summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/51151-0.txt10937
-rw-r--r--old/51151-0.zipbin240385 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/51151-h.zipbin349743 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/51151-h/51151-h.htm13208
-rw-r--r--old/51151-h/images/cover.jpgbin99275 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/51151-h/images/signet.pngbin1621 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/51151-h/images/warstamp.pngbin1319 -> 0 bytes
10 files changed, 17 insertions, 24145 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..7b06915
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #51151 (https://www.gutenberg.org/ebooks/51151)
diff --git a/old/51151-0.txt b/old/51151-0.txt
deleted file mode 100644
index b126c3e..0000000
--- a/old/51151-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,10937 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Das Nest der Zaunkönige
- Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts
-
-Author: Gustav Freytag
-
-Release Date: February 8, 2016 [EBook #51151]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Gustav Freytag
-
- Das Nest
- der Zaunkönige
-
- Erzählung aus dem Anfang
- des 11. Jahrhunderts
-
- 114.--123. Tausend
-
- [Illustration]
-
- S. Hirzel Verlag Leipzig/1917
-
- [Illustration]
-
-
-
-
-1.
-
-Im Jahr 1003.
-
-
-Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda gießt, lag zwischen
-Wiesen und fruchtbaren Feldern das Kloster Herolfsfeld. Hohe Fürsten
-des Himmels waren seine Beschützer, denn die Klosterkirche umschloß
-die Reliquien zweier Apostel; doch den größten Eifer für das Gedeihen
-des Klosters hatten zwei Gefährten des heiligen Bonifacius bewiesen:
-Erzbischof Lullus, der die ersten Mönche auf das leere Feld führte,
-und der Heidenbekehrer Wigbert, dessen Gebeine erst viele Jahre nach
-seinem Tode im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch
-zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte. Als das stärkste von
-seinen Wundern rühmten die Leute, daß in der einsamen Landschaft ein
-mächtiges Menschenwerk entstanden war, Türme und hohe Kirchgiebel, um
-diese herum eine große Zahl von Gebäuden aus Stein und Lehm, deren
-wettergraue Holzdächer wie Silber in der Mittagsonne glänzten. Was
-man Kloster nannte, war in Wahrheit eine feste Stadt geworden, durch
-Mauern, Pfahlwerk und Graben von der Ebene geschieden. Länger als
-zweihundert Jahre hatten die Mönche gebetet, um den Gläubigen Heil und
-guten Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafür waren sie selbst reich
-geworden an irdischem Grundbesitz, den ihnen fromme Christen in der
-bittern Sorge um das Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Dörfer
-und Weiler, welche ihnen gehörten, lagen über viele Gaue verteilt,
-nicht nur im Lande der Hessen, auch unter Sachsen und Bayern, vor
-allem in Thüringen. Ein guter Teil des Kirchengutes, das Bonifacius
-erworben hatte, darunter die ersten Schenkungen, welche die Waldleute
-in Thüringen zur Heidenzeit gemacht, gehörte jetzt dem Kloster, und
-wenn der Abt seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt
-aufrief, so zogen sie dem Lager der Sachsenkaiser zu als ein Heer von
-Reitern und Fußvolk, in ihrer Mitte der Abt als großer Herr des Reiches
-mit einem Gefolge von edlen Vasallen. Länger als zweihundert Jahre
-hatten die Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden Wald und
-das wilde Kraut gekämpft, hatten unermüdlich die Halmfrucht gesäet,
-Obstbäume gepflanzt und Weingärten eingehegt. So waren sie allmählich
-große Landbauer geworden, nach Tausenden zählten sie ihre Hufen, ihre
-zinspflichtigen Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter. Jetzt
-saßen sie in der Fülle guter Dinge als eine Genossenschaft von hundert
-und fünfzig Brüdern zwischen gefüllten Scheuern und springenden Herden,
-sahen vergnügt über die reiche Habe und ordneten selbst als umsichtige
-Landwirte das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen, deren Häuser im Zaun
-ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der Fulda zu einem großen
-Dorfe vereinigt waren. Doch nicht allein über Landarbeit, sondern über
-alles, was Handwerk und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten
-als Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt hatten.
-Neben dem Palast des Abtes und den Gasthäusern für Fremde, zwischen den
-Viehhöfen und Scheuern, dem Brauhause und den weiten Kellergewölben
-erklang der schwere Hammer des Waffenschmieds auf dem Ambos, und
-daneben der kleine Hammer des Künstlers, welcher edle Steine in Gold
-und Silber zu fassen wußte für Kirchengerät, für kostbare Bücherdeckel
-und für Trinkgefäße des Abtes und vornehmer Gäste. Ein Bruder bewahrte
-den Schlüssel zu dem Rüsthaus, in welchem die Helme, Schwerter und
-Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer zählte den
-Gerbern die Häute zu, prüfte kunstverständig ihre Arbeit, mischte die
-Farbe und kochte die Beize für buntes Leder und Gewand. Und wieder ein
-anderer maß die Räume für neue Bauten, verfertigte den Riß und wies die
-Maurer an, wie sie den Gewölbbogen schwingen und dauerhaften Mörtel
-mischen sollten. Von weiter Ferne her zogen die Leute zum Kloster,
-nicht nur um bei den Gebeinen der Heiligen zu beten und durch Gaben
-das Gebet der Mönche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen
-Vorteil begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann fand Waren, die er
-gegen andere vertauschte, der große Grundherr holte sich den Bauplan
-für ein Steinhaus, das er auf luftiger Höhe errichten wollte oder bat
-um einen meßkundigen Bruder, der ihm fernes Wasser in seinen Hof zu
-leiten und einen Fluß mit steinerner Brücke zu überspannen wußte. Wer
-vollends krank war, der neigte sich flehend vor dem Arzte des Klosters
-und erhielt aus der Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger Salbe und
-den ruhmvollen Trank des heiligen Wigbert. Jeder Dürftige und Bettler
-im Lande kannte das Haus, denn er war sicher, dort Hilfe gegen den
-Hunger zu finden und gutherzige Spende an den nötigsten Kleidern. Was
-die einen in ihrer Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten,
-um den Himmel zu gewinnen, das vermehrte vielen anderen die Freude
-des irdischen Lebens. Aber die Mönche selbst, die sich dem Herrn zu
-demütiger Entsagung und Buße geweiht hatten, wurden allmählich stolze
-Lehrer und Gebieter in weltlichen Dingen und vermochten nicht mehr mit
-der alten Klosterzucht Haus zu halten.
-
- * * * * *
-
-An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf den Stufen des
-Hochaltars ein fremder Mönch in stillem Gebet. Stab und Reisehut hinter
-ihm ließen erkennen, daß er neu angekommen war; bei dem Reisegerät
-kniete ein junger Bruder des Klosters, der ihn begleitet hatte. In
-dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes saß der Dekan Tutilo,
-welcher Präpositus des Klosters war, ein hoher breitschultriger Mann
-mit jähzornigen Augen und buschigen Augenbrauen, er hielt die Hände
-nachlässig gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen Andacht
-kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl der Väter, welche das Gebet
-abwarteten, nur wenige der Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen, unter
-ihnen Heriger, der Kellermeister, ein fröhlicher Mann und Liebling
-der Brüder, dem alle gern dienten und der jeden mit freundlicher Rede
-gefügig machte, dann der Pförtner Walto, welcher Sprecher des Klosters
-war, als kluger Herr wohlbekannt im ganzen Lande; auch die beiden
-Alten, Bertram und Sintram, zwei Sachsen, welche mit ihren runden
-Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen wie Zwillinge und
-deshalb von den Mönchen im Scherz die Stiefel genannt wurden; sie
-waren an einem Tage ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle
-und arbeiteten beide in den Gärten; was einer wollte, gefiel auch dem
-andern und sie wandelten stets zusammen, obgleich sie schweigsam waren
-und auch miteinander nicht viel redeten.
-
-Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem Haupt vor den
-Dekan trat, ergriff dieser seine Hand, führte ihn in die Mitte des
-Chors und neigte ihm das Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen
-Worte sprach, an denen die Priester und Würdenträger von der Regel
-Benedikts einander erkannten. »Gesegnet sei dein Eingang, mein Bruder
-Reinhard,« antwortete der Dekan mit rauher Stimme, welche von der
-Decke zurückhallte, und gab den Bruderkuß, worauf der Fremde den
-andern Brüdern dasselbe tat. »Nicht mühelos wird das Lehramt sein, zu
-dem du aus der Schulstube des Klosters Altaha gerufen bist, denn du
-wirst harte Köpfe finden und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen
-Wigbert fehlt es nicht an Bäumen, um Ruten daraus zu schneiden. Komm,
-daß ich dir unsere Häuser zeige und die Walstatt, auf welcher du den
-Krieg gegen die Unwissenheit führen sollst.« Er ging voraus, die Brüder
-folgten, zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät des Fremden.
-
-Tutilo führte in die Klausur, die große Burg des Klosters, welche
-zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte. Sie enthielt die
-Wohnungen der Mönche und der geweihten Schüler, die von ihren Eltern
-in den Zipfel der Altardecke gewickelt waren, damit sie einst Mönche
-würden. Das Haus stand im Viereck um einen freien Platz, von allen
-Seiten nach außen geschlossen, nur durch die Kirche war der Eingang
-und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und Nebengebäuden. In der
-Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume einen Brunnen, und nach dem
-Hofe öffnete sich der ganze Bau, denn ein weiter Säulengang zog sich
-am Unterstock den vier Seiten entlang und die Mauer des Oberstocks
-erhob sich auf den schön gemeißelten Steinsäulen. Zwischen die Säulen
-waren bequeme Holzbänke gestellt, damit die Brüder bei schlechtem
-Wetter lustwandeln oder ausruhen konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz
-verlassen stand das Haus, der Fremde vermochte kein geschorenes Haupt
-zu entdecken, obgleich in dieser Stunde die Regel den Brüdern erlaubte,
-sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo merkte die suchenden
-Blicke des Bruders und auf den Säulengang weisend, erklärte er: »An
-anderen Tagen würdest du die Hände oft rühren müssen, wenn du die Menge
-der Brüder und Schüler an den Fingern abzählen wolltest, heut aber sind
-sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwül, ein Wetter droht und
-das ganze Gesinde des heiligen Wigbert arbeitet im Heu. Dies ist alter
-Brauch des Klosters, er stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten
-Väter, jetzt freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald
-wirst du ihr Gewimmel merken, wenn sie zurückkehren.«
-
-Als sie die innern Räume betraten, sah der zugewanderte Bruder in
-dem großen Refektorium einen Kredenztisch mit schönen Bechern und
-Trinkkannen, darunter nicht wenige von edlem Metall, und als er in
-einen Gang kam, an welchem Zellen der Brüder lagen, erblickte er durch
-die offenen Türen große Stühle mit seidenen Kissen belegt, auf den
-Lagerstätten weiche Kopfkissen und lodige Decken von buntgefärbter
-Wolle, die mit gestickten Borten eingefaßt waren, daneben große Truhen
-und metallene Leuchter mit Wachslichtern oder schwere vergoldete
-Lampen, auf einem Tische sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein
-und Tieren, so daß er merkte, wie die Mönche unter Gerätschaften,
-die sie sich selbst erworben hatten, ganz gemächlich hausten. Und
-Reinhard, obwohl er als Mönch gewöhnt war, seine Zunge zu hüten, konnte
-den Ausruf nicht unterdrücken: »Gleich weltlichen Fürsten wohnen die
-Knechte des Heiligen.«
-
-Tutilo merkte das Mißfallen, aber er erwiderte stolz: »Auch ich meine,
-daß unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen dürfen, wenn sie sich mit den
-Weltleuten vergleichen. Doch was du hier von eigenem Gut der Brüder
-etwa gesehen hast, gehört nur den Dekanen und den Alten, denn diese
-allein haben die Lizenz.«
-
-Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte dem jungen Mönch
-zurückzubleiben, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete
-in dem Kreuzgang eine niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern
-wieder verschloß. Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen
-und Vorratshäusern vor einem stattlichen Holzbau, um den ein Laubengang
-führte. Doch auch hier war alles leer, die Lichtöffnungen des Hauses
-waren mit Fensterglas und Blei verschlossen, aber die Scheiben waren
-erblindet und manche Raute war zerschlagen. »Du weißt ja wohl,« fuhr
-Tutilo mit düsterer Miene fort, »daß Herr Bernheri, unser Abt, es
-verschmäht, unter den Brüdern zu wohnen. Dort oben auf dem Berge St.
-Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich hergerichtet, dort haust
-er mit denen, die ihm am liebsten sind, und selten betritt sein Fuß
-diesen Herrenhof. Oben hört man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt
-und der Hirsch schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote, welche
-er aus der Höhe zu uns sendet. Hier beginnt wieder dein Reich,« fuhr er
-fort und geleitete in einen andern umhegten Hof. »Hier ist die äußere
-Schule, worin die Schüler zu übermütigen Weltgeistlichen erzogen
-werden; dreißig Scholastiker zählte das Kloster, erst seit dem Tode
-deines Vorgängers hat sich die Zahl vermindert. An der ersten Bank
-sitzen nur Söhne von Edlen, meist Thüringe und Hessen, trotzige Knaben
-sind darunter, ungern fügen sich die stolzen darein, im Kloster zu
-dienen.«
-
-»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras?« frug der Fremde.
-
-»Einen wenigstens magst du sehen,« versetzte der Kellermeister Heriger
-leise und wies nach der Höhe. In dem Schalloch des Glockenturmes saß
-ein Jüngling und starrte hinaus auf die Höhen im Osten, ohne die Mönche
-im Hofe zu beachten. »Es ist Immo, der Thüring, er hängt oft dort oben
-und immer sieht er nach derselben Himmelsseite, weil dort seine Heimat
-liegt!«
-
-Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick: »Erkenne ich
-ihn recht auf seinem luftigen Sitze, so sieht er mehr einem jungen
-Kriegsmann ähnlich, als einem Schüler, der auf das heilige Öl und die
-Stola hofft.«
-
-»Du wirst ihn wild und tückisch finden,« versetzte Tutilo. »In den
-ersten Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen, jetzt tun ihm
-Hunger und Geißel not, und du würdest ihn vielleicht im Keller auf
-dem Stroh erblicken, statt dort in hoher Luft, wenn die Brüder nicht
-allzuoft an das Verdienst seines Ahnherrn dächten.«
-
-»Denn wisse, mein Bruder,« fuhr Heriger fort, »er ist aus dem
-Geschlechte eines seligen Helden, der, wie sie sagen, zugleich mit dem
-heiligen Bonifacius von den Heiden erschlagen wurde. Sein Ahnherr war
-es, zu dem der Heilige in der Todesnot seine letzten Worte sprach,
-welche in den Büchern geschrieben stehen: Wirf dein Schwert von dir!
-Und darum haben auch von je die Männer und Frauen seines Geschlechtes
-unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.«
-
-Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut die Bibliothek und
-die Stube der Schreiber. Der Fremde betrat ein kahles Gemach; die
-beiden Fenster waren durch Glas und Blei verschlossen, aber große
-Spinnengewebe hingen an Wand und Rahmen, und durch die Scheiben drang
-nur ein trübes Zwielicht, so daß eine brennende Lampe das Beste
-tun mußte, um den Raum zu erhellen. Vor der Lampe saß am Pult ein
-schreibender Mönch. Langsam erhob er sich, als die Brüder eintraten,
-und noch während er den Ankömmling begrüßte, waren die kleinen Augen in
-seinem runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet.
-
-»Willst du deinen Augen Pönitenz antun, Vater Gozbert,« begann Tutilo
-verwundert, »daß du das Sonnenlicht aussperrst?«
-
-»Es muß ein dunkler Nebel in der Welt sein,« versetzte der Mönch, »denn
-es will nicht hell werden.«
-
-»Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern die Bosheit
-anderer,« rief Tutilo, das Fenster öffnend, »sieh her, die Scheiben
-sind von außen durch trübe Farbe verdunkelt und merke, jemand hat dir
-einen üblen Streich gespielt.«
-
-»In Wahrheit, draußen scheint die Sonne,« sagte der Mönch, »ich erkenne
-Lehm und Kienruß an den Scheiben.«
-
-»Ich aber weiß, wer die Ungebühr gegen dich geübt hat, entweder selbst
-oder durch die Jungen,« sagte Tutilo, »denn der Scholastikus Immo
-leitet die Knaben zu vielem Frevel an. Doch sein Maß ist voll.« Und auf
-Reinhard blickend fuhr er fort: »Vater Gozbert ist ein Künstler in der
-Schrift, wenige verstehen sich besser auf jede Art von Duktus.«
-
-Gozbert ging zu einem Bücherbrett, schlug einen Kodex auf und zeigte
-mit Selbstgefühl die Blätter, auf welche Buchstaben mit bunten Farben
-gemalt waren.
-
-»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglättet,« lobte der
-Fremde.
-
-»Durch den Stein Achates,« erklärte Gozbert und blätterte zum Anfange
-zurück, dort war als großes Bild ein Kaiser auf seinem Stuhl und zur
-Seite vier Frauen, tief gebeugt mit seltsamen Kronen auf dem Haupt,
-jede eine Mulde in den Armen, worin etwas Undeutliches lag, darüber
-standen die Namen von vier Ländern, welche zum Reich gehörten. »Ich
-selbst habe den Weibern die Verneigung erdacht,« sagte Gozbert stolz,
-»denn in der alten Handschrift, die wohl noch aus der Urzeit der Römer
-stammt, standen sie gerade.«
-
-»Niemand merkt, daß es das Gesäß des Vaters Sintram ist, welches
-Gozbert viermal gebildet hat,« erklärte Heriger mit lustigem
-Augenzwinkern, »denn Sintram mußte oft gekrümmt stehen mit den Händen
-am Türpfosten, während Gozbert zeichnete.« Der Schreiber warf einen
-mißbilligenden Blick auf den Sprecher und zeigte mit dem Finger auf das
-rötliche Gesicht des Kaisers. »Herr Otto der Rote seligen Andenkens.«
-
-»Ich aber will unsern Vater rühmen,« fuhr Heriger fort, »denn
-schwerlich wird man einen Schreiber unter den Lebenden finden, welcher
-mehr geschrieben hat; vierzig Jahre lang schreibt er bei uns jeden Tag
-im Sommer und Winter; fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner
-Hand und nicht wenige sind zum Tausch gegeben gegen andere.«
-
-Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes, aber seine
-kleinen Augen glänzten. »Wenn es mir nur nicht an Pergament gefehlt
-hätte,« sagte er, »und an Büchern zum Abschreiben.«
-
-»Vielleicht wird es möglich, daß du von dem Kloster, aus dem ich komme,
-ein gutes Buch geliehen erhältst,« tröstete Reinhard.
-
-»Was es auch sei,« versetzte Gozbert erfreut, »ich schreibe es gern,
-wenn du oder ein anderer Gelehrter mir sagt, daß keine Sünde darin
-steht. Denn die heiligen Namen zeichne ich mit Rot aus und die Übles
-bedeutenden Namen in den profanen Büchern habe ich immer weggelassen,
-so oft ich ihre Tücke merkte. Manche Nacht habe ich in Ängsten gewacht
-und oft hat mir beim Schreiben geschaudert, ob ich nicht vielleicht
-etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele schaden könnte. Endlich bin
-ich gewarnt worden, daß ich die sündigen Bücher meide.« Er schlug das
-Kreuz und wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche, während die
-andern, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl kannten, einander
-bedeutsam ansahen. »Merke auf jenen Holzkrug, mein Bruder,« fuhr
-Gozbert fort, »in welchem ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug,
-diesem gleich, stand an derselben Stelle, als ich gerade einiges von
-dem Heiden Ovidius schrieb. Da hörte ich hinter mir den Deckel klappen,
-ich wandte mich um und mein Haar sträubte sich, der Krug stand still,
-aber zuweilen hob sich der Deckel und schlug wieder abwärts, wie von
-innerer Gewalt getrieben. Ich rief die Heiligen zu Hilfe, plötzlich
-sah ich zwei Hörner aus dem Krug ragen und wieder verschwinden. Im
-Entsetzen stieß ich den Krug um und sogleich sprang der teuflische
-Geist, einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich, aus dem Holz, fuhr in
-dem Zimmer umher und endlich durch den Türritz hinaus, indem er bösen
-Nebel und Gestank zurückließ. Ich aber erkannte die Warnung.«
-
-»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen,« bemerkte
-Heriger, »so würden manche vermuten, daß es ein junger Hase gewesen
-sei, den der Thüring Immo heimlich in den Krug unseres Vaters gesetzt
-hatte.«
-
-»Es war der Teufel,« versetzte Gozbert unwillig. »Seitdem schreibe ich
-nur heilige Bücher.«
-
-»Du hast sicher das beste Teil erwählt, mein Vater,« tröstete Reinhard
-grüßend, und sie schieden aus der Zelle. Der Schreiber aber setzte sich
-wieder zu seinem Pult; oben webte die Spinne und unter ihr schrieb der
-Mönch.
-
-Tutilo wurde gesprächiger, als sie die Höfe betraten, in denen
-die Arbeiter des Klosters unter Aufsicht der Mönche für Handwerk
-und Landbau tätig waren. »Du siehst, Bruder,« begann er das Haupt
-erhebend, »nicht gering ist das Haus des heiligen Wigbert, sein Segen
-hat die Keller und Scheuern gefüllt, wie gierig auch die Grafen und
-Dienstmannen ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken. Und jetzt,
-da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen Herdsitz gewiesen, jetzt
-berichte auch du, wenn dir gefällt, was du außerhalb des Klosters
-erfahren hast, denn wildes Gerücht geht durch die Lande, daß die Kinder
-der Welt in neuem Zwist gegeneinander toben.«
-
-»Zürne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht auf der Stelle
-genüge,« versetzte Reinhard demütig, »du selbst weißt ja am besten, daß
-der Mund des Bruders, der aus der Ferne kommt, verschlossen sein muß,
-bis die Erlaubnis des Herrn Abtes ihn öffnet.«
-
-Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. »Statt des Abtes stehe ich
-hier und mein ist das Recht, dir die Zunge zu lösen.«
-
-Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und flehte die Hände
-erhebend: »Verzeih, mein Vater, daß ich dir Unmut erregte, da ich
-dir Gehorsam schuldig bin im Staube; nur was die heilige Regel mir
-gebietet, meinte ich zu tun. Selbst wünsche ich, daß du alles wissest,
-denn schwere Kunde bringe ich aus dem Lande, aber auch dir würde es
-gefallen, wenn du der Abt wärest, daß ich eher dir als andern die
-Botschaft verkündete.«
-
-Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an den
-verlegenen Mienen, daß sie das Recht des Flehenden erkannten, darum
-schwieg er und ließ den Mönch zu seinen Füßen liegen, bis Heriger,
-der Kellermeister, begann: »Da der Bruder sich nach Gebühr demütigt,
-so rate ich, daß du selbst ihn nach St. Peter zu unserm Herrn Abt
-begleitest, damit auch wir erfahren, was dem Kloster zum Heil oder
-Unheil werden mag; vor allem aber, daß du es wissest, da du jeden Tag
-um unser Wohl zu sorgen hast.«
-
-Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber er bezwang
-sich und antwortete dem Liegenden mit einer Stimme, der man den Ärger
-wohl anmerkte. »Ungern wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe,
-doch will ich dein Gewissen, mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe
-dich und harre mein an dem Tore. Du aber, Walto, gebiete, mein Roß zu
-satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der Höhe erbitte.«
-Er wandte sich ab und hörte nicht darauf, wie der Kniende sich dem
-Gebet der Brüder empfahl. Reinhard erhob sich hinter dem Rücken des
-Präpositus und schritt mit gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem
-Ausgange des Klosters zu. Tutilo aber entließ die Brüder, welche ihn
-begleitet hatten und sprach zu seinem Vertrauten Hunico: Ȇbles
-weissagt die fremde Biene in unserm Stock. Der Narr ist von der neuen
-Zucht, welche die Füße küßt und Faustschläge in den Nacken gibt, er
-wird die Becher der Brüder zählen und um einen gekochten Kalbskopf die
-Geißel schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen, der
-wird auch dem König und den Grafen nicht widerstehen, wenn sie uns die
-Zehnten und Hufen nehmen und das Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit
-des Lullus war, wo die Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr
-gutes Glück priesen, wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug
-gereicht wurde. Ich aber meine nicht umsonst die Speicher gefüllt zu
-haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch wir einen neuen Abt, welcher
-das Kloster erhöht und nicht erniedrigt; denn es leben wenige Fürsten
-im Reiche, die so stark sind als wir sein könnten, wenn ein Mann auf
-dem Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling.« Er schritt gewaltig in
-die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt zu rüsten.
-
-Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch die Höfe
-wanderten, schlich der junge Mönch, welcher den fremden Bruder geleitet
-hatte, unbeachtet in die Kirche zurück, neigte sich vor den Altären,
-glitt die Säulen entlang, und öffnete im Vorhofe den Eingang einer
-hölzernen Galerie, welche aus der Kirche zu dem Glockenturm des
-Erzengels Michael führte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf bis zu dem
-Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar des hohen Engels, der
-im Federhemd in den Lüften waltete und den Wetterschlag vom Glockenturm
-abhielt. Indem der Mönch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle
-Stimme: »Rigbert, sei willkommen.« Der Mönch hob warnend den Finger,
-kletterte die steile Stiege hinauf, welche zu dem Glockenstuhl führte
-und stand wenige Schritte von dem Jüngling Immo. Dieser saß in dem
-Schalloch auf schmalem Brett, das für eine Dohle bequemer war als für
-einen hochgewachsenen Mann und beobachtete ungeduldig das Nahen des
-Mönches.
-
-»Du kommst aus Thüringen, seit Mittag erwarte ich dich; der Dienstmann
-Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die Kunde in das Wächterhaus.
-Du sahest die Quellen der Waldbäche springen, du hörtest wie der
-Bergwind weht, und wie das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf
-dem Anger singt. Was weißt du mir zu sagen aus den Waldlauben?«
-
-»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und die Waldaxt klingt
-an den Baumstämmen. Aus Erfurt, dem großen Markte, ritt mein Reiseherr
-Reinhard nach der Zelle unserer Brüder in Ordorf, auf dem Wege rasteten
-wir in einem Edelhofe.«
-
-Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht und mit heller Stimme
-rief er, die Hand gen Osten hebend: »Ich meine, das war der Hof meiner
-Väter.«
-
-»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.«
-
-»Das war meine Mutter,« schrie der wilde Knabe und wandte sein Antlitz
-von dem Mönche ab, weil ihm Tränen über die Wangen liefen. »Sprich mir
-von ihr,« fuhr er nach einer Weile fort und kehrte sich wieder dem
-Mönch zu.
-
-»Sie erschien mir als eine heilige Frau und einer Fürstin sah sie
-gleich, obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor uns stand.«
-
-»Mein Vater starb an seiner Wunde in fernem Land und der Sohn vermochte
-nicht ihn zu rächen. In den Kerker bin ich gesteckt. Unselig ist die
-Hand, die das Rauchfaß schwingt statt des Eisens.«
-
-»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die wilden Worte,«
-mahnte der Mönch.
-
-»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle, die sie dir
-gesponnen haben.«
-
-»Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen auf den
-Altar gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel weihen wollte, und meine
-Heimat ist seitdem im Gotteshause.«
-
-»Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum Dienst des Altars
-bestimmt, obgleich ich das erstgeborene Kind war und ein Recht hatte,
-das Banner meines Vaters zu führen. Aber dem Vater wurde der Vorsatz
-leid, denn du weißt ja wohl, meine Fäuste sind nicht gemacht, Feder
-und Gebetbuch zu halten, sondern Schildrand und Rosseszügel. Zu einem
-Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich der Mutter Böses ahnte, bis
-mein Vater mit dem jungen Kaiser Otto nach Italien zog und in die
-Gefangenschaft der treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in
-unsern Hof, schöne Hufen mußte die Mutter dem Kloster verkaufen, um
-das Lösegeld für den Vater zu finden, und nicht die Hufen allein, auch
-den Sohn rieten die frommen Väter zu spenden, damit die erzürnten
-Heiligen sich des Vaters wieder erbarmten. Ich trug damals mein erstes
-Panzerhemd, jetzt trage ich dies mißfarbige Kleid eines dienenden
-Schülers und fahre in dieser großen Mausefalle wie eine gefangene Ratte
-längs den Brettern dahin. Den Vater haben die Heiligen doch nicht
-heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.«
-
-»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen,« antwortete der Mönch
-traurig, »das so unwillig sich gegen den Altar sträubte.«
-
-»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der Welt, aber
-auf den Knien gleiten über den glatten Stein, das kann ich nicht.
-Denn meine Ahnen dachten hoch und ich stamme aus einem Geschlecht von
-Kriegern.«
-
-»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher, der
-immer an die Freuden der Welt denkt. Nicht Mönch solltest du werden,
-sondern ein üppiger Kanonikus, der seidenes Gewand trägt, hoch zu Rosse
-sitzt und mit den Frauen kost wie ein anderer.«
-
-»Warum trage ich nicht das weiße Gewand?« frug Immo zornig. »Andere,
-die noch jünger sind in der Klosterschule, werden dadurch doch ein
-wenig getröstet. Doch ich weiß wohl, teuer ist solche Gunst und niemand
-von den Meinen zahlt einem Bischof den Preis für die weiße Leinwand.
-Aber hätte ich auch, was du für mich ersehnst, du weißt, die Fledermaus
-ist ein unholdes Tier, sie ist nicht Maus, nicht Vogel; und ich bin von
-dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein sich über die Flur schwingt.
-Was sahst du noch, Rigbert, in unserer Halle?«
-
-»Von dem Söller wies Frau Edith meinem Reiseherrn die Kapellen der
-Umgegend; und als die Glocken hier und da läuteten, weil die Sonne im
-Mittag stand, brach aus dem Gehölz eine Schar Reiter, alle auf hellen
-Rossen.«
-
-»Das waren meine Brüder,« rief Immo, »das ist unsere Zucht.«
-
-Der Mönch nickte bestätigend: »Frau Edith sprach freudig zu dem
-Priester: Sieh, Reinhard, das sind meine sechs Nestlinge. Sie kommen,
-das Futter zu picken. Ist's nicht ein kräftiger Flug?«
-
-»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch,« rief Immo dazwischen.
-
-»Sie rauschten heran wie durch die Luft getragen, sechs feurige Reiter,
-wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie mit Vögeln zu vergleichen,
-so waren sie doch nicht als Waldsänger zu erkennen, denn scharf stachen
-ihre Augen.«
-
-Immo lachte erfreut. »Mich verdrießt's nicht, wenn du die Männer meines
-Geschlechtes mit Habichten vergleichst; ich hoffe, die Knaben werden
-ihre Fänge erweisen. Sahest du das Roß, auf dem mein jüngster Bruder
-ritt, der kleine Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war
-Friedel, da ich vor sechs Jahren von Hause scheiden mußte, er schlang
-die kleinen Arme um meinen Hals und weinte bitterlich, und als ich von
-der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend nach und zog an meinem
-Gewand, mich festzuhalten. Ich hob ihn auf das Roß, das mir gehörte,
-gab den Zügel in seine Hand und raunte dem Hengste zu, daß er dem
-Kleinen zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Roß ihm dient. Du
-mußt es gesehen haben, Rigbert, wenn du auch ein Mönch bist. Es ist
-ein sächsisches Pferd aus der Zucht des Königshofes, die Farbe ist
-ganz weiß und Mähne und Schweif glänzen wie Silber. Sahst du das Roß,
-Rigbert, so sprich.«
-
-»Wohl sah ich das seltene Tier.«
-
-»Zwölfjährig ist es jetzt,« fuhr Immo eifrig fort, »und es mag meinen
-Friedel noch tragen, wenn er das erste Mal in die Schlacht reitet;
-denn ein altes Roß und ein junger Held, sagt das Sprichwort, gehören
-zusammen. Wie saß das Kind auf meinem Rosse?«
-
-»Sah ich recht, so trug das Roß den ältesten deiner Brüder, den sie Odo
-nennen.«
-
-Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab auf die Stiege und
-packte den Mönch. »Odo, sagtest du, der jetzt Erbe ist an meiner
-Statt. Mir nahm er die Hufen und die Herrschaft im Lande, jetzt
-entwendet er auch dem Bruder mein letztes Geschenk. Vergessen bin ich
-und verachtet ist mein Gedächtnis und im Knechtdienst lebe ich wie
-einer, den sie im Kriege gefangen haben.« Er warf seinen Leib dröhnend
-gegen die Holzwand, ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihm die
-Glieder.
-
-»Ganz töricht gebärdest du dich, Immo. Wie darfst du den Bruder
-schelten? nicht er hat dich zu uns gebracht und ein Zufall kann gewesen
-sein, daß er das Pferd tauschte.«
-
-Immo aber antwortete nicht und der Mönch harrte schweigend, bis der
-heftige Anfall vorüber war. Endlich richtete sich Immo auf und frug
-ruhiger: »Bringst du mir Botschaft von der Mutter?«
-
-»Den Segen deiner Mutter trägt dir Vater Reinhard zu, wenn der Herr Abt
-es gestattet. Achte darauf, Immo, daß du dem Fremden gefällst, denn
-wisse, als Meister der Schule ist er in dies Kloster gesendet und von
-morgen ist er dein Herr.«
-
-»Er wird widerwillige Diener finden in der äußern Schule. Ist er ein
-Geselle wie der arge Tutilo?«
-
-Der Mönch sah unruhig um sich. »Du sprichst lauter als in Klosterwänden
-geziemt,« und bittend fuhr er fort: »Immo, du hast mir Güte erwiesen,
-seit du unter den Dächern des heiligen Wigbert umherfährst, und du hast
-mir erlaubt, dein Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die
-Hand durch den Zaun zureichen durfte; laß dich jetzt mahnen an unsere
-Treue in der Schule. Liebst du dein Leben und dein Glück und wünschest
-du Gutes für die Tage deiner Zukunft, so füge dich dem neuen Lehrer;
-denn soweit ich ihn erkenne, ist er von mildem Herzen, aber von der
-strengen Zucht, und ich meine, es kommt eine andere Zeit auch für die
-Höfe des heiligen Wigbert. Vieles hörte ich raunen in den Zellen der
-Brüder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel lebten.«
-
-Immo lachte. »Sage das den Vätern. Ich sah vorhin durch das Schalloch,
-wie sie um die Heuhaufen im Reigen sprangen, und sie hielten die Mägde
-des Dorfes an der Hand.«
-
-»Schweig,« raunte der Mönch, »war das Tun nicht gut, darüber im Kloster
-zu sprechen ist Frevel, nicht uns allein steht Fasten und Rutenschlag
-bevor; mit den Scholastikern werden sie anfangen.«
-
-»Unsere Fleischkost ist mager,« spottete Immo, »wollen sie uns gebieten
-zu fasten, so müssen wir den alten Katerweg über die Dächer wandeln,
-du kennst ihn ja wohl?« Der Mönch bekreuzigte sich. »Dann laufen wir
-zur Nacht in den Wald und beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir
-im Holze gebraten und du kennst ein Loch im Zaune, durch welches gute
-Bissen auch in die Klausur gereicht wurden.«
-
-Flehend sah der Mönch den Spottenden an: »Ich habe es gebeichtet und
-gebüßt.«
-
-»Ich hoffe, die Pönitenz war nicht hart, Bruder Rigbert,« lachte Immo,
-doch herzlicher fuhr er fort: »Ich weiß, daß du mir in guter Meinung
-rätst und will mich wahren, so sehr ich kann. Doch jetzt erzähle,
-Landsmann, von deinem eigenen Vaterhause im freien Moor, das sie
-Friemar nennen. Wie lebt Baldhard der alte, dein Vater, und Sunihild,
-deine Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, so oft ich durch das
-Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt und manch warnendes Wort sprach dein
-Vater, das ich ungern vernahm, obwohl er recht hatte. Aber ich mußte
-ihn mit Ehrfurcht hören, wegen seines weißen Haars und weil er meinem
-Vater wert war. Wenn er in unsern Hof kam, erhielt er immer den besten
-Herdsitz; denn es ist, wie du weißt, von alter Zeit gutes Vertrauen
-zwischen dem Edelhof und dem Freihof.«
-
-»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und Mutter sah ich nicht,«
-klagte Rigbert leise; Immo starrte ihn erstaunt an. »Für mich war
-geschrieben, du sollst Vater und Mutter verlassen; ich wandte das
-Gesicht ab, als ich das Haus zwischen den Linden erkannte, damit den
-Heiligen meine Entsagung gefalle und mein Gebet für die Eltern Erhörung
-finde.«
-
-Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten weg auf den Balken
-der Turmluke und starrte schweigend ins Freie. Als er sich nach einer
-Weile umwandte, bemerkte er mißfällig das gesenkte Haupt und die
-gefalteten Hände des Mönches, und begann ungeduldig: »Merke wohl,
-Rigbert, dürftig ist die Kunde, die du mir aus der Heimat zuträgst.«
-
-»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern in Thüringen,«
-versetzte Rigbert vorsichtig.
-
-»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?«
-
-»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden und ohne Wächter
-arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur deine Mutter sprach bekümmert
-mit Vater Reinhard.«
-
-»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt, ich muß dich
-unfreundlich schelten.«
-
-»Viel mehr habe ich dir gesagt als mir zu sagen recht ist. Nur weil ich
-noch meine Reisekutte trage, getraute ich mich so mit dir zu sprechen.
-Wenn die Väter heute abend zur Hora rufen, dann flehe ich die Brüder
-fußfällig an, daß sie alle für mich wegen meiner Reisesünden beten,
-dann hoffe ich, wird ihr Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die
-Vergebung gewinnen. Sonst spräche ich nicht mit dir, wie ich jetzt
-getan. Daran denke, Immo, und zürne mir nicht.«
-
-»Gutwilliger als du will ich dir verkünden, was wir hier im Kloster
-vernahmen,« begann Immo versöhnt. »Ein Heereszug steht bevor und
-gewaltiges Getöse von Speer und Schild. Die Herrschaft des neuen Königs
-Heinrich, dem die Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben,
-zerreißt in Stücke, sein ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn auf der
-Fulda, als sie beim Tauwind brach. Überall schlagen die Eisschollen
-gegeneinander. Täglich erzählen in unsern Herbergen die Gäste und die
-armen Wanderer, daß alles schwankt, was fest war. Der streitbare Held
-Hezilo, der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den König erhoben,
-mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs, dann der tapfere
-Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen, auch die Slawenherzöge
-und viele Fürsten des Reiches. Die Mönche behaupten, daß der König
-geringe Hoffnung hat, seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier
-in der Nähe rufen ihre Dienstmannen, werben Reisige und treiben Rosse
-und Rinder in ihre Burgen, keiner traut dem andern und alle schreien,
-daß der große Streit um das Reich ausgefochten werden soll, sobald die
-Ernte von den Feldern herein ist. Ich aber hoffe, wenn erst die Waffen
-um Wigberts Haus dröhnen, wird auch mir gelingen hinauszufahren.«
-
-»Sinnst du so Arges,« sprach Rigbert unwillig, »dann ist dir jedes Wort
-schädlich, das ich aus der Fremde berichtete und mich reut's, daß ich
-dir den Frieden der Seele verstörte.«
-
-»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden?« frug Immo lachend,
-»bald wirst du merken, daß die Väter in der Klausur grade so
-zwieträchtig gegeneinander stehen wie die Kriegsleute draußen. Denn
-unser Abt, Herr Bernheri, will dem König dienen, Tutilo aber ist ein
-Oheim des Babenbergers Hezilo. Oft hören wir durch den Zaun Geschrei
-der Mönche und heftige Worte, bald für König Heinrich, bald für den
-Hezilo.«
-
-Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu.
-
-»Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren,« rief Immo, indem
-er mit großem Satz zu dem Mönche sprang und seine Hand faßte, »denn
-lange habe ich nach dir ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst
-du daheim Gutes oder Böses von dem Manne, der den Söhnen Irmfrieds
-feindselig denkt, obgleich er der Bruder ihres toten Vaters ist. Hast
-du vernommen, für welchen König mein Oheim Gundomar in das Feld reitet?«
-
-»Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim König Heinrich, dem er seit
-lange vertraut ist, und man rühmt ihn als gewaltigen Kriegsmann.«
-
-»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur einmal sah ich ihn,
-als ich noch ein Kind war, da schleuderte er mich aus seinem Wege, daß
-ich mit blutendem Haupt auf dem Boden lag. Mir wäre willkommener, gegen
-ihn im Felde zu stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der
-äußeren Schule sind alle für König Heinrich.«
-
-Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönche sprach, glitt dieser
-lautlos die Treppe hinab. Immo stand allein und seufzte schwer. Was er
-aus der Heimat gehört hatte, machte ihm das Herz nicht leichter und der
-neue Lehrer war ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen Blick warf
-er vom Turme hinab, um dem Tutilo oder andern Dekanen nicht über den
-Weg zu laufen, dann eilte er abwärts und wand sich zwischen Gebäuden
-und Hecken den Gärten zu. Da er hinter sich Tritte von Männern und
-Pferden hörte, fuhr er durch eine Lücke des Zauns, die ihm wohlbekannt
-war, auf die andere Seite der grünen Wand und pries sein gutes Glück,
-als er aus dem Versteck den gefürchteten Tutilo erkannte, welcher,
-zur Reise gerüstet, neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange
-zuschritt. Immo wußte, daß der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus des
-Klosters lag und wunderte sich über die Vertraulichkeit, mit welcher
-der Reisige den stolzen Mönch behandelte, denn er ging, sein Roß am
-Zügel führend, sorglos auf der Ehrenseite und trug den schlechten
-Eisenrock mit der Haltung eines Fürsten. Während Immo vom Wege wich,
-wechselten die beiden den Scheidegruß. »Lebe wohl, Vetter,« sprach der
-Fremde, »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner Gastbank, denn die
-neugierigen Augen deines Volkes und die gewundenen Fragen machten mir
-Sorge.«
-
-Tutilo lächelte. »Viele der Wigbertleute kennen den Grafen Ernst von
-Angesicht und wohl alle haben von deinem Heldenwerk vernommen, welches
-die Wanderer rühmen. Grade deinetwegen schwärmt heut mein ganzes Volk
-in der Ferne auf grünem Rasen, der Pförtner aber ist mir treu. Dennoch
-rate ich, daß du ohne Säumen aufbrichst. Vertraue mir, ich hindere
-die Reise zum Könige, welche unser Abt den Dienstmannen des Klosters
-bereitet.«
-
-»Denke auch daran,« unterbrach ihn der Fremde eifrig, »uns das Land
-offen zu halten für den Zug unserer Heerhaufen, welche wir aus Sachsen
-und Thüringen erwarten. Denn ich kenne den falschen König, er ist
-behend wie ein Wiesel und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet,
-ich sorge, er reitet eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter, sehe ich
-dich wieder, so rüstest du mir ein Festmahl in der Abtei.«
-
-Der Mönch sprach den Segen und der Fremde schwang sich auf das Roß. Als
-der Hufschlag in der Ferne verklang, schritt auch Tutilo der Pforte zu,
-an welcher ihn Reinhard erwartete.
-
-Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann spähte er durch die
-Tür des Arzneigartens, und als er den alten Sintram darin sah,
-trat er vorsichtig ein und näherte sich dem Mönch, welcher mit dem
-Grabscheit vor einem kleinen Gesträuch stand und unverwandt eine Blume
-betrachtete. Der Jüngling sprach seinen Gruß, der Alte nickte ihm
-freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die Hand und wies auf das
-Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann Immo die unwillkommene
-Arbeit, der er sich nach Klostersitte nicht entziehen durfte.
-
-Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er endlich in seiner
-Freude das Schweigen brach: »Sieh diese Rose, die ein Bruder dem
-Wigbert aus Gallien gebracht hat; wie eine Kugel war sie geschlossen,
-aber die liebe Sonne hat ihr den Mund geöffnet; blicke hinein, schöne
-Farben hat sie und zahllose Blätter. Halte deine Nase näher heran, denn
-die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig und die bösen Geister, welche
-in den Leib fahren und Siechtum bereiten, fürchten den Duft und meiden
-ihre Nähe. Die Weisen sagen, sie ist von dem Herrn in den Erdgarten
-gesetzt, damit sie dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist
-das Herz geschlossen bis das Licht des Glaubens darauf fällt, dann
-öffnet sich seine Seele der himmlischen Liebe.«
-
-Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf die Rose, aber
-anderes lag ihm mehr im Sinn. »Zeige sie auch dem neuen Magister,
-welcher, wie man sagt, aus der Fremde gekommen ist, um die Schüler
-Dialektik zu lehren.«
-
-»Du hast die Wahrheit gehört,« versetzte der Alte vorsichtig.
-
-»Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von mir, denn ich
-fürchte, andere werden ihm allerlei Nachteiliges in das Ohr raunen.
-Leidvoll wäre es mir, wenn er feindselig gegen mich handelte, denn er
-kennt meine Mutter und mein Geschlecht, er hat die Macht mir zu schaden
-und seine Fürsprache mag mir helfen, daß ich von der Schülerbank
-gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage ich, wie du weißt, dies
-Gewand.«
-
-»Sorge du nur ihm zu gefallen,« mahnte der Alte, »er hat wohl selbst
-Augen und wird schwerlich der Meinung anderer folgen. Mir scheint, er
-hat dich bereits gesehen, da du unter den Dohlen saßest.«
-
-»Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fünfzehn Jahr sind,
-fürchten sehr seine Rute, es wäre gut für ihn und uns, wenn er
-Nachsicht übte. Die erste Bank ist harter Streiche nicht gewohnt und er
-wird es schwer finden, das edle Blut über die Bank zu legen.«
-
-»Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen,« versetzte der Gärtner,
-»du selbst möchtest dafür büßen. Jetzt aber wende dich abwärts, Immo,
-dort naht Bruder Bertram aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne
-Erlaubnis einzudringen.«
-
-»Grade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich flehe, daß
-du bei ihm mein Fürsprecher werdest. Denn ganz unsicher sind die
-Tage meiner Zukunft, und wenn ich das Kloster verlasse, so weiß ich
-niemanden, der meiner Jugend mit gutem Rat zuhilfe kommen wird. Dein
-Geselle aber hat im letzten Winter freiwillig verheißen, daß er mir,
-bevor ich aus dem Kloster scheide, als Gabe die Weisheit übergeben
-will, welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille vertraut
-haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre für würdig erachtet, so
-ersehne ich, daß er sie mir jetzt oder doch bald einmal spende. Du aber
-zürne mir nicht, daß ich darum zu dir komme. Ich weiß ja, Vater, daß du
-mir nichts Übles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest
-der Rotkehlchen einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich weiß auch, wer
-ihn hingestellt hat.«
-
-Der Alte lächelte vergnügt. »Die Rotkehlchen sind listige Vögel, sie
-tragen mancherlei hin und her. Auch ich fand in diesem Frühjahr, als
-mir meiner Sünden wegen die Gicht in die Hand gefahren war, ein Paar
-Fausthandschuhe von Otterfell bei meinem Gerät, ich habe nicht gefragt,
-woher sie kamen.« Er sprach das letzte zu seinem Gesellen Bertram, der
-langsam herangewandelt war und ebenfalls sein Grabscheit in der Hand
-hielt. Die beiden Alten blickten einander bedeutsam an und Bertram,
-welcher der ernsthaftere war, setzte das Gespräch fort, als wenn er
-die früheren Reden gehört hätte und begann feierlich: »Darum nahest
-du auch jetzt zu günstiger Stunde, denn heut ist der Tag, wo ich dir
-schenken will, was ich dir einst versprach und was ich bis jetzt als
-mein Geheimnis bewahrte, wie ich es von einem Oheim erhielt, der es als
-Kriegsmann in der größten Not seines Lebens erprobt hat. Mir selbst
-vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut für Weltleute und nicht
-für Mönche, dir aber kann es wohl frommen, denn ich merke, dein wilder
-Mut wird dich bald einmal über den Zaun des Klosters hinaustreiben.
-Tritt abwärts aus der Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes, denn
-nur im Dunkeln darf ich dir's geben.« Der Alte wandte sich einer Ecke
-des Gartens zu, wo ein großer Apfelbaum seine Zweige tief zur Erde
-breitete, ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling, Sintram machte den
-Beschluß. So schritt Immo zwischen den beiden Spatenträgern in den
-Baumschatten, dort blieb Sintram im Sonnenlichte zurück, Bertram aber
-trat an den Stamm und winkte den Jüngling nahe zu sich. Er stützte den
-Spaten an den Baum, faltete die Hände und murmelte sein Kredo, dann
-begann er feierlich: »Vielerlei Lehren gibt es, welche den Mann fest
-machen, wenn seine Gedanken sich unsicher wälzen; und die heilsamsten
-von allen sind die heiligen Befehle, welche verkündet sind. An diese
-gedenke vor andern. Die Lehren aber, welche ich für dich bereit halte,
-vermögen dir nicht zu helfen in der Freude und nicht beim Gelage und
-nicht bei Kauf und Verkauf, aber sie sind gute Helfer in der Not. Neige
-dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis meiner Gabe bewahrt bleibe und
-gelobe mir, daß du sie nicht auf die Zunge nehmen und von dir geben
-willst außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.«
-
-Das gelobte Immo.
-
-Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde, reichte dem Jüngling
-einen in seine Hand und sprach feierlich: »Drei Lehren sind es und
-eine, mit denen ich dich begabe, öffne dein Ohr und halte sie fest. Die
-erste bedeutet, daß dem Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten
-darf; und sie lautet:
-
- Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein behaupten
- kannst.«
-
-Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram den zweiten
-Halm: »Dieser Spruch soll dich mahnen, wenn du einem Freunde
-unwillkommene Kunde ins Haus trägst, daß du sie ihm vertraust, bevor
-der Staub auf deinen Schuhen verweht ist; und der Spruch lautet:
-
- Üble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten und dem
- Wirt das Herz krank.«
-
-Zum dritten Halm sprach er:
-
- »Mißachte den Eid, der in Todesnot geschworen wird. Wer dir
- Liebes gelobt, sich vom Strange zu lösen, der sinnt dir Leid,
- so oft er des Strickes sich schämt.«
-
-Und beim vierten gebot er:
-
- »Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter Hauch sei
- für den Helfer, der um deinetwillen das Schwert hob.«
-
-Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte, beschloß Bertram
-die Begabung, indem er gerührt sagte: »Es ist Brauch, daß der Spender
-heilsamer Lehren ein Entgelt dafür erhalte. Da du wenig hast und ich
-wenig nehmen darf, so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene
-Pelzhandschuhe als Gegengabe anrechnen. Wegen des Otterfells aber hat
-dich der Gerber verraten, und wir wissen auch, daß dir's Herr Bernheri
-geschenkt hat, als du ihm die Otter lebendig brachtest. Und jetzt
-neige dein Haupt, mein Sohn Immo, damit ich dich segne; denn du hast
-die Weisheit meiner Vorfahren empfangen und ich will flehen, daß sie
-deinem Leben nütze, wie sie denen genützt hat, die sie vor dir besaßen.
-Wenn du sie aber mißachtest und ihr zuwider handelst, so siehe zu, daß
-die Verachtung sich nicht an dir räche.« Immo beugte das Haupt in die
-Hand des Alten und empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem
-Schatten in die Sonne, die beiden Greise blickten einander zufrieden
-an und führten ihren Günstling zur Gartentür, dort begann Sintram:
-»Merke auch noch dies von meinetwegen. In all deiner Zukunft sorge
-dafür, daß du immer jemanden hast, der für dich zu den Himmelsherrn
-betet. Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich für dich und auch ich
-gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemüt längst erkannt,
-obgleich du unbändig dahinfährst. Aber wir beide sind alt. Oft hören
-die Himmlischen nicht gern die Worte eines Bedrängten, weil er ihnen
-durch seine Missetat verleidet ist, wenn aber ein anderer für ihn
-bittet, so fühlen sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der,
-welcher in der Not allein die Hände faltet ohne einen Helfer. Darum
-gehe in Frieden, Immo, und denke auch darauf, daß du dem Präpositus
-nicht mißfällig wirst.«
-
-Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen Gesichter, welche
-einander ähnlich waren wie zwei Äpfel desselben Baumes, er neigte sich
-tief vor ihnen und entwich. Langsam schritt er die Hecke entlang,
-setzte sich endlich in den Schatten einer Mauer und wiederholte und
-bedachte in der Stille die Lehren des Bertram. Dann sprang er auf und
-schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor der großen Klosterpforte
-neben dem Haus des Pförtners stand. Dort lagen im Wachthause zu jeder
-Zeit einige kleine Dienstmannen des Klosters und dort weilte Immo am
-liebsten; er hatte daselbst auch seine besten Genossen, obgleich die
-Dekane das nicht zu wissen brauchten.
-
-Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen, welche von
-den Knechten entladen wurden, während ein bejahrter Dienstmann im
-Schuppenhemd, die Blechkappe in der Hand neben seinem Rosse stand und
-geduldig den Arbeitenden zusah. »Gib mir ein Pferd, Hugbald,« begann
-Immo leise zu dem Kriegsmann, »daß ich mit dir reite.«
-
-Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf einen handfesten
-Mönch zwischen den Heuwagen -- es war der Bruder, welcher dem Pförtner
-in seinem schweren Amt als Trost beigegeben war. Immo verschwand in
-dem Stalle. Als die entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren,
-bestieg auch der Reisige sein Roß, hielt unter dem Tore an und sprach
-mit dem Mönch, der auf den Verschluß achten sollte. Da stob Immo auf
-flüchtigem Pferde an den Redenden vorüber und war außer Rufes Weite,
-bevor der Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Der Vater
-Pförtner hat mir befohlen,« rief der unzufriedene Mönch, »diesen nicht
-ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat, ohne Erlaubnis auf St.
-Michael zu reiten, aber er wischt dahin wie ein Feuermann in der Nacht.«
-
-»Laß ihn immerhin,« begütete der Dienstmann, »mir ist es recht, wenn
-ich heut einen schnellen Knaben an der Seite habe. Denn um dir meine
-Meinung zu sagen, ich werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts
-Knechte und Gespanne vollzählig zurück erhältst.«
-
-»Du verkündest, was üble Ahnung macht,« rief der Mönch erschrocken.
-»Wie mag uns Gefahr drohen, leben wir doch in Frieden mit den Nachbarn.«
-
-»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer Waldwiesen,
-und ich kenne den Schwarm. Die Dohlen sind es aus den Buchen des Grafen
-Gerhard, sie fliegen gern dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um
-unsere Marksteine schwebten sie und lachten untereinander.«
-
-»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten, doch nicht uns,« tröstete
-der Mönch, »denn wir im Kloster beten jedes Jahr für den Grafen Gerhard
-und für die Seele seines Vaters.«
-
-»Es ist wohl möglich, daß die Vögel sich darum nicht kümmern,«
-versetzte Hugbald. »Auch sah ich etwas im Holze des Grafen blinken, ich
-meine, es war eine Helmkappe. Du selbst magst erwägen, ob die Mannen
-des Gerhard an diesem heißen Tage den Eisenhut tragen, weil sie das
-Heufest des Klosters feiern.«
-
-»Harre, daß ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage,« rief der Mönch.
-
-»Unnütz wäre die Mühe,« versetzte der Dienstmann, die Achseln zuckend,
-»ich ritt hierher, weil ich der Meinung war, die Reisigen unseres Herrn
-Abts von St. Peter als Helfer zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor
-einem Sonnenblink auf fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir,
-wegen der Heuernte an das Tor des Abtes zu reiten. Auch hat in Wahrheit
-das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen gesandt, vielleicht, daß sie
-mit den Heugabeln ihre Tapferkeit erweisen. Doch sollte mir das Pferd
-straucheln, so wird der Jüngling dort zurückreiten und euch mahnen,
-daß ihr das Glockenseil zieht.« Der Reiter nickte und trabte den Wagen
-nach, der Mönch verschloß kopfschüttelnd das Hoftor.
-
-Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte, welcher hinter einem Gebüsch
-seiner harrte, begann er: »Dein Pferd hast du gut gewählt, wenn du
-dich heut im Felde gegen einen Feind tummeln willst, aber den Stecken
-in der Hand vermag ich nicht zu loben; er ist nur gut, um einen Hund
-zu treffen, nicht aber eine Eisenhaube. Auch dein Strohhut wird dir
-schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein Schwertschlag
-erreicht.«
-
-»Denkst du an Hiebe?« frug der Jüngling und richtete sich hoch auf.
-
-»Wer über das Feld reitet, darf immer daran denken,« versetzte Hugbald
-vorsichtig, »darum nimm noch eine Warnung. Wenn du merken solltest,
-daß Bewaffnete gegen mich sprengen, so treibe die Weiber mit den
-Rechen hinter einen Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du
-berichten kannst, daß ich mich ehrlich gehalten habe.«
-
-»Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn ich an deiner
-Seite reite,« sagte Immo stolz und trieb sein Pferd zum Sprunge.
-
-Hugbald lächelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach dem nahen
-Berge, wo der Abt sein Haus hatte. »Dennoch ist es schwer, zwei
-Gebietern zu dienen. Dort oben liegen wackere Gesellen müßig, welche
-bei einer Schlägerei im Heu wohl den Rücken decken könnten. Aber was
-einem Herrn gefällt, will der andere nicht leiden.«
-
-»Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten, sie zu
-rufen.«
-
-»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne,« versetzte Hugbald
-kopfschüttelnd. »Lieber vertraue ich auf die Hilfe des heiligen
-Wigbert, denn ich habe ihm, solange ich lebe, nie etwas genommen
-und manchen Schlag zu seiner Ehre getan, warum sollte er mich also
-mißachten.« So ritten sie ohne anzuhalten an St. Peter vorüber dem
-Laubwald zu, welcher in weitem Kreise die Niederung umschloß.
-
-
-
-
-2.
-
-Die Gesellen.
-
-
-Die beiden Mönche zogen nebeneinander durch das Flußtal, Tutilo hoch
-zu Roß, Reinhard demütig zu Fuß; in heißem Sonnenlicht stiegen sie den
-Hügel hinauf, auf welchem Herr Bernheri, der Abt, sich ein kleines
-Kloster erbaut hatte, ganz nach seinem Herzen, seinen Mönchen zum
-Trotz. Es sah einer Burg ähnlicher als einer heiligen Zelle, hinter
-dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem offenen Tor saß auf seinen
-Spieß gestützt ein Kriegsmann. Gemächlich erhob er sich, empfing mit
-geringer Kopfneigung den Segen, welchen Tutilo spendete, und führte ihn
-in den Hofraum. Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute Haus
-des Abtes, eine zweistöckige Kemenate mit einem Vorhaus, dessen Dach
-auf schön geschnitzten Holzsäulen ruhte, daneben erhoben sich Ställe
-und ein umhegter Raum, aus welchem unablässig das Gebell vieler
-Hunde klang. Gegenüber dem Haus des Abtes ragte eine hölzerne Halle
-für das Kriegsvolk, auf den schattigen Stufen dehnten sich mehrere
-Bewaffnete, ihnen gesellt zwei Mönche. Die großen Trinkkannen, welche
-dazwischen standen und das laute Gelächter der Trinker bewies, daß
-diese Klosterleute nicht unter strenger Zucht lebten. Tutilo begann
-bitter, während er einritt: »Du weißt, mein Bruder, St. Petrus war ein
-Kriegsknecht, er trug ein Schwert in der Nacht, da der Herr verraten
-ward; darum gefiel es auch dem Abte, diese Behausung von Jägern und
-Schwertträgern als eine Burg St. Petrus zu gründen.« Die eintretenden
-Mönche störten die lustige Gesellschaft, die Klosterbrüder eilten
-herzu und während sie um den Segen baten, blickten sie spähend und
-mißtrauisch nach dem Präpositus.
-
-Als ein Mönch von St. Peter die Glocke der Abtei gezogen hatte, trat
-Eggo, der vertraute Kämmerer des Abtes, in die Tür und führte die Gäste
-eine Wendeltreppe hinauf in das Gemach, wo Herr Bernheri am liebsten
-zu weilen pflegte. Dort sah man zwischen den Säulen und Rundbogen der
-kleinen Fenster in ein Waldtal hinab, und im Vorgrund auf grüne Weiden
-und wogende Ährenfelder, das große Kloster Wigberts aber sah man nicht.
-Über dem Tisch in der Mitte des Raumes lag eine Decke, welche zierlich
-mit der Nadel gestickt war, auf dem hohen Lehnstuhl weiche Kissen.
-Geweihe, die an der Wand befestigt waren, dienten als Haken, woran
-Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen: Hornbogen und Köcher, Eberspieße
-und große Halsbänder mit eisernen Stacheln für die Jagdhunde.
-
-Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit großem Haupte; dem
-geröteten Gesicht und den dicken Augenlidern merkte man an, daß er
-sorgfältig den Wein seines Kellers prüfte; er trug einen langen
-Hausrock von feinem dunklen Tuch, am Halse ein goldenes Kreuz. Die
-Mönche knieten nieder, Tutilo zögernd und mit steifem Nacken, so daß
-man den Zwang erkannte.
-
-Der Abt blickte unzufrieden auf den Präpositus und begann, während er
-mit flüchtiger Handbewegung den Segen erteilte: »Ungern sehe ich heut
-dein Gesicht, Tutilo, da du doch die Brüder, wie ich höre, in das
-Heufest gesandt hast. Es wäre besser, wenn du deine gefurchte Stirn den
-Heimkehrenden entgegenhieltest, damit ihnen die weltliche Fröhlichkeit
-aus dem Herzen schwände. Aber auch die krächzende Krähe flieht gern
-dorthin, wo sich die Habichte niederlassen.«
-
-»Du selbst, Herr und Abt von Wigbert, vergleichst dich mit dem Habicht,
-der sich in dem Klostergut niedergelassen hat,« versetzte Tutilo
-schnell aufstehend, »ich aber und mancher von den Brüdern meinte,
-daß in der Notzeit des Klosters den Brüdern gezieme, ihren Groll zu
-vergessen und einträchtig auf Nützliches zu denken, was die Gefahr
-abwenden kann.«
-
-»Du sprichst gut,« versetzte der Abt ungnädig, »sorge dafür, daß deine
-Taten der Rede nicht widersprechen. Kommst du auch ungeladen, sitze
-dennoch nieder, ob du dem Kloster deine Treue erweisen kannst.« Er
-winkte dem Mönch Eggo, dieser verschwand und trug drei große silberne
-Becher und eine Weinkanne herzu, die er auf den Tisch stellte, er
-selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes. Dieser setzte sich
-gewichtig, winkte den Gästen zu beiden Seiten Platz zu nehmen und
-sagte auf die Becher weisend: »Es sei erlaubt. Ich freue mich deiner
-Ankunft, Reinhard. Deine Klugheit ist rühmlich bekannt, du hast
-dich den Heiligen unserer Kirche in meine Hand zugeschworen und als
-vertrauten Boten habe ich dich nach Thüringen gesandt, damit du gleich
-einem Fremden ohne Gunst und Haß die Höfe des Klosters bereisest und
-mit eigenen Augen alles erkundest, denn üble Nachrichten erhalten wir
-aus jedem Gaue. Jetzt berichte von unsern Höfen und von den Zellen,
-in denen unsre Brüder hausen, damit wir alles erfahren, wenn es auch
-unwillkommen ist.«
-
-Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus, auf dem die Hufen und
-Höfe des Klosters verzeichnet waren und begann den Reisebericht. Es war
-eine lange Reihe von Klagen der Verwalter über Gewalttat der Grafen
-und Widerspenstigkeit der Verpflichteten. Als er innehielt, tat Herr
-Bernheri einen tiefen Trunk und sprach darauf seufzend: »Solange ich
-lebe, habe ich erfahren, daß die Frommen spenden und die Gottlosen
-nehmen. Sonst waren der Frommen mehr und der Gottlosen weniger. Wie ein
-Weiher ist das Klostergut, in den die kleinen Quellen rieseln; wenn er
-aber gefüllt ist, kommen die Müller des Teufels, öffnen ihre Gräben und
-leiten die Flut wieder ab über ihre Mühlräder. Ich sorge, der Weiher
-wird einmal leer und meine Mönche werden wie Karpfen in mißfarbigem
-Schlamme zappeln.«
-
-»Wer kommendes Unglück meldet, dem danken wir, wenn er auch sagt, wie
-zu helfen ist. Unerhört ist es, daß ein neuer Bruder die Geheimnisse
-des Klosters erfährt, welche sonst nicht einmal den Dekanen bekannt
-sind,« fiel Tutilo mit rauher Stimme ein. »Leichter ist es Klagen
-vorzutragen, als die Hilfe zu finden.«
-
-»Du selbst weißt ja, mein Vater,« antwortete Reinhard, »wo die beste
-Hilfe zu finden ist. Die Heiligen fragen vor allem, ob unsere Brüder
-nach der heiligen Regel ihren Dienst tun. Den Säumigen aber entziehen
-sie ihre Gnade. Manches sah ich in St. Wigberts Kloster, was nicht nach
-der Regel war.«
-
-»Sage das doch den Mönchen in Fulda, in Corvey und sonstwo, überall ist
-der Mutwille größer als bei uns,« rief Tutilo zornig, »und lebt ihr
-in Altaha, die ihr euch als starker Beter rühmt, deshalb in größerer
-Sicherheit?«
-
-»Gern verkünde ich dir, o Herr, auch Günstiges,« fuhr Reinhard ruhig
-fort, »nämlich, daß unter den Waldleuten, welche bei unserer Zelle
-Ordorf wohnen, ein neuer Eifer erwacht ist. Die Brüder, welche du
-dorthin gesandt hast, leben in froher Hoffnung, denn sie meinen, großes
-Unheil sei ihnen widerfahren. In mehr als einer Nacht sahen die Brüder
-Licht in der Kirche und als Hunibald der Magister einst aufstand und
-hineinging, erkannte er einen Schein über der Platte, unter welcher,
-wie die Sage geht, der selige Vater Meginhard, der Genosse des heiligen
-Bonifacius, bestattet ist. Viel erzählen sie dort von den christlichen
-Heldentaten, die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt hat.
-Die Laien drängen sich in die Kirche und beten auf seinem Grabe und
-große Heilungen von schweren Leiden werden berichtet, die an dieser
-Stätte ganz plötzlich gelungen sind. Das läßt Hunibald dir durch mich
-mit Freuden verkünden.«
-
-Der Abt schüttelte unzufrieden das Haupt. »Ich kenne den Sinn unserer
-Brüder in Ordorf, sie sind gutwillig, aber unbesonnen und ihrem Glauben
-fehlt die Prüfung. Ich kenne auch alte Vetteln, welche von einer
-Stätte zur andern laufen und ihre Gebresten heilen lassen, damit man
-sie rühme, auf den Schultern trage und mit guter Kost füttere. Die in
-Ordorf mögen sich wahren, daß die Kinder der Welt uns nicht verspotten
-und daß nicht zuletzt ein großes Skandalum aus dem Wunder werde.«
-
-»Es ist nicht begehrliches Volk allein, welches zuströmt, auch ehrbare
-Leute rühmen die Wunderkraft des seligen Bekenners.«
-
-»Und vermagst auch du sie zu rühmen nach dem, was du gesehen hast?«
-frug der Abt prüfend.
-
-»Ich hatte, wie du weißt, nicht die Zeit und nicht das Amt, nach der
-Wahrheit zu forschen,« versetzte Reinhard.
-
-»Ich aber meine,« rief Tutilo, die Faust auf den Tisch setzend, »daß
-den Heiligen zu Herolfsfeld ein übler Dienst geschieht, wenn der selige
-Memmo zu Ordorf einen Zulauf als Wundertäter erhält und am Ende gar zu
-Rom als Heiliger aufgenommen wird. Denn die Leute in den Waldlauben
-werden froh sein, wenn sie einen besonderen Fürbitter gewinnen, und die
-Edlen werden bei König und Papst bald darauf antragen, daß wir Ordorf
-aus unserer Klosterzucht entlassen und daß dort oder in der Nähe eine
-eigene Abtei gegründet wird, und Meginhard würde sich schnell als ein
-großer Räuber am Wigbert erweisen. Deshalb rate ich, daß wir unsern
-Heiligen getreu bleiben und uns nach Kräften bemühen, die Wunder zu
-stillen und nicht landkundig zu machen.«
-
-Der Abt nickte. »Er spricht das Richtige. Wenn ein Lichtschein dem
-Kloster helfen könnte, so vertraue ich, würden unsere Fürbitter es auch
-bei uns nicht daran fehlen lassen. Weißt du eine andere Hilfe, mein
-Bruder, wenn auch durch weltliche Mittel?«
-
-Reinhard antwortete demütig: »Wenn ich das Schicksal deiner Herrschaft,
-Herr, erwäge, so finde ich, daß dieser zu sehr fehlt, was ihr Schutz
-und Sicherheit gewähren könnte. Durch ganz Thüringen liegen die Hufen
-und Höfe zerstreut in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgütern der
-Grafen; aber klein ist die Zahl der Vögte und der Bewaffneten, welche
-für das Kloster Helm und Schwert tragen. Mächtiger ist der Abt von
-Fulda, um vieles reicher an Vasallen; am mächtigsten der Erzbischof
-von Mainz, denn seine Kriegsleute lagern sicher in der großen Stadt
-Erfurt. Die Mönche von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber sinnen
-Ungünstiges für dein Kloster und breiten sich aus dir zum Schaden,
-auch in den Waldlauben an dem Rand der Berge, wo sonst deine Herrschaft
-fest gegründet war. Darum meine ich, dir tun vor allem Burgen not
-mit treuer Besatzung. Als ich von Erfurt nach Ordorf zog, sah ich in
-der Ebene, wo das Gebirge beginnt, einen Ring von Hügeln, auf denen
-Warten und Burgen stehen, sie schließen einen Weiher und Wiesen ein,
-schwer ist der Zugang, denn viele Teiche liegen am Saum der Hügel. Dort
-ragt im Hintergrunde die Wassenburg, welche dem Kloster gehört, doch
-sie ist halb verfallen. Der ganze übrige Bergwald aber und das Land
-darum gehört dem Geschlecht des Jünglings Immo, der in der Schule des
-Klosters gehalten wird. Dies Geschlecht beherrscht von den Bergen wie
-von einem großen Wall die Landstraße und die Umgegend. Und ich höre, es
-bringt gern seine Spenden zum Kloster.«
-
-»Gut hast du gesehen, mein Bruder,« rief der Abt, »ich kenne die roten
-Hügel und ich weiß, daß sie gewaltig sind, aber sie sind freies Erbe
-eines Geschlechts, welches seit der Urzeit im Lande haust, und ich
-meine nicht, daß sie ihr Erbe dem Kloster gutwillig in die Hand geben
-werden.«
-
-»Vielleicht würden sie selbst als Vögte ihre Burgen bewahren, wenn sie
-zum Heil ihrer Seele dieselben vorher den Heiligen in die Hand gegeben
-hätten,« versetzte Reinhard.
-
-»Wahrlich, Bruder,« sprach Tutilo, »als ich zuerst von deiner Sendung
-hörte, war sie mir widerwärtig; was du aber hier kündest, ist dasselbe,
-was auch ich für eine gute Hilfe des Klosters halte und ich muß deine
-Klugheit preisen.«
-
-»Ich aber kenne unsern Schüler Immo und seine Sippe,« warf der Abt ein,
-»hochfahrend ist ihr Sinn.«
-
-»Was die Kinder der Welt ungern tun, dazu zwingt sie oft die Angst
-vor der Hölle des üblen Teufels,« sprach Reinhard. »Dennoch würde
-ich nicht an diese Hilfe gemahnt haben, wenn mir nicht Frau Edith,
-die Mutter des Immo, vertrauliche Botschaft an dich, meinen Herrn,
-aufgetragen hätte und zwar gerade wegen dieser Burgen. Denn sie fleht
-dich an, daß mir erlaubt sei, dem Sohn ihren Segen zu bringen und ihn
-mit einer guten Nachricht zu erfreuen. Das Geschlecht hat beschlossen,
-die Mühlburg als Angebinde an das Stift zu Erfurt zu geben, damit der
-Schüler Immo dort Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis
-unserm Kloster enthoben. Seht selbst zu, meine Väter, ob unser Kloster
-dadurch Vorteil gewinnt. Sehr bereitwillig werden die Erzbischöflichen
-zu Erfurt sein, die Burg zu empfangen, für uns aber scheint mir diese
-Wandlung verderblich.«
-
-»Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lämmerherde schauen,« rief Herr
-Bernheri.
-
-»Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert entschlüpfen,«
-drohte Tutilo.
-
-»Ich weiß einen, der das Seine getan hat, durch Stirnrunzeln dem
-Jüngling Immo das Kloster zu verleiden,« versetzte Herr Bernheri
-strafend.
-
-»Wäre der Knabe besser in die Klosterzucht gewöhnt worden, er würde
-nicht zurück in die Welt begehren,« entgegnete Tutilo, »auch die Weide
-biegt sich nur, wenn eine feste Hand sie zusammendreht. Und ehe ich
-leide, daß die Burg den prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geöffnet
-wird, zwinge ich den Schüler mit eigner Hand in die Klausur.«
-
-»Du wirst es schwer finden, ihn in der Büßerzelle zum Mönche zu
-schlagen, mein Bruder,« versetzte der Abt. »In vielem hast du meine
-Herde verleitet, aber schwerlich wird sie dir folgen, wenn du das Kind
-aus dem Geschlecht unserer Guttäter durch Zwang zurückhalten willst.
-Ich rate dir, daß du lieber dem Bruder Reinhard vertrauest, denn nicht
-allein wegen seiner Grammatik und Dialektik gefiel es mir, ihn hierher
-zu laden, sondern weil er die Kunst versteht, die Herzen der Jugend
-zu gewinnen und, damit ich metaphorice spreche, auch junge Stoßvögel
-an die Hand zu gewöhnen. Versuch du, mein Bruder, ob du die Neigung
-des Knaben für den Wigbert gewinnen kannst. Er ist ein Falk aus den
-thüringischen Bergen, diese ertragen schwer die Kappe, sind sie aber
-gebändigt, dann stoßen sie freudig. Und jetzt gefällt mir, daß wir uns
-erheben. Manches andere will ich mit Bruder Reinhard allein verhandeln.
-Du aber, Tutilo, ziehe zurück und zähle die Heuwagen, bis es mir
-passend erscheint, dich zu rufen oder bis ich selbst hinuntersteige und
-den Konvent der Brüder versammle, welchen du Übles gegen mich in das
-Ohr raunst.«
-
-Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesröte als er sich erhob. »Du aber,
-Abt Bernheri, gedenke nicht, das Wichtigste den Brüdern zu verbergen
-und im Rücken des Klosters die Wahl zu treffen über den König, dem wir
-in Zukunft dienen sollen. Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem
-Kampf, der sich um die Krone erhebt, und doch ist dies die nächste
-Sorge und eine größere als um Hufen und Burgen. Meine nicht, Bernheri,
-mich zu hintergehen. Wenn du auch Abt bist, du selbst würdest es schwer
-entgelten, denn mein ist die Sorge, daß das Heiligtum nicht durch dich
-mit Unehren beladen wird.«
-
-»Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brüderschaft,« rief Herr
-Bernheri ebenfalls zornig, »so sorge auch, daß der Reiter, welcher
-dir die Botschaft des Markgrafen zugetragen hat und der verborgen
-im Gasthause liegt, spurlos verschwinde, bevor ihn meine Reisigen
-ergreifen. Dich selbst könnte ich Verräter nennen; ein Wink von mir,
-und du kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurück. Aber seit vielen
-Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen und auch jetzt
-gedenke ich, weil ich älter und klüger bin als du, dich zu behandeln
-wie einen Trunkenen, von dem geschrieben steht, er weiß nicht was er
-tut.«
-
-Tutilo verließ das Zimmer ohne Gruß, der Abt ging heftig auf und ab,
-endlich ergriff er die Kanne, setzte sie aber mit einem Seufzer wieder
-hin. »Selbst der Wein schadet zornigem Gemüt und ich begehre nicht,
-unwilliger auf ihn zu werden, als ich bereits bin.«
-
-»Ich aber bringe dir,« begann Reinhard, ein Pergament aus der Kutte
-ziehend, »den Gruß des Königs und seine Mahnung, daß du die Reisigen
-des Klosters ohne Verzug sammelst und durch die Wälder von Fulda zu
-seinem Heere sendest. Damit auch du seine Gnade erkennst, o Herr,
-sendet er dir, was du lange ersehnt und erbeten hast, die Schenkung des
-Bannwaldes um St. Peter, der bisher Königsgut war. Du mögest sorgen,
-mahnt der König, daß die Treue des Klosters sich ebenso bewähre wie des
-Königs Gnade.«
-
-Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde: »Die besten Hirsche
-zwischen Fulda und Main halte ich in diesem Pergament,« aber bald
-verdüsterte sich sein Blick. »Du hast gesehen, mein Bruder, wie jener
-unholde Mann gesinnt ist; nach allen Seiten murrt er den Leuten Arges
-in die Ohren und hat die Knechte Wigberts ganz vom König abgewandt,
-nicht weiß ich, ob ich noch Herr bin im Kloster und über meine
-Schildträger. Dennoch will ich tun, was ich vermag, indem ich den
-Konvent zusammenrufe. Du aber eile dem Tutilo nach und rühme unterdes
-im Kloster die Schenkung, damit die Unzufriedenen mein Herrenwort
-williger anhören.«
-
-Während der Abt dem Mönche die letzten Befehle gab, erscholl auf
-den Feldwegen, die zum Kloster hinführten, Jauchzen und Gesang; die
-Brüder und Mannen auf dem Petersberg drängten zum Tore hinaus und
-sahen neugierig in das Tal hinab. Hochbeladen in langer Reihe kamen
-die Heuwagen heran, auf den Wiesenbäumen darüber saßen und ritten die
-Buben des Dorfes schreiend und die Arme schwenkend. Hinter den Wagen
-schritten zwei Spielleute mit Sackpfeife und Fiedel, sie führten eine
-lustige Weise spielend die Schar der Arbeiter. Denn Männer und Frauen,
-mit Laub und Wiesenblumen bekränzt, hielten einander an den Händen und
-sprangen trotz der Arbeit des heißen Tages lustig den Reigen; vom Pfade
-ab zogen sie die Kette bald seitwärts über die Flur, bald zwischen
-den Wagen hindurch. Ihnen folgten die Herren des Klosters, voran die
-beiden Schulen; auch die Schüler sprangen und tanzten durcheinander,
-manche saßen zu Pferde und trieben die Gäule zu lustigen Sätzen. Sogar
-die Väter gedachten nicht sehr ihrer Würde, mehr als einem war das
-Haupt schwer, so daß er von den andern geleitet werden mußte, und man
-merkte auch, weshalb er so unsicher schwankte, denn ganz am Ende fuhr
-ein Wagen mit leeren Fässern, welche zwischen den Brettern kollerten,
-und mit Trinkgefäßen, deren Henkel an die Leiterbäume gehängt waren.
-Endlich hob ein Bruder sein lateinisches Trinklied an und viele
-stimmten ein und sangen die Schlußverse mit kühnen Bewegungen der Arme,
-und eilte eine Magd, die sich verspätet hatte, bei dem langen Zuge der
-Väter vorbei, dann geschah es wohl, daß einer der Begeisterten sie
-in den Arm kniff oder auch in die Backen. So wälzte sich der Schwarm
-schreiend und singend dem Kloster zu. Die untergehende Sonne warf ihr
-goldenes Licht auf heiße Gesichter und glänzende Augen, die Treiber
-knallten mit ihren Peitschen um die Wette, sogar die Tiere schritten
-lustiger vorwärts.
-
-Plötzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege, wo ein Pfad von Osten
-heranlief, die Buben auf den Heuwagen sprangen empor und wiesen in
-die Ferne, die Wagen hielten an, die vordersten Knechte schrien nach
-rückwärts, Spiel und Gesang endete in einem Mißton. Denn von dem
-Seitenweg her tönte wilder Klageruf widerwärtig in die Festfreude.
-Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der Klosterleute vom Holze
-her dem Flußtale zu, mit gesenkten Häuptern und Wehgeschrei trugen
-sie einen undeutlichen Gegenstand heran. Die Leute im Zuge verstanden
-wohl, was der Ruf bedeutete, dort war einer erschlagen, und die
-Rüstigen liefen über das Feld dem trauernden Haufen entgegen. Zu
-einem wirren Knäuel vereinigten sich die beiden Haufen. Die Knechte
-peitschten ängstlich ihre Gespanne zu schnellerem Schritt, um sie in
-den Klosterhöfen zu bergen, die andern umstanden entsetzt eine Bahre,
-auf der ein todwunder Mann lag. Schnelle Fragen und Antworten folgten
-einander, Heugabeln und Messer wurden geschwenkt und an Stelle des
-lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf über das weite Tal.
-Tutilo spornte sein Roß zu schnellen Sätzen. Als der gefürchtete
-Mönch in das Gedränge stob, fuhren die Leute auseinander, im nächsten
-Augenblick aber begann wieder Wehgeschrei und Totenklage. Der Mönch
-sprang ab, beugte sich über den Mann und sah nach der schweren
-Kopfwunde. Dann gebot er, ihn in das Krankenhaus des Klosters zu
-tragen, und forderte Bericht über die Missetat. »Wo sind die Gespanne?«
-frug er unruhig um sich blickend, »wo ist Hugbald?«
-
-»Die Gespanne geraubt, die Knechte geschlagen und fortgeführt, Hugbald
-gefangen und mit ihm der Scholastikus Immo,« riefen ihm die Leute
-entgegen, bis auf seinen Wink der alte Bruder Bardo vortrat und
-stöhnend das ganze Unheil verkündete. Die Waldwiesen, auf denen Bardo
-die Heumahd zu ordnen hatte, lagen weitab von den übrigen Gründen,
-welche auf den Höfen des Klosters bewirtschaftet wurden. Sie waren
-neuerer Erwerb, doch niemand hatte beim Auszuge geahnt, daß dort
-ein Feind lauere. Ungestört hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor
-gemäht und das Heu gewendet, nur von einem Bewaffneten begleitet,
-wie bei fernen Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war. Aus Vorsicht
-hatte heute Hugbald geboten, daß die Knechte ihre Rosse abspannen und
-während die Heuhaufen gesetzt wurden, unter Aufsicht eines Reisigen auf
-freier Höhe, von der weite Umschau war, zusammenhalten sollten, bis er
-selbst das Einbringen gebiete. Als er endlich gekommen war, begleitet
-von dem Schüler Immo, hatten die Knechte ihre Gespanne zu den Wagen
-zurückgeführt. »Schon vorher war uns unheimlich geworden,« kündete
-Bardo, »denn wir hatten in der Ferne hinter den Büschen einzelne
-Bewaffnete erkannt, welche hin und her ritten. Grade als sich der Zug
-der beladenen Wagen in Bewegung setzte, brach ein Schwarm Reiter aus
-dem Holz und ritt über die Felder auf die Gespanne zu. Unsere Reisigen
-hoben die Wurfspeere und warfen sich ihnen entgegen, auch die Knechte
-ergriffen die Heugabeln und sprangen gegen die fremden Reiter, aber
-klein war die Zahl der unsern, im Nu waren sie umringt. Der Mann,
-welcher auf der Bahre liegt, fiel sogleich vom Rosse in sein Blut, nur
-Hugbald schoß den Wurfspeer und schlug mit dem Schwerte, drei waren
-gegen ihn, doch der Jüngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen
-sie, ich sah zwei vom Pferde stürzen und die ledigen Tiere laufen. Ganz
-tapfer hielt sich unser Scholastikus und er hatte den Hugbald frei
-gemacht, aber dieser rief: »wie mag ich zurückkehren ohne die Wagen«
-und warf sich aufs neue einem andringenden Haufen entgegen, bis er
-entwaffnet und mit Weiden gebunden war, und gleich ihm der Jüngling
-Immo; darauf wurden auch die Knechte übel geschlagen und gefesselt.
-Mit großem Gefolge stob Graf Gerhard, den wir alle kennen, heran und
-rief mit zornrotem Gesicht: »Verderben über euch, ihr Wigbertleute,
-mein ist das Heu, mein die ganze Markung. Nichtig ist die Schenkung,
-deren ihr euch von meinem Vater her mit Unrecht rühmt; die Gespanne
-und eure Dienstleute treibe ich fort, eine geringe Entschädigung sind
-sie für den Verlust, den ich durch viele Jahre von euch erlitten.
-Läßt sich noch einer von euch Geschorenen auf dieser Flur blicken, so
-sollen ihm meine Gewappneten die Haut über die Ohren ziehen. Ihr Mönche
-aber wandelt stracks zurück, nur die heulenden Mägde lasse ich euch.
-Und saget eurem Abt: will er seine Dienstleute lebend wiedersehen, so
-soll er sich eilen das Lösegeld zu senden, denn ich gedenke sie nicht
-lange im Kerker zu füttern. Hinweg mit euch, denn euer Anblick ist mir
-verhaßt.« So ritt er mit einem Fluche aufwärts dem Buchenwald zu und
-hinter ihm zogen die Heuwagen und die Gefangenen. Wir aber standen
-weinend um den gefällten Mann, mühsam trugen wir mit den Weibern seinen
-Leib auf den Baumästen hierher.« Als der Alte geendet hatte, begannen
-die knienden Weiber wieder ihr Wehegeschrei und der Racheruf der
-Wigbertleute klang durch das Tal.
-
-Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Häuptling, der die Zahl
-seiner Getreuen mustert. »Sie sagen, Graf Gerhard will für König
-Heinrich ins Feld reiten, hier merket die Treue der Königsmannen. Als
-ein Walddieb ohne Aufkündigung des Friedens hat er das Kloster ruchlos
-gekränkt. Ihr aber, fromme Knechte des Wigbert, gedenkt der Vergeltung,
-schreit zu den heiligen Nothelfern um Rache, daß sie ein gehäuftes Maß
-Unheil über den Verfluchten senden, bereitet eure Wehren, schlagt an
-der Glocke des Erzengels den Notschlag zur Warnung für alle, die noch
-im Felde sind, daß sie sich sammeln, und entzündet die Feuerzeichen
-auf den Höhen, damit auch die Entfernten wissen, daß unser Kloster von
-Feinden bedrängt ist. Folgt mir zu den Höfen, damit wir um Tor und
-Mauer sorgen, denn aus dem Frieden sind wir gesetzt in Unfrieden und
-auf Abwehr denken wir und Vergeltung. Du aber, Bardo, bändige deinen
-Schreck und ziehe jene Straße nach St. Peter, damit du einen andern
-Bericht gebest; ich sehe dort den Abt Bernheri herabsteigen, geringe
-Freude wäre mir, ihm jetzt zu begegnen.« Er schwang sich auf sein Roß
-und sprengte voraus dem Kloster zu, einem Kriegsmann ähnlicher als
-einem Mönch. Den andern aber hob sich der Mut, als sie seinen wilden
-Zorn erkannten, und hinter ihm eilte der Schwarm von Männern und
-Weibern auf der Landstraße dahin, während Bardo mit den Brüdern, die
-das Unglück geschaut hatten, traurig dem Abte entgegenging.
-
- * * * * *
-
-In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote Schein vieler
-Kienfackeln die Holzwände und die rußigen Balken der Decke. Gegenüber
-der Tür führten einige Stufen zu dem erhöhten Raum, auf welchem der
-Herrentisch stand, dort brannten große Wachslichter, ein weißes
-Tischtuch war aufgedeckt und neben den Tontellern blinkten silberne
-Kannen und Becher. In der Halle waren zwei lange Tafeln gerichtet
-mit Sitzen darum, und unten an der Tür eine dritte kleine, alle mit
-Holzgerät und irdenen Krügen bestellt.
-
-Der Kämmerer des Grafen trat an die Tür der Halle und blies auf einem
-Horn, das er am Halse trug, den Ruf zum Mahle in den Hof. Klirrend
-drangen die Schwertmannen in die Halle und reihten sich hinter den
-Holzstühlen, auf der rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb,
-wo das Tischtuch aufhörte, ihre Knechte, auf der linken Seite die
-unfreien Hofleute mit den Knechten. Die Freien waren meist bäuerische
-Genossen, welche lungernd in den Dörfern des Grafen saßen, bis sie zum
-Schwertdienst entboten wurden, die Unfreien aber, obgleich sie die
-schlechtere Bank besetzten, achteten sich für heldenhafter, weil viele
-von ihnen im Herrenhof hausten, täglich hinter dem Grafen ritten und
-schönes Gewand und gute Rosse von ihm empfingen. Die Freien wiederum
-waren stolz auf ihre Herkunft und verachteten die Knechtschaft der
-Geschmückten, so daß die beiden Bänke in Eifersucht lebten. Ganz unten
-an der Tür aber, getrennt von den andern, harrten an besonderm Tisch
-die beiden Fechter, Ringrank und der Sachse Sladenkop, unehrliche
-Leute, welche ihr Blut dem Grafen verkauft hatten und öffentlich
-mit scharfem Eisen gegen ihresgleichen kämpften, oder auch heimlich
-jedermann niederschlugen, so oft es ihr Lohnherr gebot.
-
-Der Kämmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und gab ein zweites
-Hornzeichen. Da öffnete sich eine schmale Tür der Hinterwand und Graf
-Gerhard trat selbst herein, hinter ihm seine Tochter Hildegard, welche
-den kleinen Bruder an der Hand führte. Der Graf hatte seinen eisernen
-Kettenrock mit einem hellen Hauskleide vertauscht, das bis über die
-Knie herabging und von breiter gestickter Borte umsäumt war, darüber
-trug er am weißen Ledergurt sein Schwert, an den Beinen hohe rote
-Strümpfe und schön gestickte Schuhe. Er war wohl älter als fünfzig
-Jahr, in seinen schrägen Augen glitzerte das Weiße, so daß den Leuten
-sein Blick nicht gefiel, und da die niedrige Stirn stark zurücktrat und
-seine Nase sich lang über den fränkischen Schnauzbart gegen das spitze
-Kinn dehnte, so hatte er wegen seines wölfischen Aussehens den Beinamen
-Isegrim erhalten. Gern wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die
-Jungfrau, sie schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt, welche
-ihr weißes Ärmelgewand mit buntem Gürtel und Saume so stolz trug,
-auf langes, blondes Haar, das durch ein blaues Band über der Stirn
-zusammengehalten wurde, und auf ein rundliches Kinderantlitz, über dem
-der unwiderstehliche Zauber der Unschuld lag.
-
-Der Graf winkte, und als das Horn zum drittenmal rief, stiegen aus dem
-Hofe der Truchseß mit den Küchenknaben und der Mundschenk mit dem Küfer
-in die Halle und sie setzten die Speisen und große Trinkkrüge auf die
-Tafel. Der Herr trat zu seinem Lehnstuhl, nahm die Mütze ab und hielt
-einen Augenblick das Gesicht hinein, alle neigten die Häupter und
-mancher Fromme schlug das Kreuz, dann rückten die Burgleute kräftig die
-Stühle, zogen ihre Messer aus der Scheide und begannen schweigend die
-Arbeit des Mahles.
-
-»Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu,« begann der Graf, einen Becher
-hebend, »und mit Stolpern und Ausgleiten endete der Reigentanz der
-lustigen Mönche. Trinkt, Bankgenossen, und sorgt, daß der Ausgang so
-rühmlich sei als der Anfang.« Heller Beifallsruf erhob sich und die
-Trinkkannen wurden in der Luft geschwenkt. »Führt den alten Hugbald
-mit seinem Knaben aus dem Turme herbei. Sie waren die einzigen, welche
-wacker die Reiterwaffe gebrauchten, sie sollen nicht Schwarzbrot kauen,
-während wir uns des Mahles freuen.« Zwei Knechte eilten hinaus; nach
-einer Weile wurden Hugbald und Immo eingeführt, beide waffenlos. Als
-sie auf der Schwelle standen, rief der Graf durch den Saal hinab:
-»Tritt näher, Alter, lagere dich dort unter meinen eisernen Knaben.«
-Er wies auf den Tisch zur rechten Seite, wo zwischen den Rittern
-und Knechten eine Bewegung entstand, und mahnte wohlwollend: »Laßt
-ihn das Tischtuch haben, denn er trug manches Jahr seine Sporen als
-ein ehrlicher Gesell und soll ungekränkt von meinen Tellern essen.«
-Hugbald ging schweigend auf den Platz, welcher ihm geräumt wurde, und
-antwortete gleichmütig auf die Grüße und Spottreden seiner Nachbarn.
-
-»Hüpfe auch du auf die Bank, junger Klosterkauz,« gebot der Graf und
-winkte Immo, welcher an der Tür stehen geblieben war.
-
-»Ladet Herr Gerhard mich ein, in seiner Halle niederzusitzen?« frug
-Immo errötend, aber mit einer Stimme, die hell durch den Raum klang.
-
-»Öffnet ihm eine Ecke,« befahl der Hofherr zu den Knechten gewandt.
-Aber Immo eilte mit gehobenem Haupt durch die Halle dem Tisch des
-Grafen zu, er stieg die Stufen zum Herrensitz hinauf und drängte
-mit der Hand den Kämmerer, der ihn aufhalten wollte, beiseite. »Dir
-würde geziemen, mir den Stuhl zu rücken,« rief er. So trat er auf
-die Erhöhung, trug einen Sessel neben die Tochter des Grafen, sprach
-freundlich nach allen Seiten grüßend: ~pax domini vobiscum~ und
-setzte sich. Graf Gerhard sah sprachlos vor Erstaunen auf den kecken
-Eindringling. Ȇbel gedeihe dir deine Frechheit; seit wann klettern die
-Schüler in den Abtstuhl. Doch Wunderliches hören wir über die Unordnung
-in Wigberts Hofe.«
-
-»Im Hofe des Heiligen sitze ich demütig an der Schülerbank, bei euch,
-Herr, ziemt mir der Stuhl in eurer Nähe.«
-
-»Werft den Schamlosen von seinem Sitz,« befahl der Graf zornig.
-
-»Dann führt mich zurück in den Turm,« rief Immo, »denn bei allen
-Heiligen des Himmels, an keiner Bank lagere ich, keinen Bissen und
-keinen Trunk nehme ich in diesem Saal, wenn mir nicht ein Ehrensitz
-bereitet wird, wie ihn mein Vater erhielt, wenn er diese Burg betrat.«
-
-»Wer bist du, Knabe, daß du mir unter meinem eigenen Dache zu trotzen
-wagst?«
-
-»Es ist Immo, Herr, Sohn des Helden Irmfried, welcher das Banner der
-Thüringe im Lande Italien trug,« bedeutete ein alter Dienstmann in der
-Nähe des Grafen, »und darin hat er recht, die Männer seines Geschlechts
-haben von je einen Herrenstuhl begehrt.«
-
-»Jetzt erkenne ich dich, Immo,« versetzte der Graf ruhiger, »bei meinem
-Schwert, früh krümmt sich der Haken. Dennoch sollen meine Knaben dich
-abwärts führen, da du kein Krieger bist, sondern nur ein halber Mönch.«
-
-Immo errötete vor Zorn. »Ich aber meine, daß eure Reisigen meinen Arm
-gefühlt haben, fragt nach, wenn es euch gefällt, ob die Stöße nur
-halb waren und in Mönchsweise gegeben, oder nach Art eines ehrlichen
-Kriegers. Und wenn ich wüßte, daß die Starken, gegen welche ich
-geritten bin, in diesem Saale wären, so würde ich sie gern friedlich
-begrüßen und sie bitten, daß sie ihren Groll gegen mich schwinden
-lassen. Denn ich habe nur getan, wozu ich als Geselle des Hugbald
-verpflichtet war, und ich hoffe, auch sie ehren den Spruch: auf der
-Heide schlagen, beim Trunke sich vertragen.«
-
-Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen: »Hast du
-auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen, lustiger Immo, so will
-ich dir doch Bescheid tun, wenn der Graf dir einen Trunk verstattet.
-Denn laut dröhnte dein Holz an meiner Eisenhaube, und ich schulde
-dir noch einen Dank vom letzten Kirchfest, wo ich allein gegen eine
-Anzahl Klosterleute rang und du mir zu Hilfe sprangst, damit der Kampf
-ehrlicher sei. Treffe ich dich mit einem Schwert aber später auf grünem
-Grunde, dann zahle ich dir die Streiche zurück, und du magst sie
-tragen.«
-
-Ein beifälliges Gebrumm ging um die Bänke.
-
-»Wohlan,« entschied der Graf, »da du dich vor meinen Mannen nach Gebühr
-zu entschuldigen weißt, so will auch ich heut an die Ehren deines
-Vaters gedenken. Siehe zu, ob du meine Tochter Hildegard erbitten
-kannst, daß sie deinen Stuhl in ihrer Nähe leidet, denn sie ist gleich
-dir vor kurzem aus der Klosterschule geschlüpft, und sie soll dir wie
-ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir andern aber wollen ruhig
-zuschauen, wenn sie über dem Scholastikus zu Gericht sitzt.«
-
-Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor sich hin.
-
-»Sei mir hold,« bat Immo, »da du doch aus der Schule bist.«
-
-Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn, dann sah sie
-wieder vor sich hin.
-
-»Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard?« frug der Graf unwillig.
-»Sechs teure Rosse haben die frommen Frauen genommen, um dich in ihrer
-Zucht zu unterweisen, obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre
-als das unverständliche Murmeln in fremden Zungen. Mich reut meine
-Spende, wenn du dem dreisten Schüler nicht zu antworten vermagst.«
-
-»~Cave ne iram augeas~,« sprach das Mädchen leise, ohne den Schüler
-anzusehen.
-
-»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem Quell, was hast du
-ihm gesagt, Mädchen?« frug der Graf.
-
-»Sie hat mich gemahnt,« antwortete Immo sich erhebend, »daß ich mit
-ehrerbietiger Bitte euch nahen soll. Darum flehe ich, Graf Gerhard, daß
-ihr mir, wenn ich auch euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich
-nicht von eurem Tische sendet. Denn um euch alles zu sagen, gar nicht
-reichlich war heut die Mittagskost im Kloster und der Ritt zwischen den
-Rossen eurer Reisigen war auch einem fröhlichen Imbiß sehr ungleich,
-und gern würde ich Heil für euch und die Jungfrau trinken, wenn ich es
-vermöchte.«
-
-Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen erkannte,
-daß diesen die Art des Jünglings wohlgefiel, so lachte er und rief über
-die Bänke: »Wahrlich, dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst,
-auch andern Ehre zu geben. Darum gefällt mir, daß heut die beiden
-Lateiner zusammensitzen. Fülle deinen Becher, Hildegard, und biete ihm
-den Trunk, rücke ihm auch deinen Teller hin, denn als dein Geselle soll
-er heut von deinem Teller essen und aus deinem Becher trinken.«
-
-Das Mädchen schob den Teller zögernd nach dem Fremden hin.
-
-»Ich merke,« sagte Immo ärgerlich, »daß dir dein Geselle unwillkommen
-ist.«
-
-»Wundere dich nicht, Immo,« spottete der Graf, »du bist wie ein
-Frosch aus dem Klosterweiher herangehüpft. Ihr aber geht es wie der
-Königstochter, welcher auch ein Frosch zum Gesellen gesetzt war, stolz
-sah sie auf den Quaker, kalt erschien ihr sein Fell und nur mit zwei
-Fingern griff sie ihn an.«
-
-»Ja, so tat sie, Herr,« versetzte Immo dreist, »aber zuletzt wurde der
-Quaker doch ihr Gemahl.«
-
-Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut. »Mißfällt dir auch seine
-ungefüge Stimme,« gebot der Graf ergötzt der Jungfrau, »so fülle ihm
-doch den Becher.«
-
-»Trinke mir zu«, mahnte Immo, »dies ist mein Recht, da ich dein Geselle
-bin.«
-
-Hildegard berührte den Becher mit ihren Lippen, schob ihm den Becher
-hin und sagte leise: »Stille ein wenig den lauten Gesang, denn der
-Reiher schwebt über dir.«
-
-»Sieh zu, Frau Reiherin, ob meine Hand kalt ist wie eine Froschhand,«
-versetzte Immo, ihre Hand fassend.
-
-»Du wirst dreist, Herr Frosch,« antwortete das Mädchen, die Hand
-zurückziehend, »tauche zurück in deinen Quell.« Sie hob die Kanne und
-goß ihm den Becher voll.
-
-»Sei bedankt, Geselle,« sprach Immo. »Komme ich einmal aus dem Kloster,
-so sende ich auch dir etwas, das dir Freude macht.«
-
-»Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden bitter,«
-begann Hildegard zutraulicher, »denn selig waren die Tage meiner
-Jugend unter den frommen Frauen, und wilde Reden höre ich hier unter
-den Männern.«
-
-»Manches Vöglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich furchtsam auf dem
-Aste, zuletzt lernt es doch unter dem blauen Himmel fliegen,« tröstete
-Immo.
-
-»Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen Frauen getreue
-Pflege.«
-
-»Waren sie streng in der Schule?« frug Immo teilnehmend.
-
-»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden,« erklärte Hildegard,
-»und wir lasen im St. Augustinus und die Verse im Virgilius:
-~Conticuere omnes~.«
-
-»~Infandum regina jubes renovare dolorem~,« rief Immo, »manchmal hat
-mir der Heide den Kopf heiß gemacht,« und beide lachten vergnügt
-einander an.
-
-»Auch andere Kunst lernten wir,« fuhr Hildegard mutig fort, »denn im
-Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt und sie vergönnte mir,
-daß ich die Hymnen für mich schrieb. Ich habe auch das Buch genäht,
-ich habe es auch selbst in Holz gebunden und der Schmied hat acht
-Edelsteine in die Ecken gesetzt.«
-
-»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben,« versetzte Immo.
-
-»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur und bunten
-Seidenfäden. Sogar Goldfäden für die Kunstreichen fehlten selten im
-Kloster. Sieh her, das habe ich mir selbst gestickt,« und sie wies ihm
-die Verzierungen am Ärmel ihres Gewandes.
-
-Immo sah bewundernd darauf. »Dir ist es besser gelungen als mir. Aber
-beide sind wir Waisen, ich kam in das Kloster, weil mir der Vater
-starb, jetzt fürchte ich, daß bald einmal die Schere knipst, um mir das
-Haar zu scheren.«
-
-»Du meinst wohl, es sei schade um deine Locken,« spottete Hildegard,
-aber sie sah doch teilnehmend auf sein Haar, welches im Lichte glänzte
-und länger herabhing, als strenge Klosterzucht sonst den Schülern
-gestattete. »Wenn der Mutter Mechthild einmal die Goldfäden fehlen, so
-kann sie deinen Haarschopf dazu verspinnen.«
-
-»Lieber wäre mir, wenn dir gefiele, für mich einen Goldfaden aus deinem
-Gewande zu ziehen. Hier ist mein Finger, binde ihn mit deinem zusammen,
-da du doch heut mein Geselle bist. Denn wisse, das ist Brauch in der
-Welt.«
-
-»Das ist übler Brauch,« versetzte das Mädchen errötend, »ich vermöchte
-dich doch nicht bei mir festzuhalten. Auch habe ich vernommen, daß
-treue Gesellen solche Gewohnheit haben, sie sitzen beieinander auf
-demselben Zweige und singen dieselben Lieder. Deine Weise aber ist, wie
-ich merke, sehr ungleich der meinen.« Sie neigte das Haupt ein wenig
-auf die Seite und lud ihn durch einen lustigen Blick zum Wortkampf ein.
-»Mir gefällt's, wenn das Glöcklein im Kloster klingt, dann singen wir
-fromme Hymnen.«
-
-»Mir aber gefällt's, wenn das Waldhorn tönt,« antwortete Immo ebenso,
-»dann bellen die Hunde, dann springen die Hirsche und lustig reitet der
-Jäger im wilden Wald. Was sagst du dazu, mein Geselle?«
-
-»In deinem grünen Wald heult der Wolf und haust der wilde Bär,
-im Kloster aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne und danken dem
-Himmelsherrn.«
-
-»Mühselig ist es, immer den Kopf zu neigen und mit langsamem Fuße zu
-schleichen. Ich lobe mir den grünen Anger und bunten Klee, dort werfen
-die Knaben und Mädchen den Ball und springen den Reigen. Wie gefällt
-dir das, mein Geselle?«
-
-»Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer ziehen und blutige
-Streiche störten den Tanz; ich lobe mir, wenn das junge Geschlecht im
-Kreise sitzt und die Vorleserin Gutes aus den Büchern verkündet.«
-
-»Leicht kommt der Schlaf, wenn man tatlos kauert. Viel lieber schwinge
-ich selbst den Speer und das Schwert und reite im Eisenhemd über die
-Heide. Was sagst du dazu, mein Geselle?«
-
-»Ein Kriegsmann willst du werden,« rief das Mädchen erschrocken, »sie
-werden dich töten,« und sie vergaß das Redespiel.
-
-»Wenn sie das vermögen; ich aber will sorgen, daß es ihnen nicht
-gelinge.«
-
-Die Jungfrau sah scheu aus ihren großen Augen auf den Nachbar. Daß er
-nicht geistlich werden wollte, störte ihr die Sicherheit, sie schob ihr
-Gewand zusammen und schwieg.
-
-Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung und rief: »Mir
-ist heut manches schlecht gelungen, die Schwertleute haben sich an mich
-gehängt und mich hart geschnürt, und ich weiß nicht, was mir dein Vater
-ersinnen wird. Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben und ich
-könnte auf meinem Stuhl hüpfen. Ich fühle auch gegen niemanden Groll
-und es ist mir ganz lieb, daß sie mich gefangen haben. Ich weiß nicht,
-woher das kommt, wenn mir nicht darum so wohl ist, weil ich neben dir
-sitze und mit dir aus einem Becher trinke. Wonnig ist mir zumute und
-ich möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder auch singen.
-Aber mein Gesang würde nicht jedermann freuen, denn meine Stimme ist
-rauh. Noch anderes Recht habe ich als dein Geselle, und auch das sollst
-du wissen. Denn küssen darf ich dich, wenn ich will.«
-
-Hildegard erschrak und wandte sich ab. »Hüte dich, daß der Vater das
-nicht hört, schnell würde dein Ehrensitz dir genommen werden.«
-
-»Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn,« versetzte Immo
-übermütig, »und daß ich dich vor den Kriegsleuten nicht beschäme. Aber
-wenn ich dich einmal allein wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem
-Recht. Mögen die guten Engel fügen, daß dies bald geschehe.« Und er
-sang halblaut die Worte des Hymnus: »~Audi, benigne, Conditor, nostras
-preces cum fletibus~.«
-
-Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut andere Zeilen des
-Liedes entgegen; »~dona, per abstinentiam jejunet ut mens sobria~[1].
-Flehe zu den Heiligen, daß du nüchtern wirst, denn wie ich höre, redest
-du gleich einem Berauschten.«
-
-»Wie du geschickt zu entgegnen weißt,« rief Immo begeistert, »du bist
-ein sinnvolles Weib, wenn du mich auch verhöhnst.«
-
-Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem Wildbret und
-starkem Bier zugesprochen und nur einzelne Reden mit den Vertrauten,
-welche ihm zunächst saßen, gewechselt, jetzt lehnte er sich zufrieden
-auf dem Stuhle zurück und hörte die lateinischen Worte des Hymnus,
-welche seine Tochter sprach. »Merkt auf unsere Klosterleute,« rief er,
-»sie summen nach Art der Mönche mit geneigten Köpfen,« und da er im
-geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war, fuhr er fort: »Fremde
-Worte sprechen mag jeder, aber das Gesprochene verstehen ist schwerer.
-Vermagst du einzusehen, Immo, was das Mädchen zu dir gesungen hat?«
-
-»Ja, Herr,« versetzte Immo, »sie mahnt mich mäßig zu sein, damit euer
-Trank mir nicht das Hirn betäube.«
-
-»Allzu streng ist Hildegard,« lachte der Graf, »dir soll auch
-einmal etwas Gutes gegönnt sein. Obwohl ich erkenne, daß es dir an
-Dreistigkeit nicht fehlt, du junger Zaunkönig. Denn Zaunkönige nennt ja
-wohl das Volk die Männer deines Geschlechtes.«
-
-Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn. »Weil meine Vorväter als
-alte Landherren auf freiem Erbe saßen, deshalb haben die Mönche ihnen
-im Scherz den Namen Reguli, kleine Könige, gegeben.«
-
-Da rührte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des Grafen, welcher
-stattlich in rotem Gewande dasaß, weil er der Sprecher war und ein
-Liebling seines Herrn, und rief spottend in den Saal: »Eine Sage weiß
-ich. Als die Vögel den Genossen zum König wählen wollten, der sich am
-höchsten schwingen würde, barg sich ein Zwerg von Vogel in den Federn
-des Adlers und ließ sich hinauftragen bis dahin, wo er den Weltenherrn
-auf seinem Stuhle sah, dort flatterte er über das Haupt des Adlers und
-piepte: König bin ich. Da lachte oben der alte Gott in seiner Halle und
-unten schrien die Vögel im Zorn, bis der Herr des Erdgartens gebot, daß
-der Betrüger seine Krone nur heimlich in den Waldhecken tragen dürfe,
-wo ihm niemand zusieht. Darum heißt auch ihr Zaunkönige, weil eure
-Herrlichkeit im Busch versteckt ist.«
-
-Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: »Nicht dem Diener antworte
-ich, sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es ja wohl erfahren, Graf
-Gerhard, daß die Helden meines Geschlechtes ihr Haupt nicht in der
-Waldhecke bergen. Nie hat einer von meinen Ahnen sein Land vom König
-oder von der Kirche zu Lehen genommen, wie die erbelosen Franken und
-Sachsen, welche von der Dienerbank in das Land kamen, um bei uns Grafen
-zu werden. Manchen weiß ich, der sich jetzt rühmt, ein Edler zu sein,
-weil er als Diener eines Königs mit großem Gefolge reitet, obgleich
-seine Vorfahren aus der Küche und aus dem Stall geschlüpft sind.«
-
-Mißtönender Lärm erhob sich an den Bänken und die Hand des Grafen
-Gerhard griff nach dem Messer, das er an seiner Seite trug, der
-Jüngling aber sah mit blitzenden Augen über die Versammlung, stattlich
-stand er da trotz seinem Schülerkleide und rief laut in das Getöse:
-»Zürnt mir nicht, starke Helden, daß ich als ein unberühmter Jüngling
-vor euch meine Stimme erhebe. Aber keiner unter euch würde schweigend
-zuhören, wenn man seinem Geschlecht durch stechende Worte die Ehre
-mindert. Auch zu euch, Graf Gerhard, flehe ich, daß ihr ohne Kränkung
-vernehmt, was ich nur zur Abwehr sprach. Heil trinke ich euch und euren
-Kindern und Dank sage ich euch, wie dem Gaste gebührt.« Er leerte den
-Becher und setzte sich.
-
-Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen. »Ich höre, du
-hast unter den Mönchen gelernt, mit zwei Zungen zu reden.«
-
-»Überall rühmen die Leute,« versetzte Immo, »daß die Zunge eine gute
-Waffe ist und wir Schüler haben, wie ihr wißt, vor andern darin Ruf.«
-
-»Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der Mönche
-schneidet,« entgegnete der Graf, »vor andern aber bei den Mönchen des
-Wigbert, und wir alle wissen, daß ihr dort sehr ungeistlich lebet und
-der Gebete für arme Seelen wenig gedenkt. Auch von dir selbst, Immo,
-erinnere ich mich gehört zu haben, daß du wild in dem Kloster hausest
-und sogar den Mönchen üble Streiche spielst. Soll deine Rede mir
-besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem Streit
-mit den Geschorenen.«
-
-»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo ernsthaft, »die Rinder kämpfen oft mit
-ihren Hörnern gegeneinander, wenn aber der Bär naht, dann schließen sie
-sich einmütig zusammen und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wäre auch
-mir Unrecht, an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten, denn
-als ein Kind des heiligen Wigbert hast du mich ergriffen.«
-
-»Du sorgst schlecht für dein Wohl,« rief der Graf zornig, »wenn du
-dein Kloster in dieser Halle rühmst. Denn undankbar und treulos haben
-Wigberts Mönche an mir und meinem Geschlecht gehandelt. Oft habe ich
-mich enthalten, ihnen Übles zu tun, wo ich es doch vermocht hätte,
-und mühsam habe ich den Zorn meiner Mannen gebändigt, wenn sie die
-Rinder des Klosters begehrten und den Übermut eurer Dorfleute ansahen.
-Auch wegen der Wiesen und Fluren, von denen ich heut den geschorenen
-Schwarm vertrieben habe, ertrug ich schon lange das Unrecht. Denn
-meinem Vater gehörte der ganze Grund und er hat ihn, wie die Mönche
-behaupten, dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war, unter der
-Bedingung nämlich, daß sie seine arme Seele von dem Höllenfeuer frei
-beten sollten. Dies aber haben sie uns zum Unheil und zur Schmach
-versäumt. Und ihr alle sollt es wissen, was mir begegnet ist, damit ihr
-mein Recht gegen die Wigbertleute erkennt. Jämmerlich war das Gesicht,
-welches ich neulich hatte, da ich auf meinem Bette lag.« Er bekreuzte
-sich heftig und fuhr fort: »Ich sah im Traum eine unselige Gestalt von
-Flammen umgeben und mit glühenden Ketten an den Beinen gefesselt und
-ich erkannte, daß sie so gestaltet war wie mein Vater, da er lebte.
-Der traurige Geist wies auf den Grenzhügel, welchen die Mönche nach
-der Schenkung neu geschüttet haben, und seufzte: mein war es und dein
-soll es wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch den Leib, bis die
-Gestalt verschwand. Daraus erkannte ich deutlich, daß die Geschorenen
-als Lügner an meinem Vater gehandelt haben oder auch, daß ihr Gebet
-ganz unwirksam geworden ist, weil sie in Weltsünden leben; und darum
-beschloß ich, mein Eigentum wieder zurückzufordern. Vermag Wiese und
-Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der Himmelsburg zu erwerben,
-so soll dasselbe Land doch solchen, die mir treu sind, einen warmen
-Sitz auf Erden bereiten; denn es wird dazu helfen, zwei bis drei
-Kriegsleute mit ihren Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn
-zuteile.«
-
-Ein freudiges Geschrei ging um die Tische und laute Heilrufe erklangen
-dem Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften Trank und sah zufrieden
-über seine Bewaffneten. »Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn
-obgleich du dich heut trotzig an meinem Tische gebärdest, so will ich
-dich doch morgen zu deinem Abt entsenden, damit du ihm meine Beschwerde
-verkündest. Ich wähle aber dich, weil ich merke, daß du recht gut
-verstehst, deine Worte zu setzen und weil ich dich als nutzlosen
-Schüler nicht im Kerker bewahren mag. Die Geschorenen, welche mein
-Gesinde fing, habe ich entlassen, damit sie nicht als Gefangene in
-meinen Mauern Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in
-Banden, bis dein Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der Wiesen
-verträgt. Und ich fordere, daß er sich mit der Lösung beeile, wenn
-er sie lebend wiedersehen will, da ich sie nicht lange zu füttern
-gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich zu anderm Tausch. Denn zwei
-meiner Knechte, sattelfeste Knaben, liegen auf der Burg des Abtes
-verstrickt, weil sie neulich auf meinen Stuten beim Roßgehege des
-Abtes vorbeiritten. Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri
-aus und jagten eigenwillig hinter den Stuten her, und als meine Knaben
-den Füllen die Leine umwarfen, nur damit sich diese nicht in den Wald
-unter die Wölfe versprengten, da kamen Dienstmannen des Klosters herzu,
-schrien meine Leute trotz ihrer guten Meinung als Roßdiebe an, rissen
-sie von den Pferden und führten sie samt den Stuten nach dem Berg des
-Abtes. Mich aber kränkt dies Unrecht sehr und ich fordere meine Knaben
-und Pferde gegen den Hugbald und sein Pferd; das magst du deinem Herrn
-verkünden.«
-
-Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer aufs Herz, daß
-auch sein Geschlecht dem Kloster wertvolle Hufen verkauft hatte und er
-fühlte nicht den Drang, die Mönche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald,
-welcher mürrisch hinter seinem Becher saß, und begnügte sich, trotz der
-Freude über seine nahe Befreiung ruhig zu sagen: »Alles, was ihr mir
-auftragt, werde ich dem Herrn Abt berichten, auch euer Traumgesicht,
-wenn ihr das begehrt.«
-
-Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte, war ihr Antlitz gerötet
-und große Tränen rannen aus ihren gesenkten Augenlidern herab. Da
-erkannte er, daß die Jungfrau bitteres Leid über die Reden ihres Vaters
-empfand und sie wurde ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied ihn
-anzusehen, stand schweigend auf, hob den Bruder von seinem Sitz und
-erbat leise vom Grafen die Entlassung, der ihr gleichgültig durch
-eine Handbewegung gestattete aus der Halle zu scheiden. Und zu der
-Bank seiner Mannen gewandt, rief er: »Führt auch die Verstrickten in
-ihre Zelle zurück, wenn sie nüchtern abwärts steigen, so ist es ihre
-Schuld.«
-
-»Lebe wohl, Hildegard,« sprach Immo leise und faßte heftig ihre Hand.
-»Denke mein, lieber als alles auf der Welt wird mir sein, wenn ich dich
-wiedersehe.«
-
-»Sei auch du gesegnet,« antwortete Hildegard und neigte sich vor dem
-Vater. Immo freute sich, daß sie die Mannen stolz als Herrin grüßte;
-die kleine Tür öffnete sich und sie verschwand. Jetzt brannten die
-Fackeln dem Jüngling trübe, die wilden Mienen der Männer erschienen ihm
-unheimlich, und er folgte mit stummem Gruß dem Kämmerer. »Sorge dafür,
-daß die beiden Klosterkrähen einen besonderen Käfig erhalten und Stroh
-zu warmem Sitze,« rief der Graf unter dem Gelächter der Reisigen dem
-Kämmerer nach.
-
-Während Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er im Schlafe
-seines Kummers ledig wurde, saß Immo neben ihm in seligen Gedanken,
-er überlegte jedes Wort und jede Miene der Jungfrau, spät sank er in
-Schlummer.
-
-Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und vernahm noch wie
-im Traume ungnädige Entlassung und harte Worte aus dem Munde des
-Grafen. Als er aber auf das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger
-zuführte, ging eine junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber,
-legte ihm verstohlen etwas in die Hand und sagte leise: »Nimm zurück,
-was dir gehört.« In ein großes Lindenblatt war ein Blättchen Pergament
-gewickelt, auf dem Pergament stand mit schöner Schrift der Reisegruß:
-»Die lieben Engelein sollen dich hüten und segnen auf allen deinen
-Wegen;« rings um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden durch das
-Pergament gezogen. Er drückte das Blatt an seine Brust und barg es in
-seinem Gewande.
-
-Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des Grafen bis an die
-Grenze begleitet. Er fand das Tor St. Peters geschlossen, die Brücke
-gehoben, wurde von Bewaffneten angerufen und mußte längere Zeit harren,
-bevor ihm der Eingang gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher im
-Klosterhofe vor seinen Dienstmannen saß, vernahm unwirsch die Botschaft
-des Grafen und entsandte den Boten mit dem Mönch Eggo sogleich zur
-Fulda hinab in das Kloster. Auch das Kloster war in ein Kriegslager
-verwandelt, am Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie
-schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Roß und forderten Kunde
-von den Gefangenen. In dem Hofe der Reisigen drängten sich Kriegsleute
-und Knechte, das Rüsthaus war geöffnet und die Knechte trugen
-Eisenhemden und Waffen zu langen Reihen. In den Arbeitshöfen schwärmten
-die Brüder, aus der Klausur entlassen, aufgeregt durcheinander; bei
-der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten Arbeiter an den Treppen und
-Bänken für die Bogenschützen, und im Vorhof der Kirche stand Tutilo,
-ein Schwert über der Kutte, als Hauptmann der großen Burg, welche zur
-Verteidigung gerüstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo: »Hugbald
-liegt gefangen. Leichter hätte das Kloster dich entbehrt als seinen
-Dienstmann.«
-
-»Nicht mein ist die Schuld,« versetzte Immo, »daß Hugbald gegen die
-Feinde keine andere Hilfe fand als meinen Stab.«
-
-Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur Seite, Immo aber
-eilte zu seinen Genossen, welche vor allem froh waren, daß sie heut
-nicht durch den neuen Lehrer in die Schule gerufen wurden. Von ihnen
-umdrängt, berichtete Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor das
-Rüsthaus, wo die Älteren gewappnet wurden, um mit den Knechten die
-Mauer und die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo aber verkündete
-den Mönchen, daß Herr Bernheri am nächsten Morgen herabkommen werde,
-um die Brüder im großen Konvent zu versammeln. Mit düsteren Mienen
-vernahmen die meisten die Botschaft.
-
-Der ganze Tag verging im Getümmel; trotz der Nachricht, welche Immo
-gebracht hatte, sorgten die Mönche, daß der Graf einen Anlauf gegen
-das Kloster wagen oder daß seine Dienstmannen in Herden und Dörfer
-einbrechen würden. Bis zum Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge
-mit ihrer wertvollsten Habe, auch das Herdenvieh wurde herangetrieben
-von Anger und Weide, zuletzt kam noch der Sauhirt mit seiner Herde und
-die Brüder hatten Not, die Menge der Menschen und Tiere in den Höfen
-zu bergen. Als die Sonne unterging, war in dem Kloster, das sonst am
-Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getöse und
-Geschrei, die Rinder brüllten, die Schweine grunzten, die Schmiede
-schlugen auf die Speereisen und die Zimmerleute hieben Balken und
-Bretter für die Verschanzung.
-
-
-
-
-3.
-
-Der letzte Tag im Kloster.
-
-
-Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger als sonst
-drängten die Brüder herzu, heiß die Köpfe, gefurcht die Stirnen; und
-ein Summen, das nichts Gutes bedeutete, ging durch die Gemeinde. Als
-Herr Bernheri mit seinen Begleitern in den Chor trat, blieben die
-Nacken der Mönche steif und aus dem Summen wurde ein mißtönendes
-Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick überrascht bei seinem Sitz
-und sah auf mehr als hundertundzwanzig Häupter seiner aufsässigen
-Kinder, aber da er von Natur ein mutiger Mann war, wenn auch ermüdet
-durch Müßiggang und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen,
-blickte aus seinem großen Haupt herausfordernd über den Haufen und
-setzte sich steif in den Abtstuhl. Die Hora begann und der Abt selbst
-erhob die Stimme: »~Deus in adjutorium~«, aber unordentlich tönte der
-Gesang der Brüder und der Lektor eilte so sehr er konnte, versprach
-sich und mengte die Zeilen. Als die letzten Klänge verrauscht waren,
-begann wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich Herr Bernheri von
-seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock gelehnt gewichtig vor den
-Brüdern. Er eröffnete den Konvent durch den lateinischen Gruß und fuhr
-mit lauter Stimme fort: »Mein ist das Recht zu befehlen und euer die
-Pflicht zu gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt,
-die ganze Gemeinde zur Beratung versammelt; sorgt dafür, daß es mir
-nicht leid tue und daß es euch bei den Heiligen nicht zum Schaden
-gereiche, wenn ihr mir unbändig widersteht. Gutes und Übles habe ich
-euch zu verkünden. Das Gute ist von unserm Herrn, dem König Heinrich
-gekommen, denn er hat uns den großen Bannwald bei St. Peter, den wir
-uns längst ersehnt, mildtätig geschenkt.« Der Abt hielt an, aber
-keinerlei Beifall dankte für die Begabung, und der Abt setzte die Rede
-unzufrieden fort: »Das Üble aber kommt von dem Grafen Gerhard. Sehr
-gröblich hat dieser das Kloster geschädigt, durch den Schüler Immo hat
-er unpassende Worte hierher gesandt, nämlich, daß er ein Recht auf die
-Waldwiesen erhalten habe, weil sein Vater im Höllenfeuer stöhne.«
-
-Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr Bernheri schwenkte
-die Hand verächtlich gegen die Worte des Grafen: »Ich kenne seit
-lange den argen Wicht Gerhard und seine Gewohnheiten. Immer hat er
-üble Traumgesichte, wenn er den Frieden brechen will. Schon vor
-vielen Jahren träumte ihm etwas wegen unserer Hirschjagd, die er sich
-begehrte; er würde alle seine Väter und Mütter auf die heißeste Bank
-der Hölle setzen, wenn er dadurch für sich einen weltlichen Vorteil
-erreichen könnte. So viel gebe ich auf seine Träume,« -- er blies
-kräftig den Atem in die Luft. »Ich aber fürchte sehr, er selbst wird
-dafür in den Höllenrachen geworfen werden, obwohl er zuweilen beim
-Weidwerk und bei einem starken Trunk nicht schlechter war als andere.
-Denn wenige kenne ich unter den weltlichen Fürsten und Herren, die
-nicht ebenso raubgierig sind. Alle trachten darnach, viele Dienstmannen
-mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei ihren Fehden die reisigen
-Knechte zuführen. Die Dienstmannen greifen das Kleine im Wald und
-auf der Straße und ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche;
-zum Kriege sind sie nötig, aber den Frieden vermögen sie schwer zu
-bewahren, wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe zwingt.«
-
-Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe Brausen der Menge,
-doch war es weniger feindselig. Und Herr Bernheri hob wiederum an:
-»Gekränkt bin ich wie ihr alle, und wären meine Beine gesund und mein
-Sinn weniger gewitzigt, so würde ich vielleicht selbst den Streithengst
-besteigen; so aber mahnt mich die Erfahrung vieler Jahre und meine
-eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich euch verkünden, was
-unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen den Grafen rüsten. Dorfhäuser
-werden brennen und Männer erschlagen werden und das Ende wird sein,
-daß er außer dem Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch größeren
-fordert wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung, und daß er uns mehr
-schädigt als wir ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen den Frieden,
-er aber den Krieg, und er vermag uns von unsern Gütern in Thüringen
-zu scheiden. Vor dem König aber wird er recht behalten und nicht wir,
-denn schwerlich hätte er seinen Vater in der Hölle geschaut, wenn er
-nicht wüßte, daß der König ihm bei den Wiesen gegen das Kloster helfen
-will. Darum, wie sehr ich den Grimm über seine Missetat fühle, bin ich
-dennoch gewillt, ihm diesmal ein wenig nachzugeben, vielleicht, daß
-er sich begnügt das Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei
-seinem Tode dem Kloster zurückzugeben. Dies ist die Hoffnung, welche
-uns bleibt, denn er ist ein angefressener Stamm und mancher Wurm nagt
-in seinem Holze, auch ihn ängstigen zuweilen seine Missetaten jetzt
-und noch mehr in der Zukunft.«
-
-Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf und rief dem Abt
-mit harter Stimme entgegen: »Jetzt erkennen die Brüder alle, in
-welchem Sinne du die Worte des Gebetes gerufen hast: ›Erlaß uns unsere
-Verpflichtung, wie auch wir sie erlassen unsern Verpflichteten,‹ du
-selbst hoffst, daß du für dein eigenes Unrecht ein mildes Urteil
-empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos dahin ziehen läßt.
-Aber du sollst auch verstehen, was die Brüder gemeint haben, als sie
-laut riefen: ›Befreie uns von dem Argen,‹ denn damit meinten sie nicht
-den Grafen Gerhard allein, sondern noch jemanden. Niemals hätte der
-Graf gewagt, Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wüßte, daß solche,
-die zu Wächtern des Klosters gesetzt sind, selbst eigennützig mit
-dem Gut der Kirche schalten. Oft hast du das bewiesen; unter anderm
-auch neulich, als der fremde Händler starb, den wir in seiner letzten
-Krankheit ein Jahr lang gepflegt hatten. Denn bei seinem Tode verließ
-er dem heiligen Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen, die er aus
-Welschland gebracht hatte, und wir hofften, daß die Steine den Altären
-ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht einmal jährlich den
-Brüdern ein frohes Liebesmahl verschaffen. Du aber hast die Steine an
-dich genommen und durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du
-selbst gebrauchen wirst oder auch ein anderer, wie es dir gefällt.
-Nicht als ein Vater, sondern als ein Tyrann herrschest du über die
-Gemeinde. Deinen Günstlingen gestattest du jede Unbill und dagegen
-versagst du den Brüdern auch die erlaubte Erquickung. So tatest du
-neulich, da du ein Verbot erließest, welches ich lächerlich und
-kindisch schelte, daß nämlich der Koch an den Fasttagen den Brüdern
-niemals Lebkuchen backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame
-Ergötzlichkeit, worauf sie sich durch die Woche freuten. Du aber hast
-dies aus Bosheit verwehrt, weil es ihnen lieb war. Antworte, wenn du
-vermagst, zuerst wegen der kleinen Dinge, denn noch weiteres haben wir
-über dich zu klagen.«
-
-Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder bekräftigt. Da
-ihnen manche Speise versagt war, so hatte das Erlaubte für die meisten
-um so größeren Wert und sie dachten und murmelten viel über Trunk und
-Kost. Und Tutilo wußte, daß sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem Abte
-stärker zürnten als wegen Ärgerem.
-
-Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung und er rief:
-»Schweig mit deinen ungebührlichen Reden, sowohl aus Scham vor mir, als
-aus Furcht vor den Heiligen. Ganz ungehörig ist, was du an geweihter
-Stätte über das Pfeffergebäck vorbringst. Denn jeder Verständige wird
-mir recht geben, daß der Pfeffer, welchen sie hineintun, für Mönche
-allzu hitzig ist, und weil sie die Speise stark mit Honig würzen,
-schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie ziehen bei ihrem Trunk
-ärgerliche Gesichter. Was aber den Schatz betrifft, so habe ich allein
-das Recht zu erwägen, wie er dem Kloster den größten Vorteil bringt.
-Die Becher habe ich zum Geschenk bestimmt für solche, an deren gutem
-Willen das Heil des Klosters hängt, und ich selbst traure, daß es nötig
-ist, durch Gaben zu sühnen, was deine Untreue verbrochen hat. Denn mit
-Empörern verhandelst du, und du verleitest die Brüder zur Untreue gegen
-Herrn Heinrich, unsern König. Aber allzulange habe ich die Tücke deines
-Wesens ertragen, und ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren, wie
-unser Vater, der heilige Benedikt, gebietet, wenn ein Präpositus von
-dem bösen Geiste des Hochmuts aufgeblasen wird. Mehr als viermal habe
-ich dich mit Worten gemahnt, jetzt naht der Tag deiner Strafe; fügen
-sollst du dich, oder du wirst aus dem Kloster geworfen zu einer Warnung
-für die andern. Die Pforte sperre ich dir auf, du magst auslaufen,
-wohin du willst, und die Toren, welche dir anhängen, mit dir.«
-
-Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung, die Bande der Zucht
-zerrissen in der Wut, welche die Seelen erfüllte. Dicht vor den
-heiligen Reliquien brach die Empörung aus, von ihren Sitzen sprangen
-die Mönche an die Stufen des Hochaltars mit heißen Gesichtern und
-glühenden Augen; starke Arme streckten sich und mißtönendes Geheul
-erfüllte die Kirche.
-
-Aber auch im Rücken der Streitenden klang lauter Ruf und die eiserne
-Gittertür, welche den Vorhof vom Hauptschiff der Kirche trennte,
-krachte in ihren Angeln. Denn dort hinten drängte gewaltsam ein wilder
-Haufe mit Leibern und Stangen. Nur wenige von den Mönchen hörten
-auf den Lärm, der von außen kam, doch Rigbert lief durch die Kirche
-nach dem Eisengitter und schrie, sich mit ausgebreiteten Armen davor
-stellend: »Immo, Unseliger, was wagst du? Bist du des Lebens müde, daß
-du mit den Ungeweihten in die Klausur brichst?«
-
-»Wir sind nur müde vom Stehen und Harren,« rief Immo lustig hinein.
-»Meinst du, die Schule wird fern bleiben, wo die Mönche einander
-knuffen? Öffne die Tür, Rigbert, wenn du ein guter Genosse bist.«
-
-»Niemals, denn es wird euer Verderben. Was willst du in der Kirche?«
-
-»Schläge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen, wen es auch trifft.
-Wer ist in der Not?«
-
-»Sie bedrängen den Herrn Abt.«
-
-»Wie, das gute Weinfaß? Gesellen, wir helfen dem Abt!«
-
-Die Schüler riefen gellenden Kampfschrei und wieder rasselten die
-Stangen an dem Tor, gegen welches sich der Mönch mit seinem Leib
-stemmte; da griff Immo behend durch das Gitter und schob den Riegel
-zurück. Die Tür flog auf und die Schüler drangen herein; allen weit
-voraus sprang Immo dem Chore zu. Über den Rücken zweier Mönche, die er
-als Bock gebrauchte, flog er wie ein Federball vor den Altar und stand
-allein mitten unter den Tobenden, nahe dem Abt, der das schwere Kreuz
-vom Altar gehoben hatte und den Aufrührern entgegenhielt, während die
-Brüder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hühner auseinander
-geflattert waren und hinter dem Altar und den Stühlen Schutz suchten.
-
-»Hara!« rief der wilde Immo, »zu Hilfe dem Herrn Abt. Komm heran, Dekan
-Tutilo, damit ich dich lehre, deinem Abt den Fuß zu küssen.«
-
-Die Mönche wichen beim Anblick des Jünglings zurück, der mit drohender
-Gebärde einen Eisenstab schwingend vor ihnen stand. Der allgemeine Zorn
-wandte sich gegen den Einbrecher. »Hinaus mit dem Frevler!« schrien
-viele Stimmen. »Die Klausur ist gebrochen, geißelt den Missetäter!«
-Ein Mönch sprang hinter den Altar und riß die Geißel, welche dort
-für die Mönchbuße lag, aus dem Kasten; von Hand zu Hand ging die
-blutbesprengte, Tutilo packte sie und stürzte damit auf den Schüler
-los. Aber im Nu lag der starke Mann von einem Schlage getroffen am
-Boden, Immo hob die Geißel über ihn und rief: »Das sei dein Lohn,
-bellender Hund!« So schnell war die Tat, so unerwartet der Frevel
-und so wild schlug der trotzige Jüngling, dessen Kraft die Brüder
-wohl kannten, daß alle einen Augenblick starr standen und dem Getöse
-plötzliche Stille folgte. Aber gleich darauf erhob sich wieder das
-Getümmel und Geschrei: »Zu Boden mit dem Bösewicht, werft ihn in den
-Kerker, bindet ihn auf das Kreuz!« Während sich so die Anhänger des
-Tutilo zum Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen gegen sie
-die Stange hob, da geschah, was allen unerhört war: die beiden Alten
-Bertram und Sintram warfen sich zwischen den Haufen gegeneinander auf
-die Knie und baten zu gleicher Zeit und mit denselben Worten einer
-den andern um Verzeihung. Denn als der Kampfzorn die Brüder ergriff
-und zwiespältig schied, da hatte sich zum erstenmal ereignet, daß die
-Beiden nicht derselben Meinung waren und Bertram hatte auf der Seite
-des Abtes, Sintram aber auf der des Tutilo die Faust geballt. Und
-als sie nun beide zu gleicher Zeit sahen, daß sie einander mit der
-drohenden Faust gegenüberstanden, hatte jeder sich über sein eigenes
-Unrecht entsetzt und sie baten mit Tränen einander ab und umarmten
-sich, während sie auf den Knien lagen. Als der empörte Haufe die Greise
-am Boden sah, wurde ihm der Anblick unheimlich, einige von den Rohesten
-lachten, aber die Mehrzahl fuhr entsetzt zurück. In diesem Augenblick
-sprang Reinhard auf die Stufen des Altars und rief die Arme erhebend:
-»Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns Sündern! Kniet nieder, ihr
-Brüder, und flehet um die Vergebung der Heiligen. Nicht durch Geschrei
-wird der Schaden des heiligen Wigbert geheilt; ihr seht selbst: wie ihr
-euch gegen den Vater des Klosters, so empört sich Bruder gegen Bruder,
-und die ruchlose Jugend gegen euch alle. Eure Feindschaft stärkt nur
-die Feinde draußen. Wollt ihr euch helfen, so rate ich, daß heut nicht
-in der Menge verhandelt wird, was zum Frieden des Klosters dient,
-sondern daß die Dekane und die Alten sich mit unserm Herrn Bernheri in
-friedlicher Beratung vereinen. Du aber, Jüngling, wirf die Geißel weg,
-mit der du an heiliger Stätte gefrevelt hast, und erwarte in Demut die
-Strafe, welche die Brüder dem Verbrecher finden.«
-
-Die Geißel fiel zur Erde neben Tutilo, welcher ächzend auf dem Boden
-saß und betäubt seinen Kopf auf die Hand stützte. Immo starrte wild
-umher. Da er merkte, daß er allein war und daß seine Genossen sich
-in den Ecken und hinter den Säulen zu bergen suchten, trat er an den
-Stuhl des Abtes zurück, aber seine Augen flogen herausfordernd über den
-Haufen. Herr Bernheri begann zornig: »Nicht die Geweihten des Herrn
-sehe ich vor mir, sondern eine Herde wilder Eber, welche begierig ist
-die eigenen Ferkel zu fressen. Ich aber verachte euer Grunzen und das
-Schnauben eurer ungewaschenen Rüssel, denn, wie sagt der hohe Apostel:
-›Sie wandeln dahin in ihrer Dummheit.‹ Was aber hier Reinhard, der
-würdige Bruder, vorschlägt, das gefällt auch mir. Mit den Dekanen und
-mit den Ergrauten, welche nicht Hechsel in ihrem Kopf haben, gedenke
-ich in späterer Stunde die Leiden des Klosters zu erwägen, bis dahin
-mögen sie selbst in der Stille prüfen, ob sie eine Hilfe finden. Denn
-auch der Esel schreit laut, wenn er müßig steht, wenn er aber die Säcke
-tragen muß, so schweigt er geduldig. Sie sollen auch einmal die Last
-tragen, ich bin es müde, allein für euch grobe Klötze Rat zu suchen,
-wo es keinen gibt. Und so scheide ich jetzt den Konvent, wandelt bis
-morgen dahin in Frieden. Ich aber verweile hier in meinem Hofe, damit
-niemand meint, daß ich den Unzufriedenen das Feld räume. Bestelle was
-nottut, mein Kämmerer Eggo, und diesen behenden Springer nimm mit dir.
-Nie sah ich einen Scholastikus so wild auf geschorenen Köpfen zum
-Altar reiten.« Der Abt wandte sich schwerfällig zum Altar und neigte
-sich. Reinhard eilte zu den Brüdern und sprach nachdrücklich in die
-Ältesten hinein, doch mürrischer Widerspruch erhob sich und laute
-Stimmen riefen: »Der Schüler gehört in unsern Kerker, denn er hat gegen
-einen Mönch gefrevelt.« Der Abt wandte sich wieder dem Haufen zu: »Der
-Scholastikus gehört unter die Zucht des Lehrers Reinhard, dem Reinhard
-aber gebiete ich, mir zu folgen, denn ich bedarf seiner, damit ich ihn,
-wenn es nottut, zu euch sende.« Herr Bernheri stieg langsam vom Altar,
-warf noch einen verachtenden Blick auf die empörte Gemeinde und schritt
-unaufgehalten durch seinen Ausgang nach dem Abtshofe. Um ihn drängten
-sich die Getreuen von St. Peter, sein Kämmerer hielt den Jüngling,
-welcher friedlich folgte, bei der Schulter; als letzter ging Reinhard.
-
-Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge, die erste Wut war
-verraucht, aber bitterer Groll zurückgeblieben. Tutilo wurde von zwei
-Brüdern in die Klausur geführt, wo er sich erst erholte, nachdem der
-Kellermeister einen Krug Würzwein in seine Zelle gestellt hatte. Neben
-dem Kruge saßen einige alte Brüder, den Kranken zu pflegen; sie prüften
-und billigten den Trunk und zürnten, obgleich sie mit gedämpfter Stimme
-sprachen, heftig auf mehrere, welche abwesend waren.
-
-Unterdes stand Immo in der Büßerzelle der Abtei, ein Bruder von St.
-Peter, der ihm fremd war, hatte ihm ein Bund Stroh hineingebracht und
-einen Krug mit Trinkwasser ohne ein Wort zu sprechen, und Immo, der
-den Klosterbrauch kannte, hatte auch keine Frage getan, um sich nicht
-über die versagte Antwort zu ärgern. Einen Augenblick dachte er daran,
-den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle hinauszuspringen, aber mit
-leisem Stöhnen gab er den Gedanken auf, denn er wußte wohl, daß das
-Haus des Abtes von Reisigen besetzt und keine Möglichkeit zur Flucht
-war. Er untersuchte seinen Kerker, doch dieser bot geringen Trost, er
-war nicht in freier Höhe gezimmert und kein Dach erhob sich über ihm,
-es war ein Kellerloch, nicht viel länger als ein Mann, und die kleine
-Lichtöffnung vermochte kein Geschöpf, das größer war als eine Katze, zu
-durchklettern. So blieb ihm nichts übrig als auf dem Stroh zu sitzen
-und die finstern Gedanken wegzuscheuchen, welche wie Fledermäuse um
-sein Haupt schwirrten. Lange tröstete ihn ein wenig die Überlegung, daß
-er den Tutilo, der immer herrisch gegen ihn gewesen war, so schön zu
-Boden geschlagen hatte. Er griff nach dem Pergament mit dem Goldfaden
-und wiederholte sich die Worte, welche Hildegard zu ihm gesprochen
-hatte, aber dabei wurde der Gedanke in ihm übermächtig, daß er jetzt
-zum zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker saß. Als gar der Abend
-kam und der Hunger stark in ihm nagte, wurde ihm frostig zumute und
-ihm fiel ein, daß seine Zelle für eine furchtbare Stätte galt. Manche
-Geschlechter vergangener Mönche hatten hier jahrelang gebüßt und in
-Kreuzesform dagelegen, während die Geißel über ihren Rücken flog
-und ihr Blut auf den schwarzen Boden rann. Unheimliche Geschichten
-erzählten die Schüler von der Not der Frevler, welche der Abt gefesselt
-hielt und wer in der Dämmerung an der Zelle vorübergehen mußte, der
-wandte das Haupt ab und beeilte den Schritt. Daß Tutilo und seine
-Genossen ihm todfeind geworden waren, erkannte er jetzt deutlich, und
-ihm kam auch vor, als könnte er wohl das Sühnopfer werden, über dessen
-Leib der Abt mit den Mönchen Frieden mache. Wild sah er umher und griff
-im letzten Zwielicht an die Wände; es waren dicke Mauern, hier und da
-hatte ein Büßer sein Kreuz in den Kalk geritzt, um davor zu beten. Da
-neigte auch er das Haupt und begann einen lateinischen Psalter, aber
-unter den heiligen Worten kam ihm die Angst, was wohl die Apostel Simon
-und Thaddäus, vor deren Gebeinen er den Tutilo niedergeworfen hatte,
-von seinem Tun denken würden. Er konnte nicht glauben, daß Tutilo als
-ein arger Mann in Gunst bei den Hohen stehe, aber ob sie besonderes
-Wohlwollen für ihn selbst hegen könnten, erschien ihm sehr zweifelhaft,
-denn sicher hatte er eine schwere Tat begangen und ihr Heiligtum
-entweiht. Da faltete er die Hände und bat den heiligen Wigbert, sein
-Fürsprecher zu werden. Dieser war ihm immer hold erschienen und am
-liebsten hatte er vor seinem Altar gebetet, denn er dachte sich, daß
-der Heilige auf Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und
-seit alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war. So bat er jetzt
-demütig um seine Hilfe. Und als er an die Heimat dachte, wurde ihm das
-Herz weich.
-
-Aber stürmisch hoben sich wieder die Gedanken. Wenn er die Eisenstange
-nur hätte, die er heute früh geschwungen, dann könnte er wohl die Tür
-erbrechen. Und er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, ob es irgendwo
-hohl klänge. Denn aus der Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Fülle
-aller guten Dinge, nicht nur die Landleute, die noch Heidenbrauch
-übten, auch die Mönche wußten das. Vielen Goldschatz barg die Mutter
-Erde, aber auch anderes Metall schenkte sie aus ihrem Vorrat den
-Bedrängten. Warum sollte nicht auch er in seiner Not eine Waffe aus
-der Erde graben, die ihn von der drohenden Schmach erlöste. Er griff
-und stieß wieder an Wänden und Boden umher, aber nirgends erkannte er
-hartes Eisen. Und er faltete aufs neue die Hände und kauerte auf dem
-Stroh.
-
-Während er demütig in der Finsternis saß, vernahm er von außen
-langsame Tritte, ein Lichtstrahl fiel durch das Eisenschloß golden
-in die Zelle, ein Schlüssel knarrte, die Tür ging ächzend auf, und
-ein Mann trat schwerfällig herein und beleuchtete vom Eingange mit
-seiner Blendlaterne den Sitzenden. Immo schnellte empor, er erkannte
-Bernheri, seinen Abt und Herrn. »Stemme dich von außen gegen die Tür,
-Eggo,« begann der Abt nach rückwärts gewandt, »damit der Scholastikus
-Saliarius nicht auf den Einfall komme, uns selbst als Springböcke zu
-gebrauchen oder gar in unserm eigenen Keller einzuschließen.« Immo ließ
-sich auf die Knie nieder und senkte schweigend das Haupt, suchte aber
-doch durch verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten.
-
-»Sieh, Immo,« fuhr der Abt feierlich fort, auf den Gebeugten
-herabblickend, »du bist zum Greuel geworden vor allem Volke und die
-Töchter Israels schreien wehe über dich; welches aber nur tropice
-gemeint ist, denn ich hoffe, daß du Unglücksvogel dich in Wirklichkeit
-von jüdischen Weibern stets fern gehalten hast, zumal keine in der Nähe
-des Klosters zu finden sind. Aber was die Schrift sagt, das gilt jetzt
-von dir: ›Aus der Tiefe schreie ich und niemand hört meine Stimme.‹
-Ganz verworfen bist du und die hohen Engel würden dich mit zahllosen
-Backenstreichen begaben, nur daß solche Regung der Hände für Himmlische
-unschicklich ist. Was dich erwartet, weißt du. An ein Kreuzholz wirst
-du gebunden und so lange gegeißelt, bis dein Vater Tutilo für dich
-bittet; ich meine, er wird sich nicht beeilen. Und später wirst du
-auf Stroh gelegt in der Klausur der Brüder, wo nicht Sonne noch Mond
-dich bescheinen. Solches sind die Folgen deiner Springerei und deines
-nächtlichen Dachkletterns. Meinst du, daß ich nicht weiß, wer mir die
-Böcke bei Mondschein aus dem Walde holt; item, das sind die Folgen
-deines Abtspiels am Feste der unschuldigen Kindlein. Meinst du, daß mir
-unbekannt ist, wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter deine
-Kutte gebunden hast, um deinen hagern Leib gleichsam zum Hohn für mich
-mit einem Bauch zu versehen? Je mehr ich deine Art erwäge, desto mehr
-Sünde finde ich in dir und erkenne, daß du zu denen gehörst, von denen
-geschrieben steht: »Sie sollen vertilgt werden wie Spreu.« Erkenne
-deine Missetat und bereue, denn es bleibt dir nicht viel Zeit. Auch der
-Floh springt nur so lange, bis er geknickt wird.«
-
-Immo schauerte. Doch nicht ohne Nutzen war er sechs Jahre im Kloster
-gewesen und er hatte ein wenig die Mönchskunst gelernt, die Miene des
-andern zu beobachten und vorsichtig die Worte zurückzuhalten. Darum
-antwortete er demütig: »Mein Herr und Vater, mich reut nicht, daß ich
-so geschwind war, so lange den Tutilo nicht reut, daß er die Hand gegen
-seinen Herrn erhoben hat.«
-
-»Ich merke,« rief Herr Bernheri, »du hoffst, daß ich in dieses Loch
-herabgestiegen bin, um dich daraus emporzuheben. Darin irrst du
-gänzlich. Da ich Abt der Brüder bin, so fordert meine Würde, deine
-Missetat zu strafen, wenn diese auch in guter Meinung für mich verübt
-wurde. Denn sobald der Morgen anbricht, werden viele das Urteil über
-dich fordern. Heut aber denke ich daran, daß du aus altem Geschlechte
-bist und daß auch ich einst mich meiner Abkunft rühmte, bevor ich mich
-einem Herrn gelobte, vor dem alle gleich sind, Freie und Unfreie.
-Darum komme ich zu dir. Hast du das Gitter der Kirche gebrochen, so
-vermagst du vielleicht auch diese Tür zu öffnen und hinauszufahren,
-ohne daß dich jemand sieht, du bist ja gewöhnt die Pfade eines Marders
-zu wandern.« Aus dem Faltengewand des Abtes sank ein eisernes Werkzeug
-auf den Boden. Immo schnellte in die Höhe und seine Augen glänzten,
-aber er faßte sich und antwortete: »Mein Herr möge mir verzeihen,
-wenn ich nicht wie ein Dieb ausbrechen will. Wohin soll ich fliehen?
-In den Hof meiner Väter vermag ich nicht zurückzukehren, wenn ich als
-Verbrecher dem Wigbert entweiche, denn schnell würden die Väter den
-flüchtigen Schüler zurückfordern vor ihr Gericht.«
-
-»Sprichst du so stolz, du Tor,« rief der Abt, »ich meine, jede Stelle,
-wo der Himmel dich deckt oder das Laub dich verbirgt, wird für dich
-lustiger sein als die Mauersteine dieses Kerkers.«
-
-Immo ließ sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder. »Dennoch flehe
-ich, daß mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt und mich als Freien
-entsendet.«
-
-»Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen,« versetzte der Abt
-unwillig, »ganz toll bist du in weltlichem Hochmut. Und welche
-Herrlichkeit der Erde gedenkst du für dich zu begehren, wenn du den
-Klostermauern entweichst?«
-
-»Ein Schwert will ich finden und ein Roß; denn hochwürdiger Vater, ein
-Kriegsmann will ich sein und kein Mönch.«
-
-»Wirst du ein Mönch, so wird bald der üble Teufel dein Abt werden,
-und wirst du ein Kriegsmann, so wirst du einer von den Wölfen, welche
-um St. Wigberts Stall heulen, bis sie dir auf grüner Heide ein Bett
-schaufeln.«
-
-»Herr,« versetzte Immo flehend, »zu deinen Füßen will ich geloben, daß
-ich in allen meinen Tagen daran denken werde, wie ich an dir einen
-gütigen Vater fand.«
-
-»Bin ich eine Dirne, daß du mich mit Verheißungen und mit schönen
-Worten bereden willst? Außerdem ziemt mir nicht, an diesem kalten Ort
-der Buße von weltlichen Dingen zu reden. Und deshalb frage ich dich zum
-letztenmal, ob du lieber die Geißel wählst oder eine zerbrochene Tür.«
-
-»Nicht die Geißel will ich und nicht die heimliche Flucht. Um gnädige
-Entlassung flehe ich zu meinem Herrn, damit ich mein Haupt hoch tragen
-kann unter meinesgleichen.«
-
-»Einem nimmersatten Windhund gleichst du,« versetzte Herr Bernheri,
-»und ärgerlich willst du mir werden.« Aber er sah dabei mit
-Wohlgefallen auf den Jüngling. »Ich schließe dich wieder ein. Bleibe
-auf den Knien und sprich den 37. Psalm, wo er lautet: ›~Miser
-factus sum et curvatus~,‹ wenn du die Worte vermagst, was ich dir
-nicht zutraue. Und dabei harre auf die Heiligen, ob sie sich deiner
-erbarmen.« Der Abt wandte sich ab, Immo faßte ihm nach dem Gewand, aber
-Herr Bernheri entzog sich eilig, der Riegel fuhr in das Schloß und Immo
-war allein in tiefer Finsternis. Er griff nach dem Eisen und preßte
-die Hand darum, wild stürmten ihm die Gedanken durch die Seele, Sorge
-und Hoffnung, dennoch hielt er jetzt das Gerät in der Hand, welches
-seine letzte Hilfe sein konnte. Wie durch ein Wunder war ihm auf den
-Boden gelegt, was er von den Gewaltigen, die unter der Erde hausten,
-ersehnt hatte. Brachte die Nacht keine andere Hilfe, so konnte er diese
-gebrauchen. Er stand in der Finsternis und horchte auf jedes Geräusch,
-das von außen kam.
-
-Nicht lange, so vernahm er wieder Tritte und sah einen Lichtstrahl,
-der Riegel rasselte und der Mönch Eggo winkte, ihm zu folgen. Leise
-gingen beide die Stufen hinauf; ein großer Raum, in den sie traten, war
-undeutlich erhellt durch die glimmenden Holzkloben im Kamin. Auf Bänken
-an der Wand und auf dem Boden lagen Reisige des Abtes in tiefem Schlaf.
-Wieder mahnte ein Zeichen des Mönchs zur Vorsicht, er öffnete eine
-eisenbeschlagene, niedrige Tür und führte eine Wendeltreppe hinauf.
-Als Immo aus der Tiefe emportauchte, stand er in einem kleinen Zimmer,
-dessen Wände zierlich mit dunklem Holz getäfelt waren.
-
-Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe, deren rötliche Flamme im
-Luftzuge flackerte und rauchte; Eggo trug eine Wolldecke herzu,
-legte sie auf den Boden und flüsterte: »Rühre dich nicht und schlafe
-wenn du vermagst.« Gehorsam setzte sich Immo auf die Dielen und als
-er zur Seite blickte, sah er den Mönch wie einen Schatten an der
-Wand dahingleiten und hinter einem Teppich verschwinden. Er starrte
-in den dämmrigen Raum, auf die dunklen Bretterwände, an denen die
-Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten, und auf die Waffen
-in den Ecken, deren Metall bald hell erglänzte, bald in Finsternis
-schwand. Aber das Herz war ihm leicht geworden, denn er erkannte wohl,
-daß Herr Bernheri ihn nicht für die Rache des Tutilo aufbewahren
-wollte; er schloß die müden Augen und entschlief.
-
-So mochte er lange gelegen haben, da erwachte er von einer leisen
-Berührung, er fuhr auf und blickte erstaunt um sich. Noch war es
-Nacht, die Lampe brannte trüber, über den Waldhügeln lag der graue
-Dämmerschein des nahen Morgens, und an seinem Lager erkannte er eine
-dunkle Gestalt. Erschrocken hob er den Leib und stützte sich auf die
-abgewandte Hand. Neben ihm saß der fremde Mönch, der als Lehrer in das
-Kloster gekommen war. Immo wollte aufspringen, aber Reinhard drängte
-ihn durch eine Bewegung zurück. »Sitze an meiner Seite, Immo, und öffne
-dein Ohr, damit eine leise Mahnung in deine Seele falle. Höre mich
-mit Vertrauen, wenn ich dir auch noch fremd bin, denn nicht als dein
-Kerkermeister, sondern wie ein Freund will ich zu dir reden und von
-deiner Heimat will ich dir Gutes verkünden. Frau Edith sendet dir ihren
-Muttersegen: Sage meinem Sohn, sprach sie, jeden Abend und jeden Morgen
-flehe ich zu den Heiligen, daß sie ihm das Siegestor öffnen. Schwer
-wird der Mutter, das Angesicht des Sohnes zu missen, auch darum hoffe
-ich, daß die Himmlischen das Opfer gnädig annehmen.«
-
-Immo senkte das Haupt, erweicht durch den Gedanken an die Heimat.
-Reinhard fuhr fort: »Schon in der nächsten Zukunft hätte sich dir die
-Pforte des Klosters geöffnet, damit du unter den Kindern der Welt
-dem Herrn dienest. Aber dein frecher Mut hat dich schuldig gemacht,
-schwerer Strafe bist du verfallen. Darum komme ich, um mit dir zu
-erwägen, wie du dich rettest.«
-
-Immo neigte sich über die Hand des Lehrers und sprach demütig: »Kannst
-du mir helfen, Vater, so flehe ich, verlaß mich nicht.«
-
-»Eine Rettung weiß ich,« fuhr Reinhard fort, »die seligste von allen:
-demütige dich selbst, Immo, vor dem Altar und trage geduldig die
-Folgen deiner Untat. Ein Weltgeistlicher solltest du werden, wähle das
-Mönchsgewand und gelobe dich dem heiligen Wigbert. Das ist die Buße,
-welche dir alle hohen Fürsten des Himmels geneigt macht und ebenso die
-Herzen der Brüder im Kloster.«
-
-Immo sprang auf, seine Hände ballten sich und zornig rief er: »Meinst
-du, daß ich als büßender Mönch vor dem Altar liegen und daß Tutilo die
-Geißel über mir schwingen soll, wie ich sie heut über ihm schwang?«
-
-»Fürchtest du die Geißel des Tutilo, dann denke lieber daran, daß du
-jetzt unter seiner Faust stehst und daß ihm morgen die Brüder die Rache
-geben werden, die er an deinem Leibe zu fordern hat.«
-
-»Nimmer schwingt er die Peitsche über mir, während ich atme,« schrie
-Immo. »Wenn sie mich zur Verzweiflung treiben, so sollen sie einen
-Verzweifelten finden. Vor dem Altar töte ich ihn und jeden, der mich
-anzugreifen wagt; von der Klostermauer springe ich, vom Turm stürze ich
-mich und Feuer lege ich in das Haus der Mönche. Wenig liegt mir an dem
-Leben eines Hundes und ich werfe es von mir, wie ich dieses Gewand von
-mir schleudere, wenn ich ein anderes auf meinem Wege finde.«
-
-»Wie ein Heilloser schreist du,« versetzte Reinhard, »Tutilo sprach
-nicht unrecht, als er dich mit einer wilden Katze verglich.«
-
-»Tat er das,« rief Immo, »so freut's mich, daß er die Krallen gefühlt
-hat.«
-
-»Dennoch rate ich dir, mein Sohn, daß du dich noch einmal an meine
-Seite setzest, wenn du deine Wut zu bändigen vermagst. Wehre mir nicht,
-dir zu raten, weil dies eine, die dir lieb ist, von mir erbat.«
-
-Immo ging langsam zu seinem Lager zurück, setzte sich zu den Füßen des
-Mönchs und stützte sein heißes Haupt in die Hand.
-
-»Wundere dich nicht, Immo, wenn ich dich einlade zu werden, was ich
-selbst bin. Denn auch ich habe mich von Vater und Mutter geschieden
-und ich habe die Rosse und Hufen, die mein Erbteil sein sollten, den
-Heiligen dargebracht, weil ich um meiner Seele Heil bebte und lieber
-die Gnade des Herrn wählte als die vergänglichen Freuden dieser Welt.
-Auch ich entsage und gehorche und wandre wie ein Fremdling durch die
-Welt. Ob der Frost den Leib bedrängt, der Hunger quält und Gefahren
-drohen, gleichgültig und verächtlich ist mir das alles in den Stunden
-seliger Freude. Nicht Liebe des Weibes, nicht das Lied des Sängers,
-welches den Helden ehrt, schaffen solches Glück wie die Heiterkeit
-ist, die ich im Herzen trage, wenn ich zu den Füßen des Herrn liege,
-dem ich mich als Knecht gelobt habe. Darum möchte ich deine Seele und
-die Seelen aller, welche mir vertraut werden, den Greueln der Welt
-entreißen und den Handgriffen des üblen Teufels.«
-
-Immo schwieg nachdenkend. »Vater,« sprach er, »beantworte mir eine
-Frage, die ich unwissend tue. Wenn es dir und andern frommen Männern
-nun gelänge, alle Christen auf deinen Weg zu leiten, und wenn alle zu
-Mönchen und Nonnen würden, verzeih, Vater, aber ich meine, dann wird es
-an Kindern fehlen.«
-
-»Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene Rede versuchen
-willst, du sollst die Verkündigung hören,« versetzte Reinhard
-feierlich. »Käme diese selige Zeit, die, wie du selbst weißt, noch
-weit entfernt ist, dann wird sich der Himmel auftun und der Herr wird
-mit den himmlischen Heerscharen heranziehen zum Gericht; aus der alten
-Welt des Jammers und der Sünde wird eine neue erstehen, in welcher die
-Seligen im Lichtglanz dahin wandeln.«
-
-Immo sah bei dem rötlichen Schein der Lampe, wie das Auge des Mönchs
-leuchtete und seine Hände sich unwillkürlich zum Gebet schlossen. »Du
-selbst weißt, mein Vater,« begann er bittend, »daß der gute Gott den
-Vögeln ungleichen Gesang gegeben hat. So hat er auch den Menschen
-verschiedene Gaben ausgeteilt, als er in den Erdgarten kam, um die
-Kinder durch seine Geschenke zu ehren. Ich aber möchte den Gaben
-vertrauen, die ich an mir erkenne.«
-
-»Mit guten Sinnen sprichst du, Immo,« versetzte Reinhard, »und
-verwundert höre ich, wie klug du die Worte setzest. Auch dies ist eine
-Gabe, die der Herr solchen verliehen hat, die er für seinen Dienst
-bestimmt.«
-
-»Nicht zum erstenmal füge ich die Worte in dieser Sache,« versetzte
-Immo, »denn oft haben Väter des Klosters, die mir günstig waren,
-ähnlich zu mir gesprochen wie du. Wisse, Vater, da du so gutherzig mit
-mir redest, zu lange weile ich schon im Kloster und ich bin seiner
-herzlich müde. Wenn ich auf dem Roß sprenge, bin ich glücklicher als
-zu Fuß und, Vater, als ich gegen die Reiter des Grafen ritt, um den
-Hugbald herauszuziehen, da war mir so fröhlich zumute, wie nach deinen
-Worten dir bei dem Altare. Daran erkenne ich, daß ich nicht gemacht
-bin, Mönch zu werden.«
-
-»Und doch, Immo,« entgegnete Reinhard, »sollen alle Menschen in jenem
-Leben teilhaftig werden der Gemeinschaft der Heiligen.«
-
-»Und meinst du, Vater, daß man in der großen Halle des himmlischen
-Königs nur Ehre erlangen kann, wenn man den Freuden dieser Welt
-gänzlich entsagt und als Mönch oder Nonne betet?«
-
-»Wie magst du zweifeln,« entgegnete Reinhard eifrig, »da es verkündet
-ist. Weißt du nicht, daß geschrieben steht: wer sich erniedrigt, der
-soll erhöhet werden? Wer lebt demütiger als der Mönch? Schwer ist's,
-in den Freuden der Welt dem Herrn wohlgefällig zu bleiben, und die
-liebsten Genossen des Himmelsherrn werden nur die sein, welche hier
-entsagen und büßen.«
-
-»Wahrlich, Vater,« rief Immo, »wenn es in der Himmelsburg so ist wie du
-verkündest, daß die Mönche und Nonnen vor den andern an der Herrenbank
-sitzen, dann will ich in den Pferdestall, wo die Rosse des Engels
-Michael stehen und anderer schneller Boten, denn lieber will ich dort
-die Pferde striegeln und die Steigbügel halten, als ewig den Kopf
-neigen und in das Ohr wispern und nach der Miene des Präpositus und der
-Dekane sehen, wie hier die Mönche tun.«
-
-Dem Mönch empörte sich das Herz, aber er antwortete ruhig: »Zuchtlose
-Worte vernehme ich in den Mauern des Klosters; sonst hört man sie nur
-auf den Burgen der Gewappneten, welche eilig sind, Menschenblut zu
-vergießen. Deine Rede ist heillos auch für einen Weltgeistlichen, wenn
-du ein Kanonikus zu Erfurt wirst, wie dein Geschlecht will.«
-
-»Verleidet ist mir das weiße Gewand wie die wollene Kutte,« rief Immo,
-»und verhaßt auch der Sitz im Chore von Erfurt.«
-
-»Zu dem Grunde, auf welchem dein Geschlecht haust, gehört die
-Mühlburg. Diese Burg wollen deine Verwandten dem Erzbischof zu Mainz,
-der dem Stift in Erfurt gebietet, übergeben, damit du als Kanonikus
-ausgestattet werdest, wie Brauch ist.«
-
-Wieder fuhr Immo in die Höhe. »Um meinetwillen soll mein Geschlecht
-verzichten auf den festen Sitz, der unsere Ehre war. Mehrmals flüchtete
-der Vater, wenn der Grenzkrieg entbrannte, die Rosse und Rinder und
-unsere ganze Habe in den sichern Bau, und ich und meine Brüder sprangen
-auf den Mauern und kletterten in den Schluchten. Ein Ahn von mir hat,
-wie du wissen wirst, den Berg, auf dem die Wigbertleute die Wassenburg
-gebaut haben, dem Kloster geschenkt, jetzt soll auch die zweite
-Burgstätte dahinschwinden um meinetwillen! Jammervoll ist mir zu sehen,
-wie unser Erbe weggegeben wird, damit die Geschorenen in den Wäldern
-gebieten, wo sonst unser Jagdruf erklang. Wehe mir, daß ich niemanden
-habe, der meine Klage anhört, als einen landlosen Mönch.«
-
-»Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhören,« antwortete
-Reinhard sich erhebend, »so vernimm, was ich dir ungern sage und nur,
-weil es mir befohlen ward, was aber für deinen weltlichen Sinn die
-letzte Hilfe sein kann in der Not, welche dich bedrängt. Merke wohl,
-Immo, du kannst frei von hier ziehen, wohin dich dein Gelüst treibt,
-ein Kriegsmann magst du werden, der auf die Mühlburg sein Gemahl
-heimführt und unter den Edlen von Thüringen im Heergewand reitet.«
-
-»Sage mir, Vater, was soll ich tun, damit ich dies Glück erreiche?«
-
-»Gelobe, bevor du scheidest, Burg und Berg deinem Herrn Bernheri in
-die Hand zu geben, damit du sie als Lehn für dich und dein Geschlecht
-zurückerhältst. Nützen wirst du dem Kloster auch als Lehnsmann und
-Vogt, der für das Kloster sorgt, wie ja viele aus den edelsten
-Geschlechtern tun, um den Heiligen zu gefallen. Gelobst du dies, so
-vermag der Abt dich zu schützen gegen jeden Feind, den du hier und
-anderswo hast; denn auch so dienst du den Heiligen und du weißt ja
-selbst, es ist leichter Dienst, den sie dir auflegen.«
-
-Immo stand betroffen. Der Weg, welchen ihm der Mönch wies, bot vieles,
-wonach sein Herz sich sehnte, er wußte recht gut, wie stolz das
-Kloster auf seine Burgen war und daß er als Lehnsmann des Klosters den
-Wigbertleuten wertvoller wurde, wie als Mönch. Dennoch empörte sich
-sein stolzes Herz bei dem Gedanken, als Dienender den Schild zu tragen.
-Er schwieg und starrte vor sich hin.
-
-Reinhard, der den Kampf des Jünglings beobachtete, fuhr fort: »Einer
-deiner Ahnen starb in der Heidenzeit unter dem Schildrand für die
-heilige Kirche. Wie darf sein Enkel zaudern? Dienstmann der Heiligen
-wurde jener im Tode, du aber sollst in demselben Dienste mit Ehren
-leben.«
-
-Immo fuhr zusammen, denn bei der Rede des Mönchs vernahm er noch eine
-andere Stimme und neben dem hagern Antlitz des Lehrers sah er das
-rundliche Gesicht und das herzliche Lächeln des Greises Bertram und
-in ihm klangen die Worte, welche ihm übergeben waren: »Birg nie in
-fremder Hand, was du allein zu halten vermagst, wenig frommt dem Manne
-zu dienen, wo er gebieten könnte.« Da sprach er: »Ich höre eine Mahnung
-in meinem Innern, daß ich deinem Rat nicht vertrauen soll, und ich will
-nicht.«
-
-»Eine Waise bist du, ohne Freundschaft stehst du hier, dein eigenes
-Geschlecht ist deinen weltlichen Wünschen zuwider; St. Wigbert aber
-vermag dich zu schützen wie ein Vater und keinen erlauchteren Herrn
-kannst du wählen als den hohen Heiligen.«
-
-»Ich will nicht dienen,« antwortete der Jüngling; die Lippen schlossen
-sich fest und er sah in seinem Trotz aus wie ein älterer Mann.
-
-»Nur kurz ist die Zeit, die zum Widerstande bleibt,« mahnte Reinhard,
-nach dem Fenster deutend, »sieh diesen Docht, welcher verglimmt und den
-Morgen, welcher aufsteigt.«
-
-»Und ich will nicht und will nicht,« antwortete Immo tonlos.
-
-Reinhard wandte sich traurig ab: »Fruchtlos ist die Mühe, dir durch
-Worte den trotzigen Sinn zu wandeln. Dennoch bleibst du ein Kind
-meiner Sorgen und käme der Tag, wo du gute Meinung für dich begehrst,
-so wisse, Immo, daß du sie bei mir findest.« Er hob die Hand zum
-Segensgruß und verließ das Zimmer.
-
-Immo sah ihm nach und dachte: ob dieser so ist, wie Sintram sprach,
-daß er treulich für mich beten wird? und er schüttelte das Haupt. Er
-warf sich auf sein hartes Lager zurück, aber die Gedanken fuhren ihm
-stürmisch durch das Haupt und er mußte immer wieder nach dem Himmel
-sehen, der im Osten sich rötete.
-
-Da öffnete sich die Seitentür und Herr Bernheri selbst trat herein,
-hinter ihm Eggo mit einer großen Kerze in kupfernem Leuchter. Immo fuhr
-in die Höhe und neigte das Haupt vor dem Gebieter. Mürrisch begann der
-Abt: »Da seht den Nestling aus den Waldhecken; aber störrisch ist er
-wie ein junger Geier und Reinhard hat sich vergebens bemüht, ihm die
-Kappe umzulegen. Obwohl ich im voraus gesagt habe, daß von dir nicht
-viel Gutes zu erwarten ist. Ganz unlieb ist mir deine Widerspenstigkeit
-und ich täte am klügsten, dich gänzlich deinem Schicksal zu überlassen,
-welches wahrscheinlich jämmerlich sein wird.«
-
-Immo schwieg, aber das Herz hämmerte ihm in der Brust. Herr Bernheri
-ging schwerfällig auf und ab, an seinen zwinkernden Augen und der
-gesträubten Haarkrone konnte man erkennen, daß er sich erst vor kurzem
-vom Lager erhoben hatte. »Bringe mir einen Becher mit gewürztem Wein,
-Eggo, und stelle ihn hier auf den Tisch. Mit dir aber, du springender
-Scholastikus, will ich ein Ende machen auf meine Weise und es soll
-mich nicht kümmern, ob sie dir oder andern mißfällt.« Wieder ging er
-nachdenkend auf und ab. »Setze dich an das Pult, nimm die Schreibtafel
-und den Griffel und laß mich erkennen, ob du etwas von der Kunst der
-schwarzen Buchstaben gelernt hast.«
-
-Immos Hand bebte und seltsam erschien ihm in dieser Stunde die
-Forderung des Abtes, aber er setzte sich gehorsam und frug: »Welchen
-Duktus befiehlt mein Herr?«
-
-»Vermagst du,« fuhr der Abt überlegend fort, »in lesbarem Latein
-einen Brief zu schreiben? Verfertige zur Stelle etwas Passendes an
-mich, damit ich dich prüfe. Schreibe also, daß du wegen des Fastens
-und deiner Körperschwäche einen Trunk Wein ersehnst und mich darum
-anflehst.«
-
-Immo überlegte. Endlich begann er mit geröteten Wangen die Arbeit,
-welche einige Zeit in Anspruch nahm. Unterdes trug auch Eggo ein
-Schreibpult herzu und schrieb nieder, was der Abt ihm leise gebot.
-Es war darüber zwischen beiden ernste Beratung und Immo sorgte, daß
-sie gar nicht zu Ende gehen würde. Endlich wandte sich der Abt um und
-sah den Scholastikus, welcher mit der Tafel zur Seite stand. Der Herr
-streckte die Hand darnach aus und hob sich, um dem Licht näher zu sein.
-»Wie?« sagte er, »du hast dich sogar getraut, einen Vers einzuflechten?
-~Bibere si vis vinum, scribere debes latinum~[2]. Ist auch der Vers nur
-rhythmice und nicht metrice gestellt, so hast du dir damit doch den
-Trunk verdient.« Er wies auf den Becher. »Wage ihn zu heben, damit du
-die Kellerluft vergessest. Und jetzt hole Atem und antworte: Würdest
-du imstande sein, auf Pergament an diesen Bruder Eggo aus der Ferne zu
-schreiben in dem gebührlichen Duktus?«
-
-»Ich getraue mir's wohl,« versetzte Immo freudig.
-
-Der Abt seufzte. »Da du so unverschämt bist, von meiner Würde zu
-verlangen, daß ich für dich gerade so unter die Brüder springe, wie du
-für mich getan hast, so habe ich mich entschlossen, dich von hier zu
-entsenden, bevor die Sonne aufgeht. Du sollst als mein Bote reiten. --
-Was siehst du mich an, Eggo? Du meinst, ich soll ihn durch einen Eid
-binden? Laß die heiligen Reliquien in ihrem Schrein, ungeschoren geht
-er von uns, er soll auch ungeschworen seine Straße ziehen. Solange
-ich lebe, sah ich hohe Eide schwören und hohe Eide brechen. Ich habe
-erkannt, daß der ein Tor ist, welcher auf die Treue der Menschen
-baut. Dennoch habe auch ich jemanden gefunden, der sich mir bewährt
-hat im Spiel und in der Todesnot. Denn als ich jung war und einst mit
-meinem Jagdbogen im Waldversteck lag, wo das Wild zur Tränke läuft, da
-überfielen mich Nachtschächer, blutdürstige Räuber. Ich rief meinen
-Notschrei, aber nur einer hörte, der damals mein Geselle war, er sprang
-über die Felsen herzu und schlug ungerüstet wie Simson mit seiner
-Keule unter die Mörder. Zweien setzte ich den Fuß auf den Hals und
-durchstach ihnen die Gurgel. Ich trug keinen Hautritz davon, der andere
-aber einen schweren Hieb in die Schulter. Du selbst kannst die Narbe
-gesehen haben, Jüngling, wenn du an der Achsel deines Vaters standest,
-denn er war es, der mich damals vom Tod löste. Und an ihn habe ich
-gedacht, als ich dich aus dem Kerker holen ließ. -- Jetzt aber merke
-auf, denn ich will deinen leeren Kopf mit allerlei gewichtiger Kunde
-füllen. Von allen Seiten heben sich die Nacken der Großen gegen unsern
-König Heinrich. Klein ist die Zahl seiner Getreuen, auch im Kloster
-leben vielleicht solche, welche den Feinden des Königs Gutes gönnen.
-Vermagst du zu verstehen, was ich dir sage?«
-
-»Gewiß Herr,« versetzte Immo eifrig, »außer dem Tutilo sind die Dekane
-Hunico, Wolferi, Sigibold und vor andern der Pförtner Walto für den
-Babenberger, und die andern Alten haben nicht den Mut, diesen zu
-widerstehen; doch Heriger hält zu dem König und er ist meines Herrn
-Abtes beste Hilfe. Von den jüngeren aber sind die Thüringe und Sachsen
-wohl zur Hälfte dem König gutgesinnt.«
-
-Der Abt starrte den Jüngling an. »Weiß die äußere Schule so gut, was in
-der Klausur vorgeht?«
-
-»Auch zu uns fliegt mancherlei über den Zaun,« fuhr Immo fort, »ich
-merkte auch, daß vorgestern Graf Ernst, der ruhmvolle Held, heimlich in
-der Herberge des Klosters lag.«
-
-»Führe ihn zu den Reliquien,« rief schnell der Abt, »und binde ihn
-durch einen teuren Eid, daß er niemals einem andern verkünde, was er
-von Wigberts Geheimnissen erraten hat.«
-
-Eggo führte den Jüngling vor den Schrein und nahm ihm den Schwur ab,
-während Herr Bernheri noch immer erstaunt dasaß und zuweilen mit dem
-Kopf schüttelte. Als Immo wieder vor dem Abte stand, begann dieser
-prüfend: »Du also gedenkst dich an den König zu hängen.«
-
-»Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht, welches sich der
-Verwandtschaft mit den Sachsenkönigen rühmt.«
-
-Der Abt lachte. »Wer König wird, dem wachsen die Vettern wie Hederich
-im Hafer. Dir aber bleibt ohnedies keine Wahl, seit du so ruchlos den
-Tutilo gebläut hast. Darum vertraue ich dir diese drei Briefe an,« er
-hob die Arbeit des Eggo vom Tische. »Mit dem ersten reitest du in deine
-Heimat, er geht an deine Mutter und spricht von deiner Entlassung
-wegen der wilden Kriegszeit, damit die Frau meine gute Meinung für dich
-erkenne.«
-
-Immo ergriff freudig den Brief.
-
-»Dafür sollst du mir in deiner Heimat dienen. Die Seelen der Brüder in
-Ordorf sind durch die Bosheit eines andern, der hier im Kloster weilt,
-vergiftet, aber der Vogt auf der Wassenburg ist mir treu. Diesem trägst
-du den zweiten Brief und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist,
-wirst du allein ihm den Brief vertraulich vorlesen, damit keiner von
-den Brüdern die Schrift erblicke. Und was du von ihm und andern über
-die Rüstungen in Thüringen erfährst, das sollst du an Bruder Eggo
-schreiben und durch den Reisigen, welcher dich begleitet, hierher
-senden. Dann aber rate ich dir, daß du so bald als möglich deine
-Helmkappe bindest und dich allein oder mit Kriegsleuten, welche dir
-folgen wollen, über die Berge zum Könige durchschlägst. Du wirst Herrn
-Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in der Gegend.
-Dort gibst du den dritten Brief an seinen Kanzler Erkambald. Spähe nach
-den Mienen des Kanzlers und erlausche, soviel du vermagst, über den
-Kriegszug und die gute Meinung des Königs für mich. Was du erkundest,
-das schreibe wieder an Bruder Eggo. Setze keine Namen in deine Briefe,
-aber die Anfangsbuchstaben, damit wir erkennen, wen du meinst. Als
-Boten gebrauche den Spielmann Wizzelin, welchen du kennst, denn diesen
-habe ich geworben und in das Lager gesandt. Du selbst aber sei bemüht,
-dem Kanzler zu gefallen, ich habe ihm auch deinetwegen einige Worte
-geschrieben.«
-
-Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel, deren Faden durchgebrannt
-war, in die große Tülle; der eherne Ton klang scharf durch das Zimmer.
-Aus der Klosterkirche tönte der Gesang der Vigilien. Der Abt erhob
-sich. »Es ist Zeit, daß dein Fuß aus den geweihten Wänden gleite, sonst
-möchtest du sie schwerlich verlassen. Es ist auch Zeit, die unheiligen
-Gedanken abzutun. Ein ungewohnter Dienst ist meiner zuchtlosen Herde
-dieser Nachtgesang, ich meine die Angst um ihre Missetat hat sie vom
-Lager gescheucht. Uns allen tut Vergebung not. Auch mir, der ich erhöht
-bin zum Abte, gebührt jetzt, meiner Nichtigkeit zu gedenken und wie
-die Regel befiehlt, tief hinabzusteigen bis zu der siebenten Stufe
-der Demut, um mit dem bekümmerten Hiob zu sprechen: Ein Wurm bin ich
-und nicht ein Mensch, scheusälig den Leuten und greulich dem Volke.
-Ungerecht habe ich mich vor dir, o Jüngling, meiner weltlichen Geburt
-gerühmt und, was noch jämmerlicher ist, meiner wilden Taten im Walde.
-Hochmütig bin ich im Grunde meines Herzens und wer über meinen Bauch
-spottet, hat guten Grund, denn gar wenig lebe ich nach der Regel; oft
-habe ich gesündigt durch Gebratenes und Buttergebäck, vom gewürzten
-Wein zu geschweigen; manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und wer
-mich mit einem Weinfaß vergleicht, der spricht nicht unwahr. Vielen Haß
-nähre ich in meiner Seele gegen manche und andere verachte ich; viel
-denke ich auch an meinen Schatz von Silber und edlen Steinen, an die
-wilden Ochsen im Walde und an die Fährten der Hirsche; ein ungetreuer
-Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich vor der Strafe. Denn zu einem
-Eckstein war ich bestellt, aber ich bin nur gut dazu, daß die andern
-ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen.« Er stöhnte tief und faltete
-die Hände, während Immo, der sich bei dem Beginn des Nachtgesanges auf
-die Knie niedergelassen hatte, dem Gottesdienste des Abtes verwundert
-zuhörte, obwohl er wußte, daß es zu den Geboten des Klosters gehörte,
-sich selbst zu erniedrigen. Nach vielen Seufzern erhob der Abt das
-Haupt, als einer, der schwerer Pflicht Genüge getan hat und begann
-rauh: »Was kauerst du noch, du Heupferd, um zu warten, bis dich die
-Schnäbel der dunklen Vögel zerhacken, die dort drüben so hastig singen,
-nicht gleich Heiligen des Herrn, sondern wie Stare in den Weiden des
-Teiches. Enthebe dich aus meinen Augen.«
-
-»Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn; denn wie ein Vater
-habt ihr euch gegen mich erwiesen heut und sonst in der Schule.«
-
-Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt, sprach den lateinischen
-Segen und strich über das lockige Haar. »Sei dankbar gegen mich,
-soweit du vermagst, obwohl ich fürchte, daß dein Gedächtnis darin
-kurz sein wird. Mancher, der wie du als ein Springer aus dem Kloster
-in die Sünden der Welt hineinfuhr, schlich mit grauem Haar unter der
-schweren Bürde seiner Schuld in das Kloster zurück. Gedenke, daß am
-Altar eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer Last.« Er
-zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande. »Nicht als ein kahler
-Schüler sollst du Bote reiten, denn unter Kriegsleuten ist der Geldlose
-verloren. Die Briefe gib nicht von dir, solange du deinen Arm heben
-kannst, die Feinde abzuwehren. Eine Reiterkleidung und Waffen findest
-du bei dem Rosse, damit nicht kundbar wird, daß du aus dem Hühnerhofe
-des Klosters entflogen bist.« Er reichte dem Jüngling die Hand, welche
-dieser mit nassen Augen küßte. Eggo winkte ungeduldig und führte ihn
-die Wendeltreppe hinab durch die dämmerige Halle, in welcher die
-Gewappneten lagen. Lautlos durchschritten sie den Hof; der Mönch
-öffnete eine Pforte der Mauer, wies auf den schmalen Steg, der über den
-Graben führte und auf einen Reiter, der jenseit des Grabens ein leeres
-Roß am Zügel hielt, dann grüßte er mit der Hand und schloß hinter dem
-Jüngling die Pforte. In großen Sätzen sprang Immo ins Freie, während
-aus der Klosterkirche feierlich das Ambrosianum erklang.
-
-Als Immo die Rosse erreicht hatte, warf ihm der Reiter die Zügel zu.
-»Hugbald!« schrie der Jüngling in freudiger Überraschung, da er das
-ehrliche Gesicht des Dienstmanns erkannte.
-
-»Schweig, Geselle,« murmelte der Reiter, auf die weißen Wolkenstreifen
-weisend, welche aus dem Nebel der Niederung wallend gegen das Kloster
-zogen. »Ungern hören die Wasserfrauen den Ruf der Männer, während sie
-in der Luft schweben. Hier draußen walten andere Geister als innerhalb
-der Mauern und obgleich hinter uns noch Wigberts Stimme ertönt, werden
-diese hier einen Dienstmann des Heiligen doch wenig ehren, wenn er
-ihren Zorn erregt. Harre, bis wir über die Brücken gedrungen sind und
-die freie Höhe erreicht haben.«
-
-Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda entlang. Aber
-Immo konnte sein pochendes Herz nicht bändigen, er drängte sein Roß an
-das des Alten, ergriff seine Hand und rief: »Mich freut's, daß du durch
-den Wechsel aus der Gefangenschaft gelöst bist.«
-
-»Wenig Ehre brachte mir der Tausch,« brummte der Alte, »gegen einen
-Pferdedieb ausgewechselt zu werden, ist kränkend genug, mich haben sie
-gar für zwei gerechnet. Doch da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint,
-sollst du dich in einen Kriegsmann wandeln.« Er nestelte einen Bund vom
-Sattel. »Wirf dir den Reitermantel um,« dann knüpfte er den Eisenhut
-und das Schwert los und reichte beide dem Jüngling. »Hier nimm auch den
-Wurfspieß, er ist von den schweren, ich weiß, daß du ihn zu werfen
-vermagst. Recht wohl steht dir die Stahlkappe und mich reut nicht,
-Immo, daß ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen lehrte.«
-
-Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und küßte ihm den grauen
-Bart: »Gesegnet seist du, daß du mich zur Reise gewappnet hast,« dann
-sprengte er in gestrecktem Laufe vorwärts, wirbelte den Speer, und
-während der Tau von seinen Locken träufelte und über die heißen Wangen
-lief, jauchzte er dem goldenen Licht des Tages zu.
-
-
-
-
-4.
-
-In der Heimat.
-
-
-Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha, einer Burg des
-Klosters, der Heimat zu. Auf beiden Seiten des Weges zogen sich
-niedrige, langgestreckte Hügel dahin, die Rücken mit Wald bewachsen,
-an den Gehängen die Ährenfelder, deren Frucht sich bräunte. In den
-Niederungen dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen große Teiche, die
-mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich waren die
-Dörfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk und breiten Graben oder
-durch das Wasser eines Sees gesichert. War ein Dorftor geschlossen,
-dann zogen die Reiter auf der Außenseite herum über den Anger, auf
-welchem das Dorfvieh weidete, fanden sie ein Tor geöffnet, so sprengten
-sie über die Brücke und antworteten auf die Frage des Wächters, der
-eilig seinen schweren Spieß aus der Ecke holte und ihnen entgegentrat.
-Immo fuhr dahin mit fröhlichem Herzen und unter dem Druck der Schenkel
-hob sich sein Roß zum Sprunge.
-
-Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den Weg, ein
-breiter Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall mit einer dichten
-Baumhecke, bei der Brücke ein hoher Grenzhügel, auf dem ein
-wettergraues Turmgerüst stand. »Sieh das alte Grenzzeichen meiner
-Väter,« rief Immo, »einst war das ganze Land dahinter unser Erbe,
-jetzt freilich gehören viele Hufen fremden Herren, dagegen liegen
-wieder Höfe, die uns gehören, außerhalb der Mark. Doch ehren wir das
-alte Malzeichen.« Er schwang sich vom Rosse, sprang auf den Hügel, riß
-blühendes Kraut ab und steckte es an seinen Hut. »So nehme ich Besitz
-von dem Lande meiner Ahnen, bezeuge mir's, liebe Sonne, daß Laub und
-Gras mir diene.« Am Ufer eines Gebirgsbachs ritten sie wohl eine Meile
-dahin, Immo wies auf das klare Wasser und auf die bunten Steine, welche
-den Bach von beiden Seiten umsäumten. »Jetzt rinnst du niedrig, Bach
-meiner Heimat, und ein Knabe vermag dich zu durchwaten, aber ich kenne
-die Macht deiner Strömung, denn im Frühjahr und nach dem Wettersturm
-brausest du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug deine Flut an
-die Schwelle unseres Saals und wir hüpften barbeinig im Hofe durch den
-wilden Schwall.«
-
-Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler, an ihrem
-Fuße breiteten sich weite Seen, die Abhänge bedeckte der Laubwald,
-dazwischen aber schimmerte bald rot, bald bläulich die nackte Erdmasse
-der Berge; auf den Gipfeln stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und
-wieder eine. »Das ist der rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht
-sich gelagert hat,« erklärte Immo stolz, »hoch sind die Berglehnen und
-steil der Weg zu den Gipfeln, manches Mal haben die Helden dort ihren
-Feinden widerstanden.«
-
-An einem Wege, der nach Süden führte, hielten die Reiter und nahmen
-Abschied, denn Hugbald sollte nach der Wassenburg vorausziehen; und sie
-besprachen das Wiedersehen in den nächsten Tagen.
-
-Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts. Vor ihm
-lag in der Niederung durch eine Mauer umschanzt der große Hof seiner
-Väter, der Bach teilte sich und umfloß den festen Sitz Ingramsleben
-von allen Seiten. Viele Gebäude standen innerhalb des Hofes, in der
-Ecke ein dicker viereckiger Turm, mit kleinen Fensterritzen, oben mit
-Zinnen gekrönt, durch einen Graben von dem übrigen Baue getrennt, er
-war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei schnellem Überfall
-die Hofherren zurückziehen konnten zu ihren Kindern und Schätzen, die
-sie dort geborgen hatten. In der Mitte des Hofes aber erhob sich das
-Herrenhaus mit hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und
-einer Galerie darüber, um das Haus standen nahe der Mauer zahlreiche
-Ställe und Wohnungen der Dienstleute. Außerhalb des Hofes erkannte man
-längs dem Wasser die Dächer des kleinen Dorfes, welches dazu gehörte.
-Der Reiter hielt vor der Brücke an, ihm pochte das Herz, er neigte
-einen Augenblick das Haupt und flehte zu den Heiligen, dann setzte er
-mit großem Sprunge durch das offene Tor. Sein Roß stieg, er hob sich
-hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner Väter.
-
-Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde, niemand kam, den
-Gast anzurufen und das Roß zu halten. Immo lenkte sein Pferd abwärts
-den Ställen zu. Dort kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk
-in großen Schwärmen, auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt
-unter dem Dach der Ställe. Nur der alte Kranich, welcher dem Geflügel
-zum Vogt gesetzt war, stand mitten auf dem Strohhaufen, richtete
-den Hals hoch auf und wandte seinen scharfen Schnabel dem fremden
-Reiter zu. Als aber Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen des
-Kranichs: »Ludiger« rief, da erkannte der kluge Vogel seinen alten
-Herrn und vergaß gänzlich seiner Würde, er schrie und rannte mit
-ausgebreiteten Flügeln und aufgesperrtem Schnabel dem Sohn des Hauses
-entgegen, gerade als wollte er ihn umfangen und schmiegte seinen Kopf
-an den Leib des Mannes. Immo aber strich ihm liebkosend den roten
-Scheitel, bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke lief. Dort
-breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde an sich zu
-drehen und zu tanzen, so daß die Hühner gackerten, und das Geschlecht
-der Enten und Gänse sich erhob und lautes Schnattern begann, erstaunt
-über die Gebärden des ernsthaften Meisters. Alle Vögel schrien und
-hinten im Hundezwinger bellten die Bracken. Da sah die alte Dienerin
-Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief zurück: »Gutes Glück
-steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor seinem Volke;« aber im
-nächsten Augenblick stieß auch sie einen Schrei aus, lief die kleine
-Hintertreppe hinab und umschlang mit ihren Armen den Fremdling.
-
-Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den Saal. Von der Schwelle
-erkannte er auf dem Herrenstuhl die Herrin des Hofes im braunen
-Trauergewande, das Haar mit dunklem Schleier umhüllt, das edle Antlitz
-wenig gewandelt in den Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so schön
-und gebietend, wie er es sehnsüchtig in seiner Seele geschaut hatte.
-»Meine Mutter,« rief er außer sich, warf sich zu ihren Füßen, umschlang
-ihre Knie und weinte wie ein Kind in ihrem Schoß. Frau Edith wollte
-sich heftig erheben, als der fremde Mann zu ihren Füßen niederstürzte,
-aber gleich darauf faßte sie sein Haupt mit ihren Händen und drückte
-ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der Mutter aufsah, hielt
-sie ihn an den Locken und sah ihn starr an, während ihr Gesicht sich
-rötete. »Ein Mann bist du geworden,« sprach sie erschrocken, aber im
-nächsten Augenblick warf sie die Arme wieder um ihn und küßte ihn
-auf die Stirne und das Haar, wie die Mutter einem kleinen Kinde tut.
-Schnell folgte Frage und Antwort. »Wisse, Immo,« begann die Mutter,
-»nicht ganz unerwartet kommst du. In der letzten Nacht hatte ich einen
-Traum, gleich einer Verkündigung. Auf meinem letzten Lager fand ich
-mich, gelähmt waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich, die
-Hände zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht sich über mich,
-im goldenen Schmuck des Bischofs standest du vor mir, um dein Antlitz
-strahlte ein heller Schein und du botest mir das Heiligtum. Mich aber
-durchdrang ein seliger Friede, wie ich ihn nie gefühlt. Glücklich
-ist die Mutter, Geliebter, welcher der Sohn das Tor des Himmelssaals
-öffnet.«
-
-Als Immo von seiner Reise erzählt hatte, zog er den Brief des Abtes
-aus dem Gewande. »Lies ihn,« sagte die Mutter sich setzend, »du bist
-der einzige im Hause, welcher der fremden Schrift und Sprache kundig
-ist, darum erkläre mir den Inhalt, damit ich alles verstehe.« Mit
-geheimer Sorge öffnete Immo den Brief, ungern wollte er der Mutter
-in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von seiner Trennung aus dem
-Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt nur einen Gruß des Abtes
-für Frau Edith, und daß er den Sohn aus der Schule mit seinem Segen
-zurücksende, damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge.
-
-»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine Bitte, die ich
-durch Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist für dich bereitet, damit
-du ein Held des Himmelsherrn werden kannst. Doch heute sprich nicht zu
-mir von künftigen Tagen, denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr
-freuen.« Sie zog ihn bei der Hand in den Hof und öffnete die Gittertür
-des Gartens, in welchem eine Anzahl Obstbäume auf dem Grasgrund stand.
-Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds. Auf einer Bank saß Odo,
-der ältere, einem gereiften Manne gleich, breitschultrig, gemessen in
-seinen Gebärden, das rundliche Gesicht mit den vorstehenden Augen und
-der bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der andern Brüder.
-Diese lagen im Grase, Ortwin, der redegewandte, welcher Sprecher des
-Hofes war, summte ein Lied und würfelte dabei auf einem Brettlein mit
-sich selbst, der starke Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher
-andere schwerlich gehoben hätte, unermüdlich in die Höhe und freute
-sich, ihn geschickt wieder zu fassen, und Adalmar und Arnfried lagen
-langgestreckt einander gegenüber, hielten jeder mit zurückgebogenen
-Armen einen Baum umklammert und stießen mit den Beinen einen runden
-Fichtenstamm, daß er ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und sie
-lachten laut, wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich
-nahte, daß es eines starken Stoßes bedurfte, ihn abzuwehren. Aber
-seitwärts von den Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe eines alten
-Knechts im Speerwurf gegen aufgestellte Bretter, und die Stangen,
-welche der Knabe warf, dröhnten kräftig von dem Holze. Die Brüder
-sprangen auf, als sie die Mutter erblickten, und Immo sah als stolze
-Jünglinge wieder, die er als Knaben verlassen hatte. Sie boten nach
-der Reihe dem Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gruß erschien ihm
-kalt, nur der jüngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals und Immo
-lachte, als das rosige Kindergesicht zu ihm aufsah. »Alle seid ihr
-stattliche Helden geworden,« rief er, »aber am meisten gewachsen ist
-mein Kleiner.« »Im nächsten Jahr erhalte auch ich den Schwertgurt,«
-antwortete dieser freudig in seinen Armen.
-
-Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh, die Knaben und
-die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.«
-
-»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe, auch die
-Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.«
-
-»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser
-zu unserm wilden Holz; wundervoll gewürzig sind die Äpfel, sie trugen
-zum erstenmal reichlich in dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als
-der Herbst kam, hatte ich das Herzeleid, daß du die guten nicht mehr
-schmecktest. Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid,
-die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof hielt. Denn
-gütig war sie immer gesinnt und sie freute sich auch über die Früchte
-und schenkte mir als Gegengabe eine Büchse mit Balsam aus dem heiligen
-Land. Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt
-schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern
-hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.«
-
-»Zeige mir deine Kunst,« sprach Immo zu Gottfried, »die wohl in kurzem
-auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der Knabe ergriff die Stangen und
-warf herzhaft. »Ich lobe die Treffer,« ermunterte Immo, bald ergriff
-er selbst die Gere und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele,
-daß Gottfried freudig die Hände zusammenschlug und die andern Brüder
-Beifall riefen.
-
-»Ganz gut gefällt mir, Immo,« sprach Edith zuschauend, »daß du in der
-Schule auch Werke eines Kriegsmannes geübt hast. Denn reitest du einst
-als ein gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt
-du auch die Helden, welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut
-und Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am besten seine
-Waffe gebraucht.«
-
-Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.
-
-An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl. In der Mitte
-ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem die Tische gestellt
-waren. An der Tür standen gedrängt die Dienstleute, um den Gruß des
-Herrensohnes zu erwarten. Während Immo unter sie trat und mit alten
-Vertrauten fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen
-und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz an ihrer
-Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster,« sagte sie
-lächelnd, »dafür hat er dort das Glück genossen, neben heiligen Männern
-zu sitzen. Und ich vertraue, auch du hast dir in deinem Dienst bereits
-Ehre erworben.«
-
-»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe Ehre,« versetzte
-Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das Rauchfaß schwenken, doch den
-Brüdern gefiel nicht der Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher
-und mit der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk
-abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben mich die Dekane,
-weil einige Schreihälse aus der Menge Wehe riefen wegen eingeschlagener
-Zähne. Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.«
-
-Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude den Ärger
-des Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz tretend, bat sie: »Sprich das
-lateinische Gebet, das sich in der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das
-Haus seiner Väter betritt.«
-
-»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach Hause kam,«
-murmelte Immo, und er sprach das lateinische Vaterunser.
-
-Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah verwundert in den
-großen Raum. Auf dem Fußboden aus geschlagenem Lehm, welcher glatt war
-wie eine Tenne, standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz
-sah er durch die geöffnete Tür in den wohlbekannten Hof; hinter ihm
-und auf den Seiten lief, durch ein geschnitztes Geländer eingefaßt,
-die erhöhte Bühne, von welcher zahlreiche Türen nach den Kammern und
-Wohnräumen des mächtigen Hauses führten. An den Wänden hingen die alten
-Rüstungen und Waffen, Kampfbeute früherer Helden, auf der Bühne im
-Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl, im Winter der
-wärmste Platz, aber ehrenvoll auch im Sommer. Alles war wie vor Jahren.
-Auch wenn er seine Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so
-dünkte ihm seine Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler Traum.
-Wenn er aber die männliche Stimme der erwachsenen Brüder hörte und
-die kurzen Reden, die sie während ihrer eifrigen Arbeit am Tische
-wechselten, so kam ihm wieder vor, als sei er bei den Erdmännchen in
-der Höhle gewesen, viele Jahre lang, denn er merkte, daß ein neues
-Geschlecht in dem Saal herrschte.
-
-Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und suchte ein freundliches
-Gespräch, während Frau Edith der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr
-den Saal verließ.
-
-Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den Spinnrocken
-neben den Ofen, die Herrin saß auf dem Stuhle nieder und ergriff die
-Spindel. »Komm an meine Seite, Immo,« bat sie, »damit ich vertraulich
-mit dir rede, wie sonst. Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches
-Gewebe gesponnen, auch für dich, mein Sohn; ich spann dir gute
-Wünsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner dachte, lag die Spindel
-in meinem Schoß. Denn neben diesem Rocken stand deine Wiege, ich hob
-dich heraus und du griffst nach den bunten Bändern am Flachse. Und als
-du im Hemdchen laufen lerntest, da kauertest du auf der Fußbank und
-warfst deine Beinchen um die Stange. Später sprangst du übermütig um
-meine Arbeit, wirrtest mir den Flachs und verkehrtest mir die kreisende
-Spindel. Jetzt freilich hast du bei den frommen Vätern gelernt,
-ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,« unterbrach sie sich selbst, »an dem
-Türpfosten haftet noch der Speer mit dem Zeichen deines Wachstums. Denn
-am Speer maß euch der Vater, jedem von euch nagelte er einen Schaft an
-den Pfosten und in den Schaft schnitt er jedem seine eigene Marke, mit
-welcher der Sohn in Zukunft sein Gerät zeichne. Und als das Friedel
-sein Maß erhalten sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten
-keinen Raum mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tür, dort
-steht er allein. »Denn dem Vater war das Prüfen der Größe in jedem
-Jahr eine Freude, obgleich die Alten sagen, daß man die Kinder nicht
-messen soll, euch aber hat es nichts geschadet, denn ihr seid alle
-hoch emporgeschossen. Tritt an das Maß,« bat sie, und als Immo ihren
-Willen tat, rief sie erfreut: »Mehr als eines Kopfes Länge überragst du
-das letzte Zeichen und der größte bist du geblieben. So ziemt es sich
-auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder Größe vermag eine
-Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie gerade nicht bei ihr sind. Auch
-dich schaute ich in meinem Sinn, ganz klein und wieder größer. Aber
-wunderlich war es, wenn ich allein saß, dann hielt ich dich in meinen
-Gedanken am liebsten als ein kleines Kind auf meinem Schoß, und ich
-freute mich, daß du die Arme zu mir aufhobest, obwohl du doch älter
-warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich so, weil du als kleines
-Kind mir gehörtest.«
-
-Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.
-
-»Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede,« bat Edith und
-eine feine Röte flog über ihre Wangen. »Denn wenn du mich heut ansiehst
-mit den Augen und mit dem Antlitz deines Vaters, dann weiß ich nicht,
-du Holder, ob ich deine Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir,«
-rief sie wieder und warf den Arm um seinen Hals, »denn lange habe ich
-dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob ich selbst fremd im Hause
-sei, weil du mir immer fehltest. Sommer und Winter schwanden dahin,
-meine Knaben wuchsen heran, oft machten sie am Abend der Mutter die
-Freude, still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf
-den Höfen der Nachbarn umher. Doch muß ich meine Söhne rühmen, denn
-gehorsam und der Mutter treu gesinnt waren meine Knaben alle.«
-
-»Auch ich bin dein Sohn,« rief Immo.
-
-»Ja du,« antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden Augen an. Und
-leise fuhr sie fort: »Anders vermag ich mit dir zu reden als mit ihnen,
-und als ich dich am Tisch hörte, sprachst auch du nicht wie die Knaben,
-denn reichlicher schweben deine Worte von der Zunge und mit fremdem
-Klange dringen sie in das Ohr. Doch hört es sich gut an, Immo, und
-es macht dich meinem Herzen vertraulich. -- Reich und froh fühle ich
-mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von uns ritt und mir
-ist, als könnte ich dir alles Geheime sagen, wie man es am Altare den
-Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind. Denn du gehörst ja, wenn du auch
-unter uns weilst, mehr den Himmlischen an als wir andern.«
-
-Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier still
-dahingelebt, als ernste Gebieterin hatte sie die wilden Söhne gezogen
-und über den Dienstleuten gewaltet, ihr eigenes Herz, wenn es heftig
-pochte, hatte sie fest gebändigt; jetzt brach in der Freude des
-Wiedersehens die Mutterliebe wie ein starker Bergquell aus der Tiefe
-ihrer Seele. Dem Sohn schien sie einer begeisterten Seherin gleich,
-noch niemals hatte er sie so gehört; er lauschte hingerissen auf den
-Klang ihrer bewegten Stimme und doch empfand er geheimen Schmerz bei
-den liebevollen Worten.
-
-Die Söhne traten nach der Reihe vor die Mutter und boten den Nachtgruß,
-jedem legte sie die Hand auf. Als letzter kam Immo, da stand die Mutter
-auf und als er sich neigte, den Segen zu empfangen, umschlang sie sein
-Haupt und streichelte ihm Haar und Wange, die Freudentränen in den
-Augen. »Führe du ihn zu seinem Lager,« gebot sie der alten Gertrud,
-»denn du warst vorzeiten seine Wärterin.«
-
-»Wohin leitest du mich, Mutter?« frug Immo lächelnd, »ich kenne den
-Bretterverschlag hinter der Halle, in dem ich sonst schlief.«
-
-»Der würde dir jetzt wenig ziemen,« versetzte die Alte, »denn Frau
-Edith hat dir selbst das Lager bereitet.« Sie führte durch den Hof
-zu einem stattlichen Bau, der wie eine große Laube aus Stein und
-Holz errichtet war und zwei Gemächer nebeneinander enthielt; die
-Wände des kleineren Raumes waren mit Teppichen bekleidet, der Boden
-mit grünen Binsen bestreut, auf dem Lager weiche Kissen und eine
-prachtvolle Decke, über welcher Greifen und andere gestickte Fabeltiere
-einherschritten, an der Wand hing ein großes Kreuz, davor war ein
-Betpult, eine große Wachskerze erhellte den Raum. Immo stand betroffen
-in der Tür. »Ich rieche die Kirche,« rief er, denn ein Duft von
-heiligem Räucherwerk erfüllte den Raum.
-
-»Der hochwürdige Herr von Magdeburg hat hier vor kurzem geruht,«
-antwortete Gertrud, die Knie beugend.
-
-»Im Gastgemach des Hofes stehe ich, das den vornehmen Fremden bereitet
-wird,« rief Immo traurig, »ich meinte in das Haus meiner Väter zu
-kommen.«
-
-»Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden,« wiederholte
-Gertrud die Worte der Herrin. »Unter uns andern Menschen bist du ja
-nichts weiter als ein Gast, du armes Kind.«
-
-Immo winkte der Dienerin die Entlassung und als sie sich mit
-Segenswünschen entfernt hatte, setzte er sich nieder und barg sein
-Gesicht in den Händen, denn die Worte der Alten schnitten ihm in
-das Herz; er merkte, daß sie recht hatte und daß er nur ein Gast im
-Vaterhause war.
-
-Als er am Morgen erwachte, hörte er draußen an der Wand das
-Schwalbenvolk schwatzen und singen, gerade wie in der Schule und
-er wartete, daß die kleine Glocke am Michael läuten werde. Draußen
-aber pfiff ein junger Knecht geschickt eine lustige Weise, die Immo
-in seiner Kinderzeit oft gehört hatte. Da erkannte Immo wieder die
-Heimat und er dachte vergnügt, daß der Knabe wohl einer Magd des
-Hofes, die ihm lieb war, seinen Morgengruß zugerufen habe, was in dem
-Kloster niemals geschah. Als er die Augen aufschlug, sah er, daß die
-Lichtöffnungen seiner Fensterläden nicht in Kreuzesform geschnitten
-waren wie im Kloster, sondern als runde Herzen, und ein großes Herz
-voll Licht lag golden auf dem Fußboden. Da lachte er und sprang auf,
-und während er sich anzog, nahm er sich vor geduldig zu sein und auch
-Schmerzliches zu ertragen, bis er das Vertrauen der Brüder gewonnen
-und bis er die Mutter mit seinen weltlichen Gedanken versöhnt hätte.
-Und er fürchtete, daß dies ein schwerer Kampf sein werde.
-
-Nach dem gemeinsamen Frühmahl schürzte Frau Edith ihr Gewand, um in der
-Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen, und Immo gedachte des vertrauten
-Briefes, den ihm Herr Bernheri für den Dienstmann auf der Wassenburg
-übergeben hatte. Als er der Mutter bekannte, daß er dorthin reiten
-werde, sahen die Brüder einander bedeutsam an und tauschten leise
-Worte. Darum begann Immo freundlich zu Odo: Ȇberall sorgen die Leute,
-daß ein großer Krieg bevorsteht, sage mir, mein Bruder, seid ihr für
-König Heinrich oder Hezilo?«
-
-»Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt,« versetzte Odo vorsichtig,
-»wir aber hören aus der Ostmark, daß die Slawenherzöge rüsten und diese
-sind für uns die nächste Sorge.«
-
-»Unter den Mönchen vernahm ich, daß die Böhmen sich dem Hezilo
-verbündet haben, sicher weißt du, ob die Grafen der thüringischen und
-sächsischen Mark den Böhmen widerstehen wollen.«
-
-»Wir vermuten,« antwortete Odo, »daß ihr Wille ist, ein Heer zum Schutz
-der Grenze zu sammeln; dann hoffe ich, werden auch wir reiten.«
-
-»Sonst zog unser Wald zu dem Banner, welches der Vogt des Königs in
-Erfurt aufsteckte,« warf Immo ein.
-
-»Ich aber meine,« versetzte Odo, »daß der Königsvogt sich nicht beeilen
-wird, seine Burg zu verlassen und nach Süden zu ziehen, wenn an der
-nahen Grenze der Kriegslärm erhoben wird. Bei uns denkt jeder daran,
-sich im Hause zu wahren, denn einer mißtraut dem andern.«
-
-Immo schwieg gekränkt, denn er sah, daß auch die Brüder ihm
-mißtrauten. Er rief deshalb den Knaben Gottfried und erbat von der
-Mutter, daß dieser mit ihm reite. Auf dem Wege erzählte ihm der
-Harmlose, was er bereits ahnte, daß die Mutter für König Heinrich
-war, die Brüder aber für den Babenberger. Und noch mehr erfuhr er.
-Auch seinetwegen war ein langer Kampf zwischen Mutter und Brüdern
-gewesen, denn die Brüder hatten sich dagegen gesträubt, dem ältesten
-die Mühlburg vor der Teilung zu überlassen, damit sie dem Stift des
-Erzbischofs zufalle, und nur widerwillig hatten sie dem Ansehen
-der Mutter nachgegeben. »Die Brüder hatten recht,« rief Immo dem
-verwunderten Gottfried zu. Auf der Wassenburg wußte der alte Dienstmann
-wenig vom Laufe der Welt, doch freute er sich des Briefes und besserte
-auf Hugbalds Rat an den Mauern. Auch in Arnstadt, der dritten Burg,
-welche das Kloster am Walde besetzt hielt, vermochte Immo nicht viel
-zu erfahren. Da ritt er nach Erfurt zu dem Vogt des Königs, der seinem
-Vater vertraut gewesen war; dort wurde er freundlich empfangen und
-vernahm vieles, was dem Abt wertvoll sein mußte. Auch das Pergament zum
-Briefe kaufte er in der Stadt und den Dienstmann Hugbald brachte er als
-Gast nach dem Hofe, nachdem er ihm einen Wink gegeben hatte, über die
-letzten Tage im Kloster zu schweigen.
-
-So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der Arbeit, die er
-für Herrn Bernheri übernommen hatte. Er war wenig mit den Hofgenossen
-zusammen, und Frau Edith erfreute sich an dem Eifer, den Immo für
-seinen Abt bewies. Und als sie merkte, daß er in der Kemenate über dem
-Pergament saß, ging sie selbst in den Hof und scheuchte die Mägde und
-den Kranich mit seinem Hühnervolke in die entfernteste Ecke, damit kein
-Geräusch die seltene Arbeit störe.
-
-
-
-
-5.
-
-Die Trennung.
-
-
-Immo trat zu seinen Brüdern, welche gewappnet, in der Eisenhaube die
-Rosse sattelten. Das Herz lachte ihm, als die hochgewachsenen Knaben
-sich so geschwind mit den Pferden tummelten. Da sah er, daß Odo den
-weißen Sachsenhengst herausführte und ihm schoß das Blut nach dem
-Haupte, aber er bewältigte die Erregung in Mönchsweise, indem er
-schnell ein Vaterunser sprach; dann ging er an das Roß und sprach ihm
-leise zu, das Tier spitzte die Ohren und wieherte. »Einst gehörte das
-Pferd mir,« sagte er zu Odo, »und als ich schied, schenkte ich es
-unserm Bruder Gottfried.«
-
-»Das tatest du,« versetzte Odo gleichmütig, »aber da es das beste Pferd
-im Hofe ist und für die Zucht wertvoll, so reite ich es lieber selbst;
-denn der Knabe ist unvorsichtig und tummelt sich wild, wo der Hengst zu
-Schaden kommen könnte.«
-
-Immo schwieg, führte das Roß, welches ihm Herr Bernheri zur Reise
-geschenkt hatte, aus dem Stall, sattelte es neben den andern und
-begann: »Gefällt es euch, so reite ich mit.«
-
-Die Brüder sahen einander an, und Immo merkte, daß eine stille
-Abweisung in ihren Blicken lag, endlich sprach Odo zu den andern: »Da
-er als unser Bruder im Hofe weilt, so mögen wir es nicht wehren. Doch
-nicht müßig reiten wir über das Feld, Immo, und für einen Gast aus der
-lateinischen Schule wird es ein langer Ritt, denn wir streifen über die
-Fluren wegen Sicherheit der Dörfer, sowohl in unserem Erbe als auch auf
-dem Lande der Nachbarn nach altem Brauch.«
-
-»Ich kenne den Brauch,« versetzte Immo, »und möchte euch begleiten, wie
-ich zuweilen unserm Vater gefolgt bin.«
-
-Odo nickte, aber Immo fühlte, daß es keine freundliche Einwilligung
-war, und die jungen Adalmar und Arnfried sprachen leise zueinander und
-lachten.
-
-»Wie kommt es, daß Gottfried uns nicht begleitet?« frug Immo auf dem
-Roß.
-
-»Er trägt nicht den Schwertgurt,« versetzte Odo kurz. »Vorwärts,« und
-in gestrecktem Lauf sprengten die Reiter aus dem Hofe.
-
-Die Brüder sahen von der Seite prüfend auf Immos Reitkunst.
-
-»Langgefesselt sind die hessischen Pferde,« begann Erwin spottend,
-»übel steht ihnen die Bocknase.«
-
-»Hättet ihr dem Bruder ein Roß aus der Hofzucht geboten, wie sich
-gebührte, so würde das fremde Gesicht euch nicht ärgern,« versetzte
-Immo und sah so finster auf den Tadler, daß dieser zur Seite ausbog.
-
-»Ich habe nicht gehört, daß du uns das Begehren gestellt hast,« sagte
-Odo trocken.
-
-»Freundlicher Sinn wartet bei dem, was sich geziemt, nicht auf die
-Bitte,« entgegnete Immo.
-
-»Bei uns aber ist die Gewohnheit,« antwortete Odo, »daß der Gast am
-liebsten das eigene Pferd besteigt, dessen Tugenden er vertraut.«
-
-»Ich lobe den Reiter,« rief Immo mit blitzenden Augen, »dem auch auf
-einem mäßigen Pferde ein guter Sprung gelingt. Folgt mir, ihr Knaben.«
-Er hob die Hand und setzte über Graben und Hecke, die sich längs dem
-Wege hinzogen. Sogleich folgten die Brüder einer nach dem andern,
-nur Odo ritt gleichmütig auf dem Wege weiter, und als die Reiter
-zurücksprangen und lachend die aufgeregten Tiere zum Trabe bändigten,
-sagte er kühl: »Wir haben heut einen langen Ritt und ein verstauchtes
-Bein wird uns hindern.« Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch
-den andern, sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hörten
-teilnehmend auf seinen Bericht über die Zucht der Klosterfüllen.
-
-So ritt die Schar in scharfem Trabe über die Fluren, voran Ortwin,
-der Sprecher, zuletzt Erwin, der Marschalk. Nahten die Reiter dem
-Wallgraben eines Dorfes, so blies Ortwin in ein Horn des Auerstiers,
-das er am Riemen trug, und sie sprengten in die Dorfgasse vor den
-Hof des Ortsmeisters, wo sie anhielten, bis der Mann heraustrat.
-Verschieden waren Gruß und Fragen, wenn er ein Freier und wenn er ein
-Höriger des Geschlechtes war. Auch in der Flur hemmten die Reiter den
-Trab, wo Arbeiter auf dem Acker schafften oder wo Hirten weideten;
-dann eilten auch diese heran und berichteten: ob fremdes Volk über die
-Flur gestrichen, ob ein Diebstahl im Felde erkannt, ob ein Raubtier in
-die Gehege gebrochen sei und ob ein Wanderer neue Kunde aus der Welt
-zugetragen habe. Verwundert starrten die Landleute auf den fremden
-Reiter, aber wenn sie ihn erkannten, traten sie mit lautem Zuruf heran
-und boten ihm treuherzig die Hand, in den Dörfern drängten sich auch
-die Weiber und Kinder um ihn, und Immo hatte zuweilen Mühe, sich aus
-dem Haufen zu lösen, wenn Odo wartend nach ihm zurücksah.
-
-Über kahle Höhen und Gestrüpp ritten sie in einen alten Buchenwald
-und wanden sich zwischen mächtigen Stämmen, an denen selten die Axt
-klang, der Höhe zu. Dort gab Ortwin das Zeichen, aus der Tiefe vor
-ihnen antwortete ein ähnlicher Hornruf und wildes Geheul von Hunden.
-Die Reiter stiegen in ein Kesseltal hinab und sahen vor sich die
-Hütte, welche der Sauhirt für den Sommer aus Stangenholz und Rinde
-zusammengeschlagen hatte, und daneben das Gehege für die Schweine. Es
-war ein düsterer Ort, in den Vertiefungen des aufgewühlten Bodens stand
-sumpfiges Wasser, um welches sich die entblößten Baumwurzeln wie dicke
-Schlangen dahinwanden; das Roß Immos schnaubte und scheute vor der
-unholden Stätte. Ein riesiger Mann in einem Rock aus Fellen, mit hohen
-Lederstrümpfen und Schuhen, an denen noch die Haare hingen, kniete auf
-dem Boden, beschäftigt, einen toten Wolf abzubalgen. Er erhob sich,
-scheuchte die anspringenden Hunde und begann mit finsterm Lächeln: »Den
-alten Grauhund traf mein Holz diesen Morgen. Wollt ihr, daß die Herde
-nicht zersprengt werde, so helft selbst die Wölfe schlagen, ihr Herren,
-denn seit vielen Jahren haben sie nicht so arg zwischen den Hügeln
-geheult als in diesem Sommer; ich allein mit den Knechten vermag ihrer
-nicht Herr zu werden. Die Nachtgänger wissen, daß die Helden in der
-Ebene sich zur Kampfheide rüsten und sie heulen nach ihrem Anteil an
-Lebendem und Totem.«
-
-»Was hast du von der Herde verloren?« frug Odo.
-
-Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten der Hütte.
-»Die Waldweide wird gut,« sagte er kurz, »und ihr könnt den Schaden
-ertragen. Ein fremdes Roß sehe ich,« fuhr er fort, »aber darüber zwei
-Augen, die einst meinen Wald so gut kannten als ich.«
-
-»Sei gegrüßt, Eberhard,« rief Immo und faßte die Hand des Mannes.
-
-Eberhard musterte den Arm. »Es ist eine Herrenfaust. Kommst du
-festzuhalten oder wegzugeben?«
-
-»Ich gedenke zu bewahren, was mir zufällt,« versetzte Immo.
-
-Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief: »Ich dachte
-wohl, daß du von dem Glockenseil der Geschorenen zurückkehren
-würdest. Denn du gehörst zum Walde, und hier merkt der Mann andere
-Unsichtbare, welche ungern auf das Bimmeln der Ordorfer Glocke hören.«
-Er betrachtete die Brüder und fuhr dann fort: »Sechs Söhne Irmfrieds
-stehen vor mir und allen weide ich mit meinen Knaben ihre Herden.
-Dennoch will ich wissen, wem ich selbst in Zukunft angehöre und ihr
-sollt mir's kund tun.«
-
-Die Brüder sahen einander lächelnd an. »Du sollst es wissen nach der
-Teilung.«
-
-»Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs Los einem
-unter euch anzuwerfen? Anders gedenke ich meinen Herrn zu finden.
-Steigt ab und folgt mir, ihr Jünglinge, denn ich will euch den Willen
-eures Vaters verkünden.« Er führte hinter die Hütte zu dem stärksten
-Eichbaum, den er mit Bündeln Astholz umschichtet hatte. »Seit acht
-Jahren liegt das Astholz an dieser Stelle und jedes Jahr binde ich und
-schichte ich aufs neue, damit das Holz vor fremden Augen verberge, was
-mir das liebste Stück meiner Habe ist.« Als er geräumt hatte, sah man
-an dem Stamme eine Waldaxt, die mit starkem Schwunge eingetrieben war.
-»Diese Axt,« begann der Hirt, »schlug Herr Irmfried in den Baum, als
-er das letzte Mal zu seinen Ebern kam. Damals bot er mir eine Hand zum
-Abschiede, weil ich ihm ein treuer Knecht gewesen war, und die andere
-Hand legte er auf mein Haupt. Ich frug unter seinen Händen: Herr, wenn
-ihr nimmer heimkehrt, wem soll ich ferner dienen? Darauf sprach er:
-Deiner Herrin Edith, solange sie dir das Brot hinaussendet und dir das
-Lager bereiten läßt, wenn du im Winter zum Hofe kehrst. Ich antwortete:
-das tue ich gern. Aber sieben Frischlinge laufen auf dem Hofe, und
-wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis zu dem Tage verschonen,
-an welchem ihnen die Eberzähne schießen, welchem der jungen soll ich
-angehören? Laßt mich nur dem besten dienen.« »Wer der beste wird, weiß
-nur der Christengott, versetzte der Herr, nicht ich. Herr, sagte ich
-dagegen, der stärkste ist mir im Walde der beste. Da sprach der Herr:
-Wenn der Tag kommt, wo die Sieben miteinander zu deinem Baum treten, so
-nimm diese Axt, neu geschärft und mit neuem Stiel, und biete sie meinen
-Söhnen dar, damit jeder von ihnen die Axt in diesen Baum schlage, mit
-dem besten Schwunge, den er vermag, der jüngste zuerst, der älteste
-zuletzt, so wie ich sie jetzt schlage. Und siebenmal sollst du selbst
-die geschwungene Axt aus dem Holz reißen, dabei prüfe, welcher von
-meinen Knaben am schärfsten schlägt; und der dir selbst als der
-stärkste erscheint, dem magst du dienen. Da hob Herr Irmfried seine
-Axt aus dem Sattelgurt und schlug sie in den Stamm, so wie sie jetzt
-noch hängt.« Die Jünglinge traten neugierig an die Waffe des Vaters.
-Der Alte aber stellte sich abwehrend davor und fuhr mit gehobenen Armen
-fort: »So bezeuge der Eichbaum und bezeuge die Herrenaxt, daß Held
-Irmfried mir solches Versprechen getan hat. Vor meinen Zeugen frage ich
-euch, ihr Söhne des Toten, ob ihr den Willen eures Vaters zu ehren
-gedenkt oder nicht.«
-
-»Wir gedenken seines Willens,« antwortete Odo.
-
-»So helft auch mir, daß ich darnach zu tun vermag. Achtmal hat das Laub
-gegrünt, niemand hat die Axt gehoben; das Eisen ist verrostet, das Holz
-ist herumgewachsen, ich selbst hütete sorglich meine Zeugen an ihrer
-Stelle. Jetzt aber naht die Zeit, wo ihr Sieben zu euren Tagen kommt
-und im Schwertgurt das Erbe eures Vaters teilen werdet. Für diesen Tag
-muß ich den Stiel schnitzen und das Eisen schärfen und darum will ich,
-daß heut einer von euch die Herrenaxt heraushebe und mir in die Hand
-lege, damit ich mein Recht gewinnen kann.«
-
-Da rief der junge Adalmar nach dem Axtstiel greifend: »Gefällt es euch,
-Brüder, so schärfe der Knecht zur Stelle die Schneide und heut schon
-prüfen wir die Kraft, damit er seinen Willen habe.«
-
-»Mir aber gefällt es nicht, daß ihr leichtherzig an dem Stiele zerrt,«
-versetzte der Sauhirt finster. »Nicht alle seid ihr versammelt,
-der jüngste ist noch ein Kindlein und ganz richtig begehre ich die
-Herrenwahl, wie euer Vater gebot. Heut will ich selbst einen von euch
-rufen, der zuerst nach seinem Vater den Stiel erfassen soll.«
-
-Odo antwortete: »Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein soll, das dir
-gefällt, so spreche ich nicht dawider.«
-
-Da sprach der Hirt: »Ich aber wähle die Hand, die von Wolfsblut rot
-ist. Denn du, Immo, warst der einzige, der dem alten Knechte die Hand
-gereicht hat, wie dein Vater tat. Tritt an den Stamm und zucke dreimal,
-dann weiche zurück.«
-
-Immo trat herzu und rückte gewaltig am Holzgriff. Beim dritten Zuge
-brach der Stiel, Immo aber riß das Eisen aus dem Baume, daß es auf
-den Grund fiel. Da hob der Alte das Eisen auf und betrachtete es
-kopfschüttelnd: »Eine Vorbedeutung erkenne ich für dich selbst, Immo;
-fest ist dein Griff, mit dem du die Herrschaft erwirbst, doch hüte
-dich, daß sie dir nicht bei hastiger Tat entgleite. Ich aber bewahre
-die Axt bis zu dem Tage, an dem sich der Knecht seinen Herrn sucht.«
-
-Der Alte kehrte zu dem Wolfsbalg zurück, die Brüder schwangen sich auf
-die Rosse. Aus der Markung ihrer eigenen Dörfer führte Ortwin die Schar
-auf fremden Grund.
-
-Wenige Wegstunden nordwärts umgab der Nessebach mit Teichen und
-sumpfigem Moor wie ein großer Wallgraben andere Höhen, an welchen
-fruchtbares Ackerland unter lichtem Laubwald lag. Auch dort waren
-alte Wohnstätten der Thüringe, während hinter ihnen im Norden viele
-angesiedelte Franken saßen, welchen der Graf von Tonna gebot; die
-Bauern vom Moor der Nesse aber hielten sich gern zu ihren Landgenossen
-am Walde. Sie waren stolz auf ihre Freiheit und wurden von den
-Dienstmannen des Grafen als altväterisch in Bräuchen und Bewaffnung
-verspottet. Denn sie zogen ungern zu Rosse ins Feld, auch wenn sie es
-vermochten. Aber sie waren auch als trotzige Gesellen in der ganzen
-Gegend gefürchtet und man wußte, daß sie in Kriegsfahrten starke Fäuste
-bewährt hatten.
-
-Seit alter Zeit bestand zwischen ihnen und dem Geschlecht des Irmfried,
-welches um die roten Berge wohnte, ein gutes Vernehmen. Niemand wußte
-zu sagen, woher das Bündnis kam, es war seit je gewesen und die Weisen
-sagten, daß es schon lange bestanden hatte, bevor die Ungarn ins Land
-brachen. Und es war ein alter Brauch, daß das Geschlecht Irmfrieds
-bei allen Fehden, welche die Dörfer mit den Nachbarn hatten und auch
-bei Missetaten, über welche das Geschrei erhoben wurde, im Eisenhemd
-herzuritt und mit den Freien dort gemeinsam die Abwehr und Rache
-betrieb; dafür zog auch die Jugend der Dörfer dem Geschlecht mit Speer
-und Bogen zu Hilfe, wenn dieses mit andern verfeindet war. Diese gute
-Nachbarschaft war den Grafen und den geistlichen Herren unlieb. Denn
-die Landleute wehrten sich trotziger gegen jede neue Last, welche
-die Grafen auflegen wollten, und man sagte ihnen nach, daß sie auch
-heimlich abseits von dem Grafenstuhl untereinander Urteil fänden gegen
-ihresgleichen in schweren Fällen.
-
-Als die Reiter dem ersten Dorfe nahten, erhob Ortwin den Horngesang
-und sie fanden an Tor und Brücke die Alten des Dorfes aufgestellt. Odo
-ritt vor und wechselte mit ihnen alte Sprüche, welche den Freien am
-Walde eigen waren und anderen ungebräuchlich. »Im Sonnenschein, beim
-Wandel des Mondes, unter glitzerndem und fallendem Stern kommen wir zu
-euch wegen Recht und Rache.« Worauf die Bauern antworteten: »So grüße
-euch die Sonne, der Mond und der lichte Morgenstern, seid willkommen in
-unserer Burg.« Und als die Reiter abgestiegen waren, wurde ihnen ein
-Trunk gereicht und den Rossen Hafer in kleinen Krippen, dabei sagte ein
-alter Bauer: »Freiwillig reitet ihr und freiwillig schütten wir den
-Hafer,« worauf Odo antwortete: »Und wenn wir nicht ritten, dann würdet
-ihr reiten und wir würden euch den Hafer schütten.« Darauf besprach
-sich Odo heimlich mit den Alten und die Schar brach zum nächsten Dorfe
-auf.
-
-Als sie aus einem Gehölz herab kamen, um den Bach zu durchreiten,
-sahen sie vor sich eine hohe Rauchwolke aus niedergebranntem Hause
-aufsteigen. Ortwin hielt und rückwärts gewandt sah er seinen Bruder
-Odo bedeutungsvoll an, dieser nickte und die andern Brüder tauschten
-leise Worte. Als sie nun weiter hinunterkamen zum Rand des Baches,
-fanden sie die Furt durch einen Wagen gesperrt, Hausrat, Leinwand und
-Kleider lagen unordentlich und halbverbrannt darauf. Ein bleiches,
-vergrämtes Weib hockte auf dem Sitz und hielt ein schreiendes Kind in
-den Armen, während der Mann mit verstörtem Gesicht und geschwärzten
-Händen vergebens auf sein Pferd schlug, damit das kraftlose Tier aus
-dem strudelnden Wasser die Höhe gewinne. Der Mann grüßte die Reiter
-mit scheuem Blick, aber gleich darauf rief er kläglich um Hilfe. Doch
-Odo wandte das Pferd ab und die Brüder sprengten aufwärts zu einer
-andern Stelle des Baches, ohne den Gruß des Mannes zu erwidern und
-seine Not zu beachten. Immo, der im Kloster gewöhnt war, den Armen und
-Notleidenden Mitleid zu erweisen, sprach den Brüdern zu: »Schmählich
-ist es, wegzureiten, während der Arme mit Weib und Kind im Wasser
-ringt.« Odo rief herrisch zurück: »Soll ich dir Gutes raten, so folge
-uns, ohne diesen anzureden.«
-
-»Pfui über euch,« rief Immo wieder, »daß ihr ein Weib und Kind in der
-Angst zurücklaßt.« Er sprang ab, band sein Pferd an einen Baum und
-watete in das tiefe Wasser. »Treibe noch einmal,« riet er dem Manne und
-griff selbst mit voller Kraft in die Räder, die Peitsche knallte, der
-Mann schrie und mit Hilfe des Starken gelang es, den Karren aus dem
-Bach heraufzuführen. »Wer bist du?« frug Immo, »und warum entfährst du
-hilflos der Feuerstätte?«
-
-»Hunold bin ich genannt, wir gehören dem großen Bischof zu Erfurt.
-Sein Vogt hat mich auf neuer Rodung angesiedelt, im Frühjahr haben
-seine Leute mir geholfen, die Hütte zu bauen. In dieser Nacht wurde
-sie mir niedergesengt und als der Hund in der Stube bellte und ich
-erwachte, war die Tür von außen verschlagen. Mit der Axt mußte ich sie
-unter loderndem Feuer aufbrechen, um diese zu retten. Einsam blieb ich
-während des Mordbrandes, kein Notschrei führte mir einen Helfer zu.«
-
-»Und wo willst du hin, Unglücklicher?«
-
-»Hinweg von hier, die Flur ist unheimlich für Fremde; den Herrn Vogt
-will ich anflehen, daß er mich ansiedle, wo es auch sei, nur weit
-von hier. Beschwerlich ist ein Lager unter den Disteln.« Das Weib
-heulte und das Kind schrie, Immo griff in den Beutel, den ihm der Abt
-geschenkt hatte und legte der Frau eine Handvoll runden Silberblechs
-in den Schoß. »Aus dem Kloster seid ihr blanken, und in Klosterweise
-streue ich euch aus,« sagte er gutherzig. Er schüttelte sich das Wasser
-aus dem triefenden Gewande, sprang in den Sattel und ritt den Brüdern
-in gestrecktem Laufe nach. Als er ihre Schar erreichte, warfen die
-andern finstere Blicke auf ihn und wandten die Gesichter ab.
-
-»Seit wann beschützen die Söhne Irmfrieds den nächtlichen Mordbrand?«
-frug Immo zu Odo reitend verächtlich.
-
-»Nicht wir haben das Feuer entzündet,« versetzte Odo. »Kränkt dich,
-daß wir von einem Vogelfreien abwärts ritten, so kränkt uns deine
-hilfreiche Hand.«
-
-»Galt euch der Mann als vogelfrei, so lobe ich den Brauch nicht, ihm
-Weib und Kind zu sengen.«
-
-»Führt der Hahn sein Volk in die Burg des Fuchses, so büßt es Henne und
-Huhn. Ich riet dir nicht, unserm Ritt zu folgen.«
-
-»Unwillkommen ist der Mahner,« rief Ortwin, »der unsere Bräuche nicht
-kennt.«
-
-Und Erwin: »Dünkst du dich klüger als deine Landsleute, so wärst du
-besser bei den Mönchen geblieben.«
-
-»Kommst du uns Mönchslehre zu geben,« spottete Adalmar, »so wirst du
-hier eine demütige Gemeinde nicht finden.«
-
-»Wie die Eule schreist du deinen Warnungsruf und dein Gesang klingt
-widerwärtig im Lande,« höhnte auch der junge Arnfried.
-
-»Daß ich der älteste unter euch bin,« versetzte Immo sich hoch im
-Sattel aufrichtend, »das will ich euch, ihr zuchtlosen Knaben, bewähren
-durch meine Lehre, die ihr mit Achtung hören mögt, und durch die Faust,
-mit der ich die Ungehorsamen strafe.« Sein Roß setzte im Sprunge
-zwischen die Schreier und so gebieterisch war seine Haltung, daß die
-Jüngeren verstummten.
-
-»Du irrst, Immo,« begann Odo, »nicht du bist der erste im Hofe und auf
-unserer Flur, und nicht dir kommt es zu, die Knaben zu ziehen, sondern
-mir. Denn ich bin, da der Oheim uns verfeindet ist, der älteste des
-Geschlechts, welcher ein Schwert trägt und auf Heldenwerk denkt, du
-aber wirst ein betender Pfaffe.«
-
-»Ob ich dereinst ein geistliches Gewand tragen werde oder nicht, jetzt
-führe ich mein Schwert wie ihr, und die Ehre des Ältesten fordere ich
-als mein Recht, das nicht du und kein anderer mir nehmen soll.«
-
-»Nicht die Jahre allein zählen wir, auch die Taten des Mannes,«
-antwortete Odo. »Während du auf der Schülerbank saßest, zog ich mit
-deinen Brüdern zum Kampf. Viermal hielt ich die Schildfessel im
-Grenzkriege gegen die Slawen, auch deine jüngeren Brüder sind mehr als
-einmal auf die Kampfheide geritten. Wo sind die Heldentaten, deren du
-dich rühmen kannst?«
-
-»Ihr sahet zu, wenn Häuser brannten und Weiber in der Not ihre Arme
-hoben. Wenig vermag ich eure Kriegstaten zu loben,« rief Immo. »Fahret
-dahin auf eurem Wege, ich finde den meinen allein.« Er wendete zornig
-sein Roß und ritt seitwärts über die Flur.
-
-Als Immo in beschwertem Mute dahin fuhr, hörte er aus der Ferne
-kunstvollen Peitschenknall, einen Gruß, den er wohl kannte. Er sprengte
-über das Brachfeld zu dem Acker, den Brunico, der Bruder des Mönches
-Rigbert, mit den Ochsen des Vaters pflügte. Der junge Landmann hielt
-an, Immo streckte schon von weitem die Hand aus, den Jugendgespielen zu
-begrüßen. »Denkst du der Reden,« sprach Immo, »die wir einst in unserm
-Hofe tauschten; daß wir miteinander im Eisenhemd reiten wollten?«
-
-Brunico nickte. »Langsam wandeln die Ochsen und langweilig dünkt mich
-die Schollen zu treten.«
-
-»Ich komme dich mahnen, ob du mit mir zum Heere des Königs ziehen
-willst als mein vertrauter Mann, der sich mir für die Schwertreise
-gelobt.«
-
-Die Augen Brunicos glänzten. »Wenn der König und der Markgraf nur noch
-ein Jahr warten wollten, bevor sie aufeinander losschlagen, so wäre das
-besser wegen des Hengstes, auf dem ich dich begleiten will. Denn das
-Roß ist noch jung für die Kriegsfahrt. Ich selber bin meines Vaters
-Sohn und sitze an seiner Bank. Und wenn ich auch etwas tun will, so bin
-ich doch der Worte nicht mächtig, um den Alten zu bereden; das mußt du
-wagen. Und dann gibt es noch jemanden, den ich gern darum früge.«
-
-»Ist die Jungfrau aus eurem Dorfe?« frug Immo lächelnd.
-
-Brunico schüttelte das Haupt und wies nach Osten. »Weiter aufwärts am
-Bach. In der nächsten Nacht hole ich dort Bescheid.«
-
-Als Immo die Schar der Brüder aus dem Dorfe reiten sah, lenkte er sein
-Pferd dem Hofe des Baldhard zu. Der Bauer stand in seinem Hoftor. »Sei
-gegrüßt, Immo,« rief er ihm zu, »einem Helden gleichst du auf deinem
-Rosse, reite ein, damit du der Mutter von ihrem Kinde erzählen kannst.«
-
-Immo saß zwischen den beiden Alten und vertraulicher als gegen sein
-eigenes Geschlecht sprach er zu ihnen vom Kloster und von der treuen
-Gesinnung des Rigbert. Frau Sunihild trug auf, was sie vermochte,
-um den Gast zu ehren und pries ihn glücklich, daß er den Heiligen
-dienen sollte; doch in der Miene des Hausherrn erkannte Immo trotz der
-gutherzigen Weise eine Unzufriedenheit. »Manches Mal hast du mir Gutes
-geraten, Vater,« begann Immo, »auch heute begehre ich etwas von dir,
-was meiner Zukunft nützen soll.«
-
-»Willst du Geheimes von mir hören,« versetzte der Alte, »so tritt
-hinaus ins Freie, denn der Wind, der über das Halmfeld weht, verträgt
-geheime Worte besser als die hallende Hauswand.« Baldhard führte seinen
-Gast aus der Niederung nach der alten Grenzeiche, die auf freier Höhe
-weit im Lande sichtbar stand. »Du kennst die Sage,« begann der Alte,
-»welche verkündet, daß um diese Eiche vorzeiten ein Lindwurm gehaust
-hat, welcher Feuer in die Höfe trug und sich die Menschen zum Fraß
-raubte, bis einmal ein starker Held mit seinem kleinen Sohn des Weges
-kam. Dieser setzte seinen Sohn auf einen Stein, und als der Arge
-herankam, das Kind zu holen, erlegte der Held den Wurm, aber ihn
-selbst verbrannte die flammende Lohe, welche aus dem Rachen des Untiers
-kam. Ein Weib aus unserm Dorfe drang mutig zu der Stätte, sie fand den
-Helden tot, den Knaben unversehrt unter brennendem Holz und versengtem
-Gras. Unsere Väter meinen, der Knabe sei von deinem Geschlecht gewesen
-und das Weib, welches ihn bewahrte und erzog, von meinem. Darum ist
-dies die Stelle, wo ich mit dir am liebsten vertraulich reden will.«
-Er trat unter die Eiche, wies nordwärts über die große Flur seines
-Dorfes und die benachbarten Markungen und begann: »So weit du hier das
-Land siehst, war einst alles freies Erbe handfester Männer, siehe zu,
-was die Kirche und die Grafen daraus gemacht haben. In allen Dörfern
-liegen jetzt die Hufen unter verschiedenem Recht. Viele gehören den
-Mönchen deines Klosters, andere den Mönchen von Fulda, noch mehrere
-dem Erzbischof von Mainz, und was am leidigsten ist, viele auch den
-gräflichen Dienstmannen. Diese sitzen unter uns und sperren, wenn
-sie es vermögen, ihre Höfe mit einem Graben gegen das Dorf, obgleich
-sie vielleicht als unfreie Leute unter der Faust der Grafen stehen.
-Völlig zerrissen ist die Gemeinschaft der Dorfgenossen, schon sind
-an vielen Stätten unseres Stammes die Freien in der Minderzahl,
-alljährlich verschlingen die Kirche oder fremde Gebieter mehr von
-unsern Hufen und Behausungen. Wie sollen die Landleute noch zusammen
-halten, wenn sie von allerlei Herren Befehle empfangen und um die
-Gunst Verschiedener zu sorgen haben. Keine Dorflinde kenne ich, unter
-welcher der Friede bewahrt wird, bei jeder Fehde der Großen streiten
-die Genossen desselben Dorfes gegeneinander und über jede Flur reiten
-fremde Herrenrosse. Wer aber mächtig ist, ob er die Kutte trägt oder
-den Schwertgurt, der weiß sich auszubreiten, wenn er sich einmal in
-einer Flur eingenistet hat. In unserem Dorf mißlang es den Fremden
-bisher noch, in den Bund der Freien einzudringen. Denn wenn die Grafen
-wider das Recht im Gemeindeholz gerodet hatten, um ihre Leibeigenen
-anzusiedeln, so weigerten unsere Knaben den Unfreien Gruß und Verkehr
-auf dem Anger und verbrannten bei Nacht die neuen Hütten.« Er sah mit
-einem wilden Blick nach der Seite, von welcher die Rauchsäule aufstieg.
-»Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt, weil die Mutter
-das weinend von mir erbat, und ich hoffe, die Gabe wird den Heiligen
-willkommen sein. Auch bin ich nicht säumig, dem Kloster Spenden zu
-geben, und mehr als ein Füllen und manches junge Rind habe ich nach
-Ordorf geführt. Aber das Land, auf dem wir im Herrenschuh schreiten,
-wollen wir, soweit es uns noch geblieben ist, vor den begehrlichen
-Mönchen bewahren, obgleich sie uns viel Günstiges in der großen
-Wolkenburg verheißen. Darum vernahmen wir Landleute mit Trauer, daß dein
-Geschlecht um deinetwillen eine gute Burg der Kirche übergeben will.
-Denn wir gedenken wohl, daß die roten Berge zur Zeit unserer Väter
-der ganzen Landschaft vor den wilden Ungarn Zuflucht gewährt haben.
-Damals lagen die Weiber und Kinder und das Herdenvieh unserer Dörfer in
-eurem Bergwall und die Männer verschanzten die Talwege und die Höhen
-mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch der grausamen Heiden
-siegreich ab. Damals öffnete dein Geschlecht uns die rettende Burg und
-seine Helden geboten im Kampfe. Jetzt aber sollen die Pfaffen dort
-herrschen und niemand weiß, wem sie bei einer Fehde anhängen werden.«
-
-Immo ergriff die Hand des Bauern. »Vater, so wie du, denke auch ich.
-Wenn ich es zu hindern vermag, soll kein Geschorener auf der Mühlburg
-gebieten, nicht der Erzbischof und nicht ein anderer.«
-
-»Du selbst aber bist der Kirche verlobt?« frug Baldhard erstaunt.
-
-»Als Kriegsmann will ich zu König Heinrich reiten, wie sehr auch meine
-Mutter traure, und grade deshalb komme ich zu dir.«
-
-»Wahrlich,« rief der Bauer, dem Jüngling kräftig die Hand drückend,
-»jetzt gefällst du mir ganz und gar, Immo, und ich hoffe auch, obwohl
-du jung bist, daß du diesen Sinn bewahrst und in deinem Leben allem
-Herrendienst widerstehst.«
-
-»Gefällt dir was ich will, mein Vater,« fuhr Immo fort, »so hilf mir
-auch, daß ich's ausführe. Denn nicht als Einzelner möchte ich dem König
-zuziehen, sondern mit der Jugend unserer Dörfer. Auch deinen Sohn
-Brunico, der einst mein Gespiele war, erbitte ich von dir für die erste
-Schwertreise.«
-
-Baldhards Gesicht zog sich ernst zusammen und er überlegte lange, bevor
-er entgegnete: »Willst du mit einem Gefolge, wie dir geziemt, zum Heer
-des Königs reisen, so siehe zu, ob dir manche unserer jungen Männer
-mit freiem Willen folgen, ich wehre dir's nicht und ich spreche nicht
-dagegen. Doch einen Heerdienst über das harte Maß, welches uns ohnedies
-aufgelegt ist, vermag ich auch nicht zu loben.«
-
-»Vielleicht gefällt dir der Zug besser, mein Vater,« beredete Immo,
-»wenn du selbst an das denkst, was wir an deinem Herde über den bösen
-Willen der thüringischen Grafen sprachen. Denn ist der König in
-Bedrängnis durch die Untreue der Großen, so wird er es rühmen, wenn
-die freien Waldleute ihm jetzt ihre Treue beweisen und darum mag der
-Zug euch in Zukunft frommen gegen die Grafen.«
-
-»Verständig sprichst du, um mich zu überreden,« versetzte der Alte,
-»aber wer mehr tut als ihm obliegt, der wagt vielleicht auch mehr als
-ihm recht ist. Wenn der König seinen Feinden unterliegt, dann würden
-wir's büßen, daß wir mehr Eifer gezeigt haben, als uns geboten war.
-Darum dürfen unsere Knaben nur als Freigänger der Donau zuziehen, auf
-ihre eigene Gefahr und ohne Ladung der Gemeinde. Nützt uns ihr Zug
-beim Könige, so haben wir den Vorteil, im andern Falle tragen sie den
-Schaden. Ich sehe auch ungern, daß du meinen jüngsten Knaben zu deinem
-Roßdienst werben willst und ich würde dir ihn am liebsten versagen.
-Aber ich gedenke, daß es mir nützen kann, wenn mein Geschlecht sich dem
-deinen wert erhält. Auch der Kriegskunst des Knaben kann es frommen,
-daß er einmal an deiner Seite sich im Schwertdienst übt. Dennoch
-fürchte ich für ihn die Verführung. Denn wenn er mit dir unter dem
-Rittervolk dahinfährt, werden ihm die roten Strümpfe der fränkischen
-Dienstmannen und ihr weißer Schwertgurt vielleicht gefallen und er
-wird fortan lieber den Speer halten als den Pflugsterz. Ich aber kann
-nicht ertragen, daß der ehrliche Bau in unserer Flur ihm verleidet
-wird. Darum gelobe mir, daß du meinen Knaben nur auf Jahr und Tag an
-dich bindest und daß du ihm, soweit du vermagst, sein Heimatsdorf lieb
-erhältst und auch die Peitsche, mit welcher er einst auf seinem freien
-Erbe über Rinder und Rosse gebieten soll.«
-
-Das gelobte Immo und in gutem Einvernehmen verhandelten beide über die
-Fahrt zum König.
-
-Als Letzter kehrte Immo am Abend in den Saal zurück, die Brüder saßen
-zusammen an der Bank, beachteten seinen Eintritt wenig und sprachen
-leise miteinander. Immo sah finster über sie weg, begrüßte die Mutter,
-welche auf ihrem Stuhl seine Ankunft erwartet hatte, und setzte sich
-abseits. Ihm gegenüber hingen an der Wand die Rüstungen, welche sein
-Vater als Siegeszeichen aus dem Kriege heimgebracht hatte, daneben
-auch Slawenschwerter und Streitkeulen, die er noch nicht kannte. Er
-wußte, es waren Beutestücke seiner jüngeren Brüder. Da wurde ihm der
-Sinn noch mehr beschwert; er trat an eine Rüstung seiner Ahnen, hob das
-Schwert vom Pflock, trug es zu seinem Sitz, zog es aus der Scheide,
-prüfte seine Schärfe und legte es neben sich. Odo stand schweigend
-auf, nahm die Waffe weg und schritt zu dem Nagel, um sie aufzuhängen.
-Da fuhr Immo empor, riß dem Bruder das Schwert aus der Hand und rief:
-»Unheil bringe dir der Griff nach meiner Waffe, denn dies Erbstück des
-Geschlechtes fällt nach dem Brauch dem Ältesten zu.«
-
-»Vielleicht dem ältesten Kriegsmann,« versetzte Odo, »der aber bist
-du nicht. Besseres hat das gute Eisen verdient als an der Seite
-eines Pfaffen zu hängen, der das Schwert nur trägt, wenn es seines
-geschorenen Haares vergißt.«
-
-»Versuche es zu nehmen,« rief Immo, »so sollst du selbst erfahren, ob
-meine Hand es zu schwingen vermag.«
-
-Gertrud, die zu den Füßen der Herrin saß, tat einen gellenden Schrei.
-Edith erhob sich aus ihren Gedanken und als sie die Brüder kampflustig
-gegeneinander sah, wurde ihr Antlitz totenbleich und sie stürzte
-zwischen die Hadernden: »Gib mir die Waffe, Immo,« rief sie und faßte
-die Scheide, »Unheil hängt an dem Eisen.« Sie löste die Waffe aus der
-Hand des Sohnes. »Wisset, ihr Zornigen, euer Vater selbst mied das
-Schwert, denn er trug es an einem Tage, der ihn oft gereut hat. Und als
-ein Unglückszeichen hängt es seitdem ungebraucht an der Wand. Harret
-der Zeit, wo das Los geworfen wird über diese und andere Habe, ich
-meine, keiner von euch wird dann noch lüstern sein, die Waffe an sich
-zu reißen.« Sie hing das Schwert an den Pflock und trat zu ihrem Sitz
-zurück, während die Söhne voneinander abgewandt gegen ihren Unwillen
-rangen.
-
-Die Mutter, in deren Antlitz noch der Schrecken zuckte, gebot von
-der Höhe: »Töricht war euer Streit. Den Frieden des Hauses habt ihr
-gebrochen, gleich unbändigen Knaben widerstrebt ihr einander. Reichet
-euch die Hand zur Versöhnung, damit auch ich euren Frevel vergesse.«
-Und da die Söhne unbeweglich standen, rief sie mit flammenden Augen:
-»Du zuerst, Immo, ich befehle es.« Widerwillig streckte Immo die Hand
-aus, die Odo ebenso ergriff. Ein langes unbehagliches Schweigen folgte,
-endlich begann Edith: »Sage mir, Immo, wie kommt es doch, daß du zu
-deiner Mutter so gar nicht von dem Kloster sprichst und von deiner
-Lehrzeit.«
-
-»Du selbst weißt, Mutter, daß es nicht ziemet, die Geheimnisse des
-Klosters kund zu tun.«
-
-»Ist denn alles geheim, was ein Schüler dort erfährt?« frug die Mutter.
-»Ich meine, nur die Mönche sind gebunden.«
-
-»Auch mich bindet ein Gelöbnis, das ich vor Herrn Bernheri getan,«
-versetzte Immo.
-
-»Dann lobe ich dein Schweigen,« fuhr Edith fort, »doch laß die Mutter
-noch eine Frage tun, wie kommt es doch, daß du die frommen Väter zu
-Ordorf nicht begrüßt hast, da du doch sonst jeden Tag durch die Flur
-reitest? Mancher von ihnen kennt dich aus dem Kloster und von früher
-her, und mehr als einer will dir wohl. Und daß ich dir alles sage,
-der Magister war heut in unserm Hofe, deinetwegen kam er hierher und
-er klagte, daß die Väter und die Scholastiker in seiner Zelle sich
-beschwert fühlen, weil du dich von ihnen fern hältst, obgleich du doch
-auf der Wassenburg mit den Dienstmannen verkehrt hast.«
-
-»Gute Kundschaft haben die Mönche,« entgegnete Immo bitter, »und
-neugierig schleichen sie hin und her.«
-
-»Du hast unrecht,« versetzte Edith, »guten Leumund haben sie im Lande.«
-Da Immo schwieg, fuhr sie fort: »Der Magister klagte, daß ein Bruder,
-der von dem großen Mann Tutilo gesandt ist, schwere Kunde aus dem
-Kloster gebracht habe. Von hartem Zwist der Mönche sprach er und daß
-viele aus dem Kloster scheiden wollten. Auch dem Boten des Tutilo lag
-es sehr am Herzen, daß du in die Zelle nach Ordorf kämest.«
-
-»Wenn ein Bote Tutilos mich ladet,« rief Immo, »so wird er vergeblich
-harren. Er mag seine Botschaft, wenn er es wagt, hierher zu meinem
-Ohr tragen.« Immo schritt aus der Halle in Mißbehagen und Sorge. Er
-gedachte einer guten Lehre des Bertram, die er nicht befolgt hatte.
-Weil er der Mutter und den Brüdern am ersten Tag seinen Willen
-verborgen hatte, fand er sich in Widerwärtigkeiten verstrickt. Auf
-den Beifall der Brüder durfte er nicht mehr hoffen und das Herzeleid
-der Mutter ängstigte ihn jetzt viel mehr als auf der Reise. Dennoch
-erkannte er, daß er seinen kriegerischen Sinn nicht länger bergen
-durfte, und er beschloß, am nächsten Tage sich zuerst den Brüdern
-mit versöhnlichem Gemüt zu eröffnen und darauf der lieben Mutter.
-Als er aber nach wortkargem Abend in seinem Schlafgemach wieder den
-Weihrauch roch und die Kerze und die gestickte Herrendecke sah, da
-bedrängte ihn die Ehre schwer, und auch am andern Morgen machten ihm
-die zwitschernden Vögel und der pfeifende Knabe das gepreßte Herz nicht
-leichter.
-
- * * * * *
-
-Auf einem Vorsprunge des Mühlbergs waren die streitbaren Söhne
-Irmfrieds versammelt, dazu die Dienstmannen, welche die Burg und die
-Warttürme der nächsten Höhen besetzt hielten. Hinter den Männern erhob
-sich die starke Burgmauer, welche die beiden Türme und das hohe Dach
-eines Herrensaals umschloß, seitwärts ragten die Gipfel und Bergleiten
-des langgezogenen Ringwalls. Grade unter dem Vorsprung war der Ring
-gegen das Tal geöffnet, gegenüber dem Mühlberg stand ein hoher Vorberg,
-gekrönt mit festem Turme, die beiden Höhen beschützten gleich Schanzen
-den Zugang. Durch die Talöffnung dazwischen warf die Abendsonne
-ihr Licht in die umschlossene Tiefe, auf Ackerstücke und Wiesen,
-und auf den großen mit hohem Rohr bewachsenen Teich, über welchem
-dichte Schwärme von Staren und Wasservögeln auf- und niederflogen
-in unaufhörlichem Schwatzen und Zanken. Hoch aber über ihnen zogen
-zwei Bergadler ihre Kreise, bis sie in die Wolken der flatternden
-Vögel hinabstießen, ihre Beute zu holen, dann schrie und rauschte der
-ungeheure Schwarm und stob in wildem Getümmel auseinander.
-
-Immo stand seinen Brüdern gegenüber. Er sagte ihnen, daß er für die
-Tage seiner Zukunft den Schwertgurt gewählt habe statt der Stola, und
-er bat sie mit herzlichen Worten, ihn als Bruder in ihre Genossenschaft
-zu nehmen und ihm als sein Recht die Ehren des Ältesten zu gewähren und
-seinen Anteil am Erbe. Er gestand ihnen auch, daß er dem König zuziehen
-wolle, und daß seine Ehre nicht gestatte, als Landloser unter den
-andern Edlen zu reiten.
-
-Als er seinen Willen verkündete, ein Kriegsmann zu werden, riefen
-ihm die Dienstmannen Heil und schlugen ihre Waffen zusammen, die
-Brüder aber standen mit umwölkter Stirn und waren nicht willig ihm
-nachzugeben. Endlich begann Odo: »Hat sich dein Sinn so gewandelt, daß
-du gegen den Willen der Eltern ein Kriegsmann werden willst, so siehe
-zu, wie du dich vor unserer Mutter entschuldigst. Darüber mit dir zu
-rechten, steht uns Brüdern nicht zu. Die Teilung des Vatererbes aber
-vollbringen wir erst in Jahr und Tag, wenn das Kind Gottfried sein
-Schwert trägt und bei der Teilung als Jüngster sein Recht ausüben darf,
-vorweg zu wählen. Denn so ist es beschlossen und wir alle haben uns
-seither in der Gemeinschaft wohl befunden. Die Mühlburg hatten wir
-widerwillig auf das Bitten der Mutter von dem Erbteil ausgeschieden,
-doch nur für den Fall, daß du die Pflicht der Weihen über dich nimmst,
-welche das Geschlecht dir aufgelegt hat. Weigerst du dich, dein Haupt
-zu scheren, so bestehen wir andern darauf, daß die Burg uns allen
-gemeinsam bleibe bis zur Teilung. Die Herrschaft aber im Geschlechte
-über Dienstmannen und Höfe gestehen wir dir nicht zu, obgleich du an
-Jahren der älteste bist, denn aus dem Kloster kommst du, fremd dem
-Lande und fremd kriegerischer Sitte, und wir vermögen keinem, der von
-der Schülerbank entlief, die Sorge um unser Wohl und Wehe zu übergeben.
-Ziehe du dem Heere des Königs zu, wenn dich der Wunsch übermächtig
-treibt, versuche, ob du dort als Ältester Ehre gewinnst. Im Walde aber
-und im Tale der Heimat behaupte ich bis zur Teilung mein Recht, die
-Brüder und Mannen zu führen.«
-
-Immos Hand ballte sich und das Blut schoß ihm zum Haupte, aber
-Berthold, der alte Dienstmann, welcher in der Mühlburg gebot, trat
-schnell in den Ring und begann gegen Odo: »Traurig ist dieser Tag für
-einen Alten, der euch beide auf dem Arme hielt, als ihr noch lachende
-Kinder waret. Euch Herrensöhnen steht wohl an, heiß nach Ehre und
-Macht zu streben, doch hörte ich den Mann noch höher rühmen, der sich
-friedlich mit seinem Geschlecht verträgt. Aber deiner Rede, Herr Odo,
-muß ich widerstehen. Denn nicht zwischen euch allein schwebt der
-Streit, auch uns verdirbt er das Leben. Das Erbe des Vaters mögt ihr
-teilen, wann es euch gefällt, über die Ehre des Ältesten aber müßt ihr
-euch zur Stelle entscheiden. Das fordern wir, die wir euch dienen, als
-unser Recht. Ihr ladet uns und gebietet, daß wir auf die Kampfheide
-ziehen und gegen jeden streiten, der euer Feind ist, und jeden ehren,
-den ihr ehrt. Dem Geschlecht Irmfrieds haben wir Treue geschworen
-und wir folgen, solange das Erbe ungeteilt ist, dem Ältesten. Bisher
-warst du, Odo, uns der Älteste. Jetzt aber steht ein Bruder, der an
-Jahren dir voraus ist, im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein
-Geburtsrecht. Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu gehorchen,
-wenn ihr uneinig seid. Und ich sage dir, wir Dienstmannen müssen, bevor
-die Sonne untergeht, den Herrn erkennen, welchem wir fortan folgen.
-Darum vertragt euch zur Stelle gütlich, was ich herzlich wünsche, oder
-entscheidet euren Streit wie Helden geziemt, indem ihr ein Urteil sucht
-vom Himmel oder von der Erde oder von eurem Schwert.«
-
-»Gut spricht der Alte,« rief Immo. »Ich biete dir die Hand zur
-Versöhnung, mein Bruder, behalte du bis zur Teilung das Recht der
-Erstgeburt in allen Höfen, ja auch unter den Nachbarn, welche
-uns freiwillig ehren; mir laßt die Burg mit den Bergen und den
-Dienstmannen, bis in Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich gütlich
-vergleicht.«
-
-»Hältst du die roten Berge in deiner Hand,« versetzte Odo, »so bleibt
-das Geschlecht in der Ebene wehrlos und die Mutter und die Brüder
-mögen büßen, was dein wechselnder Sinn ihnen erfindet. Nötig scheint
-mir, daß in dem Kriege, der jetzt entbrennt, Land und Leute in einer
-Hand stehen, damit nicht auf dem Grunde unserer Väter der Kampf
-zwischen Brüdern beginne. Darum vermag ich nicht nach deinem Willen
-zu tun, selbst wenn ich dir bessere Gesinnung gegen uns zutraute, als
-du seither bewiesen hast, und bevor ich dir nachgebe, hole ich ein
-Urteil von meiner Schwertseite.« Er griff nach dem Schwert, die Brüder
-sammelten sich um ihn.
-
-»So bezeugt mir, ihr Helden, die ihr meinem Geschlechte dient,« rief
-Immo in aufbrennender Wut, »bezeuge mir, hoher Himmel und du Grund
-meiner Väter, daß ich den gerechten Stolz gebändigt und ihm nachgegeben
-habe, soweit ich vermochte, und daß er mich schmäht und meinen guten
-Willen verachtet. Entehrt vermag ich nicht zu leben, das Blut des
-Bruders scheue ich mich zu vergießen. Darum fordere ich ein Urteil vom
-Himmel oder aus der Tiefe. Besser ist es, daß einer von uns beiden
-dahinschwinde, als daß das ganze Geschlecht in Zwist verderbe. Seht um
-euch, ihr Männer, wo ihr steht, die roten Berge gleißen und leuchten
-zu der Herrenwahl und die in der Erde hausen, rüsten sich einen Helden
-zu empfangen.« Er wies vor sich hin, die Tiefe lag in grauem Dämmer,
-der Dunst auf Wasser und Wiese schied den Bergring von der Ebene;
-wie abgelöst vom Boden schwebten die Gipfel in der Luft und in der
-Abendsonne leuchtete das Erdreich gleich glühendem Metall.
-
-»Gewaltig sind die Worte, die du in der Schule gelernt hast,« warf
-ihm Odo mit düsterm Blick entgegen, »doch schwerlich gleicht ihnen
-die Tat. Du warst behend, über geschorene Köpfe zu hüpfen, aber denke
-nicht, dich ebenso mit leichtem Fuß in die Ehre des Geschlechts zu
-schwingen.«
-
-»Verhöhnst du meine Sprünge,« schrie Immo außer sich, »so wage auch
-du, mir einen Sprung nachzutun, den ich jetzt um mein Recht wage. Das
-Gottesurteil hole ich von dem Boden unserer Väter, vertraust du deinem
-Recht, so folge mir nach, oder entweiche.« Er wies nach der Seite.
-
-Dort gähnte wenige Schritte von den Männern ein Erdriß, der nahe am
-Gipfel begann und sich bis zum Fuß des Berges hinzog. Vielleicht
-hatte das herabstürzende Wasser die Kluft geöffnet, vielleicht hatte
-unterirdische Gewalt das Gefüge des Bodens gesprengt. Die Stelle war
-unheimlich, und die Leute wußten, daß sich die Schlucht in mancher Zeit
-schloß und wieder öffnete, so oft Unheil die Landschaft bedrohte. Nackt
-und kahl starrte das wilde Erdreich in dem Spalt, kein grünes Kraut
-haftete darin, nur beim Gewitterregen rauschten schäumend die Wasser
-in trübem Schwall hinab und führten den roten Schlamm über das lichte
-Gehölz und den Wiesengrund. Ungern klomm jemand längs dem Riß hinab,
-denn man sagte, daß dort der Eingang in das Innere des Berges sei, und
-daß böse Gewalten aus dem Reich des alten Gottes das Tor hüteten. Mehr
-als einer der Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehört, Schnauben
-der Rosse und Bellen der Hunde, und viele hatten im Abendlicht erkannt,
-wie große Rudel von Wölfen hinein- und herausfuhren. Jetzt gerade war
-der Riß auf der Oberfläche breiter als wohl sonst, an manchen Stellen
-so tief, daß man von oben in das Innere des Berges hineinzusehen meinte.
-
-Immo sprang an den Schlund, aber Berthold lief ihm nach und schlang
-die Arme um ihn. »Halt ein,« rief er, »greulich ist die Stelle, kein
-Menschenfuß vermag die Tiefe zu überfliegen, fürchte die Unsichtbaren,
-welche dort unten lauern.«
-
-Aber Immo schüttelte den Alten ab und rief: »Den guten Gewalten meines
-Lebens vertraue ich, ob sie mir gnädig sind. Sieh her, Odo, der
-Springer schwingt sich in sein Erbe, folge mir, Kriegsmann, wenn du
-vermagst.« Und weit ausholend, setzte er in mächtigem Schwunge über den
-Schlund. Erschrocken sahen die Männer die wilde Tat, als er aber am
-andern Rand des Schlundes auf die Knie sank und die beiden Arme gegen
-die untergehende Sonne hob, da schrien die wilden Genossen lautes Heil
-und zogen die Schwerter. Im nächsten Augenblick verstummten die Rufe,
-der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall, Odo stürzte in die Tiefe.
-Immo wandte sich um und Entsetzen durchfuhr ihn, als er den Bruder
-undeutlich unter sich liegen sah. Die jüngeren Brüder liefen abwärts,
-die Gewappneten drängten sich mit starren Blicken um den Spalt. Sobald
-aber Immo erkannte, daß Odo, der weiter abwärts an das Licht getragen
-wurde, die Glieder regte und sich auf die Schulter eines Bruders
-stützte, hob er sich empor auf den Vorsprung, der untergehenden Sonne
-zu, riß das Schwert aus der Scheide, schwang es dreimal gegen die Sonne
-und rief: »Zu mir, ihr Helden. Von der Sonne holten meine Ahnen ihr
-Recht und von keinem geborenen Manne. Bezeuge mir, milde Herrin, daß
-ich als rechter Erbe Besitz ergreife von Burg und Herrschaft.«
-
-Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande und dunkle Wolken verdeckten
-das Sternenlicht, als Immo in den Hof zurückkehrte. Vor der Tür harrte
-seiner der jüngste Bruder. »Wie geht es dem Gestürzten?« frug Immo. »Er
-sitzt zerschlagen im Saal,« antwortete der Knabe traurig. Immo atmete
-tief und stieß die Tür auf, die Mutter saß bleich auf ihrem Sitz, die
-Brüder schweigend an der Bank.
-
-Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenüber stand, erhob sie sich,
-riß das Schwert, welches sie den Abend vorher den Händen des Sohnes
-entwunden hatte, von der Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo
-auf den Boden. »Hier nimm, was dir zukommt,« rief sie, »die Teilung des
-Erbes suchst du bei den bösen Geistern des Abgrundes. Das Recht des
-Ältesten begehrst du an Leib und Leben deiner Brüder. Dem Helden, der
-so mannhaft denkt, gebührt die unheilvolle Waffe; prüfe die Schneide,
-du Held. Erkennst du alte Rostflecke darauf, so wisse, daß die Waffe
-schon einmal von Bruderblut gerötet ist.«
-
-Immo trat einen Schritt auf Odo zu. »Mich reut der wilde Zorn, mein
-Bruder, und groß war meine Angst, als ich dich in der Tiefe sah. Zur
-Stelle fühlte ich schweres Leid. Daß ich dich wiederfinde, nimmt mir
-das Grauen von der Seele.«
-
-Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht.
-
-»Ich lobe die Entschuldigung,« rief Edith bitter, »welche eine
-Untat abbläst, wie den Staub der roten Berge. Und da wir alle hier
-gesellt sind, das ganze Geschlecht Irmfrieds mit freundlichem Herzen
-und guter Meinung zueinander, so vernehmt eine Sage, meine Söhne,
-welche die Mutter am Feierabend für euch bereit hält. Einst, da ich
-Jungfrau war im Vaterhause, dachte ein junger Held der Thüringe
-darauf, ein Sachsenmädchen zur Hausfrau zu werben und der Vater war
-ihm wohlgeneigt. Da kam der ältere Bruder des Jünglings, mächtiger an
-Gut und Ehren, von einem Kriegszuge in den Sachsenhof, dieser gewann
-größere Gunst des Vaters und erhielt die Jungfrau zum Weibe. Unter den
-Brüdern entbrannte Feindschaft, in den Mauern ihrer Stammburg zogen
-sie gegeneinander die Schwerter und der jüngere wurde durch die Waffe
-des Bruders schwer getroffen. Seitdem ahnte den Gatten Übles für die
-Zukunft und sie meinten den Zorn der Ewigen zu versöhnen, wenn sie das
-erste Kind dem Dienst des Himmelskönigs weihten. Dies Kind warst du,
-Immo. Heute aber trug ein Bruder deines Klosters mir die Kunde zu, daß
-du am Altar der Heiligen die Hand gegen einen Geweihten erhoben hast
-und als ein Missetäter aus dem Kerker des Klosters entwichen bist.«
-
-»Den Tutilo schlug ich am Altar nieder,« rief Immo dagegen, »weil
-er die Faust gegen seinen Abt ballte und gegen mich selbst die
-Geißel schwang. Wurde die heilige Stätte entweiht, nicht ich war der
-Verbrecher, sondern er. Und wagt der Babenberger mir noch einmal
-gegenüber zu treten, bei allen Heiligen des Himmels, wo es auch sei,
-ich tue ihm dasselbe. Du selbst aber weißt, daß ich nicht aus dem Zaun
-des Klosters gebrochen bin, sondern durch den Abt in Freiheit zu dir
-gesandt.«
-
-»Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner Väter, als
-Geweihten des Herrn begrüßten wir dich und du täuschtest die Mutter
-durch unwahren Bericht.«
-
-»Das tat ich nicht,« rief Immo. »Als ich die Freude sah, mit der du
-auf meine Weihen hofftest, da wurde mir allzu schwer, dir zu sagen,
-daß ich die Stola für mich nicht begehre. Heut aber bekenne ich dir's,
-obwohl du zornig bist. Ich vermag nicht den Heiligen zu dienen, wie du
-begehrtest.«
-
-»Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos gegen den
-Himmelsherrn,« rief Edith heftig.
-
-»Gehorsam wirst du mich finden in allem, worin der Sohn seiner Mutter
-gehorchen darf, und um die Gnade des Himmelsherrn denke ich als ein
-ehrlicher Kriegsmann zu werben. Aber ein Pfaff werde ich nicht.«
-
-»Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog, habe ich dich dem
-Dienst der Heiligen gelobt. Wie darfst du wagen, das Gelübde deiner
-Mutter unwahr zu machen?«
-
-»Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht, um dich von der eigenen Not
-zu lösen,« rief Immo, »so siehe zu, ob du ihm seine Hörner zu binden
-vermagst. Ist das die Liebe der Mutter, daß sie den Sohn in das Elend
-stößt und mit seinem Haupte die Buße bezahlt, um sich selbst das
-irdische Heil zu sichern?«
-
-Edith zuckte wie unter einem Schlage, ihr Antlitz erblich, als sie
-sprach: »Eines Gottlosen Stimme höre ich. Für ein Elend gilt dir der
-heilige Dienst und einen Verstoßenen nennst du dich, während ich dir
-das Beste bereiten will, was dem Menschen auf dieser Erde vergönnt ist.
-Mein bist du, von meinem Leibe kommst du und meine Treue hat dir das
-Leben bewahrt. Wem gehörst du an, wenn nicht deiner Mutter?«
-
-»Gabst du mir das Leben, so gabst du mir doch nicht denselben Wunsch,
-der dir die Seele füllt. Nicht nach deinen Gedanken vermag ich zu
-wandeln, Liebe und Leid fühle ich anders als du und dem eigenen Willen
-gedenke ich fortan zu vertrauen, wenn ich auch deinen Rat ehrfürchtig
-höre.«
-
-»Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und gegen dein
-Geschlecht, so vergiß auch, wer dich laufen lehrte und wer dir
-zuerst die Worte deiner Rede vorsprach, vergiß, daß du ein Sohn des
-Irmfried und der Edith bist, und wandle dahin gleich einem Vater- und
-Mutterlosen, der irgendwo am Wasser oder unter dem Baum gefunden ist.
-Alles Gute, das dir von der Mutter und den Ahnen kommt, willst du für
-dich nützen, deines Geschlechts willst du dich rühmen, und wenn sie dir
-sagen, daß dein Antlitz dem deines Vaters gleicht, willst du lachen und
-nicken. Aber was dir von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses
-und dem Kinde deiner Eltern, dem willst du dich frevelhaft entziehen.
-Ich lobe die Klugheit, Immo. Doch wisse, du Freier, wenn du deine
-Pflicht gegen die Mutter verachtest, so naht der Tag, wo die Mutter
-sich deiner schämt.«
-
-Mit glühendem Antlitz sprang Immo zurück: »In der Halle meiner Väter
-höre ich die Kuttenträger zischen; sehnsüchtig kam ich her und begehrte
-die Liebe der Mutter und der Brüder; geschwunden ist die Treue, kalte
-Hohnrede vernahm ich von den Lippen der nächsten Verwandten. Lenke du
-den Flug deiner Nestlinge, Mutter, wie es dir gefällt, mir aber hast du
-den Sinn verwandelt und unter den wilden Tieren will ich lieber hausen
-als hier.« Er sprang aus der Tür und über den Hof, riß sein Pferd aus
-dem Stalle, hob den Balken des Hoftors und sprengte über die Brücke,
-während die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die Hände über
-ihr Herz preßte. »Eilt ihm nach,« befahl die Mutter, »daß seine Seele
-nicht unter den bösen Geistern der Nacht verderbe.«
-
-»Wie mögen wir ihn hindern, er ist ja der ältere,« versetzte Odo
-trotzig. Doch Gottfried lief in den Hof und rief den Namen des Bruders
-in die Nacht hinaus, nur undeutlich klang die Kinderstimme in das Ohr
-des Entweichenden. Es war ein leiser Ton, aber die Tränen brachen dem
-Flüchtigen aus den Augen, da er ihn hörte. In die Nacht hinein ritt
-Immo halb bewußtlos, das Blut hämmerte in seinem Haupte, die Mondsichel
-am Himmel zitterte und die Sterne flirrten und verschwanden vor seinen
-Augen; er sprengte durch den Bach, daß die Flut um sein Haupt spritzte,
-und fuhr über Wiesengrund und Felder den Bergen zu. Dort fand er sich
-in dichter Finsternis, schwarze Baumwipfel bargen das Wolkenlicht, die
-Äste und Zweige schlugen in sein Gesicht und hielten wie mit Krallen
-sein Haar und Gewand. Zitternd suchte das Roß einen Weg durch das
-wilde Gestrüpp, bis der Reiter wieder den Nachthimmel über sich sah
-und einzelne Hügel, die dunkel vor ihm aufstiegen. Als er sich in dem
-Talkessel zwischen den roten Bergen fand, da hob er den Arm in wilder
-Freude nach den Gipfeln und ritt längs dem Bergwall dahin. Die Stimmen,
-welche in dem hohen Rohr schrien und stöhnten, warnten ihn, daß er sein
-Roß der Höhe zu riß, denn dort unten hausten tückische Geister, die Roß
-und Mann festhielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe zogen.
-Vor ihm flackerte durch den Wasserdunst ein rotes Feuer und undeutliche
-Schatten fuhren riesengroß durch den Lichtschein. Da sträubte sich ihm
-das Haar, auch das Roß ächzte und stauchte zurück und er hörte eine
-Menschenstimme: »Wer stört das Mahl und dringt in den Reigen, haltet
-ihn fest und werfet ihn zu Boden.« Er spornte das Roß zu weiten Sätzen
-und als er vorüberfuhr, sah er eine Flamme auf Steinhaufen, grell
-beleuchtete Gestalten von Männern und Weibern, wilde Gesichter und
-gehobene Arme. Wie vom Sturmwind getragen fuhr er hindurch, hinter ihm
-flogen Speere und krachte eine geworfene Axt, lautes Hallo und Geheul
-folgte. Dann war er wieder allein in dichtem Nebel. Er schlug sein
-Kreuz und sprach hastig das Kredo, er wußte, jene hinter ihm waren
-Landleute aus der Ebene, die dort heimlich alten Opferbrauch übten. Als
-Kind hatte er Schreckenvolles gehört von der Grausamkeit, mit welcher
-sie die Störer ihrer abgöttischen Feier straften, und er erinnerte
-sich, daß er schon einmal als Knabe von fern den Lichtschein gesehen
-hatte und daß der fromme Bruder, der damals sein Lehrer war, ihn
-ermahnt hatte sich abzuwenden, damit der teuflische Schimmer ihm nicht
-den Sinn verstöre.
-
-Wieder umschloß den Reiter unheimliche Nacht. Kläglich seufzten die
-Unken im Teich und über ihm jammerten die Nachtvögel, die Rudel der
-Wölfe bellten und heulten und ihre schwarzen Schatten fuhren durch
-den Nebel dahin, da meinte er in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu
-schauen, riesige Männer auf dunklen Rossen, welche ihm zuwinkten und
-nach dem Tor im Berge wiesen. Denn vor ihm gähnte der Erdriß, den er
-heute übersprungen hatte, und die Schatten mahnten zur Rache. Er hielt
-wie fest gebannt, das gellende Geschrei der Nachttiere und das Flattern
-in der Luft betäubte ihm das Hirn, daß er im Sattel schwankte. Aber
-im nächsten Augenblicke rückte er sich kräftig auf dem Rosse zurecht
-und atmete tief wie einer, welcher erkennt, daß sein Bangen unnötig
-war. Denn zwischen dem wilden Heidenlärm vernahm er laut und lauter
-das Rauschen eines gebändigten Wassers, unter welchem sich ein Rad
-schwang, und er vernahm das Klappern des Mühlwerks, die freundliche
-Stimme, welche von den Mönchen durch die Worte gedeutet war: Hilf,
-Herre Gott. Daran dachte er jetzt. Die Mühle klang bei Tag und Nacht
-langsam und schneller, wo Menschenwerk fleißig geübt wurde, sie hatte
-Frieden bei Heiden und Christen und Gutes bedeutete ihr Gesang jedem,
-der ihn hörte; alle Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu,
-denn das kluge Werk befreite ihren Hof von der Mühe, die Handsteine zu
-drehen; die wilden Tiere fürchteten den Lärm und sogar der tückische
-Wassergeist saß, wie die Leute wußten, stundenlang am Ufer und horchte
-erstaunt auf das lustige Pochen. Und er hatte einst, da die Mühle
-grade still stand, dem Vater des jetzigen Müllers zugerufen: »Müller,
-laß dein Hackebrett klingen, damit meine Kleinen darnach tanzen.« Da
-lachte Immo und er gedachte, daß er einst im Kloster als Schüler bei
-großer Wassersnot mit dem Sintram und einigen Jünglingen dem Müller zu
-Hilfe gesandt worden war. Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange
-gegen den Wasserschwall gebetet, bis er darüber entschlief. Die frechen
-Knaben aber hatten dem schlafenden Greise sein Gesicht und den Scheitel
-ganz mit Mehl bestreut, daß er aussah wie ein Schneemann. Und als der
-Alte so verwandelt vor den Müller trat und aus dem Lachen des Mannes
-die Untat erkannte, da hatte er ruhig sein Haupt in das Wasser getaucht
-und darauf zu Immo gesagt: »Mir geschah recht, weil ich im Schlaf meine
-Pflicht vergessen hatte. Du aber mein Sohn hast unrecht getan, einem
-alten Manne die Ehre zu kränken.« Seit diesen milden Worten bestand das
-gute Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen.
-
-Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stäubende Wasser und
-die weißen Blasen, welche in der Finsternis dahinschwanden, übertönt
-war das wilde Geschrei in seinem Rücken, er stand im Frieden, den der
-Mensch von den Gewalten der Natur erzwingt. Er beugte sich nieder zum
-Wasser und schöpfte einen Trunk mit der hohlen Hand, dann schlug er
-kräftig an die Pforte, bis Ruodhard, der Müller, öffnete und verwundert
-den Herrensohn und das Roß in seinem Gehege aufnahm.
-
-Am Morgen saß Immo allein in dem öden Turmgemach der Mühlburg, der
-Gewitterregen schlug gegen die Mauern und goß sein Wasser durch die
-kleine Fensteröffnung auf den Steinboden. Die gute Lehre, welche der
-Mönch im Garten ihm zugeteilt hatte, war von ihm mißachtet worden.
-Hätte er der Mutter und den Brüdern sogleich bei der Ankunft die ganze
-Wahrheit gesagt, so hätte der Zorn nicht wie ein verdecktes Feuer um
-sich gefressen, bis er die Freundschaft verdarb. Er gedachte auch der
-Rede des Sintram und frug sich selbst, ob er noch jemanden in der Welt
-hätte, der für ihn bete. Denn den Himmlischen war er wohl verleidet,
-die im Kloster haßten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von sich
-gestoßen. Ein Gefühl der Einsamkeit, wie er es im Kloster nie gekannt,
-bedrückte ihm das Herz, jetzt war er frei, er saß als Herr in der Burg,
-welche die Feinde das Nest der Zaunkönige nannten, aber er war auch
-frei wie ein Vogel und freundlos.
-
-Als er aufsah, stand vor ihm die alte Gertrud, vom Regen durchnäßt und
-stellte einen Tragkorb zu seinen Füßen nieder. »Dies sendet dir Frau
-Edith, Immo.«
-
-»Was sprach die Mutter?« frug Immo wild.
-
-Gertrud hob ein leinenes Bündel aus dem Korb und breitete es mit
-zitternden Händen auf der Bank aus. »So redete Frau Edith zu mir: Trage
-dies dem Jüngling Immo und sage ihm, ich sende, was ihm gehört, und
-was ich in der Stille von seiner Habe bewahrte. Dies ist das erste
-Hemdlein, das ich ihm spann und das er trug, die Leinwand ist vergilbt,
-denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und kein Nachttau hat sie
-genetzt, aber die bittern Tränen der Mutter hängen daran, denn als
-er das erste Gewand auf seinem kleinen Leibe trug, habe ich ihn dem
-Dienst der Heiligen gelobt. Und hier sind andere Gewänder des Kleinen,
-sein Spielwerk, an dem er sich freute, als er zu meinen Füßen saß und
-die Kinderwaffen, welche ihm der Vater geschnitzt hat. Alles hob ich
-auf in der Truhe und oft hat mich gefreut, es herauszuholen und dabei
-an meinen Sohn zu denken. Jetzt hat er sich feindlich von mir gelöst,
-darum sende ich ihm, was sein ist.«
-
-»Hart ist die Mutter,« rief Immo, seine Augen in der Hand verbergend.
-
-»Und Frau Edith sprach weiter: Sage dem Kriegsmann, daß die Treue einer
-Mutter nicht verloren geht, wenn auch der Sohn statt des Vaterhauses
-sich die finstere Nacht erwählte. Solange ich lebe, werde ich harren,
-daß er zu den Heiligen zurückkehrt. An dem Tage werden ihm meine Arme
-geöffnet sein, und der Ehrensitz im Saal seiner Väter bereitet.«
-
-»Vergebens wird sie diesen Tag erwarten,« rief Immo.
-
-»Beide seid ihr feurig,« fuhr Gertrud begütigend fort, »wenn auch die
-Mutter ihre Hast besser zu bergen weiß als du. Denn ganz ruhig sprach
-sie zu mir, aber ich weiß wohl, wie ihr zumute war. Euch beiden kommt
-wohl die Überlegung, daß eins dem andern sich fügt. Unterdes gebot mir
-Frau Edith, daß ich auf dem Berge bei dir bleibe, mein Sohn, damit dir
-in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle.«
-
-Immo reichte der Alten die Hand. »Du wirst nicht lange für mich sorgen,
-denn ich gedenke von hinnen zu reiten.«
-
-Am nächsten Tage sprengte der Knabe Gottfried in den Hof. »Heimlich
-habe ich mich aufgemacht,« begann er schüchtern, »ich komme dich zu
-bitten, mein Bruder, daß du meiner in Liebe denkst.«
-
-Immo drückte den Treuen fest an sich. »Sprich auch, wenn ich nicht da
-bin, freundlich von mir zu der Mutter.«
-
-»Auch sie gedenkt deiner,« versetzte Gottfried zutraulich, »denn wisse,
-zum Mittagsmahl trägt sie selbst deinen Stuhl an ihre Seite und setzt
-deinen Teller und deinen Becher auf den leeren Platz.«
-
-»Vergeblich ist die Sorge der Mutter, der Sitz wird leer bleiben,« rief
-Immo finster.
-
-
-
-
-6.
-
-Auf der Reise.
-
-
-Hügel und Tal lagen im Sonnenlicht und der Bergwind wehte kräftig vom
-Walde her, als eine Schar junger Thüringe von der Höhe in das Tal des
-Idisbachs hinabzog. An ihrer Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd,
-den Stahlhelm am Sattelgurt, den Holzschild um den Hals gehängt, einen
-starken Speer in der Hand, neben ihm Brunico in ähnlicher Rüstung.
-Ihnen folgten zu Fuß wohl dreißig rüstige Jünglinge in kurzem Eisenhemd
-und leichter Helmkappe, mit hohen Lederstrümpfen und nackten Knien, auf
-dem Rücken den runden Schild mit eisernem Buckel, darunter den Köcher
-mit Pfeilen, in der Hand den Kampfbogen und zwei Wurfspeere. Mitten
-in der Schar führten zwei Heerwagen, mit starken Rossen bespannt, den
-Kriegsbedarf: Waffen, Wollmäntel und Säcke mit Lebensmitteln. Mit
-behendem Fuß schritten die Knaben des Waldes und mancher hob unnötig
-die Beine, um ein wenig den Reigen zu springen, welchen der Rufer des
-Haufens vorsang. In der Nähe eines Gehölzes hielt der Zug. Die Späher
-eilten voran, auf die Zeichen, welche sie zurückgaben, tauchte der
-ganze Haufe in den Busch. Immo sprang zur Erde, stellte die Wächter
-und die Jünglinge bereiteten sich und den Rossen das Mittagsmahl. Nur
-Brunico ritt vorwärts, begleitet von einem leichtfüßigen Genossen.
-Nicht lange, und er kehrte eilig zurück: »Eine reisige Schar liegt vor
-uns auf dem Wege, gerade unter der Idisburg. Sie sorgen wenig um Wache
-und Ausguck. Das Banner, welches sie führen, gehört, wenn wir recht
-erkennen, dem Grafen Gerhard. Es sind mehr als hundertzwanzig Rosse,
-die Reisigen bereiten das Mahl am Bache und hausen übel im Dorfe unter
-der Burg; ich sah sie Garben und Gerät aus den Höfen herzuschleppen und
-die Landleute liefen ihnen nach und schrien.«
-
-»Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist,« entschied Immo, »wir
-vermögen sie schwerlich zu vermeiden. Denn da auch Graf Gerhard dem
-König zuzieht, so ziemt uns nicht, gleich Wölfen heimlich hinter ihm
-herzutraben. Folge mir zu seinem Lager, ihr andern aber bergt euch im
-Versteck.« Und er besprach mit dem Hauptmann seiner Knaben, was die
-Vorsicht gebot.
-
-Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager des Grafen, um
-die Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten, über einen Hügel
-ritten sie im Trabe dem Banner zu. Brunico stieß in das Horn, das er
-am Halse trug, und sie harrten der Antwort. Im Lager entstand eine
-Bewegung, zwei Gewappnete kamen ihnen entgegen, Ruf und Gegenruf wurden
-getauscht, die Gräflichen fuhren rückwärts zu ihrem Herrn und brachten
-eine höfliche Einladung.
-
-»Sei gegrüßt im Kriegskleide, du Flüchtling aus Wigberts Stall,« rief
-der Graf lachend dem Ankommenden zu. »Auch meine Helden werden dich
-als Reisegenossen willkommen heißen. Denn nur bis zum Main ist unser
-Weg frei, von da müssen wir uns länger als eine Tagfahrt an den Burgen
-des Hezilo vorbeiwinden, und wir sorgen, ob er uns die Straße verhauen
-wird. Mit geringem Gefolge kommst du, hoffst du allein beim König
-Ansehen zu gewinnen?«
-
-»Meine Knaben blieben zurück, sie schreiten auf ihren eigenen Beinen,«
-versetzte Immo.
-
-»Mit Fußläufern ziehst du heran?« spottete der Graf. »Doch ihr in den
-Waldlauben übt alten Bauernbrauch. Mich wundert, Immo, daß du nicht
-besser für dich gesorgt hast. Geringe Ehre wird dir die unritterliche
-Schar erwerben, denn an solchem Troß fehlt es dem Könige nicht.«
-
-»Ihr werdet anders von ihnen denken, wenn ihr erst ihre Schläge geprüft
-habt,« versetzte Immo.
-
-»Wohlan, jeder versuche sein Bestes,« fuhr der Graf fort und Immo
-glaubte ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht zu erkennen. »Andere
-Arbeit beginnt jetzt, als unser Hader mit den Mönchen war. Setze dich
-neben mich, heute biete ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug, da du
-zu uns gehörst. Der lateinischen Reden bist du ledig, obgleich meine
-Tochter Hildegard deine Stimme wohl vernehmen würde, wenn du ein
-Mönchsgeschrei erheben wolltest, denn sie begleitet unsern Zug und
-rastet nicht gar weit von meinen wilden Knaben.«
-
-Immo hatte Mühe, die freudige Überraschung zu verbergen. »Warum führt
-ihr die Tochter in das Heerlager?«
-
-Der Graf lachte schlau. »Die Königin hat sie nach Regensburg geladen,
-die hohe Frau Kunigund hat, wie der Bote rühmt, Gutes von dem Kinde
-gehört und will der Mutterlosen eine Beschützerin sein. Verstehst du
-wohl, Immo, was diese Huld bedeutet?«
-
-Immo bekannte seine Unwissenheit.
-
-»Die Händler haben den Brauch, wenn sie ein Geschäft für die Zukunft
-bereden, so geben sie einander ein Unterpfand für treue Erfüllung. Du
-hast bereits etwas von den Waldwiesen vernommen. Diese halte ich, der
-König aber begehrt dagegen die Jungfrau. Und gern führe ich sie ihm
-zu, denn ich vertraue auf das Glück und die Klugheit des Königs. Ihm
-ist bisher vieles gelungen, und ich hoffe, daß auch mir dieser Krieg
-Land und Leute mehren soll, denn meine Wälder grenzen an die Mark
-des Hezilo. Und darum bringe ich mein ganzes Heergefolge dem Könige,
-wahrlich mit großen Kosten. Sieh, Immo, auch meine Kampfhähne führe
-ich mit mir,« er wies auf die beiden Fechter, welche in neuem, buntem
-Gewande zuunterst auf dem Rasen saßen und mit ihren riesigen Armen
-große Trinkkrüge schwenkten. »Denn König Heinrich achtet wenig auf
-die fahrenden Leute und vor andern sind ihm die schweifenden Frauen
-verhaßt, welche sich im Tanze vor den Helden drehen und dabei ihres
-Gewandes entledigen. Ja man sagt, daß ihm alles Weibervolk verleidet
-ist. Doch die Kämpfer schaut er gern, wenn sie herzhaft gegeneinander
-schlagen. Und dies sage ich euch, Hahn Ringrank und Hahn Sladenkop,
-wenn ich euch zum Ergötzen des Königs gegeneinander kämpfen lasse, so
-begehre ich andere Wunden als die einzölligen, die ihr im Vertrauen
-auf meine Gutherzigkeit einander anzumessen pflegt. Denn dergleichen
-schwache Ritze kann der König bei jeder Kirchweih sehen. Herrenwunden
-verlange ich diesmal, dreizöllig, und wenn ihr den König ehren wollt,
-noch tiefer und länger und zwar mit spitzem Eisen und nicht auf die
-Arme, sondern auf die Brust.«
-
-Die Fechter sahen bekümmert einander an und Ringrank antwortete sich
-erhebend: »Drei Zoll auf der Brust mögen unsern Brotherrn um zwei
-Kämpfer ärmer machen. Fordert der Herr großen Dienst, so ersehnt sich
-der Mann großen Lohn. Sorgt wenigstens, daß wir beide gegeneinander
-kämpfen und nicht gegen die Kämpfer, welche der König mit sich führt,
-denn diese sind ungerecht bei dem Messen der Wunden, um ihren eigenen
-Ruhm gegen andere zu erhöhen.«
-
-Die Herren lachten und saßen in guter Laune beim Mahl, tranken und
-riefen Heil, wie unter Helden Brauch ist.
-
-Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert, der Dienstmann, und trat
-staubbedeckt, mit heißem Antlitz vor den Grafen. »Durch wilden Ritt
-holte ich Kunde, die manchem sorgenvoll wird,« rief er. »Dem König ist
-sein ganzer Schatz genommen. Held Magano, der Diener des Babenbergers,
-hat den Schatz auf der Reise gefangen, ich selbst sah den Mann des
-Markgrafen und ich sah die lange Reihe der Saumrosse und Karren in
-seine feste Burg treiben.«
-
-Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von ihren Sitzen und
-drängten sich um den Boten, auch der Graf erhob sich bestürzt. »Wie
-ein Unsinniger gebärdest du dich, daß du diese Kunde vor aller Ohren
-ausrufst.«
-
-»Herr, sie läuft durch das ganze Land wie Wasser durch den gebrochenen
-Damm, in den Dörfern liefen die Leute zusammen, und ich sah, daß
-frische Gesellen, die dem Lager des Königs zuritten, von den Rossen
-stiegen und die Köpfe senkten; wie soll einer unter dem Habicht
-dahinreiten, welchem die Federn gerupft sind?«
-
-»Oft hörte ich den großen Schatz des Königs rühmen,« begann
-kopfschüttelnd ein alter Kriegsmann, »und gern dachte ich an das
-goldene Kreuzgeld darin, an die Armringe und Becher, mit denen er seine
-Getreuen lohnen würde; die Bayern haben lange an dem Schatz gesammelt,
-manch uraltes Schmuckstück lag darin aus Sachsenland, das einst
-Wieland, der Held, geschmiedet hat.«
-
-»Jetzt aber ist der König so kahl wie meine Handfläche,« rief Egbert,
-»wer ihm dient, mag zusehen, wie er die Kosten des Zuges wiederfindet.
-Denn nicht der Goldschatz allein ist in die Hand des Markgrafen
-gefallen, sie sagen, daß auch die Königskrone dabei war, die heilige
-Lanze und die hohen Reliquien, an denen die Königsmacht hängt.«
-
-Die Krieger erschraken, viele bekreuzten sich und die Augen aller
-wandten sich nach dem Grafen, dessen unsicherer Blick verriet, daß
-er mit schwerem Zweifel rang. »Ist die Krone verloren, wie mag er
-das Reich bewahren?« fuhr ihm heraus. »Unheil brachte der Tag, an
-dem wir auszogen, und üble Vorbedeutung war es, daß der Sauhirt die
-Faselschweine über den Weg trieb.«
-
-»Auch andere Botschaft bringe ich, Herr,« fuhr Egbert fort. »Als ich
-vom Main den Kieferwald heraufritt, rastete an der Landstraße Heriman,
-der Goldschmied aus Erfurt, der nach seinen Worten zum König Heinrich
-reist. Da er ein Packpferd bei sich hatte, so riet ich ihm, sich unter
-euren Schutz zu begeben, er aber widerstrebte, und ich verließ ihn im
-Walde allein mit seinem Knechte.«
-
-Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne zu antworten. Aber
-Immo vermochte seinen Unwillen nicht zu unterdrücken.
-
-»Dreiste Worte höre ich von den Helden eurer Bank, Graf Gerhard; mich
-dünkt, sie stehen solchen übel, die dem König zuziehen.«
-
-»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen,« versetzte der Graf ärgerlich,
-»da sie doch recht haben? Kann der König seinen Kriegern nicht
-lohnen, wie sollen sie ihm dienen? Entweicht zur Seite,« rief er den
-Dienstmannen zu, »vergällt ist mir der Trunk, harret, bis ich allein
-den Rat finde, der uns frommt.«
-
-Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nähe ihrer Rosse
-mit bedrängtem Gemüt zu kleinen Haufen.
-
-Immo merkte, was in der Seele des Grafen vorging und daß seine stille
-Hoffnung, der Jungfrau in den nächsten Tagen als Reisegenosse nahe zu
-sein, schnell dahinschwand. Er begann deshalb: »Zürnt meiner Jugend
-nicht, wenn ich dreist mit euch rede. Ich ahne, daß euch die Reise zum
-König verleidet ist, denkt daran, daß seine Gefahr größer ist als die
-eure und daß ihr ihm gerade jetzt eure Treue erweisen müßt. Denn er
-ist nach Recht unser Herr, und er hat euch, wie ihr mir vertrautet, im
-voraus gelohnt. Ich vernahm immer, daß Treue und Dankbarkeit starke
-Ketten sein sollen, welche den Helden binden.«
-
-»Du sprichst gut,« versetzte der bekümmerte Graf, »aber du bist jung.
-Glaube mir, Immo, als ich in deinen Jahren war, lebte ich so treu und
-dankbar wie ein Hündlein, ich lief hin und her, um andern zu dienen,
-und wenn mir die Könige einen Brocken zuwarfen, so sprang ich vor
-Freude. Jetzt aber habe ich eigenes Gut zu bewahren und muß vielen
-Begehrlichen spenden, jetzt rät mir die Vorsicht, vor allem zu fragen,
-was mir vorteilhaft ist, damit ich mich in meiner Macht erhalte
-zwischen Pfaffen und Laien, welche sämtlich gierig sind, sich zu meinem
-Schaden auszubreiten.«
-
-»Zürnt mir nicht, Graf Gerhard, wenn ich euch sage, daß es edler ist,
-mit Ehren unterzugehen als in Schande zu leben,« rief Immo.
-
-»Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen,« versetzte der Graf.
-»Ganz wie du war auch ich in meiner Jugend willig, mich für den Herrn
-töten zu lassen, dem ich damals diente. Jetzt aber bin ich selbst ein
-Herr, welcher andere erhält, die für ihn auf der Walstatt sterben,
-jetzt habe ich um eine Herrenehre zu sorgen und diese befiehlt mir vor
-allem, daß ich Herr bleibe über andere und mit hundert oder zweihundert
-Rossen ins Feld ziehe, für oder gegen wen es auch sei. Darum will ich
-auch dir Gutes raten. Setze dich nicht in ein Haus, welches stürzen
-will.«
-
-»Soll ich umkehren?« frug Immo prüfend. Da der Graf keine Antwort gab,
-fuhr er nachdrücklich fort. »Ich gehe zum König, und wenn alle von ihm
-abfallen, so soll er doch im letzten Kampfe nicht allein stehen.«
-
-»Auch du bist nicht allein, Immo, du hast für andere zu sorgen, welche
-dir folgen.«
-
-»Ich will sie fragen, ob auch ihnen mit dem Raub des Schatzes die
-Kampflust geschwunden ist. Die ich führe, sind freie Knaben vom Walde,
-und ich weiß die Antwort im voraus.«
-
-»Wieviel sind ihrer?« frug der Graf mit einem Wolfsblick. »Mich
-wundert, daß du sie von meinen Leuten getrennt hältst.«
-
-Immos Auge flog über das Tal, er sah, daß er selbst in der Gewalt
-des Grafen war, denn ein Wort vermochte die ganze Meute gegen ihn zu
-hetzen, er trat deshalb zurück, legte die Hand an das Schwert und
-antwortete: »Meine Knaben sind schnell zu Fuß und von der Heimat her an
-Waldversteck gewöhnt, auch ihr Lager haben sie vorsichtig gewählt und
-wer sie bewältigen wollte, würde harte Stöße erhalten und schwerlich
-Beute aus ihren Taschen davontragen. Darum ist es besser, daß ihr
-uns ungekränkt ziehen laßt, wohin wir wollen. Ihr aber vernehmt zum
-Abschied noch eins: Große Lügen erzählen die Leute auf der Landstraße,
-vielleicht war es gar nicht der Schatz des Königs, welcher gefangen
-wurde, oder doch nicht der beste Teil. Wer die Ehre eines Herrn hat,
-wie ihr nach eurer Rede, der sollte vorsichtig sein, bevor er sie gegen
-Schande weggibt. Lebt wohl, Graf Gerhard, wenn wir uns wiedersehen, so
-möge es in Frieden sein, denn zweimal habe ich als Gast an eurem Tisch
-gesessen und ungern würde ich euch feindlich gegenüberstehen.«
-
-Während der Graf betroffen die kluge Warnung erwog, gewann Immo sein
-Roß, welches Brunico bereit hielt, und verließ unangefochten das Lager.
-
-Als die Sonne sank, warf sie ihr goldenes Licht über die Höhe, auf
-welcher die Idisburg stand. Der alte Turm glänzte wie mit leuchtender
-Farbe übergossen und an der niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der
-Brombeeren wie mit Purpur und Goldfäden umwunden. In der unteren
-Hälfte des umschlossenen Raumes brüllten die Rinder, welche von den
-Dorfleuten dort zusammengetrieben waren. Auf der höchsten Stelle im
-Burgwall stand eine Sommerlinde, welche ihre großen Blätter als ein
-dichtes Laubdach fast bis zum Boden breitete. Es war ein wonniger
-Platz, wilde Glockenblumen blühten in dem lichten Schatten und kleine
-Schmetterlinge fuhren hin und her, die Vögel lockten ihre Jungen in den
-Ästen des Baumes zusammen und die Grillen schwirrten den Chorgesang
-zu dem Ruf der Gefiederten. Dort saß Hildegard, das Grafenkind; die
-Hände im Schoß gefaltet sah sie in das Tal über das Lager der Reisigen,
-über den Laubwald und über die geschwungenen Höhen dahinter bis in die
-Ferne, wo Erde und Himmel im Dämmerlicht zusammenfloß. In ehrerbietiger
-Entfernung lagerten einige alte Dienstmannen, welche zum Schutz der
-Jungfrau hinauf gesandt waren, auch sie schauten abwärts nach dem Main
-hin und wiesen einander unter dem lichten Gewölk die Grenzburgen des
-Feindes. Es war still um die Jungfrau, nur einzelne Klänge aus dem
-geräuschvollen Lager drangen herauf, zur Seite blökte das Herdenvieh
-und zuweilen lief eine Ferse nahe heran und rupfte die Blätter des
-Baumes. Dann knackte und rauschte es hinten in den Zweigen, Hildegard
-wandte sich um und scheuchte die Vorwitzigen, aber sie kamen doch
-wieder, und das Mädchen vergaß zuletzt in ihren Träumen die genäschigen
-Gäste.
-
-Ihre Lippen bewegten sich und leise klangen die gesungenen Worte des
-heiligen Liedes:
-
- ~Audi, benigne Conditor,
- nostras preces cum fletibus[3].~
-
-Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schöpfer, sondern mehr
-an einen Flehenden, der ihr dieselben Worte vor wenig Wochen im Scherz
-zugerufen hatte. Und während sie so sang und mit verklärtem Blick
-vor sich hinsah, war ihr, als tönte der Sang noch einmal über ihr in
-dem Baume. Sie hielt inne, da rauschte es in den Zweigen und bei dem
-Säuseln der Blätter klang über ihr wieder dieselbe Weise, aber mit
-anderen Worten, und sie vernahm von der Höhe:
-
- ~Rana coaxat suaviter
- In foliis viridibus[4].~
-
-Sie saß unbeweglich, ein Lächeln flog um ihren Mund und eine hohe Röte
-ergoß sich über ihr Antlitz, aber sie wagte nicht aufzusehen, damit
-der lustige Traum nicht entschwinde. »Bist du es, Geselle?« frug sie
-leise. Aber gleich darauf schämte sie sich der vertraulichen Rede.
-
-»Ich liege über dir in den grünen Blättern,« klang es von oben zurück.
-»Ganz gut ist mein Lager auf starkem Ast; blicke aufwärts, wenn dir's
-gefällt, damit ich einmal deine großen Augen sehe, denn diese haben
-mich hergezogen.«
-
-Das Mädchen erhob sich schnell und wandte sich dem Ast zu, in demselben
-Augenblick neigte Immo das Haupt behend abwärts, umschlang von der
-Höhe mit einer Hand ihren Hals und küßte sie auf den Mund. »Guten Tag,
-Geselle,« sprach er, »so hatte ich mir's ausgesonnen und so ist es
-vollbracht.« Er fuhr wieder aufwärts und sah von seinem Aste zärtlich
-in das gerötete Antlitz.
-
-»Wenn ich die Wächter rufe, fangen sie dich,« murmelte Hildegard halb
-bewußtlos.
-
-»O tue es nicht,« flehte Immo, »denn bei Tag und Nacht dachte ich
-daran, ob ich dich wiedersehe. Wenn die liebe Sonne nach Westen ging,
-so freute ich mich, daß sie deine Wangen bescheinen würde. Oft habe ich
-dir Botschaft gerufen über Berg und Tal und den Bergwind ermahnt, daß
-er dir etwas von mir zutragen solle. Aber ruhelos schweift der Wind
-und unsicher ist, ob er nach unseren Bitten tut. Darum kam ich lieber
-selbst.«
-
-Hildegard sah ihn furchtsam an. »In unserem Turme fand ich ein graues
-Käuzlein, als es in Not war, das bewahrte ich mir gern in meinem
-Gemache. Aber über Nacht hat es sich in ein Raubtier verwandelt. Ganz
-anders erscheinst du mir hier als daheim in der Halle; wie ein Drache
-in seinem Schuppenkleide liegst du auf dem Ast, und ich weiß nicht,
-bist du noch der, an den ich dachte, oder bist du ein Fremder.«
-
-»Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlüpft und das Eisenhemd trage
-ich, Hildegard, auch um deinetwillen. Wenn einmal der Spielmann vor dir
-singt und du vernimmst, daß er auch meine Taten rühmt, dann sollst du
-stolz sein auf deinen Gesellen.«
-
-»O du törichter Immo,« rief das Mädchen kummervoll, »wie soll ich
-mich freuen, wenn ich von den Schwertern höre, die dich bedrohen, und
-bedenke, daß die Streitaxt gegen dich fliegt. Leidig ist mir der Ruhm,
-den die Sänger geben, denn sie preisen am liebsten die Helden, welche
-tot auf der Walstatt liegen. Ich aber dachte dich zuweilen gern an
-meiner Seite, dann sangen wir zusammen und ich strafte dich, wenn du
-unartig warst, indem ich dich an deinen Haaren zog.«
-
-»Tue das jetzt,« bat Immo, neigte den Kopf wieder zu ihr herab und sah
-sie bittend an. Aber der Jungfrau rannen die großen Tränen aus den
-Augen, sie lehnte ihr Haupt an den Baumstamm und weinte still vor sich
-hin. Immo schob sich näher, wieder legte er seinen Arm um ihren Hals
-und sprach ihr leise ins Ohr: »Geliebte, dich selbst will ich gewinnen
-auf der Kampfheide. Wenn ich mein Haupt stolz tragen darf, erbitte ich
-dich von deinem Vater zum Gemahl.«
-
-Hildegard blickte ihn treuherzig unter Tränen an und antwortete: »Das
-weiß ich, und darum weine ich.«
-
-Da küßte er sie wieder und sie widerstrebte ihm nicht. »Auch du bist
-meinem Herzen lieb geworden,« fuhr sie, seine Hand haltend, leise
-fort, »zuerst am Abend in der Halle und dann an jedem Tag und Abend
-noch lieber, wenn ich in der Einsamkeit an dich dachte. Denn einsam
-lebte ich im Hause unter den Buchen und nur selten vernahm ich ein
-Freundeswort. Der Bruder ist unbändig, meinen Vater sah ich wenig und
-er ängstigt mich durch wilde Reden und durch die Sorge, die ich um
-seine Seele habe. Da, wenn ich allein saß, schaute ich dein lachendes
-Antlitz vor mir und ich sprach vertraulich zu dir als zu meinem
-lieben Gesellen. Und ich dachte auch an dich, wenn die Amsel in ihrem
-schwarzen Kleide schlug, denn im schwarzen Schülerkleide saßest du
-neben mir; und ich dachte zuweilen auch an dich, wenn ich längs dem
-Weiher ging, wo die Quaker so lustig schrien. Das darf dich nicht
-verdrießen,« und ein flüchtiges Lächeln zog über ihr unschuldiges
-Gesicht. »Jetzt aber soll ich dein gedenken, wenn die Grauwölfe nach
-Raub heulen und wenn die Geier über mir in der Luft schweben. Wie
-vermag ich Gutes für dich und mich zu hoffen, da du das Glück erst vom
-Schlachtfelde holen willst. Immo,« rief sie angstvoll, »wenn du auf die
-Kampfheide ziehst, so weiß ich nicht mehr, ob du an der Seite meines
-Vaters kämpfen wirst oder gegen ihn; denn der Vater« -- sie hielt inne
-und legte ihre Wange auf seine Hand.
-
-»Ich weiß, was mir deine Lippe verbirgt,« antwortete Immo, »ich aber
-gehe zum Könige, denn ich höre, er ist in der Not.« Da drückte sie
-krampfhaft seine Hand und weinte wieder darauf. »Leidvoll ist für uns
-beide, Hildegard, daß ich zum König halte, obwohl dein Vater ihn meiden
-wird?«
-
-Die Jungfrau sah ihn mit großen Augen an. »Du wirst tun, was dir dein
-redliches Herz gebietet. Wenn ich auch traure, denke nicht, daß ich
-dich bei dem Vater festhalten will.«
-
-»So spricht mein guter Geselle,« rief Immo froh und neigte das Haupt
-wieder zu ihr herab. »Den hohen Engeln vertraue ich, deren Segen du mir
-gesendet hast, daß sie uns beide wieder zueinander führen. Dich aber
-flehe ich an, wenn ein fahrender Spielmann vor dir singt, so wende dich
-nicht ab, wie die Klosterfrauen zuweilen tun, sondern spende ihm etwas
-und sprich dabei die Worte: »auch für dich fliegt ein Engel,« dann
-freut er sich und sagt dir vielleicht Kunde von mir. Und hast du eine
-Botschaft für mich, so gib sie mit denselben Worten einem Fahrenden,
-daß er sie ins Lager des Königs zu seinem Gesellen Wizzelin trage.
-Diesen kenne ich als einen treuen Mann, obgleich er ohne Ehre lebt. Das
-versprich, Geliebte, mir aber gib den Scheidegruß.«
-
-Die Jungfrau hob sich zu ihm empor und hielt ihre Hand über sein Haupt:
-»Du denke mein, wenn du allein bist und zuweilen auch unter den wilden
-Helden, und vor allem im Abendlicht, wenn du die grünen Blätter über
-dir siehst, wie jetzt, und immer -- und immer.« Sie warf die Hände um
-seinen Hals und küßte ihn herzlich. Er aber hielt sie fest; und das
-Geschwirr der Grillen übertönte leise Worte, Seufzer und Küsse der
-Liebenden.
-
-Noch einmal umschlang sein Arm die Weinende, dann verschwand er im
-grünen Laubdach. Hildegard saß wieder auf dem Stein und lauschte; die
-Zweige rauschten und knickten hinter ihr, dann wurde es still. Noch
-immer malte die Abendsonne das Baumlaub mit rötlichem Gold, die Grillen
-und Vögel im Wipfel schwirrten und schrien und die blauen Glockenblumen
-standen so lustig wie vorher. Aber das Mädchen sah ernsthaft in eine
-fremde Welt, das Kind war unter der Sommerlinde zur Braut geworden.
-
- * * * * *
-
-Auf einem Hügel im bayrischen Frankenlande, der weite Aussicht bot,
-saß zwei Tage später ein fremder Krieger am Zaun eines einsamen
-Bauernhofes. Er trug die gewöhnliche Rüstung eines Reisigen, hatte
-den Helm neben sich auf die Bank gelegt, schnitt mit seinem Dolch in
-ein großes Schwarzbrot und verzehrte behaglich die Bissen. Daß der
-Kriegsmann einen Wachtposten befehligte, war leicht zu erkennen.
-Denn aus dem Hofe vernahm man das Schnauben und den Hufschlag von
-Pferden, welche dort geborgen waren; zur Seite hielt in Entfernung
-eines Pfeilschusses ein gepanzerter Reiter auf schwerem Kriegsroß,
-unbeweglich das Antlitz nach Norden gewandt, und weiter vorwärts
-standen im Halbkreise hinter Büschen und am Rande der nächsten Höhen
-berittene Späher; wo den Rossen auf der Höhe die Deckung fehlte, waren
-sie in Senkungen des Bodens zurückgeführt, während ihre Reiter hinter
-Steinen oder im Grase versteckt lagen. Auch der Befehlende auf der Bank
-unterbrach zuweilen seine Mahlzeit, um in die Ferne zu schauen. Als
-einige Reiter heransprengten, erhob er sich ungeduldig. »Wen bringst du
-dort wider seinen Willen heran, Bernhard?« rief er dem Führer zu, als
-dieser am Fuß des Hügels hielt.
-
-»Es sind zwei wilde Knaben. Der eine gibt vor, das Lager zu suchen.
-Bote nennt er sich mit einem Brief an den Kanzler.«
-
-Der Kriegsmann winkte, Immo wurde zu Fuß durch zwei Bewaffnete den
-Hügel heraufgeführt. »Wer sendet dich mit dem Briefe?« frug der
-Gebietende, den Jüngling mit scharfem Blick musternd.
-
-»Frage den Kanzler, wenn du das wissen willst,« versetzte Immo. »In
-meiner Heimat lobt man den Boten nicht, der gegen Fremde von seiner
-Sendung schwatzt.«
-
-»Wo ist deine Heimat?«
-
-»Ein Thüring bin ich, und freundlichen Gruß habe ich von den Mannen
-König Heinrichs gehofft, denn Schwertgenosse will ich ihnen werden
-gegen den Markgrafen.«
-
-»Schlägt dein Arm so scharf als deine Zunge behende ist, so mag der
-König dich wohl gebrauchen,« versetzte der andere gleichgültig, »doch
-damit wir sehen, ob du die Wahrheit sprichst, so weise uns den Brief.«
-
-»Das denke ich nicht zu tun,« entgegnete Immo unwillig, »mein Auftrag
-lautet, den Brief dem Kanzler in seine eigene Hand zu geben; dich aber
-ersuche ich um Geleit, damit ich ihn finde.«
-
-»Ich will den Brief sehen,« wiederholte der Kriegsmann seinem Wächter.
-Dieser winkte den Kriegern und faßte den Arm Immos, aber der Starke
-entwand sich ihm, sprang zur Seite und zog sein Schwert. »Wer mir das
-Pergament entreißt, den mache ich zum toten Mann,« rief er zornig.
-
-Auch Bernhard zog sein Schwert. »Auf ihn, schlagt den Frechen nieder.«
-
-»Halt,« rief der Befehlshaber, »bergt das Eisen, auch du, Fremdling.
-Ich fordere von dir, daß du mir den Brief zeigst, ich gelobe dir, daß
-ich ihn zurückgebe und dich, wenn du willst, zu dem Kanzler geleiten
-lasse.« Er faßte an den Knopf seines Schwertes, Immo gab dem ruhigen
-Befehl zögernd nach. Er zog eine kleine Tasche hervor, die er an einem
-Riemen unter dem Gewande trug, und hielt ein geschlossenes Pergament in
-die Höhe.
-
-»Gib her, damit ich sehe, ob es ein Brief ist.«
-
-»Schwerlich wirst du die Aufschrift zu lesen vermögen, auch wenn du der
-Buchstaben kundig bist, denn die Außenseite ist leer.«
-
-»Du bist ein Bote aus Herolfsfeld,« rief der Kriegsmann, das Siegel
-betrachtend und seine Augen blickten scharf nach dem Jüngling. »Haltet
-ihn fest.« Er löste das Siegel, entfaltete den Brief und las, während
-Immo heftig gegen seine Wächter rang. »Tut ihm nichts zuleide,« rief
-er, »es ist Immo, Sohn des Helden Irmfried, und guten Empfang hat er
-im Lager des Königs zu erwarten. Halt Ruhe, du Wilder,« setzte er halb
-lächelnd, halb unwillig hinzu, als er sah, daß Immo seine Bändiger
-bewältigte und den Helden Bernhard wie einen Klotz auf den Rasen warf.
-»Der Kanzler hat mir das Recht gegeben, solche Briefe zu lesen; du aber
-freue dich des Zufalls, denn er mag dir eher zum Heil als zum Schaden
-sein.«
-
-»Wer aber bist du?« versetzte Immo in hellem Zorn, »bei St. Wigbert,
-wenn du nicht König Heinrich selbst bist, so hast du grobe Ungebühr
-geübt an Herrn Bernheri, an dem Kanzler und an mir und du sollst mir's
-mit dem Schwert bezahlen.«
-
-»Da ich hierzu keine Lust habe,« antwortete der Kriegsmann ruhig, »so
-denke, daß ich der König bin,« und als er in dem ehrlichen Gesicht
-des Jünglings ein maßloses Erstaunen erkannte, welches seltsam gegen
-die zornige Gebärde abstach, fuhr er lachend fort: »ob ich's bin oder
-nicht, das soll dich jetzt nicht kümmern, frage nicht nach meinem
-Namen, du wirst ihn wohl später erfahren, begnüge dich damit, daß ich
-dir wohlgesinnt bin und daß ich das Beste mit dir teilen will, was
-ich habe.« Er wies auf das schwarze Brot und ein Tongefäß mit Wasser,
-welches dabei stand. »Setze dich zu mir wie ein Krieger zum andern,
-nachdem du deinen Brief wieder geborgen hast, und beantworte mir die
-Fragen, die ich dir tue.«
-
-Immo starrte immer noch erstaunt auf den Fremden, im Anfang war er ihm
-nicht ansehnlich erschienen, jetzt sah er einen Mann vor sich, der
-etwa zehn Jahre älter war als er selbst, das Gesicht war hager und
-bleich, aber zwei gescheite Augen standen darin, deren Ausdruck schnell
-wechselte, und den beweglichen Mund umzogen kleine Falten, so daß
-der Fremde fast aussah wie Vater Heriger, welcher der beste Vorleser
-im Kloster war. Immo beugte sein Knie, um den König zu ehren, aber
-der Kriegsmann machte ein schnelles Zeichen mit der Hand. »Bei Wasser
-und Brot spare den Königsgruß, bis du König Heinrich in seiner Würde
-siehst, setze dich zu mir und gib mir Antwort. Doch vorher muß ich dich
-diesen Helden versöhnen. Faßt an eure Schwerter und gelobt einander
-keinen Groll zu tragen und den Schwingkampf auf dem Rasen nicht zu
-rächen.«
-
-Das taten die Männer und reichten mit geröteten Gesichtern einander die
-Hände. »Und jetzt, Immo, verkünde mir, wie kommt es, daß du aus der
-übelgesinnten Burg der Wigbertmönche zu König Heinrich reitest; denn
-die Leute sagen, daß ihm das Glück nicht hold ist.«
-
-»Herr, wer ihr auch seid,« versetzte Immo, »da ihr gütig zu mir redet,
-so will ich euch alles bekennen. Noch vor wenig Wochen sorgte ich nicht
-sehr um den König und den Markgrafen, nur daß ich die Klosterregel
-ungern ertrug und mich nach dem Schwertamt meines Vaters sehnte. Seit
-ich aber über dem Tutilo die Geißel geschwungen hatte und schnell das
-Kloster verlassen mußte, rieten mir meine Gedanken, dem Könige zu
-folgen.«
-
-Als der Kriegsmann von den Geißelhieben des Tutilo vernahm, begann er
-laut zu lachen und schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, so
-daß Immo ihn erstaunt ansah und die Ansicht erhielt, dies könne der
-König nicht sein. »Er hat den Babenberger mit seiner eigenen Waffe
-geschlagen,« rief der Lustige, »wahrlich, jetzt wundert mich nicht,
-daß dir im Kloster zu heiß wurde, denn du hast dir dort einen Todfeind
-gemacht.«
-
-»Es ist wohl ein Verwandter des Königs,« dachte Immo und schnitt mit
-größerer Ruhe in das Schwarzbrot, das ihm der andere hinschob.
-
-»Fahre fort,« sprach der Kriegsmann, »wie waren deine Gedanken, die
-dich zum König führten?«
-
-»Nun, Herr, ich dachte, wir sind doch fast in gleicher Lage. Denn auch
-von König Heinrich sagen sie, daß er zum Geistlichen bestimmt war, er
-aber hat sich das Schwert gewählt.«
-
-»Dafür gehört er zu dem Geschlecht, welches die Krone trägt,«
-versetzte der Kriegsmann, »du aber berätst dich übel, wenn du der
-Stola zu entrinnen suchst. Fehlt dir die Demut, um den Haarkranz eines
-Mönches zu tragen, so wisse, auch der Bischof reitet hoch zu Roß, er
-trägt sein Panzerhemd, und manchen sah ich in hartem Gedränge seine
-Streiche austeilen; Falken und Jagdhunde fehlen ihm nicht und für
-andern Zeitvertreib erhält er leicht Dispens. Dem Könige aber sind die
-Bischöfe, die er einsetzt, die treuesten Diener; sie sind die Gehilfen
-seiner Herrschaft, denn wenn sie auch Söhne haben, so folgen ihnen
-diese nicht auf dem Bischofsstuhl, und der König hat nicht nötig, die
-harten Nacken eines Geschlechtes zu beugen, welches seine Herrschaft
-widerwillig erträgt.«
-
-»Dennoch hörte ich im Kloster,« antwortete Immo bescheiden, »daß die
-Weltgeistlichen mehr um ihre eigene Herrschaft sorgen als um den
-Vorteil des Königs und daß sie ebenso begehrlich sind nach irdischem
-Gut wie die Mönche. Denn auch diese üben allzuwenig die fromme Sitte
-und sie werben und schleichen wegen Hufen und Burgen. Das habe ich
-selbst zu meinem Schaden erfahren.«
-
-»Haben sie auch dich schon um deiner Sünden willen geängstigt?« frug
-der andere lachend. »Ich weiß recht wohl, niemand versteht so gut
-als sie mit Kreuz und Bußpsalmen Land und Gut zu erkämpfen.« Doch
-ernsthafter fuhr er fort: »Heilige Männer sind die Mönche, und wir
-Sünder vermöchten ihr Gebet nicht zu entbehren, auch die Wohltaten
-nicht, welche sie dem Lande spenden. Sieh, wenn du es zu verstehen
-vermagst, überall wo sie gleich den Bienen ihre Waben füllen, bändigen
-sie den wilden Heidentrotz im Volke, lehren Kunst und schaffen große
-Werke. Zuweilen aber werden sie faul im Stock, wenn des Honigs zu viel
-ist, und wer es mit dem Lande wohl meint, muß ihnen dann den Honig
-nehmen, damit er andern nützt. Vielleicht sind die Söhne Wigberts in
-derselben Lage.«
-
-»Es ist doch der König selbst,« dachte Immo und ihm fuhren die Worte
-heraus: »So meinte auch Graf Gerhard, da er jetzt dem Wigbert die
-Wiesen genommen hat.«
-
-Die Haltung des Kriegsmanns wandelte sich plötzlich. »Was weißt du vom
-Grafen Gerhard?« frug er kurz.
-
-Zögernd berichtete Immo, was er die letzten Tage im Kloster erlebt
-hatte. Über das Gesicht des Kriegsmanns fuhr wieder ein Lächeln,
-während er mit Anteil zuhörte. »Wo weilt Graf Gerhard?« frug er,
-»vernahmst du etwas von ihm in den letzten Tagen?« Und als er merkte,
-daß Immo zu sprechen zögerte, fuhr ein scharfer Blick wie der eines
-Adlers auf den Jüngling: »Wenn du deine Treue für den König beweisen
-willst, so rede die Wahrheit. Wo kamst du über den Main?«
-
-»Ich möchte ungern etwas sagen, was dem Grafen zum Schaden gereichen
-kann,« versetzte Immo, »dennoch sehe ich, daß es sich nicht bergen
-läßt. Er lag mit seinem Haufen am Idisbach auf dem Wege nach dem Süden.«
-
-Der Krieger stand auf. »Gutes verkündest du, und du sollst den Dank
-genießen. Denn auf ihn harren wir hier. Wann sahest du sein Lager?«
-
-»Vorgestern abend ritt ich hinaus.«
-
-»Wohl, die Rechnung war genau. Dann können wir heute abend seine
-schnellen Reiter erwarten. Wie stark war sein Haufe?«
-
-»Mehr als hundert Rosse zählte ich. Dennoch, Herr, zürnt nicht, wenn
-ich Unsicheres sage, er lag auf den Wiesen, ob er aufgebrochen ist,
-weiß ich nicht.«
-
-»Was hast du, Jüngling?« frug der Kriegsmann befremdet.
-
-»Als ich wegritt, war gerade die Kunde gekommen, daß dem Könige der
-Schatz entführt ist; und darüber war großes Raunen und Umherlaufen im
-Lager.«
-
-Der Fremde trat vor Immo, sah ihm fest in das Gesicht, dann faßte er
-seine Hand mit eisernem Druck, führte ihn einige Schritt zur Seite und
-frug leise: »Du meinst, er zögert deshalb zu kommen?«
-
-»Ich weiß nichts Sicheres, Herr,« versetzte Immo.
-
-»Deine Meinung will ich hören, Jüngling, sprich die Wahrheit, wenn dir
-dein Leben lieb ist, denn du stehst vor deinem König.«
-
-Immo warf sich auf die Knie. »Heil sei meinem Herrn!« rief er.
-
-Doch der König winkte ihm ungeduldig aufzustehen. »Antworte!«
-
-»Laßt mich's nicht entgelten, Herr, wenn ich Unwillkommenes verkünde.
-Sie sprachen davon, auf dem Idisberg ein Lager zu schanzen und im
-Morgengrau sah ich Boten reiten nach der Böhmer Grenze, wo, wie sie
-sagen, die besten Burgen des Markgrafen sind.«
-
-Der König wandte sich ab und sah finster vor sich nieder. »Der Graf
-fängt früh an wie ein großer Herr zu handeln. Wer hundert Rosse
-ins Feld führt, der ist noch nicht vornehm genug, um den König zu
-verraten,« rief er bitter. »Sendet dein Geschlecht dich allein?« frug
-er argwöhnisch.
-
-»Ich führe dreißig leichtbewaffnete Knaben herzu, sichere Bogenschützen
-aus dem Walde. Ich ließ sie im Versteck zurück mit einem schwer
-verwundeten Kaufmann, den wir auf unserm Wege fanden; ihn hatten Räuber
-gefällt, als er zum Lager des Herrn Königs ritt.«
-
-Der König fuhr in die Höhe. »Wie heißt der Kaufmann?«
-
-»Es ist Heriman aus Erfurt, ein ansehnlicher Burgmann. Da er vielen von
-uns wohlbekannt ist, wollten wir ihn nicht zurücklassen.«
-
-»Wahrlich,« rief der König, »als ein Unglücksbote kommst du. Ist der
-Wunde beraubt?«
-
-»Sein Knecht lag erschlagen, Roß und Warenballen waren entführt.«
-
-Der König winkte schnell mit der Hand, daß Immo zurücktreten sollte.
-Dieser eilte den Hügel hinab zu den Leibwächtern, bei denen Brunico
-die Pferde hielt, und er sah aus der Ferne, daß der König auf dem
-Schemel gebeugt sein Haupt in die Hand stützte. Auf einen Ruf Heinrichs
-ritt von der andern Seite der große Kriegsmann herzu, welcher den
-ausgestellten Wachen gebot. »Graf Gerhard hemmt seine Reise,« rief dem
-Absteigenden der König entgegen, »er wird sich mit dem Babenberger
-vereinen, und Heriman liegt beraubt am Boden.«
-
-»Oft warnte ich den König,« antwortete der Vertraute, »der Treue des
-Wolfes Gerhard zu vertrauen, er nimmt seine Beute, wo er sie findet.«
-
-»Er raubt wie die andern,« fuhr Heinrich fort, »er ist nicht schlechter
-als seinesgleichen und schleicht vorsichtig durch die Täler.«
-
-»Seine kleine Schar wird der König ohne Schaden entbehren.«
-
-»Nicht die Schilde, welche er von uns abführt, betraure ich; aber
-gerade, daß er kein Held ist, der Kühnes wagt, sondern ein Mann wie
-andere Edle auch, das schlägt mir die Wunde. Denn wie er, werden viele
-handeln. Wahrlich, es steht schlecht mit der Sache des Königs, wenn
-diese Art Raubtiere von seinem Pfade weicht.«
-
-»Auch hat Graf Gerhard sich bereits vorweg genommen, was ihm der König
-als Lohn versprochen hatte,« begann der große Krieger kalt, »und ihm
-fehlte der Grund, den andere Empörer vorgeben, daß der König zuerst
-ihnen ein Gelöbnis gebrochen habe.«
-
-Heinrich fuhr auf wie von einer Natter gestochen. »Unleidlich ist dein
-Trost,« antwortete er scheu, »willst auch du zu meinem Bruder und zu
-dem Babenberger hinüberreiten, daß du mich in dieser Stunde einen
-Treulosen nennst und zu einem Gesellen des Grafen Gerhard machst?«
-
-»Ich habe mich dir gelobt, König, und ich denke meinen Eid zu halten,
-obgleich auch ich zu denen gehöre, die du als Raubtiere schmähst. Aber
-die Wahrheit berge ich dir nicht, das hast du oft erfahren. Ich stand
-dabei, als der König dem Markgrafen bayrisches Land versprach, damit
-das Geschlecht der Babenberger dem König zum Throne helfe. Und ich
-hörte wieder, daß der König auch seinem eigenen Bruder die Herzogswürde
-in demselben Bayern verhieß. Jetzt schreien beide durch das Land, daß
-Heinrich ihnen das Wort gebrochen habe. Befiehl mir, sie im Kampfe zu
-erlegen, und du weißt, ich werde es tun, wenn ich es vermag. Aber
-wundere dich nicht, wenn jene beiden von vielen gelobt werden, weil sie
-ihr Anrecht gegen dich mit den Waffen suchen.«
-
-Der König nahm die kühne Rede schweigend auf und saß wie getroffen
-von der Vergeltung, endlich hob er das Haupt und begann: »Da ich
-König wurde, dachte ich besser von den deutschen Edlen. Aber in dem
-ersten Jahre habe ich sie erkannt. Jedermann hüte sich zu versprechen,
-was er nicht zu halten vermag, und zumeist hüte sich, wer die Krone
-trägt. Doch glaube mir, Geselle, keinem wird schwerer auf seinem Worte
-festzustehen, als dem Könige, wenn er ein Löwe bleiben will in dem
-Reich gefräßiger Tiere. Niemand weiß es und niemand glaubt es, wie
-dem König sein verpfändetes Wort und sein redlicher Wille zu einer
-Todesgefahr wird in späteren Tagen. Durch die Treue, die er andern
-erweist, schafft er sich Untreue. Wer heute sein Freund ist, wächst
-morgen, sobald er Gut und Gabe erhalten hat, zu seinem Gegner. Jeder
-begehrt Macht und je größer seine Macht wird, desto höher steigt seine
-Begehrlichkeit. Wahrlich, wie ein verächtlicher Tänzer schwankt der
-König auf dem Seil, und die Arme, welche er ausstrecken muß, um das
-Gleichgewicht zu bewahren, heißen List und Gewalt. Jammervoll wäre
-seine Aussicht nach dem Tode, wenn ihm nicht gelänge, den Himmelsherrn
-wieder zu versöhnen durch Demut und fromme Werke. Daß Gutes aus dem
-Übel komme, das ist des Königs geheimer Trost.« Er stützte das Haupt in
-die Hand und sah traurig vor sich nieder.
-
-Ein Reiter jagte heran, ein zweiter und dritter. »Sieh auf, König,«
-rief sein Begleiter, »dort hinten blinken die Speereisen in der Sonne,
-Krieger sind es des Gerhard oder der Babenberger, deine Wächter fahren
-nach rückwärts. Führt die Rosse her,« gebot er. »Hoffen die Toren zum
-zweitenmal einen Schatz zu fangen? Sie sollen nichts gewinnen als harte
-Schläge.«
-
-Auf die Ruhe in der Landschaft folgte wilde Bewegung, die flüchtigen
-Reiter sammelten sich vor dem Könige, am Hoftor stampften die
-herausgeführten Pferde, der König beobachtete noch immer einen Trupp
-Feinde, welcher die Wurfspeere schwenkend, heranjagte. »Geringe Ehre
-wäre es für den König, mitzukämpfen,« mahnte der Vertraute. Heinrich
-nickte gleichmütig und schwang sich auf sein Roß, während aus der Ferne
-gellender Kriegsruf erscholl.
-
-Immo sah mit pochendem Herzen und strahlenden Augen auf den Feind,
-er band sich den Eisenhut fest, rückte den Schild am Arme zurecht,
-wirbelte den Speer und wollte zu den Wachen sprengen, welche sich
-gegen den Feind ordneten. Da fiel eine Hand schwer in die Zügel seines
-Pferdes, neben ihm hielt der große Kriegsmann, ein glühender Blick aus
-Augen, die er wohl kannte, bannte ihn fest und eine Stimme, deren Ton
-ihm tief in das Herz drang, befahl: »Zurück!«
-
-»Mein Oheim Gundomar!« rief der überraschte Jüngling und trieb
-unwillkürlich sein Pferd mit einem Sprung zur Seite. »Es ist mein
-erster Kampf, wie darf ich umwenden?«
-
-»Wohl hättest du verdient, daß jene dort dich schnell auf den Rasen
-legen. Dennoch gehorche, Knabe!« und der Oheim riß ihm das Pferd herum,
-schlug es mit der Speerstange und beide stoben nebeneinander hinter
-dem Könige her, der mit wenigen Begleitern flüchtig voranritt. Immo
-fuhr dahin wie im Traum, zuweilen sah er verstohlen auf die düstre
-Gestalt des gewaltigen Reiters, der an seiner Seite jagte. »Wende dein
-Haupt nicht rückwärts,« befahl Gundomar kurz, »achte auf den Zügel,
-dein Pferd hat heut mehr Meilen gemacht als dir frommen wird, und jene
-folgen auf auserwählten Rossen.«
-
-»Mich kränkt's, Oheim, daß ich davonreite.«
-
-»Ich meine, andere kränkst du, daß du im Felde reitest,« klang es von
-dem andern Rosse zurück und weiter ging es Hügel hinauf und hinab.
-Die Sonne brannte, die Luft wehte scharf an die Wangen. Immo hörte
-hinter sich Rosse schnauben und sah den Hauptmann, mit dem er gerungen
-hatte, blutend und staubbedeckt an der Seite seines Oheims. Dieser
-wies auf die Niederung vor ihnen, durch welche ein Bach mit Erlen und
-Weidengebüsch umwachsen dahinrann. »Du kennst die Furt, sammle dahinter
-die noch schlagen können und stelle dich noch einmal gegen die Feinde,
-wollen sie durchschwimmen, so finden sie die Ufer steil, ihr reitet im
-Vorteil. Fahre wohl, Bernhard, wer übrig bleibt, sorge dafür, daß er
-seine Gesellen aus dem Fegfeuer löse, ich gedenke deiner Seele, tue
-mir dasselbe.« Er winkte mit der Hand, der Reiter blieb zurück; sie
-tauchten in das Wasser, der weiße Schaum hing sich an ihre Kleider. Der
-Oheim riß das Roß des Neffen an wegsamer Stelle das steile Ufer hinauf
-und wieder ging es vorwärts in gestrecktem Lauf. Hinter ihnen klang
-stärker der Ruf der Verfolger, darauf ein Gegenschrei der Königsmannen
-und Getöse des Kampfes. Als sie wieder eine Anhöhe erreicht hatten, sah
-Held Gundomar nach rückwärts, Freund und Feind jagten wild gemengt in
-geringer Entfernung nach, vor ihnen durchritt der König die Furt eines
-andern Baches, weiter vorn hob sich ein steiler Berghang mit dichtem
-Fichtenholz bewachsen. »Hinter dem Harzwald findet er Rettung,« sagte
-der Ohm zu sich selbst und ritt voran in den Bach. Am andern Ufer
-gebot er: »Nur wenige Verfolger sind dem Haufen voran, mache die Kehre
-zum Anlauf.« Er wandte sein mächtiges Streitroß im Bogen und fuhr von
-der Höhe herab den Feinden entgegen, welche aus dem Bach auftauchten.
-Behend folgte Immo seinem Beispiel. Als er den feindlichen Reitern
-entgegenritt, ergriff ihn der Kampfzorn seines Geschlechtes, er hörte
-seinen Oheim das Kyrie eleison mit schmetternder Stimme rufen, auch er
-rief sein Hara, und Roß und Reiter schlugen gegeneinander. Ihn umgab
-ein wilder Wirbel von Männern, welche aus dem Wasser emporrangen, von
-springenden Rossen und gehobenen Armen. Er warf seinen Speer und traf
-mit dem Schwert, die Streiche dröhnten von den Schilden und Helmkappen.
-In der geröteten Flut des Baches sah er sinkende Krieger und ledige
-Rosse, an seiner Seite fand er den treuen Brunico wacker dreinschlagend
-mit blutigem Haupte. Und er vernahm wieder die donnernde Stimme seines
-Oheims: »Wendet nach rückwärts!« Da tauchte er schnell zu Boden, riß
-dem Manne, den er gefällt hatte, seinen Speer aus der Wunde, und die
-geborgene Waffe mit Jauchzen über dem Haupt schwenkend, sprengte er
-hinter dem Oheim die Berglehne aufwärts, bis zu einer Stelle, wo ein
-Hohlweg den steilen Abhang durchschnitt. Dort stieg Gundomar ab und
-gebot ihm durch eine Handbewegung dasselbe zu tun, dem Brunico aber
-winkte er, die keuchenden Rosse weiter hinauf zu treiben. »Hierher
-habe ich dich geführt, weil du aus edlem Geschlecht bist, und hier ist
-das Tor, an dem du halten sollst, bis du fällst,« befahl der Oheim mit
-düsterer Miene, »denn Helden sehe ich gegen uns reiten und kein anderer
-Pfad führt zum König als über unsere Leiber. Stehe als erster in dem
-Wege. Nimmer meinte ich, daß die Heiligen mir zur Buße meiner Sünden
-auferlegen würden, dich zu rächen; doch heut will es das Schicksal
-so fügen.« Er trat auf einen Stein, wo seine mächtige Gestalt weit
-erkennbar ragte, und stellte den Schild an seinen Fuß.
-
-Aus der Tiefe sprengten feindliche Reiter. »Weiche abwärts, Graf
-Ernst,« rief Gundomar ihrem Führer entgegen, »fruchtlos war dein
-Jagdritt, mein Schild sperrt dir die Wildbahn.«
-
-Graf Ernst sprang vom Rosse und zuckte die Schildfessel am Arme
-zurecht. »Drei Zäune deiner Speerreiter habe ich durchbrochen, meinst
-du, daß der letzte mich aufhält? Behende versteht dein König zu
-fliehen, seine Helden haben gelernt mit den Beinen zu kämpfen, den
-Rücken bieten sie willig unseren Speeren.«
-
-»Vergebens suchst du mich zum Streite zu locken,« rief Gundomar
-entgegen. »Ich denke daran, daß wir einst in der Fremde Kampfgenossen
-wurden, als dein Schild den Tod von meinem Haupte abwehrte.«
-
-»Ich meide dich, solange ich andere Beute finde, tue du dasselbe,«
-rief der Babenberger. Er hielt den Schild über sein Haupt und sprang
-die Bergsteile wie ein Raubtier hinauf gegen Immo. Als dieser den
-gefürchteten Helden erkannte, den er einst im Kloster gesehen hatte,
-hob sich sein stolzer Mut, und er trat ihm entgegen. Die Speere der
-Helden flogen und beide hafteten in den Schilden. Sie zogen die
-Schwerter und tauschten blitzschnelle Schläge, daß die Funken an Helm
-und Schildrand sprühten. Erprobt war die Kraft des Grafen, aber der Arm
-Immos schlug stärker von der Höhe abwärts.
-
-Die Krieger, welche dem Grafen folgten, zauderten kurze Zeit und sahen
-auf den Kampf der beiden Helden, dann warfen sie sich gegen den andern
-Wächter des Bergtors und Gundomar rang gegen sie wie ein Eber gegen die
-Hunde.
-
-Mehr Feinde sprengten heran, auch gegen Immo rannte ein zweiter, ein
-dritter. Immo erhob seine ganze Kraft wider den Grafen zu wildem
-Sprunge, er schmetterte mit dem Schwert in den Helm und drückte den
-Schild gegen den Leib des Feindes, daß dieser wankte. Da traf ihm
-selbst ein geworfener Streitkolben das Haupt, so daß er zurückfuhr und
-auf den Weg sank. Aber in demselben Augenblick sprang Brunico über
-ihn und hielt seinen Schild den Markgräflichen entgegen; von der Höhe
-drang ein Trupp Reiter in den Hohlweg und aus dem Gewühl der Männer
-und Rosse vernahm Immo die scharfe Stimme des Königs: »Ergreift den
-Verräter.« Talab wogte der Kampf und aus der Tiefe erscholl freudiges
-Kampfgeschrei der Königlichen. Als Immo allein lag, fühlte er, daß ihn
-ein Fuß unsanft berührte und als er halb bewußtlos aufsah, glaubte er
-das Antlitz Gundomars über sich zu erkennen und zwei Augen, welche mit
-kaltem Haß auf ihn starrten; darnach verlor er die Besinnung.
-
-Der König hielt auf dem Wege, säuberte sein blutiges Schwert an den
-Haaren des Rosses und rief lachend Gundomar zu: »Der Bösewicht Ernst
-ist gefangen, und diesmal entgeht er schwerlich der Rache des Königs.
-Du aber sollst meine Geschwindigkeit loben, denn ich kam zur rechten
-Zeit, um dich herauszuhauen.« Er blickte auf den liegenden Immo. »In
-fröhlichem Jugendmut zog er heran, kurz war der Waffendienst des
-Treuen.«
-
-»Das Leben des Königs zu bewahren, tauschte er Schläge mit einem
-Helden. Sein Ausgang war rühmlicher, als er hoffen durfte,« versetzte
-Gundomar finster. Da rief Brunico, der auf dem Boden saß und das
-Haupt des Gefällten im Schoße hielt, unwillig: »Wenig frommt ihm der
-Unkenruf, kaltes Wasser wäre ihm dienlicher. Ich meine, er soll noch
-manches Jahr leben, andern zur Freude oder zum Ärger, je nachdem sie
-sind.«
-
-Der König beugte sich über den Liegenden. »Du sorge für ihn,« befahl
-er dem Knappen, »im Ring meiner Leibwache soll ihm das Lager bereitet
-werden.« Der Haufe ritt dem Lager zu, in seiner Mitte die schwertlosen
-Gefangenen. Auf einer Trage aus grünen Zweigen wurde Immo von Reisigen
-des Königs im Walde geborgen. Als er aus der Betäubung erwachte, fand
-er sich in einem Zelt auf weichem Lager unter den Händen des jüdischen
-Arztes, welchen der König gesandt hatte, mit lautem Heilruf begrüßt von
-seinem treuen Gespielen.
-
-Im Zelt des Königs mahnte Gundomar mit der Sorgfalt, welche einem
-vertrauten Diener wohl ansteht: »Heiß war der Tag auch für den König,
-und Ruhe wünsche ich ihm heut für Seele und Leib.«
-
-»Du freilich ruhst nach deinem Heldenwerk,« versetzte Heinrich, »du
-verbindest die Wunden, siehst in die Abendsonne und freust dich
-der Streiche, die du ausgeteilt. Der König aber setzt sich auf den
-Sorgenstuhl und beginnt die kleine Arbeit, welche ihr Helden verachtet.
-Führt den Reisigen des Thüring Immo herein.«
-
-Brunico wurde eingeführt, er trug den Kopf verbunden und neigte sich
-schwerfällig an der Tür.
-
-»Auch du hast dir erworben, was die Leute lieber an andern rühmen, als
-selbst nach Hause tragen,« begann der König und wies auf das blutige
-Tuch.
-
-»Die Eisenkappe hielt's nicht aus, der Schädel ertrug's,« versetzte
-Brunico zufrieden.
-
-»Wo liegt Heriman, der Goldschmied?« frug der König.
-
-»Auf unserm Karren, zwischen den Mehlsäcken.«
-
-»Wer ist bei ihm?«
-
-»Ich hoffe niemand, außer meinen Gesellen vom Moor und von den Bergen
-des Immo.«
-
-»Vermagst du den Heriman durch die Späher des Feindes hierher zu
-schaffen?«
-
-Brunico rechnete: »Von Mittag bis zur Vesper ruhig getrabt, von da bis
-zum Abend mit dem Herrn König wie die Hasen gelaufen, beträgt zusammen
-eine Tagfahrt südwärts. Dennoch habe ich Vertrauen, soweit man im Walde
-zurückschleichen kann, denn wir verstehen uns auf die Listen im Holze.«
-
-»Erzähle mir, wie du den Heriman fandest.«
-
-Brunico holte mehrmals Atem und wischte mit dem Ärmel an seinem
-Eisenhut, denn lange Rede war ihm unlieb. Endlich begann er: »Als mein
-Gespiele am Idisberg auf die Sommerlinde stieg, dachte ich, er könnte
-herunterfallen, denn diese Art Holz ist brüchig. Deshalb legte ich mich
-an die Mauer, ihm beizustehen.«
-
-»Was soll die Rede?« frug der König, »wer ist dein Gespiele?«
-
-»Derselbe Immo, welchen der Herr König kennt.«
-
-»Bist du nicht sein Dienstmann?«
-
-»Ein Freier bin ich aus dem Moor und freiwillig begleite ich ihn.«
-
-»Seltsamen Ritterbrauch übt man in deiner Heimat,« spottete der König
-zu Gundomar gewandt. »Weshalb stieg Held Immo auf die Linde?«
-
-»Weil etwas darunter war,« versetzte Brunico mit schlauem Augenzwinkern.
-
-»Schwert oder Spindel?« frug der König.
-
-»Spindel,« bestätigte Brunico.
-
-Der König nickte: »Daher die Schweigsamkeit des Jünglings.«
-
-»Wie ich so an der Mauer herumschlich, vernahm ich, daß die Fechter
-des Grafen in einem Erdloch miteinander zankten wegen der dreizölligen
-Wunden, welche der König an ihnen sehen will.«
-
-»Wie?« frug der König, »was habe ich mit den Fechtern des Grafen zu
-tun?«
-
-Aber Brunico, der froh war, jetzt aus seinem Gedächtnis die Rede eines
-andern herauszuholen, fuhr herzhaft fort: »Ich selbst vernahm, daß der
-Herr König die fahrenden Leute mißachtet, insbesondere die Weiber,
-welche im Tanzen ihr Gewand abwerfen. Ja, man sagt, daß ihm alle Weiber
-verleidet sind. Aber die Kämpfer beachtet er. Darum forderte Graf
-Gerhard, daß seine Fechter vor dem Könige kämpfen sollten, dagegen
-forderten wieder die Fechter eine Begabung. Als ich so über ihnen lag,
-hörte ich sie weiterhin von den Waren sprechen, welche sie für ihren
-Herrn von einem Kaufmann geraubt hatten. Das verkündete ich dem Helden
-Immo, als er sich zu mir fand; wir berechneten die Zeit und suchten
-die Spur der beiden Räuber; nicht lange, so fanden wir den Heriman,
-den mancher von uns kannte, Immo verband die Wunden, wie er im Kloster
-gelernt hatte, wir luden den Heriman auf unsern Wagen, brachen auf,
-sobald der Morgen graute und schlugen uns südwärts in die Wälder. Mein
-Gespiele Immo aber harrte mit einigen der schnellsten Knaben als Späher
-im lichten Holz, wohin sich Graf Gerhard wenden werde. Ich blieb
-unterdes bei den Karren und dem Heriman.«
-
-Der König nickte. »Du hast alles treulich berichtet. Sorge, Gundomar,
-daß Kundschafter ihn begleiten, die mit den Waldwegen Bescheid wissen.«
-Er winkte Entlassung, aber Brunico stand unbeweglich und glättete aufs
-neue an seinem Eisenhut. »Was begehrst du noch?« frug der König.
-
-Brunico überlegte. »Auch gibt es noch eine Geschichte von einem Bündel,
-welches mir Heriman für den Herrn König anvertraut hat.«
-
-Heinrich sprang auf und packte den Arm des Thürings. »Wo ist die
-Botschaft, wo ist das Bündel?«
-
-Brunico sah den König gekränkt an. »Behalten will ich's nicht.«
-Er wandte sich vom König ab und arbeitete mit den Händen längere
-Zeit innerhalb seines Panzerhemdes, endlich brachte er eine kleine
-Ledertasche heraus. »Sie soll für den Herrn König, aber mein Gespiele
-weiß noch nichts davon,« sagte er und sah zweifelnd auf die Tasche.
-
-Heinrich riß sie ihm aus der Hand, öffnete und rief Gundomar zu: »Die
-Briefe sind es aus Magdeburg und dem Sachsenland, lange ersehnt und
-glücklich geborgen. So ist doch unsere Fahrt gelungen und auch du hast
-die Stöße nicht vergebens erhalten. Laß mich allein und diesen nimm mit
-dir, er hat guten Botenlohn verdient.«
-
-Als die Nacht über dem Heerlager heraufstieg, Männer und Rosse ermüdet
-schliefen und die Lagerfeuer niedrig brannten, sah man noch immer im
-Zelt des Königs das brennende Licht und Schatten seiner Boten, welche
-herzu und hinaus eilten.
-
-
-
-
-7.
-
-Vor der Festung.
-
-
-Im Ringe um das Königszelt wachten die Bogenschützen Immos; denn der
-König hatte, um die kleine Schar zu ehren, ihr neben seinen Bayern
-den Schutz des eigenen Leibes anvertraut. Zwei von ihnen hielten die
-Speerwache am Eingang des Zeltes, die andern saßen nach altem Brauch,
-den Bogen in der Hand, den Pfeil an der Senne, in weitem Kreise umher
-und wechselten nur kurze Worte mit gedämpfter Stimme. Immo stand nahe
-dem Zelt und schaute mit lebhaftem Anteil in das Tal vor seinen Füßen,
-auf die Mauern und Türme der großen Feste, von welcher das Banner
-des Babenbergers trotzig gegen das Königszelt wehte. Der Mauerring
-war vor alter Zeit durch Sorben oder Böhmen im verwüsteten Grenzland
-errichtet worden, und die Babenberger hatten ihn mit ihrer besten Kunst
-erhöht, so daß er jetzt die stärkste von allen Burgen des Markgrafen
-war. Darum hatte dieser seine Gemahlin, seine Kinder und Schätze darin
-geborgen, viele seiner besten Helden hineingesetzt und seinen eigenen
-Bruder als Befehlshaber. Gegen die Burg war der König wie ein Sturmwind
-hereingebrochen und hielt sie mit eisernem Griff umklammert. Seine
-Heerhaufen lagen unter ihren Bannern rings um den Bach, der in seinen
-Armen die Festung einschloß, die Hütten und Zelte füllten den Talrand
-und zogen sich an den Hügeln hinauf. Lange Züge von Gespannen führten
-Fichtenstämme aus den Wäldern heran, und Scharen von Zimmerleuten
-fügten das Holz zu hohen Türmen, von denen die Bogenschützen gegen
-die Verteidiger der Mauer kämpfen sollten. Hier und da ragte ein
-Sturmbock aus dem Haufen der Arbeiter, das Holzgerüst, in welchem an
-starker Kette ein mächtiger Baumstamm hing, der von hinten nach vorn
-geschwungen, auch festen Mauern das Gefüge zerbrach. Von allen Seiten
-scholl kriegerisches Getöse zu dem Schlag der Äxte und Hämmer. Hornruf
-trieb die Arbeiter zum gleichzeitigen Heben der Lasten und einzelne
-Heerhaufen zum Ausschwärmen oder zum Rückzug. Längs dem Wasser lagen
-hinter Holzschirmen oder in der Deckung, welche der Boden gab, behende
-Bogenschützen, welche ihre Pfeile nach jedem Haupt und Arm richteten,
-die sich über die Mauerbrüstung erhoben. Gegen die Schützen fuhren von
-oben geschleuderte Speere und Steine, zuweilen, wenn ein größerer Haufe
-näher herandrang, flog ein spitzer Baumpfahl oder ein Felsstück aus der
-Standschleuder des Turmes. Dann erscholl ein heller Warnungsruf und der
-Haufe stob auseinander, doch wer getroffen wurde, blieb zerschlagen am
-Boden.
-
-Immo trat schnell zurück und grüßte den Speer senkend, als der große
-Erzbischof Willigis von Mainz, der mächtigste Herr nach dem Könige,
-begleitet vom Kanzler, aus dem Zelte trat. »Oft sah ich Helden in der
-Blüte des Lebens niedergemäht vom Schwert der Feinde oder durch den
-Willen der Könige,« begann der Erzbischof, »und mir scheint, wer sich
-am herrlichsten erhebt, den wirft sein Geschick am tiefsten. Dennoch
-traure ich über den Fall des Ernst von Östreich, denn gleich einem
-wonnigen Frühlingstag erschien sein Leben dem Volke. Aber der König
-fühlt kein Erbarmen.«
-
-»Ihr kennt ja selbst unsern Herrn, ehrwürdiger Vater,« versetzte der
-Kanzler, »er ist mild, wenn er vertraut, aber wo er sich rächt, begehrt
-er die Vernichtung.«
-
-Der Erzbischof mahnte seinen Begleiter durch einen Blick auf Immo,
-zu schweigen, der Kanzler wandte sich grüßend an den Jüngling. »Du
-siehst, Held Immo, daß der Brief deines Abtes dir eine gute Stätte
-bereitet hat, ich freue mich, daß der König gegen dich huldvoll gesinnt
-ist. Auch ich habe wohl Günstiges zu ihm gesprochen, und wenn du eine
-Gelegenheit findest, mir gute Dienste zu tun, so hoffe ich, du wirst es
-an dir nicht fehlen lassen.«
-
-Das Zelt öffnete sich wieder, von Gundomar und Wächtern begleitet trat
-Graf Ernst in das Freie. Er hatte sein Todesurteil empfangen, aber er
-trug sein Haupt hoch und grüßte mit würdiger Haltung die geistlichen
-Herren. Da begegnete sein Auge dem Blick Immos, welcher ihn mit
-Bewunderung und Trauer betrachtete, schnell trat er auf ihn zu und
-begann: »Ich kenne dich wohl, Held, dein Schwertschlag war es, der mir
-die Kraft lähmte, wo ich ihrer am meisten bedurft hätte, und du bist
-es, der mein Haupt unter das Urteil eines strengen Richters gebeugt
-hat. Aber willig rühme ich heut, daß du mannhaft gegen mich gestanden
-hast. Es war ehrlicher Kampf, ohne Groll scheide ich auch von dir.« Und
-er bot ihm die Hand.
-
-Immo hielt die Hand fest und antwortete bewegt: »Oft, wenn ich von
-euren ruhmvollen Taten vernahm, dachte ich, daß es mein größtes Glück
-sein werde, dereinst im Schwertkampf an eurer Seite zu stehen. Jetzt
-rührt es mein Herz, daß es diese Waffe war, die euch im letzten Kampfe
-traf, und willig wollte ich die teure Ehre dahingeben, wenn ich euch
-dadurch retten könnte.«
-
-»Hilfe für mich ist nur noch beim Himmelsherrn,« versetzte der Graf mit
-einem Blick auf den Erzbischof, »dir aber mögen die Heiligen besseres
-Erdenglück zuteilen als ich empfing.« Mit gehaltenem Gruß wendete er
-sich ab.
-
-Gundomar aber begann unfreundlich gegen Immo: »Dem Helden stand wohl
-an, dich mit Worten zu ehren, dir aber rate ich zu bedenken, daß ein
-günstiger Schwertschlag noch keinen zum Helden gemacht hat.«
-
-»Ich traf so gut ich vermochte und denke dasselbe gegen jeden zu tun,
-der mir feindlich entgegentritt,« entgegnete Immo.
-
-»Auch der Grashalm steigt üppig empor, wenn ihn die warme Sonne
-bescheint, der erste Wetterregen schlägt ihn zu Boden,« spottete
-Gundomar.
-
-»Nicht eure Freundschaft hob mich empor, als ich auf dem Boden lag,«
-versetzte Immo.
-
-Als die beiden Helden einander gegenüberstanden, mit blitzenden Augen
-und geröteten Wangen, da sahen die Anwesenden mit Staunen, wie gleich
-sie einander in Antlitz und Gebärde waren, beide hochragende Gestalten
-mit breiter Stirne und starken Augenbrauen, mit gewölbter Brust und
-starken Gliedern; voller und heller ringelte sich das Haar Immos, in
-den dunkleren Locken Gundomars schimmerten einzelne Silberfäden, aber
-an Haltung und Gebärde glichen sie einander wie Brüder, ähnlich klang
-sogar der Ton ihrer Stimme.
-
-»Verzeiht, ehrwürdiger Vater,« wandte sich Gundomar zum Erzbischof,
-»daß leerer Wortwechsel in eurer Gegenwart laut wurde. Mir ist das
-Gemüt beschwert durch das Los eines edlen Waffengefährten.«
-
-»Leicht eifern die Helden gegeneinander,« versetzte der Erzbischof
-rücksichtsvoll, »auch wenn sie von einem Geschlechte sind. Bei der Not
-des einen denkt der andere doch, was seiner Ehre geziemt.«
-
-Während Immo den abwärts Schreitenden finster nachblickte, sah er vor
-sich zwei Zeigefinger übers Kreuz gelegt und hörte nahe an seinem Ohr
-die fragenden Worte: »~Es tu scolaris?~« Dies war der vertrauliche
-Gruß, woran die lateinischen Schüler im Lande einander erkannten, und
-der ihn so grüßte, war der König. Ehrerbietig trat er zurück und neigte
-die Waffe. »Ich höre, dein Oheim sähe dich lieber im Kloster als im
-Heerlager.«
-
-»Ich bin ihm verleidet,« antwortete Immo, »und ich sorge, daß sein
-übler Wille mir die Huld des Herrn Königs mindere.«
-
-»Das besorge nicht,« versetzte Heinrich trocken. »Zudem magst du
-wissen, daß Held Gundomar seine Feinde lieber ins Antlitz schlägt
-als hinterrücks angreift; und soll ich dir Gutes raten, so meide
-seine Nähe, wenn er die Brauen grimmig zusammenzieht, wie er manchmal
-tut. Doch ein anderer Held hat dir, wie ich vernahm, besseres Lob
-gespendet.« Er wies nach dem Wege, auf welchem Graf Ernst zwischen den
-Wächtern ging. »Gräme dich nicht, daß du den Spielleuten ihren Helden
-genommen hast; denn er ist einer von den Recken, welche durch das Lied
-müßiger Gesellen gefeiert werden, selten aber durch das Lob bedächtiger
-Männer. Sie werfen ihren Handschuh hierhin und dorthin und kämpfen
-wie Bären um eine hohle Nuß, unbekümmert, ob Land und Leute darüber
-zugrunde gehen. Darum gleicht auch ihr Ruhm der lodernden Schindel,
-welche beim Hausbrande fliegt, wie gerade der Wind sie treibt, bis sie
-am Boden flackert und in Finsternis verlöscht.«
-
-»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo demütig, »wer unter dem Helme reitet,
-wie mag der den Stolz auf große Taten entbehren?«
-
-»Der Weise aber nennt eine Tat nicht darum groß, weil sie mit schwerer
-Lanze und starkem Arm vollbracht wird, sondern weil sie großen Nutzen
-bereitet. Vieles, was leise ins Ohr geraunt wurde, schuf besseren
-Segen, als der wildeste Sprung über die Heide.«
-
-»Dennoch verzeihe mir der König, wenn ich sage, wenige werden freudig
-das Schwert schwingen und in den Feind reiten, wenn ihnen nicht die
-Ehre, die sie gewinnen, der liebste Schatz auf Erden sein darf.«
-
-»Du denkst ganz wie die Laien,« schalt der König, »ich traute dir
-bessere Einsicht zu. Da du im Kloster warst, solltest du gelernt haben,
-daß es höhere Siege gibt, als mit Schild und Schwert, indem man die
-Seelen der Helden und der anderen begehrlichen Menschen bezwingt, damit
-man ein Herr wird über sie.«
-
-»Das ist das Amt des Königs,« antwortete Immo. »Ich habe gehört, daß
-der große Kaiser Karl, der König Etzel und andere gewaltige Herren,
-von denen die Sage kündet, sich ausdachten, was ihnen nützen könnte,
-und dann ihre Helden sandten, damit sie es vollbrächten, zu dem einen
-Werk die Klugen, zu dem andern die Starken; und daß sie jeden zu
-gebrauchen wußten, wozu er diente. Ich aber bin nur einer, der dem
-König mit seinem Schwerte dienen will. Und ich begehre die Ehre eines
-Helden, welche mir gebietet, meine Genossen lieb zu haben und mich an
-meinen Feinden blutig zu rächen. Ob die Rache auch zum Amt eines Königs
-gehört, das weiß ich nicht.«
-
-Heinrich sah ihn mit großen Augen an. »~Immo, tu es scolaris~. Du bist
-weit schlauer, als ich dachte. Was willst du mir zu verstehen geben?
-Fahre fort.«
-
-»Herr,« sprach Immo kühn, »als ich den Grafen Ernst abwärts führen sah,
-da fiel mir aufs Herz, ein hochgesinnter Held wie dieser vermöchte dem
-König wohl noch seine Treue durch gute Dienste zu erweisen. Denn sie
-sagen, daß er nur deshalb in Empörung und Unglück gekommen ist, weil er
-dem Hezilo als Anverwandter die Treue gehalten hat.«
-
-»Dem König aber hat er die Treue gebrochen,« rief Heinrich.
-
-»In Zukunft könnte er wohl dem König allein nützen, denn des Königs
-Würde versteht, wie man die Seelen der Helden und der anderen
-begehrlichen Menschen zwingt, damit sie gehorsam dienen.«
-
-»Hat St. Wigbert dir so gut die Zunge gelöst,« frug der König, »daß du
-sie gegen mich für einen Verräter zu gebrauchen wagst?«
-
-Immo beugte das Knie. »Mit dem Schülergruß wurde ich angerufen; habe
-ich zu dreist gesprochen, so möge die Gnade des Königs mir verzeihen.«
-
-Der König nickte. »Du hast recht und ich werde mich hüten, dir noch
-einmal das Fingerkreuz zu zeigen, damit du mir nicht wieder eine
-Lektion hersagst.« Und als Immo ihn bittend ansah, fuhr er mit
-Königsmiene fort: »Sei ruhig, Hauptmann, ich zürne dir nicht.«
-
-Reisige sprengten herauf, im Lager erhob sich Geschrei und Getümmel,
-ein donnernder Jubelruf wälzte sich von Haufen zu Haufen durch das
-ganze Heer. Unter dem Geleit einer reisigen Schar wurde ein langer Zug
-von Heerwagen und beladenen Lasttieren durch das Lager geführt und
-nahe dem Bach, den Belagerten sichtbar rund um die Festung bis zu
-der Höhe des Königs. Das war der Schatz, den der Held des Markgrafen
-gefangen und den der König zurückgewonnen hatte, nachdem er die Burg
-des Magano eingenommen. Jetzt wurde der Schatz im Triumph durch das
-Lager geführt, die Krieger zu trösten und die Feinde zu entmutigen. Die
-Augen des Königs leuchteten, als sie dem Zuge der Wagen folgten, und
-sich noch einmal zu Immo wendend, schloß er: »Suchst du gleich Ehre
-und nicht Gold, ich hoffe doch, es soll auch für dich etwas Glänzendes
-herausgehoben werden, wenn der König seine Treuen belohnt.« Er ging dem
-Erzbischof entgegen, welcher dem Zelte des Königs zuschritt.
-
-Als die Sonne sank, zog eine Schar breitschultriger Bayern mit
-Stiernacken und großen Häuptern heran, die Königswache zu halten. Immo
-wechselte mit dem Führer den Gruß, löste seine Knaben von ihren Plätzen
-und führte sie zu der Stelle des Lagers, wo sie sich aus Fichtenzweigen
-die leichten Hütten erbaut hatten. Während die Thüringe das Feuer
-anzündeten, um ihr Mahl zu bereiten, warf er selbst einen dunklen
-Mantel über, den Goldschmuck seiner Rüstung zu verdecken, vertauschte
-seinen Helm mit der leichten Eisenkappe eines Gefährten und eilte ins
-Freie. Rings um die Festung brannten die Lagerfeuer, zwischen den
-rötlichen Flammen und den weißen Rauchsäulen schritten die Krieger wie
-dunkle Schatten hin und her. Auch über der Festung schwebte eine rote
-Dampfwolke, welche verriet, daß die Belagerten nach den Gefahren des
-Tages für die ermüdeten Leiber sorgten.
-
-Immo durchschritt die letzten Lagerreihen der Königsmannen,
-beantwortete den Ruf der Wachen und trat in das offene Land, welches
-dunkel und still vor ihm lag. Nur an einer Stelle wirbelte weit abseits
-vom Lager ein feuriger Dampf, dessen Flamme in der Tiefe verborgen
-war. Dorthin eilte Immo. Von der Höhe blickte er über eine Erdsenkung,
-in welcher eine Anzahl Laubhütten und Zelte unordentlich durcheinander
-stand. Saitenspiel und Gesang und das Geschrei Trunkener tönten zu ihm
-herauf, Männer und Frauen glitten an den Feuern vorüber und schlüpften
-von einer Hütte in die andere. Dort war das Lager der fahrenden Leute,
-welche als Sänger und Fiedler, als Tänzer und Gaukler dem Heere
-folgten, um die Krieger in den müßigen Stunden zu ergötzen und ihren
-Anteil an der Beute zu gewinnen. Übel berüchtigt war die Stelle, denn
-die Wanderer, welche dort hausten, waren aller Ehre bar und wurden
-durch kein Recht geschützt, nur durch die Gunst mächtiger Helden,
-welche sie zu gewinnen wußten. Als Immo in das Gewirr der Hütten und
-der Feuerstellen eindrang, wurde der Lärm und das Gewühl lästig und er
-zog seinen Mantel dichter zusammen. Bezechte Krieger schrien ihn an,
-buntgekleidete Weiber boten ihm lustigen Gruß, ein riesiger Bär, der an
-einen Pfahl gebunden war, zerrte brüllend an seiner Kette, die Fiedel
-klang und das Sackrohr brummte; in einer Hütte schwang sich, umdrängt
-von einem Haufen Gewappneter, eine zierliche Dirne in hohen Sprüngen
-durch die Luft; in einer andern saß ein Spielmann, sang mit melodischem
-Tonfall ein Lied von den Taten vergangener Helden und riß dabei
-kräftig die Saiten der kleinen Harfe; neben einem großen Feuer sprang
-ein schlauäugiger Gesell umher, welcher schnurrige Lügengeschichten
-erzählte, und wenn die Zuhörer laut auflachten, mit dem Becher
-herumlief, damit man ihm Silberblech spende. Endlich kam Immo zu einem
-Zelt, welches inmitten der andern recht ansehnlich stand, mehrere gute
-Rosse waren daneben angepflöckt und darüber wehte ein Banner, auf
-dessen Tuch zwei gekreuzte Pfeile sichtbar wurden.
-
-In der Zelttür saß Wizzelin, ein kräftiger Mann von mittleren Jahren
-mit klugem Gesicht, er trug ein zierliches Gewand von zweierlei Tuch,
-die eine Hälfte rot, die andere grün, um den Hals eine Goldkette, am
-Armgelenk einen dicken Goldring. Er gebot dem Lager als Hauptmann und
-schlichtete gerade einen Streit zweier Genossen, welche zu beiden
-Seiten eines Esels standen. »Frei lief der Esel,« entschied er lachend,
-»und zu gleicher Zeit packte ihn Gozzo am Schwanz und Bezzo am Ohr,
-und jeder meint, daß darum der Esel ihm gehöre. Beide habt ihr Unrecht
-geübt, denn ihr habt einander ärgerlich gescholten, der Fahrende aber
-gewinnt nur durch Lachen sein Recht und seine Beute. Dem Esel vollends
-habt ihr die Ehre gekränkt, denn da er als Freier lief, hat er das
-Recht, sich seinen Herrn zu wählen.« Er wies auf einen Distelstrauch
-zur Seite. »Jeder von euch nehme eine Blüte des wehrhaften Krautes in
-die Hand, dann haltet beide die Fäuste vor den Helden: wessen Kraut er
-frißt, dem will er sich angeloben.« Die Männer lachten und nickten und
-Gozzo führte siegreich den Esel zu seiner Hütte.
-
-Jetzt erst erhob sich Wizzelin, der seither Immo nur durch einen
-Seitenblick begrüßt hatte; mit tiefer Verneigung führte er ihn in das
-Zelt, zündete einen langen Kienspan an, den er in den Boden steckte,
-und schloß den Eingang durch eine vorgezogene Decke. »Sprecht leise,«
-sagte er, »denn meine Kinder sind treu, aber neugierig. Viele Augen
-sehen nach dem stattlichen Helden und suchen die Geldtasche unter
-seinem Mantel.«
-
-»Sie öffnet sich gern für dich,« versetzte Immo darnach greifend.
-
-»Laßt noch,« riet Wizzelin, »ich will die Gabe erst verdienen. Auch für
-euch ersehne ich den Tag, wo die Kriegsbeute ausgeteilt wird und die
-Scharen der Helden heimwärts ziehen. Ich selbst werde froh sein, wenn
-ich wieder in die Höfe meiner Thüringe reite. Denn hier schwebt ein
-Geier über uns und unsicher schlagen wir mit den Flügeln.«
-
-»Doch merke ich, du hast auch hier Gunst gewonnen,« antwortete Immo
-lächelnd, »ich sah im Vorübergehen manchen ansehnlichen Kriegsmann in
-deinen Hütten.«
-
-»Einem aber sind wir Fahrende verhaßt,« bekannte Wizzelin zutraulich.
-»Kein Mönch ist so unhold gegen mein Volk, als der König; und wenn
-es auf meinen Willen ankäme, so wäre ich drüben beim Heere des
-Babenbergers, wo die Mehrzahl meiner Genossen weilt und weit besser
-geehrt wird.«
-
-»Willst du deine Kinder in den Mauern der Festung bergen? Ungern
-erträgt, wie ich höre, dein Volk die Not einer belagerten Burg.«
-
-»Vielleicht finden wir das Lager des Hezilo an einer anderen Stelle,«
-antwortete der Spielmann.
-
-»Weißt du, wo?« frug Immo schnell.
-
-Wizzelin schüttelte das Haupt. »Wir Friedlosen, Herr, singen und
-sagen nicht alles, was wir wissen und vergebens wäre es, aus uns
-herauszulocken, was wir nicht gestehen wollen. Eins aber sage ich
-euch: unser Lied wird den König Heinrich selten rühmen, und seit er
-das Urteil gefällt hat über den Grafen Ernst, ist das fahrende Volk
-ihm feind und der König mag sich vor der behenden Zunge meiner Kinder
-hüten wie ein Roß vor einem Schwarm Hornissen.« Und bedeutsam setzte er
-hinzu: »Auch der Held, welcher in seinem Heer Ehre gewinnt, mag sich
-hüten, ihm zu vertrauen, denn kalt und hart ist er wie Stahl.«
-
-»Ist dir der Markgraf lieber, wie kommt's, daß du bei uns lagerst und
-nicht beim Hezilo?«
-
-»Ihr selbst wißt einen Grund, daß ich hierher gesandt bin; andere
-behalte ich für mich. Auch der Spielmann denkt zuweilen, daß es sein
-Vorteil ist, dem Sieger zu folgen.«
-
-»Sei gelobt, Wizzelin, daß du für uns den Sieg hoffst,« rief Immo.
-
-»Noch ist er nicht erkämpft,« versetzte der Spielmann. »Hütet ihr euch
-nur, daß ihr euren Anteil daran nicht verschlaft.« Und leiser setzte
-er hinzu: »Soll ich euch Gutes raten, so wandelt morgen und an den
-nächsten Tagen im Grase, bevor die Sonne aufgeht; sammelt den Frühtau
-und streichet euch damit die Augen, er hilft, wie die Weisen sagen, zu
-scharfem Gesicht.«
-
-Immo überlegte die Worte, dann griff er schnell nach seiner Geldtasche.
-»Sage mir mehr, Wizzelin.«
-
-»Ich tue es nicht,« entgegnete der andere, »auch nicht, wenn ihr
-versucht, mir die Augen durch Goldblech zu blenden.« Er schob den
-Vorhang zurück und blies auf einer kleinen Querpfeife einige schrille
-Töne ins Freie, gleich darauf vernahm Immo dasselbe Zeichen an mehreren
-Stellen des Lagers. »Weshalb ihr kommt, weiß ich, ohne daß ihr mir's
-sagt,« setzte Wizzelin ernsthaft die Unterredung fort, »den Gruß,
-welchen ich euch im Kloster lehrte, hat mir noch keines meiner Kinder
-zugetragen. Darum ist meine Meinung, daß euer Geselle, dessen Botschaft
-ihr erwartet, nirgends weilt, wo der Wind über die Halme weht und ein
-Baum Schatten auf die Flur wirft, sondern umschlossen von Stein und
-Speereisen.«
-
-»Du meinst in einer Burg des Hezilo?«
-
-»Auch in den Burgen ziehen meine Kinder ein und aus. Wenn aber eine
-Mauer vom Feinde umringt ist, so wird ihnen das Fahren gehemmt.«
-
-»Sie ist in der Festung, die wir belagern,« rief Immo erschrocken.
-
-Wizzelin lachte. »Ihr werdet euch behender auf die Mauer schwingen,
-wenn ihr das hofft.« Als er aber den Schrecken im Gesicht des Jünglings
-sah, fuhr er begütigend fort: »Meinung ist nicht Gewißheit; harret,
-vielleicht kommt noch ein Bote für euch. Das wollte ich euch sagen. Und
-jetzt öffnet die Tasche und gebt mir meinen Sold, denn jetzt werdet ihr
-die Stücke nicht zählen.«
-
-Immo reichte dem Spielmann die Geldtasche. »Nimm; mir laß nur, daß ich
-nicht ganz leer bin, bis ich die nächsten Beuterosse gewinne.«
-
-Wizzelin schüttete sich die Hand voll Silber und senkte sie behende in
-sein Gewand. »Ich habe geteilt,« sagte er die Tasche zurückgebend. »Was
-ich euch ließ, hole ich mir mit anderen, wenn ihr euren Anteil an der
-Siegesbeute empfangt. Vergeßt den Mann nicht, ihr mögt ihn noch heut im
-Morgentau brauchen. Ich selbst begleite euch bis an die Grenze meines
-Landes.«
-
-»Dein Land ist überall, wo Menschen unserer Sprache wohnen,« antwortete
-ihm Immo zunickend. »Wo ist die Grenze?«
-
-»Wo dies Sandloch aufhört,« versetzte Wizzelin, »und wer weiß, wie
-lange.« Sie durchschritten eilig das Lager, die Feuer brannten
-wie vorher, aber um die Hütten war es stiller; die Tänzerin war
-verschwunden, der Lügenerzähler saß allein und packte über einem
-Bündel, nur wenige Kriegsleute saßen und lungerten noch an den Zelten.
-Doch um die Karren, welche am Abhang in der Reihe standen, bewegten
-sich geschäftige Gestalten und im Aufsteigen sah Immo, daß der Esel,
-welcher sich den Gozzo zum Herrn gewählt hatte, an einen Karren
-geschirrt wurde. Immo, dem die Angst um das Schicksal der Geliebten
-das Herz beklemmte, begann, auf die bespannten Wagen weisend: »Wie ein
-Wanderer in der Wildnis bin ich, dem sein Roß davonläuft. Wann sehe ich
-dich wieder, Wizzelin?«
-
-»Frage die Wolken und den Wind, wohin sie schweifen, aber nicht einen
-Fahrenden,« versetzte der Spielmann lachend. Er neigte sich vor Immo
-und tauchte zurück, im nächsten Augenblick tönte wieder die scharfe
-Querpfeife.
-
-Auf dem Wege hielt Immo an und mühte sich, aus dem Feuerkranz, der um
-die Festung loderte, die Lager der einzelnen Heerhaufen zu erkennen.
-In weiter Entfernung war der Hügel, auf dem die königlichen Zelte
-standen, dort und jenseits der Festung lagen bayrische Haufen, weiter
-abwärts Schwaben, Mainzer und Fuldaer, gerade vor ihm Herzog Bernhard
-mit seinen Sachsen. Da nickte er zufrieden und wandte sich schnellfüßig
-dem sächsischen Lager zu. Bald unterschied er hinter der langen Reihe
-flammender Feuer die starken Heerwagen, welche die Sachsen zu einer
-Wagenburg zusammengestoßen hatten, um dahinter wie in einem Walle
-sorglos zu ruhen. Von den Wachen angerufen, wurde er auf sein Begehr
-zum Zelt des Herzogs geführt. Der Kämmerer kam unwirsch aus dem Zelte.
-»Wie mag ich meinen Herrn wecken?« antwortete er auf die Forderung
-Immos. »Jämmerlich ist Bier und Met in Bayerland, und mein Herr schöpft
-hier so üblen Nachttrunk, daß ich allen Heiligen danke, wenn er nur
-erst eingeschlafen ist.«
-
-»Ist das die Meinung, die du von deinem Herrn hegst, du grober
-Waldgötze,« rief eine tiefe Stimme aus dem hintern Zelt und ein
-Lederstrumpf kam gegen den Rücken des Kämmerers herausgeflogen. »Ich
-will wissen, wer da ist. Bist du es, Held Immo, so tritt herein.«
-
-Der Kämmerer öffnete den Vorhang, Immo erkannte beim matten Schein
-einer Lampe den Herrn, der mit einem Lodenmantel aus heimischer
-Wolle zugedeckt lag und das gutherzige Gesicht ihm fragend zuwandte.
-Er berichtete die Warnung, welche Wizzelin geraunt hatte, und den
-plötzlichen Aufbruch der fahrenden Leute. »Sie wären nicht von ihren
-Feuerstellen gewichen, wenn sie nicht besorgten, daß der Markgraf auf
-ihrer Seite angreifen wird.«
-
-»Schwerlich hat Hezilo die Spielleute zu seinen Vertrauten gemacht,«
-versetzte der Herzog kopfschüttelnd. »Und wenn er kommen will, so sind
-wir bereits da. Auch ist Hezilo ein Christ und ein ritterlicher Mann,
-der seinen Feind niemals anfallen wird, während die Unholde der Nacht
-durch die Lüfte fahren. Und wäre er, wie sein Vater war, so würde er
-uns auch Tag und Stunde vorher wissen lassen, obwohl wir die Stärkeren
-sind. Doch die jetzige Jugend mißachtet alte Bräuche, zumal wenn sie
-ihr beschwerlich sind. Darum war deine Sorge unnötig.«
-
-»Vielleicht liegt der Markgraf uns so nahe,« wandte Immo ein, »daß
-er nicht bei Nacht, aber beim ersten Morgenschein in das Lager
-einzubrechen vermag. Ihr selbst mögt ermessen, ob er im Vorteil kämpft,
-wenn er zu dieser Stunde an unsere Hütten dringt.«
-
-Der Herzog richtete sich mit halbem Leibe auf. »Wecken kann ich meine
-Sachsen nicht, denn wenn sie bei Tage mannhaft kämpfen, so haben sie
-dafür, sobald sie schlafen, ein solches Gottvertrauen, daß auch
-ein brüllender Löwe sie schwerlich in die Höhe brächte.« Er setzte
-gemächlich ein Bein auf den Boden und zog einen Lederstrumpf an.
-»Dennoch will ich ein übriges tun.« Er befahl, den Hauptmann seiner
-Leibwache zu rufen, forderte den zweiten Strumpf und schritt gewichtig
-im Zelte auf und ab. »Sobald die erste Lerche aufsteigt, sollen sie
-gerüstet bei den Rossen stehen.« Zuletzt warf er den Mantel um. »Komm
-ins Freie, Held, damit ich selbst zum Rechten sehe.« Sie schritten die
-Reihe der Wachen entlang, der Herzog prüfte mit scharfem Blick ihre
-Aufstellung und gab dem Hauptmann Befehle. »Sende sogleich behende
-Läufer zu den nächsten Scharen, aber vorsichtig, daß man aus der Ferne
-die Bewegung nicht merke. Auch die Nachbarn sollen sich rühren.« Und
-als der gute Herr alles vorsorglich bestellt hatte, sprach er zu Immo:
-»Gedenke auch du der Ruhe, ich mißtraue jedem Manne, der sein Lager
-gering achtet. Hast du uns Günstiges geraten, so soll dir's vergolten
-werden, bleibt's bei deinem guten Willen, so werde ich auch diesen dem
-König rühmen.«
-
-»Gern möchte ich mit dem kleinen Haufen meiner Genossen morgen früh in
-eurer Nähe sein,« versetzte Immo, »ich bitte, daß ihr mir's gestattet
-und mich beim König entschuldigt, wenn ich eigenwillig zu euch
-aufbreche.«
-
-»Deine Knaben sollen eine rühmliche Ecke meiner Holzburg bewachen,«
-entschied der Herzog, erfreut durch den Eifer, »du aber sollst unter
-meinen Helden reiten und in meiner Nähe hoffe ich dich zu finden.«
-
-Im ersten Morgengrau klangen bei den Sachsen die Alarmtöne, gleich
-darauf erhob sich wilder Lärm, die Rufer schrien, Pfeifen und Hörner
-gellten, das ganze Lager fuhr wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen
-durcheinander, bald sprangen ledige Rosse über das Feld und verwundete
-Helden wurden aus dem Gewühl getragen. Vom Sachsenlager her scholl
-immer wieder das Kriegsgeschrei der Angreifer und Verteidiger und das
-Dröhnen der feindlichen Äxte an den Bohlen der Wagenburg. Hin und her
-wogte der heiße Kampf, dreimal suchte der Markgraf den Lagerring in
-wildem Ansturm zu durchbrechen. Aber die Reiter des Herzogs brachen an
-jeder Stelle, welche gefährdet war, aus ihrer Burg, hemmten dreimal den
-Sturmlauf der Feinde und wehrten dem Durchbruch, bis der König selbst
-mit neuen Scharen herankam. Da wandten jene plötzlich ihre Rosse und
-verschwanden wie sie gekommen waren. Auch die Verfolgung, welche König
-Heinrich befahl, vermochte sie nicht zu erreichen.
-
-Als der Kampf vorüber war und Immo mit glühendem Antlitz sein
-schäumendes Roß zur Ruhe zwang, ritt Herzog Bernhard zu ihm und ihn
-vor allem Heere küssend, rief er: »Heute habe ich dich erkannt, wie
-du bist; die alte Treue zwischen Sachsen und Thüringen ist aufs neue
-bewährt, mir und meinen Helden bist du fortan ein Waffenbruder und ein
-lieber Genosse, so oft du es begehrst.« Und auch König Heinrich nickte
-dem glücklichen Immo mit freundlichem Lächeln zu, als er die Reihen der
-Krieger entlang ritt.
-
-Seit diesem Morgen wurde das Lager des Königs täglich beunruhigt,
-bald hier, bald dort suchte der Feind überraschend einzudringen;
-die leichten böhmischen Reiter, welche ihm zugezogen waren, warfen
-sich auf ihren behenden Pferden überall, wo der Boden die Annäherung
-begünstigte, gegen die Königsmannen; jeder Haufe, welcher Futter und
-Vieh aus der Umgegend herbeitreiben sollte, mußte die plötzlich
-auftauchenden Scharen des Markgrafen abwehren. Dieser aber fand in den
-Wäldern und Seitentälern der heimischen Landschaft sicheren Versteck.
-Auch die Belagerten rührten sich kräftig. Da sie von den hohen Türmen
-der Feste weit in das Land schauten, so drangen sie zu derselben Zeit,
-wo die Haufen des Markgrafen gegen die Belagerer ritten, mit ihrem
-Fußvolk aus den Toren, verbrannten ein Turmgerüst, welches gegen sie
-aufgerichtet war, warfen die Sturmböcke und führten die Ketten als
-Siegeszeichen nach der Stadt.
-
-Der König hielt beharrlich die Festung umschlossen, noch war er der
-Stärkere, aber er wußte wohl, daß die beste Hilfe, auf welche er zählen
-durfte, um ihn gesammelt war, während der Widerstand des Markgrafen
-die Unzufriedenen in allen Teilen des Reiches ermutigte und das kleine
-Heer des Feindes sich mit jedem Tage vergrößerte, nicht nur durch
-böhmische Reiter, auch durch Banner aus dem Norden. Deshalb ritten die
-Königsboten, meist geistliche Herren, nach allen Richtungen aus dem
-Lager, um den Zorn der Mißvergnügten durch Verheißungen zu stillen und
-die Verstärkung des Feindes zu hindern. Aber es wurde den Gesandten des
-Königs bereits schwer, durch die Reiter des Hezilo ins Freie zu dringen.
-
-An einem Abend, wo Immo mit seinen Knaben wieder die Königswache hielt,
-trat Herzog Bernhard zu ihm und begann vertraulich: »Der Markgraf
-kämpft gegen uns wie das Hündlein gegen den Igel, er springt bellend um
-uns herum, zuletzt versetzt er uns doch einen Biß ins Weiche. Es macht
-Sorge, das Heer zu ernähren und sorgenvoll wird auch der Lagerdienst.«
-Er wies nach dem Felde, wo an Stelle der Wachen zahlreiche gepanzerte
-Reiter in weiterer Entfernung aufgestellt waren. »Der König läßt
-unablässig nach dem Versteck des Markgrafen spähen, aber keinem unserer
-Läufer ist es gelungen, die Stelle zu erkunden. Vergebens hat der
-König auch nach fahrenden Leuten umhergefragt, dies ruhmlose Volk ist
-verschwunden, wurde einer auf dem Felde ergriffen, so schwieg er oder
-log, obgleich der Büttel ihn hart ängstigte.«
-
-»Dennoch sage ich dir, weder die Babenberger, noch wir andern haben
-geahnt, welch ein Kriegsherr König Heinrich ist, denn mit Weisheit
-erwägt er selbst Großes und Kleines.«
-
-Während der Herzog sprach, sprang Harald, der erste Heerrufer, aus dem
-Zelt des Königs und eilte den Hügel hinab, ihm folgten seine Genossen,
-sich schnell durch das Lager verteilend. »Sieh dorthin, Held Immo, der
-König ist müde, still zu kauern und er denkt selbst einen Sprung zu
-tun.«
-
-Am nächsten Morgen zogen beim ersten Hahnenschrei die reisigen Scharen
-des Königs von allen Seiten ins Freie, geräuschlos, in kleinen
-Haufen, ohne Feldzeichen, um sich außer Gesichtsweite der Festung zum
-Heere zu vereinigen. Dem König war gelungen, das schwer zugängliche
-Tal zu erkunden, in welchem der Markgraf sein Lager aufgeschlagen
-hatte. Zugleich rüsteten die Bogenschützen und die übrigen Haufen
-der Fußkämpfer einen Angriff gegen die Feste, ihnen hatte der König
-geboten: »Haltet gute Wache, indem ihr mit dem Ansturm droht und
-auf die Verteidigung denkt, hütet euch auch, ihr Helden, den Feind
-allzusehr zu bedrängen, damit er nicht ausbreche, um sich zu retten. Am
-liebsten werde ich euch belohnen, wenn ich das Lager so wiederfinde,
-wie ich es verlasse.«
-
-Auch Immo ritt unter den Wächtern des Königs, welche in der Schlacht
-vor seinem Leibe kämpften und ihm die Gasse öffneten, wenn er selbst
-einen erlauchten Helden bestreiten wollte. Mehr als eine halbe
-Tagefahrt zog die reisige Schar über Hügel und Tal, die Sonne schien
-heiß, die Panzerringe brannten durch Leder und Hemd auf die Haut und
-der Schweiß rieselte von den Flanken der Rosse. Aber der Zuruf des
-Königs trieb unablässig vorwärts, bald an der Spitze, bald am Ende
-des Zuges befeuerte er die Müden durch Scherzworte oder scharfen
-Tadel, er allein, den seine Feinde weichlich gescholten hatten,
-schien Sonnenbrand und Durst nicht zu fühlen. In der Glut des Mittags
-klomm die gepanzerte Schar eine steile Höhe hinan. Vielen wurde die
-Anstrengung unerträglich, Rosse und Reiter brachen zusammen, aber der
-König mahnte und trieb, wirbelte lustig den Wurfspeer, schalt und
-verhieß Belohnungen. Kurz vor der Höhe hielten die Müden zu kurzer
-Rast. Heinrich ordnete die Scharen in der Stille, auch lauter Rede
-wurde gewehrt. Dann hob er grüßend den Speer, die Posaunen und Hörner
-schmetterten und brüllten ihre wilden Weisen und in gestrecktem Lauf
-stob die Heerschar auf günstiger Bahn nach dem engen Tale, worin die
-Banner, die Zelte und Hütten des Hezilo standen. Es war die Tageszeit
-nach dem Mahle, wo die Markgräflichen am sorglosesten ruhten; kaum
-einer der Helden war mit seiner Rüstung bekleidet, auch die Rosse
-standen ungesattelt an ihren Seilen. Furchtbar tönte den Feinden das
-Kyrie eleison, der Schlachtruf des Königs, in die Ohren, nur die
-Tapfersten wagten dem Ansturm entgegen zu sprengen und das drohende
-Verderben aufzuhalten, sie wurden erschlagen oder verjagt, der Zaun des
-Lagers wurde durchbrochen, bevor der Widerstand sich daran sammelte;
-die Mehrzahl der Krieger gefangen, während sie nach den Waffen schrie.
-Der Markgraf selbst entrann mit einer kleinen Zahl seiner Getreuen.
-
-Als Immo in der ersten Reihe der Leibwächter den Hügel hinabritt,
-suchte sein scharfes Auge unter den feindlichen Bannern das Zeichen
-des Grafen Gerhard. Er sah es nicht, aber der erste Krieger, der gegen
-ihn anritt, war Egbert, ein Günstling des Grafen. Immos Speer warf
-den hochmütigen Dienstmann in das Gras und über den Gefallenen brach
-der wilde Strom vorwärts. Der Held fand sich vor dem König im Kampfe
-gegen Leibwächter des Markgrafen, er stieß, schlug und tat sein Bestes,
-aber mitten in dem blutigen Gedränge suchte er immer wieder nach dem
-Buchenreis, welches die Dienstmannen des Grafen an ihrer Rüstung zu
-tragen pflegten. Als der Schwall verrauscht war und der laute Gesang
-des Rufers die Helden zusammenlud, da sprengte er zurück zu der
-Stelle, wo er den Egbert getroffen, aber sein Speer hatte die Arbeit
-zu gut getan und er vermochte von dem Leblosen keine Kunde einzuholen.
-Er durchritt die Haufen der Gefangenen, aber auch dort fand er die
-Buchenzweige nicht und er holte mit Mühe die Kunde heraus, daß Mannen
-des Grafen unter den Flüchtigen entronnen waren.
-
-Nur die nötigste Rast verstattete der König den Siegern. Von allen
-Ecken ließ er das Lager in Brand stecken und achtete nicht auf das
-Murren seines Heeres, welches in den eroberten Hütten Ruhe und Beute
-gehofft hatte. Eilig ließ er die Gefangenen und die Beuterosse
-rückwärts treiben und brach wieder in Sonnenglut nach dem eigenen Lager
-auf, obgleich die ermatteten Sieger mürrisch in ihren Sätteln hingen,
-gleich geschlagenen Männern. Immo sah von der Höhe zurück auf das Tal,
-welches mit lodernden Flammen und einer ungeheuren Rauchwolke gefüllt
-war. Da hörte er wieder den treibenden Ruf des Königs, und Heinrich
-winkte an seiner Seite reitend ihm zu: »Ich sah dich mannhaft treffen,
-Held Immo, und mächtigen Staub aufregen ~quadrupedante putrem sonitu~,
-wie der Heide sagt. Herzog Bernhard,« rief er sich unterbrechend, »gibt
-es kein Mittel, aus diesem Schneckenritt herauszukommen?«
-
-Der Herzog sprengte an die Seite des Königs. »Mann und Roß werden die
-Glut des Tages lange fühlen.«
-
-»Das mögen sie später halten, wie es ihnen beliebt, heute aber brauche
-ich sie nicht auf dem Wege, sondern im Lager, und ich wollte, uns wäre
-die Heidenkunst erlaubt, einen Sturmwind zu beschwören, der das Heer in
-der Wolke dahintreibt.«
-
-Der Herzog schlug ein Kreuz. »Die Himmlischen gewähren zuweilen dem
-Bittenden Regen, auch dieser würde das Heer vorwärts treiben.«
-
-»Ich kann nicht frei atmen, Vetter,« fuhr der König leise fort, »bis
-ich das Lager gesichert sehe, denn wenn die in der Festung nicht
-verblendet sind, so mag unser Schade größer werden als der Gewinn.«
-
-»Reite voraus,« riet der Herzog.
-
-»Dann fallen diese ganz von den Pferden und legen sich auf die Heide,«
-versetzte der König.
-
-»Willst du meinen Sachsen deinen Wein und Met preisgeben, so will ich
-versuchen, ob ich sie noch vor Sonnenuntergang in die Wagenburg bringe.«
-
-»Von Herzen gern,« versetzte der König, »denn wenn wir heute einen
-Ausbruch des Feindes abwehren, so denke ich morgen den Krieg zu
-beenden.«
-
-Der Herzog befahl seiner Schar zu halten und ließ durch den Rufer
-verkünden, daß der ganze Tonnenvorrat des Königs noch heute derjenigen
-Schar als Ehrentrunk zugeteilt werden sollte, welche zuerst das Lager
-erreiche.
-
-Die Helden sahen einander mürrisch an, doch allmählich erschien ihnen
-der Vorschlag nicht verächtlich, sie lächelten ein wenig und die Rosse
-begannen zu traben. Als der Rufer den Bayern verkündete, daß die
-Sachsen um des Königs Wein davon ritten, ärgerten sich die Bayern, weil
-das Getränk aus ihrem Lande genommen war und ihnen zuerst gebührte, und
-ihre Rosse trabten ebenso.
-
-Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als Heinrich, der mit seiner
-Leibwache dem Heere die letzte Meile vorausgesprengt war, von der
-Höhe das Tal der Festung erblickte. Als er die Lagerstätten mit ihren
-wehenden Bannern unversehrt vor sich sah, da brach er in einen lauten
-Freudenruf aus und neigte sein Haupt, um das Gelübde, das er dem Himmel
-in der Sorge getan, mit dankbarem Herzen zu wiederholen. Wie er zum
-Lager hinabstieg, klang von der Seite Heermusik und eine Schar von
-Reitern und Fußvolk zog mit ihren Wagen ganz gemächlich dem Lager zu.
-Verwundert frug der König: »Wer sind diese, die so lustig am Feierabend
-reisen, nachdem die andern das Werk getan haben?« Immo ritt vor: »Es
-ist das rote Kreuz von St. Wigbert, Herr Bernheri sendet seine Mannen.«
-
-Da lachte der König: »So hat der Jagdspieß des Alten doch die Empörer
-gebändigt,« und der Schar entgegenreitend, rief er ihrem Führer Hugbald
-zu: »Als säumige Schnitter nahet ihr, die Halme sind gemäht. Dennoch
-seid willkommen zum letzten Sprunge um den Erntekranz.« Und als Immo
-seinen alten Genossen Hugbald begrüßte, sprach dieser: »Unser Herr Abt
-sendet dir seinen Segen und Dank für deine Mahnungen, die ihm die
-Spielleute zugetragen haben. Manchen Heiltrunk hat er dir zu Ehren
-getan. Jetzt hält er sich auf dem Berge gegen sein eigenes Kloster
-verschanzt. Doch hoffe ich, euer Sieg soll den Tutilo mit seinem ganzen
-Anhang austreiben.«
-
-Am nächsten Morgen ließ der König die Gefangenen rings um die Mauern
-führen, die Belagerten zu schrecken, und sandte seinen Rufer, die
-Übergabe der Festung zu fordern. Dem Geschlecht des Markgrafen und
-den Dienstmannen versprach er freien Abzug in das böhmische Land, bei
-längerem Widerstand drohte er mit Austilgung durch Feuer und Schwert.
-Die Helden der Burg saßen in sorgenvoller Beratung, die Bedächtigen
-rieten, besser sei es, etwas zu retten, als alles zu verlieren,
-denn reißendem Wasser und siegreicher Hand vermöge man schwer zu
-widerstehen, aber die meisten riefen, sie wollten lieber sterben, als
-die Mauern übergeben, solange ihr Herr noch in Freiheit lebe. Und sie
-weigerten zuletzt die Übergabe. Den ganzen Tag wurde verhandelt, der
-König aber beschloß, die Unschlüssigen am nächsten Morgen durch einen
-Angriff zu zwingen.
-
-Es war eine mondlose Sternennacht, Immo wachte mit seinen Knaben
-am Ufer des Baches, nur einen Pfeilschuß von der Festung entfernt.
-Wie Jäger im Bergwald lagen die Thüringe, ihre braunen Wollmäntel
-über der Rüstung, Bogen und Pfeil in der Hand, wo ein Strauch oder
-eine kleine Senkung des Bodens Deckung gab. Sie lauerten auf jedes
-Geräusch und jeden Schatten, der hinter dem Bach und an den Zinnen
-der Festung sichtbar wurde. Gerade vor ihnen erhob sich ein dicker,
-viereckiger Mauerturm, welcher aus der Fluchtlinie der Mauer nach dem
-Bach vorsprang, damit man aus ihm die anstürmenden Feinde von der
-Seite treffen konnte. Die rötliche Rauchwolke, welche jede Nacht über
-der Festung schwebte, sank tiefer, das Geräusch entfernter Stimmen
-verhallte; Mitternacht war vorüber und der graue Dämmerschein am Rande
-des Himmels rückte von Norden nach Osten. Da vernahm Immo neben sich
-das leise Gequake eines Frosches, das Zeichen, durch welches die Jäger
-einander mahnten; im nächsten Augenblick wand sich Brunico auf dem
-Boden zu ihm. »Sieh zur halben Höhe des Turmes. Es regt sich in der
-Luke, ich meine, dort ist ein Lebender zu merken, der graue Schatten
-sinkt langsam abwärts.« Gleich darauf klang es im Wasser: »Er watet
-oder schwimmt.« Immo gab das Zeichen, hier und da tauchte ein Haupt vom
-Boden, die Rohrpfeile flogen an die Sennen und die spähenden Blicke
-fuhren über jede Stelle des Ufers. Wieder rauschte es, der Leib eines
-Mannes hob sich über den Rand des Baches, vorsichtig schob er sich auf
-dem Boden vorwärts, gerade dem Versteck der Thüringe zu. Schon hatte
-er einen niedrigen Strauch erreicht und richtete sich hinter ihm auf
-der Lagerseite in die Höhe, um in das ferne Land zu blicken; da, als
-seine Gestalt über dem Grunde erkennbar wurde, klangen von beiden
-Seiten die Sennen und flogen die Pfeile gegen ihn. Der Mann stöhnte,
-neben ihm fuhr Brunico in die Höhe, nach kurzem Ringen trat der Knappe
-wieder an Immos Seite, und mit einer Gebärde des Abscheus sein Schwert
-einsteckend, brummte er, »es war Ringrank, der Fechter.« Immo sprang
-zu der Stätte, an welcher der Unselige lag, beugte sich über ihn und
-das schwere Haupt hebend raunte er ihm ängstlich zu: »Wer sendet dich?«
-Der Sterbende tastete mit der Hand nach seinem Messer, als er aber über
-sich das traurige Antlitz Immos sah und die freundlichen Worte hörte,
-murmelte er: »Der Rache des Königs dachte ich zu entrinnen, darum trug
-ich einen Gruß für dich.«
-
-»Wo ist sie?« frug Immo tonlos.
-
-»Wo ich war,« seufzte der Mann wieder und fiel zurück.
-
-Die bleichen Sterne schienen auf glanzlose Augen, Immo deckte dem toten
-Fechter das Gewand über das Antlitz und wandte sich ab. Ihm hämmerte
-das Herz in der Brust und sein Blick haftete fest auf dem Turme,
-aus dem der Fechter herabgestiegen war. Er winkte Brunico an seine
-Seite, dann wand er sich selbst bis an das Ufer des Baches. Als er
-zurückkehrte, rief er seine Mannen in eine Talsenkung nach rückwärts.
-»Mahnt den Hugbald, der neben uns liegt, daß er mit Wigberts Knechten
-unsere Stelle besetze. Euch aber, meine Knaben, lade ich, daß ihr mir
-folgt. Denn was mir auch geschehe, ich klimme den Pfad hinauf, den der
-Tote herabgestiegen ist. Die in der Stadt vertrauen der Nacht und ihrem
-Handel mit dem Könige, keinen Wächter erkenne ich auf der Zinne, noch
-hängt das Seil. Halten wir erst den Turm, so soll Hugbald mit Sturmzeug
-uns folgen.«
-
-»Manche Klippe unserer Berge, die wir erklommen, war höher,« ermunterte
-Brunico. »Führe, Immo, wir folgen.« Die schnellen Knaben stiegen
-geräuschlos zum Bach hinab, sie tauchten in die Flut, wateten und
-schwammen und waren nach kurzer Zeit am Fuß des Turmes versammelt. Immo
-prüfte den Halt des Seils. »Der Erste sei ich,« brummte Brunico, ihm
-den Arm haltend. »Keiner vor mir,« befahl Immo, »schwinde ich dahin, so
-führe du die Treuen zurück.« Er schwang sich am Seile aufwärts und hob
-sich in die Öffnung des Turmes, gleich darauf schüttelte er das Seil,
-und seine Knaben folgten schnell einer dem andern.
-
-Das Stockwerk des Turmes war menschenleer, die Tastenden fanden in der
-Mitte eine große Standschleuder und an beiden Seiten offene Türen, sie
-führten zu der Holzgalerie, welche an der inneren Fläche der Mauer
-unter den Zinnen entlang lief. Auch die Galerie in ihrer Nähe war ohne
-Bewaffnete, nur von dem nächsten Turme, durch welchen ein Tor nach
-dem Wasser führte, klangen die Tritte der Wachen. Während Brunico
-vorsichtig die kleine Treppe hinabstieg, welche von der Galerie zum
-unteren Stockwerk des Turmes reichte, gab einer der Knaben rückwärts
-dem Hugbald das verabredete Zeichen, einen flüchtigen Feuerschein. Dann
-harrten die Thüringe ungeduldig auf das erste Tageslicht.
-
-Unten aber am Bache rührte sich's. Hugbald hatte den bayrischen
-Schanzmeister zu Hilfe gerufen; die Belagerer rollten leere Fässer an
-das Ufer und schnürten sie mit Bohlen zu einem leichten Floß. Sie zogen
-die Sturmleitern über den Bach und hoben sie mit Hilfe des Seils zu
-der Turmöffnung. Als der Morgen dämmerte, war der Turm und die nächste
-Galerie in den Händen der Königsmannen; ohne Lärmzeichen drangen sie
-bis zu dem Tore, überfielen die sorglosen Verteidiger, zerschlugen die
-Sperrbalken der Torpforte und warfen die Fallbrücke über das Wasser.
-
-Da erhob sich in der Festung Alarmruf und Notgeschrei. Die geworfenen
-Verteidiger liefen vom Tore brüllend durch die Straßen, Hörner und
-Posaunen tönten, und aus den Gassen der Stadt stürmten die erweckten
-Helden an das verlorene Tor. Ein heißer Kampf entbrannte um die
-beiden Türme und die Mauer dazwischen. Die Markgräflichen umschanzten
-mit Schild und Speer den Zugang zu den nächsten Gassen, sie liefen
-unter ihren Schilden gegen die Toröffnung, drangen auf der Mauerhöhe
-gegen die Türme und warfen ihre Geschosse von der Galerie auf die
-Königsmannen, welche von außen über die Brücke drängten, und drinnen
-die eroberten Türme besetzt hielten. Die Königsmannen aber sendeten
-Speere auf die Andringenden und schossen Brandpfeile gegen die Dächer
-der nächsten Häuser. Bald stiegen Rauchsäulen und lodernde Flammen aus
-den Höfen, und in das Getöse des Kampfes mischte sich das Gebrüll der
-Rinder und das Geheul der Einwohner.
-
-Der König hielt auf einem Hügel nahe dem Tor, um welches gestritten
-wurde, er sah, wie die lodernden Flammen hinter der Mauer aufstiegen,
-und nährte den Kampf durch neue Haufen, welche er über die Brücke
-trieb. Aber wie sehr er sich des Erfolges freute, er dachte auch daran,
-daß der letzte Streit gegen die gesammelte Macht der Verzweifelten
-seinem eigenen Heere einen guten Teil der Kraft nehmen könne, und daß
-an der abgewandten Seite der Festung noch eine feste Burg lag, in
-welcher die Feinde sich wohl zu halten vermochten, bis der Böhmenherzog
-zu Hilfe kam. Deshalb bezwang er die Sehnsucht nach Rache und sandte
-seinen Heerrufer über den Bach nach der Burgseite, um aufs neue mit den
-Belagerten zu handeln.
-
-In das Gewühl am Tor klang der Ruf, daß der König sich vertragen
-wolle, und der Kampfzorn der Verteidiger wurde schwächer. Einer nach
-dem andern warf sich nach rückwärts, um seine Habe aus der brennenden
-Stadt zu retten und die Burg zu gewinnen, und die Königsmannen
-stürmten mit hellem Siegesrufe vor. Als erster Immo, gefolgt von den
-schnellsten seiner Knaben. Gleich einem Wütenden war er von der Mauer
-gegen das Tor gefahren. Während er im Kampfe stieß und schlug und
-jeden Ansturm der Feinde zurückwarf, hatte er nur einen Gedanken, zu
-ihr durchzudringen, die zwischen Rauch und Glut und dem Todeskampf
-der Männer die Arme zum Himmel hob. Jetzt sprang er wie ein wildes
-Roß durch Qualm und züngelnde Flammen in die Gassen der Stadt. Laut
-schrie er über die Haufen und in die offenen Höfe den Namen Hildegard.
-Der geborstene Helm war ihm vom Haupt geworfen, das blutbesprengte
-Haar flog ihm wild um die heißen Schläfe. Zwischen Herdenvieh,
-beladenen Karren, über Leichen der Gefallenen, durch kleine Haufen
-feindlicher Krieger stürmte er vorwärts, bald ausweichend, bald Schläge
-tauschend, bis er den Marktplatz der Stadt erreichte, wo das Getümmel
-am wildesten durcheinander wogte. Er überstieg die gedrängten Karren
-der Flüchtigen und wand sich durch eine Schar feindlicher Reiter,
-wie ein Verzweifelter mit dem Strome ringend. Da, in der Mitte des
-Marktrings, wo das steinerne Kreuz auf einer Erhöhung ragte, sah er
-einige böhmische Krieger auf eine helle Gestalt eindringen, die am Fuße
-des Kreuzes lag und mit beiden Armen den Stein umschlang. »Hildegard,«
-schrie er und ein schwacher Gegenruf: »Immo, rette mich,« klang in
-sein Ohr. Den Wilden, welcher die Arme nach der Liegenden ausstreckte,
-schleuderte er zur Seite, daß dieser das Aufstehen für immer vergaß,
-seine heranspringenden Genossen verscheuchten den fremden Schwarm. Er
-hielt die Gerettete in seinen Armen, küßte das bleiche Antlitz und
-rief sie mit den zärtlichsten Grüßen, und als sie die Augen aufschlug,
-da hob er sie lachend empor, während ihm die Tränen aus den Augen
-stürzten, und mit dem Schildarm sie umschlingend, hielt er am Kreuze
-die Wache für das geliebte Weib, das an seinem Hals hing und sich fest
-an seine Brust drückte. Über ihm wirbelte der glühende Rauch, um ihn
-krachten die stürzenden Balken und das Kampfgetümmel wälzte sich durch
-die Straßen der Stadt, er aber stand, umgeben von Tod und Vernichtung,
-wie ein Seliger, und er sah, wie die hohen Engel mit flammenden
-Schilden und Speeren durch die Lohe schwebten und um ihn und die
-Geliebte eine feste Schildburg zogen.
-
-An der Ecke des Marktes wehte ein Banner, auf welchem er das weiße Roß
-der Sachsen erkannte, da rief er: »Glückauf, mein Geselle, dort nahen
-die Helden, denen ich am liebsten vertraue, damit sie dich zum König
-geleiten.«
-
-
-
-
-8.
-
-Die Not des Grafen.
-
-
-Der Kampf um die Krone war entschieden. Mit unwiderstehlicher Gewalt
-trieb der König den Markgrafen der böhmischen Grenze zu, eine Burg nach
-der andern fiel in seine Hände, die Flammen, welche aus den gebrochenen
-Mauern aufstiegen, verkündeten dem erschreckten Lande den Sturz eines
-edlen Geschlechtes und die Rache des Königs. Schonungslos wollte
-der König alles mit Feuer und Schwert tilgen, was an die Herrschaft
-seines Feindes erinnerte, und die harten Vollstrecker seines Willens
-fühlten zuweilen ein Mitleid, das er nicht kannte, und milderten in
-der Ausführung sein Gebot. So scharf war des Königs Zorn, daß sich
-jedermann über die Schonung wunderte, die er einem der Verschworenen
-zuteil werden ließ. An dem Grafen Ernst wurde das Todesurteil nicht
-vollstreckt, der Held büßte nur mit einem Teil seines Schatzes und
-wurde in milder Haft gehalten. Und die Leute rühmten den Erzbischof
-Willigis, weil seine Bitten den Haß des Königs gedämpft hätten.
-
-Während der Markgraf als landloser Flüchtling in Böhmen umherirrte und
-die übrigen Empörer demütige Boten sandten, um die Gnade des Königs
-zu gewinnen, hielt Heinrich seinen Hof in Babenberg, der Stammburg
-seines Feindes. Dort sammelte sich das siegreiche Heer, der Belohnung
-und Entlassung harrend, auch die Königin Kunigund kam von Regensburg
-an; mit großem Geleite holte sie der König ein, und die Edelsten des
-Heeres begrüßten die Herrin nach altem Heldenbrauch auf ihren Rossen
-im Eisenhemd, indem sie zu zwei Scharen geteilt in gestrecktem Lauf
-durcheinander ritten und dabei die Gerstangen durch wilden Wurf an den
-Schilden der Gegner zerbrachen.
-
-Immo hatte in dem Kampfspiel seine Reitkunst rühmlich erwiesen, die
-Jungfrau aber, in deren Augen er am liebsten sein Lob gelesen hatte,
-blickte nicht auf den glänzenden Zug. Er wußte, daß Hildegard auf
-Befehl des Königs unter der Aufsicht einiger frommer Schwestern in der
-Stadt weilte, aber ihm war trotz aller Mühe nicht gelungen, zu ihr zu
-dringen. Als er jetzt vom Rosse stieg und in die Herberge trat, fand
-er den Spielmann Wizzelin, der in neuem Gewande und mit klirrendem
-Goldschmuck, das Saitenspiel in der Hand seiner wartete, umdrängt von
-Kriegsleuten, welche mit dem wohlbekannten Mann Scherzreden tauschten
-und ihn mahnten, seine Kunst vor ihnen zu erweisen.
-
-»Gutes Glück bringe mir das Wiedersehen, du flüchtiger Wanderer,« rief
-Immo.
-
-»Auch euch ist alles gelungen,« antwortete der Spielmann, »und als ein
-Glückskind rühmten euch die Leute, während ihr heute so hurtig rittet.
-Liegt euch noch am Herzen zu erfahren, was ihr einst von mir begehrtet,
-so vermag ich Bescheid zu sagen.«
-
-Immo führte ihn schnell in seine Kammer.
-
-»Sie ist hier,« sprach Wizzelin leise, »sie will euch sehen, und ich
-vermag euch zu ihr zu führen. Die alten Nonnen, bei denen sie weilt,
-sind keine strengen Wächter, auch sie vernehmen gern, wenn ich vor
-ihnen die Saiten rühre. Folgt mir sogleich, wenn es euch gefällt, doch
-haltet euch eine Strecke hinter mir zurück, denn ich bin den Helden
-hier nicht unbekannt,« fügte er stolz hinzu, »und muß auf viele Grüße
-antworten.«
-
-Sie traten auf die Straße, der Spielmann glitt behend durch das Gewühl
-von Reitern und Rossen, von Burgmannen und Landleuten, welche herzu
-geströmt waren, den Einzug zu sehen. Oft wurde er angerufen, auch
-Gelächter und Spottreden klangen ihm entgegen. Gegen die Huldreichen
-verneigte er sich und versprach Besuch und Lied, den Spöttern
-antwortete er mit dreister Gegenrede, so daß er die Lacher stets auf
-seiner Seite hatte. Endlich bog er in eine stille Seitengasse und
-fuhr durch das Tor eines dürftigen Hofes. Er wies auf eine niedrige
-Fensteröffnung, hob einen Zipfel der Decke, welche das Innere verbarg,
-und sagte zu Immo: »Springt dreist durch die Tür, ich halte die Wache.«
-
-Immo eilte in das Haus. Mit einem Freudenschrei warf sich Hildegard in
-seine Arme und drückte sich an seine Brust.
-
-»Wie bleich du bist, Hildegard, und gleich einer Gefangenen sehe ich
-dich bewahrt.«
-
-»Sie sind nicht hart gegen mich, und wären sie es auch, ich würde es
-wenig beachten, wenn ich an dich denke und dein Antlitz zu sehen hoffe.
-Denn so oft mich die Einsamkeit ängstigt und die Gefahr bedroht, bist
-du mir in meinen Gedanken nahe, du Lieber, mich zu trösten. Bald aber
-werden sie mich von hier fortführen zu der Königin, in ihrem Gefolge
-soll ich bewahrt werden.«
-
-»Das ist gute Botschaft,« rief Immo, »dort vermag ich dir eher nahe zu
-sein.«
-
-Aber Hildegard schwieg, ihr Haupt lag schwer an seiner Brust, und ihr
-junger Leib bebte in seiner Umarmung. »Hoffe das nicht, Immo, denn
-nicht für ein fröhliches Leben denkt mich der König zu retten, nur
-weil der große Erzbischof Mitleid mit mir hatte. Sie halten mich fest,
-wie die frommen Mütter sagen, damit ich nicht gleich einer Dirne auf
-die Straße geschleudert werde. Mein unglücklicher Vater!« rief sie mit
-gerungenen Händen. »Geh' von mir, Immo, denn Elend ist mein Los, und
-meinem Vater droht das Verderben.«
-
-Immo wußte wohl, daß der König damals, als er dem Geschlecht des Hezilo
-Abzug aus der Festung gestattete, den Grafen Gerhard mit seinem Gesinde
-aus dem Zuge der Entweichenden herausgerissen hatte, um ihn für seine
-Rache zu bewahren. Seitdem konnte niemand sagen, was mit dem Grafen
-geschehen war. Deshalb frug Immo sorgenvoll: »Vernahmst du, wo er
-weilt?«
-
-»Er liegt im Turm der Stadt gefangen, ich war bei ihm und er begehrt
-in seiner Not nach dir. Eile, Immo, denn kurz ist, wie sie sagen, die
-Frist, welche ihm noch auf dieser Erde gestattet wird. Tröste ihn, wenn
-du vermagst, und dann komm noch einmal zu mir, damit ich dich segne und
-dir für deine Liebe danke. Denn, Immo, merke wohl, die Tochter eines
-entehrten Mannes kann nicht ferner dein Geselle sein. Suche dir die
-Braut unter den geschmückten Frauen, welche mit der Königin eingezogen
-sind und sich gleich dir des Sieges freuen; ich aber und mein
-Geschlecht schwinden dahin wie die flammenden Häuser und die Weiber und
-Kinder, die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah.«
-
-Immo rief unwillig: »Ich hörte immer, die durch ein Band gebunden sind,
-sollen auch Leid und Liebe miteinander teilen, solange sie leben.
-Meinst du, Hildegard, daß ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen
-mich? Mein bist du, aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen
-und was sie auch über dich ersinnen, solange ich atme, darfst du dich
-niemandem geloben als mir, nicht der Königin und nicht den Heiligen.
-Zur Stelle suche ich deinen Vater auf, ob ich ihm nützen kann.« Er hob
-ihr gesenktes Antlitz mit der Hand zu sich herauf und sah ihr in die
-Augen. Lange dachte er an die heiße Liebe, mit der sie ihn bei diesem
-Scheiden ansah. »Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft,« rief er
-noch an der Tür.
-
-Am Fuß der Turmtreppe sprach der Wärter zu Immo: »Ihr werdet den
-Grafen in unehrlicher Gesellschaft finden, wenn euch beliebt, jetzt
-hineinzugehen. Einer seiner Fechter ist bei ihm, er hat ihn gefordert;
-ich rate, daß ihr harret, bis der ruchlose Mann gewichen ist.«
-
-»Öffne doch,« versetzte Immo, »er hat mich dringend begehrt.«
-
-Als Immo mit dem Schließer eintrat, sah er den Grafen auf einer
-Holzbank sitzen, und vor ihm stand Sladenkop, der Fechter, ein
-unförmlicher Gesell mit Armen und Beinen, die aussahen, als ob sie von
-einem riesigen Tiere genommen wären, mit kleinen scharfen Eberaugen,
-kurzer Stirn und borstigem Haar. Die Miene des Mannes war verlegen
-und sein Gesicht gerötet. Immo wandte den Blick mit mehr Teilnahme
-auf den Grafen. Denn sehr bekümmert erschien dieser, die Augen lagen
-tief und fuhren ängstlich umher, er war hagerer geworden und sein Kopf
-stand nicht mehr so trotzig zwischen den Schultern wie sonst, sondern
-hing ein wenig nach vorwärts. Immo grüßte und winkte dem Schließer
-abzutreten, welcher mit einem argwöhnischen Blick auf den Fechter
-sagte: »ich harre draußen an der Tür, wenn ihr mich ruft.«
-
-»Ich freue mich, Immo,« antwortete der Graf dem Gruße, »daß du nicht
-verschmähst mich aufzusuchen, obwohl ich im Unglück bin. Immer hat dein
-Geschlecht mir edle Art gezeigt und gute Freunde sind wir von neulich,
-wo du in meiner Halle saßest und wo du in meinem Lager den Würzwein
-trankest. Jetzt verläßt mich alles, sogar dieser Köter,« er wies auf
-den Fechter. »Betrachte seine Arme, so habe ich ihn gefüttert, und mir
-hat er sein Leben gelobt, jetzt aber sträubt er sich, mir im Kampfe
-einen Vorteil zu geben.«
-
-»Verhüten die Heiligen, daß euch jemals das Los zuteil werde, diesem da
-im Kampfe gegenüber zu stehen.«
-
-»Emsig flehe ich zu den Heiligen, daß sie es verhüten mögen; aber
-es scheint, daß sie Lust haben, es zu gestatten. Denn wisse, Immo,
-der König hat Übles gegen mich im Sinn, und weil wir am Idisbach in
-der Übereilung dem Erfurter Kaufmann seine Ballen genommen und den
-Mann dabei beschädigt haben, so will der König mir die Ehre nehmen,
-ich soll als gerichteter Räuber um mein Leben kämpfen, und weil ich
-Fechter gehalten habe, so fordert er in seinem Zorn, daß ich vor dem
-Ringe seiner Edlen gegen meinen eigenen Fechter streiten soll.« Immo
-trat erschrocken zurück. Der Gefangene erkannte die Teilnahme und fuhr
-vertraulicher fort: »Aus deinen Augen sehe ich, Immo, daß ich dir alles
-sagen darf; merke wohl, dieser Undankbare, der meinen Silberring an
-seinem Arm trägt und der mir gelobt hat, um Geld und Nahrung in jedem
-Kampfe sein Leben für mich zu wagen, er will sich jetzt von mir nicht
-treffen lassen.«
-
-»Wie kann ich eine Abrede mit euch machen, Herr, da ihr kein Fechter
-seid und des Handwerks nicht kundig,« fiel gekränkt der Fechter ein.
-»Wäret ihr einer von meinen Genossen, so wollte ich einen Arm oder ein
-Bein wohl daran wagen. Ihr aber würdet mir, wenn ich euch einen Vorteil
-gäbe, das Eisen in die Glieder treiben, daß ich des Aufstehens für
-immer vergäße.«
-
-»Du bist ein Narr, das zu fürchten. Ich war in meiner Jugend
-ein Schwerttänzer und treffe, wohin ich will, wenn mein Gegner
-Bescheidenheit erweist. So nimm doch die besten Gedanken in deinem
-dicken Kopf zusammen. Wenn ich dich wirklich ein wenig zu sehr träfe,
-durch die Hand eines Edlen zu fallen, wäre für dich das ehrenvollste
-Ende, das du finden könntest.«
-
-Der Mann stand mit zusammengezogenen Augenbrauen und überlegte. »Ja,
-Herr,« sagte er zögernd, »ihr sprecht nicht ohne Grund, auch der
-Fechter hat seine Ehre. Und trefft ihr mich, so soll dies mein Trost
-sein und es wird Nachruhm gewähren bei allem fahrenden Volk. Doch
-wenn ihr mich nicht trefft, sondern ich euch, dann wäre der Ruhm noch
-größer.«
-
-»Du aber hast dich mir gelobt, wie kannst du mich treffen, du Schuft?«
-rief der Graf zornig.
-
-Der Fechter sah finster vor sich nieder. »Ich weiß, was ihr meint,«
-begann er endlich, »und ich merke, daß ich in der Klemme bin wie ein
-Marder. Sie sollen nicht sagen, daß ich gegen meinen Herrn unehrlich
-gehandelt habe. Solange ich euren Ring trage, seid ihr sicher vor
-meinem Eisen; feilen sie mir den Ring ab, so fechte ich als des Königs
-Kämpe und dann, meine ich, darf ich euch treffen.«
-
-»Weiche hinaus, du Elender,« rief der Graf zornig, »mich reut's, daß
-ich so manches Kalb und Rind in deinen Magen gestopft habe und mich
-reut's, daß ich in meiner Not bei einem Ehrlosen Hilfe suche.«
-
-Der Fechter sah verlegen und unschlüssig auf den Zornigen, dann wandte
-er sich trotzig zum Abgang. Als sich hinter ihm die Tür geschlossen
-hatte, saß der Graf eine Zeitlang schweigend auf der Bank, und Immo
-sah, daß ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Endlich begann
-er mit gebeugter Haltung: »Wundere dich nicht, Immo, daß ich gerade
-dich bitten ließ. Du kennst den Brauch in heiligen Dingen, du bist
-selbst ein halber Geistlicher, obgleich du das Schwert führst, und vor
-allem bist du jung, erst aus Wigberts Zucht gekommen, du kannst noch
-nicht sehr viel Böses getan haben, und die Heiligen werden dir eher
-etwas zugute halten, als einem andern. Darum möchte ich dir Vertrauen
-schenken in der Sache, die mir jetzt zumeist am Herzen liegt. Willst du
-mir geloben, eine Bitte zu erfüllen, so tue es.«
-
-Da Immo erwartete, daß der Graf an seine Tochter denken würde, so war
-er gern bereit und sprach an sein Schwert fassend: »Ich will, wenn ich
-es ohne Schaden für meine Seele tun kann.«
-
-»Es ist ein frommes Werk,« versetzte der Gefangene traurig. »Wisse,
-Immo, daß es schwer ist, auf Erden ohne Sünde zu leben. So habe auch
-ich, wie ich fürchte, zuweilen etwas getan, was mich den Heiligen
-verleiden kann, ich sorge, daß es ihr Zorn ist, der mich in diese
-Gefahr gebracht hat und daß sie mich gar nicht gutwillig hören werden,
-wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine Rettung anflehe. Denn in
-meinem Jammer bekenne ich, wenig habe ich ihrer im Glück geachtet.
-Dem Gebet der Mönche mich zu übergeben, kann gar nichts frommen, denn
-auch diese sind mir zum Teil verfeindet, und sie beten nur eifrig,
-wenn sie Hufen und reiche Gaben erhalten. Meines Gutes aber wird, wie
-ich fürchte, der König mich entledigen. Darum ist mir eingefallen, was
-mich wohl retten könnte. Ich habe meine Sünden aufschreiben lassen;
-nicht gerade alle, denn mit den kleinen will ich den großen Fürsten
-des Himmels nicht lästig werden, aber die schwersten. Drei Tage und
-drei Nächte habe ich zwischen diesen Steinen darüber nachgedacht sie
-zu finden und zu bereuen. Dem Beichtiger der Gefangenen -- er ist ein
-ausgelaufener Mönch und ein guter alter Mann -- habe ich sie hergesagt
-und er hat sie auf mein Drängen niedergeschrieben und versiegelt.«
-Er holte ein zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor,
-wies es dem erstaunten Immo und sprach feierlich: »Hierin sind meine
-Sünden, nämlich die groben. Mir kann Rettung bringen, wenn du sie zu
-wundertätigen Reliquien großer Heiligen trägst und sie in ihrem Schrein
-oder doch darunter birgst, damit die Heiligen selbst mein Bekenntnis
-empfangen, und wenn sie es lesen, sich meiner erbarmen.«
-
-Immo trat erschrocken zurück und sah scheu auf das zusammengelegte
-Pergament. »Wie darf ich mich unterfangen, dies Blatt den Heiligen zu
-übergeben, da ich kein Priester bin?« versetzte er. »Und wie kann ich
-einen Reliquienschrein erreichen, da ich selbst kein solches Heiligtum
-besitze?«
-
-»Schaffe das Blatt an einen Ort, wo große Heilige hausen,« raunte der
-Graf ängstlich.
-
-»Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden,« antwortete
-Immo, »und weiß nicht, ob mir die Mönche dort gestatten werden, dem
-Altar des heiligen Wigbert oder gar den hohen Aposteln zu nahen.«
-
-»Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen,« versetzte der Graf
-zerknirscht, »denn ich leugne nicht, alte Händel habe ich mit ihnen
-und sie möchten mir das gedenken. Auch in Fulda, fürchte ich, hat man
-schon manches von mir vor den Altären geraunt. Wandle leise zu einem
-hohen Heiligtum, wo man mich weniger kennt. Einen Reliquienschrein weiß
-ich, den besten von allen,« und er hob seinen Mund zu Immos Ohr und
-flüsterte: »das ist der Himmelsschatz unseres Herrn, des Königs. Er ist
-hier zur Stelle und schnelle Fürbitte tut mir not, sonst kann sie mir
-für dieses Leben nichts mehr helfen.«
-
-»Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Königs zu dringen?« rief Immo.
-
-»Ich weiß, daß du zu den Auserlesenen gehörst, welche die Wache in
-seiner Behausung haben, da mag dir wohl möglich werden, daß du das
-Pergament ungesehen unter die Decke schiebst. Vielleicht gelingt
-dir auch, den Geschorenen des Königs, der über dem Schrein wacht,
-durch Flehen und Gabe zu gewinnen. Versprich ihm Großes; denn wisse,
-einen Goldschatz, der nicht klein ist, bewahre ich unter einem Baume
-verborgen; wird der Priester zu der Guttat geneigt, so will ich den
-Schatz daran wenden und ihm die Stelle offenbaren.«
-
-»Um die Heiligtümer des Königs sorgt jetzt der fromme Abt Godohard,«
-versetzte Immo kummervoll, »der Goldschatz wird ihn nicht locken, den
-hohen Himmelsfürsten, die für den König bitten, in deiner Sache so
-zudringlich zu nahen.«
-
-»Ich finde dich kalt, Immo, wo es gilt, einen alten Genossen deines
-Vaters aus der Angst zu retten,« klagte der Graf und griff sich nach
-der feuchten Stirn. »Besseres hatte ich von dir gehofft und anderes
-hatte ich auch mit dir im Sinne. Denn als ich dich neben Hildegard,
-meinem Kinde, sitzen sah, wie du als Geselle ihr zutrankest, da fiel
-mir einiges ein, was ich mit deinem Vater beredet hatte, als ihr beide
-noch klein waret, und ich dachte, was nicht geworden ist, vielleicht
-kann es doch noch werden, wenn die Heiligen es fügen und auch dein
-Wille dahin geht. Jetzt freilich bin ich arg verstrickt, du aber bist
-im Glücke. Dennoch erinnerte ich mich an die Augen, die du damals
-machtest, als ich dich in meinen Saal laden ließ. Aber ich sehe, der
-Menschen Sinn ist veränderlich, zumal wenn sie jung sind.« Er setzte
-sich seitwärts auf die Bank und faltete die Hände, aber er sah von der
-Seite scharf nach dem offenen Antlitz des Jünglings, in welchem der
-innere Kampf sichtbar war.
-
-Wild stürmte es durch Immos Seele, Hoffnung, die Geliebte durch den
-Vater zu erwerben und wieder Mißbehagen darüber, daß der Vater sie ihm
-für eine heimliche Tat verkaufen wollte. Er stand in innerm Ringen
-und dabei fiel ihm die Lehre ein, welche ihm der alte Bertram für
-sein Leben mitgegeben hatte, daß er dem Gelöbnis eines Mannes, der
-in Todesnot sei, niemals trauen solle. »Wegen deiner Tochter fordere
-ich keinen Eid von dir, und du gedenke mich nicht durch ihren Namen
-zu beschwören, daß ich dir helfe. Denn deine Not will ich nicht
-mißbrauchen zu einem Gelöbnis.«
-
-»Du denkst edel, Immo,« rühmte der Graf, »sei auch barmherzig.«
-
-»Gib mir das Pergament,« rief Immo entschlossen, »ich will tun, was
-ich kann, wenn auch nicht gerade so wie du meinst, doch nach meinen
-Kräften; obwohl ich zage, daß mir die hohen Gewalten deshalb zürnen
-werden. Vermag ich nichts, so lege ich deine Sünden wieder auf deine
-Seele wie ich sie empfing.«
-
-»Ganz hochsinnig finde ich dich, Immo, und ich vertraue deinem Mut und
-deiner Klugheit,« rief der erfreute Graf. Er legte das Pergament in
-die Hand des anderen und hielt sich mit beiden Händen an seinem Arme
-fest. Immo schob das Pergament vorsichtig in die Tasche seines Gewandes
-und wandte sich zum Abgange. »Ich fürchte, das Blatt verbrennt mir den
-Rock,« sagte er unruhig, »lebe wohl, soweit du es hier vermagst. Ich
-kehre wieder, sobald ich die Tat versucht habe.« Den wortreichen Dank
-des Grafen unterbrach das Klirren des Schlosses.
-
-Als der König am Abend nach dem Mahle in seine Herberge kam und durch
-den Haufen der Edlen und Geistlichen schritt, welche ihn erwarteten, um
-Segen für seine Nachtruhe zu erflehen oder ihm aufzuwarten, da sah er
-huldvoll, wie seine Gewohnheit war, nach allen Seiten umher, grüßte und
-nickte. Die neu Angekommenen aber, wenn sie Edle waren oder Geistliche,
-faßte er bei der Hand und küßte sie. Als der König Immo erblickte, der
-sich in die vorderste Reihe gestellt hatte und ihn bei dem Gruß flehend
-ansah, da merkte er wohl, daß dieser Huld begehre, winkte ihm gütig
-zu und sprach: »Als ein stolzer Held hast du dich heute getummelt,
-edler Immo, hell klangen deine Speere an den Schilden.« Und weil er
-gern daran dachte, daß Immo ein Gelehrter war, fügte er, um ihn vor
-den anderen noch mehr zu ehren, einen lateinischen Vers hinzu: Stolz
-schwingt der Held Ascanius die Waffen im Kampffeld. Und nachdem er,
-wie dem Könige geziemt, jedem seinen Anteil an Ehren gegeben hatte,
-trat er in sein Schlafgemach. Als er sich dort ermüdet niedersetzte,
-begann der Kämmerer zu ihm: »Der Thüring Immo fleht um die Gunst,
-deiner Hoheit etwas zu sagen.«
-
-»Hat er es so eilig, Lohn zu fordern für seinen Sprung von der Mauer,
-ich habe ihm ja soeben vor allen Leuten wohlgetan.«
-
-»Er sagte,« antwortete der Kämmerer sich entschuldigend, »daß er dem
-König etwas Geheimes vertrauen müsse.«
-
-»Die Geheimnisse des Jünglings hättest auch du empfangen können.«
-
-»Das meinte ich auch,« versetzte der Kämmerer, »er aber flehte.
-Gefällt's dem König, so sende ich ihn fort, denn er harrt vor der Tür.«
-
-»So führe ihn herein,« befahl der König und stützte müde das Haupt in
-die Hand.
-
-Immo trat ein, kniete nieder und zog das Pergament des Grafen aus
-seinem Gewande.
-
-»Was bringst du mir so spät, Immo?« frug der König und sah kalt auf den
-Knienden.
-
-»Die Sünden des Grafen Gerhard,« antwortete Immo und legte das
-Pergament zu den Füßen des Königs.
-
-»Verhüten die Heiligen, daß ich so unselige Gabe annehme,« versetzte
-der König, mit dem Fuß das Pergament wegstoßend, »Unheil bedeutet
-solche Spende, sprich, was soll der Brief?«
-
-»Die Beichte ist es des Grafen,« sagte Immo feierlich, indem er das
-Kreuz schlug. Der König folgte schnell seinem Beispiel. »Der Graf
-verzweifelt in seiner Not, durch die Mönche bei den Himmlischen Gnade
-zu finden, zumal er ihnen nichts mehr zu spenden hat, denn sein Gut
-und Geld liegen in des Königs Hand. Da ließ er in der Herzensangst
-durch einen armen Priester seine Sünden niederschreiben und forderte
-von mir, daß ich sie heimlich zu den Heiligtümern meines Herrn und
-Königs trüge, damit die gewaltigen Nothelfer sich seiner erbarmten.«
-
-»Und du hast ihm den Sündenbrief nicht zur Stelle vor die Füße
-geworfen, Verwegener?«
-
-»Zürne mein König nicht, wenn ich gefehlt habe, mich erbarmte seine
-Angst. Wohl weiß ich, daß es ein Unrecht wäre, zu dem heiligen
-Geheimnis meines Königs zu schleichen und den Brief des armen Sünders
-dort zu verstecken, wie er begehrte. Dennoch wagte ich nicht, seiner
-Seligkeit hinderlich zu sein, und ich meine als redlicher Mann und
-nicht als Hehler zu handeln, wenn ich von der Gnade des Königs erbitte,
-daß mein Herr der Seele des hilflosen Mannes beistehe und seinem
-Priester gestatte, das Pergament zum Heiligtum des Königs zu tragen.«
-
-»Und was hat dir der Graf versprochen, damit du diese freche Bitte
-wagst?« frug der König hart, »denn meine Edlen pflegen nichts für
-nichts zu tun.«
-
-»Man hat mich gelehrt, von einem Manne in der Todesnot nicht Gabe und
-nicht Versprechen anzunehmen,« antwortete Immo.
-
-»Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat, hätte dich auch lehren
-sollen, gegenüber deinem Könige die Scham zu bewahren. Wie mögen die
-hohen Gewaltigen des Himmels, deren Gnade ich selbst froh bin, wenn sie
-sich zu meinem Heiligtum herniederneigen und mich schützend umschweben,
-wie mögen diese zugleich die Beschützer meiner Feinde werden? Und wie
-kannst du das wollen, wenn du kein Verräter bist?«
-
-»Ich vernahm die hohe Lehre,« versetzte Immo kniend, »daß der
-Himmelsherr gern Erbarmen mit dem Sünder hat, und wenn der König, der
-des Herrn Schwert auf Erden hält, hier den Schuldigen richten muß, so
-mag ihn doch in seinem Amte trösten, daß die Bitte seiner Heiligen den
-armen Sünder aus den Krallen des üblen Teufels errettet.«
-
-»Mir aber liegt gar nichts daran,« rief der König ungnädig, »den
-untreuen Mann dereinst an der Himmelsbank wiederzufinden, wenn die
-Himmlischen mir dort den Herdsitz bereiten wollen. Das mußtest du
-wissen, du Tor, bevor du seine Sünden mir auf die Seele legtest. Denn
-wenn ich nach seinem unverschämten Verlangen tue, so schaffe ich einem,
-der mein Feind war, Hilfe in jenem Leben und vielleicht auch noch in
-diesem. Und wenn ich ihm dagegen seinen Willen nicht tue, so mögen die
-Heiligen mir zürnen, weil es mir an Erbarmen fehlt. In solche Gefahr
-setzt mich dein dreistes Verlangen. Entweiche mit dem Briefe und trage
-ihn zu einem anderen Heiligtum, zu welchem du willst, wenn dir an der
-Gunst des Grafen mehr gelegen ist, als an dem Vorteil deines Königs.
-Doch halt,« rief der König noch zorniger, »wer weiß, ob der Bösewicht
-nicht manches hineingesetzt hat, was mir selbst zum Schaden gereichen
-könnte, wenn die Unsichtbaren darauf hören.« Der König neigte sich
-schnell zu Boden, faßte den Brief und erbrach das Siegel. »Die Beichte
-des Grafen Gerhard will ich zuerst vernehmen, ehe sie zu den Heiligen
-dringt.« Er bekreuzte sich und setzte sich nahe zu der Kerze. »Schwach
-war die Kunst des Geschorenen, der diese Krähenfüße hingesetzt hat,«
-murmelte er. »Mit seiner letzten Verräterei fängt der Sünder an, ich
-glaube wohl, daß sie ihn am meisten ängstigt. Sie reut ihn, solange
-er im Turm sitzt. -- Dann kommt der Kaufmann. Der Goldstoff, den er
-geraubt hat, war für die Königin bestimmt, und er hat ihn noch nicht
-einmal herausgegeben.« Und er las fort mit gespannter Aufmerksamkeit.
-Immo merkte, daß der König seine Gegenwart ganz vergessen hatte, denn
-er sprach zuweilen laut von den geheimen Taten.
-
-»Den Grafen Siegfried im Walde überfallen, wobei ihn leider mein Mann
-Egbert erschlug. Die Missetat blieb ungerochen,« rief der König, »die
-Leute sagten damals, der Gefällte sei von Räubern erschlagen worden.
--- Hier folgen Sünden gegen die Wigbertleute. Es ist eine ganze Reihe.
-Schwerlich würde Abt Bernheri dafür Absolution erteilen. -- Mit Herzog
-Heinrich, dem Zänker -- der dreiste Bösewicht, meinen Vater so zu
-nennen.« -- Der König sah um sich, und als er Immo noch auf den Knien
-fand, sprang er auf und winkte ihm zornig die Entlassung. Dann ergriff
-er wieder das Pergament: »Mit Herzog Heinrich verschworen gegen Kaiser
-Otto.« Der König warf das Pergament auf den Tisch und schritt heftig
-im Zimmer auf und ab. »Das Unrecht meines eigenen Vaters soll ich zum
-Schrein der Heiligen tragen, damit die Heiligen es wissen und an mir
-rächen. Unerhört ist die Bosheit.« Wieder eilte er zum Tisch. »Und
-hier steht es, meine eigene Sünde,« und er las: »mit Herzog Heinrich,
-der jetzt König ist, Verabredung getroffen gegen seinen Vetter, den
-jungen Kaiser Otto.« Der König faßte das Pergament, drückte es mit
-der Faust zusammen und schleuderte es in den Kamin. Er riß die Kerze
-aus dem Leuchter, hielt sie daran, bis das Blatt sich bräunte und
-knisternd verkohlte und stieß heftig mit dem Fuß in die Asche. »Dies
-sei der Heiligenschrein, zu dem ich deine Sünden trage, du Ruchloser.
-Mich selbst soll ich verklagen vor meinen Nothelfern um deinetwillen.
-Lieber lasse ich dich unter deiner Sündenlast leben wie bisher, als
-daß ich dir den Himmel öffne. Siehe selbst zu, ob du auf dieser Erde
-das Erbarmen der Himmlischen gewinnst, ich weigere dir die Hilfe, die
-du begehrst.« Der König stand finster vor dem Kamin. »An mein eigenes
-Unrecht mahnt er mich und ich fühle den Schrecken und die bittere Reue.
-Für mich selbst will ich zu den Ewigen flehen wegen alter Sünden, und
-daß ich jetzt dem Flehen einer armen Seele nach der Seligkeit meine
-Hilfe verweigerte.« Und Heinrich eilte zu dem vergoldeten Schrein, um
-den, wie er meinte, die hohen Fürsten des Christenhimmels unsichtbar
-walteten, enthüllte die heilbringenden Reliquien und warf sich mit
-gerungenen Händen vor ihnen nieder.
-
-In der Frühe des nächsten Tages begann die Feier der Heerschau. Unter
-den Mauern der Festung Babenberg waren auf freiem Felde Schranken
-errichtet, die Pfosten mit grünen Zweigen umwunden, die Treppen mit
-kostbaren Teppichen belegt, an einer Seite stand auf hohen Stufen der
-goldene Königsstuhl. Dort wollte der König die Gaben verteilen und sein
-siegreiches Heer entlassen. Als die Sonne aufging, zogen die Scharen
-von allen Seiten der Ebene zu und lagerten bei ihren Bannern in weitem
-Ringe um den eingefriedeten Raum. Eine unzählige Menge Volkes drängte
-an den Schranken, um den König und das Festgepränge zu schauen. Die
-Helden des Heeres ritten in ihrem besten Schmuck herzu, stiegen von den
-Rossen und sammelten sich in der Umzäunung. Als der König auf seinem
-Schlachtrosse herankam, in Königstracht, die Krone auf dem Haupt,
-begleitet von der Königin und einem endlosen Gefolge geistlicher und
-weltlicher Herren, da brauste der Heilruf durch die Scharen, und auch
-die Landleute schrien und hoben die Arme, obgleich viele von ihnen
-über das Schicksal ihrer alten Herren bekümmert waren. Der König und
-die Königin stiegen die Stufen hinauf und setzten sich würdig auf den
-Königsstuhl, um sie herum saßen auf niedrigen Stühlen die Edelsten
-des Reiches. Nachdem der Rufer Stille geboten hatte, erhob sich der
-Erzbischof von Mainz, sprach das Gebet, segnete den Tag und verkündete
-mit mächtiger Stimme, die weit in das Feld schallte, den Willen des
-Königs. Zuerst die Strafen, welche der königliche Richter über die
-Empörer verhängt hatte. Jeden derselben nannte er beim Namen, dann
-seine Missetat und die Strafe, welche nicht sanft war. Nur den Bruder
-des Königs nannte er nicht, um das hohe Geschlecht zu schonen.
-
-Immo stand in den Schranken nahe den Stufen und lauschte gespannt auf
-jedes Wort des Erzbischofs. Als in der unseligen Reihe der Besiegten
-der Name des Grafen Gerhard gerufen wurde, hielt er ängstlich den Atem
-an, denn er wußte, daß der Geliebten unsägliches Wehe bereiten würde,
-was darauf folgte. Aber ihm schoß vor Freuden das Blut ins Gesicht und
-durch die ganze Versammlung ging ein leises Summen, als der Erzbischof
-aus dem großen Pergament verkündete, daß die Gnade des Königs die
-Missetat des Grafen nicht an seinem Leben und seiner Ehre, sondern
-nur an einem Teile seines Gutes rächen wolle, und daß dem Treulosen
-gestattet werde, seinem Lehnsherrn aufs neue den Treueid zu schwören.
-Immo machte eine heftige Bewegung, um aus den Schranken zu eilen, und
-der alte Hugbald, welcher als Führer der Klostermannen auch die Ehre
-genoß, in den Schranken zu harren, mußte ihn am Arme halten, daß er die
-Feierlichkeit nicht störte. Sorglos und mit lachendem Munde vernahm
-er eine lange Reihe von Belohnungen, welche der Erzbischof verkündete,
-denn der König teilte die großen Lehen der Babenberger unter seine
-Edlen. Jeder, der ein Herrenlehn empfing, ritt mit seinem Gefolge in
-gestrecktem Lauf dreimal um die Schranken, stieg am Eingange ab, trat
-die Stufen hinauf, empfing kniend die Fahne und schwor den Eid in die
-Hand des Königs. Das währte lange, und die Sonne brannte heiß, bevor
-alles nach Gebühr vollendet war. Aber die Krieger und das Volk ertrugen
-gern den Sonnenbrand, denn was darauf folgte, war der freudigste Teil
-der Begabung. Der Kämmerer des Königs schritt in die Schranken, gefolgt
-von einer langen Reihe wohlgekleideter Diener, welche an Stangen große
-Truhen trugen, die sie vor den Stufen des Königsstuhls nebeneinander
-niedersetzten. Die Decken wurden abgehoben, und ein Goldschatz, wie ihn
-wenige Menschen geschaut hatten, blinkte in der Sonne. Große Kannen,
-Becher und Schalen, Dolche und reichgeschmückte Helme, Ketten und
-Armringe lagen kunstvoll geschichtet übereinander. Nach der Enthüllung
-scholl ein lautes Geschrei und zahllose Heilrufe, die Zuschauer
-drängten ganz außer sich an die Schranken, die zahlreichen Trabanten
-mußten stoßen und sich entgegenstemmen, um den Einbruch abzuwehren. Und
-die Verteilung der Ehrengeschenke an die Tapfern des Heeres begann. Der
-Kanzler trat vor und öffnete eine Pergamentrolle, welche bis an den
-Boden reichte, laut rief er den Namen jedes Helden und die Gabe, womit
-er geehrt wurde. Die rechte Seite innerhalb der Schranken war durch den
-Rufer geräumt; wer von dem Kanzler geladen wurde, trat vor den Stuhl
-des Königs, empfing sein Geschenk, huldigte und schritt vergnügt der
-anderen Seite zu. War er aber aus vornehmem Geschlecht, so überreichte
-der Kanzler dem König die Spende, und dieser teilte sie selbst dem
-Glücklichen zu und sprach, wenn er ihn hoch ehren wollte, einige
-huldreiche Worte. Auch das Heer und Volk begleitete mit lautem Zuruf
-die Gaben, wenn der Empfänger rühmlich bekannt und im Heere beliebt
-war. Aus der Nähe Immos wurden viele Helden gerufen, Hugbald trat
-vor und empfing seine Kette, nicht lange darauf hörte Immo den Namen
-seines Gespielen Brunico, welcher ganz hinten an den Schranken stand,
-und als dieser einen schweren Goldring erhielt, sprach der König vom
-Throne: »Den Schmied hast du mir gerettet, trage dafür seine Arbeit.«
-Aber Immo wurde nicht gerufen. Die Truhen leerten sich, die Unruhe in
-der Umgebung des Königs zeigte an, daß der Aufbruch nahe war. Immo
-stand mit einer kleinen Zahl andrer unbeachtet auf seiner Stelle. Er
-merkte, daß sich verwunderte Blicke nach ihm richteten, und er begann
-zornig die Kränkung zu fühlen. Hatte ihn auch der König am letzten
-Abend ungnädig entlassen, er wußte doch, er hatte dem König gut gedient
-und war oft vor anderen ausgezeichnet worden. Zwar um den Goldschatz
-hatte er wenig gesorgt, aber auch er hatte zuweilen daran gedacht, daß
-ein Schmuckstück eine gute Erinnerung sein werde. Jetzt erkannte er,
-daß der düstere Blick Gundomars von der Höhe auf ihm haftete, und er
-fühlte, ärgerlich über sich selbst, daß er errötete und den Leuten ein
-gleichgültiges Gesicht zu zeigen nicht vermochte. Er merkte auch, daß
-Herzog Bernhard, dem seine Würde erlaubte, in der Nähe des Königs sich
-freier zu rühren, hinter den Stuhl des Königs trat, und daß der König
-sich einen Augenblick nach rückwärts wandte. Er verstand die Worte des
-Königs nicht, und sie hätten ihn auch nicht erfreut, denn Heinrich
-antwortete der gutherzigen Frage des Herzogs nach Immo: »Er hat bereits
-weit mehr erhalten, als er verdient.« Da stieg der Herzog die Stufen
-herab und schritt über den Platz dahin, wo Immo fast allein stand,
-stellte sich behaglich neben ihn und sagte lächelnd: »Für uns beide,
-für dich, Held Immo, und für mich, klingt heute das Goldblech nicht.«
-
-»Euch, erlauchter Herr,« versetzte Immo mit einem dankbaren Blick,
-aber mit zuckenden Lippen, »vermag keine Königsgabe an Ehren etwas
-zuzusetzen, mir aber, hoffe ich, soll die Verweigerung der Gabe die
-Ehre nicht mindern.«
-
-»So ist es recht, Held,« mahnte der Herzog, »sieh trotzig geradeaus.
-Vernimm ein Gesuch, das ich dir zur Stelle ausspreche, weil ich
-erkenne, daß du schwerlich im Dienste des Königs beharren wirst. Komm
-als mein Gast mit mir in mein Sachsenland, wir jagen miteinander die
-wilden Ochsen in der Heide. Du sollst das Weidwerk bei uns nicht
-schlechter finden als in deinen Bergen. Und noch anderes begehre ich
-von dir. Die Burgen, welche fremde Seeräuber an der Küste im Wasser
-geschanzt haben, will ich brechen, sobald der Eisfrost eine harte Bahn
-zu ihren Holzringen bereitet, dabei sollst du mir helfen. Ist dir's
-recht, so schlage ein.« Er hielt ihm die Hand hin, welche Immo freudig
-ergriff. Und der Herzog fuhr fort: »Der König erhebt sich, das Heer zu
-entlassen. Unsere Krieger sind ungeduldig, die Herden der Beutetiere
-und der gefangenen Böhmen zu teilen.«
-
-Der König und seine Edlen bestiegen die Rosse, die Helden sprengten
-auseinander zu ihren Haufen. Vor jeder Schar hielt der König an, zollte
-seinen Dank und sprach die Worte der Entlassung. Auch als er zu dem
-kleinen Haufen der Bogenschützen kam, welche Immo führte, neigte er das
-Haupt und rief: »Treu erfüllt habt ihr den Eid, den ihr freiwillig
-gelobtet, ich löse euch von der Pflicht, zieht in Frieden heim zu
-euren Bergen.« Aber dabei ruhte sein Blick kalt und feindselig auf
-ihrem Führer, und dieser erkannte, daß der König ihn ungnädig von sich
-entfernte, und daß sein Schicksal ihn anders als er selbst gedacht
-hatte, aus dem Königsdienst löste. Er grüßte zum letztenmal mit seiner
-Waffe den Kriegsherrn und führte seine Knaben nach der Stadt zurück.
-
-Aus der Herberge eilte er zum Grafen Gerhard, bayrische Königsmannen
-hielten die Wache und weigerten ihm den Zutritt; er stürmte zu dem
-Hofe der Nonnen, die frommen Mütter waren mit Hildegard durch Reisige
-aus der Stadt geleitet, niemand wußte zu sagen, wohin. Da suchte er
-den Kanzler auf, dieser empfing ihn kalt. »Soll ich dir Gutes raten,
-so entziehe dich dem Auge des Königs, denn ich fürchte, er sinnt dir
-nichts Günstiges. Für die Jungfrau wird der König selbst sorgen; wie
-ich vernehme, will mein Herr, daß sie geschleiert werde, damit sie für
-die Missetaten des Vaters von den Heiligen Verzeihung erwerbe.«
-
-Mit Mühe bewahrte Immo die Kraft, den Segen des Kanzlers zu erbitten,
-den dieser mit einer nachlässigen Handbewegung erteilte. Er kam
-verstört in seine Herberge und trat in die Kammer, in welcher Heriman,
-der Goldschmied, lag, der von seiner schweren Wunde langsam genas. Oft
-hatte Immo während der Belagerung in der Hütte des Kranken gesessen
-und dem klugen Landsmann vertraut, was ihm auf der Seele lag, jetzt
-setzte er sich bleich und erschöpft neben ihn. »An einem Tage habe ich
-alles verloren, worauf ich hoffte, und wenn ich von hier weiche, wie
-ich soll, so nehme ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir. Dennoch
-vermag ich das Land nicht zu räumen, bevor ich die Jungfrau wieder
-gesehen habe.«
-
-»Ich bleibe zurück,« versetzte Heriman tröstend, »dir danke ich, Immo,
-daß ich lebe und meine Glieder wieder zu regen beginne. Diese Schuld
-zahle ich dir jetzt oder wann du verlangst. Besser vielleicht als
-du selbst, vermag ich dir zu nützen. Denn Kundschaft habe ich beim
-Könige und vielen Großen, und mancher Stolze beachtet in der Stille
-meine Worte. Ziehe mit dem Herzog, denn weilst du hier, so wird es
-dein Verderben. Du läßt einen zurück, der ein wenig die Weise kennt,
-wie man die Geheimnisse der Mächtigen erkundet. Noch ist die Jungfrau
-nicht geschleiert. Und was ich erfahre, Günstiges oder Ungünstiges, das
-sollst du wissen.«
-
-Während der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach und dieser
-gern seinen Worten lauschte, scholl in der Haustür und auf der Straße
-ein wirres Getön von Pfeifen, Fiedeln und Menschenstimmen, ein wilder
-mißtönender Lärm von allerlei Weisen, welche durcheinander klangen,
-von Gelächter und trunkenem Geschrei. Immo eilte die Treppe hinab. Im
-Hausflur saß Brunico an der weit geöffneten Tür, eine Trinkkanne in der
-Hand, umgeben von seinen Bogenschützen, vor ihm aber auf der Schwelle
-und auf der Straße stand ein großer Haufe fahrender Spielleute, von
-denen jeder unbekümmert um die anderen in seiner Kunst das Beste tat,
-so daß ein unordentliches und greuliches Getöse durch das Haus und
-über die Straße schallte. »Schneller,« trieb Brunico, »ihr zirpt wie
-die Mädchen, die zum erstenmal im Reigen springen. Wer um die Wette
-läuft, darf seinen Atem nicht sparen.« Von neuem begann das tolle
-Gefiedel und Geschrei. »Jetzt merkt auf,« mahnte Brunico lachend, »der
-schnellste fängt den Preis.« Er zog den goldenen Ring vom Armgelenk und
-hielt ihn in die Höhe, schleuderte ihn über die Köpfe der Spielleute
-in den Staub der Straße und rief: »So wirft der Bauer von Friemar den
-Armring des Königs.« Gleich Hunden sprangen die Fahrenden nach dem
-Ringe, sie fielen und überschlugen sich in wirrem Knäuel, das Volk
-schrie, jauchzte und balgte sich mit den Unehrlichen, bis endlich einer
-der Spielleute den Goldschmuck faßte, emporhielt und schnellfüßig mit
-dem Preise entrann. Und als Immo den Gespielen schalt: »Wie magst du
-eine wertvolle Gabe vergeuden, die dein Geschlecht und dein Mädchen
-lange erfreut hätte?« da antwortete Brunico: »Ich warf sie fort, damit
-sie mir nicht die Augen blenden sollte. Denn übel stände mir an, das
-Ehrengeschenk eines Königs zu tragen, der dich gekränkt hat, während er
-mir spendete.«
-
-
-
-
-9.
-
-Unter den Rößlein der Horsila.
-
-
-Die Felder in Thüringen waren geleert, die Viehherden weideten auf den
-Stoppeln und die Jäger zogen mit ihren Hunden in den Bergwald. Auch die
-Brüder Immos hatten durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie
-waren gegen die Elbe gezogen, um einen Einbruch der Böhmen zu rächen,
-aber der Feind war ihnen eilig hinter seine Berge ausgewichen und sie
-fanden nur die verkohlten Trümmer der niedergebrannten Höfe. Da waren
-sie unzufrieden heimgekehrt und sannen mit ihren Landsleuten auf einen
-vergeltenden Zug für das nächste Frühjahr.
-
-Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen und gerade
-über die Brücke eines Nachbardorfes ritten, fanden sie den Weg durch
-Gedränge der Einwohner gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus
-den Höfen, einander zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten
-Reiter, und um diese schloß sich der Ring. Die Jagdhunde der Brüder
-fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen, und Erwin hatte Mühe, die
-Zerrenden an ihren Riemen zurückzuhalten.
-
-»Es sind Fremde, welche ausgefragt werden,« rief Ortwin, und schneller
-trabten die Rosse. Die Dorfleute machten den Jünglingen grüßend Platz,
-und diese fanden in der Mitte den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr
-gekleidet und von einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das
-Saitenspiel bewahrte. Zwei Landleute hielten das Roß des Spielmannes
-am Zügel, vor ihm standen die Ältesten des Dorfes und in großem Kreise
-alt und jung mit aufgerissenen Augen, Verwunderung und helle Neugierde
-in den Gesichtern. »Sei gegrüßt, Spielmann,« rief Odo lächelnd, »wer
-deine Pferde betrachtet, muß rühmen, daß du Glück im Kriege gehabt
-hast.« Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es die
-wohlgeformten Glieder rege. »In dem siegreichen Heere findet auch ein
-armer Spielmann etwas Gutes,« versetzte er stolz.
-
-»Wunderbares erzählt er von dem Glück des Königs und wie die Burgen des
-Markgrafen brannten,« berichtete ein alter Bauer.
-
-»Tag und Nacht könnte ich euch erzählen, niemand vermöchte in einem
-Niedersitzen alle Heldentaten herzusagen,« fuhr Wizzelin fort. »Auch
-bei euch raste ich wohl einmal und singe unter der Linde; jetzt aber
-öffnet den Weg, denn ich begehre dringend weiter zu ziehen.«
-
-»Ich hoffe, du herbergst heute bei uns im Hofe,« mahnte Odo. Doch unter
-den Dorfleuten erhob sich Gemurr. »Er hat noch wenig gesagt,« riefen
-mehrere Stimmen. »Wir verlangen von den Nachbarn zu hören, welche
-freiwillig zu König Heinrich gezogen sind,« schrien andere.
-
-»Als Helden kehren sie zurück, ihre Wagen sind schwer mit dem
-Kampfgewinn beladen und Beuterosse führen sie in langer Reihe, auch
-böhmische Knechte, welche ihnen der König zugeteilt hat, wenn sie
-dieselben nicht bereits an die Händler verkauft haben; denn ihnen wird
-mühsam sein, die Menge der Sklaven auf der Reise zu ernähren.«
-
-Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete, und die Knaben schlugen
-in ihrer Aufregung Purzelbäume im Staube.
-
-»Sahst du den Dindo, den Sohn meiner Schwester Wendilgard?« frug eine
-stattliche Bäuerin.
-
-»Dindo?« versetzte Wizzelin, »der Held mit den runden Backen, sicher
-kenne ich ihn. Er kehrt ganz heil zurück, und ich meine, in seinem
-Reisegepäck liegt auch eine Spange, welche das stolze Herz seiner Base
-erfreuen wird.«
-
-»Was weißt du von Engilbrecht,« klang es aus dem Haufen, »und vom
-Vortänzer Richilo?«
-
-»Engilbrecht kommt ohne Wandel, sowie er gegangen ist, und der schnelle
-Richilo hat neue Reigen getanzt von der Mauer in eine brennende Stadt,
-beide schreiten mit gebauschten Taschen einher und bringen für manche,
-die ihnen lieb sind, Gutes in ihren Säcken; geduldet euch jetzt und ihr
-alle werdet erstaunen.«
-
-Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung und aller Blicke
-richteten sich nach den Brüdern. Niemand wollte die Frage tun, die
-zuerst ihnen gebührte. Da sie aber schwiegen, rief Sigilind, ein
-mutiges Weib: »Weißt du etwas von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?«
-
-»Ha,« rief Wizzelin, »du nennst einen von den großen Helden des Königs
-Heinrich; laut hörte ich seinen Goldschatz rühmen, denn Armringe aus
-Königsgold, die wohl ein halbes Pfund schwer waren, hat er meinen
-Genossen auf die Straße hingeworfen als Lohn für ihre Lieder.«
-
-Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und Sigilind, Gisa,
-Engiltrud und die anderen Weiber hoben die Hände zum Himmel und rannten
-von dannen, um den Höfen die unglaubliche Kunde zuzutragen.
-
-»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen auseinander,«
-spottete Wizzelin leise zu Odo, »die Bahn ist gefegt, gefällt's euch,
-so dringen wir durch.« Und nach allen Seiten grüßend und Rückkehr
-verheißend, trabte er mit den Brüdern von dannen.
-
-Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes geritten, so flog
-die Kunde von seiner Ankunft durch jeden Stall und jede Kammer; auch
-hier drängten die Leute heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und
-seinem Gefährten die Pferde anzubinden, und die Mägde steckten die
-Köpfe zusammen und bewunderten sein schönes Gewand und die klirrende
-Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und sein Geschlecht waren nicht willig
-zu wedeln, sie bellten wütend und unablässig und sprangen feindselig
-an den Spielleuten herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo, welcher die
-Hunde scheuchte, mit finsterem Lächeln: »Der Fahrende vermag die Gunst
-der Männer und Frauen zu gewinnen, die Köter aber bleiben seine Feinde,
-sie erkennen ihn in jedem Gewande.« Er ordnete Haar und Rock und zog
-sein Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen der
-Herrin Edith trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute, alle in
-froher Erwartung der Kunst, die er nach dem Mahle spenden würde. Den
-Spielleuten wurde ein besonderer Tisch gestellt, aber Edith winkte,
-daß ihnen gute Kost geboten wurde und der beste Met des Hauses. Und
-Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher, welcher ihm der Ehre
-wegen noch lieber war als der Trank.
-
-Nach dem Mahle begann Edith: »Da du beim Heere des Königs weiltest, so
-gib uns Kunde, soweit du vermagst. Denn nur Undeutliches hörten wir von
-seinem Siege und dem Unglück der Feinde.«
-
-Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom Raub des Schatzes,
-von Belagerung der Feste und von den Kämpfen gegen Hezilo. Er sprach
-langsam und feierlich und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang;
-vieles berichtete er getreu nach der Wahrheit, anderes wie es ihm in
-den Sinn kam. Den Namen des Mannes aber, an den jeder in der Halle
-dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit verhaltenem Atem lauschten
-die Zuhörer, nur wenn er vom Schlachtgewühl erzählte, rührten sich die
-Männer, ihre Augen glänzten und sie nickten einander zu, und so oft
-er den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte, seufzten
-die Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet hatte, sprach Edith:
-»Füllt ihm aufs neue den Becher. Du aber bewahre das Silber mit
-unserm Dank, denn große Dinge hast du uns verkündet, die wir alle im
-Gedächtnis behalten, solange wir leben.« Da sprang Gottfried auf,
-überreichte dem Spielmann den Becher und begann: »Weißt du etwas von
-meinem Bruder Immo, so verkünde auch das, denn an ihn dachten wir
-alle, während wir dich hörten.« Bei diesen Worten des Knaben brachen
-die Dienstleute in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der
-schnell verhallte, aber er kam aus bedrängten Herzen, die von einer
-Last befreit wurden. Wizzelin hob den Becher und rief: »Heil sei dir,
-junger Held, daß du als der erste nach ihm frägst im Saale seiner
-Väter.« Er ergriff sein Spiel, fuhr schnell über die Saiten und sprach:
-»Dieses Spiel hat oft von seinem Namen getönt, denn wir Fahrenden
-singen mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und am Herdfeuer.
-Wollt ihr das eine hören, wie er den Grafen Ernst schlug?« Und die
-Saiten rührend, stimmte er die Weise an: »Einen Helden weiß ich, Immo
-aus Thüringeland. So lautet das Lied,« erklärte er, »höre Geschlecht
-Irmfrieds!« Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des Baches
-die Helden des Babenbergers schlug, den Waltram, Hartwin und den jungen
-Hadamund, und wie er darauf die Wache am Felsentor hielt, um durch
-seinen Leib den König zu decken. Dort lief der edle Graf Ernst gegen
-ihn an, die Speere flogen, die Schilde krachten und aus den Schwertern
-fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger mit zerschlagenem Helme
-betäubt zurückfuhr. Da warf Wolfere von fern her den Hammer und traf
-dem jungen Helden das Haupt, daß er blutend zurücksank. Aber den Fall
-seines Edlen zu rächen, sprang König Heinrich selbst in den Kampf.
-
-Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt wie er wollte,
-und er war gewöhnt, daß sie durch hellen Ruf und leises Stöhnen
-ihren Anteil kundgaben. Heute aber freute sich der Schlaue über das
-Entzücken, welches er erregte. Die dienenden Frauen streckten in ihrer
-Aufregung die Hände immer wieder dem Himmel zu, Gertrud schluchzte vor
-Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den Nasenflügeln und
-griffen mit den Händen um sich. Der Knabe Gottfried stand wie verzückt
-mit glühenden Wangen und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt
-schien zu wachsen und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt.
-Auch andere sah der Sänger, welche sich gegen die Gewalt seiner Töne
-wehrten, bis ihr stolzer Groll dahinschmolz in der heißen Freude über
-die Ehren eines Haussohns. Die Mutter barg nach den ersten Tönen ihr
-Gesicht in der Hand, und als er den Sturz Immos verkündete, erhob sie
-sich von ihrem Sitz und trat zurück in das Dunkel. Die Brüder saßen im
-Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich Männern, welche gefaßt
-sind, Unwillkommenes zu hören. Doch auch ihr Widerstand wurde schwach,
-in ihren Augen leuchtete die Freude, die jüngeren sprangen auf und
-traten nahe zu dem Sänger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen Mund
-zuckte die Bewegung. Und als der Sänger endete und ein Jubelgeschrei
-der Dienenden, welches nicht enden wollte, durch den Saal brauste,
-da trat Odo zu dem Spielmann, bot ihm den Becher, aus dem er selbst
-getrunken hatte, und sprach: »Nimm noch dies Silber, das dir die Söhne
-Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit dem Bruder, wir freuen
-uns doch, wenn der Name unseres Geschlechtsgenossen im Lande gerühmt
-wird.«
-
-»Weißt du mehr von ihm?« rief Gottfried.
-
-Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten. »Ihr mögt wählen
-unter den Liedern, die ich von ihm habe.« Und er verkündete ihnen nach
-der Reihe alles, wie Held Immo unter den Sachsen ritt, wie er den
-Dienstmann Egbert schlug und wie er als erster sich mit seinen Genossen
-in die Festung schwang.
-
-Der Sang war verklungen, die Hörer saßen schweigend, ganz aufgelöst von
-der starken Bewegung. Da ergriff Wizzelin seine Fiedel und begann mit
-dem Bogen die Saiten zu rühren, langsam, in einer rührenden Weise, aber
-er sang und sprach nicht mehr. Auch die Versammelten saßen still und
-wenn einem das Herz zu weich wurde, so wischte er verstohlen die Träne
-ab.
-
-Das war die erste Kunde von Immo, welche in sein Vaterhaus drang.
-Nicht lange darauf kehrten die Bogenschützen in ihre Dörfer zurück
-mit hochbeladenen Wagen und manchem schönen Beutestück. Mehr als
-einer wurde nach dem Hofe geladen und erzählte, so gut er vermochte,
-von sich selbst und von seinem Anführer, und daß Immo mit dem Sohne
-Baldhards am Main von ihnen geschieden war, um zu den Sachsen an die
-See zu fahren. Seitdem kam keine Nachricht von dem Helden, auch die
-Eltern Brunicos wußten nichts zu erkunden. Die Blätter fielen und
-der Sturmwind tobte um die Mauern der Mühlburg, von welcher der alte
-Dienstmann Berthold täglich nach seinem Herrn aussah. Berg und Wald
-lagen unter weißer Schneedecke. Jeder, der einen warmen Ofensitz
-erlangen konnte, schlüpfte hinein und lauschte vergnügt auf das Brodeln
-im kupfernen Topfe. Aber der Stuhl, den Edith täglich dem Herrensohne
-rückte, blieb leer, und niemand wußte zu sagen, ob er unter dem Dach
-eines Gastfreundes geborgen saß, oder ob er auf wilder See umhertrieb
-in rasendem Sturm und wirbelndem Schnee.
-
-Die weiße Decke, welche den Bergwald verhüllte, schwand im
-Frühlingswind. In tausend Rinnen rieselte und strömte das Wasser zu
-Tale, jeder kleine Quell wurde zum Bach, die Waldbäche fluteten wie
-große Ströme, die Weiher und Seen am Fuß der Berge überschwemmten
-Ried und Wiesen, und dem Fremden, welcher von einer Höhe auf die
-thüringische Ebene herabsah, glitzerte überall zwischen Wald und
-Ackerbeeten eine gewundene Wasserfläche entgegen, aus welcher die
-Dorfzäune hervorragten, und er konnte zweifeln, ob er einen ungeheuren
-See vor sich sah mit zahllosen Inseln, oder einen breiten vielarmigen
-Strom. Dann lagerte am Morgen und Abend dichter Nebel auf der Flut,
-und bei Tage flatterten ungeheure Schwärme von Wasservögeln darüber
-hin. Aber nach wenigen Wochen war der Schwall vermindert, Sonne
-und Wind verscheuchten den Wasserdunst, die Erde sog begierig das
-befruchtende Naß und während die Knospen der Bäume schwollen, hob sich
-der Wiesengrund wieder aus der Flut, und die Waldbäche zogen gebändigt
-durch ihre Ufer den Flüssen zu und strudelten, wo ein Baumstamm oder
-eine Erdscholle in ihrem Bett haftete. Dies war die Zeit im Jahre,
-wo die Männer aus den Waldlauben sich ihrer Schiffahrt freuten. Denn
-auch ihnen war ein Fluß zuteil geworden, nur klein, aber ehrwürdig dem
-ganzen Lande, welcher aus den Waldbächen zusammenrann und zwischen
-dem Gebirge und steilen Hügeln der untergehenden Sonne zufloß. Die
-Horsila war damals kein unscheinbarer Bach, sie trug befrachtete Kähne
-in die Werra, und weit von Norden her kamen Fahrzeuge der Sachsen
-und Friesen die Strömung hinauf bis an den Wald. Dort war bei dem
-alten Dorfe Horsilgau der kleine Hafen, wo sie ein- und ausluden;
-eine wertvolle Stätte für die Waldleute, denn die Landfracht vom
-Norden her war teuer und der Weg oft unsicher. Das Wasser brachte
-ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flämischen Weber und
-manches Kaufmannsgut, das ihre Frauen ungern entbehrt hätten; sie aber
-tauschten dagegen ein, was ihr Land an Waren bot: Honig und Wachs,
-Pelzwerk und Tierhäute. Auch die Erfurter kamen heran, so oft die
-Kähne abfuhren und anlegten, sie schlugen am Ladeplatz ihre Bänke
-auf, kauften und tauschten und führten die Fracht auf hochbepackten
-Karren nach ihrem großen Markt. Vor andern aber freuten sich die
-Mönche des heiligen Wigbert der Schiffahrt, sie waren seit alter Zeit
-die Herren der kleinen Wasserstraße und sie hielten die Burg Gotaha
-zumeist darum hoch, weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr
-Herrenrecht über den Fluß behaupten half. Denn der Zehnte, welchen die
-Mönche von allem Schiffsgut erhoben, war eine wertvolle Einnahme des
-Klosters, er lieferte die Wolldecken ihrer Lager, Stoff zu ihren Kutten
-und vor allem die geehrte Fastenspeise, den gesalzenen Heerfisch,
-welcher ihnen das ganze Jahr Freude an ihrem Trunk gab. So wertvoll
-war dies Herrenrecht, daß sie durch viele Jahre blutige Kämpfe darum
-geführt hatten. Dennoch vermochten sie es nicht ungeschmälert gegen
-einen Nachbar zu bewahren, welcher klug gleich ihnen und stärker als
-sie ebenso auf der Nordseite der Horsila herrschte, wie sie längs dem
-Walde. Ihr Feind war das Kloster von Fulda, in welchem der heilige
-Bonifacius beigesetzt war. Und die beiden Glaubensboten Winfried und
-Wigbert, kämpften aus ihren Klöstern zweihundert Jahre nach ihrem
-Tode grimmige Fehden um die Heringstonnen der Nordsee und um die
-Gewebe derselben Friesen, deren Vorfahren sie einst bekehrt hatten. So
-heftig tobte der Kampf zwischen den Bewaffneten der beiden Klöster,
-daß die Sachsenkönige mehr als einmal gezwungen waren, sich zwischen
-die Streitenden zu stellen. Endlich hatten die Mönche von Fulda das
-Recht erworben, daß auf ihrer Uferseite Kähne frei von dem Zoll der
-Wigbertleute fahren durften. Aber der Haß der Klöster wurde durch den
-Schiedsspruch des Königs nicht gestillt, und fast in jedem Jahre wurden
-Männer erschlagen und Häuser niedergebrannt.
-
-Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee früher als sonst. Das
-Tauwetter vereitelte einen Rachezug, den König Heinrich über die
-gefrorenen Sümpfe in das Slawenland gerüstet hatte. Dafür bereitete es
-den Waldleuten die Freude, daß sie am Fest der Tag- und Nachtgleiche
-auf schneelosem Anger ihre Reigen sprangen, und daß sie an demselben
-heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf ihrem Fluß eröffneten.
-Die Fahrt war eine Woche vorher zu Erfurt und auf dem Lande angesagt
-worden, damit sich beizeiten rüste, wer Gut und Ware nach der Werra zu
-den Hessen und Sachsen abwärts führen wolle. Schon hatten die Erfurter
-ihre Lastwagen zu einer kleinen Wagenburg beim Dorfe vereint. In langer
-Reihe lagen die Kähne, welche von den Waldleuten die Wasserrößlein
-genannt wurden, am Ladeplatz, neu geteert, lang und schmal, zum Teil
-beladen auf die Abfahrt harrend, während die andern durch Schiffer
-und starke Lastträger gefüllt wurden. Aber auch von der Mündung des
-Flusses waren bereits einige Kähne stromauf geführt, die Schiffer
-hatten ihre Güter an dem Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung,
-sie waren an ihren Strohhüten, den langen weißen Röcken und den
-breiten Schwertmessern als Sachsen zu erkennen. Ein weiter Raum war
-auf dem Anger abgesteckt und mit einem Seil umfriedet, dort stand das
-Marktkreuz und St. Wigberts Banner, und daneben hielt der Hauptmann mit
-seinen Bewaffneten und dem Büttel, um den Marktfrieden zu erhalten und
-von Vieh und Waren den Zoll zu erheben. In der Ferne auf der andern
-Seite des Baches wehte neben einem Schuppen das Banner von Fulda,
-geschützt durch Gewappnete, welche der großen Familie des heiligen
-Bonifacius angehörten. Doch auf der Wigbertseite war der rege Verkehr.
-
-Auch die Landleute, welche nicht selbst um Schiffahrt sorgten, eilten
-an diesem Tage gern zu der Stätte. Wer Freunde und alte Genossen
-begrüßen wollte, konnte sie dort finden, wer sich einem Herrn zum
-Dienste geloben wollte, suchte dort die Gelegenheit, Rosse und
-Herdenvieh wurden aus den Winterställen zum Verkauf herangetrieben.
-Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem Gefolge und das
-Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner Musik, mit neuen Liedern und
-Kunststücken. Im ganzen Lande war die Lust dieses Tages berühmt und sie
-erschien den streitbaren Männern um so ehrenvoller, weil selten ein
-Fest verging ohne Schwerthiebe und tiefe Wunden.
-
-Die Sonne schien hell, und größer als seit langer Zeit war das Gewühl
-der zugewanderten Gäste. Nicht allein an dem Flusse, in allen Dörfern
-längs dem Bergwald wurde der Ausgang des Winters und die junge
-Herrschaft des Sommers gefeiert, man sah lange Reihen geschmückter
-Dorfleute im Freien tanzen und vernahm ihren Gesang und das Getön
-der Fiedeln und Pfeifen, überall auf den Hügeln und den Vorsprüngen
-der Berge waren Holzstöße errichtet, welche nach Untergang der
-Sonne brennen sollten, denn die ganze Nacht galt für günstig und
-heilbringend, sie wurde beim Trinkkrug, unter Gesang und Reigentanz
-durchwacht und war vielen der liebste Teil des Festes.
-
-Zwischen den Bänken, worauf die Erfurter ihre Ware ausgelegt hatten,
-zogen die Dienstmannen der Edlen mit ihren Knechten, daneben junge
-Dorfhelden vom Nessebach; auch die Leute aus den Wendendörfern waren
-mit ihren Frauen gekommen, und neben thüringischer Sprechweise vernahm
-man sächsische Worte und die feintönende Rede der Slawen. Durch das
-Gewühl sprengten sechs hochgewachsene Reiter, die Söhne Irmfrieds,
-unter ihnen Gottfried, der heute zum erstenmal im Schwertgurt über das
-Land ritt und stolz auf die Grüße und Glückwünsche antwortete, welche
-ihm hier und da aus den Haufen zugerufen wurden. Neugierig blickte der
-junge Krieger auf die fremdländischen Männer und Waren, aber die neue
-Würde hielt ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen. Die Brüder stießen
-auf einen Trupp berittener Spielleute, darunter auch Weiber in fremder
-Tracht, welche ihre Pferde in künstlichem Tanze trieben, während die
-Männer um die Raststelle handelten. Als die Sechs einen Augenblick in
-der Nähe hielten, scheute das Roß eines fahrenden Weibes und sie glitt
-dicht vor den Brüdern auf den Boden. Mitleidig sprang Gottfried ab,
-um sie vor den Pferdehufen zu bewahren, aber wie ein Federball hob
-sich das Weib vom Boden und bevor er sich's versah, fühlte er einen
-leichten Schlag auf seiner Wange, das Weib schwang sich in den Sattel
-und davonsprengend rief sie lachend: »Gesegnet seien dir die hübschen
-roten Wangen.« Da lachten die Leute rings umher, Gottfried aber wurde
-vor Zorn noch röter und warf einen feindlichen Blick auf die Dirne.
-Noch grollte er über die Dreistigkeit, da hörte er, wie Graf Markwart
-von Tonna spottend den Brüdern zurief: »Seit wann treibt ihr Helden
-Kaufmannschaft wie die Krämer zu Erfurt?«
-
-Odo sah ihn befremdet an. »Nichtige Worte redest du.«
-
-Der Graf wies auf Ballen und Tonnen, welche am Ufer lagen. »Sie tragen
-das Zeichen, womit ihr market, was euer ist. Ich rühme die Klugheit,
-welche das Erbe durch Handel zu mehren weiß.«
-
-Odo versetzte: »Rühmlicher wäre es, das Erbe durch Kaufmannschaft zu
-mehren als durch raubgierigen Wolfssprung auf der Heide, den die Leute
-dir zutrauen.«
-
-Markwart hob zornig den Arm, doch als sechs hochstämmige Helden nahe
-um sein Roß drängten, begnügte er sich, Feindseliges zu murmeln und
-wandte sich zur Seite. Die Brüder aber ritten zu den Tonnen und sahen
-erstaunt die Runenmarke, welche mit weißer Farbe den Stücken aufgemalt
-war. »Das ist Immos Zeichen,« riefen sie wie aus einem Munde und Odo
-frug den Schiffer, welcher dabei stand: »Woher kommst du und für wen
-bringst du das?«
-
-»Mein Wasserroß trug es vom Norden, drei Wochen haben wir gegen den
-Strom gerungen und mancher treibende Baumstamm streifte an den Bord,
-bevor wir ausluden. Für einen Burgmann im Lande ist es bestimmt.« Die
-Brüder bestürmten ihn mit Fragen, aber von Immo wußte der Mann nichts
-zu berichten.
-
-In der hölzernen Halle, welche unweit des Baches errichtet war und
-im Sommer allerlei Frachtgut bewahrte, saßen heute die Häupter der
-Landschaft, Edle und Grafen, welche dem Feste zugeritten waren.
-Markwart von Tonna war da mit seiner ganzen Sippe und seinen trotzigen
-Dienstmannen, die Grafen aus dem Nordgau und andere, neben den
-Thüringen auch Hessen, unter diesen Graf Gerhard aus den Buchen. Ihn
-hatte die Gnade des Königs wieder zu einem stattlichen Herrn gemacht,
-denn obgleich ihm die Waldwiesen und mancher andere schöne Acker
-abgenommen waren, galt er noch immer für reich an Erbe und Lehen, auch
-in Thüringen hatte er unweit der Horsila Hufen und hörige Leute. Heute
-begrüßte er die edlen Thüringe zum erstenmal seit seinem Unglück, er
-war leutselig und mild gegen jedermann, und wenn einer auf die letzte
-Gefahr anspielte, so zuckte er nur wehmütig mit den Achseln. Aber die
-meisten der Anwesenden vermieden davon zu sprechen, denn sie wußten
-wohl, daß sie selbst um ein kleines in derselben Not gewesen wären.
-Der Raum war mit Tischen gefüllt, und der Schenkwirt, auch ein Knecht
-des heiligen Wigbert, lief mit den Kannen umher und drehte fleißig am
-Hahn seiner Fässer. Die Sonne sank hinter die Berge und es dämmerte
-in dem fensterlosen Raume, als die Söhne Irmfrieds eintraten. Odo
-grüßte, und von mehreren Tischen klang der Gegengruß, aber Markwart und
-sein Geschlecht, welches mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges
-saß, sperrte, sich breit setzend, den Weg zu den Tischen. »Gib Raum,
-Markwart,« sagte Odo, »damit wir dir nicht die Knie scheuern.« Aber der
-Held streckte sein Bein kräftig aus und versetzte: »Mich wundert, daß
-die Söhne Irmfrieds begehren, ihren Sitz unter den Edlen des Landes zu
-nehmen, da sie sonst häufiger die schwieligen Hände der Bauern drücken,
-als die unsern.«
-
-»Harre, bis wir für ehrenvoll halten, deine Hand zu fassen,« versetzte
-Odo, »unterdes wundere dich nicht, daß ich deinen Stuhl schwenke, da
-du selbst das nicht tun willst.« Mit einem kräftigen Ruck drückte
-er den beschwerten Stuhl beiseite. Markwart hielt sich mit Mühe im
-Gleichgewicht; er fuhr auf und mit ihm sein Geschlecht, die Hände
-griffen an die Schwerter und das Eisen klirrte in der Halle. Aber der
-Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme: »Gedenkt des
-Marktfriedens,« und Gerhard sprang begütigend dazwischen und rief: »Wer
-eine Hand zu viel hat, der greife an das Schwert, ihr andern aber hütet
-euch, denn jedes Tun hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit friedlich zu
-trinken.« Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall, der Tumult wurde
-gestillt und der Wirt lief wieder mit den Kannen. Gerhard aber begann
-in der schweigenden Versammlung versöhnliches Gespräch: »Obgleich an
-dieser Stelle die Mönche Wigberts ihr Rauchfaß schwingen, so will
-ich doch über sie die Wahrheit sagen. Ich weiß manchen, der größeres
-Vertrauen zu andern Fürbittern hat. Darum möchte ich dich, Held Odo,
-fragen, was dir von neuen Wundern des Glaubenshelden Meginhard bewußt
-ist. Denn auch davon hören wir gern beim Trunke.«
-
-Bevor Odo die Antwort gab, rief der Mönch, welcher während des Sommers
-als Aufseher im Dorfe wohnte: »Ungewaschenes Zeug kommt aus eurem
-Munde, Gerhard, weil ihr unserm Heiligen in seiner eigenen Halle
-die Ehre vermindern wollt. Achtet lieber auf anderes, was draußen
-vorgeht. Denn wundervolle Kunde vernehmen wir, die jedermann mit
-Staunen erfüllt. Ein fremder Spielmann sagt sie den Leuten, auch euch,
-ihr Herren, wird es freuen sie zu hören. Dich aber, du Geschlecht
-Irmfrieds, geht sie noch mehr an als die andern.« Der Mönch steckte
-eine Fackel an, daß ihr rotes Licht die Halle erleuchtete, und in das
-Tor sprang ein Spielmann, gefolgt von einem großen Haufen Neugieriger,
-er schwang sich auf eine Bank, die einer seiner Genossen vor den
-Eingang stellte und lud mit heftigen Armbewegungen alle edlen Helden
-und jedermann ein, die unerhörte Neuigkeit zu vernehmen, welche aus
-dem Nordmeer gekommen war, vom Kampf der Sachsen gegen die Seeräuber.
-Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen den Sieg gewonnen, indem
-sie über das Strandeis zogen und die festen Burgen der Räuber
-zerbrachen, und unter ihnen stritten die Helden der Thüringe, der
-edle Immo, Irmfrieds Sohn, und Brunico, sein Genosse. Grimmig war
-die Not der Helden im Streit gegen die Seegespenster und gegen die
-Riesen unter dem Räubervolk, die mit Eisenstangen auf sie schlugen.
-Und er schrie: »Alles, was je von Kämpfen gesungen wurde, ist wenig
-gegen diesen Kampf, und alles, was je von einem Schatz geschaut
-wurde, ist ganz wenig gegen den unermeßlichen Goldschatz, den die
-Helden aus den Burgen der Räuber gewannen. Von ihm will ich euch
-jetzt erzählen, soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt habe,
-denn alles vermöchte einer nicht zu schauen. Zuvor aber spendet mir
-etwas, denn später, wenn ihr gehört habt, lauft ihr auseinander.«
-Da lachten die Zuhörer und viele griffen nach den Ledertaschen, der
-Spielmann hob einen Beutel an einer langen Stange und fuhr damit
-durch die Versammlung, er überging keinen, und wenn jemand mit dem
-Kopf schüttelte, so schnitt er ihm ein Gesicht, oder sagte ihm etwas
-Boshaftes, wenn er das wagte, so daß die Herren lachten und williger
-gaben. Und als er eingesammelt hatte, erhob er sich wieder, beschrieb
-die Herrlichkeit des Goldgerätes und schätzte es nach hundert Pfunden
-recht genau, bis die Leute an der Tür vor Erstaunen die Hände
-zusammenschlugen. Als er geendet hatte, schied er von seinen Zuhörern,
-indem er schrie: »Jetzt ziehet dahin, ihr edlen Herren und guten
-Leute und verkündet es jedermann im Lande, denn selig sind die Eltern
-und selig ist die ganze Verwandtschaft der Helden, die mit so teurem
-Goldschatz heimkehren.«
-
-Die Zuhörer am Eingange liefen auseinander, in der Halle vernahm man
-durch das Gesumme halblauter Reden Rufe des Erstaunens. Aller Augen
-hefteten sich auf die Brüder und mancher trat an ihren Tisch und rief
-ihnen scherzend Heil zu; auch neidisches Gemurr und mißgünstige Blicke
-stachen gegen sie. Odo aber sprach verwundert: »Ist auch der Fahrende
-ein verlogener Mann, vielleicht ist doch manches wahr. Haltet fest an
-euren Sitzen und wehrt euch mit scharfer Zunge gegen jede Ungebühr,
-denn ich merke, nicht in Frieden reiten wir heute nach Hause.«
-
-Graf Gerhard aber eilte aus der Halle, gefolgt von einem vertrauten
-Dienstmann, denn es zog ihn mächtig zu den geheimnisvollen Ballen
-und Fässern, welche, wie er vernahm, dem glücklichen Immo gehörten.
-Er wandelte längs dem Bach, und sein Mann wies auf den geschichteten
-Haufen und die weißen Zeichen. »Alles riecht nach Fastenspeise, die
-von der See kommt,« begann der Graf und seine Nasenflügel zuckten.
-»Das ist die Schlauheit. Sie haben den Schatz ganz unscheinbar unter
-Eßbarem oder auch unter andern Waren geborgen. Von je waren die
-Sachsen ein listiges Volk, obgleich sie sich ganz einfältig zu stellen
-wissen. Viel Wunderliches hörten wir längst über den Goldschatz der
-Seeräuber. Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt, durch
-viele Geschlechter haben sie gesammelt, wie Könige saßen sie in ihren
-Strandburgen, sie tranken ihr Bier aus goldenen Schüsseln, welche mit
-Edelsteinen besetzt waren und man sagt, daß sie die Hufe ihrer Rosse
-nur mit Silber beschlugen. Dies alles hat ihnen Herzog Bernhard und
-dazu Held Immo genommen, und was hier liegt, mag diesen zum reichsten
-Manne im Lande machen, wenn er es auf seine Burg heimführt.«
-
-Er blickte scharf um sich, in der Nähe war niemand zu erkennen, auf
-den Bergen flammten die Osterfeuer, aus den Hütten klang Geschrei und
-Jauchzen und weiter abwärts am Bache lautes Gezänk und der Ruf nach
-Waffen.
-
-Die Wächter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten und schauten
-nach der Stelle, wo wilde Worte und Schläge getauscht wurden. Der
-Dienstmann traf eine kleine Tonne, welche von den andern abgerollt war,
-mit einem Stoß, daß sie zur Seite fuhr. »Gefällt's euch, Herr,« sagte
-er lüstern, »so gebe ich der Runden noch einige Tritte, und ihr könnt
-in Ruhe prüfen, wie dieser Schatz der Räuber aussieht.«
-
-Unwillig entgegnete der Graf: »Willst du mich im Königsfrieden zum
-Diebe machen, du Wicht? Wie darf ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen,
-wenn er es nicht durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt? Hallo,
-Wächter! hütet euer Gut, die Fässer kollern.«
-
-Ein Mann in langem Mantel, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, sprang
-herzu, hob das Faß an seine Stelle und brummte: »Hütet euch selbst, daß
-ihr nicht auf den Boden kollert.«
-
-»Enthalte dich der Grobheit, Freund,« versetzte der Graf sanftmütig,
-»denn ich meine es gut. Ich hoffe, Held Immo läßt seinen Goldschatz
-nicht lange im Wind und Mondenschein liegen.«
-
-»Habt auch ihr gehört, daß der Held seinen Schatz in diesen Tonnen
-bewahrt?« frug der Mann. »Wir harren der Wagen: noch während dort die
-Feuer brennen, wird alles hinter Tor und Riegel geborgen.«
-
-»Ich lobe die Vorsicht,« bestätigte Gerhard. »Die Osterfeuer werden
-heute nacht den Weg zur Mühlburg erleuchten. Wer aber schreit dort und
-schlägt so wild?« frug er einen der Wächter, welcher herantrat.
-
-»Es sind wieder die Knechte der Heiligen, welche einander bei den
-Haaren fassen,« antwortete dieser lachend, »die Fuldaer sind über das
-Wasser gekommen, um die Dorfmädchen im Reigen zu schwingen, und die
-Knaben Wigberts wollen das nicht leiden.«
-
-Der Graf schüttelte mißbilligend das Haupt. »Uns schelten die Mönche,
-wenn wir einmal das Schwert ziehen, aber niemand von uns hegt einen
-solchen Grimm gegen seinen Feind, wie die Heiligen gegeneinander.
-Wollen sie selbst nicht Frieden halten, so sollen sie sich nicht
-wundern, wenn auch wir zuweilen einer dem andern den Weg verhauen.« In
-schweren Gedanken schritt er der Halle zu, hinter ihm ballte Brunico,
-der Mann im Mantel, die Faust.
-
-Auch auf dem umfriedeten Raum vor der Halle hatte der nächtliche Jubel
-begonnen. Überall loderten hohe Freudenfeuer, die Bänke, auf denen die
-Krämer gute Bissen feilboten, waren umdrängt von Begehrlichen; was
-stolze Knaben gern ihren Mädchen schenken: bunte Bänder, Glasringe,
-Halsperlen und kleine Metallspiegel, wurde eifrig gekauft, am
-dichtesten umlagert waren die Stellen, wo aus Fässern und großen Kannen
-Bier und Met geschenkt wurde; überall wo ein Spielmann geigte, ein
-Sänger sang, sammelten sich die Zuhörer. Um die Feuer aber schwangen
-frische Knaben die Mädchen im Tanze, gesondert nach Gauen und Dörfern;
-zwar fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub und Blüten, durch
-welche sie sich im Sommer unterschieden, aber viele trugen das rote
-Kreuz Wigberts, andere das Rad, mit welchem Erzbischof Willigis seine
-Angehörigen bezeichnete, und die aus dem Nessebruch führten ein Büschel
-roter Wolle, mit grünem Band umbunden, statt der Distel, welche sie zu
-andrer Zeit auf ihren Mützen trugen. Viele tanzten in Eisenhemd und
-Helmkappe, alle die klirrenden Schwerter an der Seite, zu ihren hohen
-Sprüngen schrien Pfeife und Fiedel in gellenden Tönen. Von allen Feuern
-erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer, welche die Thüringe
-vom Walde gewaltiger auszustoßen wußten als andere Helden.
-
-»Mich wundert, daß diese hier so sanft sind und sich ganz ohne Messer
-ergötzen,« bemerkte Gerhard im Durchschreiten zu seinem Dienstmann,
-»sonst waren sie behender, das Eisen von der Hüfte zu holen.«
-
-»Die einander raufen wollen, springen jetzt noch über den Zaun ins
-Freie,« lachte der Dienstmann, »weil sie sich scheuen, ihre Hand unter
-das Beil zu legen. Später reißen sie wohl die Schranken nieder, dann
-klingen auch hier scharfe Weisen.«
-
-Am Tor der Halle stieß Gerhard auf den Mönch, welcher von zwei Dienern
-begleitet den großen Zinnbecher trug, in welchem St. Wigbert an diesem
-Feste ansehnlichen Gästen den Ehrentrunk bot. Diese Spende war den
-Herren der Halle die wichtigste Handlung des Abends, denn stets empfing
-der zuerst den Becher, welcher seinem Geschlecht nach der Edelste war.
-Viele der stolzen Herren erhoben den Anspruch und fühlten Eifersucht
-gegen andere, darum schuf der Becher jedes Jahr, wenn nicht zufällig
-einer von den höchsten Herren des Reiches anwesend war, dem bevorzugten
-Geschlechte Händel und Feindschaft. Gerade deshalb war der Vortrunk um
-so ehrenvoller. Der Mönch stand mit dem Becher in der Mitte der Halle,
-segnete den Wein und begann: »Da unter den edlen Herren, welche St.
-Wigbert begrüßt, niemand dem Königsgeschlecht der Sachsen angehört,
-so reiche ich den Becher heute dem Helden aus dem ältesten Geschlecht
-der Thüringe.« Und er trug den Becher zu Odo. Einzelne Stimmen riefen
-Beifall, aber lauter war das mißfällige Gemurr und Geschrei. Die Gegner
-steckten die Köpfe zusammen und fuhren von ihren Sitzen, Odo aber erhob
-sich, trank der Versammlung Heil und reichte den Becher seinem Bruder
-Ortwin. Da rief Graf Gerhard, den die anderen zu ihrem Wortkämpfer
-gewählt hatten: »Sehr ungeschickt ist die Wahl des Mönches und eine
-Kränkung für uns alle. Einen Jüngling hat er zum Vortrunk gerufen,
-während hier nicht wenige sitzen, deren Haar im Rat und Kampfe ergraut
-ist.«
-
-»Eure Klage nenne ich ungerecht,« rief Odo zurück, »denn nicht den
-jungen Krieger soll der Trunk ehren, sondern das Geschlecht, für
-welches ich hier als ältester stehe.«
-
-»Wir aber vermögen nicht die Ehren deines Geschlechtes zu rühmen,«
-entgegnete Gerhard. »Haben deine Ahnen auch hier und da das Schwert
-mannhaft geschwungen, was keiner von uns ableugnet, so führt ihr
-doch kein Banner, welches der König euch in die Hand gelegt hat, wie
-wir anderen, die wir als Herren das Schildamt üben. Und wenn ihr auf
-eure edle Herkunft pocht, so wisset, daß man hier und anderswo euren
-Bauernadel belacht.«
-
-Die jüngeren Brüder sprangen von ihren Sitzen, und Odo rief: »Wenn der
-König unsere entlaufenen Knechte mit Lehen und mit einem Banner begabt,
-so rühmen sich die Knechte große Herren zu sein. Wir Bauern aber
-meinen, der König kann zum Grafen und Markgrafen ernennen, wen er will,
-aber niemanden zu einem Edlen.«
-
-»Euch aber,« rief Gerhard wieder, »haben die Mönche zu Edlen gemacht,
-ja man sagt auch, daß sie euch in der Stille zu kleinen Königen gekürt
-haben, nur daß man nicht laut davon reden darf.«
-
-Odo schlug an sein Schwert. »Ich erkenne, daß ihr selbst Lust habt, von
-dem Königsstabe, den wir in der Hand führen, die Belehnung zu erhalten.«
-
-Da erhob sich wieder der Hauptmann von St. Wigbert und rief mit
-mächtiger Stimme durch die Halle: »Übel fügen sich heiße Worte zu
-starkem Trunk, ich rate, daß ihr beide in dieser Nacht euren Wortkampf
-stillt, morgen aber, wie euch Herren gebührt, an Versöhnung denkt oder
-an Schwertschlag.«
-
-Aber Gerhard fuhr eifrig fort: »Nicht wir anderen haben den Unfrieden
-begonnen, sondern diese, vorhin, als sie hier eintraten. Und es ist
-wohlbekannt im Lande, daß ihr sogar untereinander nicht Frieden halten
-könnt. Schon zur Zeit eurer Väter raunte man im Volke mancherlei
-von der Brudertreue, welche die Männer eures Geschlechts einander
-beweisen, und jetzt hören wir wieder, daß ihr eurem ältesten Bruder
-Unheil gesonnen habt, so daß dieser als ein fahrender Recke in der Welt
-umherschweift.«
-
-Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried, daß dieser vor den
-versammelten Edlen seine erste Kampfprobe ablege, denn er war schneller
-Worte mächtig. Und in der Stille, welche dem kränkenden Vorwurf des
-Grafen folgte, sprang Gottfried vor und rief laut: »Eure Rede ist
-unwahr, Graf Gerhard, nie haben wir gegen unseren Bruder Immo Untreue
-erwiesen, und jetzt leben wir in großer Sorge um den Abwesenden.
-Deshalb ersuche ich euch, daß ihr die Kränkung zur Stelle widerruft.«
-
-»Ein Hähnchen höre ich krähen,« versetzte der Graf lachend.
-
-»So vernehmt, ihr edlen Herren,« fuhr Gottfried fort, »daß ich vor euch
-allen den Grafen Gerhard einen Verleumder nenne, und überall außerhalb
-des Marktfriedens will ich mit meinen Brüdern das an seinem Leib und
-Leben erweisen, wo ich ihn treffe.« Er löste seinen Handschuh und warf
-ihn vor den Grafen, dieser aber stieß verächtlich mit dem Fuß daran.
-
-Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des Jünglings
-Gottfried; und von dem Eingang her rief eine Stimme: »Nehmt auch den
-meinen.« Ein hoher Krieger schritt auf den Grafen zu, dieser fuhr
-zurück wie vor einem Geiste, als er die zornige Entschlossenheit in
-einem wohlbekannten Antlitz sah, und vermochte nur zu antworten: »Dich
-habe ich hier nicht erwartet, und dich habe ich nicht gemeint, Held
-Immo.«
-
-Als er den Namen nannte, der heute in aller Munde war, regten sich die
-Anwesenden, viele sprangen auf und drängten heran, um den Helden zu
-sehen. Immo aber wies auf die Fehdezeichen: »Widerruft die Kränkung und
-gebt vor allen Edlen meinen Brüdern ihre Ehre, oder nehmt den Streit
-auf auch mit mir.«
-
-Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner: »Du selbst magst wissen,
-Immo, daß ich ungern gegen dich kämpfe, wenn ich an Vergangenes denke;
-und du weißt auch, daß meine Ehre mir nicht gestattet, Kampfesworte,
-die vor den Edlen gesprochen sind, zu widerrufen.«
-
-»Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander gehandelt
-haben,« versetzte Immo, »das alles sei vergessen in dieser Stunde. Als
-Sohn meines Geschlechts stehe ich dir gegenüber und Abbitte fordere ich
-von dir, oder ich suche an deinem Leben die Rache.«
-
-Da rief Gerhard mit querem Blick: »Meine nicht, mir durch dein stolzes
-Drohen den Willen zu beugen, ich widerstehe dir, wenn du auch jetzt auf
-deinen Goldschatz vertraust;« und die Handschuhe vom Boden hebend und
-auf den Tisch werfend, rief er: »Du denke daran, wenn du den Schaden
-trägst, daß nicht ich die Fehde gefordert habe, sondern du. Und darum
-sei Unfriede zwischen uns statt Friede, sobald wir den Schranken den
-Rücken kehren, und Kampf sei um Leib und Leben, Gut und Habe zwischen
-mir mit meinen Helfern und dir mit deinen Helfern.« Er wandte sich
-trotzig ab, setzte sich zu seinem Genossen Markwart und verhandelte
-leise mit diesem. Immo trat zu dem Tisch der Brüder und den Jüngling
-Gottfried küssend, sprach er: »Ich grüße euch, meine Brüder. Gewährt
-mir einen Sitz in eurer Mitte und einen Trunk aus eurem Becher, damit
-die Fremden erkennen, daß sich die Söhne Irmfrieds in der Not nicht
-voneinander scheiden.«
-
-Die Brüder rückten zusammen, Ortwin trug ihm den Stuhl und Odo goß
-ihm den Trunk ein, der Stolz wehrte ihnen zu reden, und sie saßen
-schweigend beieinander. Doch von den anderen Tischen eilten Bekannte
-des Geschlechts mit den Trinkkannen heran, den Helden zu begrüßen, und
-er stand von vielen umgeben und antwortete auf die neugierigen Fragen.
-Aber sein Blick flog prüfend durch den Raum und nach dem Tische des
-Grafen Gerhard, bis er an der Tür seinen Vertrauten Brunico erkannte,
-da winkte er diesem und trat mit ihm zur Seite in heimlichem Gespräch.
-
-Brunico drängte sich hinaus ins Freie; nicht lange, so klang in dem
-Gewirr von vielerlei Tönen ein neuer Gesang, ähnlich dem Quarren
-eines Frosches; bald hier, bald dort schrie einer aus dem Volk der
-Langschenkel, so daß die Leute einander lachend frugen: »Ist auch der
-brüllende Held Reginheri in seinem Sumpf erwacht?« Doch als sich der
-Froschgesang auf einer Stelle außerhalb der Schranken vereinte und
-mit einem lauten Heilruf endete, da dachten die andern, daß dies ein
-Zeichen übermütiger Genossen war, welche miteinander zu den Bergfeuern
-ausschwärmten.
-
-Die Helden in der Halle aber, welche nicht selbst der Fehde teilhaftig
-waren, freuten sich, daß der Festabend so rühmlich verlief, und daß man
-davon im Lande singen und sagen würde. Sie saßen jetzt friedlich bei
-ihren Kannen, denn ihr Gemüt war erfrischt, wie die Flur nach einem
-Gewitter.
-
-Plötzlich klang in das wilde Geschwirr des Marktes ein Klagegeschrei
-und der Ruf nach Rache. Der Gesang verstummte, die Pfeifer und Fiedler
-setzten ab, die Krämer liefen zur Abwehr vor ihre Bänke und warfen
-mit ihren Knechten die Waren schnell in die geöffneten Kasten. In die
-Halle sprang ein verstörter und blutender Mann und schrie: »Die Hunde
-des Bonifacius sind über das Wasser gedrungen, einer von uns liegt
-erschlagen, rächet den Schaden, ihr Wigbertmannen.« Und unter die
-verstörten Haufen springend, rief der Mann dieselbe Klage. Da schwand
-die Freude in wildem Zorn, die Frauen wichen in das Dunkel zurück,
-die Männer fuhren zusammen, rissen flammende Brände aus den Feuern
-und stürmten dem Flusse zu. Vergebens sprengte der Vogt mit seinen
-Mannen dazwischen und schrie den Frieden aus, die Wütenden lösten die
-Haltseile der leeren Kähne und drängten sich hinein, mancher Wilde
-sprang ins Wasser und rang sich hinüber auf die Seite der Fuldaer.
-Dort stürmten Bewaffnete entgegen, um die Einbrecher in die Flut zu
-werfen, und dicht am Ufer entbrannte der Kampf. Aber neue Haufen
-folgten über den Fluß, auf Tonnen und Bänken suchten sie durch das
-Wasser zu schwimmen; die Fuldaischen wurden rückwärts gedrängt, die
-rote Lohe flammte an dem Holzhaus, über welchem das Banner des heiligen
-Bonifacius wehte, und das Banner selbst verschwand in den aufsteigenden
-Flammen.
-
-Auch die Herren in der Halle waren an das Ufer geeilt, die einen in
-bitterer Sorge, die andern schadenfroh. Da sprach Immo zu seinen
-Brüdern, und es waren die ersten Worte, die er seit dem Eintritt mit
-ihnen wechselte. »Gefällt es euch, Söhne meines Vaters, so reiten wir.
-Laßt euch nicht beschweren, wenn ich euch begleite; denn ich merke,
-andere sinnen darauf, uns außerhalb des Friedens zu treffen.«
-
-Und Odo antwortete mit derselben Zurückhaltung: »Da der Unfriede uns
-alle angeht, so sei auch die Abwehr und der Angriff gemeinsam.« Sie
-verließen zusammen die Halle und eilten zu ihren Rossen. Erstaunt
-fanden die Brüder Immos, daß bei ihren Knechten und Rossen eine reisige
-Schar von Landleuten aus den freien Dörfern hielt.
-
-Nicht lange nachher knarrten die Räder beladener Wagen auf dem Wege,
-welcher zwischen dem Leinbach und einem Waldhügel nach der Mühlburg
-führte. Nur zwei Reiter bildeten die Bedeckung, die Knechte hatten
-Mühe, die Pferde in dem aufgeweichten Wege bergan zu treiben, sie
-schrien laut und knallten mit den Peitschen. Endlich kam an einer
-kleinen Steile der Zug ganz in das Stocken. Da rasselte und klang es
-im Holz, eine Anzahl Reiter sperrte die Straße und warf sich gegen
-die Wagen. Die berittenen Wächter flohen ohne Kampf talab, auch die
-Knechte sprangen flüchtig dem Bach zu. Als Graf Gerhard heransprengte,
-war das Werk getan, die Wagen in Besitz seiner Reisigen. Er lachte und
-rief: »Leichten Kaufes wurde großes Gut in ehrlicher Fehde gewonnen.
-Lenkt die Wagen seitwärts in das Holz; treibt, meine Mannen, in einer
-Stunde haben wir es hinter Wasser und Mauer geborgen.« Die Pferde
-wurden einen Waldweg bergan geführt, sie schritten jetzt rüstiger als
-vorher, und der Graf brummte vergnügt vor sich hin. »Ich hörte zuweilen
-rühmen, junger Immo, daß dein Schwert gut schneidet, aber in Listen
-bist du schwach, und der Alte hat dir behende abgeführt, worauf du
-mit trotzigem Mute vertrautest.« Der Zug betrat eine kleine Lichtung
-des Waldes, welche in hellem Mondschein lag, umgeben von dichtem
-Niederholz, dessen laublose Äste die lichte Stelle mit dunklem Grau
-einfaßten. Da flimmerte es in dem Holze hier und da wie von blankem
-Eisen, die Reiter, welche die Vorhut bildeten, jagten zurück und
-meldeten atemlos, daß der Weg durch Gewappnete versperrt sei; auch
-hinter der kleinen Schar des Grafen klang ein Kriegsruf, Hörner und
-laute Stimmen antworteten, und mit Erstaunen sah der Graf sich rings
-eingehegt durch Fußvolk und Reiter. Er riß die Pferde des vordersten
-Wagens herum auf die Mitte der Waldwiese und gebot den Reisigen, einen
-Ring um die Wagen zu ziehen. Er umritt seinen Haufen, hob den Speer und
-erwartete mutig den Anlauf.
-
-Aber der Angriff erfolgte nicht. Den ganzen Rand der Lichtung hielten
-schnellfüßige Knaben umstellt, auf dem Wege stampften die Rosse der
-Gegner, und man vernahm ein Rollen und Dröhnen als ob Baumstämme
-gewälzt würden. Jenseits des Weges zog sich ein offener Wiesengrund
-dem Gebirge zu, dort hatten die Dorfleute der Umgegend einen mächtigen
-Holzstoß getürmt, welcher in dieser Nacht als Freudenfeuer aufflammen
-sollte. Um den Stoß schwebten die Schatten, er wurde zusehends kleiner.
-»Herr,« warnte den Grafen sein vertrauter Dienstmann, »sie sperren die
-Wege, denn durch das Niederholz vermögen unsere Rosse schwerlich zu
-dringen. Brecht durch, bevor sie uns einhegen.«
-
-»Soll ich den Schatz im Stich lassen?« frug der Graf unwillig,
-»was in den Wagen liegt, gibt Gold und Ehre für euch alle,« und er
-schrie hinüber zu den feindlichen Reitern: »Was säumen die Helden
-heranzusprengen, offen ist das Kampffeld. Trotzige Worte hörten wir in
-der Halle, hier aber, merke ich, schlottern euch die Beine im Bügel.«
-
-Da rief Brunico zurück: »Schlecht kämpft sich's im Waldesdunkel, harret
-noch ein wenig, bis wir euch die Osterfeuer anzünden.«
-
-»Brecht durch, Herr,« rief der Vertraute aufs neue, »denn sie schichten
-das Holz auf der Wegseite zu einem Walle.«
-
-»Pfui über dich, Immo,« rief der Graf, in dem jetzt die Sorge mächtig
-wurde, »unritterlichen Brauch übst du, ich harre deiner, komm heran und
-schlage dich um den Schatz.«
-
-Immo rief zurück: »Auch euch war der Pfad zum Kampfe geöffnet,
-allzulange habt ihr euch um die Tonnen gedrängt, jetzt rate ich,
-mit uns in Bauernweise den Festbrauch zu üben. Die Flammen lodern,
-schwingt euch zum Tanze über die Scheite.« Eine kleine Flamme leckte
-auf, die zweite, die dritte, bald sperrte das Feuer wie ein Wall die
-Belagerten von dem Wege ab. Aber auch längs dem ganzen Rande des
-Niederholzes leuchteten die Funken, jeder der Knaben, welche dort die
-Wache hielten, schwenkte Kienfackeln, denen gleich, womit sich die
-Dorftänzer auf den Bergen um die Flammen drehten; und jeder schleuderte
-mit wildem Geschrei und Jauchzen die lodernden Brände gegen die Rosse
-der Belagerten. Die Rosse scheuten und stiegen, die Reiter selbst,
-entsetzt über das feurige Gefängnis, vermochten der wütenden Tiere
-nicht Herr zu werden, mehr als einer wurde abgeworfen und lag ächzend
-am Boden. In diesem Augenblicke brachen die Söhne Irmfrieds mit ihrer
-Schar wie ein Wettersturm durch die Flammen, im Nu waren die Helfer des
-Grafen überrannt, gefangen und gebunden. Der Graf selbst schlug tapfer
-mit dem Schwert um sich, aber durch eine mächtige Faust wurde er am
-Nacken gepackt und von seinem Rosse geschwenkt, daß er schwertlos auf
-den Boden fiel. »Ergebt euch, Gerhard,« rief Immo, »gelobt als mein
-Gefangener zu folgen, damit ich euch die Schmach der Weiden erspare.«
-Betäubt gelobte der Graf.
-
-In wenig Augenblicken war das Werk getan, behend rannten die Thüringe,
-die flüchtigen Rosse der Gebundenen einzufangen. Sie bändigten die
-Pferde an den Lastwagen und zerwarfen das Holz des brennenden Walles,
-und nachdem sie sich auf ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf um
-die Brüder gesammelt hatten, brach der ganze Zug mit den Wagen und den
-Gefangenen nach der Mühlburg auf.
-
-Längs der Freudenfeuer, welche überall auf den Hügeln und um die Dörfer
-flammten, zogen die Sieger jauchzend und singend dahin. Es war tief
-in der Nacht, als sie in die Burg kamen. Immo, der während der Fahrt
-sich von den Brüdern ferngehalten hatte, ritt jetzt zu ihnen, als sie
-im Hofe auf den Rossen hielten und sprach grüßend: »Seid willkommen
-im Hause unserer Väter, nehmt vorlieb mit karger Bewirtung, denn erst
-beim Licht der letzten Sonne ist der Wirt aus der Fremde heimgekehrt.
-Gefällt es euch, so enden wir unseren Handel mit den Gefangenen noch
-während der lustigen Nacht, wie er begonnen wurde.«
-
-»Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortänzer,« versetzte Odo
-lächelnd, »wir vertrauen, daß du auch gegen die Gefangenen unser Recht
-wahren wirst.«
-
-Im Hofe der Mühlburg wurde ein großes Feuer entzündet und herbeigeholt,
-was der Vogt aus dem Keller zu liefern vermochte. Kräftig tranken die
-Thüringe, und auch den Gefangenen, welche kummervoll auf den Stufen der
-Halle kauerten, wurden die Kannen geschwenkt. In der Halle aber saßen
-die Söhne Irmfrieds mit ihren Dienstmannen und die Landleute von der
-Nesse, unter ihnen mit gebeugtem Haupt der waffenlose Graf. Da rief
-Immo ihm zu. »Hebt den Becher, Graf Gerhard, und trinkt trotz eurer
-Not. Einst lag ich als Gefangener in eurem Turm, da ludet ihr mich in
-eure Halle und botet mir den Trunk an eurem Tisch. Heute tue ich euch
-mit Freuden dasselbe zur Vergeltung.«
-
-»Ich lobe dich, Immo,« antwortete der Graf trübe, »daß du in dieser
-Stunde an den Wechsel des Glückes denkst, beide haben wir ihn seit
-jenem Abend in der Halle erfahren. Vergiß auch nicht, daß dem Sieger
-eine Ehre ist, Maß zu halten in allem, was er dem Gefangenen auflegt.
-Behandelt mich mit Billigkeit, ihr edlen Herren, denn glaubt meiner
-Erfahrung, die ich mir zu meinem großen Kummer erworben, wer allzuviel
-für sich begehrt, fühlt zuletzt selbst den Schaden.«
-
-Immo versetzte ernsthaft: »Meine Brüder und ich, wir sind Herren
-geworden über euren Leib und euer Leben, und wir vermögen euch jetzt zu
-zwingen durch Haft und Bande und zu schatzen an Habe und Gut, weil ihr
-wider die Wahrheit und wider eigenes Wissen das Ansehen und die Ehre
-unseres Geschlechts mit gehässigen Worten angefeindet habt. Dennoch
-sollt ihr erkennen, daß die Söhne Irmfrieds gegen einen bezwungenen
-Feind Billigkeit üben. Eure Zunge hat euch in Unfrieden gebracht, eure
-Zunge soll euch auch den Frieden wieder gewinnen, wenn ihr sie weise
-gebraucht, solange die Thüringe sich in dieser Nacht um die Festfeuer
-schwingen.«
-
-In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung und er rief: »Sage nur, was
-ich reden soll, damit ich mich aus der Not löse.«
-
-Und Immo fuhr fort: »Wollt ihr Abbitte tun wegen aller kränkenden Worte
-und wollt ihr mit allen euren Helfern schwören, nichts von dem, was
-in dieser Nacht gegen euch gesagt und getan worden ist, an uns oder an
-einem unserer Helfer zu rächen, sondern in Zukunft Frieden und guten
-Verkehr zu bewahren, so mögt ihr mit unseren Gefangenen, mit Waffen und
-Rossen, frei und ledig von hinnen reiten, sobald der erste Sonnenstrahl
-unsere Dächer bescheint.«
-
-Graf Gerhard sprang erfreut in die Höhe und rief: »Wahrlich, Immo,
-manchen Beweis deines guten Verstandes habe ich erhalten, aber diesen
-will ich dir niemals vergessen. Ich bin bereit zu allem, was du von mir
-verlangst, zu Abbitte und Gelöbnis.«
-
-»Wohlan,« gebot Immo, »ladet jeden in die Halle, der jetzt im Hofe
-weilt, zuletzt die Gefangenen. Und mit diesen werdet ihr euch barhaupt
-und stehend demütigen.«
-
-Ein Hornzeichen rief die Gäste und das ganze Gesinde zusammen, und
-als alle versammelt waren, führte Immo den jungen Gottfried auf den
-Ehrensitz und zu diesem sprach der Graf barhaupt die Abbitte: »Alles,
-was ich gegen Ehre und Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und
-getan habe, das sei ungesagt und ungetan, alle edlen Rechte erkenne ich
-ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk. Denn wisset, ihr Herren, wenn
-ich auch manchmal im Ärger anders sprach, immer habe ich das Geschlecht
-Irmfrieds vor anderen hochgeschätzt. Und ich bin bereit, nachdem ich
-Vergangenes abgebeten habe, alles Gute für die Zukunft zu geloben,
-nicht nur weil ich in Not bin, sondern auch weil ich merke, daß dies in
-Wahrheit meines Herzens Wunsch ist.«
-
-Als der Graf dies nach Gebühr vollendet hatte und seine Worte durch die
-anderen Gefangenen bestätigt waren, wurde er mit ihnen in die kleine
-Kapelle vor den Altar geführt, dort gelobten die Helden für alle
-Zukunft jedem Rachegedanken zu entsagen. Darauf ward der Graf auf den
-Ehrensitz in der Halle geleitet, und jetzt trat Gottfried vor und bot
-ihm den Friedensbecher. Gerhard tat einen tiefen Trunk und seufzte,
-aber er wurde mild und froh, ja er lachte ein wenig über sein Unglück
-und sprach allerlei Vertrauliches zu Immo.
-
-Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gäste vorgeführt und Immo
-geleitete den Grafen selbst in den Hof. Als dieser aufsteigen wollte,
-sah er die beladenen Wagen und mit einem sehnsüchtigen Blick sprach er
-zu Immo: »Hätte ich diese in ehrlicher Fehde gewonnen, so würde ich
-fortan meinen Met aus goldenem Becher trinken.«
-
-Da antwortete Immo: »Eifrig habt ihr darum geworben und als ein Held
-euer Leben dafür gewagt. Wisset, ihr habt gefochten wie der alte
-Hildebrand, um wollene Decken, welche die Sachsen mit guter Kunst
-verfertigen, und zumeist um den gesalzenen Seefisch, welchen die Leute
-den Hering nennen.«
-
-Als die Entledigten abgezogen waren, dankte Immo mit freundlichen
-Worten die Landleute ab, welche als freiwillige Helfer herangeritten
-waren. »Da die Gefangenen gegen den Gebrauch kein Lösegeld gezahlt
-haben und auf ihren Rossen davonreiten, so nehmt dafür mit meinem Dank
-einen Teil der Waren aus dem Sachsenland, welche ihr wieder gewonnen
-habt; nicht als Entgelt, sondern zur Verehrung.« Das waren die Nachbarn
-wohl zufrieden und Immo gebot dem Brunico, einen billigen Anteil
-auszuscheiden. Diesen luden sie vergnügt auf einen Karren und schieden
-mit Heilruf zu ihren Dörfern.
-
-
-
-
-10.
-
-Die Entführung.
-
-
-In der Halle standen die Brüder zum Aufbruch gerüstet, als Immo ihnen
-entgegentrat. »Den großen Goldschatz der Räuber hat der fahrende Mann
-mir angelogen, doch brachte ich reiche Beute und die Gastgeschenke der
-Sachsen heim; nicht die Wasserrosse führten meinen Kampfgewinn der
-Mühlburg zu, sondern die Packpferde, welche Brunico leitete. Für euch,
-Söhne Irmfrieds, sind die Ballen geöffnet, damit ihr daraus wählet,
-was jedem von euch gefällt, und ich bitte euch, diese Gabe anzunehmen
-anstatt der Schatzung, die ich den Gefangenen erließ, ohne euch zu
-fragen.«
-
-»Solches Angebot ist gebührlich gegen Fremde, nicht gegen die Genossen
-des eigenen Geschlechts,« antwortete Odo finster, und Ortwin rief:
-»Du tust uns weh, wenn du uns Gold bietest, wo wir brüderlichen Gruß
-erwarten.«
-
-Da flog helle Freude über Immos gramvolles Angesicht. »Wollt ihr
-freundlich zu mir reden und brüderlich gegen mich handeln, so wißt,
-meine Brüder, daß mein Herz sich viele Jahre nach eurer Liebe gesehnt
-hat. Schon im Kloster fühlte ich traurig unter Fremden die Einsamkeit
-und dachte mich täglich heim in eure Mitte, und auch jetzt unter den
-Gastfreunden vermochte ich nicht die frohen Spiele ihrer Knaben zu
-sehen, ohne daß sich mir das Herz in Gram zusammenzog. Denn wie ein
-Ausgestoßener lebte ich, weil mir eure Freundschaft fehlte. Begehrt
-ihr, liebe Knaben, daß ich euch brüderlich begrüße, so springt heran
-wie einst, denn die Arme des Bruders sind geöffnet, euch zu empfangen.«
-
-Ortwin warf sich um seinen Hals und küßte ihn, und wie er taten die
-Jüngeren, nur Odo stand zur Seite. Gottfried aber ergriff Immos Hand
-und legte sie in die Hand des andern. Odo drückte sie und begann: »Der
-Zorn ist geschwunden mit dem grünen Laub dieses Sommers, beide wollen
-wir vertrauen, daß in dem neuen Lenz unter uns Sieben sich die Treue
-bewähre.« Und auf Gottfried weisend, fuhr er fort: »Du siehst, wir
-haben ihn gewappnet, und da du zu uns zurückgekehrt bist, vermögen wir
-jetzt in Frieden das Erbe zu teilen. Vor einem Jahre widerstand ich
-dir, als du das Recht des Ältesten fordertest, fortan bin ich gleich
-meinen Brüdern bereit, dir zu folgen, wenn du uns führst.«
-
-Aber Immo rief mit ausbrechender Leidenschaft: »Leite du die Brüder und
-bewahre du die Ehre des Geschlechts, denn ich kehre nicht zurück, um in
-Frieden unter euch zu leben. Ein großes Leid berge ich in meinem Herzen
-und mein Leben muß ich wagen in wilder Tat, noch bevor die nächste
-Sonne aufgeht. Wisset, der Tochter des feindlichen Mannes, den wir
-heute demütigten, habe ich heimlich mein Leben gelobt, der König aber
-will sie schleiern, ob es ihr und dem Vater lieb oder leid sei. Bevor
-sie morgen früh zu Erfurt die Klosterschwelle betritt, hole ich sie auf
-die Mühlburg, was mir auch darum geschehe. Dem Zorn des Königs trotze
-ich und dem Rechte des Landes widerstehe ich, um sie zu erwerben, denn
-ohne sie ist mir mein Leben verhaßt.«
-
-Die Brüder sahen betroffen einander an. »Zu früh habt ihr mich
-brüderlich begrüßt, ihr Söhne Irmfrieds,« fuhr Immo heftig fort,
-»mich wundert nicht, wenn ihr euch von mir abwendet, wie von einem
-Kranken, dessen Berührung Unheil bringt. Meint auch nicht, daß ich
-euch mahnen will an die Hand, die ihr mir jetzt gereicht habt und an
-den brüderlichen Kuß. Denn eure Hilfe bei der Tat fordere ich nicht,
-den Raub wage ich wohl allein mit denen, die sich mir gelobt haben.
-Euch aber sage ich vorher, was ich tun werde, damit ihr mir tröstlich
-seid, soweit ihr es vermögt, ohne euch zu verderben. Doch nein, liebe
-Brüder,« unterbrach er sich selbst, »aus Klugheit und Vorsicht hätte
-ich's euch nimmer bekannt, aber eure Freundlichkeit hat mir die
-Seele weich gemacht. Denn Sommer und Winter habe ich die Last allein
-getragen. Selig macht der Gedanke an das geliebte Weib, aber furchtbar
-quält die Angst sie zu verlieren, und manche Nacht habe ich in der
-Fremde auf meinem Lager die Faust geballt, oder kindisch geweint,
-wie mir jetzt geschieht.« Er wandte sich ab, hielt die Hände vor das
-Antlitz und sein starker Leib bebte im Krampf.
-
-Es war totenstill in der Halle. Endlich begann Odo: »Wenn unsere
-Eltern einen Rat hielten, der ihr Wohl und Wehe anging, so saßen sie
-vertraulich nebeneinander am Herdfeuer nieder. Führe auch du uns zum
-Herde der Burg, an dem unsere Vorfahren beraten haben, damit wir die
-Flamme aufzünden. Dort erzähle du uns von dem Weibe, welches dir lieb
-wurde, und wie alles gekommen ist bis heute, damit wir es wissen, denn
-auch das ist ein Recht der Deinen.«
-
-Da führte Immo die Brüder über den Hof zu dem Flur des Saales, worin
-der Herd stand, er entzündete das Feuer und schloß die Tür. Die
-sieben Brüder lagerten am Herde und Immo begann leise seinen Bericht,
-zuerst, wie Hildegard unter den Buchen sein Geselle wurde, und wie er
-ganz plötzlich sich glückselig fühlte, und danach alles andere. Und
-er zeigte ihnen auch das Pergament mit den Goldfäden, welches alle
-betrachteten, während er es in seiner Hand hielt, bis er es wieder im
-Gewande barg. Die stolzen Knaben Irmfrieds vernahmen vorgebeugt mit
-leuchtenden Augen die Kunde, welche auch ihr Leben nahe anging, und
-Gottfried saß zu den Füßen des Bruders, hielt die Hände über dem Knie
-desselben gefaltet und blickte ihm unverwandt in das bewegte Antlitz,
-während Odo zuweilen einen neuen Span in das Feuer legte. Immo aber
-wurde froh, daß er von Hildegard erzählen durfte, und lachte dabei
-treuherzig wie ein Kind, er schilderte ihr Aussehen und ihre Art,
-so daß sie auch seinen Brüdern gefiel, obwohl sie die Tochter eines
-wunderlichen Mannes war.
-
-Als Immo geendet hatte und alle in warmer Teilnahme schwiegen, begann
-Odo nachdenkend: »Sage uns, welche Meinung hat Graf Gerhard zu dir?«
-
-»Du kennst ihn ja auch,« versetzte Immo, »daß er hastig nach jedem
-Vorteil züngelt und schmeichelnde Worte nicht spart; aber ich fürchte,
-im Grund seines Herzens ist er mir abgeneigt, da er schon mit unserm
-Vater in Unfrieden lebte.«
-
-Odo nickte. »Klein ist der Funke, welcher ein großes Feuer entzündet,
-auch uns bedroht die Flamme. Gegen dich stehen der König und der
-Erzbischof, das Recht des Vaters und der Friede der Stadt, und es
-wird ein Kampf gegen große Übermacht um Gut und Leben, für dich und
-deine Helfer. Aber der König ist, wie wir hören, auf dem Wege nach
-Italien, das Recht des Erzbischofs beginnt erst mit dem nächsten
-Morgen, das Recht des Vaters werden wir alle ungern ehren, und wegen
-des gebrochenen Stadtfriedens werden die Erfurter vielleicht mit sich
-handeln lassen, zumal wir selbst einen Hof in ihren Mauern haben. Doch,
-wenn auch all diese Hoffnung trügt, hartnäckiger Wille eines Mannes
-vermag viel. Und zuletzt hast du noch deine Brüder. Denn ich denke
-nicht, daß diese hier den Bruder in der Not verlassen werden.«
-
-Da sprangen die Jüngeren alle in die Höhe, zuckten an den Schwertern
-und riefen: »Nimm den Schwur.« Und Odo fuhr fort: »Lüfte dein Schwert,
-mein Bruder, damit wir alle unsere Hände zugleich darum werfen. Während
-das Herdfeuer lodert und das Dach unseres Hauses uns bedeckt, geloben
-wir, dir mit Leib und Leben, Gut und Ehre zu helfen, damit du die Braut
-heimführst. Denn wir alle wissen, daß wir im Tode zu dir gehören, wie
-du zu uns.«
-
-So schworen die Sieben sich zusammen und küßten einander am Herdfeuer.
-Danach setzten sie sich wieder zu geheimer Beratung.
-
-Eine Stunde darauf ritten die Brüder den Mühlberg hinab, Immo mit
-Gottfried nach der Stadt Erfurt, die andern nach dem Herrenhofe. Immos
-Seele hob sich in neuer Hoffnung, als der warme Frühlingswind um
-seine Wangen wehte, und als der Bruder, welcher ihm am vertrautesten
-war, ihn immer wieder an der Hand faßte und durch seine vertraulichen
-Fragen lockte, von Hildegard zu reden. Sie ritten durch das offene
-Tor in die große Marktstadt, die der ganzen Landschaft für ein Wunder
-galt, obgleich sie in vielem einem ungeheuren Dorfe ähnlich war. Denn
-hölzern waren die Häuser, neben den meisten öffnete sich ein Hoftor,
-durch welches man auf die Dungstätte und die Ställe sah, die Gänse
-wateten durch den Kot der Gassen und das Borstenvieh lief schonungslos
-umher. Aber die Mauern und Tortürme ragten gewaltig, von den großen
-Kirchen und Kapellen läuteten fast den ganzen Tag die Glocken, auf den
-Marktbänken der freien Plätze war eine unendliche Fülle begehrenswerter
-Sachen zum Verkauf gestellt, und wer selten nach der Stadt kam, der
-wurde nicht müde, nach der Heimkehr von dem Unerhörten zu erzählen.
-
-Diesmal achteten die Helden wenig auf die Waren und wenig auf die
-stattlichen Männer und Frauen, welche in den Gassen ihren Geschäften
-nachgingen, sie stiegen in dem Hofe ab, der dem Geschlecht seit alter
-Zeit gehörte, und eilten zu Fuß nach dem Hause des Goldschmieds.
-
-Der Hof Herimans war leicht kenntlich durch das große Wohnhaus, welches
-sich neben dem verschlossenen Hoftor erhob. Denn ein Stockwerk ragte
-über dem Flur vorspringend in die Straße und trug noch einen Giebel mit
-mehreren Bodenräumen. Schon auf der Straße vernahm man Hammerschläge;
-als Immo das Gatter öffnete, welches bei Tage den unteren Teil der
-Türöffnung verschloß, fand er im Hausflur einen schlanken Knaben im
-Schurzfell, der mit Raspel und Feile an einem Metallgerät arbeitete.
-Auf die Frage nach dem Herrn führte der Knabe eine kleine Treppe hinauf
-in den hinteren Teil des Hauses, wo die Werkstatt des Goldschmiedes
-sich nach dem Hofe öffnete. Heriman saß mit seinem Knappen über der
-Arbeit, im Takte schlugen die kleinen Hämmer, um glänzendes Silberblech
-zu runden. Als er die beiden Krieger im Kettenhemd erkannte, sprang er
-auf, warf den Hammer in eine Ecke, fuhr sich heftig durch die wallenden
-Haare und über sein mannhaftes Gesicht flog ein Schatten von Besorgnis.
-Aber er bot mit ehrlichem Gruß seinen Gästen die Hand und geleitete sie
-aus der Werkstatt nach dem oberen Stockwerk. Durch die Lichtöffnungen
-der verschlossenen Läden fielen die Sonnenstrahlen in ein großes
-Zimmer, auf viele Truhen und Schränke und auf die schmale Bettstelle,
-in welcher Heriman selbst als Wächter seiner Waren zu ruhen pflegte.
-Während Gottfried sich neugierig nach dem Silber- und Goldgerät umsah,
-welches der reiche Goldschmied in seinem Hause verwahrte, stieß Heriman
-einen Laden auf, doch so, daß das Innere des Zimmers den Nachbarn
-gegenüber verborgen blieb, und rief: »Bei Tageslicht will ich mit euch
-verhandeln, obwohl es ein nächtliches Werk ist, an welches ihr denkt.«
-Er holte tief Atem und fuhr sich wieder durch das Haar. »Bevor ihr
-mir's sagt, weiß ich, weshalb ihr im Kriegskleide kommt, denn durch
-meine Base Kunitrud erfuhr ich, daß heute abend ein Gast in der Stadt
-einzieht, um den ihr Sommer und Winter gesorgt habt.«
-
-»Sie darf die Schwelle des Klosters nicht überschreiten; und ich will
-es hindern, oder meinen Leib in euren Mauern zurücklassen.«
-
-Heriman setzte sich auf einen Schemel und neigte betäubt das Haupt.
-Aber gleich darauf erhob er sich. »Ihr fordert, daß ich heute meine
-Schuld bezahle? Ihr sollt euch in mir nicht geirrt haben, was mir auch
-darum geschehe. Doch bevor ich euch meinen guten Willen erweise, frage
-ich: ist es nötig, daß ihr im Frieden der Stadt wagt, was ihr tun
-wollt?«
-
-»Sie kommt mit reisigem Gefolge ihres Vaters und des Erzbischofs. Ganz
-unsicher wäre das Gelingen bei einem Speerkampf auf offener Heide.«
-
-»Dann also muß es hier sein. Sie rastet heute nacht im Hessenhofe,
-wo ihr Vater immer einliegt, ein Reisiger hat die Ankunft gemeldet.
-Morgen reitet der große Erzbischof in unsere Stadt, er selbst soll sie
-nach dem Willen des Königs den frommen Müttern zuführen. Noch andere
-Neuigkeit weiß ich: morgen früh wird die Heerfahne des Königs auf
-seiner Burg ausgesteckt und die Boten werden durch das Land rennen, den
-großen Kriegszug nach dem Land Italien anzusagen. Denn der König will
-sich dort die Lombardenkrone holen. Das geht euch an, wie uns alle.«
-
-»Dieser Abend aber gehört noch mir,« versetzte Immo finster.
-
-»Die Burgmannen sind in Bewegung wegen der Kriegsreise, heute abend
-werden die Straßen und Schenken gefüllt sein. Das mag euch frommen oder
-auch hindern. Wollt ihr eure Hand um die goldene Spindel legen, die
-euch im fremden Hause gehört, so müßt ihr sie nicht nur aus dem Hause
-holen, auch sicher aus Tor und Mauer schaffen. Die Erfurter aber halten
-an ihren Toren gute Wache und fordern Zoll von jeder Ware, die aus- und
-eingeht.«
-
-»Kannst du mir helfen, was mein ist, aus dem Hause zu schaffen, so
-trage ich's mit meinen Schwurgenossen unter den Schilden durch das Tor.«
-
-Heriman schüttelte den Kopf. »Kommt ihr mit einem Haufen, so findet
-ihr hier einen größeren, und bringt ihr ein ganzes Heer, so werfen
-euch meine Mitbürger Speer und Axt, den Sturmgesang vom Turme und ihre
-Lärmhörner entgegen.«
-
-»Nicht mit einem Heerhaufen gedenke ich auszubrechen. Nur sieben haben
-ihr Leben für die Tat gelobt und zwei davon stehen vor dir.«
-
-»Und ihr wollt, daß ich der achte sei?« frug Heriman, »reicht das Kreuz
-eures Schwertes, ich bin bereit.«
-
-Immo zog das Schwert und hielt den Griff in die Höhe, Heriman murmelte
-sein Notgebet, dann legte er die Schwurfinger auf das Kreuz und sprach
-die Worte, durch die er sich Immo gelobte. Seine Unsicherheit war
-geschwunden, er warf das Schurzfell von sich, holte Mantel und Mütze
-vom Haken, gürtete sein Schwert um und begann: »Vertauscht auch ihr
-den Eisenhut mit dieser Mütze, ich hoffe, sie soll euch passen, und
-schlagt den Mantel zusammen, damit ihr den Nachbarn weniger auffallt.
-Euch aber, junger Held, ersuche ich, die Helmkappe des Bruders in der
-Herberge zu bewahren, während wir beide durch die Straßen gehen, denn
-zwei Wölfe sind nur ein Paar, aber drei eine Rotte. Ich geleite euch
-zu dem Hofe, in welchem die Jungfrau heute nacht rastet, damit ihr die
-Gelegenheit selbst erkennt, denn lichtlos wird am Abend Hausflur und
-Treppe sein; seht scharf um euch und achtet auch auf Kleines.«
-
-Sie verließen das Haus. Mit Mühe hemmte Immo in den Gassen seinen
-Schritt zu dem langsamen Gange, in welchem sich Heriman seiner Würde
-gedenkend bewegte. »Dies ist der Hessenhof,« murmelte Heriman, »der
-Wirt ist ein Mann des Erzbischofs, aber ein redlicher Nachbar.« Immos
-Blick achtete forschend auf die Umgebung und auf das Haus, welches dem
-des Goldschmieds ähnlich, nur kleiner war, und auf das Hoftor, durch
-welches man die Hintergebäude und Ställe sah. Sie traten in den Flur,
-stiegen unaufgehalten die Treppe hinan, fanden die Tür eines Zimmers
-offen und darin eine kräftige Frau, welche mit dem Besen umherfegte
-und den Heriman vertraulich grüßte. »Dies ist Base Kunitrud, die Witwe
-eines wackern Burgmannes, sie ist dem Wirt dieses Hofes befreundet und
-steht seinem Haushalt vor. Dir aber, Base, führe ich den edlen Helden
-Immo zu, weil er deinem guten Gemüt vertraut, das ich ihm gerühmt habe,
-und einen Dienst von dir begehrt.«
-
-»Auch wir in Burg Erfurt haben von Held Immo mancherlei vernommen,«
-antwortete Kunitrud geschmeichelt, »und ich gedenke vor allem der
-Guttat, die ihr diesem hier erwiesen habt.«
-
-»Um dir alles zu sagen, Base,« fuhr Heriman auf einen bittenden Blick
-Immos fort, »der Held trauert, wie du ihm leicht ansiehst, darüber, daß
-das Grafenkind geschleiert werden soll. Denn er hat sie im Hause ihres
-Vaters und auch sonst lieb gehabt, wie die Art junger Leute ist; und
-darum möchte er ihr durch deinen Mund noch einen Gruß sagen, bevor sie
-bei den frommen Schwestern eingeschlossen wird.«
-
-Kunitruds Augen glänzten von Neugierde und Teilnahme. »Verliert nur
-nicht den Mut, edler Herr, ich habe mehr als eine Nonne gekannt,
-welche vom Erzbischof Urlaub erhielt und als ehrliche Hausfrau lebte
-mit Kindern, so drall wie die Äpfel. Denn in dem Erdgarten ist alles
-möglich, wenn man's nur erlebt.«
-
-Während ihr Immo für die Teilnahme zu danken suchte, fuhren seine
-Augen rastlos um die offene Tür, das Türschloß und die Treppe. Beim
-Herabsteigen mahnte Heriman leise: »Achtet auf die ausgetretene Stufe,
-ein falscher Tritt mag den Erfolg verderben. Und jetzt schnell vom
-Hause weg und in gerader Richtung dem Tor zu, durch das ihr entrinnen
-sollt. Einreiten müßt ihr bei Tage, solange das Tor geöffnet ist. Eure
-Brüder sind hier wohlbekannt und ihre Ankunft wird in der Aufregung des
-Tages niemandem auffallen. Mit Sonnenuntergang wird das Tor gesperrt
-und den Ausreitenden geöffnet; wenn die Nacht so weit heraufgestiegen
-ist, daß die Bürgerglocke zum zweitenmal läutet und die Schenken
-geschlossen werden, dann wird auch die Brücke gehoben, und von da
-vermögt ihr nur mit Heeresmacht hinauszureiten. Ihr müßt die Tat also
-zwischen Sonnenuntergang und dem zweiten Glockenklang vollbringen.
-Ich sende, wenn die rechte Zeit gekommen ist, meinen Knappen nach
-eurem Hofe, ich selbst warte eurer in der Nähe des Hessen. Und noch
-eins habe ich auf dem Wege bedacht,« fuhr Heriman fort, »gelingt es
-euch nicht, zum Tor hinauszuschlüpfen, so müßt ihr die Hälse wagen
-auf einem anderen Wege, den schwerlich jemand ohne Not wählt. Ein
-Stück der Stadtmauer ist verfallen, gerade jetzt bessern sie an dem
-Schaden, die Stelle ist nicht auf eurem Wege, sondern nordwärts,
-und nahe der Königsburg. Dennoch sollt ihr sie beschauen, ob sie in
-der Not euch Rettung gewährt.« Er führte vom Tor längs der Mauer zu
-einem wüsten Platz, unter Schutthaufen. Die Trümmer der eingestürzten
-Mauerwand ragten aus dem Grabenwasser und die Arbeiter hatten Bretter
-darübergelegt, auch an der Böschung der Außenseite sah man den
-Fußsteig, durch welchen sie aus- und einliefen.
-
-»Lacht der Mond freundlich, so ist der Angstpfad wohl zu durchreiten,«
-entschied Immo. »Jetzt weiche von mir, Heriman, damit du dich nicht
-ohne Not gefährdest, denn deine Burgmannen werden bald mit Argwohn
-meiner gedenken.« Nach kurzem Gruß entfernte sich der Goldschmied, Immo
-eilte in die Herberge und sprengte gleich darauf mit dem Bruder aus dem
-Tor.
-
-Eine gute Wegstunde von Erfurt lag unweit dem Grenzwall, welcher
-die Güter des Geschlechts von der Stadtflur schied, ein Hügel, der
-mit Eichen bewachsen, auf seinem Gipfel ein altes Blockhaus trug,
-in welchem die Jäger und Hirten zu rasten pflegten. Im Sommer war
-die kleine Lichtung von dichtem Schatten umhüllt, auch jetzt bot
-das Geflecht der Äste und Zweige einen sicheren Versteck. Zu dieser
-verborgenen Stelle hatte Immo die Brüder und die Getreuen von der
-Mühlburg geladen, wenn die Sonne die Mittaghöhe erreichen würde. Er
-fand bei seiner Ankunft Brunico mit den Waffen und frischen Rossen, und
-den Vogt der Mühlburg, welcher die letzten Befehle des Herrn empfangen
-sollte. Als Immo absprang und seinem Bruder Gottfried zunickte,
-erkannte er in dem erblichenen Antlitz des Jünglings die Erschöpfung,
-er hob ihn in seinen Armen vom Pferde und streichelte ihm die Wangen.
-»Zwei Tage und eine schlaflose Nacht im Eisenhemd waren für meinen
-Liebling zuviel, noch hast du Zeit, ein wenig zu ruhen, damit dir am
-Abend nicht die Kraft versagt.« Und mit freundlichem Zureden nötigte
-er den Widerstrebenden auf ein Lager von Waldheu, das er im Blockhaus
-breitete, er rückte ihm das Haupt zurecht und deckte ihn mit dem
-Wollmantel. Dann trat er ins Freie und blickte unverwandt nach dem
-Wege, der vom Herrenhofe herzulief.
-
-Die Brüder stoben in ihrer Rüstung heran; als sie den Bruder auf der
-Höhe erkannten, wirbelten die Jüngeren lustig die Speere. Odo führte
-sein Roß zu Immo und bot diesem die Zügel. »Nimm heute den Sachsen
-zurück,« sagte er, »denn die Braut, welche wir einholen, soll von
-diesem Tiere getragen werden, welches der Stolz des Hofes war. Die
-weiße Farbe ist gedeckt, damit es im Dunkeln nicht jedermann erkennbar
-schimmere.« Da schlang Immo den Arm um den Hals des Bruders und
-antwortete: »Die Gabe nehme ich nicht, edler Odo, denn größere Gunst
-fordere ich von dir selbst. Nicht meine Arme dürfen die Braut, um
-welche wir reiten, aus der Stadt tragen, sondern du selbst sollst es
-tun. Mir gebührt die Abwehr, der Kampf und die Nachhut auf der Flucht.
-Dir aber übergebe ich die Geliebte, daß du nur um sie sorgst und sie
-rettest, was uns andern auch geschehe.« Da nickte Odo: »Es sei, wie du
-willst.«
-
-Schweigend standen die Männer und schauten zuweilen durch die Baumäste
-nach dem Stand der Sonne. Endlich hob Immo den Arm nach dem Himmel,
-da neigten alle die Häupter und flehten leise zu den hohen Engeln um
-Rettung aus der Not, in welche sie ritten, dann traten sie an die
-Rosse. »Wo bleibt Gottfried?« frug Odo.
-
-Immo sprang in das Blockhaus. Der Bruder lag in festem Schlummer, er
-hielt die Hände gefaltet und lächelte. Als Immo das Kind so im Frieden
-liegen sah, wurde ihm plötzlich das Herz weich, er trat leise zurück
-und zu den Brüdern kehrend, sprach er: »Er liegt in süßem Schlaf, ich
-traue mich nicht, ihn zu wecken.«
-
-»Bleibt er zurück, so wird er uns immerdar zürnen,« versetzte Odo
-und wollte hinein, aber Immo hemmte ihn und sprach: »Denket daran,
-Schwurgenossen, daß unsere Mutter einen Sohn behalte,« und dem
-Dienstmann Berthold die Hand zum Abschiede reichend, bat er: »Wenn er
-erwacht, so sage ihm, daß wir einen von uns gewählt haben, für unsere
-Mutter zu sorgen, und der eine sei er.« Wieder hob er den Arm zur Sonne
-und die Helden sprengten den Berg hinab der großen Stadt zu.
-
-Im Walde vor Erfurt teilte sich die Schar, denn nicht zu gleicher
-Zeit und zu einem Tore wollten sie einreiten. Die fünf Brüder zogen
-auf dem nächsten Weg durch dasselbe Tor, zu welchem sie die Geraubte
-hinausführen mußten. Immo aber mit Brunico betrat die Stadt durch
-das Tor im Osten. In der Herberge trafen alle zusammen, sie fanden
-viel Volk in den Straßen und in den Schenken, auch Bewaffnete aus der
-Umgegend klirrten einher. Die Brüder aber gingen einzeln und zu zweien
-durch die Menge und betrachteten die Gassen, durch welche sie reiten,
-und die Ecken, an denen sie sich aufstellen sollten.
-
-Die Sonne sank, in den Straßen wurde es dunkel, die Gassen leerten
-sich, doch aus den Häusern glänzten die Herdfeuer und aus den Schenken
-klang der Lärm lustiger Zecher. Die Brüder standen im Hofe ihrer
-Herberge bei den gesattelten Rossen, sie wechselten gleichgültige
-Worte, aber in der langen Erwartung hämmerte ihnen das Herz in der
-Brust. Und wenn ein Laden oder die Flurtür geöffnet wurde, so kam
-ihnen bei dem matten Lichtschein vor, als ob sie alle bleich wären wie
-Leblose. Da fuhr eine dunkle Gestalt von der Gasse in den Hof, und der
-Knappe des Goldschmieds flüsterte Immo zu: »Der am Idisbach lag, grüßt
-euch und läßt euch sagen, es sei an der Zeit. Der Graf und sein Gefolge
-sind beim Vogt des Erzbischofs zum Nachtmahle.« Gleich darauf ritten
-die Brüder langsam aus dem Hofe, voran Immo neben dem Boten, nach ihm
-Odo und Brunico, die andern Brüder folgten ganz allmählich zu zweien.
-
-Vor dem Hessenhofe war die Straße leer, aus dem Hofraum aber vernahm
-man Stimmen und das Stampfen der eingestallten Pferde. An dem
-Kellerhals des Nachbarhauses tauchte ein Schatten auf und glitt neben
-Immo bis nahe zu der Haustür. Den Zügel des Rosses ergreifend, mahnte
-Heriman mit heiserer Stimme: »Steigt ab.«
-
-Immo sprang in das Haus; langsam ritt Odo bis dicht vor die Haustür.
-Das Zeichen der Nachtglocke klang gellend vom Turme, in den Höfen
-rührte sich's und vom Markte her vernahm man den schweren Tritt und das
-Klirren Bewaffneter. »Er ist verloren,« stöhnte Heriman. Da sprang Immo
-über die Schwelle, eine verhüllte Gestalt im Arme, er schwang sie dem
-Bruder auf das Roß und der Sachsenhengst fuhr in gestrecktem Lauf die
-Gasse entlang dem Tore zu. Als Odo um die Ecke bog, war er nicht mehr
-allein, denn hinter ihm ritten Adalmar und Arnfried, und als sie dem
-Tor nahten, fanden sie Ortwin und Erwin schon in Verhandlung mit den
-Torwächtern, welchen Ortwin zurief: »Frisch, ihr guten Männer, beeilt
-euch aufzusperren, wir reiten zum Ehrentanze für eine Braut.« Odo hielt
-im Dunkeln, er hörte das Knarren der Torflügel und mahnte zurück:
-»Schließt dicht an.« Dann sprengte er hinter die vorderen Brüder, und
-die Schar ritt eilig durch das Tor auf die Brücke. »Haltet, halt! was
-tragt ihr hinaus?« schrie der Wächter, aber der Ruf verklang hinter den
-Flüchtigen. Sie stoben gerettet unter dem Nachthimmel dahin und sahen
-rückwärts nach dem Bruder aus.
-
-Als Immo vor dem Sachsenhofe nach seinem Rosse sprang, schrie aus
-dem Oberstock eine helle Frauenstimme: Raub, Zeter und Waffen. Die
-Scharwächter stürmten heran, aus dem Hoftor drangen die Knechte, auch
-diese riefen Feuer und Rache. Im Nu erhob sich wilder Tumult und
-Waffengeklirr. Gegen Immo, der mit Mühe sein Roß gewonnen hatte, warfen
-sich die Scharwächter, er wehrte den Führer mit dem Speer ab, und als
-der Mann stürzte und die Genossen sich um ihn sammelten, riß Brunico
-das Pferd seines Herrn am Zügel und schrie: »Fort, die Bahn ist offen.«
-Aber indem Immo sich wandte, klang in seinem Rücken aufs neue Geschrei
-und Schwertschlag, und die Stimme Herimans rief flehend: »Verlaßt
-nicht euren Helfer, der für euch das Schwert hob.« Da merkte Immo, daß
-die Stunde gekommen war, in welcher eine Lehre des Mönches Gehorsam
-forderte, und daß dieser Gehorsam ihn von Freiheit und Glück schied.
-Aber seiner Ehre gedenkend, rief er entgegen: »Des Rosses letzter
-Sprung sei für dich,« und er warf sich zurück in den wütenden Haufen,
-stach und schlug, bis er den Heriman herausgehauen hatte und dieser
-hinter dem Roß in der Dunkelheit verschwand. Jetzt wandte sich Immo
-aufs neue zur Flucht und stob mit Brunico dem Tore zu. Aber die Stadt
-war geweckt, hinter ihnen stürmten mit lautem Hallo die Verfolger,
-aus aufgerissenen Fensterläden fiel hie und da ein Lichtschein auf
-die Flüchtigen, die Trinker sprangen mit gezückter Waffe aus den
-Schenken und warfen sich ihnen entgegen. Als sie das Tor vor sich
-sahen, erscholl auch von dort Alarmruf und Kampfgeschrei Bewaffneter,
-welche auf sie zurannten. Da fuhr Brunico in der Bedrängnis zur Seite
-in eine enge Gasse der gebrochenen Mauer zu, Immo folgte. Der größte
-Teil der Verfolger lief nach dem nächsten Tor, um die Flüchtigen dort
-abzuschneiden, die Gehetzten gelangten bis zu den Mauertrümmern. Dort
-hielt Brunico. »Voran,« befahl Immo. Keuchend klomm das Roß des Mannes
-hinab, dieser gelangte glücklich über den Bretterstieg, indem er
-unterwegs brummte: »Nicht umsonst habe ich dich zum Feierabend zurecht
-gelegt,« und fuhr auf der andern Seite in die Höhe. Ihm folgte Immo.
-Er sah sich auf der wüsten Stätte um, noch waren die Verfolger zurück,
-aber sein verwundetes Roß hinkte; als er es hinabtrieb, brach es an dem
-Trümmerhaufen, welcher aus dem Wasser ragte, zusammen, warf den Reiter
-hart gegen die Steine und glitt in das Wasser, in dem es angstvoll
-stöhnte und um sich schlug. Immo erhob sich betäubt vom Fall, er merkte
-jetzt, daß er selbst hart verwundet war; mühsam wankte er auf den Steg
-und wand sich an der andern Seite des Grabenrandes empor. Dort blieb er
-liegen.
-
-»Fünf Jahre habe ich dich gezogen,« klagte Brunico zu seinem Hengst,
-»und jetzt rinnt dir's heiß von der Hüfte und du ziehst auf dem Wege
-eine Spur gleich dem verendenden Wild. Einem ruhmlosen Tölpel gehörte
-der Speer, welcher auf das Roß zielte statt auf den Reiter.« Hinter
-sich vernahm er einen leisen Ruf, er sprengte zurück. Unweit des
-Grabens lag ein Mann am Boden, Brunico sprang ab. »Der Schildarm ist
-getroffen,« seufzte Immo, »und er hängt nach dem Sturz machtlos in der
-Achsel.«
-
-»Ein wunder Mann und ein wundes Pferd sind einander jämmerliche
-Gesellen,« rief Brunico. »Dennoch helfe ich dir auf mein Tier, mich
-birgt die Nacht und der nächste Graben.« Er hob den Wunden mit starker
-Anstrengung auf sein Roß, aber Immo schwankte wie betäubt. »Halt aus,
-Brauner, bis zum nächsten Wald,« ermunterte Brunico, »dort lade ich ihn
-auf meinen Rücken.« Er schwang sich hinter dem Verwundeten auf, die
-Hinterbeine des Pferdes knickten unter der Last, Brunico trieb es mit
-den Sporen dem Saum des Gehölzes zu, welches in der Dunkelheit schwarz
-vor ihnen lag.
-
-»Die Hunde werden im nächsten Augenblick hinter uns sein,« brummte der
-Knappe nach rückwärts spähend, »und unsere Kunst geht zu Ende.« Er
-sprang wieder ab.
-
-»Birg mich seitwärts vom Wege und rette dich, vielleicht vermagst du
-Hilfe zu bringen,« mahnte Immo.
-
-»Der Mond scheint über kahles Land, sie finden dich, bevor ich ein
-Pferd schaffe.«
-
-Vor ihnen knarrte ein Karren und knallte eine Peitsche. »Der Wagen
-fährt auf unsere Dörfer zu,« rief Brunico erfreut, »ich meine, es ist
-ein Nachbar, der sich in der Stadt verspätet hat.« Er rief den Wagen an
-und führte das Pferd zu ihm hin. »He, Landgenoß, kennst du den Freien
-Balderich im Dorfe vor uns?«
-
-»Vielleicht kenne ich ihn,« versetzte der Mann, mit der Peitsche
-knallend.
-
-»Willst du helfen, einen Verwundeten heimlich nach seinem Hofe zu
-schaffen, so soll dir ein guter Lohn werden.«
-
-»Es kommt darauf an, wer der Wunde ist,« versetzte der Mann auf dem
-Karren. Als aber Brunico ihm näher kam, wandte er sich heftig ab. »Dies
-Gesicht kenne ich, ich sah dich unter den Disteln, verflucht sei die
-Hand, die sich dir zur Hilfe rührt.« Brunico zog sein Schwert.
-
-»Laß den Mann in Frieden,« befahl Immo, aber er selbst glitt kraftlos
-vom Roß in die Arme des Getreuen. Der Fuhrmann beugte sich über ihn.
-»Halt,« rief er, »auch diese Stimme erkenne ich. Kann euch mein Wagen
-helfen, Herr, so hebe ich euch herauf. Es sind dieselben Räder, die ihr
-in meiner Not aus dem Wasser hobt.«
-
-Immo nickte schwach mit dem Haupt. »Ladet mich auf.« Die beiden Männer
-hoben ihn auf den Wagen, der Fuhrmann Hunold breitete eine Decke und
-rückte die Strohbündel. »Euch schaffe ich in das Dorf, der andere möge
-sich fern halten von meinem Messer.«
-
-Immo streckte die Hand über das Wagengeflecht. »Fort mit dir,
-Gespiele.« Der Knappe warf sich mit einem Seufzer auf das Pferd und
-trabte dem Holze zu, während der Fuhrmann ihm zornig nachsah.
-
-Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag. Hunold sah sich um und zog
-die Decke über den Liegenden. Bewaffnete sprengten heran und frugen
-barsch nach Namen und Fahrt. Auf die Antwort des Führers, daß er ein
-Mann des großen Bischofs sei, klang die Gegenfrage, ob er Reiter
-gesehen habe.
-
-»Sicher sah ich sie, kaum ein Viertel Weges zurück am Kreuze, zwei
-Männer auf einem Pferde,« und er wies rachsüchtig dorthin, wo Brunico
-in der Dunkelheit verschwunden war. »Ihr mögt die Spur erkennen, denn
-sie liegt rot auf dem Wege.« »Sie sind es,« riefen die Reiter und
-stoben zurück bis zum Kreuzwege.
-
-Aber sie erreichten weder Roß noch Reiter. Denn Brunico war, als er
-sich in der Dunkelheit allein sah, vom Hengst gesprungen und hatte das
-zitternde Tier mit einem Schlage vorwärts getrieben. »Hilf dir allein,
-wenn du kannst, ich denke, den Weg nach deinem alten Stalle kennst du.
-Ich laufe dem Karren nach Balderichs Hof vor, damit der Alte und mein
-Mädchen über das Brautgeschenk, das ich ihnen sende, nicht allzusehr
-erschrecken.«
-
-
-
-
-11.
-
-Die Mutter auf der Burg.
-
-
-Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder die ganze Nacht
-sorgenvoll nach der Tiefe, immer wieder erwogen sie, ob er getötet sei,
-ob er in Erfurt gefangen liege, oder ob er sich auf einem Umweg in die
-Berge schlagen und zu ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede
-Tierstimme im Walde dünkte ihnen ein Zeichen des Nahenden. Als der
-Morgen graute, sandten sie Läufer in die Dörfer, welche ihnen gehörten,
-und forderten heimlichen Zuzug ihrer Dienstmannen, und zwei von ihnen
-warfen sich mit den Knechten in das Gehölz, wo ein gedeckter Anritt zu
-den Bergen möglich war. Aber friedlich lag die Landschaft, auch von
-dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten die Ebene nach Erfurt
-überschaute, vermochten sie nichts zu erkennen, nur einzelne Reiter
-sahen sie hie und da auf den Feldwegen, und ihre spähenden Knaben
-verkündeten, daß es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig
-bei den Bauern nach der flüchtigen Schar forschten, aber den Rand des
-Gehölzes vermieden. Als die Sonne im Mittag stand, rief Ortwin: »Nicht
-länger vermag ich die Unsicherheit zu ertragen, es bringt uns wenig
-Ehre, hinter den Mauern zu harren, während der Bruder in Not ist; ich
-sattle und reite nach dem Hofe der Mutter und weiter der Stadt zu,
-damit ich Bericht einhole, sei er böse oder gut.«
-
-»Ich widerrate,« versetzte Odo, »daß du der Mutter unter die Augen
-trittst, denn besser ist es, daß sie völlig keinen Teil habe an unserm
-Handel und fortan ebensowenig der Jüngling Gottfried, so wollte es auch
-unser Bruder Immo. Der Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte
-Gertrud, welche die Mutter auf meine Bitte gestern dem Bruder gesandt
-hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht zu loben, leicht könnten wir
-noch dich verlieren; besser gefällt mir, daß wir den Müller Ruodhard
-schicken, er versteht die Leute auszufragen und hat überall eher
-Frieden, als ein anderer.«
-
-Der Rat gefiel den Brüdern und Ruodhard stieg eilig von dem Berge. Auf
-dem Herrenhofe fand er alles in Schrecken und Verwirrung, Frau Edith
-hielt das Tor geschlossen, nur über dem Grabenrand konnte er mit den
-Knechten verhandeln. Niemand dort wußte etwas von Immo und seinem
-Knappen. Dann lief er bis Erfurt. Alle Schenken waren gefüllt, und
-jedermann sprach von dem Raube, aber die Leute stritten, wer der Räuber
-sein möge, und von Immo vernahm er völlig nichts und er meinte, daß
-dieser schwerlich in Haft liegen könne, weil die Reisigen noch auf der
-Jagd wären.
-
-Da beschlossen die Brüder, still zu harren, aber sie frugen unsicher,
-wie lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn ein Landgeschrei
-erhoben würde und wenn gar die Mutter die Entlassung forderte.
-
-Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf dem Wartturm die
-Wache, da lachte Ortwin: »Den Kranich Ludiger hörte ich schreien, wie
-lief der Vogel aus unserm Hofe über das Land?« und als er hinabsah,
-erkannte er, daß an der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege
-etwas Fremdes lag. Er ließ das Tor aufsperren, die Brücke werfen,
-eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in die Höhe, dann sprang er
-abwärts bis an das Gehölz, aber er vernahm nur noch ein Rasseln der
-Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite, und suchte vergebens den
-Springer zu erkennen. Er flog zurück, rief in den Hof: »Eine Botschaft
-bringe ich, was sie bedeute, mögt ihr selbst erkennen,« und hielt ein
-kleines dicht umwundenes Bündel in die Höhe. Das Gebinde ging von Hand
-zu Hand, und Odo sprach: »Sicherlich ist es ein Zeichen, ruft die alte
-Gertrud, denn sie versteht alles Geheime besser zu deuten als wir
-andern.« Gertrud betrachtete mit scharfen Augen das fremde Stück, sie
-setzte sich nieder, murmelte Unverständliches darüber, löste behutsam
-das Band und dachte nach. Endlich hob sie die Hand und rief: »Ich
-verstehe den Gruß, Günstiges kündet er dem Hause; denn daß der Kranich
-rief, meldet euch, daß die Botschaft von einem Sohne des Hofes kommt;
-blau ist das Band, welches das Zeichen umschließt, und mit blauer Farbe
-malt ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fünf Pfeile um
-ein Haselreis und eurer sind fünf, und das Reis in der Mitte meint
-die Jungfrau. Der dies gesandt hat, will, daß ihr mit euren Waffen
-die Jungfrau umringt wie die Pfeile das Reis. Das Reis ist noch ganz
-frisch, darum ist, der es sandte, nicht weit entfernt.« Da rief Odo:
-»Geendet ist der Zweifel. Er lebt und er denkt seine Beute zu bewahren,
-er soll erkennen, daß auch wir nach seinem Willen tun; wir halten die
-Jungfrau und wir halten die Burg gegen jedermann; denn hoch ist der
-Berg und fest die Mauer, und viele Helmkappen mögen daran zerschellen,
-wenn die Grafen aus der Ebene sich gegen uns erheben.«
-
-Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern Balderich, in dessen
-Hofe Immo verborgen lag. Ungeduldig forderte der Verwundete, daß
-Brunico ihn nach der Mühlburg schaffe; sein verrenkter Arm war ihm
-eingerichtet, aber der Schmerz und Blutverlust einer tiefen Armwunde
-hinderten, das Roß zu besteigen, und Brunico merkte, daß die Wege auch
-in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da dachte Immo, daß der
-Balsam, welchen die Mutter bewahrte, ihm schnelle Heilung verschaffen
-könnte, und er mahnte seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds
-Hilfe zu gewinnen. Deshalb lief der kluge Knabe von der Mühlburg nach
-dem Herrenhofe, um die Arznei, welche Brunico selbst nicht zu holen
-wagte, vertraulich zu erbitten.
-
-Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlüpfen und den Herrensohn
-heimlich zu grüßen. Als Gottfried in den Saal trat, fand er seine
-Mutter in Unterredung mit einem Mönch des heiligen Wigbert, den er
-nicht kannte; es war eine düstere, breitschulterige Gestalt, mehr
-einem Kriegsmann als einem Mönch zu vergleichen. Und er vernahm, wie
-die Mutter zu dem Fremden sprach: »Ich wußte längst, daß die Geweihten
-auch die hohe Pflicht üben, ihren Feinden zu vergeben und für sie zum
-Himmelsherrn zu bitten, aber daß ihr, ehrwürdiger Vater, gegen den mein
-armer Sohn am ärgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhängt
-und ihm jetzt eure Fürbitte zuteil werden laßt, das nimmt schwere Sorge
-von meinem Herzen.«
-
-Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr heimlich: »Gib mir
-den Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten, aber frage nicht, wer er
-ist.«
-
-Edith sah ihn mit großen Augen an, dann eilte sie in ihre Kammer, riß
-die Büchse aus der Truhe, trug sie in den Saal und hielt sie dem Mönch
-hin, indem sie sprach: »Segnet die Arznei, ehrwürdiger Vater, denn vor
-jedem andern Gebet mag das eure dem Unglücklichen frommen, der sich
-dies begehrt.«
-
-Der Mönch neigte sich darüber und segnete, Gottfried sprang hinaus und
-übergab dem Knaben die Büchse. Der Wigbertmönch aber sah mit finsterm
-Blick dem enteilenden Knaben nach.
-
-Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den Hof: »An das Tor, ihr
-Genossen, Staub wirbelt auf der Straße, einen reisigen Zug sehe ich mit
-Wagen und Herdenvieh, und Eisen blinkt über den Rossen.« Die Brüder
-sprangen herzu, in kurzem waren die sechs Kinder Irmfrieds auf der Höhe
-des Turmes gesammelt. »Ich sehe kein Banner wehen,« sprach Erwin, »und
-sorglos ziehen sie dem Gehölz zu.«
-
-»Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse als Männer,«
-rief Adalmar, »wie Flüchtige nahen sie und nicht wie Feinde.« »Weiber
-erkenne ich im Haufen und den jüngsten Bruder,« lachte Arnfried.
-
-»Es ist die Mutter selbst,« rief Odo. Die Brüder sahen einander mit
-kummervollen Mienen an. »Sie naht mit ihrem Gesinde, die Bewaffneten
-des Gutes führt sie herbei.«
-
-»Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kämpfen,« murmelte Erwin.
-
-»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren,« sprach Ortwin, »aber wie
-sollen wir ihrem Willen widerstehen?«
-
-»Alles hat seine Zeit,« rief Odo, »wenn sie fordert, mögen wir weigern,
-jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.«
-
-Die Söhne eilten hinab, das Tor wurde geöffnet, auf der Mauer drängten
-sich die Mannen, und die Herren traten vor die Brücke, um den Zug zu
-empfangen. Schweigend nahten die Reiter, ohne Gruß und Willkommen
-sahen die alten Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten
-auch die Söhne an das Roß der Mutter, sie aus dem Sattel zu heben. Als
-Edith den Boden berührte, begann sie: »Es ist mir lieb, daß ihr mich
-empfangen habt, geleitet die Mutter in das Haus des Bruders. Du aber,
-Odo, gestatte, daß deine und meine Leute den Hof betreten,« und nach
-rückwärts gewandt rief sie: »Gehorchet, wenn Herr Odo euch fordert,
-denn er hat hier zu gebieten.« An der Hand des Sohnes schritt sie in
-den Hof und grüßte die Kriegsleute, welche ihr jetzt zuriefen und die
-Waffen zusammenschlugen. Unterdes sprachen die jüngeren Brüder mit
-Gottfried. »Sie hat unsern Hof geräumt,« erzählte dieser, »alle, die
-treu an ihr hängen, führt sie unter Waffen her. Was sie hier begehrt,
-hat sie mir nicht vertraut.«
-
-Edith blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern, Weibern und
-Vieh, und auf die unsichern und verlegenen Blicke, mit denen sie
-betrachtet wurde. »Harrt nur ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, führe mich
-zu dem Herde, an welchem mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn
-verlor.«
-
-Die Brüder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich zu dem leeren
-Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet,
-dann trat sie unter ihre Söhne. »Euch wundert, wie ich erkenne, die
-Mutter hier zu sehen, und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet,
-ich aber komme, bei euch zu bleiben und euer Schicksal zu teilen.
-Sorget nicht, daß ich euch den Sinn mit Klagen beschwere oder gar
-mit Vorwürfen, weil ihr gefrevelt habt gegen Frieden, Recht und die
-heilige Kirche. Andere werden euch darum bedrohen, ich aber will euch
-dienen, so weit eine Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, daß wir
-in Todesnot stehen. Wisset, meine Söhne, der König naht mit großem
-Heergefolge, der Erzbischof und die Grafen im Lande haben ihre Mannen
-in den Sattel gefordert, heute oder in den nächsten Tagen wird der
-Feind die Burg umschließen, und die Kinder des Helden Irmfried werden
-hinter Mauern ihren letzten Kampf kämpfen, wenn sie nicht demütig ihr
-Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.«
-
-Die Brüder standen betroffen.
-
-»Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen den König,«
-antwortete Odo, »obwohl wir erkennen, daß wir in großer Gefahr stehen.
-Aber Mutter, daß ich alles sage, mehr als den König und den Erzbischof
-fürchten wir deinen Wunsch, daß wir die Braut des Immo den Feinden
-ausliefern.«
-
-Da antwortete Edith: »Stets habe ich gehofft, daß mir die Heiligen
-gewähren würden, ohne große Missetat mein Leben zu beschließen; aber
-anders hat der üble Teufel es gefügt. Will ich meinem Geschlecht die
-Treue beweisen, so muß ich die Mitschuld auf mich nehmen zu meinem
-Schaden hier und dort. Eure Mutter bin ich, ihr Knaben, ich habe
-euch gezogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten Tage eurer
-Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit dir tragen, du einsames,
-verfeindetes Geschlecht. Und die Engel mögen es wissen und die Heiligen
-mögen mir verzeihen. Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht
-von eurem Los, wie es auch falle.« Da riefen ihr die Söhne Heil und
-hingen sich ihr um Hals und Hände. Edith aber fuhr fort:
-
-»Laßt uns an die nächste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen sollen
-wissen, daß die Herren einig sind. Alle, die ich dir herführe, sollen
-dem Herrn Immo in deine Hand sich zuschwören. Ich bringe auch, was
-zumeist die Sorge der Frauen ist, Vorrat von den Gütern für Küche und
-Keller, vertraue mir die Aufsicht darüber an, damit ich mit meinen
-Mägden dir nütze, und ich rate, laß abladen und einräumen, solange
-nicht größere Sorge bedrängt.«
-
-»Gestatte, Mutter, daß ich dir die Jungfrau zuführe,« bat Odo. Das
-Antlitz der Edith erblich, ihre Hand zog sich zusammen und sie rang
-nach Fassung, aber im nächsten Augenblick sprach sie lächelnd: »Erst
-machen wir das Haus fest, damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben
-werden. Denn der Zweifel lähmt auch den Mutigen, aber wer seine Pflicht
-kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg und Hof versorgt, dann
-denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt ist.«
-
-Als Odo die Tür des Gemaches öffnete, in welchem Hildegard geborgen
-war, saß die Jungfrau gebeugt auf dem Lager, die Hände im Schoß
-gefaltet. Sie fuhr auf und sah erschrocken auf eine hohe Frauengestalt
-und den strengen Ausdruck eines edlen Antlitzes. »Es ist unsere
-Mutter,« sagte Odo, »welche zu dir kommt.« Da sank Hildegard vor Frau
-Edith auf den Boden und Odo verließ leise das Zimmer.
-
-»Steh auf, Jungfrau,« begann Edith, »ich bin nicht der Herr, welchen du
-dir gewählt hast.«
-
-Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. »Im Traume sah ich dein Angesicht,
-es gleicht dem seinen, aber feindlich blicken die Augen. O sei
-barmherzig, Herrin,« rief sie in ausbrechendem Schmerze, »der Sturmwind
-riß ein Blatt vom Baume und es flatterte bis vor deine Füße. Zertritt
-nicht die Bebende.«
-
-Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die tränenfeuchten
-Augen. »Das sind die Züge, welche meinem Sohn lieber wurden als der
-Wille der Eltern und das eigene Heil. Waren es deine Tränen oder war
-es dein Lachen, womit du sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit
-Lächeln begann's und die Tränen folgten, das ist das Schicksal aller,
-welche einander lieb haben auf dieser Erde. Leid brachtest du uns und
-Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau,« fuhr sie milder fort, »ich
-komme nicht, dich zu schelten und zu richten, sondern damit ich dir
-Frauenrat gebe, so oft du ihn begehrst. Setze dich zu mir und wenn du
-mir gefallen willst, so sprich mir von ihm.« Sie führte Hildegard zu
-dem Lager, aber die Jungfrau glitt wieder an ihren Knien herab und
-klagte: »Laß mich liegen, Herrin, und zu dir aufsehen wie zu einer
-Fürbitterin, denn mir ist, als hätte ich dir Großes abzubitten, daß ich
-hier bin und daß ich ihn liebe.«
-
-Edith neigte sich zu ihr herab: »Rede nicht weiter, bevor du mir eins
-gesagt hast. Als meine wilden Knaben dich hertrugen, folgtest du mit
-gutem Willen oder haben sie eine Widerwillige auf das Roß gehoben? Bist
-du als Braut meines Sohnes hier oder als Gefangene?«
-
-Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde Röte und sie
-neigte das Haupt in den Schoß der Mutter. »Als er eintrat,« murmelte
-sie, »erschien er mir wie damals, wo er mich am Kreuz mit seinem
-Schilde deckte. Gleich dem hohen Engel Michael stand er bei mir im
-Kriegskleide und mir schwand die quälende Angst vor dem Kloster.«
-
-Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die feuchte Stirn
-der Jungfrau.
-
-Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib der Herrin und
-klagte: »Meine Mutter ist tot, und freudenlos lebte ich. Da trat er
-in unsere Halle. Holdselig waren seine Worte, fröhlich seine Art,
-und unter den Männern wußte er sich zu behaupten, daß ihm keiner zu
-widersprechen wagte. Er wurde mir schnell so vertraulich, als hätten
-wir lange beieinander in der Schule gesessen. Und er lachte mich an und
-faßte meine Hand. Sein Lachen ist lieblich, Herrin. Er trank aus dem
-Becher, den ich ihm bot, und aß von meinem Teller.«
-
-»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens gestellt,«
-murmelte Edith.
-
-»Sie preisen ihn auch als einen Helden, Herrin, denn keiner kommt im
-Kampfe gegen ihn auf, und die kleinen Spielleute erzählen, daß er mit
-dem Speer sicherer als ein anderer auf die Stelle trifft, nach der er
-wirft. Jedermann wundert sich, wo er im Kloster so Schweres gelernt
-hat.«
-
-»Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst,« versetzte
-Edith, »und sein Vater staunte selbst darüber. Ich sorge, auch im
-Kloster hat er mehr an Holz und Eisen gedacht, als an die Bücher.«
-
-»Dennoch, Herrin, versteht er ganz gut das Lateinische, obgleich er
-selbst sein Wissen nicht rühmt; und er weiß so geschickt mit Sprüchen
-und Versen zu antworten, daß es eine Wonne ist, ihn anzuhören.«
-
-»Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein?« frug Edith.
-»Das war es, was ihm gefiel, ich dachte sonst, die heilige Sprache
-hilft nur dazu, den Glauben vertraulich zu machen, ich merke aber, sie
-verlockt auch Männer und Frauen zueinander.«
-
-»Du sagst die Wahrheit, Herrin. Denn die in der Schule waren, verstehen
-einander leicht unter fremden Leuten. Damals, als ich ihn zuerst
-sah, wurde mir weh ums Herz, weil er mir gestand, daß er ungern im
-Kloster weilte. Aber später kam mir ganz andere Sorge.« Sie hielt an
-und sah vor sich nieder. »Denn als ich ihn im Kriegskleide wiedersah
-und erkannte, daß er dereinst mein Herr werden sollte, da erschrak ich
-über den schweren Gedanken. Und ich saß im Sonnenuntergang auf dem
-Idisberge, bis die Nacht heraufstieg; und als der Nachtwind in den
-Zweigen rauschte, hörte ich immerdar seine Stimme und daneben eine
-andere, als wenn ich selbst mit ihm redete, aber fern und leise wie
-oben aus dem Wipfel des Baumes, und die eine Stimme sprach: Selig war
-ich, Held, denn ich habe deine Liebe gefunden, und jetzt zittre ich,
-dich zu verlieren. Und die andere Stimme antwortete: Ruhm ersehne ich,
-und schrecklich will ich meinen Feinden werden, gedenkst du das Weib
-eines Helden zu sein, so darfst du nicht vor dem Tode beben. Wenn
-zwei einander lieb haben, sollen sie auch beten, daß sie miteinander
-sterben. Da merkte ich, Herrin, was es bedeutet, einen Mann im Herzen
-zu tragen. Mein Geschlecht habe ich verlassen um seinetwillen,«
-unterbrach sie sich selbst, »und jetzt ist er nicht hier, ich aber
-gehöre zu ihm, wo er auch weilen mag.«
-
-»Allzu ungeduldig bist du, an seinem Hals zu hangen,« versetzte Edith
-finster. »Verwundet ward er in jener Nacht.«
-
-»Die Brüder sagten mir's,« antwortete Hildegard leise, »an sein Lager
-will ich, und fühlst du Erbarmen mit meiner Not, so sage mir, wo ich
-ihn finde.«
-
-»Auch der Mutter bergen sie die Stätte,« rief Edith. »Meinst du, mich
-quält es weniger als dich, daß er unter Fremden liegt in traurigem
-Versteck?«
-
-Hildegard sprang auf. »Wenn du ihn liebst, so komm mit mir aus diesen
-Mauern; wir hüllen uns in niederes Gewand und suchen ihn, bis wir ihn
-finden. Denn der treue Mann, der ihn im Heereszug begleitete, weiß es,
-wo er weilt.«
-
-»Eitel ist dein Wunsch,« antwortete Edith, »wenn wir diese Burg
-verlassen, so würden wir ihn eher verraten als retten. Denn wisse,
-Jungfrau, der König naht mit seinem Heergefolge in feindlichem Willen,
-um den Raub zu rächen. Meinen Sohn, seine Brüder und uns alle auf
-dieser Burg bedroht des Königs Zorn.«
-
-Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank abgewandt von der
-Mutter auf die Knie. Edith saß lange Zeit schweigend, endlich begann
-sie forschend: »Klagst du, daß er und sein Geschlecht um deinetwillen
-an Leben und Ehre bedroht sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe,
-auch der Himmelsherr erhört nur die Bitten derer, welche in Demut und
-Reue zu ihm flehen. Reut dich das Unheil, das allen droht, so denke
-auch auf die Rettung. Um dich allein geht der Kampf. Du vermagst
-ihm Leben und Freiheit zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des
-Richters sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.«
-
-Hildegard lag unbeweglich, Edith trat näher und sprach über ihrem
-Haupt: »Liebst du ihn über alles, wie du sagst, so kannst du das jetzt
-erweisen: kehre zurück zu deinem Geschlecht, wende deine Schritte dem
-Kloster zu und entsage ihm, damit du ihn rettest.«
-
-Ein Schauer flog über Hildegards Leib, sie richtete sich auf, und ihre
-großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter. »Ist deines Herzens
-Meinung, Herrin, daß ich tue, wie du sagst?«
-
-»Ich sagte dir's, du aber antworte.«
-
-Hildegard fuhr in die Höhe. »Eine Feindin hörte ich des geliebten
-Mannes und eine Feindin meiner Liebe. In den Abgrund will ich tauchen,
-in die Flammen will ich springen, um sein Leben zu retten, bezeugt ihr
-guten Engel, die ihr meine Gedanken bewacht, daß ich die Wahrheit rede.
-Mein Leben nehmt für ihn, aber meine Liebe verrate ich nicht. Hat er
-alles für mich hingegeben, ich habe dasselbe getan. Gebunden bin ich an
-ihn und solange ich atme, gehöre ich ihm zu. Jetzt ist meine Treue der
-Stab, an den er sich hält auf seinem Lager, in seiner Angst. Du aber
-willst mich zerbrechen und hinwerfen, damit er erkenne, daß seine Liebe
-nichtig war und die Jungfrau, der er alles geopfert hat, feige und
-schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen auf uns blicken wie
-auf zwei wilde Tiere, welche von den Jägern umstellt sind, wisse auch,
-unter den friedlosen Tieren ist der Brauch, wenn der Bär verwundet ist
-und von den Hunden umstellt, so läuft die Bärin nicht abwärts, um ihn
-zu retten, sondern sie wirft sich der Meute entgegen. Die Kraft der
-Glieder ist mir versagt, aber mein Wille ist fest wie der seine. Sage
-mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten, aber mahne mich nicht, daß
-ich lebend ihm entsage.«
-
-Da rief Edith: »Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer Taube siehst du
-ähnlich, aber wer dir die Kappe von dem Haupte löst, der erkennt die
-edle Art eines Falken. Zürne nicht, daß ich dich versucht habe. Denn
-ganz fremd warst du mir. Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht,
-und sie frägt zuerst, ob das Weib, das der geliebte Sohn sich erkor,
-würdig ist, seine Vertraute zu werden anstatt der Mutter. Gesegnet
-seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir als Braut des Sohnes und
-als Genossin im Hause. Deine Mutter bin ich von heute und du mein Kind,
-und verteidigen will ich dich gegen den König und alle Welt. Komm zu
-mir, Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen, daß er
-mir das Glück gewähre, deine Hand in die meines Sohnes zu legen.«
-
-Hildegard warf sich an die Brust der Mutter.
-
- * * * * *
-
-Frau Edith hatte recht verkündet. Als der König durch reitende Boten
-des Erzbischofs die Kunde von dem Raube der Jungfrau erhielt, da hemmte
-er, wie sehr auch sein Herz sich nach dem Süden sehnte, sogleich die
-Fahrt und kam mit den Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt
-waren, über die Werra zurück. Der Erzbischof ritt ihm entgegen. Er
-fand den König hocherzürnt und wortkarg, und als er ihm von dem Raube
-berichtete, unterbrach ihn der König heftig: »Wer ist Kläger?« Und
-da der Erzbischof erwiderte: »Ich selbst durch meinen Vogt, und der
-Vater der Jungfrau,« hob der König drohend die Hand und rief: »Sagt
-dem Grafen, er soll seine Pflicht nicht säumig tun, denn des Königs
-Auge ist noch über ihm.« Zuletzt sprach der Erzbischof: »Ist auch die
-Stunde ungünstig, um die Verzeihung des Königs zu erbitten für einen
-andern, der in Ungnade lebt, so darf ich doch dem Flehenden mich nicht
-versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mönch Tutilo begehrt, sich vor
-dem König zu demütigen; unstet treibt er umher im Zwist mit seinem
-Abte, er kam von Ordorf zu mir und stöhnte, daß ich ihm die Huld des
-Königs wieder erwerbe.«
-
-»Er hat also Lust, die Rute zu küssen, wie die andern Empörer seines
-Geschlechtes getan haben,« spottete der König. »Manchen bessern Anblick
-weiß ich, als einen hochfahrenden Mann, der widerwillig die Knie beugt
-und seine Miene zur Demut zwingt. Doch da dem Könige nicht ziemt, gegen
-einen Mönch zu hadern, so laßt ihn herein.«
-
-Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag Tutilo vor dem
-Könige auf dem Fußboden. Als der Mönch nach kurzer Unterredung mit
-gesenktem Haupt, einem reuigen Manne ähnlich, entwich, trat Heinrich in
-den Saal, in welchem sein Gefolge harrte, und rief: »Ihr sagtet mir,
-ehrwürdiger Vater, daß der Räuber Immo spurlos verschwunden sei, wenn
-er nicht etwa bei seinen Genossen auf der Mühlburg hause, ihr waret im
-Irrtum.« Und er rief Gundomar und gab ihm einen leisen Befehl.
-
-An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem Dorfe zu, in welchem
-der Hof des Bauern Balderich lag. Die Reiter umstellten das Dorf und
-drangen unter harten Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem
-Königsvogt von Erfurt in die Kammer, in welcher Immo saß. Dieser wandte
-sich finster ab, als er seinen Oheim erblickte, aber dem Vogt reichte
-er die Hand. »Mir tut's von Herzen leid, Held Immo,« sprach dieser
-traurig, »daß ich dich zur Stelle dem König überliefern muß.«
-
-»Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst,« antwortete Immo
-ruhig, »nur eine Bitte erfülle mir, verhindere deine Reisigen, daß sie
-den Leuten hier einen Schaden an Leib und Gut zufügen, denn aus Mitleid
-haben diese mich aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag.«
-Das versprach der Vogt.
-
-Am andern Morgen sahen die von der Burg in der Morgensonne blinkende
-Speere und wehende Banner; der König hielt mit seinem Heerhaufen bei
-dem nahen Dorfe, in welchem die Sachsenkönige seit alter Zeit einen
-Hof hatten, das Königsbanner ließ er auf einem Hügel errichten, der zu
-dem Erbe Irmfrieds gehörte, und rings herum die Wagenburg schlagen.
-Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg langsam ein friedlicher
-Zug, an dessen Spitze der Erzbischof Willigis ritt und neben ihm der
-Mönch Reinhard. Edith selbst mit ihren sechs Söhnen empfing die frommen
-Väter am Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre Söhne
-weisend: »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung vor dem Altar
-kniete, erbatet ihr, hochwürdiger Vater, den Segen der Himmlischen
-für mein Leben; hier seht ihr, was ich von meinem Glück zu bewahren
-vermochte. Daß ihr jetzt in unserer Not zu uns kommt, dafür danke ich
-dem Ewigen, denn als eine gute Vorbedeutung sehe ich euer geweihtes
-Haupt in diesen Mauern.«
-
-»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes,« versetzte
-Willigis, »sondern als Diener eines strengen Richters. Eile hinauf,
-gebot er mir, zerwirf das Nest unholder Vögel und bringe mir die Brut
-herab unter meine Hand. Darum übergebt euch der Gnade des Königs ohne
-Widerstand, denn scharf ist sein Zorn und schnell folgt seinem Willen
-die Tat.«
-
-Odo versetzte ehrerbietig: »Wir stehen hier in festen Mauern unter
-treuen Schwurgenossen, wir haben nicht die Wahl, ob wir die Feste und
-die Jungfrau dem König ausliefern wollen oder nicht, denn unser Bruder
-Immo, der hier gebietet und heute fern ist, befahl uns, beide zu halten
-gegen jedermann.«
-
-Da entgegnete der Erzbischof: »Es ist eures Bruders Hals, um den ich
-sorge, wenn ich von euch die Ergebung fordere. Denn wisse, Geschlecht
-Irmfrieds, Held Immo liegt gefangen in des Königs Gewalt.«
-
-Edith rang die Hände gegen den Himmel und die Brüder traten bestürzt
-zusammen.
-
-»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten in das
-Lager, sein Versteck wurde dem König durch einen Feind verraten.«
-
-»Tutilo,« schrie die Mutter entsetzt.
-
-»Seitdem hält der König fest, was euch zwingt. Liefere mir die
-Nestlinge des toten Irmfrieds, befahl der König, bevor die Sonne zur
-Mittagshöhe gestiegen ist; wenn sie länger zaudern, so lasse ich den
-Gefangenen an den Fuß der Mühlburg führen, wo man von der Höhe sein
-Haupt sehen kann, und ich werfe sein Haupt auf den Grund. Austilgen
-will ich den frechen Trotz, der Landrecht und Königsmacht mißachtet,
-und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen die Räuber mir
-widerstehen. Darum wollt ihr, junge Helden, den Bruder vor jähem
-Tode bewahren, so folgt mir aus der Burg zum Könige. Wenn er eure
-Ergebenheit sieht, wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem Rat
-solcher, welche euch Gutes wünschen.«
-
-Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern: »Unsere Lose warfen wir am
-Herdfeuer, als wir uns dem Bruder gelobten. Wenn wir willig waren, in
-den Gassen der Stadt unser Leben für das seine zu wagen, so müssen wir
-dasselbe vor dem Schwert des Königs tun. Ich bin bereit, den Priestern
-zu folgen. Vier von euch lade ich, daß sie zu mir treten.«
-
-Da traten alle Fünf auf seine Seite, Odo aber wies seinen Bruder
-Gottfried zu der Mutter: »Nach dem Willen des Gefangenen gehörst du
-zu ihr, und dir ziemt auch jetzt diesen Willen zu ehren. Hochwürdiger
-Herr, wir sind gerüstet, euch zu folgen. Wir allein, denn nur wir fünf
-waren Genossen des Bruders bei der Tat. Die Burg unseres Geschlechts
-aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders vermögen wir euch
-nicht zu übergeben; darüber zu entscheiden, steht bei unserm Bruder
-Immo, wenn er auch gefangen ist; und solange wir nicht deutlich
-erkennen, daß er die Übergabe fordert, dürfen wir Brüder sie nicht
-vollbringen. Darum lege ich die Gewalt über die Burg und über alles,
-was sie umschließt, in die Hand unserer Mutter. Sorge du, Mutter, für
-Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns aber segne, da wir uns von dir
-scheiden.«
-
-Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die Knie und küßten ihr
-Hände und Gewand. Sie riß bleich und tränenlos einen der Liegenden nach
-dem andern an ihr Herz, ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man
-vernahm keine Worte. Und als die Fünf der Tür zuschritten, stürzte sie
-ihnen nach und umfaßte ihnen noch einmal Hals und Haupt, bis sich die
-Weinenden von ihr lösten.
-
-Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend zugesehen,
-obgleich sie gewöhnt waren, alle irdische Liebe als nichtig zu
-betrachten. Jetzt begann der Erzbischof: »Den redlichen Entschluß eurer
-Söhne, edle Edith, will ich gern dem König rühmen; die Helden haben
-wohlgetan, dem Urteil der Mutter zu vertrauen, denn als fromm und weise
-wird sie im ganzen Lande geehrt.«
-
-»Sechs junge Leben, die mir gehören, hat König Heinrich für sich
-genommen, was will er von der verwaisten Mutter noch mehr?«
-
-»Die Burg und die geraubte Jungfrau, die eure Söhne darin bewahren,
-begehrt er von euch.«
-
-»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das Frauengemach, in welchem
-die Mutter gebietet, und nicht in das Heerlager des Königs. An die Burg
-aber hat der König völlig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der
-Lebenden und Toten willen.«
-
-»Denkt in eurem Schmerz auch daran, edle Frau, daß eure Söhne durch
-ihre Missetat dem Spruch des Königs verfallen sind.«
-
-»Sind meine Söhne schuldig zu büßen für eine schwere Tat, so bin ich,
-ihre Mutter, in derselben Schuld. Denn Blut sind sie von meinem Blut,
-und wenn sie jetzt auch auf ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin
-sie ihr Mut treibt, meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und bei
-Nacht. Dies Geheimnis einer Mutter vermag kein Priester zu begreifen.
-Haben sie Missetat geübt, so bin ich dem Richter verfeindet, wie sie;
-und gleich ihnen will ich das Erbe des Geschlechts bewahren gegen
-jedermann, auch gegen den König selbst.«
-
-»Hütet euch, Frau,« mahnte der Erzbischof, »freiwillig eure schuldlose
-Seele mit derselben Schuld zu beladen, welche auf jenen liegt.
-Denn nicht nur den irdischen Richter haben sie erbittert, auch dem
-Himmelsherrn haben sie geraubt, was ihm zukam, als sie eine Jungfrau
-entführten, die geweiht werden sollte. Darum sorgt für das Heil ihrer
-Seelen, indem ihr die Jungfrau zurückgebt, sonst möchte der große
-Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen als König Heinrich, und
-eure Söhne für ihre Tat hinabstoßen in das Reich des üblen Drachens.«
-
-Da rief Edith mit flammenden Augen: »Und wenn wahr wäre, was ihr sagt,
-und wenn der große Himmelsgott ihnen die Wolkenhalle verschließt um so
-kleine Schuld, weil sie den Besitz eines geliebten Weibes begehrten
-und weil sie alle treu waren in der Not; meint ihr, ehrwürdige Väter,
-daß die Mutter allein im Himmelssaal kauern wird, getrennt von ihren
-Kindern? Werden diese verworfen, so will auch ich verworfen sein,
-lieber will ich meinen sieben Knaben ihre Becher und Schüßlein in
-der finstern Hölle zureichen, als fern von meinen Kindern euch, ihr
-Heiligen, in der strahlenden Burg des Himmels.«
-
-Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie und Willigis schlug schnell
-das Kreuz. Er war ein alter und gestrenger Herr, der eifrig für die
-Kirche sorgte. Aber als Frau Edith so empört vor ihm stand, höher als
-sonst und einem Weibe aus der Urzeit ähnlich, da dachte er daran,
-daß sie von den wilden Sachsen herstammte, wie er selbst auch; und
-obschon ihm graute, so kam ihm doch vor, als ob er wohl auch so reden
-könnte. Aber seiner Würde gedenkend, zog er sein Gewand zusammen und
-wandte sich zum Abgang. »Wer die Strafen der Menschen nicht scheut und
-die Strafen der Ewigkeit nicht über alles fürchtet, mit dem hat ein
-Priester nichts mehr zu reden.«
-
-Edith jedoch faßte ihm das Handgelenk mit eisernem Griff. »Haltet
-an, ehrwürdiger Vater, ihr selbst und wohl auch andere haben mich in
-meinem Glücke über Gebühr gerühmt als ein gottseliges Weib, das den
-Heiligen treu diene. Weshalb meint ihr wohl, bin ich verwandelt? Den
-ältesten Sohn habe ich verloren, weil ich nach eurem Rat forderte, daß
-er gegen seinen Wunsch der Kirche diene und diese Burg den Heiligen
-übergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm gezürnt und mein Auge hat
-ihn seitdem nicht wieder gesehen. Finstern Gedanken habe ich seine
-junge Seele preisgegeben, gerade als er den Rat und die Liebe der
-Mutter am meisten bedurft hätte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den
-Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich fürchte, in dieser
-Welt für mich verloren, und diese Burg, die der König ein Nest unholden
-Geflügels nennt, soll zerworfen werden durch Eisen und Feuer. Versucht
-das rühmliche Werk, laßt eure Knechte kommen mit der Haue und dem
-Brande, stürmet die Mauern, erschlagt meine Getreuen und führt hinaus
-an Strick und Kette, was ihr hier an lebenden Häuptern findet. Einen
-Leib werdet ihr dennoch zurücklassen. Folgt mir, ihr Geweihten, zu
-der Stelle, die auch ihr ehren solltet, wenn ihr eures Amtes denkt.«
-Sie zog den Erzbischof aus der Halle über den Hof und öffnete die Tür
-der kleinen Kapelle. Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz
-darüber. »An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen
-Stein der Heiden geworfen und sein Genosse Wigbert hat darüber den
-Altar geweiht. Euch, Erzbischof, und dem frommen Könige sollte dieser
-Ort ehrwürdig sein, und ich meine, ihr solltet für Frevel halten,
-dies Mauernest zu zerreißen und den Flug der Vögel, welchen hier die
-Heiligen ihren Sitz geweiht haben. Was ihr tun wollt, steht bei euch,
-was ich tun will, berge ich euch nicht. Brecht ihr das Haus, dann wird
-dies die Stätte, wo ich ausharre unter berstenden Mauern und brennenden
-Balken. Sagt dem König, daß hier das Grab der Edith ist, und daß die
-Mutter der sieben Knaben keine andere Antwort für ihn hat.« Sie warf
-sich am Altar nieder, die Sendboten verließen schweigend den Raum.
-
-»Wilde Worte hörten wir,« begann der Erzbischof zu Reinhard, als sie
-herabritten. »Doch auch der schüchterne Vogel wandelt seine Art, wenn
-ein Feind die Krallen nach seiner Brut ausstreckt.«
-
-Reinhard antwortete seufzend: »In meinem Herzen fühle ich den
-Jammer über das Schicksal, welches diesem Geschlecht bereitet wird.
-Hochwürdiger Vater,« bat er, die Hände faltend, »wenn jemand den Helden
-Immo vom Tode zu retten vermag, so ist eurer Weisheit diese gute Tat
-vorbehalten.«
-
-Der Erzbischof schüttelte das Haupt. »Du kennst noch zu wenig den
-Sinn dieses Königs. Meinst du, daß Heinrich seine Reise unterbrochen
-und uns alle als Zeugen seines Tuns mitgeführt hätte, wenn er nicht
-seine eigene Macht erhöhen wollte, indem er die Häupter eines edlen
-Geschlechts auf den Rasen wirft. Selbst wenn er dem Schuldigen nicht
-feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in seinem Herzen
-entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt
-als strenger Richter zu erweisen. Denn die Trauer über des Richters
-Spruch fühlen nur wenige, die Kunde aber, daß er wieder einen Räuber
-aus der Zahl der edlen Schildträger getroffen hat, fliegt durch das
-ganze Land, sie schreckt die Argen und gewinnt dem König die Herzen
-der Friedlichen. Auch hat der König hier wenig um die Rache mächtiger
-Herren zu sorgen, denn einsam und ohne großen Anhang von Lehnsleuten
-haust das Geschlecht am Walde.«
-
-»Dennoch vernahm ich, daß der König einst den Helden Immo wert hielt,«
-warf Reinhard bittend ein.
-
-»Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhärtet,« versetzte der
-Erzbischof, »vielleicht weil Held Gundomar dem Jüngling feind ist,
-vielleicht wegen anderem. Nicht umsonst wurde König Heinrich in
-Klosterzucht gezogen, er hat gelernt, was dem Manne am schwersten ist,
-seine Gedanken zu verbergen. Dreien Königen habe ich in die Tiefe ihrer
-Seelen gespäht, jetzt handle ich mit dem vierten, und eifriger als
-die früheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und reiche Spenden.
-Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem Lammfell die Tatze eines
-Raubtiers, und ich merke, wenn er sich vor den Heiligen am tiefsten
-demütigt, denkt er am meisten an den eigenen Vorteil. Mich aber freut
-die kluge Art, denn auch wir sind nicht einfältig, und beide verstehen
-wir, wo unser Vorteil gemeinsam ist.«
-
-Am Fuß des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge ein Zeichen, die
-Reisigen rückten im Kreis um das Geschlecht Irmfrieds, und Willigis
-begann zu Odo: »Steigt von den Rossen, ihr jungen Helden, und gebt
-eure Waffen meinem Hauptmann, daß er sie euch bewahre.« Die Brüder
-saßen unbeweglich, sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre Schilde
-am Arm herauf. »Demut rate ich euch, wenn ihr dem Leben des Bruders
-nützen wollt; du selbst weißt, edler Odo, daß du nicht hoch zu Roß dem
-Könige vor die Augen reiten darfst. Denn er fordert, daß ihr euch ihm
-ergebt, und barhaupt, mit den Füßen im Staube müßt ihr ihm nahen.« Die
-Brüder sahen einander grimmig an und Erwin gebot leise: »Schließt euch
-zusammen, damit wir wenden und rückwärts durchbrechen.« Aber Ortwin
-mahnte: »Dann stolpern die Rosse über das Haupt unseres Bruders,« und
-Odo sprach: »Der Pfeil flog vom Bogen, wir ändern nicht mehr seinen
-Lauf, taucht zur Erde und fügt euch.« Da sprangen sie von den Rossen,
-hingen die Schwerter ab, lösten die Helme und schritten zu Fuß unter
-den Bewaffneten dem Lager zu mit gerötetem Antlitz und Tränen der Scham
-in den Augen. Vor dem Lager ritt Willigis noch einmal zu ihnen und riet
-in guter Meinung: »Leichter biegt sich im Sturm der junge Stamm als
-der alte, und er schnellt auch wieder in die Höhe und breitet seine
-Wipfel lustig in der Sonne. Denket daran, daß der König vor allem Demut
-fordert; vermögt ihr sie nicht in eurer Rede zu erweisen, so werdet ihr
-euer Heil am besten bedenken, wenn ihr schweigend kniet.«
-
-Der König hielt auf seinem Roß mit großem Gefolge, er sah finster über
-die Söhne Ediths, welche schwerfällig die Knie beugten. »Trotzig finde
-ich die Waldleute noch in ihrer Haft. Wo habt ihr die Jungfrau? Auch
-erkenne ich nicht des Königs Banner auf der Burg.«
-
-Willigis antwortete: »In der Burg gebietet die edle Edith und sie
-weigerte mir die Jungfrau, welche, wie sie sagte, in Frauenzucht gehöre
-und nicht in ein Heerlager, da sie die Braut ihres Sohnes sei. Und weil
-Frau Edith aus edlem Sachsengeschlecht stammt, welches in alter Zeit
-mit dem Hause des Königs befreundet war, so hielt ich für Recht, daß
-der König selbst gebiete und der Sachsenfrau seinen Willen verkünden
-lasse. Denn schwere Worte sprach die Mutter in ihrem Schmerz, und ich
-fürchte, sie begehrt sich den Tod im brennenden Hause.«
-
-Der König zog den Mund zu einem herben Lächeln. »Ich sah Frau Edith
-einst, als ich ein Knabe war. Meint sie mit dem König zu streiten, weil
-er sie damals im Kinderspiel auf die Hände schlug. Ist sie so bereit,
-die Pfänder zu verlieren, welche ich von ihr in der Hand habe? Ein Ende
-will ich machen mit dieser Widersetzlichkeit. Führt die Räuber ab,
-doch so, daß sie sich nicht ihrem Bruder gesellen. Euch, hochwürdiger
-Vater, bitte ich, zur Stelle mit den Fürsten und Edlen, welche mir
-folgen, im Rat niederzusitzen über den Raub der Jungfrau, damit ihr mir
-eure Meinung erklärt, die ich gern beachte, soweit ich vermag. Denn
-ich selbst will richten.« Und sein Pferd wendend, rief er Gundomar zu
-sich. »Dies geht dich an,« sprach er gütiger, »denn ist dir das Haus
-des toten Irmfried auch verfeindet, so wirst du doch um deiner eigenen
-Ehre willen dafür sorgen, daß die Frauen nicht in ihrer Torheit das
-Schicksal der Männer teilen. Reite hinauf und sage ihnen mein Gebot,
-daß sie vor mir erscheinen.«
-
-Gundomar vernahm die Botschaft mit umwölkter Miene. »Hartes gebietet
-der König,« murmelte er, »mein Fuß betrat die Mauer nicht seit den
-Jahren meiner Jugend.«
-
-Aber mit blitzenden Augen rief der König: »Willst auch du mir
-widerstehen? In guter Meinung sprach ich zu dir. Wahrlich, es ist Zeit,
-eine Warnung zu geben, denn unbändig und eigenwillig gebärdet sich
-jeder in dieser Waldecke.«
-
-Da warf Gundomar sein Roß herum, winkte mit der Hand, daß seine Ritter
-ihm folgten, und sprengte dem Berge zu. Weit vor den anderen fuhr er
-dahin, und die Hofleute sahen freudig auf den streitbaren Helden. Doch
-hätten sie sein Antlitz geschaut, die Angst darin hätte sie gewundert.
-Als er den steilen Bergweg hinaufritt, sank ihm das Haupt auf die Brust
-und er seufzte schwer. Vor dem Wallgraben hielt er still wie einer, der
-nicht ganz bei sich ist, er vergaß sein Begehr, zum Turme hinaufzurufen
-und vernahm auch nicht, daß der Vogt ihn anschrie. Erst als der
-drohende Ruf zum zweiten Male erklang, hob er das Haupt und starrte wie
-ein Träumender um sich. Da rief der alte Berthold: »Ein Antlitz sehe
-ich, das ich vorzeiten fröhlicher schaute. Bringst du Frieden, Herr, so
-harre, daß ich dich unserer Herrin verkünde.« Er eilte von der Mauer,
-nicht lange und das Tor wurde geöffnet, Gundomar winkte seinem Gefolge
-zurückzubleiben und ritt allein in den Hof. Auch dort zögerte er
-abzusteigen und zuckte am Zügel, als ob er wieder hinauswenden wollte.
-Aber neben ihm erhob sich die alte Gertrud vom Boden: »Graues Silber
-glänzt in deinem Haar, aber deine ersten Locken wuchsen, als ich dich
-auf dem Arme trug. Kannst du dem Weibe deine Hand reichen, das allen
-Söhnen Irmfrieds als Wärterin diente, so sei gesegnet.«
-
-Gundomar schüttelte das Haupt und Gertrud rief zornig: »Sieh dorthin,
-du Held, der Schlehenstrauch steht noch an der Mauer. Weiß ist die
-Blüte, aber schwarz die Frucht; dort trank der Boden das Blut zweier
-Brüder, die im Todeshaß gegeneinander schlugen. Dort binde dein Pferd
-an, du Feind des Geschlechts. Sechs Söhne Irmfrieds sind deiner Rache
-verfallen, nur das jüngste Kind ist noch übrig; ich denke, du kommst,
-auch mit dem letzten den Kampf zu beginnen.«
-
-»Schweig, Alte,« versetzte Gundomar grimmig, »führe mich zu deiner
-Herrin.«
-
-Gertrud wies auf die kleine Kapelle. »Traust du dich den Ort zu
-betreten, wo die Sünden vergeben werden, so wirst du sie finden.«
-
-Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum. An einer Ecke
-des Altars saß Edith auf den Stufen, sie wies auf die andere Seite.
-»Dort sitze nieder, Gundomar, denn die Nähe der Heiligen tut uns beiden
-not, wenn wir miteinander reden.«
-
-Gundomar warf sich auf die Stufen des Altars, und es war ein langes
-Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete, warf er scheue Blicke
-nach Edith und sprach abgewandt: »Eine Lüge ist es, daß die Zeit
-das Herz des Menschen wandelt. Die Wunde brennt heute, wo ich dich
-wiedersehe, wie vor fünfundzwanzig Jahren. Die Krallen des Hasses und
-der Eifersucht fühle ich, wie damals, wo ich dich verlor; und was die
-Priester als schwere Sünde strafen, das hege ich unablässig in meinem
-Innern, den heißen Wunsch, der mich zu dir treibt.«
-
-Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: »Du siehst eine Mutter, die ihre Söhne
-großgezogen hat und im Witwenschleier des toten Gemahls gedenkt.«
-
-»Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter Glanz mich einst
-selig machte. Nicht die Mutter erkenne ich und nicht die Witwe eines
-anderen, nur das Weib, das ich selbst begehrt habe.«
-
-Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab.
-
-Aber Gundomar fuhr fort: »Wie im Traum habe ich dahingelebt alle diese
-Jahre, nur meine Sehnsucht nach der einen und mein Haß gegen einen
-anderen haben wahrhaft in mir gebrannt; alles übrige war mir wie ein
-Spiel der Gaukler. Oft habe ich gebüßt und die Geißel über meinem
-Rücken geschwungen, aber fruchtlos war das Fasten und vergeblich die
-Schläge, denn die bösen Feinde versuchten mich immer wieder. Noch hier
-merke ich sie,« raunte er scheu um sich blickend. »Vieles habe ich auf
-Erden erlebt, sündige Liebe und sündigen Haß, ich sah, wie man eine
-Krone gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes,
-wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fühle ich den Eisfrost in
-meinen Gliedern, verleidet ist mir diese Erde und ich schmecke die
-Galle aus dem Honig. Mich jammert, daß die Menschen so begehrlich sind
-nach Goldschmuck und Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich
-dir, da ich dich wiedersehe gegen deinen Willen, damit du mich nicht
-hassest, wenn du an mich denkst. Denn nur an deiner Meinung ist mir
-gelegen, um die andern sorge ich wenig. Ich ringe und suche, was mir
-die Kraft gibt, zu überwinden, damit mir das ewige Erbarmen nicht
-fehle.«
-
-Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: »Meide den König und suche
-dir einen anderen Herrn.«
-
-»Ich denke daran bei Tag und Nacht,« antwortete Gundomar leise. Und
-sich erhebend, fuhr er mit verändertem Tone fort: »Der König sandte
-mich. Forderst du meinen Rat, so weißt du, daß ich dir nichts berge.«
-
-»Rate mir, so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist.«
-
-»Dem König liegt am Herzen, seine Hoheit in einem Herrengericht zu
-erweisen. Dazu bedarf er die Geraubte und dich ladet er zur Mehrung
-des Ansehens. Ich rate dir, daß du gehst. Denn der wird den Königen am
-meisten verhaßt, der sie hemmt, wo sie vor dem ganzen Volk ihre Würde
-erweisen wollen.«
-
-Edith machte eine abweisende Bewegung und Gundomar fuhr fort: »Willst
-du dem König in der Burg widerstehen, so vermagst du das ganz wohl;
-denn ihm fehlt alles Sturmgerät, und er kann nur wenige Tage vor diesen
-Mauern liegen, weil die Königspflicht ihn übermächtig nach dem Süden
-treibt. Beim Abzug wird er dem Gerhard und den Grafen in der Ebene die
-Fehde gegen dich und die deinen übergeben. Auch diesen Feinden kannst
-du siegreich entgegentreten. Merke, Edith, die Burg und den jüngsten
-Sohn vermagst du lange gegen den König zu bewahren, nicht die Häupter
-der Söhne, welche in seiner Gewalt sind. Denn diese wird er Rache
-heischend werfen. Kommst du dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager,
-so denkt er vielleicht auch an deinen Wert und an dein Herzeleid. Darum
-flehe ich dich an, Edith, daß du mir folgst.«
-
-»Rate anderes, Gundomar; die Braut meines Sohnes und die Burg übergebe
-ich nicht.«
-
-»Was frommt die Brautschaft, wenn der Bräutigam schwindet, und wie
-kannst du ihm die Burg bewahren, wenn du ihn selbst verlierst.«
-
-Edith barg ihr Antlitz in den Händen. »Du sprichst die Wahrheit. Aber
-wo die Gedanken in der Seele feindlich gegeneinander ringen und der
-Mensch angstvoll zweifelt, was ihn retten werde, da findet er einen
-Trost, wenn er treulich die Pflicht tut, welche ihm aufgelegt ward. Der
-Herr dieser Burg und der Jungfrau hat uns geboten, beide festzuhalten;
-seinem Gebot folge ich, was uns allen auch darum geschehe.«
-
-»Du verdirbst dich und andere,« rief Gundomar heftig. »Wohlan, manchen
-Dienst habe ich dem König geleistet und ich meine, er wird sich
-scheuen, mir die Ehre zu kränken. Um deinetwillen will ich wagen,
-was Heinrich mir nicht befahl. Ich biete dir mit der Jungfrau und
-dem jüngsten Sohne freies Geleit zum Gerichte des Königs, und wenn
-du es nach dem Gericht begehrst, wieder in die Burg zurück. Bis zu
-eurer Rückkehr mögen deine Dienstmannen die Burg halten, nur daß sie
-friedlicher Botschaft des Königs den Zutritt nicht weigern, wenn er
-sich Zeugen rufen will zu seinem Gericht.«
-
-Da erhob sich Edith: »Gelobe mir, Gundomar,« und er warf sich am Altar
-nieder und legte die Finger auf sein Schwert.
-
- * * * * *
-
-Unterdes war der König nach dem Hofe gesprengt, in welchem er rasten
-wollte. Als er durch das Gedränge von Edlen und Landleuten schritt,
-und hier und da anhielt, um einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen,
-erkannte er Heriman, den Goldschmied, welcher sich demütig verneigte.
-Der König winkte ihm ein wenig zu. Und da er seltene und kostbare
-Waren, wie sie der Goldschmied häufig aus der Fremde brachte, gern
-ansah und kaufte, so befahl er seinem Kämmerer: »Frage den Heriman, ob
-er etwas begehrt oder etwas bringt; begehrt er, so laß du dir seinen
-Wunsch sagen, und bringt er, so führe ihn zu mir.« Dem Eintretenden
-rief er gütig entgegen: »Wie gedeihen dir deine Fahrten auf des Königs
-Straße?«
-
-»Wir Thüringe danken dem König, daß er die Raublust der Schildträger
-gebändigt hat,« versetzte Heriman.
-
-»Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Straße, sobald der König
-nur den Rücken kehrt. Ich bin hier, um über einen Friedensbruch zu
-richten, der euch Erfurter nahe genug angeht; und ich denke eine
-Warnung zu geben, welche andere Missetäter abschrecken soll, damit
-friedliche Leute wie du zu Ehren des Königs gedeihen. Was birgst du
-Gutes in deinem Sack? laß sehen.«
-
-»Nur wenig habe ich, was wert ist, von dem König betrachtet zu werden,«
-versetzte der Goldschmied, öffnete einen Lederbeutel und breitete
-seine Schätze auf den Tisch: geschliffene Edelsteine, goldene Borten
-und zierliche Ketten, Gewürze und Balsam aus dem Orient in seltsamen
-Kapseln, Schnitzwerk aus Elfenbein, Dolche und Messer mit kostbarem
-Griff und Scheide.
-
-Der König betrachtete mit Kennerblick Schmuck und Steine und schob hier
-und da ein Stück zurück. »Was bewahrst du in dem Kästlein?«
-
-»Es ist ein Ring,« versetzte Heriman, »mit dem Stein, den sie Saphirus
-nennen, er verändert die Farbe, wenn der Ringfinger einen Becher
-berührt oder auch einen Teller, in welchem Gift ist. Der Stein wird
-jetzt sehr begehrt von vornehmen Geistlichen und Laien.«
-
-Der König warf einen gleichgültigen Blick darauf und wies an seinem
-Finger einen Ringstein derselben Art. »Nicht jeden Helden meines
-Geschlechts hat dieser Stein vor dem Verderben bewahrt, Heriman, es ist
-sicherer, den eigenen Augen zu vertrauen, als der Warnung, welche aus
-Steinen kommt.«
-
-»Besseres hoffe ich dem König zu bieten,« versetzte Heriman, »sobald
-ich von der nächsten Fahrt über den Rhein zurückkehre. Denn was hier
-im Lande Pilger und fremde Händler zutragen, das gelangt meist in die
-Hände der ungläubigen Juden, und diese legen es zuerst dem ehrwürdigen
-Herrn Willigis vor, weil er ihr Schutzherr ist; ich aber dem Könige.«
-
-»Du meinst also, die Juden stören dir das Geschäft,« frug der König,
-einen Edelstein gegen das Licht haltend.
-
-»Sie haben das Geld, und wer mit kostbarer Ware handelt, vermag sie
-nicht zu entbehren. Auch klage ich nicht über sie, zumal Herr Willigis
-ihnen günstig ist, weil sie seiner Macht in der Stadt nützen.«
-
-»Und dir gefällt die Macht des Erzbischofs in der Stadt Erfurt,« warf
-der König hin, in Betrachtung des Steines vertieft.
-
-»Ein weiser Herr ist Willigis; bald werden die Mauern der Stadt zu
-enge sein für die Zahl der Unfreien, welche er von den Hufen des
-Stiftes und anderswoher unter seinem Gericht versammelt. Wir alten
-Burgmannen aber, die wir uns rühmen, von den Vätern her freie Leute
-zu sein, sehen ungern, daß der Vogt des Königs nicht mehr allein zu
-Gericht sitzt, denn es fehlt nicht an Schlägereien zwischen unseren
-Leuten und den Zugehörigen des Erzbischofs. Ich fürchte, in kurzem sind
-wir die Minderzahl. Doch wir wissen, es ist schwer, den Heiligen zu
-widerstehen.«
-
-Der König legte den Stein weg und frug in verändertem Ton: »Wie war's
-mit dem Raub der Grafentochter? Erzähle, was du davon weißt.«
-
-»Die Leute des Erzbischofs haben die Notglocke geläutet,« entgegnete
-Heriman vorsichtig, »sonst würde die Stadt wenig davon wissen, zumal da
-niemand erstochen wurde. Selten vergeht eine Woche, wo nicht größerer
-Lärm in den Gassen ist. Unter den Burgmannen sind viele dem Helden Immo
-und seiner Sippe wohl geneigt; denn diese gelten sonst im Lande für
-redliche Männer, und wer ungerecht bedrückt wird, findet zuweilen bei
-ihnen Schutz.«
-
-Der König sah mit großen Augen auf den Goldschmied und befahl streng:
-»Packe deinen Kram ein, ich will heute deine Steine nicht sehen; denn
-du kommst nicht um des Kaufes willen, sondern du begehrst etwas anderes
-von mir.«
-
-»Als ich todwund am Idisbach lag,« antwortete Heriman, seine Steine
-langsam in den Sack sperrend, »da war es Held Immo, der mich aufhob,
-und ihm verdanke ich, daß ich heute vor den Augen des Königs stehen
-kann. Ich wäre niederträchtig, wenn ich nicht gut von ihm redete, da
-der König zuerst mich seinetwegen gefragt hat.«
-
-Heinrich nickte: »Du hast recht, laß nur liegen.« Heriman packte
-aus, und der König sah wieder auf die Steine. »Also die Leute des
-Erzbischofs schlugen an die Glocke. Ich höre, daß einige aus der
-Stadt den Räubern Vorschub leisteten und sogar mit ihren Wehren die
-Bewaffneten des Herrn Willigis an der Verfolgung hinderten. Weißt du
-auch darüber etwas?«
-
-Heriman besann sich. »Sie sagen, daß ein scharfer Schwertschlag
-getauscht wurde, und daß Held Immo nur darum ins Unglück kam, weil er
-einen andern, der, wie sie sagen, ein Erfurter war, nicht unter den
-Schwertern der Reisigen zurücklassen wollte. Und da manche in Erfurt
-glauben, daß der Held wegen seiner Treue gegen ein Stadtkind verwundet
-und gefangen wurde, so trauern diese über sein Unglück.«
-
-Da schob der König den Kram heftig von sich und stand auf. »Räume fort,
-ich will gar nichts mit dir zu tun haben.«
-
-Heriman öffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte ruhig ein.
-»Wenn der Herr König meint, daß die Erfurter Lämmern gleich sind,
-welche sich scheren lassen und dann noch aus der Hand, die sie
-geschoren hat, das Futter nehmen, so kennt er seine treuen Bürger
-nicht. Bei uns lebt mehr als einer, der einen Racheschwur gegen den
-Grafen Gerhard getan hat, weil dieser ein raubgieriger und ungerechter
-Mann ist.«
-
-»Jetzt verstehe ich,« versetzte der König sich setzend. »Das an dem
-Dolch ist ja wohl Byzantiner Arbeit, laß sehen.« Und Heriman packte
-wieder aus. »Wie kommt's, daß man den Mann nicht mit Weiden geschnürt
-hat, der, wie du sagst, für den Räuber Immo das Schwert zog, und dem
-der Räuber, wie du sagst, Treue erwies. Mich wundert's, daß einer, der
-des Königs Frieden so frech gebrochen hat, frei in den Gassen wandelt.«
-
-»Die Wächter des Erzbischofs waren Stadtfremde,« entgegnete Heriman
-argwöhnisch nach dem König blickend, »und die Erfurter haben vielleicht
-nicht sehr nach dem Einheimischen gesucht. Auch hat der Bürger eine
-Gewohnheit. Bevor er im Zwielicht das Schwert zieht, so streicht er
-sein Haar, wenn er es lang trägt, über das Gesicht; vielleicht birgt er
-auch seine Glieder in einem wendischen Kittel.« Er trat an den Tisch,
-bereit die Steine wieder einzupacken.
-
-»Laß nur liegen,« sprach der König, »ich sehe, dein Haar ist kurz
-genug. Sagtest du nicht, daß sich die Dienstleute des Erzbischofs zu
-eurem Schaden in der Stadt mehren?«
-
-»Herr, die Stadt wird dabei groß, und wenn auch schlechtes Volk unter
-den Zugewanderten ist, so muß man doch zugeben, der Stiftsvogt des
-Mainzers hält über seine Leute strenges Gericht. Nur sorgen bei uns die
-Alten, welche Bescheidenheit haben, daß die Königsmacht dadurch kleiner
-wird, und daß sie vielleicht einmal ganz schwindet.«
-
-»Denken viele wie du, daß sie lieber dem König dienen wollen als dem
-Erzbischof?«
-
-»Das Mehrteil wird sagen, es kommt darauf an, wie der König ist und
-wie der Erzbischof ist. Dennoch, wenn der König eine starke Hand hat
-und sein Vogt billig denkt, so wird der Bürger freudiger einem Helden
-dienen, der ein Schwert trägt, als einem geschorenen Haupte.«
-
-»Ihr selbst sitzt am liebsten daheim; aber ihr hört es gern, wenn
-der Spielmann vor euch singt, wie die Knie des Königs im Drange der
-Schlacht wund gerieben wurden,« sagte der König mit trübem Lächeln.
-»Gemächlicher ist dein Herdsitz, Heriman, als der Sitz deines Königs,
-welcher das ganze Jahr im Sattel reitet. Geh in Frieden mit deinen
-Waren, dies hier habe ich für die Königin ausgewählt, laß dir den
-Preis von meinem Kämmerer zahlen. Und vernimm noch eins, was ich dir
-in deiner Redeweise vertrauen will. Die bescheidenen Leute in Erfurt
-und anderswo meinen, der Mann handelt unweise, welcher mit unbedecktem
-Haupt auf der Straße läuft, wenn der Hagel herunterschlägt. Besser täte
-er, sein Antlitz zu bergen, bis das Wetter vorübergerauscht ist.«
-
-»Das ist gute Lehre,« versetzte Heriman demütig, »zumal wenn sie ein
-König gibt. Aber wir im Lande haben ein Sprichwort, womit wir uns
-trösten: je treuer der Sinn, desto dicker der Kopf.«
-
-Als Heriman das Gemach verlassen hatte, sprach der König zu dem
-eintretenden Kämmerer: »Das ist ein redlicher Thüring. Sorge, daß er
-sein Geld ohne Verzug erhält.«
-
-
-
-
-12.
-
-Das Gericht des Königs.
-
-
-Auf niedriger Anhöhe stand unweit dem Mühlberg eine große Linde; dort
-wurde innerhalb gezimmerter Schranken dem König der Richterstuhl erhöht
-und Sitze für die Großen des Reiches, welche in seinem Gefolge ritten.
-Die Diener breiteten Teppiche und Polster auf das Holzwerk, das Banner
-des Königs ward aufgesteckt, der Rufer trat an den Eingang des Geheges
-und die Leibwächter schritten mit ihren Spießen in die Runde, das
-versammelte Volk abzuwehren. Die Frühlingssonne schien warm und die
-Lerchen sangen freudig von der Höhe, aber Landleute und Burgmannen,
-welche in großen Haufen herzugeeilt waren, hielten sich abseits,
-sprachen leise miteinander und sahen scheu nach dem Gerichtsbaum und
-zurück nach dem Dorfe, bei welchem das Lager des Königs war. Nicht die
-Ehrfurcht allein bändigte ihnen Stimme und Gebärden, sonst zogen sie
-wohl einem scharfen Gericht wie einem Feste zu und freuten sich, wenn
-das Haupt eines Missetäters auf den Rasen fiel; diesmal war den meisten
-der Mut beschwert, entweder weil sie dem Helden Immo wohlgeneigt waren,
-oder weil sie dem Grafen Gerhard geringes Glück gönnten.
-
-In gesondertem Haufen standen die freien Bauern vom Nessebach, in
-ihrer Mitte, der alte Baldhard mit Brunico und seinem Geschlecht,
-und Baldhard streckte den Arm nach dem Ring der roten Berge aus, auf
-welchen die Mühlburg ragte: »Seht dorthin.«
-
-Auf dem Grunde lag der weiße Wasserdunst, darüber strahlten die Höhen
-wie abgelöst vom Erdboden und wie von eigener Glut durchleuchtet. An
-den waldlosen Stellen schimmerte das Erdreich hier rosenfarben und
-blau, dort blutig rot. »Schaut alle,« rief Baldhard, »gleich rotem
-Golde glänzt Erde und Stein. Manches Mal sah ich den alten Götterschein
-an den Höhen, und jedermann aus der Umgegend kennt das Gleißen, das man
-schwerlich an anderen Bergen schaut. Aber niemals erblickte ich solches
-Feuer, und bekümmert fragen wir, was das blutige Licht dem alten
-Landgeschlecht bedeute, gegen welches heute der Richterstuhl gezimmert
-wird.«
-
-Alle starrten mit scheuer Verwunderung nach den Hügeln.
-
-Und Ruodhard, der Müller begann: »Die letzte Nacht war still und der
-Mond stand am wolkenlosen Himmel, dennoch hörte ich im Berge ein
-Dröhnen und Brechen; wie mit schweren Hämmern arbeiteten Riesenhände in
-dem Gestein und ich sah, daß die Grauwölfe heulend die Nasen hoben und
-in den Berg hineinfuhren.«
-
-Da rief eine rauhe Stimme: »Die in der Tiefe hausen, rüsten sich, um
-junge Helden zu empfangen, welche vom Tageslicht geschieden werden.«
-
-Brunico stöhnte und wandte sich ab.
-
-»Beklagst du die Söhne Irmfrieds?« frug die Stimme neben ihm. Brunico
-sah auf eine riesige Gestalt in einem Rock von Wolfsfellen, das
-buschige Haar des Mannes starrte wild um das Haupt, in dem Gurt steckte
-eine Axt mit neuem Stiel. »Jammervoll ist dieser Tag, Eberhard,«
-murmelte der Knappe.
-
-»Du hattest dich einem von ihnen gelobt,« versetzte der Hirt finster,
-»ich aber war allen Sieben ein Knecht von den Vätern her. Darum bin ich
-neugierig zu sehen, wie meine Herren auf ihrem eigenen Grunde von einem
-Fremden geschlagen werden.«
-
-»Wisse, Eberhard, der König selbst ist gekommen zu richten.«
-
-»Bis heute waren die Söhne Irmfrieds Könige des Waldes, trifft ein
-fremder König die Sieben in den Nacken, wie mag ihr Knecht sich noch
-seinen Herrn suchen? Der Stiel ist neu und das Eisen ist scharf.
-Schwingt keiner der Herren die Axt in den Baum, so hebt der Knecht
-selbst die Axt zu einem Herrenwurf, und er wählt sich das Ziel. Von
-meinen Ebern bin ich entwichen, damit ich den fremden Richter schaue,
-weißt du mir ihn zu zeigen?«
-
-»Du wirst ihn erkennen, wenn er auf dem Richterstuhl sitzt,« antwortete
-Brunico und wandte sich scheu von dem Wilden ab.
-
-Der König ritt aus seinem Hofe auf das Feld hinaus. Die Leute sahen,
-daß er einen Hauptmann der Reisigen zu sich winkte, und daß dieser nach
-dem Lager der Königsmannen eilte. Gleich darauf tönten von dem Anger
-Hörner und das Getöse einer aufbrechenden Schar.
-
-Als der König herankam mit großem Gefolge von Geistlichen und Laien,
-klang der Heilruf nicht freudig wie wohl sonst, und der König merkte
-das und schaute düster über die Haufen. Die Leute vernahmen, wie der
-Rufer Stille gebot und des Königs Gericht nach den vier Winden ausrief,
-und sie drängten schweigend an die Schranken. Als darauf Immo zum
-Hügel geführt wurde zwischen entblößten Schwertern und nach ihm seine
-Brüder, da hörte man trotz dem Gebot des Schweigens lautes Klagen und
-Jammern der Weiber, und viele knieten nieder, hoben die gefalteten
-Hände und taten Gelübde, damit die Heiligen sich der Angeklagten
-erbarmten.
-
-Der König setzte sich auf den Richterstuhl und ergriff den weißen Stab,
-an welchem das goldene Königszeichen einer Lilie ähnlich glänzte.
-Erzbischof Willigis trat mit den Bischöfen und Edlen, welche der König
-zu Ratgebern gewählt hatte, vor den Stuhl und begann: »Da des Königs
-Würde selbst den Spruch tun will gegen den edlen Thüring Immo wegen
-Raubes einer Jungfrau und wegen Friedensbruch, so ist uns das Vorrecht
-geworden, im Rat zu sitzen über die Tat und die Rache. Denn so ist es
-Brauch, wenn der Spruch des Königs gegen das Leben eines Edlen geht.
-Was wir befunden haben, verkündet jetzt mein Mund dem Könige, wenn
-seine Hoheit es vernehmen will.« Der König winkte und der Erzbischof
-fuhr fort: »Gegen die ruchbare Tat des Helden Immo und seiner Brüder
-hat Graf Gerhard Klage erhoben wegen des nächtlichen Raubes seiner
-Tochter Hildegard aus dem Dach der Herberge, und daneben mein Vogt zu
-Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer Verwundung seiner Reisigen.
-Darum möge die Gerechtigkeit des Königs erwägen, ob die schwere Tat
-verübt wurde gegen die Jungfrau selbst, gegen den Vater und gegen den
-Frieden der Stadt. Bekunden ehrliche Zeugen, daß der Mann Immo ein
-Räuber der Magd war, so büße er mit seinem Haupt und Leben. Hat er nur
-durch gezücktes Schwert den Frieden der Straße geschädigt, so möge der
-König ihn strafen, nicht an seinem Leben, aber an seinen Gliedern,
-an seiner Freiheit, an Gut und Habe, wie es dem König gefällt. Seine
-Gesellen aber, weil sie als jüngere Brüder die Treue des Geschlechtes
-erwiesen haben, möge der König strafen oder verschonen.«
-
-Der König antwortete: »Ich rühme den Rat, den ihr Bischöfe und Herren
-gefunden, als gerecht und billig.« Aber hart war der Ausdruck seines
-Angesichts, als er auf die Gefangenen hinsah.
-
-»Sind hier alle Söhne des toten Irmfried versammelt? Von sieben
-Nestlingen hörte ich singen und sagen.«
-
-Gundomar trat heran. »Einer ist zurück, der jüngste Sohn Gottfried;
-schuldlos ist er, Herr, und hat keinen Teil an diesem Frevel seiner
-Brüder.«
-
-»Ist er schuldlos, warum wird er dem Auge des Königs entzogen?« frug
-Heinrich, »brachtest du ihn von der Burg, so führe ihn her.«
-
-Gundomar eilte aus dem Ring und Gottfried trat in die Schranken. Er
-trug das Panzerhemd, das ihm die Brüder geschenkt hatten, um das runde
-Gesicht ringelten sich die goldenen Locken. In holder Scham stand er
-da; auf eine leise Mahnung seines Begleiters trat er näher, kniete vor
-dem König nieder und senkte sein Haupt.
-
-Der König sah überrascht auf den Knaben. Im Kreise der Herren erhob
-sich ein beifälliges Gemurmel und aus dem gedrängten Volke klangen
-Heilrufe der Männer und Segenswünsche der Frauen. Der König erkannte,
-daß die Edlen und das Volk ihn rühmen würden, wenn er dem Unschuldigen
-seine Gnade erwiese. Und da ihm der Knabe gefiel, so gedachte er
-bei sich, das Geschlecht nicht ganz zu vernichten, sondern diesen
-zu bewahren und er sprach gütig zu ihm: »Steh auf und sieh mir ins
-Gesicht.«
-
-Gottfried starrte aus seinen großen Augen so erstaunt den König an,
-daß dieser lächelte. »Tritt näher,« gebot er, faßte den Knaben bei
-der Hand und strich ihm über die Wange. »In jungen Jahren trägst du
-das Eisenhemd, wer hat dich so früh mit dem Schwert gewappnet, du
-Singvogel? Noch ziemt dir nicht der wilde Flug. Danke den Heiligen, daß
-jene dich bei ihrem nächtlichen Ritt zurückließen.«
-
-»Gern wäre ich mitgeritten,« antwortete Gottfried arglos, »und mich
-reut gar sehr, daß ich's verschlafen habe.«
-
-Da lachten die Herren ringsum über die Kinderstimme und nickten
-einander zu. »Ich merke,« sagte der König, »wir sind hier in dem Lande,
-wo schon die Nestvöglein trotzig singen, wenn auch ihre Stimme noch
-fein ist. Daß du den Ritt verschlafen hast, Knabe, war dir diesmal
-größeres Glück als die beste Heldentat. Sieh auf deine Brüder; der
-einzige bist du aus deinem Hofe, der ein Schwert trägt, obgleich es in
-deiner Hand noch schwerlich tiefe Wunden schlagen wird.«
-
-Gottfried sah erschrocken auf seine Brüder, gürtete sich schnell das
-Schwert ab und legte es dem König zu Füßen. »Verzeiht mir, Herr König,
-ich will nicht anders gehalten sein als meine Brüder, laßt mich das
-Unglück, das sie trifft, auch teilen,« und er lief von dem König zu den
-Gefangenen und stellte sich als letzter in ihre Reihe. Aber Gundomar
-ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zum Stuhl des Königs zurück.
-»Hebe dein Schwert auf,« befahl der König gnädig, »damit ich dich
-selbst damit umgürte; als Kriegsmann sollen dich, Gottfried, Sohn des
-Irmfried, von heute an meine Edlen ehren.«
-
-Da erhob sich ein Summen und Brausen in der versammelten Menge, und
-es verstärkte sich zu einem donnernden Heilruf für den König, so daß
-dieser wieder befremdet über das Volk sah. Denn die Leute hofften, daß
-die Huld, welche der König dem Jüngsten erwies, eine gute Vorbedeutung
-sei für das Schicksal der anderen Brüder. Aber solche, die den König zu
-kennen meinten, urteilten anders.
-
-Der König gebot: »Führt die Jungfrau herein.«
-
-Gestützt auf Edith trat Hildegard in die Schranken. Ein beifälliges
-Murmeln ging durch die Versammlung, als die Frauen vor den Königsstuhl
-traten. Würdig verneigte sich Edith und stand mit gehobenem Haupte in
-der Versammlung; und der König, welcher gedachte, daß sie sich stolz
-hielt, weil sie von den Ahnen her dem königlichen Stamme verwandt
-war, faßte mit der Hand an die Lehne seines Stuhles und hob sich ein
-wenig aus dem Sitz, indem er sich gegen sie neigte, um die Abkunft
-zu ehren. Ediths Augen suchten die Söhne. Als sie Immo erkannte, das
-bleiche Antlitz und die schmerzvollen Züge, da tat sie einen Schritt
-auf ihn zu, aber sie bezwang sich und hob nur die Hand segnend gegen
-ihn. Neben ihr stand Hildegard, die Augen zum Boden gesenkt, ängstlich
-griff sie nach der Hand ihrer Begleiterin, um sich daran zu halten.
-»Dies ist deine Tochter Hildegard, Graf Gerhard?« frug der König, und
-als der Graf sich bejahend verneigte, fuhr er fort: »Wenig gleicht
-sie dir, doch auch vom knorrigen Stamme kommt süße Frucht. Wahrlich,
-mancher von meinen jungen Helden wird über die Missetat des Räubers
-nicht erstaunen. Fasse Mut, Jungfrau, denn der Richter, welcher jetzt
-frägt, ist dir wohlgesinnt. Über dem Thüring Immo hängt die Klage, daß
-er dich mit Gewalt und entblößtem Schwerte aus dem Frieden meiner Burg
-Erfurt geraubt und durch seine Gesellen in sein festes Haus geführt
-hat. Ob es Raub einer Jungfrau war, die widerwillig der Gewalt folgte,
-das erkennt der Richter aus dem Notschrei der Geraubten; denn wie dem
-Mann das gezückte Eisen, so hilft der Jungfrau die Stimme. Hast du dich
-gesträubt gegen die Entführung durch abwehrende Hand, und wenn die Hand
-gebändigt war, durch den Mund, so sprich, damit wir dein Magdtum ehren
-und die Tat des Räubers erkennen.«
-
-Hildegard hielt sich an Edith fest. Es wurde so still im Raum, daß
-man das Summen einer Mücke gehört hätte, aber kein Laut drang aus den
-zuckenden Lippen der Jungfrau.
-
-Da trat Erzbischof Willigis zu der Schweigenden und sprach mit
-väterlicher Milde: »Zum Dienst der Heiligen bist du bestimmt; deshalb
-mahne ich dich freundlich, daß du alle Furcht abtust, denn du sprichst
-jetzt für deine eigene Ehre. Der Richter frägt, ob der Mann, der zu dir
-in die Herberge drang, dein Trauter war oder dein Räuber. Darum, hast
-du dir Hilfe gefordert, so antworte nur ein: Ja, ich habe.«
-
-Im Angesicht der Jungfrau wechselte Blässe und hohe Röte, aber sie
-schwieg. Wieder ging ein Geflüster durch die Versammlung und manche
-Lippe verzog sich zum Lächeln. Graf Gerhard aber drängte sich vor und
-rief ängstlich: »Möge die Hoheit des Königs Nachsicht üben mit meinem
-armen Kinde, dem jetzt die Angst und Scham den Mund verschließt. In
-jener Nacht aber hat sie gerufen, wie einer sittsamen Jungfrau geziemt,
-Zeter und Waffen, und hat sich gesträubt, so sehr sie vermochte, als
-die Räuber sie auf das Roß schwenkten.«
-
-»Da du selbst den Schrei nicht gehört hast, und die Jungfrau nicht
-reden will, so rufe Zeugen, wenn du deren hast,« gebot der König.
-
-Graf Gerhard eilte an die Schranken und führte den Wirt des Hessenhofes
-herbei. Der Mann kniete nieder und bekannte: »Laut gellte der Notschrei
-einer Weiberstimme aus dem Gemach, in welchem die Jungfrau rastete, und
-als ich vom Lager sprang und mit meiner Waffe in das Zimmer eilte, fand
-ich es leer, auf der Straße sah ich Reiter davonsprengen und erkannte,
-daß einer die Jungfrau vor sich auf dem Rosse festhielt.«
-
-»Der Notschrei klang von den vier Wänden,« bestätigte der König, »doch
-sah der Zeuge nicht, ob es die Jungfrau war, welche rief. Hauste das
-Grafenkind allein in der fremden Stadt?«
-
-»Nur ihre Dienerin kam mit ihr,« antwortete der Graf, »ein unfreies
-Mädchen.«
-
-»Warum ist sie nicht zur Stelle?« frug der König. »Du hörst, Beklagter,
-etwas fehlt an dem Zeugnis gegen dich. Vermagst du den Spruch gegen
-dich weniger schwer zu machen durch deinen Eid und den Eid deiner
-Helfer, so darfst du schwören, daß die Jungfrau dir ohne die Notklage
-gefolgt ist.«
-
-»Ich schwöre nicht gegen ihre Ehre,« antwortete Immo, »was mir auch
-darum geschehe.«
-
-Da hob Hildegard das bleiche Antlitz ein wenig und begann leise: »Einen
-Goldfaden sandte ich ihm und er bewahrt ihn an seinem Herzen, die
-Sommerlinde auf der Idisburg sah es und weiß es, daß er mich küßte. In
-der brennenden Stadt stand ein steinernes Kreuz, so wahr das Kreuz dort
-steht, so wahr ist es, daß er mich aus den Händen der Mörder gelöst hat
-durch seinen Arm und sein Schwert. Dann kam er in der Nacht, in der ich
-angstvoll am Boden lag, weil ich die Liebe zu ihm im Herzen trug und
-doch am nächsten Morgen zu den Heiligen sollte; er weiß es wohl, daß
-ich schwieg, als er mich auf das Roß seines Freundes hob.«
-
-In der Stille, welche diesen Worten folgte, hörte man nur das Stöhnen
-des Vaters, welcher sich abwandte und die Hände vor sein Antlitz hielt.
-
-»Folgtest du freiwillig, ohne deiner Kindespflicht zu gedenken,« frug
-der König, »wer denn tat den Klageschrei? Weiß jemand Antwort zu geben,
-der antworte, damit der Zeuge nicht als meineidig erkannt werde.«
-
-An den Schranken rührte sich's unter den Bürgern, welche aus Erfurt
-herbeigeeilt waren. Frau Kunitrud wurde von Heriman und andern
-vorgeschoben und der Rufer öffnete ihr auf einen Wink des Erzbischofs
-die Schranken. Sie warf sich auf die Knie, und begann mit geläufiger
-Stimme, während sie mehrmals aufstand und wieder niederkniete, bis
-sie in der Nähe des Königstuhls beharrte: »Es wird kein Brei so heiß
-gegessen als er gekocht ist, und ein Kind aus Burg Erfurt traut sich
-auch noch vor dem Könige zu reden, zumal wenn er jung ist. Alles kann
-ich auf das genaueste verkünden, Herr König, denn ich selbst habe
-die Entführung erlebt, und sie war das Ärgste nicht, was ich erlebt
-habe; schlimmere Gewalttat geschieht in der Welt, und noch dazu von
-Leuten, welche weniger gutherzig sind als dieses junge Blut. Ihr sollt
-wissen, Herr König, daß ich in jener Nacht bei der edlen Hildegard
-war. Reisemüde saß sie oder sie lag auf dem Boden und rang die Hände,
-wie es ihr gerade gefiel. Da vernahm ich draußen Getümmel und Klappern
-von Pferdehufen und ich tröstete die edle Hildegard und sagte ihr: Das
-tut nichts, es sind nur volle Brüder, welche gegeneinander die Messer
-zücken und es ist des Königs Wache, sie werden sich untereinander
-raufen, wie sie oft tun. Da sprang die Tür auf und der Held Immo
-trat ein, ganz in Eisen, und er fuhr auf die Jungfrau zu, welche wie
-ein Rohr wankte, da sie ihn sah; er faßte sie und rief: »Mußt du
-Zeter schreien, Kunitrud, so harre, bis ich zu Rosse bin.« Ich schlug
-erschrocken die Hände zusammen, und lief an das Fenster, riß die Decke
-weg und sah hinab, aber ich sah nur Undeutliches in der Finsternis, bis
-ich mich endlich besann und das Geschrei erhob, wie sich geziemte.«
-
-Der König winkte und der Rufer bedeutete der behenden Frau zu
-schweigen, worauf sich diese wieder mit Kniebeugungen aus den Schranken
-zurückzog.
-
-»Folgte das Weib widerstandslos dem heischenden Manne,« entschied der
-König, »so vermag der Richter nicht ihre Ehre zu rächen, sie selbst hat
-sich ihres Rechtes begeben und ist Mitschuldige der Gewalttat. Denn
-nicht ihr stand zu, sich den Gemahl zu wählen, sondern ihrem Herrn und
-Vater. An der Jungfrau hast du, Schwertloser, durch den Raub keinen
-Frevel geübt; der Richter fragt, ob du ihn geübt hast gegen Gerhard
-den Grafen. Dieser aber hat, wie du selbst sagst, dir sein Kind nicht
-verlobt, sondern er wollte es nach dem Wunsch des Königs geschleiert
-den Heiligen weihen. Weißt du, Immo, was dich von dieser Missetat
-entschuldigt, so verantworte dich.«
-
-Die Lippen Immos bewegten sich, aber er schwieg.
-
-Da Immo auf die Frage, welche für sein Leben entscheidend war, nicht
-antwortete, hob Edith mit einem Klageschrei die Hände zum Himmel, eilte
-durch die Versammlung zu ihrem Sohn und umschlang ihn mit ihren Armen.
-Er aber warf sich vor seiner Mutter nieder und barg sein Gesicht in
-ihrem Gewande.
-
-Unter den Brüdern entstand eine Bewegung, Odo trat ein wenig vor
-und begann auf einen Wink des Richters: »Immer wünschen wir, daß der
-König uns gnädig sei, zumal wenn wir vor ihm sprechen sollen und doch
-behender Worte nicht sehr mächtig sind. So geht es jetzt mir. Was aber
-die Klage des Grafen Gerhard angeht, so behaupte ich, Odo, Irmfrieds
-Sohn, und mit mir meine Brüder Ortwin und Erwin, Adalmar und Arnfried,
-daß die Klage völlig eitel und nichtig ist, und wenn des Königs Huld
-uns Schwert und Roß gewähren will, so sind wir Fünf, die wir jetzt
-schwertlos stehen, bereit, dies gegen den Grafen Gerhard und vier
-ehrliche Kämpfer seiner Freundschaft zu erweisen, überall, wo die Sonne
-scheint, die Luft weht und der Anger grünt.«
-
-Der König sah verwundert auf den jungen Helden, dem man wohl anmerkte,
-wie er die Worte bedächtig erwog, während er die grauen Augen und
-das unbewegte Gesicht auf die Versammelten richtete. »Du bist ein
-verwegener Gesell, daß du die Klage über eine ruchbare Missetat
-ungehörig schiltst. Du selbst hast die geraubte Jungfrau auf der Burg
-verschlossen.«
-
-»Ich bin nicht mein Bruder,« versetzte Odo trocken, »mir war auch
-bisher ganz wohl in meiner eigenen Leibeshülle. Die Klage aber geht
-gegen den Helden Immo und nicht gegen mich. Darum ist sie grundlos und
-für jedermann ist deutlich, daß mein Bruder die Jungfrau nicht geraubt
-hat. Sie hat den Rücken seines Rosses nicht berührt; als sie in der
-Nacht unter den Sternen dahinfuhr, war er gar nicht in ihrer Nähe, als
-sie hinter dem Burgtor abgehoben wurde, lag er weiter von ihr entfernt,
-als die Stadt von der Burg. Wir im Lande aber strafen nur die schwere
-Tat, nicht schweren Willen. Was er gewollt hat, darum mögen sich die
-Unsichtbaren kümmern, welche, wie uns die Priester sagen, sogar die
-Gedanken eines Mannes erspähen, der Richter unter der Linde spricht nur
-über ruchbare und greifbare Tat.«
-
-Der König musterte mit scharfem Blick den stattlichen Jüngling. »Wenn
-ich dich und deine Brüder betrachte, so wundert mich nicht, daß ihr
-die Sache wieder von des Königs Bank hinweg auf die Beine eurer Rosse
-bringen wollt. Ich merke, du wagst vor dem König Haare zu spalten. Was
-jener nicht vollbrachte, tat einer seiner Blutgesellen.«
-
-»Dies gerade ist es, was ich der Gerechtigkeit des Königs sagen wollte.
-Ungern redet ein Mann gegen sich selbst. Auch ich erinnere hier nur
-daran, daß er schuldlos an der Tat erkannt werden möge, weil er der
-älteste von uns Brüdern ist und wie ich wohl weiß, unserer Mutter der
-liebste. Und ich fürchte, sein Tod würde ihr das Herz brechen. Muß also
-Strafe das Haupt eines Mannes treffen, weil das Grafenkind auf ein Roß
-geschwenkt wurde, so darf doch nicht mein Bruder für die Tat büßen, die
-ein anderer vollbrachte. Hätte Graf Gerhard diesen andern verklagt, so
-dürfte der andere sich nicht beschwert fühlen.«
-
-»Du selbst warst der andere?« frug der König.
-
-»Die Jungfrau wurde dem gereicht, der das stärkste Roß hatte,«
-versetzte Odo vorsichtig. »Das Roß wurde vor Jahren von dem Weidegrund
-des Königs nach Thüringen geführt, es ist vom besten sächsischen
-Schlag.«
-
-»Auch der Reiter, wie ich merke,« versetzte der König. »Tritt zurück,
-Jüngling; die Klage nennt nach Recht den Urheber, er gab den Rat, er
-stiftete die Tat, ihm frommte das Vollbringen. Du aber warst nur sein
-Gehilfe. Zum andern Mal frage ich dich, Immo, weißt du etwas, was dich
-entschuldigt, so sprich.«
-
-Immo stand in hartem Kampf, er wußte wohl, daß Gerhard in Wahrheit
-niemals der Vermählung günstig gewesen war, er selbst hatte früher dem
-König gestanden, daß der Graf ihm kein Versprechen getan habe, und
-obwohl er jetzt in Todesnot war, so erschien ihm doch nicht mannhaft,
-an nichtige Worte des Gegners zu mahnen. Während er mit seinen Gedanken
-rang, ob er reden sollte oder schweigend den harten Spruch erwarten,
-begann der König, zu dem Erzbischof gewandt: »Als die Ratgeber mir
-durch euren Mund, hochwürdiger Vater, ihren Rat kündeten, haben sie,
-so scheint mir, eines nicht erwogen. Der Thüring Immo war es, welcher
-dem Grafen zu Hilfe kam, als dieser in Kerkernot saß. Denn hätte der
-Jüngling nicht vor mir das Knie gebeugt, so würde der Graf einem
-schweren Schicksal nicht entgangen sein. Damals nun hat, so scheint
-mir, der Jüngling von dem Grafen selbst ein Versprechen erhalten,
-welches die Tochter betraf. Hat aber der Jüngling den Raub verübt auf
-Grund eines Gelöbnisses, das er von dem Vater empfing, so würde seine
-Verschuldung gegen den Gerhard gering erscheinen, denn er hätte durch
-empfangenes Versprechen ein Recht auf die Jungfrau gewonnen, wenn auch
-der Raub ein Frevel gegen den König und den Stadtfrieden war.«
-
-Da drängte sich Graf Gerhard eilig hervor und rief laut in dem Ringe:
-»Keinerlei Gelübde hat der Räuber erhalten, und kein Schwur vermag ihm
-zur Entschuldigung zu gereichen; weder die Tochter noch irgend etwas
-anderes habe ich ihm verheißen, damit er tue, was mir zum Heil helfen
-konnte. Ganz ohne Entgelt wagte er, was für ihn kein schwerer Dienst
-war, da des Königs Gnade über denen, die im Unglück sind, ohnedies
-barmherzig waltet. War ich ihm einen Dank schuldig, so hätte ich ihm
-wohl etwas Gutes erwiesen durch ein Roß oder ein stattliches Gewand,
-wie es im Lande Brauch ist, nur nicht durch so unerhörten Lohn, wie das
-Magdtum meines Kindes.«
-
-»Wie?« rief Heinrich, »war er so töricht, deine Sünden zum Könige zu
-tragen, ohne den Brauch der Welt zu üben und an den eigenen Vorteil
-zu denken? Ungern mag ich das glauben, wenn auch du es sagst. Sprich
-selbst, schwertloser Mann, redet der Graf die Wahrheit?«
-
-Durch Immos Seele fuhr ein heißer Schmerz; hätte er den Schwur des
-Grafen angenommen, vielleicht würde er jetzt der Gefahr enthoben und
-zuletzt doch mit der Geliebten vereinigt. Die Lehre, welche er vom
-Vater Bertram gekauft hatte, mochte Unglück und Tod über ihn bringen.
-Und doch hörte er in diesem Augenblicke der Entscheidung wieder das
-feierliche Flüstern des alten Mönches, das ihn damals mit Ehrfurcht
-erfüllt hatte, und in seiner Seele schrie es, daß der Rat hochsinnig
-und ehrlich gewesen war. Darum sprach er leise in der Versammlung: »Der
-Graf redet die Wahrheit, ich empfing keinen Schwur von ihm, weder um
-seine Tochter noch um etwas anderes, und ich habe mir sie geraubt, wie
-Kriegsleute in der Not tun, weil sie mir lieber ist als mein Leben.«
-
-»Nun denn,« rief der König, »so sprich, was trieb dich damals, ein
-unholder Bote des Grafen zu werden?«
-
-»Mich jammerte, daß der Edle gegen einen Ehrlosen kämpfen sollte, und
-mehr noch als das Schicksal des Gebundenen ängstigte mich die Trauer
-der Jungfrau. Und Herr, wenn ich alles sagen darf, wie es mir damals
-erging, ich trug den Brief wahrhaftig in Einfalt und treuem Sinne,
-denn ich wußte und bedachte nicht, daß ich meinem huldreichen Herrn
-Ungünstiges reichte.«
-
-Da flog ein heller Schein über das Angesicht des Königs. War es ein
-Sonnenstrahl oder ein Wetterleuchten aus seinem zornigen Gemüt,
-das wußten die Herren nicht, die den König mit gespanntem Blick
-betrachteten.
-
-Nur der Erzbischof erkannte, daß in dem Gemüt des Königs etwas vorging;
-und da Willigis ein sehr kluger Herr war, so dachte er der veränderten
-Meinung des Königs Genüge zu tun, um zugleich sich selbst einen Gewinn
-zu schaffen, den er sich seit lange ersehnte. Deshalb begann er: »Alle
-preisen wir des Königs Huld, welche auch an dem schuldigen Mann das
-Ehrenwerte zu ehren weiß, und viele gibt es hier, welche ein mildes
-Urteil für ihn ersehnen. Keiner aber wagt für ihn zu sprechen, weil
-er an der Kirche und den Heiligen gefrevelt hat, indem er ein Weib
-entführte, welches der König dem Herrn verloben wollte. Darum ziemt
-vor andern mir, meinen Herrn und König flehend zu mahnen, daß er
-sowohl der Kirche eine Sühne gewähre, als auch dem Schuldigen Leben
-und Ehre erhalte. Möge der Weisheit des Königs gefallen, den Berg und
-die Burg, welche Held Immo verwirkt hat, den Heiligen zu übergeben,
-damit sie fortan dem Erzbistum gehören, und damit ich einen Lehnsmann
-hinaufsetze, entweder den Helden Immo selbst oder einen andern, wie es
-dem Könige gefällt.«
-
-Der König sah überrascht auf den Erzbischof. Er gedachte der Worte,
-welche ihm Heriman zugetragen hatte, und ihm gefiel gar nicht, den
-mächtigen Priester zum Herrn im Lande zu machen. Dennoch konnte er die
-Hilfe desselben nicht entbehren, und so saß er, das Gesicht freundlich
-ihm zugewandt, aber in seinem Herzen meinte er es weit anders. Denn ihm
-hatte noch diesen Morgen im Sinn gelegen, die Mühlburg für sich selbst
-zu behalten, aber sie vielleicht als Lehn des Reiches einem Manne
-aus Irmfrieds Geschlecht zu übergeben. Darum hatte er heimlich seinen
-vertrauten Kriegsmann auf die Burg gesandt, welcher in Abwesenheit der
-Herrin einen Versuch machen sollte, die Besatzung zu täuschen oder zu
-überwältigen, und er hatte ihm geboten, stracks eine Stelle der Mauer
-zu brechen, damit des Königs Macht sichtbar werde. Jetzt gefiel ihm
-dieser Gedanke noch mehr.
-
-Während der König auf die Antwort sann, hörte er das Rauschen eines
-Gewandes. Ein Mönch kniete zu seinen Füßen, es war Reinhard aus
-Herolfsfeld, der Vertraute seines Kaplans, des frommen Godohard. Er
-winkte dem Demütigen zu: »Was begehrst du, Vater Reinhard, der du jetzt
-durch Herrn Bernheri zum Präpositus deines Klosters ernannt bist?«
-
-»Nicht aus eigenen Gedanken, sondern nach dem Willen meines Herrn
-Bernheri wage ich Unwürdiger in dieser hohen Versammlung zu bitten,
-zunächst, daß Herr Willigis mir verzeihe, wenn ich anders spreche, als
-ihm selbst gefällt. Die Mühlburg liegt nahe den Hufen und Wäldern,
-welche dem heiligen Wigbert gehören, und keine Sicherheit hat das
-Kloster in Thüringen zu hoffen, wenn nicht der Gewappnete, welcher
-auf der Mühlburg haust, dem Kloster gehorcht. Auch ist bereits ein
-Heiligtum auf dem Berge, welches St. Wigbert selbst geweiht hat, und
-das edle Geschlecht des Helden Immo betet seit der Urzeit an den
-Altären des Klosters. Darum flehe ich, daß es der Gnade des Königs
-und auch der Weisheit des Erzbischofs gefallen möge, den Berg und die
-Burg meinem Kloster zu gewähren, damit dieses einen treuen Kriegsmann
-hinaufsetze, der auch dem Könige wohlgefällig ist.«
-
-Der König sah das zornige Gesicht des Willigis und um seinen Mund
-zuckte ein schadenfrohes Lächeln, denn ihm war lieb, daß die zweite
-Bewerbung leichter machte, dem Erzbischof für jetzt seinen Wunsch zu
-verweigern. Er hinderte also die Gegenrede, welche der Erzbischof
-vorbereitete, indem er antwortete: »Uns ziemt demütige Erwägung, wenn
-zwei so fromme Väter sich dasselbe Gut begehren. Da du aber mir sagst,
-daß das Geschlecht des edlen Immo sich längst den heiligen Wigbert zum
-Beschützer und Fürbitter erwählt hat, so will ich dich, Immo, selbst
-fragen: Wie kommt es doch, daß ihr seither vermieden habt, den heiligen
-Wigbert als Herrn zu erkennen. Übel hast du, so scheint es, dich
-beraten, daß du dich der Lehnshoheit des Heiligen entzogst, denn er
-vermöchte dir jetzt vielleicht die Mauern zu erhalten.«
-
-Was der König sagte, fiel schwer auf das Herz des bedrängten Mannes,
-dennoch trat er mit gehobenem Haupte vor: »Herr, was ich als freies
-Erbe von meinen Vätern überkommen habe, das wollte ich in Ehre und Wert
-unvermindert den Nachkommen überlassen; immer war der Stolz meiner
-Ahnen, keinem Lehnsherrn zu dienen.«
-
-»Und doch würdest du jetzt froh sein,« warf ihm der König prüfend
-entgegen, »wenn du dein Erbe wenigstens als Besitz aus der Hand der
-Kirche zurückerhieltest, damit du hättest, wo du dein Haupt birgst.«
-Immo schwieg. »Antworte mir,« befahl der König.
-
-Immo kniete nieder. »Da mein Herr und König mich frägt, so will
-ich, obwohl in Todesnot, eine ehrliche Antwort geben. Kleiner wird
-alljährlich die Zahl der Freien im Lande, mein Geschlecht aber saß seit
-der Urzeit auf diesem Grunde. Nicht vom König und nicht von der Kirche
-stammt unser Recht, sondern von der milden Himmelssonne selbst erbaten
-meine Ahnen ihr Eigen, bevor König und Kirche im Lande herrschten.
-Wenig liegt mir am Leben, da ich doch alles verloren habe, worauf ich
-hoffte; aber ein Vasall werde ich nicht.«
-
-In dem Kreise der Edlen entstand eine Unruhe und Heinrich rief:
-»Wahrlich, der König mag zufrieden sein, daß das Erbe deines Hauses nur
-klein ist, denn du steigst über den Adler und fährst höher in deinen
-Gedanken, als die Großen des Reiches, welche selten verschmähen, auch
-von anderen als dem Könige Land und Leute zu empfangen. Nicht unwahr
-reden die Menschen, wenn sie euch die kleinen Könige aus dem Wald
-nennen. -- Jetzt aber gedenke vor allem, ob du der Not dieser Stunde
-entrinnest. Als den Räuber seiner Tochter hat dich Gerhard verklagt,
-und zum drittenmal warne ich dich. Rede, wenn du etwas weißt, was dich
-gegen ihn entschuldigt, denn du redest für deinen Hals.«
-
-Da sprach neben dem Könige eine leise Stimme: »Lieber Herr König, ich
-weiß etwas.« Heinrich winkte den jungen Gottfried an sein Ohr, dann
-befahl er ihm laut zu reden. Der Knabe trat in den Ring vor den Grafen
-und begann mutig: »Was mein Bruder verschweigt, daran will ich mahnen:
-Gedenke Graf Gerhard, daß du einst meinen Bruder Immo einen Frosch
-nanntest, der aus dem Weiher zu der Königstochter hinaufhüpft. Damals
-fordertest du selbst, daß mein Bruder ihr Geselle werden sollte, und
-du befahlst der Hildegard, weil sie den kalten Frosch nicht anrühren
-wollte, daß sie es doch tun mußte. Aus einem Becherlein haben sie
-getrunken und aus einem Schüßlein gegessen und mit einem Goldfaden
-haben sie sich gebunden, den sie meinem Bruder Immo geschenkt hat.
-Heute widerstrebst du mit Unrecht, daß er ihr Gemahl wird, denn du
-selbst hast deine Tochter dazu angestiftet, daß sie ihn wert halten
-sollte.«
-
-Der König frug ergötzt: »Was weißt du auf die Sage des jungen Helden
-zu antworten? Hast du selbst den Jüngling und die Jungfrau vertraulich
-gemacht, wie darfst du dich beschweren, daß sie auch später sich
-zueinander gesellten?«
-
-Da rief Graf Gerhard zornig: »Habe ich jemals einiges von dem
-Frosch gesagt, so vermag der König leicht zu ermessen, daß dies nur
-scherzweise und beim Trunk geschehen ist, wie man mit Kindern wohl
-zuweilen handelt. Im Ernst aber habe ich nie daran gedacht, den Helden
-aus den Waldhecken zum Gemahl für mein Kind zu wählen, denn damals
-stand er noch in Klosterzucht und später hatte er die Gunst des Königs
-verloren. Auch war dieses Geschlecht eines Zaunkönigs, welcher hier
-gegen mich piept, mir und meinen Mannen oft feindselig und abgeneigt.«
-
-Da errötete Gottfried im Eifer und rief: »Darf ich ihm noch einmal
-antworten, Herr König? Eine andere Sage hörte ich in den Waldhecken,
-die er schmäht, daß einst Wolf Isegrim, ein Graf unter den vierfüßigen
-Tieren, das Nest der Zaunkönige verspottete, aber teure Buße zahlte er
-dafür. Denn die Vögel aus den Lauben begannen einen Streit gegen ihn
-und als sie in einer Waldlichtung aufeinander trafen, da wurde dem Wolf
-das Fell gerauft und Isegrim stand am Abend mit entblößtem Haupt an
-dem Nest der Zaunkönige und bat demütig vor allem Volk die kränkende
-Rede ab. Laßt euch erzählen, wie Wolf Isegrim damals Abbitte tat. Der
-jüngste Nestling aus dem Geschlecht, das er geschmäht hatte, wurde ihm
-gegenüber gestellt, und vor ihm mußte der Wolf sich demütigen. Merke
-wohl, Graf Gerhard, ich weiß das genau, denn der junge Vogel war ich
-und du warst der Wolf.«
-
-Der Graf wurde zornrot und unwillkürlich tastete seine Hand nach der
-Schwertseite. Aber im Kreise der Herren erhob sich ein schallendes
-Gelächter und Gottfried fuhr fort, indem er dem Grafen näher trat und
-nach dem Schwerte desselben wies: »Bei diesem Kreuz wurde beschworen,
-daß die Fehde abgetan sein sollte und aller Groll vergessen. Und beim
-Mahle trug ich dir die erste Kanne Wein zu, und ich, den du jetzt wegen
-seiner Stimme schmähst, sang dir den Willkommen. Denke auch daran, Graf
-Gerhard, wie du damals zu meinem Bruder sprachst: Sehr leid tut es mir,
-Immo, daß der König mit meiner Tochter anderes im Sinne hat; wenn ich
-mit ihr verfahren könnte wie ich wollte, so meine ich, sie würde es
-nirgends besser haben als bei euch in den Waldlauben, und gern würde
-ich sie dir gewähren, da ich weiß, daß sie dir lieb ist. So hast du
-geredet, und so hast du selbst ihm den Mut gegeben, sich die Braut zu
-holen.«
-
-Wieder ging ein Summen und Lachen durch den Ring, der Graf suchte
-ängstlich im Angesicht des Königs zu lesen und niederkniend sprach
-er: »Ich flehe, daß die Weisheit des Königs nicht vergangene Reden zu
-meinem Schaden gelten lasse. Denn wenn ich auch hie und da bessere
-Gesinnung gegen den Helden Immo hatte, durch den Raub der Jungfrau und
-durch den Friedensbruch ist er und sein Geschlecht aus Frieden und Ehre
-gesetzt und kein Edler kann billigen, daß ich mein Kind, auch wenn es
-nicht geschleiert wird, einem von jenen dort vermähle.«
-
-»Du hast ein Recht, so zu sprechen,« versetzte der König ernsthaft,
-»und mich freut's, daß du gelernt hast, strenge über einen Mann zu
-urteilen, der geraubt hat. Nicht vergebens hast du mich gemahnt, denn
-der König ist dazu gesetzt, jedem sein Recht zu geben, das er sich
-verdient hat.«
-
-Draußen klang Hufschlag; der Hauptmann trat gegenüber dem König in
-die Schranken, und warf einen ausgebrochenen Mauerstein vor dem
-Richterstuhl auf den Boden, zum Beweis, daß des Königs Befehl vollführt
-sei. Da hob Heinrich seinen Arm und rief den Söhnen Irmfrieds zu: »Die
-Burg eurer Väter ist in der Hand des Königs und harte Hände meiner
-Krieger werfen die Steine der Mauer, damit das Volk erkenne, daß der
-König Herr im Lande ist.« Die Versammlung erhob sich, die Gewappneten
-schlugen an die Waffen und riefen dem Könige Heil. Aber die Söhne
-Irmfrieds sprangen erschrocken zusammen und Edith sah bekümmert nach
-dem Helden Gundomar, der bei den Worten des Königs zuckte wie von einer
-Natter gestochen.
-
-Und der König fuhr fort: »Die Mauer breche ich so weit, daß der König
-mit seinem Heergefolge unter freiem Himmel hereinreitet; du Gottfried,
-magst die Mauer wieder aufbauen und für dein Geschlecht bewahren.
-Was dem König anheimgefallen ist durch den Frevel deiner Brüder, das
-gebe ich dir, dem Schuldlosen, zurück in deine Hand als dein freies
-Eigen, das du fortan behaupten sollst als ein Geschenk, das nicht von
-der Sonne stammt, sondern von der Gnade des Königs. Denn dem Könige
-liegt auch am Herzen, die alten Landherren zu schützen, wenn sie nicht
-Bedrücker ihrer Nachbarn werden.« Er wandte sich zu dem Erzbischof und
-zu Reinhard und fuhr heiter fort: »Darum mögen mir auch heilige Männer
-meines Landes nicht übel deuten, wenn ich ihren frommen Wunsch für die
-Kirche diesmal nicht gewähre. Oft habe ich gewährt, da sie oft bitten.
-Hier aber geht, wie ihr alle merket, der Handel um Königsgut zwischen
-zwei Königen, der eine bin ich und der andere ist hier der kleine König
-aus den Waldhecken, und darum will ich einem Herrn meinesgleichen nicht
-zuwider sein, wenn sein Krönlein auch nur klein ist.«
-
-Da der Erzbischof sah, daß der König ihm die Mühlburg versagte, so war
-ihm lieb, daß die Mönche von St. Wigbert sie auch nicht erhielten,
-sondern ein Knabe, den er sich einst geneigt machen konnte, und er
-antwortete lächelnd: »Der König hat weise entschieden und uns allen das
-Herz erfreut, indem er das Geschlecht eines seligen Bekenners vor den
-Edlen ehrte. Du aber, Jüngling, denke daran, daß du fortan als Herr auf
-eigenem Grunde gebietest.«
-
-Der Knabe stand nachdenkend, dann trat er vor den König. »Ist's an dem,
-lieber Herr König, daß ich jetzt Herr bin über die Mühlburg?«
-
-Der König zog einen Ring vom Finger und faßte die Hand des Knaben.
-»Schwach ist deine Hand, du mußt ihn auf dem Daumen tragen,« sagte er.
-»Wie ich diesen Ring hier abziehe und dir anstecke, so übergebe ich,
-was dem Reiche an Berg und Burg deiner Väter gehört, dir zu freiem
-Eigen.«
-
-Gottfried küßte die Hand des Königs und rief freudig: »Und ich darf mit
-dem Gut beginnen, wozu nur immer ein Herr sein Gut gebrauchen will?«
-
-»Das darfst du, Jüngling,« versetzte der König unruhig, denn er sah den
-jungen Burgherrn zwischen dem Erzbischof und dem Mönch Reinhard stehen.
-»Nur beachte wohl, daß du es nicht zum Schaden des Königs gebrauchst.«
-
-Da schlug der Knabe froh die Hände zusammen und rief: »Nicht zum
-Schaden des Königs, sondern zu seinem Nutzen, denn ich will der Burg
-einen Herrn geben, der dem Könige besser dienen kann als ich.« Und er
-zog den Ring von seinem Daumen, lief damit durch die Versammlung zu
-seinem Bruder Immo, kniete vor diesem nieder und rief: »Nimm den Ring,
-mein Bruder, und nimm den Berg aus meiner Hand und dulde, daß ich dich
-als meinen Herrn ehre, denn lieb bist du mir, und gütig warst du mir
-immer wie ein Vater.«
-
-Immo warf seine Arme um den Bruder, die Tränen brachen ihm aus den
-Augen und beide hielten einander umschlungen. Alles in den Schranken
-war still, die Augen des Königs leuchteten hell, aber auch er schwieg,
-bis Gottfried seinen Bruder an der Hand nahm und zum König fortriß.
-Dort warf sich der Knabe nieder, umfaßte die Knie des Herrn und wollte
-ihn anflehen, aber er legte das Haupt auf die Knie, hielt den König
-umklammert und schluchzte in seinem Schoß.
-
-Der König, dem ganz ungewohnt war, daß ihn Kinderarme umschlangen,
-machte zuerst, seiner Würde gedenkend, eine Bewegung, den Weinenden
-abzuschütteln. Aber das Zutrauen und das heiße Weinen bewegten ihm das
-Herz, und er sprach leise: »Habt ihr je, edle Herren, bessere Rede
-eines Bittenden gehört? Auch du schweigst, Immo, und auch dir rinnt Tau
-von den Wangen? Ist das euer Lied, womit ihr die Herzen rührt? Noch
-mehr!« fuhr er fort, als er sah, daß die Brüder und die Mutter vor ihm
-knieten, »ihr versteht gut, wie man eines Königs Gnade gewinnt, leise
-nur dringt der Gesang in das Ohr, aber er vermag wohl den Zorn zu
-tilgen. Steh auf, Knabe; und du tritt näher, Immo, dein Recht sollst
-du erhalten im Guten und Bösen, wie du verdient hast.«
-
-Mit bleichem Antlitz trat Immo vor den Stuhl des Herrn und beugte
-das Knie. »Ich sehe dich vor mir,« fuhr Heinrich fort, »wie an jenem
-Abende, wo du den Brief des Grafen zu meinen Füßen niederlegtest.
-Damals war ich unwillig, weil du zum Vorteil eines Andern schwere Sorge
-auf mein Haupt sammeltest und ich habe seitdem in meinen Gedanken
-mit dir gezürnt. Denn, Immo, ich war dir von Herzen zugetan, und ich
-vertraute ganz fest deiner Treue und deiner guten Gesinnung zu mir.
-An jenem Abend nun meinte ich mich von dir verraten, und daß du, um
-das Grafenkind zu gewinnen, die Treue gegen mich verleugnet hättest.
-Das tat mir von dir weh, und darum war seitdem dein Tun mir verhaßt.
-Heute aber habe ich erkannt, daß du redlich gegen mich warst, wenn auch
-unbedacht. Darüber bin ich froh. Und obgleich du gegen den Frieden
-des Landes gefrevelt und meinen Willen gekreuzt hast, und obgleich
-ich einen Spruch gegen dich finden muß als Herr, der über Recht und
-Frieden zu walten hat, so will ich dir doch vorher die Ehre geben, die
-der König einem Edlen gibt, der ihm lieb ist.« Der König erhob sich
-schnell, streckte die Hand nach dem knienden Immo aus, hob ihn auf,
-küßte ihn auf den Mund und lachte ihn freundlich an und sein Antlitz,
-das sonst bleich war wie das eines leidenden Mannes, rötete sich, wie
-einem geschieht, der sich heimlich freut.
-
-Als der König so huldreich dem Gefangenen seine Ehre gab, schlugen die
-Gewappneten mit den Waffen zusammen und riefen dem Könige Heil, und um
-die Schranken erhob sich ein Jubelgeschrei, welches nicht enden wollte.
-
-Aber den Freudenlärm übertönte ein so gellendes und ungefüges
-Jauchzen, daß auch eifrige Rufer erstaunt innehielten, und eine
-blinkende Axt flog aus dem Volkshaufen nach dem Gerichtsbaume und
-schlug krachend in das Holz des Wipfels. Als um den Werfer ein Tumult
-entstand und der König verwundert auf das Gedränge sah, eilte Brunico
-heran und auf einen Wink des Königs in die Schranken gelassen, erklärte
-er begütigend: »Der wilde Sauhirt tat es in übergroßer Freude, weil er
-den Hofbrauch wenig kennt.«
-
-Heinrich sah über seinem Haupt das Eisen durch die Äste blinken, er
-ahnte eine überwundene Gefahr und sprach lächelnd zu Immo: »~Subulcus
-surculos secat~[5]. Ist das eure Art, Ruten zu schneiden, wenn
-ihr einen widerwärtigen Schüler strafen wollt?« Und er nahm ein
-abgeschlagenes Reis, welches an seinem Gewand haftete und schlug damit
-auf Immos Finger.
-
-»Jetzt aber höre in Demut, auch was dir leidvoll wird,« begann er
-wieder mit Königsmiene und setzte sich auf dem Stuhl zurecht: »die
-Jungfrau, welche du entführt hast, damit sie dein Gemahl werde,
-verweigert dir der Vater, und du mußt ihr entsagen, wenn dir nicht
-gelingt, den guten Willen des Grafen für dich zu gewinnen. Bist du
-zufrieden mit dem Spruch, Graf Gerhard?«
-
-Der Graf stand in großer Verwirrung. Daß der König den Gefangenen durch
-einen Kuß ehrte, und ihm seine Ehre vor der Versammlung bestätigte,
-ängstigte ihn sehr, weil er die geheimen Gedanken des Königs falsch
-gedeutet hatte; und er vermochte, wie gewandt er sich sonst zu biegen
-wußte, doch nichts Schickliches zu erwidern, sondern stieß nur heraus,
-nach Art der Thüringe, welche ungern ja sagen: »Hm,« und »allerdinge,
-es ist, wie der König meint;« aber ihm ahnte, daß er in einem üblen
-Handel war, und daß der Richter ihm noch Arges sann. Dabei fiel sein
-umherirrender Blick auf Heriman, welcher außerhalb der Schranken dem
-König gerade gegenüber stand, und seine Angst wurde noch größer. Der
-König aber fuhr gegen Immo fort: »Da mein Vogt von Erfurt keine Klage
-gegen dich erhoben hat wegen deines nächtlichen Rittes, so besteht
-gegen dich die Klage der Erzbischöflichen wegen Tumults und schwerer
-Verwundung. Die Wunden wirst du nach Landesbrauch entschädigen, wegen
-des gebrochenen Stadtfriedens sollst du ohne Schaden an Leib und Leben
-das Land räumen. Und ich versage dir deine Heimat, Dach und Herd auf
-ein Jahr und einen Tag von morgen ab.« -- Ein leiser Klageton des
-Gefangenen zitterte durch die Luft.
-
-»Und nach Jahr und Tag,« fuhr der König fort, »falls die Heiligen uns
-gnädig sind, sollst du, Held Immo, deinen König zu dem Hochfest laden,
-das du feierst, wenn du dich vermählst. Ich selbst will zur Stelle
-sorgen, daß ich dir deine Braut werbe, denn ich habe nicht vergessen,
-daß du einst zwischen mir und meinen Feinden standest. Deshalb gedenke
-ich jetzt mit dem Grafen zu reden, ob er mir Gehör gibt. Manches weiß
-ich von seinen Gedanken und Taten, was vertraulich zwischen uns beiden
-bleibt, und ich weiß auch, daß er dir im Grunde wohl will, nur daß er
-des Königs Zorn scheut. Denn er hat nicht nur günstig über sein Kind zu
-dir gesprochen, er hat sogar damals, als du am Main von ihm rittest,
-schon den Goldstoff erworben, den ein Grafenkind schwerlich tragen
-würde, außer wenn sie sich einem König vermählt; und der König konntest
-doch nur du oder ich sein, ich aber habe meine Königin und du noch
-nicht. Habe ich deinen Sinn recht gedeutet, Graf Gerhard, so sprich.«
-Und Heinrich warf einen Herrenblick auf den Schuldigen, so daß dieser
-sich niederbeugend nichts weiter sagen konnte, als »Des Königs Weisheit
-rät immer das Beste.«
-
-»Dann rate ich dir auch, dem Goldschmied Heriman den Stoff zu bezahlen,
-und daß du ihm zu dem Preis das Fünffache darauf legst, damit der
-Schmied eine reiche Spende in die Hand meines hochwürdigen Vaters
-Willigis von Mainz opfere. Denn auch Heriman hat Ursache, den Heiligen
-dankbar zu sein, weil sie ihn damals und später aus großer Gefahr
-befreit haben. Du aber, Held Immo, sollst, bis Jahr und Tag vergangen
-sind, mit deinem Könige reisen, der jetzt seine Kriegsfahrt rüstet.
-Unterdes wird die Jungfrau im Hause der edlen Edith zurückbleiben, wenn
-der Vater, wie ich wünsche, die Herrin gleich zur Stelle darum bittet
-und diese es ihm gewährt. Du junger Gottfried bewahrst bis zur Heimkehr
-des Bruders sein Erbe und legst es ihm dann in seine Hand zurück, wie
-du schon heute getan; ihr andern Söhne des Helden Irmfried aber steigt
-auf die Rosse und folgt dem Bruder in meinem Heere. So oft die Speere
-an den Schilden der Welschen dröhnen, hoffe ich euren Gesang zu hören.«
-
-Der König erhob sich, legte den Richterstab in die Hand des
-Erzbischofs, und trat vor Edith.
-
-»Und jetzt, Base Edith, wenn der König durch die gebrochene Mauer
-reitet, willst du ihm dennoch freundlichen Willkommen sagen? Mit großem
-Gefolge komme ich und nur wenige Stunden werden wir dich beschweren;
-doch man rühmt ja, daß Speicher und Keller, wo du waltest, reichlich
-gefüllt sind. Heute sollst du deinen Stammgenossen und Vetter gastlich
-empfangen, denn als Freund schwingt sich des Reiches Aar zu dem Nest
-der Zaunkönige.«
-
-
-
-
-13.
-
-Schluß.
-
-
-Im Lande der Alemannen weilte der gebannte Immo auf einem Hofe des
-Königs, bis seine Wunde geheilt war und seine Brüder mit reisigem
-Gefolge dem Heere zuzogen. Als Heinrich über die Alpen nach Italien
-drang und durch Überraschung und Gewalt den Widerstand seiner Feinde
-brach, da führte Immo das Banner der freien Thüringe vom Walde, wie
-einst sein Vater getan; er und seine Brüder fochten in den Straßen
-Pavias gegen die empörten Welschen, und als König Heinrich von einem
-treuen Bischof in Pavia zum König des langobardischen Italiens geweiht
-wurde, klang auch Immos Heilruf unter den Säulen und Steintrümmern der
-alten Königstadt. Heinrich kehrte im Sommer nach Deutschland zurück,
-aber er ließ die Brüder als Wächter gewonnener Burgen durch den Winter
-in Italien.
-
-Seit jenem Gerichte war Jahr und Tag vergangen, ein neuer Sommer zog
-ins Land und kleine Blätter schlüpften aus den Baumknospen, da legten
-die Mannen Immos der Mühlburg festlichen Schmuck an, sie hefteten
-Fichtenkränze an Tor und Zinnen und breiteten schöne Teppiche aus
-dem Lande Italien an die Wände und über den Fußboden. Denn im Ringe
-seiner Edlen vermählte König Heinrich den Burgherrn mit der Tochter des
-Grafen, und der große Erzbischof erteilte den Vermählten den Segen
-der Kirche. Edith schritt im Brautzug an der Hand des Königs, gefolgt
-von sechs Söhnen; auch Graf Gerhard trat hinter dem König einher, er
-lächelte nach allen Seiten und freute sich, aber er war verfallen und
-gar nicht in seiner alten Kraft, denn auf dem Kriegszuge hatte ihn ein
-Pfeilschuß verwundet, und im Heere sagten sie, daß der Pfeil nicht
-aus welschem Köcher gekommen sei, sondern hinterrücks aus dem eines
-heimlichen Feindes. Da der Graf an der Wunde kränkelte, so sprach er
-öfter vertraulich mit dem Mönch Reinhard, denn ihn ängstigte jetzt
-seine Feindschaft mit den Wigbertleuten.
-
-Als am Abend des festlichen Tages der König in seinen nahen Hof
-zurückkehrte, folgte ihm Gundomar, welcher dem Feste fern geblieben
-war, in das Gemach. Heinrich hielt dem Helden den Becher entgegen:
-»Heute bin ich fröhlich, auch du glätte deine Falten auf deiner Stirn,
-denn Gutes bedeutet dieser Tag deinem Geschlechte.«
-
-»Alles ist dem König wohlgelungen,« versetzte Gundomar. »Ich aber flehe
-jetzt zu meinem Herrn, daß er mir nicht zürne, wenn ich mein Schicksal
-von dem seinen scheide.«
-
-Heinrich sah betroffen auf die ernsthafte Miene: »Unverständiges
-sprichst du. Da ich noch ein Kriegsmann war wie du, gelobten wir,
-einander Gesellen zu sein; an den Eid habe ich gedacht, auch wenn ich
-dir einmal zürnte. Wie willst du dich von mir scheiden?«
-
-»Als ich gestern durch die neu geflickte Mauer ritt, dachte ich daran,
-daß sie von meinem Herrn gebrochen wurde, obwohl ich der Frau, die
-dort oben gebot, angelobt hatte, daß der Bau meines Geschlechts ihr
-unversehrt zurückgegeben werden sollte.«
-
-»Du hattest es gelobt, nicht ich,« unterbrach ihn Heinrich.
-
-»Du hast getan nach Art der Könige. Denn sie üben das Vorrecht, das
-Gute für sich zu begehren, das Unrecht auf das Haupt ihrer Diener zu
-wälzen. Auch klage ich nicht darüber, denn ich weiß, auch den König
-zwingt die Königspflicht. Ich aber sah zerbrochen, was zu bewahren
-meine Pflicht war, und mir war diese Tat eine Mahnung, daß ich genug
-für meinen Herrn getan und gesündigt habe. Und ich saß im Abendlicht am
-Fuß der Mauer und sah in die untergehende Sonne, da erkannte ich, daß
-auch für mich das Tor des Himmels geöffnet wird.«
-
-»Du willst der Welt entsagen?« rief der Kaiser bestürzt. -- »Ich aber
-brauche dich; ein Undankbarer bist du, daß du mich verlassen willst,
-denn gütig war ich dir und oft habe ich deine harte Mahnung mit Geduld
-ertragen.«
-
-»Gütig war mein Herr, auch wenn er frug, ob die Treue des andern ihm
-nütze, gütiger noch ist der Herr in der Himmelshalle.«
-
-»Bist du unzufrieden, weil ich andere mehr ehre als dich, so fordere,
-Gundomar.«
-
-»Was du von dem einen nimmst, gibst du dem andern, das ist die Art der
-Mächtigen; ich aber wähle mir jetzt den Herrn, der jedem zu spenden
-weiß aus dem Schatz seiner Liebe.« Er hob eine goldene Kette vom Halse
-und legte sie zu den Füßen des Königs. »Dies war die erste Spende,
-die du mir gabst und vor allem Schmuck habe ich sie hochgehalten. Wie
-dieses Gold, so will ich hinfort alles entbehren, was ein Mensch dem
-andern zu schenken vermag.«
-
-Heinrich wandte sich gekränkt ab. Gundomar kniete an seiner Seite
-nieder und faßte seine Hand: »Laß mich dahinfahren. Gleichgültig ist
-mir alle Freude der Welt geworden. Wenn ich deine Ritter im Kampfspiel
-reiten sehe und die langen Züge der Wallenden in ihren Festgewändern,
-so scheinen sie mir wie spielende Kinder gegenüber den hohen Engeln,
-die ich im Abendlicht dahinschweben sehe.«
-
-Der König hielt traurig die Hand des Knienden fest und dieser fuhr
-fort: »Alle Liebe, die du je zu mir in deinem Herzen gehegt, laß sie
-den Knaben meines Geschlechts zugute kommen. Der junge Held, dem
-du heute deine Huld erwiesen, wird ihrer würdig sein. Er hat sich
-gesträubt gegen den fremden Willen, der ihn in das Kloster warf, damit
-er für die Schuld anderer büße. Jetzt tausche ich mit ihm. Der jüngere
-Held in blühender Jugend soll meinem König unter Waffen dienen, ich
-aber wende als müder Mann meine Schritte dem Kloster des heiligen
-Wigbert zu.«
-
- * * * * *
-
-Auf der Mühlburg saß Edith in dem hohen Herrenstuhl, zu ihren Füßen die
-sieben Söhne und im Ringe umher die vertrauten Gäste des Geschlechts:
-Heriman, das Haus Baldhards, voran Brunico und der Mönch Rigbert, auch
-Nalderich mit seiner Tochter und andere Freie aus den Nachbardörfern.
-Die Gäste schwenkten fröhlich die Festbecher, welche die junge Wirtin
-Hildegard ihnen mit holdem Lachen darbot. Als sie den Becher zu Brunico
-trug, reichte sie ihm die Hand: »Das nächste Hochfest feiern wir im
-Hofe deiner Braut und erflehen Segen für euch beide.« Und Immo mahnte
-seinen Klostergenossen Rigbert: »Jetzt ist die Stunde gekommen, wo du
-vom Kloster und von den Vätern berichten sollst.«
-
-»Gutes und Böses habe ich zu künden,« begann Rigbert. »Ganz verwandelt
-kehrte Tutilo vor einem Jahre in das Kloster zurück, er hatte mit König
-Heinrich seinen Frieden geschlossen und demütigte sich bei seiner
-Ankunft vor Herrn Bernheri. Dieser aber wurde täglich kränklicher,
-er stieg niemals mehr von St. Peter herab und warf in seinem Gemach
-mit dem Krückstock nach den Hirschgeweihen, weil er den Stock für
-einen Speer hielt. Der König jedoch wollte nicht leiden, daß dem
-Herrn Bernheri, solange dieser lebte, sein Amt genommen würde. Da nun
-Reinhard fast immer in der Nähe des Erzbischofs weilte, so wurde Tutilo
-wieder zum Präpositus erhoben und er herrschte in ganz neuer Weise;
-denn sonst hatte er wenig auf die Regel geachtet, jetzt aber wurde er
-hart und eifrig und versagte den Brüdern auch Erlaubtes. Du selbst
-magst ermessen, ob er das getan hat aus frommem Eifer oder aus einem
-anderen Grunde. Darum wurde der Widerwille der Brüder groß und mehr
-als einmal kehrten Unzufriedene dem Heiligtum den Rücken und liefen
-aus. So verbot Tutilo im letzten Herbst dem Vater Bertram, fernerhin in
-seinem Garten zu arbeiten, weil dieser sein Herz in sündiger Weise an
-die Obstbäume gehängt habe. Da stieß Bertram seinen Spaten in die Erde
-und ging schweigend in die Klausur zurück, Sintram aber saß seitdem
-kraftlos in seinem Garten und vermochte nicht mehr zu graben. Tutilo
-herrschte auch diesen an und bedrohte ihn mit Buße und Geißel. Als
-Bertram das vernahm, erhob er sich, und weil gerade wieder Brüder in
-Empörung von St. Wigbert scheiden wollten, schritt auch er trotzig aus
-der Klausur in den Garten, nahm seinen Spaten auf den Rücken und winkte
-Sintram, dasselbe zu tun. So zogen die beiden Alten in die wilde Welt,
-traurig war ihr Anblick für die wandernden Brüder, denn beide wankten
-vorwärts wie unter schwerer Last. Als sie nun zur Höhe gekommen waren,
-wo am Birkengehölz das steinerne Kreuz errichtet ist als Grenzzeichen
-unseres Glockenschalls, da läutete gerade die Glocke vom Turme des
-heiligen Michael. Der wandernde Haufe wandte sich um und manche klagten
-und weinten. Bertram aber sprach: »Weiter vermag ich nicht zu gehen und
-von der ehernen Stimme des Engels will ich mich nicht scheiden; wandelt
-ihr dahin und sucht Frieden in der Fremde, mir gefällt diese Stätte und
-hier will ich bleiben.« Auf der Stelle begann er eine Grube zu graben
-und die Brüder vermochten ihn nicht abzuhalten, denn er antwortete
-ihnen nicht mehr. Endlich verließen ihn die andern, nur Sintram blieb
-bei ihm. Am nächsten Morgen läutete dieser an der Klosterpforte und
-berichtete, daß sein Geselle Bertram in Frieden geschieden sei und
-daß er neben einem Grabe liege, das er sich selbst geschaufelt hatte.
-Sintram wankte in die Klausur zurück und blieb darin, bis sie ihn nach
-wenigen Tagen auch hinaustrugen. Der gute Vater Heriger setzte durch,
-daß die beiden an der Stelle bestattet wurden, wo die Glocke von St.
-Michael sie gemahnt hatte. Und gerade jetzt wird dem hohen Erzengel
-eine Kapelle über ihrem Grabe erbaut. Jetzt ist Herr Bernheri von uns
-geschieden, eine neue Ordnung beginnt für St. Wigbert und ein heiliges
-Leben. Auch ich fahre jetzt dahin zurück.«
-
-Immo hob die Hand gen Himmel. »Unter den Engeln weilt ihr liebe Väter,
-blickt günstig auf den Mann herab, den ihr als wilden Schüler gesegnet
-habt. Den guten Lehren, die ihr mir übergeben habt, verdanke ich Leben
-und Glück. Einem Spruch habe ich nicht gehorcht, der Mutter und den
-Brüdern habe ich zu lange meine Kriegslust geborgen, dadurch habe
-ich uns allen das Herz krank gemacht. Daß ich aber in der eigenen
-Bedrängnis meinen Helfer Heriman nicht im Stiche ließ, sondern die
-letzte Kraft daran setzte, ihn zu retten, das hat, wie ich merke, dem
-König bessere Gedanken über mich eingegeben, gerade als er mir am
-meisten zürnte. Und daß ich mir von Gerhard, als er in Not lag, nicht
-die Tochter angeloben ließ, das hat mir die Neigung des Königs und
-die Braut wiedergewonnen. Mein Erbteil habe ich nicht in fremde Hand
-gelegt, darum stehe ich jetzt als froher Herr auf freiem Eigen. So hat
-sich jede Lehre als heilbringend bestätigt.«
-
-Da rief Edith ihm zu: »Zornig trugst du das Schülerkleid. Dennoch
-sollst du heute die Mutter preisen, daß sie dich, den Widerwilligen, zu
-den Altären sandte. Denn nicht die Weisheit allein, sondern auch, was
-wenigen glückt, die liebe Hausfrau gewannst du dir unter den Mönchen
-durch die Klosterschule.«
-
-
- Druck von +August Pries+ in Leipzig.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
-[1] Erhöre, gütiger Schöpfer, unser Gebet und Flehen -- Gib, daß durch
-Enthaltsamkeit sein Sinn mäßig und nüchtern werde.
-
-[2] Willst du trinken Wein, mußt du schreiben Latein.
-
-[3] Höre, gütiger Schöpfer, unser Gebet und Flehen.
-
-[4] Der Frosch quakt lieblich in den grünen Blättern.
-
-[5] Der Sauhirt schneidet Reiser.
-
-
-
-
-Schriften von Gustav Freytag.
-
-
- Soll und Haben. Roman in sechs Büchern, 2 Bände. Gebunden M 8.--.
-
- Die verlorene Handschrift. Roman in fünf Büchern. 2 Bände.
- Gebunden M 8.--.
-
- Die Ahnen. Roman in 6 Bänden. Gebunden M 46.--.
- Erster Band: Ingo u. Ingraban. Gebunden M 8.50.
- Zweiter Band: Das Nest der Zaunkönige. Gebunden M 7.50.
- Dritter Band: Die Brüder vom deutschen Hause. Gebunden M 7.50.
- Vierter Band: Marcus König. Gebunden M 7.50.
- Fünfter Band: Die Geschwister. Gebunden M 7.50.
- Sechster Band: Aus einer kleinen Stadt. Gebunden M 7.50.
-
- Bilder aus der deutschen Vergangenheit. 4 Bände. Gebunden M 36.25.
- Erster Band: Aus dem Mittelalter. Gebunden M 8.50.
- Zweiter Band, 1. Abt.: Vom Mittelalter zur Neuzeit. (1200--1500.)
- Gebunden M 6.75.
- -- 2. Abt.: Aus dem Jahrhundert der Reformation. (1500--1600.)
- Gebunden M 6.--.
- Dritter Band: Aus dem Jahrhundert des großen Krieges. (1600--1700.)
- Gebunden M 7.50.
- Vierter Band: Aus neuer Zeit. (1700--1848.) Gebunden M 7.50.
-
- Ingo. Feldpostausgabe. M 1.50.
-
- Das Nest der Zaunkönige. Feldpostausgabe. M 2.50.
-
- Soll und Haben. Feldpostausgabe. M 8.--.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 10: Gefäß → Gesäß
- daß es das {Gesäß} des Vaters Sintram ist
-
- S 12: weist → weißt
- du selbst {weißt} ja am besten
-
- S. 34: führte → führte ihn
- und {führte ihn} in den Hofraum
-
- S. 46: ihr → ihre
- hatten die Knechte {ihre} Gespanne
-
- S. 55: ihn → ihm
- schob {ihm} den Becher hin und sagte leise
-
- S. 60: wählten → wählen
- den Genossen zum König {wählten} wollten
-
- S. 104: ihn sie → sie ihn
- hielt {sie ihn} an den Locken
-
- S. 128: finden → finde
- ich {finde} den meinen allein
-
- S. 138: Brüder unicht → Brüdern nicht
- zu rechten, steht uns {Brüdern nicht} zu
-
- S. 142: sehen → sahen
- Erschrocken {sahen} die Männer die wilde Tat
-
- S. 142: Bruder → Bruders
- die Schulter eines {Bruders} stützte
-
- S. 149: in → im
- er stand {im} Frieden, den der Mensch
-
- S. 169: Kriegmann → Kriegsmann
- der {Kriegsmann} machte ein schnelles Zeichen
-
- S. 197: statt »Mann« vermutlich »Mantel« (nicht korrigiert)
- Vergeßt den {Mann} nicht
-
- S. 204: schallt → schalt
- {schalt} und verhieß Belohnungen
-
- S. 228: einem → einen
- durch {einen} armen Priester seine Sünden
-
- S. 232: Köngis → Königs
- Nur den Bruder des {Königs} nannte er nicht
-
- S. 249: und → um
- {um} den Marktfrieden zu erhalten
-
- S. 310: meist → meisten
- Liebe der Mutter am {meisten} bedurft
-
- S. 322: der → des
- heute vor den Augen {des} Königs stehen
-
- S. 335: welchen → welche
- {welche} diesen Worten folgte
-
- S. 335: statt »volle« vermutlich »tolle« (nicht korrigiert)
- es sind nur {volle} Brüder
-
- S. 340: wurde → würde
- vielleicht {würde} er jetzt der Gefahr enthoben
-
- S. 342: Kloster → Klosters
- zum Präpositus deines {Klosters} ernannt bist
-
- S. 354: 12 → 13
- {13}. Schluß.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE ***
-
-***** This file should be named 51151-0.txt or 51151-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/1/1/5/51151/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/51151-0.zip b/old/51151-0.zip
deleted file mode 100644
index a1d156f..0000000
--- a/old/51151-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51151-h.zip b/old/51151-h.zip
deleted file mode 100644
index 702d908..0000000
--- a/old/51151-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51151-h/51151-h.htm b/old/51151-h/51151-h.htm
deleted file mode 100644
index b62e04a..0000000
--- a/old/51151-h/51151-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,13208 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.chapter {
- page-break-before: always;
-}
-
-h1, h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-.h2 {
- text-indent: 0;
- text-align: center;
- font-size: x-large;
-}
-
-p {
- margin-top: 1ex;
- margin-bottom: 1ex;
- text-align: justify;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.noind {
- text-indent: 0;
-}
-
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; }
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; }
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
-}
-
-.tdls {text-align: left; padding-left: 1em;}
-.tdr {text-align: right; vertical-align: bottom;}
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 90%;
- width: 8%;
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-size: small;
- text-align: right;
-} /* page numbers */
-
-.pagenum a {
- color: gray;
- /*border: 1px gray solid;*/
-}
-
-.blockquot {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.blockquot p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.smaller { font-size: smaller; }
-
-.antiqua {
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-size: 95%;
-}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-/* Images */
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;
-}
-
-/* Footnotes */
-.footnotes {border: dashed 1px;}
-
-.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
-
-.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
-
-.footnote p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.fnanchor {
- vertical-align: top;
- font-size: 70%;
- text-decoration: none;
-}
-
-/* Poetry */
-.poem {
- margin-left:10%;
- margin-right:10%;
- text-align: left;
-}
-
-.poem br {display: none;}
-
-.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
-
-.poem span.i0 {
- display: block;
- margin-left: 0em;
- padding-left: 3em;
- text-indent: -3em;
-}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Das Nest der Zaunkönige
- Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts
-
-Author: Gustav Freytag
-
-Release Date: February 8, 2016 [EBook #51151]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-Gustav Freytag</p>
-<h1>
-Das Nest<br />
-der Zaunkönige</h1>
-<p class="center">
-Erzählung aus dem Anfang<br />
-des 11. Jahrhunderts</p>
-<p class="center smaller">
-114.&ndash;123. Tausend</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-<p class="center">
-S. Hirzel Verlag Leipzig/1917</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/warstamp.png" alt="Zensurstempel" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch1">1.<br />
-Im Jahr 1003.</h2>
-</div>
-
-<p>Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda
-gießt, lag zwischen Wiesen und fruchtbaren Feldern das
-Kloster Herolfsfeld. Hohe Fürsten des Himmels waren
-seine Beschützer, denn die Klosterkirche umschloß die Reliquien
-zweier Apostel; doch den größten Eifer für das Gedeihen
-des Klosters hatten zwei Gefährten des heiligen
-Bonifacius bewiesen: Erzbischof Lullus, der die ersten
-Mönche auf das leere Feld führte, und der Heidenbekehrer
-Wigbert, dessen Gebeine erst viele Jahre nach seinem Tode
-im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch
-zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte. Als das
-stärkste von seinen Wundern rühmten die Leute, daß in der
-einsamen Landschaft ein mächtiges Menschenwerk entstanden
-war, Türme und hohe Kirchgiebel, um diese herum
-eine große Zahl von Gebäuden aus Stein und Lehm, deren
-wettergraue Holzdächer wie Silber in der Mittagsonne
-glänzten. Was man Kloster nannte, war in Wahrheit eine
-feste Stadt geworden, durch Mauern, Pfahlwerk und
-Graben von der Ebene geschieden. Länger als zweihundert
-Jahre hatten die Mönche gebetet, um den Gläubigen Heil
-und guten Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafür
-waren sie selbst reich geworden an irdischem Grundbesitz,<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-den ihnen fromme Christen in der bittern Sorge um das
-Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Dörfer und Weiler,
-welche ihnen gehörten, lagen über viele Gaue verteilt,
-nicht nur im Lande der Hessen, auch unter Sachsen und
-Bayern, vor allem in Thüringen. Ein guter Teil des
-Kirchengutes, das Bonifacius erworben hatte, darunter
-die ersten Schenkungen, welche die Waldleute in Thüringen
-zur Heidenzeit gemacht, gehörte jetzt dem Kloster, und wenn
-der Abt seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt
-aufrief, so zogen sie dem Lager der Sachsenkaiser zu
-als ein Heer von Reitern und Fußvolk, in ihrer Mitte der
-Abt als großer Herr des Reiches mit einem Gefolge von
-edlen Vasallen. Länger als zweihundert Jahre hatten die
-Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden Wald
-und das wilde Kraut gekämpft, hatten unermüdlich die
-Halmfrucht gesäet, Obstbäume gepflanzt und Weingärten
-eingehegt. So waren sie allmählich große Landbauer geworden,
-nach Tausenden zählten sie ihre Hufen, ihre zinspflichtigen
-Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter.
-Jetzt saßen sie in der Fülle guter Dinge als eine Genossenschaft
-von hundert und fünfzig Brüdern zwischen gefüllten
-Scheuern und springenden Herden, sahen vergnügt über die
-reiche Habe und ordneten selbst als umsichtige Landwirte
-das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen, deren Häuser
-im Zaun ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der
-Fulda zu einem großen Dorfe vereinigt waren. Doch nicht
-allein über Landarbeit, sondern über alles, was Handwerk
-und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten als
-Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt
-hatten. Neben dem Palast des Abtes und den Gasthäusern
-für Fremde, zwischen den Viehhöfen und Scheuern, dem<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-Brauhause und den weiten Kellergewölben erklang der
-schwere Hammer des Waffenschmieds auf dem Ambos,
-und daneben der kleine Hammer des Künstlers, welcher
-edle Steine in Gold und Silber zu fassen wußte für Kirchengerät,
-für kostbare Bücherdeckel und für Trinkgefäße des
-Abtes und vornehmer Gäste. Ein Bruder bewahrte den
-Schlüssel zu dem Rüsthaus, in welchem die Helme, Schwerter
-und Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer
-zählte den Gerbern die Häute zu, prüfte kunstverständig
-ihre Arbeit, mischte die Farbe und kochte die Beize für
-buntes Leder und Gewand. Und wieder ein anderer maß
-die Räume für neue Bauten, verfertigte den Riß und wies
-die Maurer an, wie sie den Gewölbbogen schwingen und
-dauerhaften Mörtel mischen sollten. Von weiter Ferne
-her zogen die Leute zum Kloster, nicht nur um bei den Gebeinen
-der Heiligen zu beten und durch Gaben das Gebet
-der Mönche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen
-Vorteil begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann
-fand Waren, die er gegen andere vertauschte, der große
-Grundherr holte sich den Bauplan für ein Steinhaus, das
-er auf luftiger Höhe errichten wollte oder bat um einen
-meßkundigen Bruder, der ihm fernes Wasser in seinen Hof
-zu leiten und einen Fluß mit steinerner Brücke zu überspannen
-wußte. Wer vollends krank war, der neigte sich
-flehend vor dem Arzte des Klosters und erhielt aus der
-Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger Salbe und den ruhmvollen
-Trank des heiligen Wigbert. Jeder Dürftige und
-Bettler im Lande kannte das Haus, denn er war sicher,
-dort Hilfe gegen den Hunger zu finden und gutherzige
-Spende an den nötigsten Kleidern. Was die einen in
-ihrer Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten,<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-um den Himmel zu gewinnen, das vermehrte vielen anderen
-die Freude des irdischen Lebens. Aber die Mönche selbst,
-die sich dem Herrn zu demütiger Entsagung und Buße geweiht
-hatten, wurden allmählich stolze Lehrer und Gebieter
-in weltlichen Dingen und vermochten nicht mehr mit der
-alten Klosterzucht Haus zu halten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf
-den Stufen des Hochaltars ein fremder Mönch in stillem
-Gebet. Stab und Reisehut hinter ihm ließen erkennen,
-daß er neu angekommen war; bei dem Reisegerät kniete
-ein junger Bruder des Klosters, der ihn begleitet hatte.
-In dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes saß der
-Dekan Tutilo, welcher Präpositus des Klosters war, ein
-hoher breitschultriger Mann mit jähzornigen Augen und
-buschigen Augenbrauen, er hielt die Hände nachlässig
-gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen
-Andacht kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl
-der Väter, welche das Gebet abwarteten, nur wenige der
-Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen, unter ihnen Heriger,
-der Kellermeister, ein fröhlicher Mann und Liebling der
-Brüder, dem alle gern dienten und der jeden mit freundlicher
-Rede gefügig machte, dann der Pförtner Walto,
-welcher Sprecher des Klosters war, als kluger Herr wohlbekannt
-im ganzen Lande; auch die beiden Alten, Bertram
-und Sintram, zwei Sachsen, welche mit ihren runden
-Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen
-wie Zwillinge und deshalb von den Mönchen im Scherz
-die Stiefel genannt wurden; sie waren an einem Tage
-ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle und
-arbeiteten beide in den Gärten; was einer wollte, gefiel<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-auch dem andern und sie wandelten stets zusammen, obgleich
-sie schweigsam waren und auch miteinander nicht
-viel redeten.</p>
-
-<p>Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem
-Haupt vor den Dekan trat, ergriff dieser seine Hand,
-führte ihn in die Mitte des Chors und neigte ihm das
-Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen Worte sprach,
-an denen die Priester und Würdenträger von der Regel
-Benedikts einander erkannten. »Gesegnet sei dein Eingang,
-mein Bruder Reinhard,« antwortete der Dekan
-mit rauher Stimme, welche von der Decke zurückhallte,
-und gab den Bruderkuß, worauf der Fremde den andern
-Brüdern dasselbe tat. »Nicht mühelos wird das Lehramt
-sein, zu dem du aus der Schulstube des Klosters
-Altaha gerufen bist, denn du wirst harte Köpfe finden
-und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen Wigbert
-fehlt es nicht an Bäumen, um Ruten daraus zu schneiden.
-Komm, daß ich dir unsere Häuser zeige und die
-Walstatt, auf welcher du den Krieg gegen die Unwissenheit
-führen sollst.« Er ging voraus, die Brüder
-folgten, zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät
-des Fremden.</p>
-
-<p>Tutilo führte in die Klausur, die große Burg des Klosters,
-welche zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte.
-Sie enthielt die Wohnungen der Mönche und der geweihten
-Schüler, die von ihren Eltern in den Zipfel der Altardecke
-gewickelt waren, damit sie einst Mönche würden. Das Haus
-stand im Viereck um einen freien Platz, von allen Seiten
-nach außen geschlossen, nur durch die Kirche war der Eingang
-und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und Nebengebäuden.
-In der Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-einen Brunnen, und nach dem Hofe öffnete sich der
-ganze Bau, denn ein weiter Säulengang zog sich am Unterstock
-den vier Seiten entlang und die Mauer des Oberstocks
-erhob sich auf den schön gemeißelten Steinsäulen. Zwischen
-die Säulen waren bequeme Holzbänke gestellt, damit die
-Brüder bei schlechtem Wetter lustwandeln oder ausruhen
-konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz verlassen stand das Haus,
-der Fremde vermochte kein geschorenes Haupt zu entdecken,
-obgleich in dieser Stunde die Regel den Brüdern erlaubte,
-sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo merkte die
-suchenden Blicke des Bruders und auf den Säulengang
-weisend, erklärte er: »An anderen Tagen würdest du die
-Hände oft rühren müssen, wenn du die Menge der Brüder
-und Schüler an den Fingern abzählen wolltest, heut aber
-sind sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwül, ein
-Wetter droht und das ganze Gesinde des heiligen Wigbert
-arbeitet im Heu. Dies ist alter Brauch des Klosters, er
-stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten Väter, jetzt
-freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald
-wirst du ihr Gewimmel merken, wenn sie zurückkehren.«</p>
-
-<p>Als sie die innern Räume betraten, sah der zugewanderte
-Bruder in dem großen Refektorium einen Kredenztisch mit
-schönen Bechern und Trinkkannen, darunter nicht wenige
-von edlem Metall, und als er in einen Gang kam, an welchem
-Zellen der Brüder lagen, erblickte er durch die offenen Türen
-große Stühle mit seidenen Kissen belegt, auf den Lagerstätten
-weiche Kopfkissen und lodige Decken von buntgefärbter
-Wolle, die mit gestickten Borten eingefaßt waren,
-daneben große Truhen und metallene Leuchter mit Wachslichtern
-oder schwere vergoldete Lampen, auf einem Tische
-sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein und Tieren,<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-so daß er merkte, wie die Mönche unter Gerätschaften, die
-sie sich selbst erworben hatten, ganz gemächlich hausten.
-Und Reinhard, obwohl er als Mönch gewöhnt war, seine
-Zunge zu hüten, konnte den Ausruf nicht unterdrücken:
-»Gleich weltlichen Fürsten wohnen die Knechte des Heiligen.«</p>
-
-<p>Tutilo merkte das Mißfallen, aber er erwiderte stolz:
-»Auch ich meine, daß unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen
-dürfen, wenn sie sich mit den Weltleuten vergleichen. Doch
-was du hier von eigenem Gut der Brüder etwa gesehen
-hast, gehört nur den Dekanen und den Alten, denn diese
-allein haben die Lizenz.«</p>
-
-<p>Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte
-dem jungen Mönch zurückzubleiben, zog einen großen
-Schlüssel aus der Tasche und öffnete in dem Kreuzgang eine
-niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern wieder verschloß.
-Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen
-und Vorratshäusern vor einem stattlichen Holzbau, um den
-ein Laubengang führte. Doch auch hier war alles leer, die
-Lichtöffnungen des Hauses waren mit Fensterglas und Blei
-verschlossen, aber die Scheiben waren erblindet und manche
-Raute war zerschlagen. »Du weißt ja wohl,« fuhr Tutilo
-mit düsterer Miene fort, »daß Herr Bernheri, unser Abt,
-es verschmäht, unter den Brüdern zu wohnen. Dort oben
-auf dem Berge St. Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich
-hergerichtet, dort haust er mit denen, die ihm am liebsten
-sind, und selten betritt sein Fuß diesen Herrenhof. Oben
-hört man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt und der
-Hirsch schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote,
-welche er aus der Höhe zu uns sendet. Hier beginnt wieder
-dein Reich,« fuhr er fort und geleitete in einen andern umhegten
-Hof. »Hier ist die äußere Schule, worin die Schüler<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-zu übermütigen Weltgeistlichen erzogen werden; dreißig
-Scholastiker zählte das Kloster, erst seit dem Tode deines
-Vorgängers hat sich die Zahl vermindert. An der ersten
-Bank sitzen nur Söhne von Edlen, meist Thüringe und
-Hessen, trotzige Knaben sind darunter, ungern fügen sich die
-stolzen darein, im Kloster zu dienen.«</p>
-
-<p>»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras?« frug der
-Fremde.</p>
-
-<p>»Einen wenigstens magst du sehen,« versetzte der Kellermeister
-Heriger leise und wies nach der Höhe. In dem
-Schalloch des Glockenturmes saß ein Jüngling und starrte
-hinaus auf die Höhen im Osten, ohne die Mönche im Hofe
-zu beachten. »Es ist Immo, der Thüring, er hängt oft dort
-oben und immer sieht er nach derselben Himmelsseite, weil
-dort seine Heimat liegt!«</p>
-
-<p>Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick:
-»Erkenne ich ihn recht auf seinem luftigen Sitze, so sieht er
-mehr einem jungen Kriegsmann ähnlich, als einem Schüler,
-der auf das heilige Öl und die Stola hofft.«</p>
-
-<p>»Du wirst ihn wild und tückisch finden,« versetzte Tutilo.
-»In den ersten Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen,
-jetzt tun ihm Hunger und Geißel not, und du würdest ihn
-vielleicht im Keller auf dem Stroh erblicken, statt dort in hoher
-Luft, wenn die Brüder nicht allzuoft an das Verdienst seines
-Ahnherrn dächten.«</p>
-
-<p>»Denn wisse, mein Bruder,« fuhr Heriger fort, »er ist
-aus dem Geschlechte eines seligen Helden, der, wie sie sagen,
-zugleich mit dem heiligen Bonifacius von den Heiden erschlagen
-wurde. Sein Ahnherr war es, zu dem der Heilige
-in der Todesnot seine letzten Worte sprach, welche in den<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-Büchern geschrieben stehen: Wirf dein Schwert von dir!
-Und darum haben auch von je die Männer und Frauen
-seines Geschlechtes unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.«</p>
-
-<p>Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut
-die Bibliothek und die Stube der Schreiber. Der Fremde
-betrat ein kahles Gemach; die beiden Fenster waren durch
-Glas und Blei verschlossen, aber große Spinnengewebe
-hingen an Wand und Rahmen, und durch die Scheiben
-drang nur ein trübes Zwielicht, so daß eine brennende
-Lampe das Beste tun mußte, um den Raum zu erhellen.
-Vor der Lampe saß am Pult ein schreibender Mönch. Langsam
-erhob er sich, als die Brüder eintraten, und noch während
-er den Ankömmling begrüßte, waren die kleinen Augen in
-seinem runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet.</p>
-
-<p>»Willst du deinen Augen Pönitenz antun, Vater Gozbert,«
-begann Tutilo verwundert, »daß du das Sonnenlicht
-aussperrst?«</p>
-
-<p>»Es muß ein dunkler Nebel in der Welt sein,« versetzte
-der Mönch, »denn es will nicht hell werden.«</p>
-
-<p>»Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern
-die Bosheit anderer,« rief Tutilo, das Fenster öffnend,
-»sieh her, die Scheiben sind von außen durch trübe Farbe
-verdunkelt und merke, jemand hat dir einen üblen Streich
-gespielt.«</p>
-
-<p>»In Wahrheit, draußen scheint die Sonne,« sagte der
-Mönch, »ich erkenne Lehm und Kienruß an den Scheiben.«</p>
-
-<p>»Ich aber weiß, wer die Ungebühr gegen dich geübt hat,
-entweder selbst oder durch die Jungen,« sagte Tutilo, »denn
-der Scholastikus Immo leitet die Knaben zu vielem Frevel
-an. Doch sein Maß ist voll.« Und auf Reinhard blickend<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-fuhr er fort: »Vater Gozbert ist ein Künstler in der Schrift,
-wenige verstehen sich besser auf jede Art von Duktus.«</p>
-
-<p>Gozbert ging zu einem Bücherbrett, schlug einen Kodex
-auf und zeigte mit Selbstgefühl die Blätter, auf welche
-Buchstaben mit bunten Farben gemalt waren.</p>
-
-<p>»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglättet,«
-lobte der Fremde.</p>
-
-<p>»Durch den Stein Achates,« erklärte Gozbert und blätterte
-zum Anfange zurück, dort war als großes Bild ein
-Kaiser auf seinem Stuhl und zur Seite vier Frauen, tief
-gebeugt mit seltsamen Kronen auf dem Haupt, jede eine
-Mulde in den Armen, worin etwas Undeutliches lag, darüber
-standen die Namen von vier Ländern, welche zum
-Reich gehörten. »Ich selbst habe den Weibern die Verneigung
-erdacht,« sagte Gozbert stolz, »denn in der alten
-Handschrift, die wohl noch aus der Urzeit der Römer stammt,
-standen sie gerade.«</p>
-
-<p>»Niemand merkt, daß es das <span id="corr010">Gesäß</span> des Vaters Sintram
-ist, welches Gozbert viermal gebildet hat,« erklärte Heriger
-mit lustigem Augenzwinkern, »denn Sintram mußte oft gekrümmt
-stehen mit den Händen am Türpfosten, während
-Gozbert zeichnete.« Der Schreiber warf einen mißbilligenden
-Blick auf den Sprecher und zeigte mit dem Finger auf
-das rötliche Gesicht des Kaisers. »Herr Otto der Rote
-seligen Andenkens.«</p>
-
-<p>»Ich aber will unsern Vater rühmen,« fuhr Heriger fort,
-»denn schwerlich wird man einen Schreiber unter den Lebenden
-finden, welcher mehr geschrieben hat; vierzig Jahre lang
-schreibt er bei uns jeden Tag im Sommer und Winter;
-fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner Hand und
-nicht wenige sind zum Tausch gegeben gegen andere.«</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes,
-aber seine kleinen Augen glänzten. »Wenn es mir nur nicht
-an Pergament gefehlt hätte,« sagte er, »und an Büchern
-zum Abschreiben.«</p>
-
-<p>»Vielleicht wird es möglich, daß du von dem Kloster,
-aus dem ich komme, ein gutes Buch geliehen erhältst,«
-tröstete Reinhard.</p>
-
-<p>»Was es auch sei,« versetzte Gozbert erfreut, »ich schreibe
-es gern, wenn du oder ein anderer Gelehrter mir sagt, daß
-keine Sünde darin steht. Denn die heiligen Namen zeichne
-ich mit Rot aus und die Übles bedeutenden Namen in den
-profanen Büchern habe ich immer weggelassen, so oft ich
-ihre Tücke merkte. Manche Nacht habe ich in Ängsten gewacht
-und oft hat mir beim Schreiben geschaudert, ob ich
-nicht vielleicht etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele
-schaden könnte. Endlich bin ich gewarnt worden, daß ich
-die sündigen Bücher meide.« Er schlug das Kreuz und
-wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche, während
-die andern, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl
-kannten, einander bedeutsam ansahen. »Merke auf jenen
-Holzkrug, mein Bruder,« fuhr Gozbert fort, »in welchem
-ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug, diesem gleich,
-stand an derselben Stelle, als ich gerade einiges von dem
-Heiden Ovidius schrieb. Da hörte ich hinter mir den Deckel
-klappen, ich wandte mich um und mein Haar sträubte sich,
-der Krug stand still, aber zuweilen hob sich der Deckel und
-schlug wieder abwärts, wie von innerer Gewalt getrieben.
-Ich rief die Heiligen zu Hilfe, plötzlich sah ich zwei Hörner
-aus dem Krug ragen und wieder verschwinden. Im Entsetzen
-stieß ich den Krug um und sogleich sprang der teuflische
-Geist, einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich, aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-Holz, fuhr in dem Zimmer umher und endlich durch den
-Türritz hinaus, indem er bösen Nebel und Gestank zurückließ.
-Ich aber erkannte die Warnung.«</p>
-
-<p>»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen,«
-bemerkte Heriger, »so würden manche vermuten, daß es ein
-junger Hase gewesen sei, den der Thüring Immo heimlich
-in den Krug unseres Vaters gesetzt hatte.«</p>
-
-<p>»Es war der Teufel,« versetzte Gozbert unwillig. »Seitdem
-schreibe ich nur heilige Bücher.«</p>
-
-<p>»Du hast sicher das beste Teil erwählt, mein Vater,«
-tröstete Reinhard grüßend, und sie schieden aus der Zelle.
-Der Schreiber aber setzte sich wieder zu seinem Pult; oben
-webte die Spinne und unter ihr schrieb der Mönch.</p>
-
-<p>Tutilo wurde gesprächiger, als sie die Höfe betraten, in
-denen die Arbeiter des Klosters unter Aufsicht der Mönche
-für Handwerk und Landbau tätig waren. »Du siehst, Bruder,«
-begann er das Haupt erhebend, »nicht gering ist das
-Haus des heiligen Wigbert, sein Segen hat die Keller und
-Scheuern gefüllt, wie gierig auch die Grafen und Dienstmannen
-ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken.
-Und jetzt, da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen
-Herdsitz gewiesen, jetzt berichte auch du, wenn dir gefällt,
-was du außerhalb des Klosters erfahren hast, denn wildes
-Gerücht geht durch die Lande, daß die Kinder der Welt in
-neuem Zwist gegeneinander toben.«</p>
-
-<p>»Zürne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht
-auf der Stelle genüge,« versetzte Reinhard demütig, »du
-selbst <span id="corr012">weißt</span> ja am besten, daß der Mund des Bruders, der aus
-der Ferne kommt, verschlossen sein muß, bis die Erlaubnis
-des Herrn Abtes ihn öffnet.«</p>
-
-<p>Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. »Statt<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-des Abtes stehe ich hier und mein ist das Recht, dir die Zunge
-zu lösen.«</p>
-
-<p>Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und
-flehte die Hände erhebend: »Verzeih, mein Vater, daß ich
-dir Unmut erregte, da ich dir Gehorsam schuldig bin im
-Staube; nur was die heilige Regel mir gebietet, meinte ich
-zu tun. Selbst wünsche ich, daß du alles wissest, denn schwere
-Kunde bringe ich aus dem Lande, aber auch dir würde es
-gefallen, wenn du der Abt wärest, daß ich eher dir als andern
-die Botschaft verkündete.«</p>
-
-<p>Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an
-den verlegenen Mienen, daß sie das Recht des Flehenden
-erkannten, darum schwieg er und ließ den Mönch zu seinen
-Füßen liegen, bis Heriger, der Kellermeister, begann: »Da
-der Bruder sich nach Gebühr demütigt, so rate ich, daß du
-selbst ihn nach St. Peter zu unserm Herrn Abt begleitest,
-damit auch wir erfahren, was dem Kloster zum Heil oder
-Unheil werden mag; vor allem aber, daß du es wissest, da
-du jeden Tag um unser Wohl zu sorgen hast.«</p>
-
-<p>Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber
-er bezwang sich und antwortete dem Liegenden mit einer
-Stimme, der man den Ärger wohl anmerkte. »Ungern
-wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe, doch will ich
-dein Gewissen, mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe dich
-und harre mein an dem Tore. Du aber, Walto, gebiete, mein
-Roß zu satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der
-Höhe erbitte.« Er wandte sich ab und hörte nicht darauf, wie
-der Kniende sich dem Gebet der Brüder empfahl. Reinhard
-erhob sich hinter dem Rücken des Präpositus und schritt mit
-gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem Ausgange des
-Klosters zu. Tutilo aber entließ die Brüder, welche ihn begleitet<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-hatten und sprach zu seinem Vertrauten Hunico:
-Ȇbles weissagt die fremde Biene in unserm Stock. Der
-Narr ist von der neuen Zucht, welche die Füße küßt und
-Faustschläge in den Nacken gibt, er wird die Becher der
-Brüder zählen und um einen gekochten Kalbskopf die Geißel
-schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen,
-der wird auch dem König und den Grafen nicht widerstehen,
-wenn sie uns die Zehnten und Hufen nehmen und das
-Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit des Lullus war, wo die
-Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr gutes Glück
-priesen, wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug
-gereicht wurde. Ich aber meine nicht umsonst die Speicher
-gefüllt zu haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch wir
-einen neuen Abt, welcher das Kloster erhöht und nicht erniedrigt;
-denn es leben wenige Fürsten im Reiche, die so
-stark sind als wir sein könnten, wenn ein Mann auf dem
-Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling.« Er schritt gewaltig
-in die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt
-zu rüsten.</p>
-
-<p>Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch
-die Höfe wanderten, schlich der junge Mönch, welcher den
-fremden Bruder geleitet hatte, unbeachtet in die Kirche
-zurück, neigte sich vor den Altären, glitt die Säulen entlang,
-und öffnete im Vorhofe den Eingang einer hölzernen Galerie,
-welche aus der Kirche zu dem Glockenturm des Erzengels
-Michael führte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf bis
-zu dem Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar
-des hohen Engels, der im Federhemd in den Lüften waltete
-und den Wetterschlag vom Glockenturm abhielt. Indem der
-Mönch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle
-Stimme: »Rigbert, sei willkommen.« Der Mönch hob<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-warnend den Finger, kletterte die steile Stiege hinauf,
-welche zu dem Glockenstuhl führte und stand wenige Schritte
-von dem Jüngling Immo. Dieser saß in dem Schalloch auf
-schmalem Brett, das für eine Dohle bequemer war als für
-einen hochgewachsenen Mann und beobachtete ungeduldig
-das Nahen des Mönches.</p>
-
-<p>»Du kommst aus Thüringen, seit Mittag erwarte ich dich;
-der Dienstmann Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die
-Kunde in das Wächterhaus. Du sahest die Quellen der
-Waldbäche springen, du hörtest wie der Bergwind weht, und
-wie das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf dem
-Anger singt. Was weißt du mir zu sagen aus den Waldlauben?«</p>
-
-<p>»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und
-die Waldaxt klingt an den Baumstämmen. Aus Erfurt,
-dem großen Markte, ritt mein Reiseherr Reinhard nach der
-Zelle unserer Brüder in Ordorf, auf dem Wege rasteten
-wir in einem Edelhofe.«</p>
-
-<p>Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht und
-mit heller Stimme rief er, die Hand gen Osten hebend:
-»Ich meine, das war der Hof meiner Väter.«</p>
-
-<p>»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.«</p>
-
-<p>»Das war meine Mutter,« schrie der wilde Knabe und
-wandte sein Antlitz von dem Mönche ab, weil ihm Tränen
-über die Wangen liefen. »Sprich mir von ihr,« fuhr er nach
-einer Weile fort und kehrte sich wieder dem Mönch zu.</p>
-
-<p>»Sie erschien mir als eine heilige Frau und einer Fürstin
-sah sie gleich, obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor
-uns stand.«</p>
-
-<p>»Mein Vater starb an seiner Wunde in fernem Land
-und der Sohn vermochte nicht ihn zu rächen. In den Kerker<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-bin ich gesteckt. Unselig ist die Hand, die das Rauchfaß
-schwingt statt des Eisens.«</p>
-
-<p>»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die
-wilden Worte,« mahnte der Mönch.</p>
-
-<p>»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle, die
-sie dir gesponnen haben.«</p>
-
-<p>»Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen
-auf den Altar gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel
-weihen wollte, und meine Heimat ist seitdem im Gotteshause.«</p>
-
-<p>»Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum
-Dienst des Altars bestimmt, obgleich ich das erstgeborene
-Kind war und ein Recht hatte, das Banner meines Vaters
-zu führen. Aber dem Vater wurde der Vorsatz leid, denn
-du weißt ja wohl, meine Fäuste sind nicht gemacht, Feder
-und Gebetbuch zu halten, sondern Schildrand und Rosseszügel.
-Zu einem Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich
-der Mutter Böses ahnte, bis mein Vater mit dem jungen
-Kaiser Otto nach Italien zog und in die Gefangenschaft der
-treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in unsern Hof,
-schöne Hufen mußte die Mutter dem Kloster verkaufen, um
-das Lösegeld für den Vater zu finden, und nicht die Hufen
-allein, auch den Sohn rieten die frommen Väter zu spenden,
-damit die erzürnten Heiligen sich des Vaters wieder erbarmten.
-Ich trug damals mein erstes Panzerhemd, jetzt
-trage ich dies mißfarbige Kleid eines dienenden Schülers
-und fahre in dieser großen Mausefalle wie eine gefangene
-Ratte längs den Brettern dahin. Den Vater haben die
-Heiligen doch nicht heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.«</p>
-
-<p>»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen,« antwortete
-der Mönch traurig, »das so unwillig sich gegen den
-Altar sträubte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der
-Welt, aber auf den Knien gleiten über den glatten Stein,
-das kann ich nicht. Denn meine Ahnen dachten hoch und ich
-stamme aus einem Geschlecht von Kriegern.«</p>
-
-<p>»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher,
-der immer an die Freuden der Welt denkt. Nicht
-Mönch solltest du werden, sondern ein üppiger Kanonikus,
-der seidenes Gewand trägt, hoch zu Rosse sitzt und mit den
-Frauen kost wie ein anderer.«</p>
-
-<p>»Warum trage ich nicht das weiße Gewand?« frug
-Immo zornig. »Andere, die noch jünger sind in der Klosterschule,
-werden dadurch doch ein wenig getröstet. Doch ich
-weiß wohl, teuer ist solche Gunst und niemand von den Meinen
-zahlt einem Bischof den Preis für die weiße Leinwand.
-Aber hätte ich auch, was du für mich ersehnst, du weißt, die
-Fledermaus ist ein unholdes Tier, sie ist nicht Maus, nicht
-Vogel; und ich bin von dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein
-sich über die Flur schwingt. Was sahst du noch, Rigbert,
-in unserer Halle?«</p>
-
-<p>»Von dem Söller wies Frau Edith meinem Reiseherrn
-die Kapellen der Umgegend; und als die Glocken hier und
-da läuteten, weil die Sonne im Mittag stand, brach aus
-dem Gehölz eine Schar Reiter, alle auf hellen Rossen.«</p>
-
-<p>»Das waren meine Brüder,« rief Immo, »das ist unsere
-Zucht.«</p>
-
-<p>Der Mönch nickte bestätigend: »Frau Edith sprach freudig
-zu dem Priester: Sieh, Reinhard, das sind meine sechs Nestlinge.
-Sie kommen, das Futter zu picken. Ist's nicht ein
-kräftiger Flug?«</p>
-
-<p>»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch,« rief Immo dazwischen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>»Sie rauschten heran wie durch die Luft getragen, sechs
-feurige Reiter, wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie
-mit Vögeln zu vergleichen, so waren sie doch nicht als Waldsänger
-zu erkennen, denn scharf stachen ihre Augen.«</p>
-
-<p>Immo lachte erfreut. »Mich verdrießt's nicht, wenn du
-die Männer meines Geschlechtes mit Habichten vergleichst;
-ich hoffe, die Knaben werden ihre Fänge erweisen. Sahest
-du das Roß, auf dem mein jüngster Bruder ritt, der kleine
-Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war Friedel,
-da ich vor sechs Jahren von Hause scheiden mußte, er schlang
-die kleinen Arme um meinen Hals und weinte bitterlich,
-und als ich von der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend
-nach und zog an meinem Gewand, mich festzuhalten. Ich
-hob ihn auf das Roß, das mir gehörte, gab den Zügel in
-seine Hand und raunte dem Hengste zu, daß er dem Kleinen
-zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Roß ihm
-dient. Du mußt es gesehen haben, Rigbert, wenn du auch
-ein Mönch bist. Es ist ein sächsisches Pferd aus der Zucht
-des Königshofes, die Farbe ist ganz weiß und Mähne und
-Schweif glänzen wie Silber. Sahst du das Roß, Rigbert,
-so sprich.«</p>
-
-<p>»Wohl sah ich das seltene Tier.«</p>
-
-<p>»Zwölfjährig ist es jetzt,« fuhr Immo eifrig fort, »und
-es mag meinen Friedel noch tragen, wenn er das erste Mal
-in die Schlacht reitet; denn ein altes Roß und ein junger
-Held, sagt das Sprichwort, gehören zusammen. Wie saß
-das Kind auf meinem Rosse?«</p>
-
-<p>»Sah ich recht, so trug das Roß den ältesten deiner Brüder,
-den sie Odo nennen.«</p>
-
-<p>Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab
-auf die Stiege und packte den Mönch. »Odo, sagtest du,<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-der jetzt Erbe ist an meiner Statt. Mir nahm er die Hufen
-und die Herrschaft im Lande, jetzt entwendet er auch dem
-Bruder mein letztes Geschenk. Vergessen bin ich und verachtet
-ist mein Gedächtnis und im Knechtdienst lebe ich wie
-einer, den sie im Kriege gefangen haben.« Er warf seinen
-Leib dröhnend gegen die Holzwand, ein krampfhaftes
-Schluchzen erschütterte ihm die Glieder.</p>
-
-<p>»Ganz töricht gebärdest du dich, Immo. Wie darfst du
-den Bruder schelten? nicht er hat dich zu uns gebracht und
-ein Zufall kann gewesen sein, daß er das Pferd tauschte.«</p>
-
-<p>Immo aber antwortete nicht und der Mönch harrte
-schweigend, bis der heftige Anfall vorüber war. Endlich
-richtete sich Immo auf und frug ruhiger: »Bringst du mir
-Botschaft von der Mutter?«</p>
-
-<p>»Den Segen deiner Mutter trägt dir Vater Reinhard
-zu, wenn der Herr Abt es gestattet. Achte darauf, Immo,
-daß du dem Fremden gefällst, denn wisse, als Meister der
-Schule ist er in dies Kloster gesendet und von morgen ist er
-dein Herr.«</p>
-
-<p>»Er wird widerwillige Diener finden in der äußern
-Schule. Ist er ein Geselle wie der arge Tutilo?«</p>
-
-<p>Der Mönch sah unruhig um sich. »Du sprichst lauter als
-in Klosterwänden geziemt,« und bittend fuhr er fort: »Immo,
-du hast mir Güte erwiesen, seit du unter den Dächern des
-heiligen Wigbert umherfährst, und du hast mir erlaubt, dein
-Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die Hand durch
-den Zaun zureichen durfte; laß dich jetzt mahnen an unsere
-Treue in der Schule. Liebst du dein Leben und dein Glück
-und wünschest du Gutes für die Tage deiner Zukunft, so
-füge dich dem neuen Lehrer; denn soweit ich ihn erkenne,
-ist er von mildem Herzen, aber von der strengen Zucht, und<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-ich meine, es kommt eine andere Zeit auch für die Höfe des
-heiligen Wigbert. Vieles hörte ich raunen in den Zellen der
-Brüder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel
-lebten.«</p>
-
-<p>Immo lachte. »Sage das den Vätern. Ich sah vorhin
-durch das Schalloch, wie sie um die Heuhaufen im Reigen
-sprangen, und sie hielten die Mägde des Dorfes an der
-Hand.«</p>
-
-<p>»Schweig,« raunte der Mönch, »war das Tun nicht gut,
-darüber im Kloster zu sprechen ist Frevel, nicht uns allein
-steht Fasten und Rutenschlag bevor; mit den Scholastikern
-werden sie anfangen.«</p>
-
-<p>»Unsere Fleischkost ist mager,« spottete Immo, »wollen
-sie uns gebieten zu fasten, so müssen wir den alten Katerweg
-über die Dächer wandeln, du kennst ihn ja wohl?« Der
-Mönch bekreuzigte sich. »Dann laufen wir zur Nacht in den
-Wald und beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir
-im Holze gebraten und du kennst ein Loch im Zaune, durch
-welches gute Bissen auch in die Klausur gereicht wurden.«</p>
-
-<p>Flehend sah der Mönch den Spottenden an: »Ich habe
-es gebeichtet und gebüßt.«</p>
-
-<p>»Ich hoffe, die Pönitenz war nicht hart, Bruder Rigbert,«
-lachte Immo, doch herzlicher fuhr er fort: »Ich weiß,
-daß du mir in guter Meinung rätst und will mich wahren,
-so sehr ich kann. Doch jetzt erzähle, Landsmann, von deinem
-eigenen Vaterhause im freien Moor, das sie Friemar nennen.
-Wie lebt Baldhard der alte, dein Vater, und Sunihild, deine
-Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, so oft ich durch
-das Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt und manch warnendes
-Wort sprach dein Vater, das ich ungern vernahm, obwohl
-er recht hatte. Aber ich mußte ihn mit Ehrfurcht<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-hören, wegen seines weißen Haars und weil er meinem
-Vater wert war. Wenn er in unsern Hof kam, erhielt er
-immer den besten Herdsitz; denn es ist, wie du weißt, von
-alter Zeit gutes Vertrauen zwischen dem Edelhof und dem
-Freihof.«</p>
-
-<p>»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und
-Mutter sah ich nicht,« klagte Rigbert leise; Immo starrte
-ihn erstaunt an. »Für mich war geschrieben, du sollst Vater
-und Mutter verlassen; ich wandte das Gesicht ab, als ich das
-Haus zwischen den Linden erkannte, damit den Heiligen
-meine Entsagung gefalle und mein Gebet für die Eltern
-Erhörung finde.«</p>
-
-<p>Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten
-weg auf den Balken der Turmluke und starrte schweigend ins
-Freie. Als er sich nach einer Weile umwandte, bemerkte er
-mißfällig das gesenkte Haupt und die gefalteten Hände des
-Mönches, und begann ungeduldig: »Merke wohl, Rigbert,
-dürftig ist die Kunde, die du mir aus der Heimat zuträgst.«</p>
-
-<p>»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern
-in Thüringen,« versetzte Rigbert vorsichtig.</p>
-
-<p>»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?«</p>
-
-<p>»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden und
-ohne Wächter arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur
-deine Mutter sprach bekümmert mit Vater Reinhard.«</p>
-
-<p>»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt, ich
-muß dich unfreundlich schelten.«</p>
-
-<p>»Viel mehr habe ich dir gesagt als mir zu sagen recht ist.
-Nur weil ich noch meine Reisekutte trage, getraute ich mich
-so mit dir zu sprechen. Wenn die Väter heute abend zur Hora
-rufen, dann flehe ich die Brüder fußfällig an, daß sie alle
-für mich wegen meiner Reisesünden beten, dann hoffe ich,<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-wird ihr Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die Vergebung
-gewinnen. Sonst spräche ich nicht mit dir, wie ich
-jetzt getan. Daran denke, Immo, und zürne mir nicht.«</p>
-
-<p>»Gutwilliger als du will ich dir verkünden, was wir hier
-im Kloster vernahmen,« begann Immo versöhnt. »Ein
-Heereszug steht bevor und gewaltiges Getöse von Speer
-und Schild. Die Herrschaft des neuen Königs Heinrich, dem
-die Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben,
-zerreißt in Stücke, sein ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn
-auf der Fulda, als sie beim Tauwind brach. Überall
-schlagen die Eisschollen gegeneinander. Täglich erzählen
-in unsern Herbergen die Gäste und die armen Wanderer,
-daß alles schwankt, was fest war. Der streitbare Held Hezilo,
-der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den König erhoben,
-mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs,
-dann der tapfere Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen,
-auch die Slawenherzöge und viele Fürsten des Reiches. Die
-Mönche behaupten, daß der König geringe Hoffnung hat,
-seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier in der
-Nähe rufen ihre Dienstmannen, werben Reisige und treiben
-Rosse und Rinder in ihre Burgen, keiner traut dem andern
-und alle schreien, daß der große Streit um das Reich ausgefochten
-werden soll, sobald die Ernte von den Feldern
-herein ist. Ich aber hoffe, wenn erst die Waffen um Wigberts
-Haus dröhnen, wird auch mir gelingen hinauszufahren.«</p>
-
-<p>»Sinnst du so Arges,« sprach Rigbert unwillig, »dann
-ist dir jedes Wort schädlich, das ich aus der Fremde berichtete
-und mich reut's, daß ich dir den Frieden der Seele verstörte.«</p>
-
-<p>»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden?« frug<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Immo lachend, »bald wirst du merken, daß die Väter in
-der Klausur grade so zwieträchtig gegeneinander stehen
-wie die Kriegsleute draußen. Denn unser Abt, Herr Bernheri,
-will dem König dienen, Tutilo aber ist ein Oheim des
-Babenbergers Hezilo. Oft hören wir durch den Zaun Geschrei
-der Mönche und heftige Worte, bald für König Heinrich,
-bald für den Hezilo.«</p>
-
-<p>Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu.</p>
-
-<p>»Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren,«
-rief Immo, indem er mit großem Satz zu dem Mönche
-sprang und seine Hand faßte, »denn lange habe ich nach dir
-ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst du
-daheim Gutes oder Böses von dem Manne, der den Söhnen
-Irmfrieds feindselig denkt, obgleich er der Bruder ihres
-toten Vaters ist. Hast du vernommen, für welchen König
-mein Oheim Gundomar in das Feld reitet?«</p>
-
-<p>»Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim König Heinrich,
-dem er seit lange vertraut ist, und man rühmt ihn als
-gewaltigen Kriegsmann.«</p>
-
-<p>»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur
-einmal sah ich ihn, als ich noch ein Kind war, da schleuderte
-er mich aus seinem Wege, daß ich mit blutendem Haupt auf
-dem Boden lag. Mir wäre willkommener, gegen ihn im
-Felde zu stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der
-äußeren Schule sind alle für König Heinrich.«</p>
-
-<p>Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönche
-sprach, glitt dieser lautlos die Treppe hinab. Immo stand
-allein und seufzte schwer. Was er aus der Heimat gehört
-hatte, machte ihm das Herz nicht leichter und der neue
-Lehrer war ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen
-Blick warf er vom Turme hinab, um dem Tutilo oder andern<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-Dekanen nicht über den Weg zu laufen, dann eilte er abwärts
-und wand sich zwischen Gebäuden und Hecken den
-Gärten zu. Da er hinter sich Tritte von Männern und
-Pferden hörte, fuhr er durch eine Lücke des Zauns, die ihm
-wohlbekannt war, auf die andere Seite der grünen Wand
-und pries sein gutes Glück, als er aus dem Versteck den gefürchteten
-Tutilo erkannte, welcher, zur Reise gerüstet,
-neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange zuschritt.
-Immo wußte, daß der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus
-des Klosters lag und wunderte sich über die Vertraulichkeit,
-mit welcher der Reisige den stolzen Mönch behandelte,
-denn er ging, sein Roß am Zügel führend, sorglos
-auf der Ehrenseite und trug den schlechten Eisenrock mit der
-Haltung eines Fürsten. Während Immo vom Wege wich,
-wechselten die beiden den Scheidegruß. »Lebe wohl, Vetter,«
-sprach der Fremde, »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner
-Gastbank, denn die neugierigen Augen deines Volkes und die
-gewundenen Fragen machten mir Sorge.«</p>
-
-<p>Tutilo lächelte. »Viele der Wigbertleute kennen den
-Grafen Ernst von Angesicht und wohl alle haben von deinem
-Heldenwerk vernommen, welches die Wanderer rühmen.
-Grade deinetwegen schwärmt heut mein ganzes Volk in der
-Ferne auf grünem Rasen, der Pförtner aber ist mir treu.
-Dennoch rate ich, daß du ohne Säumen aufbrichst. Vertraue
-mir, ich hindere die Reise zum Könige, welche unser Abt
-den Dienstmannen des Klosters bereitet.«</p>
-
-<p>»Denke auch daran,« unterbrach ihn der Fremde eifrig,
-»uns das Land offen zu halten für den Zug unserer Heerhaufen,
-welche wir aus Sachsen und Thüringen erwarten.
-Denn ich kenne den falschen König, er ist behend wie ein
-Wiesel und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet,<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-ich sorge, er reitet eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter,
-sehe ich dich wieder, so rüstest du mir ein Festmahl in der
-Abtei.«</p>
-
-<p>Der Mönch sprach den Segen und der Fremde schwang
-sich auf das Roß. Als der Hufschlag in der Ferne verklang,
-schritt auch Tutilo der Pforte zu, an welcher ihn Reinhard
-erwartete.</p>
-
-<p>Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann spähte
-er durch die Tür des Arzneigartens, und als er den alten
-Sintram darin sah, trat er vorsichtig ein und näherte sich
-dem Mönch, welcher mit dem Grabscheit vor einem kleinen
-Gesträuch stand und unverwandt eine Blume betrachtete.
-Der Jüngling sprach seinen Gruß, der Alte nickte ihm
-freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die Hand und wies
-auf das Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann
-Immo die unwillkommene Arbeit, der er sich nach Klostersitte
-nicht entziehen durfte.</p>
-
-<p>Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er
-endlich in seiner Freude das Schweigen brach: »Sieh diese
-Rose, die ein Bruder dem Wigbert aus Gallien gebracht
-hat; wie eine Kugel war sie geschlossen, aber die liebe Sonne
-hat ihr den Mund geöffnet; blicke hinein, schöne Farben
-hat sie und zahllose Blätter. Halte deine Nase näher heran,
-denn die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig und die bösen
-Geister, welche in den Leib fahren und Siechtum bereiten,
-fürchten den Duft und meiden ihre Nähe. Die Weisen sagen,
-sie ist von dem Herrn in den Erdgarten gesetzt, damit sie
-dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist das
-Herz geschlossen bis das Licht des Glaubens darauf fällt,
-dann öffnet sich seine Seele der himmlischen Liebe.«</p>
-
-<p>Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-die Rose, aber anderes lag ihm mehr im Sinn. »Zeige sie
-auch dem neuen Magister, welcher, wie man sagt, aus der
-Fremde gekommen ist, um die Schüler Dialektik zu lehren.«</p>
-
-<p>»Du hast die Wahrheit gehört,« versetzte der Alte vorsichtig.</p>
-
-<p>»Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von
-mir, denn ich fürchte, andere werden ihm allerlei Nachteiliges
-in das Ohr raunen. Leidvoll wäre es mir, wenn er
-feindselig gegen mich handelte, denn er kennt meine Mutter
-und mein Geschlecht, er hat die Macht mir zu schaden und
-seine Fürsprache mag mir helfen, daß ich von der Schülerbank
-gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage ich,
-wie du weißt, dies Gewand.«</p>
-
-<p>»Sorge du nur ihm zu gefallen,« mahnte der Alte, »er
-hat wohl selbst Augen und wird schwerlich der Meinung
-anderer folgen. Mir scheint, er hat dich bereits gesehen, da
-du unter den Dohlen saßest.«</p>
-
-<p>»Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fünfzehn
-Jahr sind, fürchten sehr seine Rute, es wäre gut für ihn und
-uns, wenn er Nachsicht übte. Die erste Bank ist harter
-Streiche nicht gewohnt und er wird es schwer finden, das
-edle Blut über die Bank zu legen.«</p>
-
-<p>»Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen,« versetzte
-der Gärtner, »du selbst möchtest dafür büßen. Jetzt aber
-wende dich abwärts, Immo, dort naht Bruder Bertram
-aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne Erlaubnis
-einzudringen.«</p>
-
-<p>»Grade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich
-flehe, daß du bei ihm mein Fürsprecher werdest. Denn ganz
-unsicher sind die Tage meiner Zukunft, und wenn ich das
-Kloster verlasse, so weiß ich niemanden, der meiner Jugend<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-mit gutem Rat zuhilfe kommen wird. Dein Geselle aber hat
-im letzten Winter freiwillig verheißen, daß er mir, bevor ich
-aus dem Kloster scheide, als Gabe die Weisheit übergeben
-will, welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille
-vertraut haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre
-für würdig erachtet, so ersehne ich, daß er sie mir jetzt oder
-doch bald einmal spende. Du aber zürne mir nicht, daß ich
-darum zu dir komme. Ich weiß ja, Vater, daß du mir nichts
-Übles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest
-der Rotkehlchen einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich
-weiß auch, wer ihn hingestellt hat.«</p>
-
-<p>Der Alte lächelte vergnügt. »Die Rotkehlchen sind
-listige Vögel, sie tragen mancherlei hin und her. Auch ich
-fand in diesem Frühjahr, als mir meiner Sünden wegen
-die Gicht in die Hand gefahren war, ein Paar Fausthandschuhe
-von Otterfell bei meinem Gerät, ich habe nicht gefragt,
-woher sie kamen.« Er sprach das letzte zu seinem Gesellen
-Bertram, der langsam herangewandelt war und
-ebenfalls sein Grabscheit in der Hand hielt. Die beiden
-Alten blickten einander bedeutsam an und Bertram, welcher
-der ernsthaftere war, setzte das Gespräch fort, als wenn er
-die früheren Reden gehört hätte und begann feierlich:
-»Darum nahest du auch jetzt zu günstiger Stunde, denn
-heut ist der Tag, wo ich dir schenken will, was ich dir einst
-versprach und was ich bis jetzt als mein Geheimnis bewahrte,
-wie ich es von einem Oheim erhielt, der es als Kriegsmann
-in der größten Not seines Lebens erprobt hat. Mir selbst
-vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut für Weltleute
-und nicht für Mönche, dir aber kann es wohl frommen, denn
-ich merke, dein wilder Mut wird dich bald einmal über den
-Zaun des Klosters hinaustreiben. Tritt abwärts aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes, denn nur im
-Dunkeln darf ich dir's geben.« Der Alte wandte sich einer
-Ecke des Gartens zu, wo ein großer Apfelbaum seine Zweige
-tief zur Erde breitete, ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling,
-Sintram machte den Beschluß. So schritt Immo zwischen
-den beiden Spatenträgern in den Baumschatten, dort blieb
-Sintram im Sonnenlichte zurück, Bertram aber trat an den
-Stamm und winkte den Jüngling nahe zu sich. Er stützte
-den Spaten an den Baum, faltete die Hände und murmelte
-sein Kredo, dann begann er feierlich: »Vielerlei Lehren gibt
-es, welche den Mann fest machen, wenn seine Gedanken sich
-unsicher wälzen; und die heilsamsten von allen sind die
-heiligen Befehle, welche verkündet sind. An diese gedenke
-vor andern. Die Lehren aber, welche ich für dich bereit halte,
-vermögen dir nicht zu helfen in der Freude und nicht beim
-Gelage und nicht bei Kauf und Verkauf, aber sie sind gute
-Helfer in der Not. Neige dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis
-meiner Gabe bewahrt bleibe und gelobe mir, daß
-du sie nicht auf die Zunge nehmen und von dir geben willst
-außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.«</p>
-
-<p>Das gelobte Immo.</p>
-
-<p>Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde,
-reichte dem Jüngling einen in seine Hand und sprach feierlich:
-»Drei Lehren sind es und eine, mit denen ich dich begabe,
-öffne dein Ohr und halte sie fest. Die erste bedeutet, daß
-dem Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten darf;
-und sie lautet:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein
-behaupten kannst.«</p></div>
-
-<p class="noind">Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram
-den zweiten Halm: »Dieser Spruch soll dich mahnen,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-wenn du einem Freunde unwillkommene Kunde ins Haus
-trägst, daß du sie ihm vertraust, bevor der Staub auf deinen
-Schuhen verweht ist; und der Spruch lautet:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>Üble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten
-und dem Wirt das Herz krank.«</p></div>
-
-<p class="noind">Zum dritten Halm sprach er:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>»Mißachte den Eid, der in
-Todesnot geschworen wird. Wer dir Liebes gelobt, sich
-vom Strange zu lösen, der sinnt dir Leid, so oft er des
-Strickes sich schämt.«</p></div>
-
-<p class="noind">Und beim vierten gebot er:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>»Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter
-Hauch sei für den Helfer, der um deinetwillen das
-Schwert hob.«</p></div>
-
-<p class="noind">Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte,
-beschloß Bertram die Begabung, indem er gerührt sagte:
-»Es ist Brauch, daß der Spender heilsamer Lehren ein Entgelt
-dafür erhalte. Da du wenig hast und ich wenig nehmen
-darf, so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene Pelzhandschuhe
-als Gegengabe anrechnen. Wegen des Otterfells
-aber hat dich der Gerber verraten, und wir wissen auch, daß
-dir's Herr Bernheri geschenkt hat, als du ihm die Otter
-lebendig brachtest. Und jetzt neige dein Haupt, mein Sohn
-Immo, damit ich dich segne; denn du hast die Weisheit
-meiner Vorfahren empfangen und ich will flehen, daß sie
-deinem Leben nütze, wie sie denen genützt hat, die sie vor
-dir besaßen. Wenn du sie aber mißachtest und ihr zuwider
-handelst, so siehe zu, daß die Verachtung sich nicht an dir
-räche.« Immo beugte das Haupt in die Hand des Alten und
-empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem
-Schatten in die Sonne, die beiden Greise blickten einander
-zufrieden an und führten ihren Günstling zur Gartentür,<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-dort begann Sintram: »Merke auch noch dies von meinetwegen.
-In all deiner Zukunft sorge dafür, daß du immer
-jemanden hast, der für dich zu den Himmelsherrn betet.
-Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich für dich und auch
-ich gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemüt
-längst erkannt, obgleich du unbändig dahinfährst. Aber wir
-beide sind alt. Oft hören die Himmlischen nicht gern die
-Worte eines Bedrängten, weil er ihnen durch seine Missetat
-verleidet ist, wenn aber ein anderer für ihn bittet, so fühlen
-sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der, welcher
-in der Not allein die Hände faltet ohne einen Helfer. Darum
-gehe in Frieden, Immo, und denke auch darauf, daß du dem
-Präpositus nicht mißfällig wirst.«</p>
-
-<p>Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen
-Gesichter, welche einander ähnlich waren wie zwei Äpfel
-desselben Baumes, er neigte sich tief vor ihnen und entwich.
-Langsam schritt er die Hecke entlang, setzte sich endlich in den
-Schatten einer Mauer und wiederholte und bedachte in der
-Stille die Lehren des Bertram. Dann sprang er auf und
-schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor der großen Klosterpforte
-neben dem Haus des Pförtners stand. Dort lagen im
-Wachthause zu jeder Zeit einige kleine Dienstmannen des
-Klosters und dort weilte Immo am liebsten; er hatte daselbst
-auch seine besten Genossen, obgleich die Dekane das nicht
-zu wissen brauchten.</p>
-
-<p>Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen,
-welche von den Knechten entladen wurden, während ein
-bejahrter Dienstmann im Schuppenhemd, die Blechkappe
-in der Hand neben seinem Rosse stand und geduldig den
-Arbeitenden zusah. »Gib mir ein Pferd, Hugbald,« begann
-Immo leise zu dem Kriegsmann, »daß ich mit dir reite.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span></p>
-
-<p>Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf
-einen handfesten Mönch zwischen den Heuwagen &ndash; es war
-der Bruder, welcher dem Pförtner in seinem schweren Amt
-als Trost beigegeben war. Immo verschwand in dem Stalle.
-Als die entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren,
-bestieg auch der Reisige sein Roß, hielt unter dem
-Tore an und sprach mit dem Mönch, der auf den Verschluß
-achten sollte. Da stob Immo auf flüchtigem Pferde an den
-Redenden vorüber und war außer Rufes Weite, bevor der
-Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Der Vater
-Pförtner hat mir befohlen,« rief der unzufriedene Mönch,
-»diesen nicht ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat,
-ohne Erlaubnis auf St. Michael zu reiten, aber er wischt
-dahin wie ein Feuermann in der Nacht.«</p>
-
-<p>»Laß ihn immerhin,« begütete der Dienstmann, »mir
-ist es recht, wenn ich heut einen schnellen Knaben an der
-Seite habe. Denn um dir meine Meinung zu sagen, ich
-werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts Knechte und
-Gespanne vollzählig zurück erhältst.«</p>
-
-<p>»Du verkündest, was üble Ahnung macht,« rief der
-Mönch erschrocken. »Wie mag uns Gefahr drohen, leben
-wir doch in Frieden mit den Nachbarn.«</p>
-
-<p>»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer
-Waldwiesen, und ich kenne den Schwarm. Die Dohlen sind
-es aus den Buchen des Grafen Gerhard, sie fliegen gern
-dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um unsere
-Marksteine schwebten sie und lachten untereinander.«</p>
-
-<p>»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten, doch
-nicht uns,« tröstete der Mönch, »denn wir im Kloster beten
-jedes Jahr für den Grafen Gerhard und für die Seele seines
-Vaters.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist wohl möglich, daß die Vögel sich darum nicht
-kümmern,« versetzte Hugbald. »Auch sah ich etwas im Holze
-des Grafen blinken, ich meine, es war eine Helmkappe. Du
-selbst magst erwägen, ob die Mannen des Gerhard an diesem
-heißen Tage den Eisenhut tragen, weil sie das Heufest des
-Klosters feiern.«</p>
-
-<p>»Harre, daß ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage,«
-rief der Mönch.</p>
-
-<p>»Unnütz wäre die Mühe,« versetzte der Dienstmann, die
-Achseln zuckend, »ich ritt hierher, weil ich der Meinung war,
-die Reisigen unseres Herrn Abts von St. Peter als Helfer
-zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor einem Sonnenblink
-auf fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir,
-wegen der Heuernte an das Tor des Abtes zu reiten. Auch
-hat in Wahrheit das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen
-gesandt, vielleicht, daß sie mit den Heugabeln ihre Tapferkeit
-erweisen. Doch sollte mir das Pferd straucheln, so wird der
-Jüngling dort zurückreiten und euch mahnen, daß ihr das
-Glockenseil zieht.« Der Reiter nickte und trabte den Wagen
-nach, der Mönch verschloß kopfschüttelnd das Hoftor.</p>
-
-<p>Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte, welcher hinter
-einem Gebüsch seiner harrte, begann er: »Dein Pferd hast
-du gut gewählt, wenn du dich heut im Felde gegen einen
-Feind tummeln willst, aber den Stecken in der Hand vermag
-ich nicht zu loben; er ist nur gut, um einen Hund zu
-treffen, nicht aber eine Eisenhaube. Auch dein Strohhut
-wird dir schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein
-Schwertschlag erreicht.«</p>
-
-<p>»Denkst du an Hiebe?« frug der Jüngling und richtete
-sich hoch auf.</p>
-
-<p>»Wer über das Feld reitet, darf immer daran denken,«<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-versetzte Hugbald vorsichtig, »darum nimm noch eine Warnung.
-Wenn du merken solltest, daß Bewaffnete gegen
-mich sprengen, so treibe die Weiber mit den Rechen hinter
-einen Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du
-berichten kannst, daß ich mich ehrlich gehalten habe.«</p>
-
-<p>»Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn
-ich an deiner Seite reite,« sagte Immo stolz und trieb sein
-Pferd zum Sprunge.</p>
-
-<p>Hugbald lächelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach
-dem nahen Berge, wo der Abt sein Haus hatte. »Dennoch
-ist es schwer, zwei Gebietern zu dienen. Dort oben liegen
-wackere Gesellen müßig, welche bei einer Schlägerei im Heu
-wohl den Rücken decken könnten. Aber was einem Herrn
-gefällt, will der andere nicht leiden.«</p>
-
-<p>»Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten,
-sie zu rufen.«</p>
-
-<p>»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne,« versetzte
-Hugbald kopfschüttelnd. »Lieber vertraue ich auf die
-Hilfe des heiligen Wigbert, denn ich habe ihm, solange ich
-lebe, nie etwas genommen und manchen Schlag zu seiner
-Ehre getan, warum sollte er mich also mißachten.« So
-ritten sie ohne anzuhalten an St. Peter vorüber dem Laubwald
-zu, welcher in weitem Kreise die Niederung umschloß.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch2">2.<br />
-Die Gesellen.</h2>
-</div>
-
-<p>Die beiden Mönche zogen nebeneinander durch das
-Flußtal, Tutilo hoch zu Roß, Reinhard demütig zu Fuß;
-in heißem Sonnenlicht stiegen sie den Hügel hinauf, auf
-welchem Herr Bernheri, der Abt, sich ein kleines Kloster
-erbaut hatte, ganz nach seinem Herzen, seinen Mönchen zum
-Trotz. Es sah einer Burg ähnlicher als einer heiligen Zelle,
-hinter dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem
-offenen Tor saß auf seinen Spieß gestützt ein Kriegsmann.
-Gemächlich erhob er sich, empfing mit geringer Kopfneigung
-den Segen, welchen Tutilo spendete, und <span id="corr034">führte ihn</span> in den
-Hofraum. Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute
-Haus des Abtes, eine zweistöckige Kemenate mit einem
-Vorhaus, dessen Dach auf schön geschnitzten Holzsäulen
-ruhte, daneben erhoben sich Ställe und ein umhegter Raum,
-aus welchem unablässig das Gebell vieler Hunde klang.
-Gegenüber dem Haus des Abtes ragte eine hölzerne Halle
-für das Kriegsvolk, auf den schattigen Stufen dehnten sich
-mehrere Bewaffnete, ihnen gesellt zwei Mönche. Die großen
-Trinkkannen, welche dazwischen standen und das laute Gelächter
-der Trinker bewies, daß diese Klosterleute nicht unter
-strenger Zucht lebten. Tutilo begann bitter, während er
-einritt: »Du weißt, mein Bruder, St. Petrus war ein<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-Kriegsknecht, er trug ein Schwert in der Nacht, da der Herr
-verraten ward; darum gefiel es auch dem Abte, diese Behausung
-von Jägern und Schwertträgern als eine Burg
-St. Petrus zu gründen.« Die eintretenden Mönche störten
-die lustige Gesellschaft, die Klosterbrüder eilten herzu und
-während sie um den Segen baten, blickten sie spähend und
-mißtrauisch nach dem Präpositus.</p>
-
-<p>Als ein Mönch von St. Peter die Glocke der Abtei gezogen
-hatte, trat Eggo, der vertraute Kämmerer des Abtes,
-in die Tür und führte die Gäste eine Wendeltreppe hinauf
-in das Gemach, wo Herr Bernheri am liebsten zu weilen
-pflegte. Dort sah man zwischen den Säulen und Rundbogen
-der kleinen Fenster in ein Waldtal hinab, und im Vorgrund
-auf grüne Weiden und wogende Ährenfelder, das große
-Kloster Wigberts aber sah man nicht. Über dem Tisch in
-der Mitte des Raumes lag eine Decke, welche zierlich mit
-der Nadel gestickt war, auf dem hohen Lehnstuhl weiche
-Kissen. Geweihe, die an der Wand befestigt waren, dienten
-als Haken, woran Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen:
-Hornbogen und Köcher, Eberspieße und große Halsbänder
-mit eisernen Stacheln für die Jagdhunde.</p>
-
-<p>Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit großem
-Haupte; dem geröteten Gesicht und den dicken Augenlidern
-merkte man an, daß er sorgfältig den Wein seines Kellers
-prüfte; er trug einen langen Hausrock von feinem dunklen
-Tuch, am Halse ein goldenes Kreuz. Die Mönche knieten nieder,
-Tutilo zögernd und mit steifem Nacken, so daß man den
-Zwang erkannte.</p>
-
-<p>Der Abt blickte unzufrieden auf den Präpositus und begann,
-während er mit flüchtiger Handbewegung den Segen
-erteilte: »Ungern sehe ich heut dein Gesicht, Tutilo, da du<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-doch die Brüder, wie ich höre, in das Heufest gesandt hast.
-Es wäre besser, wenn du deine gefurchte Stirn den Heimkehrenden
-entgegenhieltest, damit ihnen die weltliche Fröhlichkeit
-aus dem Herzen schwände. Aber auch die krächzende
-Krähe flieht gern dorthin, wo sich die Habichte niederlassen.«</p>
-
-<p>»Du selbst, Herr und Abt von Wigbert, vergleichst dich
-mit dem Habicht, der sich in dem Klostergut niedergelassen
-hat,« versetzte Tutilo schnell aufstehend, »ich aber und
-mancher von den Brüdern meinte, daß in der Notzeit des
-Klosters den Brüdern gezieme, ihren Groll zu vergessen
-und einträchtig auf Nützliches zu denken, was die Gefahr
-abwenden kann.«</p>
-
-<p>»Du sprichst gut,« versetzte der Abt ungnädig, »sorge
-dafür, daß deine Taten der Rede nicht widersprechen.
-Kommst du auch ungeladen, sitze dennoch nieder, ob du dem
-Kloster deine Treue erweisen kannst.« Er winkte dem Mönch
-Eggo, dieser verschwand und trug drei große silberne Becher
-und eine Weinkanne herzu, die er auf den Tisch stellte, er
-selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes. Dieser setzte
-sich gewichtig, winkte den Gästen zu beiden Seiten Platz
-zu nehmen und sagte auf die Becher weisend: »Es sei erlaubt.
-Ich freue mich deiner Ankunft, Reinhard. Deine
-Klugheit ist rühmlich bekannt, du hast dich den Heiligen
-unserer Kirche in meine Hand zugeschworen und als vertrauten
-Boten habe ich dich nach Thüringen gesandt, damit
-du gleich einem Fremden ohne Gunst und Haß die Höfe des
-Klosters bereisest und mit eigenen Augen alles erkundest,
-denn üble Nachrichten erhalten wir aus jedem Gaue. Jetzt
-berichte von unsern Höfen und von den Zellen, in denen
-unsre Brüder hausen, damit wir alles erfahren, wenn es
-auch unwillkommen ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p>
-
-<p>Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus, auf dem
-die Hufen und Höfe des Klosters verzeichnet waren und begann
-den Reisebericht. Es war eine lange Reihe von Klagen
-der Verwalter über Gewalttat der Grafen und Widerspenstigkeit
-der Verpflichteten. Als er innehielt, tat Herr Bernheri
-einen tiefen Trunk und sprach darauf seufzend: »Solange
-ich lebe, habe ich erfahren, daß die Frommen spenden und
-die Gottlosen nehmen. Sonst waren der Frommen mehr
-und der Gottlosen weniger. Wie ein Weiher ist das Klostergut,
-in den die kleinen Quellen rieseln; wenn er aber gefüllt
-ist, kommen die Müller des Teufels, öffnen ihre Gräben
-und leiten die Flut wieder ab über ihre Mühlräder. Ich
-sorge, der Weiher wird einmal leer und meine Mönche
-werden wie Karpfen in mißfarbigem Schlamme zappeln.«</p>
-
-<p>»Wer kommendes Unglück meldet, dem danken wir, wenn
-er auch sagt, wie zu helfen ist. Unerhört ist es, daß ein neuer
-Bruder die Geheimnisse des Klosters erfährt, welche sonst
-nicht einmal den Dekanen bekannt sind,« fiel Tutilo mit
-rauher Stimme ein. »Leichter ist es Klagen vorzutragen, als
-die Hilfe zu finden.«</p>
-
-<p>»Du selbst weißt ja, mein Vater,« antwortete Reinhard,
-»wo die beste Hilfe zu finden ist. Die Heiligen fragen vor allem,
-ob unsere Brüder nach der heiligen Regel ihren Dienst tun.
-Den Säumigen aber entziehen sie ihre Gnade. Manches sah
-ich in St. Wigberts Kloster, was nicht nach der Regel war.«</p>
-
-<p>»Sage das doch den Mönchen in Fulda, in Corvey und
-sonstwo, überall ist der Mutwille größer als bei uns,« rief
-Tutilo zornig, »und lebt ihr in Altaha, die ihr euch als starker
-Beter rühmt, deshalb in größerer Sicherheit?«</p>
-
-<p>»Gern verkünde ich dir, o Herr, auch Günstiges,« fuhr
-Reinhard ruhig fort, »nämlich, daß unter den Waldleuten,<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-welche bei unserer Zelle Ordorf wohnen, ein neuer Eifer
-erwacht ist. Die Brüder, welche du dorthin gesandt hast,
-leben in froher Hoffnung, denn sie meinen, großes Unheil
-sei ihnen widerfahren. In mehr als einer Nacht sahen die
-Brüder Licht in der Kirche und als Hunibald der Magister
-einst aufstand und hineinging, erkannte er einen Schein über
-der Platte, unter welcher, wie die Sage geht, der selige
-Vater Meginhard, der Genosse des heiligen Bonifacius, bestattet
-ist. Viel erzählen sie dort von den christlichen Heldentaten,
-die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt
-hat. Die Laien drängen sich in die Kirche und beten
-auf seinem Grabe und große Heilungen von schweren Leiden
-werden berichtet, die an dieser Stätte ganz plötzlich gelungen
-sind. Das läßt Hunibald dir durch mich mit Freuden verkünden.«</p>
-
-<p>Der Abt schüttelte unzufrieden das Haupt. »Ich kenne
-den Sinn unserer Brüder in Ordorf, sie sind gutwillig, aber
-unbesonnen und ihrem Glauben fehlt die Prüfung. Ich
-kenne auch alte Vetteln, welche von einer Stätte zur andern
-laufen und ihre Gebresten heilen lassen, damit man sie
-rühme, auf den Schultern trage und mit guter Kost füttere.
-Die in Ordorf mögen sich wahren, daß die Kinder der Welt
-uns nicht verspotten und daß nicht zuletzt ein großes Skandalum
-aus dem Wunder werde.«</p>
-
-<p>»Es ist nicht begehrliches Volk allein, welches zuströmt,
-auch ehrbare Leute rühmen die Wunderkraft des seligen
-Bekenners.«</p>
-
-<p>»Und vermagst auch du sie zu rühmen nach dem, was du
-gesehen hast?« frug der Abt prüfend.</p>
-
-<p>»Ich hatte, wie du weißt, nicht die Zeit und nicht das
-Amt, nach der Wahrheit zu forschen,« versetzte Reinhard.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>»Ich aber meine,« rief Tutilo, die Faust auf den Tisch
-setzend, »daß den Heiligen zu Herolfsfeld ein übler Dienst
-geschieht, wenn der selige Memmo zu Ordorf einen Zulauf
-als Wundertäter erhält und am Ende gar zu Rom als
-Heiliger aufgenommen wird. Denn die Leute in den Waldlauben
-werden froh sein, wenn sie einen besonderen Fürbitter
-gewinnen, und die Edlen werden bei König und Papst
-bald darauf antragen, daß wir Ordorf aus unserer Klosterzucht
-entlassen und daß dort oder in der Nähe eine eigene
-Abtei gegründet wird, und Meginhard würde sich schnell
-als ein großer Räuber am Wigbert erweisen. Deshalb rate
-ich, daß wir unsern Heiligen getreu bleiben und uns nach
-Kräften bemühen, die Wunder zu stillen und nicht landkundig
-zu machen.«</p>
-
-<p>Der Abt nickte. »Er spricht das Richtige. Wenn ein
-Lichtschein dem Kloster helfen könnte, so vertraue ich, würden
-unsere Fürbitter es auch bei uns nicht daran fehlen lassen.
-Weißt du eine andere Hilfe, mein Bruder, wenn auch durch
-weltliche Mittel?«</p>
-
-<p>Reinhard antwortete demütig: »Wenn ich das Schicksal
-deiner Herrschaft, Herr, erwäge, so finde ich, daß dieser zu
-sehr fehlt, was ihr Schutz und Sicherheit gewähren könnte.
-Durch ganz Thüringen liegen die Hufen und Höfe zerstreut
-in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgütern der Grafen;
-aber klein ist die Zahl der Vögte und der Bewaffneten,
-welche für das Kloster Helm und Schwert tragen. Mächtiger
-ist der Abt von Fulda, um vieles reicher an Vasallen; am
-mächtigsten der Erzbischof von Mainz, denn seine Kriegsleute
-lagern sicher in der großen Stadt Erfurt. Die Mönche
-von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber sinnen Ungünstiges
-für dein Kloster und breiten sich aus dir zum<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-Schaden, auch in den Waldlauben an dem Rand der Berge,
-wo sonst deine Herrschaft fest gegründet war. Darum meine
-ich, dir tun vor allem Burgen not mit treuer Besatzung.
-Als ich von Erfurt nach Ordorf zog, sah ich in der Ebene, wo
-das Gebirge beginnt, einen Ring von Hügeln, auf denen
-Warten und Burgen stehen, sie schließen einen Weiher und
-Wiesen ein, schwer ist der Zugang, denn viele Teiche liegen
-am Saum der Hügel. Dort ragt im Hintergrunde die Wassenburg,
-welche dem Kloster gehört, doch sie ist halb verfallen.
-Der ganze übrige Bergwald aber und das Land darum gehört
-dem Geschlecht des Jünglings Immo, der in der Schule
-des Klosters gehalten wird. Dies Geschlecht beherrscht von
-den Bergen wie von einem großen Wall die Landstraße
-und die Umgegend. Und ich höre, es bringt gern seine
-Spenden zum Kloster.«</p>
-
-<p>»Gut hast du gesehen, mein Bruder,« rief der Abt, »ich
-kenne die roten Hügel und ich weiß, daß sie gewaltig sind,
-aber sie sind freies Erbe eines Geschlechts, welches seit der
-Urzeit im Lande haust, und ich meine nicht, daß sie ihr Erbe
-dem Kloster gutwillig in die Hand geben werden.«</p>
-
-<p>»Vielleicht würden sie selbst als Vögte ihre Burgen bewahren,
-wenn sie zum Heil ihrer Seele dieselben vorher den
-Heiligen in die Hand gegeben hätten,« versetzte Reinhard.</p>
-
-<p>»Wahrlich, Bruder,« sprach Tutilo, »als ich zuerst von
-deiner Sendung hörte, war sie mir widerwärtig; was du
-aber hier kündest, ist dasselbe, was auch ich für eine gute
-Hilfe des Klosters halte und ich muß deine Klugheit preisen.«</p>
-
-<p>»Ich aber kenne unsern Schüler Immo und seine Sippe,«
-warf der Abt ein, »hochfahrend ist ihr Sinn.«</p>
-
-<p>»Was die Kinder der Welt ungern tun, dazu zwingt sie
-oft die Angst vor der Hölle des üblen Teufels,« sprach Reinhard.<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-»Dennoch würde ich nicht an diese Hilfe gemahnt haben,
-wenn mir nicht Frau Edith, die Mutter des Immo, vertrauliche
-Botschaft an dich, meinen Herrn, aufgetragen hätte
-und zwar gerade wegen dieser Burgen. Denn sie fleht dich
-an, daß mir erlaubt sei, dem Sohn ihren Segen zu bringen
-und ihn mit einer guten Nachricht zu erfreuen. Das Geschlecht
-hat beschlossen, die Mühlburg als Angebinde an das
-Stift zu Erfurt zu geben, damit der Schüler Immo dort
-Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis unserm
-Kloster enthoben. Seht selbst zu, meine Väter, ob unser
-Kloster dadurch Vorteil gewinnt. Sehr bereitwillig werden
-die Erzbischöflichen zu Erfurt sein, die Burg zu empfangen,
-für uns aber scheint mir diese Wandlung verderblich.«</p>
-
-<p>»Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lämmerherde
-schauen,« rief Herr Bernheri.</p>
-
-<p>»Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert
-entschlüpfen,« drohte Tutilo.</p>
-
-<p>»Ich weiß einen, der das Seine getan hat, durch Stirnrunzeln
-dem Jüngling Immo das Kloster zu verleiden,«
-versetzte Herr Bernheri strafend.</p>
-
-<p>»Wäre der Knabe besser in die Klosterzucht gewöhnt
-worden, er würde nicht zurück in die Welt begehren,« entgegnete
-Tutilo, »auch die Weide biegt sich nur, wenn eine
-feste Hand sie zusammendreht. Und ehe ich leide, daß die
-Burg den prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geöffnet wird,
-zwinge ich den Schüler mit eigner Hand in die Klausur.«</p>
-
-<p>»Du wirst es schwer finden, ihn in der Büßerzelle zum
-Mönche zu schlagen, mein Bruder,« versetzte der Abt. »In
-vielem hast du meine Herde verleitet, aber schwerlich wird
-sie dir folgen, wenn du das Kind aus dem Geschlecht unserer
-Guttäter durch Zwang zurückhalten willst. Ich rate dir, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-du lieber dem Bruder Reinhard vertrauest, denn nicht allein
-wegen seiner Grammatik und Dialektik gefiel es mir, ihn
-hierher zu laden, sondern weil er die Kunst versteht, die
-Herzen der Jugend zu gewinnen und, damit ich metaphorice
-spreche, auch junge Stoßvögel an die Hand zu gewöhnen.
-Versuch du, mein Bruder, ob du die Neigung des Knaben
-für den Wigbert gewinnen kannst. Er ist ein Falk aus den
-thüringischen Bergen, diese ertragen schwer die Kappe, sind
-sie aber gebändigt, dann stoßen sie freudig. Und jetzt gefällt
-mir, daß wir uns erheben. Manches andere will ich mit
-Bruder Reinhard allein verhandeln. Du aber, Tutilo, ziehe
-zurück und zähle die Heuwagen, bis es mir passend erscheint,
-dich zu rufen oder bis ich selbst hinuntersteige und den Konvent
-der Brüder versammle, welchen du Übles gegen mich
-in das Ohr raunst.«</p>
-
-<p>Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesröte als er sich
-erhob. »Du aber, Abt Bernheri, gedenke nicht, das Wichtigste
-den Brüdern zu verbergen und im Rücken des Klosters
-die Wahl zu treffen über den König, dem wir in Zukunft
-dienen sollen. Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem
-Kampf, der sich um die Krone erhebt, und doch ist dies die
-nächste Sorge und eine größere als um Hufen und Burgen.
-Meine nicht, Bernheri, mich zu hintergehen. Wenn du auch
-Abt bist, du selbst würdest es schwer entgelten, denn mein
-ist die Sorge, daß das Heiligtum nicht durch dich mit Unehren
-beladen wird.«</p>
-
-<p>»Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brüderschaft,«
-rief Herr Bernheri ebenfalls zornig, »so sorge auch, daß der
-Reiter, welcher dir die Botschaft des Markgrafen zugetragen
-hat und der verborgen im Gasthause liegt, spurlos verschwinde,
-bevor ihn meine Reisigen ergreifen. Dich selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-könnte ich Verräter nennen; ein Wink von mir, und du
-kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurück. Aber seit vielen
-Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen und
-auch jetzt gedenke ich, weil ich älter und klüger bin als du,
-dich zu behandeln wie einen Trunkenen, von dem geschrieben
-steht, er weiß nicht was er tut.«</p>
-
-<p>Tutilo verließ das Zimmer ohne Gruß, der Abt ging
-heftig auf und ab, endlich ergriff er die Kanne, setzte sie aber
-mit einem Seufzer wieder hin. »Selbst der Wein schadet
-zornigem Gemüt und ich begehre nicht, unwilliger auf ihn
-zu werden, als ich bereits bin.«</p>
-
-<p>»Ich aber bringe dir,« begann Reinhard, ein Pergament
-aus der Kutte ziehend, »den Gruß des Königs und seine
-Mahnung, daß du die Reisigen des Klosters ohne Verzug
-sammelst und durch die Wälder von Fulda zu seinem Heere
-sendest. Damit auch du seine Gnade erkennst, o Herr, sendet
-er dir, was du lange ersehnt und erbeten hast, die Schenkung
-des Bannwaldes um St. Peter, der bisher Königsgut war.
-Du mögest sorgen, mahnt der König, daß die Treue des
-Klosters sich ebenso bewähre wie des Königs Gnade.«</p>
-
-<p>Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde: »Die
-besten Hirsche zwischen Fulda und Main halte ich in diesem
-Pergament,« aber bald verdüsterte sich sein Blick. »Du hast
-gesehen, mein Bruder, wie jener unholde Mann gesinnt ist;
-nach allen Seiten murrt er den Leuten Arges in die Ohren
-und hat die Knechte Wigberts ganz vom König abgewandt,
-nicht weiß ich, ob ich noch Herr bin im Kloster und über
-meine Schildträger. Dennoch will ich tun, was ich vermag,
-indem ich den Konvent zusammenrufe. Du aber eile dem
-Tutilo nach und rühme unterdes im Kloster die Schenkung, damit
-die Unzufriedenen mein Herrenwort williger anhören.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>Während der Abt dem Mönche die letzten Befehle gab,
-erscholl auf den Feldwegen, die zum Kloster hinführten,
-Jauchzen und Gesang; die Brüder und Mannen auf dem
-Petersberg drängten zum Tore hinaus und sahen neugierig
-in das Tal hinab. Hochbeladen in langer Reihe kamen die
-Heuwagen heran, auf den Wiesenbäumen darüber saßen
-und ritten die Buben des Dorfes schreiend und die Arme
-schwenkend. Hinter den Wagen schritten zwei Spielleute
-mit Sackpfeife und Fiedel, sie führten eine lustige Weise
-spielend die Schar der Arbeiter. Denn Männer und Frauen,
-mit Laub und Wiesenblumen bekränzt, hielten einander an
-den Händen und sprangen trotz der Arbeit des heißen Tages
-lustig den Reigen; vom Pfade ab zogen sie die Kette bald
-seitwärts über die Flur, bald zwischen den Wagen hindurch.
-Ihnen folgten die Herren des Klosters, voran die beiden
-Schulen; auch die Schüler sprangen und tanzten durcheinander,
-manche saßen zu Pferde und trieben die Gäule zu
-lustigen Sätzen. Sogar die Väter gedachten nicht sehr ihrer
-Würde, mehr als einem war das Haupt schwer, so daß er
-von den andern geleitet werden mußte, und man merkte
-auch, weshalb er so unsicher schwankte, denn ganz am Ende
-fuhr ein Wagen mit leeren Fässern, welche zwischen den
-Brettern kollerten, und mit Trinkgefäßen, deren Henkel an
-die Leiterbäume gehängt waren. Endlich hob ein Bruder
-sein lateinisches Trinklied an und viele stimmten ein und
-sangen die Schlußverse mit kühnen Bewegungen der Arme,
-und eilte eine Magd, die sich verspätet hatte, bei dem langen
-Zuge der Väter vorbei, dann geschah es wohl, daß einer der
-Begeisterten sie in den Arm kniff oder auch in die Backen.
-So wälzte sich der Schwarm schreiend und singend dem Kloster
-zu. Die untergehende Sonne warf ihr goldenes Licht auf<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-heiße Gesichter und glänzende Augen, die Treiber knallten
-mit ihren Peitschen um die Wette, sogar die Tiere schritten
-lustiger vorwärts.</p>
-
-<p>Plötzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege, wo ein Pfad
-von Osten heranlief, die Buben auf den Heuwagen sprangen
-empor und wiesen in die Ferne, die Wagen hielten an, die
-vordersten Knechte schrien nach rückwärts, Spiel und Gesang
-endete in einem Mißton. Denn von dem Seitenweg
-her tönte wilder Klageruf widerwärtig in die Festfreude.
-Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der Klosterleute
-vom Holze her dem Flußtale zu, mit gesenkten Häuptern
-und Wehgeschrei trugen sie einen undeutlichen Gegenstand
-heran. Die Leute im Zuge verstanden wohl, was der
-Ruf bedeutete, dort war einer erschlagen, und die Rüstigen
-liefen über das Feld dem trauernden Haufen entgegen.
-Zu einem wirren Knäuel vereinigten sich die beiden Haufen.
-Die Knechte peitschten ängstlich ihre Gespanne zu schnellerem
-Schritt, um sie in den Klosterhöfen zu bergen, die andern
-umstanden entsetzt eine Bahre, auf der ein todwunder Mann
-lag. Schnelle Fragen und Antworten folgten einander,
-Heugabeln und Messer wurden geschwenkt und an Stelle des
-lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf über das
-weite Tal. Tutilo spornte sein Roß zu schnellen Sätzen.
-Als der gefürchtete Mönch in das Gedränge stob, fuhren die
-Leute auseinander, im nächsten Augenblick aber begann
-wieder Wehgeschrei und Totenklage. Der Mönch sprang ab,
-beugte sich über den Mann und sah nach der schweren Kopfwunde.
-Dann gebot er, ihn in das Krankenhaus des Klosters
-zu tragen, und forderte Bericht über die Missetat. »Wo sind
-die Gespanne?« frug er unruhig um sich blickend, »wo ist
-Hugbald?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p>
-
-<p>»Die Gespanne geraubt, die Knechte geschlagen und
-fortgeführt, Hugbald gefangen und mit ihm der Scholastikus
-Immo,« riefen ihm die Leute entgegen, bis auf seinen Wink
-der alte Bruder Bardo vortrat und stöhnend das ganze Unheil
-verkündete. Die Waldwiesen, auf denen Bardo die
-Heumahd zu ordnen hatte, lagen weitab von den übrigen
-Gründen, welche auf den Höfen des Klosters bewirtschaftet
-wurden. Sie waren neuerer Erwerb, doch niemand hatte
-beim Auszuge geahnt, daß dort ein Feind lauere. Ungestört
-hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor gemäht und das Heu
-gewendet, nur von einem Bewaffneten begleitet, wie bei
-fernen Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war. Aus
-Vorsicht hatte heute Hugbald geboten, daß die Knechte ihre
-Rosse abspannen und während die Heuhaufen gesetzt wurden,
-unter Aufsicht eines Reisigen auf freier Höhe, von der
-weite Umschau war, zusammenhalten sollten, bis er selbst
-das Einbringen gebiete. Als er endlich gekommen war,
-begleitet von dem Schüler Immo, hatten die Knechte <span id="corr046">ihre</span>
-Gespanne zu den Wagen zurückgeführt. »Schon vorher war
-uns unheimlich geworden,« kündete Bardo, »denn wir
-hatten in der Ferne hinter den Büschen einzelne Bewaffnete
-erkannt, welche hin und her ritten. Grade als sich der Zug
-der beladenen Wagen in Bewegung setzte, brach ein Schwarm
-Reiter aus dem Holz und ritt über die Felder auf die Gespanne
-zu. Unsere Reisigen hoben die Wurfspeere und
-warfen sich ihnen entgegen, auch die Knechte ergriffen die
-Heugabeln und sprangen gegen die fremden Reiter, aber
-klein war die Zahl der unsern, im Nu waren sie umringt.
-Der Mann, welcher auf der Bahre liegt, fiel sogleich vom
-Rosse in sein Blut, nur Hugbald schoß den Wurfspeer und
-schlug mit dem Schwerte, drei waren gegen ihn, doch der<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-Jüngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen sie, ich
-sah zwei vom Pferde stürzen und die ledigen Tiere laufen.
-Ganz tapfer hielt sich unser Scholastikus und er hatte den
-Hugbald frei gemacht, aber dieser rief: »wie mag ich zurückkehren
-ohne die Wagen« und warf sich aufs neue einem andringenden
-Haufen entgegen, bis er entwaffnet und mit
-Weiden gebunden war, und gleich ihm der Jüngling Immo;
-darauf wurden auch die Knechte übel geschlagen und gefesselt.
-Mit großem Gefolge stob Graf Gerhard, den wir alle kennen,
-heran und rief mit zornrotem Gesicht: »Verderben über
-euch, ihr Wigbertleute, mein ist das Heu, mein die ganze
-Markung. Nichtig ist die Schenkung, deren ihr euch von
-meinem Vater her mit Unrecht rühmt; die Gespanne und
-eure Dienstleute treibe ich fort, eine geringe Entschädigung
-sind sie für den Verlust, den ich durch viele Jahre von euch
-erlitten. Läßt sich noch einer von euch Geschorenen auf
-dieser Flur blicken, so sollen ihm meine Gewappneten die
-Haut über die Ohren ziehen. Ihr Mönche aber wandelt
-stracks zurück, nur die heulenden Mägde lasse ich euch. Und
-saget eurem Abt: will er seine Dienstleute lebend wiedersehen,
-so soll er sich eilen das Lösegeld zu senden, denn ich
-gedenke sie nicht lange im Kerker zu füttern. Hinweg mit
-euch, denn euer Anblick ist mir verhaßt.« So ritt er mit
-einem Fluche aufwärts dem Buchenwald zu und hinter ihm
-zogen die Heuwagen und die Gefangenen. Wir aber standen
-weinend um den gefällten Mann, mühsam trugen wir mit
-den Weibern seinen Leib auf den Baumästen hierher.«
-Als der Alte geendet hatte, begannen die knienden Weiber
-wieder ihr Wehegeschrei und der Racheruf der Wigbertleute
-klang durch das Tal.</p>
-
-<p>Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Häuptling,<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-der die Zahl seiner Getreuen mustert. »Sie sagen, Graf
-Gerhard will für König Heinrich ins Feld reiten, hier merket
-die Treue der Königsmannen. Als ein Walddieb ohne Aufkündigung
-des Friedens hat er das Kloster ruchlos gekränkt.
-Ihr aber, fromme Knechte des Wigbert, gedenkt der Vergeltung,
-schreit zu den heiligen Nothelfern um Rache, daß
-sie ein gehäuftes Maß Unheil über den Verfluchten senden,
-bereitet eure Wehren, schlagt an der Glocke des Erzengels
-den Notschlag zur Warnung für alle, die noch im Felde sind,
-daß sie sich sammeln, und entzündet die Feuerzeichen auf
-den Höhen, damit auch die Entfernten wissen, daß unser
-Kloster von Feinden bedrängt ist. Folgt mir zu den Höfen,
-damit wir um Tor und Mauer sorgen, denn aus dem Frieden
-sind wir gesetzt in Unfrieden und auf Abwehr denken wir
-und Vergeltung. Du aber, Bardo, bändige deinen Schreck
-und ziehe jene Straße nach St. Peter, damit du einen andern
-Bericht gebest; ich sehe dort den Abt Bernheri herabsteigen,
-geringe Freude wäre mir, ihm jetzt zu begegnen.« Er schwang
-sich auf sein Roß und sprengte voraus dem Kloster zu,
-einem Kriegsmann ähnlicher als einem Mönch. Den andern
-aber hob sich der Mut, als sie seinen wilden Zorn erkannten,
-und hinter ihm eilte der Schwarm von Männern und Weibern
-auf der Landstraße dahin, während Bardo mit den
-Brüdern, die das Unglück geschaut hatten, traurig dem Abte
-entgegenging.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote
-Schein vieler Kienfackeln die Holzwände und die rußigen
-Balken der Decke. Gegenüber der Tür führten einige Stufen
-zu dem erhöhten Raum, auf welchem der Herrentisch
-stand, dort brannten große Wachslichter, ein weißes Tischtuch<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-war aufgedeckt und neben den Tontellern blinkten
-silberne Kannen und Becher. In der Halle waren zwei
-lange Tafeln gerichtet mit Sitzen darum, und unten an
-der Tür eine dritte kleine, alle mit Holzgerät und irdenen
-Krügen bestellt.</p>
-
-<p>Der Kämmerer des Grafen trat an die Tür der Halle
-und blies auf einem Horn, das er am Halse trug, den Ruf
-zum Mahle in den Hof. Klirrend drangen die Schwertmannen
-in die Halle und reihten sich hinter den Holzstühlen,
-auf der rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb,
-wo das Tischtuch aufhörte, ihre Knechte, auf der linken
-Seite die unfreien Hofleute mit den Knechten. Die Freien
-waren meist bäuerische Genossen, welche lungernd in den
-Dörfern des Grafen saßen, bis sie zum Schwertdienst entboten
-wurden, die Unfreien aber, obgleich sie die schlechtere
-Bank besetzten, achteten sich für heldenhafter, weil viele von
-ihnen im Herrenhof hausten, täglich hinter dem Grafen
-ritten und schönes Gewand und gute Rosse von ihm empfingen.
-Die Freien wiederum waren stolz auf ihre Herkunft
-und verachteten die Knechtschaft der Geschmückten,
-so daß die beiden Bänke in Eifersucht lebten. Ganz unten
-an der Tür aber, getrennt von den andern, harrten an besonderm
-Tisch die beiden Fechter, Ringrank und der Sachse
-Sladenkop, unehrliche Leute, welche ihr Blut dem Grafen
-verkauft hatten und öffentlich mit scharfem Eisen gegen
-ihresgleichen kämpften, oder auch heimlich jedermann niederschlugen,
-so oft es ihr Lohnherr gebot.</p>
-
-<p>Der Kämmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und
-gab ein zweites Hornzeichen. Da öffnete sich eine schmale
-Tür der Hinterwand und Graf Gerhard trat selbst herein,
-hinter ihm seine Tochter Hildegard, welche den kleinen Bruder<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-an der Hand führte. Der Graf hatte seinen eisernen
-Kettenrock mit einem hellen Hauskleide vertauscht, das bis
-über die Knie herabging und von breiter gestickter Borte
-umsäumt war, darüber trug er am weißen Ledergurt sein
-Schwert, an den Beinen hohe rote Strümpfe und schön gestickte
-Schuhe. Er war wohl älter als fünfzig Jahr, in seinen
-schrägen Augen glitzerte das Weiße, so daß den Leuten sein
-Blick nicht gefiel, und da die niedrige Stirn stark zurücktrat
-und seine Nase sich lang über den fränkischen Schnauzbart
-gegen das spitze Kinn dehnte, so hatte er wegen seines
-wölfischen Aussehens den Beinamen Isegrim erhalten. Gern
-wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die Jungfrau,
-sie schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt, welche ihr
-weißes Ärmelgewand mit buntem Gürtel und Saume so
-stolz trug, auf langes, blondes Haar, das durch ein blaues
-Band über der Stirn zusammengehalten wurde, und auf
-ein rundliches Kinderantlitz, über dem der unwiderstehliche
-Zauber der Unschuld lag.</p>
-
-<p>Der Graf winkte, und als das Horn zum drittenmal
-rief, stiegen aus dem Hofe der Truchseß mit den Küchenknaben
-und der Mundschenk mit dem Küfer in die Halle
-und sie setzten die Speisen und große Trinkkrüge auf die
-Tafel. Der Herr trat zu seinem Lehnstuhl, nahm die Mütze
-ab und hielt einen Augenblick das Gesicht hinein, alle neigten
-die Häupter und mancher Fromme schlug das Kreuz,
-dann rückten die Burgleute kräftig die Stühle, zogen ihre
-Messer aus der Scheide und begannen schweigend die Arbeit
-des Mahles.</p>
-
-<p>»Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu,« begann der
-Graf, einen Becher hebend, »und mit Stolpern und Ausgleiten
-endete der Reigentanz der lustigen Mönche. Trinkt,<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-Bankgenossen, und sorgt, daß der Ausgang so rühmlich sei
-als der Anfang.« Heller Beifallsruf erhob sich und die
-Trinkkannen wurden in der Luft geschwenkt. »Führt den
-alten Hugbald mit seinem Knaben aus dem Turme herbei.
-Sie waren die einzigen, welche wacker die Reiterwaffe gebrauchten,
-sie sollen nicht Schwarzbrot kauen, während wir
-uns des Mahles freuen.« Zwei Knechte eilten hinaus;
-nach einer Weile wurden Hugbald und Immo eingeführt,
-beide waffenlos. Als sie auf der Schwelle standen, rief der
-Graf durch den Saal hinab: »Tritt näher, Alter, lagere dich
-dort unter meinen eisernen Knaben.« Er wies auf den
-Tisch zur rechten Seite, wo zwischen den Rittern und
-Knechten eine Bewegung entstand, und mahnte wohlwollend:
-»Laßt ihn das Tischtuch haben, denn er trug
-manches Jahr seine Sporen als ein ehrlicher Gesell und soll
-ungekränkt von meinen Tellern essen.« Hugbald ging
-schweigend auf den Platz, welcher ihm geräumt wurde, und
-antwortete gleichmütig auf die Grüße und Spottreden
-seiner Nachbarn.</p>
-
-<p>»Hüpfe auch du auf die Bank, junger Klosterkauz,«
-gebot der Graf und winkte Immo, welcher an der Tür stehen
-geblieben war.</p>
-
-<p>»Ladet Herr Gerhard mich ein, in seiner Halle niederzusitzen?«
-frug Immo errötend, aber mit einer Stimme,
-die hell durch den Raum klang.</p>
-
-<p>»Öffnet ihm eine Ecke,« befahl der Hofherr zu den Knechten
-gewandt. Aber Immo eilte mit gehobenem Haupt
-durch die Halle dem Tisch des Grafen zu, er stieg die Stufen
-zum Herrensitz hinauf und drängte mit der Hand den Kämmerer,
-der ihn aufhalten wollte, beiseite. »Dir würde geziemen,
-mir den Stuhl zu rücken,« rief er. So trat er auf<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-die Erhöhung, trug einen Sessel neben die Tochter des
-Grafen, sprach freundlich nach allen Seiten grüßend: <em class="antiqua">pax
-domini vobiscum</em> und setzte sich. Graf Gerhard sah sprachlos
-vor Erstaunen auf den kecken Eindringling. Ȇbel gedeihe
-dir deine Frechheit; seit wann klettern die Schüler in den
-Abtstuhl. Doch Wunderliches hören wir über die Unordnung
-in Wigberts Hofe.«</p>
-
-<p>»Im Hofe des Heiligen sitze ich demütig an der Schülerbank,
-bei euch, Herr, ziemt mir der Stuhl in eurer Nähe.«</p>
-
-<p>»Werft den Schamlosen von seinem Sitz,« befahl der
-Graf zornig.</p>
-
-<p>»Dann führt mich zurück in den Turm,« rief Immo,
-»denn bei allen Heiligen des Himmels, an keiner Bank
-lagere ich, keinen Bissen und keinen Trunk nehme ich in
-diesem Saal, wenn mir nicht ein Ehrensitz bereitet wird,
-wie ihn mein Vater erhielt, wenn er diese Burg betrat.«</p>
-
-<p>»Wer bist du, Knabe, daß du mir unter meinem eigenen
-Dache zu trotzen wagst?«</p>
-
-<p>»Es ist Immo, Herr, Sohn des Helden Irmfried, welcher
-das Banner der Thüringe im Lande Italien trug,« bedeutete
-ein alter Dienstmann in der Nähe des Grafen,
-»und darin hat er recht, die Männer seines Geschlechts
-haben von je einen Herrenstuhl begehrt.«</p>
-
-<p>»Jetzt erkenne ich dich, Immo,« versetzte der Graf ruhiger,
-»bei meinem Schwert, früh krümmt sich der Haken. Dennoch
-sollen meine Knaben dich abwärts führen, da du kein Krieger
-bist, sondern nur ein halber Mönch.«</p>
-
-<p>Immo errötete vor Zorn. »Ich aber meine, daß eure
-Reisigen meinen Arm gefühlt haben, fragt nach, wenn es
-euch gefällt, ob die Stöße nur halb waren und in Mönchsweise
-gegeben, oder nach Art eines ehrlichen Kriegers. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-wenn ich wüßte, daß die Starken, gegen welche ich geritten
-bin, in diesem Saale wären, so würde ich sie gern friedlich
-begrüßen und sie bitten, daß sie ihren Groll gegen mich
-schwinden lassen. Denn ich habe nur getan, wozu ich als
-Geselle des Hugbald verpflichtet war, und ich hoffe, auch sie
-ehren den Spruch: auf der Heide schlagen, beim Trunke sich
-vertragen.«</p>
-
-<p>Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen:
-»Hast du auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen,
-lustiger Immo, so will ich dir doch Bescheid tun,
-wenn der Graf dir einen Trunk verstattet. Denn laut
-dröhnte dein Holz an meiner Eisenhaube, und ich schulde
-dir noch einen Dank vom letzten Kirchfest, wo ich allein
-gegen eine Anzahl Klosterleute rang und du mir zu Hilfe
-sprangst, damit der Kampf ehrlicher sei. Treffe ich dich mit
-einem Schwert aber später auf grünem Grunde, dann
-zahle ich dir die Streiche zurück, und du magst sie tragen.«</p>
-
-<p>Ein beifälliges Gebrumm ging um die Bänke.</p>
-
-<p>»Wohlan,« entschied der Graf, »da du dich vor meinen
-Mannen nach Gebühr zu entschuldigen weißt, so will auch
-ich heut an die Ehren deines Vaters gedenken. Siehe zu,
-ob du meine Tochter Hildegard erbitten kannst, daß sie
-deinen Stuhl in ihrer Nähe leidet, denn sie ist gleich dir
-vor kurzem aus der Klosterschule geschlüpft, und sie soll dir
-wie ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir andern
-aber wollen ruhig zuschauen, wenn sie über dem Scholastikus
-zu Gericht sitzt.«</p>
-
-<p>Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor
-sich hin.</p>
-
-<p>»Sei mir hold,« bat Immo, »da du doch aus der Schule
-bist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn,
-dann sah sie wieder vor sich hin.</p>
-
-<p>»Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard?« frug der
-Graf unwillig. »Sechs teure Rosse haben die frommen
-Frauen genommen, um dich in ihrer Zucht zu unterweisen,
-obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre als das unverständliche
-Murmeln in fremden Zungen. Mich reut
-meine Spende, wenn du dem dreisten Schüler nicht zu
-antworten vermagst.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Cave ne iram augeas</em>,« sprach das Mädchen leise, ohne
-den Schüler anzusehen.</p>
-
-<p>»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem
-Quell, was hast du ihm gesagt, Mädchen?« frug der Graf.</p>
-
-<p>»Sie hat mich gemahnt,« antwortete Immo sich erhebend,
-»daß ich mit ehrerbietiger Bitte euch nahen soll.
-Darum flehe ich, Graf Gerhard, daß ihr mir, wenn ich auch
-euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich nicht von
-eurem Tische sendet. Denn um euch alles zu sagen, gar nicht
-reichlich war heut die Mittagskost im Kloster und der Ritt
-zwischen den Rossen eurer Reisigen war auch einem fröhlichen
-Imbiß sehr ungleich, und gern würde ich Heil für
-euch und die Jungfrau trinken, wenn ich es vermöchte.«</p>
-
-<p>Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen
-erkannte, daß diesen die Art des Jünglings wohlgefiel,
-so lachte er und rief über die Bänke: »Wahrlich,
-dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst, auch andern Ehre
-zu geben. Darum gefällt mir, daß heut die beiden Lateiner
-zusammensitzen. Fülle deinen Becher, Hildegard, und biete
-ihm den Trunk, rücke ihm auch deinen Teller hin, denn als
-dein Geselle soll er heut von deinem Teller essen und aus
-deinem Becher trinken.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>Das Mädchen schob den Teller zögernd nach dem Fremden
-hin.</p>
-
-<p>»Ich merke,« sagte Immo ärgerlich, »daß dir dein Geselle
-unwillkommen ist.«</p>
-
-<p>»Wundere dich nicht, Immo,« spottete der Graf, »du
-bist wie ein Frosch aus dem Klosterweiher herangehüpft.
-Ihr aber geht es wie der Königstochter, welcher auch ein
-Frosch zum Gesellen gesetzt war, stolz sah sie auf den Quaker,
-kalt erschien ihr sein Fell und nur mit zwei Fingern griff
-sie ihn an.«</p>
-
-<p>»Ja, so tat sie, Herr,« versetzte Immo dreist, »aber zuletzt
-wurde der Quaker doch ihr Gemahl.«</p>
-
-<p>Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut. »Mißfällt
-dir auch seine ungefüge Stimme,« gebot der Graf ergötzt
-der Jungfrau, »so fülle ihm doch den Becher.«</p>
-
-<p>»Trinke mir zu«, mahnte Immo, »dies ist mein Recht,
-da ich dein Geselle bin.«</p>
-
-<p>Hildegard berührte den Becher mit ihren Lippen, schob
-<span id="corr055">ihm</span> den Becher hin und sagte leise: »Stille ein wenig den
-lauten Gesang, denn der Reiher schwebt über dir.«</p>
-
-<p>»Sieh zu, Frau Reiherin, ob meine Hand kalt ist wie
-eine Froschhand,« versetzte Immo, ihre Hand fassend.</p>
-
-<p>»Du wirst dreist, Herr Frosch,« antwortete das Mädchen,
-die Hand zurückziehend, »tauche zurück in deinen Quell.«
-Sie hob die Kanne und goß ihm den Becher voll.</p>
-
-<p>»Sei bedankt, Geselle,« sprach Immo. »Komme ich
-einmal aus dem Kloster, so sende ich auch dir etwas, das dir
-Freude macht.«</p>
-
-<p>»Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden
-bitter,« begann Hildegard zutraulicher, »denn selig<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-waren die Tage meiner Jugend unter den frommen Frauen,
-und wilde Reden höre ich hier unter den Männern.«</p>
-
-<p>»Manches Vöglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich
-furchtsam auf dem Aste, zuletzt lernt es doch unter dem blauen
-Himmel fliegen,« tröstete Immo.</p>
-
-<p>»Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen
-Frauen getreue Pflege.«</p>
-
-<p>»Waren sie streng in der Schule?« frug Immo teilnehmend.</p>
-
-<p>»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden,« erklärte
-Hildegard, »und wir lasen im St. Augustinus und die
-Verse im Virgilius: <em class="antiqua">Conticuere omnes</em>.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Infandum regina jubes renovare dolorem</em>,« rief Immo,
-»manchmal hat mir der Heide den Kopf heiß gemacht,«
-und beide lachten vergnügt einander an.</p>
-
-<p>»Auch andere Kunst lernten wir,« fuhr Hildegard mutig
-fort, »denn im Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt
-und sie vergönnte mir, daß ich die Hymnen für mich
-schrieb. Ich habe auch das Buch genäht, ich habe es auch
-selbst in Holz gebunden und der Schmied hat acht Edelsteine
-in die Ecken gesetzt.«</p>
-
-<p>»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur
-und bunten Seidenfäden. Sogar Goldfäden für die
-Kunstreichen fehlten selten im Kloster. Sieh her, das habe
-ich mir selbst gestickt,« und sie wies ihm die Verzierungen am
-Ärmel ihres Gewandes.</p>
-
-<p>Immo sah bewundernd darauf. »Dir ist es besser gelungen
-als mir. Aber beide sind wir Waisen, ich kam in das
-Kloster, weil mir der Vater starb, jetzt fürchte ich, daß bald
-einmal die Schere knipst, um mir das Haar zu scheren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>»Du meinst wohl, es sei schade um deine Locken,«
-spottete Hildegard, aber sie sah doch teilnehmend auf sein
-Haar, welches im Lichte glänzte und länger herabhing, als
-strenge Klosterzucht sonst den Schülern gestattete. »Wenn
-der Mutter Mechthild einmal die Goldfäden fehlen, so kann
-sie deinen Haarschopf dazu verspinnen.«</p>
-
-<p>»Lieber wäre mir, wenn dir gefiele, für mich einen Goldfaden
-aus deinem Gewande zu ziehen. Hier ist mein Finger,
-binde ihn mit deinem zusammen, da du doch heut mein Geselle
-bist. Denn wisse, das ist Brauch in der Welt.«</p>
-
-<p>»Das ist übler Brauch,« versetzte das Mädchen errötend,
-»ich vermöchte dich doch nicht bei mir festzuhalten. Auch
-habe ich vernommen, daß treue Gesellen solche Gewohnheit
-haben, sie sitzen beieinander auf demselben Zweige und
-singen dieselben Lieder. Deine Weise aber ist, wie ich merke,
-sehr ungleich der meinen.« Sie neigte das Haupt ein wenig
-auf die Seite und lud ihn durch einen lustigen Blick zum
-Wortkampf ein. »Mir gefällt's, wenn das Glöcklein im
-Kloster klingt, dann singen wir fromme Hymnen.«</p>
-
-<p>»Mir aber gefällt's, wenn das Waldhorn tönt,« antwortete
-Immo ebenso, »dann bellen die Hunde, dann springen die
-Hirsche und lustig reitet der Jäger im wilden Wald. Was
-sagst du dazu, mein Geselle?«</p>
-
-<p>»In deinem grünen Wald heult der Wolf und haust der
-wilde Bär, im Kloster aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne
-und danken dem Himmelsherrn.«</p>
-
-<p>»Mühselig ist es, immer den Kopf zu neigen und mit
-langsamem Fuße zu schleichen. Ich lobe mir den grünen
-Anger und bunten Klee, dort werfen die Knaben und Mädchen
-den Ball und springen den Reigen. Wie gefällt dir das,
-mein Geselle?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>»Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer
-ziehen und blutige Streiche störten den Tanz; ich lobe mir,
-wenn das junge Geschlecht im Kreise sitzt und die Vorleserin
-Gutes aus den Büchern verkündet.«</p>
-
-<p>»Leicht kommt der Schlaf, wenn man tatlos kauert. Viel
-lieber schwinge ich selbst den Speer und das Schwert und
-reite im Eisenhemd über die Heide. Was sagst du dazu, mein
-Geselle?«</p>
-
-<p>»Ein Kriegsmann willst du werden,« rief das Mädchen
-erschrocken, »sie werden dich töten,« und sie vergaß das
-Redespiel.</p>
-
-<p>»Wenn sie das vermögen; ich aber will sorgen, daß es
-ihnen nicht gelinge.«</p>
-
-<p>Die Jungfrau sah scheu aus ihren großen Augen auf den
-Nachbar. Daß er nicht geistlich werden wollte, störte ihr die
-Sicherheit, sie schob ihr Gewand zusammen und schwieg.</p>
-
-<p>Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung
-und rief: »Mir ist heut manches schlecht gelungen,
-die Schwertleute haben sich an mich gehängt und mich hart
-geschnürt, und ich weiß nicht, was mir dein Vater ersinnen
-wird. Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben und
-ich könnte auf meinem Stuhl hüpfen. Ich fühle auch gegen
-niemanden Groll und es ist mir ganz lieb, daß sie mich gefangen
-haben. Ich weiß nicht, woher das kommt, wenn mir
-nicht darum so wohl ist, weil ich neben dir sitze und mit dir
-aus einem Becher trinke. Wonnig ist mir zumute und ich
-möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder
-auch singen. Aber mein Gesang würde nicht jedermann
-freuen, denn meine Stimme ist rauh. Noch anderes Recht
-habe ich als dein Geselle, und auch das sollst du wissen. Denn
-küssen darf ich dich, wenn ich will.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<p>Hildegard erschrak und wandte sich ab. »Hüte dich, daß
-der Vater das nicht hört, schnell würde dein Ehrensitz dir
-genommen werden.«</p>
-
-<p>»Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn,«
-versetzte Immo übermütig, »und daß ich dich vor den Kriegsleuten
-nicht beschäme. Aber wenn ich dich einmal allein
-wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem Recht. Mögen die
-guten Engel fügen, daß dies bald geschehe.« Und er sang
-halblaut die Worte des Hymnus: »<em class="antiqua">Audi, benigne, Conditor,
-nostras preces cum fletibus</em>.«</p>
-
-<p>Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut
-andere Zeilen des Liedes entgegen; »<em class="antiqua">dona, per abstinentiam
-jejunet ut mens sobria</em><a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>. Flehe zu den Heiligen, daß du
-nüchtern wirst, denn wie ich höre, redest du gleich einem
-Berauschten.«</p>
-
-<p>»Wie du geschickt zu entgegnen weißt,« rief Immo begeistert,
-»du bist ein sinnvolles Weib, wenn du mich auch
-verhöhnst.«</p>
-
-<p>Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem
-Wildbret und starkem Bier zugesprochen und nur einzelne
-Reden mit den Vertrauten, welche ihm zunächst saßen, gewechselt,
-jetzt lehnte er sich zufrieden auf dem Stuhle zurück
-und hörte die lateinischen Worte des Hymnus, welche seine
-Tochter sprach. »Merkt auf unsere Klosterleute,« rief er, »sie
-summen nach Art der Mönche mit geneigten Köpfen,« und
-da er im geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war,
-fuhr er fort: »Fremde Worte sprechen mag jeder, aber das
-Gesprochene verstehen ist schwerer. Vermagst du einzusehen,
-Immo, was das Mädchen zu dir gesungen hat?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, Herr,« versetzte Immo, »sie mahnt mich mäßig zu
-sein, damit euer Trank mir nicht das Hirn betäube.«</p>
-
-<p>»Allzu streng ist Hildegard,« lachte der Graf, »dir soll
-auch einmal etwas Gutes gegönnt sein. Obwohl ich erkenne,
-daß es dir an Dreistigkeit nicht fehlt, du junger Zaunkönig.
-Denn Zaunkönige nennt ja wohl das Volk die Männer deines
-Geschlechtes.«</p>
-
-<p>Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn.
-»Weil meine Vorväter als alte Landherren auf freiem Erbe
-saßen, deshalb haben die Mönche ihnen im Scherz den
-Namen Reguli, kleine Könige, gegeben.«</p>
-
-<p>Da rührte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des
-Grafen, welcher stattlich in rotem Gewande dasaß, weil er
-der Sprecher war und ein Liebling seines Herrn, und rief
-spottend in den Saal: »Eine Sage weiß ich. Als die Vögel
-den Genossen zum König <span id="corr060">wählen</span> wollten, der sich am
-höchsten schwingen würde, barg sich ein Zwerg von Vogel
-in den Federn des Adlers und ließ sich hinauftragen bis dahin,
-wo er den Weltenherrn auf seinem Stuhle sah, dort
-flatterte er über das Haupt des Adlers und piepte: König
-bin ich. Da lachte oben der alte Gott in seiner Halle und unten
-schrien die Vögel im Zorn, bis der Herr des Erdgartens gebot,
-daß der Betrüger seine Krone nur heimlich in den Waldhecken
-tragen dürfe, wo ihm niemand zusieht. Darum heißt
-auch ihr Zaunkönige, weil eure Herrlichkeit im Busch versteckt
-ist.«</p>
-
-<p>Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: »Nicht dem
-Diener antworte ich, sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es
-ja wohl erfahren, Graf Gerhard, daß die Helden meines Geschlechtes
-ihr Haupt nicht in der Waldhecke bergen. Nie hat
-einer von meinen Ahnen sein Land vom König oder von der<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Kirche zu Lehen genommen, wie die erbelosen Franken und
-Sachsen, welche von der Dienerbank in das Land kamen, um
-bei uns Grafen zu werden. Manchen weiß ich, der sich jetzt
-rühmt, ein Edler zu sein, weil er als Diener eines Königs mit
-großem Gefolge reitet, obgleich seine Vorfahren aus der
-Küche und aus dem Stall geschlüpft sind.«</p>
-
-<p>Mißtönender Lärm erhob sich an den Bänken und die
-Hand des Grafen Gerhard griff nach dem Messer, das er an
-seiner Seite trug, der Jüngling aber sah mit blitzenden Augen
-über die Versammlung, stattlich stand er da trotz seinem
-Schülerkleide und rief laut in das Getöse: »Zürnt mir nicht,
-starke Helden, daß ich als ein unberühmter Jüngling vor euch
-meine Stimme erhebe. Aber keiner unter euch würde
-schweigend zuhören, wenn man seinem Geschlecht durch
-stechende Worte die Ehre mindert. Auch zu euch, Graf Gerhard,
-flehe ich, daß ihr ohne Kränkung vernehmt, was ich
-nur zur Abwehr sprach. Heil trinke ich euch und euren Kindern
-und Dank sage ich euch, wie dem Gaste gebührt.« Er
-leerte den Becher und setzte sich.</p>
-
-<p>Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen.
-»Ich höre, du hast unter den Mönchen gelernt, mit zwei
-Zungen zu reden.«</p>
-
-<p>»Überall rühmen die Leute,« versetzte Immo, »daß die
-Zunge eine gute Waffe ist und wir Schüler haben, wie ihr
-wißt, vor andern darin Ruf.«</p>
-
-<p>»Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der
-Mönche schneidet,« entgegnete der Graf, »vor andern aber
-bei den Mönchen des Wigbert, und wir alle wissen, daß ihr
-dort sehr ungeistlich lebet und der Gebete für arme Seelen
-wenig gedenkt. Auch von dir selbst, Immo, erinnere ich mich
-gehört zu haben, daß du wild in dem Kloster hausest und sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-den Mönchen üble Streiche spielst. Soll deine Rede mir
-besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem
-Streit mit den Geschorenen.«</p>
-
-<p>»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo ernsthaft, »die Rinder
-kämpfen oft mit ihren Hörnern gegeneinander, wenn aber
-der Bär naht, dann schließen sie sich einmütig zusammen
-und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wäre auch mir
-Unrecht, an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten,
-denn als ein Kind des heiligen Wigbert hast du mich
-ergriffen.«</p>
-
-<p>»Du sorgst schlecht für dein Wohl,« rief der Graf zornig,
-»wenn du dein Kloster in dieser Halle rühmst. Denn undankbar
-und treulos haben Wigberts Mönche an mir und meinem
-Geschlecht gehandelt. Oft habe ich mich enthalten, ihnen
-Übles zu tun, wo ich es doch vermocht hätte, und mühsam
-habe ich den Zorn meiner Mannen gebändigt, wenn sie die
-Rinder des Klosters begehrten und den Übermut eurer Dorfleute
-ansahen. Auch wegen der Wiesen und Fluren, von
-denen ich heut den geschorenen Schwarm vertrieben habe,
-ertrug ich schon lange das Unrecht. Denn meinem Vater
-gehörte der ganze Grund und er hat ihn, wie die Mönche behaupten,
-dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war,
-unter der Bedingung nämlich, daß sie seine arme Seele von
-dem Höllenfeuer frei beten sollten. Dies aber haben sie uns
-zum Unheil und zur Schmach versäumt. Und ihr alle sollt
-es wissen, was mir begegnet ist, damit ihr mein Recht gegen
-die Wigbertleute erkennt. Jämmerlich war das Gesicht,
-welches ich neulich hatte, da ich auf meinem Bette lag.«
-Er bekreuzte sich heftig und fuhr fort: »Ich sah im Traum
-eine unselige Gestalt von Flammen umgeben und mit glühenden
-Ketten an den Beinen gefesselt und ich erkannte, daß sie<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-so gestaltet war wie mein Vater, da er lebte. Der traurige
-Geist wies auf den Grenzhügel, welchen die Mönche nach
-der Schenkung neu geschüttet haben, und seufzte: mein war
-es und dein soll es wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch
-den Leib, bis die Gestalt verschwand. Daraus erkannte ich
-deutlich, daß die Geschorenen als Lügner an meinem Vater
-gehandelt haben oder auch, daß ihr Gebet ganz unwirksam
-geworden ist, weil sie in Weltsünden leben; und darum beschloß
-ich, mein Eigentum wieder zurückzufordern. Vermag
-Wiese und Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der
-Himmelsburg zu erwerben, so soll dasselbe Land doch solchen,
-die mir treu sind, einen warmen Sitz auf Erden bereiten;
-denn es wird dazu helfen, zwei bis drei Kriegsleute mit ihren
-Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn zuteile.«</p>
-
-<p>Ein freudiges Geschrei ging um die Tische und laute Heilrufe
-erklangen dem Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften
-Trank und sah zufrieden über seine Bewaffneten.
-»Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn obgleich
-du dich heut trotzig an meinem Tische gebärdest, so will ich
-dich doch morgen zu deinem Abt entsenden, damit du ihm
-meine Beschwerde verkündest. Ich wähle aber dich, weil ich
-merke, daß du recht gut verstehst, deine Worte zu setzen und
-weil ich dich als nutzlosen Schüler nicht im Kerker bewahren
-mag. Die Geschorenen, welche mein Gesinde fing, habe ich
-entlassen, damit sie nicht als Gefangene in meinen Mauern
-Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in Banden,
-bis dein Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der
-Wiesen verträgt. Und ich fordere, daß er sich mit der Lösung
-beeile, wenn er sie lebend wiedersehen will, da ich sie nicht
-lange zu füttern gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich
-zu anderm Tausch. Denn zwei meiner Knechte, sattelfeste<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Knaben, liegen auf der Burg des Abtes verstrickt, weil sie
-neulich auf meinen Stuten beim Roßgehege des Abtes vorbeiritten.
-Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri
-aus und jagten eigenwillig hinter den Stuten her, und
-als meine Knaben den Füllen die Leine umwarfen, nur damit
-sich diese nicht in den Wald unter die Wölfe versprengten,
-da kamen Dienstmannen des Klosters herzu, schrien meine
-Leute trotz ihrer guten Meinung als Roßdiebe an, rissen sie
-von den Pferden und führten sie samt den Stuten nach dem
-Berg des Abtes. Mich aber kränkt dies Unrecht sehr und ich
-fordere meine Knaben und Pferde gegen den Hugbald und
-sein Pferd; das magst du deinem Herrn verkünden.«</p>
-
-<p>Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer
-aufs Herz, daß auch sein Geschlecht dem Kloster wertvolle
-Hufen verkauft hatte und er fühlte nicht den Drang, die
-Mönche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald, welcher mürrisch
-hinter seinem Becher saß, und begnügte sich, trotz der
-Freude über seine nahe Befreiung ruhig zu sagen: »Alles,
-was ihr mir auftragt, werde ich dem Herrn Abt berichten,
-auch euer Traumgesicht, wenn ihr das begehrt.«</p>
-
-<p>Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte, war ihr
-Antlitz gerötet und große Tränen rannen aus ihren gesenkten
-Augenlidern herab. Da erkannte er, daß die Jungfrau
-bitteres Leid über die Reden ihres Vaters empfand und sie
-wurde ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied ihn anzusehen,
-stand schweigend auf, hob den Bruder von seinem
-Sitz und erbat leise vom Grafen die Entlassung, der ihr gleichgültig
-durch eine Handbewegung gestattete aus der Halle zu
-scheiden. Und zu der Bank seiner Mannen gewandt, rief er:
-»Führt auch die Verstrickten in ihre Zelle zurück, wenn sie
-nüchtern abwärts steigen, so ist es ihre Schuld.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>»Lebe wohl, Hildegard,« sprach Immo leise und faßte
-heftig ihre Hand. »Denke mein, lieber als alles auf der
-Welt wird mir sein, wenn ich dich wiedersehe.«</p>
-
-<p>»Sei auch du gesegnet,« antwortete Hildegard und neigte
-sich vor dem Vater. Immo freute sich, daß sie die Mannen
-stolz als Herrin grüßte; die kleine Tür öffnete sich und sie
-verschwand. Jetzt brannten die Fackeln dem Jüngling trübe,
-die wilden Mienen der Männer erschienen ihm unheimlich,
-und er folgte mit stummem Gruß dem Kämmerer. »Sorge
-dafür, daß die beiden Klosterkrähen einen besonderen Käfig
-erhalten und Stroh zu warmem Sitze,« rief der Graf unter
-dem Gelächter der Reisigen dem Kämmerer nach.</p>
-
-<p>Während Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er
-im Schlafe seines Kummers ledig wurde, saß Immo neben
-ihm in seligen Gedanken, er überlegte jedes Wort und jede
-Miene der Jungfrau, spät sank er in Schlummer.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und
-vernahm noch wie im Traume ungnädige Entlassung und
-harte Worte aus dem Munde des Grafen. Als er aber auf
-das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger zuführte,
-ging eine junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber,
-legte ihm verstohlen etwas in die Hand und sagte leise:
-»Nimm zurück, was dir gehört.« In ein großes Lindenblatt
-war ein Blättchen Pergament gewickelt, auf dem Pergament
-stand mit schöner Schrift der Reisegruß: »Die lieben Engelein
-sollen dich hüten und segnen auf allen deinen Wegen;« rings
-um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden durch das
-Pergament gezogen. Er drückte das Blatt an seine Brust
-und barg es in seinem Gewande.</p>
-
-<p>Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des
-Grafen bis an die Grenze begleitet. Er fand das Tor St.<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Peters geschlossen, die Brücke gehoben, wurde von Bewaffneten
-angerufen und mußte längere Zeit harren, bevor
-ihm der Eingang gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher
-im Klosterhofe vor seinen Dienstmannen saß, vernahm unwirsch
-die Botschaft des Grafen und entsandte den Boten
-mit dem Mönch Eggo sogleich zur Fulda hinab in das Kloster.
-Auch das Kloster war in ein Kriegslager verwandelt, am
-Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie
-schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Roß und
-forderten Kunde von den Gefangenen. In dem Hofe der
-Reisigen drängten sich Kriegsleute und Knechte, das Rüsthaus
-war geöffnet und die Knechte trugen Eisenhemden und
-Waffen zu langen Reihen. In den Arbeitshöfen schwärmten
-die Brüder, aus der Klausur entlassen, aufgeregt durcheinander;
-bei der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten
-Arbeiter an den Treppen und Bänken für die Bogenschützen,
-und im Vorhof der Kirche stand Tutilo, ein Schwert über
-der Kutte, als Hauptmann der großen Burg, welche zur Verteidigung
-gerüstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo:
-»Hugbald liegt gefangen. Leichter hätte das Kloster dich
-entbehrt als seinen Dienstmann.«</p>
-
-<p>»Nicht mein ist die Schuld,« versetzte Immo, »daß Hugbald
-gegen die Feinde keine andere Hilfe fand als meinen
-Stab.«</p>
-
-<p>Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur
-Seite, Immo aber eilte zu seinen Genossen, welche vor allem
-froh waren, daß sie heut nicht durch den neuen Lehrer in
-die Schule gerufen wurden. Von ihnen umdrängt, berichtete
-Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor das Rüsthaus,
-wo die Älteren gewappnet wurden, um mit den Knechten
-die Mauer und die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-aber verkündete den Mönchen, daß Herr Bernheri am
-nächsten Morgen herabkommen werde, um die Brüder im
-großen Konvent zu versammeln. Mit düsteren Mienen vernahmen
-die meisten die Botschaft.</p>
-
-<p>Der ganze Tag verging im Getümmel; trotz der Nachricht,
-welche Immo gebracht hatte, sorgten die Mönche, daß
-der Graf einen Anlauf gegen das Kloster wagen oder daß
-seine Dienstmannen in Herden und Dörfer einbrechen würden.
-Bis zum Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge
-mit ihrer wertvollsten Habe, auch das Herdenvieh wurde
-herangetrieben von Anger und Weide, zuletzt kam noch der
-Sauhirt mit seiner Herde und die Brüder hatten Not, die
-Menge der Menschen und Tiere in den Höfen zu bergen. Als
-die Sonne unterging, war in dem Kloster, das sonst am
-Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getöse
-und Geschrei, die Rinder brüllten, die Schweine grunzten,
-die Schmiede schlugen auf die Speereisen und die Zimmerleute
-hieben Balken und Bretter für die Verschanzung.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch3">3.<br />
-Der letzte Tag im Kloster.</h2>
-</div>
-
-<p>Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger
-als sonst drängten die Brüder herzu, heiß die Köpfe, gefurcht
-die Stirnen; und ein Summen, das nichts Gutes bedeutete,
-ging durch die Gemeinde. Als Herr Bernheri mit
-seinen Begleitern in den Chor trat, blieben die Nacken der
-Mönche steif und aus dem Summen wurde ein mißtönendes
-Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick überrascht bei
-seinem Sitz und sah auf mehr als hundertundzwanzig
-Häupter seiner aufsässigen Kinder, aber da er von Natur ein
-mutiger Mann war, wenn auch ermüdet durch Müßiggang
-und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen,
-blickte aus seinem großen Haupt herausfordernd über den
-Haufen und setzte sich steif in den Abtstuhl. Die Hora begann
-und der Abt selbst erhob die Stimme: »<em class="antiqua">Deus in adjutorium</em>«,
-aber unordentlich tönte der Gesang der Brüder und der
-Lektor eilte so sehr er konnte, versprach sich und mengte die
-Zeilen. Als die letzten Klänge verrauscht waren, begann
-wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich Herr
-Bernheri von seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock
-gelehnt gewichtig vor den Brüdern. Er eröffnete den Konvent
-durch den lateinischen Gruß und fuhr mit lauter Stimme
-fort: »Mein ist das Recht zu befehlen und euer die Pflicht zu<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt,
-die ganze Gemeinde zur Beratung versammelt; sorgt dafür,
-daß es mir nicht leid tue und daß es euch bei den Heiligen
-nicht zum Schaden gereiche, wenn ihr mir unbändig widersteht.
-Gutes und Übles habe ich euch zu verkünden. Das
-Gute ist von unserm Herrn, dem König Heinrich gekommen,
-denn er hat uns den großen Bannwald bei St. Peter, den
-wir uns längst ersehnt, mildtätig geschenkt.« Der Abt hielt
-an, aber keinerlei Beifall dankte für die Begabung, und der
-Abt setzte die Rede unzufrieden fort: »Das Üble aber kommt
-von dem Grafen Gerhard. Sehr gröblich hat dieser das
-Kloster geschädigt, durch den Schüler Immo hat er unpassende
-Worte hierher gesandt, nämlich, daß er ein Recht
-auf die Waldwiesen erhalten habe, weil sein Vater im
-Höllenfeuer stöhne.«</p>
-
-<p>Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr
-Bernheri schwenkte die Hand verächtlich gegen die Worte
-des Grafen: »Ich kenne seit lange den argen Wicht Gerhard
-und seine Gewohnheiten. Immer hat er üble Traumgesichte,
-wenn er den Frieden brechen will. Schon vor vielen Jahren
-träumte ihm etwas wegen unserer Hirschjagd, die er sich begehrte;
-er würde alle seine Väter und Mütter auf die heißeste
-Bank der Hölle setzen, wenn er dadurch für sich einen weltlichen
-Vorteil erreichen könnte. So viel gebe ich auf seine
-Träume,« &ndash; er blies kräftig den Atem in die Luft. »Ich
-aber fürchte sehr, er selbst wird dafür in den Höllenrachen
-geworfen werden, obwohl er zuweilen beim Weidwerk und
-bei einem starken Trunk nicht schlechter war als andere. Denn
-wenige kenne ich unter den weltlichen Fürsten und Herren,
-die nicht ebenso raubgierig sind. Alle trachten darnach, viele
-Dienstmannen mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-ihren Fehden die reisigen Knechte zuführen. Die Dienstmannen
-greifen das Kleine im Wald und auf der Straße und
-ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche; zum
-Kriege sind sie nötig, aber den Frieden vermögen sie schwer
-zu bewahren, wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe
-zwingt.«</p>
-
-<p>Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe
-Brausen der Menge, doch war es weniger feindselig. Und
-Herr Bernheri hob wiederum an: »Gekränkt bin ich wie ihr
-alle, und wären meine Beine gesund und mein Sinn weniger
-gewitzigt, so würde ich vielleicht selbst den Streithengst besteigen;
-so aber mahnt mich die Erfahrung vieler Jahre und
-meine eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich euch
-verkünden, was unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen
-den Grafen rüsten. Dorfhäuser werden brennen und Männer
-erschlagen werden und das Ende wird sein, daß er außer dem
-Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch größeren fordert
-wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung, und daß er uns
-mehr schädigt als wir ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen
-den Frieden, er aber den Krieg, und er vermag uns
-von unsern Gütern in Thüringen zu scheiden. Vor dem
-König aber wird er recht behalten und nicht wir, denn
-schwerlich hätte er seinen Vater in der Hölle geschaut, wenn
-er nicht wüßte, daß der König ihm bei den Wiesen gegen das
-Kloster helfen will. Darum, wie sehr ich den Grimm über
-seine Missetat fühle, bin ich dennoch gewillt, ihm diesmal
-ein wenig nachzugeben, vielleicht, daß er sich begnügt das
-Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei seinem
-Tode dem Kloster zurückzugeben. Dies ist die Hoffnung,
-welche uns bleibt, denn er ist ein angefressener Stamm und
-mancher Wurm nagt in seinem Holze, auch ihn ängstigen<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-zuweilen seine Missetaten jetzt und noch mehr in der Zukunft.«</p>
-
-<p>Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf
-und rief dem Abt mit harter Stimme entgegen: »Jetzt
-erkennen die Brüder alle, in welchem Sinne du die Worte
-des Gebetes gerufen hast: ›Erlaß uns unsere Verpflichtung,
-wie auch wir sie erlassen unsern Verpflichteten,‹ du selbst
-hoffst, daß du für dein eigenes Unrecht ein mildes Urteil
-empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos dahin
-ziehen läßt. Aber du sollst auch verstehen, was die Brüder
-gemeint haben, als sie laut riefen: ›Befreie uns von dem
-Argen,‹ denn damit meinten sie nicht den Grafen Gerhard
-allein, sondern noch jemanden. Niemals hätte der Graf
-gewagt, Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wüßte, daß
-solche, die zu Wächtern des Klosters gesetzt sind, selbst eigennützig
-mit dem Gut der Kirche schalten. Oft hast du das
-bewiesen; unter anderm auch neulich, als der fremde Händler
-starb, den wir in seiner letzten Krankheit ein Jahr lang gepflegt
-hatten. Denn bei seinem Tode verließ er dem heiligen
-Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen, die er aus Welschland
-gebracht hatte, und wir hofften, daß die Steine den
-Altären ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht
-einmal jährlich den Brüdern ein frohes Liebesmahl verschaffen.
-Du aber hast die Steine an dich genommen und
-durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du selbst
-gebrauchen wirst oder auch ein anderer, wie es dir gefällt.
-Nicht als ein Vater, sondern als ein Tyrann herrschest du
-über die Gemeinde. Deinen Günstlingen gestattest du jede
-Unbill und dagegen versagst du den Brüdern auch die erlaubte
-Erquickung. So tatest du neulich, da du ein Verbot
-erließest, welches ich lächerlich und kindisch schelte, daß nämlich<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-der Koch an den Fasttagen den Brüdern niemals Lebkuchen
-backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame
-Ergötzlichkeit, worauf sie sich durch die Woche freuten. Du
-aber hast dies aus Bosheit verwehrt, weil es ihnen lieb war.
-Antworte, wenn du vermagst, zuerst wegen der kleinen
-Dinge, denn noch weiteres haben wir über dich zu klagen.«</p>
-
-<p>Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder
-bekräftigt. Da ihnen manche Speise versagt war, so hatte
-das Erlaubte für die meisten um so größeren Wert und sie
-dachten und murmelten viel über Trunk und Kost. Und
-Tutilo wußte, daß sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem
-Abte stärker zürnten als wegen Ärgerem.</p>
-
-<p>Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung
-und er rief: »Schweig mit deinen ungebührlichen Reden,
-sowohl aus Scham vor mir, als aus Furcht vor den Heiligen.
-Ganz ungehörig ist, was du an geweihter Stätte über das
-Pfeffergebäck vorbringst. Denn jeder Verständige wird mir
-recht geben, daß der Pfeffer, welchen sie hineintun, für
-Mönche allzu hitzig ist, und weil sie die Speise stark mit Honig
-würzen, schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie
-ziehen bei ihrem Trunk ärgerliche Gesichter. Was aber den
-Schatz betrifft, so habe ich allein das Recht zu erwägen, wie
-er dem Kloster den größten Vorteil bringt. Die Becher habe
-ich zum Geschenk bestimmt für solche, an deren gutem Willen
-das Heil des Klosters hängt, und ich selbst traure, daß es
-nötig ist, durch Gaben zu sühnen, was deine Untreue verbrochen
-hat. Denn mit Empörern verhandelst du, und du
-verleitest die Brüder zur Untreue gegen Herrn Heinrich,
-unsern König. Aber allzulange habe ich die Tücke deines
-Wesens ertragen, und ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren,
-wie unser Vater, der heilige Benedikt, gebietet, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-ein Präpositus von dem bösen Geiste des Hochmuts aufgeblasen
-wird. Mehr als viermal habe ich dich mit Worten
-gemahnt, jetzt naht der Tag deiner Strafe; fügen sollst du
-dich, oder du wirst aus dem Kloster geworfen zu einer Warnung
-für die andern. Die Pforte sperre ich dir auf, du magst
-auslaufen, wohin du willst, und die Toren, welche dir anhängen,
-mit dir.«</p>
-
-<p>Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung, die
-Bande der Zucht zerrissen in der Wut, welche die Seelen
-erfüllte. Dicht vor den heiligen Reliquien brach die Empörung
-aus, von ihren Sitzen sprangen die Mönche an die
-Stufen des Hochaltars mit heißen Gesichtern und glühenden
-Augen; starke Arme streckten sich und mißtönendes Geheul
-erfüllte die Kirche.</p>
-
-<p>Aber auch im Rücken der Streitenden klang lauter
-Ruf und die eiserne Gittertür, welche den Vorhof vom
-Hauptschiff der Kirche trennte, krachte in ihren Angeln.
-Denn dort hinten drängte gewaltsam ein wilder Haufe mit
-Leibern und Stangen. Nur wenige von den Mönchen hörten
-auf den Lärm, der von außen kam, doch Rigbert lief durch
-die Kirche nach dem Eisengitter und schrie, sich mit ausgebreiteten
-Armen davor stellend: »Immo, Unseliger, was
-wagst du? Bist du des Lebens müde, daß du mit den Ungeweihten
-in die Klausur brichst?«</p>
-
-<p>»Wir sind nur müde vom Stehen und Harren,« rief
-Immo lustig hinein. »Meinst du, die Schule wird fern bleiben,
-wo die Mönche einander knuffen? Öffne die Tür,
-Rigbert, wenn du ein guter Genosse bist.«</p>
-
-<p>»Niemals, denn es wird euer Verderben. Was willst
-du in der Kirche?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>»Schläge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen, wen
-es auch trifft. Wer ist in der Not?«</p>
-
-<p>»Sie bedrängen den Herrn Abt.«</p>
-
-<p>»Wie, das gute Weinfaß? Gesellen, wir helfen dem
-Abt!«</p>
-
-<p>Die Schüler riefen gellenden Kampfschrei und wieder
-rasselten die Stangen an dem Tor, gegen welches sich der
-Mönch mit seinem Leib stemmte; da griff Immo behend
-durch das Gitter und schob den Riegel zurück. Die Tür flog
-auf und die Schüler drangen herein; allen weit voraus
-sprang Immo dem Chore zu. Über den Rücken zweier
-Mönche, die er als Bock gebrauchte, flog er wie ein Federball
-vor den Altar und stand allein mitten unter den Tobenden,
-nahe dem Abt, der das schwere Kreuz vom Altar gehoben
-hatte und den Aufrührern entgegenhielt, während
-die Brüder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hühner
-auseinander geflattert waren und hinter dem Altar und den
-Stühlen Schutz suchten.</p>
-
-<p>»Hara!« rief der wilde Immo, »zu Hilfe dem Herrn
-Abt. Komm heran, Dekan Tutilo, damit ich dich lehre,
-deinem Abt den Fuß zu küssen.«</p>
-
-<p>Die Mönche wichen beim Anblick des Jünglings zurück,
-der mit drohender Gebärde einen Eisenstab schwingend vor
-ihnen stand. Der allgemeine Zorn wandte sich gegen den
-Einbrecher. »Hinaus mit dem Frevler!« schrien viele Stimmen.
-»Die Klausur ist gebrochen, geißelt den Missetäter!«
-Ein Mönch sprang hinter den Altar und riß die Geißel,
-welche dort für die Mönchbuße lag, aus dem Kasten; von
-Hand zu Hand ging die blutbesprengte, Tutilo packte sie und
-stürzte damit auf den Schüler los. Aber im Nu lag der starke
-Mann von einem Schlage getroffen am Boden, Immo hob<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-die Geißel über ihn und rief: »Das sei dein Lohn, bellender
-Hund!« So schnell war die Tat, so unerwartet der Frevel
-und so wild schlug der trotzige Jüngling, dessen Kraft die
-Brüder wohl kannten, daß alle einen Augenblick starr standen
-und dem Getöse plötzliche Stille folgte. Aber gleich darauf
-erhob sich wieder das Getümmel und Geschrei: »Zu Boden
-mit dem Bösewicht, werft ihn in den Kerker, bindet ihn auf
-das Kreuz!« Während sich so die Anhänger des Tutilo zum
-Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen
-gegen sie die Stange hob, da geschah, was allen unerhört
-war: die beiden Alten Bertram und Sintram warfen sich
-zwischen den Haufen gegeneinander auf die Knie und baten
-zu gleicher Zeit und mit denselben Worten einer den andern
-um Verzeihung. Denn als der Kampfzorn die Brüder ergriff
-und zwiespältig schied, da hatte sich zum erstenmal
-ereignet, daß die Beiden nicht derselben Meinung waren
-und Bertram hatte auf der Seite des Abtes, Sintram aber
-auf der des Tutilo die Faust geballt. Und als sie nun beide
-zu gleicher Zeit sahen, daß sie einander mit der drohenden
-Faust gegenüberstanden, hatte jeder sich über sein eigenes
-Unrecht entsetzt und sie baten mit Tränen einander ab und
-umarmten sich, während sie auf den Knien lagen. Als der
-empörte Haufe die Greise am Boden sah, wurde ihm der
-Anblick unheimlich, einige von den Rohesten lachten, aber
-die Mehrzahl fuhr entsetzt zurück. In diesem Augenblick
-sprang Reinhard auf die Stufen des Altars und rief die
-Arme erhebend: »Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns
-Sündern! Kniet nieder, ihr Brüder, und flehet um die Vergebung
-der Heiligen. Nicht durch Geschrei wird der Schaden
-des heiligen Wigbert geheilt; ihr seht selbst: wie ihr euch
-gegen den Vater des Klosters, so empört sich Bruder gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-Bruder, und die ruchlose Jugend gegen euch alle. Eure
-Feindschaft stärkt nur die Feinde draußen. Wollt ihr euch
-helfen, so rate ich, daß heut nicht in der Menge verhandelt
-wird, was zum Frieden des Klosters dient, sondern daß die
-Dekane und die Alten sich mit unserm Herrn Bernheri in
-friedlicher Beratung vereinen. Du aber, Jüngling, wirf die
-Geißel weg, mit der du an heiliger Stätte gefrevelt hast,
-und erwarte in Demut die Strafe, welche die Brüder dem
-Verbrecher finden.«</p>
-
-<p>Die Geißel fiel zur Erde neben Tutilo, welcher ächzend
-auf dem Boden saß und betäubt seinen Kopf auf die Hand
-stützte. Immo starrte wild umher. Da er merkte, daß er
-allein war und daß seine Genossen sich in den Ecken und
-hinter den Säulen zu bergen suchten, trat er an den Stuhl
-des Abtes zurück, aber seine Augen flogen herausfordernd
-über den Haufen. Herr Bernheri begann zornig: »Nicht
-die Geweihten des Herrn sehe ich vor mir, sondern eine Herde
-wilder Eber, welche begierig ist die eigenen Ferkel zu fressen.
-Ich aber verachte euer Grunzen und das Schnauben eurer
-ungewaschenen Rüssel, denn, wie sagt der hohe Apostel:
-›Sie wandeln dahin in ihrer Dummheit.‹ Was aber hier
-Reinhard, der würdige Bruder, vorschlägt, das gefällt auch
-mir. Mit den Dekanen und mit den Ergrauten, welche nicht
-Hechsel in ihrem Kopf haben, gedenke ich in späterer Stunde
-die Leiden des Klosters zu erwägen, bis dahin mögen sie
-selbst in der Stille prüfen, ob sie eine Hilfe finden. Denn
-auch der Esel schreit laut, wenn er müßig steht, wenn er aber
-die Säcke tragen muß, so schweigt er geduldig. Sie sollen
-auch einmal die Last tragen, ich bin es müde, allein für euch
-grobe Klötze Rat zu suchen, wo es keinen gibt. Und so scheide
-ich jetzt den Konvent, wandelt bis morgen dahin in Frieden.<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-Ich aber verweile hier in meinem Hofe, damit niemand
-meint, daß ich den Unzufriedenen das Feld räume. Bestelle
-was nottut, mein Kämmerer Eggo, und diesen behenden
-Springer nimm mit dir. Nie sah ich einen Scholastikus so
-wild auf geschorenen Köpfen zum Altar reiten.« Der Abt
-wandte sich schwerfällig zum Altar und neigte sich. Reinhard
-eilte zu den Brüdern und sprach nachdrücklich in die Ältesten
-hinein, doch mürrischer Widerspruch erhob sich und laute
-Stimmen riefen: »Der Schüler gehört in unsern Kerker,
-denn er hat gegen einen Mönch gefrevelt.« Der Abt wandte
-sich wieder dem Haufen zu: »Der Scholastikus gehört unter
-die Zucht des Lehrers Reinhard, dem Reinhard aber gebiete
-ich, mir zu folgen, denn ich bedarf seiner, damit ich ihn, wenn
-es nottut, zu euch sende.« Herr Bernheri stieg langsam vom
-Altar, warf noch einen verachtenden Blick auf die empörte
-Gemeinde und schritt unaufgehalten durch seinen Ausgang
-nach dem Abtshofe. Um ihn drängten sich die Getreuen von
-St. Peter, sein Kämmerer hielt den Jüngling, welcher friedlich
-folgte, bei der Schulter; als letzter ging Reinhard.</p>
-
-<p>Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge,
-die erste Wut war verraucht, aber bitterer Groll zurückgeblieben.
-Tutilo wurde von zwei Brüdern in die Klausur geführt,
-wo er sich erst erholte, nachdem der Kellermeister einen
-Krug Würzwein in seine Zelle gestellt hatte. Neben dem
-Kruge saßen einige alte Brüder, den Kranken zu pflegen; sie
-prüften und billigten den Trunk und zürnten, obgleich sie
-mit gedämpfter Stimme sprachen, heftig auf mehrere, welche
-abwesend waren.</p>
-
-<p>Unterdes stand Immo in der Büßerzelle der Abtei, ein
-Bruder von St. Peter, der ihm fremd war, hatte ihm ein
-Bund Stroh hineingebracht und einen Krug mit Trinkwasser<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-ohne ein Wort zu sprechen, und Immo, der den Klosterbrauch
-kannte, hatte auch keine Frage getan, um sich nicht über die
-versagte Antwort zu ärgern. Einen Augenblick dachte er
-daran, den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle hinauszuspringen,
-aber mit leisem Stöhnen gab er den Gedanken
-auf, denn er wußte wohl, daß das Haus des Abtes von Reisigen
-besetzt und keine Möglichkeit zur Flucht war. Er untersuchte
-seinen Kerker, doch dieser bot geringen Trost, er war
-nicht in freier Höhe gezimmert und kein Dach erhob sich über
-ihm, es war ein Kellerloch, nicht viel länger als ein Mann,
-und die kleine Lichtöffnung vermochte kein Geschöpf, das
-größer war als eine Katze, zu durchklettern. So blieb ihm
-nichts übrig als auf dem Stroh zu sitzen und die finstern Gedanken
-wegzuscheuchen, welche wie Fledermäuse um sein
-Haupt schwirrten. Lange tröstete ihn ein wenig die Überlegung,
-daß er den Tutilo, der immer herrisch gegen ihn gewesen
-war, so schön zu Boden geschlagen hatte. Er griff nach
-dem Pergament mit dem Goldfaden und wiederholte sich
-die Worte, welche Hildegard zu ihm gesprochen hatte, aber
-dabei wurde der Gedanke in ihm übermächtig, daß er jetzt
-zum zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker saß. Als
-gar der Abend kam und der Hunger stark in ihm nagte, wurde
-ihm frostig zumute und ihm fiel ein, daß seine Zelle für eine
-furchtbare Stätte galt. Manche Geschlechter vergangener
-Mönche hatten hier jahrelang gebüßt und in Kreuzesform
-dagelegen, während die Geißel über ihren Rücken flog und
-ihr Blut auf den schwarzen Boden rann. Unheimliche Geschichten
-erzählten die Schüler von der Not der Frevler,
-welche der Abt gefesselt hielt und wer in der Dämmerung
-an der Zelle vorübergehen mußte, der wandte das Haupt
-ab und beeilte den Schritt. Daß Tutilo und seine Genossen<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-ihm todfeind geworden waren, erkannte er jetzt deutlich, und
-ihm kam auch vor, als könnte er wohl das Sühnopfer werden,
-über dessen Leib der Abt mit den Mönchen Frieden mache.
-Wild sah er umher und griff im letzten Zwielicht an die
-Wände; es waren dicke Mauern, hier und da hatte ein Büßer
-sein Kreuz in den Kalk geritzt, um davor zu beten. Da neigte
-auch er das Haupt und begann einen lateinischen Psalter,
-aber unter den heiligen Worten kam ihm die Angst, was wohl
-die Apostel Simon und Thaddäus, vor deren Gebeinen er
-den Tutilo niedergeworfen hatte, von seinem Tun denken
-würden. Er konnte nicht glauben, daß Tutilo als ein arger
-Mann in Gunst bei den Hohen stehe, aber ob sie besonderes
-Wohlwollen für ihn selbst hegen könnten, erschien ihm sehr
-zweifelhaft, denn sicher hatte er eine schwere Tat begangen
-und ihr Heiligtum entweiht. Da faltete er die Hände und
-bat den heiligen Wigbert, sein Fürsprecher zu werden. Dieser
-war ihm immer hold erschienen und am liebsten hatte er vor
-seinem Altar gebetet, denn er dachte sich, daß der Heilige auf
-Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und seit
-alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war. So bat er jetzt
-demütig um seine Hilfe. Und als er an die Heimat dachte,
-wurde ihm das Herz weich.</p>
-
-<p>Aber stürmisch hoben sich wieder die Gedanken. Wenn
-er die Eisenstange nur hätte, die er heute früh geschwungen,
-dann könnte er wohl die Tür erbrechen. Und er stampfte mit
-dem Fuß auf den Boden, ob es irgendwo hohl klänge. Denn
-aus der Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Fülle aller
-guten Dinge, nicht nur die Landleute, die noch Heidenbrauch
-übten, auch die Mönche wußten das. Vielen Goldschatz barg
-die Mutter Erde, aber auch anderes Metall schenkte sie aus
-ihrem Vorrat den Bedrängten. Warum sollte nicht auch er<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-in seiner Not eine Waffe aus der Erde graben, die ihn von
-der drohenden Schmach erlöste. Er griff und stieß wieder an
-Wänden und Boden umher, aber nirgends erkannte er hartes
-Eisen. Und er faltete aufs neue die Hände und kauerte auf
-dem Stroh.</p>
-
-<p>Während er demütig in der Finsternis saß, vernahm er
-von außen langsame Tritte, ein Lichtstrahl fiel durch das
-Eisenschloß golden in die Zelle, ein Schlüssel knarrte, die
-Tür ging ächzend auf, und ein Mann trat schwerfällig herein
-und beleuchtete vom Eingange mit seiner Blendlaterne den
-Sitzenden. Immo schnellte empor, er erkannte Bernheri,
-seinen Abt und Herrn. »Stemme dich von außen gegen die
-Tür, Eggo,« begann der Abt nach rückwärts gewandt, »damit
-der Scholastikus Saliarius nicht auf den Einfall komme, uns
-selbst als Springböcke zu gebrauchen oder gar in unserm
-eigenen Keller einzuschließen.« Immo ließ sich auf die Knie
-nieder und senkte schweigend das Haupt, suchte aber doch
-durch verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten.</p>
-
-<p>»Sieh, Immo,« fuhr der Abt feierlich fort, auf den Gebeugten
-herabblickend, »du bist zum Greuel geworden vor
-allem Volke und die Töchter Israels schreien wehe über dich;
-welches aber nur tropice gemeint ist, denn ich hoffe, daß du
-Unglücksvogel dich in Wirklichkeit von jüdischen Weibern
-stets fern gehalten hast, zumal keine in der Nähe des Klosters
-zu finden sind. Aber was die Schrift sagt, das gilt jetzt von
-dir: ›Aus der Tiefe schreie ich und niemand hört meine
-Stimme.‹ Ganz verworfen bist du und die hohen Engel
-würden dich mit zahllosen Backenstreichen begaben, nur daß
-solche Regung der Hände für Himmlische unschicklich ist. Was
-dich erwartet, weißt du. An ein Kreuzholz wirst du gebunden
-und so lange gegeißelt, bis dein Vater Tutilo für dich bittet;<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-ich meine, er wird sich nicht beeilen. Und später wirst du auf
-Stroh gelegt in der Klausur der Brüder, wo nicht Sonne
-noch Mond dich bescheinen. Solches sind die Folgen deiner
-Springerei und deines nächtlichen Dachkletterns. Meinst du,
-daß ich nicht weiß, wer mir die Böcke bei Mondschein aus
-dem Walde holt; item, das sind die Folgen deines Abtspiels
-am Feste der unschuldigen Kindlein. Meinst du, daß mir unbekannt
-ist, wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter
-deine Kutte gebunden hast, um deinen hagern Leib gleichsam
-zum Hohn für mich mit einem Bauch zu versehen? Je
-mehr ich deine Art erwäge, desto mehr Sünde finde ich in dir
-und erkenne, daß du zu denen gehörst, von denen geschrieben
-steht: »Sie sollen vertilgt werden wie Spreu.« Erkenne
-deine Missetat und bereue, denn es bleibt dir nicht viel Zeit.
-Auch der Floh springt nur so lange, bis er geknickt wird.«</p>
-
-<p>Immo schauerte. Doch nicht ohne Nutzen war er sechs
-Jahre im Kloster gewesen und er hatte ein wenig die Mönchskunst
-gelernt, die Miene des andern zu beobachten und vorsichtig
-die Worte zurückzuhalten. Darum antwortete er demütig:
-»Mein Herr und Vater, mich reut nicht, daß ich so
-geschwind war, so lange den Tutilo nicht reut, daß er die
-Hand gegen seinen Herrn erhoben hat.«</p>
-
-<p>»Ich merke,« rief Herr Bernheri, »du hoffst, daß ich in
-dieses Loch herabgestiegen bin, um dich daraus emporzuheben.
-Darin irrst du gänzlich. Da ich Abt der Brüder bin,
-so fordert meine Würde, deine Missetat zu strafen, wenn diese
-auch in guter Meinung für mich verübt wurde. Denn sobald
-der Morgen anbricht, werden viele das Urteil über dich
-fordern. Heut aber denke ich daran, daß du aus altem Geschlechte
-bist und daß auch ich einst mich meiner Abkunft
-rühmte, bevor ich mich einem Herrn gelobte, vor dem alle<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-gleich sind, Freie und Unfreie. Darum komme ich zu dir.
-Hast du das Gitter der Kirche gebrochen, so vermagst du
-vielleicht auch diese Tür zu öffnen und hinauszufahren, ohne
-daß dich jemand sieht, du bist ja gewöhnt die Pfade eines
-Marders zu wandern.« Aus dem Faltengewand des Abtes
-sank ein eisernes Werkzeug auf den Boden. Immo schnellte
-in die Höhe und seine Augen glänzten, aber er faßte sich und
-antwortete: »Mein Herr möge mir verzeihen, wenn ich nicht
-wie ein Dieb ausbrechen will. Wohin soll ich fliehen? In den
-Hof meiner Väter vermag ich nicht zurückzukehren, wenn ich
-als Verbrecher dem Wigbert entweiche, denn schnell würden
-die Väter den flüchtigen Schüler zurückfordern vor ihr
-Gericht.«</p>
-
-<p>»Sprichst du so stolz, du Tor,« rief der Abt, »ich meine,
-jede Stelle, wo der Himmel dich deckt oder das Laub dich
-verbirgt, wird für dich lustiger sein als die Mauersteine dieses
-Kerkers.«</p>
-
-<p>Immo ließ sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder.
-»Dennoch flehe ich, daß mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt
-und mich als Freien entsendet.«</p>
-
-<p>»Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen,« versetzte
-der Abt unwillig, »ganz toll bist du in weltlichem Hochmut.
-Und welche Herrlichkeit der Erde gedenkst du für dich
-zu begehren, wenn du den Klostermauern entweichst?«</p>
-
-<p>»Ein Schwert will ich finden und ein Roß; denn hochwürdiger
-Vater, ein Kriegsmann will ich sein und kein
-Mönch.«</p>
-
-<p>»Wirst du ein Mönch, so wird bald der üble Teufel dein
-Abt werden, und wirst du ein Kriegsmann, so wirst du einer
-von den Wölfen, welche um St. Wigberts Stall heulen,
-bis sie dir auf grüner Heide ein Bett schaufeln.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p>
-
-<p>»Herr,« versetzte Immo flehend, »zu deinen Füßen will
-ich geloben, daß ich in allen meinen Tagen daran denken
-werde, wie ich an dir einen gütigen Vater fand.«</p>
-
-<p>»Bin ich eine Dirne, daß du mich mit Verheißungen und
-mit schönen Worten bereden willst? Außerdem ziemt mir
-nicht, an diesem kalten Ort der Buße von weltlichen Dingen
-zu reden. Und deshalb frage ich dich zum letztenmal, ob du
-lieber die Geißel wählst oder eine zerbrochene Tür.«</p>
-
-<p>»Nicht die Geißel will ich und nicht die heimliche Flucht.
-Um gnädige Entlassung flehe ich zu meinem Herrn, damit
-ich mein Haupt hoch tragen kann unter meinesgleichen.«</p>
-
-<p>»Einem nimmersatten Windhund gleichst du,« versetzte
-Herr Bernheri, »und ärgerlich willst du mir werden.« Aber
-er sah dabei mit Wohlgefallen auf den Jüngling. »Ich
-schließe dich wieder ein. Bleibe auf den Knien und sprich
-den 37. Psalm, wo er lautet: ›<em class="antiqua">Miser factus sum et curvatus</em>,‹
-wenn du die Worte vermagst, was ich dir nicht zutraue.
-Und dabei harre auf die Heiligen, ob sie sich deiner
-erbarmen.« Der Abt wandte sich ab, Immo faßte ihm nach
-dem Gewand, aber Herr Bernheri entzog sich eilig, der Riegel
-fuhr in das Schloß und Immo war allein in tiefer Finsternis.
-Er griff nach dem Eisen und preßte die Hand darum, wild
-stürmten ihm die Gedanken durch die Seele, Sorge und
-Hoffnung, dennoch hielt er jetzt das Gerät in der Hand,
-welches seine letzte Hilfe sein konnte. Wie durch ein Wunder
-war ihm auf den Boden gelegt, was er von den Gewaltigen,
-die unter der Erde hausten, ersehnt hatte. Brachte die Nacht
-keine andere Hilfe, so konnte er diese gebrauchen. Er stand
-in der Finsternis und horchte auf jedes Geräusch, das von
-außen kam.</p>
-
-<p>Nicht lange, so vernahm er wieder Tritte und sah einen<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-Lichtstrahl, der Riegel rasselte und der Mönch Eggo winkte,
-ihm zu folgen. Leise gingen beide die Stufen hinauf; ein
-großer Raum, in den sie traten, war undeutlich erhellt durch
-die glimmenden Holzkloben im Kamin. Auf Bänken an der
-Wand und auf dem Boden lagen Reisige des Abtes in tiefem
-Schlaf. Wieder mahnte ein Zeichen des Mönchs zur Vorsicht,
-er öffnete eine eisenbeschlagene, niedrige Tür und führte
-eine Wendeltreppe hinauf. Als Immo aus der Tiefe emportauchte,
-stand er in einem kleinen Zimmer, dessen Wände
-zierlich mit dunklem Holz getäfelt waren.</p>
-
-<p>Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe, deren rötliche
-Flamme im Luftzuge flackerte und rauchte; Eggo trug
-eine Wolldecke herzu, legte sie auf den Boden und flüsterte:
-»Rühre dich nicht und schlafe wenn du vermagst.« Gehorsam
-setzte sich Immo auf die Dielen und als er zur Seite blickte,
-sah er den Mönch wie einen Schatten an der Wand dahingleiten
-und hinter einem Teppich verschwinden. Er starrte
-in den dämmrigen Raum, auf die dunklen Bretterwände,
-an denen die Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten,
-und auf die Waffen in den Ecken, deren Metall bald
-hell erglänzte, bald in Finsternis schwand. Aber das Herz
-war ihm leicht geworden, denn er erkannte wohl, daß Herr
-Bernheri ihn nicht für die Rache des Tutilo aufbewahren
-wollte; er schloß die müden Augen und entschlief.</p>
-
-<p>So mochte er lange gelegen haben, da erwachte er von
-einer leisen Berührung, er fuhr auf und blickte erstaunt um
-sich. Noch war es Nacht, die Lampe brannte trüber, über den
-Waldhügeln lag der graue Dämmerschein des nahen Morgens,
-und an seinem Lager erkannte er eine dunkle Gestalt.
-Erschrocken hob er den Leib und stützte sich auf die abgewandte
-Hand. Neben ihm saß der fremde Mönch, der als<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-Lehrer in das Kloster gekommen war. Immo wollte aufspringen,
-aber Reinhard drängte ihn durch eine Bewegung
-zurück. »Sitze an meiner Seite, Immo, und öffne dein Ohr,
-damit eine leise Mahnung in deine Seele falle. Höre mich
-mit Vertrauen, wenn ich dir auch noch fremd bin, denn nicht
-als dein Kerkermeister, sondern wie ein Freund will ich zu
-dir reden und von deiner Heimat will ich dir Gutes verkünden.
-Frau Edith sendet dir ihren Muttersegen: Sage
-meinem Sohn, sprach sie, jeden Abend und jeden Morgen
-flehe ich zu den Heiligen, daß sie ihm das Siegestor öffnen.
-Schwer wird der Mutter, das Angesicht des Sohnes zu
-missen, auch darum hoffe ich, daß die Himmlischen das Opfer
-gnädig annehmen.«</p>
-
-<p>Immo senkte das Haupt, erweicht durch den Gedanken
-an die Heimat. Reinhard fuhr fort: »Schon in der nächsten
-Zukunft hätte sich dir die Pforte des Klosters geöffnet, damit
-du unter den Kindern der Welt dem Herrn dienest. Aber
-dein frecher Mut hat dich schuldig gemacht, schwerer Strafe
-bist du verfallen. Darum komme ich, um mit dir zu erwägen,
-wie du dich rettest.«</p>
-
-<p>Immo neigte sich über die Hand des Lehrers und sprach
-demütig: »Kannst du mir helfen, Vater, so flehe ich, verlaß
-mich nicht.«</p>
-
-<p>»Eine Rettung weiß ich,« fuhr Reinhard fort, »die seligste
-von allen: demütige dich selbst, Immo, vor dem Altar und
-trage geduldig die Folgen deiner Untat. Ein Weltgeistlicher
-solltest du werden, wähle das Mönchsgewand und gelobe
-dich dem heiligen Wigbert. Das ist die Buße, welche dir alle
-hohen Fürsten des Himmels geneigt macht und ebenso die
-Herzen der Brüder im Kloster.«</p>
-
-<p>Immo sprang auf, seine Hände ballten sich und zornig<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-rief er: »Meinst du, daß ich als büßender Mönch vor dem
-Altar liegen und daß Tutilo die Geißel über mir schwingen
-soll, wie ich sie heut über ihm schwang?«</p>
-
-<p>»Fürchtest du die Geißel des Tutilo, dann denke lieber
-daran, daß du jetzt unter seiner Faust stehst und daß ihm
-morgen die Brüder die Rache geben werden, die er an deinem
-Leibe zu fordern hat.«</p>
-
-<p>»Nimmer schwingt er die Peitsche über mir, während
-ich atme,« schrie Immo. »Wenn sie mich zur Verzweiflung
-treiben, so sollen sie einen Verzweifelten finden. Vor dem
-Altar töte ich ihn und jeden, der mich anzugreifen wagt; von
-der Klostermauer springe ich, vom Turm stürze ich mich und
-Feuer lege ich in das Haus der Mönche. Wenig liegt mir an
-dem Leben eines Hundes und ich werfe es von mir, wie ich
-dieses Gewand von mir schleudere, wenn ich ein anderes auf
-meinem Wege finde.«</p>
-
-<p>»Wie ein Heilloser schreist du,« versetzte Reinhard,
-»Tutilo sprach nicht unrecht, als er dich mit einer wilden
-Katze verglich.«</p>
-
-<p>»Tat er das,« rief Immo, »so freut's mich, daß er die
-Krallen gefühlt hat.«</p>
-
-<p>»Dennoch rate ich dir, mein Sohn, daß du dich noch
-einmal an meine Seite setzest, wenn du deine Wut zu bändigen
-vermagst. Wehre mir nicht, dir zu raten, weil dies
-eine, die dir lieb ist, von mir erbat.«</p>
-
-<p>Immo ging langsam zu seinem Lager zurück, setzte sich
-zu den Füßen des Mönchs und stützte sein heißes Haupt in
-die Hand.</p>
-
-<p>»Wundere dich nicht, Immo, wenn ich dich einlade zu
-werden, was ich selbst bin. Denn auch ich habe mich von
-Vater und Mutter geschieden und ich habe die Rosse und<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-Hufen, die mein Erbteil sein sollten, den Heiligen dargebracht,
-weil ich um meiner Seele Heil bebte und lieber die
-Gnade des Herrn wählte als die vergänglichen Freuden dieser
-Welt. Auch ich entsage und gehorche und wandre wie ein
-Fremdling durch die Welt. Ob der Frost den Leib bedrängt,
-der Hunger quält und Gefahren drohen, gleichgültig und verächtlich
-ist mir das alles in den Stunden seliger Freude. Nicht
-Liebe des Weibes, nicht das Lied des Sängers, welches den
-Helden ehrt, schaffen solches Glück wie die Heiterkeit ist, die
-ich im Herzen trage, wenn ich zu den Füßen des Herrn liege,
-dem ich mich als Knecht gelobt habe. Darum möchte ich
-deine Seele und die Seelen aller, welche mir vertraut werden,
-den Greueln der Welt entreißen und den Handgriffen
-des üblen Teufels.«</p>
-
-<p>Immo schwieg nachdenkend. »Vater,« sprach er, »beantworte
-mir eine Frage, die ich unwissend tue. Wenn es dir
-und andern frommen Männern nun gelänge, alle Christen
-auf deinen Weg zu leiten, und wenn alle zu Mönchen und
-Nonnen würden, verzeih, Vater, aber ich meine, dann wird
-es an Kindern fehlen.«</p>
-
-<p>»Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene
-Rede versuchen willst, du sollst die Verkündigung hören,«
-versetzte Reinhard feierlich. »Käme diese selige Zeit, die,
-wie du selbst weißt, noch weit entfernt ist, dann wird sich der
-Himmel auftun und der Herr wird mit den himmlischen
-Heerscharen heranziehen zum Gericht; aus der alten Welt
-des Jammers und der Sünde wird eine neue erstehen, in
-welcher die Seligen im Lichtglanz dahin wandeln.«</p>
-
-<p>Immo sah bei dem rötlichen Schein der Lampe, wie das
-Auge des Mönchs leuchtete und seine Hände sich unwillkürlich
-zum Gebet schlossen. »Du selbst weißt, mein Vater,«<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-begann er bittend, »daß der gute Gott den Vögeln ungleichen
-Gesang gegeben hat. So hat er auch den Menschen verschiedene
-Gaben ausgeteilt, als er in den Erdgarten kam,
-um die Kinder durch seine Geschenke zu ehren. Ich aber
-möchte den Gaben vertrauen, die ich an mir erkenne.«</p>
-
-<p>»Mit guten Sinnen sprichst du, Immo,« versetzte Reinhard,
-»und verwundert höre ich, wie klug du die Worte setzest.
-Auch dies ist eine Gabe, die der Herr solchen verliehen hat,
-die er für seinen Dienst bestimmt.«</p>
-
-<p>»Nicht zum erstenmal füge ich die Worte in dieser Sache,«
-versetzte Immo, »denn oft haben Väter des Klosters, die mir
-günstig waren, ähnlich zu mir gesprochen wie du. Wisse,
-Vater, da du so gutherzig mit mir redest, zu lange weile ich
-schon im Kloster und ich bin seiner herzlich müde. Wenn ich
-auf dem Roß sprenge, bin ich glücklicher als zu Fuß und,
-Vater, als ich gegen die Reiter des Grafen ritt, um den
-Hugbald herauszuziehen, da war mir so fröhlich zumute, wie
-nach deinen Worten dir bei dem Altare. Daran erkenne ich,
-daß ich nicht gemacht bin, Mönch zu werden.«</p>
-
-<p>»Und doch, Immo,« entgegnete Reinhard, »sollen alle
-Menschen in jenem Leben teilhaftig werden der Gemeinschaft
-der Heiligen.«</p>
-
-<p>»Und meinst du, Vater, daß man in der großen Halle des
-himmlischen Königs nur Ehre erlangen kann, wenn man den
-Freuden dieser Welt gänzlich entsagt und als Mönch oder
-Nonne betet?«</p>
-
-<p>»Wie magst du zweifeln,« entgegnete Reinhard eifrig,
-»da es verkündet ist. Weißt du nicht, daß geschrieben steht:
-wer sich erniedrigt, der soll erhöhet werden? Wer lebt demütiger
-als der Mönch? Schwer ist's, in den Freuden der
-Welt dem Herrn wohlgefällig zu bleiben, und die liebsten<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-Genossen des Himmelsherrn werden nur die sein, welche
-hier entsagen und büßen.«</p>
-
-<p>»Wahrlich, Vater,« rief Immo, »wenn es in der Himmelsburg
-so ist wie du verkündest, daß die Mönche und Nonnen
-vor den andern an der Herrenbank sitzen, dann will ich in
-den Pferdestall, wo die Rosse des Engels Michael stehen und
-anderer schneller Boten, denn lieber will ich dort die Pferde
-striegeln und die Steigbügel halten, als ewig den Kopf neigen
-und in das Ohr wispern und nach der Miene des Präpositus
-und der Dekane sehen, wie hier die Mönche tun.«</p>
-
-<p>Dem Mönch empörte sich das Herz, aber er antwortete
-ruhig: »Zuchtlose Worte vernehme ich in den Mauern des
-Klosters; sonst hört man sie nur auf den Burgen der Gewappneten,
-welche eilig sind, Menschenblut zu vergießen.
-Deine Rede ist heillos auch für einen Weltgeistlichen, wenn
-du ein Kanonikus zu Erfurt wirst, wie dein Geschlecht will.«</p>
-
-<p>»Verleidet ist mir das weiße Gewand wie die wollene
-Kutte,« rief Immo, »und verhaßt auch der Sitz im Chore
-von Erfurt.«</p>
-
-<p>»Zu dem Grunde, auf welchem dein Geschlecht haust,
-gehört die Mühlburg. Diese Burg wollen deine Verwandten
-dem Erzbischof zu Mainz, der dem Stift in Erfurt gebietet,
-übergeben, damit du als Kanonikus ausgestattet werdest,
-wie Brauch ist.«</p>
-
-<p>Wieder fuhr Immo in die Höhe. »Um meinetwillen soll
-mein Geschlecht verzichten auf den festen Sitz, der unsere
-Ehre war. Mehrmals flüchtete der Vater, wenn der Grenzkrieg
-entbrannte, die Rosse und Rinder und unsere ganze
-Habe in den sichern Bau, und ich und meine Brüder sprangen
-auf den Mauern und kletterten in den Schluchten. Ein Ahn
-von mir hat, wie du wissen wirst, den Berg, auf dem die<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-Wigbertleute die Wassenburg gebaut haben, dem Kloster
-geschenkt, jetzt soll auch die zweite Burgstätte dahinschwinden
-um meinetwillen! Jammervoll ist mir zu sehen, wie unser
-Erbe weggegeben wird, damit die Geschorenen in den Wäldern
-gebieten, wo sonst unser Jagdruf erklang. Wehe mir,
-daß ich niemanden habe, der meine Klage anhört, als einen
-landlosen Mönch.«</p>
-
-<p>»Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhören,«
-antwortete Reinhard sich erhebend, »so vernimm,
-was ich dir ungern sage und nur, weil es mir befohlen ward,
-was aber für deinen weltlichen Sinn die letzte Hilfe sein kann
-in der Not, welche dich bedrängt. Merke wohl, Immo, du
-kannst frei von hier ziehen, wohin dich dein Gelüst treibt,
-ein Kriegsmann magst du werden, der auf die Mühlburg
-sein Gemahl heimführt und unter den Edlen von Thüringen
-im Heergewand reitet.«</p>
-
-<p>»Sage mir, Vater, was soll ich tun, damit ich dies Glück
-erreiche?«</p>
-
-<p>»Gelobe, bevor du scheidest, Burg und Berg deinem
-Herrn Bernheri in die Hand zu geben, damit du sie als Lehn
-für dich und dein Geschlecht zurückerhältst. Nützen wirst du
-dem Kloster auch als Lehnsmann und Vogt, der für das
-Kloster sorgt, wie ja viele aus den edelsten Geschlechtern tun,
-um den Heiligen zu gefallen. Gelobst du dies, so vermag der
-Abt dich zu schützen gegen jeden Feind, den du hier und anderswo
-hast; denn auch so dienst du den Heiligen und du
-weißt ja selbst, es ist leichter Dienst, den sie dir auflegen.«</p>
-
-<p>Immo stand betroffen. Der Weg, welchen ihm der Mönch
-wies, bot vieles, wonach sein Herz sich sehnte, er wußte recht
-gut, wie stolz das Kloster auf seine Burgen war und daß er
-als Lehnsmann des Klosters den Wigbertleuten wertvoller<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-wurde, wie als Mönch. Dennoch empörte sich sein stolzes
-Herz bei dem Gedanken, als Dienender den Schild zu tragen.
-Er schwieg und starrte vor sich hin.</p>
-
-<p>Reinhard, der den Kampf des Jünglings beobachtete,
-fuhr fort: »Einer deiner Ahnen starb in der Heidenzeit unter
-dem Schildrand für die heilige Kirche. Wie darf sein Enkel
-zaudern? Dienstmann der Heiligen wurde jener im Tode,
-du aber sollst in demselben Dienste mit Ehren leben.«</p>
-
-<p>Immo fuhr zusammen, denn bei der Rede des Mönchs
-vernahm er noch eine andere Stimme und neben dem hagern
-Antlitz des Lehrers sah er das rundliche Gesicht und das herzliche
-Lächeln des Greises Bertram und in ihm klangen die
-Worte, welche ihm übergeben waren: »Birg nie in fremder
-Hand, was du allein zu halten vermagst, wenig frommt dem
-Manne zu dienen, wo er gebieten könnte.« Da sprach er:
-»Ich höre eine Mahnung in meinem Innern, daß ich deinem
-Rat nicht vertrauen soll, und ich will nicht.«</p>
-
-<p>»Eine Waise bist du, ohne Freundschaft stehst du hier, dein
-eigenes Geschlecht ist deinen weltlichen Wünschen zuwider;
-St. Wigbert aber vermag dich zu schützen wie ein Vater und
-keinen erlauchteren Herrn kannst du wählen als den hohen
-Heiligen.«</p>
-
-<p>»Ich will nicht dienen,« antwortete der Jüngling; die
-Lippen schlossen sich fest und er sah in seinem Trotz aus wie
-ein älterer Mann.</p>
-
-<p>»Nur kurz ist die Zeit, die zum Widerstande bleibt,«
-mahnte Reinhard, nach dem Fenster deutend, »sieh diesen
-Docht, welcher verglimmt und den Morgen, welcher aufsteigt.«</p>
-
-<p>»Und ich will nicht und will nicht,« antwortete Immo
-tonlos.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Reinhard wandte sich traurig ab: »Fruchtlos ist die Mühe,
-dir durch Worte den trotzigen Sinn zu wandeln. Dennoch
-bleibst du ein Kind meiner Sorgen und käme der Tag, wo
-du gute Meinung für dich begehrst, so wisse, Immo, daß du
-sie bei mir findest.« Er hob die Hand zum Segensgruß und
-verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Immo sah ihm nach und dachte: ob dieser so ist, wie
-Sintram sprach, daß er treulich für mich beten wird? und
-er schüttelte das Haupt. Er warf sich auf sein hartes Lager
-zurück, aber die Gedanken fuhren ihm stürmisch durch das
-Haupt und er mußte immer wieder nach dem Himmel sehen,
-der im Osten sich rötete.</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Seitentür und Herr Bernheri selbst
-trat herein, hinter ihm Eggo mit einer großen Kerze in
-kupfernem Leuchter. Immo fuhr in die Höhe und neigte
-das Haupt vor dem Gebieter. Mürrisch begann der Abt:
-»Da seht den Nestling aus den Waldhecken; aber störrisch
-ist er wie ein junger Geier und Reinhard hat sich vergebens
-bemüht, ihm die Kappe umzulegen. Obwohl ich im voraus
-gesagt habe, daß von dir nicht viel Gutes zu erwarten ist.
-Ganz unlieb ist mir deine Widerspenstigkeit und ich täte am
-klügsten, dich gänzlich deinem Schicksal zu überlassen, welches
-wahrscheinlich jämmerlich sein wird.«</p>
-
-<p>Immo schwieg, aber das Herz hämmerte ihm in der
-Brust. Herr Bernheri ging schwerfällig auf und ab, an seinen
-zwinkernden Augen und der gesträubten Haarkrone konnte
-man erkennen, daß er sich erst vor kurzem vom Lager erhoben
-hatte. »Bringe mir einen Becher mit gewürztem Wein,
-Eggo, und stelle ihn hier auf den Tisch. Mit dir aber, du
-springender Scholastikus, will ich ein Ende machen auf meine
-Weise und es soll mich nicht kümmern, ob sie dir oder andern<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-mißfällt.« Wieder ging er nachdenkend auf und ab. »Setze
-dich an das Pult, nimm die Schreibtafel und den Griffel
-und laß mich erkennen, ob du etwas von der Kunst der
-schwarzen Buchstaben gelernt hast.«</p>
-
-<p>Immos Hand bebte und seltsam erschien ihm in dieser
-Stunde die Forderung des Abtes, aber er setzte sich gehorsam
-und frug: »Welchen Duktus befiehlt mein Herr?«</p>
-
-<p>»Vermagst du,« fuhr der Abt überlegend fort, »in lesbarem
-Latein einen Brief zu schreiben? Verfertige zur
-Stelle etwas Passendes an mich, damit ich dich prüfe.
-Schreibe also, daß du wegen des Fastens und deiner Körperschwäche
-einen Trunk Wein ersehnst und mich darum anflehst.«</p>
-
-<p>Immo überlegte. Endlich begann er mit geröteten
-Wangen die Arbeit, welche einige Zeit in Anspruch nahm.
-Unterdes trug auch Eggo ein Schreibpult herzu und schrieb
-nieder, was der Abt ihm leise gebot. Es war darüber zwischen
-beiden ernste Beratung und Immo sorgte, daß sie gar nicht
-zu Ende gehen würde. Endlich wandte sich der Abt um und
-sah den Scholastikus, welcher mit der Tafel zur Seite stand.
-Der Herr streckte die Hand darnach aus und hob sich, um dem
-Licht näher zu sein. »Wie?« sagte er, »du hast dich sogar
-getraut, einen Vers einzuflechten? <em class="antiqua">Bibere si vis vinum,
-scribere debes latinum</em><a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>. Ist auch der Vers nur rhythmice
-und nicht metrice gestellt, so hast du dir damit doch den Trunk
-verdient.« Er wies auf den Becher. »Wage ihn zu heben,
-damit du die Kellerluft vergessest. Und jetzt hole Atem und
-antworte: Würdest du imstande sein, auf Pergament an
-diesen Bruder Eggo aus der Ferne zu schreiben in dem gebührlichen
-Duktus?«</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p>
-<p>»Ich getraue mir's wohl,« versetzte Immo freudig.</p>
-
-<p>Der Abt seufzte. »Da du so unverschämt bist, von meiner
-Würde zu verlangen, daß ich für dich gerade so unter die
-Brüder springe, wie du für mich getan hast, so habe ich mich
-entschlossen, dich von hier zu entsenden, bevor die Sonne
-aufgeht. Du sollst als mein Bote reiten. &ndash; Was siehst du
-mich an, Eggo? Du meinst, ich soll ihn durch einen Eid
-binden? Laß die heiligen Reliquien in ihrem Schrein, ungeschoren
-geht er von uns, er soll auch ungeschworen seine
-Straße ziehen. Solange ich lebe, sah ich hohe Eide schwören
-und hohe Eide brechen. Ich habe erkannt, daß der ein Tor ist,
-welcher auf die Treue der Menschen baut. Dennoch habe
-auch ich jemanden gefunden, der sich mir bewährt hat im
-Spiel und in der Todesnot. Denn als ich jung war und
-einst mit meinem Jagdbogen im Waldversteck lag, wo das
-Wild zur Tränke läuft, da überfielen mich Nachtschächer,
-blutdürstige Räuber. Ich rief meinen Notschrei, aber nur
-einer hörte, der damals mein Geselle war, er sprang über
-die Felsen herzu und schlug ungerüstet wie Simson mit
-seiner Keule unter die Mörder. Zweien setzte ich den Fuß
-auf den Hals und durchstach ihnen die Gurgel. Ich trug
-keinen Hautritz davon, der andere aber einen schweren Hieb
-in die Schulter. Du selbst kannst die Narbe gesehen haben,
-Jüngling, wenn du an der Achsel deines Vaters standest,
-denn er war es, der mich damals vom Tod löste. Und an
-ihn habe ich gedacht, als ich dich aus dem Kerker holen ließ.
-&ndash; Jetzt aber merke auf, denn ich will deinen leeren Kopf
-mit allerlei gewichtiger Kunde füllen. Von allen Seiten
-heben sich die Nacken der Großen gegen unsern König
-Heinrich. Klein ist die Zahl seiner Getreuen, auch im
-Kloster leben vielleicht solche, welche den Feinden des<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Königs Gutes gönnen. Vermagst du zu verstehen, was ich
-dir sage?«</p>
-
-<p>»Gewiß Herr,« versetzte Immo eifrig, »außer dem Tutilo
-sind die Dekane Hunico, Wolferi, Sigibold und vor
-andern der Pförtner Walto für den Babenberger, und die
-andern Alten haben nicht den Mut, diesen zu widerstehen;
-doch Heriger hält zu dem König und er ist meines Herrn
-Abtes beste Hilfe. Von den jüngeren aber sind die Thüringe
-und Sachsen wohl zur Hälfte dem König gutgesinnt.«</p>
-
-<p>Der Abt starrte den Jüngling an. »Weiß die äußere
-Schule so gut, was in der Klausur vorgeht?«</p>
-
-<p>»Auch zu uns fliegt mancherlei über den Zaun,« fuhr
-Immo fort, »ich merkte auch, daß vorgestern Graf Ernst, der
-ruhmvolle Held, heimlich in der Herberge des Klosters lag.«</p>
-
-<p>»Führe ihn zu den Reliquien,« rief schnell der Abt, »und
-binde ihn durch einen teuren Eid, daß er niemals einem
-andern verkünde, was er von Wigberts Geheimnissen erraten
-hat.«</p>
-
-<p>Eggo führte den Jüngling vor den Schrein und nahm
-ihm den Schwur ab, während Herr Bernheri noch immer
-erstaunt dasaß und zuweilen mit dem Kopf schüttelte. Als
-Immo wieder vor dem Abte stand, begann dieser prüfend:
-»Du also gedenkst dich an den König zu hängen.«</p>
-
-<p>»Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht, welches
-sich der Verwandtschaft mit den Sachsenkönigen rühmt.«</p>
-
-<p>Der Abt lachte. »Wer König wird, dem wachsen die
-Vettern wie Hederich im Hafer. Dir aber bleibt ohnedies
-keine Wahl, seit du so ruchlos den Tutilo gebläut hast. Darum
-vertraue ich dir diese drei Briefe an,« er hob die Arbeit
-des Eggo vom Tische. »Mit dem ersten reitest du in deine
-Heimat, er geht an deine Mutter und spricht von deiner Entlassung<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-wegen der wilden Kriegszeit, damit die Frau meine
-gute Meinung für dich erkenne.«</p>
-
-<p>Immo ergriff freudig den Brief.</p>
-
-<p>»Dafür sollst du mir in deiner Heimat dienen. Die Seelen
-der Brüder in Ordorf sind durch die Bosheit eines andern,
-der hier im Kloster weilt, vergiftet, aber der Vogt auf der
-Wassenburg ist mir treu. Diesem trägst du den zweiten Brief
-und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist, wirst du
-allein ihm den Brief vertraulich vorlesen, damit keiner von
-den Brüdern die Schrift erblicke. Und was du von ihm und
-andern über die Rüstungen in Thüringen erfährst, das sollst
-du an Bruder Eggo schreiben und durch den Reisigen,
-welcher dich begleitet, hierher senden. Dann aber rate ich
-dir, daß du so bald als möglich deine Helmkappe bindest und
-dich allein oder mit Kriegsleuten, welche dir folgen wollen,
-über die Berge zum Könige durchschlägst. Du wirst Herrn
-Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in
-der Gegend. Dort gibst du den dritten Brief an seinen
-Kanzler Erkambald. Spähe nach den Mienen des Kanzlers
-und erlausche, soviel du vermagst, über den Kriegszug und
-die gute Meinung des Königs für mich. Was du erkundest,
-das schreibe wieder an Bruder Eggo. Setze keine Namen in
-deine Briefe, aber die Anfangsbuchstaben, damit wir erkennen,
-wen du meinst. Als Boten gebrauche den Spielmann
-Wizzelin, welchen du kennst, denn diesen habe ich geworben
-und in das Lager gesandt. Du selbst aber sei bemüht, dem
-Kanzler zu gefallen, ich habe ihm auch deinetwegen einige
-Worte geschrieben.«</p>
-
-<p>Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel, deren
-Faden durchgebrannt war, in die große Tülle; der eherne
-Ton klang scharf durch das Zimmer. Aus der Klosterkirche<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-tönte der Gesang der Vigilien. Der Abt erhob sich. »Es ist
-Zeit, daß dein Fuß aus den geweihten Wänden gleite, sonst
-möchtest du sie schwerlich verlassen. Es ist auch Zeit, die unheiligen
-Gedanken abzutun. Ein ungewohnter Dienst ist
-meiner zuchtlosen Herde dieser Nachtgesang, ich meine die
-Angst um ihre Missetat hat sie vom Lager gescheucht. Uns
-allen tut Vergebung not. Auch mir, der ich erhöht bin zum
-Abte, gebührt jetzt, meiner Nichtigkeit zu gedenken und wie
-die Regel befiehlt, tief hinabzusteigen bis zu der siebenten
-Stufe der Demut, um mit dem bekümmerten Hiob zu
-sprechen: Ein Wurm bin ich und nicht ein Mensch, scheusälig
-den Leuten und greulich dem Volke. Ungerecht habe ich
-mich vor dir, o Jüngling, meiner weltlichen Geburt gerühmt
-und, was noch jämmerlicher ist, meiner wilden Taten im
-Walde. Hochmütig bin ich im Grunde meines Herzens und
-wer über meinen Bauch spottet, hat guten Grund, denn gar
-wenig lebe ich nach der Regel; oft habe ich gesündigt durch
-Gebratenes und Buttergebäck, vom gewürzten Wein zu geschweigen;
-manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und
-wer mich mit einem Weinfaß vergleicht, der spricht nicht
-unwahr. Vielen Haß nähre ich in meiner Seele gegen
-manche und andere verachte ich; viel denke ich auch an
-meinen Schatz von Silber und edlen Steinen, an die wilden
-Ochsen im Walde und an die Fährten der Hirsche; ein ungetreuer
-Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich vor der Strafe.
-Denn zu einem Eckstein war ich bestellt, aber ich bin nur gut
-dazu, daß die andern ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen.«
-Er stöhnte tief und faltete die Hände, während
-Immo, der sich bei dem Beginn des Nachtgesanges auf die
-Knie niedergelassen hatte, dem Gottesdienste des Abtes verwundert
-zuhörte, obwohl er wußte, daß es zu den Geboten<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-des Klosters gehörte, sich selbst zu erniedrigen. Nach vielen
-Seufzern erhob der Abt das Haupt, als einer, der schwerer
-Pflicht Genüge getan hat und begann rauh: »Was kauerst
-du noch, du Heupferd, um zu warten, bis dich die Schnäbel
-der dunklen Vögel zerhacken, die dort drüben so hastig singen,
-nicht gleich Heiligen des Herrn, sondern wie Stare in den
-Weiden des Teiches. Enthebe dich aus meinen Augen.«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn;
-denn wie ein Vater habt ihr euch gegen mich erwiesen heut
-und sonst in der Schule.«</p>
-
-<p>Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt, sprach den
-lateinischen Segen und strich über das lockige Haar. »Sei
-dankbar gegen mich, soweit du vermagst, obwohl ich fürchte,
-daß dein Gedächtnis darin kurz sein wird. Mancher, der wie
-du als ein Springer aus dem Kloster in die Sünden der Welt
-hineinfuhr, schlich mit grauem Haar unter der schweren
-Bürde seiner Schuld in das Kloster zurück. Gedenke, daß
-am Altar eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer
-Last.« Er zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande.
-»Nicht als ein kahler Schüler sollst du Bote reiten, denn unter
-Kriegsleuten ist der Geldlose verloren. Die Briefe gib nicht
-von dir, solange du deinen Arm heben kannst, die Feinde abzuwehren.
-Eine Reiterkleidung und Waffen findest du bei
-dem Rosse, damit nicht kundbar wird, daß du aus dem
-Hühnerhofe des Klosters entflogen bist.« Er reichte dem
-Jüngling die Hand, welche dieser mit nassen Augen küßte.
-Eggo winkte ungeduldig und führte ihn die Wendeltreppe
-hinab durch die dämmerige Halle, in welcher die Gewappneten
-lagen. Lautlos durchschritten sie den Hof; der Mönch
-öffnete eine Pforte der Mauer, wies auf den schmalen Steg,
-der über den Graben führte und auf einen Reiter, der jenseit<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-des Grabens ein leeres Roß am Zügel hielt, dann grüßte
-er mit der Hand und schloß hinter dem Jüngling die Pforte.
-In großen Sätzen sprang Immo ins Freie, während aus
-der Klosterkirche feierlich das Ambrosianum erklang.</p>
-
-<p>Als Immo die Rosse erreicht hatte, warf ihm der Reiter
-die Zügel zu. »Hugbald!« schrie der Jüngling in freudiger
-Überraschung, da er das ehrliche Gesicht des Dienstmanns
-erkannte.</p>
-
-<p>»Schweig, Geselle,« murmelte der Reiter, auf die weißen
-Wolkenstreifen weisend, welche aus dem Nebel der Niederung
-wallend gegen das Kloster zogen. »Ungern hören
-die Wasserfrauen den Ruf der Männer, während sie in der
-Luft schweben. Hier draußen walten andere Geister als
-innerhalb der Mauern und obgleich hinter uns noch Wigberts
-Stimme ertönt, werden diese hier einen Dienstmann
-des Heiligen doch wenig ehren, wenn er ihren Zorn erregt.
-Harre, bis wir über die Brücken gedrungen sind und die freie
-Höhe erreicht haben.«</p>
-
-<p>Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda
-entlang. Aber Immo konnte sein pochendes Herz nicht bändigen,
-er drängte sein Roß an das des Alten, ergriff seine
-Hand und rief: »Mich freut's, daß du durch den Wechsel aus
-der Gefangenschaft gelöst bist.«</p>
-
-<p>»Wenig Ehre brachte mir der Tausch,« brummte der Alte,
-»gegen einen Pferdedieb ausgewechselt zu werden, ist
-kränkend genug, mich haben sie gar für zwei gerechnet. Doch
-da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint, sollst du dich in
-einen Kriegsmann wandeln.« Er nestelte einen Bund vom
-Sattel. »Wirf dir den Reitermantel um,« dann knüpfte
-er den Eisenhut und das Schwert los und reichte beide dem
-Jüngling. »Hier nimm auch den Wurfspieß, er ist von den<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-schweren, ich weiß, daß du ihn zu werfen vermagst. Recht
-wohl steht dir die Stahlkappe und mich reut nicht, Immo,
-daß ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen
-lehrte.«</p>
-
-<p>Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und küßte
-ihm den grauen Bart: »Gesegnet seist du, daß du mich zur
-Reise gewappnet hast,« dann sprengte er in gestrecktem
-Laufe vorwärts, wirbelte den Speer, und während der Tau
-von seinen Locken träufelte und über die heißen Wangen
-lief, jauchzte er dem goldenen Licht des Tages zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch4">4.<br />
-In der Heimat.</h2>
-</div>
-
-<p>Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha,
-einer Burg des Klosters, der Heimat zu. Auf beiden Seiten
-des Weges zogen sich niedrige, langgestreckte Hügel dahin,
-die Rücken mit Wald bewachsen, an den Gehängen die
-Ährenfelder, deren Frucht sich bräunte. In den Niederungen
-dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen große Teiche, die
-mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich
-waren die Dörfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk
-und breiten Graben oder durch das Wasser eines Sees
-gesichert. War ein Dorftor geschlossen, dann zogen die
-Reiter auf der Außenseite herum über den Anger, auf
-welchem das Dorfvieh weidete, fanden sie ein Tor geöffnet,
-so sprengten sie über die Brücke und antworteten auf die
-Frage des Wächters, der eilig seinen schweren Spieß aus
-der Ecke holte und ihnen entgegentrat. Immo fuhr dahin
-mit fröhlichem Herzen und unter dem Druck der Schenkel
-hob sich sein Roß zum Sprunge.</p>
-
-<p>Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den
-Weg, ein breiter Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall
-mit einer dichten Baumhecke, bei der Brücke ein hoher Grenzhügel,
-auf dem ein wettergraues Turmgerüst stand. »Sieh
-das alte Grenzzeichen meiner Väter,« rief Immo, »einst<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-war das ganze Land dahinter unser Erbe, jetzt freilich gehören
-viele Hufen fremden Herren, dagegen liegen wieder
-Höfe, die uns gehören, außerhalb der Mark. Doch ehren wir
-das alte Malzeichen.« Er schwang sich vom Rosse, sprang auf
-den Hügel, riß blühendes Kraut ab und steckte es an seinen
-Hut. »So nehme ich Besitz von dem Lande meiner Ahnen,
-bezeuge mir's, liebe Sonne, daß Laub und Gras mir diene.«
-Am Ufer eines Gebirgsbachs ritten sie wohl eine Meile dahin,
-Immo wies auf das klare Wasser und auf die bunten
-Steine, welche den Bach von beiden Seiten umsäumten.
-»Jetzt rinnst du niedrig, Bach meiner Heimat, und ein Knabe
-vermag dich zu durchwaten, aber ich kenne die Macht deiner
-Strömung, denn im Frühjahr und nach dem Wettersturm
-brausest du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug
-deine Flut an die Schwelle unseres Saals und wir hüpften
-barbeinig im Hofe durch den wilden Schwall.«</p>
-
-<p>Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler,
-an ihrem Fuße breiteten sich weite Seen, die Abhänge bedeckte
-der Laubwald, dazwischen aber schimmerte bald rot,
-bald bläulich die nackte Erdmasse der Berge; auf den Gipfeln
-stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und wieder eine.
-»Das ist der rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht sich
-gelagert hat,« erklärte Immo stolz, »hoch sind die Berglehnen
-und steil der Weg zu den Gipfeln, manches Mal haben die
-Helden dort ihren Feinden widerstanden.«</p>
-
-<p>An einem Wege, der nach Süden führte, hielten die
-Reiter und nahmen Abschied, denn Hugbald sollte nach der
-Wassenburg vorausziehen; und sie besprachen das Wiedersehen
-in den nächsten Tagen.</p>
-
-<p>Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts.
-Vor ihm lag in der Niederung durch eine Mauer<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-umschanzt der große Hof seiner Väter, der Bach teilte sich
-und umfloß den festen Sitz Ingramsleben von allen Seiten.
-Viele Gebäude standen innerhalb des Hofes, in der Ecke ein
-dicker viereckiger Turm, mit kleinen Fensterritzen, oben mit
-Zinnen gekrönt, durch einen Graben von dem übrigen Baue
-getrennt, er war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei
-schnellem Überfall die Hofherren zurückziehen konnten zu
-ihren Kindern und Schätzen, die sie dort geborgen hatten.
-In der Mitte des Hofes aber erhob sich das Herrenhaus mit
-hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und
-einer Galerie darüber, um das Haus standen nahe der
-Mauer zahlreiche Ställe und Wohnungen der Dienstleute.
-Außerhalb des Hofes erkannte man längs dem Wasser die
-Dächer des kleinen Dorfes, welches dazu gehörte. Der Reiter
-hielt vor der Brücke an, ihm pochte das Herz, er neigte einen
-Augenblick das Haupt und flehte zu den Heiligen, dann setzte
-er mit großem Sprunge durch das offene Tor. Sein Roß
-stieg, er hob sich hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner
-Väter.</p>
-
-<p>Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde,
-niemand kam, den Gast anzurufen und das Roß zu halten.
-Immo lenkte sein Pferd abwärts den Ställen zu. Dort
-kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk in großen
-Schwärmen, auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt
-unter dem Dach der Ställe. Nur der alte Kranich,
-welcher dem Geflügel zum Vogt gesetzt war, stand mitten
-auf dem Strohhaufen, richtete den Hals hoch auf und wandte
-seinen scharfen Schnabel dem fremden Reiter zu. Als aber
-Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen des
-Kranichs: »Ludiger« rief, da erkannte der kluge Vogel seinen
-alten Herrn und vergaß gänzlich seiner Würde, er schrie und<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-rannte mit ausgebreiteten Flügeln und aufgesperrtem
-Schnabel dem Sohn des Hauses entgegen, gerade als wollte
-er ihn umfangen und schmiegte seinen Kopf an den Leib des
-Mannes. Immo aber strich ihm liebkosend den roten Scheitel,
-bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke lief. Dort
-breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde
-an sich zu drehen und zu tanzen, so daß die Hühner gackerten,
-und das Geschlecht der Enten und Gänse sich erhob und
-lautes Schnattern begann, erstaunt über die Gebärden des
-ernsthaften Meisters. Alle Vögel schrien und hinten im
-Hundezwinger bellten die Bracken. Da sah die alte Dienerin
-Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief zurück:
-»Gutes Glück steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor
-seinem Volke;« aber im nächsten Augenblick stieß auch sie
-einen Schrei aus, lief die kleine Hintertreppe hinab und umschlang
-mit ihren Armen den Fremdling.</p>
-
-<p>Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den
-Saal. Von der Schwelle erkannte er auf dem Herrenstuhl
-die Herrin des Hofes im braunen Trauergewande, das Haar
-mit dunklem Schleier umhüllt, das edle Antlitz wenig gewandelt
-in den Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so
-schön und gebietend, wie er es sehnsüchtig in seiner Seele
-geschaut hatte. »Meine Mutter,« rief er außer sich, warf sich
-zu ihren Füßen, umschlang ihre Knie und weinte wie ein
-Kind in ihrem Schoß. Frau Edith wollte sich heftig erheben,
-als der fremde Mann zu ihren Füßen niederstürzte, aber
-gleich darauf faßte sie sein Haupt mit ihren Händen und
-drückte ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der
-Mutter aufsah, hielt <span id="corr104">sie ihn</span> an den Locken und sah ihn starr
-an, während ihr Gesicht sich rötete. »Ein Mann bist du geworden,«
-sprach sie erschrocken, aber im nächsten Augenblick<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-warf sie die Arme wieder um ihn und küßte ihn auf die
-Stirne und das Haar, wie die Mutter einem kleinen Kinde
-tut. Schnell folgte Frage und Antwort. »Wisse, Immo,«
-begann die Mutter, »nicht ganz unerwartet kommst du. In
-der letzten Nacht hatte ich einen Traum, gleich einer Verkündigung.
-Auf meinem letzten Lager fand ich mich, gelähmt
-waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich,
-die Hände zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht
-sich über mich, im goldenen Schmuck des Bischofs standest
-du vor mir, um dein Antlitz strahlte ein heller Schein und
-du botest mir das Heiligtum. Mich aber durchdrang ein
-seliger Friede, wie ich ihn nie gefühlt. Glücklich ist die Mutter,
-Geliebter, welcher der Sohn das Tor des Himmelssaals
-öffnet.«</p>
-
-<p>Als Immo von seiner Reise erzählt hatte, zog er den
-Brief des Abtes aus dem Gewande. »Lies ihn,« sagte die
-Mutter sich setzend, »du bist der einzige im Hause, welcher
-der fremden Schrift und Sprache kundig ist, darum erkläre
-mir den Inhalt, damit ich alles verstehe.« Mit geheimer
-Sorge öffnete Immo den Brief, ungern wollte er der Mutter
-in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von seiner Trennung
-aus dem Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt
-nur einen Gruß des Abtes für Frau Edith, und daß er
-den Sohn aus der Schule mit seinem Segen zurücksende,
-damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge.</p>
-
-<p>»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine
-Bitte, die ich durch Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist
-für dich bereitet, damit du ein Held des Himmelsherrn werden
-kannst. Doch heute sprich nicht zu mir von künftigen Tagen,
-denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr freuen.« Sie
-zog ihn bei der Hand in den Hof und öffnete die Gittertür<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-des Gartens, in welchem eine Anzahl Obstbäume auf dem
-Grasgrund stand. Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds.
-Auf einer Bank saß Odo, der ältere, einem gereiften
-Manne gleich, breitschultrig, gemessen in seinen Gebärden,
-das rundliche Gesicht mit den vorstehenden Augen und der
-bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der andern
-Brüder. Diese lagen im Grase, Ortwin, der redegewandte,
-welcher Sprecher des Hofes war, summte ein Lied und
-würfelte dabei auf einem Brettlein mit sich selbst, der starke
-Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher andere schwerlich
-gehoben hätte, unermüdlich in die Höhe und freute sich,
-ihn geschickt wieder zu fassen, und Adalmar und Arnfried
-lagen langgestreckt einander gegenüber, hielten jeder mit
-zurückgebogenen Armen einen Baum umklammert und
-stießen mit den Beinen einen runden Fichtenstamm, daß er
-ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und sie lachten
-laut, wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich
-nahte, daß es eines starken Stoßes bedurfte, ihn abzuwehren.
-Aber seitwärts von den Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe
-eines alten Knechts im Speerwurf gegen aufgestellte Bretter,
-und die Stangen, welche der Knabe warf, dröhnten kräftig
-von dem Holze. Die Brüder sprangen auf, als sie die Mutter
-erblickten, und Immo sah als stolze Jünglinge wieder, die er
-als Knaben verlassen hatte. Sie boten nach der Reihe dem
-Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gruß erschien ihm
-kalt, nur der jüngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals und
-Immo lachte, als das rosige Kindergesicht zu ihm aufsah.
-»Alle seid ihr stattliche Helden geworden,« rief er, »aber am
-meisten gewachsen ist mein Kleiner.« »Im nächsten Jahr
-erhalte auch ich den Schwertgurt,« antwortete dieser freudig
-in seinen Armen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh,
-die Knaben und die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.«</p>
-
-<p>»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe,
-auch die Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.«</p>
-
-<p>»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst
-die Pfropfreiser zu unserm wilden Holz; wundervoll gewürzig
-sind die Äpfel, sie trugen zum erstenmal reichlich in
-dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als der Herbst kam,
-hatte ich das Herzeleid, daß du die guten nicht mehr schmecktest.
-Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid,
-die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof
-hielt. Denn gütig war sie immer gesinnt und sie freute sich
-auch über die Früchte und schenkte mir als Gegengabe eine
-Büchse mit Balsam aus dem heiligen Land. Das ist in
-Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt schnell auch
-tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern
-hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.«</p>
-
-<p>»Zeige mir deine Kunst,« sprach Immo zu Gottfried,
-»die wohl in kurzem auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der
-Knabe ergriff die Stangen und warf herzhaft. »Ich lobe die
-Treffer,« ermunterte Immo, bald ergriff er selbst die Gere
-und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele, daß Gottfried
-freudig die Hände zusammenschlug und die andern Brüder
-Beifall riefen.</p>
-
-<p>»Ganz gut gefällt mir, Immo,« sprach Edith zuschauend,
-»daß du in der Schule auch Werke eines Kriegsmannes
-geübt hast. Denn reitest du einst als ein gewaltiger Herr und
-Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt du auch die Helden,
-welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut und<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am
-besten seine Waffe gebraucht.«</p>
-
-<p>Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.</p>
-
-<p>An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl.
-In der Mitte ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem
-die Tische gestellt waren. An der Tür standen gedrängt die
-Dienstleute, um den Gruß des Herrensohnes zu erwarten.
-Während Immo unter sie trat und mit alten Vertrauten
-fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen
-und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz
-an ihrer Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings
-im Kloster,« sagte sie lächelnd, »dafür hat er dort das Glück
-genossen, neben heiligen Männern zu sitzen. Und ich vertraue,
-auch du hast dir in deinem Dienst bereits Ehre erworben.«</p>
-
-<p>»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe
-Ehre,« versetzte Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das
-Rauchfaß schwenken, doch den Brüdern gefiel nicht der
-Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher und mit
-der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk
-abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben
-mich die Dekane, weil einige Schreihälse aus der Menge
-Wehe riefen wegen eingeschlagener Zähne. Zuletzt las ich
-manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.«</p>
-
-<p>Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude
-den Ärger des Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz
-tretend, bat sie: »Sprich das lateinische Gebet, das sich in
-der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das Haus seiner Väter
-betritt.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach
-Hause kam,« murmelte Immo, und er sprach das lateinische
-Vaterunser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p>
-
-<p>Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah
-verwundert in den großen Raum. Auf dem Fußboden aus
-geschlagenem Lehm, welcher glatt war wie eine Tenne,
-standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz sah er
-durch die geöffnete Tür in den wohlbekannten Hof; hinter
-ihm und auf den Seiten lief, durch ein geschnitztes Geländer
-eingefaßt, die erhöhte Bühne, von welcher zahlreiche Türen
-nach den Kammern und Wohnräumen des mächtigen Hauses
-führten. An den Wänden hingen die alten Rüstungen und
-Waffen, Kampfbeute früherer Helden, auf der Bühne im
-Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl,
-im Winter der wärmste Platz, aber ehrenvoll auch im
-Sommer. Alles war wie vor Jahren. Auch wenn er seine
-Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so dünkte
-ihm seine Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler
-Traum. Wenn er aber die männliche Stimme der erwachsenen
-Brüder hörte und die kurzen Reden, die sie während
-ihrer eifrigen Arbeit am Tische wechselten, so kam ihm wieder
-vor, als sei er bei den Erdmännchen in der Höhle gewesen,
-viele Jahre lang, denn er merkte, daß ein neues Geschlecht
-in dem Saal herrschte.</p>
-
-<p>Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und
-suchte ein freundliches Gespräch, während Frau Edith
-der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr den Saal
-verließ.</p>
-
-<p>Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den
-Spinnrocken neben den Ofen, die Herrin saß auf dem
-Stuhle nieder und ergriff die Spindel. »Komm an meine
-Seite, Immo,« bat sie, »damit ich vertraulich mit dir rede,
-wie sonst. Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches
-Gewebe gesponnen, auch für dich, mein Sohn; ich spann dir<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-gute Wünsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner dachte,
-lag die Spindel in meinem Schoß. Denn neben diesem
-Rocken stand deine Wiege, ich hob dich heraus und du griffst
-nach den bunten Bändern am Flachse. Und als du im Hemdchen
-laufen lerntest, da kauertest du auf der Fußbank und
-warfst deine Beinchen um die Stange. Später sprangst du
-übermütig um meine Arbeit, wirrtest mir den Flachs und
-verkehrtest mir die kreisende Spindel. Jetzt freilich hast du
-bei den frommen Vätern gelernt, ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,«
-unterbrach sie sich selbst, »an dem Türpfosten haftet
-noch der Speer mit dem Zeichen deines Wachstums. Denn
-am Speer maß euch der Vater, jedem von euch nagelte er
-einen Schaft an den Pfosten und in den Schaft schnitt er
-jedem seine eigene Marke, mit welcher der Sohn in Zukunft
-sein Gerät zeichne. Und als das Friedel sein Maß erhalten
-sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten keinen Raum
-mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tür, dort
-steht er allein. »Denn dem Vater war das Prüfen der Größe
-in jedem Jahr eine Freude, obgleich die Alten sagen, daß
-man die Kinder nicht messen soll, euch aber hat es nichts geschadet,
-denn ihr seid alle hoch emporgeschossen. Tritt an
-das Maß,« bat sie, und als Immo ihren Willen tat, rief sie
-erfreut: »Mehr als eines Kopfes Länge überragst du das
-letzte Zeichen und der größte bist du geblieben. So ziemt es
-sich auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder
-Größe vermag eine Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie
-gerade nicht bei ihr sind. Auch dich schaute ich in meinem Sinn,
-ganz klein und wieder größer. Aber wunderlich war es, wenn
-ich allein saß, dann hielt ich dich in meinen Gedanken am
-liebsten als ein kleines Kind auf meinem Schoß, und ich
-freute mich, daß du die Arme zu mir aufhobest, obwohl du<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-doch älter warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich
-so, weil du als kleines Kind mir gehörtest.«</p>
-
-<p>Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.</p>
-
-<p>»Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede,«
-bat Edith und eine feine Röte flog über ihre Wangen. »Denn
-wenn du mich heut ansiehst mit den Augen und mit dem
-Antlitz deines Vaters, dann weiß ich nicht, du Holder, ob ich
-deine Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir,« rief sie
-wieder und warf den Arm um seinen Hals, »denn lange
-habe ich dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob ich
-selbst fremd im Hause sei, weil du mir immer fehltest. Sommer
-und Winter schwanden dahin, meine Knaben wuchsen
-heran, oft machten sie am Abend der Mutter die Freude,
-still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf
-den Höfen der Nachbarn umher. Doch muß ich meine Söhne
-rühmen, denn gehorsam und der Mutter treu gesinnt waren
-meine Knaben alle.«</p>
-
-<p>»Auch ich bin dein Sohn,« rief Immo.</p>
-
-<p>»Ja du,« antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden
-Augen an. Und leise fuhr sie fort: »Anders vermag ich mit dir
-zu reden als mit ihnen, und als ich dich am Tisch hörte, sprachst
-auch du nicht wie die Knaben, denn reichlicher schweben deine
-Worte von der Zunge und mit fremdem Klange dringen sie
-in das Ohr. Doch hört es sich gut an, Immo, und es macht
-dich meinem Herzen vertraulich. &ndash; Reich und froh fühle ich
-mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von uns
-ritt und mir ist, als könnte ich dir alles Geheime sagen, wie
-man es am Altare den Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind.
-Denn du gehörst ja, wenn du auch unter uns weilst,
-mehr den Himmlischen an als wir andern.«</p>
-
-<p>Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-still dahingelebt, als ernste Gebieterin hatte sie die wilden
-Söhne gezogen und über den Dienstleuten gewaltet, ihr
-eigenes Herz, wenn es heftig pochte, hatte sie fest gebändigt;
-jetzt brach in der Freude des Wiedersehens die Mutterliebe
-wie ein starker Bergquell aus der Tiefe ihrer Seele. Dem
-Sohn schien sie einer begeisterten Seherin gleich, noch niemals
-hatte er sie so gehört; er lauschte hingerissen auf den
-Klang ihrer bewegten Stimme und doch empfand er geheimen
-Schmerz bei den liebevollen Worten.</p>
-
-<p>Die Söhne traten nach der Reihe vor die Mutter und
-boten den Nachtgruß, jedem legte sie die Hand auf. Als
-letzter kam Immo, da stand die Mutter auf und als er sich
-neigte, den Segen zu empfangen, umschlang sie sein Haupt
-und streichelte ihm Haar und Wange, die Freudentränen in
-den Augen. »Führe du ihn zu seinem Lager,« gebot
-sie der alten Gertrud, »denn du warst vorzeiten seine
-Wärterin.«</p>
-
-<p>»Wohin leitest du mich, Mutter?« frug Immo lächelnd,
-»ich kenne den Bretterverschlag hinter der Halle, in dem ich
-sonst schlief.«</p>
-
-<p>»Der würde dir jetzt wenig ziemen,« versetzte die Alte,
-»denn Frau Edith hat dir selbst das Lager bereitet.« Sie
-führte durch den Hof zu einem stattlichen Bau, der wie eine
-große Laube aus Stein und Holz errichtet war und zwei
-Gemächer nebeneinander enthielt; die Wände des kleineren
-Raumes waren mit Teppichen bekleidet, der Boden mit
-grünen Binsen bestreut, auf dem Lager weiche Kissen und
-eine prachtvolle Decke, über welcher Greifen und andere gestickte
-Fabeltiere einherschritten, an der Wand hing ein
-großes Kreuz, davor war ein Betpult, eine große Wachskerze
-erhellte den Raum. Immo stand betroffen in der Tür. »Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-rieche die Kirche,« rief er, denn ein Duft von heiligem Räucherwerk
-erfüllte den Raum.</p>
-
-<p>»Der hochwürdige Herr von Magdeburg hat hier vor
-kurzem geruht,« antwortete Gertrud, die Knie beugend.</p>
-
-<p>»Im Gastgemach des Hofes stehe ich, das den vornehmen
-Fremden bereitet wird,« rief Immo traurig, »ich meinte in
-das Haus meiner Väter zu kommen.«</p>
-
-<p>»Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden,«
-wiederholte Gertrud die Worte der Herrin. »Unter uns
-andern Menschen bist du ja nichts weiter als ein Gast, du
-armes Kind.«</p>
-
-<p>Immo winkte der Dienerin die Entlassung und als sie
-sich mit Segenswünschen entfernt hatte, setzte er sich nieder
-und barg sein Gesicht in den Händen, denn die Worte der
-Alten schnitten ihm in das Herz; er merkte, daß sie recht
-hatte und daß er nur ein Gast im Vaterhause war.</p>
-
-<p>Als er am Morgen erwachte, hörte er draußen an der
-Wand das Schwalbenvolk schwatzen und singen, gerade wie
-in der Schule und er wartete, daß die kleine Glocke am
-Michael läuten werde. Draußen aber pfiff ein junger
-Knecht geschickt eine lustige Weise, die Immo in seiner Kinderzeit
-oft gehört hatte. Da erkannte Immo wieder die
-Heimat und er dachte vergnügt, daß der Knabe wohl einer
-Magd des Hofes, die ihm lieb war, seinen Morgengruß zugerufen
-habe, was in dem Kloster niemals geschah. Als er
-die Augen aufschlug, sah er, daß die Lichtöffnungen seiner
-Fensterläden nicht in Kreuzesform geschnitten waren wie
-im Kloster, sondern als runde Herzen, und ein großes Herz
-voll Licht lag golden auf dem Fußboden. Da lachte er und
-sprang auf, und während er sich anzog, nahm er sich vor geduldig
-zu sein und auch Schmerzliches zu ertragen, bis er das<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-Vertrauen der Brüder gewonnen und bis er die Mutter
-mit seinen weltlichen Gedanken versöhnt hätte. Und er
-fürchtete, daß dies ein schwerer Kampf sein werde.</p>
-
-<p>Nach dem gemeinsamen Frühmahl schürzte Frau Edith
-ihr Gewand, um in der Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen,
-und Immo gedachte des vertrauten Briefes, den ihm Herr
-Bernheri für den Dienstmann auf der Wassenburg übergeben
-hatte. Als er der Mutter bekannte, daß er dorthin reiten
-werde, sahen die Brüder einander bedeutsam an und
-tauschten leise Worte. Darum begann Immo freundlich zu
-Odo: »Überall sorgen die Leute, daß ein großer Krieg bevorsteht,
-sage mir, mein Bruder, seid ihr für König Heinrich
-oder Hezilo?«</p>
-
-<p>»Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt,« versetzte Odo
-vorsichtig, »wir aber hören aus der Ostmark, daß die Slawenherzöge
-rüsten und diese sind für uns die nächste Sorge.«</p>
-
-<p>»Unter den Mönchen vernahm ich, daß die Böhmen sich
-dem Hezilo verbündet haben, sicher weißt du, ob die Grafen
-der thüringischen und sächsischen Mark den Böhmen widerstehen
-wollen.«</p>
-
-<p>»Wir vermuten,« antwortete Odo, »daß ihr Wille ist, ein
-Heer zum Schutz der Grenze zu sammeln; dann hoffe ich,
-werden auch wir reiten.«</p>
-
-<p>»Sonst zog unser Wald zu dem Banner, welches der Vogt
-des Königs in Erfurt aufsteckte,« warf Immo ein.</p>
-
-<p>»Ich aber meine,« versetzte Odo, »daß der Königsvogt
-sich nicht beeilen wird, seine Burg zu verlassen und nach
-Süden zu ziehen, wenn an der nahen Grenze der Kriegslärm
-erhoben wird. Bei uns denkt jeder daran, sich im Hause zu
-wahren, denn einer mißtraut dem andern.«</p>
-
-<p>Immo schwieg gekränkt, denn er sah, daß auch die Brüder<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-ihm mißtrauten. Er rief deshalb den Knaben Gottfried
-und erbat von der Mutter, daß dieser mit ihm reite. Auf
-dem Wege erzählte ihm der Harmlose, was er bereits ahnte,
-daß die Mutter für König Heinrich war, die Brüder aber für
-den Babenberger. Und noch mehr erfuhr er. Auch seinetwegen
-war ein langer Kampf zwischen Mutter und Brüdern
-gewesen, denn die Brüder hatten sich dagegen gesträubt, dem
-ältesten die Mühlburg vor der Teilung zu überlassen, damit
-sie dem Stift des Erzbischofs zufalle, und nur widerwillig
-hatten sie dem Ansehen der Mutter nachgegeben. »Die Brüder
-hatten recht,« rief Immo dem verwunderten Gottfried zu.
-Auf der Wassenburg wußte der alte Dienstmann wenig vom
-Laufe der Welt, doch freute er sich des Briefes und besserte
-auf Hugbalds Rat an den Mauern. Auch in Arnstadt, der
-dritten Burg, welche das Kloster am Walde besetzt hielt, vermochte
-Immo nicht viel zu erfahren. Da ritt er nach Erfurt
-zu dem Vogt des Königs, der seinem Vater vertraut gewesen
-war; dort wurde er freundlich empfangen und vernahm
-vieles, was dem Abt wertvoll sein mußte. Auch das
-Pergament zum Briefe kaufte er in der Stadt und den Dienstmann
-Hugbald brachte er als Gast nach dem Hofe, nachdem
-er ihm einen Wink gegeben hatte, über die letzten Tage im
-Kloster zu schweigen.</p>
-
-<p>So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der
-Arbeit, die er für Herrn Bernheri übernommen hatte. Er
-war wenig mit den Hofgenossen zusammen, und Frau Edith
-erfreute sich an dem Eifer, den Immo für seinen Abt bewies.
-Und als sie merkte, daß er in der Kemenate über dem Pergament
-saß, ging sie selbst in den Hof und scheuchte die
-Mägde und den Kranich mit seinem Hühnervolke in die
-entfernteste Ecke, damit kein Geräusch die seltene Arbeit störe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch5">5.<br />
-Die Trennung.</h2>
-</div>
-
-<p>Immo trat zu seinen Brüdern, welche gewappnet, in
-der Eisenhaube die Rosse sattelten. Das Herz lachte ihm,
-als die hochgewachsenen Knaben sich so geschwind mit den
-Pferden tummelten. Da sah er, daß Odo den weißen Sachsenhengst
-herausführte und ihm schoß das Blut nach dem
-Haupte, aber er bewältigte die Erregung in Mönchsweise,
-indem er schnell ein Vaterunser sprach; dann ging er an das
-Roß und sprach ihm leise zu, das Tier spitzte die Ohren und
-wieherte. »Einst gehörte das Pferd mir,« sagte er zu Odo,
-»und als ich schied, schenkte ich es unserm Bruder Gottfried.«</p>
-
-<p>»Das tatest du,« versetzte Odo gleichmütig, »aber da es
-das beste Pferd im Hofe ist und für die Zucht wertvoll, so
-reite ich es lieber selbst; denn der Knabe ist unvorsichtig und
-tummelt sich wild, wo der Hengst zu Schaden kommen
-könnte.«</p>
-
-<p>Immo schwieg, führte das Roß, welches ihm Herr Bernheri
-zur Reise geschenkt hatte, aus dem Stall, sattelte es
-neben den andern und begann: »Gefällt es euch, so reite
-ich mit.«</p>
-
-<p>Die Brüder sahen einander an, und Immo merkte, daß
-eine stille Abweisung in ihren Blicken lag, endlich sprach Odo
-zu den andern: »Da er als unser Bruder im Hofe weilt, so<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-mögen wir es nicht wehren. Doch nicht müßig reiten wir
-über das Feld, Immo, und für einen Gast aus der lateinischen
-Schule wird es ein langer Ritt, denn wir streifen über die
-Fluren wegen Sicherheit der Dörfer, sowohl in unserem
-Erbe als auch auf dem Lande der Nachbarn nach altem
-Brauch.«</p>
-
-<p>»Ich kenne den Brauch,« versetzte Immo, »und möchte
-euch begleiten, wie ich zuweilen unserm Vater gefolgt bin.«</p>
-
-<p>Odo nickte, aber Immo fühlte, daß es keine freundliche
-Einwilligung war, und die jungen Adalmar und Arnfried
-sprachen leise zueinander und lachten.</p>
-
-<p>»Wie kommt es, daß Gottfried uns nicht begleitet?« frug
-Immo auf dem Roß.</p>
-
-<p>»Er trägt nicht den Schwertgurt,« versetzte Odo kurz.
-»Vorwärts,« und in gestrecktem Lauf sprengten die Reiter
-aus dem Hofe.</p>
-
-<p>Die Brüder sahen von der Seite prüfend auf Immos
-Reitkunst.</p>
-
-<p>»Langgefesselt sind die hessischen Pferde,« begann Erwin
-spottend, »übel steht ihnen die Bocknase.«</p>
-
-<p>»Hättet ihr dem Bruder ein Roß aus der Hofzucht geboten,
-wie sich gebührte, so würde das fremde Gesicht euch
-nicht ärgern,« versetzte Immo und sah so finster auf den
-Tadler, daß dieser zur Seite ausbog.</p>
-
-<p>»Ich habe nicht gehört, daß du uns das Begehren gestellt
-hast,« sagte Odo trocken.</p>
-
-<p>»Freundlicher Sinn wartet bei dem, was sich geziemt,
-nicht auf die Bitte,« entgegnete Immo.</p>
-
-<p>»Bei uns aber ist die Gewohnheit,« antwortete Odo,
-»daß der Gast am liebsten das eigene Pferd besteigt, dessen
-Tugenden er vertraut.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span></p>
-
-<p>»Ich lobe den Reiter,« rief Immo mit blitzenden Augen,
-»dem auch auf einem mäßigen Pferde ein guter Sprung
-gelingt. Folgt mir, ihr Knaben.« Er hob die Hand und setzte
-über Graben und Hecke, die sich längs dem Wege hinzogen.
-Sogleich folgten die Brüder einer nach dem andern, nur
-Odo ritt gleichmütig auf dem Wege weiter, und als die
-Reiter zurücksprangen und lachend die aufgeregten Tiere
-zum Trabe bändigten, sagte er kühl: »Wir haben heut einen
-langen Ritt und ein verstauchtes Bein wird uns hindern.«
-Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch den andern,
-sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hörten
-teilnehmend auf seinen Bericht über die Zucht der Klosterfüllen.</p>
-
-<p>So ritt die Schar in scharfem Trabe über die Fluren,
-voran Ortwin, der Sprecher, zuletzt Erwin, der Marschalk.
-Nahten die Reiter dem Wallgraben eines Dorfes, so blies
-Ortwin in ein Horn des Auerstiers, das er am Riemen trug,
-und sie sprengten in die Dorfgasse vor den Hof des Ortsmeisters,
-wo sie anhielten, bis der Mann heraustrat. Verschieden
-waren Gruß und Fragen, wenn er ein Freier und
-wenn er ein Höriger des Geschlechtes war. Auch in der Flur
-hemmten die Reiter den Trab, wo Arbeiter auf dem Acker
-schafften oder wo Hirten weideten; dann eilten auch diese
-heran und berichteten: ob fremdes Volk über die Flur gestrichen,
-ob ein Diebstahl im Felde erkannt, ob ein Raubtier
-in die Gehege gebrochen sei und ob ein Wanderer neue
-Kunde aus der Welt zugetragen habe. Verwundert starrten
-die Landleute auf den fremden Reiter, aber wenn sie ihn
-erkannten, traten sie mit lautem Zuruf heran und boten
-ihm treuherzig die Hand, in den Dörfern drängten sich auch
-die Weiber und Kinder um ihn, und Immo hatte zuweilen<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-Mühe, sich aus dem Haufen zu lösen, wenn Odo wartend
-nach ihm zurücksah.</p>
-
-<p>Über kahle Höhen und Gestrüpp ritten sie in einen alten
-Buchenwald und wanden sich zwischen mächtigen Stämmen,
-an denen selten die Axt klang, der Höhe zu. Dort gab Ortwin
-das Zeichen, aus der Tiefe vor ihnen antwortete ein ähnlicher
-Hornruf und wildes Geheul von Hunden. Die Reiter
-stiegen in ein Kesseltal hinab und sahen vor sich die Hütte,
-welche der Sauhirt für den Sommer aus Stangenholz und
-Rinde zusammengeschlagen hatte, und daneben das Gehege
-für die Schweine. Es war ein düsterer Ort, in den Vertiefungen
-des aufgewühlten Bodens stand sumpfiges Wasser,
-um welches sich die entblößten Baumwurzeln wie dicke
-Schlangen dahinwanden; das Roß Immos schnaubte und
-scheute vor der unholden Stätte. Ein riesiger Mann in
-einem Rock aus Fellen, mit hohen Lederstrümpfen und
-Schuhen, an denen noch die Haare hingen, kniete auf dem
-Boden, beschäftigt, einen toten Wolf abzubalgen. Er erhob
-sich, scheuchte die anspringenden Hunde und begann mit
-finsterm Lächeln: »Den alten Grauhund traf mein Holz
-diesen Morgen. Wollt ihr, daß die Herde nicht zersprengt
-werde, so helft selbst die Wölfe schlagen, ihr Herren, denn
-seit vielen Jahren haben sie nicht so arg zwischen den Hügeln
-geheult als in diesem Sommer; ich allein mit den Knechten
-vermag ihrer nicht Herr zu werden. Die Nachtgänger wissen,
-daß die Helden in der Ebene sich zur Kampfheide rüsten und
-sie heulen nach ihrem Anteil an Lebendem und Totem.«</p>
-
-<p>»Was hast du von der Herde verloren?« frug Odo.</p>
-
-<p>Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten
-der Hütte. »Die Waldweide wird gut,« sagte er kurz, »und
-ihr könnt den Schaden ertragen. Ein fremdes Roß sehe ich,«<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-fuhr er fort, »aber darüber zwei Augen, die einst meinen
-Wald so gut kannten als ich.«</p>
-
-<p>»Sei gegrüßt, Eberhard,« rief Immo und faßte die Hand
-des Mannes.</p>
-
-<p>Eberhard musterte den Arm. »Es ist eine Herrenfaust.
-Kommst du festzuhalten oder wegzugeben?«</p>
-
-<p>»Ich gedenke zu bewahren, was mir zufällt,« versetzte
-Immo.</p>
-
-<p>Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief:
-»Ich dachte wohl, daß du von dem Glockenseil der Geschorenen
-zurückkehren würdest. Denn du gehörst zum
-Walde, und hier merkt der Mann andere Unsichtbare, welche
-ungern auf das Bimmeln der Ordorfer Glocke hören.« Er
-betrachtete die Brüder und fuhr dann fort: »Sechs Söhne
-Irmfrieds stehen vor mir und allen weide ich mit meinen
-Knaben ihre Herden. Dennoch will ich wissen, wem ich selbst
-in Zukunft angehöre und ihr sollt mir's kund tun.«</p>
-
-<p>Die Brüder sahen einander lächelnd an. »Du sollst es
-wissen nach der Teilung.«</p>
-
-<p>»Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs
-Los einem unter euch anzuwerfen? Anders gedenke ich
-meinen Herrn zu finden. Steigt ab und folgt mir, ihr Jünglinge,
-denn ich will euch den Willen eures Vaters verkünden.«
-Er führte hinter die Hütte zu dem stärksten Eichbaum,
-den er mit Bündeln Astholz umschichtet hatte. »Seit
-acht Jahren liegt das Astholz an dieser Stelle und jedes
-Jahr binde ich und schichte ich aufs neue, damit das Holz
-vor fremden Augen verberge, was mir das liebste Stück
-meiner Habe ist.« Als er geräumt hatte, sah man an dem
-Stamme eine Waldaxt, die mit starkem Schwunge eingetrieben
-war. »Diese Axt,« begann der Hirt, »schlug Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-Irmfried in den Baum, als er das letzte Mal zu seinen Ebern
-kam. Damals bot er mir eine Hand zum Abschiede, weil ich
-ihm ein treuer Knecht gewesen war, und die andere Hand
-legte er auf mein Haupt. Ich frug unter seinen Händen:
-Herr, wenn ihr nimmer heimkehrt, wem soll ich ferner
-dienen? Darauf sprach er: Deiner Herrin Edith, solange
-sie dir das Brot hinaussendet und dir das Lager bereiten
-läßt, wenn du im Winter zum Hofe kehrst. Ich antwortete:
-das tue ich gern. Aber sieben Frischlinge laufen auf dem
-Hofe, und wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis
-zu dem Tage verschonen, an welchem ihnen die Eberzähne
-schießen, welchem der jungen soll ich angehören? Laßt
-mich nur dem besten dienen.« »Wer der beste wird, weiß
-nur der Christengott, versetzte der Herr, nicht ich. Herr,
-sagte ich dagegen, der stärkste ist mir im Walde der beste. Da
-sprach der Herr: Wenn der Tag kommt, wo die Sieben miteinander
-zu deinem Baum treten, so nimm diese Axt, neu
-geschärft und mit neuem Stiel, und biete sie meinen Söhnen
-dar, damit jeder von ihnen die Axt in diesen Baum schlage,
-mit dem besten Schwunge, den er vermag, der jüngste zuerst,
-der älteste zuletzt, so wie ich sie jetzt schlage. Und siebenmal
-sollst du selbst die geschwungene Axt aus dem Holz reißen,
-dabei prüfe, welcher von meinen Knaben am schärfsten
-schlägt; und der dir selbst als der stärkste erscheint, dem magst
-du dienen. Da hob Herr Irmfried seine Axt aus dem Sattelgurt
-und schlug sie in den Stamm, so wie sie jetzt noch
-hängt.« Die Jünglinge traten neugierig an die Waffe des
-Vaters. Der Alte aber stellte sich abwehrend davor und
-fuhr mit gehobenen Armen fort: »So bezeuge der Eichbaum
-und bezeuge die Herrenaxt, daß Held Irmfried mir solches
-Versprechen getan hat. Vor meinen Zeugen frage ich euch,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-ihr Söhne des Toten, ob ihr den Willen eures Vaters zu
-ehren gedenkt oder nicht.«</p>
-
-<p>»Wir gedenken seines Willens,« antwortete Odo.</p>
-
-<p>»So helft auch mir, daß ich darnach zu tun vermag.
-Achtmal hat das Laub gegrünt, niemand hat die Axt gehoben;
-das Eisen ist verrostet, das Holz ist herumgewachsen,
-ich selbst hütete sorglich meine Zeugen an ihrer Stelle. Jetzt
-aber naht die Zeit, wo ihr Sieben zu euren Tagen kommt
-und im Schwertgurt das Erbe eures Vaters teilen werdet.
-Für diesen Tag muß ich den Stiel schnitzen und das Eisen
-schärfen und darum will ich, daß heut einer von euch die
-Herrenaxt heraushebe und mir in die Hand lege, damit ich
-mein Recht gewinnen kann.«</p>
-
-<p>Da rief der junge Adalmar nach dem Axtstiel greifend:
-»Gefällt es euch, Brüder, so schärfe der Knecht zur Stelle
-die Schneide und heut schon prüfen wir die Kraft, damit er
-seinen Willen habe.«</p>
-
-<p>»Mir aber gefällt es nicht, daß ihr leichtherzig an dem
-Stiele zerrt,« versetzte der Sauhirt finster. »Nicht alle seid
-ihr versammelt, der jüngste ist noch ein Kindlein und ganz
-richtig begehre ich die Herrenwahl, wie euer Vater gebot.
-Heut will ich selbst einen von euch rufen, der zuerst nach
-seinem Vater den Stiel erfassen soll.«</p>
-
-<p>Odo antwortete: »Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein
-soll, das dir gefällt, so spreche ich nicht dawider.«</p>
-
-<p>Da sprach der Hirt: »Ich aber wähle die Hand, die von
-Wolfsblut rot ist. Denn du, Immo, warst der einzige, der
-dem alten Knechte die Hand gereicht hat, wie dein Vater
-tat. Tritt an den Stamm und zucke dreimal, dann weiche
-zurück.«</p>
-
-<p>Immo trat herzu und rückte gewaltig am Holzgriff.<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-Beim dritten Zuge brach der Stiel, Immo aber riß das
-Eisen aus dem Baume, daß es auf den Grund fiel. Da hob
-der Alte das Eisen auf und betrachtete es kopfschüttelnd:
-»Eine Vorbedeutung erkenne ich für dich selbst, Immo; fest
-ist dein Griff, mit dem du die Herrschaft erwirbst, doch hüte
-dich, daß sie dir nicht bei hastiger Tat entgleite. Ich aber
-bewahre die Axt bis zu dem Tage, an dem sich der Knecht
-seinen Herrn sucht.«</p>
-
-<p>Der Alte kehrte zu dem Wolfsbalg zurück, die Brüder
-schwangen sich auf die Rosse. Aus der Markung ihrer eigenen
-Dörfer führte Ortwin die Schar auf fremden Grund.</p>
-
-<p>Wenige Wegstunden nordwärts umgab der Nessebach
-mit Teichen und sumpfigem Moor wie ein großer Wallgraben
-andere Höhen, an welchen fruchtbares Ackerland
-unter lichtem Laubwald lag. Auch dort waren alte Wohnstätten
-der Thüringe, während hinter ihnen im Norden
-viele angesiedelte Franken saßen, welchen der Graf von
-Tonna gebot; die Bauern vom Moor der Nesse aber hielten
-sich gern zu ihren Landgenossen am Walde. Sie waren stolz auf
-ihre Freiheit und wurden von den Dienstmannen des Grafen
-als altväterisch in Bräuchen und Bewaffnung verspottet.
-Denn sie zogen ungern zu Rosse ins Feld, auch wenn sie es
-vermochten. Aber sie waren auch als trotzige Gesellen in
-der ganzen Gegend gefürchtet und man wußte, daß sie in
-Kriegsfahrten starke Fäuste bewährt hatten.</p>
-
-<p>Seit alter Zeit bestand zwischen ihnen und dem Geschlecht
-des Irmfried, welches um die roten Berge wohnte,
-ein gutes Vernehmen. Niemand wußte zu sagen, woher
-das Bündnis kam, es war seit je gewesen und die Weisen
-sagten, daß es schon lange bestanden hatte, bevor die Ungarn
-ins Land brachen. Und es war ein alter Brauch, daß das<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-Geschlecht Irmfrieds bei allen Fehden, welche die Dörfer
-mit den Nachbarn hatten und auch bei Missetaten, über
-welche das Geschrei erhoben wurde, im Eisenhemd herzuritt
-und mit den Freien dort gemeinsam die Abwehr und Rache
-betrieb; dafür zog auch die Jugend der Dörfer dem Geschlecht
-mit Speer und Bogen zu Hilfe, wenn dieses mit
-andern verfeindet war. Diese gute Nachbarschaft war den
-Grafen und den geistlichen Herren unlieb. Denn die Landleute
-wehrten sich trotziger gegen jede neue Last, welche die
-Grafen auflegen wollten, und man sagte ihnen nach, daß
-sie auch heimlich abseits von dem Grafenstuhl untereinander
-Urteil fänden gegen ihresgleichen in schweren Fällen.</p>
-
-<p>Als die Reiter dem ersten Dorfe nahten, erhob Ortwin
-den Horngesang und sie fanden an Tor und Brücke die Alten
-des Dorfes aufgestellt. Odo ritt vor und wechselte mit ihnen
-alte Sprüche, welche den Freien am Walde eigen waren
-und anderen ungebräuchlich. »Im Sonnenschein, beim
-Wandel des Mondes, unter glitzerndem und fallendem
-Stern kommen wir zu euch wegen Recht und Rache.« Worauf
-die Bauern antworteten: »So grüße euch die Sonne,
-der Mond und der lichte Morgenstern, seid willkommen
-in unserer Burg.« Und als die Reiter abgestiegen waren,
-wurde ihnen ein Trunk gereicht und den Rossen Hafer in
-kleinen Krippen, dabei sagte ein alter Bauer: »Freiwillig
-reitet ihr und freiwillig schütten wir den Hafer,« worauf
-Odo antwortete: »Und wenn wir nicht ritten, dann würdet
-ihr reiten und wir würden euch den Hafer schütten.« Darauf
-besprach sich Odo heimlich mit den Alten und die
-Schar brach zum nächsten Dorfe auf.</p>
-
-<p>Als sie aus einem Gehölz herab kamen, um den Bach zu
-durchreiten, sahen sie vor sich eine hohe Rauchwolke aus<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-niedergebranntem Hause aufsteigen. Ortwin hielt und
-rückwärts gewandt sah er seinen Bruder Odo bedeutungsvoll
-an, dieser nickte und die andern Brüder tauschten leise Worte.
-Als sie nun weiter hinunterkamen zum Rand des Baches,
-fanden sie die Furt durch einen Wagen gesperrt, Hausrat,
-Leinwand und Kleider lagen unordentlich und halbverbrannt
-darauf. Ein bleiches, vergrämtes Weib hockte auf
-dem Sitz und hielt ein schreiendes Kind in den Armen,
-während der Mann mit verstörtem Gesicht und geschwärzten
-Händen vergebens auf sein Pferd schlug, damit das kraftlose
-Tier aus dem strudelnden Wasser die Höhe gewinne. Der
-Mann grüßte die Reiter mit scheuem Blick, aber gleich darauf
-rief er kläglich um Hilfe. Doch Odo wandte das Pferd ab
-und die Brüder sprengten aufwärts zu einer andern Stelle
-des Baches, ohne den Gruß des Mannes zu erwidern und
-seine Not zu beachten. Immo, der im Kloster gewöhnt war,
-den Armen und Notleidenden Mitleid zu erweisen, sprach
-den Brüdern zu: »Schmählich ist es, wegzureiten, während
-der Arme mit Weib und Kind im Wasser ringt.« Odo rief
-herrisch zurück: »Soll ich dir Gutes raten, so folge uns,
-ohne diesen anzureden.«</p>
-
-<p>»Pfui über euch,« rief Immo wieder, »daß ihr ein Weib
-und Kind in der Angst zurücklaßt.« Er sprang ab, band sein
-Pferd an einen Baum und watete in das tiefe Wasser.
-»Treibe noch einmal,« riet er dem Manne und griff selbst
-mit voller Kraft in die Räder, die Peitsche knallte, der Mann
-schrie und mit Hilfe des Starken gelang es, den Karren aus
-dem Bach heraufzuführen. »Wer bist du?« frug Immo,
-»und warum entfährst du hilflos der Feuerstätte?«</p>
-
-<p>»Hunold bin ich genannt, wir gehören dem großen
-Bischof zu Erfurt. Sein Vogt hat mich auf neuer Rodung<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-angesiedelt, im Frühjahr haben seine Leute mir geholfen,
-die Hütte zu bauen. In dieser Nacht wurde sie mir niedergesengt
-und als der Hund in der Stube bellte und ich erwachte,
-war die Tür von außen verschlagen. Mit der Axt
-mußte ich sie unter loderndem Feuer aufbrechen, um diese
-zu retten. Einsam blieb ich während des Mordbrandes, kein
-Notschrei führte mir einen Helfer zu.«</p>
-
-<p>»Und wo willst du hin, Unglücklicher?«</p>
-
-<p>»Hinweg von hier, die Flur ist unheimlich für Fremde;
-den Herrn Vogt will ich anflehen, daß er mich ansiedle, wo
-es auch sei, nur weit von hier. Beschwerlich ist ein Lager
-unter den Disteln.« Das Weib heulte und das Kind schrie,
-Immo griff in den Beutel, den ihm der Abt geschenkt hatte
-und legte der Frau eine Handvoll runden Silberblechs in den
-Schoß. »Aus dem Kloster seid ihr blanken, und in Klosterweise
-streue ich euch aus,« sagte er gutherzig. Er schüttelte
-sich das Wasser aus dem triefenden Gewande, sprang in den
-Sattel und ritt den Brüdern in gestrecktem Laufe nach. Als
-er ihre Schar erreichte, warfen die andern finstere Blicke
-auf ihn und wandten die Gesichter ab.</p>
-
-<p>»Seit wann beschützen die Söhne Irmfrieds den nächtlichen
-Mordbrand?« frug Immo zu Odo reitend verächtlich.</p>
-
-<p>»Nicht wir haben das Feuer entzündet,« versetzte Odo.
-»Kränkt dich, daß wir von einem Vogelfreien abwärts ritten,
-so kränkt uns deine hilfreiche Hand.«</p>
-
-<p>»Galt euch der Mann als vogelfrei, so lobe ich den Brauch
-nicht, ihm Weib und Kind zu sengen.«</p>
-
-<p>»Führt der Hahn sein Volk in die Burg des Fuchses, so
-büßt es Henne und Huhn. Ich riet dir nicht, unserm Ritt
-zu folgen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>»Unwillkommen ist der Mahner,« rief Ortwin, »der
-unsere Bräuche nicht kennt.«</p>
-
-<p>Und Erwin: »Dünkst du dich klüger als deine Landsleute,
-so wärst du besser bei den Mönchen geblieben.«</p>
-
-<p>»Kommst du uns Mönchslehre zu geben,« spottete Adalmar,
-»so wirst du hier eine demütige Gemeinde nicht
-finden.«</p>
-
-<p>»Wie die Eule schreist du deinen Warnungsruf und dein
-Gesang klingt widerwärtig im Lande,« höhnte auch der
-junge Arnfried.</p>
-
-<p>»Daß ich der älteste unter euch bin,« versetzte Immo
-sich hoch im Sattel aufrichtend, »das will ich euch, ihr zuchtlosen
-Knaben, bewähren durch meine Lehre, die ihr mit
-Achtung hören mögt, und durch die Faust, mit der ich die
-Ungehorsamen strafe.« Sein Roß setzte im Sprunge zwischen
-die Schreier und so gebieterisch war seine Haltung, daß die
-Jüngeren verstummten.</p>
-
-<p>»Du irrst, Immo,« begann Odo, »nicht du bist der erste
-im Hofe und auf unserer Flur, und nicht dir kommt es zu,
-die Knaben zu ziehen, sondern mir. Denn ich bin, da der
-Oheim uns verfeindet ist, der älteste des Geschlechts, welcher
-ein Schwert trägt und auf Heldenwerk denkt, du aber wirst
-ein betender Pfaffe.«</p>
-
-<p>»Ob ich dereinst ein geistliches Gewand tragen werde
-oder nicht, jetzt führe ich mein Schwert wie ihr, und die
-Ehre des Ältesten fordere ich als mein Recht, das nicht du
-und kein anderer mir nehmen soll.«</p>
-
-<p>»Nicht die Jahre allein zählen wir, auch die Taten des
-Mannes,« antwortete Odo. »Während du auf der Schülerbank
-saßest, zog ich mit deinen Brüdern zum Kampf. Viermal
-hielt ich die Schildfessel im Grenzkriege gegen die Slawen,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-auch deine jüngeren Brüder sind mehr als einmal auf die
-Kampfheide geritten. Wo sind die Heldentaten, deren du
-dich rühmen kannst?«</p>
-
-<p>»Ihr sahet zu, wenn Häuser brannten und Weiber in der
-Not ihre Arme hoben. Wenig vermag ich eure Kriegstaten
-zu loben,« rief Immo. »Fahret dahin auf eurem Wege, ich
-<span id="corr128">finde</span> den meinen allein.« Er wendete zornig sein Roß
-und ritt seitwärts über die Flur.</p>
-
-<p>Als Immo in beschwertem Mute dahin fuhr, hörte er
-aus der Ferne kunstvollen Peitschenknall, einen Gruß, den
-er wohl kannte. Er sprengte über das Brachfeld zu dem
-Acker, den Brunico, der Bruder des Mönches Rigbert, mit
-den Ochsen des Vaters pflügte. Der junge Landmann hielt
-an, Immo streckte schon von weitem die Hand aus, den
-Jugendgespielen zu begrüßen. »Denkst du der Reden,«
-sprach Immo, »die wir einst in unserm Hofe tauschten; daß
-wir miteinander im Eisenhemd reiten wollten?«</p>
-
-<p>Brunico nickte. »Langsam wandeln die Ochsen und langweilig
-dünkt mich die Schollen zu treten.«</p>
-
-<p>»Ich komme dich mahnen, ob du mit mir zum Heere des
-Königs ziehen willst als mein vertrauter Mann, der sich mir
-für die Schwertreise gelobt.«</p>
-
-<p>Die Augen Brunicos glänzten. »Wenn der König und
-der Markgraf nur noch ein Jahr warten wollten, bevor sie
-aufeinander losschlagen, so wäre das besser wegen des
-Hengstes, auf dem ich dich begleiten will. Denn das Roß ist
-noch jung für die Kriegsfahrt. Ich selber bin meines Vaters
-Sohn und sitze an seiner Bank. Und wenn ich auch etwas
-tun will, so bin ich doch der Worte nicht mächtig, um den
-Alten zu bereden; das mußt du wagen. Und dann gibt es
-noch jemanden, den ich gern darum früge.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>»Ist die Jungfrau aus eurem Dorfe?« frug Immo
-lächelnd.</p>
-
-<p>Brunico schüttelte das Haupt und wies nach Osten.
-»Weiter aufwärts am Bach. In der nächsten Nacht hole
-ich dort Bescheid.«</p>
-
-<p>Als Immo die Schar der Brüder aus dem Dorfe reiten
-sah, lenkte er sein Pferd dem Hofe des Baldhard zu. Der
-Bauer stand in seinem Hoftor. »Sei gegrüßt, Immo,« rief
-er ihm zu, »einem Helden gleichst du auf deinem Rosse,
-reite ein, damit du der Mutter von ihrem Kinde erzählen
-kannst.«</p>
-
-<p>Immo saß zwischen den beiden Alten und vertraulicher
-als gegen sein eigenes Geschlecht sprach er zu ihnen vom
-Kloster und von der treuen Gesinnung des Rigbert. Frau
-Sunihild trug auf, was sie vermochte, um den Gast zu ehren
-und pries ihn glücklich, daß er den Heiligen dienen sollte;
-doch in der Miene des Hausherrn erkannte Immo trotz der
-gutherzigen Weise eine Unzufriedenheit. »Manches Mal hast
-du mir Gutes geraten, Vater,« begann Immo, »auch heute
-begehre ich etwas von dir, was meiner Zukunft nützen soll.«</p>
-
-<p>»Willst du Geheimes von mir hören,« versetzte der Alte,
-»so tritt hinaus ins Freie, denn der Wind, der über das
-Halmfeld weht, verträgt geheime Worte besser als die
-hallende Hauswand.« Baldhard führte seinen Gast aus der
-Niederung nach der alten Grenzeiche, die auf freier Höhe
-weit im Lande sichtbar stand. »Du kennst die Sage,« begann
-der Alte, »welche verkündet, daß um diese Eiche vorzeiten
-ein Lindwurm gehaust hat, welcher Feuer in die Höfe trug
-und sich die Menschen zum Fraß raubte, bis einmal ein
-starker Held mit seinem kleinen Sohn des Weges kam. Dieser
-setzte seinen Sohn auf einen Stein, und als der Arge herankam,<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-das Kind zu holen, erlegte der Held den Wurm, aber
-ihn selbst verbrannte die flammende Lohe, welche aus dem
-Rachen des Untiers kam. Ein Weib aus unserm Dorfe
-drang mutig zu der Stätte, sie fand den Helden tot, den
-Knaben unversehrt unter brennendem Holz und versengtem
-Gras. Unsere Väter meinen, der Knabe sei von deinem
-Geschlecht gewesen und das Weib, welches ihn bewahrte
-und erzog, von meinem. Darum ist dies die Stelle, wo ich
-mit dir am liebsten vertraulich reden will.« Er trat unter
-die Eiche, wies nordwärts über die große Flur seines Dorfes
-und die benachbarten Markungen und begann: »So weit
-du hier das Land siehst, war einst alles freies Erbe handfester
-Männer, siehe zu, was die Kirche und die Grafen daraus
-gemacht haben. In allen Dörfern liegen jetzt die Hufen unter
-verschiedenem Recht. Viele gehören den Mönchen deines
-Klosters, andere den Mönchen von Fulda, noch mehrere dem
-Erzbischof von Mainz, und was am leidigsten ist, viele auch
-den gräflichen Dienstmannen. Diese sitzen unter uns und
-sperren, wenn sie es vermögen, ihre Höfe mit einem Graben
-gegen das Dorf, obgleich sie vielleicht als unfreie Leute unter
-der Faust der Grafen stehen. Völlig zerrissen ist die Gemeinschaft
-der Dorfgenossen, schon sind an vielen Stätten
-unseres Stammes die Freien in der Minderzahl, alljährlich
-verschlingen die Kirche oder fremde Gebieter mehr von unsern
-Hufen und Behausungen. Wie sollen die Landleute noch
-zusammen halten, wenn sie von allerlei Herren Befehle
-empfangen und um die Gunst Verschiedener zu sorgen
-haben. Keine Dorflinde kenne ich, unter welcher der Friede
-bewahrt wird, bei jeder Fehde der Großen streiten die Genossen
-desselben Dorfes gegeneinander und über jede Flur
-reiten fremde Herrenrosse. Wer aber mächtig ist, ob er die<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Kutte trägt oder den Schwertgurt, der weiß sich auszubreiten,
-wenn er sich einmal in einer Flur eingenistet hat.
-In unserem Dorf mißlang es den Fremden bisher noch, in
-den Bund der Freien einzudringen. Denn wenn die Grafen
-wider das Recht im Gemeindeholz gerodet hatten, um ihre
-Leibeigenen anzusiedeln, so weigerten unsere Knaben den
-Unfreien Gruß und Verkehr auf dem Anger und verbrannten
-bei Nacht die neuen Hütten.« Er sah mit einem
-wilden Blick nach der Seite, von welcher die Rauchsäule
-aufstieg. »Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt,
-weil die Mutter das weinend von mir erbat, und ich hoffe,
-die Gabe wird den Heiligen willkommen sein. Auch bin ich
-nicht säumig, dem Kloster Spenden zu geben, und mehr als
-ein Füllen und manches junge Rind habe ich nach Ordorf
-geführt. Aber das Land, auf dem wir im Herrenschuh
-schreiten, wollen wir, soweit es uns noch geblieben ist, vor
-den begehrlichen Mönchen bewahren, obgleich sie uns viel
-Günstiges in der großen Wolkenburg verheißen. Darum
-vernahmen wir Landleute mit Trauer, daß dein Geschlecht
-um deinetwillen eine gute Burg der Kirche übergeben will.
-Denn wir gedenken wohl, daß die roten Berge zur Zeit
-unserer Väter der ganzen Landschaft vor den wilden Ungarn
-Zuflucht gewährt haben. Damals lagen die Weiber und
-Kinder und das Herdenvieh unserer Dörfer in eurem Bergwall
-und die Männer verschanzten die Talwege und die
-Höhen mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch
-der grausamen Heiden siegreich ab. Damals öffnete dein
-Geschlecht uns die rettende Burg und seine Helden geboten
-im Kampfe. Jetzt aber sollen die Pfaffen dort herrschen
-und niemand weiß, wem sie bei einer Fehde anhängen
-werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>Immo ergriff die Hand des Bauern. »Vater, so wie du,
-denke auch ich. Wenn ich es zu hindern vermag, soll kein
-Geschorener auf der Mühlburg gebieten, nicht der Erzbischof
-und nicht ein anderer.«</p>
-
-<p>»Du selbst aber bist der Kirche verlobt?« frug Baldhard
-erstaunt.</p>
-
-<p>»Als Kriegsmann will ich zu König Heinrich reiten, wie
-sehr auch meine Mutter traure, und grade deshalb komme
-ich zu dir.«</p>
-
-<p>»Wahrlich,« rief der Bauer, dem Jüngling kräftig die
-Hand drückend, »jetzt gefällst du mir ganz und gar, Immo,
-und ich hoffe auch, obwohl du jung bist, daß du diesen Sinn
-bewahrst und in deinem Leben allem Herrendienst widerstehst.«</p>
-
-<p>»Gefällt dir was ich will, mein Vater,« fuhr Immo fort,
-»so hilf mir auch, daß ich's ausführe. Denn nicht als Einzelner
-möchte ich dem König zuziehen, sondern mit der Jugend
-unserer Dörfer. Auch deinen Sohn Brunico, der einst mein
-Gespiele war, erbitte ich von dir für die erste Schwertreise.«</p>
-
-<p>Baldhards Gesicht zog sich ernst zusammen und er überlegte
-lange, bevor er entgegnete: »Willst du mit einem
-Gefolge, wie dir geziemt, zum Heer des Königs reisen, so
-siehe zu, ob dir manche unserer jungen Männer mit freiem
-Willen folgen, ich wehre dir's nicht und ich spreche nicht dagegen.
-Doch einen Heerdienst über das harte Maß, welches
-uns ohnedies aufgelegt ist, vermag ich auch nicht zu loben.«</p>
-
-<p>»Vielleicht gefällt dir der Zug besser, mein Vater,«
-beredete Immo, »wenn du selbst an das denkst, was wir an
-deinem Herde über den bösen Willen der thüringischen
-Grafen sprachen. Denn ist der König in Bedrängnis durch
-die Untreue der Großen, so wird er es rühmen, wenn die<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-freien Waldleute ihm jetzt ihre Treue beweisen und darum
-mag der Zug euch in Zukunft frommen gegen die Grafen.«</p>
-
-<p>»Verständig sprichst du, um mich zu überreden,« versetzte
-der Alte, »aber wer mehr tut als ihm obliegt, der wagt
-vielleicht auch mehr als ihm recht ist. Wenn der König
-seinen Feinden unterliegt, dann würden wir's büßen, daß
-wir mehr Eifer gezeigt haben, als uns geboten war. Darum
-dürfen unsere Knaben nur als Freigänger der Donau zuziehen,
-auf ihre eigene Gefahr und ohne Ladung der Gemeinde.
-Nützt uns ihr Zug beim Könige, so haben wir den Vorteil,
-im andern Falle tragen sie den Schaden. Ich sehe auch
-ungern, daß du meinen jüngsten Knaben zu deinem Roßdienst
-werben willst und ich würde dir ihn am liebsten versagen.
-Aber ich gedenke, daß es mir nützen kann, wenn mein
-Geschlecht sich dem deinen wert erhält. Auch der Kriegskunst
-des Knaben kann es frommen, daß er einmal an deiner
-Seite sich im Schwertdienst übt. Dennoch fürchte ich für
-ihn die Verführung. Denn wenn er mit dir unter dem Rittervolk
-dahinfährt, werden ihm die roten Strümpfe der fränkischen
-Dienstmannen und ihr weißer Schwertgurt vielleicht
-gefallen und er wird fortan lieber den Speer halten als den
-Pflugsterz. Ich aber kann nicht ertragen, daß der ehrliche
-Bau in unserer Flur ihm verleidet wird. Darum gelobe mir,
-daß du meinen Knaben nur auf Jahr und Tag an dich bindest
-und daß du ihm, soweit du vermagst, sein Heimatsdorf
-lieb erhältst und auch die Peitsche, mit welcher er einst auf
-seinem freien Erbe über Rinder und Rosse gebieten soll.«</p>
-
-<p>Das gelobte Immo und in gutem Einvernehmen verhandelten
-beide über die Fahrt zum König.</p>
-
-<p>Als Letzter kehrte Immo am Abend in den Saal zurück,
-die Brüder saßen zusammen an der Bank, beachteten seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-Eintritt wenig und sprachen leise miteinander. Immo sah
-finster über sie weg, begrüßte die Mutter, welche auf ihrem
-Stuhl seine Ankunft erwartet hatte, und setzte sich abseits.
-Ihm gegenüber hingen an der Wand die Rüstungen, welche
-sein Vater als Siegeszeichen aus dem Kriege heimgebracht
-hatte, daneben auch Slawenschwerter und Streitkeulen, die
-er noch nicht kannte. Er wußte, es waren Beutestücke seiner
-jüngeren Brüder. Da wurde ihm der Sinn noch mehr beschwert;
-er trat an eine Rüstung seiner Ahnen, hob das
-Schwert vom Pflock, trug es zu seinem Sitz, zog es aus der
-Scheide, prüfte seine Schärfe und legte es neben sich. Odo
-stand schweigend auf, nahm die Waffe weg und schritt zu
-dem Nagel, um sie aufzuhängen. Da fuhr Immo empor,
-riß dem Bruder das Schwert aus der Hand und rief: »Unheil
-bringe dir der Griff nach meiner Waffe, denn dies Erbstück
-des Geschlechtes fällt nach dem Brauch dem Ältesten zu.«</p>
-
-<p>»Vielleicht dem ältesten Kriegsmann,« versetzte Odo,
-»der aber bist du nicht. Besseres hat das gute Eisen verdient
-als an der Seite eines Pfaffen zu hängen, der das Schwert
-nur trägt, wenn es seines geschorenen Haares vergißt.«</p>
-
-<p>»Versuche es zu nehmen,« rief Immo, »so sollst du selbst
-erfahren, ob meine Hand es zu schwingen vermag.«</p>
-
-<p>Gertrud, die zu den Füßen der Herrin saß, tat einen
-gellenden Schrei. Edith erhob sich aus ihren Gedanken und
-als sie die Brüder kampflustig gegeneinander sah, wurde ihr
-Antlitz totenbleich und sie stürzte zwischen die Hadernden:
-»Gib mir die Waffe, Immo,« rief sie und faßte die Scheide,
-»Unheil hängt an dem Eisen.« Sie löste die Waffe aus der
-Hand des Sohnes. »Wisset, ihr Zornigen, euer Vater selbst
-mied das Schwert, denn er trug es an einem Tage, der ihn
-oft gereut hat. Und als ein Unglückszeichen hängt es seitdem<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-ungebraucht an der Wand. Harret der Zeit, wo das
-Los geworfen wird über diese und andere Habe, ich meine,
-keiner von euch wird dann noch lüstern sein, die Waffe an
-sich zu reißen.« Sie hing das Schwert an den Pflock und
-trat zu ihrem Sitz zurück, während die Söhne voneinander
-abgewandt gegen ihren Unwillen rangen.</p>
-
-<p>Die Mutter, in deren Antlitz noch der Schrecken zuckte,
-gebot von der Höhe: »Töricht war euer Streit. Den Frieden
-des Hauses habt ihr gebrochen, gleich unbändigen Knaben
-widerstrebt ihr einander. Reichet euch die Hand zur Versöhnung,
-damit auch ich euren Frevel vergesse.« Und da
-die Söhne unbeweglich standen, rief sie mit flammenden
-Augen: »Du zuerst, Immo, ich befehle es.« Widerwillig
-streckte Immo die Hand aus, die Odo ebenso ergriff. Ein
-langes unbehagliches Schweigen folgte, endlich begann
-Edith: »Sage mir, Immo, wie kommt es doch, daß du zu
-deiner Mutter so gar nicht von dem Kloster sprichst und von
-deiner Lehrzeit.«</p>
-
-<p>»Du selbst weißt, Mutter, daß es nicht ziemet, die Geheimnisse
-des Klosters kund zu tun.«</p>
-
-<p>»Ist denn alles geheim, was ein Schüler dort erfährt?«
-frug die Mutter. »Ich meine, nur die Mönche sind gebunden.«</p>
-
-<p>»Auch mich bindet ein Gelöbnis, das ich vor Herrn Bernheri
-getan,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Dann lobe ich dein Schweigen,« fuhr Edith fort, »doch
-laß die Mutter noch eine Frage tun, wie kommt es doch,
-daß du die frommen Väter zu Ordorf nicht begrüßt hast,
-da du doch sonst jeden Tag durch die Flur reitest? Mancher
-von ihnen kennt dich aus dem Kloster und von früher her,
-und mehr als einer will dir wohl. Und daß ich dir alles sage,<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-der Magister war heut in unserm Hofe, deinetwegen kam
-er hierher und er klagte, daß die Väter und die Scholastiker
-in seiner Zelle sich beschwert fühlen, weil du dich von ihnen
-fern hältst, obgleich du doch auf der Wassenburg mit den
-Dienstmannen verkehrt hast.«</p>
-
-<p>»Gute Kundschaft haben die Mönche,« entgegnete Immo
-bitter, »und neugierig schleichen sie hin und her.«</p>
-
-<p>»Du hast unrecht,« versetzte Edith, »guten Leumund
-haben sie im Lande.« Da Immo schwieg, fuhr sie fort: »Der
-Magister klagte, daß ein Bruder, der von dem großen Mann
-Tutilo gesandt ist, schwere Kunde aus dem Kloster gebracht
-habe. Von hartem Zwist der Mönche sprach er und daß viele
-aus dem Kloster scheiden wollten. Auch dem Boten des
-Tutilo lag es sehr am Herzen, daß du in die Zelle nach
-Ordorf kämest.«</p>
-
-<p>»Wenn ein Bote Tutilos mich ladet,« rief Immo, »so
-wird er vergeblich harren. Er mag seine Botschaft, wenn er
-es wagt, hierher zu meinem Ohr tragen.« Immo schritt
-aus der Halle in Mißbehagen und Sorge. Er gedachte einer
-guten Lehre des Bertram, die er nicht befolgt hatte. Weil
-er der Mutter und den Brüdern am ersten Tag seinen Willen
-verborgen hatte, fand er sich in Widerwärtigkeiten verstrickt.
-Auf den Beifall der Brüder durfte er nicht mehr hoffen und
-das Herzeleid der Mutter ängstigte ihn jetzt viel mehr als auf
-der Reise. Dennoch erkannte er, daß er seinen kriegerischen
-Sinn nicht länger bergen durfte, und er beschloß, am
-nächsten Tage sich zuerst den Brüdern mit versöhnlichem
-Gemüt zu eröffnen und darauf der lieben Mutter. Als er
-aber nach wortkargem Abend in seinem Schlafgemach wieder
-den Weihrauch roch und die Kerze und die gestickte Herrendecke
-sah, da bedrängte ihn die Ehre schwer, und auch am<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-andern Morgen machten ihm die zwitschernden Vögel und
-der pfeifende Knabe das gepreßte Herz nicht leichter.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auf einem Vorsprunge des Mühlbergs waren die streitbaren
-Söhne Irmfrieds versammelt, dazu die Dienstmannen,
-welche die Burg und die Warttürme der nächsten Höhen
-besetzt hielten. Hinter den Männern erhob sich die starke
-Burgmauer, welche die beiden Türme und das hohe Dach
-eines Herrensaals umschloß, seitwärts ragten die Gipfel und
-Bergleiten des langgezogenen Ringwalls. Grade unter
-dem Vorsprung war der Ring gegen das Tal geöffnet,
-gegenüber dem Mühlberg stand ein hoher Vorberg, gekrönt
-mit festem Turme, die beiden Höhen beschützten gleich
-Schanzen den Zugang. Durch die Talöffnung dazwischen
-warf die Abendsonne ihr Licht in die umschlossene Tiefe,
-auf Ackerstücke und Wiesen, und auf den großen mit hohem
-Rohr bewachsenen Teich, über welchem dichte Schwärme von
-Staren und Wasservögeln auf- und niederflogen in unaufhörlichem
-Schwatzen und Zanken. Hoch aber über ihnen
-zogen zwei Bergadler ihre Kreise, bis sie in die Wolken der
-flatternden Vögel hinabstießen, ihre Beute zu holen, dann
-schrie und rauschte der ungeheure Schwarm und stob in
-wildem Getümmel auseinander.</p>
-
-<p>Immo stand seinen Brüdern gegenüber. Er sagte ihnen,
-daß er für die Tage seiner Zukunft den Schwertgurt gewählt
-habe statt der Stola, und er bat sie mit herzlichen
-Worten, ihn als Bruder in ihre Genossenschaft zu nehmen
-und ihm als sein Recht die Ehren des Ältesten zu gewähren
-und seinen Anteil am Erbe. Er gestand ihnen auch, daß er
-dem König zuziehen wolle, und daß seine Ehre nicht gestatte,
-als Landloser unter den andern Edlen zu reiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span></p>
-
-<p>Als er seinen Willen verkündete, ein Kriegsmann zu werden,
-riefen ihm die Dienstmannen Heil und schlugen ihre
-Waffen zusammen, die Brüder aber standen mit umwölkter
-Stirn und waren nicht willig ihm nachzugeben. Endlich
-begann Odo: »Hat sich dein Sinn so gewandelt, daß du
-gegen den Willen der Eltern ein Kriegsmann werden willst,
-so siehe zu, wie du dich vor unserer Mutter entschuldigst.
-Darüber mit dir zu rechten, steht uns <span id="corr138">Brüdern nicht</span> zu. Die
-Teilung des Vatererbes aber vollbringen wir erst in Jahr
-und Tag, wenn das Kind Gottfried sein Schwert trägt und
-bei der Teilung als Jüngster sein Recht ausüben darf, vorweg
-zu wählen. Denn so ist es beschlossen und wir alle haben
-uns seither in der Gemeinschaft wohl befunden. Die Mühlburg
-hatten wir widerwillig auf das Bitten der Mutter von
-dem Erbteil ausgeschieden, doch nur für den Fall, daß du
-die Pflicht der Weihen über dich nimmst, welche das Geschlecht
-dir aufgelegt hat. Weigerst du dich, dein Haupt zu scheren,
-so bestehen wir andern darauf, daß die Burg uns allen
-gemeinsam bleibe bis zur Teilung. Die Herrschaft aber im
-Geschlechte über Dienstmannen und Höfe gestehen wir dir
-nicht zu, obgleich du an Jahren der älteste bist, denn aus dem
-Kloster kommst du, fremd dem Lande und fremd kriegerischer
-Sitte, und wir vermögen keinem, der von der Schülerbank
-entlief, die Sorge um unser Wohl und Wehe zu übergeben.
-Ziehe du dem Heere des Königs zu, wenn dich der Wunsch
-übermächtig treibt, versuche, ob du dort als Ältester Ehre
-gewinnst. Im Walde aber und im Tale der Heimat behaupte
-ich bis zur Teilung mein Recht, die Brüder und Mannen
-zu führen.«</p>
-
-<p>Immos Hand ballte sich und das Blut schoß ihm zum
-Haupte, aber Berthold, der alte Dienstmann, welcher in der<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-Mühlburg gebot, trat schnell in den Ring und begann gegen
-Odo: »Traurig ist dieser Tag für einen Alten, der euch beide
-auf dem Arme hielt, als ihr noch lachende Kinder waret. Euch
-Herrensöhnen steht wohl an, heiß nach Ehre und Macht zu
-streben, doch hörte ich den Mann noch höher rühmen, der
-sich friedlich mit seinem Geschlecht verträgt. Aber deiner
-Rede, Herr Odo, muß ich widerstehen. Denn nicht zwischen
-euch allein schwebt der Streit, auch uns verdirbt er das
-Leben. Das Erbe des Vaters mögt ihr teilen, wann es euch
-gefällt, über die Ehre des Ältesten aber müßt ihr euch zur
-Stelle entscheiden. Das fordern wir, die wir euch dienen, als
-unser Recht. Ihr ladet uns und gebietet, daß wir auf die
-Kampfheide ziehen und gegen jeden streiten, der euer Feind
-ist, und jeden ehren, den ihr ehrt. Dem Geschlecht Irmfrieds
-haben wir Treue geschworen und wir folgen, solange das
-Erbe ungeteilt ist, dem Ältesten. Bisher warst du, Odo, uns
-der Älteste. Jetzt aber steht ein Bruder, der an Jahren dir
-voraus ist, im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein Geburtsrecht.
-Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu
-gehorchen, wenn ihr uneinig seid. Und ich sage dir, wir
-Dienstmannen müssen, bevor die Sonne untergeht, den Herrn
-erkennen, welchem wir fortan folgen. Darum vertragt euch
-zur Stelle gütlich, was ich herzlich wünsche, oder entscheidet
-euren Streit wie Helden geziemt, indem ihr ein Urteil sucht
-vom Himmel oder von der Erde oder von eurem Schwert.«</p>
-
-<p>»Gut spricht der Alte,« rief Immo. »Ich biete dir die
-Hand zur Versöhnung, mein Bruder, behalte du bis zur
-Teilung das Recht der Erstgeburt in allen Höfen, ja auch
-unter den Nachbarn, welche uns freiwillig ehren; mir laßt
-die Burg mit den Bergen und den Dienstmannen, bis in
-Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich gütlich vergleicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>»Hältst du die roten Berge in deiner Hand,« versetzte
-Odo, »so bleibt das Geschlecht in der Ebene wehrlos und die
-Mutter und die Brüder mögen büßen, was dein wechselnder
-Sinn ihnen erfindet. Nötig scheint mir, daß in dem Kriege,
-der jetzt entbrennt, Land und Leute in einer Hand stehen,
-damit nicht auf dem Grunde unserer Väter der Kampf
-zwischen Brüdern beginne. Darum vermag ich nicht nach
-deinem Willen zu tun, selbst wenn ich dir bessere Gesinnung
-gegen uns zutraute, als du seither bewiesen hast, und bevor
-ich dir nachgebe, hole ich ein Urteil von meiner Schwertseite.«
-Er griff nach dem Schwert, die Brüder sammelten
-sich um ihn.</p>
-
-<p>»So bezeugt mir, ihr Helden, die ihr meinem Geschlechte
-dient,« rief Immo in aufbrennender Wut, »bezeuge mir,
-hoher Himmel und du Grund meiner Väter, daß ich den
-gerechten Stolz gebändigt und ihm nachgegeben habe, soweit
-ich vermochte, und daß er mich schmäht und meinen
-guten Willen verachtet. Entehrt vermag ich nicht zu leben,
-das Blut des Bruders scheue ich mich zu vergießen. Darum
-fordere ich ein Urteil vom Himmel oder aus der Tiefe. Besser
-ist es, daß einer von uns beiden dahinschwinde, als daß das
-ganze Geschlecht in Zwist verderbe. Seht um euch, ihr
-Männer, wo ihr steht, die roten Berge gleißen und leuchten
-zu der Herrenwahl und die in der Erde hausen, rüsten sich
-einen Helden zu empfangen.« Er wies vor sich hin, die Tiefe
-lag in grauem Dämmer, der Dunst auf Wasser und Wiese
-schied den Bergring von der Ebene; wie abgelöst vom
-Boden schwebten die Gipfel in der Luft und in der Abendsonne
-leuchtete das Erdreich gleich glühendem Metall.</p>
-
-<p>»Gewaltig sind die Worte, die du in der Schule gelernt
-hast,« warf ihm Odo mit düsterm Blick entgegen, »doch<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-schwerlich gleicht ihnen die Tat. Du warst behend, über geschorene
-Köpfe zu hüpfen, aber denke nicht, dich ebenso mit
-leichtem Fuß in die Ehre des Geschlechts zu schwingen.«</p>
-
-<p>»Verhöhnst du meine Sprünge,« schrie Immo außer
-sich, »so wage auch du, mir einen Sprung nachzutun, den ich
-jetzt um mein Recht wage. Das Gottesurteil hole ich von
-dem Boden unserer Väter, vertraust du deinem Recht, so
-folge mir nach, oder entweiche.« Er wies nach der Seite.</p>
-
-<p>Dort gähnte wenige Schritte von den Männern ein Erdriß,
-der nahe am Gipfel begann und sich bis zum Fuß des
-Berges hinzog. Vielleicht hatte das herabstürzende Wasser
-die Kluft geöffnet, vielleicht hatte unterirdische Gewalt das
-Gefüge des Bodens gesprengt. Die Stelle war unheimlich,
-und die Leute wußten, daß sich die Schlucht in mancher Zeit
-schloß und wieder öffnete, so oft Unheil die Landschaft bedrohte.
-Nackt und kahl starrte das wilde Erdreich in dem
-Spalt, kein grünes Kraut haftete darin, nur beim Gewitterregen
-rauschten schäumend die Wasser in trübem Schwall
-hinab und führten den roten Schlamm über das lichte Gehölz
-und den Wiesengrund. Ungern klomm jemand längs
-dem Riß hinab, denn man sagte, daß dort der Eingang in
-das Innere des Berges sei, und daß böse Gewalten aus dem
-Reich des alten Gottes das Tor hüteten. Mehr als einer der
-Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehört, Schnauben
-der Rosse und Bellen der Hunde, und viele hatten im Abendlicht
-erkannt, wie große Rudel von Wölfen hinein- und herausfuhren.
-Jetzt gerade war der Riß auf der Oberfläche
-breiter als wohl sonst, an manchen Stellen so tief, daß man
-von oben in das Innere des Berges hineinzusehen meinte.</p>
-
-<p>Immo sprang an den Schlund, aber Berthold lief ihm
-nach und schlang die Arme um ihn. »Halt ein,« rief er,<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-»greulich ist die Stelle, kein Menschenfuß vermag die Tiefe
-zu überfliegen, fürchte die Unsichtbaren, welche dort unten
-lauern.«</p>
-
-<p>Aber Immo schüttelte den Alten ab und rief: »Den guten
-Gewalten meines Lebens vertraue ich, ob sie mir gnädig
-sind. Sieh her, Odo, der Springer schwingt sich in sein Erbe,
-folge mir, Kriegsmann, wenn du vermagst.« Und weit
-ausholend, setzte er in mächtigem Schwunge über den
-Schlund. Erschrocken <span id="corr142a">sahen</span> die Männer die wilde Tat, als
-er aber am andern Rand des Schlundes auf die Knie sank
-und die beiden Arme gegen die untergehende Sonne hob,
-da schrien die wilden Genossen lautes Heil und zogen die
-Schwerter. Im nächsten Augenblick verstummten die Rufe,
-der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall, Odo stürzte
-in die Tiefe. Immo wandte sich um und Entsetzen durchfuhr
-ihn, als er den Bruder undeutlich unter sich liegen sah.
-Die jüngeren Brüder liefen abwärts, die Gewappneten
-drängten sich mit starren Blicken um den Spalt. Sobald
-aber Immo erkannte, daß Odo, der weiter abwärts an das
-Licht getragen wurde, die Glieder regte und sich auf die
-Schulter eines <span id="corr142b">Bruders</span> stützte, hob er sich empor auf den
-Vorsprung, der untergehenden Sonne zu, riß das Schwert
-aus der Scheide, schwang es dreimal gegen die Sonne und
-rief: »Zu mir, ihr Helden. Von der Sonne holten meine
-Ahnen ihr Recht und von keinem geborenen Manne. Bezeuge
-mir, milde Herrin, daß ich als rechter Erbe Besitz
-ergreife von Burg und Herrschaft.«</p>
-
-<p>Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande und dunkle
-Wolken verdeckten das Sternenlicht, als Immo in den Hof
-zurückkehrte. Vor der Tür harrte seiner der jüngste Bruder.
-»Wie geht es dem Gestürzten?« frug Immo. »Er sitzt zerschlagen<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-im Saal,« antwortete der Knabe traurig. Immo
-atmete tief und stieß die Tür auf, die Mutter saß bleich auf
-ihrem Sitz, die Brüder schweigend an der Bank.</p>
-
-<p>Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenüber
-stand, erhob sie sich, riß das Schwert, welches sie den Abend
-vorher den Händen des Sohnes entwunden hatte, von der
-Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo auf den
-Boden. »Hier nimm, was dir zukommt,« rief sie, »die Teilung
-des Erbes suchst du bei den bösen Geistern des Abgrundes.
-Das Recht des Ältesten begehrst du an Leib und
-Leben deiner Brüder. Dem Helden, der so mannhaft denkt,
-gebührt die unheilvolle Waffe; prüfe die Schneide, du Held.
-Erkennst du alte Rostflecke darauf, so wisse, daß die Waffe
-schon einmal von Bruderblut gerötet ist.«</p>
-
-<p>Immo trat einen Schritt auf Odo zu. »Mich reut der
-wilde Zorn, mein Bruder, und groß war meine Angst, als ich
-dich in der Tiefe sah. Zur Stelle fühlte ich schweres Leid. Daß
-ich dich wiederfinde, nimmt mir das Grauen von der Seele.«</p>
-
-<p>Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht.</p>
-
-<p>»Ich lobe die Entschuldigung,« rief Edith bitter, »welche
-eine Untat abbläst, wie den Staub der roten Berge. Und
-da wir alle hier gesellt sind, das ganze Geschlecht Irmfrieds
-mit freundlichem Herzen und guter Meinung zueinander, so
-vernehmt eine Sage, meine Söhne, welche die Mutter am
-Feierabend für euch bereit hält. Einst, da ich Jungfrau war
-im Vaterhause, dachte ein junger Held der Thüringe darauf,
-ein Sachsenmädchen zur Hausfrau zu werben und der Vater
-war ihm wohlgeneigt. Da kam der ältere Bruder des Jünglings,
-mächtiger an Gut und Ehren, von einem Kriegszuge
-in den Sachsenhof, dieser gewann größere Gunst des Vaters
-und erhielt die Jungfrau zum Weibe. Unter den Brüdern<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-entbrannte Feindschaft, in den Mauern ihrer Stammburg
-zogen sie gegeneinander die Schwerter und der jüngere
-wurde durch die Waffe des Bruders schwer getroffen. Seitdem
-ahnte den Gatten Übles für die Zukunft und sie meinten
-den Zorn der Ewigen zu versöhnen, wenn sie das erste Kind
-dem Dienst des Himmelskönigs weihten. Dies Kind warst
-du, Immo. Heute aber trug ein Bruder deines Klosters mir
-die Kunde zu, daß du am Altar der Heiligen die Hand gegen
-einen Geweihten erhoben hast und als ein Missetäter aus
-dem Kerker des Klosters entwichen bist.«</p>
-
-<p>»Den Tutilo schlug ich am Altar nieder,« rief Immo dagegen,
-»weil er die Faust gegen seinen Abt ballte und gegen
-mich selbst die Geißel schwang. Wurde die heilige Stätte
-entweiht, nicht ich war der Verbrecher, sondern er. Und
-wagt der Babenberger mir noch einmal gegenüber zu treten,
-bei allen Heiligen des Himmels, wo es auch sei, ich tue ihm
-dasselbe. Du selbst aber weißt, daß ich nicht aus dem Zaun
-des Klosters gebrochen bin, sondern durch den Abt in Freiheit
-zu dir gesandt.«</p>
-
-<p>»Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner
-Väter, als Geweihten des Herrn begrüßten wir dich und du
-täuschtest die Mutter durch unwahren Bericht.«</p>
-
-<p>»Das tat ich nicht,« rief Immo. »Als ich die Freude sah,
-mit der du auf meine Weihen hofftest, da wurde mir allzu
-schwer, dir zu sagen, daß ich die Stola für mich nicht begehre.
-Heut aber bekenne ich dir's, obwohl du zornig bist. Ich vermag
-nicht den Heiligen zu dienen, wie du begehrtest.«</p>
-
-<p>»Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos
-gegen den Himmelsherrn,« rief Edith heftig.</p>
-
-<p>»Gehorsam wirst du mich finden in allem, worin der Sohn
-seiner Mutter gehorchen darf, und um die Gnade des Himmelsherrn<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-denke ich als ein ehrlicher Kriegsmann zu werben.
-Aber ein Pfaff werde ich nicht.«</p>
-
-<p>»Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog, habe
-ich dich dem Dienst der Heiligen gelobt. Wie darfst du wagen,
-das Gelübde deiner Mutter unwahr zu machen?«</p>
-
-<p>»Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht, um dich von
-der eigenen Not zu lösen,« rief Immo, »so siehe zu, ob du ihm
-seine Hörner zu binden vermagst. Ist das die Liebe der Mutter,
-daß sie den Sohn in das Elend stößt und mit seinem Haupte
-die Buße bezahlt, um sich selbst das irdische Heil zu sichern?«</p>
-
-<p>Edith zuckte wie unter einem Schlage, ihr Antlitz erblich,
-als sie sprach: »Eines Gottlosen Stimme höre ich. Für ein
-Elend gilt dir der heilige Dienst und einen Verstoßenen
-nennst du dich, während ich dir das Beste bereiten will, was
-dem Menschen auf dieser Erde vergönnt ist. Mein bist du, von
-meinem Leibe kommst du und meine Treue hat dir das Leben
-bewahrt. Wem gehörst du an, wenn nicht deiner Mutter?«</p>
-
-<p>»Gabst du mir das Leben, so gabst du mir doch nicht denselben
-Wunsch, der dir die Seele füllt. Nicht nach deinen
-Gedanken vermag ich zu wandeln, Liebe und Leid fühle ich
-anders als du und dem eigenen Willen gedenke ich fortan
-zu vertrauen, wenn ich auch deinen Rat ehrfürchtig höre.«</p>
-
-<p>»Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und
-gegen dein Geschlecht, so vergiß auch, wer dich laufen lehrte
-und wer dir zuerst die Worte deiner Rede vorsprach, vergiß,
-daß du ein Sohn des Irmfried und der Edith bist, und
-wandle dahin gleich einem Vater- und Mutterlosen, der
-irgendwo am Wasser oder unter dem Baum gefunden ist.
-Alles Gute, das dir von der Mutter und den Ahnen kommt,
-willst du für dich nützen, deines Geschlechts willst du dich
-rühmen, und wenn sie dir sagen, daß dein Antlitz dem deines<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Vaters gleicht, willst du lachen und nicken. Aber was dir
-von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses und dem
-Kinde deiner Eltern, dem willst du dich frevelhaft entziehen.
-Ich lobe die Klugheit, Immo. Doch wisse, du Freier, wenn
-du deine Pflicht gegen die Mutter verachtest, so naht der
-Tag, wo die Mutter sich deiner schämt.«</p>
-
-<p>Mit glühendem Antlitz sprang Immo zurück: »In der
-Halle meiner Väter höre ich die Kuttenträger zischen; sehnsüchtig
-kam ich her und begehrte die Liebe der Mutter und
-der Brüder; geschwunden ist die Treue, kalte Hohnrede
-vernahm ich von den Lippen der nächsten Verwandten. Lenke
-du den Flug deiner Nestlinge, Mutter, wie es dir gefällt,
-mir aber hast du den Sinn verwandelt und unter den wilden
-Tieren will ich lieber hausen als hier.« Er sprang aus der
-Tür und über den Hof, riß sein Pferd aus dem Stalle, hob
-den Balken des Hoftors und sprengte über die Brücke,
-während die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die
-Hände über ihr Herz preßte. »Eilt ihm nach,« befahl die
-Mutter, »daß seine Seele nicht unter den bösen Geistern
-der Nacht verderbe.«</p>
-
-<p>»Wie mögen wir ihn hindern, er ist ja der ältere,« versetzte
-Odo trotzig. Doch Gottfried lief in den Hof und rief den
-Namen des Bruders in die Nacht hinaus, nur undeutlich
-klang die Kinderstimme in das Ohr des Entweichenden. Es
-war ein leiser Ton, aber die Tränen brachen dem Flüchtigen
-aus den Augen, da er ihn hörte. In die Nacht hinein ritt
-Immo halb bewußtlos, das Blut hämmerte in seinem
-Haupte, die Mondsichel am Himmel zitterte und die Sterne
-flirrten und verschwanden vor seinen Augen; er sprengte
-durch den Bach, daß die Flut um sein Haupt spritzte, und fuhr
-über Wiesengrund und Felder den Bergen zu. Dort fand<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-er sich in dichter Finsternis, schwarze Baumwipfel bargen
-das Wolkenlicht, die Äste und Zweige schlugen in sein Gesicht
-und hielten wie mit Krallen sein Haar und Gewand. Zitternd
-suchte das Roß einen Weg durch das wilde Gestrüpp, bis der
-Reiter wieder den Nachthimmel über sich sah und einzelne
-Hügel, die dunkel vor ihm aufstiegen. Als er sich in dem
-Talkessel zwischen den roten Bergen fand, da hob er den
-Arm in wilder Freude nach den Gipfeln und ritt längs dem
-Bergwall dahin. Die Stimmen, welche in dem hohen Rohr
-schrien und stöhnten, warnten ihn, daß er sein Roß der Höhe zu
-riß, denn dort unten hausten tückische Geister, die Roß und
-Mann festhielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe
-zogen. Vor ihm flackerte durch den Wasserdunst ein rotes
-Feuer und undeutliche Schatten fuhren riesengroß durch
-den Lichtschein. Da sträubte sich ihm das Haar, auch das Roß
-ächzte und stauchte zurück und er hörte eine Menschenstimme:
-»Wer stört das Mahl und dringt in den Reigen, haltet ihn
-fest und werfet ihn zu Boden.« Er spornte das Roß zu weiten
-Sätzen und als er vorüberfuhr, sah er eine Flamme auf
-Steinhaufen, grell beleuchtete Gestalten von Männern und
-Weibern, wilde Gesichter und gehobene Arme. Wie vom
-Sturmwind getragen fuhr er hindurch, hinter ihm flogen
-Speere und krachte eine geworfene Axt, lautes Hallo und
-Geheul folgte. Dann war er wieder allein in dichtem Nebel.
-Er schlug sein Kreuz und sprach hastig das Kredo, er wußte,
-jene hinter ihm waren Landleute aus der Ebene, die dort
-heimlich alten Opferbrauch übten. Als Kind hatte er
-Schreckenvolles gehört von der Grausamkeit, mit welcher sie
-die Störer ihrer abgöttischen Feier straften, und er erinnerte
-sich, daß er schon einmal als Knabe von fern den Lichtschein
-gesehen hatte und daß der fromme Bruder, der damals sein<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Lehrer war, ihn ermahnt hatte sich abzuwenden, damit der
-teuflische Schimmer ihm nicht den Sinn verstöre.</p>
-
-<p>Wieder umschloß den Reiter unheimliche Nacht. Kläglich
-seufzten die Unken im Teich und über ihm jammerten
-die Nachtvögel, die Rudel der Wölfe bellten und heulten
-und ihre schwarzen Schatten fuhren durch den Nebel dahin,
-da meinte er in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu schauen,
-riesige Männer auf dunklen Rossen, welche ihm zuwinkten
-und nach dem Tor im Berge wiesen. Denn vor ihm gähnte
-der Erdriß, den er heute übersprungen hatte, und die Schatten
-mahnten zur Rache. Er hielt wie fest gebannt, das gellende
-Geschrei der Nachttiere und das Flattern in der Luft betäubte
-ihm das Hirn, daß er im Sattel schwankte. Aber im nächsten
-Augenblicke rückte er sich kräftig auf dem Rosse zurecht und
-atmete tief wie einer, welcher erkennt, daß sein Bangen unnötig
-war. Denn zwischen dem wilden Heidenlärm vernahm
-er laut und lauter das Rauschen eines gebändigten Wassers,
-unter welchem sich ein Rad schwang, und er vernahm das
-Klappern des Mühlwerks, die freundliche Stimme, welche
-von den Mönchen durch die Worte gedeutet war: Hilf,
-Herre Gott. Daran dachte er jetzt. Die Mühle klang bei Tag
-und Nacht langsam und schneller, wo Menschenwerk fleißig
-geübt wurde, sie hatte Frieden bei Heiden und Christen und
-Gutes bedeutete ihr Gesang jedem, der ihn hörte; alle
-Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu, denn
-das kluge Werk befreite ihren Hof von der Mühe, die Handsteine
-zu drehen; die wilden Tiere fürchteten den Lärm und
-sogar der tückische Wassergeist saß, wie die Leute wußten,
-stundenlang am Ufer und horchte erstaunt auf das lustige
-Pochen. Und er hatte einst, da die Mühle grade still stand,
-dem Vater des jetzigen Müllers zugerufen: »Müller, laß<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-dein Hackebrett klingen, damit meine Kleinen darnach
-tanzen.« Da lachte Immo und er gedachte, daß er einst im
-Kloster als Schüler bei großer Wassersnot mit dem Sintram
-und einigen Jünglingen dem Müller zu Hilfe gesandt worden
-war. Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange gegen
-den Wasserschwall gebetet, bis er darüber entschlief. Die
-frechen Knaben aber hatten dem schlafenden Greise sein
-Gesicht und den Scheitel ganz mit Mehl bestreut, daß er aussah
-wie ein Schneemann. Und als der Alte so verwandelt
-vor den Müller trat und aus dem Lachen des Mannes die
-Untat erkannte, da hatte er ruhig sein Haupt in das Wasser
-getaucht und darauf zu Immo gesagt: »Mir geschah recht,
-weil ich im Schlaf meine Pflicht vergessen hatte. Du aber
-mein Sohn hast unrecht getan, einem alten Manne die Ehre
-zu kränken.« Seit diesen milden Worten bestand das gute
-Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen.</p>
-
-<p>Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stäubende
-Wasser und die weißen Blasen, welche in der Finsternis
-dahinschwanden, übertönt war das wilde Geschrei in
-seinem Rücken, er stand <span id="corr149">im</span> Frieden, den der Mensch von
-den Gewalten der Natur erzwingt. Er beugte sich nieder
-zum Wasser und schöpfte einen Trunk mit der hohlen Hand,
-dann schlug er kräftig an die Pforte, bis Ruodhard, der
-Müller, öffnete und verwundert den Herrensohn und das
-Roß in seinem Gehege aufnahm.</p>
-
-<p>Am Morgen saß Immo allein in dem öden Turmgemach
-der Mühlburg, der Gewitterregen schlug gegen die Mauern
-und goß sein Wasser durch die kleine Fensteröffnung auf den
-Steinboden. Die gute Lehre, welche der Mönch im Garten
-ihm zugeteilt hatte, war von ihm mißachtet worden. Hätte
-er der Mutter und den Brüdern sogleich bei der Ankunft die<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-ganze Wahrheit gesagt, so hätte der Zorn nicht wie ein verdecktes
-Feuer um sich gefressen, bis er die Freundschaft verdarb.
-Er gedachte auch der Rede des Sintram und frug sich
-selbst, ob er noch jemanden in der Welt hätte, der für ihn
-bete. Denn den Himmlischen war er wohl verleidet, die im
-Kloster haßten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von sich
-gestoßen. Ein Gefühl der Einsamkeit, wie er es im Kloster
-nie gekannt, bedrückte ihm das Herz, jetzt war er frei, er saß als
-Herr in der Burg, welche die Feinde das Nest der Zaunkönige
-nannten, aber er war auch frei wie ein Vogel und freundlos.</p>
-
-<p>Als er aufsah, stand vor ihm die alte Gertrud, vom Regen
-durchnäßt und stellte einen Tragkorb zu seinen Füßen nieder.
-»Dies sendet dir Frau Edith, Immo.«</p>
-
-<p>»Was sprach die Mutter?« frug Immo wild.</p>
-
-<p>Gertrud hob ein leinenes Bündel aus dem Korb und
-breitete es mit zitternden Händen auf der Bank aus. »So
-redete Frau Edith zu mir: Trage dies dem Jüngling Immo
-und sage ihm, ich sende, was ihm gehört, und was ich
-in der Stille von seiner Habe bewahrte. Dies ist das erste
-Hemdlein, das ich ihm spann und das er trug, die Leinwand
-ist vergilbt, denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und
-kein Nachttau hat sie genetzt, aber die bittern Tränen der
-Mutter hängen daran, denn als er das erste Gewand auf
-seinem kleinen Leibe trug, habe ich ihn dem Dienst der
-Heiligen gelobt. Und hier sind andere Gewänder des
-Kleinen, sein Spielwerk, an dem er sich freute, als er zu
-meinen Füßen saß und die Kinderwaffen, welche ihm der
-Vater geschnitzt hat. Alles hob ich auf in der Truhe und oft
-hat mich gefreut, es herauszuholen und dabei an meinen
-Sohn zu denken. Jetzt hat er sich feindlich von mir gelöst,
-darum sende ich ihm, was sein ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p>
-
-<p>»Hart ist die Mutter,« rief Immo, seine Augen in der
-Hand verbergend.</p>
-
-<p>»Und Frau Edith sprach weiter: Sage dem Kriegsmann,
-daß die Treue einer Mutter nicht verloren geht, wenn auch
-der Sohn statt des Vaterhauses sich die finstere Nacht erwählte.
-Solange ich lebe, werde ich harren, daß er zu den
-Heiligen zurückkehrt. An dem Tage werden ihm meine Arme
-geöffnet sein, und der Ehrensitz im Saal seiner Väter bereitet.«</p>
-
-<p>»Vergebens wird sie diesen Tag erwarten,« rief Immo.</p>
-
-<p>»Beide seid ihr feurig,« fuhr Gertrud begütigend fort,
-»wenn auch die Mutter ihre Hast besser zu bergen weiß als
-du. Denn ganz ruhig sprach sie zu mir, aber ich weiß wohl,
-wie ihr zumute war. Euch beiden kommt wohl die Überlegung,
-daß eins dem andern sich fügt. Unterdes gebot mir
-Frau Edith, daß ich auf dem Berge bei dir bleibe, mein Sohn,
-damit dir in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle.«</p>
-
-<p>Immo reichte der Alten die Hand. »Du wirst nicht lange
-für mich sorgen, denn ich gedenke von hinnen zu reiten.«</p>
-
-<p>Am nächsten Tage sprengte der Knabe Gottfried in den
-Hof. »Heimlich habe ich mich aufgemacht,« begann er
-schüchtern, »ich komme dich zu bitten, mein Bruder, daß du
-meiner in Liebe denkst.«</p>
-
-<p>Immo drückte den Treuen fest an sich. »Sprich auch,
-wenn ich nicht da bin, freundlich von mir zu der Mutter.«</p>
-
-<p>»Auch sie gedenkt deiner,« versetzte Gottfried zutraulich,
-»denn wisse, zum Mittagsmahl trägt sie selbst deinen Stuhl
-an ihre Seite und setzt deinen Teller und deinen Becher auf
-den leeren Platz.«</p>
-
-<p>»Vergeblich ist die Sorge der Mutter, der Sitz wird leer
-bleiben,« rief Immo finster.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch6">6.<br />
-Auf der Reise.</h2>
-</div>
-
-<p>Hügel und Tal lagen im Sonnenlicht und der Bergwind
-wehte kräftig vom Walde her, als eine Schar junger Thüringe
-von der Höhe in das Tal des Idisbachs hinabzog. An ihrer
-Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd, den Stahlhelm
-am Sattelgurt, den Holzschild um den Hals gehängt, einen
-starken Speer in der Hand, neben ihm Brunico in ähnlicher
-Rüstung. Ihnen folgten zu Fuß wohl dreißig rüstige Jünglinge
-in kurzem Eisenhemd und leichter Helmkappe, mit
-hohen Lederstrümpfen und nackten Knien, auf dem Rücken
-den runden Schild mit eisernem Buckel, darunter den Köcher
-mit Pfeilen, in der Hand den Kampfbogen und zwei Wurfspeere.
-Mitten in der Schar führten zwei Heerwagen, mit
-starken Rossen bespannt, den Kriegsbedarf: Waffen, Wollmäntel
-und Säcke mit Lebensmitteln. Mit behendem Fuß
-schritten die Knaben des Waldes und mancher hob unnötig
-die Beine, um ein wenig den Reigen zu springen, welchen
-der Rufer des Haufens vorsang. In der Nähe eines Gehölzes
-hielt der Zug. Die Späher eilten voran, auf die Zeichen,
-welche sie zurückgaben, tauchte der ganze Haufe in den Busch.
-Immo sprang zur Erde, stellte die Wächter und die Jünglinge
-bereiteten sich und den Rossen das Mittagsmahl. Nur
-Brunico ritt vorwärts, begleitet von einem leichtfüßigen<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-Genossen. Nicht lange, und er kehrte eilig zurück: »Eine
-reisige Schar liegt vor uns auf dem Wege, gerade unter der
-Idisburg. Sie sorgen wenig um Wache und Ausguck. Das
-Banner, welches sie führen, gehört, wenn wir recht erkennen,
-dem Grafen Gerhard. Es sind mehr als hundertzwanzig
-Rosse, die Reisigen bereiten das Mahl am Bache und hausen
-übel im Dorfe unter der Burg; ich sah sie Garben und Gerät
-aus den Höfen herzuschleppen und die Landleute liefen ihnen
-nach und schrien.«</p>
-
-<p>»Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist,« entschied
-Immo, »wir vermögen sie schwerlich zu vermeiden. Denn
-da auch Graf Gerhard dem König zuzieht, so ziemt uns nicht,
-gleich Wölfen heimlich hinter ihm herzutraben. Folge mir
-zu seinem Lager, ihr andern aber bergt euch im Versteck.«
-Und er besprach mit dem Hauptmann seiner Knaben, was
-die Vorsicht gebot.</p>
-
-<p>Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager
-des Grafen, um die Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten,
-über einen Hügel ritten sie im Trabe dem Banner zu.
-Brunico stieß in das Horn, das er am Halse trug, und sie
-harrten der Antwort. Im Lager entstand eine Bewegung,
-zwei Gewappnete kamen ihnen entgegen, Ruf und Gegenruf
-wurden getauscht, die Gräflichen fuhren rückwärts zu
-ihrem Herrn und brachten eine höfliche Einladung.</p>
-
-<p>»Sei gegrüßt im Kriegskleide, du Flüchtling aus Wigberts
-Stall,« rief der Graf lachend dem Ankommenden zu.
-»Auch meine Helden werden dich als Reisegenossen willkommen
-heißen. Denn nur bis zum Main ist unser Weg
-frei, von da müssen wir uns länger als eine Tagfahrt an
-den Burgen des Hezilo vorbeiwinden, und wir sorgen, ob er
-uns die Straße verhauen wird. Mit geringem Gefolge<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-kommst du, hoffst du allein beim König Ansehen zu gewinnen?«</p>
-
-<p>»Meine Knaben blieben zurück, sie schreiten auf ihren
-eigenen Beinen,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Mit Fußläufern ziehst du heran?« spottete der Graf.
-»Doch ihr in den Waldlauben übt alten Bauernbrauch. Mich
-wundert, Immo, daß du nicht besser für dich gesorgt hast.
-Geringe Ehre wird dir die unritterliche Schar erwerben,
-denn an solchem Troß fehlt es dem Könige nicht.«</p>
-
-<p>»Ihr werdet anders von ihnen denken, wenn ihr erst ihre
-Schläge geprüft habt,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Wohlan, jeder versuche sein Bestes,« fuhr der Graf fort
-und Immo glaubte ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht
-zu erkennen. »Andere Arbeit beginnt jetzt, als unser
-Hader mit den Mönchen war. Setze dich neben mich, heute
-biete ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug, da du zu uns
-gehörst. Der lateinischen Reden bist du ledig, obgleich meine
-Tochter Hildegard deine Stimme wohl vernehmen würde,
-wenn du ein Mönchsgeschrei erheben wolltest, denn sie begleitet
-unsern Zug und rastet nicht gar weit von meinen
-wilden Knaben.«</p>
-
-<p>Immo hatte Mühe, die freudige Überraschung zu verbergen.
-»Warum führt ihr die Tochter in das Heerlager?«</p>
-
-<p>Der Graf lachte schlau. »Die Königin hat sie nach Regensburg
-geladen, die hohe Frau Kunigund hat, wie der
-Bote rühmt, Gutes von dem Kinde gehört und will der
-Mutterlosen eine Beschützerin sein. Verstehst du wohl,
-Immo, was diese Huld bedeutet?«</p>
-
-<p>Immo bekannte seine Unwissenheit.</p>
-
-<p>»Die Händler haben den Brauch, wenn sie ein Geschäft
-für die Zukunft bereden, so geben sie einander ein Unterpfand<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-für treue Erfüllung. Du hast bereits etwas von den
-Waldwiesen vernommen. Diese halte ich, der König aber
-begehrt dagegen die Jungfrau. Und gern führe ich sie ihm
-zu, denn ich vertraue auf das Glück und die Klugheit des
-Königs. Ihm ist bisher vieles gelungen, und ich hoffe, daß
-auch mir dieser Krieg Land und Leute mehren soll, denn
-meine Wälder grenzen an die Mark des Hezilo. Und darum
-bringe ich mein ganzes Heergefolge dem Könige, wahrlich
-mit großen Kosten. Sieh, Immo, auch meine Kampfhähne
-führe ich mit mir,« er wies auf die beiden Fechter, welche in
-neuem, buntem Gewande zuunterst auf dem Rasen saßen
-und mit ihren riesigen Armen große Trinkkrüge schwenkten.
-»Denn König Heinrich achtet wenig auf die fahrenden Leute
-und vor andern sind ihm die schweifenden Frauen verhaßt,
-welche sich im Tanze vor den Helden drehen und dabei ihres
-Gewandes entledigen. Ja man sagt, daß ihm alles Weibervolk
-verleidet ist. Doch die Kämpfer schaut er gern, wenn sie
-herzhaft gegeneinander schlagen. Und dies sage ich euch,
-Hahn Ringrank und Hahn Sladenkop, wenn ich euch zum
-Ergötzen des Königs gegeneinander kämpfen lasse, so begehre
-ich andere Wunden als die einzölligen, die ihr im
-Vertrauen auf meine Gutherzigkeit einander anzumessen
-pflegt. Denn dergleichen schwache Ritze kann der König bei
-jeder Kirchweih sehen. Herrenwunden verlange ich diesmal,
-dreizöllig, und wenn ihr den König ehren wollt, noch tiefer
-und länger und zwar mit spitzem Eisen und nicht auf die
-Arme, sondern auf die Brust.«</p>
-
-<p>Die Fechter sahen bekümmert einander an und Ringrank
-antwortete sich erhebend: »Drei Zoll auf der Brust
-mögen unsern Brotherrn um zwei Kämpfer ärmer machen.
-Fordert der Herr großen Dienst, so ersehnt sich der Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-großen Lohn. Sorgt wenigstens, daß wir beide gegeneinander
-kämpfen und nicht gegen die Kämpfer, welche der König
-mit sich führt, denn diese sind ungerecht bei dem Messen der
-Wunden, um ihren eigenen Ruhm gegen andere zu erhöhen.«</p>
-
-<p>Die Herren lachten und saßen in guter Laune beim Mahl,
-tranken und riefen Heil, wie unter Helden Brauch ist.</p>
-
-<p>Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert, der Dienstmann,
-und trat staubbedeckt, mit heißem Antlitz vor den Grafen.
-»Durch wilden Ritt holte ich Kunde, die manchem sorgenvoll
-wird,« rief er. »Dem König ist sein ganzer Schatz genommen.
-Held Magano, der Diener des Babenbergers,
-hat den Schatz auf der Reise gefangen, ich selbst sah den
-Mann des Markgrafen und ich sah die lange Reihe der Saumrosse
-und Karren in seine feste Burg treiben.«</p>
-
-<p>Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von
-ihren Sitzen und drängten sich um den Boten, auch der Graf
-erhob sich bestürzt. »Wie ein Unsinniger gebärdest du dich,
-daß du diese Kunde vor aller Ohren ausrufst.«</p>
-
-<p>»Herr, sie läuft durch das ganze Land wie Wasser durch
-den gebrochenen Damm, in den Dörfern liefen die Leute
-zusammen, und ich sah, daß frische Gesellen, die dem Lager
-des Königs zuritten, von den Rossen stiegen und die Köpfe
-senkten; wie soll einer unter dem Habicht dahinreiten,
-welchem die Federn gerupft sind?«</p>
-
-<p>»Oft hörte ich den großen Schatz des Königs rühmen,«
-begann kopfschüttelnd ein alter Kriegsmann, »und gern
-dachte ich an das goldene Kreuzgeld darin, an die Armringe
-und Becher, mit denen er seine Getreuen lohnen würde; die
-Bayern haben lange an dem Schatz gesammelt, manch uraltes
-Schmuckstück lag darin aus Sachsenland, das einst
-Wieland, der Held, geschmiedet hat.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>»Jetzt aber ist der König so kahl wie meine Handfläche,«
-rief Egbert, »wer ihm dient, mag zusehen, wie er die Kosten
-des Zuges wiederfindet. Denn nicht der Goldschatz allein
-ist in die Hand des Markgrafen gefallen, sie sagen, daß auch
-die Königskrone dabei war, die heilige Lanze und die hohen
-Reliquien, an denen die Königsmacht hängt.«</p>
-
-<p>Die Krieger erschraken, viele bekreuzten sich und die
-Augen aller wandten sich nach dem Grafen, dessen unsicherer
-Blick verriet, daß er mit schwerem Zweifel rang. »Ist die
-Krone verloren, wie mag er das Reich bewahren?« fuhr ihm
-heraus. »Unheil brachte der Tag, an dem wir auszogen, und
-üble Vorbedeutung war es, daß der Sauhirt die Faselschweine
-über den Weg trieb.«</p>
-
-<p>»Auch andere Botschaft bringe ich, Herr,« fuhr Egbert
-fort. »Als ich vom Main den Kieferwald heraufritt, rastete
-an der Landstraße Heriman, der Goldschmied aus Erfurt,
-der nach seinen Worten zum König Heinrich reist. Da er ein
-Packpferd bei sich hatte, so riet ich ihm, sich unter euren
-Schutz zu begeben, er aber widerstrebte, und ich verließ ihn
-im Walde allein mit seinem Knechte.«</p>
-
-<p>Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne
-zu antworten. Aber Immo vermochte seinen Unwillen nicht
-zu unterdrücken.</p>
-
-<p>»Dreiste Worte höre ich von den Helden eurer Bank,
-Graf Gerhard; mich dünkt, sie stehen solchen übel, die dem
-König zuziehen.«</p>
-
-<p>»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen,« versetzte der
-Graf ärgerlich, »da sie doch recht haben? Kann der König
-seinen Kriegern nicht lohnen, wie sollen sie ihm dienen?
-Entweicht zur Seite,« rief er den Dienstmannen zu, »vergällt<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-ist mir der Trunk, harret, bis ich allein den Rat finde,
-der uns frommt.«</p>
-
-<p>Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nähe
-ihrer Rosse mit bedrängtem Gemüt zu kleinen Haufen.</p>
-
-<p>Immo merkte, was in der Seele des Grafen vorging
-und daß seine stille Hoffnung, der Jungfrau in den nächsten
-Tagen als Reisegenosse nahe zu sein, schnell dahinschwand.
-Er begann deshalb: »Zürnt meiner Jugend nicht, wenn ich
-dreist mit euch rede. Ich ahne, daß euch die Reise zum
-König verleidet ist, denkt daran, daß seine Gefahr größer ist
-als die eure und daß ihr ihm gerade jetzt eure Treue erweisen
-müßt. Denn er ist nach Recht unser Herr, und er hat euch,
-wie ihr mir vertrautet, im voraus gelohnt. Ich vernahm
-immer, daß Treue und Dankbarkeit starke Ketten sein sollen,
-welche den Helden binden.«</p>
-
-<p>»Du sprichst gut,« versetzte der bekümmerte Graf, »aber
-du bist jung. Glaube mir, Immo, als ich in deinen Jahren
-war, lebte ich so treu und dankbar wie ein Hündlein, ich lief
-hin und her, um andern zu dienen, und wenn mir die
-Könige einen Brocken zuwarfen, so sprang ich vor Freude.
-Jetzt aber habe ich eigenes Gut zu bewahren und muß vielen
-Begehrlichen spenden, jetzt rät mir die Vorsicht, vor allem
-zu fragen, was mir vorteilhaft ist, damit ich mich in meiner
-Macht erhalte zwischen Pfaffen und Laien, welche sämtlich
-gierig sind, sich zu meinem Schaden auszubreiten.«</p>
-
-<p>»Zürnt mir nicht, Graf Gerhard, wenn ich euch sage,
-daß es edler ist, mit Ehren unterzugehen als in Schande zu
-leben,« rief Immo.</p>
-
-<p>»Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen,«
-versetzte der Graf. »Ganz wie du war auch ich in meiner
-Jugend willig, mich für den Herrn töten zu lassen, dem ich<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-damals diente. Jetzt aber bin ich selbst ein Herr, welcher
-andere erhält, die für ihn auf der Walstatt sterben, jetzt habe
-ich um eine Herrenehre zu sorgen und diese befiehlt mir vor
-allem, daß ich Herr bleibe über andere und mit hundert oder
-zweihundert Rossen ins Feld ziehe, für oder gegen wen es
-auch sei. Darum will ich auch dir Gutes raten. Setze dich
-nicht in ein Haus, welches stürzen will.«</p>
-
-<p>»Soll ich umkehren?« frug Immo prüfend. Da der
-Graf keine Antwort gab, fuhr er nachdrücklich fort. »Ich gehe
-zum König, und wenn alle von ihm abfallen, so soll er doch
-im letzten Kampfe nicht allein stehen.«</p>
-
-<p>»Auch du bist nicht allein, Immo, du hast für andere zu
-sorgen, welche dir folgen.«</p>
-
-<p>»Ich will sie fragen, ob auch ihnen mit dem Raub des
-Schatzes die Kampflust geschwunden ist. Die ich führe, sind
-freie Knaben vom Walde, und ich weiß die Antwort im
-voraus.«</p>
-
-<p>»Wieviel sind ihrer?« frug der Graf mit einem Wolfsblick.
-»Mich wundert, daß du sie von meinen Leuten getrennt
-hältst.«</p>
-
-<p>Immos Auge flog über das Tal, er sah, daß er selbst in
-der Gewalt des Grafen war, denn ein Wort vermochte die
-ganze Meute gegen ihn zu hetzen, er trat deshalb zurück,
-legte die Hand an das Schwert und antwortete: »Meine
-Knaben sind schnell zu Fuß und von der Heimat her an
-Waldversteck gewöhnt, auch ihr Lager haben sie vorsichtig
-gewählt und wer sie bewältigen wollte, würde harte Stöße
-erhalten und schwerlich Beute aus ihren Taschen davontragen.
-Darum ist es besser, daß ihr uns ungekränkt ziehen
-laßt, wohin wir wollen. Ihr aber vernehmt zum Abschied
-noch eins: Große Lügen erzählen die Leute auf der Landstraße,<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-vielleicht war es gar nicht der Schatz des Königs,
-welcher gefangen wurde, oder doch nicht der beste Teil. Wer
-die Ehre eines Herrn hat, wie ihr nach eurer Rede, der sollte
-vorsichtig sein, bevor er sie gegen Schande weggibt. Lebt
-wohl, Graf Gerhard, wenn wir uns wiedersehen, so möge
-es in Frieden sein, denn zweimal habe ich als Gast an eurem
-Tisch gesessen und ungern würde ich euch feindlich gegenüberstehen.«</p>
-
-<p>Während der Graf betroffen die kluge Warnung erwog,
-gewann Immo sein Roß, welches Brunico bereit hielt, und
-verließ unangefochten das Lager.</p>
-
-<p>Als die Sonne sank, warf sie ihr goldenes Licht über die
-Höhe, auf welcher die Idisburg stand. Der alte Turm
-glänzte wie mit leuchtender Farbe übergossen und an der
-niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der Brombeeren
-wie mit Purpur und Goldfäden umwunden. In der unteren
-Hälfte des umschlossenen Raumes brüllten die Rinder,
-welche von den Dorfleuten dort zusammengetrieben waren.
-Auf der höchsten Stelle im Burgwall stand eine Sommerlinde,
-welche ihre großen Blätter als ein dichtes Laubdach
-fast bis zum Boden breitete. Es war ein wonniger Platz,
-wilde Glockenblumen blühten in dem lichten Schatten und
-kleine Schmetterlinge fuhren hin und her, die Vögel lockten
-ihre Jungen in den Ästen des Baumes zusammen und die
-Grillen schwirrten den Chorgesang zu dem Ruf der Gefiederten.
-Dort saß Hildegard, das Grafenkind; die Hände im
-Schoß gefaltet sah sie in das Tal über das Lager der Reisigen,
-über den Laubwald und über die geschwungenen
-Höhen dahinter bis in die Ferne, wo Erde und Himmel im
-Dämmerlicht zusammenfloß. In ehrerbietiger Entfernung
-lagerten einige alte Dienstmannen, welche zum Schutz der<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Jungfrau hinauf gesandt waren, auch sie schauten abwärts
-nach dem Main hin und wiesen einander unter dem lichten
-Gewölk die Grenzburgen des Feindes. Es war still um die
-Jungfrau, nur einzelne Klänge aus dem geräuschvollen
-Lager drangen herauf, zur Seite blökte das Herdenvieh und
-zuweilen lief eine Ferse nahe heran und rupfte die Blätter
-des Baumes. Dann knackte und rauschte es hinten in den
-Zweigen, Hildegard wandte sich um und scheuchte die Vorwitzigen,
-aber sie kamen doch wieder, und das Mädchen vergaß
-zuletzt in ihren Träumen die genäschigen Gäste.</p>
-
-<p>Ihre Lippen bewegten sich und leise klangen die gesungenen
-Worte des heiligen Liedes:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Audi, benigne Conditor,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">nostras preces cum fletibus</em><a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schöpfer,
-sondern mehr an einen Flehenden, der ihr dieselben Worte
-vor wenig Wochen im Scherz zugerufen hatte. Und während
-sie so sang und mit verklärtem Blick vor sich hinsah, war ihr,
-als tönte der Sang noch einmal über ihr in dem Baume.
-Sie hielt inne, da rauschte es in den Zweigen und bei dem
-Säuseln der Blätter klang über ihr wieder dieselbe Weise,
-aber mit anderen Worten, und sie vernahm von der Höhe:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Rana coaxat suaviter</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">In foliis viridibus</em><a id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Sie saß unbeweglich, ein Lächeln flog um ihren Mund
-und eine hohe Röte ergoß sich über ihr Antlitz, aber sie wagte
-nicht aufzusehen, damit der lustige Traum nicht entschwinde.<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-»Bist du es, Geselle?« frug sie leise. Aber gleich darauf
-schämte sie sich der vertraulichen Rede.</p>
-
-<p>»Ich liege über dir in den grünen Blättern,« klang es
-von oben zurück. »Ganz gut ist mein Lager auf starkem Ast;
-blicke aufwärts, wenn dir's gefällt, damit ich einmal deine
-großen Augen sehe, denn diese haben mich hergezogen.«</p>
-
-<p>Das Mädchen erhob sich schnell und wandte sich dem
-Ast zu, in demselben Augenblick neigte Immo das Haupt
-behend abwärts, umschlang von der Höhe mit einer Hand
-ihren Hals und küßte sie auf den Mund. »Guten Tag, Geselle,«
-sprach er, »so hatte ich mir's ausgesonnen und so ist es
-vollbracht.« Er fuhr wieder aufwärts und sah von seinem
-Aste zärtlich in das gerötete Antlitz.</p>
-
-<p>»Wenn ich die Wächter rufe, fangen sie dich,« murmelte
-Hildegard halb bewußtlos.</p>
-
-<p>»O tue es nicht,« flehte Immo, »denn bei Tag und Nacht
-dachte ich daran, ob ich dich wiedersehe. Wenn die liebe
-Sonne nach Westen ging, so freute ich mich, daß sie deine
-Wangen bescheinen würde. Oft habe ich dir Botschaft gerufen
-über Berg und Tal und den Bergwind ermahnt, daß
-er dir etwas von mir zutragen solle. Aber ruhelos schweift
-der Wind und unsicher ist, ob er nach unseren Bitten tut.
-Darum kam ich lieber selbst.«</p>
-
-<p>Hildegard sah ihn furchtsam an. »In unserem Turme
-fand ich ein graues Käuzlein, als es in Not war, das bewahrte
-ich mir gern in meinem Gemache. Aber über Nacht
-hat es sich in ein Raubtier verwandelt. Ganz anders erscheinst
-du mir hier als daheim in der Halle; wie ein Drache
-in seinem Schuppenkleide liegst du auf dem Ast, und ich
-weiß nicht, bist du noch der, an den ich dachte, oder bist du
-ein Fremder.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p>
-
-<p>»Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlüpft und
-das Eisenhemd trage ich, Hildegard, auch um deinetwillen.
-Wenn einmal der Spielmann vor dir singt und du vernimmst,
-daß er auch meine Taten rühmt, dann sollst du stolz
-sein auf deinen Gesellen.«</p>
-
-<p>»O du törichter Immo,« rief das Mädchen kummervoll,
-»wie soll ich mich freuen, wenn ich von den Schwertern höre,
-die dich bedrohen, und bedenke, daß die Streitaxt gegen dich
-fliegt. Leidig ist mir der Ruhm, den die Sänger geben, denn
-sie preisen am liebsten die Helden, welche tot auf der Walstatt
-liegen. Ich aber dachte dich zuweilen gern an meiner
-Seite, dann sangen wir zusammen und ich strafte dich, wenn
-du unartig warst, indem ich dich an deinen Haaren zog.«</p>
-
-<p>»Tue das jetzt,« bat Immo, neigte den Kopf wieder zu
-ihr herab und sah sie bittend an. Aber der Jungfrau rannen
-die großen Tränen aus den Augen, sie lehnte ihr Haupt an
-den Baumstamm und weinte still vor sich hin. Immo schob
-sich näher, wieder legte er seinen Arm um ihren Hals und
-sprach ihr leise ins Ohr: »Geliebte, dich selbst will ich gewinnen
-auf der Kampfheide. Wenn ich mein Haupt stolz
-tragen darf, erbitte ich dich von deinem Vater zum Gemahl.«</p>
-
-<p>Hildegard blickte ihn treuherzig unter Tränen an und
-antwortete: »Das weiß ich, und darum weine ich.«</p>
-
-<p>Da küßte er sie wieder und sie widerstrebte ihm nicht.
-»Auch du bist meinem Herzen lieb geworden,« fuhr sie, seine
-Hand haltend, leise fort, »zuerst am Abend in der Halle und
-dann an jedem Tag und Abend noch lieber, wenn ich in der
-Einsamkeit an dich dachte. Denn einsam lebte ich im Hause
-unter den Buchen und nur selten vernahm ich ein Freundeswort.
-Der Bruder ist unbändig, meinen Vater sah ich
-wenig und er ängstigt mich durch wilde Reden und durch<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-die Sorge, die ich um seine Seele habe. Da, wenn ich allein
-saß, schaute ich dein lachendes Antlitz vor mir und ich sprach
-vertraulich zu dir als zu meinem lieben Gesellen. Und ich
-dachte auch an dich, wenn die Amsel in ihrem schwarzen
-Kleide schlug, denn im schwarzen Schülerkleide saßest du
-neben mir; und ich dachte zuweilen auch an dich, wenn ich
-längs dem Weiher ging, wo die Quaker so lustig schrien.
-Das darf dich nicht verdrießen,« und ein flüchtiges Lächeln
-zog über ihr unschuldiges Gesicht. »Jetzt aber soll ich dein
-gedenken, wenn die Grauwölfe nach Raub heulen und
-wenn die Geier über mir in der Luft schweben. Wie vermag
-ich Gutes für dich und mich zu hoffen, da du das Glück
-erst vom Schlachtfelde holen willst. Immo,« rief sie angstvoll,
-»wenn du auf die Kampfheide ziehst, so weiß ich nicht mehr,
-ob du an der Seite meines Vaters kämpfen wirst oder gegen
-ihn; denn der Vater« &ndash; sie hielt inne und legte ihre Wange
-auf seine Hand.</p>
-
-<p>»Ich weiß, was mir deine Lippe verbirgt,« antwortete
-Immo, »ich aber gehe zum Könige, denn ich höre, er ist in
-der Not.« Da drückte sie krampfhaft seine Hand und weinte
-wieder darauf. »Leidvoll ist für uns beide, Hildegard, daß
-ich zum König halte, obwohl dein Vater ihn meiden wird?«</p>
-
-<p>Die Jungfrau sah ihn mit großen Augen an. »Du wirst
-tun, was dir dein redliches Herz gebietet. Wenn ich auch
-traure, denke nicht, daß ich dich bei dem Vater festhalten will.«</p>
-
-<p>»So spricht mein guter Geselle,« rief Immo froh und
-neigte das Haupt wieder zu ihr herab. »Den hohen Engeln
-vertraue ich, deren Segen du mir gesendet hast, daß sie uns
-beide wieder zueinander führen. Dich aber flehe ich an,
-wenn ein fahrender Spielmann vor dir singt, so wende dich
-nicht ab, wie die Klosterfrauen zuweilen tun, sondern spende<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-ihm etwas und sprich dabei die Worte: »auch für dich fliegt
-ein Engel,« dann freut er sich und sagt dir vielleicht Kunde
-von mir. Und hast du eine Botschaft für mich, so gib sie mit
-denselben Worten einem Fahrenden, daß er sie ins Lager
-des Königs zu seinem Gesellen Wizzelin trage. Diesen
-kenne ich als einen treuen Mann, obgleich er ohne Ehre lebt.
-Das versprich, Geliebte, mir aber gib den Scheidegruß.«</p>
-
-<p>Die Jungfrau hob sich zu ihm empor und hielt ihre Hand
-über sein Haupt: »Du denke mein, wenn du allein bist und
-zuweilen auch unter den wilden Helden, und vor allem im
-Abendlicht, wenn du die grünen Blätter über dir siehst, wie
-jetzt, und immer &ndash; und immer.« Sie warf die Hände um
-seinen Hals und küßte ihn herzlich. Er aber hielt sie fest;
-und das Geschwirr der Grillen übertönte leise Worte,
-Seufzer und Küsse der Liebenden.</p>
-
-<p>Noch einmal umschlang sein Arm die Weinende, dann
-verschwand er im grünen Laubdach. Hildegard saß wieder
-auf dem Stein und lauschte; die Zweige rauschten und
-knickten hinter ihr, dann wurde es still. Noch immer malte
-die Abendsonne das Baumlaub mit rötlichem Gold, die
-Grillen und Vögel im Wipfel schwirrten und schrien und
-die blauen Glockenblumen standen so lustig wie vorher.
-Aber das Mädchen sah ernsthaft in eine fremde Welt, das
-Kind war unter der Sommerlinde zur Braut geworden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auf einem Hügel im bayrischen Frankenlande, der weite
-Aussicht bot, saß zwei Tage später ein fremder Krieger am
-Zaun eines einsamen Bauernhofes. Er trug die gewöhnliche
-Rüstung eines Reisigen, hatte den Helm neben sich auf
-die Bank gelegt, schnitt mit seinem Dolch in ein großes
-Schwarzbrot und verzehrte behaglich die Bissen. Daß der<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-Kriegsmann einen Wachtposten befehligte, war leicht zu
-erkennen. Denn aus dem Hofe vernahm man das Schnauben
-und den Hufschlag von Pferden, welche dort geborgen
-waren; zur Seite hielt in Entfernung eines Pfeilschusses
-ein gepanzerter Reiter auf schwerem Kriegsroß, unbeweglich
-das Antlitz nach Norden gewandt, und weiter vorwärts
-standen im Halbkreise hinter Büschen und am Rande der
-nächsten Höhen berittene Späher; wo den Rossen auf der
-Höhe die Deckung fehlte, waren sie in Senkungen des Bodens
-zurückgeführt, während ihre Reiter hinter Steinen
-oder im Grase versteckt lagen. Auch der Befehlende auf der
-Bank unterbrach zuweilen seine Mahlzeit, um in die Ferne
-zu schauen. Als einige Reiter heransprengten, erhob er sich
-ungeduldig. »Wen bringst du dort wider seinen Willen
-heran, Bernhard?« rief er dem Führer zu, als dieser am
-Fuß des Hügels hielt.</p>
-
-<p>»Es sind zwei wilde Knaben. Der eine gibt vor, das
-Lager zu suchen. Bote nennt er sich mit einem Brief an
-den Kanzler.«</p>
-
-<p>Der Kriegsmann winkte, Immo wurde zu Fuß durch
-zwei Bewaffnete den Hügel heraufgeführt. »Wer sendet
-dich mit dem Briefe?« frug der Gebietende, den Jüngling
-mit scharfem Blick musternd.</p>
-
-<p>»Frage den Kanzler, wenn du das wissen willst,« versetzte
-Immo. »In meiner Heimat lobt man den Boten
-nicht, der gegen Fremde von seiner Sendung schwatzt.«</p>
-
-<p>»Wo ist deine Heimat?«</p>
-
-<p>»Ein Thüring bin ich, und freundlichen Gruß habe ich
-von den Mannen König Heinrichs gehofft, denn Schwertgenosse
-will ich ihnen werden gegen den Markgrafen.«</p>
-
-<p>»Schlägt dein Arm so scharf als deine Zunge behende<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-ist, so mag der König dich wohl gebrauchen,« versetzte der
-andere gleichgültig, »doch damit wir sehen, ob du die Wahrheit
-sprichst, so weise uns den Brief.«</p>
-
-<p>»Das denke ich nicht zu tun,« entgegnete Immo unwillig,
-»mein Auftrag lautet, den Brief dem Kanzler in seine
-eigene Hand zu geben; dich aber ersuche ich um Geleit,
-damit ich ihn finde.«</p>
-
-<p>»Ich will den Brief sehen,« wiederholte der Kriegsmann
-seinem Wächter. Dieser winkte den Kriegern und faßte den
-Arm Immos, aber der Starke entwand sich ihm, sprang zur
-Seite und zog sein Schwert. »Wer mir das Pergament
-entreißt, den mache ich zum toten Mann,« rief er zornig.</p>
-
-<p>Auch Bernhard zog sein Schwert. »Auf ihn, schlagt den
-Frechen nieder.«</p>
-
-<p>»Halt,« rief der Befehlshaber, »bergt das Eisen, auch du,
-Fremdling. Ich fordere von dir, daß du mir den Brief
-zeigst, ich gelobe dir, daß ich ihn zurückgebe und dich, wenn
-du willst, zu dem Kanzler geleiten lasse.« Er faßte an den
-Knopf seines Schwertes, Immo gab dem ruhigen Befehl
-zögernd nach. Er zog eine kleine Tasche hervor, die er an
-einem Riemen unter dem Gewande trug, und hielt ein geschlossenes
-Pergament in die Höhe.</p>
-
-<p>»Gib her, damit ich sehe, ob es ein Brief ist.«</p>
-
-<p>»Schwerlich wirst du die Aufschrift zu lesen vermögen,
-auch wenn du der Buchstaben kundig bist, denn die Außenseite
-ist leer.«</p>
-
-<p>»Du bist ein Bote aus Herolfsfeld,« rief der Kriegsmann,
-das Siegel betrachtend und seine Augen blickten
-scharf nach dem Jüngling. »Haltet ihn fest.« Er löste das
-Siegel, entfaltete den Brief und las, während Immo heftig
-gegen seine Wächter rang. »Tut ihm nichts zuleide,« rief<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-er, »es ist Immo, Sohn des Helden Irmfried, und guten
-Empfang hat er im Lager des Königs zu erwarten. Halt
-Ruhe, du Wilder,« setzte er halb lächelnd, halb unwillig
-hinzu, als er sah, daß Immo seine Bändiger bewältigte
-und den Helden Bernhard wie einen Klotz auf den Rasen
-warf. »Der Kanzler hat mir das Recht gegeben, solche
-Briefe zu lesen; du aber freue dich des Zufalls, denn er mag
-dir eher zum Heil als zum Schaden sein.«</p>
-
-<p>»Wer aber bist du?« versetzte Immo in hellem Zorn,
-»bei St. Wigbert, wenn du nicht König Heinrich selbst bist,
-so hast du grobe Ungebühr geübt an Herrn Bernheri, an
-dem Kanzler und an mir und du sollst mir's mit dem Schwert
-bezahlen.«</p>
-
-<p>»Da ich hierzu keine Lust habe,« antwortete der Kriegsmann
-ruhig, »so denke, daß ich der König bin,« und als er
-in dem ehrlichen Gesicht des Jünglings ein maßloses Erstaunen
-erkannte, welches seltsam gegen die zornige Gebärde
-abstach, fuhr er lachend fort: »ob ich's bin oder nicht, das soll
-dich jetzt nicht kümmern, frage nicht nach meinem Namen,
-du wirst ihn wohl später erfahren, begnüge dich damit, daß
-ich dir wohlgesinnt bin und daß ich das Beste mit dir teilen
-will, was ich habe.« Er wies auf das schwarze Brot und ein
-Tongefäß mit Wasser, welches dabei stand. »Setze dich zu
-mir wie ein Krieger zum andern, nachdem du deinen Brief
-wieder geborgen hast, und beantworte mir die Fragen, die
-ich dir tue.«</p>
-
-<p>Immo starrte immer noch erstaunt auf den Fremden,
-im Anfang war er ihm nicht ansehnlich erschienen, jetzt sah
-er einen Mann vor sich, der etwa zehn Jahre älter war als er
-selbst, das Gesicht war hager und bleich, aber zwei gescheite
-Augen standen darin, deren Ausdruck schnell wechselte, und<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-den beweglichen Mund umzogen kleine Falten, so daß der
-Fremde fast aussah wie Vater Heriger, welcher der beste
-Vorleser im Kloster war. Immo beugte sein Knie, um den
-König zu ehren, aber der <span id="corr169">Kriegsmann</span> machte ein schnelles
-Zeichen mit der Hand. »Bei Wasser und Brot spare den
-Königsgruß, bis du König Heinrich in seiner Würde siehst,
-setze dich zu mir und gib mir Antwort. Doch vorher muß ich
-dich diesen Helden versöhnen. Faßt an eure Schwerter und
-gelobt einander keinen Groll zu tragen und den Schwingkampf
-auf dem Rasen nicht zu rächen.«</p>
-
-<p>Das taten die Männer und reichten mit geröteten Gesichtern
-einander die Hände. »Und jetzt, Immo, verkünde
-mir, wie kommt es, daß du aus der übelgesinnten Burg der
-Wigbertmönche zu König Heinrich reitest; denn die Leute
-sagen, daß ihm das Glück nicht hold ist.«</p>
-
-<p>»Herr, wer ihr auch seid,« versetzte Immo, »da ihr gütig
-zu mir redet, so will ich euch alles bekennen. Noch vor wenig
-Wochen sorgte ich nicht sehr um den König und den Markgrafen,
-nur daß ich die Klosterregel ungern ertrug und mich
-nach dem Schwertamt meines Vaters sehnte. Seit ich aber
-über dem Tutilo die Geißel geschwungen hatte und schnell
-das Kloster verlassen mußte, rieten mir meine Gedanken,
-dem Könige zu folgen.«</p>
-
-<p>Als der Kriegsmann von den Geißelhieben des Tutilo
-vernahm, begann er laut zu lachen und schlug sich mit den
-Händen auf die Schenkel, so daß Immo ihn erstaunt ansah
-und die Ansicht erhielt, dies könne der König nicht sein. »Er
-hat den Babenberger mit seiner eigenen Waffe geschlagen,«
-rief der Lustige, »wahrlich, jetzt wundert mich nicht, daß dir
-im Kloster zu heiß wurde, denn du hast dir dort einen Todfeind
-gemacht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist wohl ein Verwandter des Königs,« dachte Immo
-und schnitt mit größerer Ruhe in das Schwarzbrot, das ihm
-der andere hinschob.</p>
-
-<p>»Fahre fort,« sprach der Kriegsmann, »wie waren deine
-Gedanken, die dich zum König führten?«</p>
-
-<p>»Nun, Herr, ich dachte, wir sind doch fast in gleicher Lage.
-Denn auch von König Heinrich sagen sie, daß er zum Geistlichen
-bestimmt war, er aber hat sich das Schwert gewählt.«</p>
-
-<p>»Dafür gehört er zu dem Geschlecht, welches die Krone
-trägt,« versetzte der Kriegsmann, »du aber berätst dich übel,
-wenn du der Stola zu entrinnen suchst. Fehlt dir die Demut,
-um den Haarkranz eines Mönches zu tragen, so wisse, auch
-der Bischof reitet hoch zu Roß, er trägt sein Panzerhemd, und
-manchen sah ich in hartem Gedränge seine Streiche austeilen;
-Falken und Jagdhunde fehlen ihm nicht und für
-andern Zeitvertreib erhält er leicht Dispens. Dem Könige
-aber sind die Bischöfe, die er einsetzt, die treuesten Diener;
-sie sind die Gehilfen seiner Herrschaft, denn wenn sie auch
-Söhne haben, so folgen ihnen diese nicht auf dem Bischofsstuhl,
-und der König hat nicht nötig, die harten Nacken eines
-Geschlechtes zu beugen, welches seine Herrschaft widerwillig
-erträgt.«</p>
-
-<p>»Dennoch hörte ich im Kloster,« antwortete Immo bescheiden,
-»daß die Weltgeistlichen mehr um ihre eigene
-Herrschaft sorgen als um den Vorteil des Königs und daß
-sie ebenso begehrlich sind nach irdischem Gut wie die Mönche.
-Denn auch diese üben allzuwenig die fromme Sitte und sie
-werben und schleichen wegen Hufen und Burgen. Das
-habe ich selbst zu meinem Schaden erfahren.«</p>
-
-<p>»Haben sie auch dich schon um deiner Sünden willen
-geängstigt?« frug der andere lachend. »Ich weiß recht<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-wohl, niemand versteht so gut als sie mit Kreuz und Bußpsalmen
-Land und Gut zu erkämpfen.« Doch ernsthafter
-fuhr er fort: »Heilige Männer sind die Mönche, und wir
-Sünder vermöchten ihr Gebet nicht zu entbehren, auch die
-Wohltaten nicht, welche sie dem Lande spenden. Sieh, wenn
-du es zu verstehen vermagst, überall wo sie gleich den Bienen
-ihre Waben füllen, bändigen sie den wilden Heidentrotz im
-Volke, lehren Kunst und schaffen große Werke. Zuweilen
-aber werden sie faul im Stock, wenn des Honigs zu viel ist,
-und wer es mit dem Lande wohl meint, muß ihnen dann
-den Honig nehmen, damit er andern nützt. Vielleicht sind
-die Söhne Wigberts in derselben Lage.«</p>
-
-<p>»Es ist doch der König selbst,« dachte Immo und ihm
-fuhren die Worte heraus: »So meinte auch Graf Gerhard,
-da er jetzt dem Wigbert die Wiesen genommen hat.«</p>
-
-<p>Die Haltung des Kriegsmanns wandelte sich plötzlich.
-»Was weißt du vom Grafen Gerhard?« frug er kurz.</p>
-
-<p>Zögernd berichtete Immo, was er die letzten Tage im
-Kloster erlebt hatte. Über das Gesicht des Kriegsmanns
-fuhr wieder ein Lächeln, während er mit Anteil zuhörte.
-»Wo weilt Graf Gerhard?« frug er, »vernahmst du etwas
-von ihm in den letzten Tagen?« Und als er merkte, daß
-Immo zu sprechen zögerte, fuhr ein scharfer Blick wie der
-eines Adlers auf den Jüngling: »Wenn du deine Treue für
-den König beweisen willst, so rede die Wahrheit. Wo kamst
-du über den Main?«</p>
-
-<p>»Ich möchte ungern etwas sagen, was dem Grafen zum
-Schaden gereichen kann,« versetzte Immo, »dennoch sehe
-ich, daß es sich nicht bergen läßt. Er lag mit seinem Haufen
-am Idisbach auf dem Wege nach dem Süden.«</p>
-
-<p>Der Krieger stand auf. »Gutes verkündest du, und du<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-sollst den Dank genießen. Denn auf ihn harren wir hier.
-Wann sahest du sein Lager?«</p>
-
-<p>»Vorgestern abend ritt ich hinaus.«</p>
-
-<p>»Wohl, die Rechnung war genau. Dann können wir
-heute abend seine schnellen Reiter erwarten. Wie stark war
-sein Haufe?«</p>
-
-<p>»Mehr als hundert Rosse zählte ich. Dennoch, Herr,
-zürnt nicht, wenn ich Unsicheres sage, er lag auf den Wiesen,
-ob er aufgebrochen ist, weiß ich nicht.«</p>
-
-<p>»Was hast du, Jüngling?« frug der Kriegsmann befremdet.</p>
-
-<p>»Als ich wegritt, war gerade die Kunde gekommen, daß
-dem Könige der Schatz entführt ist; und darüber war großes
-Raunen und Umherlaufen im Lager.«</p>
-
-<p>Der Fremde trat vor Immo, sah ihm fest in das Gesicht,
-dann faßte er seine Hand mit eisernem Druck, führte ihn
-einige Schritt zur Seite und frug leise: »Du meinst, er
-zögert deshalb zu kommen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nichts Sicheres, Herr,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Deine Meinung will ich hören, Jüngling, sprich die
-Wahrheit, wenn dir dein Leben lieb ist, denn du stehst vor
-deinem König.«</p>
-
-<p>Immo warf sich auf die Knie. »Heil sei meinem Herrn!«
-rief er.</p>
-
-<p>Doch der König winkte ihm ungeduldig aufzustehen.
-»Antworte!«</p>
-
-<p>»Laßt mich's nicht entgelten, Herr, wenn ich Unwillkommenes
-verkünde. Sie sprachen davon, auf dem Idisberg
-ein Lager zu schanzen und im Morgengrau sah ich Boten
-reiten nach der Böhmer Grenze, wo, wie sie sagen, die besten
-Burgen des Markgrafen sind.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span></p>
-
-<p>Der König wandte sich ab und sah finster vor sich nieder.
-»Der Graf fängt früh an wie ein großer Herr zu handeln.
-Wer hundert Rosse ins Feld führt, der ist noch nicht vornehm
-genug, um den König zu verraten,« rief er bitter. »Sendet
-dein Geschlecht dich allein?« frug er argwöhnisch.</p>
-
-<p>»Ich führe dreißig leichtbewaffnete Knaben herzu, sichere
-Bogenschützen aus dem Walde. Ich ließ sie im Versteck
-zurück mit einem schwer verwundeten Kaufmann, den wir
-auf unserm Wege fanden; ihn hatten Räuber gefällt, als er
-zum Lager des Herrn Königs ritt.«</p>
-
-<p>Der König fuhr in die Höhe. »Wie heißt der Kaufmann?«</p>
-
-<p>»Es ist Heriman aus Erfurt, ein ansehnlicher Burgmann.
-Da er vielen von uns wohlbekannt ist, wollten wir ihn nicht
-zurücklassen.«</p>
-
-<p>»Wahrlich,« rief der König, »als ein Unglücksbote kommst
-du. Ist der Wunde beraubt?«</p>
-
-<p>»Sein Knecht lag erschlagen, Roß und Warenballen
-waren entführt.«</p>
-
-<p>Der König winkte schnell mit der Hand, daß Immo
-zurücktreten sollte. Dieser eilte den Hügel hinab zu den Leibwächtern,
-bei denen Brunico die Pferde hielt, und er sah
-aus der Ferne, daß der König auf dem Schemel gebeugt
-sein Haupt in die Hand stützte. Auf einen Ruf Heinrichs ritt
-von der andern Seite der große Kriegsmann herzu, welcher
-den ausgestellten Wachen gebot. »Graf Gerhard hemmt
-seine Reise,« rief dem Absteigenden der König entgegen,
-»er wird sich mit dem Babenberger vereinen, und Heriman
-liegt beraubt am Boden.«</p>
-
-<p>»Oft warnte ich den König,« antwortete der Vertraute,
-»der Treue des Wolfes Gerhard zu vertrauen, er nimmt
-seine Beute, wo er sie findet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p>
-
-<p>»Er raubt wie die andern,« fuhr Heinrich fort, »er ist
-nicht schlechter als seinesgleichen und schleicht vorsichtig
-durch die Täler.«</p>
-
-<p>»Seine kleine Schar wird der König ohne Schaden entbehren.«</p>
-
-<p>»Nicht die Schilde, welche er von uns abführt, betraure
-ich; aber gerade, daß er kein Held ist, der Kühnes wagt, sondern
-ein Mann wie andere Edle auch, das schlägt mir die
-Wunde. Denn wie er, werden viele handeln. Wahrlich,
-es steht schlecht mit der Sache des Königs, wenn diese Art
-Raubtiere von seinem Pfade weicht.«</p>
-
-<p>»Auch hat Graf Gerhard sich bereits vorweg genommen,
-was ihm der König als Lohn versprochen hatte,« begann der
-große Krieger kalt, »und ihm fehlte der Grund, den andere
-Empörer vorgeben, daß der König zuerst ihnen ein Gelöbnis
-gebrochen habe.«</p>
-
-<p>Heinrich fuhr auf wie von einer Natter gestochen. »Unleidlich
-ist dein Trost,« antwortete er scheu, »willst auch du
-zu meinem Bruder und zu dem Babenberger hinüberreiten,
-daß du mich in dieser Stunde einen Treulosen nennst und
-zu einem Gesellen des Grafen Gerhard machst?«</p>
-
-<p>»Ich habe mich dir gelobt, König, und ich denke meinen
-Eid zu halten, obgleich auch ich zu denen gehöre, die du als
-Raubtiere schmähst. Aber die Wahrheit berge ich dir nicht,
-das hast du oft erfahren. Ich stand dabei, als der König dem
-Markgrafen bayrisches Land versprach, damit das Geschlecht
-der Babenberger dem König zum Throne helfe. Und ich
-hörte wieder, daß der König auch seinem eigenen Bruder
-die Herzogswürde in demselben Bayern verhieß. Jetzt
-schreien beide durch das Land, daß Heinrich ihnen das Wort
-gebrochen habe. Befiehl mir, sie im Kampfe zu erlegen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-du weißt, ich werde es tun, wenn ich es vermag. Aber wundere
-dich nicht, wenn jene beiden von vielen gelobt werden,
-weil sie ihr Anrecht gegen dich mit den Waffen suchen.«</p>
-
-<p>Der König nahm die kühne Rede schweigend auf und
-saß wie getroffen von der Vergeltung, endlich hob er das
-Haupt und begann: »Da ich König wurde, dachte ich besser
-von den deutschen Edlen. Aber in dem ersten Jahre habe ich
-sie erkannt. Jedermann hüte sich zu versprechen, was er
-nicht zu halten vermag, und zumeist hüte sich, wer die Krone
-trägt. Doch glaube mir, Geselle, keinem wird schwerer auf
-seinem Worte festzustehen, als dem Könige, wenn er ein Löwe
-bleiben will in dem Reich gefräßiger Tiere. Niemand weiß
-es und niemand glaubt es, wie dem König sein verpfändetes
-Wort und sein redlicher Wille zu einer Todesgefahr wird in
-späteren Tagen. Durch die Treue, die er andern erweist,
-schafft er sich Untreue. Wer heute sein Freund ist, wächst
-morgen, sobald er Gut und Gabe erhalten hat, zu seinem
-Gegner. Jeder begehrt Macht und je größer seine Macht
-wird, desto höher steigt seine Begehrlichkeit. Wahrlich, wie
-ein verächtlicher Tänzer schwankt der König auf dem Seil,
-und die Arme, welche er ausstrecken muß, um das Gleichgewicht
-zu bewahren, heißen List und Gewalt. Jammervoll
-wäre seine Aussicht nach dem Tode, wenn ihm nicht gelänge,
-den Himmelsherrn wieder zu versöhnen durch Demut und
-fromme Werke. Daß Gutes aus dem Übel komme, das ist
-des Königs geheimer Trost.« Er stützte das Haupt in die
-Hand und sah traurig vor sich nieder.</p>
-
-<p>Ein Reiter jagte heran, ein zweiter und dritter. »Sieh
-auf, König,« rief sein Begleiter, »dort hinten blinken die
-Speereisen in der Sonne, Krieger sind es des Gerhard oder
-der Babenberger, deine Wächter fahren nach rückwärts.<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-Führt die Rosse her,« gebot er. »Hoffen die Toren zum
-zweitenmal einen Schatz zu fangen? Sie sollen nichts gewinnen
-als harte Schläge.«</p>
-
-<p>Auf die Ruhe in der Landschaft folgte wilde Bewegung,
-die flüchtigen Reiter sammelten sich vor dem Könige, am
-Hoftor stampften die herausgeführten Pferde, der König
-beobachtete noch immer einen Trupp Feinde, welcher die
-Wurfspeere schwenkend, heranjagte. »Geringe Ehre wäre es
-für den König, mitzukämpfen,« mahnte der Vertraute.
-Heinrich nickte gleichmütig und schwang sich auf sein Roß,
-während aus der Ferne gellender Kriegsruf erscholl.</p>
-
-<p>Immo sah mit pochendem Herzen und strahlenden
-Augen auf den Feind, er band sich den Eisenhut fest, rückte
-den Schild am Arme zurecht, wirbelte den Speer und
-wollte zu den Wachen sprengen, welche sich gegen den Feind
-ordneten. Da fiel eine Hand schwer in die Zügel seines
-Pferdes, neben ihm hielt der große Kriegsmann, ein glühender
-Blick aus Augen, die er wohl kannte, bannte ihn fest
-und eine Stimme, deren Ton ihm tief in das Herz drang,
-befahl: »Zurück!«</p>
-
-<p>»Mein Oheim Gundomar!« rief der überraschte Jüngling
-und trieb unwillkürlich sein Pferd mit einem Sprung
-zur Seite. »Es ist mein erster Kampf, wie darf ich umwenden?«</p>
-
-<p>»Wohl hättest du verdient, daß jene dort dich schnell auf
-den Rasen legen. Dennoch gehorche, Knabe!« und der Oheim
-riß ihm das Pferd herum, schlug es mit der Speerstange
-und beide stoben nebeneinander hinter dem Könige her,
-der mit wenigen Begleitern flüchtig voranritt. Immo fuhr
-dahin wie im Traum, zuweilen sah er verstohlen auf die düstre
-Gestalt des gewaltigen Reiters, der an seiner Seite jagte.<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-»Wende dein Haupt nicht rückwärts,« befahl Gundomar
-kurz, »achte auf den Zügel, dein Pferd hat heut mehr
-Meilen gemacht als dir frommen wird, und jene folgen auf
-auserwählten Rossen.«</p>
-
-<p>»Mich kränkt's, Oheim, daß ich davonreite.«</p>
-
-<p>»Ich meine, andere kränkst du, daß du im Felde reitest,«
-klang es von dem andern Rosse zurück und weiter ging es
-Hügel hinauf und hinab. Die Sonne brannte, die Luft
-wehte scharf an die Wangen. Immo hörte hinter sich Rosse
-schnauben und sah den Hauptmann, mit dem er gerungen
-hatte, blutend und staubbedeckt an der Seite seines Oheims.
-Dieser wies auf die Niederung vor ihnen, durch welche ein
-Bach mit Erlen und Weidengebüsch umwachsen dahinrann.
-»Du kennst die Furt, sammle dahinter die noch schlagen
-können und stelle dich noch einmal gegen die Feinde, wollen
-sie durchschwimmen, so finden sie die Ufer steil, ihr reitet im
-Vorteil. Fahre wohl, Bernhard, wer übrig bleibt, sorge
-dafür, daß er seine Gesellen aus dem Fegfeuer löse, ich gedenke
-deiner Seele, tue mir dasselbe.« Er winkte mit der
-Hand, der Reiter blieb zurück; sie tauchten in das Wasser,
-der weiße Schaum hing sich an ihre Kleider. Der Oheim
-riß das Roß des Neffen an wegsamer Stelle das steile Ufer
-hinauf und wieder ging es vorwärts in gestrecktem Lauf.
-Hinter ihnen klang stärker der Ruf der Verfolger, darauf
-ein Gegenschrei der Königsmannen und Getöse des Kampfes.
-Als sie wieder eine Anhöhe erreicht hatten, sah Held Gundomar
-nach rückwärts, Freund und Feind jagten wild gemengt
-in geringer Entfernung nach, vor ihnen durchritt
-der König die Furt eines andern Baches, weiter vorn hob
-sich ein steiler Berghang mit dichtem Fichtenholz bewachsen.
-»Hinter dem Harzwald findet er Rettung,« sagte der Ohm<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-zu sich selbst und ritt voran in den Bach. Am andern Ufer
-gebot er: »Nur wenige Verfolger sind dem Haufen voran,
-mache die Kehre zum Anlauf.« Er wandte sein mächtiges
-Streitroß im Bogen und fuhr von der Höhe herab den
-Feinden entgegen, welche aus dem Bach auftauchten.
-Behend folgte Immo seinem Beispiel. Als er den feindlichen
-Reitern entgegenritt, ergriff ihn der Kampfzorn seines
-Geschlechtes, er hörte seinen Oheim das Kyrie eleison mit
-schmetternder Stimme rufen, auch er rief sein Hara, und
-Roß und Reiter schlugen gegeneinander. Ihn umgab ein
-wilder Wirbel von Männern, welche aus dem Wasser emporrangen,
-von springenden Rossen und gehobenen Armen.
-Er warf seinen Speer und traf mit dem Schwert, die Streiche
-dröhnten von den Schilden und Helmkappen. In der geröteten
-Flut des Baches sah er sinkende Krieger und ledige
-Rosse, an seiner Seite fand er den treuen Brunico wacker
-dreinschlagend mit blutigem Haupte. Und er vernahm wieder
-die donnernde Stimme seines Oheims: »Wendet nach
-rückwärts!« Da tauchte er schnell zu Boden, riß dem Manne,
-den er gefällt hatte, seinen Speer aus der Wunde, und die
-geborgene Waffe mit Jauchzen über dem Haupt schwenkend,
-sprengte er hinter dem Oheim die Berglehne aufwärts, bis
-zu einer Stelle, wo ein Hohlweg den steilen Abhang durchschnitt.
-Dort stieg Gundomar ab und gebot ihm durch eine
-Handbewegung dasselbe zu tun, dem Brunico aber winkte
-er, die keuchenden Rosse weiter hinauf zu treiben. »Hierher
-habe ich dich geführt, weil du aus edlem Geschlecht bist,
-und hier ist das Tor, an dem du halten sollst, bis du fällst,«
-befahl der Oheim mit düsterer Miene, »denn Helden sehe
-ich gegen uns reiten und kein anderer Pfad führt zum König
-als über unsere Leiber. Stehe als erster in dem Wege.<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-Nimmer meinte ich, daß die Heiligen mir zur Buße meiner
-Sünden auferlegen würden, dich zu rächen; doch heut will
-es das Schicksal so fügen.« Er trat auf einen Stein, wo seine
-mächtige Gestalt weit erkennbar ragte, und stellte den Schild
-an seinen Fuß.</p>
-
-<p>Aus der Tiefe sprengten feindliche Reiter. »Weiche abwärts,
-Graf Ernst,« rief Gundomar ihrem Führer entgegen,
-»fruchtlos war dein Jagdritt, mein Schild sperrt dir die
-Wildbahn.«</p>
-
-<p>Graf Ernst sprang vom Rosse und zuckte die Schildfessel
-am Arme zurecht. »Drei Zäune deiner Speerreiter habe
-ich durchbrochen, meinst du, daß der letzte mich aufhält?
-Behende versteht dein König zu fliehen, seine Helden haben
-gelernt mit den Beinen zu kämpfen, den Rücken bieten sie
-willig unseren Speeren.«</p>
-
-<p>»Vergebens suchst du mich zum Streite zu locken,« rief
-Gundomar entgegen. »Ich denke daran, daß wir einst in
-der Fremde Kampfgenossen wurden, als dein Schild den
-Tod von meinem Haupte abwehrte.«</p>
-
-<p>»Ich meide dich, solange ich andere Beute finde, tue du
-dasselbe,« rief der Babenberger. Er hielt den Schild über
-sein Haupt und sprang die Bergsteile wie ein Raubtier hinauf
-gegen Immo. Als dieser den gefürchteten Helden erkannte,
-den er einst im Kloster gesehen hatte, hob sich sein stolzer
-Mut, und er trat ihm entgegen. Die Speere der Helden
-flogen und beide hafteten in den Schilden. Sie zogen die
-Schwerter und tauschten blitzschnelle Schläge, daß die
-Funken an Helm und Schildrand sprühten. Erprobt war
-die Kraft des Grafen, aber der Arm Immos schlug stärker
-von der Höhe abwärts.</p>
-
-<p>Die Krieger, welche dem Grafen folgten, zauderten kurze<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-Zeit und sahen auf den Kampf der beiden Helden, dann
-warfen sie sich gegen den andern Wächter des Bergtors
-und Gundomar rang gegen sie wie ein Eber gegen die Hunde.</p>
-
-<p>Mehr Feinde sprengten heran, auch gegen Immo rannte
-ein zweiter, ein dritter. Immo erhob seine ganze Kraft
-wider den Grafen zu wildem Sprunge, er schmetterte mit
-dem Schwert in den Helm und drückte den Schild gegen den
-Leib des Feindes, daß dieser wankte. Da traf ihm selbst ein
-geworfener Streitkolben das Haupt, so daß er zurückfuhr
-und auf den Weg sank. Aber in demselben Augenblick sprang
-Brunico über ihn und hielt seinen Schild den Markgräflichen
-entgegen; von der Höhe drang ein Trupp Reiter in den
-Hohlweg und aus dem Gewühl der Männer und Rosse vernahm
-Immo die scharfe Stimme des Königs: »Ergreift den
-Verräter.« Talab wogte der Kampf und aus der Tiefe
-erscholl freudiges Kampfgeschrei der Königlichen. Als Immo
-allein lag, fühlte er, daß ihn ein Fuß unsanft berührte und
-als er halb bewußtlos aufsah, glaubte er das Antlitz Gundomars
-über sich zu erkennen und zwei Augen, welche mit
-kaltem Haß auf ihn starrten; darnach verlor er die Besinnung.</p>
-
-<p>Der König hielt auf dem Wege, säuberte sein blutiges
-Schwert an den Haaren des Rosses und rief lachend Gundomar
-zu: »Der Bösewicht Ernst ist gefangen, und diesmal
-entgeht er schwerlich der Rache des Königs. Du aber sollst
-meine Geschwindigkeit loben, denn ich kam zur rechten Zeit,
-um dich herauszuhauen.« Er blickte auf den liegenden
-Immo. »In fröhlichem Jugendmut zog er heran, kurz war
-der Waffendienst des Treuen.«</p>
-
-<p>»Das Leben des Königs zu bewahren, tauschte er Schläge
-mit einem Helden. Sein Ausgang war rühmlicher, als er<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-hoffen durfte,« versetzte Gundomar finster. Da rief Brunico,
-der auf dem Boden saß und das Haupt des Gefällten
-im Schoße hielt, unwillig: »Wenig frommt ihm der Unkenruf,
-kaltes Wasser wäre ihm dienlicher. Ich meine, er soll
-noch manches Jahr leben, andern zur Freude oder zum
-Ärger, je nachdem sie sind.«</p>
-
-<p>Der König beugte sich über den Liegenden. »Du sorge
-für ihn,« befahl er dem Knappen, »im Ring meiner Leibwache
-soll ihm das Lager bereitet werden.« Der Haufe ritt
-dem Lager zu, in seiner Mitte die schwertlosen Gefangenen.
-Auf einer Trage aus grünen Zweigen wurde Immo von
-Reisigen des Königs im Walde geborgen. Als er aus der
-Betäubung erwachte, fand er sich in einem Zelt auf weichem
-Lager unter den Händen des jüdischen Arztes, welchen der
-König gesandt hatte, mit lautem Heilruf begrüßt von seinem
-treuen Gespielen.</p>
-
-<p>Im Zelt des Königs mahnte Gundomar mit der Sorgfalt,
-welche einem vertrauten Diener wohl ansteht: »Heiß war der
-Tag auch für den König, und Ruhe wünsche ich ihm heut für
-Seele und Leib.«</p>
-
-<p>»Du freilich ruhst nach deinem Heldenwerk,« versetzte
-Heinrich, »du verbindest die Wunden, siehst in die Abendsonne
-und freust dich der Streiche, die du ausgeteilt. Der
-König aber setzt sich auf den Sorgenstuhl und beginnt die
-kleine Arbeit, welche ihr Helden verachtet. Führt den Reisigen
-des Thüring Immo herein.«</p>
-
-<p>Brunico wurde eingeführt, er trug den Kopf verbunden
-und neigte sich schwerfällig an der Tür.</p>
-
-<p>»Auch du hast dir erworben, was die Leute lieber an
-andern rühmen, als selbst nach Hause tragen,« begann der
-König und wies auf das blutige Tuch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p>
-
-<p>»Die Eisenkappe hielt's nicht aus, der Schädel ertrug's,«
-versetzte Brunico zufrieden.</p>
-
-<p>»Wo liegt Heriman, der Goldschmied?« frug der König.</p>
-
-<p>»Auf unserm Karren, zwischen den Mehlsäcken.«</p>
-
-<p>»Wer ist bei ihm?«</p>
-
-<p>»Ich hoffe niemand, außer meinen Gesellen vom Moor
-und von den Bergen des Immo.«</p>
-
-<p>»Vermagst du den Heriman durch die Späher des
-Feindes hierher zu schaffen?«</p>
-
-<p>Brunico rechnete: »Von Mittag bis zur Vesper ruhig
-getrabt, von da bis zum Abend mit dem Herrn König wie die
-Hasen gelaufen, beträgt zusammen eine Tagfahrt südwärts.
-Dennoch habe ich Vertrauen, soweit man im Walde zurückschleichen
-kann, denn wir verstehen uns auf die Listen im
-Holze.«</p>
-
-<p>»Erzähle mir, wie du den Heriman fandest.«</p>
-
-<p>Brunico holte mehrmals Atem und wischte mit dem
-Ärmel an seinem Eisenhut, denn lange Rede war ihm unlieb.
-Endlich begann er: »Als mein Gespiele am Idisberg
-auf die Sommerlinde stieg, dachte ich, er könnte herunterfallen,
-denn diese Art Holz ist brüchig. Deshalb legte ich
-mich an die Mauer, ihm beizustehen.«</p>
-
-<p>»Was soll die Rede?« frug der König, »wer ist dein Gespiele?«</p>
-
-<p>»Derselbe Immo, welchen der Herr König kennt.«</p>
-
-<p>»Bist du nicht sein Dienstmann?«</p>
-
-<p>»Ein Freier bin ich aus dem Moor und freiwillig begleite
-ich ihn.«</p>
-
-<p>»Seltsamen Ritterbrauch übt man in deiner Heimat,«
-spottete der König zu Gundomar gewandt. »Weshalb stieg
-Held Immo auf die Linde?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>»Weil etwas darunter war,« versetzte Brunico mit
-schlauem Augenzwinkern.</p>
-
-<p>»Schwert oder Spindel?« frug der König.</p>
-
-<p>»Spindel,« bestätigte Brunico.</p>
-
-<p>Der König nickte: »Daher die Schweigsamkeit des
-Jünglings.«</p>
-
-<p>»Wie ich so an der Mauer herumschlich, vernahm ich,
-daß die Fechter des Grafen in einem Erdloch miteinander
-zankten wegen der dreizölligen Wunden, welche der König
-an ihnen sehen will.«</p>
-
-<p>»Wie?« frug der König, »was habe ich mit den Fechtern
-des Grafen zu tun?«</p>
-
-<p>Aber Brunico, der froh war, jetzt aus seinem Gedächtnis
-die Rede eines andern herauszuholen, fuhr herzhaft fort:
-»Ich selbst vernahm, daß der Herr König die fahrenden
-Leute mißachtet, insbesondere die Weiber, welche im Tanzen
-ihr Gewand abwerfen. Ja, man sagt, daß ihm alle Weiber
-verleidet sind. Aber die Kämpfer beachtet er. Darum
-forderte Graf Gerhard, daß seine Fechter vor dem Könige
-kämpfen sollten, dagegen forderten wieder die Fechter eine
-Begabung. Als ich so über ihnen lag, hörte ich sie weiterhin
-von den Waren sprechen, welche sie für ihren Herrn von
-einem Kaufmann geraubt hatten. Das verkündete ich dem
-Helden Immo, als er sich zu mir fand; wir berechneten die
-Zeit und suchten die Spur der beiden Räuber; nicht lange,
-so fanden wir den Heriman, den mancher von uns kannte,
-Immo verband die Wunden, wie er im Kloster gelernt hatte,
-wir luden den Heriman auf unsern Wagen, brachen auf,
-sobald der Morgen graute und schlugen uns südwärts in
-die Wälder. Mein Gespiele Immo aber harrte mit einigen
-der schnellsten Knaben als Späher im lichten Holz, wohin<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-sich Graf Gerhard wenden werde. Ich blieb unterdes bei
-den Karren und dem Heriman.«</p>
-
-<p>Der König nickte. »Du hast alles treulich berichtet. Sorge,
-Gundomar, daß Kundschafter ihn begleiten, die mit den
-Waldwegen Bescheid wissen.« Er winkte Entlassung, aber
-Brunico stand unbeweglich und glättete aufs neue an seinem
-Eisenhut. »Was begehrst du noch?« frug der König.</p>
-
-<p>Brunico überlegte. »Auch gibt es noch eine Geschichte
-von einem Bündel, welches mir Heriman für den Herrn
-König anvertraut hat.«</p>
-
-<p>Heinrich sprang auf und packte den Arm des Thürings.
-»Wo ist die Botschaft, wo ist das Bündel?«</p>
-
-<p>Brunico sah den König gekränkt an. »Behalten will
-ich's nicht.« Er wandte sich vom König ab und arbeitete mit
-den Händen längere Zeit innerhalb seines Panzerhemdes,
-endlich brachte er eine kleine Ledertasche heraus. »Sie soll
-für den Herrn König, aber mein Gespiele weiß noch nichts
-davon,« sagte er und sah zweifelnd auf die Tasche.</p>
-
-<p>Heinrich riß sie ihm aus der Hand, öffnete und rief Gundomar
-zu: »Die Briefe sind es aus Magdeburg und dem
-Sachsenland, lange ersehnt und glücklich geborgen. So ist
-doch unsere Fahrt gelungen und auch du hast die Stöße
-nicht vergebens erhalten. Laß mich allein und diesen nimm
-mit dir, er hat guten Botenlohn verdient.«</p>
-
-<p>Als die Nacht über dem Heerlager heraufstieg, Männer
-und Rosse ermüdet schliefen und die Lagerfeuer niedrig
-brannten, sah man noch immer im Zelt des Königs das
-brennende Licht und Schatten seiner Boten, welche herzu
-und hinaus eilten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch7">7.<br />
-Vor der Festung.</h2>
-</div>
-
-<p>Im Ringe um das Königszelt wachten die Bogenschützen
-Immos; denn der König hatte, um die kleine Schar
-zu ehren, ihr neben seinen Bayern den Schutz des eigenen
-Leibes anvertraut. Zwei von ihnen hielten die Speerwache
-am Eingang des Zeltes, die andern saßen nach altem Brauch,
-den Bogen in der Hand, den Pfeil an der Senne, in weitem
-Kreise umher und wechselten nur kurze Worte mit gedämpfter
-Stimme. Immo stand nahe dem Zelt und schaute
-mit lebhaftem Anteil in das Tal vor seinen Füßen, auf die
-Mauern und Türme der großen Feste, von welcher das
-Banner des Babenbergers trotzig gegen das Königszelt
-wehte. Der Mauerring war vor alter Zeit durch Sorben
-oder Böhmen im verwüsteten Grenzland errichtet worden,
-und die Babenberger hatten ihn mit ihrer besten Kunst erhöht,
-so daß er jetzt die stärkste von allen Burgen des Markgrafen
-war. Darum hatte dieser seine Gemahlin, seine
-Kinder und Schätze darin geborgen, viele seiner besten
-Helden hineingesetzt und seinen eigenen Bruder als Befehlshaber.
-Gegen die Burg war der König wie ein Sturmwind
-hereingebrochen und hielt sie mit eisernem Griff umklammert.
-Seine Heerhaufen lagen unter ihren Bannern rings
-um den Bach, der in seinen Armen die Festung einschloß,<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-die Hütten und Zelte füllten den Talrand und zogen sich
-an den Hügeln hinauf. Lange Züge von Gespannen führten
-Fichtenstämme aus den Wäldern heran, und Scharen von
-Zimmerleuten fügten das Holz zu hohen Türmen, von denen
-die Bogenschützen gegen die Verteidiger der Mauer kämpfen
-sollten. Hier und da ragte ein Sturmbock aus dem Haufen
-der Arbeiter, das Holzgerüst, in welchem an starker Kette
-ein mächtiger Baumstamm hing, der von hinten nach vorn
-geschwungen, auch festen Mauern das Gefüge zerbrach.
-Von allen Seiten scholl kriegerisches Getöse zu dem Schlag
-der Äxte und Hämmer. Hornruf trieb die Arbeiter zum
-gleichzeitigen Heben der Lasten und einzelne Heerhaufen
-zum Ausschwärmen oder zum Rückzug. Längs dem Wasser
-lagen hinter Holzschirmen oder in der Deckung, welche der
-Boden gab, behende Bogenschützen, welche ihre Pfeile nach
-jedem Haupt und Arm richteten, die sich über die Mauerbrüstung
-erhoben. Gegen die Schützen fuhren von oben
-geschleuderte Speere und Steine, zuweilen, wenn ein
-größerer Haufe näher herandrang, flog ein spitzer Baumpfahl
-oder ein Felsstück aus der Standschleuder des Turmes.
-Dann erscholl ein heller Warnungsruf und der Haufe stob
-auseinander, doch wer getroffen wurde, blieb zerschlagen
-am Boden.</p>
-
-<p>Immo trat schnell zurück und grüßte den Speer senkend,
-als der große Erzbischof Willigis von Mainz, der mächtigste
-Herr nach dem Könige, begleitet vom Kanzler, aus dem
-Zelte trat. »Oft sah ich Helden in der Blüte des Lebens
-niedergemäht vom Schwert der Feinde oder durch den
-Willen der Könige,« begann der Erzbischof, »und mir scheint,
-wer sich am herrlichsten erhebt, den wirft sein Geschick am
-tiefsten. Dennoch traure ich über den Fall des Ernst von<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-Östreich, denn gleich einem wonnigen Frühlingstag erschien
-sein Leben dem Volke. Aber der König fühlt kein Erbarmen.«</p>
-
-<p>»Ihr kennt ja selbst unsern Herrn, ehrwürdiger Vater,«
-versetzte der Kanzler, »er ist mild, wenn er vertraut, aber
-wo er sich rächt, begehrt er die Vernichtung.«</p>
-
-<p>Der Erzbischof mahnte seinen Begleiter durch einen Blick
-auf Immo, zu schweigen, der Kanzler wandte sich grüßend
-an den Jüngling. »Du siehst, Held Immo, daß der Brief
-deines Abtes dir eine gute Stätte bereitet hat, ich freue mich,
-daß der König gegen dich huldvoll gesinnt ist. Auch ich habe
-wohl Günstiges zu ihm gesprochen, und wenn du eine Gelegenheit
-findest, mir gute Dienste zu tun, so hoffe ich, du
-wirst es an dir nicht fehlen lassen.«</p>
-
-<p>Das Zelt öffnete sich wieder, von Gundomar und Wächtern
-begleitet trat Graf Ernst in das Freie. Er hatte sein
-Todesurteil empfangen, aber er trug sein Haupt hoch und
-grüßte mit würdiger Haltung die geistlichen Herren. Da begegnete
-sein Auge dem Blick Immos, welcher ihn mit Bewunderung
-und Trauer betrachtete, schnell trat er auf ihn
-zu und begann: »Ich kenne dich wohl, Held, dein Schwertschlag
-war es, der mir die Kraft lähmte, wo ich ihrer am
-meisten bedurft hätte, und du bist es, der mein Haupt unter
-das Urteil eines strengen Richters gebeugt hat. Aber willig
-rühme ich heut, daß du mannhaft gegen mich gestanden hast.
-Es war ehrlicher Kampf, ohne Groll scheide ich auch von dir.«
-Und er bot ihm die Hand.</p>
-
-<p>Immo hielt die Hand fest und antwortete bewegt: »Oft,
-wenn ich von euren ruhmvollen Taten vernahm, dachte ich,
-daß es mein größtes Glück sein werde, dereinst im Schwertkampf
-an eurer Seite zu stehen. Jetzt rührt es mein Herz,
-daß es diese Waffe war, die euch im letzten Kampfe traf,<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-und willig wollte ich die teure Ehre dahingeben, wenn ich
-euch dadurch retten könnte.«</p>
-
-<p>»Hilfe für mich ist nur noch beim Himmelsherrn,« versetzte
-der Graf mit einem Blick auf den Erzbischof, »dir aber
-mögen die Heiligen besseres Erdenglück zuteilen als ich
-empfing.« Mit gehaltenem Gruß wendete er sich ab.</p>
-
-<p>Gundomar aber begann unfreundlich gegen Immo:
-»Dem Helden stand wohl an, dich mit Worten zu ehren, dir
-aber rate ich zu bedenken, daß ein günstiger Schwertschlag
-noch keinen zum Helden gemacht hat.«</p>
-
-<p>»Ich traf so gut ich vermochte und denke dasselbe gegen jeden
-zu tun, der mir feindlich entgegentritt,« entgegnete Immo.</p>
-
-<p>»Auch der Grashalm steigt üppig empor, wenn ihn die
-warme Sonne bescheint, der erste Wetterregen schlägt ihn
-zu Boden,« spottete Gundomar.</p>
-
-<p>»Nicht eure Freundschaft hob mich empor, als ich auf dem
-Boden lag,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>Als die beiden Helden einander gegenüberstanden, mit
-blitzenden Augen und geröteten Wangen, da sahen die Anwesenden
-mit Staunen, wie gleich sie einander in Antlitz
-und Gebärde waren, beide hochragende Gestalten mit breiter
-Stirne und starken Augenbrauen, mit gewölbter Brust und
-starken Gliedern; voller und heller ringelte sich das Haar
-Immos, in den dunkleren Locken Gundomars schimmerten
-einzelne Silberfäden, aber an Haltung und Gebärde glichen
-sie einander wie Brüder, ähnlich klang sogar der Ton ihrer
-Stimme.</p>
-
-<p>»Verzeiht, ehrwürdiger Vater,« wandte sich Gundomar
-zum Erzbischof, »daß leerer Wortwechsel in eurer Gegenwart
-laut wurde. Mir ist das Gemüt beschwert durch das Los
-eines edlen Waffengefährten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p>
-
-<p>»Leicht eifern die Helden gegeneinander,« versetzte der
-Erzbischof rücksichtsvoll, »auch wenn sie von einem Geschlechte
-sind. Bei der Not des einen denkt der andere doch, was seiner
-Ehre geziemt.«</p>
-
-<p>Während Immo den abwärts Schreitenden finster nachblickte,
-sah er vor sich zwei Zeigefinger übers Kreuz gelegt
-und hörte nahe an seinem Ohr die fragenden Worte: »<em class="antiqua">Es
-tu scolaris?</em>« Dies war der vertrauliche Gruß, woran die
-lateinischen Schüler im Lande einander erkannten, und der
-ihn so grüßte, war der König. Ehrerbietig trat er zurück und
-neigte die Waffe. »Ich höre, dein Oheim sähe dich lieber im
-Kloster als im Heerlager.«</p>
-
-<p>»Ich bin ihm verleidet,« antwortete Immo, »und ich sorge,
-daß sein übler Wille mir die Huld des Herrn Königs mindere.«</p>
-
-<p>»Das besorge nicht,« versetzte Heinrich trocken. »Zudem
-magst du wissen, daß Held Gundomar seine Feinde lieber
-ins Antlitz schlägt als hinterrücks angreift; und soll ich dir
-Gutes raten, so meide seine Nähe, wenn er die Brauen
-grimmig zusammenzieht, wie er manchmal tut. Doch ein
-anderer Held hat dir, wie ich vernahm, besseres Lob gespendet.«
-Er wies nach dem Wege, auf welchem Graf Ernst
-zwischen den Wächtern ging. »Gräme dich nicht, daß du
-den Spielleuten ihren Helden genommen hast; denn er ist
-einer von den Recken, welche durch das Lied müßiger Gesellen
-gefeiert werden, selten aber durch das Lob bedächtiger
-Männer. Sie werfen ihren Handschuh hierhin und dorthin
-und kämpfen wie Bären um eine hohle Nuß, unbekümmert,
-ob Land und Leute darüber zugrunde gehen. Darum gleicht
-auch ihr Ruhm der lodernden Schindel, welche beim Hausbrande
-fliegt, wie gerade der Wind sie treibt, bis sie am
-Boden flackert und in Finsternis verlöscht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p>
-
-<p>»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo demütig, »wer unter
-dem Helme reitet, wie mag der den Stolz auf große Taten
-entbehren?«</p>
-
-<p>»Der Weise aber nennt eine Tat nicht darum groß, weil
-sie mit schwerer Lanze und starkem Arm vollbracht wird,
-sondern weil sie großen Nutzen bereitet. Vieles, was leise
-ins Ohr geraunt wurde, schuf besseren Segen, als der
-wildeste Sprung über die Heide.«</p>
-
-<p>»Dennoch verzeihe mir der König, wenn ich sage, wenige
-werden freudig das Schwert schwingen und in den Feind
-reiten, wenn ihnen nicht die Ehre, die sie gewinnen, der
-liebste Schatz auf Erden sein darf.«</p>
-
-<p>»Du denkst ganz wie die Laien,« schalt der König, »ich
-traute dir bessere Einsicht zu. Da du im Kloster warst,
-solltest du gelernt haben, daß es höhere Siege gibt, als mit
-Schild und Schwert, indem man die Seelen der Helden und
-der anderen begehrlichen Menschen bezwingt, damit man
-ein Herr wird über sie.«</p>
-
-<p>»Das ist das Amt des Königs,« antwortete Immo. »Ich
-habe gehört, daß der große Kaiser Karl, der König Etzel und
-andere gewaltige Herren, von denen die Sage kündet, sich
-ausdachten, was ihnen nützen könnte, und dann ihre Helden
-sandten, damit sie es vollbrächten, zu dem einen Werk die
-Klugen, zu dem andern die Starken; und daß sie jeden zu
-gebrauchen wußten, wozu er diente. Ich aber bin nur
-einer, der dem König mit seinem Schwerte dienen will.
-Und ich begehre die Ehre eines Helden, welche mir gebietet,
-meine Genossen lieb zu haben und mich an meinen Feinden
-blutig zu rächen. Ob die Rache auch zum Amt eines Königs
-gehört, das weiß ich nicht.«</p>
-
-<p>Heinrich sah ihn mit großen Augen an. »<em class="antiqua">Immo, tu es<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-scolaris</em>. Du bist weit schlauer, als ich dachte. Was willst
-du mir zu verstehen geben? Fahre fort.«</p>
-
-<p>»Herr,« sprach Immo kühn, »als ich den Grafen Ernst
-abwärts führen sah, da fiel mir aufs Herz, ein hochgesinnter
-Held wie dieser vermöchte dem König wohl noch seine Treue
-durch gute Dienste zu erweisen. Denn sie sagen, daß er nur
-deshalb in Empörung und Unglück gekommen ist, weil er
-dem Hezilo als Anverwandter die Treue gehalten hat.«</p>
-
-<p>»Dem König aber hat er die Treue gebrochen,« rief
-Heinrich.</p>
-
-<p>»In Zukunft könnte er wohl dem König allein nützen,
-denn des Königs Würde versteht, wie man die Seelen der
-Helden und der anderen begehrlichen Menschen zwingt,
-damit sie gehorsam dienen.«</p>
-
-<p>»Hat St. Wigbert dir so gut die Zunge gelöst,« frug der
-König, »daß du sie gegen mich für einen Verräter zu gebrauchen
-wagst?«</p>
-
-<p>Immo beugte das Knie. »Mit dem Schülergruß wurde
-ich angerufen; habe ich zu dreist gesprochen, so möge die
-Gnade des Königs mir verzeihen.«</p>
-
-<p>Der König nickte. »Du hast recht und ich werde mich
-hüten, dir noch einmal das Fingerkreuz zu zeigen, damit
-du mir nicht wieder eine Lektion hersagst.« Und als Immo
-ihn bittend ansah, fuhr er mit Königsmiene fort: »Sei
-ruhig, Hauptmann, ich zürne dir nicht.«</p>
-
-<p>Reisige sprengten herauf, im Lager erhob sich Geschrei
-und Getümmel, ein donnernder Jubelruf wälzte sich von
-Haufen zu Haufen durch das ganze Heer. Unter dem Geleit
-einer reisigen Schar wurde ein langer Zug von Heerwagen
-und beladenen Lasttieren durch das Lager geführt und nahe
-dem Bach, den Belagerten sichtbar rund um die Festung bis<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-zu der Höhe des Königs. Das war der Schatz, den der Held
-des Markgrafen gefangen und den der König zurückgewonnen
-hatte, nachdem er die Burg des Magano eingenommen.
-Jetzt wurde der Schatz im Triumph durch das Lager geführt,
-die Krieger zu trösten und die Feinde zu entmutigen. Die
-Augen des Königs leuchteten, als sie dem Zuge der Wagen
-folgten, und sich noch einmal zu Immo wendend, schloß er:
-»Suchst du gleich Ehre und nicht Gold, ich hoffe doch, es soll
-auch für dich etwas Glänzendes herausgehoben werden,
-wenn der König seine Treuen belohnt.« Er ging dem Erzbischof
-entgegen, welcher dem Zelte des Königs zuschritt.</p>
-
-<p>Als die Sonne sank, zog eine Schar breitschultriger
-Bayern mit Stiernacken und großen Häuptern heran, die
-Königswache zu halten. Immo wechselte mit dem Führer
-den Gruß, löste seine Knaben von ihren Plätzen und führte
-sie zu der Stelle des Lagers, wo sie sich aus Fichtenzweigen
-die leichten Hütten erbaut hatten. Während die Thüringe
-das Feuer anzündeten, um ihr Mahl zu bereiten, warf er
-selbst einen dunklen Mantel über, den Goldschmuck seiner
-Rüstung zu verdecken, vertauschte seinen Helm mit der leichten
-Eisenkappe eines Gefährten und eilte ins Freie. Rings um
-die Festung brannten die Lagerfeuer, zwischen den rötlichen
-Flammen und den weißen Rauchsäulen schritten die Krieger
-wie dunkle Schatten hin und her. Auch über der Festung
-schwebte eine rote Dampfwolke, welche verriet, daß die Belagerten
-nach den Gefahren des Tages für die ermüdeten
-Leiber sorgten.</p>
-
-<p>Immo durchschritt die letzten Lagerreihen der Königsmannen,
-beantwortete den Ruf der Wachen und trat in
-das offene Land, welches dunkel und still vor ihm lag. Nur
-an einer Stelle wirbelte weit abseits vom Lager ein feuriger<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-Dampf, dessen Flamme in der Tiefe verborgen war. Dorthin
-eilte Immo. Von der Höhe blickte er über eine Erdsenkung,
-in welcher eine Anzahl Laubhütten und Zelte unordentlich
-durcheinander stand. Saitenspiel und Gesang
-und das Geschrei Trunkener tönten zu ihm herauf, Männer
-und Frauen glitten an den Feuern vorüber und schlüpften
-von einer Hütte in die andere. Dort war das Lager der
-fahrenden Leute, welche als Sänger und Fiedler, als Tänzer
-und Gaukler dem Heere folgten, um die Krieger in den
-müßigen Stunden zu ergötzen und ihren Anteil an der Beute
-zu gewinnen. Übel berüchtigt war die Stelle, denn die
-Wanderer, welche dort hausten, waren aller Ehre bar und
-wurden durch kein Recht geschützt, nur durch die Gunst
-mächtiger Helden, welche sie zu gewinnen wußten. Als
-Immo in das Gewirr der Hütten und der Feuerstellen eindrang,
-wurde der Lärm und das Gewühl lästig und er zog
-seinen Mantel dichter zusammen. Bezechte Krieger schrien
-ihn an, buntgekleidete Weiber boten ihm lustigen Gruß,
-ein riesiger Bär, der an einen Pfahl gebunden war, zerrte
-brüllend an seiner Kette, die Fiedel klang und das Sackrohr
-brummte; in einer Hütte schwang sich, umdrängt von einem
-Haufen Gewappneter, eine zierliche Dirne in hohen Sprüngen
-durch die Luft; in einer andern saß ein Spielmann, sang
-mit melodischem Tonfall ein Lied von den Taten vergangener
-Helden und riß dabei kräftig die Saiten der kleinen Harfe;
-neben einem großen Feuer sprang ein schlauäugiger Gesell
-umher, welcher schnurrige Lügengeschichten erzählte, und
-wenn die Zuhörer laut auflachten, mit dem Becher herumlief,
-damit man ihm Silberblech spende. Endlich kam Immo
-zu einem Zelt, welches inmitten der andern recht ansehnlich
-stand, mehrere gute Rosse waren daneben angepflöckt und<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-darüber wehte ein Banner, auf dessen Tuch zwei gekreuzte
-Pfeile sichtbar wurden.</p>
-
-<p>In der Zelttür saß Wizzelin, ein kräftiger Mann von
-mittleren Jahren mit klugem Gesicht, er trug ein zierliches
-Gewand von zweierlei Tuch, die eine Hälfte rot, die andere
-grün, um den Hals eine Goldkette, am Armgelenk einen
-dicken Goldring. Er gebot dem Lager als Hauptmann und
-schlichtete gerade einen Streit zweier Genossen, welche zu
-beiden Seiten eines Esels standen. »Frei lief der Esel,«
-entschied er lachend, »und zu gleicher Zeit packte ihn Gozzo
-am Schwanz und Bezzo am Ohr, und jeder meint, daß
-darum der Esel ihm gehöre. Beide habt ihr Unrecht geübt,
-denn ihr habt einander ärgerlich gescholten, der Fahrende
-aber gewinnt nur durch Lachen sein Recht und seine Beute.
-Dem Esel vollends habt ihr die Ehre gekränkt, denn da er
-als Freier lief, hat er das Recht, sich seinen Herrn zu wählen.«
-Er wies auf einen Distelstrauch zur Seite. »Jeder von euch
-nehme eine Blüte des wehrhaften Krautes in die Hand,
-dann haltet beide die Fäuste vor den Helden: wessen Kraut
-er frißt, dem will er sich angeloben.« Die Männer lachten und
-nickten und Gozzo führte siegreich den Esel zu seiner Hütte.</p>
-
-<p>Jetzt erst erhob sich Wizzelin, der seither Immo nur durch
-einen Seitenblick begrüßt hatte; mit tiefer Verneigung führte
-er ihn in das Zelt, zündete einen langen Kienspan an, den
-er in den Boden steckte, und schloß den Eingang durch eine
-vorgezogene Decke. »Sprecht leise,« sagte er, »denn meine
-Kinder sind treu, aber neugierig. Viele Augen sehen nach
-dem stattlichen Helden und suchen die Geldtasche unter
-seinem Mantel.«</p>
-
-<p>»Sie öffnet sich gern für dich,« versetzte Immo darnach
-greifend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p>
-
-<p>»Laßt noch,« riet Wizzelin, »ich will die Gabe erst verdienen.
-Auch für euch ersehne ich den Tag, wo die Kriegsbeute
-ausgeteilt wird und die Scharen der Helden heimwärts
-ziehen. Ich selbst werde froh sein, wenn ich wieder
-in die Höfe meiner Thüringe reite. Denn hier schwebt
-ein Geier über uns und unsicher schlagen wir mit den
-Flügeln.«</p>
-
-<p>»Doch merke ich, du hast auch hier Gunst gewonnen,«
-antwortete Immo lächelnd, »ich sah im Vorübergehen
-manchen ansehnlichen Kriegsmann in deinen Hütten.«</p>
-
-<p>»Einem aber sind wir Fahrende verhaßt,« bekannte
-Wizzelin zutraulich. »Kein Mönch ist so unhold gegen mein
-Volk, als der König; und wenn es auf meinen Willen ankäme,
-so wäre ich drüben beim Heere des Babenbergers, wo die
-Mehrzahl meiner Genossen weilt und weit besser geehrt
-wird.«</p>
-
-<p>»Willst du deine Kinder in den Mauern der Festung
-bergen? Ungern erträgt, wie ich höre, dein Volk die Not
-einer belagerten Burg.«</p>
-
-<p>»Vielleicht finden wir das Lager des Hezilo an einer
-anderen Stelle,« antwortete der Spielmann.</p>
-
-<p>»Weißt du, wo?« frug Immo schnell.</p>
-
-<p>Wizzelin schüttelte das Haupt. »Wir Friedlosen, Herr,
-singen und sagen nicht alles, was wir wissen und vergebens
-wäre es, aus uns herauszulocken, was wir nicht gestehen
-wollen. Eins aber sage ich euch: unser Lied wird den König
-Heinrich selten rühmen, und seit er das Urteil gefällt hat
-über den Grafen Ernst, ist das fahrende Volk ihm feind und
-der König mag sich vor der behenden Zunge meiner Kinder
-hüten wie ein Roß vor einem Schwarm Hornissen.« Und
-bedeutsam setzte er hinzu: »Auch der Held, welcher in seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-Heer Ehre gewinnt, mag sich hüten, ihm zu vertrauen, denn
-kalt und hart ist er wie Stahl.«</p>
-
-<p>»Ist dir der Markgraf lieber, wie kommt's, daß du bei
-uns lagerst und nicht beim Hezilo?«</p>
-
-<p>»Ihr selbst wißt einen Grund, daß ich hierher gesandt
-bin; andere behalte ich für mich. Auch der Spielmann denkt
-zuweilen, daß es sein Vorteil ist, dem Sieger zu folgen.«</p>
-
-<p>»Sei gelobt, Wizzelin, daß du für uns den Sieg hoffst,«
-rief Immo.</p>
-
-<p>»Noch ist er nicht erkämpft,« versetzte der Spielmann.
-»Hütet ihr euch nur, daß ihr euren Anteil daran nicht verschlaft.«
-Und leiser setzte er hinzu: »Soll ich euch Gutes
-raten, so wandelt morgen und an den nächsten Tagen im
-Grase, bevor die Sonne aufgeht; sammelt den Frühtau
-und streichet euch damit die Augen, er hilft, wie die Weisen
-sagen, zu scharfem Gesicht.«</p>
-
-<p>Immo überlegte die Worte, dann griff er schnell nach
-seiner Geldtasche. »Sage mir mehr, Wizzelin.«</p>
-
-<p>»Ich tue es nicht,« entgegnete der andere, »auch nicht,
-wenn ihr versucht, mir die Augen durch Goldblech zu blenden.«
-Er schob den Vorhang zurück und blies auf einer
-kleinen Querpfeife einige schrille Töne ins Freie, gleich
-darauf vernahm Immo dasselbe Zeichen an mehreren
-Stellen des Lagers. »Weshalb ihr kommt, weiß ich, ohne
-daß ihr mir's sagt,« setzte Wizzelin ernsthaft die Unterredung
-fort, »den Gruß, welchen ich euch im Kloster lehrte, hat mir
-noch keines meiner Kinder zugetragen. Darum ist meine
-Meinung, daß euer Geselle, dessen Botschaft ihr erwartet,
-nirgends weilt, wo der Wind über die Halme weht und ein
-Baum Schatten auf die Flur wirft, sondern umschlossen
-von Stein und Speereisen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<p>»Du meinst in einer Burg des Hezilo?«</p>
-
-<p>»Auch in den Burgen ziehen meine Kinder ein und aus.
-Wenn aber eine Mauer vom Feinde umringt ist, so wird
-ihnen das Fahren gehemmt.«</p>
-
-<p>»Sie ist in der Festung, die wir belagern,« rief Immo
-erschrocken.</p>
-
-<p>Wizzelin lachte. »Ihr werdet euch behender auf die
-Mauer schwingen, wenn ihr das hofft.« Als er aber den
-Schrecken im Gesicht des Jünglings sah, fuhr er begütigend
-fort: »Meinung ist nicht Gewißheit; harret, vielleicht kommt
-noch ein Bote für euch. Das wollte ich euch sagen. Und
-jetzt öffnet die Tasche und gebt mir meinen Sold, denn jetzt
-werdet ihr die Stücke nicht zählen.«</p>
-
-<p>Immo reichte dem Spielmann die Geldtasche. »Nimm;
-mir laß nur, daß ich nicht ganz leer bin, bis ich die nächsten
-Beuterosse gewinne.«</p>
-
-<p>Wizzelin schüttete sich die Hand voll Silber und senkte
-sie behende in sein Gewand. »Ich habe geteilt,« sagte er die
-Tasche zurückgebend. »Was ich euch ließ, hole ich mir mit
-anderen, wenn ihr euren Anteil an der Siegesbeute empfangt.
-Vergeßt den <span id="corr197">Mann</span> nicht, ihr mögt ihn noch heut im
-Morgentau brauchen. Ich selbst begleite euch bis an die
-Grenze meines Landes.«</p>
-
-<p>»Dein Land ist überall, wo Menschen unserer Sprache
-wohnen,« antwortete ihm Immo zunickend. »Wo ist die
-Grenze?«</p>
-
-<p>»Wo dies Sandloch aufhört,« versetzte Wizzelin, »und
-wer weiß, wie lange.« Sie durchschritten eilig das Lager,
-die Feuer brannten wie vorher, aber um die Hütten war
-es stiller; die Tänzerin war verschwunden, der Lügenerzähler
-saß allein und packte über einem Bündel, nur<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-wenige Kriegsleute saßen und lungerten noch an den Zelten.
-Doch um die Karren, welche am Abhang in der Reihe standen,
-bewegten sich geschäftige Gestalten und im Aufsteigen
-sah Immo, daß der Esel, welcher sich den Gozzo zum Herrn
-gewählt hatte, an einen Karren geschirrt wurde. Immo,
-dem die Angst um das Schicksal der Geliebten das Herz beklemmte,
-begann, auf die bespannten Wagen weisend: »Wie
-ein Wanderer in der Wildnis bin ich, dem sein Roß davonläuft.
-Wann sehe ich dich wieder, Wizzelin?«</p>
-
-<p>»Frage die Wolken und den Wind, wohin sie schweifen,
-aber nicht einen Fahrenden,« versetzte der Spielmann
-lachend. Er neigte sich vor Immo und tauchte zurück, im
-nächsten Augenblick tönte wieder die scharfe Querpfeife.</p>
-
-<p>Auf dem Wege hielt Immo an und mühte sich, aus dem
-Feuerkranz, der um die Festung loderte, die Lager der einzelnen
-Heerhaufen zu erkennen. In weiter Entfernung war
-der Hügel, auf dem die königlichen Zelte standen, dort und
-jenseits der Festung lagen bayrische Haufen, weiter abwärts
-Schwaben, Mainzer und Fuldaer, gerade vor ihm Herzog
-Bernhard mit seinen Sachsen. Da nickte er zufrieden und
-wandte sich schnellfüßig dem sächsischen Lager zu. Bald
-unterschied er hinter der langen Reihe flammender Feuer
-die starken Heerwagen, welche die Sachsen zu einer Wagenburg
-zusammengestoßen hatten, um dahinter wie in einem
-Walle sorglos zu ruhen. Von den Wachen angerufen, wurde
-er auf sein Begehr zum Zelt des Herzogs geführt. Der
-Kämmerer kam unwirsch aus dem Zelte. »Wie mag ich
-meinen Herrn wecken?« antwortete er auf die Forderung
-Immos. »Jämmerlich ist Bier und Met in Bayerland,
-und mein Herr schöpft hier so üblen Nachttrunk, daß ich
-allen Heiligen danke, wenn er nur erst eingeschlafen ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>»Ist das die Meinung, die du von deinem Herrn hegst,
-du grober Waldgötze,« rief eine tiefe Stimme aus dem
-hintern Zelt und ein Lederstrumpf kam gegen den Rücken
-des Kämmerers herausgeflogen. »Ich will wissen, wer da
-ist. Bist du es, Held Immo, so tritt herein.«</p>
-
-<p>Der Kämmerer öffnete den Vorhang, Immo erkannte
-beim matten Schein einer Lampe den Herrn, der mit einem
-Lodenmantel aus heimischer Wolle zugedeckt lag und das
-gutherzige Gesicht ihm fragend zuwandte. Er berichtete die
-Warnung, welche Wizzelin geraunt hatte, und den plötzlichen
-Aufbruch der fahrenden Leute. »Sie wären nicht
-von ihren Feuerstellen gewichen, wenn sie nicht besorgten,
-daß der Markgraf auf ihrer Seite angreifen wird.«</p>
-
-<p>»Schwerlich hat Hezilo die Spielleute zu seinen Vertrauten
-gemacht,« versetzte der Herzog kopfschüttelnd. »Und
-wenn er kommen will, so sind wir bereits da. Auch ist Hezilo
-ein Christ und ein ritterlicher Mann, der seinen Feind niemals
-anfallen wird, während die Unholde der Nacht durch
-die Lüfte fahren. Und wäre er, wie sein Vater war, so würde
-er uns auch Tag und Stunde vorher wissen lassen, obwohl
-wir die Stärkeren sind. Doch die jetzige Jugend mißachtet
-alte Bräuche, zumal wenn sie ihr beschwerlich sind. Darum
-war deine Sorge unnötig.«</p>
-
-<p>»Vielleicht liegt der Markgraf uns so nahe,« wandte
-Immo ein, »daß er nicht bei Nacht, aber beim ersten Morgenschein
-in das Lager einzubrechen vermag. Ihr selbst mögt
-ermessen, ob er im Vorteil kämpft, wenn er zu dieser Stunde
-an unsere Hütten dringt.«</p>
-
-<p>Der Herzog richtete sich mit halbem Leibe auf. »Wecken
-kann ich meine Sachsen nicht, denn wenn sie bei Tage mannhaft
-kämpfen, so haben sie dafür, sobald sie schlafen, ein<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-solches Gottvertrauen, daß auch ein brüllender Löwe sie
-schwerlich in die Höhe brächte.« Er setzte gemächlich ein
-Bein auf den Boden und zog einen Lederstrumpf an.
-»Dennoch will ich ein übriges tun.« Er befahl, den Hauptmann
-seiner Leibwache zu rufen, forderte den zweiten
-Strumpf und schritt gewichtig im Zelte auf und ab. »Sobald
-die erste Lerche aufsteigt, sollen sie gerüstet bei den
-Rossen stehen.« Zuletzt warf er den Mantel um. »Komm
-ins Freie, Held, damit ich selbst zum Rechten sehe.« Sie
-schritten die Reihe der Wachen entlang, der Herzog prüfte
-mit scharfem Blick ihre Aufstellung und gab dem Hauptmann
-Befehle. »Sende sogleich behende Läufer zu den nächsten
-Scharen, aber vorsichtig, daß man aus der Ferne die Bewegung
-nicht merke. Auch die Nachbarn sollen sich rühren.«
-Und als der gute Herr alles vorsorglich bestellt hatte, sprach
-er zu Immo: »Gedenke auch du der Ruhe, ich mißtraue
-jedem Manne, der sein Lager gering achtet. Hast du uns Günstiges
-geraten, so soll dir's vergolten werden, bleibt's bei
-deinem guten Willen, so werde ich auch diesen dem König
-rühmen.«</p>
-
-<p>»Gern möchte ich mit dem kleinen Haufen meiner Genossen
-morgen früh in eurer Nähe sein,« versetzte Immo,
-»ich bitte, daß ihr mir's gestattet und mich beim König entschuldigt,
-wenn ich eigenwillig zu euch aufbreche.«</p>
-
-<p>»Deine Knaben sollen eine rühmliche Ecke meiner Holzburg
-bewachen,« entschied der Herzog, erfreut durch den
-Eifer, »du aber sollst unter meinen Helden reiten und in
-meiner Nähe hoffe ich dich zu finden.«</p>
-
-<p>Im ersten Morgengrau klangen bei den Sachsen die
-Alarmtöne, gleich darauf erhob sich wilder Lärm, die Rufer
-schrien, Pfeifen und Hörner gellten, das ganze Lager fuhr<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen durcheinander, bald
-sprangen ledige Rosse über das Feld und verwundete
-Helden wurden aus dem Gewühl getragen. Vom Sachsenlager
-her scholl immer wieder das Kriegsgeschrei der Angreifer
-und Verteidiger und das Dröhnen der feindlichen
-Äxte an den Bohlen der Wagenburg. Hin und her wogte
-der heiße Kampf, dreimal suchte der Markgraf den Lagerring
-in wildem Ansturm zu durchbrechen. Aber die Reiter
-des Herzogs brachen an jeder Stelle, welche gefährdet war,
-aus ihrer Burg, hemmten dreimal den Sturmlauf der
-Feinde und wehrten dem Durchbruch, bis der König selbst
-mit neuen Scharen herankam. Da wandten jene plötzlich
-ihre Rosse und verschwanden wie sie gekommen waren. Auch
-die Verfolgung, welche König Heinrich befahl, vermochte sie
-nicht zu erreichen.</p>
-
-<p>Als der Kampf vorüber war und Immo mit glühendem
-Antlitz sein schäumendes Roß zur Ruhe zwang, ritt Herzog
-Bernhard zu ihm und ihn vor allem Heere küssend, rief er:
-»Heute habe ich dich erkannt, wie du bist; die alte Treue
-zwischen Sachsen und Thüringen ist aufs neue bewährt,
-mir und meinen Helden bist du fortan ein Waffenbruder und
-ein lieber Genosse, so oft du es begehrst.« Und auch König
-Heinrich nickte dem glücklichen Immo mit freundlichem
-Lächeln zu, als er die Reihen der Krieger entlang ritt.</p>
-
-<p>Seit diesem Morgen wurde das Lager des Königs täglich
-beunruhigt, bald hier, bald dort suchte der Feind überraschend
-einzudringen; die leichten böhmischen Reiter,
-welche ihm zugezogen waren, warfen sich auf ihren
-behenden Pferden überall, wo der Boden die Annäherung
-begünstigte, gegen die Königsmannen; jeder Haufe, welcher
-Futter und Vieh aus der Umgegend herbeitreiben sollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-mußte die plötzlich auftauchenden Scharen des Markgrafen
-abwehren. Dieser aber fand in den Wäldern und Seitentälern
-der heimischen Landschaft sicheren Versteck. Auch die
-Belagerten rührten sich kräftig. Da sie von den hohen
-Türmen der Feste weit in das Land schauten, so drangen
-sie zu derselben Zeit, wo die Haufen des Markgrafen gegen
-die Belagerer ritten, mit ihrem Fußvolk aus den Toren,
-verbrannten ein Turmgerüst, welches gegen sie aufgerichtet
-war, warfen die Sturmböcke und führten die Ketten als
-Siegeszeichen nach der Stadt.</p>
-
-<p>Der König hielt beharrlich die Festung umschlossen, noch
-war er der Stärkere, aber er wußte wohl, daß die beste Hilfe,
-auf welche er zählen durfte, um ihn gesammelt war, während
-der Widerstand des Markgrafen die Unzufriedenen in allen
-Teilen des Reiches ermutigte und das kleine Heer des
-Feindes sich mit jedem Tage vergrößerte, nicht nur durch
-böhmische Reiter, auch durch Banner aus dem Norden.
-Deshalb ritten die Königsboten, meist geistliche Herren,
-nach allen Richtungen aus dem Lager, um den Zorn der
-Mißvergnügten durch Verheißungen zu stillen und die Verstärkung
-des Feindes zu hindern. Aber es wurde den Gesandten
-des Königs bereits schwer, durch die Reiter des
-Hezilo ins Freie zu dringen.</p>
-
-<p>An einem Abend, wo Immo mit seinen Knaben wieder
-die Königswache hielt, trat Herzog Bernhard zu ihm und
-begann vertraulich: »Der Markgraf kämpft gegen uns wie
-das Hündlein gegen den Igel, er springt bellend um uns
-herum, zuletzt versetzt er uns doch einen Biß ins Weiche.
-Es macht Sorge, das Heer zu ernähren und sorgenvoll wird
-auch der Lagerdienst.« Er wies nach dem Felde, wo an
-Stelle der Wachen zahlreiche gepanzerte Reiter in weiterer<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-Entfernung aufgestellt waren. »Der König läßt unablässig
-nach dem Versteck des Markgrafen spähen, aber keinem
-unserer Läufer ist es gelungen, die Stelle zu erkunden.
-Vergebens hat der König auch nach fahrenden Leuten umhergefragt,
-dies ruhmlose Volk ist verschwunden, wurde
-einer auf dem Felde ergriffen, so schwieg er oder log, obgleich
-der Büttel ihn hart ängstigte.«</p>
-
-<p>»Dennoch sage ich dir, weder die Babenberger, noch wir
-andern haben geahnt, welch ein Kriegsherr König Heinrich
-ist, denn mit Weisheit erwägt er selbst Großes und Kleines.«</p>
-
-<p>Während der Herzog sprach, sprang Harald, der erste
-Heerrufer, aus dem Zelt des Königs und eilte den Hügel
-hinab, ihm folgten seine Genossen, sich schnell durch das
-Lager verteilend. »Sieh dorthin, Held Immo, der König
-ist müde, still zu kauern und er denkt selbst einen Sprung
-zu tun.«</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen zogen beim ersten Hahnenschrei die
-reisigen Scharen des Königs von allen Seiten ins Freie,
-geräuschlos, in kleinen Haufen, ohne Feldzeichen, um sich
-außer Gesichtsweite der Festung zum Heere zu vereinigen.
-Dem König war gelungen, das schwer zugängliche Tal zu
-erkunden, in welchem der Markgraf sein Lager aufgeschlagen
-hatte. Zugleich rüsteten die Bogenschützen und die übrigen
-Haufen der Fußkämpfer einen Angriff gegen die Feste,
-ihnen hatte der König geboten: »Haltet gute Wache, indem
-ihr mit dem Ansturm droht und auf die Verteidigung denkt,
-hütet euch auch, ihr Helden, den Feind allzusehr zu bedrängen,
-damit er nicht ausbreche, um sich zu retten. Am
-liebsten werde ich euch belohnen, wenn ich das Lager so
-wiederfinde, wie ich es verlasse.«</p>
-
-<p>Auch Immo ritt unter den Wächtern des Königs, welche<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-in der Schlacht vor seinem Leibe kämpften und ihm die
-Gasse öffneten, wenn er selbst einen erlauchten Helden bestreiten
-wollte. Mehr als eine halbe Tagefahrt zog die
-reisige Schar über Hügel und Tal, die Sonne schien heiß,
-die Panzerringe brannten durch Leder und Hemd auf die
-Haut und der Schweiß rieselte von den Flanken der Rosse.
-Aber der Zuruf des Königs trieb unablässig vorwärts, bald
-an der Spitze, bald am Ende des Zuges befeuerte er die
-Müden durch Scherzworte oder scharfen Tadel, er allein,
-den seine Feinde weichlich gescholten hatten, schien Sonnenbrand
-und Durst nicht zu fühlen. In der Glut des Mittags
-klomm die gepanzerte Schar eine steile Höhe hinan. Vielen
-wurde die Anstrengung unerträglich, Rosse und Reiter
-brachen zusammen, aber der König mahnte und trieb, wirbelte
-lustig den Wurfspeer, <span id="corr204">schalt</span> und verhieß Belohnungen.
-Kurz vor der Höhe hielten die Müden zu kurzer Rast. Heinrich
-ordnete die Scharen in der Stille, auch lauter Rede
-wurde gewehrt. Dann hob er grüßend den Speer, die Posaunen
-und Hörner schmetterten und brüllten ihre wilden
-Weisen und in gestrecktem Lauf stob die Heerschar auf
-günstiger Bahn nach dem engen Tale, worin die Banner,
-die Zelte und Hütten des Hezilo standen. Es war die Tageszeit
-nach dem Mahle, wo die Markgräflichen am sorglosesten
-ruhten; kaum einer der Helden war mit seiner Rüstung bekleidet,
-auch die Rosse standen ungesattelt an ihren Seilen.
-Furchtbar tönte den Feinden das Kyrie eleison, der Schlachtruf
-des Königs, in die Ohren, nur die Tapfersten wagten
-dem Ansturm entgegen zu sprengen und das drohende Verderben
-aufzuhalten, sie wurden erschlagen oder verjagt, der
-Zaun des Lagers wurde durchbrochen, bevor der Widerstand
-sich daran sammelte; die Mehrzahl der Krieger gefangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-während sie nach den Waffen schrie. Der Markgraf
-selbst entrann mit einer kleinen Zahl seiner Getreuen.</p>
-
-<p>Als Immo in der ersten Reihe der Leibwächter den Hügel
-hinabritt, suchte sein scharfes Auge unter den feindlichen
-Bannern das Zeichen des Grafen Gerhard. Er sah es nicht,
-aber der erste Krieger, der gegen ihn anritt, war Egbert, ein
-Günstling des Grafen. Immos Speer warf den hochmütigen
-Dienstmann in das Gras und über den Gefallenen
-brach der wilde Strom vorwärts. Der Held fand sich vor
-dem König im Kampfe gegen Leibwächter des Markgrafen,
-er stieß, schlug und tat sein Bestes, aber mitten in dem
-blutigen Gedränge suchte er immer wieder nach dem Buchenreis,
-welches die Dienstmannen des Grafen an ihrer Rüstung
-zu tragen pflegten. Als der Schwall verrauscht war und der
-laute Gesang des Rufers die Helden zusammenlud, da
-sprengte er zurück zu der Stelle, wo er den Egbert getroffen,
-aber sein Speer hatte die Arbeit zu gut getan und er vermochte
-von dem Leblosen keine Kunde einzuholen. Er
-durchritt die Haufen der Gefangenen, aber auch dort fand
-er die Buchenzweige nicht und er holte mit Mühe die Kunde
-heraus, daß Mannen des Grafen unter den Flüchtigen entronnen
-waren.</p>
-
-<p>Nur die nötigste Rast verstattete der König den Siegern.
-Von allen Ecken ließ er das Lager in Brand stecken und achtete
-nicht auf das Murren seines Heeres, welches in den eroberten
-Hütten Ruhe und Beute gehofft hatte. Eilig ließ
-er die Gefangenen und die Beuterosse rückwärts treiben und
-brach wieder in Sonnenglut nach dem eigenen Lager auf,
-obgleich die ermatteten Sieger mürrisch in ihren Sätteln
-hingen, gleich geschlagenen Männern. Immo sah von der
-Höhe zurück auf das Tal, welches mit lodernden Flammen<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-und einer ungeheuren Rauchwolke gefüllt war. Da hörte
-er wieder den treibenden Ruf des Königs, und Heinrich
-winkte an seiner Seite reitend ihm zu: »Ich sah dich mannhaft
-treffen, Held Immo, und mächtigen Staub aufregen
-<em class="antiqua">quadrupedante putrem sonitu</em>, wie der Heide sagt. Herzog
-Bernhard,« rief er sich unterbrechend, »gibt es kein Mittel,
-aus diesem Schneckenritt herauszukommen?«</p>
-
-<p>Der Herzog sprengte an die Seite des Königs. »Mann
-und Roß werden die Glut des Tages lange fühlen.«</p>
-
-<p>»Das mögen sie später halten, wie es ihnen beliebt, heute
-aber brauche ich sie nicht auf dem Wege, sondern im Lager,
-und ich wollte, uns wäre die Heidenkunst erlaubt, einen
-Sturmwind zu beschwören, der das Heer in der Wolke
-dahintreibt.«</p>
-
-<p>Der Herzog schlug ein Kreuz. »Die Himmlischen gewähren
-zuweilen dem Bittenden Regen, auch dieser würde
-das Heer vorwärts treiben.«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht frei atmen, Vetter,« fuhr der König leise
-fort, »bis ich das Lager gesichert sehe, denn wenn die in der
-Festung nicht verblendet sind, so mag unser Schade größer
-werden als der Gewinn.«</p>
-
-<p>»Reite voraus,« riet der Herzog.</p>
-
-<p>»Dann fallen diese ganz von den Pferden und legen sich
-auf die Heide,« versetzte der König.</p>
-
-<p>»Willst du meinen Sachsen deinen Wein und Met
-preisgeben, so will ich versuchen, ob ich sie noch vor Sonnenuntergang
-in die Wagenburg bringe.«</p>
-
-<p>»Von Herzen gern,« versetzte der König, »denn wenn
-wir heute einen Ausbruch des Feindes abwehren, so denke
-ich morgen den Krieg zu beenden.«</p>
-
-<p>Der Herzog befahl seiner Schar zu halten und ließ durch<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-den Rufer verkünden, daß der ganze Tonnenvorrat des
-Königs noch heute derjenigen Schar als Ehrentrunk zugeteilt
-werden sollte, welche zuerst das Lager erreiche.</p>
-
-<p>Die Helden sahen einander mürrisch an, doch allmählich
-erschien ihnen der Vorschlag nicht verächtlich, sie lächelten
-ein wenig und die Rosse begannen zu traben. Als der Rufer
-den Bayern verkündete, daß die Sachsen um des Königs
-Wein davon ritten, ärgerten sich die Bayern, weil das Getränk
-aus ihrem Lande genommen war und ihnen zuerst
-gebührte, und ihre Rosse trabten ebenso.</p>
-
-<p>Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als Heinrich, der
-mit seiner Leibwache dem Heere die letzte Meile vorausgesprengt
-war, von der Höhe das Tal der Festung erblickte.
-Als er die Lagerstätten mit ihren wehenden Bannern unversehrt
-vor sich sah, da brach er in einen lauten Freudenruf
-aus und neigte sein Haupt, um das Gelübde, das er dem
-Himmel in der Sorge getan, mit dankbarem Herzen zu
-wiederholen. Wie er zum Lager hinabstieg, klang von der
-Seite Heermusik und eine Schar von Reitern und Fußvolk
-zog mit ihren Wagen ganz gemächlich dem Lager zu. Verwundert
-frug der König: »Wer sind diese, die so lustig am
-Feierabend reisen, nachdem die andern das Werk getan
-haben?« Immo ritt vor: »Es ist das rote Kreuz von
-St. Wigbert, Herr Bernheri sendet seine Mannen.«</p>
-
-<p>Da lachte der König: »So hat der Jagdspieß des Alten
-doch die Empörer gebändigt,« und der Schar entgegenreitend,
-rief er ihrem Führer Hugbald zu: »Als säumige
-Schnitter nahet ihr, die Halme sind gemäht. Dennoch seid
-willkommen zum letzten Sprunge um den Erntekranz.«
-Und als Immo seinen alten Genossen Hugbald begrüßte,
-sprach dieser: »Unser Herr Abt sendet dir seinen Segen und<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-Dank für deine Mahnungen, die ihm die Spielleute zugetragen
-haben. Manchen Heiltrunk hat er dir zu Ehren getan.
-Jetzt hält er sich auf dem Berge gegen sein eigenes Kloster
-verschanzt. Doch hoffe ich, euer Sieg soll den Tutilo mit
-seinem ganzen Anhang austreiben.«</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen ließ der König die Gefangenen
-rings um die Mauern führen, die Belagerten zu schrecken,
-und sandte seinen Rufer, die Übergabe der Festung zu
-fordern. Dem Geschlecht des Markgrafen und den Dienstmannen
-versprach er freien Abzug in das böhmische Land,
-bei längerem Widerstand drohte er mit Austilgung durch
-Feuer und Schwert. Die Helden der Burg saßen in sorgenvoller
-Beratung, die Bedächtigen rieten, besser sei es,
-etwas zu retten, als alles zu verlieren, denn reißendem
-Wasser und siegreicher Hand vermöge man schwer zu widerstehen,
-aber die meisten riefen, sie wollten lieber sterben,
-als die Mauern übergeben, solange ihr Herr noch in Freiheit
-lebe. Und sie weigerten zuletzt die Übergabe. Den ganzen
-Tag wurde verhandelt, der König aber beschloß, die Unschlüssigen
-am nächsten Morgen durch einen Angriff zu
-zwingen.</p>
-
-<p>Es war eine mondlose Sternennacht, Immo wachte mit
-seinen Knaben am Ufer des Baches, nur einen Pfeilschuß
-von der Festung entfernt. Wie Jäger im Bergwald lagen
-die Thüringe, ihre braunen Wollmäntel über der Rüstung,
-Bogen und Pfeil in der Hand, wo ein Strauch oder eine
-kleine Senkung des Bodens Deckung gab. Sie lauerten
-auf jedes Geräusch und jeden Schatten, der hinter dem Bach
-und an den Zinnen der Festung sichtbar wurde. Gerade vor
-ihnen erhob sich ein dicker, viereckiger Mauerturm, welcher
-aus der Fluchtlinie der Mauer nach dem Bach vorsprang,<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-damit man aus ihm die anstürmenden Feinde von der Seite
-treffen konnte. Die rötliche Rauchwolke, welche jede Nacht
-über der Festung schwebte, sank tiefer, das Geräusch entfernter
-Stimmen verhallte; Mitternacht war vorüber und
-der graue Dämmerschein am Rande des Himmels rückte von
-Norden nach Osten. Da vernahm Immo neben sich das
-leise Gequake eines Frosches, das Zeichen, durch welches
-die Jäger einander mahnten; im nächsten Augenblick wand
-sich Brunico auf dem Boden zu ihm. »Sieh zur halben Höhe
-des Turmes. Es regt sich in der Luke, ich meine, dort ist ein
-Lebender zu merken, der graue Schatten sinkt langsam abwärts.«
-Gleich darauf klang es im Wasser: »Er watet oder
-schwimmt.« Immo gab das Zeichen, hier und da tauchte
-ein Haupt vom Boden, die Rohrpfeile flogen an die Sennen
-und die spähenden Blicke fuhren über jede Stelle des Ufers.
-Wieder rauschte es, der Leib eines Mannes hob sich über
-den Rand des Baches, vorsichtig schob er sich auf dem Boden
-vorwärts, gerade dem Versteck der Thüringe zu. Schon hatte
-er einen niedrigen Strauch erreicht und richtete sich hinter
-ihm auf der Lagerseite in die Höhe, um in das ferne Land
-zu blicken; da, als seine Gestalt über dem Grunde erkennbar
-wurde, klangen von beiden Seiten die Sennen und flogen
-die Pfeile gegen ihn. Der Mann stöhnte, neben ihm fuhr
-Brunico in die Höhe, nach kurzem Ringen trat der Knappe
-wieder an Immos Seite, und mit einer Gebärde des Abscheus
-sein Schwert einsteckend, brummte er, »es war Ringrank,
-der Fechter.« Immo sprang zu der Stätte, an welcher
-der Unselige lag, beugte sich über ihn und das schwere
-Haupt hebend raunte er ihm ängstlich zu: »Wer sendet
-dich?« Der Sterbende tastete mit der Hand nach seinem
-Messer, als er aber über sich das traurige Antlitz Immos sah<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-und die freundlichen Worte hörte, murmelte er: »Der Rache
-des Königs dachte ich zu entrinnen, darum trug ich einen
-Gruß für dich.«</p>
-
-<p>»Wo ist sie?« frug Immo tonlos.</p>
-
-<p>»Wo ich war,« seufzte der Mann wieder und fiel zurück.</p>
-
-<p>Die bleichen Sterne schienen auf glanzlose Augen,
-Immo deckte dem toten Fechter das Gewand über das Antlitz
-und wandte sich ab. Ihm hämmerte das Herz in der
-Brust und sein Blick haftete fest auf dem Turme, aus dem
-der Fechter herabgestiegen war. Er winkte Brunico an
-seine Seite, dann wand er sich selbst bis an das Ufer des
-Baches. Als er zurückkehrte, rief er seine Mannen in eine
-Talsenkung nach rückwärts. »Mahnt den Hugbald, der neben
-uns liegt, daß er mit Wigberts Knechten unsere Stelle besetze.
-Euch aber, meine Knaben, lade ich, daß ihr mir folgt.
-Denn was mir auch geschehe, ich klimme den Pfad hinauf,
-den der Tote herabgestiegen ist. Die in der Stadt vertrauen
-der Nacht und ihrem Handel mit dem Könige, keinen Wächter
-erkenne ich auf der Zinne, noch hängt das Seil. Halten wir
-erst den Turm, so soll Hugbald mit Sturmzeug uns folgen.«</p>
-
-<p>»Manche Klippe unserer Berge, die wir erklommen,
-war höher,« ermunterte Brunico. »Führe, Immo, wir
-folgen.« Die schnellen Knaben stiegen geräuschlos zum
-Bach hinab, sie tauchten in die Flut, wateten und schwammen
-und waren nach kurzer Zeit am Fuß des Turmes versammelt.
-Immo prüfte den Halt des Seils. »Der Erste sei ich,«
-brummte Brunico, ihm den Arm haltend. »Keiner vor
-mir,« befahl Immo, »schwinde ich dahin, so führe du die
-Treuen zurück.« Er schwang sich am Seile aufwärts und
-hob sich in die Öffnung des Turmes, gleich darauf schüttelte er
-das Seil, und seine Knaben folgten schnell einer dem andern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p>
-
-<p>Das Stockwerk des Turmes war menschenleer, die
-Tastenden fanden in der Mitte eine große Standschleuder
-und an beiden Seiten offene Türen, sie führten zu der Holzgalerie,
-welche an der inneren Fläche der Mauer unter den
-Zinnen entlang lief. Auch die Galerie in ihrer Nähe war
-ohne Bewaffnete, nur von dem nächsten Turme, durch
-welchen ein Tor nach dem Wasser führte, klangen die Tritte
-der Wachen. Während Brunico vorsichtig die kleine Treppe
-hinabstieg, welche von der Galerie zum unteren Stockwerk
-des Turmes reichte, gab einer der Knaben rückwärts dem
-Hugbald das verabredete Zeichen, einen flüchtigen Feuerschein.
-Dann harrten die Thüringe ungeduldig auf das erste
-Tageslicht.</p>
-
-<p>Unten aber am Bache rührte sich's. Hugbald hatte den
-bayrischen Schanzmeister zu Hilfe gerufen; die Belagerer
-rollten leere Fässer an das Ufer und schnürten sie mit Bohlen
-zu einem leichten Floß. Sie zogen die Sturmleitern über
-den Bach und hoben sie mit Hilfe des Seils zu der Turmöffnung.
-Als der Morgen dämmerte, war der Turm und
-die nächste Galerie in den Händen der Königsmannen;
-ohne Lärmzeichen drangen sie bis zu dem Tore, überfielen
-die sorglosen Verteidiger, zerschlugen die Sperrbalken der
-Torpforte und warfen die Fallbrücke über das Wasser.</p>
-
-<p>Da erhob sich in der Festung Alarmruf und Notgeschrei.
-Die geworfenen Verteidiger liefen vom Tore brüllend durch
-die Straßen, Hörner und Posaunen tönten, und aus den
-Gassen der Stadt stürmten die erweckten Helden an das verlorene
-Tor. Ein heißer Kampf entbrannte um die beiden
-Türme und die Mauer dazwischen. Die Markgräflichen umschanzten
-mit Schild und Speer den Zugang zu den nächsten
-Gassen, sie liefen unter ihren Schilden gegen die Toröffnung,<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-drangen auf der Mauerhöhe gegen die Türme und
-warfen ihre Geschosse von der Galerie auf die Königsmannen,
-welche von außen über die Brücke drängten, und
-drinnen die eroberten Türme besetzt hielten. Die Königsmannen
-aber sendeten Speere auf die Andringenden und
-schossen Brandpfeile gegen die Dächer der nächsten Häuser.
-Bald stiegen Rauchsäulen und lodernde Flammen aus den
-Höfen, und in das Getöse des Kampfes mischte sich das
-Gebrüll der Rinder und das Geheul der Einwohner.</p>
-
-<p>Der König hielt auf einem Hügel nahe dem Tor, um
-welches gestritten wurde, er sah, wie die lodernden Flammen
-hinter der Mauer aufstiegen, und nährte den Kampf durch
-neue Haufen, welche er über die Brücke trieb. Aber wie sehr
-er sich des Erfolges freute, er dachte auch daran, daß der
-letzte Streit gegen die gesammelte Macht der Verzweifelten
-seinem eigenen Heere einen guten Teil der Kraft nehmen
-könne, und daß an der abgewandten Seite der Festung noch
-eine feste Burg lag, in welcher die Feinde sich wohl zu halten
-vermochten, bis der Böhmenherzog zu Hilfe kam. Deshalb
-bezwang er die Sehnsucht nach Rache und sandte seinen
-Heerrufer über den Bach nach der Burgseite, um aufs neue
-mit den Belagerten zu handeln.</p>
-
-<p>In das Gewühl am Tor klang der Ruf, daß der König
-sich vertragen wolle, und der Kampfzorn der Verteidiger
-wurde schwächer. Einer nach dem andern warf sich nach
-rückwärts, um seine Habe aus der brennenden Stadt zu
-retten und die Burg zu gewinnen, und die Königsmannen
-stürmten mit hellem Siegesrufe vor. Als erster Immo,
-gefolgt von den schnellsten seiner Knaben. Gleich einem
-Wütenden war er von der Mauer gegen das Tor gefahren.
-Während er im Kampfe stieß und schlug und jeden Ansturm<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-der Feinde zurückwarf, hatte er nur einen Gedanken, zu ihr
-durchzudringen, die zwischen Rauch und Glut und dem
-Todeskampf der Männer die Arme zum Himmel hob. Jetzt
-sprang er wie ein wildes Roß durch Qualm und züngelnde
-Flammen in die Gassen der Stadt. Laut schrie er über die
-Haufen und in die offenen Höfe den Namen Hildegard.
-Der geborstene Helm war ihm vom Haupt geworfen, das
-blutbesprengte Haar flog ihm wild um die heißen Schläfe.
-Zwischen Herdenvieh, beladenen Karren, über Leichen der
-Gefallenen, durch kleine Haufen feindlicher Krieger stürmte
-er vorwärts, bald ausweichend, bald Schläge tauschend,
-bis er den Marktplatz der Stadt erreichte, wo das Getümmel
-am wildesten durcheinander wogte. Er überstieg die gedrängten
-Karren der Flüchtigen und wand sich durch eine
-Schar feindlicher Reiter, wie ein Verzweifelter mit dem
-Strome ringend. Da, in der Mitte des Marktrings, wo das
-steinerne Kreuz auf einer Erhöhung ragte, sah er einige
-böhmische Krieger auf eine helle Gestalt eindringen, die am
-Fuße des Kreuzes lag und mit beiden Armen den Stein
-umschlang. »Hildegard,« schrie er und ein schwacher Gegenruf:
-»Immo, rette mich,« klang in sein Ohr. Den Wilden,
-welcher die Arme nach der Liegenden ausstreckte, schleuderte
-er zur Seite, daß dieser das Aufstehen für immer vergaß,
-seine heranspringenden Genossen verscheuchten den fremden
-Schwarm. Er hielt die Gerettete in seinen Armen, küßte das
-bleiche Antlitz und rief sie mit den zärtlichsten Grüßen, und
-als sie die Augen aufschlug, da hob er sie lachend empor,
-während ihm die Tränen aus den Augen stürzten, und mit
-dem Schildarm sie umschlingend, hielt er am Kreuze die
-Wache für das geliebte Weib, das an seinem Hals hing und
-sich fest an seine Brust drückte. Über ihm wirbelte der<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-glühende Rauch, um ihn krachten die stürzenden Balken
-und das Kampfgetümmel wälzte sich durch die Straßen der
-Stadt, er aber stand, umgeben von Tod und Vernichtung,
-wie ein Seliger, und er sah, wie die hohen Engel mit flammenden
-Schilden und Speeren durch die Lohe schwebten
-und um ihn und die Geliebte eine feste Schildburg zogen.</p>
-
-<p>An der Ecke des Marktes wehte ein Banner, auf welchem
-er das weiße Roß der Sachsen erkannte, da rief er: »Glückauf,
-mein Geselle, dort nahen die Helden, denen ich am
-liebsten vertraue, damit sie dich zum König geleiten.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch8">8.<br />
-Die Not des Grafen.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Kampf um die Krone war entschieden. Mit unwiderstehlicher
-Gewalt trieb der König den Markgrafen der
-böhmischen Grenze zu, eine Burg nach der andern fiel in
-seine Hände, die Flammen, welche aus den gebrochenen
-Mauern aufstiegen, verkündeten dem erschreckten Lande den
-Sturz eines edlen Geschlechtes und die Rache des Königs.
-Schonungslos wollte der König alles mit Feuer und Schwert
-tilgen, was an die Herrschaft seines Feindes erinnerte, und
-die harten Vollstrecker seines Willens fühlten zuweilen ein
-Mitleid, das er nicht kannte, und milderten in der Ausführung
-sein Gebot. So scharf war des Königs Zorn, daß
-sich jedermann über die Schonung wunderte, die er einem
-der Verschworenen zuteil werden ließ. An dem Grafen
-Ernst wurde das Todesurteil nicht vollstreckt, der Held büßte
-nur mit einem Teil seines Schatzes und wurde in milder
-Haft gehalten. Und die Leute rühmten den Erzbischof
-Willigis, weil seine Bitten den Haß des Königs gedämpft
-hätten.</p>
-
-<p>Während der Markgraf als landloser Flüchtling in
-Böhmen umherirrte und die übrigen Empörer demütige
-Boten sandten, um die Gnade des Königs zu gewinnen,
-hielt Heinrich seinen Hof in Babenberg, der Stammburg<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-seines Feindes. Dort sammelte sich das siegreiche Heer, der
-Belohnung und Entlassung harrend, auch die Königin
-Kunigund kam von Regensburg an; mit großem Geleite
-holte sie der König ein, und die Edelsten des Heeres begrüßten
-die Herrin nach altem Heldenbrauch auf ihren
-Rossen im Eisenhemd, indem sie zu zwei Scharen geteilt in
-gestrecktem Lauf durcheinander ritten und dabei die Gerstangen
-durch wilden Wurf an den Schilden der Gegner
-zerbrachen.</p>
-
-<p>Immo hatte in dem Kampfspiel seine Reitkunst rühmlich
-erwiesen, die Jungfrau aber, in deren Augen er am liebsten
-sein Lob gelesen hatte, blickte nicht auf den glänzenden Zug.
-Er wußte, daß Hildegard auf Befehl des Königs unter der
-Aufsicht einiger frommer Schwestern in der Stadt weilte,
-aber ihm war trotz aller Mühe nicht gelungen, zu ihr zu
-dringen. Als er jetzt vom Rosse stieg und in die Herberge
-trat, fand er den Spielmann Wizzelin, der in neuem Gewande
-und mit klirrendem Goldschmuck, das Saitenspiel in
-der Hand seiner wartete, umdrängt von Kriegsleuten, welche
-mit dem wohlbekannten Mann Scherzreden tauschten und
-ihn mahnten, seine Kunst vor ihnen zu erweisen.</p>
-
-<p>»Gutes Glück bringe mir das Wiedersehen, du flüchtiger
-Wanderer,« rief Immo.</p>
-
-<p>»Auch euch ist alles gelungen,« antwortete der Spielmann,
-»und als ein Glückskind rühmten euch die Leute,
-während ihr heute so hurtig rittet. Liegt euch noch am
-Herzen zu erfahren, was ihr einst von mir begehrtet, so
-vermag ich Bescheid zu sagen.«</p>
-
-<p>Immo führte ihn schnell in seine Kammer.</p>
-
-<p>»Sie ist hier,« sprach Wizzelin leise, »sie will euch sehen,
-und ich vermag euch zu ihr zu führen. Die alten Nonnen,<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-bei denen sie weilt, sind keine strengen Wächter, auch sie
-vernehmen gern, wenn ich vor ihnen die Saiten rühre.
-Folgt mir sogleich, wenn es euch gefällt, doch haltet euch
-eine Strecke hinter mir zurück, denn ich bin den Helden hier
-nicht unbekannt,« fügte er stolz hinzu, »und muß auf viele
-Grüße antworten.«</p>
-
-<p>Sie traten auf die Straße, der Spielmann glitt behend
-durch das Gewühl von Reitern und Rossen, von Burgmannen
-und Landleuten, welche herzu geströmt waren, den
-Einzug zu sehen. Oft wurde er angerufen, auch Gelächter
-und Spottreden klangen ihm entgegen. Gegen die Huldreichen
-verneigte er sich und versprach Besuch und Lied, den
-Spöttern antwortete er mit dreister Gegenrede, so daß er
-die Lacher stets auf seiner Seite hatte. Endlich bog er in eine
-stille Seitengasse und fuhr durch das Tor eines dürftigen
-Hofes. Er wies auf eine niedrige Fensteröffnung, hob einen
-Zipfel der Decke, welche das Innere verbarg, und sagte
-zu Immo: »Springt dreist durch die Tür, ich halte die
-Wache.«</p>
-
-<p>Immo eilte in das Haus. Mit einem Freudenschrei
-warf sich Hildegard in seine Arme und drückte sich an seine
-Brust.</p>
-
-<p>»Wie bleich du bist, Hildegard, und gleich einer Gefangenen
-sehe ich dich bewahrt.«</p>
-
-<p>»Sie sind nicht hart gegen mich, und wären sie es auch,
-ich würde es wenig beachten, wenn ich an dich denke und
-dein Antlitz zu sehen hoffe. Denn so oft mich die Einsamkeit
-ängstigt und die Gefahr bedroht, bist du mir in meinen Gedanken
-nahe, du Lieber, mich zu trösten. Bald aber werden
-sie mich von hier fortführen zu der Königin, in ihrem Gefolge
-soll ich bewahrt werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist gute Botschaft,« rief Immo, »dort vermag ich
-dir eher nahe zu sein.«</p>
-
-<p>Aber Hildegard schwieg, ihr Haupt lag schwer an seiner
-Brust, und ihr junger Leib bebte in seiner Umarmung.
-»Hoffe das nicht, Immo, denn nicht für ein fröhliches Leben
-denkt mich der König zu retten, nur weil der große Erzbischof
-Mitleid mit mir hatte. Sie halten mich fest, wie die
-frommen Mütter sagen, damit ich nicht gleich einer Dirne
-auf die Straße geschleudert werde. Mein unglücklicher
-Vater!« rief sie mit gerungenen Händen. »Geh' von mir,
-Immo, denn Elend ist mein Los, und meinem Vater droht
-das Verderben.«</p>
-
-<p>Immo wußte wohl, daß der König damals, als er dem
-Geschlecht des Hezilo Abzug aus der Festung gestattete, den
-Grafen Gerhard mit seinem Gesinde aus dem Zuge der
-Entweichenden herausgerissen hatte, um ihn für seine Rache
-zu bewahren. Seitdem konnte niemand sagen, was mit dem
-Grafen geschehen war. Deshalb frug Immo sorgenvoll:
-»Vernahmst du, wo er weilt?«</p>
-
-<p>»Er liegt im Turm der Stadt gefangen, ich war bei ihm
-und er begehrt in seiner Not nach dir. Eile, Immo, denn
-kurz ist, wie sie sagen, die Frist, welche ihm noch auf dieser
-Erde gestattet wird. Tröste ihn, wenn du vermagst, und
-dann komm noch einmal zu mir, damit ich dich segne und dir
-für deine Liebe danke. Denn, Immo, merke wohl, die
-Tochter eines entehrten Mannes kann nicht ferner dein
-Geselle sein. Suche dir die Braut unter den geschmückten
-Frauen, welche mit der Königin eingezogen sind und sich
-gleich dir des Sieges freuen; ich aber und mein Geschlecht
-schwinden dahin wie die flammenden Häuser und die Weiber
-und Kinder, die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p>
-
-<p>Immo rief unwillig: »Ich hörte immer, die durch ein
-Band gebunden sind, sollen auch Leid und Liebe miteinander
-teilen, solange sie leben. Meinst du, Hildegard, daß
-ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen mich? Mein bist
-du, aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen und
-was sie auch über dich ersinnen, solange ich atme, darfst du
-dich niemandem geloben als mir, nicht der Königin und
-nicht den Heiligen. Zur Stelle suche ich deinen Vater auf,
-ob ich ihm nützen kann.« Er hob ihr gesenktes Antlitz mit der
-Hand zu sich herauf und sah ihr in die Augen. Lange dachte
-er an die heiße Liebe, mit der sie ihn bei diesem Scheiden
-ansah. »Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft,« rief
-er noch an der Tür.</p>
-
-<p>Am Fuß der Turmtreppe sprach der Wärter zu Immo:
-»Ihr werdet den Grafen in unehrlicher Gesellschaft finden,
-wenn euch beliebt, jetzt hineinzugehen. Einer seiner Fechter
-ist bei ihm, er hat ihn gefordert; ich rate, daß ihr harret, bis
-der ruchlose Mann gewichen ist.«</p>
-
-<p>»Öffne doch,« versetzte Immo, »er hat mich dringend
-begehrt.«</p>
-
-<p>Als Immo mit dem Schließer eintrat, sah er den Grafen
-auf einer Holzbank sitzen, und vor ihm stand Sladenkop,
-der Fechter, ein unförmlicher Gesell mit Armen und Beinen,
-die aussahen, als ob sie von einem riesigen Tiere genommen
-wären, mit kleinen scharfen Eberaugen, kurzer Stirn und
-borstigem Haar. Die Miene des Mannes war verlegen und
-sein Gesicht gerötet. Immo wandte den Blick mit mehr
-Teilnahme auf den Grafen. Denn sehr bekümmert erschien
-dieser, die Augen lagen tief und fuhren ängstlich umher, er
-war hagerer geworden und sein Kopf stand nicht mehr so
-trotzig zwischen den Schultern wie sonst, sondern hing ein<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-wenig nach vorwärts. Immo grüßte und winkte dem
-Schließer abzutreten, welcher mit einem argwöhnischen
-Blick auf den Fechter sagte: »ich harre draußen an der Tür,
-wenn ihr mich ruft.«</p>
-
-<p>»Ich freue mich, Immo,« antwortete der Graf dem
-Gruße, »daß du nicht verschmähst mich aufzusuchen, obwohl
-ich im Unglück bin. Immer hat dein Geschlecht mir edle
-Art gezeigt und gute Freunde sind wir von neulich, wo du
-in meiner Halle saßest und wo du in meinem Lager den
-Würzwein trankest. Jetzt verläßt mich alles, sogar dieser
-Köter,« er wies auf den Fechter. »Betrachte seine Arme,
-so habe ich ihn gefüttert, und mir hat er sein Leben gelobt,
-jetzt aber sträubt er sich, mir im Kampfe einen Vorteil zu
-geben.«</p>
-
-<p>»Verhüten die Heiligen, daß euch jemals das Los zuteil
-werde, diesem da im Kampfe gegenüber zu stehen.«</p>
-
-<p>»Emsig flehe ich zu den Heiligen, daß sie es verhüten
-mögen; aber es scheint, daß sie Lust haben, es zu gestatten.
-Denn wisse, Immo, der König hat Übles gegen mich im
-Sinn, und weil wir am Idisbach in der Übereilung dem
-Erfurter Kaufmann seine Ballen genommen und den Mann
-dabei beschädigt haben, so will der König mir die Ehre
-nehmen, ich soll als gerichteter Räuber um mein Leben
-kämpfen, und weil ich Fechter gehalten habe, so fordert er
-in seinem Zorn, daß ich vor dem Ringe seiner Edlen gegen
-meinen eigenen Fechter streiten soll.« Immo trat erschrocken
-zurück. Der Gefangene erkannte die Teilnahme und fuhr
-vertraulicher fort: »Aus deinen Augen sehe ich, Immo, daß
-ich dir alles sagen darf; merke wohl, dieser Undankbare, der
-meinen Silberring an seinem Arm trägt und der mir gelobt
-hat, um Geld und Nahrung in jedem Kampfe sein Leben<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-für mich zu wagen, er will sich jetzt von mir nicht treffen
-lassen.«</p>
-
-<p>»Wie kann ich eine Abrede mit euch machen, Herr, da
-ihr kein Fechter seid und des Handwerks nicht kundig,« fiel
-gekränkt der Fechter ein. »Wäret ihr einer von meinen
-Genossen, so wollte ich einen Arm oder ein Bein wohl daran
-wagen. Ihr aber würdet mir, wenn ich euch einen Vorteil
-gäbe, das Eisen in die Glieder treiben, daß ich des Aufstehens
-für immer vergäße.«</p>
-
-<p>»Du bist ein Narr, das zu fürchten. Ich war in meiner
-Jugend ein Schwerttänzer und treffe, wohin ich will, wenn
-mein Gegner Bescheidenheit erweist. So nimm doch die
-besten Gedanken in deinem dicken Kopf zusammen. Wenn
-ich dich wirklich ein wenig zu sehr träfe, durch die Hand eines
-Edlen zu fallen, wäre für dich das ehrenvollste Ende, das du
-finden könntest.«</p>
-
-<p>Der Mann stand mit zusammengezogenen Augenbrauen
-und überlegte. »Ja, Herr,« sagte er zögernd, »ihr sprecht
-nicht ohne Grund, auch der Fechter hat seine Ehre. Und
-trefft ihr mich, so soll dies mein Trost sein und es wird
-Nachruhm gewähren bei allem fahrenden Volk. Doch wenn
-ihr mich nicht trefft, sondern ich euch, dann wäre der Ruhm
-noch größer.«</p>
-
-<p>»Du aber hast dich mir gelobt, wie kannst du mich treffen,
-du Schuft?« rief der Graf zornig.</p>
-
-<p>Der Fechter sah finster vor sich nieder. »Ich weiß, was
-ihr meint,« begann er endlich, »und ich merke, daß ich in
-der Klemme bin wie ein Marder. Sie sollen nicht sagen,
-daß ich gegen meinen Herrn unehrlich gehandelt habe. Solange
-ich euren Ring trage, seid ihr sicher vor meinem Eisen;<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-feilen sie mir den Ring ab, so fechte ich als des Königs
-Kämpe und dann, meine ich, darf ich euch treffen.«</p>
-
-<p>»Weiche hinaus, du Elender,« rief der Graf zornig,
-»mich reut's, daß ich so manches Kalb und Rind in deinen
-Magen gestopft habe und mich reut's, daß ich in meiner
-Not bei einem Ehrlosen Hilfe suche.«</p>
-
-<p>Der Fechter sah verlegen und unschlüssig auf den Zornigen,
-dann wandte er sich trotzig zum Abgang. Als sich
-hinter ihm die Tür geschlossen hatte, saß der Graf eine Zeitlang
-schweigend auf der Bank, und Immo sah, daß ihm
-große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Endlich
-begann er mit gebeugter Haltung: »Wundere dich nicht,
-Immo, daß ich gerade dich bitten ließ. Du kennst den
-Brauch in heiligen Dingen, du bist selbst ein halber Geistlicher,
-obgleich du das Schwert führst, und vor allem bist
-du jung, erst aus Wigberts Zucht gekommen, du kannst noch
-nicht sehr viel Böses getan haben, und die Heiligen werden
-dir eher etwas zugute halten, als einem andern. Darum
-möchte ich dir Vertrauen schenken in der Sache, die mir
-jetzt zumeist am Herzen liegt. Willst du mir geloben, eine
-Bitte zu erfüllen, so tue es.«</p>
-
-<p>Da Immo erwartete, daß der Graf an seine Tochter
-denken würde, so war er gern bereit und sprach an sein
-Schwert fassend: »Ich will, wenn ich es ohne Schaden für
-meine Seele tun kann.«</p>
-
-<p>»Es ist ein frommes Werk,« versetzte der Gefangene
-traurig. »Wisse, Immo, daß es schwer ist, auf Erden ohne
-Sünde zu leben. So habe auch ich, wie ich fürchte, zuweilen
-etwas getan, was mich den Heiligen verleiden kann, ich
-sorge, daß es ihr Zorn ist, der mich in diese Gefahr gebracht
-hat und daß sie mich gar nicht gutwillig hören werden,<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine Rettung anflehe.
-Denn in meinem Jammer bekenne ich, wenig habe ich
-ihrer im Glück geachtet. Dem Gebet der Mönche mich zu
-übergeben, kann gar nichts frommen, denn auch diese sind
-mir zum Teil verfeindet, und sie beten nur eifrig, wenn sie
-Hufen und reiche Gaben erhalten. Meines Gutes aber
-wird, wie ich fürchte, der König mich entledigen. Darum
-ist mir eingefallen, was mich wohl retten könnte. Ich habe
-meine Sünden aufschreiben lassen; nicht gerade alle, denn
-mit den kleinen will ich den großen Fürsten des Himmels
-nicht lästig werden, aber die schwersten. Drei Tage und drei
-Nächte habe ich zwischen diesen Steinen darüber nachgedacht
-sie zu finden und zu bereuen. Dem Beichtiger der
-Gefangenen &ndash; er ist ein ausgelaufener Mönch und ein guter
-alter Mann &ndash; habe ich sie hergesagt und er hat sie auf mein
-Drängen niedergeschrieben und versiegelt.« Er holte ein
-zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor,
-wies es dem erstaunten Immo und sprach feierlich: »Hierin
-sind meine Sünden, nämlich die groben. Mir kann Rettung
-bringen, wenn du sie zu wundertätigen Reliquien großer
-Heiligen trägst und sie in ihrem Schrein oder doch darunter
-birgst, damit die Heiligen selbst mein Bekenntnis empfangen,
-und wenn sie es lesen, sich meiner erbarmen.«</p>
-
-<p>Immo trat erschrocken zurück und sah scheu auf das zusammengelegte
-Pergament. »Wie darf ich mich unterfangen,
-dies Blatt den Heiligen zu übergeben, da ich kein Priester
-bin?« versetzte er. »Und wie kann ich einen Reliquienschrein
-erreichen, da ich selbst kein solches Heiligtum besitze?«</p>
-
-<p>»Schaffe das Blatt an einen Ort, wo große Heilige
-hausen,« raunte der Graf ängstlich.</p>
-
-<p>»Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden,«<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-antwortete Immo, »und weiß nicht, ob mir die Mönche
-dort gestatten werden, dem Altar des heiligen Wigbert oder
-gar den hohen Aposteln zu nahen.«</p>
-
-<p>»Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen,«
-versetzte der Graf zerknirscht, »denn ich leugne nicht, alte
-Händel habe ich mit ihnen und sie möchten mir das gedenken.
-Auch in Fulda, fürchte ich, hat man schon manches
-von mir vor den Altären geraunt. Wandle leise zu einem
-hohen Heiligtum, wo man mich weniger kennt. Einen
-Reliquienschrein weiß ich, den besten von allen,« und er hob
-seinen Mund zu Immos Ohr und flüsterte: »das ist der
-Himmelsschatz unseres Herrn, des Königs. Er ist hier zur
-Stelle und schnelle Fürbitte tut mir not, sonst kann sie mir
-für dieses Leben nichts mehr helfen.«</p>
-
-<p>»Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Königs zu
-dringen?« rief Immo.</p>
-
-<p>»Ich weiß, daß du zu den Auserlesenen gehörst, welche die
-Wache in seiner Behausung haben, da mag dir wohl möglich
-werden, daß du das Pergament ungesehen unter die Decke
-schiebst. Vielleicht gelingt dir auch, den Geschorenen des
-Königs, der über dem Schrein wacht, durch Flehen und
-Gabe zu gewinnen. Versprich ihm Großes; denn wisse,
-einen Goldschatz, der nicht klein ist, bewahre ich unter einem
-Baume verborgen; wird der Priester zu der Guttat geneigt,
-so will ich den Schatz daran wenden und ihm die Stelle
-offenbaren.«</p>
-
-<p>»Um die Heiligtümer des Königs sorgt jetzt der fromme
-Abt Godohard,« versetzte Immo kummervoll, »der Goldschatz
-wird ihn nicht locken, den hohen Himmelsfürsten, die
-für den König bitten, in deiner Sache so zudringlich zu
-nahen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p>
-
-<p>»Ich finde dich kalt, Immo, wo es gilt, einen alten Genossen
-deines Vaters aus der Angst zu retten,« klagte der
-Graf und griff sich nach der feuchten Stirn. »Besseres hatte
-ich von dir gehofft und anderes hatte ich auch mit dir im
-Sinne. Denn als ich dich neben Hildegard, meinem Kinde,
-sitzen sah, wie du als Geselle ihr zutrankest, da fiel mir
-einiges ein, was ich mit deinem Vater beredet hatte, als
-ihr beide noch klein waret, und ich dachte, was nicht geworden
-ist, vielleicht kann es doch noch werden, wenn die
-Heiligen es fügen und auch dein Wille dahin geht. Jetzt
-freilich bin ich arg verstrickt, du aber bist im Glücke. Dennoch
-erinnerte ich mich an die Augen, die du damals machtest,
-als ich dich in meinen Saal laden ließ. Aber ich sehe, der
-Menschen Sinn ist veränderlich, zumal wenn sie jung sind.«
-Er setzte sich seitwärts auf die Bank und faltete die Hände,
-aber er sah von der Seite scharf nach dem offenen Antlitz des
-Jünglings, in welchem der innere Kampf sichtbar war.</p>
-
-<p>Wild stürmte es durch Immos Seele, Hoffnung, die
-Geliebte durch den Vater zu erwerben und wieder Mißbehagen
-darüber, daß der Vater sie ihm für eine heimliche
-Tat verkaufen wollte. Er stand in innerm Ringen und dabei
-fiel ihm die Lehre ein, welche ihm der alte Bertram für sein
-Leben mitgegeben hatte, daß er dem Gelöbnis eines Mannes,
-der in Todesnot sei, niemals trauen solle. »Wegen deiner
-Tochter fordere ich keinen Eid von dir, und du gedenke mich
-nicht durch ihren Namen zu beschwören, daß ich dir helfe.
-Denn deine Not will ich nicht mißbrauchen zu einem
-Gelöbnis.«</p>
-
-<p>»Du denkst edel, Immo,« rühmte der Graf, »sei auch
-barmherzig.«</p>
-
-<p>»Gib mir das Pergament,« rief Immo entschlossen, »ich<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-will tun, was ich kann, wenn auch nicht gerade so wie du
-meinst, doch nach meinen Kräften; obwohl ich zage, daß mir
-die hohen Gewalten deshalb zürnen werden. Vermag ich
-nichts, so lege ich deine Sünden wieder auf deine Seele
-wie ich sie empfing.«</p>
-
-<p>»Ganz hochsinnig finde ich dich, Immo, und ich vertraue
-deinem Mut und deiner Klugheit,« rief der erfreute Graf.
-Er legte das Pergament in die Hand des anderen und hielt
-sich mit beiden Händen an seinem Arme fest. Immo schob
-das Pergament vorsichtig in die Tasche seines Gewandes
-und wandte sich zum Abgange. »Ich fürchte, das Blatt verbrennt
-mir den Rock,« sagte er unruhig, »lebe wohl, soweit
-du es hier vermagst. Ich kehre wieder, sobald ich die Tat
-versucht habe.« Den wortreichen Dank des Grafen unterbrach
-das Klirren des Schlosses.</p>
-
-<p>Als der König am Abend nach dem Mahle in seine Herberge
-kam und durch den Haufen der Edlen und Geistlichen schritt,
-welche ihn erwarteten, um Segen für seine Nachtruhe zu erflehen
-oder ihm aufzuwarten, da sah er huldvoll, wie seine
-Gewohnheit war, nach allen Seiten umher, grüßte und
-nickte. Die neu Angekommenen aber, wenn sie Edle waren
-oder Geistliche, faßte er bei der Hand und küßte sie. Als
-der König Immo erblickte, der sich in die vorderste Reihe
-gestellt hatte und ihn bei dem Gruß flehend ansah, da
-merkte er wohl, daß dieser Huld begehre, winkte ihm gütig
-zu und sprach: »Als ein stolzer Held hast du dich heute getummelt,
-edler Immo, hell klangen deine Speere an den
-Schilden.« Und weil er gern daran dachte, daß Immo ein
-Gelehrter war, fügte er, um ihn vor den anderen noch mehr
-zu ehren, einen lateinischen Vers hinzu: Stolz schwingt der
-Held Ascanius die Waffen im Kampffeld. Und nachdem<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-er, wie dem Könige geziemt, jedem seinen Anteil an Ehren
-gegeben hatte, trat er in sein Schlafgemach. Als er sich dort
-ermüdet niedersetzte, begann der Kämmerer zu ihm: »Der
-Thüring Immo fleht um die Gunst, deiner Hoheit etwas
-zu sagen.«</p>
-
-<p>»Hat er es so eilig, Lohn zu fordern für seinen Sprung
-von der Mauer, ich habe ihm ja soeben vor allen Leuten
-wohlgetan.«</p>
-
-<p>»Er sagte,« antwortete der Kämmerer sich entschuldigend,
-»daß er dem König etwas Geheimes vertrauen müsse.«</p>
-
-<p>»Die Geheimnisse des Jünglings hättest auch du empfangen
-können.«</p>
-
-<p>»Das meinte ich auch,« versetzte der Kämmerer, »er aber
-flehte. Gefällt's dem König, so sende ich ihn fort, denn er
-harrt vor der Tür.«</p>
-
-<p>»So führe ihn herein,« befahl der König und stützte
-müde das Haupt in die Hand.</p>
-
-<p>Immo trat ein, kniete nieder und zog das Pergament
-des Grafen aus seinem Gewande.</p>
-
-<p>»Was bringst du mir so spät, Immo?« frug der König
-und sah kalt auf den Knienden.</p>
-
-<p>»Die Sünden des Grafen Gerhard,« antwortete Immo
-und legte das Pergament zu den Füßen des Königs.</p>
-
-<p>»Verhüten die Heiligen, daß ich so unselige Gabe annehme,«
-versetzte der König, mit dem Fuß das Pergament
-wegstoßend, »Unheil bedeutet solche Spende, sprich, was
-soll der Brief?«</p>
-
-<p>»Die Beichte ist es des Grafen,« sagte Immo feierlich,
-indem er das Kreuz schlug. Der König folgte schnell seinem
-Beispiel. »Der Graf verzweifelt in seiner Not, durch die
-Mönche bei den Himmlischen Gnade zu finden, zumal er<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-ihnen nichts mehr zu spenden hat, denn sein Gut und Geld
-liegen in des Königs Hand. Da ließ er in der Herzensangst
-durch <span id="corr228">einen</span> armen Priester seine Sünden niederschreiben
-und forderte von mir, daß ich sie heimlich zu den Heiligtümern
-meines Herrn und Königs trüge, damit die gewaltigen
-Nothelfer sich seiner erbarmten.«</p>
-
-<p>»Und du hast ihm den Sündenbrief nicht zur Stelle vor
-die Füße geworfen, Verwegener?«</p>
-
-<p>»Zürne mein König nicht, wenn ich gefehlt habe, mich
-erbarmte seine Angst. Wohl weiß ich, daß es ein Unrecht
-wäre, zu dem heiligen Geheimnis meines Königs zu schleichen
-und den Brief des armen Sünders dort zu verstecken, wie
-er begehrte. Dennoch wagte ich nicht, seiner Seligkeit
-hinderlich zu sein, und ich meine als redlicher Mann und
-nicht als Hehler zu handeln, wenn ich von der Gnade des
-Königs erbitte, daß mein Herr der Seele des hilflosen
-Mannes beistehe und seinem Priester gestatte, das Pergament
-zum Heiligtum des Königs zu tragen.«</p>
-
-<p>»Und was hat dir der Graf versprochen, damit du diese
-freche Bitte wagst?« frug der König hart, »denn meine
-Edlen pflegen nichts für nichts zu tun.«</p>
-
-<p>»Man hat mich gelehrt, von einem Manne in der Todesnot
-nicht Gabe und nicht Versprechen anzunehmen,« antwortete
-Immo.</p>
-
-<p>»Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat, hätte dich auch
-lehren sollen, gegenüber deinem Könige die Scham zu bewahren.
-Wie mögen die hohen Gewaltigen des Himmels,
-deren Gnade ich selbst froh bin, wenn sie sich zu meinem
-Heiligtum herniederneigen und mich schützend umschweben,
-wie mögen diese zugleich die Beschützer meiner Feinde werden?
-Und wie kannst du das wollen, wenn du kein Verräter bist?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span></p>
-
-<p>»Ich vernahm die hohe Lehre,« versetzte Immo kniend,
-»daß der Himmelsherr gern Erbarmen mit dem Sünder hat,
-und wenn der König, der des Herrn Schwert auf Erden hält,
-hier den Schuldigen richten muß, so mag ihn doch in seinem
-Amte trösten, daß die Bitte seiner Heiligen den armen
-Sünder aus den Krallen des üblen Teufels errettet.«</p>
-
-<p>»Mir aber liegt gar nichts daran,« rief der König ungnädig,
-»den untreuen Mann dereinst an der Himmelsbank
-wiederzufinden, wenn die Himmlischen mir dort den Herdsitz
-bereiten wollen. Das mußtest du wissen, du Tor, bevor du
-seine Sünden mir auf die Seele legtest. Denn wenn ich
-nach seinem unverschämten Verlangen tue, so schaffe ich
-einem, der mein Feind war, Hilfe in jenem Leben und
-vielleicht auch noch in diesem. Und wenn ich ihm dagegen
-seinen Willen nicht tue, so mögen die Heiligen mir zürnen,
-weil es mir an Erbarmen fehlt. In solche Gefahr setzt mich
-dein dreistes Verlangen. Entweiche mit dem Briefe und
-trage ihn zu einem anderen Heiligtum, zu welchem du
-willst, wenn dir an der Gunst des Grafen mehr gelegen ist,
-als an dem Vorteil deines Königs. Doch halt,« rief der
-König noch zorniger, »wer weiß, ob der Bösewicht nicht
-manches hineingesetzt hat, was mir selbst zum Schaden gereichen
-könnte, wenn die Unsichtbaren darauf hören.« Der
-König neigte sich schnell zu Boden, faßte den Brief und
-erbrach das Siegel. »Die Beichte des Grafen Gerhard
-will ich zuerst vernehmen, ehe sie zu den Heiligen dringt.«
-Er bekreuzte sich und setzte sich nahe zu der Kerze. »Schwach
-war die Kunst des Geschorenen, der diese Krähenfüße hingesetzt
-hat,« murmelte er. »Mit seiner letzten Verräterei
-fängt der Sünder an, ich glaube wohl, daß sie ihn am
-meisten ängstigt. Sie reut ihn, solange er im Turm sitzt. &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-Dann kommt der Kaufmann. Der Goldstoff, den er geraubt
-hat, war für die Königin bestimmt, und er hat ihn noch
-nicht einmal herausgegeben.« Und er las fort mit gespannter
-Aufmerksamkeit. Immo merkte, daß der König seine Gegenwart
-ganz vergessen hatte, denn er sprach zuweilen laut von
-den geheimen Taten.</p>
-
-<p>»Den Grafen Siegfried im Walde überfallen, wobei ihn
-leider mein Mann Egbert erschlug. Die Missetat blieb ungerochen,«
-rief der König, »die Leute sagten damals, der
-Gefällte sei von Räubern erschlagen worden. &ndash; Hier folgen
-Sünden gegen die Wigbertleute. Es ist eine ganze Reihe.
-Schwerlich würde Abt Bernheri dafür Absolution erteilen. &ndash; Mit
-Herzog Heinrich, dem Zänker &ndash; der dreiste Bösewicht,
-meinen Vater so zu nennen.« &ndash; Der König sah um sich,
-und als er Immo noch auf den Knien fand, sprang er auf und
-winkte ihm zornig die Entlassung. Dann ergriff er wieder
-das Pergament: »Mit Herzog Heinrich verschworen gegen
-Kaiser Otto.« Der König warf das Pergament auf den
-Tisch und schritt heftig im Zimmer auf und ab. »Das Unrecht
-meines eigenen Vaters soll ich zum Schrein der Heiligen
-tragen, damit die Heiligen es wissen und an mir rächen.
-Unerhört ist die Bosheit.« Wieder eilte er zum Tisch.
-»Und hier steht es, meine eigene Sünde,« und er las: »mit
-Herzog Heinrich, der jetzt König ist, Verabredung getroffen
-gegen seinen Vetter, den jungen Kaiser Otto.« Der König
-faßte das Pergament, drückte es mit der Faust zusammen
-und schleuderte es in den Kamin. Er riß die Kerze aus dem
-Leuchter, hielt sie daran, bis das Blatt sich bräunte und
-knisternd verkohlte und stieß heftig mit dem Fuß in die
-Asche. »Dies sei der Heiligenschrein, zu dem ich deine Sünden
-trage, du Ruchloser. Mich selbst soll ich verklagen vor meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-Nothelfern um deinetwillen. Lieber lasse ich dich unter
-deiner Sündenlast leben wie bisher, als daß ich dir den
-Himmel öffne. Siehe selbst zu, ob du auf dieser Erde das
-Erbarmen der Himmlischen gewinnst, ich weigere dir die
-Hilfe, die du begehrst.« Der König stand finster vor dem
-Kamin. »An mein eigenes Unrecht mahnt er mich und ich
-fühle den Schrecken und die bittere Reue. Für mich selbst
-will ich zu den Ewigen flehen wegen alter Sünden, und daß
-ich jetzt dem Flehen einer armen Seele nach der Seligkeit
-meine Hilfe verweigerte.« Und Heinrich eilte zu dem
-vergoldeten Schrein, um den, wie er meinte, die hohen
-Fürsten des Christenhimmels unsichtbar walteten, enthüllte
-die heilbringenden Reliquien und warf sich mit gerungenen
-Händen vor ihnen nieder.</p>
-
-<p>In der Frühe des nächsten Tages begann die Feier der
-Heerschau. Unter den Mauern der Festung Babenberg
-waren auf freiem Felde Schranken errichtet, die Pfosten
-mit grünen Zweigen umwunden, die Treppen mit kostbaren
-Teppichen belegt, an einer Seite stand auf hohen Stufen
-der goldene Königsstuhl. Dort wollte der König die Gaben
-verteilen und sein siegreiches Heer entlassen. Als die Sonne
-aufging, zogen die Scharen von allen Seiten der Ebene zu
-und lagerten bei ihren Bannern in weitem Ringe um den
-eingefriedeten Raum. Eine unzählige Menge Volkes drängte
-an den Schranken, um den König und das Festgepränge zu
-schauen. Die Helden des Heeres ritten in ihrem besten
-Schmuck herzu, stiegen von den Rossen und sammelten sich
-in der Umzäunung. Als der König auf seinem Schlachtrosse
-herankam, in Königstracht, die Krone auf dem Haupt, begleitet
-von der Königin und einem endlosen Gefolge geistlicher
-und weltlicher Herren, da brauste der Heilruf durch die<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-Scharen, und auch die Landleute schrien und hoben die
-Arme, obgleich viele von ihnen über das Schicksal ihrer alten
-Herren bekümmert waren. Der König und die Königin
-stiegen die Stufen hinauf und setzten sich würdig auf den
-Königsstuhl, um sie herum saßen auf niedrigen Stühlen die
-Edelsten des Reiches. Nachdem der Rufer Stille geboten
-hatte, erhob sich der Erzbischof von Mainz, sprach das Gebet,
-segnete den Tag und verkündete mit mächtiger Stimme,
-die weit in das Feld schallte, den Willen des Königs. Zuerst
-die Strafen, welche der königliche Richter über die Empörer
-verhängt hatte. Jeden derselben nannte er beim Namen,
-dann seine Missetat und die Strafe, welche nicht sanft war.
-Nur den Bruder des <span id="corr232">Königs</span> nannte er nicht, um das hohe
-Geschlecht zu schonen.</p>
-
-<p>Immo stand in den Schranken nahe den Stufen und
-lauschte gespannt auf jedes Wort des Erzbischofs. Als in
-der unseligen Reihe der Besiegten der Name des Grafen
-Gerhard gerufen wurde, hielt er ängstlich den Atem an,
-denn er wußte, daß der Geliebten unsägliches Wehe bereiten
-würde, was darauf folgte. Aber ihm schoß vor Freuden
-das Blut ins Gesicht und durch die ganze Versammlung
-ging ein leises Summen, als der Erzbischof aus dem großen
-Pergament verkündete, daß die Gnade des Königs die
-Missetat des Grafen nicht an seinem Leben und seiner Ehre,
-sondern nur an einem Teile seines Gutes rächen wolle, und
-daß dem Treulosen gestattet werde, seinem Lehnsherrn
-aufs neue den Treueid zu schwören. Immo machte eine
-heftige Bewegung, um aus den Schranken zu eilen, und der
-alte Hugbald, welcher als Führer der Klostermannen auch
-die Ehre genoß, in den Schranken zu harren, mußte ihn am
-Arme halten, daß er die Feierlichkeit nicht störte. Sorglos<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-und mit lachendem Munde vernahm er eine lange Reihe
-von Belohnungen, welche der Erzbischof verkündete, denn
-der König teilte die großen Lehen der Babenberger unter
-seine Edlen. Jeder, der ein Herrenlehn empfing, ritt mit
-seinem Gefolge in gestrecktem Lauf dreimal um die Schranken,
-stieg am Eingange ab, trat die Stufen hinauf, empfing
-kniend die Fahne und schwor den Eid in die Hand des Königs.
-Das währte lange, und die Sonne brannte heiß, bevor alles
-nach Gebühr vollendet war. Aber die Krieger und das Volk
-ertrugen gern den Sonnenbrand, denn was darauf folgte,
-war der freudigste Teil der Begabung. Der Kämmerer des
-Königs schritt in die Schranken, gefolgt von einer langen
-Reihe wohlgekleideter Diener, welche an Stangen große
-Truhen trugen, die sie vor den Stufen des Königsstuhls
-nebeneinander niedersetzten. Die Decken wurden abgehoben,
-und ein Goldschatz, wie ihn wenige Menschen geschaut
-hatten, blinkte in der Sonne. Große Kannen, Becher
-und Schalen, Dolche und reichgeschmückte Helme, Ketten
-und Armringe lagen kunstvoll geschichtet übereinander.
-Nach der Enthüllung scholl ein lautes Geschrei und zahllose
-Heilrufe, die Zuschauer drängten ganz außer sich an die
-Schranken, die zahlreichen Trabanten mußten stoßen und
-sich entgegenstemmen, um den Einbruch abzuwehren. Und
-die Verteilung der Ehrengeschenke an die Tapfern des
-Heeres begann. Der Kanzler trat vor und öffnete eine
-Pergamentrolle, welche bis an den Boden reichte, laut rief
-er den Namen jedes Helden und die Gabe, womit er geehrt
-wurde. Die rechte Seite innerhalb der Schranken war durch
-den Rufer geräumt; wer von dem Kanzler geladen wurde,
-trat vor den Stuhl des Königs, empfing sein Geschenk, huldigte
-und schritt vergnügt der anderen Seite zu. War er<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-aber aus vornehmem Geschlecht, so überreichte der Kanzler
-dem König die Spende, und dieser teilte sie selbst dem
-Glücklichen zu und sprach, wenn er ihn hoch ehren wollte,
-einige huldreiche Worte. Auch das Heer und Volk begleitete
-mit lautem Zuruf die Gaben, wenn der Empfänger rühmlich
-bekannt und im Heere beliebt war. Aus der Nähe Immos
-wurden viele Helden gerufen, Hugbald trat vor und empfing
-seine Kette, nicht lange darauf hörte Immo den Namen
-seines Gespielen Brunico, welcher ganz hinten an den
-Schranken stand, und als dieser einen schweren Goldring
-erhielt, sprach der König vom Throne: »Den Schmied hast
-du mir gerettet, trage dafür seine Arbeit.« Aber Immo
-wurde nicht gerufen. Die Truhen leerten sich, die Unruhe
-in der Umgebung des Königs zeigte an, daß der Aufbruch
-nahe war. Immo stand mit einer kleinen Zahl andrer unbeachtet
-auf seiner Stelle. Er merkte, daß sich verwunderte
-Blicke nach ihm richteten, und er begann zornig die Kränkung
-zu fühlen. Hatte ihn auch der König am letzten Abend ungnädig
-entlassen, er wußte doch, er hatte dem König gut gedient
-und war oft vor anderen ausgezeichnet worden. Zwar
-um den Goldschatz hatte er wenig gesorgt, aber auch er hatte
-zuweilen daran gedacht, daß ein Schmuckstück eine gute Erinnerung
-sein werde. Jetzt erkannte er, daß der düstere Blick
-Gundomars von der Höhe auf ihm haftete, und er fühlte,
-ärgerlich über sich selbst, daß er errötete und den Leuten ein
-gleichgültiges Gesicht zu zeigen nicht vermochte. Er merkte
-auch, daß Herzog Bernhard, dem seine Würde erlaubte, in
-der Nähe des Königs sich freier zu rühren, hinter den Stuhl
-des Königs trat, und daß der König sich einen Augenblick
-nach rückwärts wandte. Er verstand die Worte des Königs
-nicht, und sie hätten ihn auch nicht erfreut, denn Heinrich<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-antwortete der gutherzigen Frage des Herzogs nach Immo:
-»Er hat bereits weit mehr erhalten, als er verdient.« Da
-stieg der Herzog die Stufen herab und schritt über den Platz
-dahin, wo Immo fast allein stand, stellte sich behaglich neben
-ihn und sagte lächelnd: »Für uns beide, für dich, Held Immo,
-und für mich, klingt heute das Goldblech nicht.«</p>
-
-<p>»Euch, erlauchter Herr,« versetzte Immo mit einem dankbaren
-Blick, aber mit zuckenden Lippen, »vermag keine
-Königsgabe an Ehren etwas zuzusetzen, mir aber, hoffe ich,
-soll die Verweigerung der Gabe die Ehre nicht mindern.«</p>
-
-<p>»So ist es recht, Held,« mahnte der Herzog, »sieh trotzig
-geradeaus. Vernimm ein Gesuch, das ich dir zur Stelle ausspreche,
-weil ich erkenne, daß du schwerlich im Dienste des
-Königs beharren wirst. Komm als mein Gast mit mir in mein
-Sachsenland, wir jagen miteinander die wilden Ochsen in
-der Heide. Du sollst das Weidwerk bei uns nicht schlechter
-finden als in deinen Bergen. Und noch anderes begehre ich
-von dir. Die Burgen, welche fremde Seeräuber an der
-Küste im Wasser geschanzt haben, will ich brechen, sobald der
-Eisfrost eine harte Bahn zu ihren Holzringen bereitet, dabei
-sollst du mir helfen. Ist dir's recht, so schlage ein.« Er hielt
-ihm die Hand hin, welche Immo freudig ergriff. Und der
-Herzog fuhr fort: »Der König erhebt sich, das Heer zu entlassen.
-Unsere Krieger sind ungeduldig, die Herden der Beutetiere
-und der gefangenen Böhmen zu teilen.«</p>
-
-<p>Der König und seine Edlen bestiegen die Rosse, die
-Helden sprengten auseinander zu ihren Haufen. Vor jeder
-Schar hielt der König an, zollte seinen Dank und sprach die
-Worte der Entlassung. Auch als er zu dem kleinen Haufen
-der Bogenschützen kam, welche Immo führte, neigte er das
-Haupt und rief: »Treu erfüllt habt ihr den Eid, den ihr freiwillig<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-gelobtet, ich löse euch von der Pflicht, zieht in Frieden
-heim zu euren Bergen.« Aber dabei ruhte sein Blick kalt und
-feindselig auf ihrem Führer, und dieser erkannte, daß der
-König ihn ungnädig von sich entfernte, und daß sein Schicksal
-ihn anders als er selbst gedacht hatte, aus dem Königsdienst
-löste. Er grüßte zum letztenmal mit seiner Waffe den Kriegsherrn
-und führte seine Knaben nach der Stadt zurück.</p>
-
-<p>Aus der Herberge eilte er zum Grafen Gerhard, bayrische
-Königsmannen hielten die Wache und weigerten ihm den
-Zutritt; er stürmte zu dem Hofe der Nonnen, die frommen
-Mütter waren mit Hildegard durch Reisige aus der Stadt
-geleitet, niemand wußte zu sagen, wohin. Da suchte er den
-Kanzler auf, dieser empfing ihn kalt. »Soll ich dir Gutes
-raten, so entziehe dich dem Auge des Königs, denn ich fürchte,
-er sinnt dir nichts Günstiges. Für die Jungfrau wird der
-König selbst sorgen; wie ich vernehme, will mein Herr, daß
-sie geschleiert werde, damit sie für die Missetaten des Vaters
-von den Heiligen Verzeihung erwerbe.«</p>
-
-<p>Mit Mühe bewahrte Immo die Kraft, den Segen des
-Kanzlers zu erbitten, den dieser mit einer nachlässigen Handbewegung
-erteilte. Er kam verstört in seine Herberge und
-trat in die Kammer, in welcher Heriman, der Goldschmied,
-lag, der von seiner schweren Wunde langsam genas. Oft
-hatte Immo während der Belagerung in der Hütte des
-Kranken gesessen und dem klugen Landsmann vertraut, was
-ihm auf der Seele lag, jetzt setzte er sich bleich und erschöpft
-neben ihn. »An einem Tage habe ich alles verloren, worauf
-ich hoffte, und wenn ich von hier weiche, wie ich soll, so nehme
-ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir. Dennoch vermag
-ich das Land nicht zu räumen, bevor ich die Jungfrau wieder
-gesehen habe.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p>
-
-<p>»Ich bleibe zurück,« versetzte Heriman tröstend, »dir
-danke ich, Immo, daß ich lebe und meine Glieder wieder zu
-regen beginne. Diese Schuld zahle ich dir jetzt oder wann
-du verlangst. Besser vielleicht als du selbst, vermag ich dir zu
-nützen. Denn Kundschaft habe ich beim Könige und vielen
-Großen, und mancher Stolze beachtet in der Stille meine
-Worte. Ziehe mit dem Herzog, denn weilst du hier, so wird
-es dein Verderben. Du läßt einen zurück, der ein wenig die
-Weise kennt, wie man die Geheimnisse der Mächtigen erkundet.
-Noch ist die Jungfrau nicht geschleiert. Und was ich
-erfahre, Günstiges oder Ungünstiges, das sollst du wissen.«</p>
-
-<p>Während der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach
-und dieser gern seinen Worten lauschte, scholl in der
-Haustür und auf der Straße ein wirres Getön von Pfeifen,
-Fiedeln und Menschenstimmen, ein wilder mißtönender
-Lärm von allerlei Weisen, welche durcheinander klangen,
-von Gelächter und trunkenem Geschrei. Immo eilte die
-Treppe hinab. Im Hausflur saß Brunico an der weit geöffneten
-Tür, eine Trinkkanne in der Hand, umgeben von
-seinen Bogenschützen, vor ihm aber auf der Schwelle und
-auf der Straße stand ein großer Haufe fahrender Spielleute,
-von denen jeder unbekümmert um die anderen in seiner
-Kunst das Beste tat, so daß ein unordentliches und greuliches
-Getöse durch das Haus und über die Straße schallte.
-»Schneller,« trieb Brunico, »ihr zirpt wie die Mädchen, die
-zum erstenmal im Reigen springen. Wer um die Wette läuft,
-darf seinen Atem nicht sparen.« Von neuem begann das
-tolle Gefiedel und Geschrei. »Jetzt merkt auf,« mahnte
-Brunico lachend, »der schnellste fängt den Preis.« Er zog
-den goldenen Ring vom Armgelenk und hielt ihn in die Höhe,
-schleuderte ihn über die Köpfe der Spielleute in den Staub<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-der Straße und rief: »So wirft der Bauer von Friemar den
-Armring des Königs.« Gleich Hunden sprangen die Fahrenden
-nach dem Ringe, sie fielen und überschlugen sich in
-wirrem Knäuel, das Volk schrie, jauchzte und balgte sich mit
-den Unehrlichen, bis endlich einer der Spielleute den Goldschmuck
-faßte, emporhielt und schnellfüßig mit dem Preise
-entrann. Und als Immo den Gespielen schalt: »Wie magst
-du eine wertvolle Gabe vergeuden, die dein Geschlecht und
-dein Mädchen lange erfreut hätte?« da antwortete Brunico:
-»Ich warf sie fort, damit sie mir nicht die Augen blenden
-sollte. Denn übel stände mir an, das Ehrengeschenk eines
-Königs zu tragen, der dich gekränkt hat, während er mir
-spendete.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch9">9.<br />
-Unter den Rößlein der Horsila.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Felder in Thüringen waren geleert, die Viehherden
-weideten auf den Stoppeln und die Jäger zogen mit ihren
-Hunden in den Bergwald. Auch die Brüder Immos hatten
-durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie waren gegen
-die Elbe gezogen, um einen Einbruch der Böhmen zu rächen,
-aber der Feind war ihnen eilig hinter seine Berge ausgewichen
-und sie fanden nur die verkohlten Trümmer der
-niedergebrannten Höfe. Da waren sie unzufrieden heimgekehrt
-und sannen mit ihren Landsleuten auf einen vergeltenden
-Zug für das nächste Frühjahr.</p>
-
-<p>Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen
-und gerade über die Brücke eines Nachbardorfes
-ritten, fanden sie den Weg durch Gedränge der Einwohner
-gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus den Höfen,
-einander zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten
-Reiter, und um diese schloß sich der Ring. Die Jagdhunde
-der Brüder fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen,
-und Erwin hatte Mühe, die Zerrenden an ihren Riemen
-zurückzuhalten.</p>
-
-<p>»Es sind Fremde, welche ausgefragt werden,« rief Ortwin,
-und schneller trabten die Rosse. Die Dorfleute machten
-den Jünglingen grüßend Platz, und diese fanden in der Mitte<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr gekleidet und von
-einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das Saitenspiel
-bewahrte. Zwei Landleute hielten das Roß des Spielmannes
-am Zügel, vor ihm standen die Ältesten des Dorfes
-und in großem Kreise alt und jung mit aufgerissenen Augen,
-Verwunderung und helle Neugierde in den Gesichtern. »Sei
-gegrüßt, Spielmann,« rief Odo lächelnd, »wer deine Pferde
-betrachtet, muß rühmen, daß du Glück im Kriege gehabt hast.«
-Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es die
-wohlgeformten Glieder rege. »In dem siegreichen Heere
-findet auch ein armer Spielmann etwas Gutes,« versetzte
-er stolz.</p>
-
-<p>»Wunderbares erzählt er von dem Glück des Königs und
-wie die Burgen des Markgrafen brannten,« berichtete ein
-alter Bauer.</p>
-
-<p>»Tag und Nacht könnte ich euch erzählen, niemand vermöchte
-in einem Niedersitzen alle Heldentaten herzusagen,«
-fuhr Wizzelin fort. »Auch bei euch raste ich wohl einmal und
-singe unter der Linde; jetzt aber öffnet den Weg, denn ich
-begehre dringend weiter zu ziehen.«</p>
-
-<p>»Ich hoffe, du herbergst heute bei uns im Hofe,« mahnte
-Odo. Doch unter den Dorfleuten erhob sich Gemurr. »Er
-hat noch wenig gesagt,« riefen mehrere Stimmen. »Wir
-verlangen von den Nachbarn zu hören, welche freiwillig zu
-König Heinrich gezogen sind,« schrien andere.</p>
-
-<p>»Als Helden kehren sie zurück, ihre Wagen sind schwer
-mit dem Kampfgewinn beladen und Beuterosse führen sie
-in langer Reihe, auch böhmische Knechte, welche ihnen der
-König zugeteilt hat, wenn sie dieselben nicht bereits an die
-Händler verkauft haben; denn ihnen wird mühsam sein, die
-Menge der Sklaven auf der Reise zu ernähren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span></p>
-
-<p>Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete, und
-die Knaben schlugen in ihrer Aufregung Purzelbäume im
-Staube.</p>
-
-<p>»Sahst du den Dindo, den Sohn meiner Schwester
-Wendilgard?« frug eine stattliche Bäuerin.</p>
-
-<p>»Dindo?« versetzte Wizzelin, »der Held mit den runden
-Backen, sicher kenne ich ihn. Er kehrt ganz heil zurück, und
-ich meine, in seinem Reisegepäck liegt auch eine Spange,
-welche das stolze Herz seiner Base erfreuen wird.«</p>
-
-<p>»Was weißt du von Engilbrecht,« klang es aus dem
-Haufen, »und vom Vortänzer Richilo?«</p>
-
-<p>»Engilbrecht kommt ohne Wandel, sowie er gegangen ist,
-und der schnelle Richilo hat neue Reigen getanzt von der
-Mauer in eine brennende Stadt, beide schreiten mit gebauschten
-Taschen einher und bringen für manche, die ihnen
-lieb sind, Gutes in ihren Säcken; geduldet euch jetzt und ihr
-alle werdet erstaunen.«</p>
-
-<p>Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung
-und aller Blicke richteten sich nach den Brüdern. Niemand
-wollte die Frage tun, die zuerst ihnen gebührte. Da sie aber
-schwiegen, rief Sigilind, ein mutiges Weib: »Weißt du etwas
-von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?«</p>
-
-<p>»Ha,« rief Wizzelin, »du nennst einen von den großen
-Helden des Königs Heinrich; laut hörte ich seinen Goldschatz
-rühmen, denn Armringe aus Königsgold, die wohl ein halbes
-Pfund schwer waren, hat er meinen Genossen auf die Straße
-hingeworfen als Lohn für ihre Lieder.«</p>
-
-<p>Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und
-Sigilind, Gisa, Engiltrud und die anderen Weiber hoben die
-Hände zum Himmel und rannten von dannen, um den Höfen
-die unglaubliche Kunde zuzutragen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p>
-
-<p>»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen
-auseinander,« spottete Wizzelin leise zu Odo, »die Bahn
-ist gefegt, gefällt's euch, so dringen wir durch.« Und nach
-allen Seiten grüßend und Rückkehr verheißend, trabte er
-mit den Brüdern von dannen.</p>
-
-<p>Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes
-geritten, so flog die Kunde von seiner Ankunft durch jeden
-Stall und jede Kammer; auch hier drängten die Leute
-heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und seinem Gefährten
-die Pferde anzubinden, und die Mägde steckten die
-Köpfe zusammen und bewunderten sein schönes Gewand
-und die klirrende Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und
-sein Geschlecht waren nicht willig zu wedeln, sie bellten
-wütend und unablässig und sprangen feindselig an den Spielleuten
-herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo, welcher die
-Hunde scheuchte, mit finsterem Lächeln: »Der Fahrende
-vermag die Gunst der Männer und Frauen zu gewinnen,
-die Köter aber bleiben seine Feinde, sie erkennen ihn in
-jedem Gewande.« Er ordnete Haar und Rock und zog sein
-Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen
-der Herrin Edith trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute,
-alle in froher Erwartung der Kunst, die er nach dem
-Mahle spenden würde. Den Spielleuten wurde ein besonderer
-Tisch gestellt, aber Edith winkte, daß ihnen gute
-Kost geboten wurde und der beste Met des Hauses. Und
-Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher, welcher ihm
-der Ehre wegen noch lieber war als der Trank.</p>
-
-<p>Nach dem Mahle begann Edith: »Da du beim Heere des
-Königs weiltest, so gib uns Kunde, soweit du vermagst.
-Denn nur Undeutliches hörten wir von seinem Siege und
-dem Unglück der Feinde.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom
-Raub des Schatzes, von Belagerung der Feste und von den
-Kämpfen gegen Hezilo. Er sprach langsam und feierlich
-und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang; vieles berichtete
-er getreu nach der Wahrheit, anderes wie es ihm
-in den Sinn kam. Den Namen des Mannes aber, an den
-jeder in der Halle dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit
-verhaltenem Atem lauschten die Zuhörer, nur wenn er vom
-Schlachtgewühl erzählte, rührten sich die Männer, ihre
-Augen glänzten und sie nickten einander zu, und so oft er
-den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte,
-seufzten die Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet
-hatte, sprach Edith: »Füllt ihm aufs neue den Becher.
-Du aber bewahre das Silber mit unserm Dank, denn große
-Dinge hast du uns verkündet, die wir alle im Gedächtnis
-behalten, solange wir leben.« Da sprang Gottfried auf,
-überreichte dem Spielmann den Becher und begann:
-»Weißt du etwas von meinem Bruder Immo, so verkünde
-auch das, denn an ihn dachten wir alle, während wir dich
-hörten.« Bei diesen Worten des Knaben brachen die Dienstleute
-in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der
-schnell verhallte, aber er kam aus bedrängten Herzen, die
-von einer Last befreit wurden. Wizzelin hob den Becher und
-rief: »Heil sei dir, junger Held, daß du als der erste nach
-ihm frägst im Saale seiner Väter.« Er ergriff sein Spiel,
-fuhr schnell über die Saiten und sprach: »Dieses Spiel hat
-oft von seinem Namen getönt, denn wir Fahrenden singen
-mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und am Herdfeuer.
-Wollt ihr das eine hören, wie er den Grafen Ernst
-schlug?« Und die Saiten rührend, stimmte er die Weise an:
-»Einen Helden weiß ich, Immo aus Thüringeland. So<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-lautet das Lied,« erklärte er, »höre Geschlecht Irmfrieds!«
-Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des
-Baches die Helden des Babenbergers schlug, den Waltram,
-Hartwin und den jungen Hadamund, und wie er darauf
-die Wache am Felsentor hielt, um durch seinen Leib den
-König zu decken. Dort lief der edle Graf Ernst gegen ihn
-an, die Speere flogen, die Schilde krachten und aus den
-Schwertern fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger
-mit zerschlagenem Helme betäubt zurückfuhr. Da warf
-Wolfere von fern her den Hammer und traf dem jungen
-Helden das Haupt, daß er blutend zurücksank. Aber den Fall
-seines Edlen zu rächen, sprang König Heinrich selbst in den
-Kampf.</p>
-
-<p>Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt
-wie er wollte, und er war gewöhnt, daß sie durch hellen Ruf
-und leises Stöhnen ihren Anteil kundgaben. Heute aber
-freute sich der Schlaue über das Entzücken, welches er erregte.
-Die dienenden Frauen streckten in ihrer Aufregung
-die Hände immer wieder dem Himmel zu, Gertrud schluchzte
-vor Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den
-Nasenflügeln und griffen mit den Händen um sich. Der
-Knabe Gottfried stand wie verzückt mit glühenden Wangen
-und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt schien zu
-wachsen und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt.
-Auch andere sah der Sänger, welche sich gegen die Gewalt
-seiner Töne wehrten, bis ihr stolzer Groll dahinschmolz in
-der heißen Freude über die Ehren eines Haussohns. Die
-Mutter barg nach den ersten Tönen ihr Gesicht in der Hand,
-und als er den Sturz Immos verkündete, erhob sie sich von
-ihrem Sitz und trat zurück in das Dunkel. Die Brüder
-saßen im Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-Männern, welche gefaßt sind, Unwillkommenes zu hören.
-Doch auch ihr Widerstand wurde schwach, in ihren Augen
-leuchtete die Freude, die jüngeren sprangen auf und traten
-nahe zu dem Sänger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen
-Mund zuckte die Bewegung. Und als der Sänger endete
-und ein Jubelgeschrei der Dienenden, welches nicht enden
-wollte, durch den Saal brauste, da trat Odo zu dem Spielmann,
-bot ihm den Becher, aus dem er selbst getrunken
-hatte, und sprach: »Nimm noch dies Silber, das dir die
-Söhne Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit
-dem Bruder, wir freuen uns doch, wenn der Name unseres
-Geschlechtsgenossen im Lande gerühmt wird.«</p>
-
-<p>»Weißt du mehr von ihm?« rief Gottfried.</p>
-
-<p>Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten. »Ihr
-mögt wählen unter den Liedern, die ich von ihm habe.«
-Und er verkündete ihnen nach der Reihe alles, wie Held
-Immo unter den Sachsen ritt, wie er den Dienstmann
-Egbert schlug und wie er als erster sich mit seinen Genossen
-in die Festung schwang.</p>
-
-<p>Der Sang war verklungen, die Hörer saßen schweigend,
-ganz aufgelöst von der starken Bewegung. Da ergriff
-Wizzelin seine Fiedel und begann mit dem Bogen die
-Saiten zu rühren, langsam, in einer rührenden Weise, aber
-er sang und sprach nicht mehr. Auch die Versammelten
-saßen still und wenn einem das Herz zu weich wurde, so
-wischte er verstohlen die Träne ab.</p>
-
-<p>Das war die erste Kunde von Immo, welche in sein
-Vaterhaus drang. Nicht lange darauf kehrten die Bogenschützen
-in ihre Dörfer zurück mit hochbeladenen Wagen und
-manchem schönen Beutestück. Mehr als einer wurde nach
-dem Hofe geladen und erzählte, so gut er vermochte, von<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-sich selbst und von seinem Anführer, und daß Immo mit
-dem Sohne Baldhards am Main von ihnen geschieden war,
-um zu den Sachsen an die See zu fahren. Seitdem kam
-keine Nachricht von dem Helden, auch die Eltern Brunicos
-wußten nichts zu erkunden. Die Blätter fielen und der
-Sturmwind tobte um die Mauern der Mühlburg, von welcher
-der alte Dienstmann Berthold täglich nach seinem Herrn
-aussah. Berg und Wald lagen unter weißer Schneedecke.
-Jeder, der einen warmen Ofensitz erlangen konnte, schlüpfte
-hinein und lauschte vergnügt auf das Brodeln im kupfernen
-Topfe. Aber der Stuhl, den Edith täglich dem Herrensohne
-rückte, blieb leer, und niemand wußte zu sagen, ob er unter
-dem Dach eines Gastfreundes geborgen saß, oder ob er
-auf wilder See umhertrieb in rasendem Sturm und wirbelndem
-Schnee.</p>
-
-<p>Die weiße Decke, welche den Bergwald verhüllte,
-schwand im Frühlingswind. In tausend Rinnen rieselte
-und strömte das Wasser zu Tale, jeder kleine Quell wurde
-zum Bach, die Waldbäche fluteten wie große Ströme, die
-Weiher und Seen am Fuß der Berge überschwemmten Ried
-und Wiesen, und dem Fremden, welcher von einer Höhe
-auf die thüringische Ebene herabsah, glitzerte überall zwischen
-Wald und Ackerbeeten eine gewundene Wasserfläche entgegen,
-aus welcher die Dorfzäune hervorragten, und er
-konnte zweifeln, ob er einen ungeheuren See vor sich sah
-mit zahllosen Inseln, oder einen breiten vielarmigen Strom.
-Dann lagerte am Morgen und Abend dichter Nebel auf der
-Flut, und bei Tage flatterten ungeheure Schwärme von
-Wasservögeln darüber hin. Aber nach wenigen Wochen
-war der Schwall vermindert, Sonne und Wind verscheuchten
-den Wasserdunst, die Erde sog begierig das befruchtende<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-Naß und während die Knospen der Bäume schwollen, hob
-sich der Wiesengrund wieder aus der Flut, und die Waldbäche
-zogen gebändigt durch ihre Ufer den Flüssen zu und
-strudelten, wo ein Baumstamm oder eine Erdscholle in
-ihrem Bett haftete. Dies war die Zeit im Jahre, wo die
-Männer aus den Waldlauben sich ihrer Schiffahrt freuten.
-Denn auch ihnen war ein Fluß zuteil geworden, nur klein,
-aber ehrwürdig dem ganzen Lande, welcher aus den Waldbächen
-zusammenrann und zwischen dem Gebirge und
-steilen Hügeln der untergehenden Sonne zufloß. Die Horsila
-war damals kein unscheinbarer Bach, sie trug befrachtete
-Kähne in die Werra, und weit von Norden her kamen Fahrzeuge
-der Sachsen und Friesen die Strömung hinauf bis
-an den Wald. Dort war bei dem alten Dorfe Horsilgau der
-kleine Hafen, wo sie ein- und ausluden; eine wertvolle
-Stätte für die Waldleute, denn die Landfracht vom Norden
-her war teuer und der Weg oft unsicher. Das Wasser brachte
-ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flämischen
-Weber und manches Kaufmannsgut, das ihre Frauen ungern
-entbehrt hätten; sie aber tauschten dagegen ein, was ihr Land
-an Waren bot: Honig und Wachs, Pelzwerk und Tierhäute.
-Auch die Erfurter kamen heran, so oft die Kähne abfuhren
-und anlegten, sie schlugen am Ladeplatz ihre Bänke auf,
-kauften und tauschten und führten die Fracht auf hochbepackten
-Karren nach ihrem großen Markt. Vor andern
-aber freuten sich die Mönche des heiligen Wigbert der
-Schiffahrt, sie waren seit alter Zeit die Herren der kleinen
-Wasserstraße und sie hielten die Burg Gotaha zumeist darum
-hoch, weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr Herrenrecht
-über den Fluß behaupten half. Denn der Zehnte,
-welchen die Mönche von allem Schiffsgut erhoben, war<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-eine wertvolle Einnahme des Klosters, er lieferte die Wolldecken
-ihrer Lager, Stoff zu ihren Kutten und vor allem
-die geehrte Fastenspeise, den gesalzenen Heerfisch, welcher
-ihnen das ganze Jahr Freude an ihrem Trunk gab. So
-wertvoll war dies Herrenrecht, daß sie durch viele Jahre
-blutige Kämpfe darum geführt hatten. Dennoch vermochten
-sie es nicht ungeschmälert gegen einen Nachbar zu bewahren,
-welcher klug gleich ihnen und stärker als sie ebenso auf der
-Nordseite der Horsila herrschte, wie sie längs dem Walde.
-Ihr Feind war das Kloster von Fulda, in welchem der heilige
-Bonifacius beigesetzt war. Und die beiden Glaubensboten
-Winfried und Wigbert, kämpften aus ihren Klöstern zweihundert
-Jahre nach ihrem Tode grimmige Fehden um die
-Heringstonnen der Nordsee und um die Gewebe derselben
-Friesen, deren Vorfahren sie einst bekehrt hatten. So heftig
-tobte der Kampf zwischen den Bewaffneten der beiden
-Klöster, daß die Sachsenkönige mehr als einmal gezwungen
-waren, sich zwischen die Streitenden zu stellen. Endlich
-hatten die Mönche von Fulda das Recht erworben, daß auf
-ihrer Uferseite Kähne frei von dem Zoll der Wigbertleute
-fahren durften. Aber der Haß der Klöster wurde durch den
-Schiedsspruch des Königs nicht gestillt, und fast in jedem
-Jahre wurden Männer erschlagen und Häuser niedergebrannt.</p>
-
-<p>Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee früher
-als sonst. Das Tauwetter vereitelte einen Rachezug, den
-König Heinrich über die gefrorenen Sümpfe in das Slawenland
-gerüstet hatte. Dafür bereitete es den Waldleuten die
-Freude, daß sie am Fest der Tag- und Nachtgleiche auf
-schneelosem Anger ihre Reigen sprangen, und daß sie an
-demselben heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-ihrem Fluß eröffneten. Die Fahrt war eine Woche vorher
-zu Erfurt und auf dem Lande angesagt worden, damit sich
-beizeiten rüste, wer Gut und Ware nach der Werra zu den
-Hessen und Sachsen abwärts führen wolle. Schon hatten
-die Erfurter ihre Lastwagen zu einer kleinen Wagenburg
-beim Dorfe vereint. In langer Reihe lagen die Kähne, welche
-von den Waldleuten die Wasserrößlein genannt wurden,
-am Ladeplatz, neu geteert, lang und schmal, zum Teil beladen
-auf die Abfahrt harrend, während die andern durch
-Schiffer und starke Lastträger gefüllt wurden. Aber auch
-von der Mündung des Flusses waren bereits einige Kähne
-stromauf geführt, die Schiffer hatten ihre Güter an dem
-Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung, sie waren
-an ihren Strohhüten, den langen weißen Röcken und den
-breiten Schwertmessern als Sachsen zu erkennen. Ein weiter
-Raum war auf dem Anger abgesteckt und mit einem Seil
-umfriedet, dort stand das Marktkreuz und St. Wigberts
-Banner, und daneben hielt der Hauptmann mit seinen Bewaffneten
-und dem Büttel, <span id="corr249">um</span> den Marktfrieden zu erhalten
-und von Vieh und Waren den Zoll zu erheben. In
-der Ferne auf der andern Seite des Baches wehte neben
-einem Schuppen das Banner von Fulda, geschützt durch
-Gewappnete, welche der großen Familie des heiligen Bonifacius
-angehörten. Doch auf der Wigbertseite war der rege
-Verkehr.</p>
-
-<p>Auch die Landleute, welche nicht selbst um Schiffahrt
-sorgten, eilten an diesem Tage gern zu der Stätte. Wer
-Freunde und alte Genossen begrüßen wollte, konnte sie
-dort finden, wer sich einem Herrn zum Dienste geloben
-wollte, suchte dort die Gelegenheit, Rosse und Herdenvieh
-wurden aus den Winterställen zum Verkauf herangetrieben.<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem
-Gefolge und das Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner
-Musik, mit neuen Liedern und Kunststücken. Im ganzen
-Lande war die Lust dieses Tages berühmt und sie erschien
-den streitbaren Männern um so ehrenvoller, weil selten ein
-Fest verging ohne Schwerthiebe und tiefe Wunden.</p>
-
-<p>Die Sonne schien hell, und größer als seit langer Zeit
-war das Gewühl der zugewanderten Gäste. Nicht allein
-an dem Flusse, in allen Dörfern längs dem Bergwald
-wurde der Ausgang des Winters und die junge Herrschaft
-des Sommers gefeiert, man sah lange Reihen geschmückter
-Dorfleute im Freien tanzen und vernahm ihren Gesang
-und das Getön der Fiedeln und Pfeifen, überall auf den
-Hügeln und den Vorsprüngen der Berge waren Holzstöße
-errichtet, welche nach Untergang der Sonne brennen sollten,
-denn die ganze Nacht galt für günstig und heilbringend, sie
-wurde beim Trinkkrug, unter Gesang und Reigentanz durchwacht
-und war vielen der liebste Teil des Festes.</p>
-
-<p>Zwischen den Bänken, worauf die Erfurter ihre Ware
-ausgelegt hatten, zogen die Dienstmannen der Edlen mit
-ihren Knechten, daneben junge Dorfhelden vom Nessebach;
-auch die Leute aus den Wendendörfern waren mit ihren
-Frauen gekommen, und neben thüringischer Sprechweise
-vernahm man sächsische Worte und die feintönende Rede
-der Slawen. Durch das Gewühl sprengten sechs hochgewachsene
-Reiter, die Söhne Irmfrieds, unter ihnen Gottfried,
-der heute zum erstenmal im Schwertgurt über das
-Land ritt und stolz auf die Grüße und Glückwünsche antwortete,
-welche ihm hier und da aus den Haufen zugerufen
-wurden. Neugierig blickte der junge Krieger auf die fremdländischen
-Männer und Waren, aber die neue Würde hielt<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen. Die Brüder
-stießen auf einen Trupp berittener Spielleute, darunter
-auch Weiber in fremder Tracht, welche ihre Pferde in
-künstlichem Tanze trieben, während die Männer um die
-Raststelle handelten. Als die Sechs einen Augenblick in der
-Nähe hielten, scheute das Roß eines fahrenden Weibes und
-sie glitt dicht vor den Brüdern auf den Boden. Mitleidig
-sprang Gottfried ab, um sie vor den Pferdehufen zu bewahren,
-aber wie ein Federball hob sich das Weib vom
-Boden und bevor er sich's versah, fühlte er einen leichten
-Schlag auf seiner Wange, das Weib schwang sich in den
-Sattel und davonsprengend rief sie lachend: »Gesegnet
-seien dir die hübschen roten Wangen.« Da lachten die
-Leute rings umher, Gottfried aber wurde vor Zorn noch
-röter und warf einen feindlichen Blick auf die Dirne. Noch
-grollte er über die Dreistigkeit, da hörte er, wie Graf Markwart
-von Tonna spottend den Brüdern zurief: »Seit wann
-treibt ihr Helden Kaufmannschaft wie die Krämer zu
-Erfurt?«</p>
-
-<p>Odo sah ihn befremdet an. »Nichtige Worte redest du.«</p>
-
-<p>Der Graf wies auf Ballen und Tonnen, welche am
-Ufer lagen. »Sie tragen das Zeichen, womit ihr market,
-was euer ist. Ich rühme die Klugheit, welche das Erbe durch
-Handel zu mehren weiß.«</p>
-
-<p>Odo versetzte: »Rühmlicher wäre es, das Erbe durch
-Kaufmannschaft zu mehren als durch raubgierigen Wolfssprung
-auf der Heide, den die Leute dir zutrauen.«</p>
-
-<p>Markwart hob zornig den Arm, doch als sechs hochstämmige
-Helden nahe um sein Roß drängten, begnügte er
-sich, Feindseliges zu murmeln und wandte sich zur Seite.
-Die Brüder aber ritten zu den Tonnen und sahen erstaunt<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-die Runenmarke, welche mit weißer Farbe den Stücken
-aufgemalt war. »Das ist Immos Zeichen,« riefen sie wie
-aus einem Munde und Odo frug den Schiffer, welcher dabei
-stand: »Woher kommst du und für wen bringst du das?«</p>
-
-<p>»Mein Wasserroß trug es vom Norden, drei Wochen
-haben wir gegen den Strom gerungen und mancher treibende
-Baumstamm streifte an den Bord, bevor wir ausluden.
-Für einen Burgmann im Lande ist es bestimmt.«
-Die Brüder bestürmten ihn mit Fragen, aber von Immo
-wußte der Mann nichts zu berichten.</p>
-
-<p>In der hölzernen Halle, welche unweit des Baches errichtet
-war und im Sommer allerlei Frachtgut bewahrte,
-saßen heute die Häupter der Landschaft, Edle und Grafen,
-welche dem Feste zugeritten waren. Markwart von Tonna
-war da mit seiner ganzen Sippe und seinen trotzigen Dienstmannen,
-die Grafen aus dem Nordgau und andere, neben
-den Thüringen auch Hessen, unter diesen Graf Gerhard
-aus den Buchen. Ihn hatte die Gnade des Königs wieder
-zu einem stattlichen Herrn gemacht, denn obgleich ihm die
-Waldwiesen und mancher andere schöne Acker abgenommen
-waren, galt er noch immer für reich an Erbe und Lehen,
-auch in Thüringen hatte er unweit der Horsila Hufen und
-hörige Leute. Heute begrüßte er die edlen Thüringe zum
-erstenmal seit seinem Unglück, er war leutselig und mild
-gegen jedermann, und wenn einer auf die letzte Gefahr
-anspielte, so zuckte er nur wehmütig mit den Achseln. Aber
-die meisten der Anwesenden vermieden davon zu sprechen,
-denn sie wußten wohl, daß sie selbst um ein kleines in derselben
-Not gewesen wären. Der Raum war mit Tischen
-gefüllt, und der Schenkwirt, auch ein Knecht des heiligen
-Wigbert, lief mit den Kannen umher und drehte fleißig am<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-Hahn seiner Fässer. Die Sonne sank hinter die Berge und
-es dämmerte in dem fensterlosen Raume, als die Söhne
-Irmfrieds eintraten. Odo grüßte, und von mehreren Tischen
-klang der Gegengruß, aber Markwart und sein Geschlecht,
-welches mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges
-saß, sperrte, sich breit setzend, den Weg zu den Tischen.
-»Gib Raum, Markwart,« sagte Odo, »damit wir dir nicht
-die Knie scheuern.« Aber der Held streckte sein Bein kräftig
-aus und versetzte: »Mich wundert, daß die Söhne Irmfrieds
-begehren, ihren Sitz unter den Edlen des Landes zu
-nehmen, da sie sonst häufiger die schwieligen Hände der
-Bauern drücken, als die unsern.«</p>
-
-<p>»Harre, bis wir für ehrenvoll halten, deine Hand zu
-fassen,« versetzte Odo, »unterdes wundere dich nicht, daß
-ich deinen Stuhl schwenke, da du selbst das nicht tun willst.«
-Mit einem kräftigen Ruck drückte er den beschwerten Stuhl
-beiseite. Markwart hielt sich mit Mühe im Gleichgewicht;
-er fuhr auf und mit ihm sein Geschlecht, die Hände griffen
-an die Schwerter und das Eisen klirrte in der Halle. Aber
-der Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme:
-»Gedenkt des Marktfriedens,« und Gerhard sprang begütigend
-dazwischen und rief: »Wer eine Hand zu viel hat,
-der greife an das Schwert, ihr andern aber hütet euch, denn
-jedes Tun hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit friedlich zu
-trinken.« Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall, der
-Tumult wurde gestillt und der Wirt lief wieder mit den
-Kannen. Gerhard aber begann in der schweigenden Versammlung
-versöhnliches Gespräch: »Obgleich an dieser
-Stelle die Mönche Wigberts ihr Rauchfaß schwingen, so
-will ich doch über sie die Wahrheit sagen. Ich weiß manchen,
-der größeres Vertrauen zu andern Fürbittern hat. Darum<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-möchte ich dich, Held Odo, fragen, was dir von neuen Wundern
-des Glaubenshelden Meginhard bewußt ist. Denn
-auch davon hören wir gern beim Trunke.«</p>
-
-<p>Bevor Odo die Antwort gab, rief der Mönch, welcher
-während des Sommers als Aufseher im Dorfe wohnte:
-»Ungewaschenes Zeug kommt aus eurem Munde, Gerhard,
-weil ihr unserm Heiligen in seiner eigenen Halle die Ehre
-vermindern wollt. Achtet lieber auf anderes, was draußen
-vorgeht. Denn wundervolle Kunde vernehmen wir, die
-jedermann mit Staunen erfüllt. Ein fremder Spielmann
-sagt sie den Leuten, auch euch, ihr Herren, wird es freuen
-sie zu hören. Dich aber, du Geschlecht Irmfrieds, geht sie
-noch mehr an als die andern.« Der Mönch steckte eine
-Fackel an, daß ihr rotes Licht die Halle erleuchtete, und in
-das Tor sprang ein Spielmann, gefolgt von einem großen
-Haufen Neugieriger, er schwang sich auf eine Bank, die einer
-seiner Genossen vor den Eingang stellte und lud mit heftigen
-Armbewegungen alle edlen Helden und jedermann
-ein, die unerhörte Neuigkeit zu vernehmen, welche aus dem
-Nordmeer gekommen war, vom Kampf der Sachsen gegen
-die Seeräuber. Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen
-den Sieg gewonnen, indem sie über das Strandeis zogen und
-die festen Burgen der Räuber zerbrachen, und unter ihnen
-stritten die Helden der Thüringe, der edle Immo, Irmfrieds
-Sohn, und Brunico, sein Genosse. Grimmig war die
-Not der Helden im Streit gegen die Seegespenster und gegen
-die Riesen unter dem Räubervolk, die mit Eisenstangen auf
-sie schlugen. Und er schrie: »Alles, was je von Kämpfen
-gesungen wurde, ist wenig gegen diesen Kampf, und alles,
-was je von einem Schatz geschaut wurde, ist ganz wenig gegen
-den unermeßlichen Goldschatz, den die Helden aus den Burgen<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-der Räuber gewannen. Von ihm will ich euch jetzt
-erzählen, soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt
-habe, denn alles vermöchte einer nicht zu schauen. Zuvor
-aber spendet mir etwas, denn später, wenn ihr gehört habt,
-lauft ihr auseinander.« Da lachten die Zuhörer und viele
-griffen nach den Ledertaschen, der Spielmann hob einen
-Beutel an einer langen Stange und fuhr damit durch die
-Versammlung, er überging keinen, und wenn jemand mit
-dem Kopf schüttelte, so schnitt er ihm ein Gesicht, oder sagte
-ihm etwas Boshaftes, wenn er das wagte, so daß die Herren
-lachten und williger gaben. Und als er eingesammelt hatte,
-erhob er sich wieder, beschrieb die Herrlichkeit des Goldgerätes
-und schätzte es nach hundert Pfunden recht genau,
-bis die Leute an der Tür vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen.
-Als er geendet hatte, schied er von seinen Zuhörern,
-indem er schrie: »Jetzt ziehet dahin, ihr edlen Herren
-und guten Leute und verkündet es jedermann im Lande,
-denn selig sind die Eltern und selig ist die ganze Verwandtschaft
-der Helden, die mit so teurem Goldschatz heimkehren.«</p>
-
-<p>Die Zuhörer am Eingange liefen auseinander, in der
-Halle vernahm man durch das Gesumme halblauter Reden
-Rufe des Erstaunens. Aller Augen hefteten sich auf die Brüder
-und mancher trat an ihren Tisch und rief ihnen scherzend
-Heil zu; auch neidisches Gemurr und mißgünstige Blicke
-stachen gegen sie. Odo aber sprach verwundert: »Ist auch der
-Fahrende ein verlogener Mann, vielleicht ist doch manches
-wahr. Haltet fest an euren Sitzen und wehrt euch mit
-scharfer Zunge gegen jede Ungebühr, denn ich merke, nicht
-in Frieden reiten wir heute nach Hause.«</p>
-
-<p>Graf Gerhard aber eilte aus der Halle, gefolgt von einem
-vertrauten Dienstmann, denn es zog ihn mächtig zu den<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-geheimnisvollen Ballen und Fässern, welche, wie er vernahm,
-dem glücklichen Immo gehörten. Er wandelte längs dem
-Bach, und sein Mann wies auf den geschichteten Haufen
-und die weißen Zeichen. »Alles riecht nach Fastenspeise, die
-von der See kommt,« begann der Graf und seine Nasenflügel
-zuckten. »Das ist die Schlauheit. Sie haben den Schatz
-ganz unscheinbar unter Eßbarem oder auch unter andern
-Waren geborgen. Von je waren die Sachsen ein listiges
-Volk, obgleich sie sich ganz einfältig zu stellen wissen. Viel
-Wunderliches hörten wir längst über den Goldschatz der
-Seeräuber. Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt,
-durch viele Geschlechter haben sie gesammelt,
-wie Könige saßen sie in ihren Strandburgen, sie tranken ihr
-Bier aus goldenen Schüsseln, welche mit Edelsteinen besetzt
-waren und man sagt, daß sie die Hufe ihrer Rosse nur mit
-Silber beschlugen. Dies alles hat ihnen Herzog Bernhard
-und dazu Held Immo genommen, und was hier liegt, mag
-diesen zum reichsten Manne im Lande machen, wenn er es
-auf seine Burg heimführt.«</p>
-
-<p>Er blickte scharf um sich, in der Nähe war niemand zu
-erkennen, auf den Bergen flammten die Osterfeuer, aus den
-Hütten klang Geschrei und Jauchzen und weiter abwärts
-am Bache lautes Gezänk und der Ruf nach Waffen.</p>
-
-<p>Die Wächter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten
-und schauten nach der Stelle, wo wilde Worte und
-Schläge getauscht wurden. Der Dienstmann traf eine kleine
-Tonne, welche von den andern abgerollt war, mit einem
-Stoß, daß sie zur Seite fuhr. »Gefällt's euch, Herr,« sagte
-er lüstern, »so gebe ich der Runden noch einige Tritte, und
-ihr könnt in Ruhe prüfen, wie dieser Schatz der Räuber
-aussieht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>Unwillig entgegnete der Graf: »Willst du mich im
-Königsfrieden zum Diebe machen, du Wicht? Wie darf
-ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen, wenn er es nicht
-durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt? Hallo, Wächter!
-hütet euer Gut, die Fässer kollern.«</p>
-
-<p>Ein Mann in langem Mantel, den Hut tief in das Gesicht
-gedrückt, sprang herzu, hob das Faß an seine Stelle
-und brummte: »Hütet euch selbst, daß ihr nicht auf den Boden
-kollert.«</p>
-
-<p>»Enthalte dich der Grobheit, Freund,« versetzte der Graf
-sanftmütig, »denn ich meine es gut. Ich hoffe, Held Immo
-läßt seinen Goldschatz nicht lange im Wind und Mondenschein
-liegen.«</p>
-
-<p>»Habt auch ihr gehört, daß der Held seinen Schatz in
-diesen Tonnen bewahrt?« frug der Mann. »Wir harren
-der Wagen: noch während dort die Feuer brennen, wird
-alles hinter Tor und Riegel geborgen.«</p>
-
-<p>»Ich lobe die Vorsicht,« bestätigte Gerhard. »Die Osterfeuer
-werden heute nacht den Weg zur Mühlburg erleuchten.
-Wer aber schreit dort und schlägt so wild?« frug er einen der
-Wächter, welcher herantrat.</p>
-
-<p>»Es sind wieder die Knechte der Heiligen, welche einander
-bei den Haaren fassen,« antwortete dieser lachend,
-»die Fuldaer sind über das Wasser gekommen, um die Dorfmädchen
-im Reigen zu schwingen, und die Knaben Wigberts
-wollen das nicht leiden.«</p>
-
-<p>Der Graf schüttelte mißbilligend das Haupt. »Uns
-schelten die Mönche, wenn wir einmal das Schwert ziehen,
-aber niemand von uns hegt einen solchen Grimm gegen seinen
-Feind, wie die Heiligen gegeneinander. Wollen sie selbst
-nicht Frieden halten, so sollen sie sich nicht wundern, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-auch wir zuweilen einer dem andern den Weg verhauen.«
-In schweren Gedanken schritt er der Halle zu, hinter ihm
-ballte Brunico, der Mann im Mantel, die Faust.</p>
-
-<p>Auch auf dem umfriedeten Raum vor der Halle hatte
-der nächtliche Jubel begonnen. Überall loderten hohe
-Freudenfeuer, die Bänke, auf denen die Krämer gute Bissen
-feilboten, waren umdrängt von Begehrlichen; was stolze
-Knaben gern ihren Mädchen schenken: bunte Bänder, Glasringe,
-Halsperlen und kleine Metallspiegel, wurde eifrig
-gekauft, am dichtesten umlagert waren die Stellen, wo aus
-Fässern und großen Kannen Bier und Met geschenkt
-wurde; überall wo ein Spielmann geigte, ein Sänger sang,
-sammelten sich die Zuhörer. Um die Feuer aber schwangen
-frische Knaben die Mädchen im Tanze, gesondert nach Gauen
-und Dörfern; zwar fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub
-und Blüten, durch welche sie sich im Sommer unterschieden,
-aber viele trugen das rote Kreuz Wigberts, andere
-das Rad, mit welchem Erzbischof Willigis seine Angehörigen
-bezeichnete, und die aus dem Nessebruch führten ein Büschel
-roter Wolle, mit grünem Band umbunden, statt der Distel,
-welche sie zu andrer Zeit auf ihren Mützen trugen. Viele
-tanzten in Eisenhemd und Helmkappe, alle die klirrenden
-Schwerter an der Seite, zu ihren hohen Sprüngen schrien
-Pfeife und Fiedel in gellenden Tönen. Von allen Feuern
-erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer, welche
-die Thüringe vom Walde gewaltiger auszustoßen wußten
-als andere Helden.</p>
-
-<p>»Mich wundert, daß diese hier so sanft sind und sich ganz
-ohne Messer ergötzen,« bemerkte Gerhard im Durchschreiten
-zu seinem Dienstmann, »sonst waren sie behender, das Eisen
-von der Hüfte zu holen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p>
-
-<p>»Die einander raufen wollen, springen jetzt noch über
-den Zaun ins Freie,« lachte der Dienstmann, »weil sie sich
-scheuen, ihre Hand unter das Beil zu legen. Später reißen
-sie wohl die Schranken nieder, dann klingen auch hier scharfe
-Weisen.«</p>
-
-<p>Am Tor der Halle stieß Gerhard auf den Mönch, welcher
-von zwei Dienern begleitet den großen Zinnbecher trug, in
-welchem St. Wigbert an diesem Feste ansehnlichen Gästen
-den Ehrentrunk bot. Diese Spende war den Herren der
-Halle die wichtigste Handlung des Abends, denn stets empfing
-der zuerst den Becher, welcher seinem Geschlecht nach der
-Edelste war. Viele der stolzen Herren erhoben den Anspruch
-und fühlten Eifersucht gegen andere, darum schuf der Becher
-jedes Jahr, wenn nicht zufällig einer von den höchsten
-Herren des Reiches anwesend war, dem bevorzugten Geschlechte
-Händel und Feindschaft. Gerade deshalb war der
-Vortrunk um so ehrenvoller. Der Mönch stand mit dem
-Becher in der Mitte der Halle, segnete den Wein und begann:
-»Da unter den edlen Herren, welche St. Wigbert begrüßt,
-niemand dem Königsgeschlecht der Sachsen angehört, so
-reiche ich den Becher heute dem Helden aus dem ältesten Geschlecht
-der Thüringe.« Und er trug den Becher zu Odo.
-Einzelne Stimmen riefen Beifall, aber lauter war das mißfällige
-Gemurr und Geschrei. Die Gegner steckten die Köpfe
-zusammen und fuhren von ihren Sitzen, Odo aber erhob sich,
-trank der Versammlung Heil und reichte den Becher seinem
-Bruder Ortwin. Da rief Graf Gerhard, den die anderen zu
-ihrem Wortkämpfer gewählt hatten: »Sehr ungeschickt ist die
-Wahl des Mönches und eine Kränkung für uns alle. Einen
-Jüngling hat er zum Vortrunk gerufen, während hier nicht
-wenige sitzen, deren Haar im Rat und Kampfe ergraut ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p>
-
-<p>»Eure Klage nenne ich ungerecht,« rief Odo zurück, »denn
-nicht den jungen Krieger soll der Trunk ehren, sondern das
-Geschlecht, für welches ich hier als ältester stehe.«</p>
-
-<p>»Wir aber vermögen nicht die Ehren deines Geschlechtes
-zu rühmen,« entgegnete Gerhard. »Haben deine Ahnen
-auch hier und da das Schwert mannhaft geschwungen, was
-keiner von uns ableugnet, so führt ihr doch kein Banner,
-welches der König euch in die Hand gelegt hat, wie wir anderen,
-die wir als Herren das Schildamt üben. Und wenn
-ihr auf eure edle Herkunft pocht, so wisset, daß man hier und
-anderswo euren Bauernadel belacht.«</p>
-
-<p>Die jüngeren Brüder sprangen von ihren Sitzen, und
-Odo rief: »Wenn der König unsere entlaufenen Knechte mit
-Lehen und mit einem Banner begabt, so rühmen sich die
-Knechte große Herren zu sein. Wir Bauern aber meinen,
-der König kann zum Grafen und Markgrafen ernennen, wen
-er will, aber niemanden zu einem Edlen.«</p>
-
-<p>»Euch aber,« rief Gerhard wieder, »haben die Mönche zu
-Edlen gemacht, ja man sagt auch, daß sie euch in der Stille
-zu kleinen Königen gekürt haben, nur daß man nicht laut
-davon reden darf.«</p>
-
-<p>Odo schlug an sein Schwert. »Ich erkenne, daß ihr selbst
-Lust habt, von dem Königsstabe, den wir in der Hand führen,
-die Belehnung zu erhalten.«</p>
-
-<p>Da erhob sich wieder der Hauptmann von St. Wigbert
-und rief mit mächtiger Stimme durch die Halle: »Übel
-fügen sich heiße Worte zu starkem Trunk, ich rate, daß ihr
-beide in dieser Nacht euren Wortkampf stillt, morgen aber,
-wie euch Herren gebührt, an Versöhnung denkt oder an
-Schwertschlag.«</p>
-
-<p>Aber Gerhard fuhr eifrig fort: »Nicht wir anderen haben<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-den Unfrieden begonnen, sondern diese, vorhin, als sie hier
-eintraten. Und es ist wohlbekannt im Lande, daß ihr sogar
-untereinander nicht Frieden halten könnt. Schon zur Zeit
-eurer Väter raunte man im Volke mancherlei von der
-Brudertreue, welche die Männer eures Geschlechts einander
-beweisen, und jetzt hören wir wieder, daß ihr eurem ältesten
-Bruder Unheil gesonnen habt, so daß dieser als ein fahrender
-Recke in der Welt umherschweift.«</p>
-
-<p>Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried, daß dieser
-vor den versammelten Edlen seine erste Kampfprobe ablege,
-denn er war schneller Worte mächtig. Und in der Stille,
-welche dem kränkenden Vorwurf des Grafen folgte, sprang
-Gottfried vor und rief laut: »Eure Rede ist unwahr, Graf
-Gerhard, nie haben wir gegen unseren Bruder Immo Untreue
-erwiesen, und jetzt leben wir in großer Sorge um den
-Abwesenden. Deshalb ersuche ich euch, daß ihr die Kränkung
-zur Stelle widerruft.«</p>
-
-<p>»Ein Hähnchen höre ich krähen,« versetzte der Graf
-lachend.</p>
-
-<p>»So vernehmt, ihr edlen Herren,« fuhr Gottfried fort,
-»daß ich vor euch allen den Grafen Gerhard einen Verleumder
-nenne, und überall außerhalb des Marktfriedens
-will ich mit meinen Brüdern das an seinem Leib und Leben
-erweisen, wo ich ihn treffe.« Er löste seinen Handschuh und
-warf ihn vor den Grafen, dieser aber stieß verächtlich mit
-dem Fuß daran.</p>
-
-<p>Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des
-Jünglings Gottfried; und von dem Eingang her rief eine
-Stimme: »Nehmt auch den meinen.« Ein hoher Krieger
-schritt auf den Grafen zu, dieser fuhr zurück wie vor einem
-Geiste, als er die zornige Entschlossenheit in einem wohlbekannten<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span>
-Antlitz sah, und vermochte nur zu antworten:
-»Dich habe ich hier nicht erwartet, und dich habe ich nicht
-gemeint, Held Immo.«</p>
-
-<p>Als er den Namen nannte, der heute in aller Munde war,
-regten sich die Anwesenden, viele sprangen auf und drängten
-heran, um den Helden zu sehen. Immo aber wies auf die
-Fehdezeichen: »Widerruft die Kränkung und gebt vor allen
-Edlen meinen Brüdern ihre Ehre, oder nehmt den Streit
-auf auch mit mir.«</p>
-
-<p>Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner: »Du selbst
-magst wissen, Immo, daß ich ungern gegen dich kämpfe,
-wenn ich an Vergangenes denke; und du weißt auch, daß
-meine Ehre mir nicht gestattet, Kampfesworte, die vor den
-Edlen gesprochen sind, zu widerrufen.«</p>
-
-<p>»Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander
-gehandelt haben,« versetzte Immo, »das alles sei
-vergessen in dieser Stunde. Als Sohn meines Geschlechts
-stehe ich dir gegenüber und Abbitte fordere ich von dir, oder
-ich suche an deinem Leben die Rache.«</p>
-
-<p>Da rief Gerhard mit querem Blick: »Meine nicht, mir
-durch dein stolzes Drohen den Willen zu beugen, ich widerstehe
-dir, wenn du auch jetzt auf deinen Goldschatz vertraust;«
-und die Handschuhe vom Boden hebend und auf den Tisch
-werfend, rief er: »Du denke daran, wenn du den Schaden
-trägst, daß nicht ich die Fehde gefordert habe, sondern du.
-Und darum sei Unfriede zwischen uns statt Friede, sobald
-wir den Schranken den Rücken kehren, und Kampf sei um
-Leib und Leben, Gut und Habe zwischen mir mit meinen
-Helfern und dir mit deinen Helfern.« Er wandte sich trotzig
-ab, setzte sich zu seinem Genossen Markwart und verhandelte
-leise mit diesem. Immo trat zu dem Tisch der Brüder und<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-den Jüngling Gottfried küssend, sprach er: »Ich grüße euch,
-meine Brüder. Gewährt mir einen Sitz in eurer Mitte und
-einen Trunk aus eurem Becher, damit die Fremden erkennen,
-daß sich die Söhne Irmfrieds in der Not nicht voneinander
-scheiden.«</p>
-
-<p>Die Brüder rückten zusammen, Ortwin trug ihm den
-Stuhl und Odo goß ihm den Trunk ein, der Stolz wehrte
-ihnen zu reden, und sie saßen schweigend beieinander. Doch
-von den anderen Tischen eilten Bekannte des Geschlechts
-mit den Trinkkannen heran, den Helden zu begrüßen, und
-er stand von vielen umgeben und antwortete auf die neugierigen
-Fragen. Aber sein Blick flog prüfend durch den
-Raum und nach dem Tische des Grafen Gerhard, bis er an
-der Tür seinen Vertrauten Brunico erkannte, da winkte er
-diesem und trat mit ihm zur Seite in heimlichem Gespräch.</p>
-
-<p>Brunico drängte sich hinaus ins Freie; nicht lange, so
-klang in dem Gewirr von vielerlei Tönen ein neuer Gesang,
-ähnlich dem Quarren eines Frosches; bald hier, bald dort
-schrie einer aus dem Volk der Langschenkel, so daß die Leute
-einander lachend frugen: »Ist auch der brüllende Held
-Reginheri in seinem Sumpf erwacht?« Doch als sich der
-Froschgesang auf einer Stelle außerhalb der Schranken vereinte
-und mit einem lauten Heilruf endete, da dachten die
-andern, daß dies ein Zeichen übermütiger Genossen war,
-welche miteinander zu den Bergfeuern ausschwärmten.</p>
-
-<p>Die Helden in der Halle aber, welche nicht selbst der
-Fehde teilhaftig waren, freuten sich, daß der Festabend so
-rühmlich verlief, und daß man davon im Lande singen und
-sagen würde. Sie saßen jetzt friedlich bei ihren Kannen,
-denn ihr Gemüt war erfrischt, wie die Flur nach einem
-Gewitter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p>
-
-<p>Plötzlich klang in das wilde Geschwirr des Marktes ein
-Klagegeschrei und der Ruf nach Rache. Der Gesang verstummte,
-die Pfeifer und Fiedler setzten ab, die Krämer
-liefen zur Abwehr vor ihre Bänke und warfen mit ihren
-Knechten die Waren schnell in die geöffneten Kasten. In
-die Halle sprang ein verstörter und blutender Mann und
-schrie: »Die Hunde des Bonifacius sind über das Wasser
-gedrungen, einer von uns liegt erschlagen, rächet den
-Schaden, ihr Wigbertmannen.« Und unter die verstörten
-Haufen springend, rief der Mann dieselbe Klage. Da schwand
-die Freude in wildem Zorn, die Frauen wichen in das
-Dunkel zurück, die Männer fuhren zusammen, rissen flammende
-Brände aus den Feuern und stürmten dem Flusse
-zu. Vergebens sprengte der Vogt mit seinen Mannen dazwischen
-und schrie den Frieden aus, die Wütenden lösten
-die Haltseile der leeren Kähne und drängten sich hinein,
-mancher Wilde sprang ins Wasser und rang sich hinüber auf
-die Seite der Fuldaer. Dort stürmten Bewaffnete entgegen,
-um die Einbrecher in die Flut zu werfen, und dicht am Ufer
-entbrannte der Kampf. Aber neue Haufen folgten über den
-Fluß, auf Tonnen und Bänken suchten sie durch das Wasser
-zu schwimmen; die Fuldaischen wurden rückwärts gedrängt,
-die rote Lohe flammte an dem Holzhaus, über welchem das
-Banner des heiligen Bonifacius wehte, und das Banner
-selbst verschwand in den aufsteigenden Flammen.</p>
-
-<p>Auch die Herren in der Halle waren an das Ufer geeilt,
-die einen in bitterer Sorge, die andern schadenfroh. Da
-sprach Immo zu seinen Brüdern, und es waren die ersten
-Worte, die er seit dem Eintritt mit ihnen wechselte. »Gefällt
-es euch, Söhne meines Vaters, so reiten wir. Laßt euch
-nicht beschweren, wenn ich euch begleite; denn ich merke,<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-andere sinnen darauf, uns außerhalb des Friedens zu
-treffen.«</p>
-
-<p>Und Odo antwortete mit derselben Zurückhaltung: »Da
-der Unfriede uns alle angeht, so sei auch die Abwehr und
-der Angriff gemeinsam.« Sie verließen zusammen die
-Halle und eilten zu ihren Rossen. Erstaunt fanden die Brüder
-Immos, daß bei ihren Knechten und Rossen eine reisige
-Schar von Landleuten aus den freien Dörfern hielt.</p>
-
-<p>Nicht lange nachher knarrten die Räder beladener
-Wagen auf dem Wege, welcher zwischen dem Leinbach und
-einem Waldhügel nach der Mühlburg führte. Nur zwei
-Reiter bildeten die Bedeckung, die Knechte hatten Mühe,
-die Pferde in dem aufgeweichten Wege bergan zu treiben,
-sie schrien laut und knallten mit den Peitschen. Endlich kam
-an einer kleinen Steile der Zug ganz in das Stocken. Da
-rasselte und klang es im Holz, eine Anzahl Reiter sperrte die
-Straße und warf sich gegen die Wagen. Die berittenen
-Wächter flohen ohne Kampf talab, auch die Knechte sprangen
-flüchtig dem Bach zu. Als Graf Gerhard heransprengte,
-war das Werk getan, die Wagen in Besitz seiner Reisigen.
-Er lachte und rief: »Leichten Kaufes wurde großes Gut in
-ehrlicher Fehde gewonnen. Lenkt die Wagen seitwärts in
-das Holz; treibt, meine Mannen, in einer Stunde haben
-wir es hinter Wasser und Mauer geborgen.« Die Pferde
-wurden einen Waldweg bergan geführt, sie schritten jetzt
-rüstiger als vorher, und der Graf brummte vergnügt vor
-sich hin. »Ich hörte zuweilen rühmen, junger Immo, daß
-dein Schwert gut schneidet, aber in Listen bist du schwach,
-und der Alte hat dir behende abgeführt, worauf du mit
-trotzigem Mute vertrautest.« Der Zug betrat eine kleine
-Lichtung des Waldes, welche in hellem Mondschein lag, umgeben<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span>
-von dichtem Niederholz, dessen laublose Äste die lichte
-Stelle mit dunklem Grau einfaßten. Da flimmerte es in
-dem Holze hier und da wie von blankem Eisen, die Reiter,
-welche die Vorhut bildeten, jagten zurück und meldeten
-atemlos, daß der Weg durch Gewappnete versperrt sei;
-auch hinter der kleinen Schar des Grafen klang ein Kriegsruf,
-Hörner und laute Stimmen antworteten, und mit Erstaunen
-sah der Graf sich rings eingehegt durch Fußvolk und
-Reiter. Er riß die Pferde des vordersten Wagens herum auf
-die Mitte der Waldwiese und gebot den Reisigen, einen Ring
-um die Wagen zu ziehen. Er umritt seinen Haufen, hob den
-Speer und erwartete mutig den Anlauf.</p>
-
-<p>Aber der Angriff erfolgte nicht. Den ganzen Rand der
-Lichtung hielten schnellfüßige Knaben umstellt, auf dem
-Wege stampften die Rosse der Gegner, und man vernahm
-ein Rollen und Dröhnen als ob Baumstämme gewälzt
-würden. Jenseits des Weges zog sich ein offener Wiesengrund
-dem Gebirge zu, dort hatten die Dorfleute der Umgegend
-einen mächtigen Holzstoß getürmt, welcher in dieser Nacht
-als Freudenfeuer aufflammen sollte. Um den Stoß schwebten
-die Schatten, er wurde zusehends kleiner. »Herr,« warnte
-den Grafen sein vertrauter Dienstmann, »sie sperren die
-Wege, denn durch das Niederholz vermögen unsere Rosse
-schwerlich zu dringen. Brecht durch, bevor sie uns einhegen.«</p>
-
-<p>»Soll ich den Schatz im Stich lassen?« frug der Graf
-unwillig, »was in den Wagen liegt, gibt Gold und Ehre für
-euch alle,« und er schrie hinüber zu den feindlichen Reitern:
-»Was säumen die Helden heranzusprengen, offen ist das
-Kampffeld. Trotzige Worte hörten wir in der Halle, hier
-aber, merke ich, schlottern euch die Beine im Bügel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p>
-
-<p>Da rief Brunico zurück: »Schlecht kämpft sich's im Waldesdunkel,
-harret noch ein wenig, bis wir euch die Osterfeuer
-anzünden.«</p>
-
-<p>»Brecht durch, Herr,« rief der Vertraute aufs neue,
-»denn sie schichten das Holz auf der Wegseite zu einem Walle.«</p>
-
-<p>»Pfui über dich, Immo,« rief der Graf, in dem jetzt die
-Sorge mächtig wurde, »unritterlichen Brauch übst du, ich
-harre deiner, komm heran und schlage dich um den Schatz.«</p>
-
-<p>Immo rief zurück: »Auch euch war der Pfad zum Kampfe
-geöffnet, allzulange habt ihr euch um die Tonnen gedrängt,
-jetzt rate ich, mit uns in Bauernweise den Festbrauch zu
-üben. Die Flammen lodern, schwingt euch zum Tanze über
-die Scheite.« Eine kleine Flamme leckte auf, die zweite,
-die dritte, bald sperrte das Feuer wie ein Wall die Belagerten
-von dem Wege ab. Aber auch längs dem ganzen Rande des
-Niederholzes leuchteten die Funken, jeder der Knaben,
-welche dort die Wache hielten, schwenkte Kienfackeln, denen
-gleich, womit sich die Dorftänzer auf den Bergen um die
-Flammen drehten; und jeder schleuderte mit wildem Geschrei
-und Jauchzen die lodernden Brände gegen die Rosse
-der Belagerten. Die Rosse scheuten und stiegen, die Reiter
-selbst, entsetzt über das feurige Gefängnis, vermochten der
-wütenden Tiere nicht Herr zu werden, mehr als einer wurde
-abgeworfen und lag ächzend am Boden. In diesem Augenblicke
-brachen die Söhne Irmfrieds mit ihrer Schar wie
-ein Wettersturm durch die Flammen, im Nu waren die
-Helfer des Grafen überrannt, gefangen und gebunden. Der
-Graf selbst schlug tapfer mit dem Schwert um sich, aber
-durch eine mächtige Faust wurde er am Nacken gepackt und
-von seinem Rosse geschwenkt, daß er schwertlos auf den
-Boden fiel. »Ergebt euch, Gerhard,« rief Immo, »gelobt<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-als mein Gefangener zu folgen, damit ich euch die Schmach
-der Weiden erspare.« Betäubt gelobte der Graf.</p>
-
-<p>In wenig Augenblicken war das Werk getan, behend
-rannten die Thüringe, die flüchtigen Rosse der Gebundenen
-einzufangen. Sie bändigten die Pferde an den Lastwagen
-und zerwarfen das Holz des brennenden Walles, und nachdem
-sie sich auf ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf
-um die Brüder gesammelt hatten, brach der ganze Zug mit
-den Wagen und den Gefangenen nach der Mühlburg auf.</p>
-
-<p>Längs der Freudenfeuer, welche überall auf den Hügeln
-und um die Dörfer flammten, zogen die Sieger jauchzend
-und singend dahin. Es war tief in der Nacht, als sie in die
-Burg kamen. Immo, der während der Fahrt sich von den
-Brüdern ferngehalten hatte, ritt jetzt zu ihnen, als sie im
-Hofe auf den Rossen hielten und sprach grüßend: »Seid
-willkommen im Hause unserer Väter, nehmt vorlieb mit
-karger Bewirtung, denn erst beim Licht der letzten Sonne
-ist der Wirt aus der Fremde heimgekehrt. Gefällt es euch,
-so enden wir unseren Handel mit den Gefangenen noch
-während der lustigen Nacht, wie er begonnen wurde.«</p>
-
-<p>»Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortänzer,«
-versetzte Odo lächelnd, »wir vertrauen, daß du auch gegen
-die Gefangenen unser Recht wahren wirst.«</p>
-
-<p>Im Hofe der Mühlburg wurde ein großes Feuer entzündet
-und herbeigeholt, was der Vogt aus dem Keller zu
-liefern vermochte. Kräftig tranken die Thüringe, und auch
-den Gefangenen, welche kummervoll auf den Stufen der
-Halle kauerten, wurden die Kannen geschwenkt. In der
-Halle aber saßen die Söhne Irmfrieds mit ihren Dienstmannen
-und die Landleute von der Nesse, unter ihnen mit
-gebeugtem Haupt der waffenlose Graf. Da rief Immo ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span>
-zu. »Hebt den Becher, Graf Gerhard, und trinkt trotz eurer
-Not. Einst lag ich als Gefangener in eurem Turm, da ludet
-ihr mich in eure Halle und botet mir den Trunk an eurem
-Tisch. Heute tue ich euch mit Freuden dasselbe zur Vergeltung.«</p>
-
-<p>»Ich lobe dich, Immo,« antwortete der Graf trübe, »daß
-du in dieser Stunde an den Wechsel des Glückes denkst,
-beide haben wir ihn seit jenem Abend in der Halle erfahren.
-Vergiß auch nicht, daß dem Sieger eine Ehre ist, Maß zu
-halten in allem, was er dem Gefangenen auflegt. Behandelt
-mich mit Billigkeit, ihr edlen Herren, denn glaubt
-meiner Erfahrung, die ich mir zu meinem großen Kummer
-erworben, wer allzuviel für sich begehrt, fühlt zuletzt selbst
-den Schaden.«</p>
-
-<p>Immo versetzte ernsthaft: »Meine Brüder und ich, wir
-sind Herren geworden über euren Leib und euer Leben,
-und wir vermögen euch jetzt zu zwingen durch Haft und
-Bande und zu schatzen an Habe und Gut, weil ihr wider die
-Wahrheit und wider eigenes Wissen das Ansehen und die
-Ehre unseres Geschlechts mit gehässigen Worten angefeindet
-habt. Dennoch sollt ihr erkennen, daß die Söhne Irmfrieds
-gegen einen bezwungenen Feind Billigkeit üben. Eure
-Zunge hat euch in Unfrieden gebracht, eure Zunge soll euch
-auch den Frieden wieder gewinnen, wenn ihr sie weise gebraucht,
-solange die Thüringe sich in dieser Nacht um die
-Festfeuer schwingen.«</p>
-
-<p>In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung und er
-rief: »Sage nur, was ich reden soll, damit ich mich aus der
-Not löse.«</p>
-
-<p>Und Immo fuhr fort: »Wollt ihr Abbitte tun wegen
-aller kränkenden Worte und wollt ihr mit allen euren<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-Helfern schwören, nichts von dem, was in dieser Nacht gegen
-euch gesagt und getan worden ist, an uns oder an einem
-unserer Helfer zu rächen, sondern in Zukunft Frieden und
-guten Verkehr zu bewahren, so mögt ihr mit unseren Gefangenen,
-mit Waffen und Rossen, frei und ledig von
-hinnen reiten, sobald der erste Sonnenstrahl unsere Dächer
-bescheint.«</p>
-
-<p>Graf Gerhard sprang erfreut in die Höhe und rief:
-»Wahrlich, Immo, manchen Beweis deines guten Verstandes
-habe ich erhalten, aber diesen will ich dir niemals
-vergessen. Ich bin bereit zu allem, was du von mir verlangst,
-zu Abbitte und Gelöbnis.«</p>
-
-<p>»Wohlan,« gebot Immo, »ladet jeden in die Halle, der
-jetzt im Hofe weilt, zuletzt die Gefangenen. Und mit diesen
-werdet ihr euch barhaupt und stehend demütigen.«</p>
-
-<p>Ein Hornzeichen rief die Gäste und das ganze Gesinde
-zusammen, und als alle versammelt waren, führte Immo
-den jungen Gottfried auf den Ehrensitz und zu diesem sprach
-der Graf barhaupt die Abbitte: »Alles, was ich gegen Ehre
-und Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und getan
-habe, das sei ungesagt und ungetan, alle edlen Rechte erkenne
-ich ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk. Denn
-wisset, ihr Herren, wenn ich auch manchmal im Ärger anders
-sprach, immer habe ich das Geschlecht Irmfrieds vor anderen
-hochgeschätzt. Und ich bin bereit, nachdem ich Vergangenes
-abgebeten habe, alles Gute für die Zukunft zu geloben, nicht
-nur weil ich in Not bin, sondern auch weil ich merke, daß
-dies in Wahrheit meines Herzens Wunsch ist.«</p>
-
-<p>Als der Graf dies nach Gebühr vollendet hatte und seine
-Worte durch die anderen Gefangenen bestätigt waren,
-wurde er mit ihnen in die kleine Kapelle vor den Altar geführt,<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-dort gelobten die Helden für alle Zukunft jedem Rachegedanken
-zu entsagen. Darauf ward der Graf auf den
-Ehrensitz in der Halle geleitet, und jetzt trat Gottfried vor
-und bot ihm den Friedensbecher. Gerhard tat einen tiefen
-Trunk und seufzte, aber er wurde mild und froh, ja er lachte
-ein wenig über sein Unglück und sprach allerlei Vertrauliches
-zu Immo.</p>
-
-<p>Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gäste
-vorgeführt und Immo geleitete den Grafen selbst in den
-Hof. Als dieser aufsteigen wollte, sah er die beladenen
-Wagen und mit einem sehnsüchtigen Blick sprach er zu
-Immo: »Hätte ich diese in ehrlicher Fehde gewonnen, so
-würde ich fortan meinen Met aus goldenem Becher trinken.«</p>
-
-<p>Da antwortete Immo: »Eifrig habt ihr darum geworben
-und als ein Held euer Leben dafür gewagt. Wisset,
-ihr habt gefochten wie der alte Hildebrand, um wollene
-Decken, welche die Sachsen mit guter Kunst verfertigen, und
-zumeist um den gesalzenen Seefisch, welchen die Leute den
-Hering nennen.«</p>
-
-<p>Als die Entledigten abgezogen waren, dankte Immo mit
-freundlichen Worten die Landleute ab, welche als freiwillige
-Helfer herangeritten waren. »Da die Gefangenen gegen
-den Gebrauch kein Lösegeld gezahlt haben und auf ihren
-Rossen davonreiten, so nehmt dafür mit meinem Dank einen
-Teil der Waren aus dem Sachsenland, welche ihr wieder
-gewonnen habt; nicht als Entgelt, sondern zur Verehrung.«
-Das waren die Nachbarn wohl zufrieden und Immo gebot
-dem Brunico, einen billigen Anteil auszuscheiden. Diesen
-luden sie vergnügt auf einen Karren und schieden mit Heilruf
-zu ihren Dörfern.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch10">10.<br />
-Die Entführung.</h2>
-</div>
-
-<p>In der Halle standen die Brüder zum Aufbruch gerüstet,
-als Immo ihnen entgegentrat. »Den großen Goldschatz der
-Räuber hat der fahrende Mann mir angelogen, doch brachte
-ich reiche Beute und die Gastgeschenke der Sachsen heim;
-nicht die Wasserrosse führten meinen Kampfgewinn der
-Mühlburg zu, sondern die Packpferde, welche Brunico leitete.
-Für euch, Söhne Irmfrieds, sind die Ballen geöffnet, damit
-ihr daraus wählet, was jedem von euch gefällt, und ich bitte
-euch, diese Gabe anzunehmen anstatt der Schatzung, die ich
-den Gefangenen erließ, ohne euch zu fragen.«</p>
-
-<p>»Solches Angebot ist gebührlich gegen Fremde, nicht
-gegen die Genossen des eigenen Geschlechts,« antwortete
-Odo finster, und Ortwin rief: »Du tust uns weh, wenn du
-uns Gold bietest, wo wir brüderlichen Gruß erwarten.«</p>
-
-<p>Da flog helle Freude über Immos gramvolles Angesicht.
-»Wollt ihr freundlich zu mir reden und brüderlich gegen mich
-handeln, so wißt, meine Brüder, daß mein Herz sich viele
-Jahre nach eurer Liebe gesehnt hat. Schon im Kloster
-fühlte ich traurig unter Fremden die Einsamkeit und dachte
-mich täglich heim in eure Mitte, und auch jetzt unter den
-Gastfreunden vermochte ich nicht die frohen Spiele ihrer
-Knaben zu sehen, ohne daß sich mir das Herz in Gram<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-zusammenzog. Denn wie ein Ausgestoßener lebte ich, weil
-mir eure Freundschaft fehlte. Begehrt ihr, liebe Knaben,
-daß ich euch brüderlich begrüße, so springt heran wie einst,
-denn die Arme des Bruders sind geöffnet, euch zu empfangen.«</p>
-
-<p>Ortwin warf sich um seinen Hals und küßte ihn, und wie
-er taten die Jüngeren, nur Odo stand zur Seite. Gottfried
-aber ergriff Immos Hand und legte sie in die Hand des
-andern. Odo drückte sie und begann: »Der Zorn ist geschwunden
-mit dem grünen Laub dieses Sommers, beide
-wollen wir vertrauen, daß in dem neuen Lenz unter uns
-Sieben sich die Treue bewähre.« Und auf Gottfried weisend,
-fuhr er fort: »Du siehst, wir haben ihn gewappnet, und da
-du zu uns zurückgekehrt bist, vermögen wir jetzt in Frieden
-das Erbe zu teilen. Vor einem Jahre widerstand ich dir,
-als du das Recht des Ältesten fordertest, fortan bin ich gleich
-meinen Brüdern bereit, dir zu folgen, wenn du uns führst.«</p>
-
-<p>Aber Immo rief mit ausbrechender Leidenschaft: »Leite
-du die Brüder und bewahre du die Ehre des Geschlechts,
-denn ich kehre nicht zurück, um in Frieden unter euch zu
-leben. Ein großes Leid berge ich in meinem Herzen und
-mein Leben muß ich wagen in wilder Tat, noch bevor die
-nächste Sonne aufgeht. Wisset, der Tochter des feindlichen
-Mannes, den wir heute demütigten, habe ich heimlich mein
-Leben gelobt, der König aber will sie schleiern, ob es ihr
-und dem Vater lieb oder leid sei. Bevor sie morgen früh zu
-Erfurt die Klosterschwelle betritt, hole ich sie auf die Mühlburg,
-was mir auch darum geschehe. Dem Zorn des Königs
-trotze ich und dem Rechte des Landes widerstehe ich, um sie
-zu erwerben, denn ohne sie ist mir mein Leben verhaßt.«</p>
-
-<p>Die Brüder sahen betroffen einander an. »Zu früh habt<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-ihr mich brüderlich begrüßt, ihr Söhne Irmfrieds,« fuhr
-Immo heftig fort, »mich wundert nicht, wenn ihr euch von
-mir abwendet, wie von einem Kranken, dessen Berührung
-Unheil bringt. Meint auch nicht, daß ich euch mahnen will
-an die Hand, die ihr mir jetzt gereicht habt und an den brüderlichen
-Kuß. Denn eure Hilfe bei der Tat fordere ich nicht,
-den Raub wage ich wohl allein mit denen, die sich mir gelobt
-haben. Euch aber sage ich vorher, was ich tun werde, damit
-ihr mir tröstlich seid, soweit ihr es vermögt, ohne euch zu
-verderben. Doch nein, liebe Brüder,« unterbrach er sich
-selbst, »aus Klugheit und Vorsicht hätte ich's euch nimmer
-bekannt, aber eure Freundlichkeit hat mir die Seele weich
-gemacht. Denn Sommer und Winter habe ich die Last allein
-getragen. Selig macht der Gedanke an das geliebte Weib,
-aber furchtbar quält die Angst sie zu verlieren, und manche
-Nacht habe ich in der Fremde auf meinem Lager die Faust
-geballt, oder kindisch geweint, wie mir jetzt geschieht.« Er
-wandte sich ab, hielt die Hände vor das Antlitz und sein
-starker Leib bebte im Krampf.</p>
-
-<p>Es war totenstill in der Halle. Endlich begann Odo:
-»Wenn unsere Eltern einen Rat hielten, der ihr Wohl und
-Wehe anging, so saßen sie vertraulich nebeneinander am
-Herdfeuer nieder. Führe auch du uns zum Herde der Burg,
-an dem unsere Vorfahren beraten haben, damit wir die
-Flamme aufzünden. Dort erzähle du uns von dem Weibe,
-welches dir lieb wurde, und wie alles gekommen ist bis heute,
-damit wir es wissen, denn auch das ist ein Recht der Deinen.«</p>
-
-<p>Da führte Immo die Brüder über den Hof zu dem Flur
-des Saales, worin der Herd stand, er entzündete das Feuer
-und schloß die Tür. Die sieben Brüder lagerten am Herde
-und Immo begann leise seinen Bericht, zuerst, wie Hildegard<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-unter den Buchen sein Geselle wurde, und wie er ganz
-plötzlich sich glückselig fühlte, und danach alles andere. Und
-er zeigte ihnen auch das Pergament mit den Goldfäden,
-welches alle betrachteten, während er es in seiner Hand
-hielt, bis er es wieder im Gewande barg. Die stolzen Knaben
-Irmfrieds vernahmen vorgebeugt mit leuchtenden Augen
-die Kunde, welche auch ihr Leben nahe anging, und Gottfried
-saß zu den Füßen des Bruders, hielt die Hände über
-dem Knie desselben gefaltet und blickte ihm unverwandt in
-das bewegte Antlitz, während Odo zuweilen einen neuen
-Span in das Feuer legte. Immo aber wurde froh, daß er
-von Hildegard erzählen durfte, und lachte dabei treuherzig
-wie ein Kind, er schilderte ihr Aussehen und ihre Art, so daß
-sie auch seinen Brüdern gefiel, obwohl sie die Tochter eines
-wunderlichen Mannes war.</p>
-
-<p>Als Immo geendet hatte und alle in warmer Teilnahme
-schwiegen, begann Odo nachdenkend: »Sage uns, welche
-Meinung hat Graf Gerhard zu dir?«</p>
-
-<p>»Du kennst ihn ja auch,« versetzte Immo, »daß er hastig
-nach jedem Vorteil züngelt und schmeichelnde Worte nicht
-spart; aber ich fürchte, im Grund seines Herzens ist er mir
-abgeneigt, da er schon mit unserm Vater in Unfrieden
-lebte.«</p>
-
-<p>Odo nickte. »Klein ist der Funke, welcher ein großes
-Feuer entzündet, auch uns bedroht die Flamme. Gegen
-dich stehen der König und der Erzbischof, das Recht des
-Vaters und der Friede der Stadt, und es wird ein Kampf
-gegen große Übermacht um Gut und Leben, für dich und
-deine Helfer. Aber der König ist, wie wir hören, auf dem
-Wege nach Italien, das Recht des Erzbischofs beginnt erst
-mit dem nächsten Morgen, das Recht des Vaters werden<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-wir alle ungern ehren, und wegen des gebrochenen Stadtfriedens
-werden die Erfurter vielleicht mit sich handeln
-lassen, zumal wir selbst einen Hof in ihren Mauern haben.
-Doch, wenn auch all diese Hoffnung trügt, hartnäckiger
-Wille eines Mannes vermag viel. Und zuletzt hast du noch
-deine Brüder. Denn ich denke nicht, daß diese hier den Bruder
-in der Not verlassen werden.«</p>
-
-<p>Da sprangen die Jüngeren alle in die Höhe, zuckten an
-den Schwertern und riefen: »Nimm den Schwur.« Und
-Odo fuhr fort: »Lüfte dein Schwert, mein Bruder, damit
-wir alle unsere Hände zugleich darum werfen. Während das
-Herdfeuer lodert und das Dach unseres Hauses uns bedeckt,
-geloben wir, dir mit Leib und Leben, Gut und Ehre zu
-helfen, damit du die Braut heimführst. Denn wir alle wissen,
-daß wir im Tode zu dir gehören, wie du zu uns.«</p>
-
-<p>So schworen die Sieben sich zusammen und küßten einander
-am Herdfeuer. Danach setzten sie sich wieder zu geheimer
-Beratung.</p>
-
-<p>Eine Stunde darauf ritten die Brüder den Mühlberg
-hinab, Immo mit Gottfried nach der Stadt Erfurt, die
-andern nach dem Herrenhofe. Immos Seele hob sich in
-neuer Hoffnung, als der warme Frühlingswind um seine
-Wangen wehte, und als der Bruder, welcher ihm am vertrautesten
-war, ihn immer wieder an der Hand faßte und
-durch seine vertraulichen Fragen lockte, von Hildegard zu
-reden. Sie ritten durch das offene Tor in die große Marktstadt,
-die der ganzen Landschaft für ein Wunder galt, obgleich
-sie in vielem einem ungeheuren Dorfe ähnlich war.
-Denn hölzern waren die Häuser, neben den meisten öffnete
-sich ein Hoftor, durch welches man auf die Dungstätte und
-die Ställe sah, die Gänse wateten durch den Kot der Gassen<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span>
-und das Borstenvieh lief schonungslos umher. Aber die Mauern
-und Tortürme ragten gewaltig, von den großen Kirchen und
-Kapellen läuteten fast den ganzen Tag die Glocken, auf den
-Marktbänken der freien Plätze war eine unendliche Fülle
-begehrenswerter Sachen zum Verkauf gestellt, und wer
-selten nach der Stadt kam, der wurde nicht müde, nach der
-Heimkehr von dem Unerhörten zu erzählen.</p>
-
-<p>Diesmal achteten die Helden wenig auf die Waren und
-wenig auf die stattlichen Männer und Frauen, welche in den
-Gassen ihren Geschäften nachgingen, sie stiegen in dem
-Hofe ab, der dem Geschlecht seit alter Zeit gehörte, und eilten
-zu Fuß nach dem Hause des Goldschmieds.</p>
-
-<p>Der Hof Herimans war leicht kenntlich durch das große
-Wohnhaus, welches sich neben dem verschlossenen Hoftor
-erhob. Denn ein Stockwerk ragte über dem Flur vorspringend
-in die Straße und trug noch einen Giebel mit mehreren
-Bodenräumen. Schon auf der Straße vernahm man
-Hammerschläge; als Immo das Gatter öffnete, welches bei
-Tage den unteren Teil der Türöffnung verschloß, fand er
-im Hausflur einen schlanken Knaben im Schurzfell, der mit
-Raspel und Feile an einem Metallgerät arbeitete. Auf die
-Frage nach dem Herrn führte der Knabe eine kleine Treppe
-hinauf in den hinteren Teil des Hauses, wo die Werkstatt
-des Goldschmiedes sich nach dem Hofe öffnete. Heriman
-saß mit seinem Knappen über der Arbeit, im Takte schlugen
-die kleinen Hämmer, um glänzendes Silberblech zu runden.
-Als er die beiden Krieger im Kettenhemd erkannte, sprang
-er auf, warf den Hammer in eine Ecke, fuhr sich heftig durch
-die wallenden Haare und über sein mannhaftes Gesicht flog
-ein Schatten von Besorgnis. Aber er bot mit ehrlichem
-Gruß seinen Gästen die Hand und geleitete sie aus der Werkstatt<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-nach dem oberen Stockwerk. Durch die Lichtöffnungen
-der verschlossenen Läden fielen die Sonnenstrahlen in ein
-großes Zimmer, auf viele Truhen und Schränke und auf
-die schmale Bettstelle, in welcher Heriman selbst als Wächter
-seiner Waren zu ruhen pflegte. Während Gottfried sich neugierig
-nach dem Silber- und Goldgerät umsah, welches der
-reiche Goldschmied in seinem Hause verwahrte, stieß Heriman
-einen Laden auf, doch so, daß das Innere des Zimmers
-den Nachbarn gegenüber verborgen blieb, und rief: »Bei
-Tageslicht will ich mit euch verhandeln, obwohl es ein
-nächtliches Werk ist, an welches ihr denkt.« Er holte tief
-Atem und fuhr sich wieder durch das Haar. »Bevor ihr mir's
-sagt, weiß ich, weshalb ihr im Kriegskleide kommt, denn durch
-meine Base Kunitrud erfuhr ich, daß heute abend ein Gast in
-der Stadt einzieht, um den ihr Sommer und Winter gesorgt
-habt.«</p>
-
-<p>»Sie darf die Schwelle des Klosters nicht überschreiten;
-und ich will es hindern, oder meinen Leib in euren Mauern
-zurücklassen.«</p>
-
-<p>Heriman setzte sich auf einen Schemel und neigte betäubt
-das Haupt. Aber gleich darauf erhob er sich. »Ihr fordert,
-daß ich heute meine Schuld bezahle? Ihr sollt euch in mir
-nicht geirrt haben, was mir auch darum geschehe. Doch
-bevor ich euch meinen guten Willen erweise, frage ich: ist
-es nötig, daß ihr im Frieden der Stadt wagt, was ihr tun
-wollt?«</p>
-
-<p>»Sie kommt mit reisigem Gefolge ihres Vaters und des
-Erzbischofs. Ganz unsicher wäre das Gelingen bei einem
-Speerkampf auf offener Heide.«</p>
-
-<p>»Dann also muß es hier sein. Sie rastet heute nacht im
-Hessenhofe, wo ihr Vater immer einliegt, ein Reisiger hat<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span>
-die Ankunft gemeldet. Morgen reitet der große Erzbischof in
-unsere Stadt, er selbst soll sie nach dem Willen des Königs den
-frommen Müttern zuführen. Noch andere Neuigkeit weiß
-ich: morgen früh wird die Heerfahne des Königs auf seiner
-Burg ausgesteckt und die Boten werden durch das Land
-rennen, den großen Kriegszug nach dem Land Italien anzusagen.
-Denn der König will sich dort die Lombardenkrone
-holen. Das geht euch an, wie uns alle.«</p>
-
-<p>»Dieser Abend aber gehört noch mir,« versetzte Immo
-finster.</p>
-
-<p>»Die Burgmannen sind in Bewegung wegen der Kriegsreise,
-heute abend werden die Straßen und Schenken gefüllt
-sein. Das mag euch frommen oder auch hindern.
-Wollt ihr eure Hand um die goldene Spindel legen, die euch
-im fremden Hause gehört, so müßt ihr sie nicht nur aus dem
-Hause holen, auch sicher aus Tor und Mauer schaffen. Die
-Erfurter aber halten an ihren Toren gute Wache und fordern
-Zoll von jeder Ware, die aus- und eingeht.«</p>
-
-<p>»Kannst du mir helfen, was mein ist, aus dem Hause
-zu schaffen, so trage ich's mit meinen Schwurgenossen unter
-den Schilden durch das Tor.«</p>
-
-<p>Heriman schüttelte den Kopf. »Kommt ihr mit einem
-Haufen, so findet ihr hier einen größeren, und bringt ihr
-ein ganzes Heer, so werfen euch meine Mitbürger Speer
-und Axt, den Sturmgesang vom Turme und ihre Lärmhörner
-entgegen.«</p>
-
-<p>»Nicht mit einem Heerhaufen gedenke ich auszubrechen.
-Nur sieben haben ihr Leben für die Tat gelobt und zwei
-davon stehen vor dir.«</p>
-
-<p>»Und ihr wollt, daß ich der achte sei?« frug Heriman,
-»reicht das Kreuz eures Schwertes, ich bin bereit.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span></p>
-
-<p>Immo zog das Schwert und hielt den Griff in die Höhe,
-Heriman murmelte sein Notgebet, dann legte er die Schwurfinger
-auf das Kreuz und sprach die Worte, durch die er sich
-Immo gelobte. Seine Unsicherheit war geschwunden, er
-warf das Schurzfell von sich, holte Mantel und Mütze vom
-Haken, gürtete sein Schwert um und begann: »Vertauscht
-auch ihr den Eisenhut mit dieser Mütze, ich hoffe, sie soll
-euch passen, und schlagt den Mantel zusammen, damit ihr
-den Nachbarn weniger auffallt. Euch aber, junger Held,
-ersuche ich, die Helmkappe des Bruders in der Herberge zu
-bewahren, während wir beide durch die Straßen gehen,
-denn zwei Wölfe sind nur ein Paar, aber drei eine Rotte.
-Ich geleite euch zu dem Hofe, in welchem die Jungfrau heute
-nacht rastet, damit ihr die Gelegenheit selbst erkennt, denn
-lichtlos wird am Abend Hausflur und Treppe sein; seht
-scharf um euch und achtet auch auf Kleines.«</p>
-
-<p>Sie verließen das Haus. Mit Mühe hemmte Immo in
-den Gassen seinen Schritt zu dem langsamen Gange, in
-welchem sich Heriman seiner Würde gedenkend bewegte.
-»Dies ist der Hessenhof,« murmelte Heriman, »der Wirt ist
-ein Mann des Erzbischofs, aber ein redlicher Nachbar.«
-Immos Blick achtete forschend auf die Umgebung und auf
-das Haus, welches dem des Goldschmieds ähnlich, nur kleiner
-war, und auf das Hoftor, durch welches man die Hintergebäude
-und Ställe sah. Sie traten in den Flur, stiegen
-unaufgehalten die Treppe hinan, fanden die Tür eines
-Zimmers offen und darin eine kräftige Frau, welche mit
-dem Besen umherfegte und den Heriman vertraulich grüßte.
-»Dies ist Base Kunitrud, die Witwe eines wackern Burgmannes,
-sie ist dem Wirt dieses Hofes befreundet und steht
-seinem Haushalt vor. Dir aber, Base, führe ich den edlen<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-Helden Immo zu, weil er deinem guten Gemüt vertraut,
-das ich ihm gerühmt habe, und einen Dienst von dir begehrt.«</p>
-
-<p>»Auch wir in Burg Erfurt haben von Held Immo
-mancherlei vernommen,« antwortete Kunitrud geschmeichelt,
-»und ich gedenke vor allem der Guttat, die ihr diesem hier
-erwiesen habt.«</p>
-
-<p>»Um dir alles zu sagen, Base,« fuhr Heriman auf einen
-bittenden Blick Immos fort, »der Held trauert, wie du ihm
-leicht ansiehst, darüber, daß das Grafenkind geschleiert
-werden soll. Denn er hat sie im Hause ihres Vaters und auch
-sonst lieb gehabt, wie die Art junger Leute ist; und darum
-möchte er ihr durch deinen Mund noch einen Gruß sagen,
-bevor sie bei den frommen Schwestern eingeschlossen wird.«</p>
-
-<p>Kunitruds Augen glänzten von Neugierde und Teilnahme.
-»Verliert nur nicht den Mut, edler Herr, ich habe mehr als
-eine Nonne gekannt, welche vom Erzbischof Urlaub erhielt
-und als ehrliche Hausfrau lebte mit Kindern, so drall wie
-die Äpfel. Denn in dem Erdgarten ist alles möglich, wenn
-man's nur erlebt.«</p>
-
-<p>Während ihr Immo für die Teilnahme zu danken suchte,
-fuhren seine Augen rastlos um die offene Tür, das Türschloß
-und die Treppe. Beim Herabsteigen mahnte Heriman
-leise: »Achtet auf die ausgetretene Stufe, ein falscher Tritt
-mag den Erfolg verderben. Und jetzt schnell vom Hause weg
-und in gerader Richtung dem Tor zu, durch das ihr entrinnen
-sollt. Einreiten müßt ihr bei Tage, solange das Tor
-geöffnet ist. Eure Brüder sind hier wohlbekannt und ihre
-Ankunft wird in der Aufregung des Tages niemandem auffallen.
-Mit Sonnenuntergang wird das Tor gesperrt und
-den Ausreitenden geöffnet; wenn die Nacht so weit heraufgestiegen
-ist, daß die Bürgerglocke zum zweitenmal läutet<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span>
-und die Schenken geschlossen werden, dann wird auch die
-Brücke gehoben, und von da vermögt ihr nur mit Heeresmacht
-hinauszureiten. Ihr müßt die Tat also zwischen
-Sonnenuntergang und dem zweiten Glockenklang vollbringen.
-Ich sende, wenn die rechte Zeit gekommen ist,
-meinen Knappen nach eurem Hofe, ich selbst warte eurer in
-der Nähe des Hessen. Und noch eins habe ich auf dem Wege
-bedacht,« fuhr Heriman fort, »gelingt es euch nicht, zum
-Tor hinauszuschlüpfen, so müßt ihr die Hälse wagen auf
-einem anderen Wege, den schwerlich jemand ohne Not
-wählt. Ein Stück der Stadtmauer ist verfallen, gerade jetzt
-bessern sie an dem Schaden, die Stelle ist nicht auf eurem
-Wege, sondern nordwärts, und nahe der Königsburg.
-Dennoch sollt ihr sie beschauen, ob sie in der Not euch Rettung
-gewährt.« Er führte vom Tor längs der Mauer zu
-einem wüsten Platz, unter Schutthaufen. Die Trümmer
-der eingestürzten Mauerwand ragten aus dem Grabenwasser
-und die Arbeiter hatten Bretter darübergelegt, auch
-an der Böschung der Außenseite sah man den Fußsteig, durch
-welchen sie aus- und einliefen.</p>
-
-<p>»Lacht der Mond freundlich, so ist der Angstpfad wohl
-zu durchreiten,« entschied Immo. »Jetzt weiche von mir,
-Heriman, damit du dich nicht ohne Not gefährdest, denn
-deine Burgmannen werden bald mit Argwohn meiner gedenken.«
-Nach kurzem Gruß entfernte sich der Goldschmied,
-Immo eilte in die Herberge und sprengte gleich darauf mit
-dem Bruder aus dem Tor.</p>
-
-<p>Eine gute Wegstunde von Erfurt lag unweit dem Grenzwall,
-welcher die Güter des Geschlechts von der Stadtflur
-schied, ein Hügel, der mit Eichen bewachsen, auf seinem
-Gipfel ein altes Blockhaus trug, in welchem die Jäger und<span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span>
-Hirten zu rasten pflegten. Im Sommer war die kleine
-Lichtung von dichtem Schatten umhüllt, auch jetzt bot
-das Geflecht der Äste und Zweige einen sicheren Versteck.
-Zu dieser verborgenen Stelle hatte Immo die Brüder und
-die Getreuen von der Mühlburg geladen, wenn die Sonne
-die Mittaghöhe erreichen würde. Er fand bei seiner Ankunft
-Brunico mit den Waffen und frischen Rossen, und den Vogt
-der Mühlburg, welcher die letzten Befehle des Herrn empfangen
-sollte. Als Immo absprang und seinem Bruder
-Gottfried zunickte, erkannte er in dem erblichenen Antlitz
-des Jünglings die Erschöpfung, er hob ihn in seinen Armen
-vom Pferde und streichelte ihm die Wangen. »Zwei Tage
-und eine schlaflose Nacht im Eisenhemd waren für meinen
-Liebling zuviel, noch hast du Zeit, ein wenig zu ruhen, damit
-dir am Abend nicht die Kraft versagt.« Und mit freundlichem
-Zureden nötigte er den Widerstrebenden auf ein Lager von
-Waldheu, das er im Blockhaus breitete, er rückte ihm das
-Haupt zurecht und deckte ihn mit dem Wollmantel. Dann
-trat er ins Freie und blickte unverwandt nach dem Wege,
-der vom Herrenhofe herzulief.</p>
-
-<p>Die Brüder stoben in ihrer Rüstung heran; als sie den
-Bruder auf der Höhe erkannten, wirbelten die Jüngeren
-lustig die Speere. Odo führte sein Roß zu Immo und bot
-diesem die Zügel. »Nimm heute den Sachsen zurück,« sagte
-er, »denn die Braut, welche wir einholen, soll von diesem
-Tiere getragen werden, welches der Stolz des Hofes war.
-Die weiße Farbe ist gedeckt, damit es im Dunkeln nicht
-jedermann erkennbar schimmere.« Da schlang Immo den
-Arm um den Hals des Bruders und antwortete: »Die Gabe
-nehme ich nicht, edler Odo, denn größere Gunst fordere ich
-von dir selbst. Nicht meine Arme dürfen die Braut, um<span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span>
-welche wir reiten, aus der Stadt tragen, sondern du selbst
-sollst es tun. Mir gebührt die Abwehr, der Kampf und die
-Nachhut auf der Flucht. Dir aber übergebe ich die Geliebte,
-daß du nur um sie sorgst und sie rettest, was uns andern
-auch geschehe.« Da nickte Odo: »Es sei, wie du willst.«</p>
-
-<p>Schweigend standen die Männer und schauten zuweilen
-durch die Baumäste nach dem Stand der Sonne. Endlich
-hob Immo den Arm nach dem Himmel, da neigten alle die
-Häupter und flehten leise zu den hohen Engeln um Rettung
-aus der Not, in welche sie ritten, dann traten sie an die
-Rosse. »Wo bleibt Gottfried?« frug Odo.</p>
-
-<p>Immo sprang in das Blockhaus. Der Bruder lag in
-festem Schlummer, er hielt die Hände gefaltet und lächelte.
-Als Immo das Kind so im Frieden liegen sah, wurde ihm
-plötzlich das Herz weich, er trat leise zurück und zu den
-Brüdern kehrend, sprach er: »Er liegt in süßem Schlaf, ich
-traue mich nicht, ihn zu wecken.«</p>
-
-<p>»Bleibt er zurück, so wird er uns immerdar zürnen,«
-versetzte Odo und wollte hinein, aber Immo hemmte ihn
-und sprach: »Denket daran, Schwurgenossen, daß unsere
-Mutter einen Sohn behalte,« und dem Dienstmann Berthold
-die Hand zum Abschiede reichend, bat er: »Wenn er erwacht,
-so sage ihm, daß wir einen von uns gewählt haben, für unsere
-Mutter zu sorgen, und der eine sei er.« Wieder hob er den
-Arm zur Sonne und die Helden sprengten den Berg hinab
-der großen Stadt zu.</p>
-
-<p>Im Walde vor Erfurt teilte sich die Schar, denn nicht zu
-gleicher Zeit und zu einem Tore wollten sie einreiten. Die
-fünf Brüder zogen auf dem nächsten Weg durch dasselbe
-Tor, zu welchem sie die Geraubte hinausführen mußten.
-Immo aber mit Brunico betrat die Stadt durch das Tor<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span>
-im Osten. In der Herberge trafen alle zusammen, sie
-fanden viel Volk in den Straßen und in den Schenken, auch
-Bewaffnete aus der Umgegend klirrten einher. Die Brüder
-aber gingen einzeln und zu zweien durch die Menge und
-betrachteten die Gassen, durch welche sie reiten, und die
-Ecken, an denen sie sich aufstellen sollten.</p>
-
-<p>Die Sonne sank, in den Straßen wurde es dunkel, die
-Gassen leerten sich, doch aus den Häusern glänzten die Herdfeuer
-und aus den Schenken klang der Lärm lustiger Zecher.
-Die Brüder standen im Hofe ihrer Herberge bei den gesattelten
-Rossen, sie wechselten gleichgültige Worte, aber in
-der langen Erwartung hämmerte ihnen das Herz in der
-Brust. Und wenn ein Laden oder die Flurtür geöffnet
-wurde, so kam ihnen bei dem matten Lichtschein vor, als ob
-sie alle bleich wären wie Leblose. Da fuhr eine dunkle Gestalt
-von der Gasse in den Hof, und der Knappe des Goldschmieds
-flüsterte Immo zu: »Der am Idisbach lag, grüßt
-euch und läßt euch sagen, es sei an der Zeit. Der Graf und
-sein Gefolge sind beim Vogt des Erzbischofs zum Nachtmahle.«
-Gleich darauf ritten die Brüder langsam aus dem
-Hofe, voran Immo neben dem Boten, nach ihm Odo und
-Brunico, die andern Brüder folgten ganz allmählich zu
-zweien.</p>
-
-<p>Vor dem Hessenhofe war die Straße leer, aus dem Hofraum
-aber vernahm man Stimmen und das Stampfen der
-eingestallten Pferde. An dem Kellerhals des Nachbarhauses
-tauchte ein Schatten auf und glitt neben Immo bis nahe
-zu der Haustür. Den Zügel des Rosses ergreifend, mahnte
-Heriman mit heiserer Stimme: »Steigt ab.«</p>
-
-<p>Immo sprang in das Haus; langsam ritt Odo bis dicht
-vor die Haustür. Das Zeichen der Nachtglocke klang gellend<span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span>
-vom Turme, in den Höfen rührte sich's und vom Markte
-her vernahm man den schweren Tritt und das Klirren Bewaffneter.
-»Er ist verloren,« stöhnte Heriman. Da sprang
-Immo über die Schwelle, eine verhüllte Gestalt im Arme,
-er schwang sie dem Bruder auf das Roß und der Sachsenhengst
-fuhr in gestrecktem Lauf die Gasse entlang dem Tore
-zu. Als Odo um die Ecke bog, war er nicht mehr allein, denn
-hinter ihm ritten Adalmar und Arnfried, und als sie dem
-Tor nahten, fanden sie Ortwin und Erwin schon in Verhandlung
-mit den Torwächtern, welchen Ortwin zurief:
-»Frisch, ihr guten Männer, beeilt euch aufzusperren, wir
-reiten zum Ehrentanze für eine Braut.« Odo hielt im
-Dunkeln, er hörte das Knarren der Torflügel und mahnte
-zurück: »Schließt dicht an.« Dann sprengte er hinter die
-vorderen Brüder, und die Schar ritt eilig durch das Tor
-auf die Brücke. »Haltet, halt! was tragt ihr hinaus?« schrie
-der Wächter, aber der Ruf verklang hinter den Flüchtigen.
-Sie stoben gerettet unter dem Nachthimmel dahin und sahen
-rückwärts nach dem Bruder aus.</p>
-
-<p>Als Immo vor dem Sachsenhofe nach seinem Rosse
-sprang, schrie aus dem Oberstock eine helle Frauenstimme:
-Raub, Zeter und Waffen. Die Scharwächter stürmten
-heran, aus dem Hoftor drangen die Knechte, auch diese
-riefen Feuer und Rache. Im Nu erhob sich wilder Tumult
-und Waffengeklirr. Gegen Immo, der mit Mühe sein Roß
-gewonnen hatte, warfen sich die Scharwächter, er wehrte
-den Führer mit dem Speer ab, und als der Mann stürzte
-und die Genossen sich um ihn sammelten, riß Brunico das
-Pferd seines Herrn am Zügel und schrie: »Fort, die Bahn
-ist offen.« Aber indem Immo sich wandte, klang in seinem
-Rücken aufs neue Geschrei und Schwertschlag, und die<span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span>
-Stimme Herimans rief flehend: »Verlaßt nicht euren
-Helfer, der für euch das Schwert hob.« Da merkte Immo,
-daß die Stunde gekommen war, in welcher eine Lehre des
-Mönches Gehorsam forderte, und daß dieser Gehorsam ihn
-von Freiheit und Glück schied. Aber seiner Ehre gedenkend,
-rief er entgegen: »Des Rosses letzter Sprung sei für dich,«
-und er warf sich zurück in den wütenden Haufen, stach und
-schlug, bis er den Heriman herausgehauen hatte und dieser
-hinter dem Roß in der Dunkelheit verschwand. Jetzt wandte
-sich Immo aufs neue zur Flucht und stob mit Brunico dem
-Tore zu. Aber die Stadt war geweckt, hinter ihnen stürmten
-mit lautem Hallo die Verfolger, aus aufgerissenen Fensterläden
-fiel hie und da ein Lichtschein auf die Flüchtigen, die
-Trinker sprangen mit gezückter Waffe aus den Schenken
-und warfen sich ihnen entgegen. Als sie das Tor vor sich
-sahen, erscholl auch von dort Alarmruf und Kampfgeschrei
-Bewaffneter, welche auf sie zurannten. Da fuhr Brunico
-in der Bedrängnis zur Seite in eine enge Gasse der gebrochenen
-Mauer zu, Immo folgte. Der größte Teil der
-Verfolger lief nach dem nächsten Tor, um die Flüchtigen
-dort abzuschneiden, die Gehetzten gelangten bis zu den
-Mauertrümmern. Dort hielt Brunico. »Voran,« befahl
-Immo. Keuchend klomm das Roß des Mannes hinab,
-dieser gelangte glücklich über den Bretterstieg, indem er
-unterwegs brummte: »Nicht umsonst habe ich dich zum
-Feierabend zurecht gelegt,« und fuhr auf der andern Seite
-in die Höhe. Ihm folgte Immo. Er sah sich auf der wüsten
-Stätte um, noch waren die Verfolger zurück, aber sein verwundetes
-Roß hinkte; als er es hinabtrieb, brach es an dem
-Trümmerhaufen, welcher aus dem Wasser ragte, zusammen,
-warf den Reiter hart gegen die Steine und glitt in das<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span>
-Wasser, in dem es angstvoll stöhnte und um sich schlug.
-Immo erhob sich betäubt vom Fall, er merkte jetzt, daß er
-selbst hart verwundet war; mühsam wankte er auf den Steg
-und wand sich an der andern Seite des Grabenrandes
-empor. Dort blieb er liegen.</p>
-
-<p>»Fünf Jahre habe ich dich gezogen,« klagte Brunico zu
-seinem Hengst, »und jetzt rinnt dir's heiß von der Hüfte und
-du ziehst auf dem Wege eine Spur gleich dem verendenden
-Wild. Einem ruhmlosen Tölpel gehörte der Speer, welcher
-auf das Roß zielte statt auf den Reiter.« Hinter sich vernahm
-er einen leisen Ruf, er sprengte zurück. Unweit des
-Grabens lag ein Mann am Boden, Brunico sprang ab. »Der
-Schildarm ist getroffen,« seufzte Immo, »und er hängt
-nach dem Sturz machtlos in der Achsel.«</p>
-
-<p>»Ein wunder Mann und ein wundes Pferd sind einander
-jämmerliche Gesellen,« rief Brunico. »Dennoch helfe ich
-dir auf mein Tier, mich birgt die Nacht und der nächste
-Graben.« Er hob den Wunden mit starker Anstrengung auf
-sein Roß, aber Immo schwankte wie betäubt. »Halt aus,
-Brauner, bis zum nächsten Wald,« ermunterte Brunico,
-»dort lade ich ihn auf meinen Rücken.« Er schwang sich hinter
-dem Verwundeten auf, die Hinterbeine des Pferdes knickten
-unter der Last, Brunico trieb es mit den Sporen dem Saum des
-Gehölzes zu, welches in der Dunkelheit schwarz vor ihnen lag.</p>
-
-<p>»Die Hunde werden im nächsten Augenblick hinter uns
-sein,« brummte der Knappe nach rückwärts spähend, »und
-unsere Kunst geht zu Ende.« Er sprang wieder ab.</p>
-
-<p>»Birg mich seitwärts vom Wege und rette dich, vielleicht
-vermagst du Hilfe zu bringen,« mahnte Immo.</p>
-
-<p>»Der Mond scheint über kahles Land, sie finden dich,
-bevor ich ein Pferd schaffe.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span></p>
-
-<p>Vor ihnen knarrte ein Karren und knallte eine Peitsche.
-»Der Wagen fährt auf unsere Dörfer zu,« rief Brunico
-erfreut, »ich meine, es ist ein Nachbar, der sich in der Stadt
-verspätet hat.« Er rief den Wagen an und führte das Pferd
-zu ihm hin. »He, Landgenoß, kennst du den Freien Balderich
-im Dorfe vor uns?«</p>
-
-<p>»Vielleicht kenne ich ihn,« versetzte der Mann, mit der
-Peitsche knallend.</p>
-
-<p>»Willst du helfen, einen Verwundeten heimlich nach
-seinem Hofe zu schaffen, so soll dir ein guter Lohn werden.«</p>
-
-<p>»Es kommt darauf an, wer der Wunde ist,« versetzte der
-Mann auf dem Karren. Als aber Brunico ihm näher kam,
-wandte er sich heftig ab. »Dies Gesicht kenne ich, ich sah dich
-unter den Disteln, verflucht sei die Hand, die sich dir zur
-Hilfe rührt.« Brunico zog sein Schwert.</p>
-
-<p>»Laß den Mann in Frieden,« befahl Immo, aber er
-selbst glitt kraftlos vom Roß in die Arme des Getreuen. Der
-Fuhrmann beugte sich über ihn. »Halt,« rief er, »auch diese
-Stimme erkenne ich. Kann euch mein Wagen helfen, Herr,
-so hebe ich euch herauf. Es sind dieselben Räder, die ihr in
-meiner Not aus dem Wasser hobt.«</p>
-
-<p>Immo nickte schwach mit dem Haupt. »Ladet mich auf.«
-Die beiden Männer hoben ihn auf den Wagen, der Fuhrmann
-Hunold breitete eine Decke und rückte die Strohbündel.
-»Euch schaffe ich in das Dorf, der andere möge sich
-fern halten von meinem Messer.«</p>
-
-<p>Immo streckte die Hand über das Wagengeflecht. »Fort
-mit dir, Gespiele.« Der Knappe warf sich mit einem Seufzer
-auf das Pferd und trabte dem Holze zu, während der Fuhrmann
-ihm zornig nachsah.</p>
-
-<p>Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag. Hunold<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span>
-sah sich um und zog die Decke über den Liegenden. Bewaffnete
-sprengten heran und frugen barsch nach Namen
-und Fahrt. Auf die Antwort des Führers, daß er ein Mann
-des großen Bischofs sei, klang die Gegenfrage, ob er Reiter
-gesehen habe.</p>
-
-<p>»Sicher sah ich sie, kaum ein Viertel Weges zurück am
-Kreuze, zwei Männer auf einem Pferde,« und er wies
-rachsüchtig dorthin, wo Brunico in der Dunkelheit verschwunden
-war. »Ihr mögt die Spur erkennen, denn sie
-liegt rot auf dem Wege.« »Sie sind es,« riefen die Reiter
-und stoben zurück bis zum Kreuzwege.</p>
-
-<p>Aber sie erreichten weder Roß noch Reiter. Denn
-Brunico war, als er sich in der Dunkelheit allein sah, vom
-Hengst gesprungen und hatte das zitternde Tier mit einem
-Schlage vorwärts getrieben. »Hilf dir allein, wenn du
-kannst, ich denke, den Weg nach deinem alten Stalle kennst
-du. Ich laufe dem Karren nach Balderichs Hof vor, damit
-der Alte und mein Mädchen über das Brautgeschenk, das
-ich ihnen sende, nicht allzusehr erschrecken.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch11">11.<br />
-Die Mutter auf der Burg.</h2>
-</div>
-
-<p>Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder
-die ganze Nacht sorgenvoll nach der Tiefe, immer wieder
-erwogen sie, ob er getötet sei, ob er in Erfurt gefangen
-liege, oder ob er sich auf einem Umweg in die Berge schlagen
-und zu ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede
-Tierstimme im Walde dünkte ihnen ein Zeichen des Nahenden.
-Als der Morgen graute, sandten sie Läufer in die
-Dörfer, welche ihnen gehörten, und forderten heimlichen
-Zuzug ihrer Dienstmannen, und zwei von ihnen warfen
-sich mit den Knechten in das Gehölz, wo ein gedeckter Anritt
-zu den Bergen möglich war. Aber friedlich lag die Landschaft,
-auch von dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten
-die Ebene nach Erfurt überschaute, vermochten sie nichts zu
-erkennen, nur einzelne Reiter sahen sie hie und da auf den
-Feldwegen, und ihre spähenden Knaben verkündeten, daß
-es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig bei den
-Bauern nach der flüchtigen Schar forschten, aber den Rand
-des Gehölzes vermieden. Als die Sonne im Mittag stand,
-rief Ortwin: »Nicht länger vermag ich die Unsicherheit zu
-ertragen, es bringt uns wenig Ehre, hinter den Mauern zu
-harren, während der Bruder in Not ist; ich sattle und reite
-nach dem Hofe der Mutter und weiter der Stadt zu, damit
-ich Bericht einhole, sei er böse oder gut.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span></p>
-
-<p>»Ich widerrate,« versetzte Odo, »daß du der Mutter unter
-die Augen trittst, denn besser ist es, daß sie völlig keinen Teil
-habe an unserm Handel und fortan ebensowenig der Jüngling
-Gottfried, so wollte es auch unser Bruder Immo. Der
-Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte Gertrud,
-welche die Mutter auf meine Bitte gestern dem Bruder gesandt
-hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht zu loben,
-leicht könnten wir noch dich verlieren; besser gefällt mir,
-daß wir den Müller Ruodhard schicken, er versteht die Leute
-auszufragen und hat überall eher Frieden, als ein anderer.«</p>
-
-<p>Der Rat gefiel den Brüdern und Ruodhard stieg eilig
-von dem Berge. Auf dem Herrenhofe fand er alles in
-Schrecken und Verwirrung, Frau Edith hielt das Tor geschlossen,
-nur über dem Grabenrand konnte er mit den
-Knechten verhandeln. Niemand dort wußte etwas von
-Immo und seinem Knappen. Dann lief er bis Erfurt. Alle
-Schenken waren gefüllt, und jedermann sprach von dem
-Raube, aber die Leute stritten, wer der Räuber sein möge,
-und von Immo vernahm er völlig nichts und er meinte, daß
-dieser schwerlich in Haft liegen könne, weil die Reisigen noch
-auf der Jagd wären.</p>
-
-<p>Da beschlossen die Brüder, still zu harren, aber sie frugen
-unsicher, wie lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn
-ein Landgeschrei erhoben würde und wenn gar die Mutter
-die Entlassung forderte.</p>
-
-<p>Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf
-dem Wartturm die Wache, da lachte Ortwin: »Den Kranich
-Ludiger hörte ich schreien, wie lief der Vogel aus unserm
-Hofe über das Land?« und als er hinabsah, erkannte er,
-daß an der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege
-etwas Fremdes lag. Er ließ das Tor aufsperren, die Brücke<span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span>
-werfen, eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in die Höhe,
-dann sprang er abwärts bis an das Gehölz, aber er vernahm
-nur noch ein Rasseln der Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite,
-und suchte vergebens den Springer zu erkennen. Er
-flog zurück, rief in den Hof: »Eine Botschaft bringe ich, was
-sie bedeute, mögt ihr selbst erkennen,« und hielt ein kleines
-dicht umwundenes Bündel in die Höhe. Das Gebinde ging
-von Hand zu Hand, und Odo sprach: »Sicherlich ist es ein
-Zeichen, ruft die alte Gertrud, denn sie versteht alles Geheime
-besser zu deuten als wir andern.« Gertrud betrachtete
-mit scharfen Augen das fremde Stück, sie setzte sich nieder,
-murmelte Unverständliches darüber, löste behutsam das
-Band und dachte nach. Endlich hob sie die Hand und rief:
-»Ich verstehe den Gruß, Günstiges kündet er dem Hause;
-denn daß der Kranich rief, meldet euch, daß die Botschaft
-von einem Sohne des Hofes kommt; blau ist das Band,
-welches das Zeichen umschließt, und mit blauer Farbe malt
-ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fünf Pfeile
-um ein Haselreis und eurer sind fünf, und das Reis in der
-Mitte meint die Jungfrau. Der dies gesandt hat, will, daß
-ihr mit euren Waffen die Jungfrau umringt wie die Pfeile
-das Reis. Das Reis ist noch ganz frisch, darum ist, der es
-sandte, nicht weit entfernt.« Da rief Odo: »Geendet ist
-der Zweifel. Er lebt und er denkt seine Beute zu bewahren,
-er soll erkennen, daß auch wir nach seinem Willen tun; wir
-halten die Jungfrau und wir halten die Burg gegen jedermann;
-denn hoch ist der Berg und fest die Mauer, und viele
-Helmkappen mögen daran zerschellen, wenn die Grafen aus
-der Ebene sich gegen uns erheben.«</p>
-
-<p>Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern
-Balderich, in dessen Hofe Immo verborgen lag. Ungeduldig<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span>
-forderte der Verwundete, daß Brunico ihn nach der Mühlburg
-schaffe; sein verrenkter Arm war ihm eingerichtet, aber
-der Schmerz und Blutverlust einer tiefen Armwunde hinderten,
-das Roß zu besteigen, und Brunico merkte, daß die
-Wege auch in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da
-dachte Immo, daß der Balsam, welchen die Mutter bewahrte,
-ihm schnelle Heilung verschaffen könnte, und er mahnte
-seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds Hilfe zu gewinnen.
-Deshalb lief der kluge Knabe von der Mühlburg
-nach dem Herrenhofe, um die Arznei, welche Brunico selbst
-nicht zu holen wagte, vertraulich zu erbitten.</p>
-
-<p>Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlüpfen und
-den Herrensohn heimlich zu grüßen. Als Gottfried in den
-Saal trat, fand er seine Mutter in Unterredung mit einem
-Mönch des heiligen Wigbert, den er nicht kannte; es war
-eine düstere, breitschulterige Gestalt, mehr einem Kriegsmann
-als einem Mönch zu vergleichen. Und er vernahm, wie die
-Mutter zu dem Fremden sprach: »Ich wußte längst, daß die
-Geweihten auch die hohe Pflicht üben, ihren Feinden zu
-vergeben und für sie zum Himmelsherrn zu bitten, aber
-daß ihr, ehrwürdiger Vater, gegen den mein armer Sohn
-am ärgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhängt
-und ihm jetzt eure Fürbitte zuteil werden laßt, das nimmt
-schwere Sorge von meinem Herzen.«</p>
-
-<p>Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr
-heimlich: »Gib mir den Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten,
-aber frage nicht, wer er ist.«</p>
-
-<p>Edith sah ihn mit großen Augen an, dann eilte sie in
-ihre Kammer, riß die Büchse aus der Truhe, trug sie in den
-Saal und hielt sie dem Mönch hin, indem sie sprach: »Segnet
-die Arznei, ehrwürdiger Vater, denn vor jedem andern<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span>
-Gebet mag das eure dem Unglücklichen frommen, der sich
-dies begehrt.«</p>
-
-<p>Der Mönch neigte sich darüber und segnete, Gottfried
-sprang hinaus und übergab dem Knaben die Büchse. Der
-Wigbertmönch aber sah mit finsterm Blick dem enteilenden
-Knaben nach.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den
-Hof: »An das Tor, ihr Genossen, Staub wirbelt auf der
-Straße, einen reisigen Zug sehe ich mit Wagen und Herdenvieh,
-und Eisen blinkt über den Rossen.« Die Brüder
-sprangen herzu, in kurzem waren die sechs Kinder Irmfrieds
-auf der Höhe des Turmes gesammelt. »Ich sehe kein
-Banner wehen,« sprach Erwin, »und sorglos ziehen sie dem
-Gehölz zu.«</p>
-
-<p>»Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse
-als Männer,« rief Adalmar, »wie Flüchtige nahen sie und
-nicht wie Feinde.« »Weiber erkenne ich im Haufen und den
-jüngsten Bruder,« lachte Arnfried.</p>
-
-<p>»Es ist die Mutter selbst,« rief Odo. Die Brüder sahen
-einander mit kummervollen Mienen an. »Sie naht mit
-ihrem Gesinde, die Bewaffneten des Gutes führt sie herbei.«</p>
-
-<p>»Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kämpfen,« murmelte
-Erwin.</p>
-
-<p>»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren,« sprach
-Ortwin, »aber wie sollen wir ihrem Willen widerstehen?«</p>
-
-<p>»Alles hat seine Zeit,« rief Odo, »wenn sie fordert,
-mögen wir weigern, jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.«</p>
-
-<p>Die Söhne eilten hinab, das Tor wurde geöffnet, auf
-der Mauer drängten sich die Mannen, und die Herren traten
-vor die Brücke, um den Zug zu empfangen. Schweigend
-nahten die Reiter, ohne Gruß und Willkommen sahen die<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span>
-alten Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten
-auch die Söhne an das Roß der Mutter, sie aus dem Sattel
-zu heben. Als Edith den Boden berührte, begann sie: »Es
-ist mir lieb, daß ihr mich empfangen habt, geleitet die Mutter
-in das Haus des Bruders. Du aber, Odo, gestatte, daß deine
-und meine Leute den Hof betreten,« und nach rückwärts gewandt
-rief sie: »Gehorchet, wenn Herr Odo euch fordert,
-denn er hat hier zu gebieten.« An der Hand des Sohnes
-schritt sie in den Hof und grüßte die Kriegsleute, welche ihr
-jetzt zuriefen und die Waffen zusammenschlugen. Unterdes
-sprachen die jüngeren Brüder mit Gottfried. »Sie hat unsern
-Hof geräumt,« erzählte dieser, »alle, die treu an ihr hängen,
-führt sie unter Waffen her. Was sie hier begehrt, hat sie
-mir nicht vertraut.«</p>
-
-<p>Edith blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern,
-Weibern und Vieh, und auf die unsichern und verlegenen
-Blicke, mit denen sie betrachtet wurde. »Harrt nur
-ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, führe mich zu dem Herde,
-an welchem mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn
-verlor.«</p>
-
-<p>Die Brüder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich
-zu dem leeren Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten
-sich im stillen Gebet, dann trat sie unter ihre Söhne.
-»Euch wundert, wie ich erkenne, die Mutter hier zu sehen,
-und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet, ich aber
-komme, bei euch zu bleiben und euer Schicksal zu teilen.
-Sorget nicht, daß ich euch den Sinn mit Klagen beschwere
-oder gar mit Vorwürfen, weil ihr gefrevelt habt gegen
-Frieden, Recht und die heilige Kirche. Andere werden euch
-darum bedrohen, ich aber will euch dienen, so weit eine
-Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, daß wir in Todesnot<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span>
-stehen. Wisset, meine Söhne, der König naht mit
-großem Heergefolge, der Erzbischof und die Grafen im Lande
-haben ihre Mannen in den Sattel gefordert, heute oder in den
-nächsten Tagen wird der Feind die Burg umschließen, und
-die Kinder des Helden Irmfried werden hinter Mauern
-ihren letzten Kampf kämpfen, wenn sie nicht demütig ihr
-Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.«</p>
-
-<p>Die Brüder standen betroffen.</p>
-
-<p>»Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen
-den König,« antwortete Odo, »obwohl wir erkennen, daß
-wir in großer Gefahr stehen. Aber Mutter, daß ich alles
-sage, mehr als den König und den Erzbischof fürchten wir
-deinen Wunsch, daß wir die Braut des Immo den Feinden
-ausliefern.«</p>
-
-<p>Da antwortete Edith: »Stets habe ich gehofft, daß mir
-die Heiligen gewähren würden, ohne große Missetat mein
-Leben zu beschließen; aber anders hat der üble Teufel es
-gefügt. Will ich meinem Geschlecht die Treue beweisen, so
-muß ich die Mitschuld auf mich nehmen zu meinem Schaden
-hier und dort. Eure Mutter bin ich, ihr Knaben, ich habe
-euch gezogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten
-Tage eurer Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit
-dir tragen, du einsames, verfeindetes Geschlecht. Und die
-Engel mögen es wissen und die Heiligen mögen mir verzeihen.
-Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht von
-eurem Los, wie es auch falle.« Da riefen ihr die Söhne
-Heil und hingen sich ihr um Hals und Hände. Edith aber
-fuhr fort:</p>
-
-<p>»Laßt uns an die nächste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen
-sollen wissen, daß die Herren einig sind. Alle, die ich
-dir herführe, sollen dem Herrn Immo in deine Hand sich<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span>
-zuschwören. Ich bringe auch, was zumeist die Sorge der
-Frauen ist, Vorrat von den Gütern für Küche und Keller,
-vertraue mir die Aufsicht darüber an, damit ich mit meinen
-Mägden dir nütze, und ich rate, laß abladen und einräumen,
-solange nicht größere Sorge bedrängt.«</p>
-
-<p>»Gestatte, Mutter, daß ich dir die Jungfrau zuführe,«
-bat Odo. Das Antlitz der Edith erblich, ihre Hand zog sich
-zusammen und sie rang nach Fassung, aber im nächsten
-Augenblick sprach sie lächelnd: »Erst machen wir das Haus
-fest, damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben werden.
-Denn der Zweifel lähmt auch den Mutigen, aber wer seine
-Pflicht kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg und Hof
-versorgt, dann denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt
-ist.«</p>
-
-<p>Als Odo die Tür des Gemaches öffnete, in welchem
-Hildegard geborgen war, saß die Jungfrau gebeugt auf dem
-Lager, die Hände im Schoß gefaltet. Sie fuhr auf und sah
-erschrocken auf eine hohe Frauengestalt und den strengen
-Ausdruck eines edlen Antlitzes. »Es ist unsere Mutter,«
-sagte Odo, »welche zu dir kommt.« Da sank Hildegard vor
-Frau Edith auf den Boden und Odo verließ leise das
-Zimmer.</p>
-
-<p>»Steh auf, Jungfrau,« begann Edith, »ich bin nicht der
-Herr, welchen du dir gewählt hast.«</p>
-
-<p>Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. »Im Traume sah
-ich dein Angesicht, es gleicht dem seinen, aber feindlich
-blicken die Augen. O sei barmherzig, Herrin,« rief sie in
-ausbrechendem Schmerze, »der Sturmwind riß ein Blatt
-vom Baume und es flatterte bis vor deine Füße. Zertritt
-nicht die Bebende.«</p>
-
-<p>Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span>
-tränenfeuchten Augen. »Das sind die Züge, welche meinem
-Sohn lieber wurden als der Wille der Eltern und das eigene
-Heil. Waren es deine Tränen oder war es dein Lachen,
-womit du sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit
-Lächeln begann's und die Tränen folgten, das ist das Schicksal
-aller, welche einander lieb haben auf dieser Erde. Leid
-brachtest du uns und Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau,«
-fuhr sie milder fort, »ich komme nicht, dich zu schelten
-und zu richten, sondern damit ich dir Frauenrat gebe, so
-oft du ihn begehrst. Setze dich zu mir und wenn du mir gefallen
-willst, so sprich mir von ihm.« Sie führte Hildegard
-zu dem Lager, aber die Jungfrau glitt wieder an ihren
-Knien herab und klagte: »Laß mich liegen, Herrin, und zu
-dir aufsehen wie zu einer Fürbitterin, denn mir ist, als hätte
-ich dir Großes abzubitten, daß ich hier bin und daß ich ihn
-liebe.«</p>
-
-<p>Edith neigte sich zu ihr herab: »Rede nicht weiter, bevor
-du mir eins gesagt hast. Als meine wilden Knaben dich
-hertrugen, folgtest du mit gutem Willen oder haben sie eine
-Widerwillige auf das Roß gehoben? Bist du als Braut
-meines Sohnes hier oder als Gefangene?«</p>
-
-<p>Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde
-Röte und sie neigte das Haupt in den Schoß der Mutter.
-»Als er eintrat,« murmelte sie, »erschien er mir wie damals,
-wo er mich am Kreuz mit seinem Schilde deckte. Gleich dem
-hohen Engel Michael stand er bei mir im Kriegskleide und
-mir schwand die quälende Angst vor dem Kloster.«</p>
-
-<p>Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die
-feuchte Stirn der Jungfrau.</p>
-
-<p>Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib
-der Herrin und klagte: »Meine Mutter ist tot, und freudenlos<span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span>
-lebte ich. Da trat er in unsere Halle. Holdselig waren
-seine Worte, fröhlich seine Art, und unter den Männern
-wußte er sich zu behaupten, daß ihm keiner zu widersprechen
-wagte. Er wurde mir schnell so vertraulich, als hätten wir
-lange beieinander in der Schule gesessen. Und er lachte
-mich an und faßte meine Hand. Sein Lachen ist lieblich,
-Herrin. Er trank aus dem Becher, den ich ihm bot, und aß
-von meinem Teller.«</p>
-
-<p>»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens
-gestellt,« murmelte Edith.</p>
-
-<p>»Sie preisen ihn auch als einen Helden, Herrin, denn
-keiner kommt im Kampfe gegen ihn auf, und die kleinen
-Spielleute erzählen, daß er mit dem Speer sicherer als ein
-anderer auf die Stelle trifft, nach der er wirft. Jedermann
-wundert sich, wo er im Kloster so Schweres gelernt hat.«</p>
-
-<p>»Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst,«
-versetzte Edith, »und sein Vater staunte selbst darüber. Ich
-sorge, auch im Kloster hat er mehr an Holz und Eisen gedacht,
-als an die Bücher.«</p>
-
-<p>»Dennoch, Herrin, versteht er ganz gut das Lateinische,
-obgleich er selbst sein Wissen nicht rühmt; und er weiß so
-geschickt mit Sprüchen und Versen zu antworten, daß es
-eine Wonne ist, ihn anzuhören.«</p>
-
-<p>»Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein?«
-frug Edith. »Das war es, was ihm gefiel, ich dachte sonst,
-die heilige Sprache hilft nur dazu, den Glauben vertraulich
-zu machen, ich merke aber, sie verlockt auch Männer und
-Frauen zueinander.«</p>
-
-<p>»Du sagst die Wahrheit, Herrin. Denn die in der Schule
-waren, verstehen einander leicht unter fremden Leuten.
-Damals, als ich ihn zuerst sah, wurde mir weh ums Herz,<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span>
-weil er mir gestand, daß er ungern im Kloster weilte. Aber
-später kam mir ganz andere Sorge.« Sie hielt an und sah
-vor sich nieder. »Denn als ich ihn im Kriegskleide wiedersah
-und erkannte, daß er dereinst mein Herr werden sollte, da
-erschrak ich über den schweren Gedanken. Und ich saß im
-Sonnenuntergang auf dem Idisberge, bis die Nacht heraufstieg;
-und als der Nachtwind in den Zweigen rauschte, hörte
-ich immerdar seine Stimme und daneben eine andere, als
-wenn ich selbst mit ihm redete, aber fern und leise wie oben
-aus dem Wipfel des Baumes, und die eine Stimme sprach:
-Selig war ich, Held, denn ich habe deine Liebe gefunden,
-und jetzt zittre ich, dich zu verlieren. Und die andere Stimme
-antwortete: Ruhm ersehne ich, und schrecklich will ich meinen
-Feinden werden, gedenkst du das Weib eines Helden zu sein,
-so darfst du nicht vor dem Tode beben. Wenn zwei einander
-lieb haben, sollen sie auch beten, daß sie miteinander sterben.
-Da merkte ich, Herrin, was es bedeutet, einen Mann im
-Herzen zu tragen. Mein Geschlecht habe ich verlassen um
-seinetwillen,« unterbrach sie sich selbst, »und jetzt ist er nicht
-hier, ich aber gehöre zu ihm, wo er auch weilen mag.«</p>
-
-<p>»Allzu ungeduldig bist du, an seinem Hals zu hangen,«
-versetzte Edith finster. »Verwundet ward er in jener Nacht.«</p>
-
-<p>»Die Brüder sagten mir's,« antwortete Hildegard leise,
-»an sein Lager will ich, und fühlst du Erbarmen mit meiner
-Not, so sage mir, wo ich ihn finde.«</p>
-
-<p>»Auch der Mutter bergen sie die Stätte,« rief Edith.
-»Meinst du, mich quält es weniger als dich, daß er unter
-Fremden liegt in traurigem Versteck?«</p>
-
-<p>Hildegard sprang auf. »Wenn du ihn liebst, so komm
-mit mir aus diesen Mauern; wir hüllen uns in niederes
-Gewand und suchen ihn, bis wir ihn finden. Denn der<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span>
-treue Mann, der ihn im Heereszug begleitete, weiß es, wo
-er weilt.«</p>
-
-<p>»Eitel ist dein Wunsch,« antwortete Edith, »wenn wir diese
-Burg verlassen, so würden wir ihn eher verraten als retten.
-Denn wisse, Jungfrau, der König naht mit seinem Heergefolge
-in feindlichem Willen, um den Raub zu rächen.
-Meinen Sohn, seine Brüder und uns alle auf dieser Burg
-bedroht des Königs Zorn.«</p>
-
-<p>Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank abgewandt
-von der Mutter auf die Knie. Edith saß lange Zeit
-schweigend, endlich begann sie forschend: »Klagst du, daß
-er und sein Geschlecht um deinetwillen an Leben und Ehre
-bedroht sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe, auch
-der Himmelsherr erhört nur die Bitten derer, welche in
-Demut und Reue zu ihm flehen. Reut dich das Unheil, das
-allen droht, so denke auch auf die Rettung. Um dich allein
-geht der Kampf. Du vermagst ihm Leben und Freiheit
-zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des Richters
-sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.«</p>
-
-<p>Hildegard lag unbeweglich, Edith trat näher und sprach
-über ihrem Haupt: »Liebst du ihn über alles, wie du sagst,
-so kannst du das jetzt erweisen: kehre zurück zu deinem Geschlecht,
-wende deine Schritte dem Kloster zu und entsage
-ihm, damit du ihn rettest.«</p>
-
-<p>Ein Schauer flog über Hildegards Leib, sie richtete sich
-auf, und ihre großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter.
-»Ist deines Herzens Meinung, Herrin, daß ich tue, wie du
-sagst?«</p>
-
-<p>»Ich sagte dir's, du aber antworte.«</p>
-
-<p>Hildegard fuhr in die Höhe. »Eine Feindin hörte ich des
-geliebten Mannes und eine Feindin meiner Liebe. In den<span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span>
-Abgrund will ich tauchen, in die Flammen will ich springen,
-um sein Leben zu retten, bezeugt ihr guten Engel, die ihr
-meine Gedanken bewacht, daß ich die Wahrheit rede. Mein
-Leben nehmt für ihn, aber meine Liebe verrate ich nicht.
-Hat er alles für mich hingegeben, ich habe dasselbe getan.
-Gebunden bin ich an ihn und solange ich atme, gehöre ich
-ihm zu. Jetzt ist meine Treue der Stab, an den er sich hält
-auf seinem Lager, in seiner Angst. Du aber willst mich zerbrechen
-und hinwerfen, damit er erkenne, daß seine Liebe
-nichtig war und die Jungfrau, der er alles geopfert hat,
-feige und schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen
-auf uns blicken wie auf zwei wilde Tiere, welche von
-den Jägern umstellt sind, wisse auch, unter den friedlosen
-Tieren ist der Brauch, wenn der Bär verwundet ist und von
-den Hunden umstellt, so läuft die Bärin nicht abwärts, um
-ihn zu retten, sondern sie wirft sich der Meute entgegen. Die
-Kraft der Glieder ist mir versagt, aber mein Wille ist fest
-wie der seine. Sage mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten,
-aber mahne mich nicht, daß ich lebend ihm entsage.«</p>
-
-<p>Da rief Edith: »Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer
-Taube siehst du ähnlich, aber wer dir die Kappe von dem
-Haupte löst, der erkennt die edle Art eines Falken. Zürne
-nicht, daß ich dich versucht habe. Denn ganz fremd warst
-du mir. Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht, und
-sie frägt zuerst, ob das Weib, das der geliebte Sohn sich erkor,
-würdig ist, seine Vertraute zu werden anstatt der Mutter.
-Gesegnet seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir
-als Braut des Sohnes und als Genossin im Hause. Deine
-Mutter bin ich von heute und du mein Kind, und verteidigen
-will ich dich gegen den König und alle Welt. Komm zu mir,
-Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span>
-daß er mir das Glück gewähre, deine Hand in die meines
-Sohnes zu legen.«</p>
-
-<p>Hildegard warf sich an die Brust der Mutter.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Frau Edith hatte recht verkündet. Als der König durch
-reitende Boten des Erzbischofs die Kunde von dem Raube
-der Jungfrau erhielt, da hemmte er, wie sehr auch sein Herz
-sich nach dem Süden sehnte, sogleich die Fahrt und kam mit
-den Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt
-waren, über die Werra zurück. Der Erzbischof ritt ihm entgegen.
-Er fand den König hocherzürnt und wortkarg, und
-als er ihm von dem Raube berichtete, unterbrach ihn der
-König heftig: »Wer ist Kläger?« Und da der Erzbischof erwiderte:
-»Ich selbst durch meinen Vogt, und der Vater der
-Jungfrau,« hob der König drohend die Hand und rief:
-»Sagt dem Grafen, er soll seine Pflicht nicht säumig tun,
-denn des Königs Auge ist noch über ihm.« Zuletzt sprach der
-Erzbischof: »Ist auch die Stunde ungünstig, um die Verzeihung
-des Königs zu erbitten für einen andern, der in
-Ungnade lebt, so darf ich doch dem Flehenden mich nicht
-versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mönch Tutilo begehrt,
-sich vor dem König zu demütigen; unstet treibt er
-umher im Zwist mit seinem Abte, er kam von Ordorf zu mir
-und stöhnte, daß ich ihm die Huld des Königs wieder erwerbe.«</p>
-
-<p>»Er hat also Lust, die Rute zu küssen, wie die andern
-Empörer seines Geschlechtes getan haben,« spottete der
-König. »Manchen bessern Anblick weiß ich, als einen hochfahrenden
-Mann, der widerwillig die Knie beugt und seine
-Miene zur Demut zwingt. Doch da dem Könige nicht ziemt,
-gegen einen Mönch zu hadern, so laßt ihn herein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span></p>
-
-<p>Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag
-Tutilo vor dem Könige auf dem Fußboden. Als der Mönch
-nach kurzer Unterredung mit gesenktem Haupt, einem
-reuigen Manne ähnlich, entwich, trat Heinrich in den Saal,
-in welchem sein Gefolge harrte, und rief: »Ihr sagtet mir,
-ehrwürdiger Vater, daß der Räuber Immo spurlos verschwunden
-sei, wenn er nicht etwa bei seinen Genossen auf
-der Mühlburg hause, ihr waret im Irrtum.« Und er rief Gundomar
-und gab ihm einen leisen Befehl.</p>
-
-<p>An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem
-Dorfe zu, in welchem der Hof des Bauern Balderich lag.
-Die Reiter umstellten das Dorf und drangen unter harten
-Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem Königsvogt
-von Erfurt in die Kammer, in welcher Immo saß.
-Dieser wandte sich finster ab, als er seinen Oheim erblickte,
-aber dem Vogt reichte er die Hand. »Mir tut's von Herzen
-leid, Held Immo,« sprach dieser traurig, »daß ich dich zur
-Stelle dem König überliefern muß.«</p>
-
-<p>»Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst,« antwortete
-Immo ruhig, »nur eine Bitte erfülle mir, verhindere
-deine Reisigen, daß sie den Leuten hier einen Schaden
-an Leib und Gut zufügen, denn aus Mitleid haben diese mich
-aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag.« Das
-versprach der Vogt.</p>
-
-<p>Am andern Morgen sahen die von der Burg in der Morgensonne
-blinkende Speere und wehende Banner; der König
-hielt mit seinem Heerhaufen bei dem nahen Dorfe, in welchem
-die Sachsenkönige seit alter Zeit einen Hof hatten, das
-Königsbanner ließ er auf einem Hügel errichten, der zu dem
-Erbe Irmfrieds gehörte, und rings herum die Wagenburg
-schlagen. Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg<span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span>
-langsam ein friedlicher Zug, an dessen Spitze der Erzbischof
-Willigis ritt und neben ihm der Mönch Reinhard. Edith selbst
-mit ihren sechs Söhnen empfing die frommen Väter am
-Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre
-Söhne weisend: »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung
-vor dem Altar kniete, erbatet ihr, hochwürdiger
-Vater, den Segen der Himmlischen für mein Leben; hier
-seht ihr, was ich von meinem Glück zu bewahren vermochte.
-Daß ihr jetzt in unserer Not zu uns kommt, dafür danke ich
-dem Ewigen, denn als eine gute Vorbedeutung sehe ich euer
-geweihtes Haupt in diesen Mauern.«</p>
-
-<p>»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes,«
-versetzte Willigis, »sondern als Diener eines strengen Richters.
-Eile hinauf, gebot er mir, zerwirf das Nest unholder Vögel
-und bringe mir die Brut herab unter meine Hand. Darum
-übergebt euch der Gnade des Königs ohne Widerstand,
-denn scharf ist sein Zorn und schnell folgt seinem Willen die
-Tat.«</p>
-
-<p>Odo versetzte ehrerbietig: »Wir stehen hier in festen
-Mauern unter treuen Schwurgenossen, wir haben nicht die
-Wahl, ob wir die Feste und die Jungfrau dem König ausliefern
-wollen oder nicht, denn unser Bruder Immo, der
-hier gebietet und heute fern ist, befahl uns, beide zu halten
-gegen jedermann.«</p>
-
-<p>Da entgegnete der Erzbischof: »Es ist eures Bruders
-Hals, um den ich sorge, wenn ich von euch die Ergebung
-fordere. Denn wisse, Geschlecht Irmfrieds, Held Immo liegt
-gefangen in des Königs Gewalt.«</p>
-
-<p>Edith rang die Hände gegen den Himmel und die Brüder
-traten bestürzt zusammen.</p>
-
-<p>»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten<span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span>
-in das Lager, sein Versteck wurde dem König
-durch einen Feind verraten.«</p>
-
-<p>»Tutilo,« schrie die Mutter entsetzt.</p>
-
-<p>»Seitdem hält der König fest, was euch zwingt. Liefere
-mir die Nestlinge des toten Irmfrieds, befahl der König,
-bevor die Sonne zur Mittagshöhe gestiegen ist; wenn sie
-länger zaudern, so lasse ich den Gefangenen an den Fuß der
-Mühlburg führen, wo man von der Höhe sein Haupt sehen
-kann, und ich werfe sein Haupt auf den Grund. Austilgen
-will ich den frechen Trotz, der Landrecht und Königsmacht
-mißachtet, und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen
-die Räuber mir widerstehen. Darum wollt ihr, junge
-Helden, den Bruder vor jähem Tode bewahren, so folgt
-mir aus der Burg zum Könige. Wenn er eure Ergebenheit
-sieht, wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem
-Rat solcher, welche euch Gutes wünschen.«</p>
-
-<p>Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern: »Unsere
-Lose warfen wir am Herdfeuer, als wir uns dem Bruder
-gelobten. Wenn wir willig waren, in den Gassen der Stadt
-unser Leben für das seine zu wagen, so müssen wir dasselbe
-vor dem Schwert des Königs tun. Ich bin bereit, den
-Priestern zu folgen. Vier von euch lade ich, daß sie zu mir
-treten.«</p>
-
-<p>Da traten alle Fünf auf seine Seite, Odo aber wies seinen
-Bruder Gottfried zu der Mutter: »Nach dem Willen des
-Gefangenen gehörst du zu ihr, und dir ziemt auch jetzt diesen
-Willen zu ehren. Hochwürdiger Herr, wir sind gerüstet, euch
-zu folgen. Wir allein, denn nur wir fünf waren Genossen
-des Bruders bei der Tat. Die Burg unseres Geschlechts
-aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders vermögen
-wir euch nicht zu übergeben; darüber zu entscheiden,<span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span>
-steht bei unserm Bruder Immo, wenn er auch gefangen ist;
-und solange wir nicht deutlich erkennen, daß er die Übergabe
-fordert, dürfen wir Brüder sie nicht vollbringen. Darum
-lege ich die Gewalt über die Burg und über alles, was
-sie umschließt, in die Hand unserer Mutter. Sorge du,
-Mutter, für Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns
-aber segne, da wir uns von dir scheiden.«</p>
-
-<p>Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die
-Knie und küßten ihr Hände und Gewand. Sie riß bleich und
-tränenlos einen der Liegenden nach dem andern an ihr Herz,
-ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man vernahm
-keine Worte. Und als die Fünf der Tür zuschritten, stürzte
-sie ihnen nach und umfaßte ihnen noch einmal Hals und
-Haupt, bis sich die Weinenden von ihr lösten.</p>
-
-<p>Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend
-zugesehen, obgleich sie gewöhnt waren, alle irdische Liebe
-als nichtig zu betrachten. Jetzt begann der Erzbischof: »Den
-redlichen Entschluß eurer Söhne, edle Edith, will ich gern
-dem König rühmen; die Helden haben wohlgetan, dem
-Urteil der Mutter zu vertrauen, denn als fromm und weise
-wird sie im ganzen Lande geehrt.«</p>
-
-<p>»Sechs junge Leben, die mir gehören, hat König Heinrich
-für sich genommen, was will er von der verwaisten Mutter
-noch mehr?«</p>
-
-<p>»Die Burg und die geraubte Jungfrau, die eure Söhne
-darin bewahren, begehrt er von euch.«</p>
-
-<p>»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das
-Frauengemach, in welchem die Mutter gebietet, und nicht
-in das Heerlager des Königs. An die Burg aber hat der
-König völlig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der
-Lebenden und Toten willen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span></p>
-
-<p>»Denkt in eurem Schmerz auch daran, edle Frau, daß
-eure Söhne durch ihre Missetat dem Spruch des Königs
-verfallen sind.«</p>
-
-<p>»Sind meine Söhne schuldig zu büßen für eine schwere
-Tat, so bin ich, ihre Mutter, in derselben Schuld. Denn
-Blut sind sie von meinem Blut, und wenn sie jetzt auch auf
-ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin sie ihr Mut
-treibt, meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und
-bei Nacht. Dies Geheimnis einer Mutter vermag kein
-Priester zu begreifen. Haben sie Missetat geübt, so bin ich
-dem Richter verfeindet, wie sie; und gleich ihnen will ich
-das Erbe des Geschlechts bewahren gegen jedermann,
-auch gegen den König selbst.«</p>
-
-<p>»Hütet euch, Frau,« mahnte der Erzbischof, »freiwillig
-eure schuldlose Seele mit derselben Schuld zu beladen,
-welche auf jenen liegt. Denn nicht nur den irdischen Richter
-haben sie erbittert, auch dem Himmelsherrn haben sie geraubt,
-was ihm zukam, als sie eine Jungfrau entführten,
-die geweiht werden sollte. Darum sorgt für das Heil ihrer
-Seelen, indem ihr die Jungfrau zurückgebt, sonst möchte
-der große Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen
-als König Heinrich, und eure Söhne für ihre Tat hinabstoßen
-in das Reich des üblen Drachens.«</p>
-
-<p>Da rief Edith mit flammenden Augen: »Und wenn wahr
-wäre, was ihr sagt, und wenn der große Himmelsgott ihnen
-die Wolkenhalle verschließt um so kleine Schuld, weil sie
-den Besitz eines geliebten Weibes begehrten und weil sie
-alle treu waren in der Not; meint ihr, ehrwürdige Väter,
-daß die Mutter allein im Himmelssaal kauern wird, getrennt
-von ihren Kindern? Werden diese verworfen, so will auch
-ich verworfen sein, lieber will ich meinen sieben Knaben ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span>
-Becher und Schüßlein in der finstern Hölle zureichen, als
-fern von meinen Kindern euch, ihr Heiligen, in der strahlenden
-Burg des Himmels.«</p>
-
-<p>Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie und Willigis
-schlug schnell das Kreuz. Er war ein alter und gestrenger
-Herr, der eifrig für die Kirche sorgte. Aber als Frau Edith
-so empört vor ihm stand, höher als sonst und einem Weibe
-aus der Urzeit ähnlich, da dachte er daran, daß sie von den
-wilden Sachsen herstammte, wie er selbst auch; und obschon
-ihm graute, so kam ihm doch vor, als ob er wohl auch so
-reden könnte. Aber seiner Würde gedenkend, zog er sein
-Gewand zusammen und wandte sich zum Abgang. »Wer
-die Strafen der Menschen nicht scheut und die Strafen der
-Ewigkeit nicht über alles fürchtet, mit dem hat ein Priester
-nichts mehr zu reden.«</p>
-
-<p>Edith jedoch faßte ihm das Handgelenk mit eisernem
-Griff. »Haltet an, ehrwürdiger Vater, ihr selbst und wohl
-auch andere haben mich in meinem Glücke über Gebühr gerühmt
-als ein gottseliges Weib, das den Heiligen treu diene.
-Weshalb meint ihr wohl, bin ich verwandelt? Den ältesten
-Sohn habe ich verloren, weil ich nach eurem Rat forderte,
-daß er gegen seinen Wunsch der Kirche diene und diese Burg
-den Heiligen übergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm
-gezürnt und mein Auge hat ihn seitdem nicht wieder gesehen.
-Finstern Gedanken habe ich seine junge Seele preisgegeben,
-gerade als er den Rat und die Liebe der Mutter am <span id="corr310">meisten</span>
-bedurft hätte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den
-Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich fürchte, in dieser
-Welt für mich verloren, und diese Burg, die der König ein
-Nest unholden Geflügels nennt, soll zerworfen werden durch
-Eisen und Feuer. Versucht das rühmliche Werk, laßt eure<span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span>
-Knechte kommen mit der Haue und dem Brande, stürmet
-die Mauern, erschlagt meine Getreuen und führt hinaus an
-Strick und Kette, was ihr hier an lebenden Häuptern findet.
-Einen Leib werdet ihr dennoch zurücklassen. Folgt mir, ihr
-Geweihten, zu der Stelle, die auch ihr ehren solltet, wenn
-ihr eures Amtes denkt.« Sie zog den Erzbischof aus der
-Halle über den Hof und öffnete die Tür der kleinen Kapelle.
-Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz darüber.
-»An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen
-Stein der Heiden geworfen und sein Genosse Wigbert hat
-darüber den Altar geweiht. Euch, Erzbischof, und dem
-frommen Könige sollte dieser Ort ehrwürdig sein, und ich
-meine, ihr solltet für Frevel halten, dies Mauernest zu zerreißen
-und den Flug der Vögel, welchen hier die Heiligen
-ihren Sitz geweiht haben. Was ihr tun wollt, steht bei euch,
-was ich tun will, berge ich euch nicht. Brecht ihr das Haus,
-dann wird dies die Stätte, wo ich ausharre unter berstenden
-Mauern und brennenden Balken. Sagt dem König, daß
-hier das Grab der Edith ist, und daß die Mutter der sieben
-Knaben keine andere Antwort für ihn hat.« Sie warf sich am
-Altar nieder, die Sendboten verließen schweigend den Raum.</p>
-
-<p>»Wilde Worte hörten wir,« begann der Erzbischof zu
-Reinhard, als sie herabritten. »Doch auch der schüchterne
-Vogel wandelt seine Art, wenn ein Feind die Krallen nach
-seiner Brut ausstreckt.«</p>
-
-<p>Reinhard antwortete seufzend: »In meinem Herzen
-fühle ich den Jammer über das Schicksal, welches diesem
-Geschlecht bereitet wird. Hochwürdiger Vater,« bat er, die
-Hände faltend, »wenn jemand den Helden Immo vom Tode
-zu retten vermag, so ist eurer Weisheit diese gute Tat vorbehalten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span></p>
-
-<p>Der Erzbischof schüttelte das Haupt. »Du kennst noch zu
-wenig den Sinn dieses Königs. Meinst du, daß Heinrich
-seine Reise unterbrochen und uns alle als Zeugen seines
-Tuns mitgeführt hätte, wenn er nicht seine eigene Macht
-erhöhen wollte, indem er die Häupter eines edlen Geschlechts
-auf den Rasen wirft. Selbst wenn er dem Schuldigen nicht
-feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in seinem Herzen
-entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt
-als strenger Richter zu erweisen. Denn die Trauer
-über des Richters Spruch fühlen nur wenige, die Kunde
-aber, daß er wieder einen Räuber aus der Zahl der edlen
-Schildträger getroffen hat, fliegt durch das ganze Land, sie
-schreckt die Argen und gewinnt dem König die Herzen der
-Friedlichen. Auch hat der König hier wenig um die Rache
-mächtiger Herren zu sorgen, denn einsam und ohne
-großen Anhang von Lehnsleuten haust das Geschlecht am
-Walde.«</p>
-
-<p>»Dennoch vernahm ich, daß der König einst den Helden
-Immo wert hielt,« warf Reinhard bittend ein.</p>
-
-<p>»Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhärtet,« versetzte
-der Erzbischof, »vielleicht weil Held Gundomar dem
-Jüngling feind ist, vielleicht wegen anderem. Nicht umsonst
-wurde König Heinrich in Klosterzucht gezogen, er hat gelernt,
-was dem Manne am schwersten ist, seine Gedanken zu verbergen.
-Dreien Königen habe ich in die Tiefe ihrer Seelen
-gespäht, jetzt handle ich mit dem vierten, und eifriger als
-die früheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und
-reiche Spenden. Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem
-Lammfell die Tatze eines Raubtiers, und ich merke, wenn
-er sich vor den Heiligen am tiefsten demütigt, denkt er am
-meisten an den eigenen Vorteil. Mich aber freut die kluge<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span>
-Art, denn auch wir sind nicht einfältig, und beide verstehen
-wir, wo unser Vorteil gemeinsam ist.«</p>
-
-<p>Am Fuß des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge
-ein Zeichen, die Reisigen rückten im Kreis um das Geschlecht
-Irmfrieds, und Willigis begann zu Odo: »Steigt von den
-Rossen, ihr jungen Helden, und gebt eure Waffen meinem
-Hauptmann, daß er sie euch bewahre.« Die Brüder saßen
-unbeweglich, sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre
-Schilde am Arm herauf. »Demut rate ich euch, wenn ihr
-dem Leben des Bruders nützen wollt; du selbst weißt, edler
-Odo, daß du nicht hoch zu Roß dem Könige vor die Augen
-reiten darfst. Denn er fordert, daß ihr euch ihm ergebt, und
-barhaupt, mit den Füßen im Staube müßt ihr ihm nahen.«
-Die Brüder sahen einander grimmig an und Erwin gebot
-leise: »Schließt euch zusammen, damit wir wenden und
-rückwärts durchbrechen.« Aber Ortwin mahnte: »Dann
-stolpern die Rosse über das Haupt unseres Bruders,« und
-Odo sprach: »Der Pfeil flog vom Bogen, wir ändern nicht
-mehr seinen Lauf, taucht zur Erde und fügt euch.« Da
-sprangen sie von den Rossen, hingen die Schwerter ab,
-lösten die Helme und schritten zu Fuß unter den Bewaffneten
-dem Lager zu mit gerötetem Antlitz und Tränen der
-Scham in den Augen. Vor dem Lager ritt Willigis noch
-einmal zu ihnen und riet in guter Meinung: »Leichter biegt
-sich im Sturm der junge Stamm als der alte, und er schnellt
-auch wieder in die Höhe und breitet seine Wipfel lustig in
-der Sonne. Denket daran, daß der König vor allem Demut
-fordert; vermögt ihr sie nicht in eurer Rede zu erweisen,
-so werdet ihr euer Heil am besten bedenken, wenn ihr
-schweigend kniet.«</p>
-
-<p>Der König hielt auf seinem Roß mit großem Gefolge,<span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span>
-er sah finster über die Söhne Ediths, welche schwerfällig die
-Knie beugten. »Trotzig finde ich die Waldleute noch in ihrer
-Haft. Wo habt ihr die Jungfrau? Auch erkenne ich nicht
-des Königs Banner auf der Burg.«</p>
-
-<p>Willigis antwortete: »In der Burg gebietet die edle
-Edith und sie weigerte mir die Jungfrau, welche, wie sie
-sagte, in Frauenzucht gehöre und nicht in ein Heerlager, da
-sie die Braut ihres Sohnes sei. Und weil Frau Edith aus
-edlem Sachsengeschlecht stammt, welches in alter Zeit mit
-dem Hause des Königs befreundet war, so hielt ich für Recht,
-daß der König selbst gebiete und der Sachsenfrau seinen
-Willen verkünden lasse. Denn schwere Worte sprach die
-Mutter in ihrem Schmerz, und ich fürchte, sie begehrt sich
-den Tod im brennenden Hause.«</p>
-
-<p>Der König zog den Mund zu einem herben Lächeln.
-»Ich sah Frau Edith einst, als ich ein Knabe war. Meint sie
-mit dem König zu streiten, weil er sie damals im Kinderspiel
-auf die Hände schlug. Ist sie so bereit, die Pfänder zu verlieren,
-welche ich von ihr in der Hand habe? Ein Ende will
-ich machen mit dieser Widersetzlichkeit. Führt die Räuber
-ab, doch so, daß sie sich nicht ihrem Bruder gesellen. Euch,
-hochwürdiger Vater, bitte ich, zur Stelle mit den Fürsten
-und Edlen, welche mir folgen, im Rat niederzusitzen über
-den Raub der Jungfrau, damit ihr mir eure Meinung erklärt,
-die ich gern beachte, soweit ich vermag. Denn ich
-selbst will richten.« Und sein Pferd wendend, rief er Gundomar
-zu sich. »Dies geht dich an,« sprach er gütiger, »denn
-ist dir das Haus des toten Irmfried auch verfeindet, so wirst
-du doch um deiner eigenen Ehre willen dafür sorgen, daß die
-Frauen nicht in ihrer Torheit das Schicksal der Männer<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span>
-teilen. Reite hinauf und sage ihnen mein Gebot, daß sie
-vor mir erscheinen.«</p>
-
-<p>Gundomar vernahm die Botschaft mit umwölkter Miene.
-»Hartes gebietet der König,« murmelte er, »mein Fuß
-betrat die Mauer nicht seit den Jahren meiner Jugend.«</p>
-
-<p>Aber mit blitzenden Augen rief der König: »Willst auch
-du mir widerstehen? In guter Meinung sprach ich zu dir.
-Wahrlich, es ist Zeit, eine Warnung zu geben, denn unbändig
-und eigenwillig gebärdet sich jeder in dieser Waldecke.«</p>
-
-<p>Da warf Gundomar sein Roß herum, winkte mit der
-Hand, daß seine Ritter ihm folgten, und sprengte dem Berge
-zu. Weit vor den anderen fuhr er dahin, und die Hofleute
-sahen freudig auf den streitbaren Helden. Doch hätten sie
-sein Antlitz geschaut, die Angst darin hätte sie gewundert.
-Als er den steilen Bergweg hinaufritt, sank ihm das Haupt
-auf die Brust und er seufzte schwer. Vor dem Wallgraben
-hielt er still wie einer, der nicht ganz bei sich ist, er vergaß
-sein Begehr, zum Turme hinaufzurufen und vernahm auch
-nicht, daß der Vogt ihn anschrie. Erst als der drohende Ruf
-zum zweiten Male erklang, hob er das Haupt und starrte
-wie ein Träumender um sich. Da rief der alte Berthold:
-»Ein Antlitz sehe ich, das ich vorzeiten fröhlicher schaute.
-Bringst du Frieden, Herr, so harre, daß ich dich unserer
-Herrin verkünde.« Er eilte von der Mauer, nicht lange und
-das Tor wurde geöffnet, Gundomar winkte seinem Gefolge
-zurückzubleiben und ritt allein in den Hof. Auch dort zögerte
-er abzusteigen und zuckte am Zügel, als ob er wieder hinauswenden
-wollte. Aber neben ihm erhob sich die alte Gertrud
-vom Boden: »Graues Silber glänzt in deinem Haar, aber
-deine ersten Locken wuchsen, als ich dich auf dem Arme
-trug. Kannst du dem Weibe deine Hand reichen, das<span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span>
-allen Söhnen Irmfrieds als Wärterin diente, so sei gesegnet.«</p>
-
-<p>Gundomar schüttelte das Haupt und Gertrud rief zornig:
-»Sieh dorthin, du Held, der Schlehenstrauch steht noch an
-der Mauer. Weiß ist die Blüte, aber schwarz die Frucht;
-dort trank der Boden das Blut zweier Brüder, die im Todeshaß
-gegeneinander schlugen. Dort binde dein Pferd an,
-du Feind des Geschlechts. Sechs Söhne Irmfrieds sind
-deiner Rache verfallen, nur das jüngste Kind ist noch übrig;
-ich denke, du kommst, auch mit dem letzten den Kampf zu
-beginnen.«</p>
-
-<p>»Schweig, Alte,« versetzte Gundomar grimmig, »führe
-mich zu deiner Herrin.«</p>
-
-<p>Gertrud wies auf die kleine Kapelle. »Traust du dich
-den Ort zu betreten, wo die Sünden vergeben werden, so
-wirst du sie finden.«</p>
-
-<p>Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum.
-An einer Ecke des Altars saß Edith auf den Stufen, sie wies
-auf die andere Seite. »Dort sitze nieder, Gundomar, denn
-die Nähe der Heiligen tut uns beiden not, wenn wir miteinander
-reden.«</p>
-
-<p>Gundomar warf sich auf die Stufen des Altars, und es
-war ein langes Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete,
-warf er scheue Blicke nach Edith und sprach abgewandt:
-»Eine Lüge ist es, daß die Zeit das Herz des
-Menschen wandelt. Die Wunde brennt heute, wo ich dich
-wiedersehe, wie vor fünfundzwanzig Jahren. Die Krallen
-des Hasses und der Eifersucht fühle ich, wie damals, wo ich
-dich verlor; und was die Priester als schwere Sünde strafen,
-das hege ich unablässig in meinem Innern, den heißen
-Wunsch, der mich zu dir treibt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span></p>
-
-<p>Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: »Du siehst eine Mutter,
-die ihre Söhne großgezogen hat und im Witwenschleier des
-toten Gemahls gedenkt.«</p>
-
-<p>»Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter
-Glanz mich einst selig machte. Nicht die Mutter erkenne ich
-und nicht die Witwe eines anderen, nur das Weib, das ich
-selbst begehrt habe.«</p>
-
-<p>Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab.</p>
-
-<p>Aber Gundomar fuhr fort: »Wie im Traum habe ich
-dahingelebt alle diese Jahre, nur meine Sehnsucht nach der
-einen und mein Haß gegen einen anderen haben wahrhaft
-in mir gebrannt; alles übrige war mir wie ein Spiel der
-Gaukler. Oft habe ich gebüßt und die Geißel über meinem
-Rücken geschwungen, aber fruchtlos war das Fasten und
-vergeblich die Schläge, denn die bösen Feinde versuchten
-mich immer wieder. Noch hier merke ich sie,« raunte er
-scheu um sich blickend. »Vieles habe ich auf Erden erlebt,
-sündige Liebe und sündigen Haß, ich sah, wie man eine Krone
-gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes,
-wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fühle ich
-den Eisfrost in meinen Gliedern, verleidet ist mir diese Erde
-und ich schmecke die Galle aus dem Honig. Mich jammert,
-daß die Menschen so begehrlich sind nach Goldschmuck und
-Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich dir, da
-ich dich wiedersehe gegen deinen Willen, damit du mich
-nicht hassest, wenn du an mich denkst. Denn nur an deiner
-Meinung ist mir gelegen, um die andern sorge ich wenig.
-Ich ringe und suche, was mir die Kraft gibt, zu überwinden,
-damit mir das ewige Erbarmen nicht fehle.«</p>
-
-<p>Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: »Meide
-den König und suche dir einen anderen Herrn.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span></p>
-
-<p>»Ich denke daran bei Tag und Nacht,« antwortete Gundomar
-leise. Und sich erhebend, fuhr er mit verändertem
-Tone fort: »Der König sandte mich. Forderst du meinen
-Rat, so weißt du, daß ich dir nichts berge.«</p>
-
-<p>»Rate mir, so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist.«</p>
-
-<p>»Dem König liegt am Herzen, seine Hoheit in einem
-Herrengericht zu erweisen. Dazu bedarf er die Geraubte
-und dich ladet er zur Mehrung des Ansehens. Ich rate dir,
-daß du gehst. Denn der wird den Königen am meisten verhaßt,
-der sie hemmt, wo sie vor dem ganzen Volk ihre Würde
-erweisen wollen.«</p>
-
-<p>Edith machte eine abweisende Bewegung und Gundomar
-fuhr fort: »Willst du dem König in der Burg widerstehen,
-so vermagst du das ganz wohl; denn ihm fehlt alles Sturmgerät,
-und er kann nur wenige Tage vor diesen Mauern
-liegen, weil die Königspflicht ihn übermächtig nach dem
-Süden treibt. Beim Abzug wird er dem Gerhard und den
-Grafen in der Ebene die Fehde gegen dich und die deinen
-übergeben. Auch diesen Feinden kannst du siegreich entgegentreten.
-Merke, Edith, die Burg und den jüngsten
-Sohn vermagst du lange gegen den König zu bewahren,
-nicht die Häupter der Söhne, welche in seiner Gewalt sind.
-Denn diese wird er Rache heischend werfen. Kommst du
-dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager, so denkt er vielleicht
-auch an deinen Wert und an dein Herzeleid. Darum
-flehe ich dich an, Edith, daß du mir folgst.«</p>
-
-<p>»Rate anderes, Gundomar; die Braut meines Sohnes
-und die Burg übergebe ich nicht.«</p>
-
-<p>»Was frommt die Brautschaft, wenn der Bräutigam
-schwindet, und wie kannst du ihm die Burg bewahren, wenn
-du ihn selbst verlierst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span></p>
-
-<p>Edith barg ihr Antlitz in den Händen. »Du sprichst die
-Wahrheit. Aber wo die Gedanken in der Seele feindlich
-gegeneinander ringen und der Mensch angstvoll zweifelt,
-was ihn retten werde, da findet er einen Trost, wenn er
-treulich die Pflicht tut, welche ihm aufgelegt ward. Der
-Herr dieser Burg und der Jungfrau hat uns geboten, beide
-festzuhalten; seinem Gebot folge ich, was uns allen auch
-darum geschehe.«</p>
-
-<p>»Du verdirbst dich und andere,« rief Gundomar heftig.
-»Wohlan, manchen Dienst habe ich dem König geleistet und
-ich meine, er wird sich scheuen, mir die Ehre zu kränken.
-Um deinetwillen will ich wagen, was Heinrich mir nicht
-befahl. Ich biete dir mit der Jungfrau und dem jüngsten
-Sohne freies Geleit zum Gerichte des Königs, und wenn du
-es nach dem Gericht begehrst, wieder in die Burg zurück.
-Bis zu eurer Rückkehr mögen deine Dienstmannen die Burg
-halten, nur daß sie friedlicher Botschaft des Königs den
-Zutritt nicht weigern, wenn er sich Zeugen rufen will zu
-seinem Gericht.«</p>
-
-<p>Da erhob sich Edith: »Gelobe mir, Gundomar,« und er
-warf sich am Altar nieder und legte die Finger auf sein
-Schwert.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unterdes war der König nach dem Hofe gesprengt, in
-welchem er rasten wollte. Als er durch das Gedränge von
-Edlen und Landleuten schritt, und hier und da anhielt, um
-einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen, erkannte er
-Heriman, den Goldschmied, welcher sich demütig verneigte.
-Der König winkte ihm ein wenig zu. Und da er seltene und
-kostbare Waren, wie sie der Goldschmied häufig aus der
-Fremde brachte, gern ansah und kaufte, so befahl er seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span>
-Kämmerer: »Frage den Heriman, ob er etwas begehrt oder
-etwas bringt; begehrt er, so laß du dir seinen Wunsch sagen,
-und bringt er, so führe ihn zu mir.« Dem Eintretenden rief
-er gütig entgegen: »Wie gedeihen dir deine Fahrten auf
-des Königs Straße?«</p>
-
-<p>»Wir Thüringe danken dem König, daß er die Raublust
-der Schildträger gebändigt hat,« versetzte Heriman.</p>
-
-<p>»Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Straße,
-sobald der König nur den Rücken kehrt. Ich bin hier, um
-über einen Friedensbruch zu richten, der euch Erfurter nahe
-genug angeht; und ich denke eine Warnung zu geben, welche
-andere Missetäter abschrecken soll, damit friedliche Leute wie
-du zu Ehren des Königs gedeihen. Was birgst du Gutes in
-deinem Sack? laß sehen.«</p>
-
-<p>»Nur wenig habe ich, was wert ist, von dem König betrachtet
-zu werden,« versetzte der Goldschmied, öffnete einen
-Lederbeutel und breitete seine Schätze auf den Tisch: geschliffene
-Edelsteine, goldene Borten und zierliche Ketten,
-Gewürze und Balsam aus dem Orient in seltsamen Kapseln,
-Schnitzwerk aus Elfenbein, Dolche und Messer mit kostbarem
-Griff und Scheide.</p>
-
-<p>Der König betrachtete mit Kennerblick Schmuck und
-Steine und schob hier und da ein Stück zurück. »Was bewahrst
-du in dem Kästlein?«</p>
-
-<p>»Es ist ein Ring,« versetzte Heriman, »mit dem Stein,
-den sie Saphirus nennen, er verändert die Farbe, wenn
-der Ringfinger einen Becher berührt oder auch einen Teller,
-in welchem Gift ist. Der Stein wird jetzt sehr begehrt von
-vornehmen Geistlichen und Laien.«</p>
-
-<p>Der König warf einen gleichgültigen Blick darauf und
-wies an seinem Finger einen Ringstein derselben Art. »Nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span>
-jeden Helden meines Geschlechts hat dieser Stein vor dem
-Verderben bewahrt, Heriman, es ist sicherer, den eigenen
-Augen zu vertrauen, als der Warnung, welche aus Steinen
-kommt.«</p>
-
-<p>»Besseres hoffe ich dem König zu bieten,« versetzte Heriman,
-»sobald ich von der nächsten Fahrt über den Rhein
-zurückkehre. Denn was hier im Lande Pilger und fremde
-Händler zutragen, das gelangt meist in die Hände der ungläubigen
-Juden, und diese legen es zuerst dem ehrwürdigen
-Herrn Willigis vor, weil er ihr Schutzherr ist; ich aber dem
-Könige.«</p>
-
-<p>»Du meinst also, die Juden stören dir das Geschäft,«
-frug der König, einen Edelstein gegen das Licht haltend.</p>
-
-<p>»Sie haben das Geld, und wer mit kostbarer Ware handelt,
-vermag sie nicht zu entbehren. Auch klage ich nicht über sie,
-zumal Herr Willigis ihnen günstig ist, weil sie seiner Macht
-in der Stadt nützen.«</p>
-
-<p>»Und dir gefällt die Macht des Erzbischofs in der Stadt
-Erfurt,« warf der König hin, in Betrachtung des Steines
-vertieft.</p>
-
-<p>»Ein weiser Herr ist Willigis; bald werden die Mauern
-der Stadt zu enge sein für die Zahl der Unfreien, welche
-er von den Hufen des Stiftes und anderswoher unter seinem
-Gericht versammelt. Wir alten Burgmannen aber, die wir
-uns rühmen, von den Vätern her freie Leute zu sein, sehen
-ungern, daß der Vogt des Königs nicht mehr allein zu Gericht
-sitzt, denn es fehlt nicht an Schlägereien zwischen
-unseren Leuten und den Zugehörigen des Erzbischofs. Ich
-fürchte, in kurzem sind wir die Minderzahl. Doch wir wissen,
-es ist schwer, den Heiligen zu widerstehen.«</p>
-
-<p>Der König legte den Stein weg und frug in verändertem<span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span>
-Ton: »Wie war's mit dem Raub der Grafentochter? Erzähle,
-was du davon weißt.«</p>
-
-<p>»Die Leute des Erzbischofs haben die Notglocke geläutet,«
-entgegnete Heriman vorsichtig, »sonst würde die
-Stadt wenig davon wissen, zumal da niemand erstochen
-wurde. Selten vergeht eine Woche, wo nicht größerer
-Lärm in den Gassen ist. Unter den Burgmannen sind viele
-dem Helden Immo und seiner Sippe wohl geneigt; denn
-diese gelten sonst im Lande für redliche Männer, und
-wer ungerecht bedrückt wird, findet zuweilen bei ihnen
-Schutz.«</p>
-
-<p>Der König sah mit großen Augen auf den Goldschmied
-und befahl streng: »Packe deinen Kram ein, ich will heute
-deine Steine nicht sehen; denn du kommst nicht um des
-Kaufes willen, sondern du begehrst etwas anderes von
-mir.«</p>
-
-<p>»Als ich todwund am Idisbach lag,« antwortete Heriman,
-seine Steine langsam in den Sack sperrend, »da war es
-Held Immo, der mich aufhob, und ihm verdanke ich, daß
-ich heute vor den Augen <span id="corr322">des</span> Königs stehen kann. Ich wäre
-niederträchtig, wenn ich nicht gut von ihm redete, da der
-König zuerst mich seinetwegen gefragt hat.«</p>
-
-<p>Heinrich nickte: »Du hast recht, laß nur liegen.« Heriman
-packte aus, und der König sah wieder auf die Steine.
-»Also die Leute des Erzbischofs schlugen an die Glocke. Ich
-höre, daß einige aus der Stadt den Räubern Vorschub
-leisteten und sogar mit ihren Wehren die Bewaffneten des
-Herrn Willigis an der Verfolgung hinderten. Weißt du
-auch darüber etwas?«</p>
-
-<p>Heriman besann sich. »Sie sagen, daß ein scharfer
-Schwertschlag getauscht wurde, und daß Held Immo nur<span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span>
-darum ins Unglück kam, weil er einen andern, der, wie sie
-sagen, ein Erfurter war, nicht unter den Schwertern der
-Reisigen zurücklassen wollte. Und da manche in Erfurt glauben,
-daß der Held wegen seiner Treue gegen ein Stadtkind verwundet
-und gefangen wurde, so trauern diese über sein Unglück.«</p>
-
-<p>Da schob der König den Kram heftig von sich und stand
-auf. »Räume fort, ich will gar nichts mit dir zu tun haben.«</p>
-
-<p>Heriman öffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte
-ruhig ein. »Wenn der Herr König meint, daß die Erfurter
-Lämmern gleich sind, welche sich scheren lassen und dann
-noch aus der Hand, die sie geschoren hat, das Futter nehmen,
-so kennt er seine treuen Bürger nicht. Bei uns lebt mehr als
-einer, der einen Racheschwur gegen den Grafen Gerhard
-getan hat, weil dieser ein raubgieriger und ungerechter
-Mann ist.«</p>
-
-<p>»Jetzt verstehe ich,« versetzte der König sich setzend.
-»Das an dem Dolch ist ja wohl Byzantiner Arbeit, laß
-sehen.« Und Heriman packte wieder aus. »Wie kommt's,
-daß man den Mann nicht mit Weiden geschnürt hat, der,
-wie du sagst, für den Räuber Immo das Schwert zog, und
-dem der Räuber, wie du sagst, Treue erwies. Mich wundert's,
-daß einer, der des Königs Frieden so frech gebrochen hat,
-frei in den Gassen wandelt.«</p>
-
-<p>»Die Wächter des Erzbischofs waren Stadtfremde,« entgegnete
-Heriman argwöhnisch nach dem König blickend,
-»und die Erfurter haben vielleicht nicht sehr nach dem Einheimischen
-gesucht. Auch hat der Bürger eine Gewohnheit.
-Bevor er im Zwielicht das Schwert zieht, so streicht er sein
-Haar, wenn er es lang trägt, über das Gesicht; vielleicht
-birgt er auch seine Glieder in einem wendischen Kittel.«
-Er trat an den Tisch, bereit die Steine wieder einzupacken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span></p>
-
-<p>»Laß nur liegen,« sprach der König, »ich sehe, dein Haar
-ist kurz genug. Sagtest du nicht, daß sich die Dienstleute des
-Erzbischofs zu eurem Schaden in der Stadt mehren?«</p>
-
-<p>»Herr, die Stadt wird dabei groß, und wenn auch schlechtes
-Volk unter den Zugewanderten ist, so muß man doch zugeben,
-der Stiftsvogt des Mainzers hält über seine Leute
-strenges Gericht. Nur sorgen bei uns die Alten, welche
-Bescheidenheit haben, daß die Königsmacht dadurch kleiner
-wird, und daß sie vielleicht einmal ganz schwindet.«</p>
-
-<p>»Denken viele wie du, daß sie lieber dem König dienen
-wollen als dem Erzbischof?«</p>
-
-<p>»Das Mehrteil wird sagen, es kommt darauf an, wie der
-König ist und wie der Erzbischof ist. Dennoch, wenn der
-König eine starke Hand hat und sein Vogt billig denkt, so
-wird der Bürger freudiger einem Helden dienen, der ein
-Schwert trägt, als einem geschorenen Haupte.«</p>
-
-<p>»Ihr selbst sitzt am liebsten daheim; aber ihr hört es gern,
-wenn der Spielmann vor euch singt, wie die Knie des Königs
-im Drange der Schlacht wund gerieben wurden,« sagte der
-König mit trübem Lächeln. »Gemächlicher ist dein Herdsitz,
-Heriman, als der Sitz deines Königs, welcher das ganze
-Jahr im Sattel reitet. Geh in Frieden mit deinen Waren,
-dies hier habe ich für die Königin ausgewählt, laß dir den
-Preis von meinem Kämmerer zahlen. Und vernimm noch
-eins, was ich dir in deiner Redeweise vertrauen will. Die
-bescheidenen Leute in Erfurt und anderswo meinen, der
-Mann handelt unweise, welcher mit unbedecktem Haupt auf
-der Straße läuft, wenn der Hagel herunterschlägt. Besser
-täte er, sein Antlitz zu bergen, bis das Wetter vorübergerauscht
-ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist gute Lehre,« versetzte Heriman demütig, »zumal
-wenn sie ein König gibt. Aber wir im Lande haben ein
-Sprichwort, womit wir uns trösten: je treuer der Sinn,
-desto dicker der Kopf.«</p>
-
-<p>Als Heriman das Gemach verlassen hatte, sprach der
-König zu dem eintretenden Kämmerer: »Das ist ein redlicher
-Thüring. Sorge, daß er sein Geld ohne Verzug erhält.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch12">12.<br />
-Das Gericht des Königs.</h2>
-</div>
-
-<p>Auf niedriger Anhöhe stand unweit dem Mühlberg eine
-große Linde; dort wurde innerhalb gezimmerter Schranken
-dem König der Richterstuhl erhöht und Sitze für die Großen
-des Reiches, welche in seinem Gefolge ritten. Die Diener
-breiteten Teppiche und Polster auf das Holzwerk, das
-Banner des Königs ward aufgesteckt, der Rufer trat an den
-Eingang des Geheges und die Leibwächter schritten mit
-ihren Spießen in die Runde, das versammelte Volk abzuwehren.
-Die Frühlingssonne schien warm und die Lerchen
-sangen freudig von der Höhe, aber Landleute und Burgmannen,
-welche in großen Haufen herzugeeilt waren,
-hielten sich abseits, sprachen leise miteinander und sahen
-scheu nach dem Gerichtsbaum und zurück nach dem Dorfe,
-bei welchem das Lager des Königs war. Nicht die Ehrfurcht
-allein bändigte ihnen Stimme und Gebärden, sonst zogen
-sie wohl einem scharfen Gericht wie einem Feste zu und
-freuten sich, wenn das Haupt eines Missetäters auf den
-Rasen fiel; diesmal war den meisten der Mut beschwert,
-entweder weil sie dem Helden Immo wohlgeneigt waren,
-oder weil sie dem Grafen Gerhard geringes Glück gönnten.</p>
-
-<p>In gesondertem Haufen standen die freien Bauern vom
-Nessebach, in ihrer Mitte, der alte Baldhard mit Brunico<span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span>
-und seinem Geschlecht, und Baldhard streckte den Arm nach
-dem Ring der roten Berge aus, auf welchen die Mühlburg
-ragte: »Seht dorthin.«</p>
-
-<p>Auf dem Grunde lag der weiße Wasserdunst, darüber
-strahlten die Höhen wie abgelöst vom Erdboden und wie von
-eigener Glut durchleuchtet. An den waldlosen Stellen
-schimmerte das Erdreich hier rosenfarben und blau, dort
-blutig rot. »Schaut alle,« rief Baldhard, »gleich rotem
-Golde glänzt Erde und Stein. Manches Mal sah ich den
-alten Götterschein an den Höhen, und jedermann aus der
-Umgegend kennt das Gleißen, das man schwerlich an anderen
-Bergen schaut. Aber niemals erblickte ich solches
-Feuer, und bekümmert fragen wir, was das blutige Licht
-dem alten Landgeschlecht bedeute, gegen welches heute der
-Richterstuhl gezimmert wird.«</p>
-
-<p>Alle starrten mit scheuer Verwunderung nach den
-Hügeln.</p>
-
-<p>Und Ruodhard, der Müller begann: »Die letzte Nacht
-war still und der Mond stand am wolkenlosen Himmel,
-dennoch hörte ich im Berge ein Dröhnen und Brechen; wie
-mit schweren Hämmern arbeiteten Riesenhände in dem
-Gestein und ich sah, daß die Grauwölfe heulend die Nasen
-hoben und in den Berg hineinfuhren.«</p>
-
-<p>Da rief eine rauhe Stimme: »Die in der Tiefe hausen,
-rüsten sich, um junge Helden zu empfangen, welche vom
-Tageslicht geschieden werden.«</p>
-
-<p>Brunico stöhnte und wandte sich ab.</p>
-
-<p>»Beklagst du die Söhne Irmfrieds?« frug die Stimme
-neben ihm. Brunico sah auf eine riesige Gestalt in einem
-Rock von Wolfsfellen, das buschige Haar des Mannes starrte
-wild um das Haupt, in dem Gurt steckte eine Axt mit neuem<span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span>
-Stiel. »Jammervoll ist dieser Tag, Eberhard,« murmelte
-der Knappe.</p>
-
-<p>»Du hattest dich einem von ihnen gelobt,« versetzte der
-Hirt finster, »ich aber war allen Sieben ein Knecht von den
-Vätern her. Darum bin ich neugierig zu sehen, wie meine
-Herren auf ihrem eigenen Grunde von einem Fremden
-geschlagen werden.«</p>
-
-<p>»Wisse, Eberhard, der König selbst ist gekommen zu
-richten.«</p>
-
-<p>»Bis heute waren die Söhne Irmfrieds Könige des
-Waldes, trifft ein fremder König die Sieben in den Nacken,
-wie mag ihr Knecht sich noch seinen Herrn suchen? Der
-Stiel ist neu und das Eisen ist scharf. Schwingt keiner der
-Herren die Axt in den Baum, so hebt der Knecht selbst die
-Axt zu einem Herrenwurf, und er wählt sich das Ziel. Von
-meinen Ebern bin ich entwichen, damit ich den fremden
-Richter schaue, weißt du mir ihn zu zeigen?«</p>
-
-<p>»Du wirst ihn erkennen, wenn er auf dem Richterstuhl
-sitzt,« antwortete Brunico und wandte sich scheu von dem
-Wilden ab.</p>
-
-<p>Der König ritt aus seinem Hofe auf das Feld hinaus.
-Die Leute sahen, daß er einen Hauptmann der Reisigen zu
-sich winkte, und daß dieser nach dem Lager der Königsmannen
-eilte. Gleich darauf tönten von dem Anger Hörner
-und das Getöse einer aufbrechenden Schar.</p>
-
-<p>Als der König herankam mit großem Gefolge von Geistlichen
-und Laien, klang der Heilruf nicht freudig wie wohl
-sonst, und der König merkte das und schaute düster über die
-Haufen. Die Leute vernahmen, wie der Rufer Stille gebot
-und des Königs Gericht nach den vier Winden ausrief, und
-sie drängten schweigend an die Schranken. Als darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span>
-Immo zum Hügel geführt wurde zwischen entblößten
-Schwertern und nach ihm seine Brüder, da hörte man trotz
-dem Gebot des Schweigens lautes Klagen und Jammern
-der Weiber, und viele knieten nieder, hoben die gefalteten
-Hände und taten Gelübde, damit die Heiligen sich der Angeklagten
-erbarmten.</p>
-
-<p>Der König setzte sich auf den Richterstuhl und ergriff
-den weißen Stab, an welchem das goldene Königszeichen
-einer Lilie ähnlich glänzte. Erzbischof Willigis trat mit den
-Bischöfen und Edlen, welche der König zu Ratgebern gewählt
-hatte, vor den Stuhl und begann: »Da des Königs
-Würde selbst den Spruch tun will gegen den edlen Thüring
-Immo wegen Raubes einer Jungfrau und wegen Friedensbruch,
-so ist uns das Vorrecht geworden, im Rat zu sitzen
-über die Tat und die Rache. Denn so ist es Brauch, wenn
-der Spruch des Königs gegen das Leben eines Edlen geht.
-Was wir befunden haben, verkündet jetzt mein Mund dem
-Könige, wenn seine Hoheit es vernehmen will.« Der König
-winkte und der Erzbischof fuhr fort: »Gegen die ruchbare
-Tat des Helden Immo und seiner Brüder hat Graf Gerhard
-Klage erhoben wegen des nächtlichen Raubes seiner Tochter
-Hildegard aus dem Dach der Herberge, und daneben mein
-Vogt zu Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer Verwundung
-seiner Reisigen. Darum möge die Gerechtigkeit
-des Königs erwägen, ob die schwere Tat verübt wurde
-gegen die Jungfrau selbst, gegen den Vater und gegen den
-Frieden der Stadt. Bekunden ehrliche Zeugen, daß der
-Mann Immo ein Räuber der Magd war, so büße er mit
-seinem Haupt und Leben. Hat er nur durch gezücktes
-Schwert den Frieden der Straße geschädigt, so möge der
-König ihn strafen, nicht an seinem Leben, aber an seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span>
-Gliedern, an seiner Freiheit, an Gut und Habe, wie es dem
-König gefällt. Seine Gesellen aber, weil sie als jüngere
-Brüder die Treue des Geschlechtes erwiesen haben, möge
-der König strafen oder verschonen.«</p>
-
-<p>Der König antwortete: »Ich rühme den Rat, den ihr
-Bischöfe und Herren gefunden, als gerecht und billig.«
-Aber hart war der Ausdruck seines Angesichts, als er auf
-die Gefangenen hinsah.</p>
-
-<p>»Sind hier alle Söhne des toten Irmfried versammelt?
-Von sieben Nestlingen hörte ich singen und sagen.«</p>
-
-<p>Gundomar trat heran. »Einer ist zurück, der jüngste
-Sohn Gottfried; schuldlos ist er, Herr, und hat keinen Teil
-an diesem Frevel seiner Brüder.«</p>
-
-<p>»Ist er schuldlos, warum wird er dem Auge des Königs
-entzogen?« frug Heinrich, »brachtest du ihn von der Burg,
-so führe ihn her.«</p>
-
-<p>Gundomar eilte aus dem Ring und Gottfried trat in
-die Schranken. Er trug das Panzerhemd, das ihm die
-Brüder geschenkt hatten, um das runde Gesicht ringelten
-sich die goldenen Locken. In holder Scham stand er da;
-auf eine leise Mahnung seines Begleiters trat er näher,
-kniete vor dem König nieder und senkte sein Haupt.</p>
-
-<p>Der König sah überrascht auf den Knaben. Im Kreise
-der Herren erhob sich ein beifälliges Gemurmel und aus
-dem gedrängten Volke klangen Heilrufe der Männer und
-Segenswünsche der Frauen. Der König erkannte, daß die
-Edlen und das Volk ihn rühmen würden, wenn er dem Unschuldigen
-seine Gnade erwiese. Und da ihm der Knabe
-gefiel, so gedachte er bei sich, das Geschlecht nicht ganz zu vernichten,
-sondern diesen zu bewahren und er sprach gütig zu
-ihm: »Steh auf und sieh mir ins Gesicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span></p>
-
-<p>Gottfried starrte aus seinen großen Augen so erstaunt
-den König an, daß dieser lächelte. »Tritt näher,« gebot er,
-faßte den Knaben bei der Hand und strich ihm über die
-Wange. »In jungen Jahren trägst du das Eisenhemd, wer
-hat dich so früh mit dem Schwert gewappnet, du Singvogel?
-Noch ziemt dir nicht der wilde Flug. Danke den Heiligen,
-daß jene dich bei ihrem nächtlichen Ritt zurückließen.«</p>
-
-<p>»Gern wäre ich mitgeritten,« antwortete Gottfried
-arglos, »und mich reut gar sehr, daß ich's verschlafen habe.«</p>
-
-<p>Da lachten die Herren ringsum über die Kinderstimme
-und nickten einander zu. »Ich merke,« sagte der König, »wir
-sind hier in dem Lande, wo schon die Nestvöglein trotzig
-singen, wenn auch ihre Stimme noch fein ist. Daß du den
-Ritt verschlafen hast, Knabe, war dir diesmal größeres
-Glück als die beste Heldentat. Sieh auf deine Brüder; der
-einzige bist du aus deinem Hofe, der ein Schwert trägt, obgleich
-es in deiner Hand noch schwerlich tiefe Wunden
-schlagen wird.«</p>
-
-<p>Gottfried sah erschrocken auf seine Brüder, gürtete sich
-schnell das Schwert ab und legte es dem König zu Füßen.
-»Verzeiht mir, Herr König, ich will nicht anders gehalten
-sein als meine Brüder, laßt mich das Unglück, das sie trifft,
-auch teilen,« und er lief von dem König zu den Gefangenen
-und stellte sich als letzter in ihre Reihe. Aber Gundomar
-ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zum Stuhl des
-Königs zurück. »Hebe dein Schwert auf,« befahl der
-König gnädig, »damit ich dich selbst damit umgürte;
-als Kriegsmann sollen dich, Gottfried, Sohn des Irmfried,
-von heute an meine Edlen ehren.«</p>
-
-<p>Da erhob sich ein Summen und Brausen in der versammelten
-Menge, und es verstärkte sich zu einem donnernden<span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span>
-Heilruf für den König, so daß dieser wieder befremdet über
-das Volk sah. Denn die Leute hofften, daß die Huld, welche
-der König dem Jüngsten erwies, eine gute Vorbedeutung
-sei für das Schicksal der anderen Brüder. Aber solche, die
-den König zu kennen meinten, urteilten anders.</p>
-
-<p>Der König gebot: »Führt die Jungfrau herein.«</p>
-
-<p>Gestützt auf Edith trat Hildegard in die Schranken. Ein
-beifälliges Murmeln ging durch die Versammlung, als die
-Frauen vor den Königsstuhl traten. Würdig verneigte sich
-Edith und stand mit gehobenem Haupte in der Versammlung;
-und der König, welcher gedachte, daß sie sich stolz hielt,
-weil sie von den Ahnen her dem königlichen Stamme verwandt
-war, faßte mit der Hand an die Lehne seines Stuhles
-und hob sich ein wenig aus dem Sitz, indem er sich gegen
-sie neigte, um die Abkunft zu ehren. Ediths Augen suchten
-die Söhne. Als sie Immo erkannte, das bleiche Antlitz und die
-schmerzvollen Züge, da tat sie einen Schritt auf ihn zu, aber
-sie bezwang sich und hob nur die Hand segnend gegen ihn.
-Neben ihr stand Hildegard, die Augen zum Boden gesenkt,
-ängstlich griff sie nach der Hand ihrer Begleiterin, um sich
-daran zu halten. »Dies ist deine Tochter Hildegard, Graf
-Gerhard?« frug der König, und als der Graf sich bejahend
-verneigte, fuhr er fort: »Wenig gleicht sie dir, doch auch
-vom knorrigen Stamme kommt süße Frucht. Wahrlich,
-mancher von meinen jungen Helden wird über die Missetat
-des Räubers nicht erstaunen. Fasse Mut, Jungfrau, denn
-der Richter, welcher jetzt frägt, ist dir wohlgesinnt. Über
-dem Thüring Immo hängt die Klage, daß er dich mit Gewalt
-und entblößtem Schwerte aus dem Frieden meiner
-Burg Erfurt geraubt und durch seine Gesellen in sein festes
-Haus geführt hat. Ob es Raub einer Jungfrau war, die<span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span>
-widerwillig der Gewalt folgte, das erkennt der Richter aus
-dem Notschrei der Geraubten; denn wie dem Mann das gezückte
-Eisen, so hilft der Jungfrau die Stimme. Hast du dich
-gesträubt gegen die Entführung durch abwehrende Hand,
-und wenn die Hand gebändigt war, durch den Mund, so
-sprich, damit wir dein Magdtum ehren und die Tat des Räubers
-erkennen.«</p>
-
-<p>Hildegard hielt sich an Edith fest. Es wurde so still im
-Raum, daß man das Summen einer Mücke gehört hätte,
-aber kein Laut drang aus den zuckenden Lippen der Jungfrau.</p>
-
-<p>Da trat Erzbischof Willigis zu der Schweigenden und
-sprach mit väterlicher Milde: »Zum Dienst der Heiligen bist
-du bestimmt; deshalb mahne ich dich freundlich, daß du alle
-Furcht abtust, denn du sprichst jetzt für deine eigene Ehre.
-Der Richter frägt, ob der Mann, der zu dir in die Herberge
-drang, dein Trauter war oder dein Räuber. Darum, hast
-du dir Hilfe gefordert, so antworte nur ein: Ja, ich habe.«</p>
-
-<p>Im Angesicht der Jungfrau wechselte Blässe und hohe
-Röte, aber sie schwieg. Wieder ging ein Geflüster durch die
-Versammlung und manche Lippe verzog sich zum Lächeln.
-Graf Gerhard aber drängte sich vor und rief ängstlich:
-»Möge die Hoheit des Königs Nachsicht üben
-mit meinem armen Kinde, dem jetzt die Angst und
-Scham den Mund verschließt. In jener Nacht aber hat sie
-gerufen, wie einer sittsamen Jungfrau geziemt, Zeter und
-Waffen, und hat sich gesträubt, so sehr sie vermochte, als die
-Räuber sie auf das Roß schwenkten.«</p>
-
-<p>»Da du selbst den Schrei nicht gehört hast, und die Jungfrau
-nicht reden will, so rufe Zeugen, wenn du deren hast,«
-gebot der König.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span></p>
-
-<p>Graf Gerhard eilte an die Schranken und führte den
-Wirt des Hessenhofes herbei. Der Mann kniete nieder und
-bekannte: »Laut gellte der Notschrei einer Weiberstimme
-aus dem Gemach, in welchem die Jungfrau rastete, und als
-ich vom Lager sprang und mit meiner Waffe in das Zimmer
-eilte, fand ich es leer, auf der Straße sah ich Reiter davonsprengen
-und erkannte, daß einer die Jungfrau vor sich auf
-dem Rosse festhielt.«</p>
-
-<p>»Der Notschrei klang von den vier Wänden,« bestätigte
-der König, »doch sah der Zeuge nicht, ob es die Jungfrau
-war, welche rief. Hauste das Grafenkind allein in der
-fremden Stadt?«</p>
-
-<p>»Nur ihre Dienerin kam mit ihr,« antwortete der Graf,
-»ein unfreies Mädchen.«</p>
-
-<p>»Warum ist sie nicht zur Stelle?« frug der König. »Du
-hörst, Beklagter, etwas fehlt an dem Zeugnis gegen dich.
-Vermagst du den Spruch gegen dich weniger schwer zu
-machen durch deinen Eid und den Eid deiner Helfer, so
-darfst du schwören, daß die Jungfrau dir ohne die Notklage
-gefolgt ist.«</p>
-
-<p>»Ich schwöre nicht gegen ihre Ehre,« antwortete Immo,
-»was mir auch darum geschehe.«</p>
-
-<p>Da hob Hildegard das bleiche Antlitz ein wenig und begann
-leise: »Einen Goldfaden sandte ich ihm und er bewahrt
-ihn an seinem Herzen, die Sommerlinde auf der
-Idisburg sah es und weiß es, daß er mich küßte. In der
-brennenden Stadt stand ein steinernes Kreuz, so wahr das
-Kreuz dort steht, so wahr ist es, daß er mich aus den Händen
-der Mörder gelöst hat durch seinen Arm und sein Schwert.
-Dann kam er in der Nacht, in der ich angstvoll am Boden
-lag, weil ich die Liebe zu ihm im Herzen trug und doch am<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span>
-nächsten Morgen zu den Heiligen sollte; er weiß es wohl,
-daß ich schwieg, als er mich auf das Roß seines Freundes hob.«</p>
-
-<p>In der Stille, <span id="corr335a">welche</span> diesen Worten folgte, hörte man
-nur das Stöhnen des Vaters, welcher sich abwandte und
-die Hände vor sein Antlitz hielt.</p>
-
-<p>»Folgtest du freiwillig, ohne deiner Kindespflicht zu gedenken,«
-frug der König, »wer denn tat den Klageschrei?
-Weiß jemand Antwort zu geben, der antworte, damit der
-Zeuge nicht als meineidig erkannt werde.«</p>
-
-<p>An den Schranken rührte sich's unter den Bürgern, welche
-aus Erfurt herbeigeeilt waren. Frau Kunitrud wurde von
-Heriman und andern vorgeschoben und der Rufer öffnete
-ihr auf einen Wink des Erzbischofs die Schranken. Sie
-warf sich auf die Knie, und begann mit geläufiger Stimme,
-während sie mehrmals aufstand und wieder niederkniete,
-bis sie in der Nähe des Königstuhls beharrte: »Es wird kein
-Brei so heiß gegessen als er gekocht ist, und ein Kind aus
-Burg Erfurt traut sich auch noch vor dem Könige zu reden,
-zumal wenn er jung ist. Alles kann ich auf das genaueste
-verkünden, Herr König, denn ich selbst habe die Entführung
-erlebt, und sie war das Ärgste nicht, was ich erlebt habe;
-schlimmere Gewalttat geschieht in der Welt, und noch dazu
-von Leuten, welche weniger gutherzig sind als dieses junge
-Blut. Ihr sollt wissen, Herr König, daß ich in jener Nacht
-bei der edlen Hildegard war. Reisemüde saß sie oder sie lag
-auf dem Boden und rang die Hände, wie es ihr gerade gefiel.
-Da vernahm ich draußen Getümmel und Klappern von
-Pferdehufen und ich tröstete die edle Hildegard und sagte
-ihr: Das tut nichts, es sind nur <span id="corr335b">volle</span> Brüder, welche gegeneinander
-die Messer zücken und es ist des Königs Wache, sie
-werden sich untereinander raufen, wie sie oft tun. Da sprang<span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span>
-die Tür auf und der Held Immo trat ein, ganz in Eisen,
-und er fuhr auf die Jungfrau zu, welche wie ein Rohr
-wankte, da sie ihn sah; er faßte sie und rief: »Mußt du Zeter
-schreien, Kunitrud, so harre, bis ich zu Rosse bin.« Ich schlug
-erschrocken die Hände zusammen, und lief an das Fenster,
-riß die Decke weg und sah hinab, aber ich sah nur Undeutliches
-in der Finsternis, bis ich mich endlich besann und das Geschrei
-erhob, wie sich geziemte.«</p>
-
-<p>Der König winkte und der Rufer bedeutete der behenden
-Frau zu schweigen, worauf sich diese wieder mit Kniebeugungen
-aus den Schranken zurückzog.</p>
-
-<p>»Folgte das Weib widerstandslos dem heischenden
-Manne,« entschied der König, »so vermag der Richter nicht ihre
-Ehre zu rächen, sie selbst hat sich ihres Rechtes begeben und
-ist Mitschuldige der Gewalttat. Denn nicht ihr stand zu, sich
-den Gemahl zu wählen, sondern ihrem Herrn und Vater.
-An der Jungfrau hast du, Schwertloser, durch den Raub
-keinen Frevel geübt; der Richter fragt, ob du ihn geübt hast
-gegen Gerhard den Grafen. Dieser aber hat, wie du selbst
-sagst, dir sein Kind nicht verlobt, sondern er wollte es nach
-dem Wunsch des Königs geschleiert den Heiligen weihen.
-Weißt du, Immo, was dich von dieser Missetat entschuldigt,
-so verantworte dich.«</p>
-
-<p>Die Lippen Immos bewegten sich, aber er schwieg.</p>
-
-<p>Da Immo auf die Frage, welche für sein Leben entscheidend
-war, nicht antwortete, hob Edith mit einem Klageschrei
-die Hände zum Himmel, eilte durch die Versammlung
-zu ihrem Sohn und umschlang ihn mit ihren Armen. Er
-aber warf sich vor seiner Mutter nieder und barg sein Gesicht
-in ihrem Gewande.</p>
-
-<p>Unter den Brüdern entstand eine Bewegung, Odo trat<span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span>
-ein wenig vor und begann auf einen Wink des Richters:
-»Immer wünschen wir, daß der König uns gnädig sei, zumal
-wenn wir vor ihm sprechen sollen und doch behender Worte
-nicht sehr mächtig sind. So geht es jetzt mir. Was aber die
-Klage des Grafen Gerhard angeht, so behaupte ich, Odo,
-Irmfrieds Sohn, und mit mir meine Brüder Ortwin und
-Erwin, Adalmar und Arnfried, daß die Klage völlig eitel und
-nichtig ist, und wenn des Königs Huld uns Schwert und Roß
-gewähren will, so sind wir Fünf, die wir jetzt schwertlos
-stehen, bereit, dies gegen den Grafen Gerhard und vier ehrliche
-Kämpfer seiner Freundschaft zu erweisen, überall, wo
-die Sonne scheint, die Luft weht und der Anger grünt.«</p>
-
-<p>Der König sah verwundert auf den jungen Helden, dem
-man wohl anmerkte, wie er die Worte bedächtig erwog,
-während er die grauen Augen und das unbewegte Gesicht
-auf die Versammelten richtete. »Du bist ein verwegener
-Gesell, daß du die Klage über eine ruchbare Missetat ungehörig
-schiltst. Du selbst hast die geraubte Jungfrau auf
-der Burg verschlossen.«</p>
-
-<p>»Ich bin nicht mein Bruder,« versetzte Odo trocken, »mir
-war auch bisher ganz wohl in meiner eigenen Leibeshülle.
-Die Klage aber geht gegen den Helden Immo und nicht
-gegen mich. Darum ist sie grundlos und für jedermann ist
-deutlich, daß mein Bruder die Jungfrau nicht geraubt hat.
-Sie hat den Rücken seines Rosses nicht berührt; als sie in
-der Nacht unter den Sternen dahinfuhr, war er gar nicht in
-ihrer Nähe, als sie hinter dem Burgtor abgehoben wurde,
-lag er weiter von ihr entfernt, als die Stadt von der Burg.
-Wir im Lande aber strafen nur die schwere Tat, nicht
-schweren Willen. Was er gewollt hat, darum mögen sich
-die Unsichtbaren kümmern, welche, wie uns die Priester<span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span>
-sagen, sogar die Gedanken eines Mannes erspähen, der
-Richter unter der Linde spricht nur über ruchbare und greifbare
-Tat.«</p>
-
-<p>Der König musterte mit scharfem Blick den stattlichen
-Jüngling. »Wenn ich dich und deine Brüder betrachte, so
-wundert mich nicht, daß ihr die Sache wieder von des Königs
-Bank hinweg auf die Beine eurer Rosse bringen wollt. Ich
-merke, du wagst vor dem König Haare zu spalten. Was
-jener nicht vollbrachte, tat einer seiner Blutgesellen.«</p>
-
-<p>»Dies gerade ist es, was ich der Gerechtigkeit des Königs
-sagen wollte. Ungern redet ein Mann gegen sich selbst.
-Auch ich erinnere hier nur daran, daß er schuldlos an der
-Tat erkannt werden möge, weil er der älteste von uns
-Brüdern ist und wie ich wohl weiß, unserer Mutter der
-liebste. Und ich fürchte, sein Tod würde ihr das Herz brechen.
-Muß also Strafe das Haupt eines Mannes treffen, weil das
-Grafenkind auf ein Roß geschwenkt wurde, so darf doch
-nicht mein Bruder für die Tat büßen, die ein anderer vollbrachte.
-Hätte Graf Gerhard diesen andern verklagt, so
-dürfte der andere sich nicht beschwert fühlen.«</p>
-
-<p>»Du selbst warst der andere?« frug der König.</p>
-
-<p>»Die Jungfrau wurde dem gereicht, der das stärkste Roß
-hatte,« versetzte Odo vorsichtig. »Das Roß wurde vor Jahren
-von dem Weidegrund des Königs nach Thüringen geführt,
-es ist vom besten sächsischen Schlag.«</p>
-
-<p>»Auch der Reiter, wie ich merke,« versetzte der König.
-»Tritt zurück, Jüngling; die Klage nennt nach Recht den
-Urheber, er gab den Rat, er stiftete die Tat, ihm frommte
-das Vollbringen. Du aber warst nur sein Gehilfe. Zum
-andern Mal frage ich dich, Immo, weißt du etwas, was dich
-entschuldigt, so sprich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span></p>
-
-<p>Immo stand in hartem Kampf, er wußte wohl, daß Gerhard
-in Wahrheit niemals der Vermählung günstig gewesen
-war, er selbst hatte früher dem König gestanden, daß der Graf
-ihm kein Versprechen getan habe, und obwohl er jetzt in
-Todesnot war, so erschien ihm doch nicht mannhaft, an
-nichtige Worte des Gegners zu mahnen. Während er mit
-seinen Gedanken rang, ob er reden sollte oder schweigend
-den harten Spruch erwarten, begann der König, zu dem
-Erzbischof gewandt: »Als die Ratgeber mir durch euren
-Mund, hochwürdiger Vater, ihren Rat kündeten, haben sie,
-so scheint mir, eines nicht erwogen. Der Thüring Immo
-war es, welcher dem Grafen zu Hilfe kam, als dieser in
-Kerkernot saß. Denn hätte der Jüngling nicht vor mir das
-Knie gebeugt, so würde der Graf einem schweren Schicksal
-nicht entgangen sein. Damals nun hat, so scheint mir, der
-Jüngling von dem Grafen selbst ein Versprechen erhalten,
-welches die Tochter betraf. Hat aber der Jüngling den Raub
-verübt auf Grund eines Gelöbnisses, das er von dem Vater
-empfing, so würde seine Verschuldung gegen den Gerhard
-gering erscheinen, denn er hätte durch empfangenes Versprechen
-ein Recht auf die Jungfrau gewonnen, wenn auch der
-Raub ein Frevel gegen den König und den Stadtfrieden war.«</p>
-
-<p>Da drängte sich Graf Gerhard eilig hervor und rief laut
-in dem Ringe: »Keinerlei Gelübde hat der Räuber erhalten,
-und kein Schwur vermag ihm zur Entschuldigung zu gereichen;
-weder die Tochter noch irgend etwas anderes habe ich
-ihm verheißen, damit er tue, was mir zum Heil helfen konnte.
-Ganz ohne Entgelt wagte er, was für ihn kein schwerer
-Dienst war, da des Königs Gnade über denen, die im Unglück
-sind, ohnedies barmherzig waltet. War ich ihm einen
-Dank schuldig, so hätte ich ihm wohl etwas Gutes erwiesen<span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span>
-durch ein Roß oder ein stattliches Gewand, wie es im Lande
-Brauch ist, nur nicht durch so unerhörten Lohn, wie das
-Magdtum meines Kindes.«</p>
-
-<p>»Wie?« rief Heinrich, »war er so töricht, deine Sünden
-zum Könige zu tragen, ohne den Brauch der Welt zu üben
-und an den eigenen Vorteil zu denken? Ungern mag ich das
-glauben, wenn auch du es sagst. Sprich selbst, schwertloser
-Mann, redet der Graf die Wahrheit?«</p>
-
-<p>Durch Immos Seele fuhr ein heißer Schmerz; hätte er
-den Schwur des Grafen angenommen, vielleicht <span id="corr340">würde</span> er jetzt
-der Gefahr enthoben und zuletzt doch mit der Geliebten vereinigt.
-Die Lehre, welche er vom Vater Bertram gekauft
-hatte, mochte Unglück und Tod über ihn bringen. Und doch
-hörte er in diesem Augenblicke der Entscheidung wieder das
-feierliche Flüstern des alten Mönches, das ihn damals mit
-Ehrfurcht erfüllt hatte, und in seiner Seele schrie es, daß
-der Rat hochsinnig und ehrlich gewesen war. Darum sprach
-er leise in der Versammlung: »Der Graf redet die Wahrheit,
-ich empfing keinen Schwur von ihm, weder um seine Tochter
-noch um etwas anderes, und ich habe mir sie geraubt, wie
-Kriegsleute in der Not tun, weil sie mir lieber ist als mein
-Leben.«</p>
-
-<p>»Nun denn,« rief der König, »so sprich, was trieb dich
-damals, ein unholder Bote des Grafen zu werden?«</p>
-
-<p>»Mich jammerte, daß der Edle gegen einen Ehrlosen
-kämpfen sollte, und mehr noch als das Schicksal des Gebundenen
-ängstigte mich die Trauer der Jungfrau. Und
-Herr, wenn ich alles sagen darf, wie es mir damals erging,
-ich trug den Brief wahrhaftig in Einfalt und treuem Sinne,
-denn ich wußte und bedachte nicht, daß ich meinem huldreichen
-Herrn Ungünstiges reichte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span></p>
-
-<p>Da flog ein heller Schein über das Angesicht des Königs.
-War es ein Sonnenstrahl oder ein Wetterleuchten aus seinem
-zornigen Gemüt, das wußten die Herren nicht, die den
-König mit gespanntem Blick betrachteten.</p>
-
-<p>Nur der Erzbischof erkannte, daß in dem Gemüt des
-Königs etwas vorging; und da Willigis ein sehr kluger Herr
-war, so dachte er der veränderten Meinung des Königs Genüge
-zu tun, um zugleich sich selbst einen Gewinn zu schaffen,
-den er sich seit lange ersehnte. Deshalb begann er: »Alle
-preisen wir des Königs Huld, welche auch an dem schuldigen
-Mann das Ehrenwerte zu ehren weiß, und viele gibt es
-hier, welche ein mildes Urteil für ihn ersehnen. Keiner aber
-wagt für ihn zu sprechen, weil er an der Kirche und den
-Heiligen gefrevelt hat, indem er ein Weib entführte, welches
-der König dem Herrn verloben wollte. Darum ziemt vor
-andern mir, meinen Herrn und König flehend zu mahnen,
-daß er sowohl der Kirche eine Sühne gewähre, als auch dem
-Schuldigen Leben und Ehre erhalte. Möge der Weisheit
-des Königs gefallen, den Berg und die Burg, welche Held
-Immo verwirkt hat, den Heiligen zu übergeben, damit sie
-fortan dem Erzbistum gehören, und damit ich einen Lehnsmann
-hinaufsetze, entweder den Helden Immo selbst oder
-einen andern, wie es dem Könige gefällt.«</p>
-
-<p>Der König sah überrascht auf den Erzbischof. Er gedachte
-der Worte, welche ihm Heriman zugetragen hatte,
-und ihm gefiel gar nicht, den mächtigen Priester zum Herrn
-im Lande zu machen. Dennoch konnte er die Hilfe desselben
-nicht entbehren, und so saß er, das Gesicht freundlich ihm zugewandt,
-aber in seinem Herzen meinte er es weit anders.
-Denn ihm hatte noch diesen Morgen im Sinn gelegen, die
-Mühlburg für sich selbst zu behalten, aber sie vielleicht als<span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span>
-Lehn des Reiches einem Manne aus Irmfrieds Geschlecht
-zu übergeben. Darum hatte er heimlich seinen vertrauten
-Kriegsmann auf die Burg gesandt, welcher in Abwesenheit
-der Herrin einen Versuch machen sollte, die Besatzung zu
-täuschen oder zu überwältigen, und er hatte ihm geboten,
-stracks eine Stelle der Mauer zu brechen, damit des Königs
-Macht sichtbar werde. Jetzt gefiel ihm dieser Gedanke noch
-mehr.</p>
-
-<p>Während der König auf die Antwort sann, hörte er das
-Rauschen eines Gewandes. Ein Mönch kniete zu seinen
-Füßen, es war Reinhard aus Herolfsfeld, der Vertraute
-seines Kaplans, des frommen Godohard. Er winkte dem
-Demütigen zu: »Was begehrst du, Vater Reinhard, der du
-jetzt durch Herrn Bernheri zum Präpositus deines <span id="corr342">Klosters</span>
-ernannt bist?«</p>
-
-<p>»Nicht aus eigenen Gedanken, sondern nach dem Willen
-meines Herrn Bernheri wage ich Unwürdiger in dieser hohen
-Versammlung zu bitten, zunächst, daß Herr Willigis mir
-verzeihe, wenn ich anders spreche, als ihm selbst gefällt. Die
-Mühlburg liegt nahe den Hufen und Wäldern, welche dem
-heiligen Wigbert gehören, und keine Sicherheit hat das Kloster
-in Thüringen zu hoffen, wenn nicht der Gewappnete, welcher
-auf der Mühlburg haust, dem Kloster gehorcht. Auch ist bereits
-ein Heiligtum auf dem Berge, welches St. Wigbert
-selbst geweiht hat, und das edle Geschlecht des Helden Immo
-betet seit der Urzeit an den Altären des Klosters. Darum
-flehe ich, daß es der Gnade des Königs und auch der Weisheit
-des Erzbischofs gefallen möge, den Berg und die Burg
-meinem Kloster zu gewähren, damit dieses einen treuen
-Kriegsmann hinaufsetze, der auch dem Könige wohlgefällig
-ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span></p>
-
-<p>Der König sah das zornige Gesicht des Willigis und um
-seinen Mund zuckte ein schadenfrohes Lächeln, denn ihm
-war lieb, daß die zweite Bewerbung leichter machte, dem
-Erzbischof für jetzt seinen Wunsch zu verweigern. Er hinderte
-also die Gegenrede, welche der Erzbischof vorbereitete,
-indem er antwortete: »Uns ziemt demütige Erwägung, wenn
-zwei so fromme Väter sich dasselbe Gut begehren. Da du
-aber mir sagst, daß das Geschlecht des edlen Immo sich längst
-den heiligen Wigbert zum Beschützer und Fürbitter erwählt hat,
-so will ich dich, Immo, selbst fragen: Wie kommt es doch,
-daß ihr seither vermieden habt, den heiligen Wigbert als
-Herrn zu erkennen. Übel hast du, so scheint es, dich beraten,
-daß du dich der Lehnshoheit des Heiligen entzogst, denn er
-vermöchte dir jetzt vielleicht die Mauern zu erhalten.«</p>
-
-<p>Was der König sagte, fiel schwer auf das Herz des bedrängten
-Mannes, dennoch trat er mit gehobenem Haupte
-vor: »Herr, was ich als freies Erbe von meinen Vätern
-überkommen habe, das wollte ich in Ehre und Wert unvermindert
-den Nachkommen überlassen; immer war der Stolz
-meiner Ahnen, keinem Lehnsherrn zu dienen.«</p>
-
-<p>»Und doch würdest du jetzt froh sein,« warf ihm der
-König prüfend entgegen, »wenn du dein Erbe wenigstens
-als Besitz aus der Hand der Kirche zurückerhieltest, damit
-du hättest, wo du dein Haupt birgst.« Immo schwieg. »Antworte
-mir,« befahl der König.</p>
-
-<p>Immo kniete nieder. »Da mein Herr und König mich
-frägt, so will ich, obwohl in Todesnot, eine ehrliche Antwort
-geben. Kleiner wird alljährlich die Zahl der Freien im Lande,
-mein Geschlecht aber saß seit der Urzeit auf diesem Grunde.
-Nicht vom König und nicht von der Kirche stammt unser
-Recht, sondern von der milden Himmelssonne selbst erbaten<span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span>
-meine Ahnen ihr Eigen, bevor König und Kirche im Lande
-herrschten. Wenig liegt mir am Leben, da ich doch alles
-verloren habe, worauf ich hoffte; aber ein Vasall werde
-ich nicht.«</p>
-
-<p>In dem Kreise der Edlen entstand eine Unruhe und
-Heinrich rief: »Wahrlich, der König mag zufrieden sein,
-daß das Erbe deines Hauses nur klein ist, denn du steigst
-über den Adler und fährst höher in deinen Gedanken, als
-die Großen des Reiches, welche selten verschmähen, auch
-von anderen als dem Könige Land und Leute zu empfangen.
-Nicht unwahr reden die Menschen, wenn sie euch die kleinen
-Könige aus dem Wald nennen. &ndash; Jetzt aber gedenke vor
-allem, ob du der Not dieser Stunde entrinnest. Als den
-Räuber seiner Tochter hat dich Gerhard verklagt, und zum
-drittenmal warne ich dich. Rede, wenn du etwas weißt,
-was dich gegen ihn entschuldigt, denn du redest für deinen
-Hals.«</p>
-
-<p>Da sprach neben dem Könige eine leise Stimme: »Lieber
-Herr König, ich weiß etwas.« Heinrich winkte den jungen
-Gottfried an sein Ohr, dann befahl er ihm laut zu reden.
-Der Knabe trat in den Ring vor den Grafen und begann
-mutig: »Was mein Bruder verschweigt, daran will ich
-mahnen: Gedenke Graf Gerhard, daß du einst meinen
-Bruder Immo einen Frosch nanntest, der aus dem Weiher
-zu der Königstochter hinaufhüpft. Damals fordertest du
-selbst, daß mein Bruder ihr Geselle werden sollte, und du
-befahlst der Hildegard, weil sie den kalten Frosch nicht anrühren
-wollte, daß sie es doch tun mußte. Aus einem
-Becherlein haben sie getrunken und aus einem Schüßlein
-gegessen und mit einem Goldfaden haben sie sich gebunden,
-den sie meinem Bruder Immo geschenkt hat. Heute widerstrebst<span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span>
-du mit Unrecht, daß er ihr Gemahl wird, denn du
-selbst hast deine Tochter dazu angestiftet, daß sie ihn wert
-halten sollte.«</p>
-
-<p>Der König frug ergötzt: »Was weißt du auf die Sage
-des jungen Helden zu antworten? Hast du selbst den Jüngling
-und die Jungfrau vertraulich gemacht, wie darfst du
-dich beschweren, daß sie auch später sich zueinander gesellten?«</p>
-
-<p>Da rief Graf Gerhard zornig: »Habe ich jemals
-einiges von dem Frosch gesagt, so vermag der König leicht
-zu ermessen, daß dies nur scherzweise und beim Trunk geschehen
-ist, wie man mit Kindern wohl zuweilen handelt.
-Im Ernst aber habe ich nie daran gedacht, den Helden aus
-den Waldhecken zum Gemahl für mein Kind zu wählen,
-denn damals stand er noch in Klosterzucht und später hatte
-er die Gunst des Königs verloren. Auch war dieses Geschlecht
-eines Zaunkönigs, welcher hier gegen mich piept, mir und
-meinen Mannen oft feindselig und abgeneigt.«</p>
-
-<p>Da errötete Gottfried im Eifer und rief: »Darf ich ihm
-noch einmal antworten, Herr König? Eine andere Sage
-hörte ich in den Waldhecken, die er schmäht, daß einst Wolf
-Isegrim, ein Graf unter den vierfüßigen Tieren, das Nest
-der Zaunkönige verspottete, aber teure Buße zahlte er dafür.
-Denn die Vögel aus den Lauben begannen einen Streit
-gegen ihn und als sie in einer Waldlichtung aufeinander trafen,
-da wurde dem Wolf das Fell gerauft und Isegrim stand
-am Abend mit entblößtem Haupt an dem Nest der Zaunkönige
-und bat demütig vor allem Volk die kränkende Rede
-ab. Laßt euch erzählen, wie Wolf Isegrim damals Abbitte
-tat. Der jüngste Nestling aus dem Geschlecht, das er geschmäht
-hatte, wurde ihm gegenüber gestellt, und vor ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span>
-mußte der Wolf sich demütigen. Merke wohl, Graf Gerhard,
-ich weiß das genau, denn der junge Vogel war ich und du
-warst der Wolf.«</p>
-
-<p>Der Graf wurde zornrot und unwillkürlich tastete seine
-Hand nach der Schwertseite. Aber im Kreise der Herren
-erhob sich ein schallendes Gelächter und Gottfried fuhr fort,
-indem er dem Grafen näher trat und nach dem Schwerte
-desselben wies: »Bei diesem Kreuz wurde beschworen, daß
-die Fehde abgetan sein sollte und aller Groll vergessen.
-Und beim Mahle trug ich dir die erste Kanne Wein zu, und
-ich, den du jetzt wegen seiner Stimme schmähst, sang dir
-den Willkommen. Denke auch daran, Graf Gerhard, wie
-du damals zu meinem Bruder sprachst: Sehr leid tut es
-mir, Immo, daß der König mit meiner Tochter anderes im
-Sinne hat; wenn ich mit ihr verfahren könnte wie ich wollte,
-so meine ich, sie würde es nirgends besser haben als bei euch
-in den Waldlauben, und gern würde ich sie dir gewähren,
-da ich weiß, daß sie dir lieb ist. So hast du geredet, und so
-hast du selbst ihm den Mut gegeben, sich die Braut zu
-holen.«</p>
-
-<p>Wieder ging ein Summen und Lachen durch den Ring,
-der Graf suchte ängstlich im Angesicht des Königs zu lesen
-und niederkniend sprach er: »Ich flehe, daß die Weisheit
-des Königs nicht vergangene Reden zu meinem Schaden
-gelten lasse. Denn wenn ich auch hie und da bessere Gesinnung
-gegen den Helden Immo hatte, durch den Raub
-der Jungfrau und durch den Friedensbruch ist er und sein
-Geschlecht aus Frieden und Ehre gesetzt und kein Edler kann
-billigen, daß ich mein Kind, auch wenn es nicht geschleiert
-wird, einem von jenen dort vermähle.«</p>
-
-<p>»Du hast ein Recht, so zu sprechen,« versetzte der König<span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span>
-ernsthaft, »und mich freut's, daß du gelernt hast, strenge über
-einen Mann zu urteilen, der geraubt hat. Nicht vergebens
-hast du mich gemahnt, denn der König ist dazu gesetzt, jedem
-sein Recht zu geben, das er sich verdient hat.«</p>
-
-<p>Draußen klang Hufschlag; der Hauptmann trat gegenüber
-dem König in die Schranken, und warf einen ausgebrochenen
-Mauerstein vor dem Richterstuhl auf den Boden,
-zum Beweis, daß des Königs Befehl vollführt sei. Da hob
-Heinrich seinen Arm und rief den Söhnen Irmfrieds zu:
-»Die Burg eurer Väter ist in der Hand des Königs und harte
-Hände meiner Krieger werfen die Steine der Mauer, damit
-das Volk erkenne, daß der König Herr im Lande ist.« Die
-Versammlung erhob sich, die Gewappneten schlugen an die
-Waffen und riefen dem Könige Heil. Aber die Söhne
-Irmfrieds sprangen erschrocken zusammen und Edith sah
-bekümmert nach dem Helden Gundomar, der bei den
-Worten des Königs zuckte wie von einer Natter gestochen.</p>
-
-<p>Und der König fuhr fort: »Die Mauer breche ich so weit,
-daß der König mit seinem Heergefolge unter freiem Himmel
-hereinreitet; du Gottfried, magst die Mauer wieder aufbauen
-und für dein Geschlecht bewahren. Was dem König
-anheimgefallen ist durch den Frevel deiner Brüder, das gebe
-ich dir, dem Schuldlosen, zurück in deine Hand als dein freies
-Eigen, das du fortan behaupten sollst als ein Geschenk, das
-nicht von der Sonne stammt, sondern von der Gnade des
-Königs. Denn dem Könige liegt auch am Herzen, die alten
-Landherren zu schützen, wenn sie nicht Bedrücker ihrer Nachbarn
-werden.« Er wandte sich zu dem Erzbischof und zu
-Reinhard und fuhr heiter fort: »Darum mögen mir auch
-heilige Männer meines Landes nicht übel deuten, wenn ich
-ihren frommen Wunsch für die Kirche diesmal nicht gewähre.<span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span>
-Oft habe ich gewährt, da sie oft bitten. Hier aber
-geht, wie ihr alle merket, der Handel um Königsgut zwischen
-zwei Königen, der eine bin ich und der andere ist hier der
-kleine König aus den Waldhecken, und darum will ich einem
-Herrn meinesgleichen nicht zuwider sein, wenn sein Krönlein
-auch nur klein ist.«</p>
-
-<p>Da der Erzbischof sah, daß der König ihm die Mühlburg
-versagte, so war ihm lieb, daß die Mönche von St. Wigbert
-sie auch nicht erhielten, sondern ein Knabe, den er sich einst
-geneigt machen konnte, und er antwortete lächelnd: »Der
-König hat weise entschieden und uns allen das Herz erfreut,
-indem er das Geschlecht eines seligen Bekenners vor den
-Edlen ehrte. Du aber, Jüngling, denke daran, daß du
-fortan als Herr auf eigenem Grunde gebietest.«</p>
-
-<p>Der Knabe stand nachdenkend, dann trat er vor den
-König. »Ist's an dem, lieber Herr König, daß ich jetzt Herr
-bin über die Mühlburg?«</p>
-
-<p>Der König zog einen Ring vom Finger und faßte die
-Hand des Knaben. »Schwach ist deine Hand, du mußt ihn
-auf dem Daumen tragen,« sagte er. »Wie ich diesen Ring
-hier abziehe und dir anstecke, so übergebe ich, was dem
-Reiche an Berg und Burg deiner Väter gehört, dir zu
-freiem Eigen.«</p>
-
-<p>Gottfried küßte die Hand des Königs und rief freudig:
-»Und ich darf mit dem Gut beginnen, wozu nur immer ein
-Herr sein Gut gebrauchen will?«</p>
-
-<p>»Das darfst du, Jüngling,« versetzte der König unruhig,
-denn er sah den jungen Burgherrn zwischen dem Erzbischof
-und dem Mönch Reinhard stehen. »Nur beachte wohl,
-daß du es nicht zum Schaden des Königs gebrauchst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span></p>
-
-<p>Da schlug der Knabe froh die Hände zusammen und rief:
-»Nicht zum Schaden des Königs, sondern zu seinem Nutzen,
-denn ich will der Burg einen Herrn geben, der dem Könige
-besser dienen kann als ich.« Und er zog den Ring von
-seinem Daumen, lief damit durch die Versammlung zu
-seinem Bruder Immo, kniete vor diesem nieder und rief:
-»Nimm den Ring, mein Bruder, und nimm den Berg aus
-meiner Hand und dulde, daß ich dich als meinen Herrn ehre,
-denn lieb bist du mir, und gütig warst du mir immer wie ein
-Vater.«</p>
-
-<p>Immo warf seine Arme um den Bruder, die Tränen
-brachen ihm aus den Augen und beide hielten einander umschlungen.
-Alles in den Schranken war still, die Augen des
-Königs leuchteten hell, aber auch er schwieg, bis Gottfried
-seinen Bruder an der Hand nahm und zum König fortriß.
-Dort warf sich der Knabe nieder, umfaßte die Knie des
-Herrn und wollte ihn anflehen, aber er legte das Haupt auf
-die Knie, hielt den König umklammert und schluchzte in
-seinem Schoß.</p>
-
-<p>Der König, dem ganz ungewohnt war, daß ihn Kinderarme
-umschlangen, machte zuerst, seiner Würde gedenkend,
-eine Bewegung, den Weinenden abzuschütteln. Aber das
-Zutrauen und das heiße Weinen bewegten ihm das Herz,
-und er sprach leise: »Habt ihr je, edle Herren, bessere Rede
-eines Bittenden gehört? Auch du schweigst, Immo, und
-auch dir rinnt Tau von den Wangen? Ist das euer Lied,
-womit ihr die Herzen rührt? Noch mehr!« fuhr er fort, als
-er sah, daß die Brüder und die Mutter vor ihm knieten,
-»ihr versteht gut, wie man eines Königs Gnade gewinnt,
-leise nur dringt der Gesang in das Ohr, aber er vermag
-wohl den Zorn zu tilgen. Steh auf, Knabe; und du tritt<span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span>
-näher, Immo, dein Recht sollst du erhalten im Guten und
-Bösen, wie du verdient hast.«</p>
-
-<p>Mit bleichem Antlitz trat Immo vor den Stuhl des
-Herrn und beugte das Knie. »Ich sehe dich vor mir,« fuhr
-Heinrich fort, »wie an jenem Abende, wo du den Brief des
-Grafen zu meinen Füßen niederlegtest. Damals war ich
-unwillig, weil du zum Vorteil eines Andern schwere Sorge
-auf mein Haupt sammeltest und ich habe seitdem in meinen
-Gedanken mit dir gezürnt. Denn, Immo, ich war dir von
-Herzen zugetan, und ich vertraute ganz fest deiner Treue
-und deiner guten Gesinnung zu mir. An jenem Abend nun
-meinte ich mich von dir verraten, und daß du, um das Grafenkind
-zu gewinnen, die Treue gegen mich verleugnet hättest.
-Das tat mir von dir weh, und darum war seitdem dein Tun
-mir verhaßt. Heute aber habe ich erkannt, daß du redlich
-gegen mich warst, wenn auch unbedacht. Darüber bin ich
-froh. Und obgleich du gegen den Frieden des Landes gefrevelt
-und meinen Willen gekreuzt hast, und obgleich ich
-einen Spruch gegen dich finden muß als Herr, der über
-Recht und Frieden zu walten hat, so will ich dir doch vorher
-die Ehre geben, die der König einem Edlen gibt, der ihm
-lieb ist.« Der König erhob sich schnell, streckte die Hand nach
-dem knienden Immo aus, hob ihn auf, küßte ihn auf den
-Mund und lachte ihn freundlich an und sein Antlitz, das
-sonst bleich war wie das eines leidenden Mannes, rötete
-sich, wie einem geschieht, der sich heimlich freut.</p>
-
-<p>Als der König so huldreich dem Gefangenen seine Ehre
-gab, schlugen die Gewappneten mit den Waffen zusammen
-und riefen dem Könige Heil, und um die Schranken erhob
-sich ein Jubelgeschrei, welches nicht enden wollte.</p>
-
-<p>Aber den Freudenlärm übertönte ein so gellendes und<span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span>
-ungefüges Jauchzen, daß auch eifrige Rufer erstaunt innehielten,
-und eine blinkende Axt flog aus dem Volkshaufen
-nach dem Gerichtsbaume und schlug krachend in das Holz
-des Wipfels. Als um den Werfer ein Tumult entstand und
-der König verwundert auf das Gedränge sah, eilte Brunico
-heran und auf einen Wink des Königs in die Schranken
-gelassen, erklärte er begütigend: »Der wilde Sauhirt tat es
-in übergroßer Freude, weil er den Hofbrauch wenig kennt.«</p>
-
-<p>Heinrich sah über seinem Haupt das Eisen durch die Äste
-blinken, er ahnte eine überwundene Gefahr und sprach
-lächelnd zu Immo: »<em class="antiqua">Subulcus surculos secat</em><a id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>. Ist das
-eure Art, Ruten zu schneiden, wenn ihr einen widerwärtigen
-Schüler strafen wollt?« Und er nahm ein abgeschlagenes
-Reis, welches an seinem Gewand haftete und schlug damit
-auf Immos Finger.</p>
-
-<p>»Jetzt aber höre in Demut, auch was dir leidvoll wird,«
-begann er wieder mit Königsmiene und setzte sich auf dem
-Stuhl zurecht: »die Jungfrau, welche du entführt hast,
-damit sie dein Gemahl werde, verweigert dir der Vater,
-und du mußt ihr entsagen, wenn dir nicht gelingt, den guten
-Willen des Grafen für dich zu gewinnen. Bist du zufrieden
-mit dem Spruch, Graf Gerhard?«</p>
-
-<p>Der Graf stand in großer Verwirrung. Daß der König
-den Gefangenen durch einen Kuß ehrte, und ihm seine
-Ehre vor der Versammlung bestätigte, ängstigte ihn sehr,
-weil er die geheimen Gedanken des Königs falsch gedeutet
-hatte; und er vermochte, wie gewandt er sich sonst zu biegen
-wußte, doch nichts Schickliches zu erwidern, sondern stieß
-nur heraus, nach Art der Thüringe, welche ungern ja sagen:
-»Hm,« und »allerdinge, es ist, wie der König meint;« aber<span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span>
-ihm ahnte, daß er in einem üblen Handel war, und daß der
-Richter ihm noch Arges sann. Dabei fiel sein umherirrender
-Blick auf Heriman, welcher außerhalb der Schranken dem
-König gerade gegenüber stand, und seine Angst wurde noch
-größer. Der König aber fuhr gegen Immo fort: »Da mein
-Vogt von Erfurt keine Klage gegen dich erhoben hat wegen
-deines nächtlichen Rittes, so besteht gegen dich die Klage
-der Erzbischöflichen wegen Tumults und schwerer Verwundung.
-Die Wunden wirst du nach Landesbrauch entschädigen,
-wegen des gebrochenen Stadtfriedens sollst du
-ohne Schaden an Leib und Leben das Land räumen. Und
-ich versage dir deine Heimat, Dach und Herd auf ein Jahr
-und einen Tag von morgen ab.« &ndash; Ein leiser Klageton des
-Gefangenen zitterte durch die Luft.</p>
-
-<p>»Und nach Jahr und Tag,« fuhr der König fort, »falls
-die Heiligen uns gnädig sind, sollst du, Held Immo, deinen
-König zu dem Hochfest laden, das du feierst, wenn du dich
-vermählst. Ich selbst will zur Stelle sorgen, daß ich dir
-deine Braut werbe, denn ich habe nicht vergessen, daß du
-einst zwischen mir und meinen Feinden standest. Deshalb
-gedenke ich jetzt mit dem Grafen zu reden, ob er mir Gehör
-gibt. Manches weiß ich von seinen Gedanken und Taten,
-was vertraulich zwischen uns beiden bleibt, und ich weiß
-auch, daß er dir im Grunde wohl will, nur daß er des Königs
-Zorn scheut. Denn er hat nicht nur günstig über sein Kind zu
-dir gesprochen, er hat sogar damals, als du am Main von ihm
-rittest, schon den Goldstoff erworben, den ein Grafenkind
-schwerlich tragen würde, außer wenn sie sich einem König
-vermählt; und der König konntest doch nur du oder ich sein,
-ich aber habe meine Königin und du noch nicht. Habe ich
-deinen Sinn recht gedeutet, Graf Gerhard, so sprich.« Und<span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span>
-Heinrich warf einen Herrenblick auf den Schuldigen, so daß
-dieser sich niederbeugend nichts weiter sagen konnte, als
-»Des Königs Weisheit rät immer das Beste.«</p>
-
-<p>»Dann rate ich dir auch, dem Goldschmied Heriman den
-Stoff zu bezahlen, und daß du ihm zu dem Preis das Fünffache
-darauf legst, damit der Schmied eine reiche Spende
-in die Hand meines hochwürdigen Vaters Willigis von Mainz
-opfere. Denn auch Heriman hat Ursache, den Heiligen
-dankbar zu sein, weil sie ihn damals und später aus großer
-Gefahr befreit haben. Du aber, Held Immo, sollst, bis Jahr
-und Tag vergangen sind, mit deinem Könige reisen, der jetzt
-seine Kriegsfahrt rüstet. Unterdes wird die Jungfrau im
-Hause der edlen Edith zurückbleiben, wenn der Vater, wie
-ich wünsche, die Herrin gleich zur Stelle darum bittet und
-diese es ihm gewährt. Du junger Gottfried bewahrst bis
-zur Heimkehr des Bruders sein Erbe und legst es ihm dann in
-seine Hand zurück, wie du schon heute getan; ihr andern Söhne
-des Helden Irmfried aber steigt auf die Rosse und folgt dem
-Bruder in meinem Heere. So oft die Speere an den Schilden
-der Welschen dröhnen, hoffe ich euren Gesang zu hören.«</p>
-
-<p>Der König erhob sich, legte den Richterstab in die Hand
-des Erzbischofs, und trat vor Edith.</p>
-
-<p>»Und jetzt, Base Edith, wenn der König durch die gebrochene
-Mauer reitet, willst du ihm dennoch freundlichen
-Willkommen sagen? Mit großem Gefolge komme ich und
-nur wenige Stunden werden wir dich beschweren; doch man
-rühmt ja, daß Speicher und Keller, wo du waltest, reichlich
-gefüllt sind. Heute sollst du deinen Stammgenossen und
-Vetter gastlich empfangen, denn als Freund schwingt sich
-des Reiches Aar zu dem Nest der Zaunkönige.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch13"><span id="corr354">13</span>.<br />
-Schluß.</h2>
-</div>
-
-<p>Im Lande der Alemannen weilte der gebannte Immo
-auf einem Hofe des Königs, bis seine Wunde geheilt war
-und seine Brüder mit reisigem Gefolge dem Heere zuzogen.
-Als Heinrich über die Alpen nach Italien drang und durch
-Überraschung und Gewalt den Widerstand seiner Feinde
-brach, da führte Immo das Banner der freien Thüringe
-vom Walde, wie einst sein Vater getan; er und seine Brüder
-fochten in den Straßen Pavias gegen die empörten Welschen,
-und als König Heinrich von einem treuen Bischof in Pavia
-zum König des langobardischen Italiens geweiht wurde,
-klang auch Immos Heilruf unter den Säulen und Steintrümmern
-der alten Königstadt. Heinrich kehrte im Sommer
-nach Deutschland zurück, aber er ließ die Brüder als Wächter
-gewonnener Burgen durch den Winter in Italien.</p>
-
-<p>Seit jenem Gerichte war Jahr und Tag vergangen, ein
-neuer Sommer zog ins Land und kleine Blätter schlüpften
-aus den Baumknospen, da legten die Mannen Immos der
-Mühlburg festlichen Schmuck an, sie hefteten Fichtenkränze
-an Tor und Zinnen und breiteten schöne Teppiche aus dem
-Lande Italien an die Wände und über den Fußboden. Denn
-im Ringe seiner Edlen vermählte König Heinrich den Burgherrn
-mit der Tochter des Grafen, und der große Erzbischof<span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span>
-erteilte den Vermählten den Segen der Kirche. Edith schritt
-im Brautzug an der Hand des Königs, gefolgt von sechs
-Söhnen; auch Graf Gerhard trat hinter dem König einher,
-er lächelte nach allen Seiten und freute sich, aber er war
-verfallen und gar nicht in seiner alten Kraft, denn auf dem
-Kriegszuge hatte ihn ein Pfeilschuß verwundet, und im
-Heere sagten sie, daß der Pfeil nicht aus welschem Köcher
-gekommen sei, sondern hinterrücks aus dem eines heimlichen
-Feindes. Da der Graf an der Wunde kränkelte,
-so sprach er öfter vertraulich mit dem Mönch Reinhard,
-denn ihn ängstigte jetzt seine Feindschaft mit den Wigbertleuten.</p>
-
-<p>Als am Abend des festlichen Tages der König in seinen
-nahen Hof zurückkehrte, folgte ihm Gundomar, welcher dem
-Feste fern geblieben war, in das Gemach. Heinrich hielt
-dem Helden den Becher entgegen: »Heute bin ich fröhlich,
-auch du glätte deine Falten auf deiner Stirn, denn Gutes
-bedeutet dieser Tag deinem Geschlechte.«</p>
-
-<p>»Alles ist dem König wohlgelungen,« versetzte Gundomar.
-»Ich aber flehe jetzt zu meinem Herrn, daß er mir
-nicht zürne, wenn ich mein Schicksal von dem seinen scheide.«</p>
-
-<p>Heinrich sah betroffen auf die ernsthafte Miene: »Unverständiges
-sprichst du. Da ich noch ein Kriegsmann war
-wie du, gelobten wir, einander Gesellen zu sein; an den Eid
-habe ich gedacht, auch wenn ich dir einmal zürnte. Wie willst
-du dich von mir scheiden?«</p>
-
-<p>»Als ich gestern durch die neu geflickte Mauer ritt, dachte
-ich daran, daß sie von meinem Herrn gebrochen wurde, obwohl
-ich der Frau, die dort oben gebot, angelobt hatte, daß
-der Bau meines Geschlechts ihr unversehrt zurückgegeben
-werden sollte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span></p>
-<p>»Du hattest es gelobt, nicht ich,« unterbrach ihn Heinrich.</p>
-
-<p>»Du hast getan nach Art der Könige. Denn sie üben das
-Vorrecht, das Gute für sich zu begehren, das Unrecht auf
-das Haupt ihrer Diener zu wälzen. Auch klage ich nicht
-darüber, denn ich weiß, auch den König zwingt die Königspflicht.
-Ich aber sah zerbrochen, was zu bewahren meine
-Pflicht war, und mir war diese Tat eine Mahnung, daß ich
-genug für meinen Herrn getan und gesündigt habe. Und
-ich saß im Abendlicht am Fuß der Mauer und sah in die
-untergehende Sonne, da erkannte ich, daß auch für mich
-das Tor des Himmels geöffnet wird.«</p>
-
-<p>»Du willst der Welt entsagen?« rief der Kaiser bestürzt.
-&ndash; »Ich aber brauche dich; ein Undankbarer bist du, daß du
-mich verlassen willst, denn gütig war ich dir und oft habe
-ich deine harte Mahnung mit Geduld ertragen.«</p>
-
-<p>»Gütig war mein Herr, auch wenn er frug, ob die Treue
-des andern ihm nütze, gütiger noch ist der Herr in der
-Himmelshalle.«</p>
-
-<p>»Bist du unzufrieden, weil ich andere mehr ehre als dich,
-so fordere, Gundomar.«</p>
-
-<p>»Was du von dem einen nimmst, gibst du dem andern,
-das ist die Art der Mächtigen; ich aber wähle mir jetzt den
-Herrn, der jedem zu spenden weiß aus dem Schatz seiner
-Liebe.« Er hob eine goldene Kette vom Halse und legte sie
-zu den Füßen des Königs. »Dies war die erste Spende, die
-du mir gabst und vor allem Schmuck habe ich sie hochgehalten.
-Wie dieses Gold, so will ich hinfort alles entbehren, was ein
-Mensch dem andern zu schenken vermag.«</p>
-
-<p>Heinrich wandte sich gekränkt ab. Gundomar kniete an
-seiner Seite nieder und faßte seine Hand: »Laß mich dahinfahren.
-Gleichgültig ist mir alle Freude der Welt geworden.<span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span>
-Wenn ich deine Ritter im Kampfspiel reiten sehe und die
-langen Züge der Wallenden in ihren Festgewändern, so
-scheinen sie mir wie spielende Kinder gegenüber den hohen
-Engeln, die ich im Abendlicht dahinschweben sehe.«</p>
-
-<p>Der König hielt traurig die Hand des Knienden fest und
-dieser fuhr fort: »Alle Liebe, die du je zu mir in deinem
-Herzen gehegt, laß sie den Knaben meines Geschlechts zugute
-kommen. Der junge Held, dem du heute deine Huld
-erwiesen, wird ihrer würdig sein. Er hat sich gesträubt gegen
-den fremden Willen, der ihn in das Kloster warf, damit er
-für die Schuld anderer büße. Jetzt tausche ich mit ihm. Der
-jüngere Held in blühender Jugend soll meinem König unter
-Waffen dienen, ich aber wende als müder Mann meine
-Schritte dem Kloster des heiligen Wigbert zu.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auf der Mühlburg saß Edith in dem hohen Herrenstuhl,
-zu ihren Füßen die sieben Söhne und im Ringe umher die
-vertrauten Gäste des Geschlechts: Heriman, das Haus
-Baldhards, voran Brunico und der Mönch Rigbert, auch
-Nalderich mit seiner Tochter und andere Freie aus den
-Nachbardörfern. Die Gäste schwenkten fröhlich die Festbecher,
-welche die junge Wirtin Hildegard ihnen mit holdem
-Lachen darbot. Als sie den Becher zu Brunico trug, reichte
-sie ihm die Hand: »Das nächste Hochfest feiern wir im Hofe
-deiner Braut und erflehen Segen für euch beide.« Und
-Immo mahnte seinen Klostergenossen Rigbert: »Jetzt ist
-die Stunde gekommen, wo du vom Kloster und von den
-Vätern berichten sollst.«</p>
-
-<p>»Gutes und Böses habe ich zu künden,« begann Rigbert.
-»Ganz verwandelt kehrte Tutilo vor einem Jahre in das
-Kloster zurück, er hatte mit König Heinrich seinen Frieden<span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span>
-geschlossen und demütigte sich bei seiner Ankunft vor Herrn
-Bernheri. Dieser aber wurde täglich kränklicher, er stieg
-niemals mehr von St. Peter herab und warf in seinem
-Gemach mit dem Krückstock nach den Hirschgeweihen, weil
-er den Stock für einen Speer hielt. Der König jedoch wollte
-nicht leiden, daß dem Herrn Bernheri, solange dieser lebte,
-sein Amt genommen würde. Da nun Reinhard fast immer
-in der Nähe des Erzbischofs weilte, so wurde Tutilo wieder
-zum Präpositus erhoben und er herrschte in ganz neuer Weise;
-denn sonst hatte er wenig auf die Regel geachtet, jetzt aber
-wurde er hart und eifrig und versagte den Brüdern auch
-Erlaubtes. Du selbst magst ermessen, ob er das getan hat
-aus frommem Eifer oder aus einem anderen Grunde.
-Darum wurde der Widerwille der Brüder groß und mehr
-als einmal kehrten Unzufriedene dem Heiligtum den Rücken
-und liefen aus. So verbot Tutilo im letzten Herbst dem
-Vater Bertram, fernerhin in seinem Garten zu arbeiten, weil
-dieser sein Herz in sündiger Weise an die Obstbäume gehängt
-habe. Da stieß Bertram seinen Spaten in die Erde und ging
-schweigend in die Klausur zurück, Sintram aber saß seitdem
-kraftlos in seinem Garten und vermochte nicht mehr zu
-graben. Tutilo herrschte auch diesen an und bedrohte ihn
-mit Buße und Geißel. Als Bertram das vernahm, erhob
-er sich, und weil gerade wieder Brüder in Empörung von
-St. Wigbert scheiden wollten, schritt auch er trotzig aus der
-Klausur in den Garten, nahm seinen Spaten auf den
-Rücken und winkte Sintram, dasselbe zu tun. So zogen
-die beiden Alten in die wilde Welt, traurig war ihr Anblick
-für die wandernden Brüder, denn beide wankten vorwärts
-wie unter schwerer Last. Als sie nun zur Höhe gekommen
-waren, wo am Birkengehölz das steinerne Kreuz errichtet<span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span>
-ist als Grenzzeichen unseres Glockenschalls, da läutete gerade
-die Glocke vom Turme des heiligen Michael. Der wandernde
-Haufe wandte sich um und manche klagten und
-weinten. Bertram aber sprach: »Weiter vermag ich nicht zu
-gehen und von der ehernen Stimme des Engels will ich
-mich nicht scheiden; wandelt ihr dahin und sucht Frieden in
-der Fremde, mir gefällt diese Stätte und hier will ich
-bleiben.« Auf der Stelle begann er eine Grube zu graben
-und die Brüder vermochten ihn nicht abzuhalten, denn er
-antwortete ihnen nicht mehr. Endlich verließen ihn die
-andern, nur Sintram blieb bei ihm. Am nächsten Morgen
-läutete dieser an der Klosterpforte und berichtete, daß sein
-Geselle Bertram in Frieden geschieden sei und daß er neben
-einem Grabe liege, das er sich selbst geschaufelt hatte.
-Sintram wankte in die Klausur zurück und blieb darin, bis
-sie ihn nach wenigen Tagen auch hinaustrugen. Der gute
-Vater Heriger setzte durch, daß die beiden an der Stelle
-bestattet wurden, wo die Glocke von St. Michael sie gemahnt
-hatte. Und gerade jetzt wird dem hohen Erzengel
-eine Kapelle über ihrem Grabe erbaut. Jetzt ist Herr Bernheri
-von uns geschieden, eine neue Ordnung beginnt für
-St. Wigbert und ein heiliges Leben. Auch ich fahre jetzt
-dahin zurück.«</p>
-
-<p>Immo hob die Hand gen Himmel. »Unter den Engeln
-weilt ihr liebe Väter, blickt günstig auf den Mann herab,
-den ihr als wilden Schüler gesegnet habt. Den guten
-Lehren, die ihr mir übergeben habt, verdanke ich Leben und
-Glück. Einem Spruch habe ich nicht gehorcht, der Mutter
-und den Brüdern habe ich zu lange meine Kriegslust geborgen,
-dadurch habe ich uns allen das Herz krank gemacht.
-Daß ich aber in der eigenen Bedrängnis meinen Helfer<span class="pagenum"><a id="Seite_360">[360]</a></span>
-Heriman nicht im Stiche ließ, sondern die letzte Kraft daran
-setzte, ihn zu retten, das hat, wie ich merke, dem König bessere
-Gedanken über mich eingegeben, gerade als er mir am
-meisten zürnte. Und daß ich mir von Gerhard, als er in Not
-lag, nicht die Tochter angeloben ließ, das hat mir die Neigung
-des Königs und die Braut wiedergewonnen. Mein Erbteil
-habe ich nicht in fremde Hand gelegt, darum stehe ich jetzt
-als froher Herr auf freiem Eigen. So hat sich jede Lehre
-als heilbringend bestätigt.«</p>
-
-<p>Da rief Edith ihm zu: »Zornig trugst du das Schülerkleid.
-Dennoch sollst du heute die Mutter preisen, daß sie dich, den
-Widerwilligen, zu den Altären sandte. Denn nicht die
-Weisheit allein, sondern auch, was wenigen glückt, die liebe
-Hausfrau gewannst du dir unter den Mönchen durch die
-Klosterschule.«</p>
-
-<p class="center p2">
-Druck von <em class="gesperrt">August Pries</em> in Leipzig.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Fussnoten">Fußnoten</h2>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Erhöre, gütiger Schöpfer, unser Gebet und Flehen &ndash; Gib,
-daß durch Enthaltsamkeit sein Sinn mäßig und nüchtern werde.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Willst du trinken Wein, mußt du schreiben Latein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Höre, gütiger Schöpfer, unser Gebet und Flehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Der Frosch quakt lieblich in den grünen Blättern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Der Sauhirt schneidet Reiser.</p></div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Schriften von Gustav Freytag.</p>
-</div>
-
-<table summary="Buchliste">
-<tr>
-<td><b>Soll und Haben.</b> Roman in sechs Büchern, 2 Bände.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i> 8.&mdash;.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Die verlorene Handschrift.</b> Roman in fünf Büchern. 2 Bände.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i> 8.&mdash;.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Die Ahnen.</b> Roman in 6 Bänden.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i> 46.&mdash;.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Erster Band: Ingo u. Ingraban.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 8.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Zweiter Band: Das Nest der Zaunkönige.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Dritter Band: Die Brüder vom deutschen Hause.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Vierter Band: Marcus König.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Fünfter Band: Die Geschwister.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Sechster Band: Aus einer kleinen Stadt.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Bilder aus der deutschen Vergangenheit.</b> 4 Bände.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i> 36.25.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Erster Band: Aus dem Mittelalter.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 8.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Zweiter Band, 1. Abt.: Vom Mittelalter zur Neuzeit. (1200&ndash;1500.)</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 6.75.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">&ndash; 2. Abt.: Aus dem Jahrhundert der Reformation. (1500&ndash;1600.)</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 6.&mdash;.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Dritter Band: Aus dem Jahrhundert des großen Krieges. (1600&ndash;1700.)</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Vierter Band: Aus neuer Zeit. (1700&ndash;1848.)</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Ingo.</b> Feldpostausgabe.</td>
-<td class="tdr"><i>M</i> 1.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Das Nest der Zaunkönige.</b> Feldpostausgabe.</td>
-<td class="tdr"><i>M</i> 2.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Soll und Haben.</b> Feldpostausgabe.</td>
-<td class="tdr"><i>M</i> 8.&mdash;.</td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 10: Gefäß → Gesäß<br />
-daß es das <a href="#corr010">Gesäß</a> des Vaters Sintram ist</p>
-<p>
-S 12: weist → weißt<br />
-du selbst <a href="#corr012">weißt</a> ja am besten</p>
-<p>
-S. 34: führte → führte ihn<br />
-und <a href="#corr034">führte ihn</a> in den Hofraum</p>
-<p>
-S. 46: ihr → ihre<br />
-hatten die Knechte <a href="#corr046">ihre</a> Gespanne</p>
-<p>
-S. 55: ihn → ihm<br />
-schob <a href="#corr055">ihm</a> den Becher hin und sagte leise</p>
-<p>
-S. 60: wählten → wählen<br />
-den Genossen zum König <a href="#corr060">wählten</a> wollten</p>
-<p>
-S. 104: ihn sie → sie ihn<br />
-hielt <a href="#corr104">sie ihn</a> an den Locken</p>
-<p>
-S. 128: finden → finde<br />
-ich <a href="#corr128">finde</a> den meinen allein</p>
-<p>
-S. 138: Brüder unicht → Brüdern nicht<br />
-zu rechten, steht uns <a href="#corr138">Brüdern nicht</a> zu</p>
-<p>
-S. 142: sehen → sahen<br />
-Erschrocken <a href="#corr142a">sahen</a> die Männer die wilde Tat</p>
-<p>
-S. 142: Bruder → Bruders<br />
-die Schulter eines <a href="#corr142b">Bruders</a> stützte</p>
-<p>
-S. 149: in → im<br />
-er stand <a href="#corr149">im</a> Frieden, den der Mensch</p>
-<p>
-S. 169: Kriegmann → Kriegsmann<br />
-der <a href="#corr169">Kriegsmann</a> machte ein schnelles Zeichen</p>
-<p>
-S. 197: statt »Mann« vermutlich »Mantel« (nicht korrigiert)<br />
-Vergeßt den <a href="#corr197">Mann</a> nicht</p>
-<p>
-S. 204: schallt → schalt<br />
-<a href="#corr204">schalt</a> und verhieß Belohnungen</p>
-<p>
-S. 228: einem → einen<br />
-durch <a href="#corr228">einen</a> armen Priester seine Sünden</p>
-<p>
-S. 232: Köngis → Königs<br />
-Nur den Bruder des <a href="#corr232">Königs</a> nannte er nicht</p>
-<p>
-S. 249: und → um<br />
-<a href="#corr249">um</a> den Marktfrieden zu erhalten</p>
-<p>
-S. 310: meist → meisten<br />
-Liebe der Mutter am <a href="#corr310">meisten</a> bedurft</p>
-<p>
-S. 322: der → des<br />
-heute vor den Augen <a href="#corr322">des</a> Königs stehen</p>
-<p>
-S. 335: welchen → welche<br />
-<a href="#corr335a">welche</a> diesen Worten folgte</p>
-<p>
-S. 335: statt »volle« vermutlich »tolle« (nicht korrigiert)<br />
-es sind nur <a href="#corr335b">volle</a> Brüder</p>
-<p>
-S. 340: wurde → würde<br />
-vielleicht <a href="#corr340">würde</a> er jetzt der Gefahr enthoben</p>
-<p>
-S. 342: Kloster → Klosters<br />
-zum Präpositus deines <a href="#corr342">Klosters</a> ernannt bist</p>
-<p>
-S. 354: 12 → 13<br />
-<a href="#corr354">13</a>. Schluß.</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE ***
-
-***** This file should be named 51151-h.htm or 51151-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/1/1/5/51151/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/51151-h/images/cover.jpg b/old/51151-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 38023b6..0000000
--- a/old/51151-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51151-h/images/signet.png b/old/51151-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index 1a4e913..0000000
--- a/old/51151-h/images/signet.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/51151-h/images/warstamp.png b/old/51151-h/images/warstamp.png
deleted file mode 100644
index 1a898d0..0000000
--- a/old/51151-h/images/warstamp.png
+++ /dev/null
Binary files differ