung. - -Das kam mir sehr übertrieben vor. - -Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich, es war -mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute. Es wurde niemand mit mir -konfirmiert, das gefiel mir auch, und ich hatte den Tag über bei -jeder Gelegenheit die denkbar besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so -unbeschreiblich gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar. - -Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene Person, das -erschien mir wenig erfreulich und auch wenig wahrscheinlich, war mir -übrigens auch gleichgültig, ich war, was ich war, und damit gut. - -Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte vor, den -Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins innerste Herz war ich davon -erschüttert, so daß ich die ganze Nacht mit den tollsten Phantasieen zu -thun hatte und mich fürchtete, wie noch nie in meinem Leben. - -Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier dieses Tages mit -Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert, wie ein grünes Nest. - -Es war alles hier so schön und beglückend gewesen, daß ich schweren -Herzens Abschied nahm. Die Pastorin wußte nicht, was sie mir noch -Gutes anthun sollte, und steckte mir alle Taschen voll herrlicher -Aepfel. Zwei davon brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten -mir wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch einen -Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter gesteckt, und ich fuhr -mit meinen Eltern davon. - -Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie vor -Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr geliebten jungen -Erzieherin Unterricht. - -Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt durfte ich von -unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen, und so begab es sich, daß -ich der Aufführung von Wagners »Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich -war überwältigt, hingerissen, betäubt, berauscht. -- Die Gewalt in -dieser Musik erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze -Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen Tönen der -Erwartung, der Angst, des Zweifels. Wundervoll empfand ich zuletzt das -Sichauflösen alles Leidens, alles Lebens. - -Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den mächtigen -Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg erschien es mir -unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben wieder zu beginnen. Es mußte -etwas geschehen, etwas Außergewöhnliches -- das Leben mußte sich anders -gestalten, um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können. Aber -wie, was sollte geschehen? - -Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht nach etwas, -was die Wunder, die ich eben durchlebt hatte, und die Alltäglichkeit -in Einklang bringen sollte, und ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer -gehen wollte. - -Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich schon den -andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu lassen. Sie erlaubte mir -dies gern; ich teilte ihr auch den Grund meiner Reise mit, der sie -einigermaßen zu wundern schien. - -Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war mit mir durch meinen -Entschluß wieder ins Gleichgewicht gekommen. - -Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich überrascht und -freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag. Die Pastorin führte -mich sogleich ins Wohnzimmer, ließ Kaffee kochen, und ich traf eine -muntere Gesellschaft. Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei -junge Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im Hause zu. - -Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen vorbrachte -und sagte, daß ich gekommen sei, um am Sonntag das Abendmahl hier zu -nehmen, sah sie mich kopfschüttelnd an und schwieg. - -»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann sie würdevoll. -»Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du denn nicht heut' morgen -gekommen, um wenigstens zur allgemeinen Beichte da zu sein? So kannst -du das Abendmahl gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor -- ohne -Beichte!« - -Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich fühlte mich sehr -beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht. - -»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen, »was sollen denn -die Leute denken? Da muß wegen dir Privatbeichte gehalten werden, und -den Leuten muß gesagt werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.« - -Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor in sein -Studierzimmer. - -»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn du etwas auf dem Herzen -hast, sag es ihm -- und wenn es das größte Unrecht wäre, verschweigen -darfst du's nicht. -- Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll -und etwas neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl -nehmen willst?« - -In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe, und er empfing -mich ernst und wohlwollend und feierlich. Er fragte mich, ob ich irgend -etwas auf dem Herzen hätte. - -»Nein,« sagte ich. - -Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene. - -Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge. - -Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei. - -Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte. - -Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt hätte, und da sich -zu seiner großen Verwunderung durchaus nichts fand, so erteilte er mir -nach den Worten der Bibel die Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte -ich seine beiden Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und -Isolde‹ gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck, daß -auch er mir in die Augen sah. - -Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung und Bewegung -des vorigen Abends kam über mich. - -»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht. »Nun setz dich -einmal hin und erzähle.« - -Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor ihm aus -- und wie -er zuhörte! Er fragte und fragte und wäre für sein Leben gern dabei -gewesen; die Zeit verging uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte -auf und holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von vorn -beginnen. - -Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber guter Pastor, ich -möchte auch irgend etwas thun, was schön ist, ich möchte irgend ein -großes Talent haben, dann erst würde ich glücklich sein.« - -»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal um einen großen -Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du auf ein Ding deinen ganzen Fleiß -verwendest, wird es dich auch interessieren, ganz gleich, was es ist.« - -Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete, daß es damit -aber nichts wäre. Der alte Preller lache über alles, was ich mit Müh' -und Not zu stande brächte; und wenn er sich meine Arbeit angesehen -habe, sage er gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser, -wenn ich mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann auch -nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich abmühten, säße -ich schon und lauerte darauf, daß der alte Preller seine wundervollen -Skizzenbücher zur Hand nehmen würde; aber selber zeichnen und bei aller -Not und Mühe nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine -Sünde. - -»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst. - -»Nun also!« - -Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein Herz mit -wunderbaren Schauern. - -Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen Augenblicke -hin -- den dumpfen Klängen der Orgel, dem mystischen Gesang, den -geheimnisvollen Worten. -- - -Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen zu fühlen. -Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein, seiner Ruhe, -Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und den tiefen Bewegungen -und Gewalten einer mächtigen Kunst hatte mich verwirrt, beunruhigt -- -und ich wollte Beruhigung empfinden. - -Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld das -wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon erzählt habe -- -trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf unsrer Bodentreppe und -schrieb dort nach Herzenslust -- Geschöpfe zauberte ich in mein blaues -Heft, die mir ungemein sympathisch waren; sie sprachen und thaten, -was ich wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten -Einvernehmen. - -Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um die Welt hätte -ich es nicht irgend jemand verraten mögen -- und dennoch verriet ich -es selbst und gewann durch diesen Verrat das höchste Glück, das das -Schicksal einer schaffensmutigen Seele zu teil werden lassen kann; ich -gewann, wie ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen -Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der es verstand, -mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und Ausdauer anzuspornen; der -mir als höchstes Ziel steckte: Wahrheit in jedem Empfinden, und eine -freie Würdigung alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches -und beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen -Weg gehen konnte. -- Meine Arbeit, meine Kunst wurde mir die stille -Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das alltägliche Leben zu -stürmisch oder zu gleichgültig oder gar zu schwer werden wollte. Und -ich selbst habe mich immer gewundert, wie gerade ich zu diesem großen -Glück gekommen bin -- gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je -etwas zu erstreben, geschweige zu erreichen. - -Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von guten Freunden, -getreuen Nachbarn und dergleichen, von Ereignissen aller Art, von -meiner Verheiratung, meinen Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich -auf Erden kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß -ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles ist nur -Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat -- der volle Ernst --- und in seinem Gefolge Kummer und Not, wie ich die Arme nach Hilfe -ausstreckte, wie ich verzweifelte, wie ich endlich nach langer Qual -genas, davon will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde, -für Worte kaum erreichbar. - - +Ende.+ - - - - -Werke von Helene Böhlau. - - - =Das Recht der Mutter.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.50. F. Fontane & - Co., Berlin. - - =Der Rangierbahnhof.= Roman. Zweite Auflage. M. 4.--, geb. M. 5.--. - F. Fontane & Co., Berlin. - - =Rathsmädelgeschichten.= Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. - C. C. Bruns, Minden i. W. - - =Herzenswahn.= Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, Minden - i. W. - - =Im Trosse der Kunst.= Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. - Bruns, Minden i. W. - - =Reines Herzens schuldig.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.--. J. C. C. - Bruns, Minden i. W. - - =Im frischen Wasser.= Roman in zwei Bänden. M. 1.--, geb. M. 1.50. - J. Engelhorn, Stuttgart. - - =Novellen:= Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.--, geb. - M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin. - - =Novellen:= Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen. M. 5.--, - geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin. - - - - - Engelhorns - Allgemeine - Romanbibliothek. - - Eine Auswahl - der besten modernen Romane aller Völker. - - Alle vierzehn Tage erscheint ein Band. - - Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf. - - (26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark, - gebunden 19 M. 50 Pf.) - -»=Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek=«, die nun in ihren dreizehnten -Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr zu Jahr an Beliebtheit und -Verbreitung zugenommen, sondern auch an litterarischer Bedeutung -gewonnen, so daß es nicht zu viel gesagt ist, wenn man sie heute - - einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter - der Weltliteratur - -nennt. -- Die »+Deutsche Dichtung+« schreibt darüber: - - Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum +gute Bücher - zu billigem Preis+ zu bieten und dabei weder die Autoren noch - die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen, nur gehört - Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu -- das ist die - Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg von - »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann, und - hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht, - in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige - Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten - ziegelroten Bändchen -- durchschnittlich zehn Bogen guter - Ausstattung -- +zum Preise von 50 Pfennigen+ in die Welt - sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne; - schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark - kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes - Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe -- nur den Einband - abgerechnet -- für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist - die »Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet, - daß eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast - überflüssig erscheint. - -Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführten -Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung zum Preise von =50 -Pf.= für den broschierten und =75 Pf.= für den gebundenen Band bezogen -werden. - - - Erster Jahrgang. - - =Der Hüttenbesitzer.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände. - - =Aus Nacht zum Licht.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. - - =Zéro.= Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. _Praed_. Aus dem - Englischen. - - =Wassilissa.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Vornehme Gesellschaft.= Von _H. Aïdé_. Aus dem Englischen. - - =Gräfin Sarah.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Unter der roten Fahne.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus d. Englischen. - - =Abbé Constantin.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen. - - =Ihr Gatte.= Von _G. Verga_. Aus dem Italienischen. - - =Ein gefährliches Geheimnis=. Von _Charles Reade_. Aus d. Engl. 2 - Bde. - - =Gérards Heirat.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen. - - =Dosia.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Ein heroisches Weib.= Von _J. J. Kraszewski_. Aus dem Polnischen. - - =Eheglück.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Schiffer Worse.= Von _Alex. Kielland_. Aus dem Norwegischen. - - =Ein Ideal.= Von _Marchesa Colombi_. Aus dem Italienischen. - - =Dunkle Tage.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. - - =Novellen= von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. +Glitzer-Brita.+ -- - +Einer, der seinen Namen verlor.+ Deutsch von +Friedrich - Spielhagen+. -- +Ein Ritter vom Danebrog.+ Aus dem Englischen. - - =Die Heimkehr der Prinzessin.= Von _Jacques Vincent_. Aus d. - Französ. - - =Ein Mutterherz.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - - Zweiter Jahrgang. - - =Der Steinbruch.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Helene Jung.= Von _Paul Lindau_. - - =Maruja.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen. - - =Die Sozialisten.= Aus dem Englischen. - - =Criquette.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen. - - =Der Wille zum Leben. -- Untrennbar.= Von _Adolf Wilbrandt_. - - =Die Illusionen des Doktor Faustino.= Von _Valera_. Aus d. Span. - - =Zu fein gesponnen.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen. 2 - Bände. - - =Gift.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen. - - =Fortuna.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen. - - =Lise Fleuron.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Aus des Meeres Schaum. -- Aus den Saiten einer Baßgeige.= Von - _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen. - - =Auf der Woge des Glücks.= Von _Bernhard Frey_. (+M. Bernhard.+) - - =Die hübsche Miß Neville.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Engl. 2 Bde. - - =Die Verstorbene.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen. - - =Mein erstes Abenteuer und andere Geschichten.= Von _Hans Hopfen_. - - =Ihr ärgster Feind.= Von Mrs. _Alexander_. Aus d. Englischen. 2 Bde. - - =Ein Fürstensohn. -- Zerline.= Von _Claire von Glümer_. - - =Von der Grenze.= Novellen von _Bret Harte_. Aus dem Englischen. - - =Eine Familiengeschichte.= Von _Hugh Conway_. Aus d. Englischen. 2 - Bde. - - - Dritter Jahrgang. - - =Die Versaillerin.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände. - - =In Acht und Bann.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen. - - =Die Tochter des Meeres.= Von _Johanne Schjörring_. Aus dem - Dänischen. - - =Lieutenant Bonnet.= Von _Hector Malot_. Aus d. Französ. 2 Bände. - - =Pariser Ehen.= Von _E. About_. Aus dem Französischen. - - =Hanna Warners Herz.= Von _Florence Marryat_. Aus d. Englischen. - - =Eine Tochter der Philister.= Von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. Aus dem - Englischen. 2 Bände. - - =Savelis Büßung.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Die Damen von Croix-Mort.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französ. 2 - Bände. - - =Die Glocken von Plurs.= Von _Ernst Pasqué_. - - =Fromont junior und Risler senior.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem - Französischen. 2 Bände. - - =Der Genius und sein Erbe.= Von _Hans Hopfen_. - - =Ein einfach Herz.= Von _Charles Reade_. Aus dem Englischen. - - =Baccarat.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Mein Freund Jim.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. - - =Hanna.= Von _Heinr. Sienkiewicz_. Aus dem Polnischen. - - =Das beste Teil.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen. - - =Lebend oder tot.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Die Familie Monach.= Von _Robert de Bonnières_. Aus dem Französ. - - - Vierter Jahrgang. - - =Eine neue Judith.= Von _H. Rider Haggard_. Aus d. Englischen. 2 - Bde. - - =Schwarz und Rosig.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. - - =Das Tagebuch einer Frau.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französ. - - =Jahre des Gärens.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände. - - =Gute Kameraden.= Von _H. Lafontaine_. Aus dem Französischen. - - =Die Töchter des Commandeurs.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norweg. - - =Zita.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Die Erbschaft Xenias.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Kinder des Südens.= Von _Rich. Voß_. - - =Daniele Cortis.= Von _A. Fogazzaro_. Aus dem Italienischen. 2 - Bände. - - =Die Herz-Neune.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen. - - =Sie will.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Die Kinder der Excellenz.= Von _Ernst v. Wolzogen_. - - =Um den Glanz des Ruhmes.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Ital. - - =Der Nabob.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände. - - =Der kleine Lord.= Von _F. H. Burnett_. Aus dem Englischen. - - =Der Prozeß Froideville.= Von _André Theuriet_. Aus d. - Französischen. - - =Stella.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - - Fünfter Jahrgang. - - =Robert Leichtfuß.= Von _Hans Hopfen_. 2 Bände. - - =Der Unsterbliche.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. - - =Lady Dorotheas Gäste.= Von _Ouida_. Aus dem Englischen. - - =Marchesa d'Arcello.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen. 2 Bände. - - =Was der heilige Joseph vermag.= Aus dem Französischen. - - =Alessa. -- Keine Illusionen.= Von _Claire von Glümer_. - - =Wie in einem Spiegel.= Von _F. C. Philips_. Aus d. Englischen. 2 - Bände. - - =Schnee.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen. - - =Jean Mornas.= Von _Jules Claretie_. Aus dem Französischen. - - =Auf der Fährte.= Von _H. F. Wood_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Satisfaction. -- Das zersprungene Glück. -- La Speranza.= Von - _Alexander Baron von Roberts_. - - =Die Scheinheilige.= Von _Karoline Gravière_. Aus dem Französischen. - - =Doktor Rameau.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände. - - =Frau Regine.= Von _Emil Peschkau_. - - =Zwei Brüder.= Von _Guy de Maupassant_. Aus dem Französischen. - - =Mein Sohn.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen. 2 Bände. - - =Dosias Tochter.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Der Lotse und sein Weib.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen. - - =Numa Roumestan.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 2 - Bände. - - - Sechster Jahrgang. - - =Die tolle Komteß.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände. - - =Eine Sirene.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen. - - =Jack und seine drei Flammen.= Von _F. C. Philips_. Aus dem - Englischen. - - =Mr. Barnes von New-York.= Von _A. C. Gunter_. Aus d. Engl. 2 Bde. - - =Gertruds Geheimnis.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen. - - =Wunderbare Gaben und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus - dem Englischen. - - =Letzte Liebe.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Die Sabinerin. -- Felice Leste. -- Die Mutter der Catonen.= Von - _Richard Voß_. - - =Mia.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen. - - =Diana Barrington.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2 Bände. - - =Der reine Thor.= Von _Karl v. Heigel_. - - =Ein Kirchenraub. -- Junge Liebe.= Von _H. Pontoppidan_. Aus dem - Dänischen. - - =Die Könige im Exil.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ. 2 - Bände. - - =Die verhängnisvolle Phryne.= Von _F. C. Philips_ u. _C. J. Wils_. - Aus dem Englischen. - - =Serguis Panin.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französischen. 2 Bände. - - =Achtung Schildwache!= und andere Geschichten. Von _Mathilde - Serao_. Aus dem Italienischen. - - =Salonidylle.= Von _H. Rabusson_. Aus dem Französischen. - - =Mr. Potter aus Texas.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Engl. 2 Bände. - - =Ein gefährliches Werkzeug.= Von _D. C._ u. _H. Murray_. Aus d. - Engl. - - - Siebenter Jahrgang. - - =Preisgekrönt.= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände. - - =Die Seele Pierres.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. - - =Zum Kinderparadies.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen. - - =Imogen.= Von _Hamilton Aïdé_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Port Tarascon.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. - - =Ein Mann von Bedeutung.= Von _Anthony Hope_. Aus d. Englischen. - - =Ohne Liebe.= Von _Fürst Galitzin_. Aus dem Russischen. 2 Bände. - - =Die Erbin.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. - - =Die kühle Blonde.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände. - - =Mein Pfarrer u. mein Onkel.= Von _Jean de la Brète_. Aus d. - Französ. - - =Der Mönch von Berchtesgaden= und andere Erzählungen. Von _Rich. - Voß_. - - =Oberst Quaritch.= Von _H. Rider Haggard_. Aus dem Engl. 2 Bände. - - =Noras Roman.= Von _Emil Peschkau_. - - =Auf Vorposten= und andere Geschichten. Von _F. de Renzis_. Aus dem - Italienischen. - - =Versiegelte Lippen.= Von _Léon de Tinseau_. Aus d. Französ. 2 - Bände. - - =Aus den Papieren eines Wanderers.= Von _Jefferey C. Jeffery_. Aus - dem Englischen. - - =Mein Onkel Scipio.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen. - - =Wie's im Leben geht.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2 - Bde. - - =Verhängnis.= Von _F. de Renzis_. Aus dem Italienischen. - - - Achter Jahrgang. - - =Irgend ein Anderer.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2 - Bände. - - =Fräulein Reseda. -- Ein Mann der Erfolge.= Von _Julien Gordon_. - Aus dem Englischen. - - =Künstlerehre.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen. - - =In frischem Wasser.= Von _Helene Böhlau_. 2 Bände. - - =Die geprellten Verschwörer.= Von _W. E. Norris_. Aus dem - Englischen. - - =Daphne.= Nach ~A Diplomat's Diary~ von _Julien Gordon_, deutsch - bearb. von +Friedrich Spielhagen+. - - =Ein Genie der That.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände. - - =Mischa.= Von _Marguerite Poradowska_. Aus dem Französischen. - - =Der Thronfolger.= Von _Ernst von Wolzogen_. 2 Bände. - - =Im Reisfeld. -- Ohne Liebe.= Von _Marchesa Colombi_. Aus d. Ital. - - =Eine Künstlerin.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen. - - =Miß Niemand.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Marienkind.= Von _Paul Heyse_. - - =Schwarzwaldgeschichten.= Von _Hermine Villinger_. - - =Jack.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände. - - =Der schwarze Koffer.= Aus dem Engl. - - =Der Affenmaler.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen. - - =Schwer geprüft.= Von _J. Masterman_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - - Neunter Jahrgang. - - =Im Schuldbuch des Hasses.= Von _G. Ohnet_. Aus d. Französ. 2 Bde. - - =Meine offizielle Frau.= Von _Col. Richard Henry Savage_. Aus d. - Engl. - - =Sein Genius.= Von _Claus Zehren_. - - =Ein Zugvogel.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Violette Merian.= Von _Augustin Filon_. Aus dem Französischen. - - =Fräulein Kapitän.= Eine Eismeergeschichte von _Max Lay_. - - =Ein puritanischer Heide.= Von _Julien Gordon_. 2 Bände. Aus dem - Englischen. - - =Das Stück Brot und andere Geschichten.= Von _François Coppée_. Aus - dem Französischen. - - =In der Prairie verlassen.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen. - - =Zwischen Lipp' und Kelchesrand.= Von _Charles de Berkeley_. Aus - dem Französischen. 2 Bände. - - =Mein erster Klient und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus - dem Englischen. - - =Auf steinigen Pfaden.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem - Französischen. - - =Heimatlos.= Von _Hector Malot_. 3 Bände. Aus dem Französischen. - - =Baronin Müller.= Von _R. v. Heigel_. - - =In guter Hut.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen. - - =Das Kind.= Von _Ernst Eckstein_. - - =Das Haus am Moor.= Von _Florence Warden_. Aus d. Englischen. 2 Bde. - - =Giovannino oder den Tod! -- Dreißig Prozent.= Von _Mathilde - Serao_. Aus dem Italienischen. - - =Des Seemanns Tagebuch.= Von _Gustave Toudouze_. Aus dem Französ. - - - Zehnter Jahrgang. - - =Das Geheimnis des Hauslehrers.= Von _Victor Cherbuliez_. Aus dem - Französischen. 2 Bände. - - =Das wandernde Licht.= Von _Ernst von Wildenbruch_. - - =Einer alten Jungfer Liebestraum.= Von _Alan St. Aubyn_. Aus dem - Englischen. - - =Schatten.= Von _Ossip Schubin_. - - =Unerwartet.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Ein Opfer.= Von _Karl E. Franzos_. - - =Die Möwe.= Von _Zacharias Nielsen_. Aus dem Dänischen. 2 Bände. - - =Geopfert.= Von _George Simmy_. Aus dem Französischen. - - =Unheimliche Geschichten.= Von _Dick-May_. Aus dem Französischen. - - =Margarete und Ludwig.= Von _Frieda Freiin von Bülow_. 2 Bände. - - =Die Herzogstochter.= Von _Mrs. Oliphant_. Aus dem Englischen. - - =Briefe aus meiner Mühle.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ. - - =Erinnerungen einer Schwiegermutter.= Von _George R. Sims_. Aus dem - Englischen. 2 Bände. - - =Lou.= Von _Alexander Baron von Roberts_. - - =Hof Gilje.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen. - - =Don Cirillos Hut.= Von _Emilio de Marchi_. Aus d. Italienischen. 2 - Bde. - - =Jean von Kerdren.= Von _Jeanne Schultz_. Aus dem Französischen. - - =Unter Bauern.= Von _Hermine Villinger_. - - =Prinz Schamyls Brautwerbung.= Von _R. H. Savage_. Aus dem Engl. 2 - Bände. - - - Elfter Jahrgang. - - =Das Recht des Kindes.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Fränzös. 2 - Bände. - - =Ein schlechter Mensch.= Von _A. von Gersdorff_. - - =Mademoiselle.= Von _F. M. Peard_. Aus dem Englischen. - - =Kosmopolis.= Von _Paul Bourget_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Eine schnurrige Geschichte.= Von _Frank R. Stockton_. Aus d. Engl. - - =Die wahren Reichen.= Von _François Coppée_. Aus dem Französischen. - - =Simson und Delila.= Von _Annie Bock_. 2 Bände. - - =Die gelbe Rose.= Von _Maurus Jókai_. Aus dem Ungarischen. - - =Verloren.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Zwei Herren.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Eine Schultragödie.= Von _Edmondo de Amicis_. Aus dem - Italienischen. - - =Schiffe, die nachts sich begegnen.= Von _Beatrice Harraden_. Aus - d. Engl. - - =Susi.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände. - - =Tim.= Aus dem Englischen. - - =Frauen.= Von _Anna Munch_. Aus dem Norwegischen. - - =Die alte Geschichte.= Von _Charles de Berkeley_. Aus d. Französ. 2 - Bde. - - =Der Sänger.= Von _Karl v. Heigel_. - - =Möblierte Wohnungen.= Von _George R. Sims_. Aus dem Englischen. - - =Tante Anna.= Von _W. R. Clifford_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - - Zwölfter Jahrgang. - - =Die Erbschleicherinnen.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände. - - =Der Kameenknopf.= Von _Rodrigues Ottolengui_. Aus dem Englischen. - - =Die Cigarette und andre Geschichten.= Von _Jules Claretie_. Aus - dem Französischen. - - =Dodo.= Von _E. F. Benson_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Die Brüder.= Von _Claus Zehren_. - - =Pflichtgefühl.= Von _W. D. Howells_. Aus dem Englischen. - - =Revanche!= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände. - - =Pinsel und Meißel.= Von _Teodoro Serrao_. Aus dem Englischen. - - =Schwere Frage.= Von _A. v. Gersdorff_. - - =Das Magdalenenhaar.= Von _Jean Rameau_. Aus dem Französischen. 2 - Bände. - - =Der Verkauf einer Seele.= Von _F. Frankfort Moore_. Aus d. - Englischen. - - =Wandelbilder.= Von _Richard Henry Savage_. Aus dem Englischen. - - =Selbstgerecht.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände. - - =Roman-Studien.= Von _Jerome K. Jerome_. Aus dem Englischen. - - =Jugendstürme.= Von _Karl Busse_. - - =Eine Familienähnlichkeit.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. - 2 Bände. - - =Verbotene Frucht.= Von _Henning van Horst_. - - =Gold und Ehre.= Von _Otto M. Moeller_. Aus dem Dänischen. - - =Eine gelbe Aster.= Von _Jota_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - - Dreizehnter Jahrgang. - - =Villa Falconieri.= Von _R. Voß_. 2 Bde. - - Mit wahrhaft berauschender Glut der Schilderung zaubert uns der - berühmte Dichter in seinem prächtigen Roman den Frühling der - Campagna di Roma und des Albanergebirgs mit seiner märchenhaften - Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift uns das Schicksal der - Menschen voll Leidenschaft, die er in dieser großartigen, stil- und - stimmungsvollen Umgebung lieben und leiden läßt. - - =Die Tochter des Abgeordneten.= Von _Georges Ohnet_. - - In diesem glänzend geschriebenen Roman bietet +Ohnets+ vielseitiges - und fruchtbares Talent eine seiner reifsten Früchte. Die große - Schar der Freunde und Verehrer des gefeierten Erzählers wird dieses - Buch namentlich auch darum noch vermehren, weil es sich auch zur - Lektüre für junge Mädchen eignet. - - =Die Siegerin.= Von _Hans Hopfen_. - - Einem neuen Buche von Hans Hopfen können wir keine bessere - Empfehlung mit auf den Weg geben als die, daß es ein »echter - Hopfen« ist. - - =Eine dritte Person.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 - Bände. - - Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem Schauplatze der meisten - Crokerschen Romane, durchwärmt und verklärt gleichsam die - Geschichten dieser mit Recht so beliebten Erzählerin und verleiht - ihnen einen romantischen Schimmer, der den Leser unwiderstehlich - gefangen nimmt. - - =Flederwischs Heirat.= Von _Gyp_. Aus dem Französischen. - - Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«, ist ein - entzückendes Geschöpfchen, dessen köstliche Naivetät und neckischer - Humor wahrhaft herzerfrischend wirken. - - =Eine internationale Ehe.= Von _Madame Bigot_. Aus dem Englischen. - - Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes, gut beobachtetes - Milieu und eine reich bewegte Handlung vereinigen sich in diesem - flott geschriebenen Roman zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen - Ganzen. - - =Sich selber treu.= Von _M. Gerbrandt_. 2 Bände. - - Warmherzige Menschen von reich entwickeltem Gefühlsleben treten - uns in diesem hochgestimmten Roman entgegen, in dem sich die - begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin von feiner poetischer - Empfindung und abgeklärter Kunstanschauung erweist. - - =Islandfischer.= Von _Pierre Loti_. Aus dem Französischen. - - Mit der Einreihung von Lotis berühmten Roman, diesem Hohenlied der - See und der Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir einen Wunsch - vieler unserer Leser. - - =Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.= Von _Helene Böhlau_. - - Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller Kleinmalerei und gemütvollen, - schalkhaften Humors sind auch diese neuen +Böhlau+schen - Ratsmädelgeschichten, in denen wir einen Hauch aus Weimars großer - Zeit verspüren. - - -Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu =Geschenken ganz -besonders geeigneten= - - Salon-Ausgabe - -auf =feines, extra starkes Papier= gedruckt und in =elegantem -Liebhaber-Einband= zum Preise von M. 2.-- für den einfachen und M. 3.-- -für den doppelten Band erschienen. - - - Einfache Bände: - - _Burnett_, =Der kleine Lord=. - - _Feuilett_, =Das Tagebuch einer Frau=. - - _Paul Lindau_, =Helene Jung=. - - _Voß_, =Kinder des Südens=. - - =Was der heilige Joseph vermag.= - - _v. Wolzogen_, =Die Kinder der Excellenz=. - - _v. Gersdorff_, =Ein schlechter Mensch=. - - _Savage_, =Meine offizielle Frau=. - - - Doppel-Bände: - - _Conway_, =Eine Familiengeschichte=. - - _Croker_, =Die hübsche Miß Neville=. - - _Hopfen_, =Robert Leichtfuß=. - - _Ohnet_, =Der Hüttenbesitzer=. - - _v. Wolzogen_, =Der Thronfolger=. - - -- =Die tolle Komteß=. - - _Sims_, =Erinnerungen einer Schwiegermutter=. - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben. - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 7: alimodisches → altmodisches - wie ein {altmodisches} Kleidungsstück abgelegt - - S. 11: Augenbiick → Augenblick - Von dem {Augenblick} an, als sie - - S. 61: Weimararaner → Weimararnern - den {Weimaranern} ihr geliebtes Deutsch - - S. 136: wir → mir - es war {mir}, als würden da - - Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray - Von _D. C._ u. _H. {Murray}_ - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 *** diff --git a/old/51230-h/51230-h.htm b/old/51230-h/51230-h.htm deleted file mode 100644 index 1f31423..0000000 --- a/old/51230-h/51230-h.htm +++ /dev/null @@ -1,7947 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8" /> -<title>Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten | Project Gutenberg</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2, h3, h4 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -p.chap:first-letter { - font-size: 150%; - line-height: 2ex; -} - -.advtext { - margin-left: 5%; - margin-right: 5%; - font-size: small; -} -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.blockquot { - margin-left: 5%; - margin-right: 5%; -} - -.hang p { - margin-left: 2em; - text-indent: -2em; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right { - text-align: right; - margin-right: 2em; -} - -.large { - font-size: large; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -.author { - font-family: sans-serif; - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: 2ex auto 2ex auto; - text-align: center; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; - font-size: small; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} - -.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - - hr.full { width: 100%; - margin-top: 3em; - margin-bottom: 0em; - margin-left: auto; - margin-right: auto; - height: 4px; - border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ - border-style: solid; - border-color: #000000; - clear: both; } - </style> -</head> -<body> -<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 ***</div> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Die Autorennamen der Katalogseiten sind <em class="author">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> -<hr class="full" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<div class="chapter"> -<p class="center large">Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.</p> - -<p class="center">Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.</p> - -<p class="center smaller">Dreizehnter Jahrgang. Band 12.</p> - -<h1>Ratsmädel-<br /> -<span class="smaller">und</span><br /> -Altweimarische Geschichten.</h1> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="h2">Helene Böhlau.</p> - -<p class="center">(Madame al Raschid Bey.)</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">Stuttgart.</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Verlag von J. Engelhorn.</em></p> - -<p class="center">1897.</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p> - -<p class="center">Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten. -</p> - -<p class="center p2">Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Ratsmaedel_gehen_einem_Spuk">Die Ratsmädel gehen einem Spuk -zu Leibe.</h2> -</div> - -<p class="chap">Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das -kleine, nun längst wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet -anfing, mitten unter den tausend und abertausend europäischen -Städten und Städtchen sich außerordentlich wichtig zu thun. -Es mochte auch alles Recht dazu haben; denn es hatten sich -in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet, Vögel, derengleichen -vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren, -und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so -daß sie wirklich außerordentlich seltene Vögel geblieben sind, -bis heutzutage.</p> - -<p>Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben, -und es hat den Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig -hinerzählt war, allem Feierlichen, Schweren aus dem Wege -ging, alles Leichtlebige beim Zipfel nahm.</p> - -<p>Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus -den Bürgerstuben, aus den Gärten vor der Stadt, von jenen -alten, gesegneten Gärten, und ich werde mich auch wieder -vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen Tieren -vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten -abgeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p> - -<p>Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre -alte weimarische Sonne locken, von der sie so gerne sich -wieder bescheinen lassen würden.</p> - -<p>Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt, -eine weiche, hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es -sproßt und keimt, in der ein lustiger, feuchter Wind weht, -Nebel ziehen, in der Herzen schlagen, und in der allerlei -behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die Achseln -zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen; -damals aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen -machte. So glaubte man in jenen Tagen und tuschelte es -sich gegenseitig wie eine interessante Hofgeschichte zu, daß -die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie, von der Karl -August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts -machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in -Tieffurth, im Park und im Schlößchen.</p> - -<p>Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten -Dinge. Die bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft, -aber doch humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß -daran, daß die kleine, bucklige, häßliche Dame solche Geschichten -machte.</p> - -<p>Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn -es war absolut nicht <em class="antiqua">comme il faut</em> von der Göchhausen. – -Außerdem sprach die Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern -darüber, daß ihr so etwas »arrivieren« mußte – -solch eine »Kalamität«! – Man fand, daß sich die Göchhausen -noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich -machte.</p> - -<p>Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie -sie schimpfend und klagend die Parkwege auf und nieder -gehuscht war.</p> - -<p>Sie hatten sie ganz genau erkannt, – daran bestand -kein Zweifel!</p> - -<p>Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -Krommsdorf erst spät heimgetrieben, war sie im Park auch -nachgehuscht, und er erzählte, daß sie ihm scheußlich weinerlich -und wichtig gesagt habe: »Ich la–ngweil' mich so!« – -Weiter nichts. Aber <em class="gesperrt">wie</em> sie es gesagt hätte! Wie aus -einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden, -die die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer -Kalb, das die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt -hatte, pfundweis nach Hause trugen, gar nicht haarsträubend -genug vormachen.</p> - -<p>Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen, -immer klagend, immer schimpfend und immer unzufrieden; -– manchmal auch nur murmelnd und brummend; – aber -<em class="gesperrt">wie</em> murmelnd! – eben ganz wie eine arme Seele murmeln -muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war -überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache, -daß sich die Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, – -nach Vorschrift der alten Kobold- und Geistergeschichten.</p> - -<p>Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen -haben und hatten auch gottlob immer etwas; sie waren an -die merkwürdigsten Dinge gewöhnt, eine solche Fülle von -gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das graue Rattennest -niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß diese -Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit -allerhand fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel.</p> - -<p>Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar -lachende, blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich -behende Körper, blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch -etwas tollpatschige Hände, helle Kleider, die sich lebendig -um diese jungen Körper schmiegen, die sich so jugendsicher -auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so wohlgebaut und -unschuldig.</p> - -<p>All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie -zu ein paar Mädchen, die in der alten Wünschengasse -daheim sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<p>Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt -und sind mehr, als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund -und Feind, Nachbar und Nachbarin.</p> - -<p>»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und -sind die Töchter des Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und -würdig, nie verstanden hat, weshalb gerade ihm das Schicksal -diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr Mühe und Kopfzerbrechen -kosteten, als seine Buben. Ja, in der That, er -und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem -hübschen Paare fertig geworden, wenn nicht die ganze -Wünschengasse ihnen beigestanden hätte, die Rangen zu erziehen; -und nicht nur die Wünschengasse fühlte sich dazu -berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen -Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es, -wenn sie miteinander durch die dämmerige Gasse schlenderten. -Und wer dies aussprach, schaute ihnen gewissermaßen gespannt -nach.</p> - -<p>Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige -Wünschengasse in Aufregung zu erhalten.</p> - -<p>Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach -den Ratsmädchen, das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln -und Hetzen, das Verhätscheln und Anraunzen. Nie, solange -die Wünschengasse steht, sind aber zwei Schwestern von Kindesbeinen -an trotz alledem so ungetrübt heiter gewesen wie diese -zwei, so treu ihren Freunden ergeben.</p> - -<p>Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag -Freunde haben, – zu den Menschen, die nie einsam -sind, – zu den sonnigen Kraftmenschen, die Wärme und -Strahlen für andre übrig haben.</p> - -<p>Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden -keinen Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden -nahe treten wollte, waren ihnen dankbar, – und was die -Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und diese Freunde: der -blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon, den sie auf<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner -französischen Abstammung wegen; in den weimarischen -Mäulern aber war »der Pudding« zu einem »Budang« geworden. -– Und der schöne Franz Horny, der sich als Maler -später einen Namen machte und in jungen Jahren in Amalfi -starb; – sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo es von -den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian -verehrt wird. – Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller, -Schillers Sohn.</p> - -<p>Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich -vergnügt, wie dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr -geschieht.</p> - -<p>Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere -Urwüchsigkeit wie ein <span id="corr007">altmodisches</span> Kleidungsstück abgelegt.</p> - -<p>Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen -und haben sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von -Röses Paten Sperber, einquartiert. Sie sind ins Wasser -gefallen, haben miteinander getanzt, wenn es ihnen paßte; -sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten gefahren, sie -haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie haben -»Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren -gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich -von den etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre -genommen worden, haben ihnen ihre Schularbeiten vorweisen -müssen und sind von ihnen belobt und gestraft worden, wie -das alles ausführlich schon einmal erzählt worden ist. Herr -und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung -ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse. -Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel, -und in die Dämmerung dröhnt die große Glocke im Schloßturm. -Der Sturmwind fährt in das mächtige Geläute; er -reißt die großen, vollen Töne wie Wolken auseinander und<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie, läßt sie -hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen.</p> - -<p>Die Glocke läutet die Osternacht ein.</p> - -<p>Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch; -so voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne -und das tiefste Menschenleid.</p> - -<p>Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß -Gott wo, erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens -Weimar geworden. Ein jeder versteht dies Herz da -oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig aus, was die -andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es erweckt -sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein -großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat. –</p> - -<p>Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster -hinaus.</p> - -<p>»Hörst du?« sagt Marie.</p> - -<p>Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet -wurde, zum Schloß hinunter gelaufen und haben hinauf nach -der grünen Turmspitze gesehen, die von der Wucht der -Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und her schwankte; -oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten, -und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert; -oder die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den -Glockenstuhl, und sie haben da, schwankend und schwindelnd -und ganz betäubt von den ungeheuren Schlägen, die den -Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander geklammert und -an den riesigen Balken festgehalten.</p> - -<p>Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum -Fenster hinaus.</p> - -<p>Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen.</p> - -<p>Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal -geantwortet.</p> - -<p>Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen -grüne Schärpen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<p>Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff -von aller Schönheit und Eleganz.</p> - -<p>»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! – Was -fällt euch ein! – Der Wind!« So ruft Frau Rat, die -Mutter der Ratsmädchen, die eben ins Zimmer tritt.</p> - -<p>Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt. -Der Haushalt mit den wilden Mädchen und Buben, die -Kriegsjahre, der überernste Gatte, die Geldsorgen, – das -alles ist der fein organisierten Frau zu viel geworden.</p> - -<p>Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe; -sie aber hat etwas Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur -bei sich selbst fände, was sie sucht.</p> - -<p>Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das -Glockengeläut dringt nur noch dumpf ins Zimmer.</p> - -<p>Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die -Lichter an.</p> - -<p>Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches -Gesicht.</p> - -<p>Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des -einen Talglichtes brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter -unter einem grünseidenen, ovalen Schirm.</p> - -<p>»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?«</p> - -<p>»Was denn sonst, Schatz? – Habt ihr euch die Hände -gewaschen?«</p> - -<p>»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse.</p> - -<p>»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und -streicht ihr übers Haar. – »Gutes Kind!«</p> - -<p>Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß -sie ihrer Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht.</p> - -<p>»Ruhig, ruhig!«</p> - -<p>Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf -auf dem Tisch?«</p> - -<p>Senf war eben das Neueste.</p> - -<p>Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -in schönster Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht -feierlich im Zimmer auf und ab.</p> - -<p>»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch -einmal: »Charmante Leute!«</p> - -<p>Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden« -nicht. Man hat zu warten, bis er fragt.</p> - -<p>»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit -erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau.</p> - -<p>»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?«</p> - -<p>»Ich dachte so etwa … etwa …«</p> - -<p>Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit« -nannte, nicht recht klar zu sein.</p> - -<p>»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon -eine recht große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem -Seitenblick auf die Mädchen.</p> - -<p>Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der -Mutter auf der Platte tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt -zu.</p> - -<p>»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?«</p> - -<p>Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen -Halsbinde heraus, im Hintergrunde des großen Zimmers, -zu seiner Frau.</p> - -<p>»Bst!« macht Frau Rat. – »Mein Gott, so jung sollte -sie nicht sein. So ein armes Ding!«</p> - -<p>»I was!« sagt Herr Rat. – »Papperlapapp! Warst -du etwa älter?«</p> - -<p>Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres -Lebens zogen an ihrer Seele vorüber. – Sie lächelt, – alle -heißen Thränen, alles Sehnen, alles Verstummen hatte sich -bei ihr zu einem müden Lächeln herabgemildert, – oder in -ein Lächeln zusammengefaßt, – wie man will.</p> - -<p>Apothekers kamen.</p> - -<p>Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten -rundes Bäuchlein war mit »selber gestickter« Seide überspannt<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -und glänzte wie ein heiteres Gestirn. Er kniff Röse -in die Wange und war vortrefflich gelaunt.</p> - -<p>Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach -den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte -sich eben eine Dame in vollem Putz, in weißer Haube mit -blauen Bändern und im weißen Kleide. Sie öffnete das -Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der Wind, der -durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte.</p> - -<p>»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte -nicht lange, da empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau -Geheimderat Thon und deren Sohn Ottokar Thon, Adjutanten -des Großherzogs Karl August.</p> - -<p>Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den -Eltern Kirsten, küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann -Marie.</p> - -<p>Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte. -Das weiße Kleid umschloß in langen Falten eine volle, stolze -Gestalt. Das schöne Busentuch war aus kostbaren gelblichen -Spitzen, und eine breite, hohe Haube mit himmelblauen -Bändern beschattete ein energisches, wohlkonserviertes Gesicht.</p> - -<p>Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre -rundliche Kinderhand dann an die Lippen.</p> - -<p>Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen -Gesichte aber lag eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen -ihrer Schwester Hand nicht los, bis man sich zu -Tische setzte.</p> - -<p>Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie -ahnte, sie wußte alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach -mit ihr, als spräche er zu einem lebendigen Heiligtume, – -so etwas scheu, – und doch … – Rösen überschauerte es.</p> - -<p>Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten -Uniform aussah!</p> - -<p>Von dem <span id="corr011">Augenblick</span> an, als sie ihn zuerst gesehen, war -ihre Seele ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -Gescheitheit und seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger -gewesen, und sie hatte auch gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet.</p> - -<p>Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig -gelobt habe, und daß Karl August eine Schrift über -die Zukunft Deutschlands von ihm kenne, von wahrer staatsmännischer -Bedeutung.</p> - -<p>»Solch ein Mensch will mich!«</p> - -<p>Das waren Röses Jubelgedanken. –</p> - -<p>Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen -und hörte zu, wie alle sprachen.</p> - -<p>Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie -mußte träumerisch an einen Vogel denken, der in seinem Nest -auf schwankem, grünem Zweige sitzt, das von einem weichen -Winde hin und her geweht wird. Die Sonne glitzert durch -die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes Licht -um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug. -Sie fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist; -deshalb macht sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen, -stillen Wonne, ein kindisches, süßes Bild.</p> - -<p>Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter; -nein, alles und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte -Festsuppe: Grünkern mit Kerbelrübchen. Das war Frau -Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen, wie Mandeln so fein -und klein, zergingen auf der Zunge, und die Suppe duftete -wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete -es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer. -Warmer Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel, -der echte köstliche Kornduft, ein sanfter Wind, der über die -Aehrenhäupter streicht, – Erdgeruch! Das alles kam, als -der Deckel von der Suppenschüssel gehoben wurde, den Gästen -bewußt oder unbewußt in Erinnerung.</p> - -<p>Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe!</p> - -<p>Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -sein wie eine Musik oder wie ein Gedicht, die Leute sollen -fröhlich davon werden.«</p> - -<p>Ja, es war eine feierliche Suppe!</p> - -<p>Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben -klirrten, und im Schornstein heulte und jammerte er.</p> - -<p>Nach der Suppe gab es einen Karpfen, – einen Spiegelkarpfen -mit großen, goldenen Schildern und Flecken, den -besten Karpfen, den der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen! -Röse und Marie hatten natürlich mitgeholfen, ihn aus dem -Behälter herauszufischen, in dessen klarem Ilmwasser die -festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig flimmernden -Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten -hatten sie also erwischt.</p> - -<p>Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit, -seiner Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen.</p> - -<p>Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm -den Kopf auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im -Rasen neben den Fischbehältern eingerammt waren, und der -über und über von Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er -den Fisch in zwei Hälften geteilt und den Ratsmädchen in -den Korb gepackt und ihnen die Fischblase extra verehrt. -Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen zu lassen; es -hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein althergebrachter -Spaß gewesen.</p> - -<p>Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer -kam, blau gesotten mit geriebenem Meerrettich, und ganz in -Petersilie ruhend, da rief der Apotheker: »Donnerwetter, ist -das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger gewesen?«</p> - -<p>Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren -aber nur die Vorläufer vom Propheten.</p> - -<p>Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern -zu einem wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus.</p> - -<p>Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer -Hofjagd mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -Herrn, und hatte sie Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert, -und nun sollten sie feierlich gemeinschaftlich verzehrt werden.</p> - -<p>Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte, -waren alle erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen, -nußbraun gebratenen Tiere silberne Füße und -silberne Köpfe hatten.</p> - -<p>»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung -vor eurer Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen! -Silberne Köpfe und silberne Füße!«</p> - -<p>Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger -und waren glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater -auch nichts davon gewußt hatte.</p> - -<p>Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem -Geschenk gehört hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene -Vögel aus ihrem Silberschrank geliehen.</p> - -<p>Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei -Flaschen alten Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden -Flaschen hatte er in dem Franzosenjahr vor den gierigen -Langfingern versteckt. Er hatte sie im kleinen, dunklen Höfchen -unter dem Regenfaß vergraben und, als die Luft wieder -rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in -einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz -von Staub und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande -setzte er sie, als die Vögel mit den silbernen Füßen -kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz auf den Tisch.</p> - -<p>»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt.</p> - -<p>»Papperlapapp!« – Herr Rat war schon dabei, eine -zu entkorken. – »Gehört sich's nicht etwa so?«</p> - -<p>Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß -ein alter, seltener Wein in so staubigen und schimmeligen -Flaschen auf den Tisch kommen müsse; das sei für den -Kenner das Feinste.</p> - -<p>Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten, -Kompotts und Beilagen aller Art.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<p>»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie -verspürt haben wollen?« fragte der Apotheker den jungen -Thon. »Das wäre heute so eine Nacht für die Bestie, um -den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!«</p> - -<p>»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!« -antwortete der Adjutant lebhaft.</p> - -<p>»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der -Ilm an dem Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth – -so eigentlich mitten im Tieffurther Park. Verspürt ist er -nun, der Lump … aber …!«</p> - -<p>»Ja – aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem -Adjutanten auf den Fuchs an.</p> - -<p>Marie zupfte Röse am Kleid.</p> - -<p>Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon.</p> - -<p>»Röse,« tuschelte Marie besorgt, – »sie werden doch -nicht gar zu lange bleiben?« –</p> - -<p>Röse fuhr wie aus einem Traum auf.</p> - -<p>»Was?« fragte sie.</p> - -<p>»Na, wenn unsre Drei nun kämen?«</p> - -<p>»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort -sind; die werden unten schon lauern, bis der letzte hinaus -ist!« flüsterte Röse.</p> - -<p>Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben, -verehrten Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und -bedauerte, daß sie Weimar so bald wieder verlassen müsse.</p> - -<p>Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen, -um ihren Sohn zu besuchen.</p> - -<p>Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem -Kompottlöffelchen an ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt -und stattlich.</p> - -<p>Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene -Frau in ihrem weißen Kleid so frei und vornehm -stehen zu sehen.</p> - -<p>Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -Sohn diesmal verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit -menschliches Berechnen nicht trüge, vor ihren Augen läge, – -und für diese Beruhigung, diese frohe Aussicht danke sie dem -gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten.</p> - -<p>Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und -Frau Rat an, dann mit Apothekers, und mit Röse ganz besonders.</p> - -<p>»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie.</p> - -<p>Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand; -darauf küßte er Röses Hand wieder tief bewegt.</p> - -<p>Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder -Schlingel!« flüsterte sie Röse zu.</p> - -<p>Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das -war auf Vater Kirstens Befehl hin so eingerichtet.</p> - -<p>Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten, -und er wollte in seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand -keinen »Verlobungstrafik«, wie er sich ausdrückte. Das -Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt werden.</p> - -<p>Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein -verliebtes Paar zu stolpern!</p> - -<p>Er war Herr im Hause, damit basta!</p> - -<p>Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die -Apothekerin mußte ihren Mann zweimal am Rockschoß -zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der schönste gewürzte -Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß.</p> - -<p>Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der -Wind mit solcher Gewalt gegen die Scheiben gefahren und -hatte an den wackeligen, alten Fenstern gerüttelt, daß der -Apotheker ordentlich zusammengefahren und wieder zur Besinnung -gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider.</p> - -<p>Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes -durchaus nicht. Es war gut so. Sie wünschte sich's nicht -anders. Nichts schreckte sie aus ihrem süßen Traume auf. -Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich! Und es war<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien es -ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen.</p> - -<p>Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut!</p> - -<p>Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und -Hochzeitssprüchlein und gab ihrem Vater, als sie mit ihm -anstieß, extra einen Kuß dafür, daß der in der schön gestickten, -seidenen Weste nicht reden durfte.</p> - -<p>Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde, -kindliche Geschöpf vor sich, wie es so süß träumte. Und sie -gehörte ihm, war sein eigen, sie war ihm versprochen!</p> - -<p>Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß -auf diese junge Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden -Mund schien ihm Erlösung, – das seidenweiche Haar -zu streicheln Erquickung!</p> - -<p>Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt -schwieg, erschütterte ihn.</p> - -<p>Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume. -Ein berauschender Duft! –</p> - -<p>Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird -doch heut auch wirklich spuken?«</p> - -<p>»Wer?« fragte Röse.</p> - -<p>»Ach geh!«</p> - -<p>»Wenn das <em class="gesperrt">so</em> werden soll, wenn du ewig nur vor -dich hin gucken willst! – Na dann –!« Marie sprach sich -nicht weiter aus, schien aber entrüstet zu sein.</p> - -<p>»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß! -Mich freut's grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht -noch mehr!«</p> - -<p>Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden -zankend miteinander tuscheln.</p> - -<p>»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und -eine Seele?«</p> - -<p>»Sind wir auch!« sagte Röse.</p> - -<p>Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -Braut; etwas würdig, wie er es mit jedem jungen -Mädchen that, aber jedes Wort bebte und zitterte und war -beladen mit allem möglichen, und die Blicke beider hingen -aneinander, – forschend, ergründend und scheu den Anblick -genießend.</p> - -<p>Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der -Wind und trug jetzt, wie es schien, einen merkwürdig hellen, -rhythmischen Pfiff auf seinen Flügeln.</p> - -<p>Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem -Anbeter war, spitzte die Ohren, erhob sich wie im Traume, -ging dem Fenster zu, blieb aber zögernd, wie unverrichteter -Sache stehen und begab sich wieder auf ihren Platz.</p> - -<p>Der junge Thon beobachtete sie.</p> - -<p>»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken, -lassen sie uns bei dem Wetter nicht fort!«</p> - -<p>Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht -gekommen.</p> - -<p>Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die -Arme.</p> - -<p>Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte -bei sich: »Das war ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?«</p> - -<p>Jetzt schellte es unten.</p> - -<p>Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt -und sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen. -Was ihnen denn nur einfiele! Waren sie denn des Kuckucks!</p> - -<p>Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten.</p> - -<p>Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus -für Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei -und mit einem Veilchenbouquet daran gebunden, -etwas unsagbar Schönes, Bräutliches. Sie hatte jedenfalls -nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch bei einem -Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei.</p> - -<p>Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen -sollten; sie beratschlagten und hielten sich deshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -ziemlich lange auf der Treppe auf. Marie kam auf den -schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt den Veilchen -in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben, -bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es -möchte dem Vater nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk -der Schopenhauerin jetzt mit hereinbrächten. Und -es geschah so, wie sie sich vorgenommen.</p> - -<p>»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die -Mädchen wieder eintraten.</p> - -<p>Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr.</p> - -<p>Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit -einiger Zeit von einer merkwürdigen Unruhe befallen waren. -Es war ihm, als müsse er mit Röse ein feierliches, großes -Wort reden.</p> - -<p>Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch -wirklich? War er ihrer sicher?</p> - -<p>Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig -und liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den -Händen fest.</p> - -<p>»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!« -dachte der junge Thon mitten in seinem Herzensrausch. Er -hat bereits gestern die halbe Nacht platt auf dem Bauche -vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich schon, -wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den -Fuchs paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über -sich rauschen, fühlt wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm. -Und das Lauern, das scharfe Hinhorchen, – das Spannen, -– die Naturlaute, die nachts hie und da geheimnisvoll -auftauchen, – da wird's ihm wohl werden!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen -Frau Rat Kirsten Komplimente über das splendide Gastmahl, -und Frau Geheimderat Thon drückt Röse mütterlich -zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr. Röse errötet<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand -ihrer künftigen Frau Schwiegermutter.</p> - -<p>Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem, -Unbekanntem, als Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand -drückt, so erregt und bewegt, als wäre dieser einfache Händedruck -eine heilige Handlung.</p> - -<p>Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme -und küßt sie und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen -in den Augen.</p> - -<p>Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort -und Stelle bringen; sie sind zu diesem Behuf aus ihren -weißen Kleidern in die grauen Ginghamalltagskleider geschlüpft -und wirtschaften mit wahrem Feuer und so ordentlich -und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei -sich denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch, -pflichttreu und brav!«</p> - -<p>»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du -so trödelst, wann denkst du denn, daß wir fortkommen?«</p> - -<p>»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang, -»was hilft's denn sonst? – Poltere doch nicht so!« Marie -ging darauf hin auf den Fußspitzen.</p> - -<p>Drüben bei Thons war schon alles dunkel.</p> - -<p>»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn -bei uns so lang?«</p> - -<p>Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah -nach diesem und jenem; die Mutter schloß das gespülte und -geputzte Silberzeug in den Schrank.</p> - -<p>Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen -Füße und Hälse der Fasanen.</p> - -<p>Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus -Dunkelheit und Nachtruhe ein.</p> - -<p>Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt; -die Magd, Vater und Mutter, jedes war schlafen -gegangen, und keine Maus rührte sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>Es schlug elf Uhr. – Da war es, als wenn auf der -dunklen Treppe sich vorsichtig etwas bewege. Es knarrte -eine Stufe; es huschte und schlich etwas. Zwei Stimmen -wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte Röse -tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich -angst, – so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du, -daß der Vater bös sein würde?«</p> - -<p>»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem -Atem, »jetzt ist's zu spät! – Mach nur leise, – -du trampelst ja!«</p> - -<p>»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar -nich!« Aber da krachte die alte Stufe so entsetzlich. Den -beiden kam es wie ein Kanonenschuß vor. – Sie standen -ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu regen. -– »Ach Gott!« klagte Marie.</p> - -<p>Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter.</p> - -<p>»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in -seinen Kissen.</p> - -<p>Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete -undeutlich: »Der Wind; auch wohl die Katze.«</p> - -<p>Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte -draußen an den Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben, -sang und jodelte in den Schornsteinen. Es war eine wilde, -stürmische Osternacht. Zerrissene Wolken fuhren über den -Himmel.</p> - -<p>Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche, -zitternde Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel -geräuschlos ins Schlüsselloch zu stecken.</p> - -<p>Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden -Herzens, aus der Mutter Speisekammer stibitzt.</p> - -<p>Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und -schauten mit ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie -seufzten beide tief, denn es war ihnen nicht geheuer zu -Mute. Sie hätten's nicht thun sollen! So heimlich fortzuschleichen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -war das Rechte nicht, das fühlten sie. Und sie -dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an -Frau Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten -Respekt hatten. Was die wohl dazu meinen würde?</p> - -<p>»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! – -Himmlisch!«</p> - -<p>Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von -dem Winde treiben. »Glaubst du wirklich, daß es was gibt, -wenn sie's oben merken?« fragte Röse.</p> - -<p>Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen -Longshawl gefaßt und sich darin verfangen.</p> - -<p>»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub' -schon. Aber wenn alles gut ausgeht, und wir haben sie -wirklich gesehen, und wir sagen's, dann – dann …«</p> - -<p>Der Wind nahm ihr den Atem.</p> - -<p>Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern -lieber gedeckt, wie die Diebe an den Häusern hin; und so -eilten sie Hand in Hand vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke -flatterten wild im Westwinde; die Stirnlöckchen, selbst die -schweren hängenden Zöpfe wehten und peitschten um sie -her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries -Zopf übers Gesicht gefahren war.</p> - -<p>Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der -Gaststube schimmerte Licht in die Dunkelheit; es trat jemand -aus der hellerleuchteten Thorfahrt. Röse und Marie drückten -sich atemlos, erschreckt in den Schatten an die Mauer. Dann -liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen Augen, weil der -Sturm Sand und Staub aufrührte.</p> - -<p>Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond -schaute auf einen Augenblick ungeheuer glänzend, als -wäre er von den Wolken eben erst wieder blank gewischt -worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde hinab.</p> - -<p>»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen.</p> - -<p>Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -die Ilm nächtlich an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen -und lauschten ins Dunkel hinaus.</p> - -<p>Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der -Sturm hatte sie wie ein paar Rosenbüsche zerzaust.</p> - -<p>»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte -Marie, »wenn sie uns nur nicht erschrecken!«</p> - -<p>Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende -und wieder verschwindende Mondlicht, die -schweren, schwarzen Wolken, der Sturm, der in den hohen -Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche Stille, ohne -menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell unterbrochen, -das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne -auf der Mühle, – alles bedrückte sie!</p> - -<p>Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem -ähnlich, den der Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen -hatte; aber er kam so zaghaft zu stande, daß er wie -ein Hauch verflog.</p> - -<p>»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte -Marie kaum hörbar.</p> - -<p>»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und -beide schmiegten sich fest aneinander.</p> - -<p>»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,« -meinte Marie. »Wir müssen ein bißchen näher. Ob der -Müller ihnen wohl die Fähre los gemacht hat?«</p> - -<p>Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam.</p> - -<p>»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie.</p> - -<p>Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben: -»Scheußlich falsch.«</p> - -<p>»Oho!« hörten sie laut rufen.</p> - -<p>Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur -ein paar Augenblicke, da standen ihre drei Freunde Budang, -Horny und Ernst Schiller vor ihnen.</p> - -<p>»Trödelbüchsen!« rief Budang.</p> - -<p>»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p> - -<p>Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle -Fähre. Das Ilmwasser rauschte und gluckste um die groben -Bretter und schien eine eisige Kälte zu verbreiten.</p> - -<p>Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre -zwischen den geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder, -woran die schweren Taue liefen, schnurrten; der Wind -klappte und rasselte damit. Röse und Marie saßen aneinander -gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre heute -sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd, -dem man nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende -Wasser schlich, wie sie schwankte, ruckte und zuckte! Der -Sturm erschwerte die Ueberfahrt außerordentlich.</p> - -<p>»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse -wieder, – »so schwarz!«</p> - -<p>Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie -waren gerade dabei, die Fähre am andern Ufer anzulegen, -und mußten aufpassen.</p> - -<p>Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer -schwer und bang gestimmt. Alle miteinander schritten in -einer Reihe den aufwärts führenden Weg hinan. Den breit -ausladenden Westwind hatten sie jetzt in der Seite. Man -konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond war -einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit -pechschwarz.</p> - -<p>Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?«</p> - -<p>»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!«</p> - -<p>»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in -der Osternacht da stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.«</p> - -<p>Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen.</p> - -<p>»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade, -denke ich, gehen wir doch!«</p> - -<p>Tiefe Stille.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p>Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen -miteinander und die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es -durchrieselte sie selbst bei ihren Worten.</p> - -<p>»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so -fürchterliche Dinge! Am Tage denkt man nicht daran, aber -nachts, da sieht alles so wie in einer alten schrecklichen Geschichte -aus. Weißt du von dem Fährmann, der die Toten -über ein großes schwarzes Wasser setzte; – so wie wir vorhin, -fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie -lieb haben. – So hat es gewiß gerauscht, – und so kalt -wird's gewesen sein, und die Taue haben so geklappt, und -die Räder geschnurrt; und alles pechschwarz, Sturm, nie -wieder Sonnenschein! – Und da haben sie auch so auf der -Bank gesessen und sich gefürchtet, – und sind auf Nimmerwiedersehen -fortgefahren! – Budang, wie mir die Göchhausen -leid thut! – Glaubst du denn wirklich, daß sie -kommt? – Und wie ist's denn nur, daß sie gerade kommt, -und die andern nicht? – – Ach, Budang, wer so was -wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?«</p> - -<p>Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie -aus einer Flasche spricht, – so fiept, – das ist gräßlich!«</p> - -<p>Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien, -alle Hand in Hand.</p> - -<p>Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden -Blätterknospen aneinander; es klappte und sauste, und -über die kahlen Felder kam es unheimlich angebraust.</p> - -<p>Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und -die Blätter werden erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie -sich an Budang fest vor Grauen. Und Marie flüsterte -bebend: »Pfui Röse!«</p> - -<p>»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten -die sich!«</p> - -<p>Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt; -ganz geheuer war es keinem von der Gesellschaft zu Mute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn -sie wirklich kommen sollte! Was machen wir denn da mit -Röse und Marie –?« meinte Ernst Schiller.</p> - -<p>Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne -Sorge, wenn es darauf ankommt, fürchte ich mich gar -nicht! – Ich rede sie an!«</p> - -<p>»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen -sollt!«</p> - -<p>»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so -darfst du uns nicht behandeln! – Weißt du, wir sind so -gut wie verlobte Mädchen!«</p> - -<p>»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich, -»laß die dummen Witze!«</p> - -<p>Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht! -– Haben wir je gelogen?«</p> - -<p>Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen -alle zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind -schnob um sie her und trieb sie noch näher zu einander.</p> - -<p>»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand -sogleich wußte, wem sie angehörte. Sie klang so -fremd, so unterdrückt, als wenn der Frühlingssturm selbst -mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan hätte.</p> - -<p>Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare -Veränderung in dem Gesichte seines Freundes Ernst -Schiller.</p> - -<p>Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen -Götzendienst getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts -Lieblicheres als diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen -Herzens geblieben, sein ganzes erstes Jugendfeuer gehörte -seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn auch seines -Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja -noch nicht sagen!«</p> - -<p>»Nun, – weshalb sagst du dann: beide?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten -sie sie doch auf einer Lüge ertappt, die Bengel!</p> - -<p>Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas -gehabt hatte, was die andre nicht auch besaß. Es mochte -ihr neu sein, daß sie Einzelwesen waren. Es verdutzte sie -völlig. Beide gehörten so eng zusammen. Sie waren sogar -merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre geboren, als -gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen -wir ja.</p> - -<p>Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche -durcheinander. Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten -und Zweige, wie durch ein Riesensieb.</p> - -<p>Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein -andres schwatzend und klagend, frühlingshaft spitz und grell -vor sich hin. Auch ein Liebespärchen, das sich lockte und -schalt, koste und sich beklagte!</p> - -<p>Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da -und dort: unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen!</p> - -<p>»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure -Fasanen gekommen, – vielleicht ein Fuchs.«</p> - -<p>»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses -Verlobungsgeschichte nicht glauben wollte und sich doch nicht -recht zu fragen getraute.</p> - -<p>»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe -und silberne Füße aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll -aus.«</p> - -<p>Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt -ganz still.</p> - -<p>Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches.</p> - -<p>»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen, -»ist denn deine Verlobung wirklich wahr?«</p> - -<p>»Ja, Budang.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine -vernünftige Person bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst -du dich denn gern? Ich begreif's nicht! Wieviel jünger -bist du denn als ich?«</p> - -<p>»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft.</p> - -<p>»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in -anderthalb Jahren verheiraten wollte. – Lächerlich!«</p> - -<p>»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig.</p> - -<p>»Und du weißt's, daß du verlobt bist, – seit heute -erst, – und bist doch mitgerannt! – – Du bist aber gedankenlos! -Da muß man doch, dächt' ich, ganz erschüttert sein?«</p> - -<p>»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht -ganz verlobt! – Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer -dran? – Immer! – – Nein, weißt du, mir ist's auch -viel lieber, daß ich mit euch hier renne; zu Haus war mir's -manchmal ganz angst und bange vor Glück.«</p> - -<p>»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts -nach! Wie bist du nur!«</p> - -<p>»Ach geh!« wehrte Röse ab.</p> - -<p>Der Sturm hatte nachgelassen.</p> - -<p>Sie bogen jetzt ins Dorf ein.</p> - -<p>Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde!</p> - -<p>»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny.</p> - -<p>Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht, -geh' ich wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig.</p> - -<p>»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber -nicht naß!‹« rief Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse -und Marie denken nicht; sie thun's nur!«</p> - -<p>»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p> - -<p>Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der -Ilm vorüberführt. Und die Ilm gluckste und rauschte auch -hier geheimnisvoll nächtlich, und der Wind pfiff noch gespenstischer -durch die riesig hohen Ulmen. »Wenn sie hier -käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch -nirgends ausweichen, – so zwischen der Mauer und der -Ilm. – – – Ich stürb' auf der Stelle, wenn sie mich -anfaßte!«</p> - -<p>»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie -darauf kommen, dich anzufassen? Schließlich war sie doch -eine vornehme Dame, und die wird sich doch nicht im Grabe -solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!«</p> - -<p>»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht -hören!«</p> - -<p>Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt; -das nächtliche Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge, -daß sie doch etwas Unrechtes thäten, das schauerliche Ziel, -die vermutliche Nähe des Entsetzlichen, – all das hatte sie -überwältigt, und sie brach in Thränen aus.</p> - -<p>Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze; -Röses Hals umklammernd, weinte sie bitterlich.</p> - -<p>»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!«</p> - -<p>Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und -wußten nicht, was beginnen.</p> - -<p>»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten -ihre blonden Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen -Körper schmiegten sich fest einer an den andern.</p> - -<p>Der Mond schien hell über sie hin.</p> - -<p>»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir -verlassen uns doch nicht?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.«</p> - -<p>»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie -muß der zu Mute sein! – Und wie schrecklich, daß sich die -Leute so vor ihr fürchten!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen -sie fragen. Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!«</p> - -<p>Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen.</p> - -<p>Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während -Röse leicht beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun -gehen wir weiter,« sagten sie dann, und sie hingen sich -wieder ein in die Arme ihrer Freunde.</p> - -<p>»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie -bedenklich.</p> - -<p>In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch -gestört war, nur die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr -durch die Baumkronen, da hörten sie etwas! – Was -war das?</p> - -<p>Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. – -Von fern ein Scharren, – ein Laufen, – ein Huschen, – -Schritte, – aber merkwürdige Schritte, – in Sätzen, – -etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges, Menschenunwürdiges!</p> - -<p>Sie standen alle bewegungslos, lautlos.</p> - -<p>Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges -Hupfen und Huschen!</p> - -<p>Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher, -– grad auf dem Wege kam es auf sie zu, – näher, – -immer näher, auf dürren Blättern gehend, dann hopsend! Ja, -wenn sie das wirklich wäre, dann überstiegen diese Laute alle -Phantasie! Der entsetzlichste Kobold hätte nicht widersinniger -rennen, hüpfen und stehen bleiben können, als es das that, -was da ankam! – Und zu denken, daß diese arme Seele -eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem -etwas boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel! -– Ein Mensch! Eine Hofdame!! – so heruntergekommen, -so urweltlich sich aufführend, – so ungeheuerlich!</p> - -<p>Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde -mächtig bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -angedrückt, – totenstill. Wie mußte erst das Aussehen -des Spukes sein, nach solchen Lauten! – Sie hatten -sich alle eine unbestimmte Vorstellung von der Begegnung -mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes – Nebelhaftes -– Huschendes – Fiependes, – und daß sie wie aus -einer Flasche sprechen würde; aber nicht so – um Gottes -willen nicht so!</p> - -<p>Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, -deren Ränder versilbernd.</p> - -<p>Da sahen sie sich etwas bewegen, – etwas Ungestaltes, -Niederes; – es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel, -– und zwei unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich -und hoben sich gespenstig vom dunklen Hintergrund ab! Diese -wackelnden Hörner, was sollten die? Was wollten die?</p> - -<p>Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.</p> - -<p>Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein -Bocken und Stampfen, und wie aus einer Trompete, ein -urweltlicher, scheußlicher Ton, und – ein Gelächter! Budang -war's, der lachte.</p> - -<p>Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet -und beleuchtete – ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt -auf vier hohen, sparrigen Beinen stand und seinen Riesenkopf -mit seinen Riesenohren vor sich hin streckte und horchte.</p> - -<p>»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.</p> - -<p>Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge -Scheusal hopsend und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit -vorgestrecktem Kopf in die Nacht und in den Park hinein.</p> - -<p>»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine -›Muffel‹, der ist dem Pächter entwischt!«</p> - -<p>Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was -kommen; zu einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten -sie es nicht. Es lag etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, -Werdendes, – so etwas Banges, Wehes. – Auf -Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall -an, an die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die -Gräber, – denn es war heilige Osternacht, wo die Toten -auferstehen!</p> - -<p>Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, – Käuzchen, – -verliebtes Nachtgetier.</p> - -<p>Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die -Schritte waren unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. -Eine moderige Feuchtigkeit stieg auf.</p> - -<p>Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.</p> - -<p>»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor -Goethes Gartenhaus alle Morgen gekehrt wurde? Daß -ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt hat? – Glaubt -ihr das?«</p> - -<p>Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht -der stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.</p> - -<p>Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst -einmal gesehen; die Schopenhauern hat's erzählt, und die -weiß auch, wer's gewesen ist. Beim ersten Morgenschimmer -hat er das Mädchen getroffen, wie sie gekehrt hat, – und -da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele und ist zusammengesunken -wie ein Wisch; und eine alte Frau, die -wie ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat -etwas gemurmelt, wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig -is!‹ Dann sind sie nie wieder gekommen, und das Kehren -war aus!«</p> - -<p>Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -– »Ja, wißt ihr denn das nicht?« rief Marie -unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern gesagt, daß das -nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen -gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit -saß, hat es sich ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt, -– so wie ein Kätzchen, – oder wie ein Mädchen, das ihn -lieb hatte und für ihn gestorben ist. Einmal hat er auch,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm gesehen, der -sich über seine Brust spannte, – nur einen Arm und eine -Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten -ging, da soll etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. -Es haben's auch andre Leute gesehen und sind -davor erschrocken. Ja, es war oft jemand unsichtbar um -ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern -hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist -und ihn so übermannt hat, wie der Schauer, wenn das -Wundersame bei ihm gewesen sei. Und an dem Morgen, -an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen hat, da soll -er ganz verstört gewesen sein!«</p> - -<p>Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit -zu haben; alle unterhielten sich weiter über geheimnisvolle -Dinge. Jeder hatte etwas zu erzählen.</p> - -<p>Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim -Umzug als Feder nachfliegt und im neuen Hause wieder mit -einzieht; die Beutlersleute, die über Kirstens wohnten, -kannten einen in ihrer Familie, der auf Spinnenbeinen ging -und eine Zipfelmütze trug. – Im alten Rattenneste Weimar -spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab -es keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht -irgend etwas nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein -altes Haus, in dem es ganz einfach geheuer war, und -keine adelige Familie, die nicht gerade so wie ihr altes -Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß. Das heißt, -auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das -Familiensilber zu rechnen.</p> - -<p>Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf -den einsamen Parkwiesen hin und her und betraten nun mit -abermals klopfendem Herzen die dunkelsten, geheimnisvollsten, -überwachsenen, feuchten Wege an der Ilm, um trotz allem -der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade dort, -hieß es allgemein, sollte sie spuken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p> - -<p>Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung -ziemlich von oben herab von diesen Dingen, waren aber -wiederum um nichts weniger eifrig und weniger erregt, als -unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die Borkenbrücke -und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen -Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und -Büschen bestandenen Abhange hin, und kaum waren sie hier -eine Strecke in tiefem Schweigen geschlichen, – denn es -war eine so feuchte, monddurchschienene Einsamkeit, als wäre -jahrhundertelang hier niemand gegangen, – da standen sie -alle mit einem Schlage wie gebannt!</p> - -<p>Nahe, – in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand -aufgestöhnt, und sie hatten alle deutlich gehört, wie etwas, -das in den Büschen steckte, so recht verbissen und verzweifelt -zwischen den Zähnen »verdammt!« gezischt hatte. »Verdammt!« -deutlich »verdammt!« nichts weiter, und dann wieder -tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten.</p> - -<p>»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.</p> - -<p>Alle hielten den Atem an und horchten.</p> - -<p>Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen -schien indessen auch zu horchen.</p> - -<p>Totenstille!</p> - -<p>Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen -würde, – denn da war etwas, – das war sicher!</p> - -<p>Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen -wie die Bildsäulen so starr, – ganz Erwartung! Dasjenige, -das in den Büschen auf so sonderbare Weise »verdammt!« -gesagt hatte, mußte sicherlich in Verwunderung geraten sein, -was mit den vielen Schritten, die es doch kommen gehört -hatte, geworden sei.</p> - -<p>Jetzt aber, – was war das? – Ein Fiepen, ein -jämmerliches, sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, -oder quietsche ein Wägelchen, oder auch als wimmere ein -Hund unter ganz besonderen Umständen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p>Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es -durchaus nicht unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie -fiepe, oder wie durch eine Flasche rede, hatten sie ja gewußt!</p> - -<p>Das war das Entsetzliche!</p> - -<p>Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, -was im Gebüsch steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.</p> - -<p>Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer -gepackt, mahnte Röse: »So kommt doch!« Und sie war's, -die sich wieder auf die Beine machte, ohne auf die andern -zu achten, die ihr schleichend folgten.</p> - -<p>So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige -Schritte, mit klopfendem Herzen und stockendem Atem. – -Dann ein gewaltiges Rascheln im dichten Gebüsch, – ein -furchtbarer Schrei, – ein Springen, – ein heiserer Laut, -– und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem großen, -dunklen Mantel umfangen wurde. – Ein ungeheurer Schreck! -– Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!</p> - -<p>Marie schrie verzweifelt auf.</p> - -<p>»Ruhig, – ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was -macht ihr denn hier? Röse, um Gottes willen, wie kommst -du hierher?«</p> - -<p>Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien -zu flüstern und war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. -Und jetzt, – ein zarter, zarter Frühlingslaut, -– so süß, so wunderlich, – ein Laut wie ein Kuß!</p> - -<p>»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. -»Der lag hier auf der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße -Wort hatte sich ihr im Schreck und in der Ueberraschung -gebildet.</p> - -<p>Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und -in der Erregung über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, -die ihm den Fuchs verscheuchten, die Schnauze zugehalten -hatte, wedelnd an Marie in die Höhe.</p> - -<p>»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt,<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -erschüttert, doch auch unwillig aus dem großen, dunklen -Mantel heraus. – »Was fällt euch denn ein?«</p> - -<p>»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, -»daß wir ausgerissen sind.«</p> - -<p>»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, -»sie sind ja mit <em class="gesperrt">uns</em>; – und wenn <em class="gesperrt">wir</em> dabei sind, dürfen -sie alles! – Frau Rat hat es ihnen ein für allemal erlaubt.«</p> - -<p>Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die -die beiden Mädchen hatten, lächeln.</p> - -<p>In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine -überzeugende Vortrefflichkeit, – so eine unantastbare Treuherzigkeit, -– daß jedes weitere Wort, jeder Unwille und -jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der Adjutant schüttelte -Budang die Hand und begrüßte die beiden andern, währenddem -er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.</p> - -<p>»Also die Göchhausen wolltest du sehen? – Für so -etwas hattest du also doch noch Raum?«</p> - -<p>»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft – -»lagen da doch des Fuchses wegen?«</p> - -<p>»Ja, mein Herz, – weil ich's daheim nicht aushalten -konnte. – Was denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«</p> - -<p>»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«</p> - -<p>Und nun gingen sie alle miteinander und brachten -die leichtsinnigen Dinger, die Ratsmädchen, heim in die -Wünschengasse.</p> - -<p>Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren -Kameraden, – wie gut sie immer wären, wie lustig, wie -treu, und was sie alles von ihnen gelernt hätte, besonders -von Budang.</p> - -<p>Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, -das voller Liebe und Freundschaft war, voller Anhänglichkeit, -– und erzählte alle möglichen dummen und lustigen -Streiche.</p> - -<p>Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn,<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -auch ihre Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so -klug! Solche gibt's nicht wieder!« rief sie.</p> - -<p>Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.</p> - -<p>Das war Frühlingsreinheit, – Frühlingszartheit, – -Frühlingswonne!</p> - -<p>Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Viele, viele Jahre sind vergangen. – Die Jugend -vieler Millionen Menschen ist verweht. – Es ist alles -anders geworden.</p> - -<p>Röse ist nun eine alte Frau. – Was das Leben ihr -gab, hat es ihr längst wieder genommen. Sie hat alle -Freuden genossen und alle Freuden mit Leiden gezahlt – -nach Menschenart. Sie ist unendlich geduldig geworden. Sie -kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich wiederholen -sehen, immer von neuem. – Sie ist gut, still und heiter und -lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die schöne, -alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, – sonst nirgends!</p> - -<p>Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von -fremden Dingen, die sie nichts angehen.</p> - -<p>Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift -sie oft, – aber da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, -was geschieht.</p> - -<p>Geduldig werden, – geduldig werden, – geduldig -werden! darauf läuft's hinaus.</p> - -<p>Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird -sie gepflegt. Ihre Enkelin sitzt bei ihr am Bette.</p> - -<p>Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher -Sturm, der breit durch die Straßen fährt.</p> - -<p>Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.</p> - -<p>Da, – was ist das?</p> - -<p>Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch -munteren Pfiff zu ihrem Fenster herauf; ganz wie damals -in der Wünschengasse, als sie beim Fasanenessen saßen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> - -<p>»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise -bewegt zu ihrer Enkelin, – »das ist Budang!« Und wie ein -milder Glanz geht es über das Gesicht der Greisin. – »Das -ist er!« nickte sie träumerisch.</p> - -<p>»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er -uns abholen wollte; so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob -der Vater nicht mehr daheim sei, und ob er mit den beiden -andern heraufkommen dürfe!«</p> - -<p>Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter -Mann tritt ein, in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; -so tadellos, daß es sofort wie etwas Besonderes -auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf mit lebendigen, geistvollen -Augen, – und seine silberweißen, dichten Locken liegen -ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. – Er hat eine -Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.</p> - -<p>»Wie geht's der Röse?« fragt er.</p> - -<p>Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.</p> - -<p>»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im -Auge, »du kannst ja noch deinen Pfiff!«</p> - -<p>»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den -»Budang« nannten, »das freut dich?«</p> - -<p>Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten -und machten miteinander einen weiten, – weiten Ausflug -in die gute alte Zeit.</p> - -<p>Und das war die beste Medizin.</p> - -<p>Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner -alten Freundin in Sorgen und Bangen kam; – aber zuletzt, -da hatte er's gefunden, was ihr wohl that.</p> - -<p>»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, – -du treuer Mensch!«</p> - -<p>Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, – -treu in großer, wahrer, seltener, starker Freundschaft.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<h2 id="Das_dritte_Ratsmaedel">Das dritte Ratsmädel.</h2> -</div> - -<p class="chap">Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, -die sie wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon -als Kinder oft in der Dämmerung sich von ihr unterhalten, -wenn der Schnee fiel, und sie daheim still in der Familienstube -stecken mußten. – So eine unbekannte Schwester zu -haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch -etwas höchst Merkwürdiges!</p> - -<p>Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester -gesprochen; es war ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten -sie sich Märchen.</p> - -<p>Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee -fallen! – Sie mußten in der Dämmerung sitzen, und niemand -durfte sie beachten; dann kam die Schwester dran, -und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl aussehen -könne.</p> - -<p>Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die -Tochter aus des Vaters erster Ehe, und nach ihrer Mutter -Tode von ihrer Großmutter mit nach München genommen -worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete, -hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.</p> - -<p>Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester -Barbara schreiben gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -aus dem fernen München alle Weihnachten an den Herrn -Vater und die Frau Mutter nach Weimar.</p> - -<p>Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit -wunderlichem Schauer.</p> - -<p>Einmal schrieb auch die Großmutter.</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center"> -»Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!<br /> -</p> - -<p>Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, -woraus ich sah, daß es Ihn und der Frau und den guten -Kindern wohl und gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man -wird ein alts Möbel, das heißt, um von mir zu reden. – -Waberl wird groß. Sie tritt die Kindsschuh aus. – Kurios, -was für ein ruhiges Mädel sie immer war. Grad als wenn -meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre alte Mutter in -Voraussicht so geboren hätte.</p> - -<p>Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das -müßt' ich lügen.</p> - -<p>Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit -Jahresfrist jetzt unser Quartier.</p> - -<p>So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.</p> - -<p>Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf -dem kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹</p> - -<p>Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber -es ißt doch gut wohnen. – Fünf Fenster in Front, drei -Fenster die große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, -dazu Alkoven, ein kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und -Speicher. Kurz alles, was der Mensch braucht – und das -Glockengeläute obendrein.</p> - -<p>Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das -ißt ein Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.</p> - -<p>Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.</p> - -<p>Herr Sohn mögen mir nit zürnen.</p> - -<p>Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm -geraten. Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust.<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -Die Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche -Sach und wäre dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich -bietet, wie ißt Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, -und ein Gang zu guten Freunden, und ein gut Obst und -ein gut Bier. Gottes Gaben sind verschiedenerlei.</p> - -<p>Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich -ißt gut.‹</p> - -<p>Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil -aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. -Und eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel -zu schiegen und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der -Herr Gott sie in seiner Laune gemacht hat.</p> - -<p>Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau -daß Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, -damit es ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das -Bildnis der heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den -Hals, was bedeutet, daß sie besonders dem Schutz der heiligen -Jungfrau anvertraut ißt.</p> - -<p>Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen -sie unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, -aber ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie -den weltlichen Dingen entrückt.</p> - -<p>Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine -Gabe an sich, die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie -hat eine gesegnete Hand. Und das ißt so gekommen: Ein -Kindel in unserm Haus hatte die Fraisen und war gottserbärmlich -geplagt. Zufällig hat die Waben das Kindel in -die Arme bekommen und hat's umhertragen un gestreichelt -un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und wenn's -wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst nach -der Waben geschickt – dann hat's sich rumgeredet und es -sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf -hatte, und Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch -das Mäderl ißt gesund worden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> - -<p>Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder -Wäsche flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und -es kommt eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter -und will sich von der Waben kurieren lassen.</p> - -<p>Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von -Uebel sein?</p> - -<p>Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, – -wenn's so still und brav dahinlebt.</p> - -<p>Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich -hab' Ihm von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, -wie's in die Höh gewachsen ißt, – und damit Sie, wenn -ich das Zeitliche gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu -sich zu rufen.</p> - -<p>Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang -des freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie -von uns alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die -liebe Frau und die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens -verbleib'</p> - -<p class="center"> -dero</p> -<p class="right"> -Großmutter.« -</p></div> - -<p>Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen -wie ein Märchen wirkte.</p> - -<p>Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das -von einer Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu -haben, die eine Mutter Gottes am Halse trug, eine katholische -Schwester! Sie sprachen von dem fürchterlich lauten -Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und daß sie -mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.</p> - -<p>Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen -mußte!</p> - -<p>Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, -der waren sie auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn -sie erwarteten immer etwas Merkwürdiges von ihr. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in ihr Gebetbuch -geschaut, – und sie hatte ihnen einmal das »Heilig« vorgesungen, -– etwas ganz Außerordentliches.</p> - -<p>Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -– Häulig! – Häulig! – Häulig! kam es wie aus einem -tiefen Keller herauf.</p> - -<p>Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.</p> - -<p>Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten -Keller – und so fort. So sang es die Magd ihnen vor, -und sie selbst hatten es bei Spaziergängen oft zu singen -versucht.</p> - -<p>Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt -worden.</p> - -<p>Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die -Weimaraner zu jener Zeit hatten von »dem Katholischen« -keine rechte Idee.</p> - -<p>In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, -und die Magd mußte jährlich einmal nach Jena wandern -zur großen Osterbeichte. Da kam sie ihnen vor, wie -eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben; -und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu -beichten.</p> - -<p>Sie beneideten sie.</p> - -<p>Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande -sei's gesagt, dann ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres -als eine Predigt schienen ihnen auf der Welt nicht zu -existieren.</p> - -<p>Das war das Längste.</p> - -<p>Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten -ihnen zum Trost, wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige -Blumenbouquetchen zum Mitnehmen, oder Budang schnitt -ihnen ihre Namen besonders kunstvoll aus, oder auch gaben -sie ihnen Malzbonbons mit.</p> - -<p>Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres:<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten; dann war es ein -großes Fest neben dem Fest, denn da gingen sie alle miteinander.</p> - -<p>Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief -der Großmutter erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse -und Marie lasen auch diesen. Das war auch ein sehr merkwürdiger -Brief. Die Großmutter schrieb:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center"> -»Hochverehrend libswertester Herr Sohn!<br /> -</p> - -<p>Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.</p> - -<p>Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges -Engerl zu sein, das arme Mädel.</p> - -<p>Herr Sohn, – 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's -gehört, wenn der Herr Gott ein End machen will.</p> - -<p>Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter -Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, -der mir und dem Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -– Um meinet und Ihres Willen mög's nun genug -sein. Sie pflegt mich wie eine heilige Nonn – Gott sei's -geklagt.</p> - -<p>Da gibt's nix. – Ungeduld kennt's scheint's nit – -und wenn ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.</p> - -<p>Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott -geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich, geschweige -vor ein menschlich Wesen.</p> - -<p>Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig -Jahr – und so mög' es dem Herrn gefallen, mich -baldn zu erlösen, das wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere -und stehn ihr die Ohren voll Tag und Nacht.</p> - -<p>Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes -Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das -Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches -halten im Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. -Das walte Gott.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<p>Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr -Sohn und die lieb Frau und die Kinder</p> - -<p class="center"> -In Todesnot und Jammer</p> -<p class="right"> -Die Großmutter.« -</p></div> - -<p>Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!</p> - -<p>Und sie würden nun zu »drei« sein!</p> - -<p>Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über -alles Maß außerordentlich.</p> - -<p>Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren -Bräutigam Ottokar Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach -mit dem Großherzog war und auch noch bleiben mußte, zu -Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.</p> - -<p>Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. -Sein Hauswesen sollte wie am Schnürchen gehen.</p> - -<p>Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit -Bangen entgegen.</p> - -<p>Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich -mein',« sagte der älteste, »wir hätten Weibsleute genug. -Röse und Marie zählen doppelt.«</p> - -<p>Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber -auch sie sah dem fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde -es ihr bei ihnen gefallen? Würde sie mit ihren Kindern -Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine gute Mutter -sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen -haben? Auch die katholische Religion machte sie besorgt. -Es war alles gar zu fremd.</p> - -<p>Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, -keinerlei Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also -du machst ja wohl alles und richtest es ein.« Das war -das einzige, was er über diese Angelegenheit zu seiner -Frau sagte.</p> - -<p>Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten -das ganze Haus, vom Keller bis zum Boden, und richteten<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -miteinander das Bett der neuen Schwester in der großen -Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.</p> - -<p>»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die -Mutter. »Sie muß bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, -daß sie Schweres durchgemacht hat, und die traurigen Gedanken -kommen über Nacht.«</p> - -<p>Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von -ihnen verlangte, und waren des besten Willens voll.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten -konnten. Ist sie groß oder klein, braun oder blond? -Das waren die Fragen, die sie nicht beantworten konnten, -denn die Großmutter hatte nie von Barbaras Aussehen ein -Wörtchen geschrieben.</p> - -<p>Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.</p> - -<p>Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein -Mädchen zu erwarten.</p> - -<p>Er wollte es so.</p> - -<p>Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch -gedeckt, und ein Riesennapfkuchen stand mitten unter -den Tassen, wie ein Berg.</p> - -<p>Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.</p> - -<p>Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, -aber die Mutter verbot es ihnen.</p> - -<p>»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«</p> - -<p>Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten -Bäumen, die sich ihrer Farben, ungestört von Regen und -Nebel, freuen konnten.</p> - -<p>In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober -zur Seltenheit; gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, -ehe sie abfallen. Dies Jahr aber war auch ein vortrefflicher -Zwetschgenherbst. Die Zweige bogen sich unter der blauen -Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur standen heuer -acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen aufmarschiert<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch -die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die -Magd und Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.</p> - -<p>Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und -tags darauf das Rühren und Kochen im Waschkessel, von -früh morgens bis spät in die Nacht. – Ein Hauptfest, an -dem geschwelgt und geschleckt wurde.</p> - -<p>In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte -auf der Treppe überhört.</p> - -<p>Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich -bring' sie euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck -im Gesicht.</p> - -<p>Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, -aber reizend, – flachsblond. Sie steckte in einem -schwarzen, engen Kleid und trug einen großen, schwarzen -Holländerhut.</p> - -<p>Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht -gekommen. – »So ein Geschöpfchen! So ein Püppchen!« -dachten sie.</p> - -<p>Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, -und jetzt gab sie den Schwestern die Hand und bot ihnen -den feinen Mund zum Kuß.</p> - -<p>Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte -Händchen nachdenklich zaghaft in der ihren. »Was für -Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein Rebhuhn.«</p> - -<p>Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, -zierlich aufgesteckt.</p> - -<p>»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die -Mutter; und die beiden waren doch gar nicht übermäßig -groß. Sie schaute lächelnd auf ihre Mädchen, die ziemlich -verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben der neuen Schwester -standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die Schelme, -die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie -gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen.<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, -den sternklaren, dunkel bewimperten Augen, mit den um -Stirn und Nacken ganz fein geringelten Härchen, die das -Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit den runden -Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen -Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, -aber feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen -Röcken so deutlich daherschritten.</p> - -<p>Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.</p> - -<p>Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu -thun, rückten ihr den Stuhl, und Marie führte sie an den -Tisch. Die Schwester bat, ob sie sich erst die Hände waschen -dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und fragte dringlich -nach einem Stück Mandelseife.</p> - -<p>Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.</p> - -<p>»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife -geben!« sagte Marie leise.</p> - -<p>Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen -Schwester wanderten sie beide hinauf in die Dachstube.</p> - -<p>Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.</p> - -<p>Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und -Marie nötigten sie gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der -Vater hielt auch mit.</p> - -<p>»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit -diesen beiden großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er -auf Marie und Röse, »mußt du nun auskommen.«</p> - -<p>Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.</p> - -<p>Und der Vater hatte recht!</p> - -<p>Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen -und den guten Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen -lassend, ließ sich gar nichts Treffenderes von ihnen sagen.</p> - -<p>»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, -»von eurer Wohnung aus konnte man die Alpen doch wohl -nicht sehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p> - -<p>»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«</p> - -<p>»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu -gleicher Zeit. »Wie sehen die denn aus?«</p> - -<p>Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von -zackigen Bergen; auch manchmal wie Wolken und manchmal -schneeweiß, wie aus lauter Eis, und manchmal himmelblau. -Aber nur bei schönem Wetter kann man sie sehen.«</p> - -<p>»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«</p> - -<p>»Nein, das ist zu weit.«</p> - -<p>Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester -hatte so eine sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, -und manchmal »halt«, – das gefiel ihnen; aber sie sprach -nur, wenn man sie fragte.</p> - -<p>»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was -heilen, das wissen wir,« sagte Röse.</p> - -<p>Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter -die flachsblonden Härchen.</p> - -<p>»Bst!« machte die Mutter leise.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um -sich von der langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen -Budang, Ernst von Schiller und Horny voller Neugier und -Teilnahme, und die Ratsmädchen lieferten ihnen eine Beschreibung -der neuen Schwester.</p> - -<p>»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. -»Ich sag' euch, so zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! -Gehen hört sie kein Mensch; weißt du, ihre Großmutter hat -sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und – komisch! – einmal -hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder -›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. -Ihre alte Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«</p> - -<p>»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse -beschämt. Die Orthographie war auch ihre und Maries -stärkste Seite nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<p>Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube -schlichen, schauten sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre -Schwester in tiefem Schlafe lag.</p> - -<p>»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.</p> - -<p>»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« -meinte Röse.</p> - -<p>Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den -Schlaf der Gerechten schliefen, wusch und kämmte sich die -sanfte, fremde Schwester lautlos.</p> - -<p>Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie -eine Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, -betete ihr Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür -und begab sich geradenwegs in die Küche.</p> - -<p>Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen -wollte, fand sie die Magd und ihre neue Tochter schon in -voller Arbeit.</p> - -<p>»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach -deiner Reise!«</p> - -<p>»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen -freundlich.</p> - -<p>Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, -ohne zu fragen, immer etwas zu thun.</p> - -<p>Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm -das stille Mädchen die erste Stelle ein. Röse und Marie -aber sahen die ganze Muskocherei für einen ausbündigen -Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen während der -Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit -Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten -sich auf ihre Art.</p> - -<p>Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und -Zeitvertreib bei der Arbeit.</p> - -<p>Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen -ihren Hausgeist »benamset« hatte. Es war auch, als wäre -bei Rats wirklich so ein Seelchen eingezogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<p>Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich -groß, wenn man bedachte, daß die von dem zierlichen -blonden Mädchen ausging.</p> - -<p>Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde -viel weniger im ganzem Hause gerufen und verlangt.</p> - -<p>Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist -sauber aufgeräumt zu finden, wenn sie nach dem Frühstück -in ihre Stube kamen, um ihre Betten zu machen. Und nicht -nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die allersorgsamste -Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und -wie sie nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit, -gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.</p> - -<p>Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren -Gang.</p> - -<p>Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete -freundlich, wenn es gefragt wurde, war immer gleichmäßig -liebenswürdig, hatte aber ein ganz undurchdringliches Wesen.</p> - -<p>»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach -einigen Wochen kaum bekannter mit ihr, als am ersten Tag, -und wurden doch von ihr verwöhnt, daß es eine Art hatte.</p> - -<p>Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, -lange Haar, was bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte -ihnen die Kleider, half ihnen nähen und schneidern und saß -bis an die Ohren und mit einem rührenden Eifer in Röses -Ausstattungsarbeiten.</p> - -<p>Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander -durch den Park.</p> - -<p>Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts -von dir. – Wir haben dich doch lieb, – erzähl doch!«</p> - -<p>Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. -»Wie denn? – Was denn?« fragte sie.</p> - -<p>»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel -älter als wir; warst du denn nie verliebt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<p>»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast -du denn nie getanzt?«</p> - -<p>»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon -mitgegangen; aber ich wollt' halt net. Ich hatte Angst, -daß die Großmutter sich verderben könnt'.«</p> - -<p>»Aber sonst hättst du's gemocht?«</p> - -<p>»O ja, warum net?«</p> - -<p>»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Da war die Unterhaltung wieder aus.</p> - -<p>»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten -sie nach einer Weile.</p> - -<p>»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, -und jeden Tag durfte ich in die Messe gehen.«</p> - -<p>Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen -Frauenkirche, den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, -dem wundervollen Gesang, der mächtigen Orgel, den vielen -Menschen, dem Weihrauchduft und den vielen, vielen Grabkugeln -am Karsamstag.</p> - -<p>»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.</p> - -<p>»Sehnst du dich danach?«</p> - -<p>»Manchmal.«</p> - -<p>»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn -nicht traurig darüber?«</p> - -<p>»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete -sie kurz.</p> - -<p>»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen -die Menschen einen trösten. Uns wenigstens kannst du alles -sagen. Wir sagen auch alles.«</p> - -<p>»Bist du nicht einmal in München in der Komödie -gewesen?« forschte Marie.</p> - -<p>»Ja, einmal.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p> - -<p>»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«</p> - -<p>»Passabel.«</p> - -<p>»Und was sahst du denn?«</p> - -<p>»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar -nimmer.«</p> - -<p>»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar -nicht!« meinten sie verwundert.</p> - -<p>»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander -einmal in die Komödie, wir und Budang und die andern, -da wirst du sehen, daß es hier nicht nur ›passabel‹ ist.«</p> - -<p>Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren -Streichen: wie sie mit Budang, Ernst von Schiller und -Horny aller Nasenlang durchs Hinterpförtchen ins Theater -geschlüpft seien, – und wie herrlich das war. Sie berichteten -ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August, wie der sie -beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner -Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei -ihrer Schwester kein besonderes Verständnis.</p> - -<p>Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich -gehabt habe, trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr -gute Frau gewesen sein mußte. Die Schwester that ihnen leid.</p> - -<p>Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, -sagten sie ihm: »Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie -die Schwester, weil ihnen das gefiel, »ist eigentlich wie ein -altes Weibchen aufgewachsen. Sie versteht uns gar nicht, -das arme Ding. – Und so verschlossen wie sie ist! Weißt -du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch -sehr mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders -»nett« mit ihr zu sein.</p> - -<p>Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen -gemacht, als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit -als etwas ganz extra Mitleiderregendes hingestellt hatten.</p> - -<p>»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter -aus als wir.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<p>»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei -Waben zu machen.«</p> - -<p>»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er -konnte sich's doch nicht verbeißen.</p> - -<p>Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie -glaubten an ihn.</p> - -<p>In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten -sich alle, es der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, -was sie schön fanden. Sie hatten sie in die »Zauberflöte« -geführt.</p> - -<p>Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben -während der Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.</p> - -<p>»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse -stieß ihre Schwester leicht an.</p> - -<p>»Du schläfst ja!«</p> - -<p>»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«</p> - -<p>Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah -nur nieder.</p> - -<p>Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst -du denn nicht auf die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, -der da singt.«</p> - -<p>»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, -als die Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«</p> - -<p>Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang -zu, der hinter ihnen saß.</p> - -<p>Und Budang nickte dazu.</p> - -<p>Er sprach dann in der Pause mit Waben über die -Musik. Sie sagte ihm: »Ich wollte, die Großmutter hätte -die Musik bei ihrem Tode hören können, – das wär' eine -Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«</p> - -<p>Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.</p> - -<p>»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse -und Marie haben's erzählt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<p>»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. – -»Da gibt's kein Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, -den freut nichts mehr.«</p> - -<p>Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf -ließ, seit sie von daheim fort war.</p> - -<p>Das hatte die Musik gethan.</p> - -<p>»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.</p> - -<p>»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, -und ich soll net mal dran denken können? Hier -wird's einem, als wär's erst gestern geschehen, – und das -ist gut. – Die armen Seelen brauchen unser Mitleid. Sie -werden überall zu schnell vergessen.«</p> - -<p>Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der -Abgeschiedenen.</p> - -<p>Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die -armen Seelen«, das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie -aus einem uralten Märchen. Ueberhaupt, obwohl die Waben -ein tüchtiges und zuverlässiges Hausmütterchen war, würden -sich die Ratsmädel nicht gewundert haben, wenn es sich -herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist sei, ein -armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen -immer fremder.</p> - -<p>Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie -bedrückt und kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.</p> - -<p>Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle -Klosterspitzen nach einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht -hatte.</p> - -<p>»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« -fragte Röse.</p> - -<p>»Wär' net übel,« war die Antwort.</p> - -<p>Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers -Adele eingeladen und kam so in den Kreis der geistreichen -jungen Damen, die alle um einige Jahre älter als -die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie -aber alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen -Wittumstreppe indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, -Liebesbriefe waren es auch im eigentlichen Sinne des Wortes -nicht, sondern vielmehr sprachen die jungen Damen sich -gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen Episteln -aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, -das größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die -Treulosigkeit der beiden Schelme.</p> - -<p>Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte -dieser jungen Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; -die Waben war nur durch die größten Ueberredungskünste -ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles Kränzchen -zu besuchen.</p> - -<p>Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu -gehen. Die langen Zuredereien und das Drängen hörte -von selbst auf. Sie ging still und kam still, sprach über -nichts, was sie dort in der Gesellschaft erfahren hatte, – -aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen gekommen -zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei -Rats ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter -meinte: »Laßt sie – fragt nicht!«</p> - -<p>Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig -diensteifrig.</p> - -<p>Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes -Kind; wie ein Sonnenstrahl, so still und gut!«</p> - -<p>Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.</p> - -<p>Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre -aus dem jungen, pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen -geworden. Sie blühte wahrhaft auf und wurde jeden Tag -reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf- und hinablaufen. -Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und -Röse und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das -Haar machte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<p>Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie -dazumal, als ihre Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen -hatten, zum erstenmal im März ganz unvermutet im dunklen -Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.</p> - -<p>Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, -die aus der dunklen Ecke kamen, erbebt.</p> - -<p>Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.</p> - -<p>So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu -Schopenhauers gegangen, und spät abends bei Mondenschein -und Winterkälte wandelte sie über hartgefrorenen Schnee -am Arm eines jungen Mannes, der sie von Schopenhauers -heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der -Esplanade zur inneren Stadt führt.</p> - -<p>Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte -das schon öfter so gethan; es war ihm zu einer angenehmen -Gewohnheit geworden, das liebliche Geschöpf heimzubegleiten. -Sie hatten keinen besonders weiten Weg vor sich, aber sie -verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch nie so viel -hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke, die -zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern -lag, – und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer -Zuhörer. Bei dem hellen Mondlichte war zu konstatieren, -daß die Waben einen durchaus nicht ungefährlichen -Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem prächtigen -Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken; -dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und -galant in der Art, wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, -sich zu ihr neigte und ihr Geplauder anhörte.</p> - -<p>Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.</p> - -<p>»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen -sein! Ich fühle Ihren Arm nicht mehr als eine -Feder.«</p> - -<p>»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl -klein; aber da ist nun nichts zu machen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p> - -<p>»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß -genug sein,« erwiderte er.</p> - -<p>»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem -Mädel doch Respekt haben, und sie soll ordentlich arbeiten -können. Ich bin freilich viel stärker, als ich ausseh', gottlob! -Sonst könnt' ich mir das Salz zum Brot net verdienen.«</p> - -<p>»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«</p> - -<p>»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim -schlafen und essen, wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's -verdient? Was denken Sie denn? Halten Sie uns Mädel -für Tagediebe? Oder für was denn?«</p> - -<p>»Sie sind so tapfer, – so tüchtig, – so anders, als -die Mädchen gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein -wirkliches Menschenkind, Sie Elfchen?« sagte er zärtlich.</p> - -<p>»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine -Schwestern nicht?«</p> - -<p>»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit -vier Wochen hier, aber Ihre Schwestern hab' ich nun noch -immer nicht kennen gelernt.«</p> - -<p>»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide -so fleißig und tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen -Tag zu lachen gibt, – und so wunderschön! Wissen Sie, -sie sind das Schönste und Beste, was es auf Erden gibt.«</p> - -<p>»Die eine ist verlobt?« fragte er.</p> - -<p>»Ja, die Röse. – Sie glauben nicht, wie gut sie mit -mir waren, vom ersten Augenblick an, wie große Kinder. -Sie sind so freundlich, wie halt eben nur Kinder sind.«</p> - -<p>»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. -Sie erlauben mir, Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern -meine Aufwartung mache?«</p> - -<p>Die Wangen des Mädchens glühten.</p> - -<p>»Gewiß!« sagte sie.</p> - -<p>Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -sie. An seinem Arme wußte sie das nie. Er sprach so -zärtlich. Das war wie himmlische Musik. Gott, daß es -solches Glück auf Erden gab!</p> - -<p>Jetzt standen sie an der Hausthür.</p> - -<p>»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus -im Schlosse. Sie sind mit bei dem großen Aufzug.«</p> - -<p>»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen -wir uns die Schwestern doch miteinander anschauen. Sie -finden mich auch auf der Galerie; ich beschütze Sie, und ich -verteidige einen Platz für Sie.«</p> - -<p>Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.</p> - -<p>»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.</p> - -<p>»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«</p> - -<p>»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes -Mädchen! Sie sind so gleichmütig!«</p> - -<p>»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie -lächelnd und schloß dabei die Thür auf.</p> - -<p>Er wollte etwas darauf entgegnen.</p> - -<p>»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand -zum Abschiede. »Man muß der Wahrheit die Ehre geben. -Ich bin schon ein bisserl langweilig.«</p> - -<p>»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.</p> - -<p>»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«</p> - -<p>Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, -dunklen Hausflur und hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben -im Kirstenschen Hause und in der ganzen Stadt Weimar, -denn es war der große Tag, an dem abends im Schlosse -der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der Kaiserin-Mutter, -Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.</p> - -<p>Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, -nichts weiter gehört und gesehen, als Vorbereitungen zu -diesem großen Feste. Allen schönen und weniger schönen<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Mädchen und Frauen aus der weimarischen Gesellschaft war -das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer Kaiserin -sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische -Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes -bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem -Pathos in jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, -ohne Ende dasselbe, immer wieder von Anfang an; unermüdlich, -zum Haarausraufen. Jeder und jede war wochenlang -von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden bedeutenden -Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, -wie von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren -gab eine gewisse Beruhigung.</p> - -<p>Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von -den Proben, die Goethe selbst überwachte.</p> - -<p>Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm -gespreiztes Ansehen bekommen, wie noch nie etwas -derartiges zu stande gekommen war. Die weimarische Glorienzeit -sollte darüber liegen wie eine schwere, duftende Weihrauchwolke; -die Weimaraner sollten in ihrer eigenen Herrlichkeit -wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.</p> - -<p>Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des -Riesenreiches produzieren!</p> - -<p>Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, -was für Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm -ausgebrütet worden war.</p> - -<p>Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, -ungeschickten Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.</p> - -<p>Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug -daran gewesen sein, die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; -denn was die Weimaraner thaten, und wie sie -sprachen, war natürlicherweise himmelweit von seinem Ideal -entfernt.</p> - -<p>Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -welche Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den -<span id="corr061">Weimaranern</span> ihr geliebtes Deutsch in einigermaßen richtigen -Lauten beizubringen.</p> - -<p>Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte -es sich um hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll -Seine Excellenz sich in der Verzweiflung mit einem Kuß -geholfen haben, von dem er wohl hoffen mochte, daß er -begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten O -und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.</p> - -<p>Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp -auf die Beine zu bringen!</p> - -<p>Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; -aber niemand verstand ihn zu tragen.</p> - -<p>Einzig und allein Seine Excellenz selbst.</p> - -<p>An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, -es wird schon gehen!« wie es schließlich dann immer heißt -und heißen muß. –</p> - -<p>Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll -zu thun, – und that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. -Sie befand sich wohl, wie eine Amsel im April. Sie wußte -zwar kein Wort ihres Anbeters, das direkt von Liebe gehandelt -hätte, – aber wozu?</p> - -<p>Der Klang seiner Stimme, – die Art, wie er alles -sagte, wie er ihr die Hand gab, – das sprach so eine nie -gekannte Sprache. Sie wußte sich geliebt! – Ja, sie -wußte es!</p> - -<p>Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, -so unbestimmt, beängstigend.</p> - -<p>War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? – -Nein, – nein, – nein! Gewiß nicht!</p> - -<p>So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.</p> - -<p>Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.</p> - -<p>Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause -hoch her.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; -so etwas Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, -als wäre sie in eine andere Welt versetzt, zum erstenmal in -den Sonnenschein.</p> - -<p>Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren -und hatte auch etwas zu sagen, große, getragene Worte, die -sie feierlich und ruhig zu sprechen verstand.</p> - -<p>Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, -bis das Ganze tadellos gelang.</p> - -<p>Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie -von der Schönheit ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die -jungen, weißen, vollen Glieder, das schneeweiße Gewand, -das herrliche Gesichtchen, die lebendigen Augen, die schöngezeichneten -Augenbrauen, die ihr so etwas Vornehmes, -Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken -Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die -Kniee fiel und sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte -und um die kindliche Stirn. Es war ein so anmutiges Haar!</p> - -<p>Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer -Schwester gleich gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen -vor, war aber auch, wie Marie, eingewickelt in ihre bräunliche -Haarflut.</p> - -<p>Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.</p> - -<p>Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, -daß du nicht mitkannst! Wie jammerschade!«</p> - -<p>In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, -lustigen Wünsche zu regen.</p> - -<p>Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!</p> - -<p>Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie -alle Herrlichkeiten, die es zu sehen geben würde, zusammen -genießen! –</p> - -<p>Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der -aus man in den großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr -Beschützer war schon da und hatte in der vordersten Reihe,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -neben sich, ihr einen Platz gegen die andrängenden Neugierigen -verteidigt.</p> - -<p>Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.</p> - -<p>In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von -den Hunderten von Wachskerzen, und sie sahen von ihren -dämmerig beleuchteten Plätzen in einen schwarzen Abgrund -hinab; aber die Waben und ihr Begleiter unterhielten sich vortrefflich -miteinander, wie sich das leicht denken läßt. Die -Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.</p> - -<p>Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der -Kerzenanzünder gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit -auftauchten, und wie die Flammen an den Zündschnürchen, -was das Neueste war, von Licht zu Licht hüpften -und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel -erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer -Viertelstunde alles glänzte und funkelte, ein ganzes Meer -von Licht!</p> - -<p>Personen schritten geschäftig hin und her durch den -Saal, anordnend oder Umschau haltend.</p> - -<p>Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. -»Der Oberhofmarschall!« hieß es, – »da, – – da, – – -da! Da ging er eben!«</p> - -<p>Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die -Hälse wurden gereckt. – Jeder Lakai wurde angestarrt.</p> - -<p>Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. – -Sie blühte neben ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach -langem trüben Regenwetter, wenn ihn ein paar Stunden -warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie offen sie sprach! -Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor ihm -ausgebreitet.</p> - -<p>Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte -das auch nicht. Sie hatte nichts zu geben und mitzuteilen -als ihre Vergangenheit, – gar nichts weiter, – und diese -Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. – Er fragte,<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -und sie antwortete. Sie vertraute. – Jubelnd empfand -sie zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.</p> - -<p>Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, -dachte besonnen, daß sie eine gute, kommode Frau abgeben -würde, und erwog dies hin und her, während sie eifrig schwatzte.</p> - -<p>»Aus guter Familie ist sie, – mitbekommen thut sie -sicher auch etwas. – Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich -unschuldig, ein durchaus bequemer Charakter.«</p> - -<p>So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen -geht und Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.</p> - -<p>Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war -er erst in Weimar angelangt, war hier zu einer guten Stellung -gekommen, und seine Absicht ging dahin, sich mit einer -alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu verschwägern.</p> - -<p>Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem -blanken Parkett des riesigen Saales wie in einem stillen See.</p> - -<p>Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, -helle Saal hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte -Gäste gekommen. Oben auf der Galerie reckten -sich abermals die Hälse. Es wurde wieder eifrig getuschelt. -Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je mehr es -sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte -und farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe -mit griechisch aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder -Art, auf hohe, schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße -Hälse und Arme, enge Kleider mit langen Schleppen, Fräcke -und Uniformen, Lakaien und hohe Würdenträger, – ein schillerndes, -bewegliches Durcheinander.</p> - -<p>Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar -parfümiertes Lüftchen nach oben.</p> - -<p>Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen -Saal war gelblich warm.</p> - -<p>Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, – etwas -Berauschendes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p> - -<p>Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem -weißen Saal gar nicht genug wundern.</p> - -<p>Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die -fremden Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte -Ceremoniell, – die große Feierlichkeit, die große Vornehmheit!</p> - -<p>Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte -Geschichte hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so -etwas wirklich noch existierte! Ein bißchen komisch erschien -es ihr, – ein bißchen ernsthaft, – ein bißchen schaurig, -aber hauptsächlich sehr amüsant. Die einzelnen Personen -interessierten sie gar nicht, nur das Ganze. Sie hörte kaum -darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute bezeichnete.</p> - -<p>Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war -der weimarische Pomp wirklich auf die Beine gebracht! Da -lag die weimarische Glorienzeit wirklich wie eine duftende -Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft feierliche -Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat -ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende -Musik und große Worte, und ein Schimmern und -Auftauchen und Ziehen und Kommen und Verweilen, – eine -Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.</p> - -<p>Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem -großen, feierlichen Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. -Sie gehörten sich nicht mehr selbst. Es war etwas in sie -gefahren, was sie begeisterte.</p> - -<p>Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, -sie sprachen nicht mehr wie die Weimaraner. Es war etwas -Außerordentliches.</p> - -<p>Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem -Aermel. »Meine Schwester! Meine Schwester!« sagte eine -weiche, leise Stimme ganz erregt. »Sehen Sie, meine -Schwester!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p> - -<p>Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt -gerade vor der Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die -Goetheschen Worte; das gute Ratsmädel leuchtete dabei -wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit. Sie bewegte -sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als -wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne -Gesicht und die Arme und der Hals und das weiße Gewand -strahlten.</p> - -<p>Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, -der Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. -Es lag etwas Heiteres, etwas Frohlockendes über die Gestalt -gebreitet. – Aller Augen sahen auf sie.</p> - -<p>»Das ist Ihre Schwester?«</p> - -<p>Die Waben lächelte.</p> - -<p>»Die verlobte?« fragte er.</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des -jungen Mannes wie ein Seufzer.</p> - -<p>Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick -seiner Augen sich an ihre Schwester heftete.</p> - -<p>Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, -so männlich und gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.</p> - -<p>Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie -nieder. Es war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas -anderes, – etwas Schwereres.</p> - -<p>Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas -Schreckliches schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es -war ihr, als wenn ihr Blut aufhörte zu fließen, als wenn -eine Spange sich ihr fest um den Hals legte, als wenn das -Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte, weiter zu -schlagen.</p> - -<p>Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, -so arm. Wie hatte sie nur denken können, – -daß …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen -Gedanken. Wie große, graue, schwere Steinplatten kamen sie -ihr vor, die langsam auf sie drückten und sie tief in den -Boden hineinpreßten, ganz langsam und schmerzlos, – aber -entsetzlich.</p> - -<p>Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer -Schwester. Sie wartete, daß er sie wieder anreden würde, -und sie schaute alles im voraus.</p> - -<p>Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon -geschehen.</p> - -<p>Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig -klingen würde. Sie sah und verstand das alles so -tief, so klar, so anders, als sie sonst nie verstand und -begriff.</p> - -<p>Ja, – und so kam es denn auch, ganz so! –</p> - -<p>Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, – aber -wie ausgelöscht. Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles -so grau, so fahl, – alles so gleichgültig, – so erstickend, – -so weh! – Sie wollte gehen. Sie hatte genug gesehen; -aber er redete ihr zu, zu bleiben.</p> - -<p>Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren -beiden Schwestern. Er war außerordentlich gnädig und -schien an den beiden schönen Mädchen großes Gefallen zu -finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie -sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, -von ihrem gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; -von der Schaukelei auf der schmiedeeisernen Thür an der -Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen Theaterbesuchen, von -der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf dem Vogelschießen, -was ich alles ausführlich berichtet habe.</p> - -<p>Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher -großes Wohlgefallen aneinander gehabt.</p> - -<p>»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich -aus!« sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -und ganz versunken, nur Augen für das wunderschöne Mädchen -unten im Saale behaltend.</p> - -<p>Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.</p> - -<p>Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat -war noch auf und sagte: »Warte, mein armes Bärbelchen, -du sollst mir nicht immer Zuschauerin bleiben! Glaube das -nicht.«</p> - -<p>Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und -schlief wie betäubt ein und wachte auf, als lägen noch -immer die schweren Steine auf ihr.</p> - -<p>Und so blieb es.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer -und Teilnehmerinnen am Zug bei der Oberhofmeisterin.</p> - -<p>Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern -aus indischer Seide, die sie von Röses künftiger Schwiegermutter -bekommen hatten. Dazu trugen sie goldene Gürtel -und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen Haar.</p> - -<p>Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten -köstlich herab. Die Waben half ihren beiden Schwestern -beim Anziehen.</p> - -<p>Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner -als gestern.«</p> - -<p>Und das waren sie auch.</p> - -<p>Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen -selbst ganz feierlich gestimmt, wie die eine die andre so ansah.</p> - -<p>Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den -Zug nicht mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen -anzuschauen. Die Lichter unter dem grünen Seidenschirm -waren angesteckt, und die beiden Mädchen gingen im Zimmer -umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.</p> - -<p>Die Kameraden verhielten sich einsilbig.</p> - -<p>Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -so Bekanntes, Vertrauliches, süß Freundschaftliches, – und -doch so Entrücktes.</p> - -<p>Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer -beengend auf dem Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl -zu Mute.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe -spät zum Frühstück kamen, schenkte die Waben ihnen ihre -Milch ein.</p> - -<p>Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn -bei Kirstens irgend etwas Besonderes los war, einen Kuchen -geschickt, und in diesen Kuchen aßen Röse und Marie sich -in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief ein, wie ein -paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben -ihre Erlebnisse.</p> - -<p>Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange -die Welt steht, zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende -Dinge, die das Geschöpf triumphieren lassen im glückseligen -Machtgefühle.</p> - -<p>Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und -fischten nach den Rosinen darin.</p> - -<p>Und während sie im besten Plaudern waren, brachte -die Magd einen vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz -Unbegreifliches zu dieser Winterszeit, und sagte: »Eine schöne -Empfehlung an Fräulein Marie.«</p> - -<p>Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.</p> - -<p>Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen -das Wunder in Empfang.</p> - -<p>»Ach Marie!« jubelte Röse auf.</p> - -<p>Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, – ein paar Lippen -zitterten wie in namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt -ging unhörbar zur Thür hinaus, ohne daß jemand darauf -geachtet hätte.</p> - -<p>Das war von <em class="gesperrt">ihm</em>!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p> - -<p>Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das -hatten sie ja schon erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? -Er hatte es eben möglich gemacht, dachte die -Waben dumpf.</p> - -<p>Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, – das -war es, – das erst hatte ihr schneidend weh gethan!</p> - -<p>»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt -der alte Paracelsus.</p> - -<p>Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen -bei verschlossener Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz -zwischen den zitternden Fingern und hatte sich das -Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl gelehnt und hielt -Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen Gottesdienst.</p> - -<p>Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen -Orgelbrausen in ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen -der Geistlichen bei der großen Messe; sie sehnte sich -nach den prachtvollen Meßgewändern, klangvollen Worten -und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und den -gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden -Gewölben.</p> - -<p>Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf -Orgelbrausen und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter -Gottes zu Füßen gestürmt. Aber so, in dieser Kahlheit hier, -da hob der Schmerz sich nicht zum Himmelsflug, sondern -drückte und drückte und wurde wieder zur grauen, schweren -Steinplatte, die sie ganz begrub.</p> - -<p>Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, -stillen, dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus -und schluchzte laut. –</p> - -<p>Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen -selbst gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der -Schwestern erkundigt. Das Befinden war vortrefflich. Sie -waren lustig und guter Dinge. Röses Bräutigam erschien<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -auch, und die beiden schönen Paare standen auf ihrer Lebenshöhe, -denn auch Marie war ganz entzückt von dem begeisterten, -wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in sie -verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem -Kirstenschen Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne -Menschen in voller Jugend, die nur von den besten, schönsten -Dingen sprachen und dachten und träumten, die Feste beredeten -und Ausflüge und allerhand Vergnügungen und -Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.</p> - -<p>Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher -Freund sie, leicht befangen, als alte Bekannte, – that es -aber mit gutem Gewissen, denn das große Liebesfeuer, das -jetzt in ihm brannte, hatte das kleine, bedächtige Flämmchen, -das für die zarte Waben geglommen hatte, vollständig verschlungen.</p> - -<p>Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens -gesagt, gethan und geblickt hatte, davon wußte er wohl -nichts mehr.</p> - -<p>»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.</p> - -<p>»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.</p> - -<p>Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer -schon wieder hell empor. –</p> - -<p>Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, -wie dunkles Wasser.</p> - -<p>Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.</p> - -<p>Sie liebte ihn so sehr!</p> - -<p>Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter -den glücklichen Menschen vor.</p> - -<p>Das ging so ein paar Tage fort, – so hilflos, -so über Bord geworfen fühlte sie sich! – Dann hatte -sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich ein Herz und bat: -»Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur Beichte -fahre?«</p> - -<p>Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Es faßte sie wie die Sehnsucht nach einer alles verstehenden -Mutter, die durch und durch sieht, alles weiß und voller -Hilfe und Liebe ist.</p> - -<p>Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen -Postkutsche, und der Postillon blies ein Stückchen, -das zu Herzen ging; so ein echtes, rechtes Postillonstück, -das die alte lederne Kutsche zu einem lebendigen Ding -macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen auszieht -und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen -durch die dunklen Straßen fährt – und die Schläfer weckt – -und ihnen das Herz bewegt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, -heitern Bergen umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest -hockt, mit spitzen grauen Giebeln und spitzen Dächern, da -fand sie in der kleinen, uralten, geheimnisvollen Kirche, die -zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das Orgelbrausen, die -Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, – das -Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da -durfte sie auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh -anvertrauen. Und die Weihrauchwolken und die Orgeltöne -waren wie breite Flügel, auf die sie ihren Jammer niederlegte, -und die mit ihm höher flogen, und höher und höher, -immer höher.</p> - -<p>Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und -einem alten, ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und -beschuldigte sich.</p> - -<p>Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende -mit dieser Liebe kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte -und glücklich sein wollte.</p> - -<p>Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte -sie. Er sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; -er sprach von der Seligkeit des großen Ueberwindens, -von der reinen Freiheit der freien, ruhigen Seele,<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht beunruhigt, -mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen -gönnend, – nichts wollend selig.</p> - -<p>Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, -ascetischen Worte zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt -hatte gegen das »Ueber Bord Geworfensein«, die genießen -und leben wollte.</p> - -<p>Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos -gedemütigt. – Sie wollte nur Hilfe und streckte die -Hände aus und nahm, was man ihr gab: die große, schwere, -ernste Gabe.</p> - -<p>Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete -sich auf, und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.</p> - -<p>Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in -Weimar wieder ein; der Postillon blies und weckte die -Schläfer.</p> - -<p>Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes -Wesen und ging durch enge Gassen und Straßen.</p> - -<p>Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus -in der Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen -Schwestern stand und die beiden Mädchen fest schlafen -sah, kniete sie nieder und faltete die Hände, und es war -ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen langsam in das -tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie -weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas -so unsagbar Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. -Und es ward ihr weich und weit ums Herz, so frühlingshaft, -so werdend, als wenn von einem großen, wunderbaren -Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das -Beste auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es -gibt noch etwas, etwas so geheimnisvoll Unergründliches, -was größer als Glück und Unglück ist, was über allem -steht, – etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt -einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p> - -<p>Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner -Größe erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle -Glückseligkeiten.</p> - -<p>So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig -beleuchtete Stube drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, -irdische Bräute, – und eine süße, kleine Himmelsbraut, -mit lichtem, klarem Herzen; eine Himmelsbraut, auch wenn -sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern hier zu bleiben -gedachte, in diesem glücklichen Hause.</p> - -<p>Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in -der Freude unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, – -nichts wollend selig.</p> - -<p>Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p> - -<h2 id="Kusswirkungen">Kußwirkungen.</h2> -</div> - -<p class="chap">Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus -gegenüber liegt, da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel -mit allerlei Schwänken in der Wünschengasse ihr Wesen -trieben, und Apothekers von ihrem Erker, den ein buckliges -steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach den -Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können, -und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke -und mit dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die -Fabianen und die Kummerfelden und die Kameraden der -Ratsmädchen, Budang, Horny und Schillers Aeltester -vorüberwanderten, und es überhaupt von all den alten Weimaranern, -von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig -ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und -weiser Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner -Gemahlin, einer kleinen statiösen Dame, und seiner Haushälterin.</p> - -<p>Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles -blitzblank, vom messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen -an der Flurthür, bis zu dem messingenen Vogelkäfig -an dem Fenster über Madame Tiburtsius' Arbeitstischchen, -und bis auf den letzten Messingnagelknopf in der -Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die -der Reihe nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, -der Mutter der Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden -und auch bei Fräulein von Knebel im Schloß, der Erzieherin -der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und noch einigen -andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte -und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne, -die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, -winters in die Stadtkirche nachgetragen wurde und -die jetzt im Flur hing. Die Kaffeekanne, aus der Herr und -Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen tranken, blendete -die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie stand, warf -ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und -ließ grelle Lichtringel tanzen.</p> - -<p>Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer -an, das, wenn man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen -gehörigen Putzlappen, die ganze liebe Erde reingefegt haben -würde. Dieses Frauenzimmer war eine trockene, hagere -Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie mit ihren -beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter -Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken -laufen ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes -Hand mit samt ihren Eimern hervorgegangen, da schauten -die Hausfrauen, die mit ihren Strickstrümpfen und in großen -Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich nach ihr aus und -seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus, der da -sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.</p> - -<p>Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, -wie sie wollten, sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen -doch nichts.</p> - -<p>Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, -eher hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen -gedacht, als daß Kathrine von ihrem Dienst in einen andern -getreten wäre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p>Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter -von Madame Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der -alten Dame die messingene Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, -aber immer noch blinkend, im Flur hing, mit dem Feuerstörer, -dem Gesangbuch, dem Lederkissen in die Stadtkirche -nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit ihren -Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius -mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen -solchen Treubruch gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als -wäre sie sein angetrautes Weib gewesen und nicht die Köchin -und Haushälterin der Madame.</p> - -<p>»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.</p> - -<p>»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn -sie in Eifer kam über irgend etwas, was ihrer Meinung -nach der Herr Gemahl hätte unterlassen können.</p> - -<p>Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und -mit der Madame, trotz aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, -sich von ihnen und ihren Messingkäfigen, Messingknäufen, -Messinghandhaben, Messingkesseln, Messingofenthüren, -Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem -messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus -nicht so ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause -hantieren und auf den Markt gehen, so hätte man glauben -sollen, solche unanfechtbare, bewährte Sauberkeit, die könnte -nur in allertiefstem Frieden gedeihen, in einer Harmonie, -von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung machen -kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel -der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger -noch Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, -noch etwas Versalzenes, Angebranntes, Gesäuertes, noch -Mißverständnisse aller Art, Zank mit Handwerkern, Tauwetter, -Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde -und Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf -Nachmittagvisiten gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -noch Kinder mit schmutzigen Schuhen und Musbröten.</p> - -<p>Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf -Erden. Es ging nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte -Glanz, der über allen Dingen lag, war nichts weiter -als was sich eben mit unermüdlichen Fäusten erreichen ließ. -Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu schlucken, so -viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.</p> - -<p>Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von -Reinlichkeit und Sauberkeit – aber im Kern dieser Wolke, -da saß der Rat und paffte und steckte in einem schmierigen -Schlafrock und in ausgeschlappten Filzschuhen und häufte -Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf seinen Schreibtisch -und rührte all dieses untereinander und streute Schnupftabak -darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich -die Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen -auf die Akten, daß der Puder stäubte und sich mit dem -Schnupftabak und Rauchtabak und der Asche und den Dochten, -die er immer aus der Lichtputzschere fallen ließ, auf seinem -Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren Selbstgesprächen) -zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.</p> - -<p>Das war ein Kreuz und ein Elend – und dies vor -den Augen der Welt zu verbergen, war Rats Kathrine ihre -erste Sorge, da war kein Opfer und keine Mühe groß -genug.</p> - -<p>Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als -eine Lüge zu verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine -Lüge zu glauben und glauben zu machen, eine Lüge am -Leben zu erhalten, für eine Lüge zu leben und zu sterben.</p> - -<p>Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre -ein Wunder von Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe -und dergleichen löblichen Eigenschaften mehr. Das hatte sich -Kathrine in den Kopf gesetzt, und nicht nur Kathrine, sondern -das rechtmäßig angetraute Weib auch ebenso. Armer Rat,<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller Unschuld, -wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter -dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der -Tuchbürste und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden -über dich herfuhr wie ein Hagelwetter, vom Kragen auf den -Rock mit der sanften Bürste und der harten Bürste in blitzschneller -Abwechslung – und wenn, von den Bürsten angelockt, -sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit -sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste -eilig ankam, um dir das Perückchen frisch zu stäuben und -dein Zöpfchen zwischen den Fingern zu nudeln – und dann -das Bürsten von neuem begann – wild und eifrig, damit -um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles -in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!</p> - -<p>»Und die Finger, Gustävchen – und die Finger und -das Fazeterl?</p> - -<p>»Die Finger –, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« –</p> - -<p>Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche -Stimme – so ein bißchen eine fette Stimme und ein wenig -schnarrend.</p> - -<p>Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da -war es dir ein wenig schwindlig – da wackeltest du mit -dem Kopfe ein ganz klein wenig über diese Weibsbilder; -aber nicht etwa so stark, daß man es mit unbewaffneten -Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe -nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir -nach und öffnete das Schiebfensterchen und rief einmal wie -allemal: »Aber Gustävchen, pünktlich zum Essen – damit -wir den Nachmittag vor uns haben – Gustävchen!«</p> - -<p>Und dann gingst du in deine Sitzung – da warst du -ein freier – ein großer Mensch.</p> - -<p>In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch -in den Teich, wenn du nur das Bild nicht übelnehmen willst!<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -Da kam dir nichts nach – gar nichts, da mußte alles draußen -bleiben, unwiderruflich – alles, alles. Ueber die Schwelle – -ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das war -eine vortreffliche Einrichtung!</p> - -<p>Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz -eigenartig, da war es dir zu Mute wie dem Schneck, der -sein Haus irgendwo hat stehen lassen aus Vergeßlichkeit, -wenn einem Schneck so etwas passieren könnte, und der sich -nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus geschehen -ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben – -oder ob was hineingekrochen ist.</p> - -<p>Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat – das weiß -ich, und du würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb -gewesen, wenn du nicht gewissermaßen nackt und bloß in -die Sitzung hättest gehen müssen, sondern wie der Schneck -dein Haus, dein Eigentum hättest überall mitnehmen können; -wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in die -Sitzung gehen können – das wäre schön gewesen! Der -aber hat zu Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.</p> - -<p>Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten -in einem solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, -nicht hineinpaßt; daß ein Misthaufen entfernt werden muß, -und daß es Hände gibt, die das unwiderruflich thun werden, -wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie Kathrine sagt.</p> - -<p>Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und -es empfing dich so eine angenehme wohlbekannte Luft, eine -eigentümliche Oede – fremd starrte dich dein Zimmer an, -wie eine Wüste dein Schreibtisch, die Dielen naß, kalt, -fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch vermischt, -der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft -ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von -Gelehrsamkeit, Schnupftabak, Rauchtabak, Asche und Staub -zerstört, das Behagen verscheucht – das hast du oft durchgemacht,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft, gezankt, -aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin wie -eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine -Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut -einfach ein, quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.</p> - -<p>Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du -thun; du warst machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen -beiden Wärtern, die ihn seelenruhig toben, schreien, zappeln -lassen, bis der Anfall vorüber ist, und sich sogar verständnisinnig -in ihrer Roheit über das Gethu des armen Narren -zulächeln.</p> - -<p>Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du -ein armer Narr. – Glaub's nur, Herr Rat.</p> - -<p>Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie -nichts, und wie sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin -deine Gelehrsamkeit ihnen einbrachte, darüber zerbrachen -sie sich auch den Kopf nicht.</p> - -<p>Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige -Feuerstelle, die die Flamme deines Geistes erzeugte, und -hielten das für einfache Schmutzerei.</p> - -<p>Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die -Kathrine nicht, weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, -Atemholen, Essen und Trinken ansah, und die Frau Rätin -nicht, weil sie immer Besuch und Visiten erwartete – und -die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.</p> - -<p>Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem -Gläschen Wein und Kringeln. So waren Besuch und Visiten -voneinander zu unterscheiden bei Frau Rätin und Kathrine. -Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das war der zweite -schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht nur -auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige -Frau, die bei sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn -eines im Hause sauertopft, das sollte mir fehlen, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -mich über meinen Nähtisch setzte, wie mein Rat über seinen -Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte. Gott bewahre.« -Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, -dem kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der -strammen, kugelrunden Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen -konnte, daß alles an ihr schwabberte und schwabbelte, die -wollte das Leben genießen und genoß es.</p> - -<p>Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte -und junge, und war überall dabei und machte alles mit. -Vormittags hielt sie sich, wie es einer guten Hausfrau geziemt, -leidlich daheim, flickte, schaute der Kathrine nach, machte -mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer, sobald -er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs -und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die -Morgenstunden herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit -einem grilligen Mann am Schreibtisch in Weimar und anderswo -je hingebracht hat. – Aber am Nachmittag!</p> - -<p>»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« -Das rief sie nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem -Schiebfensterchen nach, wenn er sich in die Sitzung aufmachte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten -her von allen, die rings um den Marktplatz wohnten.</p> - -<p>Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit -teil, da floß Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie -ein lustiges Bächlein. Bei Rat Tiburtsius' aber ging der -Geselligkeitstrieb, der Trieb nach Festlichkeit und Lustbarkeit -von einem einzigen fetten Weibchen aus, das sich breit und -wichtig machte.</p> - -<p>Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres -Herzens. Sie kamen zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. -Ehe die Stiegen noch trocken waren, tappten kleine und<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -große Füße darauf herum und schleiften den Straßenschmutz -wieder herein.</p> - -<p>Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige -Nählehrerin, die am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen -wohnte, kam angehatscht durch dick und dünn, bei -jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar oftmals -Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ -sie dann auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so -hießen ein paar kleine Häuser am Lottenbach, fallen, hatte -aber nicht viel genutzt, und so zierlich sie ging, die Alte, -ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren Kreuzbänderschuhen -immer noch mit.</p> - -<p>Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die -Fabianen, die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie -jeden Winter, den Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte -und die Raben fütterte mit allerlei, was sie bei -den guten Freunden eingesammelt hatte, worauf sie mit ihren -großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie ein Rieseneiszapfen, -zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren -unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer -hing, so daß beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. -Und ihre Freundin, die winzige Mamsell Muskulusen mit -der dicken Perücke, und die wunderschöne Rätin Kirsten mit -ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers, und der -Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu -vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von -Schiller und Horny und Herr und Frau Egidi, ein junges -Ehepärchen, und zu feierlicheren Gelegenheiten Madame -Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs, die ganze -schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon, -August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. – -Wer sie alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer -lustigen Weimar, die fleißig bei der dicken kleinen Frau -Tiburtsius aus und ein gingen und Kathrinens guten Kaffee<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -tranken und die guten Kuchen aßen, die sie buk, und die -Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen Brotschnittchen -– und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von -Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, -so lange, bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das -Nachsehen hatte.</p> - -<p>Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der -Thür von Herrn Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch -an der blinkenden Küche von Kathrine. Sie wußten gar -wohl die Sachlage zu beurteilen; aber das störte sie nicht, -durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas Anregendes. -Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in -die schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau -trat, da wurde er gescholten und liebenswürdig gehänselt und -zwischen zwei schöne Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter -spielen. Und brauchte man sein Arbeitszimmer zu -lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu irgend -einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte -dann irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der -Apotheker, oder Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend -so eine Art Witz machten sie stets, gewöhnlich denselben.</p> - -<p>Das ging so fort jahraus, jahrein.</p> - -<p>Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht -der Wissenschaft war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten -von ihm erzählte, daß die Marktweiber ihn nicht nur in eine -Reihe mit Schiller und Goethe stellten, sondern noch weit -über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn ganz besonders -ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger war? -Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die -nicht im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, -überstäubt und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie -ein Stall gereinigt, sein Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine -Atmosphäre gelüftet, seine Gewohnheiten wurden mißachtet, -seine Ruhe wurde gestört, seine Stube genäßt, versandet, sein<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -Wein verschenkt – der Boden ihm unter den Füßen weggenommen. -Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.</p> - -<p>Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht -über den Zustand ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, -weil auch sie dem Trieb nach Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, -feindlich im Grunde ihrer Seele gegenüberstand. -Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt vom Stadthaus -ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die -sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, -von der sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom -Stadthause sie ihr mitteilte, und die Geschichte hatte sich -folgendermaßen zugetragen.</p> - -<p>»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der -Wirt ihr gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm -einfüllen ließ. »Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und -gafft, und bei mir steht ein Bauersmann, so 'n Stoffel, der -nich dreie zählen kann – der sollte in der Stadt einen Doktor -holen, aber welchen – das hatte er dir vergessen. Und nun -steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor dem neuen -Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is – und -kratzt sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, -da sieht der Rat Tiburtsius zum Fenster 'naus – der -weiß alles. Wenn einer, so kann der dir's sagen, den -mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch und -steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf – und thut 's -Maul nich auf.</p> - -<p>»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem -Herrn Rat mein Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann -da soll schnell einen Doktor aufs Land holen un weiß nich -mehr, welchen.‹</p> - -<p>»Der Herr Rat, der hört's dir nur – un sagt gleich: -›Das ist ja wunderlich – das ist ja wunderlich.‹</p> - -<p>»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das -hatte er gleich weg. – Der Doktor Wunderlich, der sollte<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -geholt werden. Es muß schonn so an recht Gelehrter sein, -dein Rat.« –</p> - -<p>Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen -und vergaß sie nicht, und wenn es die Gäste der Madame -gar zu bunt trieben und den Frieden des Herrn Rat gar zu -unverschämt störten und auch in ihrer Küche herumwirtschafteten, -das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um Mehlhäufchen -zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten, -weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden -Bilde gebrauchten – da dachte Tiburtsius' Kathrine, -daß man so einen gelehrten Mann doch mehr ästimieren -sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe von -Jahren lang.</p> - -<p>Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, -der seine zehn Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so -verlangte man es damals in Weimar von ihm, auch wirklich -gab; – es waren schon bald ihrer zehn beisammen, und der -Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und der -Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch -so und so viele sagten, wenn sie einander begegneten oder -ein Gespräch anfingen: »Heuer ist's aber in schönster Ordnung« -– oder »Ein kapitaler Februar« – oder »Ein Staatsfebruar« -– oder »Heite ham mer en Februar, der sich gewaschen -hat« – oder sonst dergleichen etwas, wie es die -alten Herren von damals zu sagen liebten.</p> - -<p>Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen -und Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, -wie weit sie in Jena schon Weimar voraus wären.</p> - -<p>Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare -Lustigkeit gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. -Die einen sahen ihn da, die andern begegneten ihm dort. -Er machte weite Spaziergänge, man hatte ihn mit Leuten -auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie -mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -je, ließ sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von -der Rätin bestäuben und dann wieder bürsten, ohne etwas -davon zu bemerken. Er suchte die Dinge, die er in der Hand -trug, in allen Ecken, jammerte nach der Brille, die ihm auf -der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie seinen -Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von -Kathrine ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt -des Hutes aber seinen alten Filzschuh unterm Arm trug. So -toll dies auch klingen mag, ist es doch wirklich und wahrhaftig -wahr und in Weimar auch bei alt und jung gar wohl -bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn -Rat fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung -abgeben, daß überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat -erzähle, vollständig auf Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, -was ich in dieser Geschichte zum besten geben will.</p> - -<p>Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so -manches Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, -es würden sich so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, -Gelten und Schaffen aufmachen, um auch aus meiner Quelle -zu schöpfen, daß ich wohlweislich schweigen werde. Sie -würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei weitem -wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. – Sie würden sich -mit wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen -oder höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die -Goethezeit mit allem Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. -– Jawohl – daraus wird aber nichts.</p> - -<p>Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich -schuldig gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre -thun, gestehe ich, daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh -unterm Arm statt seines Hutes getragen hat, sondern -etwas andres, was ich mir aber erlaubt habe, des guten Tons -halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der Rat war -eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine -und die Rätin meinten, daß er sein müßte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p> - -<p>So ging es eine ganze Weile fort.</p> - -<p>Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr -Rat einen Kauf müsse abgeschlossen haben; aber was er gekauft -habe, das konnten sie ihr nicht sagen. Auf dem Stadtgericht -war er auch gesehen worden. – Gott weiß, wo alles -man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte -man ihn gesehen haben.</p> - -<p>Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste -grübelten, Kathrine grübelte. Man fragte, man sprach allerlei -Vermutungen aus. Die einen meinten, er habe sich ein -Reitpferd gekauft – darüber mußte aber die Frau Rätin -lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen – da -lachte die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade -recht gewesen. Einen Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte -der Apotheker. Andre wieder kamen darauf, er wolle der -Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht darüber -einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.</p> - -<p>»Das ist meine Sache – meine Sache – meine Sache!« -fuhr er seine Frau an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er -sie wahr und wahrhaftig an, als sie hinterlistig und energisch -hinterlistig in ihn dringen wollte.</p> - -<p>Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter -alter Gatte mit einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes -fühlte, was sie veranlaßte, nicht weiter in ihn -zu dringen.</p> - -<p>Und so blieb er so weit unbehelligt.</p> - -<p>Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern -zur Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in -seinem Zimmer auf und nieder und pfiff. – Er pfiff wirklich. -– Wie sonderbar es klang, und wie sonderbar er es -fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm ordentlich -steif geworden und juckten ihn. – Er hatte seit Jahrzehnten -nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.</p> - -<p>Aber heute! – Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -und schlürfte in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr -eifrig auf und nieder.</p> - -<p>Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und -kramte unten und oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk -stand, und auf dem, wo Hüte und Kappen lagen und wo -ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß. Dem nickte -er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«</p> - -<p>Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen -und den gestickten Westen herum, und ein paar weiße, -mächtige Halsbinden fielen oben vom Brett, wo sie neben -dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf. Es -knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu -hinterst im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß -in einer, und die hatte eine Mechanik und schnappte.</p> - -<p>Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen -und den gestickten Westen – und sah nach, was angebissen -hatte.</p> - -<p>»Ei – ei – ei – ei!« sagte er betroffen und gedachte -seiner Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, -trotzdem er sie bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -– und kramte weiter.</p> - -<p>Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm -von einem alten Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, -der ihm von oben bis unten ging. Er schien, nach dem -Zustand zu urteilen, in dem er sich befand, der Vater von -dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat gerade -anhatte – oder auch der Großvater davon. Er war so eine -Art Schlafrockheiligtum.</p> - -<p>»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet -vor sich hin und schaute den schäbigen Gesellen -pfiffig an und schaute auf die Rutschpartieen von altbekannten -Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, wo er die Feder jahrelang -ausgewischt hatte, so daß glänzende Krusten entstanden -waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und unbestimmbare<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines -vergangenen Lebens.</p> - -<p>Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte -ihn sorgfältig und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden -band er ein paar große Latschen darauf, schob dann -das Paket in eine Ecke und stellte einen Lehnstuhl davor -und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine ganze Weile, -schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er vorsichtig -zur Thür hinaus. Es war still, ganz still – Kathrine -mußte auch fort sein.</p> - -<p>Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht -des Rats. Er legte die Hände über sein spitzes Bäuchlein, -das sich unvermittelt wie ein Schwalbennest an der hagern -Figur angehängt hatte, und wandelte so weiter. Diesmal -aber pfiff er nicht.</p> - -<p>Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, -wie in der Kirche, wenn er seinen Choral absang – aber ein -gutes, herzerfreuendes Lied war es, kein Choral. Und nur die -erste Strophe davon – weiter nicht. Er sang so schüchtern, -als wollte er einer schönen Dame eine Liebeserklärung singend -vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck über seinem -Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber kannte -und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.</p> - -<p>Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen -auf die gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß -es golden glänzte, und die Strahlen, die in das große Becken -des Marktbrunnens plätscherten, ließ sie wie lebendiges Silber -glänzen.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.</p> - -<p>Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung, -eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz -schleicht, die das ganze Leben vergessen läßt und uns in die<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -liebe, gute Jugend versetzt, denn der Herr Rat hatte alles, -nur keinen Garten, und er sang genau so, als hätte er einen, -nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht erinnerungsselig, -sondern triumphierend – wirklich triumphierend. Und er -schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn -auf seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit -wir's kurz sagen: er hatte wirklich einen Garten. Er hatte -einen Garten gekauft – für sich selbst einen Garten, kein -Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch der Stadt nichts -vermacht. Gott bewahre!</p> - -<p>Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig -dichter wurde, mit seinem Flausrock unterm Arme in sein -neu erworbenes Eigentum zu wandern.</p> - -<p>Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten -würdige Idee gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es -sollte so lang als möglich niemand etwas davon erfahren, -und deshalb wartete er auf die Dämmerung und sang das -Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die -Kathrine ausgegangen war.</p> - -<p>Und endlich – endlich war es so weit. Der Rat -schlüpfte in seinen Rock, nahm Stock und Hut, legte über -den Flausrock und über die alten Latschen ein zerknittertes -Fetzchen blaues Papier, das er aus einem Fache seines -Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu jener -Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo -man einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem -in ein einziges Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. -Man dachte an eine solche papierne Flut, wie sie uns heute -überschwemmt hat, noch nicht im Traume damals.</p> - -<p>Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen -Zeitung, wie die »Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, -denn er zupfte und reckte und strich an seinem blauen festen -alten Papierchen, das gar nichts decken wollte, sondern nur -wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die -Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft -in die Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das -Frauenzimmer mit den Bürsten ebensowenig daheim war -als die Gattin mit der Puderquaste und der Puderschachtel.</p> - -<p>Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte -er sich nun einmal angewöhnt.</p> - -<p>Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, -als es sich irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch -die Wünschengasse unter dem Wittumspalais hin, die alte -ausgetretene Treppe, die zur Esplanade führt, hinauf; da, -unter den alten Linden, war es schon recht dämmerig. Für -den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; aber -diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in -dem Garten glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, -wie er den Flausrock dort aufhängen würde, damit er künftig -alle Herrlichkeit in seinem Garten auch ganz kommod genießen -könnte, denn im Staatsrock und in Lederstiefeln, das -hätte ihm nicht gepaßt.</p> - -<p>Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das -schien ihm ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem -Partiechen, hörten und sahen nichts, das kannte er. So ging -er weiter und hinter dem Theater noch ein Stückchen Erfurterstraße, -bis ans Erfurter Chausseehäuschen, dann ging die -Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin – Garten -an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur -Wallendorfer Mühle.</p> - -<p>Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, -mit zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges -langweiliges Strählchen Wasser, mit langweiligen runden -und dreieckigen Beeten, auf denen wohlgeordnete Blumen -von gleicher Höhe und gleicher Farbe wachsen, mit dünnem -Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen winzigen -Grasfleckchen – keine so blechernen Gärten, in denen die<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, -Gärten, wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren -urwüchsige Gärten, gesegnete Gärten.</p> - -<p>Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit -von der Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle -aus, den hatte der Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem -Liebchen schlich er an den Gartenzäunen hin. Die Hand -hielt er in der Tasche und faßte den Schlüssel darin fest, -mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.</p> - -<p>Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete -zwischen den Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend -etwas anging – und jetzt stand er vor seiner Thür – seiner -Thür, einer Thür aus zart silberglänzenden, verwitterten -Latten, und durch den Bretterzaun steckten Himbeerbüsche -ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der Garten -wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun -quoll der Duft aus dem vollen grünen Garten – und der -Duft gehörte dem Herrn Rat. Ehe er wirklich aufschloß, -schnaufte er ein paarmal tief.</p> - -<p>So ein Duft aus dem eigenen Garten!</p> - -<p>Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen -zuführte, standen die Sommerblumen schon in dicken Knospen, -und die Pfingstrosen blühten in ganzen Ballen, und Irisblumen, -blaue und gelbe. Die Aepfel- und Birnen- und -Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.</p> - -<p>Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste -Dach der Lottenmühle beschatteten, schützten den Garten von -Norden und hüllten ihn in einen dichten grünen Mantel. -Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und quoll und -blühte und knospte und duftete.</p> - -<p>Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und -die großen Bündel des gestreiften Bandgrases raschelten und -wisperten ganz fein im Winde wie Schilf – nur weicher.</p> - -<p>Und alles war so weich, so voll, so lebendig – Farben<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -lugten aus der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer -dicker, flossen immer mehr zusammen, und es war feierlich -im Garten des Herrn Tiburtsius.</p> - -<p>Der stand immer noch mit dem zusammengerollten -Flausrock mitten auf dem Weg, ohne sich zu regen.</p> - -<p>Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich -zu rühren. Kein Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich -befand und wie er sich befand, und er kam sich vor wie ein -Vogel in einem grünen versteckten Nest, den keines Menschen -Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er -das Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der -eigenen, in dem weichen, vollen Garten erschreckt.</p> - -<p>Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im -dumpfen dunklen Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, -trockenem Laub, alten Weidenkörben und etwas moderig roch, -aufgehängt. Der Rat mußte mit den Händen nach einem -Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem ein -paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.</p> - -<p>Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den -Gemüsebeeten hin und her, bückte sich und befühlte die -Salatpflanzen, die sich schon zu Köpfen ballten. So zart -und elastisch waren sie und fühlten sich etwas fettig an. -Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend Schlupfwinkeln -so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die -Finger.</p> - -<p>Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte -man die Grillen zirpen, und die Luft war voll Laubduft. -Und manchmal trug ein Windchen den unaussprechlich zarten -Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen durch die -Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos -blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -her kamen ganze Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, -so vielgestaltet; bald empfand der Rat diesen wundervollen -Duft wie Vanille, bald wie alle schönen bekannten -und unbekannten Düfte zusammengebraut.</p> - -<p>Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und -das Klappern und Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, -und die Birken und Eschen rauschten dazu. – Die Dunkelheit -sank immer tiefer herab, und der Herr Rat tastete sich -aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und -machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, -blieb er noch lange ganz versunken stehen und atmete den -schönen Gartenfrieden ein, und die Dunkelheit verbarg ihn -mit allen seinen Schätzen vor aller Welt, ihn mit seinen -Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen, seinen -knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln, -Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem -Gurkenkraut, seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden -und den hundertfach knospenden Centifolienbüschen.</p> - -<p>Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der -Stadt zuging, da kam er wirklich wie von seiner Liebsten – -und zu Hause ließ er kein Wörtchen verlauten.</p> - -<p>Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der -Schopenhauern zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« -bei seinen alten Herren gewesen. – Und unter -denen ging es das eine Mal so zu wie das andre Mal, da -war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem -alten Ehepaar.</p> - -<p>Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er -sich wieder auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es -schnatterte bis in sein Studierzimmer, und in der Küche -wurde gebacken und geklappert. Es war großer Damenthee.</p> - -<p>Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und -arbeitete im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -und saß vor dem Gartenhäuschen und paffte aus seiner -Pfeife, schaute in den blauen Himmel, hörte auf eine Lerche, -die draußen in den Feldern aufstieg, schnaufte tief den Duft -seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte sich mit -den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.</p> - -<p>Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der -alte Bretterzaun war hoch, und von den Nachbargärten war -er auch nicht ohne weiteres zu belauschen. Dieser Umstand -hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat zum Ankauf -dieses Grundstückes zu bestimmen.</p> - -<p>Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie -sangen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Es fuhr ein Bauer ins Holz,<br /></span> -<span class="i0">Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,<br /></span> -<span class="i0">Ki – ka – Kirmsenholz,<br /></span> -<span class="i0">Es fuhr ein Bauer ins Holz.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt -alles Spaß.</p> - -<p>Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein -Lächeln, wie es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin -war, seine Muskeln niemals inkommodiert hatte.</p> - -<p>Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause -zu sein. Darüber mußte er nun wieder lächeln, denn so -ganz geheuer kam es ihm doch nicht vor, und er dachte an -den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, als er die -Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch -sehen, wer Herr im Hause ist!«</p> - -<p>So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -– aber – aber.</p> - -<p>Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht -heraus hatten, war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder -durch den Kopf. Wirklich, das war ein seltener Glücksfall. -Eigentlich nicht zu glauben. Der Zinngießer Lange, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte wirklich -so weit reinen Mund gehalten haben.</p> - -<p>Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier -Wochen lang schlüpfte er nun schon wie der Fuchs in seinen -Bau, und es war ihm, als stände er unter ganz besonderer -göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch frech und -unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten -Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar -Porreestauden und Dill und Gurkenkraut, was zu einem -ordentlichen Salat gehört.</p> - -<p>Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, -denn es war durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. -Der Salat aber war vortrefflich.</p> - -<p>Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für -die Heimlichkeiten des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin -genoß mit ihren Bekanntinnen und Bekannten den Sommer -mit einer erstaunlichen Energie.</p> - -<p>Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, -lief Kathrine mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor -Ortelli und brachte ihr den Beutel ganz appetitlich gefüllt -wieder mit heim. Und die Frau Rätin nahm ihn dann, -setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um -und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte -darauf von seinem Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in -der Nähe des »Elefanten«, der dem Hause des Herrn Rat gerade -gegenüber lag, postierte und wie eine Schildwache auf und -nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn sie war eine pünktliche -Frau – dann gesellten sich allerlei Personen zu ihr und -gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse -kamen verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit -der Adele und den Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und -die Ratsmädchen; gewöhnlich auch die Begleiter der beiden -Mädchen, die guten Freunde, und auch Bekannte von den -Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, -und die kleine Muskulusen kam angerannt und manchmal auch -die Kummerfelden mit einigen Schülerinnen, manchmal auch -mit allen, wie es sich gerade traf.</p> - -<p>Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und -alten Weimaranern und Weimaranerinnen lachte und schnatterte -und setzte sich endlich in Bewegung. Entweder nach -Tieffurth zu oder nach Belvedere oder Ettersburg oder Tröbsdorf, -nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« nannten, nach -Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern -und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen -sind, nach Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und -nach Nora.</p> - -<p>So genoß man damals den Sommer, wo noch keine -Menschenseele daran dachte, eine Badereise zu machen oder -in die Sommerfrische zu gehen.</p> - -<p>Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. -Jeder alte Weimarsche Garten hatte seinen kleinen -Herd im Freien, einen gemauerten Herd, auf dem ein Rost -stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so recht Altäre -der Geselligkeit.</p> - -<p>Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie -herrlich es war, wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen -aufstiegen, die Würste sich auf dem heißen Roste wanden, -dann platzten und rauchig dufteten, und die Leute im Garten -bei einander saßen mit Weißbroten und Bier, hauseingelegtem -Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und -Gesang.</p> - -<p>Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und ähnliche Lieder.</p> - -<p>In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch -so ein Bratwurstherd, und es war ihm mehrmals schon das<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Wasser im Munde zusammengelaufen, wenn er davor gestanden -hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben, -als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine -Wurst begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.</p> - -<p>Nein – nein – lieber keine Wurst!</p> - -<p>Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer -müßigen Stunde das Gelüste gekommen, sich ganz allein ein -Paar Würste zu braten – das wäre gegangen, aber der -Rauch! Den hätten sie in allen Gärten geschnuppert. – -Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht gewesen; -aber verlockt hatte es ihn – sehr verlockt.</p> - -<p>Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren -Kern die Frau Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf -bewegt hatte, ging er wieder in den Garten. Es wurde -ihm jetzt schon gar nicht leicht, sich mit Amtsgeschäften auszureden, -wenn die Rätin ihn fragte: »Aber Gustävchen, -heute kommst du doch nach – kommst uns wenigstens entgegen?« -Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau -Rätin und schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und -wie er diesmal im Garten war, fiel es ihm auf die Seele, -daß es eigentlich so nicht fortgehen könne, und das stimmte -ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als wäre der -schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er -dachte aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's -auch weiter gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's -auch vielleicht noch lang niemand,« und beruhigte sich -damit und goß seinen Salat und die Radieschen und alles, -was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der Herr Rat -ernten sollte.</p> - -<p>Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all -dem Gemüse hin sollte – und wenn das Obst reifte – die -Kirschen glühten schon zwischen den grünen Zweigen: ja, -was sollte er mit all den Dingen machen? – hm – das -wußte er nicht recht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p>Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. -Allerlei wollte sich eindrängen, was ihm nicht paßte. Es -lag so in der Luft, war schwül und trüb heute. Der Garten -war so dicht und grün und voll, so sommerlich und still, -und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf -und dröhnend.</p> - -<p>Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, -vor Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen -auf und trat behutsam hinaus, schaute nach links: da war -die Luft sauber, keine Menschenseele zu bemerken – schaute -nach rechts – und stand wie vom Blitz gerührt. – Ja, -wo hatte er denn seine Ohren gehabt? – Drei Gartenthüren -von ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da -kam es angerückt. – Ihm schien es wie Tausende von -Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden Armen, Tausende -von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen -auch geschwenkt wurde. – Das war die Lawine, die doch -heute in Tröbsdorf hätte sein sollen. Und mit welchem -Lärm kam diese Lawine an! Dem armen Rat schwindelte.</p> - -<p>»Ja – ja – ja – was ist denn das?« riefen aus -dem Gewirre verschiedene Stimmen zugleich.</p> - -<p>»Aber Gustävchen – Gustävchen!« – Das war die -Stimme der Rätin. – Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, -daß er die Hand noch am Schlüssel hatte, um ihn abzuziehen -– das hatte die ganze Lawine gesehen, da war -nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb -regungslos – und da waren sie schon alle um ihn.</p> - -<p>»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.</p> - -<p>Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den -Herrn Rat mit ihren großen, runden Augen an.</p> - -<p>»Aber Gustävchen! – Aber Gustävchen!« Das war -wieder die knarrende Stimme der kleinen Rätin. »Was ist -denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst du denn her?<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst -und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich -alle um ihn wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den -Kindern auf Weimars Gassen sehr beliebt war und noch -ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des Wickelkloses -steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden. -Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und -sagte: »Das ist mein Garten. – Ich komme – ich habe – -ich komme aus meinem Garten – ich habe mir nämlich einen -Garten gekauft.«</p> - -<p>»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.</p> - -<p>Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. -Aber die Frau Rätin, die kleine, fette Frau, war Meisterin -darin, in das einzige »Aber Gustävchen!« ganz unglaublich -viel zu verpacken.</p> - -<p>Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt -ihren ganzen Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert -Variationen. Sie konnte auf dieser einen Violinsaite ganze -Lieder und Musikstücke spielen.</p> - -<p>Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen -Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter -Regimentsgaul.</p> - -<p>»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie -ein kleines vollgeladenes Gewitterchen.</p> - -<p>Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der -Bühne und spräche zum Publikum gewendet: »Einen Garten -hat er also gekauft, und kein Pferd und kein Kütschchen.«</p> - -<p>Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine -Gite! – Du meine Gite!«</p> - -<p>»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk -lachte. – Und sie riefen alle durcheinander alles mögliche -in Weimarscher Ursprache.</p> - -<p>»Ne aber!« – »Herr Jemine!« – »Herr Jes!« und -machten ein arges Geschrei damit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p> - -<p>Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n -mer uns doch aber auch einmal den Garten ansehen.« – -Und gesagt gethan. Die Thür ging auf.</p> - -<p>Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste -dazu, und nun strömte es hinein und riß den armen Rat -mit sich.</p> - -<p>Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn -Rat ein wenig beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte -Miene aufgesetzt mit so viel Grandezza, als womit sie ihre -Hüte und Hauben aufzusetzen pflegte. Und diejenigen, welche -dem Paar am nächsten standen, hörten verschiedene scharf -betonte »Aber Gustävchen!«</p> - -<p>So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte -und so viel Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten -mit den vielen lustigen Leuten und dem vielen Gemüse, dem -Obst und den Sommerblumen und den pflückreifen Kirschen -und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und dem -Beerenobst doch auch an.</p> - -<p>Und alle waren in der besten Stimmung; der arme -Rat mußte wahrhaft Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr -Mütchen an ihm und hänselten ihn und zeckten und neckten -ohne Aufhören.</p> - -<p>Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann -war und mehr wußte als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, -daß zu verschiedenen Malen sein Name in den -Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half es -ihm, eben gar nichts!</p> - -<p>Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die -alten Latschen und die große Pfeife entdeckten, brach ein -Hallo aus. Sie drängten mit solcher Wucht in das Häuschen, -alle auf einmal, um den Flausrock zu betrachten, daß -es den Anschein hatte, als wollten sie die stille, winzige -Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, -Erde und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p> - -<p>Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, -mitten unter lauter Stimmen, die nicht müde wurden, den -Rat zu bearbeiten und zu ärgern, erhob sich plötzlich eine, -die rief und alle andern wie mit einem Schlag verstummen -ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«</p> - -<p>Das hatte eingeschlagen – und es zeigte sich, daß die -alten Weimaraner wahren Feldherrnblick hatten, wenn es -galt, ein Vergnügen beim Zipfel zu fassen; denn wer weiß, -was alles dazu gehört, ein wirkliches und wahrhaftiges -Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das -so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.</p> - -<p>Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in -aller Eile nach allen Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, -was zu holen war. Die einen mußten in die »Armbrust« -laufen und die Würste herbeischaffen. Der Apotheker wußte -ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und -Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes -Kompliment vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.</p> - -<p>Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen -und Budang bei sich aus dem Keller holen, um -ihn zum Feste zu stiften. Der Apotheker lieferte die Brote. -Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von dem gebracht -werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand -am nächsten.</p> - -<p>Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf -dem Frauenplan oder am Markt, nur die Kummerfelden, -die aber hatte nicht so viel Teller.</p> - -<p>Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit -zugegen. Zu der schickte die Frau Rätin und ließ sagen: -»Eine schöne Empfehlung und ob die Frau Schopenhauern -und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben wollten, in der -Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen, -und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -Gläser und viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer -mitzugeben.«</p> - -<p>Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin -– und das fiel niemand auf – nur dem Rat fiel es auf.</p> - -<p>Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im -Garten, dem Rat brauchte das Wasser nun nicht mehr im -Munde zusammenzulaufen.</p> - -<p>Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte -er sich nun beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben -Abend schon zu Gerichte; die Frau Rätin trieb einen wahren -Handel. Zu einer gewissen Zeit sollten Apothekers beginnen, -sich den Salat zu holen und die Mohrrüben, und zum Einmachen -konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie -gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden -sollten alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich -für ein billiges erstehen.</p> - -<p>Und nun sangen sie an diesem Abend alle:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Nur der Herr Rat sang nicht mit.</p> - -<p>Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen -war.</p> - -<p>Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist -mir doch immer abgegangen.«</p> - -<p>Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff -zu, als die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig -gestopft waren – und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche -aus, die alle den geheimnisvollen Kauf des Herrn -Rat in der Mache hatten.</p> - -<p>Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Rat, das ist ein schlauer Mann,<br /></span> -<span class="i0">Der wollte einen Garten han,<br /></span> -<span class="i0">Der kauft sich einen Garten<br /></span> -<span class="i0">Und ließ die andern warten.«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> -<p>Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich.</p> - -<p>Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und -konnte es nicht satt bekommen, seinen alten Rat zu ärgern.</p> - -<p>»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem, -mein Schatz, und zieh deinen schönen Flausrock an -und die Latschen und stecke die Pfeife an, damit wir doch -auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so kommod umeinander -geschoben bist.«</p> - -<p>Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte -so etwas an sich, daß er immer das aussprach, was in den -andern noch unbewußt schlummerte.</p> - -<p>Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen, -so, als wollten sie's zum Platzen bringen, und -holten den Flausrock, brachten ihn angeschleift und rissen -sich um die Latschen und brachten die Pfeife, und der arme -Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich in seinen -Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker -hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und -mußte den Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade.</p> - -<p>In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm -sein Lebtag noch nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn -er sich auch die Entdeckung seines Gartens manchmal vorgestellt -hatte, so, in solcher Gestalt, hatte er sie sich nicht vorgestellt. -Das sind ja lauter Teufel! Die Menschen sind ja Teufel! -dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen Mucks zu thun.</p> - -<p>Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen. -Aeußerlich zornig zu sein hatte er ganz verlernt, und das -war das Schlimme und Ungesunde.</p> - -<p>Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit -vor den Augen herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und -besingen und rührte sich nicht. Er ließ sich alles gefallen -und machte den liebenswürdigen Wirt und ließ sich eben gar -nichts davon merken, daß unter dem Flausrock nachgerade -ein Hexenkessel braute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<p>Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde -ich sie nur wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit, -dazu Pläne zu schmieden – aber – aber –</p> - -<p>Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer, -denen er zu Hause davongelaufen war, deretwegen -einzig und allein, um ihnen entwischen zu können, er sich -diesen Garten gekauft hatte, die würden nun tagtäglich, -wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. – Und diese -unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne -Ende – denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre -Whistpartieen abhalten würden?</p> - -<p>Was sah er nicht alles kommen!</p> - -<p>Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen! -Der Rat verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln, -das war ja sein eigenstes Element. Was hatte er an langen -Winterabenden bei seinem Leuchter mit dem grünen Schirm -nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt!</p> - -<p>Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese -wissenschaftlichen. Wer das kann, der wird doch auch ein -paar Frauenzimmer loswerden können.</p> - -<p>Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem -Garten im Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die -ihm die Galle überlaufen ließen.</p> - -<p>Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen, -das wußte er im voraus, und der Kathrine auch einen; die -Kathrine würde dann im Garten zu putzen und zu wirtschaften -anfangen wie in ihrer Küche, unter den Büschen -rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen -und auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn. -Und er erlebte im Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten -Feste auf Feste feierte, ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste -in schwerer Menge, auch ein Perlzwiebelfest – -natürlich. Da sah er schon die ganze Gesellschaft um das -lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die Zwiebelchen<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm jedenfalls -einen Gefallen thun, die Unsinnigen – wie ihn das -schon im voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte -ihm weiter aus, wie Kathrine während der Arbeit allen -Kuchen präsentierte, und wie dem mit einem vorsündflutlichen -Appetit zugesprochen wurde.</p> - -<p>Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle -Frauenzimmer auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen -und in große Flocken Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden -in ihrem geblümten Kleid und die Muskulus mit der großen -Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack nannte; über der -Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen Veilchenhut -auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich -genau vor sich.</p> - -<p>Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und -Madame Schopenhauer und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen -mit ihren Freundinnen und Freunden und die -Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch Frauenzimmer -und noch viele mehr – eben alle, die jetzt auch leibhaftig -im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht -worden waren, herumwirtschafteten.</p> - -<p>Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen -Hauptärger, die waren damals und sind noch jetzt in Weimar -stark vertreten.</p> - -<p>Jetzt war das Maß voll, über und über voll – das -Blut des geduldigen Mannes war endlich in Wallung geraten -– in eine ganz wütende Wallung. Wie er so hellsehend -und außer sich umherlief, kamen ihm die Ratsmädchen -gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten -ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie -würden an allen Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu -gleicher Zeit sein und unter allen Beerensträuchern hocken -und immer mit einem Gefolge von so und so vielen. Sie -waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren.<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine -große weiße Halsbinde mit der Mechanik hinein.</p> - -<p>»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben – -diese Bestien?« Das war und blieb es, worüber der Herr -Rat rachsüchtig und leidenschaftlich grübelte. – Und mit -einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen kommen, -da hatte er's – da rieb er sich die Hände in seiner Wut -und flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter -die dunkelsten Wege auf und nieder.</p> - -<p>Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die -Rätin hatte heute ihr karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke -kleine Gestalt wie eine Haut umspannte. Um den Nacken -trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie saßen jetzt vor dem -Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und stippten -Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine -Wohl geliefert.</p> - -<p>Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen -und sprachen aufs ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter -als kurz vorher, und es hatte den Anschein, als wäre -die lustige plappernde Lawine im Handumdrehen zu einer -Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die sich nicht so -ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem Bratwurstfest -sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin -eine ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit -zu Füßen.</p> - -<p>Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, -auch den Arthur und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.</p> - -<p>Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür -und verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein -Stein ins Wasser fällt, zieht er Kreise, und Kreise zog auch -Arthur Schopenhauer in den Gesellschaften, in die er fiel -oder fallen mußte, Kreise des Schweigens und des Verstummens.</p> - -<p>Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -schaute seine Frau Mama mit angstvollen Augen auf ihn. -Heute sprach er wieder einmal gar nicht. »Ein rechtes Kreuz -für so eine gescheite, liebenswürdige Dame wie die Schopenhauern,« -dachten die Frauen.</p> - -<p>Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch -wie ein Alp auf allen andern. Er »glubschte«, wie die -Weimaraner sagen, so von unten auf mit seinen großen -blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn, -wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel -gewachsen war.</p> - -<p>Ein ungemütlicher Bursche!</p> - -<p>Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen -Wirt, dienerte nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen -die Zuckerdose und die Tabaksdose. Es war ihm -in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei andressiert worden. -Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat beobachtet -hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen -haben.</p> - -<p>Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald -das andre Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als -wollte er eins davon kaufen, oder als hätte er irgendwie -sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte er sich aufs Malen -verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war manchmal -ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt -sah, ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber, -Gustävchen,« zu sagen.</p> - -<p>Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich -standesgemäß benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau -unter den Kirschbäumen die Würste, setzten die Windlichter -hin und trugen die dampfenden Herrlichkeiten haufenweise -auf.</p> - -<p>Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug, -um mit der Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es -zwar alle, daß die Rätin es liebte, wenn man sich hin und<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in Weimar sagen; damit -war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten sie -jetzt überwunden.</p> - -<p>Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter -Letzt zu den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett -antreten, und setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um -nun endlich mit einem Wolfshunger über die Herrlichkeiten -herzufallen.</p> - -<p>Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht -stark zusprach, aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige -Gewohnheit, dem Hausmuff, so daß ein leises, wohlmeinendes -»Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt kam, mitten durch -das Stimmengemurmel.</p> - -<p>Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher, -andre spielten Rat- und Antwortspiele und benahmen sich, -wie es sich für gesättigte Menschen geziemt. Den Rat sah -man mit der Kummerfelden umherwandern. Das war sonst -nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim einzulassen.</p> - -<p>Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle -zu, und die Kummerfelden wunderte sich über den -galanten Rat.</p> - -<p>Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt, -der rauschte nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das -Wasser. Da, mit einem Male, war es der Kummerfelden -ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und traumhaft. -Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften -– und dann – als führe er ihr mit dem Kopf in das -Gesicht.</p> - -<p>Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß -sie an die Nase, und um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. -Und der Kummerfelden war es, als schöbe er sie -dem Mühlbache zu.</p> - -<p>»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf,<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -»was hat denn der Mann? – Sollte er tobsüchtig geworden -sein?«</p> - -<p>»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der -Rat wütend in seine große Halsbinde mit Mechanik hinein -und würgte die erschreckte Kummerfelden wieder. Der wurde -es angst und bang, sie hätte schreien mögen, verließ sich aber -fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn »Schreien«, das kam -ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr ihr ihre -ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn -man sie schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander -finden würde, denn er war immer noch ganz ungebärdig -und fuhr ihr beständig mit dem Kopf ins Gesicht.</p> - -<p>Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in -Leipzig, Hamburg und Weimar, gingen mit unbegreiflicher -Geschwindigkeit durch ihre Seele, aber da war keine, die mit -dieser einige Aehnlichkeit gehabt hätte, es müßte denn eine -Liebesscene gewesen sein – ach du barmherziger Gott – so -ein sträflicher Gedanke! Der alte, wohlverehelichte Rat und -sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt« ließ sie in -diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn alles, -was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, -das war in ein paar Sekunden hineingezwängt.</p> - -<p>Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den -sie für Herrn Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht -aufhörte, sondern fortfuhr, sie mit seiner Person zu bedrängen, -gab sie ihm einen ganz gehörigen Puff vor die Brust mit -ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte etwas -auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen -und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch -dick und dünn, durch Gemüsebeete und Blumenbeete mit -schiefer Haube der Gesellschaft und den Windlichtern zu.</p> - -<p>Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«</p> - -<p>»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was -ist mir denn das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -sind Sie denn so umhergesprungen? – Ich habe Sie ja -springen sehen.«</p> - -<p>Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer -Haube, die saß ganz miserabel; aber sie konnte nicht antworten, -die arme Kummerfelden, denn sie war völlig außer -Atem und wollte das nicht merken lassen. Ihr gutes, -menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum -Zerspringen.</p> - -<p>»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was -ist mir denn das? Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet – -oder – oder wie wär's denn mit noch einem Gläschen?«</p> - -<p>Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick -der alten, guten Dame.</p> - -<p>»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang -sich ihr mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!«</p> - -<p>»Aber so zu springen! – Ich habe Sie ja gesehen.« -Der Apotheker bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen, -und stützte die beiden fetten Händchen auf die runden Beine.</p> - -<p>»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie -ärgerlich und nach Luft schnappend.</p> - -<p>Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte -die Hände ihr auf die Schulter und schaute sie an mit einem -Paar so großer, mitleidvoller Augen, wie man die Frau -möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes ansehen -würde.</p> - -<p>Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr -Mienenspiel war durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger -geworden als andern Leuten ihres.</p> - -<p>»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die -Rätin ganz betroffen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit -einem weiblichen Wesen im Garten auf und nieder, und<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -wieder kamen sie in die Nähe des Mühlbachs, in die tiefste -Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat sein Opfer. -Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der -Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen, -hatte eine unsinnige Angst angestanden, so daß die -doch gewiß erfahrene Kummerfelden über das, was sich -zwischen ihr und dem Rat abgespielt hatte, im unklaren geblieben -war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte die -kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt, -war aber statt auf den Mund in den Mund geraten, denn -sie hatte ihn vor Schreck weit aufgesperrt.</p> - -<p>Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte -sie ein paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel -gar nicht mehr aufkommen konnte.</p> - -<p>»Ach, Herr Rat – ach, Herr Rat –« lispelte die kleine -Mamsell verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick -ihren Kopf und die große weiche Perücke an seiner -Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz überwältigt, fühlte -vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt worden war, -und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle.</p> - -<p>Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die -Kleider zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, -und es wurde ihm sonderbar, als dies nicht geschah. -Die Muskulusen wandelte mit ihm auf und nieder in der -tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner Hand -tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, -daß sie ihm von jeher sehr ergeben sei – aber ebenso seiner -Gemahlin, und daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen -Frau schuldig sei. Mamsell Muskulus sprach wohlgesetzt -und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr unbequem, -so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu -führen.</p> - -<p>Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. -Und als sie in den Schein der Windlichter traten, bemerkte<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -der Rat, daß Mamsell Muskulusen einen ganz verklärten -Ausdruck hatte.</p> - -<p>Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine -andre; diesmal jedoch war er an die Adele Schopenhauer -geraten, da war's ihm angst und bange dabei; er beschränkte -sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu küssen und die -Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte -er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen. -Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer -Hoheit und schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte -und erschreckte, und in wahrer sittlicher Empörung verließ -sie den verblüfften Rat am Mühlbach und wandelte ruhig -gemessen ihres Weges.</p> - -<p>»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun -einmal ein ganzer Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt -hatte, so mußte die auch durchgeführt werden, und -so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf ein Frauenzimmer -– und wieder auf eins – und wieder auf eins – -und wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig -dabei, spitzte die Lippen mit einer wahren Virtuosität und -wütender Zärtlichkeit, denn seine Wut hatte sich gewissermaßen -in Zärtlichkeit verwandelt.</p> - -<p>Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme -gelaufen, die kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche -Jammertöne aus, daß es dem Rat erst recht angst wurde.</p> - -<p>»Ach mei' Mann – mei' Mann! – Was wird mei' -Mann sagen!« rief sie laut und ängstlich, so daß der Rat -fürchtete, sie würden alle zusammenlaufen, und daß er von -ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen ließ.</p> - -<p>Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch -die Ratsmädchen in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte -er, denen kann's nicht schaden, wenn ich sie ein bißchen erschrecke, -die brächte ich mir gern vom Hals. Sie waren wie -immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab -jeder einen gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber -durchaus nicht erschreckte; sondern sie hakten sich in seine -Arme ein, äußerst vertrauensvoll, und Röse bog sich hinter -dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie hinüber und -flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können -wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. -Ich habe doch immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem -Gartenhäuschen etwas Sonderbares abgespielt: es war, als -hätten die vortrefflichen Würste und der gute Hausmuff ihre -Kraft verloren, als wäre nur alles eine Art Luftspiegelung -gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat noch gar -nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen -sein. Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, -die erschien sich wie verraten und verkauft unter -ihren guten Freundinnen.</p> - -<p>Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte -mit einem Male so ein Paar närrische Augen gemacht, als -wäre der Geist der Verwirrung in sie gefahren, dann war -mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie eine -Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft -über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und -überhaupt tuschelte man überall miteinander.</p> - -<p>»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der -Apotheker ganz verblüfft zur Rätin.</p> - -<p>Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten -ihr die Hühner das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit -allen war es mit einem Male nicht richtig. Es lag eine -drückende, schwüle Stimmung über der ganzen, sonst nach -vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf -die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als -hätten in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -Bankerott des Mannes erfahren als die Hausfrau und betrachteten -sie sich daraufhin.</p> - -<p>Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu -Mute – und wo steckte denn nur ihr Mann –?</p> - -<p>»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, -als es ihr immer unheimlicher wurde unter ihren Gästen. -Und als der Rat endlich kam, da war der Höhepunkt der -unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da erhoben sich -die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten -sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten -sie gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und -mit Schopenhauers brachen alle plötzlich auf – und fort -waren sie. Apothekers gingen auch mit, denn eins zieht nun -einmal das andre nach sich.</p> - -<p>Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch -der Rat, die ganz verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht -nur im Garten. Der Rat, die Rätin und Kathrine lebten -mit einem Mal im Haus am Markt wie auf einer einsamen -Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner -Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr -tugendhaft. Die Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig -vor Grübeln. Der Rat aber ging jetzt unbehelligt in -seinen Garten und wirtschaftete dort wieder im Flausrock. -Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß -er bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich -aus dem Weg gingen.</p> - -<p>Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene -wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal -aber hatte er auch auf einer Seite, wo er sonst immer -Niederlagen erlitt, Triumphe gefeiert, und außerdem sah und -hörte er nichts weiter.</p> - -<p>Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -Kummerfelden in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen -Salatköpfe auf den Komposthaufen und ordnete alles, -was seine gute Idee angerichtet hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. -Das Haus am Markt wurde so stille wie ein Grab; seine -Frau saß in sich gekehrt, war stumm und bedrückt zu jeder -Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten immer -fragend die Wände an.</p> - -<p>Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, -die ihn ganz eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie -wieder Appetit hätte. Der Rat aber machte lange Schritte -und schüttelte sich in der Erinnerung an die Strapazen, die -er durchgemacht hatte.</p> - -<p>Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer -bänger. Er fand jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. -Sie war ganz hilflos, ganz verwirrt. Im Herrn Rat regte -sich etwas – er wußte selbst nicht recht was, etwas Unbequemes, -Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er -ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen -Gartens gar nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit -dem er diese Einsamkeit erkauft hatte, verdient hätte; er -saß mit etwas Aehnlichem, wie einem schlechten Gewissen, -oben in der Studierstube, und wie ihn früher der Lärm gestört -hatte, so störte ihn jetzt die Stille.</p> - -<p>Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das -Vertreibungsmittel hatte ganz niederträchtig gewirkt.</p> - -<p>Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es -und Madame Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz -betreten entgegen. Und Madame Kummerfelden kam feierlich, -setzte sich aufs Kanapee und fragte nach dem Ergehen -und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun -pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf -Frau Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -mitleidig an, wie damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt -den Rücken hinunterlief – und dann kam die ganze -Pastete von Anfang bis zu Ende – alles, was geschehen -und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war, -mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -– und daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins -Haus setze und daß die junge Frau Egidi gesagt habe, ihr -Mann werde ihn fordern, und daß er selbst die harmlosen -Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld erzählt -hätten – und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt -habe auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht -für Küssen gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in -den Mühlbach habe werfen wollen, und daß er tollwütig -geworden sei – und daß die Rätin es sich nicht allzusehr -zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und -man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild -zu gewärtigen habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie -sei, es möge sich stellen, wie es wolle – und daß sie, die -Kummerfelden, von den Mannsbildern überhaupt nichts halte, -was sie auch trieben.</p> - -<p>Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas -im Wege, Zeugen haben sie die Hülle und Fülle, und das -sei in solchem Fall von größtem Wert.</p> - -<p>Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, -denn die Muskulusen hatte die ganze Zeit über -niemand gesprochen, die hatte sich mit ihren Liebesgefühlen -in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte davon noch -gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern -zu teilen hatte.</p> - -<p>»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. – -Mein Gott, für die Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten -sollen, so ein gescheiter, gelehrter Mann! – Es ist wie ein -böser Traum.«</p> - -<p>Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -die arme Rätin saß ganz bewegungslos da, starr und steif, -und ihre großen runden Augen fragten die Wände um Aufklärung. -Sie verstand nichts recht, sie war ganz auseinander -– ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, -als würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte -Fleisch- und Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -– und in diese Situation trat völlig unvermutet, leidlich -harmlos der Herr Rat – und wurde von der Kummerfelden -wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt – und -von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt – und zum -erstenmal in ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« -über ihre Lippen. Sie war verstummt. Und so saßen und -standen sich die drei gegenüber.</p> - -<p>Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, -als er in die richtenden Augen der Kummerfelden gesehen -hatte. – Das waren Augen, wie sie nur auf einem ganz -Gesunkenen ruhen konnten – und da die Kummerfelden -eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles Gesagte -und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles -Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. –</p> - -<p>»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das -aber doch gar nicht!« rang es sich protestierend aus der -Kehle des Herrn Rats los – und nun fing der Rat an -zu erklären – und predigte erst tauben Ohren – aber so -nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung -auf und sie schaute den Rat an – und in ihren -alten lustigen Augen blitzte es auf. Das waren wieder die -Augen der Kummerfelden, die Kirchenfenster, mit denen sie -den verworfenen Rat angeschaut hatte, mochten nur so eine -Art Kraftleistung gewesen sein. –</p> - -<p>»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -– haben gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -– na ja – gewissermaßen in gewissen Fällen schon. -Freilich, wenn Sie sie alle so geküßt haben wie mich – dann<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -glaub' ich's schon eher – dann schon. Aber wer küßt denn -auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen kann so ein -gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern -schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen – -wundert mich.«</p> - -<p>Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.</p> - -<p>»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich -alte Gans!« rief sie ein Mal über das andre Mal, »daß ich -mit den andern Weibsbildern Ach und Weh geschrieen habe! -Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«</p> - -<p>Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte -die blinkende Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller -und Kuchen und Tassen und das Zuckerdöschen.</p> - -<p>Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer -gewesen, urgemütlich, und auch die Erstarrung der armen -niedergedrückten Rätin löste sich – und das erste Zeichen -eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz unglaublich -betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -– Und darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, -wie nur sie lachen konnte.</p> - -<p>Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, -auf welche Weise der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich -gekauften Garten hatte vertreiben wollen, kam ganz -gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof erzählt und -bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall. – -Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu -würdigen, der Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen -Leute hatten überhaupt Vertrauen zu ihm und ließen sich -nun bei jeder Gelegenheit von ihm beraten, brachten ihm -ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne werden -lassen sollten.</p> - -<p>Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und -weshalb der Herr Rat die Frauenzimmer geküßt hatte, -herumgekommen war, seinen Spaziergang machte, der ging<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius -wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten -Freunde und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und -in den Garten, um zu zeigen, daß sie in keiner Weise etwas -gegen den Herrn Rat hätten, und in dem alten Garten, -ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend vorausgesehen -hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende statt -– Versöhnungsfeste.</p> - -<p>Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter -Mann sein und doch dem Leben gegenüber ein rechter Esel -bleiben könne – und daß selbst dem gescheitesten Manne -die Frauenzimmer immer über sind und über sein werden, -denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts -– nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_die_Enkelin_der_Ratsmaedel_zum">Wie die Enkelin der Ratsmädel zum -Blaustrumpf wurde.</h2> -</div> - -<p class="chap">Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott -und die Menschen, fühlte weder Unruh' noch Erregung, -weder Hoffnung noch Verzagen, aber hatte eine Art Zuversicht -und wußte wohl weshalb. Ein günstiges Schicksal -umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da -kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.</p> - -<p>An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, -dessen Kern fürs erste auch nicht verraten wird, denn, wer -weiß, vielleicht steht sie noch unter dessen Schutz – und -Schweigen ist eben bei jedem Zauber die Hauptsache.</p> - -<p>Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, -ließ ich es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten -gedruckt wurden; hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb -versucht, ein Zufall brachte es zuwege, ein Zufall -machte mich zum Blaustrumpf. Von der schwerwiegenden, -wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte ich -nichts – nicht das Geringste.</p> - -<p>Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!</p> - -<p>Ich fühlte mich so froh – so unbedacht!</p> - -<p>Was ich that, das war gethan – das stand mit dem, -was andre thaten, in keiner Verbindung. Ich empfand mich<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -als Wesen für sich und verglich mich ein für allemal nicht -mit andern.</p> - -<p>Ich las über meine in die Welt geschickten Träume -viel Gutes – und wunderte mich.</p> - -<p>Unzufriedenes natürlich auch, – selbstverständlich.</p> - -<p>Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das -stärkt die Persönlichkeit.</p> - -<p>Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie -mir in irgend etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; -als ich aber sah, welcher Wirrwarr daraus entstehen -würde, wenn ich auf alle hören wollte, da kein Urteil -mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes und -Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man -hören? Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der -andre sagt, gewöhnlich wieder auf mit dem Gegenteil, und -der Dritte wieder, was der Zweite sagt. Und was ist nun -das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von dem man -sich überzeugen lassen soll?</p> - -<p>In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde -eines eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend -gewürdigt.</p> - -<p>Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen -Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem -Sessel zwischen ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten -Gesellschaft einen Vortrag hält.</p> - -<p>Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein -Marabustorch, das Symbol der Weisheit.</p> - -<p>Was aber haben seine langen Beine und der spitze -Schnabel dem Marabu genutzt? Gar nichts.</p> - -<p>Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele -des Künstlers vertieft und hat gefunden, daß der Künstler -mit einem vortrefflichen, sachgemäßen Humor eine Löffelgans -hinter diese weibliche Wissenschaft gesetzt hat.</p> - -<p>Was konnte er Besseres tun?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p> - -<p>Wie stimmt das alles!</p> - -<p>Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! -Wissenschaft personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! -Was wird sie lehren? Die Löffelgans hinter ihr gibt die -Würdigung dessen, was sie lehrt.</p> - -<p>Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in -die Intentionen des Künstlers hinein.</p> - -<p>Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie -der Künstler sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans -begnügt hat, die ja vollkommen genügt hätte, den Wert -eines Frauenzimmers auszudrücken. Durch des Kritikers -Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge. Er -nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«, -Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. – -Solches beweist, daß dem Marabu seine langen Beine und -sein spitzer Schnabel nichts nutzen, wenn der Kritiker seine -Augen und sein Verständnis schon auf die Löffelgans gespitzt -hat.</p> - -<p>Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der -Täuschung, sein Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen -den sich nichts sagen läßt, und der nichts zu wünschen -übrig läßt.</p> - -<p>Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und -eine Löffelgans dickgedrungen und kurzbeinig.</p> - -<p>Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige -Marabu ist eine kurzbeinige Löffelgans.</p> - -<p>»Marabu,« sagt der Künstler.</p> - -<p>»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält -natürlich in den Augen aller Einsichtigen recht.</p> - -<p>»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker -weiter, »ist leider verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, -der Schnabel zu spitz, so daß sie eine gewisse -Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«</p> - -<p>»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<p>»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«</p> - -<p>Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn -der Klügere nicht nachgäbe.</p> - -<p>Und es geschehen noch ganz andere Dinge.</p> - -<p>Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen -lassen? soll nach dem würdigen Schelten oder Loben seinem -Marabu, den die Kritik zur Gans umzaubert, künftighin -kürzere Beine machen, soll betroffen und zerknirscht sein und -sich bessern?</p> - -<p>Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, -so oft überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, -kluge Kritiker es wohl wünschen möchten!</p> - -<p>Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker -und Krittler verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr -übel mitgespielt worden; denn an nichts glaubt man so -gern und so fest als an das Schlimme, das einer von sich -selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber unverdientermaßen -gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von -sich sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich -windig aus; aber unverdient gut ergangen ist ein -grenzenloser Spielraum für alles Wünschenswerte.</p> - -<p>Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis -oft wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen -hab' ich kennen gelernt!</p> - -<p>Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben -dieser Person etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist -es mir, als säße ich in einem bequemen Wagen und führe -leicht und behaglich dieselbe Strecke, die ich einst mühsam -und beschwerlich zurücklegte.</p> - -<p>Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir -mit warmem Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert -hielten zu sagen: Sei unsres Mitgefühls sicher, wir halten -zu dir! Wir haben dich verstanden.</p> - -<p>Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -bekannt sind, mit deren Schicksal ich mich mehr, als es gut -ist, beschäftigte.</p> - -<p>Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre -Leute ungeschoren lassen.</p> - -<p>Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als -ob die Welt nicht Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung -und Unsinn, Krankheit, Thorheit, Lug und Trug, Lachen, -Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und Haß, -solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden -es nicht genug!</p> - -<p>Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, -glauben, es sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, -wenn sie sich zu den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig -auf Erden sinnverwirrend durcheinander wimmeln, noch welche -hinzuträumen, hinzuklügeln.</p> - -<p>Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen -zu Grunde geht, stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, -das genügt ihnen nicht; sie schaffen mit Mühe, Begeisterung, -Qual und Glück, mit ihrem Herzblut Hirngespinste und -sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen, die sie zu -sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze, -die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen -als außerordentlich wichtige Personen.</p> - -<p>Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen -vernünftigen, weitherzigen Menschen.</p> - -<p>Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen -sie leiden, beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie -dies nicht gerecht, sachgemäß und vernünftig betreiben oder -gar vergessen haben, über ihre Käuze ein vollgerüttelt Maß -zeitgemäßer Moral auszuschütten.</p> - -<p>Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben – tödlich -ernst – das ganze Glück der wunderlichen Schöpfer -hängt an dieser großen Thorheit.</p> - -<p>Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -der Urheber dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, -gebrochen, – und wenn es noch so ein gesunder, guter, -braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen und Armen.</p> - -<p>Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« – -aber was auf Erden ist nicht Wahn? Was auf der Welt -thun wir, wobei uns nicht die Sinne umnebelt und verwirrt -sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?</p> - -<p>Sehen wir in irgend einem Ding klar?</p> - -<p>Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges -beurteilen? Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! -Uns braucht es nicht zu kümmern. Wer einmal zu den -Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und was zwischen -Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.</p> - -<p>Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, -mag es offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, -füllt das Leben der Generationen aus, führt sie ihren Weg -bis zum Vergehen, und keine Thorheit ist Thorheit genug, -daß sie nicht ein Menschenleben würdig beschäftigen könnte, -eins oder das Leben von Millionen.</p> - -<p>Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, -der durch das Leben führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil -und Verwirrung den Takt geben, einen ruhigen, praktischen -Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den nämlich: -»Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was -Wert hat.«</p> - -<p>Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren -ist, mögen gelten.</p> - -<p>Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen -er nun einmal, halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern -möchte, wenn er diesen Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe -steckt.</p> - -<p>Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes -zu thun, seine Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. -Ich bin jetzt scheinbar weit abgekommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p> - -<p>Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach -allen Seiten und sehe überall Leute, die mir sehr bekannt sind, -was niemand nach dem eben Gesagten Wunder nehmen wird, -denn diese Leute sind meine geliebten Käuze – meine selbstgeschaffenen -Gestalten, würde ein ästhetisch Gebildeter sagen.</p> - -<p>Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die -Patsche, ein gutes Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme -Nase, oder vielleicht hat er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. -Sein Herz kann das Böse auf der Welt nicht ertragen, -er wird davon zu mächtig gepackt. Salin Kaliske -habe ich ihn genannt.</p> - -<p>Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig -seines Weges gehen lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -– solch ein Kind, wie unser Erlöser eines war.</p> - -<p>Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders -krummen Nase ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen -Geldgier? Weshalb bin ich sparsam verfahren mit der Zuteilung -der allbekannten Attribute?</p> - -<p>Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich -die Ansicht, daß wir in dem lobenswerten Streben nach -Wahrheit uns allzusehr mit dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, -und mehr als je das Beste und Wertvollste achtlos -beiseite lassen.</p> - -<p>Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich -wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. -Ein kräftiger, lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, -ein düsterer, grober Geselle, der in der Todesstunde sich -mächtig verliebt und sterbend den guten Freund um die -Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod -einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.</p> - -<p>Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel -und ein liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht -begreifen kann, daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen -muß, der über seine unglückliche Liebe tobt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p> - -<p>Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er -möchte etwas leisten und schaffen, seiner unerwiderten Liebe -ein Denkmal setzen; doch ist er unbegabt.</p> - -<p>Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und -nichts mehr. Aber er schafft etwas in heiliger Einfalt aus -sich selbst, aus seiner eigenen Schönheit.</p> - -<p>In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein -am hohen Kreuz hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, -lebenatmend, geisterhaft. Davor in angstvollem -Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das zitternd und -erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die -dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.</p> - -<p>Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen -hab' ich auf die Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit -Sünde. Mit diesem für diese Welt sehr thörichten Abzeichen -müssen sie umherlaufen.</p> - -<p>Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, -die voller munteren Streiche stecken, die ihr Wesen -in Weimar treiben, zu Goethes Zeit, und hinter ihnen her -ziehen allerlei Personen aus Weimars goldenen Tagen, die -Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute aus der -Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche -Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen -Töchtern, die eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde -der Welt auf sich nehmen, mit eigenem Leid fremdes heilen, -diese stille, große Anne! Und ihr braver Bräutigam! Welche -Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit! Das sind -nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber -es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.</p> - -<p>Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, -schwachsinnig vor Behagen. Das sind die verspielten Leute!</p> - -<p>Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in -ihrer Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, -flachen und wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -mit ihrer wattenen Herzensgüte – das sind die rechten, -schlimmer wie Raubtiere; wohlversorgt leben sie, essen gut, -trinken gut, sind gesund und wohlgestellt – Ehrenmänner -– Ehrenfrauen – aber aufgepaßt!</p> - -<p>Hütet euch vor ihnen!</p> - -<p>Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. -Der alte Apotheker mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche -Apothekergehilfe, der jeden Todesfall voraus weiß. -Sperbers, die Gutsbesitzer in ihrer köstlichen Hülle und -Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom Nachtwächter -schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der Nachtwächter -nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.</p> - -<p>Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, -in ihren köstlichen Gärten! O, welches Behagen! Ich -denke an den alten Doktor Tiburtsius in den Kußwirkungen, -der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen runden, -kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen -Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem -duftenden, Grün strotzenden Garten verbringt – und wie -er dann später entdeckt wird! Und daß ich es nicht vergesse, -Goethe und Karl August sind auch dabei unter diesen -alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut auch, -und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame -Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der -Kummerfelden, ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.</p> - -<p>Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch -anmarschiert, und Franz Horny und Schillers Sohn, die -Kameraden der wilden Ratsmädel, die der alten Jüdin alle -weimarischen Esel über den Hals gejagt haben – und das -dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das -katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit -kommt, das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten -Leben neidlos steht – und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, -der seine schauervolle Johannisnacht mit seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -süßen Bräutchen, dem würdigen katholischen Geistlichen, den -glotzenden Hausleuten und dem Tod oben unter dem Dachraum -des uralten Hauses zu Ende feiert.</p> - -<p>Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« -heißt, seh' ich dort – und ich rufe: O, du meine arme -kleine Olly! Du weißt es, wie bitter schwer das Weib zu -tragen hat, wenn es mit ganzer Seele die Kunst liebt – -und jung ist und leben möchte – und aus einem Zärtlichkeitstraum, -aus so einem weichen, weichen Traum in der -Ehe erwacht.</p> - -<p>Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei -dir daheim sonderbar zu! Mit welchem Lärm und Getöse -rangierten die hyperästhetischen Naturen, die aus der Kunst -doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem -Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein -und feurig geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem -Haushalt!</p> - -<p>Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!</p> - -<p>Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht -und Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen -Herzen!</p> - -<p>Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, -am Besten hier auf Erden teilzunehmen!</p> - -<p>Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet -mir – Dorothea in »Reines Herzens schuldig«. Sie ist so -ganz in Liebe erwacht, in heißer Liebe – und muß in einem -Leben verschmachten, das ihr nichts bietet, kein Glück, auch -nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.</p> - -<p>Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und -hoffte, dies Buch würde von guten Menschen gelesen, die -sich mit dem Gedanken trügen, wie man den Vernachlässigten, -Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein die arme Dorothea -Zeugnis gibt, helfen könnte.</p> - -<p>Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -meiner größten Freude erfahren – und ich sehe nicht ein, -weshalb ich nicht ein wenig prahlen soll, weshalb ich nicht -ein paar von jenen Briefen und Zeilen hier wiedergeben -soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten und -sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten -ins Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen -Lebensabriß lesen, doch auch eine Ahnung bekommen, was -für ein glückliches Menschenkind ich bin.</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="right"> -»Berlin … Reichstag.<br /> -</p> - -<p>Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes -gar nicht. Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal -hintereinander. Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. -Sie sprechen einmal: ›Wenn du den Dichter findest, -dem es gelungen ist, das tiefste Leiden versöhnend darzustellen, -den halte fest wie einen Freund.‹</p> - -<p>Möge Ihnen – in Leben und Kunst – das hohe Ziel -zu teil werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und -eines Mozart!«</p></div> - -<p>Ein andrer Brief:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. -Ich habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe -von Ihnen. Jedes Wort eines Dichters, das mir seine -Seele offenbart, nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares -Geschenk entgegen. Nicht viele geben so viel wie -Sie. Eines Abends, wenige Tage vor dem Fest, las ich -Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr übermächtiges Empfinden riß -mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle auszusprechen, begeisterte -mich. Zugleich dachte ich mit Bangen an das Schicksal dieser -Bücher; mir war's, als sähe ich sie schutzlos in der Welt -umherirren; ich wünschte innigst, daß sie zarte Finger und -warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch Ihre Dorothea -wird nicht oft verstanden werden; die freie Menschlichkeit hat -so wenig Raum in dieser verschnörkelten Welt.«</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<p>Und noch ein <em class="gesperrt">dritter</em> Brief von einem Arzt.</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center"> -»An die Schriftstellerin Helene Böhlau.<br /> -</p> - -<p>Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, -wie Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte -im Bunde sein; auf mich ist von dem Glücke übergegangen, -das zwischen den beiden erstehen durfte. – Das will ich -nicht vergessen und Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich -zu den zwei Menschen führten, bei denen ich rein und gut -sein konnte.«</p></div> - -<p>So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende -gebracht und könnte noch ein ganzes Weilchen fortfahren, -doch möchte ich nicht, daß jemand meine Skizzen unmutig -aus der Hand legte, und ich will mir meine Freunde erhalten.</p> - -<p>Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht -zu den trübseligen. Ich habe sie ausgespickt mit allerlei -lustigem, freundlichem und thörichtem Volk. Da ist ein Herr -von Bublitz, ein fetter Schlingel, der dem Wohlthätigkeitssport -obliegt, da ist ein prächtiger lustiger Onkel, schöne -Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche Hochzeitsgesellschaft, -die des Guten zu viel gethan hat.</p> - -<p>Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus -Stambul, wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner -Umgebung, alles wächst und blüht und duftet und leuchtet, -und die Menschen wachsen und blühen mit und werden freudig -und gesund. Es sind gar liebe Leute, die »im frischen -Wasser«.</p> - -<p>Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den -andern, dem guten Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit -seiner kleinen überspannten Käthe.</p> - -<p>Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden -miteinander. Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -Herrn ein Lebtag im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im -Alter zu einem Landhaus und köstlichen Garten, so daß das -schwärmerische Persönchen in einer Glücksfülle steckt, die sich -ganz wunderlich ausnimmt. Ein widerwärtiger, langbeiniger -Ladenjunge schleicht hinter der kleinen Alten her, trägt ein -Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als Buchzeichen -steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.</p> - -<p>Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, -Leute, die mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. -Laßt es euch sagen, vom alten Kutscher Jermak, wie er über -seine Herrin denkt, über ihr Kindchen, wie er von den verlassenen -Mädchen spricht, von Gott und der Welt, den Popen, -den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn -im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der -Schwester Jekatherina, spricht.</p> - -<p>Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, -diese herbe, vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine -Frau, in der der Geist mächtig wurde, eine Herrin des -Lebens. – Und Christine, du Reine, auf dich kam die -größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der gebildeten -Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach -hat noch jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. – -Dich nicht!</p> - -<p>Frei hältst du dein Kindchen im Arm.</p> - -<p>Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen -über dir; aber in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf -sonnig klar geworden. Auch du bist Herrin geworden, dein -Kind ein Königskind – das Kind des freien, ungebeugten -Weibes.</p> - -<p>Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden -hast? dem Manne aus dem Volk, dessen Gesicht -immer zur Erde gekehrt ist, und doch so heiter blickt wie -der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir, dem armen -gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -den Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. – Nicht wahr, -er hat dich und dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, -in seinem Haus warst du frei und unbescholten?</p> - -<p>Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren -menschlicher. – Bei ihnen hatte das Weib schon gesiegt.</p> - -<p>Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen -anempfehlen. Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu -verstehen. Sie sagen auch viel mehr, als es auf den ersten -Blick scheinen möchte – viel mehr. –</p> - -<p>All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind -der Ausdruck eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, -der Ausdruck einer Seele, die durch Schweres ging, die -Schweres kannte und fühlte, die aber im tiefsten Grunde -glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste Glück -zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der -in seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem -Wissen und seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer -wunderbaren Fülle sie belehrte, dem sie alles dankt – auch -alles Glück auf Erden, Freund, Lehrer, Gemahl zugleich – -und jede Stunde segnet sie, die sie beisammen sind.</p> - -<p>Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so -glücklichem Leben, mich mit solchem Volk zu befassen?</p> - -<p>Ich begreife es heut noch nicht.</p> - -<p>Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe -solch ein Kauz sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken -sollen, – denn ich war so faul, so wundervoll faul!</p> - -<p>Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, -denn sie war charaktervoll diese Faulheit – sie war etwas! – -Da gab es nichts auf Erden, was mich hätte zu irgend einem -Fleiß anspornen können.</p> - -<p>Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt -werden sollte, sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel -zu klein,« und blieb bei dieser Meinung und lernte keine -Verslein wie andre brave Kinder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen -Kindern während ein paar Vormittagsstunden das Spielen -gelehrt wird, auf Kommando in Reih und Glied; ich sollte -alles genießen, was die Zeit einem jungen Menschlein bietet. -Aber diese ernste Spielmaschine erschien mir abschreckend; ich -empfand eine Scheu vor den schon abgerichteten Kindern, -die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu singen, die es -verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den -Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt -und getadelt wurden. Das alles geschah in einem -dämmerigen, staubigen Raum, es war <span id="corr136">mir</span>, als würden da -schreckliche Dinge getrieben.</p> - -<p>Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, -die mich beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen -Eindruck. Sie drückten mir eine Puppe in die Arme, eine -fremde, mir sehr widerliche Puppe in einem Ballkleid mit -einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie ich sie mir -nicht dummer vorstellen konnte.</p> - -<p>Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde -und sagte, daß man nur Kinder tragen könne, keine großen -Leute, die Puppe wäre eine alte Frau.</p> - -<p>Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in -einen Kreis treten, den die Spielschüler bildeten, und solle -so thun, als grübe ich im Sande und pflanzte eine Blume, -dann solle ich mich anstellen, als nähme ich einen Rechen, -damit der Sand wieder geglättet werden könnte. Die Kinder -würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles ausführen, -ich hätte es nur nachzumachen.</p> - -<p>Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, -die Kinder erschienen mir immer unheimlicher, das ganze -Thun immer sinnloser, die Stube immer düsterer; da sah -ich eine Thür offen, lief schreiend hinaus, die Treppe hinab, -hinter mir her die Lehrerin; ich war aber flinker.</p> - -<p>Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -brachte niemand es dahin, mich zu einem zweiten Besuch -dieses unheimlichen Instituts zu bewegen.</p> - -<p>Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich -war ein zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte -mit meinen zwei Schwestern den ganzen Tag in unserm -hübschen Garten, hatte meine wundervolle dunkle Ecke unter -einem Holundergebüsch, in die verkroch ich mich, und stundenlang -harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es mir da -unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene -Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, -ein Löwe oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging -mir die Zeit aufs angenehmste.</p> - -<p>Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß -es unmöglich sein würde, aus der Schule auszureißen. Das -war mir schrecklich zu hören.</p> - -<p>»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der -Kindergarten lebte mir in düsterster Erinnerung. Und ich -kam in die Schule. Der Lehrer verkündete mir, daß ich ihn -»Sie« zu nennen hätte.</p> - -<p>Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte -nach, weshalb ich dies thun sollte, und vergaß es darüber; -ich konnte mich auch in die Schule nicht hineinfinden.</p> - -<p>Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch -nicht im geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in -den untersten Klassen benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, -machte mir Spaß, da war ich dabei.</p> - -<p>Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.</p> - -<p>Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, -wenn der Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren -Weg durch die Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche -Langeweile, ich hätte weinen mögen. Da kam ich auf einen -glücklichen Gedanken: ich stellte mir vor, in unserm Garten -in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt auf der Schulbank, -stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im Grünen<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue -Luft blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, -wußte er natürlich nichts, wie es auch einem guten Hasen -zukommt, und das erwies sich als sehr übel für seinen Ruf. -Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme Hase sollte -sagen, aus was der Mensch besteht – und blieb die Antwort -schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und -keck um ihn her in die Höh', ein ganzes Feld, und nickten -und schnickten, und die Bravste sagte im schulgemäßen Ton: -»Aus Leib und Seele.«</p> - -<p>»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte -hinzu: »aber die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten -alle, und der Lehrer verwies mir solch dummes Zeug.</p> - -<p>»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer -unwahr.«</p> - -<p>Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem -Lehrer eine längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte -wissen, was die Seele ist, wollte erfahren, woher man weiß, -daß man eine hat, wollte wissen, weshalb die Märchengeschichten -unwahr und die biblischen wahr sind.</p> - -<p>»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.</p> - -<p>»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer -freilich so dumm ist, wie du, hat keine.«</p> - -<p>Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar -nicht weshalb; aber es war mir angenehmer, zu denken, daß -ich keine Seele habe. Es schien mir einfacher und besser, -und gerade weil die andern alle eine hatten, gefiel es mir, -keine zu haben.</p> - -<p>Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte -mich wieder in den Hasen.</p> - -<p>Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, -mich über die Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, -erging es mir oft übel.</p> - -<p>Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -desperat an den Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. -Ich aber, wild, bös und wütend, fahre mit beiden Händen -in das Tintenfaß, das in die Bank eingelassen war, halte -mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich nicht an, -rühr mich nicht an!«</p> - -<p>Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte -nicht Lust haben, nähere Bekanntschaft mit meinen beiden -schwarzen Tintenhänden zu machen – und ließ mich unangefochten -sitzen. Die Mädchen aber flüsterten untereinander: -»Die ist klug, die ist doch schlau.«</p> - -<p>Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus -dem Munde der Kameradinnen mir sehr wohl that.</p> - -<p>»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie -nichts einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, -daß man mit Hochachtung mir behilflich war, die Spuren -meines siegreichen Kampfes unschädlich zu machen.</p> - -<p>Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen -Schullaufbahn.</p> - -<p>Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich -mit mir; in der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine -sanftere Art mit mir zu sprechen angenommen, als mit den -andern Mädchen; aber es war nicht das Rechte. Ich war -und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg aufzuweisen. -Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd -zurück.</p> - -<p>Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es -sah so unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte -in erschreckender Weise vor.</p> - -<p>Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen -mußte, und der Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann -dir's nicht erlassen, du mußt mit dableiben.« Ich beschwor -ihn, ich bat ihn, ich küßte seine Hand.</p> - -<p>Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« -Und so blieb es.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte -mich zerbrochen, fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu -tragen, so tausendfach ich sie verdient hatte. Als ich nach -Haus kam, stand meine Mutter an der Treppe und reichte -mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte mich -kommen sehen.</p> - -<p>Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich – ich -zitterte; ich hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -– aber es ging nicht, ich brachte mein Unglück -nicht über die Lippen. Die Güte meiner Mutter rührte mich -unbeschreiblich – und ich nahm die Himbeeren, mit denen -sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen -und verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. -Ja, hätte ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, -nachdem ich das Gute genossen – das erschien mir abscheulich, -trotzdem alles in Angst und Verwirrung geschehen war, -ohne daß ich recht wußte wie.</p> - -<p>Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die -schlimmen Angelegenheiten für immer zu verschweigen.</p> - -<p>Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht -darunter. Ich grämte mich – aber ich konnte nicht reden -– ich wurde kränklich – krank und bekam nach einiger Zeit -ein Nervenfieber.</p> - -<p>Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen -Eindruck, der sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. -Ich sah einen kleinen Holzschnitt; durch Zufall kam er in -meine Hände. Auf diesem Holzschnitt war der Tod als -Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer schritt. -Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte -ihn an.</p> - -<p>Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; -ich fiel bewußtlos zusammen.</p> - -<p>Es war niemand zugegen, als mir dies geschah – und -niemand, als ich wieder zu mir kam; ich konnte mich vor<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -Grauen, Furcht und Schwäche nicht erheben. Das schreckliche -Bild war wie eingebrannt in meine Seele.</p> - -<p>Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. -Die ganze Welt erschien mir unheimlich und entsetzlich.</p> - -<p>Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man -da leben? Wie konnten die Leute noch lachen?</p> - -<p>Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -– Nun aber hatte ich ihn gesehen.</p> - -<p>Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung -verwandelt.</p> - -<p>Und wieder mußte ich schweigen – ich konnte nicht -reden, fürchtete mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. -Mir war, als müßte dann die abscheuliche Gestalt sogleich -ins Zimmer treten.</p> - -<p>So hatte mein armes Herz viel zu tragen.</p> - -<p>Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, -und das Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der -Tod ist, vernichtete mich fast.</p> - -<p>Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, -nur weiß ich, daß, als ich wieder aufgestanden war -und nicht mehr gehen konnte, ich mich darüber verwunderte -und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.</p> - -<p>In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam -bei einem guten, freundlichen Manne Unterricht mit -noch einem Mädchen. Unser Lehrer hieß Herr Bräunlich.</p> - -<p>Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war -ein behaglicher Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel -in Form kleiner, netter Geschichten vorzuführen; -aber immer noch schlief mein Lerneifer und war auf keine -Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.</p> - -<p>Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern -Stunden teil, vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. -Ich blieb mit aller Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb -sollte ich es ihnen gleichthun? Ich sah den Zweck nicht ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span></p> - -<p>Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. -Die Mädchen wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer -am glänzendsten beweisen sollten. Wir hatten frei, uns die -Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu wählen. Da überboten -sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen. Kein -Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für -sie geschaffen – die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts -lang genug sein.</p> - -<p>Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu -traurige Lieder.</p> - -<p>Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie -hatten nicht unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich -liebte diese kurzen, traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom -Tode kannte und die schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll -empfunden hatte, erschien mir das Leben nicht mehr harmlos -und heiter. Ich liebte es nicht mehr, allein zu sein, -ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging – die Träume -brachten mir schlimme Erscheinungen – und das Bild des -Todes stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene -oder gedruckte Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern -bringen.</p> - -<p>»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich -wieder einmal ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich -gefunden und leidlich gelernt hatte.</p> - -<p>Ich führte ein freies Leben – täglich nur eine Unterrichtsstunde -und diese wurde zur Sommerszeit im Garten -gehalten. Herr Bräunlich verschmähte es nicht, als wir zur -Heuzeit ihm einen großen Haufen Heu aufgestapelt hatten, -auf diesem Platz zu nehmen und so seinen Unterricht zu -erteilen.</p> - -<p>Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte -Zigeuner- und Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem -Kasten das tollste Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, -Säbel, Decken, Mützen mit wallenden Hahnenfedern; wir<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -besaßen prächtige Dinge. Wie in den Unterrichtsstunden, -spielte ich auch bei den Spielen eine sehr untergeordnete -Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und -es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin -sein, oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es -zufrieden und strebte nicht nach Höherem. Ich wußte auch, -ich taugte zu nichts.</p> - -<p>Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, -bevor der Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr -dankbar und machte keine weiteren Ansprüche.</p> - -<p>Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im -Eifer drängte sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, -und that sich wichtig.</p> - -<p>Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu -vortrefflich, als daß ich mich ihnen hätte anschließen können. -Sie kamen mir mehr oder weniger selbst wie Schulmeister -vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl vor ihnen los.</p> - -<p>Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause -machten mir einen vertrauenerweckenderen Eindruck und waren -auch samt und sonders meine Freunde, mit denen ich mich -bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters und sommers. -Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann, -Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den -Verfolgern um die Häuser huschen, das war etwas! Und -wenn mich ein Mädel mit zu ihrer Mutter nahm und ich -im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend essen -durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein -und warm!</p> - -<p>Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig -lehrte, war zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, -ein Würdiger kommen, einer, der uns in die höheren Wissenschaften -einzuführen hatte.</p> - -<p>Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich -ersetzen können, der in mein Censurenbuch jedesmal zu<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -Weihnachten schrieb: Helene war gut; aber gar nicht fleißig, -hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist und im -Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, -denke ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren -wie den Schwestern und ihr die schlechten Fortschritte nicht -nachtragen.</p> - -<p>Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr -Bräunlich meine schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr -für Jahr, wenn ich sie meinem guten Vater vorzeigen mußte.</p> - -<p>Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, -mich exemplarisch zu strafen.</p> - -<p>Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich -Prellers, und zwar wie immer gegen Abend; es war zur -Winterszeit, also schon völlig dunkel.</p> - -<p>Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas -Anheimelndes – und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine -Laterne und eine große Anzahl Wachslichter.</p> - -<p>Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern -auf den Weg. Ich zündete sie schon in der allerersten -Dämmerung an, und es war mir wenig störend, wenn die -Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten. Ich -fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem -war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit -mich überraschen konnte.</p> - -<p>Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen, -die sie immer erneuerte, mir geschenkt.</p> - -<p>Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war. -Ich hatte es ihr vertraut, daß die Dunkelheit mir das -Schrecklichste auf der Welt sei. Da hat sie mich ausgelacht; -aber tags darauf hatte ich mein Laternchen.</p> - -<p>So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde.</p> - -<p>Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am -Ende der Stunde sagte er mit einem Mal feierlich zu mir<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -gewendet: »Für deine jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit -muß einmal eine Strafe kommen. Du gehst heute -abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause bringe. -– Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an -deinen Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich -zu bessern.« Das traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis -ins innerste Herz; aber ich verhielt mich vollkommen ruhig. -Ich wollte den Mädchen nicht die Freude machen, daß sie -mich unglücklich sähen.</p> - -<p>Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den -Weg machten, blieben die andern zurück. Ich zündete stumpf -und verzweifelt mein Laternchen an.</p> - -<p>Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem -Fuß auf und murmelte: »Diese Dummhüte.«</p> - -<p>»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich.</p> - -<p>»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich.</p> - -<p>»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz -gute Mädchen.«</p> - -<p>»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie -mich auslachen!«</p> - -<p>Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause -Friedrich Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und -ehe wir noch aus der Thüre waren, kam er selbst, seine -schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die Stirn gezogen.</p> - -<p>»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein -altes bedeutende Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit -strahlen.</p> - -<p>»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei -mir absitzen, Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.</p> - -<p>»Ja, in drei Teufels Namen!« – der alte Preller liebte -solche kräftige Ausdrücke – »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? -Ja, es mag ein schweres Stück sein, mit solchen -Mädels fertig zu werden. Machen Sie's nur gnädig, das -Lenchen ist kein böses Mädchen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p> - -<p>»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber -das Abscheuliche an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul -ist. Dabei ist sie nicht so arg dumm und könnte alles besser -machen; aber sie rührt sich nicht.«</p> - -<p>»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig -muß man sein. Was denkst du denn – gottlob, daß du -kein Junge bist!«</p> - -<p>Ich war tief beschämt – an dem alten herrlichen -Preller hing mein ganzes Herz. Er war so gut mit mir. -Ich hatte das große Glück, wenn er abends still seine -wundervollen Studien und Skizzenbücher und Zeichnungen -durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen, -um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und -Andacht.</p> - -<p>Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! -Verzweifelt ging ich neben Herrn Bräunlich die dunkle -Belvedere-Allee entlang. Mein Laternchen leuchtete mir -und ihm.</p> - -<p>Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich -es nie zu Hause gestehen würde, was mich getroffen, und -noch einmal solch eine Schmach verschweigen, ging auch nicht. -Es war beides unmöglich. Beides wollte ich nicht. Also blieb -nur ein drittes übrig. Das war einfach und überstieg meine -Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß -Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja -Beine – und was für flinke. Gottlob! dachte ich.</p> - -<p>Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß -gefaßt, und als wir an den Alexanderplatz kamen mit -seiner herrlichen Wiese und dem großen Taxusbusch darauf, -da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie das Laternchen -Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht war. -Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die -Wiese entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen – -und schnaufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<p>Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um -denselben herum.</p> - -<p>Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben, -mich zu fangen; aber das Laternchen war flinker, als er -glaubte.</p> - -<p>Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich -genähert hatte.</p> - -<p>Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen, -wenn er mir noch weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof -laufen.</p> - -<p>»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er -pustend. »Mach, was du willst – aber schlecht ist's von dir!«</p> - -<p>»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich -von weitem und stand still, als ich sah, daß auch er still -stand – »und sagen Sie's Papa nicht.«</p> - -<p>»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend, -»es sei dir geschenkt, ich sag's auch nicht.«</p> - -<p>»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie -mir auch noch sagen!«</p> - -<p>»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach -Hause kommst.«</p> - -<p>Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht -und zufrieden, es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich -ging stolz im Gefühl meines Sieges durch die Straßen.</p> - -<p>Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die -Strafe abgelaufen sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu; -da sagte er mir, daß ich es nicht übel gemacht habe. -»Es ist immer gut,« meinte er, »wenn man sich zu helfen -weiß.«</p> - -<p>Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde.</p> - -<p>Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter, -ein andrer auf.</p> - -<p>Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der -ganz unzweifelhaft ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -und wurde von mir gründlich und andauernd gehaßt. Er -mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man ihm, dem -ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen -wie mich zu unterrichten, und behandelte mich danach.</p> - -<p>Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung -und Spott. Tiefer und tiefer sank ich in den Augen -meiner Mitschülerinnen und erschien mir selbst wie ausgestoßen -aus der menschlichen Gesellschaft. Mir fiel in einer -der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und ich erkundigte -mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der -ein behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern -verstand, auf mich ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich -mit Ihnen verkehrt – das hat aber jetzt bei mir ein Ende« – -und es war zu Ende.</p> - -<p>Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum -Unterricht, so hatte ich die Empfindung, als befände ich mich -die Zeit über vor der Mündung einer geladenen Kanone, -die jeden Augenblick losgehen konnte.</p> - -<p>Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem -Weg zu dem gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit -neidischen Augen an. Die Verantwortung, Mensch zu sein, -war mir sehr drückend. – Wie gern hätte ich mit so einem -munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen Hunde -oder mit jeder Katze.</p> - -<p>Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen -Stein in einen Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich -mit heiler Haut wieder heraus, so will ich dankbar den -Stein mit mir nehmen und zum Angedenken aufbewahren. -Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an, -denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den -Stein aus Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende -gegangen war, jedesmal mit mir.</p> - -<p>So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an -Gnade bei Gott und den Menschen, sondern sank tiefer und<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -tiefer in der Achtung aller derer, die über meine glänzenden -Erfolge unterrichtet waren.</p> - -<p>Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der -Angst und Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht -gewöhnlich befand, meinen ganzen Haufen trauriger Hefte -bei einer unserm Haus befreundeten Familie hatte liegen -lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die Hefte, -meine greulichen Hefte! – Wie mich das durchfuhr!</p> - -<p>Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden -es thun. Das war mir ganz sicher.</p> - -<p>Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg, -sie mir wieder zu holen, wie langsam schlich ich die Treppe -hinauf, wie zaghaft zog ich die Schelle! – Und was stand -mir bevor!</p> - -<p>Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst -die Thüre, eine ganze Schar mir sehr würdig erscheinender -Damen, Gott weiß, wer noch dabei war. Sie ließen mich -nicht herein, sondern öffneten nur halb und reichten mir mit -der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen: -»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren -stellten sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg -mich sehen und mir gute Lehren geben zu können. Ich war -wie vernichtet, wütend zum Zerspringen; aber ich nahm die -einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im Herzen -zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als -die Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich -lief davon, und meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen -die übrigen Herrlichkeiten die Treppe hinab nach. Sie ahnten -wohl nicht, was sie mir anthaten – fast sinnlos vor Verzweiflung, -Wut und Schande, sammelte ich meine Habseligkeit -ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten -Augen nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue -Hefte zu kaufen und die alten zu verbrennen. Es reichte -nicht; aber ich verbrannte sie dennoch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p> - -<p>In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen -Aufsatz gab: Die Vorzüge des Menschen vor dem Tiere.</p> - -<p>Dabei schien mir wenig Witz zu sein – und ich beschloß, -das Gegenteil zu behandeln: die Vorzüge des Tieres -vor dem Menschen. Das leuchtete mir weit mehr ein, und -was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter mehr oder -weniger, darauf kam es mir nicht an.</p> - -<p>Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten, -machte meinem Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig, -stand vor lauter Wonne auf einem Bein während des -Schreibens, pfiff und war der besten Dinge.</p> - -<p>Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben, -es kam mir immer Neues in die Finger. So war das -Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn es sich immer um -Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei -sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und -Namen, Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und -Hirn beschweren mußte, da konnte man nicht verlangen, daß -ein vernünftiges Geschöpf sich daran mitbeteiligen sollte!</p> - -<p>Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller -Gemütsruhe und erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer -Verachtung von dem Gestrengen zurück. Er durchbohrte -mich mit majestätischen Blicken – sagte mir, daß sich derjenige, -welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln -Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben -nicht einmal bemerkt, daß das gestellte Thema verändert -wurde – übrigens sei dieser Aufsatz vortrefflich, und er -hätte ihn in seiner Ersten Klasse vorgelesen, habe dabei aber -bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine ungeschickte und -faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten lassen, -um damit einen Betrug auszuführen.</p> - -<p>Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam -aber wieder einen majestätisch verächtlichen Blick, der -mir Schweigen gebot.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p> - -<p>Und ich schwieg – ich war zufrieden, stolz und beglückt; -was der Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen -gleichgültig, er hatte sich bei mir durch Poltern und -Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt. Es kamen jetzt öfters -Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen war: Gut, -aber nicht selbst verfaßt.</p> - -<p>Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier. –</p> - -<p>Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten -Eltern wohl meinten, daß mir ein religiöser Halt im Leben -wohlthäte, sollte diese Zeit der Konfirmation mir besonders -zu Herzen gehen.</p> - -<p>Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter.</p> - -<p>Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden -Elternhaus und all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll -»Heimischen« erträglich überwunden war, fand ich mich -in einer wahrhaft beglückenden Umgebung. Alle waren unbeschreiblich -gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte mich; -sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde, -eine Jean Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen -zugeneigt, dem Humor zugänglich, lebhaft und -schön.</p> - -<p>Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei -markig, kräftig und heiter.</p> - -<p>Im Haushalt ging es frei und ländlich zu.</p> - -<p>Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein -ganzes Herz ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem -Gelerne, Aufgesage fiel weg. – Mein Pastor plagte mich -nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir unterhielten uns, er -hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen, wir -kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch -einmal, daß er aufstand, an den Bücherschrank ging und den -Faust herausholte.</p> - -<p>Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er -begann zu lesen. Er las lebhaft und hinreißend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich -die Thür, und die Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie -hörte, was hier vorging, mit offenem Munde in der Thür -stehen.</p> - -<p>»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja -Religionsstunde halten – das ist nicht recht von dir – das -ist nichts für das Kind.«</p> - -<p>»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte -mein Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen -kannte den Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und -schlug das Buch zu.</p> - -<p>Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück -halte – »und du hast es nun ja auch nachgeholt,« -sagte sie.</p> - -<p>Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin -und las mir, jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche -vor, das die Geschichte der Märtyrer poetisch behandelte. -Zu diesen Vorlesungen fand sich eine alte nette Dame -ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der Märtyrer -mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau -Pastorin saß manchmal wie verklärt da, und die alte -Dame auch.</p> - -<p>Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche, -gottbegnadete Zeit gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres -vorstellen könnte, als als Märtyrer zu leben und -zu sterben.</p> - -<p>Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte -zu sagen, daß es jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe.</p> - -<p>»Leider, leider – nein!« rief die alte Dame schmerzlich -aus.</p> - -<p>Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten -Heiligen, dachte mir immer, wie schrecklich es sei, daß sie -sich bis zu Tode quälen ließen mit der schönen Aussicht, -dann in einen wundervollen Himmel zu kommen – und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten – so etwas -fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung -in mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse.</p> - -<p>Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in -mir gespürt, dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was -andre Leute mit solcher Bestimmtheit in sich vermuten und -wissen und mit aller Energie verteidigen. Ich dachte damals -nie darüber nach. Wenn ich mich abends niederlegte, -sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts -von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich.</p> - -<p>Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte: -Einen Augenblick bewußtlos – eine Ewigkeit bewußtlos!</p> - -<p>Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten -Käthe im »Herzenswahn« in den Mund gelegt – hatte aber -meine Lust zum Grübeln mit diesem Worte beruhigt und -war völlig zufriedengestellt.</p> - -<p>Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an -meinem Religionsunterricht zu finden.</p> - -<p>Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends -mit Holzpantoffeln durchs Dorf, die Kinder im Haus, die -Mädels in der Nachbarschaft waren mir willkommene Kameraden. -Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal früh -auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und -ging mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim -Schulmeister seinen schwarzen Talar schon angezogen und -sah sehr würdig und stattlich aus.</p> - -<p>Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah -die Bauern kommen, indes die Schwalben zwitscherten und an -den Fenstern vorüberhuschten. Dann hörte ich meinen Pastor -predigen. Die Bauern bekamen manchen kräftigen Brocken -von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall sie -ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten.</p> - -<p>Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> - -<p>Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die -Eltern, die Schwestern, mein Großmütterchen und unsre -junge, reizende Erzieherin kamen alle von Weimar.</p> - -<p>Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte -Dame, die für die Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare -gelockt und sie mit einer Rose zusammengesteckt, versicherte -mir auch nach der heiligen Handlung – sie hätte sich mit -aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer Lieblingsheiligen versetzt, -während ich am Altar gestanden hätte, sei es ihr so -gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine -Hinrichtung.</p> - -<p>Das kam mir sehr übertrieben vor.</p> - -<p>Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich, -es war mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute. -Es wurde niemand mit mir konfirmiert, das gefiel mir auch, -und ich hatte den Tag über bei jeder Gelegenheit die denkbar -besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so unbeschreiblich -gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar.</p> - -<p>Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene -Person, das erschien mir wenig erfreulich und auch -wenig wahrscheinlich, war mir übrigens auch gleichgültig, -ich war, was ich war, und damit gut.</p> - -<p>Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte -vor, den Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins -innerste Herz war ich davon erschüttert, so daß ich die ganze -Nacht mit den tollsten Phantasieen zu thun hatte und mich -fürchtete, wie noch nie in meinem Leben.</p> - -<p>Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier -dieses Tages mit Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert, -wie ein grünes Nest.</p> - -<p>Es war alles hier so schön und beglückend gewesen, -daß ich schweren Herzens Abschied nahm. Die Pastorin -wußte nicht, was sie mir noch Gutes anthun sollte, und -steckte mir alle Taschen voll herrlicher Aepfel. Zwei davon<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten mir -wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch -einen Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter -gesteckt, und ich fuhr mit meinen Eltern davon.</p> - -<p>Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie -vor Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr -geliebten jungen Erzieherin Unterricht.</p> - -<p>Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt -durfte ich von unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen, -und so begab es sich, daß ich der Aufführung von Wagners -»Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich war überwältigt, hingerissen, -betäubt, berauscht. – Die Gewalt in dieser Musik -erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze -Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen -Tönen der Erwartung, der Angst, des Zweifels. -Wundervoll empfand ich zuletzt das Sichauflösen alles Leidens, -alles Lebens.</p> - -<p>Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den -mächtigen Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg -erschien es mir unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben -wieder zu beginnen. Es mußte etwas geschehen, etwas -Außergewöhnliches – das Leben mußte sich anders gestalten, -um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können. -Aber wie, was sollte geschehen?</p> - -<p>Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht -nach etwas, was die Wunder, die ich eben durchlebt -hatte, und die Alltäglichkeit in Einklang bringen sollte, und -ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer gehen wollte.</p> - -<p>Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich -schon den andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu -lassen. Sie erlaubte mir dies gern; ich teilte ihr auch den -Grund meiner Reise mit, der sie einigermaßen zu wundern -schien.</p> - -<p>Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -mit mir durch meinen Entschluß wieder ins Gleichgewicht -gekommen.</p> - -<p>Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich -überrascht und freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag. -Die Pastorin führte mich sogleich ins Wohnzimmer, -ließ Kaffee kochen, und ich traf eine muntere Gesellschaft. -Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei junge -Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im -Hause zu.</p> - -<p>Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen -vorbrachte und sagte, daß ich gekommen sei, um am -Sonntag das Abendmahl hier zu nehmen, sah sie mich -kopfschüttelnd an und schwieg.</p> - -<p>»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann -sie würdevoll. »Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du -denn nicht heut' morgen gekommen, um wenigstens zur allgemeinen -Beichte da zu sein? So kannst du das Abendmahl -gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor – ohne -Beichte!«</p> - -<p>Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich -fühlte mich sehr beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht.</p> - -<p>»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen, -»was sollen denn die Leute denken? Da muß wegen dir -Privatbeichte gehalten werden, und den Leuten muß gesagt -werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.«</p> - -<p>Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor -in sein Studierzimmer.</p> - -<p>»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn -du etwas auf dem Herzen hast, sag es ihm – und wenn -es das größte Unrecht wäre, verschweigen darfst du's nicht. – -Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll und etwas -neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl -nehmen willst?«</p> - -<p>In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -und er empfing mich ernst und wohlwollend und feierlich. -Er fragte mich, ob ich irgend etwas auf dem Herzen hätte.</p> - -<p>»Nein,« sagte ich.</p> - -<p>Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene.</p> - -<p>Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge.</p> - -<p>Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei.</p> - -<p>Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte.</p> - -<p>Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt -hätte, und da sich zu seiner großen Verwunderung durchaus -nichts fand, so erteilte er mir nach den Worten der Bibel die -Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte ich seine beiden -Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und Isolde‹ -gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck, -daß auch er mir in die Augen sah.</p> - -<p>Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung -und Bewegung des vorigen Abends kam über mich.</p> - -<p>»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht. -»Nun setz dich einmal hin und erzähle.«</p> - -<p>Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor -ihm aus – und wie er zuhörte! Er fragte und fragte und -wäre für sein Leben gern dabei gewesen; die Zeit verging -uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte auf und -holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von -vorn beginnen.</p> - -<p>Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber -guter Pastor, ich möchte auch irgend etwas thun, was schön -ist, ich möchte irgend ein großes Talent haben, dann erst -würde ich glücklich sein.«</p> - -<p>»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal -um einen großen Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du -auf ein Ding deinen ganzen Fleiß verwendest, wird es dich -auch interessieren, ganz gleich, was es ist.«</p> - -<p>Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete, -daß es damit aber nichts wäre. Der alte Preller lache<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -über alles, was ich mit Müh' und Not zu stande brächte; -und wenn er sich meine Arbeit angesehen habe, sage er -gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser, wenn ich -mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann -auch nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich -abmühten, säße ich schon und lauerte darauf, daß der alte -Preller seine wundervollen Skizzenbücher zur Hand nehmen -würde; aber selber zeichnen und bei aller Not und Mühe -nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine -Sünde.</p> - -<p>»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst.</p> - -<p>»Nun also!«</p> - -<p>Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein -Herz mit wunderbaren Schauern.</p> - -<p>Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen -Augenblicke hin – den dumpfen Klängen der Orgel, dem -mystischen Gesang, den geheimnisvollen Worten. –</p> - -<p>Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen -zu fühlen. Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein, -seiner Ruhe, Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und -den tiefen Bewegungen und Gewalten einer mächtigen Kunst -hatte mich verwirrt, beunruhigt – und ich wollte Beruhigung -empfinden.</p> - -<p>Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld -das wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon -erzählt habe – trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf -unsrer Bodentreppe und schrieb dort nach Herzenslust – -Geschöpfe zauberte ich in mein blaues Heft, die mir ungemein -sympathisch waren; sie sprachen und thaten, was ich -wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten -Einvernehmen.</p> - -<p>Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um -die Welt hätte ich es nicht irgend jemand verraten mögen – -und dennoch verriet ich es selbst und gewann durch diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -Verrat das höchste Glück, das das Schicksal einer schaffensmutigen -Seele zu teil werden lassen kann; ich gewann, wie -ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen -Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der -es verstand, mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und -Ausdauer anzuspornen; der mir als höchstes Ziel steckte: -Wahrheit in jedem Empfinden, und eine freie Würdigung -alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches und -beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen -Weg gehen konnte. – Meine Arbeit, meine Kunst wurde -mir die stille Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das -alltägliche Leben zu stürmisch oder zu gleichgültig oder gar -zu schwer werden wollte. Und ich selbst habe mich immer -gewundert, wie gerade ich zu diesem großen Glück gekommen -bin – gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je etwas -zu erstreben, geschweige zu erreichen.</p> - -<p>Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von -guten Freunden, getreuen Nachbarn und dergleichen, von -Ereignissen aller Art, von meiner Verheiratung, meinen -Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich auf Erden -kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß -ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles -ist nur Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat -– der volle Ernst – und in seinem Gefolge Kummer und -Not, wie ich die Arme nach Hilfe ausstreckte, wie ich verzweifelte, -wie ich endlich nach langer Qual genas, davon -will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde, für -Worte kaum erreichbar.</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Ende.</em><br /> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Werke von Helene Böhlau.</p> -</div> - -<div class="hang"> - -<p><b>Das Recht der Mutter.</b> Roman. M. 6.–, geb. M. 7.50. -F. Fontane & Co., Berlin.</p> - -<p><b>Der Rangierbahnhof.</b> Roman. Zweite Auflage. M. 4.–, -geb. M. 5.–. F. Fontane & Co., Berlin.</p> - -<p><b>Rathsmädelgeschichten.</b> Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60. -J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p> - -<p><b>Herzenswahn.</b> Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, -Minden i. W.</p> - -<p><b>Im Trosse der Kunst.</b> Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60. -J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p> - -<p><b>Reines Herzens schuldig.</b> Roman. M. 6.–, geb. M. 7.–. -J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p> - -<p><b>Im frischen Wasser.</b> Roman in zwei Bänden. M. 1.–, -geb. M. 1.50. J. Engelhorn, Stuttgart.</p> - -<p><b>Novellen:</b> Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.–, -geb. M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin.</p> - -<p><b>Novellen:</b> Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen. -M. 5.–, geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin.</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Engelhorns<br /> -<span class="smaller">Allgemeine</span><br /> -Romanbibliothek.</p> -</div> - -<p class="center large">Eine Auswahl<br /> -der besten modernen Romane aller Völker.</p> - -<p class="center">Alle vierzehn Tage erscheint ein Band. -</p> - -<p class="center">Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.</p> - -<p class="center">(26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark, gebunden 19 M. 50 Pf.)</p> - -<p>»<b>Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek</b>«, die -nun in ihren dreizehnten Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr -zu Jahr an Beliebtheit und Verbreitung zugenommen, sondern -auch an litterarischer Bedeutung gewonnen, so daß es nicht zu -viel gesagt ist, wenn man sie heute</p> - -<p class="center"><b>einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter -der Weltliteratur</b> -</p> - -<p class="noind">nennt. – Die »<em class="gesperrt">Deutsche Dichtung</em>« schreibt darüber:</p> - -<div class="advtext"> - -<p>Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum <em class="gesperrt">gute -Bücher zu billigem Preis</em> zu bieten und dabei weder die -Autoren noch die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen, -nur gehört Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu – das -ist die Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg -von »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann, -und hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht, -in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige -Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten -ziegelroten Bändchen – durchschnittlich zehn Bogen guter Ausstattung -– <em class="gesperrt">zum Preise von 50 Pfennigen</em> in die Welt -sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne; -schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark -kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes -Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe – nur den Einband -abgerechnet – für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist die -»Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet, daß -eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast überflüssig -erscheint.</p></div> - -<p>Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis -aufgeführten Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung -zum Preise von <b>50 Pf.</b> für den broschierten und <b>75 Pf.</b> -für den gebundenen Band bezogen werden.</p> - -<p class="center large p2">Erster Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Der Hüttenbesitzer.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Aus Nacht zum Licht.</b> Von <em class="author">Hugh -Conway</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Zéro.</b> Eine Geschichte aus Monte Carlo. -Von Mrs. <em class="author">Praed</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Wassilissa.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Vornehme Gesellschaft.</b> Von <em class="author">H. Aïdé</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Gräfin Sarah.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Unter der roten Fahne.</b> Von Miß -<em class="author">M. E. Braddon</em>. Aus d. Englischen.</p> - -<p><b>Abbé Constantin.</b> Von <em class="author">L. Halévy</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Ihr Gatte.</b> Von <em class="author">G. Verga</em>. Aus dem -Italienischen.</p> - -<p><b>Ein gefährliches Geheimnis</b>. Von -<em class="author">Charles Reade</em>. Aus d. Engl. 2 Bde.</p> - -<p><b>Gérards Heirat.</b> Von <em class="author">André Theuriet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Dosia.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. Aus -dem Französischen.</p> - -<p><b>Ein heroisches Weib.</b> Von <em class="author">J. J. -Kraszewski</em>. Aus dem Polnischen.</p> - -<p><b>Eheglück.</b> Von <em class="author">W. E. Norris</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Schiffer Worse.</b> Von <em class="author">Alex. Kielland</em>. -Aus dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Ein Ideal.</b> Von <em class="author">Marchesa Colombi</em>. -Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Dunkle Tage.</b> Von <em class="author">Hugh Conway</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Novellen</b> von <em class="author">Hjalmar Hjorth Boyesen</em>. -<em class="gesperrt">Glitzer-Brita.</em> – <em class="gesperrt">Einer, -der seinen Namen verlor.</em> Deutsch -von <em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>. – <em class="gesperrt">Ein -Ritter vom Danebrog.</em> Aus dem -Englischen.</p> - -<p><b>Die Heimkehr der Prinzessin.</b> Von -<em class="author">Jacques Vincent</em>. Aus d. Französ.</p> - -<p><b>Ein Mutterherz.</b> Von <em class="author">A. Delpit</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Zweiter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Der Steinbruch.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Helene Jung.</b> Von <em class="author">Paul Lindau</em>.</p> - -<p><b>Maruja.</b> Von <em class="author">Bret Harte</em>. Aus dem -Englischen.</p> - -<p><b>Die Sozialisten.</b> Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Criquette.</b> Von <em class="author">L. Halévy</em>. Aus dem -Französischen.</p> - -<p><b>Der Wille zum Leben. – Untrennbar.</b> -Von <em class="author">Adolf Wilbrandt</em>.</p> - -<p><b>Die Illusionen des Doktor Faustino.</b> -Von <em class="author">Valera</em>. Aus d. Span.</p> - -<p><b>Zu fein gesponnen.</b> Von <em class="author">B. L. Farjeon</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Gift.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>. Aus -dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Fortuna.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>. -Aus dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Lise Fleuron.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Aus des Meeres Schaum. – Aus -den Saiten einer Baßgeige.</b> Von -<em class="author">Salvatore Farina</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Auf der Woge des Glücks.</b> Von -<em class="author">Bernhard Frey</em>. (<em class="gesperrt">M. Bernhard.</em>)</p> - -<p><b>Die hübsche Miß Neville.</b> Von <em class="author">B. -M. Croker</em>. Aus dem Engl. 2 Bde.</p> - -<p><b>Die Verstorbene.</b> Von <em class="author">Octave -Feuillet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Mein erstes Abenteuer und andere -Geschichten.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.</p> - -<p><b>Ihr ärgster Feind.</b> Von Mrs. <em class="author">Alexander</em>. -Aus d. Englischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Ein Fürstensohn. – Zerline.</b> Von -<em class="author">Claire von Glümer</em>.</p> - -<p><b>Von der Grenze.</b> Novellen von <em class="author">Bret -Harte</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Eine Familiengeschichte.</b> Von <em class="author">Hugh -Conway</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p></div> - -<p class="center large p2">Dritter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Die Versaillerin.</b> Von <em class="author">Ernst Remin</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>In Acht und Bann.</b> Von Miß <em class="author">M. E. -Braddon</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Die Tochter des Meeres.</b> Von -<em class="author">Johanne Schjörring</em>. Aus dem -Dänischen.</p> - -<p><b>Lieutenant Bonnet.</b> Von <em class="author">Hector -Malot</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Pariser Ehen.</b> Von <em class="author">E. About</em>. Aus -dem Französischen.</p> - -<p><b>Hanna Warners Herz.</b> Von <em class="author">Florence -Marryat</em>. Aus d. Englischen.</p> - -<p><b>Eine Tochter der Philister.</b> Von -<em class="author">Hjalmar Hjorth Boyesen</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Savelis Büßung.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Die Damen von Croix-Mort.</b> Von -<em class="author">Georges Ohnet</em>. Aus d. Französ. -2 Bände.</p> - -<p><b>Die Glocken von Plurs.</b> Von <em class="author">Ernst -Pasqué</em>.</p> - -<p><b>Fromont junior und Risler senior.</b> -Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus dem -Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Der Genius und sein Erbe.</b> Von -<em class="author">Hans Hopfen</em>.</p> - -<p><b>Ein einfach Herz.</b> Von <em class="author">Charles -Reade</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Baccarat.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Mein Freund Jim.</b> Von <em class="author">W. E. -Norris</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Hanna.</b> Von <em class="author">Heinr. Sienkiewicz</em>. -Aus dem Polnischen.</p> - -<p><b>Das beste Teil.</b> Von <em class="author">Léon de Tinseau</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Lebend oder tot.</b> Von <em class="author">Hugh Conway</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Familie Monach.</b> Von <em class="author">Robert -de Bonnières</em>. Aus dem Französ.</p></div> - -<p class="center large p2">Vierter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Eine neue Judith.</b> Von <em class="author">H. Rider -Haggard</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Schwarz und Rosig.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Das Tagebuch einer Frau.</b> Von -<em class="author">Octave Feuillet</em>. Aus dem Französ.</p> - -<p><b>Jahre des Gärens.</b> Von <em class="author">Ernst Remin</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>Gute Kameraden.</b> Von <em class="author">H. Lafontaine</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Die Töchter des Commandeurs.</b> -Von <em class="author">Jonas Lie</em>. Aus dem Norweg.</p> - -<p><b>Zita.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. Aus dem -Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Erbschaft Xenias.</b> Von <em class="author">Henry -Gréville</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Kinder des Südens.</b> Von <em class="author">Rich. Voß</em>.</p> - -<p><b>Daniele Cortis.</b> Von <em class="author">A. Fogazzaro</em>. -Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Herz-Neune.</b> Von <em class="author">B. L. Farjeon</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Sie will.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Kinder der Excellenz.</b> Von <em class="author">Ernst -v. Wolzogen</em>.</p> - -<p><b>Um den Glanz des Ruhmes.</b> Von -<em class="author">Salvatore Farina</em>. Aus dem Ital.</p> - -<p><b>Der Nabob.</b> Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. -Aus dem Französischen. 3 Bände.</p> - -<p><b>Der kleine Lord.</b> Von <em class="author">F. H. Burnett</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Der Prozeß Froideville.</b> Von <em class="author">André -Theuriet</em>. Aus d. Französischen.</p> - -<p><b>Stella.</b> Von Miß <em class="author">M. E. Braddon</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Fünfter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Robert Leichtfuß.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>Der Unsterbliche.</b> Von <em class="author">Alphonse -Daudet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Lady Dorotheas Gäste.</b> Von <em class="author">Ouida</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Marchesa d'Arcello.</b> Von <em class="author">Memini</em>. -Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Was der heilige Joseph vermag.</b> -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Alessa. – Keine Illusionen.</b> Von -<em class="author">Claire von Glümer</em>.</p> - -<p><b>Wie in einem Spiegel.</b> Von <em class="author">F. C. -Philips</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Schnee.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>. -Aus dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Jean Mornas.</b> Von <em class="author">Jules Claretie</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Auf der Fährte.</b> Von <em class="author">H. F. Wood</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Satisfaction. – Das zersprungene -Glück. – La Speranza.</b> Von <em class="author">Alexander -Baron von Roberts</em>.</p> - -<p><b>Die Scheinheilige.</b> Von <em class="author">Karoline -Gravière</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Doktor Rameau.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Frau Regine.</b> Von <em class="author">Emil Peschkau</em>.</p> - -<p><b>Zwei Brüder.</b> Von <em class="author">Guy de Maupassant</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Mein Sohn.</b> Von <em class="author">Salvatore Farina</em>. -Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Dosias Tochter.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Der Lotse und sein Weib.</b> Von -<em class="author">Jonas Lie</em>. Aus dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Numa Roumestan.</b> Von <em class="author">Alphonse -Daudet</em>. Aus dem Französischen. -2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Sechster Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Die tolle Komteß.</b> Von <em class="author">Ernst v. -Wolzogen</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Eine Sirene.</b> Von <em class="author">Léon de Tinseau</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Jack und seine drei Flammen.</b> Von -<em class="author">F. C. Philips</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Mr. Barnes von New-York.</b> Von -<em class="author">A. C. Gunter</em>. Aus d. Engl. 2 Bde.</p> - -<p><b>Gertruds Geheimnis.</b> Von <em class="author">André -Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Wunderbare Gaben und andere Geschichten.</b> -Von <em class="author">Hugh Conway</em>. Aus -dem Englischen.</p> - -<p><b>Letzte Liebe.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Sabinerin. – Felice Leste. – -Die Mutter der Catonen.</b> Von -<em class="author">Richard Voß</em>.</p> - -<p><b>Mia.</b> Von <em class="author">Memini</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Diana Barrington.</b> Von <em class="author">B. M. -Croker</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Der reine Thor.</b> Von <em class="author">Karl v. Heigel</em>.</p> - -<p><b>Ein Kirchenraub. – Junge Liebe.</b> -Von <em class="author">H. Pontoppidan</em>. Aus dem Dänischen.</p> - -<p><b>Die Könige im Exil.</b> Von <em class="author">Alphonse -Daudet</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die verhängnisvolle Phryne.</b> Von -<em class="author">F. C. Philips</em> u. <em class="author">C. J. Wils</em>. Aus -dem Englischen.</p> - -<p><b>Serguis Panin.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>. -Aus d. Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Achtung Schildwache!</b> und andere -Geschichten. Von <em class="author">Mathilde Serao</em>. -Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Salonidylle.</b> Von <em class="author">H. Rabusson</em>. Aus -dem Französischen.</p> - -<p><b>Mr. Potter aus Texas.</b> Von <em class="author">A. C. -Gunter</em>. Aus dem Engl. 2 Bände.</p> - -<p><b>Ein gefährliches Werkzeug.</b> Von -<em class="author">D. C.</em> u. <em class="author">H. <span id="corrcat6">Murray</span></em>. Aus d. Engl.</p></div> - -<p class="center large p2">Siebenter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Preisgekrönt.</b> Von <em class="author">Alexander Baron -von Roberts</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Seele Pierres.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Zum Kinderparadies.</b> Von <em class="author">André -Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Imogen.</b> Von <em class="author">Hamilton Aïdé</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Port Tarascon.</b> Von <em class="author">Alphonse -Daudet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Ein Mann von Bedeutung.</b> Von -<em class="author">Anthony Hope</em>. Aus d. Englischen.</p> - -<p><b>Ohne Liebe.</b> Von <em class="author">Fürst Galitzin</em>. -Aus dem Russischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Erbin.</b> Von <em class="author">W. E. Norris</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Die kühle Blonde.</b> Von <em class="author">Ernst v. -Wolzogen</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Mein Pfarrer u. mein Onkel.</b> Von -<em class="author">Jean de la Brète</em>. Aus d. Französ.</p> - -<p><b>Der Mönch von Berchtesgaden</b> und -andere Erzählungen. Von <em class="author">Rich. Voß</em>.</p> - -<p><b>Oberst Quaritch.</b> Von <em class="author">H. Rider -Haggard</em>. Aus dem Engl. 2 Bände.</p> - -<p><b>Noras Roman.</b> Von <em class="author">Emil Peschkau</em>.</p> - -<p><b>Auf Vorposten</b> und andere Geschichten. -Von <em class="author">F. de Renzis</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Versiegelte Lippen.</b> Von <em class="author">Léon de -Tinseau</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Aus den Papieren eines Wanderers.</b> -Von <em class="author">Jefferey C. Jeffery</em>. Aus -dem Englischen.</p> - -<p><b>Mein Onkel Scipio.</b> Von <em class="author">André -Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Wie's im Leben geht.</b> Von <em class="author">A. Delpit</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Verhängnis.</b> Von <em class="author">F. de Renzis</em>. Aus -dem Italienischen.</p></div> - -<p class="center large p2">Achter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Irgend ein Anderer.</b> Von <em class="author">B. M. -Croker</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Fräulein Reseda. – Ein Mann der -Erfolge.</b> Von <em class="author">Julien Gordon</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Künstlerehre.</b> Von <em class="author">Octave Feuillet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>In frischem Wasser.</b> Von <em class="author">Helene -Böhlau</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die geprellten Verschwörer.</b> Von -<em class="author">W. E. Norris</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Daphne.</b> Nach <em class="antiqua">A Diplomat's Diary</em> -von <em class="author">Julien Gordon</em>, deutsch bearb. -von <em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>.</p> - -<p><b>Ein Genie der That.</b> Von <em class="author">Ernst -Remin</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Mischa.</b> Von <em class="author">Marguerite Poradowska</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Der Thronfolger.</b> Von <em class="author">Ernst von -Wolzogen</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Im Reisfeld. – Ohne Liebe.</b> Von -<em class="author">Marchesa Colombi</em>. Aus d. Ital.</p> - -<p><b>Eine Künstlerin.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Miß Niemand.</b> Von <em class="author">A. C. Gunter</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Marienkind.</b> Von <em class="author">Paul Heyse</em>.</p> - -<p><b>Schwarzwaldgeschichten.</b> Von <em class="author">Hermine -Villinger</em>.</p> - -<p><b>Jack.</b> Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus -dem Französischen. 3 Bände.</p> - -<p><b>Der schwarze Koffer.</b> Aus dem Engl.</p> - -<p><b>Der Affenmaler.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Schwer geprüft.</b> Von <em class="author">J. Masterman</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Neunter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Im Schuldbuch des Hasses.</b> Von -<em class="author">G. Ohnet</em>. Aus d. Französ. 2 Bde.</p> - -<p><b>Meine offizielle Frau.</b> Von <em class="author">Col. Richard -Henry Savage</em>. Aus d. Engl.</p> - -<p><b>Sein Genius.</b> Von <em class="author">Claus Zehren</em>.</p> - -<p><b>Ein Zugvogel.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Violette Merian.</b> Von <em class="author">Augustin -Filon</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Fräulein Kapitän.</b> Eine Eismeergeschichte -von <em class="author">Max Lay</em>.</p> - -<p><b>Ein puritanischer Heide.</b> Von <em class="author">Julien -Gordon</em>. 2 Bände. Aus dem -Englischen.</p> - -<p><b>Das Stück Brot und andere Geschichten.</b> -Von <em class="author">François Coppée</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>In der Prairie verlassen.</b> Von <em class="author">Bret -Harte</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Zwischen Lipp' und Kelchesrand.</b> -Von <em class="author">Charles de Berkeley</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Mein erster Klient und andere Geschichten.</b> -Von <em class="author">Hugh Conway</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Auf steinigen Pfaden.</b> Von <em class="author">Léon de -Tinseau</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Heimatlos.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. -3 Bände. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Baronin Müller.</b> Von <em class="author">R. v. Heigel</em>.</p> - -<p><b>In guter Hut.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Das Kind.</b> Von <em class="author">Ernst Eckstein</em>.</p> - -<p><b>Das Haus am Moor.</b> Von <em class="author">Florence -Warden</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Giovannino oder den Tod! – -Dreißig Prozent.</b> Von <em class="author">Mathilde -Serao</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Des Seemanns Tagebuch.</b> Von <em class="author">Gustave -Toudouze</em>. Aus dem Französ.</p></div> - -<p class="center large p2">Zehnter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Das Geheimnis des Hauslehrers.</b> -Von <em class="author">Victor Cherbuliez</em>. Aus dem -Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Das wandernde Licht.</b> Von <em class="author">Ernst -von Wildenbruch</em>.</p> - -<p><b>Einer alten Jungfer Liebestraum.</b> -Von <em class="author">Alan St. Aubyn</em>. Aus dem -Englischen.</p> - -<p><b>Schatten.</b> Von <em class="author">Ossip Schubin</em>.</p> - -<p><b>Unerwartet.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Ein Opfer.</b> Von <em class="author">Karl E. Franzos</em>.</p> - -<p><b>Die Möwe.</b> Von <em class="author">Zacharias Nielsen</em>. -Aus dem Dänischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Geopfert.</b> Von <em class="author">George Simmy</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Unheimliche Geschichten.</b> Von <em class="author">Dick-May</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Margarete und Ludwig.</b> Von <em class="author">Frieda -Freiin von Bülow</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Herzogstochter.</b> Von <em class="author">Mrs. Oliphant</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Briefe aus meiner Mühle.</b> Von -<em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus d. Französ.</p> - -<p><b>Erinnerungen einer Schwiegermutter.</b> -Von <em class="author">George R. Sims</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Lou.</b> Von <em class="author">Alexander Baron von -Roberts</em>.</p> - -<p><b>Hof Gilje.</b> Von <em class="author">Jonas Lie</em>. Aus -dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Don Cirillos Hut.</b> Von <em class="author">Emilio de -Marchi</em>. Aus d. Italienischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Jean von Kerdren.</b> Von <em class="author">Jeanne -Schultz</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Unter Bauern.</b> Von <em class="author">Hermine Villinger</em>.</p> - -<p><b>Prinz Schamyls Brautwerbung.</b> -Von <em class="author">R. H. Savage</em>. Aus dem Engl. -2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Elfter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Das Recht des Kindes.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Fränzös. 2 Bände.</p> - -<p><b>Ein schlechter Mensch.</b> Von <em class="author">A. von -Gersdorff</em>.</p> - -<p><b>Mademoiselle.</b> Von <em class="author">F. M. Peard</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Kosmopolis.</b> Von <em class="author">Paul Bourget</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Eine schnurrige Geschichte.</b> Von -<em class="author">Frank R. Stockton</em>. Aus d. Engl.</p> - -<p><b>Die wahren Reichen.</b> Von <em class="author">François -Coppée</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Simson und Delila.</b> Von <em class="author">Annie -Bock</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die gelbe Rose.</b> Von <em class="author">Maurus Jókai</em>. -Aus dem Ungarischen.</p> - -<p><b>Verloren.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Zwei Herren.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Eine Schultragödie.</b> Von <em class="author">Edmondo -de Amicis</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Schiffe, die nachts sich begegnen.</b> Von -<em class="author">Beatrice Harraden</em>. Aus d. Engl.</p> - -<p><b>Susi.</b> Von <em class="author">Friedrich Spielhagen</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>Tim.</b> Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Frauen.</b> Von <em class="author">Anna Munch</em>. Aus -dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Die alte Geschichte.</b> Von <em class="author">Charles -de Berkeley</em>. Aus d. Französ. 2 Bde.</p> - -<p><b>Der Sänger.</b> Von <em class="author">Karl v. Heigel</em>.</p> - -<p><b>Möblierte Wohnungen.</b> Von <em class="author">George -R. Sims</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Tante Anna.</b> Von <em class="author">W. R. Clifford</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Zwölfter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Die Erbschleicherinnen.</b> Von <em class="author">Ernst -v. Wolzogen</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Der Kameenknopf.</b> Von <em class="author">Rodrigues -Ottolengui</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Die Cigarette und andre Geschichten.</b> -Von <em class="author">Jules Claretie</em>. Aus -dem Französischen.</p> - -<p><b>Dodo.</b> Von <em class="author">E. F. Benson</em>. Aus dem -Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Brüder.</b> Von <em class="author">Claus Zehren</em>.</p> - -<p><b>Pflichtgefühl.</b> Von <em class="author">W. D. Howells</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Revanche!</b> Von <em class="author">Alexander Baron -von Roberts</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Pinsel und Meißel.</b> Von <em class="author">Teodoro -Serrao</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Schwere Frage.</b> Von <em class="author">A. v. Gersdorff</em>.</p> - -<p><b>Das Magdalenenhaar.</b> Von <em class="author">Jean -Rameau</em>. Aus dem Französischen. -2 Bände.</p> - -<p><b>Der Verkauf einer Seele.</b> Von <em class="author">F. -Frankfort Moore</em>. Aus d. Englischen.</p> - -<p><b>Wandelbilder.</b> Von <em class="author">Richard Henry -Savage</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Selbstgerecht.</b> Von <em class="author">Friedrich Spielhagen</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>Roman-Studien.</b> Von <em class="author">Jerome K. -Jerome</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Jugendstürme.</b> Von <em class="author">Karl Busse</em>.</p> - -<p><b>Eine Familienähnlichkeit.</b> Von <em class="author">B. M. -Croker</em>. Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Verbotene Frucht.</b> Von <em class="author">Henning -van Horst</em>.</p> - -<p><b>Gold und Ehre.</b> Von <em class="author">Otto M. -Moeller</em>. Aus dem Dänischen.</p> - -<p><b>Eine gelbe Aster.</b> Von <em class="author">Jota</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Dreizehnter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Villa Falconieri.</b> Von <em class="author">R. Voß</em>. 2 Bde.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Mit wahrhaft berauschender Glut der -Schilderung zaubert uns der berühmte -Dichter in seinem prächtigen Roman den -Frühling der Campagna di Roma und des -Albanergebirgs mit seiner märchenhaften -Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift -uns das Schicksal der Menschen voll -Leidenschaft, die er in dieser großartigen, -stil- und stimmungsvollen Umgebung -lieben und leiden läßt.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Die Tochter des Abgeordneten.</b> Von -<em class="author">Georges Ohnet</em>.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>In diesem glänzend geschriebenen Roman -bietet <em class="gesperrt">Ohnets</em> vielseitiges und fruchtbares -Talent eine seiner reifsten Früchte. -Die große Schar der Freunde und Verehrer -des gefeierten Erzählers wird dieses -Buch namentlich auch darum noch vermehren, -weil es sich auch zur Lektüre für -junge Mädchen eignet.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Die Siegerin.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Einem neuen Buche von Hans Hopfen können -wir keine bessere Empfehlung mit auf den Weg -geben als die, daß es ein »echter Hopfen« ist.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Eine dritte Person.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem -Schauplatze der meisten Crokerschen Romane, -durchwärmt und verklärt gleichsam -die Geschichten dieser mit Recht so beliebten -Erzählerin und verleiht ihnen einen romantischen -Schimmer, der den Leser unwiderstehlich -gefangen nimmt.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Flederwischs Heirat.</b> Von <em class="author">Gyp</em>. Aus -dem Französischen.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«, -ist ein entzückendes Geschöpfchen, -dessen köstliche Naivetät und neckischer -Humor wahrhaft herzerfrischend wirken.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Eine internationale Ehe.</b> Von <em class="author">Madame -Bigot</em>. Aus dem Englischen.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes, -gut beobachtetes Milieu und -eine reich bewegte Handlung vereinigen -sich in diesem flott geschriebenen Roman -zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen -Ganzen.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Sich selber treu.</b> Von <em class="author">M. Gerbrandt</em>. -2 Bände.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Warmherzige Menschen von reich entwickeltem -Gefühlsleben treten uns in diesem -hochgestimmten Roman entgegen, in dem -sich die begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin -von feiner poetischer Empfindung -und abgeklärter Kunstanschauung -erweist.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Islandfischer.</b> Von <em class="author">Pierre Loti</em>. Aus -dem Französischen.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Mit der Einreihung von Lotis berühmten -Roman, diesem Hohenlied der See und der -Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir -einen Wunsch vieler unserer Leser.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.</b> -Von <em class="author">Helene Böhlau</em>.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller -Kleinmalerei und gemütvollen, schalkhaften -Humors sind auch diese neuen <em class="gesperrt">Böhlau</em>schen -Ratsmädelgeschichten, in denen wir -einen Hauch aus Weimars großer Zeit -verspüren.</p></div> - -<p class="p2">Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu <b>Geschenken ganz besonders geeigneten</b></p> - -<p class="center large">Salon-Ausgabe -</p> - -<p class="noind">auf <b>feines, extra starkes Papier</b> gedruckt und in <b>elegantem Liebhaber-Einband</b> -zum Preise von M. 2.– für den einfachen und M. 3.– für den doppelten -Band erschienen.</p> - -<p class="center">Einfache Bände:</p> - -<div class="hang"> - -<p><em class="author">Burnett</em>, <b>Der kleine Lord</b>.</p> - -<p><em class="author">Feuilett</em>, <b>Das Tagebuch einer Frau</b>.</p> - -<p><em class="author">Paul Lindau</em>, <b>Helene Jung</b>.</p> - -<p><em class="author">Voß</em>, <b>Kinder des Südens</b>.</p> - -<p><b>Was der heilige Joseph vermag.</b></p> - -<p><em class="author">v. Wolzogen</em>, <b>Die Kinder der Excellenz</b>.</p> - -<p><em class="author">v. Gersdorff</em>, <b>Ein schlechter Mensch</b>.</p> - -<p><em class="author">Savage</em>, <b>Meine offizielle Frau</b>.</p></div> - -<p class="center">Doppel-Bände:</p> - -<div class="hang"> - -<p><em class="author">Conway</em>, <b>Eine Familiengeschichte</b>.</p> - -<p><em class="author">Croker</em>, <b>Die hübsche Miß Neville</b>.</p> - -<p><em class="author">Hopfen</em>, <b>Robert Leichtfuß</b>.</p> - -<p><em class="author">Ohnet</em>, <b>Der Hüttenbesitzer</b>.</p> - -<p><em class="author">v. Wolzogen</em>, <b>Der Thronfolger</b>.</p> - -<p>– <b>Die tolle Komteß</b>.</p> - -<p><em class="author">Sims</em>, <b>Erinnerungen einer Schwiegermutter</b>.</p></div> - -<hr class="chap" /> -<p> </p> - -<div class="chapter"> -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben.</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 7: alimodisches → altmodisches<br /> -wie ein <a href="#corr007">altmodisches</a> Kleidungsstück abgelegt</p> -<p> -S. 11: Augenbiick → Augenblick<br /> -Von dem <a href="#corr011">Augenblick</a> an, als sie</p> -<p> -S. 61: Weimararaner → Weimararnern<br /> -den <a href="#corr061">Weimaranern</a> ihr geliebtes Deutsch</p> -<p> -S. 136: wir → mir<br /> -es war <a href="#corr136">mir</a>, als würden da</p> -<p> -Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray<br /> -Von <em class="author">D. C.</em> u. <em class="author">H. <a href="#corrcat6">Murray</a></em></p> -</div> -</div> -</div> - -<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 ***</div> -</body> -</html> - - diff --git a/old/51230-h/images/cover.jpg b/old/51230-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9f5b76a..0000000 --- a/old/51230-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/51230-h/images/signet.png b/old/51230-h/images/signet.png Binary files differdeleted file mode 100644 index e37905e..0000000 --- a/old/51230-h/images/signet.png +++ /dev/null diff --git a/old/old/51230-0.txt b/old/old/51230-0.txt deleted file mode 100644 index 0462032..0000000 --- a/old/old/51230-0.txt +++ /dev/null @@ -1,6950 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook, Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten, -by Helene Böhlau - - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten - - -Author: Helene Böhlau - - - -Release Date: February 16, 2016 [eBook #51230] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE -GESCHICHTEN*** - - -E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team -(http://www.pgdp.net) - - - -Anmerkungen zur Transkription - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=. - - Die Autorennamen der Katalogseiten sind _so ausgezeichnet_. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - -Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek. - -Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker. - -Dreizehnter Jahrgang. Band 12. - - -RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN. - -von - -Helene Böhlau. - -(Madame al Raschid Bey.) - - - - - - - -[Illustration] - -Stuttgart. -Verlag von J. Engelhorn. -1897. - -Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten. - -Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. - - - - -Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe. - - -Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das kleine, nun längst -wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet anfing, mitten unter den -tausend und abertausend europäischen Städten und Städtchen sich -außerordentlich wichtig zu thun. Es mochte auch alles Recht dazu haben; -denn es hatten sich in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet, -Vögel, derengleichen vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren, -und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so daß sie wirklich -außerordentlich seltene Vögel geblieben sind, bis heutzutage. - -Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben, und es hat den -Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig hinerzählt war, allem -Feierlichen, Schweren aus dem Wege ging, alles Leichtlebige beim Zipfel -nahm. - -Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus den Bürgerstuben, -aus den Gärten vor der Stadt, von jenen alten, gesegneten Gärten, und -ich werde mich auch wieder vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen -Tieren vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten abgeben. - -Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre alte weimarische -Sonne locken, von der sie so gerne sich wieder bescheinen lassen würden. - -Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt, eine weiche, -hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es sproßt und keimt, in der -ein lustiger, feuchter Wind weht, Nebel ziehen, in der Herzen schlagen, -und in der allerlei behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die -Achseln zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen; damals -aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen machte. So glaubte man -in jenen Tagen und tuschelte es sich gegenseitig wie eine interessante -Hofgeschichte zu, daß die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie, -von der Karl August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts -machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in Tieffurth, im -Park und im Schlößchen. - -Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten Dinge. Die -bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft, aber doch -humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß daran, daß die kleine, bucklige, -häßliche Dame solche Geschichten machte. - -Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn es war absolut -nicht ~comme il faut~ von der Göchhausen. -- Außerdem sprach die -Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern darüber, daß ihr so etwas -»arrivieren« mußte -- solch eine »Kalamität«! -- Man fand, daß sich -die Göchhausen noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich -machte. - -Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie sie schimpfend und -klagend die Parkwege auf und nieder gehuscht war. - -Sie hatten sie ganz genau erkannt, -- daran bestand kein Zweifel! - -Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von Krommsdorf erst -spät heimgetrieben, war sie im Park auch nachgehuscht, und er erzählte, -daß sie ihm scheußlich weinerlich und wichtig gesagt habe: »Ich -la--ngweil' mich so!« -- Weiter nichts. Aber +wie+ sie es gesagt hätte! -Wie aus einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden, die -die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer Kalb, das -die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt hatte, pfundweis nach -Hause trugen, gar nicht haarsträubend genug vormachen. - -Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen, immer klagend, -immer schimpfend und immer unzufrieden; -- manchmal auch nur murmelnd -und brummend; -- aber +wie+ murmelnd! -- eben ganz wie eine arme -Seele murmeln muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war -überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache, daß sich die -Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, -- nach Vorschrift der alten -Kobold- und Geistergeschichten. - -Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen haben und hatten auch -gottlob immer etwas; sie waren an die merkwürdigsten Dinge gewöhnt, -eine solche Fülle von gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das -graue Rattennest niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß -diese Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit allerhand -fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel. - -Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar lachende, -blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich behende Körper, -blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch etwas tollpatschige Hände, -helle Kleider, die sich lebendig um diese jungen Körper schmiegen, -die sich so jugendsicher auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so -wohlgebaut und unschuldig. - -All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie zu ein paar -Mädchen, die in der alten Wünschengasse daheim sind. - -Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt und sind mehr, -als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund und Feind, Nachbar und -Nachbarin. - -»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und sind die Töchter des -Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und würdig, nie verstanden hat, weshalb -gerade ihm das Schicksal diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr -Mühe und Kopfzerbrechen kosteten, als seine Buben. Ja, in der That, -er und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem hübschen Paare -fertig geworden, wenn nicht die ganze Wünschengasse ihnen beigestanden -hätte, die Rangen zu erziehen; und nicht nur die Wünschengasse fühlte -sich dazu berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen -Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es, wenn sie miteinander durch -die dämmerige Gasse schlenderten. Und wer dies aussprach, schaute ihnen -gewissermaßen gespannt nach. - -Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige Wünschengasse in -Aufregung zu erhalten. - -Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach den Ratsmädchen, -das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln und Hetzen, das Verhätscheln -und Anraunzen. Nie, solange die Wünschengasse steht, sind aber zwei -Schwestern von Kindesbeinen an trotz alledem so ungetrübt heiter -gewesen wie diese zwei, so treu ihren Freunden ergeben. - -Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag Freunde -haben, -- zu den Menschen, die nie einsam sind, -- zu den sonnigen -Kraftmenschen, die Wärme und Strahlen für andre übrig haben. - -Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden keinen -Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden nahe treten wollte, waren -ihnen dankbar, -- und was die Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und -diese Freunde: der blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon, -den sie auf den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner -französischen Abstammung wegen; in den weimarischen Mäulern aber war -»der Pudding« zu einem »Budang« geworden. -- Und der schöne Franz -Horny, der sich als Maler später einen Namen machte und in jungen -Jahren in Amalfi starb; -- sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo -es von den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian verehrt -wird. -- Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller, Schillers Sohn. - -Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich vergnügt, wie -dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr geschieht. - -Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere Urwüchsigkeit -wie ein altmodisches Kleidungsstück abgelegt. - -Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen und haben -sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von Röses Paten Sperber, -einquartiert. Sie sind ins Wasser gefallen, haben miteinander getanzt, -wenn es ihnen paßte; sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten -gefahren, sie haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie -haben »Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren -gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich von den -etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre genommen worden, haben -ihnen ihre Schularbeiten vorweisen müssen und sind von ihnen belobt und -gestraft worden, wie das alles ausführlich schon einmal erzählt worden -ist. Herr und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung -ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen. - - * * * * * - -Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse. -Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel, und in die Dämmerung -dröhnt die große Glocke im Schloßturm. Der Sturmwind fährt in das -mächtige Geläute; er reißt die großen, vollen Töne wie Wolken -auseinander und nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie, -läßt sie hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen. - -Die Glocke läutet die Osternacht ein. - -Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch; so -voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne und das tiefste -Menschenleid. - -Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß Gott wo, -erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens Weimar geworden. -Ein jeder versteht dies Herz da oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig -aus, was die andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es -erweckt sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein -großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat. -- - -Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster hinaus. - -»Hörst du?« sagt Marie. - -Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet wurde, zum Schloß -hinunter gelaufen und haben hinauf nach der grünen Turmspitze gesehen, -die von der Wucht der Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und -her schwankte; oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten, -und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert; oder -die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den Glockenstuhl, und sie haben -da, schwankend und schwindelnd und ganz betäubt von den ungeheuren -Schlägen, die den Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander -geklammert und an den riesigen Balken festgehalten. - -Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum Fenster hinaus. - -Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen. - -Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal geantwortet. - -Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen grüne -Schärpen. - -Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff von aller -Schönheit und Eleganz. - -»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! -- Was fällt euch ein! -- -Der Wind!« So ruft Frau Rat, die Mutter der Ratsmädchen, die eben ins -Zimmer tritt. - -Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt. Der Haushalt -mit den wilden Mädchen und Buben, die Kriegsjahre, der überernste -Gatte, die Geldsorgen, -- das alles ist der fein organisierten Frau zu -viel geworden. - -Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe; sie aber hat etwas -Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur bei sich selbst fände, was sie -sucht. - -Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das Glockengeläut dringt -nur noch dumpf ins Zimmer. - -Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die Lichter an. - -Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches Gesicht. - -Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des einen Talglichtes -brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter unter einem grünseidenen, -ovalen Schirm. - -»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?« - -»Was denn sonst, Schatz? -- Habt ihr euch die Hände gewaschen?« - -»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse. - -»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und streicht ihr übers -Haar. -- »Gutes Kind!« - -Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß sie ihrer -Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht. - -»Ruhig, ruhig!« - -Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf auf dem Tisch?« - -Senf war eben das Neueste. - -Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles in schönster -Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht feierlich im Zimmer auf -und ab. - -»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch einmal: »Charmante -Leute!« - -Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden« nicht. Man hat zu -warten, bis er fragt. - -»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit -erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau. - -»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?« - -»Ich dachte so etwa ... etwa ...« - -Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit« nannte, -nicht recht klar zu sein. - -»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon eine recht -große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem Seitenblick auf die -Mädchen. - -Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der Mutter auf der Platte -tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt zu. - -»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?« - -Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen Halsbinde heraus, -im Hintergrunde des großen Zimmers, zu seiner Frau. - -»Bst!« macht Frau Rat. -- »Mein Gott, so jung sollte sie nicht sein. So -ein armes Ding!« - -»I was!« sagt Herr Rat. -- »Papperlapapp! Warst du etwa älter?« - -Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres Lebens zogen -an ihrer Seele vorüber. -- Sie lächelt, -- alle heißen Thränen, alles -Sehnen, alles Verstummen hatte sich bei ihr zu einem müden Lächeln -herabgemildert, -- oder in ein Lächeln zusammengefaßt, -- wie man will. - -Apothekers kamen. - -Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten rundes Bäuchlein war -mit »selber gestickter« Seide überspannt und glänzte wie ein heiteres -Gestirn. Er kniff Röse in die Wange und war vortrefflich gelaunt. - -Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach den Fenstern -des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte sich eben eine Dame in -vollem Putz, in weißer Haube mit blauen Bändern und im weißen Kleide. -Sie öffnete das Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der -Wind, der durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte. - -»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte nicht lange, da -empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau Geheimderat Thon und deren -Sohn Ottokar Thon, Adjutanten des Großherzogs Karl August. - -Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den Eltern Kirsten, -küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann Marie. - -Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte. Das weiße Kleid -umschloß in langen Falten eine volle, stolze Gestalt. Das schöne -Busentuch war aus kostbaren gelblichen Spitzen, und eine breite, -hohe Haube mit himmelblauen Bändern beschattete ein energisches, -wohlkonserviertes Gesicht. - -Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre rundliche Kinderhand -dann an die Lippen. - -Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen Gesichte aber lag -eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen ihrer Schwester Hand nicht -los, bis man sich zu Tische setzte. - -Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie ahnte, sie wußte -alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach mit ihr, als spräche er zu -einem lebendigen Heiligtume, -- so etwas scheu, -- und doch ... -- -Rösen überschauerte es. - -Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten Uniform aussah! - -Von dem Augenblick an, als sie ihn zuerst gesehen, war ihre Seele -ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner Gescheitheit und -seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger gewesen, und sie hatte auch -gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet. - -Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig gelobt habe, -und daß Karl August eine Schrift über die Zukunft Deutschlands von ihm -kenne, von wahrer staatsmännischer Bedeutung. - -»Solch ein Mensch will mich!« - -Das waren Röses Jubelgedanken. -- - -Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen und hörte zu, -wie alle sprachen. - -Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie mußte träumerisch -an einen Vogel denken, der in seinem Nest auf schwankem, grünem Zweige -sitzt, das von einem weichen Winde hin und her geweht wird. Die Sonne -glitzert durch die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes -Licht um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug. Sie -fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist; deshalb macht -sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen, stillen Wonne, ein -kindisches, süßes Bild. - -Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter; nein, alles -und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte Festsuppe: Grünkern -mit Kerbelrübchen. Das war Frau Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen, -wie Mandeln so fein und klein, zergingen auf der Zunge, und die -Suppe duftete wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete -es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer. Warmer -Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel, der echte köstliche -Kornduft, ein sanfter Wind, der über die Aehrenhäupter streicht, -- -Erdgeruch! Das alles kam, als der Deckel von der Suppenschüssel gehoben -wurde, den Gästen bewußt oder unbewußt in Erinnerung. - -Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe! - -Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß sein wie eine Musik -oder wie ein Gedicht, die Leute sollen fröhlich davon werden.« - -Ja, es war eine feierliche Suppe! - -Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben klirrten, -und im Schornstein heulte und jammerte er. - -Nach der Suppe gab es einen Karpfen, -- einen Spiegelkarpfen mit -großen, goldenen Schildern und Flecken, den besten Karpfen, den -der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen! Röse und Marie hatten -natürlich mitgeholfen, ihn aus dem Behälter herauszufischen, in dessen -klarem Ilmwasser die festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig -flimmernden Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten -hatten sie also erwischt. - -Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit, seiner -Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen. - -Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm den Kopf -auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im Rasen neben -den Fischbehältern eingerammt waren, und der über und über von -Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er den Fisch in zwei Hälften -geteilt und den Ratsmädchen in den Korb gepackt und ihnen die -Fischblase extra verehrt. Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen -zu lassen; es hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein -althergebrachter Spaß gewesen. - -Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer kam, blau gesotten mit -geriebenem Meerrettich, und ganz in Petersilie ruhend, da rief der -Apotheker: »Donnerwetter, ist das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger -gewesen?« - -Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren aber nur die -Vorläufer vom Propheten. - -Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern zu einem -wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus. - -Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer Hofjagd -mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem Herrn, und hatte sie -Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert, und nun sollten sie feierlich -gemeinschaftlich verzehrt werden. - -Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte, waren alle -erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen, nußbraun -gebratenen Tiere silberne Füße und silberne Köpfe hatten. - -»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung vor eurer -Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen! Silberne Köpfe und -silberne Füße!« - -Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger und waren -glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater auch nichts davon -gewußt hatte. - -Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem Geschenk gehört -hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene Vögel aus ihrem -Silberschrank geliehen. - -Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei Flaschen alten -Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden Flaschen hatte er in dem -Franzosenjahr vor den gierigen Langfingern versteckt. Er hatte sie im -kleinen, dunklen Höfchen unter dem Regenfaß vergraben und, als die -Luft wieder rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in -einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz von Staub -und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande setzte er sie, als die -Vögel mit den silbernen Füßen kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz -auf den Tisch. - -»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt. - -»Papperlapapp!« -- Herr Rat war schon dabei, eine zu entkorken. -- -»Gehört sich's nicht etwa so?« - -Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß ein alter, -seltener Wein in so staubigen und schimmeligen Flaschen auf den Tisch -kommen müsse; das sei für den Kenner das Feinste. - -Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten, Kompotts und -Beilagen aller Art. - -»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie verspürt haben -wollen?« fragte der Apotheker den jungen Thon. »Das wäre heute so eine -Nacht für die Bestie, um den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!« - -»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!« antwortete der -Adjutant lebhaft. - -»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der Ilm an dem -Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth -- so eigentlich mitten im -Tieffurther Park. Verspürt ist er nun, der Lump ... aber ...!« - -»Ja -- aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem Adjutanten auf den -Fuchs an. - -Marie zupfte Röse am Kleid. - -Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon. - -»Röse,« tuschelte Marie besorgt, -- »sie werden doch nicht gar zu lange -bleiben?« -- - -Röse fuhr wie aus einem Traum auf. - -»Was?« fragte sie. - -»Na, wenn unsre Drei nun kämen?« - -»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort sind; die werden -unten schon lauern, bis der letzte hinaus ist!« flüsterte Röse. - -Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben, verehrten -Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und bedauerte, daß sie -Weimar so bald wieder verlassen müsse. - -Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen, um ihren Sohn zu -besuchen. - -Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem Kompottlöffelchen an -ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt und stattlich. - -Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene Frau in -ihrem weißen Kleid so frei und vornehm stehen zu sehen. - -Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren Sohn diesmal -verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit menschliches Berechnen -nicht trüge, vor ihren Augen läge, -- und für diese Beruhigung, diese -frohe Aussicht danke sie dem gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten. - -Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und Frau Rat an, dann mit -Apothekers, und mit Röse ganz besonders. - -»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie. - -Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand; darauf küßte er Röses -Hand wieder tief bewegt. - -Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder Schlingel!« flüsterte -sie Röse zu. - -Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das war auf Vater -Kirstens Befehl hin so eingerichtet. - -Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten, und er wollte in -seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand keinen »Verlobungstrafik«, wie -er sich ausdrückte. Das Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt -werden. - -Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein verliebtes Paar zu -stolpern! - -Er war Herr im Hause, damit basta! - -Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die Apothekerin mußte -ihren Mann zweimal am Rockschoß zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der -schönste gewürzte Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß. - -Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der Wind mit solcher -Gewalt gegen die Scheiben gefahren und hatte an den wackeligen, alten -Fenstern gerüttelt, daß der Apotheker ordentlich zusammengefahren und -wieder zur Besinnung gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider. - -Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes durchaus nicht. Es war -gut so. Sie wünschte sich's nicht anders. Nichts schreckte sie aus -ihrem süßen Traume auf. Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich! -Und es war nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien -es ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen. - -Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut! - -Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und Hochzeitssprüchlein -und gab ihrem Vater, als sie mit ihm anstieß, extra einen Kuß dafür, -daß der in der schön gestickten, seidenen Weste nicht reden durfte. - -Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde, kindliche Geschöpf -vor sich, wie es so süß träumte. Und sie gehörte ihm, war sein eigen, -sie war ihm versprochen! - -Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß auf diese junge -Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden Mund schien ihm -Erlösung, -- das seidenweiche Haar zu streicheln Erquickung! - -Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt schwieg, -erschütterte ihn. - -Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume. Ein berauschender -Duft! -- - -Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird doch heut auch -wirklich spuken?« - -»Wer?« fragte Röse. - -»Ach geh!« - -»Wenn das +so+ werden soll, wenn du ewig nur vor dich hin gucken -willst! -- Na dann --!« Marie sprach sich nicht weiter aus, schien aber -entrüstet zu sein. - -»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß! Mich freut's -grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht noch mehr!« - -Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden zankend -miteinander tuscheln. - -»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und eine Seele?« - -»Sind wir auch!« sagte Röse. - -Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen Braut; -etwas würdig, wie er es mit jedem jungen Mädchen that, aber jedes -Wort bebte und zitterte und war beladen mit allem möglichen, und die -Blicke beider hingen aneinander, -- forschend, ergründend und scheu den -Anblick genießend. - -Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der Wind und trug jetzt, -wie es schien, einen merkwürdig hellen, rhythmischen Pfiff auf seinen -Flügeln. - -Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem Anbeter war, spitzte -die Ohren, erhob sich wie im Traume, ging dem Fenster zu, blieb aber -zögernd, wie unverrichteter Sache stehen und begab sich wieder auf -ihren Platz. - -Der junge Thon beobachtete sie. - -»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken, lassen sie uns bei -dem Wetter nicht fort!« - -Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht gekommen. - -Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die Arme. - -Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte bei sich: »Das war -ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?« - -Jetzt schellte es unten. - -Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt und -sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen. Was ihnen denn nur -einfiele! Waren sie denn des Kuckucks! - -Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten. - -Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus für -Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei und mit einem -Veilchenbouquet daran gebunden, etwas unsagbar Schönes, Bräutliches. -Sie hatte jedenfalls nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch -bei einem Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei. - -Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen sollten; sie -beratschlagten und hielten sich deshalb ziemlich lange auf der Treppe -auf. Marie kam auf den schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt -den Veilchen in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben, -bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es möchte dem Vater -nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk der Schopenhauerin -jetzt mit hereinbrächten. Und es geschah so, wie sie sich vorgenommen. - -»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die Mädchen wieder eintraten. - -Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr. - -Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit einiger Zeit von einer -merkwürdigen Unruhe befallen waren. Es war ihm, als müsse er mit Röse -ein feierliches, großes Wort reden. - -Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch wirklich? War er -ihrer sicher? - -Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig und -liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den Händen fest. - -»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!« dachte der junge Thon -mitten in seinem Herzensrausch. Er hat bereits gestern die halbe Nacht -platt auf dem Bauche vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich -schon, wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den Fuchs -paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über sich rauschen, fühlt -wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm. Und das Lauern, das scharfe -Hinhorchen, -- das Spannen, -- die Naturlaute, die nachts hie und da -geheimnisvoll auftauchen, -- da wird's ihm wohl werden! - - * * * * * - -Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen Frau Rat Kirsten -Komplimente über das splendide Gastmahl, und Frau Geheimderat Thon -drückt Röse mütterlich zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr. -Röse errötet tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand -ihrer künftigen Frau Schwiegermutter. - -Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem, Unbekanntem, als -Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand drückt, so erregt und bewegt, -als wäre dieser einfache Händedruck eine heilige Handlung. - -Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme und küßt sie -und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen in den Augen. - -Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort und Stelle bringen; -sie sind zu diesem Behuf aus ihren weißen Kleidern in die grauen -Ginghamalltagskleider geschlüpft und wirtschaften mit wahrem Feuer und -so ordentlich und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei sich -denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch, pflichttreu und -brav!« - -»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du so trödelst, wann -denkst du denn, daß wir fortkommen?« - -»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang, »was hilft's -denn sonst? -- Poltere doch nicht so!« Marie ging darauf hin auf den -Fußspitzen. - -Drüben bei Thons war schon alles dunkel. - -»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn bei uns so lang?« - -Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah nach diesem und -jenem; die Mutter schloß das gespülte und geputzte Silberzeug in den -Schrank. - -Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen Füße und -Hälse der Fasanen. - -Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus Dunkelheit und -Nachtruhe ein. - -Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt; die Magd, -Vater und Mutter, jedes war schlafen gegangen, und keine Maus rührte -sich. - -Es schlug elf Uhr. -- Da war es, als wenn auf der dunklen Treppe sich -vorsichtig etwas bewege. Es knarrte eine Stufe; es huschte und schlich -etwas. Zwei Stimmen wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte -Röse tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich angst, -- -so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du, daß der Vater bös sein -würde?« - -»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem Atem, »jetzt -ist's zu spät! -- Mach nur leise, -- du trampelst ja!« - -»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar nich!« Aber da krachte -die alte Stufe so entsetzlich. Den beiden kam es wie ein Kanonenschuß -vor. -- Sie standen ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu -regen. -- »Ach Gott!« klagte Marie. - -Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter. - -»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in seinen Kissen. - -Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete undeutlich: »Der Wind; -auch wohl die Katze.« - -Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte draußen an den -Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben, sang und jodelte in den -Schornsteinen. Es war eine wilde, stürmische Osternacht. Zerrissene -Wolken fuhren über den Himmel. - -Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche, zitternde -Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel geräuschlos ins -Schlüsselloch zu stecken. - -Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden Herzens, aus der -Mutter Speisekammer stibitzt. - -Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und schauten mit -ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie seufzten beide tief, denn -es war ihnen nicht geheuer zu Mute. Sie hätten's nicht thun sollen! -So heimlich fortzuschleichen war das Rechte nicht, das fühlten sie. -Und sie dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an Frau -Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten Respekt hatten. Was -die wohl dazu meinen würde? - -»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! -- Himmlisch!« - -Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von dem Winde treiben. -»Glaubst du wirklich, daß es was gibt, wenn sie's oben merken?« fragte -Röse. - -Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen Longshawl gefaßt -und sich darin verfangen. - -»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub' schon. Aber wenn -alles gut ausgeht, und wir haben sie wirklich gesehen, und wir sagen's, -dann -- dann ...« - -Der Wind nahm ihr den Atem. - -Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern lieber gedeckt, -wie die Diebe an den Häusern hin; und so eilten sie Hand in Hand -vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke flatterten wild im Westwinde; -die Stirnlöckchen, selbst die schweren hängenden Zöpfe wehten und -peitschten um sie her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries -Zopf übers Gesicht gefahren war. - -Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der Gaststube schimmerte -Licht in die Dunkelheit; es trat jemand aus der hellerleuchteten -Thorfahrt. Röse und Marie drückten sich atemlos, erschreckt in den -Schatten an die Mauer. Dann liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen -Augen, weil der Sturm Sand und Staub aufrührte. - -Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond schaute auf einen -Augenblick ungeheuer glänzend, als wäre er von den Wolken eben erst -wieder blank gewischt worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde -hinab. - -»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen. - -Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und die Ilm nächtlich -an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen und lauschten ins Dunkel -hinaus. - -Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der Sturm hatte sie wie ein -paar Rosenbüsche zerzaust. - -»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte Marie, »wenn sie -uns nur nicht erschrecken!« - -Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende und -wieder verschwindende Mondlicht, die schweren, schwarzen Wolken, der -Sturm, der in den hohen Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche -Stille, ohne menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell -unterbrochen, das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne auf -der Mühle, -- alles bedrückte sie! - -Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem ähnlich, den der -Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen hatte; aber er kam so -zaghaft zu stande, daß er wie ein Hauch verflog. - -»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte Marie kaum hörbar. - -»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und beide schmiegten sich -fest aneinander. - -»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,« meinte Marie. -»Wir müssen ein bißchen näher. Ob der Müller ihnen wohl die Fähre los -gemacht hat?« - -Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam. - -»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie. - -Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben: »Scheußlich -falsch.« - -»Oho!« hörten sie laut rufen. - -Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, -da standen ihre drei Freunde Budang, Horny und Ernst Schiller vor ihnen. - -»Trödelbüchsen!« rief Budang. - -»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend. - -Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle Fähre. Das Ilmwasser -rauschte und gluckste um die groben Bretter und schien eine eisige -Kälte zu verbreiten. - -Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre zwischen den -geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder, woran die schweren Taue -liefen, schnurrten; der Wind klappte und rasselte damit. Röse und -Marie saßen aneinander gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre -heute sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd, dem man -nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende Wasser schlich, wie -sie schwankte, ruckte und zuckte! Der Sturm erschwerte die Ueberfahrt -außerordentlich. - -»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse wieder, -- »so schwarz!« - -Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?« - -Keine Antwort. - -Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie waren gerade dabei, -die Fähre am andern Ufer anzulegen, und mußten aufpassen. - -Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer schwer und bang -gestimmt. Alle miteinander schritten in einer Reihe den aufwärts -führenden Weg hinan. Den breit ausladenden Westwind hatten sie jetzt -in der Seite. Man konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond -war einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit -pechschwarz. - -Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?« - -»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!« - -»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in der Osternacht da -stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.« - -Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen. - -»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade, denke ich, gehen -wir doch!« - -Tiefe Stille. - -Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen miteinander und -die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es durchrieselte sie selbst bei -ihren Worten. - -»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so fürchterliche Dinge! -Am Tage denkt man nicht daran, aber nachts, da sieht alles so wie in -einer alten schrecklichen Geschichte aus. Weißt du von dem Fährmann, -der die Toten über ein großes schwarzes Wasser setzte; -- so wie wir -vorhin, fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie lieb -haben. -- So hat es gewiß gerauscht, -- und so kalt wird's gewesen -sein, und die Taue haben so geklappt, und die Räder geschnurrt; und -alles pechschwarz, Sturm, nie wieder Sonnenschein! -- Und da haben sie -auch so auf der Bank gesessen und sich gefürchtet, -- und sind auf -Nimmerwiedersehen fortgefahren! -- Budang, wie mir die Göchhausen leid -thut! -- Glaubst du denn wirklich, daß sie kommt? -- Und wie ist's denn -nur, daß sie gerade kommt, und die andern nicht? -- -- Ach, Budang, wer -so was wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?« - -Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie aus einer Flasche -spricht, -- so fiept, -- das ist gräßlich!« - -Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien, alle Hand in -Hand. - -Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden Blätterknospen -aneinander; es klappte und sauste, und über die kahlen Felder kam es -unheimlich angebraust. - -Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und die Blätter werden -erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie sich an Budang fest vor -Grauen. Und Marie flüsterte bebend: »Pfui Röse!« - -»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten die sich!« - -Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt; ganz geheuer -war es keinem von der Gesellschaft zu Mute. - -»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn sie wirklich kommen -sollte! Was machen wir denn da mit Röse und Marie --?« meinte Ernst -Schiller. - -Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne Sorge, wenn es -darauf ankommt, fürchte ich mich gar nicht! -- Ich rede sie an!« - -»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen sollt!« - -»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so darfst du uns -nicht behandeln! -- Weißt du, wir sind so gut wie verlobte Mädchen!« - -»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich, »laß die -dummen Witze!« - -Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht! -- Haben wir je -gelogen?« - -Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen alle -zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind schnob um sie her und -trieb sie noch näher zu einander. - -»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand sogleich wußte, -wem sie angehörte. Sie klang so fremd, so unterdrückt, als wenn der -Frühlingssturm selbst mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan -hätte. - -Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare Veränderung in -dem Gesichte seines Freundes Ernst Schiller. - -Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen Götzendienst -getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts Lieblicheres als -diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen Herzens geblieben, sein ganzes -erstes Jugendfeuer gehörte seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn -auch seines Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?« - -»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja noch nicht sagen!« - -»Nun, -- weshalb sagst du dann: beide?« - -»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten sie sie doch auf -einer Lüge ertappt, die Bengel! - -Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas gehabt hatte, -was die andre nicht auch besaß. Es mochte ihr neu sein, daß sie -Einzelwesen waren. Es verdutzte sie völlig. Beide gehörten so eng -zusammen. Sie waren sogar merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre -geboren, als gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen -wir ja. - -Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche durcheinander. -Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten und Zweige, wie durch ein -Riesensieb. - -Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein andres schwatzend -und klagend, frühlingshaft spitz und grell vor sich hin. Auch ein -Liebespärchen, das sich lockte und schalt, koste und sich beklagte! - -Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da und dort: -unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen! - -»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure Fasanen gekommen, --- vielleicht ein Fuchs.« - -»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses Verlobungsgeschichte -nicht glauben wollte und sich doch nicht recht zu fragen getraute. - -»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe und silberne Füße -aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll aus.« - -Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt ganz still. - -Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches. - -»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen, »ist denn -deine Verlobung wirklich wahr?« - -»Ja, Budang.« - -»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?« - -»Ja.« - -»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine vernünftige Person -bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst du dich denn gern? Ich -begreif's nicht! Wieviel jünger bist du denn als ich?« - -»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft. - -»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in anderthalb Jahren -verheiraten wollte. -- Lächerlich!« - -»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig. - -»Und du weißt's, daß du verlobt bist, -- seit heute erst, -- und bist -doch mitgerannt! -- -- Du bist aber gedankenlos! Da muß man doch, -dächt' ich, ganz erschüttert sein?« - -»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht ganz verlobt! --- Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer dran? -- Immer! -- -- -Nein, weißt du, mir ist's auch viel lieber, daß ich mit euch hier -renne; zu Haus war mir's manchmal ganz angst und bange vor Glück.« - -»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?« - -»Nein.« - -»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts nach! Wie bist du -nur!« - -»Ach geh!« wehrte Röse ab. - -Der Sturm hatte nachgelassen. - -Sie bogen jetzt ins Dorf ein. - -Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde! - -»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny. - -Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht, geh' ich -wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig. - -»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber nicht naß!‹« rief -Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse und Marie denken nicht; sie -thun's nur!« - -»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!« - -Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der Ilm vorüberführt. -Und die Ilm gluckste und rauschte auch hier geheimnisvoll nächtlich, -und der Wind pfiff noch gespenstischer durch die riesig hohen Ulmen. -»Wenn sie hier käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch -nirgends ausweichen, -- so zwischen der Mauer und der Ilm. -- -- -- Ich -stürb' auf der Stelle, wenn sie mich anfaßte!« - -»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie darauf kommen, dich -anzufassen? Schließlich war sie doch eine vornehme Dame, und die wird -sich doch nicht im Grabe solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!« - -»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht hören!« - -Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt; das nächtliche -Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge, daß sie doch etwas Unrechtes -thäten, das schauerliche Ziel, die vermutliche Nähe des Entsetzlichen, --- all das hatte sie überwältigt, und sie brach in Thränen aus. - -Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze; Röses Hals -umklammernd, weinte sie bitterlich. - -»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!« - -Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und wußten nicht, was -beginnen. - -»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten ihre blonden -Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen Körper schmiegten sich fest -einer an den andern. - -Der Mond schien hell über sie hin. - -»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir verlassen uns doch -nicht?« - -»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.« - -»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie muß der zu Mute -sein! -- Und wie schrecklich, daß sich die Leute so vor ihr fürchten!« - -»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen sie fragen. -Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!« - -Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen. - -Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während Röse leicht -beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun gehen wir weiter,« -sagten sie dann, und sie hingen sich wieder ein in die Arme ihrer -Freunde. - -»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie bedenklich. - -In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch gestört war, nur -die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr durch die Baumkronen, da hörten -sie etwas! -- Was war das? - -Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. -- Von fern ein Scharren, --- ein Laufen, -- ein Huschen, -- Schritte, -- aber merkwürdige -Schritte, -- in Sätzen, -- etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges, -Menschenunwürdiges! - -Sie standen alle bewegungslos, lautlos. - -Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges Hupfen und -Huschen! - -Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher, -- grad auf -dem Wege kam es auf sie zu, -- näher, -- immer näher, auf dürren -Blättern gehend, dann hopsend! Ja, wenn sie das wirklich wäre, dann -überstiegen diese Laute alle Phantasie! Der entsetzlichste Kobold -hätte nicht widersinniger rennen, hüpfen und stehen bleiben können, -als es das that, was da ankam! -- Und zu denken, daß diese arme Seele -eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem etwas -boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel! -- Ein Mensch! Eine -Hofdame!! -- so heruntergekommen, so urweltlich sich aufführend, -- so -ungeheuerlich! - -Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde mächtig -bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer angedrückt, --- totenstill. Wie mußte erst das Aussehen des Spukes sein, nach -solchen Lauten! -- Sie hatten sich alle eine unbestimmte Vorstellung -von der Begegnung mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes -- -Nebelhaftes -- Huschendes -- Fiependes, -- und daß sie wie aus einer -Flasche sprechen würde; aber nicht so -- um Gottes willen nicht so! - -Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, deren Ränder -versilbernd. - -Da sahen sie sich etwas bewegen, -- etwas Ungestaltes, Niederes; --- es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel, -- und zwei -unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich und hoben sich gespenstig -vom dunklen Hintergrund ab! Diese wackelnden Hörner, was sollten die? -Was wollten die? - -Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen. - -Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein Bocken und Stampfen, -und wie aus einer Trompete, ein urweltlicher, scheußlicher Ton, und -- -ein Gelächter! Budang war's, der lachte. - -Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet und beleuchtete --- ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt auf vier hohen, sparrigen -Beinen stand und seinen Riesenkopf mit seinen Riesenohren vor sich hin -streckte und horchte. - -»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst. - -Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge Scheusal hopsend -und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit vorgestrecktem Kopf in die -Nacht und in den Park hinein. - -»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine ›Muffel‹, der ist dem -Pächter entwischt!« - -Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was kommen; zu -einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten sie es nicht. Es lag -etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, Werdendes, -- so etwas Banges, -Wehes. -- Auf Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste -schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall an, an -die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die Gräber, -- denn es war -heilige Osternacht, wo die Toten auferstehen! - -Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, -- Käuzchen, -- verliebtes -Nachtgetier. - -Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die Schritte waren -unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. Eine moderige Feuchtigkeit stieg -auf. - -Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand. - -»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor Goethes Gartenhaus -alle Morgen gekehrt wurde? Daß ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt -hat? -- Glaubt ihr das?« - -Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht der -stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen. - -Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst einmal gesehen; -die Schopenhauern hat's erzählt, und die weiß auch, wer's gewesen -ist. Beim ersten Morgenschimmer hat er das Mädchen getroffen, wie -sie gekehrt hat, -- und da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele -und ist zusammengesunken wie ein Wisch; und eine alte Frau, die wie -ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat etwas gemurmelt, -wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig is!‹ Dann sind sie nie wieder -gekommen, und das Kehren war aus!« - -Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -- »Ja, wißt -ihr denn das nicht?« rief Marie unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern -gesagt, daß das nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen -gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit saß, hat es sich -ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt, -- so wie ein Kätzchen, --- oder wie ein Mädchen, das ihn lieb hatte und für ihn gestorben -ist. Einmal hat er auch, als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm -gesehen, der sich über seine Brust spannte, -- nur einen Arm und eine -Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten ging, da soll -etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. Es haben's auch -andre Leute gesehen und sind davor erschrocken. Ja, es war oft jemand -unsichtbar um ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern -hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist und ihn so -übermannt hat, wie der Schauer, wenn das Wundersame bei ihm gewesen -sei. Und an dem Morgen, an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen -hat, da soll er ganz verstört gewesen sein!« - -Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit zu haben; alle -unterhielten sich weiter über geheimnisvolle Dinge. Jeder hatte etwas -zu erzählen. - -Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim Umzug als Feder -nachfliegt und im neuen Hause wieder mit einzieht; die Beutlersleute, -die über Kirstens wohnten, kannten einen in ihrer Familie, der auf -Spinnenbeinen ging und eine Zipfelmütze trug. -- Im alten Rattenneste -Weimar spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab es -keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht irgend etwas -nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein altes Haus, in dem -es ganz einfach geheuer war, und keine adelige Familie, die nicht -gerade so wie ihr altes Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß. -Das heißt, auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das -Familiensilber zu rechnen. - -Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf den einsamen -Parkwiesen hin und her und betraten nun mit abermals klopfendem Herzen -die dunkelsten, geheimnisvollsten, überwachsenen, feuchten Wege an der -Ilm, um trotz allem der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade -dort, hieß es allgemein, sollte sie spuken. - -Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung ziemlich von oben -herab von diesen Dingen, waren aber wiederum um nichts weniger eifrig -und weniger erregt, als unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die -Borkenbrücke und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen -Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und Büschen bestandenen -Abhange hin, und kaum waren sie hier eine Strecke in tiefem Schweigen -geschlichen, -- denn es war eine so feuchte, monddurchschienene -Einsamkeit, als wäre jahrhundertelang hier niemand gegangen, -- da -standen sie alle mit einem Schlage wie gebannt! - -Nahe, -- in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand aufgestöhnt, und sie -hatten alle deutlich gehört, wie etwas, das in den Büschen steckte, -so recht verbissen und verzweifelt zwischen den Zähnen »verdammt!« -gezischt hatte. »Verdammt!« deutlich »verdammt!« nichts weiter, und -dann wieder tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten. - -»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd. - -Alle hielten den Atem an und horchten. - -Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen schien indessen -auch zu horchen. - -Totenstille! - -Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen würde, -- denn -da war etwas, -- das war sicher! - -Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen wie die -Bildsäulen so starr, -- ganz Erwartung! Dasjenige, das in den Büschen -auf so sonderbare Weise »verdammt!« gesagt hatte, mußte sicherlich in -Verwunderung geraten sein, was mit den vielen Schritten, die es doch -kommen gehört hatte, geworden sei. - -Jetzt aber, -- was war das? -- Ein Fiepen, ein jämmerliches, -sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, oder quietsche ein -Wägelchen, oder auch als wimmere ein Hund unter ganz besonderen -Umständen! - -Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es durchaus nicht -unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie fiepe, oder wie durch eine -Flasche rede, hatten sie ja gewußt! - -Das war das Entsetzliche! - -Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, was im Gebüsch -steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte. - -Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer gepackt, mahnte Röse: -»So kommt doch!« Und sie war's, die sich wieder auf die Beine machte, -ohne auf die andern zu achten, die ihr schleichend folgten. - -So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige Schritte, mit -klopfendem Herzen und stockendem Atem. -- Dann ein gewaltiges Rascheln -im dichten Gebüsch, -- ein furchtbarer Schrei, -- ein Springen, -- -ein heiserer Laut, -- und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem -großen, dunklen Mantel umfangen wurde. -- Ein ungeheurer Schreck! -- -Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles! - -Marie schrie verzweifelt auf. - -»Ruhig, -- ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was macht ihr denn hier? -Röse, um Gottes willen, wie kommst du hierher?« - -Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien zu flüstern und -war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. Und jetzt, -- ein -zarter, zarter Frühlingslaut, -- so süß, so wunderlich, -- ein Laut wie -ein Kuß! - -»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. »Der lag hier auf -der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße Wort hatte sich ihr im -Schreck und in der Ueberraschung gebildet. - -Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und in der Erregung -über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, die ihm den Fuchs -verscheuchten, die Schnauze zugehalten hatte, wedelnd an Marie in die -Höhe. - -»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt, erschüttert, -doch auch unwillig aus dem großen, dunklen Mantel heraus. -- »Was fällt -euch denn ein?« - -»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, »daß wir -ausgerissen sind.« - -»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, »sie sind ja mit -+uns+; -- und wenn +wir+ dabei sind, dürfen sie alles! -- Frau Rat hat -es ihnen ein für allemal erlaubt.« - -Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die die beiden Mädchen -hatten, lächeln. - -In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine überzeugende -Vortrefflichkeit, -- so eine unantastbare Treuherzigkeit, -- daß jedes -weitere Wort, jeder Unwille und jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der -Adjutant schüttelte Budang die Hand und begrüßte die beiden andern, -währenddem er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ. - -»Also die Göchhausen wolltest du sehen? -- Für so etwas hattest du also -doch noch Raum?« - -»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft -- »lagen da doch des -Fuchses wegen?« - -»Ja, mein Herz, -- weil ich's daheim nicht aushalten konnte. -- Was -denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!« - -»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.« - -Und nun gingen sie alle miteinander und brachten die leichtsinnigen -Dinger, die Ratsmädchen, heim in die Wünschengasse. - -Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren Kameraden, -- wie -gut sie immer wären, wie lustig, wie treu, und was sie alles von ihnen -gelernt hätte, besonders von Budang. - -Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, das voller Liebe und -Freundschaft war, voller Anhänglichkeit, -- und erzählte alle möglichen -dummen und lustigen Streiche. - -Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn, auch ihre -Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so klug! Solche gibt's nicht -wieder!« rief sie. - -Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu. - -Das war Frühlingsreinheit, -- Frühlingszartheit, -- Frühlingswonne! - -Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell. - - * * * * * - -Viele, viele Jahre sind vergangen. -- Die Jugend vieler Millionen -Menschen ist verweht. -- Es ist alles anders geworden. - -Röse ist nun eine alte Frau. -- Was das Leben ihr gab, hat es ihr -längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle -Freuden mit Leiden gezahlt -- nach Menschenart. Sie ist unendlich -geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich -wiederholen sehen, immer von neuem. -- Sie ist gut, still und heiter -und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die -schöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, -- sonst nirgends! - -Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die -sie nichts angehen. - -Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft, -- aber -da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht. - -Geduldig werden, -- geduldig werden, -- geduldig werden! darauf läuft's -hinaus. - -Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre -Enkelin sitzt bei ihr am Bette. - -Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit -durch die Straßen fährt. - -Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken. - -Da, -- was ist das? - -Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu -ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie -beim Fasanenessen saßen. - -»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer -Enkelin, -- »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das -Gesicht der Greisin. -- »Das ist er!« nickte sie träumerisch. - -»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er uns abholen wollte; -so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei, -und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!« - -Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein, -in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß -es sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf -mit lebendigen, geistvollen Augen, -- und seine silberweißen, dichten -Locken liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. -- Er hat eine -Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung. - -»Wie geht's der Röse?« fragt er. - -Röse streckt ihm die feine Hand entgegen. - -»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im Auge, »du kannst ja -noch deinen Pfiff!« - -»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten, -»das freut dich?« - -Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten -miteinander einen weiten, -- weiten Ausflug in die gute alte Zeit. - -Und das war die beste Medizin. - -Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in -Sorgen und Bangen kam; -- aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr -wohl that. - -»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, -- du treuer Mensch!« - -Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, -- treu in großer, -wahrer, seltener, starker Freundschaft. - - - - -Das dritte Ratsmädel. - - -Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, die sie -wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon als Kinder oft in -der Dämmerung sich von ihr unterhalten, wenn der Schnee fiel, und sie -daheim still in der Familienstube stecken mußten. -- So eine unbekannte -Schwester zu haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch -etwas höchst Merkwürdiges! - -Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester gesprochen; es war -ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten sie sich Märchen. - -Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee fallen! -- Sie mußten -in der Dämmerung sitzen, und niemand durfte sie beachten; dann kam -die Schwester dran, und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl -aussehen könne. - -Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die Tochter aus des Vaters -erster Ehe, und nach ihrer Mutter Tode von ihrer Großmutter mit nach -München genommen worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete, -hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten. - -Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester Barbara schreiben -gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst aus dem fernen München -alle Weihnachten an den Herrn Vater und die Frau Mutter nach Weimar. - -Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit wunderlichem Schauer. - -Einmal schrieb auch die Großmutter. - - »Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn! - - Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, woraus ich - sah, daß es Ihn und der Frau und den guten Kindern wohl und - gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man wird ein alts Möbel, das - heißt, um von mir zu reden. -- Waberl wird groß. Sie tritt die - Kindsschuh aus. -- Kurios, was für ein ruhiges Mädel sie immer - war. Grad als wenn meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre - alte Mutter in Voraussicht so geboren hätte. - - Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das müßt' ich - lügen. - - Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit Jahresfrist - jetzt unser Quartier. - - So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt. - - Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf dem - kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹ - - Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber es ißt - doch gut wohnen. -- Fünf Fenster in Front, drei Fenster die - große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, dazu Alkoven, ein - kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und Speicher. Kurz alles, was - der Mensch braucht -- und das Glockengeläute obendrein. - - Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das ißt ein - Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht. - - Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind. - - Herr Sohn mögen mir nit zürnen. - - Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm geraten. - Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust. Die - Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche Sach und wäre - dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich bietet, wie ißt - Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, und ein Gang zu guten - Freunden, und ein gut Obst und ein gut Bier. Gottes Gaben sind - verschiedenerlei. - - Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich ißt - gut.‹ - - Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil - aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. Und - eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel zu schiegen - und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der Herr Gott sie in - seiner Laune gemacht hat. - - Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau daß - Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, damit es - ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das Bildnis der - heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den Hals, was bedeutet, - daß sie besonders dem Schutz der heiligen Jungfrau anvertraut - ißt. - - Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen sie - unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, aber - ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie den - weltlichen Dingen entrückt. - - Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine Gabe an sich, - die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie hat eine gesegnete - Hand. Und das ißt so gekommen: Ein Kindel in unserm Haus hatte - die Fraisen und war gottserbärmlich geplagt. Zufällig hat die - Waben das Kindel in die Arme bekommen und hat's umhertragen un - gestreichelt un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und - wenn's wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst - nach der Waben geschickt -- dann hat's sich rumgeredet und es - sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf hatte, und - Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch das Mäderl ißt - gesund worden. - - Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder Wäsche - flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und es kommt - eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter und will sich - von der Waben kurieren lassen. - - Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von Uebel sein? - - Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, -- wenn's so - still und brav dahinlebt. - - Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich hab' Ihm - von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, wie's in die - Höh gewachsen ißt, -- und damit Sie, wenn ich das Zeitliche - gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu sich zu rufen. - - Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang des - freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie von uns - alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die liebe Frau und - die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens verbleib' - - dero - - Großmutter.« - -Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen wie ein -Märchen wirkte. - -Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das von einer -Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu haben, die eine Mutter -Gottes am Halse trug, eine katholische Schwester! Sie sprachen von dem -fürchterlich lauten Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und -daß sie mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen. - -Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen mußte! - -Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, der waren sie -auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn sie erwarteten immer etwas -Merkwürdiges von ihr. Den Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in -ihr Gebetbuch geschaut, -- und sie hatte ihnen einmal das »Heilig« -vorgesungen, -- etwas ganz Außerordentliches. - -Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -- Häulig! -- -Häulig! -- Häulig! kam es wie aus einem tiefen Keller herauf. - -Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe. - -Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten Keller -- und -so fort. So sang es die Magd ihnen vor, und sie selbst hatten es bei -Spaziergängen oft zu singen versucht. - -Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt worden. - -Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die Weimaraner zu jener -Zeit hatten von »dem Katholischen« keine rechte Idee. - -In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, und die Magd mußte -jährlich einmal nach Jena wandern zur großen Osterbeichte. Da kam sie -ihnen vor, wie eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben; -und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu beichten. - -Sie beneideten sie. - -Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande sei's gesagt, dann -ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres als eine Predigt schienen ihnen -auf der Welt nicht zu existieren. - -Das war das Längste. - -Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten ihnen zum Trost, -wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige Blumenbouquetchen zum -Mitnehmen, oder Budang schnitt ihnen ihre Namen besonders kunstvoll -aus, oder auch gaben sie ihnen Malzbonbons mit. - -Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres: zu Weihnachten, -Ostern und Pfingsten; dann war es ein großes Fest neben dem Fest, denn -da gingen sie alle miteinander. - -Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief der Großmutter -erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse und Marie lasen auch diesen. -Das war auch ein sehr merkwürdiger Brief. Die Großmutter schrieb: - - »Hochverehrend libswertester Herr Sohn! - - Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir. - - Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges Engerl zu - sein, das arme Mädel. - - Herr Sohn, -- 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's gehört, - wenn der Herr Gott ein End machen will. - - Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter - Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, der mir und dem - Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -- Um meinet und Ihres - Willen mög's nun genug sein. Sie pflegt mich wie eine heilige - Nonn -- Gott sei's geklagt. - - Da gibt's nix. -- Ungeduld kennt's scheint's nit -- und wenn - ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz. - - Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott - geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich, - geschweige vor ein menschlich Wesen. - - Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig Jahr -- - und so mög' es dem Herrn gefallen, mich baldn zu erlösen, das - wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere und stehn ihr die Ohren - voll Tag und Nacht. - - Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes - Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das - Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches halten im - Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. Das walte - Gott. - - Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr Sohn und die - lieb Frau und die Kinder - - In Todesnot und Jammer - - Die Großmutter.« - -Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen! - -Und sie würden nun zu »drei« sein! - -Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über alles Maß -außerordentlich. - -Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren Bräutigam Ottokar -Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach mit dem Großherzog war und -auch noch bleiben mußte, zu Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude. - -Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. Sein Hauswesen -sollte wie am Schnürchen gehen. - -Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen. - -Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der -älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.« - -Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem -fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen? -Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine -gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben? -Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu -fremd. - -Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei -Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl -alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese -Angelegenheit zu seiner Frau sagte. - -Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom -Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen -Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen. - -»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß -bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht -hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.« - -Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte, -und waren des besten Willens voll. - - * * * * * - -So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist -sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie -nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras -Aussehen ein Wörtchen geschrieben. - -Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse. - -Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein Mädchen zu erwarten. - -Er wollte es so. - -Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch gedeckt, und -ein Riesennapfkuchen stand mitten unter den Tassen, wie ein Berg. - -Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen. - -Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, aber die Mutter -verbot es ihnen. - -»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!« - -Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten Bäumen, die sich ihrer -Farben, ungestört von Regen und Nebel, freuen konnten. - -In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober zur Seltenheit; -gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, ehe sie abfallen. Dies -Jahr aber war auch ein vortrefflicher Zwetschgenherbst. Die Zweige -bogen sich unter der blauen Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur -standen heuer acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen -aufmarschiert zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch -die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die Magd und -Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder. - -Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und tags darauf das -Rühren und Kochen im Waschkessel, von früh morgens bis spät in die -Nacht. -- Ein Hauptfest, an dem geschwelgt und geschleckt wurde. - -In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte auf der Treppe -überhört. - -Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie -euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht. - -Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend, --- flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug -einen großen, schwarzen Holländerhut. - -Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. -- »So ein -Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie. - -Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie -den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß. - -Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich -zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein -Rebhuhn.« - -Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich -aufgesteckt. - -»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden -waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre -Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben -der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die -Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie -gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen. -Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel -bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten -Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit -den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen -Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber -feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich -daherschritten. - -Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da. - -Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr -den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie -sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und -fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife. - -Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode. - -»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife geben!« sagte Marie -leise. - -Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen Schwester wanderten sie -beide hinauf in die Dachstube. - -Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken. - -Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und Marie nötigten sie -gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der Vater hielt auch mit. - -»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit diesen beiden -großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er auf Marie und Röse, »mußt -du nun auskommen.« - -Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal. - -Und der Vater hatte recht! - -Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen und den guten -Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen lassend, ließ sich gar -nichts Treffenderes von ihnen sagen. - -»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, »von eurer Wohnung -aus konnte man die Alpen doch wohl nicht sehen?« - -»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.« - -»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu gleicher Zeit. »Wie -sehen die denn aus?« - -Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von zackigen Bergen; -auch manchmal wie Wolken und manchmal schneeweiß, wie aus lauter Eis, -und manchmal himmelblau. Aber nur bei schönem Wetter kann man sie -sehen.« - -»So? Warst du auch einmal wirklich dort?« - -»Nein, das ist zu weit.« - -Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester hatte so eine -sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, und manchmal »halt«, -- das -gefiel ihnen; aber sie sprach nur, wenn man sie fragte. - -»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was heilen, das wissen -wir,« sagte Röse. - -Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter die flachsblonden -Härchen. - -»Bst!« machte die Mutter leise. - - * * * * * - -Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der -langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von -Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen -lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester. - -»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so -zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt -du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und -- komisch! --- einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder -›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte -Großmutter machte nämlich Schreibfehler.« - -»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die -Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht. - -Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten -sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe -lag. - -»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie. - -»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse. - -Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten -schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos. - -Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine -Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr -Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs -in die Küche. - -Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die -Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit. - -»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!« - -»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich. - -Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer -etwas zu thun. - -Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen -die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei -für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen -während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit -Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre -Art. - -Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der -Arbeit. - -Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist -»benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein -Seelchen eingezogen. - -Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn -man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging. - -Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im -ganzem Hause gerufen und verlangt. - -Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu -finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten -zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die -allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie -nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit, -gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester. - -Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren Gang. - -Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete freundlich, wenn -es gefragt wurde, war immer gleichmäßig liebenswürdig, hatte aber ein -ganz undurchdringliches Wesen. - -»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach einigen Wochen kaum -bekannter mit ihr, als am ersten Tag, und wurden doch von ihr verwöhnt, -daß es eine Art hatte. - -Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, lange Haar, was -bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte ihnen die Kleider, half -ihnen nähen und schneidern und saß bis an die Ohren und mit einem -rührenden Eifer in Röses Ausstattungsarbeiten. - -Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander durch den Park. - -Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts von dir. -- Wir -haben dich doch lieb, -- erzähl doch!« - -Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. »Wie denn? -- Was -denn?« fragte sie. - -»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel älter als wir; -warst du denn nie verliebt?« - -»Nein.« - -»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?« - -»Nein.« - -»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast du denn nie -getanzt?« - -»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon mitgegangen; aber ich -wollt' halt net. Ich hatte Angst, daß die Großmutter sich verderben -könnt'.« - -»Aber sonst hättst du's gemocht?« - -»O ja, warum net?« - -»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse. - -»Ja.« - -Da war die Unterhaltung wieder aus. - -»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten sie nach einer Weile. - -»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, und jeden Tag -durfte ich in die Messe gehen.« - -Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen Frauenkirche, -den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, dem wundervollen Gesang, -der mächtigen Orgel, den vielen Menschen, dem Weihrauchduft und den -vielen, vielen Grabkugeln am Karsamstag. - -»Ja, das war wunderschön!« sagte sie. - -»Sehnst du dich danach?« - -»Manchmal.« - -»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn nicht traurig -darüber?« - -»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete sie kurz. - -»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen die Menschen einen -trösten. Uns wenigstens kannst du alles sagen. Wir sagen auch alles.« - -»Bist du nicht einmal in München in der Komödie gewesen?« forschte -Marie. - -»Ja, einmal.« - -»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?« - -»Passabel.« - -»Und was sahst du denn?« - -»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar nimmer.« - -»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar nicht!« meinten sie -verwundert. - -»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander einmal in die Komödie, -wir und Budang und die andern, da wirst du sehen, daß es hier nicht nur -›passabel‹ ist.« - -Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren Streichen: wie sie -mit Budang, Ernst von Schiller und Horny aller Nasenlang durchs -Hinterpförtchen ins Theater geschlüpft seien, -- und wie herrlich das -war. Sie berichteten ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August, -wie der sie beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner -Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei ihrer -Schwester kein besonderes Verständnis. - -Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich gehabt habe, -trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr gute Frau gewesen sein -mußte. Die Schwester that ihnen leid. - -Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, sagten sie ihm: -»Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie die Schwester, weil ihnen -das gefiel, »ist eigentlich wie ein altes Weibchen aufgewachsen. Sie -versteht uns gar nicht, das arme Ding. -- Und so verschlossen wie sie -ist! Weißt du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch sehr -mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders »nett« mit ihr -zu sein. - -Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen gemacht, -als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit als etwas ganz extra -Mitleiderregendes hingestellt hatten. - -»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter aus als wir.« - -»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei Waben zu machen.« - -»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er konnte sich's doch -nicht verbeißen. - -Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie glaubten an ihn. - -In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten sich alle, es -der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, was sie schön fanden. -Sie hatten sie in die »Zauberflöte« geführt. - -Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben während der -Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt. - -»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse stieß ihre Schwester -leicht an. - -»Du schläfst ja!« - -»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.« - -Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah nur nieder. - -Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst du denn nicht auf -die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, der da singt.« - -»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, als die -Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!« - -Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang zu, der hinter -ihnen saß. - -Und Budang nickte dazu. - -Er sprach dann in der Pause mit Waben über die Musik. Sie sagte ihm: -»Ich wollte, die Großmutter hätte die Musik bei ihrem Tode hören -können, -- das wär' eine Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!« - -Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen. - -»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse und Marie haben's -erzählt.« - -»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. -- »Da gibt's kein -Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, den freut nichts mehr.« - -Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf ließ, seit sie -von daheim fort war. - -Das hatte die Musik gethan. - -»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang. - -»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, und ich -soll net mal dran denken können? Hier wird's einem, als wär's erst -gestern geschehen, -- und das ist gut. -- Die armen Seelen brauchen -unser Mitleid. Sie werden überall zu schnell vergessen.« - -Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der Abgeschiedenen. - -Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die armen Seelen«, -das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie aus einem uralten Märchen. -Ueberhaupt, obwohl die Waben ein tüchtiges und zuverlässiges -Hausmütterchen war, würden sich die Ratsmädel nicht gewundert haben, -wenn es sich herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist -sei, ein armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen immer -fremder. - -Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie bedrückt und -kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl. - -Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle Klosterspitzen nach -einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht hatte. - -»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« fragte Röse. - -»Wär' net übel,« war die Antwort. - -Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers Adele eingeladen -und kam so in den Kreis der geistreichen jungen Damen, die alle um -einige Jahre älter als die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen -ihrer Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie aber -alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen Wittumstreppe -indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, Liebesbriefe waren es auch -im eigentlichen Sinne des Wortes nicht, sondern vielmehr sprachen die -jungen Damen sich gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen -Episteln aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, das -größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die Treulosigkeit -der beiden Schelme. - -Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte dieser jungen -Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; die Waben war nur durch die -größten Ueberredungskünste ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles -Kränzchen zu besuchen. - -Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu gehen. Die langen -Zuredereien und das Drängen hörte von selbst auf. Sie ging still -und kam still, sprach über nichts, was sie dort in der Gesellschaft -erfahren hatte, -- aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen -gekommen zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei Rats -ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter meinte: »Laßt -sie -- fragt nicht!« - -Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig diensteifrig. - -Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes Kind; wie ein -Sonnenstrahl, so still und gut!« - -Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen. - -Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre aus dem jungen, -pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen geworden. Sie blühte wahrhaft -auf und wurde jeden Tag reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf- -und hinablaufen. Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und Röse -und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das Haar machte. - -Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie dazumal, als ihre -Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen hatten, zum erstenmal im März -ganz unvermutet im dunklen Bauer die ersten leisen Töne hören ließ. - -Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, die aus der -dunklen Ecke kamen, erbebt. - -Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte. - -So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu Schopenhauers -gegangen, und spät abends bei Mondenschein und Winterkälte wandelte -sie über hartgefrorenen Schnee am Arm eines jungen Mannes, der sie von -Schopenhauers heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der -Esplanade zur inneren Stadt führt. - -Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte das schon öfter -so gethan; es war ihm zu einer angenehmen Gewohnheit geworden, das -liebliche Geschöpf heimzubegleiten. Sie hatten keinen besonders weiten -Weg vor sich, aber sie verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch -nie so viel hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke, -die zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern -lag, -- und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Bei dem -hellen Mondlichte war zu konstatieren, daß die Waben einen durchaus -nicht ungefährlichen Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem -prächtigen Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken; -dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und galant in der Art, -wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, sich zu ihr neigte und ihr -Geplauder anhörte. - -Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel. - -»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen sein! Ich fühle -Ihren Arm nicht mehr als eine Feder.« - -»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl klein; aber da ist -nun nichts zu machen.« - -»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß genug sein,« -erwiderte er. - -»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem Mädel doch Respekt -haben, und sie soll ordentlich arbeiten können. Ich bin freilich viel -stärker, als ich ausseh', gottlob! Sonst könnt' ich mir das Salz zum -Brot net verdienen.« - -»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?« - -»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim schlafen und essen, -wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's verdient? Was denken Sie denn? -Halten Sie uns Mädel für Tagediebe? Oder für was denn?« - -»Sie sind so tapfer, -- so tüchtig, -- so anders, als die Mädchen -gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein wirkliches Menschenkind, Sie -Elfchen?« sagte er zärtlich. - -»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine Schwestern nicht?« - -»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit vier Wochen hier, aber -Ihre Schwestern hab' ich nun noch immer nicht kennen gelernt.« - -»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide so fleißig und -tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen Tag zu lachen gibt, -- -und so wunderschön! Wissen Sie, sie sind das Schönste und Beste, was es -auf Erden gibt.« - -»Die eine ist verlobt?« fragte er. - -»Ja, die Röse. -- Sie glauben nicht, wie gut sie mit mir waren, vom -ersten Augenblick an, wie große Kinder. Sie sind so freundlich, wie -halt eben nur Kinder sind.« - -»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. Sie erlauben mir, -Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern meine Aufwartung mache?« - -Die Wangen des Mädchens glühten. - -»Gewiß!« sagte sie. - -Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte sie. An seinem -Arme wußte sie das nie. Er sprach so zärtlich. Das war wie himmlische -Musik. Gott, daß es solches Glück auf Erden gab! - -Jetzt standen sie an der Hausthür. - -»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus im Schlosse. Sie -sind mit bei dem großen Aufzug.« - -»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen wir uns die -Schwestern doch miteinander anschauen. Sie finden mich auch auf der -Galerie; ich beschütze Sie, und ich verteidige einen Platz für Sie.« - -Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz. - -»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er. - -»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.« - -»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes Mädchen! Sie sind -so gleichmütig!« - -»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie lächelnd und -schloß dabei die Thür auf. - -Er wollte etwas darauf entgegnen. - -»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man -muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.« - -»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er. - -»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.« - -Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und -hörte ihr liebesseliges Herz schlagen. - - * * * * * - -Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause -und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem -abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der -Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte. - -Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört -und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen -schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen -Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer -Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische -Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes -bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in -jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe, -immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und -jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden -bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie -von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine -gewisse Beruhigung. - -Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die -Goethe selbst überwachte. - -Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes -Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war. -Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere, -duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen -Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand. - -Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des Riesenreiches -produzieren! - -Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, was für -Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm ausgebrütet worden war. - -Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, ungeschickten -Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen. - -Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug daran gewesen sein, -die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; denn was die Weimaraner -thaten, und wie sie sprachen, war natürlicherweise himmelweit von -seinem Ideal entfernt. - -Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen, welche -Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den Weimaranern ihr geliebtes -Deutsch in einigermaßen richtigen Lauten beizubringen. - -Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte es sich um -hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll Seine Excellenz sich in -der Verzweiflung mit einem Kuß geholfen haben, von dem er wohl hoffen -mochte, daß er begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten -O und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde. - -Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp auf die Beine zu -bringen! - -Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; aber -niemand verstand ihn zu tragen. - -Einzig und allein Seine Excellenz selbst. - -An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, es wird schon -gehen!« wie es schließlich dann immer heißt und heißen muß. -- - -Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll zu thun, -- und -that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. Sie befand sich wohl, -wie eine Amsel im April. Sie wußte zwar kein Wort ihres Anbeters, das -direkt von Liebe gehandelt hätte, -- aber wozu? - -Der Klang seiner Stimme, -- die Art, wie er alles sagte, wie er ihr die -Hand gab, -- das sprach so eine nie gekannte Sprache. Sie wußte sich -geliebt! -- Ja, sie wußte es! - -Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, so unbestimmt, -beängstigend. - -War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? -- Nein, -- nein, -- -nein! Gewiß nicht! - -So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen. - -Und sie nähte dabei mit fliegender Eile. - -Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause hoch her. - -So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; so etwas -Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, als wäre sie in eine -andere Welt versetzt, zum erstenmal in den Sonnenschein. - -Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren und hatte auch etwas -zu sagen, große, getragene Worte, die sie feierlich und ruhig zu -sprechen verstand. - -Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, bis das Ganze -tadellos gelang. - -Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie von der Schönheit -ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die jungen, weißen, vollen -Glieder, das schneeweiße Gewand, das herrliche Gesichtchen, die -lebendigen Augen, die schöngezeichneten Augenbrauen, die ihr so etwas -Vornehmes, Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken -Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die Kniee fiel und -sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte und um die kindliche Stirn. -Es war ein so anmutiges Haar! - -Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer Schwester gleich -gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen vor, war aber auch, wie -Marie, eingewickelt in ihre bräunliche Haarflut. - -Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern. - -Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, daß du nicht -mitkannst! Wie jammerschade!« - -In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, lustigen Wünsche zu -regen. - -Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen! - -Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie alle Herrlichkeiten, -die es zu sehen geben würde, zusammen genießen! -- - -Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der aus man in den -großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr Beschützer war schon da und -hatte in der vordersten Reihe, neben sich, ihr einen Platz gegen die -andrängenden Neugierigen verteidigt. - -Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie. - -In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von den Hunderten von -Wachskerzen, und sie sahen von ihren dämmerig beleuchteten Plätzen -in einen schwarzen Abgrund hinab; aber die Waben und ihr Begleiter -unterhielten sich vortrefflich miteinander, wie sich das leicht denken -läßt. Die Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen. - -Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der Kerzenanzünder -gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit auftauchten, und wie die -Flammen an den Zündschnürchen, was das Neueste war, von Licht zu Licht -hüpften und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel -erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer Viertelstunde alles -glänzte und funkelte, ein ganzes Meer von Licht! - -Personen schritten geschäftig hin und her durch den Saal, anordnend -oder Umschau haltend. - -Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. »Der -Oberhofmarschall!« hieß es, -- »da, -- -- da, -- -- da! Da ging er -eben!« - -Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die Hälse wurden -gereckt. -- Jeder Lakai wurde angestarrt. - -Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. -- Sie blühte neben -ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach langem trüben Regenwetter, -wenn ihn ein paar Stunden warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie -offen sie sprach! Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor -ihm ausgebreitet. - -Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte das auch nicht. Sie -hatte nichts zu geben und mitzuteilen als ihre Vergangenheit, -- gar -nichts weiter, -- und diese Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. -- -Er fragte, und sie antwortete. Sie vertraute. -- Jubelnd empfand sie -zum erstenmal, daß sie wirklich lebe. - -Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, dachte besonnen, -daß sie eine gute, kommode Frau abgeben würde, und erwog dies hin und -her, während sie eifrig schwatzte. - -»Aus guter Familie ist sie, -- mitbekommen thut sie sicher auch etwas. --- Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich unschuldig, ein durchaus -bequemer Charakter.« - -So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen geht und -Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat. - -Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war er erst in Weimar -angelangt, war hier zu einer guten Stellung gekommen, und seine Absicht -ging dahin, sich mit einer alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu -verschwägern. - -Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem blanken Parkett des -riesigen Saales wie in einem stillen See. - -Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, helle Saal -hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte Gäste gekommen. -Oben auf der Galerie reckten sich abermals die Hälse. Es wurde wieder -eifrig getuschelt. Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je -mehr es sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte und -farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe mit griechisch -aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder Art, auf hohe, -schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße Hälse und Arme, enge -Kleider mit langen Schleppen, Fräcke und Uniformen, Lakaien und hohe -Würdenträger, -- ein schillerndes, bewegliches Durcheinander. - -Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar -parfümiertes Lüftchen nach oben. - -Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen Saal war gelblich -warm. - -Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, -- etwas Berauschendes. - -Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem weißen Saal gar -nicht genug wundern. - -Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die fremden -Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte Ceremoniell, -- die große -Feierlichkeit, die große Vornehmheit! - -Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte Geschichte -hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so etwas wirklich noch -existierte! Ein bißchen komisch erschien es ihr, -- ein bißchen -ernsthaft, -- ein bißchen schaurig, aber hauptsächlich sehr amüsant. -Die einzelnen Personen interessierten sie gar nicht, nur das Ganze. -Sie hörte kaum darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute -bezeichnete. - -Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war der weimarische Pomp wirklich -auf die Beine gebracht! Da lag die weimarische Glorienzeit wirklich -wie eine duftende Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft -feierliche Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat -ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende Musik und -große Worte, und ein Schimmern und Auftauchen und Ziehen und Kommen und -Verweilen, -- eine Pracht und Herrlichkeit sondergleichen. - -Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem großen, feierlichen -Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. Sie gehörten sich nicht mehr -selbst. Es war etwas in sie gefahren, was sie begeisterte. - -Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, sie sprachen nicht -mehr wie die Weimaraner. Es war etwas Außerordentliches. - -Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem Aermel. »Meine -Schwester! Meine Schwester!« sagte eine weiche, leise Stimme ganz -erregt. »Sehen Sie, meine Schwester!« - -Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt gerade vor der -Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die Goetheschen Worte; das gute -Ratsmädel leuchtete dabei wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit. -Sie bewegte sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als -wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne Gesicht und die -Arme und der Hals und das weiße Gewand strahlten. - -Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, der -Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. Es lag etwas Heiteres, -etwas Frohlockendes über die Gestalt gebreitet. -- Aller Augen sahen -auf sie. - -»Das ist Ihre Schwester?« - -Die Waben lächelte. - -»Die verlobte?« fragte er. - -»Nein!« - -»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des jungen Mannes wie ein -Seufzer. - -Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick seiner Augen sich -an ihre Schwester heftete. - -Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, so männlich und -gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen. - -Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie nieder. Es -war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas anderes, -- etwas -Schwereres. - -Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas Schreckliches -schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es war ihr, als wenn ihr -Blut aufhörte zu fließen, als wenn eine Spange sich ihr fest um den -Hals legte, als wenn das Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte, -weiter zu schlagen. - -Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, so arm. Wie -hatte sie nur denken können, -- daß ... - -Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen Gedanken. Wie -große, graue, schwere Steinplatten kamen sie ihr vor, die langsam auf -sie drückten und sie tief in den Boden hineinpreßten, ganz langsam und -schmerzlos, -- aber entsetzlich. - -Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer Schwester. Sie -wartete, daß er sie wieder anreden würde, und sie schaute alles im -voraus. - -Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon geschehen. - -Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig klingen würde. Sie -sah und verstand das alles so tief, so klar, so anders, als sie sonst -nie verstand und begriff. - -Ja, -- und so kam es denn auch, ganz so! -- - -Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, -- aber wie ausgelöscht. -Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles so grau, so fahl, -- alles so -gleichgültig, -- so erstickend, -- so weh! -- Sie wollte gehen. Sie -hatte genug gesehen; aber er redete ihr zu, zu bleiben. - -Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren beiden Schwestern. -Er war außerordentlich gnädig und schien an den beiden schönen Mädchen -großes Gefallen zu finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie -sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, von ihrem -gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; von der Schaukelei auf -der schmiedeeisernen Thür an der Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen -Theaterbesuchen, von der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf -dem Vogelschießen, was ich alles ausführlich berichtet habe. - -Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher großes Wohlgefallen -aneinander gehabt. - -»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich aus!« -sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt und ganz versunken, nur -Augen für das wunderschöne Mädchen unten im Saale behaltend. - -Das war nun ein trauriges Nachhausegehen. - -Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat war noch auf und sagte: -»Warte, mein armes Bärbelchen, du sollst mir nicht immer Zuschauerin -bleiben! Glaube das nicht.« - -Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und schlief wie betäubt -ein und wachte auf, als lägen noch immer die schweren Steine auf ihr. - -Und so blieb es. - - * * * * * - -Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen -am Zug bei der Oberhofmeisterin. - -Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern aus indischer Seide, -die sie von Röses künftiger Schwiegermutter bekommen hatten. Dazu -trugen sie goldene Gürtel und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen -Haar. - -Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten köstlich herab. Die -Waben half ihren beiden Schwestern beim Anziehen. - -Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner als gestern.« - -Und das waren sie auch. - -Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen selbst ganz feierlich -gestimmt, wie die eine die andre so ansah. - -Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den Zug nicht -mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen anzuschauen. Die -Lichter unter dem grünen Seidenschirm waren angesteckt, und die beiden -Mädchen gingen im Zimmer umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit. - -Die Kameraden verhielten sich einsilbig. - -Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas so Bekanntes, -Vertrauliches, süß Freundschaftliches, -- und doch so Entrücktes. - -Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer beengend auf dem -Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl zu Mute. - - * * * * * - -Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe spät zum Frühstück -kamen, schenkte die Waben ihnen ihre Milch ein. - -Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn bei Kirstens irgend -etwas Besonderes los war, einen Kuchen geschickt, und in diesen Kuchen -aßen Röse und Marie sich in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief -ein, wie ein paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben -ihre Erlebnisse. - -Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange die Welt steht, -zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende Dinge, die das Geschöpf -triumphieren lassen im glückseligen Machtgefühle. - -Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und fischten nach den -Rosinen darin. - -Und während sie im besten Plaudern waren, brachte die Magd einen -vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz Unbegreifliches zu dieser -Winterszeit, und sagte: »Eine schöne Empfehlung an Fräulein Marie.« - -Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen. - -Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen das Wunder in -Empfang. - -»Ach Marie!« jubelte Röse auf. - -Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, -- ein paar Lippen zitterten wie in -namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt ging unhörbar zur Thür hinaus, -ohne daß jemand darauf geachtet hätte. - -Das war von +ihm+! - -Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das hatten sie ja schon -erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? Er hatte es eben möglich -gemacht, dachte die Waben dumpf. - -Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, -- das war es, -- das erst -hatte ihr schneidend weh gethan! - -»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt der alte Paracelsus. - -Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen bei verschlossener -Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz zwischen den zitternden -Fingern und hatte sich das Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl -gelehnt und hielt Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen -Gottesdienst. - -Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen Orgelbrausen in -ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen der Geistlichen bei der -großen Messe; sie sehnte sich nach den prachtvollen Meßgewändern, -klangvollen Worten und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und -den gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden Gewölben. - -Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf Orgelbrausen -und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter Gottes zu Füßen gestürmt. -Aber so, in dieser Kahlheit hier, da hob der Schmerz sich nicht zum -Himmelsflug, sondern drückte und drückte und wurde wieder zur grauen, -schweren Steinplatte, die sie ganz begrub. - -Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, stillen, -dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus und schluchzte laut. -- - -Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen selbst -gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der Schwestern erkundigt. -Das Befinden war vortrefflich. Sie waren lustig und guter Dinge. -Röses Bräutigam erschien auch, und die beiden schönen Paare standen -auf ihrer Lebenshöhe, denn auch Marie war ganz entzückt von dem -begeisterten, wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in -sie verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem Kirstenschen -Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne Menschen in voller -Jugend, die nur von den besten, schönsten Dingen sprachen und -dachten und träumten, die Feste beredeten und Ausflüge und allerhand -Vergnügungen und Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen. - -Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher Freund sie, -leicht befangen, als alte Bekannte, -- that es aber mit gutem Gewissen, -denn das große Liebesfeuer, das jetzt in ihm brannte, hatte das -kleine, bedächtige Flämmchen, das für die zarte Waben geglommen hatte, -vollständig verschlungen. - -Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens gesagt, gethan und -geblickt hatte, davon wußte er wohl nichts mehr. - -»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester. - -»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig. - -Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer schon wieder -hell empor. -- - -Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, wie dunkles -Wasser. - -Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte. - -Sie liebte ihn so sehr! - -Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen -Menschen vor. - -Das ging so ein paar Tage fort, -- so hilflos, so über Bord geworfen -fühlte sie sich! -- Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich -ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur -Beichte fahre?« - -Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie -die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch -sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist. - -Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche, -und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein -echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem -lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen -auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch -die dunklen Straßen fährt -- und die Schläfer weckt -- und ihnen das -Herz bewegt. - - * * * * * - -In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen -umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen -Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten, -geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das -Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, -- -das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie -auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die -Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie -ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und -höher, immer höher. - -Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten, -ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich. - -Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe -kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte. - -Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er -sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der -Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien, -ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht -beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen -gönnend, -- nichts wollend selig. - -Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte -zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord -Geworfensein«, die genießen und leben wollte. - -Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos gedemütigt. -- -Sie wollte nur Hilfe und streckte die Hände aus und nahm, was man ihr -gab: die große, schwere, ernste Gabe. - -Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete sich auf, -und sie empfing die Absolution ihrer Sünden. - -Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in Weimar wieder ein; -der Postillon blies und weckte die Schläfer. - -Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes Wesen und ging -durch enge Gassen und Straßen. - -Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus in der -Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen Schwestern -stand und die beiden Mädchen fest schlafen sah, kniete sie nieder und -faltete die Hände, und es war ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen -langsam in das tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie -weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas so unsagbar -Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. Und es ward ihr weich und -weit ums Herz, so frühlingshaft, so werdend, als wenn von einem großen, -wunderbaren Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das Beste -auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es gibt noch etwas, etwas -so geheimnisvoll Unergründliches, was größer als Glück und Unglück ist, -was über allem steht, -- etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt -einzig und allein im Herzen entsagender Menschen. - -Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner Größe -erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle Glückseligkeiten. - -So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig beleuchtete Stube -drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, irdische Bräute, -- und -eine süße, kleine Himmelsbraut, mit lichtem, klarem Herzen; eine -Himmelsbraut, auch wenn sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern -hier zu bleiben gedachte, in diesem glücklichen Hause. - -Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in der Freude -unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, -- nichts wollend selig. - -Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare! - - - - -Kußwirkungen. - - -Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt, -da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der -Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker, -den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach -den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können, -und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke und mit -dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die Fabianen und die -Kummerfelden und die Kameraden der Ratsmädchen, Budang, Horny und -Schillers Aeltester vorüberwanderten, und es überhaupt von all den -alten Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig -ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser -Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen -statiösen Dame, und seiner Haushälterin. - -Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles blitzblank, vom -messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen an der Flurthür, bis -zu dem messingenen Vogelkäfig an dem Fenster über Madame Tiburtsius' -Arbeitstischchen, und bis auf den letzten Messingnagelknopf in -der Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame -Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die der Reihe -nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, der Mutter der -Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden und auch bei Fräulein von Knebel -im Schloß, der Erzieherin der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und -noch einigen andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte -und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne, -die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, winters in -die Stadtkirche nachgetragen wurde und die jetzt im Flur hing. Die -Kaffeekanne, aus der Herr und Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen -tranken, blendete die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie -stand, warf ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und -ließ grelle Lichtringel tanzen. - -Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer an, das, wenn -man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen gehörigen Putzlappen, die -ganze liebe Erde reingefegt haben würde. Dieses Frauenzimmer war -eine trockene, hagere Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie -mit ihren beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter -Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken laufen -ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes Hand mit samt -ihren Eimern hervorgegangen, da schauten die Hausfrauen, die mit ihren -Strickstrümpfen und in großen Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich -nach ihr aus und seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus, -der da sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd. - -Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, wie sie wollten, -sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen doch nichts. - -Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, eher -hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen gedacht, als daß Kathrine von -ihrem Dienst in einen andern getreten wäre. - -Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter von Madame -Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der alten Dame die messingene -Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, aber immer noch blinkend, im -Flur hing, mit dem Feuerstörer, dem Gesangbuch, dem Lederkissen in -die Stadtkirche nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit -ihren Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius -mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen solchen Treubruch -gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als wäre sie sein angetrautes -Weib gewesen und nicht die Köchin und Haushälterin der Madame. - -»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach. - -»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn sie in Eifer kam über -irgend etwas, was ihrer Meinung nach der Herr Gemahl hätte unterlassen -können. - -Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und mit der Madame, trotz -aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, sich von ihnen und ihren -Messingkäfigen, Messingknäufen, Messinghandhaben, Messingkesseln, -Messingofenthüren, Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem -messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus nicht so -ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause hantieren und auf -den Markt gehen, so hätte man glauben sollen, solche unanfechtbare, -bewährte Sauberkeit, die könnte nur in allertiefstem Frieden gedeihen, -in einer Harmonie, von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung -machen kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel -der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger noch -Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, noch etwas Versalzenes, -Angebranntes, Gesäuertes, noch Mißverständnisse aller Art, Zank mit -Handwerkern, Tauwetter, Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde und -Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf Nachmittagvisiten -gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen, noch Kinder mit -schmutzigen Schuhen und Musbröten. - -Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf Erden. Es ging -nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte Glanz, der über allen -Dingen lag, war nichts weiter als was sich eben mit unermüdlichen -Fäusten erreichen ließ. Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu -schlucken, so viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch. - -Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von Reinlichkeit und -Sauberkeit -- aber im Kern dieser Wolke, da saß der Rat und paffte -und steckte in einem schmierigen Schlafrock und in ausgeschlappten -Filzschuhen und häufte Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf -seinen Schreibtisch und rührte all dieses untereinander und streute -Schnupftabak darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich die -Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen auf die Akten, -daß der Puder stäubte und sich mit dem Schnupftabak und Rauchtabak und -der Asche und den Dochten, die er immer aus der Lichtputzschere fallen -ließ, auf seinem Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren -Selbstgesprächen) zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte. - -Das war ein Kreuz und ein Elend -- und dies vor den Augen der Welt zu -verbergen, war Rats Kathrine ihre erste Sorge, da war kein Opfer und -keine Mühe groß genug. - -Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als eine Lüge zu -verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine Lüge zu glauben und -glauben zu machen, eine Lüge am Leben zu erhalten, für eine Lüge zu -leben und zu sterben. - -Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre ein Wunder von -Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und dergleichen löblichen -Eigenschaften mehr. Das hatte sich Kathrine in den Kopf gesetzt, -und nicht nur Kathrine, sondern das rechtmäßig angetraute Weib auch -ebenso. Armer Rat, wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller -Unschuld, wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter -dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der Tuchbürste -und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden über dich herfuhr wie -ein Hagelwetter, vom Kragen auf den Rock mit der sanften Bürste und -der harten Bürste in blitzschneller Abwechslung -- und wenn, von den -Bürsten angelockt, sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit -sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste eilig ankam, um -dir das Perückchen frisch zu stäuben und dein Zöpfchen zwischen den -Fingern zu nudeln -- und dann das Bürsten von neuem begann -- wild und -eifrig, damit um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles -in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge! - -»Und die Finger, Gustävchen -- und die Finger und das Fazeterl? - -»Die Finger --, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« -- - -Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche Stimme -- so ein -bißchen eine fette Stimme und ein wenig schnarrend. - -Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da war es dir ein wenig -schwindlig -- da wackeltest du mit dem Kopfe ein ganz klein wenig -über diese Weibsbilder; aber nicht etwa so stark, daß man es mit -unbewaffneten Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe -nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir nach und öffnete -das Schiebfensterchen und rief einmal wie allemal: »Aber Gustävchen, -pünktlich zum Essen -- damit wir den Nachmittag vor uns haben -- -Gustävchen!« - -Und dann gingst du in deine Sitzung -- da warst du ein freier -- ein -großer Mensch. - -In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch in den Teich, wenn -du nur das Bild nicht übelnehmen willst! Da kam dir nichts nach -- gar -nichts, da mußte alles draußen bleiben, unwiderruflich -- alles, alles. -Ueber die Schwelle -- ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das -war eine vortreffliche Einrichtung! - -Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz eigenartig, da -war es dir zu Mute wie dem Schneck, der sein Haus irgendwo hat stehen -lassen aus Vergeßlichkeit, wenn einem Schneck so etwas passieren -könnte, und der sich nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus -geschehen ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben --- oder ob was hineingekrochen ist. - -Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat -- das weiß ich, und du -würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb gewesen, wenn du nicht -gewissermaßen nackt und bloß in die Sitzung hättest gehen müssen, -sondern wie der Schneck dein Haus, dein Eigentum hättest überall -mitnehmen können; wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in -die Sitzung gehen können -- das wäre schön gewesen! Der aber hat zu -Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen. - -Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten in einem -solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, nicht hineinpaßt; -daß ein Misthaufen entfernt werden muß, und daß es Hände gibt, die das -unwiderruflich thun werden, wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie -Kathrine sagt. - -Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und es empfing dich so -eine angenehme wohlbekannte Luft, eine eigentümliche Oede -- fremd -starrte dich dein Zimmer an, wie eine Wüste dein Schreibtisch, die -Dielen naß, kalt, fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch -vermischt, der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft -ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von Gelehrsamkeit, Schnupftabak, -Rauchtabak, Asche und Staub zerstört, das Behagen verscheucht -- das -hast du oft durchgemacht, Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft, -gezankt, aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin -wie eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine -Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut einfach ein, -quittierten darüber, und die Sache war abgemacht. - -Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du thun; du warst -machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen beiden Wärtern, die ihn -seelenruhig toben, schreien, zappeln lassen, bis der Anfall vorüber -ist, und sich sogar verständnisinnig in ihrer Roheit über das Gethu des -armen Narren zulächeln. - -Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du ein armer Narr. -- -Glaub's nur, Herr Rat. - -Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie nichts, und wie -sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin deine Gelehrsamkeit -ihnen einbrachte, darüber zerbrachen sie sich auch den Kopf nicht. - -Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige Feuerstelle, die -die Flamme deines Geistes erzeugte, und hielten das für einfache -Schmutzerei. - -Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die Kathrine nicht, -weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, Atemholen, Essen und Trinken -ansah, und die Frau Rätin nicht, weil sie immer Besuch und Visiten -erwartete -- und die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein. - -Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem Gläschen Wein und -Kringeln. So waren Besuch und Visiten voneinander zu unterscheiden bei -Frau Rätin und Kathrine. Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das -war der zweite schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht -nur auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige Frau, die bei -sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn eines im Hause sauertopft, -das sollte mir fehlen, daß ich mich über meinen Nähtisch setzte, wie -mein Rat über seinen Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte. -Gott bewahre.« Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, dem -kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der strammen, kugelrunden -Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen konnte, daß alles an ihr -schwabberte und schwabbelte, die wollte das Leben genießen und genoß es. - -Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte und junge, und -war überall dabei und machte alles mit. Vormittags hielt sie sich, wie -es einer guten Hausfrau geziemt, leidlich daheim, flickte, schaute der -Kathrine nach, machte mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer, -sobald er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs -und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die Morgenstunden -herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit einem grilligen Mann am -Schreibtisch in Weimar und anderswo je hingebracht hat. -- Aber am -Nachmittag! - -»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« Das rief sie -nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem Schiebfensterchen nach, wenn er -sich in die Sitzung aufmachte. - - * * * * * - -Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten her von allen, -die rings um den Marktplatz wohnten. - -Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit teil, da floß -Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie ein lustiges Bächlein. -Bei Rat Tiburtsius' aber ging der Geselligkeitstrieb, der Trieb nach -Festlichkeit und Lustbarkeit von einem einzigen fetten Weibchen aus, -das sich breit und wichtig machte. - -Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres Herzens. Sie kamen -zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. Ehe die Stiegen noch trocken -waren, tappten kleine und große Füße darauf herum und schleiften den -Straßenschmutz wieder herein. - -Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige Nählehrerin, die -am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen wohnte, kam angehatscht durch -dick und dünn, bei jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar -oftmals Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ sie dann -auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so hießen ein paar kleine Häuser -am Lottenbach, fallen, hatte aber nicht viel genutzt, und so zierlich -sie ging, die Alte, ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren -Kreuzbänderschuhen immer noch mit. - -Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die Fabianen, -die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie jeden Winter, den -Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte und die Raben fütterte -mit allerlei, was sie bei den guten Freunden eingesammelt hatte, -worauf sie mit ihren großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie -ein Rieseneiszapfen, zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren -unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer hing, so daß -beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. Und ihre Freundin, die -winzige Mamsell Muskulusen mit der dicken Perücke, und die wunderschöne -Rätin Kirsten mit ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers, -und der Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu -vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von Schiller und Horny -und Herr und Frau Egidi, ein junges Ehepärchen, und zu feierlicheren -Gelegenheiten Madame Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs, -die ganze schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon, -August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. -- Wer sie -alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer lustigen Weimar, die -fleißig bei der dicken kleinen Frau Tiburtsius aus und ein gingen -und Kathrinens guten Kaffee tranken und die guten Kuchen aßen, die -sie buk, und die Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen -Brotschnittchen -- und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von -Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, so lange, -bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das Nachsehen hatte. - -Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der Thür von Herrn -Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch an der blinkenden Küche -von Kathrine. Sie wußten gar wohl die Sachlage zu beurteilen; aber -das störte sie nicht, durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas -Anregendes. Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in die -schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau trat, da wurde -er gescholten und liebenswürdig gehänselt und zwischen zwei schöne -Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter spielen. Und brauchte man sein -Arbeitszimmer zu lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu -irgend einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte dann -irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der Apotheker, oder -Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend so eine Art Witz machten -sie stets, gewöhnlich denselben. - -Das ging so fort jahraus, jahrein. - -Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht der Wissenschaft -war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten von ihm erzählte, daß die -Marktweiber ihn nicht nur in eine Reihe mit Schiller und Goethe -stellten, sondern noch weit über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn -ganz besonders ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger -war? Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die nicht -im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, überstäubt -und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie ein Stall gereinigt, sein -Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine Atmosphäre gelüftet, seine -Gewohnheiten wurden mißachtet, seine Ruhe wurde gestört, seine Stube -genäßt, versandet, sein Wein verschenkt -- der Boden ihm unter den -Füßen weggenommen. Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war. - -Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht über den Zustand -ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, weil auch sie dem Trieb nach -Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, feindlich im Grunde ihrer -Seele gegenüberstand. Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt -vom Stadthaus ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die -sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, von der -sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom Stadthause sie ihr -mitteilte, und die Geschichte hatte sich folgendermaßen zugetragen. - -»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der Wirt ihr -gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm einfüllen ließ. -»Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und gafft, und bei mir steht ein -Bauersmann, so 'n Stoffel, der nich dreie zählen kann -- der sollte -in der Stadt einen Doktor holen, aber welchen -- das hatte er dir -vergessen. Und nun steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor -dem neuen Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is -- und kratzt -sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, da sieht der Rat -Tiburtsius zum Fenster 'naus -- der weiß alles. Wenn einer, so kann der -dir's sagen, den mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch -und steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf -- und thut 's Maul nich -auf. - -»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem Herrn Rat mein -Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann da soll schnell einen Doktor -aufs Land holen un weiß nich mehr, welchen.‹ - -»Der Herr Rat, der hört's dir nur -- un sagt gleich: ›Das ist ja -wunderlich -- das ist ja wunderlich.‹ - -»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das hatte er gleich -weg. -- Der Doktor Wunderlich, der sollte geholt werden. Es muß schonn -so an recht Gelehrter sein, dein Rat.« -- - -Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen und vergaß sie -nicht, und wenn es die Gäste der Madame gar zu bunt trieben und den -Frieden des Herrn Rat gar zu unverschämt störten und auch in ihrer -Küche herumwirtschafteten, das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um -Mehlhäufchen zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten, -weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden Bilde gebrauchten --- da dachte Tiburtsius' Kathrine, daß man so einen gelehrten Mann doch -mehr ästimieren sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe -von Jahren lang. - -Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, der seine zehn -Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so verlangte man es damals -in Weimar von ihm, auch wirklich gab; -- es waren schon bald ihrer zehn -beisammen, und der Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und -der Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch so und so -viele sagten, wenn sie einander begegneten oder ein Gespräch anfingen: -»Heuer ist's aber in schönster Ordnung« -- oder »Ein kapitaler Februar« --- oder »Ein Staatsfebruar« -- oder »Heite ham mer en Februar, der sich -gewaschen hat« -- oder sonst dergleichen etwas, wie es die alten Herren -von damals zu sagen liebten. - -Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen und -Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, wie weit sie in Jena -schon Weimar voraus wären. - -Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare Lustigkeit -gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. Die einen sahen ihn da, -die andern begegneten ihm dort. Er machte weite Spaziergänge, man hatte -ihn mit Leuten auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie -mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn je, ließ -sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von der Rätin bestäuben -und dann wieder bürsten, ohne etwas davon zu bemerken. Er suchte die -Dinge, die er in der Hand trug, in allen Ecken, jammerte nach der -Brille, die ihm auf der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie -seinen Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von Kathrine -ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt des Hutes aber seinen -alten Filzschuh unterm Arm trug. So toll dies auch klingen mag, ist es -doch wirklich und wahrhaftig wahr und in Weimar auch bei alt und jung -gar wohl bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn Rat -fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung abgeben, daß -überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat erzähle, vollständig auf -Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, was ich in dieser Geschichte zum -besten geben will. - -Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so manches -Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, es würden sich -so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, Gelten und Schaffen -aufmachen, um auch aus meiner Quelle zu schöpfen, daß ich wohlweislich -schweigen werde. Sie würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei -weitem wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. -- Sie würden sich mit -wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen oder -höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die Goethezeit mit allem -Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. -- Jawohl -- daraus wird aber -nichts. - -Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich schuldig -gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre thun, gestehe ich, -daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh unterm Arm statt seines -Hutes getragen hat, sondern etwas andres, was ich mir aber erlaubt -habe, des guten Tons halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der -Rat war eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine und -die Rätin meinten, daß er sein müßte. - -So ging es eine ganze Weile fort. - -Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr Rat einen Kauf müsse -abgeschlossen haben; aber was er gekauft habe, das konnten sie ihr -nicht sagen. Auf dem Stadtgericht war er auch gesehen worden. -- Gott -weiß, wo alles man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte -man ihn gesehen haben. - -Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste grübelten, Kathrine -grübelte. Man fragte, man sprach allerlei Vermutungen aus. Die einen -meinten, er habe sich ein Reitpferd gekauft -- darüber mußte aber die -Frau Rätin lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen -- da lachte -die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade recht gewesen. Einen -Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte der Apotheker. Andre wieder kamen -darauf, er wolle der Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht -darüber einig werden, und der Rat schwieg beharrlich. - -»Das ist meine Sache -- meine Sache -- meine Sache!« fuhr er seine Frau -an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er sie wahr und wahrhaftig an, als -sie hinterlistig und energisch hinterlistig in ihn dringen wollte. - -Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter alter Gatte mit -einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes fühlte, was sie -veranlaßte, nicht weiter in ihn zu dringen. - -Und so blieb er so weit unbehelligt. - -Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern zur -Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in seinem Zimmer auf und -nieder und pfiff. -- Er pfiff wirklich. -- Wie sonderbar es klang, -und wie sonderbar er es fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm -ordentlich steif geworden und juckten ihn. -- Er hatte seit Jahrzehnten -nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal. - -Aber heute! -- Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt und schlürfte -in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr eifrig auf und nieder. - -Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und kramte unten und -oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk stand, und auf dem, wo Hüte und -Kappen lagen und wo ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß. -Dem nickte er zu und sagte: »Du wirst was erleben!« - -Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen und den gestickten -Westen herum, und ein paar weiße, mächtige Halsbinden fielen oben vom -Brett, wo sie neben dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf. -Es knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu hinterst -im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß in einer, und die -hatte eine Mechanik und schnappte. - -Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen und den gestickten -Westen -- und sah nach, was angebissen hatte. - -»Ei -- ei -- ei -- ei!« sagte er betroffen und gedachte seiner -Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, trotzdem er sie -bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -- und kramte -weiter. - -Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm von einem alten -Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, der ihm von oben bis unten -ging. Er schien, nach dem Zustand zu urteilen, in dem er sich befand, -der Vater von dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat -gerade anhatte -- oder auch der Großvater davon. Er war so eine Art -Schlafrockheiligtum. - -»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin -und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die -Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, -wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende -Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und -unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines -vergangenen Lebens. - -Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig -und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar -große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte -einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine -ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er -vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still -- Kathrine mußte -auch fort sein. - -Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte -die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein -Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so -weiter. Diesmal aber pfiff er nicht. - -Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche, -wenn er seinen Choral absang -- aber ein gutes, herzerfreuendes -Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon -- weiter -nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine -Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck -über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber -kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres. - -Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die -gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die -Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ -sie wie lebendiges Silber glänzen. - - »Wenn einer einen Garten hat.« - -Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme. - -Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung, -eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze -Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt, -denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau -so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht -erinnerungsselig, sondern triumphierend -- wirklich triumphierend. Und -er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf -seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er -hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft -- für sich -selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch -der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre! - -Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde, -mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu -wandern. - -Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee -gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich -niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung -und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die -Kathrine ausgegangen war. - -Und endlich -- endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen -Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten -Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem -Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu -jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man -einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges -Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine -solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im -Traume damals. - -Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die -»Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und -strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken -wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich -nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die -Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die -Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit -den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste -und der Puderschachtel. - -Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun -einmal angewöhnt. - -Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich -irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse -unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur -Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon -recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; -aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten -glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock -dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem -Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in -Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt. - -Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm -ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und -sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater -noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen, -dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin -- Garten -an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer -Mühle. - -Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit -zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges -Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten, -auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe -wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen -winzigen Grasfleckchen -- keine so blechernen Gärten, in denen die -Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten, -wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten, -gesegnete Gärten. - -Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der -Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der -Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den -Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den -Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte. - -Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den -Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging -- und -jetzt stand er vor seiner Thür -- seiner Thür, einer Thür aus zart -silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun -steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der -Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll -der Duft aus dem vollen grünen Garten -- und der Duft gehörte dem Herrn -Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief. - -So ein Duft aus dem eigenen Garten! - -Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen -die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten -in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und -Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub. - -Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle -beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen -dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und -quoll und blühte und knospte und duftete. - -Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel -des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde -wie Schilf -- nur weicher. - -Und alles war so weich, so voll, so lebendig -- Farben lugten aus -der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr -zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius. - -Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem -Weg, ohne sich zu regen. - -Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein -Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand, -und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den -keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das -Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen: - - »Wenn einer einen Garten hat.« - -Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem -weichen, vollen Garten erschreckt. - -Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen -Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten -Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den -Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem -ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich. - -Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten -hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich -schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten -sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend -Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die -Finger. - -Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen -zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen -den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen -durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos -blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze -Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald -empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle -schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut. - -Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und das Klappern und -Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, und die Birken und Eschen rauschten -dazu. -- Die Dunkelheit sank immer tiefer herab, und der Herr Rat -tastete sich aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und -machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, blieb er -noch lange ganz versunken stehen und atmete den schönen Gartenfrieden -ein, und die Dunkelheit verbarg ihn mit allen seinen Schätzen vor aller -Welt, ihn mit seinen Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen, -seinen knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln, -Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem Gurkenkraut, -seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden und den -hundertfach knospenden Centifolienbüschen. - -Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der Stadt zuging, da -kam er wirklich wie von seiner Liebsten -- und zu Hause ließ er kein -Wörtchen verlauten. - -Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der Schopenhauern -zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« bei seinen alten Herren -gewesen. -- Und unter denen ging es das eine Mal so zu wie das andre -Mal, da war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem alten -Ehepaar. - -Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er sich wieder -auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es schnatterte bis in sein -Studierzimmer, und in der Küche wurde gebacken und geklappert. Es war -großer Damenthee. - -Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und arbeitete -im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse und saß vor dem -Gartenhäuschen und paffte aus seiner Pfeife, schaute in den blauen -Himmel, hörte auf eine Lerche, die draußen in den Feldern aufstieg, -schnaufte tief den Duft seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte -sich mit den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife. - -Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der alte Bretterzaun -war hoch, und von den Nachbargärten war er auch nicht ohne weiteres zu -belauschen. Dieser Umstand hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat -zum Ankauf dieses Grundstückes zu bestimmen. - -Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie sangen: - - »Es fuhr ein Bauer ins Holz, - Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz, - Ki -- ka -- Kirmsenholz, - Es fuhr ein Bauer ins Holz.« - -Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt alles Spaß. - -Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein Lächeln, wie -es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin war, seine Muskeln niemals -inkommodiert hatte. - -Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber -mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht -vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, -als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch -sehen, wer Herr im Hause ist!« - -So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -- aber -- aber. - -Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten, -war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich, -das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der -Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte -wirklich so weit reinen Mund gehalten haben. - -Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte -er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er -unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch -frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten -Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden -und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört. - -Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war -durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war -vortrefflich. - -Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten -des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen -und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie. - -Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine -mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den -Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin -nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um -und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem -Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«, -der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie -eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn -sie war eine pünktliche Frau -- dann gesellten sich allerlei Personen -zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen -verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den -Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich -auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch -Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der -Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine -Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen -Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf. - -Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern -und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich -in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder -Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« -nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern -und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach -Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora. - -So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran -dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen. - -Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte -Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten -Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so -recht Altäre der Geselligkeit. - -Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie herrlich es war, -wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen aufstiegen, die Würste sich -auf dem heißen Roste wanden, dann platzten und rauchig dufteten, -und die Leute im Garten bei einander saßen mit Weißbroten und Bier, -hauseingelegtem Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und -Gesang. - -Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen: - - »Wenn einer einen Garten hat.« - -und ähnliche Lieder. - -In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch so ein Bratwurstherd, -und es war ihm mehrmals schon das Wasser im Munde zusammengelaufen, -wenn er davor gestanden hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben, -als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine Wurst -begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte. - -Nein -- nein -- lieber keine Wurst! - -Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer müßigen Stunde das -Gelüste gekommen, sich ganz allein ein Paar Würste zu braten -- -das wäre gegangen, aber der Rauch! Den hätten sie in allen Gärten -geschnuppert. -- Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht -gewesen; aber verlockt hatte es ihn -- sehr verlockt. - -Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren Kern die Frau -Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf bewegt hatte, ging -er wieder in den Garten. Es wurde ihm jetzt schon gar nicht leicht, -sich mit Amtsgeschäften auszureden, wenn die Rätin ihn fragte: »Aber -Gustävchen, heute kommst du doch nach -- kommst uns wenigstens -entgegen?« Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau Rätin und -schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und wie er diesmal im Garten -war, fiel es ihm auf die Seele, daß es eigentlich so nicht fortgehen -könne, und das stimmte ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als -wäre der schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er dachte -aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's auch weiter -gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's auch vielleicht noch -lang niemand,« und beruhigte sich damit und goß seinen Salat und die -Radieschen und alles, was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der -Herr Rat ernten sollte. - -Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all dem Gemüse hin sollte --- und wenn das Obst reifte -- die Kirschen glühten schon zwischen den -grünen Zweigen: ja, was sollte er mit all den Dingen machen? -- hm -- -das wußte er nicht recht. - -Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. Allerlei wollte sich -eindrängen, was ihm nicht paßte. Es lag so in der Luft, war schwül und -trüb heute. Der Garten war so dicht und grün und voll, so sommerlich -und still, und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf und -dröhnend. - -Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, vor -Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen auf und trat behutsam -hinaus, schaute nach links: da war die Luft sauber, keine Menschenseele -zu bemerken -- schaute nach rechts -- und stand wie vom Blitz gerührt. --- Ja, wo hatte er denn seine Ohren gehabt? -- Drei Gartenthüren von -ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da kam es angerückt. -- Ihm -schien es wie Tausende von Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden -Armen, Tausende von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen auch -geschwenkt wurde. -- Das war die Lawine, die doch heute in Tröbsdorf -hätte sein sollen. Und mit welchem Lärm kam diese Lawine an! Dem armen -Rat schwindelte. - -»Ja -- ja -- ja -- was ist denn das?« riefen aus dem Gewirre -verschiedene Stimmen zugleich. - -»Aber Gustävchen -- Gustävchen!« -- Das war die Stimme der Rätin. -- -Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß er die Hand noch am Schlüssel -hatte, um ihn abzuziehen -- das hatte die ganze Lawine gesehen, da war -nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb regungslos -- -und da waren sie schon alle um ihn. - -»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker. - -Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den Herrn Rat mit -ihren großen, runden Augen an. - -»Aber Gustävchen! -- Aber Gustävchen!« Das war wieder die knarrende -Stimme der kleinen Rätin. »Was ist denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst -du denn her? Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst -und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich alle um ihn -wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den Kindern auf Weimars Gassen -sehr beliebt war und noch ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des -Wickelkloses steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden. -Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Das ist -mein Garten. -- Ich komme -- ich habe -- ich komme aus meinem Garten -- -ich habe mir nämlich einen Garten gekauft.« - -»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin. - -Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. Aber die Frau Rätin, -die kleine, fette Frau, war Meisterin darin, in das einzige »Aber -Gustävchen!« ganz unglaublich viel zu verpacken. - -Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt ihren ganzen -Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert Variationen. Sie konnte auf -dieser einen Violinsaite ganze Lieder und Musikstücke spielen. - -Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen -Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter Regimentsgaul. - -»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie ein kleines -vollgeladenes Gewitterchen. - -Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der Bühne und spräche -zum Publikum gewendet: »Einen Garten hat er also gekauft, und kein -Pferd und kein Kütschchen.« - -Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine Gite! -- Du meine Gite!« - -»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk lachte. -- Und sie -riefen alle durcheinander alles mögliche in Weimarscher Ursprache. - -»Ne aber!« -- »Herr Jemine!« -- »Herr Jes!« und machten ein arges -Geschrei damit. - -Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n mer uns doch aber -auch einmal den Garten ansehen.« -- Und gesagt gethan. Die Thür ging -auf. - -Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste dazu, und nun -strömte es hinein und riß den armen Rat mit sich. - -Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn Rat ein wenig -beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte Miene aufgesetzt mit -so viel Grandezza, als womit sie ihre Hüte und Hauben aufzusetzen -pflegte. Und diejenigen, welche dem Paar am nächsten standen, hörten -verschiedene scharf betonte »Aber Gustävchen!« - -So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte und so viel -Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten mit den vielen lustigen -Leuten und dem vielen Gemüse, dem Obst und den Sommerblumen und den -pflückreifen Kirschen und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und -dem Beerenobst doch auch an. - -Und alle waren in der besten Stimmung; der arme Rat mußte wahrhaft -Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr Mütchen an ihm und hänselten -ihn und zeckten und neckten ohne Aufhören. - -Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann war und mehr wußte -als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, daß zu verschiedenen Malen -sein Name in den Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half -es ihm, eben gar nichts! - -Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die alten Latschen und -die große Pfeife entdeckten, brach ein Hallo aus. Sie drängten mit -solcher Wucht in das Häuschen, alle auf einmal, um den Flausrock zu -betrachten, daß es den Anschein hatte, als wollten sie die stille, -winzige Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, Erde -und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen. - -Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, mitten unter lauter -Stimmen, die nicht müde wurden, den Rat zu bearbeiten und zu ärgern, -erhob sich plötzlich eine, die rief und alle andern wie mit einem -Schlag verstummen ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?« - -Das hatte eingeschlagen -- und es zeigte sich, daß die alten Weimaraner -wahren Feldherrnblick hatten, wenn es galt, ein Vergnügen beim Zipfel -zu fassen; denn wer weiß, was alles dazu gehört, ein wirkliches und -wahrhaftiges Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das -so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte. - -Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in aller Eile nach allen -Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, was zu holen war. Die einen -mußten in die »Armbrust« laufen und die Würste herbeischaffen. Der -Apotheker wußte ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und -Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes Kompliment -vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben. - -Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen und Budang -bei sich aus dem Keller holen, um ihn zum Feste zu stiften. Der -Apotheker lieferte die Brote. Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von -dem gebracht werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand am -nächsten. - -Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf dem Frauenplan oder -am Markt, nur die Kummerfelden, die aber hatte nicht so viel Teller. - -Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit zugegen. Zu der -schickte die Frau Rätin und ließ sagen: »Eine schöne Empfehlung und -ob die Frau Schopenhauern und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben -wollten, in der Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen, -und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele Gläser und -viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer mitzugeben.« - -Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin -- und das fiel -niemand auf -- nur dem Rat fiel es auf. - -Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im Garten, dem Rat -brauchte das Wasser nun nicht mehr im Munde zusammenzulaufen. - -Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte er sich nun -beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben Abend schon zu Gerichte; -die Frau Rätin trieb einen wahren Handel. Zu einer gewissen Zeit -sollten Apothekers beginnen, sich den Salat zu holen und die Mohrrüben, -und zum Einmachen konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie -gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden sollten -alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich für ein billiges -erstehen. - -Und nun sangen sie an diesem Abend alle: - - »Wenn einer einen Garten hat.« - -Nur der Herr Rat sang nicht mit. - -Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen war. - -Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist mir doch immer -abgegangen.« - -Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff zu, als -die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig gestopft waren -- -und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche aus, die alle den -geheimnisvollen Kauf des Herrn Rat in der Mache hatten. - -Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen: - - »Der Rat, das ist ein schlauer Mann, - Der wollte einen Garten han, - Der kauft sich einen Garten - Und ließ die andern warten.« - -Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich. - -Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und konnte es nicht satt -bekommen, seinen alten Rat zu ärgern. - -»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem, mein Schatz, -und zieh deinen schönen Flausrock an und die Latschen und stecke die -Pfeife an, damit wir doch auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so -kommod umeinander geschoben bist.« - -Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte so etwas an sich, -daß er immer das aussprach, was in den andern noch unbewußt schlummerte. - -Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen, so, als -wollten sie's zum Platzen bringen, und holten den Flausrock, brachten -ihn angeschleift und rissen sich um die Latschen und brachten die -Pfeife, und der arme Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich -in seinen Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker -hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und mußte den -Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade. - -In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm sein Lebtag noch -nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn er sich auch die Entdeckung -seines Gartens manchmal vorgestellt hatte, so, in solcher Gestalt, -hatte er sie sich nicht vorgestellt. Das sind ja lauter Teufel! Die -Menschen sind ja Teufel! dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen -Mucks zu thun. - -Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen. Aeußerlich zornig -zu sein hatte er ganz verlernt, und das war das Schlimme und Ungesunde. - -Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit vor den Augen -herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und besingen und rührte sich -nicht. Er ließ sich alles gefallen und machte den liebenswürdigen Wirt -und ließ sich eben gar nichts davon merken, daß unter dem Flausrock -nachgerade ein Hexenkessel braute. - -Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde ich sie nur -wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit, dazu Pläne zu schmieden --- aber -- aber -- - -Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer, denen er -zu Hause davongelaufen war, deretwegen einzig und allein, um ihnen -entwischen zu können, er sich diesen Garten gekauft hatte, die würden -nun tagtäglich, wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. -- Und -diese unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne Ende -- -denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre Whistpartieen abhalten -würden? - -Was sah er nicht alles kommen! - -Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen! Der Rat -verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln, das war ja sein eigenstes -Element. Was hatte er an langen Winterabenden bei seinem Leuchter mit -dem grünen Schirm nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt! - -Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese wissenschaftlichen. -Wer das kann, der wird doch auch ein paar Frauenzimmer loswerden können. - -Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem Garten im -Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die ihm die Galle überlaufen -ließen. - -Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen, das wußte er im -voraus, und der Kathrine auch einen; die Kathrine würde dann im Garten -zu putzen und zu wirtschaften anfangen wie in ihrer Küche, unter den -Büschen rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen und -auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn. Und er erlebte im -Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten Feste auf Feste feierte, -ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste in schwerer Menge, -auch ein Perlzwiebelfest -- natürlich. Da sah er schon die ganze -Gesellschaft um das lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die -Zwiebelchen aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm -jedenfalls einen Gefallen thun, die Unsinnigen -- wie ihn das schon im -voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte ihm weiter aus, wie -Kathrine während der Arbeit allen Kuchen präsentierte, und wie dem mit -einem vorsündflutlichen Appetit zugesprochen wurde. - -Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle Frauenzimmer -auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen und in große Flocken -Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden in ihrem geblümten Kleid und die -Muskulus mit der großen Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack -nannte; über der Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen -Veilchenhut auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich -genau vor sich. - -Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und Madame Schopenhauer -und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen mit ihren Freundinnen und -Freunden und die Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch -Frauenzimmer und noch viele mehr -- eben alle, die jetzt auch -leibhaftig im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht worden -waren, herumwirtschafteten. - -Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen Hauptärger, die waren -damals und sind noch jetzt in Weimar stark vertreten. - -Jetzt war das Maß voll, über und über voll -- das Blut des geduldigen -Mannes war endlich in Wallung geraten -- in eine ganz wütende -Wallung. Wie er so hellsehend und außer sich umherlief, kamen ihm die -Ratsmädchen gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten -ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie würden an allen -Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu gleicher Zeit sein und unter -allen Beerensträuchern hocken und immer mit einem Gefolge von so und -so vielen. Sie waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren. -»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine große weiße -Halsbinde mit der Mechanik hinein. - -»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben -- diese Bestien?« Das -war und blieb es, worüber der Herr Rat rachsüchtig und leidenschaftlich -grübelte. -- Und mit einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen -kommen, da hatte er's -- da rieb er sich die Hände in seiner Wut und -flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter die -dunkelsten Wege auf und nieder. - -Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die Rätin hatte heute ihr -karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke kleine Gestalt wie eine Haut -umspannte. Um den Nacken trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie -saßen jetzt vor dem Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und -stippten Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine Wohl -geliefert. - -Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen und sprachen aufs -ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter als kurz vorher, und -es hatte den Anschein, als wäre die lustige plappernde Lawine im -Handumdrehen zu einer Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die -sich nicht so ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem -Bratwurstfest sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin eine -ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit zu Füßen. - -Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, auch den Arthur -und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung. - -Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür und -verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, -zieht er Kreise, und Kreise zog auch Arthur Schopenhauer in den -Gesellschaften, in die er fiel oder fallen mußte, Kreise des Schweigens -und des Verstummens. - -Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann schaute seine Frau -Mama mit angstvollen Augen auf ihn. Heute sprach er wieder einmal gar -nicht. »Ein rechtes Kreuz für so eine gescheite, liebenswürdige Dame -wie die Schopenhauern,« dachten die Frauen. - -Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch wie ein Alp auf allen -andern. Er »glubschte«, wie die Weimaraner sagen, so von unten auf mit -seinen großen blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn, -wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war. - -Ein ungemütlicher Bursche! - -Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen Wirt, dienerte -nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen die Zuckerdose und -die Tabaksdose. Es war ihm in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei -andressiert worden. Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat -beobachtet hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen haben. - -Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald das andre -Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als wollte er eins davon kaufen, -oder als hätte er irgendwie sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte -er sich aufs Malen verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war -manchmal ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt sah, -ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber, Gustävchen,« zu sagen. - -Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich standesgemäß -benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau unter den Kirschbäumen -die Würste, setzten die Windlichter hin und trugen die dampfenden -Herrlichkeiten haufenweise auf. - -Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug, um mit der -Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es zwar alle, daß die Rätin es -liebte, wenn man sich hin und wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in -Weimar sagen; damit war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten -sie jetzt überwunden. - -Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter Letzt zu -den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett antreten, und -setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um nun endlich mit einem -Wolfshunger über die Herrlichkeiten herzufallen. - -Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht stark zusprach, -aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige Gewohnheit, dem Hausmuff, -so daß ein leises, wohlmeinendes »Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt -kam, mitten durch das Stimmengemurmel. - -Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher, andre spielten -Rat- und Antwortspiele und benahmen sich, wie es sich für gesättigte -Menschen geziemt. Den Rat sah man mit der Kummerfelden umherwandern. -Das war sonst nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim -einzulassen. - -Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle zu, und die -Kummerfelden wunderte sich über den galanten Rat. - -Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt, der rauschte -nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das Wasser. Da, mit einem Male, -war es der Kummerfelden ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und -traumhaft. Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften -- und -dann -- als führe er ihr mit dem Kopf in das Gesicht. - -Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß sie an die Nase, und -um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. Und der Kummerfelden war -es, als schöbe er sie dem Mühlbache zu. - -»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf, »was hat denn der -Mann? -- Sollte er tobsüchtig geworden sein?« - -»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der Rat wütend in -seine große Halsbinde mit Mechanik hinein und würgte die erschreckte -Kummerfelden wieder. Der wurde es angst und bang, sie hätte schreien -mögen, verließ sich aber fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn -»Schreien«, das kam ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr -ihr ihre ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn man sie -schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander finden würde, -denn er war immer noch ganz ungebärdig und fuhr ihr beständig mit dem -Kopf ins Gesicht. - -Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in Leipzig, Hamburg -und Weimar, gingen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit durch ihre -Seele, aber da war keine, die mit dieser einige Aehnlichkeit -gehabt hätte, es müßte denn eine Liebesscene gewesen sein -- ach -du barmherziger Gott -- so ein sträflicher Gedanke! Der alte, -wohlverehelichte Rat und sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt« -ließ sie in diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn -alles, was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, das -war in ein paar Sekunden hineingezwängt. - -Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den sie für Herrn -Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht aufhörte, sondern fortfuhr, -sie mit seiner Person zu bedrängen, gab sie ihm einen ganz gehörigen -Puff vor die Brust mit ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte -etwas auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen -und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch dick und dünn, durch -Gemüsebeete und Blumenbeete mit schiefer Haube der Gesellschaft und den -Windlichtern zu. - -Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!« - -»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was ist mir denn -das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb sind Sie denn so -umhergesprungen? -- Ich habe Sie ja springen sehen.« - -Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer Haube, die saß ganz -miserabel; aber sie konnte nicht antworten, die arme Kummerfelden, -denn sie war völlig außer Atem und wollte das nicht merken lassen. -Ihr gutes, menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum -Zerspringen. - -»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was ist mir denn das? -Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet -- oder -- oder wie wär's denn mit -noch einem Gläschen?« - -Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick der alten, guten -Dame. - -»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang sich ihr -mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!« - -»Aber so zu springen! -- Ich habe Sie ja gesehen.« Der Apotheker -bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen, und stützte die beiden -fetten Händchen auf die runden Beine. - -»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie ärgerlich und nach -Luft schnappend. - -Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte die Hände ihr auf -die Schulter und schaute sie an mit einem Paar so großer, mitleidvoller -Augen, wie man die Frau möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes -ansehen würde. - -Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr Mienenspiel war -durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger geworden als andern -Leuten ihres. - -»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die Rätin ganz betroffen. - - * * * * * - -Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit einem weiblichen -Wesen im Garten auf und nieder, und wieder kamen sie in die Nähe des -Mühlbachs, in die tiefste Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat -sein Opfer. Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der -Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen, hatte -eine unsinnige Angst angestanden, so daß die doch gewiß erfahrene -Kummerfelden über das, was sich zwischen ihr und dem Rat abgespielt -hatte, im unklaren geblieben war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte -die kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt, war aber -statt auf den Mund in den Mund geraten, denn sie hatte ihn vor Schreck -weit aufgesperrt. - -Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte sie ein -paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel gar nicht mehr -aufkommen konnte. - -»Ach, Herr Rat -- ach, Herr Rat --« lispelte die kleine Mamsell -verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick ihren Kopf und die -große weiche Perücke an seiner Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz -überwältigt, fühlte vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt -worden war, und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle. - -Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die Kleider -zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, und es wurde ihm -sonderbar, als dies nicht geschah. Die Muskulusen wandelte mit ihm auf -und nieder in der tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner -Hand tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, daß -sie ihm von jeher sehr ergeben sei -- aber ebenso seiner Gemahlin, und -daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen Frau schuldig sei. Mamsell -Muskulus sprach wohlgesetzt und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr -unbequem, so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu -führen. - -Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. Und als sie in -den Schein der Windlichter traten, bemerkte der Rat, daß Mamsell -Muskulusen einen ganz verklärten Ausdruck hatte. - -Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine andre; diesmal -jedoch war er an die Adele Schopenhauer geraten, da war's ihm angst und -bange dabei; er beschränkte sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu -küssen und die Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte -er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen. -Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer Hoheit und -schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte und erschreckte, -und in wahrer sittlicher Empörung verließ sie den verblüfften Rat am -Mühlbach und wandelte ruhig gemessen ihres Weges. - -»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun einmal ein ganzer -Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt hatte, so mußte die auch -durchgeführt werden, und so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf -ein Frauenzimmer -- und wieder auf eins -- und wieder auf eins -- und -wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig dabei, spitzte die -Lippen mit einer wahren Virtuosität und wütender Zärtlichkeit, denn -seine Wut hatte sich gewissermaßen in Zärtlichkeit verwandelt. - -Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme gelaufen, die -kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche Jammertöne aus, daß es dem Rat -erst recht angst wurde. - -»Ach mei' Mann -- mei' Mann! -- Was wird mei' Mann sagen!« rief -sie laut und ängstlich, so daß der Rat fürchtete, sie würden alle -zusammenlaufen, und daß er von ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen -ließ. - -Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch die Ratsmädchen -in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte er, denen kann's nicht schaden, -wenn ich sie ein bißchen erschrecke, die brächte ich mir gern vom Hals. -Sie waren wie immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten, -gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab jeder einen -gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber durchaus nicht erschreckte; -sondern sie hakten sich in seine Arme ein, äußerst vertrauensvoll, -und Röse bog sich hinter dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie -hinüber und flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können -wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. Ich habe doch -immer gedacht, er kann uns nicht leiden.« - - * * * * * - -Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem Gartenhäuschen -etwas Sonderbares abgespielt: es war, als hätten die vortrefflichen -Würste und der gute Hausmuff ihre Kraft verloren, als wäre nur alles -eine Art Luftspiegelung gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat -noch gar nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen sein. -Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, die erschien sich wie -verraten und verkauft unter ihren guten Freundinnen. - -Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte mit einem Male so -ein Paar närrische Augen gemacht, als wäre der Geist der Verwirrung in -sie gefahren, dann war mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie -eine Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft -über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und überhaupt tuschelte -man überall miteinander. - -»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der Apotheker ganz -verblüfft zur Rätin. - -Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten ihr die Hühner -das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit allen war es mit einem Male -nicht richtig. Es lag eine drückende, schwüle Stimmung über der ganzen, -sonst nach vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf -die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als hätten -in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem Bankerott des Mannes -erfahren als die Hausfrau und betrachteten sie sich daraufhin. - -Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu Mute -- und wo -steckte denn nur ihr Mann --? - -»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, als es ihr immer -unheimlicher wurde unter ihren Gästen. Und als der Rat endlich kam, da -war der Höhepunkt der unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da -erhoben sich die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten -sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten sie -gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und mit Schopenhauers -brachen alle plötzlich auf -- und fort waren sie. Apothekers gingen -auch mit, denn eins zieht nun einmal das andre nach sich. - -Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch der Rat, die ganz -verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau. - - * * * * * - -So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht nur im Garten. Der -Rat, die Rätin und Kathrine lebten mit einem Mal im Haus am Markt wie -auf einer einsamen Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner -Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr tugendhaft. Die -Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig vor Grübeln. Der Rat aber -ging jetzt unbehelligt in seinen Garten und wirtschaftete dort wieder -im Flausrock. Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß er -bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich aus dem Weg -gingen. - -Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene -wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal aber hatte er -auch auf einer Seite, wo er sonst immer Niederlagen erlitt, Triumphe -gefeiert, und außerdem sah und hörte er nichts weiter. - -Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die Kummerfelden -in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen Salatköpfe auf den -Komposthaufen und ordnete alles, was seine gute Idee angerichtet hatte. - - * * * * * - -Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. Das Haus am Markt -wurde so stille wie ein Grab; seine Frau saß in sich gekehrt, war stumm -und bedrückt zu jeder Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten -immer fragend die Wände an. - -Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, die ihn ganz -eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie wieder Appetit -hätte. Der Rat aber machte lange Schritte und schüttelte sich in der -Erinnerung an die Strapazen, die er durchgemacht hatte. - -Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer bänger. Er fand -jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. Sie war ganz hilflos, ganz -verwirrt. Im Herrn Rat regte sich etwas -- er wußte selbst nicht recht -was, etwas Unbequemes, Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er -ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen Gartens gar -nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit dem er diese Einsamkeit -erkauft hatte, verdient hätte; er saß mit etwas Aehnlichem, wie einem -schlechten Gewissen, oben in der Studierstube, und wie ihn früher der -Lärm gestört hatte, so störte ihn jetzt die Stille. - -Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das Vertreibungsmittel -hatte ganz niederträchtig gewirkt. - -Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es und Madame -Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz betreten entgegen. Und Madame -Kummerfelden kam feierlich, setzte sich aufs Kanapee und fragte nach -dem Ergehen und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun -pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf Frau -Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig mitleidig an, wie -damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt den Rücken hinunterlief -- -und dann kam die ganze Pastete von Anfang bis zu Ende -- alles, was -geschehen und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war, -mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -- und -daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins Haus setze und daß die -junge Frau Egidi gesagt habe, ihr Mann werde ihn fordern, und daß er -selbst die harmlosen Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld -erzählt hätten -- und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt habe -auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht für Küssen -gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in den Mühlbach habe werfen -wollen, und daß er tollwütig geworden sei -- und daß die Rätin es sich -nicht allzusehr zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und -man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild zu gewärtigen -habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie sei, es möge sich stellen, -wie es wolle -- und daß sie, die Kummerfelden, von den Mannsbildern -überhaupt nichts halte, was sie auch trieben. - -Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas im Wege, Zeugen -haben sie die Hülle und Fülle, und das sei in solchem Fall von größtem -Wert. - -Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, denn die -Muskulusen hatte die ganze Zeit über niemand gesprochen, die hatte sich -mit ihren Liebesgefühlen in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte -davon noch gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern -zu teilen hatte. - -»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. -- Mein Gott, für die -Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten sollen, so ein gescheiter, -gelehrter Mann! -- Es ist wie ein böser Traum.« - -Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und die arme Rätin saß -ganz bewegungslos da, starr und steif, und ihre großen runden Augen -fragten die Wände um Aufklärung. Sie verstand nichts recht, sie war -ganz auseinander -- ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, als -würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte Fleisch- und -Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -- und in diese Situation trat -völlig unvermutet, leidlich harmlos der Herr Rat -- und wurde von der -Kummerfelden wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt -- und -von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt -- und zum erstenmal in -ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« über ihre Lippen. Sie war -verstummt. Und so saßen und standen sich die drei gegenüber. - -Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, als er in die -richtenden Augen der Kummerfelden gesehen hatte. -- Das waren Augen, -wie sie nur auf einem ganz Gesunkenen ruhen konnten -- und da die -Kummerfelden eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles -Gesagte und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles -Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. -- - -»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das aber doch gar nicht!« -rang es sich protestierend aus der Kehle des Herrn Rats los -- und nun -fing der Rat an zu erklären -- und predigte erst tauben Ohren -- aber -so nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung -auf und sie schaute den Rat an -- und in ihren alten lustigen Augen -blitzte es auf. Das waren wieder die Augen der Kummerfelden, die -Kirchenfenster, mit denen sie den verworfenen Rat angeschaut hatte, -mochten nur so eine Art Kraftleistung gewesen sein. -- - -»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -- haben -gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -- na ja -- -gewissermaßen in gewissen Fällen schon. Freilich, wenn Sie sie alle -so geküßt haben wie mich -- dann glaub' ich's schon eher -- dann -schon. Aber wer küßt denn auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen -kann so ein gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern -schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen -- wundert -mich.« - -Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune. - -»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich alte Gans!« rief sie -ein Mal über das andre Mal, »daß ich mit den andern Weibsbildern Ach -und Weh geschrieen habe! Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!« - -Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte die blinkende -Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller und Kuchen und Tassen -und das Zuckerdöschen. - -Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer gewesen, urgemütlich, -und auch die Erstarrung der armen niedergedrückten Rätin löste sich -- -und das erste Zeichen eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz -unglaublich betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -- Und -darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, wie nur sie lachen -konnte. - -Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, auf welche Weise -der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich gekauften Garten hatte -vertreiben wollen, kam ganz gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof -erzählt und bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall. --- Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu würdigen, der -Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen Leute hatten überhaupt -Vertrauen zu ihm und ließen sich nun bei jeder Gelegenheit von ihm -beraten, brachten ihm ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne -werden lassen sollten. - -Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und weshalb der Herr Rat -die Frauenzimmer geküßt hatte, herumgekommen war, seinen Spaziergang -machte, der ging hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius -wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten Freunde -und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und in den Garten, um zu -zeigen, daß sie in keiner Weise etwas gegen den Herrn Rat hätten, -und in dem alten Garten, ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend -vorausgesehen hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende -statt -- Versöhnungsfeste. - -Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter Mann sein und doch -dem Leben gegenüber ein rechter Esel bleiben könne -- und daß selbst -dem gescheitesten Manne die Frauenzimmer immer über sind und über sein -werden, denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts --- nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius. - - - - -Wie die Enkelin der Ratsmädel zum Blaustrumpf wurde. - - -Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott und die Menschen, -fühlte weder Unruh' noch Erregung, weder Hoffnung noch Verzagen, -aber hatte eine Art Zuversicht und wußte wohl weshalb. Ein günstiges -Schicksal umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da -kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen. - -An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, dessen Kern fürs -erste auch nicht verraten wird, denn, wer weiß, vielleicht steht sie -noch unter dessen Schutz -- und Schweigen ist eben bei jedem Zauber die -Hauptsache. - -Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, ließ ich -es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten gedruckt wurden; -hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb versucht, ein Zufall -brachte es zuwege, ein Zufall machte mich zum Blaustrumpf. Von der -schwerwiegenden, wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte -ich nichts -- nicht das Geringste. - -Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen! - -Ich fühlte mich so froh -- so unbedacht! - -Was ich that, das war gethan -- das stand mit dem, was andre thaten, in -keiner Verbindung. Ich empfand mich als Wesen für sich und verglich -mich ein für allemal nicht mit andern. - -Ich las über meine in die Welt geschickten Träume viel Gutes -- und -wunderte mich. - -Unzufriedenes natürlich auch, -- selbstverständlich. - -Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das stärkt die -Persönlichkeit. - -Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie mir in irgend -etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; als ich aber sah, -welcher Wirrwarr daraus entstehen würde, wenn ich auf alle hören -wollte, da kein Urteil mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes -und Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man hören? -Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der andre sagt, gewöhnlich -wieder auf mit dem Gegenteil, und der Dritte wieder, was der Zweite -sagt. Und was ist nun das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von -dem man sich überzeugen lassen soll? - -In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde eines -eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend gewürdigt. - -Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen -Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem Sessel zwischen -ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten Gesellschaft einen Vortrag -hält. - -Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein Marabustorch, das -Symbol der Weisheit. - -Was aber haben seine langen Beine und der spitze Schnabel dem Marabu -genutzt? Gar nichts. - -Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele des Künstlers -vertieft und hat gefunden, daß der Künstler mit einem vortrefflichen, -sachgemäßen Humor eine Löffelgans hinter diese weibliche Wissenschaft -gesetzt hat. - -Was konnte er Besseres tun? - -Wie stimmt das alles! - -Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! Wissenschaft -personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! Was wird sie lehren? Die -Löffelgans hinter ihr gibt die Würdigung dessen, was sie lehrt. - -Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in die -Intentionen des Künstlers hinein. - -Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie der Künstler -sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans begnügt hat, die ja -vollkommen genügt hätte, den Wert eines Frauenzimmers auszudrücken. -Durch des Kritikers Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge. -Er nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«, -Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. -- Solches beweist, daß -dem Marabu seine langen Beine und sein spitzer Schnabel nichts nutzen, -wenn der Kritiker seine Augen und sein Verständnis schon auf die -Löffelgans gespitzt hat. - -Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der Täuschung, sein -Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen den sich nichts sagen läßt, -und der nichts zu wünschen übrig läßt. - -Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und eine Löffelgans -dickgedrungen und kurzbeinig. - -Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige Marabu ist eine -kurzbeinige Löffelgans. - -»Marabu,« sagt der Künstler. - -»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält natürlich in den -Augen aller Einsichtigen recht. - -»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker weiter, »ist leider -verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, der Schnabel zu spitz, so -daß sie eine gewisse Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.« - -»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!« - -»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.« - -Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn der Klügere nicht -nachgäbe. - -Und es geschehen noch ganz andere Dinge. - -Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen lassen? soll nach -dem würdigen Schelten oder Loben seinem Marabu, den die Kritik zur -Gans umzaubert, künftighin kürzere Beine machen, soll betroffen und -zerknirscht sein und sich bessern? - -Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, so oft -überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, kluge Kritiker es -wohl wünschen möchten! - -Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker und Krittler -verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr übel mitgespielt -worden; denn an nichts glaubt man so gern und so fest als an das -Schlimme, das einer von sich selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber -unverdientermaßen gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von sich -sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich windig -aus; aber unverdient gut ergangen ist ein grenzenloser Spielraum für -alles Wünschenswerte. - -Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis oft -wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen hab' ich kennen gelernt! - -Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben dieser Person -etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist es mir, als säße ich in -einem bequemen Wagen und führe leicht und behaglich dieselbe Strecke, -die ich einst mühsam und beschwerlich zurücklegte. - -Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir mit warmem -Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert hielten zu sagen: Sei unsres -Mitgefühls sicher, wir halten zu dir! Wir haben dich verstanden. - -Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe bekannt sind, mit -deren Schicksal ich mich mehr, als es gut ist, beschäftigte. - -Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre Leute ungeschoren -lassen. - -Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als ob die Welt nicht -Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung und Unsinn, Krankheit, Thorheit, -Lug und Trug, Lachen, Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und -Haß, solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden es -nicht genug! - -Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, glauben, es -sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, wenn sie sich zu -den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig auf Erden sinnverwirrend -durcheinander wimmeln, noch welche hinzuträumen, hinzuklügeln. - -Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen zu Grunde geht, -stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, das genügt ihnen nicht; sie -schaffen mit Mühe, Begeisterung, Qual und Glück, mit ihrem Herzblut -Hirngespinste und sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen, -die sie zu sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze, -die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen als -außerordentlich wichtige Personen. - -Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen vernünftigen, -weitherzigen Menschen. - -Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen sie leiden, -beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie dies nicht gerecht, -sachgemäß und vernünftig betreiben oder gar vergessen haben, über ihre -Käuze ein vollgerüttelt Maß zeitgemäßer Moral auszuschütten. - -Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben -- tödlich ernst -- das -ganze Glück der wunderlichen Schöpfer hängt an dieser großen Thorheit. - -Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist der Urheber -dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, gebrochen, -- und wenn es -noch so ein gesunder, guter, braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen -und Armen. - -Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« -- aber was auf Erden -ist nicht Wahn? Was auf der Welt thun wir, wobei uns nicht die Sinne -umnebelt und verwirrt sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem? - -Sehen wir in irgend einem Ding klar? - -Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges beurteilen? -Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! Uns braucht es nicht zu -kümmern. Wer einmal zu den Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und -was zwischen Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst. - -Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, mag es -offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, füllt das Leben -der Generationen aus, führt sie ihren Weg bis zum Vergehen, und keine -Thorheit ist Thorheit genug, daß sie nicht ein Menschenleben würdig -beschäftigen könnte, eins oder das Leben von Millionen. - -Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, der durch das Leben -führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil und Verwirrung den Takt geben, -einen ruhigen, praktischen Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den -nämlich: »Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was Wert -hat.« - -Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren ist, mögen gelten. - -Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen er nun einmal, -halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern möchte, wenn er diesen -Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe steckt. - -Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes zu thun, seine -Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. Ich bin jetzt scheinbar -weit abgekommen. - -Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach allen Seiten und sehe -überall Leute, die mir sehr bekannt sind, was niemand nach dem eben -Gesagten Wunder nehmen wird, denn diese Leute sind meine geliebten -Käuze -- meine selbstgeschaffenen Gestalten, würde ein ästhetisch -Gebildeter sagen. - -Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die Patsche, ein gutes -Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme Nase, oder vielleicht hat -er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. Sein Herz kann das Böse -auf der Welt nicht ertragen, er wird davon zu mächtig gepackt. Salin -Kaliske habe ich ihn genannt. - -Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig seines Weges gehen -lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -- solch ein Kind, -wie unser Erlöser eines war. - -Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders krummen Nase -ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen Geldgier? Weshalb bin ich -sparsam verfahren mit der Zuteilung der allbekannten Attribute? - -Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich die Ansicht, -daß wir in dem lobenswerten Streben nach Wahrheit uns allzusehr mit -dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, und mehr als je das Beste und -Wertvollste achtlos beiseite lassen. - -Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich -wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. Ein kräftiger, -lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, ein düsterer, grober Geselle, -der in der Todesstunde sich mächtig verliebt und sterbend den guten -Freund um die Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod -einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen. - -Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel und ein -liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht begreifen kann, -daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen muß, der über seine -unglückliche Liebe tobt. - -Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er möchte etwas leisten -und schaffen, seiner unerwiderten Liebe ein Denkmal setzen; doch ist er -unbegabt. - -Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und nichts mehr. Aber er -schafft etwas in heiliger Einfalt aus sich selbst, aus seiner eigenen -Schönheit. - -In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein am hohen Kreuz -hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, lebenatmend, geisterhaft. -Davor in angstvollem Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das -zitternd und erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die -dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht. - -Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen hab' ich auf die -Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit Sünde. Mit diesem für -diese Welt sehr thörichten Abzeichen müssen sie umherlaufen. - -Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, die voller -munteren Streiche stecken, die ihr Wesen in Weimar treiben, zu Goethes -Zeit, und hinter ihnen her ziehen allerlei Personen aus Weimars -goldenen Tagen, die Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute -aus der Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche -Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen Töchtern, die -eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde der Welt auf sich nehmen, -mit eigenem Leid fremdes heilen, diese stille, große Anne! Und ihr -braver Bräutigam! Welche Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit! -Das sind nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber -es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen. - -Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, schwachsinnig vor -Behagen. Das sind die verspielten Leute! - -Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in ihrer -Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, flachen und -wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles mit ihrer wattenen -Herzensgüte -- das sind die rechten, schlimmer wie Raubtiere; -wohlversorgt leben sie, essen gut, trinken gut, sind gesund und -wohlgestellt -- Ehrenmänner -- Ehrenfrauen -- aber aufgepaßt! - -Hütet euch vor ihnen! - -Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. Der alte Apotheker -mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche Apothekergehilfe, -der jeden Todesfall voraus weiß. Sperbers, die Gutsbesitzer in -ihrer köstlichen Hülle und Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom -Nachtwächter schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der -Nachtwächter nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten. - -Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, in ihren köstlichen -Gärten! O, welches Behagen! Ich denke an den alten Doktor Tiburtsius -in den Kußwirkungen, der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen -runden, kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen -Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem duftenden, Grün -strotzenden Garten verbringt -- und wie er dann später entdeckt wird! -Und daß ich es nicht vergesse, Goethe und Karl August sind auch dabei -unter diesen alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut -auch, und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame -Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der Kummerfelden, -ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt. - -Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch anmarschiert, und -Franz Horny und Schillers Sohn, die Kameraden der wilden Ratsmädel, -die der alten Jüdin alle weimarischen Esel über den Hals gejagt haben --- und das dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das -katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit kommt, -das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten Leben neidlos -steht -- und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, der seine -schauervolle Johannisnacht mit seinem süßen Bräutchen, dem würdigen -katholischen Geistlichen, den glotzenden Hausleuten und dem Tod oben -unter dem Dachraum des uralten Hauses zu Ende feiert. - -Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« heißt, seh' ich -dort -- und ich rufe: O, du meine arme kleine Olly! Du weißt es, -wie bitter schwer das Weib zu tragen hat, wenn es mit ganzer Seele -die Kunst liebt -- und jung ist und leben möchte -- und aus einem -Zärtlichkeitstraum, aus so einem weichen, weichen Traum in der Ehe -erwacht. - -Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei dir daheim sonderbar zu! -Mit welchem Lärm und Getöse rangierten die hyperästhetischen Naturen, -die aus der Kunst doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem -Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein und feurig -geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem Haushalt! - -Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben! - -Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht und -Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen Herzen! - -Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, am Besten hier -auf Erden teilzunehmen! - -Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet mir -- Dorothea in -»Reines Herzens schuldig«. Sie ist so ganz in Liebe erwacht, in heißer -Liebe -- und muß in einem Leben verschmachten, das ihr nichts bietet, -kein Glück, auch nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte. - -Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und hoffte, dies Buch -würde von guten Menschen gelesen, die sich mit dem Gedanken trügen, wie -man den Vernachlässigten, Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein -die arme Dorothea Zeugnis gibt, helfen könnte. - -Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu meiner größten -Freude erfahren -- und ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht ein wenig -prahlen soll, weshalb ich nicht ein paar von jenen Briefen und Zeilen -hier wiedergeben soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten -und sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten ins -Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen Lebensabriß lesen, doch -auch eine Ahnung bekommen, was für ein glückliches Menschenkind ich bin. - - »Berlin ... Reichstag. - - Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes gar nicht. - Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal hintereinander. - Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. Sie sprechen - einmal: ›Wenn du den Dichter findest, dem es gelungen ist, das - tiefste Leiden versöhnend darzustellen, den halte fest wie - einen Freund.‹ - - Möge Ihnen -- in Leben und Kunst -- das hohe Ziel zu teil - werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und eines - Mozart!« - -Ein andrer Brief: - - »Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. Ich - habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe von Ihnen. - Jedes Wort eines Dichters, das mir seine Seele offenbart, - nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares Geschenk - entgegen. Nicht viele geben so viel wie Sie. Eines Abends, - wenige Tage vor dem Fest, las ich Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr - übermächtiges Empfinden riß mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle - auszusprechen, begeisterte mich. Zugleich dachte ich mit Bangen - an das Schicksal dieser Bücher; mir war's, als sähe ich sie - schutzlos in der Welt umherirren; ich wünschte innigst, daß - sie zarte Finger und warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch - Ihre Dorothea wird nicht oft verstanden werden; die freie - Menschlichkeit hat so wenig Raum in dieser verschnörkelten - Welt.« - -Und noch ein +dritter+ Brief von einem Arzt. - - »An die Schriftstellerin Helene Böhlau. - - Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, wie - Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte im Bunde sein; - auf mich ist von dem Glücke übergegangen, das zwischen den - beiden erstehen durfte. -- Das will ich nicht vergessen und - Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich zu den zwei Menschen - führten, bei denen ich rein und gut sein konnte.« - -So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende gebracht und könnte -noch ein ganzes Weilchen fortfahren, doch möchte ich nicht, daß jemand -meine Skizzen unmutig aus der Hand legte, und ich will mir meine -Freunde erhalten. - -Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht zu den trübseligen. -Ich habe sie ausgespickt mit allerlei lustigem, freundlichem und -thörichtem Volk. Da ist ein Herr von Bublitz, ein fetter Schlingel, -der dem Wohlthätigkeitssport obliegt, da ist ein prächtiger -lustiger Onkel, schöne Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche -Hochzeitsgesellschaft, die des Guten zu viel gethan hat. - -Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus Stambul, -wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner Umgebung, alles -wächst und blüht und duftet und leuchtet, und die Menschen wachsen und -blühen mit und werden freudig und gesund. Es sind gar liebe Leute, die -»im frischen Wasser«. - -Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den andern, dem guten -Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit seiner kleinen überspannten Käthe. - -Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden miteinander. -Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen Herrn ein Lebtag -im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im Alter zu einem Landhaus -und köstlichen Garten, so daß das schwärmerische Persönchen in -einer Glücksfülle steckt, die sich ganz wunderlich ausnimmt. Ein -widerwärtiger, langbeiniger Ladenjunge schleicht hinter der kleinen -Alten her, trägt ein Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als -Buchzeichen steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal. - -Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, Leute, die -mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. Laßt es euch sagen, vom alten -Kutscher Jermak, wie er über seine Herrin denkt, über ihr Kindchen, -wie er von den verlassenen Mädchen spricht, von Gott und der Welt, -den Popen, den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn -im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der Schwester -Jekatherina, spricht. - -Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, diese herbe, -vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine Frau, in der der Geist -mächtig wurde, eine Herrin des Lebens. -- Und Christine, du Reine, auf -dich kam die größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der -gebildeten Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach hat noch -jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. -- Dich nicht! - -Frei hältst du dein Kindchen im Arm. - -Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen über dir; aber -in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf sonnig klar geworden. Auch -du bist Herrin geworden, dein Kind ein Königskind -- das Kind des -freien, ungebeugten Weibes. - -Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden hast? dem Manne -aus dem Volk, dessen Gesicht immer zur Erde gekehrt ist, und doch so -heiter blickt wie der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir, -dem armen gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk den -Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. -- Nicht wahr, er hat dich und -dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, in seinem Haus warst du -frei und unbescholten? - -Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren menschlicher. -- Bei -ihnen hatte das Weib schon gesiegt. - -Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen anempfehlen. -Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu verstehen. Sie sagen auch -viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen möchte -- viel mehr. -- - -All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind der Ausdruck -eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, der Ausdruck einer Seele, -die durch Schweres ging, die Schweres kannte und fühlte, die aber im -tiefsten Grunde glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste -Glück zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der in -seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem Wissen und -seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer wunderbaren Fülle -sie belehrte, dem sie alles dankt -- auch alles Glück auf Erden, -Freund, Lehrer, Gemahl zugleich -- und jede Stunde segnet sie, die sie -beisammen sind. - -Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so glücklichem Leben, mich -mit solchem Volk zu befassen? - -Ich begreife es heut noch nicht. - -Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe solch ein Kauz -sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken sollen, -- denn ich war -so faul, so wundervoll faul! - -Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, denn sie war -charaktervoll diese Faulheit -- sie war etwas! -- Da gab es nichts auf -Erden, was mich hätte zu irgend einem Fleiß anspornen können. - -Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt werden sollte, -sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel zu klein,« und blieb -bei dieser Meinung und lernte keine Verslein wie andre brave Kinder. - -Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen Kindern -während ein paar Vormittagsstunden das Spielen gelehrt wird, auf -Kommando in Reih und Glied; ich sollte alles genießen, was die Zeit -einem jungen Menschlein bietet. Aber diese ernste Spielmaschine -erschien mir abschreckend; ich empfand eine Scheu vor den schon -abgerichteten Kindern, die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu -singen, die es verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den -Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt und getadelt -wurden. Das alles geschah in einem dämmerigen, staubigen Raum, es war -mir, als würden da schreckliche Dinge getrieben. - -Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, die mich -beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen Eindruck. Sie drückten -mir eine Puppe in die Arme, eine fremde, mir sehr widerliche Puppe in -einem Ballkleid mit einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie -ich sie mir nicht dummer vorstellen konnte. - -Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde und sagte, daß -man nur Kinder tragen könne, keine großen Leute, die Puppe wäre eine -alte Frau. - -Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in einen Kreis -treten, den die Spielschüler bildeten, und solle so thun, als grübe -ich im Sande und pflanzte eine Blume, dann solle ich mich anstellen, -als nähme ich einen Rechen, damit der Sand wieder geglättet werden -könnte. Die Kinder würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles -ausführen, ich hätte es nur nachzumachen. - -Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, die Kinder -erschienen mir immer unheimlicher, das ganze Thun immer sinnloser, -die Stube immer düsterer; da sah ich eine Thür offen, lief schreiend -hinaus, die Treppe hinab, hinter mir her die Lehrerin; ich war aber -flinker. - -Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen brachte niemand es -dahin, mich zu einem zweiten Besuch dieses unheimlichen Instituts zu -bewegen. - -Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich war ein -zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte mit meinen zwei -Schwestern den ganzen Tag in unserm hübschen Garten, hatte meine -wundervolle dunkle Ecke unter einem Holundergebüsch, in die verkroch -ich mich, und stundenlang harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es -mir da unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene -Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, ein Löwe -oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging mir die Zeit aufs -angenehmste. - -Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß es unmöglich sein -würde, aus der Schule auszureißen. Das war mir schrecklich zu hören. - -»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der Kindergarten lebte -mir in düsterster Erinnerung. Und ich kam in die Schule. Der Lehrer -verkündete mir, daß ich ihn »Sie« zu nennen hätte. - -Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte nach, weshalb ich -dies thun sollte, und vergaß es darüber; ich konnte mich auch in die -Schule nicht hineinfinden. - -Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch nicht im -geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in den untersten Klassen -benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, machte mir Spaß, da war ich -dabei. - -Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste. - -Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, wenn der -Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren Weg durch die -Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche Langeweile, ich hätte weinen -mögen. Da kam ich auf einen glücklichen Gedanken: ich stellte mir -vor, in unserm Garten in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt -auf der Schulbank, stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im -Grünen in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue Luft -blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, wußte er natürlich -nichts, wie es auch einem guten Hasen zukommt, und das erwies sich als -sehr übel für seinen Ruf. Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme -Hase sollte sagen, aus was der Mensch besteht -- und blieb die Antwort -schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und keck um ihn her in -die Höh', ein ganzes Feld, und nickten und schnickten, und die Bravste -sagte im schulgemäßen Ton: »Aus Leib und Seele.« - -»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte hinzu: »aber -die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten alle, und der Lehrer -verwies mir solch dummes Zeug. - -»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer unwahr.« - -Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem Lehrer eine -längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte wissen, was die Seele ist, -wollte erfahren, woher man weiß, daß man eine hat, wollte wissen, -weshalb die Märchengeschichten unwahr und die biblischen wahr sind. - -»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin. - -»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer freilich so dumm ist, -wie du, hat keine.« - -Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar nicht weshalb; aber es -war mir angenehmer, zu denken, daß ich keine Seele habe. Es schien mir -einfacher und besser, und gerade weil die andern alle eine hatten, -gefiel es mir, keine zu haben. - -Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte mich wieder in -den Hasen. - -Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, mich über die -Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, erging es mir oft übel. - -Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz desperat an den -Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. Ich aber, wild, bös und -wütend, fahre mit beiden Händen in das Tintenfaß, das in die Bank -eingelassen war, halte mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich -nicht an, rühr mich nicht an!« - -Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte nicht Lust haben, -nähere Bekanntschaft mit meinen beiden schwarzen Tintenhänden zu machen --- und ließ mich unangefochten sitzen. Die Mädchen aber flüsterten -untereinander: »Die ist klug, die ist doch schlau.« - -Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus dem Munde der -Kameradinnen mir sehr wohl that. - -»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie nichts -einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, daß man mit -Hochachtung mir behilflich war, die Spuren meines siegreichen Kampfes -unschädlich zu machen. - -Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen Schullaufbahn. - -Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich mit mir; in -der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine sanftere Art mit mir -zu sprechen angenommen, als mit den andern Mädchen; aber es war nicht -das Rechte. Ich war und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg -aufzuweisen. Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd -zurück. - -Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es sah so -unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte in -erschreckender Weise vor. - -Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen mußte, und der -Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann dir's nicht erlassen, du -mußt mit dableiben.« Ich beschwor ihn, ich bat ihn, ich küßte seine -Hand. - -Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« Und so blieb -es. - -Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte mich zerbrochen, -fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu tragen, so tausendfach ich -sie verdient hatte. Als ich nach Haus kam, stand meine Mutter an der -Treppe und reichte mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte -mich kommen sehen. - -Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich -- ich zitterte; ich -hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -- aber es ging -nicht, ich brachte mein Unglück nicht über die Lippen. Die Güte meiner -Mutter rührte mich unbeschreiblich -- und ich nahm die Himbeeren, mit -denen sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen und -verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. Ja, hätte -ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, nachdem ich das Gute -genossen -- das erschien mir abscheulich, trotzdem alles in Angst und -Verwirrung geschehen war, ohne daß ich recht wußte wie. - -Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die schlimmen -Angelegenheiten für immer zu verschweigen. - -Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht darunter. Ich grämte -mich -- aber ich konnte nicht reden -- ich wurde kränklich -- krank und -bekam nach einiger Zeit ein Nervenfieber. - -Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen Eindruck, der -sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. Ich sah einen kleinen -Holzschnitt; durch Zufall kam er in meine Hände. Auf diesem Holzschnitt -war der Tod als Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer -schritt. Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte ihn -an. - -Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; ich fiel -bewußtlos zusammen. - -Es war niemand zugegen, als mir dies geschah -- und niemand, als ich -wieder zu mir kam; ich konnte mich vor Grauen, Furcht und Schwäche -nicht erheben. Das schreckliche Bild war wie eingebrannt in meine Seele. - -Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. Die ganze Welt -erschien mir unheimlich und entsetzlich. - -Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man da leben? Wie -konnten die Leute noch lachen? - -Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -- Nun aber hatte -ich ihn gesehen. - -Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung verwandelt. - -Und wieder mußte ich schweigen -- ich konnte nicht reden, fürchtete -mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. Mir war, als müßte dann die -abscheuliche Gestalt sogleich ins Zimmer treten. - -So hatte mein armes Herz viel zu tragen. - -Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, und das -Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der Tod ist, vernichtete mich -fast. - -Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, nur weiß ich, -daß, als ich wieder aufgestanden war und nicht mehr gehen konnte, ich -mich darüber verwunderte und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen. - -In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam bei einem -guten, freundlichen Manne Unterricht mit noch einem Mädchen. Unser -Lehrer hieß Herr Bräunlich. - -Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war ein behaglicher -Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel in Form kleiner, -netter Geschichten vorzuführen; aber immer noch schlief mein Lerneifer -und war auf keine Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz. - -Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern Stunden teil, -vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. Ich blieb mit aller -Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb sollte ich es ihnen gleichthun? -Ich sah den Zweck nicht ein. - -Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. Die Mädchen -wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer am glänzendsten beweisen sollten. -Wir hatten frei, uns die Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu -wählen. Da überboten sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen. -Kein Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für sie -geschaffen -- die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts lang genug -sein. - -Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu traurige Lieder. - -Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie hatten nicht -unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich liebte diese kurzen, -traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom Tode kannte und die -schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll empfunden hatte, erschien -mir das Leben nicht mehr harmlos und heiter. Ich liebte es nicht mehr, -allein zu sein, ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging -- die -Träume brachten mir schlimme Erscheinungen -- und das Bild des Todes -stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene oder gedruckte -Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern bringen. - -»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich wieder einmal -ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich gefunden und leidlich -gelernt hatte. - -Ich führte ein freies Leben -- täglich nur eine Unterrichtsstunde -und diese wurde zur Sommerszeit im Garten gehalten. Herr Bräunlich -verschmähte es nicht, als wir zur Heuzeit ihm einen großen Haufen -Heu aufgestapelt hatten, auf diesem Platz zu nehmen und so seinen -Unterricht zu erteilen. - -Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte Zigeuner- und -Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem Kasten das tollste -Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, Säbel, Decken, Mützen mit -wallenden Hahnenfedern; wir besaßen prächtige Dinge. Wie in den -Unterrichtsstunden, spielte ich auch bei den Spielen eine sehr -untergeordnete Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und -es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin sein, -oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es zufrieden und strebte -nicht nach Höherem. Ich wußte auch, ich taugte zu nichts. - -Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, bevor der -Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr dankbar und machte keine -weiteren Ansprüche. - -Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im Eifer drängte -sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, und that sich wichtig. - -Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu vortrefflich, als -daß ich mich ihnen hätte anschließen können. Sie kamen mir mehr oder -weniger selbst wie Schulmeister vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl -vor ihnen los. - -Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause machten mir einen -vertrauenerweckenderen Eindruck und waren auch samt und sonders meine -Freunde, mit denen ich mich bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters -und sommers. Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann, -Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den Verfolgern um -die Häuser huschen, das war etwas! Und wenn mich ein Mädel mit zu ihrer -Mutter nahm und ich im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend -essen durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein und -warm! - -Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig lehrte, war -zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, ein Würdiger kommen, einer, der -uns in die höheren Wissenschaften einzuführen hatte. - -Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich ersetzen können, der -in mein Censurenbuch jedesmal zu Weihnachten schrieb: Helene war gut; -aber gar nicht fleißig, hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist -und im Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, denke -ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren wie den Schwestern -und ihr die schlechten Fortschritte nicht nachtragen. - -Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr Bräunlich meine -schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr für Jahr, wenn ich sie meinem -guten Vater vorzeigen mußte. - -Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, mich exemplarisch -zu strafen. - -Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich Prellers, und -zwar wie immer gegen Abend; es war zur Winterszeit, also schon völlig -dunkel. - -Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas Anheimelndes --- und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine Laterne und eine -große Anzahl Wachslichter. - -Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern auf den Weg. Ich -zündete sie schon in der allerersten Dämmerung an, und es war mir wenig -störend, wenn die Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten. -Ich fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem -war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit mich überraschen -konnte. - -Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen, die sie immer -erneuerte, mir geschenkt. - -Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war. Ich hatte es ihr -vertraut, daß die Dunkelheit mir das Schrecklichste auf der Welt sei. -Da hat sie mich ausgelacht; aber tags darauf hatte ich mein Laternchen. - -So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde. - -Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am Ende der Stunde -sagte er mit einem Mal feierlich zu mir gewendet: »Für deine -jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit muß einmal eine Strafe kommen. -Du gehst heute abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause -bringe. -- Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an deinen -Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich zu bessern.« Das -traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis ins innerste Herz; aber ich -verhielt mich vollkommen ruhig. Ich wollte den Mädchen nicht die Freude -machen, daß sie mich unglücklich sähen. - -Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den Weg machten, blieben -die andern zurück. Ich zündete stumpf und verzweifelt mein Laternchen -an. - -Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem Fuß auf und murmelte: -»Diese Dummhüte.« - -»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich. - -»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich. - -»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz gute Mädchen.« - -»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie mich auslachen!« - -Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause Friedrich -Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und ehe wir noch aus der Thüre -waren, kam er selbst, seine schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die -Stirn gezogen. - -»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein altes bedeutende -Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit strahlen. - -»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei mir absitzen, -Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll. - -»Ja, in drei Teufels Namen!« -- der alte Preller liebte solche kräftige -Ausdrücke -- »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? Ja, es mag ein -schweres Stück sein, mit solchen Mädels fertig zu werden. Machen Sie's -nur gnädig, das Lenchen ist kein böses Mädchen.« - -»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber das Abscheuliche -an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul ist. Dabei ist sie nicht -so arg dumm und könnte alles besser machen; aber sie rührt sich nicht.« - -»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig muß man sein. Was -denkst du denn -- gottlob, daß du kein Junge bist!« - -Ich war tief beschämt -- an dem alten herrlichen Preller hing mein -ganzes Herz. Er war so gut mit mir. Ich hatte das große Glück, wenn -er abends still seine wundervollen Studien und Skizzenbücher und -Zeichnungen durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen, -um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und Andacht. - -Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! Verzweifelt ging -ich neben Herrn Bräunlich die dunkle Belvedere-Allee entlang. Mein -Laternchen leuchtete mir und ihm. - -Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich es nie zu Hause -gestehen würde, was mich getroffen, und noch einmal solch eine Schmach -verschweigen, ging auch nicht. Es war beides unmöglich. Beides wollte -ich nicht. Also blieb nur ein drittes übrig. Das war einfach und -überstieg meine Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß -Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja Beine -- und -was für flinke. Gottlob! dachte ich. - -Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß gefaßt, und -als wir an den Alexanderplatz kamen mit seiner herrlichen Wiese und dem -großen Taxusbusch darauf, da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie -das Laternchen Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht -war. Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die Wiese -entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen -- und schnaufen. - -Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um denselben herum. - -Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben, mich zu -fangen; aber das Laternchen war flinker, als er glaubte. - -Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich genähert -hatte. - -Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen, wenn er mir noch -weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof laufen. - -»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er pustend. »Mach, -was du willst -- aber schlecht ist's von dir!« - -»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich von weitem und -stand still, als ich sah, daß auch er still stand -- »und sagen Sie's -Papa nicht.« - -»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend, »es sei dir -geschenkt, ich sag's auch nicht.« - -»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie mir auch noch -sagen!« - -»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach Hause kommst.« - -Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht und zufrieden, -es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich ging stolz im Gefühl -meines Sieges durch die Straßen. - -Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die Strafe abgelaufen -sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu; da sagte er mir, daß -ich es nicht übel gemacht habe. »Es ist immer gut,« meinte er, »wenn -man sich zu helfen weiß.« - -Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde. - -Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter, ein andrer auf. - -Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der ganz unzweifelhaft -ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind und wurde von mir gründlich -und andauernd gehaßt. Er mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man -ihm, dem ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen wie -mich zu unterrichten, und behandelte mich danach. - -Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung und Spott. -Tiefer und tiefer sank ich in den Augen meiner Mitschülerinnen und -erschien mir selbst wie ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft. -Mir fiel in einer der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und -ich erkundigte mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der ein -behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern verstand, auf mich -ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich mit Ihnen verkehrt -- das -hat aber jetzt bei mir ein Ende« -- und es war zu Ende. - -Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum Unterricht, so -hatte ich die Empfindung, als befände ich mich die Zeit über vor der -Mündung einer geladenen Kanone, die jeden Augenblick losgehen konnte. - -Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem Weg zu dem -gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit neidischen Augen an. Die -Verantwortung, Mensch zu sein, war mir sehr drückend. -- Wie gern hätte -ich mit so einem munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen -Hunde oder mit jeder Katze. - -Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen Stein in einen -Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich mit heiler Haut wieder -heraus, so will ich dankbar den Stein mit mir nehmen und zum Angedenken -aufbewahren. Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an, -denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den Stein aus -Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende gegangen war, jedesmal mit -mir. - -So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an Gnade bei Gott und -den Menschen, sondern sank tiefer und tiefer in der Achtung aller -derer, die über meine glänzenden Erfolge unterrichtet waren. - -Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der Angst und -Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht gewöhnlich befand, -meinen ganzen Haufen trauriger Hefte bei einer unserm Haus befreundeten -Familie hatte liegen lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die -Hefte, meine greulichen Hefte! -- Wie mich das durchfuhr! - -Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden es thun. Das war -mir ganz sicher. - -Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg, sie mir wieder zu -holen, wie langsam schlich ich die Treppe hinauf, wie zaghaft zog ich -die Schelle! -- Und was stand mir bevor! - -Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst die Thüre, eine -ganze Schar mir sehr würdig erscheinender Damen, Gott weiß, wer noch -dabei war. Sie ließen mich nicht herein, sondern öffneten nur halb und -reichten mir mit der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen: -»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren stellten -sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg mich sehen und mir gute -Lehren geben zu können. Ich war wie vernichtet, wütend zum Zerspringen; -aber ich nahm die einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im -Herzen zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als die -Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich lief davon, und -meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen die übrigen Herrlichkeiten -die Treppe hinab nach. Sie ahnten wohl nicht, was sie mir anthaten -- -fast sinnlos vor Verzweiflung, Wut und Schande, sammelte ich meine -Habseligkeit ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten Augen -nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue Hefte zu kaufen und die -alten zu verbrennen. Es reichte nicht; aber ich verbrannte sie dennoch. - -In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen Aufsatz gab: Die -Vorzüge des Menschen vor dem Tiere. - -Dabei schien mir wenig Witz zu sein -- und ich beschloß, das Gegenteil -zu behandeln: die Vorzüge des Tieres vor dem Menschen. Das leuchtete -mir weit mehr ein, und was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter -mehr oder weniger, darauf kam es mir nicht an. - -Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten, machte meinem -Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig, stand vor lauter Wonne auf -einem Bein während des Schreibens, pfiff und war der besten Dinge. - -Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben, es kam mir -immer Neues in die Finger. So war das Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn -es sich immer um Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei -sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und Namen, -Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und Hirn beschweren mußte, da -konnte man nicht verlangen, daß ein vernünftiges Geschöpf sich daran -mitbeteiligen sollte! - -Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller Gemütsruhe und -erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer Verachtung von dem Gestrengen -zurück. Er durchbohrte mich mit majestätischen Blicken -- sagte mir, -daß sich derjenige, welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln -Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben nicht einmal -bemerkt, daß das gestellte Thema verändert wurde -- übrigens sei -dieser Aufsatz vortrefflich, und er hätte ihn in seiner Ersten Klasse -vorgelesen, habe dabei aber bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine -ungeschickte und faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten -lassen, um damit einen Betrug auszuführen. - -Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam aber wieder -einen majestätisch verächtlichen Blick, der mir Schweigen gebot. - -Und ich schwieg -- ich war zufrieden, stolz und beglückt; was der -Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen gleichgültig, er hatte -sich bei mir durch Poltern und Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt. -Es kamen jetzt öfters Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen -war: Gut, aber nicht selbst verfaßt. - -Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier. -- - -Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten Eltern wohl meinten, -daß mir ein religiöser Halt im Leben wohlthäte, sollte diese Zeit der -Konfirmation mir besonders zu Herzen gehen. - -Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter. - -Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden Elternhaus und -all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll »Heimischen« erträglich -überwunden war, fand ich mich in einer wahrhaft beglückenden Umgebung. -Alle waren unbeschreiblich gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte -mich; sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde, eine Jean -Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen zugeneigt, dem -Humor zugänglich, lebhaft und schön. - -Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei markig, kräftig -und heiter. - -Im Haushalt ging es frei und ländlich zu. - -Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein ganzes Herz -ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem Gelerne, Aufgesage fiel -weg. -- Mein Pastor plagte mich nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir -unterhielten uns, er hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen, -wir kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch einmal, daß er -aufstand, an den Bücherschrank ging und den Faust herausholte. - -Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er begann zu lesen. Er -las lebhaft und hinreißend. - -Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich die Thür, und die -Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie hörte, was hier vorging, mit -offenem Munde in der Thür stehen. - -»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja Religionsstunde -halten -- das ist nicht recht von dir -- das ist nichts für das Kind.« - -»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte mein -Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen kannte den -Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und schlug das Buch zu. - -Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück halte -- »und -du hast es nun ja auch nachgeholt,« sagte sie. - -Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin und las mir, -jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche vor, das die Geschichte -der Märtyrer poetisch behandelte. Zu diesen Vorlesungen fand sich eine -alte nette Dame ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der -Märtyrer mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau Pastorin saß -manchmal wie verklärt da, und die alte Dame auch. - -Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche, gottbegnadete Zeit -gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres vorstellen könnte, als -als Märtyrer zu leben und zu sterben. - -Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte zu sagen, daß es -jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe. - -»Leider, leider -- nein!« rief die alte Dame schmerzlich aus. - -Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten Heiligen, dachte mir -immer, wie schrecklich es sei, daß sie sich bis zu Tode quälen ließen -mit der schönen Aussicht, dann in einen wundervollen Himmel zu kommen --- und daß sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten -- so etwas -fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung in -mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse. - -Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in mir gespürt, -dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was andre Leute mit solcher -Bestimmtheit in sich vermuten und wissen und mit aller Energie -verteidigen. Ich dachte damals nie darüber nach. Wenn ich mich abends -niederlegte, sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts -von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich. - -Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte: Einen -Augenblick bewußtlos -- eine Ewigkeit bewußtlos! - -Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten Käthe im -»Herzenswahn« in den Mund gelegt -- hatte aber meine Lust zum Grübeln -mit diesem Worte beruhigt und war völlig zufriedengestellt. - -Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an meinem -Religionsunterricht zu finden. - -Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends mit Holzpantoffeln -durchs Dorf, die Kinder im Haus, die Mädels in der Nachbarschaft waren -mir willkommene Kameraden. Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal -früh auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und ging -mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim Schulmeister seinen -schwarzen Talar schon angezogen und sah sehr würdig und stattlich aus. - -Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah die Bauern kommen, -indes die Schwalben zwitscherten und an den Fenstern vorüberhuschten. -Dann hörte ich meinen Pastor predigen. Die Bauern bekamen manchen -kräftigen Brocken von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall -sie ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten. - -Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade. - -Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die Eltern, die -Schwestern, mein Großmütterchen und unsre junge, reizende Erzieherin -kamen alle von Weimar. - -Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte Dame, die für die -Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare gelockt und sie mit einer -Rose zusammengesteckt, versicherte mir auch nach der heiligen -Handlung -- sie hätte sich mit aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer -Lieblingsheiligen versetzt, während ich am Altar gestanden hätte, sei -es ihr so gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine -Hinrichtung. - -Das kam mir sehr übertrieben vor. - -Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich, es war -mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute. Es wurde niemand mit mir -konfirmiert, das gefiel mir auch, und ich hatte den Tag über bei -jeder Gelegenheit die denkbar besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so -unbeschreiblich gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar. - -Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene Person, das -erschien mir wenig erfreulich und auch wenig wahrscheinlich, war mir -übrigens auch gleichgültig, ich war, was ich war, und damit gut. - -Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte vor, den -Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins innerste Herz war ich davon -erschüttert, so daß ich die ganze Nacht mit den tollsten Phantasieen zu -thun hatte und mich fürchtete, wie noch nie in meinem Leben. - -Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier dieses Tages mit -Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert, wie ein grünes Nest. - -Es war alles hier so schön und beglückend gewesen, daß ich schweren -Herzens Abschied nahm. Die Pastorin wußte nicht, was sie mir noch -Gutes anthun sollte, und steckte mir alle Taschen voll herrlicher -Aepfel. Zwei davon brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten -mir wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch einen -Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter gesteckt, und ich fuhr -mit meinen Eltern davon. - -Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie vor -Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr geliebten jungen -Erzieherin Unterricht. - -Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt durfte ich von -unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen, und so begab es sich, daß -ich der Aufführung von Wagners »Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich -war überwältigt, hingerissen, betäubt, berauscht. -- Die Gewalt in -dieser Musik erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze -Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen Tönen der -Erwartung, der Angst, des Zweifels. Wundervoll empfand ich zuletzt das -Sichauflösen alles Leidens, alles Lebens. - -Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den mächtigen -Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg erschien es mir -unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben wieder zu beginnen. Es mußte -etwas geschehen, etwas Außergewöhnliches -- das Leben mußte sich anders -gestalten, um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können. Aber -wie, was sollte geschehen? - -Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht nach etwas, -was die Wunder, die ich eben durchlebt hatte, und die Alltäglichkeit -in Einklang bringen sollte, und ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer -gehen wollte. - -Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich schon den -andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu lassen. Sie erlaubte mir -dies gern; ich teilte ihr auch den Grund meiner Reise mit, der sie -einigermaßen zu wundern schien. - -Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war mit mir durch meinen -Entschluß wieder ins Gleichgewicht gekommen. - -Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich überrascht und -freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag. Die Pastorin führte -mich sogleich ins Wohnzimmer, ließ Kaffee kochen, und ich traf eine -muntere Gesellschaft. Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei -junge Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im Hause zu. - -Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen vorbrachte -und sagte, daß ich gekommen sei, um am Sonntag das Abendmahl hier zu -nehmen, sah sie mich kopfschüttelnd an und schwieg. - -»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann sie würdevoll. -»Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du denn nicht heut' morgen -gekommen, um wenigstens zur allgemeinen Beichte da zu sein? So kannst -du das Abendmahl gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor -- ohne -Beichte!« - -Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich fühlte mich sehr -beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht. - -»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen, »was sollen denn -die Leute denken? Da muß wegen dir Privatbeichte gehalten werden, und -den Leuten muß gesagt werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.« - -Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor in sein -Studierzimmer. - -»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn du etwas auf dem Herzen -hast, sag es ihm -- und wenn es das größte Unrecht wäre, verschweigen -darfst du's nicht. -- Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll -und etwas neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl -nehmen willst?« - -In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe, und er empfing -mich ernst und wohlwollend und feierlich. Er fragte mich, ob ich irgend -etwas auf dem Herzen hätte. - -»Nein,« sagte ich. - -Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene. - -Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge. - -Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei. - -Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte. - -Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt hätte, und da sich -zu seiner großen Verwunderung durchaus nichts fand, so erteilte er mir -nach den Worten der Bibel die Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte -ich seine beiden Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und -Isolde‹ gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck, daß -auch er mir in die Augen sah. - -Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung und Bewegung -des vorigen Abends kam über mich. - -»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht. »Nun setz dich -einmal hin und erzähle.« - -Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor ihm aus -- und wie -er zuhörte! Er fragte und fragte und wäre für sein Leben gern dabei -gewesen; die Zeit verging uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte -auf und holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von vorn -beginnen. - -Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber guter Pastor, ich -möchte auch irgend etwas thun, was schön ist, ich möchte irgend ein -großes Talent haben, dann erst würde ich glücklich sein.« - -»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal um einen großen -Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du auf ein Ding deinen ganzen Fleiß -verwendest, wird es dich auch interessieren, ganz gleich, was es ist.« - -Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete, daß es damit -aber nichts wäre. Der alte Preller lache über alles, was ich mit Müh' -und Not zu stande brächte; und wenn er sich meine Arbeit angesehen -habe, sage er gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser, -wenn ich mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann auch -nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich abmühten, säße -ich schon und lauerte darauf, daß der alte Preller seine wundervollen -Skizzenbücher zur Hand nehmen würde; aber selber zeichnen und bei aller -Not und Mühe nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine -Sünde. - -»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst. - -»Nun also!« - -Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein Herz mit -wunderbaren Schauern. - -Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen Augenblicke -hin -- den dumpfen Klängen der Orgel, dem mystischen Gesang, den -geheimnisvollen Worten. -- - -Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen zu fühlen. -Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein, seiner Ruhe, -Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und den tiefen Bewegungen -und Gewalten einer mächtigen Kunst hatte mich verwirrt, beunruhigt -- -und ich wollte Beruhigung empfinden. - -Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld das -wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon erzählt habe -- -trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf unsrer Bodentreppe und -schrieb dort nach Herzenslust -- Geschöpfe zauberte ich in mein blaues -Heft, die mir ungemein sympathisch waren; sie sprachen und thaten, -was ich wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten -Einvernehmen. - -Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um die Welt hätte -ich es nicht irgend jemand verraten mögen -- und dennoch verriet ich -es selbst und gewann durch diesen Verrat das höchste Glück, das das -Schicksal einer schaffensmutigen Seele zu teil werden lassen kann; ich -gewann, wie ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen -Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der es verstand, -mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und Ausdauer anzuspornen; der -mir als höchstes Ziel steckte: Wahrheit in jedem Empfinden, und eine -freie Würdigung alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches -und beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen -Weg gehen konnte. -- Meine Arbeit, meine Kunst wurde mir die stille -Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das alltägliche Leben zu -stürmisch oder zu gleichgültig oder gar zu schwer werden wollte. Und -ich selbst habe mich immer gewundert, wie gerade ich zu diesem großen -Glück gekommen bin -- gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je -etwas zu erstreben, geschweige zu erreichen. - -Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von guten Freunden, -getreuen Nachbarn und dergleichen, von Ereignissen aller Art, von -meiner Verheiratung, meinen Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich -auf Erden kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß -ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles ist nur -Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat -- der volle Ernst --- und in seinem Gefolge Kummer und Not, wie ich die Arme nach Hilfe -ausstreckte, wie ich verzweifelte, wie ich endlich nach langer Qual -genas, davon will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde, -für Worte kaum erreichbar. - - +Ende.+ - - - - -Werke von Helene Böhlau. - - - =Das Recht der Mutter.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.50. F. Fontane & - Co., Berlin. - - =Der Rangierbahnhof.= Roman. Zweite Auflage. M. 4.--, geb. M. 5.--. - F. Fontane & Co., Berlin. - - =Rathsmädelgeschichten.= Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. - C. C. Bruns, Minden i. W. - - =Herzenswahn.= Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, Minden - i. W. - - =Im Trosse der Kunst.= Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. - Bruns, Minden i. W. - - =Reines Herzens schuldig.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.--. J. C. C. - Bruns, Minden i. W. - - =Im frischen Wasser.= Roman in zwei Bänden. M. 1.--, geb. M. 1.50. - J. Engelhorn, Stuttgart. - - =Novellen:= Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.--, geb. - M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin. - - =Novellen:= Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen. M. 5.--, - geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin. - - - - - Engelhorns - Allgemeine - Romanbibliothek. - - Eine Auswahl - der besten modernen Romane aller Völker. - - Alle vierzehn Tage erscheint ein Band. - - Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf. - - (26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark, - gebunden 19 M. 50 Pf.) - -»=Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek=«, die nun in ihren dreizehnten -Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr zu Jahr an Beliebtheit und -Verbreitung zugenommen, sondern auch an litterarischer Bedeutung -gewonnen, so daß es nicht zu viel gesagt ist, wenn man sie heute - - einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter - der Weltliteratur - -nennt. -- Die »+Deutsche Dichtung+« schreibt darüber: - - Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum +gute Bücher - zu billigem Preis+ zu bieten und dabei weder die Autoren noch - die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen, nur gehört - Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu -- das ist die - Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg von - »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann, und - hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht, - in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige - Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten - ziegelroten Bändchen -- durchschnittlich zehn Bogen guter - Ausstattung -- +zum Preise von 50 Pfennigen+ in die Welt - sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne; - schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark - kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes - Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe -- nur den Einband - abgerechnet -- für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist - die »Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet, - daß eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast - überflüssig erscheint. - -Die bisher erschienen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführten -Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung zum Preise von =50 -Pf.= für den broschierten und =75 Pf.= für den gebundenen Band bezogen -werden. - - - Erster Jahrgang. - - =Der Hüttenbesitzer.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände. - - =Aus Nacht zum Licht.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. - - =Zéro.= Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. _Praed_. Aus dem - Englischen. - - =Wassilissa.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Vornehme Gesellschaft.= Von _H. Aïdé_. Aus dem Englischen. - - =Gräfin Sarah.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Unter der roten Fahne.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus d. Englischen. - - =Abbé Constantin.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen. - - =Ihr Gatte.= Von _G. Verga_. Aus dem Italienischen. - - =Ein gefährliches Geheimnis=. Von _Charles Reade_. Aus d. Engl. 2 - Bde. - - =Gérards Heirat.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen. - - =Dosia.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Ein heroisches Weib.= Von _J. J. Kraszewski_. Aus dem Polnischen. - - =Eheglück.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Schiffer Worse.= Von _Alex. Kielland_. Aus dem Norwegischen. - - =Ein Ideal.= Von _Marchesa Colombi_. Aus dem Italienischen. - - =Dunkle Tage.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. - - =Novellen= von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. +Glitzer-Brita.+ -- - +Einer, der seinen Namen verlor.+ Deutsch von +Friedrich - Spielhagen+. -- +Ein Ritter vom Danebrog.+ Aus dem Englischen. - - =Die Heimkehr der Prinzessin.= Von _Jacques Vincent_. Aus d. - Französ. - - =Ein Mutterherz.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - - Zweiter Jahrgang. - - =Der Steinbruch.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Helene Jung.= Von _Paul Lindau_. - - =Maruja.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen. - - =Die Sozialisten.= Aus dem Englischen. - - =Criquette.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen. - - =Der Wille zum Leben. -- Untrennbar.= Von _Adolf Wilbrandt_. - - =Die Illusionen des Doktor Faustino.= Von _Valera_. Aus d. Span. - - =Zu fein gesponnen.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen. 2 - Bände. - - =Gift.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen. - - =Fortuna.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen. - - =Lise Fleuron.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Aus des Meeres Schaum. -- Aus den Saiten einer Baßgeige.= Von - _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen. - - =Auf der Woge des Glücks.= Von _Bernhard Frey_. (+M. Bernhard.+) - - =Die hübsche Miß Neville.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Engl. 2 Bde. - - =Die Verstorbene.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen. - - =Mein erstes Abenteuer und andere Geschichten.= Von _Hans Hopfen_. - - =Ihr ärgster Feind.= Von Mrs. _Alexander_. Aus d. Englischen. 2 Bde. - - =Ein Fürstensohn. -- Zerline.= Von _Claire von Glümer_. - - =Von der Grenze.= Novellen von _Bret Harte_. Aus dem Englischen. - - =Eine Familiengeschichte.= Von _Hugh Conway_. Aus d. Englischen. 2 - Bde. - - - Dritter Jahrgang. - - =Die Versaillerin.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände. - - =In Acht und Bann.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen. - - =Die Tochter des Meeres.= Von _Johanne Schjörring_. Aus dem - Dänischen. - - =Lieutenant Bonnet.= Von _Hector Malot_. Aus d. Französ. 2 Bände. - - =Pariser Ehen.= Von _E. About_. Aus dem Französischen. - - =Hanna Warners Herz.= Von _Florence Marryat_. Aus d. Englischen. - - =Eine Tochter der Philister.= Von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. Aus dem - Englischen. 2 Bände. - - =Savelis Büßung.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Die Damen von Croix-Mort.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französ. 2 - Bände. - - =Die Glocken von Plurs.= Von _Ernst Pasqué_. - - =Fromont junior und Risler senior.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem - Französischen. 2 Bände. - - =Der Genius und sein Erbe.= Von _Hans Hopfen_. - - =Ein einfach Herz.= Von _Charles Reade_. Aus dem Englischen. - - =Baccarat.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Mein Freund Jim.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. - - =Hanna.= Von _Heinr. Sienkiewicz_. Aus dem Polnischen. - - =Das beste Teil.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen. - - =Lebend oder tot.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Die Familie Monach.= Von _Robert de Bonnières_. Aus dem Französ. - - - Vierter Jahrgang. - - =Eine neue Judith.= Von _H. Rider Haggard_. Aus d. Englischen. 2 - Bde. - - =Schwarz und Rosig.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. - - =Das Tagebuch einer Frau.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französ. - - =Jahre des Gärens.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände. - - =Gute Kameraden.= Von _H. Lafontaine_. Aus dem Französischen. - - =Die Töchter des Commandeurs.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norweg. - - =Zita.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Die Erbschaft Xenias.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Kinder des Südens.= Von _Rich. Voß_. - - =Daniele Cortis.= Von _A. Fogazzaro_. Aus dem Italienischen. 2 - Bände. - - =Die Herz-Neune.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen. - - =Sie will.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Die Kinder der Excellenz.= Von _Ernst v. Wolzogen_. - - =Um den Glanz des Ruhmes.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Ital. - - =Der Nabob.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände. - - =Der kleine Lord.= Von _F. H. Burnett_. Aus dem Englischen. - - =Der Prozeß Froideville.= Von _André Theuriet_. Aus d. - Französischen. - - =Stella.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - - Fünfter Jahrgang. - - =Robert Leichtfuß.= Von _Hans Hopfen_. 2 Bände. - - =Der Unsterbliche.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. - - =Lady Dorotheas Gäste.= Von _Ouida_. Aus dem Englischen. - - =Marchesa d'Arcello.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen. 2 Bände. - - =Was der heilige Joseph vermag.= Aus dem Französischen. - - =Alessa. -- Keine Illusionen.= Von _Claire von Glümer_. - - =Wie in einem Spiegel.= Von _F. C. Philips_. Aus d. Englischen. 2 - Bände. - - =Schnee.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen. - - =Jean Mornas.= Von _Jules Claretie_. Aus dem Französischen. - - =Auf der Fährte.= Von _H. F. Wood_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Satisfaction. -- Das zersprungene Glück. -- La Speranza.= Von - _Alexander Baron von Roberts_. - - =Die Scheinheilige.= Von _Karoline Gravière_. Aus dem Französischen. - - =Doktor Rameau.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände. - - =Frau Regine.= Von _Emil Peschkau_. - - =Zwei Brüder.= Von _Guy de Maupassant_. Aus dem Französischen. - - =Mein Sohn.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen. 2 Bände. - - =Dosias Tochter.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Der Lotse und sein Weib.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen. - - =Numa Roumestan.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 2 - Bände. - - - Sechster Jahrgang. - - =Die tolle Komteß.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände. - - =Eine Sirene.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen. - - =Jack und seine drei Flammen.= Von _F. C. Philips_. Aus dem - Englischen. - - =Mr. Barnes von New-York.= Von _A. C. Gunter_. Aus d. Engl. 2 Bde. - - =Gertruds Geheimnis.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen. - - =Wunderbare Gaben und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus - dem Englischen. - - =Letzte Liebe.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Die Sabinerin. -- Felice Leste. -- Die Mutter der Catonen.= Von - _Richard Voß_. - - =Mia.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen. - - =Diana Barrington.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2 Bände. - - =Der reine Thor.= Von _Karl v. Heigel_. - - =Ein Kirchenraub. -- Junge Liebe.= Von _H. Pontoppidan_. Aus dem - Dänischen. - - =Die Könige im Exil.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ. 2 - Bände. - - =Die verhängnisvolle Phryne.= Von _F. C. Philips_ u. _C. J. Wils_. - Aus dem Englischen. - - =Serguis Panin.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französischen. 2 Bände. - - =Achtung Schildwache!= und andere Geschichten. Von _Mathilde - Serao_. Aus dem Italienischen. - - =Salonidylle.= Von _H. Rabusson_. Aus dem Französischen. - - =Mr. Potter aus Texas.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Engl. 2 Bände. - - =Ein gefährliches Werkzeug.= Von _D. C._ u. _H. Murray_. Aus d. - Engl. - - - Siebenter Jahrgang. - - =Preisgekrönt.= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände. - - =Die Seele Pierres.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. - - =Zum Kinderparadies.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen. - - =Imogen.= Von _Hamilton Aïdé_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Port Tarascon.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. - - =Ein Mann von Bedeutung.= Von _Anthony Hope_. Aus d. Englischen. - - =Ohne Liebe.= Von _Fürst Galitzin_. Aus dem Russischen. 2 Bände. - - =Die Erbin.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. - - =Die kühle Blonde.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände. - - =Mein Pfarrer u. mein Onkel.= Von _Jean de la Brète_. Aus d. - Französ. - - =Der Mönch von Berchtesgaden= und andere Erzählungen. Von _Rich. - Voß_. - - =Oberst Quaritch.= Von _H. Rider Haggard_. Aus dem Engl. 2 Bände. - - =Noras Roman.= Von _Emil Peschkau_. - - =Auf Vorposten= und andere Geschichten. Von _F. de Renzis_. Aus dem - Italienischen. - - =Versiegelte Lippen.= Von _Léon de Tinseau_. Aus d. Französ. 2 - Bände. - - =Aus den Papieren eines Wanderers.= Von _Jefferey C. Jeffery_. Aus - dem Englischen. - - =Mein Onkel Scipio.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen. - - =Wie's im Leben geht.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2 - Bde. - - =Verhängnis.= Von _F. de Renzis_. Aus dem Italienischen. - - - Achter Jahrgang. - - =Irgend ein Anderer.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2 - Bände. - - =Fräulein Reseda. -- Ein Mann der Erfolge.= Von _Julien Gordon_. - Aus dem Englischen. - - =Künstlerehre.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen. - - =In frischem Wasser.= Von _Helene Böhlau_. 2 Bände. - - =Die geprellten Verschwörer.= Von _W. E. Norris_. Aus dem - Englischen. - - =Daphne.= Nach ~A Diplomat's Diary~ von _Julien Gordon_, deutsch - bearb. von +Friedrich Spielhagen+. - - =Ein Genie der That.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände. - - =Mischa.= Von _Marguerite Poradowska_. Aus dem Französischen. - - =Der Thronfolger.= Von _Ernst von Wolzogen_. 2 Bände. - - =Im Reisfeld. -- Ohne Liebe.= Von _Marchesa Colombi_. Aus d. Ital. - - =Eine Künstlerin.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen. - - =Miß Niemand.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Marienkind.= Von _Paul Heyse_. - - =Schwarzwaldgeschichten.= Von _Hermine Villinger_. - - =Jack.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände. - - =Der schwarze Koffer.= Aus dem Engl. - - =Der Affenmaler.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen. - - =Schwer geprüft.= Von _J. Masterman_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - - Neunter Jahrgang. - - =Im Schuldbuch des Hasses.= Von _G. Ohnet_. Aus d. Französ. 2 Bde. - - =Meine offizielle Frau.= Von _Col. Richard Henry Savage_. Aus d. - Engl. - - =Sein Genius.= Von _Claus Zehren_. - - =Ein Zugvogel.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Violette Merian.= Von _Augustin Filon_. Aus dem Französischen. - - =Fräulein Kapitän.= Eine Eismeergeschichte von _Max Lay_. - - =Ein puritanischer Heide.= Von _Julien Gordon_. 2 Bände. Aus dem - Englischen. - - =Das Stück Brot und andere Geschichten.= Von _François Coppée_. Aus - dem Französischen. - - =In der Prairie verlassen.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen. - - =Zwischen Lipp' und Kelchesrand.= Von _Charles de Berkeley_. Aus - dem Französischen. 2 Bände. - - =Mein erster Klient und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus - dem Englischen. - - =Auf steinigen Pfaden.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem - Französischen. - - =Heimatlos.= Von _Hector Malot_. 3 Bände. Aus dem Französischen. - - =Baronin Müller.= Von _R. v. Heigel_. - - =In guter Hut.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen. - - =Das Kind.= Von _Ernst Eckstein_. - - =Das Haus am Moor.= Von _Florence Warden_. Aus d. Englischen. 2 Bde. - - =Giovannino oder den Tod! -- Dreißig Prozent.= Von _Mathilde - Serao_. Aus dem Italienischen. - - =Des Seemanns Tagebuch.= Von _Gustave Toudouze_. Aus dem Französ. - - - Zehnter Jahrgang. - - =Das Geheimnis des Hauslehrers.= Von _Victor Cherbuliez_. Aus dem - Französischen. 2 Bände. - - =Das wandernde Licht.= Von _Ernst von Wildenbruch_. - - =Einer alten Jungfer Liebestraum.= Von _Alan St. Aubyn_. Aus dem - Englischen. - - =Schatten.= Von _Ossip Schubin_. - - =Unerwartet.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Ein Opfer.= Von _Karl E. Franzos_. - - =Die Möwe.= Von _Zacharias Nielsen_. Aus dem Dänischen. 2 Bände. - - =Geopfert.= Von _George Simmy_. Aus dem Französischen. - - =Unheimliche Geschichten.= Von _Dick-May_. Aus dem Französischen. - - =Margarete und Ludwig.= Von _Frieda Freiin von Bülow_. 2 Bände. - - =Die Herzogstochter.= Von _Mrs. Oliphant_. Aus dem Englischen. - - =Briefe aus meiner Mühle.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ. - - =Erinnerungen einer Schwiegermutter.= Von _George R. Sims_. Aus dem - Englischen. 2 Bände. - - =Lou.= Von _Alexander Baron von Roberts_. - - =Hof Gilje.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen. - - =Don Cirillos Hut.= Von _Emilio de Marchi_. Aus d. Italienischen. 2 - Bde. - - =Jean von Kerdren.= Von _Jeanne Schultz_. Aus dem Französischen. - - =Unter Bauern.= Von _Hermine Villinger_. - - =Prinz Schamyls Brautwerbung.= Von _R. H. Savage_. Aus dem Engl. 2 - Bände. - - - Elfter Jahrgang. - - =Das Recht des Kindes.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Fränzös. 2 - Bände. - - =Ein schlechter Mensch.= Von _A. von Gersdorff_. - - =Mademoiselle.= Von _F. M. Peard_. Aus dem Englischen. - - =Kosmopolis.= Von _Paul Bourget_. Aus dem Französischen. 2 Bände. - - =Eine schnurrige Geschichte.= Von _Frank R. Stockton_. Aus d. Engl. - - =Die wahren Reichen.= Von _François Coppée_. Aus dem Französischen. - - =Simson und Delila.= Von _Annie Bock_. 2 Bände. - - =Die gelbe Rose.= Von _Maurus Jókai_. Aus dem Ungarischen. - - =Verloren.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. - - =Zwei Herren.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Eine Schultragödie.= Von _Edmondo de Amicis_. Aus dem - Italienischen. - - =Schiffe, die nachts sich begegnen.= Von _Beatrice Harraden_. Aus - d. Engl. - - =Susi.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände. - - =Tim.= Aus dem Englischen. - - =Frauen.= Von _Anna Munch_. Aus dem Norwegischen. - - =Die alte Geschichte.= Von _Charles de Berkeley_. Aus d. Französ. 2 - Bde. - - =Der Sänger.= Von _Karl v. Heigel_. - - =Möblierte Wohnungen.= Von _George R. Sims_. Aus dem Englischen. - - =Tante Anna.= Von _W. R. Clifford_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - - Zwölfter Jahrgang. - - =Die Erbschleicherinnen.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände. - - =Der Kameenknopf.= Von _Rodrigues Ottolengui_. Aus dem Englischen. - - =Die Cigarette und andre Geschichten.= Von _Jules Claretie_. Aus - dem Französischen. - - =Dodo.= Von _E. F. Benson_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - =Die Brüder.= Von _Claus Zehren_. - - =Pflichtgefühl.= Von _W. D. Howells_. Aus dem Englischen. - - =Revanche!= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände. - - =Pinsel und Meißel.= Von _Teodoro Serrao_. Aus dem Englischen. - - =Schwere Frage.= Von _A. v. Gersdorff_. - - =Das Magdalenenhaar.= Von _Jean Rameau_. Aus dem Französischen. 2 - Bände. - - =Der Verkauf einer Seele.= Von _F. Frankfort Moore_. Aus d. - Englischen. - - =Wandelbilder.= Von _Richard Henry Savage_. Aus dem Englischen. - - =Selbstgerecht.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände. - - =Roman-Studien.= Von _Jerome K. Jerome_. Aus dem Englischen. - - =Jugendstürme.= Von _Karl Busse_. - - =Eine Familienähnlichkeit.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. - 2 Bände. - - =Verbotene Frucht.= Von _Henning van Horst_. - - =Gold und Ehre.= Von _Otto M. Moeller_. Aus dem Dänischen. - - =Eine gelbe Aster.= Von _Jota_. Aus dem Englischen. 2 Bände. - - - Dreizehnter Jahrgang. - - =Villa Falconieri.= Von _R. Voß_. 2 Bde. - - Mit wahrhaft berauschender Glut der Schilderung zaubert uns der - berühmte Dichter in seinem prächtigen Roman den Frühling der - Campagna di Roma und des Albanergebirgs mit seiner märchenhaften - Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift uns das Schicksal der - Menschen voll Leidenschaft, die er in dieser großartigen, stil- und - stimmungsvollen Umgebung lieben und leiden läßt. - - =Die Tochter des Abgeordneten.= Von _Georges Ohnet_. - - In diesem glänzend geschriebenen Roman bietet +Ohnets+ vielseitiges - und fruchtbares Talent eine seiner reifsten Früchte. Die große - Schar der Freunde und Verehrer des gefeierten Erzählers wird dieses - Buch namentlich auch darum noch vermehren, weil es sich auch zur - Lektüre für junge Mädchen eignet. - - =Die Siegerin.= Von _Hans Hopfen_. - - Einem neuen Buche von Hans Hopfen können wir keine bessere - Empfehlung mit auf den Weg geben als die, daß es ein »echter - Hopfen« ist. - - =Eine dritte Person.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 - Bände. - - Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem Schauplatze der meisten - Crokerschen Romane, durchwärmt und verklärt gleichsam die - Geschichten dieser mit Recht so beliebten Erzählerin und verleiht - ihnen einen romantischen Schimmer, der den Leser unwiderstehlich - gefangen nimmt. - - =Flederwischs Heirat.= Von _Gyp_. Aus dem Französischen. - - Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«, ist ein - entzückendes Geschöpfchen, dessen köstliche Naivetät und neckischer - Humor wahrhaft herzerfrischend wirken. - - =Eine internationale Ehe.= Von _Madame Bigot_. Aus dem Englischen. - - Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes, gut beobachtetes - Milieu und eine reich bewegte Handlung vereinigen sich in diesem - flott geschriebenen Roman zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen - Ganzen. - - =Sich selber treu.= Von _M. Gerbrandt_. 2 Bände. - - Warmherzige Menschen von reich entwickeltem Gefühlsleben treten - uns in diesem hochgestimmten Roman entgegen, in dem sich die - begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin von feiner poetischer - Empfindung und abgeklärter Kunstanschauung erweist. - - =Islandfischer.= Von _Pierre Loti_. Aus dem Französischen. - - Mit der Einreihung von Lotis berühmten Roman, diesem Hohenlied der - See und der Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir einen Wunsch - vieler unserer Leser. - - =Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.= Von _Helene Böhlau_. - - Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller Kleinmalerei und gemütvollen, - schalkhaften Humors sind auch diese neuen +Böhlau+schen - Ratsmädelgeschichten, in denen wir einen Hauch aus Weimars großer - Zeit verspüren. - - -Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu =Geschenken ganz -besonders geeigneten= - - Salon-Ausgabe - -auf =feines, extra starkes Papier= gedruckt und in =elegantem -Liebhaber-Einband= zum Preise von M. 2.-- für den einfachen und M. 3.-- -für den doppelten Band erschienen. - - - Einfache Bände: - - _Burnett_, =Der kleine Lord=. - - _Feuilett_, =Das Tagebuch einer Frau=. - - _Paul Lindau_, =Helene Jung=. - - _Voß_, =Kinder des Südens=. - - =Was der heilige Joseph vermag.= - - _v. Wolzogen_, =Die Kinder der Excellenz=. - - _v. Gersdorff_, =Ein schlechter Mensch=. - - _Savage_, =Meine offizielle Frau=. - - - Doppel-Bände: - - _Conway_, =Eine Familiengeschichte=. - - _Croker_, =Die hübsche Miß Neville=. - - _Hopfen_, =Robert Leichtfuß=. - - _Ohnet_, =Der Hüttenbesitzer=. - - _v. Wolzogen_, =Der Thronfolger=. - - -- =Die tolle Komteß=. - - _Sims_, =Erinnerungen einer Schwiegermutter=. - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben. - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 7: alimodisches → altmodisches - wie ein {altmodisches} Kleidungsstück abgelegt - - S. 11: Augenbiick → Augenblick - Von dem {Augenblick} an, als sie - - S. 61: Weimararaner → Weimararnern - den {Weimaranern} ihr geliebtes Deutsch - - S. 136: wir → mir - es war {mir}, als würden da - - Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray - Von _D. C._ u. _H. {Murray}_ - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE -GESCHICHTEN*** - - -******* This file should be named 51230-0.txt or 51230-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/1/2/3/51230 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten</p> -<p>Author: Helene Böhlau</p> -<p>Release Date: February 16, 2016 [eBook #51230]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: UTF-8</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN***</p> -<p> </p> -<h3>E-text prepared by<br /> - the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (http://www.pgdp.net)</h3> -<p> </p> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Die Autorennamen der Katalogseiten sind <em class="author">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> -<hr class="full" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<div class="chapter"> -<p class="center large">Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.</p> - -<p class="center">Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.</p> - -<p class="center smaller">Dreizehnter Jahrgang. Band 12.</p> - -<h1>Ratsmädel-<br /> -<span class="smaller">und</span><br /> -Altweimarische Geschichten.</h1> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="h2">Helene Böhlau.</p> - -<p class="center">(Madame al Raschid Bey.)</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">Stuttgart.</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Verlag von J. Engelhorn.</em></p> - -<p class="center">1897.</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p> - -<p class="center">Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten. -</p> - -<p class="center p2">Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Ratsmaedel_gehen_einem_Spuk">Die Ratsmädel gehen einem Spuk -zu Leibe.</h2> -</div> - -<p class="chap">Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das -kleine, nun längst wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet -anfing, mitten unter den tausend und abertausend europäischen -Städten und Städtchen sich außerordentlich wichtig zu thun. -Es mochte auch alles Recht dazu haben; denn es hatten sich -in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet, Vögel, derengleichen -vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren, -und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so -daß sie wirklich außerordentlich seltene Vögel geblieben sind, -bis heutzutage.</p> - -<p>Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben, -und es hat den Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig -hinerzählt war, allem Feierlichen, Schweren aus dem Wege -ging, alles Leichtlebige beim Zipfel nahm.</p> - -<p>Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus -den Bürgerstuben, aus den Gärten vor der Stadt, von jenen -alten, gesegneten Gärten, und ich werde mich auch wieder -vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen Tieren -vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten -abgeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p> - -<p>Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre -alte weimarische Sonne locken, von der sie so gerne sich -wieder bescheinen lassen würden.</p> - -<p>Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt, -eine weiche, hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es -sproßt und keimt, in der ein lustiger, feuchter Wind weht, -Nebel ziehen, in der Herzen schlagen, und in der allerlei -behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die Achseln -zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen; -damals aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen -machte. So glaubte man in jenen Tagen und tuschelte es -sich gegenseitig wie eine interessante Hofgeschichte zu, daß -die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie, von der Karl -August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts -machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in -Tieffurth, im Park und im Schlößchen.</p> - -<p>Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten -Dinge. Die bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft, -aber doch humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß -daran, daß die kleine, bucklige, häßliche Dame solche Geschichten -machte.</p> - -<p>Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn -es war absolut nicht <em class="antiqua">comme il faut</em> von der Göchhausen. – -Außerdem sprach die Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern -darüber, daß ihr so etwas »arrivieren« mußte – -solch eine »Kalamität«! – Man fand, daß sich die Göchhausen -noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich -machte.</p> - -<p>Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie -sie schimpfend und klagend die Parkwege auf und nieder -gehuscht war.</p> - -<p>Sie hatten sie ganz genau erkannt, – daran bestand -kein Zweifel!</p> - -<p>Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -Krommsdorf erst spät heimgetrieben, war sie im Park auch -nachgehuscht, und er erzählte, daß sie ihm scheußlich weinerlich -und wichtig gesagt habe: »Ich la–ngweil' mich so!« – -Weiter nichts. Aber <em class="gesperrt">wie</em> sie es gesagt hätte! Wie aus -einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden, -die die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer -Kalb, das die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt -hatte, pfundweis nach Hause trugen, gar nicht haarsträubend -genug vormachen.</p> - -<p>Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen, -immer klagend, immer schimpfend und immer unzufrieden; -– manchmal auch nur murmelnd und brummend; – aber -<em class="gesperrt">wie</em> murmelnd! – eben ganz wie eine arme Seele murmeln -muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war -überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache, -daß sich die Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, – -nach Vorschrift der alten Kobold- und Geistergeschichten.</p> - -<p>Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen -haben und hatten auch gottlob immer etwas; sie waren an -die merkwürdigsten Dinge gewöhnt, eine solche Fülle von -gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das graue Rattennest -niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß diese -Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit -allerhand fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel.</p> - -<p>Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar -lachende, blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich -behende Körper, blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch -etwas tollpatschige Hände, helle Kleider, die sich lebendig -um diese jungen Körper schmiegen, die sich so jugendsicher -auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so wohlgebaut und -unschuldig.</p> - -<p>All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie -zu ein paar Mädchen, die in der alten Wünschengasse -daheim sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<p>Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt -und sind mehr, als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund -und Feind, Nachbar und Nachbarin.</p> - -<p>»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und -sind die Töchter des Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und -würdig, nie verstanden hat, weshalb gerade ihm das Schicksal -diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr Mühe und Kopfzerbrechen -kosteten, als seine Buben. Ja, in der That, er -und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem -hübschen Paare fertig geworden, wenn nicht die ganze -Wünschengasse ihnen beigestanden hätte, die Rangen zu erziehen; -und nicht nur die Wünschengasse fühlte sich dazu -berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen -Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es, -wenn sie miteinander durch die dämmerige Gasse schlenderten. -Und wer dies aussprach, schaute ihnen gewissermaßen gespannt -nach.</p> - -<p>Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige -Wünschengasse in Aufregung zu erhalten.</p> - -<p>Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach -den Ratsmädchen, das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln -und Hetzen, das Verhätscheln und Anraunzen. Nie, solange -die Wünschengasse steht, sind aber zwei Schwestern von Kindesbeinen -an trotz alledem so ungetrübt heiter gewesen wie diese -zwei, so treu ihren Freunden ergeben.</p> - -<p>Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag -Freunde haben, – zu den Menschen, die nie einsam -sind, – zu den sonnigen Kraftmenschen, die Wärme und -Strahlen für andre übrig haben.</p> - -<p>Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden -keinen Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden -nahe treten wollte, waren ihnen dankbar, – und was die -Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und diese Freunde: der -blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon, den sie auf<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner -französischen Abstammung wegen; in den weimarischen -Mäulern aber war »der Pudding« zu einem »Budang« geworden. -– Und der schöne Franz Horny, der sich als Maler -später einen Namen machte und in jungen Jahren in Amalfi -starb; – sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo es von -den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian -verehrt wird. – Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller, -Schillers Sohn.</p> - -<p>Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich -vergnügt, wie dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr -geschieht.</p> - -<p>Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere -Urwüchsigkeit wie ein <span id="corr007">altmodisches</span> Kleidungsstück abgelegt.</p> - -<p>Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen -und haben sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von -Röses Paten Sperber, einquartiert. Sie sind ins Wasser -gefallen, haben miteinander getanzt, wenn es ihnen paßte; -sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten gefahren, sie -haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie haben -»Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren -gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich -von den etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre -genommen worden, haben ihnen ihre Schularbeiten vorweisen -müssen und sind von ihnen belobt und gestraft worden, wie -das alles ausführlich schon einmal erzählt worden ist. Herr -und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung -ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse. -Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel, -und in die Dämmerung dröhnt die große Glocke im Schloßturm. -Der Sturmwind fährt in das mächtige Geläute; er -reißt die großen, vollen Töne wie Wolken auseinander und<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie, läßt sie -hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen.</p> - -<p>Die Glocke läutet die Osternacht ein.</p> - -<p>Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch; -so voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne -und das tiefste Menschenleid.</p> - -<p>Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß -Gott wo, erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens -Weimar geworden. Ein jeder versteht dies Herz da -oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig aus, was die -andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es erweckt -sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein -großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat. –</p> - -<p>Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster -hinaus.</p> - -<p>»Hörst du?« sagt Marie.</p> - -<p>Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet -wurde, zum Schloß hinunter gelaufen und haben hinauf nach -der grünen Turmspitze gesehen, die von der Wucht der -Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und her schwankte; -oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten, -und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert; -oder die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den -Glockenstuhl, und sie haben da, schwankend und schwindelnd -und ganz betäubt von den ungeheuren Schlägen, die den -Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander geklammert und -an den riesigen Balken festgehalten.</p> - -<p>Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum -Fenster hinaus.</p> - -<p>Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen.</p> - -<p>Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal -geantwortet.</p> - -<p>Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen -grüne Schärpen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<p>Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff -von aller Schönheit und Eleganz.</p> - -<p>»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! – Was -fällt euch ein! – Der Wind!« So ruft Frau Rat, die -Mutter der Ratsmädchen, die eben ins Zimmer tritt.</p> - -<p>Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt. -Der Haushalt mit den wilden Mädchen und Buben, die -Kriegsjahre, der überernste Gatte, die Geldsorgen, – das -alles ist der fein organisierten Frau zu viel geworden.</p> - -<p>Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe; -sie aber hat etwas Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur -bei sich selbst fände, was sie sucht.</p> - -<p>Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das -Glockengeläut dringt nur noch dumpf ins Zimmer.</p> - -<p>Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die -Lichter an.</p> - -<p>Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches -Gesicht.</p> - -<p>Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des -einen Talglichtes brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter -unter einem grünseidenen, ovalen Schirm.</p> - -<p>»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?«</p> - -<p>»Was denn sonst, Schatz? – Habt ihr euch die Hände -gewaschen?«</p> - -<p>»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse.</p> - -<p>»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und -streicht ihr übers Haar. – »Gutes Kind!«</p> - -<p>Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß -sie ihrer Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht.</p> - -<p>»Ruhig, ruhig!«</p> - -<p>Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf -auf dem Tisch?«</p> - -<p>Senf war eben das Neueste.</p> - -<p>Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -in schönster Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht -feierlich im Zimmer auf und ab.</p> - -<p>»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch -einmal: »Charmante Leute!«</p> - -<p>Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden« -nicht. Man hat zu warten, bis er fragt.</p> - -<p>»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit -erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau.</p> - -<p>»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?«</p> - -<p>»Ich dachte so etwa … etwa …«</p> - -<p>Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit« -nannte, nicht recht klar zu sein.</p> - -<p>»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon -eine recht große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem -Seitenblick auf die Mädchen.</p> - -<p>Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der -Mutter auf der Platte tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt -zu.</p> - -<p>»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?«</p> - -<p>Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen -Halsbinde heraus, im Hintergrunde des großen Zimmers, -zu seiner Frau.</p> - -<p>»Bst!« macht Frau Rat. – »Mein Gott, so jung sollte -sie nicht sein. So ein armes Ding!«</p> - -<p>»I was!« sagt Herr Rat. – »Papperlapapp! Warst -du etwa älter?«</p> - -<p>Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres -Lebens zogen an ihrer Seele vorüber. – Sie lächelt, – alle -heißen Thränen, alles Sehnen, alles Verstummen hatte sich -bei ihr zu einem müden Lächeln herabgemildert, – oder in -ein Lächeln zusammengefaßt, – wie man will.</p> - -<p>Apothekers kamen.</p> - -<p>Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten -rundes Bäuchlein war mit »selber gestickter« Seide überspannt<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -und glänzte wie ein heiteres Gestirn. Er kniff Röse -in die Wange und war vortrefflich gelaunt.</p> - -<p>Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach -den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte -sich eben eine Dame in vollem Putz, in weißer Haube mit -blauen Bändern und im weißen Kleide. Sie öffnete das -Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der Wind, der -durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte.</p> - -<p>»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte -nicht lange, da empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau -Geheimderat Thon und deren Sohn Ottokar Thon, Adjutanten -des Großherzogs Karl August.</p> - -<p>Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den -Eltern Kirsten, küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann -Marie.</p> - -<p>Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte. -Das weiße Kleid umschloß in langen Falten eine volle, stolze -Gestalt. Das schöne Busentuch war aus kostbaren gelblichen -Spitzen, und eine breite, hohe Haube mit himmelblauen -Bändern beschattete ein energisches, wohlkonserviertes Gesicht.</p> - -<p>Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre -rundliche Kinderhand dann an die Lippen.</p> - -<p>Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen -Gesichte aber lag eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen -ihrer Schwester Hand nicht los, bis man sich zu -Tische setzte.</p> - -<p>Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie -ahnte, sie wußte alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach -mit ihr, als spräche er zu einem lebendigen Heiligtume, – -so etwas scheu, – und doch … – Rösen überschauerte es.</p> - -<p>Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten -Uniform aussah!</p> - -<p>Von dem <span id="corr011">Augenblick</span> an, als sie ihn zuerst gesehen, war -ihre Seele ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -Gescheitheit und seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger -gewesen, und sie hatte auch gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet.</p> - -<p>Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig -gelobt habe, und daß Karl August eine Schrift über -die Zukunft Deutschlands von ihm kenne, von wahrer staatsmännischer -Bedeutung.</p> - -<p>»Solch ein Mensch will mich!«</p> - -<p>Das waren Röses Jubelgedanken. –</p> - -<p>Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen -und hörte zu, wie alle sprachen.</p> - -<p>Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie -mußte träumerisch an einen Vogel denken, der in seinem Nest -auf schwankem, grünem Zweige sitzt, das von einem weichen -Winde hin und her geweht wird. Die Sonne glitzert durch -die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes Licht -um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug. -Sie fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist; -deshalb macht sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen, -stillen Wonne, ein kindisches, süßes Bild.</p> - -<p>Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter; -nein, alles und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte -Festsuppe: Grünkern mit Kerbelrübchen. Das war Frau -Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen, wie Mandeln so fein -und klein, zergingen auf der Zunge, und die Suppe duftete -wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete -es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer. -Warmer Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel, -der echte köstliche Kornduft, ein sanfter Wind, der über die -Aehrenhäupter streicht, – Erdgeruch! Das alles kam, als -der Deckel von der Suppenschüssel gehoben wurde, den Gästen -bewußt oder unbewußt in Erinnerung.</p> - -<p>Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe!</p> - -<p>Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -sein wie eine Musik oder wie ein Gedicht, die Leute sollen -fröhlich davon werden.«</p> - -<p>Ja, es war eine feierliche Suppe!</p> - -<p>Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben -klirrten, und im Schornstein heulte und jammerte er.</p> - -<p>Nach der Suppe gab es einen Karpfen, – einen Spiegelkarpfen -mit großen, goldenen Schildern und Flecken, den -besten Karpfen, den der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen! -Röse und Marie hatten natürlich mitgeholfen, ihn aus dem -Behälter herauszufischen, in dessen klarem Ilmwasser die -festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig flimmernden -Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten -hatten sie also erwischt.</p> - -<p>Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit, -seiner Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen.</p> - -<p>Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm -den Kopf auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im -Rasen neben den Fischbehältern eingerammt waren, und der -über und über von Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er -den Fisch in zwei Hälften geteilt und den Ratsmädchen in -den Korb gepackt und ihnen die Fischblase extra verehrt. -Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen zu lassen; es -hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein althergebrachter -Spaß gewesen.</p> - -<p>Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer -kam, blau gesotten mit geriebenem Meerrettich, und ganz in -Petersilie ruhend, da rief der Apotheker: »Donnerwetter, ist -das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger gewesen?«</p> - -<p>Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren -aber nur die Vorläufer vom Propheten.</p> - -<p>Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern -zu einem wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus.</p> - -<p>Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer -Hofjagd mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -Herrn, und hatte sie Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert, -und nun sollten sie feierlich gemeinschaftlich verzehrt werden.</p> - -<p>Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte, -waren alle erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen, -nußbraun gebratenen Tiere silberne Füße und -silberne Köpfe hatten.</p> - -<p>»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung -vor eurer Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen! -Silberne Köpfe und silberne Füße!«</p> - -<p>Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger -und waren glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater -auch nichts davon gewußt hatte.</p> - -<p>Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem -Geschenk gehört hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene -Vögel aus ihrem Silberschrank geliehen.</p> - -<p>Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei -Flaschen alten Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden -Flaschen hatte er in dem Franzosenjahr vor den gierigen -Langfingern versteckt. Er hatte sie im kleinen, dunklen Höfchen -unter dem Regenfaß vergraben und, als die Luft wieder -rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in -einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz -von Staub und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande -setzte er sie, als die Vögel mit den silbernen Füßen -kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz auf den Tisch.</p> - -<p>»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt.</p> - -<p>»Papperlapapp!« – Herr Rat war schon dabei, eine -zu entkorken. – »Gehört sich's nicht etwa so?«</p> - -<p>Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß -ein alter, seltener Wein in so staubigen und schimmeligen -Flaschen auf den Tisch kommen müsse; das sei für den -Kenner das Feinste.</p> - -<p>Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten, -Kompotts und Beilagen aller Art.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<p>»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie -verspürt haben wollen?« fragte der Apotheker den jungen -Thon. »Das wäre heute so eine Nacht für die Bestie, um -den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!«</p> - -<p>»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!« -antwortete der Adjutant lebhaft.</p> - -<p>»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der -Ilm an dem Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth – -so eigentlich mitten im Tieffurther Park. Verspürt ist er -nun, der Lump … aber …!«</p> - -<p>»Ja – aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem -Adjutanten auf den Fuchs an.</p> - -<p>Marie zupfte Röse am Kleid.</p> - -<p>Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon.</p> - -<p>»Röse,« tuschelte Marie besorgt, – »sie werden doch -nicht gar zu lange bleiben?« –</p> - -<p>Röse fuhr wie aus einem Traum auf.</p> - -<p>»Was?« fragte sie.</p> - -<p>»Na, wenn unsre Drei nun kämen?«</p> - -<p>»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort -sind; die werden unten schon lauern, bis der letzte hinaus -ist!« flüsterte Röse.</p> - -<p>Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben, -verehrten Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und -bedauerte, daß sie Weimar so bald wieder verlassen müsse.</p> - -<p>Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen, -um ihren Sohn zu besuchen.</p> - -<p>Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem -Kompottlöffelchen an ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt -und stattlich.</p> - -<p>Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene -Frau in ihrem weißen Kleid so frei und vornehm -stehen zu sehen.</p> - -<p>Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -Sohn diesmal verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit -menschliches Berechnen nicht trüge, vor ihren Augen läge, – -und für diese Beruhigung, diese frohe Aussicht danke sie dem -gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten.</p> - -<p>Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und -Frau Rat an, dann mit Apothekers, und mit Röse ganz besonders.</p> - -<p>»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie.</p> - -<p>Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand; -darauf küßte er Röses Hand wieder tief bewegt.</p> - -<p>Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder -Schlingel!« flüsterte sie Röse zu.</p> - -<p>Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das -war auf Vater Kirstens Befehl hin so eingerichtet.</p> - -<p>Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten, -und er wollte in seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand -keinen »Verlobungstrafik«, wie er sich ausdrückte. Das -Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt werden.</p> - -<p>Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein -verliebtes Paar zu stolpern!</p> - -<p>Er war Herr im Hause, damit basta!</p> - -<p>Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die -Apothekerin mußte ihren Mann zweimal am Rockschoß -zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der schönste gewürzte -Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß.</p> - -<p>Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der -Wind mit solcher Gewalt gegen die Scheiben gefahren und -hatte an den wackeligen, alten Fenstern gerüttelt, daß der -Apotheker ordentlich zusammengefahren und wieder zur Besinnung -gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider.</p> - -<p>Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes -durchaus nicht. Es war gut so. Sie wünschte sich's nicht -anders. Nichts schreckte sie aus ihrem süßen Traume auf. -Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich! Und es war<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien es -ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen.</p> - -<p>Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut!</p> - -<p>Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und -Hochzeitssprüchlein und gab ihrem Vater, als sie mit ihm -anstieß, extra einen Kuß dafür, daß der in der schön gestickten, -seidenen Weste nicht reden durfte.</p> - -<p>Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde, -kindliche Geschöpf vor sich, wie es so süß träumte. Und sie -gehörte ihm, war sein eigen, sie war ihm versprochen!</p> - -<p>Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß -auf diese junge Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden -Mund schien ihm Erlösung, – das seidenweiche Haar -zu streicheln Erquickung!</p> - -<p>Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt -schwieg, erschütterte ihn.</p> - -<p>Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume. -Ein berauschender Duft! –</p> - -<p>Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird -doch heut auch wirklich spuken?«</p> - -<p>»Wer?« fragte Röse.</p> - -<p>»Ach geh!«</p> - -<p>»Wenn das <em class="gesperrt">so</em> werden soll, wenn du ewig nur vor -dich hin gucken willst! – Na dann –!« Marie sprach sich -nicht weiter aus, schien aber entrüstet zu sein.</p> - -<p>»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß! -Mich freut's grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht -noch mehr!«</p> - -<p>Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden -zankend miteinander tuscheln.</p> - -<p>»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und -eine Seele?«</p> - -<p>»Sind wir auch!« sagte Röse.</p> - -<p>Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -Braut; etwas würdig, wie er es mit jedem jungen -Mädchen that, aber jedes Wort bebte und zitterte und war -beladen mit allem möglichen, und die Blicke beider hingen -aneinander, – forschend, ergründend und scheu den Anblick -genießend.</p> - -<p>Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der -Wind und trug jetzt, wie es schien, einen merkwürdig hellen, -rhythmischen Pfiff auf seinen Flügeln.</p> - -<p>Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem -Anbeter war, spitzte die Ohren, erhob sich wie im Traume, -ging dem Fenster zu, blieb aber zögernd, wie unverrichteter -Sache stehen und begab sich wieder auf ihren Platz.</p> - -<p>Der junge Thon beobachtete sie.</p> - -<p>»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken, -lassen sie uns bei dem Wetter nicht fort!«</p> - -<p>Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht -gekommen.</p> - -<p>Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die -Arme.</p> - -<p>Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte -bei sich: »Das war ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?«</p> - -<p>Jetzt schellte es unten.</p> - -<p>Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt -und sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen. -Was ihnen denn nur einfiele! Waren sie denn des Kuckucks!</p> - -<p>Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten.</p> - -<p>Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus -für Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei -und mit einem Veilchenbouquet daran gebunden, -etwas unsagbar Schönes, Bräutliches. Sie hatte jedenfalls -nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch bei einem -Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei.</p> - -<p>Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen -sollten; sie beratschlagten und hielten sich deshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -ziemlich lange auf der Treppe auf. Marie kam auf den -schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt den Veilchen -in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben, -bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es -möchte dem Vater nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk -der Schopenhauerin jetzt mit hereinbrächten. Und -es geschah so, wie sie sich vorgenommen.</p> - -<p>»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die -Mädchen wieder eintraten.</p> - -<p>Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr.</p> - -<p>Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit -einiger Zeit von einer merkwürdigen Unruhe befallen waren. -Es war ihm, als müsse er mit Röse ein feierliches, großes -Wort reden.</p> - -<p>Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch -wirklich? War er ihrer sicher?</p> - -<p>Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig -und liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den -Händen fest.</p> - -<p>»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!« -dachte der junge Thon mitten in seinem Herzensrausch. Er -hat bereits gestern die halbe Nacht platt auf dem Bauche -vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich schon, -wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den -Fuchs paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über -sich rauschen, fühlt wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm. -Und das Lauern, das scharfe Hinhorchen, – das Spannen, -– die Naturlaute, die nachts hie und da geheimnisvoll -auftauchen, – da wird's ihm wohl werden!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen -Frau Rat Kirsten Komplimente über das splendide Gastmahl, -und Frau Geheimderat Thon drückt Röse mütterlich -zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr. Röse errötet<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand -ihrer künftigen Frau Schwiegermutter.</p> - -<p>Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem, -Unbekanntem, als Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand -drückt, so erregt und bewegt, als wäre dieser einfache Händedruck -eine heilige Handlung.</p> - -<p>Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme -und küßt sie und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen -in den Augen.</p> - -<p>Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort -und Stelle bringen; sie sind zu diesem Behuf aus ihren -weißen Kleidern in die grauen Ginghamalltagskleider geschlüpft -und wirtschaften mit wahrem Feuer und so ordentlich -und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei -sich denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch, -pflichttreu und brav!«</p> - -<p>»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du -so trödelst, wann denkst du denn, daß wir fortkommen?«</p> - -<p>»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang, -»was hilft's denn sonst? – Poltere doch nicht so!« Marie -ging darauf hin auf den Fußspitzen.</p> - -<p>Drüben bei Thons war schon alles dunkel.</p> - -<p>»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn -bei uns so lang?«</p> - -<p>Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah -nach diesem und jenem; die Mutter schloß das gespülte und -geputzte Silberzeug in den Schrank.</p> - -<p>Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen -Füße und Hälse der Fasanen.</p> - -<p>Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus -Dunkelheit und Nachtruhe ein.</p> - -<p>Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt; -die Magd, Vater und Mutter, jedes war schlafen -gegangen, und keine Maus rührte sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>Es schlug elf Uhr. – Da war es, als wenn auf der -dunklen Treppe sich vorsichtig etwas bewege. Es knarrte -eine Stufe; es huschte und schlich etwas. Zwei Stimmen -wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte Röse -tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich -angst, – so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du, -daß der Vater bös sein würde?«</p> - -<p>»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem -Atem, »jetzt ist's zu spät! – Mach nur leise, – -du trampelst ja!«</p> - -<p>»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar -nich!« Aber da krachte die alte Stufe so entsetzlich. Den -beiden kam es wie ein Kanonenschuß vor. – Sie standen -ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu regen. -– »Ach Gott!« klagte Marie.</p> - -<p>Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter.</p> - -<p>»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in -seinen Kissen.</p> - -<p>Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete -undeutlich: »Der Wind; auch wohl die Katze.«</p> - -<p>Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte -draußen an den Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben, -sang und jodelte in den Schornsteinen. Es war eine wilde, -stürmische Osternacht. Zerrissene Wolken fuhren über den -Himmel.</p> - -<p>Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche, -zitternde Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel -geräuschlos ins Schlüsselloch zu stecken.</p> - -<p>Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden -Herzens, aus der Mutter Speisekammer stibitzt.</p> - -<p>Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und -schauten mit ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie -seufzten beide tief, denn es war ihnen nicht geheuer zu -Mute. Sie hätten's nicht thun sollen! So heimlich fortzuschleichen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -war das Rechte nicht, das fühlten sie. Und sie -dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an -Frau Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten -Respekt hatten. Was die wohl dazu meinen würde?</p> - -<p>»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! – -Himmlisch!«</p> - -<p>Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von -dem Winde treiben. »Glaubst du wirklich, daß es was gibt, -wenn sie's oben merken?« fragte Röse.</p> - -<p>Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen -Longshawl gefaßt und sich darin verfangen.</p> - -<p>»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub' -schon. Aber wenn alles gut ausgeht, und wir haben sie -wirklich gesehen, und wir sagen's, dann – dann …«</p> - -<p>Der Wind nahm ihr den Atem.</p> - -<p>Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern -lieber gedeckt, wie die Diebe an den Häusern hin; und so -eilten sie Hand in Hand vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke -flatterten wild im Westwinde; die Stirnlöckchen, selbst die -schweren hängenden Zöpfe wehten und peitschten um sie -her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries -Zopf übers Gesicht gefahren war.</p> - -<p>Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der -Gaststube schimmerte Licht in die Dunkelheit; es trat jemand -aus der hellerleuchteten Thorfahrt. Röse und Marie drückten -sich atemlos, erschreckt in den Schatten an die Mauer. Dann -liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen Augen, weil der -Sturm Sand und Staub aufrührte.</p> - -<p>Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond -schaute auf einen Augenblick ungeheuer glänzend, als -wäre er von den Wolken eben erst wieder blank gewischt -worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde hinab.</p> - -<p>»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen.</p> - -<p>Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -die Ilm nächtlich an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen -und lauschten ins Dunkel hinaus.</p> - -<p>Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der -Sturm hatte sie wie ein paar Rosenbüsche zerzaust.</p> - -<p>»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte -Marie, »wenn sie uns nur nicht erschrecken!«</p> - -<p>Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende -und wieder verschwindende Mondlicht, die -schweren, schwarzen Wolken, der Sturm, der in den hohen -Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche Stille, ohne -menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell unterbrochen, -das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne -auf der Mühle, – alles bedrückte sie!</p> - -<p>Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem -ähnlich, den der Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen -hatte; aber er kam so zaghaft zu stande, daß er wie -ein Hauch verflog.</p> - -<p>»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte -Marie kaum hörbar.</p> - -<p>»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und -beide schmiegten sich fest aneinander.</p> - -<p>»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,« -meinte Marie. »Wir müssen ein bißchen näher. Ob der -Müller ihnen wohl die Fähre los gemacht hat?«</p> - -<p>Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam.</p> - -<p>»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie.</p> - -<p>Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben: -»Scheußlich falsch.«</p> - -<p>»Oho!« hörten sie laut rufen.</p> - -<p>Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur -ein paar Augenblicke, da standen ihre drei Freunde Budang, -Horny und Ernst Schiller vor ihnen.</p> - -<p>»Trödelbüchsen!« rief Budang.</p> - -<p>»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p> - -<p>Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle -Fähre. Das Ilmwasser rauschte und gluckste um die groben -Bretter und schien eine eisige Kälte zu verbreiten.</p> - -<p>Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre -zwischen den geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder, -woran die schweren Taue liefen, schnurrten; der Wind -klappte und rasselte damit. Röse und Marie saßen aneinander -gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre heute -sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd, -dem man nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende -Wasser schlich, wie sie schwankte, ruckte und zuckte! Der -Sturm erschwerte die Ueberfahrt außerordentlich.</p> - -<p>»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse -wieder, – »so schwarz!«</p> - -<p>Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie -waren gerade dabei, die Fähre am andern Ufer anzulegen, -und mußten aufpassen.</p> - -<p>Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer -schwer und bang gestimmt. Alle miteinander schritten in -einer Reihe den aufwärts führenden Weg hinan. Den breit -ausladenden Westwind hatten sie jetzt in der Seite. Man -konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond war -einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit -pechschwarz.</p> - -<p>Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?«</p> - -<p>»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!«</p> - -<p>»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in -der Osternacht da stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.«</p> - -<p>Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen.</p> - -<p>»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade, -denke ich, gehen wir doch!«</p> - -<p>Tiefe Stille.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p>Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen -miteinander und die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es -durchrieselte sie selbst bei ihren Worten.</p> - -<p>»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so -fürchterliche Dinge! Am Tage denkt man nicht daran, aber -nachts, da sieht alles so wie in einer alten schrecklichen Geschichte -aus. Weißt du von dem Fährmann, der die Toten -über ein großes schwarzes Wasser setzte; – so wie wir vorhin, -fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie -lieb haben. – So hat es gewiß gerauscht, – und so kalt -wird's gewesen sein, und die Taue haben so geklappt, und -die Räder geschnurrt; und alles pechschwarz, Sturm, nie -wieder Sonnenschein! – Und da haben sie auch so auf der -Bank gesessen und sich gefürchtet, – und sind auf Nimmerwiedersehen -fortgefahren! – Budang, wie mir die Göchhausen -leid thut! – Glaubst du denn wirklich, daß sie -kommt? – Und wie ist's denn nur, daß sie gerade kommt, -und die andern nicht? – – Ach, Budang, wer so was -wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?«</p> - -<p>Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie -aus einer Flasche spricht, – so fiept, – das ist gräßlich!«</p> - -<p>Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien, -alle Hand in Hand.</p> - -<p>Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden -Blätterknospen aneinander; es klappte und sauste, und -über die kahlen Felder kam es unheimlich angebraust.</p> - -<p>Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und -die Blätter werden erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie -sich an Budang fest vor Grauen. Und Marie flüsterte -bebend: »Pfui Röse!«</p> - -<p>»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten -die sich!«</p> - -<p>Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt; -ganz geheuer war es keinem von der Gesellschaft zu Mute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn -sie wirklich kommen sollte! Was machen wir denn da mit -Röse und Marie –?« meinte Ernst Schiller.</p> - -<p>Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne -Sorge, wenn es darauf ankommt, fürchte ich mich gar -nicht! – Ich rede sie an!«</p> - -<p>»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen -sollt!«</p> - -<p>»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so -darfst du uns nicht behandeln! – Weißt du, wir sind so -gut wie verlobte Mädchen!«</p> - -<p>»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich, -»laß die dummen Witze!«</p> - -<p>Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht! -– Haben wir je gelogen?«</p> - -<p>Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen -alle zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind -schnob um sie her und trieb sie noch näher zu einander.</p> - -<p>»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand -sogleich wußte, wem sie angehörte. Sie klang so -fremd, so unterdrückt, als wenn der Frühlingssturm selbst -mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan hätte.</p> - -<p>Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare -Veränderung in dem Gesichte seines Freundes Ernst -Schiller.</p> - -<p>Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen -Götzendienst getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts -Lieblicheres als diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen -Herzens geblieben, sein ganzes erstes Jugendfeuer gehörte -seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn auch seines -Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja -noch nicht sagen!«</p> - -<p>»Nun, – weshalb sagst du dann: beide?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten -sie sie doch auf einer Lüge ertappt, die Bengel!</p> - -<p>Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas -gehabt hatte, was die andre nicht auch besaß. Es mochte -ihr neu sein, daß sie Einzelwesen waren. Es verdutzte sie -völlig. Beide gehörten so eng zusammen. Sie waren sogar -merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre geboren, als -gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen -wir ja.</p> - -<p>Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche -durcheinander. Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten -und Zweige, wie durch ein Riesensieb.</p> - -<p>Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein -andres schwatzend und klagend, frühlingshaft spitz und grell -vor sich hin. Auch ein Liebespärchen, das sich lockte und -schalt, koste und sich beklagte!</p> - -<p>Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da -und dort: unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen!</p> - -<p>»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure -Fasanen gekommen, – vielleicht ein Fuchs.«</p> - -<p>»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses -Verlobungsgeschichte nicht glauben wollte und sich doch nicht -recht zu fragen getraute.</p> - -<p>»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe -und silberne Füße aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll -aus.«</p> - -<p>Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt -ganz still.</p> - -<p>Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches.</p> - -<p>»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen, -»ist denn deine Verlobung wirklich wahr?«</p> - -<p>»Ja, Budang.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine -vernünftige Person bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst -du dich denn gern? Ich begreif's nicht! Wieviel jünger -bist du denn als ich?«</p> - -<p>»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft.</p> - -<p>»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in -anderthalb Jahren verheiraten wollte. – Lächerlich!«</p> - -<p>»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig.</p> - -<p>»Und du weißt's, daß du verlobt bist, – seit heute -erst, – und bist doch mitgerannt! – – Du bist aber gedankenlos! -Da muß man doch, dächt' ich, ganz erschüttert sein?«</p> - -<p>»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht -ganz verlobt! – Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer -dran? – Immer! – – Nein, weißt du, mir ist's auch -viel lieber, daß ich mit euch hier renne; zu Haus war mir's -manchmal ganz angst und bange vor Glück.«</p> - -<p>»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts -nach! Wie bist du nur!«</p> - -<p>»Ach geh!« wehrte Röse ab.</p> - -<p>Der Sturm hatte nachgelassen.</p> - -<p>Sie bogen jetzt ins Dorf ein.</p> - -<p>Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde!</p> - -<p>»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny.</p> - -<p>Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht, -geh' ich wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig.</p> - -<p>»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber -nicht naß!‹« rief Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse -und Marie denken nicht; sie thun's nur!«</p> - -<p>»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p> - -<p>Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der -Ilm vorüberführt. Und die Ilm gluckste und rauschte auch -hier geheimnisvoll nächtlich, und der Wind pfiff noch gespenstischer -durch die riesig hohen Ulmen. »Wenn sie hier -käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch -nirgends ausweichen, – so zwischen der Mauer und der -Ilm. – – – Ich stürb' auf der Stelle, wenn sie mich -anfaßte!«</p> - -<p>»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie -darauf kommen, dich anzufassen? Schließlich war sie doch -eine vornehme Dame, und die wird sich doch nicht im Grabe -solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!«</p> - -<p>»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht -hören!«</p> - -<p>Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt; -das nächtliche Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge, -daß sie doch etwas Unrechtes thäten, das schauerliche Ziel, -die vermutliche Nähe des Entsetzlichen, – all das hatte sie -überwältigt, und sie brach in Thränen aus.</p> - -<p>Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze; -Röses Hals umklammernd, weinte sie bitterlich.</p> - -<p>»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!«</p> - -<p>Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und -wußten nicht, was beginnen.</p> - -<p>»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten -ihre blonden Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen -Körper schmiegten sich fest einer an den andern.</p> - -<p>Der Mond schien hell über sie hin.</p> - -<p>»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir -verlassen uns doch nicht?«</p> - -<p>»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.«</p> - -<p>»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie -muß der zu Mute sein! – Und wie schrecklich, daß sich die -Leute so vor ihr fürchten!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen -sie fragen. Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!«</p> - -<p>Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen.</p> - -<p>Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während -Röse leicht beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun -gehen wir weiter,« sagten sie dann, und sie hingen sich -wieder ein in die Arme ihrer Freunde.</p> - -<p>»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie -bedenklich.</p> - -<p>In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch -gestört war, nur die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr -durch die Baumkronen, da hörten sie etwas! – Was -war das?</p> - -<p>Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. – -Von fern ein Scharren, – ein Laufen, – ein Huschen, – -Schritte, – aber merkwürdige Schritte, – in Sätzen, – -etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges, Menschenunwürdiges!</p> - -<p>Sie standen alle bewegungslos, lautlos.</p> - -<p>Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges -Hupfen und Huschen!</p> - -<p>Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher, -– grad auf dem Wege kam es auf sie zu, – näher, – -immer näher, auf dürren Blättern gehend, dann hopsend! Ja, -wenn sie das wirklich wäre, dann überstiegen diese Laute alle -Phantasie! Der entsetzlichste Kobold hätte nicht widersinniger -rennen, hüpfen und stehen bleiben können, als es das that, -was da ankam! – Und zu denken, daß diese arme Seele -eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem -etwas boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel! -– Ein Mensch! Eine Hofdame!! – so heruntergekommen, -so urweltlich sich aufführend, – so ungeheuerlich!</p> - -<p>Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde -mächtig bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -angedrückt, – totenstill. Wie mußte erst das Aussehen -des Spukes sein, nach solchen Lauten! – Sie hatten -sich alle eine unbestimmte Vorstellung von der Begegnung -mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes – Nebelhaftes -– Huschendes – Fiependes, – und daß sie wie aus -einer Flasche sprechen würde; aber nicht so – um Gottes -willen nicht so!</p> - -<p>Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, -deren Ränder versilbernd.</p> - -<p>Da sahen sie sich etwas bewegen, – etwas Ungestaltes, -Niederes; – es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel, -– und zwei unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich -und hoben sich gespenstig vom dunklen Hintergrund ab! Diese -wackelnden Hörner, was sollten die? Was wollten die?</p> - -<p>Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.</p> - -<p>Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein -Bocken und Stampfen, und wie aus einer Trompete, ein -urweltlicher, scheußlicher Ton, und – ein Gelächter! Budang -war's, der lachte.</p> - -<p>Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet -und beleuchtete – ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt -auf vier hohen, sparrigen Beinen stand und seinen Riesenkopf -mit seinen Riesenohren vor sich hin streckte und horchte.</p> - -<p>»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.</p> - -<p>Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge -Scheusal hopsend und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit -vorgestrecktem Kopf in die Nacht und in den Park hinein.</p> - -<p>»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine -›Muffel‹, der ist dem Pächter entwischt!«</p> - -<p>Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was -kommen; zu einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten -sie es nicht. Es lag etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, -Werdendes, – so etwas Banges, Wehes. – Auf -Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall -an, an die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die -Gräber, – denn es war heilige Osternacht, wo die Toten -auferstehen!</p> - -<p>Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, – Käuzchen, – -verliebtes Nachtgetier.</p> - -<p>Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die -Schritte waren unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. -Eine moderige Feuchtigkeit stieg auf.</p> - -<p>Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.</p> - -<p>»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor -Goethes Gartenhaus alle Morgen gekehrt wurde? Daß -ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt hat? – Glaubt -ihr das?«</p> - -<p>Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht -der stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.</p> - -<p>Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst -einmal gesehen; die Schopenhauern hat's erzählt, und die -weiß auch, wer's gewesen ist. Beim ersten Morgenschimmer -hat er das Mädchen getroffen, wie sie gekehrt hat, – und -da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele und ist zusammengesunken -wie ein Wisch; und eine alte Frau, die -wie ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat -etwas gemurmelt, wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig -is!‹ Dann sind sie nie wieder gekommen, und das Kehren -war aus!«</p> - -<p>Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -– »Ja, wißt ihr denn das nicht?« rief Marie -unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern gesagt, daß das -nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen -gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit -saß, hat es sich ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt, -– so wie ein Kätzchen, – oder wie ein Mädchen, das ihn -lieb hatte und für ihn gestorben ist. Einmal hat er auch,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm gesehen, der -sich über seine Brust spannte, – nur einen Arm und eine -Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten -ging, da soll etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. -Es haben's auch andre Leute gesehen und sind -davor erschrocken. Ja, es war oft jemand unsichtbar um -ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern -hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist -und ihn so übermannt hat, wie der Schauer, wenn das -Wundersame bei ihm gewesen sei. Und an dem Morgen, -an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen hat, da soll -er ganz verstört gewesen sein!«</p> - -<p>Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit -zu haben; alle unterhielten sich weiter über geheimnisvolle -Dinge. Jeder hatte etwas zu erzählen.</p> - -<p>Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim -Umzug als Feder nachfliegt und im neuen Hause wieder mit -einzieht; die Beutlersleute, die über Kirstens wohnten, -kannten einen in ihrer Familie, der auf Spinnenbeinen ging -und eine Zipfelmütze trug. – Im alten Rattenneste Weimar -spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab -es keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht -irgend etwas nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein -altes Haus, in dem es ganz einfach geheuer war, und -keine adelige Familie, die nicht gerade so wie ihr altes -Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß. Das heißt, -auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das -Familiensilber zu rechnen.</p> - -<p>Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf -den einsamen Parkwiesen hin und her und betraten nun mit -abermals klopfendem Herzen die dunkelsten, geheimnisvollsten, -überwachsenen, feuchten Wege an der Ilm, um trotz allem -der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade dort, -hieß es allgemein, sollte sie spuken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p> - -<p>Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung -ziemlich von oben herab von diesen Dingen, waren aber -wiederum um nichts weniger eifrig und weniger erregt, als -unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die Borkenbrücke -und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen -Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und -Büschen bestandenen Abhange hin, und kaum waren sie hier -eine Strecke in tiefem Schweigen geschlichen, – denn es -war eine so feuchte, monddurchschienene Einsamkeit, als wäre -jahrhundertelang hier niemand gegangen, – da standen sie -alle mit einem Schlage wie gebannt!</p> - -<p>Nahe, – in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand -aufgestöhnt, und sie hatten alle deutlich gehört, wie etwas, -das in den Büschen steckte, so recht verbissen und verzweifelt -zwischen den Zähnen »verdammt!« gezischt hatte. »Verdammt!« -deutlich »verdammt!« nichts weiter, und dann wieder -tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten.</p> - -<p>»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.</p> - -<p>Alle hielten den Atem an und horchten.</p> - -<p>Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen -schien indessen auch zu horchen.</p> - -<p>Totenstille!</p> - -<p>Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen -würde, – denn da war etwas, – das war sicher!</p> - -<p>Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen -wie die Bildsäulen so starr, – ganz Erwartung! Dasjenige, -das in den Büschen auf so sonderbare Weise »verdammt!« -gesagt hatte, mußte sicherlich in Verwunderung geraten sein, -was mit den vielen Schritten, die es doch kommen gehört -hatte, geworden sei.</p> - -<p>Jetzt aber, – was war das? – Ein Fiepen, ein -jämmerliches, sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, -oder quietsche ein Wägelchen, oder auch als wimmere ein -Hund unter ganz besonderen Umständen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p>Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es -durchaus nicht unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie -fiepe, oder wie durch eine Flasche rede, hatten sie ja gewußt!</p> - -<p>Das war das Entsetzliche!</p> - -<p>Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, -was im Gebüsch steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.</p> - -<p>Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer -gepackt, mahnte Röse: »So kommt doch!« Und sie war's, -die sich wieder auf die Beine machte, ohne auf die andern -zu achten, die ihr schleichend folgten.</p> - -<p>So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige -Schritte, mit klopfendem Herzen und stockendem Atem. – -Dann ein gewaltiges Rascheln im dichten Gebüsch, – ein -furchtbarer Schrei, – ein Springen, – ein heiserer Laut, -– und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem großen, -dunklen Mantel umfangen wurde. – Ein ungeheurer Schreck! -– Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!</p> - -<p>Marie schrie verzweifelt auf.</p> - -<p>»Ruhig, – ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was -macht ihr denn hier? Röse, um Gottes willen, wie kommst -du hierher?«</p> - -<p>Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien -zu flüstern und war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. -Und jetzt, – ein zarter, zarter Frühlingslaut, -– so süß, so wunderlich, – ein Laut wie ein Kuß!</p> - -<p>»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. -»Der lag hier auf der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße -Wort hatte sich ihr im Schreck und in der Ueberraschung -gebildet.</p> - -<p>Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und -in der Erregung über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, -die ihm den Fuchs verscheuchten, die Schnauze zugehalten -hatte, wedelnd an Marie in die Höhe.</p> - -<p>»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt,<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -erschüttert, doch auch unwillig aus dem großen, dunklen -Mantel heraus. – »Was fällt euch denn ein?«</p> - -<p>»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, -»daß wir ausgerissen sind.«</p> - -<p>»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, -»sie sind ja mit <em class="gesperrt">uns</em>; – und wenn <em class="gesperrt">wir</em> dabei sind, dürfen -sie alles! – Frau Rat hat es ihnen ein für allemal erlaubt.«</p> - -<p>Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die -die beiden Mädchen hatten, lächeln.</p> - -<p>In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine -überzeugende Vortrefflichkeit, – so eine unantastbare Treuherzigkeit, -– daß jedes weitere Wort, jeder Unwille und -jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der Adjutant schüttelte -Budang die Hand und begrüßte die beiden andern, währenddem -er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.</p> - -<p>»Also die Göchhausen wolltest du sehen? – Für so -etwas hattest du also doch noch Raum?«</p> - -<p>»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft – -»lagen da doch des Fuchses wegen?«</p> - -<p>»Ja, mein Herz, – weil ich's daheim nicht aushalten -konnte. – Was denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«</p> - -<p>»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«</p> - -<p>Und nun gingen sie alle miteinander und brachten -die leichtsinnigen Dinger, die Ratsmädchen, heim in die -Wünschengasse.</p> - -<p>Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren -Kameraden, – wie gut sie immer wären, wie lustig, wie -treu, und was sie alles von ihnen gelernt hätte, besonders -von Budang.</p> - -<p>Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, -das voller Liebe und Freundschaft war, voller Anhänglichkeit, -– und erzählte alle möglichen dummen und lustigen -Streiche.</p> - -<p>Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn,<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -auch ihre Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so -klug! Solche gibt's nicht wieder!« rief sie.</p> - -<p>Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.</p> - -<p>Das war Frühlingsreinheit, – Frühlingszartheit, – -Frühlingswonne!</p> - -<p>Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Viele, viele Jahre sind vergangen. – Die Jugend -vieler Millionen Menschen ist verweht. – Es ist alles -anders geworden.</p> - -<p>Röse ist nun eine alte Frau. – Was das Leben ihr -gab, hat es ihr längst wieder genommen. Sie hat alle -Freuden genossen und alle Freuden mit Leiden gezahlt – -nach Menschenart. Sie ist unendlich geduldig geworden. Sie -kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich wiederholen -sehen, immer von neuem. – Sie ist gut, still und heiter und -lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die schöne, -alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, – sonst nirgends!</p> - -<p>Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von -fremden Dingen, die sie nichts angehen.</p> - -<p>Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift -sie oft, – aber da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, -was geschieht.</p> - -<p>Geduldig werden, – geduldig werden, – geduldig -werden! darauf läuft's hinaus.</p> - -<p>Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird -sie gepflegt. Ihre Enkelin sitzt bei ihr am Bette.</p> - -<p>Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher -Sturm, der breit durch die Straßen fährt.</p> - -<p>Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.</p> - -<p>Da, – was ist das?</p> - -<p>Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch -munteren Pfiff zu ihrem Fenster herauf; ganz wie damals -in der Wünschengasse, als sie beim Fasanenessen saßen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> - -<p>»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise -bewegt zu ihrer Enkelin, – »das ist Budang!« Und wie ein -milder Glanz geht es über das Gesicht der Greisin. – »Das -ist er!« nickte sie träumerisch.</p> - -<p>»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er -uns abholen wollte; so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob -der Vater nicht mehr daheim sei, und ob er mit den beiden -andern heraufkommen dürfe!«</p> - -<p>Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter -Mann tritt ein, in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; -so tadellos, daß es sofort wie etwas Besonderes -auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf mit lebendigen, geistvollen -Augen, – und seine silberweißen, dichten Locken liegen -ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. – Er hat eine -Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.</p> - -<p>»Wie geht's der Röse?« fragt er.</p> - -<p>Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.</p> - -<p>»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im -Auge, »du kannst ja noch deinen Pfiff!«</p> - -<p>»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den -»Budang« nannten, »das freut dich?«</p> - -<p>Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten -und machten miteinander einen weiten, – weiten Ausflug -in die gute alte Zeit.</p> - -<p>Und das war die beste Medizin.</p> - -<p>Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner -alten Freundin in Sorgen und Bangen kam; – aber zuletzt, -da hatte er's gefunden, was ihr wohl that.</p> - -<p>»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, – -du treuer Mensch!«</p> - -<p>Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, – -treu in großer, wahrer, seltener, starker Freundschaft.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<h2 id="Das_dritte_Ratsmaedel">Das dritte Ratsmädel.</h2> -</div> - -<p class="chap">Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, -die sie wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon -als Kinder oft in der Dämmerung sich von ihr unterhalten, -wenn der Schnee fiel, und sie daheim still in der Familienstube -stecken mußten. – So eine unbekannte Schwester zu -haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch -etwas höchst Merkwürdiges!</p> - -<p>Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester -gesprochen; es war ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten -sie sich Märchen.</p> - -<p>Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee -fallen! – Sie mußten in der Dämmerung sitzen, und niemand -durfte sie beachten; dann kam die Schwester dran, -und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl aussehen -könne.</p> - -<p>Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die -Tochter aus des Vaters erster Ehe, und nach ihrer Mutter -Tode von ihrer Großmutter mit nach München genommen -worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete, -hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.</p> - -<p>Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester -Barbara schreiben gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -aus dem fernen München alle Weihnachten an den Herrn -Vater und die Frau Mutter nach Weimar.</p> - -<p>Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit -wunderlichem Schauer.</p> - -<p>Einmal schrieb auch die Großmutter.</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center"> -»Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!<br /> -</p> - -<p>Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, -woraus ich sah, daß es Ihn und der Frau und den guten -Kindern wohl und gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man -wird ein alts Möbel, das heißt, um von mir zu reden. – -Waberl wird groß. Sie tritt die Kindsschuh aus. – Kurios, -was für ein ruhiges Mädel sie immer war. Grad als wenn -meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre alte Mutter in -Voraussicht so geboren hätte.</p> - -<p>Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das -müßt' ich lügen.</p> - -<p>Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit -Jahresfrist jetzt unser Quartier.</p> - -<p>So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.</p> - -<p>Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf -dem kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹</p> - -<p>Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber -es ißt doch gut wohnen. – Fünf Fenster in Front, drei -Fenster die große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, -dazu Alkoven, ein kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und -Speicher. Kurz alles, was der Mensch braucht – und das -Glockengeläute obendrein.</p> - -<p>Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das -ißt ein Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.</p> - -<p>Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.</p> - -<p>Herr Sohn mögen mir nit zürnen.</p> - -<p>Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm -geraten. Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust.<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -Die Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche -Sach und wäre dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich -bietet, wie ißt Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, -und ein Gang zu guten Freunden, und ein gut Obst und -ein gut Bier. Gottes Gaben sind verschiedenerlei.</p> - -<p>Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich -ißt gut.‹</p> - -<p>Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil -aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. -Und eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel -zu schiegen und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der -Herr Gott sie in seiner Laune gemacht hat.</p> - -<p>Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau -daß Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, -damit es ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das -Bildnis der heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den -Hals, was bedeutet, daß sie besonders dem Schutz der heiligen -Jungfrau anvertraut ißt.</p> - -<p>Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen -sie unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, -aber ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie -den weltlichen Dingen entrückt.</p> - -<p>Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine -Gabe an sich, die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie -hat eine gesegnete Hand. Und das ißt so gekommen: Ein -Kindel in unserm Haus hatte die Fraisen und war gottserbärmlich -geplagt. Zufällig hat die Waben das Kindel in -die Arme bekommen und hat's umhertragen un gestreichelt -un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und wenn's -wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst nach -der Waben geschickt – dann hat's sich rumgeredet und es -sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf -hatte, und Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch -das Mäderl ißt gesund worden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> - -<p>Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder -Wäsche flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und -es kommt eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter -und will sich von der Waben kurieren lassen.</p> - -<p>Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von -Uebel sein?</p> - -<p>Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, – -wenn's so still und brav dahinlebt.</p> - -<p>Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich -hab' Ihm von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, -wie's in die Höh gewachsen ißt, – und damit Sie, wenn -ich das Zeitliche gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu -sich zu rufen.</p> - -<p>Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang -des freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie -von uns alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die -liebe Frau und die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens -verbleib'</p> - -<p class="center"> -dero</p> -<p class="right"> -Großmutter.« -</p></div> - -<p>Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen -wie ein Märchen wirkte.</p> - -<p>Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das -von einer Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu -haben, die eine Mutter Gottes am Halse trug, eine katholische -Schwester! Sie sprachen von dem fürchterlich lauten -Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und daß sie -mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.</p> - -<p>Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen -mußte!</p> - -<p>Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, -der waren sie auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn -sie erwarteten immer etwas Merkwürdiges von ihr. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in ihr Gebetbuch -geschaut, – und sie hatte ihnen einmal das »Heilig« vorgesungen, -– etwas ganz Außerordentliches.</p> - -<p>Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -– Häulig! – Häulig! – Häulig! kam es wie aus einem -tiefen Keller herauf.</p> - -<p>Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.</p> - -<p>Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten -Keller – und so fort. So sang es die Magd ihnen vor, -und sie selbst hatten es bei Spaziergängen oft zu singen -versucht.</p> - -<p>Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt -worden.</p> - -<p>Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die -Weimaraner zu jener Zeit hatten von »dem Katholischen« -keine rechte Idee.</p> - -<p>In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, -und die Magd mußte jährlich einmal nach Jena wandern -zur großen Osterbeichte. Da kam sie ihnen vor, wie -eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben; -und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu -beichten.</p> - -<p>Sie beneideten sie.</p> - -<p>Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande -sei's gesagt, dann ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres -als eine Predigt schienen ihnen auf der Welt nicht zu -existieren.</p> - -<p>Das war das Längste.</p> - -<p>Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten -ihnen zum Trost, wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige -Blumenbouquetchen zum Mitnehmen, oder Budang schnitt -ihnen ihre Namen besonders kunstvoll aus, oder auch gaben -sie ihnen Malzbonbons mit.</p> - -<p>Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres:<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten; dann war es ein -großes Fest neben dem Fest, denn da gingen sie alle miteinander.</p> - -<p>Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief -der Großmutter erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse -und Marie lasen auch diesen. Das war auch ein sehr merkwürdiger -Brief. Die Großmutter schrieb:</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center"> -»Hochverehrend libswertester Herr Sohn!<br /> -</p> - -<p>Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.</p> - -<p>Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges -Engerl zu sein, das arme Mädel.</p> - -<p>Herr Sohn, – 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's -gehört, wenn der Herr Gott ein End machen will.</p> - -<p>Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter -Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, -der mir und dem Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -– Um meinet und Ihres Willen mög's nun genug -sein. Sie pflegt mich wie eine heilige Nonn – Gott sei's -geklagt.</p> - -<p>Da gibt's nix. – Ungeduld kennt's scheint's nit – -und wenn ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.</p> - -<p>Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott -geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich, geschweige -vor ein menschlich Wesen.</p> - -<p>Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig -Jahr – und so mög' es dem Herrn gefallen, mich -baldn zu erlösen, das wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere -und stehn ihr die Ohren voll Tag und Nacht.</p> - -<p>Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes -Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das -Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches -halten im Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. -Das walte Gott.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<p>Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr -Sohn und die lieb Frau und die Kinder</p> - -<p class="center"> -In Todesnot und Jammer</p> -<p class="right"> -Die Großmutter.« -</p></div> - -<p>Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!</p> - -<p>Und sie würden nun zu »drei« sein!</p> - -<p>Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über -alles Maß außerordentlich.</p> - -<p>Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren -Bräutigam Ottokar Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach -mit dem Großherzog war und auch noch bleiben mußte, zu -Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.</p> - -<p>Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. -Sein Hauswesen sollte wie am Schnürchen gehen.</p> - -<p>Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit -Bangen entgegen.</p> - -<p>Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich -mein',« sagte der älteste, »wir hätten Weibsleute genug. -Röse und Marie zählen doppelt.«</p> - -<p>Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber -auch sie sah dem fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde -es ihr bei ihnen gefallen? Würde sie mit ihren Kindern -Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine gute Mutter -sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen -haben? Auch die katholische Religion machte sie besorgt. -Es war alles gar zu fremd.</p> - -<p>Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, -keinerlei Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also -du machst ja wohl alles und richtest es ein.« Das war -das einzige, was er über diese Angelegenheit zu seiner -Frau sagte.</p> - -<p>Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten -das ganze Haus, vom Keller bis zum Boden, und richteten<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -miteinander das Bett der neuen Schwester in der großen -Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.</p> - -<p>»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die -Mutter. »Sie muß bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, -daß sie Schweres durchgemacht hat, und die traurigen Gedanken -kommen über Nacht.«</p> - -<p>Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von -ihnen verlangte, und waren des besten Willens voll.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten -konnten. Ist sie groß oder klein, braun oder blond? -Das waren die Fragen, die sie nicht beantworten konnten, -denn die Großmutter hatte nie von Barbaras Aussehen ein -Wörtchen geschrieben.</p> - -<p>Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.</p> - -<p>Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein -Mädchen zu erwarten.</p> - -<p>Er wollte es so.</p> - -<p>Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch -gedeckt, und ein Riesennapfkuchen stand mitten unter -den Tassen, wie ein Berg.</p> - -<p>Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.</p> - -<p>Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, -aber die Mutter verbot es ihnen.</p> - -<p>»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«</p> - -<p>Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten -Bäumen, die sich ihrer Farben, ungestört von Regen und -Nebel, freuen konnten.</p> - -<p>In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober -zur Seltenheit; gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, -ehe sie abfallen. Dies Jahr aber war auch ein vortrefflicher -Zwetschgenherbst. Die Zweige bogen sich unter der blauen -Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur standen heuer -acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen aufmarschiert<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch -die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die -Magd und Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.</p> - -<p>Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und -tags darauf das Rühren und Kochen im Waschkessel, von -früh morgens bis spät in die Nacht. – Ein Hauptfest, an -dem geschwelgt und geschleckt wurde.</p> - -<p>In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte -auf der Treppe überhört.</p> - -<p>Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich -bring' sie euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck -im Gesicht.</p> - -<p>Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, -aber reizend, – flachsblond. Sie steckte in einem -schwarzen, engen Kleid und trug einen großen, schwarzen -Holländerhut.</p> - -<p>Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht -gekommen. – »So ein Geschöpfchen! So ein Püppchen!« -dachten sie.</p> - -<p>Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, -und jetzt gab sie den Schwestern die Hand und bot ihnen -den feinen Mund zum Kuß.</p> - -<p>Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte -Händchen nachdenklich zaghaft in der ihren. »Was für -Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein Rebhuhn.«</p> - -<p>Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, -zierlich aufgesteckt.</p> - -<p>»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die -Mutter; und die beiden waren doch gar nicht übermäßig -groß. Sie schaute lächelnd auf ihre Mädchen, die ziemlich -verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben der neuen Schwester -standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die Schelme, -die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie -gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen.<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, -den sternklaren, dunkel bewimperten Augen, mit den um -Stirn und Nacken ganz fein geringelten Härchen, die das -Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit den runden -Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen -Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, -aber feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen -Röcken so deutlich daherschritten.</p> - -<p>Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.</p> - -<p>Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu -thun, rückten ihr den Stuhl, und Marie führte sie an den -Tisch. Die Schwester bat, ob sie sich erst die Hände waschen -dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und fragte dringlich -nach einem Stück Mandelseife.</p> - -<p>Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.</p> - -<p>»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife -geben!« sagte Marie leise.</p> - -<p>Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen -Schwester wanderten sie beide hinauf in die Dachstube.</p> - -<p>Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.</p> - -<p>Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und -Marie nötigten sie gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der -Vater hielt auch mit.</p> - -<p>»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit -diesen beiden großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er -auf Marie und Röse, »mußt du nun auskommen.«</p> - -<p>Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.</p> - -<p>Und der Vater hatte recht!</p> - -<p>Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen -und den guten Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen -lassend, ließ sich gar nichts Treffenderes von ihnen sagen.</p> - -<p>»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, -»von eurer Wohnung aus konnte man die Alpen doch wohl -nicht sehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p> - -<p>»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«</p> - -<p>»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu -gleicher Zeit. »Wie sehen die denn aus?«</p> - -<p>Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von -zackigen Bergen; auch manchmal wie Wolken und manchmal -schneeweiß, wie aus lauter Eis, und manchmal himmelblau. -Aber nur bei schönem Wetter kann man sie sehen.«</p> - -<p>»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«</p> - -<p>»Nein, das ist zu weit.«</p> - -<p>Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester -hatte so eine sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, -und manchmal »halt«, – das gefiel ihnen; aber sie sprach -nur, wenn man sie fragte.</p> - -<p>»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was -heilen, das wissen wir,« sagte Röse.</p> - -<p>Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter -die flachsblonden Härchen.</p> - -<p>»Bst!« machte die Mutter leise.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um -sich von der langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen -Budang, Ernst von Schiller und Horny voller Neugier und -Teilnahme, und die Ratsmädchen lieferten ihnen eine Beschreibung -der neuen Schwester.</p> - -<p>»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. -»Ich sag' euch, so zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! -Gehen hört sie kein Mensch; weißt du, ihre Großmutter hat -sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und – komisch! – einmal -hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder -›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. -Ihre alte Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«</p> - -<p>»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse -beschämt. Die Orthographie war auch ihre und Maries -stärkste Seite nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<p>Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube -schlichen, schauten sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre -Schwester in tiefem Schlafe lag.</p> - -<p>»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.</p> - -<p>»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« -meinte Röse.</p> - -<p>Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den -Schlaf der Gerechten schliefen, wusch und kämmte sich die -sanfte, fremde Schwester lautlos.</p> - -<p>Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie -eine Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, -betete ihr Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür -und begab sich geradenwegs in die Küche.</p> - -<p>Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen -wollte, fand sie die Magd und ihre neue Tochter schon in -voller Arbeit.</p> - -<p>»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach -deiner Reise!«</p> - -<p>»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen -freundlich.</p> - -<p>Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, -ohne zu fragen, immer etwas zu thun.</p> - -<p>Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm -das stille Mädchen die erste Stelle ein. Röse und Marie -aber sahen die ganze Muskocherei für einen ausbündigen -Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen während der -Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit -Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten -sich auf ihre Art.</p> - -<p>Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und -Zeitvertreib bei der Arbeit.</p> - -<p>Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen -ihren Hausgeist »benamset« hatte. Es war auch, als wäre -bei Rats wirklich so ein Seelchen eingezogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<p>Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich -groß, wenn man bedachte, daß die von dem zierlichen -blonden Mädchen ausging.</p> - -<p>Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde -viel weniger im ganzem Hause gerufen und verlangt.</p> - -<p>Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist -sauber aufgeräumt zu finden, wenn sie nach dem Frühstück -in ihre Stube kamen, um ihre Betten zu machen. Und nicht -nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die allersorgsamste -Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und -wie sie nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit, -gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.</p> - -<p>Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren -Gang.</p> - -<p>Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete -freundlich, wenn es gefragt wurde, war immer gleichmäßig -liebenswürdig, hatte aber ein ganz undurchdringliches Wesen.</p> - -<p>»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach -einigen Wochen kaum bekannter mit ihr, als am ersten Tag, -und wurden doch von ihr verwöhnt, daß es eine Art hatte.</p> - -<p>Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, -lange Haar, was bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte -ihnen die Kleider, half ihnen nähen und schneidern und saß -bis an die Ohren und mit einem rührenden Eifer in Röses -Ausstattungsarbeiten.</p> - -<p>Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander -durch den Park.</p> - -<p>Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts -von dir. – Wir haben dich doch lieb, – erzähl doch!«</p> - -<p>Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. -»Wie denn? – Was denn?« fragte sie.</p> - -<p>»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel -älter als wir; warst du denn nie verliebt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<p>»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast -du denn nie getanzt?«</p> - -<p>»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon -mitgegangen; aber ich wollt' halt net. Ich hatte Angst, -daß die Großmutter sich verderben könnt'.«</p> - -<p>»Aber sonst hättst du's gemocht?«</p> - -<p>»O ja, warum net?«</p> - -<p>»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Da war die Unterhaltung wieder aus.</p> - -<p>»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten -sie nach einer Weile.</p> - -<p>»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, -und jeden Tag durfte ich in die Messe gehen.«</p> - -<p>Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen -Frauenkirche, den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, -dem wundervollen Gesang, der mächtigen Orgel, den vielen -Menschen, dem Weihrauchduft und den vielen, vielen Grabkugeln -am Karsamstag.</p> - -<p>»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.</p> - -<p>»Sehnst du dich danach?«</p> - -<p>»Manchmal.«</p> - -<p>»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn -nicht traurig darüber?«</p> - -<p>»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete -sie kurz.</p> - -<p>»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen -die Menschen einen trösten. Uns wenigstens kannst du alles -sagen. Wir sagen auch alles.«</p> - -<p>»Bist du nicht einmal in München in der Komödie -gewesen?« forschte Marie.</p> - -<p>»Ja, einmal.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p> - -<p>»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«</p> - -<p>»Passabel.«</p> - -<p>»Und was sahst du denn?«</p> - -<p>»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar -nimmer.«</p> - -<p>»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar -nicht!« meinten sie verwundert.</p> - -<p>»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander -einmal in die Komödie, wir und Budang und die andern, -da wirst du sehen, daß es hier nicht nur ›passabel‹ ist.«</p> - -<p>Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren -Streichen: wie sie mit Budang, Ernst von Schiller und -Horny aller Nasenlang durchs Hinterpförtchen ins Theater -geschlüpft seien, – und wie herrlich das war. Sie berichteten -ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August, wie der sie -beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner -Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei -ihrer Schwester kein besonderes Verständnis.</p> - -<p>Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich -gehabt habe, trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr -gute Frau gewesen sein mußte. Die Schwester that ihnen leid.</p> - -<p>Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, -sagten sie ihm: »Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie -die Schwester, weil ihnen das gefiel, »ist eigentlich wie ein -altes Weibchen aufgewachsen. Sie versteht uns gar nicht, -das arme Ding. – Und so verschlossen wie sie ist! Weißt -du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch -sehr mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders -»nett« mit ihr zu sein.</p> - -<p>Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen -gemacht, als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit -als etwas ganz extra Mitleiderregendes hingestellt hatten.</p> - -<p>»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter -aus als wir.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<p>»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei -Waben zu machen.«</p> - -<p>»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er -konnte sich's doch nicht verbeißen.</p> - -<p>Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie -glaubten an ihn.</p> - -<p>In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten -sich alle, es der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, -was sie schön fanden. Sie hatten sie in die »Zauberflöte« -geführt.</p> - -<p>Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben -während der Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.</p> - -<p>»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse -stieß ihre Schwester leicht an.</p> - -<p>»Du schläfst ja!«</p> - -<p>»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«</p> - -<p>Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah -nur nieder.</p> - -<p>Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst -du denn nicht auf die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, -der da singt.«</p> - -<p>»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, -als die Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«</p> - -<p>Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang -zu, der hinter ihnen saß.</p> - -<p>Und Budang nickte dazu.</p> - -<p>Er sprach dann in der Pause mit Waben über die -Musik. Sie sagte ihm: »Ich wollte, die Großmutter hätte -die Musik bei ihrem Tode hören können, – das wär' eine -Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«</p> - -<p>Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.</p> - -<p>»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse -und Marie haben's erzählt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<p>»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. – -»Da gibt's kein Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, -den freut nichts mehr.«</p> - -<p>Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf -ließ, seit sie von daheim fort war.</p> - -<p>Das hatte die Musik gethan.</p> - -<p>»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.</p> - -<p>»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, -und ich soll net mal dran denken können? Hier -wird's einem, als wär's erst gestern geschehen, – und das -ist gut. – Die armen Seelen brauchen unser Mitleid. Sie -werden überall zu schnell vergessen.«</p> - -<p>Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der -Abgeschiedenen.</p> - -<p>Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die -armen Seelen«, das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie -aus einem uralten Märchen. Ueberhaupt, obwohl die Waben -ein tüchtiges und zuverlässiges Hausmütterchen war, würden -sich die Ratsmädel nicht gewundert haben, wenn es sich -herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist sei, ein -armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen -immer fremder.</p> - -<p>Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie -bedrückt und kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.</p> - -<p>Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle -Klosterspitzen nach einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht -hatte.</p> - -<p>»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« -fragte Röse.</p> - -<p>»Wär' net übel,« war die Antwort.</p> - -<p>Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers -Adele eingeladen und kam so in den Kreis der geistreichen -jungen Damen, die alle um einige Jahre älter als -die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie -aber alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen -Wittumstreppe indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, -Liebesbriefe waren es auch im eigentlichen Sinne des Wortes -nicht, sondern vielmehr sprachen die jungen Damen sich -gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen Episteln -aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, -das größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die -Treulosigkeit der beiden Schelme.</p> - -<p>Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte -dieser jungen Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; -die Waben war nur durch die größten Ueberredungskünste -ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles Kränzchen -zu besuchen.</p> - -<p>Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu -gehen. Die langen Zuredereien und das Drängen hörte -von selbst auf. Sie ging still und kam still, sprach über -nichts, was sie dort in der Gesellschaft erfahren hatte, – -aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen gekommen -zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei -Rats ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter -meinte: »Laßt sie – fragt nicht!«</p> - -<p>Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig -diensteifrig.</p> - -<p>Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes -Kind; wie ein Sonnenstrahl, so still und gut!«</p> - -<p>Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.</p> - -<p>Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre -aus dem jungen, pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen -geworden. Sie blühte wahrhaft auf und wurde jeden Tag -reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf- und hinablaufen. -Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und -Röse und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das -Haar machte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<p>Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie -dazumal, als ihre Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen -hatten, zum erstenmal im März ganz unvermutet im dunklen -Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.</p> - -<p>Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, -die aus der dunklen Ecke kamen, erbebt.</p> - -<p>Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.</p> - -<p>So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu -Schopenhauers gegangen, und spät abends bei Mondenschein -und Winterkälte wandelte sie über hartgefrorenen Schnee -am Arm eines jungen Mannes, der sie von Schopenhauers -heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der -Esplanade zur inneren Stadt führt.</p> - -<p>Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte -das schon öfter so gethan; es war ihm zu einer angenehmen -Gewohnheit geworden, das liebliche Geschöpf heimzubegleiten. -Sie hatten keinen besonders weiten Weg vor sich, aber sie -verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch nie so viel -hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke, die -zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern -lag, – und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer -Zuhörer. Bei dem hellen Mondlichte war zu konstatieren, -daß die Waben einen durchaus nicht ungefährlichen -Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem prächtigen -Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken; -dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und -galant in der Art, wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, -sich zu ihr neigte und ihr Geplauder anhörte.</p> - -<p>Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.</p> - -<p>»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen -sein! Ich fühle Ihren Arm nicht mehr als eine -Feder.«</p> - -<p>»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl -klein; aber da ist nun nichts zu machen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p> - -<p>»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß -genug sein,« erwiderte er.</p> - -<p>»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem -Mädel doch Respekt haben, und sie soll ordentlich arbeiten -können. Ich bin freilich viel stärker, als ich ausseh', gottlob! -Sonst könnt' ich mir das Salz zum Brot net verdienen.«</p> - -<p>»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«</p> - -<p>»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim -schlafen und essen, wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's -verdient? Was denken Sie denn? Halten Sie uns Mädel -für Tagediebe? Oder für was denn?«</p> - -<p>»Sie sind so tapfer, – so tüchtig, – so anders, als -die Mädchen gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein -wirkliches Menschenkind, Sie Elfchen?« sagte er zärtlich.</p> - -<p>»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine -Schwestern nicht?«</p> - -<p>»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit -vier Wochen hier, aber Ihre Schwestern hab' ich nun noch -immer nicht kennen gelernt.«</p> - -<p>»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide -so fleißig und tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen -Tag zu lachen gibt, – und so wunderschön! Wissen Sie, -sie sind das Schönste und Beste, was es auf Erden gibt.«</p> - -<p>»Die eine ist verlobt?« fragte er.</p> - -<p>»Ja, die Röse. – Sie glauben nicht, wie gut sie mit -mir waren, vom ersten Augenblick an, wie große Kinder. -Sie sind so freundlich, wie halt eben nur Kinder sind.«</p> - -<p>»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. -Sie erlauben mir, Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern -meine Aufwartung mache?«</p> - -<p>Die Wangen des Mädchens glühten.</p> - -<p>»Gewiß!« sagte sie.</p> - -<p>Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -sie. An seinem Arme wußte sie das nie. Er sprach so -zärtlich. Das war wie himmlische Musik. Gott, daß es -solches Glück auf Erden gab!</p> - -<p>Jetzt standen sie an der Hausthür.</p> - -<p>»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus -im Schlosse. Sie sind mit bei dem großen Aufzug.«</p> - -<p>»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen -wir uns die Schwestern doch miteinander anschauen. Sie -finden mich auch auf der Galerie; ich beschütze Sie, und ich -verteidige einen Platz für Sie.«</p> - -<p>Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.</p> - -<p>»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.</p> - -<p>»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«</p> - -<p>»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes -Mädchen! Sie sind so gleichmütig!«</p> - -<p>»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie -lächelnd und schloß dabei die Thür auf.</p> - -<p>Er wollte etwas darauf entgegnen.</p> - -<p>»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand -zum Abschiede. »Man muß der Wahrheit die Ehre geben. -Ich bin schon ein bisserl langweilig.«</p> - -<p>»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.</p> - -<p>»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«</p> - -<p>Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, -dunklen Hausflur und hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben -im Kirstenschen Hause und in der ganzen Stadt Weimar, -denn es war der große Tag, an dem abends im Schlosse -der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der Kaiserin-Mutter, -Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.</p> - -<p>Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, -nichts weiter gehört und gesehen, als Vorbereitungen zu -diesem großen Feste. Allen schönen und weniger schönen<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Mädchen und Frauen aus der weimarischen Gesellschaft war -das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer Kaiserin -sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische -Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes -bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem -Pathos in jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, -ohne Ende dasselbe, immer wieder von Anfang an; unermüdlich, -zum Haarausraufen. Jeder und jede war wochenlang -von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden bedeutenden -Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, -wie von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren -gab eine gewisse Beruhigung.</p> - -<p>Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von -den Proben, die Goethe selbst überwachte.</p> - -<p>Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm -gespreiztes Ansehen bekommen, wie noch nie etwas -derartiges zu stande gekommen war. Die weimarische Glorienzeit -sollte darüber liegen wie eine schwere, duftende Weihrauchwolke; -die Weimaraner sollten in ihrer eigenen Herrlichkeit -wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.</p> - -<p>Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des -Riesenreiches produzieren!</p> - -<p>Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, -was für Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm -ausgebrütet worden war.</p> - -<p>Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, -ungeschickten Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.</p> - -<p>Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug -daran gewesen sein, die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; -denn was die Weimaraner thaten, und wie sie -sprachen, war natürlicherweise himmelweit von seinem Ideal -entfernt.</p> - -<p>Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -welche Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den -<span id="corr061">Weimaranern</span> ihr geliebtes Deutsch in einigermaßen richtigen -Lauten beizubringen.</p> - -<p>Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte -es sich um hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll -Seine Excellenz sich in der Verzweiflung mit einem Kuß -geholfen haben, von dem er wohl hoffen mochte, daß er -begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten O -und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.</p> - -<p>Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp -auf die Beine zu bringen!</p> - -<p>Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; -aber niemand verstand ihn zu tragen.</p> - -<p>Einzig und allein Seine Excellenz selbst.</p> - -<p>An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, -es wird schon gehen!« wie es schließlich dann immer heißt -und heißen muß. –</p> - -<p>Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll -zu thun, – und that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. -Sie befand sich wohl, wie eine Amsel im April. Sie wußte -zwar kein Wort ihres Anbeters, das direkt von Liebe gehandelt -hätte, – aber wozu?</p> - -<p>Der Klang seiner Stimme, – die Art, wie er alles -sagte, wie er ihr die Hand gab, – das sprach so eine nie -gekannte Sprache. Sie wußte sich geliebt! – Ja, sie -wußte es!</p> - -<p>Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, -so unbestimmt, beängstigend.</p> - -<p>War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? – -Nein, – nein, – nein! Gewiß nicht!</p> - -<p>So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.</p> - -<p>Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.</p> - -<p>Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause -hoch her.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; -so etwas Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, -als wäre sie in eine andere Welt versetzt, zum erstenmal in -den Sonnenschein.</p> - -<p>Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren -und hatte auch etwas zu sagen, große, getragene Worte, die -sie feierlich und ruhig zu sprechen verstand.</p> - -<p>Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, -bis das Ganze tadellos gelang.</p> - -<p>Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie -von der Schönheit ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die -jungen, weißen, vollen Glieder, das schneeweiße Gewand, -das herrliche Gesichtchen, die lebendigen Augen, die schöngezeichneten -Augenbrauen, die ihr so etwas Vornehmes, -Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken -Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die -Kniee fiel und sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte -und um die kindliche Stirn. Es war ein so anmutiges Haar!</p> - -<p>Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer -Schwester gleich gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen -vor, war aber auch, wie Marie, eingewickelt in ihre bräunliche -Haarflut.</p> - -<p>Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.</p> - -<p>Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, -daß du nicht mitkannst! Wie jammerschade!«</p> - -<p>In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, -lustigen Wünsche zu regen.</p> - -<p>Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!</p> - -<p>Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie -alle Herrlichkeiten, die es zu sehen geben würde, zusammen -genießen! –</p> - -<p>Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der -aus man in den großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr -Beschützer war schon da und hatte in der vordersten Reihe,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -neben sich, ihr einen Platz gegen die andrängenden Neugierigen -verteidigt.</p> - -<p>Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.</p> - -<p>In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von -den Hunderten von Wachskerzen, und sie sahen von ihren -dämmerig beleuchteten Plätzen in einen schwarzen Abgrund -hinab; aber die Waben und ihr Begleiter unterhielten sich vortrefflich -miteinander, wie sich das leicht denken läßt. Die -Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.</p> - -<p>Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der -Kerzenanzünder gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit -auftauchten, und wie die Flammen an den Zündschnürchen, -was das Neueste war, von Licht zu Licht hüpften -und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel -erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer -Viertelstunde alles glänzte und funkelte, ein ganzes Meer -von Licht!</p> - -<p>Personen schritten geschäftig hin und her durch den -Saal, anordnend oder Umschau haltend.</p> - -<p>Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. -»Der Oberhofmarschall!« hieß es, – »da, – – da, – – -da! Da ging er eben!«</p> - -<p>Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die -Hälse wurden gereckt. – Jeder Lakai wurde angestarrt.</p> - -<p>Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. – -Sie blühte neben ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach -langem trüben Regenwetter, wenn ihn ein paar Stunden -warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie offen sie sprach! -Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor ihm -ausgebreitet.</p> - -<p>Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte -das auch nicht. Sie hatte nichts zu geben und mitzuteilen -als ihre Vergangenheit, – gar nichts weiter, – und diese -Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. – Er fragte,<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -und sie antwortete. Sie vertraute. – Jubelnd empfand -sie zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.</p> - -<p>Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, -dachte besonnen, daß sie eine gute, kommode Frau abgeben -würde, und erwog dies hin und her, während sie eifrig schwatzte.</p> - -<p>»Aus guter Familie ist sie, – mitbekommen thut sie -sicher auch etwas. – Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich -unschuldig, ein durchaus bequemer Charakter.«</p> - -<p>So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen -geht und Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.</p> - -<p>Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war -er erst in Weimar angelangt, war hier zu einer guten Stellung -gekommen, und seine Absicht ging dahin, sich mit einer -alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu verschwägern.</p> - -<p>Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem -blanken Parkett des riesigen Saales wie in einem stillen See.</p> - -<p>Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, -helle Saal hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte -Gäste gekommen. Oben auf der Galerie reckten -sich abermals die Hälse. Es wurde wieder eifrig getuschelt. -Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je mehr es -sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte -und farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe -mit griechisch aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder -Art, auf hohe, schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße -Hälse und Arme, enge Kleider mit langen Schleppen, Fräcke -und Uniformen, Lakaien und hohe Würdenträger, – ein schillerndes, -bewegliches Durcheinander.</p> - -<p>Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar -parfümiertes Lüftchen nach oben.</p> - -<p>Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen -Saal war gelblich warm.</p> - -<p>Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, – etwas -Berauschendes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p> - -<p>Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem -weißen Saal gar nicht genug wundern.</p> - -<p>Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die -fremden Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte -Ceremoniell, – die große Feierlichkeit, die große Vornehmheit!</p> - -<p>Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte -Geschichte hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so -etwas wirklich noch existierte! Ein bißchen komisch erschien -es ihr, – ein bißchen ernsthaft, – ein bißchen schaurig, -aber hauptsächlich sehr amüsant. Die einzelnen Personen -interessierten sie gar nicht, nur das Ganze. Sie hörte kaum -darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute bezeichnete.</p> - -<p>Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war -der weimarische Pomp wirklich auf die Beine gebracht! Da -lag die weimarische Glorienzeit wirklich wie eine duftende -Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft feierliche -Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat -ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende -Musik und große Worte, und ein Schimmern und -Auftauchen und Ziehen und Kommen und Verweilen, – eine -Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.</p> - -<p>Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem -großen, feierlichen Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. -Sie gehörten sich nicht mehr selbst. Es war etwas in sie -gefahren, was sie begeisterte.</p> - -<p>Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, -sie sprachen nicht mehr wie die Weimaraner. Es war etwas -Außerordentliches.</p> - -<p>Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem -Aermel. »Meine Schwester! Meine Schwester!« sagte eine -weiche, leise Stimme ganz erregt. »Sehen Sie, meine -Schwester!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p> - -<p>Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt -gerade vor der Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die -Goetheschen Worte; das gute Ratsmädel leuchtete dabei -wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit. Sie bewegte -sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als -wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne -Gesicht und die Arme und der Hals und das weiße Gewand -strahlten.</p> - -<p>Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, -der Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. -Es lag etwas Heiteres, etwas Frohlockendes über die Gestalt -gebreitet. – Aller Augen sahen auf sie.</p> - -<p>»Das ist Ihre Schwester?«</p> - -<p>Die Waben lächelte.</p> - -<p>»Die verlobte?« fragte er.</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des -jungen Mannes wie ein Seufzer.</p> - -<p>Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick -seiner Augen sich an ihre Schwester heftete.</p> - -<p>Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, -so männlich und gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.</p> - -<p>Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie -nieder. Es war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas -anderes, – etwas Schwereres.</p> - -<p>Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas -Schreckliches schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es -war ihr, als wenn ihr Blut aufhörte zu fließen, als wenn -eine Spange sich ihr fest um den Hals legte, als wenn das -Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte, weiter zu -schlagen.</p> - -<p>Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, -so arm. Wie hatte sie nur denken können, – -daß …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen -Gedanken. Wie große, graue, schwere Steinplatten kamen sie -ihr vor, die langsam auf sie drückten und sie tief in den -Boden hineinpreßten, ganz langsam und schmerzlos, – aber -entsetzlich.</p> - -<p>Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer -Schwester. Sie wartete, daß er sie wieder anreden würde, -und sie schaute alles im voraus.</p> - -<p>Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon -geschehen.</p> - -<p>Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig -klingen würde. Sie sah und verstand das alles so -tief, so klar, so anders, als sie sonst nie verstand und -begriff.</p> - -<p>Ja, – und so kam es denn auch, ganz so! –</p> - -<p>Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, – aber -wie ausgelöscht. Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles -so grau, so fahl, – alles so gleichgültig, – so erstickend, – -so weh! – Sie wollte gehen. Sie hatte genug gesehen; -aber er redete ihr zu, zu bleiben.</p> - -<p>Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren -beiden Schwestern. Er war außerordentlich gnädig und -schien an den beiden schönen Mädchen großes Gefallen zu -finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie -sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, -von ihrem gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; -von der Schaukelei auf der schmiedeeisernen Thür an der -Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen Theaterbesuchen, von -der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf dem Vogelschießen, -was ich alles ausführlich berichtet habe.</p> - -<p>Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher -großes Wohlgefallen aneinander gehabt.</p> - -<p>»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich -aus!« sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -und ganz versunken, nur Augen für das wunderschöne Mädchen -unten im Saale behaltend.</p> - -<p>Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.</p> - -<p>Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat -war noch auf und sagte: »Warte, mein armes Bärbelchen, -du sollst mir nicht immer Zuschauerin bleiben! Glaube das -nicht.«</p> - -<p>Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und -schlief wie betäubt ein und wachte auf, als lägen noch -immer die schweren Steine auf ihr.</p> - -<p>Und so blieb es.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer -und Teilnehmerinnen am Zug bei der Oberhofmeisterin.</p> - -<p>Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern -aus indischer Seide, die sie von Röses künftiger Schwiegermutter -bekommen hatten. Dazu trugen sie goldene Gürtel -und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen Haar.</p> - -<p>Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten -köstlich herab. Die Waben half ihren beiden Schwestern -beim Anziehen.</p> - -<p>Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner -als gestern.«</p> - -<p>Und das waren sie auch.</p> - -<p>Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen -selbst ganz feierlich gestimmt, wie die eine die andre so ansah.</p> - -<p>Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den -Zug nicht mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen -anzuschauen. Die Lichter unter dem grünen Seidenschirm -waren angesteckt, und die beiden Mädchen gingen im Zimmer -umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.</p> - -<p>Die Kameraden verhielten sich einsilbig.</p> - -<p>Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -so Bekanntes, Vertrauliches, süß Freundschaftliches, – und -doch so Entrücktes.</p> - -<p>Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer -beengend auf dem Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl -zu Mute.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe -spät zum Frühstück kamen, schenkte die Waben ihnen ihre -Milch ein.</p> - -<p>Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn -bei Kirstens irgend etwas Besonderes los war, einen Kuchen -geschickt, und in diesen Kuchen aßen Röse und Marie sich -in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief ein, wie ein -paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben -ihre Erlebnisse.</p> - -<p>Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange -die Welt steht, zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende -Dinge, die das Geschöpf triumphieren lassen im glückseligen -Machtgefühle.</p> - -<p>Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und -fischten nach den Rosinen darin.</p> - -<p>Und während sie im besten Plaudern waren, brachte -die Magd einen vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz -Unbegreifliches zu dieser Winterszeit, und sagte: »Eine schöne -Empfehlung an Fräulein Marie.«</p> - -<p>Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.</p> - -<p>Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen -das Wunder in Empfang.</p> - -<p>»Ach Marie!« jubelte Röse auf.</p> - -<p>Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, – ein paar Lippen -zitterten wie in namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt -ging unhörbar zur Thür hinaus, ohne daß jemand darauf -geachtet hätte.</p> - -<p>Das war von <em class="gesperrt">ihm</em>!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p> - -<p>Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das -hatten sie ja schon erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? -Er hatte es eben möglich gemacht, dachte die -Waben dumpf.</p> - -<p>Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, – das -war es, – das erst hatte ihr schneidend weh gethan!</p> - -<p>»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt -der alte Paracelsus.</p> - -<p>Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen -bei verschlossener Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz -zwischen den zitternden Fingern und hatte sich das -Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl gelehnt und hielt -Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen Gottesdienst.</p> - -<p>Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen -Orgelbrausen in ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen -der Geistlichen bei der großen Messe; sie sehnte sich -nach den prachtvollen Meßgewändern, klangvollen Worten -und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und den -gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden -Gewölben.</p> - -<p>Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf -Orgelbrausen und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter -Gottes zu Füßen gestürmt. Aber so, in dieser Kahlheit hier, -da hob der Schmerz sich nicht zum Himmelsflug, sondern -drückte und drückte und wurde wieder zur grauen, schweren -Steinplatte, die sie ganz begrub.</p> - -<p>Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, -stillen, dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus -und schluchzte laut. –</p> - -<p>Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen -selbst gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der -Schwestern erkundigt. Das Befinden war vortrefflich. Sie -waren lustig und guter Dinge. Röses Bräutigam erschien<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -auch, und die beiden schönen Paare standen auf ihrer Lebenshöhe, -denn auch Marie war ganz entzückt von dem begeisterten, -wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in sie -verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem -Kirstenschen Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne -Menschen in voller Jugend, die nur von den besten, schönsten -Dingen sprachen und dachten und träumten, die Feste beredeten -und Ausflüge und allerhand Vergnügungen und -Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.</p> - -<p>Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher -Freund sie, leicht befangen, als alte Bekannte, – that es -aber mit gutem Gewissen, denn das große Liebesfeuer, das -jetzt in ihm brannte, hatte das kleine, bedächtige Flämmchen, -das für die zarte Waben geglommen hatte, vollständig verschlungen.</p> - -<p>Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens -gesagt, gethan und geblickt hatte, davon wußte er wohl -nichts mehr.</p> - -<p>»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.</p> - -<p>»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.</p> - -<p>Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer -schon wieder hell empor. –</p> - -<p>Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, -wie dunkles Wasser.</p> - -<p>Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.</p> - -<p>Sie liebte ihn so sehr!</p> - -<p>Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter -den glücklichen Menschen vor.</p> - -<p>Das ging so ein paar Tage fort, – so hilflos, -so über Bord geworfen fühlte sie sich! – Dann hatte -sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich ein Herz und bat: -»Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur Beichte -fahre?«</p> - -<p>Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Es faßte sie wie die Sehnsucht nach einer alles verstehenden -Mutter, die durch und durch sieht, alles weiß und voller -Hilfe und Liebe ist.</p> - -<p>Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen -Postkutsche, und der Postillon blies ein Stückchen, -das zu Herzen ging; so ein echtes, rechtes Postillonstück, -das die alte lederne Kutsche zu einem lebendigen Ding -macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen auszieht -und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen -durch die dunklen Straßen fährt – und die Schläfer weckt – -und ihnen das Herz bewegt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, -heitern Bergen umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest -hockt, mit spitzen grauen Giebeln und spitzen Dächern, da -fand sie in der kleinen, uralten, geheimnisvollen Kirche, die -zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das Orgelbrausen, die -Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, – das -Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da -durfte sie auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh -anvertrauen. Und die Weihrauchwolken und die Orgeltöne -waren wie breite Flügel, auf die sie ihren Jammer niederlegte, -und die mit ihm höher flogen, und höher und höher, -immer höher.</p> - -<p>Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und -einem alten, ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und -beschuldigte sich.</p> - -<p>Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende -mit dieser Liebe kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte -und glücklich sein wollte.</p> - -<p>Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte -sie. Er sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; -er sprach von der Seligkeit des großen Ueberwindens, -von der reinen Freiheit der freien, ruhigen Seele,<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht beunruhigt, -mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen -gönnend, – nichts wollend selig.</p> - -<p>Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, -ascetischen Worte zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt -hatte gegen das »Ueber Bord Geworfensein«, die genießen -und leben wollte.</p> - -<p>Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos -gedemütigt. – Sie wollte nur Hilfe und streckte die -Hände aus und nahm, was man ihr gab: die große, schwere, -ernste Gabe.</p> - -<p>Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete -sich auf, und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.</p> - -<p>Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in -Weimar wieder ein; der Postillon blies und weckte die -Schläfer.</p> - -<p>Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes -Wesen und ging durch enge Gassen und Straßen.</p> - -<p>Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus -in der Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen -Schwestern stand und die beiden Mädchen fest schlafen -sah, kniete sie nieder und faltete die Hände, und es war -ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen langsam in das -tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie -weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas -so unsagbar Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. -Und es ward ihr weich und weit ums Herz, so frühlingshaft, -so werdend, als wenn von einem großen, wunderbaren -Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das -Beste auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es -gibt noch etwas, etwas so geheimnisvoll Unergründliches, -was größer als Glück und Unglück ist, was über allem -steht, – etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt -einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p> - -<p>Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner -Größe erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle -Glückseligkeiten.</p> - -<p>So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig -beleuchtete Stube drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, -irdische Bräute, – und eine süße, kleine Himmelsbraut, -mit lichtem, klarem Herzen; eine Himmelsbraut, auch wenn -sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern hier zu bleiben -gedachte, in diesem glücklichen Hause.</p> - -<p>Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in -der Freude unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, – -nichts wollend selig.</p> - -<p>Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p> - -<h2 id="Kusswirkungen">Kußwirkungen.</h2> -</div> - -<p class="chap">Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus -gegenüber liegt, da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel -mit allerlei Schwänken in der Wünschengasse ihr Wesen -trieben, und Apothekers von ihrem Erker, den ein buckliges -steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach den -Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können, -und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke -und mit dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die -Fabianen und die Kummerfelden und die Kameraden der -Ratsmädchen, Budang, Horny und Schillers Aeltester -vorüberwanderten, und es überhaupt von all den alten Weimaranern, -von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig -ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und -weiser Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner -Gemahlin, einer kleinen statiösen Dame, und seiner Haushälterin.</p> - -<p>Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles -blitzblank, vom messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen -an der Flurthür, bis zu dem messingenen Vogelkäfig -an dem Fenster über Madame Tiburtsius' Arbeitstischchen, -und bis auf den letzten Messingnagelknopf in der -Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die -der Reihe nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, -der Mutter der Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden -und auch bei Fräulein von Knebel im Schloß, der Erzieherin -der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und noch einigen -andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte -und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne, -die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, -winters in die Stadtkirche nachgetragen wurde und -die jetzt im Flur hing. Die Kaffeekanne, aus der Herr und -Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen tranken, blendete -die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie stand, warf -ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und -ließ grelle Lichtringel tanzen.</p> - -<p>Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer -an, das, wenn man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen -gehörigen Putzlappen, die ganze liebe Erde reingefegt haben -würde. Dieses Frauenzimmer war eine trockene, hagere -Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie mit ihren -beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter -Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken -laufen ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes -Hand mit samt ihren Eimern hervorgegangen, da schauten -die Hausfrauen, die mit ihren Strickstrümpfen und in großen -Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich nach ihr aus und -seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus, der da -sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.</p> - -<p>Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, -wie sie wollten, sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen -doch nichts.</p> - -<p>Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, -eher hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen -gedacht, als daß Kathrine von ihrem Dienst in einen andern -getreten wäre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p>Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter -von Madame Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der -alten Dame die messingene Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, -aber immer noch blinkend, im Flur hing, mit dem Feuerstörer, -dem Gesangbuch, dem Lederkissen in die Stadtkirche -nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit ihren -Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius -mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen -solchen Treubruch gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als -wäre sie sein angetrautes Weib gewesen und nicht die Köchin -und Haushälterin der Madame.</p> - -<p>»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.</p> - -<p>»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn -sie in Eifer kam über irgend etwas, was ihrer Meinung -nach der Herr Gemahl hätte unterlassen können.</p> - -<p>Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und -mit der Madame, trotz aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, -sich von ihnen und ihren Messingkäfigen, Messingknäufen, -Messinghandhaben, Messingkesseln, Messingofenthüren, -Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem -messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus -nicht so ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause -hantieren und auf den Markt gehen, so hätte man glauben -sollen, solche unanfechtbare, bewährte Sauberkeit, die könnte -nur in allertiefstem Frieden gedeihen, in einer Harmonie, -von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung machen -kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel -der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger -noch Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, -noch etwas Versalzenes, Angebranntes, Gesäuertes, noch -Mißverständnisse aller Art, Zank mit Handwerkern, Tauwetter, -Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde -und Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf -Nachmittagvisiten gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -noch Kinder mit schmutzigen Schuhen und Musbröten.</p> - -<p>Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf -Erden. Es ging nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte -Glanz, der über allen Dingen lag, war nichts weiter -als was sich eben mit unermüdlichen Fäusten erreichen ließ. -Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu schlucken, so -viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.</p> - -<p>Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von -Reinlichkeit und Sauberkeit – aber im Kern dieser Wolke, -da saß der Rat und paffte und steckte in einem schmierigen -Schlafrock und in ausgeschlappten Filzschuhen und häufte -Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf seinen Schreibtisch -und rührte all dieses untereinander und streute Schnupftabak -darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich -die Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen -auf die Akten, daß der Puder stäubte und sich mit dem -Schnupftabak und Rauchtabak und der Asche und den Dochten, -die er immer aus der Lichtputzschere fallen ließ, auf seinem -Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren Selbstgesprächen) -zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.</p> - -<p>Das war ein Kreuz und ein Elend – und dies vor -den Augen der Welt zu verbergen, war Rats Kathrine ihre -erste Sorge, da war kein Opfer und keine Mühe groß -genug.</p> - -<p>Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als -eine Lüge zu verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine -Lüge zu glauben und glauben zu machen, eine Lüge am -Leben zu erhalten, für eine Lüge zu leben und zu sterben.</p> - -<p>Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre -ein Wunder von Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe -und dergleichen löblichen Eigenschaften mehr. Das hatte sich -Kathrine in den Kopf gesetzt, und nicht nur Kathrine, sondern -das rechtmäßig angetraute Weib auch ebenso. Armer Rat,<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller Unschuld, -wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter -dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der -Tuchbürste und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden -über dich herfuhr wie ein Hagelwetter, vom Kragen auf den -Rock mit der sanften Bürste und der harten Bürste in blitzschneller -Abwechslung – und wenn, von den Bürsten angelockt, -sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit -sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste -eilig ankam, um dir das Perückchen frisch zu stäuben und -dein Zöpfchen zwischen den Fingern zu nudeln – und dann -das Bürsten von neuem begann – wild und eifrig, damit -um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles -in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!</p> - -<p>»Und die Finger, Gustävchen – und die Finger und -das Fazeterl?</p> - -<p>»Die Finger –, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« –</p> - -<p>Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche -Stimme – so ein bißchen eine fette Stimme und ein wenig -schnarrend.</p> - -<p>Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da -war es dir ein wenig schwindlig – da wackeltest du mit -dem Kopfe ein ganz klein wenig über diese Weibsbilder; -aber nicht etwa so stark, daß man es mit unbewaffneten -Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe -nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir -nach und öffnete das Schiebfensterchen und rief einmal wie -allemal: »Aber Gustävchen, pünktlich zum Essen – damit -wir den Nachmittag vor uns haben – Gustävchen!«</p> - -<p>Und dann gingst du in deine Sitzung – da warst du -ein freier – ein großer Mensch.</p> - -<p>In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch -in den Teich, wenn du nur das Bild nicht übelnehmen willst!<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -Da kam dir nichts nach – gar nichts, da mußte alles draußen -bleiben, unwiderruflich – alles, alles. Ueber die Schwelle – -ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das war -eine vortreffliche Einrichtung!</p> - -<p>Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz -eigenartig, da war es dir zu Mute wie dem Schneck, der -sein Haus irgendwo hat stehen lassen aus Vergeßlichkeit, -wenn einem Schneck so etwas passieren könnte, und der sich -nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus geschehen -ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben – -oder ob was hineingekrochen ist.</p> - -<p>Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat – das weiß -ich, und du würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb -gewesen, wenn du nicht gewissermaßen nackt und bloß in -die Sitzung hättest gehen müssen, sondern wie der Schneck -dein Haus, dein Eigentum hättest überall mitnehmen können; -wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in die -Sitzung gehen können – das wäre schön gewesen! Der -aber hat zu Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.</p> - -<p>Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten -in einem solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, -nicht hineinpaßt; daß ein Misthaufen entfernt werden muß, -und daß es Hände gibt, die das unwiderruflich thun werden, -wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie Kathrine sagt.</p> - -<p>Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und -es empfing dich so eine angenehme wohlbekannte Luft, eine -eigentümliche Oede – fremd starrte dich dein Zimmer an, -wie eine Wüste dein Schreibtisch, die Dielen naß, kalt, -fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch vermischt, -der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft -ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von -Gelehrsamkeit, Schnupftabak, Rauchtabak, Asche und Staub -zerstört, das Behagen verscheucht – das hast du oft durchgemacht,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft, gezankt, -aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin wie -eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine -Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut -einfach ein, quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.</p> - -<p>Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du -thun; du warst machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen -beiden Wärtern, die ihn seelenruhig toben, schreien, zappeln -lassen, bis der Anfall vorüber ist, und sich sogar verständnisinnig -in ihrer Roheit über das Gethu des armen Narren -zulächeln.</p> - -<p>Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du -ein armer Narr. – Glaub's nur, Herr Rat.</p> - -<p>Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie -nichts, und wie sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin -deine Gelehrsamkeit ihnen einbrachte, darüber zerbrachen -sie sich auch den Kopf nicht.</p> - -<p>Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige -Feuerstelle, die die Flamme deines Geistes erzeugte, und -hielten das für einfache Schmutzerei.</p> - -<p>Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die -Kathrine nicht, weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, -Atemholen, Essen und Trinken ansah, und die Frau Rätin -nicht, weil sie immer Besuch und Visiten erwartete – und -die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.</p> - -<p>Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem -Gläschen Wein und Kringeln. So waren Besuch und Visiten -voneinander zu unterscheiden bei Frau Rätin und Kathrine. -Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das war der zweite -schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht nur -auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige -Frau, die bei sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn -eines im Hause sauertopft, das sollte mir fehlen, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -mich über meinen Nähtisch setzte, wie mein Rat über seinen -Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte. Gott bewahre.« -Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, -dem kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der -strammen, kugelrunden Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen -konnte, daß alles an ihr schwabberte und schwabbelte, die -wollte das Leben genießen und genoß es.</p> - -<p>Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte -und junge, und war überall dabei und machte alles mit. -Vormittags hielt sie sich, wie es einer guten Hausfrau geziemt, -leidlich daheim, flickte, schaute der Kathrine nach, machte -mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer, sobald -er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs -und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die -Morgenstunden herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit -einem grilligen Mann am Schreibtisch in Weimar und anderswo -je hingebracht hat. – Aber am Nachmittag!</p> - -<p>»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« -Das rief sie nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem -Schiebfensterchen nach, wenn er sich in die Sitzung aufmachte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten -her von allen, die rings um den Marktplatz wohnten.</p> - -<p>Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit -teil, da floß Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie -ein lustiges Bächlein. Bei Rat Tiburtsius' aber ging der -Geselligkeitstrieb, der Trieb nach Festlichkeit und Lustbarkeit -von einem einzigen fetten Weibchen aus, das sich breit und -wichtig machte.</p> - -<p>Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres -Herzens. Sie kamen zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. -Ehe die Stiegen noch trocken waren, tappten kleine und<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -große Füße darauf herum und schleiften den Straßenschmutz -wieder herein.</p> - -<p>Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige -Nählehrerin, die am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen -wohnte, kam angehatscht durch dick und dünn, bei -jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar oftmals -Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ -sie dann auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so -hießen ein paar kleine Häuser am Lottenbach, fallen, hatte -aber nicht viel genutzt, und so zierlich sie ging, die Alte, -ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren Kreuzbänderschuhen -immer noch mit.</p> - -<p>Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die -Fabianen, die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie -jeden Winter, den Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte -und die Raben fütterte mit allerlei, was sie bei -den guten Freunden eingesammelt hatte, worauf sie mit ihren -großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie ein Rieseneiszapfen, -zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren -unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer -hing, so daß beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. -Und ihre Freundin, die winzige Mamsell Muskulusen mit -der dicken Perücke, und die wunderschöne Rätin Kirsten mit -ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers, und der -Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu -vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von -Schiller und Horny und Herr und Frau Egidi, ein junges -Ehepärchen, und zu feierlicheren Gelegenheiten Madame -Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs, die ganze -schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon, -August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. – -Wer sie alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer -lustigen Weimar, die fleißig bei der dicken kleinen Frau -Tiburtsius aus und ein gingen und Kathrinens guten Kaffee<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -tranken und die guten Kuchen aßen, die sie buk, und die -Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen Brotschnittchen -– und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von -Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, -so lange, bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das -Nachsehen hatte.</p> - -<p>Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der -Thür von Herrn Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch -an der blinkenden Küche von Kathrine. Sie wußten gar -wohl die Sachlage zu beurteilen; aber das störte sie nicht, -durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas Anregendes. -Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in -die schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau -trat, da wurde er gescholten und liebenswürdig gehänselt und -zwischen zwei schöne Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter -spielen. Und brauchte man sein Arbeitszimmer zu -lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu irgend -einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte -dann irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der -Apotheker, oder Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend -so eine Art Witz machten sie stets, gewöhnlich denselben.</p> - -<p>Das ging so fort jahraus, jahrein.</p> - -<p>Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht -der Wissenschaft war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten -von ihm erzählte, daß die Marktweiber ihn nicht nur in eine -Reihe mit Schiller und Goethe stellten, sondern noch weit -über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn ganz besonders -ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger war? -Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die -nicht im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, -überstäubt und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie -ein Stall gereinigt, sein Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine -Atmosphäre gelüftet, seine Gewohnheiten wurden mißachtet, -seine Ruhe wurde gestört, seine Stube genäßt, versandet, sein<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -Wein verschenkt – der Boden ihm unter den Füßen weggenommen. -Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.</p> - -<p>Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht -über den Zustand ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, -weil auch sie dem Trieb nach Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, -feindlich im Grunde ihrer Seele gegenüberstand. -Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt vom Stadthaus -ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die -sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, -von der sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom -Stadthause sie ihr mitteilte, und die Geschichte hatte sich -folgendermaßen zugetragen.</p> - -<p>»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der -Wirt ihr gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm -einfüllen ließ. »Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und -gafft, und bei mir steht ein Bauersmann, so 'n Stoffel, der -nich dreie zählen kann – der sollte in der Stadt einen Doktor -holen, aber welchen – das hatte er dir vergessen. Und nun -steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor dem neuen -Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is – und -kratzt sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, -da sieht der Rat Tiburtsius zum Fenster 'naus – der -weiß alles. Wenn einer, so kann der dir's sagen, den -mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch und -steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf – und thut 's -Maul nich auf.</p> - -<p>»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem -Herrn Rat mein Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann -da soll schnell einen Doktor aufs Land holen un weiß nich -mehr, welchen.‹</p> - -<p>»Der Herr Rat, der hört's dir nur – un sagt gleich: -›Das ist ja wunderlich – das ist ja wunderlich.‹</p> - -<p>»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das -hatte er gleich weg. – Der Doktor Wunderlich, der sollte<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -geholt werden. Es muß schonn so an recht Gelehrter sein, -dein Rat.« –</p> - -<p>Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen -und vergaß sie nicht, und wenn es die Gäste der Madame -gar zu bunt trieben und den Frieden des Herrn Rat gar zu -unverschämt störten und auch in ihrer Küche herumwirtschafteten, -das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um Mehlhäufchen -zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten, -weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden -Bilde gebrauchten – da dachte Tiburtsius' Kathrine, -daß man so einen gelehrten Mann doch mehr ästimieren -sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe von -Jahren lang.</p> - -<p>Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, -der seine zehn Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so -verlangte man es damals in Weimar von ihm, auch wirklich -gab; – es waren schon bald ihrer zehn beisammen, und der -Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und der -Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch -so und so viele sagten, wenn sie einander begegneten oder -ein Gespräch anfingen: »Heuer ist's aber in schönster Ordnung« -– oder »Ein kapitaler Februar« – oder »Ein Staatsfebruar« -– oder »Heite ham mer en Februar, der sich gewaschen -hat« – oder sonst dergleichen etwas, wie es die -alten Herren von damals zu sagen liebten.</p> - -<p>Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen -und Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, -wie weit sie in Jena schon Weimar voraus wären.</p> - -<p>Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare -Lustigkeit gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. -Die einen sahen ihn da, die andern begegneten ihm dort. -Er machte weite Spaziergänge, man hatte ihn mit Leuten -auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie -mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -je, ließ sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von -der Rätin bestäuben und dann wieder bürsten, ohne etwas -davon zu bemerken. Er suchte die Dinge, die er in der Hand -trug, in allen Ecken, jammerte nach der Brille, die ihm auf -der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie seinen -Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von -Kathrine ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt -des Hutes aber seinen alten Filzschuh unterm Arm trug. So -toll dies auch klingen mag, ist es doch wirklich und wahrhaftig -wahr und in Weimar auch bei alt und jung gar wohl -bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn -Rat fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung -abgeben, daß überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat -erzähle, vollständig auf Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, -was ich in dieser Geschichte zum besten geben will.</p> - -<p>Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so -manches Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, -es würden sich so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, -Gelten und Schaffen aufmachen, um auch aus meiner Quelle -zu schöpfen, daß ich wohlweislich schweigen werde. Sie -würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei weitem -wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. – Sie würden sich -mit wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen -oder höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die -Goethezeit mit allem Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. -– Jawohl – daraus wird aber nichts.</p> - -<p>Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich -schuldig gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre -thun, gestehe ich, daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh -unterm Arm statt seines Hutes getragen hat, sondern -etwas andres, was ich mir aber erlaubt habe, des guten Tons -halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der Rat war -eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine -und die Rätin meinten, daß er sein müßte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p> - -<p>So ging es eine ganze Weile fort.</p> - -<p>Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr -Rat einen Kauf müsse abgeschlossen haben; aber was er gekauft -habe, das konnten sie ihr nicht sagen. Auf dem Stadtgericht -war er auch gesehen worden. – Gott weiß, wo alles -man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte -man ihn gesehen haben.</p> - -<p>Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste -grübelten, Kathrine grübelte. Man fragte, man sprach allerlei -Vermutungen aus. Die einen meinten, er habe sich ein -Reitpferd gekauft – darüber mußte aber die Frau Rätin -lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen – da -lachte die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade -recht gewesen. Einen Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte -der Apotheker. Andre wieder kamen darauf, er wolle der -Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht darüber -einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.</p> - -<p>»Das ist meine Sache – meine Sache – meine Sache!« -fuhr er seine Frau an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er -sie wahr und wahrhaftig an, als sie hinterlistig und energisch -hinterlistig in ihn dringen wollte.</p> - -<p>Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter -alter Gatte mit einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes -fühlte, was sie veranlaßte, nicht weiter in ihn -zu dringen.</p> - -<p>Und so blieb er so weit unbehelligt.</p> - -<p>Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern -zur Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in -seinem Zimmer auf und nieder und pfiff. – Er pfiff wirklich. -– Wie sonderbar es klang, und wie sonderbar er es -fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm ordentlich -steif geworden und juckten ihn. – Er hatte seit Jahrzehnten -nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.</p> - -<p>Aber heute! – Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -und schlürfte in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr -eifrig auf und nieder.</p> - -<p>Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und -kramte unten und oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk -stand, und auf dem, wo Hüte und Kappen lagen und wo -ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß. Dem nickte -er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«</p> - -<p>Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen -und den gestickten Westen herum, und ein paar weiße, -mächtige Halsbinden fielen oben vom Brett, wo sie neben -dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf. Es -knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu -hinterst im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß -in einer, und die hatte eine Mechanik und schnappte.</p> - -<p>Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen -und den gestickten Westen – und sah nach, was angebissen -hatte.</p> - -<p>»Ei – ei – ei – ei!« sagte er betroffen und gedachte -seiner Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, -trotzdem er sie bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -– und kramte weiter.</p> - -<p>Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm -von einem alten Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, -der ihm von oben bis unten ging. Er schien, nach dem -Zustand zu urteilen, in dem er sich befand, der Vater von -dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat gerade -anhatte – oder auch der Großvater davon. Er war so eine -Art Schlafrockheiligtum.</p> - -<p>»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet -vor sich hin und schaute den schäbigen Gesellen -pfiffig an und schaute auf die Rutschpartieen von altbekannten -Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, wo er die Feder jahrelang -ausgewischt hatte, so daß glänzende Krusten entstanden -waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und unbestimmbare<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines -vergangenen Lebens.</p> - -<p>Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte -ihn sorgfältig und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden -band er ein paar große Latschen darauf, schob dann -das Paket in eine Ecke und stellte einen Lehnstuhl davor -und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine ganze Weile, -schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er vorsichtig -zur Thür hinaus. Es war still, ganz still – Kathrine -mußte auch fort sein.</p> - -<p>Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht -des Rats. Er legte die Hände über sein spitzes Bäuchlein, -das sich unvermittelt wie ein Schwalbennest an der hagern -Figur angehängt hatte, und wandelte so weiter. Diesmal -aber pfiff er nicht.</p> - -<p>Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, -wie in der Kirche, wenn er seinen Choral absang – aber ein -gutes, herzerfreuendes Lied war es, kein Choral. Und nur die -erste Strophe davon – weiter nicht. Er sang so schüchtern, -als wollte er einer schönen Dame eine Liebeserklärung singend -vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck über seinem -Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber kannte -und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.</p> - -<p>Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen -auf die gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß -es golden glänzte, und die Strahlen, die in das große Becken -des Marktbrunnens plätscherten, ließ sie wie lebendiges Silber -glänzen.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.</p> - -<p>Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung, -eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz -schleicht, die das ganze Leben vergessen läßt und uns in die<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -liebe, gute Jugend versetzt, denn der Herr Rat hatte alles, -nur keinen Garten, und er sang genau so, als hätte er einen, -nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht erinnerungsselig, -sondern triumphierend – wirklich triumphierend. Und er -schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn -auf seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit -wir's kurz sagen: er hatte wirklich einen Garten. Er hatte -einen Garten gekauft – für sich selbst einen Garten, kein -Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch der Stadt nichts -vermacht. Gott bewahre!</p> - -<p>Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig -dichter wurde, mit seinem Flausrock unterm Arme in sein -neu erworbenes Eigentum zu wandern.</p> - -<p>Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten -würdige Idee gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es -sollte so lang als möglich niemand etwas davon erfahren, -und deshalb wartete er auf die Dämmerung und sang das -Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die -Kathrine ausgegangen war.</p> - -<p>Und endlich – endlich war es so weit. Der Rat -schlüpfte in seinen Rock, nahm Stock und Hut, legte über -den Flausrock und über die alten Latschen ein zerknittertes -Fetzchen blaues Papier, das er aus einem Fache seines -Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu jener -Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo -man einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem -in ein einziges Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. -Man dachte an eine solche papierne Flut, wie sie uns heute -überschwemmt hat, noch nicht im Traume damals.</p> - -<p>Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen -Zeitung, wie die »Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, -denn er zupfte und reckte und strich an seinem blauen festen -alten Papierchen, das gar nichts decken wollte, sondern nur -wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die -Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft -in die Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das -Frauenzimmer mit den Bürsten ebensowenig daheim war -als die Gattin mit der Puderquaste und der Puderschachtel.</p> - -<p>Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte -er sich nun einmal angewöhnt.</p> - -<p>Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, -als es sich irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch -die Wünschengasse unter dem Wittumspalais hin, die alte -ausgetretene Treppe, die zur Esplanade führt, hinauf; da, -unter den alten Linden, war es schon recht dämmerig. Für -den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; aber -diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in -dem Garten glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, -wie er den Flausrock dort aufhängen würde, damit er künftig -alle Herrlichkeit in seinem Garten auch ganz kommod genießen -könnte, denn im Staatsrock und in Lederstiefeln, das -hätte ihm nicht gepaßt.</p> - -<p>Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das -schien ihm ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem -Partiechen, hörten und sahen nichts, das kannte er. So ging -er weiter und hinter dem Theater noch ein Stückchen Erfurterstraße, -bis ans Erfurter Chausseehäuschen, dann ging die -Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin – Garten -an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur -Wallendorfer Mühle.</p> - -<p>Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, -mit zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges -langweiliges Strählchen Wasser, mit langweiligen runden -und dreieckigen Beeten, auf denen wohlgeordnete Blumen -von gleicher Höhe und gleicher Farbe wachsen, mit dünnem -Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen winzigen -Grasfleckchen – keine so blechernen Gärten, in denen die<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, -Gärten, wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren -urwüchsige Gärten, gesegnete Gärten.</p> - -<p>Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit -von der Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle -aus, den hatte der Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem -Liebchen schlich er an den Gartenzäunen hin. Die Hand -hielt er in der Tasche und faßte den Schlüssel darin fest, -mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.</p> - -<p>Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete -zwischen den Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend -etwas anging – und jetzt stand er vor seiner Thür – seiner -Thür, einer Thür aus zart silberglänzenden, verwitterten -Latten, und durch den Bretterzaun steckten Himbeerbüsche -ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der Garten -wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun -quoll der Duft aus dem vollen grünen Garten – und der -Duft gehörte dem Herrn Rat. Ehe er wirklich aufschloß, -schnaufte er ein paarmal tief.</p> - -<p>So ein Duft aus dem eigenen Garten!</p> - -<p>Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen -zuführte, standen die Sommerblumen schon in dicken Knospen, -und die Pfingstrosen blühten in ganzen Ballen, und Irisblumen, -blaue und gelbe. Die Aepfel- und Birnen- und -Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.</p> - -<p>Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste -Dach der Lottenmühle beschatteten, schützten den Garten von -Norden und hüllten ihn in einen dichten grünen Mantel. -Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und quoll und -blühte und knospte und duftete.</p> - -<p>Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und -die großen Bündel des gestreiften Bandgrases raschelten und -wisperten ganz fein im Winde wie Schilf – nur weicher.</p> - -<p>Und alles war so weich, so voll, so lebendig – Farben<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -lugten aus der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer -dicker, flossen immer mehr zusammen, und es war feierlich -im Garten des Herrn Tiburtsius.</p> - -<p>Der stand immer noch mit dem zusammengerollten -Flausrock mitten auf dem Weg, ohne sich zu regen.</p> - -<p>Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich -zu rühren. Kein Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich -befand und wie er sich befand, und er kam sich vor wie ein -Vogel in einem grünen versteckten Nest, den keines Menschen -Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er -das Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der -eigenen, in dem weichen, vollen Garten erschreckt.</p> - -<p>Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im -dumpfen dunklen Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, -trockenem Laub, alten Weidenkörben und etwas moderig roch, -aufgehängt. Der Rat mußte mit den Händen nach einem -Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem ein -paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.</p> - -<p>Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den -Gemüsebeeten hin und her, bückte sich und befühlte die -Salatpflanzen, die sich schon zu Köpfen ballten. So zart -und elastisch waren sie und fühlten sich etwas fettig an. -Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend Schlupfwinkeln -so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die -Finger.</p> - -<p>Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte -man die Grillen zirpen, und die Luft war voll Laubduft. -Und manchmal trug ein Windchen den unaussprechlich zarten -Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen durch die -Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos -blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -her kamen ganze Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, -so vielgestaltet; bald empfand der Rat diesen wundervollen -Duft wie Vanille, bald wie alle schönen bekannten -und unbekannten Düfte zusammengebraut.</p> - -<p>Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und -das Klappern und Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, -und die Birken und Eschen rauschten dazu. – Die Dunkelheit -sank immer tiefer herab, und der Herr Rat tastete sich -aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und -machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, -blieb er noch lange ganz versunken stehen und atmete den -schönen Gartenfrieden ein, und die Dunkelheit verbarg ihn -mit allen seinen Schätzen vor aller Welt, ihn mit seinen -Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen, seinen -knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln, -Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem -Gurkenkraut, seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden -und den hundertfach knospenden Centifolienbüschen.</p> - -<p>Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der -Stadt zuging, da kam er wirklich wie von seiner Liebsten – -und zu Hause ließ er kein Wörtchen verlauten.</p> - -<p>Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der -Schopenhauern zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« -bei seinen alten Herren gewesen. – Und unter -denen ging es das eine Mal so zu wie das andre Mal, da -war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem -alten Ehepaar.</p> - -<p>Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er -sich wieder auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es -schnatterte bis in sein Studierzimmer, und in der Küche -wurde gebacken und geklappert. Es war großer Damenthee.</p> - -<p>Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und -arbeitete im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -und saß vor dem Gartenhäuschen und paffte aus seiner -Pfeife, schaute in den blauen Himmel, hörte auf eine Lerche, -die draußen in den Feldern aufstieg, schnaufte tief den Duft -seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte sich mit -den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.</p> - -<p>Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der -alte Bretterzaun war hoch, und von den Nachbargärten war -er auch nicht ohne weiteres zu belauschen. Dieser Umstand -hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat zum Ankauf -dieses Grundstückes zu bestimmen.</p> - -<p>Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie -sangen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Es fuhr ein Bauer ins Holz,<br /></span> -<span class="i0">Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,<br /></span> -<span class="i0">Ki – ka – Kirmsenholz,<br /></span> -<span class="i0">Es fuhr ein Bauer ins Holz.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt -alles Spaß.</p> - -<p>Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein -Lächeln, wie es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin -war, seine Muskeln niemals inkommodiert hatte.</p> - -<p>Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause -zu sein. Darüber mußte er nun wieder lächeln, denn so -ganz geheuer kam es ihm doch nicht vor, und er dachte an -den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, als er die -Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch -sehen, wer Herr im Hause ist!«</p> - -<p>So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -– aber – aber.</p> - -<p>Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht -heraus hatten, war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder -durch den Kopf. Wirklich, das war ein seltener Glücksfall. -Eigentlich nicht zu glauben. Der Zinngießer Lange, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte wirklich -so weit reinen Mund gehalten haben.</p> - -<p>Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier -Wochen lang schlüpfte er nun schon wie der Fuchs in seinen -Bau, und es war ihm, als stände er unter ganz besonderer -göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch frech und -unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten -Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar -Porreestauden und Dill und Gurkenkraut, was zu einem -ordentlichen Salat gehört.</p> - -<p>Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, -denn es war durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. -Der Salat aber war vortrefflich.</p> - -<p>Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für -die Heimlichkeiten des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin -genoß mit ihren Bekanntinnen und Bekannten den Sommer -mit einer erstaunlichen Energie.</p> - -<p>Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, -lief Kathrine mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor -Ortelli und brachte ihr den Beutel ganz appetitlich gefüllt -wieder mit heim. Und die Frau Rätin nahm ihn dann, -setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um -und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte -darauf von seinem Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in -der Nähe des »Elefanten«, der dem Hause des Herrn Rat gerade -gegenüber lag, postierte und wie eine Schildwache auf und -nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn sie war eine pünktliche -Frau – dann gesellten sich allerlei Personen zu ihr und -gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse -kamen verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit -der Adele und den Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und -die Ratsmädchen; gewöhnlich auch die Begleiter der beiden -Mädchen, die guten Freunde, und auch Bekannte von den -Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, -und die kleine Muskulusen kam angerannt und manchmal auch -die Kummerfelden mit einigen Schülerinnen, manchmal auch -mit allen, wie es sich gerade traf.</p> - -<p>Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und -alten Weimaranern und Weimaranerinnen lachte und schnatterte -und setzte sich endlich in Bewegung. Entweder nach -Tieffurth zu oder nach Belvedere oder Ettersburg oder Tröbsdorf, -nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« nannten, nach -Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern -und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen -sind, nach Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und -nach Nora.</p> - -<p>So genoß man damals den Sommer, wo noch keine -Menschenseele daran dachte, eine Badereise zu machen oder -in die Sommerfrische zu gehen.</p> - -<p>Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. -Jeder alte Weimarsche Garten hatte seinen kleinen -Herd im Freien, einen gemauerten Herd, auf dem ein Rost -stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so recht Altäre -der Geselligkeit.</p> - -<p>Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie -herrlich es war, wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen -aufstiegen, die Würste sich auf dem heißen Roste wanden, -dann platzten und rauchig dufteten, und die Leute im Garten -bei einander saßen mit Weißbroten und Bier, hauseingelegtem -Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und -Gesang.</p> - -<p>Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">und ähnliche Lieder.</p> - -<p>In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch -so ein Bratwurstherd, und es war ihm mehrmals schon das<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Wasser im Munde zusammengelaufen, wenn er davor gestanden -hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben, -als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine -Wurst begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.</p> - -<p>Nein – nein – lieber keine Wurst!</p> - -<p>Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer -müßigen Stunde das Gelüste gekommen, sich ganz allein ein -Paar Würste zu braten – das wäre gegangen, aber der -Rauch! Den hätten sie in allen Gärten geschnuppert. – -Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht gewesen; -aber verlockt hatte es ihn – sehr verlockt.</p> - -<p>Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren -Kern die Frau Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf -bewegt hatte, ging er wieder in den Garten. Es wurde -ihm jetzt schon gar nicht leicht, sich mit Amtsgeschäften auszureden, -wenn die Rätin ihn fragte: »Aber Gustävchen, -heute kommst du doch nach – kommst uns wenigstens entgegen?« -Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau -Rätin und schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und -wie er diesmal im Garten war, fiel es ihm auf die Seele, -daß es eigentlich so nicht fortgehen könne, und das stimmte -ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als wäre der -schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er -dachte aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's -auch weiter gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's -auch vielleicht noch lang niemand,« und beruhigte sich -damit und goß seinen Salat und die Radieschen und alles, -was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der Herr Rat -ernten sollte.</p> - -<p>Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all -dem Gemüse hin sollte – und wenn das Obst reifte – die -Kirschen glühten schon zwischen den grünen Zweigen: ja, -was sollte er mit all den Dingen machen? – hm – das -wußte er nicht recht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p>Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. -Allerlei wollte sich eindrängen, was ihm nicht paßte. Es -lag so in der Luft, war schwül und trüb heute. Der Garten -war so dicht und grün und voll, so sommerlich und still, -und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf -und dröhnend.</p> - -<p>Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, -vor Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen -auf und trat behutsam hinaus, schaute nach links: da war -die Luft sauber, keine Menschenseele zu bemerken – schaute -nach rechts – und stand wie vom Blitz gerührt. – Ja, -wo hatte er denn seine Ohren gehabt? – Drei Gartenthüren -von ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da -kam es angerückt. – Ihm schien es wie Tausende von -Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden Armen, Tausende -von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen -auch geschwenkt wurde. – Das war die Lawine, die doch -heute in Tröbsdorf hätte sein sollen. Und mit welchem -Lärm kam diese Lawine an! Dem armen Rat schwindelte.</p> - -<p>»Ja – ja – ja – was ist denn das?« riefen aus -dem Gewirre verschiedene Stimmen zugleich.</p> - -<p>»Aber Gustävchen – Gustävchen!« – Das war die -Stimme der Rätin. – Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, -daß er die Hand noch am Schlüssel hatte, um ihn abzuziehen -– das hatte die ganze Lawine gesehen, da war -nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb -regungslos – und da waren sie schon alle um ihn.</p> - -<p>»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.</p> - -<p>Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den -Herrn Rat mit ihren großen, runden Augen an.</p> - -<p>»Aber Gustävchen! – Aber Gustävchen!« Das war -wieder die knarrende Stimme der kleinen Rätin. »Was ist -denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst du denn her?<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst -und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich -alle um ihn wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den -Kindern auf Weimars Gassen sehr beliebt war und noch -ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des Wickelkloses -steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden. -Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und -sagte: »Das ist mein Garten. – Ich komme – ich habe – -ich komme aus meinem Garten – ich habe mir nämlich einen -Garten gekauft.«</p> - -<p>»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.</p> - -<p>Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. -Aber die Frau Rätin, die kleine, fette Frau, war Meisterin -darin, in das einzige »Aber Gustävchen!« ganz unglaublich -viel zu verpacken.</p> - -<p>Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt -ihren ganzen Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert -Variationen. Sie konnte auf dieser einen Violinsaite ganze -Lieder und Musikstücke spielen.</p> - -<p>Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen -Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter -Regimentsgaul.</p> - -<p>»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie -ein kleines vollgeladenes Gewitterchen.</p> - -<p>Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der -Bühne und spräche zum Publikum gewendet: »Einen Garten -hat er also gekauft, und kein Pferd und kein Kütschchen.«</p> - -<p>Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine -Gite! – Du meine Gite!«</p> - -<p>»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk -lachte. – Und sie riefen alle durcheinander alles mögliche -in Weimarscher Ursprache.</p> - -<p>»Ne aber!« – »Herr Jemine!« – »Herr Jes!« und -machten ein arges Geschrei damit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p> - -<p>Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n -mer uns doch aber auch einmal den Garten ansehen.« – -Und gesagt gethan. Die Thür ging auf.</p> - -<p>Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste -dazu, und nun strömte es hinein und riß den armen Rat -mit sich.</p> - -<p>Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn -Rat ein wenig beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte -Miene aufgesetzt mit so viel Grandezza, als womit sie ihre -Hüte und Hauben aufzusetzen pflegte. Und diejenigen, welche -dem Paar am nächsten standen, hörten verschiedene scharf -betonte »Aber Gustävchen!«</p> - -<p>So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte -und so viel Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten -mit den vielen lustigen Leuten und dem vielen Gemüse, dem -Obst und den Sommerblumen und den pflückreifen Kirschen -und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und dem -Beerenobst doch auch an.</p> - -<p>Und alle waren in der besten Stimmung; der arme -Rat mußte wahrhaft Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr -Mütchen an ihm und hänselten ihn und zeckten und neckten -ohne Aufhören.</p> - -<p>Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann -war und mehr wußte als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, -daß zu verschiedenen Malen sein Name in den -Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half es -ihm, eben gar nichts!</p> - -<p>Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die -alten Latschen und die große Pfeife entdeckten, brach ein -Hallo aus. Sie drängten mit solcher Wucht in das Häuschen, -alle auf einmal, um den Flausrock zu betrachten, daß -es den Anschein hatte, als wollten sie die stille, winzige -Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, -Erde und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p> - -<p>Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, -mitten unter lauter Stimmen, die nicht müde wurden, den -Rat zu bearbeiten und zu ärgern, erhob sich plötzlich eine, -die rief und alle andern wie mit einem Schlag verstummen -ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«</p> - -<p>Das hatte eingeschlagen – und es zeigte sich, daß die -alten Weimaraner wahren Feldherrnblick hatten, wenn es -galt, ein Vergnügen beim Zipfel zu fassen; denn wer weiß, -was alles dazu gehört, ein wirkliches und wahrhaftiges -Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das -so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.</p> - -<p>Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in -aller Eile nach allen Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, -was zu holen war. Die einen mußten in die »Armbrust« -laufen und die Würste herbeischaffen. Der Apotheker wußte -ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und -Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes -Kompliment vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.</p> - -<p>Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen -und Budang bei sich aus dem Keller holen, um -ihn zum Feste zu stiften. Der Apotheker lieferte die Brote. -Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von dem gebracht -werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand -am nächsten.</p> - -<p>Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf -dem Frauenplan oder am Markt, nur die Kummerfelden, -die aber hatte nicht so viel Teller.</p> - -<p>Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit -zugegen. Zu der schickte die Frau Rätin und ließ sagen: -»Eine schöne Empfehlung und ob die Frau Schopenhauern -und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben wollten, in der -Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen, -und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -Gläser und viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer -mitzugeben.«</p> - -<p>Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin -– und das fiel niemand auf – nur dem Rat fiel es auf.</p> - -<p>Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im -Garten, dem Rat brauchte das Wasser nun nicht mehr im -Munde zusammenzulaufen.</p> - -<p>Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte -er sich nun beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben -Abend schon zu Gerichte; die Frau Rätin trieb einen wahren -Handel. Zu einer gewissen Zeit sollten Apothekers beginnen, -sich den Salat zu holen und die Mohrrüben, und zum Einmachen -konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie -gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden -sollten alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich -für ein billiges erstehen.</p> - -<p>Und nun sangen sie an diesem Abend alle:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wenn einer einen Garten hat.«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Nur der Herr Rat sang nicht mit.</p> - -<p>Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen -war.</p> - -<p>Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist -mir doch immer abgegangen.«</p> - -<p>Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff -zu, als die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig -gestopft waren – und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche -aus, die alle den geheimnisvollen Kauf des Herrn -Rat in der Mache hatten.</p> - -<p>Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Rat, das ist ein schlauer Mann,<br /></span> -<span class="i0">Der wollte einen Garten han,<br /></span> -<span class="i0">Der kauft sich einen Garten<br /></span> -<span class="i0">Und ließ die andern warten.«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> -<p>Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich.</p> - -<p>Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und -konnte es nicht satt bekommen, seinen alten Rat zu ärgern.</p> - -<p>»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem, -mein Schatz, und zieh deinen schönen Flausrock an -und die Latschen und stecke die Pfeife an, damit wir doch -auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so kommod umeinander -geschoben bist.«</p> - -<p>Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte -so etwas an sich, daß er immer das aussprach, was in den -andern noch unbewußt schlummerte.</p> - -<p>Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen, -so, als wollten sie's zum Platzen bringen, und -holten den Flausrock, brachten ihn angeschleift und rissen -sich um die Latschen und brachten die Pfeife, und der arme -Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich in seinen -Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker -hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und -mußte den Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade.</p> - -<p>In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm -sein Lebtag noch nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn -er sich auch die Entdeckung seines Gartens manchmal vorgestellt -hatte, so, in solcher Gestalt, hatte er sie sich nicht vorgestellt. -Das sind ja lauter Teufel! Die Menschen sind ja Teufel! -dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen Mucks zu thun.</p> - -<p>Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen. -Aeußerlich zornig zu sein hatte er ganz verlernt, und das -war das Schlimme und Ungesunde.</p> - -<p>Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit -vor den Augen herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und -besingen und rührte sich nicht. Er ließ sich alles gefallen -und machte den liebenswürdigen Wirt und ließ sich eben gar -nichts davon merken, daß unter dem Flausrock nachgerade -ein Hexenkessel braute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<p>Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde -ich sie nur wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit, -dazu Pläne zu schmieden – aber – aber –</p> - -<p>Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer, -denen er zu Hause davongelaufen war, deretwegen -einzig und allein, um ihnen entwischen zu können, er sich -diesen Garten gekauft hatte, die würden nun tagtäglich, -wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. – Und diese -unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne -Ende – denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre -Whistpartieen abhalten würden?</p> - -<p>Was sah er nicht alles kommen!</p> - -<p>Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen! -Der Rat verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln, -das war ja sein eigenstes Element. Was hatte er an langen -Winterabenden bei seinem Leuchter mit dem grünen Schirm -nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt!</p> - -<p>Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese -wissenschaftlichen. Wer das kann, der wird doch auch ein -paar Frauenzimmer loswerden können.</p> - -<p>Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem -Garten im Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die -ihm die Galle überlaufen ließen.</p> - -<p>Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen, -das wußte er im voraus, und der Kathrine auch einen; die -Kathrine würde dann im Garten zu putzen und zu wirtschaften -anfangen wie in ihrer Küche, unter den Büschen -rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen -und auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn. -Und er erlebte im Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten -Feste auf Feste feierte, ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste -in schwerer Menge, auch ein Perlzwiebelfest – -natürlich. Da sah er schon die ganze Gesellschaft um das -lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die Zwiebelchen<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm jedenfalls -einen Gefallen thun, die Unsinnigen – wie ihn das -schon im voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte -ihm weiter aus, wie Kathrine während der Arbeit allen -Kuchen präsentierte, und wie dem mit einem vorsündflutlichen -Appetit zugesprochen wurde.</p> - -<p>Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle -Frauenzimmer auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen -und in große Flocken Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden -in ihrem geblümten Kleid und die Muskulus mit der großen -Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack nannte; über der -Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen Veilchenhut -auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich -genau vor sich.</p> - -<p>Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und -Madame Schopenhauer und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen -mit ihren Freundinnen und Freunden und die -Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch Frauenzimmer -und noch viele mehr – eben alle, die jetzt auch leibhaftig -im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht -worden waren, herumwirtschafteten.</p> - -<p>Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen -Hauptärger, die waren damals und sind noch jetzt in Weimar -stark vertreten.</p> - -<p>Jetzt war das Maß voll, über und über voll – das -Blut des geduldigen Mannes war endlich in Wallung geraten -– in eine ganz wütende Wallung. Wie er so hellsehend -und außer sich umherlief, kamen ihm die Ratsmädchen -gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten -ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie -würden an allen Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu -gleicher Zeit sein und unter allen Beerensträuchern hocken -und immer mit einem Gefolge von so und so vielen. Sie -waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren.<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine -große weiße Halsbinde mit der Mechanik hinein.</p> - -<p>»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben – -diese Bestien?« Das war und blieb es, worüber der Herr -Rat rachsüchtig und leidenschaftlich grübelte. – Und mit -einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen kommen, -da hatte er's – da rieb er sich die Hände in seiner Wut -und flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter -die dunkelsten Wege auf und nieder.</p> - -<p>Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die -Rätin hatte heute ihr karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke -kleine Gestalt wie eine Haut umspannte. Um den Nacken -trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie saßen jetzt vor dem -Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und stippten -Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine -Wohl geliefert.</p> - -<p>Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen -und sprachen aufs ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter -als kurz vorher, und es hatte den Anschein, als wäre -die lustige plappernde Lawine im Handumdrehen zu einer -Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die sich nicht so -ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem Bratwurstfest -sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin -eine ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit -zu Füßen.</p> - -<p>Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, -auch den Arthur und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.</p> - -<p>Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür -und verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein -Stein ins Wasser fällt, zieht er Kreise, und Kreise zog auch -Arthur Schopenhauer in den Gesellschaften, in die er fiel -oder fallen mußte, Kreise des Schweigens und des Verstummens.</p> - -<p>Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -schaute seine Frau Mama mit angstvollen Augen auf ihn. -Heute sprach er wieder einmal gar nicht. »Ein rechtes Kreuz -für so eine gescheite, liebenswürdige Dame wie die Schopenhauern,« -dachten die Frauen.</p> - -<p>Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch -wie ein Alp auf allen andern. Er »glubschte«, wie die -Weimaraner sagen, so von unten auf mit seinen großen -blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn, -wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel -gewachsen war.</p> - -<p>Ein ungemütlicher Bursche!</p> - -<p>Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen -Wirt, dienerte nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen -die Zuckerdose und die Tabaksdose. Es war ihm -in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei andressiert worden. -Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat beobachtet -hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen -haben.</p> - -<p>Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald -das andre Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als -wollte er eins davon kaufen, oder als hätte er irgendwie -sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte er sich aufs Malen -verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war manchmal -ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt -sah, ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber, -Gustävchen,« zu sagen.</p> - -<p>Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich -standesgemäß benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau -unter den Kirschbäumen die Würste, setzten die Windlichter -hin und trugen die dampfenden Herrlichkeiten haufenweise -auf.</p> - -<p>Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug, -um mit der Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es -zwar alle, daß die Rätin es liebte, wenn man sich hin und<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in Weimar sagen; damit -war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten sie -jetzt überwunden.</p> - -<p>Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter -Letzt zu den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett -antreten, und setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um -nun endlich mit einem Wolfshunger über die Herrlichkeiten -herzufallen.</p> - -<p>Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht -stark zusprach, aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige -Gewohnheit, dem Hausmuff, so daß ein leises, wohlmeinendes -»Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt kam, mitten durch -das Stimmengemurmel.</p> - -<p>Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher, -andre spielten Rat- und Antwortspiele und benahmen sich, -wie es sich für gesättigte Menschen geziemt. Den Rat sah -man mit der Kummerfelden umherwandern. Das war sonst -nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim einzulassen.</p> - -<p>Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle -zu, und die Kummerfelden wunderte sich über den -galanten Rat.</p> - -<p>Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt, -der rauschte nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das -Wasser. Da, mit einem Male, war es der Kummerfelden -ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und traumhaft. -Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften -– und dann – als führe er ihr mit dem Kopf in das -Gesicht.</p> - -<p>Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß -sie an die Nase, und um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. -Und der Kummerfelden war es, als schöbe er sie -dem Mühlbache zu.</p> - -<p>»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf,<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -»was hat denn der Mann? – Sollte er tobsüchtig geworden -sein?«</p> - -<p>»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der -Rat wütend in seine große Halsbinde mit Mechanik hinein -und würgte die erschreckte Kummerfelden wieder. Der wurde -es angst und bang, sie hätte schreien mögen, verließ sich aber -fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn »Schreien«, das kam -ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr ihr ihre -ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn -man sie schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander -finden würde, denn er war immer noch ganz ungebärdig -und fuhr ihr beständig mit dem Kopf ins Gesicht.</p> - -<p>Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in -Leipzig, Hamburg und Weimar, gingen mit unbegreiflicher -Geschwindigkeit durch ihre Seele, aber da war keine, die mit -dieser einige Aehnlichkeit gehabt hätte, es müßte denn eine -Liebesscene gewesen sein – ach du barmherziger Gott – so -ein sträflicher Gedanke! Der alte, wohlverehelichte Rat und -sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt« ließ sie in -diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn alles, -was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, -das war in ein paar Sekunden hineingezwängt.</p> - -<p>Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den -sie für Herrn Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht -aufhörte, sondern fortfuhr, sie mit seiner Person zu bedrängen, -gab sie ihm einen ganz gehörigen Puff vor die Brust mit -ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte etwas -auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen -und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch -dick und dünn, durch Gemüsebeete und Blumenbeete mit -schiefer Haube der Gesellschaft und den Windlichtern zu.</p> - -<p>Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«</p> - -<p>»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was -ist mir denn das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -sind Sie denn so umhergesprungen? – Ich habe Sie ja -springen sehen.«</p> - -<p>Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer -Haube, die saß ganz miserabel; aber sie konnte nicht antworten, -die arme Kummerfelden, denn sie war völlig außer -Atem und wollte das nicht merken lassen. Ihr gutes, -menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum -Zerspringen.</p> - -<p>»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was -ist mir denn das? Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet – -oder – oder wie wär's denn mit noch einem Gläschen?«</p> - -<p>Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick -der alten, guten Dame.</p> - -<p>»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang -sich ihr mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!«</p> - -<p>»Aber so zu springen! – Ich habe Sie ja gesehen.« -Der Apotheker bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen, -und stützte die beiden fetten Händchen auf die runden Beine.</p> - -<p>»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie -ärgerlich und nach Luft schnappend.</p> - -<p>Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte -die Hände ihr auf die Schulter und schaute sie an mit einem -Paar so großer, mitleidvoller Augen, wie man die Frau -möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes ansehen -würde.</p> - -<p>Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr -Mienenspiel war durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger -geworden als andern Leuten ihres.</p> - -<p>»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die -Rätin ganz betroffen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit -einem weiblichen Wesen im Garten auf und nieder, und<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -wieder kamen sie in die Nähe des Mühlbachs, in die tiefste -Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat sein Opfer. -Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der -Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen, -hatte eine unsinnige Angst angestanden, so daß die -doch gewiß erfahrene Kummerfelden über das, was sich -zwischen ihr und dem Rat abgespielt hatte, im unklaren geblieben -war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte die -kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt, -war aber statt auf den Mund in den Mund geraten, denn -sie hatte ihn vor Schreck weit aufgesperrt.</p> - -<p>Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte -sie ein paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel -gar nicht mehr aufkommen konnte.</p> - -<p>»Ach, Herr Rat – ach, Herr Rat –« lispelte die kleine -Mamsell verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick -ihren Kopf und die große weiche Perücke an seiner -Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz überwältigt, fühlte -vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt worden war, -und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle.</p> - -<p>Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die -Kleider zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, -und es wurde ihm sonderbar, als dies nicht geschah. -Die Muskulusen wandelte mit ihm auf und nieder in der -tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner Hand -tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, -daß sie ihm von jeher sehr ergeben sei – aber ebenso seiner -Gemahlin, und daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen -Frau schuldig sei. Mamsell Muskulus sprach wohlgesetzt -und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr unbequem, -so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu -führen.</p> - -<p>Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. -Und als sie in den Schein der Windlichter traten, bemerkte<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -der Rat, daß Mamsell Muskulusen einen ganz verklärten -Ausdruck hatte.</p> - -<p>Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine -andre; diesmal jedoch war er an die Adele Schopenhauer -geraten, da war's ihm angst und bange dabei; er beschränkte -sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu küssen und die -Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte -er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen. -Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer -Hoheit und schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte -und erschreckte, und in wahrer sittlicher Empörung verließ -sie den verblüfften Rat am Mühlbach und wandelte ruhig -gemessen ihres Weges.</p> - -<p>»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun -einmal ein ganzer Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt -hatte, so mußte die auch durchgeführt werden, und -so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf ein Frauenzimmer -– und wieder auf eins – und wieder auf eins – -und wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig -dabei, spitzte die Lippen mit einer wahren Virtuosität und -wütender Zärtlichkeit, denn seine Wut hatte sich gewissermaßen -in Zärtlichkeit verwandelt.</p> - -<p>Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme -gelaufen, die kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche -Jammertöne aus, daß es dem Rat erst recht angst wurde.</p> - -<p>»Ach mei' Mann – mei' Mann! – Was wird mei' -Mann sagen!« rief sie laut und ängstlich, so daß der Rat -fürchtete, sie würden alle zusammenlaufen, und daß er von -ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen ließ.</p> - -<p>Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch -die Ratsmädchen in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte -er, denen kann's nicht schaden, wenn ich sie ein bißchen erschrecke, -die brächte ich mir gern vom Hals. Sie waren wie -immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab -jeder einen gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber -durchaus nicht erschreckte; sondern sie hakten sich in seine -Arme ein, äußerst vertrauensvoll, und Röse bog sich hinter -dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie hinüber und -flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können -wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. -Ich habe doch immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem -Gartenhäuschen etwas Sonderbares abgespielt: es war, als -hätten die vortrefflichen Würste und der gute Hausmuff ihre -Kraft verloren, als wäre nur alles eine Art Luftspiegelung -gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat noch gar -nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen -sein. Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, -die erschien sich wie verraten und verkauft unter -ihren guten Freundinnen.</p> - -<p>Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte -mit einem Male so ein Paar närrische Augen gemacht, als -wäre der Geist der Verwirrung in sie gefahren, dann war -mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie eine -Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft -über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und -überhaupt tuschelte man überall miteinander.</p> - -<p>»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der -Apotheker ganz verblüfft zur Rätin.</p> - -<p>Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten -ihr die Hühner das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit -allen war es mit einem Male nicht richtig. Es lag eine -drückende, schwüle Stimmung über der ganzen, sonst nach -vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf -die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als -hätten in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -Bankerott des Mannes erfahren als die Hausfrau und betrachteten -sie sich daraufhin.</p> - -<p>Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu -Mute – und wo steckte denn nur ihr Mann –?</p> - -<p>»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, -als es ihr immer unheimlicher wurde unter ihren Gästen. -Und als der Rat endlich kam, da war der Höhepunkt der -unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da erhoben sich -die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten -sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten -sie gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und -mit Schopenhauers brachen alle plötzlich auf – und fort -waren sie. Apothekers gingen auch mit, denn eins zieht nun -einmal das andre nach sich.</p> - -<p>Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch -der Rat, die ganz verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht -nur im Garten. Der Rat, die Rätin und Kathrine lebten -mit einem Mal im Haus am Markt wie auf einer einsamen -Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner -Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr -tugendhaft. Die Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig -vor Grübeln. Der Rat aber ging jetzt unbehelligt in -seinen Garten und wirtschaftete dort wieder im Flausrock. -Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß -er bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich -aus dem Weg gingen.</p> - -<p>Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene -wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal -aber hatte er auch auf einer Seite, wo er sonst immer -Niederlagen erlitt, Triumphe gefeiert, und außerdem sah und -hörte er nichts weiter.</p> - -<p>Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -Kummerfelden in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen -Salatköpfe auf den Komposthaufen und ordnete alles, -was seine gute Idee angerichtet hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. -Das Haus am Markt wurde so stille wie ein Grab; seine -Frau saß in sich gekehrt, war stumm und bedrückt zu jeder -Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten immer -fragend die Wände an.</p> - -<p>Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, -die ihn ganz eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie -wieder Appetit hätte. Der Rat aber machte lange Schritte -und schüttelte sich in der Erinnerung an die Strapazen, die -er durchgemacht hatte.</p> - -<p>Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer -bänger. Er fand jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. -Sie war ganz hilflos, ganz verwirrt. Im Herrn Rat regte -sich etwas – er wußte selbst nicht recht was, etwas Unbequemes, -Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er -ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen -Gartens gar nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit -dem er diese Einsamkeit erkauft hatte, verdient hätte; er -saß mit etwas Aehnlichem, wie einem schlechten Gewissen, -oben in der Studierstube, und wie ihn früher der Lärm gestört -hatte, so störte ihn jetzt die Stille.</p> - -<p>Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das -Vertreibungsmittel hatte ganz niederträchtig gewirkt.</p> - -<p>Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es -und Madame Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz -betreten entgegen. Und Madame Kummerfelden kam feierlich, -setzte sich aufs Kanapee und fragte nach dem Ergehen -und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun -pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf -Frau Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -mitleidig an, wie damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt -den Rücken hinunterlief – und dann kam die ganze -Pastete von Anfang bis zu Ende – alles, was geschehen -und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war, -mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -– und daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins -Haus setze und daß die junge Frau Egidi gesagt habe, ihr -Mann werde ihn fordern, und daß er selbst die harmlosen -Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld erzählt -hätten – und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt -habe auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht -für Küssen gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in -den Mühlbach habe werfen wollen, und daß er tollwütig -geworden sei – und daß die Rätin es sich nicht allzusehr -zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und -man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild -zu gewärtigen habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie -sei, es möge sich stellen, wie es wolle – und daß sie, die -Kummerfelden, von den Mannsbildern überhaupt nichts halte, -was sie auch trieben.</p> - -<p>Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas -im Wege, Zeugen haben sie die Hülle und Fülle, und das -sei in solchem Fall von größtem Wert.</p> - -<p>Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, -denn die Muskulusen hatte die ganze Zeit über -niemand gesprochen, die hatte sich mit ihren Liebesgefühlen -in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte davon noch -gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern -zu teilen hatte.</p> - -<p>»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. – -Mein Gott, für die Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten -sollen, so ein gescheiter, gelehrter Mann! – Es ist wie ein -böser Traum.«</p> - -<p>Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -die arme Rätin saß ganz bewegungslos da, starr und steif, -und ihre großen runden Augen fragten die Wände um Aufklärung. -Sie verstand nichts recht, sie war ganz auseinander -– ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, -als würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte -Fleisch- und Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -– und in diese Situation trat völlig unvermutet, leidlich -harmlos der Herr Rat – und wurde von der Kummerfelden -wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt – und -von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt – und zum -erstenmal in ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« -über ihre Lippen. Sie war verstummt. Und so saßen und -standen sich die drei gegenüber.</p> - -<p>Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, -als er in die richtenden Augen der Kummerfelden gesehen -hatte. – Das waren Augen, wie sie nur auf einem ganz -Gesunkenen ruhen konnten – und da die Kummerfelden -eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles Gesagte -und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles -Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. –</p> - -<p>»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das -aber doch gar nicht!« rang es sich protestierend aus der -Kehle des Herrn Rats los – und nun fing der Rat an -zu erklären – und predigte erst tauben Ohren – aber so -nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung -auf und sie schaute den Rat an – und in ihren -alten lustigen Augen blitzte es auf. Das waren wieder die -Augen der Kummerfelden, die Kirchenfenster, mit denen sie -den verworfenen Rat angeschaut hatte, mochten nur so eine -Art Kraftleistung gewesen sein. –</p> - -<p>»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -– haben gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -– na ja – gewissermaßen in gewissen Fällen schon. -Freilich, wenn Sie sie alle so geküßt haben wie mich – dann<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -glaub' ich's schon eher – dann schon. Aber wer küßt denn -auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen kann so ein -gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern -schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen – -wundert mich.«</p> - -<p>Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.</p> - -<p>»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich -alte Gans!« rief sie ein Mal über das andre Mal, »daß ich -mit den andern Weibsbildern Ach und Weh geschrieen habe! -Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«</p> - -<p>Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte -die blinkende Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller -und Kuchen und Tassen und das Zuckerdöschen.</p> - -<p>Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer -gewesen, urgemütlich, und auch die Erstarrung der armen -niedergedrückten Rätin löste sich – und das erste Zeichen -eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz unglaublich -betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -– Und darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, -wie nur sie lachen konnte.</p> - -<p>Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, -auf welche Weise der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich -gekauften Garten hatte vertreiben wollen, kam ganz -gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof erzählt und -bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall. – -Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu -würdigen, der Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen -Leute hatten überhaupt Vertrauen zu ihm und ließen sich -nun bei jeder Gelegenheit von ihm beraten, brachten ihm -ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne werden -lassen sollten.</p> - -<p>Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und -weshalb der Herr Rat die Frauenzimmer geküßt hatte, -herumgekommen war, seinen Spaziergang machte, der ging<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius -wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten -Freunde und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und -in den Garten, um zu zeigen, daß sie in keiner Weise etwas -gegen den Herrn Rat hätten, und in dem alten Garten, -ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend vorausgesehen -hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende statt -– Versöhnungsfeste.</p> - -<p>Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter -Mann sein und doch dem Leben gegenüber ein rechter Esel -bleiben könne – und daß selbst dem gescheitesten Manne -die Frauenzimmer immer über sind und über sein werden, -denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts -– nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_die_Enkelin_der_Ratsmaedel_zum">Wie die Enkelin der Ratsmädel zum -Blaustrumpf wurde.</h2> -</div> - -<p class="chap">Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott -und die Menschen, fühlte weder Unruh' noch Erregung, -weder Hoffnung noch Verzagen, aber hatte eine Art Zuversicht -und wußte wohl weshalb. Ein günstiges Schicksal -umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da -kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.</p> - -<p>An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, -dessen Kern fürs erste auch nicht verraten wird, denn, wer -weiß, vielleicht steht sie noch unter dessen Schutz – und -Schweigen ist eben bei jedem Zauber die Hauptsache.</p> - -<p>Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, -ließ ich es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten -gedruckt wurden; hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb -versucht, ein Zufall brachte es zuwege, ein Zufall -machte mich zum Blaustrumpf. Von der schwerwiegenden, -wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte ich -nichts – nicht das Geringste.</p> - -<p>Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!</p> - -<p>Ich fühlte mich so froh – so unbedacht!</p> - -<p>Was ich that, das war gethan – das stand mit dem, -was andre thaten, in keiner Verbindung. Ich empfand mich<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -als Wesen für sich und verglich mich ein für allemal nicht -mit andern.</p> - -<p>Ich las über meine in die Welt geschickten Träume -viel Gutes – und wunderte mich.</p> - -<p>Unzufriedenes natürlich auch, – selbstverständlich.</p> - -<p>Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das -stärkt die Persönlichkeit.</p> - -<p>Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie -mir in irgend etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; -als ich aber sah, welcher Wirrwarr daraus entstehen -würde, wenn ich auf alle hören wollte, da kein Urteil -mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes und -Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man -hören? Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der -andre sagt, gewöhnlich wieder auf mit dem Gegenteil, und -der Dritte wieder, was der Zweite sagt. Und was ist nun -das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von dem man -sich überzeugen lassen soll?</p> - -<p>In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde -eines eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend -gewürdigt.</p> - -<p>Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen -Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem -Sessel zwischen ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten -Gesellschaft einen Vortrag hält.</p> - -<p>Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein -Marabustorch, das Symbol der Weisheit.</p> - -<p>Was aber haben seine langen Beine und der spitze -Schnabel dem Marabu genutzt? Gar nichts.</p> - -<p>Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele -des Künstlers vertieft und hat gefunden, daß der Künstler -mit einem vortrefflichen, sachgemäßen Humor eine Löffelgans -hinter diese weibliche Wissenschaft gesetzt hat.</p> - -<p>Was konnte er Besseres tun?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p> - -<p>Wie stimmt das alles!</p> - -<p>Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! -Wissenschaft personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! -Was wird sie lehren? Die Löffelgans hinter ihr gibt die -Würdigung dessen, was sie lehrt.</p> - -<p>Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in -die Intentionen des Künstlers hinein.</p> - -<p>Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie -der Künstler sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans -begnügt hat, die ja vollkommen genügt hätte, den Wert -eines Frauenzimmers auszudrücken. Durch des Kritikers -Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge. Er -nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«, -Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. – -Solches beweist, daß dem Marabu seine langen Beine und -sein spitzer Schnabel nichts nutzen, wenn der Kritiker seine -Augen und sein Verständnis schon auf die Löffelgans gespitzt -hat.</p> - -<p>Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der -Täuschung, sein Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen -den sich nichts sagen läßt, und der nichts zu wünschen -übrig läßt.</p> - -<p>Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und -eine Löffelgans dickgedrungen und kurzbeinig.</p> - -<p>Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige -Marabu ist eine kurzbeinige Löffelgans.</p> - -<p>»Marabu,« sagt der Künstler.</p> - -<p>»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält -natürlich in den Augen aller Einsichtigen recht.</p> - -<p>»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker -weiter, »ist leider verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, -der Schnabel zu spitz, so daß sie eine gewisse -Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«</p> - -<p>»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<p>»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«</p> - -<p>Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn -der Klügere nicht nachgäbe.</p> - -<p>Und es geschehen noch ganz andere Dinge.</p> - -<p>Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen -lassen? soll nach dem würdigen Schelten oder Loben seinem -Marabu, den die Kritik zur Gans umzaubert, künftighin -kürzere Beine machen, soll betroffen und zerknirscht sein und -sich bessern?</p> - -<p>Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, -so oft überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, -kluge Kritiker es wohl wünschen möchten!</p> - -<p>Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker -und Krittler verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr -übel mitgespielt worden; denn an nichts glaubt man so -gern und so fest als an das Schlimme, das einer von sich -selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber unverdientermaßen -gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von -sich sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich -windig aus; aber unverdient gut ergangen ist ein -grenzenloser Spielraum für alles Wünschenswerte.</p> - -<p>Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis -oft wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen -hab' ich kennen gelernt!</p> - -<p>Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben -dieser Person etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist -es mir, als säße ich in einem bequemen Wagen und führe -leicht und behaglich dieselbe Strecke, die ich einst mühsam -und beschwerlich zurücklegte.</p> - -<p>Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir -mit warmem Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert -hielten zu sagen: Sei unsres Mitgefühls sicher, wir halten -zu dir! Wir haben dich verstanden.</p> - -<p>Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -bekannt sind, mit deren Schicksal ich mich mehr, als es gut -ist, beschäftigte.</p> - -<p>Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre -Leute ungeschoren lassen.</p> - -<p>Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als -ob die Welt nicht Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung -und Unsinn, Krankheit, Thorheit, Lug und Trug, Lachen, -Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und Haß, -solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden -es nicht genug!</p> - -<p>Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, -glauben, es sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, -wenn sie sich zu den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig -auf Erden sinnverwirrend durcheinander wimmeln, noch welche -hinzuträumen, hinzuklügeln.</p> - -<p>Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen -zu Grunde geht, stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, -das genügt ihnen nicht; sie schaffen mit Mühe, Begeisterung, -Qual und Glück, mit ihrem Herzblut Hirngespinste und -sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen, die sie zu -sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze, -die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen -als außerordentlich wichtige Personen.</p> - -<p>Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen -vernünftigen, weitherzigen Menschen.</p> - -<p>Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen -sie leiden, beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie -dies nicht gerecht, sachgemäß und vernünftig betreiben oder -gar vergessen haben, über ihre Käuze ein vollgerüttelt Maß -zeitgemäßer Moral auszuschütten.</p> - -<p>Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben – tödlich -ernst – das ganze Glück der wunderlichen Schöpfer -hängt an dieser großen Thorheit.</p> - -<p>Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -der Urheber dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, -gebrochen, – und wenn es noch so ein gesunder, guter, -braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen und Armen.</p> - -<p>Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« – -aber was auf Erden ist nicht Wahn? Was auf der Welt -thun wir, wobei uns nicht die Sinne umnebelt und verwirrt -sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?</p> - -<p>Sehen wir in irgend einem Ding klar?</p> - -<p>Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges -beurteilen? Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! -Uns braucht es nicht zu kümmern. Wer einmal zu den -Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und was zwischen -Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.</p> - -<p>Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, -mag es offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, -füllt das Leben der Generationen aus, führt sie ihren Weg -bis zum Vergehen, und keine Thorheit ist Thorheit genug, -daß sie nicht ein Menschenleben würdig beschäftigen könnte, -eins oder das Leben von Millionen.</p> - -<p>Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, -der durch das Leben führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil -und Verwirrung den Takt geben, einen ruhigen, praktischen -Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den nämlich: -»Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was -Wert hat.«</p> - -<p>Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren -ist, mögen gelten.</p> - -<p>Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen -er nun einmal, halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern -möchte, wenn er diesen Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe -steckt.</p> - -<p>Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes -zu thun, seine Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. -Ich bin jetzt scheinbar weit abgekommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p> - -<p>Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach -allen Seiten und sehe überall Leute, die mir sehr bekannt sind, -was niemand nach dem eben Gesagten Wunder nehmen wird, -denn diese Leute sind meine geliebten Käuze – meine selbstgeschaffenen -Gestalten, würde ein ästhetisch Gebildeter sagen.</p> - -<p>Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die -Patsche, ein gutes Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme -Nase, oder vielleicht hat er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. -Sein Herz kann das Böse auf der Welt nicht ertragen, -er wird davon zu mächtig gepackt. Salin Kaliske -habe ich ihn genannt.</p> - -<p>Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig -seines Weges gehen lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -– solch ein Kind, wie unser Erlöser eines war.</p> - -<p>Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders -krummen Nase ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen -Geldgier? Weshalb bin ich sparsam verfahren mit der Zuteilung -der allbekannten Attribute?</p> - -<p>Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich -die Ansicht, daß wir in dem lobenswerten Streben nach -Wahrheit uns allzusehr mit dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, -und mehr als je das Beste und Wertvollste achtlos -beiseite lassen.</p> - -<p>Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich -wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. -Ein kräftiger, lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, -ein düsterer, grober Geselle, der in der Todesstunde sich -mächtig verliebt und sterbend den guten Freund um die -Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod -einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.</p> - -<p>Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel -und ein liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht -begreifen kann, daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen -muß, der über seine unglückliche Liebe tobt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p> - -<p>Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er -möchte etwas leisten und schaffen, seiner unerwiderten Liebe -ein Denkmal setzen; doch ist er unbegabt.</p> - -<p>Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und -nichts mehr. Aber er schafft etwas in heiliger Einfalt aus -sich selbst, aus seiner eigenen Schönheit.</p> - -<p>In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein -am hohen Kreuz hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, -lebenatmend, geisterhaft. Davor in angstvollem -Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das zitternd und -erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die -dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.</p> - -<p>Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen -hab' ich auf die Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit -Sünde. Mit diesem für diese Welt sehr thörichten Abzeichen -müssen sie umherlaufen.</p> - -<p>Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, -die voller munteren Streiche stecken, die ihr Wesen -in Weimar treiben, zu Goethes Zeit, und hinter ihnen her -ziehen allerlei Personen aus Weimars goldenen Tagen, die -Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute aus der -Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche -Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen -Töchtern, die eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde -der Welt auf sich nehmen, mit eigenem Leid fremdes heilen, -diese stille, große Anne! Und ihr braver Bräutigam! Welche -Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit! Das sind -nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber -es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.</p> - -<p>Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, -schwachsinnig vor Behagen. Das sind die verspielten Leute!</p> - -<p>Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in -ihrer Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, -flachen und wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -mit ihrer wattenen Herzensgüte – das sind die rechten, -schlimmer wie Raubtiere; wohlversorgt leben sie, essen gut, -trinken gut, sind gesund und wohlgestellt – Ehrenmänner -– Ehrenfrauen – aber aufgepaßt!</p> - -<p>Hütet euch vor ihnen!</p> - -<p>Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. -Der alte Apotheker mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche -Apothekergehilfe, der jeden Todesfall voraus weiß. -Sperbers, die Gutsbesitzer in ihrer köstlichen Hülle und -Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom Nachtwächter -schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der Nachtwächter -nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.</p> - -<p>Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, -in ihren köstlichen Gärten! O, welches Behagen! Ich -denke an den alten Doktor Tiburtsius in den Kußwirkungen, -der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen runden, -kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen -Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem -duftenden, Grün strotzenden Garten verbringt – und wie -er dann später entdeckt wird! Und daß ich es nicht vergesse, -Goethe und Karl August sind auch dabei unter diesen -alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut auch, -und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame -Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der -Kummerfelden, ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.</p> - -<p>Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch -anmarschiert, und Franz Horny und Schillers Sohn, die -Kameraden der wilden Ratsmädel, die der alten Jüdin alle -weimarischen Esel über den Hals gejagt haben – und das -dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das -katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit -kommt, das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten -Leben neidlos steht – und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, -der seine schauervolle Johannisnacht mit seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -süßen Bräutchen, dem würdigen katholischen Geistlichen, den -glotzenden Hausleuten und dem Tod oben unter dem Dachraum -des uralten Hauses zu Ende feiert.</p> - -<p>Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« -heißt, seh' ich dort – und ich rufe: O, du meine arme -kleine Olly! Du weißt es, wie bitter schwer das Weib zu -tragen hat, wenn es mit ganzer Seele die Kunst liebt – -und jung ist und leben möchte – und aus einem Zärtlichkeitstraum, -aus so einem weichen, weichen Traum in der -Ehe erwacht.</p> - -<p>Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei -dir daheim sonderbar zu! Mit welchem Lärm und Getöse -rangierten die hyperästhetischen Naturen, die aus der Kunst -doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem -Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein -und feurig geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem -Haushalt!</p> - -<p>Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!</p> - -<p>Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht -und Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen -Herzen!</p> - -<p>Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, -am Besten hier auf Erden teilzunehmen!</p> - -<p>Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet -mir – Dorothea in »Reines Herzens schuldig«. Sie ist so -ganz in Liebe erwacht, in heißer Liebe – und muß in einem -Leben verschmachten, das ihr nichts bietet, kein Glück, auch -nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.</p> - -<p>Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und -hoffte, dies Buch würde von guten Menschen gelesen, die -sich mit dem Gedanken trügen, wie man den Vernachlässigten, -Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein die arme Dorothea -Zeugnis gibt, helfen könnte.</p> - -<p>Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -meiner größten Freude erfahren – und ich sehe nicht ein, -weshalb ich nicht ein wenig prahlen soll, weshalb ich nicht -ein paar von jenen Briefen und Zeilen hier wiedergeben -soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten und -sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten -ins Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen -Lebensabriß lesen, doch auch eine Ahnung bekommen, was -für ein glückliches Menschenkind ich bin.</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="right"> -»Berlin … Reichstag.<br /> -</p> - -<p>Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes -gar nicht. Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal -hintereinander. Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. -Sie sprechen einmal: ›Wenn du den Dichter findest, -dem es gelungen ist, das tiefste Leiden versöhnend darzustellen, -den halte fest wie einen Freund.‹</p> - -<p>Möge Ihnen – in Leben und Kunst – das hohe Ziel -zu teil werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und -eines Mozart!«</p></div> - -<p>Ein andrer Brief:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. -Ich habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe -von Ihnen. Jedes Wort eines Dichters, das mir seine -Seele offenbart, nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares -Geschenk entgegen. Nicht viele geben so viel wie -Sie. Eines Abends, wenige Tage vor dem Fest, las ich -Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr übermächtiges Empfinden riß -mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle auszusprechen, begeisterte -mich. Zugleich dachte ich mit Bangen an das Schicksal dieser -Bücher; mir war's, als sähe ich sie schutzlos in der Welt -umherirren; ich wünschte innigst, daß sie zarte Finger und -warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch Ihre Dorothea -wird nicht oft verstanden werden; die freie Menschlichkeit hat -so wenig Raum in dieser verschnörkelten Welt.«</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<p>Und noch ein <em class="gesperrt">dritter</em> Brief von einem Arzt.</p> - -<div class="blockquot"> -<p class="center"> -»An die Schriftstellerin Helene Böhlau.<br /> -</p> - -<p>Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, -wie Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte -im Bunde sein; auf mich ist von dem Glücke übergegangen, -das zwischen den beiden erstehen durfte. – Das will ich -nicht vergessen und Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich -zu den zwei Menschen führten, bei denen ich rein und gut -sein konnte.«</p></div> - -<p>So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende -gebracht und könnte noch ein ganzes Weilchen fortfahren, -doch möchte ich nicht, daß jemand meine Skizzen unmutig -aus der Hand legte, und ich will mir meine Freunde erhalten.</p> - -<p>Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht -zu den trübseligen. Ich habe sie ausgespickt mit allerlei -lustigem, freundlichem und thörichtem Volk. Da ist ein Herr -von Bublitz, ein fetter Schlingel, der dem Wohlthätigkeitssport -obliegt, da ist ein prächtiger lustiger Onkel, schöne -Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche Hochzeitsgesellschaft, -die des Guten zu viel gethan hat.</p> - -<p>Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus -Stambul, wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner -Umgebung, alles wächst und blüht und duftet und leuchtet, -und die Menschen wachsen und blühen mit und werden freudig -und gesund. Es sind gar liebe Leute, die »im frischen -Wasser«.</p> - -<p>Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den -andern, dem guten Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit -seiner kleinen überspannten Käthe.</p> - -<p>Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden -miteinander. Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -Herrn ein Lebtag im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im -Alter zu einem Landhaus und köstlichen Garten, so daß das -schwärmerische Persönchen in einer Glücksfülle steckt, die sich -ganz wunderlich ausnimmt. Ein widerwärtiger, langbeiniger -Ladenjunge schleicht hinter der kleinen Alten her, trägt ein -Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als Buchzeichen -steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.</p> - -<p>Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, -Leute, die mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. -Laßt es euch sagen, vom alten Kutscher Jermak, wie er über -seine Herrin denkt, über ihr Kindchen, wie er von den verlassenen -Mädchen spricht, von Gott und der Welt, den Popen, -den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn -im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der -Schwester Jekatherina, spricht.</p> - -<p>Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, -diese herbe, vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine -Frau, in der der Geist mächtig wurde, eine Herrin des -Lebens. – Und Christine, du Reine, auf dich kam die -größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der gebildeten -Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach -hat noch jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. – -Dich nicht!</p> - -<p>Frei hältst du dein Kindchen im Arm.</p> - -<p>Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen -über dir; aber in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf -sonnig klar geworden. Auch du bist Herrin geworden, dein -Kind ein Königskind – das Kind des freien, ungebeugten -Weibes.</p> - -<p>Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden -hast? dem Manne aus dem Volk, dessen Gesicht -immer zur Erde gekehrt ist, und doch so heiter blickt wie -der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir, dem armen -gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -den Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. – Nicht wahr, -er hat dich und dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, -in seinem Haus warst du frei und unbescholten?</p> - -<p>Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren -menschlicher. – Bei ihnen hatte das Weib schon gesiegt.</p> - -<p>Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen -anempfehlen. Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu -verstehen. Sie sagen auch viel mehr, als es auf den ersten -Blick scheinen möchte – viel mehr. –</p> - -<p>All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind -der Ausdruck eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, -der Ausdruck einer Seele, die durch Schweres ging, die -Schweres kannte und fühlte, die aber im tiefsten Grunde -glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste Glück -zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der -in seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem -Wissen und seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer -wunderbaren Fülle sie belehrte, dem sie alles dankt – auch -alles Glück auf Erden, Freund, Lehrer, Gemahl zugleich – -und jede Stunde segnet sie, die sie beisammen sind.</p> - -<p>Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so -glücklichem Leben, mich mit solchem Volk zu befassen?</p> - -<p>Ich begreife es heut noch nicht.</p> - -<p>Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe -solch ein Kauz sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken -sollen, – denn ich war so faul, so wundervoll faul!</p> - -<p>Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, -denn sie war charaktervoll diese Faulheit – sie war etwas! – -Da gab es nichts auf Erden, was mich hätte zu irgend einem -Fleiß anspornen können.</p> - -<p>Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt -werden sollte, sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel -zu klein,« und blieb bei dieser Meinung und lernte keine -Verslein wie andre brave Kinder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen -Kindern während ein paar Vormittagsstunden das Spielen -gelehrt wird, auf Kommando in Reih und Glied; ich sollte -alles genießen, was die Zeit einem jungen Menschlein bietet. -Aber diese ernste Spielmaschine erschien mir abschreckend; ich -empfand eine Scheu vor den schon abgerichteten Kindern, -die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu singen, die es -verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den -Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt -und getadelt wurden. Das alles geschah in einem -dämmerigen, staubigen Raum, es war <span id="corr136">mir</span>, als würden da -schreckliche Dinge getrieben.</p> - -<p>Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, -die mich beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen -Eindruck. Sie drückten mir eine Puppe in die Arme, eine -fremde, mir sehr widerliche Puppe in einem Ballkleid mit -einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie ich sie mir -nicht dummer vorstellen konnte.</p> - -<p>Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde -und sagte, daß man nur Kinder tragen könne, keine großen -Leute, die Puppe wäre eine alte Frau.</p> - -<p>Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in -einen Kreis treten, den die Spielschüler bildeten, und solle -so thun, als grübe ich im Sande und pflanzte eine Blume, -dann solle ich mich anstellen, als nähme ich einen Rechen, -damit der Sand wieder geglättet werden könnte. Die Kinder -würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles ausführen, -ich hätte es nur nachzumachen.</p> - -<p>Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, -die Kinder erschienen mir immer unheimlicher, das ganze -Thun immer sinnloser, die Stube immer düsterer; da sah -ich eine Thür offen, lief schreiend hinaus, die Treppe hinab, -hinter mir her die Lehrerin; ich war aber flinker.</p> - -<p>Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -brachte niemand es dahin, mich zu einem zweiten Besuch -dieses unheimlichen Instituts zu bewegen.</p> - -<p>Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich -war ein zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte -mit meinen zwei Schwestern den ganzen Tag in unserm -hübschen Garten, hatte meine wundervolle dunkle Ecke unter -einem Holundergebüsch, in die verkroch ich mich, und stundenlang -harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es mir da -unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene -Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, -ein Löwe oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging -mir die Zeit aufs angenehmste.</p> - -<p>Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß -es unmöglich sein würde, aus der Schule auszureißen. Das -war mir schrecklich zu hören.</p> - -<p>»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der -Kindergarten lebte mir in düsterster Erinnerung. Und ich -kam in die Schule. Der Lehrer verkündete mir, daß ich ihn -»Sie« zu nennen hätte.</p> - -<p>Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte -nach, weshalb ich dies thun sollte, und vergaß es darüber; -ich konnte mich auch in die Schule nicht hineinfinden.</p> - -<p>Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch -nicht im geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in -den untersten Klassen benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, -machte mir Spaß, da war ich dabei.</p> - -<p>Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.</p> - -<p>Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, -wenn der Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren -Weg durch die Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche -Langeweile, ich hätte weinen mögen. Da kam ich auf einen -glücklichen Gedanken: ich stellte mir vor, in unserm Garten -in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt auf der Schulbank, -stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im Grünen<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue -Luft blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, -wußte er natürlich nichts, wie es auch einem guten Hasen -zukommt, und das erwies sich als sehr übel für seinen Ruf. -Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme Hase sollte -sagen, aus was der Mensch besteht – und blieb die Antwort -schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und -keck um ihn her in die Höh', ein ganzes Feld, und nickten -und schnickten, und die Bravste sagte im schulgemäßen Ton: -»Aus Leib und Seele.«</p> - -<p>»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte -hinzu: »aber die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten -alle, und der Lehrer verwies mir solch dummes Zeug.</p> - -<p>»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer -unwahr.«</p> - -<p>Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem -Lehrer eine längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte -wissen, was die Seele ist, wollte erfahren, woher man weiß, -daß man eine hat, wollte wissen, weshalb die Märchengeschichten -unwahr und die biblischen wahr sind.</p> - -<p>»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.</p> - -<p>»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer -freilich so dumm ist, wie du, hat keine.«</p> - -<p>Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar -nicht weshalb; aber es war mir angenehmer, zu denken, daß -ich keine Seele habe. Es schien mir einfacher und besser, -und gerade weil die andern alle eine hatten, gefiel es mir, -keine zu haben.</p> - -<p>Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte -mich wieder in den Hasen.</p> - -<p>Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, -mich über die Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, -erging es mir oft übel.</p> - -<p>Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -desperat an den Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. -Ich aber, wild, bös und wütend, fahre mit beiden Händen -in das Tintenfaß, das in die Bank eingelassen war, halte -mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich nicht an, -rühr mich nicht an!«</p> - -<p>Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte -nicht Lust haben, nähere Bekanntschaft mit meinen beiden -schwarzen Tintenhänden zu machen – und ließ mich unangefochten -sitzen. Die Mädchen aber flüsterten untereinander: -»Die ist klug, die ist doch schlau.«</p> - -<p>Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus -dem Munde der Kameradinnen mir sehr wohl that.</p> - -<p>»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie -nichts einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, -daß man mit Hochachtung mir behilflich war, die Spuren -meines siegreichen Kampfes unschädlich zu machen.</p> - -<p>Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen -Schullaufbahn.</p> - -<p>Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich -mit mir; in der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine -sanftere Art mit mir zu sprechen angenommen, als mit den -andern Mädchen; aber es war nicht das Rechte. Ich war -und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg aufzuweisen. -Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd -zurück.</p> - -<p>Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es -sah so unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte -in erschreckender Weise vor.</p> - -<p>Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen -mußte, und der Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann -dir's nicht erlassen, du mußt mit dableiben.« Ich beschwor -ihn, ich bat ihn, ich küßte seine Hand.</p> - -<p>Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« -Und so blieb es.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte -mich zerbrochen, fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu -tragen, so tausendfach ich sie verdient hatte. Als ich nach -Haus kam, stand meine Mutter an der Treppe und reichte -mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte mich -kommen sehen.</p> - -<p>Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich – ich -zitterte; ich hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -– aber es ging nicht, ich brachte mein Unglück -nicht über die Lippen. Die Güte meiner Mutter rührte mich -unbeschreiblich – und ich nahm die Himbeeren, mit denen -sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen -und verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. -Ja, hätte ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, -nachdem ich das Gute genossen – das erschien mir abscheulich, -trotzdem alles in Angst und Verwirrung geschehen war, -ohne daß ich recht wußte wie.</p> - -<p>Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die -schlimmen Angelegenheiten für immer zu verschweigen.</p> - -<p>Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht -darunter. Ich grämte mich – aber ich konnte nicht reden -– ich wurde kränklich – krank und bekam nach einiger Zeit -ein Nervenfieber.</p> - -<p>Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen -Eindruck, der sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. -Ich sah einen kleinen Holzschnitt; durch Zufall kam er in -meine Hände. Auf diesem Holzschnitt war der Tod als -Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer schritt. -Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte -ihn an.</p> - -<p>Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; -ich fiel bewußtlos zusammen.</p> - -<p>Es war niemand zugegen, als mir dies geschah – und -niemand, als ich wieder zu mir kam; ich konnte mich vor<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -Grauen, Furcht und Schwäche nicht erheben. Das schreckliche -Bild war wie eingebrannt in meine Seele.</p> - -<p>Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. -Die ganze Welt erschien mir unheimlich und entsetzlich.</p> - -<p>Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man -da leben? Wie konnten die Leute noch lachen?</p> - -<p>Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -– Nun aber hatte ich ihn gesehen.</p> - -<p>Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung -verwandelt.</p> - -<p>Und wieder mußte ich schweigen – ich konnte nicht -reden, fürchtete mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. -Mir war, als müßte dann die abscheuliche Gestalt sogleich -ins Zimmer treten.</p> - -<p>So hatte mein armes Herz viel zu tragen.</p> - -<p>Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, -und das Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der -Tod ist, vernichtete mich fast.</p> - -<p>Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, -nur weiß ich, daß, als ich wieder aufgestanden war -und nicht mehr gehen konnte, ich mich darüber verwunderte -und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.</p> - -<p>In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam -bei einem guten, freundlichen Manne Unterricht mit -noch einem Mädchen. Unser Lehrer hieß Herr Bräunlich.</p> - -<p>Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war -ein behaglicher Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel -in Form kleiner, netter Geschichten vorzuführen; -aber immer noch schlief mein Lerneifer und war auf keine -Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.</p> - -<p>Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern -Stunden teil, vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. -Ich blieb mit aller Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb -sollte ich es ihnen gleichthun? Ich sah den Zweck nicht ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span></p> - -<p>Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. -Die Mädchen wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer -am glänzendsten beweisen sollten. Wir hatten frei, uns die -Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu wählen. Da überboten -sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen. Kein -Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für -sie geschaffen – die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts -lang genug sein.</p> - -<p>Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu -traurige Lieder.</p> - -<p>Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie -hatten nicht unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich -liebte diese kurzen, traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom -Tode kannte und die schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll -empfunden hatte, erschien mir das Leben nicht mehr harmlos -und heiter. Ich liebte es nicht mehr, allein zu sein, -ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging – die Träume -brachten mir schlimme Erscheinungen – und das Bild des -Todes stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene -oder gedruckte Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern -bringen.</p> - -<p>»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich -wieder einmal ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich -gefunden und leidlich gelernt hatte.</p> - -<p>Ich führte ein freies Leben – täglich nur eine Unterrichtsstunde -und diese wurde zur Sommerszeit im Garten -gehalten. Herr Bräunlich verschmähte es nicht, als wir zur -Heuzeit ihm einen großen Haufen Heu aufgestapelt hatten, -auf diesem Platz zu nehmen und so seinen Unterricht zu -erteilen.</p> - -<p>Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte -Zigeuner- und Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem -Kasten das tollste Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, -Säbel, Decken, Mützen mit wallenden Hahnenfedern; wir<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -besaßen prächtige Dinge. Wie in den Unterrichtsstunden, -spielte ich auch bei den Spielen eine sehr untergeordnete -Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und -es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin -sein, oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es -zufrieden und strebte nicht nach Höherem. Ich wußte auch, -ich taugte zu nichts.</p> - -<p>Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, -bevor der Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr -dankbar und machte keine weiteren Ansprüche.</p> - -<p>Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im -Eifer drängte sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, -und that sich wichtig.</p> - -<p>Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu -vortrefflich, als daß ich mich ihnen hätte anschließen können. -Sie kamen mir mehr oder weniger selbst wie Schulmeister -vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl vor ihnen los.</p> - -<p>Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause -machten mir einen vertrauenerweckenderen Eindruck und waren -auch samt und sonders meine Freunde, mit denen ich mich -bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters und sommers. -Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann, -Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den -Verfolgern um die Häuser huschen, das war etwas! Und -wenn mich ein Mädel mit zu ihrer Mutter nahm und ich -im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend essen -durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein -und warm!</p> - -<p>Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig -lehrte, war zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, -ein Würdiger kommen, einer, der uns in die höheren Wissenschaften -einzuführen hatte.</p> - -<p>Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich -ersetzen können, der in mein Censurenbuch jedesmal zu<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -Weihnachten schrieb: Helene war gut; aber gar nicht fleißig, -hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist und im -Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, -denke ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren -wie den Schwestern und ihr die schlechten Fortschritte nicht -nachtragen.</p> - -<p>Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr -Bräunlich meine schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr -für Jahr, wenn ich sie meinem guten Vater vorzeigen mußte.</p> - -<p>Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, -mich exemplarisch zu strafen.</p> - -<p>Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich -Prellers, und zwar wie immer gegen Abend; es war zur -Winterszeit, also schon völlig dunkel.</p> - -<p>Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas -Anheimelndes – und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine -Laterne und eine große Anzahl Wachslichter.</p> - -<p>Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern -auf den Weg. Ich zündete sie schon in der allerersten -Dämmerung an, und es war mir wenig störend, wenn die -Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten. Ich -fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem -war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit -mich überraschen konnte.</p> - -<p>Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen, -die sie immer erneuerte, mir geschenkt.</p> - -<p>Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war. -Ich hatte es ihr vertraut, daß die Dunkelheit mir das -Schrecklichste auf der Welt sei. Da hat sie mich ausgelacht; -aber tags darauf hatte ich mein Laternchen.</p> - -<p>So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde.</p> - -<p>Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am -Ende der Stunde sagte er mit einem Mal feierlich zu mir<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -gewendet: »Für deine jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit -muß einmal eine Strafe kommen. Du gehst heute -abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause bringe. -– Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an -deinen Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich -zu bessern.« Das traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis -ins innerste Herz; aber ich verhielt mich vollkommen ruhig. -Ich wollte den Mädchen nicht die Freude machen, daß sie -mich unglücklich sähen.</p> - -<p>Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den -Weg machten, blieben die andern zurück. Ich zündete stumpf -und verzweifelt mein Laternchen an.</p> - -<p>Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem -Fuß auf und murmelte: »Diese Dummhüte.«</p> - -<p>»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich.</p> - -<p>»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich.</p> - -<p>»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz -gute Mädchen.«</p> - -<p>»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie -mich auslachen!«</p> - -<p>Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause -Friedrich Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und -ehe wir noch aus der Thüre waren, kam er selbst, seine -schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die Stirn gezogen.</p> - -<p>»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein -altes bedeutende Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit -strahlen.</p> - -<p>»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei -mir absitzen, Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.</p> - -<p>»Ja, in drei Teufels Namen!« – der alte Preller liebte -solche kräftige Ausdrücke – »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? -Ja, es mag ein schweres Stück sein, mit solchen -Mädels fertig zu werden. Machen Sie's nur gnädig, das -Lenchen ist kein böses Mädchen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p> - -<p>»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber -das Abscheuliche an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul -ist. Dabei ist sie nicht so arg dumm und könnte alles besser -machen; aber sie rührt sich nicht.«</p> - -<p>»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig -muß man sein. Was denkst du denn – gottlob, daß du -kein Junge bist!«</p> - -<p>Ich war tief beschämt – an dem alten herrlichen -Preller hing mein ganzes Herz. Er war so gut mit mir. -Ich hatte das große Glück, wenn er abends still seine -wundervollen Studien und Skizzenbücher und Zeichnungen -durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen, -um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und -Andacht.</p> - -<p>Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! -Verzweifelt ging ich neben Herrn Bräunlich die dunkle -Belvedere-Allee entlang. Mein Laternchen leuchtete mir -und ihm.</p> - -<p>Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich -es nie zu Hause gestehen würde, was mich getroffen, und -noch einmal solch eine Schmach verschweigen, ging auch nicht. -Es war beides unmöglich. Beides wollte ich nicht. Also blieb -nur ein drittes übrig. Das war einfach und überstieg meine -Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß -Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja -Beine – und was für flinke. Gottlob! dachte ich.</p> - -<p>Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß -gefaßt, und als wir an den Alexanderplatz kamen mit -seiner herrlichen Wiese und dem großen Taxusbusch darauf, -da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie das Laternchen -Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht war. -Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die -Wiese entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen – -und schnaufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<p>Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um -denselben herum.</p> - -<p>Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben, -mich zu fangen; aber das Laternchen war flinker, als er -glaubte.</p> - -<p>Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich -genähert hatte.</p> - -<p>Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen, -wenn er mir noch weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof -laufen.</p> - -<p>»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er -pustend. »Mach, was du willst – aber schlecht ist's von dir!«</p> - -<p>»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich -von weitem und stand still, als ich sah, daß auch er still -stand – »und sagen Sie's Papa nicht.«</p> - -<p>»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend, -»es sei dir geschenkt, ich sag's auch nicht.«</p> - -<p>»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie -mir auch noch sagen!«</p> - -<p>»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach -Hause kommst.«</p> - -<p>Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht -und zufrieden, es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich -ging stolz im Gefühl meines Sieges durch die Straßen.</p> - -<p>Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die -Strafe abgelaufen sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu; -da sagte er mir, daß ich es nicht übel gemacht habe. -»Es ist immer gut,« meinte er, »wenn man sich zu helfen -weiß.«</p> - -<p>Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde.</p> - -<p>Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter, -ein andrer auf.</p> - -<p>Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der -ganz unzweifelhaft ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -und wurde von mir gründlich und andauernd gehaßt. Er -mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man ihm, dem -ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen -wie mich zu unterrichten, und behandelte mich danach.</p> - -<p>Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung -und Spott. Tiefer und tiefer sank ich in den Augen -meiner Mitschülerinnen und erschien mir selbst wie ausgestoßen -aus der menschlichen Gesellschaft. Mir fiel in einer -der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und ich erkundigte -mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der -ein behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern -verstand, auf mich ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich -mit Ihnen verkehrt – das hat aber jetzt bei mir ein Ende« – -und es war zu Ende.</p> - -<p>Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum -Unterricht, so hatte ich die Empfindung, als befände ich mich -die Zeit über vor der Mündung einer geladenen Kanone, -die jeden Augenblick losgehen konnte.</p> - -<p>Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem -Weg zu dem gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit -neidischen Augen an. Die Verantwortung, Mensch zu sein, -war mir sehr drückend. – Wie gern hätte ich mit so einem -munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen Hunde -oder mit jeder Katze.</p> - -<p>Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen -Stein in einen Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich -mit heiler Haut wieder heraus, so will ich dankbar den -Stein mit mir nehmen und zum Angedenken aufbewahren. -Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an, -denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den -Stein aus Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende -gegangen war, jedesmal mit mir.</p> - -<p>So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an -Gnade bei Gott und den Menschen, sondern sank tiefer und<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -tiefer in der Achtung aller derer, die über meine glänzenden -Erfolge unterrichtet waren.</p> - -<p>Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der -Angst und Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht -gewöhnlich befand, meinen ganzen Haufen trauriger Hefte -bei einer unserm Haus befreundeten Familie hatte liegen -lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die Hefte, -meine greulichen Hefte! – Wie mich das durchfuhr!</p> - -<p>Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden -es thun. Das war mir ganz sicher.</p> - -<p>Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg, -sie mir wieder zu holen, wie langsam schlich ich die Treppe -hinauf, wie zaghaft zog ich die Schelle! – Und was stand -mir bevor!</p> - -<p>Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst -die Thüre, eine ganze Schar mir sehr würdig erscheinender -Damen, Gott weiß, wer noch dabei war. Sie ließen mich -nicht herein, sondern öffneten nur halb und reichten mir mit -der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen: -»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren -stellten sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg -mich sehen und mir gute Lehren geben zu können. Ich war -wie vernichtet, wütend zum Zerspringen; aber ich nahm die -einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im Herzen -zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als -die Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich -lief davon, und meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen -die übrigen Herrlichkeiten die Treppe hinab nach. Sie ahnten -wohl nicht, was sie mir anthaten – fast sinnlos vor Verzweiflung, -Wut und Schande, sammelte ich meine Habseligkeit -ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten -Augen nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue -Hefte zu kaufen und die alten zu verbrennen. Es reichte -nicht; aber ich verbrannte sie dennoch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p> - -<p>In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen -Aufsatz gab: Die Vorzüge des Menschen vor dem Tiere.</p> - -<p>Dabei schien mir wenig Witz zu sein – und ich beschloß, -das Gegenteil zu behandeln: die Vorzüge des Tieres -vor dem Menschen. Das leuchtete mir weit mehr ein, und -was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter mehr oder -weniger, darauf kam es mir nicht an.</p> - -<p>Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten, -machte meinem Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig, -stand vor lauter Wonne auf einem Bein während des -Schreibens, pfiff und war der besten Dinge.</p> - -<p>Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben, -es kam mir immer Neues in die Finger. So war das -Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn es sich immer um -Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei -sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und -Namen, Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und -Hirn beschweren mußte, da konnte man nicht verlangen, daß -ein vernünftiges Geschöpf sich daran mitbeteiligen sollte!</p> - -<p>Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller -Gemütsruhe und erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer -Verachtung von dem Gestrengen zurück. Er durchbohrte -mich mit majestätischen Blicken – sagte mir, daß sich derjenige, -welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln -Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben -nicht einmal bemerkt, daß das gestellte Thema verändert -wurde – übrigens sei dieser Aufsatz vortrefflich, und er -hätte ihn in seiner Ersten Klasse vorgelesen, habe dabei aber -bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine ungeschickte und -faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten lassen, -um damit einen Betrug auszuführen.</p> - -<p>Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam -aber wieder einen majestätisch verächtlichen Blick, der -mir Schweigen gebot.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p> - -<p>Und ich schwieg – ich war zufrieden, stolz und beglückt; -was der Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen -gleichgültig, er hatte sich bei mir durch Poltern und -Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt. Es kamen jetzt öfters -Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen war: Gut, -aber nicht selbst verfaßt.</p> - -<p>Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier. –</p> - -<p>Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten -Eltern wohl meinten, daß mir ein religiöser Halt im Leben -wohlthäte, sollte diese Zeit der Konfirmation mir besonders -zu Herzen gehen.</p> - -<p>Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter.</p> - -<p>Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden -Elternhaus und all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll -»Heimischen« erträglich überwunden war, fand ich mich -in einer wahrhaft beglückenden Umgebung. Alle waren unbeschreiblich -gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte mich; -sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde, -eine Jean Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen -zugeneigt, dem Humor zugänglich, lebhaft und -schön.</p> - -<p>Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei -markig, kräftig und heiter.</p> - -<p>Im Haushalt ging es frei und ländlich zu.</p> - -<p>Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein -ganzes Herz ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem -Gelerne, Aufgesage fiel weg. – Mein Pastor plagte mich -nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir unterhielten uns, er -hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen, wir -kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch -einmal, daß er aufstand, an den Bücherschrank ging und den -Faust herausholte.</p> - -<p>Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er -begann zu lesen. Er las lebhaft und hinreißend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich -die Thür, und die Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie -hörte, was hier vorging, mit offenem Munde in der Thür -stehen.</p> - -<p>»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja -Religionsstunde halten – das ist nicht recht von dir – das -ist nichts für das Kind.«</p> - -<p>»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte -mein Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen -kannte den Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und -schlug das Buch zu.</p> - -<p>Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück -halte – »und du hast es nun ja auch nachgeholt,« -sagte sie.</p> - -<p>Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin -und las mir, jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche -vor, das die Geschichte der Märtyrer poetisch behandelte. -Zu diesen Vorlesungen fand sich eine alte nette Dame -ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der Märtyrer -mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau -Pastorin saß manchmal wie verklärt da, und die alte -Dame auch.</p> - -<p>Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche, -gottbegnadete Zeit gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres -vorstellen könnte, als als Märtyrer zu leben und -zu sterben.</p> - -<p>Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte -zu sagen, daß es jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe.</p> - -<p>»Leider, leider – nein!« rief die alte Dame schmerzlich -aus.</p> - -<p>Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten -Heiligen, dachte mir immer, wie schrecklich es sei, daß sie -sich bis zu Tode quälen ließen mit der schönen Aussicht, -dann in einen wundervollen Himmel zu kommen – und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten – so etwas -fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung -in mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse.</p> - -<p>Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in -mir gespürt, dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was -andre Leute mit solcher Bestimmtheit in sich vermuten und -wissen und mit aller Energie verteidigen. Ich dachte damals -nie darüber nach. Wenn ich mich abends niederlegte, -sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts -von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich.</p> - -<p>Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte: -Einen Augenblick bewußtlos – eine Ewigkeit bewußtlos!</p> - -<p>Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten -Käthe im »Herzenswahn« in den Mund gelegt – hatte aber -meine Lust zum Grübeln mit diesem Worte beruhigt und -war völlig zufriedengestellt.</p> - -<p>Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an -meinem Religionsunterricht zu finden.</p> - -<p>Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends -mit Holzpantoffeln durchs Dorf, die Kinder im Haus, die -Mädels in der Nachbarschaft waren mir willkommene Kameraden. -Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal früh -auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und -ging mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim -Schulmeister seinen schwarzen Talar schon angezogen und -sah sehr würdig und stattlich aus.</p> - -<p>Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah -die Bauern kommen, indes die Schwalben zwitscherten und an -den Fenstern vorüberhuschten. Dann hörte ich meinen Pastor -predigen. Die Bauern bekamen manchen kräftigen Brocken -von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall sie -ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten.</p> - -<p>Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> - -<p>Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die -Eltern, die Schwestern, mein Großmütterchen und unsre -junge, reizende Erzieherin kamen alle von Weimar.</p> - -<p>Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte -Dame, die für die Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare -gelockt und sie mit einer Rose zusammengesteckt, versicherte -mir auch nach der heiligen Handlung – sie hätte sich mit -aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer Lieblingsheiligen versetzt, -während ich am Altar gestanden hätte, sei es ihr so -gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine -Hinrichtung.</p> - -<p>Das kam mir sehr übertrieben vor.</p> - -<p>Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich, -es war mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute. -Es wurde niemand mit mir konfirmiert, das gefiel mir auch, -und ich hatte den Tag über bei jeder Gelegenheit die denkbar -besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so unbeschreiblich -gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar.</p> - -<p>Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene -Person, das erschien mir wenig erfreulich und auch -wenig wahrscheinlich, war mir übrigens auch gleichgültig, -ich war, was ich war, und damit gut.</p> - -<p>Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte -vor, den Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins -innerste Herz war ich davon erschüttert, so daß ich die ganze -Nacht mit den tollsten Phantasieen zu thun hatte und mich -fürchtete, wie noch nie in meinem Leben.</p> - -<p>Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier -dieses Tages mit Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert, -wie ein grünes Nest.</p> - -<p>Es war alles hier so schön und beglückend gewesen, -daß ich schweren Herzens Abschied nahm. Die Pastorin -wußte nicht, was sie mir noch Gutes anthun sollte, und -steckte mir alle Taschen voll herrlicher Aepfel. Zwei davon<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten mir -wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch -einen Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter -gesteckt, und ich fuhr mit meinen Eltern davon.</p> - -<p>Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie -vor Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr -geliebten jungen Erzieherin Unterricht.</p> - -<p>Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt -durfte ich von unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen, -und so begab es sich, daß ich der Aufführung von Wagners -»Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich war überwältigt, hingerissen, -betäubt, berauscht. – Die Gewalt in dieser Musik -erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze -Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen -Tönen der Erwartung, der Angst, des Zweifels. -Wundervoll empfand ich zuletzt das Sichauflösen alles Leidens, -alles Lebens.</p> - -<p>Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den -mächtigen Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg -erschien es mir unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben -wieder zu beginnen. Es mußte etwas geschehen, etwas -Außergewöhnliches – das Leben mußte sich anders gestalten, -um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können. -Aber wie, was sollte geschehen?</p> - -<p>Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht -nach etwas, was die Wunder, die ich eben durchlebt -hatte, und die Alltäglichkeit in Einklang bringen sollte, und -ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer gehen wollte.</p> - -<p>Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich -schon den andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu -lassen. Sie erlaubte mir dies gern; ich teilte ihr auch den -Grund meiner Reise mit, der sie einigermaßen zu wundern -schien.</p> - -<p>Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -mit mir durch meinen Entschluß wieder ins Gleichgewicht -gekommen.</p> - -<p>Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich -überrascht und freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag. -Die Pastorin führte mich sogleich ins Wohnzimmer, -ließ Kaffee kochen, und ich traf eine muntere Gesellschaft. -Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei junge -Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im -Hause zu.</p> - -<p>Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen -vorbrachte und sagte, daß ich gekommen sei, um am -Sonntag das Abendmahl hier zu nehmen, sah sie mich -kopfschüttelnd an und schwieg.</p> - -<p>»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann -sie würdevoll. »Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du -denn nicht heut' morgen gekommen, um wenigstens zur allgemeinen -Beichte da zu sein? So kannst du das Abendmahl -gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor – ohne -Beichte!«</p> - -<p>Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich -fühlte mich sehr beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht.</p> - -<p>»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen, -»was sollen denn die Leute denken? Da muß wegen dir -Privatbeichte gehalten werden, und den Leuten muß gesagt -werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.«</p> - -<p>Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor -in sein Studierzimmer.</p> - -<p>»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn -du etwas auf dem Herzen hast, sag es ihm – und wenn -es das größte Unrecht wäre, verschweigen darfst du's nicht. – -Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll und etwas -neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl -nehmen willst?«</p> - -<p>In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -und er empfing mich ernst und wohlwollend und feierlich. -Er fragte mich, ob ich irgend etwas auf dem Herzen hätte.</p> - -<p>»Nein,« sagte ich.</p> - -<p>Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene.</p> - -<p>Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge.</p> - -<p>Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei.</p> - -<p>Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte.</p> - -<p>Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt -hätte, und da sich zu seiner großen Verwunderung durchaus -nichts fand, so erteilte er mir nach den Worten der Bibel die -Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte ich seine beiden -Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und Isolde‹ -gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck, -daß auch er mir in die Augen sah.</p> - -<p>Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung -und Bewegung des vorigen Abends kam über mich.</p> - -<p>»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht. -»Nun setz dich einmal hin und erzähle.«</p> - -<p>Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor -ihm aus – und wie er zuhörte! Er fragte und fragte und -wäre für sein Leben gern dabei gewesen; die Zeit verging -uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte auf und -holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von -vorn beginnen.</p> - -<p>Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber -guter Pastor, ich möchte auch irgend etwas thun, was schön -ist, ich möchte irgend ein großes Talent haben, dann erst -würde ich glücklich sein.«</p> - -<p>»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal -um einen großen Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du -auf ein Ding deinen ganzen Fleiß verwendest, wird es dich -auch interessieren, ganz gleich, was es ist.«</p> - -<p>Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete, -daß es damit aber nichts wäre. Der alte Preller lache<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -über alles, was ich mit Müh' und Not zu stande brächte; -und wenn er sich meine Arbeit angesehen habe, sage er -gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser, wenn ich -mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann -auch nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich -abmühten, säße ich schon und lauerte darauf, daß der alte -Preller seine wundervollen Skizzenbücher zur Hand nehmen -würde; aber selber zeichnen und bei aller Not und Mühe -nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine -Sünde.</p> - -<p>»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst.</p> - -<p>»Nun also!«</p> - -<p>Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein -Herz mit wunderbaren Schauern.</p> - -<p>Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen -Augenblicke hin – den dumpfen Klängen der Orgel, dem -mystischen Gesang, den geheimnisvollen Worten. –</p> - -<p>Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen -zu fühlen. Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein, -seiner Ruhe, Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und -den tiefen Bewegungen und Gewalten einer mächtigen Kunst -hatte mich verwirrt, beunruhigt – und ich wollte Beruhigung -empfinden.</p> - -<p>Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld -das wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon -erzählt habe – trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf -unsrer Bodentreppe und schrieb dort nach Herzenslust – -Geschöpfe zauberte ich in mein blaues Heft, die mir ungemein -sympathisch waren; sie sprachen und thaten, was ich -wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten -Einvernehmen.</p> - -<p>Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um -die Welt hätte ich es nicht irgend jemand verraten mögen – -und dennoch verriet ich es selbst und gewann durch diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -Verrat das höchste Glück, das das Schicksal einer schaffensmutigen -Seele zu teil werden lassen kann; ich gewann, wie -ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen -Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der -es verstand, mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und -Ausdauer anzuspornen; der mir als höchstes Ziel steckte: -Wahrheit in jedem Empfinden, und eine freie Würdigung -alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches und -beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen -Weg gehen konnte. – Meine Arbeit, meine Kunst wurde -mir die stille Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das -alltägliche Leben zu stürmisch oder zu gleichgültig oder gar -zu schwer werden wollte. Und ich selbst habe mich immer -gewundert, wie gerade ich zu diesem großen Glück gekommen -bin – gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je etwas -zu erstreben, geschweige zu erreichen.</p> - -<p>Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von -guten Freunden, getreuen Nachbarn und dergleichen, von -Ereignissen aller Art, von meiner Verheiratung, meinen -Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich auf Erden -kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß -ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles -ist nur Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat -– der volle Ernst – und in seinem Gefolge Kummer und -Not, wie ich die Arme nach Hilfe ausstreckte, wie ich verzweifelte, -wie ich endlich nach langer Qual genas, davon -will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde, für -Worte kaum erreichbar.</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Ende.</em><br /> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Werke von Helene Böhlau.</p> -</div> - -<div class="hang"> - -<p><b>Das Recht der Mutter.</b> Roman. M. 6.–, geb. M. 7.50. -F. Fontane & Co., Berlin.</p> - -<p><b>Der Rangierbahnhof.</b> Roman. Zweite Auflage. M. 4.–, -geb. M. 5.–. F. Fontane & Co., Berlin.</p> - -<p><b>Rathsmädelgeschichten.</b> Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60. -J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p> - -<p><b>Herzenswahn.</b> Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, -Minden i. W.</p> - -<p><b>Im Trosse der Kunst.</b> Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60. -J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p> - -<p><b>Reines Herzens schuldig.</b> Roman. M. 6.–, geb. M. 7.–. -J. C. C. Bruns, Minden i. W.</p> - -<p><b>Im frischen Wasser.</b> Roman in zwei Bänden. M. 1.–, -geb. M. 1.50. J. Engelhorn, Stuttgart.</p> - -<p><b>Novellen:</b> Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.–, -geb. M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin.</p> - -<p><b>Novellen:</b> Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen. -M. 5.–, geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin.</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Engelhorns<br /> -<span class="smaller">Allgemeine</span><br /> -Romanbibliothek.</p> -</div> - -<p class="center large">Eine Auswahl<br /> -der besten modernen Romane aller Völker.</p> - -<p class="center">Alle vierzehn Tage erscheint ein Band. -</p> - -<p class="center">Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.</p> - -<p class="center">(26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark, gebunden 19 M. 50 Pf.)</p> - -<p>»<b>Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek</b>«, die -nun in ihren dreizehnten Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr -zu Jahr an Beliebtheit und Verbreitung zugenommen, sondern -auch an litterarischer Bedeutung gewonnen, so daß es nicht zu -viel gesagt ist, wenn man sie heute</p> - -<p class="center"><b>einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter -der Weltliteratur</b> -</p> - -<p class="noind">nennt. – Die »<em class="gesperrt">Deutsche Dichtung</em>« schreibt darüber:</p> - -<div class="advtext"> - -<p>Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum <em class="gesperrt">gute -Bücher zu billigem Preis</em> zu bieten und dabei weder die -Autoren noch die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen, -nur gehört Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu – das -ist die Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg -von »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann, -und hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht, -in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige -Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten -ziegelroten Bändchen – durchschnittlich zehn Bogen guter Ausstattung -– <em class="gesperrt">zum Preise von 50 Pfennigen</em> in die Welt -sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne; -schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark -kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes -Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe – nur den Einband -abgerechnet – für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist die -»Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet, daß -eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast überflüssig -erscheint.</p></div> - -<p>Die bisher erschienen, in dem nachfolgenden Verzeichnis -aufgeführten Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung -zum Preise von <b>50 Pf.</b> für den broschierten und <b>75 Pf.</b> -für den gebundenen Band bezogen werden.</p> - -<p class="center large p2">Erster Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Der Hüttenbesitzer.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Aus Nacht zum Licht.</b> Von <em class="author">Hugh -Conway</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Zéro.</b> Eine Geschichte aus Monte Carlo. -Von Mrs. <em class="author">Praed</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Wassilissa.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Vornehme Gesellschaft.</b> Von <em class="author">H. Aïdé</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Gräfin Sarah.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Unter der roten Fahne.</b> Von Miß -<em class="author">M. E. Braddon</em>. Aus d. Englischen.</p> - -<p><b>Abbé Constantin.</b> Von <em class="author">L. Halévy</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Ihr Gatte.</b> Von <em class="author">G. Verga</em>. Aus dem -Italienischen.</p> - -<p><b>Ein gefährliches Geheimnis</b>. Von -<em class="author">Charles Reade</em>. Aus d. Engl. 2 Bde.</p> - -<p><b>Gérards Heirat.</b> Von <em class="author">André Theuriet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Dosia.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. Aus -dem Französischen.</p> - -<p><b>Ein heroisches Weib.</b> Von <em class="author">J. J. -Kraszewski</em>. Aus dem Polnischen.</p> - -<p><b>Eheglück.</b> Von <em class="author">W. E. Norris</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Schiffer Worse.</b> Von <em class="author">Alex. Kielland</em>. -Aus dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Ein Ideal.</b> Von <em class="author">Marchesa Colombi</em>. -Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Dunkle Tage.</b> Von <em class="author">Hugh Conway</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Novellen</b> von <em class="author">Hjalmar Hjorth Boyesen</em>. -<em class="gesperrt">Glitzer-Brita.</em> – <em class="gesperrt">Einer, -der seinen Namen verlor.</em> Deutsch -von <em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>. – <em class="gesperrt">Ein -Ritter vom Danebrog.</em> Aus dem -Englischen.</p> - -<p><b>Die Heimkehr der Prinzessin.</b> Von -<em class="author">Jacques Vincent</em>. Aus d. Französ.</p> - -<p><b>Ein Mutterherz.</b> Von <em class="author">A. Delpit</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Zweiter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Der Steinbruch.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Helene Jung.</b> Von <em class="author">Paul Lindau</em>.</p> - -<p><b>Maruja.</b> Von <em class="author">Bret Harte</em>. Aus dem -Englischen.</p> - -<p><b>Die Sozialisten.</b> Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Criquette.</b> Von <em class="author">L. Halévy</em>. Aus dem -Französischen.</p> - -<p><b>Der Wille zum Leben. – Untrennbar.</b> -Von <em class="author">Adolf Wilbrandt</em>.</p> - -<p><b>Die Illusionen des Doktor Faustino.</b> -Von <em class="author">Valera</em>. Aus d. Span.</p> - -<p><b>Zu fein gesponnen.</b> Von <em class="author">B. L. Farjeon</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Gift.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>. Aus -dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Fortuna.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>. -Aus dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Lise Fleuron.</b> Von <em class="author">G. Ohnet</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Aus des Meeres Schaum. – Aus -den Saiten einer Baßgeige.</b> Von -<em class="author">Salvatore Farina</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Auf der Woge des Glücks.</b> Von -<em class="author">Bernhard Frey</em>. (<em class="gesperrt">M. Bernhard.</em>)</p> - -<p><b>Die hübsche Miß Neville.</b> Von <em class="author">B. -M. Croker</em>. Aus dem Engl. 2 Bde.</p> - -<p><b>Die Verstorbene.</b> Von <em class="author">Octave -Feuillet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Mein erstes Abenteuer und andere -Geschichten.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.</p> - -<p><b>Ihr ärgster Feind.</b> Von Mrs. <em class="author">Alexander</em>. -Aus d. Englischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Ein Fürstensohn. – Zerline.</b> Von -<em class="author">Claire von Glümer</em>.</p> - -<p><b>Von der Grenze.</b> Novellen von <em class="author">Bret -Harte</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Eine Familiengeschichte.</b> Von <em class="author">Hugh -Conway</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p></div> - -<p class="center large p2">Dritter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Die Versaillerin.</b> Von <em class="author">Ernst Remin</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>In Acht und Bann.</b> Von Miß <em class="author">M. E. -Braddon</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Die Tochter des Meeres.</b> Von -<em class="author">Johanne Schjörring</em>. Aus dem -Dänischen.</p> - -<p><b>Lieutenant Bonnet.</b> Von <em class="author">Hector -Malot</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Pariser Ehen.</b> Von <em class="author">E. About</em>. Aus -dem Französischen.</p> - -<p><b>Hanna Warners Herz.</b> Von <em class="author">Florence -Marryat</em>. Aus d. Englischen.</p> - -<p><b>Eine Tochter der Philister.</b> Von -<em class="author">Hjalmar Hjorth Boyesen</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Savelis Büßung.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Die Damen von Croix-Mort.</b> Von -<em class="author">Georges Ohnet</em>. Aus d. Französ. -2 Bände.</p> - -<p><b>Die Glocken von Plurs.</b> Von <em class="author">Ernst -Pasqué</em>.</p> - -<p><b>Fromont junior und Risler senior.</b> -Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus dem -Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Der Genius und sein Erbe.</b> Von -<em class="author">Hans Hopfen</em>.</p> - -<p><b>Ein einfach Herz.</b> Von <em class="author">Charles -Reade</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Baccarat.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Mein Freund Jim.</b> Von <em class="author">W. E. -Norris</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Hanna.</b> Von <em class="author">Heinr. Sienkiewicz</em>. -Aus dem Polnischen.</p> - -<p><b>Das beste Teil.</b> Von <em class="author">Léon de Tinseau</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Lebend oder tot.</b> Von <em class="author">Hugh Conway</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Familie Monach.</b> Von <em class="author">Robert -de Bonnières</em>. Aus dem Französ.</p></div> - -<p class="center large p2">Vierter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Eine neue Judith.</b> Von <em class="author">H. Rider -Haggard</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Schwarz und Rosig.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Das Tagebuch einer Frau.</b> Von -<em class="author">Octave Feuillet</em>. Aus dem Französ.</p> - -<p><b>Jahre des Gärens.</b> Von <em class="author">Ernst Remin</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>Gute Kameraden.</b> Von <em class="author">H. Lafontaine</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Die Töchter des Commandeurs.</b> -Von <em class="author">Jonas Lie</em>. Aus dem Norweg.</p> - -<p><b>Zita.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. Aus dem -Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Erbschaft Xenias.</b> Von <em class="author">Henry -Gréville</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Kinder des Südens.</b> Von <em class="author">Rich. Voß</em>.</p> - -<p><b>Daniele Cortis.</b> Von <em class="author">A. Fogazzaro</em>. -Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Herz-Neune.</b> Von <em class="author">B. L. Farjeon</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Sie will.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Kinder der Excellenz.</b> Von <em class="author">Ernst -v. Wolzogen</em>.</p> - -<p><b>Um den Glanz des Ruhmes.</b> Von -<em class="author">Salvatore Farina</em>. Aus dem Ital.</p> - -<p><b>Der Nabob.</b> Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. -Aus dem Französischen. 3 Bände.</p> - -<p><b>Der kleine Lord.</b> Von <em class="author">F. H. Burnett</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Der Prozeß Froideville.</b> Von <em class="author">André -Theuriet</em>. Aus d. Französischen.</p> - -<p><b>Stella.</b> Von Miß <em class="author">M. E. Braddon</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Fünfter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Robert Leichtfuß.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>Der Unsterbliche.</b> Von <em class="author">Alphonse -Daudet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Lady Dorotheas Gäste.</b> Von <em class="author">Ouida</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Marchesa d'Arcello.</b> Von <em class="author">Memini</em>. -Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Was der heilige Joseph vermag.</b> -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Alessa. – Keine Illusionen.</b> Von -<em class="author">Claire von Glümer</em>.</p> - -<p><b>Wie in einem Spiegel.</b> Von <em class="author">F. C. -Philips</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Schnee.</b> Von <em class="author">Alexander Kielland</em>. -Aus dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Jean Mornas.</b> Von <em class="author">Jules Claretie</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Auf der Fährte.</b> Von <em class="author">H. F. Wood</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Satisfaction. – Das zersprungene -Glück. – La Speranza.</b> Von <em class="author">Alexander -Baron von Roberts</em>.</p> - -<p><b>Die Scheinheilige.</b> Von <em class="author">Karoline -Gravière</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Doktor Rameau.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Frau Regine.</b> Von <em class="author">Emil Peschkau</em>.</p> - -<p><b>Zwei Brüder.</b> Von <em class="author">Guy de Maupassant</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Mein Sohn.</b> Von <em class="author">Salvatore Farina</em>. -Aus dem Italienischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Dosias Tochter.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Der Lotse und sein Weib.</b> Von -<em class="author">Jonas Lie</em>. Aus dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Numa Roumestan.</b> Von <em class="author">Alphonse -Daudet</em>. Aus dem Französischen. -2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Sechster Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Die tolle Komteß.</b> Von <em class="author">Ernst v. -Wolzogen</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Eine Sirene.</b> Von <em class="author">Léon de Tinseau</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Jack und seine drei Flammen.</b> Von -<em class="author">F. C. Philips</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Mr. Barnes von New-York.</b> Von -<em class="author">A. C. Gunter</em>. Aus d. Engl. 2 Bde.</p> - -<p><b>Gertruds Geheimnis.</b> Von <em class="author">André -Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Wunderbare Gaben und andere Geschichten.</b> -Von <em class="author">Hugh Conway</em>. Aus -dem Englischen.</p> - -<p><b>Letzte Liebe.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Sabinerin. – Felice Leste. – -Die Mutter der Catonen.</b> Von -<em class="author">Richard Voß</em>.</p> - -<p><b>Mia.</b> Von <em class="author">Memini</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Diana Barrington.</b> Von <em class="author">B. M. -Croker</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Der reine Thor.</b> Von <em class="author">Karl v. Heigel</em>.</p> - -<p><b>Ein Kirchenraub. – Junge Liebe.</b> -Von <em class="author">H. Pontoppidan</em>. Aus dem Dänischen.</p> - -<p><b>Die Könige im Exil.</b> Von <em class="author">Alphonse -Daudet</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die verhängnisvolle Phryne.</b> Von -<em class="author">F. C. Philips</em> u. <em class="author">C. J. Wils</em>. Aus -dem Englischen.</p> - -<p><b>Serguis Panin.</b> Von <em class="author">Georges Ohnet</em>. -Aus d. Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Achtung Schildwache!</b> und andere -Geschichten. Von <em class="author">Mathilde Serao</em>. -Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Salonidylle.</b> Von <em class="author">H. Rabusson</em>. Aus -dem Französischen.</p> - -<p><b>Mr. Potter aus Texas.</b> Von <em class="author">A. C. -Gunter</em>. Aus dem Engl. 2 Bände.</p> - -<p><b>Ein gefährliches Werkzeug.</b> Von -<em class="author">D. C.</em> u. <em class="author">H. <span id="corrcat6">Murray</span></em>. Aus d. Engl.</p></div> - -<p class="center large p2">Siebenter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Preisgekrönt.</b> Von <em class="author">Alexander Baron -von Roberts</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Seele Pierres.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Zum Kinderparadies.</b> Von <em class="author">André -Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Imogen.</b> Von <em class="author">Hamilton Aïdé</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Port Tarascon.</b> Von <em class="author">Alphonse -Daudet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Ein Mann von Bedeutung.</b> Von -<em class="author">Anthony Hope</em>. Aus d. Englischen.</p> - -<p><b>Ohne Liebe.</b> Von <em class="author">Fürst Galitzin</em>. -Aus dem Russischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Erbin.</b> Von <em class="author">W. E. Norris</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Die kühle Blonde.</b> Von <em class="author">Ernst v. -Wolzogen</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Mein Pfarrer u. mein Onkel.</b> Von -<em class="author">Jean de la Brète</em>. Aus d. Französ.</p> - -<p><b>Der Mönch von Berchtesgaden</b> und -andere Erzählungen. Von <em class="author">Rich. Voß</em>.</p> - -<p><b>Oberst Quaritch.</b> Von <em class="author">H. Rider -Haggard</em>. Aus dem Engl. 2 Bände.</p> - -<p><b>Noras Roman.</b> Von <em class="author">Emil Peschkau</em>.</p> - -<p><b>Auf Vorposten</b> und andere Geschichten. -Von <em class="author">F. de Renzis</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Versiegelte Lippen.</b> Von <em class="author">Léon de -Tinseau</em>. Aus d. Französ. 2 Bände.</p> - -<p><b>Aus den Papieren eines Wanderers.</b> -Von <em class="author">Jefferey C. Jeffery</em>. Aus -dem Englischen.</p> - -<p><b>Mein Onkel Scipio.</b> Von <em class="author">André -Theuriet</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Wie's im Leben geht.</b> Von <em class="author">A. Delpit</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Verhängnis.</b> Von <em class="author">F. de Renzis</em>. Aus -dem Italienischen.</p></div> - -<p class="center large p2">Achter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Irgend ein Anderer.</b> Von <em class="author">B. M. -Croker</em>. Aus d. Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Fräulein Reseda. – Ein Mann der -Erfolge.</b> Von <em class="author">Julien Gordon</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Künstlerehre.</b> Von <em class="author">Octave Feuillet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>In frischem Wasser.</b> Von <em class="author">Helene -Böhlau</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die geprellten Verschwörer.</b> Von -<em class="author">W. E. Norris</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Daphne.</b> Nach <em class="antiqua">A Diplomat's Diary</em> -von <em class="author">Julien Gordon</em>, deutsch bearb. -von <em class="gesperrt">Friedrich Spielhagen</em>.</p> - -<p><b>Ein Genie der That.</b> Von <em class="author">Ernst -Remin</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Mischa.</b> Von <em class="author">Marguerite Poradowska</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Der Thronfolger.</b> Von <em class="author">Ernst von -Wolzogen</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Im Reisfeld. – Ohne Liebe.</b> Von -<em class="author">Marchesa Colombi</em>. Aus d. Ital.</p> - -<p><b>Eine Künstlerin.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Miß Niemand.</b> Von <em class="author">A. C. Gunter</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Marienkind.</b> Von <em class="author">Paul Heyse</em>.</p> - -<p><b>Schwarzwaldgeschichten.</b> Von <em class="author">Hermine -Villinger</em>.</p> - -<p><b>Jack.</b> Von <em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus -dem Französischen. 3 Bände.</p> - -<p><b>Der schwarze Koffer.</b> Aus dem Engl.</p> - -<p><b>Der Affenmaler.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Schwer geprüft.</b> Von <em class="author">J. Masterman</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Neunter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Im Schuldbuch des Hasses.</b> Von -<em class="author">G. Ohnet</em>. Aus d. Französ. 2 Bde.</p> - -<p><b>Meine offizielle Frau.</b> Von <em class="author">Col. Richard -Henry Savage</em>. Aus d. Engl.</p> - -<p><b>Sein Genius.</b> Von <em class="author">Claus Zehren</em>.</p> - -<p><b>Ein Zugvogel.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Violette Merian.</b> Von <em class="author">Augustin -Filon</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Fräulein Kapitän.</b> Eine Eismeergeschichte -von <em class="author">Max Lay</em>.</p> - -<p><b>Ein puritanischer Heide.</b> Von <em class="author">Julien -Gordon</em>. 2 Bände. Aus dem -Englischen.</p> - -<p><b>Das Stück Brot und andere Geschichten.</b> -Von <em class="author">François Coppée</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>In der Prairie verlassen.</b> Von <em class="author">Bret -Harte</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Zwischen Lipp' und Kelchesrand.</b> -Von <em class="author">Charles de Berkeley</em>. Aus -dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Mein erster Klient und andere Geschichten.</b> -Von <em class="author">Hugh Conway</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Auf steinigen Pfaden.</b> Von <em class="author">Léon de -Tinseau</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Heimatlos.</b> Von <em class="author">Hector Malot</em>. -3 Bände. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Baronin Müller.</b> Von <em class="author">R. v. Heigel</em>.</p> - -<p><b>In guter Hut.</b> Von <em class="author">Jeanne Mairet</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Das Kind.</b> Von <em class="author">Ernst Eckstein</em>.</p> - -<p><b>Das Haus am Moor.</b> Von <em class="author">Florence -Warden</em>. Aus d. Englischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Giovannino oder den Tod! – -Dreißig Prozent.</b> Von <em class="author">Mathilde -Serao</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Des Seemanns Tagebuch.</b> Von <em class="author">Gustave -Toudouze</em>. Aus dem Französ.</p></div> - -<p class="center large p2">Zehnter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Das Geheimnis des Hauslehrers.</b> -Von <em class="author">Victor Cherbuliez</em>. Aus dem -Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Das wandernde Licht.</b> Von <em class="author">Ernst -von Wildenbruch</em>.</p> - -<p><b>Einer alten Jungfer Liebestraum.</b> -Von <em class="author">Alan St. Aubyn</em>. Aus dem -Englischen.</p> - -<p><b>Schatten.</b> Von <em class="author">Ossip Schubin</em>.</p> - -<p><b>Unerwartet.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Ein Opfer.</b> Von <em class="author">Karl E. Franzos</em>.</p> - -<p><b>Die Möwe.</b> Von <em class="author">Zacharias Nielsen</em>. -Aus dem Dänischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Geopfert.</b> Von <em class="author">George Simmy</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Unheimliche Geschichten.</b> Von <em class="author">Dick-May</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Margarete und Ludwig.</b> Von <em class="author">Frieda -Freiin von Bülow</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Herzogstochter.</b> Von <em class="author">Mrs. Oliphant</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Briefe aus meiner Mühle.</b> Von -<em class="author">Alphonse Daudet</em>. Aus d. Französ.</p> - -<p><b>Erinnerungen einer Schwiegermutter.</b> -Von <em class="author">George R. Sims</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Lou.</b> Von <em class="author">Alexander Baron von -Roberts</em>.</p> - -<p><b>Hof Gilje.</b> Von <em class="author">Jonas Lie</em>. Aus -dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Don Cirillos Hut.</b> Von <em class="author">Emilio de -Marchi</em>. Aus d. Italienischen. 2 Bde.</p> - -<p><b>Jean von Kerdren.</b> Von <em class="author">Jeanne -Schultz</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Unter Bauern.</b> Von <em class="author">Hermine Villinger</em>.</p> - -<p><b>Prinz Schamyls Brautwerbung.</b> -Von <em class="author">R. H. Savage</em>. Aus dem Engl. -2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Elfter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Das Recht des Kindes.</b> Von <em class="author">Georges -Ohnet</em>. Aus dem Fränzös. 2 Bände.</p> - -<p><b>Ein schlechter Mensch.</b> Von <em class="author">A. von -Gersdorff</em>.</p> - -<p><b>Mademoiselle.</b> Von <em class="author">F. M. Peard</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Kosmopolis.</b> Von <em class="author">Paul Bourget</em>. -Aus dem Französischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Eine schnurrige Geschichte.</b> Von -<em class="author">Frank R. Stockton</em>. Aus d. Engl.</p> - -<p><b>Die wahren Reichen.</b> Von <em class="author">François -Coppée</em>. Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Simson und Delila.</b> Von <em class="author">Annie -Bock</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die gelbe Rose.</b> Von <em class="author">Maurus Jókai</em>. -Aus dem Ungarischen.</p> - -<p><b>Verloren.</b> Von <em class="author">Henry Gréville</em>. -Aus dem Französischen.</p> - -<p><b>Zwei Herren.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Eine Schultragödie.</b> Von <em class="author">Edmondo -de Amicis</em>. Aus dem Italienischen.</p> - -<p><b>Schiffe, die nachts sich begegnen.</b> Von -<em class="author">Beatrice Harraden</em>. Aus d. Engl.</p> - -<p><b>Susi.</b> Von <em class="author">Friedrich Spielhagen</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>Tim.</b> Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Frauen.</b> Von <em class="author">Anna Munch</em>. Aus -dem Norwegischen.</p> - -<p><b>Die alte Geschichte.</b> Von <em class="author">Charles -de Berkeley</em>. Aus d. Französ. 2 Bde.</p> - -<p><b>Der Sänger.</b> Von <em class="author">Karl v. Heigel</em>.</p> - -<p><b>Möblierte Wohnungen.</b> Von <em class="author">George -R. Sims</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Tante Anna.</b> Von <em class="author">W. R. Clifford</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Zwölfter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Die Erbschleicherinnen.</b> Von <em class="author">Ernst -v. Wolzogen</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Der Kameenknopf.</b> Von <em class="author">Rodrigues -Ottolengui</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Die Cigarette und andre Geschichten.</b> -Von <em class="author">Jules Claretie</em>. Aus -dem Französischen.</p> - -<p><b>Dodo.</b> Von <em class="author">E. F. Benson</em>. Aus dem -Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Die Brüder.</b> Von <em class="author">Claus Zehren</em>.</p> - -<p><b>Pflichtgefühl.</b> Von <em class="author">W. D. Howells</em>. -Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Revanche!</b> Von <em class="author">Alexander Baron -von Roberts</em>. 2 Bände.</p> - -<p><b>Pinsel und Meißel.</b> Von <em class="author">Teodoro -Serrao</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Schwere Frage.</b> Von <em class="author">A. v. Gersdorff</em>.</p> - -<p><b>Das Magdalenenhaar.</b> Von <em class="author">Jean -Rameau</em>. Aus dem Französischen. -2 Bände.</p> - -<p><b>Der Verkauf einer Seele.</b> Von <em class="author">F. -Frankfort Moore</em>. Aus d. Englischen.</p> - -<p><b>Wandelbilder.</b> Von <em class="author">Richard Henry -Savage</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Selbstgerecht.</b> Von <em class="author">Friedrich Spielhagen</em>. -2 Bände.</p> - -<p><b>Roman-Studien.</b> Von <em class="author">Jerome K. -Jerome</em>. Aus dem Englischen.</p> - -<p><b>Jugendstürme.</b> Von <em class="author">Karl Busse</em>.</p> - -<p><b>Eine Familienähnlichkeit.</b> Von <em class="author">B. M. -Croker</em>. Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> - -<p><b>Verbotene Frucht.</b> Von <em class="author">Henning -van Horst</em>.</p> - -<p><b>Gold und Ehre.</b> Von <em class="author">Otto M. -Moeller</em>. Aus dem Dänischen.</p> - -<p><b>Eine gelbe Aster.</b> Von <em class="author">Jota</em>. Aus -dem Englischen. 2 Bände.</p></div> - -<p class="center large p2">Dreizehnter Jahrgang.</p> - -<div class="hang"> - -<p><b>Villa Falconieri.</b> Von <em class="author">R. Voß</em>. 2 Bde.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Mit wahrhaft berauschender Glut der -Schilderung zaubert uns der berühmte -Dichter in seinem prächtigen Roman den -Frühling der Campagna di Roma und des -Albanergebirgs mit seiner märchenhaften -Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift -uns das Schicksal der Menschen voll -Leidenschaft, die er in dieser großartigen, -stil- und stimmungsvollen Umgebung -lieben und leiden läßt.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Die Tochter des Abgeordneten.</b> Von -<em class="author">Georges Ohnet</em>.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>In diesem glänzend geschriebenen Roman -bietet <em class="gesperrt">Ohnets</em> vielseitiges und fruchtbares -Talent eine seiner reifsten Früchte. -Die große Schar der Freunde und Verehrer -des gefeierten Erzählers wird dieses -Buch namentlich auch darum noch vermehren, -weil es sich auch zur Lektüre für -junge Mädchen eignet.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Die Siegerin.</b> Von <em class="author">Hans Hopfen</em>.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Einem neuen Buche von Hans Hopfen können -wir keine bessere Empfehlung mit auf den Weg -geben als die, daß es ein »echter Hopfen« ist.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Eine dritte Person.</b> Von <em class="author">B. M. Croker</em>. -Aus dem Englischen. 2 Bände.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem -Schauplatze der meisten Crokerschen Romane, -durchwärmt und verklärt gleichsam -die Geschichten dieser mit Recht so beliebten -Erzählerin und verleiht ihnen einen romantischen -Schimmer, der den Leser unwiderstehlich -gefangen nimmt.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Flederwischs Heirat.</b> Von <em class="author">Gyp</em>. Aus -dem Französischen.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«, -ist ein entzückendes Geschöpfchen, -dessen köstliche Naivetät und neckischer -Humor wahrhaft herzerfrischend wirken.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Eine internationale Ehe.</b> Von <em class="author">Madame -Bigot</em>. Aus dem Englischen.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes, -gut beobachtetes Milieu und -eine reich bewegte Handlung vereinigen -sich in diesem flott geschriebenen Roman -zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen -Ganzen.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Sich selber treu.</b> Von <em class="author">M. Gerbrandt</em>. -2 Bände.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Warmherzige Menschen von reich entwickeltem -Gefühlsleben treten uns in diesem -hochgestimmten Roman entgegen, in dem -sich die begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin -von feiner poetischer Empfindung -und abgeklärter Kunstanschauung -erweist.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Islandfischer.</b> Von <em class="author">Pierre Loti</em>. Aus -dem Französischen.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Mit der Einreihung von Lotis berühmten -Roman, diesem Hohenlied der See und der -Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir -einen Wunsch vieler unserer Leser.</p> -</div> - -<div class="hang"> -<p><b>Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.</b> -Von <em class="author">Helene Böhlau</em>.</p> -</div> - -<div class="advtext"> -<p>Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller -Kleinmalerei und gemütvollen, schalkhaften -Humors sind auch diese neuen <em class="gesperrt">Böhlau</em>schen -Ratsmädelgeschichten, in denen wir -einen Hauch aus Weimars großer Zeit -verspüren.</p></div> - -<p class="p2">Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu <b>Geschenken ganz besonders geeigneten</b></p> - -<p class="center large">Salon-Ausgabe -</p> - -<p class="noind">auf <b>feines, extra starkes Papier</b> gedruckt und in <b>elegantem Liebhaber-Einband</b> -zum Preise von M. 2.– für den einfachen und M. 3.– für den doppelten -Band erschienen.</p> - -<p class="center">Einfache Bände:</p> - -<div class="hang"> - -<p><em class="author">Burnett</em>, <b>Der kleine Lord</b>.</p> - -<p><em class="author">Feuilett</em>, <b>Das Tagebuch einer Frau</b>.</p> - -<p><em class="author">Paul Lindau</em>, <b>Helene Jung</b>.</p> - -<p><em class="author">Voß</em>, <b>Kinder des Südens</b>.</p> - -<p><b>Was der heilige Joseph vermag.</b></p> - -<p><em class="author">v. Wolzogen</em>, <b>Die Kinder der Excellenz</b>.</p> - -<p><em class="author">v. Gersdorff</em>, <b>Ein schlechter Mensch</b>.</p> - -<p><em class="author">Savage</em>, <b>Meine offizielle Frau</b>.</p></div> - -<p class="center">Doppel-Bände:</p> - -<div class="hang"> - -<p><em class="author">Conway</em>, <b>Eine Familiengeschichte</b>.</p> - -<p><em class="author">Croker</em>, <b>Die hübsche Miß Neville</b>.</p> - -<p><em class="author">Hopfen</em>, <b>Robert Leichtfuß</b>.</p> - -<p><em class="author">Ohnet</em>, <b>Der Hüttenbesitzer</b>.</p> - -<p><em class="author">v. Wolzogen</em>, <b>Der Thronfolger</b>.</p> - -<p>– <b>Die tolle Komteß</b>.</p> - -<p><em class="author">Sims</em>, <b>Erinnerungen einer Schwiegermutter</b>.</p></div> - -<hr class="chap" /> -<p> </p> - -<div class="chapter"> -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben.</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 7: alimodisches → altmodisches<br /> -wie ein <a href="#corr007">altmodisches</a> Kleidungsstück abgelegt</p> -<p> -S. 11: Augenbiick → Augenblick<br /> -Von dem <a href="#corr011">Augenblick</a> an, als sie</p> -<p> -S. 61: Weimararaner → Weimararnern<br /> -den <a href="#corr061">Weimaranern</a> ihr geliebtes Deutsch</p> -<p> -S. 136: wir → mir<br /> -es war <a href="#corr136">mir</a>, als würden da</p> -<p> -Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray<br /> -Von <em class="author">D. C.</em> u. <em class="author">H. <a href="#corrcat6">Murray</a></em></p> -</div> -</div> -</div> - -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN***</p> -<p>******* This file should be named 51230-h.htm or 51230-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/1/2/3/51230">http://www.gutenberg.org/5/1/2/3/51230</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life.</p> - -<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org.</p> - -<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws.</p> - -<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p> - -<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate.</p> - -<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p> - -<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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