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-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 ***
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-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
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- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
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- Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.
-
- Die Autorennamen der Katalogseiten sind _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.
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-Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.
-
-Dreizehnter Jahrgang. Band 12.
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-RATSMÄDEL- UND ALTWEIMARISCHE GESCHICHTEN.
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-von
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-Helene Böhlau.
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-(Madame al Raschid Bey.)
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-[Illustration]
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-Stuttgart.
-Verlag von J. Engelhorn.
-1897.
-
-Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten.
-
-Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
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-Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe.
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-Ich weiß noch so manches aus der Zeit, in der das kleine, nun längst
-wieder bescheidene Weimar ganz unvermutet anfing, mitten unter den
-tausend und abertausend europäischen Städten und Städtchen sich
-außerordentlich wichtig zu thun. Es mochte auch alles Recht dazu haben;
-denn es hatten sich in dem stillen Neste seltene Vögel eingenistet,
-Vögel, derengleichen vordem in Deutschland nicht gesehen worden waren,
-und die auch keine Jungen ihrer Art bekommen haben, so daß sie wirklich
-außerordentlich seltene Vögel geblieben sind, bis heutzutage.
-
-Von dieser Zeit habe ich schon mancherlei geschrieben, und es hat den
-Leuten vielleicht gefallen, weil es so ruhig hinerzählt war, allem
-Feierlichen, Schweren aus dem Wege ging, alles Leichtlebige beim Zipfel
-nahm.
-
-Ich will euch nun wieder aus den Gassen erzählen, aus den Bürgerstuben,
-aus den Gärten vor der Stadt, von jenen alten, gesegneten Gärten, und
-ich werde mich auch wieder vorsichtig, wie das erste Mal, an den großen
-Tieren vorbeidrücken und mich mit den Vergessenen, Verwehten abgeben.
-
-Die werde ich aus ihren Gräbern noch einmal in ihre alte weimarische
-Sonne locken, von der sie so gerne sich wieder bescheinen lassen würden.
-
-Es ist eine alte Frühlingsgeschichte, die ihr hören sollt, eine weiche,
-hingeschwundene Frühlingsgeschichte, in der es sproßt und keimt, in der
-ein lustiger, feuchter Wind weht, Nebel ziehen, in der Herzen schlagen,
-und in der allerlei behauptet wird, worüber man heutzutage vornehm die
-Achseln zucken müßte, wollte man auf der Höhe der Zeit stehen; damals
-aber glaubte und sprach man, was einem Vergnügen machte. So glaubte man
-in jenen Tagen und tuschelte es sich gegenseitig wie eine interessante
-Hofgeschichte zu, daß die verstorbene Hofdame der Herzogin Amalie,
-von der Karl August gesagt hatte: »Genie die Fülle, kann aber nichts
-machen!« ganz unvornehmerweise spuken gehe, und zwar in Tieffurth, im
-Park und im Schlößchen.
-
-Man erzählte sich geheimnisvoll die unglaublichsten Dinge. Die
-bürgerliche Gesellschaft faßte die Sache ernsthaft, aber doch
-humoristisch auf. Sie hatte ihren Spaß daran, daß die kleine, bucklige,
-häßliche Dame solche Geschichten machte.
-
-Der Adel aber zog ein sehr bedenkliches Gesicht, denn es war absolut
-nicht ~comme il faut~ von der Göchhausen. -- Außerdem sprach die
-Hofgesellschaft mit einem tiefen Bedauern darüber, daß ihr so etwas
-»arrivieren« mußte -- solch eine »Kalamität«! -- Man fand, daß sich
-die Göchhausen noch nachträglich schwer »ridikulisierte« und unmöglich
-machte.
-
-Verschiedene Personen waren ihr nachts begegnet, wie sie schimpfend und
-klagend die Parkwege auf und nieder gehuscht war.
-
-Sie hatten sie ganz genau erkannt, -- daran bestand kein Zweifel!
-
-Einem weimarischen Fleischermeister, der ein Kalb von Krommsdorf erst
-spät heimgetrieben, war sie im Park auch nachgehuscht, und er erzählte,
-daß sie ihm scheußlich weinerlich und wichtig gesagt habe: »Ich
-la--ngweil' mich so!« -- Weiter nichts. Aber +wie+ sie es gesagt hätte!
-Wie aus einer Flasche heraus! Der Fleischer konnte es den Mägden, die
-die Neuigkeit, samt dem Fleisch von dem armen Krommsdorfer Kalb, das
-die merkwürdige Geistererscheinung mit erlebt hatte, pfundweis nach
-Hause trugen, gar nicht haarsträubend genug vormachen.
-
-Sie war, wie gesagt, allen möglichen Leuten erschienen, immer klagend,
-immer schimpfend und immer unzufrieden; -- manchmal auch nur murmelnd
-und brummend; -- aber +wie+ murmelnd! -- eben ganz wie eine arme
-Seele murmeln muß: durch die Zähne und wie aus einer Flasche. Es war
-überhaupt das Merkwürdige und Ueberzeugende an der Sache, daß sich die
-Göchhausen genau nach Vorschrift benahm, -- nach Vorschrift der alten
-Kobold- und Geistergeschichten.
-
-Die Weimaraner mußten immer etwas zu schwatzen haben und hatten auch
-gottlob immer etwas; sie waren an die merkwürdigsten Dinge gewöhnt,
-eine solche Fülle von gesegnetem Klatsch hatte sich seit 1775 auf das
-graue Rattennest niedergelassen. Seit geraumer Zeit aber schon floß
-diese Quelle spärlicher, und die verwöhnten Gaumen mußten mit allerhand
-fürlieb nehmen und thaten dies wohl oder übel.
-
-Zu allererst tauchen aber in unsrer Geschichte ein paar lachende,
-blütenjunge Gesichter auf, ein paar feste, kindlich behende Körper,
-blonde, dicke Zöpfe, junge, weiche, noch etwas tollpatschige Hände,
-helle Kleider, die sich lebendig um diese jungen Körper schmiegen,
-die sich so jugendsicher auf leichten Füßen bewegen, so kernig, so
-wohlgebaut und unschuldig.
-
-All diese schönen Dinge miteinander gestalten sich hie zu ein paar
-Mädchen, die in der alten Wünschengasse daheim sind.
-
-Sie haben ihr Lebtag in der Wünschengasse gewohnt und sind mehr,
-als ihnen lieb ist, dort bekannt, bei Freund und Feind, Nachbar und
-Nachbarin.
-
-»Die Ratsmädel« heißen sie bei alt und jung und sind die Töchter des
-Herrn Rat Kirsten, der, ehrsam und würdig, nie verstanden hat, weshalb
-gerade ihm das Schicksal diese blonden Hexen aufhalste, die ihm mehr
-Mühe und Kopfzerbrechen kosteten, als seine Buben. Ja, in der That,
-er und Frau Rat wären auch nie und nimmermehr mit dem hübschen Paare
-fertig geworden, wenn nicht die ganze Wünschengasse ihnen beigestanden
-hätte, die Rangen zu erziehen; und nicht nur die Wünschengasse fühlte
-sich dazu berufen, alle Freunde und Feinde haben an dem merkwürdigen
-Werke mitgeholfen. »Da gehen sie!« hieß es, wenn sie miteinander durch
-die dämmerige Gasse schlenderten. Und wer dies aussprach, schaute ihnen
-gewissermaßen gespannt nach.
-
-Von Jugend auf hatten sie es verstanden, die würdige Wünschengasse in
-Aufregung zu erhalten.
-
-Sehr früh war es angegangen, das Ausschauen nach den Ratsmädchen,
-das Schimpfen und Lachen, das Nörgeln und Hetzen, das Verhätscheln
-und Anraunzen. Nie, solange die Wünschengasse steht, sind aber zwei
-Schwestern von Kindesbeinen an trotz alledem so ungetrübt heiter
-gewesen wie diese zwei, so treu ihren Freunden ergeben.
-
-Sie gehörten zu den glückseligen Menschen, die ihr Lebtag Freunde
-haben, -- zu den Menschen, die nie einsam sind, -- zu den sonnigen
-Kraftmenschen, die Wärme und Strahlen für andre übrig haben.
-
-Von Jugend an waren sie stolz auf ihre Freunde, verstanden keinen
-Spaß, wenn irgend jemand diesen Freunden nahe treten wollte, waren
-ihnen dankbar, -- und was die Hauptsache ist, unverbrüchlich treu. Und
-diese Freunde: der blondlockige, kleine, gescheite Heinrich Goullon,
-den sie auf den weimarischen Straßen »den Pudding« nannten, seiner
-französischen Abstammung wegen; in den weimarischen Mäulern aber war
-»der Pudding« zu einem »Budang« geworden. -- Und der schöne Franz
-Horny, der sich als Maler später einen Namen machte und in jungen
-Jahren in Amalfi starb; -- sein Bild hängt dort in einer Kapelle, wo
-es von den Landleuten als ein heiliger Johannes oder Sebastian verehrt
-wird. -- Und der dritte im Bunde: Ernst Schiller, Schillers Sohn.
-
-Mit diesen dreien haben die Ratsmädchen sich so köstlich vergnügt, wie
-dies jetzt im lieben Deutschland nimmermehr geschieht.
-
-Die Leute in unserm Zeitalter haben die schöne, heitere Urwüchsigkeit
-wie ein altmodisches Kleidungsstück abgelegt.
-
-Die guten Freunde sind oftmals miteinander ausgegangen und haben
-sich oben im Ettersberg, im alten Gutshofe von Röses Paten Sperber,
-einquartiert. Sie sind ins Wasser gefallen, haben miteinander getanzt,
-wenn es ihnen paßte; sie haben getollt und gelacht, sie sind Schlitten
-gefahren, sie haben Räuber und Prinzeß in den Gassen gespielt, sie
-haben »Budang« als Mädchen verkleidet und sind mit ihm spazieren
-gegangen. Und die beiden schönen Mädchen sind recht eigentlich von den
-etwas älteren Kameraden erzogen und in die Lehre genommen worden, haben
-ihnen ihre Schularbeiten vorweisen müssen und sind von ihnen belobt und
-gestraft worden, wie das alles ausführlich schon einmal erzählt worden
-ist. Herr und Frau Rat wären ohne die Kameraden nie mit der Erziehung
-ihrer beiden Schelme zu Ende gekommen.
-
- * * * * *
-
-Ein feuchter Frühlingssturm fährt heut durch die Wünschengasse.
-Zerrissene dunkle Wolken jagen über den Himmel, und in die Dämmerung
-dröhnt die große Glocke im Schloßturm. Der Sturmwind fährt in das
-mächtige Geläute; er reißt die großen, vollen Töne wie Wolken
-auseinander und nimmt diese Riesentöne mit sich fort, zerstreut sie,
-läßt sie hie und da aufdröhnen und plötzlich verhallen.
-
-Die Glocke läutet die Osternacht ein.
-
-Es ist ein wunderbares Getöse, erschütternd, wie überirdisch; so
-voll, so rein, so tief wie die tiefste Menschenwonne und das tiefste
-Menschenleid.
-
-Die alte Glocke, die sie im dreißigjährigen Kriege, weiß Gott wo,
-erbeutet haben, ist das lebendige Herz des Städtchens Weimar geworden.
-Ein jeder versteht dies Herz da oben im grünen Turm. Es dröhnt mächtig
-aus, was die andern Eintagsherzen fühlen. Es erschüttert sie, es
-erweckt sie, es reißt sie im Gefühle mit sich fort, wie von jeher ein
-großes, mächtiges Herz die kleinen mit sich gerissen hat. --
-
-Die Ratsmädel, Röse und Marie, schauen zum Fenster hinaus.
-
-»Hörst du?« sagt Marie.
-
-Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet wurde, zum Schloß
-hinunter gelaufen und haben hinauf nach der grünen Turmspitze gesehen,
-die von der Wucht der Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und
-her schwankte; oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten,
-und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert; oder
-die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den Glockenstuhl, und sie haben
-da, schwankend und schwindelnd und ganz betäubt von den ungeheuren
-Schlägen, die den Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander
-geklammert und an den riesigen Balken festgehalten.
-
-Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum Fenster hinaus.
-
-Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen.
-
-Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal geantwortet.
-
-Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen grüne
-Schärpen.
-
-Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff von aller
-Schönheit und Eleganz.
-
-»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! -- Was fällt euch ein! --
-Der Wind!« So ruft Frau Rat, die Mutter der Ratsmädchen, die eben ins
-Zimmer tritt.
-
-Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt. Der Haushalt
-mit den wilden Mädchen und Buben, die Kriegsjahre, der überernste
-Gatte, die Geldsorgen, -- das alles ist der fein organisierten Frau zu
-viel geworden.
-
-Um sie her wachsen die Kinder urkräftig in die Höhe; sie aber hat etwas
-Müdes, Insichgekehrtes, als wenn sie nur bei sich selbst fände, was sie
-sucht.
-
-Die beiden Mädchen schließen das Fenster, und das Glockengeläut dringt
-nur noch dumpf ins Zimmer.
-
-Der Wind heult im Schornstein. Frau Rat zündet die Lichter an.
-
-Das große Familienzimmer macht heute ein feierliches Gesicht.
-
-Der runde Eßtisch ist blendendweiß gedeckt; statt des einen Talglichtes
-brennen zwei Wachskerzen auf einem Leuchter unter einem grünseidenen,
-ovalen Schirm.
-
-»Oho,« sagt Marie, »den nimmst du?«
-
-»Was denn sonst, Schatz? -- Habt ihr euch die Hände gewaschen?«
-
-»Jawohl, mit Schmierseife!« antwortet Röse.
-
-»Röse, mein Kind!« Frau Rat ist heute bewegt und streicht ihr übers
-Haar. -- »Gutes Kind!«
-
-Röse ist von dieser Freundlichkeit so sonderbar berührt, daß sie ihrer
-Mutter um den Hals fällt und in Thränen ausbricht.
-
-»Ruhig, ruhig!«
-
-Der Vater tritt ein, mustert alles und sagt: »Ist Senf auf dem Tisch?«
-
-Senf war eben das Neueste.
-
-Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles in schönster
-Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht feierlich im Zimmer auf
-und ab.
-
-»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch einmal: »Charmante
-Leute!«
-
-Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden« nicht. Man hat zu
-warten, bis er fragt.
-
-»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit
-erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau.
-
-»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?«
-
-»Ich dachte so etwa ... etwa ...«
-
-Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit« nannte,
-nicht recht klar zu sein.
-
-»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon eine recht
-große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem Seitenblick auf die
-Mädchen.
-
-Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der Mutter auf der Platte
-tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt zu.
-
-»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?«
-
-Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen Halsbinde heraus,
-im Hintergrunde des großen Zimmers, zu seiner Frau.
-
-»Bst!« macht Frau Rat. -- »Mein Gott, so jung sollte sie nicht sein. So
-ein armes Ding!«
-
-»I was!« sagt Herr Rat. -- »Papperlapapp! Warst du etwa älter?«
-
-Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres Lebens zogen
-an ihrer Seele vorüber. -- Sie lächelt, -- alle heißen Thränen, alles
-Sehnen, alles Verstummen hatte sich bei ihr zu einem müden Lächeln
-herabgemildert, -- oder in ein Lächeln zusammengefaßt, -- wie man will.
-
-Apothekers kamen.
-
-Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten rundes Bäuchlein war
-mit »selber gestickter« Seide überspannt und glänzte wie ein heiteres
-Gestirn. Er kniff Röse in die Wange und war vortrefflich gelaunt.
-
-Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach den Fenstern
-des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte sich eben eine Dame in
-vollem Putz, in weißer Haube mit blauen Bändern und im weißen Kleide.
-Sie öffnete das Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der
-Wind, der durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte.
-
-»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte nicht lange, da
-empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau Geheimderat Thon und deren
-Sohn Ottokar Thon, Adjutanten des Großherzogs Karl August.
-
-Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den Eltern Kirsten,
-küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann Marie.
-
-Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte. Das weiße Kleid
-umschloß in langen Falten eine volle, stolze Gestalt. Das schöne
-Busentuch war aus kostbaren gelblichen Spitzen, und eine breite,
-hohe Haube mit himmelblauen Bändern beschattete ein energisches,
-wohlkonserviertes Gesicht.
-
-Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre rundliche Kinderhand
-dann an die Lippen.
-
-Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen Gesichte aber lag
-eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen ihrer Schwester Hand nicht
-los, bis man sich zu Tische setzte.
-
-Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie ahnte, sie wußte
-alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach mit ihr, als spräche er zu
-einem lebendigen Heiligtume, -- so etwas scheu, -- und doch ... --
-Rösen überschauerte es.
-
-Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten Uniform aussah!
-
-Von dem Augenblick an, als sie ihn zuerst gesehen, war ihre Seele
-ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner Gescheitheit und
-seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger gewesen, und sie hatte auch
-gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet.
-
-Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig gelobt habe,
-und daß Karl August eine Schrift über die Zukunft Deutschlands von ihm
-kenne, von wahrer staatsmännischer Bedeutung.
-
-»Solch ein Mensch will mich!«
-
-Das waren Röses Jubelgedanken. --
-
-Röse saß bei Tisch neben dem lieben, herrlichen Menschen und hörte zu,
-wie alle sprachen.
-
-Es war ihr so feierlich und still zu Mute. Und sie mußte träumerisch
-an einen Vogel denken, der in seinem Nest auf schwankem, grünem Zweige
-sitzt, das von einem weichen Winde hin und her geweht wird. Die Sonne
-glitzert durch die dichten Blätter, und schafft so ein wohliges, grünes
-Licht um ihn her. Kein Auge sieht ihn; er ist sich selbst genug. Sie
-fühlt eine Seligkeit, die ihr noch fremd und neu ist; deshalb macht
-sie sich unbewußt ein Bild von dieser großen, stillen Wonne, ein
-kindisches, süßes Bild.
-
-Und es waren nicht nur die Gefühle festlich und heiter; nein, alles
-und jedes! Zu allererst die Suppe. Eine echte Festsuppe: Grünkern
-mit Kerbelrübchen. Das war Frau Rats Meisterwerk. Die Kerbelrübchen,
-wie Mandeln so fein und klein, zergingen auf der Zunge, und die
-Suppe duftete wie ein blühendes Aehrenfeld. Ganz sommerlich duftete
-es aus der Terrine und verbreitete sich im Familienzimmer. Warmer
-Sonnenschein, Lerchengesang vom blauen Himmel, der echte köstliche
-Kornduft, ein sanfter Wind, der über die Aehrenhäupter streicht, --
-Erdgeruch! Das alles kam, als der Deckel von der Suppenschüssel gehoben
-wurde, den Gästen bewußt oder unbewußt in Erinnerung.
-
-Das war die Eigentümlichkeit dieser Suppe!
-
-Frau Rat hatte den Mädchen gesagt: »Die Suppe muß sein wie eine Musik
-oder wie ein Gedicht, die Leute sollen fröhlich davon werden.«
-
-Ja, es war eine feierliche Suppe!
-
-Draußen wirtschaftete der Sturm gewaltig. Die Fensterscheiben klirrten,
-und im Schornstein heulte und jammerte er.
-
-Nach der Suppe gab es einen Karpfen, -- einen Spiegelkarpfen mit
-großen, goldenen Schildern und Flecken, den besten Karpfen, den
-der Hoffischer gehabt hatte, einen Riesen! Röse und Marie hatten
-natürlich mitgeholfen, ihn aus dem Behälter herauszufischen, in dessen
-klarem Ilmwasser die festen Karpfenburschen sich im dichten, goldig
-flimmernden Gewimmel durcheinander drängten, und den allerherrlichsten
-hatten sie also erwischt.
-
-Er war so schön, so unaussprechlich schön in seiner Strammheit, seiner
-Schlüpfrigkeit und in seinem Goldglanze gewesen.
-
-Der Hoffischer hatte ihn selbst geschlachtet, hatte ihm den Kopf
-auf den festen Tisch geschlagen, dessen Füße im Rasen neben
-den Fischbehältern eingerammt waren, und der über und über von
-Fischschuppen flimmerte. Dann hatte er den Fisch in zwei Hälften
-geteilt und den Ratsmädchen in den Korb gepackt und ihnen die
-Fischblase extra verehrt. Marie war darauf getreten, um sie zerplatzen
-zu lassen; es hatte auch wie ein Schuß geknallt. Das war ein
-althergebrachter Spaß gewesen.
-
-Als der Karpfen auf den Tisch im Familienzimmer kam, blau gesotten mit
-geriebenem Meerrettich, und ganz in Petersilie ruhend, da rief der
-Apotheker: »Donnerwetter, ist das ein Prachtkerl! Ist das ein einziger
-gewesen?«
-
-Diese beiden Dinge, die Suppe und der Karpfen, waren aber nur die
-Vorläufer vom Propheten.
-
-Die Gäste waren nicht zum Karpfenessen geladen, sondern zu einem
-wirklichen und wahrhaftigen Fasanenschmaus.
-
-Die Fasanen hatte der junge Adjutant Thon von einer Hofjagd
-mitgebracht, denn er war ein großer Jäger vor dem Herrn, und hatte sie
-Frau Rat Kirsten in die Küche geliefert, und nun sollten sie feierlich
-gemeinschaftlich verzehrt werden.
-
-Als die Magd diese seltenen Geschöpfe hereinbrachte, waren alle
-erstaunt, auch der Herr Rat, daß diese merkwürdigen, nußbraun
-gebratenen Tiere silberne Füße und silberne Köpfe hatten.
-
-»Ja,« rief der Apotheker, »Herr Adjutant, alle Achtung vor eurer
-Fasanenjagd! Das nenn' ich mir Silberfasanen! Silberne Köpfe und
-silberne Füße!«
-
-Röse und Marie kniffen sich gegenseitig in die Finger und waren
-glückselig über das Erstaunen, und daß ihr Vater auch nichts davon
-gewußt hatte.
-
-Die Schopenhauerin hatte Frau Rat, als sie von dem Geschenk gehört
-hatte, diesen herrlichen Ausputz für gebratene Vögel aus ihrem
-Silberschrank geliehen.
-
-Dazu brachte Herr Rat auch eine Ueberraschung: zwei Flaschen alten
-Steinwein in Bocksbeuteln. Diese beiden Flaschen hatte er in dem
-Franzosenjahr vor den gierigen Langfingern versteckt. Er hatte sie im
-kleinen, dunklen Höfchen unter dem Regenfaß vergraben und, als die
-Luft wieder rein war, wieder hervorgeholt, und seitdem lagerten sie in
-einer Mauernische, hoch oben in Rat Kirstens Keller, ganz von Staub
-und Spinnweben bedeckt; und in solchem Zustande setzte er sie, als die
-Vögel mit den silbernen Füßen kamen, zum Entsetzen seiner Frau stolz
-auf den Tisch.
-
-»Aber Kirsten!« sagte diese gekränkt.
-
-»Papperlapapp!« -- Herr Rat war schon dabei, eine zu entkorken. --
-»Gehört sich's nicht etwa so?«
-
-Und der Apotheker unterrichtete Frau Rat Kirsten, daß ein alter,
-seltener Wein in so staubigen und schimmeligen Flaschen auf den Tisch
-kommen müsse; das sei für den Kenner das Feinste.
-
-Die Fasanen hatten einen stattlichen Hofstaat von Salaten, Kompotts und
-Beilagen aller Art.
-
-»Na, und wie steht's denn mit dem Fuchs, den Sie verspürt haben
-wollen?« fragte der Apotheker den jungen Thon. »Das wäre heute so eine
-Nacht für die Bestie, um den Fasanen im Webicht einen Besuch zu machen!«
-
-»Freilich, freilich, das wird er wohl auch vorhaben!« antwortete der
-Adjutant lebhaft.
-
-»Seinen Bau hat der freche Bursche übrigens an der Ilm an dem
-Abhang zwischen Krommsdorf und Tieffurth -- so eigentlich mitten im
-Tieffurther Park. Verspürt ist er nun, der Lump ... aber ...!«
-
-»Ja -- aber!« lachte der Apotheker und stieß mit dem Adjutanten auf den
-Fuchs an.
-
-Marie zupfte Röse am Kleid.
-
-Röse saß zwischen Marie und Ottokar Thon.
-
-»Röse,« tuschelte Marie besorgt, -- »sie werden doch nicht gar zu lange
-bleiben?« --
-
-Röse fuhr wie aus einem Traum auf.
-
-»Was?« fragte sie.
-
-»Na, wenn unsre Drei nun kämen?«
-
-»Die kommen doch nicht eher, als bis alle hier fort sind; die werden
-unten schon lauern, bis der letzte hinaus ist!« flüsterte Röse.
-
-Jetzt erhob sich Herr Rat Kirsten und ließ seinen lieben, verehrten
-Gast, die Frau Geheimderat Thon, hoch leben und bedauerte, daß sie
-Weimar so bald wieder verlassen müsse.
-
-Die Dame war nur auf kurze Zeit aus Eisenach gekommen, um ihren Sohn zu
-besuchen.
-
-Darauf erhob sich Frau Geheimderat, schlug mit dem Kompottlöffelchen an
-ihr Weinglas und dankte sehr wohlgesetzt und stattlich.
-
-Es war ein wohlthuender Anblick, diese kräftige, hochgewachsene Frau in
-ihrem weißen Kleid so frei und vornehm stehen zu sehen.
-
-Sie sprach davon, wie beruhigt und glücklich sie ihren Sohn diesmal
-verlasse, wie beruhigend seine Zukunft, soweit menschliches Berechnen
-nicht trüge, vor ihren Augen läge, -- und für diese Beruhigung, diese
-frohe Aussicht danke sie dem gütigen Elternpaare im Namen ihres Gatten.
-
-Sie hob ihr Glas und stieß mit Herrn Rat und Frau Rat an, dann mit
-Apothekers, und mit Röse ganz besonders.
-
-»Gott segne dich, mein liebes Kind!« sagte sie.
-
-Ihr Sohn trat auf sie zu und küßte ihr die Hand; darauf küßte er Röses
-Hand wieder tief bewegt.
-
-Frau Rat traten Thränen in die Augen. »Du wilder Schlingel!« flüsterte
-sie Röse zu.
-
-Aber ausgesprochen wurde das große Wort nicht. Das war auf Vater
-Kirstens Befehl hin so eingerichtet.
-
-Die jungen Leute sollten noch mit der Heirat warten, und er wollte in
-seinem Hause Ruhe haben, und vorderhand keinen »Verlobungstrafik«, wie
-er sich ausdrückte. Das Geküß und Gethu sollte möglichst eingeschränkt
-werden.
-
-Das fehlte ihm jetzt: auf Schritt und Tritt über ein verliebtes Paar zu
-stolpern!
-
-Er war Herr im Hause, damit basta!
-
-Der Apotheker erstickte fast an einer Rede, und die Apothekerin mußte
-ihren Mann zweimal am Rockschoß zupfen, als sie bemerkte, daß ihm der
-schönste gewürzte Verlobungstrinkspruch auf der Lippe saß.
-
-Einmal hatte er sich schon erhoben; da war aber der Wind mit solcher
-Gewalt gegen die Scheiben gefahren und hatte an den wackeligen, alten
-Fenstern gerüttelt, daß der Apotheker ordentlich zusammengefahren und
-wieder zur Besinnung gekommen war. Ihm war Wind greulich zuwider.
-
-Röse vermißte das Aussprechen des großen Wortes durchaus nicht. Es war
-gut so. Sie wünschte sich's nicht anders. Nichts schreckte sie aus
-ihrem süßen Traume auf. Sie fühlte sich so unaussprechlich glücklich!
-Und es war nichts Beängstigendes bei diesem Glück. Zugleich erschien
-es ihr aber auch noch fremd. Sie mußte sich erst daran gewöhnen.
-
-Ja, wie es ihr Vater eingerichtet hatte, so war es gut!
-
-Sie kannte auch Onkel Apothekers Verlobungs- und Hochzeitssprüchlein
-und gab ihrem Vater, als sie mit ihm anstieß, extra einen Kuß dafür,
-daß der in der schön gestickten, seidenen Weste nicht reden durfte.
-
-Der junge Adjutant Thon sah das wundervolle, blonde, kindliche Geschöpf
-vor sich, wie es so süß träumte. Und sie gehörte ihm, war sein eigen,
-sie war ihm versprochen!
-
-Er war wie verdurstet, wie verschmachtet. Ein Kuß auf diese junge
-Wange, auf den kecken, rätselhaft schweigenden Mund schien ihm
-Erlösung, -- das seidenweiche Haar zu streicheln Erquickung!
-
-Und daß sie an seiner Seite so bräutlich verschämt schwieg,
-erschütterte ihn.
-
-Er empfand ihre junge Liebe wie den Duft einer Blume. Ein berauschender
-Duft! --
-
-Marie flüsterte Rösen ins Ohr: »Du, Röse, sie wird doch heut auch
-wirklich spuken?«
-
-»Wer?« fragte Röse.
-
-»Ach geh!«
-
-»Wenn das +so+ werden soll, wenn du ewig nur vor dich hin gucken
-willst! -- Na dann --!« Marie sprach sich nicht weiter aus, schien aber
-entrüstet zu sein.
-
-»Jesses,« flüsterte Röse, »wenn ich nicht gleich aufpaß! Mich freut's
-grad so wie dich, wenn sie spukt; vielleicht noch mehr!«
-
-Der noch nicht offizielle Bräutigam hörte die beiden zankend
-miteinander tuscheln.
-
-»Ich denke, die Demoisellen sind immer ein Herz und eine Seele?«
-
-»Sind wir auch!« sagte Röse.
-
-Er lächelte und sprach eifrig mit seiner jungen, zukünftigen Braut;
-etwas würdig, wie er es mit jedem jungen Mädchen that, aber jedes
-Wort bebte und zitterte und war beladen mit allem möglichen, und die
-Blicke beider hingen aneinander, -- forschend, ergründend und scheu den
-Anblick genießend.
-
-Draußen fauchte in langen Zügen unvermindert der Wind und trug jetzt,
-wie es schien, einen merkwürdig hellen, rhythmischen Pfiff auf seinen
-Flügeln.
-
-Röse, die eben im lebhaftesten Gespräche mit ihrem Anbeter war, spitzte
-die Ohren, erhob sich wie im Traume, ging dem Fenster zu, blieb aber
-zögernd, wie unverrichteter Sache stehen und begab sich wieder auf
-ihren Platz.
-
-Der junge Thon beobachtete sie.
-
-»Schaf!« flüsterte Marie ihr zu. »Wenn sie's merken, lassen sie uns bei
-dem Wetter nicht fort!«
-
-Es war etwas übermütig Glückseliges in Röses Gesicht gekommen.
-
-Die Ratsmädel kniffen sich gegenseitig versteckt in die Arme.
-
-Frau Rat aber hatte auch den Pfiff gehört und dachte bei sich: »Das war
-ja Budangs Pfiff; was lauert denn der?«
-
-Jetzt schellte es unten.
-
-Das sind sie! dachten Röse und Marie gleichzeitig erschreckt und
-sprangen beide auf, um die Hausthür zu öffnen. Was ihnen denn nur
-einfiele! Waren sie denn des Kuckucks!
-
-Sie trafen aber ganz etwas andres, als sie vermuteten.
-
-Die Schopenhauerin schickte als Dessert nach dem Fasanenschmaus für
-Röse ein weißsamtenes Ridikül mit Perlenstickerei und mit einem
-Veilchenbouquet daran gebunden, etwas unsagbar Schönes, Bräutliches.
-Sie hatte jedenfalls nicht anders gedacht, als daß die Verlobung doch
-bei einem Gläschen Wein trotz alledem feierlich abgesprochen worden sei.
-
-Röse und Marie wußten nicht recht, was sie damit beginnen sollten; sie
-beratschlagten und hielten sich deshalb ziemlich lange auf der Treppe
-auf. Marie kam auf den schlauen Gedanken, das wundervolle Ding mitsamt
-den Veilchen in ihr Schnupftuch zu wickeln; so wollten sie es aufheben,
-bis die Gäste fort wären, denn beide fürchteten, es möchte dem Vater
-nicht recht sein, wenn sie das Verlobungsgeschenk der Schopenhauerin
-jetzt mit hereinbrächten. Und es geschah so, wie sie sich vorgenommen.
-
-»Was war denn?« fragte Frau Rat ernst, als die Mädchen wieder eintraten.
-
-Röse errötete und flüsterte ihrer Mutter etwas ins Ohr.
-
-Der junge Thon fand, daß die beiden Mädchen seit einiger Zeit von einer
-merkwürdigen Unruhe befallen waren. Es war ihm, als müsse er mit Röse
-ein feierliches, großes Wort reden.
-
-Eine bange Unruhe überfiel ihn. Liebte sie ihn auch wirklich? War er
-ihrer sicher?
-
-Die beiden Mädchen hielten sich, während sie ganz vernünftig und
-liebenswürdig sprachen, unter dem Tisch an den Händen fest.
-
-»Heut wär' eine schöne Nacht für meinen Fuchs!« dachte der junge Thon
-mitten in seinem Herzensrausch. Er hat bereits gestern die halbe Nacht
-platt auf dem Bauche vergeblich vor dem Fuchsbau gelegen und sieht sich
-schon, wie er an der nur ihm bekannten Stelle abermals auf den Fuchs
-paßt. Er hört im Geiste die knospenden Bäume über sich rauschen, fühlt
-wohlthätig den kühlenden, weichen Sturm. Und das Lauern, das scharfe
-Hinhorchen, -- das Spannen, -- die Naturlaute, die nachts hie und da
-geheimnisvoll auftauchen, -- da wird's ihm wohl werden!
-
- * * * * *
-
-Die Gäste empfehlen sich zur Bürgerstunde. Alle machen Frau Rat Kirsten
-Komplimente über das splendide Gastmahl, und Frau Geheimderat Thon
-drückt Röse mütterlich zärtlich an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr.
-Röse errötet tief und küßt ein wenig zaghaft und verlegen die Hand
-ihrer künftigen Frau Schwiegermutter.
-
-Und wieder ist sie durchschauert von etwas Ungeahntem, Unbekanntem, als
-Ottokar Thon ihr zum Abschied die Hand drückt, so erregt und bewegt,
-als wäre dieser einfache Händedruck eine heilige Handlung.
-
-Als alle fort waren, fällt sie ihrer Mutter in die Arme und küßt sie
-und lacht, und dabei glänzen ihr die Thränen in den Augen.
-
-Die Mädchen müssen noch mit aufräumen, alles an Ort und Stelle bringen;
-sie sind zu diesem Behuf aus ihren weißen Kleidern in die grauen
-Ginghamalltagskleider geschlüpft und wirtschaften mit wahrem Feuer und
-so ordentlich und vernünftig, daß Frau Rat ihre Freude hat und bei sich
-denkt: »Was für ein paar flinke Mädchen sind sie doch, pflichttreu und
-brav!«
-
-»Jesses, Röse,« flüstert Marie, »mach zu! Wenn du so trödelst, wann
-denkst du denn, daß wir fortkommen?«
-
-»Erst müssen doch alle im Bett sein,« sagt Röse bang, »was hilft's
-denn sonst? -- Poltere doch nicht so!« Marie ging darauf hin auf den
-Fußspitzen.
-
-Drüben bei Thons war schon alles dunkel.
-
-»Ach Gott!« brummte Marie, »weshalb dauert's denn bei uns so lang?«
-
-Die Magd schlürfte noch draußen herum; der Vater sah nach diesem und
-jenem; die Mutter schloß das gespülte und geputzte Silberzeug in den
-Schrank.
-
-Röse beguckte sich noch einmal nachdenklich die silbernen Füße und
-Hälse der Fasanen.
-
-Nach und nach zog aber auch in das Kirstensche Haus Dunkelheit und
-Nachtruhe ein.
-
-Die beiden Mädchen waren hinauf in die Kammer geschickt; die Magd,
-Vater und Mutter, jedes war schlafen gegangen, und keine Maus rührte
-sich.
-
-Es schlug elf Uhr. -- Da war es, als wenn auf der dunklen Treppe sich
-vorsichtig etwas bewege. Es knarrte eine Stufe; es huschte und schlich
-etwas. Zwei Stimmen wisperten vorsichtig. »Ach Gott im Himmel,« sagte
-Röse tief erregt, dicht am Ohr Maries, »mir ist's ordentlich angst, --
-so was haben wir noch nie gethan! Glaubst du, daß der Vater bös sein
-würde?«
-
-»Röse,« erwiderte Marie mit Herzklopfen und verhaltenem Atem, »jetzt
-ist's zu spät! -- Mach nur leise, -- du trampelst ja!«
-
-»Na,« murrte Röse, »wenn das Trampeln is! Gar nich!« Aber da krachte
-die alte Stufe so entsetzlich. Den beiden kam es wie ein Kanonenschuß
-vor. -- Sie standen ganz starr und hatten nicht den Mut, sich wieder zu
-regen. -- »Ach Gott!« klagte Marie.
-
-Dann aber schlichen sie langsam und vorsichtig weiter.
-
-»Ich höre da draußen wen,« brummte Herr Rat in seinen Kissen.
-
-Frau Rat war schon am Einschlafen und entgegnete undeutlich: »Der Wind;
-auch wohl die Katze.«
-
-Das leuchtete Herrn Rat ein, denn der Wind rasselte draußen an den
-Dachrinnen, klirrte mit den Fensterscheiben, sang und jodelte in den
-Schornsteinen. Es war eine wilde, stürmische Osternacht. Zerrissene
-Wolken fuhren über den Himmel.
-
-Unten an der Hausthür fingerten jetzt ein paar ängstliche, zitternde
-Händchen vorsichtig, um den großen Hausthürschlüssel geräuschlos ins
-Schlüsselloch zu stecken.
-
-Röse und Marie hatten diesen Schlüssel, pochenden Herzens, aus der
-Mutter Speisekammer stibitzt.
-
-Nun standen sie draußen, im Sturm aufatmend, und schauten mit
-ängstlichem Blicke nach dem Fenster oben. Sie seufzten beide tief, denn
-es war ihnen nicht geheuer zu Mute. Sie hätten's nicht thun sollen!
-So heimlich fortzuschleichen war das Rechte nicht, das fühlten sie.
-Und sie dachten beide mit einem Gefühl bangen Seelendruckes an Frau
-Geheimderat Thon, vor der sie den denkbar größten Respekt hatten. Was
-die wohl dazu meinen würde?
-
-»Donnerstag!« rief Röse, »ist das ein Wetter! -- Himmlisch!«
-
-Sie faßten sich an den Händen und ließen sich von dem Winde treiben.
-»Glaubst du wirklich, daß es was gibt, wenn sie's oben merken?« fragte
-Röse.
-
-Marie antwortete nicht. Der Wind hatte ihren wollenen Longshawl gefaßt
-und sich darin verfangen.
-
-»Weißt du,« sagte sie nach einer Weile, »ich glaub' schon. Aber wenn
-alles gut ausgeht, und wir haben sie wirklich gesehen, und wir sagen's,
-dann -- dann ...«
-
-Der Wind nahm ihr den Atem.
-
-Sie wollten nicht quer über den Markt laufen, sondern lieber gedeckt,
-wie die Diebe an den Häusern hin; und so eilten sie Hand in Hand
-vorwärts. Ihre engen Kleiderröcke flatterten wild im Westwinde;
-die Stirnlöckchen, selbst die schweren hängenden Zöpfe wehten und
-peitschten um sie her. »Diese Scheusäler!« brummte Röse, als ihr Maries
-Zopf übers Gesicht gefahren war.
-
-Jetzt mußten sie am »Elefanten« vorbei. Aus der Gaststube schimmerte
-Licht in die Dunkelheit; es trat jemand aus der hellerleuchteten
-Thorfahrt. Röse und Marie drückten sich atemlos, erschreckt in den
-Schatten an die Mauer. Dann liefen sie weiter, mit halb zugekniffenen
-Augen, weil der Sturm Sand und Staub aufrührte.
-
-Das Wolkengeschiebe riß auseinander, und der Vollmond schaute auf einen
-Augenblick ungeheuer glänzend, als wäre er von den Wolken eben erst
-wieder blank gewischt worden, auf die dunkle, windgepeitschte Erde
-hinab.
-
-»Gucke, der Mond!« bemerkte Röse im Rennen.
-
-Als sie am Schlosse vorbei zur Burgmühle kamen und die Ilm nächtlich
-an ihnen vorbeirauschte, blieben sie stehen und lauschten ins Dunkel
-hinaus.
-
-Ihre Herzen hämmerten, ihre Wangen glühten; der Sturm hatte sie wie ein
-paar Rosenbüsche zerzaust.
-
-»Die andern werden in der Fähre stecken,« flüsterte Marie, »wenn sie
-uns nur nicht erschrecken!«
-
-Ja, sie fürchteten sich sehr! Das grelle, plötzlich hervorbrechende und
-wieder verschwindende Mondlicht, die schweren, schwarzen Wolken, der
-Sturm, der in den hohen Bäumen sauste, und dazwischen die unheimliche
-Stille, ohne menschlichen Laut, nur von entferntem Hundegebell
-unterbrochen, das Kreischen der uralten, verrosteten Wetterfahne auf
-der Mühle, -- alles bedrückte sie!
-
-Röse versuchte einen kleinen rhythmischen Pfiff, dem ähnlich, den der
-Wind vorhin durch die Wünschengasse getragen hatte; aber er kam so
-zaghaft zu stande, daß er wie ein Hauch verflog.
-
-»Bis hierher wird sie doch nicht kommen?« fragte Marie kaum hörbar.
-
-»Ach gar!« wehrte Röse mit geheucheltem Mute, und beide schmiegten sich
-fest aneinander.
-
-»Sie sitzen gewiß in der Fähre und schaukeln sich,« meinte Marie.
-»Wir müssen ein bißchen näher. Ob der Müller ihnen wohl die Fähre los
-gemacht hat?«
-
-Sie gingen vorwärts, aber sehr, sehr langsam.
-
-»Wie die Ilm rauscht!« sagte Marie.
-
-Jetzt pfiffen sie beide. Budang würde erklärt haben: »Scheußlich
-falsch.«
-
-»Oho!« hörten sie laut rufen.
-
-Und es kam wirklich aus der Fähre. Es dauerte nur ein paar Augenblicke,
-da standen ihre drei Freunde Budang, Horny und Ernst Schiller vor ihnen.
-
-»Trödelbüchsen!« rief Budang.
-
-»Gottlob, daß ihr da seid!« sagte Marie aufatmend.
-
-Horny und Budang halfen den Mädchen auf die dunkle Fähre. Das Ilmwasser
-rauschte und gluckste um die groben Bretter und schien eine eisige
-Kälte zu verbreiten.
-
-Budang und Ernst Schiller stießen vom Ufer, die Fähre zwischen den
-geteerten Tauen lenkend. Die vier Räder, woran die schweren Taue
-liefen, schnurrten; der Wind klappte und rasselte damit. Röse und
-Marie saßen aneinander gedrängt. Wie dünkte ihnen ihre alte gute Fähre
-heute sonderbar und bedrohlich, einem Riesenungetüm ähnelnd, dem man
-nicht trauen durfte. Wie sie über das klatschende Wasser schlich, wie
-sie schwankte, ruckte und zuckte! Der Sturm erschwerte die Ueberfahrt
-außerordentlich.
-
-»Wie schaurig die Ilm sein kann!« wisperte Röse wieder, -- »so schwarz!«
-
-Budang rief: »Na, ihr fürchtet euch wohl?«
-
-Keine Antwort.
-
-Die jungen Burschen lachten nur kurz auf, denn sie waren gerade dabei,
-die Fähre am andern Ufer anzulegen, und mußten aufpassen.
-
-Beim Aussteigen waren die Ratsmädchen noch immer schwer und bang
-gestimmt. Alle miteinander schritten in einer Reihe den aufwärts
-führenden Weg hinan. Den breit ausladenden Westwind hatten sie jetzt
-in der Seite. Man konnte sich ordentlich dagegen stemmen. Der Mond
-war einmal wieder hinter den Wolken verschwunden, die Dunkelheit
-pechschwarz.
-
-Röse fragte Budang zaghaft bittend: »Einhäkeln?«
-
-»Ja, aber so schwer mußt du dich nicht wieder machen!«
-
-»Budang,« kam es schüchtern von Röses Lippen, »in der Osternacht da
-stehen die Toten aus ihren Gräbern auf.«
-
-Marie, die sich an Röse hielt, fuhr zusammen.
-
-»Nu ja,« meinte Budang kaltblütig, »deshalb gerade, denke ich, gehen
-wir doch!«
-
-Tiefe Stille.
-
-Marie ergänzte Röses Wissen: »Und die Tiere sprechen miteinander und
-die Sonne tanzt, wenn sie aufgeht!« Es durchrieselte sie selbst bei
-ihren Worten.
-
-»Ach Budang,« begann Röse wieder, »es gibt so fürchterliche Dinge!
-Am Tage denkt man nicht daran, aber nachts, da sieht alles so wie in
-einer alten schrecklichen Geschichte aus. Weißt du von dem Fährmann,
-der die Toten über ein großes schwarzes Wasser setzte; -- so wie wir
-vorhin, fuhren sie von allem fort, was sie kennen und was sie lieb
-haben. -- So hat es gewiß gerauscht, -- und so kalt wird's gewesen
-sein, und die Taue haben so geklappt, und die Räder geschnurrt; und
-alles pechschwarz, Sturm, nie wieder Sonnenschein! -- Und da haben sie
-auch so auf der Bank gesessen und sich gefürchtet, -- und sind auf
-Nimmerwiedersehen fortgefahren! -- Budang, wie mir die Göchhausen leid
-thut! -- Glaubst du denn wirklich, daß sie kommt? -- Und wie ist's denn
-nur, daß sie gerade kommt, und die andern nicht? -- -- Ach, Budang, wer
-so was wissen könnte! Ob sie wohl recht unglücklich ist?«
-
-Marie bemerkte zu Ernst Schiller: »Und daß sie wie aus einer Flasche
-spricht, -- so fiept, -- das ist gräßlich!«
-
-Sie gingen jetzt durch die breite Allee von Kastanien, alle Hand in
-Hand.
-
-Der Wind schlug die Zweige mit den dicken, glänzenden Blätterknospen
-aneinander; es klappte und sauste, und über die kahlen Felder kam es
-unheimlich angebraust.
-
-Röse wisperte: »Kahle Bäume sind die Gerippe, und die Blätter werden
-erst das Fleisch daran.« Dabei hielt sie sich an Budang fest vor
-Grauen. Und Marie flüsterte bebend: »Pfui Röse!«
-
-»Jetzt haben wir's,« sagte Budang, »jetzt fürchten die sich!«
-
-Aber sonderbar, sie gingen alle etwas aneinander gedrängt; ganz geheuer
-war es keinem von der Gesellschaft zu Mute.
-
-»Ich weiß noch gar nicht, wie das werden wird, wenn sie wirklich kommen
-sollte! Was machen wir denn da mit Röse und Marie --?« meinte Ernst
-Schiller.
-
-Röse ließ ihn nicht aussprechen: »Da sei du nur ohne Sorge, wenn es
-darauf ankommt, fürchte ich mich gar nicht! -- Ich rede sie an!«
-
-»Oho,« rief Budang, »ihr wißt, daß ihr nicht prahlen sollt!«
-
-»Budang,« zürnte Röse, »das geht jetzt nicht mehr, so darfst du uns
-nicht behandeln! -- Weißt du, wir sind so gut wie verlobte Mädchen!«
-
-»Jawohl,« antwortete Budang halb ironisch, halb ärgerlich, »laß die
-dummen Witze!«
-
-Röse fuhr empört auf. »Nein, jetzt glaubt er's nicht! -- Haben wir je
-gelogen?«
-
-Die ganze Karawane stockte mit einem Ruck. Sie standen alle
-zusammengedrängt wie in einem Nest, und der Wind schnob um sie her und
-trieb sie noch näher zu einander.
-
-»Beide?« fragte eine sonderbare Stimme, von der niemand sogleich wußte,
-wem sie angehörte. Sie klang so fremd, so unterdrückt, als wenn der
-Frühlingssturm selbst mit einemmal eine leise, ängstliche Frage gethan
-hätte.
-
-Franz Horny sah beim grellen Mondlicht eine sonderbare Veränderung in
-dem Gesichte seines Freundes Ernst Schiller.
-
-Ja, er und Ernst Schiller hatten mit den beiden Mädchen Götzendienst
-getrieben; für sie gab es nichts Schöneres, nichts Lieblicheres als
-diese Geschöpfe. Aber Horny war kühlen Herzens geblieben, sein ganzes
-erstes Jugendfeuer gehörte seiner Kunst. Und nun fragte er ruhig, wenn
-auch seines Freundes wegen innerlich erregt: »Beide?«
-
-»Nein,« sagte Marie, »nur Röse; aber sie darf's ja noch nicht sagen!«
-
-»Nun, -- weshalb sagst du dann: beide?«
-
-»Ich weiß nicht,« meinte Röse beschämt. Da hatten sie sie doch auf
-einer Lüge ertappt, die Bengel!
-
-Es war ihr aber so entwischt, weil noch nie eine etwas gehabt hatte,
-was die andre nicht auch besaß. Es mochte ihr neu sein, daß sie
-Einzelwesen waren. Es verdutzte sie völlig. Beide gehörten so eng
-zusammen. Sie waren sogar merkwürdigerweise in ein und demselben Jahre
-geboren, als gute Kameraden so ganz nah aufeinander gefolgt; das wissen
-wir ja.
-
-Im Webicht peitschte der Wind das Gestrüpp der Büsche durcheinander.
-Er sauste durch die Tausende schlanker Ruten und Zweige, wie durch ein
-Riesensieb.
-
-Ein Schrei von einem Käuzchen! Fern brömselte ein andres schwatzend
-und klagend, frühlingshaft spitz und grell vor sich hin. Auch ein
-Liebespärchen, das sich lockte und schalt, koste und sich beklagte!
-
-Wenn man genau hinhörte, fiepte und klatschte es da und dort:
-unbestimmbare Nachtlaute. Ganz fern ein Vogelaufkreischen!
-
-»Guten Appetit!« sagte Horny, »da ist einer über eure Fasanen gekommen,
--- vielleicht ein Fuchs.«
-
-»Wie waren sie denn?« fragte Budang, der an Röses Verlobungsgeschichte
-nicht glauben wollte und sich doch nicht recht zu fragen getraute.
-
-»Gut,« sagte Röse. »Sie hatten auch silberne Köpfe und silberne Füße
-aufgesteckt bekommen. Sie sahen prachtvoll aus.«
-
-Die Karawane setzte sich wieder in Bewegung, jetzt ganz still.
-
-Röses Verlobung lag über allen wie etwas Unbegreifliches.
-
-»Röse,« wagte Budang nach einer Weile sich zu erkundigen, »ist denn
-deine Verlobung wirklich wahr?«
-
-»Ja, Budang.«
-
-»Mit dem Thon, der euch die Fasanen geschickt hat?«
-
-»Ja.«
-
-»Herr Gott!« sagte Budang, »glaubt der, daß du eine vernünftige Person
-bist? Thust du's denn freiwillig? Verlobst du dich denn gern? Ich
-begreif's nicht! Wieviel jünger bist du denn als ich?«
-
-»Anderthalb Jahr,« gab Röse wie im Examen Auskunft.
-
-»Stell dir vor,« fuhr Budang fort, »wenn ich mich in anderthalb Jahren
-verheiraten wollte. -- Lächerlich!«
-
-»Ja,« bestätigte Röse aufrichtig.
-
-»Und du weißt's, daß du verlobt bist, -- seit heute erst, -- und bist
-doch mitgerannt! -- -- Du bist aber gedankenlos! Da muß man doch,
-dächt' ich, ganz erschüttert sein?«
-
-»Ach,« meinte Röse betreten, »ich bin ja auch noch nicht ganz verlobt!
--- Und glaubst du etwa, ich denk' nicht immer dran? -- Immer! -- --
-Nein, weißt du, mir ist's auch viel lieber, daß ich mit euch hier
-renne; zu Haus war mir's manchmal ganz angst und bange vor Glück.«
-
-»Weiß denn der Thon, daß du hier mitläufst?«
-
-»Nein.«
-
-»Na, mir scheint, du denkst wirklich über gar nichts nach! Wie bist du
-nur!«
-
-»Ach geh!« wehrte Röse ab.
-
-Der Sturm hatte nachgelassen.
-
-Sie bogen jetzt ins Dorf ein.
-
-Die Kirchturmuhr schlug zwölf: die Geisterstunde!
-
-»Da kommen wir ja gerade recht,« meinte Horny.
-
-Marie that einen tiefen Seufzer. »Wenn ihr so sprecht, geh' ich
-wenigstens nicht mit,« protestierte sie leise, aber heftig.
-
-»So seid ihr Mädchen: ›Wasch mich, mach mich aber nicht naß!‹« rief
-Budang. »Ich habe es immer gesagt, Röse und Marie denken nicht; sie
-thun's nur!«
-
-»Nein,« sagte Röse, »da irrst du dich!«
-
-Sie gingen jetzt auf einem schmalen Wege, der an der Ilm vorüberführt.
-Und die Ilm gluckste und rauschte auch hier geheimnisvoll nächtlich,
-und der Wind pfiff noch gespenstischer durch die riesig hohen Ulmen.
-»Wenn sie hier käme,« flüsterte Marie zitternd, »da könnten wir doch
-nirgends ausweichen, -- so zwischen der Mauer und der Ilm. -- -- -- Ich
-stürb' auf der Stelle, wenn sie mich anfaßte!«
-
-»Fällt ihr nicht ein,« zürnte Budang; »wie soll sie darauf kommen, dich
-anzufassen? Schließlich war sie doch eine vornehme Dame, und die wird
-sich doch nicht im Grabe solche Handgreiflichkeiten angewöhnt haben!«
-
-»Laß doch,« meinte Ernst Schiller, »sie mag das nicht hören!«
-
-Marie war jetzt im Grund ihres Herzens tief erregt; das nächtliche
-Ausreißen von daheim, die dumpfe Sorge, daß sie doch etwas Unrechtes
-thäten, das schauerliche Ziel, die vermutliche Nähe des Entsetzlichen,
--- all das hatte sie überwältigt, und sie brach in Thränen aus.
-
-Seele und Körper erschauerten ihr. Sie suchte eine Stütze; Röses Hals
-umklammernd, weinte sie bitterlich.
-
-»Marie,« schalt Budang, »sei doch vernünftig!«
-
-Die drei Freunde standen um die Ratsmädchen her und wußten nicht, was
-beginnen.
-
-»Laßt sie nur!« sagte Röse. Und beide Mädchen steckten ihre blonden
-Köpfe ganz dicht zusammen, und die jungen Körper schmiegten sich fest
-einer an den andern.
-
-Der Mond schien hell über sie hin.
-
-»Röse,« bat Marie schluchzend, »nicht wahr du, wir verlassen uns doch
-nicht?«
-
-»Nein,« sagte Röse, »gewiß nicht.«
-
-»Die arme Göchhausen!« schluchzte Marie wieder, »wie muß der zu Mute
-sein! -- Und wie schrecklich, daß sich die Leute so vor ihr fürchten!«
-
-»Wir wollen sie anreden,« ermutigte Röse, »und wollen sie fragen.
-Vielleicht können wir ihr helfen. Komm, Marie!«
-
-Die guten Herzen der beiden überwanden das Grauen.
-
-Sie hielten sich noch eine Weile umschlungen, während Röse leicht
-beschwichtigend auf Maries Rücken klopfte. »Nun gehen wir weiter,«
-sagten sie dann, und sie hingen sich wieder ein in die Arme ihrer
-Freunde.
-
-»Der Mond hat sich wieder versteckt,« meinte Marie bedenklich.
-
-In der großen, tiefen Stille, die durch kein Geräusch gestört war, nur
-die Ilm plätscherte, und der Wind fuhr durch die Baumkronen, da hörten
-sie etwas! -- Was war das?
-
-Sie befanden sich noch auf dem schmalen Weg. -- Von fern ein Scharren,
--- ein Laufen, -- ein Huschen, -- Schritte, -- aber merkwürdige
-Schritte, -- in Sätzen, -- etwas ganz Unvermutetes, Unvernünftiges,
-Menschenunwürdiges!
-
-Sie standen alle bewegungslos, lautlos.
-
-Wenn sie das wäre, so wär's grauenhaft, so ein unwürdiges Hupfen und
-Huschen!
-
-Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher, -- grad auf
-dem Wege kam es auf sie zu, -- näher, -- immer näher, auf dürren
-Blättern gehend, dann hopsend! Ja, wenn sie das wirklich wäre, dann
-überstiegen diese Laute alle Phantasie! Der entsetzlichste Kobold
-hätte nicht widersinniger rennen, hüpfen und stehen bleiben können,
-als es das that, was da ankam! -- Und zu denken, daß diese arme Seele
-eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem etwas
-boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel! -- Ein Mensch! Eine
-Hofdame!! -- so heruntergekommen, so urweltlich sich aufführend, -- so
-ungeheuerlich!
-
-Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde mächtig
-bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer angedrückt,
--- totenstill. Wie mußte erst das Aussehen des Spukes sein, nach
-solchen Lauten! -- Sie hatten sich alle eine unbestimmte Vorstellung
-von der Begegnung mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes --
-Nebelhaftes -- Huschendes -- Fiependes, -- und daß sie wie aus einer
-Flasche sprechen würde; aber nicht so -- um Gottes willen nicht so!
-
-Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, deren Ränder
-versilbernd.
-
-Da sahen sie sich etwas bewegen, -- etwas Ungestaltes, Niederes;
--- es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel, -- und zwei
-unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich und hoben sich gespenstig
-vom dunklen Hintergrund ab! Diese wackelnden Hörner, was sollten die?
-Was wollten die?
-
-Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.
-
-Da mit einemmal ein Zappeln, ein Strampfen, ein Bocken und Stampfen,
-und wie aus einer Trompete, ein urweltlicher, scheußlicher Ton, und --
-ein Gelächter! Budang war's, der lachte.
-
-Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet und beleuchtete
--- ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt auf vier hohen, sparrigen
-Beinen stand und seinen Riesenkopf mit seinen Riesenohren vor sich hin
-streckte und horchte.
-
-»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.
-
-Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge Scheusal hopsend
-und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit vorgestrecktem Kopf in die
-Nacht und in den Park hinein.
-
-»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine ›Muffel‹, der ist dem
-Pächter entwischt!«
-
-Sie blieben alle still und betreten, also müsse noch was kommen; zu
-einem wirklichen herzhaften Gelächter brachten sie es nicht. Es lag
-etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, Werdendes, -- so etwas Banges,
-Wehes. -- Auf Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste
-schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall an, an
-die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die Gräber, -- denn es war
-heilige Osternacht, wo die Toten auferstehen!
-
-Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen, -- Käuzchen, -- verliebtes
-Nachtgetier.
-
-Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die Schritte waren
-unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. Eine moderige Feuchtigkeit stieg
-auf.
-
-Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.
-
-»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor Goethes Gartenhaus
-alle Morgen gekehrt wurde? Daß ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt
-hat? -- Glaubt ihr das?«
-
-Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht der
-stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.
-
-Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst einmal gesehen;
-die Schopenhauern hat's erzählt, und die weiß auch, wer's gewesen
-ist. Beim ersten Morgenschimmer hat er das Mädchen getroffen, wie
-sie gekehrt hat, -- und da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele
-und ist zusammengesunken wie ein Wisch; und eine alte Frau, die wie
-ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat etwas gemurmelt,
-wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig is!‹ Dann sind sie nie wieder
-gekommen, und das Kehren war aus!«
-
-Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -- »Ja, wißt
-ihr denn das nicht?« rief Marie unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern
-gesagt, daß das nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen
-gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit saß, hat es sich
-ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt, -- so wie ein Kätzchen,
--- oder wie ein Mädchen, das ihn lieb hatte und für ihn gestorben
-ist. Einmal hat er auch, als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm
-gesehen, der sich über seine Brust spannte, -- nur einen Arm und eine
-Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten ging, da soll
-etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. Es haben's auch
-andre Leute gesehen und sind davor erschrocken. Ja, es war oft jemand
-unsichtbar um ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern
-hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist und ihn so
-übermannt hat, wie der Schauer, wenn das Wundersame bei ihm gewesen
-sei. Und an dem Morgen, an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen
-hat, da soll er ganz verstört gewesen sein!«
-
-Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit zu haben; alle
-unterhielten sich weiter über geheimnisvolle Dinge. Jeder hatte etwas
-zu erzählen.
-
-Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim Umzug als Feder
-nachfliegt und im neuen Hause wieder mit einzieht; die Beutlersleute,
-die über Kirstens wohnten, kannten einen in ihrer Familie, der auf
-Spinnenbeinen ging und eine Zipfelmütze trug. -- Im alten Rattenneste
-Weimar spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab es
-keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht irgend etwas
-nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein altes Haus, in dem
-es ganz einfach geheuer war, und keine adelige Familie, die nicht
-gerade so wie ihr altes Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß.
-Das heißt, auf den Familienspuk war bei weitem sicherer, als auf das
-Familiensilber zu rechnen.
-
-Und so strichen unsre Fünf im nächtlichen Grauen auf den einsamen
-Parkwiesen hin und her und betraten nun mit abermals klopfendem Herzen
-die dunkelsten, geheimnisvollsten, überwachsenen, feuchten Wege an der
-Ilm, um trotz allem der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade
-dort, hieß es allgemein, sollte sie spuken.
-
-Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung ziemlich von oben
-herab von diesen Dingen, waren aber wiederum um nichts weniger eifrig
-und weniger erregt, als unsre Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die
-Borkenbrücke und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen
-Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und Büschen bestandenen
-Abhange hin, und kaum waren sie hier eine Strecke in tiefem Schweigen
-geschlichen, -- denn es war eine so feuchte, monddurchschienene
-Einsamkeit, als wäre jahrhundertelang hier niemand gegangen, -- da
-standen sie alle mit einem Schlage wie gebannt!
-
-Nahe, -- in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand aufgestöhnt, und sie
-hatten alle deutlich gehört, wie etwas, das in den Büschen steckte,
-so recht verbissen und verzweifelt zwischen den Zähnen »verdammt!«
-gezischt hatte. »Verdammt!« deutlich »verdammt!« nichts weiter, und
-dann wieder tiefe, tiefe Stille auf allen Seiten.
-
-»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.
-
-Alle hielten den Atem an und horchten.
-
-Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen schien indessen
-auch zu horchen.
-
-Totenstille!
-
-Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen würde, -- denn
-da war etwas, -- das war sicher!
-
-Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen wie die
-Bildsäulen so starr, -- ganz Erwartung! Dasjenige, das in den Büschen
-auf so sonderbare Weise »verdammt!« gesagt hatte, mußte sicherlich in
-Verwunderung geraten sein, was mit den vielen Schritten, die es doch
-kommen gehört hatte, geworden sei.
-
-Jetzt aber, -- was war das? -- Ein Fiepen, ein jämmerliches,
-sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, oder quietsche ein
-Wägelchen, oder auch als wimmere ein Hund unter ganz besonderen
-Umständen!
-
-Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es durchaus nicht
-unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie fiepe, oder wie durch eine
-Flasche rede, hatten sie ja gewußt!
-
-Das war das Entsetzliche!
-
-Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, was im Gebüsch
-steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.
-
-Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer gepackt, mahnte Röse:
-»So kommt doch!« Und sie war's, die sich wieder auf die Beine machte,
-ohne auf die andern zu achten, die ihr schleichend folgten.
-
-So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige Schritte, mit
-klopfendem Herzen und stockendem Atem. -- Dann ein gewaltiges Rascheln
-im dichten Gebüsch, -- ein furchtbarer Schrei, -- ein Springen, --
-ein heiserer Laut, -- und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem
-großen, dunklen Mantel umfangen wurde. -- Ein ungeheurer Schreck! --
-Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!
-
-Marie schrie verzweifelt auf.
-
-»Ruhig, -- ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was macht ihr denn hier?
-Röse, um Gottes willen, wie kommst du hierher?«
-
-Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien zu flüstern und
-war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. Und jetzt, -- ein
-zarter, zarter Frühlingslaut, -- so süß, so wunderlich, -- ein Laut wie
-ein Kuß!
-
-»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. »Der lag hier auf
-der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße Wort hatte sich ihr im
-Schreck und in der Ueberraschung gebildet.
-
-Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Aerger und in der Erregung
-über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, die ihm den Fuchs
-verscheuchten, die Schnauze zugehalten hatte, wedelnd an Marie in die
-Höhe.
-
-»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt, erschüttert,
-doch auch unwillig aus dem großen, dunklen Mantel heraus. -- »Was fällt
-euch denn ein?«
-
-»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, »daß wir
-ausgerissen sind.«
-
-»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, »sie sind ja mit
-+uns+; -- und wenn +wir+ dabei sind, dürfen sie alles! -- Frau Rat hat
-es ihnen ein für allemal erlaubt.«
-
-Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die die beiden Mädchen
-hatten, lächeln.
-
-In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine überzeugende
-Vortrefflichkeit, -- so eine unantastbare Treuherzigkeit, -- daß jedes
-weitere Wort, jeder Unwille und jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der
-Adjutant schüttelte Budang die Hand und begrüßte die beiden andern,
-währenddem er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.
-
-»Also die Göchhausen wolltest du sehen? -- Für so etwas hattest du also
-doch noch Raum?«
-
-»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft -- »lagen da doch des
-Fuchses wegen?«
-
-»Ja, mein Herz, -- weil ich's daheim nicht aushalten konnte. -- Was
-denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«
-
-»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«
-
-Und nun gingen sie alle miteinander und brachten die leichtsinnigen
-Dinger, die Ratsmädchen, heim in die Wünschengasse.
-
-Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren Kameraden, -- wie
-gut sie immer wären, wie lustig, wie treu, und was sie alles von ihnen
-gelernt hätte, besonders von Budang.
-
-Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, das voller Liebe und
-Freundschaft war, voller Anhänglichkeit, -- und erzählte alle möglichen
-dummen und lustigen Streiche.
-
-Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn, auch ihre
-Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so klug! Solche gibt's nicht
-wieder!« rief sie.
-
-Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.
-
-Das war Frühlingsreinheit, -- Frühlingszartheit, -- Frühlingswonne!
-
-Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.
-
- * * * * *
-
-Viele, viele Jahre sind vergangen. -- Die Jugend vieler Millionen
-Menschen ist verweht. -- Es ist alles anders geworden.
-
-Röse ist nun eine alte Frau. -- Was das Leben ihr gab, hat es ihr
-längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle
-Freuden mit Leiden gezahlt -- nach Menschenart. Sie ist unendlich
-geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich
-wiederholen sehen, immer von neuem. -- Sie ist gut, still und heiter
-und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die
-schöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch, -- sonst nirgends!
-
-Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die
-sie nichts angehen.
-
-Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft, -- aber
-da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht.
-
-Geduldig werden, -- geduldig werden, -- geduldig werden! darauf läuft's
-hinaus.
-
-Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre
-Enkelin sitzt bei ihr am Bette.
-
-Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit
-durch die Straßen fährt.
-
-Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.
-
-Da, -- was ist das?
-
-Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu
-ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie
-beim Fasanenessen saßen.
-
-»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer
-Enkelin, -- »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das
-Gesicht der Greisin. -- »Das ist er!« nickte sie träumerisch.
-
-»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er uns abholen wollte;
-so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei,
-und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!«
-
-Da thut sich die Thür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein,
-in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß
-es sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf
-mit lebendigen, geistvollen Augen, -- und seine silberweißen, dichten
-Locken liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. -- Er hat eine
-Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.
-
-»Wie geht's der Röse?« fragt er.
-
-Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.
-
-»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Thränen im Auge, »du kannst ja
-noch deinen Pfiff!«
-
-»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten,
-»das freut dich?«
-
-Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten
-miteinander einen weiten, -- weiten Ausflug in die gute alte Zeit.
-
-Und das war die beste Medizin.
-
-Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in
-Sorgen und Bangen kam; -- aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr
-wohl that.
-
-»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch, -- du treuer Mensch!«
-
-Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen, -- treu in großer,
-wahrer, seltener, starker Freundschaft.
-
-
-
-
-Das dritte Ratsmädel.
-
-
-Die Ratsmädel hatten noch eine Schwester; eine Schwester, die sie
-wunderbarerweise gar nicht kannten. Sie hatten schon als Kinder oft in
-der Dämmerung sich von ihr unterhalten, wenn der Schnee fiel, und sie
-daheim still in der Familienstube stecken mußten. -- So eine unbekannte
-Schwester zu haben, draußen in der weiten, unbekannten Welt, war doch
-etwas höchst Merkwürdiges!
-
-Sie hatten von jeher sehr gern von dieser Schwester gesprochen; es war
-ihnen dabei zu Mute gewesen, als erzählten sie sich Märchen.
-
-Ja, und draußen mußte der Wind gehen und Schnee fallen! -- Sie mußten
-in der Dämmerung sitzen, und niemand durfte sie beachten; dann kam
-die Schwester dran, und sie unterhielten sich darüber, wie diese wohl
-aussehen könne.
-
-Sie war um fünf Jahre älter als Röse und war die Tochter aus des Vaters
-erster Ehe, und nach ihrer Mutter Tode von ihrer Großmutter mit nach
-München genommen worden. Als darauf Herr Rat zum zweitenmal heiratete,
-hatte die Großmutter ihre Enkelin ganz bei sich behalten.
-
-Dann vergingen viele Jahre, und als die Schwester Barbara schreiben
-gelernt hatte, schrieb sie pflichtschuldigst aus dem fernen München
-alle Weihnachten an den Herrn Vater und die Frau Mutter nach Weimar.
-
-Diesen Brief lasen die Ratsmädchen jedesmal mit wunderlichem Schauer.
-
-Einmal schrieb auch die Großmutter.
-
- »Hochverehrend liebenswertester Herr Sohn!
-
- Ihr liebs Schreiben hat mich sehr glücklich gemacht, woraus ich
- sah, daß es Ihn und der Frau und den guten Kindern wohl und
- gut geht. Auch bei uns fehlt nix. Man wird ein alts Möbel, das
- heißt, um von mir zu reden. -- Waberl wird groß. Sie tritt die
- Kindsschuh aus. -- Kurios, was für ein ruhiges Mädel sie immer
- war. Grad als wenn meine geliebte Tochter in Gott sie für ihre
- alte Mutter in Voraussicht so geboren hätte.
-
- Herr Sohn, ich hab' gar keine Not mit ihr g'habt, das müßt' ich
- lügen.
-
- Hinter der großen Frauenkirche, da haben wir seit Jahresfrist
- jetzt unser Quartier.
-
- So eine große Kirche habt ihr sicher nit in eurer Stadt.
-
- Wabi sagt: ›Wie eine große, dunkle Wolke steht sie auf dem
- kleinen Platz und verfinstert die Häuser.‹
-
- Sie wirft ihren Schatten auch über unser Haus. Aber es ißt
- doch gut wohnen. -- Fünf Fenster in Front, drei Fenster die
- große Stub und zwei Fenster die Schlafstub, dazu Alkoven, ein
- kleines, schwarzes Küchl, Holzleg und Speicher. Kurz alles, was
- der Mensch braucht -- und das Glockengeläute obendrein.
-
- Das weckt uns schon um fünf Uhr des Morgens. Das ißt ein
- Geläut, Herr Sohn, wie zum jüngsten Gericht.
-
- Mein Hausgeist ißt ein frommes Kind.
-
- Herr Sohn mögen mir nit zürnen.
-
- Die Großmutter meint, es wär' ein bisserl zu fromm geraten.
- Es thut's der Großmutter nit gleich an Lebenslust. Die
- Großmutter hält das Leben vor eine recht hübsche Sach und wäre
- dabei allerhand noch mitzunehmen, was sich bietet, wie ißt
- Kommödi und Aufzüg, wenn zu sehen sind, und ein Gang zu guten
- Freunden, und ein gut Obst und ein gut Bier. Gottes Gaben sind
- verschiedenerlei.
-
- Waberl hingegen scheint zu meinen: ›Nur das Himmelreich ißt
- gut.‹
-
- Herr Sohn mögen mir nit zürnen, ich hab' sie allweil
- aufgemuntert, aber genutzt hat's nix, sie ißt wie sie ißt. Und
- eine alte Frau weiß, daß an einem Menschen nit viel zu schiegen
- und zu richten ißt. Sie laufen einher, wie der Herr Gott sie in
- seiner Laune gemacht hat.
-
- Aber der Herr Sohn verspricht mir, sowie ich alte Frau daß
- Zeitliche gesegnet habe, das Kind zu sich zu nehmen, damit es
- ihm nit in das Kloster eschappiert. Sie trägt das Bildnis der
- heiligen Jungfrau an einem Schnürl um den Hals, was bedeutet,
- daß sie besonders dem Schutz der heiligen Jungfrau anvertraut
- ißt.
-
- Das ißt so eine Sach bei den Schwestern, von denen sie
- unterrichtet ißt. Sie ißt halt brav und fleißig gewesen, aber
- ich mein' schon, das Bildl un die Schwestern haben sie den
- weltlichen Dingen entrückt.
-
- Um noch etwas Besunders zu erwähnen: Sie hat eine Gabe an sich,
- die mir wohl und auch nit wohl gefällt. Sie hat eine gesegnete
- Hand. Und das ißt so gekommen: Ein Kindel in unserm Haus hatte
- die Fraisen und war gottserbärmlich geplagt. Zufällig hat die
- Waben das Kindel in die Arme bekommen und hat's umhertragen un
- gestreichelt un die Fraisen sind weggewesen wie weggeblasen und
- wenn's wieder kommen sind, da haben die Leut in ihrer Angst
- nach der Waben geschickt -- dann hat's sich rumgeredet und es
- sind welche kommen mit einem Mäderl, das den Rotlauf hatte, und
- Waberl hat's gestrichen und geliebkost, und auch das Mäderl ißt
- gesund worden.
-
- Und wenn wir jetzt bei einand sitzen und spinnen oder Wäsche
- flicken, da klopft's hin und wieder an die Thür und es kommt
- eins herein mit Zahnschmerz oder hat die Gichter und will sich
- von der Waben kurieren lassen.
-
- Nun in Gottes Namen! Es kann ja wohl nit von Uebel sein?
-
- Aber das Mädchen, mei Waben thut mir halt leid, -- wenn's so
- still und brav dahinlebt.
-
- Ich hab's ›mein Hausgeist‹ benamst: Herr Sohn, ich hab' Ihm
- von Ihrem Kind geschrieben, damit Sie wissen, wie's in die
- Höh gewachsen ißt, -- und damit Sie, wenn ich das Zeitliche
- gesegnet hab', sich beeilen, das Madel zu sich zu rufen.
-
- Indessen wünschen wir unter dem trostreichen Gesang des
- freudenreichen Alleluia! Leben Sie wohl und seyn Sie von uns
- alle beyde herzlich gegrüßt, der Herr Sohn, die liebe Frau und
- die Kinder. Zugleich daß ich Zeitlebens verbleib'
-
- dero
-
- Großmutter.«
-
-Dieser Brief war es hauptsächlich, der auf die Ratsmädchen wie ein
-Märchen wirkte.
-
-Sie waren stolz darauf, in einem düstern Haus, das von einer
-Riesenkirche beschattet wurde, eine Schwester zu haben, die eine Mutter
-Gottes am Halse trug, eine katholische Schwester! Sie sprachen von dem
-fürchterlich lauten Geläut, von dem die Schwester geweckt wurde, und
-daß sie mit ihren Händen die Kinder heilte und Leute mit Zahnschmerzen.
-
-Daß gerade ihnen so etwas Merkwürdiges begegnen mußte!
-
-Einmal stand bei Rats eine katholische Magd im Dienst, der waren sie
-auf Schritt und Tritt nachgeschlichen, denn sie erwarteten immer etwas
-Merkwürdiges von ihr. Den Rosenkranz der Magd hatten sie befühlt, in
-ihr Gebetbuch geschaut, -- und sie hatte ihnen einmal das »Heilig«
-vorgesungen, -- etwas ganz Außerordentliches.
-
-Das »Heilig« machte den Ratsmädeln tiefen Eindruck. -- Häulig! --
-Häulig! -- Häulig! kam es wie aus einem tiefen Keller herauf.
-
-Heilig! Heilig! Heilig! Hell wie aus höchster Höhe.
-
-Dann wieder: Häulig! Häulig! Häulig! aus dem tiefsten Keller -- und
-so fort. So sang es die Magd ihnen vor, und sie selbst hatten es bei
-Spaziergängen oft zu singen versucht.
-
-Auch von der Beichte war ihnen von der Magd erzählt worden.
-
-Das war alles so unaussprechlich geheimnisvoll. Die Weimaraner zu jener
-Zeit hatten von »dem Katholischen« keine rechte Idee.
-
-In Weimar gab es auch keine katholische Kirche, und die Magd mußte
-jährlich einmal nach Jena wandern zur großen Osterbeichte. Da kam sie
-ihnen vor, wie eine Person aus der biblischen Geschichte, so erhaben;
-und sie wären augenblicklich mit ihr gegangen, um zu beichten.
-
-Sie beneideten sie.
-
-Ihr eigener Gottesdienst kam ihnen, zu ihrer Schande sei's gesagt, dann
-ziemlich langweilig vor. Etwas Längeres als eine Predigt schienen ihnen
-auf der Welt nicht zu existieren.
-
-Das war das Längste.
-
-Aber Budang, Ernst von Schiller und Horny brachten ihnen zum Trost,
-wenn sie zur Kirche mußten, immer winzige Blumenbouquetchen zum
-Mitnehmen, oder Budang schnitt ihnen ihre Namen besonders kunstvoll
-aus, oder auch gaben sie ihnen Malzbonbons mit.
-
-Die Kameraden selbst gingen nur dreimal des Jahres: zu Weihnachten,
-Ostern und Pfingsten; dann war es ein großes Fest neben dem Fest, denn
-da gingen sie alle miteinander.
-
-Wenige Jahre, nachdem Rat Kirsten den langen Brief der Großmutter
-erhalten hatte, kam wieder einer. Und Röse und Marie lasen auch diesen.
-Das war auch ein sehr merkwürdiger Brief. Die Großmutter schrieb:
-
- »Hochverehrend libswertester Herr Sohn!
-
- Mein arm Waben hat einen netten Handel mit mir.
-
- Sie ißt halt dazu ausersehen, ein Gott wohlgefälliges Engerl zu
- sein, das arme Mädel.
-
- Herr Sohn, -- 's ißt nun so weit mit mir, wie's sich's gehört,
- wenn der Herr Gott ein End machen will.
-
- Vorhanden ißt, von allem was gewesen, nur ein zerlumpeter
- Leichnam noch, voller Gebresten und Jammer, der mir und dem
- Mädel ein bös Stückl ums andre ausführt. -- Um meinet und Ihres
- Willen mög's nun genug sein. Sie pflegt mich wie eine heilige
- Nonn -- Gott sei's geklagt.
-
- Da gibt's nix. -- Ungeduld kennt's scheint's nit -- und wenn
- ich mich ungebärdig stehl vor Schmerz.
-
- Herr Sohn, 's ißt eine schlimme Krankheit, die mir Gott
- geschigt hat, ein Gebresten vor ein Tier zu gräßlich,
- geschweige vor ein menschlich Wesen.
-
- Mein Waben ist nun durch Gottes Gnaden einundzwanzig Jahr --
- und so mög' es dem Herrn gefallen, mich baldn zu erlösen, das
- wünsch' ich söhnlich, denn ich jammere und stehn ihr die Ohren
- voll Tag und Nacht.
-
- Sowie ich die Augen geschlossen hab', was durch Gottes
- Barmherzigkeit recht bald geschehen möge, schick' ich Euch das
- Mädchen, Ihr Kind, Herr Sohn. Wollen es als solches halten im
- Angedenken an die Mutter, meine seelige Tochter. Das walte
- Gott.
-
- Es grüßt Sie, mit vollkommster Ehrerbietung, Herr Sohn und die
- lieb Frau und die Kinder
-
- In Todesnot und Jammer
-
- Die Großmutter.«
-
-Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!
-
-Und sie würden nun zu »drei« sein!
-
-Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über alles Maß
-außerordentlich.
-
-Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren Bräutigam Ottokar
-Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach mit dem Großherzog war und
-auch noch bleiben mußte, zu Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.
-
-Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. Sein Hauswesen
-sollte wie am Schnürchen gehen.
-
-Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen.
-
-Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der
-älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.«
-
-Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem
-fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen?
-Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine
-gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben?
-Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu
-fremd.
-
-Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei
-Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl
-alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese
-Angelegenheit zu seiner Frau sagte.
-
-Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom
-Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen
-Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.
-
-»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß
-bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht
-hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.«
-
-Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte,
-und waren des besten Willens voll.
-
- * * * * *
-
-So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist
-sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie
-nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras
-Aussehen ein Wörtchen geschrieben.
-
-Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.
-
-Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein Mädchen zu erwarten.
-
-Er wollte es so.
-
-Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch gedeckt, und
-ein Riesennapfkuchen stand mitten unter den Tassen, wie ein Berg.
-
-Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.
-
-Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, aber die Mutter
-verbot es ihnen.
-
-»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«
-
-Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten Bäumen, die sich ihrer
-Farben, ungestört von Regen und Nebel, freuen konnten.
-
-In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober zur Seltenheit;
-gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, ehe sie abfallen. Dies
-Jahr aber war auch ein vortrefflicher Zwetschgenherbst. Die Zweige
-bogen sich unter der blauen Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur
-standen heuer acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen
-aufmarschiert zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch
-die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die Magd und
-Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.
-
-Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und tags darauf das
-Rühren und Kochen im Waschkessel, von früh morgens bis spät in die
-Nacht. -- Ein Hauptfest, an dem geschwelgt und geschleckt wurde.
-
-In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte auf der Treppe
-überhört.
-
-Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie
-euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.
-
-Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend,
--- flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug
-einen großen, schwarzen Holländerhut.
-
-Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. -- »So ein
-Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie.
-
-Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie
-den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß.
-
-Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich
-zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein
-Rebhuhn.«
-
-Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich
-aufgesteckt.
-
-»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden
-waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre
-Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben
-der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die
-Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie
-gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen.
-Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel
-bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten
-Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit
-den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen
-Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber
-feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich
-daherschritten.
-
-Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.
-
-Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr
-den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie
-sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und
-fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife.
-
-Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.
-
-»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife geben!« sagte Marie
-leise.
-
-Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen Schwester wanderten sie
-beide hinauf in die Dachstube.
-
-Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.
-
-Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und Marie nötigten sie
-gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der Vater hielt auch mit.
-
-»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit diesen beiden
-großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er auf Marie und Röse, »mußt
-du nun auskommen.«
-
-Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.
-
-Und der Vater hatte recht!
-
-Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen und den guten
-Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen lassend, ließ sich gar
-nichts Treffenderes von ihnen sagen.
-
-»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, »von eurer Wohnung
-aus konnte man die Alpen doch wohl nicht sehen?«
-
-»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«
-
-»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu gleicher Zeit. »Wie
-sehen die denn aus?«
-
-Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von zackigen Bergen;
-auch manchmal wie Wolken und manchmal schneeweiß, wie aus lauter Eis,
-und manchmal himmelblau. Aber nur bei schönem Wetter kann man sie
-sehen.«
-
-»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«
-
-»Nein, das ist zu weit.«
-
-Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester hatte so eine
-sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, und manchmal »halt«, -- das
-gefiel ihnen; aber sie sprach nur, wenn man sie fragte.
-
-»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was heilen, das wissen
-wir,« sagte Röse.
-
-Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter die flachsblonden
-Härchen.
-
-»Bst!« machte die Mutter leise.
-
- * * * * *
-
-Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der
-langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von
-Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen
-lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester.
-
-»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so
-zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt
-du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und -- komisch!
--- einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder
-›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte
-Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«
-
-»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die
-Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht.
-
-Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten
-sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe
-lag.
-
-»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.
-
-»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse.
-
-Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten
-schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos.
-
-Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine
-Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr
-Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs
-in die Küche.
-
-Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die
-Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit.
-
-»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!«
-
-»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich.
-
-Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer
-etwas zu thun.
-
-Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen
-die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei
-für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen
-während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit
-Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre
-Art.
-
-Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der
-Arbeit.
-
-Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist
-»benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein
-Seelchen eingezogen.
-
-Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn
-man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging.
-
-Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im
-ganzem Hause gerufen und verlangt.
-
-Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu
-finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten
-zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die
-allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie
-nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit,
-gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.
-
-Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren Gang.
-
-Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete freundlich, wenn
-es gefragt wurde, war immer gleichmäßig liebenswürdig, hatte aber ein
-ganz undurchdringliches Wesen.
-
-»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach einigen Wochen kaum
-bekannter mit ihr, als am ersten Tag, und wurden doch von ihr verwöhnt,
-daß es eine Art hatte.
-
-Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, lange Haar, was
-bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte ihnen die Kleider, half
-ihnen nähen und schneidern und saß bis an die Ohren und mit einem
-rührenden Eifer in Röses Ausstattungsarbeiten.
-
-Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander durch den Park.
-
-Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts von dir. -- Wir
-haben dich doch lieb, -- erzähl doch!«
-
-Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. »Wie denn? -- Was
-denn?« fragte sie.
-
-»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel älter als wir;
-warst du denn nie verliebt?«
-
-»Nein.«
-
-»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«
-
-»Nein.«
-
-»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast du denn nie
-getanzt?«
-
-»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon mitgegangen; aber ich
-wollt' halt net. Ich hatte Angst, daß die Großmutter sich verderben
-könnt'.«
-
-»Aber sonst hättst du's gemocht?«
-
-»O ja, warum net?«
-
-»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.
-
-»Ja.«
-
-Da war die Unterhaltung wieder aus.
-
-»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten sie nach einer Weile.
-
-»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, und jeden Tag
-durfte ich in die Messe gehen.«
-
-Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen Frauenkirche,
-den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, dem wundervollen Gesang,
-der mächtigen Orgel, den vielen Menschen, dem Weihrauchduft und den
-vielen, vielen Grabkugeln am Karsamstag.
-
-»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.
-
-»Sehnst du dich danach?«
-
-»Manchmal.«
-
-»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn nicht traurig
-darüber?«
-
-»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete sie kurz.
-
-»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen die Menschen einen
-trösten. Uns wenigstens kannst du alles sagen. Wir sagen auch alles.«
-
-»Bist du nicht einmal in München in der Komödie gewesen?« forschte
-Marie.
-
-»Ja, einmal.«
-
-»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«
-
-»Passabel.«
-
-»Und was sahst du denn?«
-
-»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar nimmer.«
-
-»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar nicht!« meinten sie
-verwundert.
-
-»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander einmal in die Komödie,
-wir und Budang und die andern, da wirst du sehen, daß es hier nicht nur
-›passabel‹ ist.«
-
-Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren Streichen: wie sie
-mit Budang, Ernst von Schiller und Horny aller Nasenlang durchs
-Hinterpförtchen ins Theater geschlüpft seien, -- und wie herrlich das
-war. Sie berichteten ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August,
-wie der sie beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner
-Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei ihrer
-Schwester kein besonderes Verständnis.
-
-Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich gehabt habe,
-trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr gute Frau gewesen sein
-mußte. Die Schwester that ihnen leid.
-
-Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, sagten sie ihm:
-»Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie die Schwester, weil ihnen
-das gefiel, »ist eigentlich wie ein altes Weibchen aufgewachsen. Sie
-versteht uns gar nicht, das arme Ding. -- Und so verschlossen wie sie
-ist! Weißt du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch sehr
-mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders »nett« mit ihr
-zu sein.
-
-Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen gemacht,
-als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit als etwas ganz extra
-Mitleiderregendes hingestellt hatten.
-
-»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter aus als wir.«
-
-»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei Waben zu machen.«
-
-»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er konnte sich's doch
-nicht verbeißen.
-
-Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie glaubten an ihn.
-
-In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten sich alle, es
-der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, was sie schön fanden.
-Sie hatten sie in die »Zauberflöte« geführt.
-
-Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben während der
-Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.
-
-»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse stieß ihre Schwester
-leicht an.
-
-»Du schläfst ja!«
-
-»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«
-
-Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah nur nieder.
-
-Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst du denn nicht auf
-die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, der da singt.«
-
-»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, als die
-Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«
-
-Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang zu, der hinter
-ihnen saß.
-
-Und Budang nickte dazu.
-
-Er sprach dann in der Pause mit Waben über die Musik. Sie sagte ihm:
-»Ich wollte, die Großmutter hätte die Musik bei ihrem Tode hören
-können, -- das wär' eine Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«
-
-Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.
-
-»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse und Marie haben's
-erzählt.«
-
-»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. -- »Da gibt's kein
-Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, den freut nichts mehr.«
-
-Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf ließ, seit sie
-von daheim fort war.
-
-Das hatte die Musik gethan.
-
-»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.
-
-»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, und ich
-soll net mal dran denken können? Hier wird's einem, als wär's erst
-gestern geschehen, -- und das ist gut. -- Die armen Seelen brauchen
-unser Mitleid. Sie werden überall zu schnell vergessen.«
-
-Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der Abgeschiedenen.
-
-Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die armen Seelen«,
-das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie aus einem uralten Märchen.
-Ueberhaupt, obwohl die Waben ein tüchtiges und zuverlässiges
-Hausmütterchen war, würden sich die Ratsmädel nicht gewundert haben,
-wenn es sich herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist
-sei, ein armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen immer
-fremder.
-
-Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie bedrückt und
-kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.
-
-Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle Klosterspitzen nach
-einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht hatte.
-
-»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« fragte Röse.
-
-»Wär' net übel,« war die Antwort.
-
-Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers Adele eingeladen
-und kam so in den Kreis der geistreichen jungen Damen, die alle um
-einige Jahre älter als die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen
-ihrer Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie aber
-alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen Wittumstreppe
-indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, Liebesbriefe waren es auch
-im eigentlichen Sinne des Wortes nicht, sondern vielmehr sprachen die
-jungen Damen sich gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen
-Episteln aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, das
-größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die Treulosigkeit
-der beiden Schelme.
-
-Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte dieser jungen
-Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; die Waben war nur durch die
-größten Ueberredungskünste ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles
-Kränzchen zu besuchen.
-
-Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu gehen. Die langen
-Zuredereien und das Drängen hörte von selbst auf. Sie ging still
-und kam still, sprach über nichts, was sie dort in der Gesellschaft
-erfahren hatte, -- aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen
-gekommen zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei Rats
-ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter meinte: »Laßt
-sie -- fragt nicht!«
-
-Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig diensteifrig.
-
-Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes Kind; wie ein
-Sonnenstrahl, so still und gut!«
-
-Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.
-
-Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre aus dem jungen,
-pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen geworden. Sie blühte wahrhaft
-auf und wurde jeden Tag reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf-
-und hinablaufen. Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und Röse
-und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das Haar machte.
-
-Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie dazumal, als ihre
-Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen hatten, zum erstenmal im März
-ganz unvermutet im dunklen Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.
-
-Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, die aus der
-dunklen Ecke kamen, erbebt.
-
-Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.
-
-So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu Schopenhauers
-gegangen, und spät abends bei Mondenschein und Winterkälte wandelte
-sie über hartgefrorenen Schnee am Arm eines jungen Mannes, der sie von
-Schopenhauers heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der
-Esplanade zur inneren Stadt führt.
-
-Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte das schon öfter
-so gethan; es war ihm zu einer angenehmen Gewohnheit geworden, das
-liebliche Geschöpf heimzubegleiten. Sie hatten keinen besonders weiten
-Weg vor sich, aber sie verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch
-nie so viel hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke,
-die zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern
-lag, -- und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Bei dem
-hellen Mondlichte war zu konstatieren, daß die Waben einen durchaus
-nicht ungefährlichen Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem
-prächtigen Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken;
-dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und galant in der Art,
-wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, sich zu ihr neigte und ihr
-Geplauder anhörte.
-
-Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.
-
-»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen sein! Ich fühle
-Ihren Arm nicht mehr als eine Feder.«
-
-»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl klein; aber da ist
-nun nichts zu machen.«
-
-»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß genug sein,«
-erwiderte er.
-
-»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem Mädel doch Respekt
-haben, und sie soll ordentlich arbeiten können. Ich bin freilich viel
-stärker, als ich ausseh', gottlob! Sonst könnt' ich mir das Salz zum
-Brot net verdienen.«
-
-»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«
-
-»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim schlafen und essen,
-wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's verdient? Was denken Sie denn?
-Halten Sie uns Mädel für Tagediebe? Oder für was denn?«
-
-»Sie sind so tapfer, -- so tüchtig, -- so anders, als die Mädchen
-gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein wirkliches Menschenkind, Sie
-Elfchen?« sagte er zärtlich.
-
-»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine Schwestern nicht?«
-
-»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit vier Wochen hier, aber
-Ihre Schwestern hab' ich nun noch immer nicht kennen gelernt.«
-
-»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide so fleißig und
-tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen Tag zu lachen gibt, --
-und so wunderschön! Wissen Sie, sie sind das Schönste und Beste, was es
-auf Erden gibt.«
-
-»Die eine ist verlobt?« fragte er.
-
-»Ja, die Röse. -- Sie glauben nicht, wie gut sie mit mir waren, vom
-ersten Augenblick an, wie große Kinder. Sie sind so freundlich, wie
-halt eben nur Kinder sind.«
-
-»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. Sie erlauben mir,
-Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern meine Aufwartung mache?«
-
-Die Wangen des Mädchens glühten.
-
-»Gewiß!« sagte sie.
-
-Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte sie. An seinem
-Arme wußte sie das nie. Er sprach so zärtlich. Das war wie himmlische
-Musik. Gott, daß es solches Glück auf Erden gab!
-
-Jetzt standen sie an der Hausthür.
-
-»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus im Schlosse. Sie
-sind mit bei dem großen Aufzug.«
-
-»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen wir uns die
-Schwestern doch miteinander anschauen. Sie finden mich auch auf der
-Galerie; ich beschütze Sie, und ich verteidige einen Platz für Sie.«
-
-Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.
-
-»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.
-
-»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«
-
-»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes Mädchen! Sie sind
-so gleichmütig!«
-
-»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie lächelnd und
-schloß dabei die Thür auf.
-
-Er wollte etwas darauf entgegnen.
-
-»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man
-muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.«
-
-»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.
-
-»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«
-
-Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und
-hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause
-und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem
-abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der
-Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.
-
-Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört
-und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen
-schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen
-Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer
-Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische
-Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes
-bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in
-jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe,
-immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und
-jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden
-bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie
-von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine
-gewisse Beruhigung.
-
-Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die
-Goethe selbst überwachte.
-
-Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes
-Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war.
-Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere,
-duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen
-Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.
-
-Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des Riesenreiches
-produzieren!
-
-Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, was für
-Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm ausgebrütet worden war.
-
-Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, ungeschickten
-Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.
-
-Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug daran gewesen sein,
-die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; denn was die Weimaraner
-thaten, und wie sie sprachen, war natürlicherweise himmelweit von
-seinem Ideal entfernt.
-
-Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen, welche
-Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den Weimaranern ihr geliebtes
-Deutsch in einigermaßen richtigen Lauten beizubringen.
-
-Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte es sich um
-hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll Seine Excellenz sich in
-der Verzweiflung mit einem Kuß geholfen haben, von dem er wohl hoffen
-mochte, daß er begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten
-O und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.
-
-Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp auf die Beine zu
-bringen!
-
-Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; aber
-niemand verstand ihn zu tragen.
-
-Einzig und allein Seine Excellenz selbst.
-
-An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, es wird schon
-gehen!« wie es schließlich dann immer heißt und heißen muß. --
-
-Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll zu thun, -- und
-that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. Sie befand sich wohl,
-wie eine Amsel im April. Sie wußte zwar kein Wort ihres Anbeters, das
-direkt von Liebe gehandelt hätte, -- aber wozu?
-
-Der Klang seiner Stimme, -- die Art, wie er alles sagte, wie er ihr die
-Hand gab, -- das sprach so eine nie gekannte Sprache. Sie wußte sich
-geliebt! -- Ja, sie wußte es!
-
-Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, so unbestimmt,
-beängstigend.
-
-War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? -- Nein, -- nein, --
-nein! Gewiß nicht!
-
-So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.
-
-Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.
-
-Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause hoch her.
-
-So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; so etwas
-Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, als wäre sie in eine
-andere Welt versetzt, zum erstenmal in den Sonnenschein.
-
-Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren und hatte auch etwas
-zu sagen, große, getragene Worte, die sie feierlich und ruhig zu
-sprechen verstand.
-
-Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, bis das Ganze
-tadellos gelang.
-
-Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie von der Schönheit
-ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die jungen, weißen, vollen
-Glieder, das schneeweiße Gewand, das herrliche Gesichtchen, die
-lebendigen Augen, die schöngezeichneten Augenbrauen, die ihr so etwas
-Vornehmes, Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken
-Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die Kniee fiel und
-sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte und um die kindliche Stirn.
-Es war ein so anmutiges Haar!
-
-Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer Schwester gleich
-gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen vor, war aber auch, wie
-Marie, eingewickelt in ihre bräunliche Haarflut.
-
-Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.
-
-Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, daß du nicht
-mitkannst! Wie jammerschade!«
-
-In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, lustigen Wünsche zu
-regen.
-
-Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!
-
-Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie alle Herrlichkeiten,
-die es zu sehen geben würde, zusammen genießen! --
-
-Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der aus man in den
-großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr Beschützer war schon da und
-hatte in der vordersten Reihe, neben sich, ihr einen Platz gegen die
-andrängenden Neugierigen verteidigt.
-
-Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.
-
-In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von den Hunderten von
-Wachskerzen, und sie sahen von ihren dämmerig beleuchteten Plätzen
-in einen schwarzen Abgrund hinab; aber die Waben und ihr Begleiter
-unterhielten sich vortrefflich miteinander, wie sich das leicht denken
-läßt. Die Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.
-
-Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der Kerzenanzünder
-gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit auftauchten, und wie die
-Flammen an den Zündschnürchen, was das Neueste war, von Licht zu Licht
-hüpften und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel
-erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer Viertelstunde alles
-glänzte und funkelte, ein ganzes Meer von Licht!
-
-Personen schritten geschäftig hin und her durch den Saal, anordnend
-oder Umschau haltend.
-
-Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. »Der
-Oberhofmarschall!« hieß es, -- »da, -- -- da, -- -- da! Da ging er
-eben!«
-
-Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die Hälse wurden
-gereckt. -- Jeder Lakai wurde angestarrt.
-
-Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. -- Sie blühte neben
-ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach langem trüben Regenwetter,
-wenn ihn ein paar Stunden warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie
-offen sie sprach! Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor
-ihm ausgebreitet.
-
-Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte das auch nicht. Sie
-hatte nichts zu geben und mitzuteilen als ihre Vergangenheit, -- gar
-nichts weiter, -- und diese Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. --
-Er fragte, und sie antwortete. Sie vertraute. -- Jubelnd empfand sie
-zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.
-
-Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, dachte besonnen,
-daß sie eine gute, kommode Frau abgeben würde, und erwog dies hin und
-her, während sie eifrig schwatzte.
-
-»Aus guter Familie ist sie, -- mitbekommen thut sie sicher auch etwas.
--- Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich unschuldig, ein durchaus
-bequemer Charakter.«
-
-So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen geht und
-Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.
-
-Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war er erst in Weimar
-angelangt, war hier zu einer guten Stellung gekommen, und seine Absicht
-ging dahin, sich mit einer alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu
-verschwägern.
-
-Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem blanken Parkett des
-riesigen Saales wie in einem stillen See.
-
-Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, helle Saal
-hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte Gäste gekommen.
-Oben auf der Galerie reckten sich abermals die Hälse. Es wurde wieder
-eifrig getuschelt. Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je
-mehr es sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte und
-farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe mit griechisch
-aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder Art, auf hohe,
-schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße Hälse und Arme, enge
-Kleider mit langen Schleppen, Fräcke und Uniformen, Lakaien und hohe
-Würdenträger, -- ein schillerndes, bewegliches Durcheinander.
-
-Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar
-parfümiertes Lüftchen nach oben.
-
-Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen Saal war gelblich
-warm.
-
-Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, -- etwas Berauschendes.
-
-Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem weißen Saal gar
-nicht genug wundern.
-
-Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die fremden
-Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte Ceremoniell, -- die große
-Feierlichkeit, die große Vornehmheit!
-
-Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte Geschichte
-hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so etwas wirklich noch
-existierte! Ein bißchen komisch erschien es ihr, -- ein bißchen
-ernsthaft, -- ein bißchen schaurig, aber hauptsächlich sehr amüsant.
-Die einzelnen Personen interessierten sie gar nicht, nur das Ganze.
-Sie hörte kaum darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute
-bezeichnete.
-
-Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war der weimarische Pomp wirklich
-auf die Beine gebracht! Da lag die weimarische Glorienzeit wirklich
-wie eine duftende Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft
-feierliche Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat
-ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende Musik und
-große Worte, und ein Schimmern und Auftauchen und Ziehen und Kommen und
-Verweilen, -- eine Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.
-
-Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem großen, feierlichen
-Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. Sie gehörten sich nicht mehr
-selbst. Es war etwas in sie gefahren, was sie begeisterte.
-
-Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, sie sprachen nicht
-mehr wie die Weimaraner. Es war etwas Außerordentliches.
-
-Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem Aermel. »Meine
-Schwester! Meine Schwester!« sagte eine weiche, leise Stimme ganz
-erregt. »Sehen Sie, meine Schwester!«
-
-Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt gerade vor der
-Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die Goetheschen Worte; das gute
-Ratsmädel leuchtete dabei wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit.
-Sie bewegte sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als
-wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne Gesicht und die
-Arme und der Hals und das weiße Gewand strahlten.
-
-Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, der
-Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. Es lag etwas Heiteres,
-etwas Frohlockendes über die Gestalt gebreitet. -- Aller Augen sahen
-auf sie.
-
-»Das ist Ihre Schwester?«
-
-Die Waben lächelte.
-
-»Die verlobte?« fragte er.
-
-»Nein!«
-
-»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des jungen Mannes wie ein
-Seufzer.
-
-Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick seiner Augen sich
-an ihre Schwester heftete.
-
-Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, so männlich und
-gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.
-
-Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie nieder. Es
-war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas anderes, -- etwas
-Schwereres.
-
-Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas Schreckliches
-schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es war ihr, als wenn ihr
-Blut aufhörte zu fließen, als wenn eine Spange sich ihr fest um den
-Hals legte, als wenn das Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte,
-weiter zu schlagen.
-
-Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, so arm. Wie
-hatte sie nur denken können, -- daß ...
-
-Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen Gedanken. Wie
-große, graue, schwere Steinplatten kamen sie ihr vor, die langsam auf
-sie drückten und sie tief in den Boden hineinpreßten, ganz langsam und
-schmerzlos, -- aber entsetzlich.
-
-Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer Schwester. Sie
-wartete, daß er sie wieder anreden würde, und sie schaute alles im
-voraus.
-
-Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon geschehen.
-
-Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig klingen würde. Sie
-sah und verstand das alles so tief, so klar, so anders, als sie sonst
-nie verstand und begriff.
-
-Ja, -- und so kam es denn auch, ganz so! --
-
-Sie war nicht überrascht und nicht erschreckt, -- aber wie ausgelöscht.
-Sie fühlte sich selbst nicht mehr. Alles so grau, so fahl, -- alles so
-gleichgültig, -- so erstickend, -- so weh! -- Sie wollte gehen. Sie
-hatte genug gesehen; aber er redete ihr zu, zu bleiben.
-
-Gerade sprach der Großherzog Karl August mit ihren beiden Schwestern.
-Er war außerordentlich gnädig und schien an den beiden schönen Mädchen
-großes Gefallen zu finden. Es waren ja seine guten Freundinnen, und sie
-sprachen jedenfalls miteinander von früheren Erlebnissen, von ihrem
-gemeinschaftlichen Frühstück im römischen Hause; von der Schaukelei auf
-der schmiedeeisernen Thür an der Sternbrücke, von den ungesetzmäßigen
-Theaterbesuchen, von der lustigen Fahrt in Karl Augusts Kalesche auf
-dem Vogelschießen, was ich alles ausführlich berichtet habe.
-
-Karl August und die Ratsmädel hatten eben von jeher großes Wohlgefallen
-aneinander gehabt.
-
-»Serenissimus zeichnet die Fräulein Schwestern ja außerordentlich aus!«
-sagte der Anbeter der Waben sehr befriedigt und ganz versunken, nur
-Augen für das wunderschöne Mädchen unten im Saale behaltend.
-
-Das war nun ein trauriges Nachhausegehen.
-
-Waben langte still und matt daheim an. Frau Rat war noch auf und sagte:
-»Warte, mein armes Bärbelchen, du sollst mir nicht immer Zuschauerin
-bleiben! Glaube das nicht.«
-
-Die Waben hörte und fühlte nichts, ging zu Bett und schlief wie betäubt
-ein und wachte auf, als lägen noch immer die schweren Steine auf ihr.
-
-Und so blieb es.
-
- * * * * *
-
-Tags darauf war große Nachfeier für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen
-am Zug bei der Oberhofmeisterin.
-
-Da gingen die Ratsmädel hin in gelbroten Kleidern aus indischer Seide,
-die sie von Röses künftiger Schwiegermutter bekommen hatten. Dazu
-trugen sie goldene Gürtel und gelbrosa Rosenkränze auf dem geflochtenen
-Haar.
-
-Die schmiegsame Seide floß an den schönen Gestalten köstlich herab. Die
-Waben half ihren beiden Schwestern beim Anziehen.
-
-Schweren Herzens sagte sie: »Nun seid ihr noch schöner als gestern.«
-
-Und das waren sie auch.
-
-Es war der Ehrentag ihrer Schönheit. Sie schienen selbst ganz feierlich
-gestimmt, wie die eine die andre so ansah.
-
-Budang, Franz Horny und Ernst von Schiller, die den Zug nicht
-mitgemacht hatten, kamen, um sich die Kameradinnen anzuschauen. Die
-Lichter unter dem grünen Seidenschirm waren angesteckt, und die beiden
-Mädchen gingen im Zimmer umher in ihrer unschuldigen Herrlichkeit.
-
-Die Kameraden verhielten sich einsilbig.
-
-Da stand etwas so fremd Schönes vor ihnen, etwas so Bekanntes,
-Vertrauliches, süß Freundschaftliches, -- und doch so Entrücktes.
-
-Die Schönheit ihrer Kameradinnen lag ihnen schwer beengend auf dem
-Herzen; es war ihnen dabei nicht wohl zu Mute.
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen, als die beiden schönen Geschöpfe spät zum Frühstück
-kamen, schenkte die Waben ihnen ihre Milch ein.
-
-Die Pate Sperber hatte nach ihrer Gewohnheit, wenn bei Kirstens irgend
-etwas Besonderes los war, einen Kuchen geschickt, und in diesen Kuchen
-aßen Röse und Marie sich in ihrer Zufriedenheit und Glückseligkeit tief
-ein, wie ein paar Mäuse, und erzählten dabei der Mutter und der Waben
-ihre Erlebnisse.
-
-Die alten Erlebnisse, die schöne Mädchen, so lange die Welt steht,
-zu jeder Zeit erzählt haben: berauschende Dinge, die das Geschöpf
-triumphieren lassen im glückseligen Machtgefühle.
-
-Und dabei aßen die beiden ungeheuer viel Kuchen und fischten nach den
-Rosinen darin.
-
-Und während sie im besten Plaudern waren, brachte die Magd einen
-vollblühenden Rosenstock herein, etwas ganz Unbegreifliches zu dieser
-Winterszeit, und sagte: »Eine schöne Empfehlung an Fräulein Marie.«
-
-Und an dem Rosenstock hing auch noch ein Briefchen.
-
-Marie wurde dunkelrot und nahm mit zaghaften Händen das Wunder in
-Empfang.
-
-»Ach Marie!« jubelte Röse auf.
-
-Ein süßes Gesichtchen wurde bleich, -- ein paar Lippen zitterten wie in
-namenlosem Weh, und eine zarte Gestalt ging unhörbar zur Thür hinaus,
-ohne daß jemand darauf geachtet hätte.
-
-Das war von +ihm+!
-
-Daß er den Abend oft mit Marie getanzt habe, das hatten sie ja schon
-erzählt. Wie war er denn nur hingekommen? Er hatte es eben möglich
-gemacht, dachte die Waben dumpf.
-
-Aber der Anblick des blühenden Rosenstockes, -- das war es, -- das erst
-hatte ihr schneidend weh gethan!
-
-»Jede Imagination muß ihren Corpus haben,« sagt der alte Paracelsus.
-
-Oben in der Schlafkammer lag das gebrochene Mädchen bei verschlossener
-Thür auf den Knieen und hielt den Rosenkranz zwischen den zitternden
-Fingern und hatte sich das Bild der heiligen Jungfrau auf den Stuhl
-gelehnt und hielt Gottesdienst, einen so schweren, herzbeklommenen
-Gottesdienst.
-
-Und sie sehnte sich nach Weihrauch und dem tiefen Orgelbrausen in
-ihrem Schmerzensrausche, nach den Aufzügen der Geistlichen bei der
-großen Messe; sie sehnte sich nach den prachtvollen Meßgewändern,
-klangvollen Worten und starken Tönen, nach der großen Herrlichkeit und
-den gewaltigen Glocken, den hohen Säulen und den anstrebenden Gewölben.
-
-Hätte sie dort jetzt auf den Knieen liegen dürfen! Auf Orgelbrausen
-und Weihrauchwolken wäre ihr Weh der Mutter Gottes zu Füßen gestürmt.
-Aber so, in dieser Kahlheit hier, da hob der Schmerz sich nicht zum
-Himmelsflug, sondern drückte und drückte und wurde wieder zur grauen,
-schweren Steinplatte, die sie ganz begrub.
-
-Wie nach einer Heimat sehnte sie sich nach ihrer hohen, stillen,
-dämmerigen Kirche, und sie breitete die Arme aus und schluchzte laut. --
-
-Mittlerweile war dem Rosenstocke der Mann auf Freiersfüßen selbst
-gefolgt und hatte sich nach dem Befinden der Schwestern erkundigt.
-Das Befinden war vortrefflich. Sie waren lustig und guter Dinge.
-Röses Bräutigam erschien auch, und die beiden schönen Paare standen
-auf ihrer Lebenshöhe, denn auch Marie war ganz entzückt von dem
-begeisterten, wohlerzogenen jungen Menschen, der sich so plötzlich in
-sie verliebt hatte, wie in ein Wunder. So gab es in dem Kirstenschen
-Familienzimmer eine prächtige Harmonie. Schöne Menschen in voller
-Jugend, die nur von den besten, schönsten Dingen sprachen und
-dachten und träumten, die Feste beredeten und Ausflüge und allerhand
-Vergnügungen und Feierlichkeiten, um die herrliche Zeit zu genießen.
-
-Als die Waben hereintrat, begrüßte ihr Schopenhauerscher Freund sie,
-leicht befangen, als alte Bekannte, -- that es aber mit gutem Gewissen,
-denn das große Liebesfeuer, das jetzt in ihm brannte, hatte das
-kleine, bedächtige Flämmchen, das für die zarte Waben geglommen hatte,
-vollständig verschlungen.
-
-Und was er im Schein des bedächtigen Flämmchens gesagt, gethan und
-geblickt hatte, davon wußte er wohl nichts mehr.
-
-»Ihr kanntet euch schon?« fragte Röse ihre Schwester.
-
-»Ja, von Schopenhauers her,« antwortete sie ruhig.
-
-Und da stieg die Seligkeit im Kirstschen Familienzimmer schon wieder
-hell empor. --
-
-Und über der Waben schlug es grau und erstickend zusammen, wie dunkles
-Wasser.
-
-Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte.
-
-Sie liebte ihn so sehr!
-
-Wie ein trauriger Schatten kam sie sich mitten unter den glücklichen
-Menschen vor.
-
-Das ging so ein paar Tage fort, -- so hilflos, so über Bord geworfen
-fühlte sie sich! -- Dann hatte sie einen Entschluß gefaßt, nahm sich
-ein Herz und bat: »Vater, erlaubst du mir, daß ich nach Jena zur
-Beichte fahre?«
-
-Das war ein Ruf nach Rettung, den sie gethan hatte. Es faßte sie wie
-die Sehnsucht nach einer alles verstehenden Mutter, die durch und durch
-sieht, alles weiß und voller Hilfe und Liebe ist.
-
-Und so fuhr die Waben nach Jena, in der alten, rumpeligen Postkutsche,
-und der Postillon blies ein Stückchen, das zu Herzen ging; so ein
-echtes, rechtes Postillonstück, das die alte lederne Kutsche zu einem
-lebendigen Ding macht, das jubelnd oder klagend am frühen Morgen
-auszieht und nachts jubelnd oder klagend in langgezogenen Tönen durch
-die dunklen Straßen fährt -- und die Schläfer weckt -- und ihnen das
-Herz bewegt.
-
- * * * * *
-
-In Jena, in der grauen Stadt, die, von sonnigen, heitern Bergen
-umgeben, im weiten Kessel wie ein Pilznest hockt, mit spitzen grauen
-Giebeln und spitzen Dächern, da fand sie in der kleinen, uralten,
-geheimnisvollen Kirche, die zwischen Gräbern in der Sonne liegt, das
-Orgelbrausen, die Weihrauchwolken, die Säulen, die Priesterworte, --
-das Heimische, wonach es sie in ihrer Not verlangt hatte. Da durfte sie
-auf ihren Knieen liegen und schluchzend ihr Weh anvertrauen. Und die
-Weihrauchwolken und die Orgeltöne waren wie breite Flügel, auf die sie
-ihren Jammer niederlegte, und die mit ihm höher flogen, und höher und
-höher, immer höher.
-
-Und in der Beichte demütigte sie sich vor Gott und einem alten,
-ärmlichen Priester, schüttete ihr Herz aus und beschuldigte sich.
-
-Und ihre Schuld war: daß sie liebte und nicht zu Ende mit dieser Liebe
-kommen konnte, daß sie beneidete, verzagte und glücklich sein wollte.
-
-Aber der alte, ärmliche Geistliche tröstete sie und ermahnte sie. Er
-sprach von der heiligen Wonne der Selbstverleugnung; er sprach von der
-Seligkeit des großen Ueberwindens, von der reinen Freiheit der freien,
-ruhigen Seele, die nichts Irdisches will, mitten im Leide nicht
-beunruhigt, mitten in der Freude unbegehrlich, selbst arm alles anderen
-gönnend, -- nichts wollend selig.
-
-Er sprach in seiner Einfalt die großen unirdischen, ascetischen Worte
-zu ihrer Jugend, die sich aufgebäumt hatte gegen das »Ueber Bord
-Geworfensein«, die genießen und leben wollte.
-
-Aber das gute Geschöpf hatte sich ganz und rückhaltslos gedemütigt. --
-Sie wollte nur Hilfe und streckte die Hände aus und nahm, was man ihr
-gab: die große, schwere, ernste Gabe.
-
-Das zarte Gesicht leuchtete, die gebrochene Gestalt richtete sich auf,
-und sie empfing die Absolution ihrer Sünden.
-
-Tief in der Nacht fuhr die rumpelige Postkutsche in Weimar wieder ein;
-der Postillon blies und weckte die Schläfer.
-
-Im Posthof schlüpfte aus dem dunklen Wagen ein zartes Wesen und ging
-durch enge Gassen und Straßen.
-
-Und als sie oben in der Schlafstube, im alten Haus in der
-Wünschengasse, vor den Betten der schönen, glückseligen Schwestern
-stand und die beiden Mädchen fest schlafen sah, kniete sie nieder und
-faltete die Hände, und es war ihr, als wenn sie mit geschlossenen Augen
-langsam in das tiefe, stille, sanfte Meer der Entsagung versänke. Wie
-weiche Wellen schlug ein großer Frieden ihr entgegen, etwas so unsagbar
-Besänftigendes, etwas so hinsterbend Süßes. Und es ward ihr weich und
-weit ums Herz, so frühlingshaft, so werdend, als wenn von einem großen,
-wunderbaren Geheimnis der Schleier gehoben würde. Man glaubt, das Beste
-auf Erden sei das Glück? Das glaubt man; aber es gibt noch etwas, etwas
-so geheimnisvoll Unergründliches, was größer als Glück und Unglück ist,
-was über allem steht, -- etwas Unantastbares. Und dies Große wohnt
-einzig und allein im Herzen entsagender Menschen.
-
-Die unbeachtetste, die geringste Seele kann es mit seiner Größe
-erfüllen, die mächtiger ist als alle Welten, als alle Glückseligkeiten.
-
-So umschloß die, von der kleinen Oellampe dämmerig beleuchtete Stube
-drei Bräute: zwei glückselige, schlafende, irdische Bräute, -- und
-eine süße, kleine Himmelsbraut, mit lichtem, klarem Herzen; eine
-Himmelsbraut, auch wenn sie nicht ins Kloster ziehen wollte, sondern
-hier zu bleiben gedachte, in diesem glücklichen Hause.
-
-Mitten im Leiden nicht mehr beunruhigt, mitten in der Freude
-unbegehrlich, selbst arm alles andern gönnend, -- nichts wollend selig.
-
-Das ist das Große, das Lebendige! Das ist das Unantastbare!
-
-
-
-
-Kußwirkungen.
-
-
-Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt,
-da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der
-Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker,
-den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach
-den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können,
-und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke und mit
-dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die Fabianen und die
-Kummerfelden und die Kameraden der Ratsmädchen, Budang, Horny und
-Schillers Aeltester vorüberwanderten, und es überhaupt von all den
-alten Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig
-ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser
-Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen
-statiösen Dame, und seiner Haushälterin.
-
-Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles blitzblank, vom
-messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen an der Flurthür, bis
-zu dem messingenen Vogelkäfig an dem Fenster über Madame Tiburtsius'
-Arbeitstischchen, und bis auf den letzten Messingnagelknopf in
-der Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame
-Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die der Reihe
-nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, der Mutter der
-Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden und auch bei Fräulein von Knebel
-im Schloß, der Erzieherin der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und
-noch einigen andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte
-und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne,
-die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, winters in
-die Stadtkirche nachgetragen wurde und die jetzt im Flur hing. Die
-Kaffeekanne, aus der Herr und Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen
-tranken, blendete die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie
-stand, warf ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und
-ließ grelle Lichtringel tanzen.
-
-Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer an, das, wenn
-man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen gehörigen Putzlappen, die
-ganze liebe Erde reingefegt haben würde. Dieses Frauenzimmer war
-eine trockene, hagere Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie
-mit ihren beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter
-Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken laufen
-ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes Hand mit samt
-ihren Eimern hervorgegangen, da schauten die Hausfrauen, die mit ihren
-Strickstrümpfen und in großen Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich
-nach ihr aus und seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus,
-der da sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.
-
-Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, wie sie wollten,
-sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen doch nichts.
-
-Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, eher
-hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen gedacht, als daß Kathrine von
-ihrem Dienst in einen andern getreten wäre.
-
-Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter von Madame
-Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der alten Dame die messingene
-Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, aber immer noch blinkend, im
-Flur hing, mit dem Feuerstörer, dem Gesangbuch, dem Lederkissen in
-die Stadtkirche nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit
-ihren Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius
-mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen solchen Treubruch
-gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als wäre sie sein angetrautes
-Weib gewesen und nicht die Köchin und Haushälterin der Madame.
-
-»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.
-
-»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn sie in Eifer kam über
-irgend etwas, was ihrer Meinung nach der Herr Gemahl hätte unterlassen
-können.
-
-Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und mit der Madame, trotz
-aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, sich von ihnen und ihren
-Messingkäfigen, Messingknäufen, Messinghandhaben, Messingkesseln,
-Messingofenthüren, Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem
-messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus nicht so
-ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause hantieren und auf
-den Markt gehen, so hätte man glauben sollen, solche unanfechtbare,
-bewährte Sauberkeit, die könnte nur in allertiefstem Frieden gedeihen,
-in einer Harmonie, von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung
-machen kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel
-der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger noch
-Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, noch etwas Versalzenes,
-Angebranntes, Gesäuertes, noch Mißverständnisse aller Art, Zank mit
-Handwerkern, Tauwetter, Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde und
-Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf Nachmittagvisiten
-gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen, noch Kinder mit
-schmutzigen Schuhen und Musbröten.
-
-Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf Erden. Es ging
-nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte Glanz, der über allen
-Dingen lag, war nichts weiter als was sich eben mit unermüdlichen
-Fäusten erreichen ließ. Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu
-schlucken, so viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.
-
-Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von Reinlichkeit und
-Sauberkeit -- aber im Kern dieser Wolke, da saß der Rat und paffte
-und steckte in einem schmierigen Schlafrock und in ausgeschlappten
-Filzschuhen und häufte Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf
-seinen Schreibtisch und rührte all dieses untereinander und streute
-Schnupftabak darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich die
-Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen auf die Akten,
-daß der Puder stäubte und sich mit dem Schnupftabak und Rauchtabak und
-der Asche und den Dochten, die er immer aus der Lichtputzschere fallen
-ließ, auf seinem Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren
-Selbstgesprächen) zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.
-
-Das war ein Kreuz und ein Elend -- und dies vor den Augen der Welt zu
-verbergen, war Rats Kathrine ihre erste Sorge, da war kein Opfer und
-keine Mühe groß genug.
-
-Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als eine Lüge zu
-verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine Lüge zu glauben und
-glauben zu machen, eine Lüge am Leben zu erhalten, für eine Lüge zu
-leben und zu sterben.
-
-Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre ein Wunder von
-Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und dergleichen löblichen
-Eigenschaften mehr. Das hatte sich Kathrine in den Kopf gesetzt,
-und nicht nur Kathrine, sondern das rechtmäßig angetraute Weib auch
-ebenso. Armer Rat, wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller
-Unschuld, wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter
-dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der Tuchbürste
-und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden über dich herfuhr wie
-ein Hagelwetter, vom Kragen auf den Rock mit der sanften Bürste und
-der harten Bürste in blitzschneller Abwechslung -- und wenn, von den
-Bürsten angelockt, sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit
-sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste eilig ankam, um
-dir das Perückchen frisch zu stäuben und dein Zöpfchen zwischen den
-Fingern zu nudeln -- und dann das Bürsten von neuem begann -- wild und
-eifrig, damit um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles
-in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!
-
-»Und die Finger, Gustävchen -- und die Finger und das Fazeterl?
-
-»Die Finger --, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« --
-
-Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche Stimme -- so ein
-bißchen eine fette Stimme und ein wenig schnarrend.
-
-Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da war es dir ein wenig
-schwindlig -- da wackeltest du mit dem Kopfe ein ganz klein wenig
-über diese Weibsbilder; aber nicht etwa so stark, daß man es mit
-unbewaffneten Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe
-nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir nach und öffnete
-das Schiebfensterchen und rief einmal wie allemal: »Aber Gustävchen,
-pünktlich zum Essen -- damit wir den Nachmittag vor uns haben --
-Gustävchen!«
-
-Und dann gingst du in deine Sitzung -- da warst du ein freier -- ein
-großer Mensch.
-
-In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch in den Teich, wenn
-du nur das Bild nicht übelnehmen willst! Da kam dir nichts nach -- gar
-nichts, da mußte alles draußen bleiben, unwiderruflich -- alles, alles.
-Ueber die Schwelle -- ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das
-war eine vortreffliche Einrichtung!
-
-Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz eigenartig, da
-war es dir zu Mute wie dem Schneck, der sein Haus irgendwo hat stehen
-lassen aus Vergeßlichkeit, wenn einem Schneck so etwas passieren
-könnte, und der sich nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus
-geschehen ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben
--- oder ob was hineingekrochen ist.
-
-Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat -- das weiß ich, und du
-würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb gewesen, wenn du nicht
-gewissermaßen nackt und bloß in die Sitzung hättest gehen müssen,
-sondern wie der Schneck dein Haus, dein Eigentum hättest überall
-mitnehmen können; wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in
-die Sitzung gehen können -- das wäre schön gewesen! Der aber hat zu
-Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.
-
-Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten in einem
-solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, nicht hineinpaßt;
-daß ein Misthaufen entfernt werden muß, und daß es Hände gibt, die das
-unwiderruflich thun werden, wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie
-Kathrine sagt.
-
-Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und es empfing dich so
-eine angenehme wohlbekannte Luft, eine eigentümliche Oede -- fremd
-starrte dich dein Zimmer an, wie eine Wüste dein Schreibtisch, die
-Dielen naß, kalt, fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch
-vermischt, der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft
-ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von Gelehrsamkeit, Schnupftabak,
-Rauchtabak, Asche und Staub zerstört, das Behagen verscheucht -- das
-hast du oft durchgemacht, Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft,
-gezankt, aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin
-wie eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine
-Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut einfach ein,
-quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.
-
-Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du thun; du warst
-machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen beiden Wärtern, die ihn
-seelenruhig toben, schreien, zappeln lassen, bis der Anfall vorüber
-ist, und sich sogar verständnisinnig in ihrer Roheit über das Gethu des
-armen Narren zulächeln.
-
-Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du ein armer Narr. --
-Glaub's nur, Herr Rat.
-
-Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie nichts, und wie
-sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin deine Gelehrsamkeit
-ihnen einbrachte, darüber zerbrachen sie sich auch den Kopf nicht.
-
-Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige Feuerstelle, die
-die Flamme deines Geistes erzeugte, und hielten das für einfache
-Schmutzerei.
-
-Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die Kathrine nicht,
-weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, Atemholen, Essen und Trinken
-ansah, und die Frau Rätin nicht, weil sie immer Besuch und Visiten
-erwartete -- und die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.
-
-Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem Gläschen Wein und
-Kringeln. So waren Besuch und Visiten voneinander zu unterscheiden bei
-Frau Rätin und Kathrine. Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das
-war der zweite schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht
-nur auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige Frau, die bei
-sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn eines im Hause sauertopft,
-das sollte mir fehlen, daß ich mich über meinen Nähtisch setzte, wie
-mein Rat über seinen Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte.
-Gott bewahre.« Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, dem
-kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der strammen, kugelrunden
-Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen konnte, daß alles an ihr
-schwabberte und schwabbelte, die wollte das Leben genießen und genoß es.
-
-Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte und junge, und
-war überall dabei und machte alles mit. Vormittags hielt sie sich, wie
-es einer guten Hausfrau geziemt, leidlich daheim, flickte, schaute der
-Kathrine nach, machte mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer,
-sobald er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs
-und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die Morgenstunden
-herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit einem grilligen Mann am
-Schreibtisch in Weimar und anderswo je hingebracht hat. -- Aber am
-Nachmittag!
-
-»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« Das rief sie
-nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem Schiebfensterchen nach, wenn er
-sich in die Sitzung aufmachte.
-
- * * * * *
-
-Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten her von allen,
-die rings um den Marktplatz wohnten.
-
-Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit teil, da floß
-Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie ein lustiges Bächlein.
-Bei Rat Tiburtsius' aber ging der Geselligkeitstrieb, der Trieb nach
-Festlichkeit und Lustbarkeit von einem einzigen fetten Weibchen aus,
-das sich breit und wichtig machte.
-
-Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres Herzens. Sie kamen
-zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. Ehe die Stiegen noch trocken
-waren, tappten kleine und große Füße darauf herum und schleiften den
-Straßenschmutz wieder herein.
-
-Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige Nählehrerin, die
-am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen wohnte, kam angehatscht durch
-dick und dünn, bei jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar
-oftmals Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ sie dann
-auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so hießen ein paar kleine Häuser
-am Lottenbach, fallen, hatte aber nicht viel genutzt, und so zierlich
-sie ging, die Alte, ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren
-Kreuzbänderschuhen immer noch mit.
-
-Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die Fabianen,
-die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie jeden Winter, den
-Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte und die Raben fütterte
-mit allerlei, was sie bei den guten Freunden eingesammelt hatte,
-worauf sie mit ihren großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie
-ein Rieseneiszapfen, zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren
-unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer hing, so daß
-beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. Und ihre Freundin, die
-winzige Mamsell Muskulusen mit der dicken Perücke, und die wunderschöne
-Rätin Kirsten mit ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers,
-und der Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu
-vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von Schiller und Horny
-und Herr und Frau Egidi, ein junges Ehepärchen, und zu feierlicheren
-Gelegenheiten Madame Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs,
-die ganze schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon,
-August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. -- Wer sie
-alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer lustigen Weimar, die
-fleißig bei der dicken kleinen Frau Tiburtsius aus und ein gingen
-und Kathrinens guten Kaffee tranken und die guten Kuchen aßen, die
-sie buk, und die Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen
-Brotschnittchen -- und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von
-Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, so lange,
-bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das Nachsehen hatte.
-
-Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der Thür von Herrn
-Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch an der blinkenden Küche
-von Kathrine. Sie wußten gar wohl die Sachlage zu beurteilen; aber
-das störte sie nicht, durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas
-Anregendes. Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in die
-schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau trat, da wurde
-er gescholten und liebenswürdig gehänselt und zwischen zwei schöne
-Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter spielen. Und brauchte man sein
-Arbeitszimmer zu lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu
-irgend einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte dann
-irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der Apotheker, oder
-Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend so eine Art Witz machten
-sie stets, gewöhnlich denselben.
-
-Das ging so fort jahraus, jahrein.
-
-Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht der Wissenschaft
-war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten von ihm erzählte, daß die
-Marktweiber ihn nicht nur in eine Reihe mit Schiller und Goethe
-stellten, sondern noch weit über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn
-ganz besonders ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger
-war? Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die nicht
-im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, überstäubt
-und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie ein Stall gereinigt, sein
-Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine Atmosphäre gelüftet, seine
-Gewohnheiten wurden mißachtet, seine Ruhe wurde gestört, seine Stube
-genäßt, versandet, sein Wein verschenkt -- der Boden ihm unter den
-Füßen weggenommen. Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.
-
-Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht über den Zustand
-ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, weil auch sie dem Trieb nach
-Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, feindlich im Grunde ihrer
-Seele gegenüberstand. Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt
-vom Stadthaus ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die
-sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, von der
-sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom Stadthause sie ihr
-mitteilte, und die Geschichte hatte sich folgendermaßen zugetragen.
-
-»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der Wirt ihr
-gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm einfüllen ließ.
-»Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und gafft, und bei mir steht ein
-Bauersmann, so 'n Stoffel, der nich dreie zählen kann -- der sollte
-in der Stadt einen Doktor holen, aber welchen -- das hatte er dir
-vergessen. Und nun steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor
-dem neuen Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is -- und kratzt
-sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, da sieht der Rat
-Tiburtsius zum Fenster 'naus -- der weiß alles. Wenn einer, so kann der
-dir's sagen, den mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch
-und steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf -- und thut 's Maul nich
-auf.
-
-»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem Herrn Rat mein
-Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann da soll schnell einen Doktor
-aufs Land holen un weiß nich mehr, welchen.‹
-
-»Der Herr Rat, der hört's dir nur -- un sagt gleich: ›Das ist ja
-wunderlich -- das ist ja wunderlich.‹
-
-»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das hatte er gleich
-weg. -- Der Doktor Wunderlich, der sollte geholt werden. Es muß schonn
-so an recht Gelehrter sein, dein Rat.« --
-
-Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen und vergaß sie
-nicht, und wenn es die Gäste der Madame gar zu bunt trieben und den
-Frieden des Herrn Rat gar zu unverschämt störten und auch in ihrer
-Küche herumwirtschafteten, das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um
-Mehlhäufchen zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten,
-weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden Bilde gebrauchten
--- da dachte Tiburtsius' Kathrine, daß man so einen gelehrten Mann doch
-mehr ästimieren sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe
-von Jahren lang.
-
-Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, der seine zehn
-Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so verlangte man es damals
-in Weimar von ihm, auch wirklich gab; -- es waren schon bald ihrer zehn
-beisammen, und der Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und
-der Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch so und so
-viele sagten, wenn sie einander begegneten oder ein Gespräch anfingen:
-»Heuer ist's aber in schönster Ordnung« -- oder »Ein kapitaler Februar«
--- oder »Ein Staatsfebruar« -- oder »Heite ham mer en Februar, der sich
-gewaschen hat« -- oder sonst dergleichen etwas, wie es die alten Herren
-von damals zu sagen liebten.
-
-Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen und
-Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, wie weit sie in Jena
-schon Weimar voraus wären.
-
-Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare Lustigkeit
-gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. Die einen sahen ihn da,
-die andern begegneten ihm dort. Er machte weite Spaziergänge, man hatte
-ihn mit Leuten auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie
-mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn je, ließ
-sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von der Rätin bestäuben
-und dann wieder bürsten, ohne etwas davon zu bemerken. Er suchte die
-Dinge, die er in der Hand trug, in allen Ecken, jammerte nach der
-Brille, die ihm auf der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie
-seinen Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von Kathrine
-ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt des Hutes aber seinen
-alten Filzschuh unterm Arm trug. So toll dies auch klingen mag, ist es
-doch wirklich und wahrhaftig wahr und in Weimar auch bei alt und jung
-gar wohl bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn Rat
-fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung abgeben, daß
-überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat erzähle, vollständig auf
-Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, was ich in dieser Geschichte zum
-besten geben will.
-
-Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so manches
-Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, es würden sich
-so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, Gelten und Schaffen
-aufmachen, um auch aus meiner Quelle zu schöpfen, daß ich wohlweislich
-schweigen werde. Sie würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei
-weitem wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. -- Sie würden sich mit
-wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen oder
-höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die Goethezeit mit allem
-Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. -- Jawohl -- daraus wird aber
-nichts.
-
-Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich schuldig
-gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre thun, gestehe ich,
-daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh unterm Arm statt seines
-Hutes getragen hat, sondern etwas andres, was ich mir aber erlaubt
-habe, des guten Tons halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der
-Rat war eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine und
-die Rätin meinten, daß er sein müßte.
-
-So ging es eine ganze Weile fort.
-
-Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr Rat einen Kauf müsse
-abgeschlossen haben; aber was er gekauft habe, das konnten sie ihr
-nicht sagen. Auf dem Stadtgericht war er auch gesehen worden. -- Gott
-weiß, wo alles man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte
-man ihn gesehen haben.
-
-Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste grübelten, Kathrine
-grübelte. Man fragte, man sprach allerlei Vermutungen aus. Die einen
-meinten, er habe sich ein Reitpferd gekauft -- darüber mußte aber die
-Frau Rätin lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen -- da lachte
-die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade recht gewesen. Einen
-Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte der Apotheker. Andre wieder kamen
-darauf, er wolle der Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht
-darüber einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.
-
-»Das ist meine Sache -- meine Sache -- meine Sache!« fuhr er seine Frau
-an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er sie wahr und wahrhaftig an, als
-sie hinterlistig und energisch hinterlistig in ihn dringen wollte.
-
-Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter alter Gatte mit
-einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes fühlte, was sie
-veranlaßte, nicht weiter in ihn zu dringen.
-
-Und so blieb er so weit unbehelligt.
-
-Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern zur
-Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in seinem Zimmer auf und
-nieder und pfiff. -- Er pfiff wirklich. -- Wie sonderbar es klang,
-und wie sonderbar er es fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm
-ordentlich steif geworden und juckten ihn. -- Er hatte seit Jahrzehnten
-nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.
-
-Aber heute! -- Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt und schlürfte
-in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr eifrig auf und nieder.
-
-Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und kramte unten und
-oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk stand, und auf dem, wo Hüte und
-Kappen lagen und wo ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß.
-Dem nickte er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«
-
-Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen und den gestickten
-Westen herum, und ein paar weiße, mächtige Halsbinden fielen oben vom
-Brett, wo sie neben dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf.
-Es knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu hinterst
-im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß in einer, und die
-hatte eine Mechanik und schnappte.
-
-Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen und den gestickten
-Westen -- und sah nach, was angebissen hatte.
-
-»Ei -- ei -- ei -- ei!« sagte er betroffen und gedachte seiner
-Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, trotzdem er sie
-bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen -- und kramte
-weiter.
-
-Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm von einem alten
-Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, der ihm von oben bis unten
-ging. Er schien, nach dem Zustand zu urteilen, in dem er sich befand,
-der Vater von dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat
-gerade anhatte -- oder auch der Großvater davon. Er war so eine Art
-Schlafrockheiligtum.
-
-»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin
-und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die
-Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien,
-wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende
-Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und
-unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines
-vergangenen Lebens.
-
-Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig
-und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar
-große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte
-einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine
-ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er
-vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still -- Kathrine mußte
-auch fort sein.
-
-Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte
-die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein
-Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so
-weiter. Diesmal aber pfiff er nicht.
-
-Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche,
-wenn er seinen Choral absang -- aber ein gutes, herzerfreuendes
-Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon -- weiter
-nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine
-Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck
-über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber
-kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.
-
-Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die
-gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die
-Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ
-sie wie lebendiges Silber glänzen.
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.
-
-Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung,
-eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze
-Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt,
-denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau
-so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht
-erinnerungsselig, sondern triumphierend -- wirklich triumphierend. Und
-er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf
-seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er
-hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft -- für sich
-selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch
-der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre!
-
-Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde,
-mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu
-wandern.
-
-Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee
-gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich
-niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung
-und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die
-Kathrine ausgegangen war.
-
-Und endlich -- endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen
-Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten
-Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem
-Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu
-jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man
-einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges
-Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine
-solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im
-Traume damals.
-
-Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die
-»Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und
-strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken
-wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich
-nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die
-Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die
-Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit
-den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste
-und der Puderschachtel.
-
-Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun
-einmal angewöhnt.
-
-Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich
-irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse
-unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur
-Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon
-recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten;
-aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten
-glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock
-dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem
-Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in
-Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt.
-
-Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm
-ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und
-sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater
-noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen,
-dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin -- Garten
-an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer
-Mühle.
-
-Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit
-zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges
-Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten,
-auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe
-wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen
-winzigen Grasfleckchen -- keine so blechernen Gärten, in denen die
-Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten,
-wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten,
-gesegnete Gärten.
-
-Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der
-Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der
-Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den
-Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den
-Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.
-
-Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den
-Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging -- und
-jetzt stand er vor seiner Thür -- seiner Thür, einer Thür aus zart
-silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun
-steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der
-Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll
-der Duft aus dem vollen grünen Garten -- und der Duft gehörte dem Herrn
-Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief.
-
-So ein Duft aus dem eigenen Garten!
-
-Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen
-die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten
-in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und
-Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.
-
-Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle
-beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen
-dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und
-quoll und blühte und knospte und duftete.
-
-Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel
-des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde
-wie Schilf -- nur weicher.
-
-Und alles war so weich, so voll, so lebendig -- Farben lugten aus
-der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr
-zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius.
-
-Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem
-Weg, ohne sich zu regen.
-
-Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein
-Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand,
-und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den
-keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das
-Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem
-weichen, vollen Garten erschreckt.
-
-Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen
-Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten
-Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den
-Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem
-ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.
-
-Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten
-hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich
-schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten
-sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend
-Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die
-Finger.
-
-Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen
-zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen
-den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen
-durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos
-blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze
-Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald
-empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle
-schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut.
-
-Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und das Klappern und
-Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, und die Birken und Eschen rauschten
-dazu. -- Die Dunkelheit sank immer tiefer herab, und der Herr Rat
-tastete sich aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und
-machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, blieb er
-noch lange ganz versunken stehen und atmete den schönen Gartenfrieden
-ein, und die Dunkelheit verbarg ihn mit allen seinen Schätzen vor aller
-Welt, ihn mit seinen Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen,
-seinen knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln,
-Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem Gurkenkraut,
-seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden und den
-hundertfach knospenden Centifolienbüschen.
-
-Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der Stadt zuging, da
-kam er wirklich wie von seiner Liebsten -- und zu Hause ließ er kein
-Wörtchen verlauten.
-
-Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der Schopenhauern
-zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« bei seinen alten Herren
-gewesen. -- Und unter denen ging es das eine Mal so zu wie das andre
-Mal, da war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem alten
-Ehepaar.
-
-Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er sich wieder
-auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es schnatterte bis in sein
-Studierzimmer, und in der Küche wurde gebacken und geklappert. Es war
-großer Damenthee.
-
-Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und arbeitete
-im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse und saß vor dem
-Gartenhäuschen und paffte aus seiner Pfeife, schaute in den blauen
-Himmel, hörte auf eine Lerche, die draußen in den Feldern aufstieg,
-schnaufte tief den Duft seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte
-sich mit den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.
-
-Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der alte Bretterzaun
-war hoch, und von den Nachbargärten war er auch nicht ohne weiteres zu
-belauschen. Dieser Umstand hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat
-zum Ankauf dieses Grundstückes zu bestimmen.
-
-Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie sangen:
-
- »Es fuhr ein Bauer ins Holz,
- Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,
- Ki -- ka -- Kirmsenholz,
- Es fuhr ein Bauer ins Holz.«
-
-Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt alles Spaß.
-
-Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein Lächeln, wie
-es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin war, seine Muskeln niemals
-inkommodiert hatte.
-
-Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber
-mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht
-vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit,
-als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch
-sehen, wer Herr im Hause ist!«
-
-So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen -- aber -- aber.
-
-Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten,
-war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich,
-das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der
-Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte
-wirklich so weit reinen Mund gehalten haben.
-
-Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte
-er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er
-unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch
-frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten
-Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden
-und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört.
-
-Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war
-durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war
-vortrefflich.
-
-Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten
-des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen
-und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie.
-
-Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine
-mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den
-Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin
-nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um
-und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem
-Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«,
-der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie
-eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn
-sie war eine pünktliche Frau -- dann gesellten sich allerlei Personen
-zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen
-verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den
-Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich
-auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch
-Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der
-Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine
-Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen
-Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf.
-
-Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern
-und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich
-in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder
-Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert«
-nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern
-und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach
-Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora.
-
-So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran
-dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen.
-
-Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte
-Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten
-Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so
-recht Altäre der Geselligkeit.
-
-Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie herrlich es war,
-wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen aufstiegen, die Würste sich
-auf dem heißen Roste wanden, dann platzten und rauchig dufteten,
-und die Leute im Garten bei einander saßen mit Weißbroten und Bier,
-hauseingelegtem Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und
-Gesang.
-
-Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-und ähnliche Lieder.
-
-In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch so ein Bratwurstherd,
-und es war ihm mehrmals schon das Wasser im Munde zusammengelaufen,
-wenn er davor gestanden hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben,
-als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine Wurst
-begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.
-
-Nein -- nein -- lieber keine Wurst!
-
-Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer müßigen Stunde das
-Gelüste gekommen, sich ganz allein ein Paar Würste zu braten --
-das wäre gegangen, aber der Rauch! Den hätten sie in allen Gärten
-geschnuppert. -- Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht
-gewesen; aber verlockt hatte es ihn -- sehr verlockt.
-
-Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren Kern die Frau
-Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf bewegt hatte, ging
-er wieder in den Garten. Es wurde ihm jetzt schon gar nicht leicht,
-sich mit Amtsgeschäften auszureden, wenn die Rätin ihn fragte: »Aber
-Gustävchen, heute kommst du doch nach -- kommst uns wenigstens
-entgegen?« Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau Rätin und
-schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und wie er diesmal im Garten
-war, fiel es ihm auf die Seele, daß es eigentlich so nicht fortgehen
-könne, und das stimmte ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als
-wäre der schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er dachte
-aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's auch weiter
-gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's auch vielleicht noch
-lang niemand,« und beruhigte sich damit und goß seinen Salat und die
-Radieschen und alles, was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der
-Herr Rat ernten sollte.
-
-Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all dem Gemüse hin sollte
--- und wenn das Obst reifte -- die Kirschen glühten schon zwischen den
-grünen Zweigen: ja, was sollte er mit all den Dingen machen? -- hm --
-das wußte er nicht recht.
-
-Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. Allerlei wollte sich
-eindrängen, was ihm nicht paßte. Es lag so in der Luft, war schwül und
-trüb heute. Der Garten war so dicht und grün und voll, so sommerlich
-und still, und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf und
-dröhnend.
-
-Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, vor
-Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen auf und trat behutsam
-hinaus, schaute nach links: da war die Luft sauber, keine Menschenseele
-zu bemerken -- schaute nach rechts -- und stand wie vom Blitz gerührt.
--- Ja, wo hatte er denn seine Ohren gehabt? -- Drei Gartenthüren von
-ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da kam es angerückt. -- Ihm
-schien es wie Tausende von Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden
-Armen, Tausende von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen auch
-geschwenkt wurde. -- Das war die Lawine, die doch heute in Tröbsdorf
-hätte sein sollen. Und mit welchem Lärm kam diese Lawine an! Dem armen
-Rat schwindelte.
-
-»Ja -- ja -- ja -- was ist denn das?« riefen aus dem Gewirre
-verschiedene Stimmen zugleich.
-
-»Aber Gustävchen -- Gustävchen!« -- Das war die Stimme der Rätin. --
-Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß er die Hand noch am Schlüssel
-hatte, um ihn abzuziehen -- das hatte die ganze Lawine gesehen, da war
-nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb regungslos --
-und da waren sie schon alle um ihn.
-
-»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.
-
-Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den Herrn Rat mit
-ihren großen, runden Augen an.
-
-»Aber Gustävchen! -- Aber Gustävchen!« Das war wieder die knarrende
-Stimme der kleinen Rätin. »Was ist denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst
-du denn her? Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst
-und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich alle um ihn
-wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den Kindern auf Weimars Gassen
-sehr beliebt war und noch ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des
-Wickelkloses steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden.
-Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Das ist
-mein Garten. -- Ich komme -- ich habe -- ich komme aus meinem Garten --
-ich habe mir nämlich einen Garten gekauft.«
-
-»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.
-
-Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. Aber die Frau Rätin,
-die kleine, fette Frau, war Meisterin darin, in das einzige »Aber
-Gustävchen!« ganz unglaublich viel zu verpacken.
-
-Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt ihren ganzen
-Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert Variationen. Sie konnte auf
-dieser einen Violinsaite ganze Lieder und Musikstücke spielen.
-
-Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen
-Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter Regimentsgaul.
-
-»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie ein kleines
-vollgeladenes Gewitterchen.
-
-Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der Bühne und spräche
-zum Publikum gewendet: »Einen Garten hat er also gekauft, und kein
-Pferd und kein Kütschchen.«
-
-Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine Gite! -- Du meine Gite!«
-
-»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk lachte. -- Und sie
-riefen alle durcheinander alles mögliche in Weimarscher Ursprache.
-
-»Ne aber!« -- »Herr Jemine!« -- »Herr Jes!« und machten ein arges
-Geschrei damit.
-
-Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n mer uns doch aber
-auch einmal den Garten ansehen.« -- Und gesagt gethan. Die Thür ging
-auf.
-
-Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste dazu, und nun
-strömte es hinein und riß den armen Rat mit sich.
-
-Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn Rat ein wenig
-beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte Miene aufgesetzt mit
-so viel Grandezza, als womit sie ihre Hüte und Hauben aufzusetzen
-pflegte. Und diejenigen, welche dem Paar am nächsten standen, hörten
-verschiedene scharf betonte »Aber Gustävchen!«
-
-So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte und so viel
-Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten mit den vielen lustigen
-Leuten und dem vielen Gemüse, dem Obst und den Sommerblumen und den
-pflückreifen Kirschen und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und
-dem Beerenobst doch auch an.
-
-Und alle waren in der besten Stimmung; der arme Rat mußte wahrhaft
-Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr Mütchen an ihm und hänselten
-ihn und zeckten und neckten ohne Aufhören.
-
-Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann war und mehr wußte
-als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, daß zu verschiedenen Malen
-sein Name in den Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half
-es ihm, eben gar nichts!
-
-Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die alten Latschen und
-die große Pfeife entdeckten, brach ein Hallo aus. Sie drängten mit
-solcher Wucht in das Häuschen, alle auf einmal, um den Flausrock zu
-betrachten, daß es den Anschein hatte, als wollten sie die stille,
-winzige Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, Erde
-und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.
-
-Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, mitten unter lauter
-Stimmen, die nicht müde wurden, den Rat zu bearbeiten und zu ärgern,
-erhob sich plötzlich eine, die rief und alle andern wie mit einem
-Schlag verstummen ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«
-
-Das hatte eingeschlagen -- und es zeigte sich, daß die alten Weimaraner
-wahren Feldherrnblick hatten, wenn es galt, ein Vergnügen beim Zipfel
-zu fassen; denn wer weiß, was alles dazu gehört, ein wirkliches und
-wahrhaftiges Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das
-so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.
-
-Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in aller Eile nach allen
-Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, was zu holen war. Die einen
-mußten in die »Armbrust« laufen und die Würste herbeischaffen. Der
-Apotheker wußte ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und
-Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes Kompliment
-vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.
-
-Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen und Budang
-bei sich aus dem Keller holen, um ihn zum Feste zu stiften. Der
-Apotheker lieferte die Brote. Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von
-dem gebracht werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand am
-nächsten.
-
-Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf dem Frauenplan oder
-am Markt, nur die Kummerfelden, die aber hatte nicht so viel Teller.
-
-Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit zugegen. Zu der
-schickte die Frau Rätin und ließ sagen: »Eine schöne Empfehlung und
-ob die Frau Schopenhauern und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben
-wollten, in der Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen,
-und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele Gläser und
-viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer mitzugeben.«
-
-Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin -- und das fiel
-niemand auf -- nur dem Rat fiel es auf.
-
-Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im Garten, dem Rat
-brauchte das Wasser nun nicht mehr im Munde zusammenzulaufen.
-
-Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte er sich nun
-beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben Abend schon zu Gerichte;
-die Frau Rätin trieb einen wahren Handel. Zu einer gewissen Zeit
-sollten Apothekers beginnen, sich den Salat zu holen und die Mohrrüben,
-und zum Einmachen konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie
-gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden sollten
-alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich für ein billiges
-erstehen.
-
-Und nun sangen sie an diesem Abend alle:
-
- »Wenn einer einen Garten hat.«
-
-Nur der Herr Rat sang nicht mit.
-
-Ein wunderschönes Fest, das so wie vom Himmel herabgefallen war.
-
-Die Frau Rätin sagte: »Wahrhaftig, so ein Garten ist mir doch immer
-abgegangen.«
-
-Der Apotheker und der Kupferstecher sprachen dem Hausmuff zu, als
-die Würste noch in der »Armbrust« nicht fertig gestopft waren --
-und der Apotheker brachte verfrühte Trinksprüche aus, die alle den
-geheimnisvollen Kauf des Herrn Rat in der Mache hatten.
-
-Er hob sein Glas mehrmals mit immer neuen Variationen:
-
- »Der Rat, das ist ein schlauer Mann,
- Der wollte einen Garten han,
- Der kauft sich einen Garten
- Und ließ die andern warten.«
-
-Solch dummes Zeug sang er, und sie fanden es herrlich.
-
-Der Apotheker war ganz außer dem Häuschen und konnte es nicht satt
-bekommen, seinen alten Rat zu ärgern.
-
-»Siehst du,« sagte er, »nun mach dir's aber auch bequem, mein Schatz,
-und zieh deinen schönen Flausrock an und die Latschen und stecke die
-Pfeife an, damit wir doch auch sehen, wie du schändlicher Kerl hier so
-kommod umeinander geschoben bist.«
-
-Und es half dem armen Rat nichts, der Apotheker hatte so etwas an sich,
-daß er immer das aussprach, was in den andern noch unbewußt schlummerte.
-
-Jetzt stürzten sie wieder in das gebrechliche Sommerhäuschen, so, als
-wollten sie's zum Platzen bringen, und holten den Flausrock, brachten
-ihn angeschleift und rissen sich um die Latschen und brachten die
-Pfeife, und der arme Rat mußte beim Schein eines Windlichtes wirklich
-in seinen Flausrock kriechen und in die Latschen, und der Apotheker
-hielt sich den Bauch vor Lachen. Und so saß der Rat und mußte den
-Behaglichen spielen wie auf einer Maskerade.
-
-In dem armen Rat kochte und braute etwas. Es war ihm sein Lebtag noch
-nicht so miserabel zu Mute gewesen. Wenn er sich auch die Entdeckung
-seines Gartens manchmal vorgestellt hatte, so, in solcher Gestalt,
-hatte er sie sich nicht vorgestellt. Das sind ja lauter Teufel! Die
-Menschen sind ja Teufel! dachte er in aller Heimlichkeit, ohne einen
-Mucks zu thun.
-
-Er war wirklich noch nie innerlich so zornig gewesen. Aeußerlich zornig
-zu sein hatte er ganz verlernt, und das war das Schlimme und Ungesunde.
-
-Er ließ sich den Apotheker ungestraft in aller Frechheit vor den Augen
-herumzappeln, ließ sich von ihm höhnen und besingen und rührte sich
-nicht. Er ließ sich alles gefallen und machte den liebenswürdigen Wirt
-und ließ sich eben gar nichts davon merken, daß unter dem Flausrock
-nachgerade ein Hexenkessel braute.
-
-Wie ein Verzweifelter dachte und dachte er: Wie werde ich sie nur
-wieder los, die Bestien? Und war ganz bereit, dazu Pläne zu schmieden
--- aber -- aber --
-
-Es war nun einmal geschehen, und die vielen Frauenzimmer, denen er
-zu Hause davongelaufen war, deretwegen einzig und allein, um ihnen
-entwischen zu können, er sich diesen Garten gekauft hatte, die würden
-nun tagtäglich, wenn es ihnen paßte, hereingequollen kommen. -- Und
-diese unaufhaltsamen Thees und Damenkaffees, die Spielchen ohne Ende --
-denn was war natürlicher, als daß sie hier ihre Whistpartieen abhalten
-würden?
-
-Was sah er nicht alles kommen!
-
-Aber das sollte denn doch nicht alles ohne weiteres geschehen! Der Rat
-verlegte sich aufs Grübeln. Das Grübeln, das war ja sein eigenstes
-Element. Was hatte er an langen Winterabenden bei seinem Leuchter mit
-dem grünen Schirm nicht alles schon ertüftelt und ergrübelt!
-
-Und jetzt! Das waren denn doch andre Dinge, diese wissenschaftlichen.
-Wer das kann, der wird doch auch ein paar Frauenzimmer loswerden können.
-
-Während die Bratwürste brieten, spazierte er in seinem Garten im
-Dunklen umher und sah im Geiste Dinge, die ihm die Galle überlaufen
-ließen.
-
-Seine Frau würde sich einen Schlüssel machen lassen, das wußte er im
-voraus, und der Kathrine auch einen; die Kathrine würde dann im Garten
-zu putzen und zu wirtschaften anfangen wie in ihrer Küche, unter den
-Büschen rascheln und kehren, das Sommerhäuschen scheuern und putzen und
-auf alle Weise Ordnung schaffen. Das erboste ihn. Und er erlebte im
-Geiste gallig weiter, wie sein alter Garten Feste auf Feste feierte,
-ein Kirschenfest, ein Beerenfest, Bratwurstfeste in schwerer Menge,
-auch ein Perlzwiebelfest -- natürlich. Da sah er schon die ganze
-Gesellschaft um das lange, schmale Perlzwiebelbeet herumliegen und die
-Zwiebelchen aus dem Erdreich herausklauben; damit wollten sie ihm
-jedenfalls einen Gefallen thun, die Unsinnigen -- wie ihn das schon im
-voraus zur Wut reizte! Und seine Phantasie malte ihm weiter aus, wie
-Kathrine während der Arbeit allen Kuchen präsentierte, und wie dem mit
-einem vorsündflutlichen Appetit zugesprochen wurde.
-
-Sein arg erboster Geist sah in wilden Vorstellungen alle Frauenzimmer
-auf den Knieen liegen, in der Erde wühlen und in große Flocken
-Mohnkuchen beißen, die Kummerfelden in ihrem geblümten Kleid und die
-Muskulus mit der großen Perücke, welche die Fabianen einen Fußsack
-nannte; über der Perücke hatte sie zum Ueberfluß noch den ewigen
-Veilchenhut auf. Das sah der Herr Rat in seiner Wut alles unheimlich
-genau vor sich.
-
-Da lag auch noch die lange Adele Schopenhauer und Madame Schopenhauer
-und die Rätin Kirsten und die Ratsmädchen mit ihren Freundinnen und
-Freunden und die Apothekerin mit ihrer Schwägerin und die Müllersch
-Frauenzimmer und noch viele mehr -- eben alle, die jetzt auch
-leibhaftig im Garten bei den Windlichtern, die schon hergebracht worden
-waren, herumwirtschafteten.
-
-Und auf die Frauenzimmer hatte der Herr Rat einen Hauptärger, die waren
-damals und sind noch jetzt in Weimar stark vertreten.
-
-Jetzt war das Maß voll, über und über voll -- das Blut des geduldigen
-Mannes war endlich in Wallung geraten -- in eine ganz wütende
-Wallung. Wie er so hellsehend und außer sich umherlief, kamen ihm die
-Ratsmädchen gerade in den Weg gelaufen. Diese Rackersmädchen hatten
-ein Leben wie zehn Katzen, das war seine Meinung. Sie würden an allen
-Enden des Gartens, wie schon jetzt, zu gleicher Zeit sein und unter
-allen Beerensträuchern hocken und immer mit einem Gefolge von so und
-so vielen. Sie waren damals so Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren.
-»Die reinen Räuberhauptleute!« brummte der Rat in seine große weiße
-Halsbinde mit der Mechanik hinein.
-
-»Wie sind alle diese Frauenzimmer zu vertreiben -- diese Bestien?« Das
-war und blieb es, worüber der Herr Rat rachsüchtig und leidenschaftlich
-grübelte. -- Und mit einem Male, ganz plötzlich, wie so die guten Ideen
-kommen, da hatte er's -- da rieb er sich die Hände in seiner Wut und
-flatterte im Flausrock wie ein großer, unheimlicher Nachtfalter die
-dunkelsten Wege auf und nieder.
-
-Inzwischen war alles nun in Gang gekommen. Die Rätin hatte heute ihr
-karmesinrotes Kleid an, das ihre dicke kleine Gestalt wie eine Haut
-umspannte. Um den Nacken trug sie die goldene Hochzeitskette. Sie
-saßen jetzt vor dem Gartenhäuschen in einem Kreis und tranken Thee und
-stippten Kuchen, den hatte die Schopenhauern für das allgemeine Wohl
-geliefert.
-
-Die Herren standen hinter den Stühlen der Damen und sprachen aufs
-ehrerbietigste. Sie machten andre Gesichter als kurz vorher, und
-es hatte den Anschein, als wäre die lustige plappernde Lawine im
-Handumdrehen zu einer Gesellschaft allerersten Ranges geworden, die
-sich nicht so ohne weiteres gehen lassen kann, wie es bei einem
-Bratwurstfest sich eigentlich gehört. Alle legten jetzt der Wirtin eine
-ganz gewaltige Portion Steifheit und Wohlanständigkeit zu Füßen.
-
-Die Schopenhauern hatte nicht nur Adelen mitgebracht, auch den Arthur
-und mit ihnen die ganze erhabene Stimmung.
-
-Arthur räkelte sich auf einem Stuhl vor der Gartenhausthür und
-verbreitete Schweigen um sich her. Wenn ein Stein ins Wasser fällt,
-zieht er Kreise, und Kreise zog auch Arthur Schopenhauer in den
-Gesellschaften, in die er fiel oder fallen mußte, Kreise des Schweigens
-und des Verstummens.
-
-Und that er je einmal seinen großen Mund auf, dann schaute seine Frau
-Mama mit angstvollen Augen auf ihn. Heute sprach er wieder einmal gar
-nicht. »Ein rechtes Kreuz für so eine gescheite, liebenswürdige Dame
-wie die Schopenhauern,« dachten die Frauen.
-
-Und nicht genug, daß er schwieg. Er lag auch noch wie ein Alp auf allen
-andern. Er »glubschte«, wie die Weimaraner sagen, so von unten auf mit
-seinen großen blauen Augen, und um seinen Mund spielte der blanke Hohn,
-wenn eins etwa neben ihm sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war.
-
-Ein ungemütlicher Bursche!
-
-Der Herr Rat machte jetzt wieder den liebenswürdigen Wirt, dienerte
-nach allen Seiten, präsentierte seinen Nachbarinnen die Zuckerdose und
-die Tabaksdose. Es war ihm in den langen Jahren seiner Ehe so allerlei
-andressiert worden. Wenn einer von der Gesellschaft aber den Herrn Rat
-beobachtet hätte, würde er etwas Sonderbares an ihm wahrgenommen haben.
-
-Er schaute sich ganz versunken bald das eine, bald das andre
-Frauenzimmer an, sinnend und prüfend, als wollte er eins davon kaufen,
-oder als hätte er irgendwie sonst eine Wahl zu treffen, oder als hätte
-er sich aufs Malen verlegt und wollte eins besonders studieren. Er war
-manchmal ganz versunken, so daß Frau Rätin sich einmal genötigt sah,
-ihn ein wenig anzustoßen und ganz leise: »Aber, Gustävchen,« zu sagen.
-
-Während die Herrschaften vor dem Gartenhäuschen sich standesgemäß
-benahmen, brieten Kathrine und die Waschfrau unter den Kirschbäumen
-die Würste, setzten die Windlichter hin und trugen die dampfenden
-Herrlichkeiten haufenweise auf.
-
-Das war für die am Gartenhäuschen verlockend genug, um mit der
-Grandezza jetzt einzupacken. Sie wußten es zwar alle, daß die Rätin es
-liebte, wenn man sich hin und wieder etwas bei ihr bethat, wie sie in
-Weimar sagen; damit war es nun aber aus, denn die Schopenhauers hatten
-sie jetzt überwunden.
-
-Höchst zierlich führten sich die Herrschaften noch zu guter Letzt zu
-den Wurstschüsseln, als wollten sie zu einem Menuett antreten, und
-setzten sich wieder mit viel Komplimenten, um nun endlich mit einem
-Wolfshunger über die Herrlichkeiten herzufallen.
-
-Der Herr Rat war der einzige, der den Würsten nicht stark zusprach,
-aber dafür ganz gehörig, gegen seine sonstige Gewohnheit, dem Hausmuff,
-so daß ein leises, wohlmeinendes »Aber, Gustävchen« zu ihm angeschwirrt
-kam, mitten durch das Stimmengemurmel.
-
-Nach dem Essen spazierten einige im Garten umher, andre spielten
-Rat- und Antwortspiele und benahmen sich, wie es sich für gesättigte
-Menschen geziemt. Den Rat sah man mit der Kummerfelden umherwandern.
-Das war sonst nicht seine Art, sich mit den Frauenzimmern so intim
-einzulassen.
-
-Sie gingen den tiefen Garten entlang, der Lottenmühle zu, und die
-Kummerfelden wunderte sich über den galanten Rat.
-
-Jetzt waren sie in der Nähe des Mühlbaches angelangt, der rauschte
-nächtlich, und über das Mühlrad stürzte das Wasser. Da, mit einem Male,
-war es der Kummerfelden ganz sonderbar zu Mute, ganz beängstigend und
-traumhaft. Es war ihr, als packte sie der Herr Rat um die Hüften -- und
-dann -- als führe er ihr mit dem Kopf in das Gesicht.
-
-Ja, er fuhr ihr mit dem Kopf ins Gesicht und stieß sie an die Nase, und
-um die Hüfte hielt er sie wirklich gepackt. Und der Kummerfelden war
-es, als schöbe er sie dem Mühlbache zu.
-
-»Herr, du meine Güte,« ging es ihr durch den Kopf, »was hat denn der
-Mann? -- Sollte er tobsüchtig geworden sein?«
-
-»Teure, verehrte, geliebte Kummerfelden!« sagte der Rat wütend in
-seine große Halsbinde mit Mechanik hinein und würgte die erschreckte
-Kummerfelden wieder. Der wurde es angst und bang, sie hätte schreien
-mögen, verließ sich aber fürs erste auf die eigenen Kräfte, denn
-»Schreien«, das kam ihr doch zu unreputierlich vor. Wie ein Blitz fuhr
-ihr ihre ganze Nähschule durch den Kopf und der Skandal, wenn man sie
-schreien hören und sie und den Herrn Rat so miteinander finden würde,
-denn er war immer noch ganz ungebärdig und fuhr ihr beständig mit dem
-Kopf ins Gesicht.
-
-Alle Scenen, in denen sie früher aufgetreten war in Leipzig, Hamburg
-und Weimar, gingen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit durch ihre
-Seele, aber da war keine, die mit dieser einige Aehnlichkeit
-gehabt hätte, es müßte denn eine Liebesscene gewesen sein -- ach
-du barmherziger Gott -- so ein sträflicher Gedanke! Der alte,
-wohlverehelichte Rat und sie, die Kummerfelden? Die Bezeichnung »alt«
-ließ sie in diesem Falle der Geschwindigkeit wegen wohl aus, denn
-alles, was die Kummerfelden jetzt dachte und im Geiste durchlebte, das
-war in ein paar Sekunden hineingezwängt.
-
-Jetzt aber alle Achtung und allen Respekt beiseite, den sie für Herrn
-Rat hegte! Jetzt, als er immer noch nicht aufhörte, sondern fortfuhr,
-sie mit seiner Person zu bedrängen, gab sie ihm einen ganz gehörigen
-Puff vor die Brust mit ihren kleinen festen Armen. Der Herr Rat stöhnte
-etwas auf, und die Kummerfelden nahm ihr geblümtes Kleid zusammen
-und sprang aus dem Gestrüpp am Mühlbach durch dick und dünn, durch
-Gemüsebeete und Blumenbeete mit schiefer Haube der Gesellschaft und den
-Windlichtern zu.
-
-Und der Rat dachte: »Die kommt mir nicht wieder!«
-
-»Ja, Kummerfelden,« rief der Apotheker lachend, »was ist mir denn
-das? Wie sitzt denn Ihre Haube und weshalb sind Sie denn so
-umhergesprungen? -- Ich habe Sie ja springen sehen.«
-
-Die Kummerfelden fuhr mit beiden Armen nach ihrer Haube, die saß ganz
-miserabel; aber sie konnte nicht antworten, die arme Kummerfelden,
-denn sie war völlig außer Atem und wollte das nicht merken lassen.
-Ihr gutes, menschenfreundliches Herz schlug nach dem Dauerlauf zum
-Zerspringen.
-
-»Na, Kummerfelden,« sagte der Apotheker wieder, »was ist mir denn das?
-Ist Ihnen denn ein Spuk begegnet -- oder -- oder wie wär's denn mit
-noch einem Gläschen?«
-
-Da traf ihn aber ein entrüsteter und würdevoller Blick der alten, guten
-Dame.
-
-»Ich verbitte mir das, ich verbitte mir das!« Das rang sich ihr
-mühselig aus der Brust. »Mich hat eine Katze erschreckt!«
-
-»Aber so zu springen! -- Ich habe Sie ja gesehen.« Der Apotheker
-bekräftigte ganz gewaltig, daß er sie gesehen, und stützte die beiden
-fetten Händchen auf die runden Beine.
-
-»Nun, dann hat Er mich eben gesehen!« antwortete sie ärgerlich und nach
-Luft schnappend.
-
-Jetzt kam die Rätin dazu, und die Kummerfelden legte die Hände ihr auf
-die Schulter und schaute sie an mit einem Paar so großer, mitleidvoller
-Augen, wie man die Frau möglicherweise in der Sterbestunde ihres Mannes
-ansehen würde.
-
-Die Kummerfelden that es so ausdrucksvoll, denn ihr Mienenspiel war
-durch ihre schauspielerische Laufbahn gelenkiger geworden als andern
-Leuten ihres.
-
-»Na, Kummerfelden, was haben Sie denn?« sagte die Rätin ganz betroffen.
-
- * * * * *
-
-Mittlerweile aber wanderte der Herr Rat wieder mit einem weiblichen
-Wesen im Garten auf und nieder, und wieder kamen sie in die Nähe des
-Mühlbachs, in die tiefste Dunkelheit hinein, und wieder packte der Rat
-sein Opfer. Aber diesmal hatte er sich schon mehr gefaßt als bei der
-Kummerfelden, da war er nicht Herr seiner Bewegungen gewesen, hatte
-eine unsinnige Angst angestanden, so daß die doch gewiß erfahrene
-Kummerfelden über das, was sich zwischen ihr und dem Rat abgespielt
-hatte, im unklaren geblieben war. Diesmal war kein Zweifel. Er hatte
-die kleine Mamsell Muskulus regelrecht auf den Mund geküßt, war aber
-statt auf den Mund in den Mund geraten, denn sie hatte ihn vor Schreck
-weit aufgesperrt.
-
-Er aber korrigierte eifrig diesen Zwischenfall und küßte sie ein
-paarmal tüchtig auf die Wangen, so daß ein Zweifel gar nicht mehr
-aufkommen konnte.
-
-»Ach, Herr Rat -- ach, Herr Rat --« lispelte die kleine Mamsell
-verschämt, und der Herr Rat fühlte einen Augenblick ihren Kopf und die
-große weiche Perücke an seiner Brust ruhen. Die kleine Mamsell war ganz
-überwältigt, fühlte vorderhand gar nichts weiter, als daß sie geküßt
-worden war, und dies Gefühl durchströmte sie wie eine neue Lebensquelle.
-
-Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die Kleider
-zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, und es wurde ihm
-sonderbar, als dies nicht geschah. Die Muskulusen wandelte mit ihm auf
-und nieder in der tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner
-Hand tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, daß
-sie ihm von jeher sehr ergeben sei -- aber ebenso seiner Gemahlin, und
-daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen Frau schuldig sei. Mamsell
-Muskulus sprach wohlgesetzt und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr
-unbequem, so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu
-führen.
-
-Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. Und als sie in
-den Schein der Windlichter traten, bemerkte der Rat, daß Mamsell
-Muskulusen einen ganz verklärten Ausdruck hatte.
-
-Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine andre; diesmal
-jedoch war er an die Adele Schopenhauer geraten, da war's ihm angst und
-bange dabei; er beschränkte sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu
-küssen und die Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte
-er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen.
-Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer Hoheit und
-schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte und erschreckte,
-und in wahrer sittlicher Empörung verließ sie den verblüfften Rat am
-Mühlbach und wandelte ruhig gemessen ihres Weges.
-
-»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun einmal ein ganzer
-Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt hatte, so mußte die auch
-durchgeführt werden, und so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf
-ein Frauenzimmer -- und wieder auf eins -- und wieder auf eins -- und
-wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig dabei, spitzte die
-Lippen mit einer wahren Virtuosität und wütender Zärtlichkeit, denn
-seine Wut hatte sich gewissermaßen in Zärtlichkeit verwandelt.
-
-Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme gelaufen, die
-kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche Jammertöne aus, daß es dem Rat
-erst recht angst wurde.
-
-»Ach mei' Mann -- mei' Mann! -- Was wird mei' Mann sagen!« rief
-sie laut und ängstlich, so daß der Rat fürchtete, sie würden alle
-zusammenlaufen, und daß er von ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen
-ließ.
-
-Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch die Ratsmädchen
-in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte er, denen kann's nicht schaden,
-wenn ich sie ein bißchen erschrecke, die brächte ich mir gern vom Hals.
-Sie waren wie immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten,
-gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab jeder einen
-gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber durchaus nicht erschreckte;
-sondern sie hakten sich in seine Arme ein, äußerst vertrauensvoll,
-und Röse bog sich hinter dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie
-hinüber und flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können
-wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. Ich habe doch
-immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«
-
- * * * * *
-
-Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem Gartenhäuschen
-etwas Sonderbares abgespielt: es war, als hätten die vortrefflichen
-Würste und der gute Hausmuff ihre Kraft verloren, als wäre nur alles
-eine Art Luftspiegelung gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat
-noch gar nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen sein.
-Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, die erschien sich wie
-verraten und verkauft unter ihren guten Freundinnen.
-
-Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte mit einem Male so
-ein Paar närrische Augen gemacht, als wäre der Geist der Verwirrung in
-sie gefahren, dann war mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie
-eine Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft
-über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und überhaupt tuschelte
-man überall miteinander.
-
-»Was ist denn nur, was haben denn die?« sagte der Apotheker ganz
-verblüfft zur Rätin.
-
-Die junge, bescheidene Frau Egidi saß da, als hätten ihr die Hühner
-das Brot gefressen. Wie schon gesagt, mit allen war es mit einem Male
-nicht richtig. Es lag eine drückende, schwüle Stimmung über der ganzen,
-sonst nach vollbrachter Mahlzeit so überaus heiteren Lawine, und auf
-die Rätin fielen manchmal unerklärliche Blicke, so etwa, als hätten
-in einem Kaufmannshaus die Gäste früher von dem Bankerott des Mannes
-erfahren als die Hausfrau und betrachteten sie sich daraufhin.
-
-Der armen Rätin wurde es wirklich ganz bänglich zu Mute -- und wo
-steckte denn nur ihr Mann --?
-
-»Aber Gustävchen!« rief sie in die Dunkelheit hinein, als es ihr immer
-unheimlicher wurde unter ihren Gästen. Und als der Rat endlich kam, da
-war der Höhepunkt der unerklärlichen peinlichen Stimmung erreicht, da
-erhoben sich die Schopenhauers, Mutter und Tochter, und verabschiedeten
-sich eisig und gingen, von dem Sohn begleitet, als wendeten sie
-gefallenen und verkommenen Menschen den Rücken, und mit Schopenhauers
-brachen alle plötzlich auf -- und fort waren sie. Apothekers gingen
-auch mit, denn eins zieht nun einmal das andre nach sich.
-
-Und im dunklen Garten befanden sich alsbald nur noch der Rat, die ganz
-verblüffte Rätin, Kathrine und die Waschfrau.
-
- * * * * *
-
-So aber blieb es nicht nur an diesem Abend und nicht nur im Garten. Der
-Rat, die Rätin und Kathrine lebten mit einem Mal im Haus am Markt wie
-auf einer einsamen Insel; keine Katze kam zu ihnen, denn die Weimaraner
-Damen waren, wie der Rat richtig berechnet hatte, sehr tugendhaft. Die
-Rätin und Kathrine wurden ganz tiefsinnig vor Grübeln. Der Rat aber
-ging jetzt unbehelligt in seinen Garten und wirtschaftete dort wieder
-im Flausrock. Den ersten und zweiten Tag kümmerte es ihn wenig, daß er
-bemerkte, wie ein paar Bekannte ihm ganz augenscheinlich aus dem Weg
-gingen.
-
-Er wurde vom Hochgefühl getragen, wie es eine gelungene
-wissenschaftliche Arbeit ihm sonst einflößte. Diesmal aber hatte er
-auch auf einer Seite, wo er sonst immer Niederlagen erlitt, Triumphe
-gefeiert, und außerdem sah und hörte er nichts weiter.
-
-Im Garten harkte er über die tiefen Fußspuren, die die Kummerfelden
-in seine Beete gedrückt hatte, warf die zertretenen Salatköpfe auf den
-Komposthaufen und ordnete alles, was seine gute Idee angerichtet hatte.
-
- * * * * *
-
-Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. Das Haus am Markt
-wurde so stille wie ein Grab; seine Frau saß in sich gekehrt, war stumm
-und bedrückt zu jeder Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten
-immer fragend die Wände an.
-
-Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, die ihn ganz
-eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie wieder Appetit
-hätte. Der Rat aber machte lange Schritte und schüttelte sich in der
-Erinnerung an die Strapazen, die er durchgemacht hatte.
-
-Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer bänger. Er fand
-jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. Sie war ganz hilflos, ganz
-verwirrt. Im Herrn Rat regte sich etwas -- er wußte selbst nicht recht
-was, etwas Unbequemes, Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er
-ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen Gartens gar
-nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit dem er diese Einsamkeit
-erkauft hatte, verdient hätte; er saß mit etwas Aehnlichem, wie einem
-schlechten Gewissen, oben in der Studierstube, und wie ihn früher der
-Lärm gestört hatte, so störte ihn jetzt die Stille.
-
-Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das Vertreibungsmittel
-hatte ganz niederträchtig gewirkt.
-
-Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es und Madame
-Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz betreten entgegen. Und Madame
-Kummerfelden kam feierlich, setzte sich aufs Kanapee und fragte nach
-dem Ergehen und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun
-pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf Frau
-Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig mitleidig an, wie
-damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt den Rücken hinunterlief --
-und dann kam die ganze Pastete von Anfang bis zu Ende -- alles, was
-geschehen und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war,
-mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten -- und
-daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins Haus setze und daß die
-junge Frau Egidi gesagt habe, ihr Mann werde ihn fordern, und daß er
-selbst die harmlosen Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld
-erzählt hätten -- und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt habe
-auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht für Küssen
-gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in den Mühlbach habe werfen
-wollen, und daß er tollwütig geworden sei -- und daß die Rätin es sich
-nicht allzusehr zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und
-man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild zu gewärtigen
-habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie sei, es möge sich stellen,
-wie es wolle -- und daß sie, die Kummerfelden, von den Mannsbildern
-überhaupt nichts halte, was sie auch trieben.
-
-Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas im Wege, Zeugen
-haben sie die Hülle und Fülle, und das sei in solchem Fall von größtem
-Wert.
-
-Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, denn die
-Muskulusen hatte die ganze Zeit über niemand gesprochen, die hatte sich
-mit ihren Liebesgefühlen in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte
-davon noch gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern
-zu teilen hatte.
-
-»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. -- Mein Gott, für die
-Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten sollen, so ein gescheiter,
-gelehrter Mann! -- Es ist wie ein böser Traum.«
-
-Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und die arme Rätin saß
-ganz bewegungslos da, starr und steif, und ihre großen runden Augen
-fragten die Wände um Aufklärung. Sie verstand nichts recht, sie war
-ganz auseinander -- ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, als
-würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte Fleisch- und
-Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, -- und in diese Situation trat
-völlig unvermutet, leidlich harmlos der Herr Rat -- und wurde von der
-Kummerfelden wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt -- und
-von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt -- und zum erstenmal in
-ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« über ihre Lippen. Sie war
-verstummt. Und so saßen und standen sich die drei gegenüber.
-
-Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, als er in die
-richtenden Augen der Kummerfelden gesehen hatte. -- Das waren Augen,
-wie sie nur auf einem ganz Gesunkenen ruhen konnten -- und da die
-Kummerfelden eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles
-Gesagte und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles
-Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. --
-
-»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das aber doch gar nicht!«
-rang es sich protestierend aus der Kehle des Herrn Rats los -- und nun
-fing der Rat an zu erklären -- und predigte erst tauben Ohren -- aber
-so nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung
-auf und sie schaute den Rat an -- und in ihren alten lustigen Augen
-blitzte es auf. Das waren wieder die Augen der Kummerfelden, die
-Kirchenfenster, mit denen sie den verworfenen Rat angeschaut hatte,
-mochten nur so eine Art Kraftleistung gewesen sein. --
-
-»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt -- haben
-gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben -- na ja --
-gewissermaßen in gewissen Fällen schon. Freilich, wenn Sie sie alle
-so geküßt haben wie mich -- dann glaub' ich's schon eher -- dann
-schon. Aber wer küßt denn auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen
-kann so ein gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern
-schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen -- wundert
-mich.«
-
-Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.
-
-»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich alte Gans!« rief sie
-ein Mal über das andre Mal, »daß ich mit den andern Weibsbildern Ach
-und Weh geschrieen habe! Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«
-
-Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte die blinkende
-Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller und Kuchen und Tassen
-und das Zuckerdöschen.
-
-Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer gewesen, urgemütlich,
-und auch die Erstarrung der armen niedergedrückten Rätin löste sich --
-und das erste Zeichen eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz
-unglaublich betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. -- Und
-darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, wie nur sie lachen
-konnte.
-
-Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, auf welche Weise
-der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich gekauften Garten hatte
-vertreiben wollen, kam ganz gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof
-erzählt und bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall.
--- Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu würdigen, der
-Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen Leute hatten überhaupt
-Vertrauen zu ihm und ließen sich nun bei jeder Gelegenheit von ihm
-beraten, brachten ihm ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne
-werden lassen sollten.
-
-Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und weshalb der Herr Rat
-die Frauenzimmer geküßt hatte, herumgekommen war, seinen Spaziergang
-machte, der ging hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius
-wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten Freunde
-und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und in den Garten, um zu
-zeigen, daß sie in keiner Weise etwas gegen den Herrn Rat hätten,
-und in dem alten Garten, ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend
-vorausgesehen hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende
-statt -- Versöhnungsfeste.
-
-Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter Mann sein und doch
-dem Leben gegenüber ein rechter Esel bleiben könne -- und daß selbst
-dem gescheitesten Manne die Frauenzimmer immer über sind und über sein
-werden, denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts
--- nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.
-
-
-
-
-Wie die Enkelin der Ratsmädel zum Blaustrumpf wurde.
-
-
-Das ist so zugegangen. Sie dachte weder an Gott und die Menschen,
-fühlte weder Unruh' noch Erregung, weder Hoffnung noch Verzagen,
-aber hatte eine Art Zuversicht und wußte wohl weshalb. Ein günstiges
-Schicksal umgab sie wie ein Zauber, und sie sah den Dingen, die da
-kommen sollten, mit einem köstlichen Herzensfrieden entgegen.
-
-An nichts glaubte sie so fest wie an diesen Zauber, dessen Kern fürs
-erste auch nicht verraten wird, denn, wer weiß, vielleicht steht sie
-noch unter dessen Schutz -- und Schweigen ist eben bei jedem Zauber die
-Hauptsache.
-
-Mit welcher Harmlosigkeit, so erzählt die Enkelin selbst, ließ ich
-es zu, als junges Ding, daß meine ersten Arbeiten gedruckt wurden;
-hatte mich nicht darum bemüht, nichts deshalb versucht, ein Zufall
-brachte es zuwege, ein Zufall machte mich zum Blaustrumpf. Von der
-schwerwiegenden, wenig schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes ahnte
-ich nichts -- nicht das Geringste.
-
-Ich und Blaustrumpf! Zum Lachen!
-
-Ich fühlte mich so froh -- so unbedacht!
-
-Was ich that, das war gethan -- das stand mit dem, was andre thaten, in
-keiner Verbindung. Ich empfand mich als Wesen für sich und verglich
-mich ein für allemal nicht mit andern.
-
-Ich las über meine in die Welt geschickten Träume viel Gutes -- und
-wunderte mich.
-
-Unzufriedenes natürlich auch, -- selbstverständlich.
-
-Das Gute freute mich; man hört sich gern loben, das stärkt die
-Persönlichkeit.
-
-Die Unzufriedenen hab' ich daraufhin betrachtet, ob sie mir in irgend
-etwas helfen könnten, ob sie belehren könnten; als ich aber sah,
-welcher Wirrwarr daraus entstehen würde, wenn ich auf alle hören
-wollte, da kein Urteil mit dem andern übereinstimmt, so ließ ich Gutes
-und Böses bald friedlich liegen und dachte: Auf wen soll man hören?
-Auf was soll man hören? Der eine hebt, was der andre sagt, gewöhnlich
-wieder auf mit dem Gegenteil, und der Dritte wieder, was der Zweite
-sagt. Und was ist nun das Rechte? Wer ist nun der Vortreffliche, von
-dem man sich überzeugen lassen soll?
-
-In einem Hefte der »Kunst für Alle« sind reizvolle Wandgemälde eines
-eigenartigen Künstlers aufgenommen und entsprechend gewürdigt.
-
-Auf dem einen dieser Bilder ist in Gestalt eines dunkelhaarigen
-Mädchens die Wissenschaft dargestellt, die auf einem Sessel zwischen
-ihren Emblemen sitzt und einer allerliebsten Gesellschaft einen Vortrag
-hält.
-
-Hinter ihr steht gravitätisch auf langen Beinen ein Marabustorch, das
-Symbol der Weisheit.
-
-Was aber haben seine langen Beine und der spitze Schnabel dem Marabu
-genutzt? Gar nichts.
-
-Denn der Besprecher der Gemälde hat sich in die Seele des Künstlers
-vertieft und hat gefunden, daß der Künstler mit einem vortrefflichen,
-sachgemäßen Humor eine Löffelgans hinter diese weibliche Wissenschaft
-gesetzt hat.
-
-Was konnte er Besseres tun?
-
-Wie stimmt das alles!
-
-Wie ist Idealität und Realität hier glücklich verbunden! Wissenschaft
-personifiziert als weibliche Figur! Lehrend! Was wird sie lehren? Die
-Löffelgans hinter ihr gibt die Würdigung dessen, was sie lehrt.
-
-Der Kritiker ist entzückt und phantasiert sich weiter in die
-Intentionen des Künstlers hinein.
-
-Er empfindet in der Tiefe seines eigenen Gemütes, wie der Künstler
-sich feinsinnig nicht mit einer einfachen Gans begnügt hat, die ja
-vollkommen genügt hätte, den Wert eines Frauenzimmers auszudrücken.
-Durch des Kritikers Hirn bewegen sich allerlei übereinstimmende Dinge.
-Er nimmt an, der Künstler habe etwas von Küche, Löffel, »Löffelgans«,
-Weib, Blaustrumpf, Wissenschaft sagen wollen. -- Solches beweist, daß
-dem Marabu seine langen Beine und sein spitzer Schnabel nichts nutzen,
-wenn der Kritiker seine Augen und sein Verständnis schon auf die
-Löffelgans gespitzt hat.
-
-Der Künstler ist in diesem Fall nicht schuld an der Täuschung, sein
-Marabu ist ein echter, guter Marabu, gegen den sich nichts sagen läßt,
-und der nichts zu wünschen übrig läßt.
-
-Bekanntlich ist ein Marabu schlank und langbeinig, und eine Löffelgans
-dickgedrungen und kurzbeinig.
-
-Das thut aber nichts, es bleibt dabei: der langbeinige Marabu ist eine
-kurzbeinige Löffelgans.
-
-»Marabu,« sagt der Künstler.
-
-»Löffelgans,« schreit der Herr Kritiker und behält natürlich in den
-Augen aller Einsichtigen recht.
-
-»Also die Löffelgans,« so argumentiert der Kritiker weiter, »ist leider
-verzeichnet, die Beine sind zu lang geraten, der Schnabel zu spitz, so
-daß sie eine gewisse Aehnlichkeit mit einer Storchabart bekommen hat.«
-
-»Aber lieber Herr, es ist ja keine Löffelgans!«
-
-»Mein Bester,« erwidert jener, »das ist allerdings eine.«
-
-Und so bleibt es und bliebe ein ewiger Kanon, wenn der Klügere nicht
-nachgäbe.
-
-Und es geschehen noch ganz andere Dinge.
-
-Davon soll ein Künstler sich das Leben schwer machen lassen? soll nach
-dem würdigen Schelten oder Loben seinem Marabu, den die Kritik zur
-Gans umzaubert, künftighin kürzere Beine machen, soll betroffen und
-zerknirscht sein und sich bessern?
-
-Gottlob, daß man nicht so oft zerknirscht, so oft reuevoll, so oft
-überzeugt ist, wie weise Ratgeber, getreue Freunde, kluge Kritiker es
-wohl wünschen möchten!
-
-Nun, da ich einige Worte über die weisen bösen Kritiker und Krittler
-verraten habe, sieht es aus, als wäre mir sehr übel mitgespielt
-worden; denn an nichts glaubt man so gern und so fest als an das
-Schlimme, das einer von sich selbst spricht. Im ganzen ist es mir aber
-unverdientermaßen gut ergangen. Das Beste, was ein Sterblicher von sich
-sagen kann, denn mit dem »Verdientermaßen« sieht es gewöhnlich windig
-aus; aber unverdient gut ergangen ist ein grenzenloser Spielraum für
-alles Wünschenswerte.
-
-Welche Freundlichkeit hab' ich erfahren! Wie hat Verständnis oft
-wohlgethan! Welche liebenswürdigen Menschen hab' ich kennen gelernt!
-
-Jetzt, da ich über meine eigene Person und das Leben dieser Person
-etwas sehr unnötigerweise berichten will, ist es mir, als säße ich in
-einem bequemen Wagen und führe leicht und behaglich dieselbe Strecke,
-die ich einst mühsam und beschwerlich zurücklegte.
-
-Aus diesem bequemen Wagen grüße ich sie alle, die mir mit warmem
-Herzen wohlgethan, die es der Mühe wert hielten zu sagen: Sei unsres
-Mitgefühls sicher, wir halten zu dir! Wir haben dich verstanden.
-
-Ich begegne auch Leuten, die mir ganz besonders nahe bekannt sind, mit
-deren Schicksal ich mich mehr, als es gut ist, beschäftigte.
-
-Man soll aber vor der eignen Thür kehren und andre Leute ungeschoren
-lassen.
-
-Aber die Menschen sind ein thörichtes Geschlecht! Als ob die Welt nicht
-Mühsal, Schrecken, Tod, Verzweiflung und Unsinn, Krankheit, Thorheit,
-Lug und Trug, Lachen, Weinen, Spott, Härte, Freud und Leid, Liebe und
-Haß, solch alles im Uebermaß brächte! Nein, die Menschen finden es
-nicht genug!
-
-Da sind welche, die, wie vom bösen Geist getrieben, glauben, es
-sei unumgänglich notwendig, es sei ein Verdienst, wenn sie sich zu
-den unzähligen Geschöpfen, die leibhaftig auf Erden sinnverwirrend
-durcheinander wimmeln, noch welche hinzuträumen, hinzuklügeln.
-
-Das, was Haut und Knochen hat, tagtäglich in Massen zu Grunde geht,
-stirbt, neu entsteht im ewigen Wechsel, das genügt ihnen nicht; sie
-schaffen mit Mühe, Begeisterung, Qual und Glück, mit ihrem Herzblut
-Hirngespinste und sind entzückt, wenn diese den Gestalten gleichen,
-die sie zu sehen gewohnt sind, und freuen sich ihrer eigenen Käuze,
-die sie selbst geschaffen, ganz unbändig; sie erscheinen ihnen als
-außerordentlich wichtige Personen.
-
-Wer diese ihre Käuze lobt, den halten sie für einen vernünftigen,
-weitherzigen Menschen.
-
-Sie schaffen ihren Käuzen Schicksale, Ereignisse, lassen sie leiden,
-beglücken sie, und wehe dem, der findet, daß sie dies nicht gerecht,
-sachgemäß und vernünftig betreiben oder gar vergessen haben, über ihre
-Käuze ein vollgerüttelt Maß zeitgemäßer Moral auszuschütten.
-
-Wie ernst und eifrig wird dies Spiel betrieben -- tödlich ernst -- das
-ganze Glück der wunderlichen Schöpfer hängt an dieser großen Thorheit.
-
-Geraten die Käuze nicht, finden sie kein Gefallen, so ist der Urheber
-dieser Käuze ein gelieferter Mann, verachtet, gebrochen, -- und wenn es
-noch so ein gesunder, guter, braver Bursche wäre, mit tüchtigen Zähnen
-und Armen.
-
-Es ist eine Art Verrücktheit, »holder Wahnsinn« -- aber was auf Erden
-ist nicht Wahn? Was auf der Welt thun wir, wobei uns nicht die Sinne
-umnebelt und verwirrt sind von Vorurteilen, Gewohnheiten, Ueberkommenem?
-
-Sehen wir in irgend einem Ding klar?
-
-Können wir den eigentlichen Wert irgend eines Dinges beurteilen?
-Gewiß nicht. Also frisch darauf los im Nebel! Uns braucht es nicht zu
-kümmern. Wer einmal zu den Lebenden gehört, dem ist der Tod gewiß, und
-was zwischen Geburt und Tod liegt, das macht sich wie von selbst.
-
-Alles, was geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, mag es
-offenkundige Thorheit, oder scheinbare Weisheit sein, füllt das Leben
-der Generationen aus, führt sie ihren Weg bis zum Vergehen, und keine
-Thorheit ist Thorheit genug, daß sie nicht ein Menschenleben würdig
-beschäftigen könnte, eins oder das Leben von Millionen.
-
-Gut ist es, wenn man während des tollen Reigens, der durch das Leben
-führt, zu dem Mode, Sitte, Vorurteil und Verwirrung den Takt geben,
-einen ruhigen, praktischen Gedanken in Hirn und Herz halten kann, den
-nämlich: »Es ist gut, einander zu helfen, es ist das einzige, was Wert
-hat.«
-
-Herzen und Werke, in denen dieser Gedanke zu spüren ist, mögen gelten.
-
-Mir gefällt es auch, wenn einer seinen Käuzen, mit denen er nun einmal,
-halsstarrig, wie er ist, die Welt bereichern möchte, wenn er diesen
-Käuzen Sack und Pack voll Menschenliebe steckt.
-
-Mir gefällt es, wenn einer im heiligen Glauben, Gutes zu thun, seine
-Käuze ausschickt wie ein Meister seine Jünger. Ich bin jetzt scheinbar
-weit abgekommen.
-
-Aus meinem behaglichen Wagen also schaue ich nach allen Seiten und sehe
-überall Leute, die mir sehr bekannt sind, was niemand nach dem eben
-Gesagten Wunder nehmen wird, denn diese Leute sind meine geliebten
-Käuze -- meine selbstgeschaffenen Gestalten, würde ein ästhetisch
-Gebildeter sagen.
-
-Da kommt ein armer Judenjunge und reicht mir die Patsche, ein gutes
-Kerlchen; er hat nicht die übliche krumme Nase, oder vielleicht hat
-er so eine. Er ist auch ein armes Bürschchen. Sein Herz kann das Böse
-auf der Welt nicht ertragen, er wird davon zu mächtig gepackt. Salin
-Kaliske habe ich ihn genannt.
-
-Selbst ein sehr überzeugter Antisemit kann ihn ruhig seines Weges gehen
-lassen, denn er ist ein kleiner Christusjudenmensch -- solch ein Kind,
-wie unser Erlöser eines war.
-
-Weshalb hab' ich ihn wohl nicht mit einer besonders krummen Nase
-ausgestattet und mit der naturgeschichtlichen Geldgier? Weshalb bin ich
-sparsam verfahren mit der Zuteilung der allbekannten Attribute?
-
-Vielleicht hat dies mir Spaß gemacht; vielleicht hab' ich die Ansicht,
-daß wir in dem lobenswerten Streben nach Wahrheit uns allzusehr mit
-dem gröbsten Aeußerlichen begnügen, und mehr als je das Beste und
-Wertvollste achtlos beiseite lassen.
-
-Ich begegne weiter rechtem Gesindel, Leuten, die besorglich
-wenig Anlage zu Würde und Vortrefflichkeit haben. Ein kräftiger,
-lebensvoller, geprüfter Mensch geht dort, ein düsterer, grober Geselle,
-der in der Todesstunde sich mächtig verliebt und sterbend den guten
-Freund um die Braut bringt, der so kraftvoll und lebendig in den Tod
-einzieht, wie andere auf Lebenshöhen nicht gehen.
-
-Da läuft ein schönes Pärchen, ein leichtsinniges Mädel und ein
-liebestrunkener Gesell, ein rechter Lump, der nicht begreifen kann,
-daß seine unbeglückte Leidenschaft verklingen muß, der über seine
-unglückliche Liebe tobt.
-
-Kraft auf Kraft beginnt sich in ihm zu regen. Er möchte etwas leisten
-und schaffen, seiner unerwiderten Liebe ein Denkmal setzen; doch ist er
-unbegabt.
-
-Er hat das mächtige Empfinden des Künstlers und nichts mehr. Aber er
-schafft etwas in heiliger Einfalt aus sich selbst, aus seiner eigenen
-Schönheit.
-
-In dunkler Nacht im ernsten Klostergarten, im Mondschein am hohen Kreuz
-hängt die göttliche Gestalt des Erlösers, lebenatmend, geisterhaft.
-Davor in angstvollem Schauer das hübsche leichtsinnige Geschöpf, das
-zitternd und erbebend vor dem Eindruck gewaltiger Leidenschaften die
-dunklen verwachsenen Gartenwege zurückhuscht.
-
-Dann begegne ich Leuten, verschiedenen Leuten, denen hab' ich auf die
-Stirn geschrieben: Der Liebe ist Gerechtigkeit Sünde. Mit diesem für
-diese Welt sehr thörichten Abzeichen müssen sie umherlaufen.
-
-Dort wandern zwei lustige, schöne Mädchen, die Ratsmädel, die voller
-munteren Streiche stecken, die ihr Wesen in Weimar treiben, zu Goethes
-Zeit, und hinter ihnen her ziehen allerlei Personen aus Weimars
-goldenen Tagen, die Rabenmutter, die alte Kummerfelden, die Leute
-aus der Gassenmühle, Budang, der prächtige Bursch, das ehrbußliche
-Weiblein, der blonde mächtige Förster mit seinen armen Töchtern, die
-eine, die Anne, weiß, was es heißt, die Sünde der Welt auf sich nehmen,
-mit eigenem Leid fremdes heilen, diese stille, große Anne! Und ihr
-braver Bräutigam! Welche Menschengröße! Welche Menschenbeschränktheit!
-Das sind nicht die Adelsmenschen des Genusses, die Raffinierten, aber
-es sind die ganz Starken, die ganz Zuverlässigen.
-
-Da kommt eine grenzenlos gemütliche Gesellschaft, schwachsinnig vor
-Behagen. Das sind die verspielten Leute!
-
-Vor denen nehmt euch in acht, schrecklich sind sie in ihrer
-Gemütlichkeit, treten alles nieder, was hoch steht, flachen und
-wetzen ab, was ihnen nicht paßt, ersticken alles mit ihrer wattenen
-Herzensgüte -- das sind die rechten, schlimmer wie Raubtiere;
-wohlversorgt leben sie, essen gut, trinken gut, sind gesund und
-wohlgestellt -- Ehrenmänner -- Ehrenfrauen -- aber aufgepaßt!
-
-Hütet euch vor ihnen!
-
-Da kommen noch manche Echte aus dem alten Weimar. Der alte Apotheker
-mit seiner gemütlichen Apotheke, der unheimliche Apothekergehilfe,
-der jeden Todesfall voraus weiß. Sperbers, die Gutsbesitzer in
-ihrer köstlichen Hülle und Fülle. Die zwölf Pastorskinder, die vom
-Nachtwächter schlafen gelegt werden, und bei denen allstündlich der
-Nachtwächter nachschaut, ob sie auch nächtliche Ruhe halten.
-
-Wie gut haben es all diese Weimaraner, diese Alten, in ihren köstlichen
-Gärten! O, welches Behagen! Ich denke an den alten Doktor Tiburtsius
-in den Kußwirkungen, der sich hinter dem Rücken seiner vortrefflichen
-runden, kleinen Gattin einen Garten kauft, um ihr und ihren fidelen
-Gästen zu entwischen, und welche Abende er in diesem duftenden, Grün
-strotzenden Garten verbringt -- und wie er dann später entdeckt wird!
-Und daß ich es nicht vergesse, Goethe und Karl August sind auch dabei
-unter diesen alten Echten, und Mamselle Muskulus im Veilchenhut
-auch, und der alte verrückte französische Colonel, der mit Madame
-Kummerfelden im verschneiten Entenfang, der Nähschule der Kummerfelden,
-ganz im geheimen Romeo und Julia aufführt.
-
-Die Hemdenmätze der alten Kummerfelden kommen auch anmarschiert, und
-Franz Horny und Schillers Sohn, die Kameraden der wilden Ratsmädel,
-die der alten Jüdin alle weimarischen Esel über den Hals gejagt haben
--- und das dritte zarte, süße Ratsmädel, das Münchner Nönnchen, das
-katholische Kind, das in die Ratsmädelfamilie hineingeschneit kommt,
-das entsagende Geschöpfchen, das mitten im freudigsten Leben neidlos
-steht -- und zu guter Letzt der Jenenser Bäckerlehrling, der seine
-schauervolle Johannisnacht mit seinem süßen Bräutchen, dem würdigen
-katholischen Geistlichen, den glotzenden Hausleuten und dem Tod oben
-unter dem Dachraum des uralten Hauses zu Ende feiert.
-
-Leute aus einer Geschichte, die »Der Rangierbahnhof« heißt, seh' ich
-dort -- und ich rufe: O, du meine arme kleine Olly! Du weißt es,
-wie bitter schwer das Weib zu tragen hat, wenn es mit ganzer Seele
-die Kunst liebt -- und jung ist und leben möchte -- und aus einem
-Zärtlichkeitstraum, aus so einem weichen, weichen Traum in der Ehe
-erwacht.
-
-Aus welchem Sumpf stammst du! Wie ging es bei dir daheim sonderbar zu!
-Mit welchem Lärm und Getöse rangierten die hyperästhetischen Naturen,
-die aus der Kunst doch eine gute Milchkuh machen wollten! Aus welchem
-Lügen- und Schwatznest stammst du! Und wie bist du rein und feurig
-geblieben! Wie rührend komisch bist du in deinem Haushalt!
-
-Wie tragisch ist alles! Ach, und dein Sterben!
-
-Welch eine Last liegt auf solch einer Weibesseele. Pflicht und
-Schaffenswonne. Wie wütet das in solchem armen Herzen!
-
-Wie ist es euch schwer gemacht, ihr armen Weiberseelen, am Besten hier
-auf Erden teilzunehmen!
-
-Und noch so eine arme Seele ganz andrer Art begegnet mir -- Dorothea in
-»Reines Herzens schuldig«. Sie ist so ganz in Liebe erwacht, in heißer
-Liebe -- und muß in einem Leben verschmachten, das ihr nichts bietet,
-kein Glück, auch nichts, was an Stelle des Glücks treten könnte.
-
-Als ich diese Gestalt schuf, war ich sehr jung und hoffte, dies Buch
-würde von guten Menschen gelesen, die sich mit dem Gedanken trügen, wie
-man den Vernachlässigten, Unglückseligen auf Erden, von deren Dasein
-die arme Dorothea Zeugnis gibt, helfen könnte.
-
-Und daß es solche gute Menschen gibt, hab' ich zu meiner größten
-Freude erfahren -- und ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht ein wenig
-prahlen soll, weshalb ich nicht ein paar von jenen Briefen und Zeilen
-hier wiedergeben soll, die mir von bekannten, unbekannten, unberühmten
-und sehr berühmten Händen geschrieben wurden und wie Freudenboten ins
-Haus kamen, damit die Leute, die diesen kleinen Lebensabriß lesen, doch
-auch eine Ahnung bekommen, was für ein glückliches Menschenkind ich bin.
-
- »Berlin ... Reichstag.
-
- Männer lesen selten Romane, Männer meines Berufes gar nicht.
- Ihr ›Reines Herzens schuldig‹ las ich zweimal hintereinander.
- Die Feder eines Dichters in Herzblut getaucht. Sie sprechen
- einmal: ›Wenn du den Dichter findest, dem es gelungen ist, das
- tiefste Leiden versöhnend darzustellen, den halte fest wie
- einen Freund.‹
-
- Möge Ihnen -- in Leben und Kunst -- das hohe Ziel zu teil
- werden: die erhabene Heiterkeit eines Sophokles und eines
- Mozart!«
-
-Ein andrer Brief:
-
- »Ihre drei neuen Bücher schmücken meinen Weihnachtstisch. Ich
- habe sie mir selbst beschert, doch als eigenste Gabe von Ihnen.
- Jedes Wort eines Dichters, das mir seine Seele offenbart,
- nehme ich dankerfüllt als sein ganz unmittelbares Geschenk
- entgegen. Nicht viele geben so viel wie Sie. Eines Abends,
- wenige Tage vor dem Fest, las ich Ihren ›Herzenswahn‹. Ihr
- übermächtiges Empfinden riß mich fort, Ihr Mut, diese Gefühle
- auszusprechen, begeisterte mich. Zugleich dachte ich mit Bangen
- an das Schicksal dieser Bücher; mir war's, als sähe ich sie
- schutzlos in der Welt umherirren; ich wünschte innigst, daß
- sie zarte Finger und warme Herzen anträfen. Ich fürchte, auch
- Ihre Dorothea wird nicht oft verstanden werden; die freie
- Menschlichkeit hat so wenig Raum in dieser verschnörkelten
- Welt.«
-
-Und noch ein +dritter+ Brief von einem Arzt.
-
- »An die Schriftstellerin Helene Böhlau.
-
- Ich habe den ›Rangierbahnhof‹ gelesen und war zugegen, wie
- Köppert das Seelchen fand, ich durfte der dritte im Bunde sein;
- auf mich ist von dem Glücke übergegangen, das zwischen den
- beiden erstehen durfte. -- Das will ich nicht vergessen und
- Ihnen lange dankbar sein, weil Sie mich zu den zwei Menschen
- führten, bei denen ich rein und gut sein konnte.«
-
-So, nun habe ich glücklich meine Prahlerei zu Ende gebracht und könnte
-noch ein ganzes Weilchen fortfahren, doch möchte ich nicht, daß jemand
-meine Skizzen unmutig aus der Hand legte, und ich will mir meine
-Freunde erhalten.
-
-Meine Geschichte der Dorothea gehört übrigens nicht zu den trübseligen.
-Ich habe sie ausgespickt mit allerlei lustigem, freundlichem und
-thörichtem Volk. Da ist ein Herr von Bublitz, ein fetter Schlingel,
-der dem Wohlthätigkeitssport obliegt, da ist ein prächtiger
-lustiger Onkel, schöne Mädchen die Hülle und Fülle, eine gräfliche
-Hochzeitsgesellschaft, die des Guten zu viel gethan hat.
-
-Das mag noch alles gehen; aber da laufen welche aus Stambul,
-wunderliches Volk in wunderlicher, göttlich schöner Umgebung, alles
-wächst und blüht und duftet und leuchtet, und die Menschen wachsen und
-blühen mit und werden freudig und gesund. Es sind gar liebe Leute, die
-»im frischen Wasser«.
-
-Ich begegne noch manchem Gesellen; dort, fern von den andern, dem guten
-Reichlin aus dem »Herzenswahn« mit seiner kleinen überspannten Käthe.
-
-Ein altes Pärchen, »die alten Leutchen«, geht zufrieden miteinander.
-Die kleine zierliche Frau hat mit ihrem würdigen Herrn ein Lebtag
-im dunklen Lädchen gesteckt und kommt im Alter zu einem Landhaus
-und köstlichen Garten, so daß das schwärmerische Persönchen in
-einer Glücksfülle steckt, die sich ganz wunderlich ausnimmt. Ein
-widerwärtiger, langbeiniger Ladenjunge schleicht hinter der kleinen
-Alten her, trägt ein Buch in der Hand, in dem eine Wurstschale als
-Buchzeichen steckt. Der lange Bengel ist dem Weibchen sehr fatal.
-
-Zu guter Letzt Leute aus einem Roman, »Das Mutterrecht«, Leute, die
-mir wahrhaft ans Herz gewachsen sind. Laßt es euch sagen, vom alten
-Kutscher Jermak, wie er über seine Herrin denkt, über ihr Kindchen,
-wie er von den verlassenen Mädchen spricht, von Gott und der Welt,
-den Popen, den schwarzen Völkern, und alles zu seinem jungen Herrn
-im Schlitten, wie er von dem Schandfleck der Familie, der Schwester
-Jekatherina, spricht.
-
-Dort geht sie, auf den schwarzen Ebenholzstock gestützt, diese herbe,
-vornehme Frau, diese ganz souveräne, eine Frau, in der der Geist
-mächtig wurde, eine Herrin des Lebens. -- Und Christine, du Reine, auf
-dich kam die größte Schmach des Weibes, unter der noch keine in der
-gebildeten Welt frei dahergehen konnte. Diese schwere Schmach hat noch
-jede zu Boden gedrückt und zur Lügnerin gemacht. -- Dich nicht!
-
-Frei hältst du dein Kindchen im Arm.
-
-Wie eine dunkle Wolke liegt die Verachtung der Menschen über dir; aber
-in deiner Seele ist es nach schwerem Kampf sonnig klar geworden. Auch
-du bist Herrin geworden, dein Kind ein Königskind -- das Kind des
-freien, ungebeugten Weibes.
-
-Wie geht es dem Rothsplätz, bei dem du Schutz gefunden hast? dem Manne
-aus dem Volk, dessen Gesicht immer zur Erde gekehrt ist, und doch so
-heiter blickt wie der liebe Abendhimmel. Er hat dir gezeigt, dir,
-dem armen gehetzten Geschöpf, wie weit das Volk, das arme Volk den
-Reichen, den Hochgebildeten voraus ist. -- Nicht wahr, er hat dich und
-dein Kind vor ihnen geschützt wie mit Mauern, in seinem Haus warst du
-frei und unbescholten?
-
-Diese Armen hatten, was Reichen fehlt. Sie waren menschlicher. -- Bei
-ihnen hatte das Weib schon gesiegt.
-
-Diese Leute möchte ich nun in Wahrheit guten Menschen anempfehlen.
-Redet mit ihnen! Ich bitte euch, sucht sie zu verstehen. Sie sagen auch
-viel mehr, als es auf den ersten Blick scheinen möchte -- viel mehr. --
-
-All diese Gestalten, von denen ich euch hier sprach, sind der Ausdruck
-eines so überaus reichen, lebendigen Lebens, der Ausdruck einer Seele,
-die durch Schweres ging, die Schweres kannte und fühlte, die aber im
-tiefsten Grunde glückselig und dankbar ist, denn ihr wurde das höchste
-Glück zu teil, den Menschen zu finden, der sie ganz verstand, der in
-seiner großen Geistesreife und seinem Können und tiefem Wissen und
-seiner Güte hilfreich zu ihr stand, der aus einer wunderbaren Fülle
-sie belehrte, dem sie alles dankt -- auch alles Glück auf Erden,
-Freund, Lehrer, Gemahl zugleich -- und jede Stunde segnet sie, die sie
-beisammen sind.
-
-Wie ist es mir aber in den Sinn gekommen bei so glücklichem Leben, mich
-mit solchem Volk zu befassen?
-
-Ich begreife es heut noch nicht.
-
-Die Arbeit allein, die Mühe, die Not, die Sorgen, ehe solch ein Kauz
-sich präsentieren kann, hätte mich abschrecken sollen, -- denn ich war
-so faul, so wundervoll faul!
-
-Noch denke ich mit einiger Sehnsucht daran zurück, denn sie war
-charaktervoll diese Faulheit -- sie war etwas! -- Da gab es nichts auf
-Erden, was mich hätte zu irgend einem Fleiß anspornen können.
-
-Als ich mit dem ersten Verslein im Fibelbuch geplagt werden sollte,
-sagte ich einsichtsvoll: »Dazu bin ich noch viel zu klein,« und blieb
-bei dieser Meinung und lernte keine Verslein wie andre brave Kinder.
-
-Ich kam in eins jener fürchterlichen Institute, in denen Kindern
-während ein paar Vormittagsstunden das Spielen gelehrt wird, auf
-Kommando in Reih und Glied; ich sollte alles genießen, was die Zeit
-einem jungen Menschlein bietet. Aber diese ernste Spielmaschine
-erschien mir abschreckend; ich empfand eine Scheu vor den schon
-abgerichteten Kindern, die es verstanden, sehr unnötige Lieder zu
-singen, die es verstanden, im Takte in die Hände zu klopfen und mit den
-Füßen zu strampfen, die wegen ganz unsinniger Dinge gelobt und getadelt
-wurden. Das alles geschah in einem dämmerigen, staubigen Raum, es war
-mir, als würden da schreckliche Dinge getrieben.
-
-Ich schrie und jammerte, die Güte der Spiellehrerinnen, die mich
-beruhigen wollten, machte mir einen verdächtigen Eindruck. Sie drückten
-mir eine Puppe in die Arme, eine fremde, mir sehr widerliche Puppe in
-einem Ballkleid mit einer schwarzen Porzellanfrisur, eine Puppe, wie
-ich sie mir nicht dummer vorstellen konnte.
-
-Ich legte dieses Geschöpf sehr verächtlich auf die Erde und sagte, daß
-man nur Kinder tragen könne, keine großen Leute, die Puppe wäre eine
-alte Frau.
-
-Da lachten die Lehrerinnen und verlangten, ich solle in einen Kreis
-treten, den die Spielschüler bildeten, und solle so thun, als grübe
-ich im Sande und pflanzte eine Blume, dann solle ich mich anstellen,
-als nähme ich einen Rechen, damit der Sand wieder geglättet werden
-könnte. Die Kinder würden, während sie ein Liedchen sängen, dies alles
-ausführen, ich hätte es nur nachzumachen.
-
-Ich stand im Kreis, war aber zornig und außer mir, die Kinder
-erschienen mir immer unheimlicher, das ganze Thun immer sinnloser,
-die Stube immer düsterer; da sah ich eine Thür offen, lief schreiend
-hinaus, die Treppe hinab, hinter mir her die Lehrerin; ich war aber
-flinker.
-
-Mit aller Liebe, allen Bitten, allen Versprechungen brachte niemand es
-dahin, mich zu einem zweiten Besuch dieses unheimlichen Instituts zu
-bewegen.
-
-Es fand sich wohl auch, daß es ohne dieses ginge, ich war ein
-zufriedenes Kind, kannte keine Langeweile, steckte mit meinen zwei
-Schwestern den ganzen Tag in unserm hübschen Garten, hatte meine
-wundervolle dunkle Ecke unter einem Holundergebüsch, in die verkroch
-ich mich, und stundenlang harrte ich dort. Ich erinnere mich, daß es
-mir da unbeschreiblich wohl war. Ich bildete mir auf meine eigene
-Faust ein, irgend ein Tier zu sein, ein Vogel oder ein Hase, ein Löwe
-oder irgend etwas, und in dieser Vorstellung verging mir die Zeit aufs
-angenehmste.
-
-Ich kam in die Schule, und man sagte mir vorher, daß es unmöglich sein
-würde, aus der Schule auszureißen. Das war mir schrecklich zu hören.
-
-»Das mag etwas Schönes sein!« dachte ich mir. Der Kindergarten lebte
-mir in düsterster Erinnerung. Und ich kam in die Schule. Der Lehrer
-verkündete mir, daß ich ihn »Sie« zu nennen hätte.
-
-Ich hatte noch niemand »Sie« genannt. Ich grübelte nach, weshalb ich
-dies thun sollte, und vergaß es darüber; ich konnte mich auch in die
-Schule nicht hineinfinden.
-
-Das Lernen fiel mir schwer, es interessierte mich auch nicht im
-geringsten. Die Naturgeschichte, oder wie sie in den untersten Klassen
-benannt wurde, der »Anschauungsunterricht«, machte mir Spaß, da war ich
-dabei.
-
-Das war aber auch das einzigste, das allereinzigste.
-
-Die biblische Geschichte gefiel mir zwar. Ich liebte es, wenn der
-Lehrer erzählte; wenn dieselbe Geschichte aber ihren Weg durch die
-Klasse nahm, überkam mich eine jämmerliche Langeweile, ich hätte weinen
-mögen. Da kam ich auf einen glücklichen Gedanken: ich stellte mir
-vor, in unserm Garten in meiner grünen dunklen Ecke zu sitzen, statt
-auf der Schulbank, stellte mir weiter vor, ein Hase zu sein, der im
-Grünen in seinem Neste hockt, die Ohren anlegt und in die blaue Luft
-blinzelt; wenn nun das Erzählen an den Hasen kam, wußte er natürlich
-nichts, wie es auch einem guten Hasen zukommt, und das erwies sich als
-sehr übel für seinen Ruf. Es geschahen auch wunderliche Dinge, der arme
-Hase sollte sagen, aus was der Mensch besteht -- und blieb die Antwort
-schuldig. Da hoben sich die Fingerchen so frech und keck um ihn her in
-die Höh', ein ganzes Feld, und nickten und schnickten, und die Bravste
-sagte im schulgemäßen Ton: »Aus Leib und Seele.«
-
-»Aus Leib und Seele,« mußte ich wiederholen und setzte hinzu: »aber
-die Wassernixen haben keine Seelen,« da lachten alle, und der Lehrer
-verwies mir solch dummes Zeug.
-
-»Was in Märchenbüchern steht,« sagt er, »ist immer unwahr.«
-
-Ich aber steckte voller Fragen und hätte gern mit dem Lehrer eine
-längere Unterhaltung angeknüpft. Ich wollte wissen, was die Seele ist,
-wollte erfahren, woher man weiß, daß man eine hat, wollte wissen,
-weshalb die Märchengeschichten unwahr und die biblischen wahr sind.
-
-»Was ist denn mit der Seele?« frug ich meine Nachbarin.
-
-»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer freilich so dumm ist,
-wie du, hat keine.«
-
-Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar nicht weshalb; aber es
-war mir angenehmer, zu denken, daß ich keine Seele habe. Es schien mir
-einfacher und besser, und gerade weil die andern alle eine hatten,
-gefiel es mir, keine zu haben.
-
-Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte mich wieder in
-den Hasen.
-
-Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, mich über die
-Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, erging es mir oft übel.
-
-Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz desperat an den
-Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. Ich aber, wild, bös und
-wütend, fahre mit beiden Händen in das Tintenfaß, das in die Bank
-eingelassen war, halte mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich
-nicht an, rühr mich nicht an!«
-
-Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte nicht Lust haben,
-nähere Bekanntschaft mit meinen beiden schwarzen Tintenhänden zu machen
--- und ließ mich unangefochten sitzen. Die Mädchen aber flüsterten
-untereinander: »Die ist klug, die ist doch schlau.«
-
-Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus dem Munde der
-Kameradinnen mir sehr wohl that.
-
-»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie nichts
-einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, daß man mit
-Hochachtung mir behilflich war, die Spuren meines siegreichen Kampfes
-unschädlich zu machen.
-
-Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen Schullaufbahn.
-
-Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich mit mir; in
-der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine sanftere Art mit mir
-zu sprechen angenommen, als mit den andern Mädchen; aber es war nicht
-das Rechte. Ich war und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg
-aufzuweisen. Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd
-zurück.
-
-Wenn ich eins aufschlug, so klopfte mir das Herz; es sah so
-unbeschreiblich kraus aus, und die rote Tinte herrschte in
-erschreckender Weise vor.
-
-Einmal begab es sich, daß die ganze Klasse nachsitzen mußte, und der
-Lehrer sagte zu mir: »Hör' einmal, ich kann dir's nicht erlassen, du
-mußt mit dableiben.« Ich beschwor ihn, ich bat ihn, ich küßte seine
-Hand.
-
-Er sagte aber: »Sei verständig, ich kann nicht anders.« Und so blieb
-es.
-
-Jede Hoffnung im Leben schien mir zu Ende, ich fühlte mich zerbrochen,
-fühlte mich nicht fähig, diese Schmach zu tragen, so tausendfach ich
-sie verdient hatte. Als ich nach Haus kam, stand meine Mutter an der
-Treppe und reichte mir einen Teller mit Himbeeren entgegen. Sie hatte
-mich kommen sehen.
-
-Ich konnte nicht gestehen, es war mir unmöglich -- ich zitterte; ich
-hatte noch nie gelogen, noch nie etwas verschwiegen; -- aber es ging
-nicht, ich brachte mein Unglück nicht über die Lippen. Die Güte meiner
-Mutter rührte mich unbeschreiblich -- und ich nahm die Himbeeren, mit
-denen sie mich so freundlich überraschte, und da ich sie genommen und
-verzehrt hatte, konnte ich nun erst recht nicht beichten. Ja, hätte
-ich den Mut vor den Beeren gehabt, aber jetzt, nachdem ich das Gute
-genossen -- das erschien mir abscheulich, trotzdem alles in Angst und
-Verwirrung geschehen war, ohne daß ich recht wußte wie.
-
-Ich beschloß also, so unmöglich es mir vorkam, die schlimmen
-Angelegenheiten für immer zu verschweigen.
-
-Das wurde mir bitterschwer, ich litt Tag und Nacht darunter. Ich grämte
-mich -- aber ich konnte nicht reden -- ich wurde kränklich -- krank und
-bekam nach einiger Zeit ein Nervenfieber.
-
-Bevor die Krankheit bei mir ausbrach, hatte ich einen Eindruck, der
-sie beschleunigte und vielleicht herbeiführte. Ich sah einen kleinen
-Holzschnitt; durch Zufall kam er in meine Hände. Auf diesem Holzschnitt
-war der Tod als Gerippe abgebildet, wie er durch ein Krankenzimmer
-schritt. Niemand bemerkte ihn, nur ein kleiner Wachtelhund bellte ihn
-an.
-
-Dies Bild entsetzte mich so, daß mir die Sinne schwanden; ich fiel
-bewußtlos zusammen.
-
-Es war niemand zugegen, als mir dies geschah -- und niemand, als ich
-wieder zu mir kam; ich konnte mich vor Grauen, Furcht und Schwäche
-nicht erheben. Das schreckliche Bild war wie eingebrannt in meine Seele.
-
-Ich fürchtete mich, konnte mich nicht regen und bewegen. Die ganze Welt
-erschien mir unheimlich und entsetzlich.
-
-Wenn es so etwas Fürchterliches gab, wie konnte man da leben? Wie
-konnten die Leute noch lachen?
-
-Ich hatte vom Tod gehört und mir wenig dabei gedacht. -- Nun aber hatte
-ich ihn gesehen.
-
-Mein ganzes Gemüt war in Trauer und Verzweiflung verwandelt.
-
-Und wieder mußte ich schweigen -- ich konnte nicht reden, fürchtete
-mich, etwas so Entsetzliches auszusprechen. Mir war, als müßte dann die
-abscheuliche Gestalt sogleich ins Zimmer treten.
-
-So hatte mein armes Herz viel zu tragen.
-
-Mein Schuldbewußtsein drückte mich noch immer nieder, und das
-Geheimnis, daß ich nun wußte, wer und was der Tod ist, vernichtete mich
-fast.
-
-Von meinem Kranksein ist mir keine Erinnerung geblieben, nur weiß ich,
-daß, als ich wieder aufgestanden war und nicht mehr gehen konnte, ich
-mich darüber verwunderte und erfuhr, ich wäre sehr krank gewesen.
-
-In die Schule bin ich nie wieder gegangen und ich bekam bei einem
-guten, freundlichen Manne Unterricht mit noch einem Mädchen. Unser
-Lehrer hieß Herr Bräunlich.
-
-Ich hatte sein Gesicht gern und seine Stimme. Er war ein behaglicher
-Mensch, verstand es sogar, uns die Rechenexempel in Form kleiner,
-netter Geschichten vorzuführen; aber immer noch schlief mein Lerneifer
-und war auf keine Weise zu erwecken; auch fehlte mir jeder Ehrgeiz.
-
-Nach und nach nahmen mehrere Mädchen an unsern Stunden teil,
-vortreffliche Schülerinnen, klug und weise. Ich blieb mit aller
-Gemütsruhe hinter ihnen zurück. Weshalb sollte ich es ihnen gleichthun?
-Ich sah den Zweck nicht ein.
-
-Herr Bräunlich war mit mir sehr freundlich und nachsichtig. Die Mädchen
-wußten gar nicht, wie sie ihren Eifer am glänzendsten beweisen sollten.
-Wir hatten frei, uns die Gedichte, die deklamiert wurden, selbst zu
-wählen. Da überboten sich die Vortrefflichen in ellenlangen Balladen.
-Kein Gedicht war ihnen weitläufig genug. Schiller hatte wie für sie
-geschaffen -- die Glocke, die Kraniche. Es konnte nichts lang genug
-sein.
-
-Und ich liebte, es kurz zu machen, und wählte noch dazu traurige Lieder.
-
-Die Mädchen sagten, dies geschähe aus Faulheit. Sie hatten nicht
-unrecht; aber es war noch etwas dabei. Ich liebte diese kurzen,
-traurigen Lieder. Seit ich das Bild vom Tode kannte und die
-schreckliche Gestalt so verzweiflungsvoll empfunden hatte, erschien
-mir das Leben nicht mehr harmlos und heiter. Ich liebte es nicht mehr,
-allein zu sein, ich fürchtete mich, wenn die Sonne unterging -- die
-Träume brachten mir schlimme Erscheinungen -- und das Bild des Todes
-stand unverwischbar in meiner Seele; das geschriebene oder gedruckte
-Wort »Tod« konnte mich zum Erzittern bringen.
-
-»Armer, kleiner Narr,« sagte Herr Bräunlich, als ich wieder einmal
-ein recht trübseliges kurzes Gedicht glücklich gefunden und leidlich
-gelernt hatte.
-
-Ich führte ein freies Leben -- täglich nur eine Unterrichtsstunde
-und diese wurde zur Sommerszeit im Garten gehalten. Herr Bräunlich
-verschmähte es nicht, als wir zur Heuzeit ihm einen großen Haufen
-Heu aufgestapelt hatten, auf diesem Platz zu nehmen und so seinen
-Unterricht zu erteilen.
-
-Vor und nach jeder Stunde führten wir grauenhafte Zigeuner- und
-Rittergeschichten aus, hatten dazu in einem Kasten das tollste
-Zeug zusammengetragen, Schnurrbärte, Säbel, Decken, Mützen mit
-wallenden Hahnenfedern; wir besaßen prächtige Dinge. Wie in den
-Unterrichtsstunden, spielte ich auch bei den Spielen eine sehr
-untergeordnete Rolle. Gewöhnlich vergaßen meine Kameradinnen mich, und
-es hieß schließlich: sie kann die Kammerjungfer der Prinzessin sein,
-oder der Hund, oder das Bauernmädchen. Ich war es zufrieden und strebte
-nicht nach Höherem. Ich wußte auch, ich taugte zu nichts.
-
-Die Aelteste und Vortrefflichste korrigierte meine Arbeiten, bevor der
-Lehrer sie in die Hand bekam, so war ich ihr dankbar und machte keine
-weiteren Ansprüche.
-
-Unsre Spiele vergnügten mich außerordentlich, aber im Eifer drängte
-sich die Kammerjungfer oder der Hund vor, und that sich wichtig.
-
-Im übrigen waren mir die Mädchen zu erhaben, zu vortrefflich, als
-daß ich mich ihnen hätte anschließen können. Sie kamen mir mehr oder
-weniger selbst wie Schulmeister vor, und ich wurde nie ein Angstgefühl
-vor ihnen los.
-
-Die Gassenbuben und Gassenmädel vor unserm Hause machten mir einen
-vertrauenerweckenderen Eindruck und waren auch samt und sonders meine
-Freunde, mit denen ich mich bis zum Dunkelwerden vergnügte, winters
-und sommers. Schlittenfahren, Schneeballen, Lauscheck, schwarzer Mann,
-Verstecken, Schreien, Laufen, in Angst und Eile vor den Verfolgern um
-die Häuser huschen, das war etwas! Und wenn mich ein Mädel mit zu ihrer
-Mutter nahm und ich im niedern Stübchen mit den guten Leuten zu Abend
-essen durfte, wie behagte mir das, wie war das heimlich, so klein und
-warm!
-
-Die glückliche Zeit, in der Herr Bräunlich uns nachsichtig lehrte, war
-zu Ende. Es sollte jetzt ein Vornehmer, ein Würdiger kommen, einer, der
-uns in die höheren Wissenschaften einzuführen hatte.
-
-Wer aber hätte mir wohl den guten Herrn Bräunlich ersetzen können, der
-in mein Censurenbuch jedesmal zu Weihnachten schrieb: Helene war gut;
-aber gar nicht fleißig, hat auch wenig aufgemerkt, aber da sie brav ist
-und im Betragen eine 1 erhielt, und zwar die 1 mit dem Stern, denke
-ich, der heilige Christ soll ihr so viel bescheren wie den Schwestern
-und ihr die schlechten Fortschritte nicht nachtragen.
-
-Mit solchem freundlichen Begleitschreiben versah Herr Bräunlich meine
-schlechten Censuren zu Weihnachten Jahr für Jahr, wenn ich sie meinem
-guten Vater vorzeigen mußte.
-
-Aber auch Herr Bräunlich fühlte einmal das Bedürfnis, mich exemplarisch
-zu strafen.
-
-Wir hatten den Unterricht zum Teil im Hause Friedrich Prellers, und
-zwar wie immer gegen Abend; es war zur Winterszeit, also schon völlig
-dunkel.
-
-Ich liebte diese Stunden zur Abendzeit, sie hatten etwas Anheimelndes
--- und ich glückseliges Geschöpf besaß eine kleine Laterne und eine
-große Anzahl Wachslichter.
-
-Und mit dieser Laterne machte ich mich überaus gern auf den Weg. Ich
-zündete sie schon in der allerersten Dämmerung an, und es war mir wenig
-störend, wenn die Leute mir nachblickten und die Gassenjungen lachten.
-Ich fühlte mich glücklich, mein eigenes Licht zu haben, und außerdem
-war mir's ein behagliches Gefühl, daß keine Dunkelheit mich überraschen
-konnte.
-
-Meine liebe Mutter hatte diese Laterne und die Kerzen, die sie immer
-erneuerte, mir geschenkt.
-
-Sie wußte, daß ihre Tochter ein großer Furchthase war. Ich hatte es ihr
-vertraut, daß die Dunkelheit mir das Schrecklichste auf der Welt sei.
-Da hat sie mich ausgelacht; aber tags darauf hatte ich mein Laternchen.
-
-So kam ich funkelnd wie ein Glühwurm zur Unterrichtsstunde.
-
-Mein Herr Bräunlich war schlecht aufgelegt, und am Ende der Stunde
-sagte er mit einem Mal feierlich zu mir gewendet: »Für deine
-jahrelange Faulheit und Unaufmerksamkeit muß einmal eine Strafe kommen.
-Du gehst heute abend mit mir und bleibst, bis ich dich nach Hause
-bringe. -- Während der Zeit schreibst du an mich, wie auch an deinen
-Vater einen Zettel, auf dem du versprichst, dich zu bessern.« Das
-traf mich wieder wie ein Donnerschlag bis ins innerste Herz; aber ich
-verhielt mich vollkommen ruhig. Ich wollte den Mädchen nicht die Freude
-machen, daß sie mich unglücklich sähen.
-
-Als wir beide, Herr Bräunlich und ich, uns auf den Weg machten, blieben
-die andern zurück. Ich zündete stumpf und verzweifelt mein Laternchen
-an.
-
-Da hörte ich die Mädchen lachen und trat mit dem Fuß auf und murmelte:
-»Diese Dummhüte.«
-
-»Was hast du denn?« sagte Herr Bräunlich.
-
-»Die da drinnen lachen mich aus!« sagte ich.
-
-»Nein, das thun sie nicht,« antwortete er, »es sind ganz gute Mädchen.«
-
-»Die sind nicht gut,« sagte ich. »Ich weiß, daß sie mich auslachen!«
-
-Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause Friedrich
-Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und ehe wir noch aus der Thüre
-waren, kam er selbst, seine schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die
-Stirn gezogen.
-
-»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein altes bedeutende
-Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit strahlen.
-
-»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei mir absitzen,
-Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.
-
-»Ja, in drei Teufels Namen!« -- der alte Preller liebte solche kräftige
-Ausdrücke -- »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? Ja, es mag ein
-schweres Stück sein, mit solchen Mädels fertig zu werden. Machen Sie's
-nur gnädig, das Lenchen ist kein böses Mädchen.«
-
-»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber das Abscheuliche
-an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul ist. Dabei ist sie nicht
-so arg dumm und könnte alles besser machen; aber sie rührt sich nicht.«
-
-»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig muß man sein. Was
-denkst du denn -- gottlob, daß du kein Junge bist!«
-
-Ich war tief beschämt -- an dem alten herrlichen Preller hing mein
-ganzes Herz. Er war so gut mit mir. Ich hatte das große Glück, wenn
-er abends still seine wundervollen Studien und Skizzenbücher und
-Zeichnungen durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen,
-um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und Andacht.
-
-Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! Verzweifelt ging
-ich neben Herrn Bräunlich die dunkle Belvedere-Allee entlang. Mein
-Laternchen leuchtete mir und ihm.
-
-Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich es nie zu Hause
-gestehen würde, was mich getroffen, und noch einmal solch eine Schmach
-verschweigen, ging auch nicht. Es war beides unmöglich. Beides wollte
-ich nicht. Also blieb nur ein drittes übrig. Das war einfach und
-überstieg meine Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß
-Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja Beine -- und
-was für flinke. Gottlob! dachte ich.
-
-Als wir durch die Marienstraße gingen, war mein Entschluß gefaßt, und
-als wir an den Alexanderplatz kamen mit seiner herrlichen Wiese und dem
-großen Taxusbusch darauf, da sah mein Herr und Meister mit einmal, wie
-das Laternchen Sprünge machte, und wie es von seiner Seite gehuscht
-war. Wir hatten Mondschein, und ich lief, was ich konnte, die Wiese
-entlang; hörte meinen Lehrer rufen, hörte ihn laufen -- und schnaufen.
-
-Ich kam unter dem Taxusbusch an, und wir liefen um denselben herum.
-
-Herr Bräunlich schien seine Ehre dareingesetzt zu haben, mich zu
-fangen; aber das Laternchen war flinker, als er glaubte.
-
-Ich drohte ihm, außer Atem, als er sich einmal bedenklich genähert
-hatte.
-
-Ich drohte ihm, mit tiefem Grauen im eigenen Herzen, wenn er mir noch
-weiter nachrenne, würde ich auf den Friedhof laufen.
-
-»Herr meines Himmels, machst du Geschichten!« rief er pustend. »Mach,
-was du willst -- aber schlecht ist's von dir!«
-
-»Nein, sagen Sie, daß es nicht schlecht ist!« rief ich von weitem und
-stand still, als ich sah, daß auch er still stand -- »und sagen Sie's
-Papa nicht.«
-
-»Gut,« antwortete Herr Bräunlich immer noch pustend, »es sei dir
-geschenkt, ich sag's auch nicht.«
-
-»Aber daß es nicht schlecht von mir ist, müssen Sie mir auch noch
-sagen!«
-
-»Gut,« rief er ungeduldig; »aber mach, daß du nach Hause kommst.«
-
-Wer war glückseliger als ich! Mein Herz schlug leicht und zufrieden,
-es hatte sich alles vortrefflich gemacht, und ich ging stolz im Gefühl
-meines Sieges durch die Straßen.
-
-Bei Gelegenheit frug mich der alte Preller, wie die Strafe abgelaufen
-sei, und ich erzählte ihm alles wahrheitsgetreu; da sagte er mir, daß
-ich es nicht übel gemacht habe. »Es ist immer gut,« meinte er, »wenn
-man sich zu helfen weiß.«
-
-Auch Herr Bräunlich und ich, wir blieben gute Freunde.
-
-Aber wie schon gesagt, Herr Bräunlich tauchte unter, ein andrer auf.
-
-Von der ersten Stunde an wurde dieser »Neue«, der ganz unzweifelhaft
-ein vortrefflicher Lehrer war, mein Feind und wurde von mir gründlich
-und andauernd gehaßt. Er mochte in seiner Ehre gekränkt sein, daß man
-ihm, dem ausgezeichneten Manne, zugemutet, ein so dummes Mädchen wie
-mich zu unterrichten, und behandelte mich danach.
-
-Jedes Wort, das er an mich verschwendete, war Mißachtung und Spott.
-Tiefer und tiefer sank ich in den Augen meiner Mitschülerinnen und
-erschien mir selbst wie ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft.
-Mir fiel in einer der ersten Stunden das Wort »glimpflich« auf, und
-ich erkundigte mich nach dessen Bedeutung, da fuhr der Neue, der ein
-behender Mensch war und seine Glieder zu schleudern verstand, auf mich
-ein und schrie: »Bisher hat man glimpflich mit Ihnen verkehrt -- das
-hat aber jetzt bei mir ein Ende« -- und es war zu Ende.
-
-Ich lebte geängstigt und wahrhaft gehetzt; kam ich zum Unterricht, so
-hatte ich die Empfindung, als befände ich mich die Zeit über vor der
-Mündung einer geladenen Kanone, die jeden Augenblick losgehen konnte.
-
-Jedes Geschöpf des Tierreichs, das mir auf meinem Weg zu dem
-gefürchteten Meister begegnete, sah ich mit neidischen Augen an. Die
-Verantwortung, Mensch zu sein, war mir sehr drückend. -- Wie gern hätte
-ich mit so einem munteren Pferdchen getauscht, oder mit einem lustigen
-Hunde oder mit jeder Katze.
-
-Wenn ich ins Haus eintrat, legte ich einen kleinen Stein in einen
-Winkel mit dem Gelöbnis: komme ich leidlich mit heiler Haut wieder
-heraus, so will ich dankbar den Stein mit mir nehmen und zum Angedenken
-aufbewahren. Doch legte ich mir eine ganz gewaltige Steinsammlung an,
-denn es mochte gewesen sein, wie es wollte, ich nahm den Stein aus
-Dankbarkeit, daß die Sache überhaupt zu Ende gegangen war, jedesmal mit
-mir.
-
-So nahm ich nicht zu an Weisheit und Verstand, an Gnade bei Gott und
-den Menschen, sondern sank tiefer und tiefer in der Achtung aller
-derer, die über meine glänzenden Erfolge unterrichtet waren.
-
-Das Unglück hatte es einmal gewollt, daß ich in der Angst und
-Verwirrung, in der ich mich vor dem Unterricht gewöhnlich befand,
-meinen ganzen Haufen trauriger Hefte bei einer unserm Haus befreundeten
-Familie hatte liegen lassen. Mit welchem Schreck bemerkte ich dies! Die
-Hefte, meine greulichen Hefte! -- Wie mich das durchfuhr!
-
-Wenn man nun einen Blick hineinthut! Und sie werden es thun. Das war
-mir ganz sicher.
-
-Mit welchem Bangen machte ich mich auf den Weg, sie mir wieder zu
-holen, wie langsam schlich ich die Treppe hinauf, wie zaghaft zog ich
-die Schelle! -- Und was stand mir bevor!
-
-Sie hatten mich kommen sehen und öffneten mir selbst die Thüre, eine
-ganze Schar mir sehr würdig erscheinender Damen, Gott weiß, wer noch
-dabei war. Sie ließen mich nicht herein, sondern öffneten nur halb und
-reichten mir mit der Feuerzange meine Hefte einzeln heraus und riefen:
-»Bessere dich! Bessere dich!« und lachten, und die Hinteren stellten
-sich auf die Zehen, um über die Vorderen hinweg mich sehen und mir gute
-Lehren geben zu können. Ich war wie vernichtet, wütend zum Zerspringen;
-aber ich nahm die einzelnen Hefte von der Feuerzange ab, stumm und im
-Herzen zerrissen; schmachvoll erschien mir's, daß ich sie nahm. Als die
-Sache zu lange dauerte, riß mir die Geduld, und ich lief davon, und
-meine Peiniger kehrten mir mit dem Besen die übrigen Herrlichkeiten
-die Treppe hinab nach. Sie ahnten wohl nicht, was sie mir anthaten --
-fast sinnlos vor Verzweiflung, Wut und Schande, sammelte ich meine
-Habseligkeit ganz außer mir auf und lief bleich mit verweinten Augen
-nach Hause, zählte mein Geld nach, um mir neue Hefte zu kaufen und die
-alten zu verbrennen. Es reichte nicht; aber ich verbrannte sie dennoch.
-
-In dieser Zeit kam es, daß der Gestrenge uns einen Aufsatz gab: Die
-Vorzüge des Menschen vor dem Tiere.
-
-Dabei schien mir wenig Witz zu sein -- und ich beschloß, das Gegenteil
-zu behandeln: die Vorzüge des Tieres vor dem Menschen. Das leuchtete
-mir weit mehr ein, und was hatte ich zu verlieren, ein Donnerwetter
-mehr oder weniger, darauf kam es mir nicht an.
-
-Ich setzte mich daran und ließ mein Licht leuchten, machte meinem
-Herzen Luft und schrieb wahrhaft glückselig, stand vor lauter Wonne auf
-einem Bein während des Schreibens, pfiff und war der besten Dinge.
-
-Noch nie hatte ich so viel in meinem Leben geschrieben, es kam mir
-immer Neues in die Finger. So war das Arbeiten ein Vergnügen. Ja, wenn
-es sich immer um Dinge handelte, bei denen man mit Leib und Seele dabei
-sein könnte! Aber dies langweilige Getreibe von Zahlen und Namen,
-Regeln und Ausnahmen, mit denen man Herz und Hirn beschweren mußte, da
-konnte man nicht verlangen, daß ein vernünftiges Geschöpf sich daran
-mitbeteiligen sollte!
-
-Ich gab meinen feurig verfaßten Aufsatz ab mit aller Gemütsruhe und
-erhielt ihn zu seiner Zeit mit stummer Verachtung von dem Gestrengen
-zurück. Er durchbohrte mich mit majestätischen Blicken -- sagte mir,
-daß sich derjenige, welcher diesen Aufsatz verfaßt habe, einen übeln
-Spaß mit mir erlaubt habe. Ich hätte beim Abschreiben nicht einmal
-bemerkt, daß das gestellte Thema verändert wurde -- übrigens sei
-dieser Aufsatz vortrefflich, und er hätte ihn in seiner Ersten Klasse
-vorgelesen, habe dabei aber bemerkt, daß dies ein Aufsatz sei, den eine
-ungeschickte und faule Schülerin sich von fremder Hand habe arbeiten
-lassen, um damit einen Betrug auszuführen.
-
-Ich erwiderte ruhig, daß diese Arbeit von mir sei, bekam aber wieder
-einen majestätisch verächtlichen Blick, der mir Schweigen gebot.
-
-Und ich schwieg -- ich war zufrieden, stolz und beglückt; was der
-Gestrenge von mir dachte, war mir vollkommen gleichgültig, er hatte
-sich bei mir durch Poltern und Ungerechtigkeit die Achtung verscherzt.
-Es kamen jetzt öfters Aufsätze, unter denen in Schriftzügen zu lesen
-war: Gut, aber nicht selbst verfaßt.
-
-Alles Uebel aber hat sein Ende, so auch hier. --
-
-Ich sollte konfirmiert werden, und da meine guten Eltern wohl meinten,
-daß mir ein religiöser Halt im Leben wohlthäte, sollte diese Zeit der
-Konfirmation mir besonders zu Herzen gehen.
-
-Ich kam für den Sommer zu einem Pfarrer und Dichter.
-
-Nachdem die mächtige Sehnsucht nach meinem reizenden Elternhaus und
-all der Wärme, Liebe und Güte, dem wundervoll »Heimischen« erträglich
-überwunden war, fand ich mich in einer wahrhaft beglückenden Umgebung.
-Alle waren unbeschreiblich gut mit mir. Die Frau Pastorin verwöhnte
-mich; sie war eine eigenartige, wie mir später bewußt wurde, eine Jean
-Paulsche Gestalt, zart im Empfinden, dem Uebersinnlichen zugeneigt, dem
-Humor zugänglich, lebhaft und schön.
-
-Der Pfarrer war die Güte selbst, lebensprühend, dabei markig, kräftig
-und heiter.
-
-Im Haushalt ging es frei und ländlich zu.
-
-Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein ganzes Herz
-ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem Gelerne, Aufgesage fiel
-weg. -- Mein Pastor plagte mich nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir
-unterhielten uns, er hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen,
-wir kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch einmal, daß er
-aufstand, an den Bücherschrank ging und den Faust herausholte.
-
-Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er begann zu lesen. Er
-las lebhaft und hinreißend.
-
-Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich die Thür, und die
-Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie hörte, was hier vorging, mit
-offenem Munde in der Thür stehen.
-
-»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja Religionsstunde
-halten -- das ist nicht recht von dir -- das ist nichts für das Kind.«
-
-»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte mein
-Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen kannte den
-Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und schlug das Buch zu.
-
-Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück halte -- »und
-du hast es nun ja auch nachgeholt,« sagte sie.
-
-Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin und las mir,
-jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche vor, das die Geschichte
-der Märtyrer poetisch behandelte. Zu diesen Vorlesungen fand sich eine
-alte nette Dame ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der
-Märtyrer mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau Pastorin saß
-manchmal wie verklärt da, und die alte Dame auch.
-
-Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche, gottbegnadete Zeit
-gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres vorstellen könnte, als
-als Märtyrer zu leben und zu sterben.
-
-Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte zu sagen, daß es
-jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe.
-
-»Leider, leider -- nein!« rief die alte Dame schmerzlich aus.
-
-Ich aber hatte ein tiefes Mitleid mit diesen guten Heiligen, dachte mir
-immer, wie schrecklich es sei, daß sie sich bis zu Tode quälen ließen
-mit der schönen Aussicht, dann in einen wundervollen Himmel zu kommen
--- und daß sie sich damit vielleicht gar verrechnet hätten -- so etwas
-fürchtete ich sehr, sprach dies aber nicht aus, da die Empfindung in
-mir lebte, daß man dies für sich behalten müsse.
-
-Ich hatte noch nicht das Ewige, das Unsterbliche in mir gespürt,
-dasjenige, was wert sei, nie unterzugehen, was andre Leute mit solcher
-Bestimmtheit in sich vermuten und wissen und mit aller Energie
-verteidigen. Ich dachte damals nie darüber nach. Wenn ich mich abends
-niederlegte, sagte ich zu mir: Ob ich nun eine Nacht schlafe und nichts
-von mir weiß, oder eine Ewigkeit, das bleibt sich gleich.
-
-Damals schrieb ich auf ein Blättchen, das ich mir aufbewahrte: Einen
-Augenblick bewußtlos -- eine Ewigkeit bewußtlos!
-
-Ich habe dies dann später meiner kleinen, überspannten Käthe im
-»Herzenswahn« in den Mund gelegt -- hatte aber meine Lust zum Grübeln
-mit diesem Worte beruhigt und war völlig zufriedengestellt.
-
-Das hinderte mich aber durchaus nicht, Freude an meinem
-Religionsunterricht zu finden.
-
-Ich war zu dieser Zeit sehr glücklich, lief abends mit Holzpantoffeln
-durchs Dorf, die Kinder im Haus, die Mädels in der Nachbarschaft waren
-mir willkommene Kameraden. Sonntags fuhr ich mit dem Pastor jedesmal
-früh auf die Filiale, kehrte mit ihm bei Schulmeisters ein und ging
-mit ihm zur kleinen Kirche. Er hatte dann beim Schulmeister seinen
-schwarzen Talar schon angezogen und sah sehr würdig und stattlich aus.
-
-Dann saß ich in der kleinen moderigen Kirche und sah die Bauern kommen,
-indes die Schwalben zwitscherten und an den Fenstern vorüberhuschten.
-Dann hörte ich meinen Pastor predigen. Die Bauern bekamen manchen
-kräftigen Brocken von der Kanzel aus zugeworfen, an dem sie, im Fall
-sie ihn aufhoben, eine Weile kauen sollten.
-
-Wenn wir wieder nach Hause kamen, gab es Schokolade.
-
-Der Tag meiner Konfirmation war sehr feierlich, die Eltern, die
-Schwestern, mein Großmütterchen und unsre junge, reizende Erzieherin
-kamen alle von Weimar.
-
-Ich trug zur Feier ein weißes Kleid, und die alte Dame, die für die
-Märtyrer schwärmte, hatte meine Haare gelockt und sie mit einer
-Rose zusammengesteckt, versicherte mir auch nach der heiligen
-Handlung -- sie hätte sich mit aller Gewalt in die Hinrichtung ihrer
-Lieblingsheiligen versetzt, während ich am Altar gestanden hätte, sei
-es ihr so gewesen, als wäre ich diese Heilige, und die Ceremonie eine
-Hinrichtung.
-
-Das kam mir sehr übertrieben vor.
-
-Uebrigens gefiel mir meine Konfirmation außerordentlich, es war
-mir so geheimnisvoll und gehoben zu Mute. Es wurde niemand mit mir
-konfirmiert, das gefiel mir auch, und ich hatte den Tag über bei
-jeder Gelegenheit die denkbar besten Vorsätze gefaßt. Alle waren so
-unbeschreiblich gütig mit mir, und das stimmte mich sehr dankbar.
-
-Freilich, daß man mir sagte, ich wäre jetzt eine erwachsene Person, das
-erschien mir wenig erfreulich und auch wenig wahrscheinlich, war mir
-übrigens auch gleichgültig, ich war, was ich war, und damit gut.
-
-Der Pastor las am Abend Droste-Hülshoffs Gespenstergedichte vor, den
-Grauen und die Doppelgängerin. Bis ins innerste Herz war ich davon
-erschüttert, so daß ich die ganze Nacht mit den tollsten Phantasieen zu
-thun hatte und mich fürchtete, wie noch nie in meinem Leben.
-
-Die Pastorin hatte mir meine ganze Stube zur Feier dieses Tages mit
-Blumen und Guirlanden wahrhaft ausgefüttert, wie ein grünes Nest.
-
-Es war alles hier so schön und beglückend gewesen, daß ich schweren
-Herzens Abschied nahm. Die Pastorin wußte nicht, was sie mir noch
-Gutes anthun sollte, und steckte mir alle Taschen voll herrlicher
-Aepfel. Zwei davon brachte ich unter meinem Hut unter, und die rollten
-mir wieder hervor, als ich irgend jemand vom Wagen aus noch einen
-Abschiedskuß gab. Sie wurden mir wieder darunter gesteckt, und ich fuhr
-mit meinen Eltern davon.
-
-Jetzt übergehe ich eine kleine Zeit; ich blieb nach wie vor
-Schulmädchen, hatte aber nur bei unsrer von mir sehr geliebten jungen
-Erzieherin Unterricht.
-
-Ich besuchte das Theater hin und wieder, denn jetzt durfte ich von
-unsern abonnierten Plätzen Gebrauch machen, und so begab es sich, daß
-ich der Aufführung von Wagners »Tristan und Isolde« beiwohnte. Ich
-war überwältigt, hingerissen, betäubt, berauscht. -- Die Gewalt in
-dieser Musik erfaßte mich völlig. Kurvenals Horn durchbebte meine ganze
-Seele, und ich glaubte hinsterben zu können in den gewaltigen Tönen der
-Erwartung, der Angst, des Zweifels. Wundervoll empfand ich zuletzt das
-Sichauflösen alles Leidens, alles Lebens.
-
-Es war zu viel für mich gewesen, ich litt unter den mächtigen
-Eindrücken, war wie berauscht. Auf dem Heimweg erschien es mir
-unmöglich, jetzt das gewöhnliche Leben wieder zu beginnen. Es mußte
-etwas geschehen, etwas Außergewöhnliches -- das Leben mußte sich anders
-gestalten, um mich und mein Empfinden wieder aufnehmen zu können. Aber
-wie, was sollte geschehen?
-
-Ich stand vor unserm Hause im Dunkeln, voller Sehnsucht nach etwas,
-was die Wunder, die ich eben durchlebt hatte, und die Alltäglichkeit
-in Einklang bringen sollte, und ich dachte, daß ich zu meinem Pfarrer
-gehen wollte.
-
-Als ich hinauf zu meiner Mutter kam, bat ich sie, mich schon den
-andern Morgen zu den guten Leuten reisen zu lassen. Sie erlaubte mir
-dies gern; ich teilte ihr auch den Grund meiner Reise mit, der sie
-einigermaßen zu wundern schien.
-
-Am frühen Morgen fuhr ich glückselig ab. Ich war mit mir durch meinen
-Entschluß wieder ins Gleichgewicht gekommen.
-
-Als ich im stillen Dörfchen ankam, empfingen sie mich überrascht und
-freundlich. Es war an einem Frühlingsnachmittag. Die Pastorin führte
-mich sogleich ins Wohnzimmer, ließ Kaffee kochen, und ich traf eine
-muntere Gesellschaft. Pastors hatten schon seit einigen Wochen drei
-junge Mädchen zum Besuch. So ging's lustig wie immer im Hause zu.
-
-Als ich der Pastorin während des Kaffees mein Anliegen vorbrachte
-und sagte, daß ich gekommen sei, um am Sonntag das Abendmahl hier zu
-nehmen, sah sie mich kopfschüttelnd an und schwieg.
-
-»Ja, aber so etwas schreibt man doch vorher,« begann sie würdevoll.
-»Was fällt dir denn ein? Weshalb bist du denn nicht heut' morgen
-gekommen, um wenigstens zur allgemeinen Beichte da zu sein? So kannst
-du das Abendmahl gar nicht nehmen. Was stellst du dir vor -- ohne
-Beichte!«
-
-Die gute Pastorin war in Eifer gekommen, und ich fühlte mich sehr
-beschämt, weshalb, wußte ich eigentlich nicht.
-
-»Das geht gar nicht,« sagte sie wieder entschlossen, »was sollen denn
-die Leute denken? Da muß wegen dir Privatbeichte gehalten werden, und
-den Leuten muß gesagt werden, daß du privatim vorbereitet worden seist.«
-
-Denselben Nachmittag noch rief mich der gute Pastor in sein
-Studierzimmer.
-
-»Geh nur,« sagte meine gute Freundin, »und wenn du etwas auf dem Herzen
-hast, sag es ihm -- und wenn es das größte Unrecht wäre, verschweigen
-darfst du's nicht. -- Ich möcht' wohl wissen,« setzte sie gedankenvoll
-und etwas neugierig hinzu, »weshalb du jetzt gerade das Abendmahl
-nehmen willst?«
-
-In des Pastors Zimmer brannte schon die Studierlampe, und er empfing
-mich ernst und wohlwollend und feierlich. Er fragte mich, ob ich irgend
-etwas auf dem Herzen hätte.
-
-»Nein,« sagte ich.
-
-Er fragte dieses und jenes mit sehr ernster Miene.
-
-Ich sagte ihm aber, daß es mir sehr wohl ginge.
-
-Er fragte mich, ob ich mit mir selbst zufrieden sei.
-
-Ich sagte ihm, daß ich nie über mich selbst nachdächte.
-
-Es kam nichts zu Tage, was ihn oder mich beunruhigt hätte, und da sich
-zu seiner großen Verwunderung durchaus nichts fand, so erteilte er mir
-nach den Worten der Bibel die Vergebung aller meiner Sünden. Da faßte
-ich seine beiden Hände, sah ihn an und sagte: »Ich habe ›Tristan und
-Isolde‹ gehört,« und ich sagte es wohl mit solch einem Ausdruck, daß
-auch er mir in die Augen sah.
-
-Noch immer hielt ich seine Hände, und die ganze Erregung und Bewegung
-des vorigen Abends kam über mich.
-
-»Ei du Glückspilz!« rief mein guter Pastor überrascht. »Nun setz dich
-einmal hin und erzähle.«
-
-Und ich erzählte ihm, schüttete mein ganzes Herz vor ihm aus -- und wie
-er zuhörte! Er fragte und fragte und wäre für sein Leben gern dabei
-gewesen; die Zeit verging uns im Umsehen. Er stand beim dritten Akte
-auf und holte die Pastorin, und ich mußte mit Erzählen wieder von vorn
-beginnen.
-
-Als ich geendet hatte, sagte ich mit Thränen: »Lieber guter Pastor, ich
-möchte auch irgend etwas thun, was schön ist, ich möchte irgend ein
-großes Talent haben, dann erst würde ich glücklich sein.«
-
-»Ja, mein Kind,« antwortete er, »da bitt' erst einmal um einen großen
-Fleiß, das ist die Hauptsache. Wenn du auf ein Ding deinen ganzen Fleiß
-verwendest, wird es dich auch interessieren, ganz gleich, was es ist.«
-
-Ich erzählte ihm, daß ich bei Friedrich Preller zeichnete, daß es damit
-aber nichts wäre. Der alte Preller lache über alles, was ich mit Müh'
-und Not zu stande brächte; und wenn er sich meine Arbeit angesehen
-habe, sage er gewöhnlich, ich solle es sein lassen, es wäre besser,
-wenn ich mit ihm zum Kaffeetrinken käme. Das ließe ich mir dann auch
-nicht zweimal sagen, und während die andern noch sich abmühten, säße
-ich schon und lauerte darauf, daß der alte Preller seine wundervollen
-Skizzenbücher zur Hand nehmen würde; aber selber zeichnen und bei aller
-Not und Mühe nur elendes Zeug zu Tage fördern, das hielte ich für eine
-Sünde.
-
-»Ja, das ist's auch,« sage Preller selbst.
-
-»Nun also!«
-
-Die Feier des heiligen Abendmahls erfüllte wieder mein Herz mit
-wunderbaren Schauern.
-
-Ich grübelte nicht und gab mich ganz dem weihevollen Augenblicke
-hin -- den dumpfen Klängen der Orgel, dem mystischen Gesang, den
-geheimnisvollen Worten. --
-
-Meine Seele verlangte danach, sich auf Lebenshöhen zu fühlen.
-Der Zwiespalt zwischen dem alltäglichen Dasein, seiner Ruhe,
-Gleichgültigkeit und leichten Befriedigung, und den tiefen Bewegungen
-und Gewalten einer mächtigen Kunst hatte mich verwirrt, beunruhigt --
-und ich wollte Beruhigung empfinden.
-
-Nicht lange nach dieser Zeit begann ich in aller Unschuld das
-wunderliche Spiel mit den Käuzen, von denen ich schon erzählt habe --
-trieb es geheimnisvoll glückselig, hockte auf unsrer Bodentreppe und
-schrieb dort nach Herzenslust -- Geschöpfe zauberte ich in mein blaues
-Heft, die mir ungemein sympathisch waren; sie sprachen und thaten,
-was ich wollte, was ich wünschte, und ich lebte mit ihnen im besten
-Einvernehmen.
-
-Es war ein leidenschaftliches Spiel, das ich trieb, um die Welt hätte
-ich es nicht irgend jemand verraten mögen -- und dennoch verriet ich
-es selbst und gewann durch diesen Verrat das höchste Glück, das das
-Schicksal einer schaffensmutigen Seele zu teil werden lassen kann; ich
-gewann, wie ich schon sagte, einen Lehrer und Helfer, und zwar einen
-Lehrer und Helfer, wie er nicht besser zu denken war, der es verstand,
-mich unverbesserlichen Faulpelz zu Fleiß und Ausdauer anzuspornen; der
-mir als höchstes Ziel steckte: Wahrheit in jedem Empfinden, und eine
-freie Würdigung alles Menschlichen. So kam es, daß ich ein reiches
-und beglücktes Dasein kennen lernte, daß ich meinen festen, ruhigen
-Weg gehen konnte. -- Meine Arbeit, meine Kunst wurde mir die stille
-Zuflucht, der nichts nahen durfte, wenn das alltägliche Leben zu
-stürmisch oder zu gleichgültig oder gar zu schwer werden wollte. Und
-ich selbst habe mich immer gewundert, wie gerade ich zu diesem großen
-Glück gekommen bin -- gerade ich, die so wenig veranlagt schien, je
-etwas zu erstreben, geschweige zu erreichen.
-
-Ich könnte manches aus meinem Leben erzählen, von guten Freunden,
-getreuen Nachbarn und dergleichen, von Ereignissen aller Art, von
-meiner Verheiratung, meinen Reisen, von allem Guten und Bösen, was ich
-auf Erden kennen lernte, mag es fürs erste aber damit genug sein, daß
-ich erzählt habe, wie ich zum Blaustrumpf wurde. Das alles ist nur
-Spaß. Wie der Ernst des Lebens an mich herantrat -- der volle Ernst
--- und in seinem Gefolge Kummer und Not, wie ich die Arme nach Hilfe
-ausstreckte, wie ich verzweifelte, wie ich endlich nach langer Qual
-genas, davon will ich schweigen, das liegt im tiefsten Seelengrunde,
-für Worte kaum erreichbar.
-
- +Ende.+
-
-
-
-
-Werke von Helene Böhlau.
-
-
- =Das Recht der Mutter.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.50. F. Fontane &
- Co., Berlin.
-
- =Der Rangierbahnhof.= Roman. Zweite Auflage. M. 4.--, geb. M. 5.--.
- F. Fontane & Co., Berlin.
-
- =Rathsmädelgeschichten.= Vierte Auflage. M. 3.60, geb. M. 4.60. J.
- C. C. Bruns, Minden i. W.
-
- =Herzenswahn.= Roman. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C. Bruns, Minden
- i. W.
-
- =Im Trosse der Kunst.= Novellen. M. 3.60, geb. M. 4.60. J. C. C.
- Bruns, Minden i. W.
-
- =Reines Herzens schuldig.= Roman. M. 6.--, geb. M. 7.--. J. C. C.
- Bruns, Minden i. W.
-
- =Im frischen Wasser.= Roman in zwei Bänden. M. 1.--, geb. M. 1.50.
- J. Engelhorn, Stuttgart.
-
- =Novellen:= Der schöne Valentin, Die alten Leutchen. M. 5.--, geb.
- M. 6.50. Gebr. Pätel, Berlin.
-
- =Novellen:= Im Banne des Todes, Salin Kaliske, Maleen. M. 5.--,
- geb. M. 6.20. W. Hertz, Berlin.
-
-
-
-
- Engelhorns
- Allgemeine
- Romanbibliothek.
-
- Eine Auswahl
- der besten modernen Romane aller Völker.
-
- Alle vierzehn Tage erscheint ein Band.
-
- Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.
-
- (26 Bände jährlich. Gesamtpreis broschiert 13 Mark,
- gebunden 19 M. 50 Pf.)
-
-»=Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek=«, die nun in ihren dreizehnten
-Jahrgang tritt, hat nicht nur von Jahr zu Jahr an Beliebtheit und
-Verbreitung zugenommen, sondern auch an litterarischer Bedeutung
-gewonnen, so daß es nicht zu viel gesagt ist, wenn man sie heute
-
- einen Sammelpunkt der ersten lebenden Romandichter
- der Weltliteratur
-
-nennt. -- Die »+Deutsche Dichtung+« schreibt darüber:
-
- Es ist auch in Deutschland möglich, dem Publikum +gute Bücher
- zu billigem Preis+ zu bieten und dabei weder die Autoren noch
- die eigenen Interessen zu kurz kommen zu lassen, nur gehört
- Wagemut und geschäftliche Tüchtigkeit dazu -- das ist die
- Lehre, die der deutsche Verlagsbuchhandel aus dem Erfolg von
- »Engelhorns Allgemeiner Romanbibliothek« ziehen kann, und
- hoffentlich auch, sofern er sich auf seinen Vorteil versteht,
- in immer größerer Auswahl ziehen wird. Als der rührige
- Stuttgarter Verleger vor zwölf Jahren zuerst die bekannten
- ziegelroten Bändchen -- durchschnittlich zehn Bogen guter
- Ausstattung -- +zum Preise von 50 Pfennigen+ in die Welt
- sandte, begriff man gar nicht, wie der Mann dies leisten könne;
- schon die »Kollektion Spemann«, von welcher der Band eine Mark
- kostete, war dem Publikum, wie den Verlegern als unerhörtes
- Wagnis erschienen, und nun gar dasselbe -- nur den Einband
- abgerechnet -- für die Hälfte! Heute, nach zwölf Jahren, ist
- die »Allgemeine Romanbibliothek« so bekannt und verbreitet,
- daß eine Empfehlung des vortrefflichen Unternehmens fast
- überflüssig erscheint.
-
-Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführten
-Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung zum Preise von =50
-Pf.= für den broschierten und =75 Pf.= für den gebundenen Band bezogen
-werden.
-
-
- Erster Jahrgang.
-
- =Der Hüttenbesitzer.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände.
-
- =Aus Nacht zum Licht.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen.
-
- =Zéro.= Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. _Praed_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Wassilissa.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Vornehme Gesellschaft.= Von _H. Aïdé_. Aus dem Englischen.
-
- =Gräfin Sarah.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Unter der roten Fahne.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus d. Englischen.
-
- =Abbé Constantin.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen.
-
- =Ihr Gatte.= Von _G. Verga_. Aus dem Italienischen.
-
- =Ein gefährliches Geheimnis=. Von _Charles Reade_. Aus d. Engl. 2
- Bde.
-
- =Gérards Heirat.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Dosia.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Ein heroisches Weib.= Von _J. J. Kraszewski_. Aus dem Polnischen.
-
- =Eheglück.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Schiffer Worse.= Von _Alex. Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Ein Ideal.= Von _Marchesa Colombi_. Aus dem Italienischen.
-
- =Dunkle Tage.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen.
-
- =Novellen= von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. +Glitzer-Brita.+ --
- +Einer, der seinen Namen verlor.+ Deutsch von +Friedrich
- Spielhagen+. -- +Ein Ritter vom Danebrog.+ Aus dem Englischen.
-
- =Die Heimkehr der Prinzessin.= Von _Jacques Vincent_. Aus d.
- Französ.
-
- =Ein Mutterherz.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
-
- Zweiter Jahrgang.
-
- =Der Steinbruch.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Helene Jung.= Von _Paul Lindau_.
-
- =Maruja.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Sozialisten.= Aus dem Englischen.
-
- =Criquette.= Von _L. Halévy_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Wille zum Leben. -- Untrennbar.= Von _Adolf Wilbrandt_.
-
- =Die Illusionen des Doktor Faustino.= Von _Valera_. Aus d. Span.
-
- =Zu fein gesponnen.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen. 2
- Bände.
-
- =Gift.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Fortuna.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Lise Fleuron.= Von _G. Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Aus des Meeres Schaum. -- Aus den Saiten einer Baßgeige.= Von
- _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen.
-
- =Auf der Woge des Glücks.= Von _Bernhard Frey_. (+M. Bernhard.+)
-
- =Die hübsche Miß Neville.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Engl. 2 Bde.
-
- =Die Verstorbene.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen.
-
- =Mein erstes Abenteuer und andere Geschichten.= Von _Hans Hopfen_.
-
- =Ihr ärgster Feind.= Von Mrs. _Alexander_. Aus d. Englischen. 2 Bde.
-
- =Ein Fürstensohn. -- Zerline.= Von _Claire von Glümer_.
-
- =Von der Grenze.= Novellen von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Eine Familiengeschichte.= Von _Hugh Conway_. Aus d. Englischen. 2
- Bde.
-
-
- Dritter Jahrgang.
-
- =Die Versaillerin.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =In Acht und Bann.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Tochter des Meeres.= Von _Johanne Schjörring_. Aus dem
- Dänischen.
-
- =Lieutenant Bonnet.= Von _Hector Malot_. Aus d. Französ. 2 Bände.
-
- =Pariser Ehen.= Von _E. About_. Aus dem Französischen.
-
- =Hanna Warners Herz.= Von _Florence Marryat_. Aus d. Englischen.
-
- =Eine Tochter der Philister.= Von _Hjalmar Hjorth Boyesen_. Aus dem
- Englischen. 2 Bände.
-
- =Savelis Büßung.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Die Damen von Croix-Mort.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Die Glocken von Plurs.= Von _Ernst Pasqué_.
-
- =Fromont junior und Risler senior.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem
- Französischen. 2 Bände.
-
- =Der Genius und sein Erbe.= Von _Hans Hopfen_.
-
- =Ein einfach Herz.= Von _Charles Reade_. Aus dem Englischen.
-
- =Baccarat.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Mein Freund Jim.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen.
-
- =Hanna.= Von _Heinr. Sienkiewicz_. Aus dem Polnischen.
-
- =Das beste Teil.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen.
-
- =Lebend oder tot.= Von _Hugh Conway_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Die Familie Monach.= Von _Robert de Bonnières_. Aus dem Französ.
-
-
- Vierter Jahrgang.
-
- =Eine neue Judith.= Von _H. Rider Haggard_. Aus d. Englischen. 2
- Bde.
-
- =Schwarz und Rosig.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen.
-
- =Das Tagebuch einer Frau.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französ.
-
- =Jahre des Gärens.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =Gute Kameraden.= Von _H. Lafontaine_. Aus dem Französischen.
-
- =Die Töchter des Commandeurs.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norweg.
-
- =Zita.= Von _Hector Malot_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Erbschaft Xenias.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Kinder des Südens.= Von _Rich. Voß_.
-
- =Daniele Cortis.= Von _A. Fogazzaro_. Aus dem Italienischen. 2
- Bände.
-
- =Die Herz-Neune.= Von _B. L. Farjeon_. Aus dem Englischen.
-
- =Sie will.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Kinder der Excellenz.= Von _Ernst v. Wolzogen_.
-
- =Um den Glanz des Ruhmes.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Ital.
-
- =Der Nabob.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände.
-
- =Der kleine Lord.= Von _F. H. Burnett_. Aus dem Englischen.
-
- =Der Prozeß Froideville.= Von _André Theuriet_. Aus d.
- Französischen.
-
- =Stella.= Von Miß _M. E. Braddon_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Fünfter Jahrgang.
-
- =Robert Leichtfuß.= Von _Hans Hopfen_. 2 Bände.
-
- =Der Unsterbliche.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen.
-
- =Lady Dorotheas Gäste.= Von _Ouida_. Aus dem Englischen.
-
- =Marchesa d'Arcello.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
-
- =Was der heilige Joseph vermag.= Aus dem Französischen.
-
- =Alessa. -- Keine Illusionen.= Von _Claire von Glümer_.
-
- =Wie in einem Spiegel.= Von _F. C. Philips_. Aus d. Englischen. 2
- Bände.
-
- =Schnee.= Von _Alexander Kielland_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Jean Mornas.= Von _Jules Claretie_. Aus dem Französischen.
-
- =Auf der Fährte.= Von _H. F. Wood_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Satisfaction. -- Das zersprungene Glück. -- La Speranza.= Von
- _Alexander Baron von Roberts_.
-
- =Die Scheinheilige.= Von _Karoline Gravière_. Aus dem Französischen.
-
- =Doktor Rameau.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französ. 2 Bände.
-
- =Frau Regine.= Von _Emil Peschkau_.
-
- =Zwei Brüder.= Von _Guy de Maupassant_. Aus dem Französischen.
-
- =Mein Sohn.= Von _Salvatore Farina_. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
-
- =Dosias Tochter.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Lotse und sein Weib.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Numa Roumestan.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 2
- Bände.
-
-
- Sechster Jahrgang.
-
- =Die tolle Komteß.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Eine Sirene.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem Französischen.
-
- =Jack und seine drei Flammen.= Von _F. C. Philips_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Mr. Barnes von New-York.= Von _A. C. Gunter_. Aus d. Engl. 2 Bde.
-
- =Gertruds Geheimnis.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Wunderbare Gaben und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Letzte Liebe.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Die Sabinerin. -- Felice Leste. -- Die Mutter der Catonen.= Von
- _Richard Voß_.
-
- =Mia.= Von _Memini_. Aus dem Italienischen.
-
- =Diana Barrington.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2 Bände.
-
- =Der reine Thor.= Von _Karl v. Heigel_.
-
- =Ein Kirchenraub. -- Junge Liebe.= Von _H. Pontoppidan_. Aus dem
- Dänischen.
-
- =Die Könige im Exil.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Die verhängnisvolle Phryne.= Von _F. C. Philips_ u. _C. J. Wils_.
- Aus dem Englischen.
-
- =Serguis Panin.= Von _Georges Ohnet_. Aus d. Französischen. 2 Bände.
-
- =Achtung Schildwache!= und andere Geschichten. Von _Mathilde
- Serao_. Aus dem Italienischen.
-
- =Salonidylle.= Von _H. Rabusson_. Aus dem Französischen.
-
- =Mr. Potter aus Texas.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Engl. 2 Bände.
-
- =Ein gefährliches Werkzeug.= Von _D. C._ u. _H. Murray_. Aus d.
- Engl.
-
-
- Siebenter Jahrgang.
-
- =Preisgekrönt.= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände.
-
- =Die Seele Pierres.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Französischen.
-
- =Zum Kinderparadies.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Imogen.= Von _Hamilton Aïdé_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Port Tarascon.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen.
-
- =Ein Mann von Bedeutung.= Von _Anthony Hope_. Aus d. Englischen.
-
- =Ohne Liebe.= Von _Fürst Galitzin_. Aus dem Russischen. 2 Bände.
-
- =Die Erbin.= Von _W. E. Norris_. Aus dem Englischen.
-
- =Die kühle Blonde.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Mein Pfarrer u. mein Onkel.= Von _Jean de la Brète_. Aus d.
- Französ.
-
- =Der Mönch von Berchtesgaden= und andere Erzählungen. Von _Rich.
- Voß_.
-
- =Oberst Quaritch.= Von _H. Rider Haggard_. Aus dem Engl. 2 Bände.
-
- =Noras Roman.= Von _Emil Peschkau_.
-
- =Auf Vorposten= und andere Geschichten. Von _F. de Renzis_. Aus dem
- Italienischen.
-
- =Versiegelte Lippen.= Von _Léon de Tinseau_. Aus d. Französ. 2
- Bände.
-
- =Aus den Papieren eines Wanderers.= Von _Jefferey C. Jeffery_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Mein Onkel Scipio.= Von _André Theuriet_. Aus dem Französischen.
-
- =Wie's im Leben geht.= Von _A. Delpit_. Aus dem Französischen. 2
- Bde.
-
- =Verhängnis.= Von _F. de Renzis_. Aus dem Italienischen.
-
-
- Achter Jahrgang.
-
- =Irgend ein Anderer.= Von _B. M. Croker_. Aus d. Englischen. 2
- Bände.
-
- =Fräulein Reseda. -- Ein Mann der Erfolge.= Von _Julien Gordon_.
- Aus dem Englischen.
-
- =Künstlerehre.= Von _Octave Feuillet_. Aus dem Französischen.
-
- =In frischem Wasser.= Von _Helene Böhlau_. 2 Bände.
-
- =Die geprellten Verschwörer.= Von _W. E. Norris_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Daphne.= Nach ~A Diplomat's Diary~ von _Julien Gordon_, deutsch
- bearb. von +Friedrich Spielhagen+.
-
- =Ein Genie der That.= Von _Ernst Remin_. 2 Bände.
-
- =Mischa.= Von _Marguerite Poradowska_. Aus dem Französischen.
-
- =Der Thronfolger.= Von _Ernst von Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Im Reisfeld. -- Ohne Liebe.= Von _Marchesa Colombi_. Aus d. Ital.
-
- =Eine Künstlerin.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Miß Niemand.= Von _A. C. Gunter_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Marienkind.= Von _Paul Heyse_.
-
- =Schwarzwaldgeschichten.= Von _Hermine Villinger_.
-
- =Jack.= Von _Alphonse Daudet_. Aus dem Französischen. 3 Bände.
-
- =Der schwarze Koffer.= Aus dem Engl.
-
- =Der Affenmaler.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Schwer geprüft.= Von _J. Masterman_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Neunter Jahrgang.
-
- =Im Schuldbuch des Hasses.= Von _G. Ohnet_. Aus d. Französ. 2 Bde.
-
- =Meine offizielle Frau.= Von _Col. Richard Henry Savage_. Aus d.
- Engl.
-
- =Sein Genius.= Von _Claus Zehren_.
-
- =Ein Zugvogel.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Violette Merian.= Von _Augustin Filon_. Aus dem Französischen.
-
- =Fräulein Kapitän.= Eine Eismeergeschichte von _Max Lay_.
-
- =Ein puritanischer Heide.= Von _Julien Gordon_. 2 Bände. Aus dem
- Englischen.
-
- =Das Stück Brot und andere Geschichten.= Von _François Coppée_. Aus
- dem Französischen.
-
- =In der Prairie verlassen.= Von _Bret Harte_. Aus dem Englischen.
-
- =Zwischen Lipp' und Kelchesrand.= Von _Charles de Berkeley_. Aus
- dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Mein erster Klient und andere Geschichten.= Von _Hugh Conway_. Aus
- dem Englischen.
-
- =Auf steinigen Pfaden.= Von _Léon de Tinseau_. Aus dem
- Französischen.
-
- =Heimatlos.= Von _Hector Malot_. 3 Bände. Aus dem Französischen.
-
- =Baronin Müller.= Von _R. v. Heigel_.
-
- =In guter Hut.= Von _Jeanne Mairet_. Aus dem Französischen.
-
- =Das Kind.= Von _Ernst Eckstein_.
-
- =Das Haus am Moor.= Von _Florence Warden_. Aus d. Englischen. 2 Bde.
-
- =Giovannino oder den Tod! -- Dreißig Prozent.= Von _Mathilde
- Serao_. Aus dem Italienischen.
-
- =Des Seemanns Tagebuch.= Von _Gustave Toudouze_. Aus dem Französ.
-
-
- Zehnter Jahrgang.
-
- =Das Geheimnis des Hauslehrers.= Von _Victor Cherbuliez_. Aus dem
- Französischen. 2 Bände.
-
- =Das wandernde Licht.= Von _Ernst von Wildenbruch_.
-
- =Einer alten Jungfer Liebestraum.= Von _Alan St. Aubyn_. Aus dem
- Englischen.
-
- =Schatten.= Von _Ossip Schubin_.
-
- =Unerwartet.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Ein Opfer.= Von _Karl E. Franzos_.
-
- =Die Möwe.= Von _Zacharias Nielsen_. Aus dem Dänischen. 2 Bände.
-
- =Geopfert.= Von _George Simmy_. Aus dem Französischen.
-
- =Unheimliche Geschichten.= Von _Dick-May_. Aus dem Französischen.
-
- =Margarete und Ludwig.= Von _Frieda Freiin von Bülow_. 2 Bände.
-
- =Die Herzogstochter.= Von _Mrs. Oliphant_. Aus dem Englischen.
-
- =Briefe aus meiner Mühle.= Von _Alphonse Daudet_. Aus d. Französ.
-
- =Erinnerungen einer Schwiegermutter.= Von _George R. Sims_. Aus dem
- Englischen. 2 Bände.
-
- =Lou.= Von _Alexander Baron von Roberts_.
-
- =Hof Gilje.= Von _Jonas Lie_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Don Cirillos Hut.= Von _Emilio de Marchi_. Aus d. Italienischen. 2
- Bde.
-
- =Jean von Kerdren.= Von _Jeanne Schultz_. Aus dem Französischen.
-
- =Unter Bauern.= Von _Hermine Villinger_.
-
- =Prinz Schamyls Brautwerbung.= Von _R. H. Savage_. Aus dem Engl. 2
- Bände.
-
-
- Elfter Jahrgang.
-
- =Das Recht des Kindes.= Von _Georges Ohnet_. Aus dem Fränzös. 2
- Bände.
-
- =Ein schlechter Mensch.= Von _A. von Gersdorff_.
-
- =Mademoiselle.= Von _F. M. Peard_. Aus dem Englischen.
-
- =Kosmopolis.= Von _Paul Bourget_. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- =Eine schnurrige Geschichte.= Von _Frank R. Stockton_. Aus d. Engl.
-
- =Die wahren Reichen.= Von _François Coppée_. Aus dem Französischen.
-
- =Simson und Delila.= Von _Annie Bock_. 2 Bände.
-
- =Die gelbe Rose.= Von _Maurus Jókai_. Aus dem Ungarischen.
-
- =Verloren.= Von _Henry Gréville_. Aus dem Französischen.
-
- =Zwei Herren.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Eine Schultragödie.= Von _Edmondo de Amicis_. Aus dem
- Italienischen.
-
- =Schiffe, die nachts sich begegnen.= Von _Beatrice Harraden_. Aus
- d. Engl.
-
- =Susi.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände.
-
- =Tim.= Aus dem Englischen.
-
- =Frauen.= Von _Anna Munch_. Aus dem Norwegischen.
-
- =Die alte Geschichte.= Von _Charles de Berkeley_. Aus d. Französ. 2
- Bde.
-
- =Der Sänger.= Von _Karl v. Heigel_.
-
- =Möblierte Wohnungen.= Von _George R. Sims_. Aus dem Englischen.
-
- =Tante Anna.= Von _W. R. Clifford_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Zwölfter Jahrgang.
-
- =Die Erbschleicherinnen.= Von _Ernst v. Wolzogen_. 2 Bände.
-
- =Der Kameenknopf.= Von _Rodrigues Ottolengui_. Aus dem Englischen.
-
- =Die Cigarette und andre Geschichten.= Von _Jules Claretie_. Aus
- dem Französischen.
-
- =Dodo.= Von _E. F. Benson_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- =Die Brüder.= Von _Claus Zehren_.
-
- =Pflichtgefühl.= Von _W. D. Howells_. Aus dem Englischen.
-
- =Revanche!= Von _Alexander Baron von Roberts_. 2 Bände.
-
- =Pinsel und Meißel.= Von _Teodoro Serrao_. Aus dem Englischen.
-
- =Schwere Frage.= Von _A. v. Gersdorff_.
-
- =Das Magdalenenhaar.= Von _Jean Rameau_. Aus dem Französischen. 2
- Bände.
-
- =Der Verkauf einer Seele.= Von _F. Frankfort Moore_. Aus d.
- Englischen.
-
- =Wandelbilder.= Von _Richard Henry Savage_. Aus dem Englischen.
-
- =Selbstgerecht.= Von _Friedrich Spielhagen_. 2 Bände.
-
- =Roman-Studien.= Von _Jerome K. Jerome_. Aus dem Englischen.
-
- =Jugendstürme.= Von _Karl Busse_.
-
- =Eine Familienähnlichkeit.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen.
- 2 Bände.
-
- =Verbotene Frucht.= Von _Henning van Horst_.
-
- =Gold und Ehre.= Von _Otto M. Moeller_. Aus dem Dänischen.
-
- =Eine gelbe Aster.= Von _Jota_. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
- Dreizehnter Jahrgang.
-
- =Villa Falconieri.= Von _R. Voß_. 2 Bde.
-
- Mit wahrhaft berauschender Glut der Schilderung zaubert uns der
- berühmte Dichter in seinem prächtigen Roman den Frühling der
- Campagna di Roma und des Albanergebirgs mit seiner märchenhaften
- Blumenfülle vor Augen, und mächtig ergreift uns das Schicksal der
- Menschen voll Leidenschaft, die er in dieser großartigen, stil- und
- stimmungsvollen Umgebung lieben und leiden läßt.
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- =Die Tochter des Abgeordneten.= Von _Georges Ohnet_.
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- In diesem glänzend geschriebenen Roman bietet +Ohnets+ vielseitiges
- und fruchtbares Talent eine seiner reifsten Früchte. Die große
- Schar der Freunde und Verehrer des gefeierten Erzählers wird dieses
- Buch namentlich auch darum noch vermehren, weil es sich auch zur
- Lektüre für junge Mädchen eignet.
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- =Die Siegerin.= Von _Hans Hopfen_.
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- Einem neuen Buche von Hans Hopfen können wir keine bessere
- Empfehlung mit auf den Weg geben als die, daß es ein »echter
- Hopfen« ist.
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- =Eine dritte Person.= Von _B. M. Croker_. Aus dem Englischen. 2
- Bände.
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- Ein Abglanz der Sonne Indiens, dem Schauplatze der meisten
- Crokerschen Romane, durchwärmt und verklärt gleichsam die
- Geschichten dieser mit Recht so beliebten Erzählerin und verleiht
- ihnen einen romantischen Schimmer, der den Leser unwiderstehlich
- gefangen nimmt.
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- =Flederwischs Heirat.= Von _Gyp_. Aus dem Französischen.
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- Die Heldin dieser Geschichte, der »Flederwisch«, ist ein
- entzückendes Geschöpfchen, dessen köstliche Naivetät und neckischer
- Humor wahrhaft herzerfrischend wirken.
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- =Eine internationale Ehe.= Von _Madame Bigot_. Aus dem Englischen.
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- Ein glücklich gewählter Stoff, ein interessantes, gut beobachtetes
- Milieu und eine reich bewegte Handlung vereinigen sich in diesem
- flott geschriebenen Roman zu einem wohlgelungenen, wirkungsvollen
- Ganzen.
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- =Sich selber treu.= Von _M. Gerbrandt_. 2 Bände.
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- Warmherzige Menschen von reich entwickeltem Gefühlsleben treten
- uns in diesem hochgestimmten Roman entgegen, in dem sich die
- begabte Verfasserin als eine Seelenkennerin von feiner poetischer
- Empfindung und abgeklärter Kunstanschauung erweist.
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- =Islandfischer.= Von _Pierre Loti_. Aus dem Französischen.
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- Mit der Einreihung von Lotis berühmten Roman, diesem Hohenlied der
- See und der Liebe, in unsere Sammlung erfüllen wir einen Wunsch
- vieler unserer Leser.
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- =Ratsmädel- und altweimarische Geschichten.= Von _Helene Böhlau_.
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- Wahre Kabinettstücke stimmungsvoller Kleinmalerei und gemütvollen,
- schalkhaften Humors sind auch diese neuen +Böhlau+schen
- Ratsmädelgeschichten, in denen wir einen Hauch aus Weimars großer
- Zeit verspüren.
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-Die nachstehenden Romane sind auch in einer zu =Geschenken ganz
-besonders geeigneten=
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- Salon-Ausgabe
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-auf =feines, extra starkes Papier= gedruckt und in =elegantem
-Liebhaber-Einband= zum Preise von M. 2.-- für den einfachen und M. 3.--
-für den doppelten Band erschienen.
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- Einfache Bände:
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- _Burnett_, =Der kleine Lord=.
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- _Feuilett_, =Das Tagebuch einer Frau=.
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- _Paul Lindau_, =Helene Jung=.
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- _Voß_, =Kinder des Südens=.
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- =Was der heilige Joseph vermag.=
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- _v. Wolzogen_, =Die Kinder der Excellenz=.
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- _v. Gersdorff_, =Ein schlechter Mensch=.
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- _Savage_, =Meine offizielle Frau=.
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- Doppel-Bände:
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- _Conway_, =Eine Familiengeschichte=.
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- _Croker_, =Die hübsche Miß Neville=.
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- _Hopfen_, =Robert Leichtfuß=.
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- _Ohnet_, =Der Hüttenbesitzer=.
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- _v. Wolzogen_, =Der Thronfolger=.
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- -- =Die tolle Komteß=.
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- _Sims_, =Erinnerungen einer Schwiegermutter=.
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-Weitere Anmerkungen zur Transkription
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- Die Werbeseiten wurden komplett an das Ende des Buches verschoben.
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- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
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- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
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- S. 7: alimodisches → altmodisches
- wie ein {altmodisches} Kleidungsstück abgelegt
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- S. 11: Augenbiick → Augenblick
- Von dem {Augenblick} an, als sie
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- S. 61: Weimararaner → Weimararnern
- den {Weimaranern} ihr geliebtes Deutsch
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- S. 136: wir → mir
- es war {mir}, als würden da
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- Buchkatalog, 6. Jahrgang: Muray → Murray
- Von _D. C._ u. _H. {Murray}_
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 51230 ***