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- The Project Gutenberg eBook of Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Das Nest der Zaunkönige
- Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts
-
-Author: Gustav Freytag
-
-Release Date: February 8, 2016 [EBook #51151]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-Gustav Freytag</p>
-<h1>
-Das Nest<br />
-der Zaunkönige</h1>
-<p class="center">
-Erzählung aus dem Anfang<br />
-des 11. Jahrhunderts</p>
-<p class="center smaller">
-114.&ndash;123. Tausend</p>
-<div class="figcenter">
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-</div>
-<p class="center">
-S. Hirzel Verlag Leipzig/1917</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/warstamp.png" alt="Zensurstempel" />
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-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch1">1.<br />
-Im Jahr 1003.</h2>
-</div>
-
-<p>Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda
-gießt, lag zwischen Wiesen und fruchtbaren Feldern das
-Kloster Herolfsfeld. Hohe Fürsten des Himmels waren
-seine Beschützer, denn die Klosterkirche umschloß die Reliquien
-zweier Apostel; doch den größten Eifer für das Gedeihen
-des Klosters hatten zwei Gefährten des heiligen
-Bonifacius bewiesen: Erzbischof Lullus, der die ersten
-Mönche auf das leere Feld führte, und der Heidenbekehrer
-Wigbert, dessen Gebeine erst viele Jahre nach seinem Tode
-im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch
-zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte. Als das
-stärkste von seinen Wundern rühmten die Leute, daß in der
-einsamen Landschaft ein mächtiges Menschenwerk entstanden
-war, Türme und hohe Kirchgiebel, um diese herum
-eine große Zahl von Gebäuden aus Stein und Lehm, deren
-wettergraue Holzdächer wie Silber in der Mittagsonne
-glänzten. Was man Kloster nannte, war in Wahrheit eine
-feste Stadt geworden, durch Mauern, Pfahlwerk und
-Graben von der Ebene geschieden. Länger als zweihundert
-Jahre hatten die Mönche gebetet, um den Gläubigen Heil
-und guten Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafür
-waren sie selbst reich geworden an irdischem Grundbesitz,<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-den ihnen fromme Christen in der bittern Sorge um das
-Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Dörfer und Weiler,
-welche ihnen gehörten, lagen über viele Gaue verteilt,
-nicht nur im Lande der Hessen, auch unter Sachsen und
-Bayern, vor allem in Thüringen. Ein guter Teil des
-Kirchengutes, das Bonifacius erworben hatte, darunter
-die ersten Schenkungen, welche die Waldleute in Thüringen
-zur Heidenzeit gemacht, gehörte jetzt dem Kloster, und wenn
-der Abt seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt
-aufrief, so zogen sie dem Lager der Sachsenkaiser zu
-als ein Heer von Reitern und Fußvolk, in ihrer Mitte der
-Abt als großer Herr des Reiches mit einem Gefolge von
-edlen Vasallen. Länger als zweihundert Jahre hatten die
-Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden Wald
-und das wilde Kraut gekämpft, hatten unermüdlich die
-Halmfrucht gesäet, Obstbäume gepflanzt und Weingärten
-eingehegt. So waren sie allmählich große Landbauer geworden,
-nach Tausenden zählten sie ihre Hufen, ihre zinspflichtigen
-Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter.
-Jetzt saßen sie in der Fülle guter Dinge als eine Genossenschaft
-von hundert und fünfzig Brüdern zwischen gefüllten
-Scheuern und springenden Herden, sahen vergnügt über die
-reiche Habe und ordneten selbst als umsichtige Landwirte
-das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen, deren Häuser
-im Zaun ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der
-Fulda zu einem großen Dorfe vereinigt waren. Doch nicht
-allein über Landarbeit, sondern über alles, was Handwerk
-und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten als
-Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt
-hatten. Neben dem Palast des Abtes und den Gasthäusern
-für Fremde, zwischen den Viehhöfen und Scheuern, dem<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-Brauhause und den weiten Kellergewölben erklang der
-schwere Hammer des Waffenschmieds auf dem Ambos,
-und daneben der kleine Hammer des Künstlers, welcher
-edle Steine in Gold und Silber zu fassen wußte für Kirchengerät,
-für kostbare Bücherdeckel und für Trinkgefäße des
-Abtes und vornehmer Gäste. Ein Bruder bewahrte den
-Schlüssel zu dem Rüsthaus, in welchem die Helme, Schwerter
-und Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer
-zählte den Gerbern die Häute zu, prüfte kunstverständig
-ihre Arbeit, mischte die Farbe und kochte die Beize für
-buntes Leder und Gewand. Und wieder ein anderer maß
-die Räume für neue Bauten, verfertigte den Riß und wies
-die Maurer an, wie sie den Gewölbbogen schwingen und
-dauerhaften Mörtel mischen sollten. Von weiter Ferne
-her zogen die Leute zum Kloster, nicht nur um bei den Gebeinen
-der Heiligen zu beten und durch Gaben das Gebet
-der Mönche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen
-Vorteil begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann
-fand Waren, die er gegen andere vertauschte, der große
-Grundherr holte sich den Bauplan für ein Steinhaus, das
-er auf luftiger Höhe errichten wollte oder bat um einen
-meßkundigen Bruder, der ihm fernes Wasser in seinen Hof
-zu leiten und einen Fluß mit steinerner Brücke zu überspannen
-wußte. Wer vollends krank war, der neigte sich
-flehend vor dem Arzte des Klosters und erhielt aus der
-Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger Salbe und den ruhmvollen
-Trank des heiligen Wigbert. Jeder Dürftige und
-Bettler im Lande kannte das Haus, denn er war sicher,
-dort Hilfe gegen den Hunger zu finden und gutherzige
-Spende an den nötigsten Kleidern. Was die einen in
-ihrer Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten,<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-um den Himmel zu gewinnen, das vermehrte vielen anderen
-die Freude des irdischen Lebens. Aber die Mönche selbst,
-die sich dem Herrn zu demütiger Entsagung und Buße geweiht
-hatten, wurden allmählich stolze Lehrer und Gebieter
-in weltlichen Dingen und vermochten nicht mehr mit der
-alten Klosterzucht Haus zu halten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf
-den Stufen des Hochaltars ein fremder Mönch in stillem
-Gebet. Stab und Reisehut hinter ihm ließen erkennen,
-daß er neu angekommen war; bei dem Reisegerät kniete
-ein junger Bruder des Klosters, der ihn begleitet hatte.
-In dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes saß der
-Dekan Tutilo, welcher Präpositus des Klosters war, ein
-hoher breitschultriger Mann mit jähzornigen Augen und
-buschigen Augenbrauen, er hielt die Hände nachlässig
-gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen
-Andacht kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl
-der Väter, welche das Gebet abwarteten, nur wenige der
-Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen, unter ihnen Heriger,
-der Kellermeister, ein fröhlicher Mann und Liebling der
-Brüder, dem alle gern dienten und der jeden mit freundlicher
-Rede gefügig machte, dann der Pförtner Walto,
-welcher Sprecher des Klosters war, als kluger Herr wohlbekannt
-im ganzen Lande; auch die beiden Alten, Bertram
-und Sintram, zwei Sachsen, welche mit ihren runden
-Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen
-wie Zwillinge und deshalb von den Mönchen im Scherz
-die Stiefel genannt wurden; sie waren an einem Tage
-ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle und
-arbeiteten beide in den Gärten; was einer wollte, gefiel<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-auch dem andern und sie wandelten stets zusammen, obgleich
-sie schweigsam waren und auch miteinander nicht
-viel redeten.</p>
-
-<p>Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem
-Haupt vor den Dekan trat, ergriff dieser seine Hand,
-führte ihn in die Mitte des Chors und neigte ihm das
-Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen Worte sprach,
-an denen die Priester und Würdenträger von der Regel
-Benedikts einander erkannten. »Gesegnet sei dein Eingang,
-mein Bruder Reinhard,« antwortete der Dekan
-mit rauher Stimme, welche von der Decke zurückhallte,
-und gab den Bruderkuß, worauf der Fremde den andern
-Brüdern dasselbe tat. »Nicht mühelos wird das Lehramt
-sein, zu dem du aus der Schulstube des Klosters
-Altaha gerufen bist, denn du wirst harte Köpfe finden
-und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen Wigbert
-fehlt es nicht an Bäumen, um Ruten daraus zu schneiden.
-Komm, daß ich dir unsere Häuser zeige und die
-Walstatt, auf welcher du den Krieg gegen die Unwissenheit
-führen sollst.« Er ging voraus, die Brüder
-folgten, zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät
-des Fremden.</p>
-
-<p>Tutilo führte in die Klausur, die große Burg des Klosters,
-welche zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte.
-Sie enthielt die Wohnungen der Mönche und der geweihten
-Schüler, die von ihren Eltern in den Zipfel der Altardecke
-gewickelt waren, damit sie einst Mönche würden. Das Haus
-stand im Viereck um einen freien Platz, von allen Seiten
-nach außen geschlossen, nur durch die Kirche war der Eingang
-und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und Nebengebäuden.
-In der Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-einen Brunnen, und nach dem Hofe öffnete sich der
-ganze Bau, denn ein weiter Säulengang zog sich am Unterstock
-den vier Seiten entlang und die Mauer des Oberstocks
-erhob sich auf den schön gemeißelten Steinsäulen. Zwischen
-die Säulen waren bequeme Holzbänke gestellt, damit die
-Brüder bei schlechtem Wetter lustwandeln oder ausruhen
-konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz verlassen stand das Haus,
-der Fremde vermochte kein geschorenes Haupt zu entdecken,
-obgleich in dieser Stunde die Regel den Brüdern erlaubte,
-sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo merkte die
-suchenden Blicke des Bruders und auf den Säulengang
-weisend, erklärte er: »An anderen Tagen würdest du die
-Hände oft rühren müssen, wenn du die Menge der Brüder
-und Schüler an den Fingern abzählen wolltest, heut aber
-sind sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwül, ein
-Wetter droht und das ganze Gesinde des heiligen Wigbert
-arbeitet im Heu. Dies ist alter Brauch des Klosters, er
-stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten Väter, jetzt
-freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald
-wirst du ihr Gewimmel merken, wenn sie zurückkehren.«</p>
-
-<p>Als sie die innern Räume betraten, sah der zugewanderte
-Bruder in dem großen Refektorium einen Kredenztisch mit
-schönen Bechern und Trinkkannen, darunter nicht wenige
-von edlem Metall, und als er in einen Gang kam, an welchem
-Zellen der Brüder lagen, erblickte er durch die offenen Türen
-große Stühle mit seidenen Kissen belegt, auf den Lagerstätten
-weiche Kopfkissen und lodige Decken von buntgefärbter
-Wolle, die mit gestickten Borten eingefaßt waren,
-daneben große Truhen und metallene Leuchter mit Wachslichtern
-oder schwere vergoldete Lampen, auf einem Tische
-sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein und Tieren,<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-so daß er merkte, wie die Mönche unter Gerätschaften, die
-sie sich selbst erworben hatten, ganz gemächlich hausten.
-Und Reinhard, obwohl er als Mönch gewöhnt war, seine
-Zunge zu hüten, konnte den Ausruf nicht unterdrücken:
-»Gleich weltlichen Fürsten wohnen die Knechte des Heiligen.«</p>
-
-<p>Tutilo merkte das Mißfallen, aber er erwiderte stolz:
-»Auch ich meine, daß unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen
-dürfen, wenn sie sich mit den Weltleuten vergleichen. Doch
-was du hier von eigenem Gut der Brüder etwa gesehen
-hast, gehört nur den Dekanen und den Alten, denn diese
-allein haben die Lizenz.«</p>
-
-<p>Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte
-dem jungen Mönch zurückzubleiben, zog einen großen
-Schlüssel aus der Tasche und öffnete in dem Kreuzgang eine
-niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern wieder verschloß.
-Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen
-und Vorratshäusern vor einem stattlichen Holzbau, um den
-ein Laubengang führte. Doch auch hier war alles leer, die
-Lichtöffnungen des Hauses waren mit Fensterglas und Blei
-verschlossen, aber die Scheiben waren erblindet und manche
-Raute war zerschlagen. »Du weißt ja wohl,« fuhr Tutilo
-mit düsterer Miene fort, »daß Herr Bernheri, unser Abt,
-es verschmäht, unter den Brüdern zu wohnen. Dort oben
-auf dem Berge St. Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich
-hergerichtet, dort haust er mit denen, die ihm am liebsten
-sind, und selten betritt sein Fuß diesen Herrenhof. Oben
-hört man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt und der
-Hirsch schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote,
-welche er aus der Höhe zu uns sendet. Hier beginnt wieder
-dein Reich,« fuhr er fort und geleitete in einen andern umhegten
-Hof. »Hier ist die äußere Schule, worin die Schüler<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-zu übermütigen Weltgeistlichen erzogen werden; dreißig
-Scholastiker zählte das Kloster, erst seit dem Tode deines
-Vorgängers hat sich die Zahl vermindert. An der ersten
-Bank sitzen nur Söhne von Edlen, meist Thüringe und
-Hessen, trotzige Knaben sind darunter, ungern fügen sich die
-stolzen darein, im Kloster zu dienen.«</p>
-
-<p>»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras?« frug der
-Fremde.</p>
-
-<p>»Einen wenigstens magst du sehen,« versetzte der Kellermeister
-Heriger leise und wies nach der Höhe. In dem
-Schalloch des Glockenturmes saß ein Jüngling und starrte
-hinaus auf die Höhen im Osten, ohne die Mönche im Hofe
-zu beachten. »Es ist Immo, der Thüring, er hängt oft dort
-oben und immer sieht er nach derselben Himmelsseite, weil
-dort seine Heimat liegt!«</p>
-
-<p>Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick:
-»Erkenne ich ihn recht auf seinem luftigen Sitze, so sieht er
-mehr einem jungen Kriegsmann ähnlich, als einem Schüler,
-der auf das heilige Öl und die Stola hofft.«</p>
-
-<p>»Du wirst ihn wild und tückisch finden,« versetzte Tutilo.
-»In den ersten Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen,
-jetzt tun ihm Hunger und Geißel not, und du würdest ihn
-vielleicht im Keller auf dem Stroh erblicken, statt dort in hoher
-Luft, wenn die Brüder nicht allzuoft an das Verdienst seines
-Ahnherrn dächten.«</p>
-
-<p>»Denn wisse, mein Bruder,« fuhr Heriger fort, »er ist
-aus dem Geschlechte eines seligen Helden, der, wie sie sagen,
-zugleich mit dem heiligen Bonifacius von den Heiden erschlagen
-wurde. Sein Ahnherr war es, zu dem der Heilige
-in der Todesnot seine letzten Worte sprach, welche in den<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-Büchern geschrieben stehen: Wirf dein Schwert von dir!
-Und darum haben auch von je die Männer und Frauen
-seines Geschlechtes unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.«</p>
-
-<p>Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut
-die Bibliothek und die Stube der Schreiber. Der Fremde
-betrat ein kahles Gemach; die beiden Fenster waren durch
-Glas und Blei verschlossen, aber große Spinnengewebe
-hingen an Wand und Rahmen, und durch die Scheiben
-drang nur ein trübes Zwielicht, so daß eine brennende
-Lampe das Beste tun mußte, um den Raum zu erhellen.
-Vor der Lampe saß am Pult ein schreibender Mönch. Langsam
-erhob er sich, als die Brüder eintraten, und noch während
-er den Ankömmling begrüßte, waren die kleinen Augen in
-seinem runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet.</p>
-
-<p>»Willst du deinen Augen Pönitenz antun, Vater Gozbert,«
-begann Tutilo verwundert, »daß du das Sonnenlicht
-aussperrst?«</p>
-
-<p>»Es muß ein dunkler Nebel in der Welt sein,« versetzte
-der Mönch, »denn es will nicht hell werden.«</p>
-
-<p>»Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern
-die Bosheit anderer,« rief Tutilo, das Fenster öffnend,
-»sieh her, die Scheiben sind von außen durch trübe Farbe
-verdunkelt und merke, jemand hat dir einen üblen Streich
-gespielt.«</p>
-
-<p>»In Wahrheit, draußen scheint die Sonne,« sagte der
-Mönch, »ich erkenne Lehm und Kienruß an den Scheiben.«</p>
-
-<p>»Ich aber weiß, wer die Ungebühr gegen dich geübt hat,
-entweder selbst oder durch die Jungen,« sagte Tutilo, »denn
-der Scholastikus Immo leitet die Knaben zu vielem Frevel
-an. Doch sein Maß ist voll.« Und auf Reinhard blickend<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-fuhr er fort: »Vater Gozbert ist ein Künstler in der Schrift,
-wenige verstehen sich besser auf jede Art von Duktus.«</p>
-
-<p>Gozbert ging zu einem Bücherbrett, schlug einen Kodex
-auf und zeigte mit Selbstgefühl die Blätter, auf welche
-Buchstaben mit bunten Farben gemalt waren.</p>
-
-<p>»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglättet,«
-lobte der Fremde.</p>
-
-<p>»Durch den Stein Achates,« erklärte Gozbert und blätterte
-zum Anfange zurück, dort war als großes Bild ein
-Kaiser auf seinem Stuhl und zur Seite vier Frauen, tief
-gebeugt mit seltsamen Kronen auf dem Haupt, jede eine
-Mulde in den Armen, worin etwas Undeutliches lag, darüber
-standen die Namen von vier Ländern, welche zum
-Reich gehörten. »Ich selbst habe den Weibern die Verneigung
-erdacht,« sagte Gozbert stolz, »denn in der alten
-Handschrift, die wohl noch aus der Urzeit der Römer stammt,
-standen sie gerade.«</p>
-
-<p>»Niemand merkt, daß es das <span id="corr010">Gesäß</span> des Vaters Sintram
-ist, welches Gozbert viermal gebildet hat,« erklärte Heriger
-mit lustigem Augenzwinkern, »denn Sintram mußte oft gekrümmt
-stehen mit den Händen am Türpfosten, während
-Gozbert zeichnete.« Der Schreiber warf einen mißbilligenden
-Blick auf den Sprecher und zeigte mit dem Finger auf
-das rötliche Gesicht des Kaisers. »Herr Otto der Rote
-seligen Andenkens.«</p>
-
-<p>»Ich aber will unsern Vater rühmen,« fuhr Heriger fort,
-»denn schwerlich wird man einen Schreiber unter den Lebenden
-finden, welcher mehr geschrieben hat; vierzig Jahre lang
-schreibt er bei uns jeden Tag im Sommer und Winter;
-fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner Hand und
-nicht wenige sind zum Tausch gegeben gegen andere.«</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes,
-aber seine kleinen Augen glänzten. »Wenn es mir nur nicht
-an Pergament gefehlt hätte,« sagte er, »und an Büchern
-zum Abschreiben.«</p>
-
-<p>»Vielleicht wird es möglich, daß du von dem Kloster,
-aus dem ich komme, ein gutes Buch geliehen erhältst,«
-tröstete Reinhard.</p>
-
-<p>»Was es auch sei,« versetzte Gozbert erfreut, »ich schreibe
-es gern, wenn du oder ein anderer Gelehrter mir sagt, daß
-keine Sünde darin steht. Denn die heiligen Namen zeichne
-ich mit Rot aus und die Übles bedeutenden Namen in den
-profanen Büchern habe ich immer weggelassen, so oft ich
-ihre Tücke merkte. Manche Nacht habe ich in Ängsten gewacht
-und oft hat mir beim Schreiben geschaudert, ob ich
-nicht vielleicht etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele
-schaden könnte. Endlich bin ich gewarnt worden, daß ich
-die sündigen Bücher meide.« Er schlug das Kreuz und
-wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche, während
-die andern, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl
-kannten, einander bedeutsam ansahen. »Merke auf jenen
-Holzkrug, mein Bruder,« fuhr Gozbert fort, »in welchem
-ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug, diesem gleich,
-stand an derselben Stelle, als ich gerade einiges von dem
-Heiden Ovidius schrieb. Da hörte ich hinter mir den Deckel
-klappen, ich wandte mich um und mein Haar sträubte sich,
-der Krug stand still, aber zuweilen hob sich der Deckel und
-schlug wieder abwärts, wie von innerer Gewalt getrieben.
-Ich rief die Heiligen zu Hilfe, plötzlich sah ich zwei Hörner
-aus dem Krug ragen und wieder verschwinden. Im Entsetzen
-stieß ich den Krug um und sogleich sprang der teuflische
-Geist, einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich, aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-Holz, fuhr in dem Zimmer umher und endlich durch den
-Türritz hinaus, indem er bösen Nebel und Gestank zurückließ.
-Ich aber erkannte die Warnung.«</p>
-
-<p>»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen,«
-bemerkte Heriger, »so würden manche vermuten, daß es ein
-junger Hase gewesen sei, den der Thüring Immo heimlich
-in den Krug unseres Vaters gesetzt hatte.«</p>
-
-<p>»Es war der Teufel,« versetzte Gozbert unwillig. »Seitdem
-schreibe ich nur heilige Bücher.«</p>
-
-<p>»Du hast sicher das beste Teil erwählt, mein Vater,«
-tröstete Reinhard grüßend, und sie schieden aus der Zelle.
-Der Schreiber aber setzte sich wieder zu seinem Pult; oben
-webte die Spinne und unter ihr schrieb der Mönch.</p>
-
-<p>Tutilo wurde gesprächiger, als sie die Höfe betraten, in
-denen die Arbeiter des Klosters unter Aufsicht der Mönche
-für Handwerk und Landbau tätig waren. »Du siehst, Bruder,«
-begann er das Haupt erhebend, »nicht gering ist das
-Haus des heiligen Wigbert, sein Segen hat die Keller und
-Scheuern gefüllt, wie gierig auch die Grafen und Dienstmannen
-ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken.
-Und jetzt, da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen
-Herdsitz gewiesen, jetzt berichte auch du, wenn dir gefällt,
-was du außerhalb des Klosters erfahren hast, denn wildes
-Gerücht geht durch die Lande, daß die Kinder der Welt in
-neuem Zwist gegeneinander toben.«</p>
-
-<p>»Zürne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht
-auf der Stelle genüge,« versetzte Reinhard demütig, »du
-selbst <span id="corr012">weißt</span> ja am besten, daß der Mund des Bruders, der aus
-der Ferne kommt, verschlossen sein muß, bis die Erlaubnis
-des Herrn Abtes ihn öffnet.«</p>
-
-<p>Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. »Statt<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-des Abtes stehe ich hier und mein ist das Recht, dir die Zunge
-zu lösen.«</p>
-
-<p>Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und
-flehte die Hände erhebend: »Verzeih, mein Vater, daß ich
-dir Unmut erregte, da ich dir Gehorsam schuldig bin im
-Staube; nur was die heilige Regel mir gebietet, meinte ich
-zu tun. Selbst wünsche ich, daß du alles wissest, denn schwere
-Kunde bringe ich aus dem Lande, aber auch dir würde es
-gefallen, wenn du der Abt wärest, daß ich eher dir als andern
-die Botschaft verkündete.«</p>
-
-<p>Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an
-den verlegenen Mienen, daß sie das Recht des Flehenden
-erkannten, darum schwieg er und ließ den Mönch zu seinen
-Füßen liegen, bis Heriger, der Kellermeister, begann: »Da
-der Bruder sich nach Gebühr demütigt, so rate ich, daß du
-selbst ihn nach St. Peter zu unserm Herrn Abt begleitest,
-damit auch wir erfahren, was dem Kloster zum Heil oder
-Unheil werden mag; vor allem aber, daß du es wissest, da
-du jeden Tag um unser Wohl zu sorgen hast.«</p>
-
-<p>Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber
-er bezwang sich und antwortete dem Liegenden mit einer
-Stimme, der man den Ärger wohl anmerkte. »Ungern
-wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe, doch will ich
-dein Gewissen, mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe dich
-und harre mein an dem Tore. Du aber, Walto, gebiete, mein
-Roß zu satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der
-Höhe erbitte.« Er wandte sich ab und hörte nicht darauf, wie
-der Kniende sich dem Gebet der Brüder empfahl. Reinhard
-erhob sich hinter dem Rücken des Präpositus und schritt mit
-gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem Ausgange des
-Klosters zu. Tutilo aber entließ die Brüder, welche ihn begleitet<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-hatten und sprach zu seinem Vertrauten Hunico:
-Ȇbles weissagt die fremde Biene in unserm Stock. Der
-Narr ist von der neuen Zucht, welche die Füße küßt und
-Faustschläge in den Nacken gibt, er wird die Becher der
-Brüder zählen und um einen gekochten Kalbskopf die Geißel
-schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen,
-der wird auch dem König und den Grafen nicht widerstehen,
-wenn sie uns die Zehnten und Hufen nehmen und das
-Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit des Lullus war, wo die
-Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr gutes Glück
-priesen, wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug
-gereicht wurde. Ich aber meine nicht umsonst die Speicher
-gefüllt zu haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch wir
-einen neuen Abt, welcher das Kloster erhöht und nicht erniedrigt;
-denn es leben wenige Fürsten im Reiche, die so
-stark sind als wir sein könnten, wenn ein Mann auf dem
-Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling.« Er schritt gewaltig
-in die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt
-zu rüsten.</p>
-
-<p>Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch
-die Höfe wanderten, schlich der junge Mönch, welcher den
-fremden Bruder geleitet hatte, unbeachtet in die Kirche
-zurück, neigte sich vor den Altären, glitt die Säulen entlang,
-und öffnete im Vorhofe den Eingang einer hölzernen Galerie,
-welche aus der Kirche zu dem Glockenturm des Erzengels
-Michael führte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf bis
-zu dem Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar
-des hohen Engels, der im Federhemd in den Lüften waltete
-und den Wetterschlag vom Glockenturm abhielt. Indem der
-Mönch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle
-Stimme: »Rigbert, sei willkommen.« Der Mönch hob<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-warnend den Finger, kletterte die steile Stiege hinauf,
-welche zu dem Glockenstuhl führte und stand wenige Schritte
-von dem Jüngling Immo. Dieser saß in dem Schalloch auf
-schmalem Brett, das für eine Dohle bequemer war als für
-einen hochgewachsenen Mann und beobachtete ungeduldig
-das Nahen des Mönches.</p>
-
-<p>»Du kommst aus Thüringen, seit Mittag erwarte ich dich;
-der Dienstmann Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die
-Kunde in das Wächterhaus. Du sahest die Quellen der
-Waldbäche springen, du hörtest wie der Bergwind weht, und
-wie das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf dem
-Anger singt. Was weißt du mir zu sagen aus den Waldlauben?«</p>
-
-<p>»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und
-die Waldaxt klingt an den Baumstämmen. Aus Erfurt,
-dem großen Markte, ritt mein Reiseherr Reinhard nach der
-Zelle unserer Brüder in Ordorf, auf dem Wege rasteten
-wir in einem Edelhofe.«</p>
-
-<p>Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht und
-mit heller Stimme rief er, die Hand gen Osten hebend:
-»Ich meine, das war der Hof meiner Väter.«</p>
-
-<p>»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.«</p>
-
-<p>»Das war meine Mutter,« schrie der wilde Knabe und
-wandte sein Antlitz von dem Mönche ab, weil ihm Tränen
-über die Wangen liefen. »Sprich mir von ihr,« fuhr er nach
-einer Weile fort und kehrte sich wieder dem Mönch zu.</p>
-
-<p>»Sie erschien mir als eine heilige Frau und einer Fürstin
-sah sie gleich, obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor
-uns stand.«</p>
-
-<p>»Mein Vater starb an seiner Wunde in fernem Land
-und der Sohn vermochte nicht ihn zu rächen. In den Kerker<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-bin ich gesteckt. Unselig ist die Hand, die das Rauchfaß
-schwingt statt des Eisens.«</p>
-
-<p>»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die
-wilden Worte,« mahnte der Mönch.</p>
-
-<p>»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle, die
-sie dir gesponnen haben.«</p>
-
-<p>»Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen
-auf den Altar gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel
-weihen wollte, und meine Heimat ist seitdem im Gotteshause.«</p>
-
-<p>»Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum
-Dienst des Altars bestimmt, obgleich ich das erstgeborene
-Kind war und ein Recht hatte, das Banner meines Vaters
-zu führen. Aber dem Vater wurde der Vorsatz leid, denn
-du weißt ja wohl, meine Fäuste sind nicht gemacht, Feder
-und Gebetbuch zu halten, sondern Schildrand und Rosseszügel.
-Zu einem Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich
-der Mutter Böses ahnte, bis mein Vater mit dem jungen
-Kaiser Otto nach Italien zog und in die Gefangenschaft der
-treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in unsern Hof,
-schöne Hufen mußte die Mutter dem Kloster verkaufen, um
-das Lösegeld für den Vater zu finden, und nicht die Hufen
-allein, auch den Sohn rieten die frommen Väter zu spenden,
-damit die erzürnten Heiligen sich des Vaters wieder erbarmten.
-Ich trug damals mein erstes Panzerhemd, jetzt
-trage ich dies mißfarbige Kleid eines dienenden Schülers
-und fahre in dieser großen Mausefalle wie eine gefangene
-Ratte längs den Brettern dahin. Den Vater haben die
-Heiligen doch nicht heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.«</p>
-
-<p>»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen,« antwortete
-der Mönch traurig, »das so unwillig sich gegen den
-Altar sträubte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der
-Welt, aber auf den Knien gleiten über den glatten Stein,
-das kann ich nicht. Denn meine Ahnen dachten hoch und ich
-stamme aus einem Geschlecht von Kriegern.«</p>
-
-<p>»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher,
-der immer an die Freuden der Welt denkt. Nicht
-Mönch solltest du werden, sondern ein üppiger Kanonikus,
-der seidenes Gewand trägt, hoch zu Rosse sitzt und mit den
-Frauen kost wie ein anderer.«</p>
-
-<p>»Warum trage ich nicht das weiße Gewand?« frug
-Immo zornig. »Andere, die noch jünger sind in der Klosterschule,
-werden dadurch doch ein wenig getröstet. Doch ich
-weiß wohl, teuer ist solche Gunst und niemand von den Meinen
-zahlt einem Bischof den Preis für die weiße Leinwand.
-Aber hätte ich auch, was du für mich ersehnst, du weißt, die
-Fledermaus ist ein unholdes Tier, sie ist nicht Maus, nicht
-Vogel; und ich bin von dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein
-sich über die Flur schwingt. Was sahst du noch, Rigbert,
-in unserer Halle?«</p>
-
-<p>»Von dem Söller wies Frau Edith meinem Reiseherrn
-die Kapellen der Umgegend; und als die Glocken hier und
-da läuteten, weil die Sonne im Mittag stand, brach aus
-dem Gehölz eine Schar Reiter, alle auf hellen Rossen.«</p>
-
-<p>»Das waren meine Brüder,« rief Immo, »das ist unsere
-Zucht.«</p>
-
-<p>Der Mönch nickte bestätigend: »Frau Edith sprach freudig
-zu dem Priester: Sieh, Reinhard, das sind meine sechs Nestlinge.
-Sie kommen, das Futter zu picken. Ist's nicht ein
-kräftiger Flug?«</p>
-
-<p>»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch,« rief Immo dazwischen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>»Sie rauschten heran wie durch die Luft getragen, sechs
-feurige Reiter, wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie
-mit Vögeln zu vergleichen, so waren sie doch nicht als Waldsänger
-zu erkennen, denn scharf stachen ihre Augen.«</p>
-
-<p>Immo lachte erfreut. »Mich verdrießt's nicht, wenn du
-die Männer meines Geschlechtes mit Habichten vergleichst;
-ich hoffe, die Knaben werden ihre Fänge erweisen. Sahest
-du das Roß, auf dem mein jüngster Bruder ritt, der kleine
-Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war Friedel,
-da ich vor sechs Jahren von Hause scheiden mußte, er schlang
-die kleinen Arme um meinen Hals und weinte bitterlich,
-und als ich von der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend
-nach und zog an meinem Gewand, mich festzuhalten. Ich
-hob ihn auf das Roß, das mir gehörte, gab den Zügel in
-seine Hand und raunte dem Hengste zu, daß er dem Kleinen
-zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Roß ihm
-dient. Du mußt es gesehen haben, Rigbert, wenn du auch
-ein Mönch bist. Es ist ein sächsisches Pferd aus der Zucht
-des Königshofes, die Farbe ist ganz weiß und Mähne und
-Schweif glänzen wie Silber. Sahst du das Roß, Rigbert,
-so sprich.«</p>
-
-<p>»Wohl sah ich das seltene Tier.«</p>
-
-<p>»Zwölfjährig ist es jetzt,« fuhr Immo eifrig fort, »und
-es mag meinen Friedel noch tragen, wenn er das erste Mal
-in die Schlacht reitet; denn ein altes Roß und ein junger
-Held, sagt das Sprichwort, gehören zusammen. Wie saß
-das Kind auf meinem Rosse?«</p>
-
-<p>»Sah ich recht, so trug das Roß den ältesten deiner Brüder,
-den sie Odo nennen.«</p>
-
-<p>Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab
-auf die Stiege und packte den Mönch. »Odo, sagtest du,<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-der jetzt Erbe ist an meiner Statt. Mir nahm er die Hufen
-und die Herrschaft im Lande, jetzt entwendet er auch dem
-Bruder mein letztes Geschenk. Vergessen bin ich und verachtet
-ist mein Gedächtnis und im Knechtdienst lebe ich wie
-einer, den sie im Kriege gefangen haben.« Er warf seinen
-Leib dröhnend gegen die Holzwand, ein krampfhaftes
-Schluchzen erschütterte ihm die Glieder.</p>
-
-<p>»Ganz töricht gebärdest du dich, Immo. Wie darfst du
-den Bruder schelten? nicht er hat dich zu uns gebracht und
-ein Zufall kann gewesen sein, daß er das Pferd tauschte.«</p>
-
-<p>Immo aber antwortete nicht und der Mönch harrte
-schweigend, bis der heftige Anfall vorüber war. Endlich
-richtete sich Immo auf und frug ruhiger: »Bringst du mir
-Botschaft von der Mutter?«</p>
-
-<p>»Den Segen deiner Mutter trägt dir Vater Reinhard
-zu, wenn der Herr Abt es gestattet. Achte darauf, Immo,
-daß du dem Fremden gefällst, denn wisse, als Meister der
-Schule ist er in dies Kloster gesendet und von morgen ist er
-dein Herr.«</p>
-
-<p>»Er wird widerwillige Diener finden in der äußern
-Schule. Ist er ein Geselle wie der arge Tutilo?«</p>
-
-<p>Der Mönch sah unruhig um sich. »Du sprichst lauter als
-in Klosterwänden geziemt,« und bittend fuhr er fort: »Immo,
-du hast mir Güte erwiesen, seit du unter den Dächern des
-heiligen Wigbert umherfährst, und du hast mir erlaubt, dein
-Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die Hand durch
-den Zaun zureichen durfte; laß dich jetzt mahnen an unsere
-Treue in der Schule. Liebst du dein Leben und dein Glück
-und wünschest du Gutes für die Tage deiner Zukunft, so
-füge dich dem neuen Lehrer; denn soweit ich ihn erkenne,
-ist er von mildem Herzen, aber von der strengen Zucht, und<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-ich meine, es kommt eine andere Zeit auch für die Höfe des
-heiligen Wigbert. Vieles hörte ich raunen in den Zellen der
-Brüder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel
-lebten.«</p>
-
-<p>Immo lachte. »Sage das den Vätern. Ich sah vorhin
-durch das Schalloch, wie sie um die Heuhaufen im Reigen
-sprangen, und sie hielten die Mägde des Dorfes an der
-Hand.«</p>
-
-<p>»Schweig,« raunte der Mönch, »war das Tun nicht gut,
-darüber im Kloster zu sprechen ist Frevel, nicht uns allein
-steht Fasten und Rutenschlag bevor; mit den Scholastikern
-werden sie anfangen.«</p>
-
-<p>»Unsere Fleischkost ist mager,« spottete Immo, »wollen
-sie uns gebieten zu fasten, so müssen wir den alten Katerweg
-über die Dächer wandeln, du kennst ihn ja wohl?« Der
-Mönch bekreuzigte sich. »Dann laufen wir zur Nacht in den
-Wald und beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir
-im Holze gebraten und du kennst ein Loch im Zaune, durch
-welches gute Bissen auch in die Klausur gereicht wurden.«</p>
-
-<p>Flehend sah der Mönch den Spottenden an: »Ich habe
-es gebeichtet und gebüßt.«</p>
-
-<p>»Ich hoffe, die Pönitenz war nicht hart, Bruder Rigbert,«
-lachte Immo, doch herzlicher fuhr er fort: »Ich weiß,
-daß du mir in guter Meinung rätst und will mich wahren,
-so sehr ich kann. Doch jetzt erzähle, Landsmann, von deinem
-eigenen Vaterhause im freien Moor, das sie Friemar nennen.
-Wie lebt Baldhard der alte, dein Vater, und Sunihild, deine
-Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, so oft ich durch
-das Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt und manch warnendes
-Wort sprach dein Vater, das ich ungern vernahm, obwohl
-er recht hatte. Aber ich mußte ihn mit Ehrfurcht<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-hören, wegen seines weißen Haars und weil er meinem
-Vater wert war. Wenn er in unsern Hof kam, erhielt er
-immer den besten Herdsitz; denn es ist, wie du weißt, von
-alter Zeit gutes Vertrauen zwischen dem Edelhof und dem
-Freihof.«</p>
-
-<p>»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und
-Mutter sah ich nicht,« klagte Rigbert leise; Immo starrte
-ihn erstaunt an. »Für mich war geschrieben, du sollst Vater
-und Mutter verlassen; ich wandte das Gesicht ab, als ich das
-Haus zwischen den Linden erkannte, damit den Heiligen
-meine Entsagung gefalle und mein Gebet für die Eltern
-Erhörung finde.«</p>
-
-<p>Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten
-weg auf den Balken der Turmluke und starrte schweigend ins
-Freie. Als er sich nach einer Weile umwandte, bemerkte er
-mißfällig das gesenkte Haupt und die gefalteten Hände des
-Mönches, und begann ungeduldig: »Merke wohl, Rigbert,
-dürftig ist die Kunde, die du mir aus der Heimat zuträgst.«</p>
-
-<p>»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern
-in Thüringen,« versetzte Rigbert vorsichtig.</p>
-
-<p>»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?«</p>
-
-<p>»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden und
-ohne Wächter arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur
-deine Mutter sprach bekümmert mit Vater Reinhard.«</p>
-
-<p>»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt, ich
-muß dich unfreundlich schelten.«</p>
-
-<p>»Viel mehr habe ich dir gesagt als mir zu sagen recht ist.
-Nur weil ich noch meine Reisekutte trage, getraute ich mich
-so mit dir zu sprechen. Wenn die Väter heute abend zur Hora
-rufen, dann flehe ich die Brüder fußfällig an, daß sie alle
-für mich wegen meiner Reisesünden beten, dann hoffe ich,<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-wird ihr Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die Vergebung
-gewinnen. Sonst spräche ich nicht mit dir, wie ich
-jetzt getan. Daran denke, Immo, und zürne mir nicht.«</p>
-
-<p>»Gutwilliger als du will ich dir verkünden, was wir hier
-im Kloster vernahmen,« begann Immo versöhnt. »Ein
-Heereszug steht bevor und gewaltiges Getöse von Speer
-und Schild. Die Herrschaft des neuen Königs Heinrich, dem
-die Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben,
-zerreißt in Stücke, sein ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn
-auf der Fulda, als sie beim Tauwind brach. Überall
-schlagen die Eisschollen gegeneinander. Täglich erzählen
-in unsern Herbergen die Gäste und die armen Wanderer,
-daß alles schwankt, was fest war. Der streitbare Held Hezilo,
-der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den König erhoben,
-mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs,
-dann der tapfere Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen,
-auch die Slawenherzöge und viele Fürsten des Reiches. Die
-Mönche behaupten, daß der König geringe Hoffnung hat,
-seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier in der
-Nähe rufen ihre Dienstmannen, werben Reisige und treiben
-Rosse und Rinder in ihre Burgen, keiner traut dem andern
-und alle schreien, daß der große Streit um das Reich ausgefochten
-werden soll, sobald die Ernte von den Feldern
-herein ist. Ich aber hoffe, wenn erst die Waffen um Wigberts
-Haus dröhnen, wird auch mir gelingen hinauszufahren.«</p>
-
-<p>»Sinnst du so Arges,« sprach Rigbert unwillig, »dann
-ist dir jedes Wort schädlich, das ich aus der Fremde berichtete
-und mich reut's, daß ich dir den Frieden der Seele verstörte.«</p>
-
-<p>»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden?« frug<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Immo lachend, »bald wirst du merken, daß die Väter in
-der Klausur grade so zwieträchtig gegeneinander stehen
-wie die Kriegsleute draußen. Denn unser Abt, Herr Bernheri,
-will dem König dienen, Tutilo aber ist ein Oheim des
-Babenbergers Hezilo. Oft hören wir durch den Zaun Geschrei
-der Mönche und heftige Worte, bald für König Heinrich,
-bald für den Hezilo.«</p>
-
-<p>Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu.</p>
-
-<p>»Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren,«
-rief Immo, indem er mit großem Satz zu dem Mönche
-sprang und seine Hand faßte, »denn lange habe ich nach dir
-ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst du
-daheim Gutes oder Böses von dem Manne, der den Söhnen
-Irmfrieds feindselig denkt, obgleich er der Bruder ihres
-toten Vaters ist. Hast du vernommen, für welchen König
-mein Oheim Gundomar in das Feld reitet?«</p>
-
-<p>»Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim König Heinrich,
-dem er seit lange vertraut ist, und man rühmt ihn als
-gewaltigen Kriegsmann.«</p>
-
-<p>»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur
-einmal sah ich ihn, als ich noch ein Kind war, da schleuderte
-er mich aus seinem Wege, daß ich mit blutendem Haupt auf
-dem Boden lag. Mir wäre willkommener, gegen ihn im
-Felde zu stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der
-äußeren Schule sind alle für König Heinrich.«</p>
-
-<p>Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönche
-sprach, glitt dieser lautlos die Treppe hinab. Immo stand
-allein und seufzte schwer. Was er aus der Heimat gehört
-hatte, machte ihm das Herz nicht leichter und der neue
-Lehrer war ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen
-Blick warf er vom Turme hinab, um dem Tutilo oder andern<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-Dekanen nicht über den Weg zu laufen, dann eilte er abwärts
-und wand sich zwischen Gebäuden und Hecken den
-Gärten zu. Da er hinter sich Tritte von Männern und
-Pferden hörte, fuhr er durch eine Lücke des Zauns, die ihm
-wohlbekannt war, auf die andere Seite der grünen Wand
-und pries sein gutes Glück, als er aus dem Versteck den gefürchteten
-Tutilo erkannte, welcher, zur Reise gerüstet,
-neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange zuschritt.
-Immo wußte, daß der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus
-des Klosters lag und wunderte sich über die Vertraulichkeit,
-mit welcher der Reisige den stolzen Mönch behandelte,
-denn er ging, sein Roß am Zügel führend, sorglos
-auf der Ehrenseite und trug den schlechten Eisenrock mit der
-Haltung eines Fürsten. Während Immo vom Wege wich,
-wechselten die beiden den Scheidegruß. »Lebe wohl, Vetter,«
-sprach der Fremde, »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner
-Gastbank, denn die neugierigen Augen deines Volkes und die
-gewundenen Fragen machten mir Sorge.«</p>
-
-<p>Tutilo lächelte. »Viele der Wigbertleute kennen den
-Grafen Ernst von Angesicht und wohl alle haben von deinem
-Heldenwerk vernommen, welches die Wanderer rühmen.
-Grade deinetwegen schwärmt heut mein ganzes Volk in der
-Ferne auf grünem Rasen, der Pförtner aber ist mir treu.
-Dennoch rate ich, daß du ohne Säumen aufbrichst. Vertraue
-mir, ich hindere die Reise zum Könige, welche unser Abt
-den Dienstmannen des Klosters bereitet.«</p>
-
-<p>»Denke auch daran,« unterbrach ihn der Fremde eifrig,
-»uns das Land offen zu halten für den Zug unserer Heerhaufen,
-welche wir aus Sachsen und Thüringen erwarten.
-Denn ich kenne den falschen König, er ist behend wie ein
-Wiesel und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet,<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-ich sorge, er reitet eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter,
-sehe ich dich wieder, so rüstest du mir ein Festmahl in der
-Abtei.«</p>
-
-<p>Der Mönch sprach den Segen und der Fremde schwang
-sich auf das Roß. Als der Hufschlag in der Ferne verklang,
-schritt auch Tutilo der Pforte zu, an welcher ihn Reinhard
-erwartete.</p>
-
-<p>Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann spähte
-er durch die Tür des Arzneigartens, und als er den alten
-Sintram darin sah, trat er vorsichtig ein und näherte sich
-dem Mönch, welcher mit dem Grabscheit vor einem kleinen
-Gesträuch stand und unverwandt eine Blume betrachtete.
-Der Jüngling sprach seinen Gruß, der Alte nickte ihm
-freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die Hand und wies
-auf das Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann
-Immo die unwillkommene Arbeit, der er sich nach Klostersitte
-nicht entziehen durfte.</p>
-
-<p>Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er
-endlich in seiner Freude das Schweigen brach: »Sieh diese
-Rose, die ein Bruder dem Wigbert aus Gallien gebracht
-hat; wie eine Kugel war sie geschlossen, aber die liebe Sonne
-hat ihr den Mund geöffnet; blicke hinein, schöne Farben
-hat sie und zahllose Blätter. Halte deine Nase näher heran,
-denn die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig und die bösen
-Geister, welche in den Leib fahren und Siechtum bereiten,
-fürchten den Duft und meiden ihre Nähe. Die Weisen sagen,
-sie ist von dem Herrn in den Erdgarten gesetzt, damit sie
-dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist das
-Herz geschlossen bis das Licht des Glaubens darauf fällt,
-dann öffnet sich seine Seele der himmlischen Liebe.«</p>
-
-<p>Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-die Rose, aber anderes lag ihm mehr im Sinn. »Zeige sie
-auch dem neuen Magister, welcher, wie man sagt, aus der
-Fremde gekommen ist, um die Schüler Dialektik zu lehren.«</p>
-
-<p>»Du hast die Wahrheit gehört,« versetzte der Alte vorsichtig.</p>
-
-<p>»Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von
-mir, denn ich fürchte, andere werden ihm allerlei Nachteiliges
-in das Ohr raunen. Leidvoll wäre es mir, wenn er
-feindselig gegen mich handelte, denn er kennt meine Mutter
-und mein Geschlecht, er hat die Macht mir zu schaden und
-seine Fürsprache mag mir helfen, daß ich von der Schülerbank
-gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage ich,
-wie du weißt, dies Gewand.«</p>
-
-<p>»Sorge du nur ihm zu gefallen,« mahnte der Alte, »er
-hat wohl selbst Augen und wird schwerlich der Meinung
-anderer folgen. Mir scheint, er hat dich bereits gesehen, da
-du unter den Dohlen saßest.«</p>
-
-<p>»Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fünfzehn
-Jahr sind, fürchten sehr seine Rute, es wäre gut für ihn und
-uns, wenn er Nachsicht übte. Die erste Bank ist harter
-Streiche nicht gewohnt und er wird es schwer finden, das
-edle Blut über die Bank zu legen.«</p>
-
-<p>»Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen,« versetzte
-der Gärtner, »du selbst möchtest dafür büßen. Jetzt aber
-wende dich abwärts, Immo, dort naht Bruder Bertram
-aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne Erlaubnis
-einzudringen.«</p>
-
-<p>»Grade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich
-flehe, daß du bei ihm mein Fürsprecher werdest. Denn ganz
-unsicher sind die Tage meiner Zukunft, und wenn ich das
-Kloster verlasse, so weiß ich niemanden, der meiner Jugend<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-mit gutem Rat zuhilfe kommen wird. Dein Geselle aber hat
-im letzten Winter freiwillig verheißen, daß er mir, bevor ich
-aus dem Kloster scheide, als Gabe die Weisheit übergeben
-will, welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille
-vertraut haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre
-für würdig erachtet, so ersehne ich, daß er sie mir jetzt oder
-doch bald einmal spende. Du aber zürne mir nicht, daß ich
-darum zu dir komme. Ich weiß ja, Vater, daß du mir nichts
-Übles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest
-der Rotkehlchen einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich
-weiß auch, wer ihn hingestellt hat.«</p>
-
-<p>Der Alte lächelte vergnügt. »Die Rotkehlchen sind
-listige Vögel, sie tragen mancherlei hin und her. Auch ich
-fand in diesem Frühjahr, als mir meiner Sünden wegen
-die Gicht in die Hand gefahren war, ein Paar Fausthandschuhe
-von Otterfell bei meinem Gerät, ich habe nicht gefragt,
-woher sie kamen.« Er sprach das letzte zu seinem Gesellen
-Bertram, der langsam herangewandelt war und
-ebenfalls sein Grabscheit in der Hand hielt. Die beiden
-Alten blickten einander bedeutsam an und Bertram, welcher
-der ernsthaftere war, setzte das Gespräch fort, als wenn er
-die früheren Reden gehört hätte und begann feierlich:
-»Darum nahest du auch jetzt zu günstiger Stunde, denn
-heut ist der Tag, wo ich dir schenken will, was ich dir einst
-versprach und was ich bis jetzt als mein Geheimnis bewahrte,
-wie ich es von einem Oheim erhielt, der es als Kriegsmann
-in der größten Not seines Lebens erprobt hat. Mir selbst
-vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut für Weltleute
-und nicht für Mönche, dir aber kann es wohl frommen, denn
-ich merke, dein wilder Mut wird dich bald einmal über den
-Zaun des Klosters hinaustreiben. Tritt abwärts aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes, denn nur im
-Dunkeln darf ich dir's geben.« Der Alte wandte sich einer
-Ecke des Gartens zu, wo ein großer Apfelbaum seine Zweige
-tief zur Erde breitete, ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling,
-Sintram machte den Beschluß. So schritt Immo zwischen
-den beiden Spatenträgern in den Baumschatten, dort blieb
-Sintram im Sonnenlichte zurück, Bertram aber trat an den
-Stamm und winkte den Jüngling nahe zu sich. Er stützte
-den Spaten an den Baum, faltete die Hände und murmelte
-sein Kredo, dann begann er feierlich: »Vielerlei Lehren gibt
-es, welche den Mann fest machen, wenn seine Gedanken sich
-unsicher wälzen; und die heilsamsten von allen sind die
-heiligen Befehle, welche verkündet sind. An diese gedenke
-vor andern. Die Lehren aber, welche ich für dich bereit halte,
-vermögen dir nicht zu helfen in der Freude und nicht beim
-Gelage und nicht bei Kauf und Verkauf, aber sie sind gute
-Helfer in der Not. Neige dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis
-meiner Gabe bewahrt bleibe und gelobe mir, daß
-du sie nicht auf die Zunge nehmen und von dir geben willst
-außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.«</p>
-
-<p>Das gelobte Immo.</p>
-
-<p>Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde,
-reichte dem Jüngling einen in seine Hand und sprach feierlich:
-»Drei Lehren sind es und eine, mit denen ich dich begabe,
-öffne dein Ohr und halte sie fest. Die erste bedeutet, daß
-dem Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten darf;
-und sie lautet:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein
-behaupten kannst.«</p></div>
-
-<p class="noind">Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram
-den zweiten Halm: »Dieser Spruch soll dich mahnen,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-wenn du einem Freunde unwillkommene Kunde ins Haus
-trägst, daß du sie ihm vertraust, bevor der Staub auf deinen
-Schuhen verweht ist; und der Spruch lautet:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>Üble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten
-und dem Wirt das Herz krank.«</p></div>
-
-<p class="noind">Zum dritten Halm sprach er:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>»Mißachte den Eid, der in
-Todesnot geschworen wird. Wer dir Liebes gelobt, sich
-vom Strange zu lösen, der sinnt dir Leid, so oft er des
-Strickes sich schämt.«</p></div>
-
-<p class="noind">Und beim vierten gebot er:</p>
-
-<div class="blockquot">
-<p>»Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter
-Hauch sei für den Helfer, der um deinetwillen das
-Schwert hob.«</p></div>
-
-<p class="noind">Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte,
-beschloß Bertram die Begabung, indem er gerührt sagte:
-»Es ist Brauch, daß der Spender heilsamer Lehren ein Entgelt
-dafür erhalte. Da du wenig hast und ich wenig nehmen
-darf, so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene Pelzhandschuhe
-als Gegengabe anrechnen. Wegen des Otterfells
-aber hat dich der Gerber verraten, und wir wissen auch, daß
-dir's Herr Bernheri geschenkt hat, als du ihm die Otter
-lebendig brachtest. Und jetzt neige dein Haupt, mein Sohn
-Immo, damit ich dich segne; denn du hast die Weisheit
-meiner Vorfahren empfangen und ich will flehen, daß sie
-deinem Leben nütze, wie sie denen genützt hat, die sie vor
-dir besaßen. Wenn du sie aber mißachtest und ihr zuwider
-handelst, so siehe zu, daß die Verachtung sich nicht an dir
-räche.« Immo beugte das Haupt in die Hand des Alten und
-empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem
-Schatten in die Sonne, die beiden Greise blickten einander
-zufrieden an und führten ihren Günstling zur Gartentür,<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-dort begann Sintram: »Merke auch noch dies von meinetwegen.
-In all deiner Zukunft sorge dafür, daß du immer
-jemanden hast, der für dich zu den Himmelsherrn betet.
-Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich für dich und auch
-ich gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemüt
-längst erkannt, obgleich du unbändig dahinfährst. Aber wir
-beide sind alt. Oft hören die Himmlischen nicht gern die
-Worte eines Bedrängten, weil er ihnen durch seine Missetat
-verleidet ist, wenn aber ein anderer für ihn bittet, so fühlen
-sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der, welcher
-in der Not allein die Hände faltet ohne einen Helfer. Darum
-gehe in Frieden, Immo, und denke auch darauf, daß du dem
-Präpositus nicht mißfällig wirst.«</p>
-
-<p>Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen
-Gesichter, welche einander ähnlich waren wie zwei Äpfel
-desselben Baumes, er neigte sich tief vor ihnen und entwich.
-Langsam schritt er die Hecke entlang, setzte sich endlich in den
-Schatten einer Mauer und wiederholte und bedachte in der
-Stille die Lehren des Bertram. Dann sprang er auf und
-schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor der großen Klosterpforte
-neben dem Haus des Pförtners stand. Dort lagen im
-Wachthause zu jeder Zeit einige kleine Dienstmannen des
-Klosters und dort weilte Immo am liebsten; er hatte daselbst
-auch seine besten Genossen, obgleich die Dekane das nicht
-zu wissen brauchten.</p>
-
-<p>Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen,
-welche von den Knechten entladen wurden, während ein
-bejahrter Dienstmann im Schuppenhemd, die Blechkappe
-in der Hand neben seinem Rosse stand und geduldig den
-Arbeitenden zusah. »Gib mir ein Pferd, Hugbald,« begann
-Immo leise zu dem Kriegsmann, »daß ich mit dir reite.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span></p>
-
-<p>Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf
-einen handfesten Mönch zwischen den Heuwagen &ndash; es war
-der Bruder, welcher dem Pförtner in seinem schweren Amt
-als Trost beigegeben war. Immo verschwand in dem Stalle.
-Als die entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren,
-bestieg auch der Reisige sein Roß, hielt unter dem
-Tore an und sprach mit dem Mönch, der auf den Verschluß
-achten sollte. Da stob Immo auf flüchtigem Pferde an den
-Redenden vorüber und war außer Rufes Weite, bevor der
-Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Der Vater
-Pförtner hat mir befohlen,« rief der unzufriedene Mönch,
-»diesen nicht ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat,
-ohne Erlaubnis auf St. Michael zu reiten, aber er wischt
-dahin wie ein Feuermann in der Nacht.«</p>
-
-<p>»Laß ihn immerhin,« begütete der Dienstmann, »mir
-ist es recht, wenn ich heut einen schnellen Knaben an der
-Seite habe. Denn um dir meine Meinung zu sagen, ich
-werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts Knechte und
-Gespanne vollzählig zurück erhältst.«</p>
-
-<p>»Du verkündest, was üble Ahnung macht,« rief der
-Mönch erschrocken. »Wie mag uns Gefahr drohen, leben
-wir doch in Frieden mit den Nachbarn.«</p>
-
-<p>»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer
-Waldwiesen, und ich kenne den Schwarm. Die Dohlen sind
-es aus den Buchen des Grafen Gerhard, sie fliegen gern
-dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um unsere
-Marksteine schwebten sie und lachten untereinander.«</p>
-
-<p>»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten, doch
-nicht uns,« tröstete der Mönch, »denn wir im Kloster beten
-jedes Jahr für den Grafen Gerhard und für die Seele seines
-Vaters.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist wohl möglich, daß die Vögel sich darum nicht
-kümmern,« versetzte Hugbald. »Auch sah ich etwas im Holze
-des Grafen blinken, ich meine, es war eine Helmkappe. Du
-selbst magst erwägen, ob die Mannen des Gerhard an diesem
-heißen Tage den Eisenhut tragen, weil sie das Heufest des
-Klosters feiern.«</p>
-
-<p>»Harre, daß ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage,«
-rief der Mönch.</p>
-
-<p>»Unnütz wäre die Mühe,« versetzte der Dienstmann, die
-Achseln zuckend, »ich ritt hierher, weil ich der Meinung war,
-die Reisigen unseres Herrn Abts von St. Peter als Helfer
-zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor einem Sonnenblink
-auf fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir,
-wegen der Heuernte an das Tor des Abtes zu reiten. Auch
-hat in Wahrheit das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen
-gesandt, vielleicht, daß sie mit den Heugabeln ihre Tapferkeit
-erweisen. Doch sollte mir das Pferd straucheln, so wird der
-Jüngling dort zurückreiten und euch mahnen, daß ihr das
-Glockenseil zieht.« Der Reiter nickte und trabte den Wagen
-nach, der Mönch verschloß kopfschüttelnd das Hoftor.</p>
-
-<p>Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte, welcher hinter
-einem Gebüsch seiner harrte, begann er: »Dein Pferd hast
-du gut gewählt, wenn du dich heut im Felde gegen einen
-Feind tummeln willst, aber den Stecken in der Hand vermag
-ich nicht zu loben; er ist nur gut, um einen Hund zu
-treffen, nicht aber eine Eisenhaube. Auch dein Strohhut
-wird dir schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein
-Schwertschlag erreicht.«</p>
-
-<p>»Denkst du an Hiebe?« frug der Jüngling und richtete
-sich hoch auf.</p>
-
-<p>»Wer über das Feld reitet, darf immer daran denken,«<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-versetzte Hugbald vorsichtig, »darum nimm noch eine Warnung.
-Wenn du merken solltest, daß Bewaffnete gegen
-mich sprengen, so treibe die Weiber mit den Rechen hinter
-einen Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du
-berichten kannst, daß ich mich ehrlich gehalten habe.«</p>
-
-<p>»Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn
-ich an deiner Seite reite,« sagte Immo stolz und trieb sein
-Pferd zum Sprunge.</p>
-
-<p>Hugbald lächelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach
-dem nahen Berge, wo der Abt sein Haus hatte. »Dennoch
-ist es schwer, zwei Gebietern zu dienen. Dort oben liegen
-wackere Gesellen müßig, welche bei einer Schlägerei im Heu
-wohl den Rücken decken könnten. Aber was einem Herrn
-gefällt, will der andere nicht leiden.«</p>
-
-<p>»Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten,
-sie zu rufen.«</p>
-
-<p>»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne,« versetzte
-Hugbald kopfschüttelnd. »Lieber vertraue ich auf die
-Hilfe des heiligen Wigbert, denn ich habe ihm, solange ich
-lebe, nie etwas genommen und manchen Schlag zu seiner
-Ehre getan, warum sollte er mich also mißachten.« So
-ritten sie ohne anzuhalten an St. Peter vorüber dem Laubwald
-zu, welcher in weitem Kreise die Niederung umschloß.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch2">2.<br />
-Die Gesellen.</h2>
-</div>
-
-<p>Die beiden Mönche zogen nebeneinander durch das
-Flußtal, Tutilo hoch zu Roß, Reinhard demütig zu Fuß;
-in heißem Sonnenlicht stiegen sie den Hügel hinauf, auf
-welchem Herr Bernheri, der Abt, sich ein kleines Kloster
-erbaut hatte, ganz nach seinem Herzen, seinen Mönchen zum
-Trotz. Es sah einer Burg ähnlicher als einer heiligen Zelle,
-hinter dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem
-offenen Tor saß auf seinen Spieß gestützt ein Kriegsmann.
-Gemächlich erhob er sich, empfing mit geringer Kopfneigung
-den Segen, welchen Tutilo spendete, und <span id="corr034">führte ihn</span> in den
-Hofraum. Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute
-Haus des Abtes, eine zweistöckige Kemenate mit einem
-Vorhaus, dessen Dach auf schön geschnitzten Holzsäulen
-ruhte, daneben erhoben sich Ställe und ein umhegter Raum,
-aus welchem unablässig das Gebell vieler Hunde klang.
-Gegenüber dem Haus des Abtes ragte eine hölzerne Halle
-für das Kriegsvolk, auf den schattigen Stufen dehnten sich
-mehrere Bewaffnete, ihnen gesellt zwei Mönche. Die großen
-Trinkkannen, welche dazwischen standen und das laute Gelächter
-der Trinker bewies, daß diese Klosterleute nicht unter
-strenger Zucht lebten. Tutilo begann bitter, während er
-einritt: »Du weißt, mein Bruder, St. Petrus war ein<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-Kriegsknecht, er trug ein Schwert in der Nacht, da der Herr
-verraten ward; darum gefiel es auch dem Abte, diese Behausung
-von Jägern und Schwertträgern als eine Burg
-St. Petrus zu gründen.« Die eintretenden Mönche störten
-die lustige Gesellschaft, die Klosterbrüder eilten herzu und
-während sie um den Segen baten, blickten sie spähend und
-mißtrauisch nach dem Präpositus.</p>
-
-<p>Als ein Mönch von St. Peter die Glocke der Abtei gezogen
-hatte, trat Eggo, der vertraute Kämmerer des Abtes,
-in die Tür und führte die Gäste eine Wendeltreppe hinauf
-in das Gemach, wo Herr Bernheri am liebsten zu weilen
-pflegte. Dort sah man zwischen den Säulen und Rundbogen
-der kleinen Fenster in ein Waldtal hinab, und im Vorgrund
-auf grüne Weiden und wogende Ährenfelder, das große
-Kloster Wigberts aber sah man nicht. Über dem Tisch in
-der Mitte des Raumes lag eine Decke, welche zierlich mit
-der Nadel gestickt war, auf dem hohen Lehnstuhl weiche
-Kissen. Geweihe, die an der Wand befestigt waren, dienten
-als Haken, woran Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen:
-Hornbogen und Köcher, Eberspieße und große Halsbänder
-mit eisernen Stacheln für die Jagdhunde.</p>
-
-<p>Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit großem
-Haupte; dem geröteten Gesicht und den dicken Augenlidern
-merkte man an, daß er sorgfältig den Wein seines Kellers
-prüfte; er trug einen langen Hausrock von feinem dunklen
-Tuch, am Halse ein goldenes Kreuz. Die Mönche knieten nieder,
-Tutilo zögernd und mit steifem Nacken, so daß man den
-Zwang erkannte.</p>
-
-<p>Der Abt blickte unzufrieden auf den Präpositus und begann,
-während er mit flüchtiger Handbewegung den Segen
-erteilte: »Ungern sehe ich heut dein Gesicht, Tutilo, da du<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-doch die Brüder, wie ich höre, in das Heufest gesandt hast.
-Es wäre besser, wenn du deine gefurchte Stirn den Heimkehrenden
-entgegenhieltest, damit ihnen die weltliche Fröhlichkeit
-aus dem Herzen schwände. Aber auch die krächzende
-Krähe flieht gern dorthin, wo sich die Habichte niederlassen.«</p>
-
-<p>»Du selbst, Herr und Abt von Wigbert, vergleichst dich
-mit dem Habicht, der sich in dem Klostergut niedergelassen
-hat,« versetzte Tutilo schnell aufstehend, »ich aber und
-mancher von den Brüdern meinte, daß in der Notzeit des
-Klosters den Brüdern gezieme, ihren Groll zu vergessen
-und einträchtig auf Nützliches zu denken, was die Gefahr
-abwenden kann.«</p>
-
-<p>»Du sprichst gut,« versetzte der Abt ungnädig, »sorge
-dafür, daß deine Taten der Rede nicht widersprechen.
-Kommst du auch ungeladen, sitze dennoch nieder, ob du dem
-Kloster deine Treue erweisen kannst.« Er winkte dem Mönch
-Eggo, dieser verschwand und trug drei große silberne Becher
-und eine Weinkanne herzu, die er auf den Tisch stellte, er
-selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes. Dieser setzte
-sich gewichtig, winkte den Gästen zu beiden Seiten Platz
-zu nehmen und sagte auf die Becher weisend: »Es sei erlaubt.
-Ich freue mich deiner Ankunft, Reinhard. Deine
-Klugheit ist rühmlich bekannt, du hast dich den Heiligen
-unserer Kirche in meine Hand zugeschworen und als vertrauten
-Boten habe ich dich nach Thüringen gesandt, damit
-du gleich einem Fremden ohne Gunst und Haß die Höfe des
-Klosters bereisest und mit eigenen Augen alles erkundest,
-denn üble Nachrichten erhalten wir aus jedem Gaue. Jetzt
-berichte von unsern Höfen und von den Zellen, in denen
-unsre Brüder hausen, damit wir alles erfahren, wenn es
-auch unwillkommen ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p>
-
-<p>Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus, auf dem
-die Hufen und Höfe des Klosters verzeichnet waren und begann
-den Reisebericht. Es war eine lange Reihe von Klagen
-der Verwalter über Gewalttat der Grafen und Widerspenstigkeit
-der Verpflichteten. Als er innehielt, tat Herr Bernheri
-einen tiefen Trunk und sprach darauf seufzend: »Solange
-ich lebe, habe ich erfahren, daß die Frommen spenden und
-die Gottlosen nehmen. Sonst waren der Frommen mehr
-und der Gottlosen weniger. Wie ein Weiher ist das Klostergut,
-in den die kleinen Quellen rieseln; wenn er aber gefüllt
-ist, kommen die Müller des Teufels, öffnen ihre Gräben
-und leiten die Flut wieder ab über ihre Mühlräder. Ich
-sorge, der Weiher wird einmal leer und meine Mönche
-werden wie Karpfen in mißfarbigem Schlamme zappeln.«</p>
-
-<p>»Wer kommendes Unglück meldet, dem danken wir, wenn
-er auch sagt, wie zu helfen ist. Unerhört ist es, daß ein neuer
-Bruder die Geheimnisse des Klosters erfährt, welche sonst
-nicht einmal den Dekanen bekannt sind,« fiel Tutilo mit
-rauher Stimme ein. »Leichter ist es Klagen vorzutragen, als
-die Hilfe zu finden.«</p>
-
-<p>»Du selbst weißt ja, mein Vater,« antwortete Reinhard,
-»wo die beste Hilfe zu finden ist. Die Heiligen fragen vor allem,
-ob unsere Brüder nach der heiligen Regel ihren Dienst tun.
-Den Säumigen aber entziehen sie ihre Gnade. Manches sah
-ich in St. Wigberts Kloster, was nicht nach der Regel war.«</p>
-
-<p>»Sage das doch den Mönchen in Fulda, in Corvey und
-sonstwo, überall ist der Mutwille größer als bei uns,« rief
-Tutilo zornig, »und lebt ihr in Altaha, die ihr euch als starker
-Beter rühmt, deshalb in größerer Sicherheit?«</p>
-
-<p>»Gern verkünde ich dir, o Herr, auch Günstiges,« fuhr
-Reinhard ruhig fort, »nämlich, daß unter den Waldleuten,<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-welche bei unserer Zelle Ordorf wohnen, ein neuer Eifer
-erwacht ist. Die Brüder, welche du dorthin gesandt hast,
-leben in froher Hoffnung, denn sie meinen, großes Unheil
-sei ihnen widerfahren. In mehr als einer Nacht sahen die
-Brüder Licht in der Kirche und als Hunibald der Magister
-einst aufstand und hineinging, erkannte er einen Schein über
-der Platte, unter welcher, wie die Sage geht, der selige
-Vater Meginhard, der Genosse des heiligen Bonifacius, bestattet
-ist. Viel erzählen sie dort von den christlichen Heldentaten,
-die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt
-hat. Die Laien drängen sich in die Kirche und beten
-auf seinem Grabe und große Heilungen von schweren Leiden
-werden berichtet, die an dieser Stätte ganz plötzlich gelungen
-sind. Das läßt Hunibald dir durch mich mit Freuden verkünden.«</p>
-
-<p>Der Abt schüttelte unzufrieden das Haupt. »Ich kenne
-den Sinn unserer Brüder in Ordorf, sie sind gutwillig, aber
-unbesonnen und ihrem Glauben fehlt die Prüfung. Ich
-kenne auch alte Vetteln, welche von einer Stätte zur andern
-laufen und ihre Gebresten heilen lassen, damit man sie
-rühme, auf den Schultern trage und mit guter Kost füttere.
-Die in Ordorf mögen sich wahren, daß die Kinder der Welt
-uns nicht verspotten und daß nicht zuletzt ein großes Skandalum
-aus dem Wunder werde.«</p>
-
-<p>»Es ist nicht begehrliches Volk allein, welches zuströmt,
-auch ehrbare Leute rühmen die Wunderkraft des seligen
-Bekenners.«</p>
-
-<p>»Und vermagst auch du sie zu rühmen nach dem, was du
-gesehen hast?« frug der Abt prüfend.</p>
-
-<p>»Ich hatte, wie du weißt, nicht die Zeit und nicht das
-Amt, nach der Wahrheit zu forschen,« versetzte Reinhard.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>»Ich aber meine,« rief Tutilo, die Faust auf den Tisch
-setzend, »daß den Heiligen zu Herolfsfeld ein übler Dienst
-geschieht, wenn der selige Memmo zu Ordorf einen Zulauf
-als Wundertäter erhält und am Ende gar zu Rom als
-Heiliger aufgenommen wird. Denn die Leute in den Waldlauben
-werden froh sein, wenn sie einen besonderen Fürbitter
-gewinnen, und die Edlen werden bei König und Papst
-bald darauf antragen, daß wir Ordorf aus unserer Klosterzucht
-entlassen und daß dort oder in der Nähe eine eigene
-Abtei gegründet wird, und Meginhard würde sich schnell
-als ein großer Räuber am Wigbert erweisen. Deshalb rate
-ich, daß wir unsern Heiligen getreu bleiben und uns nach
-Kräften bemühen, die Wunder zu stillen und nicht landkundig
-zu machen.«</p>
-
-<p>Der Abt nickte. »Er spricht das Richtige. Wenn ein
-Lichtschein dem Kloster helfen könnte, so vertraue ich, würden
-unsere Fürbitter es auch bei uns nicht daran fehlen lassen.
-Weißt du eine andere Hilfe, mein Bruder, wenn auch durch
-weltliche Mittel?«</p>
-
-<p>Reinhard antwortete demütig: »Wenn ich das Schicksal
-deiner Herrschaft, Herr, erwäge, so finde ich, daß dieser zu
-sehr fehlt, was ihr Schutz und Sicherheit gewähren könnte.
-Durch ganz Thüringen liegen die Hufen und Höfe zerstreut
-in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgütern der Grafen;
-aber klein ist die Zahl der Vögte und der Bewaffneten,
-welche für das Kloster Helm und Schwert tragen. Mächtiger
-ist der Abt von Fulda, um vieles reicher an Vasallen; am
-mächtigsten der Erzbischof von Mainz, denn seine Kriegsleute
-lagern sicher in der großen Stadt Erfurt. Die Mönche
-von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber sinnen Ungünstiges
-für dein Kloster und breiten sich aus dir zum<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-Schaden, auch in den Waldlauben an dem Rand der Berge,
-wo sonst deine Herrschaft fest gegründet war. Darum meine
-ich, dir tun vor allem Burgen not mit treuer Besatzung.
-Als ich von Erfurt nach Ordorf zog, sah ich in der Ebene, wo
-das Gebirge beginnt, einen Ring von Hügeln, auf denen
-Warten und Burgen stehen, sie schließen einen Weiher und
-Wiesen ein, schwer ist der Zugang, denn viele Teiche liegen
-am Saum der Hügel. Dort ragt im Hintergrunde die Wassenburg,
-welche dem Kloster gehört, doch sie ist halb verfallen.
-Der ganze übrige Bergwald aber und das Land darum gehört
-dem Geschlecht des Jünglings Immo, der in der Schule
-des Klosters gehalten wird. Dies Geschlecht beherrscht von
-den Bergen wie von einem großen Wall die Landstraße
-und die Umgegend. Und ich höre, es bringt gern seine
-Spenden zum Kloster.«</p>
-
-<p>»Gut hast du gesehen, mein Bruder,« rief der Abt, »ich
-kenne die roten Hügel und ich weiß, daß sie gewaltig sind,
-aber sie sind freies Erbe eines Geschlechts, welches seit der
-Urzeit im Lande haust, und ich meine nicht, daß sie ihr Erbe
-dem Kloster gutwillig in die Hand geben werden.«</p>
-
-<p>»Vielleicht würden sie selbst als Vögte ihre Burgen bewahren,
-wenn sie zum Heil ihrer Seele dieselben vorher den
-Heiligen in die Hand gegeben hätten,« versetzte Reinhard.</p>
-
-<p>»Wahrlich, Bruder,« sprach Tutilo, »als ich zuerst von
-deiner Sendung hörte, war sie mir widerwärtig; was du
-aber hier kündest, ist dasselbe, was auch ich für eine gute
-Hilfe des Klosters halte und ich muß deine Klugheit preisen.«</p>
-
-<p>»Ich aber kenne unsern Schüler Immo und seine Sippe,«
-warf der Abt ein, »hochfahrend ist ihr Sinn.«</p>
-
-<p>»Was die Kinder der Welt ungern tun, dazu zwingt sie
-oft die Angst vor der Hölle des üblen Teufels,« sprach Reinhard.<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-»Dennoch würde ich nicht an diese Hilfe gemahnt haben,
-wenn mir nicht Frau Edith, die Mutter des Immo, vertrauliche
-Botschaft an dich, meinen Herrn, aufgetragen hätte
-und zwar gerade wegen dieser Burgen. Denn sie fleht dich
-an, daß mir erlaubt sei, dem Sohn ihren Segen zu bringen
-und ihn mit einer guten Nachricht zu erfreuen. Das Geschlecht
-hat beschlossen, die Mühlburg als Angebinde an das
-Stift zu Erfurt zu geben, damit der Schüler Immo dort
-Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis unserm
-Kloster enthoben. Seht selbst zu, meine Väter, ob unser
-Kloster dadurch Vorteil gewinnt. Sehr bereitwillig werden
-die Erzbischöflichen zu Erfurt sein, die Burg zu empfangen,
-für uns aber scheint mir diese Wandlung verderblich.«</p>
-
-<p>»Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lämmerherde
-schauen,« rief Herr Bernheri.</p>
-
-<p>»Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert
-entschlüpfen,« drohte Tutilo.</p>
-
-<p>»Ich weiß einen, der das Seine getan hat, durch Stirnrunzeln
-dem Jüngling Immo das Kloster zu verleiden,«
-versetzte Herr Bernheri strafend.</p>
-
-<p>»Wäre der Knabe besser in die Klosterzucht gewöhnt
-worden, er würde nicht zurück in die Welt begehren,« entgegnete
-Tutilo, »auch die Weide biegt sich nur, wenn eine
-feste Hand sie zusammendreht. Und ehe ich leide, daß die
-Burg den prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geöffnet wird,
-zwinge ich den Schüler mit eigner Hand in die Klausur.«</p>
-
-<p>»Du wirst es schwer finden, ihn in der Büßerzelle zum
-Mönche zu schlagen, mein Bruder,« versetzte der Abt. »In
-vielem hast du meine Herde verleitet, aber schwerlich wird
-sie dir folgen, wenn du das Kind aus dem Geschlecht unserer
-Guttäter durch Zwang zurückhalten willst. Ich rate dir, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-du lieber dem Bruder Reinhard vertrauest, denn nicht allein
-wegen seiner Grammatik und Dialektik gefiel es mir, ihn
-hierher zu laden, sondern weil er die Kunst versteht, die
-Herzen der Jugend zu gewinnen und, damit ich metaphorice
-spreche, auch junge Stoßvögel an die Hand zu gewöhnen.
-Versuch du, mein Bruder, ob du die Neigung des Knaben
-für den Wigbert gewinnen kannst. Er ist ein Falk aus den
-thüringischen Bergen, diese ertragen schwer die Kappe, sind
-sie aber gebändigt, dann stoßen sie freudig. Und jetzt gefällt
-mir, daß wir uns erheben. Manches andere will ich mit
-Bruder Reinhard allein verhandeln. Du aber, Tutilo, ziehe
-zurück und zähle die Heuwagen, bis es mir passend erscheint,
-dich zu rufen oder bis ich selbst hinuntersteige und den Konvent
-der Brüder versammle, welchen du Übles gegen mich
-in das Ohr raunst.«</p>
-
-<p>Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesröte als er sich
-erhob. »Du aber, Abt Bernheri, gedenke nicht, das Wichtigste
-den Brüdern zu verbergen und im Rücken des Klosters
-die Wahl zu treffen über den König, dem wir in Zukunft
-dienen sollen. Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem
-Kampf, der sich um die Krone erhebt, und doch ist dies die
-nächste Sorge und eine größere als um Hufen und Burgen.
-Meine nicht, Bernheri, mich zu hintergehen. Wenn du auch
-Abt bist, du selbst würdest es schwer entgelten, denn mein
-ist die Sorge, daß das Heiligtum nicht durch dich mit Unehren
-beladen wird.«</p>
-
-<p>»Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brüderschaft,«
-rief Herr Bernheri ebenfalls zornig, »so sorge auch, daß der
-Reiter, welcher dir die Botschaft des Markgrafen zugetragen
-hat und der verborgen im Gasthause liegt, spurlos verschwinde,
-bevor ihn meine Reisigen ergreifen. Dich selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-könnte ich Verräter nennen; ein Wink von mir, und du
-kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurück. Aber seit vielen
-Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen und
-auch jetzt gedenke ich, weil ich älter und klüger bin als du,
-dich zu behandeln wie einen Trunkenen, von dem geschrieben
-steht, er weiß nicht was er tut.«</p>
-
-<p>Tutilo verließ das Zimmer ohne Gruß, der Abt ging
-heftig auf und ab, endlich ergriff er die Kanne, setzte sie aber
-mit einem Seufzer wieder hin. »Selbst der Wein schadet
-zornigem Gemüt und ich begehre nicht, unwilliger auf ihn
-zu werden, als ich bereits bin.«</p>
-
-<p>»Ich aber bringe dir,« begann Reinhard, ein Pergament
-aus der Kutte ziehend, »den Gruß des Königs und seine
-Mahnung, daß du die Reisigen des Klosters ohne Verzug
-sammelst und durch die Wälder von Fulda zu seinem Heere
-sendest. Damit auch du seine Gnade erkennst, o Herr, sendet
-er dir, was du lange ersehnt und erbeten hast, die Schenkung
-des Bannwaldes um St. Peter, der bisher Königsgut war.
-Du mögest sorgen, mahnt der König, daß die Treue des
-Klosters sich ebenso bewähre wie des Königs Gnade.«</p>
-
-<p>Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde: »Die
-besten Hirsche zwischen Fulda und Main halte ich in diesem
-Pergament,« aber bald verdüsterte sich sein Blick. »Du hast
-gesehen, mein Bruder, wie jener unholde Mann gesinnt ist;
-nach allen Seiten murrt er den Leuten Arges in die Ohren
-und hat die Knechte Wigberts ganz vom König abgewandt,
-nicht weiß ich, ob ich noch Herr bin im Kloster und über
-meine Schildträger. Dennoch will ich tun, was ich vermag,
-indem ich den Konvent zusammenrufe. Du aber eile dem
-Tutilo nach und rühme unterdes im Kloster die Schenkung, damit
-die Unzufriedenen mein Herrenwort williger anhören.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>Während der Abt dem Mönche die letzten Befehle gab,
-erscholl auf den Feldwegen, die zum Kloster hinführten,
-Jauchzen und Gesang; die Brüder und Mannen auf dem
-Petersberg drängten zum Tore hinaus und sahen neugierig
-in das Tal hinab. Hochbeladen in langer Reihe kamen die
-Heuwagen heran, auf den Wiesenbäumen darüber saßen
-und ritten die Buben des Dorfes schreiend und die Arme
-schwenkend. Hinter den Wagen schritten zwei Spielleute
-mit Sackpfeife und Fiedel, sie führten eine lustige Weise
-spielend die Schar der Arbeiter. Denn Männer und Frauen,
-mit Laub und Wiesenblumen bekränzt, hielten einander an
-den Händen und sprangen trotz der Arbeit des heißen Tages
-lustig den Reigen; vom Pfade ab zogen sie die Kette bald
-seitwärts über die Flur, bald zwischen den Wagen hindurch.
-Ihnen folgten die Herren des Klosters, voran die beiden
-Schulen; auch die Schüler sprangen und tanzten durcheinander,
-manche saßen zu Pferde und trieben die Gäule zu
-lustigen Sätzen. Sogar die Väter gedachten nicht sehr ihrer
-Würde, mehr als einem war das Haupt schwer, so daß er
-von den andern geleitet werden mußte, und man merkte
-auch, weshalb er so unsicher schwankte, denn ganz am Ende
-fuhr ein Wagen mit leeren Fässern, welche zwischen den
-Brettern kollerten, und mit Trinkgefäßen, deren Henkel an
-die Leiterbäume gehängt waren. Endlich hob ein Bruder
-sein lateinisches Trinklied an und viele stimmten ein und
-sangen die Schlußverse mit kühnen Bewegungen der Arme,
-und eilte eine Magd, die sich verspätet hatte, bei dem langen
-Zuge der Väter vorbei, dann geschah es wohl, daß einer der
-Begeisterten sie in den Arm kniff oder auch in die Backen.
-So wälzte sich der Schwarm schreiend und singend dem Kloster
-zu. Die untergehende Sonne warf ihr goldenes Licht auf<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-heiße Gesichter und glänzende Augen, die Treiber knallten
-mit ihren Peitschen um die Wette, sogar die Tiere schritten
-lustiger vorwärts.</p>
-
-<p>Plötzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege, wo ein Pfad
-von Osten heranlief, die Buben auf den Heuwagen sprangen
-empor und wiesen in die Ferne, die Wagen hielten an, die
-vordersten Knechte schrien nach rückwärts, Spiel und Gesang
-endete in einem Mißton. Denn von dem Seitenweg
-her tönte wilder Klageruf widerwärtig in die Festfreude.
-Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der Klosterleute
-vom Holze her dem Flußtale zu, mit gesenkten Häuptern
-und Wehgeschrei trugen sie einen undeutlichen Gegenstand
-heran. Die Leute im Zuge verstanden wohl, was der
-Ruf bedeutete, dort war einer erschlagen, und die Rüstigen
-liefen über das Feld dem trauernden Haufen entgegen.
-Zu einem wirren Knäuel vereinigten sich die beiden Haufen.
-Die Knechte peitschten ängstlich ihre Gespanne zu schnellerem
-Schritt, um sie in den Klosterhöfen zu bergen, die andern
-umstanden entsetzt eine Bahre, auf der ein todwunder Mann
-lag. Schnelle Fragen und Antworten folgten einander,
-Heugabeln und Messer wurden geschwenkt und an Stelle des
-lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf über das
-weite Tal. Tutilo spornte sein Roß zu schnellen Sätzen.
-Als der gefürchtete Mönch in das Gedränge stob, fuhren die
-Leute auseinander, im nächsten Augenblick aber begann
-wieder Wehgeschrei und Totenklage. Der Mönch sprang ab,
-beugte sich über den Mann und sah nach der schweren Kopfwunde.
-Dann gebot er, ihn in das Krankenhaus des Klosters
-zu tragen, und forderte Bericht über die Missetat. »Wo sind
-die Gespanne?« frug er unruhig um sich blickend, »wo ist
-Hugbald?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p>
-
-<p>»Die Gespanne geraubt, die Knechte geschlagen und
-fortgeführt, Hugbald gefangen und mit ihm der Scholastikus
-Immo,« riefen ihm die Leute entgegen, bis auf seinen Wink
-der alte Bruder Bardo vortrat und stöhnend das ganze Unheil
-verkündete. Die Waldwiesen, auf denen Bardo die
-Heumahd zu ordnen hatte, lagen weitab von den übrigen
-Gründen, welche auf den Höfen des Klosters bewirtschaftet
-wurden. Sie waren neuerer Erwerb, doch niemand hatte
-beim Auszuge geahnt, daß dort ein Feind lauere. Ungestört
-hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor gemäht und das Heu
-gewendet, nur von einem Bewaffneten begleitet, wie bei
-fernen Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war. Aus
-Vorsicht hatte heute Hugbald geboten, daß die Knechte ihre
-Rosse abspannen und während die Heuhaufen gesetzt wurden,
-unter Aufsicht eines Reisigen auf freier Höhe, von der
-weite Umschau war, zusammenhalten sollten, bis er selbst
-das Einbringen gebiete. Als er endlich gekommen war,
-begleitet von dem Schüler Immo, hatten die Knechte <span id="corr046">ihre</span>
-Gespanne zu den Wagen zurückgeführt. »Schon vorher war
-uns unheimlich geworden,« kündete Bardo, »denn wir
-hatten in der Ferne hinter den Büschen einzelne Bewaffnete
-erkannt, welche hin und her ritten. Grade als sich der Zug
-der beladenen Wagen in Bewegung setzte, brach ein Schwarm
-Reiter aus dem Holz und ritt über die Felder auf die Gespanne
-zu. Unsere Reisigen hoben die Wurfspeere und
-warfen sich ihnen entgegen, auch die Knechte ergriffen die
-Heugabeln und sprangen gegen die fremden Reiter, aber
-klein war die Zahl der unsern, im Nu waren sie umringt.
-Der Mann, welcher auf der Bahre liegt, fiel sogleich vom
-Rosse in sein Blut, nur Hugbald schoß den Wurfspeer und
-schlug mit dem Schwerte, drei waren gegen ihn, doch der<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-Jüngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen sie, ich
-sah zwei vom Pferde stürzen und die ledigen Tiere laufen.
-Ganz tapfer hielt sich unser Scholastikus und er hatte den
-Hugbald frei gemacht, aber dieser rief: »wie mag ich zurückkehren
-ohne die Wagen« und warf sich aufs neue einem andringenden
-Haufen entgegen, bis er entwaffnet und mit
-Weiden gebunden war, und gleich ihm der Jüngling Immo;
-darauf wurden auch die Knechte übel geschlagen und gefesselt.
-Mit großem Gefolge stob Graf Gerhard, den wir alle kennen,
-heran und rief mit zornrotem Gesicht: »Verderben über
-euch, ihr Wigbertleute, mein ist das Heu, mein die ganze
-Markung. Nichtig ist die Schenkung, deren ihr euch von
-meinem Vater her mit Unrecht rühmt; die Gespanne und
-eure Dienstleute treibe ich fort, eine geringe Entschädigung
-sind sie für den Verlust, den ich durch viele Jahre von euch
-erlitten. Läßt sich noch einer von euch Geschorenen auf
-dieser Flur blicken, so sollen ihm meine Gewappneten die
-Haut über die Ohren ziehen. Ihr Mönche aber wandelt
-stracks zurück, nur die heulenden Mägde lasse ich euch. Und
-saget eurem Abt: will er seine Dienstleute lebend wiedersehen,
-so soll er sich eilen das Lösegeld zu senden, denn ich
-gedenke sie nicht lange im Kerker zu füttern. Hinweg mit
-euch, denn euer Anblick ist mir verhaßt.« So ritt er mit
-einem Fluche aufwärts dem Buchenwald zu und hinter ihm
-zogen die Heuwagen und die Gefangenen. Wir aber standen
-weinend um den gefällten Mann, mühsam trugen wir mit
-den Weibern seinen Leib auf den Baumästen hierher.«
-Als der Alte geendet hatte, begannen die knienden Weiber
-wieder ihr Wehegeschrei und der Racheruf der Wigbertleute
-klang durch das Tal.</p>
-
-<p>Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Häuptling,<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-der die Zahl seiner Getreuen mustert. »Sie sagen, Graf
-Gerhard will für König Heinrich ins Feld reiten, hier merket
-die Treue der Königsmannen. Als ein Walddieb ohne Aufkündigung
-des Friedens hat er das Kloster ruchlos gekränkt.
-Ihr aber, fromme Knechte des Wigbert, gedenkt der Vergeltung,
-schreit zu den heiligen Nothelfern um Rache, daß
-sie ein gehäuftes Maß Unheil über den Verfluchten senden,
-bereitet eure Wehren, schlagt an der Glocke des Erzengels
-den Notschlag zur Warnung für alle, die noch im Felde sind,
-daß sie sich sammeln, und entzündet die Feuerzeichen auf
-den Höhen, damit auch die Entfernten wissen, daß unser
-Kloster von Feinden bedrängt ist. Folgt mir zu den Höfen,
-damit wir um Tor und Mauer sorgen, denn aus dem Frieden
-sind wir gesetzt in Unfrieden und auf Abwehr denken wir
-und Vergeltung. Du aber, Bardo, bändige deinen Schreck
-und ziehe jene Straße nach St. Peter, damit du einen andern
-Bericht gebest; ich sehe dort den Abt Bernheri herabsteigen,
-geringe Freude wäre mir, ihm jetzt zu begegnen.« Er schwang
-sich auf sein Roß und sprengte voraus dem Kloster zu,
-einem Kriegsmann ähnlicher als einem Mönch. Den andern
-aber hob sich der Mut, als sie seinen wilden Zorn erkannten,
-und hinter ihm eilte der Schwarm von Männern und Weibern
-auf der Landstraße dahin, während Bardo mit den
-Brüdern, die das Unglück geschaut hatten, traurig dem Abte
-entgegenging.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote
-Schein vieler Kienfackeln die Holzwände und die rußigen
-Balken der Decke. Gegenüber der Tür führten einige Stufen
-zu dem erhöhten Raum, auf welchem der Herrentisch
-stand, dort brannten große Wachslichter, ein weißes Tischtuch<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-war aufgedeckt und neben den Tontellern blinkten
-silberne Kannen und Becher. In der Halle waren zwei
-lange Tafeln gerichtet mit Sitzen darum, und unten an
-der Tür eine dritte kleine, alle mit Holzgerät und irdenen
-Krügen bestellt.</p>
-
-<p>Der Kämmerer des Grafen trat an die Tür der Halle
-und blies auf einem Horn, das er am Halse trug, den Ruf
-zum Mahle in den Hof. Klirrend drangen die Schwertmannen
-in die Halle und reihten sich hinter den Holzstühlen,
-auf der rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb,
-wo das Tischtuch aufhörte, ihre Knechte, auf der linken
-Seite die unfreien Hofleute mit den Knechten. Die Freien
-waren meist bäuerische Genossen, welche lungernd in den
-Dörfern des Grafen saßen, bis sie zum Schwertdienst entboten
-wurden, die Unfreien aber, obgleich sie die schlechtere
-Bank besetzten, achteten sich für heldenhafter, weil viele von
-ihnen im Herrenhof hausten, täglich hinter dem Grafen
-ritten und schönes Gewand und gute Rosse von ihm empfingen.
-Die Freien wiederum waren stolz auf ihre Herkunft
-und verachteten die Knechtschaft der Geschmückten,
-so daß die beiden Bänke in Eifersucht lebten. Ganz unten
-an der Tür aber, getrennt von den andern, harrten an besonderm
-Tisch die beiden Fechter, Ringrank und der Sachse
-Sladenkop, unehrliche Leute, welche ihr Blut dem Grafen
-verkauft hatten und öffentlich mit scharfem Eisen gegen
-ihresgleichen kämpften, oder auch heimlich jedermann niederschlugen,
-so oft es ihr Lohnherr gebot.</p>
-
-<p>Der Kämmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und
-gab ein zweites Hornzeichen. Da öffnete sich eine schmale
-Tür der Hinterwand und Graf Gerhard trat selbst herein,
-hinter ihm seine Tochter Hildegard, welche den kleinen Bruder<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-an der Hand führte. Der Graf hatte seinen eisernen
-Kettenrock mit einem hellen Hauskleide vertauscht, das bis
-über die Knie herabging und von breiter gestickter Borte
-umsäumt war, darüber trug er am weißen Ledergurt sein
-Schwert, an den Beinen hohe rote Strümpfe und schön gestickte
-Schuhe. Er war wohl älter als fünfzig Jahr, in seinen
-schrägen Augen glitzerte das Weiße, so daß den Leuten sein
-Blick nicht gefiel, und da die niedrige Stirn stark zurücktrat
-und seine Nase sich lang über den fränkischen Schnauzbart
-gegen das spitze Kinn dehnte, so hatte er wegen seines
-wölfischen Aussehens den Beinamen Isegrim erhalten. Gern
-wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die Jungfrau,
-sie schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt, welche ihr
-weißes Ärmelgewand mit buntem Gürtel und Saume so
-stolz trug, auf langes, blondes Haar, das durch ein blaues
-Band über der Stirn zusammengehalten wurde, und auf
-ein rundliches Kinderantlitz, über dem der unwiderstehliche
-Zauber der Unschuld lag.</p>
-
-<p>Der Graf winkte, und als das Horn zum drittenmal
-rief, stiegen aus dem Hofe der Truchseß mit den Küchenknaben
-und der Mundschenk mit dem Küfer in die Halle
-und sie setzten die Speisen und große Trinkkrüge auf die
-Tafel. Der Herr trat zu seinem Lehnstuhl, nahm die Mütze
-ab und hielt einen Augenblick das Gesicht hinein, alle neigten
-die Häupter und mancher Fromme schlug das Kreuz,
-dann rückten die Burgleute kräftig die Stühle, zogen ihre
-Messer aus der Scheide und begannen schweigend die Arbeit
-des Mahles.</p>
-
-<p>»Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu,« begann der
-Graf, einen Becher hebend, »und mit Stolpern und Ausgleiten
-endete der Reigentanz der lustigen Mönche. Trinkt,<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-Bankgenossen, und sorgt, daß der Ausgang so rühmlich sei
-als der Anfang.« Heller Beifallsruf erhob sich und die
-Trinkkannen wurden in der Luft geschwenkt. »Führt den
-alten Hugbald mit seinem Knaben aus dem Turme herbei.
-Sie waren die einzigen, welche wacker die Reiterwaffe gebrauchten,
-sie sollen nicht Schwarzbrot kauen, während wir
-uns des Mahles freuen.« Zwei Knechte eilten hinaus;
-nach einer Weile wurden Hugbald und Immo eingeführt,
-beide waffenlos. Als sie auf der Schwelle standen, rief der
-Graf durch den Saal hinab: »Tritt näher, Alter, lagere dich
-dort unter meinen eisernen Knaben.« Er wies auf den
-Tisch zur rechten Seite, wo zwischen den Rittern und
-Knechten eine Bewegung entstand, und mahnte wohlwollend:
-»Laßt ihn das Tischtuch haben, denn er trug
-manches Jahr seine Sporen als ein ehrlicher Gesell und soll
-ungekränkt von meinen Tellern essen.« Hugbald ging
-schweigend auf den Platz, welcher ihm geräumt wurde, und
-antwortete gleichmütig auf die Grüße und Spottreden
-seiner Nachbarn.</p>
-
-<p>»Hüpfe auch du auf die Bank, junger Klosterkauz,«
-gebot der Graf und winkte Immo, welcher an der Tür stehen
-geblieben war.</p>
-
-<p>»Ladet Herr Gerhard mich ein, in seiner Halle niederzusitzen?«
-frug Immo errötend, aber mit einer Stimme,
-die hell durch den Raum klang.</p>
-
-<p>»Öffnet ihm eine Ecke,« befahl der Hofherr zu den Knechten
-gewandt. Aber Immo eilte mit gehobenem Haupt
-durch die Halle dem Tisch des Grafen zu, er stieg die Stufen
-zum Herrensitz hinauf und drängte mit der Hand den Kämmerer,
-der ihn aufhalten wollte, beiseite. »Dir würde geziemen,
-mir den Stuhl zu rücken,« rief er. So trat er auf<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-die Erhöhung, trug einen Sessel neben die Tochter des
-Grafen, sprach freundlich nach allen Seiten grüßend: <em class="antiqua">pax
-domini vobiscum</em> und setzte sich. Graf Gerhard sah sprachlos
-vor Erstaunen auf den kecken Eindringling. Ȇbel gedeihe
-dir deine Frechheit; seit wann klettern die Schüler in den
-Abtstuhl. Doch Wunderliches hören wir über die Unordnung
-in Wigberts Hofe.«</p>
-
-<p>»Im Hofe des Heiligen sitze ich demütig an der Schülerbank,
-bei euch, Herr, ziemt mir der Stuhl in eurer Nähe.«</p>
-
-<p>»Werft den Schamlosen von seinem Sitz,« befahl der
-Graf zornig.</p>
-
-<p>»Dann führt mich zurück in den Turm,« rief Immo,
-»denn bei allen Heiligen des Himmels, an keiner Bank
-lagere ich, keinen Bissen und keinen Trunk nehme ich in
-diesem Saal, wenn mir nicht ein Ehrensitz bereitet wird,
-wie ihn mein Vater erhielt, wenn er diese Burg betrat.«</p>
-
-<p>»Wer bist du, Knabe, daß du mir unter meinem eigenen
-Dache zu trotzen wagst?«</p>
-
-<p>»Es ist Immo, Herr, Sohn des Helden Irmfried, welcher
-das Banner der Thüringe im Lande Italien trug,« bedeutete
-ein alter Dienstmann in der Nähe des Grafen,
-»und darin hat er recht, die Männer seines Geschlechts
-haben von je einen Herrenstuhl begehrt.«</p>
-
-<p>»Jetzt erkenne ich dich, Immo,« versetzte der Graf ruhiger,
-»bei meinem Schwert, früh krümmt sich der Haken. Dennoch
-sollen meine Knaben dich abwärts führen, da du kein Krieger
-bist, sondern nur ein halber Mönch.«</p>
-
-<p>Immo errötete vor Zorn. »Ich aber meine, daß eure
-Reisigen meinen Arm gefühlt haben, fragt nach, wenn es
-euch gefällt, ob die Stöße nur halb waren und in Mönchsweise
-gegeben, oder nach Art eines ehrlichen Kriegers. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-wenn ich wüßte, daß die Starken, gegen welche ich geritten
-bin, in diesem Saale wären, so würde ich sie gern friedlich
-begrüßen und sie bitten, daß sie ihren Groll gegen mich
-schwinden lassen. Denn ich habe nur getan, wozu ich als
-Geselle des Hugbald verpflichtet war, und ich hoffe, auch sie
-ehren den Spruch: auf der Heide schlagen, beim Trunke sich
-vertragen.«</p>
-
-<p>Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen:
-»Hast du auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen,
-lustiger Immo, so will ich dir doch Bescheid tun,
-wenn der Graf dir einen Trunk verstattet. Denn laut
-dröhnte dein Holz an meiner Eisenhaube, und ich schulde
-dir noch einen Dank vom letzten Kirchfest, wo ich allein
-gegen eine Anzahl Klosterleute rang und du mir zu Hilfe
-sprangst, damit der Kampf ehrlicher sei. Treffe ich dich mit
-einem Schwert aber später auf grünem Grunde, dann
-zahle ich dir die Streiche zurück, und du magst sie tragen.«</p>
-
-<p>Ein beifälliges Gebrumm ging um die Bänke.</p>
-
-<p>»Wohlan,« entschied der Graf, »da du dich vor meinen
-Mannen nach Gebühr zu entschuldigen weißt, so will auch
-ich heut an die Ehren deines Vaters gedenken. Siehe zu,
-ob du meine Tochter Hildegard erbitten kannst, daß sie
-deinen Stuhl in ihrer Nähe leidet, denn sie ist gleich dir
-vor kurzem aus der Klosterschule geschlüpft, und sie soll dir
-wie ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir andern
-aber wollen ruhig zuschauen, wenn sie über dem Scholastikus
-zu Gericht sitzt.«</p>
-
-<p>Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor
-sich hin.</p>
-
-<p>»Sei mir hold,« bat Immo, »da du doch aus der Schule
-bist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn,
-dann sah sie wieder vor sich hin.</p>
-
-<p>»Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard?« frug der
-Graf unwillig. »Sechs teure Rosse haben die frommen
-Frauen genommen, um dich in ihrer Zucht zu unterweisen,
-obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre als das unverständliche
-Murmeln in fremden Zungen. Mich reut
-meine Spende, wenn du dem dreisten Schüler nicht zu
-antworten vermagst.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Cave ne iram augeas</em>,« sprach das Mädchen leise, ohne
-den Schüler anzusehen.</p>
-
-<p>»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem
-Quell, was hast du ihm gesagt, Mädchen?« frug der Graf.</p>
-
-<p>»Sie hat mich gemahnt,« antwortete Immo sich erhebend,
-»daß ich mit ehrerbietiger Bitte euch nahen soll.
-Darum flehe ich, Graf Gerhard, daß ihr mir, wenn ich auch
-euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich nicht von
-eurem Tische sendet. Denn um euch alles zu sagen, gar nicht
-reichlich war heut die Mittagskost im Kloster und der Ritt
-zwischen den Rossen eurer Reisigen war auch einem fröhlichen
-Imbiß sehr ungleich, und gern würde ich Heil für
-euch und die Jungfrau trinken, wenn ich es vermöchte.«</p>
-
-<p>Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen
-erkannte, daß diesen die Art des Jünglings wohlgefiel,
-so lachte er und rief über die Bänke: »Wahrlich,
-dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst, auch andern Ehre
-zu geben. Darum gefällt mir, daß heut die beiden Lateiner
-zusammensitzen. Fülle deinen Becher, Hildegard, und biete
-ihm den Trunk, rücke ihm auch deinen Teller hin, denn als
-dein Geselle soll er heut von deinem Teller essen und aus
-deinem Becher trinken.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>Das Mädchen schob den Teller zögernd nach dem Fremden
-hin.</p>
-
-<p>»Ich merke,« sagte Immo ärgerlich, »daß dir dein Geselle
-unwillkommen ist.«</p>
-
-<p>»Wundere dich nicht, Immo,« spottete der Graf, »du
-bist wie ein Frosch aus dem Klosterweiher herangehüpft.
-Ihr aber geht es wie der Königstochter, welcher auch ein
-Frosch zum Gesellen gesetzt war, stolz sah sie auf den Quaker,
-kalt erschien ihr sein Fell und nur mit zwei Fingern griff
-sie ihn an.«</p>
-
-<p>»Ja, so tat sie, Herr,« versetzte Immo dreist, »aber zuletzt
-wurde der Quaker doch ihr Gemahl.«</p>
-
-<p>Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut. »Mißfällt
-dir auch seine ungefüge Stimme,« gebot der Graf ergötzt
-der Jungfrau, »so fülle ihm doch den Becher.«</p>
-
-<p>»Trinke mir zu«, mahnte Immo, »dies ist mein Recht,
-da ich dein Geselle bin.«</p>
-
-<p>Hildegard berührte den Becher mit ihren Lippen, schob
-<span id="corr055">ihm</span> den Becher hin und sagte leise: »Stille ein wenig den
-lauten Gesang, denn der Reiher schwebt über dir.«</p>
-
-<p>»Sieh zu, Frau Reiherin, ob meine Hand kalt ist wie
-eine Froschhand,« versetzte Immo, ihre Hand fassend.</p>
-
-<p>»Du wirst dreist, Herr Frosch,« antwortete das Mädchen,
-die Hand zurückziehend, »tauche zurück in deinen Quell.«
-Sie hob die Kanne und goß ihm den Becher voll.</p>
-
-<p>»Sei bedankt, Geselle,« sprach Immo. »Komme ich
-einmal aus dem Kloster, so sende ich auch dir etwas, das dir
-Freude macht.«</p>
-
-<p>»Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden
-bitter,« begann Hildegard zutraulicher, »denn selig<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-waren die Tage meiner Jugend unter den frommen Frauen,
-und wilde Reden höre ich hier unter den Männern.«</p>
-
-<p>»Manches Vöglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich
-furchtsam auf dem Aste, zuletzt lernt es doch unter dem blauen
-Himmel fliegen,« tröstete Immo.</p>
-
-<p>»Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen
-Frauen getreue Pflege.«</p>
-
-<p>»Waren sie streng in der Schule?« frug Immo teilnehmend.</p>
-
-<p>»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden,« erklärte
-Hildegard, »und wir lasen im St. Augustinus und die
-Verse im Virgilius: <em class="antiqua">Conticuere omnes</em>.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Infandum regina jubes renovare dolorem</em>,« rief Immo,
-»manchmal hat mir der Heide den Kopf heiß gemacht,«
-und beide lachten vergnügt einander an.</p>
-
-<p>»Auch andere Kunst lernten wir,« fuhr Hildegard mutig
-fort, »denn im Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt
-und sie vergönnte mir, daß ich die Hymnen für mich
-schrieb. Ich habe auch das Buch genäht, ich habe es auch
-selbst in Holz gebunden und der Schmied hat acht Edelsteine
-in die Ecken gesetzt.«</p>
-
-<p>»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur
-und bunten Seidenfäden. Sogar Goldfäden für die
-Kunstreichen fehlten selten im Kloster. Sieh her, das habe
-ich mir selbst gestickt,« und sie wies ihm die Verzierungen am
-Ärmel ihres Gewandes.</p>
-
-<p>Immo sah bewundernd darauf. »Dir ist es besser gelungen
-als mir. Aber beide sind wir Waisen, ich kam in das
-Kloster, weil mir der Vater starb, jetzt fürchte ich, daß bald
-einmal die Schere knipst, um mir das Haar zu scheren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>»Du meinst wohl, es sei schade um deine Locken,«
-spottete Hildegard, aber sie sah doch teilnehmend auf sein
-Haar, welches im Lichte glänzte und länger herabhing, als
-strenge Klosterzucht sonst den Schülern gestattete. »Wenn
-der Mutter Mechthild einmal die Goldfäden fehlen, so kann
-sie deinen Haarschopf dazu verspinnen.«</p>
-
-<p>»Lieber wäre mir, wenn dir gefiele, für mich einen Goldfaden
-aus deinem Gewande zu ziehen. Hier ist mein Finger,
-binde ihn mit deinem zusammen, da du doch heut mein Geselle
-bist. Denn wisse, das ist Brauch in der Welt.«</p>
-
-<p>»Das ist übler Brauch,« versetzte das Mädchen errötend,
-»ich vermöchte dich doch nicht bei mir festzuhalten. Auch
-habe ich vernommen, daß treue Gesellen solche Gewohnheit
-haben, sie sitzen beieinander auf demselben Zweige und
-singen dieselben Lieder. Deine Weise aber ist, wie ich merke,
-sehr ungleich der meinen.« Sie neigte das Haupt ein wenig
-auf die Seite und lud ihn durch einen lustigen Blick zum
-Wortkampf ein. »Mir gefällt's, wenn das Glöcklein im
-Kloster klingt, dann singen wir fromme Hymnen.«</p>
-
-<p>»Mir aber gefällt's, wenn das Waldhorn tönt,« antwortete
-Immo ebenso, »dann bellen die Hunde, dann springen die
-Hirsche und lustig reitet der Jäger im wilden Wald. Was
-sagst du dazu, mein Geselle?«</p>
-
-<p>»In deinem grünen Wald heult der Wolf und haust der
-wilde Bär, im Kloster aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne
-und danken dem Himmelsherrn.«</p>
-
-<p>»Mühselig ist es, immer den Kopf zu neigen und mit
-langsamem Fuße zu schleichen. Ich lobe mir den grünen
-Anger und bunten Klee, dort werfen die Knaben und Mädchen
-den Ball und springen den Reigen. Wie gefällt dir das,
-mein Geselle?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>»Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer
-ziehen und blutige Streiche störten den Tanz; ich lobe mir,
-wenn das junge Geschlecht im Kreise sitzt und die Vorleserin
-Gutes aus den Büchern verkündet.«</p>
-
-<p>»Leicht kommt der Schlaf, wenn man tatlos kauert. Viel
-lieber schwinge ich selbst den Speer und das Schwert und
-reite im Eisenhemd über die Heide. Was sagst du dazu, mein
-Geselle?«</p>
-
-<p>»Ein Kriegsmann willst du werden,« rief das Mädchen
-erschrocken, »sie werden dich töten,« und sie vergaß das
-Redespiel.</p>
-
-<p>»Wenn sie das vermögen; ich aber will sorgen, daß es
-ihnen nicht gelinge.«</p>
-
-<p>Die Jungfrau sah scheu aus ihren großen Augen auf den
-Nachbar. Daß er nicht geistlich werden wollte, störte ihr die
-Sicherheit, sie schob ihr Gewand zusammen und schwieg.</p>
-
-<p>Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung
-und rief: »Mir ist heut manches schlecht gelungen,
-die Schwertleute haben sich an mich gehängt und mich hart
-geschnürt, und ich weiß nicht, was mir dein Vater ersinnen
-wird. Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben und
-ich könnte auf meinem Stuhl hüpfen. Ich fühle auch gegen
-niemanden Groll und es ist mir ganz lieb, daß sie mich gefangen
-haben. Ich weiß nicht, woher das kommt, wenn mir
-nicht darum so wohl ist, weil ich neben dir sitze und mit dir
-aus einem Becher trinke. Wonnig ist mir zumute und ich
-möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder
-auch singen. Aber mein Gesang würde nicht jedermann
-freuen, denn meine Stimme ist rauh. Noch anderes Recht
-habe ich als dein Geselle, und auch das sollst du wissen. Denn
-küssen darf ich dich, wenn ich will.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<p>Hildegard erschrak und wandte sich ab. »Hüte dich, daß
-der Vater das nicht hört, schnell würde dein Ehrensitz dir
-genommen werden.«</p>
-
-<p>»Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn,«
-versetzte Immo übermütig, »und daß ich dich vor den Kriegsleuten
-nicht beschäme. Aber wenn ich dich einmal allein
-wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem Recht. Mögen die
-guten Engel fügen, daß dies bald geschehe.« Und er sang
-halblaut die Worte des Hymnus: »<em class="antiqua">Audi, benigne, Conditor,
-nostras preces cum fletibus</em>.«</p>
-
-<p>Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut
-andere Zeilen des Liedes entgegen; »<em class="antiqua">dona, per abstinentiam
-jejunet ut mens sobria</em><a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>. Flehe zu den Heiligen, daß du
-nüchtern wirst, denn wie ich höre, redest du gleich einem
-Berauschten.«</p>
-
-<p>»Wie du geschickt zu entgegnen weißt,« rief Immo begeistert,
-»du bist ein sinnvolles Weib, wenn du mich auch
-verhöhnst.«</p>
-
-<p>Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem
-Wildbret und starkem Bier zugesprochen und nur einzelne
-Reden mit den Vertrauten, welche ihm zunächst saßen, gewechselt,
-jetzt lehnte er sich zufrieden auf dem Stuhle zurück
-und hörte die lateinischen Worte des Hymnus, welche seine
-Tochter sprach. »Merkt auf unsere Klosterleute,« rief er, »sie
-summen nach Art der Mönche mit geneigten Köpfen,« und
-da er im geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war,
-fuhr er fort: »Fremde Worte sprechen mag jeder, aber das
-Gesprochene verstehen ist schwerer. Vermagst du einzusehen,
-Immo, was das Mädchen zu dir gesungen hat?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, Herr,« versetzte Immo, »sie mahnt mich mäßig zu
-sein, damit euer Trank mir nicht das Hirn betäube.«</p>
-
-<p>»Allzu streng ist Hildegard,« lachte der Graf, »dir soll
-auch einmal etwas Gutes gegönnt sein. Obwohl ich erkenne,
-daß es dir an Dreistigkeit nicht fehlt, du junger Zaunkönig.
-Denn Zaunkönige nennt ja wohl das Volk die Männer deines
-Geschlechtes.«</p>
-
-<p>Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn.
-»Weil meine Vorväter als alte Landherren auf freiem Erbe
-saßen, deshalb haben die Mönche ihnen im Scherz den
-Namen Reguli, kleine Könige, gegeben.«</p>
-
-<p>Da rührte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des
-Grafen, welcher stattlich in rotem Gewande dasaß, weil er
-der Sprecher war und ein Liebling seines Herrn, und rief
-spottend in den Saal: »Eine Sage weiß ich. Als die Vögel
-den Genossen zum König <span id="corr060">wählen</span> wollten, der sich am
-höchsten schwingen würde, barg sich ein Zwerg von Vogel
-in den Federn des Adlers und ließ sich hinauftragen bis dahin,
-wo er den Weltenherrn auf seinem Stuhle sah, dort
-flatterte er über das Haupt des Adlers und piepte: König
-bin ich. Da lachte oben der alte Gott in seiner Halle und unten
-schrien die Vögel im Zorn, bis der Herr des Erdgartens gebot,
-daß der Betrüger seine Krone nur heimlich in den Waldhecken
-tragen dürfe, wo ihm niemand zusieht. Darum heißt
-auch ihr Zaunkönige, weil eure Herrlichkeit im Busch versteckt
-ist.«</p>
-
-<p>Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: »Nicht dem
-Diener antworte ich, sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es
-ja wohl erfahren, Graf Gerhard, daß die Helden meines Geschlechtes
-ihr Haupt nicht in der Waldhecke bergen. Nie hat
-einer von meinen Ahnen sein Land vom König oder von der<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Kirche zu Lehen genommen, wie die erbelosen Franken und
-Sachsen, welche von der Dienerbank in das Land kamen, um
-bei uns Grafen zu werden. Manchen weiß ich, der sich jetzt
-rühmt, ein Edler zu sein, weil er als Diener eines Königs mit
-großem Gefolge reitet, obgleich seine Vorfahren aus der
-Küche und aus dem Stall geschlüpft sind.«</p>
-
-<p>Mißtönender Lärm erhob sich an den Bänken und die
-Hand des Grafen Gerhard griff nach dem Messer, das er an
-seiner Seite trug, der Jüngling aber sah mit blitzenden Augen
-über die Versammlung, stattlich stand er da trotz seinem
-Schülerkleide und rief laut in das Getöse: »Zürnt mir nicht,
-starke Helden, daß ich als ein unberühmter Jüngling vor euch
-meine Stimme erhebe. Aber keiner unter euch würde
-schweigend zuhören, wenn man seinem Geschlecht durch
-stechende Worte die Ehre mindert. Auch zu euch, Graf Gerhard,
-flehe ich, daß ihr ohne Kränkung vernehmt, was ich
-nur zur Abwehr sprach. Heil trinke ich euch und euren Kindern
-und Dank sage ich euch, wie dem Gaste gebührt.« Er
-leerte den Becher und setzte sich.</p>
-
-<p>Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen.
-»Ich höre, du hast unter den Mönchen gelernt, mit zwei
-Zungen zu reden.«</p>
-
-<p>»Überall rühmen die Leute,« versetzte Immo, »daß die
-Zunge eine gute Waffe ist und wir Schüler haben, wie ihr
-wißt, vor andern darin Ruf.«</p>
-
-<p>»Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der
-Mönche schneidet,« entgegnete der Graf, »vor andern aber
-bei den Mönchen des Wigbert, und wir alle wissen, daß ihr
-dort sehr ungeistlich lebet und der Gebete für arme Seelen
-wenig gedenkt. Auch von dir selbst, Immo, erinnere ich mich
-gehört zu haben, daß du wild in dem Kloster hausest und sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-den Mönchen üble Streiche spielst. Soll deine Rede mir
-besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem
-Streit mit den Geschorenen.«</p>
-
-<p>»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo ernsthaft, »die Rinder
-kämpfen oft mit ihren Hörnern gegeneinander, wenn aber
-der Bär naht, dann schließen sie sich einmütig zusammen
-und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wäre auch mir
-Unrecht, an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten,
-denn als ein Kind des heiligen Wigbert hast du mich
-ergriffen.«</p>
-
-<p>»Du sorgst schlecht für dein Wohl,« rief der Graf zornig,
-»wenn du dein Kloster in dieser Halle rühmst. Denn undankbar
-und treulos haben Wigberts Mönche an mir und meinem
-Geschlecht gehandelt. Oft habe ich mich enthalten, ihnen
-Übles zu tun, wo ich es doch vermocht hätte, und mühsam
-habe ich den Zorn meiner Mannen gebändigt, wenn sie die
-Rinder des Klosters begehrten und den Übermut eurer Dorfleute
-ansahen. Auch wegen der Wiesen und Fluren, von
-denen ich heut den geschorenen Schwarm vertrieben habe,
-ertrug ich schon lange das Unrecht. Denn meinem Vater
-gehörte der ganze Grund und er hat ihn, wie die Mönche behaupten,
-dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war,
-unter der Bedingung nämlich, daß sie seine arme Seele von
-dem Höllenfeuer frei beten sollten. Dies aber haben sie uns
-zum Unheil und zur Schmach versäumt. Und ihr alle sollt
-es wissen, was mir begegnet ist, damit ihr mein Recht gegen
-die Wigbertleute erkennt. Jämmerlich war das Gesicht,
-welches ich neulich hatte, da ich auf meinem Bette lag.«
-Er bekreuzte sich heftig und fuhr fort: »Ich sah im Traum
-eine unselige Gestalt von Flammen umgeben und mit glühenden
-Ketten an den Beinen gefesselt und ich erkannte, daß sie<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-so gestaltet war wie mein Vater, da er lebte. Der traurige
-Geist wies auf den Grenzhügel, welchen die Mönche nach
-der Schenkung neu geschüttet haben, und seufzte: mein war
-es und dein soll es wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch
-den Leib, bis die Gestalt verschwand. Daraus erkannte ich
-deutlich, daß die Geschorenen als Lügner an meinem Vater
-gehandelt haben oder auch, daß ihr Gebet ganz unwirksam
-geworden ist, weil sie in Weltsünden leben; und darum beschloß
-ich, mein Eigentum wieder zurückzufordern. Vermag
-Wiese und Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der
-Himmelsburg zu erwerben, so soll dasselbe Land doch solchen,
-die mir treu sind, einen warmen Sitz auf Erden bereiten;
-denn es wird dazu helfen, zwei bis drei Kriegsleute mit ihren
-Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn zuteile.«</p>
-
-<p>Ein freudiges Geschrei ging um die Tische und laute Heilrufe
-erklangen dem Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften
-Trank und sah zufrieden über seine Bewaffneten.
-»Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn obgleich
-du dich heut trotzig an meinem Tische gebärdest, so will ich
-dich doch morgen zu deinem Abt entsenden, damit du ihm
-meine Beschwerde verkündest. Ich wähle aber dich, weil ich
-merke, daß du recht gut verstehst, deine Worte zu setzen und
-weil ich dich als nutzlosen Schüler nicht im Kerker bewahren
-mag. Die Geschorenen, welche mein Gesinde fing, habe ich
-entlassen, damit sie nicht als Gefangene in meinen Mauern
-Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in Banden,
-bis dein Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der
-Wiesen verträgt. Und ich fordere, daß er sich mit der Lösung
-beeile, wenn er sie lebend wiedersehen will, da ich sie nicht
-lange zu füttern gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich
-zu anderm Tausch. Denn zwei meiner Knechte, sattelfeste<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Knaben, liegen auf der Burg des Abtes verstrickt, weil sie
-neulich auf meinen Stuten beim Roßgehege des Abtes vorbeiritten.
-Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri
-aus und jagten eigenwillig hinter den Stuten her, und
-als meine Knaben den Füllen die Leine umwarfen, nur damit
-sich diese nicht in den Wald unter die Wölfe versprengten,
-da kamen Dienstmannen des Klosters herzu, schrien meine
-Leute trotz ihrer guten Meinung als Roßdiebe an, rissen sie
-von den Pferden und führten sie samt den Stuten nach dem
-Berg des Abtes. Mich aber kränkt dies Unrecht sehr und ich
-fordere meine Knaben und Pferde gegen den Hugbald und
-sein Pferd; das magst du deinem Herrn verkünden.«</p>
-
-<p>Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer
-aufs Herz, daß auch sein Geschlecht dem Kloster wertvolle
-Hufen verkauft hatte und er fühlte nicht den Drang, die
-Mönche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald, welcher mürrisch
-hinter seinem Becher saß, und begnügte sich, trotz der
-Freude über seine nahe Befreiung ruhig zu sagen: »Alles,
-was ihr mir auftragt, werde ich dem Herrn Abt berichten,
-auch euer Traumgesicht, wenn ihr das begehrt.«</p>
-
-<p>Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte, war ihr
-Antlitz gerötet und große Tränen rannen aus ihren gesenkten
-Augenlidern herab. Da erkannte er, daß die Jungfrau
-bitteres Leid über die Reden ihres Vaters empfand und sie
-wurde ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied ihn anzusehen,
-stand schweigend auf, hob den Bruder von seinem
-Sitz und erbat leise vom Grafen die Entlassung, der ihr gleichgültig
-durch eine Handbewegung gestattete aus der Halle zu
-scheiden. Und zu der Bank seiner Mannen gewandt, rief er:
-»Führt auch die Verstrickten in ihre Zelle zurück, wenn sie
-nüchtern abwärts steigen, so ist es ihre Schuld.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>»Lebe wohl, Hildegard,« sprach Immo leise und faßte
-heftig ihre Hand. »Denke mein, lieber als alles auf der
-Welt wird mir sein, wenn ich dich wiedersehe.«</p>
-
-<p>»Sei auch du gesegnet,« antwortete Hildegard und neigte
-sich vor dem Vater. Immo freute sich, daß sie die Mannen
-stolz als Herrin grüßte; die kleine Tür öffnete sich und sie
-verschwand. Jetzt brannten die Fackeln dem Jüngling trübe,
-die wilden Mienen der Männer erschienen ihm unheimlich,
-und er folgte mit stummem Gruß dem Kämmerer. »Sorge
-dafür, daß die beiden Klosterkrähen einen besonderen Käfig
-erhalten und Stroh zu warmem Sitze,« rief der Graf unter
-dem Gelächter der Reisigen dem Kämmerer nach.</p>
-
-<p>Während Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er
-im Schlafe seines Kummers ledig wurde, saß Immo neben
-ihm in seligen Gedanken, er überlegte jedes Wort und jede
-Miene der Jungfrau, spät sank er in Schlummer.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und
-vernahm noch wie im Traume ungnädige Entlassung und
-harte Worte aus dem Munde des Grafen. Als er aber auf
-das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger zuführte,
-ging eine junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber,
-legte ihm verstohlen etwas in die Hand und sagte leise:
-»Nimm zurück, was dir gehört.« In ein großes Lindenblatt
-war ein Blättchen Pergament gewickelt, auf dem Pergament
-stand mit schöner Schrift der Reisegruß: »Die lieben Engelein
-sollen dich hüten und segnen auf allen deinen Wegen;« rings
-um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden durch das
-Pergament gezogen. Er drückte das Blatt an seine Brust
-und barg es in seinem Gewande.</p>
-
-<p>Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des
-Grafen bis an die Grenze begleitet. Er fand das Tor St.<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Peters geschlossen, die Brücke gehoben, wurde von Bewaffneten
-angerufen und mußte längere Zeit harren, bevor
-ihm der Eingang gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher
-im Klosterhofe vor seinen Dienstmannen saß, vernahm unwirsch
-die Botschaft des Grafen und entsandte den Boten
-mit dem Mönch Eggo sogleich zur Fulda hinab in das Kloster.
-Auch das Kloster war in ein Kriegslager verwandelt, am
-Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie
-schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Roß und
-forderten Kunde von den Gefangenen. In dem Hofe der
-Reisigen drängten sich Kriegsleute und Knechte, das Rüsthaus
-war geöffnet und die Knechte trugen Eisenhemden und
-Waffen zu langen Reihen. In den Arbeitshöfen schwärmten
-die Brüder, aus der Klausur entlassen, aufgeregt durcheinander;
-bei der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten
-Arbeiter an den Treppen und Bänken für die Bogenschützen,
-und im Vorhof der Kirche stand Tutilo, ein Schwert über
-der Kutte, als Hauptmann der großen Burg, welche zur Verteidigung
-gerüstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo:
-»Hugbald liegt gefangen. Leichter hätte das Kloster dich
-entbehrt als seinen Dienstmann.«</p>
-
-<p>»Nicht mein ist die Schuld,« versetzte Immo, »daß Hugbald
-gegen die Feinde keine andere Hilfe fand als meinen
-Stab.«</p>
-
-<p>Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur
-Seite, Immo aber eilte zu seinen Genossen, welche vor allem
-froh waren, daß sie heut nicht durch den neuen Lehrer in
-die Schule gerufen wurden. Von ihnen umdrängt, berichtete
-Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor das Rüsthaus,
-wo die Älteren gewappnet wurden, um mit den Knechten
-die Mauer und die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-aber verkündete den Mönchen, daß Herr Bernheri am
-nächsten Morgen herabkommen werde, um die Brüder im
-großen Konvent zu versammeln. Mit düsteren Mienen vernahmen
-die meisten die Botschaft.</p>
-
-<p>Der ganze Tag verging im Getümmel; trotz der Nachricht,
-welche Immo gebracht hatte, sorgten die Mönche, daß
-der Graf einen Anlauf gegen das Kloster wagen oder daß
-seine Dienstmannen in Herden und Dörfer einbrechen würden.
-Bis zum Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge
-mit ihrer wertvollsten Habe, auch das Herdenvieh wurde
-herangetrieben von Anger und Weide, zuletzt kam noch der
-Sauhirt mit seiner Herde und die Brüder hatten Not, die
-Menge der Menschen und Tiere in den Höfen zu bergen. Als
-die Sonne unterging, war in dem Kloster, das sonst am
-Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getöse
-und Geschrei, die Rinder brüllten, die Schweine grunzten,
-die Schmiede schlugen auf die Speereisen und die Zimmerleute
-hieben Balken und Bretter für die Verschanzung.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch3">3.<br />
-Der letzte Tag im Kloster.</h2>
-</div>
-
-<p>Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger
-als sonst drängten die Brüder herzu, heiß die Köpfe, gefurcht
-die Stirnen; und ein Summen, das nichts Gutes bedeutete,
-ging durch die Gemeinde. Als Herr Bernheri mit
-seinen Begleitern in den Chor trat, blieben die Nacken der
-Mönche steif und aus dem Summen wurde ein mißtönendes
-Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick überrascht bei
-seinem Sitz und sah auf mehr als hundertundzwanzig
-Häupter seiner aufsässigen Kinder, aber da er von Natur ein
-mutiger Mann war, wenn auch ermüdet durch Müßiggang
-und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen,
-blickte aus seinem großen Haupt herausfordernd über den
-Haufen und setzte sich steif in den Abtstuhl. Die Hora begann
-und der Abt selbst erhob die Stimme: »<em class="antiqua">Deus in adjutorium</em>«,
-aber unordentlich tönte der Gesang der Brüder und der
-Lektor eilte so sehr er konnte, versprach sich und mengte die
-Zeilen. Als die letzten Klänge verrauscht waren, begann
-wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich Herr
-Bernheri von seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock
-gelehnt gewichtig vor den Brüdern. Er eröffnete den Konvent
-durch den lateinischen Gruß und fuhr mit lauter Stimme
-fort: »Mein ist das Recht zu befehlen und euer die Pflicht zu<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt,
-die ganze Gemeinde zur Beratung versammelt; sorgt dafür,
-daß es mir nicht leid tue und daß es euch bei den Heiligen
-nicht zum Schaden gereiche, wenn ihr mir unbändig widersteht.
-Gutes und Übles habe ich euch zu verkünden. Das
-Gute ist von unserm Herrn, dem König Heinrich gekommen,
-denn er hat uns den großen Bannwald bei St. Peter, den
-wir uns längst ersehnt, mildtätig geschenkt.« Der Abt hielt
-an, aber keinerlei Beifall dankte für die Begabung, und der
-Abt setzte die Rede unzufrieden fort: »Das Üble aber kommt
-von dem Grafen Gerhard. Sehr gröblich hat dieser das
-Kloster geschädigt, durch den Schüler Immo hat er unpassende
-Worte hierher gesandt, nämlich, daß er ein Recht
-auf die Waldwiesen erhalten habe, weil sein Vater im
-Höllenfeuer stöhne.«</p>
-
-<p>Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr
-Bernheri schwenkte die Hand verächtlich gegen die Worte
-des Grafen: »Ich kenne seit lange den argen Wicht Gerhard
-und seine Gewohnheiten. Immer hat er üble Traumgesichte,
-wenn er den Frieden brechen will. Schon vor vielen Jahren
-träumte ihm etwas wegen unserer Hirschjagd, die er sich begehrte;
-er würde alle seine Väter und Mütter auf die heißeste
-Bank der Hölle setzen, wenn er dadurch für sich einen weltlichen
-Vorteil erreichen könnte. So viel gebe ich auf seine
-Träume,« &ndash; er blies kräftig den Atem in die Luft. »Ich
-aber fürchte sehr, er selbst wird dafür in den Höllenrachen
-geworfen werden, obwohl er zuweilen beim Weidwerk und
-bei einem starken Trunk nicht schlechter war als andere. Denn
-wenige kenne ich unter den weltlichen Fürsten und Herren,
-die nicht ebenso raubgierig sind. Alle trachten darnach, viele
-Dienstmannen mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-ihren Fehden die reisigen Knechte zuführen. Die Dienstmannen
-greifen das Kleine im Wald und auf der Straße und
-ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche; zum
-Kriege sind sie nötig, aber den Frieden vermögen sie schwer
-zu bewahren, wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe
-zwingt.«</p>
-
-<p>Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe
-Brausen der Menge, doch war es weniger feindselig. Und
-Herr Bernheri hob wiederum an: »Gekränkt bin ich wie ihr
-alle, und wären meine Beine gesund und mein Sinn weniger
-gewitzigt, so würde ich vielleicht selbst den Streithengst besteigen;
-so aber mahnt mich die Erfahrung vieler Jahre und
-meine eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich euch
-verkünden, was unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen
-den Grafen rüsten. Dorfhäuser werden brennen und Männer
-erschlagen werden und das Ende wird sein, daß er außer dem
-Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch größeren fordert
-wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung, und daß er uns
-mehr schädigt als wir ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen
-den Frieden, er aber den Krieg, und er vermag uns
-von unsern Gütern in Thüringen zu scheiden. Vor dem
-König aber wird er recht behalten und nicht wir, denn
-schwerlich hätte er seinen Vater in der Hölle geschaut, wenn
-er nicht wüßte, daß der König ihm bei den Wiesen gegen das
-Kloster helfen will. Darum, wie sehr ich den Grimm über
-seine Missetat fühle, bin ich dennoch gewillt, ihm diesmal
-ein wenig nachzugeben, vielleicht, daß er sich begnügt das
-Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei seinem
-Tode dem Kloster zurückzugeben. Dies ist die Hoffnung,
-welche uns bleibt, denn er ist ein angefressener Stamm und
-mancher Wurm nagt in seinem Holze, auch ihn ängstigen<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-zuweilen seine Missetaten jetzt und noch mehr in der Zukunft.«</p>
-
-<p>Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf
-und rief dem Abt mit harter Stimme entgegen: »Jetzt
-erkennen die Brüder alle, in welchem Sinne du die Worte
-des Gebetes gerufen hast: ›Erlaß uns unsere Verpflichtung,
-wie auch wir sie erlassen unsern Verpflichteten,‹ du selbst
-hoffst, daß du für dein eigenes Unrecht ein mildes Urteil
-empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos dahin
-ziehen läßt. Aber du sollst auch verstehen, was die Brüder
-gemeint haben, als sie laut riefen: ›Befreie uns von dem
-Argen,‹ denn damit meinten sie nicht den Grafen Gerhard
-allein, sondern noch jemanden. Niemals hätte der Graf
-gewagt, Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wüßte, daß
-solche, die zu Wächtern des Klosters gesetzt sind, selbst eigennützig
-mit dem Gut der Kirche schalten. Oft hast du das
-bewiesen; unter anderm auch neulich, als der fremde Händler
-starb, den wir in seiner letzten Krankheit ein Jahr lang gepflegt
-hatten. Denn bei seinem Tode verließ er dem heiligen
-Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen, die er aus Welschland
-gebracht hatte, und wir hofften, daß die Steine den
-Altären ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht
-einmal jährlich den Brüdern ein frohes Liebesmahl verschaffen.
-Du aber hast die Steine an dich genommen und
-durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du selbst
-gebrauchen wirst oder auch ein anderer, wie es dir gefällt.
-Nicht als ein Vater, sondern als ein Tyrann herrschest du
-über die Gemeinde. Deinen Günstlingen gestattest du jede
-Unbill und dagegen versagst du den Brüdern auch die erlaubte
-Erquickung. So tatest du neulich, da du ein Verbot
-erließest, welches ich lächerlich und kindisch schelte, daß nämlich<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-der Koch an den Fasttagen den Brüdern niemals Lebkuchen
-backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame
-Ergötzlichkeit, worauf sie sich durch die Woche freuten. Du
-aber hast dies aus Bosheit verwehrt, weil es ihnen lieb war.
-Antworte, wenn du vermagst, zuerst wegen der kleinen
-Dinge, denn noch weiteres haben wir über dich zu klagen.«</p>
-
-<p>Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder
-bekräftigt. Da ihnen manche Speise versagt war, so hatte
-das Erlaubte für die meisten um so größeren Wert und sie
-dachten und murmelten viel über Trunk und Kost. Und
-Tutilo wußte, daß sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem
-Abte stärker zürnten als wegen Ärgerem.</p>
-
-<p>Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung
-und er rief: »Schweig mit deinen ungebührlichen Reden,
-sowohl aus Scham vor mir, als aus Furcht vor den Heiligen.
-Ganz ungehörig ist, was du an geweihter Stätte über das
-Pfeffergebäck vorbringst. Denn jeder Verständige wird mir
-recht geben, daß der Pfeffer, welchen sie hineintun, für
-Mönche allzu hitzig ist, und weil sie die Speise stark mit Honig
-würzen, schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie
-ziehen bei ihrem Trunk ärgerliche Gesichter. Was aber den
-Schatz betrifft, so habe ich allein das Recht zu erwägen, wie
-er dem Kloster den größten Vorteil bringt. Die Becher habe
-ich zum Geschenk bestimmt für solche, an deren gutem Willen
-das Heil des Klosters hängt, und ich selbst traure, daß es
-nötig ist, durch Gaben zu sühnen, was deine Untreue verbrochen
-hat. Denn mit Empörern verhandelst du, und du
-verleitest die Brüder zur Untreue gegen Herrn Heinrich,
-unsern König. Aber allzulange habe ich die Tücke deines
-Wesens ertragen, und ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren,
-wie unser Vater, der heilige Benedikt, gebietet, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-ein Präpositus von dem bösen Geiste des Hochmuts aufgeblasen
-wird. Mehr als viermal habe ich dich mit Worten
-gemahnt, jetzt naht der Tag deiner Strafe; fügen sollst du
-dich, oder du wirst aus dem Kloster geworfen zu einer Warnung
-für die andern. Die Pforte sperre ich dir auf, du magst
-auslaufen, wohin du willst, und die Toren, welche dir anhängen,
-mit dir.«</p>
-
-<p>Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung, die
-Bande der Zucht zerrissen in der Wut, welche die Seelen
-erfüllte. Dicht vor den heiligen Reliquien brach die Empörung
-aus, von ihren Sitzen sprangen die Mönche an die
-Stufen des Hochaltars mit heißen Gesichtern und glühenden
-Augen; starke Arme streckten sich und mißtönendes Geheul
-erfüllte die Kirche.</p>
-
-<p>Aber auch im Rücken der Streitenden klang lauter
-Ruf und die eiserne Gittertür, welche den Vorhof vom
-Hauptschiff der Kirche trennte, krachte in ihren Angeln.
-Denn dort hinten drängte gewaltsam ein wilder Haufe mit
-Leibern und Stangen. Nur wenige von den Mönchen hörten
-auf den Lärm, der von außen kam, doch Rigbert lief durch
-die Kirche nach dem Eisengitter und schrie, sich mit ausgebreiteten
-Armen davor stellend: »Immo, Unseliger, was
-wagst du? Bist du des Lebens müde, daß du mit den Ungeweihten
-in die Klausur brichst?«</p>
-
-<p>»Wir sind nur müde vom Stehen und Harren,« rief
-Immo lustig hinein. »Meinst du, die Schule wird fern bleiben,
-wo die Mönche einander knuffen? Öffne die Tür,
-Rigbert, wenn du ein guter Genosse bist.«</p>
-
-<p>»Niemals, denn es wird euer Verderben. Was willst
-du in der Kirche?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>»Schläge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen, wen
-es auch trifft. Wer ist in der Not?«</p>
-
-<p>»Sie bedrängen den Herrn Abt.«</p>
-
-<p>»Wie, das gute Weinfaß? Gesellen, wir helfen dem
-Abt!«</p>
-
-<p>Die Schüler riefen gellenden Kampfschrei und wieder
-rasselten die Stangen an dem Tor, gegen welches sich der
-Mönch mit seinem Leib stemmte; da griff Immo behend
-durch das Gitter und schob den Riegel zurück. Die Tür flog
-auf und die Schüler drangen herein; allen weit voraus
-sprang Immo dem Chore zu. Über den Rücken zweier
-Mönche, die er als Bock gebrauchte, flog er wie ein Federball
-vor den Altar und stand allein mitten unter den Tobenden,
-nahe dem Abt, der das schwere Kreuz vom Altar gehoben
-hatte und den Aufrührern entgegenhielt, während
-die Brüder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hühner
-auseinander geflattert waren und hinter dem Altar und den
-Stühlen Schutz suchten.</p>
-
-<p>»Hara!« rief der wilde Immo, »zu Hilfe dem Herrn
-Abt. Komm heran, Dekan Tutilo, damit ich dich lehre,
-deinem Abt den Fuß zu küssen.«</p>
-
-<p>Die Mönche wichen beim Anblick des Jünglings zurück,
-der mit drohender Gebärde einen Eisenstab schwingend vor
-ihnen stand. Der allgemeine Zorn wandte sich gegen den
-Einbrecher. »Hinaus mit dem Frevler!« schrien viele Stimmen.
-»Die Klausur ist gebrochen, geißelt den Missetäter!«
-Ein Mönch sprang hinter den Altar und riß die Geißel,
-welche dort für die Mönchbuße lag, aus dem Kasten; von
-Hand zu Hand ging die blutbesprengte, Tutilo packte sie und
-stürzte damit auf den Schüler los. Aber im Nu lag der starke
-Mann von einem Schlage getroffen am Boden, Immo hob<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-die Geißel über ihn und rief: »Das sei dein Lohn, bellender
-Hund!« So schnell war die Tat, so unerwartet der Frevel
-und so wild schlug der trotzige Jüngling, dessen Kraft die
-Brüder wohl kannten, daß alle einen Augenblick starr standen
-und dem Getöse plötzliche Stille folgte. Aber gleich darauf
-erhob sich wieder das Getümmel und Geschrei: »Zu Boden
-mit dem Bösewicht, werft ihn in den Kerker, bindet ihn auf
-das Kreuz!« Während sich so die Anhänger des Tutilo zum
-Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen
-gegen sie die Stange hob, da geschah, was allen unerhört
-war: die beiden Alten Bertram und Sintram warfen sich
-zwischen den Haufen gegeneinander auf die Knie und baten
-zu gleicher Zeit und mit denselben Worten einer den andern
-um Verzeihung. Denn als der Kampfzorn die Brüder ergriff
-und zwiespältig schied, da hatte sich zum erstenmal
-ereignet, daß die Beiden nicht derselben Meinung waren
-und Bertram hatte auf der Seite des Abtes, Sintram aber
-auf der des Tutilo die Faust geballt. Und als sie nun beide
-zu gleicher Zeit sahen, daß sie einander mit der drohenden
-Faust gegenüberstanden, hatte jeder sich über sein eigenes
-Unrecht entsetzt und sie baten mit Tränen einander ab und
-umarmten sich, während sie auf den Knien lagen. Als der
-empörte Haufe die Greise am Boden sah, wurde ihm der
-Anblick unheimlich, einige von den Rohesten lachten, aber
-die Mehrzahl fuhr entsetzt zurück. In diesem Augenblick
-sprang Reinhard auf die Stufen des Altars und rief die
-Arme erhebend: »Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns
-Sündern! Kniet nieder, ihr Brüder, und flehet um die Vergebung
-der Heiligen. Nicht durch Geschrei wird der Schaden
-des heiligen Wigbert geheilt; ihr seht selbst: wie ihr euch
-gegen den Vater des Klosters, so empört sich Bruder gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-Bruder, und die ruchlose Jugend gegen euch alle. Eure
-Feindschaft stärkt nur die Feinde draußen. Wollt ihr euch
-helfen, so rate ich, daß heut nicht in der Menge verhandelt
-wird, was zum Frieden des Klosters dient, sondern daß die
-Dekane und die Alten sich mit unserm Herrn Bernheri in
-friedlicher Beratung vereinen. Du aber, Jüngling, wirf die
-Geißel weg, mit der du an heiliger Stätte gefrevelt hast,
-und erwarte in Demut die Strafe, welche die Brüder dem
-Verbrecher finden.«</p>
-
-<p>Die Geißel fiel zur Erde neben Tutilo, welcher ächzend
-auf dem Boden saß und betäubt seinen Kopf auf die Hand
-stützte. Immo starrte wild umher. Da er merkte, daß er
-allein war und daß seine Genossen sich in den Ecken und
-hinter den Säulen zu bergen suchten, trat er an den Stuhl
-des Abtes zurück, aber seine Augen flogen herausfordernd
-über den Haufen. Herr Bernheri begann zornig: »Nicht
-die Geweihten des Herrn sehe ich vor mir, sondern eine Herde
-wilder Eber, welche begierig ist die eigenen Ferkel zu fressen.
-Ich aber verachte euer Grunzen und das Schnauben eurer
-ungewaschenen Rüssel, denn, wie sagt der hohe Apostel:
-›Sie wandeln dahin in ihrer Dummheit.‹ Was aber hier
-Reinhard, der würdige Bruder, vorschlägt, das gefällt auch
-mir. Mit den Dekanen und mit den Ergrauten, welche nicht
-Hechsel in ihrem Kopf haben, gedenke ich in späterer Stunde
-die Leiden des Klosters zu erwägen, bis dahin mögen sie
-selbst in der Stille prüfen, ob sie eine Hilfe finden. Denn
-auch der Esel schreit laut, wenn er müßig steht, wenn er aber
-die Säcke tragen muß, so schweigt er geduldig. Sie sollen
-auch einmal die Last tragen, ich bin es müde, allein für euch
-grobe Klötze Rat zu suchen, wo es keinen gibt. Und so scheide
-ich jetzt den Konvent, wandelt bis morgen dahin in Frieden.<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-Ich aber verweile hier in meinem Hofe, damit niemand
-meint, daß ich den Unzufriedenen das Feld räume. Bestelle
-was nottut, mein Kämmerer Eggo, und diesen behenden
-Springer nimm mit dir. Nie sah ich einen Scholastikus so
-wild auf geschorenen Köpfen zum Altar reiten.« Der Abt
-wandte sich schwerfällig zum Altar und neigte sich. Reinhard
-eilte zu den Brüdern und sprach nachdrücklich in die Ältesten
-hinein, doch mürrischer Widerspruch erhob sich und laute
-Stimmen riefen: »Der Schüler gehört in unsern Kerker,
-denn er hat gegen einen Mönch gefrevelt.« Der Abt wandte
-sich wieder dem Haufen zu: »Der Scholastikus gehört unter
-die Zucht des Lehrers Reinhard, dem Reinhard aber gebiete
-ich, mir zu folgen, denn ich bedarf seiner, damit ich ihn, wenn
-es nottut, zu euch sende.« Herr Bernheri stieg langsam vom
-Altar, warf noch einen verachtenden Blick auf die empörte
-Gemeinde und schritt unaufgehalten durch seinen Ausgang
-nach dem Abtshofe. Um ihn drängten sich die Getreuen von
-St. Peter, sein Kämmerer hielt den Jüngling, welcher friedlich
-folgte, bei der Schulter; als letzter ging Reinhard.</p>
-
-<p>Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge,
-die erste Wut war verraucht, aber bitterer Groll zurückgeblieben.
-Tutilo wurde von zwei Brüdern in die Klausur geführt,
-wo er sich erst erholte, nachdem der Kellermeister einen
-Krug Würzwein in seine Zelle gestellt hatte. Neben dem
-Kruge saßen einige alte Brüder, den Kranken zu pflegen; sie
-prüften und billigten den Trunk und zürnten, obgleich sie
-mit gedämpfter Stimme sprachen, heftig auf mehrere, welche
-abwesend waren.</p>
-
-<p>Unterdes stand Immo in der Büßerzelle der Abtei, ein
-Bruder von St. Peter, der ihm fremd war, hatte ihm ein
-Bund Stroh hineingebracht und einen Krug mit Trinkwasser<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-ohne ein Wort zu sprechen, und Immo, der den Klosterbrauch
-kannte, hatte auch keine Frage getan, um sich nicht über die
-versagte Antwort zu ärgern. Einen Augenblick dachte er
-daran, den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle hinauszuspringen,
-aber mit leisem Stöhnen gab er den Gedanken
-auf, denn er wußte wohl, daß das Haus des Abtes von Reisigen
-besetzt und keine Möglichkeit zur Flucht war. Er untersuchte
-seinen Kerker, doch dieser bot geringen Trost, er war
-nicht in freier Höhe gezimmert und kein Dach erhob sich über
-ihm, es war ein Kellerloch, nicht viel länger als ein Mann,
-und die kleine Lichtöffnung vermochte kein Geschöpf, das
-größer war als eine Katze, zu durchklettern. So blieb ihm
-nichts übrig als auf dem Stroh zu sitzen und die finstern Gedanken
-wegzuscheuchen, welche wie Fledermäuse um sein
-Haupt schwirrten. Lange tröstete ihn ein wenig die Überlegung,
-daß er den Tutilo, der immer herrisch gegen ihn gewesen
-war, so schön zu Boden geschlagen hatte. Er griff nach
-dem Pergament mit dem Goldfaden und wiederholte sich
-die Worte, welche Hildegard zu ihm gesprochen hatte, aber
-dabei wurde der Gedanke in ihm übermächtig, daß er jetzt
-zum zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker saß. Als
-gar der Abend kam und der Hunger stark in ihm nagte, wurde
-ihm frostig zumute und ihm fiel ein, daß seine Zelle für eine
-furchtbare Stätte galt. Manche Geschlechter vergangener
-Mönche hatten hier jahrelang gebüßt und in Kreuzesform
-dagelegen, während die Geißel über ihren Rücken flog und
-ihr Blut auf den schwarzen Boden rann. Unheimliche Geschichten
-erzählten die Schüler von der Not der Frevler,
-welche der Abt gefesselt hielt und wer in der Dämmerung
-an der Zelle vorübergehen mußte, der wandte das Haupt
-ab und beeilte den Schritt. Daß Tutilo und seine Genossen<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-ihm todfeind geworden waren, erkannte er jetzt deutlich, und
-ihm kam auch vor, als könnte er wohl das Sühnopfer werden,
-über dessen Leib der Abt mit den Mönchen Frieden mache.
-Wild sah er umher und griff im letzten Zwielicht an die
-Wände; es waren dicke Mauern, hier und da hatte ein Büßer
-sein Kreuz in den Kalk geritzt, um davor zu beten. Da neigte
-auch er das Haupt und begann einen lateinischen Psalter,
-aber unter den heiligen Worten kam ihm die Angst, was wohl
-die Apostel Simon und Thaddäus, vor deren Gebeinen er
-den Tutilo niedergeworfen hatte, von seinem Tun denken
-würden. Er konnte nicht glauben, daß Tutilo als ein arger
-Mann in Gunst bei den Hohen stehe, aber ob sie besonderes
-Wohlwollen für ihn selbst hegen könnten, erschien ihm sehr
-zweifelhaft, denn sicher hatte er eine schwere Tat begangen
-und ihr Heiligtum entweiht. Da faltete er die Hände und
-bat den heiligen Wigbert, sein Fürsprecher zu werden. Dieser
-war ihm immer hold erschienen und am liebsten hatte er vor
-seinem Altar gebetet, denn er dachte sich, daß der Heilige auf
-Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und seit
-alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war. So bat er jetzt
-demütig um seine Hilfe. Und als er an die Heimat dachte,
-wurde ihm das Herz weich.</p>
-
-<p>Aber stürmisch hoben sich wieder die Gedanken. Wenn
-er die Eisenstange nur hätte, die er heute früh geschwungen,
-dann könnte er wohl die Tür erbrechen. Und er stampfte mit
-dem Fuß auf den Boden, ob es irgendwo hohl klänge. Denn
-aus der Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Fülle aller
-guten Dinge, nicht nur die Landleute, die noch Heidenbrauch
-übten, auch die Mönche wußten das. Vielen Goldschatz barg
-die Mutter Erde, aber auch anderes Metall schenkte sie aus
-ihrem Vorrat den Bedrängten. Warum sollte nicht auch er<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-in seiner Not eine Waffe aus der Erde graben, die ihn von
-der drohenden Schmach erlöste. Er griff und stieß wieder an
-Wänden und Boden umher, aber nirgends erkannte er hartes
-Eisen. Und er faltete aufs neue die Hände und kauerte auf
-dem Stroh.</p>
-
-<p>Während er demütig in der Finsternis saß, vernahm er
-von außen langsame Tritte, ein Lichtstrahl fiel durch das
-Eisenschloß golden in die Zelle, ein Schlüssel knarrte, die
-Tür ging ächzend auf, und ein Mann trat schwerfällig herein
-und beleuchtete vom Eingange mit seiner Blendlaterne den
-Sitzenden. Immo schnellte empor, er erkannte Bernheri,
-seinen Abt und Herrn. »Stemme dich von außen gegen die
-Tür, Eggo,« begann der Abt nach rückwärts gewandt, »damit
-der Scholastikus Saliarius nicht auf den Einfall komme, uns
-selbst als Springböcke zu gebrauchen oder gar in unserm
-eigenen Keller einzuschließen.« Immo ließ sich auf die Knie
-nieder und senkte schweigend das Haupt, suchte aber doch
-durch verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten.</p>
-
-<p>»Sieh, Immo,« fuhr der Abt feierlich fort, auf den Gebeugten
-herabblickend, »du bist zum Greuel geworden vor
-allem Volke und die Töchter Israels schreien wehe über dich;
-welches aber nur tropice gemeint ist, denn ich hoffe, daß du
-Unglücksvogel dich in Wirklichkeit von jüdischen Weibern
-stets fern gehalten hast, zumal keine in der Nähe des Klosters
-zu finden sind. Aber was die Schrift sagt, das gilt jetzt von
-dir: ›Aus der Tiefe schreie ich und niemand hört meine
-Stimme.‹ Ganz verworfen bist du und die hohen Engel
-würden dich mit zahllosen Backenstreichen begaben, nur daß
-solche Regung der Hände für Himmlische unschicklich ist. Was
-dich erwartet, weißt du. An ein Kreuzholz wirst du gebunden
-und so lange gegeißelt, bis dein Vater Tutilo für dich bittet;<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-ich meine, er wird sich nicht beeilen. Und später wirst du auf
-Stroh gelegt in der Klausur der Brüder, wo nicht Sonne
-noch Mond dich bescheinen. Solches sind die Folgen deiner
-Springerei und deines nächtlichen Dachkletterns. Meinst du,
-daß ich nicht weiß, wer mir die Böcke bei Mondschein aus
-dem Walde holt; item, das sind die Folgen deines Abtspiels
-am Feste der unschuldigen Kindlein. Meinst du, daß mir unbekannt
-ist, wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter
-deine Kutte gebunden hast, um deinen hagern Leib gleichsam
-zum Hohn für mich mit einem Bauch zu versehen? Je
-mehr ich deine Art erwäge, desto mehr Sünde finde ich in dir
-und erkenne, daß du zu denen gehörst, von denen geschrieben
-steht: »Sie sollen vertilgt werden wie Spreu.« Erkenne
-deine Missetat und bereue, denn es bleibt dir nicht viel Zeit.
-Auch der Floh springt nur so lange, bis er geknickt wird.«</p>
-
-<p>Immo schauerte. Doch nicht ohne Nutzen war er sechs
-Jahre im Kloster gewesen und er hatte ein wenig die Mönchskunst
-gelernt, die Miene des andern zu beobachten und vorsichtig
-die Worte zurückzuhalten. Darum antwortete er demütig:
-»Mein Herr und Vater, mich reut nicht, daß ich so
-geschwind war, so lange den Tutilo nicht reut, daß er die
-Hand gegen seinen Herrn erhoben hat.«</p>
-
-<p>»Ich merke,« rief Herr Bernheri, »du hoffst, daß ich in
-dieses Loch herabgestiegen bin, um dich daraus emporzuheben.
-Darin irrst du gänzlich. Da ich Abt der Brüder bin,
-so fordert meine Würde, deine Missetat zu strafen, wenn diese
-auch in guter Meinung für mich verübt wurde. Denn sobald
-der Morgen anbricht, werden viele das Urteil über dich
-fordern. Heut aber denke ich daran, daß du aus altem Geschlechte
-bist und daß auch ich einst mich meiner Abkunft
-rühmte, bevor ich mich einem Herrn gelobte, vor dem alle<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-gleich sind, Freie und Unfreie. Darum komme ich zu dir.
-Hast du das Gitter der Kirche gebrochen, so vermagst du
-vielleicht auch diese Tür zu öffnen und hinauszufahren, ohne
-daß dich jemand sieht, du bist ja gewöhnt die Pfade eines
-Marders zu wandern.« Aus dem Faltengewand des Abtes
-sank ein eisernes Werkzeug auf den Boden. Immo schnellte
-in die Höhe und seine Augen glänzten, aber er faßte sich und
-antwortete: »Mein Herr möge mir verzeihen, wenn ich nicht
-wie ein Dieb ausbrechen will. Wohin soll ich fliehen? In den
-Hof meiner Väter vermag ich nicht zurückzukehren, wenn ich
-als Verbrecher dem Wigbert entweiche, denn schnell würden
-die Väter den flüchtigen Schüler zurückfordern vor ihr
-Gericht.«</p>
-
-<p>»Sprichst du so stolz, du Tor,« rief der Abt, »ich meine,
-jede Stelle, wo der Himmel dich deckt oder das Laub dich
-verbirgt, wird für dich lustiger sein als die Mauersteine dieses
-Kerkers.«</p>
-
-<p>Immo ließ sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder.
-»Dennoch flehe ich, daß mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt
-und mich als Freien entsendet.«</p>
-
-<p>»Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen,« versetzte
-der Abt unwillig, »ganz toll bist du in weltlichem Hochmut.
-Und welche Herrlichkeit der Erde gedenkst du für dich
-zu begehren, wenn du den Klostermauern entweichst?«</p>
-
-<p>»Ein Schwert will ich finden und ein Roß; denn hochwürdiger
-Vater, ein Kriegsmann will ich sein und kein
-Mönch.«</p>
-
-<p>»Wirst du ein Mönch, so wird bald der üble Teufel dein
-Abt werden, und wirst du ein Kriegsmann, so wirst du einer
-von den Wölfen, welche um St. Wigberts Stall heulen,
-bis sie dir auf grüner Heide ein Bett schaufeln.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p>
-
-<p>»Herr,« versetzte Immo flehend, »zu deinen Füßen will
-ich geloben, daß ich in allen meinen Tagen daran denken
-werde, wie ich an dir einen gütigen Vater fand.«</p>
-
-<p>»Bin ich eine Dirne, daß du mich mit Verheißungen und
-mit schönen Worten bereden willst? Außerdem ziemt mir
-nicht, an diesem kalten Ort der Buße von weltlichen Dingen
-zu reden. Und deshalb frage ich dich zum letztenmal, ob du
-lieber die Geißel wählst oder eine zerbrochene Tür.«</p>
-
-<p>»Nicht die Geißel will ich und nicht die heimliche Flucht.
-Um gnädige Entlassung flehe ich zu meinem Herrn, damit
-ich mein Haupt hoch tragen kann unter meinesgleichen.«</p>
-
-<p>»Einem nimmersatten Windhund gleichst du,« versetzte
-Herr Bernheri, »und ärgerlich willst du mir werden.« Aber
-er sah dabei mit Wohlgefallen auf den Jüngling. »Ich
-schließe dich wieder ein. Bleibe auf den Knien und sprich
-den 37. Psalm, wo er lautet: ›<em class="antiqua">Miser factus sum et curvatus</em>,‹
-wenn du die Worte vermagst, was ich dir nicht zutraue.
-Und dabei harre auf die Heiligen, ob sie sich deiner
-erbarmen.« Der Abt wandte sich ab, Immo faßte ihm nach
-dem Gewand, aber Herr Bernheri entzog sich eilig, der Riegel
-fuhr in das Schloß und Immo war allein in tiefer Finsternis.
-Er griff nach dem Eisen und preßte die Hand darum, wild
-stürmten ihm die Gedanken durch die Seele, Sorge und
-Hoffnung, dennoch hielt er jetzt das Gerät in der Hand,
-welches seine letzte Hilfe sein konnte. Wie durch ein Wunder
-war ihm auf den Boden gelegt, was er von den Gewaltigen,
-die unter der Erde hausten, ersehnt hatte. Brachte die Nacht
-keine andere Hilfe, so konnte er diese gebrauchen. Er stand
-in der Finsternis und horchte auf jedes Geräusch, das von
-außen kam.</p>
-
-<p>Nicht lange, so vernahm er wieder Tritte und sah einen<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-Lichtstrahl, der Riegel rasselte und der Mönch Eggo winkte,
-ihm zu folgen. Leise gingen beide die Stufen hinauf; ein
-großer Raum, in den sie traten, war undeutlich erhellt durch
-die glimmenden Holzkloben im Kamin. Auf Bänken an der
-Wand und auf dem Boden lagen Reisige des Abtes in tiefem
-Schlaf. Wieder mahnte ein Zeichen des Mönchs zur Vorsicht,
-er öffnete eine eisenbeschlagene, niedrige Tür und führte
-eine Wendeltreppe hinauf. Als Immo aus der Tiefe emportauchte,
-stand er in einem kleinen Zimmer, dessen Wände
-zierlich mit dunklem Holz getäfelt waren.</p>
-
-<p>Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe, deren rötliche
-Flamme im Luftzuge flackerte und rauchte; Eggo trug
-eine Wolldecke herzu, legte sie auf den Boden und flüsterte:
-»Rühre dich nicht und schlafe wenn du vermagst.« Gehorsam
-setzte sich Immo auf die Dielen und als er zur Seite blickte,
-sah er den Mönch wie einen Schatten an der Wand dahingleiten
-und hinter einem Teppich verschwinden. Er starrte
-in den dämmrigen Raum, auf die dunklen Bretterwände,
-an denen die Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten,
-und auf die Waffen in den Ecken, deren Metall bald
-hell erglänzte, bald in Finsternis schwand. Aber das Herz
-war ihm leicht geworden, denn er erkannte wohl, daß Herr
-Bernheri ihn nicht für die Rache des Tutilo aufbewahren
-wollte; er schloß die müden Augen und entschlief.</p>
-
-<p>So mochte er lange gelegen haben, da erwachte er von
-einer leisen Berührung, er fuhr auf und blickte erstaunt um
-sich. Noch war es Nacht, die Lampe brannte trüber, über den
-Waldhügeln lag der graue Dämmerschein des nahen Morgens,
-und an seinem Lager erkannte er eine dunkle Gestalt.
-Erschrocken hob er den Leib und stützte sich auf die abgewandte
-Hand. Neben ihm saß der fremde Mönch, der als<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-Lehrer in das Kloster gekommen war. Immo wollte aufspringen,
-aber Reinhard drängte ihn durch eine Bewegung
-zurück. »Sitze an meiner Seite, Immo, und öffne dein Ohr,
-damit eine leise Mahnung in deine Seele falle. Höre mich
-mit Vertrauen, wenn ich dir auch noch fremd bin, denn nicht
-als dein Kerkermeister, sondern wie ein Freund will ich zu
-dir reden und von deiner Heimat will ich dir Gutes verkünden.
-Frau Edith sendet dir ihren Muttersegen: Sage
-meinem Sohn, sprach sie, jeden Abend und jeden Morgen
-flehe ich zu den Heiligen, daß sie ihm das Siegestor öffnen.
-Schwer wird der Mutter, das Angesicht des Sohnes zu
-missen, auch darum hoffe ich, daß die Himmlischen das Opfer
-gnädig annehmen.«</p>
-
-<p>Immo senkte das Haupt, erweicht durch den Gedanken
-an die Heimat. Reinhard fuhr fort: »Schon in der nächsten
-Zukunft hätte sich dir die Pforte des Klosters geöffnet, damit
-du unter den Kindern der Welt dem Herrn dienest. Aber
-dein frecher Mut hat dich schuldig gemacht, schwerer Strafe
-bist du verfallen. Darum komme ich, um mit dir zu erwägen,
-wie du dich rettest.«</p>
-
-<p>Immo neigte sich über die Hand des Lehrers und sprach
-demütig: »Kannst du mir helfen, Vater, so flehe ich, verlaß
-mich nicht.«</p>
-
-<p>»Eine Rettung weiß ich,« fuhr Reinhard fort, »die seligste
-von allen: demütige dich selbst, Immo, vor dem Altar und
-trage geduldig die Folgen deiner Untat. Ein Weltgeistlicher
-solltest du werden, wähle das Mönchsgewand und gelobe
-dich dem heiligen Wigbert. Das ist die Buße, welche dir alle
-hohen Fürsten des Himmels geneigt macht und ebenso die
-Herzen der Brüder im Kloster.«</p>
-
-<p>Immo sprang auf, seine Hände ballten sich und zornig<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-rief er: »Meinst du, daß ich als büßender Mönch vor dem
-Altar liegen und daß Tutilo die Geißel über mir schwingen
-soll, wie ich sie heut über ihm schwang?«</p>
-
-<p>»Fürchtest du die Geißel des Tutilo, dann denke lieber
-daran, daß du jetzt unter seiner Faust stehst und daß ihm
-morgen die Brüder die Rache geben werden, die er an deinem
-Leibe zu fordern hat.«</p>
-
-<p>»Nimmer schwingt er die Peitsche über mir, während
-ich atme,« schrie Immo. »Wenn sie mich zur Verzweiflung
-treiben, so sollen sie einen Verzweifelten finden. Vor dem
-Altar töte ich ihn und jeden, der mich anzugreifen wagt; von
-der Klostermauer springe ich, vom Turm stürze ich mich und
-Feuer lege ich in das Haus der Mönche. Wenig liegt mir an
-dem Leben eines Hundes und ich werfe es von mir, wie ich
-dieses Gewand von mir schleudere, wenn ich ein anderes auf
-meinem Wege finde.«</p>
-
-<p>»Wie ein Heilloser schreist du,« versetzte Reinhard,
-»Tutilo sprach nicht unrecht, als er dich mit einer wilden
-Katze verglich.«</p>
-
-<p>»Tat er das,« rief Immo, »so freut's mich, daß er die
-Krallen gefühlt hat.«</p>
-
-<p>»Dennoch rate ich dir, mein Sohn, daß du dich noch
-einmal an meine Seite setzest, wenn du deine Wut zu bändigen
-vermagst. Wehre mir nicht, dir zu raten, weil dies
-eine, die dir lieb ist, von mir erbat.«</p>
-
-<p>Immo ging langsam zu seinem Lager zurück, setzte sich
-zu den Füßen des Mönchs und stützte sein heißes Haupt in
-die Hand.</p>
-
-<p>»Wundere dich nicht, Immo, wenn ich dich einlade zu
-werden, was ich selbst bin. Denn auch ich habe mich von
-Vater und Mutter geschieden und ich habe die Rosse und<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-Hufen, die mein Erbteil sein sollten, den Heiligen dargebracht,
-weil ich um meiner Seele Heil bebte und lieber die
-Gnade des Herrn wählte als die vergänglichen Freuden dieser
-Welt. Auch ich entsage und gehorche und wandre wie ein
-Fremdling durch die Welt. Ob der Frost den Leib bedrängt,
-der Hunger quält und Gefahren drohen, gleichgültig und verächtlich
-ist mir das alles in den Stunden seliger Freude. Nicht
-Liebe des Weibes, nicht das Lied des Sängers, welches den
-Helden ehrt, schaffen solches Glück wie die Heiterkeit ist, die
-ich im Herzen trage, wenn ich zu den Füßen des Herrn liege,
-dem ich mich als Knecht gelobt habe. Darum möchte ich
-deine Seele und die Seelen aller, welche mir vertraut werden,
-den Greueln der Welt entreißen und den Handgriffen
-des üblen Teufels.«</p>
-
-<p>Immo schwieg nachdenkend. »Vater,« sprach er, »beantworte
-mir eine Frage, die ich unwissend tue. Wenn es dir
-und andern frommen Männern nun gelänge, alle Christen
-auf deinen Weg zu leiten, und wenn alle zu Mönchen und
-Nonnen würden, verzeih, Vater, aber ich meine, dann wird
-es an Kindern fehlen.«</p>
-
-<p>»Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene
-Rede versuchen willst, du sollst die Verkündigung hören,«
-versetzte Reinhard feierlich. »Käme diese selige Zeit, die,
-wie du selbst weißt, noch weit entfernt ist, dann wird sich der
-Himmel auftun und der Herr wird mit den himmlischen
-Heerscharen heranziehen zum Gericht; aus der alten Welt
-des Jammers und der Sünde wird eine neue erstehen, in
-welcher die Seligen im Lichtglanz dahin wandeln.«</p>
-
-<p>Immo sah bei dem rötlichen Schein der Lampe, wie das
-Auge des Mönchs leuchtete und seine Hände sich unwillkürlich
-zum Gebet schlossen. »Du selbst weißt, mein Vater,«<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-begann er bittend, »daß der gute Gott den Vögeln ungleichen
-Gesang gegeben hat. So hat er auch den Menschen verschiedene
-Gaben ausgeteilt, als er in den Erdgarten kam,
-um die Kinder durch seine Geschenke zu ehren. Ich aber
-möchte den Gaben vertrauen, die ich an mir erkenne.«</p>
-
-<p>»Mit guten Sinnen sprichst du, Immo,« versetzte Reinhard,
-»und verwundert höre ich, wie klug du die Worte setzest.
-Auch dies ist eine Gabe, die der Herr solchen verliehen hat,
-die er für seinen Dienst bestimmt.«</p>
-
-<p>»Nicht zum erstenmal füge ich die Worte in dieser Sache,«
-versetzte Immo, »denn oft haben Väter des Klosters, die mir
-günstig waren, ähnlich zu mir gesprochen wie du. Wisse,
-Vater, da du so gutherzig mit mir redest, zu lange weile ich
-schon im Kloster und ich bin seiner herzlich müde. Wenn ich
-auf dem Roß sprenge, bin ich glücklicher als zu Fuß und,
-Vater, als ich gegen die Reiter des Grafen ritt, um den
-Hugbald herauszuziehen, da war mir so fröhlich zumute, wie
-nach deinen Worten dir bei dem Altare. Daran erkenne ich,
-daß ich nicht gemacht bin, Mönch zu werden.«</p>
-
-<p>»Und doch, Immo,« entgegnete Reinhard, »sollen alle
-Menschen in jenem Leben teilhaftig werden der Gemeinschaft
-der Heiligen.«</p>
-
-<p>»Und meinst du, Vater, daß man in der großen Halle des
-himmlischen Königs nur Ehre erlangen kann, wenn man den
-Freuden dieser Welt gänzlich entsagt und als Mönch oder
-Nonne betet?«</p>
-
-<p>»Wie magst du zweifeln,« entgegnete Reinhard eifrig,
-»da es verkündet ist. Weißt du nicht, daß geschrieben steht:
-wer sich erniedrigt, der soll erhöhet werden? Wer lebt demütiger
-als der Mönch? Schwer ist's, in den Freuden der
-Welt dem Herrn wohlgefällig zu bleiben, und die liebsten<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-Genossen des Himmelsherrn werden nur die sein, welche
-hier entsagen und büßen.«</p>
-
-<p>»Wahrlich, Vater,« rief Immo, »wenn es in der Himmelsburg
-so ist wie du verkündest, daß die Mönche und Nonnen
-vor den andern an der Herrenbank sitzen, dann will ich in
-den Pferdestall, wo die Rosse des Engels Michael stehen und
-anderer schneller Boten, denn lieber will ich dort die Pferde
-striegeln und die Steigbügel halten, als ewig den Kopf neigen
-und in das Ohr wispern und nach der Miene des Präpositus
-und der Dekane sehen, wie hier die Mönche tun.«</p>
-
-<p>Dem Mönch empörte sich das Herz, aber er antwortete
-ruhig: »Zuchtlose Worte vernehme ich in den Mauern des
-Klosters; sonst hört man sie nur auf den Burgen der Gewappneten,
-welche eilig sind, Menschenblut zu vergießen.
-Deine Rede ist heillos auch für einen Weltgeistlichen, wenn
-du ein Kanonikus zu Erfurt wirst, wie dein Geschlecht will.«</p>
-
-<p>»Verleidet ist mir das weiße Gewand wie die wollene
-Kutte,« rief Immo, »und verhaßt auch der Sitz im Chore
-von Erfurt.«</p>
-
-<p>»Zu dem Grunde, auf welchem dein Geschlecht haust,
-gehört die Mühlburg. Diese Burg wollen deine Verwandten
-dem Erzbischof zu Mainz, der dem Stift in Erfurt gebietet,
-übergeben, damit du als Kanonikus ausgestattet werdest,
-wie Brauch ist.«</p>
-
-<p>Wieder fuhr Immo in die Höhe. »Um meinetwillen soll
-mein Geschlecht verzichten auf den festen Sitz, der unsere
-Ehre war. Mehrmals flüchtete der Vater, wenn der Grenzkrieg
-entbrannte, die Rosse und Rinder und unsere ganze
-Habe in den sichern Bau, und ich und meine Brüder sprangen
-auf den Mauern und kletterten in den Schluchten. Ein Ahn
-von mir hat, wie du wissen wirst, den Berg, auf dem die<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-Wigbertleute die Wassenburg gebaut haben, dem Kloster
-geschenkt, jetzt soll auch die zweite Burgstätte dahinschwinden
-um meinetwillen! Jammervoll ist mir zu sehen, wie unser
-Erbe weggegeben wird, damit die Geschorenen in den Wäldern
-gebieten, wo sonst unser Jagdruf erklang. Wehe mir,
-daß ich niemanden habe, der meine Klage anhört, als einen
-landlosen Mönch.«</p>
-
-<p>»Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhören,«
-antwortete Reinhard sich erhebend, »so vernimm,
-was ich dir ungern sage und nur, weil es mir befohlen ward,
-was aber für deinen weltlichen Sinn die letzte Hilfe sein kann
-in der Not, welche dich bedrängt. Merke wohl, Immo, du
-kannst frei von hier ziehen, wohin dich dein Gelüst treibt,
-ein Kriegsmann magst du werden, der auf die Mühlburg
-sein Gemahl heimführt und unter den Edlen von Thüringen
-im Heergewand reitet.«</p>
-
-<p>»Sage mir, Vater, was soll ich tun, damit ich dies Glück
-erreiche?«</p>
-
-<p>»Gelobe, bevor du scheidest, Burg und Berg deinem
-Herrn Bernheri in die Hand zu geben, damit du sie als Lehn
-für dich und dein Geschlecht zurückerhältst. Nützen wirst du
-dem Kloster auch als Lehnsmann und Vogt, der für das
-Kloster sorgt, wie ja viele aus den edelsten Geschlechtern tun,
-um den Heiligen zu gefallen. Gelobst du dies, so vermag der
-Abt dich zu schützen gegen jeden Feind, den du hier und anderswo
-hast; denn auch so dienst du den Heiligen und du
-weißt ja selbst, es ist leichter Dienst, den sie dir auflegen.«</p>
-
-<p>Immo stand betroffen. Der Weg, welchen ihm der Mönch
-wies, bot vieles, wonach sein Herz sich sehnte, er wußte recht
-gut, wie stolz das Kloster auf seine Burgen war und daß er
-als Lehnsmann des Klosters den Wigbertleuten wertvoller<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-wurde, wie als Mönch. Dennoch empörte sich sein stolzes
-Herz bei dem Gedanken, als Dienender den Schild zu tragen.
-Er schwieg und starrte vor sich hin.</p>
-
-<p>Reinhard, der den Kampf des Jünglings beobachtete,
-fuhr fort: »Einer deiner Ahnen starb in der Heidenzeit unter
-dem Schildrand für die heilige Kirche. Wie darf sein Enkel
-zaudern? Dienstmann der Heiligen wurde jener im Tode,
-du aber sollst in demselben Dienste mit Ehren leben.«</p>
-
-<p>Immo fuhr zusammen, denn bei der Rede des Mönchs
-vernahm er noch eine andere Stimme und neben dem hagern
-Antlitz des Lehrers sah er das rundliche Gesicht und das herzliche
-Lächeln des Greises Bertram und in ihm klangen die
-Worte, welche ihm übergeben waren: »Birg nie in fremder
-Hand, was du allein zu halten vermagst, wenig frommt dem
-Manne zu dienen, wo er gebieten könnte.« Da sprach er:
-»Ich höre eine Mahnung in meinem Innern, daß ich deinem
-Rat nicht vertrauen soll, und ich will nicht.«</p>
-
-<p>»Eine Waise bist du, ohne Freundschaft stehst du hier, dein
-eigenes Geschlecht ist deinen weltlichen Wünschen zuwider;
-St. Wigbert aber vermag dich zu schützen wie ein Vater und
-keinen erlauchteren Herrn kannst du wählen als den hohen
-Heiligen.«</p>
-
-<p>»Ich will nicht dienen,« antwortete der Jüngling; die
-Lippen schlossen sich fest und er sah in seinem Trotz aus wie
-ein älterer Mann.</p>
-
-<p>»Nur kurz ist die Zeit, die zum Widerstande bleibt,«
-mahnte Reinhard, nach dem Fenster deutend, »sieh diesen
-Docht, welcher verglimmt und den Morgen, welcher aufsteigt.«</p>
-
-<p>»Und ich will nicht und will nicht,« antwortete Immo
-tonlos.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Reinhard wandte sich traurig ab: »Fruchtlos ist die Mühe,
-dir durch Worte den trotzigen Sinn zu wandeln. Dennoch
-bleibst du ein Kind meiner Sorgen und käme der Tag, wo
-du gute Meinung für dich begehrst, so wisse, Immo, daß du
-sie bei mir findest.« Er hob die Hand zum Segensgruß und
-verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Immo sah ihm nach und dachte: ob dieser so ist, wie
-Sintram sprach, daß er treulich für mich beten wird? und
-er schüttelte das Haupt. Er warf sich auf sein hartes Lager
-zurück, aber die Gedanken fuhren ihm stürmisch durch das
-Haupt und er mußte immer wieder nach dem Himmel sehen,
-der im Osten sich rötete.</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Seitentür und Herr Bernheri selbst
-trat herein, hinter ihm Eggo mit einer großen Kerze in
-kupfernem Leuchter. Immo fuhr in die Höhe und neigte
-das Haupt vor dem Gebieter. Mürrisch begann der Abt:
-»Da seht den Nestling aus den Waldhecken; aber störrisch
-ist er wie ein junger Geier und Reinhard hat sich vergebens
-bemüht, ihm die Kappe umzulegen. Obwohl ich im voraus
-gesagt habe, daß von dir nicht viel Gutes zu erwarten ist.
-Ganz unlieb ist mir deine Widerspenstigkeit und ich täte am
-klügsten, dich gänzlich deinem Schicksal zu überlassen, welches
-wahrscheinlich jämmerlich sein wird.«</p>
-
-<p>Immo schwieg, aber das Herz hämmerte ihm in der
-Brust. Herr Bernheri ging schwerfällig auf und ab, an seinen
-zwinkernden Augen und der gesträubten Haarkrone konnte
-man erkennen, daß er sich erst vor kurzem vom Lager erhoben
-hatte. »Bringe mir einen Becher mit gewürztem Wein,
-Eggo, und stelle ihn hier auf den Tisch. Mit dir aber, du
-springender Scholastikus, will ich ein Ende machen auf meine
-Weise und es soll mich nicht kümmern, ob sie dir oder andern<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-mißfällt.« Wieder ging er nachdenkend auf und ab. »Setze
-dich an das Pult, nimm die Schreibtafel und den Griffel
-und laß mich erkennen, ob du etwas von der Kunst der
-schwarzen Buchstaben gelernt hast.«</p>
-
-<p>Immos Hand bebte und seltsam erschien ihm in dieser
-Stunde die Forderung des Abtes, aber er setzte sich gehorsam
-und frug: »Welchen Duktus befiehlt mein Herr?«</p>
-
-<p>»Vermagst du,« fuhr der Abt überlegend fort, »in lesbarem
-Latein einen Brief zu schreiben? Verfertige zur
-Stelle etwas Passendes an mich, damit ich dich prüfe.
-Schreibe also, daß du wegen des Fastens und deiner Körperschwäche
-einen Trunk Wein ersehnst und mich darum anflehst.«</p>
-
-<p>Immo überlegte. Endlich begann er mit geröteten
-Wangen die Arbeit, welche einige Zeit in Anspruch nahm.
-Unterdes trug auch Eggo ein Schreibpult herzu und schrieb
-nieder, was der Abt ihm leise gebot. Es war darüber zwischen
-beiden ernste Beratung und Immo sorgte, daß sie gar nicht
-zu Ende gehen würde. Endlich wandte sich der Abt um und
-sah den Scholastikus, welcher mit der Tafel zur Seite stand.
-Der Herr streckte die Hand darnach aus und hob sich, um dem
-Licht näher zu sein. »Wie?« sagte er, »du hast dich sogar
-getraut, einen Vers einzuflechten? <em class="antiqua">Bibere si vis vinum,
-scribere debes latinum</em><a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>. Ist auch der Vers nur rhythmice
-und nicht metrice gestellt, so hast du dir damit doch den Trunk
-verdient.« Er wies auf den Becher. »Wage ihn zu heben,
-damit du die Kellerluft vergessest. Und jetzt hole Atem und
-antworte: Würdest du imstande sein, auf Pergament an
-diesen Bruder Eggo aus der Ferne zu schreiben in dem gebührlichen
-Duktus?«</p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p>
-<p>»Ich getraue mir's wohl,« versetzte Immo freudig.</p>
-
-<p>Der Abt seufzte. »Da du so unverschämt bist, von meiner
-Würde zu verlangen, daß ich für dich gerade so unter die
-Brüder springe, wie du für mich getan hast, so habe ich mich
-entschlossen, dich von hier zu entsenden, bevor die Sonne
-aufgeht. Du sollst als mein Bote reiten. &ndash; Was siehst du
-mich an, Eggo? Du meinst, ich soll ihn durch einen Eid
-binden? Laß die heiligen Reliquien in ihrem Schrein, ungeschoren
-geht er von uns, er soll auch ungeschworen seine
-Straße ziehen. Solange ich lebe, sah ich hohe Eide schwören
-und hohe Eide brechen. Ich habe erkannt, daß der ein Tor ist,
-welcher auf die Treue der Menschen baut. Dennoch habe
-auch ich jemanden gefunden, der sich mir bewährt hat im
-Spiel und in der Todesnot. Denn als ich jung war und
-einst mit meinem Jagdbogen im Waldversteck lag, wo das
-Wild zur Tränke läuft, da überfielen mich Nachtschächer,
-blutdürstige Räuber. Ich rief meinen Notschrei, aber nur
-einer hörte, der damals mein Geselle war, er sprang über
-die Felsen herzu und schlug ungerüstet wie Simson mit
-seiner Keule unter die Mörder. Zweien setzte ich den Fuß
-auf den Hals und durchstach ihnen die Gurgel. Ich trug
-keinen Hautritz davon, der andere aber einen schweren Hieb
-in die Schulter. Du selbst kannst die Narbe gesehen haben,
-Jüngling, wenn du an der Achsel deines Vaters standest,
-denn er war es, der mich damals vom Tod löste. Und an
-ihn habe ich gedacht, als ich dich aus dem Kerker holen ließ.
-&ndash; Jetzt aber merke auf, denn ich will deinen leeren Kopf
-mit allerlei gewichtiger Kunde füllen. Von allen Seiten
-heben sich die Nacken der Großen gegen unsern König
-Heinrich. Klein ist die Zahl seiner Getreuen, auch im
-Kloster leben vielleicht solche, welche den Feinden des<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Königs Gutes gönnen. Vermagst du zu verstehen, was ich
-dir sage?«</p>
-
-<p>»Gewiß Herr,« versetzte Immo eifrig, »außer dem Tutilo
-sind die Dekane Hunico, Wolferi, Sigibold und vor
-andern der Pförtner Walto für den Babenberger, und die
-andern Alten haben nicht den Mut, diesen zu widerstehen;
-doch Heriger hält zu dem König und er ist meines Herrn
-Abtes beste Hilfe. Von den jüngeren aber sind die Thüringe
-und Sachsen wohl zur Hälfte dem König gutgesinnt.«</p>
-
-<p>Der Abt starrte den Jüngling an. »Weiß die äußere
-Schule so gut, was in der Klausur vorgeht?«</p>
-
-<p>»Auch zu uns fliegt mancherlei über den Zaun,« fuhr
-Immo fort, »ich merkte auch, daß vorgestern Graf Ernst, der
-ruhmvolle Held, heimlich in der Herberge des Klosters lag.«</p>
-
-<p>»Führe ihn zu den Reliquien,« rief schnell der Abt, »und
-binde ihn durch einen teuren Eid, daß er niemals einem
-andern verkünde, was er von Wigberts Geheimnissen erraten
-hat.«</p>
-
-<p>Eggo führte den Jüngling vor den Schrein und nahm
-ihm den Schwur ab, während Herr Bernheri noch immer
-erstaunt dasaß und zuweilen mit dem Kopf schüttelte. Als
-Immo wieder vor dem Abte stand, begann dieser prüfend:
-»Du also gedenkst dich an den König zu hängen.«</p>
-
-<p>»Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht, welches
-sich der Verwandtschaft mit den Sachsenkönigen rühmt.«</p>
-
-<p>Der Abt lachte. »Wer König wird, dem wachsen die
-Vettern wie Hederich im Hafer. Dir aber bleibt ohnedies
-keine Wahl, seit du so ruchlos den Tutilo gebläut hast. Darum
-vertraue ich dir diese drei Briefe an,« er hob die Arbeit
-des Eggo vom Tische. »Mit dem ersten reitest du in deine
-Heimat, er geht an deine Mutter und spricht von deiner Entlassung<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-wegen der wilden Kriegszeit, damit die Frau meine
-gute Meinung für dich erkenne.«</p>
-
-<p>Immo ergriff freudig den Brief.</p>
-
-<p>»Dafür sollst du mir in deiner Heimat dienen. Die Seelen
-der Brüder in Ordorf sind durch die Bosheit eines andern,
-der hier im Kloster weilt, vergiftet, aber der Vogt auf der
-Wassenburg ist mir treu. Diesem trägst du den zweiten Brief
-und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist, wirst du
-allein ihm den Brief vertraulich vorlesen, damit keiner von
-den Brüdern die Schrift erblicke. Und was du von ihm und
-andern über die Rüstungen in Thüringen erfährst, das sollst
-du an Bruder Eggo schreiben und durch den Reisigen,
-welcher dich begleitet, hierher senden. Dann aber rate ich
-dir, daß du so bald als möglich deine Helmkappe bindest und
-dich allein oder mit Kriegsleuten, welche dir folgen wollen,
-über die Berge zum Könige durchschlägst. Du wirst Herrn
-Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in
-der Gegend. Dort gibst du den dritten Brief an seinen
-Kanzler Erkambald. Spähe nach den Mienen des Kanzlers
-und erlausche, soviel du vermagst, über den Kriegszug und
-die gute Meinung des Königs für mich. Was du erkundest,
-das schreibe wieder an Bruder Eggo. Setze keine Namen in
-deine Briefe, aber die Anfangsbuchstaben, damit wir erkennen,
-wen du meinst. Als Boten gebrauche den Spielmann
-Wizzelin, welchen du kennst, denn diesen habe ich geworben
-und in das Lager gesandt. Du selbst aber sei bemüht, dem
-Kanzler zu gefallen, ich habe ihm auch deinetwegen einige
-Worte geschrieben.«</p>
-
-<p>Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel, deren
-Faden durchgebrannt war, in die große Tülle; der eherne
-Ton klang scharf durch das Zimmer. Aus der Klosterkirche<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-tönte der Gesang der Vigilien. Der Abt erhob sich. »Es ist
-Zeit, daß dein Fuß aus den geweihten Wänden gleite, sonst
-möchtest du sie schwerlich verlassen. Es ist auch Zeit, die unheiligen
-Gedanken abzutun. Ein ungewohnter Dienst ist
-meiner zuchtlosen Herde dieser Nachtgesang, ich meine die
-Angst um ihre Missetat hat sie vom Lager gescheucht. Uns
-allen tut Vergebung not. Auch mir, der ich erhöht bin zum
-Abte, gebührt jetzt, meiner Nichtigkeit zu gedenken und wie
-die Regel befiehlt, tief hinabzusteigen bis zu der siebenten
-Stufe der Demut, um mit dem bekümmerten Hiob zu
-sprechen: Ein Wurm bin ich und nicht ein Mensch, scheusälig
-den Leuten und greulich dem Volke. Ungerecht habe ich
-mich vor dir, o Jüngling, meiner weltlichen Geburt gerühmt
-und, was noch jämmerlicher ist, meiner wilden Taten im
-Walde. Hochmütig bin ich im Grunde meines Herzens und
-wer über meinen Bauch spottet, hat guten Grund, denn gar
-wenig lebe ich nach der Regel; oft habe ich gesündigt durch
-Gebratenes und Buttergebäck, vom gewürzten Wein zu geschweigen;
-manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und
-wer mich mit einem Weinfaß vergleicht, der spricht nicht
-unwahr. Vielen Haß nähre ich in meiner Seele gegen
-manche und andere verachte ich; viel denke ich auch an
-meinen Schatz von Silber und edlen Steinen, an die wilden
-Ochsen im Walde und an die Fährten der Hirsche; ein ungetreuer
-Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich vor der Strafe.
-Denn zu einem Eckstein war ich bestellt, aber ich bin nur gut
-dazu, daß die andern ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen.«
-Er stöhnte tief und faltete die Hände, während
-Immo, der sich bei dem Beginn des Nachtgesanges auf die
-Knie niedergelassen hatte, dem Gottesdienste des Abtes verwundert
-zuhörte, obwohl er wußte, daß es zu den Geboten<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-des Klosters gehörte, sich selbst zu erniedrigen. Nach vielen
-Seufzern erhob der Abt das Haupt, als einer, der schwerer
-Pflicht Genüge getan hat und begann rauh: »Was kauerst
-du noch, du Heupferd, um zu warten, bis dich die Schnäbel
-der dunklen Vögel zerhacken, die dort drüben so hastig singen,
-nicht gleich Heiligen des Herrn, sondern wie Stare in den
-Weiden des Teiches. Enthebe dich aus meinen Augen.«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn;
-denn wie ein Vater habt ihr euch gegen mich erwiesen heut
-und sonst in der Schule.«</p>
-
-<p>Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt, sprach den
-lateinischen Segen und strich über das lockige Haar. »Sei
-dankbar gegen mich, soweit du vermagst, obwohl ich fürchte,
-daß dein Gedächtnis darin kurz sein wird. Mancher, der wie
-du als ein Springer aus dem Kloster in die Sünden der Welt
-hineinfuhr, schlich mit grauem Haar unter der schweren
-Bürde seiner Schuld in das Kloster zurück. Gedenke, daß
-am Altar eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer
-Last.« Er zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande.
-»Nicht als ein kahler Schüler sollst du Bote reiten, denn unter
-Kriegsleuten ist der Geldlose verloren. Die Briefe gib nicht
-von dir, solange du deinen Arm heben kannst, die Feinde abzuwehren.
-Eine Reiterkleidung und Waffen findest du bei
-dem Rosse, damit nicht kundbar wird, daß du aus dem
-Hühnerhofe des Klosters entflogen bist.« Er reichte dem
-Jüngling die Hand, welche dieser mit nassen Augen küßte.
-Eggo winkte ungeduldig und führte ihn die Wendeltreppe
-hinab durch die dämmerige Halle, in welcher die Gewappneten
-lagen. Lautlos durchschritten sie den Hof; der Mönch
-öffnete eine Pforte der Mauer, wies auf den schmalen Steg,
-der über den Graben führte und auf einen Reiter, der jenseit<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-des Grabens ein leeres Roß am Zügel hielt, dann grüßte
-er mit der Hand und schloß hinter dem Jüngling die Pforte.
-In großen Sätzen sprang Immo ins Freie, während aus
-der Klosterkirche feierlich das Ambrosianum erklang.</p>
-
-<p>Als Immo die Rosse erreicht hatte, warf ihm der Reiter
-die Zügel zu. »Hugbald!« schrie der Jüngling in freudiger
-Überraschung, da er das ehrliche Gesicht des Dienstmanns
-erkannte.</p>
-
-<p>»Schweig, Geselle,« murmelte der Reiter, auf die weißen
-Wolkenstreifen weisend, welche aus dem Nebel der Niederung
-wallend gegen das Kloster zogen. »Ungern hören
-die Wasserfrauen den Ruf der Männer, während sie in der
-Luft schweben. Hier draußen walten andere Geister als
-innerhalb der Mauern und obgleich hinter uns noch Wigberts
-Stimme ertönt, werden diese hier einen Dienstmann
-des Heiligen doch wenig ehren, wenn er ihren Zorn erregt.
-Harre, bis wir über die Brücken gedrungen sind und die freie
-Höhe erreicht haben.«</p>
-
-<p>Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda
-entlang. Aber Immo konnte sein pochendes Herz nicht bändigen,
-er drängte sein Roß an das des Alten, ergriff seine
-Hand und rief: »Mich freut's, daß du durch den Wechsel aus
-der Gefangenschaft gelöst bist.«</p>
-
-<p>»Wenig Ehre brachte mir der Tausch,« brummte der Alte,
-»gegen einen Pferdedieb ausgewechselt zu werden, ist
-kränkend genug, mich haben sie gar für zwei gerechnet. Doch
-da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint, sollst du dich in
-einen Kriegsmann wandeln.« Er nestelte einen Bund vom
-Sattel. »Wirf dir den Reitermantel um,« dann knüpfte
-er den Eisenhut und das Schwert los und reichte beide dem
-Jüngling. »Hier nimm auch den Wurfspieß, er ist von den<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-schweren, ich weiß, daß du ihn zu werfen vermagst. Recht
-wohl steht dir die Stahlkappe und mich reut nicht, Immo,
-daß ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen
-lehrte.«</p>
-
-<p>Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und küßte
-ihm den grauen Bart: »Gesegnet seist du, daß du mich zur
-Reise gewappnet hast,« dann sprengte er in gestrecktem
-Laufe vorwärts, wirbelte den Speer, und während der Tau
-von seinen Locken träufelte und über die heißen Wangen
-lief, jauchzte er dem goldenen Licht des Tages zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch4">4.<br />
-In der Heimat.</h2>
-</div>
-
-<p>Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha,
-einer Burg des Klosters, der Heimat zu. Auf beiden Seiten
-des Weges zogen sich niedrige, langgestreckte Hügel dahin,
-die Rücken mit Wald bewachsen, an den Gehängen die
-Ährenfelder, deren Frucht sich bräunte. In den Niederungen
-dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen große Teiche, die
-mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich
-waren die Dörfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk
-und breiten Graben oder durch das Wasser eines Sees
-gesichert. War ein Dorftor geschlossen, dann zogen die
-Reiter auf der Außenseite herum über den Anger, auf
-welchem das Dorfvieh weidete, fanden sie ein Tor geöffnet,
-so sprengten sie über die Brücke und antworteten auf die
-Frage des Wächters, der eilig seinen schweren Spieß aus
-der Ecke holte und ihnen entgegentrat. Immo fuhr dahin
-mit fröhlichem Herzen und unter dem Druck der Schenkel
-hob sich sein Roß zum Sprunge.</p>
-
-<p>Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den
-Weg, ein breiter Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall
-mit einer dichten Baumhecke, bei der Brücke ein hoher Grenzhügel,
-auf dem ein wettergraues Turmgerüst stand. »Sieh
-das alte Grenzzeichen meiner Väter,« rief Immo, »einst<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-war das ganze Land dahinter unser Erbe, jetzt freilich gehören
-viele Hufen fremden Herren, dagegen liegen wieder
-Höfe, die uns gehören, außerhalb der Mark. Doch ehren wir
-das alte Malzeichen.« Er schwang sich vom Rosse, sprang auf
-den Hügel, riß blühendes Kraut ab und steckte es an seinen
-Hut. »So nehme ich Besitz von dem Lande meiner Ahnen,
-bezeuge mir's, liebe Sonne, daß Laub und Gras mir diene.«
-Am Ufer eines Gebirgsbachs ritten sie wohl eine Meile dahin,
-Immo wies auf das klare Wasser und auf die bunten
-Steine, welche den Bach von beiden Seiten umsäumten.
-»Jetzt rinnst du niedrig, Bach meiner Heimat, und ein Knabe
-vermag dich zu durchwaten, aber ich kenne die Macht deiner
-Strömung, denn im Frühjahr und nach dem Wettersturm
-brausest du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug
-deine Flut an die Schwelle unseres Saals und wir hüpften
-barbeinig im Hofe durch den wilden Schwall.«</p>
-
-<p>Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler,
-an ihrem Fuße breiteten sich weite Seen, die Abhänge bedeckte
-der Laubwald, dazwischen aber schimmerte bald rot,
-bald bläulich die nackte Erdmasse der Berge; auf den Gipfeln
-stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und wieder eine.
-»Das ist der rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht sich
-gelagert hat,« erklärte Immo stolz, »hoch sind die Berglehnen
-und steil der Weg zu den Gipfeln, manches Mal haben die
-Helden dort ihren Feinden widerstanden.«</p>
-
-<p>An einem Wege, der nach Süden führte, hielten die
-Reiter und nahmen Abschied, denn Hugbald sollte nach der
-Wassenburg vorausziehen; und sie besprachen das Wiedersehen
-in den nächsten Tagen.</p>
-
-<p>Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts.
-Vor ihm lag in der Niederung durch eine Mauer<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-umschanzt der große Hof seiner Väter, der Bach teilte sich
-und umfloß den festen Sitz Ingramsleben von allen Seiten.
-Viele Gebäude standen innerhalb des Hofes, in der Ecke ein
-dicker viereckiger Turm, mit kleinen Fensterritzen, oben mit
-Zinnen gekrönt, durch einen Graben von dem übrigen Baue
-getrennt, er war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei
-schnellem Überfall die Hofherren zurückziehen konnten zu
-ihren Kindern und Schätzen, die sie dort geborgen hatten.
-In der Mitte des Hofes aber erhob sich das Herrenhaus mit
-hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und
-einer Galerie darüber, um das Haus standen nahe der
-Mauer zahlreiche Ställe und Wohnungen der Dienstleute.
-Außerhalb des Hofes erkannte man längs dem Wasser die
-Dächer des kleinen Dorfes, welches dazu gehörte. Der Reiter
-hielt vor der Brücke an, ihm pochte das Herz, er neigte einen
-Augenblick das Haupt und flehte zu den Heiligen, dann setzte
-er mit großem Sprunge durch das offene Tor. Sein Roß
-stieg, er hob sich hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner
-Väter.</p>
-
-<p>Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde,
-niemand kam, den Gast anzurufen und das Roß zu halten.
-Immo lenkte sein Pferd abwärts den Ställen zu. Dort
-kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk in großen
-Schwärmen, auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt
-unter dem Dach der Ställe. Nur der alte Kranich,
-welcher dem Geflügel zum Vogt gesetzt war, stand mitten
-auf dem Strohhaufen, richtete den Hals hoch auf und wandte
-seinen scharfen Schnabel dem fremden Reiter zu. Als aber
-Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen des
-Kranichs: »Ludiger« rief, da erkannte der kluge Vogel seinen
-alten Herrn und vergaß gänzlich seiner Würde, er schrie und<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-rannte mit ausgebreiteten Flügeln und aufgesperrtem
-Schnabel dem Sohn des Hauses entgegen, gerade als wollte
-er ihn umfangen und schmiegte seinen Kopf an den Leib des
-Mannes. Immo aber strich ihm liebkosend den roten Scheitel,
-bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke lief. Dort
-breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde
-an sich zu drehen und zu tanzen, so daß die Hühner gackerten,
-und das Geschlecht der Enten und Gänse sich erhob und
-lautes Schnattern begann, erstaunt über die Gebärden des
-ernsthaften Meisters. Alle Vögel schrien und hinten im
-Hundezwinger bellten die Bracken. Da sah die alte Dienerin
-Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief zurück:
-»Gutes Glück steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor
-seinem Volke;« aber im nächsten Augenblick stieß auch sie
-einen Schrei aus, lief die kleine Hintertreppe hinab und umschlang
-mit ihren Armen den Fremdling.</p>
-
-<p>Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den
-Saal. Von der Schwelle erkannte er auf dem Herrenstuhl
-die Herrin des Hofes im braunen Trauergewande, das Haar
-mit dunklem Schleier umhüllt, das edle Antlitz wenig gewandelt
-in den Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so
-schön und gebietend, wie er es sehnsüchtig in seiner Seele
-geschaut hatte. »Meine Mutter,« rief er außer sich, warf sich
-zu ihren Füßen, umschlang ihre Knie und weinte wie ein
-Kind in ihrem Schoß. Frau Edith wollte sich heftig erheben,
-als der fremde Mann zu ihren Füßen niederstürzte, aber
-gleich darauf faßte sie sein Haupt mit ihren Händen und
-drückte ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der
-Mutter aufsah, hielt <span id="corr104">sie ihn</span> an den Locken und sah ihn starr
-an, während ihr Gesicht sich rötete. »Ein Mann bist du geworden,«
-sprach sie erschrocken, aber im nächsten Augenblick<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-warf sie die Arme wieder um ihn und küßte ihn auf die
-Stirne und das Haar, wie die Mutter einem kleinen Kinde
-tut. Schnell folgte Frage und Antwort. »Wisse, Immo,«
-begann die Mutter, »nicht ganz unerwartet kommst du. In
-der letzten Nacht hatte ich einen Traum, gleich einer Verkündigung.
-Auf meinem letzten Lager fand ich mich, gelähmt
-waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich,
-die Hände zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht
-sich über mich, im goldenen Schmuck des Bischofs standest
-du vor mir, um dein Antlitz strahlte ein heller Schein und
-du botest mir das Heiligtum. Mich aber durchdrang ein
-seliger Friede, wie ich ihn nie gefühlt. Glücklich ist die Mutter,
-Geliebter, welcher der Sohn das Tor des Himmelssaals
-öffnet.«</p>
-
-<p>Als Immo von seiner Reise erzählt hatte, zog er den
-Brief des Abtes aus dem Gewande. »Lies ihn,« sagte die
-Mutter sich setzend, »du bist der einzige im Hause, welcher
-der fremden Schrift und Sprache kundig ist, darum erkläre
-mir den Inhalt, damit ich alles verstehe.« Mit geheimer
-Sorge öffnete Immo den Brief, ungern wollte er der Mutter
-in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von seiner Trennung
-aus dem Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt
-nur einen Gruß des Abtes für Frau Edith, und daß er
-den Sohn aus der Schule mit seinem Segen zurücksende,
-damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge.</p>
-
-<p>»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine
-Bitte, die ich durch Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist
-für dich bereitet, damit du ein Held des Himmelsherrn werden
-kannst. Doch heute sprich nicht zu mir von künftigen Tagen,
-denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr freuen.« Sie
-zog ihn bei der Hand in den Hof und öffnete die Gittertür<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-des Gartens, in welchem eine Anzahl Obstbäume auf dem
-Grasgrund stand. Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds.
-Auf einer Bank saß Odo, der ältere, einem gereiften
-Manne gleich, breitschultrig, gemessen in seinen Gebärden,
-das rundliche Gesicht mit den vorstehenden Augen und der
-bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der andern
-Brüder. Diese lagen im Grase, Ortwin, der redegewandte,
-welcher Sprecher des Hofes war, summte ein Lied und
-würfelte dabei auf einem Brettlein mit sich selbst, der starke
-Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher andere schwerlich
-gehoben hätte, unermüdlich in die Höhe und freute sich,
-ihn geschickt wieder zu fassen, und Adalmar und Arnfried
-lagen langgestreckt einander gegenüber, hielten jeder mit
-zurückgebogenen Armen einen Baum umklammert und
-stießen mit den Beinen einen runden Fichtenstamm, daß er
-ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und sie lachten
-laut, wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich
-nahte, daß es eines starken Stoßes bedurfte, ihn abzuwehren.
-Aber seitwärts von den Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe
-eines alten Knechts im Speerwurf gegen aufgestellte Bretter,
-und die Stangen, welche der Knabe warf, dröhnten kräftig
-von dem Holze. Die Brüder sprangen auf, als sie die Mutter
-erblickten, und Immo sah als stolze Jünglinge wieder, die er
-als Knaben verlassen hatte. Sie boten nach der Reihe dem
-Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gruß erschien ihm
-kalt, nur der jüngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals und
-Immo lachte, als das rosige Kindergesicht zu ihm aufsah.
-»Alle seid ihr stattliche Helden geworden,« rief er, »aber am
-meisten gewachsen ist mein Kleiner.« »Im nächsten Jahr
-erhalte auch ich den Schwertgurt,« antwortete dieser freudig
-in seinen Armen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh,
-die Knaben und die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.«</p>
-
-<p>»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe,
-auch die Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.«</p>
-
-<p>»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst
-die Pfropfreiser zu unserm wilden Holz; wundervoll gewürzig
-sind die Äpfel, sie trugen zum erstenmal reichlich in
-dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als der Herbst kam,
-hatte ich das Herzeleid, daß du die guten nicht mehr schmecktest.
-Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid,
-die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof
-hielt. Denn gütig war sie immer gesinnt und sie freute sich
-auch über die Früchte und schenkte mir als Gegengabe eine
-Büchse mit Balsam aus dem heiligen Land. Das ist in
-Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt schnell auch
-tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern
-hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.«</p>
-
-<p>»Zeige mir deine Kunst,« sprach Immo zu Gottfried,
-»die wohl in kurzem auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der
-Knabe ergriff die Stangen und warf herzhaft. »Ich lobe die
-Treffer,« ermunterte Immo, bald ergriff er selbst die Gere
-und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele, daß Gottfried
-freudig die Hände zusammenschlug und die andern Brüder
-Beifall riefen.</p>
-
-<p>»Ganz gut gefällt mir, Immo,« sprach Edith zuschauend,
-»daß du in der Schule auch Werke eines Kriegsmannes
-geübt hast. Denn reitest du einst als ein gewaltiger Herr und
-Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt du auch die Helden,
-welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut und<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am
-besten seine Waffe gebraucht.«</p>
-
-<p>Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.</p>
-
-<p>An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl.
-In der Mitte ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem
-die Tische gestellt waren. An der Tür standen gedrängt die
-Dienstleute, um den Gruß des Herrensohnes zu erwarten.
-Während Immo unter sie trat und mit alten Vertrauten
-fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen
-und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz
-an ihrer Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings
-im Kloster,« sagte sie lächelnd, »dafür hat er dort das Glück
-genossen, neben heiligen Männern zu sitzen. Und ich vertraue,
-auch du hast dir in deinem Dienst bereits Ehre erworben.«</p>
-
-<p>»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe
-Ehre,« versetzte Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das
-Rauchfaß schwenken, doch den Brüdern gefiel nicht der
-Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher und mit
-der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk
-abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben
-mich die Dekane, weil einige Schreihälse aus der Menge
-Wehe riefen wegen eingeschlagener Zähne. Zuletzt las ich
-manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.«</p>
-
-<p>Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude
-den Ärger des Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz
-tretend, bat sie: »Sprich das lateinische Gebet, das sich in
-der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das Haus seiner Väter
-betritt.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach
-Hause kam,« murmelte Immo, und er sprach das lateinische
-Vaterunser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p>
-
-<p>Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah
-verwundert in den großen Raum. Auf dem Fußboden aus
-geschlagenem Lehm, welcher glatt war wie eine Tenne,
-standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz sah er
-durch die geöffnete Tür in den wohlbekannten Hof; hinter
-ihm und auf den Seiten lief, durch ein geschnitztes Geländer
-eingefaßt, die erhöhte Bühne, von welcher zahlreiche Türen
-nach den Kammern und Wohnräumen des mächtigen Hauses
-führten. An den Wänden hingen die alten Rüstungen und
-Waffen, Kampfbeute früherer Helden, auf der Bühne im
-Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl,
-im Winter der wärmste Platz, aber ehrenvoll auch im
-Sommer. Alles war wie vor Jahren. Auch wenn er seine
-Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so dünkte
-ihm seine Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler
-Traum. Wenn er aber die männliche Stimme der erwachsenen
-Brüder hörte und die kurzen Reden, die sie während
-ihrer eifrigen Arbeit am Tische wechselten, so kam ihm wieder
-vor, als sei er bei den Erdmännchen in der Höhle gewesen,
-viele Jahre lang, denn er merkte, daß ein neues Geschlecht
-in dem Saal herrschte.</p>
-
-<p>Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und
-suchte ein freundliches Gespräch, während Frau Edith
-der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr den Saal
-verließ.</p>
-
-<p>Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den
-Spinnrocken neben den Ofen, die Herrin saß auf dem
-Stuhle nieder und ergriff die Spindel. »Komm an meine
-Seite, Immo,« bat sie, »damit ich vertraulich mit dir rede,
-wie sonst. Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches
-Gewebe gesponnen, auch für dich, mein Sohn; ich spann dir<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-gute Wünsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner dachte,
-lag die Spindel in meinem Schoß. Denn neben diesem
-Rocken stand deine Wiege, ich hob dich heraus und du griffst
-nach den bunten Bändern am Flachse. Und als du im Hemdchen
-laufen lerntest, da kauertest du auf der Fußbank und
-warfst deine Beinchen um die Stange. Später sprangst du
-übermütig um meine Arbeit, wirrtest mir den Flachs und
-verkehrtest mir die kreisende Spindel. Jetzt freilich hast du
-bei den frommen Vätern gelernt, ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,«
-unterbrach sie sich selbst, »an dem Türpfosten haftet
-noch der Speer mit dem Zeichen deines Wachstums. Denn
-am Speer maß euch der Vater, jedem von euch nagelte er
-einen Schaft an den Pfosten und in den Schaft schnitt er
-jedem seine eigene Marke, mit welcher der Sohn in Zukunft
-sein Gerät zeichne. Und als das Friedel sein Maß erhalten
-sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten keinen Raum
-mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tür, dort
-steht er allein. »Denn dem Vater war das Prüfen der Größe
-in jedem Jahr eine Freude, obgleich die Alten sagen, daß
-man die Kinder nicht messen soll, euch aber hat es nichts geschadet,
-denn ihr seid alle hoch emporgeschossen. Tritt an
-das Maß,« bat sie, und als Immo ihren Willen tat, rief sie
-erfreut: »Mehr als eines Kopfes Länge überragst du das
-letzte Zeichen und der größte bist du geblieben. So ziemt es
-sich auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder
-Größe vermag eine Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie
-gerade nicht bei ihr sind. Auch dich schaute ich in meinem Sinn,
-ganz klein und wieder größer. Aber wunderlich war es, wenn
-ich allein saß, dann hielt ich dich in meinen Gedanken am
-liebsten als ein kleines Kind auf meinem Schoß, und ich
-freute mich, daß du die Arme zu mir aufhobest, obwohl du<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-doch älter warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich
-so, weil du als kleines Kind mir gehörtest.«</p>
-
-<p>Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.</p>
-
-<p>»Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede,«
-bat Edith und eine feine Röte flog über ihre Wangen. »Denn
-wenn du mich heut ansiehst mit den Augen und mit dem
-Antlitz deines Vaters, dann weiß ich nicht, du Holder, ob ich
-deine Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir,« rief sie
-wieder und warf den Arm um seinen Hals, »denn lange
-habe ich dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob ich
-selbst fremd im Hause sei, weil du mir immer fehltest. Sommer
-und Winter schwanden dahin, meine Knaben wuchsen
-heran, oft machten sie am Abend der Mutter die Freude,
-still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf
-den Höfen der Nachbarn umher. Doch muß ich meine Söhne
-rühmen, denn gehorsam und der Mutter treu gesinnt waren
-meine Knaben alle.«</p>
-
-<p>»Auch ich bin dein Sohn,« rief Immo.</p>
-
-<p>»Ja du,« antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden
-Augen an. Und leise fuhr sie fort: »Anders vermag ich mit dir
-zu reden als mit ihnen, und als ich dich am Tisch hörte, sprachst
-auch du nicht wie die Knaben, denn reichlicher schweben deine
-Worte von der Zunge und mit fremdem Klange dringen sie
-in das Ohr. Doch hört es sich gut an, Immo, und es macht
-dich meinem Herzen vertraulich. &ndash; Reich und froh fühle ich
-mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von uns
-ritt und mir ist, als könnte ich dir alles Geheime sagen, wie
-man es am Altare den Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind.
-Denn du gehörst ja, wenn du auch unter uns weilst,
-mehr den Himmlischen an als wir andern.«</p>
-
-<p>Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-still dahingelebt, als ernste Gebieterin hatte sie die wilden
-Söhne gezogen und über den Dienstleuten gewaltet, ihr
-eigenes Herz, wenn es heftig pochte, hatte sie fest gebändigt;
-jetzt brach in der Freude des Wiedersehens die Mutterliebe
-wie ein starker Bergquell aus der Tiefe ihrer Seele. Dem
-Sohn schien sie einer begeisterten Seherin gleich, noch niemals
-hatte er sie so gehört; er lauschte hingerissen auf den
-Klang ihrer bewegten Stimme und doch empfand er geheimen
-Schmerz bei den liebevollen Worten.</p>
-
-<p>Die Söhne traten nach der Reihe vor die Mutter und
-boten den Nachtgruß, jedem legte sie die Hand auf. Als
-letzter kam Immo, da stand die Mutter auf und als er sich
-neigte, den Segen zu empfangen, umschlang sie sein Haupt
-und streichelte ihm Haar und Wange, die Freudentränen in
-den Augen. »Führe du ihn zu seinem Lager,« gebot
-sie der alten Gertrud, »denn du warst vorzeiten seine
-Wärterin.«</p>
-
-<p>»Wohin leitest du mich, Mutter?« frug Immo lächelnd,
-»ich kenne den Bretterverschlag hinter der Halle, in dem ich
-sonst schlief.«</p>
-
-<p>»Der würde dir jetzt wenig ziemen,« versetzte die Alte,
-»denn Frau Edith hat dir selbst das Lager bereitet.« Sie
-führte durch den Hof zu einem stattlichen Bau, der wie eine
-große Laube aus Stein und Holz errichtet war und zwei
-Gemächer nebeneinander enthielt; die Wände des kleineren
-Raumes waren mit Teppichen bekleidet, der Boden mit
-grünen Binsen bestreut, auf dem Lager weiche Kissen und
-eine prachtvolle Decke, über welcher Greifen und andere gestickte
-Fabeltiere einherschritten, an der Wand hing ein
-großes Kreuz, davor war ein Betpult, eine große Wachskerze
-erhellte den Raum. Immo stand betroffen in der Tür. »Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-rieche die Kirche,« rief er, denn ein Duft von heiligem Räucherwerk
-erfüllte den Raum.</p>
-
-<p>»Der hochwürdige Herr von Magdeburg hat hier vor
-kurzem geruht,« antwortete Gertrud, die Knie beugend.</p>
-
-<p>»Im Gastgemach des Hofes stehe ich, das den vornehmen
-Fremden bereitet wird,« rief Immo traurig, »ich meinte in
-das Haus meiner Väter zu kommen.«</p>
-
-<p>»Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden,«
-wiederholte Gertrud die Worte der Herrin. »Unter uns
-andern Menschen bist du ja nichts weiter als ein Gast, du
-armes Kind.«</p>
-
-<p>Immo winkte der Dienerin die Entlassung und als sie
-sich mit Segenswünschen entfernt hatte, setzte er sich nieder
-und barg sein Gesicht in den Händen, denn die Worte der
-Alten schnitten ihm in das Herz; er merkte, daß sie recht
-hatte und daß er nur ein Gast im Vaterhause war.</p>
-
-<p>Als er am Morgen erwachte, hörte er draußen an der
-Wand das Schwalbenvolk schwatzen und singen, gerade wie
-in der Schule und er wartete, daß die kleine Glocke am
-Michael läuten werde. Draußen aber pfiff ein junger
-Knecht geschickt eine lustige Weise, die Immo in seiner Kinderzeit
-oft gehört hatte. Da erkannte Immo wieder die
-Heimat und er dachte vergnügt, daß der Knabe wohl einer
-Magd des Hofes, die ihm lieb war, seinen Morgengruß zugerufen
-habe, was in dem Kloster niemals geschah. Als er
-die Augen aufschlug, sah er, daß die Lichtöffnungen seiner
-Fensterläden nicht in Kreuzesform geschnitten waren wie
-im Kloster, sondern als runde Herzen, und ein großes Herz
-voll Licht lag golden auf dem Fußboden. Da lachte er und
-sprang auf, und während er sich anzog, nahm er sich vor geduldig
-zu sein und auch Schmerzliches zu ertragen, bis er das<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-Vertrauen der Brüder gewonnen und bis er die Mutter
-mit seinen weltlichen Gedanken versöhnt hätte. Und er
-fürchtete, daß dies ein schwerer Kampf sein werde.</p>
-
-<p>Nach dem gemeinsamen Frühmahl schürzte Frau Edith
-ihr Gewand, um in der Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen,
-und Immo gedachte des vertrauten Briefes, den ihm Herr
-Bernheri für den Dienstmann auf der Wassenburg übergeben
-hatte. Als er der Mutter bekannte, daß er dorthin reiten
-werde, sahen die Brüder einander bedeutsam an und
-tauschten leise Worte. Darum begann Immo freundlich zu
-Odo: »Überall sorgen die Leute, daß ein großer Krieg bevorsteht,
-sage mir, mein Bruder, seid ihr für König Heinrich
-oder Hezilo?«</p>
-
-<p>»Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt,« versetzte Odo
-vorsichtig, »wir aber hören aus der Ostmark, daß die Slawenherzöge
-rüsten und diese sind für uns die nächste Sorge.«</p>
-
-<p>»Unter den Mönchen vernahm ich, daß die Böhmen sich
-dem Hezilo verbündet haben, sicher weißt du, ob die Grafen
-der thüringischen und sächsischen Mark den Böhmen widerstehen
-wollen.«</p>
-
-<p>»Wir vermuten,« antwortete Odo, »daß ihr Wille ist, ein
-Heer zum Schutz der Grenze zu sammeln; dann hoffe ich,
-werden auch wir reiten.«</p>
-
-<p>»Sonst zog unser Wald zu dem Banner, welches der Vogt
-des Königs in Erfurt aufsteckte,« warf Immo ein.</p>
-
-<p>»Ich aber meine,« versetzte Odo, »daß der Königsvogt
-sich nicht beeilen wird, seine Burg zu verlassen und nach
-Süden zu ziehen, wenn an der nahen Grenze der Kriegslärm
-erhoben wird. Bei uns denkt jeder daran, sich im Hause zu
-wahren, denn einer mißtraut dem andern.«</p>
-
-<p>Immo schwieg gekränkt, denn er sah, daß auch die Brüder<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-ihm mißtrauten. Er rief deshalb den Knaben Gottfried
-und erbat von der Mutter, daß dieser mit ihm reite. Auf
-dem Wege erzählte ihm der Harmlose, was er bereits ahnte,
-daß die Mutter für König Heinrich war, die Brüder aber für
-den Babenberger. Und noch mehr erfuhr er. Auch seinetwegen
-war ein langer Kampf zwischen Mutter und Brüdern
-gewesen, denn die Brüder hatten sich dagegen gesträubt, dem
-ältesten die Mühlburg vor der Teilung zu überlassen, damit
-sie dem Stift des Erzbischofs zufalle, und nur widerwillig
-hatten sie dem Ansehen der Mutter nachgegeben. »Die Brüder
-hatten recht,« rief Immo dem verwunderten Gottfried zu.
-Auf der Wassenburg wußte der alte Dienstmann wenig vom
-Laufe der Welt, doch freute er sich des Briefes und besserte
-auf Hugbalds Rat an den Mauern. Auch in Arnstadt, der
-dritten Burg, welche das Kloster am Walde besetzt hielt, vermochte
-Immo nicht viel zu erfahren. Da ritt er nach Erfurt
-zu dem Vogt des Königs, der seinem Vater vertraut gewesen
-war; dort wurde er freundlich empfangen und vernahm
-vieles, was dem Abt wertvoll sein mußte. Auch das
-Pergament zum Briefe kaufte er in der Stadt und den Dienstmann
-Hugbald brachte er als Gast nach dem Hofe, nachdem
-er ihm einen Wink gegeben hatte, über die letzten Tage im
-Kloster zu schweigen.</p>
-
-<p>So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der
-Arbeit, die er für Herrn Bernheri übernommen hatte. Er
-war wenig mit den Hofgenossen zusammen, und Frau Edith
-erfreute sich an dem Eifer, den Immo für seinen Abt bewies.
-Und als sie merkte, daß er in der Kemenate über dem Pergament
-saß, ging sie selbst in den Hof und scheuchte die
-Mägde und den Kranich mit seinem Hühnervolke in die
-entfernteste Ecke, damit kein Geräusch die seltene Arbeit störe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch5">5.<br />
-Die Trennung.</h2>
-</div>
-
-<p>Immo trat zu seinen Brüdern, welche gewappnet, in
-der Eisenhaube die Rosse sattelten. Das Herz lachte ihm,
-als die hochgewachsenen Knaben sich so geschwind mit den
-Pferden tummelten. Da sah er, daß Odo den weißen Sachsenhengst
-herausführte und ihm schoß das Blut nach dem
-Haupte, aber er bewältigte die Erregung in Mönchsweise,
-indem er schnell ein Vaterunser sprach; dann ging er an das
-Roß und sprach ihm leise zu, das Tier spitzte die Ohren und
-wieherte. »Einst gehörte das Pferd mir,« sagte er zu Odo,
-»und als ich schied, schenkte ich es unserm Bruder Gottfried.«</p>
-
-<p>»Das tatest du,« versetzte Odo gleichmütig, »aber da es
-das beste Pferd im Hofe ist und für die Zucht wertvoll, so
-reite ich es lieber selbst; denn der Knabe ist unvorsichtig und
-tummelt sich wild, wo der Hengst zu Schaden kommen
-könnte.«</p>
-
-<p>Immo schwieg, führte das Roß, welches ihm Herr Bernheri
-zur Reise geschenkt hatte, aus dem Stall, sattelte es
-neben den andern und begann: »Gefällt es euch, so reite
-ich mit.«</p>
-
-<p>Die Brüder sahen einander an, und Immo merkte, daß
-eine stille Abweisung in ihren Blicken lag, endlich sprach Odo
-zu den andern: »Da er als unser Bruder im Hofe weilt, so<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-mögen wir es nicht wehren. Doch nicht müßig reiten wir
-über das Feld, Immo, und für einen Gast aus der lateinischen
-Schule wird es ein langer Ritt, denn wir streifen über die
-Fluren wegen Sicherheit der Dörfer, sowohl in unserem
-Erbe als auch auf dem Lande der Nachbarn nach altem
-Brauch.«</p>
-
-<p>»Ich kenne den Brauch,« versetzte Immo, »und möchte
-euch begleiten, wie ich zuweilen unserm Vater gefolgt bin.«</p>
-
-<p>Odo nickte, aber Immo fühlte, daß es keine freundliche
-Einwilligung war, und die jungen Adalmar und Arnfried
-sprachen leise zueinander und lachten.</p>
-
-<p>»Wie kommt es, daß Gottfried uns nicht begleitet?« frug
-Immo auf dem Roß.</p>
-
-<p>»Er trägt nicht den Schwertgurt,« versetzte Odo kurz.
-»Vorwärts,« und in gestrecktem Lauf sprengten die Reiter
-aus dem Hofe.</p>
-
-<p>Die Brüder sahen von der Seite prüfend auf Immos
-Reitkunst.</p>
-
-<p>»Langgefesselt sind die hessischen Pferde,« begann Erwin
-spottend, »übel steht ihnen die Bocknase.«</p>
-
-<p>»Hättet ihr dem Bruder ein Roß aus der Hofzucht geboten,
-wie sich gebührte, so würde das fremde Gesicht euch
-nicht ärgern,« versetzte Immo und sah so finster auf den
-Tadler, daß dieser zur Seite ausbog.</p>
-
-<p>»Ich habe nicht gehört, daß du uns das Begehren gestellt
-hast,« sagte Odo trocken.</p>
-
-<p>»Freundlicher Sinn wartet bei dem, was sich geziemt,
-nicht auf die Bitte,« entgegnete Immo.</p>
-
-<p>»Bei uns aber ist die Gewohnheit,« antwortete Odo,
-»daß der Gast am liebsten das eigene Pferd besteigt, dessen
-Tugenden er vertraut.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span></p>
-
-<p>»Ich lobe den Reiter,« rief Immo mit blitzenden Augen,
-»dem auch auf einem mäßigen Pferde ein guter Sprung
-gelingt. Folgt mir, ihr Knaben.« Er hob die Hand und setzte
-über Graben und Hecke, die sich längs dem Wege hinzogen.
-Sogleich folgten die Brüder einer nach dem andern, nur
-Odo ritt gleichmütig auf dem Wege weiter, und als die
-Reiter zurücksprangen und lachend die aufgeregten Tiere
-zum Trabe bändigten, sagte er kühl: »Wir haben heut einen
-langen Ritt und ein verstauchtes Bein wird uns hindern.«
-Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch den andern,
-sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hörten
-teilnehmend auf seinen Bericht über die Zucht der Klosterfüllen.</p>
-
-<p>So ritt die Schar in scharfem Trabe über die Fluren,
-voran Ortwin, der Sprecher, zuletzt Erwin, der Marschalk.
-Nahten die Reiter dem Wallgraben eines Dorfes, so blies
-Ortwin in ein Horn des Auerstiers, das er am Riemen trug,
-und sie sprengten in die Dorfgasse vor den Hof des Ortsmeisters,
-wo sie anhielten, bis der Mann heraustrat. Verschieden
-waren Gruß und Fragen, wenn er ein Freier und
-wenn er ein Höriger des Geschlechtes war. Auch in der Flur
-hemmten die Reiter den Trab, wo Arbeiter auf dem Acker
-schafften oder wo Hirten weideten; dann eilten auch diese
-heran und berichteten: ob fremdes Volk über die Flur gestrichen,
-ob ein Diebstahl im Felde erkannt, ob ein Raubtier
-in die Gehege gebrochen sei und ob ein Wanderer neue
-Kunde aus der Welt zugetragen habe. Verwundert starrten
-die Landleute auf den fremden Reiter, aber wenn sie ihn
-erkannten, traten sie mit lautem Zuruf heran und boten
-ihm treuherzig die Hand, in den Dörfern drängten sich auch
-die Weiber und Kinder um ihn, und Immo hatte zuweilen<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-Mühe, sich aus dem Haufen zu lösen, wenn Odo wartend
-nach ihm zurücksah.</p>
-
-<p>Über kahle Höhen und Gestrüpp ritten sie in einen alten
-Buchenwald und wanden sich zwischen mächtigen Stämmen,
-an denen selten die Axt klang, der Höhe zu. Dort gab Ortwin
-das Zeichen, aus der Tiefe vor ihnen antwortete ein ähnlicher
-Hornruf und wildes Geheul von Hunden. Die Reiter
-stiegen in ein Kesseltal hinab und sahen vor sich die Hütte,
-welche der Sauhirt für den Sommer aus Stangenholz und
-Rinde zusammengeschlagen hatte, und daneben das Gehege
-für die Schweine. Es war ein düsterer Ort, in den Vertiefungen
-des aufgewühlten Bodens stand sumpfiges Wasser,
-um welches sich die entblößten Baumwurzeln wie dicke
-Schlangen dahinwanden; das Roß Immos schnaubte und
-scheute vor der unholden Stätte. Ein riesiger Mann in
-einem Rock aus Fellen, mit hohen Lederstrümpfen und
-Schuhen, an denen noch die Haare hingen, kniete auf dem
-Boden, beschäftigt, einen toten Wolf abzubalgen. Er erhob
-sich, scheuchte die anspringenden Hunde und begann mit
-finsterm Lächeln: »Den alten Grauhund traf mein Holz
-diesen Morgen. Wollt ihr, daß die Herde nicht zersprengt
-werde, so helft selbst die Wölfe schlagen, ihr Herren, denn
-seit vielen Jahren haben sie nicht so arg zwischen den Hügeln
-geheult als in diesem Sommer; ich allein mit den Knechten
-vermag ihrer nicht Herr zu werden. Die Nachtgänger wissen,
-daß die Helden in der Ebene sich zur Kampfheide rüsten und
-sie heulen nach ihrem Anteil an Lebendem und Totem.«</p>
-
-<p>»Was hast du von der Herde verloren?« frug Odo.</p>
-
-<p>Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten
-der Hütte. »Die Waldweide wird gut,« sagte er kurz, »und
-ihr könnt den Schaden ertragen. Ein fremdes Roß sehe ich,«<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-fuhr er fort, »aber darüber zwei Augen, die einst meinen
-Wald so gut kannten als ich.«</p>
-
-<p>»Sei gegrüßt, Eberhard,« rief Immo und faßte die Hand
-des Mannes.</p>
-
-<p>Eberhard musterte den Arm. »Es ist eine Herrenfaust.
-Kommst du festzuhalten oder wegzugeben?«</p>
-
-<p>»Ich gedenke zu bewahren, was mir zufällt,« versetzte
-Immo.</p>
-
-<p>Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief:
-»Ich dachte wohl, daß du von dem Glockenseil der Geschorenen
-zurückkehren würdest. Denn du gehörst zum
-Walde, und hier merkt der Mann andere Unsichtbare, welche
-ungern auf das Bimmeln der Ordorfer Glocke hören.« Er
-betrachtete die Brüder und fuhr dann fort: »Sechs Söhne
-Irmfrieds stehen vor mir und allen weide ich mit meinen
-Knaben ihre Herden. Dennoch will ich wissen, wem ich selbst
-in Zukunft angehöre und ihr sollt mir's kund tun.«</p>
-
-<p>Die Brüder sahen einander lächelnd an. »Du sollst es
-wissen nach der Teilung.«</p>
-
-<p>»Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs
-Los einem unter euch anzuwerfen? Anders gedenke ich
-meinen Herrn zu finden. Steigt ab und folgt mir, ihr Jünglinge,
-denn ich will euch den Willen eures Vaters verkünden.«
-Er führte hinter die Hütte zu dem stärksten Eichbaum,
-den er mit Bündeln Astholz umschichtet hatte. »Seit
-acht Jahren liegt das Astholz an dieser Stelle und jedes
-Jahr binde ich und schichte ich aufs neue, damit das Holz
-vor fremden Augen verberge, was mir das liebste Stück
-meiner Habe ist.« Als er geräumt hatte, sah man an dem
-Stamme eine Waldaxt, die mit starkem Schwunge eingetrieben
-war. »Diese Axt,« begann der Hirt, »schlug Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-Irmfried in den Baum, als er das letzte Mal zu seinen Ebern
-kam. Damals bot er mir eine Hand zum Abschiede, weil ich
-ihm ein treuer Knecht gewesen war, und die andere Hand
-legte er auf mein Haupt. Ich frug unter seinen Händen:
-Herr, wenn ihr nimmer heimkehrt, wem soll ich ferner
-dienen? Darauf sprach er: Deiner Herrin Edith, solange
-sie dir das Brot hinaussendet und dir das Lager bereiten
-läßt, wenn du im Winter zum Hofe kehrst. Ich antwortete:
-das tue ich gern. Aber sieben Frischlinge laufen auf dem
-Hofe, und wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis
-zu dem Tage verschonen, an welchem ihnen die Eberzähne
-schießen, welchem der jungen soll ich angehören? Laßt
-mich nur dem besten dienen.« »Wer der beste wird, weiß
-nur der Christengott, versetzte der Herr, nicht ich. Herr,
-sagte ich dagegen, der stärkste ist mir im Walde der beste. Da
-sprach der Herr: Wenn der Tag kommt, wo die Sieben miteinander
-zu deinem Baum treten, so nimm diese Axt, neu
-geschärft und mit neuem Stiel, und biete sie meinen Söhnen
-dar, damit jeder von ihnen die Axt in diesen Baum schlage,
-mit dem besten Schwunge, den er vermag, der jüngste zuerst,
-der älteste zuletzt, so wie ich sie jetzt schlage. Und siebenmal
-sollst du selbst die geschwungene Axt aus dem Holz reißen,
-dabei prüfe, welcher von meinen Knaben am schärfsten
-schlägt; und der dir selbst als der stärkste erscheint, dem magst
-du dienen. Da hob Herr Irmfried seine Axt aus dem Sattelgurt
-und schlug sie in den Stamm, so wie sie jetzt noch
-hängt.« Die Jünglinge traten neugierig an die Waffe des
-Vaters. Der Alte aber stellte sich abwehrend davor und
-fuhr mit gehobenen Armen fort: »So bezeuge der Eichbaum
-und bezeuge die Herrenaxt, daß Held Irmfried mir solches
-Versprechen getan hat. Vor meinen Zeugen frage ich euch,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-ihr Söhne des Toten, ob ihr den Willen eures Vaters zu
-ehren gedenkt oder nicht.«</p>
-
-<p>»Wir gedenken seines Willens,« antwortete Odo.</p>
-
-<p>»So helft auch mir, daß ich darnach zu tun vermag.
-Achtmal hat das Laub gegrünt, niemand hat die Axt gehoben;
-das Eisen ist verrostet, das Holz ist herumgewachsen,
-ich selbst hütete sorglich meine Zeugen an ihrer Stelle. Jetzt
-aber naht die Zeit, wo ihr Sieben zu euren Tagen kommt
-und im Schwertgurt das Erbe eures Vaters teilen werdet.
-Für diesen Tag muß ich den Stiel schnitzen und das Eisen
-schärfen und darum will ich, daß heut einer von euch die
-Herrenaxt heraushebe und mir in die Hand lege, damit ich
-mein Recht gewinnen kann.«</p>
-
-<p>Da rief der junge Adalmar nach dem Axtstiel greifend:
-»Gefällt es euch, Brüder, so schärfe der Knecht zur Stelle
-die Schneide und heut schon prüfen wir die Kraft, damit er
-seinen Willen habe.«</p>
-
-<p>»Mir aber gefällt es nicht, daß ihr leichtherzig an dem
-Stiele zerrt,« versetzte der Sauhirt finster. »Nicht alle seid
-ihr versammelt, der jüngste ist noch ein Kindlein und ganz
-richtig begehre ich die Herrenwahl, wie euer Vater gebot.
-Heut will ich selbst einen von euch rufen, der zuerst nach
-seinem Vater den Stiel erfassen soll.«</p>
-
-<p>Odo antwortete: »Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein
-soll, das dir gefällt, so spreche ich nicht dawider.«</p>
-
-<p>Da sprach der Hirt: »Ich aber wähle die Hand, die von
-Wolfsblut rot ist. Denn du, Immo, warst der einzige, der
-dem alten Knechte die Hand gereicht hat, wie dein Vater
-tat. Tritt an den Stamm und zucke dreimal, dann weiche
-zurück.«</p>
-
-<p>Immo trat herzu und rückte gewaltig am Holzgriff.<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-Beim dritten Zuge brach der Stiel, Immo aber riß das
-Eisen aus dem Baume, daß es auf den Grund fiel. Da hob
-der Alte das Eisen auf und betrachtete es kopfschüttelnd:
-»Eine Vorbedeutung erkenne ich für dich selbst, Immo; fest
-ist dein Griff, mit dem du die Herrschaft erwirbst, doch hüte
-dich, daß sie dir nicht bei hastiger Tat entgleite. Ich aber
-bewahre die Axt bis zu dem Tage, an dem sich der Knecht
-seinen Herrn sucht.«</p>
-
-<p>Der Alte kehrte zu dem Wolfsbalg zurück, die Brüder
-schwangen sich auf die Rosse. Aus der Markung ihrer eigenen
-Dörfer führte Ortwin die Schar auf fremden Grund.</p>
-
-<p>Wenige Wegstunden nordwärts umgab der Nessebach
-mit Teichen und sumpfigem Moor wie ein großer Wallgraben
-andere Höhen, an welchen fruchtbares Ackerland
-unter lichtem Laubwald lag. Auch dort waren alte Wohnstätten
-der Thüringe, während hinter ihnen im Norden
-viele angesiedelte Franken saßen, welchen der Graf von
-Tonna gebot; die Bauern vom Moor der Nesse aber hielten
-sich gern zu ihren Landgenossen am Walde. Sie waren stolz auf
-ihre Freiheit und wurden von den Dienstmannen des Grafen
-als altväterisch in Bräuchen und Bewaffnung verspottet.
-Denn sie zogen ungern zu Rosse ins Feld, auch wenn sie es
-vermochten. Aber sie waren auch als trotzige Gesellen in
-der ganzen Gegend gefürchtet und man wußte, daß sie in
-Kriegsfahrten starke Fäuste bewährt hatten.</p>
-
-<p>Seit alter Zeit bestand zwischen ihnen und dem Geschlecht
-des Irmfried, welches um die roten Berge wohnte,
-ein gutes Vernehmen. Niemand wußte zu sagen, woher
-das Bündnis kam, es war seit je gewesen und die Weisen
-sagten, daß es schon lange bestanden hatte, bevor die Ungarn
-ins Land brachen. Und es war ein alter Brauch, daß das<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-Geschlecht Irmfrieds bei allen Fehden, welche die Dörfer
-mit den Nachbarn hatten und auch bei Missetaten, über
-welche das Geschrei erhoben wurde, im Eisenhemd herzuritt
-und mit den Freien dort gemeinsam die Abwehr und Rache
-betrieb; dafür zog auch die Jugend der Dörfer dem Geschlecht
-mit Speer und Bogen zu Hilfe, wenn dieses mit
-andern verfeindet war. Diese gute Nachbarschaft war den
-Grafen und den geistlichen Herren unlieb. Denn die Landleute
-wehrten sich trotziger gegen jede neue Last, welche die
-Grafen auflegen wollten, und man sagte ihnen nach, daß
-sie auch heimlich abseits von dem Grafenstuhl untereinander
-Urteil fänden gegen ihresgleichen in schweren Fällen.</p>
-
-<p>Als die Reiter dem ersten Dorfe nahten, erhob Ortwin
-den Horngesang und sie fanden an Tor und Brücke die Alten
-des Dorfes aufgestellt. Odo ritt vor und wechselte mit ihnen
-alte Sprüche, welche den Freien am Walde eigen waren
-und anderen ungebräuchlich. »Im Sonnenschein, beim
-Wandel des Mondes, unter glitzerndem und fallendem
-Stern kommen wir zu euch wegen Recht und Rache.« Worauf
-die Bauern antworteten: »So grüße euch die Sonne,
-der Mond und der lichte Morgenstern, seid willkommen
-in unserer Burg.« Und als die Reiter abgestiegen waren,
-wurde ihnen ein Trunk gereicht und den Rossen Hafer in
-kleinen Krippen, dabei sagte ein alter Bauer: »Freiwillig
-reitet ihr und freiwillig schütten wir den Hafer,« worauf
-Odo antwortete: »Und wenn wir nicht ritten, dann würdet
-ihr reiten und wir würden euch den Hafer schütten.« Darauf
-besprach sich Odo heimlich mit den Alten und die
-Schar brach zum nächsten Dorfe auf.</p>
-
-<p>Als sie aus einem Gehölz herab kamen, um den Bach zu
-durchreiten, sahen sie vor sich eine hohe Rauchwolke aus<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-niedergebranntem Hause aufsteigen. Ortwin hielt und
-rückwärts gewandt sah er seinen Bruder Odo bedeutungsvoll
-an, dieser nickte und die andern Brüder tauschten leise Worte.
-Als sie nun weiter hinunterkamen zum Rand des Baches,
-fanden sie die Furt durch einen Wagen gesperrt, Hausrat,
-Leinwand und Kleider lagen unordentlich und halbverbrannt
-darauf. Ein bleiches, vergrämtes Weib hockte auf
-dem Sitz und hielt ein schreiendes Kind in den Armen,
-während der Mann mit verstörtem Gesicht und geschwärzten
-Händen vergebens auf sein Pferd schlug, damit das kraftlose
-Tier aus dem strudelnden Wasser die Höhe gewinne. Der
-Mann grüßte die Reiter mit scheuem Blick, aber gleich darauf
-rief er kläglich um Hilfe. Doch Odo wandte das Pferd ab
-und die Brüder sprengten aufwärts zu einer andern Stelle
-des Baches, ohne den Gruß des Mannes zu erwidern und
-seine Not zu beachten. Immo, der im Kloster gewöhnt war,
-den Armen und Notleidenden Mitleid zu erweisen, sprach
-den Brüdern zu: »Schmählich ist es, wegzureiten, während
-der Arme mit Weib und Kind im Wasser ringt.« Odo rief
-herrisch zurück: »Soll ich dir Gutes raten, so folge uns,
-ohne diesen anzureden.«</p>
-
-<p>»Pfui über euch,« rief Immo wieder, »daß ihr ein Weib
-und Kind in der Angst zurücklaßt.« Er sprang ab, band sein
-Pferd an einen Baum und watete in das tiefe Wasser.
-»Treibe noch einmal,« riet er dem Manne und griff selbst
-mit voller Kraft in die Räder, die Peitsche knallte, der Mann
-schrie und mit Hilfe des Starken gelang es, den Karren aus
-dem Bach heraufzuführen. »Wer bist du?« frug Immo,
-»und warum entfährst du hilflos der Feuerstätte?«</p>
-
-<p>»Hunold bin ich genannt, wir gehören dem großen
-Bischof zu Erfurt. Sein Vogt hat mich auf neuer Rodung<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-angesiedelt, im Frühjahr haben seine Leute mir geholfen,
-die Hütte zu bauen. In dieser Nacht wurde sie mir niedergesengt
-und als der Hund in der Stube bellte und ich erwachte,
-war die Tür von außen verschlagen. Mit der Axt
-mußte ich sie unter loderndem Feuer aufbrechen, um diese
-zu retten. Einsam blieb ich während des Mordbrandes, kein
-Notschrei führte mir einen Helfer zu.«</p>
-
-<p>»Und wo willst du hin, Unglücklicher?«</p>
-
-<p>»Hinweg von hier, die Flur ist unheimlich für Fremde;
-den Herrn Vogt will ich anflehen, daß er mich ansiedle, wo
-es auch sei, nur weit von hier. Beschwerlich ist ein Lager
-unter den Disteln.« Das Weib heulte und das Kind schrie,
-Immo griff in den Beutel, den ihm der Abt geschenkt hatte
-und legte der Frau eine Handvoll runden Silberblechs in den
-Schoß. »Aus dem Kloster seid ihr blanken, und in Klosterweise
-streue ich euch aus,« sagte er gutherzig. Er schüttelte
-sich das Wasser aus dem triefenden Gewande, sprang in den
-Sattel und ritt den Brüdern in gestrecktem Laufe nach. Als
-er ihre Schar erreichte, warfen die andern finstere Blicke
-auf ihn und wandten die Gesichter ab.</p>
-
-<p>»Seit wann beschützen die Söhne Irmfrieds den nächtlichen
-Mordbrand?« frug Immo zu Odo reitend verächtlich.</p>
-
-<p>»Nicht wir haben das Feuer entzündet,« versetzte Odo.
-»Kränkt dich, daß wir von einem Vogelfreien abwärts ritten,
-so kränkt uns deine hilfreiche Hand.«</p>
-
-<p>»Galt euch der Mann als vogelfrei, so lobe ich den Brauch
-nicht, ihm Weib und Kind zu sengen.«</p>
-
-<p>»Führt der Hahn sein Volk in die Burg des Fuchses, so
-büßt es Henne und Huhn. Ich riet dir nicht, unserm Ritt
-zu folgen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>»Unwillkommen ist der Mahner,« rief Ortwin, »der
-unsere Bräuche nicht kennt.«</p>
-
-<p>Und Erwin: »Dünkst du dich klüger als deine Landsleute,
-so wärst du besser bei den Mönchen geblieben.«</p>
-
-<p>»Kommst du uns Mönchslehre zu geben,« spottete Adalmar,
-»so wirst du hier eine demütige Gemeinde nicht
-finden.«</p>
-
-<p>»Wie die Eule schreist du deinen Warnungsruf und dein
-Gesang klingt widerwärtig im Lande,« höhnte auch der
-junge Arnfried.</p>
-
-<p>»Daß ich der älteste unter euch bin,« versetzte Immo
-sich hoch im Sattel aufrichtend, »das will ich euch, ihr zuchtlosen
-Knaben, bewähren durch meine Lehre, die ihr mit
-Achtung hören mögt, und durch die Faust, mit der ich die
-Ungehorsamen strafe.« Sein Roß setzte im Sprunge zwischen
-die Schreier und so gebieterisch war seine Haltung, daß die
-Jüngeren verstummten.</p>
-
-<p>»Du irrst, Immo,« begann Odo, »nicht du bist der erste
-im Hofe und auf unserer Flur, und nicht dir kommt es zu,
-die Knaben zu ziehen, sondern mir. Denn ich bin, da der
-Oheim uns verfeindet ist, der älteste des Geschlechts, welcher
-ein Schwert trägt und auf Heldenwerk denkt, du aber wirst
-ein betender Pfaffe.«</p>
-
-<p>»Ob ich dereinst ein geistliches Gewand tragen werde
-oder nicht, jetzt führe ich mein Schwert wie ihr, und die
-Ehre des Ältesten fordere ich als mein Recht, das nicht du
-und kein anderer mir nehmen soll.«</p>
-
-<p>»Nicht die Jahre allein zählen wir, auch die Taten des
-Mannes,« antwortete Odo. »Während du auf der Schülerbank
-saßest, zog ich mit deinen Brüdern zum Kampf. Viermal
-hielt ich die Schildfessel im Grenzkriege gegen die Slawen,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-auch deine jüngeren Brüder sind mehr als einmal auf die
-Kampfheide geritten. Wo sind die Heldentaten, deren du
-dich rühmen kannst?«</p>
-
-<p>»Ihr sahet zu, wenn Häuser brannten und Weiber in der
-Not ihre Arme hoben. Wenig vermag ich eure Kriegstaten
-zu loben,« rief Immo. »Fahret dahin auf eurem Wege, ich
-<span id="corr128">finde</span> den meinen allein.« Er wendete zornig sein Roß
-und ritt seitwärts über die Flur.</p>
-
-<p>Als Immo in beschwertem Mute dahin fuhr, hörte er
-aus der Ferne kunstvollen Peitschenknall, einen Gruß, den
-er wohl kannte. Er sprengte über das Brachfeld zu dem
-Acker, den Brunico, der Bruder des Mönches Rigbert, mit
-den Ochsen des Vaters pflügte. Der junge Landmann hielt
-an, Immo streckte schon von weitem die Hand aus, den
-Jugendgespielen zu begrüßen. »Denkst du der Reden,«
-sprach Immo, »die wir einst in unserm Hofe tauschten; daß
-wir miteinander im Eisenhemd reiten wollten?«</p>
-
-<p>Brunico nickte. »Langsam wandeln die Ochsen und langweilig
-dünkt mich die Schollen zu treten.«</p>
-
-<p>»Ich komme dich mahnen, ob du mit mir zum Heere des
-Königs ziehen willst als mein vertrauter Mann, der sich mir
-für die Schwertreise gelobt.«</p>
-
-<p>Die Augen Brunicos glänzten. »Wenn der König und
-der Markgraf nur noch ein Jahr warten wollten, bevor sie
-aufeinander losschlagen, so wäre das besser wegen des
-Hengstes, auf dem ich dich begleiten will. Denn das Roß ist
-noch jung für die Kriegsfahrt. Ich selber bin meines Vaters
-Sohn und sitze an seiner Bank. Und wenn ich auch etwas
-tun will, so bin ich doch der Worte nicht mächtig, um den
-Alten zu bereden; das mußt du wagen. Und dann gibt es
-noch jemanden, den ich gern darum früge.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>»Ist die Jungfrau aus eurem Dorfe?« frug Immo
-lächelnd.</p>
-
-<p>Brunico schüttelte das Haupt und wies nach Osten.
-»Weiter aufwärts am Bach. In der nächsten Nacht hole
-ich dort Bescheid.«</p>
-
-<p>Als Immo die Schar der Brüder aus dem Dorfe reiten
-sah, lenkte er sein Pferd dem Hofe des Baldhard zu. Der
-Bauer stand in seinem Hoftor. »Sei gegrüßt, Immo,« rief
-er ihm zu, »einem Helden gleichst du auf deinem Rosse,
-reite ein, damit du der Mutter von ihrem Kinde erzählen
-kannst.«</p>
-
-<p>Immo saß zwischen den beiden Alten und vertraulicher
-als gegen sein eigenes Geschlecht sprach er zu ihnen vom
-Kloster und von der treuen Gesinnung des Rigbert. Frau
-Sunihild trug auf, was sie vermochte, um den Gast zu ehren
-und pries ihn glücklich, daß er den Heiligen dienen sollte;
-doch in der Miene des Hausherrn erkannte Immo trotz der
-gutherzigen Weise eine Unzufriedenheit. »Manches Mal hast
-du mir Gutes geraten, Vater,« begann Immo, »auch heute
-begehre ich etwas von dir, was meiner Zukunft nützen soll.«</p>
-
-<p>»Willst du Geheimes von mir hören,« versetzte der Alte,
-»so tritt hinaus ins Freie, denn der Wind, der über das
-Halmfeld weht, verträgt geheime Worte besser als die
-hallende Hauswand.« Baldhard führte seinen Gast aus der
-Niederung nach der alten Grenzeiche, die auf freier Höhe
-weit im Lande sichtbar stand. »Du kennst die Sage,« begann
-der Alte, »welche verkündet, daß um diese Eiche vorzeiten
-ein Lindwurm gehaust hat, welcher Feuer in die Höfe trug
-und sich die Menschen zum Fraß raubte, bis einmal ein
-starker Held mit seinem kleinen Sohn des Weges kam. Dieser
-setzte seinen Sohn auf einen Stein, und als der Arge herankam,<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-das Kind zu holen, erlegte der Held den Wurm, aber
-ihn selbst verbrannte die flammende Lohe, welche aus dem
-Rachen des Untiers kam. Ein Weib aus unserm Dorfe
-drang mutig zu der Stätte, sie fand den Helden tot, den
-Knaben unversehrt unter brennendem Holz und versengtem
-Gras. Unsere Väter meinen, der Knabe sei von deinem
-Geschlecht gewesen und das Weib, welches ihn bewahrte
-und erzog, von meinem. Darum ist dies die Stelle, wo ich
-mit dir am liebsten vertraulich reden will.« Er trat unter
-die Eiche, wies nordwärts über die große Flur seines Dorfes
-und die benachbarten Markungen und begann: »So weit
-du hier das Land siehst, war einst alles freies Erbe handfester
-Männer, siehe zu, was die Kirche und die Grafen daraus
-gemacht haben. In allen Dörfern liegen jetzt die Hufen unter
-verschiedenem Recht. Viele gehören den Mönchen deines
-Klosters, andere den Mönchen von Fulda, noch mehrere dem
-Erzbischof von Mainz, und was am leidigsten ist, viele auch
-den gräflichen Dienstmannen. Diese sitzen unter uns und
-sperren, wenn sie es vermögen, ihre Höfe mit einem Graben
-gegen das Dorf, obgleich sie vielleicht als unfreie Leute unter
-der Faust der Grafen stehen. Völlig zerrissen ist die Gemeinschaft
-der Dorfgenossen, schon sind an vielen Stätten
-unseres Stammes die Freien in der Minderzahl, alljährlich
-verschlingen die Kirche oder fremde Gebieter mehr von unsern
-Hufen und Behausungen. Wie sollen die Landleute noch
-zusammen halten, wenn sie von allerlei Herren Befehle
-empfangen und um die Gunst Verschiedener zu sorgen
-haben. Keine Dorflinde kenne ich, unter welcher der Friede
-bewahrt wird, bei jeder Fehde der Großen streiten die Genossen
-desselben Dorfes gegeneinander und über jede Flur
-reiten fremde Herrenrosse. Wer aber mächtig ist, ob er die<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Kutte trägt oder den Schwertgurt, der weiß sich auszubreiten,
-wenn er sich einmal in einer Flur eingenistet hat.
-In unserem Dorf mißlang es den Fremden bisher noch, in
-den Bund der Freien einzudringen. Denn wenn die Grafen
-wider das Recht im Gemeindeholz gerodet hatten, um ihre
-Leibeigenen anzusiedeln, so weigerten unsere Knaben den
-Unfreien Gruß und Verkehr auf dem Anger und verbrannten
-bei Nacht die neuen Hütten.« Er sah mit einem
-wilden Blick nach der Seite, von welcher die Rauchsäule
-aufstieg. »Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt,
-weil die Mutter das weinend von mir erbat, und ich hoffe,
-die Gabe wird den Heiligen willkommen sein. Auch bin ich
-nicht säumig, dem Kloster Spenden zu geben, und mehr als
-ein Füllen und manches junge Rind habe ich nach Ordorf
-geführt. Aber das Land, auf dem wir im Herrenschuh
-schreiten, wollen wir, soweit es uns noch geblieben ist, vor
-den begehrlichen Mönchen bewahren, obgleich sie uns viel
-Günstiges in der großen Wolkenburg verheißen. Darum
-vernahmen wir Landleute mit Trauer, daß dein Geschlecht
-um deinetwillen eine gute Burg der Kirche übergeben will.
-Denn wir gedenken wohl, daß die roten Berge zur Zeit
-unserer Väter der ganzen Landschaft vor den wilden Ungarn
-Zuflucht gewährt haben. Damals lagen die Weiber und
-Kinder und das Herdenvieh unserer Dörfer in eurem Bergwall
-und die Männer verschanzten die Talwege und die
-Höhen mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch
-der grausamen Heiden siegreich ab. Damals öffnete dein
-Geschlecht uns die rettende Burg und seine Helden geboten
-im Kampfe. Jetzt aber sollen die Pfaffen dort herrschen
-und niemand weiß, wem sie bei einer Fehde anhängen
-werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>Immo ergriff die Hand des Bauern. »Vater, so wie du,
-denke auch ich. Wenn ich es zu hindern vermag, soll kein
-Geschorener auf der Mühlburg gebieten, nicht der Erzbischof
-und nicht ein anderer.«</p>
-
-<p>»Du selbst aber bist der Kirche verlobt?« frug Baldhard
-erstaunt.</p>
-
-<p>»Als Kriegsmann will ich zu König Heinrich reiten, wie
-sehr auch meine Mutter traure, und grade deshalb komme
-ich zu dir.«</p>
-
-<p>»Wahrlich,« rief der Bauer, dem Jüngling kräftig die
-Hand drückend, »jetzt gefällst du mir ganz und gar, Immo,
-und ich hoffe auch, obwohl du jung bist, daß du diesen Sinn
-bewahrst und in deinem Leben allem Herrendienst widerstehst.«</p>
-
-<p>»Gefällt dir was ich will, mein Vater,« fuhr Immo fort,
-»so hilf mir auch, daß ich's ausführe. Denn nicht als Einzelner
-möchte ich dem König zuziehen, sondern mit der Jugend
-unserer Dörfer. Auch deinen Sohn Brunico, der einst mein
-Gespiele war, erbitte ich von dir für die erste Schwertreise.«</p>
-
-<p>Baldhards Gesicht zog sich ernst zusammen und er überlegte
-lange, bevor er entgegnete: »Willst du mit einem
-Gefolge, wie dir geziemt, zum Heer des Königs reisen, so
-siehe zu, ob dir manche unserer jungen Männer mit freiem
-Willen folgen, ich wehre dir's nicht und ich spreche nicht dagegen.
-Doch einen Heerdienst über das harte Maß, welches
-uns ohnedies aufgelegt ist, vermag ich auch nicht zu loben.«</p>
-
-<p>»Vielleicht gefällt dir der Zug besser, mein Vater,«
-beredete Immo, »wenn du selbst an das denkst, was wir an
-deinem Herde über den bösen Willen der thüringischen
-Grafen sprachen. Denn ist der König in Bedrängnis durch
-die Untreue der Großen, so wird er es rühmen, wenn die<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-freien Waldleute ihm jetzt ihre Treue beweisen und darum
-mag der Zug euch in Zukunft frommen gegen die Grafen.«</p>
-
-<p>»Verständig sprichst du, um mich zu überreden,« versetzte
-der Alte, »aber wer mehr tut als ihm obliegt, der wagt
-vielleicht auch mehr als ihm recht ist. Wenn der König
-seinen Feinden unterliegt, dann würden wir's büßen, daß
-wir mehr Eifer gezeigt haben, als uns geboten war. Darum
-dürfen unsere Knaben nur als Freigänger der Donau zuziehen,
-auf ihre eigene Gefahr und ohne Ladung der Gemeinde.
-Nützt uns ihr Zug beim Könige, so haben wir den Vorteil,
-im andern Falle tragen sie den Schaden. Ich sehe auch
-ungern, daß du meinen jüngsten Knaben zu deinem Roßdienst
-werben willst und ich würde dir ihn am liebsten versagen.
-Aber ich gedenke, daß es mir nützen kann, wenn mein
-Geschlecht sich dem deinen wert erhält. Auch der Kriegskunst
-des Knaben kann es frommen, daß er einmal an deiner
-Seite sich im Schwertdienst übt. Dennoch fürchte ich für
-ihn die Verführung. Denn wenn er mit dir unter dem Rittervolk
-dahinfährt, werden ihm die roten Strümpfe der fränkischen
-Dienstmannen und ihr weißer Schwertgurt vielleicht
-gefallen und er wird fortan lieber den Speer halten als den
-Pflugsterz. Ich aber kann nicht ertragen, daß der ehrliche
-Bau in unserer Flur ihm verleidet wird. Darum gelobe mir,
-daß du meinen Knaben nur auf Jahr und Tag an dich bindest
-und daß du ihm, soweit du vermagst, sein Heimatsdorf
-lieb erhältst und auch die Peitsche, mit welcher er einst auf
-seinem freien Erbe über Rinder und Rosse gebieten soll.«</p>
-
-<p>Das gelobte Immo und in gutem Einvernehmen verhandelten
-beide über die Fahrt zum König.</p>
-
-<p>Als Letzter kehrte Immo am Abend in den Saal zurück,
-die Brüder saßen zusammen an der Bank, beachteten seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-Eintritt wenig und sprachen leise miteinander. Immo sah
-finster über sie weg, begrüßte die Mutter, welche auf ihrem
-Stuhl seine Ankunft erwartet hatte, und setzte sich abseits.
-Ihm gegenüber hingen an der Wand die Rüstungen, welche
-sein Vater als Siegeszeichen aus dem Kriege heimgebracht
-hatte, daneben auch Slawenschwerter und Streitkeulen, die
-er noch nicht kannte. Er wußte, es waren Beutestücke seiner
-jüngeren Brüder. Da wurde ihm der Sinn noch mehr beschwert;
-er trat an eine Rüstung seiner Ahnen, hob das
-Schwert vom Pflock, trug es zu seinem Sitz, zog es aus der
-Scheide, prüfte seine Schärfe und legte es neben sich. Odo
-stand schweigend auf, nahm die Waffe weg und schritt zu
-dem Nagel, um sie aufzuhängen. Da fuhr Immo empor,
-riß dem Bruder das Schwert aus der Hand und rief: »Unheil
-bringe dir der Griff nach meiner Waffe, denn dies Erbstück
-des Geschlechtes fällt nach dem Brauch dem Ältesten zu.«</p>
-
-<p>»Vielleicht dem ältesten Kriegsmann,« versetzte Odo,
-»der aber bist du nicht. Besseres hat das gute Eisen verdient
-als an der Seite eines Pfaffen zu hängen, der das Schwert
-nur trägt, wenn es seines geschorenen Haares vergißt.«</p>
-
-<p>»Versuche es zu nehmen,« rief Immo, »so sollst du selbst
-erfahren, ob meine Hand es zu schwingen vermag.«</p>
-
-<p>Gertrud, die zu den Füßen der Herrin saß, tat einen
-gellenden Schrei. Edith erhob sich aus ihren Gedanken und
-als sie die Brüder kampflustig gegeneinander sah, wurde ihr
-Antlitz totenbleich und sie stürzte zwischen die Hadernden:
-»Gib mir die Waffe, Immo,« rief sie und faßte die Scheide,
-»Unheil hängt an dem Eisen.« Sie löste die Waffe aus der
-Hand des Sohnes. »Wisset, ihr Zornigen, euer Vater selbst
-mied das Schwert, denn er trug es an einem Tage, der ihn
-oft gereut hat. Und als ein Unglückszeichen hängt es seitdem<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-ungebraucht an der Wand. Harret der Zeit, wo das
-Los geworfen wird über diese und andere Habe, ich meine,
-keiner von euch wird dann noch lüstern sein, die Waffe an
-sich zu reißen.« Sie hing das Schwert an den Pflock und
-trat zu ihrem Sitz zurück, während die Söhne voneinander
-abgewandt gegen ihren Unwillen rangen.</p>
-
-<p>Die Mutter, in deren Antlitz noch der Schrecken zuckte,
-gebot von der Höhe: »Töricht war euer Streit. Den Frieden
-des Hauses habt ihr gebrochen, gleich unbändigen Knaben
-widerstrebt ihr einander. Reichet euch die Hand zur Versöhnung,
-damit auch ich euren Frevel vergesse.« Und da
-die Söhne unbeweglich standen, rief sie mit flammenden
-Augen: »Du zuerst, Immo, ich befehle es.« Widerwillig
-streckte Immo die Hand aus, die Odo ebenso ergriff. Ein
-langes unbehagliches Schweigen folgte, endlich begann
-Edith: »Sage mir, Immo, wie kommt es doch, daß du zu
-deiner Mutter so gar nicht von dem Kloster sprichst und von
-deiner Lehrzeit.«</p>
-
-<p>»Du selbst weißt, Mutter, daß es nicht ziemet, die Geheimnisse
-des Klosters kund zu tun.«</p>
-
-<p>»Ist denn alles geheim, was ein Schüler dort erfährt?«
-frug die Mutter. »Ich meine, nur die Mönche sind gebunden.«</p>
-
-<p>»Auch mich bindet ein Gelöbnis, das ich vor Herrn Bernheri
-getan,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Dann lobe ich dein Schweigen,« fuhr Edith fort, »doch
-laß die Mutter noch eine Frage tun, wie kommt es doch,
-daß du die frommen Väter zu Ordorf nicht begrüßt hast,
-da du doch sonst jeden Tag durch die Flur reitest? Mancher
-von ihnen kennt dich aus dem Kloster und von früher her,
-und mehr als einer will dir wohl. Und daß ich dir alles sage,<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-der Magister war heut in unserm Hofe, deinetwegen kam
-er hierher und er klagte, daß die Väter und die Scholastiker
-in seiner Zelle sich beschwert fühlen, weil du dich von ihnen
-fern hältst, obgleich du doch auf der Wassenburg mit den
-Dienstmannen verkehrt hast.«</p>
-
-<p>»Gute Kundschaft haben die Mönche,« entgegnete Immo
-bitter, »und neugierig schleichen sie hin und her.«</p>
-
-<p>»Du hast unrecht,« versetzte Edith, »guten Leumund
-haben sie im Lande.« Da Immo schwieg, fuhr sie fort: »Der
-Magister klagte, daß ein Bruder, der von dem großen Mann
-Tutilo gesandt ist, schwere Kunde aus dem Kloster gebracht
-habe. Von hartem Zwist der Mönche sprach er und daß viele
-aus dem Kloster scheiden wollten. Auch dem Boten des
-Tutilo lag es sehr am Herzen, daß du in die Zelle nach
-Ordorf kämest.«</p>
-
-<p>»Wenn ein Bote Tutilos mich ladet,« rief Immo, »so
-wird er vergeblich harren. Er mag seine Botschaft, wenn er
-es wagt, hierher zu meinem Ohr tragen.« Immo schritt
-aus der Halle in Mißbehagen und Sorge. Er gedachte einer
-guten Lehre des Bertram, die er nicht befolgt hatte. Weil
-er der Mutter und den Brüdern am ersten Tag seinen Willen
-verborgen hatte, fand er sich in Widerwärtigkeiten verstrickt.
-Auf den Beifall der Brüder durfte er nicht mehr hoffen und
-das Herzeleid der Mutter ängstigte ihn jetzt viel mehr als auf
-der Reise. Dennoch erkannte er, daß er seinen kriegerischen
-Sinn nicht länger bergen durfte, und er beschloß, am
-nächsten Tage sich zuerst den Brüdern mit versöhnlichem
-Gemüt zu eröffnen und darauf der lieben Mutter. Als er
-aber nach wortkargem Abend in seinem Schlafgemach wieder
-den Weihrauch roch und die Kerze und die gestickte Herrendecke
-sah, da bedrängte ihn die Ehre schwer, und auch am<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-andern Morgen machten ihm die zwitschernden Vögel und
-der pfeifende Knabe das gepreßte Herz nicht leichter.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auf einem Vorsprunge des Mühlbergs waren die streitbaren
-Söhne Irmfrieds versammelt, dazu die Dienstmannen,
-welche die Burg und die Warttürme der nächsten Höhen
-besetzt hielten. Hinter den Männern erhob sich die starke
-Burgmauer, welche die beiden Türme und das hohe Dach
-eines Herrensaals umschloß, seitwärts ragten die Gipfel und
-Bergleiten des langgezogenen Ringwalls. Grade unter
-dem Vorsprung war der Ring gegen das Tal geöffnet,
-gegenüber dem Mühlberg stand ein hoher Vorberg, gekrönt
-mit festem Turme, die beiden Höhen beschützten gleich
-Schanzen den Zugang. Durch die Talöffnung dazwischen
-warf die Abendsonne ihr Licht in die umschlossene Tiefe,
-auf Ackerstücke und Wiesen, und auf den großen mit hohem
-Rohr bewachsenen Teich, über welchem dichte Schwärme von
-Staren und Wasservögeln auf- und niederflogen in unaufhörlichem
-Schwatzen und Zanken. Hoch aber über ihnen
-zogen zwei Bergadler ihre Kreise, bis sie in die Wolken der
-flatternden Vögel hinabstießen, ihre Beute zu holen, dann
-schrie und rauschte der ungeheure Schwarm und stob in
-wildem Getümmel auseinander.</p>
-
-<p>Immo stand seinen Brüdern gegenüber. Er sagte ihnen,
-daß er für die Tage seiner Zukunft den Schwertgurt gewählt
-habe statt der Stola, und er bat sie mit herzlichen
-Worten, ihn als Bruder in ihre Genossenschaft zu nehmen
-und ihm als sein Recht die Ehren des Ältesten zu gewähren
-und seinen Anteil am Erbe. Er gestand ihnen auch, daß er
-dem König zuziehen wolle, und daß seine Ehre nicht gestatte,
-als Landloser unter den andern Edlen zu reiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span></p>
-
-<p>Als er seinen Willen verkündete, ein Kriegsmann zu werden,
-riefen ihm die Dienstmannen Heil und schlugen ihre
-Waffen zusammen, die Brüder aber standen mit umwölkter
-Stirn und waren nicht willig ihm nachzugeben. Endlich
-begann Odo: »Hat sich dein Sinn so gewandelt, daß du
-gegen den Willen der Eltern ein Kriegsmann werden willst,
-so siehe zu, wie du dich vor unserer Mutter entschuldigst.
-Darüber mit dir zu rechten, steht uns <span id="corr138">Brüdern nicht</span> zu. Die
-Teilung des Vatererbes aber vollbringen wir erst in Jahr
-und Tag, wenn das Kind Gottfried sein Schwert trägt und
-bei der Teilung als Jüngster sein Recht ausüben darf, vorweg
-zu wählen. Denn so ist es beschlossen und wir alle haben
-uns seither in der Gemeinschaft wohl befunden. Die Mühlburg
-hatten wir widerwillig auf das Bitten der Mutter von
-dem Erbteil ausgeschieden, doch nur für den Fall, daß du
-die Pflicht der Weihen über dich nimmst, welche das Geschlecht
-dir aufgelegt hat. Weigerst du dich, dein Haupt zu scheren,
-so bestehen wir andern darauf, daß die Burg uns allen
-gemeinsam bleibe bis zur Teilung. Die Herrschaft aber im
-Geschlechte über Dienstmannen und Höfe gestehen wir dir
-nicht zu, obgleich du an Jahren der älteste bist, denn aus dem
-Kloster kommst du, fremd dem Lande und fremd kriegerischer
-Sitte, und wir vermögen keinem, der von der Schülerbank
-entlief, die Sorge um unser Wohl und Wehe zu übergeben.
-Ziehe du dem Heere des Königs zu, wenn dich der Wunsch
-übermächtig treibt, versuche, ob du dort als Ältester Ehre
-gewinnst. Im Walde aber und im Tale der Heimat behaupte
-ich bis zur Teilung mein Recht, die Brüder und Mannen
-zu führen.«</p>
-
-<p>Immos Hand ballte sich und das Blut schoß ihm zum
-Haupte, aber Berthold, der alte Dienstmann, welcher in der<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-Mühlburg gebot, trat schnell in den Ring und begann gegen
-Odo: »Traurig ist dieser Tag für einen Alten, der euch beide
-auf dem Arme hielt, als ihr noch lachende Kinder waret. Euch
-Herrensöhnen steht wohl an, heiß nach Ehre und Macht zu
-streben, doch hörte ich den Mann noch höher rühmen, der
-sich friedlich mit seinem Geschlecht verträgt. Aber deiner
-Rede, Herr Odo, muß ich widerstehen. Denn nicht zwischen
-euch allein schwebt der Streit, auch uns verdirbt er das
-Leben. Das Erbe des Vaters mögt ihr teilen, wann es euch
-gefällt, über die Ehre des Ältesten aber müßt ihr euch zur
-Stelle entscheiden. Das fordern wir, die wir euch dienen, als
-unser Recht. Ihr ladet uns und gebietet, daß wir auf die
-Kampfheide ziehen und gegen jeden streiten, der euer Feind
-ist, und jeden ehren, den ihr ehrt. Dem Geschlecht Irmfrieds
-haben wir Treue geschworen und wir folgen, solange das
-Erbe ungeteilt ist, dem Ältesten. Bisher warst du, Odo, uns
-der Älteste. Jetzt aber steht ein Bruder, der an Jahren dir
-voraus ist, im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein Geburtsrecht.
-Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu
-gehorchen, wenn ihr uneinig seid. Und ich sage dir, wir
-Dienstmannen müssen, bevor die Sonne untergeht, den Herrn
-erkennen, welchem wir fortan folgen. Darum vertragt euch
-zur Stelle gütlich, was ich herzlich wünsche, oder entscheidet
-euren Streit wie Helden geziemt, indem ihr ein Urteil sucht
-vom Himmel oder von der Erde oder von eurem Schwert.«</p>
-
-<p>»Gut spricht der Alte,« rief Immo. »Ich biete dir die
-Hand zur Versöhnung, mein Bruder, behalte du bis zur
-Teilung das Recht der Erstgeburt in allen Höfen, ja auch
-unter den Nachbarn, welche uns freiwillig ehren; mir laßt
-die Burg mit den Bergen und den Dienstmannen, bis in
-Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich gütlich vergleicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>»Hältst du die roten Berge in deiner Hand,« versetzte
-Odo, »so bleibt das Geschlecht in der Ebene wehrlos und die
-Mutter und die Brüder mögen büßen, was dein wechselnder
-Sinn ihnen erfindet. Nötig scheint mir, daß in dem Kriege,
-der jetzt entbrennt, Land und Leute in einer Hand stehen,
-damit nicht auf dem Grunde unserer Väter der Kampf
-zwischen Brüdern beginne. Darum vermag ich nicht nach
-deinem Willen zu tun, selbst wenn ich dir bessere Gesinnung
-gegen uns zutraute, als du seither bewiesen hast, und bevor
-ich dir nachgebe, hole ich ein Urteil von meiner Schwertseite.«
-Er griff nach dem Schwert, die Brüder sammelten
-sich um ihn.</p>
-
-<p>»So bezeugt mir, ihr Helden, die ihr meinem Geschlechte
-dient,« rief Immo in aufbrennender Wut, »bezeuge mir,
-hoher Himmel und du Grund meiner Väter, daß ich den
-gerechten Stolz gebändigt und ihm nachgegeben habe, soweit
-ich vermochte, und daß er mich schmäht und meinen
-guten Willen verachtet. Entehrt vermag ich nicht zu leben,
-das Blut des Bruders scheue ich mich zu vergießen. Darum
-fordere ich ein Urteil vom Himmel oder aus der Tiefe. Besser
-ist es, daß einer von uns beiden dahinschwinde, als daß das
-ganze Geschlecht in Zwist verderbe. Seht um euch, ihr
-Männer, wo ihr steht, die roten Berge gleißen und leuchten
-zu der Herrenwahl und die in der Erde hausen, rüsten sich
-einen Helden zu empfangen.« Er wies vor sich hin, die Tiefe
-lag in grauem Dämmer, der Dunst auf Wasser und Wiese
-schied den Bergring von der Ebene; wie abgelöst vom
-Boden schwebten die Gipfel in der Luft und in der Abendsonne
-leuchtete das Erdreich gleich glühendem Metall.</p>
-
-<p>»Gewaltig sind die Worte, die du in der Schule gelernt
-hast,« warf ihm Odo mit düsterm Blick entgegen, »doch<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-schwerlich gleicht ihnen die Tat. Du warst behend, über geschorene
-Köpfe zu hüpfen, aber denke nicht, dich ebenso mit
-leichtem Fuß in die Ehre des Geschlechts zu schwingen.«</p>
-
-<p>»Verhöhnst du meine Sprünge,« schrie Immo außer
-sich, »so wage auch du, mir einen Sprung nachzutun, den ich
-jetzt um mein Recht wage. Das Gottesurteil hole ich von
-dem Boden unserer Väter, vertraust du deinem Recht, so
-folge mir nach, oder entweiche.« Er wies nach der Seite.</p>
-
-<p>Dort gähnte wenige Schritte von den Männern ein Erdriß,
-der nahe am Gipfel begann und sich bis zum Fuß des
-Berges hinzog. Vielleicht hatte das herabstürzende Wasser
-die Kluft geöffnet, vielleicht hatte unterirdische Gewalt das
-Gefüge des Bodens gesprengt. Die Stelle war unheimlich,
-und die Leute wußten, daß sich die Schlucht in mancher Zeit
-schloß und wieder öffnete, so oft Unheil die Landschaft bedrohte.
-Nackt und kahl starrte das wilde Erdreich in dem
-Spalt, kein grünes Kraut haftete darin, nur beim Gewitterregen
-rauschten schäumend die Wasser in trübem Schwall
-hinab und führten den roten Schlamm über das lichte Gehölz
-und den Wiesengrund. Ungern klomm jemand längs
-dem Riß hinab, denn man sagte, daß dort der Eingang in
-das Innere des Berges sei, und daß böse Gewalten aus dem
-Reich des alten Gottes das Tor hüteten. Mehr als einer der
-Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehört, Schnauben
-der Rosse und Bellen der Hunde, und viele hatten im Abendlicht
-erkannt, wie große Rudel von Wölfen hinein- und herausfuhren.
-Jetzt gerade war der Riß auf der Oberfläche
-breiter als wohl sonst, an manchen Stellen so tief, daß man
-von oben in das Innere des Berges hineinzusehen meinte.</p>
-
-<p>Immo sprang an den Schlund, aber Berthold lief ihm
-nach und schlang die Arme um ihn. »Halt ein,« rief er,<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-»greulich ist die Stelle, kein Menschenfuß vermag die Tiefe
-zu überfliegen, fürchte die Unsichtbaren, welche dort unten
-lauern.«</p>
-
-<p>Aber Immo schüttelte den Alten ab und rief: »Den guten
-Gewalten meines Lebens vertraue ich, ob sie mir gnädig
-sind. Sieh her, Odo, der Springer schwingt sich in sein Erbe,
-folge mir, Kriegsmann, wenn du vermagst.« Und weit
-ausholend, setzte er in mächtigem Schwunge über den
-Schlund. Erschrocken <span id="corr142a">sahen</span> die Männer die wilde Tat, als
-er aber am andern Rand des Schlundes auf die Knie sank
-und die beiden Arme gegen die untergehende Sonne hob,
-da schrien die wilden Genossen lautes Heil und zogen die
-Schwerter. Im nächsten Augenblick verstummten die Rufe,
-der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall, Odo stürzte
-in die Tiefe. Immo wandte sich um und Entsetzen durchfuhr
-ihn, als er den Bruder undeutlich unter sich liegen sah.
-Die jüngeren Brüder liefen abwärts, die Gewappneten
-drängten sich mit starren Blicken um den Spalt. Sobald
-aber Immo erkannte, daß Odo, der weiter abwärts an das
-Licht getragen wurde, die Glieder regte und sich auf die
-Schulter eines <span id="corr142b">Bruders</span> stützte, hob er sich empor auf den
-Vorsprung, der untergehenden Sonne zu, riß das Schwert
-aus der Scheide, schwang es dreimal gegen die Sonne und
-rief: »Zu mir, ihr Helden. Von der Sonne holten meine
-Ahnen ihr Recht und von keinem geborenen Manne. Bezeuge
-mir, milde Herrin, daß ich als rechter Erbe Besitz
-ergreife von Burg und Herrschaft.«</p>
-
-<p>Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande und dunkle
-Wolken verdeckten das Sternenlicht, als Immo in den Hof
-zurückkehrte. Vor der Tür harrte seiner der jüngste Bruder.
-»Wie geht es dem Gestürzten?« frug Immo. »Er sitzt zerschlagen<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-im Saal,« antwortete der Knabe traurig. Immo
-atmete tief und stieß die Tür auf, die Mutter saß bleich auf
-ihrem Sitz, die Brüder schweigend an der Bank.</p>
-
-<p>Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenüber
-stand, erhob sie sich, riß das Schwert, welches sie den Abend
-vorher den Händen des Sohnes entwunden hatte, von der
-Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo auf den
-Boden. »Hier nimm, was dir zukommt,« rief sie, »die Teilung
-des Erbes suchst du bei den bösen Geistern des Abgrundes.
-Das Recht des Ältesten begehrst du an Leib und
-Leben deiner Brüder. Dem Helden, der so mannhaft denkt,
-gebührt die unheilvolle Waffe; prüfe die Schneide, du Held.
-Erkennst du alte Rostflecke darauf, so wisse, daß die Waffe
-schon einmal von Bruderblut gerötet ist.«</p>
-
-<p>Immo trat einen Schritt auf Odo zu. »Mich reut der
-wilde Zorn, mein Bruder, und groß war meine Angst, als ich
-dich in der Tiefe sah. Zur Stelle fühlte ich schweres Leid. Daß
-ich dich wiederfinde, nimmt mir das Grauen von der Seele.«</p>
-
-<p>Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht.</p>
-
-<p>»Ich lobe die Entschuldigung,« rief Edith bitter, »welche
-eine Untat abbläst, wie den Staub der roten Berge. Und
-da wir alle hier gesellt sind, das ganze Geschlecht Irmfrieds
-mit freundlichem Herzen und guter Meinung zueinander, so
-vernehmt eine Sage, meine Söhne, welche die Mutter am
-Feierabend für euch bereit hält. Einst, da ich Jungfrau war
-im Vaterhause, dachte ein junger Held der Thüringe darauf,
-ein Sachsenmädchen zur Hausfrau zu werben und der Vater
-war ihm wohlgeneigt. Da kam der ältere Bruder des Jünglings,
-mächtiger an Gut und Ehren, von einem Kriegszuge
-in den Sachsenhof, dieser gewann größere Gunst des Vaters
-und erhielt die Jungfrau zum Weibe. Unter den Brüdern<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-entbrannte Feindschaft, in den Mauern ihrer Stammburg
-zogen sie gegeneinander die Schwerter und der jüngere
-wurde durch die Waffe des Bruders schwer getroffen. Seitdem
-ahnte den Gatten Übles für die Zukunft und sie meinten
-den Zorn der Ewigen zu versöhnen, wenn sie das erste Kind
-dem Dienst des Himmelskönigs weihten. Dies Kind warst
-du, Immo. Heute aber trug ein Bruder deines Klosters mir
-die Kunde zu, daß du am Altar der Heiligen die Hand gegen
-einen Geweihten erhoben hast und als ein Missetäter aus
-dem Kerker des Klosters entwichen bist.«</p>
-
-<p>»Den Tutilo schlug ich am Altar nieder,« rief Immo dagegen,
-»weil er die Faust gegen seinen Abt ballte und gegen
-mich selbst die Geißel schwang. Wurde die heilige Stätte
-entweiht, nicht ich war der Verbrecher, sondern er. Und
-wagt der Babenberger mir noch einmal gegenüber zu treten,
-bei allen Heiligen des Himmels, wo es auch sei, ich tue ihm
-dasselbe. Du selbst aber weißt, daß ich nicht aus dem Zaun
-des Klosters gebrochen bin, sondern durch den Abt in Freiheit
-zu dir gesandt.«</p>
-
-<p>»Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner
-Väter, als Geweihten des Herrn begrüßten wir dich und du
-täuschtest die Mutter durch unwahren Bericht.«</p>
-
-<p>»Das tat ich nicht,« rief Immo. »Als ich die Freude sah,
-mit der du auf meine Weihen hofftest, da wurde mir allzu
-schwer, dir zu sagen, daß ich die Stola für mich nicht begehre.
-Heut aber bekenne ich dir's, obwohl du zornig bist. Ich vermag
-nicht den Heiligen zu dienen, wie du begehrtest.«</p>
-
-<p>»Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos
-gegen den Himmelsherrn,« rief Edith heftig.</p>
-
-<p>»Gehorsam wirst du mich finden in allem, worin der Sohn
-seiner Mutter gehorchen darf, und um die Gnade des Himmelsherrn<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-denke ich als ein ehrlicher Kriegsmann zu werben.
-Aber ein Pfaff werde ich nicht.«</p>
-
-<p>»Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog, habe
-ich dich dem Dienst der Heiligen gelobt. Wie darfst du wagen,
-das Gelübde deiner Mutter unwahr zu machen?«</p>
-
-<p>»Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht, um dich von
-der eigenen Not zu lösen,« rief Immo, »so siehe zu, ob du ihm
-seine Hörner zu binden vermagst. Ist das die Liebe der Mutter,
-daß sie den Sohn in das Elend stößt und mit seinem Haupte
-die Buße bezahlt, um sich selbst das irdische Heil zu sichern?«</p>
-
-<p>Edith zuckte wie unter einem Schlage, ihr Antlitz erblich,
-als sie sprach: »Eines Gottlosen Stimme höre ich. Für ein
-Elend gilt dir der heilige Dienst und einen Verstoßenen
-nennst du dich, während ich dir das Beste bereiten will, was
-dem Menschen auf dieser Erde vergönnt ist. Mein bist du, von
-meinem Leibe kommst du und meine Treue hat dir das Leben
-bewahrt. Wem gehörst du an, wenn nicht deiner Mutter?«</p>
-
-<p>»Gabst du mir das Leben, so gabst du mir doch nicht denselben
-Wunsch, der dir die Seele füllt. Nicht nach deinen
-Gedanken vermag ich zu wandeln, Liebe und Leid fühle ich
-anders als du und dem eigenen Willen gedenke ich fortan
-zu vertrauen, wenn ich auch deinen Rat ehrfürchtig höre.«</p>
-
-<p>»Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und
-gegen dein Geschlecht, so vergiß auch, wer dich laufen lehrte
-und wer dir zuerst die Worte deiner Rede vorsprach, vergiß,
-daß du ein Sohn des Irmfried und der Edith bist, und
-wandle dahin gleich einem Vater- und Mutterlosen, der
-irgendwo am Wasser oder unter dem Baum gefunden ist.
-Alles Gute, das dir von der Mutter und den Ahnen kommt,
-willst du für dich nützen, deines Geschlechts willst du dich
-rühmen, und wenn sie dir sagen, daß dein Antlitz dem deines<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Vaters gleicht, willst du lachen und nicken. Aber was dir
-von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses und dem
-Kinde deiner Eltern, dem willst du dich frevelhaft entziehen.
-Ich lobe die Klugheit, Immo. Doch wisse, du Freier, wenn
-du deine Pflicht gegen die Mutter verachtest, so naht der
-Tag, wo die Mutter sich deiner schämt.«</p>
-
-<p>Mit glühendem Antlitz sprang Immo zurück: »In der
-Halle meiner Väter höre ich die Kuttenträger zischen; sehnsüchtig
-kam ich her und begehrte die Liebe der Mutter und
-der Brüder; geschwunden ist die Treue, kalte Hohnrede
-vernahm ich von den Lippen der nächsten Verwandten. Lenke
-du den Flug deiner Nestlinge, Mutter, wie es dir gefällt,
-mir aber hast du den Sinn verwandelt und unter den wilden
-Tieren will ich lieber hausen als hier.« Er sprang aus der
-Tür und über den Hof, riß sein Pferd aus dem Stalle, hob
-den Balken des Hoftors und sprengte über die Brücke,
-während die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die
-Hände über ihr Herz preßte. »Eilt ihm nach,« befahl die
-Mutter, »daß seine Seele nicht unter den bösen Geistern
-der Nacht verderbe.«</p>
-
-<p>»Wie mögen wir ihn hindern, er ist ja der ältere,« versetzte
-Odo trotzig. Doch Gottfried lief in den Hof und rief den
-Namen des Bruders in die Nacht hinaus, nur undeutlich
-klang die Kinderstimme in das Ohr des Entweichenden. Es
-war ein leiser Ton, aber die Tränen brachen dem Flüchtigen
-aus den Augen, da er ihn hörte. In die Nacht hinein ritt
-Immo halb bewußtlos, das Blut hämmerte in seinem
-Haupte, die Mondsichel am Himmel zitterte und die Sterne
-flirrten und verschwanden vor seinen Augen; er sprengte
-durch den Bach, daß die Flut um sein Haupt spritzte, und fuhr
-über Wiesengrund und Felder den Bergen zu. Dort fand<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-er sich in dichter Finsternis, schwarze Baumwipfel bargen
-das Wolkenlicht, die Äste und Zweige schlugen in sein Gesicht
-und hielten wie mit Krallen sein Haar und Gewand. Zitternd
-suchte das Roß einen Weg durch das wilde Gestrüpp, bis der
-Reiter wieder den Nachthimmel über sich sah und einzelne
-Hügel, die dunkel vor ihm aufstiegen. Als er sich in dem
-Talkessel zwischen den roten Bergen fand, da hob er den
-Arm in wilder Freude nach den Gipfeln und ritt längs dem
-Bergwall dahin. Die Stimmen, welche in dem hohen Rohr
-schrien und stöhnten, warnten ihn, daß er sein Roß der Höhe zu
-riß, denn dort unten hausten tückische Geister, die Roß und
-Mann festhielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe
-zogen. Vor ihm flackerte durch den Wasserdunst ein rotes
-Feuer und undeutliche Schatten fuhren riesengroß durch
-den Lichtschein. Da sträubte sich ihm das Haar, auch das Roß
-ächzte und stauchte zurück und er hörte eine Menschenstimme:
-»Wer stört das Mahl und dringt in den Reigen, haltet ihn
-fest und werfet ihn zu Boden.« Er spornte das Roß zu weiten
-Sätzen und als er vorüberfuhr, sah er eine Flamme auf
-Steinhaufen, grell beleuchtete Gestalten von Männern und
-Weibern, wilde Gesichter und gehobene Arme. Wie vom
-Sturmwind getragen fuhr er hindurch, hinter ihm flogen
-Speere und krachte eine geworfene Axt, lautes Hallo und
-Geheul folgte. Dann war er wieder allein in dichtem Nebel.
-Er schlug sein Kreuz und sprach hastig das Kredo, er wußte,
-jene hinter ihm waren Landleute aus der Ebene, die dort
-heimlich alten Opferbrauch übten. Als Kind hatte er
-Schreckenvolles gehört von der Grausamkeit, mit welcher sie
-die Störer ihrer abgöttischen Feier straften, und er erinnerte
-sich, daß er schon einmal als Knabe von fern den Lichtschein
-gesehen hatte und daß der fromme Bruder, der damals sein<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Lehrer war, ihn ermahnt hatte sich abzuwenden, damit der
-teuflische Schimmer ihm nicht den Sinn verstöre.</p>
-
-<p>Wieder umschloß den Reiter unheimliche Nacht. Kläglich
-seufzten die Unken im Teich und über ihm jammerten
-die Nachtvögel, die Rudel der Wölfe bellten und heulten
-und ihre schwarzen Schatten fuhren durch den Nebel dahin,
-da meinte er in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu schauen,
-riesige Männer auf dunklen Rossen, welche ihm zuwinkten
-und nach dem Tor im Berge wiesen. Denn vor ihm gähnte
-der Erdriß, den er heute übersprungen hatte, und die Schatten
-mahnten zur Rache. Er hielt wie fest gebannt, das gellende
-Geschrei der Nachttiere und das Flattern in der Luft betäubte
-ihm das Hirn, daß er im Sattel schwankte. Aber im nächsten
-Augenblicke rückte er sich kräftig auf dem Rosse zurecht und
-atmete tief wie einer, welcher erkennt, daß sein Bangen unnötig
-war. Denn zwischen dem wilden Heidenlärm vernahm
-er laut und lauter das Rauschen eines gebändigten Wassers,
-unter welchem sich ein Rad schwang, und er vernahm das
-Klappern des Mühlwerks, die freundliche Stimme, welche
-von den Mönchen durch die Worte gedeutet war: Hilf,
-Herre Gott. Daran dachte er jetzt. Die Mühle klang bei Tag
-und Nacht langsam und schneller, wo Menschenwerk fleißig
-geübt wurde, sie hatte Frieden bei Heiden und Christen und
-Gutes bedeutete ihr Gesang jedem, der ihn hörte; alle
-Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu, denn
-das kluge Werk befreite ihren Hof von der Mühe, die Handsteine
-zu drehen; die wilden Tiere fürchteten den Lärm und
-sogar der tückische Wassergeist saß, wie die Leute wußten,
-stundenlang am Ufer und horchte erstaunt auf das lustige
-Pochen. Und er hatte einst, da die Mühle grade still stand,
-dem Vater des jetzigen Müllers zugerufen: »Müller, laß<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-dein Hackebrett klingen, damit meine Kleinen darnach
-tanzen.« Da lachte Immo und er gedachte, daß er einst im
-Kloster als Schüler bei großer Wassersnot mit dem Sintram
-und einigen Jünglingen dem Müller zu Hilfe gesandt worden
-war. Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange gegen
-den Wasserschwall gebetet, bis er darüber entschlief. Die
-frechen Knaben aber hatten dem schlafenden Greise sein
-Gesicht und den Scheitel ganz mit Mehl bestreut, daß er aussah
-wie ein Schneemann. Und als der Alte so verwandelt
-vor den Müller trat und aus dem Lachen des Mannes die
-Untat erkannte, da hatte er ruhig sein Haupt in das Wasser
-getaucht und darauf zu Immo gesagt: »Mir geschah recht,
-weil ich im Schlaf meine Pflicht vergessen hatte. Du aber
-mein Sohn hast unrecht getan, einem alten Manne die Ehre
-zu kränken.« Seit diesen milden Worten bestand das gute
-Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen.</p>
-
-<p>Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stäubende
-Wasser und die weißen Blasen, welche in der Finsternis
-dahinschwanden, übertönt war das wilde Geschrei in
-seinem Rücken, er stand <span id="corr149">im</span> Frieden, den der Mensch von
-den Gewalten der Natur erzwingt. Er beugte sich nieder
-zum Wasser und schöpfte einen Trunk mit der hohlen Hand,
-dann schlug er kräftig an die Pforte, bis Ruodhard, der
-Müller, öffnete und verwundert den Herrensohn und das
-Roß in seinem Gehege aufnahm.</p>
-
-<p>Am Morgen saß Immo allein in dem öden Turmgemach
-der Mühlburg, der Gewitterregen schlug gegen die Mauern
-und goß sein Wasser durch die kleine Fensteröffnung auf den
-Steinboden. Die gute Lehre, welche der Mönch im Garten
-ihm zugeteilt hatte, war von ihm mißachtet worden. Hätte
-er der Mutter und den Brüdern sogleich bei der Ankunft die<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-ganze Wahrheit gesagt, so hätte der Zorn nicht wie ein verdecktes
-Feuer um sich gefressen, bis er die Freundschaft verdarb.
-Er gedachte auch der Rede des Sintram und frug sich
-selbst, ob er noch jemanden in der Welt hätte, der für ihn
-bete. Denn den Himmlischen war er wohl verleidet, die im
-Kloster haßten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von sich
-gestoßen. Ein Gefühl der Einsamkeit, wie er es im Kloster
-nie gekannt, bedrückte ihm das Herz, jetzt war er frei, er saß als
-Herr in der Burg, welche die Feinde das Nest der Zaunkönige
-nannten, aber er war auch frei wie ein Vogel und freundlos.</p>
-
-<p>Als er aufsah, stand vor ihm die alte Gertrud, vom Regen
-durchnäßt und stellte einen Tragkorb zu seinen Füßen nieder.
-»Dies sendet dir Frau Edith, Immo.«</p>
-
-<p>»Was sprach die Mutter?« frug Immo wild.</p>
-
-<p>Gertrud hob ein leinenes Bündel aus dem Korb und
-breitete es mit zitternden Händen auf der Bank aus. »So
-redete Frau Edith zu mir: Trage dies dem Jüngling Immo
-und sage ihm, ich sende, was ihm gehört, und was ich
-in der Stille von seiner Habe bewahrte. Dies ist das erste
-Hemdlein, das ich ihm spann und das er trug, die Leinwand
-ist vergilbt, denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und
-kein Nachttau hat sie genetzt, aber die bittern Tränen der
-Mutter hängen daran, denn als er das erste Gewand auf
-seinem kleinen Leibe trug, habe ich ihn dem Dienst der
-Heiligen gelobt. Und hier sind andere Gewänder des
-Kleinen, sein Spielwerk, an dem er sich freute, als er zu
-meinen Füßen saß und die Kinderwaffen, welche ihm der
-Vater geschnitzt hat. Alles hob ich auf in der Truhe und oft
-hat mich gefreut, es herauszuholen und dabei an meinen
-Sohn zu denken. Jetzt hat er sich feindlich von mir gelöst,
-darum sende ich ihm, was sein ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p>
-
-<p>»Hart ist die Mutter,« rief Immo, seine Augen in der
-Hand verbergend.</p>
-
-<p>»Und Frau Edith sprach weiter: Sage dem Kriegsmann,
-daß die Treue einer Mutter nicht verloren geht, wenn auch
-der Sohn statt des Vaterhauses sich die finstere Nacht erwählte.
-Solange ich lebe, werde ich harren, daß er zu den
-Heiligen zurückkehrt. An dem Tage werden ihm meine Arme
-geöffnet sein, und der Ehrensitz im Saal seiner Väter bereitet.«</p>
-
-<p>»Vergebens wird sie diesen Tag erwarten,« rief Immo.</p>
-
-<p>»Beide seid ihr feurig,« fuhr Gertrud begütigend fort,
-»wenn auch die Mutter ihre Hast besser zu bergen weiß als
-du. Denn ganz ruhig sprach sie zu mir, aber ich weiß wohl,
-wie ihr zumute war. Euch beiden kommt wohl die Überlegung,
-daß eins dem andern sich fügt. Unterdes gebot mir
-Frau Edith, daß ich auf dem Berge bei dir bleibe, mein Sohn,
-damit dir in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle.«</p>
-
-<p>Immo reichte der Alten die Hand. »Du wirst nicht lange
-für mich sorgen, denn ich gedenke von hinnen zu reiten.«</p>
-
-<p>Am nächsten Tage sprengte der Knabe Gottfried in den
-Hof. »Heimlich habe ich mich aufgemacht,« begann er
-schüchtern, »ich komme dich zu bitten, mein Bruder, daß du
-meiner in Liebe denkst.«</p>
-
-<p>Immo drückte den Treuen fest an sich. »Sprich auch,
-wenn ich nicht da bin, freundlich von mir zu der Mutter.«</p>
-
-<p>»Auch sie gedenkt deiner,« versetzte Gottfried zutraulich,
-»denn wisse, zum Mittagsmahl trägt sie selbst deinen Stuhl
-an ihre Seite und setzt deinen Teller und deinen Becher auf
-den leeren Platz.«</p>
-
-<p>»Vergeblich ist die Sorge der Mutter, der Sitz wird leer
-bleiben,« rief Immo finster.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch6">6.<br />
-Auf der Reise.</h2>
-</div>
-
-<p>Hügel und Tal lagen im Sonnenlicht und der Bergwind
-wehte kräftig vom Walde her, als eine Schar junger Thüringe
-von der Höhe in das Tal des Idisbachs hinabzog. An ihrer
-Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd, den Stahlhelm
-am Sattelgurt, den Holzschild um den Hals gehängt, einen
-starken Speer in der Hand, neben ihm Brunico in ähnlicher
-Rüstung. Ihnen folgten zu Fuß wohl dreißig rüstige Jünglinge
-in kurzem Eisenhemd und leichter Helmkappe, mit
-hohen Lederstrümpfen und nackten Knien, auf dem Rücken
-den runden Schild mit eisernem Buckel, darunter den Köcher
-mit Pfeilen, in der Hand den Kampfbogen und zwei Wurfspeere.
-Mitten in der Schar führten zwei Heerwagen, mit
-starken Rossen bespannt, den Kriegsbedarf: Waffen, Wollmäntel
-und Säcke mit Lebensmitteln. Mit behendem Fuß
-schritten die Knaben des Waldes und mancher hob unnötig
-die Beine, um ein wenig den Reigen zu springen, welchen
-der Rufer des Haufens vorsang. In der Nähe eines Gehölzes
-hielt der Zug. Die Späher eilten voran, auf die Zeichen,
-welche sie zurückgaben, tauchte der ganze Haufe in den Busch.
-Immo sprang zur Erde, stellte die Wächter und die Jünglinge
-bereiteten sich und den Rossen das Mittagsmahl. Nur
-Brunico ritt vorwärts, begleitet von einem leichtfüßigen<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-Genossen. Nicht lange, und er kehrte eilig zurück: »Eine
-reisige Schar liegt vor uns auf dem Wege, gerade unter der
-Idisburg. Sie sorgen wenig um Wache und Ausguck. Das
-Banner, welches sie führen, gehört, wenn wir recht erkennen,
-dem Grafen Gerhard. Es sind mehr als hundertzwanzig
-Rosse, die Reisigen bereiten das Mahl am Bache und hausen
-übel im Dorfe unter der Burg; ich sah sie Garben und Gerät
-aus den Höfen herzuschleppen und die Landleute liefen ihnen
-nach und schrien.«</p>
-
-<p>»Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist,« entschied
-Immo, »wir vermögen sie schwerlich zu vermeiden. Denn
-da auch Graf Gerhard dem König zuzieht, so ziemt uns nicht,
-gleich Wölfen heimlich hinter ihm herzutraben. Folge mir
-zu seinem Lager, ihr andern aber bergt euch im Versteck.«
-Und er besprach mit dem Hauptmann seiner Knaben, was
-die Vorsicht gebot.</p>
-
-<p>Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager
-des Grafen, um die Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten,
-über einen Hügel ritten sie im Trabe dem Banner zu.
-Brunico stieß in das Horn, das er am Halse trug, und sie
-harrten der Antwort. Im Lager entstand eine Bewegung,
-zwei Gewappnete kamen ihnen entgegen, Ruf und Gegenruf
-wurden getauscht, die Gräflichen fuhren rückwärts zu
-ihrem Herrn und brachten eine höfliche Einladung.</p>
-
-<p>»Sei gegrüßt im Kriegskleide, du Flüchtling aus Wigberts
-Stall,« rief der Graf lachend dem Ankommenden zu.
-»Auch meine Helden werden dich als Reisegenossen willkommen
-heißen. Denn nur bis zum Main ist unser Weg
-frei, von da müssen wir uns länger als eine Tagfahrt an
-den Burgen des Hezilo vorbeiwinden, und wir sorgen, ob er
-uns die Straße verhauen wird. Mit geringem Gefolge<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-kommst du, hoffst du allein beim König Ansehen zu gewinnen?«</p>
-
-<p>»Meine Knaben blieben zurück, sie schreiten auf ihren
-eigenen Beinen,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Mit Fußläufern ziehst du heran?« spottete der Graf.
-»Doch ihr in den Waldlauben übt alten Bauernbrauch. Mich
-wundert, Immo, daß du nicht besser für dich gesorgt hast.
-Geringe Ehre wird dir die unritterliche Schar erwerben,
-denn an solchem Troß fehlt es dem Könige nicht.«</p>
-
-<p>»Ihr werdet anders von ihnen denken, wenn ihr erst ihre
-Schläge geprüft habt,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Wohlan, jeder versuche sein Bestes,« fuhr der Graf fort
-und Immo glaubte ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht
-zu erkennen. »Andere Arbeit beginnt jetzt, als unser
-Hader mit den Mönchen war. Setze dich neben mich, heute
-biete ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug, da du zu uns
-gehörst. Der lateinischen Reden bist du ledig, obgleich meine
-Tochter Hildegard deine Stimme wohl vernehmen würde,
-wenn du ein Mönchsgeschrei erheben wolltest, denn sie begleitet
-unsern Zug und rastet nicht gar weit von meinen
-wilden Knaben.«</p>
-
-<p>Immo hatte Mühe, die freudige Überraschung zu verbergen.
-»Warum führt ihr die Tochter in das Heerlager?«</p>
-
-<p>Der Graf lachte schlau. »Die Königin hat sie nach Regensburg
-geladen, die hohe Frau Kunigund hat, wie der
-Bote rühmt, Gutes von dem Kinde gehört und will der
-Mutterlosen eine Beschützerin sein. Verstehst du wohl,
-Immo, was diese Huld bedeutet?«</p>
-
-<p>Immo bekannte seine Unwissenheit.</p>
-
-<p>»Die Händler haben den Brauch, wenn sie ein Geschäft
-für die Zukunft bereden, so geben sie einander ein Unterpfand<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-für treue Erfüllung. Du hast bereits etwas von den
-Waldwiesen vernommen. Diese halte ich, der König aber
-begehrt dagegen die Jungfrau. Und gern führe ich sie ihm
-zu, denn ich vertraue auf das Glück und die Klugheit des
-Königs. Ihm ist bisher vieles gelungen, und ich hoffe, daß
-auch mir dieser Krieg Land und Leute mehren soll, denn
-meine Wälder grenzen an die Mark des Hezilo. Und darum
-bringe ich mein ganzes Heergefolge dem Könige, wahrlich
-mit großen Kosten. Sieh, Immo, auch meine Kampfhähne
-führe ich mit mir,« er wies auf die beiden Fechter, welche in
-neuem, buntem Gewande zuunterst auf dem Rasen saßen
-und mit ihren riesigen Armen große Trinkkrüge schwenkten.
-»Denn König Heinrich achtet wenig auf die fahrenden Leute
-und vor andern sind ihm die schweifenden Frauen verhaßt,
-welche sich im Tanze vor den Helden drehen und dabei ihres
-Gewandes entledigen. Ja man sagt, daß ihm alles Weibervolk
-verleidet ist. Doch die Kämpfer schaut er gern, wenn sie
-herzhaft gegeneinander schlagen. Und dies sage ich euch,
-Hahn Ringrank und Hahn Sladenkop, wenn ich euch zum
-Ergötzen des Königs gegeneinander kämpfen lasse, so begehre
-ich andere Wunden als die einzölligen, die ihr im
-Vertrauen auf meine Gutherzigkeit einander anzumessen
-pflegt. Denn dergleichen schwache Ritze kann der König bei
-jeder Kirchweih sehen. Herrenwunden verlange ich diesmal,
-dreizöllig, und wenn ihr den König ehren wollt, noch tiefer
-und länger und zwar mit spitzem Eisen und nicht auf die
-Arme, sondern auf die Brust.«</p>
-
-<p>Die Fechter sahen bekümmert einander an und Ringrank
-antwortete sich erhebend: »Drei Zoll auf der Brust
-mögen unsern Brotherrn um zwei Kämpfer ärmer machen.
-Fordert der Herr großen Dienst, so ersehnt sich der Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-großen Lohn. Sorgt wenigstens, daß wir beide gegeneinander
-kämpfen und nicht gegen die Kämpfer, welche der König
-mit sich führt, denn diese sind ungerecht bei dem Messen der
-Wunden, um ihren eigenen Ruhm gegen andere zu erhöhen.«</p>
-
-<p>Die Herren lachten und saßen in guter Laune beim Mahl,
-tranken und riefen Heil, wie unter Helden Brauch ist.</p>
-
-<p>Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert, der Dienstmann,
-und trat staubbedeckt, mit heißem Antlitz vor den Grafen.
-»Durch wilden Ritt holte ich Kunde, die manchem sorgenvoll
-wird,« rief er. »Dem König ist sein ganzer Schatz genommen.
-Held Magano, der Diener des Babenbergers,
-hat den Schatz auf der Reise gefangen, ich selbst sah den
-Mann des Markgrafen und ich sah die lange Reihe der Saumrosse
-und Karren in seine feste Burg treiben.«</p>
-
-<p>Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von
-ihren Sitzen und drängten sich um den Boten, auch der Graf
-erhob sich bestürzt. »Wie ein Unsinniger gebärdest du dich,
-daß du diese Kunde vor aller Ohren ausrufst.«</p>
-
-<p>»Herr, sie läuft durch das ganze Land wie Wasser durch
-den gebrochenen Damm, in den Dörfern liefen die Leute
-zusammen, und ich sah, daß frische Gesellen, die dem Lager
-des Königs zuritten, von den Rossen stiegen und die Köpfe
-senkten; wie soll einer unter dem Habicht dahinreiten,
-welchem die Federn gerupft sind?«</p>
-
-<p>»Oft hörte ich den großen Schatz des Königs rühmen,«
-begann kopfschüttelnd ein alter Kriegsmann, »und gern
-dachte ich an das goldene Kreuzgeld darin, an die Armringe
-und Becher, mit denen er seine Getreuen lohnen würde; die
-Bayern haben lange an dem Schatz gesammelt, manch uraltes
-Schmuckstück lag darin aus Sachsenland, das einst
-Wieland, der Held, geschmiedet hat.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>»Jetzt aber ist der König so kahl wie meine Handfläche,«
-rief Egbert, »wer ihm dient, mag zusehen, wie er die Kosten
-des Zuges wiederfindet. Denn nicht der Goldschatz allein
-ist in die Hand des Markgrafen gefallen, sie sagen, daß auch
-die Königskrone dabei war, die heilige Lanze und die hohen
-Reliquien, an denen die Königsmacht hängt.«</p>
-
-<p>Die Krieger erschraken, viele bekreuzten sich und die
-Augen aller wandten sich nach dem Grafen, dessen unsicherer
-Blick verriet, daß er mit schwerem Zweifel rang. »Ist die
-Krone verloren, wie mag er das Reich bewahren?« fuhr ihm
-heraus. »Unheil brachte der Tag, an dem wir auszogen, und
-üble Vorbedeutung war es, daß der Sauhirt die Faselschweine
-über den Weg trieb.«</p>
-
-<p>»Auch andere Botschaft bringe ich, Herr,« fuhr Egbert
-fort. »Als ich vom Main den Kieferwald heraufritt, rastete
-an der Landstraße Heriman, der Goldschmied aus Erfurt,
-der nach seinen Worten zum König Heinrich reist. Da er ein
-Packpferd bei sich hatte, so riet ich ihm, sich unter euren
-Schutz zu begeben, er aber widerstrebte, und ich verließ ihn
-im Walde allein mit seinem Knechte.«</p>
-
-<p>Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne
-zu antworten. Aber Immo vermochte seinen Unwillen nicht
-zu unterdrücken.</p>
-
-<p>»Dreiste Worte höre ich von den Helden eurer Bank,
-Graf Gerhard; mich dünkt, sie stehen solchen übel, die dem
-König zuziehen.«</p>
-
-<p>»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen,« versetzte der
-Graf ärgerlich, »da sie doch recht haben? Kann der König
-seinen Kriegern nicht lohnen, wie sollen sie ihm dienen?
-Entweicht zur Seite,« rief er den Dienstmannen zu, »vergällt<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-ist mir der Trunk, harret, bis ich allein den Rat finde,
-der uns frommt.«</p>
-
-<p>Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nähe
-ihrer Rosse mit bedrängtem Gemüt zu kleinen Haufen.</p>
-
-<p>Immo merkte, was in der Seele des Grafen vorging
-und daß seine stille Hoffnung, der Jungfrau in den nächsten
-Tagen als Reisegenosse nahe zu sein, schnell dahinschwand.
-Er begann deshalb: »Zürnt meiner Jugend nicht, wenn ich
-dreist mit euch rede. Ich ahne, daß euch die Reise zum
-König verleidet ist, denkt daran, daß seine Gefahr größer ist
-als die eure und daß ihr ihm gerade jetzt eure Treue erweisen
-müßt. Denn er ist nach Recht unser Herr, und er hat euch,
-wie ihr mir vertrautet, im voraus gelohnt. Ich vernahm
-immer, daß Treue und Dankbarkeit starke Ketten sein sollen,
-welche den Helden binden.«</p>
-
-<p>»Du sprichst gut,« versetzte der bekümmerte Graf, »aber
-du bist jung. Glaube mir, Immo, als ich in deinen Jahren
-war, lebte ich so treu und dankbar wie ein Hündlein, ich lief
-hin und her, um andern zu dienen, und wenn mir die
-Könige einen Brocken zuwarfen, so sprang ich vor Freude.
-Jetzt aber habe ich eigenes Gut zu bewahren und muß vielen
-Begehrlichen spenden, jetzt rät mir die Vorsicht, vor allem
-zu fragen, was mir vorteilhaft ist, damit ich mich in meiner
-Macht erhalte zwischen Pfaffen und Laien, welche sämtlich
-gierig sind, sich zu meinem Schaden auszubreiten.«</p>
-
-<p>»Zürnt mir nicht, Graf Gerhard, wenn ich euch sage,
-daß es edler ist, mit Ehren unterzugehen als in Schande zu
-leben,« rief Immo.</p>
-
-<p>»Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen,«
-versetzte der Graf. »Ganz wie du war auch ich in meiner
-Jugend willig, mich für den Herrn töten zu lassen, dem ich<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-damals diente. Jetzt aber bin ich selbst ein Herr, welcher
-andere erhält, die für ihn auf der Walstatt sterben, jetzt habe
-ich um eine Herrenehre zu sorgen und diese befiehlt mir vor
-allem, daß ich Herr bleibe über andere und mit hundert oder
-zweihundert Rossen ins Feld ziehe, für oder gegen wen es
-auch sei. Darum will ich auch dir Gutes raten. Setze dich
-nicht in ein Haus, welches stürzen will.«</p>
-
-<p>»Soll ich umkehren?« frug Immo prüfend. Da der
-Graf keine Antwort gab, fuhr er nachdrücklich fort. »Ich gehe
-zum König, und wenn alle von ihm abfallen, so soll er doch
-im letzten Kampfe nicht allein stehen.«</p>
-
-<p>»Auch du bist nicht allein, Immo, du hast für andere zu
-sorgen, welche dir folgen.«</p>
-
-<p>»Ich will sie fragen, ob auch ihnen mit dem Raub des
-Schatzes die Kampflust geschwunden ist. Die ich führe, sind
-freie Knaben vom Walde, und ich weiß die Antwort im
-voraus.«</p>
-
-<p>»Wieviel sind ihrer?« frug der Graf mit einem Wolfsblick.
-»Mich wundert, daß du sie von meinen Leuten getrennt
-hältst.«</p>
-
-<p>Immos Auge flog über das Tal, er sah, daß er selbst in
-der Gewalt des Grafen war, denn ein Wort vermochte die
-ganze Meute gegen ihn zu hetzen, er trat deshalb zurück,
-legte die Hand an das Schwert und antwortete: »Meine
-Knaben sind schnell zu Fuß und von der Heimat her an
-Waldversteck gewöhnt, auch ihr Lager haben sie vorsichtig
-gewählt und wer sie bewältigen wollte, würde harte Stöße
-erhalten und schwerlich Beute aus ihren Taschen davontragen.
-Darum ist es besser, daß ihr uns ungekränkt ziehen
-laßt, wohin wir wollen. Ihr aber vernehmt zum Abschied
-noch eins: Große Lügen erzählen die Leute auf der Landstraße,<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-vielleicht war es gar nicht der Schatz des Königs,
-welcher gefangen wurde, oder doch nicht der beste Teil. Wer
-die Ehre eines Herrn hat, wie ihr nach eurer Rede, der sollte
-vorsichtig sein, bevor er sie gegen Schande weggibt. Lebt
-wohl, Graf Gerhard, wenn wir uns wiedersehen, so möge
-es in Frieden sein, denn zweimal habe ich als Gast an eurem
-Tisch gesessen und ungern würde ich euch feindlich gegenüberstehen.«</p>
-
-<p>Während der Graf betroffen die kluge Warnung erwog,
-gewann Immo sein Roß, welches Brunico bereit hielt, und
-verließ unangefochten das Lager.</p>
-
-<p>Als die Sonne sank, warf sie ihr goldenes Licht über die
-Höhe, auf welcher die Idisburg stand. Der alte Turm
-glänzte wie mit leuchtender Farbe übergossen und an der
-niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der Brombeeren
-wie mit Purpur und Goldfäden umwunden. In der unteren
-Hälfte des umschlossenen Raumes brüllten die Rinder,
-welche von den Dorfleuten dort zusammengetrieben waren.
-Auf der höchsten Stelle im Burgwall stand eine Sommerlinde,
-welche ihre großen Blätter als ein dichtes Laubdach
-fast bis zum Boden breitete. Es war ein wonniger Platz,
-wilde Glockenblumen blühten in dem lichten Schatten und
-kleine Schmetterlinge fuhren hin und her, die Vögel lockten
-ihre Jungen in den Ästen des Baumes zusammen und die
-Grillen schwirrten den Chorgesang zu dem Ruf der Gefiederten.
-Dort saß Hildegard, das Grafenkind; die Hände im
-Schoß gefaltet sah sie in das Tal über das Lager der Reisigen,
-über den Laubwald und über die geschwungenen
-Höhen dahinter bis in die Ferne, wo Erde und Himmel im
-Dämmerlicht zusammenfloß. In ehrerbietiger Entfernung
-lagerten einige alte Dienstmannen, welche zum Schutz der<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Jungfrau hinauf gesandt waren, auch sie schauten abwärts
-nach dem Main hin und wiesen einander unter dem lichten
-Gewölk die Grenzburgen des Feindes. Es war still um die
-Jungfrau, nur einzelne Klänge aus dem geräuschvollen
-Lager drangen herauf, zur Seite blökte das Herdenvieh und
-zuweilen lief eine Ferse nahe heran und rupfte die Blätter
-des Baumes. Dann knackte und rauschte es hinten in den
-Zweigen, Hildegard wandte sich um und scheuchte die Vorwitzigen,
-aber sie kamen doch wieder, und das Mädchen vergaß
-zuletzt in ihren Träumen die genäschigen Gäste.</p>
-
-<p>Ihre Lippen bewegten sich und leise klangen die gesungenen
-Worte des heiligen Liedes:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Audi, benigne Conditor,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">nostras preces cum fletibus</em><a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schöpfer,
-sondern mehr an einen Flehenden, der ihr dieselben Worte
-vor wenig Wochen im Scherz zugerufen hatte. Und während
-sie so sang und mit verklärtem Blick vor sich hinsah, war ihr,
-als tönte der Sang noch einmal über ihr in dem Baume.
-Sie hielt inne, da rauschte es in den Zweigen und bei dem
-Säuseln der Blätter klang über ihr wieder dieselbe Weise,
-aber mit anderen Worten, und sie vernahm von der Höhe:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Rana coaxat suaviter</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">In foliis viridibus</em><a id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Sie saß unbeweglich, ein Lächeln flog um ihren Mund
-und eine hohe Röte ergoß sich über ihr Antlitz, aber sie wagte
-nicht aufzusehen, damit der lustige Traum nicht entschwinde.<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-»Bist du es, Geselle?« frug sie leise. Aber gleich darauf
-schämte sie sich der vertraulichen Rede.</p>
-
-<p>»Ich liege über dir in den grünen Blättern,« klang es
-von oben zurück. »Ganz gut ist mein Lager auf starkem Ast;
-blicke aufwärts, wenn dir's gefällt, damit ich einmal deine
-großen Augen sehe, denn diese haben mich hergezogen.«</p>
-
-<p>Das Mädchen erhob sich schnell und wandte sich dem
-Ast zu, in demselben Augenblick neigte Immo das Haupt
-behend abwärts, umschlang von der Höhe mit einer Hand
-ihren Hals und küßte sie auf den Mund. »Guten Tag, Geselle,«
-sprach er, »so hatte ich mir's ausgesonnen und so ist es
-vollbracht.« Er fuhr wieder aufwärts und sah von seinem
-Aste zärtlich in das gerötete Antlitz.</p>
-
-<p>»Wenn ich die Wächter rufe, fangen sie dich,« murmelte
-Hildegard halb bewußtlos.</p>
-
-<p>»O tue es nicht,« flehte Immo, »denn bei Tag und Nacht
-dachte ich daran, ob ich dich wiedersehe. Wenn die liebe
-Sonne nach Westen ging, so freute ich mich, daß sie deine
-Wangen bescheinen würde. Oft habe ich dir Botschaft gerufen
-über Berg und Tal und den Bergwind ermahnt, daß
-er dir etwas von mir zutragen solle. Aber ruhelos schweift
-der Wind und unsicher ist, ob er nach unseren Bitten tut.
-Darum kam ich lieber selbst.«</p>
-
-<p>Hildegard sah ihn furchtsam an. »In unserem Turme
-fand ich ein graues Käuzlein, als es in Not war, das bewahrte
-ich mir gern in meinem Gemache. Aber über Nacht
-hat es sich in ein Raubtier verwandelt. Ganz anders erscheinst
-du mir hier als daheim in der Halle; wie ein Drache
-in seinem Schuppenkleide liegst du auf dem Ast, und ich
-weiß nicht, bist du noch der, an den ich dachte, oder bist du
-ein Fremder.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p>
-
-<p>»Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlüpft und
-das Eisenhemd trage ich, Hildegard, auch um deinetwillen.
-Wenn einmal der Spielmann vor dir singt und du vernimmst,
-daß er auch meine Taten rühmt, dann sollst du stolz
-sein auf deinen Gesellen.«</p>
-
-<p>»O du törichter Immo,« rief das Mädchen kummervoll,
-»wie soll ich mich freuen, wenn ich von den Schwertern höre,
-die dich bedrohen, und bedenke, daß die Streitaxt gegen dich
-fliegt. Leidig ist mir der Ruhm, den die Sänger geben, denn
-sie preisen am liebsten die Helden, welche tot auf der Walstatt
-liegen. Ich aber dachte dich zuweilen gern an meiner
-Seite, dann sangen wir zusammen und ich strafte dich, wenn
-du unartig warst, indem ich dich an deinen Haaren zog.«</p>
-
-<p>»Tue das jetzt,« bat Immo, neigte den Kopf wieder zu
-ihr herab und sah sie bittend an. Aber der Jungfrau rannen
-die großen Tränen aus den Augen, sie lehnte ihr Haupt an
-den Baumstamm und weinte still vor sich hin. Immo schob
-sich näher, wieder legte er seinen Arm um ihren Hals und
-sprach ihr leise ins Ohr: »Geliebte, dich selbst will ich gewinnen
-auf der Kampfheide. Wenn ich mein Haupt stolz
-tragen darf, erbitte ich dich von deinem Vater zum Gemahl.«</p>
-
-<p>Hildegard blickte ihn treuherzig unter Tränen an und
-antwortete: »Das weiß ich, und darum weine ich.«</p>
-
-<p>Da küßte er sie wieder und sie widerstrebte ihm nicht.
-»Auch du bist meinem Herzen lieb geworden,« fuhr sie, seine
-Hand haltend, leise fort, »zuerst am Abend in der Halle und
-dann an jedem Tag und Abend noch lieber, wenn ich in der
-Einsamkeit an dich dachte. Denn einsam lebte ich im Hause
-unter den Buchen und nur selten vernahm ich ein Freundeswort.
-Der Bruder ist unbändig, meinen Vater sah ich
-wenig und er ängstigt mich durch wilde Reden und durch<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-die Sorge, die ich um seine Seele habe. Da, wenn ich allein
-saß, schaute ich dein lachendes Antlitz vor mir und ich sprach
-vertraulich zu dir als zu meinem lieben Gesellen. Und ich
-dachte auch an dich, wenn die Amsel in ihrem schwarzen
-Kleide schlug, denn im schwarzen Schülerkleide saßest du
-neben mir; und ich dachte zuweilen auch an dich, wenn ich
-längs dem Weiher ging, wo die Quaker so lustig schrien.
-Das darf dich nicht verdrießen,« und ein flüchtiges Lächeln
-zog über ihr unschuldiges Gesicht. »Jetzt aber soll ich dein
-gedenken, wenn die Grauwölfe nach Raub heulen und
-wenn die Geier über mir in der Luft schweben. Wie vermag
-ich Gutes für dich und mich zu hoffen, da du das Glück
-erst vom Schlachtfelde holen willst. Immo,« rief sie angstvoll,
-»wenn du auf die Kampfheide ziehst, so weiß ich nicht mehr,
-ob du an der Seite meines Vaters kämpfen wirst oder gegen
-ihn; denn der Vater« &ndash; sie hielt inne und legte ihre Wange
-auf seine Hand.</p>
-
-<p>»Ich weiß, was mir deine Lippe verbirgt,« antwortete
-Immo, »ich aber gehe zum Könige, denn ich höre, er ist in
-der Not.« Da drückte sie krampfhaft seine Hand und weinte
-wieder darauf. »Leidvoll ist für uns beide, Hildegard, daß
-ich zum König halte, obwohl dein Vater ihn meiden wird?«</p>
-
-<p>Die Jungfrau sah ihn mit großen Augen an. »Du wirst
-tun, was dir dein redliches Herz gebietet. Wenn ich auch
-traure, denke nicht, daß ich dich bei dem Vater festhalten will.«</p>
-
-<p>»So spricht mein guter Geselle,« rief Immo froh und
-neigte das Haupt wieder zu ihr herab. »Den hohen Engeln
-vertraue ich, deren Segen du mir gesendet hast, daß sie uns
-beide wieder zueinander führen. Dich aber flehe ich an,
-wenn ein fahrender Spielmann vor dir singt, so wende dich
-nicht ab, wie die Klosterfrauen zuweilen tun, sondern spende<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-ihm etwas und sprich dabei die Worte: »auch für dich fliegt
-ein Engel,« dann freut er sich und sagt dir vielleicht Kunde
-von mir. Und hast du eine Botschaft für mich, so gib sie mit
-denselben Worten einem Fahrenden, daß er sie ins Lager
-des Königs zu seinem Gesellen Wizzelin trage. Diesen
-kenne ich als einen treuen Mann, obgleich er ohne Ehre lebt.
-Das versprich, Geliebte, mir aber gib den Scheidegruß.«</p>
-
-<p>Die Jungfrau hob sich zu ihm empor und hielt ihre Hand
-über sein Haupt: »Du denke mein, wenn du allein bist und
-zuweilen auch unter den wilden Helden, und vor allem im
-Abendlicht, wenn du die grünen Blätter über dir siehst, wie
-jetzt, und immer &ndash; und immer.« Sie warf die Hände um
-seinen Hals und küßte ihn herzlich. Er aber hielt sie fest;
-und das Geschwirr der Grillen übertönte leise Worte,
-Seufzer und Küsse der Liebenden.</p>
-
-<p>Noch einmal umschlang sein Arm die Weinende, dann
-verschwand er im grünen Laubdach. Hildegard saß wieder
-auf dem Stein und lauschte; die Zweige rauschten und
-knickten hinter ihr, dann wurde es still. Noch immer malte
-die Abendsonne das Baumlaub mit rötlichem Gold, die
-Grillen und Vögel im Wipfel schwirrten und schrien und
-die blauen Glockenblumen standen so lustig wie vorher.
-Aber das Mädchen sah ernsthaft in eine fremde Welt, das
-Kind war unter der Sommerlinde zur Braut geworden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auf einem Hügel im bayrischen Frankenlande, der weite
-Aussicht bot, saß zwei Tage später ein fremder Krieger am
-Zaun eines einsamen Bauernhofes. Er trug die gewöhnliche
-Rüstung eines Reisigen, hatte den Helm neben sich auf
-die Bank gelegt, schnitt mit seinem Dolch in ein großes
-Schwarzbrot und verzehrte behaglich die Bissen. Daß der<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-Kriegsmann einen Wachtposten befehligte, war leicht zu
-erkennen. Denn aus dem Hofe vernahm man das Schnauben
-und den Hufschlag von Pferden, welche dort geborgen
-waren; zur Seite hielt in Entfernung eines Pfeilschusses
-ein gepanzerter Reiter auf schwerem Kriegsroß, unbeweglich
-das Antlitz nach Norden gewandt, und weiter vorwärts
-standen im Halbkreise hinter Büschen und am Rande der
-nächsten Höhen berittene Späher; wo den Rossen auf der
-Höhe die Deckung fehlte, waren sie in Senkungen des Bodens
-zurückgeführt, während ihre Reiter hinter Steinen
-oder im Grase versteckt lagen. Auch der Befehlende auf der
-Bank unterbrach zuweilen seine Mahlzeit, um in die Ferne
-zu schauen. Als einige Reiter heransprengten, erhob er sich
-ungeduldig. »Wen bringst du dort wider seinen Willen
-heran, Bernhard?« rief er dem Führer zu, als dieser am
-Fuß des Hügels hielt.</p>
-
-<p>»Es sind zwei wilde Knaben. Der eine gibt vor, das
-Lager zu suchen. Bote nennt er sich mit einem Brief an
-den Kanzler.«</p>
-
-<p>Der Kriegsmann winkte, Immo wurde zu Fuß durch
-zwei Bewaffnete den Hügel heraufgeführt. »Wer sendet
-dich mit dem Briefe?« frug der Gebietende, den Jüngling
-mit scharfem Blick musternd.</p>
-
-<p>»Frage den Kanzler, wenn du das wissen willst,« versetzte
-Immo. »In meiner Heimat lobt man den Boten
-nicht, der gegen Fremde von seiner Sendung schwatzt.«</p>
-
-<p>»Wo ist deine Heimat?«</p>
-
-<p>»Ein Thüring bin ich, und freundlichen Gruß habe ich
-von den Mannen König Heinrichs gehofft, denn Schwertgenosse
-will ich ihnen werden gegen den Markgrafen.«</p>
-
-<p>»Schlägt dein Arm so scharf als deine Zunge behende<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-ist, so mag der König dich wohl gebrauchen,« versetzte der
-andere gleichgültig, »doch damit wir sehen, ob du die Wahrheit
-sprichst, so weise uns den Brief.«</p>
-
-<p>»Das denke ich nicht zu tun,« entgegnete Immo unwillig,
-»mein Auftrag lautet, den Brief dem Kanzler in seine
-eigene Hand zu geben; dich aber ersuche ich um Geleit,
-damit ich ihn finde.«</p>
-
-<p>»Ich will den Brief sehen,« wiederholte der Kriegsmann
-seinem Wächter. Dieser winkte den Kriegern und faßte den
-Arm Immos, aber der Starke entwand sich ihm, sprang zur
-Seite und zog sein Schwert. »Wer mir das Pergament
-entreißt, den mache ich zum toten Mann,« rief er zornig.</p>
-
-<p>Auch Bernhard zog sein Schwert. »Auf ihn, schlagt den
-Frechen nieder.«</p>
-
-<p>»Halt,« rief der Befehlshaber, »bergt das Eisen, auch du,
-Fremdling. Ich fordere von dir, daß du mir den Brief
-zeigst, ich gelobe dir, daß ich ihn zurückgebe und dich, wenn
-du willst, zu dem Kanzler geleiten lasse.« Er faßte an den
-Knopf seines Schwertes, Immo gab dem ruhigen Befehl
-zögernd nach. Er zog eine kleine Tasche hervor, die er an
-einem Riemen unter dem Gewande trug, und hielt ein geschlossenes
-Pergament in die Höhe.</p>
-
-<p>»Gib her, damit ich sehe, ob es ein Brief ist.«</p>
-
-<p>»Schwerlich wirst du die Aufschrift zu lesen vermögen,
-auch wenn du der Buchstaben kundig bist, denn die Außenseite
-ist leer.«</p>
-
-<p>»Du bist ein Bote aus Herolfsfeld,« rief der Kriegsmann,
-das Siegel betrachtend und seine Augen blickten
-scharf nach dem Jüngling. »Haltet ihn fest.« Er löste das
-Siegel, entfaltete den Brief und las, während Immo heftig
-gegen seine Wächter rang. »Tut ihm nichts zuleide,« rief<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-er, »es ist Immo, Sohn des Helden Irmfried, und guten
-Empfang hat er im Lager des Königs zu erwarten. Halt
-Ruhe, du Wilder,« setzte er halb lächelnd, halb unwillig
-hinzu, als er sah, daß Immo seine Bändiger bewältigte
-und den Helden Bernhard wie einen Klotz auf den Rasen
-warf. »Der Kanzler hat mir das Recht gegeben, solche
-Briefe zu lesen; du aber freue dich des Zufalls, denn er mag
-dir eher zum Heil als zum Schaden sein.«</p>
-
-<p>»Wer aber bist du?« versetzte Immo in hellem Zorn,
-»bei St. Wigbert, wenn du nicht König Heinrich selbst bist,
-so hast du grobe Ungebühr geübt an Herrn Bernheri, an
-dem Kanzler und an mir und du sollst mir's mit dem Schwert
-bezahlen.«</p>
-
-<p>»Da ich hierzu keine Lust habe,« antwortete der Kriegsmann
-ruhig, »so denke, daß ich der König bin,« und als er
-in dem ehrlichen Gesicht des Jünglings ein maßloses Erstaunen
-erkannte, welches seltsam gegen die zornige Gebärde
-abstach, fuhr er lachend fort: »ob ich's bin oder nicht, das soll
-dich jetzt nicht kümmern, frage nicht nach meinem Namen,
-du wirst ihn wohl später erfahren, begnüge dich damit, daß
-ich dir wohlgesinnt bin und daß ich das Beste mit dir teilen
-will, was ich habe.« Er wies auf das schwarze Brot und ein
-Tongefäß mit Wasser, welches dabei stand. »Setze dich zu
-mir wie ein Krieger zum andern, nachdem du deinen Brief
-wieder geborgen hast, und beantworte mir die Fragen, die
-ich dir tue.«</p>
-
-<p>Immo starrte immer noch erstaunt auf den Fremden,
-im Anfang war er ihm nicht ansehnlich erschienen, jetzt sah
-er einen Mann vor sich, der etwa zehn Jahre älter war als er
-selbst, das Gesicht war hager und bleich, aber zwei gescheite
-Augen standen darin, deren Ausdruck schnell wechselte, und<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-den beweglichen Mund umzogen kleine Falten, so daß der
-Fremde fast aussah wie Vater Heriger, welcher der beste
-Vorleser im Kloster war. Immo beugte sein Knie, um den
-König zu ehren, aber der <span id="corr169">Kriegsmann</span> machte ein schnelles
-Zeichen mit der Hand. »Bei Wasser und Brot spare den
-Königsgruß, bis du König Heinrich in seiner Würde siehst,
-setze dich zu mir und gib mir Antwort. Doch vorher muß ich
-dich diesen Helden versöhnen. Faßt an eure Schwerter und
-gelobt einander keinen Groll zu tragen und den Schwingkampf
-auf dem Rasen nicht zu rächen.«</p>
-
-<p>Das taten die Männer und reichten mit geröteten Gesichtern
-einander die Hände. »Und jetzt, Immo, verkünde
-mir, wie kommt es, daß du aus der übelgesinnten Burg der
-Wigbertmönche zu König Heinrich reitest; denn die Leute
-sagen, daß ihm das Glück nicht hold ist.«</p>
-
-<p>»Herr, wer ihr auch seid,« versetzte Immo, »da ihr gütig
-zu mir redet, so will ich euch alles bekennen. Noch vor wenig
-Wochen sorgte ich nicht sehr um den König und den Markgrafen,
-nur daß ich die Klosterregel ungern ertrug und mich
-nach dem Schwertamt meines Vaters sehnte. Seit ich aber
-über dem Tutilo die Geißel geschwungen hatte und schnell
-das Kloster verlassen mußte, rieten mir meine Gedanken,
-dem Könige zu folgen.«</p>
-
-<p>Als der Kriegsmann von den Geißelhieben des Tutilo
-vernahm, begann er laut zu lachen und schlug sich mit den
-Händen auf die Schenkel, so daß Immo ihn erstaunt ansah
-und die Ansicht erhielt, dies könne der König nicht sein. »Er
-hat den Babenberger mit seiner eigenen Waffe geschlagen,«
-rief der Lustige, »wahrlich, jetzt wundert mich nicht, daß dir
-im Kloster zu heiß wurde, denn du hast dir dort einen Todfeind
-gemacht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist wohl ein Verwandter des Königs,« dachte Immo
-und schnitt mit größerer Ruhe in das Schwarzbrot, das ihm
-der andere hinschob.</p>
-
-<p>»Fahre fort,« sprach der Kriegsmann, »wie waren deine
-Gedanken, die dich zum König führten?«</p>
-
-<p>»Nun, Herr, ich dachte, wir sind doch fast in gleicher Lage.
-Denn auch von König Heinrich sagen sie, daß er zum Geistlichen
-bestimmt war, er aber hat sich das Schwert gewählt.«</p>
-
-<p>»Dafür gehört er zu dem Geschlecht, welches die Krone
-trägt,« versetzte der Kriegsmann, »du aber berätst dich übel,
-wenn du der Stola zu entrinnen suchst. Fehlt dir die Demut,
-um den Haarkranz eines Mönches zu tragen, so wisse, auch
-der Bischof reitet hoch zu Roß, er trägt sein Panzerhemd, und
-manchen sah ich in hartem Gedränge seine Streiche austeilen;
-Falken und Jagdhunde fehlen ihm nicht und für
-andern Zeitvertreib erhält er leicht Dispens. Dem Könige
-aber sind die Bischöfe, die er einsetzt, die treuesten Diener;
-sie sind die Gehilfen seiner Herrschaft, denn wenn sie auch
-Söhne haben, so folgen ihnen diese nicht auf dem Bischofsstuhl,
-und der König hat nicht nötig, die harten Nacken eines
-Geschlechtes zu beugen, welches seine Herrschaft widerwillig
-erträgt.«</p>
-
-<p>»Dennoch hörte ich im Kloster,« antwortete Immo bescheiden,
-»daß die Weltgeistlichen mehr um ihre eigene
-Herrschaft sorgen als um den Vorteil des Königs und daß
-sie ebenso begehrlich sind nach irdischem Gut wie die Mönche.
-Denn auch diese üben allzuwenig die fromme Sitte und sie
-werben und schleichen wegen Hufen und Burgen. Das
-habe ich selbst zu meinem Schaden erfahren.«</p>
-
-<p>»Haben sie auch dich schon um deiner Sünden willen
-geängstigt?« frug der andere lachend. »Ich weiß recht<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-wohl, niemand versteht so gut als sie mit Kreuz und Bußpsalmen
-Land und Gut zu erkämpfen.« Doch ernsthafter
-fuhr er fort: »Heilige Männer sind die Mönche, und wir
-Sünder vermöchten ihr Gebet nicht zu entbehren, auch die
-Wohltaten nicht, welche sie dem Lande spenden. Sieh, wenn
-du es zu verstehen vermagst, überall wo sie gleich den Bienen
-ihre Waben füllen, bändigen sie den wilden Heidentrotz im
-Volke, lehren Kunst und schaffen große Werke. Zuweilen
-aber werden sie faul im Stock, wenn des Honigs zu viel ist,
-und wer es mit dem Lande wohl meint, muß ihnen dann
-den Honig nehmen, damit er andern nützt. Vielleicht sind
-die Söhne Wigberts in derselben Lage.«</p>
-
-<p>»Es ist doch der König selbst,« dachte Immo und ihm
-fuhren die Worte heraus: »So meinte auch Graf Gerhard,
-da er jetzt dem Wigbert die Wiesen genommen hat.«</p>
-
-<p>Die Haltung des Kriegsmanns wandelte sich plötzlich.
-»Was weißt du vom Grafen Gerhard?« frug er kurz.</p>
-
-<p>Zögernd berichtete Immo, was er die letzten Tage im
-Kloster erlebt hatte. Über das Gesicht des Kriegsmanns
-fuhr wieder ein Lächeln, während er mit Anteil zuhörte.
-»Wo weilt Graf Gerhard?« frug er, »vernahmst du etwas
-von ihm in den letzten Tagen?« Und als er merkte, daß
-Immo zu sprechen zögerte, fuhr ein scharfer Blick wie der
-eines Adlers auf den Jüngling: »Wenn du deine Treue für
-den König beweisen willst, so rede die Wahrheit. Wo kamst
-du über den Main?«</p>
-
-<p>»Ich möchte ungern etwas sagen, was dem Grafen zum
-Schaden gereichen kann,« versetzte Immo, »dennoch sehe
-ich, daß es sich nicht bergen läßt. Er lag mit seinem Haufen
-am Idisbach auf dem Wege nach dem Süden.«</p>
-
-<p>Der Krieger stand auf. »Gutes verkündest du, und du<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-sollst den Dank genießen. Denn auf ihn harren wir hier.
-Wann sahest du sein Lager?«</p>
-
-<p>»Vorgestern abend ritt ich hinaus.«</p>
-
-<p>»Wohl, die Rechnung war genau. Dann können wir
-heute abend seine schnellen Reiter erwarten. Wie stark war
-sein Haufe?«</p>
-
-<p>»Mehr als hundert Rosse zählte ich. Dennoch, Herr,
-zürnt nicht, wenn ich Unsicheres sage, er lag auf den Wiesen,
-ob er aufgebrochen ist, weiß ich nicht.«</p>
-
-<p>»Was hast du, Jüngling?« frug der Kriegsmann befremdet.</p>
-
-<p>»Als ich wegritt, war gerade die Kunde gekommen, daß
-dem Könige der Schatz entführt ist; und darüber war großes
-Raunen und Umherlaufen im Lager.«</p>
-
-<p>Der Fremde trat vor Immo, sah ihm fest in das Gesicht,
-dann faßte er seine Hand mit eisernem Druck, führte ihn
-einige Schritt zur Seite und frug leise: »Du meinst, er
-zögert deshalb zu kommen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nichts Sicheres, Herr,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>»Deine Meinung will ich hören, Jüngling, sprich die
-Wahrheit, wenn dir dein Leben lieb ist, denn du stehst vor
-deinem König.«</p>
-
-<p>Immo warf sich auf die Knie. »Heil sei meinem Herrn!«
-rief er.</p>
-
-<p>Doch der König winkte ihm ungeduldig aufzustehen.
-»Antworte!«</p>
-
-<p>»Laßt mich's nicht entgelten, Herr, wenn ich Unwillkommenes
-verkünde. Sie sprachen davon, auf dem Idisberg
-ein Lager zu schanzen und im Morgengrau sah ich Boten
-reiten nach der Böhmer Grenze, wo, wie sie sagen, die besten
-Burgen des Markgrafen sind.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span></p>
-
-<p>Der König wandte sich ab und sah finster vor sich nieder.
-»Der Graf fängt früh an wie ein großer Herr zu handeln.
-Wer hundert Rosse ins Feld führt, der ist noch nicht vornehm
-genug, um den König zu verraten,« rief er bitter. »Sendet
-dein Geschlecht dich allein?« frug er argwöhnisch.</p>
-
-<p>»Ich führe dreißig leichtbewaffnete Knaben herzu, sichere
-Bogenschützen aus dem Walde. Ich ließ sie im Versteck
-zurück mit einem schwer verwundeten Kaufmann, den wir
-auf unserm Wege fanden; ihn hatten Räuber gefällt, als er
-zum Lager des Herrn Königs ritt.«</p>
-
-<p>Der König fuhr in die Höhe. »Wie heißt der Kaufmann?«</p>
-
-<p>»Es ist Heriman aus Erfurt, ein ansehnlicher Burgmann.
-Da er vielen von uns wohlbekannt ist, wollten wir ihn nicht
-zurücklassen.«</p>
-
-<p>»Wahrlich,« rief der König, »als ein Unglücksbote kommst
-du. Ist der Wunde beraubt?«</p>
-
-<p>»Sein Knecht lag erschlagen, Roß und Warenballen
-waren entführt.«</p>
-
-<p>Der König winkte schnell mit der Hand, daß Immo
-zurücktreten sollte. Dieser eilte den Hügel hinab zu den Leibwächtern,
-bei denen Brunico die Pferde hielt, und er sah
-aus der Ferne, daß der König auf dem Schemel gebeugt
-sein Haupt in die Hand stützte. Auf einen Ruf Heinrichs ritt
-von der andern Seite der große Kriegsmann herzu, welcher
-den ausgestellten Wachen gebot. »Graf Gerhard hemmt
-seine Reise,« rief dem Absteigenden der König entgegen,
-»er wird sich mit dem Babenberger vereinen, und Heriman
-liegt beraubt am Boden.«</p>
-
-<p>»Oft warnte ich den König,« antwortete der Vertraute,
-»der Treue des Wolfes Gerhard zu vertrauen, er nimmt
-seine Beute, wo er sie findet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p>
-
-<p>»Er raubt wie die andern,« fuhr Heinrich fort, »er ist
-nicht schlechter als seinesgleichen und schleicht vorsichtig
-durch die Täler.«</p>
-
-<p>»Seine kleine Schar wird der König ohne Schaden entbehren.«</p>
-
-<p>»Nicht die Schilde, welche er von uns abführt, betraure
-ich; aber gerade, daß er kein Held ist, der Kühnes wagt, sondern
-ein Mann wie andere Edle auch, das schlägt mir die
-Wunde. Denn wie er, werden viele handeln. Wahrlich,
-es steht schlecht mit der Sache des Königs, wenn diese Art
-Raubtiere von seinem Pfade weicht.«</p>
-
-<p>»Auch hat Graf Gerhard sich bereits vorweg genommen,
-was ihm der König als Lohn versprochen hatte,« begann der
-große Krieger kalt, »und ihm fehlte der Grund, den andere
-Empörer vorgeben, daß der König zuerst ihnen ein Gelöbnis
-gebrochen habe.«</p>
-
-<p>Heinrich fuhr auf wie von einer Natter gestochen. »Unleidlich
-ist dein Trost,« antwortete er scheu, »willst auch du
-zu meinem Bruder und zu dem Babenberger hinüberreiten,
-daß du mich in dieser Stunde einen Treulosen nennst und
-zu einem Gesellen des Grafen Gerhard machst?«</p>
-
-<p>»Ich habe mich dir gelobt, König, und ich denke meinen
-Eid zu halten, obgleich auch ich zu denen gehöre, die du als
-Raubtiere schmähst. Aber die Wahrheit berge ich dir nicht,
-das hast du oft erfahren. Ich stand dabei, als der König dem
-Markgrafen bayrisches Land versprach, damit das Geschlecht
-der Babenberger dem König zum Throne helfe. Und ich
-hörte wieder, daß der König auch seinem eigenen Bruder
-die Herzogswürde in demselben Bayern verhieß. Jetzt
-schreien beide durch das Land, daß Heinrich ihnen das Wort
-gebrochen habe. Befiehl mir, sie im Kampfe zu erlegen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-du weißt, ich werde es tun, wenn ich es vermag. Aber wundere
-dich nicht, wenn jene beiden von vielen gelobt werden,
-weil sie ihr Anrecht gegen dich mit den Waffen suchen.«</p>
-
-<p>Der König nahm die kühne Rede schweigend auf und
-saß wie getroffen von der Vergeltung, endlich hob er das
-Haupt und begann: »Da ich König wurde, dachte ich besser
-von den deutschen Edlen. Aber in dem ersten Jahre habe ich
-sie erkannt. Jedermann hüte sich zu versprechen, was er
-nicht zu halten vermag, und zumeist hüte sich, wer die Krone
-trägt. Doch glaube mir, Geselle, keinem wird schwerer auf
-seinem Worte festzustehen, als dem Könige, wenn er ein Löwe
-bleiben will in dem Reich gefräßiger Tiere. Niemand weiß
-es und niemand glaubt es, wie dem König sein verpfändetes
-Wort und sein redlicher Wille zu einer Todesgefahr wird in
-späteren Tagen. Durch die Treue, die er andern erweist,
-schafft er sich Untreue. Wer heute sein Freund ist, wächst
-morgen, sobald er Gut und Gabe erhalten hat, zu seinem
-Gegner. Jeder begehrt Macht und je größer seine Macht
-wird, desto höher steigt seine Begehrlichkeit. Wahrlich, wie
-ein verächtlicher Tänzer schwankt der König auf dem Seil,
-und die Arme, welche er ausstrecken muß, um das Gleichgewicht
-zu bewahren, heißen List und Gewalt. Jammervoll
-wäre seine Aussicht nach dem Tode, wenn ihm nicht gelänge,
-den Himmelsherrn wieder zu versöhnen durch Demut und
-fromme Werke. Daß Gutes aus dem Übel komme, das ist
-des Königs geheimer Trost.« Er stützte das Haupt in die
-Hand und sah traurig vor sich nieder.</p>
-
-<p>Ein Reiter jagte heran, ein zweiter und dritter. »Sieh
-auf, König,« rief sein Begleiter, »dort hinten blinken die
-Speereisen in der Sonne, Krieger sind es des Gerhard oder
-der Babenberger, deine Wächter fahren nach rückwärts.<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-Führt die Rosse her,« gebot er. »Hoffen die Toren zum
-zweitenmal einen Schatz zu fangen? Sie sollen nichts gewinnen
-als harte Schläge.«</p>
-
-<p>Auf die Ruhe in der Landschaft folgte wilde Bewegung,
-die flüchtigen Reiter sammelten sich vor dem Könige, am
-Hoftor stampften die herausgeführten Pferde, der König
-beobachtete noch immer einen Trupp Feinde, welcher die
-Wurfspeere schwenkend, heranjagte. »Geringe Ehre wäre es
-für den König, mitzukämpfen,« mahnte der Vertraute.
-Heinrich nickte gleichmütig und schwang sich auf sein Roß,
-während aus der Ferne gellender Kriegsruf erscholl.</p>
-
-<p>Immo sah mit pochendem Herzen und strahlenden
-Augen auf den Feind, er band sich den Eisenhut fest, rückte
-den Schild am Arme zurecht, wirbelte den Speer und
-wollte zu den Wachen sprengen, welche sich gegen den Feind
-ordneten. Da fiel eine Hand schwer in die Zügel seines
-Pferdes, neben ihm hielt der große Kriegsmann, ein glühender
-Blick aus Augen, die er wohl kannte, bannte ihn fest
-und eine Stimme, deren Ton ihm tief in das Herz drang,
-befahl: »Zurück!«</p>
-
-<p>»Mein Oheim Gundomar!« rief der überraschte Jüngling
-und trieb unwillkürlich sein Pferd mit einem Sprung
-zur Seite. »Es ist mein erster Kampf, wie darf ich umwenden?«</p>
-
-<p>»Wohl hättest du verdient, daß jene dort dich schnell auf
-den Rasen legen. Dennoch gehorche, Knabe!« und der Oheim
-riß ihm das Pferd herum, schlug es mit der Speerstange
-und beide stoben nebeneinander hinter dem Könige her,
-der mit wenigen Begleitern flüchtig voranritt. Immo fuhr
-dahin wie im Traum, zuweilen sah er verstohlen auf die düstre
-Gestalt des gewaltigen Reiters, der an seiner Seite jagte.<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-»Wende dein Haupt nicht rückwärts,« befahl Gundomar
-kurz, »achte auf den Zügel, dein Pferd hat heut mehr
-Meilen gemacht als dir frommen wird, und jene folgen auf
-auserwählten Rossen.«</p>
-
-<p>»Mich kränkt's, Oheim, daß ich davonreite.«</p>
-
-<p>»Ich meine, andere kränkst du, daß du im Felde reitest,«
-klang es von dem andern Rosse zurück und weiter ging es
-Hügel hinauf und hinab. Die Sonne brannte, die Luft
-wehte scharf an die Wangen. Immo hörte hinter sich Rosse
-schnauben und sah den Hauptmann, mit dem er gerungen
-hatte, blutend und staubbedeckt an der Seite seines Oheims.
-Dieser wies auf die Niederung vor ihnen, durch welche ein
-Bach mit Erlen und Weidengebüsch umwachsen dahinrann.
-»Du kennst die Furt, sammle dahinter die noch schlagen
-können und stelle dich noch einmal gegen die Feinde, wollen
-sie durchschwimmen, so finden sie die Ufer steil, ihr reitet im
-Vorteil. Fahre wohl, Bernhard, wer übrig bleibt, sorge
-dafür, daß er seine Gesellen aus dem Fegfeuer löse, ich gedenke
-deiner Seele, tue mir dasselbe.« Er winkte mit der
-Hand, der Reiter blieb zurück; sie tauchten in das Wasser,
-der weiße Schaum hing sich an ihre Kleider. Der Oheim
-riß das Roß des Neffen an wegsamer Stelle das steile Ufer
-hinauf und wieder ging es vorwärts in gestrecktem Lauf.
-Hinter ihnen klang stärker der Ruf der Verfolger, darauf
-ein Gegenschrei der Königsmannen und Getöse des Kampfes.
-Als sie wieder eine Anhöhe erreicht hatten, sah Held Gundomar
-nach rückwärts, Freund und Feind jagten wild gemengt
-in geringer Entfernung nach, vor ihnen durchritt
-der König die Furt eines andern Baches, weiter vorn hob
-sich ein steiler Berghang mit dichtem Fichtenholz bewachsen.
-»Hinter dem Harzwald findet er Rettung,« sagte der Ohm<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-zu sich selbst und ritt voran in den Bach. Am andern Ufer
-gebot er: »Nur wenige Verfolger sind dem Haufen voran,
-mache die Kehre zum Anlauf.« Er wandte sein mächtiges
-Streitroß im Bogen und fuhr von der Höhe herab den
-Feinden entgegen, welche aus dem Bach auftauchten.
-Behend folgte Immo seinem Beispiel. Als er den feindlichen
-Reitern entgegenritt, ergriff ihn der Kampfzorn seines
-Geschlechtes, er hörte seinen Oheim das Kyrie eleison mit
-schmetternder Stimme rufen, auch er rief sein Hara, und
-Roß und Reiter schlugen gegeneinander. Ihn umgab ein
-wilder Wirbel von Männern, welche aus dem Wasser emporrangen,
-von springenden Rossen und gehobenen Armen.
-Er warf seinen Speer und traf mit dem Schwert, die Streiche
-dröhnten von den Schilden und Helmkappen. In der geröteten
-Flut des Baches sah er sinkende Krieger und ledige
-Rosse, an seiner Seite fand er den treuen Brunico wacker
-dreinschlagend mit blutigem Haupte. Und er vernahm wieder
-die donnernde Stimme seines Oheims: »Wendet nach
-rückwärts!« Da tauchte er schnell zu Boden, riß dem Manne,
-den er gefällt hatte, seinen Speer aus der Wunde, und die
-geborgene Waffe mit Jauchzen über dem Haupt schwenkend,
-sprengte er hinter dem Oheim die Berglehne aufwärts, bis
-zu einer Stelle, wo ein Hohlweg den steilen Abhang durchschnitt.
-Dort stieg Gundomar ab und gebot ihm durch eine
-Handbewegung dasselbe zu tun, dem Brunico aber winkte
-er, die keuchenden Rosse weiter hinauf zu treiben. »Hierher
-habe ich dich geführt, weil du aus edlem Geschlecht bist,
-und hier ist das Tor, an dem du halten sollst, bis du fällst,«
-befahl der Oheim mit düsterer Miene, »denn Helden sehe
-ich gegen uns reiten und kein anderer Pfad führt zum König
-als über unsere Leiber. Stehe als erster in dem Wege.<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-Nimmer meinte ich, daß die Heiligen mir zur Buße meiner
-Sünden auferlegen würden, dich zu rächen; doch heut will
-es das Schicksal so fügen.« Er trat auf einen Stein, wo seine
-mächtige Gestalt weit erkennbar ragte, und stellte den Schild
-an seinen Fuß.</p>
-
-<p>Aus der Tiefe sprengten feindliche Reiter. »Weiche abwärts,
-Graf Ernst,« rief Gundomar ihrem Führer entgegen,
-»fruchtlos war dein Jagdritt, mein Schild sperrt dir die
-Wildbahn.«</p>
-
-<p>Graf Ernst sprang vom Rosse und zuckte die Schildfessel
-am Arme zurecht. »Drei Zäune deiner Speerreiter habe
-ich durchbrochen, meinst du, daß der letzte mich aufhält?
-Behende versteht dein König zu fliehen, seine Helden haben
-gelernt mit den Beinen zu kämpfen, den Rücken bieten sie
-willig unseren Speeren.«</p>
-
-<p>»Vergebens suchst du mich zum Streite zu locken,« rief
-Gundomar entgegen. »Ich denke daran, daß wir einst in
-der Fremde Kampfgenossen wurden, als dein Schild den
-Tod von meinem Haupte abwehrte.«</p>
-
-<p>»Ich meide dich, solange ich andere Beute finde, tue du
-dasselbe,« rief der Babenberger. Er hielt den Schild über
-sein Haupt und sprang die Bergsteile wie ein Raubtier hinauf
-gegen Immo. Als dieser den gefürchteten Helden erkannte,
-den er einst im Kloster gesehen hatte, hob sich sein stolzer
-Mut, und er trat ihm entgegen. Die Speere der Helden
-flogen und beide hafteten in den Schilden. Sie zogen die
-Schwerter und tauschten blitzschnelle Schläge, daß die
-Funken an Helm und Schildrand sprühten. Erprobt war
-die Kraft des Grafen, aber der Arm Immos schlug stärker
-von der Höhe abwärts.</p>
-
-<p>Die Krieger, welche dem Grafen folgten, zauderten kurze<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-Zeit und sahen auf den Kampf der beiden Helden, dann
-warfen sie sich gegen den andern Wächter des Bergtors
-und Gundomar rang gegen sie wie ein Eber gegen die Hunde.</p>
-
-<p>Mehr Feinde sprengten heran, auch gegen Immo rannte
-ein zweiter, ein dritter. Immo erhob seine ganze Kraft
-wider den Grafen zu wildem Sprunge, er schmetterte mit
-dem Schwert in den Helm und drückte den Schild gegen den
-Leib des Feindes, daß dieser wankte. Da traf ihm selbst ein
-geworfener Streitkolben das Haupt, so daß er zurückfuhr
-und auf den Weg sank. Aber in demselben Augenblick sprang
-Brunico über ihn und hielt seinen Schild den Markgräflichen
-entgegen; von der Höhe drang ein Trupp Reiter in den
-Hohlweg und aus dem Gewühl der Männer und Rosse vernahm
-Immo die scharfe Stimme des Königs: »Ergreift den
-Verräter.« Talab wogte der Kampf und aus der Tiefe
-erscholl freudiges Kampfgeschrei der Königlichen. Als Immo
-allein lag, fühlte er, daß ihn ein Fuß unsanft berührte und
-als er halb bewußtlos aufsah, glaubte er das Antlitz Gundomars
-über sich zu erkennen und zwei Augen, welche mit
-kaltem Haß auf ihn starrten; darnach verlor er die Besinnung.</p>
-
-<p>Der König hielt auf dem Wege, säuberte sein blutiges
-Schwert an den Haaren des Rosses und rief lachend Gundomar
-zu: »Der Bösewicht Ernst ist gefangen, und diesmal
-entgeht er schwerlich der Rache des Königs. Du aber sollst
-meine Geschwindigkeit loben, denn ich kam zur rechten Zeit,
-um dich herauszuhauen.« Er blickte auf den liegenden
-Immo. »In fröhlichem Jugendmut zog er heran, kurz war
-der Waffendienst des Treuen.«</p>
-
-<p>»Das Leben des Königs zu bewahren, tauschte er Schläge
-mit einem Helden. Sein Ausgang war rühmlicher, als er<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-hoffen durfte,« versetzte Gundomar finster. Da rief Brunico,
-der auf dem Boden saß und das Haupt des Gefällten
-im Schoße hielt, unwillig: »Wenig frommt ihm der Unkenruf,
-kaltes Wasser wäre ihm dienlicher. Ich meine, er soll
-noch manches Jahr leben, andern zur Freude oder zum
-Ärger, je nachdem sie sind.«</p>
-
-<p>Der König beugte sich über den Liegenden. »Du sorge
-für ihn,« befahl er dem Knappen, »im Ring meiner Leibwache
-soll ihm das Lager bereitet werden.« Der Haufe ritt
-dem Lager zu, in seiner Mitte die schwertlosen Gefangenen.
-Auf einer Trage aus grünen Zweigen wurde Immo von
-Reisigen des Königs im Walde geborgen. Als er aus der
-Betäubung erwachte, fand er sich in einem Zelt auf weichem
-Lager unter den Händen des jüdischen Arztes, welchen der
-König gesandt hatte, mit lautem Heilruf begrüßt von seinem
-treuen Gespielen.</p>
-
-<p>Im Zelt des Königs mahnte Gundomar mit der Sorgfalt,
-welche einem vertrauten Diener wohl ansteht: »Heiß war der
-Tag auch für den König, und Ruhe wünsche ich ihm heut für
-Seele und Leib.«</p>
-
-<p>»Du freilich ruhst nach deinem Heldenwerk,« versetzte
-Heinrich, »du verbindest die Wunden, siehst in die Abendsonne
-und freust dich der Streiche, die du ausgeteilt. Der
-König aber setzt sich auf den Sorgenstuhl und beginnt die
-kleine Arbeit, welche ihr Helden verachtet. Führt den Reisigen
-des Thüring Immo herein.«</p>
-
-<p>Brunico wurde eingeführt, er trug den Kopf verbunden
-und neigte sich schwerfällig an der Tür.</p>
-
-<p>»Auch du hast dir erworben, was die Leute lieber an
-andern rühmen, als selbst nach Hause tragen,« begann der
-König und wies auf das blutige Tuch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p>
-
-<p>»Die Eisenkappe hielt's nicht aus, der Schädel ertrug's,«
-versetzte Brunico zufrieden.</p>
-
-<p>»Wo liegt Heriman, der Goldschmied?« frug der König.</p>
-
-<p>»Auf unserm Karren, zwischen den Mehlsäcken.«</p>
-
-<p>»Wer ist bei ihm?«</p>
-
-<p>»Ich hoffe niemand, außer meinen Gesellen vom Moor
-und von den Bergen des Immo.«</p>
-
-<p>»Vermagst du den Heriman durch die Späher des
-Feindes hierher zu schaffen?«</p>
-
-<p>Brunico rechnete: »Von Mittag bis zur Vesper ruhig
-getrabt, von da bis zum Abend mit dem Herrn König wie die
-Hasen gelaufen, beträgt zusammen eine Tagfahrt südwärts.
-Dennoch habe ich Vertrauen, soweit man im Walde zurückschleichen
-kann, denn wir verstehen uns auf die Listen im
-Holze.«</p>
-
-<p>»Erzähle mir, wie du den Heriman fandest.«</p>
-
-<p>Brunico holte mehrmals Atem und wischte mit dem
-Ärmel an seinem Eisenhut, denn lange Rede war ihm unlieb.
-Endlich begann er: »Als mein Gespiele am Idisberg
-auf die Sommerlinde stieg, dachte ich, er könnte herunterfallen,
-denn diese Art Holz ist brüchig. Deshalb legte ich
-mich an die Mauer, ihm beizustehen.«</p>
-
-<p>»Was soll die Rede?« frug der König, »wer ist dein Gespiele?«</p>
-
-<p>»Derselbe Immo, welchen der Herr König kennt.«</p>
-
-<p>»Bist du nicht sein Dienstmann?«</p>
-
-<p>»Ein Freier bin ich aus dem Moor und freiwillig begleite
-ich ihn.«</p>
-
-<p>»Seltsamen Ritterbrauch übt man in deiner Heimat,«
-spottete der König zu Gundomar gewandt. »Weshalb stieg
-Held Immo auf die Linde?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>»Weil etwas darunter war,« versetzte Brunico mit
-schlauem Augenzwinkern.</p>
-
-<p>»Schwert oder Spindel?« frug der König.</p>
-
-<p>»Spindel,« bestätigte Brunico.</p>
-
-<p>Der König nickte: »Daher die Schweigsamkeit des
-Jünglings.«</p>
-
-<p>»Wie ich so an der Mauer herumschlich, vernahm ich,
-daß die Fechter des Grafen in einem Erdloch miteinander
-zankten wegen der dreizölligen Wunden, welche der König
-an ihnen sehen will.«</p>
-
-<p>»Wie?« frug der König, »was habe ich mit den Fechtern
-des Grafen zu tun?«</p>
-
-<p>Aber Brunico, der froh war, jetzt aus seinem Gedächtnis
-die Rede eines andern herauszuholen, fuhr herzhaft fort:
-»Ich selbst vernahm, daß der Herr König die fahrenden
-Leute mißachtet, insbesondere die Weiber, welche im Tanzen
-ihr Gewand abwerfen. Ja, man sagt, daß ihm alle Weiber
-verleidet sind. Aber die Kämpfer beachtet er. Darum
-forderte Graf Gerhard, daß seine Fechter vor dem Könige
-kämpfen sollten, dagegen forderten wieder die Fechter eine
-Begabung. Als ich so über ihnen lag, hörte ich sie weiterhin
-von den Waren sprechen, welche sie für ihren Herrn von
-einem Kaufmann geraubt hatten. Das verkündete ich dem
-Helden Immo, als er sich zu mir fand; wir berechneten die
-Zeit und suchten die Spur der beiden Räuber; nicht lange,
-so fanden wir den Heriman, den mancher von uns kannte,
-Immo verband die Wunden, wie er im Kloster gelernt hatte,
-wir luden den Heriman auf unsern Wagen, brachen auf,
-sobald der Morgen graute und schlugen uns südwärts in
-die Wälder. Mein Gespiele Immo aber harrte mit einigen
-der schnellsten Knaben als Späher im lichten Holz, wohin<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-sich Graf Gerhard wenden werde. Ich blieb unterdes bei
-den Karren und dem Heriman.«</p>
-
-<p>Der König nickte. »Du hast alles treulich berichtet. Sorge,
-Gundomar, daß Kundschafter ihn begleiten, die mit den
-Waldwegen Bescheid wissen.« Er winkte Entlassung, aber
-Brunico stand unbeweglich und glättete aufs neue an seinem
-Eisenhut. »Was begehrst du noch?« frug der König.</p>
-
-<p>Brunico überlegte. »Auch gibt es noch eine Geschichte
-von einem Bündel, welches mir Heriman für den Herrn
-König anvertraut hat.«</p>
-
-<p>Heinrich sprang auf und packte den Arm des Thürings.
-»Wo ist die Botschaft, wo ist das Bündel?«</p>
-
-<p>Brunico sah den König gekränkt an. »Behalten will
-ich's nicht.« Er wandte sich vom König ab und arbeitete mit
-den Händen längere Zeit innerhalb seines Panzerhemdes,
-endlich brachte er eine kleine Ledertasche heraus. »Sie soll
-für den Herrn König, aber mein Gespiele weiß noch nichts
-davon,« sagte er und sah zweifelnd auf die Tasche.</p>
-
-<p>Heinrich riß sie ihm aus der Hand, öffnete und rief Gundomar
-zu: »Die Briefe sind es aus Magdeburg und dem
-Sachsenland, lange ersehnt und glücklich geborgen. So ist
-doch unsere Fahrt gelungen und auch du hast die Stöße
-nicht vergebens erhalten. Laß mich allein und diesen nimm
-mit dir, er hat guten Botenlohn verdient.«</p>
-
-<p>Als die Nacht über dem Heerlager heraufstieg, Männer
-und Rosse ermüdet schliefen und die Lagerfeuer niedrig
-brannten, sah man noch immer im Zelt des Königs das
-brennende Licht und Schatten seiner Boten, welche herzu
-und hinaus eilten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch7">7.<br />
-Vor der Festung.</h2>
-</div>
-
-<p>Im Ringe um das Königszelt wachten die Bogenschützen
-Immos; denn der König hatte, um die kleine Schar
-zu ehren, ihr neben seinen Bayern den Schutz des eigenen
-Leibes anvertraut. Zwei von ihnen hielten die Speerwache
-am Eingang des Zeltes, die andern saßen nach altem Brauch,
-den Bogen in der Hand, den Pfeil an der Senne, in weitem
-Kreise umher und wechselten nur kurze Worte mit gedämpfter
-Stimme. Immo stand nahe dem Zelt und schaute
-mit lebhaftem Anteil in das Tal vor seinen Füßen, auf die
-Mauern und Türme der großen Feste, von welcher das
-Banner des Babenbergers trotzig gegen das Königszelt
-wehte. Der Mauerring war vor alter Zeit durch Sorben
-oder Böhmen im verwüsteten Grenzland errichtet worden,
-und die Babenberger hatten ihn mit ihrer besten Kunst erhöht,
-so daß er jetzt die stärkste von allen Burgen des Markgrafen
-war. Darum hatte dieser seine Gemahlin, seine
-Kinder und Schätze darin geborgen, viele seiner besten
-Helden hineingesetzt und seinen eigenen Bruder als Befehlshaber.
-Gegen die Burg war der König wie ein Sturmwind
-hereingebrochen und hielt sie mit eisernem Griff umklammert.
-Seine Heerhaufen lagen unter ihren Bannern rings
-um den Bach, der in seinen Armen die Festung einschloß,<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-die Hütten und Zelte füllten den Talrand und zogen sich
-an den Hügeln hinauf. Lange Züge von Gespannen führten
-Fichtenstämme aus den Wäldern heran, und Scharen von
-Zimmerleuten fügten das Holz zu hohen Türmen, von denen
-die Bogenschützen gegen die Verteidiger der Mauer kämpfen
-sollten. Hier und da ragte ein Sturmbock aus dem Haufen
-der Arbeiter, das Holzgerüst, in welchem an starker Kette
-ein mächtiger Baumstamm hing, der von hinten nach vorn
-geschwungen, auch festen Mauern das Gefüge zerbrach.
-Von allen Seiten scholl kriegerisches Getöse zu dem Schlag
-der Äxte und Hämmer. Hornruf trieb die Arbeiter zum
-gleichzeitigen Heben der Lasten und einzelne Heerhaufen
-zum Ausschwärmen oder zum Rückzug. Längs dem Wasser
-lagen hinter Holzschirmen oder in der Deckung, welche der
-Boden gab, behende Bogenschützen, welche ihre Pfeile nach
-jedem Haupt und Arm richteten, die sich über die Mauerbrüstung
-erhoben. Gegen die Schützen fuhren von oben
-geschleuderte Speere und Steine, zuweilen, wenn ein
-größerer Haufe näher herandrang, flog ein spitzer Baumpfahl
-oder ein Felsstück aus der Standschleuder des Turmes.
-Dann erscholl ein heller Warnungsruf und der Haufe stob
-auseinander, doch wer getroffen wurde, blieb zerschlagen
-am Boden.</p>
-
-<p>Immo trat schnell zurück und grüßte den Speer senkend,
-als der große Erzbischof Willigis von Mainz, der mächtigste
-Herr nach dem Könige, begleitet vom Kanzler, aus dem
-Zelte trat. »Oft sah ich Helden in der Blüte des Lebens
-niedergemäht vom Schwert der Feinde oder durch den
-Willen der Könige,« begann der Erzbischof, »und mir scheint,
-wer sich am herrlichsten erhebt, den wirft sein Geschick am
-tiefsten. Dennoch traure ich über den Fall des Ernst von<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-Östreich, denn gleich einem wonnigen Frühlingstag erschien
-sein Leben dem Volke. Aber der König fühlt kein Erbarmen.«</p>
-
-<p>»Ihr kennt ja selbst unsern Herrn, ehrwürdiger Vater,«
-versetzte der Kanzler, »er ist mild, wenn er vertraut, aber
-wo er sich rächt, begehrt er die Vernichtung.«</p>
-
-<p>Der Erzbischof mahnte seinen Begleiter durch einen Blick
-auf Immo, zu schweigen, der Kanzler wandte sich grüßend
-an den Jüngling. »Du siehst, Held Immo, daß der Brief
-deines Abtes dir eine gute Stätte bereitet hat, ich freue mich,
-daß der König gegen dich huldvoll gesinnt ist. Auch ich habe
-wohl Günstiges zu ihm gesprochen, und wenn du eine Gelegenheit
-findest, mir gute Dienste zu tun, so hoffe ich, du
-wirst es an dir nicht fehlen lassen.«</p>
-
-<p>Das Zelt öffnete sich wieder, von Gundomar und Wächtern
-begleitet trat Graf Ernst in das Freie. Er hatte sein
-Todesurteil empfangen, aber er trug sein Haupt hoch und
-grüßte mit würdiger Haltung die geistlichen Herren. Da begegnete
-sein Auge dem Blick Immos, welcher ihn mit Bewunderung
-und Trauer betrachtete, schnell trat er auf ihn
-zu und begann: »Ich kenne dich wohl, Held, dein Schwertschlag
-war es, der mir die Kraft lähmte, wo ich ihrer am
-meisten bedurft hätte, und du bist es, der mein Haupt unter
-das Urteil eines strengen Richters gebeugt hat. Aber willig
-rühme ich heut, daß du mannhaft gegen mich gestanden hast.
-Es war ehrlicher Kampf, ohne Groll scheide ich auch von dir.«
-Und er bot ihm die Hand.</p>
-
-<p>Immo hielt die Hand fest und antwortete bewegt: »Oft,
-wenn ich von euren ruhmvollen Taten vernahm, dachte ich,
-daß es mein größtes Glück sein werde, dereinst im Schwertkampf
-an eurer Seite zu stehen. Jetzt rührt es mein Herz,
-daß es diese Waffe war, die euch im letzten Kampfe traf,<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-und willig wollte ich die teure Ehre dahingeben, wenn ich
-euch dadurch retten könnte.«</p>
-
-<p>»Hilfe für mich ist nur noch beim Himmelsherrn,« versetzte
-der Graf mit einem Blick auf den Erzbischof, »dir aber
-mögen die Heiligen besseres Erdenglück zuteilen als ich
-empfing.« Mit gehaltenem Gruß wendete er sich ab.</p>
-
-<p>Gundomar aber begann unfreundlich gegen Immo:
-»Dem Helden stand wohl an, dich mit Worten zu ehren, dir
-aber rate ich zu bedenken, daß ein günstiger Schwertschlag
-noch keinen zum Helden gemacht hat.«</p>
-
-<p>»Ich traf so gut ich vermochte und denke dasselbe gegen jeden
-zu tun, der mir feindlich entgegentritt,« entgegnete Immo.</p>
-
-<p>»Auch der Grashalm steigt üppig empor, wenn ihn die
-warme Sonne bescheint, der erste Wetterregen schlägt ihn
-zu Boden,« spottete Gundomar.</p>
-
-<p>»Nicht eure Freundschaft hob mich empor, als ich auf dem
-Boden lag,« versetzte Immo.</p>
-
-<p>Als die beiden Helden einander gegenüberstanden, mit
-blitzenden Augen und geröteten Wangen, da sahen die Anwesenden
-mit Staunen, wie gleich sie einander in Antlitz
-und Gebärde waren, beide hochragende Gestalten mit breiter
-Stirne und starken Augenbrauen, mit gewölbter Brust und
-starken Gliedern; voller und heller ringelte sich das Haar
-Immos, in den dunkleren Locken Gundomars schimmerten
-einzelne Silberfäden, aber an Haltung und Gebärde glichen
-sie einander wie Brüder, ähnlich klang sogar der Ton ihrer
-Stimme.</p>
-
-<p>»Verzeiht, ehrwürdiger Vater,« wandte sich Gundomar
-zum Erzbischof, »daß leerer Wortwechsel in eurer Gegenwart
-laut wurde. Mir ist das Gemüt beschwert durch das Los
-eines edlen Waffengefährten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p>
-
-<p>»Leicht eifern die Helden gegeneinander,« versetzte der
-Erzbischof rücksichtsvoll, »auch wenn sie von einem Geschlechte
-sind. Bei der Not des einen denkt der andere doch, was seiner
-Ehre geziemt.«</p>
-
-<p>Während Immo den abwärts Schreitenden finster nachblickte,
-sah er vor sich zwei Zeigefinger übers Kreuz gelegt
-und hörte nahe an seinem Ohr die fragenden Worte: »<em class="antiqua">Es
-tu scolaris?</em>« Dies war der vertrauliche Gruß, woran die
-lateinischen Schüler im Lande einander erkannten, und der
-ihn so grüßte, war der König. Ehrerbietig trat er zurück und
-neigte die Waffe. »Ich höre, dein Oheim sähe dich lieber im
-Kloster als im Heerlager.«</p>
-
-<p>»Ich bin ihm verleidet,« antwortete Immo, »und ich sorge,
-daß sein übler Wille mir die Huld des Herrn Königs mindere.«</p>
-
-<p>»Das besorge nicht,« versetzte Heinrich trocken. »Zudem
-magst du wissen, daß Held Gundomar seine Feinde lieber
-ins Antlitz schlägt als hinterrücks angreift; und soll ich dir
-Gutes raten, so meide seine Nähe, wenn er die Brauen
-grimmig zusammenzieht, wie er manchmal tut. Doch ein
-anderer Held hat dir, wie ich vernahm, besseres Lob gespendet.«
-Er wies nach dem Wege, auf welchem Graf Ernst
-zwischen den Wächtern ging. »Gräme dich nicht, daß du
-den Spielleuten ihren Helden genommen hast; denn er ist
-einer von den Recken, welche durch das Lied müßiger Gesellen
-gefeiert werden, selten aber durch das Lob bedächtiger
-Männer. Sie werfen ihren Handschuh hierhin und dorthin
-und kämpfen wie Bären um eine hohle Nuß, unbekümmert,
-ob Land und Leute darüber zugrunde gehen. Darum gleicht
-auch ihr Ruhm der lodernden Schindel, welche beim Hausbrande
-fliegt, wie gerade der Wind sie treibt, bis sie am
-Boden flackert und in Finsternis verlöscht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p>
-
-<p>»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo demütig, »wer unter
-dem Helme reitet, wie mag der den Stolz auf große Taten
-entbehren?«</p>
-
-<p>»Der Weise aber nennt eine Tat nicht darum groß, weil
-sie mit schwerer Lanze und starkem Arm vollbracht wird,
-sondern weil sie großen Nutzen bereitet. Vieles, was leise
-ins Ohr geraunt wurde, schuf besseren Segen, als der
-wildeste Sprung über die Heide.«</p>
-
-<p>»Dennoch verzeihe mir der König, wenn ich sage, wenige
-werden freudig das Schwert schwingen und in den Feind
-reiten, wenn ihnen nicht die Ehre, die sie gewinnen, der
-liebste Schatz auf Erden sein darf.«</p>
-
-<p>»Du denkst ganz wie die Laien,« schalt der König, »ich
-traute dir bessere Einsicht zu. Da du im Kloster warst,
-solltest du gelernt haben, daß es höhere Siege gibt, als mit
-Schild und Schwert, indem man die Seelen der Helden und
-der anderen begehrlichen Menschen bezwingt, damit man
-ein Herr wird über sie.«</p>
-
-<p>»Das ist das Amt des Königs,« antwortete Immo. »Ich
-habe gehört, daß der große Kaiser Karl, der König Etzel und
-andere gewaltige Herren, von denen die Sage kündet, sich
-ausdachten, was ihnen nützen könnte, und dann ihre Helden
-sandten, damit sie es vollbrächten, zu dem einen Werk die
-Klugen, zu dem andern die Starken; und daß sie jeden zu
-gebrauchen wußten, wozu er diente. Ich aber bin nur
-einer, der dem König mit seinem Schwerte dienen will.
-Und ich begehre die Ehre eines Helden, welche mir gebietet,
-meine Genossen lieb zu haben und mich an meinen Feinden
-blutig zu rächen. Ob die Rache auch zum Amt eines Königs
-gehört, das weiß ich nicht.«</p>
-
-<p>Heinrich sah ihn mit großen Augen an. »<em class="antiqua">Immo, tu es<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-scolaris</em>. Du bist weit schlauer, als ich dachte. Was willst
-du mir zu verstehen geben? Fahre fort.«</p>
-
-<p>»Herr,« sprach Immo kühn, »als ich den Grafen Ernst
-abwärts führen sah, da fiel mir aufs Herz, ein hochgesinnter
-Held wie dieser vermöchte dem König wohl noch seine Treue
-durch gute Dienste zu erweisen. Denn sie sagen, daß er nur
-deshalb in Empörung und Unglück gekommen ist, weil er
-dem Hezilo als Anverwandter die Treue gehalten hat.«</p>
-
-<p>»Dem König aber hat er die Treue gebrochen,« rief
-Heinrich.</p>
-
-<p>»In Zukunft könnte er wohl dem König allein nützen,
-denn des Königs Würde versteht, wie man die Seelen der
-Helden und der anderen begehrlichen Menschen zwingt,
-damit sie gehorsam dienen.«</p>
-
-<p>»Hat St. Wigbert dir so gut die Zunge gelöst,« frug der
-König, »daß du sie gegen mich für einen Verräter zu gebrauchen
-wagst?«</p>
-
-<p>Immo beugte das Knie. »Mit dem Schülergruß wurde
-ich angerufen; habe ich zu dreist gesprochen, so möge die
-Gnade des Königs mir verzeihen.«</p>
-
-<p>Der König nickte. »Du hast recht und ich werde mich
-hüten, dir noch einmal das Fingerkreuz zu zeigen, damit
-du mir nicht wieder eine Lektion hersagst.« Und als Immo
-ihn bittend ansah, fuhr er mit Königsmiene fort: »Sei
-ruhig, Hauptmann, ich zürne dir nicht.«</p>
-
-<p>Reisige sprengten herauf, im Lager erhob sich Geschrei
-und Getümmel, ein donnernder Jubelruf wälzte sich von
-Haufen zu Haufen durch das ganze Heer. Unter dem Geleit
-einer reisigen Schar wurde ein langer Zug von Heerwagen
-und beladenen Lasttieren durch das Lager geführt und nahe
-dem Bach, den Belagerten sichtbar rund um die Festung bis<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-zu der Höhe des Königs. Das war der Schatz, den der Held
-des Markgrafen gefangen und den der König zurückgewonnen
-hatte, nachdem er die Burg des Magano eingenommen.
-Jetzt wurde der Schatz im Triumph durch das Lager geführt,
-die Krieger zu trösten und die Feinde zu entmutigen. Die
-Augen des Königs leuchteten, als sie dem Zuge der Wagen
-folgten, und sich noch einmal zu Immo wendend, schloß er:
-»Suchst du gleich Ehre und nicht Gold, ich hoffe doch, es soll
-auch für dich etwas Glänzendes herausgehoben werden,
-wenn der König seine Treuen belohnt.« Er ging dem Erzbischof
-entgegen, welcher dem Zelte des Königs zuschritt.</p>
-
-<p>Als die Sonne sank, zog eine Schar breitschultriger
-Bayern mit Stiernacken und großen Häuptern heran, die
-Königswache zu halten. Immo wechselte mit dem Führer
-den Gruß, löste seine Knaben von ihren Plätzen und führte
-sie zu der Stelle des Lagers, wo sie sich aus Fichtenzweigen
-die leichten Hütten erbaut hatten. Während die Thüringe
-das Feuer anzündeten, um ihr Mahl zu bereiten, warf er
-selbst einen dunklen Mantel über, den Goldschmuck seiner
-Rüstung zu verdecken, vertauschte seinen Helm mit der leichten
-Eisenkappe eines Gefährten und eilte ins Freie. Rings um
-die Festung brannten die Lagerfeuer, zwischen den rötlichen
-Flammen und den weißen Rauchsäulen schritten die Krieger
-wie dunkle Schatten hin und her. Auch über der Festung
-schwebte eine rote Dampfwolke, welche verriet, daß die Belagerten
-nach den Gefahren des Tages für die ermüdeten
-Leiber sorgten.</p>
-
-<p>Immo durchschritt die letzten Lagerreihen der Königsmannen,
-beantwortete den Ruf der Wachen und trat in
-das offene Land, welches dunkel und still vor ihm lag. Nur
-an einer Stelle wirbelte weit abseits vom Lager ein feuriger<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-Dampf, dessen Flamme in der Tiefe verborgen war. Dorthin
-eilte Immo. Von der Höhe blickte er über eine Erdsenkung,
-in welcher eine Anzahl Laubhütten und Zelte unordentlich
-durcheinander stand. Saitenspiel und Gesang
-und das Geschrei Trunkener tönten zu ihm herauf, Männer
-und Frauen glitten an den Feuern vorüber und schlüpften
-von einer Hütte in die andere. Dort war das Lager der
-fahrenden Leute, welche als Sänger und Fiedler, als Tänzer
-und Gaukler dem Heere folgten, um die Krieger in den
-müßigen Stunden zu ergötzen und ihren Anteil an der Beute
-zu gewinnen. Übel berüchtigt war die Stelle, denn die
-Wanderer, welche dort hausten, waren aller Ehre bar und
-wurden durch kein Recht geschützt, nur durch die Gunst
-mächtiger Helden, welche sie zu gewinnen wußten. Als
-Immo in das Gewirr der Hütten und der Feuerstellen eindrang,
-wurde der Lärm und das Gewühl lästig und er zog
-seinen Mantel dichter zusammen. Bezechte Krieger schrien
-ihn an, buntgekleidete Weiber boten ihm lustigen Gruß,
-ein riesiger Bär, der an einen Pfahl gebunden war, zerrte
-brüllend an seiner Kette, die Fiedel klang und das Sackrohr
-brummte; in einer Hütte schwang sich, umdrängt von einem
-Haufen Gewappneter, eine zierliche Dirne in hohen Sprüngen
-durch die Luft; in einer andern saß ein Spielmann, sang
-mit melodischem Tonfall ein Lied von den Taten vergangener
-Helden und riß dabei kräftig die Saiten der kleinen Harfe;
-neben einem großen Feuer sprang ein schlauäugiger Gesell
-umher, welcher schnurrige Lügengeschichten erzählte, und
-wenn die Zuhörer laut auflachten, mit dem Becher herumlief,
-damit man ihm Silberblech spende. Endlich kam Immo
-zu einem Zelt, welches inmitten der andern recht ansehnlich
-stand, mehrere gute Rosse waren daneben angepflöckt und<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-darüber wehte ein Banner, auf dessen Tuch zwei gekreuzte
-Pfeile sichtbar wurden.</p>
-
-<p>In der Zelttür saß Wizzelin, ein kräftiger Mann von
-mittleren Jahren mit klugem Gesicht, er trug ein zierliches
-Gewand von zweierlei Tuch, die eine Hälfte rot, die andere
-grün, um den Hals eine Goldkette, am Armgelenk einen
-dicken Goldring. Er gebot dem Lager als Hauptmann und
-schlichtete gerade einen Streit zweier Genossen, welche zu
-beiden Seiten eines Esels standen. »Frei lief der Esel,«
-entschied er lachend, »und zu gleicher Zeit packte ihn Gozzo
-am Schwanz und Bezzo am Ohr, und jeder meint, daß
-darum der Esel ihm gehöre. Beide habt ihr Unrecht geübt,
-denn ihr habt einander ärgerlich gescholten, der Fahrende
-aber gewinnt nur durch Lachen sein Recht und seine Beute.
-Dem Esel vollends habt ihr die Ehre gekränkt, denn da er
-als Freier lief, hat er das Recht, sich seinen Herrn zu wählen.«
-Er wies auf einen Distelstrauch zur Seite. »Jeder von euch
-nehme eine Blüte des wehrhaften Krautes in die Hand,
-dann haltet beide die Fäuste vor den Helden: wessen Kraut
-er frißt, dem will er sich angeloben.« Die Männer lachten und
-nickten und Gozzo führte siegreich den Esel zu seiner Hütte.</p>
-
-<p>Jetzt erst erhob sich Wizzelin, der seither Immo nur durch
-einen Seitenblick begrüßt hatte; mit tiefer Verneigung führte
-er ihn in das Zelt, zündete einen langen Kienspan an, den
-er in den Boden steckte, und schloß den Eingang durch eine
-vorgezogene Decke. »Sprecht leise,« sagte er, »denn meine
-Kinder sind treu, aber neugierig. Viele Augen sehen nach
-dem stattlichen Helden und suchen die Geldtasche unter
-seinem Mantel.«</p>
-
-<p>»Sie öffnet sich gern für dich,« versetzte Immo darnach
-greifend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p>
-
-<p>»Laßt noch,« riet Wizzelin, »ich will die Gabe erst verdienen.
-Auch für euch ersehne ich den Tag, wo die Kriegsbeute
-ausgeteilt wird und die Scharen der Helden heimwärts
-ziehen. Ich selbst werde froh sein, wenn ich wieder
-in die Höfe meiner Thüringe reite. Denn hier schwebt
-ein Geier über uns und unsicher schlagen wir mit den
-Flügeln.«</p>
-
-<p>»Doch merke ich, du hast auch hier Gunst gewonnen,«
-antwortete Immo lächelnd, »ich sah im Vorübergehen
-manchen ansehnlichen Kriegsmann in deinen Hütten.«</p>
-
-<p>»Einem aber sind wir Fahrende verhaßt,« bekannte
-Wizzelin zutraulich. »Kein Mönch ist so unhold gegen mein
-Volk, als der König; und wenn es auf meinen Willen ankäme,
-so wäre ich drüben beim Heere des Babenbergers, wo die
-Mehrzahl meiner Genossen weilt und weit besser geehrt
-wird.«</p>
-
-<p>»Willst du deine Kinder in den Mauern der Festung
-bergen? Ungern erträgt, wie ich höre, dein Volk die Not
-einer belagerten Burg.«</p>
-
-<p>»Vielleicht finden wir das Lager des Hezilo an einer
-anderen Stelle,« antwortete der Spielmann.</p>
-
-<p>»Weißt du, wo?« frug Immo schnell.</p>
-
-<p>Wizzelin schüttelte das Haupt. »Wir Friedlosen, Herr,
-singen und sagen nicht alles, was wir wissen und vergebens
-wäre es, aus uns herauszulocken, was wir nicht gestehen
-wollen. Eins aber sage ich euch: unser Lied wird den König
-Heinrich selten rühmen, und seit er das Urteil gefällt hat
-über den Grafen Ernst, ist das fahrende Volk ihm feind und
-der König mag sich vor der behenden Zunge meiner Kinder
-hüten wie ein Roß vor einem Schwarm Hornissen.« Und
-bedeutsam setzte er hinzu: »Auch der Held, welcher in seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-Heer Ehre gewinnt, mag sich hüten, ihm zu vertrauen, denn
-kalt und hart ist er wie Stahl.«</p>
-
-<p>»Ist dir der Markgraf lieber, wie kommt's, daß du bei
-uns lagerst und nicht beim Hezilo?«</p>
-
-<p>»Ihr selbst wißt einen Grund, daß ich hierher gesandt
-bin; andere behalte ich für mich. Auch der Spielmann denkt
-zuweilen, daß es sein Vorteil ist, dem Sieger zu folgen.«</p>
-
-<p>»Sei gelobt, Wizzelin, daß du für uns den Sieg hoffst,«
-rief Immo.</p>
-
-<p>»Noch ist er nicht erkämpft,« versetzte der Spielmann.
-»Hütet ihr euch nur, daß ihr euren Anteil daran nicht verschlaft.«
-Und leiser setzte er hinzu: »Soll ich euch Gutes
-raten, so wandelt morgen und an den nächsten Tagen im
-Grase, bevor die Sonne aufgeht; sammelt den Frühtau
-und streichet euch damit die Augen, er hilft, wie die Weisen
-sagen, zu scharfem Gesicht.«</p>
-
-<p>Immo überlegte die Worte, dann griff er schnell nach
-seiner Geldtasche. »Sage mir mehr, Wizzelin.«</p>
-
-<p>»Ich tue es nicht,« entgegnete der andere, »auch nicht,
-wenn ihr versucht, mir die Augen durch Goldblech zu blenden.«
-Er schob den Vorhang zurück und blies auf einer
-kleinen Querpfeife einige schrille Töne ins Freie, gleich
-darauf vernahm Immo dasselbe Zeichen an mehreren
-Stellen des Lagers. »Weshalb ihr kommt, weiß ich, ohne
-daß ihr mir's sagt,« setzte Wizzelin ernsthaft die Unterredung
-fort, »den Gruß, welchen ich euch im Kloster lehrte, hat mir
-noch keines meiner Kinder zugetragen. Darum ist meine
-Meinung, daß euer Geselle, dessen Botschaft ihr erwartet,
-nirgends weilt, wo der Wind über die Halme weht und ein
-Baum Schatten auf die Flur wirft, sondern umschlossen
-von Stein und Speereisen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<p>»Du meinst in einer Burg des Hezilo?«</p>
-
-<p>»Auch in den Burgen ziehen meine Kinder ein und aus.
-Wenn aber eine Mauer vom Feinde umringt ist, so wird
-ihnen das Fahren gehemmt.«</p>
-
-<p>»Sie ist in der Festung, die wir belagern,« rief Immo
-erschrocken.</p>
-
-<p>Wizzelin lachte. »Ihr werdet euch behender auf die
-Mauer schwingen, wenn ihr das hofft.« Als er aber den
-Schrecken im Gesicht des Jünglings sah, fuhr er begütigend
-fort: »Meinung ist nicht Gewißheit; harret, vielleicht kommt
-noch ein Bote für euch. Das wollte ich euch sagen. Und
-jetzt öffnet die Tasche und gebt mir meinen Sold, denn jetzt
-werdet ihr die Stücke nicht zählen.«</p>
-
-<p>Immo reichte dem Spielmann die Geldtasche. »Nimm;
-mir laß nur, daß ich nicht ganz leer bin, bis ich die nächsten
-Beuterosse gewinne.«</p>
-
-<p>Wizzelin schüttete sich die Hand voll Silber und senkte
-sie behende in sein Gewand. »Ich habe geteilt,« sagte er die
-Tasche zurückgebend. »Was ich euch ließ, hole ich mir mit
-anderen, wenn ihr euren Anteil an der Siegesbeute empfangt.
-Vergeßt den <span id="corr197">Mann</span> nicht, ihr mögt ihn noch heut im
-Morgentau brauchen. Ich selbst begleite euch bis an die
-Grenze meines Landes.«</p>
-
-<p>»Dein Land ist überall, wo Menschen unserer Sprache
-wohnen,« antwortete ihm Immo zunickend. »Wo ist die
-Grenze?«</p>
-
-<p>»Wo dies Sandloch aufhört,« versetzte Wizzelin, »und
-wer weiß, wie lange.« Sie durchschritten eilig das Lager,
-die Feuer brannten wie vorher, aber um die Hütten war
-es stiller; die Tänzerin war verschwunden, der Lügenerzähler
-saß allein und packte über einem Bündel, nur<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-wenige Kriegsleute saßen und lungerten noch an den Zelten.
-Doch um die Karren, welche am Abhang in der Reihe standen,
-bewegten sich geschäftige Gestalten und im Aufsteigen
-sah Immo, daß der Esel, welcher sich den Gozzo zum Herrn
-gewählt hatte, an einen Karren geschirrt wurde. Immo,
-dem die Angst um das Schicksal der Geliebten das Herz beklemmte,
-begann, auf die bespannten Wagen weisend: »Wie
-ein Wanderer in der Wildnis bin ich, dem sein Roß davonläuft.
-Wann sehe ich dich wieder, Wizzelin?«</p>
-
-<p>»Frage die Wolken und den Wind, wohin sie schweifen,
-aber nicht einen Fahrenden,« versetzte der Spielmann
-lachend. Er neigte sich vor Immo und tauchte zurück, im
-nächsten Augenblick tönte wieder die scharfe Querpfeife.</p>
-
-<p>Auf dem Wege hielt Immo an und mühte sich, aus dem
-Feuerkranz, der um die Festung loderte, die Lager der einzelnen
-Heerhaufen zu erkennen. In weiter Entfernung war
-der Hügel, auf dem die königlichen Zelte standen, dort und
-jenseits der Festung lagen bayrische Haufen, weiter abwärts
-Schwaben, Mainzer und Fuldaer, gerade vor ihm Herzog
-Bernhard mit seinen Sachsen. Da nickte er zufrieden und
-wandte sich schnellfüßig dem sächsischen Lager zu. Bald
-unterschied er hinter der langen Reihe flammender Feuer
-die starken Heerwagen, welche die Sachsen zu einer Wagenburg
-zusammengestoßen hatten, um dahinter wie in einem
-Walle sorglos zu ruhen. Von den Wachen angerufen, wurde
-er auf sein Begehr zum Zelt des Herzogs geführt. Der
-Kämmerer kam unwirsch aus dem Zelte. »Wie mag ich
-meinen Herrn wecken?« antwortete er auf die Forderung
-Immos. »Jämmerlich ist Bier und Met in Bayerland,
-und mein Herr schöpft hier so üblen Nachttrunk, daß ich
-allen Heiligen danke, wenn er nur erst eingeschlafen ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>»Ist das die Meinung, die du von deinem Herrn hegst,
-du grober Waldgötze,« rief eine tiefe Stimme aus dem
-hintern Zelt und ein Lederstrumpf kam gegen den Rücken
-des Kämmerers herausgeflogen. »Ich will wissen, wer da
-ist. Bist du es, Held Immo, so tritt herein.«</p>
-
-<p>Der Kämmerer öffnete den Vorhang, Immo erkannte
-beim matten Schein einer Lampe den Herrn, der mit einem
-Lodenmantel aus heimischer Wolle zugedeckt lag und das
-gutherzige Gesicht ihm fragend zuwandte. Er berichtete die
-Warnung, welche Wizzelin geraunt hatte, und den plötzlichen
-Aufbruch der fahrenden Leute. »Sie wären nicht
-von ihren Feuerstellen gewichen, wenn sie nicht besorgten,
-daß der Markgraf auf ihrer Seite angreifen wird.«</p>
-
-<p>»Schwerlich hat Hezilo die Spielleute zu seinen Vertrauten
-gemacht,« versetzte der Herzog kopfschüttelnd. »Und
-wenn er kommen will, so sind wir bereits da. Auch ist Hezilo
-ein Christ und ein ritterlicher Mann, der seinen Feind niemals
-anfallen wird, während die Unholde der Nacht durch
-die Lüfte fahren. Und wäre er, wie sein Vater war, so würde
-er uns auch Tag und Stunde vorher wissen lassen, obwohl
-wir die Stärkeren sind. Doch die jetzige Jugend mißachtet
-alte Bräuche, zumal wenn sie ihr beschwerlich sind. Darum
-war deine Sorge unnötig.«</p>
-
-<p>»Vielleicht liegt der Markgraf uns so nahe,« wandte
-Immo ein, »daß er nicht bei Nacht, aber beim ersten Morgenschein
-in das Lager einzubrechen vermag. Ihr selbst mögt
-ermessen, ob er im Vorteil kämpft, wenn er zu dieser Stunde
-an unsere Hütten dringt.«</p>
-
-<p>Der Herzog richtete sich mit halbem Leibe auf. »Wecken
-kann ich meine Sachsen nicht, denn wenn sie bei Tage mannhaft
-kämpfen, so haben sie dafür, sobald sie schlafen, ein<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-solches Gottvertrauen, daß auch ein brüllender Löwe sie
-schwerlich in die Höhe brächte.« Er setzte gemächlich ein
-Bein auf den Boden und zog einen Lederstrumpf an.
-»Dennoch will ich ein übriges tun.« Er befahl, den Hauptmann
-seiner Leibwache zu rufen, forderte den zweiten
-Strumpf und schritt gewichtig im Zelte auf und ab. »Sobald
-die erste Lerche aufsteigt, sollen sie gerüstet bei den
-Rossen stehen.« Zuletzt warf er den Mantel um. »Komm
-ins Freie, Held, damit ich selbst zum Rechten sehe.« Sie
-schritten die Reihe der Wachen entlang, der Herzog prüfte
-mit scharfem Blick ihre Aufstellung und gab dem Hauptmann
-Befehle. »Sende sogleich behende Läufer zu den nächsten
-Scharen, aber vorsichtig, daß man aus der Ferne die Bewegung
-nicht merke. Auch die Nachbarn sollen sich rühren.«
-Und als der gute Herr alles vorsorglich bestellt hatte, sprach
-er zu Immo: »Gedenke auch du der Ruhe, ich mißtraue
-jedem Manne, der sein Lager gering achtet. Hast du uns Günstiges
-geraten, so soll dir's vergolten werden, bleibt's bei
-deinem guten Willen, so werde ich auch diesen dem König
-rühmen.«</p>
-
-<p>»Gern möchte ich mit dem kleinen Haufen meiner Genossen
-morgen früh in eurer Nähe sein,« versetzte Immo,
-»ich bitte, daß ihr mir's gestattet und mich beim König entschuldigt,
-wenn ich eigenwillig zu euch aufbreche.«</p>
-
-<p>»Deine Knaben sollen eine rühmliche Ecke meiner Holzburg
-bewachen,« entschied der Herzog, erfreut durch den
-Eifer, »du aber sollst unter meinen Helden reiten und in
-meiner Nähe hoffe ich dich zu finden.«</p>
-
-<p>Im ersten Morgengrau klangen bei den Sachsen die
-Alarmtöne, gleich darauf erhob sich wilder Lärm, die Rufer
-schrien, Pfeifen und Hörner gellten, das ganze Lager fuhr<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen durcheinander, bald
-sprangen ledige Rosse über das Feld und verwundete
-Helden wurden aus dem Gewühl getragen. Vom Sachsenlager
-her scholl immer wieder das Kriegsgeschrei der Angreifer
-und Verteidiger und das Dröhnen der feindlichen
-Äxte an den Bohlen der Wagenburg. Hin und her wogte
-der heiße Kampf, dreimal suchte der Markgraf den Lagerring
-in wildem Ansturm zu durchbrechen. Aber die Reiter
-des Herzogs brachen an jeder Stelle, welche gefährdet war,
-aus ihrer Burg, hemmten dreimal den Sturmlauf der
-Feinde und wehrten dem Durchbruch, bis der König selbst
-mit neuen Scharen herankam. Da wandten jene plötzlich
-ihre Rosse und verschwanden wie sie gekommen waren. Auch
-die Verfolgung, welche König Heinrich befahl, vermochte sie
-nicht zu erreichen.</p>
-
-<p>Als der Kampf vorüber war und Immo mit glühendem
-Antlitz sein schäumendes Roß zur Ruhe zwang, ritt Herzog
-Bernhard zu ihm und ihn vor allem Heere küssend, rief er:
-»Heute habe ich dich erkannt, wie du bist; die alte Treue
-zwischen Sachsen und Thüringen ist aufs neue bewährt,
-mir und meinen Helden bist du fortan ein Waffenbruder und
-ein lieber Genosse, so oft du es begehrst.« Und auch König
-Heinrich nickte dem glücklichen Immo mit freundlichem
-Lächeln zu, als er die Reihen der Krieger entlang ritt.</p>
-
-<p>Seit diesem Morgen wurde das Lager des Königs täglich
-beunruhigt, bald hier, bald dort suchte der Feind überraschend
-einzudringen; die leichten böhmischen Reiter,
-welche ihm zugezogen waren, warfen sich auf ihren
-behenden Pferden überall, wo der Boden die Annäherung
-begünstigte, gegen die Königsmannen; jeder Haufe, welcher
-Futter und Vieh aus der Umgegend herbeitreiben sollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-mußte die plötzlich auftauchenden Scharen des Markgrafen
-abwehren. Dieser aber fand in den Wäldern und Seitentälern
-der heimischen Landschaft sicheren Versteck. Auch die
-Belagerten rührten sich kräftig. Da sie von den hohen
-Türmen der Feste weit in das Land schauten, so drangen
-sie zu derselben Zeit, wo die Haufen des Markgrafen gegen
-die Belagerer ritten, mit ihrem Fußvolk aus den Toren,
-verbrannten ein Turmgerüst, welches gegen sie aufgerichtet
-war, warfen die Sturmböcke und führten die Ketten als
-Siegeszeichen nach der Stadt.</p>
-
-<p>Der König hielt beharrlich die Festung umschlossen, noch
-war er der Stärkere, aber er wußte wohl, daß die beste Hilfe,
-auf welche er zählen durfte, um ihn gesammelt war, während
-der Widerstand des Markgrafen die Unzufriedenen in allen
-Teilen des Reiches ermutigte und das kleine Heer des
-Feindes sich mit jedem Tage vergrößerte, nicht nur durch
-böhmische Reiter, auch durch Banner aus dem Norden.
-Deshalb ritten die Königsboten, meist geistliche Herren,
-nach allen Richtungen aus dem Lager, um den Zorn der
-Mißvergnügten durch Verheißungen zu stillen und die Verstärkung
-des Feindes zu hindern. Aber es wurde den Gesandten
-des Königs bereits schwer, durch die Reiter des
-Hezilo ins Freie zu dringen.</p>
-
-<p>An einem Abend, wo Immo mit seinen Knaben wieder
-die Königswache hielt, trat Herzog Bernhard zu ihm und
-begann vertraulich: »Der Markgraf kämpft gegen uns wie
-das Hündlein gegen den Igel, er springt bellend um uns
-herum, zuletzt versetzt er uns doch einen Biß ins Weiche.
-Es macht Sorge, das Heer zu ernähren und sorgenvoll wird
-auch der Lagerdienst.« Er wies nach dem Felde, wo an
-Stelle der Wachen zahlreiche gepanzerte Reiter in weiterer<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-Entfernung aufgestellt waren. »Der König läßt unablässig
-nach dem Versteck des Markgrafen spähen, aber keinem
-unserer Läufer ist es gelungen, die Stelle zu erkunden.
-Vergebens hat der König auch nach fahrenden Leuten umhergefragt,
-dies ruhmlose Volk ist verschwunden, wurde
-einer auf dem Felde ergriffen, so schwieg er oder log, obgleich
-der Büttel ihn hart ängstigte.«</p>
-
-<p>»Dennoch sage ich dir, weder die Babenberger, noch wir
-andern haben geahnt, welch ein Kriegsherr König Heinrich
-ist, denn mit Weisheit erwägt er selbst Großes und Kleines.«</p>
-
-<p>Während der Herzog sprach, sprang Harald, der erste
-Heerrufer, aus dem Zelt des Königs und eilte den Hügel
-hinab, ihm folgten seine Genossen, sich schnell durch das
-Lager verteilend. »Sieh dorthin, Held Immo, der König
-ist müde, still zu kauern und er denkt selbst einen Sprung
-zu tun.«</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen zogen beim ersten Hahnenschrei die
-reisigen Scharen des Königs von allen Seiten ins Freie,
-geräuschlos, in kleinen Haufen, ohne Feldzeichen, um sich
-außer Gesichtsweite der Festung zum Heere zu vereinigen.
-Dem König war gelungen, das schwer zugängliche Tal zu
-erkunden, in welchem der Markgraf sein Lager aufgeschlagen
-hatte. Zugleich rüsteten die Bogenschützen und die übrigen
-Haufen der Fußkämpfer einen Angriff gegen die Feste,
-ihnen hatte der König geboten: »Haltet gute Wache, indem
-ihr mit dem Ansturm droht und auf die Verteidigung denkt,
-hütet euch auch, ihr Helden, den Feind allzusehr zu bedrängen,
-damit er nicht ausbreche, um sich zu retten. Am
-liebsten werde ich euch belohnen, wenn ich das Lager so
-wiederfinde, wie ich es verlasse.«</p>
-
-<p>Auch Immo ritt unter den Wächtern des Königs, welche<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-in der Schlacht vor seinem Leibe kämpften und ihm die
-Gasse öffneten, wenn er selbst einen erlauchten Helden bestreiten
-wollte. Mehr als eine halbe Tagefahrt zog die
-reisige Schar über Hügel und Tal, die Sonne schien heiß,
-die Panzerringe brannten durch Leder und Hemd auf die
-Haut und der Schweiß rieselte von den Flanken der Rosse.
-Aber der Zuruf des Königs trieb unablässig vorwärts, bald
-an der Spitze, bald am Ende des Zuges befeuerte er die
-Müden durch Scherzworte oder scharfen Tadel, er allein,
-den seine Feinde weichlich gescholten hatten, schien Sonnenbrand
-und Durst nicht zu fühlen. In der Glut des Mittags
-klomm die gepanzerte Schar eine steile Höhe hinan. Vielen
-wurde die Anstrengung unerträglich, Rosse und Reiter
-brachen zusammen, aber der König mahnte und trieb, wirbelte
-lustig den Wurfspeer, <span id="corr204">schalt</span> und verhieß Belohnungen.
-Kurz vor der Höhe hielten die Müden zu kurzer Rast. Heinrich
-ordnete die Scharen in der Stille, auch lauter Rede
-wurde gewehrt. Dann hob er grüßend den Speer, die Posaunen
-und Hörner schmetterten und brüllten ihre wilden
-Weisen und in gestrecktem Lauf stob die Heerschar auf
-günstiger Bahn nach dem engen Tale, worin die Banner,
-die Zelte und Hütten des Hezilo standen. Es war die Tageszeit
-nach dem Mahle, wo die Markgräflichen am sorglosesten
-ruhten; kaum einer der Helden war mit seiner Rüstung bekleidet,
-auch die Rosse standen ungesattelt an ihren Seilen.
-Furchtbar tönte den Feinden das Kyrie eleison, der Schlachtruf
-des Königs, in die Ohren, nur die Tapfersten wagten
-dem Ansturm entgegen zu sprengen und das drohende Verderben
-aufzuhalten, sie wurden erschlagen oder verjagt, der
-Zaun des Lagers wurde durchbrochen, bevor der Widerstand
-sich daran sammelte; die Mehrzahl der Krieger gefangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-während sie nach den Waffen schrie. Der Markgraf
-selbst entrann mit einer kleinen Zahl seiner Getreuen.</p>
-
-<p>Als Immo in der ersten Reihe der Leibwächter den Hügel
-hinabritt, suchte sein scharfes Auge unter den feindlichen
-Bannern das Zeichen des Grafen Gerhard. Er sah es nicht,
-aber der erste Krieger, der gegen ihn anritt, war Egbert, ein
-Günstling des Grafen. Immos Speer warf den hochmütigen
-Dienstmann in das Gras und über den Gefallenen
-brach der wilde Strom vorwärts. Der Held fand sich vor
-dem König im Kampfe gegen Leibwächter des Markgrafen,
-er stieß, schlug und tat sein Bestes, aber mitten in dem
-blutigen Gedränge suchte er immer wieder nach dem Buchenreis,
-welches die Dienstmannen des Grafen an ihrer Rüstung
-zu tragen pflegten. Als der Schwall verrauscht war und der
-laute Gesang des Rufers die Helden zusammenlud, da
-sprengte er zurück zu der Stelle, wo er den Egbert getroffen,
-aber sein Speer hatte die Arbeit zu gut getan und er vermochte
-von dem Leblosen keine Kunde einzuholen. Er
-durchritt die Haufen der Gefangenen, aber auch dort fand
-er die Buchenzweige nicht und er holte mit Mühe die Kunde
-heraus, daß Mannen des Grafen unter den Flüchtigen entronnen
-waren.</p>
-
-<p>Nur die nötigste Rast verstattete der König den Siegern.
-Von allen Ecken ließ er das Lager in Brand stecken und achtete
-nicht auf das Murren seines Heeres, welches in den eroberten
-Hütten Ruhe und Beute gehofft hatte. Eilig ließ
-er die Gefangenen und die Beuterosse rückwärts treiben und
-brach wieder in Sonnenglut nach dem eigenen Lager auf,
-obgleich die ermatteten Sieger mürrisch in ihren Sätteln
-hingen, gleich geschlagenen Männern. Immo sah von der
-Höhe zurück auf das Tal, welches mit lodernden Flammen<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-und einer ungeheuren Rauchwolke gefüllt war. Da hörte
-er wieder den treibenden Ruf des Königs, und Heinrich
-winkte an seiner Seite reitend ihm zu: »Ich sah dich mannhaft
-treffen, Held Immo, und mächtigen Staub aufregen
-<em class="antiqua">quadrupedante putrem sonitu</em>, wie der Heide sagt. Herzog
-Bernhard,« rief er sich unterbrechend, »gibt es kein Mittel,
-aus diesem Schneckenritt herauszukommen?«</p>
-
-<p>Der Herzog sprengte an die Seite des Königs. »Mann
-und Roß werden die Glut des Tages lange fühlen.«</p>
-
-<p>»Das mögen sie später halten, wie es ihnen beliebt, heute
-aber brauche ich sie nicht auf dem Wege, sondern im Lager,
-und ich wollte, uns wäre die Heidenkunst erlaubt, einen
-Sturmwind zu beschwören, der das Heer in der Wolke
-dahintreibt.«</p>
-
-<p>Der Herzog schlug ein Kreuz. »Die Himmlischen gewähren
-zuweilen dem Bittenden Regen, auch dieser würde
-das Heer vorwärts treiben.«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht frei atmen, Vetter,« fuhr der König leise
-fort, »bis ich das Lager gesichert sehe, denn wenn die in der
-Festung nicht verblendet sind, so mag unser Schade größer
-werden als der Gewinn.«</p>
-
-<p>»Reite voraus,« riet der Herzog.</p>
-
-<p>»Dann fallen diese ganz von den Pferden und legen sich
-auf die Heide,« versetzte der König.</p>
-
-<p>»Willst du meinen Sachsen deinen Wein und Met
-preisgeben, so will ich versuchen, ob ich sie noch vor Sonnenuntergang
-in die Wagenburg bringe.«</p>
-
-<p>»Von Herzen gern,« versetzte der König, »denn wenn
-wir heute einen Ausbruch des Feindes abwehren, so denke
-ich morgen den Krieg zu beenden.«</p>
-
-<p>Der Herzog befahl seiner Schar zu halten und ließ durch<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-den Rufer verkünden, daß der ganze Tonnenvorrat des
-Königs noch heute derjenigen Schar als Ehrentrunk zugeteilt
-werden sollte, welche zuerst das Lager erreiche.</p>
-
-<p>Die Helden sahen einander mürrisch an, doch allmählich
-erschien ihnen der Vorschlag nicht verächtlich, sie lächelten
-ein wenig und die Rosse begannen zu traben. Als der Rufer
-den Bayern verkündete, daß die Sachsen um des Königs
-Wein davon ritten, ärgerten sich die Bayern, weil das Getränk
-aus ihrem Lande genommen war und ihnen zuerst
-gebührte, und ihre Rosse trabten ebenso.</p>
-
-<p>Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als Heinrich, der
-mit seiner Leibwache dem Heere die letzte Meile vorausgesprengt
-war, von der Höhe das Tal der Festung erblickte.
-Als er die Lagerstätten mit ihren wehenden Bannern unversehrt
-vor sich sah, da brach er in einen lauten Freudenruf
-aus und neigte sein Haupt, um das Gelübde, das er dem
-Himmel in der Sorge getan, mit dankbarem Herzen zu
-wiederholen. Wie er zum Lager hinabstieg, klang von der
-Seite Heermusik und eine Schar von Reitern und Fußvolk
-zog mit ihren Wagen ganz gemächlich dem Lager zu. Verwundert
-frug der König: »Wer sind diese, die so lustig am
-Feierabend reisen, nachdem die andern das Werk getan
-haben?« Immo ritt vor: »Es ist das rote Kreuz von
-St. Wigbert, Herr Bernheri sendet seine Mannen.«</p>
-
-<p>Da lachte der König: »So hat der Jagdspieß des Alten
-doch die Empörer gebändigt,« und der Schar entgegenreitend,
-rief er ihrem Führer Hugbald zu: »Als säumige
-Schnitter nahet ihr, die Halme sind gemäht. Dennoch seid
-willkommen zum letzten Sprunge um den Erntekranz.«
-Und als Immo seinen alten Genossen Hugbald begrüßte,
-sprach dieser: »Unser Herr Abt sendet dir seinen Segen und<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-Dank für deine Mahnungen, die ihm die Spielleute zugetragen
-haben. Manchen Heiltrunk hat er dir zu Ehren getan.
-Jetzt hält er sich auf dem Berge gegen sein eigenes Kloster
-verschanzt. Doch hoffe ich, euer Sieg soll den Tutilo mit
-seinem ganzen Anhang austreiben.«</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen ließ der König die Gefangenen
-rings um die Mauern führen, die Belagerten zu schrecken,
-und sandte seinen Rufer, die Übergabe der Festung zu
-fordern. Dem Geschlecht des Markgrafen und den Dienstmannen
-versprach er freien Abzug in das böhmische Land,
-bei längerem Widerstand drohte er mit Austilgung durch
-Feuer und Schwert. Die Helden der Burg saßen in sorgenvoller
-Beratung, die Bedächtigen rieten, besser sei es,
-etwas zu retten, als alles zu verlieren, denn reißendem
-Wasser und siegreicher Hand vermöge man schwer zu widerstehen,
-aber die meisten riefen, sie wollten lieber sterben,
-als die Mauern übergeben, solange ihr Herr noch in Freiheit
-lebe. Und sie weigerten zuletzt die Übergabe. Den ganzen
-Tag wurde verhandelt, der König aber beschloß, die Unschlüssigen
-am nächsten Morgen durch einen Angriff zu
-zwingen.</p>
-
-<p>Es war eine mondlose Sternennacht, Immo wachte mit
-seinen Knaben am Ufer des Baches, nur einen Pfeilschuß
-von der Festung entfernt. Wie Jäger im Bergwald lagen
-die Thüringe, ihre braunen Wollmäntel über der Rüstung,
-Bogen und Pfeil in der Hand, wo ein Strauch oder eine
-kleine Senkung des Bodens Deckung gab. Sie lauerten
-auf jedes Geräusch und jeden Schatten, der hinter dem Bach
-und an den Zinnen der Festung sichtbar wurde. Gerade vor
-ihnen erhob sich ein dicker, viereckiger Mauerturm, welcher
-aus der Fluchtlinie der Mauer nach dem Bach vorsprang,<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-damit man aus ihm die anstürmenden Feinde von der Seite
-treffen konnte. Die rötliche Rauchwolke, welche jede Nacht
-über der Festung schwebte, sank tiefer, das Geräusch entfernter
-Stimmen verhallte; Mitternacht war vorüber und
-der graue Dämmerschein am Rande des Himmels rückte von
-Norden nach Osten. Da vernahm Immo neben sich das
-leise Gequake eines Frosches, das Zeichen, durch welches
-die Jäger einander mahnten; im nächsten Augenblick wand
-sich Brunico auf dem Boden zu ihm. »Sieh zur halben Höhe
-des Turmes. Es regt sich in der Luke, ich meine, dort ist ein
-Lebender zu merken, der graue Schatten sinkt langsam abwärts.«
-Gleich darauf klang es im Wasser: »Er watet oder
-schwimmt.« Immo gab das Zeichen, hier und da tauchte
-ein Haupt vom Boden, die Rohrpfeile flogen an die Sennen
-und die spähenden Blicke fuhren über jede Stelle des Ufers.
-Wieder rauschte es, der Leib eines Mannes hob sich über
-den Rand des Baches, vorsichtig schob er sich auf dem Boden
-vorwärts, gerade dem Versteck der Thüringe zu. Schon hatte
-er einen niedrigen Strauch erreicht und richtete sich hinter
-ihm auf der Lagerseite in die Höhe, um in das ferne Land
-zu blicken; da, als seine Gestalt über dem Grunde erkennbar
-wurde, klangen von beiden Seiten die Sennen und flogen
-die Pfeile gegen ihn. Der Mann stöhnte, neben ihm fuhr
-Brunico in die Höhe, nach kurzem Ringen trat der Knappe
-wieder an Immos Seite, und mit einer Gebärde des Abscheus
-sein Schwert einsteckend, brummte er, »es war Ringrank,
-der Fechter.« Immo sprang zu der Stätte, an welcher
-der Unselige lag, beugte sich über ihn und das schwere
-Haupt hebend raunte er ihm ängstlich zu: »Wer sendet
-dich?« Der Sterbende tastete mit der Hand nach seinem
-Messer, als er aber über sich das traurige Antlitz Immos sah<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-und die freundlichen Worte hörte, murmelte er: »Der Rache
-des Königs dachte ich zu entrinnen, darum trug ich einen
-Gruß für dich.«</p>
-
-<p>»Wo ist sie?« frug Immo tonlos.</p>
-
-<p>»Wo ich war,« seufzte der Mann wieder und fiel zurück.</p>
-
-<p>Die bleichen Sterne schienen auf glanzlose Augen,
-Immo deckte dem toten Fechter das Gewand über das Antlitz
-und wandte sich ab. Ihm hämmerte das Herz in der
-Brust und sein Blick haftete fest auf dem Turme, aus dem
-der Fechter herabgestiegen war. Er winkte Brunico an
-seine Seite, dann wand er sich selbst bis an das Ufer des
-Baches. Als er zurückkehrte, rief er seine Mannen in eine
-Talsenkung nach rückwärts. »Mahnt den Hugbald, der neben
-uns liegt, daß er mit Wigberts Knechten unsere Stelle besetze.
-Euch aber, meine Knaben, lade ich, daß ihr mir folgt.
-Denn was mir auch geschehe, ich klimme den Pfad hinauf,
-den der Tote herabgestiegen ist. Die in der Stadt vertrauen
-der Nacht und ihrem Handel mit dem Könige, keinen Wächter
-erkenne ich auf der Zinne, noch hängt das Seil. Halten wir
-erst den Turm, so soll Hugbald mit Sturmzeug uns folgen.«</p>
-
-<p>»Manche Klippe unserer Berge, die wir erklommen,
-war höher,« ermunterte Brunico. »Führe, Immo, wir
-folgen.« Die schnellen Knaben stiegen geräuschlos zum
-Bach hinab, sie tauchten in die Flut, wateten und schwammen
-und waren nach kurzer Zeit am Fuß des Turmes versammelt.
-Immo prüfte den Halt des Seils. »Der Erste sei ich,«
-brummte Brunico, ihm den Arm haltend. »Keiner vor
-mir,« befahl Immo, »schwinde ich dahin, so führe du die
-Treuen zurück.« Er schwang sich am Seile aufwärts und
-hob sich in die Öffnung des Turmes, gleich darauf schüttelte er
-das Seil, und seine Knaben folgten schnell einer dem andern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p>
-
-<p>Das Stockwerk des Turmes war menschenleer, die
-Tastenden fanden in der Mitte eine große Standschleuder
-und an beiden Seiten offene Türen, sie führten zu der Holzgalerie,
-welche an der inneren Fläche der Mauer unter den
-Zinnen entlang lief. Auch die Galerie in ihrer Nähe war
-ohne Bewaffnete, nur von dem nächsten Turme, durch
-welchen ein Tor nach dem Wasser führte, klangen die Tritte
-der Wachen. Während Brunico vorsichtig die kleine Treppe
-hinabstieg, welche von der Galerie zum unteren Stockwerk
-des Turmes reichte, gab einer der Knaben rückwärts dem
-Hugbald das verabredete Zeichen, einen flüchtigen Feuerschein.
-Dann harrten die Thüringe ungeduldig auf das erste
-Tageslicht.</p>
-
-<p>Unten aber am Bache rührte sich's. Hugbald hatte den
-bayrischen Schanzmeister zu Hilfe gerufen; die Belagerer
-rollten leere Fässer an das Ufer und schnürten sie mit Bohlen
-zu einem leichten Floß. Sie zogen die Sturmleitern über
-den Bach und hoben sie mit Hilfe des Seils zu der Turmöffnung.
-Als der Morgen dämmerte, war der Turm und
-die nächste Galerie in den Händen der Königsmannen;
-ohne Lärmzeichen drangen sie bis zu dem Tore, überfielen
-die sorglosen Verteidiger, zerschlugen die Sperrbalken der
-Torpforte und warfen die Fallbrücke über das Wasser.</p>
-
-<p>Da erhob sich in der Festung Alarmruf und Notgeschrei.
-Die geworfenen Verteidiger liefen vom Tore brüllend durch
-die Straßen, Hörner und Posaunen tönten, und aus den
-Gassen der Stadt stürmten die erweckten Helden an das verlorene
-Tor. Ein heißer Kampf entbrannte um die beiden
-Türme und die Mauer dazwischen. Die Markgräflichen umschanzten
-mit Schild und Speer den Zugang zu den nächsten
-Gassen, sie liefen unter ihren Schilden gegen die Toröffnung,<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-drangen auf der Mauerhöhe gegen die Türme und
-warfen ihre Geschosse von der Galerie auf die Königsmannen,
-welche von außen über die Brücke drängten, und
-drinnen die eroberten Türme besetzt hielten. Die Königsmannen
-aber sendeten Speere auf die Andringenden und
-schossen Brandpfeile gegen die Dächer der nächsten Häuser.
-Bald stiegen Rauchsäulen und lodernde Flammen aus den
-Höfen, und in das Getöse des Kampfes mischte sich das
-Gebrüll der Rinder und das Geheul der Einwohner.</p>
-
-<p>Der König hielt auf einem Hügel nahe dem Tor, um
-welches gestritten wurde, er sah, wie die lodernden Flammen
-hinter der Mauer aufstiegen, und nährte den Kampf durch
-neue Haufen, welche er über die Brücke trieb. Aber wie sehr
-er sich des Erfolges freute, er dachte auch daran, daß der
-letzte Streit gegen die gesammelte Macht der Verzweifelten
-seinem eigenen Heere einen guten Teil der Kraft nehmen
-könne, und daß an der abgewandten Seite der Festung noch
-eine feste Burg lag, in welcher die Feinde sich wohl zu halten
-vermochten, bis der Böhmenherzog zu Hilfe kam. Deshalb
-bezwang er die Sehnsucht nach Rache und sandte seinen
-Heerrufer über den Bach nach der Burgseite, um aufs neue
-mit den Belagerten zu handeln.</p>
-
-<p>In das Gewühl am Tor klang der Ruf, daß der König
-sich vertragen wolle, und der Kampfzorn der Verteidiger
-wurde schwächer. Einer nach dem andern warf sich nach
-rückwärts, um seine Habe aus der brennenden Stadt zu
-retten und die Burg zu gewinnen, und die Königsmannen
-stürmten mit hellem Siegesrufe vor. Als erster Immo,
-gefolgt von den schnellsten seiner Knaben. Gleich einem
-Wütenden war er von der Mauer gegen das Tor gefahren.
-Während er im Kampfe stieß und schlug und jeden Ansturm<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-der Feinde zurückwarf, hatte er nur einen Gedanken, zu ihr
-durchzudringen, die zwischen Rauch und Glut und dem
-Todeskampf der Männer die Arme zum Himmel hob. Jetzt
-sprang er wie ein wildes Roß durch Qualm und züngelnde
-Flammen in die Gassen der Stadt. Laut schrie er über die
-Haufen und in die offenen Höfe den Namen Hildegard.
-Der geborstene Helm war ihm vom Haupt geworfen, das
-blutbesprengte Haar flog ihm wild um die heißen Schläfe.
-Zwischen Herdenvieh, beladenen Karren, über Leichen der
-Gefallenen, durch kleine Haufen feindlicher Krieger stürmte
-er vorwärts, bald ausweichend, bald Schläge tauschend,
-bis er den Marktplatz der Stadt erreichte, wo das Getümmel
-am wildesten durcheinander wogte. Er überstieg die gedrängten
-Karren der Flüchtigen und wand sich durch eine
-Schar feindlicher Reiter, wie ein Verzweifelter mit dem
-Strome ringend. Da, in der Mitte des Marktrings, wo das
-steinerne Kreuz auf einer Erhöhung ragte, sah er einige
-böhmische Krieger auf eine helle Gestalt eindringen, die am
-Fuße des Kreuzes lag und mit beiden Armen den Stein
-umschlang. »Hildegard,« schrie er und ein schwacher Gegenruf:
-»Immo, rette mich,« klang in sein Ohr. Den Wilden,
-welcher die Arme nach der Liegenden ausstreckte, schleuderte
-er zur Seite, daß dieser das Aufstehen für immer vergaß,
-seine heranspringenden Genossen verscheuchten den fremden
-Schwarm. Er hielt die Gerettete in seinen Armen, küßte das
-bleiche Antlitz und rief sie mit den zärtlichsten Grüßen, und
-als sie die Augen aufschlug, da hob er sie lachend empor,
-während ihm die Tränen aus den Augen stürzten, und mit
-dem Schildarm sie umschlingend, hielt er am Kreuze die
-Wache für das geliebte Weib, das an seinem Hals hing und
-sich fest an seine Brust drückte. Über ihm wirbelte der<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-glühende Rauch, um ihn krachten die stürzenden Balken
-und das Kampfgetümmel wälzte sich durch die Straßen der
-Stadt, er aber stand, umgeben von Tod und Vernichtung,
-wie ein Seliger, und er sah, wie die hohen Engel mit flammenden
-Schilden und Speeren durch die Lohe schwebten
-und um ihn und die Geliebte eine feste Schildburg zogen.</p>
-
-<p>An der Ecke des Marktes wehte ein Banner, auf welchem
-er das weiße Roß der Sachsen erkannte, da rief er: »Glückauf,
-mein Geselle, dort nahen die Helden, denen ich am
-liebsten vertraue, damit sie dich zum König geleiten.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch8">8.<br />
-Die Not des Grafen.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Kampf um die Krone war entschieden. Mit unwiderstehlicher
-Gewalt trieb der König den Markgrafen der
-böhmischen Grenze zu, eine Burg nach der andern fiel in
-seine Hände, die Flammen, welche aus den gebrochenen
-Mauern aufstiegen, verkündeten dem erschreckten Lande den
-Sturz eines edlen Geschlechtes und die Rache des Königs.
-Schonungslos wollte der König alles mit Feuer und Schwert
-tilgen, was an die Herrschaft seines Feindes erinnerte, und
-die harten Vollstrecker seines Willens fühlten zuweilen ein
-Mitleid, das er nicht kannte, und milderten in der Ausführung
-sein Gebot. So scharf war des Königs Zorn, daß
-sich jedermann über die Schonung wunderte, die er einem
-der Verschworenen zuteil werden ließ. An dem Grafen
-Ernst wurde das Todesurteil nicht vollstreckt, der Held büßte
-nur mit einem Teil seines Schatzes und wurde in milder
-Haft gehalten. Und die Leute rühmten den Erzbischof
-Willigis, weil seine Bitten den Haß des Königs gedämpft
-hätten.</p>
-
-<p>Während der Markgraf als landloser Flüchtling in
-Böhmen umherirrte und die übrigen Empörer demütige
-Boten sandten, um die Gnade des Königs zu gewinnen,
-hielt Heinrich seinen Hof in Babenberg, der Stammburg<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-seines Feindes. Dort sammelte sich das siegreiche Heer, der
-Belohnung und Entlassung harrend, auch die Königin
-Kunigund kam von Regensburg an; mit großem Geleite
-holte sie der König ein, und die Edelsten des Heeres begrüßten
-die Herrin nach altem Heldenbrauch auf ihren
-Rossen im Eisenhemd, indem sie zu zwei Scharen geteilt in
-gestrecktem Lauf durcheinander ritten und dabei die Gerstangen
-durch wilden Wurf an den Schilden der Gegner
-zerbrachen.</p>
-
-<p>Immo hatte in dem Kampfspiel seine Reitkunst rühmlich
-erwiesen, die Jungfrau aber, in deren Augen er am liebsten
-sein Lob gelesen hatte, blickte nicht auf den glänzenden Zug.
-Er wußte, daß Hildegard auf Befehl des Königs unter der
-Aufsicht einiger frommer Schwestern in der Stadt weilte,
-aber ihm war trotz aller Mühe nicht gelungen, zu ihr zu
-dringen. Als er jetzt vom Rosse stieg und in die Herberge
-trat, fand er den Spielmann Wizzelin, der in neuem Gewande
-und mit klirrendem Goldschmuck, das Saitenspiel in
-der Hand seiner wartete, umdrängt von Kriegsleuten, welche
-mit dem wohlbekannten Mann Scherzreden tauschten und
-ihn mahnten, seine Kunst vor ihnen zu erweisen.</p>
-
-<p>»Gutes Glück bringe mir das Wiedersehen, du flüchtiger
-Wanderer,« rief Immo.</p>
-
-<p>»Auch euch ist alles gelungen,« antwortete der Spielmann,
-»und als ein Glückskind rühmten euch die Leute,
-während ihr heute so hurtig rittet. Liegt euch noch am
-Herzen zu erfahren, was ihr einst von mir begehrtet, so
-vermag ich Bescheid zu sagen.«</p>
-
-<p>Immo führte ihn schnell in seine Kammer.</p>
-
-<p>»Sie ist hier,« sprach Wizzelin leise, »sie will euch sehen,
-und ich vermag euch zu ihr zu führen. Die alten Nonnen,<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-bei denen sie weilt, sind keine strengen Wächter, auch sie
-vernehmen gern, wenn ich vor ihnen die Saiten rühre.
-Folgt mir sogleich, wenn es euch gefällt, doch haltet euch
-eine Strecke hinter mir zurück, denn ich bin den Helden hier
-nicht unbekannt,« fügte er stolz hinzu, »und muß auf viele
-Grüße antworten.«</p>
-
-<p>Sie traten auf die Straße, der Spielmann glitt behend
-durch das Gewühl von Reitern und Rossen, von Burgmannen
-und Landleuten, welche herzu geströmt waren, den
-Einzug zu sehen. Oft wurde er angerufen, auch Gelächter
-und Spottreden klangen ihm entgegen. Gegen die Huldreichen
-verneigte er sich und versprach Besuch und Lied, den
-Spöttern antwortete er mit dreister Gegenrede, so daß er
-die Lacher stets auf seiner Seite hatte. Endlich bog er in eine
-stille Seitengasse und fuhr durch das Tor eines dürftigen
-Hofes. Er wies auf eine niedrige Fensteröffnung, hob einen
-Zipfel der Decke, welche das Innere verbarg, und sagte
-zu Immo: »Springt dreist durch die Tür, ich halte die
-Wache.«</p>
-
-<p>Immo eilte in das Haus. Mit einem Freudenschrei
-warf sich Hildegard in seine Arme und drückte sich an seine
-Brust.</p>
-
-<p>»Wie bleich du bist, Hildegard, und gleich einer Gefangenen
-sehe ich dich bewahrt.«</p>
-
-<p>»Sie sind nicht hart gegen mich, und wären sie es auch,
-ich würde es wenig beachten, wenn ich an dich denke und
-dein Antlitz zu sehen hoffe. Denn so oft mich die Einsamkeit
-ängstigt und die Gefahr bedroht, bist du mir in meinen Gedanken
-nahe, du Lieber, mich zu trösten. Bald aber werden
-sie mich von hier fortführen zu der Königin, in ihrem Gefolge
-soll ich bewahrt werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist gute Botschaft,« rief Immo, »dort vermag ich
-dir eher nahe zu sein.«</p>
-
-<p>Aber Hildegard schwieg, ihr Haupt lag schwer an seiner
-Brust, und ihr junger Leib bebte in seiner Umarmung.
-»Hoffe das nicht, Immo, denn nicht für ein fröhliches Leben
-denkt mich der König zu retten, nur weil der große Erzbischof
-Mitleid mit mir hatte. Sie halten mich fest, wie die
-frommen Mütter sagen, damit ich nicht gleich einer Dirne
-auf die Straße geschleudert werde. Mein unglücklicher
-Vater!« rief sie mit gerungenen Händen. »Geh' von mir,
-Immo, denn Elend ist mein Los, und meinem Vater droht
-das Verderben.«</p>
-
-<p>Immo wußte wohl, daß der König damals, als er dem
-Geschlecht des Hezilo Abzug aus der Festung gestattete, den
-Grafen Gerhard mit seinem Gesinde aus dem Zuge der
-Entweichenden herausgerissen hatte, um ihn für seine Rache
-zu bewahren. Seitdem konnte niemand sagen, was mit dem
-Grafen geschehen war. Deshalb frug Immo sorgenvoll:
-»Vernahmst du, wo er weilt?«</p>
-
-<p>»Er liegt im Turm der Stadt gefangen, ich war bei ihm
-und er begehrt in seiner Not nach dir. Eile, Immo, denn
-kurz ist, wie sie sagen, die Frist, welche ihm noch auf dieser
-Erde gestattet wird. Tröste ihn, wenn du vermagst, und
-dann komm noch einmal zu mir, damit ich dich segne und dir
-für deine Liebe danke. Denn, Immo, merke wohl, die
-Tochter eines entehrten Mannes kann nicht ferner dein
-Geselle sein. Suche dir die Braut unter den geschmückten
-Frauen, welche mit der Königin eingezogen sind und sich
-gleich dir des Sieges freuen; ich aber und mein Geschlecht
-schwinden dahin wie die flammenden Häuser und die Weiber
-und Kinder, die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p>
-
-<p>Immo rief unwillig: »Ich hörte immer, die durch ein
-Band gebunden sind, sollen auch Leid und Liebe miteinander
-teilen, solange sie leben. Meinst du, Hildegard, daß
-ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen mich? Mein bist
-du, aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen und
-was sie auch über dich ersinnen, solange ich atme, darfst du
-dich niemandem geloben als mir, nicht der Königin und
-nicht den Heiligen. Zur Stelle suche ich deinen Vater auf,
-ob ich ihm nützen kann.« Er hob ihr gesenktes Antlitz mit der
-Hand zu sich herauf und sah ihr in die Augen. Lange dachte
-er an die heiße Liebe, mit der sie ihn bei diesem Scheiden
-ansah. »Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft,« rief
-er noch an der Tür.</p>
-
-<p>Am Fuß der Turmtreppe sprach der Wärter zu Immo:
-»Ihr werdet den Grafen in unehrlicher Gesellschaft finden,
-wenn euch beliebt, jetzt hineinzugehen. Einer seiner Fechter
-ist bei ihm, er hat ihn gefordert; ich rate, daß ihr harret, bis
-der ruchlose Mann gewichen ist.«</p>
-
-<p>»Öffne doch,« versetzte Immo, »er hat mich dringend
-begehrt.«</p>
-
-<p>Als Immo mit dem Schließer eintrat, sah er den Grafen
-auf einer Holzbank sitzen, und vor ihm stand Sladenkop,
-der Fechter, ein unförmlicher Gesell mit Armen und Beinen,
-die aussahen, als ob sie von einem riesigen Tiere genommen
-wären, mit kleinen scharfen Eberaugen, kurzer Stirn und
-borstigem Haar. Die Miene des Mannes war verlegen und
-sein Gesicht gerötet. Immo wandte den Blick mit mehr
-Teilnahme auf den Grafen. Denn sehr bekümmert erschien
-dieser, die Augen lagen tief und fuhren ängstlich umher, er
-war hagerer geworden und sein Kopf stand nicht mehr so
-trotzig zwischen den Schultern wie sonst, sondern hing ein<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-wenig nach vorwärts. Immo grüßte und winkte dem
-Schließer abzutreten, welcher mit einem argwöhnischen
-Blick auf den Fechter sagte: »ich harre draußen an der Tür,
-wenn ihr mich ruft.«</p>
-
-<p>»Ich freue mich, Immo,« antwortete der Graf dem
-Gruße, »daß du nicht verschmähst mich aufzusuchen, obwohl
-ich im Unglück bin. Immer hat dein Geschlecht mir edle
-Art gezeigt und gute Freunde sind wir von neulich, wo du
-in meiner Halle saßest und wo du in meinem Lager den
-Würzwein trankest. Jetzt verläßt mich alles, sogar dieser
-Köter,« er wies auf den Fechter. »Betrachte seine Arme,
-so habe ich ihn gefüttert, und mir hat er sein Leben gelobt,
-jetzt aber sträubt er sich, mir im Kampfe einen Vorteil zu
-geben.«</p>
-
-<p>»Verhüten die Heiligen, daß euch jemals das Los zuteil
-werde, diesem da im Kampfe gegenüber zu stehen.«</p>
-
-<p>»Emsig flehe ich zu den Heiligen, daß sie es verhüten
-mögen; aber es scheint, daß sie Lust haben, es zu gestatten.
-Denn wisse, Immo, der König hat Übles gegen mich im
-Sinn, und weil wir am Idisbach in der Übereilung dem
-Erfurter Kaufmann seine Ballen genommen und den Mann
-dabei beschädigt haben, so will der König mir die Ehre
-nehmen, ich soll als gerichteter Räuber um mein Leben
-kämpfen, und weil ich Fechter gehalten habe, so fordert er
-in seinem Zorn, daß ich vor dem Ringe seiner Edlen gegen
-meinen eigenen Fechter streiten soll.« Immo trat erschrocken
-zurück. Der Gefangene erkannte die Teilnahme und fuhr
-vertraulicher fort: »Aus deinen Augen sehe ich, Immo, daß
-ich dir alles sagen darf; merke wohl, dieser Undankbare, der
-meinen Silberring an seinem Arm trägt und der mir gelobt
-hat, um Geld und Nahrung in jedem Kampfe sein Leben<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-für mich zu wagen, er will sich jetzt von mir nicht treffen
-lassen.«</p>
-
-<p>»Wie kann ich eine Abrede mit euch machen, Herr, da
-ihr kein Fechter seid und des Handwerks nicht kundig,« fiel
-gekränkt der Fechter ein. »Wäret ihr einer von meinen
-Genossen, so wollte ich einen Arm oder ein Bein wohl daran
-wagen. Ihr aber würdet mir, wenn ich euch einen Vorteil
-gäbe, das Eisen in die Glieder treiben, daß ich des Aufstehens
-für immer vergäße.«</p>
-
-<p>»Du bist ein Narr, das zu fürchten. Ich war in meiner
-Jugend ein Schwerttänzer und treffe, wohin ich will, wenn
-mein Gegner Bescheidenheit erweist. So nimm doch die
-besten Gedanken in deinem dicken Kopf zusammen. Wenn
-ich dich wirklich ein wenig zu sehr träfe, durch die Hand eines
-Edlen zu fallen, wäre für dich das ehrenvollste Ende, das du
-finden könntest.«</p>
-
-<p>Der Mann stand mit zusammengezogenen Augenbrauen
-und überlegte. »Ja, Herr,« sagte er zögernd, »ihr sprecht
-nicht ohne Grund, auch der Fechter hat seine Ehre. Und
-trefft ihr mich, so soll dies mein Trost sein und es wird
-Nachruhm gewähren bei allem fahrenden Volk. Doch wenn
-ihr mich nicht trefft, sondern ich euch, dann wäre der Ruhm
-noch größer.«</p>
-
-<p>»Du aber hast dich mir gelobt, wie kannst du mich treffen,
-du Schuft?« rief der Graf zornig.</p>
-
-<p>Der Fechter sah finster vor sich nieder. »Ich weiß, was
-ihr meint,« begann er endlich, »und ich merke, daß ich in
-der Klemme bin wie ein Marder. Sie sollen nicht sagen,
-daß ich gegen meinen Herrn unehrlich gehandelt habe. Solange
-ich euren Ring trage, seid ihr sicher vor meinem Eisen;<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-feilen sie mir den Ring ab, so fechte ich als des Königs
-Kämpe und dann, meine ich, darf ich euch treffen.«</p>
-
-<p>»Weiche hinaus, du Elender,« rief der Graf zornig,
-»mich reut's, daß ich so manches Kalb und Rind in deinen
-Magen gestopft habe und mich reut's, daß ich in meiner
-Not bei einem Ehrlosen Hilfe suche.«</p>
-
-<p>Der Fechter sah verlegen und unschlüssig auf den Zornigen,
-dann wandte er sich trotzig zum Abgang. Als sich
-hinter ihm die Tür geschlossen hatte, saß der Graf eine Zeitlang
-schweigend auf der Bank, und Immo sah, daß ihm
-große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Endlich
-begann er mit gebeugter Haltung: »Wundere dich nicht,
-Immo, daß ich gerade dich bitten ließ. Du kennst den
-Brauch in heiligen Dingen, du bist selbst ein halber Geistlicher,
-obgleich du das Schwert führst, und vor allem bist
-du jung, erst aus Wigberts Zucht gekommen, du kannst noch
-nicht sehr viel Böses getan haben, und die Heiligen werden
-dir eher etwas zugute halten, als einem andern. Darum
-möchte ich dir Vertrauen schenken in der Sache, die mir
-jetzt zumeist am Herzen liegt. Willst du mir geloben, eine
-Bitte zu erfüllen, so tue es.«</p>
-
-<p>Da Immo erwartete, daß der Graf an seine Tochter
-denken würde, so war er gern bereit und sprach an sein
-Schwert fassend: »Ich will, wenn ich es ohne Schaden für
-meine Seele tun kann.«</p>
-
-<p>»Es ist ein frommes Werk,« versetzte der Gefangene
-traurig. »Wisse, Immo, daß es schwer ist, auf Erden ohne
-Sünde zu leben. So habe auch ich, wie ich fürchte, zuweilen
-etwas getan, was mich den Heiligen verleiden kann, ich
-sorge, daß es ihr Zorn ist, der mich in diese Gefahr gebracht
-hat und daß sie mich gar nicht gutwillig hören werden,<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine Rettung anflehe.
-Denn in meinem Jammer bekenne ich, wenig habe ich
-ihrer im Glück geachtet. Dem Gebet der Mönche mich zu
-übergeben, kann gar nichts frommen, denn auch diese sind
-mir zum Teil verfeindet, und sie beten nur eifrig, wenn sie
-Hufen und reiche Gaben erhalten. Meines Gutes aber
-wird, wie ich fürchte, der König mich entledigen. Darum
-ist mir eingefallen, was mich wohl retten könnte. Ich habe
-meine Sünden aufschreiben lassen; nicht gerade alle, denn
-mit den kleinen will ich den großen Fürsten des Himmels
-nicht lästig werden, aber die schwersten. Drei Tage und drei
-Nächte habe ich zwischen diesen Steinen darüber nachgedacht
-sie zu finden und zu bereuen. Dem Beichtiger der
-Gefangenen &ndash; er ist ein ausgelaufener Mönch und ein guter
-alter Mann &ndash; habe ich sie hergesagt und er hat sie auf mein
-Drängen niedergeschrieben und versiegelt.« Er holte ein
-zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor,
-wies es dem erstaunten Immo und sprach feierlich: »Hierin
-sind meine Sünden, nämlich die groben. Mir kann Rettung
-bringen, wenn du sie zu wundertätigen Reliquien großer
-Heiligen trägst und sie in ihrem Schrein oder doch darunter
-birgst, damit die Heiligen selbst mein Bekenntnis empfangen,
-und wenn sie es lesen, sich meiner erbarmen.«</p>
-
-<p>Immo trat erschrocken zurück und sah scheu auf das zusammengelegte
-Pergament. »Wie darf ich mich unterfangen,
-dies Blatt den Heiligen zu übergeben, da ich kein Priester
-bin?« versetzte er. »Und wie kann ich einen Reliquienschrein
-erreichen, da ich selbst kein solches Heiligtum besitze?«</p>
-
-<p>»Schaffe das Blatt an einen Ort, wo große Heilige
-hausen,« raunte der Graf ängstlich.</p>
-
-<p>»Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden,«<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-antwortete Immo, »und weiß nicht, ob mir die Mönche
-dort gestatten werden, dem Altar des heiligen Wigbert oder
-gar den hohen Aposteln zu nahen.«</p>
-
-<p>»Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen,«
-versetzte der Graf zerknirscht, »denn ich leugne nicht, alte
-Händel habe ich mit ihnen und sie möchten mir das gedenken.
-Auch in Fulda, fürchte ich, hat man schon manches
-von mir vor den Altären geraunt. Wandle leise zu einem
-hohen Heiligtum, wo man mich weniger kennt. Einen
-Reliquienschrein weiß ich, den besten von allen,« und er hob
-seinen Mund zu Immos Ohr und flüsterte: »das ist der
-Himmelsschatz unseres Herrn, des Königs. Er ist hier zur
-Stelle und schnelle Fürbitte tut mir not, sonst kann sie mir
-für dieses Leben nichts mehr helfen.«</p>
-
-<p>»Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Königs zu
-dringen?« rief Immo.</p>
-
-<p>»Ich weiß, daß du zu den Auserlesenen gehörst, welche die
-Wache in seiner Behausung haben, da mag dir wohl möglich
-werden, daß du das Pergament ungesehen unter die Decke
-schiebst. Vielleicht gelingt dir auch, den Geschorenen des
-Königs, der über dem Schrein wacht, durch Flehen und
-Gabe zu gewinnen. Versprich ihm Großes; denn wisse,
-einen Goldschatz, der nicht klein ist, bewahre ich unter einem
-Baume verborgen; wird der Priester zu der Guttat geneigt,
-so will ich den Schatz daran wenden und ihm die Stelle
-offenbaren.«</p>
-
-<p>»Um die Heiligtümer des Königs sorgt jetzt der fromme
-Abt Godohard,« versetzte Immo kummervoll, »der Goldschatz
-wird ihn nicht locken, den hohen Himmelsfürsten, die
-für den König bitten, in deiner Sache so zudringlich zu
-nahen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p>
-
-<p>»Ich finde dich kalt, Immo, wo es gilt, einen alten Genossen
-deines Vaters aus der Angst zu retten,« klagte der
-Graf und griff sich nach der feuchten Stirn. »Besseres hatte
-ich von dir gehofft und anderes hatte ich auch mit dir im
-Sinne. Denn als ich dich neben Hildegard, meinem Kinde,
-sitzen sah, wie du als Geselle ihr zutrankest, da fiel mir
-einiges ein, was ich mit deinem Vater beredet hatte, als
-ihr beide noch klein waret, und ich dachte, was nicht geworden
-ist, vielleicht kann es doch noch werden, wenn die
-Heiligen es fügen und auch dein Wille dahin geht. Jetzt
-freilich bin ich arg verstrickt, du aber bist im Glücke. Dennoch
-erinnerte ich mich an die Augen, die du damals machtest,
-als ich dich in meinen Saal laden ließ. Aber ich sehe, der
-Menschen Sinn ist veränderlich, zumal wenn sie jung sind.«
-Er setzte sich seitwärts auf die Bank und faltete die Hände,
-aber er sah von der Seite scharf nach dem offenen Antlitz des
-Jünglings, in welchem der innere Kampf sichtbar war.</p>
-
-<p>Wild stürmte es durch Immos Seele, Hoffnung, die
-Geliebte durch den Vater zu erwerben und wieder Mißbehagen
-darüber, daß der Vater sie ihm für eine heimliche
-Tat verkaufen wollte. Er stand in innerm Ringen und dabei
-fiel ihm die Lehre ein, welche ihm der alte Bertram für sein
-Leben mitgegeben hatte, daß er dem Gelöbnis eines Mannes,
-der in Todesnot sei, niemals trauen solle. »Wegen deiner
-Tochter fordere ich keinen Eid von dir, und du gedenke mich
-nicht durch ihren Namen zu beschwören, daß ich dir helfe.
-Denn deine Not will ich nicht mißbrauchen zu einem
-Gelöbnis.«</p>
-
-<p>»Du denkst edel, Immo,« rühmte der Graf, »sei auch
-barmherzig.«</p>
-
-<p>»Gib mir das Pergament,« rief Immo entschlossen, »ich<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-will tun, was ich kann, wenn auch nicht gerade so wie du
-meinst, doch nach meinen Kräften; obwohl ich zage, daß mir
-die hohen Gewalten deshalb zürnen werden. Vermag ich
-nichts, so lege ich deine Sünden wieder auf deine Seele
-wie ich sie empfing.«</p>
-
-<p>»Ganz hochsinnig finde ich dich, Immo, und ich vertraue
-deinem Mut und deiner Klugheit,« rief der erfreute Graf.
-Er legte das Pergament in die Hand des anderen und hielt
-sich mit beiden Händen an seinem Arme fest. Immo schob
-das Pergament vorsichtig in die Tasche seines Gewandes
-und wandte sich zum Abgange. »Ich fürchte, das Blatt verbrennt
-mir den Rock,« sagte er unruhig, »lebe wohl, soweit
-du es hier vermagst. Ich kehre wieder, sobald ich die Tat
-versucht habe.« Den wortreichen Dank des Grafen unterbrach
-das Klirren des Schlosses.</p>
-
-<p>Als der König am Abend nach dem Mahle in seine Herberge
-kam und durch den Haufen der Edlen und Geistlichen schritt,
-welche ihn erwarteten, um Segen für seine Nachtruhe zu erflehen
-oder ihm aufzuwarten, da sah er huldvoll, wie seine
-Gewohnheit war, nach allen Seiten umher, grüßte und
-nickte. Die neu Angekommenen aber, wenn sie Edle waren
-oder Geistliche, faßte er bei der Hand und küßte sie. Als
-der König Immo erblickte, der sich in die vorderste Reihe
-gestellt hatte und ihn bei dem Gruß flehend ansah, da
-merkte er wohl, daß dieser Huld begehre, winkte ihm gütig
-zu und sprach: »Als ein stolzer Held hast du dich heute getummelt,
-edler Immo, hell klangen deine Speere an den
-Schilden.« Und weil er gern daran dachte, daß Immo ein
-Gelehrter war, fügte er, um ihn vor den anderen noch mehr
-zu ehren, einen lateinischen Vers hinzu: Stolz schwingt der
-Held Ascanius die Waffen im Kampffeld. Und nachdem<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-er, wie dem Könige geziemt, jedem seinen Anteil an Ehren
-gegeben hatte, trat er in sein Schlafgemach. Als er sich dort
-ermüdet niedersetzte, begann der Kämmerer zu ihm: »Der
-Thüring Immo fleht um die Gunst, deiner Hoheit etwas
-zu sagen.«</p>
-
-<p>»Hat er es so eilig, Lohn zu fordern für seinen Sprung
-von der Mauer, ich habe ihm ja soeben vor allen Leuten
-wohlgetan.«</p>
-
-<p>»Er sagte,« antwortete der Kämmerer sich entschuldigend,
-»daß er dem König etwas Geheimes vertrauen müsse.«</p>
-
-<p>»Die Geheimnisse des Jünglings hättest auch du empfangen
-können.«</p>
-
-<p>»Das meinte ich auch,« versetzte der Kämmerer, »er aber
-flehte. Gefällt's dem König, so sende ich ihn fort, denn er
-harrt vor der Tür.«</p>
-
-<p>»So führe ihn herein,« befahl der König und stützte
-müde das Haupt in die Hand.</p>
-
-<p>Immo trat ein, kniete nieder und zog das Pergament
-des Grafen aus seinem Gewande.</p>
-
-<p>»Was bringst du mir so spät, Immo?« frug der König
-und sah kalt auf den Knienden.</p>
-
-<p>»Die Sünden des Grafen Gerhard,« antwortete Immo
-und legte das Pergament zu den Füßen des Königs.</p>
-
-<p>»Verhüten die Heiligen, daß ich so unselige Gabe annehme,«
-versetzte der König, mit dem Fuß das Pergament
-wegstoßend, »Unheil bedeutet solche Spende, sprich, was
-soll der Brief?«</p>
-
-<p>»Die Beichte ist es des Grafen,« sagte Immo feierlich,
-indem er das Kreuz schlug. Der König folgte schnell seinem
-Beispiel. »Der Graf verzweifelt in seiner Not, durch die
-Mönche bei den Himmlischen Gnade zu finden, zumal er<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-ihnen nichts mehr zu spenden hat, denn sein Gut und Geld
-liegen in des Königs Hand. Da ließ er in der Herzensangst
-durch <span id="corr228">einen</span> armen Priester seine Sünden niederschreiben
-und forderte von mir, daß ich sie heimlich zu den Heiligtümern
-meines Herrn und Königs trüge, damit die gewaltigen
-Nothelfer sich seiner erbarmten.«</p>
-
-<p>»Und du hast ihm den Sündenbrief nicht zur Stelle vor
-die Füße geworfen, Verwegener?«</p>
-
-<p>»Zürne mein König nicht, wenn ich gefehlt habe, mich
-erbarmte seine Angst. Wohl weiß ich, daß es ein Unrecht
-wäre, zu dem heiligen Geheimnis meines Königs zu schleichen
-und den Brief des armen Sünders dort zu verstecken, wie
-er begehrte. Dennoch wagte ich nicht, seiner Seligkeit
-hinderlich zu sein, und ich meine als redlicher Mann und
-nicht als Hehler zu handeln, wenn ich von der Gnade des
-Königs erbitte, daß mein Herr der Seele des hilflosen
-Mannes beistehe und seinem Priester gestatte, das Pergament
-zum Heiligtum des Königs zu tragen.«</p>
-
-<p>»Und was hat dir der Graf versprochen, damit du diese
-freche Bitte wagst?« frug der König hart, »denn meine
-Edlen pflegen nichts für nichts zu tun.«</p>
-
-<p>»Man hat mich gelehrt, von einem Manne in der Todesnot
-nicht Gabe und nicht Versprechen anzunehmen,« antwortete
-Immo.</p>
-
-<p>»Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat, hätte dich auch
-lehren sollen, gegenüber deinem Könige die Scham zu bewahren.
-Wie mögen die hohen Gewaltigen des Himmels,
-deren Gnade ich selbst froh bin, wenn sie sich zu meinem
-Heiligtum herniederneigen und mich schützend umschweben,
-wie mögen diese zugleich die Beschützer meiner Feinde werden?
-Und wie kannst du das wollen, wenn du kein Verräter bist?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span></p>
-
-<p>»Ich vernahm die hohe Lehre,« versetzte Immo kniend,
-»daß der Himmelsherr gern Erbarmen mit dem Sünder hat,
-und wenn der König, der des Herrn Schwert auf Erden hält,
-hier den Schuldigen richten muß, so mag ihn doch in seinem
-Amte trösten, daß die Bitte seiner Heiligen den armen
-Sünder aus den Krallen des üblen Teufels errettet.«</p>
-
-<p>»Mir aber liegt gar nichts daran,« rief der König ungnädig,
-»den untreuen Mann dereinst an der Himmelsbank
-wiederzufinden, wenn die Himmlischen mir dort den Herdsitz
-bereiten wollen. Das mußtest du wissen, du Tor, bevor du
-seine Sünden mir auf die Seele legtest. Denn wenn ich
-nach seinem unverschämten Verlangen tue, so schaffe ich
-einem, der mein Feind war, Hilfe in jenem Leben und
-vielleicht auch noch in diesem. Und wenn ich ihm dagegen
-seinen Willen nicht tue, so mögen die Heiligen mir zürnen,
-weil es mir an Erbarmen fehlt. In solche Gefahr setzt mich
-dein dreistes Verlangen. Entweiche mit dem Briefe und
-trage ihn zu einem anderen Heiligtum, zu welchem du
-willst, wenn dir an der Gunst des Grafen mehr gelegen ist,
-als an dem Vorteil deines Königs. Doch halt,« rief der
-König noch zorniger, »wer weiß, ob der Bösewicht nicht
-manches hineingesetzt hat, was mir selbst zum Schaden gereichen
-könnte, wenn die Unsichtbaren darauf hören.« Der
-König neigte sich schnell zu Boden, faßte den Brief und
-erbrach das Siegel. »Die Beichte des Grafen Gerhard
-will ich zuerst vernehmen, ehe sie zu den Heiligen dringt.«
-Er bekreuzte sich und setzte sich nahe zu der Kerze. »Schwach
-war die Kunst des Geschorenen, der diese Krähenfüße hingesetzt
-hat,« murmelte er. »Mit seiner letzten Verräterei
-fängt der Sünder an, ich glaube wohl, daß sie ihn am
-meisten ängstigt. Sie reut ihn, solange er im Turm sitzt. &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-Dann kommt der Kaufmann. Der Goldstoff, den er geraubt
-hat, war für die Königin bestimmt, und er hat ihn noch
-nicht einmal herausgegeben.« Und er las fort mit gespannter
-Aufmerksamkeit. Immo merkte, daß der König seine Gegenwart
-ganz vergessen hatte, denn er sprach zuweilen laut von
-den geheimen Taten.</p>
-
-<p>»Den Grafen Siegfried im Walde überfallen, wobei ihn
-leider mein Mann Egbert erschlug. Die Missetat blieb ungerochen,«
-rief der König, »die Leute sagten damals, der
-Gefällte sei von Räubern erschlagen worden. &ndash; Hier folgen
-Sünden gegen die Wigbertleute. Es ist eine ganze Reihe.
-Schwerlich würde Abt Bernheri dafür Absolution erteilen. &ndash; Mit
-Herzog Heinrich, dem Zänker &ndash; der dreiste Bösewicht,
-meinen Vater so zu nennen.« &ndash; Der König sah um sich,
-und als er Immo noch auf den Knien fand, sprang er auf und
-winkte ihm zornig die Entlassung. Dann ergriff er wieder
-das Pergament: »Mit Herzog Heinrich verschworen gegen
-Kaiser Otto.« Der König warf das Pergament auf den
-Tisch und schritt heftig im Zimmer auf und ab. »Das Unrecht
-meines eigenen Vaters soll ich zum Schrein der Heiligen
-tragen, damit die Heiligen es wissen und an mir rächen.
-Unerhört ist die Bosheit.« Wieder eilte er zum Tisch.
-»Und hier steht es, meine eigene Sünde,« und er las: »mit
-Herzog Heinrich, der jetzt König ist, Verabredung getroffen
-gegen seinen Vetter, den jungen Kaiser Otto.« Der König
-faßte das Pergament, drückte es mit der Faust zusammen
-und schleuderte es in den Kamin. Er riß die Kerze aus dem
-Leuchter, hielt sie daran, bis das Blatt sich bräunte und
-knisternd verkohlte und stieß heftig mit dem Fuß in die
-Asche. »Dies sei der Heiligenschrein, zu dem ich deine Sünden
-trage, du Ruchloser. Mich selbst soll ich verklagen vor meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-Nothelfern um deinetwillen. Lieber lasse ich dich unter
-deiner Sündenlast leben wie bisher, als daß ich dir den
-Himmel öffne. Siehe selbst zu, ob du auf dieser Erde das
-Erbarmen der Himmlischen gewinnst, ich weigere dir die
-Hilfe, die du begehrst.« Der König stand finster vor dem
-Kamin. »An mein eigenes Unrecht mahnt er mich und ich
-fühle den Schrecken und die bittere Reue. Für mich selbst
-will ich zu den Ewigen flehen wegen alter Sünden, und daß
-ich jetzt dem Flehen einer armen Seele nach der Seligkeit
-meine Hilfe verweigerte.« Und Heinrich eilte zu dem
-vergoldeten Schrein, um den, wie er meinte, die hohen
-Fürsten des Christenhimmels unsichtbar walteten, enthüllte
-die heilbringenden Reliquien und warf sich mit gerungenen
-Händen vor ihnen nieder.</p>
-
-<p>In der Frühe des nächsten Tages begann die Feier der
-Heerschau. Unter den Mauern der Festung Babenberg
-waren auf freiem Felde Schranken errichtet, die Pfosten
-mit grünen Zweigen umwunden, die Treppen mit kostbaren
-Teppichen belegt, an einer Seite stand auf hohen Stufen
-der goldene Königsstuhl. Dort wollte der König die Gaben
-verteilen und sein siegreiches Heer entlassen. Als die Sonne
-aufging, zogen die Scharen von allen Seiten der Ebene zu
-und lagerten bei ihren Bannern in weitem Ringe um den
-eingefriedeten Raum. Eine unzählige Menge Volkes drängte
-an den Schranken, um den König und das Festgepränge zu
-schauen. Die Helden des Heeres ritten in ihrem besten
-Schmuck herzu, stiegen von den Rossen und sammelten sich
-in der Umzäunung. Als der König auf seinem Schlachtrosse
-herankam, in Königstracht, die Krone auf dem Haupt, begleitet
-von der Königin und einem endlosen Gefolge geistlicher
-und weltlicher Herren, da brauste der Heilruf durch die<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-Scharen, und auch die Landleute schrien und hoben die
-Arme, obgleich viele von ihnen über das Schicksal ihrer alten
-Herren bekümmert waren. Der König und die Königin
-stiegen die Stufen hinauf und setzten sich würdig auf den
-Königsstuhl, um sie herum saßen auf niedrigen Stühlen die
-Edelsten des Reiches. Nachdem der Rufer Stille geboten
-hatte, erhob sich der Erzbischof von Mainz, sprach das Gebet,
-segnete den Tag und verkündete mit mächtiger Stimme,
-die weit in das Feld schallte, den Willen des Königs. Zuerst
-die Strafen, welche der königliche Richter über die Empörer
-verhängt hatte. Jeden derselben nannte er beim Namen,
-dann seine Missetat und die Strafe, welche nicht sanft war.
-Nur den Bruder des <span id="corr232">Königs</span> nannte er nicht, um das hohe
-Geschlecht zu schonen.</p>
-
-<p>Immo stand in den Schranken nahe den Stufen und
-lauschte gespannt auf jedes Wort des Erzbischofs. Als in
-der unseligen Reihe der Besiegten der Name des Grafen
-Gerhard gerufen wurde, hielt er ängstlich den Atem an,
-denn er wußte, daß der Geliebten unsägliches Wehe bereiten
-würde, was darauf folgte. Aber ihm schoß vor Freuden
-das Blut ins Gesicht und durch die ganze Versammlung
-ging ein leises Summen, als der Erzbischof aus dem großen
-Pergament verkündete, daß die Gnade des Königs die
-Missetat des Grafen nicht an seinem Leben und seiner Ehre,
-sondern nur an einem Teile seines Gutes rächen wolle, und
-daß dem Treulosen gestattet werde, seinem Lehnsherrn
-aufs neue den Treueid zu schwören. Immo machte eine
-heftige Bewegung, um aus den Schranken zu eilen, und der
-alte Hugbald, welcher als Führer der Klostermannen auch
-die Ehre genoß, in den Schranken zu harren, mußte ihn am
-Arme halten, daß er die Feierlichkeit nicht störte. Sorglos<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-und mit lachendem Munde vernahm er eine lange Reihe
-von Belohnungen, welche der Erzbischof verkündete, denn
-der König teilte die großen Lehen der Babenberger unter
-seine Edlen. Jeder, der ein Herrenlehn empfing, ritt mit
-seinem Gefolge in gestrecktem Lauf dreimal um die Schranken,
-stieg am Eingange ab, trat die Stufen hinauf, empfing
-kniend die Fahne und schwor den Eid in die Hand des Königs.
-Das währte lange, und die Sonne brannte heiß, bevor alles
-nach Gebühr vollendet war. Aber die Krieger und das Volk
-ertrugen gern den Sonnenbrand, denn was darauf folgte,
-war der freudigste Teil der Begabung. Der Kämmerer des
-Königs schritt in die Schranken, gefolgt von einer langen
-Reihe wohlgekleideter Diener, welche an Stangen große
-Truhen trugen, die sie vor den Stufen des Königsstuhls
-nebeneinander niedersetzten. Die Decken wurden abgehoben,
-und ein Goldschatz, wie ihn wenige Menschen geschaut
-hatten, blinkte in der Sonne. Große Kannen, Becher
-und Schalen, Dolche und reichgeschmückte Helme, Ketten
-und Armringe lagen kunstvoll geschichtet übereinander.
-Nach der Enthüllung scholl ein lautes Geschrei und zahllose
-Heilrufe, die Zuschauer drängten ganz außer sich an die
-Schranken, die zahlreichen Trabanten mußten stoßen und
-sich entgegenstemmen, um den Einbruch abzuwehren. Und
-die Verteilung der Ehrengeschenke an die Tapfern des
-Heeres begann. Der Kanzler trat vor und öffnete eine
-Pergamentrolle, welche bis an den Boden reichte, laut rief
-er den Namen jedes Helden und die Gabe, womit er geehrt
-wurde. Die rechte Seite innerhalb der Schranken war durch
-den Rufer geräumt; wer von dem Kanzler geladen wurde,
-trat vor den Stuhl des Königs, empfing sein Geschenk, huldigte
-und schritt vergnügt der anderen Seite zu. War er<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-aber aus vornehmem Geschlecht, so überreichte der Kanzler
-dem König die Spende, und dieser teilte sie selbst dem
-Glücklichen zu und sprach, wenn er ihn hoch ehren wollte,
-einige huldreiche Worte. Auch das Heer und Volk begleitete
-mit lautem Zuruf die Gaben, wenn der Empfänger rühmlich
-bekannt und im Heere beliebt war. Aus der Nähe Immos
-wurden viele Helden gerufen, Hugbald trat vor und empfing
-seine Kette, nicht lange darauf hörte Immo den Namen
-seines Gespielen Brunico, welcher ganz hinten an den
-Schranken stand, und als dieser einen schweren Goldring
-erhielt, sprach der König vom Throne: »Den Schmied hast
-du mir gerettet, trage dafür seine Arbeit.« Aber Immo
-wurde nicht gerufen. Die Truhen leerten sich, die Unruhe
-in der Umgebung des Königs zeigte an, daß der Aufbruch
-nahe war. Immo stand mit einer kleinen Zahl andrer unbeachtet
-auf seiner Stelle. Er merkte, daß sich verwunderte
-Blicke nach ihm richteten, und er begann zornig die Kränkung
-zu fühlen. Hatte ihn auch der König am letzten Abend ungnädig
-entlassen, er wußte doch, er hatte dem König gut gedient
-und war oft vor anderen ausgezeichnet worden. Zwar
-um den Goldschatz hatte er wenig gesorgt, aber auch er hatte
-zuweilen daran gedacht, daß ein Schmuckstück eine gute Erinnerung
-sein werde. Jetzt erkannte er, daß der düstere Blick
-Gundomars von der Höhe auf ihm haftete, und er fühlte,
-ärgerlich über sich selbst, daß er errötete und den Leuten ein
-gleichgültiges Gesicht zu zeigen nicht vermochte. Er merkte
-auch, daß Herzog Bernhard, dem seine Würde erlaubte, in
-der Nähe des Königs sich freier zu rühren, hinter den Stuhl
-des Königs trat, und daß der König sich einen Augenblick
-nach rückwärts wandte. Er verstand die Worte des Königs
-nicht, und sie hätten ihn auch nicht erfreut, denn Heinrich<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-antwortete der gutherzigen Frage des Herzogs nach Immo:
-»Er hat bereits weit mehr erhalten, als er verdient.« Da
-stieg der Herzog die Stufen herab und schritt über den Platz
-dahin, wo Immo fast allein stand, stellte sich behaglich neben
-ihn und sagte lächelnd: »Für uns beide, für dich, Held Immo,
-und für mich, klingt heute das Goldblech nicht.«</p>
-
-<p>»Euch, erlauchter Herr,« versetzte Immo mit einem dankbaren
-Blick, aber mit zuckenden Lippen, »vermag keine
-Königsgabe an Ehren etwas zuzusetzen, mir aber, hoffe ich,
-soll die Verweigerung der Gabe die Ehre nicht mindern.«</p>
-
-<p>»So ist es recht, Held,« mahnte der Herzog, »sieh trotzig
-geradeaus. Vernimm ein Gesuch, das ich dir zur Stelle ausspreche,
-weil ich erkenne, daß du schwerlich im Dienste des
-Königs beharren wirst. Komm als mein Gast mit mir in mein
-Sachsenland, wir jagen miteinander die wilden Ochsen in
-der Heide. Du sollst das Weidwerk bei uns nicht schlechter
-finden als in deinen Bergen. Und noch anderes begehre ich
-von dir. Die Burgen, welche fremde Seeräuber an der
-Küste im Wasser geschanzt haben, will ich brechen, sobald der
-Eisfrost eine harte Bahn zu ihren Holzringen bereitet, dabei
-sollst du mir helfen. Ist dir's recht, so schlage ein.« Er hielt
-ihm die Hand hin, welche Immo freudig ergriff. Und der
-Herzog fuhr fort: »Der König erhebt sich, das Heer zu entlassen.
-Unsere Krieger sind ungeduldig, die Herden der Beutetiere
-und der gefangenen Böhmen zu teilen.«</p>
-
-<p>Der König und seine Edlen bestiegen die Rosse, die
-Helden sprengten auseinander zu ihren Haufen. Vor jeder
-Schar hielt der König an, zollte seinen Dank und sprach die
-Worte der Entlassung. Auch als er zu dem kleinen Haufen
-der Bogenschützen kam, welche Immo führte, neigte er das
-Haupt und rief: »Treu erfüllt habt ihr den Eid, den ihr freiwillig<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-gelobtet, ich löse euch von der Pflicht, zieht in Frieden
-heim zu euren Bergen.« Aber dabei ruhte sein Blick kalt und
-feindselig auf ihrem Führer, und dieser erkannte, daß der
-König ihn ungnädig von sich entfernte, und daß sein Schicksal
-ihn anders als er selbst gedacht hatte, aus dem Königsdienst
-löste. Er grüßte zum letztenmal mit seiner Waffe den Kriegsherrn
-und führte seine Knaben nach der Stadt zurück.</p>
-
-<p>Aus der Herberge eilte er zum Grafen Gerhard, bayrische
-Königsmannen hielten die Wache und weigerten ihm den
-Zutritt; er stürmte zu dem Hofe der Nonnen, die frommen
-Mütter waren mit Hildegard durch Reisige aus der Stadt
-geleitet, niemand wußte zu sagen, wohin. Da suchte er den
-Kanzler auf, dieser empfing ihn kalt. »Soll ich dir Gutes
-raten, so entziehe dich dem Auge des Königs, denn ich fürchte,
-er sinnt dir nichts Günstiges. Für die Jungfrau wird der
-König selbst sorgen; wie ich vernehme, will mein Herr, daß
-sie geschleiert werde, damit sie für die Missetaten des Vaters
-von den Heiligen Verzeihung erwerbe.«</p>
-
-<p>Mit Mühe bewahrte Immo die Kraft, den Segen des
-Kanzlers zu erbitten, den dieser mit einer nachlässigen Handbewegung
-erteilte. Er kam verstört in seine Herberge und
-trat in die Kammer, in welcher Heriman, der Goldschmied,
-lag, der von seiner schweren Wunde langsam genas. Oft
-hatte Immo während der Belagerung in der Hütte des
-Kranken gesessen und dem klugen Landsmann vertraut, was
-ihm auf der Seele lag, jetzt setzte er sich bleich und erschöpft
-neben ihn. »An einem Tage habe ich alles verloren, worauf
-ich hoffte, und wenn ich von hier weiche, wie ich soll, so nehme
-ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir. Dennoch vermag
-ich das Land nicht zu räumen, bevor ich die Jungfrau wieder
-gesehen habe.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p>
-
-<p>»Ich bleibe zurück,« versetzte Heriman tröstend, »dir
-danke ich, Immo, daß ich lebe und meine Glieder wieder zu
-regen beginne. Diese Schuld zahle ich dir jetzt oder wann
-du verlangst. Besser vielleicht als du selbst, vermag ich dir zu
-nützen. Denn Kundschaft habe ich beim Könige und vielen
-Großen, und mancher Stolze beachtet in der Stille meine
-Worte. Ziehe mit dem Herzog, denn weilst du hier, so wird
-es dein Verderben. Du läßt einen zurück, der ein wenig die
-Weise kennt, wie man die Geheimnisse der Mächtigen erkundet.
-Noch ist die Jungfrau nicht geschleiert. Und was ich
-erfahre, Günstiges oder Ungünstiges, das sollst du wissen.«</p>
-
-<p>Während der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach
-und dieser gern seinen Worten lauschte, scholl in der
-Haustür und auf der Straße ein wirres Getön von Pfeifen,
-Fiedeln und Menschenstimmen, ein wilder mißtönender
-Lärm von allerlei Weisen, welche durcheinander klangen,
-von Gelächter und trunkenem Geschrei. Immo eilte die
-Treppe hinab. Im Hausflur saß Brunico an der weit geöffneten
-Tür, eine Trinkkanne in der Hand, umgeben von
-seinen Bogenschützen, vor ihm aber auf der Schwelle und
-auf der Straße stand ein großer Haufe fahrender Spielleute,
-von denen jeder unbekümmert um die anderen in seiner
-Kunst das Beste tat, so daß ein unordentliches und greuliches
-Getöse durch das Haus und über die Straße schallte.
-»Schneller,« trieb Brunico, »ihr zirpt wie die Mädchen, die
-zum erstenmal im Reigen springen. Wer um die Wette läuft,
-darf seinen Atem nicht sparen.« Von neuem begann das
-tolle Gefiedel und Geschrei. »Jetzt merkt auf,« mahnte
-Brunico lachend, »der schnellste fängt den Preis.« Er zog
-den goldenen Ring vom Armgelenk und hielt ihn in die Höhe,
-schleuderte ihn über die Köpfe der Spielleute in den Staub<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-der Straße und rief: »So wirft der Bauer von Friemar den
-Armring des Königs.« Gleich Hunden sprangen die Fahrenden
-nach dem Ringe, sie fielen und überschlugen sich in
-wirrem Knäuel, das Volk schrie, jauchzte und balgte sich mit
-den Unehrlichen, bis endlich einer der Spielleute den Goldschmuck
-faßte, emporhielt und schnellfüßig mit dem Preise
-entrann. Und als Immo den Gespielen schalt: »Wie magst
-du eine wertvolle Gabe vergeuden, die dein Geschlecht und
-dein Mädchen lange erfreut hätte?« da antwortete Brunico:
-»Ich warf sie fort, damit sie mir nicht die Augen blenden
-sollte. Denn übel stände mir an, das Ehrengeschenk eines
-Königs zu tragen, der dich gekränkt hat, während er mir
-spendete.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch9">9.<br />
-Unter den Rößlein der Horsila.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Felder in Thüringen waren geleert, die Viehherden
-weideten auf den Stoppeln und die Jäger zogen mit ihren
-Hunden in den Bergwald. Auch die Brüder Immos hatten
-durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie waren gegen
-die Elbe gezogen, um einen Einbruch der Böhmen zu rächen,
-aber der Feind war ihnen eilig hinter seine Berge ausgewichen
-und sie fanden nur die verkohlten Trümmer der
-niedergebrannten Höfe. Da waren sie unzufrieden heimgekehrt
-und sannen mit ihren Landsleuten auf einen vergeltenden
-Zug für das nächste Frühjahr.</p>
-
-<p>Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen
-und gerade über die Brücke eines Nachbardorfes
-ritten, fanden sie den Weg durch Gedränge der Einwohner
-gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus den Höfen,
-einander zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten
-Reiter, und um diese schloß sich der Ring. Die Jagdhunde
-der Brüder fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen,
-und Erwin hatte Mühe, die Zerrenden an ihren Riemen
-zurückzuhalten.</p>
-
-<p>»Es sind Fremde, welche ausgefragt werden,« rief Ortwin,
-und schneller trabten die Rosse. Die Dorfleute machten
-den Jünglingen grüßend Platz, und diese fanden in der Mitte<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr gekleidet und von
-einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das Saitenspiel
-bewahrte. Zwei Landleute hielten das Roß des Spielmannes
-am Zügel, vor ihm standen die Ältesten des Dorfes
-und in großem Kreise alt und jung mit aufgerissenen Augen,
-Verwunderung und helle Neugierde in den Gesichtern. »Sei
-gegrüßt, Spielmann,« rief Odo lächelnd, »wer deine Pferde
-betrachtet, muß rühmen, daß du Glück im Kriege gehabt hast.«
-Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es die
-wohlgeformten Glieder rege. »In dem siegreichen Heere
-findet auch ein armer Spielmann etwas Gutes,« versetzte
-er stolz.</p>
-
-<p>»Wunderbares erzählt er von dem Glück des Königs und
-wie die Burgen des Markgrafen brannten,« berichtete ein
-alter Bauer.</p>
-
-<p>»Tag und Nacht könnte ich euch erzählen, niemand vermöchte
-in einem Niedersitzen alle Heldentaten herzusagen,«
-fuhr Wizzelin fort. »Auch bei euch raste ich wohl einmal und
-singe unter der Linde; jetzt aber öffnet den Weg, denn ich
-begehre dringend weiter zu ziehen.«</p>
-
-<p>»Ich hoffe, du herbergst heute bei uns im Hofe,« mahnte
-Odo. Doch unter den Dorfleuten erhob sich Gemurr. »Er
-hat noch wenig gesagt,« riefen mehrere Stimmen. »Wir
-verlangen von den Nachbarn zu hören, welche freiwillig zu
-König Heinrich gezogen sind,« schrien andere.</p>
-
-<p>»Als Helden kehren sie zurück, ihre Wagen sind schwer
-mit dem Kampfgewinn beladen und Beuterosse führen sie
-in langer Reihe, auch böhmische Knechte, welche ihnen der
-König zugeteilt hat, wenn sie dieselben nicht bereits an die
-Händler verkauft haben; denn ihnen wird mühsam sein, die
-Menge der Sklaven auf der Reise zu ernähren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span></p>
-
-<p>Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete, und
-die Knaben schlugen in ihrer Aufregung Purzelbäume im
-Staube.</p>
-
-<p>»Sahst du den Dindo, den Sohn meiner Schwester
-Wendilgard?« frug eine stattliche Bäuerin.</p>
-
-<p>»Dindo?« versetzte Wizzelin, »der Held mit den runden
-Backen, sicher kenne ich ihn. Er kehrt ganz heil zurück, und
-ich meine, in seinem Reisegepäck liegt auch eine Spange,
-welche das stolze Herz seiner Base erfreuen wird.«</p>
-
-<p>»Was weißt du von Engilbrecht,« klang es aus dem
-Haufen, »und vom Vortänzer Richilo?«</p>
-
-<p>»Engilbrecht kommt ohne Wandel, sowie er gegangen ist,
-und der schnelle Richilo hat neue Reigen getanzt von der
-Mauer in eine brennende Stadt, beide schreiten mit gebauschten
-Taschen einher und bringen für manche, die ihnen
-lieb sind, Gutes in ihren Säcken; geduldet euch jetzt und ihr
-alle werdet erstaunen.«</p>
-
-<p>Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung
-und aller Blicke richteten sich nach den Brüdern. Niemand
-wollte die Frage tun, die zuerst ihnen gebührte. Da sie aber
-schwiegen, rief Sigilind, ein mutiges Weib: »Weißt du etwas
-von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?«</p>
-
-<p>»Ha,« rief Wizzelin, »du nennst einen von den großen
-Helden des Königs Heinrich; laut hörte ich seinen Goldschatz
-rühmen, denn Armringe aus Königsgold, die wohl ein halbes
-Pfund schwer waren, hat er meinen Genossen auf die Straße
-hingeworfen als Lohn für ihre Lieder.«</p>
-
-<p>Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und
-Sigilind, Gisa, Engiltrud und die anderen Weiber hoben die
-Hände zum Himmel und rannten von dannen, um den Höfen
-die unglaubliche Kunde zuzutragen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p>
-
-<p>»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen
-auseinander,« spottete Wizzelin leise zu Odo, »die Bahn
-ist gefegt, gefällt's euch, so dringen wir durch.« Und nach
-allen Seiten grüßend und Rückkehr verheißend, trabte er
-mit den Brüdern von dannen.</p>
-
-<p>Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes
-geritten, so flog die Kunde von seiner Ankunft durch jeden
-Stall und jede Kammer; auch hier drängten die Leute
-heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und seinem Gefährten
-die Pferde anzubinden, und die Mägde steckten die
-Köpfe zusammen und bewunderten sein schönes Gewand
-und die klirrende Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und
-sein Geschlecht waren nicht willig zu wedeln, sie bellten
-wütend und unablässig und sprangen feindselig an den Spielleuten
-herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo, welcher die
-Hunde scheuchte, mit finsterem Lächeln: »Der Fahrende
-vermag die Gunst der Männer und Frauen zu gewinnen,
-die Köter aber bleiben seine Feinde, sie erkennen ihn in
-jedem Gewande.« Er ordnete Haar und Rock und zog sein
-Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen
-der Herrin Edith trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute,
-alle in froher Erwartung der Kunst, die er nach dem
-Mahle spenden würde. Den Spielleuten wurde ein besonderer
-Tisch gestellt, aber Edith winkte, daß ihnen gute
-Kost geboten wurde und der beste Met des Hauses. Und
-Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher, welcher ihm
-der Ehre wegen noch lieber war als der Trank.</p>
-
-<p>Nach dem Mahle begann Edith: »Da du beim Heere des
-Königs weiltest, so gib uns Kunde, soweit du vermagst.
-Denn nur Undeutliches hörten wir von seinem Siege und
-dem Unglück der Feinde.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom
-Raub des Schatzes, von Belagerung der Feste und von den
-Kämpfen gegen Hezilo. Er sprach langsam und feierlich
-und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang; vieles berichtete
-er getreu nach der Wahrheit, anderes wie es ihm
-in den Sinn kam. Den Namen des Mannes aber, an den
-jeder in der Halle dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit
-verhaltenem Atem lauschten die Zuhörer, nur wenn er vom
-Schlachtgewühl erzählte, rührten sich die Männer, ihre
-Augen glänzten und sie nickten einander zu, und so oft er
-den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte,
-seufzten die Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet
-hatte, sprach Edith: »Füllt ihm aufs neue den Becher.
-Du aber bewahre das Silber mit unserm Dank, denn große
-Dinge hast du uns verkündet, die wir alle im Gedächtnis
-behalten, solange wir leben.« Da sprang Gottfried auf,
-überreichte dem Spielmann den Becher und begann:
-»Weißt du etwas von meinem Bruder Immo, so verkünde
-auch das, denn an ihn dachten wir alle, während wir dich
-hörten.« Bei diesen Worten des Knaben brachen die Dienstleute
-in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der
-schnell verhallte, aber er kam aus bedrängten Herzen, die
-von einer Last befreit wurden. Wizzelin hob den Becher und
-rief: »Heil sei dir, junger Held, daß du als der erste nach
-ihm frägst im Saale seiner Väter.« Er ergriff sein Spiel,
-fuhr schnell über die Saiten und sprach: »Dieses Spiel hat
-oft von seinem Namen getönt, denn wir Fahrenden singen
-mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und am Herdfeuer.
-Wollt ihr das eine hören, wie er den Grafen Ernst
-schlug?« Und die Saiten rührend, stimmte er die Weise an:
-»Einen Helden weiß ich, Immo aus Thüringeland. So<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-lautet das Lied,« erklärte er, »höre Geschlecht Irmfrieds!«
-Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des
-Baches die Helden des Babenbergers schlug, den Waltram,
-Hartwin und den jungen Hadamund, und wie er darauf
-die Wache am Felsentor hielt, um durch seinen Leib den
-König zu decken. Dort lief der edle Graf Ernst gegen ihn
-an, die Speere flogen, die Schilde krachten und aus den
-Schwertern fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger
-mit zerschlagenem Helme betäubt zurückfuhr. Da warf
-Wolfere von fern her den Hammer und traf dem jungen
-Helden das Haupt, daß er blutend zurücksank. Aber den Fall
-seines Edlen zu rächen, sprang König Heinrich selbst in den
-Kampf.</p>
-
-<p>Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt
-wie er wollte, und er war gewöhnt, daß sie durch hellen Ruf
-und leises Stöhnen ihren Anteil kundgaben. Heute aber
-freute sich der Schlaue über das Entzücken, welches er erregte.
-Die dienenden Frauen streckten in ihrer Aufregung
-die Hände immer wieder dem Himmel zu, Gertrud schluchzte
-vor Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den
-Nasenflügeln und griffen mit den Händen um sich. Der
-Knabe Gottfried stand wie verzückt mit glühenden Wangen
-und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt schien zu
-wachsen und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt.
-Auch andere sah der Sänger, welche sich gegen die Gewalt
-seiner Töne wehrten, bis ihr stolzer Groll dahinschmolz in
-der heißen Freude über die Ehren eines Haussohns. Die
-Mutter barg nach den ersten Tönen ihr Gesicht in der Hand,
-und als er den Sturz Immos verkündete, erhob sie sich von
-ihrem Sitz und trat zurück in das Dunkel. Die Brüder
-saßen im Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-Männern, welche gefaßt sind, Unwillkommenes zu hören.
-Doch auch ihr Widerstand wurde schwach, in ihren Augen
-leuchtete die Freude, die jüngeren sprangen auf und traten
-nahe zu dem Sänger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen
-Mund zuckte die Bewegung. Und als der Sänger endete
-und ein Jubelgeschrei der Dienenden, welches nicht enden
-wollte, durch den Saal brauste, da trat Odo zu dem Spielmann,
-bot ihm den Becher, aus dem er selbst getrunken
-hatte, und sprach: »Nimm noch dies Silber, das dir die
-Söhne Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit
-dem Bruder, wir freuen uns doch, wenn der Name unseres
-Geschlechtsgenossen im Lande gerühmt wird.«</p>
-
-<p>»Weißt du mehr von ihm?« rief Gottfried.</p>
-
-<p>Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten. »Ihr
-mögt wählen unter den Liedern, die ich von ihm habe.«
-Und er verkündete ihnen nach der Reihe alles, wie Held
-Immo unter den Sachsen ritt, wie er den Dienstmann
-Egbert schlug und wie er als erster sich mit seinen Genossen
-in die Festung schwang.</p>
-
-<p>Der Sang war verklungen, die Hörer saßen schweigend,
-ganz aufgelöst von der starken Bewegung. Da ergriff
-Wizzelin seine Fiedel und begann mit dem Bogen die
-Saiten zu rühren, langsam, in einer rührenden Weise, aber
-er sang und sprach nicht mehr. Auch die Versammelten
-saßen still und wenn einem das Herz zu weich wurde, so
-wischte er verstohlen die Träne ab.</p>
-
-<p>Das war die erste Kunde von Immo, welche in sein
-Vaterhaus drang. Nicht lange darauf kehrten die Bogenschützen
-in ihre Dörfer zurück mit hochbeladenen Wagen und
-manchem schönen Beutestück. Mehr als einer wurde nach
-dem Hofe geladen und erzählte, so gut er vermochte, von<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-sich selbst und von seinem Anführer, und daß Immo mit
-dem Sohne Baldhards am Main von ihnen geschieden war,
-um zu den Sachsen an die See zu fahren. Seitdem kam
-keine Nachricht von dem Helden, auch die Eltern Brunicos
-wußten nichts zu erkunden. Die Blätter fielen und der
-Sturmwind tobte um die Mauern der Mühlburg, von welcher
-der alte Dienstmann Berthold täglich nach seinem Herrn
-aussah. Berg und Wald lagen unter weißer Schneedecke.
-Jeder, der einen warmen Ofensitz erlangen konnte, schlüpfte
-hinein und lauschte vergnügt auf das Brodeln im kupfernen
-Topfe. Aber der Stuhl, den Edith täglich dem Herrensohne
-rückte, blieb leer, und niemand wußte zu sagen, ob er unter
-dem Dach eines Gastfreundes geborgen saß, oder ob er
-auf wilder See umhertrieb in rasendem Sturm und wirbelndem
-Schnee.</p>
-
-<p>Die weiße Decke, welche den Bergwald verhüllte,
-schwand im Frühlingswind. In tausend Rinnen rieselte
-und strömte das Wasser zu Tale, jeder kleine Quell wurde
-zum Bach, die Waldbäche fluteten wie große Ströme, die
-Weiher und Seen am Fuß der Berge überschwemmten Ried
-und Wiesen, und dem Fremden, welcher von einer Höhe
-auf die thüringische Ebene herabsah, glitzerte überall zwischen
-Wald und Ackerbeeten eine gewundene Wasserfläche entgegen,
-aus welcher die Dorfzäune hervorragten, und er
-konnte zweifeln, ob er einen ungeheuren See vor sich sah
-mit zahllosen Inseln, oder einen breiten vielarmigen Strom.
-Dann lagerte am Morgen und Abend dichter Nebel auf der
-Flut, und bei Tage flatterten ungeheure Schwärme von
-Wasservögeln darüber hin. Aber nach wenigen Wochen
-war der Schwall vermindert, Sonne und Wind verscheuchten
-den Wasserdunst, die Erde sog begierig das befruchtende<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-Naß und während die Knospen der Bäume schwollen, hob
-sich der Wiesengrund wieder aus der Flut, und die Waldbäche
-zogen gebändigt durch ihre Ufer den Flüssen zu und
-strudelten, wo ein Baumstamm oder eine Erdscholle in
-ihrem Bett haftete. Dies war die Zeit im Jahre, wo die
-Männer aus den Waldlauben sich ihrer Schiffahrt freuten.
-Denn auch ihnen war ein Fluß zuteil geworden, nur klein,
-aber ehrwürdig dem ganzen Lande, welcher aus den Waldbächen
-zusammenrann und zwischen dem Gebirge und
-steilen Hügeln der untergehenden Sonne zufloß. Die Horsila
-war damals kein unscheinbarer Bach, sie trug befrachtete
-Kähne in die Werra, und weit von Norden her kamen Fahrzeuge
-der Sachsen und Friesen die Strömung hinauf bis
-an den Wald. Dort war bei dem alten Dorfe Horsilgau der
-kleine Hafen, wo sie ein- und ausluden; eine wertvolle
-Stätte für die Waldleute, denn die Landfracht vom Norden
-her war teuer und der Weg oft unsicher. Das Wasser brachte
-ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flämischen
-Weber und manches Kaufmannsgut, das ihre Frauen ungern
-entbehrt hätten; sie aber tauschten dagegen ein, was ihr Land
-an Waren bot: Honig und Wachs, Pelzwerk und Tierhäute.
-Auch die Erfurter kamen heran, so oft die Kähne abfuhren
-und anlegten, sie schlugen am Ladeplatz ihre Bänke auf,
-kauften und tauschten und führten die Fracht auf hochbepackten
-Karren nach ihrem großen Markt. Vor andern
-aber freuten sich die Mönche des heiligen Wigbert der
-Schiffahrt, sie waren seit alter Zeit die Herren der kleinen
-Wasserstraße und sie hielten die Burg Gotaha zumeist darum
-hoch, weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr Herrenrecht
-über den Fluß behaupten half. Denn der Zehnte,
-welchen die Mönche von allem Schiffsgut erhoben, war<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-eine wertvolle Einnahme des Klosters, er lieferte die Wolldecken
-ihrer Lager, Stoff zu ihren Kutten und vor allem
-die geehrte Fastenspeise, den gesalzenen Heerfisch, welcher
-ihnen das ganze Jahr Freude an ihrem Trunk gab. So
-wertvoll war dies Herrenrecht, daß sie durch viele Jahre
-blutige Kämpfe darum geführt hatten. Dennoch vermochten
-sie es nicht ungeschmälert gegen einen Nachbar zu bewahren,
-welcher klug gleich ihnen und stärker als sie ebenso auf der
-Nordseite der Horsila herrschte, wie sie längs dem Walde.
-Ihr Feind war das Kloster von Fulda, in welchem der heilige
-Bonifacius beigesetzt war. Und die beiden Glaubensboten
-Winfried und Wigbert, kämpften aus ihren Klöstern zweihundert
-Jahre nach ihrem Tode grimmige Fehden um die
-Heringstonnen der Nordsee und um die Gewebe derselben
-Friesen, deren Vorfahren sie einst bekehrt hatten. So heftig
-tobte der Kampf zwischen den Bewaffneten der beiden
-Klöster, daß die Sachsenkönige mehr als einmal gezwungen
-waren, sich zwischen die Streitenden zu stellen. Endlich
-hatten die Mönche von Fulda das Recht erworben, daß auf
-ihrer Uferseite Kähne frei von dem Zoll der Wigbertleute
-fahren durften. Aber der Haß der Klöster wurde durch den
-Schiedsspruch des Königs nicht gestillt, und fast in jedem
-Jahre wurden Männer erschlagen und Häuser niedergebrannt.</p>
-
-<p>Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee früher
-als sonst. Das Tauwetter vereitelte einen Rachezug, den
-König Heinrich über die gefrorenen Sümpfe in das Slawenland
-gerüstet hatte. Dafür bereitete es den Waldleuten die
-Freude, daß sie am Fest der Tag- und Nachtgleiche auf
-schneelosem Anger ihre Reigen sprangen, und daß sie an
-demselben heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-ihrem Fluß eröffneten. Die Fahrt war eine Woche vorher
-zu Erfurt und auf dem Lande angesagt worden, damit sich
-beizeiten rüste, wer Gut und Ware nach der Werra zu den
-Hessen und Sachsen abwärts führen wolle. Schon hatten
-die Erfurter ihre Lastwagen zu einer kleinen Wagenburg
-beim Dorfe vereint. In langer Reihe lagen die Kähne, welche
-von den Waldleuten die Wasserrößlein genannt wurden,
-am Ladeplatz, neu geteert, lang und schmal, zum Teil beladen
-auf die Abfahrt harrend, während die andern durch
-Schiffer und starke Lastträger gefüllt wurden. Aber auch
-von der Mündung des Flusses waren bereits einige Kähne
-stromauf geführt, die Schiffer hatten ihre Güter an dem
-Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung, sie waren
-an ihren Strohhüten, den langen weißen Röcken und den
-breiten Schwertmessern als Sachsen zu erkennen. Ein weiter
-Raum war auf dem Anger abgesteckt und mit einem Seil
-umfriedet, dort stand das Marktkreuz und St. Wigberts
-Banner, und daneben hielt der Hauptmann mit seinen Bewaffneten
-und dem Büttel, <span id="corr249">um</span> den Marktfrieden zu erhalten
-und von Vieh und Waren den Zoll zu erheben. In
-der Ferne auf der andern Seite des Baches wehte neben
-einem Schuppen das Banner von Fulda, geschützt durch
-Gewappnete, welche der großen Familie des heiligen Bonifacius
-angehörten. Doch auf der Wigbertseite war der rege
-Verkehr.</p>
-
-<p>Auch die Landleute, welche nicht selbst um Schiffahrt
-sorgten, eilten an diesem Tage gern zu der Stätte. Wer
-Freunde und alte Genossen begrüßen wollte, konnte sie
-dort finden, wer sich einem Herrn zum Dienste geloben
-wollte, suchte dort die Gelegenheit, Rosse und Herdenvieh
-wurden aus den Winterställen zum Verkauf herangetrieben.<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem
-Gefolge und das Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner
-Musik, mit neuen Liedern und Kunststücken. Im ganzen
-Lande war die Lust dieses Tages berühmt und sie erschien
-den streitbaren Männern um so ehrenvoller, weil selten ein
-Fest verging ohne Schwerthiebe und tiefe Wunden.</p>
-
-<p>Die Sonne schien hell, und größer als seit langer Zeit
-war das Gewühl der zugewanderten Gäste. Nicht allein
-an dem Flusse, in allen Dörfern längs dem Bergwald
-wurde der Ausgang des Winters und die junge Herrschaft
-des Sommers gefeiert, man sah lange Reihen geschmückter
-Dorfleute im Freien tanzen und vernahm ihren Gesang
-und das Getön der Fiedeln und Pfeifen, überall auf den
-Hügeln und den Vorsprüngen der Berge waren Holzstöße
-errichtet, welche nach Untergang der Sonne brennen sollten,
-denn die ganze Nacht galt für günstig und heilbringend, sie
-wurde beim Trinkkrug, unter Gesang und Reigentanz durchwacht
-und war vielen der liebste Teil des Festes.</p>
-
-<p>Zwischen den Bänken, worauf die Erfurter ihre Ware
-ausgelegt hatten, zogen die Dienstmannen der Edlen mit
-ihren Knechten, daneben junge Dorfhelden vom Nessebach;
-auch die Leute aus den Wendendörfern waren mit ihren
-Frauen gekommen, und neben thüringischer Sprechweise
-vernahm man sächsische Worte und die feintönende Rede
-der Slawen. Durch das Gewühl sprengten sechs hochgewachsene
-Reiter, die Söhne Irmfrieds, unter ihnen Gottfried,
-der heute zum erstenmal im Schwertgurt über das
-Land ritt und stolz auf die Grüße und Glückwünsche antwortete,
-welche ihm hier und da aus den Haufen zugerufen
-wurden. Neugierig blickte der junge Krieger auf die fremdländischen
-Männer und Waren, aber die neue Würde hielt<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen. Die Brüder
-stießen auf einen Trupp berittener Spielleute, darunter
-auch Weiber in fremder Tracht, welche ihre Pferde in
-künstlichem Tanze trieben, während die Männer um die
-Raststelle handelten. Als die Sechs einen Augenblick in der
-Nähe hielten, scheute das Roß eines fahrenden Weibes und
-sie glitt dicht vor den Brüdern auf den Boden. Mitleidig
-sprang Gottfried ab, um sie vor den Pferdehufen zu bewahren,
-aber wie ein Federball hob sich das Weib vom
-Boden und bevor er sich's versah, fühlte er einen leichten
-Schlag auf seiner Wange, das Weib schwang sich in den
-Sattel und davonsprengend rief sie lachend: »Gesegnet
-seien dir die hübschen roten Wangen.« Da lachten die
-Leute rings umher, Gottfried aber wurde vor Zorn noch
-röter und warf einen feindlichen Blick auf die Dirne. Noch
-grollte er über die Dreistigkeit, da hörte er, wie Graf Markwart
-von Tonna spottend den Brüdern zurief: »Seit wann
-treibt ihr Helden Kaufmannschaft wie die Krämer zu
-Erfurt?«</p>
-
-<p>Odo sah ihn befremdet an. »Nichtige Worte redest du.«</p>
-
-<p>Der Graf wies auf Ballen und Tonnen, welche am
-Ufer lagen. »Sie tragen das Zeichen, womit ihr market,
-was euer ist. Ich rühme die Klugheit, welche das Erbe durch
-Handel zu mehren weiß.«</p>
-
-<p>Odo versetzte: »Rühmlicher wäre es, das Erbe durch
-Kaufmannschaft zu mehren als durch raubgierigen Wolfssprung
-auf der Heide, den die Leute dir zutrauen.«</p>
-
-<p>Markwart hob zornig den Arm, doch als sechs hochstämmige
-Helden nahe um sein Roß drängten, begnügte er
-sich, Feindseliges zu murmeln und wandte sich zur Seite.
-Die Brüder aber ritten zu den Tonnen und sahen erstaunt<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-die Runenmarke, welche mit weißer Farbe den Stücken
-aufgemalt war. »Das ist Immos Zeichen,« riefen sie wie
-aus einem Munde und Odo frug den Schiffer, welcher dabei
-stand: »Woher kommst du und für wen bringst du das?«</p>
-
-<p>»Mein Wasserroß trug es vom Norden, drei Wochen
-haben wir gegen den Strom gerungen und mancher treibende
-Baumstamm streifte an den Bord, bevor wir ausluden.
-Für einen Burgmann im Lande ist es bestimmt.«
-Die Brüder bestürmten ihn mit Fragen, aber von Immo
-wußte der Mann nichts zu berichten.</p>
-
-<p>In der hölzernen Halle, welche unweit des Baches errichtet
-war und im Sommer allerlei Frachtgut bewahrte,
-saßen heute die Häupter der Landschaft, Edle und Grafen,
-welche dem Feste zugeritten waren. Markwart von Tonna
-war da mit seiner ganzen Sippe und seinen trotzigen Dienstmannen,
-die Grafen aus dem Nordgau und andere, neben
-den Thüringen auch Hessen, unter diesen Graf Gerhard
-aus den Buchen. Ihn hatte die Gnade des Königs wieder
-zu einem stattlichen Herrn gemacht, denn obgleich ihm die
-Waldwiesen und mancher andere schöne Acker abgenommen
-waren, galt er noch immer für reich an Erbe und Lehen,
-auch in Thüringen hatte er unweit der Horsila Hufen und
-hörige Leute. Heute begrüßte er die edlen Thüringe zum
-erstenmal seit seinem Unglück, er war leutselig und mild
-gegen jedermann, und wenn einer auf die letzte Gefahr
-anspielte, so zuckte er nur wehmütig mit den Achseln. Aber
-die meisten der Anwesenden vermieden davon zu sprechen,
-denn sie wußten wohl, daß sie selbst um ein kleines in derselben
-Not gewesen wären. Der Raum war mit Tischen
-gefüllt, und der Schenkwirt, auch ein Knecht des heiligen
-Wigbert, lief mit den Kannen umher und drehte fleißig am<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-Hahn seiner Fässer. Die Sonne sank hinter die Berge und
-es dämmerte in dem fensterlosen Raume, als die Söhne
-Irmfrieds eintraten. Odo grüßte, und von mehreren Tischen
-klang der Gegengruß, aber Markwart und sein Geschlecht,
-welches mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges
-saß, sperrte, sich breit setzend, den Weg zu den Tischen.
-»Gib Raum, Markwart,« sagte Odo, »damit wir dir nicht
-die Knie scheuern.« Aber der Held streckte sein Bein kräftig
-aus und versetzte: »Mich wundert, daß die Söhne Irmfrieds
-begehren, ihren Sitz unter den Edlen des Landes zu
-nehmen, da sie sonst häufiger die schwieligen Hände der
-Bauern drücken, als die unsern.«</p>
-
-<p>»Harre, bis wir für ehrenvoll halten, deine Hand zu
-fassen,« versetzte Odo, »unterdes wundere dich nicht, daß
-ich deinen Stuhl schwenke, da du selbst das nicht tun willst.«
-Mit einem kräftigen Ruck drückte er den beschwerten Stuhl
-beiseite. Markwart hielt sich mit Mühe im Gleichgewicht;
-er fuhr auf und mit ihm sein Geschlecht, die Hände griffen
-an die Schwerter und das Eisen klirrte in der Halle. Aber
-der Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme:
-»Gedenkt des Marktfriedens,« und Gerhard sprang begütigend
-dazwischen und rief: »Wer eine Hand zu viel hat,
-der greife an das Schwert, ihr andern aber hütet euch, denn
-jedes Tun hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit friedlich zu
-trinken.« Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall, der
-Tumult wurde gestillt und der Wirt lief wieder mit den
-Kannen. Gerhard aber begann in der schweigenden Versammlung
-versöhnliches Gespräch: »Obgleich an dieser
-Stelle die Mönche Wigberts ihr Rauchfaß schwingen, so
-will ich doch über sie die Wahrheit sagen. Ich weiß manchen,
-der größeres Vertrauen zu andern Fürbittern hat. Darum<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-möchte ich dich, Held Odo, fragen, was dir von neuen Wundern
-des Glaubenshelden Meginhard bewußt ist. Denn
-auch davon hören wir gern beim Trunke.«</p>
-
-<p>Bevor Odo die Antwort gab, rief der Mönch, welcher
-während des Sommers als Aufseher im Dorfe wohnte:
-»Ungewaschenes Zeug kommt aus eurem Munde, Gerhard,
-weil ihr unserm Heiligen in seiner eigenen Halle die Ehre
-vermindern wollt. Achtet lieber auf anderes, was draußen
-vorgeht. Denn wundervolle Kunde vernehmen wir, die
-jedermann mit Staunen erfüllt. Ein fremder Spielmann
-sagt sie den Leuten, auch euch, ihr Herren, wird es freuen
-sie zu hören. Dich aber, du Geschlecht Irmfrieds, geht sie
-noch mehr an als die andern.« Der Mönch steckte eine
-Fackel an, daß ihr rotes Licht die Halle erleuchtete, und in
-das Tor sprang ein Spielmann, gefolgt von einem großen
-Haufen Neugieriger, er schwang sich auf eine Bank, die einer
-seiner Genossen vor den Eingang stellte und lud mit heftigen
-Armbewegungen alle edlen Helden und jedermann
-ein, die unerhörte Neuigkeit zu vernehmen, welche aus dem
-Nordmeer gekommen war, vom Kampf der Sachsen gegen
-die Seeräuber. Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen
-den Sieg gewonnen, indem sie über das Strandeis zogen und
-die festen Burgen der Räuber zerbrachen, und unter ihnen
-stritten die Helden der Thüringe, der edle Immo, Irmfrieds
-Sohn, und Brunico, sein Genosse. Grimmig war die
-Not der Helden im Streit gegen die Seegespenster und gegen
-die Riesen unter dem Räubervolk, die mit Eisenstangen auf
-sie schlugen. Und er schrie: »Alles, was je von Kämpfen
-gesungen wurde, ist wenig gegen diesen Kampf, und alles,
-was je von einem Schatz geschaut wurde, ist ganz wenig gegen
-den unermeßlichen Goldschatz, den die Helden aus den Burgen<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-der Räuber gewannen. Von ihm will ich euch jetzt
-erzählen, soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt
-habe, denn alles vermöchte einer nicht zu schauen. Zuvor
-aber spendet mir etwas, denn später, wenn ihr gehört habt,
-lauft ihr auseinander.« Da lachten die Zuhörer und viele
-griffen nach den Ledertaschen, der Spielmann hob einen
-Beutel an einer langen Stange und fuhr damit durch die
-Versammlung, er überging keinen, und wenn jemand mit
-dem Kopf schüttelte, so schnitt er ihm ein Gesicht, oder sagte
-ihm etwas Boshaftes, wenn er das wagte, so daß die Herren
-lachten und williger gaben. Und als er eingesammelt hatte,
-erhob er sich wieder, beschrieb die Herrlichkeit des Goldgerätes
-und schätzte es nach hundert Pfunden recht genau,
-bis die Leute an der Tür vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen.
-Als er geendet hatte, schied er von seinen Zuhörern,
-indem er schrie: »Jetzt ziehet dahin, ihr edlen Herren
-und guten Leute und verkündet es jedermann im Lande,
-denn selig sind die Eltern und selig ist die ganze Verwandtschaft
-der Helden, die mit so teurem Goldschatz heimkehren.«</p>
-
-<p>Die Zuhörer am Eingange liefen auseinander, in der
-Halle vernahm man durch das Gesumme halblauter Reden
-Rufe des Erstaunens. Aller Augen hefteten sich auf die Brüder
-und mancher trat an ihren Tisch und rief ihnen scherzend
-Heil zu; auch neidisches Gemurr und mißgünstige Blicke
-stachen gegen sie. Odo aber sprach verwundert: »Ist auch der
-Fahrende ein verlogener Mann, vielleicht ist doch manches
-wahr. Haltet fest an euren Sitzen und wehrt euch mit
-scharfer Zunge gegen jede Ungebühr, denn ich merke, nicht
-in Frieden reiten wir heute nach Hause.«</p>
-
-<p>Graf Gerhard aber eilte aus der Halle, gefolgt von einem
-vertrauten Dienstmann, denn es zog ihn mächtig zu den<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-geheimnisvollen Ballen und Fässern, welche, wie er vernahm,
-dem glücklichen Immo gehörten. Er wandelte längs dem
-Bach, und sein Mann wies auf den geschichteten Haufen
-und die weißen Zeichen. »Alles riecht nach Fastenspeise, die
-von der See kommt,« begann der Graf und seine Nasenflügel
-zuckten. »Das ist die Schlauheit. Sie haben den Schatz
-ganz unscheinbar unter Eßbarem oder auch unter andern
-Waren geborgen. Von je waren die Sachsen ein listiges
-Volk, obgleich sie sich ganz einfältig zu stellen wissen. Viel
-Wunderliches hörten wir längst über den Goldschatz der
-Seeräuber. Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt,
-durch viele Geschlechter haben sie gesammelt,
-wie Könige saßen sie in ihren Strandburgen, sie tranken ihr
-Bier aus goldenen Schüsseln, welche mit Edelsteinen besetzt
-waren und man sagt, daß sie die Hufe ihrer Rosse nur mit
-Silber beschlugen. Dies alles hat ihnen Herzog Bernhard
-und dazu Held Immo genommen, und was hier liegt, mag
-diesen zum reichsten Manne im Lande machen, wenn er es
-auf seine Burg heimführt.«</p>
-
-<p>Er blickte scharf um sich, in der Nähe war niemand zu
-erkennen, auf den Bergen flammten die Osterfeuer, aus den
-Hütten klang Geschrei und Jauchzen und weiter abwärts
-am Bache lautes Gezänk und der Ruf nach Waffen.</p>
-
-<p>Die Wächter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten
-und schauten nach der Stelle, wo wilde Worte und
-Schläge getauscht wurden. Der Dienstmann traf eine kleine
-Tonne, welche von den andern abgerollt war, mit einem
-Stoß, daß sie zur Seite fuhr. »Gefällt's euch, Herr,« sagte
-er lüstern, »so gebe ich der Runden noch einige Tritte, und
-ihr könnt in Ruhe prüfen, wie dieser Schatz der Räuber
-aussieht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>Unwillig entgegnete der Graf: »Willst du mich im
-Königsfrieden zum Diebe machen, du Wicht? Wie darf
-ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen, wenn er es nicht
-durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt? Hallo, Wächter!
-hütet euer Gut, die Fässer kollern.«</p>
-
-<p>Ein Mann in langem Mantel, den Hut tief in das Gesicht
-gedrückt, sprang herzu, hob das Faß an seine Stelle
-und brummte: »Hütet euch selbst, daß ihr nicht auf den Boden
-kollert.«</p>
-
-<p>»Enthalte dich der Grobheit, Freund,« versetzte der Graf
-sanftmütig, »denn ich meine es gut. Ich hoffe, Held Immo
-läßt seinen Goldschatz nicht lange im Wind und Mondenschein
-liegen.«</p>
-
-<p>»Habt auch ihr gehört, daß der Held seinen Schatz in
-diesen Tonnen bewahrt?« frug der Mann. »Wir harren
-der Wagen: noch während dort die Feuer brennen, wird
-alles hinter Tor und Riegel geborgen.«</p>
-
-<p>»Ich lobe die Vorsicht,« bestätigte Gerhard. »Die Osterfeuer
-werden heute nacht den Weg zur Mühlburg erleuchten.
-Wer aber schreit dort und schlägt so wild?« frug er einen der
-Wächter, welcher herantrat.</p>
-
-<p>»Es sind wieder die Knechte der Heiligen, welche einander
-bei den Haaren fassen,« antwortete dieser lachend,
-»die Fuldaer sind über das Wasser gekommen, um die Dorfmädchen
-im Reigen zu schwingen, und die Knaben Wigberts
-wollen das nicht leiden.«</p>
-
-<p>Der Graf schüttelte mißbilligend das Haupt. »Uns
-schelten die Mönche, wenn wir einmal das Schwert ziehen,
-aber niemand von uns hegt einen solchen Grimm gegen seinen
-Feind, wie die Heiligen gegeneinander. Wollen sie selbst
-nicht Frieden halten, so sollen sie sich nicht wundern, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-auch wir zuweilen einer dem andern den Weg verhauen.«
-In schweren Gedanken schritt er der Halle zu, hinter ihm
-ballte Brunico, der Mann im Mantel, die Faust.</p>
-
-<p>Auch auf dem umfriedeten Raum vor der Halle hatte
-der nächtliche Jubel begonnen. Überall loderten hohe
-Freudenfeuer, die Bänke, auf denen die Krämer gute Bissen
-feilboten, waren umdrängt von Begehrlichen; was stolze
-Knaben gern ihren Mädchen schenken: bunte Bänder, Glasringe,
-Halsperlen und kleine Metallspiegel, wurde eifrig
-gekauft, am dichtesten umlagert waren die Stellen, wo aus
-Fässern und großen Kannen Bier und Met geschenkt
-wurde; überall wo ein Spielmann geigte, ein Sänger sang,
-sammelten sich die Zuhörer. Um die Feuer aber schwangen
-frische Knaben die Mädchen im Tanze, gesondert nach Gauen
-und Dörfern; zwar fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub
-und Blüten, durch welche sie sich im Sommer unterschieden,
-aber viele trugen das rote Kreuz Wigberts, andere
-das Rad, mit welchem Erzbischof Willigis seine Angehörigen
-bezeichnete, und die aus dem Nessebruch führten ein Büschel
-roter Wolle, mit grünem Band umbunden, statt der Distel,
-welche sie zu andrer Zeit auf ihren Mützen trugen. Viele
-tanzten in Eisenhemd und Helmkappe, alle die klirrenden
-Schwerter an der Seite, zu ihren hohen Sprüngen schrien
-Pfeife und Fiedel in gellenden Tönen. Von allen Feuern
-erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer, welche
-die Thüringe vom Walde gewaltiger auszustoßen wußten
-als andere Helden.</p>
-
-<p>»Mich wundert, daß diese hier so sanft sind und sich ganz
-ohne Messer ergötzen,« bemerkte Gerhard im Durchschreiten
-zu seinem Dienstmann, »sonst waren sie behender, das Eisen
-von der Hüfte zu holen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p>
-
-<p>»Die einander raufen wollen, springen jetzt noch über
-den Zaun ins Freie,« lachte der Dienstmann, »weil sie sich
-scheuen, ihre Hand unter das Beil zu legen. Später reißen
-sie wohl die Schranken nieder, dann klingen auch hier scharfe
-Weisen.«</p>
-
-<p>Am Tor der Halle stieß Gerhard auf den Mönch, welcher
-von zwei Dienern begleitet den großen Zinnbecher trug, in
-welchem St. Wigbert an diesem Feste ansehnlichen Gästen
-den Ehrentrunk bot. Diese Spende war den Herren der
-Halle die wichtigste Handlung des Abends, denn stets empfing
-der zuerst den Becher, welcher seinem Geschlecht nach der
-Edelste war. Viele der stolzen Herren erhoben den Anspruch
-und fühlten Eifersucht gegen andere, darum schuf der Becher
-jedes Jahr, wenn nicht zufällig einer von den höchsten
-Herren des Reiches anwesend war, dem bevorzugten Geschlechte
-Händel und Feindschaft. Gerade deshalb war der
-Vortrunk um so ehrenvoller. Der Mönch stand mit dem
-Becher in der Mitte der Halle, segnete den Wein und begann:
-»Da unter den edlen Herren, welche St. Wigbert begrüßt,
-niemand dem Königsgeschlecht der Sachsen angehört, so
-reiche ich den Becher heute dem Helden aus dem ältesten Geschlecht
-der Thüringe.« Und er trug den Becher zu Odo.
-Einzelne Stimmen riefen Beifall, aber lauter war das mißfällige
-Gemurr und Geschrei. Die Gegner steckten die Köpfe
-zusammen und fuhren von ihren Sitzen, Odo aber erhob sich,
-trank der Versammlung Heil und reichte den Becher seinem
-Bruder Ortwin. Da rief Graf Gerhard, den die anderen zu
-ihrem Wortkämpfer gewählt hatten: »Sehr ungeschickt ist die
-Wahl des Mönches und eine Kränkung für uns alle. Einen
-Jüngling hat er zum Vortrunk gerufen, während hier nicht
-wenige sitzen, deren Haar im Rat und Kampfe ergraut ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p>
-
-<p>»Eure Klage nenne ich ungerecht,« rief Odo zurück, »denn
-nicht den jungen Krieger soll der Trunk ehren, sondern das
-Geschlecht, für welches ich hier als ältester stehe.«</p>
-
-<p>»Wir aber vermögen nicht die Ehren deines Geschlechtes
-zu rühmen,« entgegnete Gerhard. »Haben deine Ahnen
-auch hier und da das Schwert mannhaft geschwungen, was
-keiner von uns ableugnet, so führt ihr doch kein Banner,
-welches der König euch in die Hand gelegt hat, wie wir anderen,
-die wir als Herren das Schildamt üben. Und wenn
-ihr auf eure edle Herkunft pocht, so wisset, daß man hier und
-anderswo euren Bauernadel belacht.«</p>
-
-<p>Die jüngeren Brüder sprangen von ihren Sitzen, und
-Odo rief: »Wenn der König unsere entlaufenen Knechte mit
-Lehen und mit einem Banner begabt, so rühmen sich die
-Knechte große Herren zu sein. Wir Bauern aber meinen,
-der König kann zum Grafen und Markgrafen ernennen, wen
-er will, aber niemanden zu einem Edlen.«</p>
-
-<p>»Euch aber,« rief Gerhard wieder, »haben die Mönche zu
-Edlen gemacht, ja man sagt auch, daß sie euch in der Stille
-zu kleinen Königen gekürt haben, nur daß man nicht laut
-davon reden darf.«</p>
-
-<p>Odo schlug an sein Schwert. »Ich erkenne, daß ihr selbst
-Lust habt, von dem Königsstabe, den wir in der Hand führen,
-die Belehnung zu erhalten.«</p>
-
-<p>Da erhob sich wieder der Hauptmann von St. Wigbert
-und rief mit mächtiger Stimme durch die Halle: »Übel
-fügen sich heiße Worte zu starkem Trunk, ich rate, daß ihr
-beide in dieser Nacht euren Wortkampf stillt, morgen aber,
-wie euch Herren gebührt, an Versöhnung denkt oder an
-Schwertschlag.«</p>
-
-<p>Aber Gerhard fuhr eifrig fort: »Nicht wir anderen haben<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-den Unfrieden begonnen, sondern diese, vorhin, als sie hier
-eintraten. Und es ist wohlbekannt im Lande, daß ihr sogar
-untereinander nicht Frieden halten könnt. Schon zur Zeit
-eurer Väter raunte man im Volke mancherlei von der
-Brudertreue, welche die Männer eures Geschlechts einander
-beweisen, und jetzt hören wir wieder, daß ihr eurem ältesten
-Bruder Unheil gesonnen habt, so daß dieser als ein fahrender
-Recke in der Welt umherschweift.«</p>
-
-<p>Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried, daß dieser
-vor den versammelten Edlen seine erste Kampfprobe ablege,
-denn er war schneller Worte mächtig. Und in der Stille,
-welche dem kränkenden Vorwurf des Grafen folgte, sprang
-Gottfried vor und rief laut: »Eure Rede ist unwahr, Graf
-Gerhard, nie haben wir gegen unseren Bruder Immo Untreue
-erwiesen, und jetzt leben wir in großer Sorge um den
-Abwesenden. Deshalb ersuche ich euch, daß ihr die Kränkung
-zur Stelle widerruft.«</p>
-
-<p>»Ein Hähnchen höre ich krähen,« versetzte der Graf
-lachend.</p>
-
-<p>»So vernehmt, ihr edlen Herren,« fuhr Gottfried fort,
-»daß ich vor euch allen den Grafen Gerhard einen Verleumder
-nenne, und überall außerhalb des Marktfriedens
-will ich mit meinen Brüdern das an seinem Leib und Leben
-erweisen, wo ich ihn treffe.« Er löste seinen Handschuh und
-warf ihn vor den Grafen, dieser aber stieß verächtlich mit
-dem Fuß daran.</p>
-
-<p>Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des
-Jünglings Gottfried; und von dem Eingang her rief eine
-Stimme: »Nehmt auch den meinen.« Ein hoher Krieger
-schritt auf den Grafen zu, dieser fuhr zurück wie vor einem
-Geiste, als er die zornige Entschlossenheit in einem wohlbekannten<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span>
-Antlitz sah, und vermochte nur zu antworten:
-»Dich habe ich hier nicht erwartet, und dich habe ich nicht
-gemeint, Held Immo.«</p>
-
-<p>Als er den Namen nannte, der heute in aller Munde war,
-regten sich die Anwesenden, viele sprangen auf und drängten
-heran, um den Helden zu sehen. Immo aber wies auf die
-Fehdezeichen: »Widerruft die Kränkung und gebt vor allen
-Edlen meinen Brüdern ihre Ehre, oder nehmt den Streit
-auf auch mit mir.«</p>
-
-<p>Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner: »Du selbst
-magst wissen, Immo, daß ich ungern gegen dich kämpfe,
-wenn ich an Vergangenes denke; und du weißt auch, daß
-meine Ehre mir nicht gestattet, Kampfesworte, die vor den
-Edlen gesprochen sind, zu widerrufen.«</p>
-
-<p>»Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander
-gehandelt haben,« versetzte Immo, »das alles sei
-vergessen in dieser Stunde. Als Sohn meines Geschlechts
-stehe ich dir gegenüber und Abbitte fordere ich von dir, oder
-ich suche an deinem Leben die Rache.«</p>
-
-<p>Da rief Gerhard mit querem Blick: »Meine nicht, mir
-durch dein stolzes Drohen den Willen zu beugen, ich widerstehe
-dir, wenn du auch jetzt auf deinen Goldschatz vertraust;«
-und die Handschuhe vom Boden hebend und auf den Tisch
-werfend, rief er: »Du denke daran, wenn du den Schaden
-trägst, daß nicht ich die Fehde gefordert habe, sondern du.
-Und darum sei Unfriede zwischen uns statt Friede, sobald
-wir den Schranken den Rücken kehren, und Kampf sei um
-Leib und Leben, Gut und Habe zwischen mir mit meinen
-Helfern und dir mit deinen Helfern.« Er wandte sich trotzig
-ab, setzte sich zu seinem Genossen Markwart und verhandelte
-leise mit diesem. Immo trat zu dem Tisch der Brüder und<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-den Jüngling Gottfried küssend, sprach er: »Ich grüße euch,
-meine Brüder. Gewährt mir einen Sitz in eurer Mitte und
-einen Trunk aus eurem Becher, damit die Fremden erkennen,
-daß sich die Söhne Irmfrieds in der Not nicht voneinander
-scheiden.«</p>
-
-<p>Die Brüder rückten zusammen, Ortwin trug ihm den
-Stuhl und Odo goß ihm den Trunk ein, der Stolz wehrte
-ihnen zu reden, und sie saßen schweigend beieinander. Doch
-von den anderen Tischen eilten Bekannte des Geschlechts
-mit den Trinkkannen heran, den Helden zu begrüßen, und
-er stand von vielen umgeben und antwortete auf die neugierigen
-Fragen. Aber sein Blick flog prüfend durch den
-Raum und nach dem Tische des Grafen Gerhard, bis er an
-der Tür seinen Vertrauten Brunico erkannte, da winkte er
-diesem und trat mit ihm zur Seite in heimlichem Gespräch.</p>
-
-<p>Brunico drängte sich hinaus ins Freie; nicht lange, so
-klang in dem Gewirr von vielerlei Tönen ein neuer Gesang,
-ähnlich dem Quarren eines Frosches; bald hier, bald dort
-schrie einer aus dem Volk der Langschenkel, so daß die Leute
-einander lachend frugen: »Ist auch der brüllende Held
-Reginheri in seinem Sumpf erwacht?« Doch als sich der
-Froschgesang auf einer Stelle außerhalb der Schranken vereinte
-und mit einem lauten Heilruf endete, da dachten die
-andern, daß dies ein Zeichen übermütiger Genossen war,
-welche miteinander zu den Bergfeuern ausschwärmten.</p>
-
-<p>Die Helden in der Halle aber, welche nicht selbst der
-Fehde teilhaftig waren, freuten sich, daß der Festabend so
-rühmlich verlief, und daß man davon im Lande singen und
-sagen würde. Sie saßen jetzt friedlich bei ihren Kannen,
-denn ihr Gemüt war erfrischt, wie die Flur nach einem
-Gewitter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p>
-
-<p>Plötzlich klang in das wilde Geschwirr des Marktes ein
-Klagegeschrei und der Ruf nach Rache. Der Gesang verstummte,
-die Pfeifer und Fiedler setzten ab, die Krämer
-liefen zur Abwehr vor ihre Bänke und warfen mit ihren
-Knechten die Waren schnell in die geöffneten Kasten. In
-die Halle sprang ein verstörter und blutender Mann und
-schrie: »Die Hunde des Bonifacius sind über das Wasser
-gedrungen, einer von uns liegt erschlagen, rächet den
-Schaden, ihr Wigbertmannen.« Und unter die verstörten
-Haufen springend, rief der Mann dieselbe Klage. Da schwand
-die Freude in wildem Zorn, die Frauen wichen in das
-Dunkel zurück, die Männer fuhren zusammen, rissen flammende
-Brände aus den Feuern und stürmten dem Flusse
-zu. Vergebens sprengte der Vogt mit seinen Mannen dazwischen
-und schrie den Frieden aus, die Wütenden lösten
-die Haltseile der leeren Kähne und drängten sich hinein,
-mancher Wilde sprang ins Wasser und rang sich hinüber auf
-die Seite der Fuldaer. Dort stürmten Bewaffnete entgegen,
-um die Einbrecher in die Flut zu werfen, und dicht am Ufer
-entbrannte der Kampf. Aber neue Haufen folgten über den
-Fluß, auf Tonnen und Bänken suchten sie durch das Wasser
-zu schwimmen; die Fuldaischen wurden rückwärts gedrängt,
-die rote Lohe flammte an dem Holzhaus, über welchem das
-Banner des heiligen Bonifacius wehte, und das Banner
-selbst verschwand in den aufsteigenden Flammen.</p>
-
-<p>Auch die Herren in der Halle waren an das Ufer geeilt,
-die einen in bitterer Sorge, die andern schadenfroh. Da
-sprach Immo zu seinen Brüdern, und es waren die ersten
-Worte, die er seit dem Eintritt mit ihnen wechselte. »Gefällt
-es euch, Söhne meines Vaters, so reiten wir. Laßt euch
-nicht beschweren, wenn ich euch begleite; denn ich merke,<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-andere sinnen darauf, uns außerhalb des Friedens zu
-treffen.«</p>
-
-<p>Und Odo antwortete mit derselben Zurückhaltung: »Da
-der Unfriede uns alle angeht, so sei auch die Abwehr und
-der Angriff gemeinsam.« Sie verließen zusammen die
-Halle und eilten zu ihren Rossen. Erstaunt fanden die Brüder
-Immos, daß bei ihren Knechten und Rossen eine reisige
-Schar von Landleuten aus den freien Dörfern hielt.</p>
-
-<p>Nicht lange nachher knarrten die Räder beladener
-Wagen auf dem Wege, welcher zwischen dem Leinbach und
-einem Waldhügel nach der Mühlburg führte. Nur zwei
-Reiter bildeten die Bedeckung, die Knechte hatten Mühe,
-die Pferde in dem aufgeweichten Wege bergan zu treiben,
-sie schrien laut und knallten mit den Peitschen. Endlich kam
-an einer kleinen Steile der Zug ganz in das Stocken. Da
-rasselte und klang es im Holz, eine Anzahl Reiter sperrte die
-Straße und warf sich gegen die Wagen. Die berittenen
-Wächter flohen ohne Kampf talab, auch die Knechte sprangen
-flüchtig dem Bach zu. Als Graf Gerhard heransprengte,
-war das Werk getan, die Wagen in Besitz seiner Reisigen.
-Er lachte und rief: »Leichten Kaufes wurde großes Gut in
-ehrlicher Fehde gewonnen. Lenkt die Wagen seitwärts in
-das Holz; treibt, meine Mannen, in einer Stunde haben
-wir es hinter Wasser und Mauer geborgen.« Die Pferde
-wurden einen Waldweg bergan geführt, sie schritten jetzt
-rüstiger als vorher, und der Graf brummte vergnügt vor
-sich hin. »Ich hörte zuweilen rühmen, junger Immo, daß
-dein Schwert gut schneidet, aber in Listen bist du schwach,
-und der Alte hat dir behende abgeführt, worauf du mit
-trotzigem Mute vertrautest.« Der Zug betrat eine kleine
-Lichtung des Waldes, welche in hellem Mondschein lag, umgeben<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span>
-von dichtem Niederholz, dessen laublose Äste die lichte
-Stelle mit dunklem Grau einfaßten. Da flimmerte es in
-dem Holze hier und da wie von blankem Eisen, die Reiter,
-welche die Vorhut bildeten, jagten zurück und meldeten
-atemlos, daß der Weg durch Gewappnete versperrt sei;
-auch hinter der kleinen Schar des Grafen klang ein Kriegsruf,
-Hörner und laute Stimmen antworteten, und mit Erstaunen
-sah der Graf sich rings eingehegt durch Fußvolk und
-Reiter. Er riß die Pferde des vordersten Wagens herum auf
-die Mitte der Waldwiese und gebot den Reisigen, einen Ring
-um die Wagen zu ziehen. Er umritt seinen Haufen, hob den
-Speer und erwartete mutig den Anlauf.</p>
-
-<p>Aber der Angriff erfolgte nicht. Den ganzen Rand der
-Lichtung hielten schnellfüßige Knaben umstellt, auf dem
-Wege stampften die Rosse der Gegner, und man vernahm
-ein Rollen und Dröhnen als ob Baumstämme gewälzt
-würden. Jenseits des Weges zog sich ein offener Wiesengrund
-dem Gebirge zu, dort hatten die Dorfleute der Umgegend
-einen mächtigen Holzstoß getürmt, welcher in dieser Nacht
-als Freudenfeuer aufflammen sollte. Um den Stoß schwebten
-die Schatten, er wurde zusehends kleiner. »Herr,« warnte
-den Grafen sein vertrauter Dienstmann, »sie sperren die
-Wege, denn durch das Niederholz vermögen unsere Rosse
-schwerlich zu dringen. Brecht durch, bevor sie uns einhegen.«</p>
-
-<p>»Soll ich den Schatz im Stich lassen?« frug der Graf
-unwillig, »was in den Wagen liegt, gibt Gold und Ehre für
-euch alle,« und er schrie hinüber zu den feindlichen Reitern:
-»Was säumen die Helden heranzusprengen, offen ist das
-Kampffeld. Trotzige Worte hörten wir in der Halle, hier
-aber, merke ich, schlottern euch die Beine im Bügel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p>
-
-<p>Da rief Brunico zurück: »Schlecht kämpft sich's im Waldesdunkel,
-harret noch ein wenig, bis wir euch die Osterfeuer
-anzünden.«</p>
-
-<p>»Brecht durch, Herr,« rief der Vertraute aufs neue,
-»denn sie schichten das Holz auf der Wegseite zu einem Walle.«</p>
-
-<p>»Pfui über dich, Immo,« rief der Graf, in dem jetzt die
-Sorge mächtig wurde, »unritterlichen Brauch übst du, ich
-harre deiner, komm heran und schlage dich um den Schatz.«</p>
-
-<p>Immo rief zurück: »Auch euch war der Pfad zum Kampfe
-geöffnet, allzulange habt ihr euch um die Tonnen gedrängt,
-jetzt rate ich, mit uns in Bauernweise den Festbrauch zu
-üben. Die Flammen lodern, schwingt euch zum Tanze über
-die Scheite.« Eine kleine Flamme leckte auf, die zweite,
-die dritte, bald sperrte das Feuer wie ein Wall die Belagerten
-von dem Wege ab. Aber auch längs dem ganzen Rande des
-Niederholzes leuchteten die Funken, jeder der Knaben,
-welche dort die Wache hielten, schwenkte Kienfackeln, denen
-gleich, womit sich die Dorftänzer auf den Bergen um die
-Flammen drehten; und jeder schleuderte mit wildem Geschrei
-und Jauchzen die lodernden Brände gegen die Rosse
-der Belagerten. Die Rosse scheuten und stiegen, die Reiter
-selbst, entsetzt über das feurige Gefängnis, vermochten der
-wütenden Tiere nicht Herr zu werden, mehr als einer wurde
-abgeworfen und lag ächzend am Boden. In diesem Augenblicke
-brachen die Söhne Irmfrieds mit ihrer Schar wie
-ein Wettersturm durch die Flammen, im Nu waren die
-Helfer des Grafen überrannt, gefangen und gebunden. Der
-Graf selbst schlug tapfer mit dem Schwert um sich, aber
-durch eine mächtige Faust wurde er am Nacken gepackt und
-von seinem Rosse geschwenkt, daß er schwertlos auf den
-Boden fiel. »Ergebt euch, Gerhard,« rief Immo, »gelobt<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-als mein Gefangener zu folgen, damit ich euch die Schmach
-der Weiden erspare.« Betäubt gelobte der Graf.</p>
-
-<p>In wenig Augenblicken war das Werk getan, behend
-rannten die Thüringe, die flüchtigen Rosse der Gebundenen
-einzufangen. Sie bändigten die Pferde an den Lastwagen
-und zerwarfen das Holz des brennenden Walles, und nachdem
-sie sich auf ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf
-um die Brüder gesammelt hatten, brach der ganze Zug mit
-den Wagen und den Gefangenen nach der Mühlburg auf.</p>
-
-<p>Längs der Freudenfeuer, welche überall auf den Hügeln
-und um die Dörfer flammten, zogen die Sieger jauchzend
-und singend dahin. Es war tief in der Nacht, als sie in die
-Burg kamen. Immo, der während der Fahrt sich von den
-Brüdern ferngehalten hatte, ritt jetzt zu ihnen, als sie im
-Hofe auf den Rossen hielten und sprach grüßend: »Seid
-willkommen im Hause unserer Väter, nehmt vorlieb mit
-karger Bewirtung, denn erst beim Licht der letzten Sonne
-ist der Wirt aus der Fremde heimgekehrt. Gefällt es euch,
-so enden wir unseren Handel mit den Gefangenen noch
-während der lustigen Nacht, wie er begonnen wurde.«</p>
-
-<p>»Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortänzer,«
-versetzte Odo lächelnd, »wir vertrauen, daß du auch gegen
-die Gefangenen unser Recht wahren wirst.«</p>
-
-<p>Im Hofe der Mühlburg wurde ein großes Feuer entzündet
-und herbeigeholt, was der Vogt aus dem Keller zu
-liefern vermochte. Kräftig tranken die Thüringe, und auch
-den Gefangenen, welche kummervoll auf den Stufen der
-Halle kauerten, wurden die Kannen geschwenkt. In der
-Halle aber saßen die Söhne Irmfrieds mit ihren Dienstmannen
-und die Landleute von der Nesse, unter ihnen mit
-gebeugtem Haupt der waffenlose Graf. Da rief Immo ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span>
-zu. »Hebt den Becher, Graf Gerhard, und trinkt trotz eurer
-Not. Einst lag ich als Gefangener in eurem Turm, da ludet
-ihr mich in eure Halle und botet mir den Trunk an eurem
-Tisch. Heute tue ich euch mit Freuden dasselbe zur Vergeltung.«</p>
-
-<p>»Ich lobe dich, Immo,« antwortete der Graf trübe, »daß
-du in dieser Stunde an den Wechsel des Glückes denkst,
-beide haben wir ihn seit jenem Abend in der Halle erfahren.
-Vergiß auch nicht, daß dem Sieger eine Ehre ist, Maß zu
-halten in allem, was er dem Gefangenen auflegt. Behandelt
-mich mit Billigkeit, ihr edlen Herren, denn glaubt
-meiner Erfahrung, die ich mir zu meinem großen Kummer
-erworben, wer allzuviel für sich begehrt, fühlt zuletzt selbst
-den Schaden.«</p>
-
-<p>Immo versetzte ernsthaft: »Meine Brüder und ich, wir
-sind Herren geworden über euren Leib und euer Leben,
-und wir vermögen euch jetzt zu zwingen durch Haft und
-Bande und zu schatzen an Habe und Gut, weil ihr wider die
-Wahrheit und wider eigenes Wissen das Ansehen und die
-Ehre unseres Geschlechts mit gehässigen Worten angefeindet
-habt. Dennoch sollt ihr erkennen, daß die Söhne Irmfrieds
-gegen einen bezwungenen Feind Billigkeit üben. Eure
-Zunge hat euch in Unfrieden gebracht, eure Zunge soll euch
-auch den Frieden wieder gewinnen, wenn ihr sie weise gebraucht,
-solange die Thüringe sich in dieser Nacht um die
-Festfeuer schwingen.«</p>
-
-<p>In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung und er
-rief: »Sage nur, was ich reden soll, damit ich mich aus der
-Not löse.«</p>
-
-<p>Und Immo fuhr fort: »Wollt ihr Abbitte tun wegen
-aller kränkenden Worte und wollt ihr mit allen euren<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-Helfern schwören, nichts von dem, was in dieser Nacht gegen
-euch gesagt und getan worden ist, an uns oder an einem
-unserer Helfer zu rächen, sondern in Zukunft Frieden und
-guten Verkehr zu bewahren, so mögt ihr mit unseren Gefangenen,
-mit Waffen und Rossen, frei und ledig von
-hinnen reiten, sobald der erste Sonnenstrahl unsere Dächer
-bescheint.«</p>
-
-<p>Graf Gerhard sprang erfreut in die Höhe und rief:
-»Wahrlich, Immo, manchen Beweis deines guten Verstandes
-habe ich erhalten, aber diesen will ich dir niemals
-vergessen. Ich bin bereit zu allem, was du von mir verlangst,
-zu Abbitte und Gelöbnis.«</p>
-
-<p>»Wohlan,« gebot Immo, »ladet jeden in die Halle, der
-jetzt im Hofe weilt, zuletzt die Gefangenen. Und mit diesen
-werdet ihr euch barhaupt und stehend demütigen.«</p>
-
-<p>Ein Hornzeichen rief die Gäste und das ganze Gesinde
-zusammen, und als alle versammelt waren, führte Immo
-den jungen Gottfried auf den Ehrensitz und zu diesem sprach
-der Graf barhaupt die Abbitte: »Alles, was ich gegen Ehre
-und Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und getan
-habe, das sei ungesagt und ungetan, alle edlen Rechte erkenne
-ich ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk. Denn
-wisset, ihr Herren, wenn ich auch manchmal im Ärger anders
-sprach, immer habe ich das Geschlecht Irmfrieds vor anderen
-hochgeschätzt. Und ich bin bereit, nachdem ich Vergangenes
-abgebeten habe, alles Gute für die Zukunft zu geloben, nicht
-nur weil ich in Not bin, sondern auch weil ich merke, daß
-dies in Wahrheit meines Herzens Wunsch ist.«</p>
-
-<p>Als der Graf dies nach Gebühr vollendet hatte und seine
-Worte durch die anderen Gefangenen bestätigt waren,
-wurde er mit ihnen in die kleine Kapelle vor den Altar geführt,<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-dort gelobten die Helden für alle Zukunft jedem Rachegedanken
-zu entsagen. Darauf ward der Graf auf den
-Ehrensitz in der Halle geleitet, und jetzt trat Gottfried vor
-und bot ihm den Friedensbecher. Gerhard tat einen tiefen
-Trunk und seufzte, aber er wurde mild und froh, ja er lachte
-ein wenig über sein Unglück und sprach allerlei Vertrauliches
-zu Immo.</p>
-
-<p>Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gäste
-vorgeführt und Immo geleitete den Grafen selbst in den
-Hof. Als dieser aufsteigen wollte, sah er die beladenen
-Wagen und mit einem sehnsüchtigen Blick sprach er zu
-Immo: »Hätte ich diese in ehrlicher Fehde gewonnen, so
-würde ich fortan meinen Met aus goldenem Becher trinken.«</p>
-
-<p>Da antwortete Immo: »Eifrig habt ihr darum geworben
-und als ein Held euer Leben dafür gewagt. Wisset,
-ihr habt gefochten wie der alte Hildebrand, um wollene
-Decken, welche die Sachsen mit guter Kunst verfertigen, und
-zumeist um den gesalzenen Seefisch, welchen die Leute den
-Hering nennen.«</p>
-
-<p>Als die Entledigten abgezogen waren, dankte Immo mit
-freundlichen Worten die Landleute ab, welche als freiwillige
-Helfer herangeritten waren. »Da die Gefangenen gegen
-den Gebrauch kein Lösegeld gezahlt haben und auf ihren
-Rossen davonreiten, so nehmt dafür mit meinem Dank einen
-Teil der Waren aus dem Sachsenland, welche ihr wieder
-gewonnen habt; nicht als Entgelt, sondern zur Verehrung.«
-Das waren die Nachbarn wohl zufrieden und Immo gebot
-dem Brunico, einen billigen Anteil auszuscheiden. Diesen
-luden sie vergnügt auf einen Karren und schieden mit Heilruf
-zu ihren Dörfern.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch10">10.<br />
-Die Entführung.</h2>
-</div>
-
-<p>In der Halle standen die Brüder zum Aufbruch gerüstet,
-als Immo ihnen entgegentrat. »Den großen Goldschatz der
-Räuber hat der fahrende Mann mir angelogen, doch brachte
-ich reiche Beute und die Gastgeschenke der Sachsen heim;
-nicht die Wasserrosse führten meinen Kampfgewinn der
-Mühlburg zu, sondern die Packpferde, welche Brunico leitete.
-Für euch, Söhne Irmfrieds, sind die Ballen geöffnet, damit
-ihr daraus wählet, was jedem von euch gefällt, und ich bitte
-euch, diese Gabe anzunehmen anstatt der Schatzung, die ich
-den Gefangenen erließ, ohne euch zu fragen.«</p>
-
-<p>»Solches Angebot ist gebührlich gegen Fremde, nicht
-gegen die Genossen des eigenen Geschlechts,« antwortete
-Odo finster, und Ortwin rief: »Du tust uns weh, wenn du
-uns Gold bietest, wo wir brüderlichen Gruß erwarten.«</p>
-
-<p>Da flog helle Freude über Immos gramvolles Angesicht.
-»Wollt ihr freundlich zu mir reden und brüderlich gegen mich
-handeln, so wißt, meine Brüder, daß mein Herz sich viele
-Jahre nach eurer Liebe gesehnt hat. Schon im Kloster
-fühlte ich traurig unter Fremden die Einsamkeit und dachte
-mich täglich heim in eure Mitte, und auch jetzt unter den
-Gastfreunden vermochte ich nicht die frohen Spiele ihrer
-Knaben zu sehen, ohne daß sich mir das Herz in Gram<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-zusammenzog. Denn wie ein Ausgestoßener lebte ich, weil
-mir eure Freundschaft fehlte. Begehrt ihr, liebe Knaben,
-daß ich euch brüderlich begrüße, so springt heran wie einst,
-denn die Arme des Bruders sind geöffnet, euch zu empfangen.«</p>
-
-<p>Ortwin warf sich um seinen Hals und küßte ihn, und wie
-er taten die Jüngeren, nur Odo stand zur Seite. Gottfried
-aber ergriff Immos Hand und legte sie in die Hand des
-andern. Odo drückte sie und begann: »Der Zorn ist geschwunden
-mit dem grünen Laub dieses Sommers, beide
-wollen wir vertrauen, daß in dem neuen Lenz unter uns
-Sieben sich die Treue bewähre.« Und auf Gottfried weisend,
-fuhr er fort: »Du siehst, wir haben ihn gewappnet, und da
-du zu uns zurückgekehrt bist, vermögen wir jetzt in Frieden
-das Erbe zu teilen. Vor einem Jahre widerstand ich dir,
-als du das Recht des Ältesten fordertest, fortan bin ich gleich
-meinen Brüdern bereit, dir zu folgen, wenn du uns führst.«</p>
-
-<p>Aber Immo rief mit ausbrechender Leidenschaft: »Leite
-du die Brüder und bewahre du die Ehre des Geschlechts,
-denn ich kehre nicht zurück, um in Frieden unter euch zu
-leben. Ein großes Leid berge ich in meinem Herzen und
-mein Leben muß ich wagen in wilder Tat, noch bevor die
-nächste Sonne aufgeht. Wisset, der Tochter des feindlichen
-Mannes, den wir heute demütigten, habe ich heimlich mein
-Leben gelobt, der König aber will sie schleiern, ob es ihr
-und dem Vater lieb oder leid sei. Bevor sie morgen früh zu
-Erfurt die Klosterschwelle betritt, hole ich sie auf die Mühlburg,
-was mir auch darum geschehe. Dem Zorn des Königs
-trotze ich und dem Rechte des Landes widerstehe ich, um sie
-zu erwerben, denn ohne sie ist mir mein Leben verhaßt.«</p>
-
-<p>Die Brüder sahen betroffen einander an. »Zu früh habt<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-ihr mich brüderlich begrüßt, ihr Söhne Irmfrieds,« fuhr
-Immo heftig fort, »mich wundert nicht, wenn ihr euch von
-mir abwendet, wie von einem Kranken, dessen Berührung
-Unheil bringt. Meint auch nicht, daß ich euch mahnen will
-an die Hand, die ihr mir jetzt gereicht habt und an den brüderlichen
-Kuß. Denn eure Hilfe bei der Tat fordere ich nicht,
-den Raub wage ich wohl allein mit denen, die sich mir gelobt
-haben. Euch aber sage ich vorher, was ich tun werde, damit
-ihr mir tröstlich seid, soweit ihr es vermögt, ohne euch zu
-verderben. Doch nein, liebe Brüder,« unterbrach er sich
-selbst, »aus Klugheit und Vorsicht hätte ich's euch nimmer
-bekannt, aber eure Freundlichkeit hat mir die Seele weich
-gemacht. Denn Sommer und Winter habe ich die Last allein
-getragen. Selig macht der Gedanke an das geliebte Weib,
-aber furchtbar quält die Angst sie zu verlieren, und manche
-Nacht habe ich in der Fremde auf meinem Lager die Faust
-geballt, oder kindisch geweint, wie mir jetzt geschieht.« Er
-wandte sich ab, hielt die Hände vor das Antlitz und sein
-starker Leib bebte im Krampf.</p>
-
-<p>Es war totenstill in der Halle. Endlich begann Odo:
-»Wenn unsere Eltern einen Rat hielten, der ihr Wohl und
-Wehe anging, so saßen sie vertraulich nebeneinander am
-Herdfeuer nieder. Führe auch du uns zum Herde der Burg,
-an dem unsere Vorfahren beraten haben, damit wir die
-Flamme aufzünden. Dort erzähle du uns von dem Weibe,
-welches dir lieb wurde, und wie alles gekommen ist bis heute,
-damit wir es wissen, denn auch das ist ein Recht der Deinen.«</p>
-
-<p>Da führte Immo die Brüder über den Hof zu dem Flur
-des Saales, worin der Herd stand, er entzündete das Feuer
-und schloß die Tür. Die sieben Brüder lagerten am Herde
-und Immo begann leise seinen Bericht, zuerst, wie Hildegard<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-unter den Buchen sein Geselle wurde, und wie er ganz
-plötzlich sich glückselig fühlte, und danach alles andere. Und
-er zeigte ihnen auch das Pergament mit den Goldfäden,
-welches alle betrachteten, während er es in seiner Hand
-hielt, bis er es wieder im Gewande barg. Die stolzen Knaben
-Irmfrieds vernahmen vorgebeugt mit leuchtenden Augen
-die Kunde, welche auch ihr Leben nahe anging, und Gottfried
-saß zu den Füßen des Bruders, hielt die Hände über
-dem Knie desselben gefaltet und blickte ihm unverwandt in
-das bewegte Antlitz, während Odo zuweilen einen neuen
-Span in das Feuer legte. Immo aber wurde froh, daß er
-von Hildegard erzählen durfte, und lachte dabei treuherzig
-wie ein Kind, er schilderte ihr Aussehen und ihre Art, so daß
-sie auch seinen Brüdern gefiel, obwohl sie die Tochter eines
-wunderlichen Mannes war.</p>
-
-<p>Als Immo geendet hatte und alle in warmer Teilnahme
-schwiegen, begann Odo nachdenkend: »Sage uns, welche
-Meinung hat Graf Gerhard zu dir?«</p>
-
-<p>»Du kennst ihn ja auch,« versetzte Immo, »daß er hastig
-nach jedem Vorteil züngelt und schmeichelnde Worte nicht
-spart; aber ich fürchte, im Grund seines Herzens ist er mir
-abgeneigt, da er schon mit unserm Vater in Unfrieden
-lebte.«</p>
-
-<p>Odo nickte. »Klein ist der Funke, welcher ein großes
-Feuer entzündet, auch uns bedroht die Flamme. Gegen
-dich stehen der König und der Erzbischof, das Recht des
-Vaters und der Friede der Stadt, und es wird ein Kampf
-gegen große Übermacht um Gut und Leben, für dich und
-deine Helfer. Aber der König ist, wie wir hören, auf dem
-Wege nach Italien, das Recht des Erzbischofs beginnt erst
-mit dem nächsten Morgen, das Recht des Vaters werden<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-wir alle ungern ehren, und wegen des gebrochenen Stadtfriedens
-werden die Erfurter vielleicht mit sich handeln
-lassen, zumal wir selbst einen Hof in ihren Mauern haben.
-Doch, wenn auch all diese Hoffnung trügt, hartnäckiger
-Wille eines Mannes vermag viel. Und zuletzt hast du noch
-deine Brüder. Denn ich denke nicht, daß diese hier den Bruder
-in der Not verlassen werden.«</p>
-
-<p>Da sprangen die Jüngeren alle in die Höhe, zuckten an
-den Schwertern und riefen: »Nimm den Schwur.« Und
-Odo fuhr fort: »Lüfte dein Schwert, mein Bruder, damit
-wir alle unsere Hände zugleich darum werfen. Während das
-Herdfeuer lodert und das Dach unseres Hauses uns bedeckt,
-geloben wir, dir mit Leib und Leben, Gut und Ehre zu
-helfen, damit du die Braut heimführst. Denn wir alle wissen,
-daß wir im Tode zu dir gehören, wie du zu uns.«</p>
-
-<p>So schworen die Sieben sich zusammen und küßten einander
-am Herdfeuer. Danach setzten sie sich wieder zu geheimer
-Beratung.</p>
-
-<p>Eine Stunde darauf ritten die Brüder den Mühlberg
-hinab, Immo mit Gottfried nach der Stadt Erfurt, die
-andern nach dem Herrenhofe. Immos Seele hob sich in
-neuer Hoffnung, als der warme Frühlingswind um seine
-Wangen wehte, und als der Bruder, welcher ihm am vertrautesten
-war, ihn immer wieder an der Hand faßte und
-durch seine vertraulichen Fragen lockte, von Hildegard zu
-reden. Sie ritten durch das offene Tor in die große Marktstadt,
-die der ganzen Landschaft für ein Wunder galt, obgleich
-sie in vielem einem ungeheuren Dorfe ähnlich war.
-Denn hölzern waren die Häuser, neben den meisten öffnete
-sich ein Hoftor, durch welches man auf die Dungstätte und
-die Ställe sah, die Gänse wateten durch den Kot der Gassen<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span>
-und das Borstenvieh lief schonungslos umher. Aber die Mauern
-und Tortürme ragten gewaltig, von den großen Kirchen und
-Kapellen läuteten fast den ganzen Tag die Glocken, auf den
-Marktbänken der freien Plätze war eine unendliche Fülle
-begehrenswerter Sachen zum Verkauf gestellt, und wer
-selten nach der Stadt kam, der wurde nicht müde, nach der
-Heimkehr von dem Unerhörten zu erzählen.</p>
-
-<p>Diesmal achteten die Helden wenig auf die Waren und
-wenig auf die stattlichen Männer und Frauen, welche in den
-Gassen ihren Geschäften nachgingen, sie stiegen in dem
-Hofe ab, der dem Geschlecht seit alter Zeit gehörte, und eilten
-zu Fuß nach dem Hause des Goldschmieds.</p>
-
-<p>Der Hof Herimans war leicht kenntlich durch das große
-Wohnhaus, welches sich neben dem verschlossenen Hoftor
-erhob. Denn ein Stockwerk ragte über dem Flur vorspringend
-in die Straße und trug noch einen Giebel mit mehreren
-Bodenräumen. Schon auf der Straße vernahm man
-Hammerschläge; als Immo das Gatter öffnete, welches bei
-Tage den unteren Teil der Türöffnung verschloß, fand er
-im Hausflur einen schlanken Knaben im Schurzfell, der mit
-Raspel und Feile an einem Metallgerät arbeitete. Auf die
-Frage nach dem Herrn führte der Knabe eine kleine Treppe
-hinauf in den hinteren Teil des Hauses, wo die Werkstatt
-des Goldschmiedes sich nach dem Hofe öffnete. Heriman
-saß mit seinem Knappen über der Arbeit, im Takte schlugen
-die kleinen Hämmer, um glänzendes Silberblech zu runden.
-Als er die beiden Krieger im Kettenhemd erkannte, sprang
-er auf, warf den Hammer in eine Ecke, fuhr sich heftig durch
-die wallenden Haare und über sein mannhaftes Gesicht flog
-ein Schatten von Besorgnis. Aber er bot mit ehrlichem
-Gruß seinen Gästen die Hand und geleitete sie aus der Werkstatt<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-nach dem oberen Stockwerk. Durch die Lichtöffnungen
-der verschlossenen Läden fielen die Sonnenstrahlen in ein
-großes Zimmer, auf viele Truhen und Schränke und auf
-die schmale Bettstelle, in welcher Heriman selbst als Wächter
-seiner Waren zu ruhen pflegte. Während Gottfried sich neugierig
-nach dem Silber- und Goldgerät umsah, welches der
-reiche Goldschmied in seinem Hause verwahrte, stieß Heriman
-einen Laden auf, doch so, daß das Innere des Zimmers
-den Nachbarn gegenüber verborgen blieb, und rief: »Bei
-Tageslicht will ich mit euch verhandeln, obwohl es ein
-nächtliches Werk ist, an welches ihr denkt.« Er holte tief
-Atem und fuhr sich wieder durch das Haar. »Bevor ihr mir's
-sagt, weiß ich, weshalb ihr im Kriegskleide kommt, denn durch
-meine Base Kunitrud erfuhr ich, daß heute abend ein Gast in
-der Stadt einzieht, um den ihr Sommer und Winter gesorgt
-habt.«</p>
-
-<p>»Sie darf die Schwelle des Klosters nicht überschreiten;
-und ich will es hindern, oder meinen Leib in euren Mauern
-zurücklassen.«</p>
-
-<p>Heriman setzte sich auf einen Schemel und neigte betäubt
-das Haupt. Aber gleich darauf erhob er sich. »Ihr fordert,
-daß ich heute meine Schuld bezahle? Ihr sollt euch in mir
-nicht geirrt haben, was mir auch darum geschehe. Doch
-bevor ich euch meinen guten Willen erweise, frage ich: ist
-es nötig, daß ihr im Frieden der Stadt wagt, was ihr tun
-wollt?«</p>
-
-<p>»Sie kommt mit reisigem Gefolge ihres Vaters und des
-Erzbischofs. Ganz unsicher wäre das Gelingen bei einem
-Speerkampf auf offener Heide.«</p>
-
-<p>»Dann also muß es hier sein. Sie rastet heute nacht im
-Hessenhofe, wo ihr Vater immer einliegt, ein Reisiger hat<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span>
-die Ankunft gemeldet. Morgen reitet der große Erzbischof in
-unsere Stadt, er selbst soll sie nach dem Willen des Königs den
-frommen Müttern zuführen. Noch andere Neuigkeit weiß
-ich: morgen früh wird die Heerfahne des Königs auf seiner
-Burg ausgesteckt und die Boten werden durch das Land
-rennen, den großen Kriegszug nach dem Land Italien anzusagen.
-Denn der König will sich dort die Lombardenkrone
-holen. Das geht euch an, wie uns alle.«</p>
-
-<p>»Dieser Abend aber gehört noch mir,« versetzte Immo
-finster.</p>
-
-<p>»Die Burgmannen sind in Bewegung wegen der Kriegsreise,
-heute abend werden die Straßen und Schenken gefüllt
-sein. Das mag euch frommen oder auch hindern.
-Wollt ihr eure Hand um die goldene Spindel legen, die euch
-im fremden Hause gehört, so müßt ihr sie nicht nur aus dem
-Hause holen, auch sicher aus Tor und Mauer schaffen. Die
-Erfurter aber halten an ihren Toren gute Wache und fordern
-Zoll von jeder Ware, die aus- und eingeht.«</p>
-
-<p>»Kannst du mir helfen, was mein ist, aus dem Hause
-zu schaffen, so trage ich's mit meinen Schwurgenossen unter
-den Schilden durch das Tor.«</p>
-
-<p>Heriman schüttelte den Kopf. »Kommt ihr mit einem
-Haufen, so findet ihr hier einen größeren, und bringt ihr
-ein ganzes Heer, so werfen euch meine Mitbürger Speer
-und Axt, den Sturmgesang vom Turme und ihre Lärmhörner
-entgegen.«</p>
-
-<p>»Nicht mit einem Heerhaufen gedenke ich auszubrechen.
-Nur sieben haben ihr Leben für die Tat gelobt und zwei
-davon stehen vor dir.«</p>
-
-<p>»Und ihr wollt, daß ich der achte sei?« frug Heriman,
-»reicht das Kreuz eures Schwertes, ich bin bereit.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span></p>
-
-<p>Immo zog das Schwert und hielt den Griff in die Höhe,
-Heriman murmelte sein Notgebet, dann legte er die Schwurfinger
-auf das Kreuz und sprach die Worte, durch die er sich
-Immo gelobte. Seine Unsicherheit war geschwunden, er
-warf das Schurzfell von sich, holte Mantel und Mütze vom
-Haken, gürtete sein Schwert um und begann: »Vertauscht
-auch ihr den Eisenhut mit dieser Mütze, ich hoffe, sie soll
-euch passen, und schlagt den Mantel zusammen, damit ihr
-den Nachbarn weniger auffallt. Euch aber, junger Held,
-ersuche ich, die Helmkappe des Bruders in der Herberge zu
-bewahren, während wir beide durch die Straßen gehen,
-denn zwei Wölfe sind nur ein Paar, aber drei eine Rotte.
-Ich geleite euch zu dem Hofe, in welchem die Jungfrau heute
-nacht rastet, damit ihr die Gelegenheit selbst erkennt, denn
-lichtlos wird am Abend Hausflur und Treppe sein; seht
-scharf um euch und achtet auch auf Kleines.«</p>
-
-<p>Sie verließen das Haus. Mit Mühe hemmte Immo in
-den Gassen seinen Schritt zu dem langsamen Gange, in
-welchem sich Heriman seiner Würde gedenkend bewegte.
-»Dies ist der Hessenhof,« murmelte Heriman, »der Wirt ist
-ein Mann des Erzbischofs, aber ein redlicher Nachbar.«
-Immos Blick achtete forschend auf die Umgebung und auf
-das Haus, welches dem des Goldschmieds ähnlich, nur kleiner
-war, und auf das Hoftor, durch welches man die Hintergebäude
-und Ställe sah. Sie traten in den Flur, stiegen
-unaufgehalten die Treppe hinan, fanden die Tür eines
-Zimmers offen und darin eine kräftige Frau, welche mit
-dem Besen umherfegte und den Heriman vertraulich grüßte.
-»Dies ist Base Kunitrud, die Witwe eines wackern Burgmannes,
-sie ist dem Wirt dieses Hofes befreundet und steht
-seinem Haushalt vor. Dir aber, Base, führe ich den edlen<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-Helden Immo zu, weil er deinem guten Gemüt vertraut,
-das ich ihm gerühmt habe, und einen Dienst von dir begehrt.«</p>
-
-<p>»Auch wir in Burg Erfurt haben von Held Immo
-mancherlei vernommen,« antwortete Kunitrud geschmeichelt,
-»und ich gedenke vor allem der Guttat, die ihr diesem hier
-erwiesen habt.«</p>
-
-<p>»Um dir alles zu sagen, Base,« fuhr Heriman auf einen
-bittenden Blick Immos fort, »der Held trauert, wie du ihm
-leicht ansiehst, darüber, daß das Grafenkind geschleiert
-werden soll. Denn er hat sie im Hause ihres Vaters und auch
-sonst lieb gehabt, wie die Art junger Leute ist; und darum
-möchte er ihr durch deinen Mund noch einen Gruß sagen,
-bevor sie bei den frommen Schwestern eingeschlossen wird.«</p>
-
-<p>Kunitruds Augen glänzten von Neugierde und Teilnahme.
-»Verliert nur nicht den Mut, edler Herr, ich habe mehr als
-eine Nonne gekannt, welche vom Erzbischof Urlaub erhielt
-und als ehrliche Hausfrau lebte mit Kindern, so drall wie
-die Äpfel. Denn in dem Erdgarten ist alles möglich, wenn
-man's nur erlebt.«</p>
-
-<p>Während ihr Immo für die Teilnahme zu danken suchte,
-fuhren seine Augen rastlos um die offene Tür, das Türschloß
-und die Treppe. Beim Herabsteigen mahnte Heriman
-leise: »Achtet auf die ausgetretene Stufe, ein falscher Tritt
-mag den Erfolg verderben. Und jetzt schnell vom Hause weg
-und in gerader Richtung dem Tor zu, durch das ihr entrinnen
-sollt. Einreiten müßt ihr bei Tage, solange das Tor
-geöffnet ist. Eure Brüder sind hier wohlbekannt und ihre
-Ankunft wird in der Aufregung des Tages niemandem auffallen.
-Mit Sonnenuntergang wird das Tor gesperrt und
-den Ausreitenden geöffnet; wenn die Nacht so weit heraufgestiegen
-ist, daß die Bürgerglocke zum zweitenmal läutet<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span>
-und die Schenken geschlossen werden, dann wird auch die
-Brücke gehoben, und von da vermögt ihr nur mit Heeresmacht
-hinauszureiten. Ihr müßt die Tat also zwischen
-Sonnenuntergang und dem zweiten Glockenklang vollbringen.
-Ich sende, wenn die rechte Zeit gekommen ist,
-meinen Knappen nach eurem Hofe, ich selbst warte eurer in
-der Nähe des Hessen. Und noch eins habe ich auf dem Wege
-bedacht,« fuhr Heriman fort, »gelingt es euch nicht, zum
-Tor hinauszuschlüpfen, so müßt ihr die Hälse wagen auf
-einem anderen Wege, den schwerlich jemand ohne Not
-wählt. Ein Stück der Stadtmauer ist verfallen, gerade jetzt
-bessern sie an dem Schaden, die Stelle ist nicht auf eurem
-Wege, sondern nordwärts, und nahe der Königsburg.
-Dennoch sollt ihr sie beschauen, ob sie in der Not euch Rettung
-gewährt.« Er führte vom Tor längs der Mauer zu
-einem wüsten Platz, unter Schutthaufen. Die Trümmer
-der eingestürzten Mauerwand ragten aus dem Grabenwasser
-und die Arbeiter hatten Bretter darübergelegt, auch
-an der Böschung der Außenseite sah man den Fußsteig, durch
-welchen sie aus- und einliefen.</p>
-
-<p>»Lacht der Mond freundlich, so ist der Angstpfad wohl
-zu durchreiten,« entschied Immo. »Jetzt weiche von mir,
-Heriman, damit du dich nicht ohne Not gefährdest, denn
-deine Burgmannen werden bald mit Argwohn meiner gedenken.«
-Nach kurzem Gruß entfernte sich der Goldschmied,
-Immo eilte in die Herberge und sprengte gleich darauf mit
-dem Bruder aus dem Tor.</p>
-
-<p>Eine gute Wegstunde von Erfurt lag unweit dem Grenzwall,
-welcher die Güter des Geschlechts von der Stadtflur
-schied, ein Hügel, der mit Eichen bewachsen, auf seinem
-Gipfel ein altes Blockhaus trug, in welchem die Jäger und<span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span>
-Hirten zu rasten pflegten. Im Sommer war die kleine
-Lichtung von dichtem Schatten umhüllt, auch jetzt bot
-das Geflecht der Äste und Zweige einen sicheren Versteck.
-Zu dieser verborgenen Stelle hatte Immo die Brüder und
-die Getreuen von der Mühlburg geladen, wenn die Sonne
-die Mittaghöhe erreichen würde. Er fand bei seiner Ankunft
-Brunico mit den Waffen und frischen Rossen, und den Vogt
-der Mühlburg, welcher die letzten Befehle des Herrn empfangen
-sollte. Als Immo absprang und seinem Bruder
-Gottfried zunickte, erkannte er in dem erblichenen Antlitz
-des Jünglings die Erschöpfung, er hob ihn in seinen Armen
-vom Pferde und streichelte ihm die Wangen. »Zwei Tage
-und eine schlaflose Nacht im Eisenhemd waren für meinen
-Liebling zuviel, noch hast du Zeit, ein wenig zu ruhen, damit
-dir am Abend nicht die Kraft versagt.« Und mit freundlichem
-Zureden nötigte er den Widerstrebenden auf ein Lager von
-Waldheu, das er im Blockhaus breitete, er rückte ihm das
-Haupt zurecht und deckte ihn mit dem Wollmantel. Dann
-trat er ins Freie und blickte unverwandt nach dem Wege,
-der vom Herrenhofe herzulief.</p>
-
-<p>Die Brüder stoben in ihrer Rüstung heran; als sie den
-Bruder auf der Höhe erkannten, wirbelten die Jüngeren
-lustig die Speere. Odo führte sein Roß zu Immo und bot
-diesem die Zügel. »Nimm heute den Sachsen zurück,« sagte
-er, »denn die Braut, welche wir einholen, soll von diesem
-Tiere getragen werden, welches der Stolz des Hofes war.
-Die weiße Farbe ist gedeckt, damit es im Dunkeln nicht
-jedermann erkennbar schimmere.« Da schlang Immo den
-Arm um den Hals des Bruders und antwortete: »Die Gabe
-nehme ich nicht, edler Odo, denn größere Gunst fordere ich
-von dir selbst. Nicht meine Arme dürfen die Braut, um<span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span>
-welche wir reiten, aus der Stadt tragen, sondern du selbst
-sollst es tun. Mir gebührt die Abwehr, der Kampf und die
-Nachhut auf der Flucht. Dir aber übergebe ich die Geliebte,
-daß du nur um sie sorgst und sie rettest, was uns andern
-auch geschehe.« Da nickte Odo: »Es sei, wie du willst.«</p>
-
-<p>Schweigend standen die Männer und schauten zuweilen
-durch die Baumäste nach dem Stand der Sonne. Endlich
-hob Immo den Arm nach dem Himmel, da neigten alle die
-Häupter und flehten leise zu den hohen Engeln um Rettung
-aus der Not, in welche sie ritten, dann traten sie an die
-Rosse. »Wo bleibt Gottfried?« frug Odo.</p>
-
-<p>Immo sprang in das Blockhaus. Der Bruder lag in
-festem Schlummer, er hielt die Hände gefaltet und lächelte.
-Als Immo das Kind so im Frieden liegen sah, wurde ihm
-plötzlich das Herz weich, er trat leise zurück und zu den
-Brüdern kehrend, sprach er: »Er liegt in süßem Schlaf, ich
-traue mich nicht, ihn zu wecken.«</p>
-
-<p>»Bleibt er zurück, so wird er uns immerdar zürnen,«
-versetzte Odo und wollte hinein, aber Immo hemmte ihn
-und sprach: »Denket daran, Schwurgenossen, daß unsere
-Mutter einen Sohn behalte,« und dem Dienstmann Berthold
-die Hand zum Abschiede reichend, bat er: »Wenn er erwacht,
-so sage ihm, daß wir einen von uns gewählt haben, für unsere
-Mutter zu sorgen, und der eine sei er.« Wieder hob er den
-Arm zur Sonne und die Helden sprengten den Berg hinab
-der großen Stadt zu.</p>
-
-<p>Im Walde vor Erfurt teilte sich die Schar, denn nicht zu
-gleicher Zeit und zu einem Tore wollten sie einreiten. Die
-fünf Brüder zogen auf dem nächsten Weg durch dasselbe
-Tor, zu welchem sie die Geraubte hinausführen mußten.
-Immo aber mit Brunico betrat die Stadt durch das Tor<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span>
-im Osten. In der Herberge trafen alle zusammen, sie
-fanden viel Volk in den Straßen und in den Schenken, auch
-Bewaffnete aus der Umgegend klirrten einher. Die Brüder
-aber gingen einzeln und zu zweien durch die Menge und
-betrachteten die Gassen, durch welche sie reiten, und die
-Ecken, an denen sie sich aufstellen sollten.</p>
-
-<p>Die Sonne sank, in den Straßen wurde es dunkel, die
-Gassen leerten sich, doch aus den Häusern glänzten die Herdfeuer
-und aus den Schenken klang der Lärm lustiger Zecher.
-Die Brüder standen im Hofe ihrer Herberge bei den gesattelten
-Rossen, sie wechselten gleichgültige Worte, aber in
-der langen Erwartung hämmerte ihnen das Herz in der
-Brust. Und wenn ein Laden oder die Flurtür geöffnet
-wurde, so kam ihnen bei dem matten Lichtschein vor, als ob
-sie alle bleich wären wie Leblose. Da fuhr eine dunkle Gestalt
-von der Gasse in den Hof, und der Knappe des Goldschmieds
-flüsterte Immo zu: »Der am Idisbach lag, grüßt
-euch und läßt euch sagen, es sei an der Zeit. Der Graf und
-sein Gefolge sind beim Vogt des Erzbischofs zum Nachtmahle.«
-Gleich darauf ritten die Brüder langsam aus dem
-Hofe, voran Immo neben dem Boten, nach ihm Odo und
-Brunico, die andern Brüder folgten ganz allmählich zu
-zweien.</p>
-
-<p>Vor dem Hessenhofe war die Straße leer, aus dem Hofraum
-aber vernahm man Stimmen und das Stampfen der
-eingestallten Pferde. An dem Kellerhals des Nachbarhauses
-tauchte ein Schatten auf und glitt neben Immo bis nahe
-zu der Haustür. Den Zügel des Rosses ergreifend, mahnte
-Heriman mit heiserer Stimme: »Steigt ab.«</p>
-
-<p>Immo sprang in das Haus; langsam ritt Odo bis dicht
-vor die Haustür. Das Zeichen der Nachtglocke klang gellend<span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span>
-vom Turme, in den Höfen rührte sich's und vom Markte
-her vernahm man den schweren Tritt und das Klirren Bewaffneter.
-»Er ist verloren,« stöhnte Heriman. Da sprang
-Immo über die Schwelle, eine verhüllte Gestalt im Arme,
-er schwang sie dem Bruder auf das Roß und der Sachsenhengst
-fuhr in gestrecktem Lauf die Gasse entlang dem Tore
-zu. Als Odo um die Ecke bog, war er nicht mehr allein, denn
-hinter ihm ritten Adalmar und Arnfried, und als sie dem
-Tor nahten, fanden sie Ortwin und Erwin schon in Verhandlung
-mit den Torwächtern, welchen Ortwin zurief:
-»Frisch, ihr guten Männer, beeilt euch aufzusperren, wir
-reiten zum Ehrentanze für eine Braut.« Odo hielt im
-Dunkeln, er hörte das Knarren der Torflügel und mahnte
-zurück: »Schließt dicht an.« Dann sprengte er hinter die
-vorderen Brüder, und die Schar ritt eilig durch das Tor
-auf die Brücke. »Haltet, halt! was tragt ihr hinaus?« schrie
-der Wächter, aber der Ruf verklang hinter den Flüchtigen.
-Sie stoben gerettet unter dem Nachthimmel dahin und sahen
-rückwärts nach dem Bruder aus.</p>
-
-<p>Als Immo vor dem Sachsenhofe nach seinem Rosse
-sprang, schrie aus dem Oberstock eine helle Frauenstimme:
-Raub, Zeter und Waffen. Die Scharwächter stürmten
-heran, aus dem Hoftor drangen die Knechte, auch diese
-riefen Feuer und Rache. Im Nu erhob sich wilder Tumult
-und Waffengeklirr. Gegen Immo, der mit Mühe sein Roß
-gewonnen hatte, warfen sich die Scharwächter, er wehrte
-den Führer mit dem Speer ab, und als der Mann stürzte
-und die Genossen sich um ihn sammelten, riß Brunico das
-Pferd seines Herrn am Zügel und schrie: »Fort, die Bahn
-ist offen.« Aber indem Immo sich wandte, klang in seinem
-Rücken aufs neue Geschrei und Schwertschlag, und die<span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span>
-Stimme Herimans rief flehend: »Verlaßt nicht euren
-Helfer, der für euch das Schwert hob.« Da merkte Immo,
-daß die Stunde gekommen war, in welcher eine Lehre des
-Mönches Gehorsam forderte, und daß dieser Gehorsam ihn
-von Freiheit und Glück schied. Aber seiner Ehre gedenkend,
-rief er entgegen: »Des Rosses letzter Sprung sei für dich,«
-und er warf sich zurück in den wütenden Haufen, stach und
-schlug, bis er den Heriman herausgehauen hatte und dieser
-hinter dem Roß in der Dunkelheit verschwand. Jetzt wandte
-sich Immo aufs neue zur Flucht und stob mit Brunico dem
-Tore zu. Aber die Stadt war geweckt, hinter ihnen stürmten
-mit lautem Hallo die Verfolger, aus aufgerissenen Fensterläden
-fiel hie und da ein Lichtschein auf die Flüchtigen, die
-Trinker sprangen mit gezückter Waffe aus den Schenken
-und warfen sich ihnen entgegen. Als sie das Tor vor sich
-sahen, erscholl auch von dort Alarmruf und Kampfgeschrei
-Bewaffneter, welche auf sie zurannten. Da fuhr Brunico
-in der Bedrängnis zur Seite in eine enge Gasse der gebrochenen
-Mauer zu, Immo folgte. Der größte Teil der
-Verfolger lief nach dem nächsten Tor, um die Flüchtigen
-dort abzuschneiden, die Gehetzten gelangten bis zu den
-Mauertrümmern. Dort hielt Brunico. »Voran,« befahl
-Immo. Keuchend klomm das Roß des Mannes hinab,
-dieser gelangte glücklich über den Bretterstieg, indem er
-unterwegs brummte: »Nicht umsonst habe ich dich zum
-Feierabend zurecht gelegt,« und fuhr auf der andern Seite
-in die Höhe. Ihm folgte Immo. Er sah sich auf der wüsten
-Stätte um, noch waren die Verfolger zurück, aber sein verwundetes
-Roß hinkte; als er es hinabtrieb, brach es an dem
-Trümmerhaufen, welcher aus dem Wasser ragte, zusammen,
-warf den Reiter hart gegen die Steine und glitt in das<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span>
-Wasser, in dem es angstvoll stöhnte und um sich schlug.
-Immo erhob sich betäubt vom Fall, er merkte jetzt, daß er
-selbst hart verwundet war; mühsam wankte er auf den Steg
-und wand sich an der andern Seite des Grabenrandes
-empor. Dort blieb er liegen.</p>
-
-<p>»Fünf Jahre habe ich dich gezogen,« klagte Brunico zu
-seinem Hengst, »und jetzt rinnt dir's heiß von der Hüfte und
-du ziehst auf dem Wege eine Spur gleich dem verendenden
-Wild. Einem ruhmlosen Tölpel gehörte der Speer, welcher
-auf das Roß zielte statt auf den Reiter.« Hinter sich vernahm
-er einen leisen Ruf, er sprengte zurück. Unweit des
-Grabens lag ein Mann am Boden, Brunico sprang ab. »Der
-Schildarm ist getroffen,« seufzte Immo, »und er hängt
-nach dem Sturz machtlos in der Achsel.«</p>
-
-<p>»Ein wunder Mann und ein wundes Pferd sind einander
-jämmerliche Gesellen,« rief Brunico. »Dennoch helfe ich
-dir auf mein Tier, mich birgt die Nacht und der nächste
-Graben.« Er hob den Wunden mit starker Anstrengung auf
-sein Roß, aber Immo schwankte wie betäubt. »Halt aus,
-Brauner, bis zum nächsten Wald,« ermunterte Brunico,
-»dort lade ich ihn auf meinen Rücken.« Er schwang sich hinter
-dem Verwundeten auf, die Hinterbeine des Pferdes knickten
-unter der Last, Brunico trieb es mit den Sporen dem Saum des
-Gehölzes zu, welches in der Dunkelheit schwarz vor ihnen lag.</p>
-
-<p>»Die Hunde werden im nächsten Augenblick hinter uns
-sein,« brummte der Knappe nach rückwärts spähend, »und
-unsere Kunst geht zu Ende.« Er sprang wieder ab.</p>
-
-<p>»Birg mich seitwärts vom Wege und rette dich, vielleicht
-vermagst du Hilfe zu bringen,« mahnte Immo.</p>
-
-<p>»Der Mond scheint über kahles Land, sie finden dich,
-bevor ich ein Pferd schaffe.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span></p>
-
-<p>Vor ihnen knarrte ein Karren und knallte eine Peitsche.
-»Der Wagen fährt auf unsere Dörfer zu,« rief Brunico
-erfreut, »ich meine, es ist ein Nachbar, der sich in der Stadt
-verspätet hat.« Er rief den Wagen an und führte das Pferd
-zu ihm hin. »He, Landgenoß, kennst du den Freien Balderich
-im Dorfe vor uns?«</p>
-
-<p>»Vielleicht kenne ich ihn,« versetzte der Mann, mit der
-Peitsche knallend.</p>
-
-<p>»Willst du helfen, einen Verwundeten heimlich nach
-seinem Hofe zu schaffen, so soll dir ein guter Lohn werden.«</p>
-
-<p>»Es kommt darauf an, wer der Wunde ist,« versetzte der
-Mann auf dem Karren. Als aber Brunico ihm näher kam,
-wandte er sich heftig ab. »Dies Gesicht kenne ich, ich sah dich
-unter den Disteln, verflucht sei die Hand, die sich dir zur
-Hilfe rührt.« Brunico zog sein Schwert.</p>
-
-<p>»Laß den Mann in Frieden,« befahl Immo, aber er
-selbst glitt kraftlos vom Roß in die Arme des Getreuen. Der
-Fuhrmann beugte sich über ihn. »Halt,« rief er, »auch diese
-Stimme erkenne ich. Kann euch mein Wagen helfen, Herr,
-so hebe ich euch herauf. Es sind dieselben Räder, die ihr in
-meiner Not aus dem Wasser hobt.«</p>
-
-<p>Immo nickte schwach mit dem Haupt. »Ladet mich auf.«
-Die beiden Männer hoben ihn auf den Wagen, der Fuhrmann
-Hunold breitete eine Decke und rückte die Strohbündel.
-»Euch schaffe ich in das Dorf, der andere möge sich
-fern halten von meinem Messer.«</p>
-
-<p>Immo streckte die Hand über das Wagengeflecht. »Fort
-mit dir, Gespiele.« Der Knappe warf sich mit einem Seufzer
-auf das Pferd und trabte dem Holze zu, während der Fuhrmann
-ihm zornig nachsah.</p>
-
-<p>Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag. Hunold<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span>
-sah sich um und zog die Decke über den Liegenden. Bewaffnete
-sprengten heran und frugen barsch nach Namen
-und Fahrt. Auf die Antwort des Führers, daß er ein Mann
-des großen Bischofs sei, klang die Gegenfrage, ob er Reiter
-gesehen habe.</p>
-
-<p>»Sicher sah ich sie, kaum ein Viertel Weges zurück am
-Kreuze, zwei Männer auf einem Pferde,« und er wies
-rachsüchtig dorthin, wo Brunico in der Dunkelheit verschwunden
-war. »Ihr mögt die Spur erkennen, denn sie
-liegt rot auf dem Wege.« »Sie sind es,« riefen die Reiter
-und stoben zurück bis zum Kreuzwege.</p>
-
-<p>Aber sie erreichten weder Roß noch Reiter. Denn
-Brunico war, als er sich in der Dunkelheit allein sah, vom
-Hengst gesprungen und hatte das zitternde Tier mit einem
-Schlage vorwärts getrieben. »Hilf dir allein, wenn du
-kannst, ich denke, den Weg nach deinem alten Stalle kennst
-du. Ich laufe dem Karren nach Balderichs Hof vor, damit
-der Alte und mein Mädchen über das Brautgeschenk, das
-ich ihnen sende, nicht allzusehr erschrecken.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch11">11.<br />
-Die Mutter auf der Burg.</h2>
-</div>
-
-<p>Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder
-die ganze Nacht sorgenvoll nach der Tiefe, immer wieder
-erwogen sie, ob er getötet sei, ob er in Erfurt gefangen
-liege, oder ob er sich auf einem Umweg in die Berge schlagen
-und zu ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede
-Tierstimme im Walde dünkte ihnen ein Zeichen des Nahenden.
-Als der Morgen graute, sandten sie Läufer in die
-Dörfer, welche ihnen gehörten, und forderten heimlichen
-Zuzug ihrer Dienstmannen, und zwei von ihnen warfen
-sich mit den Knechten in das Gehölz, wo ein gedeckter Anritt
-zu den Bergen möglich war. Aber friedlich lag die Landschaft,
-auch von dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten
-die Ebene nach Erfurt überschaute, vermochten sie nichts zu
-erkennen, nur einzelne Reiter sahen sie hie und da auf den
-Feldwegen, und ihre spähenden Knaben verkündeten, daß
-es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig bei den
-Bauern nach der flüchtigen Schar forschten, aber den Rand
-des Gehölzes vermieden. Als die Sonne im Mittag stand,
-rief Ortwin: »Nicht länger vermag ich die Unsicherheit zu
-ertragen, es bringt uns wenig Ehre, hinter den Mauern zu
-harren, während der Bruder in Not ist; ich sattle und reite
-nach dem Hofe der Mutter und weiter der Stadt zu, damit
-ich Bericht einhole, sei er böse oder gut.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span></p>
-
-<p>»Ich widerrate,« versetzte Odo, »daß du der Mutter unter
-die Augen trittst, denn besser ist es, daß sie völlig keinen Teil
-habe an unserm Handel und fortan ebensowenig der Jüngling
-Gottfried, so wollte es auch unser Bruder Immo. Der
-Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte Gertrud,
-welche die Mutter auf meine Bitte gestern dem Bruder gesandt
-hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht zu loben,
-leicht könnten wir noch dich verlieren; besser gefällt mir,
-daß wir den Müller Ruodhard schicken, er versteht die Leute
-auszufragen und hat überall eher Frieden, als ein anderer.«</p>
-
-<p>Der Rat gefiel den Brüdern und Ruodhard stieg eilig
-von dem Berge. Auf dem Herrenhofe fand er alles in
-Schrecken und Verwirrung, Frau Edith hielt das Tor geschlossen,
-nur über dem Grabenrand konnte er mit den
-Knechten verhandeln. Niemand dort wußte etwas von
-Immo und seinem Knappen. Dann lief er bis Erfurt. Alle
-Schenken waren gefüllt, und jedermann sprach von dem
-Raube, aber die Leute stritten, wer der Räuber sein möge,
-und von Immo vernahm er völlig nichts und er meinte, daß
-dieser schwerlich in Haft liegen könne, weil die Reisigen noch
-auf der Jagd wären.</p>
-
-<p>Da beschlossen die Brüder, still zu harren, aber sie frugen
-unsicher, wie lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn
-ein Landgeschrei erhoben würde und wenn gar die Mutter
-die Entlassung forderte.</p>
-
-<p>Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf
-dem Wartturm die Wache, da lachte Ortwin: »Den Kranich
-Ludiger hörte ich schreien, wie lief der Vogel aus unserm
-Hofe über das Land?« und als er hinabsah, erkannte er,
-daß an der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege
-etwas Fremdes lag. Er ließ das Tor aufsperren, die Brücke<span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span>
-werfen, eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in die Höhe,
-dann sprang er abwärts bis an das Gehölz, aber er vernahm
-nur noch ein Rasseln der Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite,
-und suchte vergebens den Springer zu erkennen. Er
-flog zurück, rief in den Hof: »Eine Botschaft bringe ich, was
-sie bedeute, mögt ihr selbst erkennen,« und hielt ein kleines
-dicht umwundenes Bündel in die Höhe. Das Gebinde ging
-von Hand zu Hand, und Odo sprach: »Sicherlich ist es ein
-Zeichen, ruft die alte Gertrud, denn sie versteht alles Geheime
-besser zu deuten als wir andern.« Gertrud betrachtete
-mit scharfen Augen das fremde Stück, sie setzte sich nieder,
-murmelte Unverständliches darüber, löste behutsam das
-Band und dachte nach. Endlich hob sie die Hand und rief:
-»Ich verstehe den Gruß, Günstiges kündet er dem Hause;
-denn daß der Kranich rief, meldet euch, daß die Botschaft
-von einem Sohne des Hofes kommt; blau ist das Band,
-welches das Zeichen umschließt, und mit blauer Farbe malt
-ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fünf Pfeile
-um ein Haselreis und eurer sind fünf, und das Reis in der
-Mitte meint die Jungfrau. Der dies gesandt hat, will, daß
-ihr mit euren Waffen die Jungfrau umringt wie die Pfeile
-das Reis. Das Reis ist noch ganz frisch, darum ist, der es
-sandte, nicht weit entfernt.« Da rief Odo: »Geendet ist
-der Zweifel. Er lebt und er denkt seine Beute zu bewahren,
-er soll erkennen, daß auch wir nach seinem Willen tun; wir
-halten die Jungfrau und wir halten die Burg gegen jedermann;
-denn hoch ist der Berg und fest die Mauer, und viele
-Helmkappen mögen daran zerschellen, wenn die Grafen aus
-der Ebene sich gegen uns erheben.«</p>
-
-<p>Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern
-Balderich, in dessen Hofe Immo verborgen lag. Ungeduldig<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span>
-forderte der Verwundete, daß Brunico ihn nach der Mühlburg
-schaffe; sein verrenkter Arm war ihm eingerichtet, aber
-der Schmerz und Blutverlust einer tiefen Armwunde hinderten,
-das Roß zu besteigen, und Brunico merkte, daß die
-Wege auch in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da
-dachte Immo, daß der Balsam, welchen die Mutter bewahrte,
-ihm schnelle Heilung verschaffen könnte, und er mahnte
-seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds Hilfe zu gewinnen.
-Deshalb lief der kluge Knabe von der Mühlburg
-nach dem Herrenhofe, um die Arznei, welche Brunico selbst
-nicht zu holen wagte, vertraulich zu erbitten.</p>
-
-<p>Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlüpfen und
-den Herrensohn heimlich zu grüßen. Als Gottfried in den
-Saal trat, fand er seine Mutter in Unterredung mit einem
-Mönch des heiligen Wigbert, den er nicht kannte; es war
-eine düstere, breitschulterige Gestalt, mehr einem Kriegsmann
-als einem Mönch zu vergleichen. Und er vernahm, wie die
-Mutter zu dem Fremden sprach: »Ich wußte längst, daß die
-Geweihten auch die hohe Pflicht üben, ihren Feinden zu
-vergeben und für sie zum Himmelsherrn zu bitten, aber
-daß ihr, ehrwürdiger Vater, gegen den mein armer Sohn
-am ärgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhängt
-und ihm jetzt eure Fürbitte zuteil werden laßt, das nimmt
-schwere Sorge von meinem Herzen.«</p>
-
-<p>Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr
-heimlich: »Gib mir den Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten,
-aber frage nicht, wer er ist.«</p>
-
-<p>Edith sah ihn mit großen Augen an, dann eilte sie in
-ihre Kammer, riß die Büchse aus der Truhe, trug sie in den
-Saal und hielt sie dem Mönch hin, indem sie sprach: »Segnet
-die Arznei, ehrwürdiger Vater, denn vor jedem andern<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span>
-Gebet mag das eure dem Unglücklichen frommen, der sich
-dies begehrt.«</p>
-
-<p>Der Mönch neigte sich darüber und segnete, Gottfried
-sprang hinaus und übergab dem Knaben die Büchse. Der
-Wigbertmönch aber sah mit finsterm Blick dem enteilenden
-Knaben nach.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den
-Hof: »An das Tor, ihr Genossen, Staub wirbelt auf der
-Straße, einen reisigen Zug sehe ich mit Wagen und Herdenvieh,
-und Eisen blinkt über den Rossen.« Die Brüder
-sprangen herzu, in kurzem waren die sechs Kinder Irmfrieds
-auf der Höhe des Turmes gesammelt. »Ich sehe kein
-Banner wehen,« sprach Erwin, »und sorglos ziehen sie dem
-Gehölz zu.«</p>
-
-<p>»Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse
-als Männer,« rief Adalmar, »wie Flüchtige nahen sie und
-nicht wie Feinde.« »Weiber erkenne ich im Haufen und den
-jüngsten Bruder,« lachte Arnfried.</p>
-
-<p>»Es ist die Mutter selbst,« rief Odo. Die Brüder sahen
-einander mit kummervollen Mienen an. »Sie naht mit
-ihrem Gesinde, die Bewaffneten des Gutes führt sie herbei.«</p>
-
-<p>»Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kämpfen,« murmelte
-Erwin.</p>
-
-<p>»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren,« sprach
-Ortwin, »aber wie sollen wir ihrem Willen widerstehen?«</p>
-
-<p>»Alles hat seine Zeit,« rief Odo, »wenn sie fordert,
-mögen wir weigern, jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.«</p>
-
-<p>Die Söhne eilten hinab, das Tor wurde geöffnet, auf
-der Mauer drängten sich die Mannen, und die Herren traten
-vor die Brücke, um den Zug zu empfangen. Schweigend
-nahten die Reiter, ohne Gruß und Willkommen sahen die<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span>
-alten Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten
-auch die Söhne an das Roß der Mutter, sie aus dem Sattel
-zu heben. Als Edith den Boden berührte, begann sie: »Es
-ist mir lieb, daß ihr mich empfangen habt, geleitet die Mutter
-in das Haus des Bruders. Du aber, Odo, gestatte, daß deine
-und meine Leute den Hof betreten,« und nach rückwärts gewandt
-rief sie: »Gehorchet, wenn Herr Odo euch fordert,
-denn er hat hier zu gebieten.« An der Hand des Sohnes
-schritt sie in den Hof und grüßte die Kriegsleute, welche ihr
-jetzt zuriefen und die Waffen zusammenschlugen. Unterdes
-sprachen die jüngeren Brüder mit Gottfried. »Sie hat unsern
-Hof geräumt,« erzählte dieser, »alle, die treu an ihr hängen,
-führt sie unter Waffen her. Was sie hier begehrt, hat sie
-mir nicht vertraut.«</p>
-
-<p>Edith blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern,
-Weibern und Vieh, und auf die unsichern und verlegenen
-Blicke, mit denen sie betrachtet wurde. »Harrt nur
-ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, führe mich zu dem Herde,
-an welchem mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn
-verlor.«</p>
-
-<p>Die Brüder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich
-zu dem leeren Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten
-sich im stillen Gebet, dann trat sie unter ihre Söhne.
-»Euch wundert, wie ich erkenne, die Mutter hier zu sehen,
-und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet, ich aber
-komme, bei euch zu bleiben und euer Schicksal zu teilen.
-Sorget nicht, daß ich euch den Sinn mit Klagen beschwere
-oder gar mit Vorwürfen, weil ihr gefrevelt habt gegen
-Frieden, Recht und die heilige Kirche. Andere werden euch
-darum bedrohen, ich aber will euch dienen, so weit eine
-Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, daß wir in Todesnot<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span>
-stehen. Wisset, meine Söhne, der König naht mit
-großem Heergefolge, der Erzbischof und die Grafen im Lande
-haben ihre Mannen in den Sattel gefordert, heute oder in den
-nächsten Tagen wird der Feind die Burg umschließen, und
-die Kinder des Helden Irmfried werden hinter Mauern
-ihren letzten Kampf kämpfen, wenn sie nicht demütig ihr
-Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.«</p>
-
-<p>Die Brüder standen betroffen.</p>
-
-<p>»Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen
-den König,« antwortete Odo, »obwohl wir erkennen, daß
-wir in großer Gefahr stehen. Aber Mutter, daß ich alles
-sage, mehr als den König und den Erzbischof fürchten wir
-deinen Wunsch, daß wir die Braut des Immo den Feinden
-ausliefern.«</p>
-
-<p>Da antwortete Edith: »Stets habe ich gehofft, daß mir
-die Heiligen gewähren würden, ohne große Missetat mein
-Leben zu beschließen; aber anders hat der üble Teufel es
-gefügt. Will ich meinem Geschlecht die Treue beweisen, so
-muß ich die Mitschuld auf mich nehmen zu meinem Schaden
-hier und dort. Eure Mutter bin ich, ihr Knaben, ich habe
-euch gezogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten
-Tage eurer Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit
-dir tragen, du einsames, verfeindetes Geschlecht. Und die
-Engel mögen es wissen und die Heiligen mögen mir verzeihen.
-Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht von
-eurem Los, wie es auch falle.« Da riefen ihr die Söhne
-Heil und hingen sich ihr um Hals und Hände. Edith aber
-fuhr fort:</p>
-
-<p>»Laßt uns an die nächste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen
-sollen wissen, daß die Herren einig sind. Alle, die ich
-dir herführe, sollen dem Herrn Immo in deine Hand sich<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span>
-zuschwören. Ich bringe auch, was zumeist die Sorge der
-Frauen ist, Vorrat von den Gütern für Küche und Keller,
-vertraue mir die Aufsicht darüber an, damit ich mit meinen
-Mägden dir nütze, und ich rate, laß abladen und einräumen,
-solange nicht größere Sorge bedrängt.«</p>
-
-<p>»Gestatte, Mutter, daß ich dir die Jungfrau zuführe,«
-bat Odo. Das Antlitz der Edith erblich, ihre Hand zog sich
-zusammen und sie rang nach Fassung, aber im nächsten
-Augenblick sprach sie lächelnd: »Erst machen wir das Haus
-fest, damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben werden.
-Denn der Zweifel lähmt auch den Mutigen, aber wer seine
-Pflicht kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg und Hof
-versorgt, dann denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt
-ist.«</p>
-
-<p>Als Odo die Tür des Gemaches öffnete, in welchem
-Hildegard geborgen war, saß die Jungfrau gebeugt auf dem
-Lager, die Hände im Schoß gefaltet. Sie fuhr auf und sah
-erschrocken auf eine hohe Frauengestalt und den strengen
-Ausdruck eines edlen Antlitzes. »Es ist unsere Mutter,«
-sagte Odo, »welche zu dir kommt.« Da sank Hildegard vor
-Frau Edith auf den Boden und Odo verließ leise das
-Zimmer.</p>
-
-<p>»Steh auf, Jungfrau,« begann Edith, »ich bin nicht der
-Herr, welchen du dir gewählt hast.«</p>
-
-<p>Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. »Im Traume sah
-ich dein Angesicht, es gleicht dem seinen, aber feindlich
-blicken die Augen. O sei barmherzig, Herrin,« rief sie in
-ausbrechendem Schmerze, »der Sturmwind riß ein Blatt
-vom Baume und es flatterte bis vor deine Füße. Zertritt
-nicht die Bebende.«</p>
-
-<p>Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span>
-tränenfeuchten Augen. »Das sind die Züge, welche meinem
-Sohn lieber wurden als der Wille der Eltern und das eigene
-Heil. Waren es deine Tränen oder war es dein Lachen,
-womit du sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit
-Lächeln begann's und die Tränen folgten, das ist das Schicksal
-aller, welche einander lieb haben auf dieser Erde. Leid
-brachtest du uns und Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau,«
-fuhr sie milder fort, »ich komme nicht, dich zu schelten
-und zu richten, sondern damit ich dir Frauenrat gebe, so
-oft du ihn begehrst. Setze dich zu mir und wenn du mir gefallen
-willst, so sprich mir von ihm.« Sie führte Hildegard
-zu dem Lager, aber die Jungfrau glitt wieder an ihren
-Knien herab und klagte: »Laß mich liegen, Herrin, und zu
-dir aufsehen wie zu einer Fürbitterin, denn mir ist, als hätte
-ich dir Großes abzubitten, daß ich hier bin und daß ich ihn
-liebe.«</p>
-
-<p>Edith neigte sich zu ihr herab: »Rede nicht weiter, bevor
-du mir eins gesagt hast. Als meine wilden Knaben dich
-hertrugen, folgtest du mit gutem Willen oder haben sie eine
-Widerwillige auf das Roß gehoben? Bist du als Braut
-meines Sohnes hier oder als Gefangene?«</p>
-
-<p>Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde
-Röte und sie neigte das Haupt in den Schoß der Mutter.
-»Als er eintrat,« murmelte sie, »erschien er mir wie damals,
-wo er mich am Kreuz mit seinem Schilde deckte. Gleich dem
-hohen Engel Michael stand er bei mir im Kriegskleide und
-mir schwand die quälende Angst vor dem Kloster.«</p>
-
-<p>Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die
-feuchte Stirn der Jungfrau.</p>
-
-<p>Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib
-der Herrin und klagte: »Meine Mutter ist tot, und freudenlos<span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span>
-lebte ich. Da trat er in unsere Halle. Holdselig waren
-seine Worte, fröhlich seine Art, und unter den Männern
-wußte er sich zu behaupten, daß ihm keiner zu widersprechen
-wagte. Er wurde mir schnell so vertraulich, als hätten wir
-lange beieinander in der Schule gesessen. Und er lachte
-mich an und faßte meine Hand. Sein Lachen ist lieblich,
-Herrin. Er trank aus dem Becher, den ich ihm bot, und aß
-von meinem Teller.«</p>
-
-<p>»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens
-gestellt,« murmelte Edith.</p>
-
-<p>»Sie preisen ihn auch als einen Helden, Herrin, denn
-keiner kommt im Kampfe gegen ihn auf, und die kleinen
-Spielleute erzählen, daß er mit dem Speer sicherer als ein
-anderer auf die Stelle trifft, nach der er wirft. Jedermann
-wundert sich, wo er im Kloster so Schweres gelernt hat.«</p>
-
-<p>»Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst,«
-versetzte Edith, »und sein Vater staunte selbst darüber. Ich
-sorge, auch im Kloster hat er mehr an Holz und Eisen gedacht,
-als an die Bücher.«</p>
-
-<p>»Dennoch, Herrin, versteht er ganz gut das Lateinische,
-obgleich er selbst sein Wissen nicht rühmt; und er weiß so
-geschickt mit Sprüchen und Versen zu antworten, daß es
-eine Wonne ist, ihn anzuhören.«</p>
-
-<p>»Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein?«
-frug Edith. »Das war es, was ihm gefiel, ich dachte sonst,
-die heilige Sprache hilft nur dazu, den Glauben vertraulich
-zu machen, ich merke aber, sie verlockt auch Männer und
-Frauen zueinander.«</p>
-
-<p>»Du sagst die Wahrheit, Herrin. Denn die in der Schule
-waren, verstehen einander leicht unter fremden Leuten.
-Damals, als ich ihn zuerst sah, wurde mir weh ums Herz,<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span>
-weil er mir gestand, daß er ungern im Kloster weilte. Aber
-später kam mir ganz andere Sorge.« Sie hielt an und sah
-vor sich nieder. »Denn als ich ihn im Kriegskleide wiedersah
-und erkannte, daß er dereinst mein Herr werden sollte, da
-erschrak ich über den schweren Gedanken. Und ich saß im
-Sonnenuntergang auf dem Idisberge, bis die Nacht heraufstieg;
-und als der Nachtwind in den Zweigen rauschte, hörte
-ich immerdar seine Stimme und daneben eine andere, als
-wenn ich selbst mit ihm redete, aber fern und leise wie oben
-aus dem Wipfel des Baumes, und die eine Stimme sprach:
-Selig war ich, Held, denn ich habe deine Liebe gefunden,
-und jetzt zittre ich, dich zu verlieren. Und die andere Stimme
-antwortete: Ruhm ersehne ich, und schrecklich will ich meinen
-Feinden werden, gedenkst du das Weib eines Helden zu sein,
-so darfst du nicht vor dem Tode beben. Wenn zwei einander
-lieb haben, sollen sie auch beten, daß sie miteinander sterben.
-Da merkte ich, Herrin, was es bedeutet, einen Mann im
-Herzen zu tragen. Mein Geschlecht habe ich verlassen um
-seinetwillen,« unterbrach sie sich selbst, »und jetzt ist er nicht
-hier, ich aber gehöre zu ihm, wo er auch weilen mag.«</p>
-
-<p>»Allzu ungeduldig bist du, an seinem Hals zu hangen,«
-versetzte Edith finster. »Verwundet ward er in jener Nacht.«</p>
-
-<p>»Die Brüder sagten mir's,« antwortete Hildegard leise,
-»an sein Lager will ich, und fühlst du Erbarmen mit meiner
-Not, so sage mir, wo ich ihn finde.«</p>
-
-<p>»Auch der Mutter bergen sie die Stätte,« rief Edith.
-»Meinst du, mich quält es weniger als dich, daß er unter
-Fremden liegt in traurigem Versteck?«</p>
-
-<p>Hildegard sprang auf. »Wenn du ihn liebst, so komm
-mit mir aus diesen Mauern; wir hüllen uns in niederes
-Gewand und suchen ihn, bis wir ihn finden. Denn der<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span>
-treue Mann, der ihn im Heereszug begleitete, weiß es, wo
-er weilt.«</p>
-
-<p>»Eitel ist dein Wunsch,« antwortete Edith, »wenn wir diese
-Burg verlassen, so würden wir ihn eher verraten als retten.
-Denn wisse, Jungfrau, der König naht mit seinem Heergefolge
-in feindlichem Willen, um den Raub zu rächen.
-Meinen Sohn, seine Brüder und uns alle auf dieser Burg
-bedroht des Königs Zorn.«</p>
-
-<p>Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank abgewandt
-von der Mutter auf die Knie. Edith saß lange Zeit
-schweigend, endlich begann sie forschend: »Klagst du, daß
-er und sein Geschlecht um deinetwillen an Leben und Ehre
-bedroht sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe, auch
-der Himmelsherr erhört nur die Bitten derer, welche in
-Demut und Reue zu ihm flehen. Reut dich das Unheil, das
-allen droht, so denke auch auf die Rettung. Um dich allein
-geht der Kampf. Du vermagst ihm Leben und Freiheit
-zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des Richters
-sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.«</p>
-
-<p>Hildegard lag unbeweglich, Edith trat näher und sprach
-über ihrem Haupt: »Liebst du ihn über alles, wie du sagst,
-so kannst du das jetzt erweisen: kehre zurück zu deinem Geschlecht,
-wende deine Schritte dem Kloster zu und entsage
-ihm, damit du ihn rettest.«</p>
-
-<p>Ein Schauer flog über Hildegards Leib, sie richtete sich
-auf, und ihre großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter.
-»Ist deines Herzens Meinung, Herrin, daß ich tue, wie du
-sagst?«</p>
-
-<p>»Ich sagte dir's, du aber antworte.«</p>
-
-<p>Hildegard fuhr in die Höhe. »Eine Feindin hörte ich des
-geliebten Mannes und eine Feindin meiner Liebe. In den<span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span>
-Abgrund will ich tauchen, in die Flammen will ich springen,
-um sein Leben zu retten, bezeugt ihr guten Engel, die ihr
-meine Gedanken bewacht, daß ich die Wahrheit rede. Mein
-Leben nehmt für ihn, aber meine Liebe verrate ich nicht.
-Hat er alles für mich hingegeben, ich habe dasselbe getan.
-Gebunden bin ich an ihn und solange ich atme, gehöre ich
-ihm zu. Jetzt ist meine Treue der Stab, an den er sich hält
-auf seinem Lager, in seiner Angst. Du aber willst mich zerbrechen
-und hinwerfen, damit er erkenne, daß seine Liebe
-nichtig war und die Jungfrau, der er alles geopfert hat,
-feige und schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen
-auf uns blicken wie auf zwei wilde Tiere, welche von
-den Jägern umstellt sind, wisse auch, unter den friedlosen
-Tieren ist der Brauch, wenn der Bär verwundet ist und von
-den Hunden umstellt, so läuft die Bärin nicht abwärts, um
-ihn zu retten, sondern sie wirft sich der Meute entgegen. Die
-Kraft der Glieder ist mir versagt, aber mein Wille ist fest
-wie der seine. Sage mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten,
-aber mahne mich nicht, daß ich lebend ihm entsage.«</p>
-
-<p>Da rief Edith: »Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer
-Taube siehst du ähnlich, aber wer dir die Kappe von dem
-Haupte löst, der erkennt die edle Art eines Falken. Zürne
-nicht, daß ich dich versucht habe. Denn ganz fremd warst
-du mir. Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht, und
-sie frägt zuerst, ob das Weib, das der geliebte Sohn sich erkor,
-würdig ist, seine Vertraute zu werden anstatt der Mutter.
-Gesegnet seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir
-als Braut des Sohnes und als Genossin im Hause. Deine
-Mutter bin ich von heute und du mein Kind, und verteidigen
-will ich dich gegen den König und alle Welt. Komm zu mir,
-Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span>
-daß er mir das Glück gewähre, deine Hand in die meines
-Sohnes zu legen.«</p>
-
-<p>Hildegard warf sich an die Brust der Mutter.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Frau Edith hatte recht verkündet. Als der König durch
-reitende Boten des Erzbischofs die Kunde von dem Raube
-der Jungfrau erhielt, da hemmte er, wie sehr auch sein Herz
-sich nach dem Süden sehnte, sogleich die Fahrt und kam mit
-den Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt
-waren, über die Werra zurück. Der Erzbischof ritt ihm entgegen.
-Er fand den König hocherzürnt und wortkarg, und
-als er ihm von dem Raube berichtete, unterbrach ihn der
-König heftig: »Wer ist Kläger?« Und da der Erzbischof erwiderte:
-»Ich selbst durch meinen Vogt, und der Vater der
-Jungfrau,« hob der König drohend die Hand und rief:
-»Sagt dem Grafen, er soll seine Pflicht nicht säumig tun,
-denn des Königs Auge ist noch über ihm.« Zuletzt sprach der
-Erzbischof: »Ist auch die Stunde ungünstig, um die Verzeihung
-des Königs zu erbitten für einen andern, der in
-Ungnade lebt, so darf ich doch dem Flehenden mich nicht
-versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mönch Tutilo begehrt,
-sich vor dem König zu demütigen; unstet treibt er
-umher im Zwist mit seinem Abte, er kam von Ordorf zu mir
-und stöhnte, daß ich ihm die Huld des Königs wieder erwerbe.«</p>
-
-<p>»Er hat also Lust, die Rute zu küssen, wie die andern
-Empörer seines Geschlechtes getan haben,« spottete der
-König. »Manchen bessern Anblick weiß ich, als einen hochfahrenden
-Mann, der widerwillig die Knie beugt und seine
-Miene zur Demut zwingt. Doch da dem Könige nicht ziemt,
-gegen einen Mönch zu hadern, so laßt ihn herein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span></p>
-
-<p>Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag
-Tutilo vor dem Könige auf dem Fußboden. Als der Mönch
-nach kurzer Unterredung mit gesenktem Haupt, einem
-reuigen Manne ähnlich, entwich, trat Heinrich in den Saal,
-in welchem sein Gefolge harrte, und rief: »Ihr sagtet mir,
-ehrwürdiger Vater, daß der Räuber Immo spurlos verschwunden
-sei, wenn er nicht etwa bei seinen Genossen auf
-der Mühlburg hause, ihr waret im Irrtum.« Und er rief Gundomar
-und gab ihm einen leisen Befehl.</p>
-
-<p>An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem
-Dorfe zu, in welchem der Hof des Bauern Balderich lag.
-Die Reiter umstellten das Dorf und drangen unter harten
-Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem Königsvogt
-von Erfurt in die Kammer, in welcher Immo saß.
-Dieser wandte sich finster ab, als er seinen Oheim erblickte,
-aber dem Vogt reichte er die Hand. »Mir tut's von Herzen
-leid, Held Immo,« sprach dieser traurig, »daß ich dich zur
-Stelle dem König überliefern muß.«</p>
-
-<p>»Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst,« antwortete
-Immo ruhig, »nur eine Bitte erfülle mir, verhindere
-deine Reisigen, daß sie den Leuten hier einen Schaden
-an Leib und Gut zufügen, denn aus Mitleid haben diese mich
-aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag.« Das
-versprach der Vogt.</p>
-
-<p>Am andern Morgen sahen die von der Burg in der Morgensonne
-blinkende Speere und wehende Banner; der König
-hielt mit seinem Heerhaufen bei dem nahen Dorfe, in welchem
-die Sachsenkönige seit alter Zeit einen Hof hatten, das
-Königsbanner ließ er auf einem Hügel errichten, der zu dem
-Erbe Irmfrieds gehörte, und rings herum die Wagenburg
-schlagen. Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg<span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span>
-langsam ein friedlicher Zug, an dessen Spitze der Erzbischof
-Willigis ritt und neben ihm der Mönch Reinhard. Edith selbst
-mit ihren sechs Söhnen empfing die frommen Väter am
-Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre
-Söhne weisend: »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung
-vor dem Altar kniete, erbatet ihr, hochwürdiger
-Vater, den Segen der Himmlischen für mein Leben; hier
-seht ihr, was ich von meinem Glück zu bewahren vermochte.
-Daß ihr jetzt in unserer Not zu uns kommt, dafür danke ich
-dem Ewigen, denn als eine gute Vorbedeutung sehe ich euer
-geweihtes Haupt in diesen Mauern.«</p>
-
-<p>»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes,«
-versetzte Willigis, »sondern als Diener eines strengen Richters.
-Eile hinauf, gebot er mir, zerwirf das Nest unholder Vögel
-und bringe mir die Brut herab unter meine Hand. Darum
-übergebt euch der Gnade des Königs ohne Widerstand,
-denn scharf ist sein Zorn und schnell folgt seinem Willen die
-Tat.«</p>
-
-<p>Odo versetzte ehrerbietig: »Wir stehen hier in festen
-Mauern unter treuen Schwurgenossen, wir haben nicht die
-Wahl, ob wir die Feste und die Jungfrau dem König ausliefern
-wollen oder nicht, denn unser Bruder Immo, der
-hier gebietet und heute fern ist, befahl uns, beide zu halten
-gegen jedermann.«</p>
-
-<p>Da entgegnete der Erzbischof: »Es ist eures Bruders
-Hals, um den ich sorge, wenn ich von euch die Ergebung
-fordere. Denn wisse, Geschlecht Irmfrieds, Held Immo liegt
-gefangen in des Königs Gewalt.«</p>
-
-<p>Edith rang die Hände gegen den Himmel und die Brüder
-traten bestürzt zusammen.</p>
-
-<p>»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten<span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span>
-in das Lager, sein Versteck wurde dem König
-durch einen Feind verraten.«</p>
-
-<p>»Tutilo,« schrie die Mutter entsetzt.</p>
-
-<p>»Seitdem hält der König fest, was euch zwingt. Liefere
-mir die Nestlinge des toten Irmfrieds, befahl der König,
-bevor die Sonne zur Mittagshöhe gestiegen ist; wenn sie
-länger zaudern, so lasse ich den Gefangenen an den Fuß der
-Mühlburg führen, wo man von der Höhe sein Haupt sehen
-kann, und ich werfe sein Haupt auf den Grund. Austilgen
-will ich den frechen Trotz, der Landrecht und Königsmacht
-mißachtet, und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen
-die Räuber mir widerstehen. Darum wollt ihr, junge
-Helden, den Bruder vor jähem Tode bewahren, so folgt
-mir aus der Burg zum Könige. Wenn er eure Ergebenheit
-sieht, wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem
-Rat solcher, welche euch Gutes wünschen.«</p>
-
-<p>Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern: »Unsere
-Lose warfen wir am Herdfeuer, als wir uns dem Bruder
-gelobten. Wenn wir willig waren, in den Gassen der Stadt
-unser Leben für das seine zu wagen, so müssen wir dasselbe
-vor dem Schwert des Königs tun. Ich bin bereit, den
-Priestern zu folgen. Vier von euch lade ich, daß sie zu mir
-treten.«</p>
-
-<p>Da traten alle Fünf auf seine Seite, Odo aber wies seinen
-Bruder Gottfried zu der Mutter: »Nach dem Willen des
-Gefangenen gehörst du zu ihr, und dir ziemt auch jetzt diesen
-Willen zu ehren. Hochwürdiger Herr, wir sind gerüstet, euch
-zu folgen. Wir allein, denn nur wir fünf waren Genossen
-des Bruders bei der Tat. Die Burg unseres Geschlechts
-aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders vermögen
-wir euch nicht zu übergeben; darüber zu entscheiden,<span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span>
-steht bei unserm Bruder Immo, wenn er auch gefangen ist;
-und solange wir nicht deutlich erkennen, daß er die Übergabe
-fordert, dürfen wir Brüder sie nicht vollbringen. Darum
-lege ich die Gewalt über die Burg und über alles, was
-sie umschließt, in die Hand unserer Mutter. Sorge du,
-Mutter, für Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns
-aber segne, da wir uns von dir scheiden.«</p>
-
-<p>Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die
-Knie und küßten ihr Hände und Gewand. Sie riß bleich und
-tränenlos einen der Liegenden nach dem andern an ihr Herz,
-ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man vernahm
-keine Worte. Und als die Fünf der Tür zuschritten, stürzte
-sie ihnen nach und umfaßte ihnen noch einmal Hals und
-Haupt, bis sich die Weinenden von ihr lösten.</p>
-
-<p>Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend
-zugesehen, obgleich sie gewöhnt waren, alle irdische Liebe
-als nichtig zu betrachten. Jetzt begann der Erzbischof: »Den
-redlichen Entschluß eurer Söhne, edle Edith, will ich gern
-dem König rühmen; die Helden haben wohlgetan, dem
-Urteil der Mutter zu vertrauen, denn als fromm und weise
-wird sie im ganzen Lande geehrt.«</p>
-
-<p>»Sechs junge Leben, die mir gehören, hat König Heinrich
-für sich genommen, was will er von der verwaisten Mutter
-noch mehr?«</p>
-
-<p>»Die Burg und die geraubte Jungfrau, die eure Söhne
-darin bewahren, begehrt er von euch.«</p>
-
-<p>»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das
-Frauengemach, in welchem die Mutter gebietet, und nicht
-in das Heerlager des Königs. An die Burg aber hat der
-König völlig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der
-Lebenden und Toten willen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span></p>
-
-<p>»Denkt in eurem Schmerz auch daran, edle Frau, daß
-eure Söhne durch ihre Missetat dem Spruch des Königs
-verfallen sind.«</p>
-
-<p>»Sind meine Söhne schuldig zu büßen für eine schwere
-Tat, so bin ich, ihre Mutter, in derselben Schuld. Denn
-Blut sind sie von meinem Blut, und wenn sie jetzt auch auf
-ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin sie ihr Mut
-treibt, meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und
-bei Nacht. Dies Geheimnis einer Mutter vermag kein
-Priester zu begreifen. Haben sie Missetat geübt, so bin ich
-dem Richter verfeindet, wie sie; und gleich ihnen will ich
-das Erbe des Geschlechts bewahren gegen jedermann,
-auch gegen den König selbst.«</p>
-
-<p>»Hütet euch, Frau,« mahnte der Erzbischof, »freiwillig
-eure schuldlose Seele mit derselben Schuld zu beladen,
-welche auf jenen liegt. Denn nicht nur den irdischen Richter
-haben sie erbittert, auch dem Himmelsherrn haben sie geraubt,
-was ihm zukam, als sie eine Jungfrau entführten,
-die geweiht werden sollte. Darum sorgt für das Heil ihrer
-Seelen, indem ihr die Jungfrau zurückgebt, sonst möchte
-der große Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen
-als König Heinrich, und eure Söhne für ihre Tat hinabstoßen
-in das Reich des üblen Drachens.«</p>
-
-<p>Da rief Edith mit flammenden Augen: »Und wenn wahr
-wäre, was ihr sagt, und wenn der große Himmelsgott ihnen
-die Wolkenhalle verschließt um so kleine Schuld, weil sie
-den Besitz eines geliebten Weibes begehrten und weil sie
-alle treu waren in der Not; meint ihr, ehrwürdige Väter,
-daß die Mutter allein im Himmelssaal kauern wird, getrennt
-von ihren Kindern? Werden diese verworfen, so will auch
-ich verworfen sein, lieber will ich meinen sieben Knaben ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span>
-Becher und Schüßlein in der finstern Hölle zureichen, als
-fern von meinen Kindern euch, ihr Heiligen, in der strahlenden
-Burg des Himmels.«</p>
-
-<p>Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie und Willigis
-schlug schnell das Kreuz. Er war ein alter und gestrenger
-Herr, der eifrig für die Kirche sorgte. Aber als Frau Edith
-so empört vor ihm stand, höher als sonst und einem Weibe
-aus der Urzeit ähnlich, da dachte er daran, daß sie von den
-wilden Sachsen herstammte, wie er selbst auch; und obschon
-ihm graute, so kam ihm doch vor, als ob er wohl auch so
-reden könnte. Aber seiner Würde gedenkend, zog er sein
-Gewand zusammen und wandte sich zum Abgang. »Wer
-die Strafen der Menschen nicht scheut und die Strafen der
-Ewigkeit nicht über alles fürchtet, mit dem hat ein Priester
-nichts mehr zu reden.«</p>
-
-<p>Edith jedoch faßte ihm das Handgelenk mit eisernem
-Griff. »Haltet an, ehrwürdiger Vater, ihr selbst und wohl
-auch andere haben mich in meinem Glücke über Gebühr gerühmt
-als ein gottseliges Weib, das den Heiligen treu diene.
-Weshalb meint ihr wohl, bin ich verwandelt? Den ältesten
-Sohn habe ich verloren, weil ich nach eurem Rat forderte,
-daß er gegen seinen Wunsch der Kirche diene und diese Burg
-den Heiligen übergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm
-gezürnt und mein Auge hat ihn seitdem nicht wieder gesehen.
-Finstern Gedanken habe ich seine junge Seele preisgegeben,
-gerade als er den Rat und die Liebe der Mutter am <span id="corr310">meisten</span>
-bedurft hätte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den
-Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich fürchte, in dieser
-Welt für mich verloren, und diese Burg, die der König ein
-Nest unholden Geflügels nennt, soll zerworfen werden durch
-Eisen und Feuer. Versucht das rühmliche Werk, laßt eure<span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span>
-Knechte kommen mit der Haue und dem Brande, stürmet
-die Mauern, erschlagt meine Getreuen und führt hinaus an
-Strick und Kette, was ihr hier an lebenden Häuptern findet.
-Einen Leib werdet ihr dennoch zurücklassen. Folgt mir, ihr
-Geweihten, zu der Stelle, die auch ihr ehren solltet, wenn
-ihr eures Amtes denkt.« Sie zog den Erzbischof aus der
-Halle über den Hof und öffnete die Tür der kleinen Kapelle.
-Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz darüber.
-»An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen
-Stein der Heiden geworfen und sein Genosse Wigbert hat
-darüber den Altar geweiht. Euch, Erzbischof, und dem
-frommen Könige sollte dieser Ort ehrwürdig sein, und ich
-meine, ihr solltet für Frevel halten, dies Mauernest zu zerreißen
-und den Flug der Vögel, welchen hier die Heiligen
-ihren Sitz geweiht haben. Was ihr tun wollt, steht bei euch,
-was ich tun will, berge ich euch nicht. Brecht ihr das Haus,
-dann wird dies die Stätte, wo ich ausharre unter berstenden
-Mauern und brennenden Balken. Sagt dem König, daß
-hier das Grab der Edith ist, und daß die Mutter der sieben
-Knaben keine andere Antwort für ihn hat.« Sie warf sich am
-Altar nieder, die Sendboten verließen schweigend den Raum.</p>
-
-<p>»Wilde Worte hörten wir,« begann der Erzbischof zu
-Reinhard, als sie herabritten. »Doch auch der schüchterne
-Vogel wandelt seine Art, wenn ein Feind die Krallen nach
-seiner Brut ausstreckt.«</p>
-
-<p>Reinhard antwortete seufzend: »In meinem Herzen
-fühle ich den Jammer über das Schicksal, welches diesem
-Geschlecht bereitet wird. Hochwürdiger Vater,« bat er, die
-Hände faltend, »wenn jemand den Helden Immo vom Tode
-zu retten vermag, so ist eurer Weisheit diese gute Tat vorbehalten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span></p>
-
-<p>Der Erzbischof schüttelte das Haupt. »Du kennst noch zu
-wenig den Sinn dieses Königs. Meinst du, daß Heinrich
-seine Reise unterbrochen und uns alle als Zeugen seines
-Tuns mitgeführt hätte, wenn er nicht seine eigene Macht
-erhöhen wollte, indem er die Häupter eines edlen Geschlechts
-auf den Rasen wirft. Selbst wenn er dem Schuldigen nicht
-feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in seinem Herzen
-entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt
-als strenger Richter zu erweisen. Denn die Trauer
-über des Richters Spruch fühlen nur wenige, die Kunde
-aber, daß er wieder einen Räuber aus der Zahl der edlen
-Schildträger getroffen hat, fliegt durch das ganze Land, sie
-schreckt die Argen und gewinnt dem König die Herzen der
-Friedlichen. Auch hat der König hier wenig um die Rache
-mächtiger Herren zu sorgen, denn einsam und ohne
-großen Anhang von Lehnsleuten haust das Geschlecht am
-Walde.«</p>
-
-<p>»Dennoch vernahm ich, daß der König einst den Helden
-Immo wert hielt,« warf Reinhard bittend ein.</p>
-
-<p>»Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhärtet,« versetzte
-der Erzbischof, »vielleicht weil Held Gundomar dem
-Jüngling feind ist, vielleicht wegen anderem. Nicht umsonst
-wurde König Heinrich in Klosterzucht gezogen, er hat gelernt,
-was dem Manne am schwersten ist, seine Gedanken zu verbergen.
-Dreien Königen habe ich in die Tiefe ihrer Seelen
-gespäht, jetzt handle ich mit dem vierten, und eifriger als
-die früheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und
-reiche Spenden. Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem
-Lammfell die Tatze eines Raubtiers, und ich merke, wenn
-er sich vor den Heiligen am tiefsten demütigt, denkt er am
-meisten an den eigenen Vorteil. Mich aber freut die kluge<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span>
-Art, denn auch wir sind nicht einfältig, und beide verstehen
-wir, wo unser Vorteil gemeinsam ist.«</p>
-
-<p>Am Fuß des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge
-ein Zeichen, die Reisigen rückten im Kreis um das Geschlecht
-Irmfrieds, und Willigis begann zu Odo: »Steigt von den
-Rossen, ihr jungen Helden, und gebt eure Waffen meinem
-Hauptmann, daß er sie euch bewahre.« Die Brüder saßen
-unbeweglich, sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre
-Schilde am Arm herauf. »Demut rate ich euch, wenn ihr
-dem Leben des Bruders nützen wollt; du selbst weißt, edler
-Odo, daß du nicht hoch zu Roß dem Könige vor die Augen
-reiten darfst. Denn er fordert, daß ihr euch ihm ergebt, und
-barhaupt, mit den Füßen im Staube müßt ihr ihm nahen.«
-Die Brüder sahen einander grimmig an und Erwin gebot
-leise: »Schließt euch zusammen, damit wir wenden und
-rückwärts durchbrechen.« Aber Ortwin mahnte: »Dann
-stolpern die Rosse über das Haupt unseres Bruders,« und
-Odo sprach: »Der Pfeil flog vom Bogen, wir ändern nicht
-mehr seinen Lauf, taucht zur Erde und fügt euch.« Da
-sprangen sie von den Rossen, hingen die Schwerter ab,
-lösten die Helme und schritten zu Fuß unter den Bewaffneten
-dem Lager zu mit gerötetem Antlitz und Tränen der
-Scham in den Augen. Vor dem Lager ritt Willigis noch
-einmal zu ihnen und riet in guter Meinung: »Leichter biegt
-sich im Sturm der junge Stamm als der alte, und er schnellt
-auch wieder in die Höhe und breitet seine Wipfel lustig in
-der Sonne. Denket daran, daß der König vor allem Demut
-fordert; vermögt ihr sie nicht in eurer Rede zu erweisen,
-so werdet ihr euer Heil am besten bedenken, wenn ihr
-schweigend kniet.«</p>
-
-<p>Der König hielt auf seinem Roß mit großem Gefolge,<span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span>
-er sah finster über die Söhne Ediths, welche schwerfällig die
-Knie beugten. »Trotzig finde ich die Waldleute noch in ihrer
-Haft. Wo habt ihr die Jungfrau? Auch erkenne ich nicht
-des Königs Banner auf der Burg.«</p>
-
-<p>Willigis antwortete: »In der Burg gebietet die edle
-Edith und sie weigerte mir die Jungfrau, welche, wie sie
-sagte, in Frauenzucht gehöre und nicht in ein Heerlager, da
-sie die Braut ihres Sohnes sei. Und weil Frau Edith aus
-edlem Sachsengeschlecht stammt, welches in alter Zeit mit
-dem Hause des Königs befreundet war, so hielt ich für Recht,
-daß der König selbst gebiete und der Sachsenfrau seinen
-Willen verkünden lasse. Denn schwere Worte sprach die
-Mutter in ihrem Schmerz, und ich fürchte, sie begehrt sich
-den Tod im brennenden Hause.«</p>
-
-<p>Der König zog den Mund zu einem herben Lächeln.
-»Ich sah Frau Edith einst, als ich ein Knabe war. Meint sie
-mit dem König zu streiten, weil er sie damals im Kinderspiel
-auf die Hände schlug. Ist sie so bereit, die Pfänder zu verlieren,
-welche ich von ihr in der Hand habe? Ein Ende will
-ich machen mit dieser Widersetzlichkeit. Führt die Räuber
-ab, doch so, daß sie sich nicht ihrem Bruder gesellen. Euch,
-hochwürdiger Vater, bitte ich, zur Stelle mit den Fürsten
-und Edlen, welche mir folgen, im Rat niederzusitzen über
-den Raub der Jungfrau, damit ihr mir eure Meinung erklärt,
-die ich gern beachte, soweit ich vermag. Denn ich
-selbst will richten.« Und sein Pferd wendend, rief er Gundomar
-zu sich. »Dies geht dich an,« sprach er gütiger, »denn
-ist dir das Haus des toten Irmfried auch verfeindet, so wirst
-du doch um deiner eigenen Ehre willen dafür sorgen, daß die
-Frauen nicht in ihrer Torheit das Schicksal der Männer<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span>
-teilen. Reite hinauf und sage ihnen mein Gebot, daß sie
-vor mir erscheinen.«</p>
-
-<p>Gundomar vernahm die Botschaft mit umwölkter Miene.
-»Hartes gebietet der König,« murmelte er, »mein Fuß
-betrat die Mauer nicht seit den Jahren meiner Jugend.«</p>
-
-<p>Aber mit blitzenden Augen rief der König: »Willst auch
-du mir widerstehen? In guter Meinung sprach ich zu dir.
-Wahrlich, es ist Zeit, eine Warnung zu geben, denn unbändig
-und eigenwillig gebärdet sich jeder in dieser Waldecke.«</p>
-
-<p>Da warf Gundomar sein Roß herum, winkte mit der
-Hand, daß seine Ritter ihm folgten, und sprengte dem Berge
-zu. Weit vor den anderen fuhr er dahin, und die Hofleute
-sahen freudig auf den streitbaren Helden. Doch hätten sie
-sein Antlitz geschaut, die Angst darin hätte sie gewundert.
-Als er den steilen Bergweg hinaufritt, sank ihm das Haupt
-auf die Brust und er seufzte schwer. Vor dem Wallgraben
-hielt er still wie einer, der nicht ganz bei sich ist, er vergaß
-sein Begehr, zum Turme hinaufzurufen und vernahm auch
-nicht, daß der Vogt ihn anschrie. Erst als der drohende Ruf
-zum zweiten Male erklang, hob er das Haupt und starrte
-wie ein Träumender um sich. Da rief der alte Berthold:
-»Ein Antlitz sehe ich, das ich vorzeiten fröhlicher schaute.
-Bringst du Frieden, Herr, so harre, daß ich dich unserer
-Herrin verkünde.« Er eilte von der Mauer, nicht lange und
-das Tor wurde geöffnet, Gundomar winkte seinem Gefolge
-zurückzubleiben und ritt allein in den Hof. Auch dort zögerte
-er abzusteigen und zuckte am Zügel, als ob er wieder hinauswenden
-wollte. Aber neben ihm erhob sich die alte Gertrud
-vom Boden: »Graues Silber glänzt in deinem Haar, aber
-deine ersten Locken wuchsen, als ich dich auf dem Arme
-trug. Kannst du dem Weibe deine Hand reichen, das<span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span>
-allen Söhnen Irmfrieds als Wärterin diente, so sei gesegnet.«</p>
-
-<p>Gundomar schüttelte das Haupt und Gertrud rief zornig:
-»Sieh dorthin, du Held, der Schlehenstrauch steht noch an
-der Mauer. Weiß ist die Blüte, aber schwarz die Frucht;
-dort trank der Boden das Blut zweier Brüder, die im Todeshaß
-gegeneinander schlugen. Dort binde dein Pferd an,
-du Feind des Geschlechts. Sechs Söhne Irmfrieds sind
-deiner Rache verfallen, nur das jüngste Kind ist noch übrig;
-ich denke, du kommst, auch mit dem letzten den Kampf zu
-beginnen.«</p>
-
-<p>»Schweig, Alte,« versetzte Gundomar grimmig, »führe
-mich zu deiner Herrin.«</p>
-
-<p>Gertrud wies auf die kleine Kapelle. »Traust du dich
-den Ort zu betreten, wo die Sünden vergeben werden, so
-wirst du sie finden.«</p>
-
-<p>Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum.
-An einer Ecke des Altars saß Edith auf den Stufen, sie wies
-auf die andere Seite. »Dort sitze nieder, Gundomar, denn
-die Nähe der Heiligen tut uns beiden not, wenn wir miteinander
-reden.«</p>
-
-<p>Gundomar warf sich auf die Stufen des Altars, und es
-war ein langes Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete,
-warf er scheue Blicke nach Edith und sprach abgewandt:
-»Eine Lüge ist es, daß die Zeit das Herz des
-Menschen wandelt. Die Wunde brennt heute, wo ich dich
-wiedersehe, wie vor fünfundzwanzig Jahren. Die Krallen
-des Hasses und der Eifersucht fühle ich, wie damals, wo ich
-dich verlor; und was die Priester als schwere Sünde strafen,
-das hege ich unablässig in meinem Innern, den heißen
-Wunsch, der mich zu dir treibt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span></p>
-
-<p>Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: »Du siehst eine Mutter,
-die ihre Söhne großgezogen hat und im Witwenschleier des
-toten Gemahls gedenkt.«</p>
-
-<p>»Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter
-Glanz mich einst selig machte. Nicht die Mutter erkenne ich
-und nicht die Witwe eines anderen, nur das Weib, das ich
-selbst begehrt habe.«</p>
-
-<p>Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab.</p>
-
-<p>Aber Gundomar fuhr fort: »Wie im Traum habe ich
-dahingelebt alle diese Jahre, nur meine Sehnsucht nach der
-einen und mein Haß gegen einen anderen haben wahrhaft
-in mir gebrannt; alles übrige war mir wie ein Spiel der
-Gaukler. Oft habe ich gebüßt und die Geißel über meinem
-Rücken geschwungen, aber fruchtlos war das Fasten und
-vergeblich die Schläge, denn die bösen Feinde versuchten
-mich immer wieder. Noch hier merke ich sie,« raunte er
-scheu um sich blickend. »Vieles habe ich auf Erden erlebt,
-sündige Liebe und sündigen Haß, ich sah, wie man eine Krone
-gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes,
-wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fühle ich
-den Eisfrost in meinen Gliedern, verleidet ist mir diese Erde
-und ich schmecke die Galle aus dem Honig. Mich jammert,
-daß die Menschen so begehrlich sind nach Goldschmuck und
-Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich dir, da
-ich dich wiedersehe gegen deinen Willen, damit du mich
-nicht hassest, wenn du an mich denkst. Denn nur an deiner
-Meinung ist mir gelegen, um die andern sorge ich wenig.
-Ich ringe und suche, was mir die Kraft gibt, zu überwinden,
-damit mir das ewige Erbarmen nicht fehle.«</p>
-
-<p>Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: »Meide
-den König und suche dir einen anderen Herrn.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span></p>
-
-<p>»Ich denke daran bei Tag und Nacht,« antwortete Gundomar
-leise. Und sich erhebend, fuhr er mit verändertem
-Tone fort: »Der König sandte mich. Forderst du meinen
-Rat, so weißt du, daß ich dir nichts berge.«</p>
-
-<p>»Rate mir, so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist.«</p>
-
-<p>»Dem König liegt am Herzen, seine Hoheit in einem
-Herrengericht zu erweisen. Dazu bedarf er die Geraubte
-und dich ladet er zur Mehrung des Ansehens. Ich rate dir,
-daß du gehst. Denn der wird den Königen am meisten verhaßt,
-der sie hemmt, wo sie vor dem ganzen Volk ihre Würde
-erweisen wollen.«</p>
-
-<p>Edith machte eine abweisende Bewegung und Gundomar
-fuhr fort: »Willst du dem König in der Burg widerstehen,
-so vermagst du das ganz wohl; denn ihm fehlt alles Sturmgerät,
-und er kann nur wenige Tage vor diesen Mauern
-liegen, weil die Königspflicht ihn übermächtig nach dem
-Süden treibt. Beim Abzug wird er dem Gerhard und den
-Grafen in der Ebene die Fehde gegen dich und die deinen
-übergeben. Auch diesen Feinden kannst du siegreich entgegentreten.
-Merke, Edith, die Burg und den jüngsten
-Sohn vermagst du lange gegen den König zu bewahren,
-nicht die Häupter der Söhne, welche in seiner Gewalt sind.
-Denn diese wird er Rache heischend werfen. Kommst du
-dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager, so denkt er vielleicht
-auch an deinen Wert und an dein Herzeleid. Darum
-flehe ich dich an, Edith, daß du mir folgst.«</p>
-
-<p>»Rate anderes, Gundomar; die Braut meines Sohnes
-und die Burg übergebe ich nicht.«</p>
-
-<p>»Was frommt die Brautschaft, wenn der Bräutigam
-schwindet, und wie kannst du ihm die Burg bewahren, wenn
-du ihn selbst verlierst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span></p>
-
-<p>Edith barg ihr Antlitz in den Händen. »Du sprichst die
-Wahrheit. Aber wo die Gedanken in der Seele feindlich
-gegeneinander ringen und der Mensch angstvoll zweifelt,
-was ihn retten werde, da findet er einen Trost, wenn er
-treulich die Pflicht tut, welche ihm aufgelegt ward. Der
-Herr dieser Burg und der Jungfrau hat uns geboten, beide
-festzuhalten; seinem Gebot folge ich, was uns allen auch
-darum geschehe.«</p>
-
-<p>»Du verdirbst dich und andere,« rief Gundomar heftig.
-»Wohlan, manchen Dienst habe ich dem König geleistet und
-ich meine, er wird sich scheuen, mir die Ehre zu kränken.
-Um deinetwillen will ich wagen, was Heinrich mir nicht
-befahl. Ich biete dir mit der Jungfrau und dem jüngsten
-Sohne freies Geleit zum Gerichte des Königs, und wenn du
-es nach dem Gericht begehrst, wieder in die Burg zurück.
-Bis zu eurer Rückkehr mögen deine Dienstmannen die Burg
-halten, nur daß sie friedlicher Botschaft des Königs den
-Zutritt nicht weigern, wenn er sich Zeugen rufen will zu
-seinem Gericht.«</p>
-
-<p>Da erhob sich Edith: »Gelobe mir, Gundomar,« und er
-warf sich am Altar nieder und legte die Finger auf sein
-Schwert.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unterdes war der König nach dem Hofe gesprengt, in
-welchem er rasten wollte. Als er durch das Gedränge von
-Edlen und Landleuten schritt, und hier und da anhielt, um
-einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen, erkannte er
-Heriman, den Goldschmied, welcher sich demütig verneigte.
-Der König winkte ihm ein wenig zu. Und da er seltene und
-kostbare Waren, wie sie der Goldschmied häufig aus der
-Fremde brachte, gern ansah und kaufte, so befahl er seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span>
-Kämmerer: »Frage den Heriman, ob er etwas begehrt oder
-etwas bringt; begehrt er, so laß du dir seinen Wunsch sagen,
-und bringt er, so führe ihn zu mir.« Dem Eintretenden rief
-er gütig entgegen: »Wie gedeihen dir deine Fahrten auf
-des Königs Straße?«</p>
-
-<p>»Wir Thüringe danken dem König, daß er die Raublust
-der Schildträger gebändigt hat,« versetzte Heriman.</p>
-
-<p>»Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Straße,
-sobald der König nur den Rücken kehrt. Ich bin hier, um
-über einen Friedensbruch zu richten, der euch Erfurter nahe
-genug angeht; und ich denke eine Warnung zu geben, welche
-andere Missetäter abschrecken soll, damit friedliche Leute wie
-du zu Ehren des Königs gedeihen. Was birgst du Gutes in
-deinem Sack? laß sehen.«</p>
-
-<p>»Nur wenig habe ich, was wert ist, von dem König betrachtet
-zu werden,« versetzte der Goldschmied, öffnete einen
-Lederbeutel und breitete seine Schätze auf den Tisch: geschliffene
-Edelsteine, goldene Borten und zierliche Ketten,
-Gewürze und Balsam aus dem Orient in seltsamen Kapseln,
-Schnitzwerk aus Elfenbein, Dolche und Messer mit kostbarem
-Griff und Scheide.</p>
-
-<p>Der König betrachtete mit Kennerblick Schmuck und
-Steine und schob hier und da ein Stück zurück. »Was bewahrst
-du in dem Kästlein?«</p>
-
-<p>»Es ist ein Ring,« versetzte Heriman, »mit dem Stein,
-den sie Saphirus nennen, er verändert die Farbe, wenn
-der Ringfinger einen Becher berührt oder auch einen Teller,
-in welchem Gift ist. Der Stein wird jetzt sehr begehrt von
-vornehmen Geistlichen und Laien.«</p>
-
-<p>Der König warf einen gleichgültigen Blick darauf und
-wies an seinem Finger einen Ringstein derselben Art. »Nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span>
-jeden Helden meines Geschlechts hat dieser Stein vor dem
-Verderben bewahrt, Heriman, es ist sicherer, den eigenen
-Augen zu vertrauen, als der Warnung, welche aus Steinen
-kommt.«</p>
-
-<p>»Besseres hoffe ich dem König zu bieten,« versetzte Heriman,
-»sobald ich von der nächsten Fahrt über den Rhein
-zurückkehre. Denn was hier im Lande Pilger und fremde
-Händler zutragen, das gelangt meist in die Hände der ungläubigen
-Juden, und diese legen es zuerst dem ehrwürdigen
-Herrn Willigis vor, weil er ihr Schutzherr ist; ich aber dem
-Könige.«</p>
-
-<p>»Du meinst also, die Juden stören dir das Geschäft,«
-frug der König, einen Edelstein gegen das Licht haltend.</p>
-
-<p>»Sie haben das Geld, und wer mit kostbarer Ware handelt,
-vermag sie nicht zu entbehren. Auch klage ich nicht über sie,
-zumal Herr Willigis ihnen günstig ist, weil sie seiner Macht
-in der Stadt nützen.«</p>
-
-<p>»Und dir gefällt die Macht des Erzbischofs in der Stadt
-Erfurt,« warf der König hin, in Betrachtung des Steines
-vertieft.</p>
-
-<p>»Ein weiser Herr ist Willigis; bald werden die Mauern
-der Stadt zu enge sein für die Zahl der Unfreien, welche
-er von den Hufen des Stiftes und anderswoher unter seinem
-Gericht versammelt. Wir alten Burgmannen aber, die wir
-uns rühmen, von den Vätern her freie Leute zu sein, sehen
-ungern, daß der Vogt des Königs nicht mehr allein zu Gericht
-sitzt, denn es fehlt nicht an Schlägereien zwischen
-unseren Leuten und den Zugehörigen des Erzbischofs. Ich
-fürchte, in kurzem sind wir die Minderzahl. Doch wir wissen,
-es ist schwer, den Heiligen zu widerstehen.«</p>
-
-<p>Der König legte den Stein weg und frug in verändertem<span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span>
-Ton: »Wie war's mit dem Raub der Grafentochter? Erzähle,
-was du davon weißt.«</p>
-
-<p>»Die Leute des Erzbischofs haben die Notglocke geläutet,«
-entgegnete Heriman vorsichtig, »sonst würde die
-Stadt wenig davon wissen, zumal da niemand erstochen
-wurde. Selten vergeht eine Woche, wo nicht größerer
-Lärm in den Gassen ist. Unter den Burgmannen sind viele
-dem Helden Immo und seiner Sippe wohl geneigt; denn
-diese gelten sonst im Lande für redliche Männer, und
-wer ungerecht bedrückt wird, findet zuweilen bei ihnen
-Schutz.«</p>
-
-<p>Der König sah mit großen Augen auf den Goldschmied
-und befahl streng: »Packe deinen Kram ein, ich will heute
-deine Steine nicht sehen; denn du kommst nicht um des
-Kaufes willen, sondern du begehrst etwas anderes von
-mir.«</p>
-
-<p>»Als ich todwund am Idisbach lag,« antwortete Heriman,
-seine Steine langsam in den Sack sperrend, »da war es
-Held Immo, der mich aufhob, und ihm verdanke ich, daß
-ich heute vor den Augen <span id="corr322">des</span> Königs stehen kann. Ich wäre
-niederträchtig, wenn ich nicht gut von ihm redete, da der
-König zuerst mich seinetwegen gefragt hat.«</p>
-
-<p>Heinrich nickte: »Du hast recht, laß nur liegen.« Heriman
-packte aus, und der König sah wieder auf die Steine.
-»Also die Leute des Erzbischofs schlugen an die Glocke. Ich
-höre, daß einige aus der Stadt den Räubern Vorschub
-leisteten und sogar mit ihren Wehren die Bewaffneten des
-Herrn Willigis an der Verfolgung hinderten. Weißt du
-auch darüber etwas?«</p>
-
-<p>Heriman besann sich. »Sie sagen, daß ein scharfer
-Schwertschlag getauscht wurde, und daß Held Immo nur<span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span>
-darum ins Unglück kam, weil er einen andern, der, wie sie
-sagen, ein Erfurter war, nicht unter den Schwertern der
-Reisigen zurücklassen wollte. Und da manche in Erfurt glauben,
-daß der Held wegen seiner Treue gegen ein Stadtkind verwundet
-und gefangen wurde, so trauern diese über sein Unglück.«</p>
-
-<p>Da schob der König den Kram heftig von sich und stand
-auf. »Räume fort, ich will gar nichts mit dir zu tun haben.«</p>
-
-<p>Heriman öffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte
-ruhig ein. »Wenn der Herr König meint, daß die Erfurter
-Lämmern gleich sind, welche sich scheren lassen und dann
-noch aus der Hand, die sie geschoren hat, das Futter nehmen,
-so kennt er seine treuen Bürger nicht. Bei uns lebt mehr als
-einer, der einen Racheschwur gegen den Grafen Gerhard
-getan hat, weil dieser ein raubgieriger und ungerechter
-Mann ist.«</p>
-
-<p>»Jetzt verstehe ich,« versetzte der König sich setzend.
-»Das an dem Dolch ist ja wohl Byzantiner Arbeit, laß
-sehen.« Und Heriman packte wieder aus. »Wie kommt's,
-daß man den Mann nicht mit Weiden geschnürt hat, der,
-wie du sagst, für den Räuber Immo das Schwert zog, und
-dem der Räuber, wie du sagst, Treue erwies. Mich wundert's,
-daß einer, der des Königs Frieden so frech gebrochen hat,
-frei in den Gassen wandelt.«</p>
-
-<p>»Die Wächter des Erzbischofs waren Stadtfremde,« entgegnete
-Heriman argwöhnisch nach dem König blickend,
-»und die Erfurter haben vielleicht nicht sehr nach dem Einheimischen
-gesucht. Auch hat der Bürger eine Gewohnheit.
-Bevor er im Zwielicht das Schwert zieht, so streicht er sein
-Haar, wenn er es lang trägt, über das Gesicht; vielleicht
-birgt er auch seine Glieder in einem wendischen Kittel.«
-Er trat an den Tisch, bereit die Steine wieder einzupacken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span></p>
-
-<p>»Laß nur liegen,« sprach der König, »ich sehe, dein Haar
-ist kurz genug. Sagtest du nicht, daß sich die Dienstleute des
-Erzbischofs zu eurem Schaden in der Stadt mehren?«</p>
-
-<p>»Herr, die Stadt wird dabei groß, und wenn auch schlechtes
-Volk unter den Zugewanderten ist, so muß man doch zugeben,
-der Stiftsvogt des Mainzers hält über seine Leute
-strenges Gericht. Nur sorgen bei uns die Alten, welche
-Bescheidenheit haben, daß die Königsmacht dadurch kleiner
-wird, und daß sie vielleicht einmal ganz schwindet.«</p>
-
-<p>»Denken viele wie du, daß sie lieber dem König dienen
-wollen als dem Erzbischof?«</p>
-
-<p>»Das Mehrteil wird sagen, es kommt darauf an, wie der
-König ist und wie der Erzbischof ist. Dennoch, wenn der
-König eine starke Hand hat und sein Vogt billig denkt, so
-wird der Bürger freudiger einem Helden dienen, der ein
-Schwert trägt, als einem geschorenen Haupte.«</p>
-
-<p>»Ihr selbst sitzt am liebsten daheim; aber ihr hört es gern,
-wenn der Spielmann vor euch singt, wie die Knie des Königs
-im Drange der Schlacht wund gerieben wurden,« sagte der
-König mit trübem Lächeln. »Gemächlicher ist dein Herdsitz,
-Heriman, als der Sitz deines Königs, welcher das ganze
-Jahr im Sattel reitet. Geh in Frieden mit deinen Waren,
-dies hier habe ich für die Königin ausgewählt, laß dir den
-Preis von meinem Kämmerer zahlen. Und vernimm noch
-eins, was ich dir in deiner Redeweise vertrauen will. Die
-bescheidenen Leute in Erfurt und anderswo meinen, der
-Mann handelt unweise, welcher mit unbedecktem Haupt auf
-der Straße läuft, wenn der Hagel herunterschlägt. Besser
-täte er, sein Antlitz zu bergen, bis das Wetter vorübergerauscht
-ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist gute Lehre,« versetzte Heriman demütig, »zumal
-wenn sie ein König gibt. Aber wir im Lande haben ein
-Sprichwort, womit wir uns trösten: je treuer der Sinn,
-desto dicker der Kopf.«</p>
-
-<p>Als Heriman das Gemach verlassen hatte, sprach der
-König zu dem eintretenden Kämmerer: »Das ist ein redlicher
-Thüring. Sorge, daß er sein Geld ohne Verzug erhält.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch12">12.<br />
-Das Gericht des Königs.</h2>
-</div>
-
-<p>Auf niedriger Anhöhe stand unweit dem Mühlberg eine
-große Linde; dort wurde innerhalb gezimmerter Schranken
-dem König der Richterstuhl erhöht und Sitze für die Großen
-des Reiches, welche in seinem Gefolge ritten. Die Diener
-breiteten Teppiche und Polster auf das Holzwerk, das
-Banner des Königs ward aufgesteckt, der Rufer trat an den
-Eingang des Geheges und die Leibwächter schritten mit
-ihren Spießen in die Runde, das versammelte Volk abzuwehren.
-Die Frühlingssonne schien warm und die Lerchen
-sangen freudig von der Höhe, aber Landleute und Burgmannen,
-welche in großen Haufen herzugeeilt waren,
-hielten sich abseits, sprachen leise miteinander und sahen
-scheu nach dem Gerichtsbaum und zurück nach dem Dorfe,
-bei welchem das Lager des Königs war. Nicht die Ehrfurcht
-allein bändigte ihnen Stimme und Gebärden, sonst zogen
-sie wohl einem scharfen Gericht wie einem Feste zu und
-freuten sich, wenn das Haupt eines Missetäters auf den
-Rasen fiel; diesmal war den meisten der Mut beschwert,
-entweder weil sie dem Helden Immo wohlgeneigt waren,
-oder weil sie dem Grafen Gerhard geringes Glück gönnten.</p>
-
-<p>In gesondertem Haufen standen die freien Bauern vom
-Nessebach, in ihrer Mitte, der alte Baldhard mit Brunico<span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span>
-und seinem Geschlecht, und Baldhard streckte den Arm nach
-dem Ring der roten Berge aus, auf welchen die Mühlburg
-ragte: »Seht dorthin.«</p>
-
-<p>Auf dem Grunde lag der weiße Wasserdunst, darüber
-strahlten die Höhen wie abgelöst vom Erdboden und wie von
-eigener Glut durchleuchtet. An den waldlosen Stellen
-schimmerte das Erdreich hier rosenfarben und blau, dort
-blutig rot. »Schaut alle,« rief Baldhard, »gleich rotem
-Golde glänzt Erde und Stein. Manches Mal sah ich den
-alten Götterschein an den Höhen, und jedermann aus der
-Umgegend kennt das Gleißen, das man schwerlich an anderen
-Bergen schaut. Aber niemals erblickte ich solches
-Feuer, und bekümmert fragen wir, was das blutige Licht
-dem alten Landgeschlecht bedeute, gegen welches heute der
-Richterstuhl gezimmert wird.«</p>
-
-<p>Alle starrten mit scheuer Verwunderung nach den
-Hügeln.</p>
-
-<p>Und Ruodhard, der Müller begann: »Die letzte Nacht
-war still und der Mond stand am wolkenlosen Himmel,
-dennoch hörte ich im Berge ein Dröhnen und Brechen; wie
-mit schweren Hämmern arbeiteten Riesenhände in dem
-Gestein und ich sah, daß die Grauwölfe heulend die Nasen
-hoben und in den Berg hineinfuhren.«</p>
-
-<p>Da rief eine rauhe Stimme: »Die in der Tiefe hausen,
-rüsten sich, um junge Helden zu empfangen, welche vom
-Tageslicht geschieden werden.«</p>
-
-<p>Brunico stöhnte und wandte sich ab.</p>
-
-<p>»Beklagst du die Söhne Irmfrieds?« frug die Stimme
-neben ihm. Brunico sah auf eine riesige Gestalt in einem
-Rock von Wolfsfellen, das buschige Haar des Mannes starrte
-wild um das Haupt, in dem Gurt steckte eine Axt mit neuem<span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span>
-Stiel. »Jammervoll ist dieser Tag, Eberhard,« murmelte
-der Knappe.</p>
-
-<p>»Du hattest dich einem von ihnen gelobt,« versetzte der
-Hirt finster, »ich aber war allen Sieben ein Knecht von den
-Vätern her. Darum bin ich neugierig zu sehen, wie meine
-Herren auf ihrem eigenen Grunde von einem Fremden
-geschlagen werden.«</p>
-
-<p>»Wisse, Eberhard, der König selbst ist gekommen zu
-richten.«</p>
-
-<p>»Bis heute waren die Söhne Irmfrieds Könige des
-Waldes, trifft ein fremder König die Sieben in den Nacken,
-wie mag ihr Knecht sich noch seinen Herrn suchen? Der
-Stiel ist neu und das Eisen ist scharf. Schwingt keiner der
-Herren die Axt in den Baum, so hebt der Knecht selbst die
-Axt zu einem Herrenwurf, und er wählt sich das Ziel. Von
-meinen Ebern bin ich entwichen, damit ich den fremden
-Richter schaue, weißt du mir ihn zu zeigen?«</p>
-
-<p>»Du wirst ihn erkennen, wenn er auf dem Richterstuhl
-sitzt,« antwortete Brunico und wandte sich scheu von dem
-Wilden ab.</p>
-
-<p>Der König ritt aus seinem Hofe auf das Feld hinaus.
-Die Leute sahen, daß er einen Hauptmann der Reisigen zu
-sich winkte, und daß dieser nach dem Lager der Königsmannen
-eilte. Gleich darauf tönten von dem Anger Hörner
-und das Getöse einer aufbrechenden Schar.</p>
-
-<p>Als der König herankam mit großem Gefolge von Geistlichen
-und Laien, klang der Heilruf nicht freudig wie wohl
-sonst, und der König merkte das und schaute düster über die
-Haufen. Die Leute vernahmen, wie der Rufer Stille gebot
-und des Königs Gericht nach den vier Winden ausrief, und
-sie drängten schweigend an die Schranken. Als darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span>
-Immo zum Hügel geführt wurde zwischen entblößten
-Schwertern und nach ihm seine Brüder, da hörte man trotz
-dem Gebot des Schweigens lautes Klagen und Jammern
-der Weiber, und viele knieten nieder, hoben die gefalteten
-Hände und taten Gelübde, damit die Heiligen sich der Angeklagten
-erbarmten.</p>
-
-<p>Der König setzte sich auf den Richterstuhl und ergriff
-den weißen Stab, an welchem das goldene Königszeichen
-einer Lilie ähnlich glänzte. Erzbischof Willigis trat mit den
-Bischöfen und Edlen, welche der König zu Ratgebern gewählt
-hatte, vor den Stuhl und begann: »Da des Königs
-Würde selbst den Spruch tun will gegen den edlen Thüring
-Immo wegen Raubes einer Jungfrau und wegen Friedensbruch,
-so ist uns das Vorrecht geworden, im Rat zu sitzen
-über die Tat und die Rache. Denn so ist es Brauch, wenn
-der Spruch des Königs gegen das Leben eines Edlen geht.
-Was wir befunden haben, verkündet jetzt mein Mund dem
-Könige, wenn seine Hoheit es vernehmen will.« Der König
-winkte und der Erzbischof fuhr fort: »Gegen die ruchbare
-Tat des Helden Immo und seiner Brüder hat Graf Gerhard
-Klage erhoben wegen des nächtlichen Raubes seiner Tochter
-Hildegard aus dem Dach der Herberge, und daneben mein
-Vogt zu Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer Verwundung
-seiner Reisigen. Darum möge die Gerechtigkeit
-des Königs erwägen, ob die schwere Tat verübt wurde
-gegen die Jungfrau selbst, gegen den Vater und gegen den
-Frieden der Stadt. Bekunden ehrliche Zeugen, daß der
-Mann Immo ein Räuber der Magd war, so büße er mit
-seinem Haupt und Leben. Hat er nur durch gezücktes
-Schwert den Frieden der Straße geschädigt, so möge der
-König ihn strafen, nicht an seinem Leben, aber an seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span>
-Gliedern, an seiner Freiheit, an Gut und Habe, wie es dem
-König gefällt. Seine Gesellen aber, weil sie als jüngere
-Brüder die Treue des Geschlechtes erwiesen haben, möge
-der König strafen oder verschonen.«</p>
-
-<p>Der König antwortete: »Ich rühme den Rat, den ihr
-Bischöfe und Herren gefunden, als gerecht und billig.«
-Aber hart war der Ausdruck seines Angesichts, als er auf
-die Gefangenen hinsah.</p>
-
-<p>»Sind hier alle Söhne des toten Irmfried versammelt?
-Von sieben Nestlingen hörte ich singen und sagen.«</p>
-
-<p>Gundomar trat heran. »Einer ist zurück, der jüngste
-Sohn Gottfried; schuldlos ist er, Herr, und hat keinen Teil
-an diesem Frevel seiner Brüder.«</p>
-
-<p>»Ist er schuldlos, warum wird er dem Auge des Königs
-entzogen?« frug Heinrich, »brachtest du ihn von der Burg,
-so führe ihn her.«</p>
-
-<p>Gundomar eilte aus dem Ring und Gottfried trat in
-die Schranken. Er trug das Panzerhemd, das ihm die
-Brüder geschenkt hatten, um das runde Gesicht ringelten
-sich die goldenen Locken. In holder Scham stand er da;
-auf eine leise Mahnung seines Begleiters trat er näher,
-kniete vor dem König nieder und senkte sein Haupt.</p>
-
-<p>Der König sah überrascht auf den Knaben. Im Kreise
-der Herren erhob sich ein beifälliges Gemurmel und aus
-dem gedrängten Volke klangen Heilrufe der Männer und
-Segenswünsche der Frauen. Der König erkannte, daß die
-Edlen und das Volk ihn rühmen würden, wenn er dem Unschuldigen
-seine Gnade erwiese. Und da ihm der Knabe
-gefiel, so gedachte er bei sich, das Geschlecht nicht ganz zu vernichten,
-sondern diesen zu bewahren und er sprach gütig zu
-ihm: »Steh auf und sieh mir ins Gesicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span></p>
-
-<p>Gottfried starrte aus seinen großen Augen so erstaunt
-den König an, daß dieser lächelte. »Tritt näher,« gebot er,
-faßte den Knaben bei der Hand und strich ihm über die
-Wange. »In jungen Jahren trägst du das Eisenhemd, wer
-hat dich so früh mit dem Schwert gewappnet, du Singvogel?
-Noch ziemt dir nicht der wilde Flug. Danke den Heiligen,
-daß jene dich bei ihrem nächtlichen Ritt zurückließen.«</p>
-
-<p>»Gern wäre ich mitgeritten,« antwortete Gottfried
-arglos, »und mich reut gar sehr, daß ich's verschlafen habe.«</p>
-
-<p>Da lachten die Herren ringsum über die Kinderstimme
-und nickten einander zu. »Ich merke,« sagte der König, »wir
-sind hier in dem Lande, wo schon die Nestvöglein trotzig
-singen, wenn auch ihre Stimme noch fein ist. Daß du den
-Ritt verschlafen hast, Knabe, war dir diesmal größeres
-Glück als die beste Heldentat. Sieh auf deine Brüder; der
-einzige bist du aus deinem Hofe, der ein Schwert trägt, obgleich
-es in deiner Hand noch schwerlich tiefe Wunden
-schlagen wird.«</p>
-
-<p>Gottfried sah erschrocken auf seine Brüder, gürtete sich
-schnell das Schwert ab und legte es dem König zu Füßen.
-»Verzeiht mir, Herr König, ich will nicht anders gehalten
-sein als meine Brüder, laßt mich das Unglück, das sie trifft,
-auch teilen,« und er lief von dem König zu den Gefangenen
-und stellte sich als letzter in ihre Reihe. Aber Gundomar
-ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zum Stuhl des
-Königs zurück. »Hebe dein Schwert auf,« befahl der
-König gnädig, »damit ich dich selbst damit umgürte;
-als Kriegsmann sollen dich, Gottfried, Sohn des Irmfried,
-von heute an meine Edlen ehren.«</p>
-
-<p>Da erhob sich ein Summen und Brausen in der versammelten
-Menge, und es verstärkte sich zu einem donnernden<span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span>
-Heilruf für den König, so daß dieser wieder befremdet über
-das Volk sah. Denn die Leute hofften, daß die Huld, welche
-der König dem Jüngsten erwies, eine gute Vorbedeutung
-sei für das Schicksal der anderen Brüder. Aber solche, die
-den König zu kennen meinten, urteilten anders.</p>
-
-<p>Der König gebot: »Führt die Jungfrau herein.«</p>
-
-<p>Gestützt auf Edith trat Hildegard in die Schranken. Ein
-beifälliges Murmeln ging durch die Versammlung, als die
-Frauen vor den Königsstuhl traten. Würdig verneigte sich
-Edith und stand mit gehobenem Haupte in der Versammlung;
-und der König, welcher gedachte, daß sie sich stolz hielt,
-weil sie von den Ahnen her dem königlichen Stamme verwandt
-war, faßte mit der Hand an die Lehne seines Stuhles
-und hob sich ein wenig aus dem Sitz, indem er sich gegen
-sie neigte, um die Abkunft zu ehren. Ediths Augen suchten
-die Söhne. Als sie Immo erkannte, das bleiche Antlitz und die
-schmerzvollen Züge, da tat sie einen Schritt auf ihn zu, aber
-sie bezwang sich und hob nur die Hand segnend gegen ihn.
-Neben ihr stand Hildegard, die Augen zum Boden gesenkt,
-ängstlich griff sie nach der Hand ihrer Begleiterin, um sich
-daran zu halten. »Dies ist deine Tochter Hildegard, Graf
-Gerhard?« frug der König, und als der Graf sich bejahend
-verneigte, fuhr er fort: »Wenig gleicht sie dir, doch auch
-vom knorrigen Stamme kommt süße Frucht. Wahrlich,
-mancher von meinen jungen Helden wird über die Missetat
-des Räubers nicht erstaunen. Fasse Mut, Jungfrau, denn
-der Richter, welcher jetzt frägt, ist dir wohlgesinnt. Über
-dem Thüring Immo hängt die Klage, daß er dich mit Gewalt
-und entblößtem Schwerte aus dem Frieden meiner
-Burg Erfurt geraubt und durch seine Gesellen in sein festes
-Haus geführt hat. Ob es Raub einer Jungfrau war, die<span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span>
-widerwillig der Gewalt folgte, das erkennt der Richter aus
-dem Notschrei der Geraubten; denn wie dem Mann das gezückte
-Eisen, so hilft der Jungfrau die Stimme. Hast du dich
-gesträubt gegen die Entführung durch abwehrende Hand,
-und wenn die Hand gebändigt war, durch den Mund, so
-sprich, damit wir dein Magdtum ehren und die Tat des Räubers
-erkennen.«</p>
-
-<p>Hildegard hielt sich an Edith fest. Es wurde so still im
-Raum, daß man das Summen einer Mücke gehört hätte,
-aber kein Laut drang aus den zuckenden Lippen der Jungfrau.</p>
-
-<p>Da trat Erzbischof Willigis zu der Schweigenden und
-sprach mit väterlicher Milde: »Zum Dienst der Heiligen bist
-du bestimmt; deshalb mahne ich dich freundlich, daß du alle
-Furcht abtust, denn du sprichst jetzt für deine eigene Ehre.
-Der Richter frägt, ob der Mann, der zu dir in die Herberge
-drang, dein Trauter war oder dein Räuber. Darum, hast
-du dir Hilfe gefordert, so antworte nur ein: Ja, ich habe.«</p>
-
-<p>Im Angesicht der Jungfrau wechselte Blässe und hohe
-Röte, aber sie schwieg. Wieder ging ein Geflüster durch die
-Versammlung und manche Lippe verzog sich zum Lächeln.
-Graf Gerhard aber drängte sich vor und rief ängstlich:
-»Möge die Hoheit des Königs Nachsicht üben
-mit meinem armen Kinde, dem jetzt die Angst und
-Scham den Mund verschließt. In jener Nacht aber hat sie
-gerufen, wie einer sittsamen Jungfrau geziemt, Zeter und
-Waffen, und hat sich gesträubt, so sehr sie vermochte, als die
-Räuber sie auf das Roß schwenkten.«</p>
-
-<p>»Da du selbst den Schrei nicht gehört hast, und die Jungfrau
-nicht reden will, so rufe Zeugen, wenn du deren hast,«
-gebot der König.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span></p>
-
-<p>Graf Gerhard eilte an die Schranken und führte den
-Wirt des Hessenhofes herbei. Der Mann kniete nieder und
-bekannte: »Laut gellte der Notschrei einer Weiberstimme
-aus dem Gemach, in welchem die Jungfrau rastete, und als
-ich vom Lager sprang und mit meiner Waffe in das Zimmer
-eilte, fand ich es leer, auf der Straße sah ich Reiter davonsprengen
-und erkannte, daß einer die Jungfrau vor sich auf
-dem Rosse festhielt.«</p>
-
-<p>»Der Notschrei klang von den vier Wänden,« bestätigte
-der König, »doch sah der Zeuge nicht, ob es die Jungfrau
-war, welche rief. Hauste das Grafenkind allein in der
-fremden Stadt?«</p>
-
-<p>»Nur ihre Dienerin kam mit ihr,« antwortete der Graf,
-»ein unfreies Mädchen.«</p>
-
-<p>»Warum ist sie nicht zur Stelle?« frug der König. »Du
-hörst, Beklagter, etwas fehlt an dem Zeugnis gegen dich.
-Vermagst du den Spruch gegen dich weniger schwer zu
-machen durch deinen Eid und den Eid deiner Helfer, so
-darfst du schwören, daß die Jungfrau dir ohne die Notklage
-gefolgt ist.«</p>
-
-<p>»Ich schwöre nicht gegen ihre Ehre,« antwortete Immo,
-»was mir auch darum geschehe.«</p>
-
-<p>Da hob Hildegard das bleiche Antlitz ein wenig und begann
-leise: »Einen Goldfaden sandte ich ihm und er bewahrt
-ihn an seinem Herzen, die Sommerlinde auf der
-Idisburg sah es und weiß es, daß er mich küßte. In der
-brennenden Stadt stand ein steinernes Kreuz, so wahr das
-Kreuz dort steht, so wahr ist es, daß er mich aus den Händen
-der Mörder gelöst hat durch seinen Arm und sein Schwert.
-Dann kam er in der Nacht, in der ich angstvoll am Boden
-lag, weil ich die Liebe zu ihm im Herzen trug und doch am<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span>
-nächsten Morgen zu den Heiligen sollte; er weiß es wohl,
-daß ich schwieg, als er mich auf das Roß seines Freundes hob.«</p>
-
-<p>In der Stille, <span id="corr335a">welche</span> diesen Worten folgte, hörte man
-nur das Stöhnen des Vaters, welcher sich abwandte und
-die Hände vor sein Antlitz hielt.</p>
-
-<p>»Folgtest du freiwillig, ohne deiner Kindespflicht zu gedenken,«
-frug der König, »wer denn tat den Klageschrei?
-Weiß jemand Antwort zu geben, der antworte, damit der
-Zeuge nicht als meineidig erkannt werde.«</p>
-
-<p>An den Schranken rührte sich's unter den Bürgern, welche
-aus Erfurt herbeigeeilt waren. Frau Kunitrud wurde von
-Heriman und andern vorgeschoben und der Rufer öffnete
-ihr auf einen Wink des Erzbischofs die Schranken. Sie
-warf sich auf die Knie, und begann mit geläufiger Stimme,
-während sie mehrmals aufstand und wieder niederkniete,
-bis sie in der Nähe des Königstuhls beharrte: »Es wird kein
-Brei so heiß gegessen als er gekocht ist, und ein Kind aus
-Burg Erfurt traut sich auch noch vor dem Könige zu reden,
-zumal wenn er jung ist. Alles kann ich auf das genaueste
-verkünden, Herr König, denn ich selbst habe die Entführung
-erlebt, und sie war das Ärgste nicht, was ich erlebt habe;
-schlimmere Gewalttat geschieht in der Welt, und noch dazu
-von Leuten, welche weniger gutherzig sind als dieses junge
-Blut. Ihr sollt wissen, Herr König, daß ich in jener Nacht
-bei der edlen Hildegard war. Reisemüde saß sie oder sie lag
-auf dem Boden und rang die Hände, wie es ihr gerade gefiel.
-Da vernahm ich draußen Getümmel und Klappern von
-Pferdehufen und ich tröstete die edle Hildegard und sagte
-ihr: Das tut nichts, es sind nur <span id="corr335b">volle</span> Brüder, welche gegeneinander
-die Messer zücken und es ist des Königs Wache, sie
-werden sich untereinander raufen, wie sie oft tun. Da sprang<span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span>
-die Tür auf und der Held Immo trat ein, ganz in Eisen,
-und er fuhr auf die Jungfrau zu, welche wie ein Rohr
-wankte, da sie ihn sah; er faßte sie und rief: »Mußt du Zeter
-schreien, Kunitrud, so harre, bis ich zu Rosse bin.« Ich schlug
-erschrocken die Hände zusammen, und lief an das Fenster,
-riß die Decke weg und sah hinab, aber ich sah nur Undeutliches
-in der Finsternis, bis ich mich endlich besann und das Geschrei
-erhob, wie sich geziemte.«</p>
-
-<p>Der König winkte und der Rufer bedeutete der behenden
-Frau zu schweigen, worauf sich diese wieder mit Kniebeugungen
-aus den Schranken zurückzog.</p>
-
-<p>»Folgte das Weib widerstandslos dem heischenden
-Manne,« entschied der König, »so vermag der Richter nicht ihre
-Ehre zu rächen, sie selbst hat sich ihres Rechtes begeben und
-ist Mitschuldige der Gewalttat. Denn nicht ihr stand zu, sich
-den Gemahl zu wählen, sondern ihrem Herrn und Vater.
-An der Jungfrau hast du, Schwertloser, durch den Raub
-keinen Frevel geübt; der Richter fragt, ob du ihn geübt hast
-gegen Gerhard den Grafen. Dieser aber hat, wie du selbst
-sagst, dir sein Kind nicht verlobt, sondern er wollte es nach
-dem Wunsch des Königs geschleiert den Heiligen weihen.
-Weißt du, Immo, was dich von dieser Missetat entschuldigt,
-so verantworte dich.«</p>
-
-<p>Die Lippen Immos bewegten sich, aber er schwieg.</p>
-
-<p>Da Immo auf die Frage, welche für sein Leben entscheidend
-war, nicht antwortete, hob Edith mit einem Klageschrei
-die Hände zum Himmel, eilte durch die Versammlung
-zu ihrem Sohn und umschlang ihn mit ihren Armen. Er
-aber warf sich vor seiner Mutter nieder und barg sein Gesicht
-in ihrem Gewande.</p>
-
-<p>Unter den Brüdern entstand eine Bewegung, Odo trat<span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span>
-ein wenig vor und begann auf einen Wink des Richters:
-»Immer wünschen wir, daß der König uns gnädig sei, zumal
-wenn wir vor ihm sprechen sollen und doch behender Worte
-nicht sehr mächtig sind. So geht es jetzt mir. Was aber die
-Klage des Grafen Gerhard angeht, so behaupte ich, Odo,
-Irmfrieds Sohn, und mit mir meine Brüder Ortwin und
-Erwin, Adalmar und Arnfried, daß die Klage völlig eitel und
-nichtig ist, und wenn des Königs Huld uns Schwert und Roß
-gewähren will, so sind wir Fünf, die wir jetzt schwertlos
-stehen, bereit, dies gegen den Grafen Gerhard und vier ehrliche
-Kämpfer seiner Freundschaft zu erweisen, überall, wo
-die Sonne scheint, die Luft weht und der Anger grünt.«</p>
-
-<p>Der König sah verwundert auf den jungen Helden, dem
-man wohl anmerkte, wie er die Worte bedächtig erwog,
-während er die grauen Augen und das unbewegte Gesicht
-auf die Versammelten richtete. »Du bist ein verwegener
-Gesell, daß du die Klage über eine ruchbare Missetat ungehörig
-schiltst. Du selbst hast die geraubte Jungfrau auf
-der Burg verschlossen.«</p>
-
-<p>»Ich bin nicht mein Bruder,« versetzte Odo trocken, »mir
-war auch bisher ganz wohl in meiner eigenen Leibeshülle.
-Die Klage aber geht gegen den Helden Immo und nicht
-gegen mich. Darum ist sie grundlos und für jedermann ist
-deutlich, daß mein Bruder die Jungfrau nicht geraubt hat.
-Sie hat den Rücken seines Rosses nicht berührt; als sie in
-der Nacht unter den Sternen dahinfuhr, war er gar nicht in
-ihrer Nähe, als sie hinter dem Burgtor abgehoben wurde,
-lag er weiter von ihr entfernt, als die Stadt von der Burg.
-Wir im Lande aber strafen nur die schwere Tat, nicht
-schweren Willen. Was er gewollt hat, darum mögen sich
-die Unsichtbaren kümmern, welche, wie uns die Priester<span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span>
-sagen, sogar die Gedanken eines Mannes erspähen, der
-Richter unter der Linde spricht nur über ruchbare und greifbare
-Tat.«</p>
-
-<p>Der König musterte mit scharfem Blick den stattlichen
-Jüngling. »Wenn ich dich und deine Brüder betrachte, so
-wundert mich nicht, daß ihr die Sache wieder von des Königs
-Bank hinweg auf die Beine eurer Rosse bringen wollt. Ich
-merke, du wagst vor dem König Haare zu spalten. Was
-jener nicht vollbrachte, tat einer seiner Blutgesellen.«</p>
-
-<p>»Dies gerade ist es, was ich der Gerechtigkeit des Königs
-sagen wollte. Ungern redet ein Mann gegen sich selbst.
-Auch ich erinnere hier nur daran, daß er schuldlos an der
-Tat erkannt werden möge, weil er der älteste von uns
-Brüdern ist und wie ich wohl weiß, unserer Mutter der
-liebste. Und ich fürchte, sein Tod würde ihr das Herz brechen.
-Muß also Strafe das Haupt eines Mannes treffen, weil das
-Grafenkind auf ein Roß geschwenkt wurde, so darf doch
-nicht mein Bruder für die Tat büßen, die ein anderer vollbrachte.
-Hätte Graf Gerhard diesen andern verklagt, so
-dürfte der andere sich nicht beschwert fühlen.«</p>
-
-<p>»Du selbst warst der andere?« frug der König.</p>
-
-<p>»Die Jungfrau wurde dem gereicht, der das stärkste Roß
-hatte,« versetzte Odo vorsichtig. »Das Roß wurde vor Jahren
-von dem Weidegrund des Königs nach Thüringen geführt,
-es ist vom besten sächsischen Schlag.«</p>
-
-<p>»Auch der Reiter, wie ich merke,« versetzte der König.
-»Tritt zurück, Jüngling; die Klage nennt nach Recht den
-Urheber, er gab den Rat, er stiftete die Tat, ihm frommte
-das Vollbringen. Du aber warst nur sein Gehilfe. Zum
-andern Mal frage ich dich, Immo, weißt du etwas, was dich
-entschuldigt, so sprich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span></p>
-
-<p>Immo stand in hartem Kampf, er wußte wohl, daß Gerhard
-in Wahrheit niemals der Vermählung günstig gewesen
-war, er selbst hatte früher dem König gestanden, daß der Graf
-ihm kein Versprechen getan habe, und obwohl er jetzt in
-Todesnot war, so erschien ihm doch nicht mannhaft, an
-nichtige Worte des Gegners zu mahnen. Während er mit
-seinen Gedanken rang, ob er reden sollte oder schweigend
-den harten Spruch erwarten, begann der König, zu dem
-Erzbischof gewandt: »Als die Ratgeber mir durch euren
-Mund, hochwürdiger Vater, ihren Rat kündeten, haben sie,
-so scheint mir, eines nicht erwogen. Der Thüring Immo
-war es, welcher dem Grafen zu Hilfe kam, als dieser in
-Kerkernot saß. Denn hätte der Jüngling nicht vor mir das
-Knie gebeugt, so würde der Graf einem schweren Schicksal
-nicht entgangen sein. Damals nun hat, so scheint mir, der
-Jüngling von dem Grafen selbst ein Versprechen erhalten,
-welches die Tochter betraf. Hat aber der Jüngling den Raub
-verübt auf Grund eines Gelöbnisses, das er von dem Vater
-empfing, so würde seine Verschuldung gegen den Gerhard
-gering erscheinen, denn er hätte durch empfangenes Versprechen
-ein Recht auf die Jungfrau gewonnen, wenn auch der
-Raub ein Frevel gegen den König und den Stadtfrieden war.«</p>
-
-<p>Da drängte sich Graf Gerhard eilig hervor und rief laut
-in dem Ringe: »Keinerlei Gelübde hat der Räuber erhalten,
-und kein Schwur vermag ihm zur Entschuldigung zu gereichen;
-weder die Tochter noch irgend etwas anderes habe ich
-ihm verheißen, damit er tue, was mir zum Heil helfen konnte.
-Ganz ohne Entgelt wagte er, was für ihn kein schwerer
-Dienst war, da des Königs Gnade über denen, die im Unglück
-sind, ohnedies barmherzig waltet. War ich ihm einen
-Dank schuldig, so hätte ich ihm wohl etwas Gutes erwiesen<span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span>
-durch ein Roß oder ein stattliches Gewand, wie es im Lande
-Brauch ist, nur nicht durch so unerhörten Lohn, wie das
-Magdtum meines Kindes.«</p>
-
-<p>»Wie?« rief Heinrich, »war er so töricht, deine Sünden
-zum Könige zu tragen, ohne den Brauch der Welt zu üben
-und an den eigenen Vorteil zu denken? Ungern mag ich das
-glauben, wenn auch du es sagst. Sprich selbst, schwertloser
-Mann, redet der Graf die Wahrheit?«</p>
-
-<p>Durch Immos Seele fuhr ein heißer Schmerz; hätte er
-den Schwur des Grafen angenommen, vielleicht <span id="corr340">würde</span> er jetzt
-der Gefahr enthoben und zuletzt doch mit der Geliebten vereinigt.
-Die Lehre, welche er vom Vater Bertram gekauft
-hatte, mochte Unglück und Tod über ihn bringen. Und doch
-hörte er in diesem Augenblicke der Entscheidung wieder das
-feierliche Flüstern des alten Mönches, das ihn damals mit
-Ehrfurcht erfüllt hatte, und in seiner Seele schrie es, daß
-der Rat hochsinnig und ehrlich gewesen war. Darum sprach
-er leise in der Versammlung: »Der Graf redet die Wahrheit,
-ich empfing keinen Schwur von ihm, weder um seine Tochter
-noch um etwas anderes, und ich habe mir sie geraubt, wie
-Kriegsleute in der Not tun, weil sie mir lieber ist als mein
-Leben.«</p>
-
-<p>»Nun denn,« rief der König, »so sprich, was trieb dich
-damals, ein unholder Bote des Grafen zu werden?«</p>
-
-<p>»Mich jammerte, daß der Edle gegen einen Ehrlosen
-kämpfen sollte, und mehr noch als das Schicksal des Gebundenen
-ängstigte mich die Trauer der Jungfrau. Und
-Herr, wenn ich alles sagen darf, wie es mir damals erging,
-ich trug den Brief wahrhaftig in Einfalt und treuem Sinne,
-denn ich wußte und bedachte nicht, daß ich meinem huldreichen
-Herrn Ungünstiges reichte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span></p>
-
-<p>Da flog ein heller Schein über das Angesicht des Königs.
-War es ein Sonnenstrahl oder ein Wetterleuchten aus seinem
-zornigen Gemüt, das wußten die Herren nicht, die den
-König mit gespanntem Blick betrachteten.</p>
-
-<p>Nur der Erzbischof erkannte, daß in dem Gemüt des
-Königs etwas vorging; und da Willigis ein sehr kluger Herr
-war, so dachte er der veränderten Meinung des Königs Genüge
-zu tun, um zugleich sich selbst einen Gewinn zu schaffen,
-den er sich seit lange ersehnte. Deshalb begann er: »Alle
-preisen wir des Königs Huld, welche auch an dem schuldigen
-Mann das Ehrenwerte zu ehren weiß, und viele gibt es
-hier, welche ein mildes Urteil für ihn ersehnen. Keiner aber
-wagt für ihn zu sprechen, weil er an der Kirche und den
-Heiligen gefrevelt hat, indem er ein Weib entführte, welches
-der König dem Herrn verloben wollte. Darum ziemt vor
-andern mir, meinen Herrn und König flehend zu mahnen,
-daß er sowohl der Kirche eine Sühne gewähre, als auch dem
-Schuldigen Leben und Ehre erhalte. Möge der Weisheit
-des Königs gefallen, den Berg und die Burg, welche Held
-Immo verwirkt hat, den Heiligen zu übergeben, damit sie
-fortan dem Erzbistum gehören, und damit ich einen Lehnsmann
-hinaufsetze, entweder den Helden Immo selbst oder
-einen andern, wie es dem Könige gefällt.«</p>
-
-<p>Der König sah überrascht auf den Erzbischof. Er gedachte
-der Worte, welche ihm Heriman zugetragen hatte,
-und ihm gefiel gar nicht, den mächtigen Priester zum Herrn
-im Lande zu machen. Dennoch konnte er die Hilfe desselben
-nicht entbehren, und so saß er, das Gesicht freundlich ihm zugewandt,
-aber in seinem Herzen meinte er es weit anders.
-Denn ihm hatte noch diesen Morgen im Sinn gelegen, die
-Mühlburg für sich selbst zu behalten, aber sie vielleicht als<span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span>
-Lehn des Reiches einem Manne aus Irmfrieds Geschlecht
-zu übergeben. Darum hatte er heimlich seinen vertrauten
-Kriegsmann auf die Burg gesandt, welcher in Abwesenheit
-der Herrin einen Versuch machen sollte, die Besatzung zu
-täuschen oder zu überwältigen, und er hatte ihm geboten,
-stracks eine Stelle der Mauer zu brechen, damit des Königs
-Macht sichtbar werde. Jetzt gefiel ihm dieser Gedanke noch
-mehr.</p>
-
-<p>Während der König auf die Antwort sann, hörte er das
-Rauschen eines Gewandes. Ein Mönch kniete zu seinen
-Füßen, es war Reinhard aus Herolfsfeld, der Vertraute
-seines Kaplans, des frommen Godohard. Er winkte dem
-Demütigen zu: »Was begehrst du, Vater Reinhard, der du
-jetzt durch Herrn Bernheri zum Präpositus deines <span id="corr342">Klosters</span>
-ernannt bist?«</p>
-
-<p>»Nicht aus eigenen Gedanken, sondern nach dem Willen
-meines Herrn Bernheri wage ich Unwürdiger in dieser hohen
-Versammlung zu bitten, zunächst, daß Herr Willigis mir
-verzeihe, wenn ich anders spreche, als ihm selbst gefällt. Die
-Mühlburg liegt nahe den Hufen und Wäldern, welche dem
-heiligen Wigbert gehören, und keine Sicherheit hat das Kloster
-in Thüringen zu hoffen, wenn nicht der Gewappnete, welcher
-auf der Mühlburg haust, dem Kloster gehorcht. Auch ist bereits
-ein Heiligtum auf dem Berge, welches St. Wigbert
-selbst geweiht hat, und das edle Geschlecht des Helden Immo
-betet seit der Urzeit an den Altären des Klosters. Darum
-flehe ich, daß es der Gnade des Königs und auch der Weisheit
-des Erzbischofs gefallen möge, den Berg und die Burg
-meinem Kloster zu gewähren, damit dieses einen treuen
-Kriegsmann hinaufsetze, der auch dem Könige wohlgefällig
-ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span></p>
-
-<p>Der König sah das zornige Gesicht des Willigis und um
-seinen Mund zuckte ein schadenfrohes Lächeln, denn ihm
-war lieb, daß die zweite Bewerbung leichter machte, dem
-Erzbischof für jetzt seinen Wunsch zu verweigern. Er hinderte
-also die Gegenrede, welche der Erzbischof vorbereitete,
-indem er antwortete: »Uns ziemt demütige Erwägung, wenn
-zwei so fromme Väter sich dasselbe Gut begehren. Da du
-aber mir sagst, daß das Geschlecht des edlen Immo sich längst
-den heiligen Wigbert zum Beschützer und Fürbitter erwählt hat,
-so will ich dich, Immo, selbst fragen: Wie kommt es doch,
-daß ihr seither vermieden habt, den heiligen Wigbert als
-Herrn zu erkennen. Übel hast du, so scheint es, dich beraten,
-daß du dich der Lehnshoheit des Heiligen entzogst, denn er
-vermöchte dir jetzt vielleicht die Mauern zu erhalten.«</p>
-
-<p>Was der König sagte, fiel schwer auf das Herz des bedrängten
-Mannes, dennoch trat er mit gehobenem Haupte
-vor: »Herr, was ich als freies Erbe von meinen Vätern
-überkommen habe, das wollte ich in Ehre und Wert unvermindert
-den Nachkommen überlassen; immer war der Stolz
-meiner Ahnen, keinem Lehnsherrn zu dienen.«</p>
-
-<p>»Und doch würdest du jetzt froh sein,« warf ihm der
-König prüfend entgegen, »wenn du dein Erbe wenigstens
-als Besitz aus der Hand der Kirche zurückerhieltest, damit
-du hättest, wo du dein Haupt birgst.« Immo schwieg. »Antworte
-mir,« befahl der König.</p>
-
-<p>Immo kniete nieder. »Da mein Herr und König mich
-frägt, so will ich, obwohl in Todesnot, eine ehrliche Antwort
-geben. Kleiner wird alljährlich die Zahl der Freien im Lande,
-mein Geschlecht aber saß seit der Urzeit auf diesem Grunde.
-Nicht vom König und nicht von der Kirche stammt unser
-Recht, sondern von der milden Himmelssonne selbst erbaten<span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span>
-meine Ahnen ihr Eigen, bevor König und Kirche im Lande
-herrschten. Wenig liegt mir am Leben, da ich doch alles
-verloren habe, worauf ich hoffte; aber ein Vasall werde
-ich nicht.«</p>
-
-<p>In dem Kreise der Edlen entstand eine Unruhe und
-Heinrich rief: »Wahrlich, der König mag zufrieden sein,
-daß das Erbe deines Hauses nur klein ist, denn du steigst
-über den Adler und fährst höher in deinen Gedanken, als
-die Großen des Reiches, welche selten verschmähen, auch
-von anderen als dem Könige Land und Leute zu empfangen.
-Nicht unwahr reden die Menschen, wenn sie euch die kleinen
-Könige aus dem Wald nennen. &ndash; Jetzt aber gedenke vor
-allem, ob du der Not dieser Stunde entrinnest. Als den
-Räuber seiner Tochter hat dich Gerhard verklagt, und zum
-drittenmal warne ich dich. Rede, wenn du etwas weißt,
-was dich gegen ihn entschuldigt, denn du redest für deinen
-Hals.«</p>
-
-<p>Da sprach neben dem Könige eine leise Stimme: »Lieber
-Herr König, ich weiß etwas.« Heinrich winkte den jungen
-Gottfried an sein Ohr, dann befahl er ihm laut zu reden.
-Der Knabe trat in den Ring vor den Grafen und begann
-mutig: »Was mein Bruder verschweigt, daran will ich
-mahnen: Gedenke Graf Gerhard, daß du einst meinen
-Bruder Immo einen Frosch nanntest, der aus dem Weiher
-zu der Königstochter hinaufhüpft. Damals fordertest du
-selbst, daß mein Bruder ihr Geselle werden sollte, und du
-befahlst der Hildegard, weil sie den kalten Frosch nicht anrühren
-wollte, daß sie es doch tun mußte. Aus einem
-Becherlein haben sie getrunken und aus einem Schüßlein
-gegessen und mit einem Goldfaden haben sie sich gebunden,
-den sie meinem Bruder Immo geschenkt hat. Heute widerstrebst<span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span>
-du mit Unrecht, daß er ihr Gemahl wird, denn du
-selbst hast deine Tochter dazu angestiftet, daß sie ihn wert
-halten sollte.«</p>
-
-<p>Der König frug ergötzt: »Was weißt du auf die Sage
-des jungen Helden zu antworten? Hast du selbst den Jüngling
-und die Jungfrau vertraulich gemacht, wie darfst du
-dich beschweren, daß sie auch später sich zueinander gesellten?«</p>
-
-<p>Da rief Graf Gerhard zornig: »Habe ich jemals
-einiges von dem Frosch gesagt, so vermag der König leicht
-zu ermessen, daß dies nur scherzweise und beim Trunk geschehen
-ist, wie man mit Kindern wohl zuweilen handelt.
-Im Ernst aber habe ich nie daran gedacht, den Helden aus
-den Waldhecken zum Gemahl für mein Kind zu wählen,
-denn damals stand er noch in Klosterzucht und später hatte
-er die Gunst des Königs verloren. Auch war dieses Geschlecht
-eines Zaunkönigs, welcher hier gegen mich piept, mir und
-meinen Mannen oft feindselig und abgeneigt.«</p>
-
-<p>Da errötete Gottfried im Eifer und rief: »Darf ich ihm
-noch einmal antworten, Herr König? Eine andere Sage
-hörte ich in den Waldhecken, die er schmäht, daß einst Wolf
-Isegrim, ein Graf unter den vierfüßigen Tieren, das Nest
-der Zaunkönige verspottete, aber teure Buße zahlte er dafür.
-Denn die Vögel aus den Lauben begannen einen Streit
-gegen ihn und als sie in einer Waldlichtung aufeinander trafen,
-da wurde dem Wolf das Fell gerauft und Isegrim stand
-am Abend mit entblößtem Haupt an dem Nest der Zaunkönige
-und bat demütig vor allem Volk die kränkende Rede
-ab. Laßt euch erzählen, wie Wolf Isegrim damals Abbitte
-tat. Der jüngste Nestling aus dem Geschlecht, das er geschmäht
-hatte, wurde ihm gegenüber gestellt, und vor ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span>
-mußte der Wolf sich demütigen. Merke wohl, Graf Gerhard,
-ich weiß das genau, denn der junge Vogel war ich und du
-warst der Wolf.«</p>
-
-<p>Der Graf wurde zornrot und unwillkürlich tastete seine
-Hand nach der Schwertseite. Aber im Kreise der Herren
-erhob sich ein schallendes Gelächter und Gottfried fuhr fort,
-indem er dem Grafen näher trat und nach dem Schwerte
-desselben wies: »Bei diesem Kreuz wurde beschworen, daß
-die Fehde abgetan sein sollte und aller Groll vergessen.
-Und beim Mahle trug ich dir die erste Kanne Wein zu, und
-ich, den du jetzt wegen seiner Stimme schmähst, sang dir
-den Willkommen. Denke auch daran, Graf Gerhard, wie
-du damals zu meinem Bruder sprachst: Sehr leid tut es
-mir, Immo, daß der König mit meiner Tochter anderes im
-Sinne hat; wenn ich mit ihr verfahren könnte wie ich wollte,
-so meine ich, sie würde es nirgends besser haben als bei euch
-in den Waldlauben, und gern würde ich sie dir gewähren,
-da ich weiß, daß sie dir lieb ist. So hast du geredet, und so
-hast du selbst ihm den Mut gegeben, sich die Braut zu
-holen.«</p>
-
-<p>Wieder ging ein Summen und Lachen durch den Ring,
-der Graf suchte ängstlich im Angesicht des Königs zu lesen
-und niederkniend sprach er: »Ich flehe, daß die Weisheit
-des Königs nicht vergangene Reden zu meinem Schaden
-gelten lasse. Denn wenn ich auch hie und da bessere Gesinnung
-gegen den Helden Immo hatte, durch den Raub
-der Jungfrau und durch den Friedensbruch ist er und sein
-Geschlecht aus Frieden und Ehre gesetzt und kein Edler kann
-billigen, daß ich mein Kind, auch wenn es nicht geschleiert
-wird, einem von jenen dort vermähle.«</p>
-
-<p>»Du hast ein Recht, so zu sprechen,« versetzte der König<span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span>
-ernsthaft, »und mich freut's, daß du gelernt hast, strenge über
-einen Mann zu urteilen, der geraubt hat. Nicht vergebens
-hast du mich gemahnt, denn der König ist dazu gesetzt, jedem
-sein Recht zu geben, das er sich verdient hat.«</p>
-
-<p>Draußen klang Hufschlag; der Hauptmann trat gegenüber
-dem König in die Schranken, und warf einen ausgebrochenen
-Mauerstein vor dem Richterstuhl auf den Boden,
-zum Beweis, daß des Königs Befehl vollführt sei. Da hob
-Heinrich seinen Arm und rief den Söhnen Irmfrieds zu:
-»Die Burg eurer Väter ist in der Hand des Königs und harte
-Hände meiner Krieger werfen die Steine der Mauer, damit
-das Volk erkenne, daß der König Herr im Lande ist.« Die
-Versammlung erhob sich, die Gewappneten schlugen an die
-Waffen und riefen dem Könige Heil. Aber die Söhne
-Irmfrieds sprangen erschrocken zusammen und Edith sah
-bekümmert nach dem Helden Gundomar, der bei den
-Worten des Königs zuckte wie von einer Natter gestochen.</p>
-
-<p>Und der König fuhr fort: »Die Mauer breche ich so weit,
-daß der König mit seinem Heergefolge unter freiem Himmel
-hereinreitet; du Gottfried, magst die Mauer wieder aufbauen
-und für dein Geschlecht bewahren. Was dem König
-anheimgefallen ist durch den Frevel deiner Brüder, das gebe
-ich dir, dem Schuldlosen, zurück in deine Hand als dein freies
-Eigen, das du fortan behaupten sollst als ein Geschenk, das
-nicht von der Sonne stammt, sondern von der Gnade des
-Königs. Denn dem Könige liegt auch am Herzen, die alten
-Landherren zu schützen, wenn sie nicht Bedrücker ihrer Nachbarn
-werden.« Er wandte sich zu dem Erzbischof und zu
-Reinhard und fuhr heiter fort: »Darum mögen mir auch
-heilige Männer meines Landes nicht übel deuten, wenn ich
-ihren frommen Wunsch für die Kirche diesmal nicht gewähre.<span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span>
-Oft habe ich gewährt, da sie oft bitten. Hier aber
-geht, wie ihr alle merket, der Handel um Königsgut zwischen
-zwei Königen, der eine bin ich und der andere ist hier der
-kleine König aus den Waldhecken, und darum will ich einem
-Herrn meinesgleichen nicht zuwider sein, wenn sein Krönlein
-auch nur klein ist.«</p>
-
-<p>Da der Erzbischof sah, daß der König ihm die Mühlburg
-versagte, so war ihm lieb, daß die Mönche von St. Wigbert
-sie auch nicht erhielten, sondern ein Knabe, den er sich einst
-geneigt machen konnte, und er antwortete lächelnd: »Der
-König hat weise entschieden und uns allen das Herz erfreut,
-indem er das Geschlecht eines seligen Bekenners vor den
-Edlen ehrte. Du aber, Jüngling, denke daran, daß du
-fortan als Herr auf eigenem Grunde gebietest.«</p>
-
-<p>Der Knabe stand nachdenkend, dann trat er vor den
-König. »Ist's an dem, lieber Herr König, daß ich jetzt Herr
-bin über die Mühlburg?«</p>
-
-<p>Der König zog einen Ring vom Finger und faßte die
-Hand des Knaben. »Schwach ist deine Hand, du mußt ihn
-auf dem Daumen tragen,« sagte er. »Wie ich diesen Ring
-hier abziehe und dir anstecke, so übergebe ich, was dem
-Reiche an Berg und Burg deiner Väter gehört, dir zu
-freiem Eigen.«</p>
-
-<p>Gottfried küßte die Hand des Königs und rief freudig:
-»Und ich darf mit dem Gut beginnen, wozu nur immer ein
-Herr sein Gut gebrauchen will?«</p>
-
-<p>»Das darfst du, Jüngling,« versetzte der König unruhig,
-denn er sah den jungen Burgherrn zwischen dem Erzbischof
-und dem Mönch Reinhard stehen. »Nur beachte wohl,
-daß du es nicht zum Schaden des Königs gebrauchst.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span></p>
-
-<p>Da schlug der Knabe froh die Hände zusammen und rief:
-»Nicht zum Schaden des Königs, sondern zu seinem Nutzen,
-denn ich will der Burg einen Herrn geben, der dem Könige
-besser dienen kann als ich.« Und er zog den Ring von
-seinem Daumen, lief damit durch die Versammlung zu
-seinem Bruder Immo, kniete vor diesem nieder und rief:
-»Nimm den Ring, mein Bruder, und nimm den Berg aus
-meiner Hand und dulde, daß ich dich als meinen Herrn ehre,
-denn lieb bist du mir, und gütig warst du mir immer wie ein
-Vater.«</p>
-
-<p>Immo warf seine Arme um den Bruder, die Tränen
-brachen ihm aus den Augen und beide hielten einander umschlungen.
-Alles in den Schranken war still, die Augen des
-Königs leuchteten hell, aber auch er schwieg, bis Gottfried
-seinen Bruder an der Hand nahm und zum König fortriß.
-Dort warf sich der Knabe nieder, umfaßte die Knie des
-Herrn und wollte ihn anflehen, aber er legte das Haupt auf
-die Knie, hielt den König umklammert und schluchzte in
-seinem Schoß.</p>
-
-<p>Der König, dem ganz ungewohnt war, daß ihn Kinderarme
-umschlangen, machte zuerst, seiner Würde gedenkend,
-eine Bewegung, den Weinenden abzuschütteln. Aber das
-Zutrauen und das heiße Weinen bewegten ihm das Herz,
-und er sprach leise: »Habt ihr je, edle Herren, bessere Rede
-eines Bittenden gehört? Auch du schweigst, Immo, und
-auch dir rinnt Tau von den Wangen? Ist das euer Lied,
-womit ihr die Herzen rührt? Noch mehr!« fuhr er fort, als
-er sah, daß die Brüder und die Mutter vor ihm knieten,
-»ihr versteht gut, wie man eines Königs Gnade gewinnt,
-leise nur dringt der Gesang in das Ohr, aber er vermag
-wohl den Zorn zu tilgen. Steh auf, Knabe; und du tritt<span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span>
-näher, Immo, dein Recht sollst du erhalten im Guten und
-Bösen, wie du verdient hast.«</p>
-
-<p>Mit bleichem Antlitz trat Immo vor den Stuhl des
-Herrn und beugte das Knie. »Ich sehe dich vor mir,« fuhr
-Heinrich fort, »wie an jenem Abende, wo du den Brief des
-Grafen zu meinen Füßen niederlegtest. Damals war ich
-unwillig, weil du zum Vorteil eines Andern schwere Sorge
-auf mein Haupt sammeltest und ich habe seitdem in meinen
-Gedanken mit dir gezürnt. Denn, Immo, ich war dir von
-Herzen zugetan, und ich vertraute ganz fest deiner Treue
-und deiner guten Gesinnung zu mir. An jenem Abend nun
-meinte ich mich von dir verraten, und daß du, um das Grafenkind
-zu gewinnen, die Treue gegen mich verleugnet hättest.
-Das tat mir von dir weh, und darum war seitdem dein Tun
-mir verhaßt. Heute aber habe ich erkannt, daß du redlich
-gegen mich warst, wenn auch unbedacht. Darüber bin ich
-froh. Und obgleich du gegen den Frieden des Landes gefrevelt
-und meinen Willen gekreuzt hast, und obgleich ich
-einen Spruch gegen dich finden muß als Herr, der über
-Recht und Frieden zu walten hat, so will ich dir doch vorher
-die Ehre geben, die der König einem Edlen gibt, der ihm
-lieb ist.« Der König erhob sich schnell, streckte die Hand nach
-dem knienden Immo aus, hob ihn auf, küßte ihn auf den
-Mund und lachte ihn freundlich an und sein Antlitz, das
-sonst bleich war wie das eines leidenden Mannes, rötete
-sich, wie einem geschieht, der sich heimlich freut.</p>
-
-<p>Als der König so huldreich dem Gefangenen seine Ehre
-gab, schlugen die Gewappneten mit den Waffen zusammen
-und riefen dem Könige Heil, und um die Schranken erhob
-sich ein Jubelgeschrei, welches nicht enden wollte.</p>
-
-<p>Aber den Freudenlärm übertönte ein so gellendes und<span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span>
-ungefüges Jauchzen, daß auch eifrige Rufer erstaunt innehielten,
-und eine blinkende Axt flog aus dem Volkshaufen
-nach dem Gerichtsbaume und schlug krachend in das Holz
-des Wipfels. Als um den Werfer ein Tumult entstand und
-der König verwundert auf das Gedränge sah, eilte Brunico
-heran und auf einen Wink des Königs in die Schranken
-gelassen, erklärte er begütigend: »Der wilde Sauhirt tat es
-in übergroßer Freude, weil er den Hofbrauch wenig kennt.«</p>
-
-<p>Heinrich sah über seinem Haupt das Eisen durch die Äste
-blinken, er ahnte eine überwundene Gefahr und sprach
-lächelnd zu Immo: »<em class="antiqua">Subulcus surculos secat</em><a id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>. Ist das
-eure Art, Ruten zu schneiden, wenn ihr einen widerwärtigen
-Schüler strafen wollt?« Und er nahm ein abgeschlagenes
-Reis, welches an seinem Gewand haftete und schlug damit
-auf Immos Finger.</p>
-
-<p>»Jetzt aber höre in Demut, auch was dir leidvoll wird,«
-begann er wieder mit Königsmiene und setzte sich auf dem
-Stuhl zurecht: »die Jungfrau, welche du entführt hast,
-damit sie dein Gemahl werde, verweigert dir der Vater,
-und du mußt ihr entsagen, wenn dir nicht gelingt, den guten
-Willen des Grafen für dich zu gewinnen. Bist du zufrieden
-mit dem Spruch, Graf Gerhard?«</p>
-
-<p>Der Graf stand in großer Verwirrung. Daß der König
-den Gefangenen durch einen Kuß ehrte, und ihm seine
-Ehre vor der Versammlung bestätigte, ängstigte ihn sehr,
-weil er die geheimen Gedanken des Königs falsch gedeutet
-hatte; und er vermochte, wie gewandt er sich sonst zu biegen
-wußte, doch nichts Schickliches zu erwidern, sondern stieß
-nur heraus, nach Art der Thüringe, welche ungern ja sagen:
-»Hm,« und »allerdinge, es ist, wie der König meint;« aber<span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span>
-ihm ahnte, daß er in einem üblen Handel war, und daß der
-Richter ihm noch Arges sann. Dabei fiel sein umherirrender
-Blick auf Heriman, welcher außerhalb der Schranken dem
-König gerade gegenüber stand, und seine Angst wurde noch
-größer. Der König aber fuhr gegen Immo fort: »Da mein
-Vogt von Erfurt keine Klage gegen dich erhoben hat wegen
-deines nächtlichen Rittes, so besteht gegen dich die Klage
-der Erzbischöflichen wegen Tumults und schwerer Verwundung.
-Die Wunden wirst du nach Landesbrauch entschädigen,
-wegen des gebrochenen Stadtfriedens sollst du
-ohne Schaden an Leib und Leben das Land räumen. Und
-ich versage dir deine Heimat, Dach und Herd auf ein Jahr
-und einen Tag von morgen ab.« &ndash; Ein leiser Klageton des
-Gefangenen zitterte durch die Luft.</p>
-
-<p>»Und nach Jahr und Tag,« fuhr der König fort, »falls
-die Heiligen uns gnädig sind, sollst du, Held Immo, deinen
-König zu dem Hochfest laden, das du feierst, wenn du dich
-vermählst. Ich selbst will zur Stelle sorgen, daß ich dir
-deine Braut werbe, denn ich habe nicht vergessen, daß du
-einst zwischen mir und meinen Feinden standest. Deshalb
-gedenke ich jetzt mit dem Grafen zu reden, ob er mir Gehör
-gibt. Manches weiß ich von seinen Gedanken und Taten,
-was vertraulich zwischen uns beiden bleibt, und ich weiß
-auch, daß er dir im Grunde wohl will, nur daß er des Königs
-Zorn scheut. Denn er hat nicht nur günstig über sein Kind zu
-dir gesprochen, er hat sogar damals, als du am Main von ihm
-rittest, schon den Goldstoff erworben, den ein Grafenkind
-schwerlich tragen würde, außer wenn sie sich einem König
-vermählt; und der König konntest doch nur du oder ich sein,
-ich aber habe meine Königin und du noch nicht. Habe ich
-deinen Sinn recht gedeutet, Graf Gerhard, so sprich.« Und<span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span>
-Heinrich warf einen Herrenblick auf den Schuldigen, so daß
-dieser sich niederbeugend nichts weiter sagen konnte, als
-»Des Königs Weisheit rät immer das Beste.«</p>
-
-<p>»Dann rate ich dir auch, dem Goldschmied Heriman den
-Stoff zu bezahlen, und daß du ihm zu dem Preis das Fünffache
-darauf legst, damit der Schmied eine reiche Spende
-in die Hand meines hochwürdigen Vaters Willigis von Mainz
-opfere. Denn auch Heriman hat Ursache, den Heiligen
-dankbar zu sein, weil sie ihn damals und später aus großer
-Gefahr befreit haben. Du aber, Held Immo, sollst, bis Jahr
-und Tag vergangen sind, mit deinem Könige reisen, der jetzt
-seine Kriegsfahrt rüstet. Unterdes wird die Jungfrau im
-Hause der edlen Edith zurückbleiben, wenn der Vater, wie
-ich wünsche, die Herrin gleich zur Stelle darum bittet und
-diese es ihm gewährt. Du junger Gottfried bewahrst bis
-zur Heimkehr des Bruders sein Erbe und legst es ihm dann in
-seine Hand zurück, wie du schon heute getan; ihr andern Söhne
-des Helden Irmfried aber steigt auf die Rosse und folgt dem
-Bruder in meinem Heere. So oft die Speere an den Schilden
-der Welschen dröhnen, hoffe ich euren Gesang zu hören.«</p>
-
-<p>Der König erhob sich, legte den Richterstab in die Hand
-des Erzbischofs, und trat vor Edith.</p>
-
-<p>»Und jetzt, Base Edith, wenn der König durch die gebrochene
-Mauer reitet, willst du ihm dennoch freundlichen
-Willkommen sagen? Mit großem Gefolge komme ich und
-nur wenige Stunden werden wir dich beschweren; doch man
-rühmt ja, daß Speicher und Keller, wo du waltest, reichlich
-gefüllt sind. Heute sollst du deinen Stammgenossen und
-Vetter gastlich empfangen, denn als Freund schwingt sich
-des Reiches Aar zu dem Nest der Zaunkönige.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span></p>
-
-<h2 id="ch13"><span id="corr354">13</span>.<br />
-Schluß.</h2>
-</div>
-
-<p>Im Lande der Alemannen weilte der gebannte Immo
-auf einem Hofe des Königs, bis seine Wunde geheilt war
-und seine Brüder mit reisigem Gefolge dem Heere zuzogen.
-Als Heinrich über die Alpen nach Italien drang und durch
-Überraschung und Gewalt den Widerstand seiner Feinde
-brach, da führte Immo das Banner der freien Thüringe
-vom Walde, wie einst sein Vater getan; er und seine Brüder
-fochten in den Straßen Pavias gegen die empörten Welschen,
-und als König Heinrich von einem treuen Bischof in Pavia
-zum König des langobardischen Italiens geweiht wurde,
-klang auch Immos Heilruf unter den Säulen und Steintrümmern
-der alten Königstadt. Heinrich kehrte im Sommer
-nach Deutschland zurück, aber er ließ die Brüder als Wächter
-gewonnener Burgen durch den Winter in Italien.</p>
-
-<p>Seit jenem Gerichte war Jahr und Tag vergangen, ein
-neuer Sommer zog ins Land und kleine Blätter schlüpften
-aus den Baumknospen, da legten die Mannen Immos der
-Mühlburg festlichen Schmuck an, sie hefteten Fichtenkränze
-an Tor und Zinnen und breiteten schöne Teppiche aus dem
-Lande Italien an die Wände und über den Fußboden. Denn
-im Ringe seiner Edlen vermählte König Heinrich den Burgherrn
-mit der Tochter des Grafen, und der große Erzbischof<span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span>
-erteilte den Vermählten den Segen der Kirche. Edith schritt
-im Brautzug an der Hand des Königs, gefolgt von sechs
-Söhnen; auch Graf Gerhard trat hinter dem König einher,
-er lächelte nach allen Seiten und freute sich, aber er war
-verfallen und gar nicht in seiner alten Kraft, denn auf dem
-Kriegszuge hatte ihn ein Pfeilschuß verwundet, und im
-Heere sagten sie, daß der Pfeil nicht aus welschem Köcher
-gekommen sei, sondern hinterrücks aus dem eines heimlichen
-Feindes. Da der Graf an der Wunde kränkelte,
-so sprach er öfter vertraulich mit dem Mönch Reinhard,
-denn ihn ängstigte jetzt seine Feindschaft mit den Wigbertleuten.</p>
-
-<p>Als am Abend des festlichen Tages der König in seinen
-nahen Hof zurückkehrte, folgte ihm Gundomar, welcher dem
-Feste fern geblieben war, in das Gemach. Heinrich hielt
-dem Helden den Becher entgegen: »Heute bin ich fröhlich,
-auch du glätte deine Falten auf deiner Stirn, denn Gutes
-bedeutet dieser Tag deinem Geschlechte.«</p>
-
-<p>»Alles ist dem König wohlgelungen,« versetzte Gundomar.
-»Ich aber flehe jetzt zu meinem Herrn, daß er mir
-nicht zürne, wenn ich mein Schicksal von dem seinen scheide.«</p>
-
-<p>Heinrich sah betroffen auf die ernsthafte Miene: »Unverständiges
-sprichst du. Da ich noch ein Kriegsmann war
-wie du, gelobten wir, einander Gesellen zu sein; an den Eid
-habe ich gedacht, auch wenn ich dir einmal zürnte. Wie willst
-du dich von mir scheiden?«</p>
-
-<p>»Als ich gestern durch die neu geflickte Mauer ritt, dachte
-ich daran, daß sie von meinem Herrn gebrochen wurde, obwohl
-ich der Frau, die dort oben gebot, angelobt hatte, daß
-der Bau meines Geschlechts ihr unversehrt zurückgegeben
-werden sollte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span></p>
-<p>»Du hattest es gelobt, nicht ich,« unterbrach ihn Heinrich.</p>
-
-<p>»Du hast getan nach Art der Könige. Denn sie üben das
-Vorrecht, das Gute für sich zu begehren, das Unrecht auf
-das Haupt ihrer Diener zu wälzen. Auch klage ich nicht
-darüber, denn ich weiß, auch den König zwingt die Königspflicht.
-Ich aber sah zerbrochen, was zu bewahren meine
-Pflicht war, und mir war diese Tat eine Mahnung, daß ich
-genug für meinen Herrn getan und gesündigt habe. Und
-ich saß im Abendlicht am Fuß der Mauer und sah in die
-untergehende Sonne, da erkannte ich, daß auch für mich
-das Tor des Himmels geöffnet wird.«</p>
-
-<p>»Du willst der Welt entsagen?« rief der Kaiser bestürzt.
-&ndash; »Ich aber brauche dich; ein Undankbarer bist du, daß du
-mich verlassen willst, denn gütig war ich dir und oft habe
-ich deine harte Mahnung mit Geduld ertragen.«</p>
-
-<p>»Gütig war mein Herr, auch wenn er frug, ob die Treue
-des andern ihm nütze, gütiger noch ist der Herr in der
-Himmelshalle.«</p>
-
-<p>»Bist du unzufrieden, weil ich andere mehr ehre als dich,
-so fordere, Gundomar.«</p>
-
-<p>»Was du von dem einen nimmst, gibst du dem andern,
-das ist die Art der Mächtigen; ich aber wähle mir jetzt den
-Herrn, der jedem zu spenden weiß aus dem Schatz seiner
-Liebe.« Er hob eine goldene Kette vom Halse und legte sie
-zu den Füßen des Königs. »Dies war die erste Spende, die
-du mir gabst und vor allem Schmuck habe ich sie hochgehalten.
-Wie dieses Gold, so will ich hinfort alles entbehren, was ein
-Mensch dem andern zu schenken vermag.«</p>
-
-<p>Heinrich wandte sich gekränkt ab. Gundomar kniete an
-seiner Seite nieder und faßte seine Hand: »Laß mich dahinfahren.
-Gleichgültig ist mir alle Freude der Welt geworden.<span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span>
-Wenn ich deine Ritter im Kampfspiel reiten sehe und die
-langen Züge der Wallenden in ihren Festgewändern, so
-scheinen sie mir wie spielende Kinder gegenüber den hohen
-Engeln, die ich im Abendlicht dahinschweben sehe.«</p>
-
-<p>Der König hielt traurig die Hand des Knienden fest und
-dieser fuhr fort: »Alle Liebe, die du je zu mir in deinem
-Herzen gehegt, laß sie den Knaben meines Geschlechts zugute
-kommen. Der junge Held, dem du heute deine Huld
-erwiesen, wird ihrer würdig sein. Er hat sich gesträubt gegen
-den fremden Willen, der ihn in das Kloster warf, damit er
-für die Schuld anderer büße. Jetzt tausche ich mit ihm. Der
-jüngere Held in blühender Jugend soll meinem König unter
-Waffen dienen, ich aber wende als müder Mann meine
-Schritte dem Kloster des heiligen Wigbert zu.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auf der Mühlburg saß Edith in dem hohen Herrenstuhl,
-zu ihren Füßen die sieben Söhne und im Ringe umher die
-vertrauten Gäste des Geschlechts: Heriman, das Haus
-Baldhards, voran Brunico und der Mönch Rigbert, auch
-Nalderich mit seiner Tochter und andere Freie aus den
-Nachbardörfern. Die Gäste schwenkten fröhlich die Festbecher,
-welche die junge Wirtin Hildegard ihnen mit holdem
-Lachen darbot. Als sie den Becher zu Brunico trug, reichte
-sie ihm die Hand: »Das nächste Hochfest feiern wir im Hofe
-deiner Braut und erflehen Segen für euch beide.« Und
-Immo mahnte seinen Klostergenossen Rigbert: »Jetzt ist
-die Stunde gekommen, wo du vom Kloster und von den
-Vätern berichten sollst.«</p>
-
-<p>»Gutes und Böses habe ich zu künden,« begann Rigbert.
-»Ganz verwandelt kehrte Tutilo vor einem Jahre in das
-Kloster zurück, er hatte mit König Heinrich seinen Frieden<span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span>
-geschlossen und demütigte sich bei seiner Ankunft vor Herrn
-Bernheri. Dieser aber wurde täglich kränklicher, er stieg
-niemals mehr von St. Peter herab und warf in seinem
-Gemach mit dem Krückstock nach den Hirschgeweihen, weil
-er den Stock für einen Speer hielt. Der König jedoch wollte
-nicht leiden, daß dem Herrn Bernheri, solange dieser lebte,
-sein Amt genommen würde. Da nun Reinhard fast immer
-in der Nähe des Erzbischofs weilte, so wurde Tutilo wieder
-zum Präpositus erhoben und er herrschte in ganz neuer Weise;
-denn sonst hatte er wenig auf die Regel geachtet, jetzt aber
-wurde er hart und eifrig und versagte den Brüdern auch
-Erlaubtes. Du selbst magst ermessen, ob er das getan hat
-aus frommem Eifer oder aus einem anderen Grunde.
-Darum wurde der Widerwille der Brüder groß und mehr
-als einmal kehrten Unzufriedene dem Heiligtum den Rücken
-und liefen aus. So verbot Tutilo im letzten Herbst dem
-Vater Bertram, fernerhin in seinem Garten zu arbeiten, weil
-dieser sein Herz in sündiger Weise an die Obstbäume gehängt
-habe. Da stieß Bertram seinen Spaten in die Erde und ging
-schweigend in die Klausur zurück, Sintram aber saß seitdem
-kraftlos in seinem Garten und vermochte nicht mehr zu
-graben. Tutilo herrschte auch diesen an und bedrohte ihn
-mit Buße und Geißel. Als Bertram das vernahm, erhob
-er sich, und weil gerade wieder Brüder in Empörung von
-St. Wigbert scheiden wollten, schritt auch er trotzig aus der
-Klausur in den Garten, nahm seinen Spaten auf den
-Rücken und winkte Sintram, dasselbe zu tun. So zogen
-die beiden Alten in die wilde Welt, traurig war ihr Anblick
-für die wandernden Brüder, denn beide wankten vorwärts
-wie unter schwerer Last. Als sie nun zur Höhe gekommen
-waren, wo am Birkengehölz das steinerne Kreuz errichtet<span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span>
-ist als Grenzzeichen unseres Glockenschalls, da läutete gerade
-die Glocke vom Turme des heiligen Michael. Der wandernde
-Haufe wandte sich um und manche klagten und
-weinten. Bertram aber sprach: »Weiter vermag ich nicht zu
-gehen und von der ehernen Stimme des Engels will ich
-mich nicht scheiden; wandelt ihr dahin und sucht Frieden in
-der Fremde, mir gefällt diese Stätte und hier will ich
-bleiben.« Auf der Stelle begann er eine Grube zu graben
-und die Brüder vermochten ihn nicht abzuhalten, denn er
-antwortete ihnen nicht mehr. Endlich verließen ihn die
-andern, nur Sintram blieb bei ihm. Am nächsten Morgen
-läutete dieser an der Klosterpforte und berichtete, daß sein
-Geselle Bertram in Frieden geschieden sei und daß er neben
-einem Grabe liege, das er sich selbst geschaufelt hatte.
-Sintram wankte in die Klausur zurück und blieb darin, bis
-sie ihn nach wenigen Tagen auch hinaustrugen. Der gute
-Vater Heriger setzte durch, daß die beiden an der Stelle
-bestattet wurden, wo die Glocke von St. Michael sie gemahnt
-hatte. Und gerade jetzt wird dem hohen Erzengel
-eine Kapelle über ihrem Grabe erbaut. Jetzt ist Herr Bernheri
-von uns geschieden, eine neue Ordnung beginnt für
-St. Wigbert und ein heiliges Leben. Auch ich fahre jetzt
-dahin zurück.«</p>
-
-<p>Immo hob die Hand gen Himmel. »Unter den Engeln
-weilt ihr liebe Väter, blickt günstig auf den Mann herab,
-den ihr als wilden Schüler gesegnet habt. Den guten
-Lehren, die ihr mir übergeben habt, verdanke ich Leben und
-Glück. Einem Spruch habe ich nicht gehorcht, der Mutter
-und den Brüdern habe ich zu lange meine Kriegslust geborgen,
-dadurch habe ich uns allen das Herz krank gemacht.
-Daß ich aber in der eigenen Bedrängnis meinen Helfer<span class="pagenum"><a id="Seite_360">[360]</a></span>
-Heriman nicht im Stiche ließ, sondern die letzte Kraft daran
-setzte, ihn zu retten, das hat, wie ich merke, dem König bessere
-Gedanken über mich eingegeben, gerade als er mir am
-meisten zürnte. Und daß ich mir von Gerhard, als er in Not
-lag, nicht die Tochter angeloben ließ, das hat mir die Neigung
-des Königs und die Braut wiedergewonnen. Mein Erbteil
-habe ich nicht in fremde Hand gelegt, darum stehe ich jetzt
-als froher Herr auf freiem Eigen. So hat sich jede Lehre
-als heilbringend bestätigt.«</p>
-
-<p>Da rief Edith ihm zu: »Zornig trugst du das Schülerkleid.
-Dennoch sollst du heute die Mutter preisen, daß sie dich, den
-Widerwilligen, zu den Altären sandte. Denn nicht die
-Weisheit allein, sondern auch, was wenigen glückt, die liebe
-Hausfrau gewannst du dir unter den Mönchen durch die
-Klosterschule.«</p>
-
-<p class="center p2">
-Druck von <em class="gesperrt">August Pries</em> in Leipzig.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Fussnoten">Fußnoten</h2>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Erhöre, gütiger Schöpfer, unser Gebet und Flehen &ndash; Gib,
-daß durch Enthaltsamkeit sein Sinn mäßig und nüchtern werde.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Willst du trinken Wein, mußt du schreiben Latein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Höre, gütiger Schöpfer, unser Gebet und Flehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Der Frosch quakt lieblich in den grünen Blättern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Der Sauhirt schneidet Reiser.</p></div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Schriften von Gustav Freytag.</p>
-</div>
-
-<table summary="Buchliste">
-<tr>
-<td><b>Soll und Haben.</b> Roman in sechs Büchern, 2 Bände.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i> 8.&mdash;.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Die verlorene Handschrift.</b> Roman in fünf Büchern. 2 Bände.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i> 8.&mdash;.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Die Ahnen.</b> Roman in 6 Bänden.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i> 46.&mdash;.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Erster Band: Ingo u. Ingraban.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 8.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Zweiter Band: Das Nest der Zaunkönige.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Dritter Band: Die Brüder vom deutschen Hause.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Vierter Band: Marcus König.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Fünfter Band: Die Geschwister.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Sechster Band: Aus einer kleinen Stadt.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Bilder aus der deutschen Vergangenheit.</b> 4 Bände.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i> 36.25.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Erster Band: Aus dem Mittelalter.</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 8.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Zweiter Band, 1. Abt.: Vom Mittelalter zur Neuzeit. (1200&ndash;1500.)</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 6.75.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">&ndash; 2. Abt.: Aus dem Jahrhundert der Reformation. (1500&ndash;1600.)</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 6.&mdash;.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Dritter Band: Aus dem Jahrhundert des großen Krieges. (1600&ndash;1700.)</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdls">Vierter Band: Aus neuer Zeit. (1700&ndash;1848.)</td>
-<td class="tdr">Gebunden <i>M</i>&nbsp; 7.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Ingo.</b> Feldpostausgabe.</td>
-<td class="tdr"><i>M</i> 1.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Das Nest der Zaunkönige.</b> Feldpostausgabe.</td>
-<td class="tdr"><i>M</i> 2.50.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Soll und Haben.</b> Feldpostausgabe.</td>
-<td class="tdr"><i>M</i> 8.&mdash;.</td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 10: Gefäß → Gesäß<br />
-daß es das <a href="#corr010">Gesäß</a> des Vaters Sintram ist</p>
-<p>
-S 12: weist → weißt<br />
-du selbst <a href="#corr012">weißt</a> ja am besten</p>
-<p>
-S. 34: führte → führte ihn<br />
-und <a href="#corr034">führte ihn</a> in den Hofraum</p>
-<p>
-S. 46: ihr → ihre<br />
-hatten die Knechte <a href="#corr046">ihre</a> Gespanne</p>
-<p>
-S. 55: ihn → ihm<br />
-schob <a href="#corr055">ihm</a> den Becher hin und sagte leise</p>
-<p>
-S. 60: wählten → wählen<br />
-den Genossen zum König <a href="#corr060">wählten</a> wollten</p>
-<p>
-S. 104: ihn sie → sie ihn<br />
-hielt <a href="#corr104">sie ihn</a> an den Locken</p>
-<p>
-S. 128: finden → finde<br />
-ich <a href="#corr128">finde</a> den meinen allein</p>
-<p>
-S. 138: Brüder unicht → Brüdern nicht<br />
-zu rechten, steht uns <a href="#corr138">Brüdern nicht</a> zu</p>
-<p>
-S. 142: sehen → sahen<br />
-Erschrocken <a href="#corr142a">sahen</a> die Männer die wilde Tat</p>
-<p>
-S. 142: Bruder → Bruders<br />
-die Schulter eines <a href="#corr142b">Bruders</a> stützte</p>
-<p>
-S. 149: in → im<br />
-er stand <a href="#corr149">im</a> Frieden, den der Mensch</p>
-<p>
-S. 169: Kriegmann → Kriegsmann<br />
-der <a href="#corr169">Kriegsmann</a> machte ein schnelles Zeichen</p>
-<p>
-S. 197: statt »Mann« vermutlich »Mantel« (nicht korrigiert)<br />
-Vergeßt den <a href="#corr197">Mann</a> nicht</p>
-<p>
-S. 204: schallt → schalt<br />
-<a href="#corr204">schalt</a> und verhieß Belohnungen</p>
-<p>
-S. 228: einem → einen<br />
-durch <a href="#corr228">einen</a> armen Priester seine Sünden</p>
-<p>
-S. 232: Köngis → Königs<br />
-Nur den Bruder des <a href="#corr232">Königs</a> nannte er nicht</p>
-<p>
-S. 249: und → um<br />
-<a href="#corr249">um</a> den Marktfrieden zu erhalten</p>
-<p>
-S. 310: meist → meisten<br />
-Liebe der Mutter am <a href="#corr310">meisten</a> bedurft</p>
-<p>
-S. 322: der → des<br />
-heute vor den Augen <a href="#corr322">des</a> Königs stehen</p>
-<p>
-S. 335: welchen → welche<br />
-<a href="#corr335a">welche</a> diesen Worten folgte</p>
-<p>
-S. 335: statt »volle« vermutlich »tolle« (nicht korrigiert)<br />
-es sind nur <a href="#corr335b">volle</a> Brüder</p>
-<p>
-S. 340: wurde → würde<br />
-vielleicht <a href="#corr340">würde</a> er jetzt der Gefahr enthoben</p>
-<p>
-S. 342: Kloster → Klosters<br />
-zum Präpositus deines <a href="#corr342">Klosters</a> ernannt bist</p>
-<p>
-S. 354: 12 → 13<br />
-<a href="#corr354">13</a>. Schluß.</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das Nest der Zaunkönige, by Gustav Freytag
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NEST DER ZAUNKÖNIGE ***
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